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+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tahiti. Dritter Band.
+ Roman aus der Südsee
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38451]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+
+
+TAHITI
+
+_Roman aus der Südsee_
+
+von
+
+#Friedrich Gerstäcker.#
+
+_Zweite unveränderte Auflage._
+
+_Dritter Band._
+
+Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
+
+#Leipzig,#
+
+_Hermann Costenoble._
+
+1857.
+
+
+
+
+#Inhalt des dritten Bandes.#
+
+
+ Seite
+ Cap. 1. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen 1
+
+ " 2. Pomare und ~Du Petit Thouars~ 54
+
+ " 3. Die Tahitische Flagge 80
+
+ " 4. Die Conferenz 122
+
+ " 5. Susanna 143
+
+ " 6. Jim O'Flannagan in Thätigkeit 178
+
+ " 7. Consul Pritchards Gefangennahme 230
+
+ " 8. Pomare's Flucht 259
+
+ " 9. Der erste Kampf 292
+
+ " 10. Der Abschied 310
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+Alte Erinnerungen und neue Schmerzen.
+
+
+Ueber die See strich der Morgenwind leise und feucht, kräuselte die
+Wogen, die spielend, neckend nach ihm auflangten, und glitt dann rasch
+zwischen die Palmen am Ufer und in den fruchtschweren Wald, in dem er
+rauschte und flüsterte und Thau und Blüthen niederschüttelte aus dem
+blitzenden Laub. Bleigrau lag noch das Meer, und nur dunkle Schatten
+flogen über seine Fläche, wo der Wind sie faßte, herüber und hinüber
+drängend und oft im raschen Zug darüber hinstreichend. Nur am Himmel
+kündete der lichte Streif den nahenden Morgen, und sandte seine
+zuckenden Strahlen weit aus über den noch sternfunkelnden Himmelsdom,
+vor denen die Kinder der Nacht erblichen und scheu und furchtsam
+zurückwichen, dem Sonnengott Raum zu geben.
+
+Und heran kam der, auf schnaubenden Rossen, wie vom Sturm getragen, und
+nicht langsam und zögernd, wie bei uns im kalten Nord -- dem ersten
+Angriff folgend mit starker mächtiger Hand, scheuchte er die Nacht vor
+sich her, und seinem ersten dämmernden Nahen folgte auch schon der
+Siegeszug, mit dem er den flüchtigen Feind zu Paaren trieb.
+
+Dunkel und blau lag das Meer, als der erste zündende Strahl darüber
+zuckte und die kleinen Wellen neugierig die Köpfe hoben, zuerst dem
+nahenden Gott in's Auge zu schauen; und ein blinkendes Netz warf er über
+sie aus, Gold und Purpur strahlend, und wie von einem Zauberstab
+berührt, glühte plötzlich das weite wogende Meer, jede Welle den blauen
+schlanken Nacken mit Diamanten überstreut und von Gold- und Silberadern
+dicht und leuchtend durchzogen. Und die Berge strahlten den Widerglanz
+zurück, die thaubedeckten Palmenkronen warfen den silbernen Regen nieder
+in Thal und Schlucht, und wie aufathmend in unendlicher Wonne und
+Seligkeit, strömte der Duft aus von all den Blüthenhainen, die tief
+versteckt im dunklen Laube ruhten, den Seewind rückwärts treibend, mit
+sanfter liebender Gewalt.
+
+Ueber die Berge aber schaute der Sonnengott freundlich in's Thal, und
+grüßte die friedlichen Dächer alle, die tief versteckt im schattigen
+Laub lagen und ihn fürchteten den Gewaltigen. Nicht täuschte sie dabei
+der leise Kuß den er ihnen zuwarf wie er nur den Hain erreicht; -- höher
+steigend und wachsend an Macht und Gewalt wäre der Kuß zum giftigen
+sengenden Pfeil geworden, der zündet was er erreicht und dorrt und
+brennt, und die Palmen hatten dann alle Hände voll zu thun, und mit
+allen Fasern den kühlen Lebenssaft aus dem feuchten Strand heraufziehen,
+das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen der stillen Menschen vor dem
+glühenden Strahl zu schützen und zu schirmen.
+
+Und wie freundlich er da unten auf dem gelben Laub spielte, das hie und
+da den Boden bedeckte, wie er sich durch jede Zweigesspalte durchstahl
+und den saftigen Blättern schmeichelte und mit ihnen kos'te, ihn nur
+durchzulassen, ein kleines kleines wenig nur durchzulassen zu den
+Blüthen und Früchten unten, denen er Zucker bringen wollte und ein
+goldenes Kleid, und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten formte,
+und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut grub zum Angedenken.
+
+Welch freundliches Leben und Treiben in dem herrlichen Wald, und daß die
+Axt da kommen sollte mit gierigem Zahn, und die Palmen niederschlagen
+und Bäume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen, viereckige,
+eingezäunte Felder, dem Sonnenstrahl preisgegeben, der dann nicht
+spielend mehr zwischen den Zweigen kost, sondern verlangend sich an den
+Boden saugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Lust.
+
+Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauschen die Bäume, noch flüstert
+der Morgenwind, der flatterhafte Geselle, den Blüthen allen seinen
+tollen Liebesunsinn vor, und unter dem Laub, die schönste Zierde des
+Hains, der Blumen eine die das Land gebar und die zu ihnen gehörte, zu
+den schlanken Palmen und duftenden Blüthen saß Sadie, und wie an den
+wehenden, raschelnden, wispernden Blättern der Banane, die ihre grünen
+Fächer schützend über sie breitete, der Thau in großen hellen Tropfen
+blitzte und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, so hing an ihren
+Wimpern ein klares Thränenpaar und schwer und langsam sank es nieder zu
+dem Thau -- anderen, schwereren Perlen Raum zu geben.
+
+Sie war allein -- nur das Kind spielte zu ihren Füßen, haschte nach den
+wechselnden Schatten die ein neckischer Strahl über ein hin- und
+herwehendes Blatt warf, oder suchte sich kleine blitzende Muscheln aus
+dem Korallenkies, der sich hier mit dem Boden vermengte -- René hatte
+seine Heimath -- zum ersten Mal seit sie mit ihm vermählt -- schon vor
+Tag, und zwar durch Bertrand abgeholt, verlassen, in einer Stimmung
+verlassen, die ihr das Herz mit Sorge füllte -- sie wußte selber nicht
+warum, und jetzt schnürte ihr eine Angst, der sie nicht Worte zu geben
+wußte, die Brust zusammen und die Thränen, die ihren Wimpern entfielen
+linderten den Schmerz nicht, der sie erzeugt, sondern brannten nur
+weiter in zündender, quälender Lohe.
+
+So saß sie da, lange, lange Minuten, in ihrem Gram, die brennenden Augen
+in der Hand geborgen und die klaren Tropfen preßten sich gewaltsam Bahn,
+zwischen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus ins Freie. Aber
+immer ängstlicher wurde ihr dabei ums Herz, ein merkwürdig stechendes
+Gefühl zog ihr durch Scheitel und Hirn -- sie athmete schwer und wie von
+einer heranprassenden Gefahr bedroht, die sie umgab und wenn auch
+unsichtbar bedrohte, schaute sie endlich verstört und bleich empor und
+sprang mit einem jähen Schrei auch auf von ihrem Sitz, denn vor ihr
+stand, mit auf der Brust gekreuzten Armen, den ernsten aber jetzt nicht
+strengen Blick fest und forschend auf sie geheftet, der Mann, der einst
+mit kalter starrer Hand hineingreifen wollte in ihre Liebe, in ihr
+Leben, und dem sie sich seit jenem Tag nicht mehr gegenüber gesehen --
+_der Missionair Rowe_.
+
+Und was führte ihn jetzt zu ihr? -- Sorge? Theilnahme? hatte sein
+starres unduldsames Herz verziehen? oder -- wie Fieberfrost zog es ihr
+durch Mark und Bein wenn sie des fernen Gatten dachte und den stillen
+wehmüthig ernsten Blick des finstern Mannes so fest, so entsetzlich fest
+auf sich gerichtet sah.
+
+»Um Gott! -- was ist geschehen?« flüsterte sie endlich in kaum hörbaren,
+angstdurchzitterten Tönen -- »wo ist René? -- was ist vorgefallen
+ehrwürdiger Herr?« und das Kind, das auf dem Boden neben ihr gespielt
+und die schmerzlichen Laute der Mutter hörte, ihre Thränen sah, sprang
+auf und klammerte sich schreiend an ihr Knie, sich nur wieder beruhigend
+als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber der ehrwürdige Mr.
+Rowe schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst:
+
+»Wenn Du eine Unglücksbotschaft fürchtest, meine Tochter, so beruhige
+Dich, denn sie kann nicht von mir ausgehen -- ich weiß von keinem
+fleischlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte. Aber
+nicht dem auch sind Deine Thränen geflossen,« setzte er wehmüthiger
+hinzu -- »nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat diese Wangen
+gebleicht, diese Augen geröthet -- o Prudentia, sind _das_ die Früchte
+unserer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die wir, Dein
+Pflegevater und ich auf Dein Wachsen und Aufblühen setzten? -- ist das
+Versprechen Wahrheit geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn in
+früher Jugend gab, und pflegst Du _so_ das Wort Gottes, das Dir, ein
+heiliger tröstender Stern hätte vorleuchten sollen auf der schweren Bahn
+der Prüfung die Du, nach dem Willen des Höchsten betreten, und der Du,
+ach, nach so kurzer, so entsetzlich kurzer Zeit schon erliegst?«
+
+Sadie schwieg -- das Herz war ihr schon überdies voll und schwer, und
+die Worte des Geistlichen schnitten nur noch tiefer ein in die Wunden.
+Auch der wehmüthige, fast liebende Ton den sie an ihm nie gewöhnt, drang
+ihr mit scharfem Schmerz in die Seele und wie das, was ihr in früher
+Jugend gelehrt und ihr Herz damals in voller ungetheilter Kraft erfüllt
+hatte, jetzt wieder, vielleicht stärker noch durch die Gestalt des
+damaligen strengen Lehrers, durch die Stimme selber zu Tag gerufen
+worden, deren Klänge in ihrer Erinnerung nie verwischt, nur geschlummert
+hatten, so stieg auch mit den Worten der mahnende finstere Geist auf und
+hob warnend die Hand und der Gedanke _ich habe gesündigt_ wuchs, ein
+Furcht- und Schreckensbild, mit riesenhafter Schnelle vor ihrem inneren
+Auge empor und gab der Angst und Qual die sie an diesem Morgen schon
+gefühlt einen entsetzlichen und doch ihr unbewußt so falschen Ausdruck.
+
+»Ach, ehrwürdiger Herr« flüsterte sie leise -- »nicht aus eigenem Antrieb
+-- Gott weiß es -- betrat ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich
+darin gefühlt, zwischen den fremden Menschen.«
+
+»Aber Du hast mit ihnen _getanzt_!« sagte traurig der Missionair und
+sein Auge haftete in ernster Wehmuth auf den bleichen Zügen der armen
+jungen Frau -- »ihrer wilden zügellosen Lust mit der sie sich im Kreise
+schwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Männer, hast Du
+beigewohnt, hast Theil daran genommen und wenn Du da glaubst, und Dir
+vorsprichst vielleicht, Dich vor Dir selber zu entschuldigen, Dein Herz
+sei noch frei von böser Absicht, bösen Wünschen -- glaube es nicht! --
+Der Feind hat die Hand nach Dir ausgestreckt, die Du ihm, statt ihn mit
+frommem inbrünstigem Gebet und fleißigem Lesen in der heiligen Schrift,
+abzuwehren, willig -- ja Prudentia -- willig geboten hast. Der erste
+Schritt dazu war, als Du einem Manne folgtest, der dem wahren Glauben
+abhold, nie in das stille Heiligthum Deines Herzens hätte eindringen
+dürfen, eindringen können, wäre nicht grobe Sinnlichkeit und
+fleischliche Lust stärker in Dir gewesen als die Liebe zu Gott.«
+
+»Ehrwürdiger Herr« bat Sadie.
+
+»Es schmerzt mich« fuhr der Geistliche mit fast weicher Stimme fort »es
+schmerzt mich tief Dir weh thun zu müssen, Prudentia, denn ich habe Dich
+lieb gehabt, schon als kleines Kind, und Dein Wachsen und Gedeihen in so
+Gott wohlgefälliger Weise mit inniger Freude angesehen. Ich hielt es
+damals für meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den ersten
+Fehltritt thun wolltest -- der Herr hat es anders gelenkt, Sein Name sei
+gepriesen. -- Aber nur eine Prüfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das
+Kind dieser Inseln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen
+Dienern selber gehört, und sorgfältig aufgezogen warst, Sein Wort weiter
+zu verbreiten auf diesen Inseln, auch bestehen würdest auf dem rauhen
+Pfad des Lebens, wenn keine treue und sichere Hand Dich mehr führte und
+leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle diese Hoffnungen sind
+dahin gestoben, wie Spreu im Winde -- der erste Lufthauch der Lust, der
+Verführung, und Jahrelange Arbeit und Müh schwand dahin, als ob es ein
+Nichts gewesen wäre, ein todtes Blatt im Herbststurm, das dem Meere der
+Vernichtung entgegenweht. Und noch -- jetzt _noch_ ist es Zeit Dich
+zurückzuhalten, jetzt noch ist Rettung nicht unmöglich, wenn Du die
+mahnende Freundesstimme -- die Stimme _Gottes_ hören wolltest, die
+bittend, flehend zu Dir spricht, durch meinen Mund. Noch ist die elfte
+Stunde nicht vorüber -- noch lacht Dir das Licht der Verheißung und es
+ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der reuig zurückkehrt in
+die Arme des Allliebenden, als über tausend Gerechte die da eingehn zur
+himmlischen Herrlichkeit.«
+
+»Was _kann_ ich thun?« klagte die arme Frau und faltete verzweifelnd die
+Hände auf dem Schooße »mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben -- ihnen
+gehört es, ihnen muß ich bleiben und sagt nicht selbst Gott in seinem
+Wort: Du sollst Vater und Mutter verlassen, und dem Manne folgen?«
+
+»Dem Manne, aber nicht dem Feind« rief der Missionair zum ersten Mal
+wieder den alten unversöhnlichen Haß im Blick -- »nicht dem Feind,
+Prudentia, der Dich mit süßen Liedern und rauschenden Klängen lockt. Du
+sollst dem Mann, der nun doch einmal Dein Mann geworden, in allem
+_Guten_ folgen, aber nicht in Sünde und Finsterniß -- und das nicht
+allein, Du sollst, Du _mußt_ all Deine Kraft, all Deine Macht über ihn
+anwenden, ihn selber zurückzuhalten von dem, was ihm Verderben droht.«
+
+»Was würde Vater Osborne sagen« fuhr er wieder mit weicherer leiserer
+Stimme fort, »wenn er Dich gestern in ihren Reihen, die Fröhlichste
+unter den Fröhlichen noch hätte sehen können?«
+
+Sadie schüttelte traurig mit dem Kopf und seufzte tief auf.
+
+»Wenn er Zeuge gewesen wäre, wie Du ihre Tänze tanztest und in ihren
+Armen den Abend verbrachtest, der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein
+Kind hätte verfließen sollen. Prudentia -- _kannst_ Du noch beten?«
+
+»Aus voller inniger Seele zu meinem Gott!« rief aber das arme Weib
+jetzt, dem bei den Worten eine Last von der Seele wälzte -- »der Schein
+mag wider mich sein, und der Ausspruch der Menschen; aber Gott der mein
+Herz sieht und kennt, weiß mit wie wehmüthigem Gefühl ich dem Befehl,
+dem Wunsch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen an den Lustbarkeiten
+der Fremden. Mir war nicht freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich
+passe nicht zwischen sie mit ihren fremden Sitten und Gebräuchen -- mit
+ihren fremden Gedanken von recht und gut -- mir ist nur wohl in meiner
+Heimath, bei meinem Kind und hätt' ich mein freundliches Atiu nicht
+verlassen dürfen, wie froh, wie glücklich, wie Gott dankbar hätte ich
+leben wollen.«
+
+»Ich komme jetzt von Atiu« sagte Mr. Rowe leise.
+
+»Von Atiu?« rief Sadie rasch und bewegt die Hände faltend -- »von -- von
+Atiu;« setzte sie langsamer und mit kaum hörbarer Stimme hinzu -- »von
+meinem Atiu -- und haben sie meiner freundlich noch gedacht?«
+
+»Bruder Ezra hat mich begleitet« sagte der Missionair ohne direkt auf
+ihre Frage zu erwiedern -- »denn der jetzigen inhaltschweren Verhältnisse
+wegen ist eine Zusammenkunft von allen solchen Männern wenigstens nöthig
+geworden, die irgend eine vorragende Stellung auf den verschiedenen
+Inseln einnehmen, dort etwa auftauchendem Französischem Einfluß zu
+begegnen. Die Mutterkirche in England scheint theilnahmlos unserem
+Kampfe zuschauen zu wollen, und wir müssen ihr jetzt zeigen über welche
+Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der christlichen
+Religion gewonnene Häuptlinge ihren Schutz verlangten, oder ein starkes
+zahlreiches _Volk_, das ein _Recht_ hat, ihre Hülfe zu beanspruchen.«
+
+»Mi-to-na-re« flüsterte die junge Frau, unter Thränen lächelnd leise vor
+sich hin -- »Mi-to-na-re.«
+
+»Ja Prudentia -- dort allerdings war eine schöne Zeit für Dich« sagte
+der Geistliche, mit ernster Theilnahme den Faden auffassend, der an ihre
+Erinnerung knüpfte -- »und Gottes Hand lag liebend auf Deiner Heimath,
+seinen Segen spendend zu jeder Stunde die mit Glück und heiliger Ruhe
+Deine Brust erfüllte. Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde --
+keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfüllte da Dein Herz --
+der aufkeimenden Sünde wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr
+Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer
+einstigen Glückseligkeit zu gewinnen, indem sie die heidnischen Gräuel
+zerstörten, die diese Wälder und die Herzen ihrer Bewohner füllten, und
+Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen Himmelsdom liebend über ein
+glückliches Land. Da kam der Versucher und Du erlagst.«
+
+»Ehrwürdiger Vater« bat Sadie.
+
+»Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieser Stunde gekommen bin Dir
+Vorwürfe zu machen über Vergangenes; es ist geschehen -- ich streckte
+meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stießest sie zurück, und wenn ich
+Dich auch, durch die Verhältnisse gezwungen, eine Zeitlang Deinem
+Schicksal überlassen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus
+den Augen verloren Prudentia, und keineswegs die Hoffnung aufgegeben,
+Deine Seele ihrem Erlöser zu retten -- ja ich fürchte fast, _wieder zu
+gewinnen_.«
+
+»Aber was kann ich -- _darf_ ich thun?« frug Sadie in peinlicher Angst
+-- »meinem Gatten gehört mein Leben, mein Glück -- selbst unsere
+Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.«
+
+»Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten?« frug der Priester mit
+finsterer, fast tonloser Stimme.
+
+»Seinen Leib?« rief Sadie -- der mit Blitzesschnelle der neue Gedanke an
+Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte -- »seinen Leib? was droht ihm?
+-- was soll ich retten -- o sprecht um des Heilands Willen, was ist
+geschehen?«
+
+»Thörichtes Kind« sagte aber der fromme Mann kopfschüttelnd und seufzend
+auf sie nieder schauend -- »thörichtes blindes Kind, das hoffend und
+träumend, in sündhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt hat, und
+die wetterschwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht
+sieht -- oder nicht sehen _will_. Nicht von dem Einzelnen spreche ich,
+der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert durch verstocktes
+Anhängen am Götzendienst, mit dem sich die Frevler hier Bahn gebrochen
+haben durch der Waffen Gewalt -- nicht der Einzelne ist es, der den
+strafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat -- »Ich will meine
+Pfeile mit Blut trunken machen,« spricht der Herr -- »und mein Schwert
+soll Fleisch fressen über dem Blut der Erschlagenen, und über dem
+Gefängniß und über dem entblößten Haupt des Feindes. -- Jauchzet Alle,
+die Ihr sein Volk seid, denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und
+wird sich an seinen Feinden rächen und gnädig sein dem Lande seines
+Volks -- Nun will ich mich aufmachen spricht der Herr -- nun will ich
+mich erheben, nun will ich hoch kommen, denn die Völker werden zu Kalk
+verbrannt werden, wie man abgehauene Dornen mit Feuer ansteckt -- Und
+der Herr ist zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles ihr Herr --
+er wird sie verbannen und zum Schlachten überantworten und ihre
+Erschlagenen werden hingeworfen werden daß der Gestank von ihren
+Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut fließen.«
+
+»Allerbarmer!« rief Sadie und barg zusammenschaudernd ihr Antlitz in den
+Händen, dem furchtbaren Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor ihr
+heraufbeschworen.
+
+»Allerbarmer ja!« sagte der Priester in langsamem und tiefem Ton -- »ja,
+bis zum letzten Faden seiner Gnade und Barmherzigkeit -- dann aber auch
+der Rächer und furchtbare Richter, mit dem Schwert seines gewaltigen
+Zornes und dem Eisen seiner Allmächtigkeit. Sein Arm ist furchtbar und
+die Welt zittert wenn er den Finger hebt.«
+
+»Aber Gott _kann_ nicht den Untergang _Aller_ wollen« bat Sadie -- »er
+sieht die Herzen und weiß die Schuldigen von den Schuldlosen zu trennen
+-- o wäre Vater Osborne hier, daß er seinem armen Kinde Trost spendete
+und Rath in der entsetzlichen Noth.«
+
+»Nur im Gebet liegt Beides« erwiederte streng und ernst wie je, der
+Geistliche -- »bete Tochter, verlorenes Lamm der Heerde -- bete. Bete zu
+dem Allmächtigen daß er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu dem Ohr des
+Gatten zu dringen, daß er Deinem Herzen die Stärke giebt, auszuhalten in
+dem schweren Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irrgängen des
+Versuchers. Noch ist der Böse mächtig in Dir, aber der Herr wird Dich
+beugen und niederwerfen in den Staub, wenn Du Dich am sichersten
+glaubtest vor Seinem Arm -- so bete, bete daß Er die Fasern Deines
+Herzens zum Lichte wende und Seine Hand über Dich halte, Dich zu
+schirmen und schützen in dem nahen Kampf.«
+
+Und wie von dem Geist berührt von dem er sprach, warf er sich plötzlich
+neben der Trauernden, die mechanisch seinem Beispiel folgte, auf die
+Knie nieder, und die Augen schließend und die fast krampfhaft
+zusammengefalteten Hände zum Himmel aufhebend rief er mit lauter
+wehdurchschauerter und das Herz des Weibes wie mit scharfer Waffe
+treffender Stimme in dem Psalm Assaphs:
+
+»Herr es sind Heiden in Dein Erbe gefallen -- die haben Deinen heiligen
+Tempel verunreinigt und aus Jerusalem Steinhaufen gemacht.
+
+»Wir sind unseren Nachbarn eine Schmach geworden, ein Spott und Hohn
+denen, die um uns sind.
+
+»Herr wie lange willst Du so gar zürnen, und Deinen Eifer wie Feuer
+brennen lassen?
+
+»Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf
+die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen.
+
+»Denn sie haben Jacob aufgefressen und seine Häuser verwüstet.
+
+»Gedenke nicht unserer vorigen Missethat, erbarme Dich unserer bald,
+denn wir sind fast dünne geworden;
+
+»Hilf uns Gott, unser Helfer, um Deines Namens Ehre willen; errette uns
+und vergieb uns unsere Sünde um Deines Namens willen.
+
+»Warum lässest Du die Heiden sagen »Wo ist nun ihr Gott?
+
+»Laß unter den Heiden vor unseren Augen kund werden die Rache des Blutes
+Deiner Knechte, das vergossen ist.
+
+»Laß vor Dich kommen das Seufzen der Gefangenen; nach Deinem großen Arm
+behalte die Kinder des Todes,
+
+»Und vergilt unsern Nachbarn siebenfältig in ihren Busen ihre Schmach,
+damit sie Dich, Herr, geschmähet haben.
+
+»Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner Weide, danken Dir ewiglich und
+verkündigen Deinen Ruhm für und für!«
+
+Langsam erhob sich der Priester nach dem Gebet der Rache an den
+_Allerbarmer_ und stand noch viele Minuten lang, mit fest auf der Brust
+gefaltenen Händen neben der knieenden Frau; aber Sadie regte sich nicht
+-- das Antlitz in den Händen über den Stuhl hingebeugt, lag sie in
+heißem brünstigen Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Gestalt, der
+heiße rasche Athem der sich ihrer Brust entrang, verrieth das Leben, das
+Leiden der Armen.
+
+Der ehrwürdige Mr. Rowe schaute mit ernstem fast wehmüthigem Blick auf
+die Betende nieder und legte dann seine beiden Hände leise und wie
+segnend auf ihr Haupt. Sadie fühlte die Berührung und zuckte unter ihr
+zusammen, aber sie blieb regungslos in ihrer Stellung.
+
+»Prudentia« sagte Bruder Rowe leise -- »Prudentia!« -- aber keine
+Antwort wurde ihm, und nur fester schien die Weinende das Antlitz in
+ihren Händen begraben zu wollen. »So sei Gott mit Dir!« sagte der fromme
+Mann, seinen Hut ergreifend, den er daneben auf den Tisch gestellt --
+»so sende er Dir sein Licht und seine Gnade -- er lasse sein Angesicht
+leuchten über Dir und gebe Dir seinen Frieden!«
+
+Sich dann wendend, verließ er mit leisen Schritten das Haus, ging
+langsam durch den Garten, an dessen Thüre ein Insulaner halb auf der
+Lauer, halb auf ihn wartend, gestanden hatte und folgte der Broomroad,
+die nach Papetee hinunter führte.
+
+Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber noch nicht ganz hinter
+den, diesen Theil der Hecke bildenden Papayen verschwunden, als aus der
+ziemlich dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand, eine kleine
+wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geistlichen,
+vortauchte, und dessen Entfernung mit augenfälliger Aufmerksamkeit und
+fast wie mißtrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt Gewesene
+schien sich auch gar nicht damit zu beruhigen daß der also Bewachte
+seinen Weg die Straße entlang bis außer Sicht fortsetzte, sondern er
+verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerst eine kurze
+Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhöhe erreichte, von
+der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang mit
+den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der
+Straße verschwunden war. Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu
+fühlen und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden
+Augen zum Haus zurück, dessen Thüre noch, wie sie der Geistliche
+verlassen, halb geöffnet stand. An der Schwelle aber blieb er wie scheu
+und unschlüssig stehen -- er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken --
+er setzte den Fuß vor, und zog ihn fast ängstlich wieder zurück; endlich
+aber faßte er sich ein Herz -- die Sonne stieg mit jedem Augenblick
+höher und er _durfte_ die kostbare Zeit nicht länger versäumen, und die
+Hand der Thüre nähernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltsam
+gesammelten Entschluß laut und herzhaft an.
+
+Keine Antwort; -- drinn im Zimmer rührte und regte sich Nichts und der
+Klopfer blieb kopfschüttelnd und unschlüssig in seiner lauschenden
+Stellung an der Thür. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung
+klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas stärker als vorher, und als
+auch diesmal seine Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann
+die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand, daß er, vielleicht auch halb
+mit der Ueberzeugung es sei Niemand mehr im Haus, den Knöchel seines
+dritten Fingers laut und heftig an die Thür anpochte, in demselben
+Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrückten Schrei zurücksprang,
+als das leise aber doch so deutliche und ihm so wohlbekannte »~hare
+mai~« einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein erstes Gefühl
+schien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Töne hatten zugleich
+alte und oh so liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig
+und jedenfalls unbewußt nach seinen Füßen hinunterfühlend, ob er die
+Schuhe auch, wie es sich gehöre, daran habe, und nicht etwa wieder
+barfuß als roher Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe in
+der Welt, schob er die Thüre langsam auf und trat hinein.
+
+Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehört, vom Boden erhoben und
+stand der Thüre zugedreht, kaum aber auch die kleine, so lang
+befreundete Gestalt des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf
+»Mitonare -- mein guter, lieber Mitonare,« auf ihn zusprang und seine,
+nach ihr ausgestreckte Hand ergriff.
+
+»Pu-de-ni-a!« stammelte der kleine Mann, und riß die Augen weiter und
+weiter auf, den mehr und mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die
+er nicht zurückpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen auf
+das Wesen, das ihm das Liebste gewesen war auf der Welt, fast seit dem
+Tag an, wo er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen
+Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte -- »Pu-de-ni-a -- es -- es
+freut mich recht -- recht sehr -- Sie -- Sie -- Dich --« Er kam nicht
+weiter -- die großen hellen Thränen rollten ihm die Backen hinunter und
+die nicht widerstrebende Frau an sich ziehend, rieb er -- den höchsten
+Ausdruck innigster, herzlichster Zärtlichkeit den er kannte, seine Nase
+an der ihrigen, zog sie dann fester an sich, streichelte ihr mit beiden
+Händen die Schläfe, drehte ihr Köpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu
+sehen und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen die er kannte
+und ihr, o wie viel tausend Mal schon, in früheren Jahren liebkosend
+gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an seiner Brust und ihre
+Thränen strömten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen
+Freundes.
+
+Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der sich wieder sammelte, und
+das geliebte Kind auf Armes Länge leise von sich schiebend, daß er eben
+die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und überblicken konnte,
+sagte er flüsternd und mit recht weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht
+in seinem gebrochenen Englisch, sondern der ihm geläufigen
+Muttersprache:
+
+»Aber was ist das? -- ist Pudenia -- meine kleine, liebe Pu-de-ni-a
+nicht mehr das fröhliche leichtherzige Kind von A-ti-u? -- sind die
+klaren Augen schon so trüb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen
+so fahl? und ist der böse böse Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit
+meinem Lieb, meinem süßen herztröstenden Lieb?«
+
+Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und seine Hand fassend und
+streichelnd schüttelte sie leise mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast
+dem vollen Strahl vorigen Glücks in den schönen Zügen:
+
+»Nein Mi-to-na-re -- nein er ist gut und lieb wie je und mein Herz ist
+sein bis zum Tod, und weit, weit darüber hinaus -- zanke mir nicht den
+Wi-Wi --«
+
+»Dann hat Dir der »schwarze Mann« wieder das Herz schwer gemacht mit
+seinen Worten, die Einem wie Messer einschneiden in die Brust und nur
+immer brennen und schmerzen« sagte Bruder Ezra, und der scheue aber
+zürnende Blick den er aus dem Fenster die Straße entlang warf, verrieth
+nur zu deutlich wen er damit gemeint. »Wenn ich eine Zeitlang mit ihm
+zusammen bin, und ihn beten und predigen höre, dann komme ich mir immer
+vor wie der entsetzlichste furchtbarste Sünder, der noch ein besonderes
+Feuer in der Hölle haben müßte, seine Sünden vollständig abzubüßen --
+und wenn ich sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen, als ob
+mir der eine Last von der Brust gewälzt und mir Balsam in die frischen
+Wunden gegossen hätte. Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte,
+wenn man so gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein nichtswürdiger
+Sünder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht im
+Stande gewesen dahinter zu kommen.«
+
+»Aber wie siehst Du aus, Mitonare« -- rief Sadie, indem sie lächelnd
+einen Schritt zurücktrat, seine Gestalt und Kleidung, die sich
+allerdings seit sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verändert
+hatte, besser überschauen zu können -- »segne mich, wie Du Dich
+gekleidet hast, und wie stattlich Du einher gehst jetzt, und wie
+ehrwürdig.«
+
+Bruder Ezra schüttelte mit dem Kopf, und sich selber, mit einem
+keineswegs sehr selbstgefälligen Blick von oben bis unten betrachtend,
+sagte er leise und traurig:
+
+»Es ist Nichts, Pudenia -- gar Nichts; die Hosen machen einen Menschen
+höchstens unbequem aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger
+hier unter den Ohren -- der Weiße hatte gestern recht der mir sagte wenn
+ich mich einmal rasch und plötzlich bückte, schnitt ich mir die Ohren
+ab, wie mit dem Rasirmesser.«
+
+»Die Kleider machen allerdings den Christen nicht, Mi-to-na-re« lächelte
+Sadie, »aber das treue Herz in der Brust hat Dich dem reinen schönen
+Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit Seinem Ehr und Preis.«
+
+Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem Herzen tief auf, und es
+war augenscheinlich daß ihn dort etwas drückte, mit dem er sich scheute
+an Tageslicht zu kommen. Sadie fühlte das mehr als sie es sah, denn des
+Mitonare veränderte Kleidung hatte ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der
+That zu sehr in Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch
+eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, daß nicht Alles so mit dem
+kleinen, sonst so freundlichen Manne stehe als es wohl solle, und irgend
+etwas vorgefallen sein müsse, das ihn drücke und quäle, und nicht zu
+Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwächen und Eigenschaften aber auch
+wieder bekannt, lächelte sie, denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der
+Gedanke, die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der
+Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenöthigt doch angerathen (bei Mr.
+Rowe so gut wie ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie, das
+Zutrauliche seiner Bewegungen.
+
+Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein
+daß er die Weste fest und eng zugeknöpft trug über dem seit einiger Zeit
+wieder gediehenen Bauch, und die Knöpfe derselben in wirklich
+gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm das weiße dicke Tuch
+dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab,
+als ob er mit dem steif und starr gestärkten Hemdkragen oben eben nur
+hinausgeschnürt sei; nicht allein daß seine Füße wie früher in den
+breiten unbequemen Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat,
+als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und ihn wieder
+herauszuziehen wünsche, so war ihm auch jetzt das, sonst doch wenigstens
+bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine
+staken in so engen, strammen Hosen, daß es ein Wunder schien wie er
+überhaupt hineingekommen und den kleinen schüchternen Mann veranlaßt
+hatte einen kurzen Pareu, _trotz_ den Einreden des Geistlichen, noch
+_über_ diesem neuen und jedenfalls unpassenden Kleidungsstück zu tragen,
+das nun einmal durchaus nöthig sein sollte auch den letzten heidnischen
+Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das war nicht genug gewesen,
+denn sogar der hohe trostlose Europäische Hut durfte nicht fehlen ihn
+elend zu machen, und so oft war er schon damit in jedem Guiavenbusch,
+jeder Banane, in der Thür jeder Hütte, in den Zweigen jedes Baumes
+hängen geblieben, daß er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den
+schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich zu bücken.
+
+Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines dicken und schweren
+Gebetbuchs, das er in die linke und enge Fracktasche hineingezwängt
+trug, während es ihm in dem schmalen Zipfel fortwährend in die
+Kniekehlen schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt sich denken daß
+er sich, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, an das freie Leben
+seiner Inseln gewöhnt, nicht hätte leicht und behaglich fühlen können.
+Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch andere Sorgen.
+
+»Die schöne Zeit ist vorbei« sagte er traurig, »wo nur die Sterne die
+Augen Gottes waren, und ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden
+Lichter bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglücklich,
+sein Glaube ist wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und
+weiß nicht ob er gerade durch über die Berge und durch die Thäler weg
+steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im seichten
+Binnenwasser der Riffe langsam hinsteuern soll.«
+
+»Armer Mitonare« lächelte Sadie, die noch immer nicht den ernsten Sinn
+seiner Worte begriff -- »aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der
+fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zusagt?«
+
+»Wer?« murmelte Bruder Ezra finster vor sich hin -- »wer? -- er hat noch
+andere Sachen gethan. Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich
+viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen Alle
+rettungslos zu Grund -- Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die
+andere Hälfte hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun muß er noch
+einmal von vorn anfangen und -- und sein Vater und Großvater bleibt doch
+in der -- da unten -- tief da unten.«
+
+Der kleine, sonst so freundliche Mann schüttelte finster mit dem Kopf
+und Sadie, seine Hand ergreifend sagte mit leiser unendlich rührender
+Stimme:
+
+»Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re -- und Gott ist ja der
+Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von
+Deinem Haupte fällt -- so erzähle mir von Atiu -- von meinem Atiu -- was
+sie dort treiben und thun und -- ob sie meiner noch manchmal freundlich
+da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da
+hinüberziehn, und mit meinen Gedanken, meinen Wünschen ihnen doch noch
+so weit, so weit voraus bin.«
+
+»Atiu« wiederholte der kleine Mann, langsam und freundlich mit dem Kopfe
+nickend -- »mit dem stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche
+-- wo die ~nahuitarava ia mere~[A] Abends gerad über unserem Dache stehn
+und ihr mildes Licht auf uns heruntergießen; wo -- aber es ist auch
+manches anders geworden auf Atiu« setzte er sinnend, und fast wie mit
+sich selber redend, hinzu -- »die Leute werden zu klug und zu reich, und
+dann ist's mit dem Frieden vorbei und dem Glück. -- Wie schön war Atiu
+als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten Hütten.«
+
+ [A] ~Nahuitarava ia mere~, das Gestirn des Orion.
+
+»Wie schön war Atiu« wiederholte seufzend die junge Frau.
+
+»Und vielen Besuch haben wir drüben gehabt« setzte der kleine Mitonare
+mit noch fast ernsterer Stimme hinzu -- »lauter Leute die es gut mit uns
+meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren unsere Seelen zu retten,
+und die uns entsetzlich viel versprachen wenn wir nur gerade da
+hineinspringen wollten, wo die Anderen sagten daß es lichterloh mit Pech
+und Schwefel brenne.«
+
+»Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu?« frug Sadie rasch und fast
+erschreckt.
+
+»Ich weiß nicht wo sie herkamen,« sagte der kleine Mann traurig, »aber
+Wi-Wis waren darunter und Andere auch -- und -- sie haben uns wenigstens
+das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen und drohenden Reden.«
+
+»Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da gewesen?«
+
+Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd:
+
+»Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten für
+die -- die Götzendiener -- und der Himmel blieb blau« setzte er
+unheimlich lachend hinzu -- »und dann kamen die anderen Männer und
+sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr
+bester Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von
+Pech und Schwefel nieder auf die Häupter ihrer Gegner -- und der Himmel
+blieb _blau_!«
+
+So scharf und grell stieß er dabei das letzte Wort aus, daß die kleine
+Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt
+in die Höhe fuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Bruder Ezra drehte
+sich rasch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit
+Mißachtung jedes Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben dem
+noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden Kinde auf die Knie nieder
+und rief mit, vor innerer Rührung fast erstickter aber auch jubelnder,
+jauchzender Stimme:
+
+»~Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.~«[B]
+
+ [B] Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines
+ Mädchen.
+
+Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet hatte, streckte die
+Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine
+Mitonare griff sie auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit
+ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wüthend über solches
+Betragen schlenkernde Buch zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide
+darüber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles
+vergessen, was ihn bis dahin gedrückt oder weh gethan, und das Mädchen
+nur herzend, das sich wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen ließ, was
+er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt hätte daß ihr von _dem_
+Manne sicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollste
+wildeste Zeug, nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich
+sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch, von dem er aber in den
+letzten Jahren noch viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu
+schwatzen und lachen und Geschichten zu erzählen aus Bibel und
+Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem
+lieben lächelnden Kind gegenüber. Und Sadie stand daneben, die linke
+Hand auf den Tisch gestützt und mit der rechten in den Locken des Kindes
+spielend und seinen Scheitel streichend, während die kleine Sadie
+jauchzte und lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten, ihre
+Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an den steifen Hemdkragen und
+Halstuchspitzen zupfte. Und Mitonare ließ sich das Alles ruhig gefallen,
+und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen für das Kind.
+
+»Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare?« sagte da Sadie -- »hast
+Du auch Atiu verlassen, und willst nicht wieder zurückkehren nach dem
+lieben Land?«
+
+Da wurde der kleine Mann plötzlich ernsthaft, setzte das Kind, das ihn
+noch gar nicht lassen wollte nieder auf den Boden und sagte, recht
+herzhaft mit dem Kopfe schüttelnd und einen scheuen Blick nach der Thür
+werfend:
+
+»Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die Insel nicht verlassen mein
+Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen
+und -- wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen;
+aber es ist jetzt eine schlimme Zeit -- die Leute sind irre geworden an
+ihrem Gott und mit _Gewalt_ wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut
+den Glauben begießen, daß er wachse und gedeihe.«
+
+»Aber ich verstehe Dich nicht« sagte Sadie.
+
+»Sie haben was vor hier auf Tahiti!« fuhr der Bruder Ezra leise fort,
+als ob er sich fürchte irgend ein Geheimniß zu verrathen, »was es ist,
+weiß ich noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt
+riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, wie ich sehe,
+aber die Wi-Wis sind auch nicht müßig, und vorgestern waren zwei große
+Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, daß sie den
+~Feranis~ gehörten und viel Kanonen an Bord hätten mit Pulver und
+schweren Kugeln.«
+
+»Und was können unbewaffnete Menschen dagegen thun?« frug Sadie
+wehmüthig mit dem Kopfe schüttelnd.
+
+»Unbewaffnete, _Nichts_« erwiederte Bruder Ezra rasch, »aber Bewaffnete
+desto mehr; Bibeln waren _nicht_ in den Kisten, die sie vom Bord
+desselben Wallfischfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles täuscht,
+hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu sicheren Verstecken in die
+Berge schafften.«
+
+»Die Missionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und
+Blutvergießen« rief Sadie.
+
+»Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den Kopf weg,« sagte der
+Mitonare trocken -- »es giebt Leute genug überall, die, einen Dollar zu
+verdienen, leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein
+gutes -- ihre Landsleute mit Waffen zu versehen, daß sie sich selbst
+beschützen können.«
+
+»Du nanntest erst Raiteo, Mitonare?« frug Sadie -- »wie geht es ihm und
+was treibt er jetzt -- ist er ein besserer Mensch geworden?« --
+
+»Was er in diesem Augenblicke treibt weiß ich wahrlich nicht«, sagte der
+kleine Mann finster, »aber als ich kam stand er draußen auf Posten, und
+ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück; -- ist
+nicht das erste Mal daß sie in einem Joche ziehn.«
+
+»Raiteo hier auf Tahiti?« rief Sadie erstaunt.
+
+»Raiteo Mitonare« erwiederte Bruder Ezra trocken.
+
+»Mitonare? -- Raiteo? der seinen Vater verrathen würde um ein Stück
+Kattun zu verdienen oder ein Stück Geld?«
+
+»Raiteo Mitonare« bestätigte aber auf das Bestimmteste der kleine Mann
+und setzte, langsam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu -- »Menschen sind
+einmal bös, und dann wieder gut -- Raiteo hat seine Sünden eingesehen
+und ist frommer Mann geworden -- aber trägt noch keine Hosen« fügte er,
+trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen Grad von
+Eifersucht hinzu; »hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und
+bloßen Kopf -- und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack -- kann nicht
+gut ohne Frack in die Kirche kommen.«
+
+»Raiteo Mitonare« wiederholte aber wiederum Sadie, die sich noch immer
+nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte -- »und das auf Atiu -- wo sie
+ihn kennen.«
+
+Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich nicht, der Wahrheit
+die Ehre zu geben, denn wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort
+gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder,
+gerade in der Erinnerung der Bewohner der Insel, gegen ihn gesprochen
+und Bruder Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesänderung
+überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei
+der, in den nächsten Tagen zu haltenden Versammlung von
+»Kirchenältesten« zu wissen und dann auf irgend eine der Nachbarinseln,
+auf denen er nicht gerade persönlich bekannt sei, zu versetzen.
+
+Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare
+Veränderung war jedenfalls in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen.
+Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der
+Missionaire in frommer, furchtsamer Scheu gelauscht, und weit eher an
+seiner eigenen Existenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und
+Glaubensformeln gezweifelt hätte, sprach jetzt, selbst von dem
+strengsten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie konnte sich über den
+Ausdruck in seinen Zügen und Worten nicht länger täuschen, fast
+ironisch, und das bittere Lächeln das um seine Lippen spielte mochte der
+_Furcht_ noch den Platz gönnen, aber strafte die Ehrfurcht Lügen.
+
+Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade vor sich nieder, er
+fühlte daß Sadiens Blick auf ihm haftete -- daß sie die Veränderung
+entdeckt die in ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr
+vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete -- was ihm den Schlaf
+raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde
+drückte und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner nächsten Umgebung
+selbst, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal scheu und flüchtig den
+Blick zu ihr aufschlug, und die zärtliche, liebende Angst sah die aus
+diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz
+zucken, daß sie -- seine Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er
+gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt -- ja das zu ihm bis
+jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgesehen,
+Schlimmes -- Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen mochte, und
+in _der_ Furcht die Hand bittend gegen sie ausstreckend sagte er leise:
+
+»Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a; er liebt seinen
+Gott und -- thut auch -- thut Alles was in der Bibel steht aber --
+andere Männer, Männer die auch sagten daß sie der liebe Gott geschickt
+-- sind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost
+gebracht -- wo er weinte, seine Thränen getrocknet, wo er unschlüssig
+stand, einen neuen Pfad gezeigt und -- wenn er sich auch bis jetzt noch
+nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln -- hat er doch bis jetzt --«
+
+Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie
+fuhr langsam und traurig seine Hand ergreifend fort:
+
+»Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die äußere Form
+beibehalten, seinen Gott damit zu täuschen.«
+
+»Aita Pudenia, aita« -- rief aber der kleine Mann da rasch und ängstlich
+vielleicht, weil er die Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs
+fühlte -- »nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im
+rechten Pfad, nein die Mitonares selber tragen die Schuld, die einander
+anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Götzenanbeter nennen, während
+sie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu
+haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde
+vertilgen müsse. Was mir aber am Herzen nagte, das Schicksal von altem
+Mann Vater -- von der _Mutter_, die noch gar Nichts von einem anderen
+Glauben gewußt, ja ihn kaum nennen gehört, und die nun doch rettungslos
+sollten verloren sein und verdammt, das that mir weh, und als der andere
+Priester kam und mir die Aussicht stellte, ich könne durch fleißiges
+Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem
+allbarmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen
+Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und böse
+Gedanken stiegen auf in mir, und ließen mich nicht rasten und ruhn, und
+jetzt weiß ich nicht -- hat der Eine recht und sind sie unrettbar
+verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine
+entsetzliche Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung weihe
+wo ich die Mittel dazu vielleicht in Händen habe. Armer Mitonare« setzte
+er dann traurig hinzu -- »ist recht bös daran, soll anderen Kanakas den
+Glauben bringen und weiß selber nicht -- Und wenn der alte Mann nun doch
+am Ende recht hätte.«
+
+»Was für ein alter Mann, Mitonare?« frug Sadie erstaunt. Bruder Ezra
+aber hob rasch und erschreckt den Finger an die Lippen und sich scheu
+umsehend, sagte er langsam und vorsichtig:
+
+»Pst -- Pudenia, pst, das war ein wunderbarer, furchtbarer alter Mann
+und er kam und ging in einem Sturm.«
+
+»Und was that er bei Euch auf Atiu?«
+
+»Wie er sagte kam er von den Inseln zu Leewärts, Handel zu treiben und
+Cocosöl und Perlmutterschaalen einzukaufen in seinen kleinen Cutter,
+aber er sprach furchtbare Sachen und mich schauderts wenn ich daran
+denke -- wenn ich darüber nachsinne.«
+
+»Aber was sprach er so Entsetzliches?« drängte die Frau.
+
+»Pu-de-ni-a,« sagte da Mitonare, der Frage jetzt noch ausweichend, oder
+sie durch eine andere beantwortend -- »hast Du schon einmal an einem
+Abgrund -- am äußersten Rand einer schwindelnden Höhe gestanden, und ist
+Dir da nicht das Gefühl gekommen, als ob Du hinunterspringen möchtest in
+die Tiefe, daß Du den Platz nur schnell verlassen mußtest in Furcht und
+Grauen?«
+
+Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd.
+
+»Siehst Du, _so_ war es mir, wenn ich den Worten des alten weißen Mannes
+lauschte,« flüsterte der kleine Indianer und nickte still vor sich hin.
+»Er trug einen langen weißen spitzen Bart, und die kleinen blitzenden
+Augen lagen wie zwei glühende Kohlen unter den buschigen Brauen -- Sein
+ganzes Gesicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter mehr
+erkennen ließen auf der Haut, und er mußte _sehr_ alt sein, denn er
+hatte die Welt gesehn von dem Theil wo das Wasser zu Stein wird in
+grimmiger Kälte, bis zu wo die Sonne Abends in ihr Lager sinkt, und er
+sprach von Gott und den Sternen als ob er da oben zu Hause gehöre und
+zwischen den Sternen gewandelt hätte wie in einem Garten.«
+
+»Aber er glaubte an Gott?« frug Sadie leise und scheu.
+
+»Er hatte denselben Namen dafür wie wir -- Jehovah,« sagte der kleine
+Mitonare, »aber er verleugnete« -- setzte er leise, fast flüsternd hinzu
+-- »er verleugnete den Heiland.«
+
+»Gütiger Gott!«
+
+»Er leugnete Jesus Christus« bestätigte da Mitonare »und mir lief's wie
+Fieberfrost durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus
+saß und der Weststurm um das Dach heulte, daß die flackernden Oelflammen
+hoch aufschlugen in rother Gluth, und der magere alte bärtige Mann mir
+von dem Heiland erzählte der nur ein Mensch gewesen sei wie wir Alle --
+aber ein guter Mensch, und von seinen Neidern und den reichen Leuten,
+die fürchteten daß er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln
+würde, an das Kreuz geschlagen wurde, da elendiglich umzukommen.«
+
+»Er verleugnete Gottes Sohn,« sagte Sadie schaudernd.
+
+»Ja, und er trieb Spott über Alles, was selbst die Wi-Wis für heilig
+halten« nickte der Kleine »und doch, doch lauschte ich ihm gern, denn
+sein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menschen waren
+seine Kinder, _alle, alle_ nahm er auf zu sich, Kanakas und Weiße,
+Beretanis und Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem Worte
+folgten; und mein Vater und meine Mutter -- ach Pudenia es war wohl
+recht sündhaft daß ich seinen Worten so gerne horchte -- aber mein Vater
+und meine Mutter waren auch eingegangen zu seiner Herrlichkeit, wenn sie
+nicht sonst recht schlechte und böse Menschen gewesen. Seit der Zeit nun
+sind meine Gedanken nicht mehr mein eigen« fuhr der kleine Mann
+trübselig fort; »seit der Zeit härm' ich mich und gräm' ich mich und
+mache mir Sorge und Kummer, und Nachts kommt der Böse und lockt mich mit
+seinen Schmeicheltönen, und am Tag seh ich, wo ich auch bin, den Alten
+neben mir, wie er sich den Bart streicht und mit den scharfen
+abgestoßenen Worten mir doch Trost und Hoffnung in die Seele gießt. Seit
+dem Tag ist der kleine Mitonare ein anderer verzweifelter Mensch
+geworden, der mit dem dicken Gebetbuch in der Tasche herumläuft, und
+nicht den Muth hat hineinzusehen, dem das Blut in den Adern gerinnt wenn
+er an den zornigen Gott denkt, wie ihn die weißen Mitonares lehren, und
+der demselben Gott doch immer wieder, und trotz allen Schilderungen zu
+Füßen fallen, und ihn Vater, Jehovah nennen möchte, wie ein Kind seinen
+eigenen Vater ruft, den es nicht fürchtet, aber von Herzen, recht von
+Herzen liebt.«
+
+»Du armer, armer Mitonare« sagte da Sadie mit ihrer weichen Stimme,
+mitleidig des alten kleinen Mannes Hand ergreifend, und sie leise
+streichelnd; »bete Du armes geprüftes Herz, bete recht aus tiefster
+Seele zu Deinem Heiland daß er Dich führen und schützen möge auf Deiner
+Bahn, und den rechten Pfad durch Nacht zum Licht -- bete daß er Dir die
+Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und Dich eingehn läßt zu Seiner
+Herrlichkeit. Aber verzage nicht, fürchte Dich nicht, denn gerade in der
+tiefsten Noth ist er Dir ja auch am nächsten und hört die Stimme Seines
+Kindes die zu ihm ruft, und die Hand ausstreckt nach ihm, um Schutz und
+Hülfe.«
+
+»Was ist _das_?« sagte da plötzlich der Mitonare, dessen Blick in tiefem
+schmerzlichem Sinnen hinausschweifte über die See, und der jetzt das
+Boot eines Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert, um die nächste
+Landspitze kommen und gerade auf das Haus zu halten sah. Hinten am Heck
+wehte die französische Flagge.
+
+»Ein Boot der Feranis« sagte Sadie ruhig, »das wahrscheinlich nach
+Papara hinunter will und sich dicht an der Küste, des ruhigen Wassers
+wegen hält -- sie kommen oft hier vorüber.«
+
+»Dann hätten sie die Korallenspitze vermeiden müssen, die jetzt zwischen
+ihnen und dem Fahrwasser der Binnenriffe liegt« sagte der Mitonare, der
+mit einem Blick den Charakter der Bai überschaut hatte, und jetzt
+aufmerksamer als vorher hinüberblickte. »Sie können nur hierherwollen,
+wie auch ihr Bug zeigt, oder sie müßten die ganze Strecke wieder zurück.
+Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Officiere der Wi-Wis und
+neben ihnen --«
+
+»Heiliger Gott -- neben ihnen _liegt_ Jemand auf der Bank« rief aber
+auch in diesem Augenblick Sadie in Todesangst, der die böse Ahnung, die
+ihr den ganzen Morgen die Brust erfüllt, mit mächtiger Kraft zurück zum
+Herzen drängte -- »René!«
+
+»René?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was hat der tollköpfige Wi-Wi
+wieder angestellt, daß ihn die eigenen Landsleute gefangen haben
+sollten? -- aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier --«
+
+Sadie antwortete ihm nicht -- in sprachloser Angst und Erwartung hing
+ihr Blick an dem rasch näher kommenden Fahrzeug, das von den elastischen
+Rudern getrieben rauschend durch die Wellen schäumte -- schon glaubte
+sie die Züge des Officiers zu erkennen, der hinten lehnte und auch sie
+war jetzt von den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf dem Sitz
+liegende Gestalt richtete sich halb empor und winkte herüber, und mit
+lautem Aufschrei flog sie hinaus an den Strand, flog, ihre Europäischen
+Kleider vergessend, hinein in die klare Fluth dem Boot entgegen, denn
+darin lag, bleich und blutend, wenn er auch freundlich jetzt
+herüberwinkte -- ihr Gatte -- lag René.
+
+Im nächsten Moment schoß das Boot heran, die Matrosen der Backbordseite
+warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor und Bertrands Hand streckte
+sich dem armen Weib entgegen, dessen stierer und entsetzter Blick nur an
+dem bleichen Antlitz des Verwundeten hing. In demselben Moment fast
+berührte das Boot den Strand, und ein Theil der Matrosen sprang über
+Bord ihn an Land zu tragen.
+
+»Aber Sadie« flüsterte René halb vorwurfsvoll, halb verlegen der jungen
+Frau die Hand hinüberreichend -- »was machst Du für tolle Streiche,
+wildes Mädchen?«
+
+»Du bist verwundet« war Alles was die Frau in fast athemloser Angst über
+die Lippen bringen konnte.
+
+»Unsinn« lachte aber dieser, »eben nur die Haut geritzt, und _hergehn_
+hätt' ich können, hätte nicht Bertrand hier in übergroßer Besorgniß
+darauf bestanden mich her zu _fahren_.«
+
+»Die Wunde ist unbedeutend, Madame« bestätigte aber auch jetzt der junge
+Officier, der an Land gesprungen war und eine fast unwillkürliche
+Bewegung machte die junge Frau hinauf und zum Haus zurückzuführen, wohin
+jetzt vier kräftige Matrosen auf einer der Boot Doften den Verwundeten
+trugen. Sadie aber ließ des Gatten Hand nicht los und während sie sich
+ängstlich an ihn schmiegte, fuhr der junge Officier fort: »Ich fürchtete
+nur eine mögliche Entzündung, wenn er den langen Weg in der Sonnenhitze
+hätte zu Fuß zurücklegen sollen; wenige Tage werden ihn wieder
+hergestellt haben.«
+
+»Aber was ist geschehn, um des Heilands Willen« bat Sadie.
+
+Bertrand biß sich auf die Lippen und René sagte finster:
+
+»Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Aderlaß einer neckischen
+Göttin zum Opfer gebracht -- das Fleisch heilt bald -- aber -- wer ist
+das da drüben? -- Mi-to-na-re? -- bei Allem was da lebt -- in Hosen
+und Strümpfen -- Mitonare« und dem kleinen, auf ihn zueilenden Mann die
+Hand entgegenreichend schüttelte er sie fest und herzlich und -- wandte
+den Kopf zur Seite, denn gerade in diesem Augenblick traf ihn die
+Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's Leben, und trieb ihm das Wasser
+hinauf in die Augen, das er den Seeleuten bergen wollte.
+
+»Böser Wi-Wi!« rief aber auch jetzt der kleine Missionair wieder in
+seinem tollsten Englischen Kauderwelsch, das er mit dem Europäer glaubte
+sprechen zu müssen, »~aita maitai~ -- macht ~ole manni~ viel Sorge --
+leichtsinniger Kopf der in dicken Bambus fährt und durchwill -- läßt
+kleine Pu-de-ni-a zu Haus und kommt nachher angefahren, blutig und blaß
+und jagt ihr den Todesschreck in die Glieder, daß sie auch krank wird
+und stirbt.«
+
+»Pu-de-ni-a!« sagte leise René und drückte die Hand des treuen Weibes,
+die in der seinen ruhte, »und Du lieber wackerer Freund,« wandte er sich
+dann plötzlich im reinsten Tahitisch zu dem, darüber aufs Aeußerste
+erstaunten Mitonare »wo kommst Du her, was treibst Du, wie geht es Dir?
+-- und willst Du bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?«
+
+Ehe aber der Mitonare die rasch hintereinander an ihn gerichteten Fragen
+beantworten konnte, verbot der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere
+Aufregung, bis er die, allerdings nicht gefährliche aber in einem heißen
+Klima doch immer zu beachtende Wunde erst nochmals untersucht und wieder
+verbunden hätte. Vor allen Dingen müsse der Verwundete in ein kühles
+Zimmer geschafft werden, dort die nöthige Pflege zu finden.
+
+Sadie besorgte das Alles mit zitternder Hast, häufte Matte auf Matte,
+ihm ein kühles und weiches Lager zu bieten, und wechselte erst ihre
+eigenen, durchnäßten Kleider, als sie den Gatten mit allem versorgt, was
+ihre liebende Hand für ihn bereiten konnte. Die Wunde war allerdings
+nicht gefährlich, ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben nur
+durch den oberen Theil des Armes dicht an der Schulter durchgegangen,
+ohne den Knochen weiter zu verletzen, Blutverlust und Ermattung hatten
+ihn aber doch erschöpft und als der zweite Verband mit Sadiens Hülfe
+angelegt war, fiel der Leidende in einen sanften aber festen Schlaf, in
+dem ihn der Arzt nicht gestört haben wollte, und selbst Sadie bat das
+Zimmer zu verlassen. Nur Mataoti mußte bei ihm zurückbleiben, um zu
+rufen sobald er wieder erwachen würde.
+
+Am Strande lag unterdessen das Boot schon wieder zur Abfahrt gerüstet,
+und Bertrand wollte eben Abschied nehmen von Sadie, an Bord
+zurückzukehren, als diese seinen Arm ergriff und ihn mit leiser, aber
+dringender Stimme bat, ihr die Ursache der Verwundung anzugeben, die sie
+mit peinlicher Angst, sie wisse selber eigentlich nicht recht, warum?
+erfülle. Der junge Mann zögerte erst verlegen mit der Antwort, aber er
+fühlte auch, wie er ihr dieselbe eigentlich nicht verweigern durfte, und
+erzählte ihr jetzt mit so kurzen und schonenden Worten als möglich, wie
+jener Officier, nach den gestrigen Vorgängen, nicht umhin gekonnt habe,
+Europäischen Begriffen von Ehre nach, René zu fordern, und wie sie sich
+heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren Secundanten getroffen und
+geschossen hätten. Rodolphe, sein Gegner, habe zuerst gefehlt und eine
+leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnäckig darauf bestanden den
+zweiten Schuß zu thun. Die Secundanten konnten ihm den nicht weigern und
+von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln sei René in die
+Schulter, Rodolphe durch die Brust getroffen. Der Gegner lebe zwar noch,
+aber die Wunde sei ziemlich gefährlich; René habe übrigens für seine
+Sicherheit nicht das Mindeste zu befürchten, setzte er rasch hinzu, denn
+selbst im unglücklichsten Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte
+nichts Anderes gethan als sich vertheidigt.
+
+Sadie wurde todtenbleich -- ihr Gatte verwundet, vielleicht ein Mörder
+-- ihrethalben, mit dieser Last auf seiner Seele, und zugleich der
+irdischen Gerechtigkeit für blutige That verfallen, denn mit Entsetzen
+dachte sie daran, wie gerade jetzt die englischen Schiffe die Obermacht
+im Hafen hätten und kaum einen Fall vorübergehn lassen würden, einen aus
+dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechenschaft zu ziehen vor ihr Gericht.
+Bertrand schüttelte aber bei der laut gewordenen Besorgniß lachend mit
+dem Kopf.
+
+»Die englische Herrschaft ist vorbei« rief er, trotzig den Kopf
+emporwerfend; »Großbritannien erkennt das Französische Protectorat an,
+und zieht seine Schiffe zurück -- ja noch mehr, in der Nähe einer der
+Nachbar-Inseln sind schon zwei Französische Kriegsschiffe -- jedenfalls
+~Du Petit Thouars~ mit seiner Flotte im Aufkreuzen gesehen worden, und
+die Tricolore herrscht von jetzt an auf Tahiti.«
+
+»Zwei französische Schiffe sind gesehen worden? -- und von wem habt Ihr
+die Nachricht?« frug Sadie rasch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte
+ihr Hirn.
+
+»Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber« antwortete der Officier
+-- »wir haben überall unsere Wächter; aber sehn Sie Madame daß ich recht
+hatte? -- dort über den Riffen draußen segelt der Talbot vor dem Wind,
+diese Küsten zu verlassen, und ha -- dort kommt auch der Vindictive,
+schwerfällig seine weiten Segel entfaltend. Halt meine Burschen -- Ruhe
+bis wir draußen in See sind,« unterbrach er sich rasch, dem eben
+ausgebrochenen Jubelruf seiner Leute zu wehren -- »der Kranke schläft
+und Ihr dürft ihn nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch nach
+Papetee zurück, denn wir werden dort alle Hände voll zu thun bekommen,
+und heute Abend, wenn es geht, komm' ich einen Sprung herüber, mich nach
+dem Befinden unseres lieben Kranken zu erkundigen. So Adieu Madame, auf
+ein froheres Wiedersehen«, und sich freundlich gegen sie neigend sprang
+er auf den Rand des hinangezogenen Bootes und hinein, wo der Arzt schon
+seinen Sitz wieder eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus in
+tieferes Wasser, folgend, sobald sie das schwanke, scharfgebaute
+Fahrzeug flott fühlten, und wenige Minuten später zischte und preßte der
+Bug wieder gegen die crystallene Fluth an, sie in leichten Kräuselwellen
+zur Seite werfend, der nächsten Landspitze zu, um die es bald darauf
+verschwand.
+
+»Was sagte der Wi-Wi von den Schiffen da draußen?« frug aber jetzt der
+Mitonare, der dem ihm unverständlichen Gespräch besonders so erstaunt
+gelauscht, weil seine kleine Pudenia die fremde ihm unbegreifliche
+Sprache so geläufig sprach, und dem dabei die zwei großen Schiffe die
+jetzt erst in Sicht gekommen und augenscheinlich von der Insel
+fortsegelten, ebenfalls aufgefallen waren.
+
+»Es sind die Englischen Kriegsschiffe, die den Hafen verlassen« sagte
+Sadie.
+
+»Den Hafen _verlassen_?« wiederholte erstaunt der kleine Mann -- »und
+Bruder Aue hat uns davon ganz andere Geschichten erzählt -- puh, puh,
+und die Wi-Wis kommen mit großen Schiffen angesegelt -- böse Sachen,
+böse Sachen -- wo bleibt da _unser_ Gott?«
+
+Sadie hörte gar nicht was er sprach -- vor ihrem inneren Auge lag der
+verwundete Gatte, lag sein blutendes Opfer, und während die hellen
+Thränen ihr still und schwer die Wangen niederträuften, murmelte sie mit
+leiser, schmerzerfüllter Stimme:
+
+»Verloren -- verloren -- Glück und Frieden dahin -- oh armer armer Vater
+Osborne, wie gut daß Du still und ruhig in der kühlen Erde liegst -- wenn
+nicht der frühere Gram -- der Tag hätte Dein treues Herz gebrochen.«
+
+»Ja, Vater ~O-no-so-no~,« seufzte der kleine Mann, seinen Hut wieder
+ergreifend und aufsetzend, unter dem das breite, dunkle, gutmüthige
+Gesicht gar so komisch und widernatürlich aussah -- »Vater
+~O-no-so-no~ war ein guter Mann, und wären sie alle so gewesen wie er --
+Aber ich muß in die Stadt hinüber,« unterbrach er sich selbst, »denn die
+Versammlung soll heut' Morgen sein und Mitonare Ezra und Mitonare Raiteo
+sind von Atiu geschickt und sollen keine Wi-Wis haben wollen. ~Gu-bei~
+Pudenia, ~gu-bei~ -- Nach der Versammlung kommt Mitonare wieder hierher
+zurück und bleibt bei tollen Wi-Wi, bis er gesund ist und bei kleine
+Pudenia ~iti iti~ --«
+
+Damit wandte er sich und verließ den Garten; das schwere Gebetbuch aber
+in dem langen schmalen Frackzipfel fing wieder an zu schlenkern, und er
+nahm den Zipfel bedächtig in den linken Arm und verfolgte langsam seinen
+Weg, ohne sich weiter umzusehen. Und Sadie schaute ihm schwer
+aufseufzend nach, als sie die kleine komische in so entsetzliche
+Kleiderformen gezwängte Gestalt den Weg hinabgehen sah, und daran dachte
+was für ein einfach natürliches Herz unter den unnatürlichen Stoffen
+schlage; aber der Ernst des Augenblicks wandte ihre Gedanken bald wieder
+dem ab, und dem Gatten zu, und nur wenige Minuten später saß sie am Bett
+des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den Schlummer des Kranken
+bewachend und von seiner fieberheißen Stirn Mosquito und Fliege fern
+zu halten.
+
+Auch nach Aumama hatte sie hinübergeschickt, ihr beizustehn, wenn sie
+irgend einer Hülfe bedürftig sein sollte; Aumama war aber früh am Morgen
+nach Hause zurückgekehrt, und hatte ihre Kinder geweckt und mit
+fortgenommen, Niemand wußte wohin; Lefévre war ebenfalls nirgends zu
+sehen und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie ausgestorben.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+Pomare und ~Du Petit Thouars~.
+
+
+Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon am frühen Morgen liefen
+dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe
+machten sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe wäre dafür schon
+~La Reine Blanche~, mit dem gefürchteten Admiral ~Du Petit Thouars~ an
+Bord, gesehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Häufchen
+Protestantischer Christen preisgegeben sein würde.
+
+Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag
+lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden mit
+dem zurückgekehrten Englischen Consul und früheren Missionair
+Pritchard zusammen gewesen, und dieser also allein konnte wirkliche
+Aufklärung über das sonst unbegreifliche Zurückziehn der Englischen
+Streitmacht geben. Zu dessen Haus strömte nun auch die Masse, Erklärung
+fordernd, wo die britische Hülfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen
+den Uebergriffen der Franzosen gegenüber so fest war versprochen worden
+-- offene Erklärung, was der nach England gesandte Missionair dort
+ausgerichtet, und welchen Beistand die Königin von England der in ihren
+Rechten gekränkten Pomare zugesichert und zugesagt habe.
+
+Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht
+zu Schanden werden lasse, und berief eine Versammlung der Geistlichen
+von Papetee, die nächsten und nöthigsten Schritte zu berathen, falls
+eine Französische Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimsuchen würde.
+
+Darüber sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage
+später lief allerdings wieder ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine
+sogenannte ~catch~ von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen Schiffe
+abzulösen und sich ruhig und ohne weitere Demonstration in der Bai vor
+Anker zu legen (es war der ~Basilisk~) und bald danach wurden von den
+Höhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti zuhielten. Zwei zusammen
+kreuzende Segel erschienen in Sicht, und die Angst vor der ~Reine
+blanche~ gab dem größten der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur
+Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit erkennbar wurden, den
+schlimmsten Verdacht zu bestätigen.
+
+Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papetee, von
+ihrem Heck flatterten die französischen Nationalfarben und das Echo der
+Berge gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf und grollend
+zurück, wie zürnend, die ungebetenen Gäste auf's Neue in seiner Nähe zu
+wissen.
+
+Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven der ~Jeanne d'Arc~, die
+den in so trotziger Stärke einlaufenden Landsleuten entgegenjubelten. --
+Ihre Lage, von den Englischen Schiffen überwacht, war ihnen schon lange
+eine drückende ja unerträgliche geworden, noch dazu da ein Theil des
+Volks schon bei mancher Gelegenheit -- ob dazu aufgereizt oder nicht --
+die Feranis suchte fühlen zu lassen, daß man weder ihren Gott noch ihre
+Regierung wolle und sich unter dem Schutz der Beretanis sicher genug
+fühle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der von England
+zurückkehrende Consul und Missionair hatte dabei in seiner
+zuversichtlichen Haltung ihren schlimmsten Befürchtungen noch eine Art
+von Bestätigung gegeben, und die Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~
+ersehnte unter solchen Umständen den Augenblick, wo sie den Befehl zum
+Rückzug erhalten würde, die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem
+früheren Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire zu
+überlassen.
+
+Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen;
+die stolzen Englischen Fregatten, die bis jetzt die Interessen der
+Tahitischen Königin überwacht, ließen den Feind derselben, der schon
+öfter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und nur immer die
+vielleicht bösen Folgen zu gierigen Zulangens gefürchtet, jetzt im
+ruhigen unbestrittenen Besitz der ganzen Inseln, und während die
+Missionaire in Bestürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem
+entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlünde sie als von
+England gesandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie seine
+Vertreter zu schützen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern den
+ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mitzutheilen, und von ihnen ausgehend
+lief bald darauf das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Engländer
+seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck des
+Französischen Joches zu befreien, und wenige Wochen später würden sie
+mit Verstärkung zurückkehren die Macht der Christlichen
+Protestantischen Kirche, wenn es sein müßte, mit Gewalt der Waffen
+aufrecht zu erhalten. -- Es war das ihre letzte Hoffnung.
+
+Mißtrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Königin dieser
+Inseln, die Bewegungen der Feranis, die sie nun schon seit einer Reihe
+von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze Blut der
+Pomaren schoß ihr zornig in die Schläfe, als sie die Banner Frankreichs
+wieder so keck und trotzig in der Brise flattern sah, und den
+Kanonendonner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai
+entgegenschallte.
+
+Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europäischem Geschmack
+eingerichteten und mit einer Masse von Putz und Geschenken
+ausgestatteten oder besser überfüllten Hauses, die heiße Stirne fest
+gegen die Glasscheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Pritchard ging mit
+auf der Brust fest zusammengeschlagenen Armen in dem Gemach auf und ab,
+und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die Bewegungen der
+eben eingekommenen Schiffe zu beobachten, aber ohne ein Wort zu sprechen
+sein oder der Königin Nachdenken im Mindesten zu stören. Die Fenster
+dröhnten dabei von den gewaltigen Saluten der bewaffneten Schiffe und
+die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen.
+
+Auf dem einen Tisch, entrollt und über einem Globus, einem
+Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen und einigen geschmackvoll
+eingebundenen englischen Bilderbüchern lag die Tahitische rothe Flagge
+mit dem einzelnen weißen Stern, und oben über demselben mit einer
+goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone frisch hineingestickt.
+
+»Das sind nun Euere Versprechungen!« sagte die Königin endlich nach
+langer Pause, sich halb gegen den Missionair der zugleich die Stelle
+eines Englischen Consuls versah, herumdrehend -- »das ist Euer Prahlen
+von dem Schutz der mächtigen Beretanis -- des mächtigen Gottes der
+Weißen -- Weit draußen in Lee schwimmen die Schiffe die man mir über und
+über erzählt daß sie mich und mein Volk beschützen sollten, und mitten
+in meinem Reich darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene Flagge
+trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz seiner Kanonen vielleicht
+neue Erpressungen fordern -- wie kann ich sie jetzt ihm weigern?«
+
+»Er _darf_ nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen ist« entgegnete
+finster der Missionair -- »die neue Flagge hier, mit dem Emblem der
+Majestät wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares England
+unterstützt, und mit dem ganzen Volk gegen sich, und dem Bewußtsein daß
+Englische Kriegsschiffe in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder
+einlaufen können in die Bai, deren Bewohner sie durch die Bande der
+Religion und Freundschaft verpflichtet sind zu schützen, ist ~Du Petit
+Thouars~ zu klug einen trostlosen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und
+die schwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn
+beschützen würde, herabziehn könnte.«
+
+»Und wer schützt mein armes Volk _jetzt_ vor ihren Kugeln, wenn ich die
+Flagge hisse und ihren Zorn reize?« frug Pomare.
+
+»Du bist hier Königin« sagte der Missionair ernst und feierlich, »wie
+Englands Königin daheim ihr Banner kann wehen lassen über dem Schloß das
+sie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart, so steht dasselbe
+Recht _Dir_ zu, in Deinem Reich; der Franke _darf_ es Dir nicht wehren,
+wenn er auch möchte, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er, nach dem
+Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug wäre schon das Aufhissen dieser
+Flagge mit einer Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind
+höflich« -- setzte er trocken hinzu, »wenn man ihnen auch sonst gerade
+nichts Gutes nachsagen kann.«
+
+Pomare sah ihn forschend an -- ihre Fahne, durch Kanonenschüsse der
+gefürchteten Feranis geehrt -- der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz
+für sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so sehr sie auch
+noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen Schritt entgegen gewesen
+sein mochte.
+
+»Und Du hissest zugleich die Englische Flagge vor _Deinem_ Haus?« frug
+sie rasch, des Priesters Arm ergreifend.
+
+»Als Gruß der Königlich Tahitischen in jedem Fall« erwiederte der
+Missionair -- »ich bin sogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu
+verpflichtet.«
+
+»So sei es -- gut!« rief die Königin und ein eigenes Lächeln belebte
+ihre schönen, sprechenden Züge und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick
+einen höheren Glanz. »Der Wi-Wi soll mir die Krone grüßen müssen, die er
+nicht berühren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr
+uns oft erzählt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut, deren
+Bewohner ihre alten Götter und Gesetze in den Staub geworfen haben, das
+Kreuz des Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren, oder ob er
+gleichgültig die Erfolge betrachtet, die sein Wort hier auf Erden hat,
+dem Götzendienst des anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge
+die schon den ganzen Morgen draußen gewiß ungeduldig meiner Befehle
+harren -- ich _will_ Königin sein, und eine Königin wie sie über dem
+großen Wasser drüben auf der Insel Deines Vaterlandes herrscht, nicht
+ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder
+fremde Freibeuter die Krone abnehmen und bespötteln darf.«
+
+»Und Du wirst sehn, Pomare, daß Du Nichts zu fürchten hast,« sagte der
+Geistliche -- »in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an
+Deine Flagge legen, die Zugeständnisse zu denen man Dich zwang sind
+ungültig, eben _weil_ sie erzwungen waren, und Dein Volk ist stark und
+mächtig in der Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten
+Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine Schiffe mit blutigem Kopf
+zurückzuweisen. Ich schicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu
+erfüllen, und gehe selbst jetzt hinüber in mein Haus, das königliche
+Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Indessen aber
+sei der Herr mit Dir in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und
+Frieden in Jesu Christo.«
+
+Und freundlich seine Hände gegen sie, wie zum Segen ausstreckend, blieb
+er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken stehen, und verließ
+dann langsam das Gemach.
+
+Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt hatte blieb, als der
+ernste Mann ihr Zimmer verlassen, mit fest in beide Hände gepreßter
+Stirne stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt zitterte vor
+innerer Aufregung, und sie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe sie sich
+wieder vollständig sammeln konnte. Kaum aber hörte sie die Schritte der
+nahenden Männer, als sie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen
+und Charakter eigenthümlich war, jede Schwäche von sich abschüttelte,
+und die Lippen fest aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden
+Schläfen, die Häuptlinge empfing, die rasch und ebenfalls in Aufregung,
+in ihrer Gegenwart erschienen.
+
+»Joranna Pomare« riefen Aonui und Potowai, »Joranna, und schütze Dich
+Gott in dem nahen Kampf.«
+
+»Dem nahen _Kampf_?« frug Pomare, erstaunt zu ihnen aufsehend, »wer
+spricht von einem Kampf?«
+
+»Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte uns standhaft auszuhalten
+selbst gegen die Uebermacht des Feindes draußen« sagte Aonui, »und so
+mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen zu scheuen oder zu
+fürchten.«
+
+»Hier ist von keinem Kampf die Rede« entgegnete Pomare ernst -- »nur
+unsere Landesflagge sollt Ihr aufziehen an meinem Haus -- ich will
+keinem Menschen Böses, und unsere Religion ist eine Religion des
+Friedens und der Liebe -- sagt das den Leuten draußen. Sie sollen keinen
+Zank anfangen mit den Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und
+ihnen Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen -- Pomare
+hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.«
+
+»In Frieden mit ihnen leben?« wiederholte kopfschüttelnd Potowai -- »das
+ist ein schweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der
+durchsichtige Stein den sie uns gebracht und in unsere Häuser gesetzt
+haben, das Licht hineinzulassen, Du rührst ihn an und er bricht und
+splittert und verwundet die Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu
+denken, nach ihm ausstreckt -- trau dem Ferani. Aber was thuts« --
+setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene
+Krone betrachtend, die von Cocosblättern umgeben gar künstlich und
+zierlich von frommen weißen Frauen gestickt war -- »wir haben die Bibel
+auf unserer Seite und unser gutes Recht, und zehntausend Mal lieber seh
+ich dabei den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend ein
+anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen,
+Pomare, wie dankbar es sein kann für diesen Beweis Deiner Liebe.«
+
+Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er rasch das Haus, die Fahne
+an dem nahen Flaggenpfahl zu befestigen, um den sich indeß schon ein
+zahlreicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit der
+Demonstration begreifend, versammelt hatte. Ja die meisten sahen eben
+nichts weiter darin, als eine sehr gewöhnliche Handlung, vielleicht
+sogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen
+ließen -- weshalb konnten sie nicht dasselbe mit der ihrigen thun?
+
+Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen, und wie ein Theil der
+Tahitier es schon mit froher Zuversicht als eines der zurückkehrenden
+Englischen Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen den
+Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder Amerikanischen Matrosen,
+das Schiff habe so wenig Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen
+liegende ~Reine blanche~ oder ~Danae~ und trage so gut die Tricolore wie
+sie alle Beide. Unter der Masse bildeten sich denn auch bald einzelne
+Gruppen, die das für und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens
+die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre stattliche Fahne
+blickten, die lustig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber
+zu grüßen schien.
+
+Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und schien
+gewissermaßen eine Autorität, was die Natur des fremden, eben
+einsegelnden Schiffes betraf, auszuüben, denn einestheils verstanden ihn
+nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrücken, und dann
+erklärten Andere wieder, die ein wenig die Englische Sprache gelernt
+hatten, daß er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse warum
+es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war auch vollkommen als die
+Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den
+anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jedenfalls
+gehaßten Französischen Nationalfarben sichtbar wurden.
+
+»Segne mich!« sagte da aber Teraitane, der Häuptling, der sich der
+Gruppe eben zugesellt hatte, »uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti
+(Smith) immer gesagt, die Feranis hätten nur ein einziges Kriegsschiff
+in ihrem ganzen Reich, und das schickten sie her bald so, bald so
+angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und
+jetzt liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt eben ein, und
+eines immer größer als das andere -- der ehrwürdige Bruder Mi-ti muß
+geträumt haben.«
+
+»Bruder Mi-ti träumt aber gewöhnlich mit den Augen offen« bemerkte Bob,
+trocken; »merkwürdig kluge Erzählungen die sich die Leute machen, nur
+daß die Farbe abgeht, wenn sie naß werden. Die Feranis könnten eine
+ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes
+herschicken, und behielten immer noch so viel zu Hause.«
+
+Während sich die Eingeborenen, denen ein Anderer das von Bob gesagte
+übersetzte, um diesen drängten, der unwillkommenen Mähr von der Macht
+eines Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend
+geschildert war, hatte die ~Reine blanche~ mit dem neu einkommenden
+Fahrzeug rasch Signale gewechselt, aber die erwartete und von der
+Königin erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt, von dem
+Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb aus, und die Kriegsschiffe
+lagen still und ernst in der Bai -- ob Freund ob Feind -- erst die
+Zukunft sollte das entscheiden.
+
+Von der ~Reine blanche~ kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden
+Tricolore am Heck, und hielt, von sechzehn Riemen pfeilschnell über die
+spiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens zu, vor
+dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts, wie jeder Farbe fast,
+versammelt hatte.
+
+Der im Stern des Bootes sitzende Officier war aber ~Du Petit Thouars~
+selber und ehe nur Einzelne der Umstehenden ihn, von seinem früheren
+Besuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er an Land, rief
+dem ihn begleitenden Officier einige Worte zu und schritt dann, allein
+und unangemeldet, rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der
+Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte.
+
+Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es war fast, als ob ein
+spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, als er zu dem
+flatternden Banner hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen
+Farben schweifen ließ -- wenn so, ging das aber eben so rasch vorüber
+als es gekommen, und mit flüchtigen Schritten sprang er die wenigen
+Stufen zu der Verandah der Königin empor.
+
+Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern,
+eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer
+Herrin, denn ~Du Petit Thouars~ war, ob verdient oder unverdient, der
+Popanz der Inseln geworden, mit dem man die Kinder furchtsam machte und
+die Mädchen.
+
+Pomare erschrak -- was wollte der Befehlshaber der Kriegsschiffe da
+draußen von ihr, daß er, ohne angemeldet, ohne um förmliche Audienz
+einzukommen, wie das üblich gewesen war von jeher, das ihr von den
+Missionairen und Consuln eingeprägte, und für unumgänglich nöthig
+geschilderte Ceremoniell soweit außer Augen setzte, sie allein
+aufzusuchen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig und zögernd da; aber
+sie hörte schon die lachende Stimme des Französischen Befehlshabers
+dicht vor ihrer Thür, wie er sich, durch die ihm den Weg versperrenden
+Mädchen Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt, vielleicht
+nicht einmal böse über den Widerstand.
+
+»Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti«[C] sagte sie da schnell,
+und das Mädchen öffnete kaum die Thür, dem Befehl Folge zu leisten, als
+der Admiral auch, ängstlich von den Frauen Pomares umstanden,
+auf der Schwelle erschien, und den Hut abziehend mit, Pomaren
+entgegengestreckter Hand ihr sein freundliches Joranna entgegenrief.
+
+ [C] Pritchard.
+
+»Joranna Peti-Tua« sagte die Königin ernst, ihm die Hand nicht
+versagend, aber immer noch in einer eigenen Mischung von beleidigter
+Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufschauend -- »bringst Du mir Frieden
+oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schiffen mit denen Du die Bai füllst,
+und bist Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme schwache
+Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König geschickt mit freundlichem
+Wort, und ist das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von
+den Lippen?«
+
+»Ich bringe Dir Frieden, Pomare,« sagte ~Du Petit Thouars~ freundlich,
+und hielt die Hand die sie ihm gereicht, immer noch in der seinen --
+»Frieden und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig das Alles
+von Dir weist und mich förmlich dazu zwingst Dir weh zu thun -- und das
+wirst Du hoffentlich nicht.«
+
+»Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen?« sagte
+Pomare rasch und mißtrauisch -- »aber ich habe Nichts mehr -- das letzte
+was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen, unglückliche
+Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.«
+
+Der Admiral biß sich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes
+Lächeln zuckte über seine Züge.
+
+»Nein« sagte er endlich nach kleiner Pause, »Du irrst, Pomare, und ich
+verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen; ich will auch
+Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon gegeben hast --
+nur nichts _nehmen_ möcht' ich mir lassen, und deshalb komme ich her.
+Noch aber liegt das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir werden
+es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich lösen. Ich meine es gut
+mit Dir Pomare, und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.«
+
+»Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort« sagte Pomare,
+den herzlichen Worten des Feranis immer noch mißtrauend.
+
+»So will ich denn kurz zur Sache kommen« sagte der Admiral und seinen
+Hut auf den Tisch, zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten
+Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er sich
+selber in den nächsten Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke
+legend, und die Hände darüber faltend ernster fort: »Ich brauche Dir
+nicht erst die während meiner Abwesenheit passirten Vorgänge ins
+Gedächtniß zurückzurufen -- eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern
+glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen an der Spitze,
+denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln
+ist, und welche Folgen ein so unüberlegter thörichter Schritt für Dich
+und das Land mit sich führen könnte, haben die Französische Flagge
+beleidigt und die Verträge gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen
+bist. Die Römisch-katholischen Priester sind wieder klagbar geworden --
+bitte laß mich erst ausreden und höre Alles was ich Dir zu sagen habe --
+sie behaupten wieder in ihren Rechten gekränkt zu sein und viel Schaden
+durch das willkürliche und widerrechtliche Benehmen der Protestantischen
+Geistlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir
+jene Vorgänge selber leid thun, und Du sie nur nicht hindern konntest.
+Ich will Alles vergessen und vergeben, und ich verlange nicht einmal
+eine Entschuldigung von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt mir
+dann auch beweisen daß es Dir _jetzt_ wenigstens Ernst ist Se. Majestät,
+den König von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in starrem
+Trotz die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden bringt.«
+
+»Und _was_ verlangst Du?« frug Pomare ungeduldig, »denn etwas _willst_
+Du doch von mir, das fühl' ich klar.«
+
+»Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen« sagte der Admiral
+ernst, »Du sollst, mit einem Wort, das Französische Protektorat
+anerkennen, dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Häuptlinge,
+unterschrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor
+Deinem Hause wehenden Flagge, die selbstständige Krone, wegnehmen mußt,
+die Dir nicht gebührt.«
+
+»Wem anders, wenn nicht mir?« rief Pomare aber jetzt gereizt, und das
+Blut schoß ihr in vollem Strom in Stirn und Schläfe -- »wem anders,
+stolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieses Landes?«
+
+»Bah, bah« sagte der Officier kopfschüttelnd und mit zusammengezogenen
+Brauen, »das sind Redensarten, die Dich Deine frommen Missionaire
+gelehrt haben, und sie hätten, beiläufig gesagt, etwas gescheuteres
+thun können. Du verkennst Deinen Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein
+Unterschied zwischen der ~Pomare wahine~ einer kleinen Insel, und der
+Fürstin eines mächtigen Reiches, im alten Vaterland; wenn man Dir also
+das nicht früher klar gemacht hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht
+in einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam.
+Anders wird das jedoch, wenn Du _unter_ dem Schutz eines anderen Staates
+stehst, dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebührt Dir die
+Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in solchen falschen Ansprüchen
+von einer uns feindlichen Macht unterstützen läßt, wie das Wehen der
+Englischen Flagge da drüben beweist, und ich muß Dich bitten,
+Deinetwegen bitten, sie selber und in aller Stille wieder nieder und
+nicht wieder aufzuziehn -- es soll mir das ein Zeichen sein, daß Du
+meinen vernünftigen und ruhigen Vorstellungen Gehör gegeben, und nicht
+wie früher mit dem starren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die Stirne
+bieten willst.«
+
+»Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und
+Niemand darf es ihr verwehren,« rief Pomare, der Argumente ihres
+Geistlichen gedenkend.
+
+»Ach, Kinderspiel,« sagte ~Du Petit Thouars~, ärgerlich den Kopf
+herüber und hinüber werfend -- »was haben wir hier mit der Königin
+Viktoria zu thun -- sie ist mächtig genug sich selbst zu schützen, und
+hat das Recht eine Krone zu führen! -- Wer überhaupt hat Dich auf den
+tollen Einfall gebracht, der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in
+Fatalitäten bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria zu vergleichen?«
+
+»Peti Tua« erwiederte Pomare gereizt -- »es sind auch noch andere
+Europäer auf der Insel, die wissen was sich für eine Königin schickt --
+wärest Du allein da, müßte ich Dir glauben.«
+
+Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zähne und mit
+einem leise gemurmelten Fluch zischte er:
+
+»Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in ihrem Uebermuth wieder
+die Hand dabei im Spiel gehabt« und er sprang auf und ging ein paar Mal,
+mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer auf und nieder; dann
+aber, wie sich besinnend, strich er sich über die Stirn, blieb einen
+Augenblick, still vor sich niedersehend stehn, und ging dann plötzlich,
+mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf Pomare zu, ergriff mit der
+Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die
+Höhe hebend sagte er lächelnd, ja fast herzlich:
+
+»Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines
+Mannes der, trotz allem was sie Dir mögen dagegen gesagt haben, es
+wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind schon in Frankreich
+angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Königs
+steht, und ich _dürfte_ dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich
+wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Englischen
+Priester sagen; Du hast schon oft gefunden, daß sie sich irrten. Sie
+wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft haben,
+und wir Franzosen passen ja doch wahrhaftig besser zu Euch wie die
+Kopfhänger.«
+
+In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür, Pomare entzog dem
+Admiral rasch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurück, und eine
+der Einanas meldete, den Kopf zur Thür hereinsteckend, den »boda
+Piritati« der draußen stände und die Königin zu sprechen wünsche.
+
+»Schick ihn fort, ~wahine~« rief aber ~Du Petit Thouars~ ärgerlich --
+»wir haben hier wichtige, _weltliche_ Dinge zu reden und brauchen den
+Pfaffen nicht -- schick ihn fort« --
+
+»Ich habe ihn rufen lassen« entgegnete Pomare, während das Mädchen
+unschlüssig erst auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete, »auch ist
+er nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der Consul der
+Beretanis.«
+
+»Ein Zwitterding« erwiederte der Franzose, »ich habe mit ihm weder als
+das eine noch andere etwas zu schaffen; schick ihn fort, oder _ich_
+gehe, und Du hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.«
+
+»Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen« sagte Pomare, »und
+weiter hast Du mir ja doch nichts mehr zu sagen.«
+
+»Nichts mehr zu sagen?« rief der Admiral erstaunt -- »Frau das ist
+gerade genug, denn es betrifft Dein ganzes Reich --«
+
+»Du darfst es mir nicht nehmen,« rief die Königin und ihre Augen
+blitzten -- »Piritati hat mir selber gesagt, daß mich England beschützen
+wird gegen meine Feinde.«
+
+»Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen lerntest« warnte sie, mit
+gehobenem Finger, der Franzose, »aber meine Zeit ist gemessen, so
+antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen _willst_,
+einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von
+Dir noch Auge in Auge verlange, fügen willst oder nicht.«
+
+»Und was ist das, in klaren einfachen Worten?« frug Pomare.
+
+»Einfach die Anerkennung unseres Vertrags,« entgegnete ~Du Petit
+Thouars~, »und zum Zeichen ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder,
+und hissest die Tricolore, die ich im Boot für Dich mitgebracht.«
+
+»Nie im Leben!« rief Pomare, und stampfte mit dem Fuß den Boden.
+
+»Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt zu streichen und
+Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen -- bedenke Pomare daß von dem
+Augenblick, wo das durch _meine_ Hand geschieht, Du aufgehört hast zu
+regieren, denn das Land steht dann nicht mehr nur unter Frankreichs
+Schutz, nein es ist _erobert_, und der Sieger verfügt darüber wie es ihm
+gut dünkt.«
+
+»Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden Worten willst,« entgegnete
+finster Pomare, »aber Du darfst mir mein Land nicht nehmen; die
+Englischen Schiffe leiden es nicht.«
+
+»Wer Dir _das_ sagt ist Dein Feind« entgegnete rasch der Admiral --
+»denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist
+auch verflossen und ich fürchte fast nutzlos, denn der Missionair wird
+Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.«
+
+»Ich lasse mir nicht drohen« rief die Königin.
+
+»Ich habe Dich darum _gebeten_, Pomare« sagte, noch einmal zu ihr
+tretend, mit leiser gedämpfter Stimme der Admiral, »Deinethalben
+gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schönes
+Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten
+möchte; _zwinge_ mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen
+Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes
+Farben auf, und Du bleibst was Du bist, wenn nicht unbeschränkt, doch
+Königin dieses Landes.«
+
+»Und wenn nicht?«
+
+»Trotzkopf« murmelte der Franzose ärgerlich sich auf dem Absatz
+herumdrehend -- »so nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch
+Zeit zum Nachdenken bis morgen früh,« setzte er nach kurzem Sinnen hinzu
+-- »überleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, daß Du
+den rechten Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschuß nicht die
+Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm' ich nicht mehr zu Dir
+hinüber, sondern schicke Dir rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir
+selber zuzuschreiben.«
+
+Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte er fast gegen den
+Missionair, der gerade im Begriff schien es zu betreten. Mr. Pritchard
+grüßte ihn, und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der
+Französische Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung sich mit ihm
+einzulassen, berührte einfach seinen Hut, und ging mit raschen Schritten
+wieder der Landung zu, wo indessen seine Leute, von den Indianern
+umlagert, doch dem gemessenen Befehl nach nicht den mindesten Verkehr
+mit diesen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgestoßen hatten
+flott, und außer Verbindung mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber
+die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten zurückkehren
+sahen -- ein kurzer Befehl und einer der Leute sprang mit einem vorn im
+Boote liegenden Pakete -- der zusammengerollten Französischen Flagge --
+die Uferbank hinauf, dem Hause Pomares zu, sie dort für die Königin dem
+ersten Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten später kam er in
+raschem Lauf zurück, das Boot flog herum und schnitt wieder, zischend
+und schäumend, wie ein verfolgter Fisch die Oberfläche theilend, der
+~Reine blanche~ entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren Majestät
+vielleicht eine Kabelslänge davon vor Anker lag.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+Die Tahitische Flagge.
+
+
+Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage verlebt; Renés Wunde
+war allerdings nicht gefährlich, ja sogar viel leichter als sie im
+Anfang gefürchtet, gewesen und heilte so rasch, daß er schon am nächsten
+Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich
+ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde
+gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem
+Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch
+schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr
+Herz mit unermeßlichem Weh. --
+
+René ein Mörder -- ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst
+vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr
+die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren
+furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz.
+-- René ein Mörder -- Blut an der Hand, die sie in Glück und Liebe
+tausendmal geküßt -- Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes
+Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben
+traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern -- und René? Als
+sie zu ihm stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten wollte mit
+einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie
+fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung
+zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem ersten
+furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von
+den Wimpern niederbrannten -- da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl
+seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen,
+kein Muskel seines Angesichts verrieth daß er _fühle_ was er gethan, und
+Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein
+Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn
+vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit
+Brudermord.
+
+»Laß das, laß das Kind,« sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend
+-- »das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen,
+nicht beurtheilen kannst.«
+
+»Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet« weinte Sadie, ohne
+sich zu erheben -- »hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und
+Deinem Kind -- hast uns geküßt und geliebkost, und bist mit ruhiger
+heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.«
+
+»Sadie« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah,
+welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem
+nackten Erfolg starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die
+Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen wurzelnd, in
+ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen _konnte_ -- »thörichtes
+Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem
+Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht
+anders rächen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht
+Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das
+Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen hätten?«
+
+»Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,« klagte Sadie, »und vergaßest das
+Gesetz Gottes -- nein, vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen
+von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn -- oh René, René, Du
+hast meinen Frieden zerstört auf ewige Zeiten.«
+
+»Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden« bat sie da, kurz
+abbrechend, René -- »die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn
+gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht
+ertragen.«
+
+»Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören wolltest«
+klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und
+trostlos vor sich niedersehend -- »daß Dir Gottes Wort zum Herzen
+spräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor
+Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und
+seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen
+willst. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte,
+mit heißen brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir
+Verderben droht -- aber konnte ich es denn? -- ward mir armen schwachen
+Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, René, und den
+Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schützen und Geduld mit Dir zu
+haben in seiner Allbarmherzigkeit.«
+
+»Rowe?« sagte René aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an
+-- »was weißt Du von dem Schleicher? -- ich will doch nicht hoffen, daß
+er meine Schwelle betreten?«
+
+»Er war hier« hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu sagen, aber das Blut
+schoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe.
+
+»Hier? -- und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?« -- rief René,
+seinen erwachenden Aerger, überdies schon gereizt, nur mit Mühe
+bändigend -- »zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn
+her?«
+
+»Die Sorge um mich« sagte leise Sadie -- »er war mein Lehrer in der
+Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein
+Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner
+Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?«
+
+René biß sich auf die Lippen -- es drängte ihn, seinem Zorn über den
+Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht
+ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fühlte auch
+wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig
+mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf
+und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer
+knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der
+Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand auf
+ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher liebender Stimme:
+
+»Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner
+Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen
+könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn diese That fällt nicht
+mir, sie fällt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert --
+Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben. Komm,
+schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen --
+geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand
+nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte.«
+
+Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüsterte sie:
+
+»Bete -- René -- bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich
+will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchsten --«
+
+»Sadie«
+
+»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand
+fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem
+Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. -- Tröste mich
+wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich -- denn ich
+will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir
+bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und
+Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.«
+
+»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine
+Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig.
+Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich
+will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich
+die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist
+schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.«
+
+Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr
+oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach
+Papetee hinunter.
+
+Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß
+und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß
+René zurück -- reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des
+Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das _Verbrechen_;
+aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ
+ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den
+Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn
+beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade
+entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber
+er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu
+wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht
+ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte
+sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand
+hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald
+darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen
+Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen
+Hafen zu.
+
+Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer
+Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen
+fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch
+größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in
+Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten
+dessen Zeuge -- ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer
+und Mitwirkende sein.
+
+Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch
+die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der
+zwischen Pomare und ~Du Petit Thouars~ stattgehabten Unterredung bald,
+wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend
+bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin
+solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür
+hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle
+gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar
+bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die
+Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen.
+
+Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten
+Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand
+versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der
+Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die
+Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle
+wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der
+fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch
+~Basilisk~ die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung
+einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt,
+die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und
+Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen
+bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war
+vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß
+irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die
+Flagge geschehen wäre, denn der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte während
+der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum
+Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur
+mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach
+allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er
+sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte;
+wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen
+werden würde.
+
+Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen
+Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr
+ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr
+wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre
+Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl
+wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und ~Du Petit
+Thouars~ durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum
+Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den
+früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu
+verleugnen.
+
+Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden,
+und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der
+Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu
+halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen
+von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten
+oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen
+bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und
+beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine
+Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten
+bei ihren Geschützen ständen.
+
+Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben,
+als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die
+Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt
+werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand
+herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so
+trefflichen Schatten boten; er hatte ~Du Petit Thouars~ sowohl wie
+Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn
+aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die
+geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den
+verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares
+wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und
+hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.
+
+Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und
+doch heute so eilfertigen Zügen konnten nicht dazu dienen Renés überdies
+gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und
+finster und schweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn sie an ihm
+vorüberschritten, oder gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in
+ihrer Art.
+
+Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der
+Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn
+gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen
+rufen hörte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand,
+dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen ganzen Theil des
+Strandes überschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der
+erwarteten Vorfälle zu sein.
+
+Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak förmlich zusammen,
+und fühlte wie ihm das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen
+drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hübschen
+Frau, die engelschönen lächelnden Züge Susannens erkannte, die ebenfalls
+zu ihm niedergrüßte.
+
+»Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu
+sehen,« rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und
+Verlegenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen wollte -- »aber
+hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und
+zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschäfte
+fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das
+Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie
+mögen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Französischen
+Grund und Boden verwandelt.«
+
+»Und darf ich?« frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen
+Mädchen, das bis dahin nur lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt
+fröhlich ausrief:
+
+»Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fürchten
+-- ich wüßte keinen anderen Grund weshalb nicht« -- und wenige Minuten
+später stand René in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen
+zu begrüßen.
+
+»Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus« rief aber hier das junge Mädchen,
+als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatürliche
+Aufregung vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte -- »Ihre
+Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt --
+guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.«
+
+»Und würden Sie mich betrauern?« frug René, ihr forschend ins Auge
+schauend.
+
+Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den
+jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte,
+Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem
+Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto
+besser sei es für ihn -- zu früh könne es aber gar nicht mehr geschehen,
+und ihre Schlüssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlüssel ihrer
+Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch
+das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und
+einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt.
+
+Susanne und René waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit
+seiner Wunde für sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von
+vorhin entschuldigen, als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte
+Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung daß
+er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause -- jetzt, und
+beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn -- er
+mußte von dem rasch zuspringenden Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl
+taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber
+glücklich bezwang, stützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand,
+sich wieder zu sammeln, zu erholen.
+
+»Sie böser, böser Mann« flüsterte das schöne Mädchen, ihr weiches Tuch
+rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend -- »was laufen
+Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind
+-- weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?«
+
+Sadie -- René athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er
+der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte
+wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser
+Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt zurück, als sich die Thür rasch
+öffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder
+erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres
+Gastes bemerkte.
+
+»Hallo, was ist hier vorgefallen,« rief sie halb lachend halb bestürzt,
+»werden die Herren ohnmächtig und müssen ihnen die Damen beistehn? --
+schöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am
+Platz. Hier Monsieur« fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend,
+aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend setzte
+sie neckend hinzu: »und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen
+zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt -- Wie steht es mit Ihrer Wunde,
+Delavigne?«
+
+»Besser -- gut« sagte er rasch.
