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+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tahiti. Dritter Band.
+ Roman aus der Südsee
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38451]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+TAHITI
+
+_Roman aus der Südsee_
+
+von
+
+#Friedrich Gerstäcker.#
+
+_Zweite unveränderte Auflage._
+
+_Dritter Band._
+
+Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
+
+#Leipzig,#
+
+_Hermann Costenoble._
+
+1857.
+
+
+
+
+#Inhalt des dritten Bandes.#
+
+
+ Seite
+ Cap. 1. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen 1
+
+ " 2. Pomare und ~Du Petit Thouars~ 54
+
+ " 3. Die Tahitische Flagge 80
+
+ " 4. Die Conferenz 122
+
+ " 5. Susanna 143
+
+ " 6. Jim O'Flannagan in Thätigkeit 178
+
+ " 7. Consul Pritchards Gefangennahme 230
+
+ " 8. Pomare's Flucht 259
+
+ " 9. Der erste Kampf 292
+
+ " 10. Der Abschied 310
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+Alte Erinnerungen und neue Schmerzen.
+
+
+Ueber die See strich der Morgenwind leise und feucht, kräuselte die
+Wogen, die spielend, neckend nach ihm auflangten, und glitt dann rasch
+zwischen die Palmen am Ufer und in den fruchtschweren Wald, in dem er
+rauschte und flüsterte und Thau und Blüthen niederschüttelte aus dem
+blitzenden Laub. Bleigrau lag noch das Meer, und nur dunkle Schatten
+flogen über seine Fläche, wo der Wind sie faßte, herüber und hinüber
+drängend und oft im raschen Zug darüber hinstreichend. Nur am Himmel
+kündete der lichte Streif den nahenden Morgen, und sandte seine
+zuckenden Strahlen weit aus über den noch sternfunkelnden Himmelsdom,
+vor denen die Kinder der Nacht erblichen und scheu und furchtsam
+zurückwichen, dem Sonnengott Raum zu geben.
+
+Und heran kam der, auf schnaubenden Rossen, wie vom Sturm getragen, und
+nicht langsam und zögernd, wie bei uns im kalten Nord -- dem ersten
+Angriff folgend mit starker mächtiger Hand, scheuchte er die Nacht vor
+sich her, und seinem ersten dämmernden Nahen folgte auch schon der
+Siegeszug, mit dem er den flüchtigen Feind zu Paaren trieb.
+
+Dunkel und blau lag das Meer, als der erste zündende Strahl darüber
+zuckte und die kleinen Wellen neugierig die Köpfe hoben, zuerst dem
+nahenden Gott in's Auge zu schauen; und ein blinkendes Netz warf er über
+sie aus, Gold und Purpur strahlend, und wie von einem Zauberstab
+berührt, glühte plötzlich das weite wogende Meer, jede Welle den blauen
+schlanken Nacken mit Diamanten überstreut und von Gold- und Silberadern
+dicht und leuchtend durchzogen. Und die Berge strahlten den Widerglanz
+zurück, die thaubedeckten Palmenkronen warfen den silbernen Regen nieder
+in Thal und Schlucht, und wie aufathmend in unendlicher Wonne und
+Seligkeit, strömte der Duft aus von all den Blüthenhainen, die tief
+versteckt im dunklen Laube ruhten, den Seewind rückwärts treibend, mit
+sanfter liebender Gewalt.
+
+Ueber die Berge aber schaute der Sonnengott freundlich in's Thal, und
+grüßte die friedlichen Dächer alle, die tief versteckt im schattigen
+Laub lagen und ihn fürchteten den Gewaltigen. Nicht täuschte sie dabei
+der leise Kuß den er ihnen zuwarf wie er nur den Hain erreicht; -- höher
+steigend und wachsend an Macht und Gewalt wäre der Kuß zum giftigen
+sengenden Pfeil geworden, der zündet was er erreicht und dorrt und
+brennt, und die Palmen hatten dann alle Hände voll zu thun, und mit
+allen Fasern den kühlen Lebenssaft aus dem feuchten Strand heraufziehen,
+das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen der stillen Menschen vor dem
+glühenden Strahl zu schützen und zu schirmen.
+
+Und wie freundlich er da unten auf dem gelben Laub spielte, das hie und
+da den Boden bedeckte, wie er sich durch jede Zweigesspalte durchstahl
+und den saftigen Blättern schmeichelte und mit ihnen kos'te, ihn nur
+durchzulassen, ein kleines kleines wenig nur durchzulassen zu den
+Blüthen und Früchten unten, denen er Zucker bringen wollte und ein
+goldenes Kleid, und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten formte,
+und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut grub zum Angedenken.
+
+Welch freundliches Leben und Treiben in dem herrlichen Wald, und daß die
+Axt da kommen sollte mit gierigem Zahn, und die Palmen niederschlagen
+und Bäume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen, viereckige,
+eingezäunte Felder, dem Sonnenstrahl preisgegeben, der dann nicht
+spielend mehr zwischen den Zweigen kost, sondern verlangend sich an den
+Boden saugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Lust.
+
+Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauschen die Bäume, noch flüstert
+der Morgenwind, der flatterhafte Geselle, den Blüthen allen seinen
+tollen Liebesunsinn vor, und unter dem Laub, die schönste Zierde des
+Hains, der Blumen eine die das Land gebar und die zu ihnen gehörte, zu
+den schlanken Palmen und duftenden Blüthen saß Sadie, und wie an den
+wehenden, raschelnden, wispernden Blättern der Banane, die ihre grünen
+Fächer schützend über sie breitete, der Thau in großen hellen Tropfen
+blitzte und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, so hing an ihren
+Wimpern ein klares Thränenpaar und schwer und langsam sank es nieder zu
+dem Thau -- anderen, schwereren Perlen Raum zu geben.
+
+Sie war allein -- nur das Kind spielte zu ihren Füßen, haschte nach den
+wechselnden Schatten die ein neckischer Strahl über ein hin- und
+herwehendes Blatt warf, oder suchte sich kleine blitzende Muscheln aus
+dem Korallenkies, der sich hier mit dem Boden vermengte -- René hatte
+seine Heimath -- zum ersten Mal seit sie mit ihm vermählt -- schon vor
+Tag, und zwar durch Bertrand abgeholt, verlassen, in einer Stimmung
+verlassen, die ihr das Herz mit Sorge füllte -- sie wußte selber nicht
+warum, und jetzt schnürte ihr eine Angst, der sie nicht Worte zu geben
+wußte, die Brust zusammen und die Thränen, die ihren Wimpern entfielen
+linderten den Schmerz nicht, der sie erzeugt, sondern brannten nur
+weiter in zündender, quälender Lohe.
+
+So saß sie da, lange, lange Minuten, in ihrem Gram, die brennenden Augen
+in der Hand geborgen und die klaren Tropfen preßten sich gewaltsam Bahn,
+zwischen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus ins Freie. Aber
+immer ängstlicher wurde ihr dabei ums Herz, ein merkwürdig stechendes
+Gefühl zog ihr durch Scheitel und Hirn -- sie athmete schwer und wie von
+einer heranprassenden Gefahr bedroht, die sie umgab und wenn auch
+unsichtbar bedrohte, schaute sie endlich verstört und bleich empor und
+sprang mit einem jähen Schrei auch auf von ihrem Sitz, denn vor ihr
+stand, mit auf der Brust gekreuzten Armen, den ernsten aber jetzt nicht
+strengen Blick fest und forschend auf sie geheftet, der Mann, der einst
+mit kalter starrer Hand hineingreifen wollte in ihre Liebe, in ihr
+Leben, und dem sie sich seit jenem Tag nicht mehr gegenüber gesehen --
+_der Missionair Rowe_.
+
+Und was führte ihn jetzt zu ihr? -- Sorge? Theilnahme? hatte sein
+starres unduldsames Herz verziehen? oder -- wie Fieberfrost zog es ihr
+durch Mark und Bein wenn sie des fernen Gatten dachte und den stillen
+wehmüthig ernsten Blick des finstern Mannes so fest, so entsetzlich fest
+auf sich gerichtet sah.
+
+»Um Gott! -- was ist geschehen?« flüsterte sie endlich in kaum hörbaren,
+angstdurchzitterten Tönen -- »wo ist René? -- was ist vorgefallen
+ehrwürdiger Herr?« und das Kind, das auf dem Boden neben ihr gespielt
+und die schmerzlichen Laute der Mutter hörte, ihre Thränen sah, sprang
+auf und klammerte sich schreiend an ihr Knie, sich nur wieder beruhigend
+als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber der ehrwürdige Mr.
+Rowe schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst:
+
+»Wenn Du eine Unglücksbotschaft fürchtest, meine Tochter, so beruhige
+Dich, denn sie kann nicht von mir ausgehen -- ich weiß von keinem
+fleischlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte. Aber
+nicht dem auch sind Deine Thränen geflossen,« setzte er wehmüthiger
+hinzu -- »nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat diese Wangen
+gebleicht, diese Augen geröthet -- o Prudentia, sind _das_ die Früchte
+unserer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die wir, Dein
+Pflegevater und ich auf Dein Wachsen und Aufblühen setzten? -- ist das
+Versprechen Wahrheit geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn in
+früher Jugend gab, und pflegst Du _so_ das Wort Gottes, das Dir, ein
+heiliger tröstender Stern hätte vorleuchten sollen auf der schweren Bahn
+der Prüfung die Du, nach dem Willen des Höchsten betreten, und der Du,
+ach, nach so kurzer, so entsetzlich kurzer Zeit schon erliegst?«
+
+Sadie schwieg -- das Herz war ihr schon überdies voll und schwer, und
+die Worte des Geistlichen schnitten nur noch tiefer ein in die Wunden.
+Auch der wehmüthige, fast liebende Ton den sie an ihm nie gewöhnt, drang
+ihr mit scharfem Schmerz in die Seele und wie das, was ihr in früher
+Jugend gelehrt und ihr Herz damals in voller ungetheilter Kraft erfüllt
+hatte, jetzt wieder, vielleicht stärker noch durch die Gestalt des
+damaligen strengen Lehrers, durch die Stimme selber zu Tag gerufen
+worden, deren Klänge in ihrer Erinnerung nie verwischt, nur geschlummert
+hatten, so stieg auch mit den Worten der mahnende finstere Geist auf und
+hob warnend die Hand und der Gedanke _ich habe gesündigt_ wuchs, ein
+Furcht- und Schreckensbild, mit riesenhafter Schnelle vor ihrem inneren
+Auge empor und gab der Angst und Qual die sie an diesem Morgen schon
+gefühlt einen entsetzlichen und doch ihr unbewußt so falschen Ausdruck.
+
+»Ach, ehrwürdiger Herr« flüsterte sie leise -- »nicht aus eigenem Antrieb
+-- Gott weiß es -- betrat ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich
+darin gefühlt, zwischen den fremden Menschen.«
+
+»Aber Du hast mit ihnen _getanzt_!« sagte traurig der Missionair und
+sein Auge haftete in ernster Wehmuth auf den bleichen Zügen der armen
+jungen Frau -- »ihrer wilden zügellosen Lust mit der sie sich im Kreise
+schwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Männer, hast Du
+beigewohnt, hast Theil daran genommen und wenn Du da glaubst, und Dir
+vorsprichst vielleicht, Dich vor Dir selber zu entschuldigen, Dein Herz
+sei noch frei von böser Absicht, bösen Wünschen -- glaube es nicht! --
+Der Feind hat die Hand nach Dir ausgestreckt, die Du ihm, statt ihn mit
+frommem inbrünstigem Gebet und fleißigem Lesen in der heiligen Schrift,
+abzuwehren, willig -- ja Prudentia -- willig geboten hast. Der erste
+Schritt dazu war, als Du einem Manne folgtest, der dem wahren Glauben
+abhold, nie in das stille Heiligthum Deines Herzens hätte eindringen
+dürfen, eindringen können, wäre nicht grobe Sinnlichkeit und
+fleischliche Lust stärker in Dir gewesen als die Liebe zu Gott.«
+
+»Ehrwürdiger Herr« bat Sadie.
+
+»Es schmerzt mich« fuhr der Geistliche mit fast weicher Stimme fort »es
+schmerzt mich tief Dir weh thun zu müssen, Prudentia, denn ich habe Dich
+lieb gehabt, schon als kleines Kind, und Dein Wachsen und Gedeihen in so
+Gott wohlgefälliger Weise mit inniger Freude angesehen. Ich hielt es
+damals für meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den ersten
+Fehltritt thun wolltest -- der Herr hat es anders gelenkt, Sein Name sei
+gepriesen. -- Aber nur eine Prüfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das
+Kind dieser Inseln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen
+Dienern selber gehört, und sorgfältig aufgezogen warst, Sein Wort weiter
+zu verbreiten auf diesen Inseln, auch bestehen würdest auf dem rauhen
+Pfad des Lebens, wenn keine treue und sichere Hand Dich mehr führte und
+leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle diese Hoffnungen sind
+dahin gestoben, wie Spreu im Winde -- der erste Lufthauch der Lust, der
+Verführung, und Jahrelange Arbeit und Müh schwand dahin, als ob es ein
+Nichts gewesen wäre, ein todtes Blatt im Herbststurm, das dem Meere der
+Vernichtung entgegenweht. Und noch -- jetzt _noch_ ist es Zeit Dich
+zurückzuhalten, jetzt noch ist Rettung nicht unmöglich, wenn Du die
+mahnende Freundesstimme -- die Stimme _Gottes_ hören wolltest, die
+bittend, flehend zu Dir spricht, durch meinen Mund. Noch ist die elfte
+Stunde nicht vorüber -- noch lacht Dir das Licht der Verheißung und es
+ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der reuig zurückkehrt in
+die Arme des Allliebenden, als über tausend Gerechte die da eingehn zur
+himmlischen Herrlichkeit.«
+
+»Was _kann_ ich thun?« klagte die arme Frau und faltete verzweifelnd die
+Hände auf dem Schooße »mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben -- ihnen
+gehört es, ihnen muß ich bleiben und sagt nicht selbst Gott in seinem
+Wort: Du sollst Vater und Mutter verlassen, und dem Manne folgen?«
+
+»Dem Manne, aber nicht dem Feind« rief der Missionair zum ersten Mal
+wieder den alten unversöhnlichen Haß im Blick -- »nicht dem Feind,
+Prudentia, der Dich mit süßen Liedern und rauschenden Klängen lockt. Du
+sollst dem Mann, der nun doch einmal Dein Mann geworden, in allem
+_Guten_ folgen, aber nicht in Sünde und Finsterniß -- und das nicht
+allein, Du sollst, Du _mußt_ all Deine Kraft, all Deine Macht über ihn
+anwenden, ihn selber zurückzuhalten von dem, was ihm Verderben droht.«
+
+»Was würde Vater Osborne sagen« fuhr er wieder mit weicherer leiserer
+Stimme fort, »wenn er Dich gestern in ihren Reihen, die Fröhlichste
+unter den Fröhlichen noch hätte sehen können?«
+
+Sadie schüttelte traurig mit dem Kopf und seufzte tief auf.
+
+»Wenn er Zeuge gewesen wäre, wie Du ihre Tänze tanztest und in ihren
+Armen den Abend verbrachtest, der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein
+Kind hätte verfließen sollen. Prudentia -- _kannst_ Du noch beten?«
+
+»Aus voller inniger Seele zu meinem Gott!« rief aber das arme Weib
+jetzt, dem bei den Worten eine Last von der Seele wälzte -- »der Schein
+mag wider mich sein, und der Ausspruch der Menschen; aber Gott der mein
+Herz sieht und kennt, weiß mit wie wehmüthigem Gefühl ich dem Befehl,
+dem Wunsch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen an den Lustbarkeiten
+der Fremden. Mir war nicht freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich
+passe nicht zwischen sie mit ihren fremden Sitten und Gebräuchen -- mit
+ihren fremden Gedanken von recht und gut -- mir ist nur wohl in meiner
+Heimath, bei meinem Kind und hätt' ich mein freundliches Atiu nicht
+verlassen dürfen, wie froh, wie glücklich, wie Gott dankbar hätte ich
+leben wollen.«
+
+»Ich komme jetzt von Atiu« sagte Mr. Rowe leise.