+
+»Sie haben von Ihrem Gegner gehört?« frug Susanne leise.
+
+»Ja« hauchte René.
+
+»Er hat es nicht anders haben wollen« beruhigte ihn aber die Französin
+-- »wäre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache
+abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn -- es soll das siebente
+Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas
+Angenehmerem« setzte sie rasch hinzu, »wissen Sie daß unsere junge
+Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub
+bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? -- der alte Seewolf muß doch gar
+kein so übler Mann sein.«
+
+»Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?« frug René lächelnd
+zu Susanne gewandt.
+
+»Oh schon lange« erwiederte Susanne, »und hat eine ausgezeichnete Reise
+gemacht« setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu -- »Sie haben sich
+sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu
+sein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchst annehmbaren Preisen --
+Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für ihn
+Geschäfte machen sollte -- an die Firma ~Bornholm Watts & Comp.~
+verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer
+neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu
+rüsten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer solchen Fahrt höchst
+interessante Sachen begegnen können.«
+
+»Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß Sie grausam sind« sagte René
+-- »Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten
+thun.«
+
+»Gerade _jetzt_?« frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch
+einen Lärm von der Straße unterbrochen, der sie alle drei rasch an das
+Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche
+her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in
+stürmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus
+für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben
+mochte.
+
+»Gott wie die Menschen schreien« sagte Madame Belard ängstlich -- »wenn
+sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer
+Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die Wehr fest in Händen
+hält; sie werden noch das größte Unglück über sich hereinrufen.«
+
+»Und von der Fahne da drüben soll es abhängen, ob Krieg ob Frieden«
+sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewußtsein
+fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden -- »was für eine
+wunderhübsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, daß sie soll
+niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im
+Wappen, mit dem Cocoszweig?«
+
+»Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz
+schmeicheln wollten« sagte René finster.
+
+»Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen Aemter im Kopf« rief
+Madame Belard, »die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach
+Europäischem Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire für
+sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte mit allen möglichen
+Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare
+~wahine~, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt
+bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Minister des
+Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.«
+
+»Ach Unsinn« lachte Susanne -- »es sind zu vernünftige Männer etwas
+derartig Närrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät
+-- hahahaha --«
+
+»Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen«[D] sagte René ernst, »und
+dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen
+ehrlichen Mann -- zu Fall gebracht -- nicht einen schlimmeren Ausdruck
+dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen
+Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im
+Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest
+und gewaltig Trotz geboten. Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum
+Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht -- es können schwere Zeiten
+kommen für dies Volk.«
+
+ [D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf
+ Oahu »nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim
+ Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges
+ fremder Consuln zum Grund zu legen.«
+
+»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd,
+»der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und
+selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen -- er
+hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln
+wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte
+Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst.
+-- Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der
+Eingeborene wird sich leicht in das _Geschehene_ fügen, ja vielleicht es
+sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen
+manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht
+zugestehen wollte.«
+
+René schüttelte den Kopf.
+
+»Wenn sich selber überlassen, ja« sagte er ernst, »aber der Fanatismus
+wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird
+wieder die Trommel rühren, und die »Lämmer Gottes« zum Kampfe treiben
+und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden,
+Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen.
+Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.«
+
+»Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen schlagen?« sagte halb
+neckend halb lauernd Susanne, und ließ ihren Blick fest und forschend
+auf dem jungen Franzosen ruhn.
+
+»Wir würden dann unter _einer_ Fahne kämpfen« lachte René der Frage
+ausweichend.
+
+»Wer ich?« rief Susanne schnell -- »da haben Sie weit am Ziel
+vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem
+Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten
+Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des
+Gekreuzigten -- ich hasse die Methodisten.«
+
+»Gott weiß es, ich auch« sagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es
+sprach bürgte für die Aufrichtigkeit. »Der beste von ihnen ist
+gestorben« fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte
+wenigstens an keine der Frauen richtend -- »der alte Osborne war ein
+braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren
+Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein
+mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn
+folgen -- die meisten sind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr
+eigenes Bild, und streuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo
+sie Liebe und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen sollten
+statt sie auseinander zu reißen. Gift über sie, mir thäte es in der
+Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn --
+und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geschehn, denn
+gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.«
+
+»Ha der Schuß!« rief Susanna die den Blick gerade auf das Französische
+Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der
+plötzlich daraus hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der Donner
+des Geschützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher
+durch die Adern jagen.
+
+»Da kommen auch die Boote!« rief René, »nun wird sich das Schicksal des
+Tages bald entscheiden.«
+
+»Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen
+werden?« frug Madame Belard rasch und ängstlich.
+
+»Fürchten Sie Nichts« lachte aber René -- »was können die Unbewaffneten
+jetzt gegen die Schießgewehre der Soldaten, mit den Kanonen der
+Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn, und ein
+solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er begonnen hätte.«
+
+Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab;
+Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten, die von den regelmäßigen
+Riemenschlägen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine
+Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrängt voll Menschen, aber
+man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren
+Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben
+Bananenblättern geschmückt, lachend und schwatzend standen sie da, die
+Boote erwartend, als ob deren Kommen eine für sie sehr gleichgültige,
+vielleicht sogar erwünschte Handlung wäre, und nicht wirklich den
+Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen
+drohte und bedingte.
+
+Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch
+anfänglich mißtrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon
+in seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten können, sahen sie
+doch bald daß sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten
+hätten, und der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und Mädchen
+als Männern bestehend, drängte sich langsam auseinander, dem landenden
+Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen.
+
+Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis
+vierhundert Matrosen, mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die
+Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich
+auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem
+dröhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. ~D'Aubigny~
+angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem
+Admiral ~Du Petit Thouars~ ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von
+dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone
+ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.
+
+Im Hause aber lag Alles todtenstill -- die Vorhänge waren niedergezogen,
+die Thüren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend
+einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker in den Herzen
+der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in
+geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front
+und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen
+Boden nieder.
+
+»Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt?« frug
+Susanna, und fast unwillkürlich wandte sich ihr Herz dem Schwächeren,
+Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mächtigen Feinde übergeben
+sah.
+
+»Sie werden die Flagge herunternehmen« sagte René, »die Tricolore dafür
+aufpflanzen und das Land in den Besitz des Königs von Frankreich
+erklären, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.«
+
+»Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?« frug Susanna rasch und
+blickte dem jungen Mann fest in's Auge.
+
+»Ich weiß nicht« lächelte dieser, »irgend einer der Officiere wird sie
+wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.«
+
+»Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?«
+
+»Ich glaube kaum« meinte René -- »was liegt an dem Tuch?«
+
+»Ich weiß nicht _was_ ich darum gäbe, _die_ Fahne mein eigen zu nennen«
+rief Susanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und
+Busen nieder waren wie von Gluth übergossen.
+
+»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt.
+
+»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die
+leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch
+geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden
+sollte.
+
+René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut
+auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer
+verlassen.
+
+»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt -- »sind Sie rein vom
+Bösen besessen?«
+
+»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter
+sich ins Schloß.
+
+»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach,
+aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und
+eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die
+Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück
+eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten
+später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten,
+und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein
+Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge
+niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl
+stehenden Matrosen der ~Jeanne d'Arc~ theils, theils der ~Danae~, und
+René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein
+daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten,
+er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu
+erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen.
+
+Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während
+desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die
+Flagge an dem Flaggenfall nieder -- kein Schrei des Zorns oder der
+Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger
+begleitete den Akt -- es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das
+fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich
+und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt
+aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der,
+ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit
+einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche
+zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.
+
+»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus,
+als er ihn erkannte -- »Mensch, was thust Du hier?«
+
+René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die
+halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:
+
+»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat -- was beim
+Teufel will der hier zwischen uns?«
+
+Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er
+sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und
+ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und
+suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe
+hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre
+Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend,
+erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies
+nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum
+zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. ~d'Aubigny~ brach jetzt
+in die allerdings merkwürdigen Worte aus:
+
+»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen
+wir _Gerechtigkeit_ und _Frieden_ bringen, -- im Namen des Königs,
+unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land -- wir Alle
+werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen
+Fahne sterben. Hißt die Flagge!«[E]
+
+ [E] Wörtlich.
+
+Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem
+Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu
+sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem
+donnernden ~Vive le roi~ der Soldaten und Matrosen, drängte sich René
+wieder den Gärten zu und gewann das Freie; ~d'Aubigny~ aber mit seinem
+blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er
+nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen:
+
+»_Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir stehen jetzt auf
+Französischem Grund und Boden!_«
+
+Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die
+Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher
+Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die
+Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes
+gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den
+die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer
+Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das
+Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich
+deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine
+so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden
+mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu
+dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte,
+blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing
+Bahn zu brechen -- die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten
+selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb
+Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.
+
+Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener
+Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore
+emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl
+bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand
+sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine
+Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer,
+eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich
+Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten
+wollten.
+
+»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das
+große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen
+wieder herunter, wie schon früher einmal.«
+
+Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von
+der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre
+Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie
+als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen
+äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne
+Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste
+zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen.
+Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen
+auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten
+Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf
+und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem
+und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten
+und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt
+darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die
+größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und
+selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier
+aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn
+das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch
+zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die
+Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren
+mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.
+
+René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner
+kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch
+Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna,
+ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der
+Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen
+Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach
+rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd
+mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu
+machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er
+kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende
+Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein
+unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ
+Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend,
+zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit
+fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch
+weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich
+gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr
+liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder
+heraufbeschwor, und jetzt? -- strahlend von Glück und Seligkeit, mit
+leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu
+sehen, vorüber und dort am Fenster -- ein stechender jäher Schmerz
+zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin
+erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel
+gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie
+dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von
+ahnungsvoller Angst begegnet war.
+
+Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr
+René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten
+Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder
+zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des
+jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu
+erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und
+eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:
+
+»Sadie!«
+
+»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem
+Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das
+wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren
+räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht.
+»Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? -- wo warst Du die ganze
+Zeit und wie siehst Du aus?«
+
+»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in
+unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die
+Haut und -- aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir
+etwas, komm; glaubst Du an Geister?« --
+
+»An Geister? -- wie verstehst Du das? -- was soll's?« frug Sadie
+erschreckt -- »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« --
+
+»Fürchten? -- bah, thörichtes Kind -- wovor? vor dem eigenen Mann? --
+der thut Nichts -- sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem
+ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide
+thun? -- hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige
+Geschichten erzählen« -- und die Widerstandlose über den breiten Weg mit
+sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes
+bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge
+hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt
+Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses
+hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten
+Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde.
+
+»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind --
+bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer
+Bewegung zitternder Stimme -- »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm
+überbeugt -- hahaha -- ich glaube das war ein Kuß -- nein« lachte sie
+dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach
+Inselart. Aber komm -- komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen,
+und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns
+hier draußen bemerken -- den Triumph sollen sie nicht haben -- komm.«
+
+Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind
+fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen
+Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden
+Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen,
+jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer
+eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie
+erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie
+vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen
+fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie
+eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen
+Schmerz, der eigenen Schmach.
+
+Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum
+ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie
+verliebt. ~Nahuihua~ -- der blitzende Stern im Norden -- liebte aber
+seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh,
+und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze
+Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er
+sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft
+entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee,
+aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu
+fragen.
+
+-- Und René? --
+
+»Hahahaha« lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick -- »Aia hatte recht
+-- sie sind sich _alle_, _alle_ gleich -- Alle, _Teufel_ mit ihren
+glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflückt
+die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut
+-- werfen sie sie fort -- sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit«
+setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, »und im Weg,
+von den Vorübergehenden getreten muß sie ihr junges hingemordetes Leben
+lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!« rief sie
+plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend -- »meine Kinder hab' ich
+schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, daß sie mich nicht an
+meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein
+Tahitisches Mädchen zu rächen weiß.«
+
+Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurück vor der
+entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das
+sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten hatte; sie wollte
+sie beruhigen, aber das gereizte Weib stieß sie zornig zurück, und der
+Schmerz löste sich erst in milden Thränen, als die Erinnerung an
+vergangenes, nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach durch
+Leidenschaft und Trotz.
+
+Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren
+Füßen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie
+selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das
+Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual.
+
+Und René? --
+
+Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanna
+gerade gegenüber; sie sprachen von der Welt draußen, von Paris, von
+seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna
+endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schönen
+Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer
+höher und höher schlug und das Blut heiß durch die Adern jagte, da --
+er mußte sich gewaltsam zurückhalten der schönen Spielenden nicht in zu
+glühenden Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend gemacht, und
+mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen -- da
+fühlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens
+mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die
+Brücke abgebrochen die hinüberführte -- Zum ersten Mal brach sich der
+Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten
+Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem
+weißen Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zügen,
+tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit
+dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber.
+
+»Spiel' etwas Heiteres, Susanna« rief da Madame Belard, »unser junger
+Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch -- die
+Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das süße und
+weiche Gekose.«
+
+Susanna ging rasch in die herausfordernden Töne des begeisternden Liedes
+über, und René fühlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab
+-- Großer Gott, wohin war er gerathen -- was hatte er gethan? und mit
+dem Bewußtsein faßte ihn die Angst -- die Reue. Nur fort von hier jetzt,
+fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff
+er nach seinem Hut.
+
+»Wohin?« frug Madame Belard erstaunt.
+
+»Zu Hause --«
+
+»Jetzt? -- Sie werden doch erst Thee mit uns trinken -- nicht einmal das
+Lied will der grobe Mensch aushören« rief die junge Frau erstaunt.
+
+»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument
+aufspringend.
+
+»Nein -- ja --« stammelte René -- »schon zu lange bin ich hier gewesen
+-- die beängstigende Luft -- die späte Stunde -- ich muß fort -- Sadie
+auch ängstigt sich um mich.«
+
+»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit
+komischem Aerger Madame Belard -- »ich hatte nun so fest auf Sie heute
+Abend gerechnet.«
+
+Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin
+aufzubrechen -- »Ich _muß_ fort« sagte er bestimmt.
+
+»Sie haben recht« unterstützte ihn aber auch jetzt darin Susanna, »Sadie
+_muß_ sich ängstigen, wenn Sie noch länger auf sich warten lassen; aber
+dürfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? -- wenn Sie nun wieder
+einen Anfall jener Schwäche --«
+
+René dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede
+Angst um sich, lächelnd ab. Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder
+vollkommen wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, fast
+verstörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in
+die dunkle, kühle, sterndurchschimmerte Nacht.
+
+Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach sich hier die Bahn --
+»Sadie -- mein armes, armes Weib« flüsterten seine Lippen, während die
+Hände fest sich preßten auf das Herz -- »armes, verrathenes Kind --
+Nein, nein,« rief er aber rasch und heftig aus -- »noch ist es nicht zu
+spät, noch bin ich Dein -- noch hab' ich die Kraft in mir das fremde
+Bild aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn
+gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger
+Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage
+gehabt für mich, nur stille leise Thränen, und jede von den Thränen die
+ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein
+trautes liebes Weib -- Sadie!« --
+
+Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte
+beflügelte und ihn heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der
+freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz, und als er seine
+Sinne der Außenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hörte der wehenden
+Palmen, das Flüstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der
+Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein böser,
+entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten
+Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim saß mit dem Kind, seiner
+kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner
+Seele auf.
+
+Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen
+konnten, und fast keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der stillen
+Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr
+Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr zurückgekehrt -- sie
+noch liebe und _nicht_ verlassen habe, an seine Brust legte, und kein
+Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll
+von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte
+ihre Stirn und Lippen mit seinen heißen Küssen und nun erst weinend,
+aber in einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er
+sie sein Weib, seine kleine süße Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten
+fröhlichen Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in acht, sechs,
+vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen
+und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer
+Liebe, ihres Glücks -- zurück nach Atiu.
+
+»Nach Atiu« war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender
+Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+Die Conferenz.
+
+
+So gleichgültig die Insulaner, wenigstens scheinbar, die im letzten
+Capitel beschriebenen Vorgänge aufgenommen hatten, und so theilnahmlos
+sie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchst Unwesentlichem
+zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Missionaire
+hervor, die einen entscheidenden Schritt Frankreichs wohl schon lange
+gefürchtet, aber doch nicht so schroff auftretend erwartet haben
+mochten. Das Zurückziehn der Englischen Fregatten war zu gleicher Zeit
+eine ihnen wohl verständliche, und für sie höchst unglückselige
+Demonstration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerspruch mit den
+freundlichen und ermuthigenden Versprechungen des Englischen
+Ministeriums stand, und wovon die Französischen Fregatten schon
+jedenfalls Kenntniß haben mußten: daß nämlich England keineswegs gewillt
+sei dieses kleinen Inselreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu
+beginnen, sondern Tahiti und seine Königin dem Protektorat -- man konnte
+ihm nicht mehr gut den Namen einer _Entdeckung_ geben und wünschte doch
+derselben Erfolg -- des Nachbarstaates überließ.
+
+Das aber hieß dem Protestantismus den Boden unter den Füßen fortnehmen,
+denn die Franzosen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu
+vergelten, so packten sie die evangelischen Geistlichen auf ihre oder
+andere Schiffe und schickten sie, gleichviel wohin, nur fort von ihren
+Besitzungen. Aber das nicht allein; schon der Gleichberechtigung der
+anderen Confession hatten sie von frühster Zeit an mit allen Kräften
+entgegengearbeitet. Die katholische Religion sprach weit mehr zu den
+Sinnen, als das kalte protestantische Wesen der Geistlichkeit, jene
+erregte die Phantasie, diese ertödtete Alles mit ihrer nackten
+Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben fordernd für das
+Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit ließen die Katholiken den fröhlichen
+Kindern dieser glücklichen Zone, die nun einmal das unglückselige
+Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen diese wunderschöne Welt auch zum
+Genuß geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten daß der
+Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Büßen und
+Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das Herz frevle, das auf
+andere Weise zu seinem Gott bete, als sie es lehrten.
+
+Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf den Sandwichsinseln gehabt
+hatte sie lange vorsichtig gemacht, und mußte ihnen jetzt die schwersten
+und begründetsten Befürchtungen aufdringen. Mit dem »Dublin« waren
+deshalb auch schon die dringendsten Aufrufe und Nothschreie an die
+Missionsgesellschaften in England erlassen, zuerst beim Ministerium,
+dann aber auch bei dem Englischen Volk Hülfe für die »Prediger in der
+Wüste« und ihre Gemeinden zu fordern, während bei der jetzigen
+entschieden feindlichen Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung da
+war, daß das schwankende Ministerium eine entschiedenere Handlung den
+Uebergriffen Französischer Seeleute gegenüber, einnehmen würde.
+Hinhalten mußten sie deshalb hier vor allen Dingen die Entscheidung, die
+unbedingte Unterwerfung der Insulaner, aber das nicht allein, sie mußten
+auch Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, daß die
+Eingeborenen der Südsee das Französische Joch so sehr verabscheuten, wie
+sie sich nach der Englischen Mutterkirche sehnten, und daß sie bereit
+und entschlossen wären, wenn England die ihnen durch die Missionaire im
+Vertrauen auf das Englische Volk versprochene Hülfe _nicht_ senden
+sollte, ihr Gut und Blut und Leben einzusetzen, die Unabhängigkeit ihrer
+Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten.
+
+Beides ließ sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen Widerstand --
+nicht allein mit machtlosen Protestationen eines Consuls, sondern durch
+Waffengewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind so
+lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte seiner _Religions_kämpfe
+nach England gelangen konnten, so zweifelten wenige der frommen Männer
+daran, daß England, gerührt durch solche Anhänglichkeit an den
+christlichen Glauben, auch ein Machtwort sprechen und schon dadurch die
+Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben würde.
+
+Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden Hindernissen zu
+kämpfen; zuerst mit der entsetzlichen Gleichgültigkeit der Indianer in
+allem was nicht zum täglichen Leben gehörte, und sie etwa gezwungen
+hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der sich ihre Theilnahmlosigkeit
+für die christliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen,
+dem allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen war, aber
+doch jetzt nicht so ganz und auf einmal begegnet werden konnte.
+
+Das erste mochte irgend eine glückliche Gelegenheit von selber heben;
+der Uebermuth der Franzosen, die nirgend Widerstand fanden, und das
+schöne Land schon fast in Händen zu haben glaubten, gab leicht die
+Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand mußte durch andere Mittel
+abgeholfen werden, und diese durfte man unter keiner Bedingung länger
+als nöthig hinausschieben.
+
+Der nächste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso, nach ihm Sydney, und
+nach beiden Häfen hatten umsichtige Amerikaner schon vor längerer Zeit
+Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen könnten, und so
+rasch als möglich damit zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man
+selbst mit dem günstigsten Winde noch nicht zurückerwarten, und es blieb
+dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen
+Verhältnissen würde an Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich
+Alles thaten solche, und ihnen die gefährlichste, Zufuhr zu verhindern.
+
+Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann, hatte aber auch noch andere
+Verbindungen, und wenn er sich auch nicht gerade übergern mit solchen
+Sachen einließ, doch zu viel kaufmännischen und speculativen Geist
+sich ein gutes Geschäft durch die Finger schlüpfen zu lassen, wenn er es
+eben dazwischen halten konnte. Er selber stand mit den Protestantischen
+Geistlichen auf sehr vertrautem Fuß, und durch diese auch mit den
+Protestantischen Häuptlingen, wie ihm denn überhaupt nichts mehr verhaßt
+war, als das Französische und dadurch Katholische Regiment. Daß er mit
+den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf freundschaftlichem,
+wenigstens gesellschaftlichem Fuße stand, war die Schuld der
+Handelsinteressen, die er nie aus den Augen ließ -- selbst nicht in der
+Kirche.
+
+Mr. Noughton war in seinem Zimmer mit dem Consul Pritchard, und der
+letztere ging, mit auf dem Rücken gelegten Armen, rasch und finster auf
+und ab, und schien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes Gespräch,
+zu überdenken.
+
+»Und ich habe doch recht, Mr. Noughton,« sagte er endlich, vor dem
+Kaufmann stehn bleibend und ihm fest in's Auge sehend, »England kann und
+darf uns nicht in dieser Verlegenheit stecken lassen, denn nicht allein
+seine Interessen, nein seine _Ehre_ steht hierbei auf dem Spiel und ich
+habe von dem Earl von Aberdeen das _feste_ Versprechen schleuniger und
+entschiedener Hülfe, wenn ein gegen die bestehenden Verträge gerichteter
+Gewaltschritt der Franzosen ihnen nur die entfernteste Rechtfertigung
+vor den übrigen Staaten geben würde.«
+
+Der protestantische Geistliche und jetzige Englische Consul war ein
+hochgewachsener, stattlicher Mann, mit freier offener Stirn und ein paar
+klaren, klugen grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges Feuer
+sprühte -- sein volles Kinn war glatt rasirt und er trug nur einen
+halben aber starken, krausen Backenbart, und ging in Civil gekleidet,
+mit etwas langem, noch nach dem Geistlichen schmeckenden Rock und weißer
+Halsbinde und Weste.
+
+»Bah, bah, bah« sagte der Amerikaner, eine lange hagere Gestalt, an der
+nur die Augen Feuer zu haben schienen, kopfschüttelnd -- »wir kennen
+solche Redensarten -- der Earl von Aberdeen steht überhaupt in dem Ruf
+als ob er ein etwas Indianisches Temperament habe, das nur heute _Ruhe_
+verlangt, und dem Morgen sich selber überläßt. Das sind Redensarten, mit
+denen wir hier nicht vom Fleck kommen, und Sie müssen bedenken daß
+zwischen jedem Brief von hier nach England, herüber und hinüber, immer
+_zehn Monat Zeit_ liegen -- ein unberechenbares Capital für den, der den
+Augenblick zu benützen versteht. Die Franzosen hier werden _handeln_ und
+die Engländer werden _protestiren_, denn beide Theile wissen recht gut,
+daß zwei große Nationen, mit den Gefahren eines Europäischen Umsturzes
+vor sich, nicht eines solchen Fleckchens Erde wegen einen Krieg anfangen
+können; so lange sie nur im Stande sind den Anstand nach Außen zu
+bewahren, können Sie sich darauf verlassen daß nichts Ernstliches zu
+ihrem Vortheil hier geschieht.«
+
+»England _muß_!« rief Mr. Pritchard.
+
+»Ach was, England muß nie, wenn es nicht selber will, und wenn es
+überhaupt _wollte_, hätte es die Sache schon gar nicht so weit
+brauchen kommen zu lassen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen, statt
+Privatversprechungen eine Depesche für den Talbot, oder irgend ein
+anderes Kriegsschiff Ihrer Majestät mitgab, und das dem Französischen
+Cabinet zu wissen that, so müßte ich mich sehr irren, oder ~Du Petit
+Thouars~ kreuzte jetzt noch an der Chilenischen Küste herum, oder läge
+ruhig im Hafen von Valparaiso, höchstens bei den Marquesas-Inseln vor
+Anker. Da das nicht geschehn ist, _wollen_ die Leute auch so wenig von
+der Sache hören als angeht, und das Einzige was uns in dem Fall zu thun
+übrig bleibt, ist so viel Spektakel als möglich zu machen und sie nicht
+ruhen und rasten zu lassen -- vielleicht bekommen sie's dann mit der
+Zeit satt und schlagen zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.«
+
+»Aber was können wir thun?« rief in Unmuth der Consul -- »wenn ich
+nicht Consul und -- Geistlicher wäre, beim Himmel, ich griffe selber zu
+den Waffen und stellte mich an die Spitze der Insulaner, ihnen ihr
+Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, so lange die Welt steht, so lange
+wir eine Geschichte haben, ist ein feigerer Einfall unter einem matteren
+Vorwand, auf ein friedliches, harmloses Volk geschehen und -- geduldet
+worden.«
+
+»Glauben Sie daß das Volk überhaupt kämpfen würde, wenn es Waffen
+hätte?« frug Mr. Noughton.
+
+»Ich bin überzeugt davon« erwiederte der Consul, »übrigens _sind_ Waffen
+auf der Insel, besonders haben die uns ergebenen Häuptlinge -- einen
+solchen Fall gerade nicht für unmöglich haltend -- eine ziemliche
+Quantität Munition, Pulver und Blei irgendwo in ihren Verstecken, in den
+verschiedenen Ansiedelungen -- die anderen Inseln sind sogar reichlich
+damit versehen.«
+
+»S--o--o« sagte Mr. Noughton, sich das Kinn streichend und die Lippen
+vorn etwas mehr als gewöhnlich zusammenziehend -- »in den Kisten waren
+wohl nicht _lauter_ Bibeln?«
+
+Mr. Pritchard setzte seinen Weg durch das Zimmer wieder fort und
+entgegnete gleichgültig:
+
+»Ich weiß nicht wann und auf welche Art sie hier gelandet sind -- es
+ist, wie ich höre, während meiner Abwesenheit geschehen, aber
+verdenken kann ich's den Leuten nicht, daß sie sich mit den Mitteln
+versehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen, wenn Beides
+widerrechtlicher, ja widernatürlicher Weise nicht allein mehr bedroht,
+nein wirklich angegriffen und ihnen entrissen werden soll. Der schwache
+Vogel selbst vertheidigt sein Nest gegen Schlange und Marder, und wenn
+uns die christliche Religion gebietet Blutvergießen zu vermeiden und
+lieber ein geringes Unrecht geduldig zu ertragen, so verlangt sie nicht
+von uns, daß wir uns feige dem Schlimmsten unterwerfen sollen. »Und der
+Herr sprach zu Josua: Fürchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit Dir
+alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe hinauf gen Ai -- und die
+Bewohner von Ai fielen Alle durch die Schärfe des Schwertes, bis daß sie
+Alle umkamen.«
+
+»Ja das ist Alles recht schön und gut« sagte Mr. Noughton, den
+Zeigefinger an der Nase und nachdenkend vor sich niederschauend; »ich
+habe auch nicht den mindesten Zweifel daß uns der liebe Gott eine
+Opposition gegen den großprahlerischen Franzmann mit dem größten
+Vergnügen vergeben wird -- aber ich weiß nur noch nicht ob wir die
+Insulaner eben zum Zuschlagen bringen und -- wer bezahlt nachher die
+Waffen?«
+
+Mr. Pritchard biß seine Lippe und sagte nach kleiner Pause:
+
+»So viel ich weiß sind die an Land befindlichen schon bezahlt, ich wüßte
+wenigstens nicht wie sie sonst in den Besitz der Häuptlinge kommen
+sollten, und weiter sind noch keine anderen da -- warten wir bis sie
+kommen, das Uebrige findet sich.«
+
+»Aber ich habe eine ziemliche Quantität aufgetrieben und gewissermaßen
+auch schon gekauft« erwiederte Mr. Noughton, »es fragt sich nur jetzt ob
+_Sie_ dieselben übernehmen und weiter darüber verfügen wollen, denn
+aufrichtig gesagt möchte ich mit den Häuptlingen selber, die gar keine
+Idee von Geld und Geldeswerth haben, nicht gern ein solches Geschäft
+abschließen, da man überdies auch gar nicht weiß wie die ganze Sache
+abläuft und ob die guten Leute nachher noch überhaupt eine Cocosnuß
+übrig behalten, womit sie bezahlen _könnten_, selbst wenn sie ehrlich
+genug wären zu wollen.«
+
+»Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen Sache nicht einlassen«
+sagte Mr. Pritchard nach kurzem Besinnen kopfschüttelnd, »aber es
+interessirt mich natürlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier zu
+schöpfen hoffen. Ist es ein Englisches Schiff?«
+
+»Die Kitty Clover --«
+
+»Ah der Wallfischfänger -- diese Kitty hat auch Spirituosen an Land
+geschafft, aber ohne daß wir im Stande waren ihr auf die Finger zu
+klopfen, und wie ich höre waren alle Vorkehrungen dagegen getroffen; Sie
+müssen schlaue und mit der Küste hier sehr vertraute Leute an Bord
+haben.«
+
+»Der eigentliche Unterhändler lebt hier an Land« entgegnete Mr.
+Noughton, »aber das ist Alles Nebensache, wenn ich nur erst die
+Gewißheit hätte, daß es hier zu einem wirklichen Kampf käme, und die
+Insulaner nicht ihren _Regierungs_wechsel eben so ruhig und gleichgültig
+mit ansehen werden, als gestern den _Flaggen_wechsel, der sie, zu meinem
+Erstaunen, entsetzlich kalt ließ.«
+
+»Wenn die Franzosen Ernst mit ihrer Drohung machen« entgegnete Mr.
+Pritchard rasch, »und nicht eben nach dieser einfachen Demonstration
+wieder in See gehn, Pomare wie ihre Häuptlinge in sonst ungestörtem
+Besitz der Insel zu lassen, so läuft auch die förmliche
+Besitzergreifung, wo sie dann ja die Zügel der Regierung in die Hand
+nehmen und das Pabstthum proklamiren werden, nicht unblutig ab, und
+_ein_ Leben genommen und die ganze Insel greift mit einem Schlag zu den
+Waffen.«
+
+»Sie glauben also wirklich --«
+
+»Ich bin fest überzeugt davon.« --
+
+»Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally, der Master des
+Wallfischfängers draußen, gerad' apropos die Straße nieder -- he Sir!«
+-- und an's Fenster klopfend winkte er dem Schotten, der überdies schon
+die Richtung gerade nach dem Hause zu hatte, und dessen rascher Schritt
+bald auf der hölzernen Treppe gehört wurde. Wenige Secunden später
+betrat Mac Rally das Gemach und wollte sich eben nach kurzem Gruß an den
+Kaufmann wenden, als er die dritte Person im Zimmer sah, still schwieg
+und sich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner umschaute.
+
+»Es ist ein Freund von mir, ein Geistlicher« sagte Mr. Noughton und
+winkte Mac Rally Platz zu nehmen.
+
+»Ein Missionair, so?« sagte der Seemann, Mr. Pritchard etwas mißtrauisch
+betrachtend, bei seinem Branntweinschmuggeln hatte er die Leute nicht
+eben als Freunde kennen gelernt, und er wußte nicht wie weit der
+anwesende gerade mit seiner nicht unbedeutenden Thätigkeit in diesem
+Geschäftszweig bekannt sein mochte; außerdem haßte er Missionaire. Hier
+galt es übrigens eine Geschäftssache, in der er wußte daß ihm der
+geistliche Mann nicht entgegen sein würde, und er sagte rasch:
+
+»Mit unserem Handel wird es wohl Nichts werden, Mr. Noughton -- es ist
+zu spät.«
+
+»Wie so?« frug der Kaufmann rasch und erschreckt -- »Sie _dürfen_ jetzt
+kein höheres Gebot mehr machen, denn ich habe die Bestellung fest
+gemacht, wie Sie recht gut wissen -- die Waffen sind _mein_.«
+
+»Und sollen die Ihrigen bleiben, mit dem größten Vergnügen,« lachte der
+Seemann, »wenn Sie nur wissen sie an Land zu schaffen.«
+
+»Und geht das nicht mehr auf dem gewöhnlichen Weg?«
+
+»Was für Einer ist das?« frug Mr. Pritchard -- der Seemann glaubte aber
+nicht eine Antwort darauf schuldig zu sein, sondern sagte achselzuckend:
+
+»Die Franzosen haben in der That Besitz von Tahiti genommen; Posten sind
+ausgestellt an allen Plätzen wo es nur einigermaßen möglich ist zu
+landen, und eben wird eine Proclamation in Tahitischer, Französischer
+und Englischer Sprache angeklebt, nach der, unter anderem, Boote nicht
+einmal mehr nach Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an Land
+kommen dürfen.«
+
+»Den Teufel auch« sagte Mr. Noughton, »und das müssen _Sie_ sich hier
+von einem Anderen _erzählen_ lassen?«
+
+Mr. Pritchard zuckte mit den Achseln und sagte leise:
+
+»Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und keine Aufträge anzustürmen;
+das muß der Zeit überlassen bleiben.«
+
+»Zeit« brummte der Seemann ungeduldig -- »die wird Einem dabei auch nicht
+gerade im Uebermaß zugemessen -- morgen muß ich in See sein.«
+
+»Und was haben Sie so zu eilen?« sagte Mr. Noughton.
+
+»Das fragen Sie den Französischen Admiral« brummte der Engländer -- »ob
+sie mich hier in Verdacht haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen
+ist, ich weiß es nicht, aber so viel ist gewiß, daß ich den Befehl
+bekommen habe was ich an Wasser und Provisionen brauche heute in Ordnung
+zu bringen, und morgen mit dem Landwind also etwa um neun Uhr, in See zu
+gehn. Das ist »kurz und süß« wie sie bei uns sagen.«
+
+»Die Franzosen thun wirklich, als ob sie hier schon die Herren wären«
+sagte Mr. Pritchard.
+
+»_Thun_ so, Sirrah?« rief Mac Rally -- »und verdammt gute Ursache dazu,
+denn sie _sind's_, so lange Sie nicht die Indianer dazu bringen können
+mit Macht über sie hereinzubrechen -- und damit sieht's windig aus.
+Hätten Sie die Leute ein Bischen weniger beten und ein Bischen mehr ihre
+gesunden Glieder brauchen und ihre Waffenübungen nicht ganz
+vernachlässigen lassen, so wären die heidnischen Spiele dem lieben Gott
+jetzt selber zu Hülfe gekommen; jetzt können sie weiter Nichts wie mit
+Bibeln drein werfen, und daran stirbt Keiner -- die Langeweile müßte sie
+denn wieder forttreiben.«
+
+Mr. Pritchard legte den Kopf zurück und drehte ihn zur Seite, aber er
+erwiederte kein Wort; Mr. Noughton ging mit ineinandergeschlagenen Armen
+im Zimmer auf und ab, und murmelte leise etwas vor sich hin, endlich
+blieb er vor Mac Rally stehn, und frug, ihn finster dabei ansehend:
+
+»Und was sagt Jim dazu?«
+
+»Jim ist ein Tollkopf« brummte der Engländer -- »ein richtiger Ire, dem
+nicht wohl ist wenn ihm nicht Jemand den Schädel zerschlägt, oder wenn
+er nicht denselben Liebesdienst Jemand Anderem erweisen kann.«
+
+»Also er meint es sei wirklich möglich sie heute Abend an Land zu
+schaffen?« frug Mr. Noughton schnell.
+
+»Der sagt zu Allem ja« knurrte Mac Rally.
+
+»Nun also, was haben wir denn da noch außerdem für Hindernisse?«
+
+»Er verlangt daß ich ihm die Gewehre und was dazu gehört, in
+wasserdichten Fässern an eine gewisse Stelle in Matawai Bai liefere und
+das ginge allenfalls; aber dorthin haben die verdammten Franzosen
+wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht gestellt, wie überhaupt an
+jeden Corallengang durch den mehr als ein Canoe einfahren könnte, und
+ich kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn sie entdeckt werden, und
+das ist kaum anders möglich, so wird jedenfalls auf sie geschossen, oder
+doch der Alarm gegeben, und sie stecken mir nicht allein die Leute ein,
+und der ganze Transport ist verloren sondern sie -- visitiren mir auch
+am Ende noch das Schiff und -- das wäre mir unangenehm.«
+
+»Posten schon überall ausgestellt?« rief Noughton erstaunt, »ei dann
+zeigen sich die Monsieurs schon allerdings als Herren der Insel und es
+hat keine Gefahr mehr, daß mir die Gewehre auf dem Lager blieben -- Mac
+Rally Sie müssen wahrhaftig Rath schaffen; mit einer einzelnen
+Schildwache läßt sich am Ende auch noch sprechen.«
+
+»Sprechen, ja, aber nichts durchbringen« brummte der Wallfischfänger --
+»_Sie_ haben auch Nichts dabei zu riskiren, ich aber desto mehr, und
+nehme da lieber die paar hundert Stück Gewehre wieder mit in See; in
+Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch nicht so gute Preise doch
+mehr Sicherheit.«
+
+»Wo müßten sie denn gelandet werden?« frug der Geistliche.
+
+»Der einzig mögliche Platz wäre Matawai Bai und zwar in der Einfahrt, in
+der früher ein alter Missionair wohnte, der leider Gottes gestorben ist
+-- jetzt sitzt ein Franzose drin -- ja zwei eigentlich, denn dicht
+daneben wohnt noch Einer, und außerdem hat sich der Posten gerade
+überhalb der beiden Häuser in eine alte, nicht mehr benutzte Hütte
+placirt, der, wie ich gehört habe, alle zwei Stunden von Papetee aus
+abgelöst werden soll, während die weiter unten befindlichen mit einem
+anderen, dorthin gelegten Detachement in Verbindung stehn.«
+
+»Und könnten wir nicht _unter_ oder _über_ der Vorposten-_Grenze_
+landen?« frug Mr. Noughton.
+
+»Nein« sagte der Seemann, kopfschüttelnd, »erstlich nimmt das zu lange
+Zeit weg, und selbst das nicht einmal gerechnet, müßte ein Boot auf dem
+Binnenwasser und dicht am Strande hin völlig Spießruthen bei den Posten
+laufen, und es wäre rein unmöglich es unentdeckt an den Ort seiner
+Bestimmung zu bringen, während dorthin gerade die Ladung im Schatten der
+Riffe und später der Palmen die größte Wahrscheinlichkeit sicherer
+Landung für sich hat.«
+
+»Das ist das Haus wo Monsieur Delavigne wohnt« sagte Mr. Noughton --
+»und sein Nachbar heißt Lefévre.«
+
+»Ich glaube das sind die Namen« brummte der Alte, »kommt aber nicht
+d'rauf an wie, sondern _wo_ sie getauft sind.«
+
+»Hm, hm, hm« sagte der Amerikaner, nachdenkend im Zimmer auf- und
+abgehend -- »ich glaube -- lassen Sie mich einmal sehn -- ich glaube
+Bruder Rowe hat Zutritt da im Haus --«
+
+»Wird ihm wenig helfen« meinte Mac Rally.
+
+»Kann ich einmal mit Jim sprechen?« frug Noughton, vor dem Seemann
+stehen bleibend.
+
+»Ich wollte selber ich könnte seiner habhaft werden« erwiederte dieser,
+»aber wie mir Bob, mein Zimmermann sagt, hat er alle Ursache sich nicht
+bei Sonnenschein zwischen den Franzosen blicken zu lassen -- es müssen
+alte Geschichten sein. In den Guiaven drin steht aber ein Haus, wo er zu
+finden sein soll.«
+
+»Bei der alten Irischen Hexe?« frug der Amerikaner.
+
+»Nein, da kommt er seit jenem Abend, wo sie ihn beinah einmal abfaßten
+nicht mehr hin -- 's ist nicht so weit draußen und ich kenne die Stelle
+-- und was sagen Sie dazu, Mr. Pritchard?«
+
+Bei Nennung des Namens drehte sich der Wallfischfänger rasch nach diesem
+um, der Consul aber sagte achselzuckend:
+
+»Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, Mr. Noughton, obgleich
+ich den Insulanern jeden Erfolg gegen ihre Feinde wünsche.«
+
+»Sie sind Consul hier in Papetee?« sagte Mac Rally.
+
+Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf.
+
+»Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag meine Papiere in Ordnung
+zu bringen« bat der Engländer -- »'s ist jedenfalls besser ich habe die
+regulirt.«
+
+»Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es Ihnen besorgen.«
+
+»Mac Rally,« sagte Mr. Noughton, »thun Sie mir einmal den Gefallen, zu
+Mr. Rowe zu gehn und ihn zu bitten, mich heute Morgen, sobald er
+möglicher Weise kann, auf einen Augenblick zu besuchen; ich hätte etwas
+_sehr_ Wichtiges mit ihm zu besprechen; wollen Sie?«
+
+»Ich will gleich von hier zu ihm gehn -- und unser Geschäft?«
+
+»Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im Haus. Sie können mich zu dem
+Haus führen, wo wir Jim O'Flannagan treffen mögen?«
+
+»Gewiß kann ich« brummte dieser, »aber es wird dann die höchste Zeit daß
+etwas geschieht, wenn wir's überhaupt noch ausführen wollen.«
+
+»Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?«
+
+»Schon seit heute Morgen um sechs Uhr.«
+
+»Gut -- überlassen Sie dann das andere mir -- und Mr. Rowe?«
+
+»Schicke ich Ihnen unter Adresse und Frachtbrief augenblicklich ins Haus
+-- guten Morgen Gentlemen,« und sich langsam auf seinen Hacken
+umdrehend, drückte er die Thür hinter sich ins Schloß, und ließ die
+beiden Männer allein, die sich bald darauf in eine sehr lebhafte aber
+mit leiser Stimme geführte Unterhaltung vertieften, in der sie erst
+wieder gestört wurden, als sich der ehrwürdige Mr. Rowe unten anmelden
+ließ.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+Susanna.
+
+
+Der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte allerdings die Inseln der Königin
+Pomare, worunter er damals die beiden Gruppen der Gesellschafts- und
+Georgen-Inseln verstand, im wahren Sinn des Worts in Besitz genommen,
+und dachte, allem Anschein nach, gar nicht daran, sie, wie das vorige
+Mal, als es bei einer Protectoratserklärung geblieben, wieder vollkommen
+zu verlassen, wenigstens von Militair zu entblößen. Der Admiral suchte
+sich einzureden daß Pomare in ihrem Widerstand gegen ihn zu weit
+gegangen sei, und dem zu begegnen fiel er in denselben Fehler, der ihm
+freilich für den Augenblick nicht soviel Schaden bringen konnte, da er
+gerade der Stärkere war.
+
+Recht gut wußte er dabei daß die Insulaner, wenn nicht unnöthiger Weise
+gereizt, eben durch ihre Eifersucht unter sich, und bei dem Haß, den ein
+Theil derselben gegen die strenge Herrschaft der Missionaire hegte,
+nicht leicht persönlichen Widerstand leisten würden, außer, durch die
+Fremden, besonders die Missionaire selber angereizt und dem
+_vor_zuarbeiten, ehe ein förmlicher Bruch herbeigeführt werden konnte,
+that er natürlich Alles was in seinen Kräften stand. Die
+protestantischen Geistlichen wurden schon an und für sich gleich
+gewarnt, das Volk nicht gegen die jetzige _rechtmäßige_ Regierung
+aufzureizen, und außerdem noch eine Proclamation erlassen worin jeder
+Fremde, der _gegen_ die Französische Oberherrschaft sprechen (man sagte
+nicht _predigen_) würde, augenblicklich von der Insel, überhaupt aus den
+Gruppen zu verweisen sei; es war das ein Paragraph der die Missionaire
+am schwersten traf, und auch, besonders in England, von ihnen am meisten
+angegriffen und verdammt wurde.
+
+Ebenso vorsichtig mußten sich die Franzosen dagegen zu wahren suchen daß
+Waffen und Munition den Insulanern durch ihre Freunde zugeführt wurden,
+und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augenblicklich die Ordre
+die Insel zu umschiffen und verdächtige Fahrzeuge abzuweisen, während
+die hier liegenden Engländer, von denen man aber nur das kleine
+Kriegsschiff in Verdacht haben konnte, ebenfalls scharf bewacht wurden.
+Auch Spirituosen suchte man den Insulanern fern zu halten, sie nicht
+aufzureizen und zu Excessen zu treiben, die unter den jetzigen
+Verhältnissen leicht einen ernsten Charakter annehmen konnten, und es
+war deshalb auch daß die Kitty Clover, von der man ziemlich genau wußte
+daß sie unter der Hand Spirituosen an die Insulaner verkaufe und auch
+noch eine ziemliche Quantität derselben an Bord habe, Befehl erhielt die
+Bai am nächsten Morgen zu verlassen. Niemand vermuthete daß sie auch
+noch weit gefährlichere Waffen zum gelegentlichen Handel bei sich führe,
+die Mac Rally übrigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen
+Visitation seines Schiffes, sollte dieselbe ja stattgefunden haben, aus
+dem Weg gesteckt hatte.
+
+Außerdem aber waren die Französischen Soldaten streng beordert die
+Eingeborenen freundlich zu behandeln, und ihnen strenge Strafen
+angedroht, wenn sie dieselben durch Erpressungen, Mißhandlungen oder
+sonstigen Uebermuth reizen und dadurch Anlaß zu Streitigkeiten geben
+würden.
+
+Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum vollständig gesichert, nur
+sollten sie sich, wie schon erwähnt, jeder böswilligen Einwirkung auf
+die Insulaner enthalten, oder der Folgen dafür gewärtig sein.
+
+Auch eine Regierung hatte der jetzt allmächtige Admiral ernannt, einen
+Regierungsrath wenigstens aus drei Personen bestehend, Mr. Aubigny,
+Capitain der Corvette Ambuscade, Lieutenant Clou und Mr. Moerenhout, und
+die Wahl des Letzteren besonders kränkte Pomare tief, da sie wußte wie
+er von jeher ihr gesinnt gewesen, während die Missionaire in dem ihnen
+gerade feindlich gesinnten Mann einen vollständigen Beweis sahen, was
+sie für sich von der neuen Ordnung der Dinge zu erwarten hätten.
+
+Viel Zeit durften sie aber auch nicht verlieren, denn noch an demselben
+Abend lief der Französische Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein
+dumpfes Gerücht durch die Stadt daß der ganze übrige Theil der, bis
+jetzt noch an den Marquesas-Inseln stationirten Flotte, ebenfalls hier
+eintreffen würde, den Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu beweisen
+wie fruchtlos jeder Versuch des Widerstands gegen eine so gewaltige
+Macht unter jeder Bedingung für sie ausfallen müßte.
+
+Die Eingeborenen fingen jetzt erst an wirklich stutzig zu werden, denn
+das ganze Benehmen der Fremden hatte diesmal einen weit anderen
+Charakter wie früher. Die ausgestellten Posten, das gelandete und ohne
+weiteres in einem der Pomare gehörigen Häuser untergebrachte Militair --
+die Besitznahme der kleinen in der Mündung der Bai liegenden Insel
+Motuuta, von jeher der Königssitz und in der That Lieblingsaufenthalt
+der Pomaren, wo die Königin sogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt
+ohne weiteres mächtige Kanonen geschafft wurden, die gar nicht aussahen
+als ob sie blos für die kurze Dauer des Aufenthalts der Schiffe da
+liegen bleiben sollten; vor allen andern Dingen aber das jetzt plötzlich
+so scheue und zurückhaltende Wesen ihrer Missionaire, das sie an ihnen
+wahrlich nicht gewohnt waren, machte sie stutzen, und flößte ihnen zum
+ersten Mal die ernstliche Besorgniß ein, daß doch wohl nicht Alles so
+geschwind wieder vorüber gehn würde und auch nicht genau so sei, wie
+ihnen die frommen Lehrer bis jetzt erzählt haben mochten.
+
+Mr. Pritchard allein blieb sich, auf seine Stellung als Englischer
+Consul fußend, ja vielleicht trotzend, treu in dieser Zeit. So
+unbekümmert die Franzosen irgend etwas gegen die Religion eines fremden
+Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch vielleicht unternehmen
+konnten, so vorsichtig mußten sie jedenfalls zu Werke gehn, wo sie es
+mit der Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten desselben zu thun
+bekamen, und als Consul stand er, wie er recht gut wußte, unter dem
+direkten und unmittelbaren Schutz seines Vaterlandes. Die Eingeborenen
+verstanden aber diesen Charakter gar nicht; ihnen war Mr. Pritchard noch
+immer der Mitonare und Lehrer von früher her, nur mit mehr Autorität
+vielleicht als früher, da er die anderen Geistlichen oft in seinem Hause
+versammelte, mit ihrer Königin in stetem Verkehr stand, und dann auch
+durch die neue Reise noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen hatte.
+Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land der Beretanis, mußte also am
+besten wissen was sie von dort zu hoffen hätten, und ob die Engländer
+Schiffe senden würden sie und ihre Religion zu unterstützen, oder ob sie
+auf sich selber verlassen bleiben sollten, den zahlreichen
+Feuerschlünden des mächtigen Feindes gegenüber.
+
+Die anderen Missionaire hatten, durch die Drohung des Admirals
+eingeschüchtert, nicht gewagt, eine bestimmte Antwort zu geben, und die
+Gläubigen auf die Bibel und den lieben Gott vertröstet, der die Seinen
+schützen und schirmen würde in schwerer Noth und Angst. Mr. Pritchard
+dagegen sprach zu ihren Herzen, und sein Ruf an sie muthig zu sein und
+nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den Waffen, als ein Trost.
+
+»Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge Pomares niedergezogen,
+widerrechtlich setzten sie eine Regierung ein, dem direkt
+ausgesprochenen Willen Englands gegenüber, daß das Land sich frei und
+unbelästigt des Friedens Segen und der christlichen Religion erfreuen
+könne. Mit Kanonen und Bayonnetten überwältigten sie ein stilles
+harmloses Volk und die »Baals-Priester« zogen im Lande umher, dem Feinde
+Seelen zu gewinnen. Er protestirte von Anfang an feierlich gegen jede
+Französische Autorität auf der Insel, die er unter keiner Bedingung
+anerkennen würde, und wahrte sich das Recht zu dem Volke zu reden und
+ihm zu rathen, wie es ihm gut dünke, und wie er es in seinem Amt als
+Englischer Consul sowohl wie Missionair vor seinem Gewissen und seiner
+Regierung, aber nicht vor dem Französischen Admiral zu verantworten
+habe.«
+
+Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert, denn der Mann, wie
+sie erst einmal die wahre Absicht der Fremden verstanden, sprach ihnen
+aus der Seele, aber noch mehr -- er _ver_sprach ihnen auch Englische
+Hülfe von der zuerst einkommenden Englischen Fregatte, während mit dem
+Dublin schon die Klagen und Beschwerden sämmtlicher Missionaire nach
+England abgegangen waren.
+
+Es läßt sich denken daß die Französischen Autoritäten, den
+Protestantischen Geistlichen überdies nicht gewogen, die Aufreizungen
+dieses Mannes mit Aerger und Verdruß ansahen und nur durch seine
+officielle Stellung noch zurückgehalten wurden, etwas Ernstliches und
+Entschiedenes gegen ihn zu unternehmen. Dazu brauchten sie aber irgend
+eine gegen ihn sprechende Thatsache als Vorlage, und eine solche mußte
+jedenfalls erst abgewartet werden.
+
+Spione umgaben ihn dabei genug, aus seinen Reden an das Volk irgend
+eine, direkt zur Empörung aufreizende Aeußerung zu finden, Mr. Pritchard
+war aber klug genug sich keine solche Blöße zu geben, und der Zorn der
+Französischen Officiere gegen ihn stieg von Stunde zu Stunde.
+
+René beschloß indessen sich von jeder Betheiligung an den politischen
+Ereignissen vollkommen entfernt zu halten; er mochte natürlich nicht
+gegen seine Landsleute kämpfen, so sehr er auch fühlte daß den
+Eingeborenen hier unrecht geschah, und natürlich noch viel weniger
+diesen feindlich entgegentreten, mit denen er durch sein Weib in so nahe
+und freundliche Beziehung gekommen war.
+
+Je mehr er aber über sein künftiges Leben auf den Inseln nachdachte,
+desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, wie er solcher Art, und
+gewissermaßen zwischen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine höchst
+unangenehme, ja gefährliche Stellung für die Zukunft einnehmen müsse,
+denn von beiden Partheien wäre er, wenn er es mit keiner offen hielt,
+auch rettungslos verdächtigt worden. -- Er wollte Papetee -- Tahiti
+verlassen und drüben in Atiu, in der stillen Zurückgezogenheit seines
+häuslichen Glücks konnte er bald die Welt um sich her vergessen --
+verachten. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er nicht zu haben,
+Gott hatte den Tisch der Eingeborenen dort mit seinen reichsten Gaben
+überdeckt -- ein fröhliches, gutmüthiges Volk bewohnte die Insel, und
+mit Sadie an seiner Seite --
+
+Und Susanna? --
+
+Fort mit dem Gedanken an sie -- an Alles was sie umgab, gerade hier lag
+die Gefahr für ihn, für sein häusliches Glück, und er fühlte recht gut
+selber wie er zu schwach, viel zu schwach sei, den immer aufs Neue auf
+ihn eindrängenden Verführungen lange widerstehn zu können.
+
+Er liebte Sadie aus tiefster innerster Seele, und dennoch hatte er den
+Zauber, die Gewalt die diese Liebe über ihn ausüben sollte, überschätzt
+-- dennoch fühlte er, wie er jetzt _flüchten_ müsse mit ihr, sich selber
+zu entgehn und seiner Leidenschaft; flüchten, einer Gefahr auszuweichen,
+die drohend über ihrem Glücke hing, und in dem Gefühl lag das Bewußtsein
+seiner Schwäche; gewaltiger noch daß er nicht wagte es sich selber zu
+gestehn, gefährlicher für ihn, daß er je geglaubt hatte es besiegen zu
+können, ja selbst jetzt noch sich selber damit täuschen wolle daß er
+nach freiem Willen handle.
+
+Schon an diesem Tag begann er seine, jedoch eben nicht so bedeutenden
+Vorbereitungen, Tahiti zu verlassen, und Sadie sah den Eifer mit dem er
+es betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafür. Glücklicher fast als
+der Gedanke ihr liebes, freundliches Atiu nun bald wieder zu sehn, es
+nie mehr zu verlassen, machte sie das Bewußtsein des Gatten Liebe noch
+zu besitzen und sich in jener furchtbaren Stunde -- so entsetzlich ihr
+selbst jetzt noch die Erinnerung daran war -- getäuscht zu haben. Er
+konnte jenes fremde schöne Mädchen nicht lieben, hätte er sonst so
+geeilt aus ihrer Nähe zu kommen? und daß es ihn gerade zurück nach Atiu
+zog, war ihr ja der Bürge für ihr schönstes Glück -- für den Frieden
+ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt daß Aumama nicht bei ihr
+geblieben war, Zeuge ihres Glücks zu sein; das wilde Mädchen hatte sich
+aber nicht länger halten lassen und war noch lange vor Abend schon in
+ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen, dort bei der Schwester zu
+bleiben; ja vielleicht -- sie hatte ihr zornig klopfendes Herz fest
+festhalten müssen, als sie der Freundin die Worte zuflüsterte in denen
+ihr ganzes Elend lag -- dort, dort noch einmal dem treulosen Gatten zu
+begegnen, und Rechenschaft von ihm zu fordern, für ein mißhandeltes,
+zertretenes Leben.
+
+Arme Aumama.
+
+René hatte sich von der Mission einen kleinen Cutter zu verschaffen
+gewußt, seine Sachen und was er sich an Bequemlichkeiten auf der Insel
+angekauft, gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz
+hinübertransportiren zu können, und derselbe wurde schon an dem
+nämlichen Nachmittag, ein Beweis wie es ihm Ernst war um seinen Vorsatz,
+von Papetee herüber und an seine Landung geschafft, wo er ruhig und
+vollkommen vor Wind und Wetter geschützt, vor Anker liegen konnte, bis
+er im Stande war seine Geschäfte hier so weit als möglich zu reguliren
+und sich einzuschiffen.
+
+Niemand freute sich mehr darüber als der Mitonare Ezra, der sich
+augenblicklich zum Passagier anbot, und nebenbei noch versprach die
+Mannschaft vollständig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute gebrauchten sie
+ohnedies nicht, da René ja selber Seemann genug war das wenige an Bord
+solch kleinen Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann sein sollte mit
+verrichten und besser verrichten zu können, wie die Insulaner selber.
+
+Mitonare erhielt da die erste Botschaft, nach der Stadt, zu dem
+ehrwürdigen Mr. Rowe zu kommen, und René bekam ebenfalls eine Einladung
+von dem jetzt Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu
+besuchen, da er sich nach Manchem bei ihm zu erkundigen wünsche.
+
+Die Botschaft beunruhigte ihn im Anfang -- sollte etwa wegen der Flagge
+Nachforschung gehalten sein? -- aber lieber Gott, da hätten sie ihm
+dieselbe, wenn er wirklich verrathen wäre, einfach wieder abfordern
+lassen; das Tuch hatte weiter keine Bedeutung, sobald es einmal von der
+Stange herunter war. Oder das Duell? -- es war nicht wahrscheinlich daß
+solche Sache in solcher Zeit zur Untersuchung kommen sollte; und
+überdies hatten beide Theile darin gehandelt wie es den nun einmal
+bestehenden Gesetzen der Ehre entsprach, denen sie sich fügen mußten.
+
+Es half ihm Nichts daß er sich den Kopf darüber zerbrach, und gegen
+Abend -- er war auf vier Uhr Nachmittag nach Papetee beordert worden --
+folgte er der Aufforderung des Gouverneurs.
+
+Es handelte sich dabei übrigens weder um Flagge noch Duell; im
+Gegentheil war Mr. Bruat ungemein freundlich mit dem jungen Mann, dessen
+Schicksale er sich, wie er ihm versicherte, habe erzählen lassen, und um
+ihm zu beweisen wie er sich für ihn interessire, wünsche er ihn an
+sich und Papetee zu fesseln, und bot ihm, da er ja schon überdies früher
+in der Französischen Armee als Officier gedient, eine gleiche Stellung
+in Papetee, unabhängig von den Schiffen und mit gesichertem Aufenthalt
+auf den Inseln.
+
+René begriff recht gut, daß er dies Anerbieten weniger seinen
+Verdiensten als der vermutheten Verbindung verdanke, in der er, durch
+seinen längeren Aufenthalt hier wie seine Heirath, mit den Eingeborenen
+stand. Das Abenteuer mit dem Missionair war ebenfalls, wenn auch nicht
+laut ausgesprochen, doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzosen
+gerade in diesem Augenblick besonders an Leuten, die ihren Interessen so
+ergeben, als denen der Missionaire entgegen wären, und doch dabei eine
+etwas freundlichere Vermittlung zwischen den beiden so schroff
+abstoßenden Elementen, den Eingeborenen der Insel und den Eroberern
+derselben, bieten könnten. Das wäre aber auch jedenfalls der Weg gewesen
+sich den Insulanern vollkommen zu entfremden, und er lehnte die ihm
+gebotene Stellung auf das artigste und mit der Versicherung größter
+Dankbarkeit für das ihm bewiesene Zutrauen, aber auch entschieden ab.
+
+Monsieur Bruat schien etwas pikirt darüber; er hatte wohl keinenfalls
+eine so ganz definitive Weigerung erwartet, René beharrte aber fest
+darauf und wurde endlich mit einer zwar artigen aber sehr kalten
+Verbeugung entlassen.
+
+ * * * * *
+
+In Mons. Belards Hause, in dem kleinen traulichen Stübchen der Madame
+Belard, saß diese an ihrer Arbeit, hinter den niedergelassenen
+Jalousien, die eine angenehme Kühle in dem freundlichen Gemach
+verbreiteten, während Susanna vor dem Instrument in leisen, wehmüthigen
+Akkorden und mit halbgeschlossenen Augen ihrer Phantasie, ihren Gedanken
+freien und ungestörten Lauf ließ.
+
+»Lieber Gott, Susanna,« sagte Madame Belard endlich, ihre Nadel ruhen
+lassend und zu der Freundin aufschauend -- »Du bist entsetzlich
+langweilig heute, und spielst Melodieen daß man immer glaubt es sollte
+Jemand zum Richtplatz geführt werden. Was um Gottes Willen steckt Dir im
+Kopf, was hast Du, was fehlt Dir? -- heraus mit der Sprache, Mädchen,
+aber quäle mir die Molltöne nicht auf solch grausame, unbarmherzige
+Art.«
+
+»Ich? -- Nichts -- was soll mir fehlen?« sagte Susanna.
+
+»Ja das frag' ich Dich -- etwas _ist_ mit Dir, denn Du bist wie
+ausgewechselt gegen sonst.«
+
+»Unsinn« lachte Susanna, die vollen Locken aus der Stirn werfend, und
+zu einer lebendigern Weise übergehend -- es war die Marseillaise.
+
+»Ach damit hast Du gestern Abend Monsieur Delavigne vertrieben« lachte
+Madame Belard -- »wie rasch er aufsprang und fortstürzte. Wir hätten uns
+heute doch einmal sollen nach ihm erkundigen lassen, wie ihm die
+Aufregung gestern bekommen und ob er sein Haus glücklich erreicht hat.«
+
+Susanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die Marseillaise schon
+wieder fallen lassen, und praeludirte eines ihrer kleinen
+melancholischen Creolenlieder aus Louisiana, als Schritte aus dem
+Vorsaal gehört wurden und Mons. Belard gleich darauf die Thür öffnete
+und hereinschaute.
+
+»Ist Delavigne hier gewesen?« frug er die Damen.
+
+»Monsieur Delavigne? nein,« rief seine Frau und Susanna hörte auf zu
+spielen und sah sich nach ihm um -- »ist er wieder in der Stadt?«
+
+»Hat er Euch denn noch Nichts gesagt?« frug der Gatte aber jetzt, sie
+etwas erstaunt ansehend und ganz ins Zimmer tretend, »wißt Ihr noch
+Nichts?«
+
+»Wir? -- was ist denn?« rief Madame Belard erschreckt, »um Gottes Willen
+-- aber wenn er selber in der Stadt war -- ist ihm denn zu Hause etwas
+passirt -- seinem Weib?«
+
+»Ah Papperlapapp,« sagte Mons. Belard lachend, und ging zu einem
+kleinen Eckschrank den er dort zu seinem eigenen Gebrauch stehen hatte,
+sich ein Glas Brandy und Wasser einzuschenken, »da soll bei Euch immer
+gleich was passirt sein; der Frau wird auch was zustoßen, die
+Indianerinnen haben eine zähe Natur und sind nicht gleich immer
+umgeworfen wie andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen hätte,
+ich wüßte auch was ich thäte.«
+
+»Bitte, Monsieur, geniren Sie sich nicht« bat Madame Belard etwas
+beleidigt und mit kalter Höflichkeit -- »ich möchte Ihrem weiteren Glück
+nicht gern im Wege stehn.«
+
+»Aber was ist vorgefallen?« frug auch jetzt Susanna, mit größerem
+Interesse als sie bis jetzt gezeigt, »bringen Sie uns eine angenehme
+oder unangenehme Neuigkeit?«
+
+»Nun ich weiß gerade nicht« sagte Mons. Belard die Mischung von Wasser
+und Brandy erst einen Augenblick gegen das Licht haltend und dann, wie
+mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend -- »angenehm ist sie
+gerade nicht -- wenigstens nicht für Sie Beide, und mir selber thut es
+auch leid, obgleich sich die Sache nun einmal nicht ändern läßt und des
+Menschen Wille sein Himmelreich ist. Wenn's ihm nicht länger bei uns
+gefällt, kann ihn natürlich keine Seele halten.«
+
+»Mons. Delavigne will fort von hier? -- aber wohin?« riefen die beiden
+Damen, wie fast aus einem Munde.
+
+»Soviel ich verstanden habe, nach Atiu zurück, wo er hergekommen«
+lautete die Antwort.
+
+»So wird er dorthin wohl sein Geschäft verlegen wollen.«
+
+»Nein das ist ja eben der Unsinn« rief der Kaufmann ärgerlich, »das
+dacht' ich mir auch im Anfang, denn darin wäre ein Sinn, aber wie mir
+jetzt scheint, läuft die ganze Geschichte auf irgend einen romantischen
+Schwindel hinaus, und wenn das wirklich der Fall wäre, sollt' er mir
+leid thun, denn keine zwei Monat hält er's drüben mit seiner
+Paradies-Comödie aus. Er will sein ganzes Geschäft förmlich mit der
+Wurzel herausreißen und wegwerfen, und sich drüben hinsetzen und
+Brodfrucht und Tarowurzel essen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht
+schön, ist aber nur leider unausführbar -- er müßte denn eben kein
+Franzose -- kein civilisirter Mensch sein, dessen ganze Existenz, er mag
+sich darüber äußerlich vorlügen soviel er will, doch mit all seinen
+tausend Seelenfasern an dem alten gewohnten Leben hängt und nicht
+losgerissen werden _kann_.«
+
+»Aber ist denn vielleicht hier irgend etwas vorgefallen?« sagte Madame
+Belard -- »hat er hier Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht
+dazu treiben?«
+
+»Doch nicht etwa mit der Regierung?« frug Susanna rasch, die
+unwillkürlich und mit leiser Angst der so keck eroberten Flagge
+gedachte.
+
+»Nicht daß ich wüßte« brummte Mons. Belard -- »im Gegentheil scheint ihm
+der Gouverneur wohl gewogen gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne
+selber sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt -- ein Anerbieten
+einer festen gesicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun überdrüssig
+gewesen wäre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand
+gewiesen. Er ist rein toll -- oder blind.«
+
+»Und wann will er fort?« sagte Mad. Belard.
+
+»Morgen schon, soviel ich weiß, wenn er alle seine Siebensachen packen
+und zu Schiff bringen kann -- er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der
+schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist Ernst und nicht nur
+eine flüchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn
+Brouard auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon. Aber ich muß
+wieder fort -- er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu
+sagen, und wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies Papier
+hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es hierher für ihn zu legen,
+vielleicht komm ich nachher noch einmal herüber.« Und mit kurzem Gruß
+verließ er das Zimmer wieder.
+
+Die Frauen saßen noch schweigend, und in tiefem Nachdenken, als Mons.
+Belard schon lange das Zimmer verlassen hatte, und Susanna berührte
+wieder leise die Tasten in weichen, kaum hörbaren Akkorden.
+
+»Merkwürdig« brach Madame Belard endlich das Schweigen -- »etwas _muß_
+da vorgefallen sein, was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschluß
+getrieben haben -- gestern Abend schon sein eigenthümliches Betragen.«
+
+»Du sprichst von Mons. Delavigne?« sagte Susanna, ohne die Freundin
+anzusehn.
+
+Madame Belard schaute rasch nach ihr um, ließ ihr Auge einen Moment auf
+ihr ruhen und sagte dann leise:
+
+»Ja.«
+
+»Die Männer sind wunderliches Volk« sagte die Schöne -- »er wird sich
+mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehn, und von der
+Welt -- in ihren Armen träumen.«
+
+Madame Belard schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte ernst:
+
+»Das ist nicht Alles wie es sein sollte -- hätte er den Entschluß
+langsam und mit reiflicher Ueberlegung gefaßt, so würde es mich recht
+von Herzen, in tiefster Seele gefreut haben.«
+
+»Wie so?« frug Susanna rasch.
+
+»Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in einer Welt hier in die sie
+nicht gehört, in die sie nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es ist ein
+liebes engelgutes Kind, und _verdiente_ glücklich zu sein -- und wird es
+nie werden« setzte sie recht tief aufseufzend hinzu.
+
+»Warum nicht glücklich?« sagte Susanna gleichgültig, der Stimme
+wenigstens den Ausdruck gebend, »so viel ich von dem Leben dieser
+Insulanerinnen gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht
+besser, als daß sich ein Europäer, Franzose oder Engländer ist ihnen
+ziemlich gleich, um sie bewirbt und -- die Dauer seines Aufenthalts
+vielleicht -- bei ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurück fällt
+es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.«
+
+»In der Regel, ja --« sagte Madame Belard -- »leider Gottes handeln die
+Männer hier leichtsinnig genug in dieser Hinsicht, und haben schon
+manches arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten der
+Insulaner -- das Herz kehrt sich ja nun doch einmal nicht an Sitte und
+Gebrauch.«
+
+»Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so leicht brechen könnten«
+entgegnete Susanna etwas kalt.
+
+»Doch, doch« sagte leise Madame Belard, »und Sadie ist gar nicht wie ein
+Kind dieser Inseln erzogen -- nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie,
+Natürliche ihrer Bewegungen verkünden sie als ein Kind des
+Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti starb, hat sie
+wie eine Tochter gehalten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen,
+aber ich fürchte fast, statt dessen einen schlimmen Dienst erwiesen.
+Nicht Indianerin, nicht Europäerin muß sie für das Leben ihres
+Vaterlandes verloren sein, nie wenigstens würde sie sich, wozu sie doch
+Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines gewöhnlichen
+ungebildeten faulen Indianers glücklich fühlen können -- und ich
+fürchte, sie wird _nicht_ im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf
+immer an sich zu fesseln.«
+
+»Und verlangst Du von Delavigne daß er sein Leben auf jenem Atiu
+verträumen -- diese monotonen Inseln mit ihren ewigen Palmen und
+Brodfruchtbäumen nie wieder verlassen soll?« rief Susanna in ihrem Spiel
+aufhörend und sich rasch und fast heftig nach der Freundin umdrehend.
+
+»Verlangen?« sagte diese achselzuckend -- »ich verlange von einem Mann
+vor allen Dingen daß er seine Schwüre hält, es ist das wenigste _was_
+man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, so
+kann er die Inseln nur verlassen, wenn er die Indianerin _als sein Weib_
+mit hinüber in das alte Vaterland nimmt.«
+
+»Um dort der Kinder Spott zu werden« rief Susanna rasch.
+
+»Er hat das Alles voraus gewußt,« sagte Marie Belard, »Sadie ist
+übrigens ein wunderhübsches Weibchen.«
+
+»Und wie lange wird das dauern?« frug Susanna, »in sechs Jahren, in fünf
+vielleicht schon, ist die Blüthenzeit dieser Kinder der Tropen vorüber
+und _die_ Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den
+civilisirten Städten der alten oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der
+neuen könnte er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede
+anständige Familie in New-York sowohl wie New-Orleans von ihm
+zurückziehn würde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit
+_schwarzem_ Blute Umgang zu haben.«
+
+»Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter von
+der Königstochter Pokahontas abzustammen« sagte Madame Belard.
+
+Susanna zuckte die Achseln.
+
+»Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten« sagte sie, »aber frag
+einmal eine der dortigen Familien, ob sie _jetzt_ einem ihrer Söhne
+gestatten würden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu
+_beflecken_. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt
+werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes
+handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern --
+Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen« fügte sie mit weit leiserer
+Stimme etwas zögernd hinzu, »wie man überall hört, ja keineswegs so
+bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf
+ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.«
+
+»Die meisten, ja, leider Gottes« sagte Madame Belard -- »die
+leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht
+verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch
+nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so viel als möglich den
+Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter
+geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer
+Ceremonie als bei uns und -- ich sollte denken -- auch ebenso bindend.
+Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie
+ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und
+getraut; der würdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere
+als vollgültige Ehe zwischen den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe
+sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur
+gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und
+Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben
+bringen kann, ist das _eigene_ Wort, das eigene Herz das einzige worauf
+man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß
+Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.«
+
+»Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher Art hier beschließen
+wird?« frug Susanna -- »Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs
+und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt _aufhören_ zu leben -- ist das
+wahrscheinlich?«
+
+»Aufhören zu leben -- mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit
+seinem Kind?« frug Madame Belard dagegen, »er kann das nicht gut
+»aufhören zu leben« nennen, was, wie er mich oft versichert, das höchste
+und schönste Ziel seines Lebens gewesen; -- es wäre zu traurig für die
+arme Sadie; und doch _fürchte_ ich fast das wilde ungestüme Wesen des
+Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens,
+auf die Länge der Zeit wenigstens, einschnüren lassen. _Ihr_ Beiden
+hättet besser zusammen gepaßt.«
+
+Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und
+zwar mit raschen kräftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, während
+Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute.
+
+Die Thür öffnete sich leise und René erschien auf der Schwelle -- keine
+der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes
+kommen hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast
+wehmüthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den
+Lauscher nicht ahnend das Lied schloß und wieder über zu den weicheren
+seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie
+dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehört. Eine
+Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes
+folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme
+leise ein.
+
+ Die Halme wehn gedankenschwer
+ Auf jener Wiese drüben,
+ Sie sagen wohl einander nur
+ Daß sie sich innig lieben;
+
+ Ich aber liege einsam hier
+ Und schaue in die Höhe --
+ Ach daß mich Niemand lieben will
+ Ist ja mein einzig Wehe.
+
+»Ein trauriges Lied« seufzte Madame Belard und drehte sich nach der
+Freundin um, stieß aber unwillkürlich einen leisen Schrei aus, als sie
+den, mit dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschäftigt,
+bleich und ernst vor sich stehen sah.
+
+Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und während ihr das Blut in die
+Wangen schoß, stand sie auf und verließ das Instrument.
+
+»Sie haben uns belauscht« sagte sie und ihr Auge haftete so fest auf dem
+seinen, als ob sie die Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte
+geliehn.
+
+»Den Dichter wenigstens« entgegnete René, ihrem Blick begegnend -- »den
+armen Dichter, dem als er das Lied schrieb, wohl recht weich und weh muß
+um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß
+Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all seiner
+Pracht und Herrlichkeit -- es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor tausend
+Anderen, solchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch --
+sein Sie mir nicht böse daß ich Sie gestört habe -- ich will ihre Zeit
+nicht lange in Anspruch nehmen -- ich komme Ihnen Adieu zu sagen.«
+
+»Sie wollen fort?« sagte Susanna leise.
+
+»Hoffentlich Morgen« erwiederte René mit einem Lächeln wenigstens,
+wenn es auch ein gezwungenes war.
+
+»Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein« rief Madame Belard --
+»gestern Abend wußten Sie noch kein Wort davon.«
+
+»Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.«
+
+»Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche Nachricht vorbereitet,
+lieber Delavigne -- auch hier ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie
+wirklich nicht noch -- einmal sehn sollte -- es thut uns recht, recht
+leid Sie von hier verlieren zu müssen.«
+
+»Madame Belard« sagte René und seine Stimme zitterte.
+
+»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, soll ich sie
+nicht wiedersehn?«
+
+»Sie werden sie entschuldigen müssen« sagte René das Papier mit einer
+dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte
+-- »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und -- es ist besser so
+vielleicht -- ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen«
+setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, »aber meine Geschäfte
+zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und -- da konnte ich es
+doch nicht übers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.«
+
+»Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen« rief Madame Belard
+schnell -- »aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der
+Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns -- es ist ja das letzte Mal
+vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen.
+Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen Wirren aus dem
+Wege gehn; besonders in ihren Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende
+manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Parthei in
+Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie
+ja noch immer Ihr freier Herr.«
+
+»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig« sagte René -- »ich
+kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch
+spitzfindige Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen
+harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich schon auf der
+anderen Seite auch zu sehr über das Treiben und Wesen der fanatischen
+Missionaire geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde mich
+also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr
+ist übrigens daß man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine
+Neutralität, selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten
+_kann_, und in sofern wäre es allerdings gut selbst der Möglichkeit
+einer Collision entrückt zu sein. Den Eingeborenen ist übrigens jede
+Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können,
+denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer, wenn ich
+nicht irre der Salamander, signalisirt worden.«
+
+»Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre,« rief Madame
+Belard rasch, »dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns
+Briefe aus der Heimath.«
+
+»Aus der Heimath« sagte René leise -- »es ist doch ein wunderbares Wort
+-- ich hätte nie geglaubt daß solch ein Zauber darin liegen könnte --
+aber -- ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis -- Sie
+werden wahrlich erst ungestört spielen können, wenn ich fort bin.«
+
+»Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich
+an's Clavier,« sagte Susanna, in einem Buche blätternd das neben ihr
+lag, den Kopf von René abgewandt.
+
+»Und was hört man draußen im Land über unsere Zustände hier?« frug
+Madame Belard -- »Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich
+die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen Befehlen fügen werden?«
+
+»Gott weiß was sie thun« sagte René -- »soviel ist gewiß, daß die
+Regierung jetzt mehr den Einfluß der Missionaire, besonders des
+Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und
+nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn
+einzuschreiten.«
+
+»Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges nobles in seinem
+ganzen Wesen« sagte die junge Frau -- »ich hätte ihn gar nicht für einen
+Missionair gehalten.«
+
+»Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die
+Eingeborenen ausübt -- ich bin übrigens kein Freund dieser Herren, und
+froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Diese
+tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist zum Verzweifeln, und wenn
+irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug
+machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers zu springen, ehe
+ich einem schleichenden, tödtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.«
+
+Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln:
+
+»Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten -- seit Sie den Frack
+wieder getragen, und die Glacéhandschuh haben Sie sich den Geschmack an
+dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.«
+
+»Sie können mir den Frack noch immer nicht vergessen,« lachte René,
+rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend.
+
+»Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein Ihrer Geschichte, an Ihnen
+in die Augen sprang« sagte schelmisch das Mädchen, »und ich malte mir
+Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch
+nicht wieder verwischen lassen.«
+
+»Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie
+hervorgebracht,« lachte René, »Frack und Glacéhandschuh -- wieder ein
+Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen selten im
+Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil über eine, ihnen zum
+ersten Mal aufstoßende Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.«
+
+»Ei Sie grober Mensch« rief Madame Belard rasch, »wie können Sie etwas
+derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf
+alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck gemacht haben. Der erste
+Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das
+Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele
+Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verstand für das Herz
+denken und handeln müsse, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber
+hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht
+es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und
+uns von anderen eben so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch
+Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz
+streckt seine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verstand in Monaten
+vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch
+getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten
+ist es daß es sich irrt.«
+
+»Sie _hätten_ recht,« erwiederte René, »wenn Ihr erster Blick eben ein
+unpartheiischer wäre, der gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal
+begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei Ihnen stets
+den _Kleidern_ des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehört
+unbefangen zu sein -- eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete Mode
+sprach das Urtheil vorher.«
+
+»Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht haben« rief Susanna wärmer
+werdend -- »schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich
+Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.«
+
+»Augen und Zähne« erwiederte René achselzuckend -- »das Gesicht also
+abermals wieder nur als Kleidungsstück betrachtet.«
+
+»Etwas spricht für Ihre Behauptung« sagte Madame Belard etwas pikirt --
+»daß wir armen Frauen so oft von Euch Männern betrogen werden
+-- vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick ist unser
+Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß Sie so boshaft sein könnten.«
+
+»Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen« sagte Susanna,
+wirklich fast böse über die etwas herbe Bemerkung.
+
+»Gott verhüte daß ich Sie kränken sollte« fiel ihr René rasch ins Wort
+-- »zürnen Sie mir nicht, mir ist der Kopf wirr und toll seit heute
+Morgen, und der Gedanke Tahiti -- so viele liebe Freunde zu verlassen,
+noch zu neu, zu fremd -- zu ungewohnt. Aber ich muß auch fort; es
+dunkelt schon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was
+vor dem Abendschuß abgethan sein muß.«
+
+»Also wirklich fort?« sagte Madame Belard.
+
+»Ich kann nicht anders« seufzte René und fuhr dann leiser und ihre Hand
+ergreifend fort, »ich lasse viele liebe Freunde hier zurück -- werden
+auch Sie manchmal meiner gedenken?«
+
+»Wir wollen keinen großen Abschied von einander nehmen, Delavigne« sagte
+die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung
+niederkämpfend -- »Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier
+herüber kommen; es ist ja das Schönste was wir haben auf der Welt,
+liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren Bild, auf dem dunklen
+Hintergrund der Trennung nur so viel schärfer und reiner in unserer
+Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen und --
+mögen Sie das finden was Sie suchen.«
+
+Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte den jungen Mann durch
+sein offenes herzliches Wesen wirklich lieb gewonnen, und er sollte die
+Thränen nicht sehn die ihr ins Auge stiegen -- verließ sie rasch das
+Zimmer.
+
+Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr folgen wollte, besann sich
+aber und blieb an dem Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken
+Hand stützte.
+
+»Miß Lewis« sagte René leise -- »ich glaube nicht daß wir uns wiedersehn
+werden --«
+
+»Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen,« unterbrach ihn
+die Jungfrau, gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfend, dem sie nicht Worte
+geben mochte und konnte; aber, ohne daß sie eigentlich wußte warum,
+einen ernsten Abschied fürchtend, fuhr sie, in den leichten Ton
+übergehend, freilich in gezwungener Fröhlichkeit fort -- »Sie haben sich
+mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich jedenfalls erst um
+Urlaub bitten. Wissen Sie wohl daß mir der Preis bekannt ist, den mein
+Vater auf Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie jetzt
+so ohne Weiteres entlassen?«
+
+»Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle« bat aber René leise und ernst
+-- nicht im Stande in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden
+Ton einzugehn -- ȟben Sie Gnade meinet- -- Gnade eines anderen Wesens
+wegen.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht« sagte Susanna rasch, »aber ich sehe wohl ein,
+mir armem schwachen Mädchen wird das nicht gelingen, was der Delaware
+mit seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte -- Sie zu halten. -- Und
+was soll ich meinem Vater sagen?«
+
+»Sagen Sie ihm,« rief René jetzt, kaum im Stande das gewaltsam zu Tag
+brechende Gefühl nieder zu kämpfen -- »sagen Sie ihm -- daß ihn die
+Tochter hart und schwer gerächt. Und nun -- leben Sie wohl, recht wohl
+und -- glücklich.«
+
+Ihre Hand dabei ergreifend preßte er sie fest an seine Lippen und sprang
+dann mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus.
+
+»René!« wollte Susanna rufen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst --
+die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft
+auf ihr Herz gepreßt, floh sie auf ihr Zimmer, und schloß hinter sich
+die Thür mit dem Riegel.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+Jim O'Flannagan in Thätigkeit.
+
+
+Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden
+des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in
+wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens, denn
+dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten
+sich höher und höher, eine stürmische Nacht versprechend in dem sich
+wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mißbraucht,
+wenn er den ruhigen und vernünftigen Ostpassat einmal zu verdrängen
+gewußt hat, auf kurze Zeit.
+
+Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare
+Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht früh zurückzukehren und ihr
+noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen.
+Auch René blieb heute so entsetzlich lange aus -- aber er hatte noch
+viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so
+plötzlich, so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich leicht
+denken wie schwer es da sein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ,
+und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald,
+ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach Atiu -- o wie sie der
+Gedanke mit Glück und Seligkeit erfüllte -- nach Atiu, nach ihrem lieben
+lieben Atiu -- und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die
+stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen
+am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbraust,
+der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend -- ihrer Liebe
+-- o es war als ob ihr das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit,
+wenn sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu.
+
+Aber wo blieben die Männer? -- auch Mata-oti war draußen und kehrte,
+trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und
+höher herauf -- und gerade heute ließ man sie so allein. Doch draußen --
+das waren Schritte -- die Gartenthür hatte geknarrt, und gleich darauf
+betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer;
+sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dämmerung, ja
+Nacht, kaum noch erkennen.
+
+»Joranna Sadie, Joranna,« sagte er und trocknete sich den Schweiß von
+der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen
+dicken eingezwängten Armen kaum erreichen konnte -- »René ist noch nicht
+zurück?«
+
+»Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß
+wenigstens Einer von Euch da ist -- es ist gar so unheimlich hier so
+ganz allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lefévres dicht daneben
+-- ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für
+mich.«
+
+»Ist Bruder Aue hier gewesen?« frug Mitonare leise.
+
+»Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?« rief Sadie erstaunt, »nein.«
+
+»Pst« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich
+auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände
+und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum.
+
+Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zündete die
+Lampe an die auf dem Tisch stand.
+
+Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger
+und schleuderte die Brandung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit
+immer dumpferem Brausen.
+
+»Aber was hast Du nur, Mitonare?« rief Sadie endlich, vor ihn tretend
+und ihn bestürzt ansehend -- »Du siehst aus, als ob irgend etwas
+vorgefallen. Ist ein Unglück geschehn? -- Heiliger Gott, René -- wo ist
+René --«
+
+»Pst -- pst« sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und
+schloß die Augen dabei, schob die beiden außerdem schon etwas dicken
+Lippen vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf -- »pst, pst
+Pu-de-ni-a -- nicht solchen Spektakel machen -- haben Schildwache dicht
+bei --«
+
+»Aber René --«
+
+»Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich von ihm weiß ganz gesund
+und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus,
+zum Abschied -- Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehn, auf die Art«
+sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme
+Frau zu beruhigen -- »Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi
+-- bah -- ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel
+in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.«
+
+»Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe -- der Mann erscheint mir nur immer
+vor Sorge und Trübsal und großer Noth -- was soll er hier, heute noch
+hier wollen? und wenn ihn René hier fände, gäb' es vielleicht harte
+Worte zwischen den Männern. Gott wolle es verhüten.«
+
+»Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor -- er verließ den Garten,
+wie ich kam -- war er nicht hier im Haus?«
+
+Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu dem Mitonare auf.
+
+»Er kam aus _unserem_ Garten?« frug sie leise -- »doch ich bin ein
+thörichtes Kind,« setzte sie rascher hinzu, »mir da Sorge und Kummer zu
+machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein
+fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Männer, die darin
+gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach
+sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.«
+
+»Und ist das Canoe wieder fort?« frug Bruder Ezra.
+
+»Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur
+zurückgerudert.«
+
+Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute einige Minuten still
+und schweigend hinaus in die Nacht.
+
+»Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem
+Pandanusdach, wo das Feuer ist?« frug er endlich, sich wieder umdrehend,
+als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte.
+
+»Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag« sagte Sadie, »aber sie
+trieben sich meist oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootse
+mit seinen Töchtern wohnt.«
+
+»Ahem, ahem« nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen
+und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im
+Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin -- »es ist doch eine böse
+Geschichte, böse, böse Geschichte.«
+
+Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch
+nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn
+ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herüber zu
+dringen schien. Es war indeß so dunkel geworden, daß man die Hand kaum
+vor Augen erkennen konnte.
+
+»Was war das?« sagte sie leise -- »war das nicht als ob ein Canoe dort
+unten landete -- ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch
+nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?«
+
+»Unsinn« sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schüttelnd und die Thür
+zumachend -- »wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter -- Cutter
+liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist,
+wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.«
+
+»Dort draußen geht Jemand« rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre
+Sinne zum Aeußersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu
+erlauschen -- »das ist René.«
+
+»Possen,« sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thüre
+fortzuziehn, aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere
+Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da
+unten flüstere.
+
+»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte aber Sadie, sich entschlossen
+von der Hand des kleinen Mitonare befreiend -- »was hast Du, Mitonare
+-- Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt die Nacht da
+draußen?«
+
+»Pu-de-ni-a -- es ist Nichts -- ist nicht viel« sagte der kleine braune
+Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem
+Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen -- gute Freunde von --
+keine guten Freunde von Wi-Wis -- aber nicht von _unserem_ Wi-Wi« setzte
+er rasch hinzu -- »wollen sich -- wollen sich was in die Berge tragen,
+daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.«
+
+»Was in die Berge tragen? -- wie versteh' ich das?« frug die Frau
+erstaunt -- »geschieht da etwas gegen die Gesetze?«
+
+»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell -- »im Gegentheil,
+das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen
+-- ist Alles vorgeschrieben drinn.«
+
+»Wer hat es abgelesen?« flüsterte Sadie leise.
+
+»Bruder Aue und noch viele andere Männer.«
+
+Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte selber kaum warum, aber
+die Angst um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im
+Haus drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu öffnen.
+Mitonare verhinderte sie daran.
+
+»Nein, nein Pu-de-ni-a« sagte er rasch -- »nicht hinaussehn jetzt --
+brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn
+Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie
+Gewehre in die Berge tragen.«
+
+»Gewehre?« frug Sadie rasch und erschreckt -- »Waffen für die
+Eingebornen?«
+
+Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch
+besinnend daß er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare,
+eine auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln
+plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so
+kräftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.
+
+»Und weiß René davon?« frug die Frau.
+
+»Der Wi-Wi?« lachte aber Mitonare schon über einen solchen Gedanken
+gerad hinaus -- »der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a --
+Nein das ist gerad das Komische -- nehmen es durch sein eigen Haus und
+er weiß _nicht_!«
+
+»Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm gäbe?« frug die Frau,
+ängstlich die Möglichkeit bedenkend daß René die Hand nicht dazu bieten
+würde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen.
+
+»Bah, bah« lachte aber der Mitonare still in sich hinein -- »der Wi-Wi
+kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür gesorgt -- haben ihn
+eingeladen bis zehn Uhr -- nachher Alles vorbei -- kann nachher kommen
+und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in
+den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden hinzu, als
+er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand und dem Geräusch
+draußen horchte -- »sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei
+womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde
+unverschämte Männer über das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und
+Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? -- Bah -- soviel für die Wi-Wis
+-- sind ein paar gute darunter ja -- aber nicht viel; Kanaka muß was in
+der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die
+Matten unter dem Rücken fort.«
+
+Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu
+verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene
+Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute,
+wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen
+müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen,
+und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine
+_Flagge_? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als
+sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den
+Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm
+ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit
+gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen
+würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein
+eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige
+die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der
+ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten.
+Und der Erfolg? -- sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge
+waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß
+schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer,
+nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren
+Feinde die Spitze bieten. -- Aber Blut -- Blut sollte in diesen Thälern
+fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört
+geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu
+vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und
+unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu
+stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele.
+
+Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in
+seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von
+ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und _die_
+selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere
+dabei als leitende herrschende Wesen dachte -- den kleinen friedlichen
+Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die
+Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten --
+sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.
+
+»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches
+ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust -- »wenn die Männer zu den
+Waffen greifen, haben sie recht -- die jungen Leute eines Stammes haben
+ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen
+Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen
+entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so
+vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den _Lehrern_ eines
+Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe
+selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das
+Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem
+Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die,
+die Dich angegriffen haben? -- ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine
+thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und
+Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß
+nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater
+Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir
+unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.«
+
+»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land
+weggenommen,« rief der Mitonare schnell -- »Religion -- ja das ist
+Alles recht schön und gut -- Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man
+aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem
+auch die Religion Nichts.«
+
+Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an -- sprach das der kleine
+gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre
+im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem
+ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?
+
+»Mi-to-na-re!« rief sie bittend.
+
+»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem
+einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit
+-- »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der
+alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht
+anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch
+wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig -- aber glücklich wird man
+nun einmal nicht dabei.«
+
+»Und wir _waren_ glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth
+seine Hand ergreifend.
+
+»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam
+wieder über ihn -- »recht glücklich waren wir -- bis die Wi-Wis kamen
+-- nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen -- bis die anderen
+Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst
+verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten
+daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten
+müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem
+Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht
+mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch
+wieder in alten Weg zurückgeführt hatte -- es ist doch nicht mehr so wie
+früher, wir sind älter geworden und -- ha -- was war das? -- Jemand ist
+an der Thüre.«
+
+»Das wird René sein« rief Sadie.
+
+Die Klinke draußen wurde versucht.
+
+»Sadie -- öffne schnell! ich bin es,« rief in dem Augenblick der junge
+Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt
+hatte.
+
+»Segne mich« sagte aber Bruder Ezra erschreckt, während Sadie rasch
+hinzusprang dem Gatten zu öffnen -- »warum kommt er nicht oben herein
+von der Straße -- er muß sie gesehn haben.«
+
+»Was geht hier vor?« rief aber in diesem Augenblick René, sein Weib und
+den Mitonare, die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend.
+»Was sind das für Leute hier im Garten und was tragen sie?«
+
+»Was für Leute?« frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem
+Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen.
+
+»Was für Leute?« wiederholte René erstaunt -- »habt Ihr denn Nichts
+gehört und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei?
+-- wo ist mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die Wache von
+nebenan wird auch gleich hier sein.«
+
+»Die Wache?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was weiß sie von hier?«
+
+»Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang rasch zurück als wir die
+verdächtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.«
+
+»Alle Wetter!« rief aber der Mitonare, und in die Thür springend hielt
+er die hohlen Hände an den Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten,
+aber doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus.
+
+»Was zum Teufel, Mitonare!« schrie aber René auf ihn zuspringend und ihn
+zurückziehend -- »was soll das heißen?« Der kleine Bruder Ezra leistete
+jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgeführt zu
+haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf
+einen dort stehenden niederen Schemel -- mit den hohen Stühlen konnte
+er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrückt,
+still und aufmerksam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier
+ruhig abzuwarten gedenke.
+
+ * * * * *
+
+René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn
+gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe
+Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und
+jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte,
+auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden
+Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und
+machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit
+die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem
+Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte
+auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück.
+
+Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf
+aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von
+dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden
+wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und
+sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb.
+
+Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war
+dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon
+eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen
+breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe
+von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls
+etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen
+verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René
+konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner
+ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien
+eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung
+eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das
+Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es
+die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der
+Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber
+einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen
+Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr
+Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis --
+Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge,
+und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der
+Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand
+-- in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je
+daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu
+entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein
+Haus zu erreichen.
+
+Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen
+Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können,
+war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem
+Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so
+überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen
+Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.
+
+»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich
+ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit -- »sie werden
+fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben.
+Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne
+selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen,
+schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale,
+mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite
+der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in
+demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt
+fühlte.
+
+Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte
+keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein
+Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen
+Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem
+sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb,
+vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:
+
+»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine
+noch nicht ganz vernarbte Wunde -- laß mich los, wir können ruhig mit
+einander reden.«
+
+»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd.
+
+»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der
+verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch
+unten leise hielt -- »was habt Ihr gegen _mich_? -- es ist doch wohl nur
+ein Versehen, daß Ihr _mich_ gerade angefallen habt.«
+
+»Versehen? -- vielleicht« sagte der Eine vorsichtig -- »nicht viel zu
+sehen hier überhaupt -- wie heißt Du?«
+
+»René Delavigne, und wohne schon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai
+unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher
+bewohnte.«
+
+»Ist Alles in Ordnung« sagte ein Anderer der Leute.
+
+»Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?«
+
+»Müssen Dich erst noch sprechen -- komm herein in das Haus hier -- thun
+Dir Nichts« sagte der Erste wieder.
+
+»Ich fürchte Euch nicht,« entgegnete trotzig der junge Franzose, »habe
+aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch
+beliebt.«
+
+»Bist Du ein Freund von Kanaka?« frug ein Dritter jetzt, der bis dahin
+noch nicht gesprochen.
+
+»Wenn ich's _nicht_ wäre hätte ich schon um Hülfe gerufen, und Euch den
+Französischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt
+von hier entfernt auf der Straße liegt« entgegnete mürrisch René.
+
+»Hm, wenn das lauter Beweis ist« lautete die etwas mißachtende Antwort
+-- »Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier
+zum nächsten Haus -- gleich am Wasser dran -- wollen was mit Dir
+sprechen.«
+
+»Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte die mich eilig nach
+Hause rufen« sagte René ausweichend.
+
+»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher -- »komm Freund, Du _mußt_ --
+weißt Du, dann kann man nicht anders.«
+
+»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über
+den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine
+Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier
+ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders -- aber _was_
+wollte man von ihm? -- »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen -- »ich
+will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich
+ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und
+muß zu ihr.«
+
+»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen
+daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte -- »soll
+Dir Nichts geschehn, Freund -- blos warten ein Bischen blos warten« --
+und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben,
+gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo
+etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief
+versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag.
+
+René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil
+er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich
+das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben
+wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten,
+und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei,
+daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den
+Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier
+aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je
+eher er sich wieder frei machte, desto besser.
+
+Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und
+die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's
+Arm los und bat ihn hinein zu gehn -- er habe Nichts für sich zu
+fürchten.
+
+»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten
+Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand
+dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber
+ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da
+etwas aus dem Weg zu gehn, sonst --« und er riß das Terzerol, das er
+in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem
+Eingeborenen entgegen -- »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu
+vertreiben.«
+
+»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu
+hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in
+der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah -- »hast Du so was auch
+in der Tasche? -- hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer
+nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts -- schießt Du mich,
+sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.«
+
+»Du nimmst's kaltblütig« lachte René mit einem Blick den inneren Raum
+der Hütte überfliegend. Am andern Ende derselben saßen fünf oder sechs
+Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber
+konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand
+umzog das Haus, und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches
+entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden
+konnte.
+
+»Du hast recht Kamerad -- es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir
+eine Kugel durch den Kopf jagte -- drei Andere wären noch da mich
+aufzuhalten -- aber _Dir_ eben auch nicht. Ihr habt mich in aller
+Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräusch zu
+vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir
+sagt was Ihr von mir wollt _oder_ -- ich gebrauche doch hier diese
+Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls
+Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und
+weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?«
+
+Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten
+in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen
+würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem Geschütz herrührend
+verwechselten; jedenfalls mußte ihnen diese Drohung wichtiger als die
+erste dünken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander,
+ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.
+
+»Du willst nicht bei uns bleiben?« frug der Eine ihn jetzt.
+
+»Gutwillig nicht -- Ihr sagt mir denn sonst weshalb.«
+
+Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die leise und flüsternd
+geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für René, als
+er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der
+That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit
+der Stämme aber -- vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt
+auffällig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen
+direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden ließ, weil sie wohl
+fühlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste
+vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben
+und Tod, schien hier zu René's Gunsten zu sprechen.
+
+»Wir wollen Dir kein Leides thun« sagte der eine Insulaner, der Einzige
+der im Licht stand, dessen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und
+der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mußte -- »unser
+Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das
+nicht willst magst Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu Nacht
+essen -- Du sollst nicht sagen können daß wir Dich in eine unserer
+Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.«
+
+René lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und
+doch lag aber auch wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es,
+vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht
+abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in
+der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das
+Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert
+ziehn zu lassen.
+
+»Ich verspreche Dir das« sagte der Eingeborene, »und zum Beweis daß ich
+Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thür offen -- wir
+halten Dich nicht mehr -- aber« setzte er dann etwas leiser und mit
+einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu -- »wenn Du Freund von Kanaka
+bist, wirst Du's beweisen können heut'.«
+
+»Gut denn« lachte René, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die
+Tasche zurückschiebend -- »so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn
+daß ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mögt, Ehre mache.«
+
+Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Männer und den
+feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurückgezogen
+hatten in den entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die
+friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer
+noch schüchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die
+Männer zuriefen »den Tisch zu decken.« Schon bereit gehaltene Blätter
+wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen
+für die Neugekommenen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet
+saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod
+entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern
+gehangen, sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht die
+aufgetragenen Speisen zu beseitigen.
+
+Und René war der Fröhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz
+vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine
+Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und
+Umgebung, jeden trüben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das
+leichte fröhliche Blut, das seinem ganzen Körper jene unendliche und
+nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem
+Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er
+auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge sah.
+
+Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte
+sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen
+Hibiscusblätter trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte jetzt,
+aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten,
+denn er war nicht immer gewohnt bei den _civilisirten_ Indianern Treu
+und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber
+öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem
+Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht
+als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten
+hätte, verließ er das Bambushaus -- kopfschüttelnd dabei, was das
+räthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten
+gehabt.
+
+Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder unter sich, zu dem er sich,
+am Ufer des Baches nieder, hatte hinunterfühlen müssen, als er so rasch
+den Heimweg antrat, als ihn seine Füße tragen wollten. Weshalb hatten
+ihn die Insulaner aufgehalten? und stand das am Ende gar in irgend einer
+Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches fatales
+Gefühl, und das gespannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen
+Angriff nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er
+ging, den, zwar sehr betretenen, aber doch schmalen und dunklen Pfad
+entlang, der ihn zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann
+durch den noch düsterern Grund eines mit Wi- und Mapebäumen besetzten
+Thales führte. Mit diesem Thal näherte er sich aber mehr und mehr dem
+eigenen Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die Büsche
+schimmern zu sehn, als er plötzlich durch ein etwas barsches und gar
+nicht weit entferntes »~Qui vive!~« fast erschreckt und in seiner Bahn
+gehemmt wurde.
+
+»Hallo Kamerad« sagte er aber lachend, sobald er die Antwort gegeben und
+durch den hier so dicht bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt
+so weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches konnte
+vorgefallen sein -- »Ihr liegt ja hier förmlich im Hinterhalt und
+könntet nervösen Personen den Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so
+plötzlich angeschrien würden; aber lieb ist mir's daß ich Euch hier
+finde.«
+
+»Habt Ihr irgend etwas gesehn?« frug der Soldat rasch.