+
+»Von Atiu?« rief Sadie rasch und bewegt die Hände faltend -- »von -- von
+Atiu;« setzte sie langsamer und mit kaum hörbarer Stimme hinzu -- »von
+meinem Atiu -- und haben sie meiner freundlich noch gedacht?«
+
+»Bruder Ezra hat mich begleitet« sagte der Missionair ohne direkt auf
+ihre Frage zu erwiedern -- »denn der jetzigen inhaltschweren Verhältnisse
+wegen ist eine Zusammenkunft von allen solchen Männern wenigstens nöthig
+geworden, die irgend eine vorragende Stellung auf den verschiedenen
+Inseln einnehmen, dort etwa auftauchendem Französischem Einfluß zu
+begegnen. Die Mutterkirche in England scheint theilnahmlos unserem
+Kampfe zuschauen zu wollen, und wir müssen ihr jetzt zeigen über welche
+Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der christlichen
+Religion gewonnene Häuptlinge ihren Schutz verlangten, oder ein starkes
+zahlreiches _Volk_, das ein _Recht_ hat, ihre Hülfe zu beanspruchen.«
+
+»Mi-to-na-re« flüsterte die junge Frau, unter Thränen lächelnd leise vor
+sich hin -- »Mi-to-na-re.«
+
+»Ja Prudentia -- dort allerdings war eine schöne Zeit für Dich« sagte
+der Geistliche, mit ernster Theilnahme den Faden auffassend, der an ihre
+Erinnerung knüpfte -- »und Gottes Hand lag liebend auf Deiner Heimath,
+seinen Segen spendend zu jeder Stunde die mit Glück und heiliger Ruhe
+Deine Brust erfüllte. Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde --
+keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfüllte da Dein Herz --
+der aufkeimenden Sünde wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr
+Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer
+einstigen Glückseligkeit zu gewinnen, indem sie die heidnischen Gräuel
+zerstörten, die diese Wälder und die Herzen ihrer Bewohner füllten, und
+Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen Himmelsdom liebend über ein
+glückliches Land. Da kam der Versucher und Du erlagst.«
+
+»Ehrwürdiger Vater« bat Sadie.
+
+»Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieser Stunde gekommen bin Dir
+Vorwürfe zu machen über Vergangenes; es ist geschehen -- ich streckte
+meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stießest sie zurück, und wenn ich
+Dich auch, durch die Verhältnisse gezwungen, eine Zeitlang Deinem
+Schicksal überlassen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus
+den Augen verloren Prudentia, und keineswegs die Hoffnung aufgegeben,
+Deine Seele ihrem Erlöser zu retten -- ja ich fürchte fast, _wieder zu
+gewinnen_.«
+
+»Aber was kann ich -- _darf_ ich thun?« frug Sadie in peinlicher Angst
+-- »meinem Gatten gehört mein Leben, mein Glück -- selbst unsere
+Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.«
+
+»Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten?« frug der Priester mit
+finsterer, fast tonloser Stimme.
+
+»Seinen Leib?« rief Sadie -- der mit Blitzesschnelle der neue Gedanke an
+Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte -- »seinen Leib? was droht ihm?
+-- was soll ich retten -- o sprecht um des Heilands Willen, was ist
+geschehen?«
+
+»Thörichtes Kind« sagte aber der fromme Mann kopfschüttelnd und seufzend
+auf sie nieder schauend -- »thörichtes blindes Kind, das hoffend und
+träumend, in sündhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt hat, und
+die wetterschwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht
+sieht -- oder nicht sehen _will_. Nicht von dem Einzelnen spreche ich,
+der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert durch verstocktes
+Anhängen am Götzendienst, mit dem sich die Frevler hier Bahn gebrochen
+haben durch der Waffen Gewalt -- nicht der Einzelne ist es, der den
+strafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat -- »Ich will meine
+Pfeile mit Blut trunken machen,« spricht der Herr -- »und mein Schwert
+soll Fleisch fressen über dem Blut der Erschlagenen, und über dem
+Gefängniß und über dem entblößten Haupt des Feindes. -- Jauchzet Alle,
+die Ihr sein Volk seid, denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und
+wird sich an seinen Feinden rächen und gnädig sein dem Lande seines
+Volks -- Nun will ich mich aufmachen spricht der Herr -- nun will ich
+mich erheben, nun will ich hoch kommen, denn die Völker werden zu Kalk
+verbrannt werden, wie man abgehauene Dornen mit Feuer ansteckt -- Und
+der Herr ist zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles ihr Herr --
+er wird sie verbannen und zum Schlachten überantworten und ihre
+Erschlagenen werden hingeworfen werden daß der Gestank von ihren
+Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut fließen.«
+
+»Allerbarmer!« rief Sadie und barg zusammenschaudernd ihr Antlitz in den
+Händen, dem furchtbaren Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor ihr
+heraufbeschworen.
+
+»Allerbarmer ja!« sagte der Priester in langsamem und tiefem Ton -- »ja,
+bis zum letzten Faden seiner Gnade und Barmherzigkeit -- dann aber auch
+der Rächer und furchtbare Richter, mit dem Schwert seines gewaltigen
+Zornes und dem Eisen seiner Allmächtigkeit. Sein Arm ist furchtbar und
+die Welt zittert wenn er den Finger hebt.«
+
+»Aber Gott _kann_ nicht den Untergang _Aller_ wollen« bat Sadie -- »er
+sieht die Herzen und weiß die Schuldigen von den Schuldlosen zu trennen
+-- o wäre Vater Osborne hier, daß er seinem armen Kinde Trost spendete
+und Rath in der entsetzlichen Noth.«
+
+»Nur im Gebet liegt Beides« erwiederte streng und ernst wie je, der
+Geistliche -- »bete Tochter, verlorenes Lamm der Heerde -- bete. Bete zu
+dem Allmächtigen daß er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu dem Ohr des
+Gatten zu dringen, daß er Deinem Herzen die Stärke giebt, auszuhalten in
+dem schweren Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irrgängen des
+Versuchers. Noch ist der Böse mächtig in Dir, aber der Herr wird Dich
+beugen und niederwerfen in den Staub, wenn Du Dich am sichersten
+glaubtest vor Seinem Arm -- so bete, bete daß Er die Fasern Deines
+Herzens zum Lichte wende und Seine Hand über Dich halte, Dich zu
+schirmen und schützen in dem nahen Kampf.«
+
+Und wie von dem Geist berührt von dem er sprach, warf er sich plötzlich
+neben der Trauernden, die mechanisch seinem Beispiel folgte, auf die
+Knie nieder, und die Augen schließend und die fast krampfhaft
+zusammengefalteten Hände zum Himmel aufhebend rief er mit lauter
+wehdurchschauerter und das Herz des Weibes wie mit scharfer Waffe
+treffender Stimme in dem Psalm Assaphs:
+
+»Herr es sind Heiden in Dein Erbe gefallen -- die haben Deinen heiligen
+Tempel verunreinigt und aus Jerusalem Steinhaufen gemacht.
+
+»Wir sind unseren Nachbarn eine Schmach geworden, ein Spott und Hohn
+denen, die um uns sind.
+
+»Herr wie lange willst Du so gar zürnen, und Deinen Eifer wie Feuer
+brennen lassen?
+
+»Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf
+die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen.
+
+»Denn sie haben Jacob aufgefressen und seine Häuser verwüstet.
+
+»Gedenke nicht unserer vorigen Missethat, erbarme Dich unserer bald,
+denn wir sind fast dünne geworden;
+
+»Hilf uns Gott, unser Helfer, um Deines Namens Ehre willen; errette uns
+und vergieb uns unsere Sünde um Deines Namens willen.
+
+»Warum lässest Du die Heiden sagen »Wo ist nun ihr Gott?
+
+»Laß unter den Heiden vor unseren Augen kund werden die Rache des Blutes
+Deiner Knechte, das vergossen ist.
+
+»Laß vor Dich kommen das Seufzen der Gefangenen; nach Deinem großen Arm
+behalte die Kinder des Todes,
+
+»Und vergilt unsern Nachbarn siebenfältig in ihren Busen ihre Schmach,
+damit sie Dich, Herr, geschmähet haben.
+
+»Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner Weide, danken Dir ewiglich und
+verkündigen Deinen Ruhm für und für!«
+
+Langsam erhob sich der Priester nach dem Gebet der Rache an den
+_Allerbarmer_ und stand noch viele Minuten lang, mit fest auf der Brust
+gefaltenen Händen neben der knieenden Frau; aber Sadie regte sich nicht
+-- das Antlitz in den Händen über den Stuhl hingebeugt, lag sie in
+heißem brünstigen Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Gestalt, der
+heiße rasche Athem der sich ihrer Brust entrang, verrieth das Leben, das
+Leiden der Armen.
+
+Der ehrwürdige Mr. Rowe schaute mit ernstem fast wehmüthigem Blick auf
+die Betende nieder und legte dann seine beiden Hände leise und wie
+segnend auf ihr Haupt. Sadie fühlte die Berührung und zuckte unter ihr
+zusammen, aber sie blieb regungslos in ihrer Stellung.
+
+»Prudentia« sagte Bruder Rowe leise -- »Prudentia!« -- aber keine
+Antwort wurde ihm, und nur fester schien die Weinende das Antlitz in
+ihren Händen begraben zu wollen. »So sei Gott mit Dir!« sagte der fromme
+Mann, seinen Hut ergreifend, den er daneben auf den Tisch gestellt --
+»so sende er Dir sein Licht und seine Gnade -- er lasse sein Angesicht
+leuchten über Dir und gebe Dir seinen Frieden!«
+
+Sich dann wendend, verließ er mit leisen Schritten das Haus, ging
+langsam durch den Garten, an dessen Thüre ein Insulaner halb auf der
+Lauer, halb auf ihn wartend, gestanden hatte und folgte der Broomroad,
+die nach Papetee hinunter führte.
+
+Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber noch nicht ganz hinter
+den, diesen Theil der Hecke bildenden Papayen verschwunden, als aus der
+ziemlich dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand, eine kleine
+wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geistlichen,
+vortauchte, und dessen Entfernung mit augenfälliger Aufmerksamkeit und
+fast wie mißtrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt Gewesene
+schien sich auch gar nicht damit zu beruhigen daß der also Bewachte
+seinen Weg die Straße entlang bis außer Sicht fortsetzte, sondern er
+verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerst eine kurze
+Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhöhe erreichte, von
+der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang mit
+den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der
+Straße verschwunden war. Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu
+fühlen und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden
+Augen zum Haus zurück, dessen Thüre noch, wie sie der Geistliche
+verlassen, halb geöffnet stand. An der Schwelle aber blieb er wie scheu
+und unschlüssig stehen -- er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken --
+er setzte den Fuß vor, und zog ihn fast ängstlich wieder zurück; endlich
+aber faßte er sich ein Herz -- die Sonne stieg mit jedem Augenblick
+höher und er _durfte_ die kostbare Zeit nicht länger versäumen, und die
+Hand der Thüre nähernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltsam
+gesammelten Entschluß laut und herzhaft an.
+
+Keine Antwort; -- drinn im Zimmer rührte und regte sich Nichts und der
+Klopfer blieb kopfschüttelnd und unschlüssig in seiner lauschenden
+Stellung an der Thür. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung
+klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas stärker als vorher, und als
+auch diesmal seine Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann
+die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand, daß er, vielleicht auch halb
+mit der Ueberzeugung es sei Niemand mehr im Haus, den Knöchel seines
+dritten Fingers laut und heftig an die Thür anpochte, in demselben
+Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrückten Schrei zurücksprang,
+als das leise aber doch so deutliche und ihm so wohlbekannte »~hare
+mai~« einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein erstes Gefühl
+schien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Töne hatten zugleich
+alte und oh so liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig
+und jedenfalls unbewußt nach seinen Füßen hinunterfühlend, ob er die
+Schuhe auch, wie es sich gehöre, daran habe, und nicht etwa wieder
+barfuß als roher Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe in
+der Welt, schob er die Thüre langsam auf und trat hinein.
+
+Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehört, vom Boden erhoben und
+stand der Thüre zugedreht, kaum aber auch die kleine, so lang
+befreundete Gestalt des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf
+»Mitonare -- mein guter, lieber Mitonare,« auf ihn zusprang und seine,
+nach ihr ausgestreckte Hand ergriff.
+
+»Pu-de-ni-a!« stammelte der kleine Mann, und riß die Augen weiter und
+weiter auf, den mehr und mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die
+er nicht zurückpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen auf
+das Wesen, das ihm das Liebste gewesen war auf der Welt, fast seit dem
+Tag an, wo er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen
+Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte -- »Pu-de-ni-a -- es -- es
+freut mich recht -- recht sehr -- Sie -- Sie -- Dich --« Er kam nicht
+weiter -- die großen hellen Thränen rollten ihm die Backen hinunter und
+die nicht widerstrebende Frau an sich ziehend, rieb er -- den höchsten
+Ausdruck innigster, herzlichster Zärtlichkeit den er kannte, seine Nase
+an der ihrigen, zog sie dann fester an sich, streichelte ihr mit beiden
+Händen die Schläfe, drehte ihr Köpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu
+sehen und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen die er kannte
+und ihr, o wie viel tausend Mal schon, in früheren Jahren liebkosend
+gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an seiner Brust und ihre
+Thränen strömten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen
+Freundes.
+
+Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der sich wieder sammelte, und
+das geliebte Kind auf Armes Länge leise von sich schiebend, daß er eben
+die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und überblicken konnte,
+sagte er flüsternd und mit recht weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht
+in seinem gebrochenen Englisch, sondern der ihm geläufigen
+Muttersprache:
+
+»Aber was ist das? -- ist Pudenia -- meine kleine, liebe Pu-de-ni-a
+nicht mehr das fröhliche leichtherzige Kind von A-ti-u? -- sind die
+klaren Augen schon so trüb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen
+so fahl? und ist der böse böse Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit
+meinem Lieb, meinem süßen herztröstenden Lieb?«
+
+Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und seine Hand fassend und
+streichelnd schüttelte sie leise mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast
+dem vollen Strahl vorigen Glücks in den schönen Zügen:
+
+»Nein Mi-to-na-re -- nein er ist gut und lieb wie je und mein Herz ist
+sein bis zum Tod, und weit, weit darüber hinaus -- zanke mir nicht den
+Wi-Wi --«
+
+»Dann hat Dir der »schwarze Mann« wieder das Herz schwer gemacht mit
+seinen Worten, die Einem wie Messer einschneiden in die Brust und nur
+immer brennen und schmerzen« sagte Bruder Ezra, und der scheue aber
+zürnende Blick den er aus dem Fenster die Straße entlang warf, verrieth
+nur zu deutlich wen er damit gemeint. »Wenn ich eine Zeitlang mit ihm
+zusammen bin, und ihn beten und predigen höre, dann komme ich mir immer
+vor wie der entsetzlichste furchtbarste Sünder, der noch ein besonderes
+Feuer in der Hölle haben müßte, seine Sünden vollständig abzubüßen --
+und wenn ich sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen, als ob
+mir der eine Last von der Brust gewälzt und mir Balsam in die frischen
+Wunden gegossen hätte. Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte,
+wenn man so gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein nichtswürdiger
+Sünder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht im
+Stande gewesen dahinter zu kommen.«
+
+»Aber wie siehst Du aus, Mitonare« -- rief Sadie, indem sie lächelnd
+einen Schritt zurücktrat, seine Gestalt und Kleidung, die sich
+allerdings seit sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verändert
+hatte, besser überschauen zu können -- »segne mich, wie Du Dich
+gekleidet hast, und wie stattlich Du einher gehst jetzt, und wie
+ehrwürdig.«
+
+Bruder Ezra schüttelte mit dem Kopf, und sich selber, mit einem
+keineswegs sehr selbstgefälligen Blick von oben bis unten betrachtend,
+sagte er leise und traurig:
+
+»Es ist Nichts, Pudenia -- gar Nichts; die Hosen machen einen Menschen
+höchstens unbequem aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger
+hier unter den Ohren -- der Weiße hatte gestern recht der mir sagte wenn
+ich mich einmal rasch und plötzlich bückte, schnitt ich mir die Ohren
+ab, wie mit dem Rasirmesser.«
+
+»Die Kleider machen allerdings den Christen nicht, Mi-to-na-re« lächelte
+Sadie, »aber das treue Herz in der Brust hat Dich dem reinen schönen
+Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit Seinem Ehr und Preis.«
+
+Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem Herzen tief auf, und es
+war augenscheinlich daß ihn dort etwas drückte, mit dem er sich scheute
+an Tageslicht zu kommen. Sadie fühlte das mehr als sie es sah, denn des
+Mitonare veränderte Kleidung hatte ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der
+That zu sehr in Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch
+eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, daß nicht Alles so mit dem
+kleinen, sonst so freundlichen Manne stehe als es wohl solle, und irgend
+etwas vorgefallen sein müsse, das ihn drücke und quäle, und nicht zu
+Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwächen und Eigenschaften aber auch
+wieder bekannt, lächelte sie, denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der
+Gedanke, die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der
+Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenöthigt doch angerathen (bei Mr.
+Rowe so gut wie ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie, das
+Zutrauliche seiner Bewegungen.
+
+Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein
+daß er die Weste fest und eng zugeknöpft trug über dem seit einiger Zeit
+wieder gediehenen Bauch, und die Knöpfe derselben in wirklich
+gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm das weiße dicke Tuch
+dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab,
+als ob er mit dem steif und starr gestärkten Hemdkragen oben eben nur
+hinausgeschnürt sei; nicht allein daß seine Füße wie früher in den
+breiten unbequemen Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat,
+als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und ihn wieder
+herauszuziehen wünsche, so war ihm auch jetzt das, sonst doch wenigstens
+bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine
+staken in so engen, strammen Hosen, daß es ein Wunder schien wie er
+überhaupt hineingekommen und den kleinen schüchternen Mann veranlaßt
+hatte einen kurzen Pareu, _trotz_ den Einreden des Geistlichen, noch
+_über_ diesem neuen und jedenfalls unpassenden Kleidungsstück zu tragen,
+das nun einmal durchaus nöthig sein sollte auch den letzten heidnischen
+Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das war nicht genug gewesen,
+denn sogar der hohe trostlose Europäische Hut durfte nicht fehlen ihn
+elend zu machen, und so oft war er schon damit in jedem Guiavenbusch,
+jeder Banane, in der Thür jeder Hütte, in den Zweigen jedes Baumes
+hängen geblieben, daß er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den
+schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich zu bücken.
+
+Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines dicken und schweren
+Gebetbuchs, das er in die linke und enge Fracktasche hineingezwängt
+trug, während es ihm in dem schmalen Zipfel fortwährend in die
+Kniekehlen schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt sich denken daß
+er sich, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, an das freie Leben
+seiner Inseln gewöhnt, nicht hätte leicht und behaglich fühlen können.
+Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch andere Sorgen.
+
+»Die schöne Zeit ist vorbei« sagte er traurig, »wo nur die Sterne die
+Augen Gottes waren, und ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden
+Lichter bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglücklich,
+sein Glaube ist wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und
+weiß nicht ob er gerade durch über die Berge und durch die Thäler weg
+steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im seichten
+Binnenwasser der Riffe langsam hinsteuern soll.«
+
+»Armer Mitonare« lächelte Sadie, die noch immer nicht den ernsten Sinn
+seiner Worte begriff -- »aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der
+fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zusagt?«
+
+»Wer?« murmelte Bruder Ezra finster vor sich hin -- »wer? -- er hat noch
+andere Sachen gethan. Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich
+viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen Alle
+rettungslos zu Grund -- Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die
+andere Hälfte hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun muß er noch
+einmal von vorn anfangen und -- und sein Vater und Großvater bleibt doch
+in der -- da unten -- tief da unten.«
+
+Der kleine, sonst so freundliche Mann schüttelte finster mit dem Kopf
+und Sadie, seine Hand ergreifend sagte mit leiser unendlich rührender
+Stimme:
+
+»Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re -- und Gott ist ja der
+Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von
+Deinem Haupte fällt -- so erzähle mir von Atiu -- von meinem Atiu -- was
+sie dort treiben und thun und -- ob sie meiner noch manchmal freundlich
+da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da
+hinüberziehn, und mit meinen Gedanken, meinen Wünschen ihnen doch noch
+so weit, so weit voraus bin.«
+
+»Atiu« wiederholte der kleine Mann, langsam und freundlich mit dem Kopfe
+nickend -- »mit dem stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche
+-- wo die ~nahuitarava ia mere~[A] Abends gerad über unserem Dache stehn
+und ihr mildes Licht auf uns heruntergießen; wo -- aber es ist auch
+manches anders geworden auf Atiu« setzte er sinnend, und fast wie mit
+sich selber redend, hinzu -- »die Leute werden zu klug und zu reich, und
+dann ist's mit dem Frieden vorbei und dem Glück. -- Wie schön war Atiu
+als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten Hütten.«
+
+ [A] ~Nahuitarava ia mere~, das Gestirn des Orion.
+
+»Wie schön war Atiu« wiederholte seufzend die junge Frau.
+
+»Und vielen Besuch haben wir drüben gehabt« setzte der kleine Mitonare
+mit noch fast ernsterer Stimme hinzu -- »lauter Leute die es gut mit uns
+meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren unsere Seelen zu retten,
+und die uns entsetzlich viel versprachen wenn wir nur gerade da
+hineinspringen wollten, wo die Anderen sagten daß es lichterloh mit Pech
+und Schwefel brenne.«
+
+»Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu?« frug Sadie rasch und fast
+erschreckt.
+
+»Ich weiß nicht wo sie herkamen,« sagte der kleine Mann traurig, »aber
+Wi-Wis waren darunter und Andere auch -- und -- sie haben uns wenigstens
+das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen und drohenden Reden.«
+
+»Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da gewesen?«
+
+Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd:
+
+»Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten für
+die -- die Götzendiener -- und der Himmel blieb blau« setzte er
+unheimlich lachend hinzu -- »und dann kamen die anderen Männer und
+sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr
+bester Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von
+Pech und Schwefel nieder auf die Häupter ihrer Gegner -- und der Himmel
+blieb _blau_!«
+
+So scharf und grell stieß er dabei das letzte Wort aus, daß die kleine
+Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt
+in die Höhe fuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Bruder Ezra drehte
+sich rasch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit
+Mißachtung jedes Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben dem
+noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden Kinde auf die Knie nieder
+und rief mit, vor innerer Rührung fast erstickter aber auch jubelnder,
+jauchzender Stimme:
+
+»~Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.~«[B]
+
+ [B] Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines
+ Mädchen.
+
+Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet hatte, streckte die
+Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine
+Mitonare griff sie auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit
+ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wüthend über solches
+Betragen schlenkernde Buch zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide
+darüber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles
+vergessen, was ihn bis dahin gedrückt oder weh gethan, und das Mädchen
+nur herzend, das sich wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen ließ, was
+er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt hätte daß ihr von _dem_
+Manne sicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollste
+wildeste Zeug, nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich
+sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch, von dem er aber in den
+letzten Jahren noch viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu
+schwatzen und lachen und Geschichten zu erzählen aus Bibel und
+Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem
+lieben lächelnden Kind gegenüber. Und Sadie stand daneben, die linke
+Hand auf den Tisch gestützt und mit der rechten in den Locken des Kindes
+spielend und seinen Scheitel streichend, während die kleine Sadie
+jauchzte und lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten, ihre
+Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an den steifen Hemdkragen und
+Halstuchspitzen zupfte. Und Mitonare ließ sich das Alles ruhig gefallen,
+und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen für das Kind.
+
+»Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare?« sagte da Sadie -- »hast
+Du auch Atiu verlassen, und willst nicht wieder zurückkehren nach dem
+lieben Land?«
+
+Da wurde der kleine Mann plötzlich ernsthaft, setzte das Kind, das ihn
+noch gar nicht lassen wollte nieder auf den Boden und sagte, recht
+herzhaft mit dem Kopfe schüttelnd und einen scheuen Blick nach der Thür
+werfend:
+
+»Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die Insel nicht verlassen mein
+Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen
+und -- wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen;
+aber es ist jetzt eine schlimme Zeit -- die Leute sind irre geworden an
+ihrem Gott und mit _Gewalt_ wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut
+den Glauben begießen, daß er wachse und gedeihe.«
+
+»Aber ich verstehe Dich nicht« sagte Sadie.
+
+»Sie haben was vor hier auf Tahiti!« fuhr der Bruder Ezra leise fort,
+als ob er sich fürchte irgend ein Geheimniß zu verrathen, »was es ist,
+weiß ich noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt
+riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, wie ich sehe,
+aber die Wi-Wis sind auch nicht müßig, und vorgestern waren zwei große
+Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, daß sie den
+~Feranis~ gehörten und viel Kanonen an Bord hätten mit Pulver und
+schweren Kugeln.«
+
+»Und was können unbewaffnete Menschen dagegen thun?« frug Sadie
+wehmüthig mit dem Kopfe schüttelnd.
+
+»Unbewaffnete, _Nichts_« erwiederte Bruder Ezra rasch, »aber Bewaffnete
+desto mehr; Bibeln waren _nicht_ in den Kisten, die sie vom Bord
+desselben Wallfischfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles täuscht,
+hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu sicheren Verstecken in die
+Berge schafften.«
+
+»Die Missionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und
+Blutvergießen« rief Sadie.
+
+»Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den Kopf weg,« sagte der
+Mitonare trocken -- »es giebt Leute genug überall, die, einen Dollar zu
+verdienen, leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein
+gutes -- ihre Landsleute mit Waffen zu versehen, daß sie sich selbst
+beschützen können.«
+
+»Du nanntest erst Raiteo, Mitonare?« frug Sadie -- »wie geht es ihm und
+was treibt er jetzt -- ist er ein besserer Mensch geworden?« --
+
+»Was er in diesem Augenblicke treibt weiß ich wahrlich nicht«, sagte der
+kleine Mann finster, »aber als ich kam stand er draußen auf Posten, und
+ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück; -- ist
+nicht das erste Mal daß sie in einem Joche ziehn.«
+
+»Raiteo hier auf Tahiti?« rief Sadie erstaunt.
+
+»Raiteo Mitonare« erwiederte Bruder Ezra trocken.
+
+»Mitonare? -- Raiteo? der seinen Vater verrathen würde um ein Stück
+Kattun zu verdienen oder ein Stück Geld?«
+
+»Raiteo Mitonare« bestätigte aber auf das Bestimmteste der kleine Mann
+und setzte, langsam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu -- »Menschen sind
+einmal bös, und dann wieder gut -- Raiteo hat seine Sünden eingesehen
+und ist frommer Mann geworden -- aber trägt noch keine Hosen« fügte er,
+trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen Grad von
+Eifersucht hinzu; »hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und
+bloßen Kopf -- und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack -- kann nicht
+gut ohne Frack in die Kirche kommen.«
+
+»Raiteo Mitonare« wiederholte aber wiederum Sadie, die sich noch immer
+nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte -- »und das auf Atiu -- wo sie
+ihn kennen.«
+
+Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich nicht, der Wahrheit
+die Ehre zu geben, denn wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort
+gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder,
+gerade in der Erinnerung der Bewohner der Insel, gegen ihn gesprochen
+und Bruder Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesänderung
+überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei
+der, in den nächsten Tagen zu haltenden Versammlung von
+»Kirchenältesten« zu wissen und dann auf irgend eine der Nachbarinseln,
+auf denen er nicht gerade persönlich bekannt sei, zu versetzen.
+
+Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare
+Veränderung war jedenfalls in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen.
+Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der
+Missionaire in frommer, furchtsamer Scheu gelauscht, und weit eher an
+seiner eigenen Existenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und
+Glaubensformeln gezweifelt hätte, sprach jetzt, selbst von dem
+strengsten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie konnte sich über den
+Ausdruck in seinen Zügen und Worten nicht länger täuschen, fast
+ironisch, und das bittere Lächeln das um seine Lippen spielte mochte der
+_Furcht_ noch den Platz gönnen, aber strafte die Ehrfurcht Lügen.
+
+Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade vor sich nieder, er
+fühlte daß Sadiens Blick auf ihm haftete -- daß sie die Veränderung
+entdeckt die in ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr
+vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete -- was ihm den Schlaf
+raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde
+drückte und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner nächsten Umgebung
+selbst, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal scheu und flüchtig den
+Blick zu ihr aufschlug, und die zärtliche, liebende Angst sah die aus
+diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz
+zucken, daß sie -- seine Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er
+gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt -- ja das zu ihm bis
+jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgesehen,
+Schlimmes -- Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen mochte, und
+in _der_ Furcht die Hand bittend gegen sie ausstreckend sagte er leise:
+
+»Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a; er liebt seinen
+Gott und -- thut auch -- thut Alles was in der Bibel steht aber --
+andere Männer, Männer die auch sagten daß sie der liebe Gott geschickt
+-- sind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost
+gebracht -- wo er weinte, seine Thränen getrocknet, wo er unschlüssig
+stand, einen neuen Pfad gezeigt und -- wenn er sich auch bis jetzt noch
+nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln -- hat er doch bis jetzt --«
+
+Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie
+fuhr langsam und traurig seine Hand ergreifend fort:
+
+»Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die äußere Form
+beibehalten, seinen Gott damit zu täuschen.«
+
+»Aita Pudenia, aita« -- rief aber der kleine Mann da rasch und ängstlich
+vielleicht, weil er die Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs
+fühlte -- »nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im
+rechten Pfad, nein die Mitonares selber tragen die Schuld, die einander
+anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Götzenanbeter nennen, während
+sie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu
+haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde
+vertilgen müsse. Was mir aber am Herzen nagte, das Schicksal von altem
+Mann Vater -- von der _Mutter_, die noch gar Nichts von einem anderen
+Glauben gewußt, ja ihn kaum nennen gehört, und die nun doch rettungslos
+sollten verloren sein und verdammt, das that mir weh, und als der andere
+Priester kam und mir die Aussicht stellte, ich könne durch fleißiges
+Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem
+allbarmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen
+Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und böse
+Gedanken stiegen auf in mir, und ließen mich nicht rasten und ruhn, und
+jetzt weiß ich nicht -- hat der Eine recht und sind sie unrettbar
+verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine
+entsetzliche Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung weihe
+wo ich die Mittel dazu vielleicht in Händen habe. Armer Mitonare« setzte
+er dann traurig hinzu -- »ist recht bös daran, soll anderen Kanakas den
+Glauben bringen und weiß selber nicht -- Und wenn der alte Mann nun doch
+am Ende recht hätte.«
+
+»Was für ein alter Mann, Mitonare?« frug Sadie erstaunt. Bruder Ezra
+aber hob rasch und erschreckt den Finger an die Lippen und sich scheu
+umsehend, sagte er langsam und vorsichtig:
+
+»Pst -- Pudenia, pst, das war ein wunderbarer, furchtbarer alter Mann
+und er kam und ging in einem Sturm.«
+
+»Und was that er bei Euch auf Atiu?«
+
+»Wie er sagte kam er von den Inseln zu Leewärts, Handel zu treiben und
+Cocosöl und Perlmutterschaalen einzukaufen in seinen kleinen Cutter,
+aber er sprach furchtbare Sachen und mich schauderts wenn ich daran
+denke -- wenn ich darüber nachsinne.«
+
+»Aber was sprach er so Entsetzliches?« drängte die Frau.
+
+»Pu-de-ni-a,« sagte da Mitonare, der Frage jetzt noch ausweichend, oder
+sie durch eine andere beantwortend -- »hast Du schon einmal an einem
+Abgrund -- am äußersten Rand einer schwindelnden Höhe gestanden, und ist
+Dir da nicht das Gefühl gekommen, als ob Du hinunterspringen möchtest in
+die Tiefe, daß Du den Platz nur schnell verlassen mußtest in Furcht und
+Grauen?«
+
+Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd.
+
+»Siehst Du, _so_ war es mir, wenn ich den Worten des alten weißen Mannes
+lauschte,« flüsterte der kleine Indianer und nickte still vor sich hin.
+»Er trug einen langen weißen spitzen Bart, und die kleinen blitzenden
+Augen lagen wie zwei glühende Kohlen unter den buschigen Brauen -- Sein
+ganzes Gesicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter mehr
+erkennen ließen auf der Haut, und er mußte _sehr_ alt sein, denn er
+hatte die Welt gesehn von dem Theil wo das Wasser zu Stein wird in
+grimmiger Kälte, bis zu wo die Sonne Abends in ihr Lager sinkt, und er
+sprach von Gott und den Sternen als ob er da oben zu Hause gehöre und
+zwischen den Sternen gewandelt hätte wie in einem Garten.«
+
+»Aber er glaubte an Gott?« frug Sadie leise und scheu.
+
+»Er hatte denselben Namen dafür wie wir -- Jehovah,« sagte der kleine
+Mitonare, »aber er verleugnete« -- setzte er leise, fast flüsternd hinzu
+-- »er verleugnete den Heiland.«
+
+»Gütiger Gott!«
+
+»Er leugnete Jesus Christus« bestätigte da Mitonare »und mir lief's wie
+Fieberfrost durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus
+saß und der Weststurm um das Dach heulte, daß die flackernden Oelflammen
+hoch aufschlugen in rother Gluth, und der magere alte bärtige Mann mir
+von dem Heiland erzählte der nur ein Mensch gewesen sei wie wir Alle --
+aber ein guter Mensch, und von seinen Neidern und den reichen Leuten,
+die fürchteten daß er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln
+würde, an das Kreuz geschlagen wurde, da elendiglich umzukommen.«
+
+»Er verleugnete Gottes Sohn,« sagte Sadie schaudernd.