+
+»Gesehn? -- nein« sagte René nach kurzem Bedenken, er wollte nicht als
+Ankläger gegen die sich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen
+auftreten, »aber paßt gut auf, Kamerad -- Ihr habt es mit listigen und
+der Waldwege gewohnten Burschen zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen
+sollten in späterer Zeit.«
+
+»Hat Nichts zu sagen« lachte der junge Soldat, »meine Augen sind frisch,
+Kamerad, und mein Gehör so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht
+mir Nichts -- aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier auf der Wacht einen
+gewaltigen Freundschaftsdienst erweisen, wenn Ihr's nämlich bei Euch
+führt.«
+
+»Und das wäre? von Herzen gern wenn ich's kann.«
+
+»Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den
+Strand postirt ist, sein Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht
+eine Pfeife voll Taback zwischen uns -- alle fünf -- wenn Ihr nur die
+geringste Quantität --«
+
+»Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade,« sagte René freundlich,
+»aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt
+Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, steht er Euch gern zu
+Diensten.«
+
+»Ich selber darf nicht vom Posten« rief der Soldat fröhlich, »aber ich
+geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch
+Aussicht auf eine Pfeife« -- und rasch der vielleicht zwanzig Schritt
+vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend rief er von dort einen der da
+drin auf der Matte schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den
+Landsmann zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen.
+
+René war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort schnitt ein
+ihm wohlbekannter, etwas näherer schmaler Fußpfad durch ein weites
+unbebautes und mit hohen Cocospalmen bewachsenes Grundstück nach seinem
+eigenen Garten hinüber, der von hier kaum mehr wie fünf- oder
+sechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge
+Französische Soldat, ohne es selbst der Mühe werth zu halten sein Gewehr
+mitzunehmen, begleitete. Die Insulaner hatten sich bis jetzt nicht
+allein so friedlich, nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, daß
+keiner der Soldaten an einen Zusammenstoß mit ihnen auch nur dachte.
+All' diese Vorsichtsmaßregeln, besonders die am Strand hin aufgestellten
+einzelnen Posten galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern sollten
+einzig und allein dazu dienen die Mannschaft der im Hafen liegenden
+fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die
+Eingeborenen, was man besonders von den Engländern fürchtete, nicht
+allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch
+Waffen und den fast für den Frieden der Küste ebenso gefährlichen
+Branntwein zuzuführen.
+
+Rasch und schweigend, René voran, waren sie den Pfad entlang
+geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut
+hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die
+Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand
+darauf gelegt hinüber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und
+gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer
+schweren Last, rasch aber geräuschlos vom Strande aufwärts, dicht unter
+den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun lag
+allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen
+einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen
+eingeladen, also auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief
+einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da?
+-- was trugen sie?
+
+»Was ist da?« flüsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts
+sehen konnte, aber ein Geräusch zu hören glaubte, »irgend etwas
+Verdächtiges?«
+
+»Verdächtiges? -- ja« flüsterte René zurück -- »ich kann nur noch nicht
+recht daraus klug werden -- bst --« sagte er plötzlich, den Arm des
+Soldaten fassend, »da kommt noch Einer.« Dieser glitt etwas weiter nach
+vorn, und deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht
+irgend etwas ausgeführt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm
+im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem
+zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch René nicht
+glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber
+beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier
+draußen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflüsternd daß er
+hinüberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu
+untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der
+letzte Träger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise über die
+Fenz, und glitt rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während der
+Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als
+er wieder Schritte vom Wasser herauf hörte, so still wie er konnte
+zurückzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise
+noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten
+alarmirt worden war, herbei zu holen.
+
+ * * * * *
+
+An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck,
+eine besondere Thätigkeit geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich,
+wer das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das kaum hätte vermuthen
+dürfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schläfrig herum, oder
+stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn
+oder eine zersprengte Weveling[F] auszubessern, höchst aufmerksam jedoch
+stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo
+dann jedesmal das Klopfen und Hämmern in seinem Bauch schwieg, und Mac
+Rally vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte,
+nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte.
+
+ [F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen.
+
+Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck -- die Leute
+beschäftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem
+Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen
+Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn.
+Hoch postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordseit,
+diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die
+Aussicht auf sein Deck, die überdies in der rasch einbrechenden
+Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu
+war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene
+Matrosenwäsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier
+Fässer waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen
+umwunden, um, sobald die Nacht vollständig eingebrochen sei, über Bord
+gelassen zu werden.
+
+Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem
+von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wünschen können, das in nichts
+Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen
+Munition, wie eben so viele Säbel, an den durch den Iren selber
+bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wußte daß die Küste an diesem
+Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes
+Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen können, waren die Waffen in
+gewöhnliche Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet worden,
+und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, daß
+sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend,
+schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als sie zu
+steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben
+waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender
+Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in der That nur durch einen
+ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserfläche
+unterschied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen
+auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden.
+Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die
+Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die
+Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten
+Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch
+dessen Garten die Fracht geschafft werden mußte, entfernt oder für ihr
+Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan
+selber, das zweite Mr. Noughton -- wie er sagte »_durch seine
+Freunde_« -- übernommen.
+
+Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich
+regelmäßig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am
+Strand eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf
+der harten sandigen Fläche auf und ab. Mißtrauisch wohl manchmal nach
+Westen hinüberschauend, wo über den scharfzackigen Kuppen von Imoe
+schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon
+eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende
+prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit,
+und nicht satt sehen konnte er sich an den weißen schäumenden Massen,
+die in dumpfem Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's Neue mit
+ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen
+Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen
+über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschüttelten
+Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leise Plätschern
+des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel
+und das Wasser weiter und weiter nach See zurückwich -- es war ihm froh
+und leicht um's Herz, und fast vergessend daß er hier eigentlich her
+postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht
+gehörender, feindlicher Körper, summte er sich doch ein munteres Lied
+und athmete die kühle würzige Luft ein -- der Brust ein herrliches
+Gefühl nach dem schwülen dumpfigen Tag.
+
+In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenstreif
+der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten
+schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es
+scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter
+und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie
+oben stehn; -- so nicht fünfzehn Minuten später hüllt wirkliche Nacht
+die Erde ein, während noch der hellere Streif im Westen die Stelle
+kündet wo die Sonne kaum verschwunden.
+
+In der kurzen Dämmerung die dem scheidenden Tage folgte, war es, als ein
+Seemann, wenigstens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein
+rothseidenes Tuch eingeknüpften Bündel am Strande suchend heraufkam, und
+seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von
+dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerst bemerkt
+als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf
+ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe, besonders der
+Englischen, streiften in der ganzen Nachbarschaft umher und mußten doch
+alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendschuß Papetee wieder verlassen
+haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe zurückgekehrt zu sein; es war
+Zeit daß der Mann dorthin aufbrach, er verpaßte sonst die Stunde, und
+konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen Hängematte, in dem
+Französischen Wachthaus zubringen -- eine Abkühlung für die Freuden des
+Tages.
+
+Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach Papetee zurückzuwollen,
+denn langsam am Ufer hinschlendernd, wobei er sich der Schildwacht mehr
+und mehr näherte, blieb er manchmal stehn und erwartete jedenfalls ein
+Boot von See her, das vielleicht versprochen hatte ihn hier abzuholen.
+So wenigstens erklärte sich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes.
+
+Endlich mußte dieser -- und es war fast dunkel indessen geworden -- zu
+einem andern Entschluß gekommen sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie
+ärgerlich und ungeduldig mit dem Fuß, und schritt dann, dabei alle
+möglichen Englischen Flüche in den Bart murmelnd, gerade auf den
+Franzosen zu, der jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die
+einbrechende Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte, zu sehen
+was der Bursche von ihm wolle.
+
+»Hallo Mate«[G] redete er den Soldaten in breitem Irisch an, als er in
+Sprachnähe etwa herangekommen -- »kein Boot gesehen hier, seit Du da
+stehst und die Muskete spazieren trägst?«
+
+ [G] Kamerad.
+
+»~Je ne comprends pas, camarade~« lachte der Franzose, mit dem Kopf
+schüttelnd.
+
+»Wer ist todt?« frug der Ire, mit komischem Ernst den Franzosen erstaunt
+ansehend.
+
+»~Je ne comprends pas -- rien du tout -- notting!~« erwiederte aber die
+Wacht halb mürrisch über die wiederholte Frage, und das einzige
+Englische Wort verunstaltend, das sie vielleicht konnte -- »geh hinunter
+nach Papetee -- bis Du hinunter kommen kannst wird der Abendschuß
+gefeuert, und nachher sitzest Du da.«
+
+»Ahem« nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von dem Allen verstand --
+»er wird's wohl nicht haben ändern können. Aber verdammt, das ist
+langweilige Arbeit, wenn der Bursche auch kein Wort Englisch versteht --
+wie mach' ich ihm da begreiflich was ich will -- ist doch horndummes
+Volk die Wi-Wis.«
+
+»~Prenez garde!~« rief der Posten drohend, der die letzten nur zu gut
+gekannten Sylben wohl verstanden hatte, und sich denken konnte daß der
+Fremde ärgerlich darüber sei sich nicht ausdrücken zu können und für
+sich schimpfe -- »wahr' Dich wie Du das Wort hier brauchst Kamerad.«
+
+»Dann versteht Ihr vielleicht die Landessprache« rief Jim O'Flannagan,
+denn er war es, jetzt rasch -- »auf Tahitisch wär' es wenigstens eine
+Aushülfe.«
+
+»Tahitisch nicht gerade« antwortete der Franzose ihm in einem anderen,
+aber doch verständlichen Dialekt -- »ich bin fast ein Jahr auf den
+Marquesas-Inseln gewesen, und es hat Aehnlichkeit -- aber was wollt
+Ihr?«
+
+»Mein Boot, Mate« brummte der Ire, »mein Kamerad hat versprochen mich
+hier abzuholen, und jetzt läßt er mich sitzen.«
+
+»Nebenan ist heute ein Canoe angefahren« sagte der Franzose.
+
+»Hol' die Canoe's der Teufel« knurrte Jim -- »wenn man am festesten
+sitzt, klappen sie um manchmal, wie die Taschenmesser -- nein eine
+ordentliche reguläre Schiffsjölle mit rothem Segel -- nichts gesehn,
+Kamerad?«
+
+»Nicht die Probe.«
+
+»Verflucht« brummte der Ire, »aber kommen _muß_ er noch, denn er darf
+nicht ohne mich an Bord zurück -- Wollt Ihr mir einen Gefallen thun,
+Kamerad?«
+
+»Und der wäre?«
+
+»Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bündel hier einen Augenblick
+herzulegen? ich traue dem rothen Gesindel nicht recht, ich habe Geld
+d'rin.«
+
+»Warum nimmst Du's nicht lieber mit?« frug der Posten.
+
+»Ich muß doch hierher wieder zurück, wenigstens noch einmal nachzusehn
+ob das Boot nicht kommt -- nachher geh' ich die Straße hinunter in die
+Stadt.«
+
+»Und kommst zu spät zum Abfahren.«
+
+»Bin bekannt dort« lachte der Andere -- »im schlimmsten Fall find' ich
+Nachtquartier -- ich bin gleich wieder unten,« und ohne eine halbe
+Einwendung des Franzosen dagegen weiter zu hören, legte er sein Bündel
+gleich neben den Stamm einer dicht am Strand stehenden Palme, deren
+faserige Wurzeln von dem Wellenschlag vollkommen bloß gespült waren, und
+schritt in das Gebüsch hinein, das dort allerdings der Straße zuführte.
+
+»Diable« brummte aber auch seinerseits der Posten, »giebt einem da
+Aufträge ohne weitere Umstände -- werde mich aber verwünscht wenig um
+sein Tuch kümmern. Boot? -- ein Boot darf mir jetzt gar nicht mehr
+landen nach Dunkelwerden; verdammt unverschämtes Volk diese Englischen
+Matrosen.« Und wie den Aerger zu verjagen setzte er pfeifend wieder
+seine Wandrung am Strande auf und nieder fort.
+
+Jim war aber nicht nach der Straße hinaufgegangen, sondern mit jedem
+Fußbreit Boden, den er den Tag über genau recognoscirt, vollkommen
+vertraut, in den Büschen, zwischen dem Posten und der oben aufgestellten
+Wache durchgeschlichen, und einer etwas weiter oben auslaufenden
+Korallenspitze zugeeilt, wo man allerdings, der fast bis an die
+Oberfläche reichenden Korallen wegen mit einem Boote nicht landen, die
+schmale Durchfahrt aber innerhalb der Riffe, desto besser übersehen
+konnte. Dort lag er, bis er vom Wasser aus das verabredete Zeichen der
+vorbeitreibenden Fässer erhielt, deren dunkle Umrisse er von hier aus
+kaum im Stande war zu unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben
+sie so viel weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu
+fürchten, sobald nur das Ausladen geräuschlos genug betrieben wurde.
+
+Vollkommen befriedigt über das was er gesehn, lag er noch einige Minuten
+still, das eigenthümliche Floß mit seinen dunklen Geleitern erst etwa in
+einer Höhe mit der Schildwacht zu lassen, kroch dann den Weg den er
+gekommen zurück, und ging nun, in den Büschen wieder angelangt, und
+durch diese mit einigen halblauten, für das Ohr des Posten bestimmten
+Flüchen durchbrechend, gerade wieder auf die Palme zu wo sein Bündel
+lag.
+
+»Kein Boot gekommen?« frug er hier, dicht bei dem Französischen Soldaten
+stehn bleibend, nahm dabei eine Cigarre aus der Tasche, schlug mit Stein
+und Stahl Feuer und zündete sie an.
+
+»Nein« sagte der Soldat, dem der Tabacksqualm gut roch, der aber den
+Engländer nicht deshalb anreden mochte -- »jetzt wär's auch zu spät, ich
+dürft' es gar nicht mehr an's Ufer lassen.«
+
+»So hol's der Böse, ich komme auch ohne es an Bord -- eine Cigarre
+Kamerad?«
+
+Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei nach dem Wasser hinüber;
+sein scharfes Ohr hatte von dorther ein Geräusch entdeckt.
+
+»Danke« sagte der Franzose, die Cigarre nehmend und an der des Iren
+entzündend -- »Taback -- schmeckt -- prächtig -- wenn -- man --«
+
+»Hat sie keine Luft?«
+
+»Danke -- geht schon -- wenn man ihn lange nicht gehabt hat -- so,
+danke.«
+
+»Hm« sagte der Ire, sein Bündel wieder aufnehmend, er that dabei langsam
+ein paar Schritte an der Wache vorbei und blieb dann wieder stehn.
+
+»Gute Nacht Kamerad« sagte der Franzose.
+
+»Gute Nacht -- hm, ja -- gute Nacht Mate« entgegnete Jim -- das Floß
+hätte jetzt schon gut an Ort und Stelle sein können, und doch war's ihm
+immer, als ob er ein verdächtiges Geräusch gerade gegenüber auf dem
+Wasser höre; hinaushorchen durfte er aber auch nicht, sonst wäre der
+Posten ebenfalls darauf aufmerksam geworden. Er _mußte_ noch einen
+Augenblick zögern, und drückte sein Cigarrenfeuer zwischen den Fingern
+aus, that dann ein paar Schritte, blieb stehn, zog wieder, und wollte
+eben zurückgehn den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieser sagte:
+
+»Da draußen wird Euer Boot kommen -- mir war als ob ich etwas auf dem
+Wasser hörte.«
+
+»Das wäre der Teufel« brummte Jim in Englisch, setzte dann aber sogleich
+auf Tahitisch hinzu: »würden jetzt schwerlich glauben daß ich noch hier
+bin -- wird wohl ein Fisch gewesen sein.«
+
+Der Soldat horchte.
+
+»Dürft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer bitten« sagte Jim wieder zu
+ihm tretend.
+
+»Gern -- wahrhaftig da war wieder etwas.«
+
+»Es sind hier viel Purpoisen im Wasser und machen dann immer einen
+merkwürdigen Spektakel.«
+
+»Das war kaum ein Fisch« sagte der Soldat, jetzt vollständig alarmirt
+und sich niederkauernd, besser über die Fläche sehn zu können, ob er
+nicht doch vielleicht durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke
+-- »müßte mich sehr irren, wenn das nicht wie eine Menschenstimme klang.«
+
+»Vielleicht Fischer die noch draußen sind« sagte der Ire, sich jetzt
+ebenfalls niederkauernd, dem was man hörte Form abzugewinnen, in der
+That aber dem Soldaten, falls dieser wirklich laut werden wollte, so nah
+als möglich zu sein.
+
+»Ruft doch einmal Euer Boot an« sagte jetzt der Soldat zu Jim, »da
+werden wir gleich sehen wer draußen ist.«
+
+Das war allerdings richtig, aber daran lag dem Iren Nichts hier Lärm,
+und die Soldaten an der Straße nur ebenfalls aufmerksam zu machen.
+
+»Es kann das Boot nicht mehr sein« brummte er kopfschüttelnd.
+
+»Diable« murmelte der Franzose, »ich glaube wahrhaftig ich sehe dort
+etwas auf dem Wasser -- ruf Kamerad, ich _muß_ wissen was da draußen
+ist.«
+
+Jim konnte sich nicht länger weigern und die Hände trichterförmig an den
+Mund haltend, daß der Schall so wenig wie möglich rückwärts ginge, rief
+er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme:
+
+»Boot ahoy!«
+
+Keine Antwort erfolgte.
+
+»Lauter!« sagte der Soldat.
+
+»Boot ahoy« rief Jim noch einmal, ohne daß sich von draußen irgend etwas
+als Antwort hören ließ; ja es schien eher als ob der Laut das da drüben,
+was es nun auch gewesen, zurückgescheucht habe in die Tiefe, aus der es
+vielleicht gekommen.
+
+»Du rufst gerade als wenn man in einen Topf spricht« brummte der Soldat
+-- »das kann man ja nicht auf fünf Schritt hören.«
+
+»Ich bin heiser« sagte Jim -- »aber es war auch jedenfalls ein Fisch --
+jetzt ist Alles wieder todtenstill.«
+
+»Vielleicht -- vielleicht auch nicht, -- da ist's wieder! ~qui vive!~«
+rief er dann mit lautem, kurz abgestoßenem Ton über das Wasser hinüber,
+»Teufel wenn Du mir da drüben nicht antwortest, schick' ich Dir eine
+Kugel hinüber.«
+
+Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand lautlos nicht zwei
+Schritt von dem Franzosen, er sah sich scheu und rasch um, und die linke
+Hand faßte wie krampfhaft das Bündel das sie trug.
+
+»Wenn Ihr denn da drüben nicht antworten wollt, so tragt auch die
+Folgen« brummte der Soldat vor sich hin und spannte den Hahn -- Jim
+stand dicht hinter ihm, seine rechte Hand hob sich und als er sie
+senkte rasselte das Gewehr auf den Sand nieder, und der Körper des
+unglücklichen Franzosen brach lautlos zusammen.
+
+»Hast's nicht anders haben wollen« sagte der Mörder dumpf vor sich hin
+und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in
+seiner Tasche nach etwas gesucht -- er zog aber die Hand wieder zurück
+und lächelte unheimlich: »er braucht keinen Knebel mehr; 's giebt doch
+nichts besseres auf der Welt als solche Schlingenkugel für derlei Arbeit
+-- was für einen sanften Tod der Schuft gestorben ist. Aber nun Kamerad,
+Dein Gewehr und Patrontasche -- das Seitengewehr hilft Dir auch nichts
+mehr, und hier oben können wir's vielleicht brauchen.«
+
+Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, dann noch einen
+Augenblick nach dem Wasser hinüberhorchend zog er die Leiche unter einen
+Busch, wo sie wenigstens nicht vor Tag entdeckt werden konnte, griff
+sein Tuch und die erbeuteten Waffen auf, und glitt am Strande hin der
+Stelle zu wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen
+ebenfalls anlegen sollte. Den Boden stampfte er aber vor Wuth, als noch
+keine Spur von den versprochenen Fässern sichtbar war, und die kostbare
+Zeit verfloß indeß in unverantwortlichem Warten. Schon wollte er wieder
+zurück am Strande, ob er weiter oben Nichts erkennen könne, als ein
+leiser leiser Pfiff, mehr wie das Zischen eines Seevogels, vom Wasser
+herübertönte.
+
+»Endlich« knurrte der Seemann, die Zähne fest zusammenbeißend und wie er
+den Ruf kaum, eben so vorsichtig, beantwortet, kam auch schon im
+Fahrwasser das lange Floß mit den Schwimmern heran. »Wo zum Teufel habt
+Ihr so ewig lang gesteckt?« fluchte hier Jim ihnen entgegen, »glaubt Ihr
+daß sie uns die ganze Nacht Raum zu unserer Arbeit geben werden?«
+
+»Wir saßen da drüben auf einer Koralle und konnten nicht wieder
+loskommen« sagte Einer der Eingebornen.
+
+»Und habt einen Skandal gemacht, daß man's hätte in Papetee hören
+können« zürnte der Ire.
+
+»Hat die Schildwacht 'was gemerkt?«
+
+»Euere Schuld wär's nicht, wenn sie's hätte -- aber jetzt fort, heran
+hier mit dem Faß, und nicht länger geschwatzt -- habt Ihr die Säge mit?
+-- so hier, nun sägt die Reifen vorsichtig durch -- halt ich will das
+selber thun -- herauf mit dem Faß hier, und Du mein Bursche läufst über
+den Weg hinauf und holst die Leute herunter die dort versteckt liegen --
+Rasch mit Dir, sie sollen Alle kommen, wir müssen die Fracht in Zeit von
+einer Stunde wenigstens im Busch drinn haben; dort bleibt uns dann die
+ganze übrige Nacht, sie aus dem Weg zu schaffen.«
+
+Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf
+mit einer Anzahl seiner Landsleute zurück, die schon ungeduldig genug
+darauf gewartet hatten abgerufen zu werden, Jim aber sägte indessen mit
+einer seinen scharfen, besonders dazu hergerichteten Säge die hölzernen
+Reifen der Fässer durch, diese zu öffnen, und reichte die schon in
+tragbare Pakete eingeschnürten Gewehre, wie die kleinen Fäßchen Pulver
+rasch hinter einander hinaus. Blei befand sich schon genug an Land, was
+früher zu anderen Zwecken bestimmt gewesen. Vier Fässer waren solcher
+Art in unglaublich kurzer Zeit aufs Trockene gewälzt, geöffnet und
+geleert worden, und selbst von dem fünften hatte Jim schon die Reifen
+herunter, die Dauben mit Hülfe von ein paar Insulanern sorgfältig
+auseinander genommen, und angefangen die Pakete herauszureichen, mit
+denen zwei augenblicklich nach oben liefen, als sie den zurückkehrenden
+René über den freien Platz gleiten und in das Haus verschwinden sahen.
+Einer der Indianer sprang rasch zurück, dem Iren die unwillkommene
+Ankunft zu melden, dieser aber ließ sich nicht irre machen und betrieb
+das Ausladen nur um so schärfer.
+
+»Fort mit Euch -- fort.« flüsterte er rasch und leise -- »in zehn
+Minuten können wir mit unserer ganzen Sache in Sicherheit sein und dann
+mögen sie kommen und spioniren; in die Guiaven folgt uns doch so leicht
+Keiner hinein. Hier meine Jungen, auf mit Euch und davon -- was steht
+Ihr da? -- die Thür? -- fort mit Euch -- so lange das Zeichen nicht -- ha
+Teufel!« unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener
+Warnungsruf zu ihm niederschallte, »da ist wirklich Noth an Mann.«
+
+»Sollen wir noch gerad hinauf?« frug ihn Einer der Leute, der seine Last
+schon auf den Schultern trug.
+
+»Nein, hier rechts hinein« rief Jim rasch, »in des Franzosen Haus da
+neben an ist auch Niemand daheim, und die Fenz hier unten am Wasser hab'
+ich schon niedergebrochen. Dort hinüber und dann gerade hinauf in die
+Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn nur noch zwei Leute unten wären;
+fort -- macht daß Ihr fortkommt -- um Euer Leben.«
+
+Und die Warnung kam nicht zu spät, denn Jim O'Flannagans scharfes Ohr
+hatte schon die herbeieilenden Soldaten entdeckt, die rasch und ziemlich
+laut durch die Büsche traten, während zu gleicher Zeit René in seiner
+Thür erschien. Nur noch zwei Pakete Waffen waren dabei übrig geblieben,
+davon schob er das eine jetzt rasch auf das Deck des kleinen Cutters,
+vielleicht vor anbrechendem Morgen noch einmal Gelegenheit zu bekommen
+es von dort wieder durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen,
+während er selber das andere auffaßte und damit, so rasch ihn seine Füße
+trugen, den letztgegangenen Indianern folgte.
+
+»Halt steh da!« schrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn seine dunkle
+Gestalt war von oben herab gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als
+den weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des Strandes entdeckt
+worden, und drei Kugeln schwirrten zu gleicher Zeit nach ihm hinüber.
+Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den
+scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und seine Last mit
+dem linken Arm nur fester umspannend, während er das dem ermordeten
+Posten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, sprang er mit
+wenigen Sätzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich schwache
+Bambusthür nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine
+Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinanstürmten ihn
+auch dort nicht aufzugeben. Jim aber feuerte hier, theils um sie zu
+schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das
+geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf sie ab, und die
+Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber
+zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich hier, ohne die mindeste
+Aussicht auf Erfolg aussetzten, denn bei Nacht war in einem solchen
+Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain
+vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung wurde auf
+morgen früh mit Tageslicht festgesetzt, bis wohin auch Verstärkung von
+Papetee herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufgefunden werden
+konnte, wenn sie nicht, wie man sie jetzt stark in Verdacht hatte,
+gemeinsame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die
+Berge geflohen sei.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+Consul Pritchards Gefangennahme.
+
+
+Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in kleinen finsteren Trupps mit
+raschen Schritten durch die von der Morgensonne freundlich beschienene
+Stadt. Die Insulaner standen in kleinen Gruppen bestürzt beieinander,
+und die Mädchen liefen neugierig herüber und hinüber, zu sehn und
+horchen was geschehn, was vorgefallen sei, eine so plötzliche
+auffallende Veränderung in dem Benehmen der Fremden zu rechtfertigen.
+Keiner sprach, Keiner lachte mehr mit ihnen; barsch zurückgewiesen
+wurden sie, sobald sie sich ihnen nur näherten, und von den
+verschiedenen Schiffen landete Boot nach Boot, vollgedrängt von
+Bewaffneten, die verschiedene am Strand gelegene und der Königin
+gehörige Bambushäuser in Besitz nahmen, Wachen, ja Festungen daraus zu
+bilden.
+
+Dumpfe Gerüchte verbreiteten sich indeß auch unter den Bewohnern von
+Papetee, die keine Ahnung irgend einer begonnenen Feindseligkeit haben
+konnten. Eine Parthie Waffen war gestern Nacht in Mativai Bai auf
+schlaue Weise an Land geschmuggelt; man hatte nicht allein einzelne
+Stücken, ein Bayonnet und mehre andere Kleinigkeiten an der Straße,
+sondern auch ein ganzes Paket mit Englischen Musketen in einem kleinen
+Cutter der dort vor Anker lag, gefunden, und gegen Morgen noch, wo man
+mit Fackeln nachgesucht, war der Leichnam der überfallenen und
+ermordeten Französischen Schildwache, ebenfalls ihrer Waffen beraubt,
+entdeckt worden. Viele Personen waren deshalb schon verhaftet, auf
+anderen lag schwerer Verdacht, und die herbeigezogene Truppenmasse schon
+allein genügte, die sorglose Stimmung der Eingebornen zu zerstören, und
+ihnen einigermaßen das Verhältniß in seinem wahren und grellen Licht zu
+zeigen, in dem sie zu den fremden Eindringlingen standen, und welche
+Stellung diese, ihnen gegenüber, einzunehmen gedachten.
+
+Was sollte geschehen, was wollten diese von ihnen, und weshalb eine
+Armee in ihre Hütten werfen, die ihnen noch keinen Widerstand geboten,
+und jetzt überall durch die fremden unwillkommenen Gäste unwohnlich und
+beschränkt wurden. Die Häuptlinge traten zusammen und schickten Boten an
+die Missionaire ab, diese um Verhaltungsmaßregeln zu ersuchen; die
+geistlichen Herren fühlten aber daß ihr Regiment, für den Augenblick
+wenigstens, hier ausgespielt sei, und der einzige von ihnen, Mr.
+Pritchard, der sich durch die Flagge seiner Nation geschützt glaubte,
+zürnte offen und frei wie vor gegen die förmliche und muthwillige
+Eroberung, nein nicht einmal Eroberung, sondern einfache Besitznahme
+eines vollkommen friedlichen Landes an, dessen Fürstin sich jetzt nur
+gezwungen einer solchen Gewalt füge und wissen werde sich ihr Recht zu
+wahren, wenn die Zeit dazu gekommen sei.
+
+Die Franzosen kehrten sich aber wenig an Herrn Pritchard; ihre Flagge
+wehte schon von fünf oder sechs occupirten Gebäuden, ihre Soldaten
+durchzogen die Stadt nicht allein, sondern setzten sich an dem obern wie
+untern Theil derselben fest, und Massen von ihnen, die Flinte und
+Seitengewehr so lange ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen,
+fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Insel Motuuta
+Verschanzungen aufzuwerfen, sondern auch, zum unbegrenzten Erstaunen der
+Bewohner von Papetee, Gräben zu ziehn und Erdwälle aufzubauen um die
+Stadt selbst herum, als ob sie sich gegen die Berge und das benachbarte
+Land vor einem Angriff sichern wollten, an den in der That noch wenige
+der Insulaner gedacht, und der ihnen dadurch erst vor die Augen gerückt
+und als möglich und ausführbar gestellt wurde.
+
+Die Französische Regierung aber, oder vielmehr das Französische
+Regiment, das recht gut fühlte wie es bei einem wirklichen Angriff _gut
+bewaffneter_ Insulaner, hier dicht von den Bergen überall
+eingeschlossen, mancher Gefahr ausgesetzt sein könne, suchte gleich im
+Anfang mit durchgreifenden Maßregeln allen solchen Versuchen entgegen zu
+arbeiten, und eine etwaige Empörung im Keim zu ersticken. Strenge schien
+hierbei vor allen Dingen nöthig und den Befehlshabern war deshalb
+besonders daran gelegen die Mörder des Franzosen heraus zu bekommen,
+oder wenigstens ihre Spur zu finden, von der es schon ziemlich bestimmt
+im Französischen Lager hieß daß sie in das Haus eines der
+Protestantischen Missionaire, vielleicht gar des Englischen Consuls
+führen würde. Mr. Pritchard mit seiner offnen und ungescheuten Predigt
+gegen ihre Macht war ihnen überhaupt ein Dorn im Auge.
+
+Zu den ersten Maßregeln des Französischen Kommandanten gehörte es aber
+auch an diesem Morgen René Delavigne verhaften zu lassen, auf dessen
+Grundstück -- ob mit seinem Vorwissen oder nicht mußte die Untersuchung
+erst ergeben -- die Waffen ausgeladen waren und auf dessen, durch ihn
+hingeführten und dort gehaltenen Cutter man noch ein frisch eingenähtes
+Paket Waffen gefunden, das jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen
+liegenden Englischen Schiffe hinüberbefördert und dann während der
+Entdeckung und dem Angriff der Französischen Wache, dort zurückgelassen
+war. Sein spätes Außensein und seine doch sichere Bekanntschaft mit der
+dortigen Oertlichkeit wurde sogar mit der erschlagenen Wache in
+Verbindung gebracht, wobei ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung
+dienen konnte, den Französischen Soldaten selber dorthin geführt zu
+haben, wo sie die Schmuggler entdeckten -- jedenfalls waren die Vorräthe
+zu der Zeit schon in Sicherheit gewesen und die Möglichkeit lag unter
+jeder Bedingung vor, daß ein solcher Schritt, später gerechtfertigt
+dazustehn, ausführbar, ja sogar klug gewesen wäre.
+
+Den Cutter, an dessen Bord man die Waffen gefunden, nahm die Regierung
+ebenfalls in Beschlag, ja er wurde sogar, nicht einmal blos vor der Hand
+in Untersuchung gelegt, sondern gleich ohne Weiteres confiscirt und zum
+Französischen Küstendienst requirirt -- an Wiederherausgeben war gar
+kein Gedanke mehr.
+
+Sadie erschrak, als an dem Morgen, an dem sie gehofft hatte dem wilden
+stürmischen Tahiti den Rücken zu kehren und hinüber zu flüchten in ihr
+friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren Gatten
+fortzuführen; aber rasch gefaßt, und dem Unvermeidlichen sich fügend,
+übersah sie auch bald daß René, vollkommen unschuldig an den Vorgängen
+des letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder dastehn und
+natürlich freigegeben werden würde. Ernstlichere Folgen sah sie nicht
+und konnte sie nicht eine in einer solchen Maßregel sehn. Aber sie
+bezwang sich auch, dem Gatten gegenüber, noch weit gewaltiger, als ihr
+eigentlich zu Sinn war; sie wollte ihn nicht mit schwerem Herzen
+fortgehn lassen, wo er ja gerade Alles gethan hatte sie wieder froh und
+glücklich zu machen, und wenn das nun für den Augenblick noch nicht
+ging, so war das ja nicht seine Schuld sondern -- das Herz schlug ihr
+doch laut und ängstlich wenn sie in diesem Augenblick daran dachte _wer_
+die Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Bewußtsein vermochte sie
+dabei vollständig zu trösten, daß Alles ja nur geschehn wäre ihr
+Vaterland von den Unterdrückern desselben zu befreien, und den
+Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den starken und übermüthigen Feind zu
+schützen.
+
+Nicht allein René wurde aber an dem Morgen verhaftet, sondern auch der
+kleine Mi-to-na-re, der allerdings schon mit Sonnenaufgang einen Versuch
+gemacht hatte das, die ganze Nacht umstellte Haus zu verlassen, von den
+Wachen aber verhindert war und nun mit nach Papetee abgeführt wurde.
+
+»Armer Mitonare« sagte Sadie traurig, als er, aufgefordert der
+Patrouille zu folgen, an jenem Morgen sein Gebetbuch wieder in die linke
+Rocktasche hineinzwängte, und unverkennbar niedergeschlagen sich bereit
+machte dem eben nicht freundlich gegebenen Befehl zu gehorsamen --
+»armer Mitonare ist von seinem freundlichen Atiu hier herüber gerufen um
+Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens Willen.«
+
+Bruder Ezra schüttelte aber mit dem Kopf und sagte, keineswegs zufrieden
+mit der ganzen Begebenheit:
+
+»Glauben? -- der Glauben hat wenig genug damit zu thun -- wir sollen
+_glauben_, Pudenia, und die Wi-Wis wissen Alles gewiß. Glauben -- ja,
+ist ein schönes Ding, aber ein bequemes Haus dabei, und viel Brodfrucht
+-- nicht so in der Welt herumlaufen und das schwere Buch hinten in der
+Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue nicht ein?«
+
+»Wer ist das?« sagte Einer der dabeistehenden Französischen Soldaten,
+der eben genug von dem Tahitischen Dialekt verstand, den Sinn zu
+begreifen, »wo ist der, den Du eben genannt hast?«
+
+»Bodder Aue?« sagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drollen Humors, der
+ihn auch in diesem Augenblick nicht verließ, spielte ihm um die Lippen
+-- »Bodder Aue ist sehr guter Freund von mir auf Atiu -- aber nicht hier
+-- wenn wir ihn haben wollen können wir einen Brief schreiben; gehe
+wieder hinüber, sobald die Feranis keine Brodfrucht mehr für mich
+haben.«
+
+»Fort denn, mein Bursche« sagte der Soldat ärgerlich, »wir haben lange
+genug hier getrödelt,« und während man René noch Zeit ließ, ein paar
+Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben, die er augenblicklich
+abgegeben zu haben wünschte, wurde der kleine braune Missionair, unter
+den Spottreden und Witzen der Französischen Soldaten, die sich über
+seine unsinnige eingezwängte und unpassende Kleidung nicht wenig
+amüsirten, nach Papetee zu abmarschirt. Mitonare nahm aber die Sache
+ungemein kaltblütig -- klemmte seinen linken Rockschoß wieder unter den
+Arm, setzte seinen hohen Hut auf und schritt so ehrbar und ernst
+zwischen den bärtigen Kindern eines andern Landes hin, und grüßte so
+würdevoll die ihn begegnenden Insulaner, von denen ihn Viele kannten und
+lieb hatten, daß sich der Spott der Soldaten endlich auch abstumpfte,
+und sie ihn ungefährdet weiter in das Hauptquartier lieferten.
+
+René blieb übrigens, wie er auch Sadie zu ihrer Beruhigung vorhergesagt,
+nur wenige Stunden in Haft; leicht war es ihm durch seine Freunde zu
+beweisen, wie er wirklich den ganzen vorigen Nachmittag in Papetee
+zugebracht, und erst lange nach Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen
+sei. Dort selber hatte er den Französischen Soldaten mitnehmen wollen,
+als sie die Schmuggler trafen; an eine Mitwissenschaft war nicht zu
+denken. Schwieriger wurde es ihm zu beweisen, daß der kleine Cutter die
+Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort bei sich vor Anker legte,
+und daß er der Mission selber gehöre machte die ganze Sache nur noch
+verwickelter. Es ließ sich kaum denken daß der junge, mit den Officieren
+auf so freundlichem Fuß stehende Franzose etwas Derartiges gegen seine
+Landsleute unternehmen, oder auch nur unterstützen würde, und dennoch
+mochten die Französischen Behörden eine solche Gelegenheit, die Mission
+selber in eine Untersuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt wieder
+entschlüpfen lassen -- wer wußte ob nicht dann, wenn auch selbst nicht
+über diesen Fall, doch manches Andere an den Tag kam. Gern wurde deshalb
+auch die Bürgschaft der Herrn Belard und Brouard angenommen, René
+Delavigne augenblicklich wieder auf freien Fuß zu lassen, mit der
+Bedingung nur, Tahiti nicht zu verlassen, bis eben die Sache streng und
+vollkommen untersucht sei, wozu man sowohl seiner Gegenwart wie seines
+Zeugnisses glaubte benöthigt zu sein.
+
+Nicht so leicht sollte dagegen Bruder Ezra davonkommen, und trotz dem
+Protest der Missionaire, die es als einen Eingriff in ihre Religion
+betrachtet haben wollten einen fungirenden Missionair auf nur flüchtigen
+Verdacht hin seinem Amt zu entziehn, trotz der eben so ernsten
+Reclamation des Englischen Consuls, der in dem Indianer, als aktivem
+Mitglied einer Englischen Missionsgesellschaft, auch einen Englischen
+Bürger zu sehen glaubte oder zu sehen behauptete, behielt man ihn im
+Verwahrsam, und die Antwort die dem Englischen Consul wurde, war: sich
+selber in Acht zu nehmen und von gefährlichen Demonstrationen fern zu
+halten, wenn er nicht gleiches Schicksal -- vielleicht noch Schlimmeres,
+gewärtigen wollte.
+
+Solcher Art standen die Sachen mehrere Tage, die Französischen
+Kriegsschiffe fuhren ab und zu, umsegelten die Insel Tahiti einige Male,
+kreuzten nach Imeo hinüber, und Einzelne davon wurden sogar auf eine
+regelmäßige Expedition beordert, die Französische Flagge nämlich auf der
+Nachbargruppe der Gesellschafts-Inseln, auf Huaheine, Bola Bola, Raiatea
+und den anderen aufzupflanzen, ja man sprach sogar schon davon auch die,
+gerade unter dem Wind liegenden »Cooks-Inseln« zu denen Atiu gehörte, in
+Besitz zu nehmen und hie und da Garnisonen zu lassen. Doch hatten die
+Schiffe für jetzt eben mit der Gesellschaftsgruppe alle Hände voll zu
+thun, und ließen die übrigen Inseln für eine spätere und günstigere
+Zeit.
+
+Indessen waren die Franzosen unendlich thätig in Papetee und der
+Umgegend; feste Blockhäuser zu Kasernen und Gefängnissen wurden mit
+einer Masse von Leuten in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgräben um
+die eigentliche Stadt gezogen, ein tüchtiger Damm als Brustwehr
+aufgeworfen, und Geschütze von den Schiffen an Land gebracht, diese,
+sobald sie nöthig werden sollten gegen den Feind verwenden zu können.
+Auch die kleine Insel im Eingang des Hafens, welche die Haupteinfahrt
+allerdings vollkommen überwacht, wurde mit schwerem Geschütz versehn,
+irgend einem doch vielleicht gefürchteten Angriff der Engländer zu
+begegnen, und das gerade war es was den Insulanern, durch die Europäer
+darauf aufmerksam gemacht, wieder neuen Muth gab, ihre Sache noch nicht
+verzweifelt zu glauben. Beschäftigten ihre Freunde die Beretani's -- die
+übrigens auch hätten etwas früher kommen können -- nur die Schiffe, so
+wollten sie dann schon mit den am Lande befindlichen Wi-Wis -- mochten
+das auch noch so viel sein, fertig werden.
+
+Die Stimmung gegenseitig wurde ebenfalls eine feindlichere von Tag zu
+Tag. Die Eingebornen mußten eine Masse Provisionen und Früchte in die
+Stadt liefern, die man ihnen allerdings vollkommen gut bezahlte; aber
+dies zwang sie zu einer ihnen fremden und unbequemen Thätigkeit, einer
+Thätigkeit die sie nicht einmal gern für sich selber, viel weniger für
+die erklärten Feinde ihres Glaubens und Landes anwenden wollten, und sie
+erkundigten sich vor allen Dingen bei ihren Missionairen, ob sie dazu
+verpflichtet wären den Französischen Soldaten Brodfrucht und Fleisch und
+Früchte und Fische zu Markt zu bringen.
+
+Welche Antwort sie dort erhielten ist nicht bekannt, aber sie weigerten
+sich von da an die verlangten Provisionen einzuliefern, und eine
+Proclamation des Gouverneurs erklärte sie für _Rebellen_.
+
+»Rebellen?« bah, das war Unsinn -- das Wort das sie für Rebellion
+hatten, bezog sich auf eine Empörung gegen ihren Landesherrn und
+Gebieter, nicht gegen einen fremden Wi-Wi, der mit großen Schiffen kam
+und ihnen das Land wegnahm; denn selbst daß Einzelne ihrer Häuptlinge
+die Franzosen ersucht hatten sie zu _beschützen_ konnte ihrer Meinung
+nach die Fremden nicht berechtigen ihre Königin abzusetzen, gegen die
+sie ja gar keinen Schutz verlangt hatten, und ihnen Fremde zu Richtern
+und Distriktsoberhäuptern zu geben. Daß die Wörter »Protektorat« und
+»Besitznahme« dem Französischen Admiral ähnlich genug klangen sie zu
+verwechseln, konnten sie nicht wissen.
+
+Neue Forderungen des Kommandanten um Provision gingen indeß mit der
+scharfen Drohung ein, die ernstesten Maßregeln ergreifen zu wollen, wenn
+dem _Befehl_ nicht Folge geleistet würde, und besonders sollten die
+Häuptlinge, als die Einzigen an die man sich möglicher Weise direkt
+halten konnte, für das Betragen des Volks in diesem Fall verantwortlich
+gemacht werden.
+
+Auch den Missionairen wurde nochmals die, in nicht sanften Ausdrücken
+abgefaßte Warnung gegeben, sich nicht im Mindesten um die politischen
+Verhältnisse der Insel zu bekümmern, wenn sie sich nicht, im
+entgegengesetzten Fall, den unangenehmsten Folgen selber aussetzen
+wollten; ja es wurde ihnen sogar die auch bald darauf in einer
+Proklamation veröffentlichte Drohung verschärft in's Gedächtniß
+zurückgerufen, daß jeder Fremde, der gegen die jetzt bestehende
+Regierung sprechen würde, augenblicklich, und ohne Einspruch von irgend
+einer andern Seite zu gestatten, von der Insel verbannt werden würde.
+
+Mehre der Missionaire, vielleicht ängstlicher als die Anderen, oder sich
+auch möglicher Weise irgend einer Aeußerung bewußt die ihnen das
+Mißfallen der jetzt mächtigen Franzosen zuziehen konnte, verließen
+Papetee und gingen theils nach Imeo theils nach Bola-Bola oder Huaheina
+hinüber; die meisten blieben aber auf ihrem Posten, fest entschlossen
+dem fremden Einfluß unverdrossen, und so viel nur irgend in ihren
+Kräften stand, entgegenzuarbeiten, mochten die Folgen dann ausfallen wie
+sie wollten.
+
+Der neue Aufruf an die Häuptlinge veranlaßte diese wieder sich an die
+Königin zu wenden, und von ihr Verhaltungsmaßregeln einzuholen, was sie
+thun, wie sie handeln sollten. Pomare aber, obgleich keineswegs gewillt
+sich zu unterwerfen, war doch auch wieder durch die Flucht so vieler
+Missionaire und die Warnungen der Uebrigen nicht zu weit zu gehn, ehe
+sich England nicht entschieden hätte, zu sehr eingeschüchtert worden,
+und gab ausweichende Antworten, ja verwies die an sie abgesandten
+Häuptlinge sogar an den Consul Pritchard, und da dieser erklärte in
+seiner Stellung -- was auch seine Privatmeinung sein möge -- der Königin
+nicht officiell beitreten zu können, bis er Verhaltungsbefehle von
+London habe, an den Missionair Rowe.
+
+Diesen aber weigerten sich die Häuptlinge (wenigstens die Mehrzahl
+derselben, denn Einzelne, mit Aonui an der Spitze, verlangten keinen
+bessern Wegweiser für ihr Verhalten) als Führer anzunehmen; Fanue vor
+allen Andern schwor, sie hätten lange genug unter dem Regiment der
+Priester gestanden, und das gerade sei ihr Fluch gewesen von je her. Er
+verlangte deshalb auch eine Zusammenkunft der Ersten des Volks, wo sie
+die Befehle ihrer Königin einholen und das Beste des Landes, das jetzt
+gerade ihr Zusammenstehn am Meisten fordere, berathen konnten.
+
+Diese, den Interessen der Franzosen geradezu entgegenlaufende Maßregel
+wurde vom Consul Pritchard auf das lebendigste unterstützt; er
+behauptete das Volk habe ein Recht über sein eigenes Wohl zu sprechen,
+das eine fremde Nation, sie möge es so gut mit ihm meinen wie sie wolle,
+gar nicht verstehen könne, viel weniger die Französische und er redete
+der Königin zu darein zu willigen, ja suchte sogar den Capitain des
+kürzlich eingelaufenen Dampfers Cormorant dafür zu gewinnen, den
+Häuptlingen den Schutz seines Dampfers zu einer freien Besprechung zu
+gestatten, damit sie am Land nicht vielleicht durch überall
+umherstreifende Truppen gestört, oder gar aufgehoben wurden.
+
+Die Französischen Officiere bekamen noch an dem nämlichen Abend Kenntniß
+von dieser Absicht, und trafen ihre Maßregeln den Feind, der ihnen
+vielleicht gefährlich, jedenfalls aber höchst unbequem war, so rasch als
+möglich unschädlich zu machen.
+
+Am andern Morgen war ein Placat an den Ecken angeklebt, worin die
+Eingebornen gewarnt wurden sich durch irgend Eines Rede gegen die einmal
+bestehende Obrigkeit aufzulehnen, während man Alle mit den härtesten
+Strafen bedrohte, die etwas Derartiges in, den Franzosen feindlichem
+Interesse, unternehmen sollten. Namen waren nicht dabei genannt, aber
+das Ganze so entschieden gehalten, daß selbst Bruder Rowe fühlte sie
+seien, für jetzt wenigstens, an einer Grenze ihrer Thätigkeit angelangt,
+und würden wohl thun sich entweder für eine Zeitlang von dem Schauplatz
+Französischer Herrschaft zu entfernen, oder doch wenigstens die Sache,
+die sie nicht mehr aufhalten konnten, ihren ungehinderten Gang gehn zu
+lassen, damit sie nicht zu Schaden kämen.
+
+Das Nähere darüber mit dem Consul Pritchard zu besprechen, suchte er
+diesen auf, und fand ihn schon vollständig angezogen, mit auf dem Rücken
+gekreuzten Armen mit großen Schritten in seinem Zimmer auf- und
+abgehend; eine Einleitung wurde ihm übrigens schon durch dessen Anrede
+erspart.
+
+»Sie kommen mir zu erzählen, daß die Franzosen freundlich unserer an den
+Straßenecken gedacht haben?« sagte er, mit einem eigenthümlichen Lächeln
+um die feingeschnittenen Lippen vor ihm stehen bleibend.
+
+»Allerdings Bruder Pritchard« erwiederte Mr. Rowe mit in die Höhe
+gezogenen Augenbrauen und gefalteten Händen, »die Sache wird bedenklich,
+und diesen tollen Papisten gegenüber, die nun einmal keine andere
+Autorität auf und über der Erde anerkennen, als ihre Waffen, wäre es
+allerdings an der Zeit auf einen anständigen Rückzug zu denken. Ich
+fürchte besonders daß gerade Sie dabei gefährdet sind.«
+
+»Bah, bah« sagte der frühere Geistliche, den die Missionaire noch gerne
+»Bruder« nannten, verächtlich -- »was können, was _dürfen_ sie mir thun?
+-- ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe nur das gesagt was
+ich, nicht allein als Consul ihrer Britannischen Majestät, nein auch
+als Mensch verantworten konnte, und sie mögen sich ärgern darüber, aber
+sie dürfen nicht wirklich etwas anderes gegen mich unternehmen, als
+vielleicht -- was wahrscheinlich geschehen wird -- von meiner Regierung
+verlangen daß sie mich abberuft; statt dem Befehle kommt dann vielleicht
+eine Flotte.«
+
+Mr. Rowe schüttelte bedenklich mit dem Kopf.
+
+»Ich habe mich selber« sagte er, »früher solchen phantastischen Träumen
+hingegeben, und auch mein Möglichstes, selbst bis noch auf die neueste
+Zeit gethan, diesen Glauben bei den Insulanern aufrecht zu erhalten, muß
+aber doch gestehn daß ich jetzt anfange mißtrauisch gegen meine eigenen
+Prophezeihungen zu werden, die unsere Regierung keineswegs, nicht einmal
+mehr durch eine einfache Demonstration zu unterstützen scheint. Seit der
+würdige Capitain des Talbot diese Ufer verlassen hat thun diese
+nichtswürdigen Feranis vollkommen ungehindert was ihnen eben gut dünkt,
+und einzelne Kriegsschiffe unserer Nation, von denen wir immer
+gesprochen, kommen, sehen sich die Sache an, hören auch, geduldig oder
+ungeduldig was wir ihnen zu klagen haben und -- segeln einfach wieder
+aus der Bai, ohne selbst einmal Joranna zu sagen. Ich kann wohl gestehn
+daß die Bibel von Alt-England hier zum ersten Mal auf eine höchst
+befremdende Weise im Stich gelassen wird, während es uns selber in die
+größte Verlegenheit bringt, einestheils die zu unserer eigenen Erhaltung
+nöthigen Schritte zu thun, und andrerseits auch wieder unserem Grundsatz
+treu zu bleiben, und uns nicht in die politischen Verhältnisse des
+Staates in dem wir freundlich aufgenommen wurden, zu mischen.«
+
+»Da kommen wir auf den faulen Fleck« sagte der Consul finster, seine
+Hände ineinander reibend und seinen Spaziergang im Zimmer wieder
+beginnend, in dem er nur manchmal bei der Bestärkung irgend eines
+Satzes, vor dem Missionair stehen blieb und ihn auch wohl leise bei
+einem Knopf faßte -- »es ist das alte Sprichwort: »wasch mich und mach'
+mich nicht naß -- wir haben stets etwas darin gesucht mit etwas zu
+prahlen, das an und für sich ein Unding ist, und Sie werden mir bezeugen
+können wie ich selber mich von je dagegen aufgelehnt. Als Missionair bei
+einem vollkommen uncivilisirten Volke _muß_ ich mich auch mit den
+politischen Verhältnissen desselben beschäftigen, ich muß sie ordnen und
+sichten, ich muß die bestehenden Gesetze, so weit sie mit dem
+Christenthum vereinbar sind, diesem anpassen; ich muß die Strafen in dem
+Verhältniß bestimmen, wie es uns von der Heiligen Schrift angegeben
+wurde, und das ist die Stelle wo die Religion in die Politik eines
+Landes, in dem ich eine Gleichstellung vor dem Gesetz fordere,
+hineingreift und hineingreifen muß, wenn unsere ganze Arbeit nicht eben
+eine vergebene soll gewesen sein. Dabei ist es hier nicht wie in einem
+civilisirten Staat, wo die Gesetze nur brauchen gegeben zu werden um in
+Kraft zu treten durch die bestimmten Executoren derselben, wir müssen
+sie hier auch in Kraft _halten_, und das können wir nur wenn der Einfluß
+nicht nachläßt, den wir, _durch_ unsere Stellung gerade als Lehrer und
+Gesetzgeber, auf die Häuptlinge ausüben. Wir sind nun einmal ihnen an
+Geist überlegene Geschöpfe, denen die Regierung zusteht, ob wir hier auf
+diesem Boden geboren sind und ihre Farbe haben oder nicht.«
+
+»Damit kommen wir aber nicht durch« sagte Mr. Rowe kopfschüttelnd --
+»sobald wir das offen bekennen schreien sie Zeter über uns, und nennen
+es einen Mißbrauch den wir mit der Heiligen Schrift, irdischen Ehrgeizes
+und Gewinns wegen trieben. Selbst andere Nationen würden sich dann in
+das Missionswesen mischen, und gleich von vornherein protestiren oder
+gar störend dazwischen treten, wo fromme Männer das Kreuz hintrugen und
+das Gesetzbuch aufschlugen.«
+
+»Fremde Nationen mischen sich doch hinein« sagte der Consul, »wie wir
+den Beweis hier haben, und wer weiß ob Frankreich je so entschieden
+gegen diese Indianische Königin auftreten dürfte, hätten wir die Sache
+gleich von vornherein in die Hand genommen als Gesetzgeber und Richter.
+Von uns konnten sie wenigstens einen Schadenersatz für die papistischen
+Priester nie erpressen, und das Land wäre dann nicht verantwortlich
+dafür gewesen. Doch sei dem wie ihm sei,« fuhr er rascher fort, »das ist
+vorbei, und jetzt bleibt uns Nichts weiter zu thun übrig, als die Sache
+auch ernst und männlich durchzuführen.«
+
+»Wie aber, wo wir nicht die Gewalt in Händen haben?« frug Mr. Rowe, »der
+Cormorant liegt wieder da draußen, als ob er blos hergeschickt wäre eine
+Ladung Perlmutterschaalen und Cocosnußöl abzuholen, keineswegs aber, als
+ob hier die Interessen Englischer Bürger und die Rechte der Heiligen
+Schrift unter die Füße getreten würden, und uns selber sind die Hände
+total gebunden.«
+
+»Ich hoffe viel von der möglichen Einigkeit der Häuptlinge« sagte der
+Consul, »wenn zu keinem anderen Zweck, imponirt es den Franzosen und wir
+gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir für einen solchen Gewaltschritt des
+Feindes feste Hülfe zugesagt und versprochen -- er wird uns, _kann_ uns
+nicht im Stich lassen.«
+
+»Und willigt der Capitain des Cormorant ein, die Versammlung der
+Häuptlinge an seinem Bord zu halten?«
+
+»Ich habe schon die halbe Zusage, und will eben hinüberfahren die Zeit
+genau zu besprechen.«
+
+»Nehmen Sie sich in Acht, Bruder Pritchard« sagte aber der Missionair
+ernst, »daß Ihnen der Franzose nicht doch noch, trotz aller Autorität,
+einen Stein in den Weg legt; das Anheften der Plakate hat auf mich einen
+höchst ungünstigen, niederstimmenden Eindruck gemacht; ich kann mich
+irren, aber es kam mir vor wie eine Vorausentschuldigung gegen einen Akt
+der Gewalt; die Leute sind wirklich zu Allem fähig.«
+
+»Aber klug genug zu wissen wie weit sie gehn dürfen, England gegenüber.«
+
+»Wie weit?« sagte Bruder Rowe achselzuckend, »das ist eine sehr
+unbestimmte Größe, auf die ich mich, für meine eigene Person, gerade
+nicht verlassen möchte; aber Sie sind gewarnt, und werden am Besten
+wissen was Sie zu thun haben. Apropos, haben Sie Nichts von Bruder Ezra
+gehört und was über ihn beschlossen ist? Ich habe mir die größte Mühe
+gegeben, zu ihm zu gelangen, bin aber immer hartnäckig abgewiesen.«
+
+»Mir ist auf meine förmliche Protestation gar keine Antwort gegeben«
+erwiederte der Consul, »es scheint übrigens daß Bruder Ezra klug genug
+gewesen ist, trotz seiner Bibel in der Tasche hartnäckig zu leugnen, und
+wenn ich recht unterrichtet bin, hält man ihn jetzt nur noch zurück, um
+ihn mit dem nächsten nach Atiu segelnden Kriegsschiff dort hinüber aus
+dem Weg zu schicken.«
+
+»Sie möchten uns Alle lieber gern auf ein Kriegsschiff packen und nach
+irgend einer entlegenen Insel schicken« sagte Bruder Rowe; »die
+Katholischen Priester würden dann wenigstens für ihre unausgesetzten
+Bemühungen doch auch auf eigenen Erfolg rechnen können.«
+
+»Wir werden sehr umsichtig jetzt zu wachen haben, daß der in, von
+Bayonnetten aufgewühlten Boden gestreute Unglaube, nicht um sich greift
+und bleibende Wurzel schlägt,« sagte der Consul.
+
+»Wir sind allerdings da in nicht unbedeutender Gefahr« erwiederte Mr.
+Rowe seufzend, »und _eine_ Familie hier besonders ist es, die mir große
+Sorge macht, und gerade in diesem Augenblick meine ganze Thätigkeit in
+Anspruch nimmt; -- aber Sie wollen ausgehn, wie ich sehe?«
+
+Mr. Pritchard hatte seinen Hut aufgegriffen und seine Handschuh genommen
+und sagte:
+
+»Ja, nur an Bord des Cormorant, dort das Nähere zu besprechen.«
+
+»Haben Sie schon ein Boot?«
+
+»Es liegt an der Landung und wartet auf mich; wollen Sie mich
+begleiten?«
+
+»Ich danke herzlich« erwiederte der Missionair, »aber mich rufen gerade
+in diesem Augenblick heilige Pflichten, die ich nicht versäumen darf --
+ich habe einen höchst interessanten Fall mit einem alten bis jetzt
+verstockten Häuptling, dessen Herz erst seit wenig Tagen von dem Licht
+unserer Kirche erleuchtet ist, und der jetzt zu seinem Entsetzen, aber
+hoffentlich noch nicht zu spät, den Abgrund erkannt, der vor seinen
+Füßen gähnt, und auf den ich ihn aufmerksam gemacht habe. Wie das aber
+wohl oft in solchen Fällen geschieht, gehen diese Unglücklichen da
+leicht von einem Extrem zum andern über, und ich habe jetzt die größte
+Mühe ihn an einem Verbrechen zu verhindern, das er begehen will seine
+unsterbliche Seele zu retten; er behauptet nämlich sein Kopf sei so
+lange verstockt gewesen, seine Ohren zu hören, seine Augen zu sehen,
+seine Zunge zu sprechen, daß er ihn sich abschneiden müsse, auf Gottes
+Altar die Sünde damit zu sühnen, denn wie er endlich die Strenge und
+Furchtbarkeit Gottes begriffen hat, zweifelt er an dessen Liebe und
+Allbarmherzigkeit.«
+
+»Möge ihn der Herr erleuchten« erwiederte Mr. Pritchard mit einem
+frommen Blick nach oben, und wandte sich dabei das Haus zu verlassen --
+»so thun Sie Ihre Pflicht, lieber Rowe, _ich_ gehe indessen an ein
+weniger erfreuliches Werk!« und dem von ihm Abschied nehmenden
+Geistlichen, der ihn unten an seiner Verandah verließ, freundlich mit
+der Hand winkend, schritt er durch den Garten oder vielmehr Hofraum, der
+von einer Reihe niederer stumpfer Pallisaden umgeben wurde, nach der
+kleinen Ausgangsthür zu, öffnete diese und schritt dann quer über den,
+vielleicht achtzig oder hundert Fuß breiten Strand hinüber, einem
+kleinen in See hinausgebauten Werft zu, dort das für ihn liegende Boot
+zu besteigen, und an Bord hinüberzufahren, als er rasche Schritte hinter
+sich hörte. -- Er wandte den Kopf danach um und sah zu seinem Erstaunen
+einen Französischen Beamten, der, von einigen Soldaten gefolgt, rasch
+auf ihn zusprang.
+
+»Halt!« rief ihm der Erstere, noch eine Strecke von ihm entfernt, schon
+entgegen -- »halt Monsieur!«
+
+»Was wollen Sie?« sagte der Consul, zwar erstaunt aber doch ruhig stehen
+bleibend und den Franzosen mit zusammengezogenen Brauen erwartend -- »was
+wünschen Sie von mir?«
+
+»Sie sind mein Gefangener, im Namen des Königs!« rief der Polizeibeamte
+und deutete auf die ihm folgenden Soldaten.
+
+»Ich verstehe Sie nicht« sagte der Consul gleichgültig, und wollte sich
+abdrehen; der Franzose aber ergriff seinen Arm und den Soldaten winkend,
+die den Gefangenen an beiden Seiten umgaben, zog er den entrüsteten
+Mann, der gegen solche Willkür einem Englischen Consul gegenüber,
+protestiren wollte, rücksichtslos und ohne Weiteres fort mit sich, in
+das Wach- und Polizeilokal, von wo der Consul, ohne weitere Rücksicht
+auf sein Amt oder seine Stellung zu nehmen, bald darauf nach einem,
+schon allem Anschein nach für ihn bereit gehaltenen Gefängniß abgeführt
+wurde.
+
+Und Papetee blieb ruhig. Die Bedeutung, die der Consul einer
+Europäischen Macht im Ausland haben sollte, ja gewissermaßen auch seine
+Unverletzlichkeit, verstanden die Insulaner nicht; der Gefangene war
+ihnen auch immer mehr als Missionair wie als Consul wichtig und lieb
+gewesen, denn Nutzen hatte er ihnen in letzterer Eigenschaft doch nicht
+gebracht, noch sie gegen die Uebergriffe und Forderungen der Franzosen
+schützen können. Daß aber die Feranis es wagten einen Mitonare
+einzustecken, überstieg ihre Begriffe, und jetzt zum ersten Mal
+fürchteten die Häuptlinge für ihre eigene Sicherheit.
+
+Die Missionaire selber erwarteten, nachdem selbst die Consulnwürde von
+den Eroberern nicht geachtet wurde, das Aeußerste, und wandten sich nun
+in ihrer Rathlosigkeit an die arme, selbst unmächtige Königin, wandten
+sich an das Volk, sie zu schützen und nicht zu gestatten daß die Feranis
+mit ihnen machten was sie wollten.
+
+Aber die Geduld des Volkes war noch lange nicht erschöpft, oder
+wenigstens seine Gleichgültigkeit, wie sein Widerwillen gegen irgend
+eine außergewöhnliche Anstrengung noch nicht besiegt, und zu der gehörte
+jedenfalls ein Krieg, zu dem sie noch immer keine richtige Veranlassung
+sahen. Man hatte einen Französischen Soldaten ermordet, und darüber
+waren die Feranis böse, schickten eine Menge Soldaten an Land, die aber
+für Alles bezahlten was sie verzehrten, und sperrten einen rothen
+Mitonare, der in Verdacht stand an dem Mord betheiligt zu sein, wie
+einen weißen, der besonders auf sie geschimpft hatte, ein. Das war
+vielleicht unrecht in ihren Augen, aber immer noch keine Ursache einen
+ordentlichen Krieg anzufangen; ja die Insulaner beschlossen jetzt
+ernstlicher als je mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun zu haben,
+und wenn auch einzelne feurige Köpfe, wie besonders Fanue und
+ähnliche, einen Angriff auf die »Feinde ihres Vaterlandes« offen
+predigten, so verhielten sich doch die einflußreicheren, wie Tati und
+Utami, noch immer ruhig, ja Paofai und Hitoti verkehrten sogar
+öffentlich und auf höchst freundschaftliche Art mit den Feranis, und
+beschlossen deshalb auch einen günstigern Zeitpunkt, das heißt eine
+wirkliche Ursache abzuwarten, die Feindseligkeiten zu beginnen, und
+Gewalt mit Gewalt zu vertreiben -- bis dahin aber sich vollkommen ruhig
+zu verhalten und ebensowenig die Waffen zu ergreifen, als den
+Eindringlingen auch noch Proviant zu liefern, ihnen das Leben hier auf
+der Insel so angenehm als möglich zu machen.
+
+Lieutenant Hunt, der Befehlshaber des kleinen Kriegsschiffes Basilisk
+sowohl, wie der Capitain des Cormorant hatten allerdings augenblicklich
+gegen die an dem Englischen Consul verübte Gewaltsmaßregel protestirt,
+konnten aber weder seine Befreiung erwirken noch etwas an seiner Lage
+bessern, und Monsieur ~d'Aubigny~ erließ ein Plakat, worin Mr.
+Pritchard, wenigstens indirekt, der Mord der Schildwache zugesprochen,
+und er ebenfalls als die Ursache des trotzigen Betragens der
+Eingeborenen, die er täglich und täglich wieder aufgereizt habe,
+angesehen wurde. Seine Gefangennahme sei aus dem Grunde geschehn und
+er selber solle für alle weiteren Folgen verantwortlich gehalten werden.
+
+Mit vieler Mühe gelang es endlich dem Capitain des Cormorant die
+Freiheit des Gefangenen, aber auch nur unter der Bedingung zu erwirken,
+daß er ihn an Bord seines eigenen Dampfers von Tahiti fortnahm, und sich
+dabei verbindlich machte ihn an keiner Insel dieser oder der
+Nachbargruppe wieder an Land zu setzen. Die Franzosen betrachteten
+diesen Mann als die einzige Ursache der nicht unbedingten und
+augenblicklichen Unterwerfung der Indianer, und glaubten und hofften
+durch seine Entfernung jedes weitere Hinderniß ihrer Festsetzung und
+unbestrittenen Oberherrschaft auf den Inseln, vollständig beseitigt zu
+haben.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+Pomare's Flucht.
+
+
+René's kleiner Haushalt befand sich indeß in wilder ungemüthlicher
+Verfassung; Alles war gepackt gewesen, und nur gezwungen hatten sie im
+Anfang das Nothdürftigste wieder herausgenommen, immer noch hoffend daß
+sich die unangenehme Sache freundlich erledigen würde; aber Tag nach Tag
+verging ohne daß eine Entscheidung kam, und René seines Wortes, Tahiti
+nicht zu verlassen, entbunden worden wäre. Er war selber mehrmals bei
+Mons. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig
+empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung unter keiner
+Bedingung aufgeben zu können, bis er zu einem Resultat gekommen sei, und
+René stände als Eigenthümer des Grundstücks wo die Waffen geschmuggelt
+wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer sogar des Schooners, der Sache zu
+nah, sein Zeugniß, falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben
+könnte, zu entbehren. »Augenscheinlich« setzte er dann zwar höflich aber
+ziemlich bestimmt hinzu, »wisse er auch mehr über die Waffen, als er für
+gut finde, vielleicht durch seine enge Verwandtschaft mit den
+Eingebornen dazu veranlaßt, auszusagen, und wenn es seinem bekannten
+Charakter nach auch nicht wahrscheinlich wäre, daß er selber irgend
+etwas Feindseliges gegen seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch
+nur dulden würde, so lange er es eben verhindern könnte, sei die ganze
+Verhandlung noch keineswegs klar genug, so rasch und vollkommen wieder
+aufgegeben zu werden; das aber müsse in der That geschehn, wenn er ihn
+jetzt seines Wortes entbinden wolle.« Uebrigens bot auch Gouverneur
+Bruat, wie vor ihm der Kommandant ~d'Aubigny~ dem jungen Mann an in
+Französische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders zu beweisen
+hoffte, daß gegen seine Person nicht der mindeste Verdacht vorliege. Zu
+gleicher Zeit machte er ihn besonders darauf aufmerksam, welch
+wohlthätigen vermittelnden Einfluß er da oft werde im Stande sein auf
+einzelne Verhältnisse auszuüben: René erklärte aber bestimmt, hier in
+Tahiti nie einen Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen, und das
+sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner, sobald er wirklich
+eingetreten wäre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten
+zwar dankbar, aber doch bestimmt ab.
+
+Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten -- ja
+sogar auf das Aengstlichste vermieden nach Papetee zu kommen. Er fühlte
+welche Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor sich
+selber verbergen konnte; ja auch Susanna mußte durch seinen Abschied,
+und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks
+gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf ihn gemacht, und wie
+ihre Nähe den Frieden seines Hauses, seines Lebens zu stören, zu
+untergraben drohe, wenn er nicht mit fester männlicher Kraft dagegen
+ankämpfe, und die Leidenschaft niederhalte, die zwei Wesen zu verderben
+drohte. Monsieur Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf der
+Straße getroffen, wo ihn Geschäfte in das Gouvernements-Gebäude riefen,
+er erklärte aber jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti zu
+verlassen, und wolle den Abschied von ihm so lieb gewordenen Freunden
+nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal überstanden. Mons.
+Belard lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen Abschied
+als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach einer nur wenige Meilen
+entfernten Insel überzusiedeln gedenke, hatte aber immer zu viel
+Geschäfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald,
+von René rasch dabei unterstützt, auf irgend etwas Anderes,
+Gleichgültigeres zu reden.
+
+Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und mehr und mehr drängte es
+ihn dann nach Hause zurück, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit
+unermüdlicher Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens daheim das Alles
+vergessen zu machen, was ihm die Menschen draußen weh gethan. Das,
+glaubte sie auch, drücke ihm das Herz, er wäre ja sonst nicht immer so
+traurig und verstimmt zu Haus gekommen und bleich und schwermüthig
+geworden, gar nicht in seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was
+er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte auch die Wolken von
+seiner Stirn und rief das Lächeln wieder auf seine Lippen, wie in alter
+Zeit; und wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte und sie sich an
+ihn schmiegte, plauderte sie ihm von Atiu und den lieben Plätzen die sie
+dort wieder besuchen würden; von dem stillen Sitz an dem Palmenhang; von
+dem Ihiamoea oben im Dickicht, wo er die böse Nacht verbracht; von der
+kleinen Veste auf der Hügelspitze wo er sie zuerst gesehn und sie ihn
+fortgeführt hatte in das friedliche Missionshaus an der Bai -- und von
+den seligen, seligen Stunden die sie da verlebt.
+
+René lauschte, das glückliche Weib an seinem Herzen, wie in einem Traum,
+der all die lieben Bilder wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge;
+aber immer und immer wieder mußte er sich zwingen dazu, das Alles
+_keinen_ Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines
+Armes lag, und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild und seinem
+Herz. Und daß er das fühlte, daß er das erkannte machte ihn unglücklich.
+»Du sündigst« flüsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer
+endendem Klang, »Du sündigst« sprach jeder Liebesblick aus den Augen
+seiner Sadie, »Du sündigst« drängte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe
+Lächeln seines Kindes entgegen, »Du sündigst« donnerte die Brandung, die
+ihn einst in Schlaf gesungen, in Liebe und Glück.
+
+Wie um vor sich selbst zu flüchten, hatte er den Vater Conet wieder
+aufgesucht, der in zarter Rücksicht bis dahin sein Haus lange Zeit nicht
+betreten, weil er fürchtete daß seine Stellung zu den Protestantischen
+Geistlichen Uneinigkeit säen könne in stilles häusliches Glück; er
+forderte ihn jetzt selber auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange
+er noch auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang des
+freundlichen verständigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm
+wirklich dem Freunde, der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine
+solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was ihm das Herz erfüllte,
+was es quäle, und Alles das trug er fest in sich verschlossen und
+allein, und kämpfte still und männlich dagegen an. Es war ein Kampf der
+Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr nur wuchs ihm erst die Kraft.
+
+Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häufiger besucht, aber fast
+nur ihm zuzureden der Einladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in
+eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist und Herzen doch
+auch mehr bot als eine bloße Existenz, die ihm eine Aussicht auf spätere
+Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als
+eben nur das Bewußtsein zu haben daß man ist und athmet. Auch Vater
+Conet stimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, René sei, wie
+gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken
+zu können sich von der Welt ganz zurückzuziehn, die ebenfalls ihre
+Forderung an _ihn_ habe und sich ihr Recht dann doch einmal über kurz
+oder lang zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, daß ihm das Leben
+der Inseln auf die Länge der Zeit genügen würde und könne, und wie
+sich _alle_ seine Landsleute für später solche Aussicht offen gelassen
+-- eine Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen Ausnahmen eine
+_Hoffnung_ wurde -- so werde auch er einmal den Drang wieder in sich
+fühlen nach Frankreich zurückzukehren, an dessen weit geselligeres Leben
+sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den Sitten, der Sprache des
+fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewöhnen würde.
+
+Sadie schüttelte bei solchen Reden recht ernst und ängstlich mit dem
+Kopf; sie hatte genug von Französischem Leben hier auf Tahiti gesehn,
+sich nicht weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu leben wo sie
+weiter gar Nichts mehr sehen sollte als fremde unbekannte Gestalten, wo
+ihr die lieben Palmen fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen
+Kinder ihres sonnigen Vaterlands? -- Nein, nein, dahinein paßte sie
+nicht, und sie würde und müßte vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh.
+
+Auch René hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm
+laut wurden und Form gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren
+so viel er wollte.
+
+Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den
+Französischen Behörden eingezogen worden, etwas mehr aus ihm
+herauszubringen über jene Nacht, als ein bloßes ~aita vau i ite~ --
+ich weiß es nicht -- und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu sich genommen,
+die ihr die Dienste des Knaben ersetzen sollte. Nai Nai war über die
+Blüthe der Jahre hinaus, wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich
+sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hübsches Mädchen gewesen
+sein sollte, doch jetzt abgefallen, mager und selbst häßlich geworden.
+Eine eigene Wuth die sie dabei hatte Europäische Kleider und besonders
+Hüte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande ihre Reize zu erhöhen, und
+Sadie lachte darüber, aber auf René machte es einen peinlichen Eindruck,
+so peinlich daß er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken, wenn er
+ihr auch keinen Grund dafür anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie
+einen Wunsch, wenn es in ihren Kräften stand ihn auszuführen, und Nai
+Nai wurde wieder hinüber nach Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und
+von einem hübschen jungen Mädchen ersetzt.
+
+Wenige Wochen waren solcher Art nach den im vorigen Capitel
+beschriebenen Vorgängen verflossen, und wenn sich auch die Insulaner
+schon ziemlich über den Verlust ihres Missionairs und Consuls beruhigt
+hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich der Fremden diesem
+scheinbaren Frieden ein Ende machen.
+
+Die ~Reine blanche~ war wieder gesegelt und Monsieur Bruat hatte Alles
+versucht die Eingebornen in Güte dazu zu bringen, ihnen die nöthigen
+Provisionen zu liefern, aber umsonst. Wie die Franzosen behaupteten, von
+den Missionairen aufgereizt, jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen
+Häuptlinge, hielten sich die Insulaner in ihren Wohnungen und brachten
+nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja das Gerücht verbreitete sich
+sogar, sie seien gesonnen Alles was sie nicht von Früchten und überhaupt
+Lebensmitteln nothwendig selber brauchten, in die Berge und den Feranis
+aus dem Weg zu schaffen.
+
+Dem zu begegnen schritt der Französische Kommandant zu einem
+Gewaltstreich, lockte vier der einflußreichsten Häuptlinge, unter ihnen
+Terate, Avei und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er sie gefangen
+hielt, und hätte sich fast auch noch eines andern Trupps bemächtigt,
+wäre diesem nicht noch zeitige Warnung geworden, daß er in die Berge
+fliehen konnte.
+
+Bald darauf erschien eine Proclamation vom Gouverneur Bruat
+unterzeichnet, die im Namen des Königs von Frankreich und als Gouverneur
+der Französischen Besitzungen, dem Volke von Tahiti erklärte daß die
+vier Häuptlinge Taaniri, Raheahu, Potowai und Teraitane, da sie auf das
+Wort des Friedens nicht hatten hören wollen, für Rebellen erklärt und
+ihr Eigenthum mit Beschlag belegt werden sollte.
+
+»Acht Tage« hieß die Proclamation weiter -- »sind ihnen noch gegeben sich
+zu unterwerfen. Der Distrikt der ihnen Schutz giebt soll, nach seiner
+Wichtigkeit, unter eine entsprechende Contribution gelegt werden. -- Die
+dem Frieden und dem Gesetz freundlich gestimmten Personen bleiben ruhig
+unter dem Protectorat Frankreichs -- die Strenge der Gesetze soll die
+Schuldigen treffen.
+ Bruat.«
+
+Jetzt zum ersten Mal schien das Volk zu fühlen daß es wirklich
+unterjocht werden sollte, da man sich nicht allein begnügte die
+Englischen Missionaire feindlich zu behandeln, sondern auch sogar Hand
+an ihre eigenen Häuptlinge legte, und ein wilder Schrei des Zorns und
+der Entrüstung ging durch das ganze Land.
+
+Pomare war zu gleicher Zeit von den Missionairen feste Hülfe von England
+versprochen, und selbst alle dort lebenden Engländer bestätigten das, da
+Britanien nie dulden werde, daß Einer seiner Consuln auf solche Weise
+behandelt werde; nur verzögern mußte sie einen Ausbruch des Volks, damit
+der Franzose nicht neuen Grund bekam zu neuen Uebergriffen, und sich
+indeß ihr Recht wahren, als souveraine Königin.
+
+Dem Sinne folgend schrieb sie einen Brief[H] an die Häuptlinge, worin
+sie dieselben zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte, aber sie
+auch zugleich indirekt darin aufforderte in ihrer Widersetzlichkeit
+gegen die Feranis standhaft zu bleiben, und dieser Brief wurde, wie es
+heißt, von Gouverneur Bruat so aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen in
+der »Rebellion gegen ihre gesetzmäßige Regierung« bestärken und
+bekräftigen solle.
+
+ [H] Pomare's Brief lautete wörtlich: »Gesundheit Euch Allen; ich
+ mache Euch bekannt daß unser Kriegsschiff uns bald verlassen wird;
+ der Admiral verlangt es nach Oahu zurück. Ein kleines Kriegsschiff
+ liegt hier, über uns zu wachen, ein anderes wird kommen. Horcht
+ nicht auf die Männer die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht
+ daß wir nicht unterstützt würden. Britanien wird uns nicht
+ verlassen. Laßt uns uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen.
+
+ Dies ist mein Wort an Euch -- laßt unter keiner Bedingung etwas
+ Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die Feranis schlecht; habt
+ große Geduld. Nehmt mich zum Muster und folgt mir, und laßt uns Alle
+ brünstig zu Gott flehen, daß er uns von unserer Prüfung befreien
+ möge, wie einst Hezekiah. Frieden sei mit Euch.
+ Pomare.«
+
+Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam, wahrscheinlich selbst von Französischer
+Seite, einen Wink, daß der Königin in Folge dieses Briefes Gefahr für
+ihre persönliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr. Pritchards
+Gefangennehmung überdies noch aufgeregt und eingeschüchtert, dermaßen
+den Kopf, daß er auf der Stelle zu ihr zu eilen beschloß, sie auf das
+Dringendste zur Flucht zu mahnen.
+
+Pomare war allein, als ihr der Missionair gemeldet wurde, und Bruder
+Rowe mußte lange draußen warten ehe er vorgelassen werden konnte. Selbst
+ihre Einanas hatte die Königin von sich entfernt; die Mädchen saßen und
+lagen draußen auf der Verandah herum und flüsterten leise miteinander --
+sie wagten nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein die
+Gebieterin von der Ankunft des Geistlichen zu benachrichtigen, und kam
+dann zu den Uebrigen zurück, denen sie mit halblauter Stimme etwas
+zuflüsterte.
+
+»Hast Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine?« frug der Geistliche
+endlich, dem der Boden anfing unter den Füßen zu brennen -- »_weiß_ sie
+daß ich hier bin und sie sprechen muß?«
+
+»Ja, Mitonare!« lautete die leise Antwort.
+
+»Und was hat sie gesagt?«
+
+»Mitonare soll warten« -- das Gespräch war wieder abgebrochen.
+
+»Mitonare soll warten« -- und die Zeit verfloß indeß, die ihr vielleicht
+noch geblieben, und _mit_ der Königin waren auch alle ihre Rathgeber
+gefährdet -- wer weiß was sie vielleicht in ihrem weibischen Trotz
+Alles aussagte und -- gestand.
+
+Der Missionair ging mit raschen ungeduldigen Schritten wieder draußen
+auf und ab.
+
+»Sie muß mich vergessen haben« rief er aber endlich, nicht länger im
+Stande seinen Unmuth zu verbergen, indem er wieder vor der Einana stehen
+blieb -- »fort mit Dir, Waihine -- sage noch einmal daß ich da bin, und
+Pomare sprechen _muß_, denn ich hätte ihr Wichtiges -- sehr Wichtiges
+mitzutheilen.«
+
+»Pomare hat gesagt Mitonare soll warten,« sagte aber das Mädchen, und
+Bruder Rowe sah sie erstaunt und mißtrauisch an -- so hatten die Einanas
+noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner frommen Schaar zu
+sprechen -- »und kam diese Sinnesänderung von oben herab?«
+
+Er sollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Königin,
+ob sie die ungeduldige Stimme des Missionairs gehört, oder selber es für
+Zeit fand ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mädchen sprangen
+auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten
+später das kleine Gemach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte
+auf der Erde saß.
+
+Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres Hauses zurückgezogen;
+weder Tisch noch Stuhl stand in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das
+einzige Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemusterte Gardinen
+hingen und in dem Zug der offnen Flügel hin und herwehten. Nur Matten,
+nebst einigen mit roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer
+zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und ein an der Wand
+befestigtes Seitenbret trug drei oder vier Bücher, eine reich vergoldete
+Obertasse mit abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos
+Poe-Schale.
+
+Der ehrwürdige Mann blickte etwas erstaunt umher, denn gerade in der
+letzten Zeit hatte Pomare weit eher gesucht sich mit Europäischem Glanz
+zu umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurückzuziehn; aber
+die Königin selber zog seine Aufmerksamkeit bald auf sich allein, denn
+sie sah bleich und abgehärmt aus, und die Spuren frischer Thränen waren
+noch in ihren Augen.
+
+»Was bringst Du mir?« sagte sie mit halb abgewandtem Antlitz, als ob sie
+sich dieses Zeichens von Schwäche schäme -- »was wollt Ihr von _mir_?
+ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti -- meine Sonne ist
+untergegangen und meine Nacht bricht an -- Ihr müßt von jetzt an für
+Euch selber sorgen -- Pomare Waihine hat kaum noch den einzigen
+Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thüre steht.«
+
+»Und doch bist Du noch frei, Pomare,« sagte der Missionair mit
+traurigem, mitleidigem Blick -- »hast noch Dein Volk um Dich und den
+blauen Himmel über Dir --«
+
+»Und wer kann mir das nehmen?« rief Pomare schnell, und ihr
+mißtrauischer Blick haftete forschend an dem Auge des Priesters.
+
+»Der Feind hat jetzt die Macht« entgegnete finster der Missionair, »und
+seine Bosheit ist groß.«
+
+Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglücksboten nur ruhig und sinnend
+an, dann langsam aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen
+Arm und sagte leise:
+
+»Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? -- sag es mir gleich heraus und leg
+Dich nicht erst in den Hinterhalt -- Du thust mir weh damit.«
+
+»Es ist auch keine Zeit mehr zu verlieren, Pomare,« erwiederte der
+Priester ernst -- »Du weißt was die Feranis mit Piritati gemacht haben.«
+
+»Piritati war ein Beretani« rief die Königin schnell -- »er gehörte
+nicht in dieses Land -- sie konnten das wagen -- sie dürfen nicht Hand
+an Pomare legen.«
+
+»_Dürfen_?« sagte Mr. Rowe achselzuckend -- »wir sind ein friedliches
+Volk und können uns nicht zur Wehr setzen.«
+
+»Und wessen Schuld ist das?« frug die Königin rasch und mit einem
+Zornesblick im Auge -- »wer anders als Ihr, die Ihr uns von England die
+Religion gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe nennt, und die
+jetzt Haß und Tod unter mein Volk bringt, wer anders hat den Bewohnern
+dieser Inseln ihre alten Kriegsspiele verboten, und die Führung der
+Waffen für sündhaft erklärt? wer eiferte früher dagegen, daß meine
+jungen Leute ihr Cocosöl und ihre Perlmutterschalen gegen Gewehre und
+Pulver eintauschen sollten wie es mein und ihr Wunsch war, und erklärte
+es gegen Gottes Gebote, während Ihr Oel und Muscheln für Eure eigenen
+Zwecke sammeltet und nach Beretani schicktet?«
+
+»Es geschah das um Gottes Wort auch auf andern Inseln zu verbreiten --
+auch andern Völkern den Segen der christlichen Religion zu bringen«
+sagte mit milder freundlicher Stimme der Geistliche.
+
+»Ich habe das gute Buch durchgelesen von Anfang bis Ende« erwiederte die
+Königin finster -- »und nirgends darin gefunden daß Jesus Christus
+_gesammelt_ hat für andere Völker.«
+
+»Damals war es noch nicht nöthig, Pomare« erwiederte Mr. Rowe, etwas
+verlegen -- »und nicht wohl ist es gethan, das Schwert zu nehmen, denn
+Jesus selber hat gesagt, »wer das Schwert nimmt, der soll durch's
+Schwert umkommen.«
+
+»Geh, geh!« sagte aber Pomare traurig mit dem Kopf schüttelnd -- »Du
+hast für Alles einen Vers aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du
+sagst daß sie gute Christen wären fahren eben so mit Kriegs-Canoes auf
+der See herum wie die Feranis, sie nehmen das Schwert und sie kommen
+nicht um, und ich habe das Schwert nicht genommen und verliere mein
+Reich -- Was willst Du jetzt von mir? -- was soll ich thun? -- gehe
+zurück zu Deinen Landsleuten und sage ihnen daß ich Euch hier nicht mehr
+schützen kann. Ich danke ihnen daß sie mir die Bibel gesandt, aber mein
+Volk ist zerstreut, meine Macht ist gebrochen -- wenn ich wieder Königin
+bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.«
+
+»Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare« sagte aber der Geistliche
+ernst, »nicht für mich Schutz oder Hülfe zu erbitten von Dir, Du
+schwergeprüfte Königin, sondern Dich selber wollt' ich warnen, Dich
+einer Gefahr zu entziehn, die über Deinem Haupte schwebt, und Dich in
+der nächsten Stunde schon vielleicht erreichen kann.«
+
+»So sprich!« rief Pomare, »schon seit Du das Zimmer betreten, sehe ich
+Dein Unheilkündendes Gesicht, und mein Herz ist von Angst erfüllt --
+was ist es?«
+
+»Vor einer Stunde etwa« nahm der Geistliche wieder das Wort, »bin ich
+gewarnt worden, daß die Feranis, böse über Deinen Brief den Du an die
+Häuptlinge geschrieben, Dich ebenso wollten gefangen nehmen und in
+Gewahrsam halten, wie Terate und die Andern, damit Du die Eingebornen
+nicht aufwiegeln könntest gegen sie. Die wahnsinnigen Menschen behaupten
+jetzt die rechtmäßigen Eigenthümer Tahitis zu sein, und erklären uns
+selber für _Rebellen_ wenn wir gegen sie reden.«
+
+Ein zorniges Lächeln flog über Pomares Züge, als sie die Worte hörte und
+sie antwortete finster:
+
+»Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt Euere Schiffe? wo die
+Kanonen die Ihr mir zu meinem Schutz verspracht? -- Euere Kriegsschiffe
+haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai verlassen, Euer Consul
+ist gefangen, Euere Fahne verschwunden -- wo bleiben Euere Predigten,
+Euere Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosöl, da war ich Königin,
+da kamen die Capitaine und sprachen schöne Worte und brachten Geschenke
+-- jetzt da ich arm und verlassen bin, kommt Niemand mich zu
+unterstützen. Und wohin soll ich fliehen?«
+
+»Es liegt ein Englisches Kriegsschiff im Hafen das Dich aufnehmen
+wird, und unter Englischer Flagge bist Du sicher« rief der Missionair.
+
+»An Bord eines fremden Schiffes? nie« -- zürnte die Königin, »wär' ich
+nicht dort Gefangene wie da?«
+
+»Und doch ist es das Einzige« seufzte der Missionair -- »dorthin reicht
+der Arm der Feranis nicht, und wer weiß ob Du heut Abend selbst noch zu
+dem Schritt Raum und Zeit behältst.«
+
+»Ich kann mich nicht allein in den Schutz der fremden Männer geben«
+sagte Pomare, doch jetzt unruhig werdend über den besorgten Ernst des
+sonst ihr so freundlich gesinnten Mannes -- »ich kann nicht allein an
+Bord eines Kriegsschiffs fliehn.«
+
+»Dein Gatte und zwei Deiner Einanas müssen Dich begleiten« sagte Mr.
+Rowe, »Pomare Tane[I] ist ja von Imeo zurückgekehrt, und wird sich nicht
+weigern Dir an Bord zu folgen.«
+
+ [I] Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel »Pomare's Mann.«
+
+»Weigern?« sagte die Königin zürnend, und ein verächtliches Lächeln
+spielte um ihre Lippen -- »aber meine Kinder? -- was würde aus denen?«
+
+»Wohin die Mutter geht, gehn sie auch, und Capitain Hunt ist ein
+Gentleman, der sich glücklich schätzen wird einer armen verrathenen
+Frau und Königin Schutz mit den ihren zu gewähren.«
+
+Pomare ging, die Hände krampfhaft gefaltet, das Haupt gesenkt, mit
+raschen Schritten im Zimmer auf und ab, als draußen Stimmen laut wurden
+und gleich darauf Eine der Einanas den Häuptling Tati meldete, der
+Pomare dringend zu sprechen wünsche.
+
+»Tati?« rief Pomare, erstaunt vor dem Mädchen stehn bleibend -- »Tati?
+was will er von _mir_ in jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis
+geschickt, seine Königin abzuholen ins Gefängniß -- send' ihn fort, er
+gehört zum Feind; Pomare will ihn nicht sprechen.«
+
+»Wenn der Feind Dein Vaterland ist, Pomare, dann hast Du recht« sprach
+in diesem Augenblick die tiefe klangvolle Stimme des Häuptlings, der dem
+Mädchen auf dem Fuß gefolgt, und auf der Schwelle stehn geblieben war,
+bis seine Ankunft gemeldet worden -- »schicke mich nicht noch einmal
+fort von Dir, denn ich bringe ein Freundeswort.«
+
+»Schickt Dich der Ferani?« frug die Königin, ihn mit einem finstern
+Blick betrachtend -- »haben sie Dir wieder neue Versprechungen gemacht,
+oder soll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir auch
+die Füße bindet, wie der erste die Hände, und mich hier hält in ihren
+bewaffneten Häusern, als Geißel für die Unterwürfigkeit meines armen
+Volkes?«
+
+Tati zog die Brauen finster zusammen und sein Blick suchte den
+Missionair, als ob er dort den Grund solcher harten Anklage vermuthe,
+aber das gute Element in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger fast
+herzlicher Stimme sagte er:
+
+»Du hast Grund uns zu zürnen, Pomare, denn wenn auch absichtslos, gaben
+wir dem Ferani den Halt an dieses Land, den er jetzt benutzt, es zum
+Abgrund niederzureißen, aber vielleicht bin ich im Stande Dir heute zu
+beweisen daß es Tati redlich mit Tahiti, redlich mit Dir meint, und
+kleinliche Eifersucht seinem Herzen fremd ist, in der Stunde der Noth.
+Du bist in Gefahr und mußt Papetee verlassen.«
+
+»Ich weiß es, ich weiß es« rief Pomare schnell -- »der ehrwürdige Mann
+hier hat mich schon gewarnt, und das Schiff der Beretanis wird mich und
+die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis gefangen gebe.«
+
+»Das Schiff der Beretanis?« rief Tati, fast ebenso sehr erschreckt als
+erstaunt -- »und was hast Du bei den Beretanis zu thun? sind sie nicht
+Fremde, so gut als Jene? O Pomare, wann wirst Du aufhören Dich auf
+Fremde zu verlassen?«
+
+»Der Häuptling Tati spricht, als ob unsere Nation dem Tahitischen Stamme
+je noch feindlich gewesen wäre« sagte der Missionair, »ich dächte wir
+hätten bewiesen, daß wir unsere Tahitischen Brüder lieben.«
+
+»Genug -- genug« sagte der Häuptling abwehrend -- »nicht um mit Worten
+zu streiten bin ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln ist gekommen,
+und Du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob Du würdig bist das Tahitische
+Volk zu regieren, wo dann Tati und alle Andern sich freudig Deiner
+Herrschaft beugen werden.«
+
+»Und soll ich mit meiner Flucht solchen Beweis beginnen?« frug die
+Königin bitter.
+
+»Allerdings« rief Tati rasch, »aber nicht wenn Dich die Bahn nach einem
+fremden Schiffe führt.«
+
+»Und wohin denn? -- wo hast Du Schutz für mich?«
+
+»Bei Deinem Volk, Pomare!« rief der Häuptling rasch und während die
+Königin finster und wehmüthig mit dem Kopfe schüttelte, fuhr er von
+seiner Sache begeisterter, wärmer werdend, fort -- »schüttle nicht so
+zweifelnd das Haupt, die Führer fast aller Partheien, die sich vereinigt
+haben in der gemeinsamen Noth des Landes senden mich, und rufen, ja
+fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen und mit ihnen in
+die Berge zu ziehn. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf, und Tod den
+Feinden, wenn sie es wagen sollten uns dorthin zu folgen, wo wir uns
+fest und freudig um Dich geschaart.«
+
+»Nur bei dem Versuch in die Berge zu entkommen« warf hier kopfschüttelnd
+der Geistliche ein -- »wäre Pomare fast der gewissen Gefahr ausgesetzt,
+von den Feranis angehalten und gefangen zu werden. Sie würden es nimmer
+dulden etwas geschehn zu lassen, was ihnen die Eingebornen zu so viel
+gefährlicheren Feinden machen müßte.«
+
+»_Gefahr_ und _Dulden_!« rief der Häuptling, mit dem Fuße stampfend,
+»ein einzig Zeichen durch die Stadt von mir und fast drei Viertel der
+Bewohner schaaren sich mit einem Jubelschrei um ihre Königin. Laßt das
+Volk wissen daß Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren sind, und
+kein Arm der noch einen Bogen spannen und einen Speer schleudern kann,
+bleibt daheim, das Ende schmachvoll abzuwarten. Nein Pomare, nicht
+Furcht jetzt, nicht Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die Spitze
+Deines Volks zu stellen. Die Fremden haben jetzt deutlich genug gezeigt
+_was_ ihre Absicht ist, und uns bleibt keine andere Wahl, als
+Unterwerfung oder Kampf.«
+
+»Uns bleibt die Wahl Britischen Schutz zu suchen« rief der Missionair,
+neben Pomare tretend, »uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch
+spät, die Hülfe bleibt nicht aus; so langsam sie kommt, so sicher wird
+sie kommen.«
+
+Tati wollte heftig gegen den Priester auffahren; aber er bezwang sich,
+er fühlte die Wichtigkeit dieser Stunde und sagte ernst und ruhig:
+
+»Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo Du zu wählen hast zwischen
+Deinem Volk und den Fremden, zwischen Deiner eigenen Herrschaft oder
+der, Beretanischer oder Feranischer Priester; -- gieb Dich wieder in
+ihre Hände, und Deine Macht ist gebrochen für ewige Zeiten -- wirf sie
+von Dir, und wir erkämpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen
+ehrenvollen Tod. Sieh, daß die Häuptlinge _mich_ senden, mag Dir ein
+Beweis sein wie wir denken -- jeder Partheistreit sei vergessen, jeder
+kleinliche Gedanke an Eigennutz zerstört, das Vaterland ist in Gefahr
+und wie der fremde Ferani schlau und tückisch seinen Vortheil zog aus
+dem Zwiespalt der Partheien, so pflanze die _eine_ Macht jetzt siegreich
+ihr Banner auf in den Bergen.«
+
+Die Königin stand unschlüssig; das Herz schlug ihr heftig und ihr Blick
+flog ängstlich von den schönen belebten Zügen des Häuptlings nach dem
+bleichen Antlitz des Priesters hinüber.
+
+»Und was wird aus Pomare Tane?« frug sie leise.
+
+Tati biß sich die Lippe --
+
+»Er mag mit Dir gehn« sagte er endlich leise, »aber _wenn_ er ein Mann
+wäre hätte er selber schon das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den
+Waffen gerufen -- oh daß Dein Vater lebte, Pomare.«
+
+»Und was dann, wird aus den Lehrern dieses Volks, was wird aus uns und
+unseren Häusern?« rief der ehrwürdige Mr. Rowe. »Vertrauungsvoll sind
+wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu
+bringen, und sollen wir jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde
+zurückbleiben? So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird
+ebensowohl _Dein_ Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis
+fürchten unseren Stamm, mögen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie
+sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflüchtet, als erklärter
+Feind und mit den Waffen in der Hand, so ist nach den Gesetzen des
+Kriegs Alles dem verfallen, der das Feld behauptet.«
+
+»Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?« rief Tati zornig, »wo das
+Schicksal des ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?«
+
+»Viel weniger an mich« -- erwiederte ruhig der Missionair, »als an
+alle meine Brüder hier auf den Inseln, ja an das Schicksal der Mission
+selber, die damit ihrem gewissen Untergang entgegen zöge. Sobald Pomare
+jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit
+abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entscheidet
+wer künftig und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt, so ist
+es der Sieger, der die Bedingungen schreibt und denen sie sich fügen
+muß, indeß sie jetzt noch immer Englands Hülfe sich erhält, seine
+Vermittlung die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.«
+
+»Zum Abgrund mit der Bibel!« schrie aber der im Herzen noch immer den
+alten Göttern zugethane Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den
+egoistischen Geistlichen die Ueberhand gewann -- »es gilt hier nicht das
+dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier für Pomare die Herzen
+ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange sind. Tati
+läßt auch Alles zurück was er sein eigen nennt, ebenso Utami -- wir
+wollen uns selber, wollen unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind
+die Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere Brodfruchtbäume
+niedermähn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und
+tausend andere Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da oben so
+rein und frisch, wie hier im Thal.«
+
+»Ich will auf das Schiff gehn, Tati« sagte aber jetzt Pomare, die bis
+dahin unschlüssig und ängstlich gestanden -- »der Mitonare hat recht; so
+lange ich unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie kämpfe, werden
+sie unser Eigenthum achten und nicht zerstören, und das fromme Werk der
+Mission, das mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zu Grunde gehn;
+ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder
+sollen ihre Krone nicht vergossenem Blute zu verdanken haben -- wenn
+Andere Unrecht thun will ich nicht selber sündigen. Und auch Du Tati,
+schaudere vor dem Abgrund zurück an dem Du stehst, denn Du verachtest
+die Bibel und sie ist Deine einzige Rettung.«
+
+»Pomare -- laß uns nicht in dieser Stunde um ein Wort, um eine Meinung
+zanken,« bat aber der Häuptling -- »schicke mich nicht fort von Dir mit
+solcher Antwort; noch bist Du Königin und will Dich England schützen,
+wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm _erzwingst_, durch
+Königliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe
+flüchtest, von vorn herein gleich erklärend, ich bin zu schwach, ich
+_kann_ nicht Königin sein.«
+
+»Da kommt Bruder Brower in großer Eile« rief Mr. Rowe da, der einen
+Blick durch das Fenster geworfen -- »was wird er bringen?«
+
+»Unheil diesem Haus« sagte Tati düster, der in den Augen Pomare's schon
+seine Antwort las, und nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare
+würde den Ausschlag geben. Er sollte darüber nicht lange in Zweifel
+bleiben; mit ängstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins
+Zimmer, und nur einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling werfend,
+dessen Parthei den Interessen Pomare's bis dahin selten freundlich
+gewesen, rief er aus:
+
+»Die Noth ist groß Pomare, größer aber die Gefahr, denn soeben höre ich
+daß die Französische Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu
+halten, bis zu Abschluß des Friedens. Glücklicher Weise aber war das
+Boot des Basilisk hier an Land -- sein Officier ist von mir in Kenntniß
+gesetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem
+Schutz seiner Flagge sicher fortzuführen -- aber der Augenblick drängt,
+Du hast keine Viertelstunde mehr zu Deiner Verfügung.«
+
+»Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare« rief da Tati noch
+einmal, den letzten Versuch zu machen, die Königin ihrem Lande zu
+erhalten -- »über die Straße hinüber beginnen die Guiaven, und mein Kopf
+bürge Dir für Deine Sicherheit.«
+
+Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's Gemach; es war ein junger
+bildschöner Mann, wohl sechs oder acht Jahr jünger als die Königin,
+aber mit weichen, weibischen Zügen, die Oelgetränkten Haare mit Blumen
+geschmückt und die Finger mit Ringen besteckt. Auch seine Züge waren
+jetzt angstentstellt, und die Männer nicht beachtend die im Zimmer
+standen rief er laut:
+
+»Flieh Pomare, flieh -- an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit
+geladenen Gewehren stehn und das Volk schreit, sie kämen Dich zu fangen
+und zu binden.«
+
+»Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten bist Du frei,« drängte da Mr.
+Rowe.
+
+»Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner Krieger stellen« bat Pomare --
+»der Allmächtige wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere
+Hände geben.«
+
+»Verdorren soll der Finger der sich für Deine Sache regt wenn Du ihr
+selbst den Rücken kehrst;« -- rief aber der Häuptling trotzig und
+finster -- »Pomare -- hah, was ist _mir_ der Name? dem _Vaterlande_ hätt'
+ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von
+Uneinigkeit draus fern zu halten, selbst _Deinem_ Stamm gehorcht. Du
+bist aus edlem Blut entsprossen und das Land hätte, so von jedem
+Partheienhaß befreit, seiner Königin zugejauchzt und sich für sie mit
+Freuden in den Kampf geworfen -- das ist vorbei, die schwarzen Männer
+haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati ist für Dich verloren.«
+
+Noch stand Pomare zögernd, da schallte ein kurzer Trommelwirbel, eine
+vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr.
+
+»Der Feind!« rief Pomare Tane, riefen die Missionaire -- »sie kommen
+Dich zu holen.«
+
+»Wo sind meine Kinder« flehte die arme Königin jetzt selber von der
+Angst der Uebrigen eingeschüchtert -- »meine Kinder!«
+
+»Hier im Zimmer bei den Einanas« beruhigte sie Mr. Brower -- »ich ließ
+sie selber hier zusammenkommen, jetzt fort -- in wenigen Minuten bist Du
+an Bord -- schon im Boot bist Du sicher und ungefährdet« und ihre Hand
+ergreifend, die sie ihm willig überließ, folgte sie ihm hinaus.
+
+»Meine Kinder« rief die Königin.
+
+»Hier, hier -- Ihr Mädchen da rasch mit den Kindern in's Boot das am
+Strande liegt -- fort mit Euch.«
+
+»Aber meine Matten, meine Kleider --«
+
+»Alles wird Dir nachgeschickt Pomare,« rief Mr. Rowe rasch -- »wir
+selber wollen Dein Eigenthum schützen, das der Ferani nicht wagen darf
+anzutasten.«
+
+Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr außer Fassung gebracht,
+folgte fast willenlos den Führern, und mit den Kindern voran floh der
+kleine Zug über den schmalen Strand dem zum augenblicklichen Abstoßen
+bereiten Englischen Boote zu. Eine Französische Patrouille kam gerade
+zufällig am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch
+wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen
+der recht gut gekannten Königin nicht, ja es ist leicht möglich, daß die
+Franzosen sehr zufrieden damit waren einer unangenehmen Ueberwachung
+Pomares solcher Art vollkommen überhoben zu sein. Sie bekamen dadurch
+viel freiere und ungestörtere Hand in der Stadt, und hatten
+gewissermaßen eine Verantwortlichkeit weniger.
+
+Unbelästigt erreichte die Königin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den
+Kindern und zweien der Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und
+Brower am Ufer standen und mit einem dankenden Blick nach oben die
+Rettung Pomare's feierten, schoß das scharfgebaute Boot mit seiner
+kostbaren Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff[J] zu,
+wo die seltenen Schützlinge von dem Englischen Capitain auf das
+Zuvorkommendste und Freundlichste empfangen und, so gut als der enge
+Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden.
+
+ [J] Der »~Basilisk~«, nur eine sogenannte »~catch~« von circa 200
+ Tons.
+
+So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten,
+und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation
+zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres
+ersten Missionairs gestört werden konnte, so heftig erschütterte dagegen
+das Gerücht: Pomare hat fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth,
+und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden
+Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die
+Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rüsten. Halb
+Papetee stand einsam und verlassen, während die Eroberer, damit gar
+nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie
+theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten,
+zugleich aber auch mit vereinten Kräften daran gingen den Wall und
+Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie
+überhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen
+eine Ueberzahl der Feinde schützen konnte.
+
+Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig -- kein wirklicher Ueberfall
+geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer
+sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt
+noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Männer deutlich
+genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+Der erste Kampf.
+
+
+Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzosen lief aber auch,
+wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch
+trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Insel, und das Volk fing
+jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge
+eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bündniß
+mit den Häuptlingen schloß, und seine Priester ihnen herüberbrachte.
+Dumpfe Gerüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich aller
+ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's
+geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran
+gedacht hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf,
+Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln
+zwischen ihnen zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer
+zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regsamkeit, die einen
+ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als
+eine Unmöglichkeit erscheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund
+zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer
+Parthei; das Geschütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu
+entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden, _konnte_ das
+nicht lange auf sich warten lassen.
+
+Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner
+von Tahiti) Nachmittag -- und Bruder Dennis hatte an diesem Tage
+Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses
+freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz
+wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon
+aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie
+gleichgültig an sich haben vorübergehn zu lassen, und wenn auch
+äußerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing
+sich zu regen, waren unter der Hand die Rüstungen mit vielleicht nicht
+weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's.
+
+Schon während der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes
+Französisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Küste täglich auf- und
+abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier
+dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natürlich
+von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt.
+Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die
+»Papisten und Sabbathschänder« sprach, die Herzen seiner Zuhörer mehr
+noch mit Zorn und Entrüstung füllend.
+
+Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich
+ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und
+wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und
+die Mädchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit
+ihnen scherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem
+Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer
+Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schönen zuletzt gereizt, selbst
+ihrem Uebermuth, hätte irgend eine Grenze gesteckt.
+
+Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten sich übrigens damit am
+Ufer, oder in der Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes
+kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst
+schon lange vorüber war und sich die einzelnen Familien in ihre
+Wohnungen zurückgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur
+theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächsten
+Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuser zerstreut unter vorhängenden
+Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten und
+kleinen Guiavendickichten hinaufzog.
+
+Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine Gruppe sorgloser fröhlicher
+Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen
+Brodfruchtbäumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am
+Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt, hie und da eine sogar auf ihre
+Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in
+einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, während
+die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu
+Vieren oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger
+Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß
+sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges
+befände, und den Feind unter sich wußte, der es schon geärgert und
+gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten
+konnte.
+
+Zwischen den Frauen waren drei reizende junge Mädchen, zwei von Tairabu,
+und eine, ein Gast in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene
+reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der beiden Jungfrauen, die
+sich lächelnd zu ihr hinüberneigten, erzählte die Fremde den Freundinnen
+von der Stadt an der andern Seite der Insel, von den frechen Wi-Wis die
+ihre Waffen und Kanonen an Land geschafft, und die Herren sein wollten
+der ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen Sitten und
+Gebräuchen, von ihren großen Bärten und heißen Kleidern, von der
+wunderlichen Sprache -- wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi
+sprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie -- fuhr die Jungfrau
+leise und schüchtern fort, den Mädchen nachstellten und ihnen stets von
+ewiger Liebe sprächen, und sie dann wieder verließen wo sie ein anderes
+junges Gesicht gesehn.
+
+Es war ein liebliches zauberschönes Bild, diese drei jungen Kinder der
+Insel mit den blitzenden sprechenden Augen und üppigen Formen, denen die
+Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch höheren Reiz verlieh. Und
+dicht hinter ihnen saß ein alter Mann, in seinen Tapamantel
+eingeschlagen, und an den Stamm an einer hochwüchsigen mit goldgelben
+Früchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt, finster vor sich
+niederbrütend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mädchens
+lauschend. Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das heiße Blut
+die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte, als er den Uebermuth der
+frechen Fremden von rosigen Lippen lachend bestätigt hörte, und der die
+Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie sie die
+Schmach schon so lange ertragen, und immer und immer noch nicht
+losgeschlagen hätten in das Herz des Feindes hinein.
+
+Lautes Geräusch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tönten zu
+ihnen von unten herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der die
+Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen auch jetzt, die Mädchen
+neckend und die Männer ärgernd, bis zu ihnen herauf.
+
+»Die Wi-Wis« -- die Mädchen drängten sich neugierig vor, ob sie nicht
+irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen
+Gestalten erkennen könnten, schüchtern aber dabei und bereit zu
+augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall gewesen wäre.
+Trommeln wirbelten indessen unten im Thal, aber nicht der bekannte
+fröhliche Laut zum jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem
+schroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen herauf die von der
+munteren Soldateska mit herüber genommen waren die Herzen der Hörer zu
+gewinnen.
+
+Fester Tritt und lautes Lachen schallte da näher und deutlicher zu ihnen
+herüber, und unten am Hang, in den Gärten schon wo die Reihen sorgfältig
+gepflanzter Bananen und süßer Kartoffeln standen, wurden die bunten
+Uniformen der Fremden sichtbar, die an den Fruchtbäumen, wenig sich um
+den Eigenthümer kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu suchen und zu
+pflücken.
+
+Die Mädchen welche aufgesprungen waren und rasch mit einander geflüstert
+hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurück.
+Was hatten sie zu fürchten an _seiner_ Hütte? glaubten sie daß der
+Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen ungestraft zu beleidigen? Die
+Mädchen schämten sich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der
+Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und sie faßten
+sie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen
+sie wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon nicht recht daß
+sie dableiben mußten, und nun wollte das Mädchen von Papetee sie auch
+noch dazu allein lassen -- das ging unter keiner Bedingung an.
+
+Die Franzosen, von denen einige mit ihren Seitengewehren bewaffnet
+waren, drei oder vier sogar ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch
+in die leichte Tracht der Europäer auf den Inseln, weite Hosen und
+Jacken und breiträndigen Strohhut gekleidet gingen, kamen indeß näher
+und näher und steuerten, als sie die bunten Kleider der Mädchen vor dem
+Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu.
+
+Die Männer oben hörten dabei auf zu singen, und blickten finster auf die
+ungebetenen Gäste, die hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des
+eigenen Hauses störten, und die Mädchen rückten enger zusammen, und
+flüsterten ängstlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf sie
+zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten nicht
+einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme fest
+auf der Brust gekreuzt, in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst
+und fragend an.
+
+»Hallo Waihine's!« rief da der Eine der Franzosen in ihrer Sprache --
+»auf mit den Köpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das
+Näschen im Schultertuch -- aufgeschaut Dirnen und laßt ein vernünftig
+Wort mit Euch reden. -- Vor Allem sollt Ihr mir eine Frage beantworten,
+und ich weiß Ihr könnt, wenn Ihr wollt.«
+
+Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die
+Fremde senkte ihr Köpfchen tiefer und tiefer, und glühendes Roth schoß
+ihr über Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken selbst bis unter das
+Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mädchen bemerkend
+und kaum noch im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm kochte und
+gährte, sagte finster, die Feinde seines Vaterlandes mit den Augen
+messend:
+
+»Und was habt _Ihr_ für Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen,
+zu dem man Euch nicht das ~hare mai~ gerufen hat? -- fort mit Euch wohin
+Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter über das blaue Wasser
+nach den Lee-Inseln; unsere Augen schmerzen von Euerem Anblick.«
+
+»Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen, alter Bursche, wenn Du so
+unverschämte Reden führst!« rief Einer der Bewaffneten drohend;
+ȟbrigens hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern mit den Dirnen
+hier, so warte hübsch bis Du gefragt wirst -- hallo hier Waihine, gieb
+Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Kuss« sich
+niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten Arm um ihren schlanken
+zitternden Körper, während sie sich ihm mit lautem ängstlichem Ruf zu
+entziehen suchte.
+
+Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber
+auch Einer der Franzosen das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm
+nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen:
+
+»~Nahuihua~ -- bei Allem was da lebt -- die Perle die ich suchte; da
+bist Du ja, Mädchen!«
+
+»Zurück -- Le-fe-ve« -- rief aber die Schöne mit zornfunkelnden Augen --
+»zurück falscher Wi-Wi -- todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus
+Aumama -- und sie hat den Fluch über Dich gesprochen.«
+
+»Aumama?« rief Lefévre etwas bestürzt, »sie ist hier?« jede weitere
+Unterhandlung wurde aber rasch und plötzlich durch den greisen Häuptling
+selber abgeschnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwischen die Fremden
+sprang und Lefévre, denn dieser war es wirklich, an der Schulter faßte
+und zurückschleuderte von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und
+dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.
+
+»Fort mit Dir!« schrie er und sein Auge blitzte -- »fort mit Dir
+falscher Wi-Wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule
+und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit
+Dir, meineidiger feiger ~Huapareva~[K] oder Du sollst den Tag
+verfluchen der Dich zu unserem Leid an diese Küste gebracht!«
+
+ [K] Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf altem Schilf
+ schwimmend gefunden wird, und womit die Insulaner Personen von
+ unbekannter dunkler Herkunft vergleichen.
+
+»Teufel!« schrie aber Lefévre in toller Wuth, der von der kräftigen Hand
+des Alten seitab geschleudert wirklich Augenblicke brauchte sich im
+Gleichgewicht zu halten daß er nicht zu Boden fiel -- »Teufel!« und sich
+in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm führen,
+aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit
+kräftiger Faust dermaßen gegen die Stirn, daß er betäubt einen Schritt
+zurücktaumelte.
+
+»Rebellion!« schrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn spannend
+und die Flinte emporreißend, schlug er auf den ihm trotzig
+gegenüberstehenden Häuptling an und feuerte. Die Kugel wäre dem alten
+Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich gewesen, hätte
+nicht ~Nahuihua~, während die beiden anderen Mädchen flüchteten, selber
+den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeschlagen, das
+tödtliche Blei durch das Dach des Hauses zu senden.
+
+Jetzt aber sprangen auch die andern Männer empor, an dem beginnenden
+und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen;
+Lefévre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kümmerte sich nicht
+weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen
+hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen, sondern
+sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in
+Todesangst der Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher
+Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden
+auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein
+Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen.
+
+Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei
+der Frauen stürzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der
+Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erschien,
+gleich nach dem ersten Schuß, eine andere Frau, ein junges schönes Weib,
+die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das
+Schultertuch selbst gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten,
+wild und verstört wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer
+Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die
+Kämpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester
+Hülfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich
+sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang
+sie zu retten -- sich selber zu rächen.
+
+Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der
+Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte,
+sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit
+Gedankenschnelle die Waffe an sich reißend, floh sie den Hang nieder.
+Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild
+hinterdrein, aber was achtete das die Rasende -- wie eine zürnende Göttin
+ihres Waldes, und so schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den
+Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war sie
+dicht hinter ihm.
+
+»Le-fe-ve!« hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort über die Lippen,
+aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz
+-- »Le-fe-ve!« und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen
+Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die
+Büsche glitt, während das zürnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den
+erschreckt Zurückfahrenden ansprang.
+
+»Dieb!« schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, »falscher
+schurkischer Dieb!« und wäre die schwache Hand gewohnt gewesen eine
+Waffe zu führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verräthers
+niederschmetterte, hätte für diesen keinen zweiten nöthig gemacht.
+Selbst so traf er den rechten Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er
+kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten
+Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm so schändlich
+verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos
+wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder,
+zum Strand zurück.
+
+Von dort aber stürmten indeß die Franzosen gleich nach dem ersten Schuß
+in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die
+Sachlage wesentlich verändert hatte.
+
+»Sind wir Hunde?« schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu
+kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden
+zu -- »daß Ihr uns so behandelt? -- wir waren ein ruhiges Volk, wir
+_wollten_ Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in
+das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!«
+
+»Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat, »so, das für Dich, Du rothe
+Giftkröte!« und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und
+drückte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie
+leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum.
+In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn
+geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er
+damit die Stirn des Unglücklichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den
+Lippen leblos zusammenbrach.
+
+»Nieder mit den Verräthern!« schrieen die Franzosen, »hierher Kameraden
+-- hierher zu Hülfe!« und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem
+benachbarten Orangendickicht, während eine Schaar von französischen
+Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach ein dunkler Haufe von
+Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten
+Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber feuerten sie
+mitten hinein in den Schwarm, der sich also überrascht und bestürzt in
+der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich von
+den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet.
+Die Franzosen aber merkten jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit
+einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während sie
+sich hier höchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt
+hatten, und in dem dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in die
+Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend, und jetzt nur auf
+Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab
+und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die
+Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurück den sie gekommen.
+Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergossene Blut der
+ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen
+sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde
+wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand
+wieder erreichten.
+
+Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen neuen Angriff
+machen, theils die Insulaner zu züchtigen, theils einzelne ihrer
+Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen,
+zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schicksal, zu
+überlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der
+endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten
+Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen
+sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher
+Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, daß
+dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe
+zurückrudern mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den
+Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmäßiges aber von wenig
+Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in
+den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen
+wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die
+Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen
+waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach
+Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls
+höchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu
+bringen.
+
+An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen
+vierzig und fünfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande
+waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte
+und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde.
+
+Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein
+Kriegsdampfer, und die ~Jeanne d'Arc~ mit den nöthigen Marinesoldaten
+abgeschickt, die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen, während die
+Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Läufer
+Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den
+Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwärmen in der Nähe der
+jetzt vollständig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen
+Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde
+dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie
+mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich verlassen
+hatte, einen temporären Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen.
+Die Besatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste
+verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber
+angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten
+Angriff der Eingeborenen gegenüber, schwebte, recht gut bewußt.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+Der Abschied.
+
+
+Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche geworden, daß René
+selber fürchtete außerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in
+einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der
+Europäer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu
+sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch
+jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen würden. Welche
+Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer
+solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee --
+Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem
+Grundstück lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was
+sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein
+länger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen
+Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber
+unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie zu wirklich entschlossener
+Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte
+in dem ehrwürdigen Mr. Nelson.
+
+Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz kürzlich erst
+wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest
+bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes
+Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie
+bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem
+Geständniß, während sie sprach, und Worte fand für das, was ihr bis
+dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es
+auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar
+gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte,
+von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie öffnete dem alten
+ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie
+dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That
+noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und
+glücklich werden könne. René liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein
+Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geöffnet, -- nur
+der Verführung mußte er hier entzogen sein -- nur erst wieder vergessen
+was er Alles aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder gut wie in
+früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange
+trüb gewesen -- recht trüb und traurig.
+
+Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten
+wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte,
+der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt jetzt Einer der
+leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer
+Wallfischfänger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen
+Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der
+Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten
+an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt
+Sadie und René den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien
+einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon
+die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben würde ihn zu
+begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht René
+seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie
+Alles geordnet hatte, seine längst besprochene Uebersiedelung
+auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht für ihn, und
+verzögerte sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit
+aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein, wenn der Kampf
+hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber
+war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald
+er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen.
+
+Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich von René, und wenn auch
+nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte
+in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte
+-- _durfte_ sie den Gatten hier allein zurücklassen, wo ihm vielleicht
+noch Gefahr für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, für
+sein Leben drohte? Und _allein_ nach Atiu zurückzukehren? -- sie hatte
+sich das so ganz anders gedacht -- so lieb und glücklich sich das
+ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am
+Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen
+würde -- wenn die Thäler und Hänge dem Meer entstiegen -- rechts und
+links das niedere Palmenbewachsene Land austräte von den Gebirgen, und
+höher und deutlicher würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung
+zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt -- Ach sie seufzte
+recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, daß sie das
+Alles jetzt _allein_ nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick
+doch das Bewußtsein halb ertödten müßte -- _er_, durch den Dir die
+Plätze und Thäler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum
+Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das
+Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und
+Kind nicht bei sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben.
+
+Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht
+hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen
+aus der Nähe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr
+_nieder_blickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß
+stillen konnten und -- mochten, ein Herz zu finden dem sie sich
+anschlösse, eine Brust in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der
+sie zujubeln durfte was sie freue.
+
+René sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind
+vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier
+aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber auch recht gut,
+wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so günstige Gelegenheit zu
+finden auf einem großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer
+Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen,
+von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten
+zu dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem
+sich die Französischen Behörden ganz besonders solche Mühe gaben, irgend
+etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf
+der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte sich nicht das
+Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf
+seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß sein
+Ueberfall an dem Abend, René wußte selber nicht wie, bekannt geworden,
+und man ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die seine
+Untersuchung leitende Behörde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach
+das aber wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten
+Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu führen, Nichts gewußt zu
+haben; was hätte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die
+Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer
+müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu
+zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an
+Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den
+geringsten Verkehr zu haben.
+
+René ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem
+die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und
+ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn später seine
+Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln
+stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden
+Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.
+
+Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getäuscht sehen;
+Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer
+Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im
+Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der
+Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe
+hinübermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls
+bedenkliche Nachrichten über den Zustand der dortigen Verhältnisse
+eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache
+beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat
+den jungen Mann nur noch höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten
+Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung
+zurück sein müßte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher
+nichts weiter im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings geben
+könne, daß sich der Gouverneur selber dahin geäußert habe die
+Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven
+Beschluß vermochte er selber nicht zu geben.
+
+Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am
+nächsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu
+können, beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem raschen
+Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde. Ohne Weiteres beschloß er
+nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem
+bequemen Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu
+willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen
+Güter, das am nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier
+Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr.
+Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach
+Hause zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so
+manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie
+zuzubringen.
+
+Die letzte Nacht -- es liegt ein eigener, wehmüthiger Zauber in dem
+Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz
+verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei
+selbst gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns
+fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und
+trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt
+verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter
+den Füßen gebrannt, und wenn wir fort _dürfen_, wenn die Welt frei und
+offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin
+hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches
+Gefühl von Weh und Reue fast die Brust -- wir stehn und zögern, wenden
+uns zum Gehn, und der Fuß ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon
+oft im Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich _warum_? -- zum letzten
+Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise -- zum letzten Mal
+betret ich ihn vielleicht -- dazwischen liegt die Ewigkeit, und der
+Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt
+schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der
+Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist nicht mehr
+die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten Platz -- es ist die
+Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber.
+
+Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit
+allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert, und nicht
+loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt
+stößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu
+eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum.
+
+In ernstem Schweigen blieb René stehn, als er den freien offenen Platz
+erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er seit
+Jahren nun sein eigen genannt, überschauen konnte, und trübe
+schmerzliche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten. Manches
+Andere gesellte sich noch dazu -- er war gealtert seit er sich einst hier
+angebaut, gealtert an Leib und Seele -- und mehr noch an Seele wie an
+Leib. Und hatte sich Alles das erfüllt was er hier einst gehofft? -- war
+das Wahrheit geworden, was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz da
+vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden Farben? bot ihm die
+Zukunft noch, was sie ihm einst in schöner Zeit versprochen? -- doch
+fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele
+jagten, fort -- sein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift -- für
+ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da
+noch mishandeln erst und quälen.
+
+Und als er noch so da stand und, erst die düsteren Geister gebannt, aus
+dem Schatz seiner Erinnerungen all die lieben seligen Bilder herauf
+beschwor; das Glück in dem er geschwelgt, den süßen Frieden den er hier
+gefunden, als ihn die ganze Welt zurück gestoßen und das Herz verschmäht
+das er ihr bot, da schoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn.
+Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich höher, freier -- seine
+Lippen lächelten und jetzt? -- der laute fröhliche Jubelruf des
+glücklichen spielenden Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte
+Thür des freundlichen Häuschens trat sein Weib, das herzige Mädchen auf
+dem Arm, auszuschaun nach dem so lange bleibenden bösen Vater, und mit
+einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung, hatte sein treues Weib
+umfaßt und an sein Herz gedrückt, das sich an ihn schmiegende Kind auf
+dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen wie in alter Zeit.
+
+Jetzt erzählte René auch der, darüber fast wieder traurig werdenden
+Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der
+Gouverneur den lächerlichen Proceß wolle fallen lassen, wegen dem Mord
+der Schildwacht, bei dem er ja doch wahrlich nicht betheiligt gewesen,
+so daß er nun gleich nachfolgen könne, sobald Jener zurückgekehrt -- und
+lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen standen,
+und jeder Tag den Aufstand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte.
+
+So sollte denn Sadie morgen endlich zurück kehren nach ihrem lieben
+Atiu, und bis sie dort Alles mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare
+Hülfe in Ordnung gebracht, konnte René auch schon wieder eine
+Gelegenheit gefunden haben nachzukommen -- die wenigen Tage oder selbst
+Wochen gingen rasch vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war
+wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmeninsel, und die Kleine
+schrie und jauchzte vor lauter Lust, als sie die Mutter so lachen sah
+und fröhlich sein.
+
+Den Abend plauderten sie noch bis spät in die Nacht hinein und am
+anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte daß es nun bald an den
+Abschied ging, hatte sie so viel zu thun, daß sie gar nicht Zeit bekam
+daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten
+mußten bis Alles zusammengerollt und eingeschnürt zum niedertragen
+fertig lag. Nur das Nothdürftigste behielt René zurück, jetzt durch so
+wenig als möglich belästigt zu bleiben, und das Wenige dann
+mitzubringen, wenn er selber käme.
+
+Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte, sollte das Boot
+wieder da sein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der
+Wallfischfänger in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen.
+
+Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefahren und um die nächste
+Landspitze verschwunden, und René und Sadie standen noch und schauten
+ihnen nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach dem _leeren_
+Haus zurück zu gehn, da hörten sie Schritte hinter sich und Sadie stieß
+einen leisen Angstschrei aus, während sich Renés Brauen finster und
+drohend zusammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange
+düstere Gestalt des Missionairs Rowe feierlich und ernst herunter
+schritt, und unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die
+beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und
+vorgestreckten, nach unten gedrehten Händen, wie segnend grüßte. Seine
+Lippen lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster Brust
+geholte Seufzer, der das kaum hörbar geflüsterte Amen begleitete,
+verrieth das Mitgefühl, das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die
+um ihn her sündigten und litten.
+
+»Und welchem glücklichen Zufall habe ich die Ehre dieses in der That
+unerwarteten Besuchs zu danken?« sagte René kalt, als der Geistliche
+noch einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor ihnen stehen
+blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als sonstigen Gruß oder Anrede zu
+sagen; »oder hat Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das
+wahrscheinlichere, ein paar Thüren zu weit gegangen, wo er dann freilich
+mitten hinein ist gerathen in die »papistischen Gräuel« und den
+»Baalsdienst«.
+
+»René« bat Sadie, und drückte leise und bittend des Gatten Arm, aber das
+Herz war ihr selber fast wie zugeschnürt, denn jedem entscheidenden
+Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so ernst und
+finster wie er jetzt da vor ihr stand; und hatte nicht immer sein Kommen
+ihr Leid gebracht, und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung, der
+sie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte ihr sein Anblick die
+Brust, das Herz in dieser Stunde, und sie mußte sich zwingen den leisen
+Gruß auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte weder
+Gruß noch Freundes Wort; nein, aus sich selber heraus quoll ihm des
+heiligen Wortes Spruch und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost
+und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild wohl brachte, aber das
+Herz kalt ließ dabei und unbefriedigt.
+
+»Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine
+Schwelle geführt« erwiederte Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen
+Anrede des Katholiken, »aber Du und die Gattin die Du Dir erwählt, Ihr
+Beide steht an einem Abschnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort
+eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen
+sollte.«
+
+»Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den Beweis gegeben« unterbrach
+ihn rasch René, der sich nicht helfen konnte dem Gedächtniß des
+Geistlichen mit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht in
+Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich bei dem frommen Mann
+geirrt.
+
+»Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und
+Seinen Werken« sagte er ernst und feierlich, aber keineswegs erzürnt
+über die finstere Mahnung des jungen Mannes. »Was ich gethan und wie ich
+gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und
+siehe da, vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege sind
+aber wunderbar, und Er führet Alles zum Besten hinaus, und Ihm deshalb
+sei Ehre und Preis in der Höhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmüthig
+selber richten wollen.«
+
+René wollte reden, aber der leise Druck von Sadieens Hand lag bittend
+auf seinem Arm, und er biß nur die Unterlippe ein und wandte sich halb
+ab von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde nicht
+verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs für ihn
+darin, wie er jetzt dem, dieser Verbindung so feindlich gesinnt
+gewesenen Priester gegenüber stand. Mr. Rowe übrigens, unbekümmert um
+Alles was in der Brust des Franzosen, dessen Gesinnung gegen ihn er
+vollkommen gut begriff, vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm die
+Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos und zitternd überließ und
+mit den Worten -- »lasset uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu
+dieser Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter, für und für«,
+führte er die etwas erstaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in
+das Haus, dort, wie er ihr sagte, ungestört ihre Augen und Herzen zu
+Gott erheben zu können.
+
+René blieb wirklich erstaunt über diese fabelhafte Ruhe -- und er hatte
+noch einen anderen Namen dafür -- zurück, und sah ihnen nach, dann aber
+mit dem Kopf schüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich nahm er sein
+Kind auf den Arm und sprang und spielte damit am Strand herum, die
+Rückkunft des frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten.
+
+»Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen« murmelte er dabei vor sich
+hin, indem er zuletzt ungeduldig werdend am Strande auf und ab ging, und
+durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen suchte, »ein
+Selbstvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt
+mir der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig
+nicht als ob er sich schämen müsse mir in's Auge zu sehn, nein, als ob
+er mir verziehen hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet.
+Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschießen solche Fragezeichen der
+Schöpfung unter uns herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des
+Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehört aber Geduld dazu, und
+verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in
+diesen Tagen einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein
+donnern in den Kram. Und wer leidet nachher darunter? sicher nicht diese
+Schleicher, die sich wohlweislich einzudrücken verstehn und mit einem
+frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darüber zu Grunde gehn
+sehn -- hol' sie Alle der Henker. -- Und wo er nur bleibt?« -- setzte er
+dann nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren Blick nach
+seiner Thür hinzu -- »es gehört bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu,
+mit diesen -- Heiligen fertig zu werden.«
+
+Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte das sogar ganz genau, wie
+gern ihn der Franzose bei sich sah, hielt es aber für unumgänglich
+nothwendig, seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz
+aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig eine Gelegenheit
+gesucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken
+wieder auf etwas freundschaftlichere Weise anzuknüpfen; jedenfalls aber
+eine Entschuldigung zu finden sein Haus in seiner Gegenwart zu besuchen,
+um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. _Der_ Zeitpunkt war
+ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht nicht wieder bot, und
+der Erfolg bewies daß er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber
+auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder verlieren
+wollte, und deshalb das Gebet vielleicht rascher beendend, als er es
+unter anderen Umständen gethan haben würde, erhob er sich wieder,
+stäubte sich die Knie ab, küßte Sadie inbrünstig auf die Stirn, legte
+seine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt und führte sie dann wieder
+mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an
+der Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in den Seinen zog, und
+dann den Geistlichen ansah, als ob er seiner Entfernung nicht das
+mindeste in den Weg zu legen wünsche.
+
+Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlassen hätte
+ehe er es selber für Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des
+göttlichen Wortes nach Kräften ausgestreut zu haben; fiel der dann auf
+unfruchtbares Land, so war das nicht seine Schuld, und er hatte sich
+selber keine Vorwürfe darüber zu machen. In einer ziemlich langen
+Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er sich dann noch
+einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht kränken mochte und
+sonst dem für ihn höchst langweiligen Gespräch wohl bald ein Ende
+gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beschrittenen Bahn des Guten, die er
+hier auf Tahiti, als eine schätzenswerthe Ausnahme von seinen
+Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur Gott
+ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere Missethat des Mordes
+verzeihen wolle, und verkündigte ihm dann, als er merkte wie René jetzt
+wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund öffnete zum trotzigen
+Einwurf, daß er dafür gesorgt habe ihre alte früher innegehabte Wohnung
+in Atiu wieder für sie herrichten zu lassen; daß das Dach neu gedeckt,
+das Haus gereinigt und gelüftet sei -- eine nicht ganz unnöthige
+Vorsicht des sonst sehr leicht darin nistenden Ungeziefers der
+Centipeden wegen -- und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich
+beziehen könne, als ob sie es nie verlassen habe.
+
+»Das Haus uns hergestellt?« rief René allerdings im höchsten
+unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern Abend ja den Entschluß
+gefaßt, und Wochen dazu gehört haben mußten das anzuordnen und
+auszuführen -- »und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?«
+
+»Aber René« beschwor ihn seine Frau.
+
+»Gebeten? -- Niemand --« erwiederte jedoch in voller Ruhe der
+Geistliche, »aus freiem Antrieb hab' ich das gethan. Seit jener Nacht«
+fuhr er dann mit einem wehmuthvollen Blick nach oben fort, »wo jene
+fatale Sache mit der Französischen Schildwacht hier geschah, wußt' ich
+daß es sowohl Ihr, wie besonders Prudentias Wunsch war, sich wieder
+zurück nach Atiu zu ziehn. Es war das Beste auch für sie, sie konnte
+dort ungestörter ihrem Gotte leben, nicht abgelenkt durch sünd'gen
+Wandel mehr, und alle Reize der Verführung die hier in Papetee des
+Satans Macht zu gold'nem Netze auslegt -- es war die höchste Zeit für
+sie, zurückzukehren zu dem stillen Frieden jener Insel die ihre Heimath
+nun doch einmal ist.«
+
+Renés Blut kochte, denn recht gut fühlte er, wie der Geistliche zum
+ersten Mal wieder die Hand ausgestreckt, in sein Familienleben
+einzugreifen, und wie er jetzt gleich entschieden auftreten müsse, ihn
+von allen derartigen Versuchen zurückzuschrecken. Sadie dagegen sah in
+dem freundlichem Wort, ihr Herz ja selber kein anderes Gefühl bergend,
+nur Liebe und Versöhnung, und mit Freude strahlenden Blicken die Hand
+des Geistlichen ergreifend, drückte sie diese in frommer dankbarer
+Inbrunst an ihre Lippen, René aber, ihren Arm erfassend, zog sie zurück
+und sagte finster:
+
+»Laß das Sadie; der Herr da meint's vielleicht recht gut, und ich will
+gern Vergangenes auch vergessen, doch damit, hochwürdiger Herr hab' ich
+auch Alles gethan was ich vermag, und muß Sie ernstlich bitten sich
+nicht um irgend etwas mehr zu kümmern, was mich, Sadie oder mein Haus
+betrifft.«
+
+»Herr Delavigne« rief der Geistliche auffahrend, und ein Blitz aus
+seinem kleinen lebendig grauen Auge traf den Franzosen in nichts weniger
+als christlicher Demuth -- »Sie gehn zu weit -- Prudentia ist
+Protestantin, und ihrer Seele Heil fordert der Herr einstens vielleicht
+von mir.«
+
+Ein spöttisches Lächeln zuckte um des Franzosen Lippe als er erwiederte:
+»Genug und über genug, ich habe keine Lust mich jetzt noch in religiöse
+Spitzfindigkeiten einzulassen; Sie wissen daß Sadie mich bald verläßt
+und Manches hat sie mir wohl noch zu sagen, Manches ich ihr -- ich
+hoffe doch Sie werden mich verstehen.«
+
+»René« bat die Frau mit leiser flehender Stimme.
+
+»Ei beim Teufel« zürnte aber der junge Mann mit dem Fuß stampfend --
+»der Herr hier weiß wie wir zusammen stehn und sollte es vermeiden
+Scenen zu erneun, die nur für beide Theile unangenehm sein können. Ich
+bedarf seiner Einmischung in meine Angelegenheiten nicht -- ich verlange
+sie nicht und, beim Himmel, ich _will_ sie nicht dulden.«
+
+»Herr Delavigne -- Sie trotzen auf die Macht die Ihre Landsleute in
+diesem Augenblick gerade hier besitzen« rief der Geistliche aber jetzt
+auch gereizt.
+
+»Ich trotze auf die Macht die mir mein Hausrecht giebt« rief aber der
+junge Mann.
+
+»Ich glaubte Sie mir zum Dank verpflichtet zu sehn« sagte der Missionair
+da, der seine ganze Ruhe wieder gewonnen -- »und bedaure, mich geirrt zu
+haben.«
+
+»Er hat es so gut gemeint, René« bat die Frau.
+
+»Die Minuten verfliegen« rief aber der junge Mann, »und wenige nur sind
+noch die unseren -- in kurzer Zeit kann das Boot hier sein, Sadie, das
+Dich mir entführt.«
+
+»Ich sehe wie es steht« sagte der Missionair ernst und fast traurig --
+»Gottes Wort wird überflüssig wo der Welt Stolz die Zügel faßt und dem
+ewigen Verderben mit raschen flüchtigen Schritten entgegeneilt. So lebe
+denn wohl Prudentia -- die Stunde schlägt die Dich jenem stillen
+freundlichen Insellande wieder zuführen soll -- möge es dieselbe sein,
+die Dich auch wieder zu Gottes Vaterhuld zurückführt. So bete zu ihm,
+daß er Dir gnädig Deine Sünden vergeben möge und behalte und wahre ihn
+in Deinem Herzen, der das Licht ist und Heil und die Hoffnung der
+Gläubigen in aller Ewigkeit -- Amen.«
+
+Und mit diesen Abschiedsworten hob er das Kind, das Sadie indessen
+wieder an sich genommen, zu sich auf, küßte und segnete es, gab es der
+Mutter zurück, neigte noch einmal die Hand gegen sie, und den finster
+dabei stehenden, den Gruß kalt erwiedernden Gatten und schritt dann
+langsam durch den Garten, durch dessen Pforte er bald darauf verschwand.
+
+Sadie aber lehnte ihr Haupt leise an des Gatten Brust und flüsterte mit
+weherfüllter Stimme:
+
+»Oh René, Du hast mir weh, recht weh gethan, mit Deinen heftigen,
+undankbaren Worten --«
+
+»Undankbar Sadie?«
+
+»Er hatte es so gut um uns gemeint, und Du hast ihn so kalt und heftig
+abgewiesen.«
+
+»Täusche Dich nicht, mein Lieb,« sagte René, sie fest an sich pressend
+-- »der stolze Priester meint's mit Niemand gut, und wenig Dank werd'
+ich ihm, vor allen Andern schulden. Er weiß das selber auch am Besten
+und _kann_ nichts Anderes erwartet haben. Ach Sadie, es war mir ein gar
+so wehmüthiges, ja bitteres Gefühl, daß sich der finstere Gesell gerad'
+in der letzten Stunde noch zwischen uns stellte und die Herzen
+auseinander hielt. Ich weiß nicht mir schnürt's die Brust noch jedesmal
+zusammen in seiner Nähe.«
+
+»Ach mir ist's auch ein wehes, wunderlich Gefühl« flüsterte Sadie, »und
+doch wär's Sünde, denn er meint es treu, und wenn er auch mit strengem
+starren Sinn den Weg verfolgt, den er nun einmal für den einzig wahren
+hält, so dürfen wir ihn doch darum nicht tadeln. Er ist im Zorn von uns
+gegangen.«
+
+»Laß ihn gehn« rief aber René, hochaufathmend, und den Blick dorthin
+zurückwerfend, wo der ehrwürdige Herr verschwunden, als ob er der
+wirklichen Entfernung desselben noch immer nicht traue -- »mir ist ein
+Stein vom Herzen daß er fort ist.«
+
+»Ist er's auch wirklich?« flüsterte da eine Stimme dicht neben ihnen,
+und als sie überrascht dorthin umschauten glitt Aia, das wilde schöne
+Mädchen hinter einem dichten Orangenbusch vor, und trat zu den Beiden.
+
+»Aia!« rief Sadie erfreut und doch auch vorwurfsvoll -- »Du böses, böses
+Kind, wo hast Du so lang Dich herumgetrieben in der Welt, daß Du gar
+nicht mehr an Deine Sadie gedacht?«
+
+»Und ich wollte ich müßte auch jetzt nicht an Dich denken« sagte das
+Mädchen leise und sie kämpfte dabei hart mit sich, eine aufsteigende,
+ihr sonst fast fremde Rührung zu verbergen.
+
+»Und weshalb, Aia?« frug Sadie.
+
+»Mach ihr das Herz nicht wieder schwer, Du wunderliches Kind« sagte aber
+René jetzt, ihr leise mit dem Finger drohend, »bist solch ein tolles
+Ding wenn Du da draußen herumtobst, unter den wilden die wildeste, und
+wie ein anderer Geist scheint es über Dich zu kommen, wenn Du diese
+Schwelle betrittst.«
+
+»Du hast mir und ihr auch noch Vorwürfe zu machen, nicht wahr, Du böser,
+nichtsnutziger Wi-Wi?« rief aber das Mädchen, trotzig sich die Locken
+aus der Stirn schüttelnd und mit zornigem Blick ihn anblitzend -- »Wehe
+über Dich; aber die Strafe bleibt Dir nicht aus, und dann denk' an
+_mich_, dann erschein' ich Dir in Deinen Träumen und quäle und martere
+Dich, trockne Dir Falten in die Wangen und bleiche Dir das Haar -- denk'
+an Aia.«
+
+»Tolles Mädchen was hast Du?« lachte aber René -- »kann ich dafür, wenn
+jene Kriegsschiffe vielleicht ungerecht dies Volk überfallen und sich
+unterwerfen? trag' ich die Schuld des vergossenen Blutes und all der
+darum vergossenen Thränen?«
+
+»Nein, Gott sei Dank nicht das auch noch,« sagte Aia, »doch genug,
+übergenug davon zu reden. Aber ich bin nicht zu _Dir_ gekommen, falscher
+Ferani, sondern zu Deinem Weib -- ich will mein Wort lösen, das ich ihr
+einst gegeben.«
+
+»Dein Wort Aia?«
+
+»Sagte ich Dir nicht, daß wenn Dich _Alle_ verließen und von Dir gingen,
+ich zu Dir kommen und bei Dir bleiben würde, und daß wir dann lachen und
+singen und tanzen und es toller treiben wollten, wie alle Anderen
+zusammen? -- und Gott weiß es, sie treiben's toll genug.«
+
+»Aber wunderliches Mädchen Du« sagte Sadie, während dennoch ein eigenes,
+wehes Gefühl ihr dabei das Herz durchzuckte, »wie fällst Du auf solch
+traurige Gedanken -- wer hat Dir die Grillen in den Kopf gesetzt?«
+
+»Und gehst Du nicht zurück nach Atiu?« rief Aia schnell und fast
+freudig.
+
+»Allerdings geh ich dorthin.«
+
+»Und René geht mit Dir?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Aber jetzt? -- gleich? -- auf einem Schiff?«
+
+»Wenn auch nicht jetzt in _einem_ Schiff, Aia« nahm hier René das Wort,
+während Aia leise und traurig mit dem Kopf nickte, »doch sobald ich darf
+-- sie lassen mich noch nicht hier fort.«
+
+»Wer? -- die Wi-Wis? -- die Kanakas halten Dich doch wahrlich nicht,
+Ferani,« rief Aia zornig.
+
+»Die Kanakas nein,« lachte René, »aber meine eigenen Landsleute, eines
+tollen Streiches der Deinigen wegen.«
+
+»Ja ich weiß wohl« sagte das Mädchen unheimlich lachend, »Ihr helft
+einander wo Ihr nur könnt; ich habe das selber erfahren zu meinem Leid
+-- aber fort mit Dir, nicht zu _Dir_ bin ich gekommen, mit Dir zu
+plaudern -- nimmst Du mich mit, Sadie?«
+
+»Nach Atiu?« rief Sadie rasch und freudig.
+
+»Wohin Du gehst« sagte das wilde Mädchen leise und herzlich.
+
+»Und willst Du dem tollen schlechten Leben entsagen?« frug Sadie ihre
+Hand in tiefer Rührung ergreifend -- »willst Du bei mir bleiben, und mit
+mir leben von nun an?«
+
+»Wohin Du gehst« flüsterte Aia und schaute ihr dabei recht still und
+wehmüthig in's Auge.
+
+»Aber Aia« sagte René, »wenn Du mitreisen willst, wo hast Du Deine
+Sachen, Deine Matte, Deine Kleider? -- das Boot wird gleich kommen Euch
+abzuholen.«
+
+Aia erröthete und schüttelte unwillig mit dem Kopf --
+
+»Was Kleider, was Matte, ich habe Nichts auf der weiten Welt und --
+brauche Nichts. Eine Matte finde ich in Atiu darauf zu schlafen, oder
+Blätter und Gras genug für ein Lager, und die Brodfrucht ist so süß dort
+wie hier -- und süßer -- viel süßer« setzte sie mit weicherer Stimme
+hinzu.
+
+»Ich habe Matten genug für Dich, Aia« sagte Sadie herzlich.
+
+»Ich weiß Du bist gut« flüsterte das Mädchen -- »aber ich hatte selber
+eine Matte, nur gestern und vorgestern -- schlief ich -- schlief ich bei
+der alten Hexe im Haus, die sie Mütterchen Tot nennen -- und die behielt
+mir für Schlafen und -- aber was brauch' ich's auch« setzte sie unwillig
+hinzu -- »mag sie zu Gift dem ersten werden, der sich d'rauf bettet.«
+
+»Aia --«
+
+Das Mädchen wandte den Kopf scheu und beschämt zur Seite, aber ihr Blick
+traf ein weißes Segel, das eben über der Landspitze sichtbar wurde, und
+durch das Binnenwasser der Riffe kam, von vier kräftigen Matrosen
+gerudert, ein scharfgebautes schlankes Boot schäumend heran. Sie deutete
+mit der Hand hinüber und wie mit einem Messer stach es nach Sadie's
+Herzen, denn das Boot das dort herbeischoß -- war bestimmt sie aus den
+Armen des Gatten, zum ersten Mal von seiner Brust zu reißen. Sie wurde
+todtenbleich und Aia sprang zu sie zu unterstützen.
+
+»Sadie -- Sadie« bat René, der rasch seinen Arm um sie schlug und sie an
+sein Herz zog, »mein armes süßes Kind fasse Dich -- nur für wenige
+Wochen ist es ja -- _Tage_ vielleicht, die ich getrennt von Dir bin, und
+die Zeit wird rasch und leicht vorübergehn -- grüße mir mein Atiu
+indessen.«
+
+»René -- René!« weinte die Frau an seinem Hals und schmiegte sich an
+seine Brust, als ob sie ihn nie und nimmer lassen könnte -- und Aia
+stand daneben, die großen hellen Thränen ihr rasch die Wangen
+niederjagend, und ihr Blick haftete in einer eigenen Mischung von Zorn
+und Angst und Schmerz auf dem Mann. Aber sie sprach kein Wort und die
+Arme jetzt krampfhaft fest über der Brust gekreuzt blieb sie in ihrer
+Stellung regungslos der Gruppe gegenüber.
+
+Auf einen Wink René's trug indeß das Mädchen, das sie ebenfalls hinüber
+begleiten sollte, das letzte Gepäck zum Strand hinunter, dem der Bug
+des Wallfischbootes rasch entgegenstrebte, und Sadiens Stirn dann
+küssend flüsterte er noch einmal:
+
+»Komm Kind, komm -- faß Dich mein süßes Lieb -- sieh was müssen die
+Matrosen davon denken, die gleich hier bei uns sind. Um Gott, was fehlt
+Dir nur?«
+
+»Nichts -- nichts;« flüsterte Sadie leise und suchte sich aufzurichten
+-- sie deckte einen Moment die Augen mit ihrer linken Hand und das
+rasche Wogen ihrer Brust verrieth jetzt allein noch den Sturm der in ihr
+tobe. »Es ist vorbei« sagte sie dann nach kleiner Pause mit leiser, aber
+wieder fester Stimme -- »es ist Alles vorbei.«
+
+Aia wandte sich ab, und hielt beide Hände jetzt fest an ihr Herz
+gepreßt, René aber rief mit lauter freudiger Stimme:
+
+»Und da drüben beginnen wir dann ein neues, freudiges Leben -- so wirf
+den Gram und Kummer von Dir mein herziges Weib; sieh, da sind die Leute,
+und ungeduldig winkt mir der Bootssteurer schon und zeigt nach dem
+Schiff -- sie _dürfen_ nicht länger zögern -- leb wohl Sadie!«
+
+Wieder warf sich die Frau an seine Brust -- aber es war nur ein Moment,
+nur die fast krampfhafte Wirkung des Trennungsworts, dann sich gewaltsam
+emporraffend griff sie nach ihrem Kind und reichte es ihm hinauf.
+
+»Da -- küß Dein Kind noch einmal« flüsterte sie ihm zu.
+
+»Aber Sadie, quälst Du Dich doch als ob es eine Trennung auf Jahre
+gälte; fasse Dich Lieb.«
+
+»Küsse Dein Kind« bat die Frau, und das kleine liebe Ding hatte schon
+die Aermchen um des Vaters Nacken gelegt, und preßte seine rosigen
+Lippen auf seinen Mund -- »und nun leb wohl René« sagte sie dann und ihr
+Antlitz, wenn auch noch von Thränen überströmt, hatte ganz wieder seine
+alte Ruhe gewonnen -- »leb wohl René und schütze Dich -- schütze Dich
+Gott!«
+
+»Mein liebes Weib --«
+
+»So -- so, das ist gut, und nun mein Kind -- fort, fort nach Atiu« -- und
+unter Thränen lächelnd hob sie die Kleine sich auf den Arm; noch einmal
+hingen ihre Lippen in langem heißen Kuß an denen des Gatten, und sich
+selber aus seinem Arm reißend floh sie hinunter zum Boot, wo die Leute
+schon ungeduldig standen und sie erwarteten.
+
+»Segel auf da vorn!« rief indeß der Bootssteuerer der hinten, mit dem
+langen Riemen im Eisenring, stand und die Abschiedsscene mit spöttischem
+Lächeln betrachtet hatte -- »und aufgepaßt da mit Euerem Bug, daß wir
+nicht auf den Sand kommen -- Alles klar?«
+
+»Halt! die Wahine da soll auch noch mit« rief Einer der Leute.
+
+»Wetter noch einmal, über all das Weibervolk« brummte der
+Wallfischfänger leise vor sich hin -- »wird eine schöne Fahrt werden.«
+
+»So leb wohl Aia« rief der davon Springenden René noch freundlich nach
+-- aber Aia kümmerte sich nicht um ihn; ihr Blick hing an dem
+schmerzlich durchzuckten Antlitz Sadiens -- sie hörte kaum daß ihr die
+Matrosen zuriefen sich zu eilen, und im Boot kauerte sie neben der
+schlanken Gestalt der Frau nieder und barg, den Arm um sie
+hergeschlagen, ihr Antlitz in ihrem Kleid.
+
+»Alles klar da vorn« schallte die rauhe Stimme des Bootssteuerers.
+
+»Alles klar!« lautete die Antwort.
+
+»Ab mit Euch -- stoßt ab.« Die Riemen wurden eingesetzt, der Bug des
+schlanken Fahrzeugs flog herum, und das Segel, das bis jetzt rasch und
+heftig gegen den schwanken Mast geschlagen, blähte weit aus in der
+frischen günstigen Brise, daß das schlanke Boot schon im nächsten
+Augenblick hineinpreßte in die klare Fluth, und den weißgekräußten wie
+gläsernen Schaum zu beiden Seiten hinausspritzte.
+
+»Joranna René -- Joranna!« rief ihm die Frau noch hinüber, und ihre
+rechte Hand, während sie mit der linken das Kind an sich preßte, winkte
+und grüßte den Zurückgebliebenen.
+
+»Joranna, Joranna!« schallte der Ruf zurück klar und deutlich mit der
+Brise über das Wasser -- »Joranna!« Aber das Boot schäumte durch die
+Fluth -- weiter und weiter drängte der Kiel dem Lande ab, der schmalen
+Einfahrt des Hafens zu und draußen, mit backgebraßten Segeln, lag schon
+das Schiff, der Ankunft des Bootes harrend, mit wehender Flagge noch,
+wie es den Hafen von Papetee verlassen. Jetzt hatte das schnelle Boot
+die offene See erreicht, mehr und mehr näherte es sich dem
+Wallfischfänger; jetzt fiel das Segel, René konnte deutlich die Leute
+erkennen, wie sie hinaufliefen an der Seitenwand -- das Boot stieg
+empor, die Raaen flogen herum und »Joranna« hauchten seine Lippen das
+Abschiedswort, als das wackere Schiff die frische Brise faßte, Segel auf
+Segel sich noch entfaltete, und der schlanke Bau in seinen Formen in
+immer weiterer Ferne mehr und mehr zusammenschmolz, bis er, ein weißer
+Punkt noch auf der dunkelblauen Fläche ruhte und -- verschwand.
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im
+Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden Ebook wurden offensichtliche
+Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. Die Schreibweise von
+Eigennamen richtet sich weitgehend auch nach den beiden bereits
+veröffentlichten Bänden.
+
+Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
+folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: ~Antiquatext~
+Fettdruck: #fetter Text#]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. ***
+
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+works. See paragraph 1.E below.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
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+ gbnewby@pglaf.org
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+charities and charitable donations in all 50 states of the United
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tahiti. Dritter Band.
+ Roman aus der Südsee
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38451]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. ***
+
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+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
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+
+<h1>TAHITI.</h1>
+
+<p class="center"><span class="g">Roman aus der Südsee</span></p>
+
+<p class="center">von</p>
+
+<p class="center"><b>Friedrich Gerstäcker.</b></p>
+
+<p class="center">Zweite unveränderte Auflage.</p>
+
+<p class="center"><b>Dritter Band.</b></p>
+
+<p class="center">Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.</p>
+
+<p class="center"><b>Leipzig,</b></p>
+
+<p class="center"><span class="g">Hermann Costenoble.</span></p>
+
+<p class="center">1857.
+</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2 class="first">Inhalt des dritten Bandes.</h2>
+
+
+
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="">
+<tr><td align="center"></td> <td align="right"> </td><td align="left"> </td><td align="left">Seite</td></tr>
+<tr><td align="center">Cap.</td><td align="right">1.</td><td align="left">Alte Erinnerungen und neue Schmerzen</td><td align="right"><a href="#Capitel_1">1</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">2.</td><td align="left">Pomare und <span class="f">Du Petit Thouars</span></td><td align="right"><a href="#Capitel_2">54</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">3.</td><td align="left">Die Tahitische Flagge</td><td align="right"><a href="#Capitel_3">80</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">4.</td><td align="left">Die Conferenz</td><td align="right"><a href="#Capitel_4">122</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">5.</td><td align="left">Susanna</td><td align="right"><a href="#Capitel_5">143</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">6.</td><td align="left">Jim O'Flannagan in Thätigkeit</td><td align="right"><a href="#Capitel_6">178</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">7.</td><td align="left">Consul Pritchards Gefangennahme</td><td align="right"><a href="#Capitel_7">230</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">8.</td><td align="left">Pomare's Flucht</td><td align="right"><a href="#Capitel_8">259</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">9.</td><td align="left">Der erste Kampf</td><td align="right"><a href="#Capitel_9">292</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td> <td align="right">10.</td><td align="left">Der Abschied</td><td align="right"><a href="#Capitel_10">310</a></td></tr>
+</table></div>
+
+
+
+
+
+<hr class="hr20" />
+<h2><a name="Capitel_1" id="Capitel_1"></a><span class="first">Capitel 1.</span><br />
+
+Alte Erinnerungen und neue Schmerzen.</h2>
+
+
+<p>Ueber die See strich der Morgenwind leise und
+feucht, kräuselte die Wogen, die spielend, neckend nach
+ihm auflangten, und glitt dann rasch zwischen die
+Palmen am Ufer und in den fruchtschweren Wald, in
+dem er rauschte und flüsterte und Thau und Blüthen
+niederschüttelte aus dem blitzenden Laub. Bleigrau lag
+noch das Meer, und nur dunkle Schatten flogen über
+seine Fläche, wo der Wind sie faßte, herüber und
+hinüber drängend und oft im raschen Zug darüber
+hinstreichend. Nur am Himmel kündete der lichte
+Streif den nahenden Morgen, und sandte seine zuckenden
+Strahlen weit aus über den noch sternfunkelnden
+Himmelsdom, vor denen die Kinder der Nacht erblichen
+und scheu und furchtsam zurückwichen, dem Sonnengott
+Raum zu geben.</p>
+
+<p>Und heran kam der, auf schnaubenden Rossen,
+wie vom Sturm getragen, und nicht langsam und
+zögernd, wie bei uns im kalten Nord &mdash; dem ersten
+Angriff folgend mit starker mächtiger Hand, scheuchte
+er die Nacht vor sich her, und seinem ersten dämmernden
+Nahen folgte auch schon der Siegeszug, mit dem
+er den flüchtigen Feind zu Paaren trieb.</p>
+
+<p>Dunkel und blau lag das Meer, als der erste
+zündende Strahl darüber zuckte und die kleinen Wellen
+neugierig die Köpfe hoben, zuerst dem nahenden Gott
+in's Auge zu schauen; und ein blinkendes Netz warf
+er über sie aus, Gold und Purpur strahlend, und wie
+von einem Zauberstab berührt, glühte plötzlich das
+weite wogende Meer, jede Welle den blauen schlanken
+Nacken mit Diamanten überstreut und von Gold- und
+Silberadern dicht und leuchtend durchzogen. Und die
+Berge strahlten den Widerglanz zurück, die thaubedeckten
+Palmenkronen warfen den silbernen Regen
+nieder in Thal und Schlucht, und wie aufathmend
+in unendlicher Wonne und Seligkeit, strömte der Duft
+aus von all den Blüthenhainen, die tief versteckt im
+dunklen Laube ruhten, den Seewind rückwärts treibend,
+mit sanfter liebender Gewalt.</p>
+
+<p>Ueber die Berge aber schaute der Sonnengott
+freundlich in's Thal, und grüßte die friedlichen Dächer
+alle, die tief versteckt im schattigen Laub lagen
+und ihn fürchteten den Gewaltigen. Nicht täuschte
+sie dabei der leise Kuß den er ihnen zuwarf wie er
+nur den Hain erreicht; &mdash; höher steigend und wachsend
+an Macht und Gewalt wäre der Kuß zum giftigen
+sengenden Pfeil geworden, der zündet was er erreicht
+und dorrt und brennt, und die Palmen hatten dann
+alle Hände voll zu thun, und mit allen Fasern den
+kühlen Lebenssaft aus dem feuchten Strand heraufziehen,
+das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen
+der stillen Menschen vor dem glühenden Strahl zu
+schützen und zu schirmen.</p>
+
+<p>Und wie freundlich er da unten auf dem gelben
+Laub spielte, das hie und da den Boden bedeckte, wie
+er sich durch jede Zweigesspalte durchstahl und den
+saftigen Blättern schmeichelte und mit ihnen kos'te,
+ihn nur durchzulassen, ein kleines kleines wenig nur
+durchzulassen zu den Blüthen und Früchten unten,
+denen er Zucker bringen wollte und ein goldenes Kleid,
+und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten
+formte, und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut
+grub zum Angedenken.</p>
+
+<p>Welch freundliches Leben und Treiben in dem herrlichen
+Wald, und daß die Axt da kommen sollte mit
+gierigem Zahn, und die Palmen niederschlagen und
+Bäume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen,
+viereckige, eingezäunte Felder, dem Sonnenstrahl preisgegeben,
+der dann nicht spielend mehr zwischen den
+Zweigen kost, sondern verlangend sich an den Boden
+saugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Lust.</p>
+
+<p>Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauschen
+die Bäume, noch flüstert der Morgenwind, der flatterhafte
+Geselle, den Blüthen allen seinen tollen Liebesunsinn
+vor, und unter dem Laub, die schönste Zierde
+des Hains, der Blumen eine die das Land gebar
+und die zu ihnen gehörte, zu den schlanken Palmen
+und duftenden Blüthen saß Sadie, und wie an
+den wehenden, raschelnden, wispernden Blättern der
+Banane, die ihre grünen Fächer schützend über sie
+breitete, der Thau in großen hellen Tropfen blitzte
+und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, so hing an
+ihren Wimpern ein klares Thränenpaar und schwer
+und langsam sank es nieder zu dem Thau &mdash; anderen,
+schwereren Perlen Raum zu geben.</p>
+
+<p>Sie war allein &mdash; nur das Kind spielte zu ihren
+Füßen, haschte nach den wechselnden Schatten die
+ein neckischer Strahl über ein hin- und herwehendes
+Blatt warf, oder suchte sich kleine blitzende Muscheln
+aus dem Korallenkies, der sich hier mit dem Boden
+vermengte &mdash; Ren&eacute; hatte seine Heimath &mdash; zum ersten
+Mal seit sie mit ihm vermählt &mdash; schon vor Tag,
+und zwar durch Bertrand abgeholt, verlassen, in einer
+Stimmung verlassen, die ihr das Herz mit Sorge
+füllte &mdash; sie wußte selber nicht warum, und jetzt
+schnürte ihr eine Angst, der sie nicht Worte zu geben
+wußte, die Brust zusammen und die Thränen, die
+ihren Wimpern entfielen linderten den Schmerz nicht,
+der sie erzeugt, sondern brannten nur weiter in zündender,
+quälender Lohe.</p>
+
+<p>So saß sie da, lange, lange Minuten, in ihrem
+Gram, die brennenden Augen in der Hand geborgen
+und die klaren Tropfen preßten sich gewaltsam Bahn,
+zwischen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus
+ins Freie. Aber immer ängstlicher wurde ihr dabei
+ums Herz, ein merkwürdig stechendes Gefühl zog ihr
+durch Scheitel und Hirn &mdash; sie athmete schwer und
+wie von einer heranprassenden Gefahr bedroht,
+die sie umgab und wenn auch unsichtbar bedrohte,
+schaute sie endlich verstört und bleich empor und
+sprang mit einem jähen Schrei auch auf von
+ihrem Sitz, denn vor ihr stand, mit auf der Brust
+gekreuzten Armen, den ernsten aber jetzt nicht strengen
+Blick fest und forschend auf sie geheftet, der Mann,
+der einst mit kalter starrer Hand hineingreifen wollte
+in ihre Liebe, in ihr Leben, und dem sie sich seit jenem
+Tag nicht mehr gegenüber gesehen &mdash; <span class="g">der Missionair
+Rowe</span>.</p>
+
+<p>Und was führte ihn jetzt zu ihr? &mdash; Sorge?
+Theilnahme? hatte sein starres unduldsames Herz
+verziehen? oder &mdash; wie Fieberfrost zog es ihr durch
+Mark und Bein wenn sie des fernen Gatten dachte
+und den stillen wehmüthig ernsten Blick des finstern
+Mannes so fest, so entsetzlich fest auf sich gerichtet sah.</p>
+
+<p>&raquo;Um Gott! &mdash; was ist geschehen?&laquo; flüsterte sie
+endlich in kaum hörbaren, angstdurchzitterten Tönen &mdash;
+&raquo;wo ist Ren&eacute;? &mdash; was ist vorgefallen ehrwürdiger
+Herr?&laquo; und das Kind, das auf dem Boden neben
+ihr gespielt und die schmerzlichen Laute der Mutter
+hörte, ihre Thränen sah, sprang auf und klammerte
+sich schreiend an ihr Knie, sich nur wieder beruhigend
+als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber
+der ehrwürdige Mr. Rowe schüttelte mit dem Kopf
+und sagte ernst:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Du eine Unglücksbotschaft fürchtest, meine
+Tochter, so beruhige Dich, denn sie kann nicht von
+mir ausgehen &mdash; ich weiß von keinem fleischlichen
+Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte.
+Aber nicht dem auch sind Deine Thränen geflossen,&laquo;
+setzte er wehmüthiger hinzu &mdash; &raquo;nicht die Furcht vor
+Krankheit oder Tod hat diese Wangen gebleicht, diese
+Augen geröthet &mdash; o Prudentia, sind <span class="g">das</span> die Früchte
+unserer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die
+wir, Dein Pflegevater und ich auf Dein Wachsen
+und Aufblühen setzten? &mdash; ist das Versprechen Wahrheit
+geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn
+in früher Jugend gab, und pflegst Du <span class="g">so</span> das Wort
+Gottes, das Dir, ein heiliger tröstender Stern hätte
+vorleuchten sollen auf der schweren Bahn der Prüfung
+die Du, nach dem Willen des Höchsten betreten, und
+der Du, ach, nach so kurzer, so entsetzlich kurzer Zeit
+schon erliegst?&laquo;</p>
+
+<p>Sadie schwieg &mdash; das Herz war ihr schon überdies
+voll und schwer, und die Worte des Geistlichen
+schnitten nur noch tiefer ein in die Wunden. Auch
+der wehmüthige, fast liebende Ton den sie an ihm nie
+gewöhnt, drang ihr mit scharfem Schmerz in die
+Seele und wie das, was ihr in früher Jugend gelehrt
+und ihr Herz damals in voller ungetheilter
+Kraft erfüllt hatte, jetzt wieder, vielleicht stärker noch
+durch die Gestalt des damaligen strengen Lehrers,
+durch die Stimme selber zu Tag gerufen worden,
+deren Klänge in ihrer Erinnerung nie verwischt, nur
+geschlummert hatten, so stieg auch mit den Worten
+der mahnende finstere Geist auf und hob warnend die
+Hand und der Gedanke <span class="g">ich habe gesündigt</span> wuchs,
+ein Furcht- und Schreckensbild, mit riesenhafter
+Schnelle vor ihrem inneren Auge empor und gab
+der Angst und Qual die sie an diesem Morgen schon
+gefühlt einen entsetzlichen und doch ihr unbewußt so
+falschen Ausdruck.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ehrwürdiger Herr&laquo; flüsterte sie leise &mdash;
+&raquo;nicht aus eigenem Antrieb &mdash; Gott weiß es &mdash; betrat
+ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich
+darin gefühlt, zwischen den fremden Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Du hast mit ihnen <span class="g">getanzt</span>!&laquo; sagte traurig der Missionair und sein
+Auge haftete in ernster Wehmuth auf den bleichen Zügen der armen jungen
+Frau &mdash; &raquo;ihrer wilden zügellosen Lust mit der sie sich im Kreise
+schwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Männer, hast Du
+beigewohnt, hast Theil daran genommen und wenn Du da glaubst, und Dir
+vorsprichst vielleicht, Dich vor Dir selber zu entschuldigen, Dein Herz
+sei noch frei von böser Absicht, bösen Wünschen &mdash; glaube es nicht! &mdash;
+Der Feind hat die Hand nach Dir ausgestreckt, die Du ihm, statt ihn mit
+frommem inbrünstigem Gebet und fleißigem Lesen in der heiligen Schrift,
+abzuwehren, willig &mdash; ja Prudentia &mdash; willig geboten hast. Der erste
+Schritt dazu war, als Du einem Manne folgtest, der dem wahren Glauben
+abhold, nie in das stille Heiligthum Deines Herzens hätte eindringen
+dürfen, eindringen können, wäre nicht grobe Sinnlichkeit und
+fleischliche Lust stärker in Dir gewesen als die Liebe zu Gott.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ehrwürdiger Herr&laquo; bat Sadie.</p>
+
+<p>&raquo;Es schmerzt mich&laquo; fuhr der Geistliche mit fast weicher Stimme fort &raquo;es
+schmerzt mich tief Dir weh thun zu müssen, Prudentia, denn ich habe Dich
+lieb gehabt, schon als kleines Kind, und Dein Wachsen und Gedeihen in so
+Gott wohlgefälliger Weise mit inniger Freude angesehen. Ich hielt es
+damals für meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den ersten
+Fehltritt thun wolltest &mdash; der Herr hat es anders gelenkt, Sein Name sei
+gepriesen. &mdash; Aber nur eine Prüfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das
+Kind dieser Inseln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen
+Dienern selber gehört, und sorgfältig aufgezogen warst, Sein Wort weiter
+zu verbreiten auf diesen Inseln, auch bestehen würdest auf dem rauhen
+Pfad des Lebens, wenn keine treue und sichere Hand Dich mehr führte und
+leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle diese Hoffnungen sind
+dahin gestoben, wie Spreu im Winde &mdash; der erste Lufthauch der Lust, der
+Verführung, und Jahrelange Arbeit und Müh schwand dahin, als ob es ein
+Nichts gewesen wäre, ein todtes Blatt im Herbststurm, das dem Meere der
+Vernichtung entgegenweht. Und noch &mdash; jetzt <span class="g">noch</span> ist es Zeit Dich
+zurückzuhalten, jetzt noch ist Rettung nicht unmöglich, wenn Du die
+mahnende Freundesstimme &mdash; die Stimme <span class="g">Gottes</span> hören wolltest, die
+bittend, flehend zu Dir spricht, durch meinen Mund. Noch ist die elfte
+Stunde nicht vorüber &mdash; noch lacht Dir das Licht der Verheißung und es
+ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der reuig zurückkehrt in
+die Arme des Allliebenden, als über tausend Gerechte die da eingehn zur
+himmlischen Herrlichkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was <span class="g">kann</span> ich thun?&laquo; klagte die arme Frau
+und faltete verzweifelnd die Hände auf dem Schooße
+&raquo;mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben &mdash; ihnen
+gehört es, ihnen muß ich bleiben und sagt nicht selbst
+Gott in seinem Wort: Du sollst Vater und Mutter
+verlassen, und dem Manne folgen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem Manne, aber nicht dem Feind&laquo; rief der
+Missionair zum ersten Mal wieder den alten unversöhnlichen
+Haß im Blick &mdash; &raquo;nicht dem Feind, Prudentia,
+der Dich mit süßen Liedern und rauschenden
+Klängen lockt. Du sollst dem Mann, der nun doch
+einmal Dein Mann geworden, in allem <span class="g">Guten</span>
+folgen, aber nicht in Sünde und Finsterniß &mdash; und
+das nicht allein, Du sollst, Du <span class="g">mußt</span> all Deine
+Kraft, all Deine Macht über ihn anwenden, ihn
+selber zurückzuhalten von dem, was ihm Verderben
+droht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was würde Vater Osborne sagen&laquo; fuhr er
+wieder mit weicherer leiserer Stimme fort, &raquo;wenn
+er Dich gestern in ihren Reihen, die Fröhlichste unter
+den Fröhlichen noch hätte sehen können?&laquo;</p>
+
+<p>Sadie schüttelte traurig mit dem Kopf und seufzte
+tief auf.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn er Zeuge gewesen wäre, wie Du ihre
+Tänze tanztest und in ihren Armen den Abend verbrachtest,
+der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein
+Kind hätte verfließen sollen. Prudentia &mdash; <span class="g">kannst</span>
+Du noch beten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus voller inniger Seele zu meinem Gott!&laquo;
+rief aber das arme Weib jetzt, dem bei den Worten
+eine Last von der Seele wälzte &mdash; &raquo;der Schein mag
+wider mich sein, und der Ausspruch der Menschen;
+aber Gott der mein Herz sieht und kennt, weiß mit
+wie wehmüthigem Gefühl ich dem Befehl, dem
+Wunsch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen
+an den Lustbarkeiten der Fremden. Mir war nicht
+freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich passe
+nicht zwischen sie mit ihren fremden Sitten und Gebräuchen
+ &mdash; mit ihren fremden Gedanken von recht
+und gut &mdash; mir ist nur wohl in meiner Heimath,
+bei meinem Kind und hätt' ich mein freundliches
+Atiu nicht verlassen dürfen, wie froh, wie glücklich,
+wie Gott dankbar hätte ich leben wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme jetzt von Atiu&laquo; sagte Mr. Rowe
+leise.</p>
+
+<p>&raquo;Von Atiu?&laquo; rief Sadie rasch und bewegt die
+Hände faltend &mdash; &raquo;von &mdash; von Atiu;&laquo; setzte sie langsamer
+und mit kaum hörbarer Stimme hinzu &mdash;
+&raquo;von meinem Atiu &mdash; und haben sie meiner freundlich
+noch gedacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bruder Ezra hat mich begleitet&laquo; sagte der Missionair
+ohne direkt auf ihre Frage zu erwiedern &mdash;
+&raquo;denn der jetzigen inhaltschweren Verhältnisse wegen
+ist eine Zusammenkunft von allen solchen Männern
+wenigstens nöthig geworden, die irgend eine vorragende
+Stellung auf den verschiedenen Inseln einnehmen,
+dort etwa auftauchendem Französischem
+Einfluß zu begegnen. Die Mutterkirche in England
+scheint theilnahmlos unserem Kampfe zuschauen zu
+wollen, und wir müssen ihr jetzt zeigen über welche
+Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige
+wenige, der christlichen Religion gewonnene Häuptlinge
+ihren Schutz verlangten, oder ein starkes zahlreiches
+<span class="g">Volk</span>, das ein <span class="g">Recht</span> hat, ihre Hülfe zu beanspruchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mi-to-na-re&laquo; flüsterte die junge Frau, unter
+Thränen lächelnd leise vor sich hin &mdash; &raquo;Mi-to-na-re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja Prudentia &mdash; dort allerdings war eine schöne
+Zeit für Dich&laquo; sagte der Geistliche, mit ernster Theilnahme
+den Faden auffassend, der an ihre Erinnerung
+knüpfte &mdash; &raquo;und Gottes Hand lag liebend auf Deiner
+Heimath, seinen Segen spendend zu jeder Stunde
+die mit Glück und heiliger Ruhe Deine Brust erfüllte.
+Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde
+ &mdash; keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfüllte
+da Dein Herz &mdash; der aufkeimenden Sünde
+wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr
+Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen
+einem ewigen Leben einer einstigen Glückseligkeit zu
+gewinnen, indem sie die heidnischen Gräuel zerstörten,
+die diese Wälder und die Herzen ihrer Bewohner
+füllten, und Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen
+Himmelsdom liebend über ein glückliches Land. Da
+kam der Versucher und Du erlagst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ehrwürdiger Vater&laquo; bat Sadie.</p>
+
+<p>&raquo;Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieser
+Stunde gekommen bin Dir Vorwürfe zu machen
+über Vergangenes; es ist geschehen &mdash; ich streckte
+meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stießest sie
+zurück, und wenn ich Dich auch, durch die Verhältnisse
+gezwungen, eine Zeitlang Deinem Schicksal
+überlassen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag
+nur aus den Augen verloren Prudentia, und keineswegs
+die Hoffnung aufgegeben, Deine Seele ihrem
+Erlöser zu retten &mdash; ja ich fürchte fast, <span class="g">wieder zu
+gewinnen</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was kann ich &mdash; <span class="g">darf</span> ich thun?&laquo; frug
+Sadie in peinlicher Angst &mdash; &raquo;meinem Gatten gehört
+mein Leben, mein Glück &mdash; selbst unsere Religion
+gebietet uns ihm zu gehorchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten?&laquo;
+frug der Priester mit finsterer, fast tonloser Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Seinen Leib?&laquo; rief Sadie &mdash; der mit Blitzesschnelle
+der neue Gedanke an Gefahr des Gatten
+durch die Seele zuckte &mdash; &raquo;seinen Leib? was droht
+ihm? &mdash; was soll ich retten &mdash; o sprecht um des
+Heilands Willen, was ist geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thörichtes Kind&laquo; sagte aber der fromme Mann
+kopfschüttelnd und seufzend auf sie nieder schauend &mdash;
+&raquo;thörichtes blindes Kind, das hoffend und träumend,
+in sündhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt
+hat, und die wetterschwangere Wolke, die droben
+furchtbar am Himmel droht, nicht sieht &mdash; oder nicht
+sehen <span class="g">will</span>. Nicht von dem Einzelnen spreche ich,
+der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert
+durch verstocktes Anhängen am Götzendienst, mit dem
+sich die Frevler hier Bahn gebrochen haben durch der
+Waffen Gewalt &mdash; nicht der Einzelne ist es, der den
+strafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat &mdash;
+&raquo;Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen,&laquo;
+spricht der Herr &mdash; &raquo;und mein Schwert soll Fleisch
+fressen über dem Blut der Erschlagenen, und über
+dem Gefängniß und über dem entblößten Haupt des
+Feindes. &mdash; Jauchzet Alle, die Ihr sein Volk seid,
+denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und
+wird sich an seinen Feinden rächen und gnädig sein
+dem Lande seines Volks &mdash; Nun will ich mich aufmachen
+spricht der Herr &mdash; nun will ich mich erheben,
+nun will ich hoch kommen, denn die Völker
+werden zu Kalk verbrannt werden, wie man abgehauene
+Dornen mit Feuer ansteckt &mdash; Und der Herr
+ist zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles
+ihr Herr &mdash; er wird sie verbannen und zum Schlachten
+überantworten und ihre Erschlagenen werden hingeworfen
+werden daß der Gestank von ihren Leichnamen
+aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut
+fließen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerbarmer!&laquo; rief Sadie und barg zusammenschaudernd
+ihr Antlitz in den Händen, dem furchtbaren
+Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor
+ihr heraufbeschworen.</p>
+
+<p>&raquo;Allerbarmer ja!&laquo; sagte der Priester in langsamem
+und tiefem Ton &mdash; &raquo;ja, bis zum letzten Faden seiner
+Gnade und Barmherzigkeit &mdash; dann aber auch der
+Rächer und furchtbare Richter, mit dem Schwert
+seines gewaltigen Zornes und dem Eisen seiner Allmächtigkeit.
+Sein Arm ist furchtbar und die Welt
+zittert wenn er den Finger hebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Gott <span class="g">kann</span> nicht den Untergang <span class="g">Aller</span>
+wollen&laquo; bat Sadie &mdash; &raquo;er sieht die Herzen und weiß
+die Schuldigen von den Schuldlosen zu trennen &mdash; o
+wäre Vater Osborne hier, daß er seinem armen Kinde
+Trost spendete und Rath in der entsetzlichen Noth.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur im Gebet liegt Beides&laquo; erwiederte streng
+und ernst wie je, der Geistliche &mdash; &raquo;bete Tochter, verlorenes
+Lamm der Heerde &mdash; bete. Bete zu dem Allmächtigen
+daß er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu
+dem Ohr des Gatten zu dringen, daß er Deinem
+Herzen die Stärke giebt, auszuhalten in dem schweren
+Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irrgängen
+des Versuchers. Noch ist der Böse mächtig
+in Dir, aber der Herr wird Dich beugen und niederwerfen
+in den Staub, wenn Du Dich am sichersten
+glaubtest vor Seinem Arm &mdash; so bete, bete daß Er
+die Fasern Deines Herzens zum Lichte wende und
+Seine Hand über Dich halte, Dich zu schirmen und
+schützen in dem nahen Kampf.&laquo;</p>
+
+<p>Und wie von dem Geist berührt von dem er
+sprach, warf er sich plötzlich neben der Trauernden,
+die mechanisch seinem Beispiel folgte, auf die Knie
+nieder, und die Augen schließend und die fast krampfhaft
+zusammengefalteten Hände zum Himmel aufhebend
+rief er mit lauter wehdurchschauerter und das
+Herz des Weibes wie mit scharfer Waffe treffender
+Stimme in dem Psalm Assaphs:</p>
+
+<p>&raquo;Herr es sind Heiden in Dein Erbe gefallen &mdash;
+die haben Deinen heiligen Tempel verunreinigt und
+aus Jerusalem Steinhaufen gemacht.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind unseren Nachbarn eine Schmach geworden,
+ein Spott und Hohn denen, die um uns sind.</p>
+
+<p>&raquo;Herr wie lange willst Du so gar zürnen, und
+Deinen Eifer wie Feuer brennen lassen?</p>
+
+<p>&raquo;Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden,
+die Dich nicht kennen, und auf die Königreiche, die
+Deinen Namen nicht anrufen.</p>
+
+<p>&raquo;Denn sie haben Jacob aufgefressen und seine
+Häuser verwüstet.</p>
+
+<p>&raquo;Gedenke nicht unserer vorigen Missethat, erbarme
+Dich unserer bald, denn wir sind fast dünne
+geworden;</p>
+
+<p>&raquo;Hilf uns Gott, unser Helfer, um Deines Namens
+Ehre willen; errette uns und vergieb uns unsere
+Sünde um Deines Namens willen.</p>
+
+<p>&raquo;Warum lässest Du die Heiden sagen &raquo;Wo ist
+nun ihr Gott?</p>
+
+<p>&raquo;Laß unter den Heiden vor unseren Augen kund
+werden die Rache des Blutes Deiner Knechte, das
+vergossen ist.</p>
+
+<p>&raquo;Laß vor Dich kommen das Seufzen der Gefangenen;
+nach Deinem großen Arm behalte die
+Kinder des Todes,</p>
+
+<p>&raquo;Und vergilt unsern Nachbarn siebenfältig in
+ihren Busen ihre Schmach, damit sie Dich, Herr,
+geschmähet haben.</p>
+
+<p>&raquo;Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner
+Weide, danken Dir ewiglich und verkündigen Deinen
+Ruhm für und für!&laquo;</p>
+
+<p>Langsam erhob sich der Priester nach dem Gebet
+der Rache an den <span class="g">Allerbarmer</span> und stand noch
+viele Minuten lang, mit fest auf der Brust gefaltenen
+Händen neben der knieenden Frau; aber Sadie
+regte sich nicht &mdash; das Antlitz in den Händen über
+den Stuhl hingebeugt, lag sie in heißem brünstigen
+Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Gestalt, der
+heiße rasche Athem der sich ihrer Brust entrang, verrieth
+das Leben, das Leiden der Armen.</p>
+
+<p>Der ehrwürdige Mr. Rowe schaute mit ernstem
+fast wehmüthigem Blick auf die Betende nieder und
+legte dann seine beiden Hände leise und wie segnend
+auf ihr Haupt. Sadie fühlte die Berührung und
+zuckte unter ihr zusammen, aber sie blieb regungslos
+in ihrer Stellung.</p>
+
+<p>&raquo;Prudentia&laquo; sagte Bruder Rowe leise &mdash; &raquo;Prudentia!&laquo;
+ &mdash; aber keine Antwort wurde ihm, und nur
+fester schien die Weinende das Antlitz in ihren Händen
+begraben zu wollen. &raquo;So sei Gott mit Dir!&laquo;
+sagte der fromme Mann, seinen Hut ergreifend, den
+er daneben auf den Tisch gestellt &mdash; &raquo;so sende er Dir
+sein Licht und seine Gnade &mdash; er lasse sein Angesicht
+leuchten über Dir und gebe Dir seinen Frieden!&laquo;</p>
+
+<p>Sich dann wendend, verließ er mit leisen Schritten
+das Haus, ging langsam durch den Garten, an
+dessen Thüre ein Insulaner halb auf der Lauer, halb
+auf ihn wartend, gestanden hatte und folgte der
+Broomroad, die nach Papetee hinunter führte.</p>
+
+<p>Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber
+noch nicht ganz hinter den, diesen Theil der Hecke
+bildenden Papayen verschwunden, als aus der ziemlich
+dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand,
+eine kleine wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil
+des mageren Geistlichen, vortauchte, und dessen Entfernung
+mit augenfälliger Aufmerksamkeit und fast
+wie mißtrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt
+Gewesene schien sich auch gar nicht damit zu
+beruhigen daß der also Bewachte seinen Weg die
+Straße entlang bis außer Sicht fortsetzte, sondern er
+verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern
+zuerst eine kurze Strecke auf dem Weg, und dann,
+als er eine kleine Anhöhe erreichte, von der er einen
+ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang
+mit den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne
+hinter einer Biegung der Straße verschwunden war.
+Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu fühlen
+und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden
+Augen zum Haus zurück, dessen Thüre noch,
+wie sie der Geistliche verlassen, halb geöffnet stand.
+An der Schwelle aber blieb er wie scheu und unschlüssig
+stehen &mdash; er hob den Arm und ließ ihn
+wieder sinken &mdash; er setzte den Fuß vor, und zog ihn
+fast ängstlich wieder zurück; endlich aber faßte er sich
+ein Herz &mdash; die Sonne stieg mit jedem Augenblick
+höher und er <span class="g">durfte</span> die kostbare Zeit nicht länger
+versäumen, und die Hand der Thüre nähernd klopfte
+er, mit einem jedenfalls gewaltsam gesammelten Entschluß
+laut und herzhaft an.</p>
+
+<p>Keine Antwort; &mdash; drinn im Zimmer rührte und
+regte sich Nichts und der Klopfer blieb kopfschüttelnd
+und unschlüssig in seiner lauschenden Stellung an
+der Thür. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung
+klopfte er zum zweiten Mal, und zwar
+etwas stärker als vorher, und als auch diesmal seine
+Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann
+die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand,
+daß er, vielleicht auch halb mit der Ueberzeugung es
+sei Niemand mehr im Haus, den Knöchel seines dritten
+Fingers laut und heftig an die Thür anpochte,
+in demselben Augenblick aber auch mit einem kaum
+unterdrückten Schrei zurücksprang, als das leise aber
+doch so deutliche und ihm so wohlbekannte &raquo;<span class="f">hare mai</span>&laquo;
+einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein
+erstes Gefühl schien auch wirklich unbedingte Flucht,
+aber die Töne hatten zugleich alte und oh so liebe
+Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig
+und jedenfalls unbewußt nach seinen Füßen hinunterfühlend,
+ob er die Schuhe auch, wie es sich gehöre,
+daran habe, und nicht etwa wieder barfuß als roher
+Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe
+in der Welt, schob er die Thüre langsam auf und
+trat hinein.</p>
+
+<p>Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehört,
+vom Boden erhoben und stand der Thüre zugedreht,
+kaum aber auch die kleine, so lang befreundete Gestalt
+des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf
+&raquo;Mitonare &mdash; mein guter, lieber Mitonare,&laquo; auf ihn
+zusprang und seine, nach ihr ausgestreckte Hand ergriff.</p>
+
+<p>&raquo;Pu-de-ni-a!&laquo; stammelte der kleine Mann, und
+riß die Augen weiter und weiter auf, den mehr und
+mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die er
+nicht zurückpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen
+auf das Wesen, das ihm das Liebste gewesen
+war auf der Welt, fast seit dem Tag an, wo
+er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen
+Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte &mdash;
+&raquo;Pu-de-ni-a &mdash; es &mdash; es freut mich recht &mdash; recht
+sehr &mdash; Sie &mdash; Sie &mdash; Dich &mdash;&laquo; Er kam nicht
+weiter &mdash; die großen hellen Thränen rollten ihm die
+Backen hinunter und die nicht widerstrebende Frau
+an sich ziehend, rieb er &mdash; den höchsten Ausdruck innigster,
+herzlichster Zärtlichkeit den er kannte, seine
+Nase an der ihrigen, zog sie dann fester an sich,
+streichelte ihr mit beiden Händen die Schläfe, drehte
+ihr Köpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu sehen
+und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen
+die er kannte und ihr, o wie viel tausend
+Mal schon, in früheren Jahren liebkosend gegeben
+hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an seiner Brust
+und ihre Thränen strömten ungehindert an dem
+Herzen des treuen ehrlichen Freundes.</p>
+
+<p>Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der
+sich wieder sammelte, und das geliebte Kind auf
+Armes Länge leise von sich schiebend, daß er eben
+die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und
+überblicken konnte, sagte er flüsternd und mit recht
+weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht in seinem
+gebrochenen Englisch, sondern der ihm geläufigen
+Muttersprache:</p>
+
+<p>&raquo;Aber was ist das? &mdash; ist Pudenia &mdash; meine
+kleine, liebe Pu-de-ni-a nicht mehr das fröhliche
+leichtherzige Kind von A-ti-u? &mdash; sind die klaren
+Augen schon so trüb geworden in der kurzen Zeit,
+und die Wangen so fahl? und ist der böse böse
+Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit meinem Lieb,
+meinem süßen herztröstenden Lieb?&laquo;</p>
+
+<p>Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und
+seine Hand fassend und streichelnd schüttelte sie leise
+mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast dem vollen
+Strahl vorigen Glücks in den schönen Zügen:</p>
+
+<p>&raquo;Nein Mi-to-na-re &mdash; nein er ist gut und lieb
+wie je und mein Herz ist sein bis zum Tod, und
+weit, weit darüber hinaus &mdash; zanke mir nicht den
+Wi-Wi &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann hat Dir der &raquo;schwarze Mann&laquo; wieder
+das Herz schwer gemacht mit seinen Worten, die
+Einem wie Messer einschneiden in die Brust und
+nur immer brennen und schmerzen&laquo; sagte Bruder
+Ezra, und der scheue aber zürnende Blick den er aus
+dem Fenster die Straße entlang warf, verrieth nur
+zu deutlich wen er damit gemeint. &raquo;Wenn ich eine
+Zeitlang mit ihm zusammen bin, und ihn beten und
+predigen höre, dann komme ich mir immer vor wie
+der entsetzlichste furchtbarste Sünder, der noch ein
+besonderes Feuer in der Hölle haben müßte, seine
+Sünden vollständig abzubüßen &mdash; und wenn ich
+sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen,
+als ob mir der eine Last von der Brust gewälzt und
+mir Balsam in die frischen Wunden gegossen hätte.
+Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte, wenn
+man so gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein
+nichtswürdiger Sünder oder ein guter Christ ist, und
+ich bin bei mir noch nicht im Stande gewesen dahinter
+zu kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie siehst Du aus, Mitonare&laquo; &mdash; rief
+Sadie, indem sie lächelnd einen Schritt zurücktrat,
+seine Gestalt und Kleidung, die sich allerdings seit
+sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verändert
+hatte, besser überschauen zu können &mdash; &raquo;segne mich,
+wie Du Dich gekleidet hast, und wie stattlich Du
+einher gehst jetzt, und wie ehrwürdig.&laquo;</p>
+
+<p>Bruder Ezra schüttelte mit dem Kopf, und sich selber,
+mit einem keineswegs sehr selbstgefälligen Blick von
+oben bis unten betrachtend, sagte er leise und traurig:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Nichts, Pudenia &mdash; gar Nichts; die
+Hosen machen einen Menschen höchstens unbequem
+aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger
+hier unter den Ohren &mdash; der Weiße hatte gestern
+recht der mir sagte wenn ich mich einmal rasch und
+plötzlich bückte, schnitt ich mir die Ohren ab, wie mit
+dem Rasirmesser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Kleider machen allerdings den Christen
+nicht, Mi-to-na-re&laquo; lächelte Sadie, &raquo;aber das treue
+Herz in der Brust hat Dich dem reinen schönen
+Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit
+Seinem Ehr und Preis.&laquo;</p>
+
+<p>Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem
+Herzen tief auf, und es war augenscheinlich daß ihn
+dort etwas drückte, mit dem er sich scheute an Tageslicht
+zu kommen. Sadie fühlte das mehr als sie
+es sah, denn des Mitonare veränderte Kleidung hatte
+ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der That zu sehr in
+Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch
+eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, daß nicht
+Alles so mit dem kleinen, sonst so freundlichen Manne
+stehe als es wohl solle, und irgend etwas vorgefallen
+sein müsse, das ihn drücke und quäle, und nicht zu
+Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwächen und
+Eigenschaften aber auch wieder bekannt, lächelte sie,
+denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der Gedanke,
+die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung
+die ihm der Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenöthigt
+doch angerathen (bei Mr. Rowe so gut wie
+ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie,
+das Zutrauliche seiner Bewegungen.</p>
+
+<p>Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt
+aus, denn nicht allein daß er die Weste fest und eng
+zugeknöpft trug über dem seit einiger Zeit wieder gediehenen
+Bauch, und die Knöpfe derselben in wirklich
+gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm
+das weiße dicke Tuch dreimal in dichten Falten um
+den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab, als
+ob er mit dem steif und starr gestärkten Hemdkragen
+oben eben nur hinausgeschnürt sei; nicht allein daß
+seine Füße wie früher in den breiten unbequemen
+Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat,
+als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und
+ihn wieder herauszuziehen wünsche, so war ihm auch
+jetzt das, sonst doch wenigstens bequeme und luftige
+Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine
+staken in so engen, strammen Hosen, daß es ein
+Wunder schien wie er überhaupt hineingekommen
+und den kleinen schüchternen Mann veranlaßt hatte
+einen kurzen Pareu, <span class="g">trotz</span> den Einreden des Geistlichen,
+noch <span class="g">über</span> diesem neuen und jedenfalls unpassenden
+Kleidungsstück zu tragen, das nun einmal
+durchaus nöthig sein sollte auch den letzten heidnischen
+Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das
+war nicht genug gewesen, denn sogar der hohe trostlose
+Europäische Hut durfte nicht fehlen ihn elend
+zu machen, und so oft war er schon damit in jedem
+Guiavenbusch, jeder Banane, in der Thür jeder Hütte,
+in den Zweigen jedes Baumes hängen geblieben, daß
+er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den
+schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich
+zu bücken.</p>
+
+<p>Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines
+dicken und schweren Gebetbuchs, das er in die linke
+und enge Fracktasche hineingezwängt trug, während es
+ihm in dem schmalen Zipfel fortwährend in die Kniekehlen
+schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt
+sich denken daß er sich, selbst unter den günstigsten
+Verhältnissen, an das freie Leben seiner Inseln gewöhnt,
+nicht hätte leicht und behaglich fühlen können.
+Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch
+andere Sorgen.</p>
+
+<p>&raquo;Die schöne Zeit ist vorbei&laquo; sagte er traurig,
+&raquo;wo nur die Sterne die Augen Gottes waren, und
+ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden Lichter
+bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglücklich,
+sein Glaube ist wankend geworden, und
+nun hat er den Weg verloren und weiß nicht ob er
+gerade durch über die Berge und durch die Thäler
+weg steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen,
+und im seichten Binnenwasser der Riffe langsam
+hinsteuern soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Armer Mitonare&laquo; lächelte Sadie, die noch immer
+nicht den ernsten Sinn seiner Worte begriff &mdash;
+&raquo;aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der
+fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zusagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer?&laquo; murmelte Bruder Ezra finster vor sich
+hin &mdash; &raquo;wer? &mdash; er hat noch andere Sachen gethan.
+Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich viel
+beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir
+gehen Alle rettungslos zu Grund &mdash; Mitonare
+kennt das halbe dicke Buch, und die andere Hälfte
+hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun muß
+er noch einmal von vorn anfangen und &mdash; und sein
+Vater und Großvater bleibt doch in der &mdash; da unten
+ &mdash; tief da unten.&laquo;</p>
+
+<p>Der kleine, sonst so freundliche Mann schüttelte
+finster mit dem Kopf und Sadie, seine Hand ergreifend
+sagte mit leiser unendlich rührender Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re
+ &mdash; und Gott ist ja der Allerbarmer, ohne dessen
+Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von
+Deinem Haupte fällt &mdash; so erzähle mir von Atiu &mdash;
+von meinem Atiu &mdash; was sie dort treiben und thun
+und &mdash; ob sie meiner noch manchmal freundlich da
+gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken
+nicht neide die da hinüberziehn, und mit meinen Gedanken,
+meinen Wünschen ihnen doch noch so weit,
+so weit voraus bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Atiu&laquo; wiederholte der kleine Mann, langsam
+und freundlich mit dem Kopfe nickend &mdash; &raquo;mit dem
+stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche &mdash;
+wo die <span class="f">nahuitarava ia mere</span><a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> Abends gerad über
+unserem Dache stehn und ihr mildes Licht auf uns
+heruntergießen; wo &mdash; aber es ist auch manches anders
+geworden auf Atiu&laquo; setzte er sinnend, und fast
+wie mit sich selber redend, hinzu &mdash; &raquo;die Leute werden
+zu klug und zu reich, und dann ist's mit dem
+Frieden vorbei und dem Glück. &mdash; Wie schön war
+Atiu als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten
+Hütten.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a> <span class="f">Nahuitarava ia mere</span>, das Gestirn des Orion.</p></div>
+
+<p>&raquo;Wie schön war Atiu&laquo; wiederholte seufzend die
+junge Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Und vielen Besuch haben wir drüben gehabt&laquo;
+setzte der kleine Mitonare mit noch fast ernsterer
+Stimme hinzu &mdash; &raquo;lauter Leute die es gut mit uns
+meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren
+unsere Seelen zu retten, und die uns entsetzlich viel
+versprachen wenn wir nur gerade da hineinspringen
+wollten, wo die Anderen sagten daß es lichterloh mit
+Pech und Schwefel brenne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu?&laquo;
+frug Sadie rasch und fast erschreckt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß nicht wo sie herkamen,&laquo; sagte der
+kleine Mann traurig, &raquo;aber Wi-Wis waren darunter
+und Andere auch &mdash; und &mdash; sie haben uns wenigstens
+das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen
+und drohenden Reden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit
+und sagte schmunzelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er
+vom Himmel heruntergebeten für die &mdash; die Götzendiener
+ &mdash; und der Himmel blieb blau&laquo; setzte er unheimlich
+lachend hinzu &mdash; &raquo;und dann kamen die
+anderen Männer und sprachen vom lieben Gott, den
+sie ganz genau kennen wollten und der ihr bester
+Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen
+Feuerregen von Pech und Schwefel nieder auf die
+Häupter ihrer Gegner &mdash; und der Himmel blieb
+<span class="g">blau</span>!&laquo;</p>
+
+<p>So scharf und grell stieß er dabei das letzte Wort
+aus, daß die kleine Sadie, die bis jetzt ruhig und
+unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt in die Höhe
+fuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Bruder Ezra
+drehte sich rasch danach um und das Kind kaum am
+Boden erblickend, warf er, mit Mißachtung jedes
+Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben
+dem noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden
+Kinde auf die Knie nieder und rief mit, vor innerer
+Rührung fast erstickter aber auch jubelnder, jauchzender
+Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;<span class="f">Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.</span>&laquo;<a name="FNanchor_B_2" id="FNanchor_B_2"></a><a href="#Footnote_B_2" class="fnanchor">[B]</a></p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_B_2" id="Footnote_B_2"></a><a href="#FNanchor_B_2"><span class="label">[B]</span></a> Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein
+kleines Mädchen.</p></div>
+
+<p>Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet
+hatte, streckte die Händchen nach ihm aus und lachte
+ihm entgegen, und der gute kleine Mitonare griff sie
+auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend
+mit ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie
+wüthend über solches Betragen schlenkernde Buch
+zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide darüber
+freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles vergessen, was ihn bis dahin gedrückt oder
+weh gethan, und das Mädchen nur herzend, das sich
+wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen ließ, was
+er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt
+hätte daß ihr von <span class="g">dem</span> Manne sicher nichts Uebeles
+drohe, plauderte er mit ihr das tollste wildeste Zeug,
+nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich
+sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch,
+von dem er aber in den letzten Jahren noch
+viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu
+schwatzen und lachen und Geschichten zu erzählen
+aus Bibel und Heidenzeit, von Meer und Land, wie
+es ihm durch den Sinn zuckte, dem lieben lächelnden
+Kind gegenüber. Und Sadie stand daneben, die
+linke Hand auf den Tisch gestützt und mit der rechten
+in den Locken des Kindes spielend und seinen Scheitel
+streichend, während die kleine Sadie jauchzte und
+lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten,
+ihre Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an
+den steifen Hemdkragen und Halstuchspitzen zupfte.
+Und Mitonare ließ sich das Alles ruhig gefallen,
+und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen
+für das Kind.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare?&laquo;
+sagte da Sadie &mdash; &raquo;hast Du auch Atiu verlassen,
+und willst nicht wieder zurückkehren nach dem
+lieben Land?&laquo;</p>
+
+<p>Da wurde der kleine Mann plötzlich ernsthaft,
+setzte das Kind, das ihn noch gar nicht lassen wollte
+nieder auf den Boden und sagte, recht herzhaft mit
+dem Kopfe schüttelnd und einen scheuen Blick nach
+der Thür werfend:</p>
+
+<p>&raquo;Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die
+Insel nicht verlassen mein Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen und &mdash;
+wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen;
+aber es ist jetzt eine schlimme Zeit &mdash;
+die Leute sind irre geworden an ihrem Gott und mit
+<span class="g">Gewalt</span> wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut
+den Glauben begießen, daß er wachse und gedeihe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich verstehe Dich nicht&laquo; sagte Sadie.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben was vor hier auf Tahiti!&laquo; fuhr der
+Bruder Ezra leise fort, als ob er sich fürchte irgend
+ein Geheimniß zu verrathen, &raquo;was es ist, weiß ich
+noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt
+riechen nach Blut. Die Beretanis haben
+Kriegsschiffe hier, wie ich sehe, aber die Wi-Wis
+sind auch nicht müßig, und vorgestern waren zwei
+große Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo
+behauptet, daß sie den <span class="f">Feranis</span> gehörten und viel
+Kanonen an Bord hätten mit Pulver und schweren
+Kugeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was können unbewaffnete Menschen dagegen
+thun?&laquo; frug Sadie wehmüthig mit dem Kopfe
+schüttelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Unbewaffnete, <span class="g">Nichts</span>&laquo; erwiederte Bruder Ezra
+rasch, &raquo;aber Bewaffnete desto mehr; Bibeln waren
+<span class="g">nicht</span> in den Kisten, die sie vom Bord desselben
+Wallfischfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles
+täuscht, hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und
+zu sicheren Verstecken in die Berge schafften.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Missionaire werden nie die Hand reichen
+zu Gewalt und Blutvergießen&laquo; rief Sadie.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den
+Kopf weg,&laquo; sagte der Mitonare trocken &mdash; &raquo;es giebt
+Leute genug überall, die, einen Dollar zu verdienen,
+leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn
+nicht ein gutes &mdash; ihre Landsleute mit Waffen zu
+versehen, daß sie sich selbst beschützen können.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du nanntest erst Raiteo, Mitonare?&laquo; frug Sadie
+ &mdash; &raquo;wie geht es ihm und was treibt er jetzt &mdash; ist
+er ein besserer Mensch geworden?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Was er in diesem Augenblicke treibt weiß ich
+wahrlich nicht&laquo;, sagte der kleine Mann finster, &raquo;aber
+als ich kam stand er draußen auf Posten, und ging
+dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die
+Stadt zurück; &mdash; ist nicht das erste Mal daß sie in
+einem Joche ziehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Raiteo hier auf Tahiti?&laquo; rief Sadie erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Raiteo Mitonare&laquo; erwiederte Bruder Ezra trocken.</p>
+
+<p>&raquo;Mitonare? &mdash; Raiteo? der seinen Vater verrathen
+würde um ein Stück Kattun zu verdienen
+oder ein Stück Geld?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Raiteo Mitonare&laquo; bestätigte aber auf das Bestimmteste
+der kleine Mann und setzte, langsam dabei
+mit dem Kopfe nickend hinzu &mdash; &raquo;Menschen sind
+einmal bös, und dann wieder gut &mdash; Raiteo hat
+seine Sünden eingesehen und ist frommer Mann geworden
+ &mdash; aber trägt noch keine Hosen&laquo; fügte er,
+trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen
+Grad von Eifersucht hinzu; &raquo;hat noch sein Lendentuch
+und seine nackten Beine und bloßen Kopf &mdash;
+und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack &mdash;
+kann nicht gut ohne Frack in die Kirche kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Raiteo Mitonare&laquo; wiederholte aber wiederum
+Sadie, die sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen
+erholen konnte &mdash; &raquo;und das auf Atiu &mdash;
+wo sie ihn kennen.&laquo;</p>
+
+<p>Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich
+nicht, der Wahrheit die Ehre zu geben, denn
+wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort gerade
+bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch
+Manches wieder, gerade in der Erinnerung der Bewohner
+der Insel, gegen ihn gesprochen und Bruder
+Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesänderung
+überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn
+vielleicht mit bei der, in den nächsten Tagen zu haltenden
+Versammlung von &raquo;Kirchenältesten&laquo; zu wissen
+und dann auf irgend eine der Nachbarinseln, auf
+denen er nicht gerade persönlich bekannt sei, zu
+versetzen.</p>
+
+<p>Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann,
+denn eine wunderbare Veränderung war jedenfalls
+in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen. Er,
+der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den
+Lippen der Missionaire in frommer, furchtsamer
+Scheu gelauscht, und weit eher an seiner eigenen
+Existenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und Glaubensformeln
+gezweifelt hätte, sprach jetzt, selbst von
+dem strengsten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie
+konnte sich über den Ausdruck in seinen Zügen und
+Worten nicht länger täuschen, fast ironisch, und das
+bittere Lächeln das um seine Lippen spielte mochte
+der <span class="g">Furcht</span> noch den Platz gönnen, aber strafte die
+Ehrfurcht Lügen.</p>
+
+<p>Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade
+vor sich nieder, er fühlte daß Sadiens Blick auf ihm
+haftete &mdash; daß sie die Veränderung entdeckt die in
+ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr
+vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete &mdash;
+was ihm den Schlaf raubte und den Frieden und
+ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde drückte
+und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner
+nächsten Umgebung selbst, die neue Nahrung fand.