+
+»Ja, und er trieb Spott über Alles, was selbst die Wi-Wis für heilig
+halten« nickte der Kleine »und doch, doch lauschte ich ihm gern, denn
+sein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menschen waren
+seine Kinder, _alle, alle_ nahm er auf zu sich, Kanakas und Weiße,
+Beretanis und Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem Worte
+folgten; und mein Vater und meine Mutter -- ach Pudenia es war wohl
+recht sündhaft daß ich seinen Worten so gerne horchte -- aber mein Vater
+und meine Mutter waren auch eingegangen zu seiner Herrlichkeit, wenn sie
+nicht sonst recht schlechte und böse Menschen gewesen. Seit der Zeit nun
+sind meine Gedanken nicht mehr mein eigen« fuhr der kleine Mann
+trübselig fort; »seit der Zeit härm' ich mich und gräm' ich mich und
+mache mir Sorge und Kummer, und Nachts kommt der Böse und lockt mich mit
+seinen Schmeicheltönen, und am Tag seh ich, wo ich auch bin, den Alten
+neben mir, wie er sich den Bart streicht und mit den scharfen
+abgestoßenen Worten mir doch Trost und Hoffnung in die Seele gießt. Seit
+dem Tag ist der kleine Mitonare ein anderer verzweifelter Mensch
+geworden, der mit dem dicken Gebetbuch in der Tasche herumläuft, und
+nicht den Muth hat hineinzusehen, dem das Blut in den Adern gerinnt wenn
+er an den zornigen Gott denkt, wie ihn die weißen Mitonares lehren, und
+der demselben Gott doch immer wieder, und trotz allen Schilderungen zu
+Füßen fallen, und ihn Vater, Jehovah nennen möchte, wie ein Kind seinen
+eigenen Vater ruft, den es nicht fürchtet, aber von Herzen, recht von
+Herzen liebt.«
+
+»Du armer, armer Mitonare« sagte da Sadie mit ihrer weichen Stimme,
+mitleidig des alten kleinen Mannes Hand ergreifend, und sie leise
+streichelnd; »bete Du armes geprüftes Herz, bete recht aus tiefster
+Seele zu Deinem Heiland daß er Dich führen und schützen möge auf Deiner
+Bahn, und den rechten Pfad durch Nacht zum Licht -- bete daß er Dir die
+Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und Dich eingehn läßt zu Seiner
+Herrlichkeit. Aber verzage nicht, fürchte Dich nicht, denn gerade in der
+tiefsten Noth ist er Dir ja auch am nächsten und hört die Stimme Seines
+Kindes die zu ihm ruft, und die Hand ausstreckt nach ihm, um Schutz und
+Hülfe.«
+
+»Was ist _das_?« sagte da plötzlich der Mitonare, dessen Blick in tiefem
+schmerzlichem Sinnen hinausschweifte über die See, und der jetzt das
+Boot eines Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert, um die nächste
+Landspitze kommen und gerade auf das Haus zu halten sah. Hinten am Heck
+wehte die französische Flagge.
+
+»Ein Boot der Feranis« sagte Sadie ruhig, »das wahrscheinlich nach
+Papara hinunter will und sich dicht an der Küste, des ruhigen Wassers
+wegen hält -- sie kommen oft hier vorüber.«
+
+»Dann hätten sie die Korallenspitze vermeiden müssen, die jetzt zwischen
+ihnen und dem Fahrwasser der Binnenriffe liegt« sagte der Mitonare, der
+mit einem Blick den Charakter der Bai überschaut hatte, und jetzt
+aufmerksamer als vorher hinüberblickte. »Sie können nur hierherwollen,
+wie auch ihr Bug zeigt, oder sie müßten die ganze Strecke wieder zurück.
+Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Officiere der Wi-Wis und
+neben ihnen --«
+
+»Heiliger Gott -- neben ihnen _liegt_ Jemand auf der Bank« rief aber
+auch in diesem Augenblick Sadie in Todesangst, der die böse Ahnung, die
+ihr den ganzen Morgen die Brust erfüllt, mit mächtiger Kraft zurück zum
+Herzen drängte -- »René!«
+
+»René?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was hat der tollköpfige Wi-Wi
+wieder angestellt, daß ihn die eigenen Landsleute gefangen haben
+sollten? -- aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier --«
+
+Sadie antwortete ihm nicht -- in sprachloser Angst und Erwartung hing
+ihr Blick an dem rasch näher kommenden Fahrzeug, das von den elastischen
+Rudern getrieben rauschend durch die Wellen schäumte -- schon glaubte
+sie die Züge des Officiers zu erkennen, der hinten lehnte und auch sie
+war jetzt von den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf dem Sitz
+liegende Gestalt richtete sich halb empor und winkte herüber, und mit
+lautem Aufschrei flog sie hinaus an den Strand, flog, ihre Europäischen
+Kleider vergessend, hinein in die klare Fluth dem Boot entgegen, denn
+darin lag, bleich und blutend, wenn er auch freundlich jetzt
+herüberwinkte -- ihr Gatte -- lag René.
+
+Im nächsten Moment schoß das Boot heran, die Matrosen der Backbordseite
+warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor und Bertrands Hand streckte
+sich dem armen Weib entgegen, dessen stierer und entsetzter Blick nur an
+dem bleichen Antlitz des Verwundeten hing. In demselben Moment fast
+berührte das Boot den Strand, und ein Theil der Matrosen sprang über
+Bord ihn an Land zu tragen.
+
+»Aber Sadie« flüsterte René halb vorwurfsvoll, halb verlegen der jungen
+Frau die Hand hinüberreichend -- »was machst Du für tolle Streiche,
+wildes Mädchen?«
+
+»Du bist verwundet« war Alles was die Frau in fast athemloser Angst über
+die Lippen bringen konnte.
+
+»Unsinn« lachte aber dieser, »eben nur die Haut geritzt, und _hergehn_
+hätt' ich können, hätte nicht Bertrand hier in übergroßer Besorgniß
+darauf bestanden mich her zu _fahren_.«
+
+»Die Wunde ist unbedeutend, Madame« bestätigte aber auch jetzt der junge
+Officier, der an Land gesprungen war und eine fast unwillkürliche
+Bewegung machte die junge Frau hinauf und zum Haus zurückzuführen, wohin
+jetzt vier kräftige Matrosen auf einer der Boot Doften den Verwundeten
+trugen. Sadie aber ließ des Gatten Hand nicht los und während sie sich
+ängstlich an ihn schmiegte, fuhr der junge Officier fort: »Ich fürchtete
+nur eine mögliche Entzündung, wenn er den langen Weg in der Sonnenhitze
+hätte zu Fuß zurücklegen sollen; wenige Tage werden ihn wieder
+hergestellt haben.«
+
+»Aber was ist geschehn, um des Heilands Willen« bat Sadie.
+
+Bertrand biß sich auf die Lippen und René sagte finster:
+
+»Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Aderlaß einer neckischen
+Göttin zum Opfer gebracht -- das Fleisch heilt bald -- aber -- wer ist
+das da drüben? -- Mi-to-na-re? -- bei Allem was da lebt -- in Hosen
+und Strümpfen -- Mitonare« und dem kleinen, auf ihn zueilenden Mann die
+Hand entgegenreichend schüttelte er sie fest und herzlich und -- wandte
+den Kopf zur Seite, denn gerade in diesem Augenblick traf ihn die
+Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's Leben, und trieb ihm das Wasser
+hinauf in die Augen, das er den Seeleuten bergen wollte.
+
+»Böser Wi-Wi!« rief aber auch jetzt der kleine Missionair wieder in
+seinem tollsten Englischen Kauderwelsch, das er mit dem Europäer glaubte
+sprechen zu müssen, »~aita maitai~ -- macht ~ole manni~ viel Sorge --
+leichtsinniger Kopf der in dicken Bambus fährt und durchwill -- läßt
+kleine Pu-de-ni-a zu Haus und kommt nachher angefahren, blutig und blaß
+und jagt ihr den Todesschreck in die Glieder, daß sie auch krank wird
+und stirbt.«
+
+»Pu-de-ni-a!« sagte leise René und drückte die Hand des treuen Weibes,
+die in der seinen ruhte, »und Du lieber wackerer Freund,« wandte er sich
+dann plötzlich im reinsten Tahitisch zu dem, darüber aufs Aeußerste
+erstaunten Mitonare »wo kommst Du her, was treibst Du, wie geht es Dir?
+-- und willst Du bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?«
+
+Ehe aber der Mitonare die rasch hintereinander an ihn gerichteten Fragen
+beantworten konnte, verbot der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere
+Aufregung, bis er die, allerdings nicht gefährliche aber in einem heißen
+Klima doch immer zu beachtende Wunde erst nochmals untersucht und wieder
+verbunden hätte. Vor allen Dingen müsse der Verwundete in ein kühles
+Zimmer geschafft werden, dort die nöthige Pflege zu finden.
+
+Sadie besorgte das Alles mit zitternder Hast, häufte Matte auf Matte,
+ihm ein kühles und weiches Lager zu bieten, und wechselte erst ihre
+eigenen, durchnäßten Kleider, als sie den Gatten mit allem versorgt, was
+ihre liebende Hand für ihn bereiten konnte. Die Wunde war allerdings
+nicht gefährlich, ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben nur
+durch den oberen Theil des Armes dicht an der Schulter durchgegangen,
+ohne den Knochen weiter zu verletzen, Blutverlust und Ermattung hatten
+ihn aber doch erschöpft und als der zweite Verband mit Sadiens Hülfe
+angelegt war, fiel der Leidende in einen sanften aber festen Schlaf, in
+dem ihn der Arzt nicht gestört haben wollte, und selbst Sadie bat das
+Zimmer zu verlassen. Nur Mataoti mußte bei ihm zurückbleiben, um zu
+rufen sobald er wieder erwachen würde.
+
+Am Strande lag unterdessen das Boot schon wieder zur Abfahrt gerüstet,
+und Bertrand wollte eben Abschied nehmen von Sadie, an Bord
+zurückzukehren, als diese seinen Arm ergriff und ihn mit leiser, aber
+dringender Stimme bat, ihr die Ursache der Verwundung anzugeben, die sie
+mit peinlicher Angst, sie wisse selber eigentlich nicht recht, warum?
+erfülle. Der junge Mann zögerte erst verlegen mit der Antwort, aber er
+fühlte auch, wie er ihr dieselbe eigentlich nicht verweigern durfte, und
+erzählte ihr jetzt mit so kurzen und schonenden Worten als möglich, wie
+jener Officier, nach den gestrigen Vorgängen, nicht umhin gekonnt habe,
+Europäischen Begriffen von Ehre nach, René zu fordern, und wie sie sich
+heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren Secundanten getroffen und
+geschossen hätten. Rodolphe, sein Gegner, habe zuerst gefehlt und eine
+leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnäckig darauf bestanden den
+zweiten Schuß zu thun. Die Secundanten konnten ihm den nicht weigern und
+von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln sei René in die
+Schulter, Rodolphe durch die Brust getroffen. Der Gegner lebe zwar noch,
+aber die Wunde sei ziemlich gefährlich; René habe übrigens für seine
+Sicherheit nicht das Mindeste zu befürchten, setzte er rasch hinzu, denn
+selbst im unglücklichsten Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte
+nichts Anderes gethan als sich vertheidigt.
+
+Sadie wurde todtenbleich -- ihr Gatte verwundet, vielleicht ein Mörder
+-- ihrethalben, mit dieser Last auf seiner Seele, und zugleich der
+irdischen Gerechtigkeit für blutige That verfallen, denn mit Entsetzen
+dachte sie daran, wie gerade jetzt die englischen Schiffe die Obermacht
+im Hafen hätten und kaum einen Fall vorübergehn lassen würden, einen aus
+dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechenschaft zu ziehen vor ihr Gericht.
+Bertrand schüttelte aber bei der laut gewordenen Besorgniß lachend mit
+dem Kopf.
+
+»Die englische Herrschaft ist vorbei« rief er, trotzig den Kopf
+emporwerfend; »Großbritannien erkennt das Französische Protectorat an,
+und zieht seine Schiffe zurück -- ja noch mehr, in der Nähe einer der
+Nachbar-Inseln sind schon zwei Französische Kriegsschiffe -- jedenfalls
+~Du Petit Thouars~ mit seiner Flotte im Aufkreuzen gesehen worden, und
+die Tricolore herrscht von jetzt an auf Tahiti.«
+
+»Zwei französische Schiffe sind gesehen worden? -- und von wem habt Ihr
+die Nachricht?« frug Sadie rasch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte
+ihr Hirn.
+
+»Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber« antwortete der Officier
+-- »wir haben überall unsere Wächter; aber sehn Sie Madame daß ich recht
+hatte? -- dort über den Riffen draußen segelt der Talbot vor dem Wind,
+diese Küsten zu verlassen, und ha -- dort kommt auch der Vindictive,
+schwerfällig seine weiten Segel entfaltend. Halt meine Burschen -- Ruhe
+bis wir draußen in See sind,« unterbrach er sich rasch, dem eben
+ausgebrochenen Jubelruf seiner Leute zu wehren -- »der Kranke schläft
+und Ihr dürft ihn nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch nach
+Papetee zurück, denn wir werden dort alle Hände voll zu thun bekommen,
+und heute Abend, wenn es geht, komm' ich einen Sprung herüber, mich nach
+dem Befinden unseres lieben Kranken zu erkundigen. So Adieu Madame, auf
+ein froheres Wiedersehen«, und sich freundlich gegen sie neigend sprang
+er auf den Rand des hinangezogenen Bootes und hinein, wo der Arzt schon
+seinen Sitz wieder eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus in
+tieferes Wasser, folgend, sobald sie das schwanke, scharfgebaute
+Fahrzeug flott fühlten, und wenige Minuten später zischte und preßte der
+Bug wieder gegen die crystallene Fluth an, sie in leichten Kräuselwellen
+zur Seite werfend, der nächsten Landspitze zu, um die es bald darauf
+verschwand.
+
+»Was sagte der Wi-Wi von den Schiffen da draußen?« frug aber jetzt der
+Mitonare, der dem ihm unverständlichen Gespräch besonders so erstaunt
+gelauscht, weil seine kleine Pudenia die fremde ihm unbegreifliche
+Sprache so geläufig sprach, und dem dabei die zwei großen Schiffe die
+jetzt erst in Sicht gekommen und augenscheinlich von der Insel
+fortsegelten, ebenfalls aufgefallen waren.
+
+»Es sind die Englischen Kriegsschiffe, die den Hafen verlassen« sagte
+Sadie.
+
+»Den Hafen _verlassen_?« wiederholte erstaunt der kleine Mann -- »und
+Bruder Aue hat uns davon ganz andere Geschichten erzählt -- puh, puh,
+und die Wi-Wis kommen mit großen Schiffen angesegelt -- böse Sachen,
+böse Sachen -- wo bleibt da _unser_ Gott?«
+
+Sadie hörte gar nicht was er sprach -- vor ihrem inneren Auge lag der
+verwundete Gatte, lag sein blutendes Opfer, und während die hellen
+Thränen ihr still und schwer die Wangen niederträuften, murmelte sie mit
+leiser, schmerzerfüllter Stimme:
+
+»Verloren -- verloren -- Glück und Frieden dahin -- oh armer armer Vater
+Osborne, wie gut daß Du still und ruhig in der kühlen Erde liegst -- wenn
+nicht der frühere Gram -- der Tag hätte Dein treues Herz gebrochen.«
+
+»Ja, Vater ~O-no-so-no~,« seufzte der kleine Mann, seinen Hut wieder
+ergreifend und aufsetzend, unter dem das breite, dunkle, gutmüthige
+Gesicht gar so komisch und widernatürlich aussah -- »Vater
+~O-no-so-no~ war ein guter Mann, und wären sie alle so gewesen wie er --
+Aber ich muß in die Stadt hinüber,« unterbrach er sich selbst, »denn die
+Versammlung soll heut' Morgen sein und Mitonare Ezra und Mitonare Raiteo
+sind von Atiu geschickt und sollen keine Wi-Wis haben wollen. ~Gu-bei~
+Pudenia, ~gu-bei~ -- Nach der Versammlung kommt Mitonare wieder hierher
+zurück und bleibt bei tollen Wi-Wi, bis er gesund ist und bei kleine
+Pudenia ~iti iti~ --«
+
+Damit wandte er sich und verließ den Garten; das schwere Gebetbuch aber
+in dem langen schmalen Frackzipfel fing wieder an zu schlenkern, und er
+nahm den Zipfel bedächtig in den linken Arm und verfolgte langsam seinen
+Weg, ohne sich weiter umzusehen. Und Sadie schaute ihm schwer
+aufseufzend nach, als sie die kleine komische in so entsetzliche
+Kleiderformen gezwängte Gestalt den Weg hinabgehen sah, und daran dachte
+was für ein einfach natürliches Herz unter den unnatürlichen Stoffen
+schlage; aber der Ernst des Augenblicks wandte ihre Gedanken bald wieder
+dem ab, und dem Gatten zu, und nur wenige Minuten später saß sie am Bett
+des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den Schlummer des Kranken
+bewachend und von seiner fieberheißen Stirn Mosquito und Fliege fern
+zu halten.
+
+Auch nach Aumama hatte sie hinübergeschickt, ihr beizustehn, wenn sie
+irgend einer Hülfe bedürftig sein sollte; Aumama war aber früh am Morgen
+nach Hause zurückgekehrt, und hatte ihre Kinder geweckt und mit
+fortgenommen, Niemand wußte wohin; Lefévre war ebenfalls nirgends zu
+sehen und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie ausgestorben.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+Pomare und ~Du Petit Thouars~.
+
+
+Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon am frühen Morgen liefen
+dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe
+machten sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe wäre dafür schon
+~La Reine Blanche~, mit dem gefürchteten Admiral ~Du Petit Thouars~ an
+Bord, gesehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Häufchen
+Protestantischer Christen preisgegeben sein würde.
+
+Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag
+lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden mit
+dem zurückgekehrten Englischen Consul und früheren Missionair
+Pritchard zusammen gewesen, und dieser also allein konnte wirkliche
+Aufklärung über das sonst unbegreifliche Zurückziehn der Englischen
+Streitmacht geben. Zu dessen Haus strömte nun auch die Masse, Erklärung
+fordernd, wo die britische Hülfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen
+den Uebergriffen der Franzosen gegenüber so fest war versprochen worden
+-- offene Erklärung, was der nach England gesandte Missionair dort
+ausgerichtet, und welchen Beistand die Königin von England der in ihren
+Rechten gekränkten Pomare zugesichert und zugesagt habe.
+
+Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht
+zu Schanden werden lasse, und berief eine Versammlung der Geistlichen
+von Papetee, die nächsten und nöthigsten Schritte zu berathen, falls
+eine Französische Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimsuchen würde.
+
+Darüber sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage
+später lief allerdings wieder ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine
+sogenannte ~catch~ von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen Schiffe
+abzulösen und sich ruhig und ohne weitere Demonstration in der Bai vor
+Anker zu legen (es war der ~Basilisk~) und bald danach wurden von den
+Höhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti zuhielten. Zwei zusammen
+kreuzende Segel erschienen in Sicht, und die Angst vor der ~Reine
+blanche~ gab dem größten der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur
+Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit erkennbar wurden, den
+schlimmsten Verdacht zu bestätigen.
+
+Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papetee, von
+ihrem Heck flatterten die französischen Nationalfarben und das Echo der
+Berge gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf und grollend
+zurück, wie zürnend, die ungebetenen Gäste auf's Neue in seiner Nähe zu
+wissen.
+
+Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven der ~Jeanne d'Arc~, die
+den in so trotziger Stärke einlaufenden Landsleuten entgegenjubelten. --
+Ihre Lage, von den Englischen Schiffen überwacht, war ihnen schon lange
+eine drückende ja unerträgliche geworden, noch dazu da ein Theil des
+Volks schon bei mancher Gelegenheit -- ob dazu aufgereizt oder nicht --
+die Feranis suchte fühlen zu lassen, daß man weder ihren Gott noch ihre
+Regierung wolle und sich unter dem Schutz der Beretanis sicher genug
+fühle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der von England
+zurückkehrende Consul und Missionair hatte dabei in seiner
+zuversichtlichen Haltung ihren schlimmsten Befürchtungen noch eine Art
+von Bestätigung gegeben, und die Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~
+ersehnte unter solchen Umständen den Augenblick, wo sie den Befehl zum
+Rückzug erhalten würde, die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem
+früheren Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire zu
+überlassen.
+
+Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen;
+die stolzen Englischen Fregatten, die bis jetzt die Interessen der
+Tahitischen Königin überwacht, ließen den Feind derselben, der schon
+öfter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und nur immer die
+vielleicht bösen Folgen zu gierigen Zulangens gefürchtet, jetzt im
+ruhigen unbestrittenen Besitz der ganzen Inseln, und während die
+Missionaire in Bestürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem
+entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlünde sie als von
+England gesandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie seine
+Vertreter zu schützen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern den
+ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mitzutheilen, und von ihnen ausgehend
+lief bald darauf das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Engländer
+seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck des
+Französischen Joches zu befreien, und wenige Wochen später würden sie
+mit Verstärkung zurückkehren die Macht der Christlichen
+Protestantischen Kirche, wenn es sein müßte, mit Gewalt der Waffen
+aufrecht zu erhalten. -- Es war das ihre letzte Hoffnung.
+
+Mißtrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Königin dieser
+Inseln, die Bewegungen der Feranis, die sie nun schon seit einer Reihe
+von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze Blut der
+Pomaren schoß ihr zornig in die Schläfe, als sie die Banner Frankreichs
+wieder so keck und trotzig in der Brise flattern sah, und den
+Kanonendonner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai
+entgegenschallte.
+
+Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europäischem Geschmack
+eingerichteten und mit einer Masse von Putz und Geschenken
+ausgestatteten oder besser überfüllten Hauses, die heiße Stirne fest
+gegen die Glasscheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Pritchard ging mit
+auf der Brust fest zusammengeschlagenen Armen in dem Gemach auf und ab,
+und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die Bewegungen der
+eben eingekommenen Schiffe zu beobachten, aber ohne ein Wort zu sprechen
+sein oder der Königin Nachdenken im Mindesten zu stören. Die Fenster
+dröhnten dabei von den gewaltigen Saluten der bewaffneten Schiffe und
+die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen.
+
+Auf dem einen Tisch, entrollt und über einem Globus, einem
+Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen und einigen geschmackvoll
+eingebundenen englischen Bilderbüchern lag die Tahitische rothe Flagge
+mit dem einzelnen weißen Stern, und oben über demselben mit einer
+goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone frisch hineingestickt.
+
+»Das sind nun Euere Versprechungen!« sagte die Königin endlich nach
+langer Pause, sich halb gegen den Missionair der zugleich die Stelle
+eines Englischen Consuls versah, herumdrehend -- »das ist Euer Prahlen
+von dem Schutz der mächtigen Beretanis -- des mächtigen Gottes der
+Weißen -- Weit draußen in Lee schwimmen die Schiffe die man mir über und
+über erzählt daß sie mich und mein Volk beschützen sollten, und mitten
+in meinem Reich darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene Flagge
+trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz seiner Kanonen vielleicht
+neue Erpressungen fordern -- wie kann ich sie jetzt ihm weigern?«
+
+»Er _darf_ nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen ist« entgegnete
+finster der Missionair -- »die neue Flagge hier, mit dem Emblem der
+Majestät wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares England
+unterstützt, und mit dem ganzen Volk gegen sich, und dem Bewußtsein daß
+Englische Kriegsschiffe in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder
+einlaufen können in die Bai, deren Bewohner sie durch die Bande der
+Religion und Freundschaft verpflichtet sind zu schützen, ist ~Du Petit
+Thouars~ zu klug einen trostlosen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und
+die schwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn
+beschützen würde, herabziehn könnte.«
+
+»Und wer schützt mein armes Volk _jetzt_ vor ihren Kugeln, wenn ich die
+Flagge hisse und ihren Zorn reize?« frug Pomare.
+
+»Du bist hier Königin« sagte der Missionair ernst und feierlich, »wie
+Englands Königin daheim ihr Banner kann wehen lassen über dem Schloß das
+sie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart, so steht dasselbe
+Recht _Dir_ zu, in Deinem Reich; der Franke _darf_ es Dir nicht wehren,
+wenn er auch möchte, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er, nach dem
+Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug wäre schon das Aufhissen dieser
+Flagge mit einer Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind
+höflich« -- setzte er trocken hinzu, »wenn man ihnen auch sonst gerade
+nichts Gutes nachsagen kann.«
+
+Pomare sah ihn forschend an -- ihre Fahne, durch Kanonenschüsse der
+gefürchteten Feranis geehrt -- der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz
+für sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so sehr sie auch
+noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen Schritt entgegen gewesen
+sein mochte.
+
+»Und Du hissest zugleich die Englische Flagge vor _Deinem_ Haus?« frug
+sie rasch, des Priesters Arm ergreifend.
+
+»Als Gruß der Königlich Tahitischen in jedem Fall« erwiederte der
+Missionair -- »ich bin sogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu
+verpflichtet.«
+
+»So sei es -- gut!« rief die Königin und ein eigenes Lächeln belebte
+ihre schönen, sprechenden Züge und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick
+einen höheren Glanz. »Der Wi-Wi soll mir die Krone grüßen müssen, die er
+nicht berühren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr
+uns oft erzählt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut, deren
+Bewohner ihre alten Götter und Gesetze in den Staub geworfen haben, das
+Kreuz des Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren, oder ob er
+gleichgültig die Erfolge betrachtet, die sein Wort hier auf Erden hat,
+dem Götzendienst des anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge
+die schon den ganzen Morgen draußen gewiß ungeduldig meiner Befehle
+harren -- ich _will_ Königin sein, und eine Königin wie sie über dem
+großen Wasser drüben auf der Insel Deines Vaterlandes herrscht, nicht
+ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder
+fremde Freibeuter die Krone abnehmen und bespötteln darf.«
+
+»Und Du wirst sehn, Pomare, daß Du Nichts zu fürchten hast,« sagte der
+Geistliche -- »in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an
+Deine Flagge legen, die Zugeständnisse zu denen man Dich zwang sind
+ungültig, eben _weil_ sie erzwungen waren, und Dein Volk ist stark und
+mächtig in der Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten
+Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine Schiffe mit blutigem Kopf
+zurückzuweisen. Ich schicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu
+erfüllen, und gehe selbst jetzt hinüber in mein Haus, das königliche
+Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Indessen aber
+sei der Herr mit Dir in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und
+Frieden in Jesu Christo.«
+
+Und freundlich seine Hände gegen sie, wie zum Segen ausstreckend, blieb
+er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken stehen, und verließ
+dann langsam das Gemach.
+
+Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt hatte blieb, als der
+ernste Mann ihr Zimmer verlassen, mit fest in beide Hände gepreßter
+Stirne stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt zitterte vor
+innerer Aufregung, und sie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe sie sich
+wieder vollständig sammeln konnte. Kaum aber hörte sie die Schritte der
+nahenden Männer, als sie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen
+und Charakter eigenthümlich war, jede Schwäche von sich abschüttelte,
+und die Lippen fest aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden
+Schläfen, die Häuptlinge empfing, die rasch und ebenfalls in Aufregung,
+in ihrer Gegenwart erschienen.
+
+»Joranna Pomare« riefen Aonui und Potowai, »Joranna, und schütze Dich
+Gott in dem nahen Kampf.«
+
+»Dem nahen _Kampf_?« frug Pomare, erstaunt zu ihnen aufsehend, »wer
+spricht von einem Kampf?«
+
+»Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte uns standhaft auszuhalten
+selbst gegen die Uebermacht des Feindes draußen« sagte Aonui, »und so
+mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen zu scheuen oder zu
+fürchten.«
+
+»Hier ist von keinem Kampf die Rede« entgegnete Pomare ernst -- »nur
+unsere Landesflagge sollt Ihr aufziehen an meinem Haus -- ich will
+keinem Menschen Böses, und unsere Religion ist eine Religion des
+Friedens und der Liebe -- sagt das den Leuten draußen. Sie sollen keinen
+Zank anfangen mit den Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und
+ihnen Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen -- Pomare
+hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.«
+
+»In Frieden mit ihnen leben?« wiederholte kopfschüttelnd Potowai -- »das
+ist ein schweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der
+durchsichtige Stein den sie uns gebracht und in unsere Häuser gesetzt
+haben, das Licht hineinzulassen, Du rührst ihn an und er bricht und
+splittert und verwundet die Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu
+denken, nach ihm ausstreckt -- trau dem Ferani. Aber was thuts« --
+setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene
+Krone betrachtend, die von Cocosblättern umgeben gar künstlich und
+zierlich von frommen weißen Frauen gestickt war -- »wir haben die Bibel
+auf unserer Seite und unser gutes Recht, und zehntausend Mal lieber seh
+ich dabei den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend ein
+anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen,
+Pomare, wie dankbar es sein kann für diesen Beweis Deiner Liebe.«
+
+Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er rasch das Haus, die Fahne
+an dem nahen Flaggenpfahl zu befestigen, um den sich indeß schon ein
+zahlreicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit der
+Demonstration begreifend, versammelt hatte. Ja die meisten sahen eben
+nichts weiter darin, als eine sehr gewöhnliche Handlung, vielleicht
+sogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen
+ließen -- weshalb konnten sie nicht dasselbe mit der ihrigen thun?
+
+Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen, und wie ein Theil der
+Tahitier es schon mit froher Zuversicht als eines der zurückkehrenden
+Englischen Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen den
+Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder Amerikanischen Matrosen,
+das Schiff habe so wenig Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen
+liegende ~Reine blanche~ oder ~Danae~ und trage so gut die Tricolore wie
+sie alle Beide. Unter der Masse bildeten sich denn auch bald einzelne
+Gruppen, die das für und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens
+die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre stattliche Fahne
+blickten, die lustig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber
+zu grüßen schien.
+
+Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und schien
+gewissermaßen eine Autorität, was die Natur des fremden, eben
+einsegelnden Schiffes betraf, auszuüben, denn einestheils verstanden ihn
+nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrücken, und dann
+erklärten Andere wieder, die ein wenig die Englische Sprache gelernt
+hatten, daß er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse warum
+es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war auch vollkommen als die
+Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den
+anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jedenfalls
+gehaßten Französischen Nationalfarben sichtbar wurden.
+
+»Segne mich!« sagte da aber Teraitane, der Häuptling, der sich der
+Gruppe eben zugesellt hatte, »uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti
+(Smith) immer gesagt, die Feranis hätten nur ein einziges Kriegsschiff
+in ihrem ganzen Reich, und das schickten sie her bald so, bald so
+angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und
+jetzt liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt eben ein, und
+eines immer größer als das andere -- der ehrwürdige Bruder Mi-ti muß
+geträumt haben.«
+
+»Bruder Mi-ti träumt aber gewöhnlich mit den Augen offen« bemerkte Bob,
+trocken; »merkwürdig kluge Erzählungen die sich die Leute machen, nur
+daß die Farbe abgeht, wenn sie naß werden. Die Feranis könnten eine
+ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes
+herschicken, und behielten immer noch so viel zu Hause.«
+
+Während sich die Eingeborenen, denen ein Anderer das von Bob gesagte
+übersetzte, um diesen drängten, der unwillkommenen Mähr von der Macht
+eines Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend
+geschildert war, hatte die ~Reine blanche~ mit dem neu einkommenden
+Fahrzeug rasch Signale gewechselt, aber die erwartete und von der
+Königin erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt, von dem
+Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb aus, und die Kriegsschiffe
+lagen still und ernst in der Bai -- ob Freund ob Feind -- erst die
+Zukunft sollte das entscheiden.
+
+Von der ~Reine blanche~ kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden
+Tricolore am Heck, und hielt, von sechzehn Riemen pfeilschnell über die
+spiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens zu, vor
+dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts, wie jeder Farbe fast,
+versammelt hatte.
+
+Der im Stern des Bootes sitzende Officier war aber ~Du Petit Thouars~
+selber und ehe nur Einzelne der Umstehenden ihn, von seinem früheren
+Besuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er an Land, rief
+dem ihn begleitenden Officier einige Worte zu und schritt dann, allein
+und unangemeldet, rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der
+Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte.
+
+Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es war fast, als ob ein
+spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, als er zu dem
+flatternden Banner hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen
+Farben schweifen ließ -- wenn so, ging das aber eben so rasch vorüber
+als es gekommen, und mit flüchtigen Schritten sprang er die wenigen
+Stufen zu der Verandah der Königin empor.
+
+Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern,
+eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer
+Herrin, denn ~Du Petit Thouars~ war, ob verdient oder unverdient, der
+Popanz der Inseln geworden, mit dem man die Kinder furchtsam machte und
+die Mädchen.
+
+Pomare erschrak -- was wollte der Befehlshaber der Kriegsschiffe da
+draußen von ihr, daß er, ohne angemeldet, ohne um förmliche Audienz
+einzukommen, wie das üblich gewesen war von jeher, das ihr von den
+Missionairen und Consuln eingeprägte, und für unumgänglich nöthig
+geschilderte Ceremoniell soweit außer Augen setzte, sie allein
+aufzusuchen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig und zögernd da; aber
+sie hörte schon die lachende Stimme des Französischen Befehlshabers
+dicht vor ihrer Thür, wie er sich, durch die ihm den Weg versperrenden
+Mädchen Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt, vielleicht
+nicht einmal böse über den Widerstand.