+Als er aber einmal scheu und flüchtig den Blick zu
+ihr aufschlug, und die zärtliche, liebende Angst sah
+die aus diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es
+ihm wohl durch das Herz zucken, daß sie &mdash; seine
+Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er gehegt
+und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt &mdash;
+ja das zu ihm bis jetzt mehr wie zu einem zweiten
+Vater als einem Freunde aufgesehen, Schlimmes &mdash;
+Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen
+mochte, und in <span class="g">der</span> Furcht die Hand bittend gegen
+sie ausstreckend sagte er leise:</p>
+
+<p>&raquo;Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a;
+er liebt seinen Gott und &mdash; thut auch &mdash;
+thut Alles was in der Bibel steht aber &mdash; andere
+Männer, Männer die auch sagten daß sie der liebe
+Gott geschickt &mdash; sind zu ihm gekommen und haben
+ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost gebracht &mdash;
+wo er weinte, seine Thränen getrocknet, wo er unschlüssig
+stand, einen neuen Pfad gezeigt und &mdash;
+wenn er sich auch bis jetzt noch nicht getraute den
+neuen Pfad zu wandeln &mdash; hat er doch bis jetzt &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue
+weiter zu reden, und Sadie fuhr langsam und traurig
+seine Hand ergreifend fort:</p>
+
+<p>&raquo;Den alten Pfad seiner Religion verlassen und
+nur die äußere Form beibehalten, seinen Gott damit
+zu täuschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aita Pudenia, aita&laquo; &mdash; rief aber der kleine
+Mann da rasch und ängstlich vielleicht, weil er die
+Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs
+fühlte &mdash; &raquo;nein Kind, nicht meinethalben bin
+ich wankend geworden im rechten Pfad, nein die
+Mitonares selber tragen die Schuld, die einander
+anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Götzenanbeter
+nennen, während sie Alle allein behaupten,
+den rechten und auch alleinigen Glauben zu haben,
+dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen
+und von der Erde vertilgen müsse. Was mir aber
+am Herzen nagte, das Schicksal von altem Mann
+Vater &mdash; von der <span class="g">Mutter</span>, die noch gar Nichts
+von einem anderen Glauben gewußt, ja ihn kaum
+nennen gehört, und die nun doch rettungslos sollten
+verloren sein und verdammt, das that mir weh, und
+als der andere Priester kam und mir die Aussicht
+stellte, ich könne durch fleißiges Beten und frommen
+Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem allbarmherzigen
+Gott, und als Bruder Aue dagegen
+donnerte mit allen Waffen der heiligen Schrift, da
+zuckte und zog es mir im Herz, und böse Gedanken
+stiegen auf in mir, und ließen mich nicht rasten und
+ruhn, und jetzt weiß ich nicht &mdash; hat der Eine recht
+und sind sie unrettbar verdammt zu ewigem Feuer,
+oder der Andere und ich begehe eine entsetzliche
+Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung
+weihe wo ich die Mittel dazu vielleicht in
+Händen habe. Armer Mitonare&laquo; setzte er dann
+traurig hinzu &mdash; &raquo;ist recht bös daran, soll anderen
+Kanakas den Glauben bringen und weiß selber nicht
+ &mdash; Und wenn der alte Mann nun doch am Ende
+recht hätte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was für ein alter Mann, Mitonare?&laquo; frug
+Sadie erstaunt. Bruder Ezra aber hob rasch und
+erschreckt den Finger an die Lippen und sich scheu
+umsehend, sagte er langsam und vorsichtig:</p>
+
+<p>&raquo;Pst &mdash; Pudenia, pst, das war ein wunderbarer,
+furchtbarer alter Mann und er kam und ging in
+einem Sturm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was that er bei Euch auf Atiu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie er sagte kam er von den Inseln zu Leewärts, Handel zu treiben und Cocosöl und Perlmutterschaalen
+einzukaufen in seinen kleinen Cutter,
+aber er sprach furchtbare Sachen und mich schauderts
+wenn ich daran denke &mdash; wenn ich darüber nachsinne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was sprach er so Entsetzliches?&laquo; drängte
+die Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Pu-de-ni-a,&laquo; sagte da Mitonare, der Frage jetzt
+noch ausweichend, oder sie durch eine andere beantwortend
+ &mdash; &raquo;hast Du schon einmal an einem Abgrund
+ &mdash; am äußersten Rand einer schwindelnden
+Höhe gestanden, und ist Dir da nicht das Gefühl
+gekommen, als ob Du hinunterspringen möchtest in
+die Tiefe, daß Du den Platz nur schnell verlassen
+mußtest in Furcht und Grauen?&laquo;</p>
+
+<p>Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst Du, <span class="g">so</span> war es mir, wenn ich den
+Worten des alten weißen Mannes lauschte,&laquo; flüsterte
+der kleine Indianer und nickte still vor sich hin.
+&raquo;Er trug einen langen weißen spitzen Bart, und die
+kleinen blitzenden Augen lagen wie zwei glühende
+Kohlen unter den buschigen Brauen &mdash; Sein ganzes</p>
+
+<p>Gesicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter
+mehr erkennen ließen auf der Haut, und er mußte
+<span class="g">sehr</span> alt sein, denn er hatte die Welt gesehn von
+dem Theil wo das Wasser zu Stein wird in grimmiger
+Kälte, bis zu wo die Sonne Abends in ihr
+Lager sinkt, und er sprach von Gott und den Sternen
+als ob er da oben zu Hause gehöre und zwischen
+den Sternen gewandelt hätte wie in einem Garten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er glaubte an Gott?&laquo; frug Sadie leise
+und scheu.</p>
+
+<p>&raquo;Er hatte denselben Namen dafür wie wir &mdash;
+Jehovah,&laquo; sagte der kleine Mitonare, &raquo;aber er verleugnete&laquo;
+ &mdash; setzte er leise, fast flüsternd hinzu &mdash;
+&raquo;er verleugnete den Heiland.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gütiger Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er leugnete Jesus Christus&laquo; bestätigte da Mitonare
+&raquo;und mir lief's wie Fieberfrost durch die
+Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus
+saß und der Weststurm um das Dach heulte, daß die
+flackernden Oelflammen hoch aufschlugen in rother
+Gluth, und der magere alte bärtige Mann mir von
+dem Heiland erzählte der nur ein Mensch gewesen
+sei wie wir Alle &mdash; aber ein guter Mensch, und von
+seinen Neidern und den reichen Leuten, die fürchteten
+daß er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln
+würde, an das Kreuz geschlagen wurde, da
+elendiglich umzukommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er verleugnete Gottes Sohn,&laquo; sagte Sadie
+schaudernd.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und er trieb Spott über Alles, was selbst
+die Wi-Wis für heilig halten&laquo; nickte der Kleine &raquo;und
+doch, doch lauschte ich ihm gern, denn sein Gott
+war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle
+Menschen waren seine Kinder, <span class="g">alle, alle</span> nahm er
+auf zu sich, Kanakas und Weiße, Beretanis und
+Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem
+Worte folgten; und mein Vater und meine Mutter
+ &mdash; ach Pudenia es war wohl recht sündhaft daß ich
+seinen Worten so gerne horchte &mdash; aber mein Vater
+und meine Mutter waren auch eingegangen zu seiner
+Herrlichkeit, wenn sie nicht sonst recht schlechte und
+böse Menschen gewesen. Seit der Zeit nun sind
+meine Gedanken nicht mehr mein eigen&laquo; fuhr der
+kleine Mann trübselig fort; &raquo;seit der Zeit härm' ich
+mich und gräm' ich mich und mache mir Sorge und
+Kummer, und Nachts kommt der Böse und lockt mich
+mit seinen Schmeicheltönen, und am Tag seh ich,
+wo ich auch bin, den Alten neben mir, wie er sich
+den Bart streicht und mit den scharfen abgestoßenen
+Worten mir doch Trost und Hoffnung in die Seele
+gießt. Seit dem Tag ist der kleine Mitonare ein
+anderer verzweifelter Mensch geworden, der mit dem
+dicken Gebetbuch in der Tasche herumläuft, und nicht
+den Muth hat hineinzusehen, dem das Blut in den
+Adern gerinnt wenn er an den zornigen Gott denkt,
+wie ihn die weißen Mitonares lehren, und der demselben
+Gott doch immer wieder, und trotz allen Schilderungen
+zu Füßen fallen, und ihn Vater, Jehovah
+nennen möchte, wie ein Kind seinen eigenen Vater
+ruft, den es nicht fürchtet, aber von Herzen, recht
+von Herzen liebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du armer, armer Mitonare&laquo; sagte da Sadie
+mit ihrer weichen Stimme, mitleidig des alten
+kleinen Mannes Hand ergreifend, und sie leise streichelnd;
+&raquo;bete Du armes geprüftes Herz, bete recht
+aus tiefster Seele zu Deinem Heiland daß er Dich
+führen und schützen möge auf Deiner Bahn, und
+den rechten Pfad durch Nacht zum Licht &mdash; bete daß
+er Dir die Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und
+Dich eingehn läßt zu Seiner Herrlichkeit. Aber verzage
+nicht, fürchte Dich nicht, denn gerade in der
+tiefsten Noth ist er Dir ja auch am nächsten und hört
+die Stimme Seines Kindes die zu ihm ruft, und die
+Hand ausstreckt nach ihm, um Schutz und Hülfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist <span class="g">das</span>?&laquo; sagte da plötzlich der Mitonare,
+dessen Blick in tiefem schmerzlichem Sinnen hinausschweifte
+über die See, und der jetzt das Boot eines
+Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert, um die
+nächste Landspitze kommen und gerade auf das Haus
+zu halten sah. Hinten am Heck wehte die französische
+Flagge.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Boot der Feranis&laquo; sagte Sadie ruhig,
+&raquo;das wahrscheinlich nach Papara hinunter will und
+sich dicht an der Küste, des ruhigen Wassers wegen
+hält &mdash; sie kommen oft hier vorüber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann hätten sie die Korallenspitze vermeiden
+müssen, die jetzt zwischen ihnen und dem Fahrwasser
+der Binnenriffe liegt&laquo; sagte der Mitonare, der mit
+einem Blick den Charakter der Bai überschaut hatte,
+und jetzt aufmerksamer als vorher hinüberblickte.
+&raquo;Sie können nur hierherwollen, wie auch ihr Bug
+zeigt, oder sie müßten die ganze Strecke wieder zurück.
+Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Officiere
+der Wi-Wis und neben ihnen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heiliger Gott &mdash; neben ihnen <span class="g">liegt</span> Jemand
+auf der Bank&laquo; rief aber auch in diesem Augenblick
+Sadie in Todesangst, der die böse Ahnung, die ihr
+den ganzen Morgen die Brust erfüllt, mit mächtiger
+Kraft zurück zum Herzen drängte &mdash; &raquo;Ren&eacute;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute;?&laquo; rief Bruder Ezra erschreckt &mdash; &raquo;was
+hat der tollköpfige Wi-Wi wieder angestellt, daß ihn
+die eigenen Landsleute gefangen haben sollten? &mdash;
+aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Sadie antwortete ihm nicht &mdash; in sprachloser
+Angst und Erwartung hing ihr Blick an dem rasch
+näher kommenden Fahrzeug, das von den elastischen
+Rudern getrieben rauschend durch die Wellen schäumte
+ &mdash; schon glaubte sie die Züge des Officiers zu erkennen,
+der hinten lehnte und auch sie war jetzt von
+den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf
+dem Sitz liegende Gestalt richtete sich halb empor
+und winkte herüber, und mit lautem Aufschrei flog
+sie hinaus an den Strand, flog, ihre Europäischen
+Kleider vergessend, hinein in die klare Fluth dem
+Boot entgegen, denn darin lag, bleich und blutend,
+wenn er auch freundlich jetzt herüberwinkte &mdash; ihr
+Gatte &mdash; lag Ren&eacute;.</p>
+
+<p>Im nächsten Moment schoß das Boot heran, die
+Matrosen der Backbordseite warfen ihre Riemen mit
+einem Schlag empor und Bertrands Hand streckte sich
+dem armen Weib entgegen, dessen stierer und entsetzter
+Blick nur an dem bleichen Antlitz des Verwundeten
+hing. In demselben Moment fast berührte
+das Boot den Strand, und ein Theil der Matrosen
+sprang über Bord ihn an Land zu tragen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sadie&laquo; flüsterte Ren&eacute; halb vorwurfsvoll,
+halb verlegen der jungen Frau die Hand hinüberreichend
+ &mdash; &raquo;was machst Du für tolle Streiche, wildes
+Mädchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist verwundet&laquo; war Alles was die Frau
+in fast athemloser Angst über die Lippen bringen
+konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn&laquo; lachte aber dieser, &raquo;eben nur die Haut
+geritzt, und <span class="g">hergehn</span> hätt' ich können, hätte nicht
+Bertrand hier in übergroßer Besorgniß darauf bestanden
+mich her zu <span class="g">fahren</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Wunde ist unbedeutend, Madame&laquo; bestätigte
+aber auch jetzt der junge Officier, der an Land
+gesprungen war und eine fast unwillkürliche Bewegung
+machte die junge Frau hinauf und zum Haus
+zurückzuführen, wohin jetzt vier kräftige Matrosen
+auf einer der Boot Doften den Verwundeten trugen.
+Sadie aber ließ des Gatten Hand nicht los und
+während sie sich ängstlich an ihn schmiegte, fuhr der
+junge Officier fort: &raquo;Ich fürchtete nur eine mögliche
+Entzündung, wenn er den langen Weg in der Sonnenhitze
+hätte zu Fuß zurücklegen sollen; wenige Tage
+werden ihn wieder hergestellt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was ist geschehn, um des Heilands Willen&laquo;
+bat Sadie.</p>
+
+<p>Bertrand biß sich auf die Lippen und Ren&eacute; sagte
+finster:</p>
+
+<p>&raquo;Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Aderlaß
+einer neckischen Göttin zum Opfer gebracht &mdash; das
+Fleisch heilt bald &mdash; aber &mdash; wer ist das da drüben? &mdash;
+Mi-to-na-re? &mdash; bei Allem was da lebt &mdash; in Hosen
+und Strümpfen &mdash; Mitonare&laquo; und dem kleinen,
+auf ihn zueilenden Mann die Hand entgegenreichend
+schüttelte er sie fest und herzlich und &mdash; wandte den
+Kopf zur Seite, denn gerade in diesem Augenblick
+traf ihn die Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's
+Leben, und trieb ihm das Wasser hinauf in die Augen,
+das er den Seeleuten bergen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Böser Wi-Wi!&laquo; rief aber auch jetzt der kleine
+Missionair wieder in seinem tollsten Englischen Kauderwelsch,
+das er mit dem Europäer glaubte sprechen
+zu müssen, &raquo;<span class="f">aita maitai</span> &mdash; macht <span class="f">ole manni</span> viel
+Sorge &mdash; leichtsinniger Kopf der in dicken Bambus
+fährt und durchwill &mdash; läßt kleine Pu-de-ni-a zu
+Haus und kommt nachher angefahren, blutig und
+blaß und jagt ihr den Todesschreck in die Glieder,
+daß sie auch krank wird und stirbt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pu-de-ni-a!&laquo; sagte leise Ren&eacute; und drückte die
+Hand des treuen Weibes, die in der seinen ruhte,
+&raquo;und Du lieber wackerer Freund,&laquo; wandte er sich dann
+plötzlich im reinsten Tahitisch zu dem, darüber aufs
+Aeußerste erstaunten Mitonare &raquo;wo kommst Du her,
+was treibst Du, wie geht es Dir? &mdash; und willst Du
+bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?&laquo;</p>
+
+<p>Ehe aber der Mitonare die rasch hintereinander
+an ihn gerichteten Fragen beantworten konnte, verbot
+der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere Aufregung,
+bis er die, allerdings nicht gefährliche aber in einem
+heißen Klima doch immer zu beachtende Wunde erst
+nochmals untersucht und wieder verbunden hätte.
+Vor allen Dingen müsse der Verwundete in ein
+kühles Zimmer geschafft werden, dort die nöthige
+Pflege zu finden.</p>
+
+<p>Sadie besorgte das Alles mit zitternder Hast,
+häufte Matte auf Matte, ihm ein kühles und weiches
+Lager zu bieten, und wechselte erst ihre eigenen,
+durchnäßten Kleider, als sie den Gatten mit allem
+versorgt, was ihre liebende Hand für ihn bereiten
+konnte. Die Wunde war allerdings nicht gefährlich,
+ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben
+nur durch den oberen Theil des Armes dicht an der
+Schulter durchgegangen, ohne den Knochen weiter
+zu verletzen, Blutverlust und Ermattung hatten ihn
+aber doch erschöpft und als der zweite Verband mit
+Sadiens Hülfe angelegt war, fiel der Leidende in
+einen sanften aber festen Schlaf, in dem ihn der
+Arzt nicht gestört haben wollte, und selbst Sadie bat
+das Zimmer zu verlassen. Nur Mataoti mußte bei
+ihm zurückbleiben, um zu rufen sobald er wieder erwachen
+würde.</p>
+
+<p>Am Strande lag unterdessen das Boot schon
+wieder zur Abfahrt gerüstet, und Bertrand wollte
+eben Abschied nehmen von Sadie, an Bord zurückzukehren,
+als diese seinen Arm ergriff und ihn mit
+leiser, aber dringender Stimme bat, ihr die Ursache
+der Verwundung anzugeben, die sie mit peinlicher
+Angst, sie wisse selber eigentlich nicht recht, warum?
+erfülle. Der junge Mann zögerte erst verlegen mit
+der Antwort, aber er fühlte auch, wie er ihr dieselbe
+eigentlich nicht verweigern durfte, und erzählte ihr
+jetzt mit so kurzen und schonenden Worten als möglich,
+wie jener Officier, nach den gestrigen Vorgängen,
+nicht umhin gekonnt habe, Europäischen
+Begriffen von Ehre nach, Ren&eacute; zu fordern, und wie
+sie sich heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren
+Secundanten getroffen und geschossen hätten. Rodolphe,
+sein Gegner, habe zuerst gefehlt und eine
+leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnäckig
+darauf bestanden den zweiten Schuß zu thun. Die
+Secundanten konnten ihm den nicht weigern und
+von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln sei
+Ren&eacute; in die Schulter, Rodolphe durch die Brust
+getroffen. Der Gegner lebe zwar noch, aber die
+Wunde sei ziemlich gefährlich; Ren&eacute; habe übrigens
+für seine Sicherheit nicht das Mindeste zu befürchten,
+setzte er rasch hinzu, denn selbst im unglücklichsten
+Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte nichts Anderes
+gethan als sich vertheidigt.</p>
+
+<p>Sadie wurde todtenbleich &mdash; ihr Gatte verwundet,
+vielleicht ein Mörder &mdash; ihrethalben, mit
+dieser Last auf seiner Seele, und zugleich der irdischen
+Gerechtigkeit für blutige That verfallen, denn
+mit Entsetzen dachte sie daran, wie gerade jetzt die
+englischen Schiffe die Obermacht im Hafen hätten
+und kaum einen Fall vorübergehn lassen würden,
+einen aus dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechenschaft
+zu ziehen vor ihr Gericht. Bertrand schüttelte
+aber bei der laut gewordenen Besorgniß lachend mit
+dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Die englische Herrschaft ist vorbei&laquo; rief er,
+trotzig den Kopf emporwerfend; &raquo;Großbritannien
+erkennt das Französische Protectorat an, und zieht
+seine Schiffe zurück &mdash; ja noch mehr, in der Nähe
+einer der Nachbar-Inseln sind schon zwei Französische
+Kriegsschiffe &mdash; jedenfalls <span class="f">Du Petit Thouars</span>
+mit seiner Flotte im Aufkreuzen gesehen worden, und
+die Tricolore herrscht von jetzt an auf Tahiti.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei französische Schiffe sind gesehen worden?
+ &mdash; und von wem habt Ihr die Nachricht?&laquo; frug
+Sadie rasch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte
+ihr Hirn.</p>
+
+<p>&raquo;Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber&laquo;
+antwortete der Officier &mdash; &raquo;wir haben überall unsere
+Wächter; aber sehn Sie Madame daß ich recht hatte? &mdash;
+dort über den Riffen draußen segelt der Talbot vor
+dem Wind, diese Küsten zu verlassen, und ha &mdash; dort
+kommt auch der Vindictive, schwerfällig seine weiten
+Segel entfaltend. Halt meine Burschen &mdash; Ruhe
+bis wir draußen in See sind,&laquo; unterbrach er sich
+rasch, dem eben ausgebrochenen Jubelruf seiner Leute
+zu wehren &mdash; &raquo;der Kranke schläft und Ihr dürft ihn
+nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch
+nach Papetee zurück, denn wir werden dort alle
+Hände voll zu thun bekommen, und heute Abend,
+wenn es geht, komm' ich einen Sprung herüber,
+mich nach dem Befinden unseres lieben Kranken zu
+erkundigen. So Adieu Madame, auf ein froheres
+Wiedersehen&laquo;, und sich freundlich gegen sie neigend
+sprang er auf den Rand des hinangezogenen Bootes
+und hinein, wo der Arzt schon seinen Sitz wieder
+eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus
+in tieferes Wasser, folgend, sobald sie das schwanke,
+scharfgebaute Fahrzeug flott fühlten, und wenige
+Minuten später zischte und preßte der Bug wieder
+gegen die crystallene Fluth an, sie in leichten Kräuselwellen
+zur Seite werfend, der nächsten Landspitze zu,
+um die es bald darauf verschwand.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagte der Wi-Wi von den Schiffen da
+draußen?&laquo; frug aber jetzt der Mitonare, der dem
+ihm unverständlichen Gespräch besonders so erstaunt
+gelauscht, weil seine kleine Pudenia die fremde ihm
+unbegreifliche Sprache so geläufig sprach, und dem
+dabei die zwei großen Schiffe die jetzt erst in Sicht
+gekommen und augenscheinlich von der Insel fortsegelten,
+ebenfalls aufgefallen waren.</p>
+
+<p>&raquo;Es sind die Englischen Kriegsschiffe, die den
+Hafen verlassen&laquo; sagte Sadie.</p>
+
+<p>&raquo;Den Hafen <span class="g">verlassen</span>?&laquo; wiederholte erstaunt
+der kleine Mann &mdash; &raquo;und Bruder Aue hat uns davon
+ganz andere Geschichten erzählt &mdash; puh, puh,
+und die Wi-Wis kommen mit großen Schiffen angesegelt
+ &mdash; böse Sachen, böse Sachen &mdash; wo bleibt da
+<span class="g">unser</span> Gott?&laquo;</p>
+
+<p>Sadie hörte gar nicht was er sprach &mdash; vor
+ihrem inneren Auge lag der verwundete Gatte, lag
+sein blutendes Opfer, und während die hellen Thränen
+ihr still und schwer die Wangen niederträuften, murmelte
+sie mit leiser, schmerzerfüllter Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Verloren &mdash; verloren &mdash; Glück und Frieden
+dahin &mdash; oh armer armer Vater Osborne, wie gut
+daß Du still und ruhig in der kühlen Erde liegst &mdash;
+wenn nicht der frühere Gram &mdash; der Tag hätte Dein
+treues Herz gebrochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Vater <span class="f">O-no-so-no</span>,&laquo; seufzte der kleine
+Mann, seinen Hut wieder ergreifend und aufsetzend,
+unter dem das breite, dunkle, gutmüthige Gesicht
+gar so komisch und widernatürlich aussah &mdash; &raquo;Vater
+<span class="f">O-no-so-no</span> war ein guter Mann, und wären sie
+alle so gewesen wie er &mdash; Aber ich muß in die Stadt
+hinüber,&laquo; unterbrach er sich selbst, &raquo;denn die Versammlung
+soll heut' Morgen sein und Mitonare
+Ezra und Mitonare Raiteo sind von Atiu geschickt
+und sollen keine Wi-Wis haben wollen. <span class="f">Gu-bei</span>
+Pudenia, <span class="f">gu-bei</span> &mdash; Nach der Versammlung kommt
+Mitonare wieder hierher zurück und bleibt bei tollen
+Wi-Wi, bis er gesund ist und bei kleine Pudenia
+<span class="f">iti iti</span> &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Damit wandte er sich und verließ den Garten;
+das schwere Gebetbuch aber in dem langen schmalen
+Frackzipfel fing wieder an zu schlenkern, und er
+nahm den Zipfel bedächtig in den linken Arm und
+verfolgte langsam seinen Weg, ohne sich weiter umzusehen.
+Und Sadie schaute ihm schwer aufseufzend
+nach, als sie die kleine komische in so entsetzliche
+Kleiderformen gezwängte Gestalt den Weg hinabgehen
+sah, und daran dachte was für ein einfach
+natürliches Herz unter den unnatürlichen Stoffen
+schlage; aber der Ernst des Augenblicks wandte ihre
+Gedanken bald wieder dem ab, und dem Gatten zu,
+und nur wenige Minuten später saß sie am Bett
+des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den
+Schlummer des Kranken bewachend und von seiner
+fieberheißen Stirn Mosquito und Fliege fern zu
+halten.</p>
+
+<p>Auch nach Aumama hatte sie hinübergeschickt,
+ihr beizustehn, wenn sie irgend einer Hülfe bedürftig
+sein sollte; Aumama war aber früh am Morgen
+nach Hause zurückgekehrt, und hatte ihre Kinder
+geweckt und mit fortgenommen, Niemand wußte
+wohin; Lef&eacute;vre war ebenfalls nirgends zu sehen
+und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie ausgestorben.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_2" id="Capitel_2"></a><span class="first">Capitel 2.</span><br />
+
+Pomare und <span class="f">Du Petit Thouars</span>.</h2>
+
+
+<p>Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon
+am frühen Morgen liefen dumpfe Gerüchte durch
+den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe machten
+sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe
+wäre dafür schon <span class="f">La Reine Blanche</span>, mit dem gefürchteten
+Admiral <span class="f">Du Petit Thouars</span> an Bord, gesehen
+worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das
+kleine Häufchen Protestantischer Christen preisgegeben
+sein würde.</p>
+
+<p>Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge
+waren am vergangenen Tag lange Zeit an Land
+und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden
+mit dem zurückgekehrten Englischen Consul und
+früheren Missionair Pritchard zusammen gewesen,
+und dieser also allein konnte wirkliche Aufklärung
+über das sonst unbegreifliche Zurückziehn der Englischen
+Streitmacht geben. Zu dessen Haus strömte
+nun auch die Masse, Erklärung fordernd, wo die
+britische Hülfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen
+den Uebergriffen der Franzosen gegenüber so fest
+war versprochen worden &mdash; offene Erklärung, was
+der nach England gesandte Missionair dort ausgerichtet,
+und welchen Beistand die Königin von England
+der in ihren Rechten gekränkten Pomare zugesichert
+und zugesagt habe.</p>
+
+<p>Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes,
+der die Seinen nicht zu Schanden werden lasse,
+und berief eine Versammlung der Geistlichen von
+Papetee, die nächsten und nöthigsten Schritte zu berathen,
+falls eine Französische Flotte Tahiti wirklich
+aufs Neue heimsuchen würde.</p>
+
+<p>Darüber sollten sie aber nicht lange in Zweifel
+bleiben, nur wenige Tage später lief allerdings wieder
+ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine sogenannte
+<span class="f">catch</span> von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen
+Schiffe abzulösen und sich ruhig und ohne
+weitere Demonstration in der Bai vor Anker zu
+legen (es war der <span class="f">Basilisk</span>) und bald danach wurden
+von den Höhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti
+zuhielten. Zwei zusammen kreuzende Segel erschienen
+in Sicht, und die Angst vor der <span class="f">Reine blanche</span> gab
+dem größten der Schiffe schon lange ihren Namen,
+ehe nur Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit
+erkennbar wurden, den schlimmsten Verdacht zu bestätigen.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in
+der Bai von Papetee, von ihrem Heck flatterten die
+französischen Nationalfarben und das Echo der Berge
+gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf
+und grollend zurück, wie zürnend, die ungebetenen
+Gäste auf's Neue in seiner Nähe zu wissen.</p>
+
+<p>Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven
+der <span class="f">Jeanne d'Arc</span>, die den in so trotziger Stärke einlaufenden
+Landsleuten entgegenjubelten. &mdash; Ihre Lage,
+von den Englischen Schiffen überwacht, war ihnen
+schon lange eine drückende ja unerträgliche geworden,
+noch dazu da ein Theil des Volks schon bei mancher
+Gelegenheit &mdash; ob dazu aufgereizt oder nicht &mdash; die
+Feranis suchte fühlen zu lassen, daß man weder
+ihren Gott noch ihre Regierung wolle und sich unter
+dem Schutz der Beretanis sicher genug fühle, ihren
+Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der
+von England zurückkehrende Consul und Missionair
+hatte dabei in seiner zuversichtlichen Haltung ihren
+schlimmsten Befürchtungen noch eine Art von Bestätigung
+gegeben, und die Mannschaft der <span class="f">Jeanne
+d'Arc</span> ersehnte unter solchen Umständen den Augenblick,
+wo sie den Befehl zum Rückzug erhalten würde,
+die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem früheren
+Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire
+zu überlassen.</p>
+
+<p>Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen
+Tage hervorgerufen; die stolzen Englischen Fregatten,
+die bis jetzt die Interessen der Tahitischen Königin
+überwacht, ließen den Feind derselben, der schon öfter
+die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und
+nur immer die vielleicht bösen Folgen zu gierigen
+Zulangens gefürchtet, jetzt im ruhigen unbestrittenen
+Besitz der ganzen Inseln, und während die Missionaire
+in Bestürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem
+entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlünde
+sie als von England gesandt proklamirt
+hatten, den wahren Glauben wie seine Vertreter zu
+schützen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern
+den ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mitzutheilen,
+und von ihnen ausgehend lief bald darauf
+das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Engländer
+seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln
+ebenfalls von dem Druck des Französischen Joches
+zu befreien, und wenige Wochen später würden sie
+mit Verstärkung zurückkehren die Macht der Christlichen
+Protestantischen Kirche, wenn es sein müßte,
+mit Gewalt der Waffen aufrecht zu erhalten. &mdash; Es
+war das ihre letzte Hoffnung.</p>
+
+<p>Mißtrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata,
+die Königin dieser Inseln, die Bewegungen der Feranis,
+die sie nun schon seit einer Reihe von Jahren
+als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze
+Blut der Pomaren schoß ihr zornig in die Schläfe,
+als sie die Banner Frankreichs wieder so keck und
+trotzig in der Brise flattern sah, und den Kanonendonner
+hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen
+Bai entgegenschallte.</p>
+
+<p>Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europäischem
+Geschmack eingerichteten und mit einer
+Masse von Putz und Geschenken ausgestatteten oder
+besser überfüllten Hauses, die heiße Stirne fest gegen
+die Glasscheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Pritchard
+ging mit auf der Brust fest zusammengeschlagenen
+Armen in dem Gemach auf und ab, und blieb
+nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die
+Bewegungen der eben eingekommenen Schiffe zu beobachten,
+aber ohne ein Wort zu sprechen sein oder
+der Königin Nachdenken im Mindesten zu stören.
+Die Fenster dröhnten dabei von den gewaltigen Saluten
+der bewaffneten Schiffe und die lockeren Scheiben
+klapperten und klirrten in ihren Rahmen.</p>
+
+<p>Auf dem einen Tisch, entrollt und über einem
+Globus, einem Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen
+und einigen geschmackvoll eingebundenen englischen
+Bilderbüchern lag die Tahitische rothe Flagge mit
+dem einzelnen weißen Stern, und oben über demselben
+mit einer goldenen von Palmzweigen umgebenen
+Krone frisch hineingestickt.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind nun Euere Versprechungen!&laquo; sagte
+die Königin endlich nach langer Pause, sich halb
+gegen den Missionair der zugleich die Stelle
+eines Englischen Consuls versah, herumdrehend &mdash;
+&raquo;das ist Euer Prahlen von dem Schutz der mächtigen
+Beretanis &mdash; des mächtigen Gottes der Weißen &mdash;
+Weit draußen in Lee schwimmen die Schiffe die man
+mir über und über erzählt daß sie mich und mein
+Volk beschützen sollten, und mitten in meinem Reich
+darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene
+Flagge trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz
+seiner Kanonen vielleicht neue Erpressungen fordern &mdash;
+wie kann ich sie jetzt ihm weigern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er <span class="g">darf</span> nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen
+ist&laquo; entgegnete finster der Missionair &mdash; &raquo;die
+neue Flagge hier, mit dem Emblem der Majestät
+wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares England
+unterstützt, und mit dem ganzen Volk gegen
+sich, und dem Bewußtsein daß Englische Kriegsschiffe
+in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder einlaufen
+können in die Bai, deren Bewohner sie durch die
+Bande der Religion und Freundschaft verpflichtet
+sind zu schützen, ist <span class="f">Du Petit Thouars</span> zu klug einen
+trostlosen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und die
+schwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und
+den Thron der ihn beschützen würde, herabziehn
+könnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer schützt mein armes Volk <span class="g">jetzt</span> vor
+ihren Kugeln, wenn ich die Flagge hisse und ihren
+Zorn reize?&laquo; frug Pomare.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist hier Königin&laquo; sagte der Missionair
+ernst und feierlich, &raquo;wie Englands Königin daheim
+ihr Banner kann wehen lassen über dem Schloß das
+sie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart,
+so steht dasselbe Recht <span class="g">Dir</span> zu, in Deinem Reich;
+der Franke <span class="g">darf</span> es Dir nicht wehren, wenn er auch
+möchte, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er,
+nach dem Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug
+wäre schon das Aufhissen dieser Flagge mit einer
+Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind
+höflich&laquo; &mdash; setzte er trocken hinzu, &raquo;wenn man ihnen
+auch sonst gerade nichts Gutes nachsagen kann.&laquo;</p>
+
+<p>Pomare sah ihn forschend an &mdash; ihre Fahne,
+durch Kanonenschüsse der gefürchteten Feranis geehrt
+ &mdash; der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz
+für sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so
+sehr sie auch noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen
+Schritt entgegen gewesen sein mochte.</p>
+
+<p>&raquo;Und Du hissest zugleich die Englische Flagge
+vor <span class="g">Deinem</span> Haus?&laquo; frug sie rasch, des Priesters
+Arm ergreifend.</p>
+
+<p>&raquo;Als Gruß der Königlich Tahitischen in jedem
+Fall&laquo; erwiederte der Missionair &mdash; &raquo;ich bin sogar
+dem Amt nach, das ich vertrete, dazu verpflichtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sei es &mdash; gut!&laquo; rief die Königin und ein
+eigenes Lächeln belebte ihre schönen, sprechenden Züge
+und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick einen
+höheren Glanz. &raquo;Der Wi-Wi soll mir die Krone
+grüßen müssen, die er nicht berühren darf, und Dein
+Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr uns oft
+erzählt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut,
+deren Bewohner ihre alten Götter und Gesetze
+in den Staub geworfen haben, das Kreuz des
+Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren,
+oder ob er gleichgültig die Erfolge betrachtet, die
+sein Wort hier auf Erden hat, dem Götzendienst des
+anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge
+die schon den ganzen Morgen draußen gewiß ungeduldig
+meiner Befehle harren &mdash; ich <span class="g">will</span> Königin
+sein, und eine Königin wie sie über dem großen
+Wasser drüben auf der Insel Deines Vaterlandes
+herrscht, nicht ein Spott nur und Fratzenbild aus
+einem Spiel der Areois, dem jeder fremde Freibeuter
+die Krone abnehmen und bespötteln darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Du wirst sehn, Pomare, daß Du Nichts
+zu fürchten hast,&laquo; sagte der Geistliche &mdash; &raquo;in Deinem
+Reiche darf keine fremde Macht die Hand an Deine
+Flagge legen, die Zugeständnisse zu denen man Dich
+zwang sind ungültig, eben <span class="g">weil</span> sie erzwungen
+waren, und Dein Volk ist stark und mächtig in der
+Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten
+Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine
+Schiffe mit blutigem Kopf zurückzuweisen. Ich
+schicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu erfüllen,
+und gehe selbst jetzt hinüber in mein Haus, das
+königliche Signal zu beantworten, sobald es in der
+Brise flattert. Indessen aber sei der Herr mit Dir
+in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und
+Frieden in Jesu Christo.&laquo;</p>
+
+<p>Und freundlich seine Hände gegen sie, wie zum
+Segen ausstreckend, blieb er einen Moment mit zum
+Himmel gerichteten Blicken stehen, und verließ dann
+langsam das Gemach.</p>
+
+<p>Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt
+hatte blieb, als der ernste Mann ihr Zimmer verlassen,
+mit fest in beide Hände gepreßter Stirne
+stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt
+zitterte vor innerer Aufregung, und sie bedurfte einer
+kurzen Zeit, ehe sie sich wieder vollständig sammeln
+konnte. Kaum aber hörte sie die Schritte der nahenden
+Männer, als sie auch mit der Energie, die ihrem
+ganzen Wesen und Charakter eigenthümlich war, jede
+Schwäche von sich abschüttelte, und die Lippen fest
+aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden
+Schläfen, die Häuptlinge empfing, die rasch und
+ebenfalls in Aufregung, in ihrer Gegenwart erschienen.</p>
+
+<p>&raquo;Joranna Pomare&laquo; riefen Aonui und Potowai,
+&raquo;Joranna, und schütze Dich Gott in dem nahen
+Kampf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem nahen <span class="g">Kampf</span>?&laquo; frug Pomare, erstaunt
+zu ihnen aufsehend, &raquo;wer spricht von einem Kampf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte
+uns standhaft auszuhalten selbst gegen die Uebermacht
+des Feindes draußen&laquo; sagte Aonui, &raquo;und so
+mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen
+zu scheuen oder zu fürchten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist von keinem Kampf die Rede&laquo; entgegnete
+Pomare ernst &mdash; &raquo;nur unsere Landesflagge sollt Ihr
+aufziehen an meinem Haus &mdash; ich will keinem Menschen
+Böses, und unsere Religion ist eine Religion
+des Friedens und der Liebe &mdash; sagt das den Leuten
+draußen. Sie sollen keinen Zank anfangen mit den
+Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und ihnen
+Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen
+ &mdash; Pomare hat keinen Zorn gegen sie und will
+in Frieden mit ihnen leben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In Frieden mit ihnen leben?&laquo; wiederholte kopfschüttelnd
+Potowai &mdash; &raquo;das ist ein schweres Ding.
+Ein Frieden mit den Feranis ist wie der durchsichtige
+Stein den sie uns gebracht und in unsere Häuser
+gesetzt haben, das Licht hineinzulassen, Du rührst
+ihn an und er bricht und splittert und verwundet die
+Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu denken,
+nach ihm ausstreckt &mdash; trau dem Ferani. Aber was
+thuts&laquo; &mdash; setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne
+aufgreifend und die goldene Krone betrachtend, die
+von Cocosblättern umgeben gar künstlich und zierlich
+von frommen weißen Frauen gestickt war &mdash; &raquo;wir
+haben die Bibel auf unserer Seite und unser gutes
+Recht, und zehntausend Mal lieber seh ich dabei
+den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend
+ein anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott,
+und das Volk wird Dir zeigen, Pomare, wie dankbar
+es sein kann für diesen Beweis Deiner Liebe.&laquo;</p>
+
+<p>Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er
+rasch das Haus, die Fahne an dem nahen Flaggenpfahl
+zu befestigen, um den sich indeß schon ein zahlreicher
+Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit
+der Demonstration begreifend, versammelt hatte.
+Ja die meisten sahen eben nichts weiter darin, als
+eine sehr gewöhnliche Handlung, vielleicht sogar der
+Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen
+wehen ließen &mdash; weshalb konnten sie nicht dasselbe
+mit der ihrigen thun?</p>
+
+<p>Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen,
+und wie ein Theil der Tahitier es schon mit froher
+Zuversicht als eines der zurückkehrenden Englischen
+Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen
+den Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder
+Amerikanischen Matrosen, das Schiff habe so wenig
+Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen liegende
+<span class="f">Reine blanche</span> oder <span class="f">Danae</span> und trage so gut
+die Tricolore wie sie alle Beide. Unter der Masse
+bildeten sich denn auch bald einzelne Gruppen, die
+das für und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens
+die Eingebornen, mit einer Art von Stolz
+auf ihre stattliche Fahne blickten, die lustig im Winde
+hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber zu
+grüßen schien.</p>
+
+<p>Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter
+ihnen und schien gewissermaßen eine Autorität, was
+die Natur des fremden, eben einsegelnden Schiffes
+betraf, auszuüben, denn einestheils verstanden ihn
+nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrücken,
+und dann erklärten Andere wieder, die ein
+wenig die Englische Sprache gelernt hatten, daß er
+jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse
+warum es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war
+auch vollkommen als die Fregatte endlich ihre Flagge
+zeigte und an ihrem Heck, wie an den anderen
+Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jedenfalls
+gehaßten Französischen Nationalfarben sichtbar
+wurden.</p>
+
+<p>&raquo;Segne mich!&laquo; sagte da aber Teraitane, der
+Häuptling, der sich der Gruppe eben zugesellt hatte,
+&raquo;uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti (Smith)
+immer gesagt, die Feranis hätten nur ein einziges
+Kriegsschiff in ihrem ganzen Reich, und das schickten
+sie her bald so, bald so angemalt, und bald mit dem,
+bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und jetzt
+liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt
+eben ein, und eines immer größer als das andere &mdash;
+der ehrwürdige Bruder Mi-ti muß geträumt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bruder Mi-ti träumt aber gewöhnlich mit den
+Augen offen&laquo; bemerkte Bob, trocken; &raquo;merkwürdig
+kluge Erzählungen die sich die Leute machen, nur
+daß die Farbe abgeht, wenn sie naß werden. Die
+Feranis könnten eine ganze Woche hintereinander
+jeden Tag vier andere Kriegscanoes herschicken, und
+behielten immer noch so viel zu Hause.&laquo;</p>
+
+<p>Während sich die Eingeborenen, denen ein Anderer
+das von Bob gesagte übersetzte, um diesen drängten,
+der unwillkommenen Mähr von der Macht eines
+Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend
+geschildert war, hatte die <span class="f">Reine blanche</span>
+mit dem neu einkommenden Fahrzeug rasch Signale
+gewechselt, aber die erwartete und von der Königin
+erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt,
+von dem Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb
+aus, und die Kriegsschiffe lagen still und ernst in
+der Bai &mdash; ob Freund ob Feind &mdash; erst die Zukunft
+sollte das entscheiden.</p>
+
+<p>Von der <span class="f">Reine blanche</span> kam jetzt ein Boot ab,
+mit der wehenden Tricolore am Heck, und hielt, von
+sechzehn Riemen pfeilschnell über die spiegelglatte
+Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens
+zu, vor dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts,
+wie jeder Farbe fast, versammelt hatte.</p>
+
+<p>Der im Stern des Bootes sitzende Officier war
+aber <span class="f">Du Petit Thouars</span> selber und ehe nur Einzelne
+der Umstehenden ihn, von seinem früheren Besuch
+noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er
+an Land, rief dem ihn begleitenden Officier einige
+Worte zu und schritt dann, allein und unangemeldet,
+rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der
+Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte.</p>
+
+<p>Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es
+war fast, als ob ein spöttisches Lächeln um seine
+Mundwinkel zuckte, als er zu dem flatternden Banner
+hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen
+Farben schweifen ließ &mdash; wenn so, ging das
+aber eben so rasch vorüber als es gekommen, und
+mit flüchtigen Schritten sprang er die wenigen Stufen
+zu der Verandah der Königin empor.</p>
+
+<p>Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm
+freilich den Eintritt weigern, eine aber erkannte ihn
+wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer
+Herrin, denn <span class="f">Du Petit Thouars</span> war, ob verdient
+oder unverdient, der Popanz der Inseln geworden,
+mit dem man die Kinder furchtsam machte und die
+Mädchen.</p>
+
+<p>Pomare erschrak &mdash; was wollte der Befehlshaber
+der Kriegsschiffe da draußen von ihr, daß er, ohne
+angemeldet, ohne um förmliche Audienz einzukommen,
+wie das üblich gewesen war von jeher, das ihr von
+den Missionairen und Consuln eingeprägte, und für
+unumgänglich nöthig geschilderte Ceremoniell soweit
+außer Augen setzte, sie allein aufzusuchen. Einen
+Augenblick stand sie unschlüssig und zögernd da; aber
+sie hörte schon die lachende Stimme des Französischen
+Befehlshabers dicht vor ihrer Thür, wie er sich,
+durch die ihm den Weg versperrenden Mädchen
+Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt,
+vielleicht nicht einmal böse über den Widerstand.</p>
+
+<p>&raquo;Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti&laquo;<a name="FNanchor_C_3" id="FNanchor_C_3"></a><a href="#Footnote_C_3" class="fnanchor">[C]</a>
+sagte sie da schnell, und das Mädchen öffnete kaum
+die Thür, dem Befehl Folge zu leisten, als der Admiral
+auch, ängstlich von den Frauen Pomares
+umstanden, auf der Schwelle erschien, und den Hut
+abziehend mit, Pomaren entgegengestreckter Hand ihr
+sein freundliches Joranna entgegenrief.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_C_3" id="Footnote_C_3"></a><a href="#FNanchor_C_3"><span class="label">[C]</span></a> Pritchard.</p></div>
+
+<p>&raquo;Joranna Peti-Tua&laquo; sagte die Königin ernst,
+ihm die Hand nicht versagend, aber immer noch in
+einer eigenen Mischung von beleidigter Eitelkeit und
+Verlegenheit zu ihm aufschauend &mdash; &raquo;bringst Du
+mir Frieden oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schiffen
+mit denen Du die Bai füllst, und bist Du den
+weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme
+schwache Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König
+geschickt mit freundlichem Wort, und ist das Joranna
+treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von den
+Lippen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bringe Dir Frieden, Pomare,&laquo; sagte <span class="f">Du
+Petit Thouars</span> freundlich, und hielt die Hand die sie
+ihm gereicht, immer noch in der seinen &mdash; &raquo;Frieden
+und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig
+das Alles von Dir weist und mich förmlich dazu
+zwingst Dir weh zu thun &mdash; und das wirst Du
+hoffentlich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine
+Schiffe zu nehmen?&laquo; sagte Pomare rasch und mißtrauisch
+ &mdash; &raquo;aber ich habe Nichts mehr &mdash; das letzte
+was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen,
+unglückliche Heiden in Australien und Afrika
+zu bekehren.&laquo;</p>
+
+<p>Der Admiral biß sich die Unterlippe und ein
+leichtes, halb verlegenes Lächeln zuckte über seine
+Züge.</p>
+
+<p>&raquo;Nein&laquo; sagte er endlich nach kleiner Pause, &raquo;Du
+irrst, Pomare, und ich verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit
+in solchen Dingen; ich will auch Nichts
+von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon
+gegeben hast &mdash; nur nichts <span class="g">nehmen</span> möcht' ich mir
+lassen, und deshalb komme ich her. Noch aber liegt
+das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir
+werden es mit wenigen Worten auch leicht und
+freundlich lösen. Ich meine es gut mit Dir Pomare,
+und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen
+Wort&laquo; sagte Pomare, den herzlichen Worten des
+Feranis immer noch mißtrauend.</p>
+
+<p>&raquo;So will ich denn kurz zur Sache kommen&laquo;
+sagte der Admiral und seinen Hut auf den Tisch,
+zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten
+Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und
+Spielereien legend, warf er sich selber in den nächsten
+Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke legend,
+und die Hände darüber faltend ernster fort: &raquo;Ich
+brauche Dir nicht erst die während meiner Abwesenheit
+passirten Vorgänge ins Gedächtniß zurückzurufen
+ &mdash; eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern
+glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen
+an der Spitze, denen der Henker daran liegt
+ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln ist, und
+welche Folgen ein so unüberlegter thörichter Schritt
+für Dich und das Land mit sich führen könnte, haben
+die Französische Flagge beleidigt und die Verträge
+gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen bist.
+Die Römisch-katholischen Priester sind wieder klagbar
+geworden &mdash; bitte laß mich erst ausreden und höre
+Alles was ich Dir zu sagen habe &mdash; sie behaupten
+wieder in ihren Rechten gekränkt zu sein und viel
+Schaden durch das willkürliche und widerrechtliche
+Benehmen der Protestantischen Geistlichen erlitten
+zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir
+jene Vorgänge selber leid thun, und Du sie nur nicht
+hindern konntest. Ich will Alles vergessen und vergeben,
+und ich verlange nicht einmal eine Entschuldigung
+von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt
+mir dann auch beweisen daß es Dir <span class="g">jetzt</span> wenigstens
+Ernst ist Se. Majestät, den König von Frankreich
+zum Freund zu behalten und nicht in starrem Trotz
+die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden
+bringt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="g">was</span> verlangst Du?&laquo; frug Pomare ungeduldig,
+&raquo;denn etwas <span class="g">willst</span> Du doch von mir, das
+fühl' ich klar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen&laquo;
+sagte der Admiral ernst, &raquo;Du sollst, mit
+einem Wort, das Französische Protektorat anerkennen,
+dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Häuptlinge,
+unterschrieben, und dem zu Folge Du den
+bunten Schmuck auch in der vor Deinem Hause
+wehenden Flagge, die selbstständige Krone, wegnehmen
+mußt, die Dir nicht gebührt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wem anders, wenn nicht mir?&laquo; rief Pomare
+aber jetzt gereizt, und das Blut schoß ihr in vollem
+Strom in Stirn und Schläfe &mdash; &raquo;wem anders,
+stolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieses
+Landes?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah, bah&laquo; sagte der Officier kopfschüttelnd und
+mit zusammengezogenen Brauen, &raquo;das sind Redensarten,
+die Dich Deine frommen Missionaire gelehrt
+haben, und sie hätten, beiläufig gesagt, etwas
+gescheuteres thun können. Du verkennst Deinen
+Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein Unterschied
+zwischen der <span class="f">Pomare wahine</span> einer kleinen Insel, und
+der Fürstin eines mächtigen Reiches, im alten Vaterland;
+wenn man Dir also das nicht früher klar gemacht
+hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht in
+einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals
+nicht viel ankam. Anders wird das jedoch, wenn
+Du <span class="g">unter</span> dem Schutz eines anderen Staates stehst,
+dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebührt
+Dir die Krone nicht mehr, noch dazu wenn
+Du Dich in solchen falschen Ansprüchen von einer
+uns feindlichen Macht unterstützen läßt, wie das
+Wehen der Englischen Flagge da drüben beweist,
+und ich muß Dich bitten, Deinetwegen bitten, sie
+selber und in aller Stille wieder nieder und nicht
+wieder aufzuziehn &mdash; es soll mir das ein Zeichen
+sein, daß Du meinen vernünftigen und ruhigen
+Vorstellungen Gehör gegeben, und nicht wie früher
+mit dem starren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die
+Stirne bieten willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne
+mit der Krone wehn und Niemand darf es ihr verwehren,&laquo;
+rief Pomare, der Argumente ihres Geistlichen
+gedenkend.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Kinderspiel,&laquo; sagte <span class="f">Du Petit Thouars</span>,
+ärgerlich den Kopf herüber und hinüber werfend &mdash;
+&raquo;was haben wir hier mit der Königin Viktoria zu
+thun &mdash; sie ist mächtig genug sich selbst zu schützen,
+und hat das Recht eine Krone zu führen! &mdash; Wer
+überhaupt hat Dich auf den tollen Einfall gebracht,
+der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in Fatalitäten
+bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria
+zu vergleichen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Peti Tua&laquo; erwiederte Pomare gereizt &mdash; &raquo;es
+sind auch noch andere Europäer auf der Insel, die
+wissen was sich für eine Königin schickt &mdash; wärest
+Du allein da, müßte ich Dir glauben.&laquo;</p>
+
+<p>Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen
+die Zähne und mit einem leise gemurmelten
+Fluch zischte er:</p>
+
+<p>&raquo;Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in
+ihrem Uebermuth wieder die Hand dabei im Spiel
+gehabt&laquo; und er sprang auf und ging ein paar Mal,
+mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer
+auf und nieder; dann aber, wie sich besinnend,
+strich er sich über die Stirn, blieb einen Augenblick,
+still vor sich niedersehend stehn, und ging dann plötzlich,
+mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf
+Pomare zu, ergriff mit der Linken ihre Rechte und
+mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die
+Höhe hebend sagte er lächelnd, ja fast herzlich:</p>
+
+<p>&raquo;Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine
+Mal nur auf den Rath eines Mannes der, trotz
+allem was sie Dir mögen dagegen gesagt haben, es
+wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind
+schon in Frankreich angekommen, nach denen Dein
+Reich unter dem Protektorate meines Königs steht,
+und ich <span class="g">dürfte</span> dem nicht mehr zuwider handeln,
+wenn ich wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem,
+was Dir die Englischen Priester sagen; Du hast
+schon oft gefunden, daß sie sich irrten. Sie wollen
+nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft
+haben, und wir Franzosen passen ja doch
+wahrhaftig besser zu Euch wie die Kopfhänger.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür, Pomare entzog dem Admiral rasch ihre Hand und
+trat einen Schritt von ihm zurück, und eine der Einanas
+meldete, den Kopf zur Thür hereinsteckend, den
+&raquo;boda Piritati&laquo; der draußen stände und die Königin
+zu sprechen wünsche.</p>
+
+<p>&raquo;Schick ihn fort, <span class="f">wahine</span>&laquo; rief aber <span class="f">Du Petit
+Thouars</span> ärgerlich &mdash; &raquo;wir haben hier wichtige,
+<span class="g">weltliche</span> Dinge zu reden und brauchen den Pfaffen
+nicht &mdash; schick ihn fort&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ihn rufen lassen&laquo; entgegnete Pomare,
+während das Mädchen unschlüssig erst auf den
+direkten Befehl ihrer Herrin wartete, &raquo;auch ist er
+nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der
+Consul der Beretanis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Zwitterding&laquo; erwiederte der Franzose, &raquo;ich
+habe mit ihm weder als das eine noch andere etwas
+zu schaffen; schick ihn fort, oder <span class="g">ich</span> gehe, und Du
+hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen&laquo;
+sagte Pomare, &raquo;und weiter hast Du mir ja
+doch nichts mehr zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts mehr zu sagen?&laquo; rief der Admiral erstaunt
+ &mdash; &raquo;Frau das ist gerade genug, denn es betrifft
+Dein ganzes Reich &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du darfst es mir nicht nehmen,&laquo; rief die Königin
+und ihre Augen blitzten &mdash; &raquo;Piritati hat mir
+selber gesagt, daß mich England beschützen wird
+gegen meine Feinde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen
+lerntest&laquo; warnte sie, mit gehobenem Finger, der Franzose,
+&raquo;aber meine Zeit ist gemessen, so antworte mir
+denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen <span class="g">willst</span>,
+einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich
+dem, was ich jetzt von Dir noch Auge in Auge verlange,
+fügen willst oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was ist das, in klaren einfachen Worten?&laquo;
+frug Pomare.</p>
+
+<p>&raquo;Einfach die Anerkennung unseres Vertrags,&laquo;
+entgegnete <span class="f">Du Petit Thouars</span>, &raquo;und zum Zeichen
+ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder, und
+hissest die Tricolore, die ich im Boot für Dich mitgebracht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie im Leben!&laquo; rief Pomare, und stampfte mit
+dem Fuß den Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt
+zu streichen und Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen
+ &mdash; bedenke Pomare daß von dem Augenblick,
+wo das durch <span class="g">meine</span> Hand geschieht, Du
+aufgehört hast zu regieren, denn das Land steht dann
+nicht mehr nur unter Frankreichs Schutz, nein es ist
+<span class="g">erobert</span>, und der Sieger verfügt darüber wie es
+ihm gut dünkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden
+Worten willst,&laquo; entgegnete finster Pomare, &raquo;aber Du
+darfst mir mein Land nicht nehmen; die Englischen
+Schiffe leiden es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer Dir <span class="g">das</span> sagt ist Dein Feind&laquo; entgegnete
+rasch der Admiral &mdash; &raquo;denke an mich, Pomare, und
+was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist auch verflossen
+und ich fürchte fast nutzlos, denn der Missionair
+wird Dir das Kreuz wieder vorhalten und
+mit der Bibel drohen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich lasse mir nicht drohen&laquo; rief die Königin.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Dich darum <span class="g">gebeten</span>, Pomare&laquo; sagte,
+noch einmal zu ihr tretend, mit leiser gedämpfter
+Stimme der Admiral, &raquo;Deinethalben gebeten, weil
+ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schönes
+Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit
+einem Schlage vernichten möchte; <span class="g">zwinge</span> mich
+nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen
+Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und
+ziehe meines Landes Farben auf, und Du bleibst
+was Du bist, wenn nicht unbeschränkt, doch Königin
+dieses Landes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trotzkopf&laquo; murmelte der Franzose ärgerlich sich
+auf dem Absatz herumdrehend &mdash; &raquo;so nimm denn die
+Folgen. Und doch geb' ich Dir noch Zeit zum Nachdenken
+bis morgen früh,&laquo; setzte er nach kurzem
+Sinnen hinzu &mdash; &raquo;überleg' es Dir wohl und handle
+danach, und Gott leite Dich, daß Du den rechten
+Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschuß nicht
+die Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm'
+ich nicht mehr zu Dir hinüber, sondern schicke Dir
+rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir selber
+zuzuschreiben.&laquo;</p>
+
+<p>Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte
+er fast gegen den Missionair, der gerade im Begriff
+schien es zu betreten. Mr. Pritchard grüßte ihn,
+und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden
+wolle, der Französische Admiral war aber keineswegs
+in einer Stimmung sich mit ihm einzulassen, berührte
+einfach seinen Hut, und ging mit raschen
+Schritten wieder der Landung zu, wo indessen seine
+Leute, von den Indianern umlagert, doch dem gemessenen
+Befehl nach nicht den mindesten Verkehr
+mit diesen haltend, das Boot weit genug vom
+Strand abgestoßen hatten flott, und außer Verbindung
+mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber
+die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten
+zurückkehren sahen &mdash; ein kurzer Befehl und
+einer der Leute sprang mit einem vorn im Boote
+liegenden Pakete &mdash; der zusammengerollten Französischen
+Flagge &mdash; die Uferbank hinauf, dem Hause
+Pomares zu, sie dort für die Königin dem ersten
+Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten später
+kam er in raschem Lauf zurück, das Boot flog herum
+und schnitt wieder, zischend und schäumend, wie ein
+verfolgter Fisch die Oberfläche theilend, der <span class="f">Reine
+blanche</span> entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren
+Majestät vielleicht eine Kabelslänge davon vor
+Anker lag.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_3" id="Capitel_3"></a><span class="first">Capitel 3.</span><br />
+
+Die Tahitische Flagge.</h2>
+
+
+<p>Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage
+verlebt; Ren&eacute;s Wunde war allerdings nicht gefährlich,
+ja sogar viel leichter als sie im Anfang gefürchtet,
+gewesen und heilte so rasch, daß er schon
+am nächsten Tage wieder sein Lager verlassen und
+mit dem Arm in der Binde sich ziemlich frei umherbewegen
+konnte, aber Ren&eacute;s Gegner war an seiner
+Wunde gestorben, und so sehr sich auch Bertrand
+jetzt Mühe gab, die Kunde dem Ohr der armen
+jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch
+schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in
+ihre Hütte und füllte ihr Herz mit unermeßlichem
+Weh.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ren&eacute; ein Mörder &mdash; ihrethalben, und Alles was
+ihr der Geistliche erst vor wenigen Tagen von
+Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf
+ihr die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und
+schrieb ihr den bitteren furchtbaren Vorwurf mit
+blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz. &mdash;
+Ren&eacute; ein Mörder &mdash; Blut an der Hand, die sie in
+Glück und Liebe tausendmal geküßt &mdash; Blut an der
+Hand, in die sie die ihrige vor Gottes Altar einst
+gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das
+Nerv und Leben traf, und ihr das Blut fast starren
+machte in den Adern &mdash; und Ren&eacute;? Als sie zu ihm
+stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten
+wollte mit einem Herzen, dem jeder Trost gebrach,
+als sie da vor ihm auf die Knie fiel, und ihn nieder
+ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung
+zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen
+hatte in ihrem ersten furchtbaren Schmerz, nur
+Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von den
+Wimpern niederbrannten &mdash; da blieb er kalt. Das
+Blut hatte wohl seine Wangen verlassen bei der
+Nachricht, aber kein weiteres Zeichen, kein Muskel
+seines Angesichts verrieth daß er <span class="g">fühle</span> was er gethan,
+und Sadie blickte in Schreck und Staunen zu
+ihm auf und suchte umsonst sein Herz zu seinem
+Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu
+erflehn vor dem Thron des Allliebenden den er schwer
+beleidigt ja mit Brudermord.</p>
+
+<p>&raquo;Laß das, laß das Kind,&laquo; sagte er finster, sich
+ihrem Griff entziehend &mdash; &raquo;das sind Sachen die Du
+nicht verstehst und deshalb nicht begreifen, nicht beurtheilen
+kannst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet&laquo;
+weinte Sadie, ohne sich zu erheben &mdash; &raquo;hast
+Abschied an dem Morgen von mir genommen und
+Deinem Kind &mdash; hast uns geküßt und geliebkost, und
+bist mit ruhiger heiterer Stirn hinausgegangen einen
+Bruder zu ermorden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sadie&laquo; bat Ren&eacute; sie jetzt leise und weicher als
+vorher, als er sah, welchen furchtbaren Eindruck die
+That auf sie machte, die nur in ihrem nackten Erfolg
+starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die
+Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen
+wurzelnd, in ihrem einfach reinen Sinn ja
+nicht verstehen <span class="g">konnte</span> &mdash; &raquo;thörichtes Kind, hab' ich
+Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus
+meinem Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann
+empfangene Beleidigung nicht anders rächen kann,
+als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht
+Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst
+wenn wir Beide das Geschehene schon von ganzem
+Herzen bereut und gern vergessen hätten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,&laquo; klagte
+Sadie, &raquo;und vergaßest das Gesetz Gottes &mdash; nein,
+vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen von
+Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn &mdash;
+oh Ren&eacute;, Ren&eacute;, Du hast meinen Frieden zerstört auf
+ewige Zeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen
+Reden&laquo; bat sie da, kurz abbrechend, Ren&eacute; &mdash;
+&raquo;die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn
+gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht
+leiden, nicht ertragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme
+Gottes hören wolltest&laquo; klagte das arme Weib, die
+Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und
+trostlos vor sich niedersehend &mdash; &raquo;daß Dir Gottes
+Wort zum Herzen spräche mit allgewaltigem Klang
+und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor Dir selber
+und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken
+und seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem
+Sinn entgegeneilen willst. Oh der ehrwürdige Vater
+Rowe hatte ja recht als er mich mahnte, mit heißen
+brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von
+dem was Dir Verderben droht &mdash; aber konnte ich es
+denn? &mdash; ward mir armen schwachen Weibe denn
+die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, Ren&eacute;, und den Heiland bitten, Dich vor Dir selber
+zu schützen und Geduld mit Dir zu haben in seiner
+Allbarmherzigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Rowe?&laquo; sagte Ren&eacute; aufmerksam werdend und
+sah Sadie rasch und scharf an &mdash; &raquo;was weißt Du
+von dem Schleicher? &mdash; ich will doch nicht hoffen,
+daß er meine Schwelle betreten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er war hier&laquo; hauchte Sadie, unfähig eine Lüge
+zu sagen, aber das Blut schoß ihr in Strömen in
+Stirn und Schläfe.</p>
+
+<p>&raquo;Hier? &mdash; und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?&laquo;
+ &mdash; rief Ren&eacute;, seinen erwachenden Aerger,
+überdies schon gereizt, nur mit Mühe bändigend &mdash;
+&raquo;zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was
+trieb ihn her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Sorge um mich&laquo; sagte leise Sadie &mdash; &raquo;er
+war mein Lehrer in der Kindheit, und nimmt auch
+jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein Recht
+dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge
+um meiner Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich
+doch überging?&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; biß sich auf die Lippen &mdash; es drängte ihn,
+seinem Zorn über den Mann den er alle Ursache
+hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht ganz
+ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber
+er fühlte auch wie weh er der armen Frau dadurch
+thun würde, und nur die Stirn heftig mit der rechten
+Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer
+auf und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die
+noch immer in ihrer knieenden Stellung verharrte
+und das sorgenschwere Haupt an der Stuhllehne in
+den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand
+auf ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher
+liebender Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer
+lastet das Blut auf meiner Seele, daß ich Deinem
+Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen
+könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn
+diese That fällt nicht mir, sie fällt der Gesellschaft
+zur Last die sie billigt, ja fordert &mdash; Nichts hilft
+es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben.
+Komm, schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb
+und laß die Grillen &mdash; geschehene Dinge sind nicht
+mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand nicht zu
+fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem
+Gegner schützte.&laquo;</p>
+
+<p>Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen
+bergend flüsterte sie:</p>
+
+<p>&raquo;Bete &mdash; Ren&eacute; &mdash; bete zu Gott daß er Dir die
+That vergeben möge und ich will mit Dir meine
+Stimme erheben zu dem Höchsten &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sadie&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neige Dein Ohr Allmächtiger&laquo; flehte die Frau,
+inbrünstig seine Hand fassend und die Augen zur
+Decke erhebend, &raquo;verwirf mich nicht von Deinem Angesicht,
+und nimm Deinen heiligen Geist nicht von
+mir. &mdash; Tröste mich wieder mit Deiner Hülfe und
+der freudige Geist enthalte mich &mdash; denn ich will die
+Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder
+zu Dir bekehren. Errette mich von den Blutschulden
+Gott, der Du mein Gott und Heiland bist, daß
+meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Komm, komm Sadie&laquo; sagte aber Ren&eacute; ihr leise
+doch entschlossen seine Hand entziehend, &raquo;das ist
+genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig.
+Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort
+mit Dir reden kann, ich will dann suchen Dich zu
+überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich die
+frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen,
+denn mir ist schwül und heiß geworden bei Deinen
+Reden.&laquo;</p>
+
+<p>Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst
+weitern Abschied von ihr oder dem Kinde zu nehmen,
+rasch das Haus und schritt die Straße nach Papetee
+hinunter.</p>
+
+<p>Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer
+Stellung und betete heiß und brünstig für den geliebten
+Mann; immer noch hoffte sie dabei daß Ren&eacute;
+zurück &mdash; reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am
+Thron des Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung
+zu erflehn für das <span class="g">Verbrechen</span>; aber er kam nicht,
+und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und
+ließ ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von
+Mataoti erfuhr daß er den Weg nach Papetee eingeschlagen
+und dort ja, wenn man etwas gegen ihn
+beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der
+Gerechtigkeit gerade entgegen eile. Der Leichtsinnige
+kannte, achtete ja keine Gefahr, aber er hatte auch
+kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über
+ihn zu wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr
+lächelnd und den Schmerz nicht ahnend der ihre
+Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte
+sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend,
+zum Strand hinunter, machte mit Hülfe Mataotis
+das Canoe flott und glitt bald darauf, ihr Kind zu
+ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen
+Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend,
+dem nicht so fernen Hafen zu.</p>
+
+<p>Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang
+der Residenz ihrer Königin zudrängten, thaten
+das nicht blos aus Neugierde, die vielen fremden
+eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde
+sie doch größtentheils auf die Beine gebracht,
+nein sie wußten auch, daß sich in Papetee irgend
+eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten
+dessen Zeuge &mdash; ja wie die Sache auslief, auch
+vielleicht Theilnehmer und Mitwirkende sein.</p>
+
+<p>Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare
+selber, vielleicht auch durch die Einanas die wohl
+draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der
+zwischen Pomare und <span class="f">Du Petit Thouars</span> stattgehabten
+Unterredung bald, wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen,
+in Papetee und der Umgegend bekannt geworden;
+man wußte daß der Ferani verlangt hatte,
+die Königin solle die Landesflagge niederziehn und
+die Fahne des Feindes dafür hissen, ja man behauptete
+jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle
+gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der
+Furchtsamsten sogar bewog nach Dunkelwerden ihr
+bewegliches Eigenthum in den Wald und die Berge
+zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich
+zu kommen.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur
+Entscheidung bestimmten Morgen, schon mit Tagesanbruch
+eine Unmasse Volk gerade am Strand versammelt,
+während Neuankommende noch immer von
+den anderen Theilen der Insel herzuströmten, und
+mit einer Art von scheuer Freude sahen die Tahitier
+ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten
+Stelle wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des
+Resultats. Auch die Decks der fremden Kriegsschiffe,
+der Französischen wie der Englischen Catch <span class="f">Basilisk</span>
+die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende
+Stellung einnehmen konnte, waren von den Officieren
+wie der Mannschaft besetzt, die mit und ohne
+Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten
+und Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes
+Zeichen bekannte Tahitische Flagge gerichtet
+hielten. Aber der Morgenschuß war vom
+Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden,
+ohne daß irgend ein feindlicher Schritt gegen
+die Autorität des Landes, oder die Flagge geschehen
+wäre, denn der Admiral <span class="f">Du Petit Thouars</span> hatte
+während der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und
+die Frist für Pomare bis zum Nachmittag verlängert.
+Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur
+mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen,
+den er außerdem nach allem Vorhergegangenen wohl
+nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er sich aber
+auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen
+mochte; wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich
+selber aufgenommen werden würde.</p>
+
+<p>Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen
+mit dem Englischen Consul sowohl, wie den
+anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr ebenfalls
+an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes,
+sehr wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer
+Erklärung für ihre Sache zu bewegen. Die Flaggen
+blieben aber wehen, die Tahitische sowohl wie die
+Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und <span class="f">Du Petit
+Thouars</span> durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es
+Pomare zum Aeußersten treiben wolle der Französischen
+Macht zu trotzen, und den früheren Vertrag,
+als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu verleugnen.</p>
+
+<p>Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte
+Termin ausgedehnt worden, und ein Theil des Volks
+hatte sich sogar schon wieder in der Zwischenzeit
+zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine
+Siesta zu halten, bis die entscheidende Stunde
+schlage. Kein Boot landete indessen von den Schiffen,
+kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit
+Früchten oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren,
+wie das die Eingeborenen bis jetzt immer
+sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher
+und beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute
+fühlten daß jetzt keine Zeit zum Feilschen sei, wo die
+Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten bei ihren
+Geschützen ständen.</p>
+
+<p>Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei
+Stunden überschritten haben, als Ren&eacute; die Stadt
+erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die
+Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so
+leicht veranlaßt werden konnten, sich in der Hitze des
+Tages am offenen Strand herumzutreiben, wo die
+Palmen- und Guiavenhaine rings umher so trefflichen
+Schatten boten; er hatte <span class="f">Du Petit Thouars</span>
+sowohl wie Pomare schon fast vergessen. Die wehende
+Flagge der letzteren mahnte ihn aber wieder an
+das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die
+geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils
+mit den verschiedenen Gruppen verkehrten, theils
+zwischen den Häusern Pomares wie einzelner Häuptlinge,
+oder auch den eigenen Wohnungen herüber
+und hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze
+deutlich genug.</p>
+
+<p>Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den
+gezwungen milden und doch heute so eilfertigen Zügen
+konnten nicht dazu dienen Ren&eacute;s überdies gereizte
+Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu
+gestalten, und finster und schweigend erwiederte er
+ihren Gruß, wenn sie an ihm vorüberschritten, oder
+gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in
+ihrer Art.</p>
+
+<p>Gedanken- und ziellos schlenderte er so am
+Strande hin, die Arme auf der Brust ineinandergeschlagen,
+und den Hut fest und verdrossen in die
+Stirn gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter
+Stimme seinen Namen rufen hörte, und aufschauend
+sich gerade vor Mr. Belards Hause fand,
+dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen
+ganzen Theil des Strandes überschauten, und von
+der Familie eingenommen waren, Zeugen der erwarteten
+Vorfälle zu sein.</p>
+
+<p>Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber
+er schrak förmlich zusammen, und fühlte wie ihm
+das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen
+drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht
+der jungen hübschen Frau, die engelschönen lächelnden
+Züge Susannens erkannte, die ebenfalls zu ihm
+niedergrüßte.</p>
+
+<p>&raquo;Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne
+wieder so frisch und wohl zu sehen,&laquo; rief Madame
+Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und Verlegenheit
+nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen
+wollte &mdash; &raquo;aber hat er nicht einmal so viel Zeit
+einen Augenblick herauf zu kommen, und zu sehn wie
+es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere
+Geschäfte fortrufen, haben wir hier ein prächtiges
+Plätzchen für Sie das Schauspiel, einer friedlichen
+Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie mögen
+unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in
+Französischen Grund und Boden verwandelt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und darf ich?&laquo; frug Ren&eacute;, und die Frage galt
+diesmal dem jungen Mädchen, das bis dahin nur
+lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt fröhlich
+ausrief:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres
+früheren Capitains fürchten &mdash; ich wüßte keinen anderen
+Grund weshalb nicht&laquo; &mdash; und wenige Minuten
+später stand Ren&eacute; in dem kleinen Gemach an Susannens
+Seite, die Frauen zu begrüßen.</p>
+
+<p>&raquo;Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus&laquo; rief aber
+hier das junge Mädchen, als er ihr die Hand gereicht
+und das Blut, die erste unnatürliche Aufregung
+vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte
+ &mdash; &raquo;Ihre Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie
+haben sich zu sehr angestrengt &mdash; guter Gott, Ihr
+Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und würden Sie mich betrauern?&laquo; frug Ren&eacute;,
+ihr forschend ins Auge schauend.</p>
+
+<p>Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob
+sie einer Antwort, denn den jungen Mann dem Lichte
+zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte, Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden
+Todten, als einem Lebenden, und je eher er
+sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto besser
+sei es für ihn &mdash; zu früh könne es aber gar nicht
+mehr geschehen, und ihre Schlüssel aufgreifend, von
+denen sie den Kellerschlüssel ihrer Indianischen Dienerschaft
+nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch
+das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich
+selber zu holen und einzugeben, wie ein guter, sorgsamer
+Arzt.</p>
+
+<p>Susanne und Ren&eacute; waren allein, und der Letztere
+wollte sich eben mit seiner Wunde für sein, vielleicht
+unfreundlich scheinendes Betragen von vorhin entschuldigen,
+als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte
+Anstrengung, da es das erste Mal gewesen
+war nach seiner Verwundung daß er einen solchen
+Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause &mdash;
+jetzt, und beide ach wie so verschiedener Art, wirkten
+zu heftig auf ihn &mdash; er mußte von dem rasch zuspringenden
+Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl
+taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren
+Schleier er aber glücklich bezwang, stützte er das
+todtenbleiche Antlitz in die Hand, sich wieder zu
+sammeln, zu erholen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie böser, böser Mann&laquo; flüsterte das schöne
+Mädchen, ihr weiches Tuch rasch in kalt Wasser
+tauchend und um seine Stirn legend &mdash; &raquo;was laufen
+Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn
+Sie krank und elend sind &mdash; weshalb hat Sie Ihre
+Sadie nur hinausgelassen?&laquo;</p>
+
+<p>Sadie &mdash; Ren&eacute; athmete tief und schwer und seine
+Stirn fassend traf er der Jungfrau Hand, die dort
+das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte wenn
+es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden
+in dieser Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt
+zurück, als sich die Thür rasch öffnete in der Madame
+Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder erschien,
+und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche
+Antlitz ihres Gastes bemerkte.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo, was ist hier vorgefallen,&laquo; rief sie halb
+lachend halb bestürzt, &raquo;werden die Herren ohnmächtig
+und müssen ihnen die Damen beistehn? &mdash; schöne
+verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um
+so mehr am Platz. Hier Monsieur&laquo; fuhr sie fort,
+ihm ein volles Glas einschenkend, aber zugleich
+einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend
+setzte sie neckend hinzu: &raquo;und die Dame da scheint
+mir auch ein Glas vertragen zu können, Ihr habt
+Euch Beide alterirt &mdash; Wie steht es mit Ihrer Wunde, Delavigne?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besser &mdash; gut&laquo; sagte er rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben von Ihrem Gegner gehört?&laquo; frug
+Susanne leise.</p>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo; hauchte Ren&eacute;.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat es nicht anders haben wollen&laquo; beruhigte
+ihn aber die Französin &mdash; &raquo;wäre er mit der ersten
+Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache abgemacht
+und Niemandem ein Schade geschehn &mdash; es
+soll das siebente Duell gewesen sein, das er gehabt.
+Aber reden wir von etwas Angenehmerem&laquo; setzte sie
+rasch hinzu, &raquo;wissen Sie daß unsere junge Freundin
+Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat
+Urlaub bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? &mdash;
+der alte Seewolf muß doch gar kein so übler Mann
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?&laquo;
+frug Ren&eacute; lächelnd zu Susanne gewandt.</p>
+
+<p>&raquo;Oh schon lange&laquo; erwiederte Susanne, &raquo;und hat
+eine ausgezeichnete Reise gemacht&laquo; setzte sie dann
+mit komischem Ernst hinzu &mdash; &raquo;Sie haben sich sehr
+im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an
+Bord geblieben zu sein. Sie könnten jetzt ihren
+Thran zu höchst annehmbaren Preisen &mdash; Papa hat
+mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für
+ihn Geschäfte machen sollte &mdash; an die Firma <span class="f">Bornholm
+Watts &amp; Comp.</span> verkaufen und hätten noch
+immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer neuen
+so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen
+und zu rüsten. Sie werden mir zugeben daß
+Einem auf einer solchen Fahrt höchst interessante
+Sachen begegnen können.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß
+Sie grausam sind&laquo; sagte Ren&eacute; &mdash; &raquo;Sie wissen
+nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten
+thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gerade <span class="g">jetzt</span>?&laquo; frug Susanne erstaunt, aber
+sie wurden hier durch einen Lärm von der Straße
+unterbrochen, der sie alle drei rasch an das Fenster
+rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht
+fernen Kirche her, wohin Bruder Dennis einen Theil
+seiner Gemeinde gezogen und in stürmischer Predigt
+ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus
+für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands
+erregt haben mochte.</p>
+
+<p>&raquo;Gott wie die Menschen schreien&laquo; sagte Madame
+Belard ängstlich &mdash; &raquo;wenn sie nur Vernunft annehmen
+und nicht gegen eine Macht gerade zu einer
+Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die
+Wehr fest in Händen hält; sie werden noch das
+größte Unglück über sich hereinrufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und von der Fahne da drüben soll es abhängen,
+ob Krieg ob Frieden&laquo; sagte Susanne, nur das Interessante
+des Augenblicks in dem Bewußtsein fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden &mdash;
+&raquo;was für eine wunderhübsche Flagge das ist, und
+wie Jammerschade, daß sie soll niedergeholt werden.
+Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone
+im Wappen, mit dem Cocoszweig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten
+und ihrem Stolz schmeicheln wollten&laquo; sagte Ren&eacute;
+finster.</p>
+
+<p>&raquo;Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen
+Aemter im Kopf&laquo; rief Madame Belard, &raquo;die auf den
+Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach Europäischem
+Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire
+für sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte
+mit allen möglichen Auszeichnungen. Wenn Pomare
+eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare <span class="f">wahine</span>,
+konnte keiner von ihnen Minister werden und das
+Consulamt bringt neben dem Bischen Ehre, nur
+Aerger und Verdruß; Minister des Auswärtigen oder
+der inneren Angelegenheiten klingt besser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Unsinn&laquo; lachte Susanne &mdash; &raquo;es sind zu
+vernünftige Männer etwas derartig Närrisches zu
+erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät &mdash;
+hahahaha &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen&laquo;<a name="FNanchor_D_4" id="FNanchor_D_4"></a><a href="#Footnote_D_4" class="fnanchor">[D]</a>
+sagte Ren&eacute; ernst, &raquo;und dort ist es geschehen. Leider
+Gottes haben Titel und Orden schon manchen ehrlichen
+Mann &mdash; zu Fall gebracht &mdash; nicht einen
+schlimmeren Ausdruck dafür zu gebrauchen, und der
+Klang irgend eines langen unbehülflichen Worts, das
+Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im
+Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem
+Schicksal bis dahin fest und gewaltig Trotz geboten.
+Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum Schauplatz
+ihres unsinnigen Treibens gemacht &mdash; es können
+schwere Zeiten kommen für dies Volk.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_D_4" id="Footnote_D_4"></a><a href="#FNanchor_D_4"><span class="label">[D]</span></a> Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu
+Honolulu auf Oahu &raquo;nach reiflicher Ueberlegung beschlossen
+worden, das beim Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs
+des gegenseitigen Ranges fremder Consuln zum Grund
+zu legen.&laquo;</p></div>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie das nicht Delavigne&laquo; sagte Madame
+Belard kopfschüttelnd, &raquo;der Tahitier, so weit
+ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und selbst
+gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben
+anerkennen &mdash; er hätte seine Religion nicht sonst so
+leicht, und auf manchen Inseln wirklich aus reiner
+Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte Sinn
+sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische
+Ernst. &mdash; Nur diesen einen Tag, den
+ersten Umsturz überstanden, und der Eingeborene
+wird sich leicht in das <span class="g">Geschehene</span> fügen, ja vielleicht
+es sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es
+ihm manche Erleichterungen manche Freiheiten bietet,
+die ihm der starre Methodismus nicht zugestehen
+wollte.&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sich selber überlassen, ja&laquo; sagte er ernst,
+&raquo;aber der Fanatismus wird seine Brandfackel in
+ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird wieder
+die Trommel rühren, und die &raquo;Lämmer Gottes&laquo; zum
+Kampfe treiben und der Name Gottes wird auf's
+Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden, Ehrgeiz
+und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu
+rächen. Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen
+schlagen?&laquo; sagte halb neckend halb lauernd Susanne,
+und ließ ihren Blick fest und forschend auf dem jungen
+Franzosen ruhn.</p>
+
+<p>&raquo;Wir würden dann unter <span class="g">einer</span> Fahne kämpfen&laquo;
+lachte Ren&eacute; der Frage ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ich?&laquo; rief Susanne schnell &mdash; &raquo;da haben
+Sie weit am Ziel vorbeigeschossen, Monsieur; wenn
+auch in Nordamerika und von einem Protestantischen
+Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten
+Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf
+Seiten des Gekreuzigten &mdash; ich hasse die Methodisten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott weiß es, ich auch&laquo; sagte Ren&eacute; und der
+tiefe Seufzer mit dem er es sprach bürgte für die
+Aufrichtigkeit. &raquo;Der beste von ihnen ist gestorben&laquo;
+fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine
+Worte wenigstens an keine der Frauen richtend &mdash;
+&raquo;der alte Osborne war ein braver wackerer Mann,
+und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren
+Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne
+zwischen ihnen sein mögen, die wirklich in
+wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn
+folgen &mdash; die meisten sind Heuchler, hängen den
+Namen Gottes vor ihr eigenes Bild, und streuen nur
+Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo sie Liebe
+und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen
+sollten statt sie auseinander zu reißen. Gift über
+sie, mir thäte es in der Seele wohl ihre Macht hier
+gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn &mdash; und
+doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen
+geschehn, denn gutwillig geben diese Leute die Waffen
+nicht aus ihren Händen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ha der Schuß!&laquo; rief Susanna die den Blick gerade
+auf das Französische Admiralschiff geheftet hielt,
+und den blendenden Strahl bemerkte, der plötzlich daraus
+hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der
+Donner des Geschützes an ihr Ohr und machte das
+Blut von Tausenden rascher durch die Adern jagen.</p>
+
+<p>&raquo;Da kommen auch die Boote!&laquo; rief Ren&eacute;, &raquo;nun
+wird sich das Schicksal des Tages bald entscheiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt
+einen Kampf mit uns wagen werden?&laquo; frug Madame
+Belard rasch und ängstlich.</p>
+
+<p>&raquo;Fürchten Sie Nichts&laquo; lachte aber Ren&eacute; &mdash; &raquo;was
+können die Unbewaffneten jetzt gegen die Schießgewehre
+der Soldaten, mit den Kanonen der Fregatten
+auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn,
+und ein solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er
+begonnen hätte.&laquo;</p>
+
+<p>Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen
+Kriegsschiffen ab; Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten,
+die von den regelmäßigen Riemenschlägen
+der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf
+seine Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand
+gedrängt voll Menschen, aber man sah keinen bewaffneten
+Insulaner; die Lenden und Schultern mit
+ihren Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt
+mit Blumen und gelben Bananenblättern geschmückt,
+lachend und schwatzend standen sie da, die Boote erwartend,
+als ob deren Kommen eine für sie sehr
+gleichgültige, vielleicht sogar erwünschte Handlung
+wäre, und nicht wirklich den Umsturz alles Bestehenden,
+in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen
+drohte und bedingte.</p>
+
+<p>Kaum Raum gaben sie dabei den landenden
+Truppen, und wenn diese auch anfänglich mißtrauisch
+den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon in
+seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten
+können, sahen sie doch bald daß sie hier weder Angriff
+noch Schwierigkeiten zu erwarten hätten, und
+der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und
+Mädchen als Männern bestehend, drängte sich langsam
+auseinander, dem landenden Feinde Raum zu geben,
+seine Truppen aufzustellen.</p>
+
+<p>Es waren etwa zweihundert Artilleristen und
+Marinesoldaten und drei bis vierhundert Matrosen,
+mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die
+Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt
+formirten sie sich auf das Commando in einzelne starke
+Rotten, und zogen mit festem dröhnendem Schritt,
+von dem Corvetten-Capitain Mons. <span class="f">D'Aubigny</span>
+angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath
+der Insel von dem Admiral <span class="f">Du Petit Thouars</span> ernannt
+worden, zum Hause Pomares hinauf, von
+dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne
+mit der stolzen Krone ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.</p>
+
+<p>Im Hause aber lag Alles todtenstill &mdash; die Vorhänge
+waren niedergezogen, die Thüren verschlossen,
+kein Mensch auf der Verandah oder an irgend einem
+Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker
+in den Herzen der Einanas, als die Neugier, und
+lautlos rückte die Schaar in geschlossenen Colonnen
+bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front
+und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort
+auf den hartgetretenen Boden nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand
+ihnen widersetzt?&laquo; frug Susanna, und fast unwillkürlich
+wandte sich ihr Herz dem Schwächeren, Angegriffenen
+zu, den sie widerstandlos dem mächtigen
+Feinde übergeben sah.</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden die Flagge herunternehmen&laquo; sagte
+Ren&eacute;, &raquo;die Tricolore dafür aufpflanzen und das
+Land in den Besitz des Königs von Frankreich erklären,
+so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?&laquo;
+frug Susanna rasch und blickte dem jungen Mann
+fest in's Auge.</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß nicht&laquo; lächelte dieser, &raquo;irgend einer
+der Officiere wird sie wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit
+ihr geschehen soll?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube kaum&laquo; meinte Ren&eacute; &mdash; &raquo;was liegt
+an dem Tuch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß nicht <span class="g">was</span> ich darum gäbe, <span class="g">die</span> Fahne
+mein eigen zu nennen&laquo; rief Susanna da plötzlich,
+und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und
+Busen nieder waren wie von Gluth übergossen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Tahitische Fahne?&laquo; frug Ren&eacute; erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Sie könnte mich glücklich machen&laquo; sagte Susanna,
+und hielt die leuchtenden Blicke fest auf das,
+in der Abendsonne hell blitzende Tuch geheftet, das
+jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden
+sollte.</p>
+
+<p>Ren&eacute;, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt,
+griff seinen Strohhut auf, der neben ihm auf einem
+Tische lag, und wollte das Zimmer verlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Wo wollen Sie hin?&laquo; rief Madame Belard
+bestürzt &mdash; &raquo;sind Sie rein vom Bösen besessen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin gleich wieder bei Ihnen!&laquo; rief Ren&eacute;
+und warf die Thüre hinter sich ins Schloß.</p>
+
+<p>&raquo;Monsieur Delavigne&laquo; rief auch Susanna und
+blickte bestürzt ihm nach, aber er hörte schon nicht
+mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und eilte
+flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend,
+die Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen
+benachbartes Grundstück eine offne Thür nach dem
+Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten
+später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und
+Französischen Soldaten, und dem Flaggenstock gerade
+gegenüber, an den in diesem Augenblick ein Französischer
+Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche
+Flagge niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen
+die unter seinem Befehl stehenden Matrosen der
+<span class="f">Jeanne d'Arc</span> theils, theils der <span class="f">Danae</span>, und Ren&eacute;
+drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen
+sie hinein daß die Seeleute, die ihn bald für einen
+Landsmann erkannten, glaubten, er habe jedenfalls
+ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu erscheinen,
+und ihn ruhig gewähren ließen.</p>
+
+<p>Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und
+Bertrand zog während desselben und unter einem
+Todtenschweigen der versammelten Tausende, die
+Flagge an dem Flaggenfall nieder &mdash; kein Schrei des
+Zorns oder der Entrüstung von Seiten der Eingebornen,
+kein Hurrahruf der Sieger begleitete den
+Akt &mdash; es war wie eine Execution, und Bertrand
+mochte das fühlen, denn halb abgewendet schob er
+die gedemüthigte Flagge von sich und absichtlich
+einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt
+aber drehte er sich gegen Ren&eacute; um als er einen
+Fremden erblickte, der, ein kleines blitzendes Messer
+in der Hand, das Flaggenfall unten mit einem raschen
+Schnitt trennte und das Messer in die Tasche zurückschiebend,
+die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute;,&laquo; rief der Seemann erstaunt und mit halb
+unterdrückter Stimme aus, als er ihn erkannte &mdash;
+&raquo;Mensch, was thust Du hier?&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben
+sich hörte er die halblauten und nichts weniger als
+freundlichen Worte:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen
+hat &mdash; was beim Teufel will der hier zwischen uns?&laquo;</p>
+
+<p>Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe,
+aber er wußte auch daß er sich hier nur eingeschmuggelt
+und nicht an seinem Platz befinde, und ruhig die
+Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den
+Arm, und suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An
+Bord der Französischen Schiffe hatte man auch in der
+That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre Flagge
+selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst
+betreffend, erlassen war. Das Interesse des Augenblicks
+band sich auch überdies nicht an solche Nebensache,
+denn der, noch an demselben Abend zum
+zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr.
+<span class="f">d'Aubigny</span> brach jetzt in die allerdings merkwürdigen
+Worte aus:</p>
+
+<p>&raquo;Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr
+Bewohner dieser Inseln, denen wir <span class="g">Gerechtigkeit</span>
+und <span class="g">Frieden</span> bringen, &mdash; im Namen des Königs,
+unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem
+Land &mdash; wir Alle werden mit Freuden in der Vertheidigung
+der glorreichen dreifarbigen Fahne sterben.
+Hißt die Flagge!&laquo;<a name="FNanchor_E_5" id="FNanchor_E_5"></a><a href="#Footnote_E_5" class="fnanchor">[E]</a></p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_E_5" id="Footnote_E_5"></a><a href="#FNanchor_E_5"><span class="label">[E]</span></a> Wörtlich.</p></div>
+
+<p>Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der
+Tahitischen an dem Flaggenfall befestigt, die ihm
+nächststehenden Seeleute sprangen hinzu sie aufzuhissen,
+und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und
+dem donnernden <span class="f">Vive le roi</span> der Soldaten und Matrosen,
+drängte sich Ren&eacute; wieder den Gärten zu und
+gewann das Freie; <span class="f">d'Aubigny</span> aber mit seinem blanken
+Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller
+Stimme, wie er nur erst einmal hoffen durfte den
+Lärm zu durchdringen:</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Die Königin Pomare hat aufgehört zu
+regieren und wir stehen jetzt auf Französischem
+Grund und Boden!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der
+bei diesen Worten die Französischen Kehlen zu zersprengen
+drohte; es war ein förmlicher Aufschrei von
+Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen
+die Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier
+ab, die den Sinn des Satzes gar nicht verstanden
+hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten,
+den die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße,
+dicht vor dem Hause ihrer Königin, vollführten.
+Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und
+das Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht
+der Fremden doch ziemlich deutlich herauserkennen.
+Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine so
+entscheidende Handlung, wie es von den Europäern
+angesehen werden mußte, denn die Insulaner kannten
+die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu dem Maße.
+Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte,
+blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe
+Gerücht das sich anfing Bahn zu brechen &mdash; die Wi
+Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten selber
+regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar
+und trieb Einzelne dem Hause des Englischen Consuls
+zu.</p>
+
+<p>Dort aber war indessen die Englische Flagge von
+Mr. Pritchards eigener Hand in dem Augenblick
+niedergeholt worden, als die Tricolore emporstieg,
+die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen
+wohl bemerkt, aber nicht beachtet worden, und
+der frühere Missionair fand sich bald darauf von
+zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine
+Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten
+und hier zu ihrer, eben nicht angenehmen Ueberraschung
+erfuhren, daß die Franzosen wirklich Besitz
+von der Insel genommen hätten und diese von nun
+an behaupten wollten.</p>
+
+<p>&raquo;Bah&laquo; lachten aber Andere wieder, &raquo;ein paar
+Tage haben sie hier das große Wort, und wenn sie
+fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen wieder
+herunter, wie schon früher einmal.&laquo;</p>
+
+<p>Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte
+die Eingebornen von der Gefahr zu überzeugen, in
+der in diesem Augenblick ihre Unabhängigkeit nicht
+allein, nein auch die Religion schwebe, die sie als
+die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit
+gegen äußere Formen die ihnen unbedeutend
+schienen, theils ihre angeborne Gutmüthigkeit, die
+selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste zutraun
+wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre
+lauschen. Vergebens ereiferte sich der fromme Mann
+und bürdete ihnen die Folgen auf, die alle aus dieser
+fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten Verhältnisse
+entspringen könnten; sie schüttelten lachend
+mit dem Kopf und schlenderten dann wieder langsam
+zu der Königin Haus zurück, vor dem und unter
+ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden
+Soldaten und Matrosen noch immer aufmarschirt
+standen, und selber erstaunt darüber schienen, daß die
+sonst doch gar nicht feigen Insulaner die größte Beleidigung
+die einem Lande bildlich geschehen kann, so
+ruhig und selbst heiter und vergnügt hinnahmen.
+In der That begriffen die Tahitier aber noch wirklich
+nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei,
+denn das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls
+vor einiger Zeit auch zu ihrem Vergnügen gethan,
+ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die
+Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie
+wieder fort waren mochte die dreifarbige Fahne da
+oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.</p>
+
+<p>Ren&eacute; indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche
+Erfolg seiner kecken That, ganz wieder den alten
+fröhlichen Muth, vielleicht auch Leichtsinn, zurückgegeben,
+sah schon von weitem wie sich Susanna, ängstlich
+nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und
+wie er mit der Hand hinüber winkte und den Hut
+schwenkte zum Zeichen fröhlichen Gelingens, wehte
+ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah
+weder nach rechts noch links, das eine Ziel im Auge,
+und vor Eifer fast zitternd mit seiner Beute, die ihm
+aber Niemand auch nur dachte streitig zu machen,
+den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch
+schritt er kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem
+eigenen Weib, die das schlafende Kind auf dem Arm
+trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein
+unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen,
+vorüber, und ließ Sadie in sprachlosem Staunen
+starr und kaum ihren Sinnen trauend, zurück. Dem
+Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit
+fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen
+hielt, theils auch weil sie sich Vorwürfe machte, ihn
+wohl zu schroff und hart von sich gestoßen und ihn
+der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr
+liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder
+heraufbeschwor, und jetzt? &mdash; strahlend von Glück
+und Seligkeit, mit leuchtenden Augen und glühenden
+Wangen floh er an ihr, ohne sie zu sehen, vorüber
+und dort am Fenster &mdash; ein stechender jäher Schmerz
+zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne
+Europäerin erkannte, mit der Ren&eacute; schon an
+jenem furchtbaren Abend so viel gesprochen und getanzt,
+und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie
+dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen
+Gefühl von ahnungsvoller Angst begegnet war.</p>
+
+<p>Noch stand sie still und regungslos auf derselben
+Stelle auf der ihr Ren&eacute; wie eine Erscheinung entschwunden
+war, und sie wußte im ersten Augenblick
+nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen
+oder zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath
+die Rückkunft des jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht
+mehr bedürfenden Gatten geduldig zu erwarten, als
+eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und
+eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:</p>
+
+<p>&raquo;Sadie!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aumama!&laquo; rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend,
+und hatte in diesem Augenblick fast den
+Gatten vergessen in dem Schreck über das wildverstörte,
+fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin,
+deren räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge
+und Kummer genug gemacht. &raquo;Aumama, wo um
+Gottes Willen kommst Du her? &mdash; wo warst Du die
+ganze Zeit und wie siehst Du aus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ich aussehe, Herz? hahaha,&laquo; lachte das
+schöne Mädchen in unheimlicher Lustigkeit, &raquo;der Thau
+in den Bergen gräbt Spuren in die Haut und &mdash;
+aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich
+zeige Dir etwas, komm; glaubst Du an Geister?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;An Geister? &mdash; wie verstehst Du das? &mdash;
+was soll's?&laquo; frug Sadie erschreckt &mdash; &raquo;was hast Du
+Aumama, Du machst mich fürchten.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Fürchten? &mdash; bah, thörichtes Kind &mdash; wovor?
+vor dem eigenen Mann? &mdash; der thut Nichts &mdash; sieh
+nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem
+ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen
+Weibe da etwas zu Leide thun? &mdash; hahaha Schatz,
+ich glaube wir Beide können uns bald lustige Geschichten
+erzählen&laquo; &mdash; und die Widerstandlose über
+den breiten Weg mit sich hinüberziehend, wo ein
+Haufen aufgeschichteter und zu Canoes bestimmter
+Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer
+Berge hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten
+Arm und jetzt Zornfunkelnden Augen nach den offenen
+Fenstern des Belardschen Hauses hinüber, die Ren&eacute;
+gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten
+Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen
+begrüßt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen,
+bringt er dem Feind &mdash; bringt er seiner neuen Liebe&laquo;
+flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer Bewegung
+zitternder Stimme &mdash; &raquo;sieh nur, sieh wie sie sich zu
+ihm überbeugt &mdash; hahaha &mdash; ich glaube das war ein
+Kuß &mdash; nein&laquo; lachte sie dann höhnisch, &raquo;sie werden
+die Nasen aneinander gerieben haben nach Inselart.