+
+»Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti«[C] sagte sie da schnell,
+und das Mädchen öffnete kaum die Thür, dem Befehl Folge zu leisten, als
+der Admiral auch, ängstlich von den Frauen Pomares umstanden,
+auf der Schwelle erschien, und den Hut abziehend mit, Pomaren
+entgegengestreckter Hand ihr sein freundliches Joranna entgegenrief.
+
+ [C] Pritchard.
+
+»Joranna Peti-Tua« sagte die Königin ernst, ihm die Hand nicht
+versagend, aber immer noch in einer eigenen Mischung von beleidigter
+Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufschauend -- »bringst Du mir Frieden
+oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schiffen mit denen Du die Bai füllst,
+und bist Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme schwache
+Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König geschickt mit freundlichem
+Wort, und ist das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von
+den Lippen?«
+
+»Ich bringe Dir Frieden, Pomare,« sagte ~Du Petit Thouars~ freundlich,
+und hielt die Hand die sie ihm gereicht, immer noch in der seinen --
+»Frieden und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig das Alles
+von Dir weist und mich förmlich dazu zwingst Dir weh zu thun -- und das
+wirst Du hoffentlich nicht.«
+
+»Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen?« sagte
+Pomare rasch und mißtrauisch -- »aber ich habe Nichts mehr -- das letzte
+was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen, unglückliche
+Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.«
+
+Der Admiral biß sich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes
+Lächeln zuckte über seine Züge.
+
+»Nein« sagte er endlich nach kleiner Pause, »Du irrst, Pomare, und ich
+verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen; ich will auch
+Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon gegeben hast --
+nur nichts _nehmen_ möcht' ich mir lassen, und deshalb komme ich her.
+Noch aber liegt das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir werden
+es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich lösen. Ich meine es gut
+mit Dir Pomare, und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.«
+
+»Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort« sagte Pomare,
+den herzlichen Worten des Feranis immer noch mißtrauend.
+
+»So will ich denn kurz zur Sache kommen« sagte der Admiral und seinen
+Hut auf den Tisch, zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten
+Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er sich
+selber in den nächsten Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke
+legend, und die Hände darüber faltend ernster fort: »Ich brauche Dir
+nicht erst die während meiner Abwesenheit passirten Vorgänge ins
+Gedächtniß zurückzurufen -- eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern
+glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen an der Spitze,
+denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln
+ist, und welche Folgen ein so unüberlegter thörichter Schritt für Dich
+und das Land mit sich führen könnte, haben die Französische Flagge
+beleidigt und die Verträge gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen
+bist. Die Römisch-katholischen Priester sind wieder klagbar geworden --
+bitte laß mich erst ausreden und höre Alles was ich Dir zu sagen habe --
+sie behaupten wieder in ihren Rechten gekränkt zu sein und viel Schaden
+durch das willkürliche und widerrechtliche Benehmen der Protestantischen
+Geistlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir
+jene Vorgänge selber leid thun, und Du sie nur nicht hindern konntest.
+Ich will Alles vergessen und vergeben, und ich verlange nicht einmal
+eine Entschuldigung von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt mir
+dann auch beweisen daß es Dir _jetzt_ wenigstens Ernst ist Se. Majestät,
+den König von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in starrem
+Trotz die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden bringt.«
+
+»Und _was_ verlangst Du?« frug Pomare ungeduldig, »denn etwas _willst_
+Du doch von mir, das fühl' ich klar.«
+
+»Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen« sagte der Admiral
+ernst, »Du sollst, mit einem Wort, das Französische Protektorat
+anerkennen, dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Häuptlinge,
+unterschrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor
+Deinem Hause wehenden Flagge, die selbstständige Krone, wegnehmen mußt,
+die Dir nicht gebührt.«
+
+»Wem anders, wenn nicht mir?« rief Pomare aber jetzt gereizt, und das
+Blut schoß ihr in vollem Strom in Stirn und Schläfe -- »wem anders,
+stolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieses Landes?«
+
+»Bah, bah« sagte der Officier kopfschüttelnd und mit zusammengezogenen
+Brauen, »das sind Redensarten, die Dich Deine frommen Missionaire
+gelehrt haben, und sie hätten, beiläufig gesagt, etwas gescheuteres
+thun können. Du verkennst Deinen Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein
+Unterschied zwischen der ~Pomare wahine~ einer kleinen Insel, und der
+Fürstin eines mächtigen Reiches, im alten Vaterland; wenn man Dir also
+das nicht früher klar gemacht hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht
+in einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam.
+Anders wird das jedoch, wenn Du _unter_ dem Schutz eines anderen Staates
+stehst, dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebührt Dir die
+Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in solchen falschen Ansprüchen
+von einer uns feindlichen Macht unterstützen läßt, wie das Wehen der
+Englischen Flagge da drüben beweist, und ich muß Dich bitten,
+Deinetwegen bitten, sie selber und in aller Stille wieder nieder und
+nicht wieder aufzuziehn -- es soll mir das ein Zeichen sein, daß Du
+meinen vernünftigen und ruhigen Vorstellungen Gehör gegeben, und nicht
+wie früher mit dem starren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die Stirne
+bieten willst.«
+
+»Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und
+Niemand darf es ihr verwehren,« rief Pomare, der Argumente ihres
+Geistlichen gedenkend.
+
+»Ach, Kinderspiel,« sagte ~Du Petit Thouars~, ärgerlich den Kopf
+herüber und hinüber werfend -- »was haben wir hier mit der Königin
+Viktoria zu thun -- sie ist mächtig genug sich selbst zu schützen, und
+hat das Recht eine Krone zu führen! -- Wer überhaupt hat Dich auf den
+tollen Einfall gebracht, der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in
+Fatalitäten bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria zu vergleichen?«
+
+»Peti Tua« erwiederte Pomare gereizt -- »es sind auch noch andere
+Europäer auf der Insel, die wissen was sich für eine Königin schickt --
+wärest Du allein da, müßte ich Dir glauben.«
+
+Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zähne und mit
+einem leise gemurmelten Fluch zischte er:
+
+»Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in ihrem Uebermuth wieder
+die Hand dabei im Spiel gehabt« und er sprang auf und ging ein paar Mal,
+mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer auf und nieder; dann
+aber, wie sich besinnend, strich er sich über die Stirn, blieb einen
+Augenblick, still vor sich niedersehend stehn, und ging dann plötzlich,
+mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf Pomare zu, ergriff mit der
+Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die
+Höhe hebend sagte er lächelnd, ja fast herzlich:
+
+»Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines
+Mannes der, trotz allem was sie Dir mögen dagegen gesagt haben, es
+wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind schon in Frankreich
+angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Königs
+steht, und ich _dürfte_ dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich
+wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Englischen
+Priester sagen; Du hast schon oft gefunden, daß sie sich irrten. Sie
+wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft haben,
+und wir Franzosen passen ja doch wahrhaftig besser zu Euch wie die
+Kopfhänger.«
+
+In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür, Pomare entzog dem
+Admiral rasch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurück, und eine
+der Einanas meldete, den Kopf zur Thür hereinsteckend, den »boda
+Piritati« der draußen stände und die Königin zu sprechen wünsche.
+
+»Schick ihn fort, ~wahine~« rief aber ~Du Petit Thouars~ ärgerlich --
+»wir haben hier wichtige, _weltliche_ Dinge zu reden und brauchen den
+Pfaffen nicht -- schick ihn fort« --
+
+»Ich habe ihn rufen lassen« entgegnete Pomare, während das Mädchen
+unschlüssig erst auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete, »auch ist
+er nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der Consul der
+Beretanis.«
+
+»Ein Zwitterding« erwiederte der Franzose, »ich habe mit ihm weder als
+das eine noch andere etwas zu schaffen; schick ihn fort, oder _ich_
+gehe, und Du hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.«
+
+»Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen« sagte Pomare, »und
+weiter hast Du mir ja doch nichts mehr zu sagen.«
+
+»Nichts mehr zu sagen?« rief der Admiral erstaunt -- »Frau das ist
+gerade genug, denn es betrifft Dein ganzes Reich --«
+
+»Du darfst es mir nicht nehmen,« rief die Königin und ihre Augen
+blitzten -- »Piritati hat mir selber gesagt, daß mich England beschützen
+wird gegen meine Feinde.«
+
+»Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen lerntest« warnte sie, mit
+gehobenem Finger, der Franzose, »aber meine Zeit ist gemessen, so
+antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen _willst_,
+einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von
+Dir noch Auge in Auge verlange, fügen willst oder nicht.«
+
+»Und was ist das, in klaren einfachen Worten?« frug Pomare.
+
+»Einfach die Anerkennung unseres Vertrags,« entgegnete ~Du Petit
+Thouars~, »und zum Zeichen ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder,
+und hissest die Tricolore, die ich im Boot für Dich mitgebracht.«
+
+»Nie im Leben!« rief Pomare, und stampfte mit dem Fuß den Boden.
+
+»Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt zu streichen und
+Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen -- bedenke Pomare daß von dem
+Augenblick, wo das durch _meine_ Hand geschieht, Du aufgehört hast zu
+regieren, denn das Land steht dann nicht mehr nur unter Frankreichs
+Schutz, nein es ist _erobert_, und der Sieger verfügt darüber wie es ihm
+gut dünkt.«
+
+»Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden Worten willst,« entgegnete
+finster Pomare, »aber Du darfst mir mein Land nicht nehmen; die
+Englischen Schiffe leiden es nicht.«
+
+»Wer Dir _das_ sagt ist Dein Feind« entgegnete rasch der Admiral --
+»denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist
+auch verflossen und ich fürchte fast nutzlos, denn der Missionair wird
+Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.«
+
+»Ich lasse mir nicht drohen« rief die Königin.
+
+»Ich habe Dich darum _gebeten_, Pomare« sagte, noch einmal zu ihr
+tretend, mit leiser gedämpfter Stimme der Admiral, »Deinethalben
+gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schönes
+Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten
+möchte; _zwinge_ mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen
+Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes
+Farben auf, und Du bleibst was Du bist, wenn nicht unbeschränkt, doch
+Königin dieses Landes.«
+
+»Und wenn nicht?«
+
+»Trotzkopf« murmelte der Franzose ärgerlich sich auf dem Absatz
+herumdrehend -- »so nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch
+Zeit zum Nachdenken bis morgen früh,« setzte er nach kurzem Sinnen hinzu
+-- »überleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, daß Du
+den rechten Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschuß nicht die
+Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm' ich nicht mehr zu Dir
+hinüber, sondern schicke Dir rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir
+selber zuzuschreiben.«
+
+Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte er fast gegen den
+Missionair, der gerade im Begriff schien es zu betreten. Mr. Pritchard
+grüßte ihn, und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der
+Französische Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung sich mit ihm
+einzulassen, berührte einfach seinen Hut, und ging mit raschen Schritten
+wieder der Landung zu, wo indessen seine Leute, von den Indianern
+umlagert, doch dem gemessenen Befehl nach nicht den mindesten Verkehr
+mit diesen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgestoßen hatten
+flott, und außer Verbindung mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber
+die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten zurückkehren
+sahen -- ein kurzer Befehl und einer der Leute sprang mit einem vorn im
+Boote liegenden Pakete -- der zusammengerollten Französischen Flagge --
+die Uferbank hinauf, dem Hause Pomares zu, sie dort für die Königin dem
+ersten Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten später kam er in
+raschem Lauf zurück, das Boot flog herum und schnitt wieder, zischend
+und schäumend, wie ein verfolgter Fisch die Oberfläche theilend, der
+~Reine blanche~ entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren Majestät
+vielleicht eine Kabelslänge davon vor Anker lag.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+Die Tahitische Flagge.
+
+
+Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage verlebt; Renés Wunde
+war allerdings nicht gefährlich, ja sogar viel leichter als sie im
+Anfang gefürchtet, gewesen und heilte so rasch, daß er schon am nächsten
+Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich
+ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde
+gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem
+Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch
+schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr
+Herz mit unermeßlichem Weh. --
+
+René ein Mörder -- ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst
+vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr
+die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren
+furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz.
+-- René ein Mörder -- Blut an der Hand, die sie in Glück und Liebe
+tausendmal geküßt -- Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes
+Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben
+traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern -- und René? Als
+sie zu ihm stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten wollte mit
+einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie
+fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung
+zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem ersten
+furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von
+den Wimpern niederbrannten -- da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl
+seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen,
+kein Muskel seines Angesichts verrieth daß er _fühle_ was er gethan, und
+Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein
+Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn
+vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit
+Brudermord.
+
+»Laß das, laß das Kind,« sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend
+-- »das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen,
+nicht beurtheilen kannst.«
+
+»Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet« weinte Sadie, ohne
+sich zu erheben -- »hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und
+Deinem Kind -- hast uns geküßt und geliebkost, und bist mit ruhiger
+heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.«
+
+»Sadie« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah,
+welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem
+nackten Erfolg starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die
+Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen wurzelnd, in
+ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen _konnte_ -- »thörichtes
+Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem
+Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht
+anders rächen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht
+Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das
+Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen hätten?«
+
+»Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,« klagte Sadie, »und vergaßest das
+Gesetz Gottes -- nein, vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen
+von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn -- oh René, René, Du
+hast meinen Frieden zerstört auf ewige Zeiten.«
+
+»Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden« bat sie da, kurz
+abbrechend, René -- »die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn
+gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht
+ertragen.«
+
+»Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören wolltest«
+klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und
+trostlos vor sich niedersehend -- »daß Dir Gottes Wort zum Herzen
+spräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor
+Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und
+seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen
+willst. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte,
+mit heißen brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir
+Verderben droht -- aber konnte ich es denn? -- ward mir armen schwachen
+Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, René, und den
+Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schützen und Geduld mit Dir zu
+haben in seiner Allbarmherzigkeit.«
+
+»Rowe?« sagte René aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an
+-- »was weißt Du von dem Schleicher? -- ich will doch nicht hoffen, daß
+er meine Schwelle betreten?«
+
+»Er war hier« hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu sagen, aber das Blut
+schoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe.
+
+»Hier? -- und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?« -- rief René,
+seinen erwachenden Aerger, überdies schon gereizt, nur mit Mühe
+bändigend -- »zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn
+her?«
+
+»Die Sorge um mich« sagte leise Sadie -- »er war mein Lehrer in der
+Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein
+Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner
+Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?«
+
+René biß sich auf die Lippen -- es drängte ihn, seinem Zorn über den
+Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht
+ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fühlte auch
+wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig
+mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf
+und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer
+knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der
+Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand auf
+ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher liebender Stimme:
+
+»Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner
+Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen
+könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn diese That fällt nicht
+mir, sie fällt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert --
+Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben. Komm,
+schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen --
+geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand
+nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte.«
+
+Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüsterte sie:
+
+»Bete -- René -- bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich
+will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchsten --«
+
+»Sadie«
+
+»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand
+fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem
+Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. -- Tröste mich
+wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich -- denn ich
+will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir
+bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und
+Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.«
+
+»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine
+Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig.
+Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich
+will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich
+die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist
+schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.«
+
+Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr
+oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach
+Papetee hinunter.
+
+Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß
+und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß
+René zurück -- reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des
+Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das _Verbrechen_;
+aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ
+ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den
+Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn
+beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade
+entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber
+er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu
+wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht
+ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte
+sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand
+hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald
+darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen
+Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen
+Hafen zu.
+
+Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer
+Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen
+fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch
+größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in
+Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten
+dessen Zeuge -- ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer
+und Mitwirkende sein.
+
+Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch
+die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der
+zwischen Pomare und ~Du Petit Thouars~ stattgehabten Unterredung bald,
+wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend
+bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin
+solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür
+hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle
+gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar
+bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die
+Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen.
+
+Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten
+Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand
+versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der
+Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die
+Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle
+wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der
+fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch
+~Basilisk~ die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung
+einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt,
+die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und
+Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen
+bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war
+vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß
+irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die
+Flagge geschehen wäre, denn der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte während
+der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum
+Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur
+mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach
+allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er
+sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte;
+wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen
+werden würde.
+
+Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen
+Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr
+ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr
+wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre
+Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl
+wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und ~Du Petit
+Thouars~ durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum
+Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den
+früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu
+verleugnen.
+
+Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden,
+und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der
+Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu
+halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen
+von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten
+oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen
+bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und
+beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine
+Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten
+bei ihren Geschützen ständen.
+
+Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben,
+als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die
+Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt
+werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand
+herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so
+trefflichen Schatten boten; er hatte ~Du Petit Thouars~ sowohl wie
+Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn
+aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die
+geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den
+verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares
+wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und
+hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.
+
+Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und
+doch heute so eilfertigen Zügen konnten nicht dazu dienen Renés überdies
+gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und
+finster und schweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn sie an ihm
+vorüberschritten, oder gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in
+ihrer Art.
+
+Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der
+Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn
+gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen
+rufen hörte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand,
+dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen ganzen Theil des
+Strandes überschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der
+erwarteten Vorfälle zu sein.
+
+Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak förmlich zusammen,
+und fühlte wie ihm das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen
+drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hübschen
+Frau, die engelschönen lächelnden Züge Susannens erkannte, die ebenfalls
+zu ihm niedergrüßte.
+
+»Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu
+sehen,« rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und
+Verlegenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen wollte -- »aber
+hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und
+zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschäfte
+fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das
+Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie
+mögen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Französischen
+Grund und Boden verwandelt.«
+
+»Und darf ich?« frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen
+Mädchen, das bis dahin nur lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt
+fröhlich ausrief:
+
+»Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fürchten
+-- ich wüßte keinen anderen Grund weshalb nicht« -- und wenige Minuten
+später stand René in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen
+zu begrüßen.
+
+»Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus« rief aber hier das junge Mädchen,
+als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatürliche
+Aufregung vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte -- »Ihre
+Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt --
+guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.«
+
+»Und würden Sie mich betrauern?« frug René, ihr forschend ins Auge
+schauend.
+
+Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den
+jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte,
+Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem
+Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto
+besser sei es für ihn -- zu früh könne es aber gar nicht mehr geschehen,
+und ihre Schlüssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlüssel ihrer
+Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch
+das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und
+einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt.
+
+Susanne und René waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit
+seiner Wunde für sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von
+vorhin entschuldigen, als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte
+Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung daß
+er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause -- jetzt, und
+beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn -- er
+mußte von dem rasch zuspringenden Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl
+taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber
+glücklich bezwang, stützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand,
+sich wieder zu sammeln, zu erholen.
+
+»Sie böser, böser Mann« flüsterte das schöne Mädchen, ihr weiches Tuch
+rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend -- »was laufen
+Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind
+-- weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?«
+
+Sadie -- René athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er
+der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte
+wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser
+Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt zurück, als sich die Thür rasch
+öffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder
+erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres
+Gastes bemerkte.
+
+»Hallo, was ist hier vorgefallen,« rief sie halb lachend halb bestürzt,
+»werden die Herren ohnmächtig und müssen ihnen die Damen beistehn? --
+schöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am
+Platz. Hier Monsieur« fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend,
+aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend setzte
+sie neckend hinzu: »und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen
+zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt -- Wie steht es mit Ihrer Wunde,
+Delavigne?«
+
+»Besser -- gut« sagte er rasch.
+
+»Sie haben von Ihrem Gegner gehört?« frug Susanne leise.
+
+»Ja« hauchte René.
+
+»Er hat es nicht anders haben wollen« beruhigte ihn aber die Französin
+-- »wäre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache
+abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn -- es soll das siebente
+Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas
+Angenehmerem« setzte sie rasch hinzu, »wissen Sie daß unsere junge
+Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub
+bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? -- der alte Seewolf muß doch gar
+kein so übler Mann sein.«
+
+»Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?« frug René lächelnd
+zu Susanne gewandt.
+
+»Oh schon lange« erwiederte Susanne, »und hat eine ausgezeichnete Reise
+gemacht« setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu -- »Sie haben sich
+sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu
+sein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchst annehmbaren Preisen --
+Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für ihn
+Geschäfte machen sollte -- an die Firma ~Bornholm Watts & Comp.~
+verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer
+neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu
+rüsten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer solchen Fahrt höchst
+interessante Sachen begegnen können.«
+
+»Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß Sie grausam sind« sagte René
+-- »Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten
+thun.«
+
+»Gerade _jetzt_?« frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch
+einen Lärm von der Straße unterbrochen, der sie alle drei rasch an das
+Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche
+her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in
+stürmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus
+für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben
+mochte.
+
+»Gott wie die Menschen schreien« sagte Madame Belard ängstlich -- »wenn
+sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer
+Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die Wehr fest in Händen
+hält; sie werden noch das größte Unglück über sich hereinrufen.«
+
+»Und von der Fahne da drüben soll es abhängen, ob Krieg ob Frieden«
+sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewußtsein
+fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden -- »was für eine
+wunderhübsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, daß sie soll
+niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im
+Wappen, mit dem Cocoszweig?«
+
+»Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz
+schmeicheln wollten« sagte René finster.
+
+»Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen Aemter im Kopf« rief
+Madame Belard, »die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach
+Europäischem Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire für
+sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte mit allen möglichen
+Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare
+~wahine~, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt
+bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Minister des
+Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.«
+
+»Ach Unsinn« lachte Susanne -- »es sind zu vernünftige Männer etwas
+derartig Närrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät
+-- hahahaha --«
+
+»Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen«[D] sagte René ernst, »und
+dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen
+ehrlichen Mann -- zu Fall gebracht -- nicht einen schlimmeren Ausdruck
+dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen
+Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im
+Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest
+und gewaltig Trotz geboten. Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum
+Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht -- es können schwere Zeiten
+kommen für dies Volk.«
+
+ [D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf
+ Oahu »nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim
+ Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges
+ fremder Consuln zum Grund zu legen.«
+
+»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd,
+»der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und
+selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen -- er
+hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln
+wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte
+Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst.
+-- Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der
+Eingeborene wird sich leicht in das _Geschehene_ fügen, ja vielleicht es
+sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen
+manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht
+zugestehen wollte.«
+
+René schüttelte den Kopf.
+
+»Wenn sich selber überlassen, ja« sagte er ernst, »aber der Fanatismus
+wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird
+wieder die Trommel rühren, und die »Lämmer Gottes« zum Kampfe treiben
+und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden,
+Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen.
+Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.«
+
+»Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen schlagen?« sagte halb
+neckend halb lauernd Susanne, und ließ ihren Blick fest und forschend
+auf dem jungen Franzosen ruhn.
+
+»Wir würden dann unter _einer_ Fahne kämpfen« lachte René der Frage
+ausweichend.
+
+»Wer ich?« rief Susanne schnell -- »da haben Sie weit am Ziel
+vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem
+Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten
+Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des
+Gekreuzigten -- ich hasse die Methodisten.«
+
+»Gott weiß es, ich auch« sagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es
+sprach bürgte für die Aufrichtigkeit. »Der beste von ihnen ist
+gestorben« fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte
+wenigstens an keine der Frauen richtend -- »der alte Osborne war ein
+braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren
+Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein
+mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn
+folgen -- die meisten sind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr
+eigenes Bild, und streuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo
+sie Liebe und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen sollten
+statt sie auseinander zu reißen. Gift über sie, mir thäte es in der
+Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn --
+und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geschehn, denn
+gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.«
+
+»Ha der Schuß!« rief Susanna die den Blick gerade auf das Französische
+Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der
+plötzlich daraus hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der Donner
+des Geschützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher
+durch die Adern jagen.
+
+»Da kommen auch die Boote!« rief René, »nun wird sich das Schicksal des
+Tages bald entscheiden.«
+
+»Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen
+werden?« frug Madame Belard rasch und ängstlich.
+
+»Fürchten Sie Nichts« lachte aber René -- »was können die Unbewaffneten
+jetzt gegen die Schießgewehre der Soldaten, mit den Kanonen der
+Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn, und ein
+solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er begonnen hätte.«
+
+Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab;
+Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten, die von den regelmäßigen
+Riemenschlägen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine
+Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrängt voll Menschen, aber
+man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren
+Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben
+Bananenblättern geschmückt, lachend und schwatzend standen sie da, die
+Boote erwartend, als ob deren Kommen eine für sie sehr gleichgültige,
+vielleicht sogar erwünschte Handlung wäre, und nicht wirklich den
+Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen
+drohte und bedingte.
+
+Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch
+anfänglich mißtrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon
+in seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten können, sahen sie
+doch bald daß sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten
+hätten, und der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und Mädchen
+als Männern bestehend, drängte sich langsam auseinander, dem landenden
+Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen.
+
+Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis
+vierhundert Matrosen, mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die
+Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich
+auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem
+dröhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. ~D'Aubigny~
+angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem
+Admiral ~Du Petit Thouars~ ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von
+dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone
+ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.
+
+Im Hause aber lag Alles todtenstill -- die Vorhänge waren niedergezogen,
+die Thüren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend
+einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker in den Herzen
+der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in
+geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front
+und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen
+Boden nieder.
+
+»Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt?« frug
+Susanna, und fast unwillkürlich wandte sich ihr Herz dem Schwächeren,
+Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mächtigen Feinde übergeben
+sah.
+
+»Sie werden die Flagge herunternehmen« sagte René, »die Tricolore dafür
+aufpflanzen und das Land in den Besitz des Königs von Frankreich
+erklären, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.«
+
+»Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?« frug Susanna rasch und
+blickte dem jungen Mann fest in's Auge.
+
+»Ich weiß nicht« lächelte dieser, »irgend einer der Officiere wird sie
+wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.«
+
+»Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?«
+
+»Ich glaube kaum« meinte René -- »was liegt an dem Tuch?«
+
+»Ich weiß nicht _was_ ich darum gäbe, _die_ Fahne mein eigen zu nennen«
+rief Susanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und
+Busen nieder waren wie von Gluth übergossen.
+
+»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt.
+
+»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die
+leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch
+geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden
+sollte.
+
+René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut
+auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer
+verlassen.
+
+»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt -- »sind Sie rein vom
+Bösen besessen?«
+
+»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter
+sich ins Schloß.
+
+»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach,
+aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und
+eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die
+Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück
+eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten
+später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten,
+und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein
+Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge
+niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl
+stehenden Matrosen der ~Jeanne d'Arc~ theils, theils der ~Danae~, und
+René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein
+daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten,
+er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu
+erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen.
+
+Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während
+desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die
+Flagge an dem Flaggenfall nieder -- kein Schrei des Zorns oder der
+Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger
+begleitete den Akt -- es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das
+fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich
+und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt
+aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der,
+ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit
+einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche
+zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.
+
+»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus,
+als er ihn erkannte -- »Mensch, was thust Du hier?«
+
+René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die
+halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:
+
+»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat -- was beim
+Teufel will der hier zwischen uns?«
+
+Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er
+sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und
+ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und
+suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe
+hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre
+Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend,
+erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies
+nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum
+zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. ~d'Aubigny~ brach jetzt
+in die allerdings merkwürdigen Worte aus:
+
+»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen
+wir _Gerechtigkeit_ und _Frieden_ bringen, -- im Namen des Königs,
+unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land -- wir Alle
+werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen
+Fahne sterben. Hißt die Flagge!«[E]
+
+ [E] Wörtlich.
+
+Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem
+Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu
+sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem
+donnernden ~Vive le roi~ der Soldaten und Matrosen, drängte sich René
+wieder den Gärten zu und gewann das Freie; ~d'Aubigny~ aber mit seinem
+blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er
+nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen:
+
+»_Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir stehen jetzt auf
+Französischem Grund und Boden!_«
+
+Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die
+Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher
+Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die
+Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes
+gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den
+die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer
+Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das
+Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich
+deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine
+so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden
+mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu
+dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte,
+blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing
+Bahn zu brechen -- die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten
+selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb
+Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.
+
+Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener
+Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore
+emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl
+bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand
+sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine
+Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer,
+eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich
+Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten
+wollten.
+
+»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das
+große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen
+wieder herunter, wie schon früher einmal.«
+
+Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von
+der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre
+Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie
+als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen
+äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne
+Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste
+zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen.
+Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen
+auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten
+Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf
+und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem
+und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten
+und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt
+darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die
+größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und
+selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier
+aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn
+das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch
+zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die
+Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren
+mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.
+
+René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner
+kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch
+Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna,
+ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der
+Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen
+Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach
+rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd
+mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu
+machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er
+kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende
+Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein
+unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ
+Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend,
+zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit
+fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch
+weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich
+gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr
+liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder
+heraufbeschwor, und jetzt? -- strahlend von Glück und Seligkeit, mit
+leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu
+sehen, vorüber und dort am Fenster -- ein stechender jäher Schmerz
+zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin
+erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel
+gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie
+dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von
+ahnungsvoller Angst begegnet war.
+
+Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr
+René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten
+Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder
+zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des
+jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu
+erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und
+eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:
+
+»Sadie!«
+
+»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem
+Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das
+wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren
+räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht.
+»Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? -- wo warst Du die ganze
+Zeit und wie siehst Du aus?«
+
+»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in
+unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die
+Haut und -- aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir
+etwas, komm; glaubst Du an Geister?« --
+
+»An Geister? -- wie verstehst Du das? -- was soll's?« frug Sadie
+erschreckt -- »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« --
+
+»Fürchten? -- bah, thörichtes Kind -- wovor? vor dem eigenen Mann? --
+der thut Nichts -- sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem
+ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide
+thun? -- hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige
+Geschichten erzählen« -- und die Widerstandlose über den breiten Weg mit
+sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes
+bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge
+hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt
+Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses
+hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten
+Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde.
+
+»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind --
+bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer
+Bewegung zitternder Stimme -- »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm
+überbeugt -- hahaha -- ich glaube das war ein Kuß -- nein« lachte sie
+dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach
+Inselart. Aber komm -- komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen,
+und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns
+hier draußen bemerken -- den Triumph sollen sie nicht haben -- komm.«
+
+Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind
+fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen
+Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden
+Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen,
+jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer
+eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie
+erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie
+vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen
+fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie
+eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen
+Schmerz, der eigenen Schmach.
+
+Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum
+ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie
+verliebt. ~Nahuihua~ -- der blitzende Stern im Norden -- liebte aber
+seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh,
+und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze
+Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er
+sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft
+entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee,
+aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu
+fragen.
+
+-- Und René? --
+
+»Hahahaha« lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick -- »Aia hatte recht
+-- sie sind sich _alle_, _alle_ gleich -- Alle, _Teufel_ mit ihren
+glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflückt
+die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut
+-- werfen sie sie fort -- sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit«
+setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, »und im Weg,
+von den Vorübergehenden getreten muß sie ihr junges hingemordetes Leben
+lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!« rief sie
+plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend -- »meine Kinder hab' ich
+schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, daß sie mich nicht an
+meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein
+Tahitisches Mädchen zu rächen weiß.«
+
+Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurück vor der
+entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das
+sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten hatte; sie wollte
+sie beruhigen, aber das gereizte Weib stieß sie zornig zurück, und der
+Schmerz löste sich erst in milden Thränen, als die Erinnerung an
+vergangenes, nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach durch
+Leidenschaft und Trotz.
+
+Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren
+Füßen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie
+selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das
+Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual.
+
+Und René? --
+
+Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanna
+gerade gegenüber; sie sprachen von der Welt draußen, von Paris, von
+seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna
+endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schönen
+Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer
+höher und höher schlug und das Blut heiß durch die Adern jagte, da --
+er mußte sich gewaltsam zurückhalten der schönen Spielenden nicht in zu
+glühenden Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend gemacht, und
+mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen -- da
+fühlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens
+mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die
+Brücke abgebrochen die hinüberführte -- Zum ersten Mal brach sich der
+Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten
+Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem
+weißen Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zügen,
+tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit
+dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber.
+
+»Spiel' etwas Heiteres, Susanna« rief da Madame Belard, »unser junger
+Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch -- die
+Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das süße und
+weiche Gekose.«
+
+Susanna ging rasch in die herausfordernden Töne des begeisternden Liedes
+über, und René fühlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab
+-- Großer Gott, wohin war er gerathen -- was hatte er gethan? und mit
+dem Bewußtsein faßte ihn die Angst -- die Reue. Nur fort von hier jetzt,
+fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff
+er nach seinem Hut.
+
+»Wohin?« frug Madame Belard erstaunt.
+
+»Zu Hause --«
+
+»Jetzt? -- Sie werden doch erst Thee mit uns trinken -- nicht einmal das
+Lied will der grobe Mensch aushören« rief die junge Frau erstaunt.
+
+»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument
+aufspringend.
+
+»Nein -- ja --« stammelte René -- »schon zu lange bin ich hier gewesen
+-- die beängstigende Luft -- die späte Stunde -- ich muß fort -- Sadie
+auch ängstigt sich um mich.«
+
+»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit
+komischem Aerger Madame Belard -- »ich hatte nun so fest auf Sie heute
+Abend gerechnet.«
+
+Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin
+aufzubrechen -- »Ich _muß_ fort« sagte er bestimmt.