+Aber komm &mdash; komm Sadie ich habe Dir viel viel
+zu erzählen, und wenn das Pärchen da drin wieder
+zur Besinnung kömmt, könnten sie uns hier draußen
+bemerken &mdash; den Triumph sollen sie nicht haben &mdash;
+komm.&laquo;</p>
+
+<p>Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau,
+und nur ihr Kind fester an sich drückend folgte sie der
+Führerin, gleichgültig welchen Weg sie einschlage,
+durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden
+Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann,
+auf weniger begangenen, jetzt fast menschenleeren
+Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer eigenen
+Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene
+Strecke, aber sie erkannte sie nicht wieder, und blickte
+erstaunt endlich umher, als sie vor ihrer eigenen
+Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem
+schönen fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken
+herüber und hinüber und wie eine entsetzliche Erklärung
+dazu lautete Aumamas Bericht von dem
+eigenen Schmerz, der eigenen Schmach.</p>
+
+<p>Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz
+hatte Lef&eacute;vre zum ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen
+und sich toll und blind in sie verliebt. <span class="f">Nahuihua</span>
+ &mdash; der blitzende Stern im Norden &mdash; liebte aber seine
+Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen
+und floh, und Lef&eacute;vre verließ Weib und Kind und folgte
+ihrer Spur über die ganze Insel. Nur mit Gewalt
+konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er sie
+endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft
+entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute
+nach Papetee, aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt,
+selbst nach seinen Kindern zu fragen.</p>
+
+<p> &mdash; Und Ren&eacute;?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahaha&laquo; lachte Aumama mit wildem Feuer
+im Blick &mdash; &raquo;Aia hatte recht &mdash; sie sind sich <span class="g">alle</span>,
+<span class="g">alle</span> gleich &mdash; Alle, <span class="g">Teufel</span> mit ihren glatten Zungen
+und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume
+gepflückt die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem
+Duft einen Augenblick gefreut &mdash; werfen sie sie fort &mdash;
+sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit&laquo; setzte sie
+mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, &raquo;und
+im Weg, von den Vorübergehenden getreten muß sie
+ihr junges hingemordetes Leben lassen. Aber Rache
+will ich haben, Rache beim ewigen Gott!&laquo; rief sie
+plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend &mdash; &raquo;meine
+Kinder hab' ich schon in die Berge geschafft, in gute
+Pflege, daß sie mich nicht an meinem Ziel beirren,
+und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein Tahitisches
+Mädchen zu rächen weiß.&laquo;</p>
+
+<p>Aumama war in furchtbarer Aufregung, und
+Sadie schrak zurück vor der entsetzlichen Gluth und
+Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das
+sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten
+hatte; sie wollte sie beruhigen, aber das gereizte Weib
+stieß sie zornig zurück, und der Schmerz löste sich erst
+in milden Thränen, als die Erinnerung an vergangenes,
+nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach
+durch Leidenschaft und Trotz.</p>
+
+<p>Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende
+sorglose Kind zu ihren Füßen, das Haupt der Freundin
+an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie selber
+o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr
+selber das Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer
+Qual.</p>
+
+<p>Und Ren&eacute;?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard,
+der schönen Susanna gerade gegenüber; sie
+sprachen von der Welt draußen, von Paris, von seinem
+Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich
+Susanna endlich an das Pianoforte setzte und mit
+fertiger Hand dem schönen Instrument so liebe bekannte
+Weisen entlockte, als ihm das Herz immer
+höher und höher schlug und das Blut heiß durch die
+Adern jagte, da &mdash; er mußte sich gewaltsam zurückhalten
+der schönen Spielenden nicht in zu glühenden
+Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend
+gemacht, und mit wie schwerem Herzen er doch heute
+gerade nach Papetee gekommen &mdash; da fühlte er vielleicht
+zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen
+Lebens mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen
+hinter ihm lag, die Brücke abgebrochen die
+hinüberführte &mdash; Zum ersten Mal brach sich der Gedanke
+in ihm Bahn an das was er gethan, und das
+Bild des alten Osborne, wie er im Lehnstuhl auf
+Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem weißen
+Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen
+Zügen, tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf
+und blickte, wehmüthig mit dem Kopfe nickend und
+mahnend zu ihm herüber.</p>
+
+<p>&raquo;Spiel' etwas Heiteres, Susanna&laquo; rief da Madame
+Belard, &raquo;unser junger Freund wird schon
+wieder ganz bleich und melancholisch &mdash; die Marseillaise
+ist heut besser hier am Platz, und nicht all
+das süße und weiche Gekose.&laquo;</p>
+
+<p>Susanna ging rasch in die herausfordernden
+Töne des begeisternden Liedes über, und Ren&eacute; fühlte
+wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab &mdash;
+Großer Gott, wohin war er gerathen &mdash; was hatte
+er gethan? und mit dem Bewußtsein faßte ihn die
+Angst &mdash; die Reue. Nur fort von hier jetzt, fort,
+war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend
+griff er nach seinem Hut.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&laquo; frug Madame Belard erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Zu Hause &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt? &mdash; Sie werden doch erst Thee mit uns
+trinken &mdash; nicht einmal das Lied will der grobe
+Mensch aushören&laquo; rief die junge Frau erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Fehlt Ihnen etwas?&laquo; frug Susanna, mitten in
+der Melodie vom Instrument aufspringend.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; ja &mdash;&laquo; stammelte Ren&eacute; &mdash; &raquo;schon zu
+lange bin ich hier gewesen &mdash; die beängstigende Luft
+ &mdash; die späte Stunde &mdash; ich muß fort &mdash; Sadie auch
+ängstigt sich um mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken
+haben,&laquo; sagte mit komischem Aerger Madame
+Belard &mdash; &raquo;ich hatte nun so fest auf Sie heute
+Abend gerechnet.&laquo;</p>
+
+<p>Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte
+ihn nur mehr darin aufzubrechen &mdash; &raquo;Ich <span class="g">muß</span> fort&laquo;
+sagte er bestimmt.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht&laquo; unterstützte ihn aber auch jetzt
+darin Susanna, &raquo;Sadie <span class="g">muß</span> sich ängstigen, wenn
+Sie noch länger auf sich warten lassen; aber dürfen
+wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? &mdash; wenn
+Sie nun wieder einen Anfall jener Schwäche &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; dankte ihr der Sorge wegen, die sie um
+ihn trug, wies aber jede Angst um sich, lächelnd ab.
+Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder vollkommen
+wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und
+mit kurzem, fast verstörtem Gruß verließ er die
+Frauen, das Haus, und schritt hinaus in die dunkle,
+kühle, sterndurchschimmerte Nacht.</p>
+
+<p>Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach
+sich hier die Bahn &mdash; &raquo;Sadie &mdash; mein armes, armes
+Weib&laquo; flüsterten seine Lippen, während die Hände
+fest sich preßten auf das Herz &mdash; &raquo;armes, verrathenes
+Kind &mdash; Nein, nein,&laquo; rief er aber rasch und heftig
+aus &mdash; &raquo;noch ist es nicht zu spät, noch bin ich Dein
+ &mdash; noch hab' ich die Kraft in mir das fremde Bild
+aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur
+weiß wie, die Bahn gefunden, und Dein will ich
+auch bleiben in treuer, wahrer, inniger Liebe. Sie
+haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast
+keine Klage gehabt für mich, nur stille leise Thränen,
+und jede von den Thränen die ich verschuldet, brennt
+mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein trautes
+liebes Weib &mdash; Sadie!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem
+treuen Lieb, die seine Schritte beflügelte und ihn
+heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der
+freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz,
+und als er seine Sinne der Außenwelt wieder zuwandte,
+und das Rauschen hörte der wehenden Palmen,
+das Flüstern des dunkeln Laubes und das
+dumpfe Donnern der Brandung, wie vor alter Zeit,
+da war es ihm fast als ob ein böser, entsetzlicher
+Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und
+des trauten Weibes Bild, wie es sorgend und liebend
+daheim saß mit dem Kind, seiner kleinen, herzigen
+Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner
+Seele auf.</p>
+
+<p>Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch
+lange nicht folgen konnten, und fast keine Schwäche
+mehr fühlend, eilte er der stillen Heimath zu, und
+als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr
+Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr
+zurückgekehrt &mdash; sie noch liebe und <span class="g">nicht</span> verlassen
+habe, an seine Brust legte, und kein Vorwurf über
+ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm
+nur voll von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er
+sie an sein Herz, bedeckte ihre Stirn und Lippen mit
+seinen heißen Küssen und nun erst weinend, aber in
+einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren
+Arm um ihn, als er sie sein Weib, seine kleine süße
+Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten fröhlichen
+Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in
+acht, sechs, vier, ja vielleicht morgen schon, wollten
+sie Tahiti ja wieder verlassen und hinüberziehn nach
+dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer
+Liebe, ihres Glücks &mdash; zurück nach Atiu.</p>
+
+<p>&raquo;Nach Atiu&laquo; war Alles was Sadie erwiedern
+konnte, und in jauchzender Lust lag sie an des Gatten
+Brust und weinte laut.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_4" id="Capitel_4"></a><span class="first">Capitel 4.</span><br />
+
+Die Conferenz.</h2>
+
+
+<p>So gleichgültig die Insulaner, wenigstens scheinbar,
+die im letzten Capitel beschriebenen Vorgänge
+aufgenommen hatten, und so theilnahmlos sie der
+Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchst Unwesentlichem
+zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief
+es im Lager der Missionaire hervor, die einen entscheidenden
+Schritt Frankreichs wohl schon lange gefürchtet,
+aber doch nicht so schroff auftretend erwartet
+haben mochten. Das Zurückziehn der Englischen
+Fregatten war zu gleicher Zeit eine ihnen wohl verständliche,
+und für sie höchst unglückselige Demonstration,
+denn es bewies etwas, das in geradem
+Widerspruch mit den freundlichen und ermuthigenden
+Versprechungen des Englischen Ministeriums stand,
+und wovon die Französischen Fregatten schon jedenfalls
+Kenntniß haben mußten: daß nämlich England
+keineswegs gewillt sei dieses kleinen Inselreichs wegen
+einen Krieg mit Frankreich zu beginnen, sondern Tahiti
+und seine Königin dem Protektorat &mdash; man
+konnte ihm nicht mehr gut den Namen einer <span class="g">Entdeckung</span>
+geben und wünschte doch derselben Erfolg
+ &mdash; des Nachbarstaates überließ.</p>
+
+<p>Das aber hieß dem Protestantismus den Boden
+unter den Füßen fortnehmen, denn die Franzosen
+brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu vergelten,
+so packten sie die evangelischen Geistlichen auf
+ihre oder andere Schiffe und schickten sie, gleichviel
+wohin, nur fort von ihren Besitzungen. Aber das
+nicht allein; schon der Gleichberechtigung der anderen
+Confession hatten sie von frühster Zeit an mit allen
+Kräften entgegengearbeitet. Die katholische Religion
+sprach weit mehr zu den Sinnen, als das kalte protestantische
+Wesen der Geistlichkeit, jene erregte die
+Phantasie, diese ertödtete Alles mit ihrer nackten
+Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben
+fordernd für das Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit
+ließen die Katholiken den fröhlichen Kindern dieser
+glücklichen Zone, die nun einmal das unglückselige
+Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen diese wunderschöne
+Welt auch zum Genuß geboten, die nicht begreifen
+konnten oder wollten daß der Palmenhain ihnen
+nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Büßen
+und Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das
+Herz frevle, das auf andere Weise zu seinem Gott
+bete, als sie es lehrten.</p>
+
+<p>Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf
+den Sandwichsinseln gehabt hatte sie lange vorsichtig
+gemacht, und mußte ihnen jetzt die schwersten und begründetsten
+Befürchtungen aufdringen. Mit dem
+&raquo;Dublin&laquo; waren deshalb auch schon die dringendsten
+Aufrufe und Nothschreie an die Missionsgesellschaften
+in England erlassen, zuerst beim Ministerium, dann
+aber auch bei dem Englischen Volk Hülfe für die
+&raquo;Prediger in der Wüste&laquo; und ihre Gemeinden zu
+fordern, während bei der jetzigen entschieden feindlichen
+Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung
+da war, daß das schwankende Ministerium
+eine entschiedenere Handlung den Uebergriffen Französischer
+Seeleute gegenüber, einnehmen würde.
+Hinhalten mußten sie deshalb hier vor allen Dingen
+die Entscheidung, die unbedingte Unterwerfung der
+Insulaner, aber das nicht allein, sie mußten auch
+Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, daß
+die Eingeborenen der Südsee das Französische Joch
+so sehr verabscheuten, wie sie sich nach der Englischen
+Mutterkirche sehnten, und daß sie bereit und entschlossen
+wären, wenn England die ihnen durch die
+Missionaire im Vertrauen auf das Englische Volk
+versprochene Hülfe <span class="g">nicht</span> senden sollte, ihr Gut und
+Blut und Leben einzusetzen, die Unabhängigkeit ihrer
+Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten.</p>
+
+<p>Beides ließ sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen
+Widerstand &mdash; nicht allein mit machtlosen
+Protestationen eines Consuls, sondern durch Waffengewalt,
+erreichen, und war das Volk nur im Stand
+dem Feind so lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte
+seiner <span class="g">Religions</span>kämpfe nach England gelangen
+konnten, so zweifelten wenige der frommen
+Männer daran, daß England, gerührt durch solche
+Anhänglichkeit an den christlichen Glauben, auch ein
+Machtwort sprechen und schon dadurch die Feinde
+ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben
+würde.</p>
+
+<p>Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden
+Hindernissen zu kämpfen; zuerst mit der entsetzlichen
+Gleichgültigkeit der Indianer in allem was
+nicht zum täglichen Leben gehörte, und sie etwa gezwungen
+hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der
+sich ihre Theilnahmlosigkeit für die christliche Kirche
+paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen, dem
+allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen
+war, aber doch jetzt nicht so ganz und auf einmal
+begegnet werden konnte.</p>
+
+<p>Das erste mochte irgend eine glückliche Gelegenheit
+von selber heben; der Uebermuth der Franzosen,
+die nirgend Widerstand fanden, und das schöne Land
+schon fast in Händen zu haben glaubten, gab leicht
+die Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand
+mußte durch andere Mittel abgeholfen werden, und
+diese durfte man unter keiner Bedingung länger als
+nöthig hinausschieben.</p>
+
+<p>Der nächste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso,
+nach ihm Sydney, und nach beiden Häfen
+hatten umsichtige Amerikaner schon vor längerer Zeit
+Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen
+könnten, und so rasch als möglich damit
+zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man selbst
+mit dem günstigsten Winde noch nicht zurückerwarten,
+und es blieb dann noch immer die Frage, wie die
+Ladung unter den jetzigen Verhältnissen würde an
+Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich
+Alles thaten solche, und ihnen die gefährlichste, Zufuhr
+zu verhindern.</p>
+
+<p>Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann,
+hatte aber auch noch andere Verbindungen, und wenn
+er sich auch nicht gerade übergern mit solchen Sachen
+einließ, doch zu viel kaufmännischen und speculativen
+Geist sich ein gutes Geschäft durch die Finger schlüpfen
+zu lassen, wenn er es eben dazwischen halten
+konnte. Er selber stand mit den Protestantischen
+Geistlichen auf sehr vertrautem Fuß, und durch diese
+auch mit den Protestantischen Häuptlingen, wie ihm
+denn überhaupt nichts mehr verhaßt war, als das
+Französische und dadurch Katholische Regiment. Daß
+er mit den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf
+freundschaftlichem, wenigstens gesellschaftlichem Fuße
+stand, war die Schuld der Handelsinteressen, die er
+nie aus den Augen ließ &mdash; selbst nicht in der Kirche.</p>
+
+<p>Mr. Noughton war in seinem Zimmer mit dem
+Consul Pritchard, und der letztere ging, mit auf dem
+Rücken gelegten Armen, rasch und finster auf und ab,
+und schien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes
+Gespräch, zu überdenken.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich habe doch recht, Mr. Noughton,&laquo; sagte
+er endlich, vor dem Kaufmann stehn bleibend und
+ihm fest in's Auge sehend, &raquo;England kann und darf
+uns nicht in dieser Verlegenheit stecken lassen, denn
+nicht allein seine Interessen, nein seine <span class="g">Ehre</span> steht
+hierbei auf dem Spiel und ich habe von dem Earl
+von Aberdeen das <span class="g">feste</span> Versprechen schleuniger und
+entschiedener Hülfe, wenn ein gegen die bestehenden
+Verträge gerichteter Gewaltschritt der Franzosen ihnen
+nur die entfernteste Rechtfertigung vor den übrigen
+Staaten geben würde.&laquo;</p>
+
+<p>Der protestantische Geistliche und jetzige Englische
+Consul war ein hochgewachsener, stattlicher Mann,
+mit freier offener Stirn und ein paar klaren, klugen
+grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges
+Feuer sprühte &mdash; sein volles Kinn war glatt rasirt
+und er trug nur einen halben aber starken, krausen
+Backenbart, und ging in Civil gekleidet, mit etwas
+langem, noch nach dem Geistlichen schmeckenden Rock
+und weißer Halsbinde und Weste.</p>
+
+<p>&raquo;Bah, bah, bah&laquo; sagte der Amerikaner, eine lange
+hagere Gestalt, an der nur die Augen Feuer zu haben
+schienen, kopfschüttelnd &mdash; &raquo;wir kennen solche Redensarten
+ &mdash; der Earl von Aberdeen steht überhaupt in
+dem Ruf als ob er ein etwas Indianisches Temperament
+habe, das nur heute <span class="g">Ruhe</span> verlangt, und
+dem Morgen sich selber überläßt. Das sind Redensarten,
+mit denen wir hier nicht vom Fleck kommen,
+und Sie müssen bedenken daß zwischen jedem Brief
+von hier nach England, herüber und hinüber, immer
+<span class="g">zehn Monat Zeit</span> liegen &mdash; ein unberechenbares
+Capital für den, der den Augenblick zu benützen versteht.
+Die Franzosen hier werden <span class="g">handeln</span> und die
+Engländer werden <span class="g">protestiren</span>, denn beide Theile
+wissen recht gut, daß zwei große Nationen, mit den
+Gefahren eines Europäischen Umsturzes vor sich,
+nicht eines solchen Fleckchens Erde wegen einen
+Krieg anfangen können; so lange sie nur im Stande
+sind den Anstand nach Außen zu bewahren, können
+Sie sich darauf verlassen daß nichts Ernstliches zu
+ihrem Vortheil hier geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;England <span class="g">muß</span>!&laquo; rief Mr. Pritchard.</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, England muß nie, wenn es nicht
+selber will, und wenn es überhaupt <span class="g">wollte</span>, hätte
+es die Sache schon gar nicht so weit brauchen kommen
+zu lassen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen,
+statt Privatversprechungen eine Depesche für den
+Talbot, oder irgend ein anderes Kriegsschiff Ihrer
+Majestät mitgab, und das dem Französischen Cabinet
+zu wissen that, so müßte ich mich sehr irren, oder
+<span class="f">Du Petit Thouars</span> kreuzte jetzt noch an der Chilenischen
+Küste herum, oder läge ruhig im Hafen von
+Valparaiso, höchstens bei den Marquesas-Inseln vor
+Anker. Da das nicht geschehn ist, <span class="g">wollen</span> die Leute
+auch so wenig von der Sache hören als angeht, und
+das Einzige was uns in dem Fall zu thun übrig
+bleibt, ist so viel Spektakel als möglich zu machen
+und sie nicht ruhen und rasten zu lassen &mdash; vielleicht
+bekommen sie's dann mit der Zeit satt und schlagen
+zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was können wir thun?&laquo; rief in Unmuth
+der Consul &mdash; &raquo;wenn ich nicht Consul und &mdash; Geistlicher
+wäre, beim Himmel, ich griffe selber zu den
+Waffen und stellte mich an die Spitze der Insulaner,
+ihnen ihr Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, so
+lange die Welt steht, so lange wir eine Geschichte
+haben, ist ein feigerer Einfall unter einem matteren
+Vorwand, auf ein friedliches, harmloses Volk geschehen
+und &mdash; geduldet worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie daß das Volk überhaupt kämpfen
+würde, wenn es Waffen hätte?&laquo; frug Mr. Noughton.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin überzeugt davon&laquo; erwiederte der Consul,
+&raquo;übrigens <span class="g">sind</span> Waffen auf der Insel, besonders
+haben die uns ergebenen Häuptlinge &mdash; einen solchen
+Fall gerade nicht für unmöglich haltend &mdash; eine
+ziemliche Quantität Munition, Pulver und Blei
+irgendwo in ihren Verstecken, in den verschiedenen
+Ansiedelungen &mdash; die anderen Inseln sind sogar
+reichlich damit versehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;S&mdash;o&mdash;o&laquo; sagte Mr. Noughton, sich das Kinn
+streichend und die Lippen vorn etwas mehr als gewöhnlich
+zusammenziehend &mdash; &raquo;in den Kisten waren
+wohl nicht <span class="g">lauter</span> Bibeln?&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Pritchard setzte seinen Weg durch das Zimmer
+wieder fort und entgegnete gleichgültig:</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß nicht wann und auf welche Art sie
+hier gelandet sind &mdash; es ist, wie ich höre, während
+meiner Abwesenheit geschehen, aber verdenken kann
+ich's den Leuten nicht, daß sie sich mit den Mitteln
+versehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen,
+wenn Beides widerrechtlicher, ja widernatürlicher
+Weise nicht allein mehr bedroht, nein wirklich angegriffen
+und ihnen entrissen werden soll. Der schwache
+Vogel selbst vertheidigt sein Nest gegen Schlange
+und Marder, und wenn uns die christliche Religion
+gebietet Blutvergießen zu vermeiden und lieber ein
+geringes Unrecht geduldig zu ertragen, so verlangt
+sie nicht von uns, daß wir uns feige dem Schlimmsten
+unterwerfen sollen. &raquo;Und der Herr sprach zu
+Josua: Fürchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit
+Dir alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe
+hinauf gen Ai &mdash; und die Bewohner von Ai fielen
+Alle durch die Schärfe des Schwertes, bis daß sie
+Alle umkamen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja das ist Alles recht schön und gut&laquo; sagte
+Mr. Noughton, den Zeigefinger an der Nase und
+nachdenkend vor sich niederschauend; &raquo;ich habe auch
+nicht den mindesten Zweifel daß uns der liebe Gott
+eine Opposition gegen den großprahlerischen Franzmann
+mit dem größten Vergnügen vergeben wird &mdash;
+aber ich weiß nur noch nicht ob wir die Insulaner
+eben zum Zuschlagen bringen und &mdash; wer bezahlt
+nachher die Waffen?&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Pritchard biß seine Lippe und sagte nach
+kleiner Pause:</p>
+
+<p>&raquo;So viel ich weiß sind die an Land befindlichen
+schon bezahlt, ich wüßte wenigstens nicht wie sie sonst
+in den Besitz der Häuptlinge kommen sollten, und
+weiter sind noch keine anderen da &mdash; warten wir bis
+sie kommen, das Uebrige findet sich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich habe eine ziemliche Quantität aufgetrieben
+und gewissermaßen auch schon gekauft&laquo; erwiederte
+Mr. Noughton, &raquo;es fragt sich nur jetzt ob
+<span class="g">Sie</span> dieselben übernehmen und weiter darüber verfügen
+wollen, denn aufrichtig gesagt möchte ich mit
+den Häuptlingen selber, die gar keine Idee von Geld
+und Geldeswerth haben, nicht gern ein solches Geschäft
+abschließen, da man überdies auch gar nicht
+weiß wie die ganze Sache abläuft und ob die guten
+Leute nachher noch überhaupt eine Cocosnuß übrig
+behalten, womit sie bezahlen <span class="g">könnten</span>, selbst wenn
+sie ehrlich genug wären zu wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen
+Sache nicht einlassen&laquo; sagte Mr. Pritchard nach
+kurzem Besinnen kopfschüttelnd, &raquo;aber es interessirt
+mich natürlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier
+zu schöpfen hoffen. Ist es ein Englisches Schiff?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Kitty Clover &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah der Wallfischfänger &mdash; diese Kitty hat auch
+Spirituosen an Land geschafft, aber ohne daß wir im
+Stande waren ihr auf die Finger zu klopfen, und
+wie ich höre waren alle Vorkehrungen dagegen getroffen;
+Sie müssen schlaue und mit der Küste hier
+sehr vertraute Leute an Bord haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der eigentliche Unterhändler lebt hier an Land&laquo;
+entgegnete Mr. Noughton, &raquo;aber das ist Alles Nebensache,
+wenn ich nur erst die Gewißheit hätte, daß es
+hier zu einem wirklichen Kampf käme, und die Insulaner
+nicht ihren <span class="g">Regierungs</span>wechsel eben so
+ruhig und gleichgültig mit ansehen werden, als
+gestern den <span class="g">Flaggen</span>wechsel, der sie, zu meinem
+Erstaunen, entsetzlich kalt ließ.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn die Franzosen Ernst mit ihrer Drohung
+machen&laquo; entgegnete Mr. Pritchard rasch, &raquo;und nicht
+eben nach dieser einfachen Demonstration wieder in
+See gehn, Pomare wie ihre Häuptlinge in sonst
+ungestörtem Besitz der Insel zu lassen, so läuft auch
+die förmliche Besitzergreifung, wo sie dann ja die
+Zügel der Regierung in die Hand nehmen und das
+Pabstthum proklamiren werden, nicht unblutig ab,
+und <span class="g">ein</span> Leben genommen und die ganze Insel greift
+mit einem Schlag zu den Waffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie glauben also wirklich &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin fest überzeugt davon.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally,
+der Master des Wallfischfängers draußen, gerad'
+apropos die Straße nieder &mdash; he Sir!&laquo; &mdash; und an's
+Fenster klopfend winkte er dem Schotten, der überdies
+schon die Richtung gerade nach dem Hause zu hatte,
+und dessen rascher Schritt bald auf der hölzernen
+Treppe gehört wurde. Wenige Secunden später betrat
+Mac Rally das Gemach und wollte sich eben
+nach kurzem Gruß an den Kaufmann wenden, als
+er die dritte Person im Zimmer sah, still schwieg und
+sich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner
+umschaute.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein Freund von mir, ein Geistlicher&laquo;
+sagte Mr. Noughton und winkte Mac Rally Platz
+zu nehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Missionair, so?&laquo; sagte der Seemann, Mr.
+Pritchard etwas mißtrauisch betrachtend, bei seinem
+Branntweinschmuggeln hatte er die Leute nicht eben
+als Freunde kennen gelernt, und er wußte nicht wie
+weit der anwesende gerade mit seiner nicht unbedeutenden
+Thätigkeit in diesem Geschäftszweig bekannt
+sein mochte; außerdem haßte er Missionaire. Hier
+galt es übrigens eine Geschäftssache, in der er wußte
+daß ihm der geistliche Mann nicht entgegen sein
+würde, und er sagte rasch:</p>
+
+<p>&raquo;Mit unserem Handel wird es wohl Nichts werden, Mr. Noughton &mdash; es ist zu spät.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie so?&laquo; frug der Kaufmann rasch und erschreckt
+ &mdash; &raquo;Sie <span class="g">dürfen</span> jetzt kein höheres Gebot
+mehr machen, denn ich habe die Bestellung fest gemacht,
+wie Sie recht gut wissen &mdash; die Waffen sind
+<span class="g">mein</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sollen die Ihrigen bleiben, mit dem größten
+Vergnügen,&laquo; lachte der Seemann, &raquo;wenn Sie nur
+wissen sie an Land zu schaffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und geht das nicht mehr auf dem gewöhnlichen
+Weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was für Einer ist das?&laquo; frug Mr. Pritchard
+ &mdash; der Seemann glaubte aber nicht eine Antwort
+darauf schuldig zu sein, sondern sagte achselzuckend:</p>
+
+<p>&raquo;Die Franzosen haben in der That Besitz von
+Tahiti genommen; Posten sind ausgestellt an allen
+Plätzen wo es nur einigermaßen möglich ist zu landen,
+und eben wird eine Proclamation in Tahitischer, Französischer und Englischer Sprache angeklebt, nach
+der, unter anderem, Boote nicht einmal mehr nach
+Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an
+Land kommen dürfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Teufel auch&laquo; sagte Mr. Noughton, &raquo;und
+das müssen <span class="g">Sie</span> sich hier von einem Anderen <span class="g">erzählen</span>
+lassen?&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Pritchard zuckte mit den Achseln und sagte
+leise:</p>
+
+<p>&raquo;Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und
+keine Aufträge anzustürmen; das muß der Zeit überlassen
+bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zeit&laquo; brummte der Seemann ungeduldig &mdash;
+&raquo;die wird Einem dabei auch nicht gerade im Uebermaß
+zugemessen &mdash; morgen muß ich in See sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was haben Sie so zu eilen?&laquo; sagte Mr.
+Noughton.</p>
+
+<p>&raquo;Das fragen Sie den Französischen Admiral&laquo;
+brummte der Engländer &mdash; &raquo;ob sie mich hier in Verdacht
+haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen
+ist, ich weiß es nicht, aber so viel ist gewiß, daß ich
+den Befehl bekommen habe was ich an Wasser und
+Provisionen brauche heute in Ordnung zu bringen,
+und morgen mit dem Landwind also etwa um neun
+Uhr, in See zu gehn. Das ist &raquo;kurz und süß&laquo; wie
+sie bei uns sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Franzosen thun wirklich, als ob sie hier
+schon die Herren wären&laquo; sagte Mr. Pritchard.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Thun</span> so, Sirrah?&laquo; rief Mac Rally &mdash; &raquo;und
+verdammt gute Ursache dazu, denn sie <span class="g">sind's</span>, so
+lange Sie nicht die Indianer dazu bringen können
+mit Macht über sie hereinzubrechen &mdash; und damit
+sieht's windig aus. Hätten Sie die Leute ein Bischen
+weniger beten und ein Bischen mehr ihre gesunden
+Glieder brauchen und ihre Waffenübungen nicht ganz
+vernachlässigen lassen, so wären die heidnischen Spiele
+dem lieben Gott jetzt selber zu Hülfe gekommen; jetzt
+können sie weiter Nichts wie mit Bibeln drein werfen,
+und daran stirbt Keiner &mdash; die Langeweile müßte sie
+denn wieder forttreiben.&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Pritchard legte den Kopf zurück und drehte
+ihn zur Seite, aber er erwiederte kein Wort; Mr.
+Noughton ging mit ineinandergeschlagenen Armen
+im Zimmer auf und ab, und murmelte leise etwas
+vor sich hin, endlich blieb er vor Mac Rally stehn,
+und frug, ihn finster dabei ansehend:</p>
+
+<p>&raquo;Und was sagt Jim dazu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jim ist ein Tollkopf&laquo; brummte der Engländer &mdash;
+&raquo;ein richtiger Ire, dem nicht wohl ist wenn ihm nicht
+Jemand den Schädel zerschlägt, oder wenn er nicht
+denselben Liebesdienst Jemand Anderem erweisen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also er meint es sei wirklich möglich sie heute
+Abend an Land zu schaffen?&laquo; frug Mr. Noughton
+schnell.</p>
+
+<p>&raquo;Der sagt zu Allem ja&laquo; knurrte Mac Rally.</p>
+
+<p>&raquo;Nun also, was haben wir denn da noch außerdem
+für Hindernisse?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er verlangt daß ich ihm die Gewehre und was
+dazu gehört, in wasserdichten Fässern an eine gewisse
+Stelle in Matawai Bai liefere und das ginge allenfalls;
+aber dorthin haben die verdammten Franzosen
+wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht gestellt,
+wie überhaupt an jeden Corallengang durch
+den mehr als ein Canoe einfahren könnte, und ich
+kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn sie
+entdeckt werden, und das ist kaum anders möglich,
+so wird jedenfalls auf sie geschossen, oder doch der
+Alarm gegeben, und sie stecken mir nicht allein die
+Leute ein, und der ganze Transport ist verloren sondern
+sie &mdash; visitiren mir auch am Ende noch das
+Schiff und &mdash; das wäre mir unangenehm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Posten schon überall ausgestellt?&laquo; rief Noughton
+erstaunt, &raquo;ei dann zeigen sich die Monsieurs schon
+allerdings als Herren der Insel und es hat keine
+Gefahr mehr, daß mir die Gewehre auf dem Lager
+blieben &mdash; Mac Rally Sie müssen wahrhaftig Rath
+schaffen; mit einer einzelnen Schildwache läßt sich
+am Ende auch noch sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprechen, ja, aber nichts durchbringen&laquo; brummte
+der Wallfischfänger &mdash; &raquo;<span class="g">Sie</span> haben auch Nichts dabei
+zu riskiren, ich aber desto mehr, und nehme da lieber
+die paar hundert Stück Gewehre wieder mit in See;
+in Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch
+nicht so gute Preise doch mehr Sicherheit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo müßten sie denn gelandet werden?&laquo; frug
+der Geistliche.</p>
+
+<p>&raquo;Der einzig mögliche Platz wäre Matawai Bai
+und zwar in der Einfahrt, in der früher ein alter
+Missionair wohnte, der leider Gottes gestorben ist &mdash;
+jetzt sitzt ein Franzose drin &mdash; ja zwei eigentlich, denn
+dicht daneben wohnt noch Einer, und außerdem hat
+sich der Posten gerade überhalb der beiden Häuser
+in eine alte, nicht mehr benutzte Hütte placirt, der,
+wie ich gehört habe, alle zwei Stunden von Papetee
+aus abgelöst werden soll, während die weiter unten
+befindlichen mit einem anderen, dorthin gelegten Detachement
+in Verbindung stehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und könnten wir nicht <span class="g">unter</span> oder <span class="g">über</span> der
+Vorposten-<span class="g">Grenze</span> landen?&laquo; frug Mr. Noughton.</p>
+
+<p>&raquo;Nein&laquo; sagte der Seemann, kopfschüttelnd, &raquo;erstlich
+nimmt das zu lange Zeit weg, und selbst das
+nicht einmal gerechnet, müßte ein Boot auf dem
+Binnenwasser und dicht am Strande hin völlig
+Spießruthen bei den Posten laufen, und es wäre
+rein unmöglich es unentdeckt an den Ort seiner Bestimmung
+zu bringen, während dorthin gerade die
+Ladung im Schatten der Riffe und später der Palmen
+die größte Wahrscheinlichkeit sicherer Landung für
+sich hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist das Haus wo Monsieur Delavigne
+wohnt&laquo; sagte Mr. Noughton &mdash; &raquo;und sein Nachbar
+heißt Lef&eacute;vre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube das sind die Namen&laquo; brummte der
+Alte, &raquo;kommt aber nicht d'rauf an wie, sondern <span class="g">wo</span>
+sie getauft sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, hm, hm&laquo; sagte der Amerikaner, nachdenkend
+im Zimmer auf- und abgehend &mdash; &raquo;ich glaube &mdash;
+lassen Sie mich einmal sehn &mdash; ich glaube Bruder
+Rowe hat Zutritt da im Haus &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wird ihm wenig helfen&laquo; meinte Mac Rally.</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich einmal mit Jim sprechen?&laquo; frug
+Noughton, vor dem Seemann stehen bleibend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte selber ich könnte seiner habhaft werden&laquo;
+erwiederte dieser, &raquo;aber wie mir Bob, mein Zimmermann
+sagt, hat er alle Ursache sich nicht bei Sonnenschein
+zwischen den Franzosen blicken zu lassen &mdash;
+es müssen alte Geschichten sein. In den Guiaven
+drin steht aber ein Haus, wo er zu finden sein soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei der alten Irischen Hexe?&laquo; frug der Amerikaner.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, da kommt er seit jenem Abend, wo sie
+ihn beinah einmal abfaßten nicht mehr hin &mdash; 's ist
+nicht so weit draußen und ich kenne die Stelle &mdash;
+und was sagen Sie dazu, Mr. Pritchard?&laquo;</p>
+
+<p>Bei Nennung des Namens drehte sich der Wallfischfänger
+rasch nach diesem um, der Consul aber
+sagte achselzuckend:</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, Mr. Noughton, obgleich ich den Insulanern jeden
+Erfolg gegen ihre Feinde wünsche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind Consul hier in Papetee?&laquo; sagte Mac
+Rally.</p>
+
+<p>Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung
+mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag
+meine Papiere in Ordnung zu bringen&laquo; bat der
+Engländer &mdash; &raquo;'s ist jedenfalls besser ich habe die
+regulirt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es
+Ihnen besorgen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mac Rally,&laquo; sagte Mr. Noughton, &raquo;thun Sie
+mir einmal den Gefallen, zu Mr. Rowe zu gehn
+und ihn zu bitten, mich heute Morgen, sobald er
+möglicher Weise kann, auf einen Augenblick zu besuchen;
+ich hätte etwas <span class="g">sehr</span> Wichtiges mit ihm zu
+besprechen; wollen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will gleich von hier zu ihm gehn &mdash; und
+unser Geschäft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im
+Haus. Sie können mich zu dem Haus führen, wo
+wir Jim O'Flannagan treffen mögen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewiß kann ich&laquo; brummte dieser, &raquo;aber es wird
+dann die höchste Zeit daß etwas geschieht, wenn
+wir's überhaupt noch ausführen wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon seit heute Morgen um sechs Uhr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut &mdash; überlassen Sie dann das andere mir &mdash;
+und Mr. Rowe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schicke ich Ihnen unter Adresse und Frachtbrief
+augenblicklich ins Haus &mdash; guten Morgen Gentlemen,&laquo;
+und sich langsam auf seinen Hacken umdrehend,
+drückte er die Thür hinter sich ins Schloß,
+und ließ die beiden Männer allein, die sich bald
+darauf in eine sehr lebhafte aber mit leiser Stimme
+geführte Unterhaltung vertieften, in der sie erst wieder
+gestört wurden, als sich der ehrwürdige Mr. Rowe
+unten anmelden ließ.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_5" id="Capitel_5"></a><span class="first">Capitel 5.</span><br />
+
+Susanna.</h2>
+
+
+<p>Der Admiral <span class="f">Du Petit Thouars</span> hatte allerdings
+die Inseln der Königin Pomare, worunter er damals
+die beiden Gruppen der Gesellschafts- und Georgen-Inseln
+verstand, im wahren Sinn des Worts in
+Besitz genommen, und dachte, allem Anschein nach,
+gar nicht daran, sie, wie das vorige Mal, als es
+bei einer Protectoratserklärung geblieben, wieder vollkommen
+zu verlassen, wenigstens von Militair zu
+entblößen. Der Admiral suchte sich einzureden daß
+Pomare in ihrem Widerstand gegen ihn zu weit gegangen
+sei, und dem zu begegnen fiel er in denselben
+Fehler, der ihm freilich für den Augenblick nicht soviel
+Schaden bringen konnte, da er gerade der Stärkere war.</p>
+
+<p>Recht gut wußte er dabei daß die Insulaner,
+wenn nicht unnöthiger Weise gereizt, eben durch ihre
+Eifersucht unter sich, und bei dem Haß, den ein Theil
+derselben gegen die strenge Herrschaft der Missionaire
+hegte, nicht leicht persönlichen Widerstand leisten
+würden, außer, durch die Fremden, besonders
+die Missionaire selber angereizt und dem <span class="g">vor</span>zuarbeiten,
+ehe ein förmlicher Bruch herbeigeführt werden
+konnte, that er natürlich Alles was in seinen Kräften
+stand. Die protestantischen Geistlichen wurden schon
+an und für sich gleich gewarnt, das Volk nicht gegen
+die jetzige <span class="g">rechtmäßige</span> Regierung aufzureizen, und
+außerdem noch eine Proclamation erlassen worin
+jeder Fremde, der <span class="g">gegen</span> die Französische Oberherrschaft
+sprechen (man sagte nicht <span class="g">predigen</span>) würde,
+augenblicklich von der Insel, überhaupt aus den
+Gruppen zu verweisen sei; es war das ein Paragraph
+der die Missionaire am schwersten traf, und
+auch, besonders in England, von ihnen am meisten
+angegriffen und verdammt wurde.</p>
+
+<p>Ebenso vorsichtig mußten sich die Franzosen dagegen
+zu wahren suchen daß Waffen und Munition
+den Insulanern durch ihre Freunde zugeführt wurden,
+und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augenblicklich
+die Ordre die Insel zu umschiffen und verdächtige
+Fahrzeuge abzuweisen, während die hier
+liegenden Engländer, von denen man aber nur das
+kleine Kriegsschiff in Verdacht haben konnte, ebenfalls
+scharf bewacht wurden. Auch Spirituosen suchte
+man den Insulanern fern zu halten, sie nicht aufzureizen
+und zu Excessen zu treiben, die unter den
+jetzigen Verhältnissen leicht einen ernsten Charakter
+annehmen konnten, und es war deshalb auch daß die
+Kitty Clover, von der man ziemlich genau wußte
+daß sie unter der Hand Spirituosen an die Insulaner
+verkaufe und auch noch eine ziemliche Quantität derselben
+an Bord habe, Befehl erhielt die Bai am
+nächsten Morgen zu verlassen. Niemand vermuthete
+daß sie auch noch weit gefährlichere Waffen zum gelegentlichen
+Handel bei sich führe, die Mac Rally
+übrigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen
+Visitation seines Schiffes, sollte dieselbe ja stattgefunden
+haben, aus dem Weg gesteckt hatte.</p>
+
+<p>Außerdem aber waren die Französischen Soldaten
+streng beordert die Eingeborenen freundlich zu behandeln,
+und ihnen strenge Strafen angedroht, wenn
+sie dieselben durch Erpressungen, Mißhandlungen
+oder sonstigen Uebermuth reizen und dadurch Anlaß
+zu Streitigkeiten geben würden.</p>
+
+<p>Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum vollständig
+gesichert, nur sollten sie sich, wie schon erwähnt,
+jeder böswilligen Einwirkung auf die Insulaner enthalten,
+oder der Folgen dafür gewärtig sein.</p>
+
+<p>Auch eine Regierung hatte der jetzt allmächtige
+Admiral ernannt, einen Regierungsrath wenigstens
+aus drei Personen bestehend, Mr. Aubigny, Capitain
+der Corvette Ambuscade, Lieutenant Clou und Mr.
+Moerenhout, und die Wahl des Letzteren besonders
+kränkte Pomare tief, da sie wußte wie er von jeher
+ihr gesinnt gewesen, während die Missionaire in dem
+ihnen gerade feindlich gesinnten Mann einen vollständigen
+Beweis sahen, was sie für sich von der
+neuen Ordnung der Dinge zu erwarten hätten.</p>
+
+<p>Viel Zeit durften sie aber auch nicht verlieren,
+denn noch an demselben Abend lief der Französische
+Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein dumpfes
+Gerücht durch die Stadt daß der ganze übrige Theil
+der, bis jetzt noch an den Marquesas-Inseln stationirten
+Flotte, ebenfalls hier eintreffen würde, den
+Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu beweisen
+wie fruchtlos jeder Versuch des Widerstands
+gegen eine so gewaltige Macht unter jeder Bedingung
+für sie ausfallen müßte.</p>
+
+<p>Die Eingeborenen fingen jetzt erst an wirklich
+stutzig zu werden, denn das ganze Benehmen der
+Fremden hatte diesmal einen weit anderen Charakter
+wie früher. Die ausgestellten Posten, das gelandete
+und ohne weiteres in einem der Pomare gehörigen
+Häuser untergebrachte Militair &mdash; die Besitznahme
+der kleinen in der Mündung der Bai liegenden Insel
+Motuuta, von jeher der Königssitz und in der That
+Lieblingsaufenthalt der Pomaren, wo die Königin
+sogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt ohne
+weiteres mächtige Kanonen geschafft wurden, die gar
+nicht aussahen als ob sie blos für die kurze Dauer
+des Aufenthalts der Schiffe da liegen bleiben sollten;
+vor allen andern Dingen aber das jetzt plötzlich so
+scheue und zurückhaltende Wesen ihrer Missionaire,
+das sie an ihnen wahrlich nicht gewohnt waren,
+machte sie stutzen, und flößte ihnen zum ersten Mal
+die ernstliche Besorgniß ein, daß doch wohl nicht
+Alles so geschwind wieder vorüber gehn würde und
+auch nicht genau so sei, wie ihnen die frommen Lehrer
+bis jetzt erzählt haben mochten.</p>
+
+<p>Mr. Pritchard allein blieb sich, auf seine Stellung
+als Englischer Consul fußend, ja vielleicht trotzend,
+treu in dieser Zeit. So unbekümmert die Franzosen
+irgend etwas gegen die Religion eines fremden
+Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch
+vielleicht unternehmen konnten, so vorsichtig mußten
+sie jedenfalls zu Werke gehn, wo sie es mit der
+Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten desselben
+zu thun bekamen, und als Consul stand er,
+wie er recht gut wußte, unter dem direkten und unmittelbaren
+Schutz seines Vaterlandes. Die Eingeborenen
+verstanden aber diesen Charakter gar nicht;
+ihnen war Mr. Pritchard noch immer der Mitonare
+und Lehrer von früher her, nur mit mehr Autorität
+vielleicht als früher, da er die anderen Geistlichen
+oft in seinem Hause versammelte, mit ihrer Königin
+in stetem Verkehr stand, und dann auch durch die
+neue Reise noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen
+hatte. Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land
+der Beretanis, mußte also am besten wissen was sie
+von dort zu hoffen hätten, und ob die Engländer
+Schiffe senden würden sie und ihre Religion zu unterstützen,
+oder ob sie auf sich selber verlassen bleiben
+sollten, den zahlreichen Feuerschlünden des mächtigen
+Feindes gegenüber.</p>
+
+<p>Die anderen Missionaire hatten, durch die Drohung
+des Admirals eingeschüchtert, nicht gewagt,
+eine bestimmte Antwort zu geben, und die Gläubigen
+auf die Bibel und den lieben Gott vertröstet, der die
+Seinen schützen und schirmen würde in schwerer
+Noth und Angst. Mr. Pritchard dagegen sprach zu
+ihren Herzen, und sein Ruf an sie muthig zu sein
+und nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den
+Waffen, als ein Trost.</p>
+
+<p>&raquo;Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge
+Pomares niedergezogen, widerrechtlich setzten sie eine
+Regierung ein, dem direkt ausgesprochenen Willen
+Englands gegenüber, daß das Land sich frei und
+unbelästigt des Friedens Segen und der christlichen
+Religion erfreuen könne. Mit Kanonen und Bayonnetten
+überwältigten sie ein stilles harmloses Volk
+und die &raquo;Baals-Priester&laquo; zogen im Lande umher,
+dem Feinde Seelen zu gewinnen. Er protestirte von
+Anfang an feierlich gegen jede Französische Autorität
+auf der Insel, die er unter keiner Bedingung anerkennen
+würde, und wahrte sich das Recht zu dem
+Volke zu reden und ihm zu rathen, wie es ihm gut
+dünke, und wie er es in seinem Amt als Englischer
+Consul sowohl wie Missionair vor seinem Gewissen
+und seiner Regierung, aber nicht vor dem Französischen
+Admiral zu verantworten habe.&laquo;</p>
+
+<p>Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert,
+denn der Mann, wie sie erst einmal die wahre
+Absicht der Fremden verstanden, sprach ihnen aus der
+Seele, aber noch mehr &mdash; er <span class="g">ver</span>sprach ihnen auch
+Englische Hülfe von der zuerst einkommenden Englischen
+Fregatte, während mit dem Dublin schon die
+Klagen und Beschwerden sämmtlicher Missionaire
+nach England abgegangen waren.</p>
+
+<p>Es läßt sich denken daß die Französischen Autoritäten,
+den Protestantischen Geistlichen überdies nicht
+gewogen, die Aufreizungen dieses Mannes mit Aerger
+und Verdruß ansahen und nur durch seine officielle
+Stellung noch zurückgehalten wurden, etwas Ernstliches
+und Entschiedenes gegen ihn zu unternehmen.
+Dazu brauchten sie aber irgend eine gegen ihn sprechende
+Thatsache als Vorlage, und eine solche mußte
+jedenfalls erst abgewartet werden.</p>
+
+<p>Spione umgaben ihn dabei genug, aus seinen
+Reden an das Volk irgend eine, direkt zur Empörung
+aufreizende Aeußerung zu finden, Mr. Pritchard war
+aber klug genug sich keine solche Blöße zu geben,
+und der Zorn der Französischen Officiere gegen ihn
+stieg von Stunde zu Stunde.</p>
+
+<p>Ren&eacute; beschloß indessen sich von jeder Betheiligung
+an den politischen Ereignissen vollkommen entfernt
+zu halten; er mochte natürlich nicht gegen seine
+Landsleute kämpfen, so sehr er auch fühlte daß den
+Eingeborenen hier unrecht geschah, und natürlich
+noch viel weniger diesen feindlich entgegentreten, mit
+denen er durch sein Weib in so nahe und freundliche
+Beziehung gekommen war.</p>
+
+<p>Je mehr er aber über sein künftiges Leben auf
+den Inseln nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon
+überzeugt, wie er solcher Art, und gewissermaßen
+zwischen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine
+höchst unangenehme, ja gefährliche Stellung für die
+Zukunft einnehmen müsse, denn von beiden Partheien
+wäre er, wenn er es mit keiner offen hielt, auch rettungslos
+verdächtigt worden. &mdash; Er wollte Papetee &mdash;
+Tahiti verlassen und drüben in Atiu, in der stillen
+Zurückgezogenheit seines häuslichen Glücks konnte er
+bald die Welt um sich her vergessen &mdash; verachten.
+Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er nicht
+zu haben, Gott hatte den Tisch der Eingeborenen
+dort mit seinen reichsten Gaben überdeckt &mdash; ein
+fröhliches, gutmüthiges Volk bewohnte die Insel,
+und mit Sadie an seiner Seite&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und Susanna?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Fort mit dem Gedanken an sie &mdash; an Alles was
+sie umgab, gerade hier lag die Gefahr für ihn, für
+sein häusliches Glück, und er fühlte recht gut selber
+wie er zu schwach, viel zu schwach sei, den immer
+aufs Neue auf ihn eindrängenden Verführungen
+lange widerstehn zu können.</p>
+
+<p>Er liebte Sadie aus tiefster innerster Seele, und
+dennoch hatte er den Zauber, die Gewalt die diese
+Liebe über ihn ausüben sollte, überschätzt &mdash; dennoch
+fühlte er, wie er jetzt <span class="g">flüchten</span> müsse mit ihr, sich
+selber zu entgehn und seiner Leidenschaft; flüchten,
+einer Gefahr auszuweichen, die drohend über ihrem
+Glücke hing, und in dem Gefühl lag das Bewußtsein
+seiner Schwäche; gewaltiger noch daß er nicht wagte
+es sich selber zu gestehn, gefährlicher für ihn, daß er
+je geglaubt hatte es besiegen zu können, ja selbst jetzt
+noch sich selber damit täuschen wolle daß er nach
+freiem Willen handle.</p>
+
+<p>Schon an diesem Tag begann er seine, jedoch
+eben nicht so bedeutenden Vorbereitungen, Tahiti zu
+verlassen, und Sadie sah den Eifer mit dem er es
+betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafür.
+Glücklicher fast als der Gedanke ihr liebes, freundliches
+Atiu nun bald wieder zu sehn, es nie mehr zu
+verlassen, machte sie das Bewußtsein des Gatten
+Liebe noch zu besitzen und sich in jener furchtbaren
+Stunde &mdash; so entsetzlich ihr selbst jetzt noch die Erinnerung
+daran war &mdash; getäuscht zu haben. Er konnte
+jenes fremde schöne Mädchen nicht lieben, hätte er
+sonst so geeilt aus ihrer Nähe zu kommen? und daß
+es ihn gerade zurück nach Atiu zog, war ihr ja der
+Bürge für ihr schönstes Glück &mdash; für den Frieden
+ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt daß Aumama
+nicht bei ihr geblieben war, Zeuge ihres Glücks zu
+sein; das wilde Mädchen hatte sich aber nicht länger
+halten lassen und war noch lange vor Abend schon
+in ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen,
+dort bei der Schwester zu bleiben; ja vielleicht &mdash; sie
+hatte ihr zornig klopfendes Herz fest festhalten müssen,
+als sie der Freundin die Worte zuflüsterte in denen
+ihr ganzes Elend lag &mdash; dort, dort noch einmal dem
+treulosen Gatten zu begegnen, und Rechenschaft von
+ihm zu fordern, für ein mißhandeltes, zertretenes
+Leben.</p>
+
+<p>Arme Aumama.</p>
+
+<p>Ren&eacute; hatte sich von der Mission einen kleinen
+Cutter zu verschaffen gewußt, seine Sachen und was
+er sich an Bequemlichkeiten auf der Insel angekauft,
+gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz
+hinübertransportiren zu können, und derselbe wurde
+schon an dem nämlichen Nachmittag, ein Beweis
+wie es ihm Ernst war um seinen Vorsatz, von Papetee
+herüber und an seine Landung geschafft, wo er
+ruhig und vollkommen vor Wind und Wetter geschützt,
+vor Anker liegen konnte, bis er im Stande
+war seine Geschäfte hier so weit als möglich zu reguliren
+und sich einzuschiffen.</p>
+
+<p>Niemand freute sich mehr darüber als der Mitonare
+Ezra, der sich augenblicklich zum Passagier anbot,
+und nebenbei noch versprach die Mannschaft
+vollständig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute gebrauchten
+sie ohnedies nicht, da Ren&eacute; ja selber Seemann
+genug war das wenige an Bord solch kleinen
+Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann sein
+sollte mit verrichten und besser verrichten zu können,
+wie die Insulaner selber.</p>
+
+<p>Mitonare erhielt da die erste Botschaft, nach der
+Stadt, zu dem ehrwürdigen Mr. Rowe zu kommen,
+und Ren&eacute; bekam ebenfalls eine Einladung von dem jetzt
+Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu
+besuchen, da er sich nach Manchem bei ihm zu erkundigen
+wünsche.</p>
+
+<p>Die Botschaft beunruhigte ihn im Anfang &mdash;
+sollte etwa wegen der Flagge Nachforschung gehalten
+sein? &mdash; aber lieber Gott, da hätten sie ihm dieselbe,
+wenn er wirklich verrathen wäre, einfach wieder abfordern
+lassen; das Tuch hatte weiter keine Bedeutung,
+sobald es einmal von der Stange herunter war.
+Oder das Duell? &mdash; es war nicht wahrscheinlich daß
+solche Sache in solcher Zeit zur Untersuchung kommen
+sollte; und überdies hatten beide Theile darin gehandelt
+wie es den nun einmal bestehenden Gesetzen der
+Ehre entsprach, denen sie sich fügen mußten.</p>
+
+<p>Es half ihm Nichts daß er sich den Kopf darüber
+zerbrach, und gegen Abend &mdash; er war auf vier Uhr
+Nachmittag nach Papetee beordert worden &mdash; folgte
+er der Aufforderung des Gouverneurs.</p>
+
+<p>Es handelte sich dabei übrigens weder um Flagge
+noch Duell; im Gegentheil war Mr. Bruat ungemein
+freundlich mit dem jungen Mann, dessen Schicksale
+er sich, wie er ihm versicherte, habe erzählen lassen,
+und um ihm zu beweisen wie er sich für ihn interessire,
+wünsche er ihn an sich und Papetee zu fesseln, und
+bot ihm, da er ja schon überdies früher in der Französischen
+Armee als Officier gedient, eine gleiche
+Stellung in Papetee, unabhängig von den Schiffen
+und mit gesichertem Aufenthalt auf den Inseln.</p>
+
+<p>Ren&eacute; begriff recht gut, daß er dies Anerbieten
+weniger seinen Verdiensten als der vermutheten Verbindung
+verdanke, in der er, durch seinen längeren
+Aufenthalt hier wie seine Heirath, mit den Eingeborenen
+stand. Das Abenteuer mit dem Missionair
+war ebenfalls, wenn auch nicht laut ausgesprochen,
+doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzosen
+gerade in diesem Augenblick besonders an Leuten, die
+ihren Interessen so ergeben, als denen der Missionaire
+entgegen wären, und doch dabei eine etwas freundlichere
+Vermittlung zwischen den beiden so schroff abstoßenden
+Elementen, den Eingeborenen der Insel und
+den Eroberern derselben, bieten könnten. Das wäre
+aber auch jedenfalls der Weg gewesen sich den Insulanern
+vollkommen zu entfremden, und er lehnte die
+ihm gebotene Stellung auf das artigste und mit der
+Versicherung größter Dankbarkeit für das ihm bewiesene
+Zutrauen, aber auch entschieden ab.</p>
+
+<p>Monsieur Bruat schien etwas pikirt darüber; er
+hatte wohl keinenfalls eine so ganz definitive Weigerung
+erwartet, Ren&eacute; beharrte aber fest darauf
+und wurde endlich mit einer zwar artigen aber sehr
+kalten Verbeugung entlassen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>In Mons. Belards Hause, in dem kleinen traulichen
+Stübchen der Madame Belard, saß diese an
+ihrer Arbeit, hinter den niedergelassenen Jalousien,
+die eine angenehme Kühle in dem freundlichen Gemach
+verbreiteten, während Susanna vor dem Instrument
+in leisen, wehmüthigen Akkorden und mit
+halbgeschlossenen Augen ihrer Phantasie, ihren Gedanken
+freien und ungestörten Lauf ließ.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott, Susanna,&laquo; sagte Madame Belard
+endlich, ihre Nadel ruhen lassend und zu der Freundin
+aufschauend &mdash; &raquo;Du bist entsetzlich langweilig heute,
+und spielst Melodieen daß man immer glaubt es
+sollte Jemand zum Richtplatz geführt werden. Was
+um Gottes Willen steckt Dir im Kopf, was hast Du,
+was fehlt Dir? &mdash; heraus mit der Sprache, Mädchen,
+aber quäle mir die Molltöne nicht auf solch
+grausame, unbarmherzige Art.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? &mdash; Nichts &mdash; was soll mir fehlen?&laquo; sagte
+Susanna.</p>
+
+<p>&raquo;Ja das frag' ich Dich &mdash; etwas <span class="g">ist</span> mit Dir,
+denn Du bist wie ausgewechselt gegen sonst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn&laquo; lachte Susanna, die vollen Locken aus
+der Stirn werfend, und zu einer lebendigern Weise
+übergehend &mdash; es war die Marseillaise.</p>
+
+<p>&raquo;Ach damit hast Du gestern Abend Monsieur
+Delavigne vertrieben&laquo; lachte Madame Belard &mdash;
+&raquo;wie rasch er aufsprang und fortstürzte. Wir hätten
+uns heute doch einmal sollen nach ihm erkundigen
+lassen, wie ihm die Aufregung gestern bekommen und
+ob er sein Haus glücklich erreicht hat.&laquo;</p>
+
+<p>Susanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die
+Marseillaise schon wieder fallen lassen, und praeludirte
+eines ihrer kleinen melancholischen Creolenlieder
+aus Louisiana, als Schritte aus dem Vorsaal gehört
+wurden und Mons. Belard gleich darauf die Thür
+öffnete und hereinschaute.</p>
+
+<p>&raquo;Ist Delavigne hier gewesen?&laquo; frug er die Damen.</p>
+
+<p>&raquo;Monsieur Delavigne? nein,&laquo; rief seine Frau
+und Susanna hörte auf zu spielen und sah sich nach
+ihm um &mdash; &raquo;ist er wieder in der Stadt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er Euch denn noch Nichts gesagt?&laquo; frug
+der Gatte aber jetzt, sie etwas erstaunt ansehend und
+ganz ins Zimmer tretend, &raquo;wißt Ihr noch Nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir? &mdash; was ist denn?&laquo; rief Madame Belard
+erschreckt, &raquo;um Gottes Willen &mdash; aber wenn er selber
+in der Stadt war &mdash; ist ihm denn zu Hause etwas
+passirt &mdash; seinem Weib?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah Papperlapapp,&laquo; sagte Mons. Belard lachend,
+und ging zu einem kleinen Eckschrank den er dort zu
+seinem eigenen Gebrauch stehen hatte, sich ein Glas
+Brandy und Wasser einzuschenken, &raquo;da soll bei Euch
+immer gleich was passirt sein; der Frau wird auch
+was zustoßen, die Indianerinnen haben eine zähe
+Natur und sind nicht gleich immer umgeworfen wie
+andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen
+hätte, ich wüßte auch was ich thäte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, Monsieur, geniren Sie sich nicht&laquo; bat
+Madame Belard etwas beleidigt und mit kalter Höflichkeit
+ &mdash; &raquo;ich möchte Ihrem weiteren Glück nicht
+gern im Wege stehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was ist vorgefallen?&laquo; frug auch jetzt Susanna,
+mit größerem Interesse als sie bis jetzt gezeigt,
+&raquo;bringen Sie uns eine angenehme oder unangenehme
+Neuigkeit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ich weiß gerade nicht&laquo; sagte Mons. Belard
+die Mischung von Wasser und Brandy erst einen
+Augenblick gegen das Licht haltend und dann, wie
+mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend &mdash;
+&raquo;angenehm ist sie gerade nicht &mdash; wenigstens nicht
+für Sie Beide, und mir selber thut es auch leid, obgleich
+sich die Sache nun einmal nicht ändern läßt
+und des Menschen Wille sein Himmelreich ist.
+Wenn's ihm nicht länger bei uns gefällt, kann ihn
+natürlich keine Seele halten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mons. Delavigne will fort von hier? &mdash; aber
+wohin?&laquo; riefen die beiden Damen, wie fast aus
+einem Munde.</p>
+
+<p>&raquo;Soviel ich verstanden habe, nach Atiu zurück,
+wo er hergekommen&laquo; lautete die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;So wird er dorthin wohl sein Geschäft verlegen
+wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein das ist ja eben der Unsinn&laquo; rief der Kaufmann
+ärgerlich, &raquo;das dacht' ich mir auch im Anfang,
+denn darin wäre ein Sinn, aber wie mir jetzt scheint,
+läuft die ganze Geschichte auf irgend einen romantischen
+Schwindel hinaus, und wenn das wirklich
+der Fall wäre, sollt' er mir leid thun, denn keine
+zwei Monat hält er's drüben mit seiner Paradies-Comödie
+aus. Er will sein ganzes Geschäft förmlich
+mit der Wurzel herausreißen und wegwerfen, und
+sich drüben hinsetzen und Brodfrucht und Tarowurzel
+essen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht
+schön, ist aber nur leider unausführbar &mdash; er müßte
+denn eben kein Franzose &mdash; kein civilisirter Mensch
+sein, dessen ganze Existenz, er mag sich darüber äußerlich
+vorlügen soviel er will, doch mit all seinen tausend
+Seelenfasern an dem alten gewohnten Leben
+hängt und nicht losgerissen werden <span class="g">kann</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ist denn vielleicht hier irgend etwas vorgefallen?&laquo;
+sagte Madame Belard &mdash; &raquo;hat er hier
+Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht dazu
+treiben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch nicht etwa mit der Regierung?&laquo; frug Susanna
+rasch, die unwillkürlich und mit leiser Angst
+der so keck eroberten Flagge gedachte.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht daß ich wüßte&laquo; brummte Mons. Belard &mdash;
+&raquo;im Gegentheil scheint ihm der Gouverneur wohl gewogen
+gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne selber
+sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt &mdash; ein
+Anerbieten einer festen gesicherten Stellung, wenn er
+es allenfalls nun überdrüssig gewesen wäre Handel zu
+treiben; aber auch das hat er von der Hand gewiesen.
+Er ist rein toll &mdash; oder blind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wann will er fort?&laquo; sagte Mad. Belard.</p>
+
+<p>&raquo;Morgen schon, soviel ich weiß, wenn er alle
+seine Siebensachen packen und zu Schiff bringen
+kann &mdash; er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der
+schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist
+Ernst und nicht nur eine flüchtige Idee; ein Schlag
+aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn Brouard
+auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon.
+Aber ich muß wieder fort &mdash; er kommt jedenfalls
+noch zu Euch hierher heute, Adieu zu sagen, und
+wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies
+Papier hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es
+hierher für ihn zu legen, vielleicht komm ich nachher
+noch einmal herüber.&laquo; Und mit kurzem Gruß verließ
+er das Zimmer wieder.</p>
+
+<p>Die Frauen saßen noch schweigend, und in tiefem
+Nachdenken, als Mons. Belard schon lange das
+Zimmer verlassen hatte, und Susanna berührte wieder
+leise die Tasten in weichen, kaum hörbaren
+Akkorden.</p>
+
+<p>&raquo;Merkwürdig&laquo; brach Madame Belard endlich
+das Schweigen &mdash; &raquo;etwas <span class="g">muß</span> da vorgefallen sein,
+was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschluß
+getrieben haben &mdash; gestern Abend schon sein
+eigenthümliches Betragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du sprichst von Mons. Delavigne?&laquo; sagte Susanna,
+ohne die Freundin anzusehn.</p>
+
+<p>Madame Belard schaute rasch nach ihr um, ließ
+ihr Auge einen Moment auf ihr ruhen und sagte
+dann leise:</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Männer sind wunderliches Volk&laquo; sagte die
+Schöne &mdash; &raquo;er wird sich mit seiner Sadie wieder in
+einen Palmenhain zurückziehn, und von der Welt &mdash;
+in ihren Armen träumen.&laquo;</p>
+
+<p>Madame Belard schüttelte traurig mit dem Kopf
+und sagte ernst:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist nicht Alles wie es sein sollte &mdash; hätte
+er den Entschluß langsam und mit reiflicher Ueberlegung
+gefaßt, so würde es mich recht von Herzen,
+in tiefster Seele gefreut haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie so?&laquo; frug Susanna rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in
+einer Welt hier in die sie nicht gehört, in die sie
+nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es ist ein liebes
+engelgutes Kind, und <span class="g">verdiente</span> glücklich zu sein &mdash;
+und wird es nie werden&laquo; setzte sie recht tief aufseufzend
+hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht glücklich?&laquo; sagte Susanna gleichgültig,
+der Stimme wenigstens den Ausdruck gebend,
+&raquo;so viel ich von dem Leben dieser Insulanerinnen
+gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht
+besser, als daß sich ein Europäer, Franzose oder Engländer
+ist ihnen ziemlich gleich, um sie bewirbt und
+ &mdash; die Dauer seines Aufenthalts vielleicht &mdash; bei
+ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurück fällt
+es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der Regel, ja &mdash;&laquo; sagte Madame Belard &mdash;
+&raquo;leider Gottes handeln die Männer hier leichtsinnig
+genug in dieser Hinsicht, und haben schon manches
+arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten
+der Insulaner &mdash; das Herz kehrt sich ja nun doch
+einmal nicht an Sitte und Gebrauch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so
+leicht brechen könnten&laquo; entgegnete Susanna etwas kalt.</p>
+
+<p>&raquo;Doch, doch&laquo; sagte leise Madame Belard, &raquo;und
+Sadie ist gar nicht wie ein Kind dieser Inseln erzogen
+ &mdash; nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie, Natürliche ihrer Bewegungen verkünden sie als ein
+Kind des Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der
+hier auf Tahiti starb, hat sie wie eine Tochter gehalten,
+unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen,
+aber ich fürchte fast, statt dessen einen schlimmen
+Dienst erwiesen. Nicht Indianerin, nicht Europäerin
+muß sie für das Leben ihres Vaterlandes verloren
+sein, nie wenigstens würde sie sich, wozu sie doch
+Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines
+gewöhnlichen ungebildeten faulen Indianers glücklich
+fühlen können &mdash; und ich fürchte, sie wird
+<span class="g">nicht</span> im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf
+immer an sich zu fesseln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und verlangst Du von Delavigne daß er sein
+Leben auf jenem Atiu verträumen &mdash; diese monotonen
+Inseln mit ihren ewigen Palmen und Brodfruchtbäumen
+nie wieder verlassen soll?&laquo; rief Susanna in
+ihrem Spiel aufhörend und sich rasch und fast heftig
+nach der Freundin umdrehend.</p>
+
+<p>&raquo;Verlangen?&laquo; sagte diese achselzuckend &mdash; &raquo;ich
+verlange von einem Mann vor allen Dingen daß er
+seine Schwüre hält, es ist das wenigste <span class="g">was</span> man
+verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut
+das Delavigne, so kann er die Inseln nur verlassen,
+wenn er die Indianerin <span class="g">als sein Weib</span> mit hinüber
+in das alte Vaterland nimmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um dort der Kinder Spott zu werden&laquo; rief
+Susanna rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat das Alles voraus gewußt,&laquo; sagte Marie
+Belard, &raquo;Sadie ist übrigens ein wunderhübsches
+Weibchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie lange wird das dauern?&laquo; frug Susanna,
+&raquo;in sechs Jahren, in fünf vielleicht schon, ist
+die Blüthenzeit dieser Kinder der Tropen vorüber
+und <span class="g">die</span> Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein
+späteres Leben in den civilisirten Städten der alten
+oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der neuen könnte
+er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede anständige
+Familie in New-York sowohl wie New-Orleans
+von ihm zurückziehn würde, um nur nicht
+in den Verdacht zu kommen mit <span class="g">schwarzem</span> Blute
+Umgang zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die
+ältesten Geschlechter von der Königstochter Pokahontas
+abzustammen&laquo; sagte Madame Belard.</p>
+
+<p>Susanna zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten&laquo;
+sagte sie, &raquo;aber frag einmal eine der dortigen Familien,
+ob sie <span class="g">jetzt</span> einem ihrer Söhne gestatten würden
+die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut
+zu <span class="g">beflecken</span>. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt
+ein Vorurtheil genannt werden kann, wo es sich um
+etwas unseren Naturen total widerstrebendes handelt,
+besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht
+ändern &mdash; Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen&laquo;
+fügte sie mit weit leiserer Stimme etwas zögernd
+hinzu, &raquo;wie man überall hört, ja keineswegs so bindend,
+und sollen sogar schon in ihrer Formel eine
+Art Vorbehalt auf ziemlich willkürliche Scheidung
+wieder enthalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die meisten, ja, leider Gottes&laquo; sagte Madame
+Belard &mdash; &raquo;die leichtsinnigen Mädchen der Inseln
+würden selbst die Formel nicht verlangen, hielten die
+Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch
+nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so
+viel als möglich den Anstand zu wahren. Bei den
+meisten ist auch wirklich nichts weiter geschehn; manche
+aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer
+Ceremonie als bei uns und &mdash; ich sollte denken &mdash;
+auch ebenso bindend. Wahrscheinlich ist dasselbe auch
+mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie ist die
+Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen
+und getraut; der würdige Mann wird nicht daran
+gedacht haben eine andere als vollgültige Ehe zwischen
+den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe sich
+das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen
+wird kann nur gesetzlich binden, und zwar an Stellen
+wo das Gesetz die Kraft und Ausdehnung hat, hier
+wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben
+bringen kann, ist das <span class="g">eigene</span> Wort, das
+eigene Herz das einzige worauf man wirklich trauen
+kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß
+Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher
+Art hier beschließen wird?&laquo; frug Susanna &mdash;
+&raquo;Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs und
+zwanzig Jahr alt, und soll jetzt <span class="g">aufhören</span> zu leben
+ &mdash; ist das wahrscheinlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aufhören zu leben &mdash; mit der Frau die er liebt
+an seiner Seite, mit seinem Kind?&laquo; frug Madame
+Belard dagegen, &raquo;er kann das nicht gut &raquo;aufhören
+zu leben&laquo; nennen, was, wie er mich oft versichert,
+das höchste und schönste Ziel seines Lebens gewesen;
+ &mdash; es wäre zu traurig für die arme Sadie; und doch
+<span class="g">fürchte</span> ich fast das wilde ungestüme Wesen des
+Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden
+eines solchen Lebens, auf die Länge der Zeit wenigstens,
+einschnüren lassen. <span class="g">Ihr</span> Beiden hättet besser
+zusammen gepaßt.&laquo;</p>
+
+<p>Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf
+und begann wieder, und zwar mit raschen kräftigen
+Griffen die Marseillaise zu spielen, während Mad.
+Belard an das Fenster trat und hinausschaute.</p>
+
+<p>Die Thür öffnete sich leise und Ren&eacute; erschien auf
+der Schwelle &mdash; keine der Frauen hatte ihn in den
+rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes kommen
+hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend
+die Blicke fast wehmüthig auf die holde Jungfrau
+am Instrument geheftet die, den Lauscher nicht ahnend
+das Lied schloß und wieder über zu den weicheren
+seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder
+ging, wie sie dieselben daheim an den Ufern des
+Mississippi oft und oft gehört. Eine Weile spielte sie
+so fort und dann endlich, wie den Gedanken des
+Liedes folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer
+weichen klangvollen Stimme leise ein.</p>
+
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die Halme wehn gedankenschwer<br /></span>
+<span class="i0">Auf jener Wiese drüben,<br /></span>
+<span class="i0">Sie sagen wohl einander nur<br /></span>
+<span class="i0">Daß sie sich innig lieben;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich aber liege einsam hier<br /></span>
+<span class="i0">Und schaue in die Höhe &mdash; <br /></span>
+<span class="i0">Ach daß mich Niemand lieben will<br /></span>
+<span class="i0">Ist ja mein einzig Wehe.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<p>&raquo;Ein trauriges Lied&laquo; seufzte Madame Belard
+und drehte sich nach der Freundin um, stieß aber unwillkürlich
+einen leisen Schrei aus, als sie den, mit
+dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschäftigt,
+bleich und ernst vor sich stehen sah.</p>
+
+<p>Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und
+während ihr das Blut in die Wangen schoß, stand
+sie auf und verließ das Instrument.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben uns belauscht&laquo; sagte sie und ihr
+Auge haftete so fest auf dem seinen, als ob sie die
+Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte
+geliehn.</p>
+
+<p>&raquo;Den Dichter wenigstens&laquo; entgegnete Ren&eacute;, ihrem
+Blick begegnend &mdash; &raquo;den armen Dichter, dem als er
+das Lied schrieb, wohl recht weich und weh muß
+um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere
+Lieder singen, Miß Lewis, vor Ihnen liegt das Leben
+noch frei und offen in all seiner Pracht und Herrlichkeit
+ &mdash; es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor
+tausend Anderen, solchen traurigen Lamentationen
+Raum geben wollten. Doch &mdash; sein Sie mir nicht
+böse daß ich Sie gestört habe &mdash; ich will ihre Zeit
+nicht lange in Anspruch nehmen &mdash; ich komme Ihnen
+Adieu zu sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen fort?&laquo; sagte Susanna leise.</p>
+
+<p>&raquo;Hoffentlich Morgen&laquo; erwiederte Ren&eacute; mit einem
+Lächeln wenigstens, wenn es auch ein gezwungenes
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen
+sein&laquo; rief Madame Belard &mdash; &raquo;gestern
+Abend wußten Sie noch kein Wort davon.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche
+Nachricht vorbereitet, lieber Delavigne &mdash; auch hier
+ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie wirklich
+nicht noch &mdash; einmal sehn sollte &mdash; es thut uns recht,
+recht leid Sie von hier verlieren zu müssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Madame Belard&laquo; sagte Ren&eacute; und seine Stimme
+zitterte.</p>
+
+<p>&raquo;Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit
+herübergebracht, soll ich sie nicht wiedersehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden sie entschuldigen müssen&laquo; sagte
+Ren&eacute; das Papier mit einer dankenden Verbeugung
+an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte &mdash;
+&raquo;Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und &mdash;
+es ist besser so vielleicht &mdash; ich selber wollte brieflich
+von Ihnen Abschied nehmen&laquo; setzte er dann nach
+einer kurzen Pause hinzu, &raquo;aber meine Geschäfte
+zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen
+und &mdash; da konnte ich es doch nicht übers Herz
+bringen, so ganz vorbei zu gehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen&laquo;
+rief Madame Belard schnell &mdash; &raquo;aber kommen
+Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der
+Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns &mdash; es ist
+ja das letzte Mal vielleicht für eine lange Zeit.
+Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen. Sie
+haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen
+Wirren aus dem Wege gehn; besonders in ihren
+Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende manchmal
+nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen
+Parthei in Collision zu kommen, und hat sich erst
+Alles wieder regulirt, sind Sie ja noch immer Ihr
+freier Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig&laquo;
+sagte Ren&eacute; &mdash; &raquo;ich kann den Gewaltstreich
+meiner Landsleute, den sie jetzt durch spitzfindige
+Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen
+harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe
+mich schon auf der anderen Seite auch zu sehr über
+das Treiben und Wesen der fanatischen Missionaire
+geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde
+mich also weder der einen noch der anderen Parthei
+angeschlossen haben. Wahr ist übrigens daß man
+bei solcher Gelegenheit nicht immer seine Neutralität,
+selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten
+<span class="g">kann</span>, und in sofern wäre es allerdings gut selbst
+der Möglichkeit einer Collision entrückt zu sein. Den
+Eingeborenen ist übrigens jede Hoffnung genommen,
+sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können,
+denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer,
+wenn ich nicht irre der Salamander, signalisirt
+worden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten
+in Havre,&laquo; rief Madame Belard rasch,
+&raquo;dann kommt er auch direkt von Frankreich und
+bringt uns Briefe aus der Heimath.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus der Heimath&laquo; sagte Ren&eacute; leise &mdash; &raquo;es ist
+doch ein wunderbares Wort &mdash; ich hätte nie geglaubt
+daß solch ein Zauber darin liegen könnte &mdash; aber &mdash;
+ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß
+Lewis &mdash; Sie werden wahrlich erst ungestört spielen
+können, wenn ich fort bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in
+Gedanken setzte ich mich an's Clavier,&laquo; sagte Susanna,
+in einem Buche blätternd das neben ihr lag,
+den Kopf von Ren&eacute; abgewandt.</p>
+
+<p>&raquo;Und was hört man draußen im Land über unsere
+Zustände hier?&laquo; frug Madame Belard &mdash; &raquo;Sie
+wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich
+die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen
+Befehlen fügen werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott weiß was sie thun&laquo; sagte Ren&eacute; &mdash; &raquo;soviel
+ist gewiß, daß die Regierung jetzt mehr den Einfluß
+der Missionaire, besonders des Englischen Consuls,
+als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und
+nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich
+gegen ihn einzuschreiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges
+nobles in seinem ganzen Wesen&laquo; sagte die
+junge Frau &mdash; &raquo;ich hätte ihn gar nicht für einen
+Missionair gehalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß,
+den er auf die Eingeborenen ausübt &mdash; ich bin übrigens
+kein Freund dieser Herren, und froh besonders
+meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können.
+Diese tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist
+zum Verzweifeln, und wenn irgend etwas auf der
+Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug
+machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers
+zu springen, ehe ich einem schleichenden, tödtenden
+Bekehrungsversuch entgegenginge.&laquo;</p>
+
+<p>Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln:</p>
+
+<p>&raquo;Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten &mdash;
+seit Sie den Frack wieder getragen, und die Glac&eacute;handschuh
+haben Sie sich den Geschmack an dem
+romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls
+verdorben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie können mir den Frack noch immer nicht
+vergessen,&laquo; lachte Ren&eacute;, rasch und willig in den
+lebendigeren Ton des Mädchens eingehend.</p>
+
+<p>&raquo;Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein
+Ihrer Geschichte, an Ihnen in die Augen sprang&laquo;
+sagte schelmisch das Mädchen, &raquo;und ich malte mir
+Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck
+hat sich bei mir auch nicht wieder verwischen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung
+auf Sie hervorgebracht,&laquo; lachte Ren&eacute;,
+&raquo;Frack und Glac&eacute;handschuh &mdash; wieder ein Beweis
+für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß
+Frauen selten im Stande sind ein richtiges unbefangenes
+Urtheil über eine, ihnen zum ersten Mal aufstoßende
+Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei Sie grober Mensch&laquo; rief Madame Belard
+rasch, &raquo;wie können Sie etwas derartiges in Gegenwart
+von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie
+auf alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck
+gemacht haben. Der erste Eindruck ist gerade bei mir
+der wichtigste und entscheidendste, denn das Auge ist
+dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens.
+Viele Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte
+Verstand für das Herz denken und handeln müsse,
+und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber hierbei
+findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten
+Blick schon lieb gewinnen und uns von anderen eben
+so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch
+Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan,
+aber das Herz streckt seine Fühlfäden aus, und
+was der nüchterne Verstand in Monaten vielleicht
+nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch
+noch getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit
+einem Schlag, und wie selten ist es daß es sich irrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie <span class="g">hätten</span> recht,&laquo; erwiederte Ren&eacute;, &raquo;wenn
+Ihr erster Blick eben ein unpartheiischer wäre, der
+gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal begegneten
+Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei
+Ihnen stets den <span class="g">Kleidern</span> des oder der Fremden,
+der zweite hat dann schon aufgehört unbefangen zu
+sein &mdash; eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete
+Mode sprach das Urtheil vorher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht
+haben&laquo; rief Susanna wärmer werdend &mdash; &raquo;schon
+nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich
+Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Augen und Zähne&laquo; erwiederte Ren&eacute; achselzuckend
+ &mdash; &raquo;das Gesicht also abermals wieder nur
+als Kleidungsstück betrachtet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Etwas spricht für Ihre Behauptung&laquo; sagte
+Madame Belard etwas pikirt &mdash; &raquo;daß wir armen
+Frauen so oft von Euch Männern betrogen werden &mdash;
+vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick
+ist unser Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß
+Sie so boshaft sein könnten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Delavigne will uns die Trennung leichter
+machen&laquo; sagte Susanna, wirklich fast böse über die
+etwas herbe Bemerkung.</p>
+
+<p>&raquo;Gott verhüte daß ich Sie kränken sollte&laquo; fiel
+ihr Ren&eacute; rasch ins Wort &mdash; &raquo;zürnen Sie mir nicht,
+mir ist der Kopf wirr und toll seit heute Morgen,
+und der Gedanke Tahiti &mdash; so viele liebe Freunde
+zu verlassen, noch zu neu, zu fremd &mdash; zu ungewohnt.
+Aber ich muß auch fort; es dunkelt schon und ich
+habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was
+vor dem Abendschuß abgethan sein muß.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also wirklich fort?&laquo; sagte Madame Belard.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht anders&laquo; seufzte Ren&eacute; und fuhr
+dann leiser und ihre Hand ergreifend fort, &raquo;ich lasse
+viele liebe Freunde hier zurück &mdash; werden auch Sie
+manchmal meiner gedenken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen keinen großen Abschied von einander
+nehmen, Delavigne&laquo; sagte die kleine Frau
+bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung
+niederkämpfend &mdash; &raquo;Sie gehn nicht aus der
+Welt, und werden manchmal hier herüber kommen;
+es ist ja das Schönste was wir haben auf der Welt,
+liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren
+Bild, auf dem dunklen Hintergrund der Trennung
+nur so viel schärfer und reiner in unserer Seele bleibt.
+Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen
+und &mdash; mögen Sie das finden was Sie suchen.&laquo;</p>
+
+<p>Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte
+den jungen Mann durch sein offenes herzliches Wesen
+wirklich lieb gewonnen, und er sollte die Thränen
+nicht sehn die ihr ins Auge stiegen &mdash; verließ sie
+rasch das Zimmer.</p>
+
+<p>Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr
+folgen wollte, besann sich aber und blieb an dem
+Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken
+Hand stützte.</p>
+
+<p>&raquo;Miß Lewis&laquo; sagte Ren&eacute; leise &mdash; &raquo;ich glaube
+nicht daß wir uns wiedersehn werden &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen,&laquo;
+unterbrach ihn die Jungfrau, gewaltsam
+gegen ein Gefühl ankämpfend, dem sie nicht Worte
+geben mochte und konnte; aber, ohne daß sie eigentlich
+wußte warum, einen ernsten Abschied fürchtend, fuhr
+sie, in den leichten Ton übergehend, freilich in gezwungener
+Fröhlichkeit fort &mdash; &raquo;Sie haben sich mir
+auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich
+jedenfalls erst um Urlaub bitten. Wissen Sie wohl
+daß mir der Preis bekannt ist, den mein Vater auf
+Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie
+jetzt so ohne Weiteres entlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle&laquo;
+bat aber Ren&eacute; leise und ernst &mdash; nicht im Stande
+in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden
+Ton einzugehn &mdash; &raquo;üben Sie Gnade meinet- &mdash;
+Gnade eines anderen Wesens wegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe Sie nicht&laquo; sagte Susanna rasch,
+&raquo;aber ich sehe wohl ein, mir armem schwachen Mädchen
+wird das nicht gelingen, was der Delaware mit
+seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte &mdash; Sie zu
+halten. &mdash; Und was soll ich meinem Vater sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagen Sie ihm,&laquo; rief Ren&eacute; jetzt, kaum im
+Stande das gewaltsam zu Tag brechende Gefühl
+nieder zu kämpfen &mdash; &raquo;sagen Sie ihm &mdash; daß ihn die
+Tochter hart und schwer gerächt. Und nun &mdash; leben
+Sie wohl, recht wohl und &mdash; glücklich.&laquo;</p>
+
+<p>Ihre Hand dabei ergreifend preßte er sie fest an
+seine Lippen und sprang dann mit flüchtigen Sätzen
+die Treppe hinunter und aus dem Haus.</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute;!&laquo; wollte Susanna rufen, aber die Zunge
+versagte ihr den Dienst &mdash; die Worte erstarben ihr
+auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft
+auf ihr Herz gepreßt, floh sie auf ihr Zimmer, und
+schloß hinter sich die Thür mit dem Riegel.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_6" id="Capitel_6"></a><span class="first">Capitel 6.</span><br />
+
+Jim O'Flannagan in Thätigkeit.</h2>
+
+
+<p>Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende
+und hier dem Verschwinden des Taggestirns fast
+augenblicklich folgende und eben so rasch in wirkliche
+Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens,
+denn dichte Wolkenschleier lagen über dem
+Horizont, und breiteten, reckten sich höher und höher,
+eine stürmische Nacht versprechend in dem sich wieder
+erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt
+mißbraucht, wenn er den ruhigen und vernünftigen
+Ostpassat einmal zu verdrängen gewußt hat, auf
+kurze Zeit.</p>
+
+<p>Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind,
+und selbst der Mitonare Ezra, der ihr fest versprochen
+hatte recht früh zurückzukehren und ihr noch mit
+manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen,
+nicht gekommen. Auch Ren&eacute; blieb heute so entsetzlich
+lange aus &mdash; aber er hatte noch viel zu thun in der
+Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so plötzlich,
+so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich
+leicht denken wie schwer es da sein mußte Alles zu
+ordnen was er zurückließ, und daß er das nicht in
+ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald,
+ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach
+Atiu &mdash; o wie sie der Gedanke mit Glück und Seligkeit
+erfüllte &mdash; nach Atiu, nach ihrem lieben lieben
+Atiu &mdash; und wie ihr die Palmen da entgegenwinken
+würden und die stillen Blumen die sie gepflegt und
+gehegt; und das Lieblingsplätzchen am freundlichen
+Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen
+umbraust, der stille theuere Ort, mit der Erinnerung
+ihrer Jugend &mdash; ihrer Liebe &mdash; o es war als ob ihr
+das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit, wenn
+sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu.</p>
+
+<p>Aber wo blieben die Männer? &mdash; auch Mata-oti
+war draußen und kehrte, trotz mehrmaligem Rufen
+nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und höher
+herauf &mdash; und gerade heute ließ man sie so allein.
+Doch draußen &mdash; das waren Schritte &mdash; die Gartenthür
+hatte geknarrt, und gleich darauf betrat mit
+etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das
+Zimmer; sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen
+Dämmerung, ja Nacht, kaum noch erkennen.</p>
+
+<p>&raquo;Joranna Sadie, Joranna,&laquo; sagte er und trocknete
+sich den Schweiß von der Stirn die er, aus den
+engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen dicken eingezwängten
+Armen kaum erreichen konnte &mdash; &raquo;Ren&eacute;
+ist noch nicht zurück?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen,
+und es freut mich nur daß wenigstens Einer von
+Euch da ist &mdash; es ist gar so unheimlich hier so ganz
+allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lef&eacute;vres
+dicht daneben &mdash; ich weiß nicht jene leeren
+Räume haben etwas Todtes Unheimliches für mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Bruder Aue hier gewesen?&laquo; frug Mitonare
+leise.</p>
+
+<p>&raquo;Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?&laquo; rief
+Sadie erstaunt, &raquo;nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pst&laquo; sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um
+und dann setzte er sich auf einen Stuhl, stützte die
+Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände und
+jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander
+herum.</p>
+
+<p>Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer
+und sie zündete die Lampe an die auf dem Tisch stand.</p>
+
+<p>Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und
+der Wind hob sich heftiger und schleuderte die Brandung
+an die gegenüberliegenden Riffbänke mit immer
+dumpferem Brausen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber was hast Du nur, Mitonare?&laquo; rief Sadie
+endlich, vor ihn tretend und ihn bestürzt ansehend &mdash;
+&raquo;Du siehst aus, als ob irgend etwas vorgefallen.
+Ist ein Unglück geschehn? &mdash; Heiliger Gott, Ren&eacute; &mdash;
+wo ist Ren&eacute; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pst &mdash; pst&laquo; sagte aber der Mitonare eifrig mit
+der Hand winkend, und schloß die Augen dabei,
+schob die beiden außerdem schon etwas dicken Lippen
+vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf
+ &mdash; &raquo;pst, pst Pu-de-ni-a &mdash; nicht solchen Spektakel
+machen &mdash; haben Schildwache dicht bei &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ren&eacute; &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich
+von ihm weiß ganz gesund und munter in der Stadt
+herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus,
+zum Abschied &mdash; Mitonare hat ihn in drei Häusern
+gesehn, auf die Art&laquo; sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens
+Hand und streichelte sie, die arme Frau zu beruhigen
+ &mdash; &raquo;Tolle Gedanken die sich Pudenia macht
+um den Wi-Wi &mdash; bah &mdash; ist wie Guiave, nicht
+auszurotten; stecke heute einzigen Apfel in die Erde
+habe im anderen Jahr ganzen Wald.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe &mdash;
+der Mann erscheint mir nur immer vor Sorge und
+Trübsal und großer Noth &mdash; was soll er hier, heute
+noch hier wollen? und wenn ihn Ren&eacute; hier fände,
+gäb' es vielleicht harte Worte zwischen den Männern.
+Gott wolle es verhüten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor
+ &mdash; er verließ den Garten, wie ich kam &mdash; war er
+nicht hier im Haus?&laquo;</p>
+
+<p>Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu
+dem Mitonare auf.</p>
+
+<p>&raquo;Er kam aus <span class="g">unserem</span> Garten?&laquo; frug sie leise
+ &mdash; &raquo;doch ich bin ein thörichtes Kind,&laquo; setzte sie
+rascher hinzu, &raquo;mir da Sorge und Kummer zu
+machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den
+ganzen Nachmittag fast ein fremdes Canoe an unserer
+Landung gelegen und zwei Männer, die darin
+gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das
+gehörte und er danach sehen wollte vor dem einbrechenden
+Sturm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist das Canoe wieder fort?&laquo; frug Bruder
+Ezra.</p>
+
+<p>&raquo;Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner
+hat es nur zurückgerudert.&laquo;</p>
+
+<p>Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute
+einige Minuten still und schweigend hinaus in die Nacht.</p>
+
+<p>&raquo;Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den
+einen da unten unter dem Pandanusdach, wo das
+Feuer ist?&laquo; frug er endlich, sich wieder umdrehend,
+als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag&laquo;
+sagte Sadie, &raquo;aber sie trieben sich meist oben an der
+Straße herum, wo Tanui der alte Lootse mit seinen
+Töchtern wohnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ahem, ahem&laquo; nickte der kleine Mann, und strich
+sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger der
+rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im
+Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin &mdash; &raquo;es
+ist doch eine böse Geschichte, böse, böse Geschichte.&laquo;</p>
+
+<p>Sadie, die von den Worten nichts verstehen
+konnte, sah ihm, immer noch nicht vollkommen beruhigt
+zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn
+ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom
+Wasser herüber zu dringen schien. Es war indeß so
+dunkel geworden, daß man die Hand kaum vor Augen
+erkennen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Was war das?&laquo; sagte sie leise &mdash; &raquo;war das
+nicht als ob ein Canoe dort unten landete &mdash; ich
+dächte ich hätte eine Stimme gehört. Ren&eacute; wird
+doch nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn&laquo; sagte Bruder Ezra, rasch mit dem
+Kopf schüttelnd und die Thür zumachend &mdash; &raquo;wahrscheinlich
+ist es der Mann in seinem Cutter &mdash; Cutter
+liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob
+Alles in Richtigkeit ist, wenn das Wetter vielleicht
+noch ordentlich losbricht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort draußen geht Jemand&laquo; rief aber Sadie,
+die nichtsdestoweniger ihre Sinne zum Aeußersten
+angestrengt hatte, den geringsten Laut zu erlauschen
+ &mdash; &raquo;das ist Ren&eacute;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Possen,&laquo; sagte der kleine Mann und suchte sie
+von der Thüre fortzuziehn, aber deutlich hörten sie
+in diesem Augenblick schwere Tritte dicht unter
+ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand
+da unten flüstere.</p>
+
+<p>&raquo;Heiliger Gott, was geht da vor?&laquo; sagte aber
+Sadie, sich entschlossen von der Hand des kleinen
+Mitonare befreiend &mdash; &raquo;was hast Du, Mitonare &mdash;
+Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt
+die Nacht da draußen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pu-de-ni-a &mdash; es ist Nichts &mdash; ist nicht viel&laquo;
+sagte der kleine braune Missionair und fing an sich
+vor lauter Verlegenheit bald an seinem Frack, bald
+an seinen unteren Kleidern zu zupfen &mdash; gute Freunde
+von &mdash; keine guten Freunde von Wi-Wis &mdash; aber
+nicht von <span class="g">unserem</span> Wi-Wi&laquo; setzte er rasch hinzu &mdash;
+&raquo;wollen sich &mdash; wollen sich was in die Berge tragen,
+daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was in die Berge tragen? &mdash; wie versteh' ich
+das?&laquo; frug die Frau erstaunt &mdash; &raquo;geschieht da etwas
+gegen die Gesetze?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht gegen das dicke Buch!&laquo; rief Mitonare
+schnell &mdash; &raquo;im Gegentheil, das steht Alles darin;
+wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen &mdash;
+ist Alles vorgeschrieben drinn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer hat es abgelesen?&laquo; flüsterte Sadie leise.</p>
+
+<p>&raquo;Bruder Aue und noch viele andere Männer.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte
+selber kaum warum, aber die Angst um das was da
+draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im Haus
+drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu
+öffnen. Mitonare verhinderte sie daran.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein Pu-de-ni-a&laquo; sagte er rasch &mdash; &raquo;nicht
+hinaussehn jetzt &mdash; brauchen gar nichts mit zu thun
+zu haben und was davon zu wissen wenn Wi-Wi
+fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts
+gesehen, wie sie Gewehre in die Berge tragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewehre?&laquo; frug Sadie rasch und erschreckt &mdash;
+&raquo;Waffen für die Eingebornen?&laquo;</p>
+
+<p>Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem
+Kopf, dann aber sich doch besinnend daß er nicht
+geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare, eine
+auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit
+Schütteln plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick
+an und nickte dann eben so kräftig, und mit den
+Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Und weiß Ren&eacute; davon?&laquo; frug die Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Der Wi-Wi?&laquo; lachte aber Mitonare schon über
+einen solchen Gedanken gerad hinaus &mdash; &raquo;der Wi-Wi
+soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a &mdash; Nein
+das ist gerad das Komische &mdash; nehmen es durch sein
+eigen Haus und er weiß <span class="g">nicht</span>!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm
+gäbe?&laquo; frug die Frau, ängstlich die Möglichkeit bedenkend
+daß Ren&eacute; die Hand nicht dazu bieten würde,
+seine eigenen Landsleute zu bekriegen.</p>
+
+<p>&raquo;Bah, bah&laquo; lachte aber der Mitonare still in sich
+hinein &mdash; &raquo;der Wi-Wi kommt jetzt nicht, gute Freunde
+haben dafür gesorgt &mdash; haben ihn eingeladen bis
+zehn Uhr &mdash; nachher Alles vorbei &mdash; kann nachher
+kommen und sehn wie sie durch den Garten gelaufen
+sind. Sollen wir die Leute in den Bergen ohne Gewehre
+lassen?&laquo; setzte er dann entschieden hinzu, als
+er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand
+und dem Geräusch draußen horchte &mdash; &raquo;sollen sie
+Nichts haben womit sie die Bibel, ei womit sie ihren
+eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn
+fremde unverschämte Männer über das Wasser kommen
+und Brodfrucht mit Baum und Garten und Umgegend
+gleich dazu nehmen? &mdash; Bah &mdash; soviel für
+die Wi-Wis &mdash; sind ein paar gute darunter ja &mdash;
+aber nicht viel; Kanaka muß was in der Hand haben
+womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die
+Matten unter dem Rücken fort.&laquo;</p>
+
+<p>Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das
+auch vor dem Gatten zu verbergen suchte, fühlte tief
+im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene Schmach,
+ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute,
+wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller
+anderen Nationen dastehen müsse, wenn es keinen
+Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen,
+und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub
+treten lasse. Seine <span class="g">Flagge</span>? ein eignes, unsagbar
+schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als sie der Tahitischen
+Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und
+nicht den Muth hatte sie gehabt, Ren&eacute; danach zu
+fragen. Aber der Augenblick nahm ihre Aufmerksamkeit
+zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener
+Zeit gedenken zu können, und mit der Angst um
+Ren&eacute;, was er thun, was er sagen würde wenn er
+erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder
+ein eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen
+Männer nicht feige die Speere fortwerfen und
+in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der ihr
+theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne
+bieten wollten. Und der Erfolg? &mdash; sie seufzte wenn
+sie daran dachte, aber die Berge waren steil, die
+Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß
+schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein
+Haufen entschlossener Männer, nur einigermaßen gut
+bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren
+Feinde die Spitze bieten. &mdash; Aber Blut &mdash; Blut sollte
+in diesen Thälern fließen, in denen der Friede Gottes
+seit langen, langen Jahren ungestört geherrscht, und
+so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu vertheidigen,
+und wenn es das Leben Tausender koste,
+so weh und unheimlich war ihr das Gefühl dabei,
+jetzt selber an der Schwelle zu stehn, von der Blut
+und Verderben ausgehen mußte für so Viele.</p>
+
+<p>Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare,
+der sonst in seiner Bibel studirt, die Welt
+weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von ihr Nichts
+verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit,
+und <span class="g">die</span> selber fürchtete, wenn er sich Männer wie
+Bruder Aue und manche Andere dabei als leitende
+herrschende Wesen dachte &mdash; den kleinen friedlichen
+Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in
+stiller Nacht in die Berge zu schaffen, dem Aufruhr
+gegen offene Gewalt die Hand zu bieten &mdash; sie konnte
+es nicht fassen, nicht begreifen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Mitonare&laquo; sagte sie tief aufseufzend, denn
+ein eigenthümliches ängstliches Gefühl beklemmte ihr
+die Brust &mdash; &raquo;wenn die Männer zu den Waffen
+greifen, haben sie recht &mdash; die jungen Leute eines
+Stammes haben ihr Vaterland zu vertheidigen, denn
+Gott hat es ihnen gegeben als einen Platz ihn anzubeten
+und Gutes darauf zu thun, und wird es
+ihnen entrissen, so können sie die ihnen auferlegten
+Pflichten nicht mehr so vollständig erfüllen. Anders
+ist es jedoch mit den <span class="g">Lehrern</span> eines Volks, mit
+denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und
+der Liebe selber verkündigt haben, und noch verkündigen
+wollen; dürfen diese das Schwert auffassen und in
+den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem Bruder
+in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und
+erschlage die, die Dich angegriffen haben? &mdash; ach
+Mitonare, ich bin vielleicht nur eine thörichte Frau,
+die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und Befürchtungen
+quält, aber mir ist doch so gar weh zu
+Muth, und ich weiß nicht ob Du recht thust, auch
+nur um etwas derartiges zu wissen. Vater Osborne
+hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt
+daß wir unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes
+vertheidigen sollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen
+und haben ihm das Land weggenommen,&laquo; rief der
+Mitonare schnell &mdash; &raquo;Religion &mdash; ja das ist Alles
+recht schön und gut &mdash; Religion ist ein sehr gutes
+Ding, wenn man aber keinen Platz hat wo man sich
+hinsetzen und beten kann, hilft Einem auch die Religion
+Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an &mdash; sprach
+das der kleine gottesfürchtige Mitonare aus früherer
+Zeit, und waren nur wenige Jahre im Stande gewesen,
+eine so merkwürdige gewaltige Veränderung
+mit seinem ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?</p>
+
+<p>&raquo;Mi-to-na-re!&laquo; rief sie bittend.</p>
+
+<p>&raquo;Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind&laquo; sagte der kleine
+Mann gerührt, denn in dem einen Wort lag die
+ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit &mdash;
+&raquo;Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber
+anders geworden. Der alte Mann auf Atiu, mit
+dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht anders,
+man würde nur klug, wenn man das Alles
+einsähe, und das ist auch wohl vielleicht recht hübsch
+und nothwendig &mdash; aber glücklich wird man nun
+einmal nicht dabei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wir <span class="g">waren</span> glücklich auf Atiu&laquo; sagte
+Sadie, in stiller Wehmuth seine Hand ergreifend.</p>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo; flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein
+anderer Geist kam wieder über ihn &mdash; &raquo;recht glücklich
+waren wir &mdash; bis die Wi-Wis kamen &mdash; nicht der
+Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen &mdash; bis die anderen
+Priester kamen und uns sagten daß wir unsere
+alten Götter umsonst verworfen und uns dem neuen
+Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten daß wir
+auch ohne das hätten selig werden können, und nun
+nur beten müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus
+dem heißen Platz, aus dem Fegefeuer, herauszuholen.
+Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht mehr
+welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit
+auch wieder in alten Weg zurückgeführt
+hatte &mdash; es ist doch nicht mehr so wie früher, wir
+sind älter geworden und &mdash; ha &mdash; was war das? &mdash;
+Jemand ist an der Thüre.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird Ren&eacute; sein&laquo; rief Sadie.</p>
+
+<p>Die Klinke draußen wurde versucht.</p>
+
+<p>&raquo;Sadie &mdash; öffne schnell! ich bin es,&laquo; rief in dem
+Augenblick der junge Franzose vor der Pforte, die
+Mitonares vorsichtige Hand verriegelt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Segne mich&laquo; sagte aber Bruder Ezra erschreckt,
+während Sadie rasch hinzusprang dem Gatten zu
+öffnen &mdash; &raquo;warum kommt er nicht oben herein von
+der Straße &mdash; er muß sie gesehn haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was geht hier vor?&laquo; rief aber in diesem
+Augenblick Ren&eacute;, sein Weib und den Mitonare,
+die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend.
+&raquo;Was sind das für Leute hier im Garten und was
+tragen sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was für Leute?&laquo; frug Mitonare, in einer noch
+unbestimmten Absicht dem Wi-Wi die ganze Geschichte
+geradezu wegzuleugnen.</p>
+
+<p>&raquo;Was für Leute?&laquo; wiederholte Ren&eacute; erstaunt &mdash;
+&raquo;habt Ihr denn Nichts gehört und dicht unter dem
+Fenster hier huschten die Gestalten vorbei? &mdash; wo ist
+mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die
+Wache von nebenan wird auch gleich hier sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Wache?&laquo; rief Bruder Ezra erschreckt &mdash;
+&raquo;was weiß sie von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang
+rasch zurück als wir die verdächtigen Gestalten bemerkten,
+den Alarm zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter!&laquo; rief aber der Mitonare, und in
+die Thür springend hielt er die hohlen Hände an den
+Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten, aber
+doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen
+Schrei aus.</p>
+
+<p>&raquo;Was zum Teufel, Mitonare!&laquo; schrie aber Ren&eacute;
+auf ihn zuspringend und ihn zurückziehend &mdash; &raquo;was
+soll das heißen?&laquo; Der kleine Bruder Ezra leistete
+jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles
+ausgeführt zu haben was er wollte, und setzte sich
+jetzt nur dicht zum Fenster auf einen dort stehenden
+niederen Schemel &mdash; mit den hohen Stühlen konnte
+er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das
+Fenster gedrückt, still und aufmerksam nach außen, als
+ob er irgend einen Erfolg hier ruhig abzuwarten
+gedenke.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>Ren&eacute; hatte Belards Haus in einer Stimmung
+verlassen, die ihn gleichgültig gegen die Bahn machte
+die er einschlug, und eine halbe Stunde wohl schritt
+er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und
+jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch
+die Stadt führte, auf und ab. Die kühle Nachtluft,
+die mit dem frisch einsetzenden Westwind herüberwehte,
+scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn
+und machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte
+sich von einer Last befreit die ihn bis dahin gequält
+und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem Bewußtsein
+Alles gethan zu haben was in seinen
+Kräften stand, kehrte auch Ruhe und Frieden in sein
+Herz zurück.</p>
+
+<p>Das höher und höher steigende Wetter machte ihn
+endlich darauf aufmerksam, daß er die eigene Heimath
+suchen müsse, wenn er nicht von dem Sturm, den
+meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden
+wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut'
+Abend zu thun, und sorgte und ängstigte sich gewiß,
+wenn er länger ausblieb.</p>
+
+<p>Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und
+trat den Heimweg an; es war dicht vor dem Abendschuß,
+und als er die Brücke erreichte, die schon eine
+ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb
+Papetee über einen breiten jetzt aber seichten Bergstrom
+führte, hörte er wie eine Gruppe von Eingeborenen
+im eifrigen Gespräch dort zusammenstand
+und jedenfalls etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens
+Interessantes mitsammen verhandelte, denn
+sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und Ren&eacute;
+konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte
+dem Betragen einzelner ihrer Häuptlinge, vorzüglich
+Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien eine, den
+Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung
+eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei
+zugewandt hatten. Das Für und Wider wurde hier
+besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es die
+Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten,
+dem Einfluß der Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan
+haben möchten. Alle waren aber einig darüber
+daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen
+Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher
+Aufopferung um ihr Seelenheil bemüht. Dann
+kamen Zornesreden auf die Wi-Wis &mdash; Andeutungen
+über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge,
+und noch manche andere dunkle Worte die Ren&eacute;, als
+er am Beginn der Brücke stehn geblieben war den
+Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand &mdash; in der
+That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr
+als je daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren
+Mitte er gerade stand, zu entgehn, und die Brücke
+betretend, schritt er rasch darüber hin sein Haus zu
+erreichen.</p>
+
+<p>Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat,
+denn auf dem weichen Grasboden vorher hatte man
+seine Schritte nicht so leicht hören können, war die
+Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen
+wie mit einem Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ
+sich mehr vernehmen, und so überraschend schnell kam
+das Schweigen, daß Ren&eacute; wirklich einen Augenblick
+zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.</p>
+
+<p>&raquo;An meinem besohlten Schritt auf den Planken
+haben sie gehört daß ich ein Europäer bin&laquo; dachte er
+aber auch zu gleicher Zeit &mdash; &raquo;sie werden fürchten,
+behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt
+haben. Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen
+möchte,&laquo; und ohne selbst weiter an die Leute
+zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen, schritt
+er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr
+schmale, mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte
+eben die andere Seite der Uferbank, als er etwas
+neben sich regen sah, und sich auch in demselben
+Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und
+umspannt fühlte.</p>
+
+<p>Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich,
+denn er vermochte keinen Arm zu rühren, sein erster
+Gedanke aber auch, daß hier ein Versehen statt
+gefunden habe und er für einen anderen der Französischen
+Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem
+verwundeten Arm aber, an dem sie ihn so unsanft
+gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb,
+vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort
+hielt, auf Tahitisch:</p>
+
+<p>&raquo;Hab Acht Freund, Du drückst mich an der
+Schulter und ich habe dort eine noch nicht ganz vernarbte
+Wunde &mdash; laß mich los, wir können ruhig
+mit einander reden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber nicht ganz los&laquo; sagte der Eine, die Stimme
+war Ren&eacute; jedoch fremd.</p>
+
+<p>&raquo;Und warum nicht?&laquo; frug er dagegen, während
+der, der ihn an der verwundeten Schulter gehalten,
+diese frei gab und seinen Arm nur noch unten leise
+hielt &mdash; &raquo;was habt Ihr gegen <span class="g">mich</span>? &mdash; es ist doch
+wohl nur ein Versehen, daß Ihr <span class="g">mich</span> gerade angefallen
+habt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Versehen? &mdash; vielleicht&laquo; sagte der Eine vorsichtig
+ &mdash; &raquo;nicht viel zu sehen hier überhaupt &mdash;
+wie heißt Du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute; Delavigne, und wohne schon über Jahr
+und Tag hier in Mativai Bai unten am Strand in
+dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher
+bewohnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Alles in Ordnung&laquo; sagte ein Anderer der
+Leute.</p>
+
+<p>&raquo;Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt
+Ihr von mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Müssen Dich erst noch sprechen &mdash; komm herein
+in das Haus hier &mdash; thun Dir Nichts&laquo; sagte der
+Erste wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ich fürchte Euch nicht,&laquo; entgegnete trotzig der
+junge Franzose, &raquo;habe aber keine Lust mich von Euch
+hinschleppen zu lassen, wohin es Euch beliebt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bist Du ein Freund von Kanaka?&laquo; frug ein
+Dritter jetzt, der bis dahin noch nicht gesprochen.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich's <span class="g">nicht</span> wäre hätte ich schon um
+Hülfe gerufen, und Euch den Französischen Posten
+auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt
+von hier entfernt auf der Straße liegt&laquo; entgegnete
+mürrisch Ren&eacute;.</p>
+
+<p>&raquo;Hm, wenn das lauter Beweis ist&laquo; lautete die
+etwas mißachtende Antwort &mdash; &raquo;Schreien kann man
+einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier
+zum nächsten Haus &mdash; gleich am Wasser dran &mdash;
+wollen was mit Dir sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte
+die mich eilig nach Hause rufen&laquo; sagte Ren&eacute; ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Deshalb gerade&laquo; lachte der erste Sprecher &mdash;
+&raquo;komm Freund, Du <span class="g">mußt</span> &mdash; weißt Du, dann kann
+man nicht anders.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da hast Du recht, Kamerad&laquo; erwiederte Ren&eacute;,
+jetzt auch lächelnd über den praktischen Humor des
+Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine
+Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide
+thun wollen, wäre hier ein eben so guter Platz dazu
+gewesen, als irgendwo anders &mdash; aber <span class="g">was</span> wollte
+man von ihm? &mdash; &raquo;Gut&laquo; sagte er nach kurzem
+Ueberlegen &mdash; &raquo;ich will Euch folgen, aber dann
+müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich ungehindert
+wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein
+zu Hause und muß zu ihr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Maitai, maitai&laquo; riefen die Eingeborenen rasch
+und freudig, da sie sahen daß der Gefangene ihnen
+die Sache so leicht und bequem machte &mdash; &raquo;soll Dir
+Nichts geschehn, Freund &mdash; blos warten ein Bischen
+blos warten&laquo; &mdash; und ihn führend, ohne aber für
+jetzt seine Arme noch frei zu geben, gingen sie mit
+ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf,
+wo etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt,
+ein kleines Dorf tief versteckt zwischen Fruchtbäumen
+und Palmen lag.</p>
+
+<p>Ren&eacute; folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen
+Grund aber nur, weil er eins seiner Terzerole,
+gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich das
+Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit
+verderben wollte. So, anscheinend als gute Freunde,
+konnte er seine Zeit abwarten, und bekam er erst einmal
+den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei,
+daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ
+sich eher mit den Leuten sprechen. Eine Absicht hatten
+sie jedenfalls ihn hier aufzuhalten, und eine ihm
+günstige konnte es auch nicht sein, also je eher er sich
+wieder frei machte, desto besser.</p>
+
+<p>Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste
+Haus erreicht, und die Thür öffnend, trat der Erste
+der Eingeborenen zurück, ließ Ren&eacute;'s Arm los und
+bat ihn hinein zu gehn &mdash; er habe Nichts für sich zu
+fürchten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich fürchte auch Nichts, Kamerad&laquo; sagte der
+junge Mann, seinen rechten Arm ausstreckend, den
+Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand
+dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften
+Rock schiebend, &raquo;aber ich möchte Dich auch bitten
+mich jetzt wieder frei zu lassen, und da etwas aus
+dem Weg zu gehn, sonst &mdash;&laquo; und er riß das Terzerol,
+das er in demselben Augenblick spannte, aus der
+Tasche und hielt es dem Eingeborenen entgegen &mdash;
+&raquo;möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu
+vertreiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah?&laquo; sagte der Insulaner ruhig, während sich
+die Andern etwas scheu hinter ihn zurückzogen, er
+selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in der
+Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah &mdash; &raquo;hast
+Du so was auch in der Tasche? &mdash; hätten eigentlich
+nachsehen sollen, denken aber immer nicht an die
+kleinen Dinger; aber schadet Nichts &mdash; schießt Du
+mich, sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab
+und werfen Dich in's Wasser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du nimmst's kaltblütig&laquo; lachte Ren&eacute; mit einem
+Blick den inneren Raum der Hütte überfliegend. Am
+andern Ende derselben saßen fünf oder sechs Frauen
+und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme,
+dort aber konnte er keine Thür weiter erkennen, nur
+eine einzige starke Bambuswand umzog das Haus,
+und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches
+entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal
+entscheiden konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht Kamerad &mdash; es könnte mir nicht
+viel helfen, wenn ich Dir eine Kugel durch den Kopf
+jagte &mdash; drei Andere wären noch da mich aufzuhalten
+ &mdash; aber <span class="g">Dir</span> eben auch nicht. Ihr habt mich
+in aller Stille hier aufgehoben und hierhergebracht,
+jedes auffällige Geräusch zu vermeiden; ich aber verlange
+jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir sagt
+was Ihr von mir wollt <span class="g">oder</span> &mdash; ich gebrauche doch
+hier diese Waffe, die mit donnerndem Mund durch
+die Nacht spricht und jedenfalls Hülfe herbeiholt von
+meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und
+weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?&laquo;</p>
+
+<p>Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der
+Waffe getrotzt, hatten in der That nicht an den
+Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen
+würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem
+Geschütz herrührend verwechselten; jedenfalls mußte
+ihnen diese Drohung wichtiger als die erste dünken,
+denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander,
+ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen
+zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst nicht bei uns bleiben?&laquo; frug der Eine
+ihn jetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Gutwillig nicht &mdash; Ihr sagt mir denn sonst
+weshalb.&laquo;</p>
+
+<p>Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die
+leise und flüsternd geführte Berathung war eigentlich
+von größerer Wichtigkeit für Ren&eacute;, als er ihr vielleicht
+zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der
+That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die
+angeborene Gutmüthigkeit der Stämme aber &mdash; vielleicht
+auch die Vorsicht die sie bis jetzt auffällig mit
+den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu
+einen direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden
+ließ, weil sie wohl fühlten wie sie auf einem Punkt
+standen, wo der erste Schlag, der erste vergossene
+Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden
+mußte auf Leben und Tod, schien hier zu Ren&eacute;'s
+Gunsten zu sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen Dir kein Leides thun&laquo; sagte der
+eine Insulaner, der Einzige der im Licht stand, dessen
+Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und der von
+einem anderen Theil der Insel hergekommen sein
+mußte &mdash; &raquo;unser Zweck war nur Dich eine kurze Zeit
+bei uns zu behalten, wenn Du das nicht willst magst
+Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu
+Nacht essen &mdash; Du sollst nicht sagen können daß wir
+Dich in eine unserer Wohnungen geführt, und Dich
+hungrig wieder hinausgelassen haben.&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; lachte laut auf über die unverhoffte und
+wunderliche Einladung, und doch lag aber auch
+wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es, vielleicht
+auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen
+nicht abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber
+noch immer gespannt in der Hand forderte er dann
+von seinem freundlichen Wirth das Versprechen, ihn
+augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert
+ziehn zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verspreche Dir das&laquo; sagte der Eingeborene,
+&raquo;und zum Beweis daß ich Dir traue, wie Du mir
+trauen kannst, ist hier die Thür offen &mdash; wir halten
+Dich nicht mehr &mdash; aber&laquo; setzte er dann etwas leiser
+und mit einem eigenen Ausdruck in der Stimme
+hinzu &mdash; &raquo;wenn Du Freund von Kanaka bist, wirst
+Du's beweisen können heut'.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut denn&laquo; lachte Ren&eacute;, sein Terzerol sorglos
+in Ruh setzend und in die Tasche zurückschiebend &mdash;
+&raquo;so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn daß
+ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben
+mögt, Ehre mache.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der
+Männer und den feindlichen da gewechselten Worten
+und Drohungen scheu zurückgezogen hatten in den
+entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die
+friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als
+sie, freilich immer noch schüchtern, hervorkamen, und
+nur erst Leben gewannen, als ihnen die Männer zuriefen
+&raquo;den Tisch zu decken.&laquo; Schon bereit gehaltene
+Blätter wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet,
+wo schon Matten lagen für die Neugekommenen
+und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet
+saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf
+Leben und Tod entgegengestanden und deren Leben
+an dem Gedanken des Einen oder Andern gehangen,
+sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht
+die aufgetragenen Speisen zu beseitigen.</p>
+
+<p>Und Ren&eacute; war der Fröhlichste unter ihnen; so
+wild und weh ihm noch kurz vorher ums Herz gewesen,
+so vollkommen hatte das eben bestandene kleine
+Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner
+ganzen Lage und Umgebung, jeden trüben Gedanken
+abgestreift von seinem Geist; das leichte fröhliche Blut,
+das seinem ganzen Körper jene unendliche und nicht
+zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt
+und nur dem Augenblick gab er sich hin in sorglosem
+Muth, der dem Morgen, was er auch bringen mochte,
+keck und unbekümmert ins Auge sah.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er
+nothwendig brauchte sein Abendbrod zu verzehren;
+an einem der noch aufgehäuften reinen Hibiscusblätter
+trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte
+jetzt, aufstehend, den Heimweg antreten zu
+wollen. Fast wider sein Erwarten, denn er war nicht
+immer gewohnt bei den <span class="g">civilisirten</span> Indianern
+Treu und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand
+daran, sein Wirth selber öffnete ihm freundlich und
+lächelnd die Thür, und nach herzlichem Abschied, als
+ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und
+nicht als Gefangener vor kaum einer halben Stunde
+diese Schwelle betreten hätte, verließ er das Bambushaus
+ &mdash; kopfschüttelnd dabei, was das räthselhafte
+Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten
+gehabt.</p>
+
+<p>Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder
+unter sich, zu dem er sich, am Ufer des Baches nieder,
+hatte hinunterfühlen müssen, als er so rasch den
+Heimweg antrat, als ihn seine Füße tragen wollten.
+Weshalb hatten ihn die Insulaner aufgehalten? und
+stand das am Ende gar in irgend einer Verbindung
+mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches
+fatales Gefühl, und das gespannte Terzerol
+in der Hand, einem etwaigen neuen Angriff
+nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er
+mehr als er ging, den, zwar sehr betretenen, aber
+doch schmalen und dunklen Pfad entlang, der ihn
+zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann
+durch den noch düsterern Grund eines mit Wi- und
+Mapebäumen besetzten Thales führte. Mit diesem
+Thal näherte er sich aber mehr und mehr dem eigenen
+Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die
+Büsche schimmern zu sehn, als er plötzlich durch ein etwas
+barsches und gar nicht weit entferntes &raquo;<span class="f">Qui vive!</span>&laquo;
+fast erschreckt und in seiner Bahn gehemmt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Kamerad&laquo; sagte er aber lachend, sobald
+er die Antwort gegeben und durch den hier so dicht
+bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt so
+weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches
+konnte vorgefallen sein &mdash; &raquo;Ihr liegt ja hier förmlich
+im Hinterhalt und könntet nervösen Personen den
+Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so plötzlich angeschrien
+würden; aber lieb ist mir's daß ich Euch
+hier finde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr irgend etwas gesehn?&laquo; frug der
+Soldat rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Gesehn? &mdash; nein&laquo; sagte Ren&eacute; nach kurzem Bedenken,
+er wollte nicht als Ankläger gegen die sich
+auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen
+auftreten, &raquo;aber paßt gut auf, Kamerad &mdash; Ihr habt
+es mit listigen und der Waldwege gewohnten Burschen
+zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen sollten
+in späterer Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat Nichts zu sagen&laquo; lachte der junge Soldat,
+&raquo;meine Augen sind frisch, Kamerad, und mein Gehör
+so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht
+mir Nichts &mdash; aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier
+auf der Wacht einen gewaltigen Freundschaftsdienst
+erweisen, wenn Ihr's nämlich bei Euch führt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das wäre? von Herzen gern wenn ich's
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den
+einen, der hinunter an den Strand postirt ist, sein
+Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht
+eine Pfeife voll Taback zwischen uns &mdash; alle fünf &mdash;
+wenn Ihr nur die geringste Quantität &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade,&laquo;
+sagte Ren&eacute; freundlich, &raquo;aber ein ganzes Pfund dicht
+daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt
+Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, steht er
+Euch gern zu Diensten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich selber darf nicht vom Posten&laquo; rief der
+Soldat fröhlich, &raquo;aber ich geb' Euch einen meiner
+Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch Aussicht
+auf eine Pfeife&laquo; &mdash; und rasch der vielleicht zwanzig
+Schritt vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend
+rief er von dort einen der da drin auf der Matte
+schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den Landsmann
+zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang
+zu nehmen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt,
+denn von dort schnitt ein ihm wohlbekannter, etwas
+näherer schmaler Fußpfad durch ein weites unbebautes
+und mit hohen Cocospalmen bewachsenes
+Grundstück nach seinem eigenen Garten hinüber, der
+von hier kaum mehr wie fünf- oder sechshundert
+Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge
+Französische Soldat, ohne es selbst der Mühe werth
+zu halten sein Gewehr mitzunehmen, begleitete. Die
+Insulaner hatten sich bis jetzt nicht allein so friedlich,
+nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, daß keiner
+der Soldaten an einen Zusammenstoß mit ihnen auch
+nur dachte. All' diese Vorsichtsmaßregeln, besonders
+die am Strand hin aufgestellten einzelnen Posten
+galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern
+sollten einzig und allein dazu dienen die Mannschaft
+der im Hafen liegenden fremden Schiffe zu verhindern
+an heimlichen Stellen zu landen und die Eingeborenen,
+was man besonders von den Engländern
+fürchtete, nicht allein gegen die neuen Herren des
+Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch Waffen und
+den fast für den Frieden der Küste ebenso gefährlichen
+Branntwein zuzuführen.</p>
+
+<p>Rasch und schweigend, Ren&eacute; voran, waren sie
+den Pfad entlang geschritten, der hier zu schmal zwischen
+dem dicht aufwuchernden Unkraut hinlief, zweien
+neben einander Raum zu geben, und Ren&eacute; hatte eben
+die Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten
+trennte, und die Hand darauf gelegt hinüber zu
+steigen, als er sich etwas darin regen sah, und gleich
+darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit
+irgend einer schweren Last, rasch aber geräuschlos
+vom Strande aufwärts, dicht unter den Fenstern
+seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun
+lag allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in
+dem er sich morgen einzuschiffen gedachte, aber er
+hatte noch Nichts von seinen Sachen eingeladen, also
+auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief
+einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber
+wollten die Leute da? &mdash; was trugen sie?</p>
+
+<p>&raquo;Was ist da?&laquo; flüsterte jetzt der Soldat hinter
+ihm, der noch Nichts sehen konnte, aber ein Geräusch
+zu hören glaubte, &raquo;irgend etwas Verdächtiges?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verdächtiges? &mdash; ja&laquo; flüsterte Ren&eacute; zurück &mdash;
+&raquo;ich kann nur noch nicht recht daraus klug werden &mdash;
+bst &mdash;&laquo; sagte er plötzlich, den Arm des Soldaten
+fassend, &raquo;da kommt noch Einer.&laquo; Dieser glitt etwas
+weiter nach vorn, und deutlich konnten sie erkennen,
+daß hier im Dunkel der Nacht irgend etwas ausgeführt
+wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei
+ihm im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib
+schien keine Ahnung von dem zu haben was unter
+ihrem Fenster vorging, und wenn auch Ren&eacute; nicht
+glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen
+ihn selber beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel
+zu unheimlich aus, ihm hier draußen Ruhe zu lassen.
+Dem Soldaten also zuflüsternd daß er hinüberspringen
+wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet
+zu untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den
+Augenblick, wo der letzte Träger hinter dem Haus
+verschwunden war, stieg leise über die Fenz, und glitt
+rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während
+der Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer
+blieb und sich erst dann, als er wieder Schritte vom
+Wasser herauf hörte, so still wie er konnte zurückzog,
+die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher
+Weise noch nicht von dem doch zu diesem Zweck
+unten aufgestellten Posten alarmirt worden war,
+herbei zu holen.</p>
+
+<hr class="hr45" />
+
+<p>An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag,
+wenn auch nur unter Deck, eine besondere Thätigkeit
+geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich, wer
+das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das
+kaum hätte vermuthen dürfen. An Deck trieben sich
+ein paar Matrosen schläfrig herum, oder stiegen
+langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein
+Tau nachzusehn oder eine zersprengte Weveling<a name="FNanchor_F_6" id="FNanchor_F_6"></a><a href="#Footnote_F_6" class="fnanchor">[F]</a>
+auszubessern, höchst aufmerksam jedoch stets signalisirend,
+wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu
+nah kam, wo dann jedesmal das Klopfen und Hämmern
+in seinem Bauch schwieg, und Mac Rally
+vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte,
+nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_F_6" id="Footnote_F_6"></a><a href="#FNanchor_F_6"><span class="label">[F]</span></a> Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern
+dienen.</p></div>
+
+<p>Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben
+an Deck &mdash; die Leute beschäftigten sich mit einem
+der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem
+Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten
+Gestell gehaltenen Boote, und nahmen es mehr nach
+vorn, etwa midschips, um es nachzusehn. Hoch
+postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an
+Backbordseit, diente es zugleich dazu den weiter in
+der Bai liegenden Schiffen die Aussicht auf sein
+Deck, die überdies in der rasch einbrechenden Dunkelheit
+unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch
+nach Land zu war ein Ueberblick an Deck durch dort,
+wie zufällig, aufgehangene Matrosenwäsche theils,
+theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier Fässer
+waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden
+und mit Tauen umwunden, um, sobald die Nacht
+vollständig eingebrochen sei, über Bord gelassen zu
+werden.</p>
+
+<p>Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber
+auch gar nicht zu seinem von O'Flannagan angegebenen
+Unternehmen wünschen können, das in nichts
+Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre
+mit der nöthigen Munition, wie eben so viele Säbel, an
+den durch den Iren selber bestimmten Ort zu schaffen.
+Da man aber wußte daß die Küste an diesem Abend
+schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem
+Wasser gehendes Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen
+können, waren die Waffen in gewöhnliche
+Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet
+worden, und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben
+nur so weit belastet, daß sie im Wasser, kaum drei
+oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend, schwammen.
+Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig
+als sie zu steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord
+befindliche Indianer mitgegeben waren, die sie ebenfalls
+schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender
+Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in
+der That nur durch einen ganz schmalen schwarzen
+Streifen von der es umgebenden Wasserfläche unterschied,
+unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon
+durch die Korallen auf etwa hundert und funfzig
+Schritt abgehalten wurde, erkannt werden. Mit der
+Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da,
+daß die Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur
+Jemand an Land die Aufmerksamkeit der dicht bei
+der eigentlichen Landung stationirten Schildwacht
+ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose,
+durch dessen Garten die Fracht geschafft werden
+mußte, entfernt oder für ihr Unternehmen gewonnen
+werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan selber,
+das zweite Mr. Noughton &mdash; wie er sagte &raquo;<span class="g">durch
+seine Freunde</span>&laquo; &mdash; übernommen.</p>
+
+<p>Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in
+diesen Breiten ziemlich regelmäßig um sechs Uhr
+das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am Strand
+eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm,
+langsam auf der harten sandigen Fläche auf und ab.
+Mißtrauisch wohl manchmal nach Westen hinüberschauend,
+wo über den scharfzackigen Kuppen von
+Imoe schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen,
+hinter denen die Sonne schon eine ganze Weile verschwunden
+war, fesselte das ihn umgebende prachtvolle
+Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine
+Aufmerksamkeit, und nicht satt sehen konnte er sich
+an den weißen schäumenden Massen, die in dumpfem
+Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's
+Neue mit ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten
+und ihre blitzenden schneeigen Kronen dem Feind in's
+Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen
+über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh
+geschüttelten Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm
+herüberwehte, das leise Plätschern des kaum erregten
+Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth
+fiel und das Wasser weiter und weiter nach See
+zurückwich &mdash; es war ihm froh und leicht um's Herz,
+und fast vergessend daß er hier eigentlich her postirt
+war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar
+nicht gehörender, feindlicher Körper, summte er sich
+doch ein munteres Lied und athmete die kühle würzige
+Luft ein &mdash; der Brust ein herrliches Gefühl nach dem
+schwülen dumpfigen Tag.</p>
+
+<p>In jenen Ländern kennt man die Dämmerung
+kaum; der letzte Gluthenstreif der Sonne ist eben
+hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten
+treten schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller
+blitzen sie uns, wie es scheint fast die Nachbarlichter
+an dem eigenen Strahl entzündend, weiter und weiter
+der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend
+wie sie oben stehn; &mdash; so nicht fünfzehn Minuten später
+hüllt wirkliche Nacht die Erde ein, während noch der
+hellere Streif im Westen die Stelle kündet wo die
+Sonne kaum verschwunden.</p>
+
+<p>In der kurzen Dämmerung die dem scheidenden
+Tage folgte, war es, als ein Seemann, wenigstens
+der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein rothseidenes
+Tuch eingeknüpften Bündel am Strande
+suchend heraufkam, und seine Aufmerksamkeit ganz
+auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von dort
+her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte
+ihn zuerst bemerkt als er über den benachbarten
+Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf ihn
+geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe,
+besonders der Englischen, streiften in der ganzen
+Nachbarschaft umher und mußten doch alle mit dem
+um acht Uhr gefeuerten Abendschuß Papetee wieder
+verlassen haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe
+zurückgekehrt zu sein; es war Zeit daß der Mann
+dorthin aufbrach, er verpaßte sonst die Stunde, und
+konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen
+Hängematte, in dem Französischen Wachthaus zubringen
+ &mdash; eine Abkühlung für die Freuden des
+Tages.</p>
+
+<p>Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach
+Papetee zurückzuwollen, denn langsam am Ufer hinschlendernd,
+wobei er sich der Schildwacht mehr und
+mehr näherte, blieb er manchmal stehn und erwartete
+jedenfalls ein Boot von See her, das vielleicht versprochen
+hatte ihn hier abzuholen. So wenigstens
+erklärte sich die Schildwacht die Bewegungen des
+Mannes.</p>
+
+<p>Endlich mußte dieser &mdash; und es war fast dunkel
+indessen geworden &mdash; zu einem andern Entschluß gekommen
+sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie ärgerlich
+und ungeduldig mit dem Fuß, und schritt
+dann, dabei alle möglichen Englischen Flüche in den
+Bart murmelnd, gerade auf den Franzosen zu, der
+jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die einbrechende
+Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte,
+zu sehen was der Bursche von ihm wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Mate&laquo;<a name="FNanchor_G_7" id="FNanchor_G_7"></a><a href="#Footnote_G_7" class="fnanchor">[G]</a> redete er den Soldaten in
+breitem Irisch an, als er in Sprachnähe etwa herangekommen
+ &mdash; &raquo;kein Boot gesehen hier, seit Du da
+stehst und die Muskete spazieren trägst?&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_G_7" id="Footnote_G_7"></a><a href="#FNanchor_G_7"><span class="label">[G]</span></a> Kamerad.</p></div>
+
+<p>&raquo;<span class="f">Je ne comprends pas, camarade</span>&laquo; lachte der
+Franzose, mit dem Kopf schüttelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist todt?&laquo; frug der Ire, mit komischem
+Ernst den Franzosen erstaunt ansehend.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="f">Je ne comprends pas &mdash; rien du tout &mdash;
+notting!</span>&laquo; erwiederte aber die Wacht halb mürrisch
+über die wiederholte Frage, und das einzige Englische
+Wort verunstaltend, das sie vielleicht konnte &mdash; &raquo;geh
+hinunter nach Papetee &mdash; bis Du hinunter kommen
+kannst wird der Abendschuß gefeuert, und nachher
+sitzest Du da.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ahem&laquo; nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von
+dem Allen verstand &mdash; &raquo;er wird's wohl nicht haben
+ändern können. Aber verdammt, das ist langweilige
+Arbeit, wenn der Bursche auch kein Wort Englisch
+versteht &mdash; wie mach' ich ihm da begreiflich was
+ich will &mdash; ist doch horndummes Volk die Wi-Wis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="f">Prenez garde!</span>&laquo; rief der Posten drohend, der
+die letzten nur zu gut gekannten Sylben wohl verstanden
+hatte, und sich denken konnte daß der Fremde
+ärgerlich darüber sei sich nicht ausdrücken zu können
+und für sich schimpfe &mdash; &raquo;wahr' Dich wie Du das
+Wort hier brauchst Kamerad.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann versteht Ihr vielleicht die Landessprache&laquo;
+rief Jim O'Flannagan, denn er war es, jetzt rasch
+ &mdash; &raquo;auf Tahitisch wär' es wenigstens eine Aushülfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tahitisch nicht gerade&laquo; antwortete der Franzose
+ihm in einem anderen, aber doch verständlichen Dialekt
+ &mdash; &raquo;ich bin fast ein Jahr auf den Marquesas-Inseln
+gewesen, und es hat Aehnlichkeit &mdash; aber
+was wollt Ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Boot, Mate&laquo; brummte der Ire, &raquo;mein
+Kamerad hat versprochen mich hier abzuholen, und
+jetzt läßt er mich sitzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nebenan ist heute ein Canoe angefahren&laquo; sagte
+der Franzose.</p>
+
+<p>&raquo;Hol' die Canoe's der Teufel&laquo; knurrte Jim &mdash;
+&raquo;wenn man am festesten sitzt, klappen sie um manchmal,
+wie die Taschenmesser &mdash; nein eine ordentliche
+reguläre Schiffsjölle mit rothem Segel &mdash; nichts gesehn, Kamerad?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht die Probe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verflucht&laquo; brummte der Ire, &raquo;aber kommen
+<span class="g">muß</span> er noch, denn er darf nicht ohne mich an
+Bord zurück &mdash; Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, Kamerad?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der wäre?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bündel hier
+einen Augenblick herzulegen? ich traue dem rothen
+Gesindel nicht recht, ich habe Geld d'rin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nimmst Du's nicht lieber mit?&laquo; frug
+der Posten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich muß doch hierher wieder zurück, wenigstens
+noch einmal nachzusehn ob das Boot nicht kommt &mdash;
+nachher geh' ich die Straße hinunter in die Stadt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und kommst zu spät zum Abfahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bin bekannt dort&laquo; lachte der Andere &mdash; &raquo;im
+schlimmsten Fall find' ich Nachtquartier &mdash; ich bin
+gleich wieder unten,&laquo; und ohne eine halbe Einwendung
+des Franzosen dagegen weiter zu hören, legte
+er sein Bündel gleich neben den Stamm einer dicht
+am Strand stehenden Palme, deren faserige Wurzeln
+von dem Wellenschlag vollkommen bloß gespült
+waren, und schritt in das Gebüsch hinein, das dort
+allerdings der Straße zuführte.</p>
+
+<p>&raquo;Diable&laquo; brummte aber auch seinerseits der
+Posten, &raquo;giebt einem da Aufträge ohne weitere
+Umstände &mdash; werde mich aber verwünscht wenig um
+sein Tuch kümmern. Boot? &mdash; ein Boot darf mir
+jetzt gar nicht mehr landen nach Dunkelwerden;
+verdammt unverschämtes Volk diese Englischen Matrosen.&laquo;
+Und wie den Aerger zu verjagen setzte er
+pfeifend wieder seine Wandrung am Strande auf
+und nieder fort.</p>
+
+<p>Jim war aber nicht nach der Straße hinaufgegangen,
+sondern mit jedem Fußbreit Boden, den er
+den Tag über genau recognoscirt, vollkommen vertraut,
+in den Büschen, zwischen dem Posten und der
+oben aufgestellten Wache durchgeschlichen, und einer
+etwas weiter oben auslaufenden Korallenspitze zugeeilt,
+wo man allerdings, der fast bis an die Oberfläche
+reichenden Korallen wegen mit einem Boote
+nicht landen, die schmale Durchfahrt aber innerhalb
+der Riffe, desto besser übersehen konnte. Dort lag er,
+bis er vom Wasser aus das verabredete Zeichen der
+vorbeitreibenden Fässer erhielt, deren dunkle Umrisse
+er von hier aus kaum im Stande war zu unterscheiden.
+Unten, wo der Posten stand, trieben sie so
+viel weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb
+kaum zu fürchten, sobald nur das Ausladen geräuschlos
+genug betrieben wurde.</p>
+
+<p>Vollkommen befriedigt über das was er gesehn,
+lag er noch einige Minuten still, das eigenthümliche
+Floß mit seinen dunklen Geleitern erst etwa in einer
+Höhe mit der Schildwacht zu lassen, kroch dann den
+Weg den er gekommen zurück, und ging nun, in den
+Büschen wieder angelangt, und durch diese mit
+einigen halblauten, für das Ohr des Posten bestimmten
+Flüchen durchbrechend, gerade wieder auf
+die Palme zu wo sein Bündel lag.</p>
+
+<p>&raquo;Kein Boot gekommen?&laquo; frug er hier, dicht bei
+dem Französischen Soldaten stehn bleibend, nahm
+dabei eine Cigarre aus der Tasche, schlug mit Stein
+und Stahl Feuer und zündete sie an.</p>
+
+<p>&raquo;Nein&laquo; sagte der Soldat, dem der Tabacksqualm
+gut roch, der aber den Engländer nicht deshalb anreden
+mochte &mdash; &raquo;jetzt wär's auch zu spät, ich dürft'
+es gar nicht mehr an's Ufer lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hol's der Böse, ich komme auch ohne es an
+Bord &mdash; eine Cigarre Kamerad?&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei
+nach dem Wasser hinüber; sein scharfes Ohr hatte
+von dorther ein Geräusch entdeckt.</p>
+
+<p>&raquo;Danke&laquo; sagte der Franzose, die Cigarre nehmend
+und an der des Iren entzündend &mdash; &raquo;Taback &mdash;
+schmeckt &mdash; prächtig &mdash; wenn &mdash; man &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat sie keine Luft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke &mdash; geht schon &mdash; wenn man ihn lange
+nicht gehabt hat &mdash; so, danke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm&laquo; sagte der Ire, sein Bündel wieder aufnehmend,
+er that dabei langsam ein paar Schritte an
+der Wache vorbei und blieb dann wieder stehn.</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht Kamerad&laquo; sagte der Franzose.</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht &mdash; hm, ja &mdash; gute Nacht Mate&laquo;
+entgegnete Jim &mdash; das Floß hätte jetzt schon gut an
+Ort und Stelle sein können, und doch war's ihm
+immer, als ob er ein verdächtiges Geräusch gerade
+gegenüber auf dem Wasser höre; hinaushorchen durfte
+er aber auch nicht, sonst wäre der Posten ebenfalls
+darauf aufmerksam geworden. Er <span class="g">mußte</span> noch einen
+Augenblick zögern, und drückte sein Cigarrenfeuer zwischen
+den Fingern aus, that dann ein paar Schritte,
+blieb stehn, zog wieder, und wollte eben zurückgehn
+den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieser
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Da draußen wird Euer Boot kommen &mdash; mir
+war als ob ich etwas auf dem Wasser hörte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wäre der Teufel&laquo; brummte Jim in Englisch,
+setzte dann aber sogleich auf Tahitisch hinzu:
+&raquo;würden jetzt schwerlich glauben daß ich noch hier
+bin &mdash; wird wohl ein Fisch gewesen sein.&laquo;</p>
+
+<p>Der Soldat horchte.</p>
+
+<p>&raquo;Dürft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer
+bitten&laquo; sagte Jim wieder zu ihm tretend.</p>
+
+<p>&raquo;Gern &mdash; wahrhaftig da war wieder etwas.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es sind hier viel Purpoisen im Wasser und
+machen dann immer einen merkwürdigen Spektakel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war kaum ein Fisch&laquo; sagte der Soldat,
+jetzt vollständig alarmirt und sich niederkauernd, besser
+über die Fläche sehn zu können, ob er nicht doch vielleicht
+durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke &mdash;
+&raquo;müßte mich sehr irren, wenn das nicht wie eine
+Menschenstimme klang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht Fischer die noch draußen sind&laquo; sagte
+der Ire, sich jetzt ebenfalls niederkauernd, dem was
+man hörte Form abzugewinnen, in der That aber
+dem Soldaten, falls dieser wirklich laut werden
+wollte, so nah als möglich zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Ruft doch einmal Euer Boot an&laquo; sagte jetzt
+der Soldat zu Jim, &raquo;da werden wir gleich sehen
+wer draußen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Das war allerdings richtig, aber daran lag dem
+Iren Nichts hier Lärm, und die Soldaten an der
+Straße nur ebenfalls aufmerksam zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Es kann das Boot nicht mehr sein&laquo; brummte
+er kopfschüttelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Diable&laquo; murmelte der Franzose, &raquo;ich glaube
+wahrhaftig ich sehe dort etwas auf dem Wasser &mdash;
+ruf Kamerad, ich <span class="g">muß</span> wissen was da draußen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Jim konnte sich nicht länger weigern und die
+Hände trichterförmig an den Mund haltend, daß der
+Schall so wenig wie möglich rückwärts ginge, rief
+er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Boot ahoy!&laquo;</p>
+
+<p>Keine Antwort erfolgte.</p>
+
+<p>&raquo;Lauter!&laquo; sagte der Soldat.</p>
+
+<p>&raquo;Boot ahoy&laquo; rief Jim noch einmal, ohne daß sich
+von draußen irgend etwas als Antwort hören ließ;
+ja es schien eher als ob der Laut das da drüben,
+was es nun auch gewesen, zurückgescheucht habe in
+die Tiefe, aus der es vielleicht gekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Du rufst gerade als wenn man in einen Topf
+spricht&laquo; brummte der Soldat &mdash; &raquo;das kann man ja
+nicht auf fünf Schritt hören.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin heiser&laquo; sagte Jim &mdash; &raquo;aber es war
+auch jedenfalls ein Fisch &mdash; jetzt ist Alles wieder
+todtenstill.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht &mdash; vielleicht auch nicht, &mdash; da ist's
+wieder! <span class="f">qui vive!</span>&laquo; rief er dann mit lautem, kurz
+abgestoßenem Ton über das Wasser hinüber, &raquo;Teufel
+wenn Du mir da drüben nicht antwortest, schick' ich
+Dir eine Kugel hinüber.&laquo;</p>
+
+<p>Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und
+stand lautlos nicht zwei Schritt von dem Franzosen,
+er sah sich scheu und rasch um, und die linke Hand
+faßte wie krampfhaft das Bündel das sie trug.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihr denn da drüben nicht antworten
+wollt, so tragt auch die Folgen&laquo; brummte der Soldat
+vor sich hin und spannte den Hahn &mdash; Jim stand
+dicht hinter ihm, seine rechte Hand hob sich und
+als er sie senkte rasselte das Gewehr auf den Sand
+nieder, und der Körper des unglücklichen Franzosen
+brach lautlos zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast's nicht anders haben wollen&laquo; sagte der
+Mörder dumpf vor sich hin und beugte sich zu seinem
+Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in seiner
+Tasche nach etwas gesucht &mdash; er zog aber die Hand
+wieder zurück und lächelte unheimlich: &raquo;er braucht
+keinen Knebel mehr; 's giebt doch nichts besseres auf
+der Welt als solche Schlingenkugel für derlei Arbeit
+ &mdash; was für einen sanften Tod der Schuft gestorben
+ist. Aber nun Kamerad, Dein Gewehr und Patrontasche
+ &mdash; das Seitengewehr hilft Dir auch nichts
+mehr, und hier oben können wir's vielleicht brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen,
+dann noch einen Augenblick nach dem
+Wasser hinüberhorchend zog er die Leiche unter einen
+Busch, wo sie wenigstens nicht vor Tag entdeckt
+werden konnte, griff sein Tuch und die erbeuteten
+Waffen auf, und glitt am Strande hin der Stelle zu
+wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Floß
+mit den Waffen ebenfalls anlegen sollte. Den Boden
+stampfte er aber vor Wuth, als noch keine Spur von
+den versprochenen Fässern sichtbar war, und die kostbare
+Zeit verfloß indeß in unverantwortlichem Warten.
+Schon wollte er wieder zurück am Strande, ob er
+weiter oben Nichts erkennen könne, als ein leiser
+leiser Pfiff, mehr wie das Zischen eines Seevogels,
+vom Wasser herübertönte.</p>
+
+<p>&raquo;Endlich&laquo; knurrte der Seemann, die Zähne fest
+zusammenbeißend und wie er den Ruf kaum, eben so
+vorsichtig, beantwortet, kam auch schon im Fahrwasser
+das lange Floß mit den Schwimmern heran. &raquo;Wo
+zum Teufel habt Ihr so ewig lang gesteckt?&laquo; fluchte
+hier Jim ihnen entgegen, &raquo;glaubt Ihr daß sie uns
+die ganze Nacht Raum zu unserer Arbeit geben
+werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir saßen da drüben auf einer Koralle und
+konnten nicht wieder loskommen&laquo; sagte Einer der
+Eingebornen.</p>
+
+<p>&raquo;Und habt einen Skandal gemacht, daß man's
+hätte in Papetee hören können&laquo; zürnte der Ire.</p>
+
+<p>&raquo;Hat die Schildwacht 'was gemerkt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Euere Schuld wär's nicht, wenn sie's hätte &mdash;
+aber jetzt fort, heran hier mit dem Faß, und nicht
+länger geschwatzt &mdash; habt Ihr die Säge mit? &mdash;
+so hier, nun sägt die Reifen vorsichtig durch &mdash; halt
+ich will das selber thun &mdash; herauf mit dem Faß hier,
+und Du mein Bursche läufst über den Weg hinauf
+und holst die Leute herunter die dort versteckt liegen
+ &mdash; Rasch mit Dir, sie sollen Alle kommen, wir müssen
+die Fracht in Zeit von einer Stunde wenigstens im
+Busch drinn haben; dort bleibt uns dann die ganze
+übrige Nacht, sie aus dem Weg zu schaffen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf
+und kehrte bald darauf mit einer Anzahl seiner Landsleute
+zurück, die schon ungeduldig genug darauf gewartet
+hatten abgerufen zu werden, Jim aber sägte
+indessen mit einer seinen scharfen, besonders dazu
+hergerichteten Säge die hölzernen Reifen der Fässer
+durch, diese zu öffnen, und reichte die schon in tragbare
+Pakete eingeschnürten Gewehre, wie die kleinen
+Fäßchen Pulver rasch hinter einander hinaus. Blei
+befand sich schon genug an Land, was früher zu
+anderen Zwecken bestimmt gewesen. Vier Fässer
+waren solcher Art in unglaublich kurzer Zeit aufs
+Trockene gewälzt, geöffnet und geleert worden, und
+selbst von dem fünften hatte Jim schon die Reifen
+herunter, die Dauben mit Hülfe von ein paar Insulanern
+sorgfältig auseinander genommen, und angefangen
+die Pakete herauszureichen, mit denen zwei
+augenblicklich nach oben liefen, als sie den zurückkehrenden
+Ren&eacute; über den freien Platz gleiten und in
+das Haus verschwinden sahen. Einer der Indianer
+sprang rasch zurück, dem Iren die unwillkommene
+Ankunft zu melden, dieser aber ließ sich nicht
+irre machen und betrieb das Ausladen nur um so
+schärfer.</p>
+
+<p>&raquo;Fort mit Euch &mdash; fort.&laquo; flüsterte er rasch und
+leise &mdash; &raquo;in zehn Minuten können wir mit unserer
+ganzen Sache in Sicherheit sein und dann mögen sie
+kommen und spioniren; in die Guiaven folgt uns
+doch so leicht Keiner hinein. Hier meine Jungen,
+auf mit Euch und davon &mdash; was steht Ihr da? &mdash;
+die Thür? &mdash; fort mit Euch &mdash; so lange das Zeichen
+nicht &mdash; ha Teufel!&laquo; unterbrach er sich rasch, als da
+Mitonares langgezogener Warnungsruf zu ihm niederschallte,
+&raquo;da ist wirklich Noth an Mann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sollen wir noch gerad hinauf?&laquo; frug ihn Einer
+der Leute, der seine Last schon auf den Schultern trug.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, hier rechts hinein&laquo; rief Jim rasch, &raquo;in
+des Franzosen Haus da neben an ist auch Niemand
+daheim, und die Fenz hier unten am Wasser hab' ich
+schon niedergebrochen. Dort hinüber und dann gerade
+hinauf in die Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest,
+wenn nur noch zwei Leute unten wären; fort &mdash; macht
+daß Ihr fortkommt &mdash; um Euer Leben.&laquo;</p>
+
+<p>Und die Warnung kam nicht zu spät, denn Jim
+O'Flannagans scharfes Ohr hatte schon die herbeieilenden
+Soldaten entdeckt, die rasch und ziemlich
+laut durch die Büsche traten, während zu gleicher
+Zeit Ren&eacute; in seiner Thür erschien. Nur noch zwei
+Pakete Waffen waren dabei übrig geblieben, davon
+schob er das eine jetzt rasch auf das Deck des kleinen
+Cutters, vielleicht vor anbrechendem Morgen noch
+einmal Gelegenheit zu bekommen es von dort wieder
+durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen,
+während er selber das andere auffaßte und damit, so
+rasch ihn seine Füße trugen, den letztgegangenen Indianern
+folgte.</p>
+
+<p>&raquo;Halt steh da!&laquo; schrieen ihm einzelne Stimmen
+nach, denn seine dunkle Gestalt war von oben herab
+gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als den
+weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des
+Strandes entdeckt worden, und drei Kugeln schwirrten
+zu gleicher Zeit nach ihm hinüber. Eine davon traf
+das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den
+scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten,
+und seine Last mit dem linken Arm nur fester umspannend,
+während er das dem ermordeten Posten
+abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug,
+sprang er mit wenigen Sätzen durch den Garten,
+brach die kleine und ziemlich schwache Bambusthür
+nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als
+seine Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und
+den Hang hinanstürmten ihn auch dort nicht aufzugeben.
+Jim aber feuerte hier, theils um sie zu
+schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu
+entledigen, das geladene Gewehr das er trug, ohne
+lang zu zielen, auf sie ab, und die Kugel schlug
+mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum.
+Das aber zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich
+hier, ohne die mindeste Aussicht auf Erfolg aussetzten,
+denn bei Nacht war in einem solchen Dickicht gar
+nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain
+vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung
+wurde auf morgen früh mit Tageslicht festgesetzt,
+bis wohin auch Verstärkung von Papetee
+herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufgefunden
+werden konnte, wenn sie nicht, wie man sie
+jetzt stark in Verdacht hatte, gemeinsame Sache mit
+den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in
+die Berge geflohen sei.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_7" id="Capitel_7"></a><span class="first">Capitel 7.</span><br />
+
+Consul Pritchards Gefangennahme.</h2>
+
+
+<p>Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in
+kleinen finsteren Trupps mit raschen Schritten durch
+die von der Morgensonne freundlich beschienene
+Stadt. Die Insulaner standen in kleinen Gruppen
+bestürzt beieinander, und die Mädchen liefen neugierig
+herüber und hinüber, zu sehn und horchen was geschehn,
+was vorgefallen sei, eine so plötzliche auffallende
+Veränderung in dem Benehmen der Fremden
+zu rechtfertigen. Keiner sprach, Keiner lachte mehr
+mit ihnen; barsch zurückgewiesen wurden sie, sobald
+sie sich ihnen nur näherten, und von den verschiedenen
+Schiffen landete Boot nach Boot, vollgedrängt
+von Bewaffneten, die verschiedene am Strand
+gelegene und der Königin gehörige Bambushäuser
+in Besitz nahmen, Wachen, ja Festungen daraus zu
+bilden.</p>
+
+<p>Dumpfe Gerüchte verbreiteten sich indeß auch
+unter den Bewohnern von Papetee, die keine Ahnung
+irgend einer begonnenen Feindseligkeit haben konnten.
+Eine Parthie Waffen war gestern Nacht in Mativai
+Bai auf schlaue Weise an Land geschmuggelt; man
+hatte nicht allein einzelne Stücken, ein Bayonnet und
+mehre andere Kleinigkeiten an der Straße, sondern
+auch ein ganzes Paket mit Englischen Musketen in
+einem kleinen Cutter der dort vor Anker lag, gefunden,
+und gegen Morgen noch, wo man mit Fackeln
+nachgesucht, war der Leichnam der überfallenen
+und ermordeten Französischen Schildwache, ebenfalls
+ihrer Waffen beraubt, entdeckt worden. Viele Personen
+waren deshalb schon verhaftet, auf anderen
+lag schwerer Verdacht, und die herbeigezogene Truppenmasse
+schon allein genügte, die sorglose Stimmung
+der Eingebornen zu zerstören, und ihnen einigermaßen
+das Verhältniß in seinem wahren und grellen Licht
+zu zeigen, in dem sie zu den fremden Eindringlingen
+standen, und welche Stellung diese, ihnen gegenüber,
+einzunehmen gedachten.</p>
+
+<p>Was sollte geschehen, was wollten diese von
+ihnen, und weshalb eine Armee in ihre Hütten
+werfen, die ihnen noch keinen Widerstand geboten,
+und jetzt überall durch die fremden unwillkommenen
+Gäste unwohnlich und beschränkt wurden. Die
+Häuptlinge traten zusammen und schickten Boten an
+die Missionaire ab, diese um Verhaltungsmaßregeln
+zu ersuchen; die geistlichen Herren fühlten aber daß
+ihr Regiment, für den Augenblick wenigstens, hier
+ausgespielt sei, und der einzige von ihnen, Mr. Pritchard,
+der sich durch die Flagge seiner Nation geschützt
+glaubte, zürnte offen und frei wie vor gegen
+die förmliche und muthwillige Eroberung, nein nicht
+einmal Eroberung, sondern einfache Besitznahme eines
+vollkommen friedlichen Landes an, dessen Fürstin sich
+jetzt nur gezwungen einer solchen Gewalt füge und
+wissen werde sich ihr Recht zu wahren, wenn die Zeit
+dazu gekommen sei.</p>
+
+<p>Die Franzosen kehrten sich aber wenig an Herrn
+Pritchard; ihre Flagge wehte schon von fünf oder
+sechs occupirten Gebäuden, ihre Soldaten durchzogen
+die Stadt nicht allein, sondern setzten sich an dem
+obern wie untern Theil derselben fest, und Massen
+von ihnen, die Flinte und Seitengewehr so lange
+ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen,
+fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Insel
+Motuuta Verschanzungen aufzuwerfen, sondern auch,
+zum unbegrenzten Erstaunen der Bewohner von
+Papetee, Gräben zu ziehn und Erdwälle aufzubauen
+um die Stadt selbst herum, als ob sie sich gegen die
+Berge und das benachbarte Land vor einem Angriff
+sichern wollten, an den in der That noch wenige
+der Insulaner gedacht, und der ihnen dadurch erst
+vor die Augen gerückt und als möglich und ausführbar
+gestellt wurde.</p>
+
+<p>Die Französische Regierung aber, oder vielmehr
+das Französische Regiment, das recht gut fühlte wie
+es bei einem wirklichen Angriff <span class="g">gut bewaffneter</span>
+Insulaner, hier dicht von den Bergen überall eingeschlossen,
+mancher Gefahr ausgesetzt sein könne,
+suchte gleich im Anfang mit durchgreifenden Maßregeln
+allen solchen Versuchen entgegen zu arbeiten,
+und eine etwaige Empörung im Keim zu ersticken.
+Strenge schien hierbei vor allen Dingen nöthig und
+den Befehlshabern war deshalb besonders daran gelegen
+die Mörder des Franzosen heraus zu bekommen,
+oder wenigstens ihre Spur zu finden, von der es
+schon ziemlich bestimmt im Französischen Lager hieß
+daß sie in das Haus eines der Protestantischen Missionaire,
+vielleicht gar des Englischen Consuls führen
+würde. Mr. Pritchard mit seiner offnen und ungescheuten
+Predigt gegen ihre Macht war ihnen überhaupt
+ein Dorn im Auge.</p>
+
+<p>Zu den ersten Maßregeln des Französischen
+Kommandanten gehörte es aber auch an diesem
+Morgen Ren&eacute; Delavigne verhaften zu lassen, auf
+dessen Grundstück &mdash; ob mit seinem Vorwissen oder
+nicht mußte die Untersuchung erst ergeben &mdash; die
+Waffen ausgeladen waren und auf dessen, durch ihn
+hingeführten und dort gehaltenen Cutter man noch
+ein frisch eingenähtes Paket Waffen gefunden, das
+jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen liegenden
+Englischen Schiffe hinüberbefördert und dann
+während der Entdeckung und dem Angriff der Französischen
+Wache, dort zurückgelassen war. Sein spätes
+Außensein und seine doch sichere Bekanntschaft mit
+der dortigen Oertlichkeit wurde sogar mit der erschlagenen
+Wache in Verbindung gebracht, wobei
+ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung dienen
+konnte, den Französischen Soldaten selber dorthin
+geführt zu haben, wo sie die Schmuggler entdeckten
+ &mdash; jedenfalls waren die Vorräthe zu der Zeit schon
+in Sicherheit gewesen und die Möglichkeit lag unter
+jeder Bedingung vor, daß ein solcher Schritt, später
+gerechtfertigt dazustehn, ausführbar, ja sogar klug
+gewesen wäre.</p>
+
+<p>Den Cutter, an dessen Bord man die Waffen gefunden,
+nahm die Regierung ebenfalls in Beschlag,
+ja er wurde sogar, nicht einmal blos vor der Hand
+in Untersuchung gelegt, sondern gleich ohne Weiteres
+confiscirt und zum Französischen Küstendienst requirirt
+ &mdash; an Wiederherausgeben war gar kein Gedanke
+mehr.</p>
+
+<p>Sadie erschrak, als an dem Morgen, an dem sie
+gehofft hatte dem wilden stürmischen Tahiti den
+Rücken zu kehren und hinüber zu flüchten in ihr
+friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren
+Gatten fortzuführen; aber rasch gefaßt, und dem Unvermeidlichen
+sich fügend, übersah sie auch bald daß
+Ren&eacute;, vollkommen unschuldig an den Vorgängen des
+letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder dastehn
+und natürlich freigegeben werden würde. Ernstlichere
+Folgen sah sie nicht und konnte sie nicht eine in einer
+solchen Maßregel sehn. Aber sie bezwang sich auch,
+dem Gatten gegenüber, noch weit gewaltiger, als ihr
+eigentlich zu Sinn war; sie wollte ihn nicht mit
+schwerem Herzen fortgehn lassen, wo er ja gerade
+Alles gethan hatte sie wieder froh und glücklich zu
+machen, und wenn das nun für den Augenblick noch
+nicht ging, so war das ja nicht seine Schuld sondern
+ &mdash; das Herz schlug ihr doch laut und ängstlich wenn
+sie in diesem Augenblick daran dachte <span class="g">wer</span> die
+Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Bewußtsein
+vermochte sie dabei vollständig zu trösten,
+daß Alles ja nur geschehn wäre ihr Vaterland von
+den Unterdrückern desselben zu befreien, und den
+Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den starken und
+übermüthigen Feind zu schützen.</p>
+
+<p>Nicht allein Ren&eacute; wurde aber an dem Morgen
+verhaftet, sondern auch der kleine Mi-to-na-re, der
+allerdings schon mit Sonnenaufgang einen Versuch
+gemacht hatte das, die ganze Nacht umstellte Haus
+zu verlassen, von den Wachen aber verhindert war
+und nun mit nach Papetee abgeführt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Armer Mitonare&laquo; sagte Sadie traurig, als er,
+aufgefordert der Patrouille zu folgen, an jenem Morgen
+sein Gebetbuch wieder in die linke Rocktasche
+hineinzwängte, und unverkennbar niedergeschlagen
+sich bereit machte dem eben nicht freundlich gegebenen
+Befehl zu gehorsamen &mdash; &raquo;armer Mitonare ist von
+seinem freundlichen Atiu hier herüber gerufen um
+Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens
+Willen.&laquo;</p>
+
+<p>Bruder Ezra schüttelte aber mit dem Kopf und
+sagte, keineswegs zufrieden mit der ganzen Begebenheit:</p>
+
+<p>&raquo;Glauben? &mdash; der Glauben hat wenig genug
+damit zu thun &mdash; wir sollen <span class="g">glauben</span>, Pudenia,
+und die Wi-Wis wissen Alles gewiß. Glauben &mdash; ja,
+ist ein schönes Ding, aber ein bequemes Haus
+dabei, und viel Brodfrucht &mdash; nicht so in der Welt
+herumlaufen und das schwere Buch hinten in der
+Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue
+nicht ein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist das?&laquo; sagte Einer der dabeistehenden
+Französischen Soldaten, der eben genug von dem
+Tahitischen Dialekt verstand, den Sinn zu begreifen,
+&raquo;wo ist der, den Du eben genannt hast?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bodder Aue?&laquo; sagte Mitonare, und der ihm
+eigene Zug drollen Humors, der ihn auch in diesem
+Augenblick nicht verließ, spielte ihm um die Lippen
+ &mdash; &raquo;Bodder Aue ist sehr guter Freund von mir auf
+Atiu &mdash; aber nicht hier &mdash; wenn wir ihn haben
+wollen können wir einen Brief schreiben; gehe wieder
+hinüber, sobald die Feranis keine Brodfrucht mehr
+für mich haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fort denn, mein Bursche&laquo; sagte der Soldat
+ärgerlich, &raquo;wir haben lange genug hier getrödelt,&laquo;
+und während man Ren&eacute; noch Zeit ließ, ein paar
+Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben,
+die er augenblicklich abgegeben zu haben wünschte,
+wurde der kleine braune Missionair, unter den Spottreden
+und Witzen der Französischen Soldaten, die
+sich über seine unsinnige eingezwängte und unpassende
+Kleidung nicht wenig amüsirten, nach Papetee zu
+abmarschirt. Mitonare nahm aber die Sache ungemein
+kaltblütig &mdash; klemmte seinen linken Rockschoß
+wieder unter den Arm, setzte seinen hohen Hut auf
+und schritt so ehrbar und ernst zwischen den bärtigen
+Kindern eines andern Landes hin, und grüßte so
+würdevoll die ihn begegnenden Insulaner, von denen
+ihn Viele kannten und lieb hatten, daß sich der Spott
+der Soldaten endlich auch abstumpfte, und sie ihn
+ungefährdet weiter in das Hauptquartier lieferten.</p>
+
+<p>Ren&eacute; blieb übrigens, wie er auch Sadie zu ihrer
+Beruhigung vorhergesagt, nur wenige Stunden in
+Haft; leicht war es ihm durch seine Freunde zu beweisen,
+wie er wirklich den ganzen vorigen Nachmittag
+in Papetee zugebracht, und erst lange nach
+Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen sei. Dort
+selber hatte er den Französischen Soldaten mitnehmen
+wollen, als sie die Schmuggler trafen; an eine
+Mitwissenschaft war nicht zu denken. Schwieriger
+wurde es ihm zu beweisen, daß der kleine Cutter
+die Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort
+bei sich vor Anker legte, und daß er der Mission
+selber gehöre machte die ganze Sache nur noch verwickelter.
+Es ließ sich kaum denken daß der junge,
+mit den Officieren auf so freundlichem Fuß stehende
+Franzose etwas Derartiges gegen seine Landsleute
+unternehmen, oder auch nur unterstützen würde,
+und dennoch mochten die Französischen Behörden
+eine solche Gelegenheit, die Mission selber in
+eine Untersuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt
+wieder entschlüpfen lassen &mdash; wer wußte ob nicht
+dann, wenn auch selbst nicht über diesen Fall, doch
+manches Andere an den Tag kam. Gern wurde deshalb
+auch die Bürgschaft der Herrn Belard und
+Brouard angenommen, Ren&eacute; Delavigne augenblicklich
+wieder auf freien Fuß zu lassen, mit der Bedingung
+nur, Tahiti nicht zu verlassen, bis eben die Sache
+streng und vollkommen untersucht sei, wozu man
+sowohl seiner Gegenwart wie seines Zeugnisses
+glaubte benöthigt zu sein.</p>
+
+<p>Nicht so leicht sollte dagegen Bruder Ezra davonkommen,
+und trotz dem Protest der Missionaire, die
+es als einen Eingriff in ihre Religion betrachtet
+haben wollten einen fungirenden Missionair auf
+nur flüchtigen Verdacht hin seinem Amt zu entziehn,
+trotz der eben so ernsten Reclamation des Englischen
+Consuls, der in dem Indianer, als aktivem Mitglied
+einer Englischen Missionsgesellschaft, auch einen
+Englischen Bürger zu sehen glaubte oder zu sehen
+behauptete, behielt man ihn im Verwahrsam, und
+die Antwort die dem Englischen Consul wurde, war:
+sich selber in Acht zu nehmen und von gefährlichen
+Demonstrationen fern zu halten, wenn er nicht
+gleiches Schicksal &mdash; vielleicht noch Schlimmeres,
+gewärtigen wollte.</p>
+
+<p>Solcher Art standen die Sachen mehrere Tage,
+die Französischen Kriegsschiffe fuhren ab und zu,
+umsegelten die Insel Tahiti einige Male, kreuzten
+nach Imeo hinüber, und Einzelne davon wurden
+sogar auf eine regelmäßige Expedition beordert, die
+Französische Flagge nämlich auf der Nachbargruppe
+der Gesellschafts-Inseln, auf Huaheine, Bola Bola, Raiatea und den anderen aufzupflanzen, ja man
+sprach sogar schon davon auch die, gerade unter dem
+Wind liegenden &raquo;Cooks-Inseln&laquo; zu denen Atiu gehörte,
+in Besitz zu nehmen und hie und da Garnisonen
+zu lassen. Doch hatten die Schiffe für jetzt
+eben mit der Gesellschaftsgruppe alle Hände voll zu
+thun, und ließen die übrigen Inseln für eine spätere
+und günstigere Zeit.</p>
+
+<p>Indessen waren die Franzosen unendlich thätig
+in Papetee und der Umgegend; feste Blockhäuser
+zu Kasernen und Gefängnissen wurden mit einer
+Masse von Leuten in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgräben um die eigentliche Stadt gezogen, ein
+tüchtiger Damm als Brustwehr aufgeworfen, und
+Geschütze von den Schiffen an Land gebracht, diese,
+sobald sie nöthig werden sollten gegen den Feind
+verwenden zu können. Auch die kleine Insel im
+Eingang des Hafens, welche die Haupteinfahrt
+allerdings vollkommen überwacht, wurde mit schwerem
+Geschütz versehn, irgend einem doch vielleicht
+gefürchteten Angriff der Engländer zu begegnen, und
+das gerade war es was den Insulanern, durch die
+Europäer darauf aufmerksam gemacht, wieder neuen
+Muth gab, ihre Sache noch nicht verzweifelt zu
+glauben. Beschäftigten ihre Freunde die Beretani's
+ &mdash; die übrigens auch hätten etwas früher kommen
+können &mdash; nur die Schiffe, so wollten sie dann schon
+mit den am Lande befindlichen Wi-Wis &mdash; mochten
+das auch noch so viel sein, fertig werden.</p>
+
+<p>Die Stimmung gegenseitig wurde ebenfalls eine
+feindlichere von Tag zu Tag. Die Eingebornen
+mußten eine Masse Provisionen und Früchte in die
+Stadt liefern, die man ihnen allerdings vollkommen
+gut bezahlte; aber dies zwang sie zu einer ihnen
+fremden und unbequemen Thätigkeit, einer Thätigkeit
+die sie nicht einmal gern für sich selber, viel weniger
+für die erklärten Feinde ihres Glaubens und Landes
+anwenden wollten, und sie erkundigten sich vor allen
+Dingen bei ihren Missionairen, ob sie dazu verpflichtet
+wären den Französischen Soldaten Brodfrucht
+und Fleisch und Früchte und Fische zu Markt zu
+bringen.</p>
+
+<p>Welche Antwort sie dort erhielten ist nicht bekannt,
+aber sie weigerten sich von da an die verlangten
+Provisionen einzuliefern, und eine Proclamation
+des Gouverneurs erklärte sie für <span class="g">Rebellen</span>.</p>
+
+<p>&raquo;Rebellen?&laquo; bah, das war Unsinn &mdash; das Wort
+das sie für Rebellion hatten, bezog sich auf eine Empörung
+gegen ihren Landesherrn und Gebieter, nicht
+gegen einen fremden Wi-Wi, der mit großen Schiffen
+kam und ihnen das Land wegnahm; denn selbst daß
+Einzelne ihrer Häuptlinge die Franzosen ersucht
+hatten sie zu <span class="g">beschützen</span> konnte ihrer Meinung nach
+die Fremden nicht berechtigen ihre Königin abzusetzen,
+gegen die sie ja gar keinen Schutz verlangt hatten,
+und ihnen Fremde zu Richtern und Distriktsoberhäuptern
+zu geben. Daß die Wörter &raquo;Protektorat&laquo;
+und &raquo;Besitznahme&laquo; dem Französischen Admiral ähnlich
+genug klangen sie zu verwechseln, konnten sie
+nicht wissen.</p>
+
+<p>Neue Forderungen des Kommandanten um Provision
+gingen indeß mit der scharfen Drohung ein,
+die ernstesten Maßregeln ergreifen zu wollen, wenn
+dem <span class="g">Befehl</span> nicht Folge geleistet würde, und besonders
+sollten die Häuptlinge, als die Einzigen an
+die man sich möglicher Weise direkt halten konnte,
+für das Betragen des Volks in diesem Fall verantwortlich
+gemacht werden.</p>
+
+<p>Auch den Missionairen wurde nochmals die, in
+nicht sanften Ausdrücken abgefaßte Warnung gegeben,
+sich nicht im Mindesten um die politischen Verhältnisse
+der Insel zu bekümmern, wenn sie sich nicht,
+im entgegengesetzten Fall, den unangenehmsten Folgen
+selber aussetzen wollten; ja es wurde ihnen sogar die
+auch bald darauf in einer Proklamation veröffentlichte
+Drohung verschärft in's Gedächtniß zurückgerufen,
+daß jeder Fremde, der gegen die jetzt bestehende Regierung
+sprechen würde, augenblicklich, und ohne
+Einspruch von irgend einer andern Seite zu gestatten,
+von der Insel verbannt werden würde.</p>
+
+<p>Mehre der Missionaire, vielleicht ängstlicher als
+die Anderen, oder sich auch möglicher Weise irgend
+einer Aeußerung bewußt die ihnen das Mißfallen der
+jetzt mächtigen Franzosen zuziehen konnte, verließen
+Papetee und gingen theils nach Imeo theils nach
+Bola-Bola oder Huaheina hinüber; die meisten blieben
+aber auf ihrem Posten, fest entschlossen dem fremden
+Einfluß unverdrossen, und so viel nur irgend in
+ihren Kräften stand, entgegenzuarbeiten, mochten die
+Folgen dann ausfallen wie sie wollten.</p>
+
+<p>Der neue Aufruf an die Häuptlinge veranlaßte
+diese wieder sich an die Königin zu wenden, und von
+ihr Verhaltungsmaßregeln einzuholen, was sie thun,
+wie sie handeln sollten. Pomare aber, obgleich keineswegs
+gewillt sich zu unterwerfen, war doch auch
+wieder durch die Flucht so vieler Missionaire und die
+Warnungen der Uebrigen nicht zu weit zu gehn, ehe
+sich England nicht entschieden hätte, zu sehr eingeschüchtert
+worden, und gab ausweichende Antworten,
+ja verwies die an sie abgesandten Häuptlinge sogar
+an den Consul Pritchard, und da dieser erklärte in
+seiner Stellung &mdash; was auch seine Privatmeinung
+sein möge &mdash; der Königin nicht officiell beitreten zu
+können, bis er Verhaltungsbefehle von London habe,
+an den Missionair Rowe.</p>
+
+<p>Diesen aber weigerten sich die Häuptlinge (wenigstens
+die Mehrzahl derselben, denn Einzelne, mit
+Aonui an der Spitze, verlangten keinen bessern Wegweiser
+für ihr Verhalten) als Führer anzunehmen;
+Fanue vor allen Andern schwor, sie hätten lange
+genug unter dem Regiment der Priester gestanden,
+und das gerade sei ihr Fluch gewesen von je her.
+Er verlangte deshalb auch eine Zusammenkunft der
+Ersten des Volks, wo sie die Befehle ihrer Königin
+einholen und das Beste des Landes, das jetzt gerade
+ihr Zusammenstehn am Meisten fordere, berathen
+konnten.</p>
+
+<p>Diese, den Interessen der Franzosen geradezu
+entgegenlaufende Maßregel wurde vom Consul Pritchard
+auf das lebendigste unterstützt; er behauptete
+das Volk habe ein Recht über sein eigenes Wohl zu
+sprechen, das eine fremde Nation, sie möge es so gut
+mit ihm meinen wie sie wolle, gar nicht verstehen
+könne, viel weniger die Französische und er redete
+der Königin zu darein zu willigen, ja suchte sogar
+den Capitain des kürzlich eingelaufenen Dampfers
+Cormorant dafür zu gewinnen, den Häuptlingen den
+Schutz seines Dampfers zu einer freien Besprechung
+zu gestatten, damit sie am Land nicht vielleicht durch
+überall umherstreifende Truppen gestört, oder gar
+aufgehoben wurden.</p>
+
+<p>Die Französischen Officiere bekamen noch an dem
+nämlichen Abend Kenntniß von dieser Absicht, und
+trafen ihre Maßregeln den Feind, der ihnen vielleicht
+gefährlich, jedenfalls aber höchst unbequem war, so
+rasch als möglich unschädlich zu machen.</p>
+
+<p>Am andern Morgen war ein Placat an den Ecken
+angeklebt, worin die Eingebornen gewarnt wurden
+sich durch irgend Eines Rede gegen die einmal bestehende
+Obrigkeit aufzulehnen, während man Alle
+mit den härtesten Strafen bedrohte, die etwas Derartiges
+in, den Franzosen feindlichem Interesse, unternehmen
+sollten. Namen waren nicht dabei genannt,
+aber das Ganze so entschieden gehalten, daß selbst
+Bruder Rowe fühlte sie seien, für jetzt wenigstens,
+an einer Grenze ihrer Thätigkeit angelangt, und
+würden wohl thun sich entweder für eine Zeitlang
+von dem Schauplatz Französischer Herrschaft zu entfernen,
+oder doch wenigstens die Sache, die sie nicht
+mehr aufhalten konnten, ihren ungehinderten Gang
+gehn zu lassen, damit sie nicht zu Schaden kämen.</p>
+
+<p>Das Nähere darüber mit dem Consul Pritchard
+zu besprechen, suchte er diesen auf, und fand ihn
+schon vollständig angezogen, mit auf dem Rücken
+gekreuzten Armen mit großen Schritten in seinem
+Zimmer auf- und abgehend; eine Einleitung wurde
+ihm übrigens schon durch dessen Anrede erspart.</p>
+
+<p>&raquo;Sie kommen mir zu erzählen, daß die Franzosen
+freundlich unserer an den Straßenecken gedacht haben?&laquo;
+sagte er, mit einem eigenthümlichen Lächeln um die
+feingeschnittenen Lippen vor ihm stehen bleibend.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings Bruder Pritchard&laquo; erwiederte Mr.
+Rowe mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen und
+gefalteten Händen, &raquo;die Sache wird bedenklich, und
+diesen tollen Papisten gegenüber, die nun einmal
+keine andere Autorität auf und über der Erde anerkennen,
+als ihre Waffen, wäre es allerdings an der
+Zeit auf einen anständigen Rückzug zu denken. Ich
+fürchte besonders daß gerade Sie dabei gefährdet
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah, bah&laquo; sagte der frühere Geistliche, den die
+Missionaire noch gerne &raquo;Bruder&laquo; nannten, verächtlich
+ &mdash; &raquo;was können, was <span class="g">dürfen</span> sie mir thun? &mdash;
+ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe
+nur das gesagt was ich, nicht allein als Consul
+ihrer Britannischen Majestät, nein auch als Mensch
+verantworten konnte, und sie mögen sich ärgern darüber,
+aber sie dürfen nicht wirklich etwas anderes
+gegen mich unternehmen, als vielleicht &mdash; was wahrscheinlich
+geschehen wird &mdash; von meiner Regierung
+verlangen daß sie mich abberuft; statt dem Befehle
+kommt dann vielleicht eine Flotte.&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Rowe schüttelte bedenklich mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mich selber&laquo; sagte er, &raquo;früher solchen
+phantastischen Träumen hingegeben, und auch mein
+Möglichstes, selbst bis noch auf die neueste Zeit gethan,
+diesen Glauben bei den Insulanern aufrecht zu
+erhalten, muß aber doch gestehn daß ich jetzt anfange
+mißtrauisch gegen meine eigenen Prophezeihungen zu
+werden, die unsere Regierung keineswegs, nicht einmal
+mehr durch eine einfache Demonstration zu unterstützen
+scheint. Seit der würdige Capitain des Talbot
+diese Ufer verlassen hat thun diese nichtswürdigen
+Feranis vollkommen ungehindert was ihnen eben gut
+dünkt, und einzelne Kriegsschiffe unserer Nation, von
+denen wir immer gesprochen, kommen, sehen sich die
+Sache an, hören auch, geduldig oder ungeduldig
+was wir ihnen zu klagen haben und &mdash; segeln einfach
+wieder aus der Bai, ohne selbst einmal Joranna
+zu sagen. Ich kann wohl gestehn daß die Bibel von
+Alt-England hier zum ersten Mal auf eine höchst
+befremdende Weise im Stich gelassen wird, während
+es uns selber in die größte Verlegenheit bringt, einestheils
+die zu unserer eigenen Erhaltung nöthigen
+Schritte zu thun, und andrerseits auch wieder unserem
+Grundsatz treu zu bleiben, und uns nicht in
+die politischen Verhältnisse des Staates in dem wir
+freundlich aufgenommen wurden, zu mischen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da kommen wir auf den faulen Fleck&laquo; sagte
+der Consul finster, seine Hände ineinander reibend
+und seinen Spaziergang im Zimmer wieder beginnend,
+in dem er nur manchmal bei der Bestärkung
+irgend eines Satzes, vor dem Missionair stehen blieb
+und ihn auch wohl leise bei einem Knopf faßte &mdash;
+&raquo;es ist das alte Sprichwort: &raquo;wasch mich und mach'
+mich nicht naß; &mdash; wir haben stets etwas darin gesucht
+mit etwas zu prahlen, das an und für sich ein
+Unding ist, und Sie werden mir bezeugen können
+wie ich selber mich von je dagegen aufgelehnt. Als
+Missionair bei einem vollkommen uncivilisirten Volke
+<span class="g">muß</span> ich mich auch mit den politischen Verhältnissen
+desselben beschäftigen, ich muß sie ordnen und sichten,
+ich muß die bestehenden Gesetze, so weit sie mit dem
+Christenthum vereinbar sind, diesem anpassen; ich
+muß die Strafen in dem Verhältniß bestimmen, wie
+es uns von der Heiligen Schrift angegeben wurde,
+und das ist die Stelle wo die Religion in die Politik
+eines Landes, in dem ich eine Gleichstellung vor dem
+Gesetz fordere, hineingreift und hineingreifen muß,
+wenn unsere ganze Arbeit nicht eben eine vergebene
+soll gewesen sein. Dabei ist es hier nicht wie in einem
+civilisirten Staat, wo die Gesetze nur brauchen gegeben
+zu werden um in Kraft zu treten durch die bestimmten
+Executoren derselben, wir müssen sie hier
+auch in Kraft <span class="g">halten</span>, und das können wir nur
+wenn der Einfluß nicht nachläßt, den wir, <span class="g">durch</span>
+unsere Stellung gerade als Lehrer und Gesetzgeber,
+auf die Häuptlinge ausüben. Wir sind nun einmal
+ihnen an Geist überlegene Geschöpfe, denen die Regierung
+zusteht, ob wir hier auf diesem Boden geboren
+sind und ihre Farbe haben oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damit kommen wir aber nicht durch&laquo; sagte
+Mr. Rowe kopfschüttelnd &mdash; &raquo;sobald wir das offen
+bekennen schreien sie Zeter über uns, und nennen es
+einen Mißbrauch den wir mit der Heiligen Schrift,
+irdischen Ehrgeizes und Gewinns wegen trieben.
+Selbst andere Nationen würden sich dann in das
+Missionswesen mischen, und gleich von vornherein
+protestiren oder gar störend dazwischen treten, wo
+fromme Männer das Kreuz hintrugen und das Gesetzbuch
+aufschlugen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fremde Nationen mischen sich doch hinein&laquo;
+sagte der Consul, &raquo;wie wir den Beweis hier haben,
+und wer weiß ob Frankreich je so entschieden gegen
+diese Indianische Königin auftreten dürfte, hätten
+wir die Sache gleich von vornherein in die Hand
+genommen als Gesetzgeber und Richter. Von uns
+konnten sie wenigstens einen Schadenersatz für die
+papistischen Priester nie erpressen, und das Land
+wäre dann nicht verantwortlich dafür gewesen. Doch
+sei dem wie ihm sei,&laquo; fuhr er rascher fort, &raquo;das ist
+vorbei, und jetzt bleibt uns Nichts weiter zu thun
+übrig, als die Sache auch ernst und männlich durchzuführen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie aber, wo wir nicht die Gewalt in Händen
+haben?&laquo; frug Mr. Rowe, &raquo;der Cormorant liegt
+wieder da draußen, als ob er blos hergeschickt wäre
+eine Ladung Perlmutterschaalen und Cocosnußöl abzuholen,
+keineswegs aber, als ob hier die Interessen
+Englischer Bürger und die Rechte der Heiligen
+Schrift unter die Füße getreten würden, und uns
+selber sind die Hände total gebunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe viel von der möglichen Einigkeit der
+Häuptlinge&laquo; sagte der Consul, &raquo;wenn zu keinem
+anderen Zweck, imponirt es den Franzosen und
+wir gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir für
+einen solchen Gewaltschritt des Feindes feste Hülfe
+zugesagt und versprochen &mdash; er wird uns, <span class="g">kann</span>
+uns nicht im Stich lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und willigt der Capitain des Cormorant ein,
+die Versammlung der Häuptlinge an seinem Bord
+zu halten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe schon die halbe Zusage, und will eben
+hinüberfahren die Zeit genau zu besprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nehmen Sie sich in Acht, Bruder Pritchard&laquo;
+sagte aber der Missionair ernst, &raquo;daß Ihnen der
+Franzose nicht doch noch, trotz aller Autorität, einen
+Stein in den Weg legt; das Anheften der Plakate
+hat auf mich einen höchst ungünstigen, niederstimmenden
+Eindruck gemacht; ich kann mich irren, aber
+es kam mir vor wie eine Vorausentschuldigung
+gegen einen Akt der Gewalt; die Leute sind wirklich
+zu Allem fähig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber klug genug zu wissen wie weit sie gehn
+dürfen, England gegenüber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit?&laquo; sagte Bruder Rowe achselzuckend,
+&raquo;das ist eine sehr unbestimmte Größe, auf die ich
+mich, für meine eigene Person, gerade nicht verlassen
+möchte; aber Sie sind gewarnt, und werden am
+Besten wissen was Sie zu thun haben. Apropos,
+haben Sie Nichts von Bruder Ezra gehört und was
+über ihn beschlossen ist? Ich habe mir die größte
+Mühe gegeben, zu ihm zu gelangen, bin aber immer
+hartnäckig abgewiesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist auf meine förmliche Protestation gar
+keine Antwort gegeben&laquo; erwiederte der Consul, &raquo;es
+scheint übrigens daß Bruder Ezra klug genug gewesen
+ist, trotz seiner Bibel in der Tasche hartnäckig
+zu leugnen, und wenn ich recht unterrichtet bin, hält
+man ihn jetzt nur noch zurück, um ihn mit dem
+nächsten nach Atiu segelnden Kriegsschiff dort hinüber
+aus dem Weg zu schicken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie möchten uns Alle lieber gern auf ein
+Kriegsschiff packen und nach irgend einer entlegenen
+Insel schicken&laquo; sagte Bruder Rowe; &raquo;die Katholischen
+Priester würden dann wenigstens für ihre unausgesetzten
+Bemühungen doch auch auf eigenen Erfolg
+rechnen können.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir werden sehr umsichtig jetzt zu wachen
+haben, daß der in, von Bayonnetten aufgewühlten
+Boden gestreute Unglaube, nicht um sich greift und
+bleibende Wurzel schlägt,&laquo; sagte der Consul.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind allerdings da in nicht unbedeutender
+Gefahr&laquo; erwiederte Mr. Rowe seufzend, &raquo;und <span class="g">eine</span>
+Familie hier besonders ist es, die mir große Sorge
+macht, und gerade in diesem Augenblick meine
+ganze Thätigkeit in Anspruch nimmt; &mdash; aber Sie
+wollen ausgehn, wie ich sehe?&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Pritchard hatte seinen Hut aufgegriffen
+und seine Handschuh genommen und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Ja, nur an Bord des Cormorant, dort das
+Nähere zu besprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie schon ein Boot?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es liegt an der Landung und wartet auf mich;
+wollen Sie mich begleiten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke herzlich&laquo; erwiederte der Missionair,
+&raquo;aber mich rufen gerade in diesem Augenblick heilige
+Pflichten, die ich nicht versäumen darf &mdash; ich habe
+einen höchst interessanten Fall mit einem alten bis
+jetzt verstockten Häuptling, dessen Herz erst seit wenig
+Tagen von dem Licht unserer Kirche erleuchtet ist,
+und der jetzt zu seinem Entsetzen, aber hoffentlich
+noch nicht zu spät, den Abgrund erkannt, der vor
+seinen Füßen gähnt, und auf den ich ihn aufmerksam
+gemacht habe. Wie das aber wohl oft in solchen
+Fällen geschieht, gehen diese Unglücklichen da leicht
+von einem Extrem zum andern über, und ich habe
+jetzt die größte Mühe ihn an einem Verbrechen zu
+verhindern, das er begehen will seine unsterbliche
+Seele zu retten; er behauptet nämlich sein Kopf sei
+so lange verstockt gewesen, seine Ohren zu hören,
+seine Augen zu sehen, seine Zunge zu sprechen, daß
+er ihn sich abschneiden müsse, auf Gottes Altar die
+Sünde damit zu sühnen, denn wie er endlich die
+Strenge und Furchtbarkeit Gottes begriffen hat,
+zweifelt er an dessen Liebe und Allbarmherzigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Möge ihn der Herr erleuchten&laquo; erwiederte Mr.
+Pritchard mit einem frommen Blick nach oben, und
+wandte sich dabei das Haus zu verlassen &mdash; &raquo;so thun
+Sie Ihre Pflicht, lieber Rowe, <span class="g">ich</span> gehe indessen an
+ein weniger erfreuliches Werk!&laquo; und dem von ihm Abschied
+nehmenden Geistlichen, der ihn unten an seiner
+Verandah verließ, freundlich mit der Hand winkend,
+schritt er durch den Garten oder vielmehr Hofraum,
+der von einer Reihe niederer stumpfer Pallisaden umgeben
+wurde, nach der kleinen Ausgangsthür zu,
+öffnete diese und schritt dann quer über den, vielleicht
+achtzig oder hundert Fuß breiten Strand hinüber,
+einem kleinen in See hinausgebauten Werft zu, dort
+das für ihn liegende Boot zu besteigen, und an Bord
+hinüberzufahren, als er rasche Schritte hinter sich
+hörte. &mdash; Er wandte den Kopf danach um und sah
+zu seinem Erstaunen einen Französischen Beamten,
+der, von einigen Soldaten gefolgt, rasch auf ihn
+zusprang.</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; rief ihm der Erstere, noch eine Strecke
+von ihm entfernt, schon entgegen &mdash; &raquo;halt Monsieur!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was wollen Sie?&laquo; sagte der Consul, zwar erstaunt
+aber doch ruhig stehen bleibend und den Franzosen
+mit zusammengezogenen Brauen erwartend &mdash;
+&raquo;was wünschen Sie von mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind mein Gefangener, im Namen des
+Königs!&laquo; rief der Polizeibeamte und deutete auf die
+ihm folgenden Soldaten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe Sie nicht&laquo; sagte der Consul gleichgültig,
+und wollte sich abdrehen; der Franzose aber
+ergriff seinen Arm und den Soldaten winkend, die
+den Gefangenen an beiden Seiten umgaben, zog er
+den entrüsteten Mann, der gegen solche Willkür
+einem Englischen Consul gegenüber, protestiren
+wollte, rücksichtslos und ohne Weiteres fort mit sich,
+in das Wach- und Polizeilokal, von wo der Consul,
+ohne weitere Rücksicht auf sein Amt oder seine Stellung
+zu nehmen, bald darauf nach einem, schon
+allem Anschein nach für ihn bereit gehaltenen Gefängniß
+abgeführt wurde.</p>
+
+<p>Und Papetee blieb ruhig. Die Bedeutung, die
+der Consul einer Europäischen Macht im Ausland
+haben sollte, ja gewissermaßen auch seine Unverletzlichkeit,
+verstanden die Insulaner nicht; der Gefangene
+war ihnen auch immer mehr als Missionair wie als
+Consul wichtig und lieb gewesen, denn Nutzen hatte
+er ihnen in letzterer Eigenschaft doch nicht gebracht,
+noch sie gegen die Uebergriffe und Forderungen der
+Franzosen schützen können. Daß aber die Feranis es
+wagten einen Mitonare einzustecken, überstieg ihre
+Begriffe, und jetzt zum ersten Mal fürchteten die
+Häuptlinge für ihre eigene Sicherheit.</p>
+
+<p>Die Missionaire selber erwarteten, nachdem selbst
+die Consulnwürde von den Eroberern nicht geachtet
+wurde, das Aeußerste, und wandten sich nun in
+ihrer Rathlosigkeit an die arme, selbst unmächtige
+Königin, wandten sich an das Volk, sie zu schützen
+und nicht zu gestatten daß die Feranis mit ihnen
+machten was sie wollten.</p>
+
+<p>Aber die Geduld des Volkes war noch lange
+nicht erschöpft, oder wenigstens seine Gleichgültigkeit,
+wie sein Widerwillen gegen irgend eine außergewöhnliche
+Anstrengung noch nicht besiegt, und zu
+der gehörte jedenfalls ein Krieg, zu dem sie noch
+immer keine richtige Veranlassung sahen. Man hatte
+einen Französischen Soldaten ermordet, und darüber
+waren die Feranis böse, schickten eine Menge Soldaten
+an Land, die aber für Alles bezahlten was sie
+verzehrten, und sperrten einen rothen Mitonare, der
+in Verdacht stand an dem Mord betheiligt zu sein,
+wie einen weißen, der besonders auf sie geschimpft
+hatte, ein. Das war vielleicht unrecht in ihren
+Augen, aber immer noch keine Ursache einen ordentlichen
+Krieg anzufangen; ja die Insulaner beschlossen
+jetzt ernstlicher als je mit der ganzen Sache nichts
+weiter zu thun zu haben, und wenn auch einzelne
+feurige Köpfe, wie besonders Fanue und ähnliche,
+einen Angriff auf die &raquo;Feinde ihres Vaterlandes&laquo;
+offen predigten, so verhielten sich doch die einflußreicheren,
+wie Tati und Utami, noch immer ruhig,
+ja Paofai und Hitoti verkehrten sogar öffentlich und
+auf höchst freundschaftliche Art mit den Feranis, und
+beschlossen deshalb auch einen günstigern Zeitpunkt,
+das heißt eine wirkliche Ursache abzuwarten, die
+Feindseligkeiten zu beginnen, und Gewalt mit Gewalt
+zu vertreiben &mdash; bis dahin aber sich vollkommen
+ruhig zu verhalten und ebensowenig die Waffen zu
+ergreifen, als den Eindringlingen auch noch Proviant
+zu liefern, ihnen das Leben hier auf der Insel so angenehm
+als möglich zu machen.</p>
+
+<p>Lieutenant Hunt, der Befehlshaber des kleinen
+Kriegsschiffes Basilisk sowohl, wie der Capitain des
+Cormorant hatten allerdings augenblicklich gegen die
+an dem Englischen Consul verübte Gewaltsmaßregel
+protestirt, konnten aber weder seine Befreiung erwirken
+noch etwas an seiner Lage bessern, und Monsieur
+<span class="f">d'Aubigny</span> erließ ein Plakat, worin Mr. Pritchard,
+wenigstens indirekt, der Mord der Schildwache zugesprochen,
+und er ebenfalls als die Ursache des trotzigen
+Betragens der Eingeborenen, die er täglich und täglich
+wieder aufgereizt habe, angesehen wurde. Seine
+Gefangennahme sei aus dem Grunde geschehn und
+er selber solle für alle weiteren Folgen verantwortlich
+gehalten werden.</p>
+
+<p>Mit vieler Mühe gelang es endlich dem Capitain
+des Cormorant die Freiheit des Gefangenen, aber
+auch nur unter der Bedingung zu erwirken, daß er
+ihn an Bord seines eigenen Dampfers von Tahiti
+fortnahm, und sich dabei verbindlich machte ihn an
+keiner Insel dieser oder der Nachbargruppe wieder an
+Land zu setzen. Die Franzosen betrachteten diesen
+Mann als die einzige Ursache der nicht unbedingten
+und augenblicklichen Unterwerfung der Indianer, und
+glaubten und hofften durch seine Entfernung jedes
+weitere Hinderniß ihrer Festsetzung und unbestrittenen
+Oberherrschaft auf den Inseln, vollständig beseitigt
+zu haben.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_8" id="Capitel_8"></a><span class="first">Capitel 8.</span><br />
+
+Pomare's Flucht.</h2>
+
+
+<p>Ren&eacute;'s kleiner Haushalt befand sich indeß in
+wilder ungemüthlicher Verfassung; Alles war gepackt
+gewesen, und nur gezwungen hatten sie im Anfang
+das Nothdürftigste wieder herausgenommen, immer
+noch hoffend daß sich die unangenehme Sache freundlich
+erledigen würde; aber Tag nach Tag verging
+ohne daß eine Entscheidung kam, und Ren&eacute; seines
+Wortes, Tahiti nicht zu verlassen, entbunden worden
+wäre. Er war selber mehrmals bei Mons. Bruat, dem
+jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig
+empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung
+unter keiner Bedingung aufgeben zu können, bis er
+zu einem Resultat gekommen sei, und Ren&eacute; stände
+als Eigenthümer des Grundstücks wo die Waffen
+geschmuggelt wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer
+sogar des Schooners, der Sache zu nah, sein Zeugniß,
+falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben
+könnte, zu entbehren. &raquo;Augenscheinlich&laquo; setzte er dann
+zwar höflich aber ziemlich bestimmt hinzu, &raquo;wisse er auch
+mehr über die Waffen, als er für gut finde, vielleicht
+durch seine enge Verwandtschaft mit den Eingebornen
+dazu veranlaßt, auszusagen, und wenn es seinem
+bekannten Charakter nach auch nicht wahrscheinlich
+wäre, daß er selber irgend etwas Feindseliges gegen
+seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch nur
+dulden würde, so lange er es eben verhindern könnte,
+sei die ganze Verhandlung noch keineswegs klar genug,
+so rasch und vollkommen wieder aufgegeben zu
+werden; das aber müsse in der That geschehn, wenn
+er ihn jetzt seines Wortes entbinden wolle.&laquo; Uebrigens
+bot auch Gouverneur Bruat, wie vor ihm der
+Kommandant <span class="f">d'Aubigny</span> dem jungen Mann an in
+Französische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders
+zu beweisen hoffte, daß gegen seine Person nicht der
+mindeste Verdacht vorliege. Zu gleicher Zeit machte
+er ihn besonders darauf aufmerksam, welch wohlthätigen
+vermittelnden Einfluß er da oft werde im
+Stande sein auf einzelne Verhältnisse auszuüben:
+Ren&eacute; erklärte aber bestimmt, hier in Tahiti nie einen
+Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen,
+und das sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner,
+sobald er wirklich eingetreten wäre, nicht zu
+vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten zwar
+dankbar, aber doch bestimmt ab.</p>
+
+<p>Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht
+wieder betreten &mdash; ja sogar auf das Aengstlichste vermieden
+nach Papetee zu kommen. Er fühlte welche
+Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal
+mehr vor sich selber verbergen konnte; ja auch Susanna
+mußte durch seinen Abschied, und die Worte
+die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks
+gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf
+ihn gemacht, und wie ihre Nähe den Frieden seines
+Hauses, seines Lebens zu stören, zu untergraben
+drohe, wenn er nicht mit fester männlicher Kraft dagegen
+ankämpfe, und die Leidenschaft niederhalte,
+die zwei Wesen zu verderben drohte. Monsieur
+Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf
+der Straße getroffen, wo ihn Geschäfte in das
+Gouvernements-Gebäude riefen, er erklärte aber
+jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti
+zu verlassen, und wolle den Abschied von ihm so
+lieb gewordenen Freunden nicht zum zweiten Male
+durchleben, da er einmal überstanden. Mons. Belard
+lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen
+Abschied als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach
+einer nur wenige Meilen entfernten Insel überzusiedeln
+gedenke, hatte aber immer zu viel Geschäfte dabei im
+Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam
+bald, von Ren&eacute; rasch dabei unterstützt, auf irgend
+etwas Anderes, Gleichgültigeres zu reden.</p>
+
+<p>Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und
+mehr und mehr drängte es ihn dann nach Hause
+zurück, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit unermüdlicher
+Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens
+daheim das Alles vergessen zu machen, was ihm die
+Menschen draußen weh gethan. Das, glaubte sie auch,
+drücke ihm das Herz, er wäre ja sonst nicht immer
+so traurig und verstimmt zu Haus gekommen und
+bleich und schwermüthig geworden, gar nicht in
+seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was
+er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte
+auch die Wolken von seiner Stirn und rief das Lächeln
+wieder auf seine Lippen, wie in alter Zeit; und
+wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte
+und sie sich an ihn schmiegte, plauderte sie ihm von
+Atiu und den lieben Plätzen die sie dort wieder
+besuchen würden; von dem stillen Sitz an dem
+Palmenhang; von dem Ihiamoea oben im Dickicht,
+wo er die böse Nacht verbracht; von der kleinen
+Veste auf der Hügelspitze wo er sie zuerst gesehn und
+sie ihn fortgeführt hatte in das friedliche Missionshaus
+an der Bai &mdash; und von den seligen, seligen
+Stunden die sie da verlebt.</p>
+
+<p>Ren&eacute; lauschte, das glückliche Weib an seinem
+Herzen, wie in einem Traum, der all die lieben Bilder
+wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge;
+aber immer und immer wieder mußte er sich zwingen
+dazu, das Alles <span class="g">keinen</span> Traum zu nennen, wo der
+Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines Armes lag,
+und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild
+und seinem Herz. Und daß er das fühlte, daß er
+das erkannte machte ihn unglücklich. &raquo;Du sündigst&laquo;
+flüsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer
+endendem Klang, &raquo;Du sündigst&laquo; sprach jeder Liebesblick
+aus den Augen seiner Sadie, &raquo;Du sündigst&laquo;
+drängte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe Lächeln
+seines Kindes entgegen, &raquo;Du sündigst&laquo; donnerte die
+Brandung, die ihn einst in Schlaf gesungen, in
+Liebe und Glück.</p>
+
+<p>Wie um vor sich selbst zu flüchten, hatte er den
+Vater Conet wieder aufgesucht, der in zarter Rücksicht
+bis dahin sein Haus lange Zeit nicht betreten,
+weil er fürchtete daß seine Stellung zu den Protestantischen
+Geistlichen Uneinigkeit säen könne in
+stilles häusliches Glück; er forderte ihn jetzt selber
+auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange er noch
+auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang
+des freundlichen verständigen Mannes zu finden.
+Aber der Muth gebrach ihm wirklich dem Freunde,
+der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine
+solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was
+ihm das Herz erfüllte, was es quäle, und Alles das
+trug er fest in sich verschlossen und allein, und kämpfte
+still und männlich dagegen an. Es war ein Kampf
+der Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr
+nur wuchs ihm erst die Kraft.</p>
+
+<p>Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häufiger
+besucht, aber fast nur ihm zuzureden der Einladung
+des Gouverneurs zu folgen, und wieder in
+eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist
+und Herzen doch auch mehr bot als eine bloße Existenz,
+die ihm eine Aussicht auf spätere Zeiten bahnte,
+ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als
+eben nur das Bewußtsein zu haben daß man ist und
+athmet. Auch Vater Conet stimmte darin dem jungen
+Officier vollkommen bei, Ren&eacute; sei, wie gar keinem
+Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran
+denken zu können sich von der Welt ganz zurückzuziehn,
+die ebenfalls ihre Forderung an <span class="g">ihn</span> habe und
+sich ihr Recht dann doch einmal über kurz oder lang
+zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, daß ihm
+das Leben der Inseln auf die Länge der Zeit genügen
+würde und könne, und wie sich <span class="g">alle</span> seine Landsleute
+für später solche Aussicht offen gelassen &mdash; eine
+Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen
+Ausnahmen eine <span class="g">Hoffnung</span> wurde &mdash; so werde
+auch er einmal den Drang wieder in sich fühlen nach
+Frankreich zurückzukehren, an dessen weit geselligeres
+Leben sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den
+Sitten, der Sprache des fremden Volkes bekannt und
+befreundet, leicht und gern gewöhnen würde.</p>
+
+<p>Sadie schüttelte bei solchen Reden recht ernst und
+ängstlich mit dem Kopf; sie hatte genug von Französischem
+Leben hier auf Tahiti gesehn, sich nicht
+weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu
+leben wo sie weiter gar Nichts mehr sehen sollte als
+fremde unbekannte Gestalten, wo ihr die lieben Palmen
+fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen
+Kinder ihres sonnigen Vaterlands? &mdash; Nein, nein,
+dahinein paßte sie nicht, und sie würde und müßte
+vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh.</p>
+
+<p>Auch Ren&eacute; hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm laut wurden und Form
+gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren
+so viel er wollte.</p>
+
+<p>Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder
+Ezra von den Französischen Behörden eingezogen
+worden, etwas mehr aus ihm herauszubringen über
+jene Nacht, als ein bloßes <span class="f">aita vau i ite</span> &mdash; ich weiß
+es nicht &mdash; und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu sich
+genommen, die ihr die Dienste des Knaben ersetzen
+sollte. Nai Nai war über die Blüthe der Jahre hinaus,
+wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich
+sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hübsches
+Mädchen gewesen sein sollte, doch jetzt abgefallen,
+mager und selbst häßlich geworden. Eine eigene
+Wuth die sie dabei hatte Europäische Kleider und
+besonders Hüte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande
+ihre Reize zu erhöhen, und Sadie lachte darüber,
+aber auf Ren&eacute; machte es einen peinlichen Eindruck,
+so peinlich daß er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken,
+wenn er ihr auch keinen Grund dafür
+anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie einen
+Wunsch, wenn es in ihren Kräften stand ihn auszuführen,
+und Nai Nai wurde wieder hinüber nach
+Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und von einem
+hübschen jungen Mädchen ersetzt.</p>
+
+<p>Wenige Wochen waren solcher Art nach den im
+vorigen Capitel beschriebenen Vorgängen verflossen,
+und wenn sich auch die Insulaner schon ziemlich
+über den Verlust ihres Missionairs und Consuls
+beruhigt hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich
+der Fremden diesem scheinbaren Frieden ein Ende
+machen.</p>
+
+<p>Die <span class="f">Reine blanche</span> war wieder gesegelt und
+Monsieur Bruat hatte Alles versucht die Eingebornen
+in Güte dazu zu bringen, ihnen die nöthigen
+Provisionen zu liefern, aber umsonst. Wie die Franzosen
+behaupteten, von den Missionairen aufgereizt,
+jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen Häuptlinge,
+hielten sich die Insulaner in ihren Wohnungen und
+brachten nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja
+das Gerücht verbreitete sich sogar, sie seien gesonnen
+Alles was sie nicht von Früchten und überhaupt
+Lebensmitteln nothwendig selber brauchten, in die
+Berge und den Feranis aus dem Weg zu schaffen.</p>
+
+<p>Dem zu begegnen schritt der Französische Kommandant
+zu einem Gewaltstreich, lockte vier der einflußreichsten
+Häuptlinge, unter ihnen Terate, Avei
+und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er sie gefangen
+hielt, und hätte sich fast auch noch eines
+andern Trupps bemächtigt, wäre diesem nicht noch
+zeitige Warnung geworden, daß er in die Berge
+fliehen konnte.</p>
+
+<p>Bald darauf erschien eine Proclamation vom
+Gouverneur Bruat unterzeichnet, die im Namen des
+Königs von Frankreich und als Gouverneur der
+Französischen Besitzungen, dem Volke von Tahiti erklärte
+daß die vier Häuptlinge Taaniri, Raheahu, Potowai und Teraitane, da sie auf das Wort des
+Friedens nicht hatten hören wollen, für Rebellen
+erklärt und ihr Eigenthum mit Beschlag belegt werden
+sollte.</p>
+
+<p>&raquo;Acht Tage&laquo; hieß die Proclamation weiter &mdash;
+&raquo;sind ihnen noch gegeben sich zu unterwerfen. Der
+Distrikt der ihnen Schutz giebt soll, nach seiner
+Wichtigkeit, unter eine entsprechende Contribution
+gelegt werden. &mdash; Die dem Frieden und dem Gesetz
+freundlich gestimmten Personen bleiben ruhig unter
+dem Protectorat Frankreichs &mdash; die Strenge der
+Gesetze soll die Schuldigen treffen.</p>
+<p class="quotsig">Bruat.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt zum ersten Mal schien das Volk zu fühlen
+daß es wirklich unterjocht werden sollte, da man sich
+nicht allein begnügte die Englischen Missionaire
+feindlich zu behandeln, sondern auch sogar Hand an
+ihre eigenen Häuptlinge legte, und ein wilder Schrei
+des Zorns und der Entrüstung ging durch das
+ganze Land.</p>
+
+<p>Pomare war zu gleicher Zeit von den Missionairen
+feste Hülfe von England versprochen, und
+selbst alle dort lebenden Engländer bestätigten das,
+da Britanien nie dulden werde, daß Einer seiner
+Consuln auf solche Weise behandelt werde; nur verzögern
+mußte sie einen Ausbruch des Volks, damit
+der Franzose nicht neuen Grund bekam zu neuen
+Uebergriffen, und sich indeß ihr Recht wahren, als
+souveraine Königin.</p>
+
+<p>Dem Sinne folgend schrieb sie einen Brief<a name="FNanchor_H_8" id="FNanchor_H_8"></a><a href="#Footnote_H_8" class="fnanchor">[H]</a> an
+die Häuptlinge, worin sie dieselben zum treuen und
+geduldigen Ausharren ermahnte, aber sie auch zugleich
+indirekt darin aufforderte in ihrer Widersetzlichkeit
+gegen die Feranis standhaft zu bleiben, und
+dieser Brief wurde, wie es heißt, von Gouverneur
+Bruat so aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen in
+der &raquo;Rebellion gegen ihre gesetzmäßige Regierung&laquo;
+bestärken und bekräftigen solle.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_H_8" id="Footnote_H_8"></a><a href="#FNanchor_H_8"><span class="label">[H]</span></a> Pomare's Brief lautete wörtlich: &raquo;Gesundheit Euch
+Allen; ich mache Euch bekannt daß unser Kriegsschiff uns
+bald verlassen wird; der Admiral verlangt es nach Oahu
+zurück. Ein kleines Kriegsschiff liegt hier, über uns zu wachen,
+ein anderes wird kommen. Horcht nicht auf die Männer
+die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht daß wir nicht
+unterstützt würden. Britanien wird uns nicht verlassen. Laßt
+uns uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen.
+</p><p>
+Dies ist mein Wort an Euch &mdash; laßt unter keiner Bedingung
+etwas Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die
+Feranis schlecht; habt große Geduld. Nehmt mich zum Muster
+und folgt mir, und laßt uns Alle brünstig zu Gott flehen,
+daß er uns von unserer Prüfung befreien möge, wie einst
+Hezekiah. Frieden sei mit Euch.</p>
+<p class="quotsig">Pomare.&laquo;</p></div>
+
+<p>Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam, wahrscheinlich
+selbst von Französischer Seite, einen Wink, daß der
+Königin in Folge dieses Briefes Gefahr für ihre
+persönliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr.
+Pritchards Gefangennehmung überdies noch aufgeregt
+und eingeschüchtert, dermaßen den Kopf, daß er
+auf der Stelle zu ihr zu eilen beschloß, sie auf das
+Dringendste zur Flucht zu mahnen.</p>
+
+<p>Pomare war allein, als ihr der Missionair gemeldet
+wurde, und Bruder Rowe mußte lange draußen
+warten ehe er vorgelassen werden konnte. Selbst ihre
+Einanas hatte die Königin von sich entfernt; die
+Mädchen saßen und lagen draußen auf der Verandah
+herum und flüsterten leise miteinander &mdash; sie wagten
+nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein
+die Gebieterin von der Ankunft des Geistlichen zu
+benachrichtigen, und kam dann zu den Uebrigen zurück,
+denen sie mit halblauter Stimme etwas zuflüsterte.</p>
+
+<p>&raquo;Hast Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine?&laquo; frug der Geistliche endlich, dem der Boden
+anfing unter den Füßen zu brennen &mdash; &raquo;<span class="g">weiß</span>
+sie daß ich hier bin und sie sprechen muß?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Mitonare!&laquo; lautete die leise Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Und was hat sie gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mitonare soll warten&laquo; &mdash; das Gespräch war
+wieder abgebrochen.</p>
+
+<p>&raquo;Mitonare soll warten&laquo; &mdash; und die Zeit verfloß
+indeß, die ihr vielleicht noch geblieben, und <span class="g">mit</span> der
+Königin waren auch alle ihre Rathgeber gefährdet &mdash;
+wer weiß was sie vielleicht in ihrem weibischen Trotz
+Alles aussagte und &mdash; gestand.</p>
+
+<p>Der Missionair ging mit raschen ungeduldigen
+Schritten wieder draußen auf und ab.</p>
+
+<p>&raquo;Sie muß mich vergessen haben&laquo; rief er aber
+endlich, nicht länger im Stande seinen Unmuth zu
+verbergen, indem er wieder vor der Einana stehen
+blieb &mdash; &raquo;fort mit Dir, Waihine &mdash; sage noch einmal
+daß ich da bin, und Pomare sprechen <span class="g">muß</span>, denn
+ich hätte ihr Wichtiges &mdash; sehr Wichtiges mitzutheilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pomare hat gesagt Mitonare soll warten,&laquo;
+sagte aber das Mädchen, und Bruder Rowe sah sie
+erstaunt und mißtrauisch an &mdash; so hatten die Einanas
+noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner
+frommen Schaar zu sprechen &mdash; &raquo;und kam diese Sinnesänderung
+von oben herab?&laquo;</p>
+
+<p>Er sollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen
+behalten; die Königin, ob sie die ungeduldige Stimme
+des Missionairs gehört, oder selber es für Zeit fand
+ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mädchen
+sprangen auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder
+Rowe betrat wenige Minuten später das kleine Gemach,
+in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte
+auf der Erde saß.</p>
+
+<p>Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres
+Hauses zurückgezogen; weder Tisch noch Stuhl stand
+in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das einzige
+Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemusterte
+Gardinen hingen und in dem Zug der offnen Flügel
+hin und herwehten. Nur Matten, nebst einigen mit
+roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer
+zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und
+ein an der Wand befestigtes Seitenbret trug drei
+oder vier Bücher, eine reich vergoldete Obertasse mit
+abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos
+Poe-Schale.</p>
+
+<p>Der ehrwürdige Mann blickte etwas erstaunt umher,
+denn gerade in der letzten Zeit hatte Pomare
+weit eher gesucht sich mit Europäischem Glanz zu
+umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurückzuziehn;
+aber die Königin selber zog seine Aufmerksamkeit
+bald auf sich allein, denn sie sah bleich
+und abgehärmt aus, und die Spuren frischer Thränen
+waren noch in ihren Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Was bringst Du mir?&laquo; sagte sie mit halb abgewandtem
+Antlitz, als ob sie sich dieses Zeichens
+von Schwäche schäme &mdash; &raquo;was wollt Ihr von <span class="g">mir</span>?
+ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti &mdash;
+meine Sonne ist untergegangen und meine Nacht
+bricht an &mdash; Ihr müßt von jetzt an für Euch selber
+sorgen &mdash; Pomare Waihine hat kaum noch den
+einzigen Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer
+Thüre steht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch bist Du noch frei, Pomare,&laquo; sagte
+der Missionair mit traurigem, mitleidigem Blick &mdash;
+&raquo;hast noch Dein Volk um Dich und den blauen
+Himmel über Dir &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer kann mir das nehmen?&laquo; rief Pomare
+schnell, und ihr mißtrauischer Blick haftete forschend
+an dem Auge des Priesters.</p>
+
+<p>&raquo;Der Feind hat jetzt die Macht&laquo; entgegnete finster
+der Missionair, &raquo;und seine Bosheit ist groß.&laquo;</p>
+
+<p>Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglücksboten
+nur ruhig und sinnend an, dann langsam
+aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen
+Arm und sagte leise:</p>
+
+<p>&raquo;Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? &mdash; sag es
+mir gleich heraus und leg Dich nicht erst in den
+Hinterhalt &mdash; Du thust mir weh damit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist auch keine Zeit mehr zu verlieren, Pomare,&laquo;
+erwiederte der Priester ernst &mdash; &raquo;Du weißt
+was die Feranis mit Piritati gemacht haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Piritati war ein Beretani&laquo; rief die Königin
+schnell &mdash; &raquo;er gehörte nicht in dieses Land &mdash; sie
+konnten das wagen &mdash; sie dürfen nicht Hand an
+Pomare legen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Dürfen</span>?&laquo; sagte Mr. Rowe achselzuckend &mdash;
+&raquo;wir sind ein friedliches Volk und können uns nicht
+zur Wehr setzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wessen Schuld ist das?&laquo; frug die Königin
+rasch und mit einem Zornesblick im Auge &mdash; &raquo;wer
+anders als Ihr, die Ihr uns von England die Religion
+gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe
+nennt, und die jetzt Haß und Tod unter mein Volk
+bringt, wer anders hat den Bewohnern dieser Inseln
+ihre alten Kriegsspiele verboten, und die Führung
+der Waffen für sündhaft erklärt? wer eiferte früher
+dagegen, daß meine jungen Leute ihr Cocosöl und
+ihre Perlmutterschalen gegen Gewehre und Pulver
+eintauschen sollten wie es mein und ihr Wunsch war,
+und erklärte es gegen Gottes Gebote, während Ihr
+Oel und Muscheln für Eure eigenen Zwecke sammeltet
+und nach Beretani schicktet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geschah das um Gottes Wort auch auf
+andern Inseln zu verbreiten &mdash; auch andern Völkern
+den Segen der christlichen Religion zu bringen&laquo;
+sagte mit milder freundlicher Stimme der Geistliche.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe das gute Buch durchgelesen von Anfang
+bis Ende&laquo; erwiederte die Königin finster &mdash;
+&raquo;und nirgends darin gefunden daß Jesus Christus
+<span class="g">gesammelt</span> hat für andere Völker.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damals war es noch nicht nöthig, Pomare&laquo;
+erwiederte Mr. Rowe, etwas verlegen &mdash; &raquo;und nicht
+wohl ist es gethan, das Schwert zu nehmen, denn
+Jesus selber hat gesagt, &raquo;wer das Schwert nimmt,
+der soll durch's Schwert umkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geh, geh!&laquo; sagte aber Pomare traurig mit dem
+Kopf schüttelnd &mdash; &raquo;Du hast für Alles einen Vers
+aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du sagst
+daß sie gute Christen wären fahren eben so mit
+Kriegs-Canoes auf der See herum wie die Feranis,
+sie nehmen das Schwert und sie kommen nicht um,
+und ich habe das Schwert nicht genommen und verliere
+mein Reich &mdash; Was willst Du jetzt von mir?
+ &mdash; was soll ich thun? &mdash; gehe zurück zu Deinen
+Landsleuten und sage ihnen daß ich Euch hier nicht
+mehr schützen kann. Ich danke ihnen daß sie mir die
+Bibel gesandt, aber mein Volk ist zerstreut, meine
+Macht ist gebrochen &mdash; wenn ich wieder Königin
+bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare&laquo;
+sagte aber der Geistliche ernst, &raquo;nicht für mich Schutz
+oder Hülfe zu erbitten von Dir, Du schwergeprüfte
+Königin, sondern Dich selber wollt' ich warnen, Dich
+einer Gefahr zu entziehn, die über Deinem Haupte
+schwebt, und Dich in der nächsten Stunde schon vielleicht
+erreichen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So sprich!&laquo; rief Pomare, &raquo;schon seit Du das
+Zimmer betreten, sehe ich Dein Unheilkündendes
+Gesicht, und mein Herz ist von Angst erfüllt &mdash; was
+ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor einer Stunde etwa&laquo; nahm der Geistliche
+wieder das Wort, &raquo;bin ich gewarnt worden, daß die
+Feranis, böse über Deinen Brief den Du an die
+Häuptlinge geschrieben, Dich ebenso wollten gefangen
+nehmen und in Gewahrsam halten, wie Terate und
+die Andern, damit Du die Eingebornen nicht aufwiegeln
+könntest gegen sie. Die wahnsinnigen Menschen
+behaupten jetzt die rechtmäßigen Eigenthümer
+Tahitis zu sein, und erklären uns selber für <span class="g">Rebellen</span>
+wenn wir gegen sie reden.&laquo;</p>
+
+<p>Ein zorniges Lächeln flog über Pomares Züge,
+als sie die Worte hörte und sie antwortete finster:</p>
+
+<p>&raquo;Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt
+Euere Schiffe? wo die Kanonen die Ihr mir zu
+meinem Schutz verspracht? &mdash; Euere Kriegsschiffe
+haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai
+verlassen, Euer Consul ist gefangen, Euere Fahne
+verschwunden &mdash; wo bleiben Euere Predigten, Euere
+Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosöl, da
+war ich Königin, da kamen die Capitaine und sprachen
+schöne Worte und brachten Geschenke &mdash; jetzt
+da ich arm und verlassen bin, kommt Niemand mich
+zu unterstützen. Und wohin soll ich fliehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es liegt ein Englisches Kriegsschiff im Hafen
+das Dich aufnehmen wird, und unter Englischer
+Flagge bist Du sicher&laquo; rief der Missionair.</p>
+
+<p>&raquo;An Bord eines fremden Schiffes? nie&laquo; &mdash;
+zürnte die Königin, &raquo;wär' ich nicht dort Gefangene
+wie da?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch ist es das Einzige&laquo; seufzte der Missionair
+ &mdash; &raquo;dorthin reicht der Arm der Feranis nicht,
+und wer weiß ob Du heut Abend selbst noch zu dem
+Schritt Raum und Zeit behältst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann mich nicht allein in den Schutz der
+fremden Männer geben&laquo; sagte Pomare, doch jetzt
+unruhig werdend über den besorgten Ernst des sonst
+ihr so freundlich gesinnten Mannes &mdash; &raquo;ich kann
+nicht allein an Bord eines Kriegsschiffs fliehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Gatte und zwei Deiner Einanas müssen
+Dich begleiten&laquo; sagte Mr. Rowe, &raquo;Pomare Tane<a name="FNanchor_I_9" id="FNanchor_I_9"></a><a href="#Footnote_I_9" class="fnanchor">[I]</a>
+ist ja von Imeo zurückgekehrt, und wird sich nicht
+weigern Dir an Bord zu folgen.&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_I_9" id="Footnote_I_9"></a><a href="#FNanchor_I_9"><span class="label">[I]</span></a> Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel &raquo;Pomare's Mann.&laquo;</p></div>
+
+<p>&raquo;Weigern?&laquo; sagte die Königin zürnend, und ein
+verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen &mdash; &raquo;aber
+meine Kinder? &mdash; was würde aus denen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin die Mutter geht, gehn sie auch, und
+Capitain Hunt ist ein Gentleman, der sich glücklich
+schätzen wird einer armen verrathenen Frau und
+Königin Schutz mit den ihren zu gewähren.&laquo;</p>
+
+<p>Pomare ging, die Hände krampfhaft gefaltet,
+das Haupt gesenkt, mit raschen Schritten im Zimmer
+auf und ab, als draußen Stimmen laut wurden und
+gleich darauf Eine der Einanas den Häuptling Tati
+meldete, der Pomare dringend zu sprechen wünsche.</p>
+
+<p>&raquo;Tati?&laquo; rief Pomare, erstaunt vor dem Mädchen
+stehn bleibend &mdash; &raquo;Tati? was will er von <span class="g">mir</span> in
+jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis geschickt,
+seine Königin abzuholen ins Gefängniß &mdash; send' ihn
+fort, er gehört zum Feind; Pomare will ihn nicht
+sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn der Feind Dein Vaterland ist, Pomare,
+dann hast Du recht&laquo; sprach in diesem Augenblick die
+tiefe klangvolle Stimme des Häuptlings, der dem
+Mädchen auf dem Fuß gefolgt, und auf der Schwelle
+stehn geblieben war, bis seine Ankunft gemeldet worden
+ &mdash; &raquo;schicke mich nicht noch einmal fort von Dir,
+denn ich bringe ein Freundeswort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schickt Dich der Ferani?&laquo; frug die Königin,
+ihn mit einem finstern Blick betrachtend &mdash; &raquo;haben
+sie Dir wieder neue Versprechungen gemacht, oder
+soll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen,
+der mir auch die Füße bindet, wie der erste die Hände,
+und mich hier hält in ihren bewaffneten Häusern,
+als Geißel für die Unterwürfigkeit meines armen
+Volkes?&laquo;</p>
+
+<p>Tati zog die Brauen finster zusammen und sein
+Blick suchte den Missionair, als ob er dort den Grund
+solcher harten Anklage vermuthe, aber das gute Element
+in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger
+fast herzlicher Stimme sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Du hast Grund uns zu zürnen, Pomare, denn
+wenn auch absichtslos, gaben wir dem Ferani den
+Halt an dieses Land, den er jetzt benutzt, es zum
+Abgrund niederzureißen, aber vielleicht bin ich im
+Stande Dir heute zu beweisen daß es Tati redlich mit
+Tahiti, redlich mit Dir meint, und kleinliche Eifersucht
+seinem Herzen fremd ist, in der Stunde der
+Noth. Du bist in Gefahr und mußt Papetee verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß es, ich weiß es&laquo; rief Pomare schnell
+ &mdash; &raquo;der ehrwürdige Mann hier hat mich schon gewarnt,
+und das Schiff der Beretanis wird mich und
+die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis
+gefangen gebe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Schiff der Beretanis?&laquo; rief Tati, fast
+ebenso sehr erschreckt als erstaunt &mdash; &raquo;und was hast
+Du bei den Beretanis zu thun? sind sie nicht Fremde,
+so gut als Jene? O Pomare, wann wirst Du aufhören
+Dich auf Fremde zu verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Häuptling Tati spricht, als ob unsere Nation
+dem Tahitischen Stamme je noch feindlich gewesen
+wäre&laquo; sagte der Missionair, &raquo;ich dächte wir
+hätten bewiesen, daß wir unsere Tahitischen Brüder
+lieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Genug &mdash; genug&laquo; sagte der Häuptling abwehrend
+ &mdash; &raquo;nicht um mit Worten zu streiten bin
+ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln ist gekommen,
+und Du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob
+Du würdig bist das Tahitische Volk zu regieren,
+wo dann Tati und alle Andern sich freudig Deiner
+Herrschaft beugen werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und soll ich mit meiner Flucht solchen Beweis
+beginnen?&laquo; frug die Königin bitter.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings&laquo; rief Tati rasch, &raquo;aber nicht wenn
+Dich die Bahn nach einem fremden Schiffe führt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wohin denn? &mdash; wo hast Du Schutz für
+mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bei Deinem Volk, Pomare!&laquo; rief der Häuptling
+rasch und während die Königin finster und wehmüthig
+mit dem Kopfe schüttelte, fuhr er von seiner
+Sache begeisterter, wärmer werdend, fort &mdash; &raquo;schüttle
+nicht so zweifelnd das Haupt, die Führer fast aller
+Partheien, die sich vereinigt haben in der gemeinsamen
+Noth des Landes senden mich, und rufen, ja
+fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen
+und mit ihnen in die Berge zu ziehn. Dort pflanzen
+wir die eigene Fahne auf, und Tod den Feinden,
+wenn sie es wagen sollten uns dorthin zu folgen,
+wo wir uns fest und freudig um Dich geschaart.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur bei dem Versuch in die Berge zu entkommen&laquo;
+warf hier kopfschüttelnd der Geistliche ein &mdash;
+&raquo;wäre Pomare fast der gewissen Gefahr ausgesetzt,
+von den Feranis angehalten und gefangen zu werden.
+Sie würden es nimmer dulden etwas geschehn zu
+lassen, was ihnen die Eingebornen zu so viel gefährlicheren
+Feinden machen müßte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Gefahr</span> und <span class="g">Dulden</span>!&laquo; rief der Häuptling,
+mit dem Fuße stampfend, &raquo;ein einzig Zeichen durch
+die Stadt von mir und fast drei Viertel der Bewohner
+schaaren sich mit einem Jubelschrei um ihre
+Königin. Laßt das Volk wissen daß Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren sind, und kein
+Arm der noch einen Bogen spannen und einen Speer
+schleudern kann, bleibt daheim, das Ende schmachvoll
+abzuwarten. Nein Pomare, nicht Furcht jetzt, nicht
+Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die
+Spitze Deines Volks zu stellen. Die Fremden haben
+jetzt deutlich genug gezeigt <span class="g">was</span> ihre Absicht ist, und
+uns bleibt keine andere Wahl, als Unterwerfung
+oder Kampf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Uns bleibt die Wahl Britischen Schutz zu
+suchen&laquo; rief der Missionair, neben Pomare tretend,
+&raquo;uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch
+spät, die Hülfe bleibt nicht aus; so langsam sie
+kommt, so sicher wird sie kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Tati wollte heftig gegen den Priester auffahren;
+aber er bezwang sich, er fühlte die Wichtigkeit dieser
+Stunde und sagte ernst und ruhig:</p>
+
+<p>&raquo;Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo Du
+zu wählen hast zwischen Deinem Volk und den
+Fremden, zwischen Deiner eigenen Herrschaft oder
+der, Beretanischer oder Feranischer Priester; &mdash; gieb
+Dich wieder in ihre Hände, und Deine Macht ist
+gebrochen für ewige Zeiten &mdash; wirf sie von Dir, und
+wir erkämpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen
+ehrenvollen Tod. Sieh, daß die Häuptlinge <span class="g">mich</span>
+senden, mag Dir ein Beweis sein wie wir denken &mdash;
+jeder Partheistreit sei vergessen, jeder kleinliche Gedanke
+an Eigennutz zerstört, das Vaterland ist in
+Gefahr und wie der fremde Ferani schlau und tückisch
+seinen Vortheil zog aus dem Zwiespalt der Partheien,
+so pflanze die <span class="g">eine</span> Macht jetzt siegreich ihr Banner
+auf in den Bergen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Königin stand unschlüssig; das Herz schlug
+ihr heftig und ihr Blick flog ängstlich von den schönen
+belebten Zügen des Häuptlings nach dem bleichen
+Antlitz des Priesters hinüber.</p>
+
+<p>&raquo;Und was wird aus Pomare Tane?&laquo; frug sie
+leise.</p>
+
+<p>Tati biß sich die Lippe&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Er mag mit Dir gehn&laquo; sagte er endlich leise,
+&raquo;aber <span class="g">wenn</span> er ein Mann wäre hätte er selber schon
+das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den
+Waffen gerufen &mdash; oh daß Dein Vater lebte, Pomare.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was dann, wird aus den Lehrern dieses
+Volks, was wird aus uns und unseren Häusern?&laquo;
+rief der ehrwürdige Mr. Rowe. &raquo;Vertrauungsvoll
+sind wir an Eueren Strand gekommen, Euch den
+Frieden und die Liebe zu bringen, und sollen wir
+jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde zurückbleiben?
+So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird ebensowohl <span class="g">Dein</span> Eigenthum hier
+geachtet werden, denn die Feranis fürchten unseren
+Stamm, mögen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie
+sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflüchtet,
+als erklärter Feind und mit den Waffen in der Hand,
+so ist nach den Gesetzen des Kriegs Alles dem verfallen,
+der das Feld behauptet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?&laquo; rief Tati
+zornig, &raquo;wo das Schicksal des ganzen Landes am
+Rande des Abgrunds steht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Viel weniger an mich&laquo; &mdash; erwiederte ruhig der
+Missionair, &raquo;als an alle meine Brüder hier auf den
+Inseln, ja an das Schicksal der Mission selber, die
+damit ihrem gewissen Untergang entgegen zöge. Sobald
+Pomare jetzt offenkundig den Krieg beginnt,
+liegt die Vergangenheit abgeschnitten hinter ihr, und
+die Gewalt der Waffen allein entscheidet wer künftig
+und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt,
+so ist es der Sieger, der die Bedingungen schreibt
+und denen sie sich fügen muß, indeß sie jetzt noch
+immer Englands Hülfe sich erhält, seine Vermittlung
+die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Abgrund mit der Bibel!&laquo; schrie aber der
+im Herzen noch immer den alten Göttern zugethane
+Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den egoistischen
+Geistlichen die Ueberhand gewann &mdash; &raquo;es gilt
+hier nicht das dicke Buch, es gilt das ganze Land,
+es gilt hier für Pomare die Herzen ihres Volks, die
+jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange sind.
+Tati läßt auch Alles zurück was er sein eigen nennt,
+ebenso Utami &mdash; wir wollen uns selber, wollen
+unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind die
+Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere
+Brodfruchtbäume niedermähn; die Berge tragen Feis,
+der Wald Orangen und Guiaven und tausend andere
+Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da
+oben so rein und frisch, wie hier im Thal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will auf das Schiff gehn, Tati&laquo; sagte aber
+jetzt Pomare, die bis dahin unschlüssig und ängstlich
+gestanden &mdash; &raquo;der Mitonare hat recht; so lange ich
+unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie
+kämpfe, werden sie unser Eigenthum achten und nicht
+zerstören, und das fromme Werk der Mission, das
+mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zu Grunde
+gehn; ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin
+eine Frau und meine Kinder sollen ihre Krone nicht
+vergossenem Blute zu verdanken haben &mdash; wenn
+Andere Unrecht thun will ich nicht selber sündigen.
+Und auch Du Tati, schaudere vor dem Abgrund zurück
+an dem Du stehst, denn Du verachtest die Bibel
+und sie ist Deine einzige Rettung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pomare &mdash; laß uns nicht in dieser Stunde um
+ein Wort, um eine Meinung zanken,&laquo; bat aber der
+Häuptling &mdash; &raquo;schicke mich nicht fort von Dir mit
+solcher Antwort; noch bist Du Königin und will
+Dich England schützen, wird es das eher thun, wenn
+Du Dir Achtung von ihm <span class="g">erzwingst</span>, durch Königliches
+Handeln, als wenn Du feige auf eines
+ihrer Schiffe flüchtest, von vorn herein gleich erklärend,
+ich bin zu schwach, ich <span class="g">kann</span> nicht Königin sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da kommt Bruder Brower in großer Eile&laquo; rief
+Mr. Rowe da, der einen Blick durch das Fenster geworfen
+ &mdash; &raquo;was wird er bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unheil diesem Haus&laquo; sagte Tati düster, der in
+den Augen Pomare's schon seine Antwort las, und
+nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare
+würde den Ausschlag geben. Er sollte darüber nicht
+lange in Zweifel bleiben; mit ängstlicher Miene
+brach der kaum angemeldete Priester ins Zimmer,
+und nur einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling
+werfend, dessen Parthei den Interessen Pomare's bis
+dahin selten freundlich gewesen, rief er aus:</p>
+
+<p>&raquo;Die Noth ist groß Pomare, größer aber die
+Gefahr, denn soeben höre ich daß die Französische
+Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu
+halten, bis zu Abschluß des Friedens. Glücklicher
+Weise aber war das Boot des Basilisk hier an Land
+ &mdash; sein Officier ist von mir in Kenntniß gesetzt und
+liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter
+dem Schutz seiner Flagge sicher fortzuführen &mdash; aber
+der Augenblick drängt, Du hast keine Viertelstunde
+mehr zu Deiner Verfügung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare&laquo;
+rief da Tati noch einmal, den letzten Versuch
+zu machen, die Königin ihrem Lande zu erhalten &mdash;
+&raquo;über die Straße hinüber beginnen die Guiaven,
+und mein Kopf bürge Dir für Deine Sicherheit.&laquo;</p>
+
+<p>Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's
+Gemach; es war ein junger bildschöner Mann, wohl
+sechs oder acht Jahr jünger als die Königin, aber
+mit weichen, weibischen Zügen, die Oelgetränkten
+Haare mit Blumen geschmückt und die Finger mit
+Ringen besteckt. Auch seine Züge waren jetzt angstentstellt,
+und die Männer nicht beachtend die im
+Zimmer standen rief er laut:</p>
+
+<p>&raquo;Flieh Pomare, flieh &mdash; an den Bergen haben
+die Feranis Soldaten mit geladenen Gewehren stehn
+und das Volk schreit, sie kämen Dich zu fangen und
+zu binden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten
+bist Du frei,&laquo; drängte da Mr. Rowe.</p>
+
+<p>&raquo;Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner
+Krieger stellen&laquo; bat Pomare &mdash; &raquo;der Allmächtige
+wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in
+unsere Hände geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verdorren soll der Finger der sich für Deine
+Sache regt wenn Du ihr selbst den Rücken kehrst;&laquo;
+ &mdash; rief aber der Häuptling trotzig und finster &mdash;
+&raquo;Pomare &mdash; hah, was ist <span class="g">mir</span> der Name? dem <span class="g">Vaterlande</span>
+hätt' ich mein Blut geweiht, und jeden
+feindlichen Gedanken, jede Idee von Uneinigkeit draus
+fern zu halten, selbst <span class="g">Deinem</span> Stamm gehorcht.
+Du bist aus edlem Blut entsprossen und das Land
+hätte, so von jedem Partheienhaß befreit, seiner Königin
+zugejauchzt und sich für sie mit Freuden in den
+Kampf geworfen &mdash; das ist vorbei, die schwarzen
+Männer haben Dich wieder in ihrer Gewalt und
+Tati ist für Dich verloren.&laquo;</p>
+
+<p>Noch stand Pomare zögernd, da schallte ein
+kurzer Trommelwirbel, eine vorbeiziehende Patrouille
+vielleicht, an ihr Ohr.</p>
+
+<p>&raquo;Der Feind!&laquo; rief Pomare Tane, riefen die
+Missionaire &mdash; &raquo;sie kommen Dich zu holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo sind meine Kinder&laquo; flehte die arme Königin
+jetzt selber von der Angst der Uebrigen eingeschüchtert
+ &mdash; &raquo;meine Kinder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier im Zimmer bei den Einanas&laquo; beruhigte
+sie Mr. Brower &mdash; &raquo;ich ließ sie selber hier zusammenkommen,
+jetzt fort &mdash; in wenigen Minuten bist Du
+an Bord &mdash; schon im Boot bist Du sicher und ungefährdet&laquo;
+und ihre Hand ergreifend, die sie ihm
+willig überließ, folgte sie ihm hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Meine Kinder&laquo; rief die Königin.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, hier &mdash; Ihr Mädchen da rasch mit den
+Kindern in's Boot das am Strande liegt &mdash; fort
+mit Euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber meine Matten, meine Kleider &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles wird Dir nachgeschickt Pomare,&laquo; rief
+Mr. Rowe rasch &mdash; &raquo;wir selber wollen Dein Eigenthum
+schützen, das der Ferani nicht wagen darf anzutasten.&laquo;</p>
+
+<p>Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch
+mehr außer Fassung gebracht, folgte fast willenlos
+den Führern, und mit den Kindern voran floh
+der kleine Zug über den schmalen Strand dem zum
+augenblicklichen Abstoßen bereiten Englischen Boote
+zu. Eine Französische Patrouille kam gerade zufällig
+am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch
+wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte
+das Einschiffen der recht gut gekannten Königin nicht,
+ja es ist leicht möglich, daß die Franzosen sehr zufrieden
+damit waren einer unangenehmen Ueberwachung
+Pomares solcher Art vollkommen überhoben
+zu sein. Sie bekamen dadurch viel freiere und ungestörtere
+Hand in der Stadt, und hatten gewissermaßen
+eine Verantwortlichkeit weniger.</p>
+
+<p>Unbelästigt erreichte die Königin das Boot, wohin
+ihr ihr Gemahl mit den Kindern und zweien der
+Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und
+Brower am Ufer standen und mit einem dankenden
+Blick nach oben die Rettung Pomare's feierten,
+schoß das scharfgebaute Boot mit seiner kostbaren
+Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff<a name="FNanchor_J_10" id="FNanchor_J_10"></a><a href="#Footnote_J_10" class="fnanchor">[J]</a>
+zu, wo die seltenen Schützlinge von dem Englischen
+Capitain auf das Zuvorkommendste und
+Freundlichste empfangen und, so gut als der enge
+Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht
+wurden.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_J_10" id="Footnote_J_10"></a><a href="#FNanchor_J_10"><span class="label">[J]</span></a> Der &raquo;<span class="f">Basilisk</span>&laquo;, nur eine sogenannte &raquo;<span class="f">catch</span>&laquo; von
+circa 200 Tons.</p></div>
+
+<p>So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee
+bis jetzt verhalten hatten, und so gelassen sie der, vor
+ihren Augen geschehenen Occupation zugesehn, eine
+Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme
+ihres ersten Missionairs gestört werden konnte, so
+heftig erschütterte dagegen das Gerücht: Pomare hat
+fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth, und
+wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts
+heilig achtenden Fremden auf ein oder die andere
+Art gereizt zu haben, flüchtete in die Berge, ihrer
+Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu
+rüsten. Halb Papetee stand einsam und verlassen,
+während die Eroberer, damit gar nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie
+theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen
+Wohnungen herrichteten, zugleich aber auch mit vereinten
+Kräften daran gingen den Wall und Graben
+um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen,
+wie überhaupt Alles zu thun, was sie im
+Fall eines wirklichen Angriffs gegen eine Ueberzahl
+der Feinde schützen konnte.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig &mdash; kein
+wirklicher Ueberfall geschah, ja die einzelnen Franzosen
+die sich hie und da noch immer sorglos zwischen
+den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht
+belästigt noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren
+Blicke der Männer deutlich genug verriethen, wie
+gern sie hier gesehn wurden.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_9" id="Capitel_9"></a><span class="first">Capitel 9.</span><br />
+
+Der erste Kampf.</h2>
+
+
+<p>Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten
+der Franzosen lief aber auch, wenn es selbst die Bewohner
+von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch
+trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze
+Insel, und das Volk fing jetzt zum ersten Mal an
+einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge eigentlich
+bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das
+Bündniß mit den Häuptlingen schloß, und seine
+Priester ihnen herüberbrachte. Dumpfe Gerüchte
+folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich
+aller ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach
+dem Lande der Ferani's geschafft werden sollten, und
+wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran gedacht
+hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten
+überall auf, Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch
+der Muskete von den einzeln zwischen ihnen
+zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein
+Eifer zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine
+Regsamkeit, die einen ernsten Widerstand, selbst unter
+den Kanonen des Feindes, keineswegs als eine Unmöglichkeit
+erscheinen ließ. Nur an einem wirklich
+thätigen Grund zum Beginn fehlte es noch, einem
+ersten Ausschlagen irgend einer Parthei; das Geschütz
+war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte
+es zu entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden,
+<span class="g">konnte</span> das nicht lange auf sich
+warten lassen.</p>
+
+<p>Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der
+frühere Sabbath der Bewohner von Tahiti) Nachmittag
+ &mdash; und Bruder Dennis hatte an diesem Tage
+Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten.
+Die Bewohner dieses freundlichen Distrikts lebten
+allerdings zu entfernt von dem Schauplatz wirklicher
+Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon
+aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben,
+zu nahe aber auch sie gleichgültig an sich haben vorübergehn
+zu lassen, und wenn auch äußerlich noch
+Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing
+sich zu regen, waren unter der Hand die
+Rüstungen mit vielleicht nicht weniger Eifer betrieben
+worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's.</p>
+
+<p>Schon während der Predigt selbst war an diesem
+Tag ein fremdes Französisches Kriegsschiff, die
+jetzt dort an der Küste täglich auf- und abkreuzten,
+in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier
+dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit
+der Gemeinde natürlich von dem Geistlichen ab, dem
+viel interessanteren Schiffe zugewandt. Harte Worte
+waren es denn auch gewesen die der fromme Mann
+gegen die &raquo;Papisten und Sabbathschänder&laquo; sprach,
+die Herzen seiner Zuhörer mehr noch mit Zorn und
+Entrüstung füllend.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften,
+die sich ziemlich sorglos zwischen die
+Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und wenn
+ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke
+zuwarfen, und die Mädchen besonders, die sie nach
+altgewohnter Weise anfassen und mit ihnen scherzen
+wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem
+Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was
+die Freiheit ihrer Bewegungen, ja durch den Widerstand
+der Schönen zuletzt gereizt, selbst ihrem Uebermuth,
+hätte irgend eine Grenze gesteckt.</p>
+
+<p>Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten
+sich übrigens damit am Ufer, oder in der
+Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes
+kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als
+der Gottesdienst schon lange vorüber war und sich
+die einzelnen Familien in ihre Wohnungen zurückgezogen
+hatten, einer Patrouille gleich, aber nur
+theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und
+an dem nächsten Hügelhang hinauf, wo nur einzelne
+Häuser zerstreut unter vorhängenden Palmen lagen,
+und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten
+und kleinen Guiavendickichten hinaufzog.</p>
+
+<p>Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine
+Gruppe sorgloser fröhlicher Indianer lachend und
+singend auf einem offenen von hohen Brodfruchtbäumen
+und Palmen dicht beschatteten Platz, die
+Frauen als am Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt,
+hie und da eine sogar auf ihre Matte ausgestreckt
+und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um
+in einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu
+buchstabiren, während die Männer untereinander
+plauderten und erzählten, oder auch wohl zu Vieren
+oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit
+vollkommen richtiger Eintheilung der Stimmen
+sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß
+sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am
+Vorabend eines Krieges befände, und den Feind
+unter sich wußte, der es schon geärgert und gereizt,
+und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff
+schreiten konnte.</p>
+
+<p>Zwischen den Frauen waren drei reizende junge
+Mädchen, zwei von Tairabu, und eine, ein Gast in
+ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene
+reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der
+beiden Jungfrauen, die sich lächelnd zu ihr hinüberneigten,
+erzählte die Fremde den Freundinnen von
+der Stadt an der andern Seite der Insel, von den
+frechen Wi-Wis die ihre Waffen und Kanonen an
+Land geschafft, und die Herren sein wollten der
+ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen
+Sitten und Gebräuchen, von ihren großen Bärten
+und heißen Kleidern, von der wunderlichen Sprache
+ &mdash; wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi
+sprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie
+ &mdash; fuhr die Jungfrau leise und schüchtern fort, den
+Mädchen nachstellten und ihnen stets von ewiger
+Liebe sprächen, und sie dann wieder verließen wo sie
+ein anderes junges Gesicht gesehn.</p>
+
+<p>Es war ein liebliches zauberschönes Bild, diese
+drei jungen Kinder der Insel mit den blitzenden sprechenden
+Augen und üppigen Formen, denen die
+Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch
+höheren Reiz verlieh. Und dicht hinter ihnen saß
+ein alter Mann, in seinen Tapamantel eingeschlagen,
+und an den Stamm an einer hochwüchsigen mit
+goldgelben Früchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt,
+finster vor sich niederbrütend, und doch dabei
+dem Schwatzen des holden Mädchens lauschend.
+Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das
+heiße Blut die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte,
+als er den Uebermuth der frechen Fremden
+von rosigen Lippen lachend bestätigt hörte, und der
+die Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran
+dachte, wie sie die Schmach schon so lange ertragen,
+und immer und immer noch nicht losgeschlagen hätten
+in das Herz des Feindes hinein.</p>
+
+<p>Lautes Geräusch, Rufen und Lachen, fremde
+Stimmen und Worte tönten zu ihnen von unten
+herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der
+die Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen
+auch jetzt, die Mädchen neckend und die Männer ärgernd,
+bis zu ihnen herauf.</p>
+
+<p>&raquo;Die Wi-Wis&laquo; &mdash; die Mädchen drängten sich
+neugierig vor, ob sie nicht irgend wo auf dem freien
+Pfad eine der feindlichen wunderlichen Gestalten erkennen
+könnten, schüchtern aber dabei und bereit zu
+augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall
+gewesen wäre. Trommeln wirbelten indessen unten
+im Thal, aber nicht der bekannte fröhliche Laut zum
+jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem
+schroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen
+herauf die von der munteren Soldateska mit herüber
+genommen waren die Herzen der Hörer zu gewinnen.</p>
+
+<p>Fester Tritt und lautes Lachen schallte da näher
+und deutlicher zu ihnen herüber, und unten am Hang,
+in den Gärten schon wo die Reihen sorgfältig gepflanzter
+Bananen und süßer Kartoffeln standen,
+wurden die bunten Uniformen der Fremden sichtbar,
+die an den Fruchtbäumen, wenig sich um den Eigenthümer
+kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu
+suchen und zu pflücken.</p>
+
+<p>Die Mädchen welche aufgesprungen waren und
+rasch mit einander geflüstert hatten, wollten fliehen,
+aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurück. Was
+hatten sie zu fürchten an <span class="g">seiner</span> Hütte? glaubten
+sie daß der Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen
+ungestraft zu beleidigen? Die Mädchen schämten sich
+ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der
+Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen
+bleiben, und sie faßten sie endlich halb mit Bitten
+halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen sie
+wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon
+nicht recht daß sie dableiben mußten, und nun wollte
+das Mädchen von Papetee sie auch noch dazu allein
+lassen &mdash; das ging unter keiner Bedingung an.</p>
+
+<p>Die Franzosen, von denen einige mit ihren
+Seitengewehren bewaffnet waren, drei oder vier sogar
+ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch in die
+leichte Tracht der Europäer auf den Inseln, weite
+Hosen und Jacken und breiträndigen Strohhut gekleidet
+gingen, kamen indeß näher und näher und
+steuerten, als sie die bunten Kleider der Mädchen
+vor dem Haus erkannten, gerade auf die kleine hier
+befindliche Gruppe zu.</p>
+
+<p>Die Männer oben hörten dabei auf zu singen,
+und blickten finster auf die ungebetenen Gäste, die
+hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des
+eigenen Hauses störten, und die Mädchen rückten
+enger zusammen, und flüsterten ängstlich miteinander,
+denn die Feranis kamen gerade auf sie zu, und blieben
+lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten
+nicht einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte
+Fanue verharrte, die Arme fest auf der Brust gekreuzt,
+in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst
+und fragend an.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Waihine's!&laquo; rief da der Eine der Franzosen
+in ihrer Sprache &mdash; &raquo;auf mit den Köpfchen, was
+haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das Näschen
+im Schultertuch &mdash; aufgeschaut Dirnen und laßt ein
+vernünftig Wort mit Euch reden. &mdash; Vor Allem sollt
+Ihr mir eine Frage beantworten, und ich weiß Ihr
+könnt, wenn Ihr wollt.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz
+trotzig ab, und nur die Fremde senkte ihr Köpfchen
+tiefer und tiefer, und glühendes Roth schoß ihr über
+Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken selbst
+bis unter das Oberkleid. Der alte Fanue aber, die
+Verlegenheit der Mädchen bemerkend und kaum noch
+im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm
+kochte und gährte, sagte finster, die Feinde seines
+Vaterlandes mit den Augen messend:</p>
+
+<p>&raquo;Und was habt <span class="g">Ihr</span> für Fragen zu stellen und
+zu einem Haus zu kommen, zu dem man Euch nicht
+das <span class="f">hare mai</span> gerufen hat? &mdash; fort mit Euch wohin
+Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter
+über das blaue Wasser nach den Lee-Inseln; unsere
+Augen schmerzen von Euerem Anblick.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen,
+alter Bursche, wenn Du so unverschämte Reden
+führst!&laquo; rief Einer der Bewaffneten drohend; &raquo;übrigens
+hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern
+mit den Dirnen hier, so warte hübsch bis Du gefragt
+wirst &mdash; hallo hier Waihine, gieb Antwort
+mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Ku&#2027;ß&laquo;
+und sich niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten
+Arm um ihren schlanken zitternden Körper, während
+sie sich ihm mit lautem ängstlichem Ruf zu entziehen
+suchte.</p>
+
+<p>Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor,
+zu gleicher Zeit hatte aber auch Einer der Franzosen
+das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm
+nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen:</p>
+
+<p>&raquo;<span class="f">Nahuihua</span> &mdash; bei Allem was da lebt &mdash; die
+Perle die ich suchte; da bist Du ja, Mädchen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zurück &mdash; Le-fe-ve&laquo; &mdash; rief aber die Schöne
+mit zornfunkelnden Augen &mdash; &raquo;zurück falscher Wi-Wi
+ &mdash; todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus
+Aumama &mdash; und sie hat den Fluch über Dich gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aumama?&laquo; rief Lef&eacute;vre etwas bestürzt, &raquo;sie ist
+hier?&laquo; jede weitere Unterhandlung wurde aber rasch
+und plötzlich durch den greisen Häuptling selber abgeschnitten,
+der mit zornfunkelnden Augen zwischen
+die Fremden sprang und Lef&eacute;vre, denn dieser war es
+wirklich, an der Schulter faßte und zurückschleuderte
+von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und
+dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.</p>
+
+<p>&raquo;Fort mit Dir!&laquo; schrie er und sein Auge blitzte
+ &mdash; &raquo;fort mit Dir falscher Wi-Wi, oder diese Hand
+greift noch einmal nach der Kriegskeule und dem
+Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt
+hat; fort mit Dir, meineidiger feiger <span class="f">Huapareva</span><a name="FNanchor_K_11" id="FNanchor_K_11"></a><a href="#Footnote_K_11" class="fnanchor">[K]</a>
+oder Du sollst den Tag verfluchen der Dich zu unserem
+Leid an diese Küste gebracht!&laquo;</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_K_11" id="Footnote_K_11"></a><a href="#FNanchor_K_11"><span class="label">[K]</span></a> Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf
+altem Schilf schwimmend gefunden wird, und womit die
+Insulaner Personen von unbekannter dunkler Herkunft vergleichen.</p></div>
+
+<p>&raquo;Teufel!&laquo; schrie aber Lef&eacute;vre in toller Wuth, der
+von der kräftigen Hand des Alten seitab geschleudert
+wirklich Augenblicke brauchte sich im Gleichgewicht
+zu halten daß er nicht zu Boden fiel &mdash; &raquo;Teufel!&laquo;
+und sich in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte
+er einen Schlag nach ihm führen, aber der Alte kam
+ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn
+mit kräftiger Faust dermaßen gegen die Stirn, daß er
+betäubt einen Schritt zurücktaumelte.</p>
+
+<p>&raquo;Rebellion!&laquo; schrie da Einer der Bewaffneten,
+und den Hahn spannend und die Flinte emporreißend,
+schlug er auf den ihm trotzig gegenüberstehenden
+Häuptling an und feuerte. Die Kugel
+wäre dem alten Mann auf die kurze Entfernung
+auch jedenfalls verderblich gewesen, hätte nicht <span class="f">Nahuihua</span>,
+während die beiden anderen Mädchen flüchteten,
+selber den Lauf des Gewehres gerade noch zur
+rechten Zeit emporgeschlagen, das tödtliche Blei durch
+das Dach des Hauses zu senden.</p>
+
+<p>Jetzt aber sprangen auch die andern Männer
+empor, an dem beginnenden und in der That nicht
+mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen;
+Lef&eacute;vre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte,
+kümmerte sich nicht weiter um den Alten, auf den
+sich schon zwei der Soldaten geworfen hatten,
+ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen,
+sondern sprang mit einem Satz auf die
+zusammenschreckende Maid, die in Todesangst der
+Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher
+Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben
+und Wehren vom Boden auf, und floh mit ihr den
+Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein Boot
+zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu
+bringen.</p>
+
+<p>Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert
+und unter dem Zeterschrei der Frauen stürzten zwei
+der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der Andere
+todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte
+aber erschien, gleich nach dem ersten Schuß, eine
+andere Frau, ein junges schönes Weib, die Haare
+aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe
+hängend, das Schultertuch selbst gelöst und nur von
+der linken Hand zusammengehalten, wild und verstört
+wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach
+langer Wanderung und Ermattung. Aber nur einen
+Blick warf sie auf die Kämpfenden, ihr Auge suchte
+ein anderes Ziel, und mit der Schwester Hülfeschrei
+erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich
+sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend,
+vorsprang sie zu retten &mdash; sich selber zu
+rächen.</p>
+
+<p>Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit
+einem Insulaner, und der Indianer hatte dessen Gewehr
+gepackt, das er ihm zu entwinden suchte, sein
+kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff
+frei, und mit Gedankenschnelle die Waffe an sich
+reißend, floh sie den Hang nieder. Das Schultertuch
+flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild
+hinterdrein, aber was achtete das die Rasende &mdash;
+wie eine zürnende Göttin ihres Waldes, und so
+schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den
+Boden berührend, und ehe noch der Räuber den
+Waldrand erreicht war sie dicht hinter ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Le-fe-ve!&laquo; hauchte sie, und kaum brachte sie das
+Wort über die Lippen, aber der Fliehende hörte es
+und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz &mdash;
+&raquo;Le-fe-ve!&laquo; und er wandte den Kopf, ließ aber
+auch in dem nämlichen Moment die Gefangene
+frei, die ihm unter den Händen fort und in die
+Büsche glitt, während das zürnende Weib mit
+geschwungener Wehr gegen den erschreckt Zurückfahrenden
+ansprang.</p>
+
+<p>&raquo;Dieb!&laquo; schrie sie mit heiserer fast erstickter
+Stimme, &raquo;falscher schurkischer Dieb!&laquo; und wäre die
+schwache Hand gewohnt gewesen eine Waffe zu
+führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des
+Verräthers niederschmetterte, hätte für diesen keinen
+zweiten nöthig gemacht. Selbst so traf er den rechten
+Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er kraftlos an
+seiner Seite niederfiel, und Lef&eacute;vre wagte nicht dem
+zweiten Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden
+Auge der von ihm so schändlich verrathenen Frau
+zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos
+wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein
+und den Hang nieder, zum Strand zurück.</p>
+
+<p>Von dort aber stürmten indeß die Franzosen
+gleich nach dem ersten Schuß in wilder Eile bergauf,
+dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die
+Sachlage wesentlich verändert hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sind wir Hunde?&laquo; schrie der alte Fanue in
+grimmer Wuth den, ihm zu kurzem, Athem verlangenden
+Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden
+zu &mdash; &raquo;daß Ihr uns so behandelt? &mdash; wir waren
+ein ruhiges Volk, wir <span class="g">wollten</span> Frieden, aber Ihr
+laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in das
+innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Bestie droht noch!&laquo; schrie ein Soldat, &raquo;so,
+das für Dich, Du rothe Giftkröte!&laquo; und auf ihn
+anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und drückte
+ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei,
+das sie leicht streifte, und schlug in den hinter ihm
+stehenden Brodfruchtbaum. In demselben Augenblick
+hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn geworfen,
+und ein kleines Handbeil hoch geschwungen
+in der Hand, traf er damit die Stirn des Unglücklichen
+daß er, mit dem Todesröcheln auf den Lippen
+leblos zusammenbrach.</p>
+
+<p>&raquo;Nieder mit den Verräthern!&laquo; schrieen die Franzosen,
+&raquo;hierher Kameraden &mdash; hierher zu Hülfe!&laquo;
+und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem benachbarten
+Orangendickicht, während eine Schaar von
+französischen Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach
+ein dunkler Haufe von Eingebornen, nicht unbewaffnet,
+sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten Musketen
+in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber
+feuerten sie mitten hinein in den Schwarm, der
+sich also überrascht und bestürzt in der Flanke angegriffen
+sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich
+von den Lippen der Insulaner, und wurde von allen
+Seiten her beantwortet. Die Franzosen aber merkten
+jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit einem, ihnen
+weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen,
+während sie sich hier höchst leichtsinniger Weise zu
+weit von dem Strand entfernt hatten, und in dem
+dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in
+die Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend,
+und jetzt nur auf Vertheidigung bedacht,
+feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab und
+zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt
+und die Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend,
+den Weg zurück den sie gekommen. Die
+Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das
+vergossene Blut der ihren, und durch den Rückzug
+des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen sich in
+toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche
+schwere Wunde wurde noch gegeben und empfangen,
+ehe die Franzosen den offenen Strand wieder erreichten.</p>
+
+<p>Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen
+neuen Angriff machen, theils die Insulaner zu züchtigen,
+theils einzelne ihrer Verwundeten, die sie
+hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen,
+zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte
+welchem Schicksal, zu überlassen; aber das was sie
+fanden war mehr als Widerstand, es war der endlich
+losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes,
+und mit dem alten Fanue an der Spitze, der schon
+aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen sich die
+Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit
+solcher Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer
+auf's Neue entgegen, daß dieser zuletzt in voller
+Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe zurückrudern
+mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die
+eigenen Leute den Kugeln nicht mehr im Wege
+standen, ein unregelmäßiges aber von wenig Erfolg
+begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei
+wieder in den Wald zurückzogen, und die Corvette,
+mit keiner Ordre hier einen wirklichen Kampf zu
+beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die
+Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit
+Feuerwaffen versehen waren, lichtete ihren Anker
+und suchte so rasch sie konnte wieder nach Papetee
+aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber
+jedenfalls höchst unwillkommene Nachricht von dem
+Aufstand der Insulaner zu bringen.</p>
+
+<p>An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem
+ersten Kampf zwischen vierzig und fünfzig verloren,
+von denen sie nur einen Theil im Stande
+waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen;
+fast alle Todte und viele der Verwundeten
+blieben in der Gewalt der Feinde.</p>
+
+<p>Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort
+eintraf, augenblicklich ein Kriegsdampfer, und die
+<span class="f">Jeanne d'Arc</span> mit den nöthigen Marinesoldaten abgeschickt,
+die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen,
+während die Eingebornen um Papetee, die
+noch rascher durch abgeschickte Läufer Kunde von
+dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls
+zu den Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden
+Schwärmen in der Nähe der jetzt vollständig
+befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen
+Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen
+in Papetee wurde dadurch denn auch zu einer
+keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie mehre
+andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich
+verlassen hatte, einen temporären Westwind benutzend,
+die Marquesas zu erreichen. Die Besatzung, durch
+das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste
+verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur
+auf sich selber angewiesen, und war sich der Gefahr
+in der sie, einem wirklich ernsten Angriff der Eingeborenen
+gegenüber, schwebte, recht gut bewußt.</p>
+
+
+
+<hr class="hr65" />
+<h2><a name="Capitel_10" id="Capitel_10"></a><span class="first">Capitel 10.</span><br />
+
+Der Abschied.</h2>
+
+
+<p>Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche
+geworden, daß Ren&eacute; selber fürchtete außerhalb
+der Befestigungen, und in der That gerade in einem
+Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem
+Hauptsitz der Europäer und den Strecken lag, auf
+denen sich die Insulaner schon an zu sammeln und
+zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch
+jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen
+würden. Welche Parthei nun auch Sieger
+blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer
+solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht
+nach Papetee &mdash; Monsieur Belard hatte ihnen schon
+ein kleines Gebäude, das auf seinem Grundstück lag
+und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber
+was sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht
+gezwungen zu sein länger zwischen den Fremden
+wohnen zu bleiben, und wieder in einen Umgang gezogen
+zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer
+ihr selber unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie
+zu wirklich entschlossener Weigerung, und sie fand
+einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte in
+dem ehrwürdigen Mr. Nelson.</p>
+
+<p>Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen,
+und ganz kürzlich erst wieder von da nach
+Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest
+bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem
+würdigen Mann ihr ganzes Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie
+bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden
+fürchte, und in dem Geständniß, während sie sprach,
+und Worte fand für das, was ihr bis dahin still
+und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan,
+war es auch fast als ob sich Manches, was
+ihr bis dahin selber noch nicht klar gewesen und ihr
+mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte,
+von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie
+öffnete dem alten ehrwürdigen Mann ihr ganzes
+Herz, und erfuhr dabei erst selber wie dunkel doch
+die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der
+That noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen
+wieder entgehen, und glücklich werden könne. Ren&eacute;
+liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein Herz war
+gut und brav und edler Regung, Handlung rasch
+geöffnet, &mdash; nur der Verführung mußte er hier entzogen
+sein &mdash; nur erst wieder vergessen was er Alles
+aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder
+gut wie in früherer Zeit, und der Himmel wieder
+blau, der jetzt wohl recht lange trüb gewesen &mdash;
+recht trüb und traurig.</p>
+
+<p>Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war
+die Berufung des alten wackeren Missionairs Nelson
+nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte, der
+freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt
+jetzt Einer der leitenden Missionaire geworden
+war, zu danken hatte. Ein Englischer Wallfischfänger,
+der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen
+Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den
+Geistlichen der Inseln aufgefordert, erboten, den
+Missionair mit seinen Habseligkeiten an den neuen
+Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson
+kam jetzt Sadie und Ren&eacute; den Vorschlag zu machen,
+ihre Sachen und Mobilien einzupacken, und Sadie
+mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon
+die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben
+würde ihn zu begleiten, und zweifelte sogar
+nicht daran, auch vielleicht Ren&eacute; seines Worts
+entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit
+wie Alles geordnet hatte, seine längst besprochene
+Uebersiedelung auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt
+dazu gab es nicht für ihn, und verzögerte
+sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit
+aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein,
+wenn der Kampf hier wirklich losbrach, Weib und
+Kind in Sicherheit, sondern er selber war auch durch
+Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen
+sobald er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung
+entzogen.</p>
+
+<p>Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich
+von Ren&eacute;, und wenn auch nur auf kurze Zeit, zu
+trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte in
+wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder
+zu sehn. Sollte &mdash; <span class="g">durfte</span> sie den Gatten hier
+allein zurücklassen, wo ihm vielleicht noch Gefahr
+für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete,
+für sein Leben drohte? Und <span class="g">allein</span> nach Atiu zurückzukehren?
+ &mdash; sie hatte sich das so ganz anders
+gedacht &mdash; so lieb und glücklich sich das ausgemalt
+wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr
+Kind am Herzen, von fern die ersten Kuppen der
+lieben Insel wieder erschauen würde &mdash; wenn die
+Thäler und Hänge dem Meer entstiegen &mdash; rechts
+und links das niedere Palmenbewachsene Land austräte
+von den Gebirgen, und höher und deutlicher
+würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung
+zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt
+ &mdash; Ach sie seufzte recht schwer und schmerzlich auf
+wenn sie daran dachte, daß sie das Alles jetzt <span class="g">allein</span>
+nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick
+doch das Bewußtsein halb ertödten müßte &mdash; <span class="g">er</span>,
+durch den Dir die Plätze und Thäler ja so lieb gewesen,
+er der Dir dies Land ja erst zum Paradies
+geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt,
+muß er das Alles auch allein nur wiedersehn, und
+hat seine Sadie, hat sein Weib und Kind nicht bei
+sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben.</p>
+
+<p>Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch
+einen Ausweg nicht hinein in die Stadt, nicht nach
+Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen aus der Nähe
+der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr
+<span class="g">nieder</span>blickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr
+nie das Bedürfniß stillen konnten und &mdash; mochten,
+ein Herz zu finden dem sie sich anschlösse, eine Brust
+in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der sie
+zujubeln durfte was sie freue.</p>
+
+<p>Ren&eacute; sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den
+Gedanken Frau und Kind vorausziehn zu lassen, so
+lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier aufsteigenden
+Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber
+auch recht gut, wie schwer es in jetziger Zeit sei
+eine so günstige Gelegenheit zu finden auf einem
+großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer
+Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch
+wollte er machen, von dem jetzigen Gouverneur
+die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten zu
+dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes
+Falles, bei dem sich die Französischen Behörden ganz
+besonders solche Mühe gaben, irgend etwas Gravirendes
+gegen die Protestantischen Geistlichen oder die
+auf der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu
+finden, hatte sich nicht das Geringste herausgestellt,
+was auch nur den Schatten eines Verdachts auf
+seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen
+vielleicht daß sein Ueberfall an dem Abend, Ren&eacute;
+wußte selber nicht wie, bekannt geworden, und man
+ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es
+gegen die seine Untersuchung leitende Behörde verschwiegen
+zu haben. Anderseits sprach das aber
+wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten
+Verbrechen, verbotene Waffen auf die
+Insel zu führen, Nichts gewußt zu haben; was hätte
+den Insulanern sonst an seiner Person gelegen.
+Die Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu
+versprechen und man wurde ihrer müde. Bruder
+Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten
+nach Atiu zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch,
+gleich aus dem Gefängniß an Bord geschafft zu
+werden, und mit weiter Niemandem an Land auch
+nur den geringsten Verkehr zu haben.</p>
+
+<p>Ren&eacute; ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung
+des Gouverneurs, diesem die Sache noch einmal,
+wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und
+ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei
+denn später seine Gegenwart wirklich noch einmal
+nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln stand, so
+lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre
+jeden Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.</p>
+
+<p>Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner
+Hoffnung getäuscht sehen; Gouverneur Bruat war
+gar nicht in Papetee, sondern mit einer Dampf-Fregatte
+selber hinunter nach Tairabu gegangen, von
+wo der, im Bureau befindliche Secretair glaubte, daß
+der Oberbefehlshaber der Inseln wahrscheinlich eine
+Rundreise nach der benachbarten Gruppe hinübermachen
+wollte, da besonders von Huaheina und
+Bola Bola ebenfalls bedenkliche Nachrichten über den
+Zustand der dortigen Verhältnisse eingelaufen waren.
+Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache
+beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen
+vermochte, und er bat den jungen Mann nur noch
+höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten Fall vierzehn
+Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder
+Bedingung zurück sein müßte, und dann der Entbindung
+von seinem Wort auch sicher nichts weiter
+im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings
+geben könne, daß sich der Gouverneur selber
+dahin geäußert habe die Untersuchung als trostlos
+fallen zu lassen. Nur einen definitiven Beschluß vermochte
+er selber nicht zu geben.</p>
+
+<p>Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden
+mit dem, schon am nächsten Morgen zum Auslaufen
+bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu können,
+beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem
+raschen Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde.
+Ohne Weiteres beschloß er nun aber auch in die
+Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem bequemen
+Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich
+selber aufsuchte, zu willigen, besprach mit diesem das
+an Bordschaffen der verschiedenen Güter, das am
+nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier
+Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte,
+wie denn Mr. Nelsons Effecten schon eingenommen
+waren, und schritt nun langsam nach Hause zurück,
+die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo
+er so manche frohe und glückliche Stunde verlebt,
+mit seiner Sadie zuzubringen.</p>
+
+<p>Die letzte Nacht &mdash; es liegt ein eigener, wehmüthiger
+Zauber in dem Wort, wenn wir einen lang
+bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz verlassen
+sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung
+des Worts bei selbst gleichgültigen Stellen, bei einem
+Ort vielleicht, aus dem wir uns fortgesehnt haben
+mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und
+trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus,
+den Platz zuletzt verlassen konnten, wo uns der Boden
+vielleicht schon Monate lang unter den Füßen
+gebrannt, und wenn wir fort <span class="g">dürfen</span>, wenn die
+Welt frei und offen vor uns liegt, und die Schranken
+fielen, die uns bis dahin hielten, dann faßt uns
+ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches Gefühl
+von Weh und Reue fast die Brust &mdash; wir stehn und
+zögern, wenden uns zum Gehn, und der Fuß ist
+schwer geworden, der uns in Gedanken schon oft im
+Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich <span class="g">warum</span>?
+ &mdash; zum letzten Male bewohn ich diesen Platz, sagst
+Du Dir leise &mdash; zum letzten Mal betret ich ihn vielleicht
+ &mdash; dazwischen liegt die Ewigkeit, und der Gedanke
+an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem
+neuen Schritt schon wieder so viel mehr entgegen
+gehn, klopft und regt sich Dir in der Tiefe des Herzens,
+und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist
+nicht mehr die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten
+Platz &mdash; es ist die Furcht, die kaum gefühlte
+Scheu der Zukunft gegenüber.</p>
+
+<p>Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein,
+wo sich das Herz noch mit allen Fasern an die Erinnerung
+lieber Plätze klammert, und nicht loslassen
+will und mag, der ersten Forderung; was uns da
+fern liegt stößt uns noch zurück, und das Gewohnte,
+dem sich das Herz ja so gern zu eigen giebt, wahrt
+und behauptet seinen alten Raum.</p>
+
+<p>In ernstem Schweigen blieb Ren&eacute; stehn, als er
+den freien offenen Platz erreicht, von dem aus er die
+kleine friedliche Heimath, die er seit Jahren nun sein
+eigen genannt, überschauen konnte, und trübe schmerzliche
+Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten.
+Manches Andere gesellte sich noch dazu &mdash;
+er war gealtert seit er sich einst hier angebaut, gealtert
+an Leib und Seele &mdash; und mehr noch an Seele
+wie an Leib. Und hatte sich Alles das erfüllt was
+er hier einst gehofft? &mdash; war das Wahrheit geworden,
+was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz
+da vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden
+Farben? bot ihm die Zukunft noch, was sie ihm einst
+in schöner Zeit versprochen? &mdash; doch fort, fort mit
+den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die
+Seele jagten, fort &mdash; sein Leben lag vorgezeichnet
+mit klarer Schrift &mdash; für ihn gab es kein Abweichen
+von der geraden Bahn; weshalb das Herz da noch
+mishandeln erst und quälen.</p>
+
+<p>Und als er noch so da stand und, erst die düsteren
+Geister gebannt, aus dem Schatz seiner Erinnerungen
+all die lieben seligen Bilder herauf beschwor;
+das Glück in dem er geschwelgt, den süßen Frieden
+den er hier gefunden, als ihn die ganze Welt zurück
+gestoßen und das Herz verschmäht das er ihr bot, da
+schoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn.
+Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich höher,
+freier &mdash; seine Lippen lächelten und jetzt? &mdash; der
+laute fröhliche Jubelruf des glücklichen spielenden
+Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte
+Thür des freundlichen Häuschens trat sein Weib,
+das herzige Mädchen auf dem Arm, auszuschaun
+nach dem so lange bleibenden bösen Vater, und mit
+einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung,
+hatte sein treues Weib umfaßt und an sein Herz gedrückt,
+das sich an ihn schmiegende Kind auf dem
+Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen
+wie in alter Zeit.</p>
+
+<p>Jetzt erzählte Ren&eacute; auch der, darüber fast wieder
+traurig werdenden Frau, von der Verabredung die er
+mit dem Capitain getroffen, und wie der Gouverneur
+den lächerlichen Proceß wolle fallen lassen, wegen
+dem Mord der Schildwacht, bei dem er ja doch
+wahrlich nicht betheiligt gewesen, so daß er nun gleich
+nachfolgen könne, sobald Jener zurückgekehrt &mdash; und
+lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die
+Sachen standen, und jeder Tag den Aufstand bis
+dicht nach Papetee zu bringen vermochte.</p>
+
+<p>So sollte denn Sadie morgen endlich zurück kehren
+nach ihrem lieben Atiu, und bis sie dort Alles
+mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare Hülfe
+in Ordnung gebracht, konnte Ren&eacute; auch schon wieder
+eine Gelegenheit gefunden haben nachzukommen &mdash;
+die wenigen Tage oder selbst Wochen gingen rasch
+vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war
+wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmeninsel,
+und die Kleine schrie und jauchzte vor lauter
+Lust, als sie die Mutter so lachen sah und fröhlich
+sein.</p>
+
+<p>Den Abend plauderten sie noch bis spät in die
+Nacht hinein und am anderen Morgen, als Sadie
+traurig werden wollte daß es nun bald an den Abschied
+ging, hatte sie so viel zu thun, daß sie gar
+nicht Zeit bekam daran zu denken, und die Boote wohl
+eine halbe Stunde liegen und warten mußten bis
+Alles zusammengerollt und eingeschnürt zum niedertragen
+fertig lag. Nur das Nothdürftigste behielt
+Ren&eacute; zurück, jetzt durch so wenig als möglich belästigt
+zu bleiben, und das Wenige dann mitzubringen,
+wenn er selber käme.</p>
+
+<p>Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte,
+sollte das Boot wieder da sein, und Frau und
+Kind gleich von hier aus, wenn der Wallfischfänger
+in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen.</p>
+
+<p>Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefahren
+und um die nächste Landspitze verschwunden, und
+Ren&eacute; und Sadie standen noch und schauten ihnen
+nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach
+dem <span class="g">leeren</span> Haus zurück zu gehn, da hörten sie
+Schritte hinter sich und Sadie stieß einen leisen
+Angstschrei aus, während sich Ren&eacute;s Brauen finster
+und drohend zusammenzogen, als durch den Garten
+zu ihnen nieder die lange düstere Gestalt des Missionairs
+Rowe feierlich und ernst herunter schritt, und
+unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen
+Empfang, die beiden jungen Leute mit einem frommen
+Blick nach oben und vorgestreckten, nach unten gedrehten
+Händen, wie segnend grüßte. Seine Lippen
+lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster
+Brust geholte Seufzer, der das kaum hörbar
+geflüsterte Amen begleitete, verrieth das Mitgefühl,
+das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die um
+ihn her sündigten und litten.</p>
+
+<p>&raquo;Und welchem glücklichen Zufall habe ich die
+Ehre dieses in der That unerwarteten Besuchs zu
+danken?&laquo; sagte Ren&eacute; kalt, als der Geistliche noch
+einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor
+ihnen stehen blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als
+sonstigen Gruß oder Anrede zu sagen; &raquo;oder hat
+Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das wahrscheinlichere,
+ein paar Thüren zu weit gegangen, wo
+er dann freilich mitten hinein ist gerathen in die
+&raquo;papistischen Gräuel&laquo; und den &raquo;Baalsdienst&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute;&laquo; bat Sadie, und drückte leise und bittend
+des Gatten Arm, aber das Herz war ihr selber fast
+wie zugeschnürt, denn jedem entscheidenden Schritt
+ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so
+ernst und finster wie er jetzt da vor ihr stand; und
+hatte nicht immer sein Kommen ihr Leid gebracht,
+und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung,
+der sie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte
+ihr sein Anblick die Brust, das Herz in dieser Stunde,
+und sie mußte sich zwingen den leisen Gruß auch
+freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte
+weder Gruß noch Freundes Wort; nein, aus sich
+selber heraus quoll ihm des heiligen Wortes Spruch
+und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost
+und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild
+wohl brachte, aber das Herz kalt ließ dabei und unbefriedigt.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum
+gar, hat mich auf Deine Schwelle geführt&laquo; erwiederte
+Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen Anrede
+des Katholiken, &raquo;aber Du und die Gattin die Du
+Dir erwählt, Ihr Beide steht an einem Abschnitt
+Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort eines
+Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint,
+nicht fehlen sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den
+Beweis gegeben&laquo; unterbrach ihn rasch Ren&eacute;, der sich
+nicht helfen konnte dem Gedächtniß des Geistlichen
+mit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht
+in Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich
+bei dem frommen Mann geirrt.</p>
+
+<p>&raquo;Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet
+Euer Auge zu Gott und Seinen Werken&laquo; sagte er
+ernst und feierlich, aber keineswegs erzürnt über die
+finstere Mahnung des jungen Mannes. &raquo;Was ich
+gethan und wie ich gehandelt liegt offen vor Gott;
+Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und siehe da,
+vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine
+Wege sind aber wunderbar, und Er führet Alles zum
+Besten hinaus, und Ihm deshalb sei Ehre und Preis
+in der Höhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmüthig
+selber richten wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; wollte reden, aber der leise Druck von
+Sadieens Hand lag bittend auf seinem Arm, und er
+biß nur die Unterlippe ein und wandte sich halb ab
+von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde
+nicht verbittern, und dann auch wieder lag eine Art
+halben Triumphs für ihn darin, wie er jetzt dem,
+dieser Verbindung so feindlich gesinnt gewesenen
+Priester gegenüber stand. Mr. Rowe übrigens, unbekümmert
+um Alles was in der Brust des Franzosen,
+dessen Gesinnung gegen ihn er vollkommen gut begriff,
+vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm
+die Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos
+und zitternd überließ und mit den Worten &mdash; &raquo;lasset
+uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu dieser
+Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter,
+für und für&laquo;, führte er die etwas erstaunte Frau von
+der Seite ihres Gatten fort in das Haus, dort, wie
+er ihr sagte, ungestört ihre Augen und Herzen zu
+Gott erheben zu können.</p>
+
+<p>Ren&eacute; blieb wirklich erstaunt über diese fabelhafte
+Ruhe &mdash; und er hatte noch einen anderen Namen
+dafür &mdash; zurück, und sah ihnen nach, dann aber mit
+dem Kopf schüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich
+nahm er sein Kind auf den Arm und sprang und
+spielte damit am Strand herum, die Rückkunft des
+frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen&laquo;
+murmelte er dabei vor sich hin, indem er zuletzt ungeduldig
+werdend am Strande auf und ab ging, und
+durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen
+suchte, &raquo;ein Selbstvertrauen das in's
+Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt mir
+der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und
+thut wahrhaftig nicht als ob er sich schämen müsse
+mir in's Auge zu sehn, nein, als ob er mir verziehen
+hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet.
+Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschießen
+solche Fragezeichen der Schöpfung unter uns
+herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des
+Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehört
+aber Geduld dazu, und verdenken kann ich's meinen
+Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in diesen Tagen
+einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln
+hinein donnern in den Kram. Und wer leidet nachher
+darunter? sicher nicht diese Schleicher, die sich
+wohlweislich einzudrücken verstehn und mit einem
+frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus
+darüber zu Grunde gehn sehn &mdash; hol' sie Alle der
+Henker. &mdash; Und wo er nur bleibt?&laquo; &mdash; setzte er dann
+nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren
+Blick nach seiner Thür hinzu &mdash; &raquo;es gehört bei Gott
+die Geduld eines Heiligen dazu, mit diesen &mdash;
+Heiligen fertig zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte
+das sogar ganz genau, wie gern ihn der Franzose bei
+sich sah, hielt es aber für unumgänglich nothwendig,
+seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht
+ganz aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig
+eine Gelegenheit gesucht, mit dem ihm, nicht
+gerade zum Dank verpflichteten Katholiken wieder auf
+etwas freundschaftlichere Weise anzuknüpfen; jedenfalls
+aber eine Entschuldigung zu finden sein Haus
+in seiner Gegenwart zu besuchen, um dann weiter zu
+bauen auf dem gewonnenen Vortheil. <span class="g">Der</span> Zeitpunkt
+war ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht
+nicht wieder bot, und der Erfolg bewies daß
+er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber auch
+nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder
+verlieren wollte, und deshalb das Gebet vielleicht
+rascher beendend, als er es unter anderen Umständen
+gethan haben würde, erhob er sich wieder, stäubte sich
+die Knie ab, küßte Sadie inbrünstig auf die Stirn,
+legte seine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt
+und führte sie dann wieder mit einem freudigen Blick
+nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an der
+Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in
+den Seinen zog, und dann den Geistlichen ansah,
+als ob er seiner Entfernung nicht das mindeste in den
+Weg zu legen wünsche.</p>
+
+<p>Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann,
+der einen Ort verlassen hätte ehe er es selber für Zeit
+hielt, und ohne jedenfalls den Samen des göttlichen
+Wortes nach Kräften ausgestreut zu haben; fiel der
+dann auf unfruchtbares Land, so war das nicht seine
+Schuld, und er hatte sich selber keine Vorwürfe
+darüber zu machen. In einer ziemlich langen Anrede,
+die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er
+sich dann noch einmal an den jungen Mann, der nur
+die Frau nicht kränken mochte und sonst dem für ihn
+höchst langweiligen Gespräch wohl bald ein Ende
+gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beschrittenen
+Bahn des Guten, die er hier auf Tahiti, als eine
+schätzenswerthe Ausnahme von seinen Landsleuten
+jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur
+Gott ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere
+Missethat des Mordes verzeihen wolle, und verkündigte
+ihm dann, als er merkte wie Ren&eacute; jetzt
+wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund öffnete
+zum trotzigen Einwurf, daß er dafür gesorgt
+habe ihre alte früher innegehabte Wohnung in Atiu
+wieder für sie herrichten zu lassen; daß das Dach neu
+gedeckt, das Haus gereinigt und gelüftet sei &mdash; eine
+nicht ganz unnöthige Vorsicht des sonst sehr leicht
+darin nistenden Ungeziefers der Centipeden wegen
+ &mdash; und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort
+gleich beziehen könne, als ob sie es nie verlassen
+habe.</p>
+
+<p>&raquo;Das Haus uns hergestellt?&laquo; rief Ren&eacute; allerdings
+im höchsten unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern
+Abend ja den Entschluß gefaßt, und Wochen dazu
+gehört haben mußten das anzuordnen und auszuführen
+ &mdash; &raquo;und wer, mein Herr, hat Sie darum
+gebeten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ren&eacute;&laquo; beschwor ihn seine Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Gebeten? &mdash; Niemand &mdash;&laquo; erwiederte jedoch in
+voller Ruhe der Geistliche, &raquo;aus freiem Antrieb hab'
+ich das gethan. Seit jener Nacht&laquo; fuhr er dann mit
+einem wehmuthvollen Blick nach oben fort, &raquo;wo jene
+fatale Sache mit der Französischen Schildwacht hier
+geschah, wußt' ich daß es sowohl Ihr, wie besonders
+Prudentias Wunsch war, sich wieder zurück nach
+Atiu zu ziehn. Es war das Beste auch für sie, sie
+konnte dort ungestörter ihrem Gotte leben, nicht abgelenkt
+durch sünd'gen Wandel mehr, und alle Reize
+der Verführung die hier in Papetee des Satans
+Macht zu gold'nem Netze auslegt &mdash; es war die
+höchste Zeit für sie, zurückzukehren zu dem stillen
+Frieden jener Insel die ihre Heimath nun doch einmal
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute;s Blut kochte, denn recht gut fühlte er, wie
+der Geistliche zum ersten Mal wieder die Hand
+ausgestreckt, in sein Familienleben einzugreifen, und
+wie er jetzt gleich entschieden auftreten müsse, ihn von
+allen derartigen Versuchen zurückzuschrecken. Sadie
+dagegen sah in dem freundlichem Wort, ihr Herz ja
+selber kein anderes Gefühl bergend, nur Liebe und
+Versöhnung, und mit Freude strahlenden Blicken die
+Hand des Geistlichen ergreifend, drückte sie diese in
+frommer dankbarer Inbrunst an ihre Lippen, Ren&eacute; aber,
+ihren Arm erfassend, zog sie zurück und sagte finster:</p>
+
+<p>&raquo;Laß das Sadie; der Herr da meint's vielleicht
+recht gut, und ich will gern Vergangenes auch vergessen,
+doch damit, hochwürdiger Herr hab' ich auch
+Alles gethan was ich vermag, und muß Sie ernstlich
+bitten sich nicht um irgend etwas mehr zu kümmern,
+was mich, Sadie oder mein Haus betrifft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Delavigne&laquo; rief der Geistliche auffahrend,
+und ein Blitz aus seinem kleinen lebendig grauen
+Auge traf den Franzosen in nichts weniger als christlicher
+Demuth &mdash; &raquo;Sie gehn zu weit &mdash; Prudentia
+ist Protestantin, und ihrer Seele Heil fordert der
+Herr einstens vielleicht von mir.&laquo;</p>
+
+<p>Ein spöttisches Lächeln zuckte um des Franzosen
+Lippe als er erwiederte: &raquo;Genug und über genug,
+ich habe keine Lust mich jetzt noch in religiöse Spitzfindigkeiten
+einzulassen; Sie wissen daß Sadie mich
+bald verläßt und Manches hat sie mir wohl noch zu
+sagen, Manches ich ihr &mdash; ich hoffe doch Sie werden
+mich verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute;&laquo; bat die Frau mit leiser flehender Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Ei beim Teufel&laquo; zürnte aber der junge Mann
+mit dem Fuß stampfend &mdash; &raquo;der Herr hier weiß wie
+wir zusammen stehn und sollte es vermeiden Scenen
+zu erneun, die nur für beide Theile unangenehm sein
+können. Ich bedarf seiner Einmischung in meine
+Angelegenheiten nicht &mdash; ich verlange sie nicht und,
+beim Himmel, ich <span class="g">will</span> sie nicht dulden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Delavigne &mdash; Sie trotzen auf die Macht
+die Ihre Landsleute in diesem Augenblick gerade hier
+besitzen&laquo; rief der Geistliche aber jetzt auch gereizt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich trotze auf die Macht die mir mein Hausrecht
+giebt&laquo; rief aber der junge Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaubte Sie mir zum Dank verpflichtet zu
+sehn&laquo; sagte der Missionair da, der seine ganze Ruhe
+wieder gewonnen &mdash; &raquo;und bedaure, mich geirrt zu
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat es so gut gemeint, Ren&eacute;&laquo; bat die Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Die Minuten verfliegen&laquo; rief aber der junge
+Mann, &raquo;und wenige nur sind noch die unseren &mdash;
+in kurzer Zeit kann das Boot hier sein, Sadie, das
+Dich mir entführt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe wie es steht&laquo; sagte der Missionair ernst
+und fast traurig &mdash; &raquo;Gottes Wort wird überflüssig
+wo der Welt Stolz die Zügel faßt und dem ewigen
+Verderben mit raschen flüchtigen Schritten entgegeneilt.
+So lebe denn wohl Prudentia &mdash; die Stunde
+schlägt die Dich jenem stillen freundlichen Insellande
+wieder zuführen soll &mdash; möge es dieselbe sein, die
+Dich auch wieder zu Gottes Vaterhuld zurückführt.
+So bete zu ihm, daß er Dir gnädig Deine Sünden
+vergeben möge und behalte und wahre ihn in Deinem
+Herzen, der das Licht ist und Heil und die Hoffnung
+der Gläubigen in aller Ewigkeit &mdash; Amen.&laquo;</p>
+
+<p>Und mit diesen Abschiedsworten hob er das Kind,
+das Sadie indessen wieder an sich genommen, zu sich
+auf, küßte und segnete es, gab es der Mutter zurück,
+neigte noch einmal die Hand gegen sie, und den finster
+dabei stehenden, den Gruß kalt erwiedernden Gatten
+und schritt dann langsam durch den Garten, durch
+dessen Pforte er bald darauf verschwand.</p>
+
+<p>Sadie aber lehnte ihr Haupt leise an des Gatten
+Brust und flüsterte mit weherfüllter Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Oh Ren&eacute;, Du hast mir weh, recht weh gethan,
+mit Deinen heftigen, undankbaren Worten &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Undankbar Sadie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hatte es so gut um uns gemeint, und Du
+hast ihn so kalt und heftig abgewiesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Täusche Dich nicht, mein Lieb,&laquo; sagte Ren&eacute;,
+sie fest an sich pressend &mdash; &raquo;der stolze Priester meint's
+mit Niemand gut, und wenig Dank werd' ich ihm,
+vor allen Andern schulden. Er weiß das selber auch
+am Besten und <span class="g">kann</span> nichts Anderes erwartet haben.
+Ach Sadie, es war mir ein gar so wehmüthiges, ja
+bitteres Gefühl, daß sich der finstere Gesell gerad' in
+der letzten Stunde noch zwischen uns stellte und die
+Herzen auseinander hielt. Ich weiß nicht mir
+schnürt's die Brust noch jedesmal zusammen in
+seiner Nähe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach mir ist's auch ein wehes, wunderlich Gefühl&laquo;
+flüsterte Sadie, &raquo;und doch wär's Sünde, denn
+er meint es treu, und wenn er auch mit strengem
+starren Sinn den Weg verfolgt, den er nun einmal
+für den einzig wahren hält, so dürfen wir ihn doch
+darum nicht tadeln. Er ist im Zorn von uns gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Laß ihn gehn&laquo; rief aber Ren&eacute;, hochaufathmend,
+und den Blick dorthin zurückwerfend, wo der ehrwürdige
+Herr verschwunden, als ob er der wirklichen
+Entfernung desselben noch immer nicht traue &mdash; &raquo;mir
+ist ein Stein vom Herzen daß er fort ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist er's auch wirklich?&laquo; flüsterte da eine Stimme
+dicht neben ihnen, und als sie überrascht dorthin umschauten
+glitt Aia, das wilde schöne Mädchen hinter
+einem dichten Orangenbusch vor, und trat zu den
+Beiden.</p>
+
+<p>&raquo;Aia!&laquo; rief Sadie erfreut und doch auch vorwurfsvoll
+ &mdash; &raquo;Du böses, böses Kind, wo hast Du
+so lang Dich herumgetrieben in der Welt, daß Du
+gar nicht mehr an Deine Sadie gedacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich wollte ich müßte auch jetzt nicht an
+Dich denken&laquo; sagte das Mädchen leise und sie kämpfte
+dabei hart mit sich, eine aufsteigende, ihr sonst fast
+fremde Rührung zu verbergen.</p>
+
+<p>&raquo;Und weshalb, Aia?&laquo; frug Sadie.</p>
+
+<p>&raquo;Mach ihr das Herz nicht wieder schwer, Du
+wunderliches Kind&laquo; sagte aber Ren&eacute; jetzt, ihr leise
+mit dem Finger drohend, &raquo;bist solch ein tolles Ding
+wenn Du da draußen herumtobst, unter den wilden
+die wildeste, und wie ein anderer Geist scheint es
+über Dich zu kommen, wenn Du diese Schwelle betrittst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast mir und ihr auch noch Vorwürfe zu
+machen, nicht wahr, Du böser, nichtsnutziger Wi-Wi?&laquo;
+rief aber das Mädchen, trotzig sich die Locken aus der
+Stirn schüttelnd und mit zornigem Blick ihn anblitzend
+ &mdash; &raquo;Wehe über Dich; aber die Strafe bleibt
+Dir nicht aus, und dann denk' an <span class="g">mich</span>, dann erschein'
+ich Dir in Deinen Träumen und quäle und
+martere Dich, trockne Dir Falten in die Wangen
+und bleiche Dir das Haar &mdash; denk' an Aia.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tolles Mädchen was hast Du?&laquo; lachte aber
+Ren&eacute; &mdash; &raquo;kann ich dafür, wenn jene Kriegsschiffe
+vielleicht ungerecht dies Volk überfallen und sich
+unterwerfen? trag' ich die Schuld des vergossenen
+Blutes und all der darum vergossenen Thränen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Gott sei Dank nicht das auch noch,&laquo;
+sagte Aia, &raquo;doch genug, übergenug davon zu reden.
+Aber ich bin nicht zu <span class="g">Dir</span> gekommen, falscher Ferani,
+sondern zu Deinem Weib &mdash; ich will mein Wort
+lösen, das ich ihr einst gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Wort Aia?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagte ich Dir nicht, daß wenn Dich <span class="g">Alle</span> verließen
+und von Dir gingen, ich zu Dir kommen und
+bei Dir bleiben würde, und daß wir dann lachen
+und singen und tanzen und es toller treiben wollten,
+wie alle Anderen zusammen? &mdash; und Gott weiß es,
+sie treiben's toll genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wunderliches Mädchen Du&laquo; sagte Sadie,
+während dennoch ein eigenes, wehes Gefühl ihr
+dabei das Herz durchzuckte, &raquo;wie fällst Du auf solch
+traurige Gedanken &mdash; wer hat Dir die Grillen in
+den Kopf gesetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und gehst Du nicht zurück nach Atiu?&laquo; rief
+Aia schnell und fast freudig.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings geh ich dorthin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Ren&eacute; geht mit Dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber jetzt? &mdash; gleich? &mdash; auf einem Schiff?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn auch nicht jetzt in <span class="g">einem</span> Schiff, Aia&laquo;
+nahm hier Ren&eacute; das Wort, während Aia leise und
+traurig mit dem Kopf nickte, &raquo;doch sobald ich darf &mdash;
+sie lassen mich noch nicht hier fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer? &mdash; die Wi-Wis? &mdash; die Kanakas halten
+Dich doch wahrlich nicht, Ferani,&laquo; rief Aia zornig.</p>
+
+<p>&raquo;Die Kanakas nein,&laquo; lachte Ren&eacute;, &raquo;aber meine
+eigenen Landsleute, eines tollen Streiches der Deinigen
+wegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja ich weiß wohl&laquo; sagte das Mädchen unheimlich
+lachend, &raquo;Ihr helft einander wo Ihr nur könnt;
+ich habe das selber erfahren zu meinem Leid &mdash; aber
+fort mit Dir, nicht zu <span class="g">Dir</span> bin ich gekommen, mit
+Dir zu plaudern &mdash; nimmst Du mich mit, Sadie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Atiu?&laquo; rief Sadie rasch und freudig.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin Du gehst&laquo; sagte das wilde Mädchen
+leise und herzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Und willst Du dem tollen schlechten Leben entsagen?&laquo;
+frug Sadie ihre Hand in tiefer Rührung
+ergreifend &mdash; &raquo;willst Du bei mir bleiben, und mit
+mir leben von nun an?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin Du gehst&laquo; flüsterte Aia und schaute ihr
+dabei recht still und wehmüthig in's Auge.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Aia&laquo; sagte Ren&eacute;, &raquo;wenn Du mitreisen
+willst, wo hast Du Deine Sachen, Deine Matte, Deine Kleider? &mdash; das Boot wird gleich kommen
+Euch abzuholen.&laquo;</p>
+
+<p>Aia erröthete und schüttelte unwillig mit dem
+Kopf&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Was Kleider, was Matte, ich habe Nichts auf
+der weiten Welt und &mdash; brauche Nichts. Eine Matte
+finde ich in Atiu darauf zu schlafen, oder Blätter
+und Gras genug für ein Lager, und die Brodfrucht
+ist so süß dort wie hier &mdash; und süßer &mdash; viel süßer&laquo;
+setzte sie mit weicherer Stimme hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Matten genug für Dich, Aia&laquo; sagte
+Sadie herzlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich weiß Du bist gut&laquo; flüsterte das Mädchen &mdash;
+&raquo;aber ich hatte selber eine Matte, nur gestern und
+vorgestern &mdash; schlief ich &mdash; schlief ich bei der alten
+Hexe im Haus, die sie Mütterchen Tot nennen &mdash;
+und die behielt mir für Schlafen und &mdash; aber was
+brauch' ich's auch&laquo; setzte sie unwillig hinzu &mdash; &raquo;mag
+sie zu Gift dem ersten werden, der sich d'rauf bettet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aia &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Das Mädchen wandte den Kopf scheu und beschämt
+zur Seite, aber ihr Blick traf ein weißes
+Segel, das eben über der Landspitze sichtbar wurde,
+und durch das Binnenwasser der Riffe kam, von
+vier kräftigen Matrosen gerudert, ein scharfgebautes
+schlankes Boot schäumend heran. Sie deutete mit
+der Hand hinüber und wie mit einem Messer stach
+es nach Sadie's Herzen, denn das Boot das dort
+herbeischoß &mdash; war bestimmt sie aus den Armen des
+Gatten, zum ersten Mal von seiner Brust zu reißen.
+Sie wurde todtenbleich und Aia sprang zu sie zu
+unterstützen.</p>
+
+<p>&raquo;Sadie &mdash; Sadie&laquo; bat Ren&eacute;, der rasch seinen
+Arm um sie schlug und sie an sein Herz zog, &raquo;mein
+armes süßes Kind fasse Dich &mdash; nur für wenige
+Wochen ist es ja &mdash; <span class="g">Tage</span> vielleicht, die ich getrennt
+von Dir bin, und die Zeit wird rasch und leicht
+vorübergehn &mdash; grüße mir mein Atiu indessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute; &mdash; Ren&eacute;!&laquo; weinte die Frau an seinem
+Hals und schmiegte sich an seine Brust, als ob sie
+ihn nie und nimmer lassen könnte &mdash; und Aia stand
+daneben, die großen hellen Thränen ihr rasch die
+Wangen niederjagend, und ihr Blick haftete in einer
+eigenen Mischung von Zorn und Angst und Schmerz
+auf dem Mann. Aber sie sprach kein Wort und
+die Arme jetzt krampfhaft fest über der Brust gekreuzt
+blieb sie in ihrer Stellung regungslos der Gruppe
+gegenüber.</p>
+
+<p>Auf einen Wink Ren&eacute;'s trug indeß das Mädchen,
+das sie ebenfalls hinüber begleiten sollte, das letzte
+Gepäck zum Strand hinunter, dem der Bug des
+Wallfischbootes rasch entgegenstrebte, und Sadiens
+Stirn dann küssend flüsterte er noch einmal:</p>
+
+<p>&raquo;Komm Kind, komm &mdash; faß Dich mein süßes Lieb &mdash;
+sieh was müssen die Matrosen davon denken, die gleich
+hier bei uns sind. Um Gott, was fehlt Dir nur?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts &mdash; nichts;&laquo; flüsterte Sadie leise und
+suchte sich aufzurichten &mdash; sie deckte einen Moment
+die Augen mit ihrer linken Hand und das rasche
+Wogen ihrer Brust verrieth jetzt allein noch den
+Sturm der in ihr tobe. &raquo;Es ist vorbei&laquo; sagte sie
+dann nach kleiner Pause mit leiser, aber wieder fester
+Stimme &mdash; &raquo;es ist Alles vorbei.&laquo;</p>
+
+<p>Aia wandte sich ab, und hielt beide Hände jetzt
+fest an ihr Herz gepreßt, Ren&eacute; aber rief mit lauter
+freudiger Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Und da drüben beginnen wir dann ein neues,
+freudiges Leben &mdash; so wirf den Gram und Kummer
+von Dir mein herziges Weib; sieh, da sind die Leute,
+und ungeduldig winkt mir der Bootssteurer schon
+und zeigt nach dem Schiff &mdash; sie <span class="g">dürfen</span> nicht
+länger zögern &mdash; leb wohl Sadie!&laquo;</p>
+
+<p>Wieder warf sich die Frau an seine Brust &mdash; aber
+es war nur ein Moment, nur die fast krampfhafte
+Wirkung des Trennungsworts, dann sich gewaltsam
+emporraffend griff sie nach ihrem Kind und reichte
+es ihm hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;Da &mdash; küß Dein Kind noch einmal&laquo; flüsterte sie
+ihm zu.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sadie, quälst Du Dich doch als ob es
+eine Trennung auf Jahre gälte; fasse Dich Lieb.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Küsse Dein Kind&laquo; bat die Frau, und das kleine
+liebe Ding hatte schon die Aermchen um des Vaters
+Nacken gelegt, und preßte seine rosigen Lippen auf
+seinen Mund &mdash; &raquo;und nun leb wohl Ren&eacute;&laquo; sagte
+sie dann und ihr Antlitz, wenn auch noch von Thränen
+überströmt, hatte ganz wieder seine alte Ruhe
+gewonnen &mdash; &raquo;leb wohl Ren&eacute; und schütze Dich &mdash;
+schütze Dich Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein liebes Weib &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So &mdash; so, das ist gut, und nun mein Kind &mdash;
+fort, fort nach Atiu&laquo; &mdash; und unter Thränen lächelnd
+hob sie die Kleine sich auf den Arm; noch einmal
+hingen ihre Lippen in langem heißen Kuß an denen
+des Gatten, und sich selber aus seinem Arm reißend
+floh sie hinunter zum Boot, wo die Leute schon ungeduldig
+standen und sie erwarteten.</p>
+
+<p>&raquo;Segel auf da vorn!&laquo; rief indeß der Bootssteuerer
+der hinten, mit dem langen Riemen im Eisenring,
+stand und die Abschiedsscene mit spöttischem
+Lächeln betrachtet hatte &mdash; &raquo;und aufgepaßt da mit
+Euerem Bug, daß wir nicht auf den Sand kommen
+ &mdash; Alles klar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halt! die Wahine da soll auch noch mit&laquo; rief
+Einer der Leute.</p>
+
+<p>&raquo;Wetter noch einmal, über all das Weibervolk&laquo;
+brummte der Wallfischfänger leise vor sich hin &mdash;
+&raquo;wird eine schöne Fahrt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So leb wohl Aia&laquo; rief der davon Springenden
+Ren&eacute; noch freundlich nach &mdash; aber Aia kümmerte
+sich nicht um ihn; ihr Blick hing an dem schmerzlich
+durchzuckten Antlitz Sadiens &mdash; sie hörte kaum daß
+ihr die Matrosen zuriefen sich zu eilen, und im Boot
+kauerte sie neben der schlanken Gestalt der Frau nieder
+und barg, den Arm um sie hergeschlagen, ihr Antlitz
+in ihrem Kleid.</p>
+
+<p>&raquo;Alles klar da vorn&laquo; schallte die rauhe Stimme
+des Bootssteuerers.</p>
+
+<p>&raquo;Alles klar!&laquo; lautete die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Ab mit Euch &mdash; stoßt ab.&laquo; Die Riemen wurden
+eingesetzt, der Bug des schlanken Fahrzeugs flog
+herum, und das Segel, das bis jetzt rasch und heftig
+gegen den schwanken Mast geschlagen, blähte weit
+aus in der frischen günstigen Brise, daß das schlanke
+Boot schon im nächsten Augenblick hineinpreßte in
+die klare Fluth, und den weißgekräußten wie gläsernen
+Schaum zu beiden Seiten hinausspritzte.</p>
+
+<p>&raquo;Joranna Ren&eacute; &mdash; Joranna!&laquo; rief ihm die Frau
+noch hinüber, und ihre rechte Hand, während sie mit
+der linken das Kind an sich preßte, winkte und grüßte
+den Zurückgebliebenen.</p>
+
+<p>&raquo;Joranna, Joranna!&laquo; schallte der Ruf zurück
+klar und deutlich mit der Brise über das Wasser &mdash;
+&raquo;Joranna!&laquo; Aber das Boot schäumte durch die
+Fluth &mdash; weiter und weiter drängte der Kiel dem
+Lande ab, der schmalen Einfahrt des Hafens zu und
+draußen, mit backgebraßten Segeln, lag schon das
+Schiff, der Ankunft des Bootes harrend, mit wehender
+Flagge noch, wie es den Hafen von Papetee
+verlassen. Jetzt hatte das schnelle Boot die offene
+See erreicht, mehr und mehr näherte es sich dem
+Wallfischfänger; jetzt fiel das Segel, Ren&eacute; konnte
+deutlich die Leute erkennen, wie sie hinaufliefen an
+der Seitenwand &mdash; das Boot stieg empor, die
+Raaen flogen herum und &raquo;Joranna&laquo; hauchten
+seine Lippen das Abschiedswort, als das wackere
+Schiff die frische Brise faßte, Segel auf Segel sich
+noch entfaltete, und der schlanke Bau in seinen Formen
+in immer weiterer Ferne mehr und mehr zusammenschmolz,
+bis er, ein weißer Punkt noch auf
+der dunkelblauen Fläche ruhte und &mdash; verschwand.</p>
+<hr class="hr65" />
+
+<div class="note">
+<p><b>Anmerkungen zur Transkription:</b> Die Schreibweise einiger Wörter ist im Originalbuch inkonsistent.
+Im vorliegenden Ebook wurden offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. Die Schreibweise von
+Eigennamen richtet sich weitgehend auch nach den beiden bereits veröffentlichten Bänden.</p>
+</div>
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+<pre>
+
+
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+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. ***
+
+***** This file should be named 38451-h.htm or 38451-h.zip *****
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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