+
+»Sie haben recht« unterstützte ihn aber auch jetzt darin Susanna, »Sadie
+_muß_ sich ängstigen, wenn Sie noch länger auf sich warten lassen; aber
+dürfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? -- wenn Sie nun wieder
+einen Anfall jener Schwäche --«
+
+René dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede
+Angst um sich, lächelnd ab. Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder
+vollkommen wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, fast
+verstörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in
+die dunkle, kühle, sterndurchschimmerte Nacht.
+
+Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach sich hier die Bahn --
+»Sadie -- mein armes, armes Weib« flüsterten seine Lippen, während die
+Hände fest sich preßten auf das Herz -- »armes, verrathenes Kind --
+Nein, nein,« rief er aber rasch und heftig aus -- »noch ist es nicht zu
+spät, noch bin ich Dein -- noch hab' ich die Kraft in mir das fremde
+Bild aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn
+gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger
+Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage
+gehabt für mich, nur stille leise Thränen, und jede von den Thränen die
+ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein
+trautes liebes Weib -- Sadie!« --
+
+Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte
+beflügelte und ihn heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der
+freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz, und als er seine
+Sinne der Außenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hörte der wehenden
+Palmen, das Flüstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der
+Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein böser,
+entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten
+Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim saß mit dem Kind, seiner
+kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner
+Seele auf.
+
+Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen
+konnten, und fast keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der stillen
+Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr
+Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr zurückgekehrt -- sie
+noch liebe und _nicht_ verlassen habe, an seine Brust legte, und kein
+Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll
+von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte
+ihre Stirn und Lippen mit seinen heißen Küssen und nun erst weinend,
+aber in einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er
+sie sein Weib, seine kleine süße Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten
+fröhlichen Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in acht, sechs,
+vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen
+und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer
+Liebe, ihres Glücks -- zurück nach Atiu.
+
+»Nach Atiu« war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender
+Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+Die Conferenz.
+
+
+So gleichgültig die Insulaner, wenigstens scheinbar, die im letzten
+Capitel beschriebenen Vorgänge aufgenommen hatten, und so theilnahmlos
+sie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchst Unwesentlichem
+zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Missionaire
+hervor, die einen entscheidenden Schritt Frankreichs wohl schon lange
+gefürchtet, aber doch nicht so schroff auftretend erwartet haben
+mochten. Das Zurückziehn der Englischen Fregatten war zu gleicher Zeit
+eine ihnen wohl verständliche, und für sie höchst unglückselige
+Demonstration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerspruch mit den
+freundlichen und ermuthigenden Versprechungen des Englischen
+Ministeriums stand, und wovon die Französischen Fregatten schon
+jedenfalls Kenntniß haben mußten: daß nämlich England keineswegs gewillt
+sei dieses kleinen Inselreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu
+beginnen, sondern Tahiti und seine Königin dem Protektorat -- man konnte
+ihm nicht mehr gut den Namen einer _Entdeckung_ geben und wünschte doch
+derselben Erfolg -- des Nachbarstaates überließ.
+
+Das aber hieß dem Protestantismus den Boden unter den Füßen fortnehmen,
+denn die Franzosen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu
+vergelten, so packten sie die evangelischen Geistlichen auf ihre oder
+andere Schiffe und schickten sie, gleichviel wohin, nur fort von ihren
+Besitzungen. Aber das nicht allein; schon der Gleichberechtigung der
+anderen Confession hatten sie von frühster Zeit an mit allen Kräften
+entgegengearbeitet. Die katholische Religion sprach weit mehr zu den
+Sinnen, als das kalte protestantische Wesen der Geistlichkeit, jene
+erregte die Phantasie, diese ertödtete Alles mit ihrer nackten
+Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben fordernd für das
+Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit ließen die Katholiken den fröhlichen
+Kindern dieser glücklichen Zone, die nun einmal das unglückselige
+Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen diese wunderschöne Welt auch zum
+Genuß geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten daß der
+Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Büßen und
+Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das Herz frevle, das auf
+andere Weise zu seinem Gott bete, als sie es lehrten.
+
+Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf den Sandwichsinseln gehabt
+hatte sie lange vorsichtig gemacht, und mußte ihnen jetzt die schwersten
+und begründetsten Befürchtungen aufdringen. Mit dem »Dublin« waren
+deshalb auch schon die dringendsten Aufrufe und Nothschreie an die
+Missionsgesellschaften in England erlassen, zuerst beim Ministerium,
+dann aber auch bei dem Englischen Volk Hülfe für die »Prediger in der
+Wüste« und ihre Gemeinden zu fordern, während bei der jetzigen
+entschieden feindlichen Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung da
+war, daß das schwankende Ministerium eine entschiedenere Handlung den
+Uebergriffen Französischer Seeleute gegenüber, einnehmen würde.
+Hinhalten mußten sie deshalb hier vor allen Dingen die Entscheidung, die
+unbedingte Unterwerfung der Insulaner, aber das nicht allein, sie mußten
+auch Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, daß die
+Eingeborenen der Südsee das Französische Joch so sehr verabscheuten, wie
+sie sich nach der Englischen Mutterkirche sehnten, und daß sie bereit
+und entschlossen wären, wenn England die ihnen durch die Missionaire im
+Vertrauen auf das Englische Volk versprochene Hülfe _nicht_ senden
+sollte, ihr Gut und Blut und Leben einzusetzen, die Unabhängigkeit ihrer
+Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten.
+
+Beides ließ sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen Widerstand --
+nicht allein mit machtlosen Protestationen eines Consuls, sondern durch
+Waffengewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind so
+lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte seiner _Religions_kämpfe
+nach England gelangen konnten, so zweifelten wenige der frommen Männer
+daran, daß England, gerührt durch solche Anhänglichkeit an den
+christlichen Glauben, auch ein Machtwort sprechen und schon dadurch die
+Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben würde.
+
+Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden Hindernissen zu
+kämpfen; zuerst mit der entsetzlichen Gleichgültigkeit der Indianer in
+allem was nicht zum täglichen Leben gehörte, und sie etwa gezwungen
+hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der sich ihre Theilnahmlosigkeit
+für die christliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen,
+dem allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen war, aber
+doch jetzt nicht so ganz und auf einmal begegnet werden konnte.
+
+Das erste mochte irgend eine glückliche Gelegenheit von selber heben;
+der Uebermuth der Franzosen, die nirgend Widerstand fanden, und das
+schöne Land schon fast in Händen zu haben glaubten, gab leicht die
+Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand mußte durch andere Mittel
+abgeholfen werden, und diese durfte man unter keiner Bedingung länger
+als nöthig hinausschieben.
+
+Der nächste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso, nach ihm Sydney, und
+nach beiden Häfen hatten umsichtige Amerikaner schon vor längerer Zeit
+Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen könnten, und so
+rasch als möglich damit zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man
+selbst mit dem günstigsten Winde noch nicht zurückerwarten, und es blieb
+dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen
+Verhältnissen würde an Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich
+Alles thaten solche, und ihnen die gefährlichste, Zufuhr zu verhindern.
+
+Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann, hatte aber auch noch andere
+Verbindungen, und wenn er sich auch nicht gerade übergern mit solchen
+Sachen einließ, doch zu viel kaufmännischen und speculativen Geist
+sich ein gutes Geschäft durch die Finger schlüpfen zu lassen, wenn er es
+eben dazwischen halten konnte. Er selber stand mit den Protestantischen
+Geistlichen auf sehr vertrautem Fuß, und durch diese auch mit den
+Protestantischen Häuptlingen, wie ihm denn überhaupt nichts mehr verhaßt
+war, als das Französische und dadurch Katholische Regiment. Daß er mit
+den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf freundschaftlichem,
+wenigstens gesellschaftlichem Fuße stand, war die Schuld der
+Handelsinteressen, die er nie aus den Augen ließ -- selbst nicht in der
+Kirche.
+
+Mr. Noughton war in seinem Zimmer mit dem Consul Pritchard, und der
+letztere ging, mit auf dem Rücken gelegten Armen, rasch und finster auf
+und ab, und schien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes Gespräch,
+zu überdenken.
+
+»Und ich habe doch recht, Mr. Noughton,« sagte er endlich, vor dem
+Kaufmann stehn bleibend und ihm fest in's Auge sehend, »England kann und
+darf uns nicht in dieser Verlegenheit stecken lassen, denn nicht allein
+seine Interessen, nein seine _Ehre_ steht hierbei auf dem Spiel und ich
+habe von dem Earl von Aberdeen das _feste_ Versprechen schleuniger und
+entschiedener Hülfe, wenn ein gegen die bestehenden Verträge gerichteter
+Gewaltschritt der Franzosen ihnen nur die entfernteste Rechtfertigung
+vor den übrigen Staaten geben würde.«
+
+Der protestantische Geistliche und jetzige Englische Consul war ein
+hochgewachsener, stattlicher Mann, mit freier offener Stirn und ein paar
+klaren, klugen grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges Feuer
+sprühte -- sein volles Kinn war glatt rasirt und er trug nur einen
+halben aber starken, krausen Backenbart, und ging in Civil gekleidet,
+mit etwas langem, noch nach dem Geistlichen schmeckenden Rock und weißer
+Halsbinde und Weste.
+
+»Bah, bah, bah« sagte der Amerikaner, eine lange hagere Gestalt, an der
+nur die Augen Feuer zu haben schienen, kopfschüttelnd -- »wir kennen
+solche Redensarten -- der Earl von Aberdeen steht überhaupt in dem Ruf
+als ob er ein etwas Indianisches Temperament habe, das nur heute _Ruhe_
+verlangt, und dem Morgen sich selber überläßt. Das sind Redensarten, mit
+denen wir hier nicht vom Fleck kommen, und Sie müssen bedenken daß
+zwischen jedem Brief von hier nach England, herüber und hinüber, immer
+_zehn Monat Zeit_ liegen -- ein unberechenbares Capital für den, der den
+Augenblick zu benützen versteht. Die Franzosen hier werden _handeln_ und
+die Engländer werden _protestiren_, denn beide Theile wissen recht gut,
+daß zwei große Nationen, mit den Gefahren eines Europäischen Umsturzes
+vor sich, nicht eines solchen Fleckchens Erde wegen einen Krieg anfangen
+können; so lange sie nur im Stande sind den Anstand nach Außen zu
+bewahren, können Sie sich darauf verlassen daß nichts Ernstliches zu
+ihrem Vortheil hier geschieht.«
+
+»England _muß_!« rief Mr. Pritchard.
+
+»Ach was, England muß nie, wenn es nicht selber will, und wenn es
+überhaupt _wollte_, hätte es die Sache schon gar nicht so weit
+brauchen kommen zu lassen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen, statt
+Privatversprechungen eine Depesche für den Talbot, oder irgend ein
+anderes Kriegsschiff Ihrer Majestät mitgab, und das dem Französischen
+Cabinet zu wissen that, so müßte ich mich sehr irren, oder ~Du Petit
+Thouars~ kreuzte jetzt noch an der Chilenischen Küste herum, oder läge
+ruhig im Hafen von Valparaiso, höchstens bei den Marquesas-Inseln vor
+Anker. Da das nicht geschehn ist, _wollen_ die Leute auch so wenig von
+der Sache hören als angeht, und das Einzige was uns in dem Fall zu thun
+übrig bleibt, ist so viel Spektakel als möglich zu machen und sie nicht
+ruhen und rasten zu lassen -- vielleicht bekommen sie's dann mit der
+Zeit satt und schlagen zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.«
+
+»Aber was können wir thun?« rief in Unmuth der Consul -- »wenn ich
+nicht Consul und -- Geistlicher wäre, beim Himmel, ich griffe selber zu
+den Waffen und stellte mich an die Spitze der Insulaner, ihnen ihr
+Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, so lange die Welt steht, so lange
+wir eine Geschichte haben, ist ein feigerer Einfall unter einem matteren
+Vorwand, auf ein friedliches, harmloses Volk geschehen und -- geduldet
+worden.«
+
+»Glauben Sie daß das Volk überhaupt kämpfen würde, wenn es Waffen
+hätte?« frug Mr. Noughton.
+
+»Ich bin überzeugt davon« erwiederte der Consul, »übrigens _sind_ Waffen
+auf der Insel, besonders haben die uns ergebenen Häuptlinge -- einen
+solchen Fall gerade nicht für unmöglich haltend -- eine ziemliche
+Quantität Munition, Pulver und Blei irgendwo in ihren Verstecken, in den
+verschiedenen Ansiedelungen -- die anderen Inseln sind sogar reichlich
+damit versehen.«
+
+»S--o--o« sagte Mr. Noughton, sich das Kinn streichend und die Lippen
+vorn etwas mehr als gewöhnlich zusammenziehend -- »in den Kisten waren
+wohl nicht _lauter_ Bibeln?«
+
+Mr. Pritchard setzte seinen Weg durch das Zimmer wieder fort und
+entgegnete gleichgültig:
+
+»Ich weiß nicht wann und auf welche Art sie hier gelandet sind -- es
+ist, wie ich höre, während meiner Abwesenheit geschehen, aber
+verdenken kann ich's den Leuten nicht, daß sie sich mit den Mitteln
+versehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen, wenn Beides
+widerrechtlicher, ja widernatürlicher Weise nicht allein mehr bedroht,
+nein wirklich angegriffen und ihnen entrissen werden soll. Der schwache
+Vogel selbst vertheidigt sein Nest gegen Schlange und Marder, und wenn
+uns die christliche Religion gebietet Blutvergießen zu vermeiden und
+lieber ein geringes Unrecht geduldig zu ertragen, so verlangt sie nicht
+von uns, daß wir uns feige dem Schlimmsten unterwerfen sollen. »Und der
+Herr sprach zu Josua: Fürchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit Dir
+alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe hinauf gen Ai -- und die
+Bewohner von Ai fielen Alle durch die Schärfe des Schwertes, bis daß sie
+Alle umkamen.«
+
+»Ja das ist Alles recht schön und gut« sagte Mr. Noughton, den
+Zeigefinger an der Nase und nachdenkend vor sich niederschauend; »ich
+habe auch nicht den mindesten Zweifel daß uns der liebe Gott eine
+Opposition gegen den großprahlerischen Franzmann mit dem größten
+Vergnügen vergeben wird -- aber ich weiß nur noch nicht ob wir die
+Insulaner eben zum Zuschlagen bringen und -- wer bezahlt nachher die
+Waffen?«
+
+Mr. Pritchard biß seine Lippe und sagte nach kleiner Pause:
+
+»So viel ich weiß sind die an Land befindlichen schon bezahlt, ich wüßte
+wenigstens nicht wie sie sonst in den Besitz der Häuptlinge kommen
+sollten, und weiter sind noch keine anderen da -- warten wir bis sie
+kommen, das Uebrige findet sich.«
+
+»Aber ich habe eine ziemliche Quantität aufgetrieben und gewissermaßen
+auch schon gekauft« erwiederte Mr. Noughton, »es fragt sich nur jetzt ob
+_Sie_ dieselben übernehmen und weiter darüber verfügen wollen, denn
+aufrichtig gesagt möchte ich mit den Häuptlingen selber, die gar keine
+Idee von Geld und Geldeswerth haben, nicht gern ein solches Geschäft
+abschließen, da man überdies auch gar nicht weiß wie die ganze Sache
+abläuft und ob die guten Leute nachher noch überhaupt eine Cocosnuß
+übrig behalten, womit sie bezahlen _könnten_, selbst wenn sie ehrlich
+genug wären zu wollen.«
+
+»Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen Sache nicht einlassen«
+sagte Mr. Pritchard nach kurzem Besinnen kopfschüttelnd, »aber es
+interessirt mich natürlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier zu
+schöpfen hoffen. Ist es ein Englisches Schiff?«
+
+»Die Kitty Clover --«
+
+»Ah der Wallfischfänger -- diese Kitty hat auch Spirituosen an Land
+geschafft, aber ohne daß wir im Stande waren ihr auf die Finger zu
+klopfen, und wie ich höre waren alle Vorkehrungen dagegen getroffen; Sie
+müssen schlaue und mit der Küste hier sehr vertraute Leute an Bord
+haben.«
+
+»Der eigentliche Unterhändler lebt hier an Land« entgegnete Mr.
+Noughton, »aber das ist Alles Nebensache, wenn ich nur erst die
+Gewißheit hätte, daß es hier zu einem wirklichen Kampf käme, und die
+Insulaner nicht ihren _Regierungs_wechsel eben so ruhig und gleichgültig
+mit ansehen werden, als gestern den _Flaggen_wechsel, der sie, zu meinem
+Erstaunen, entsetzlich kalt ließ.«
+
+»Wenn die Franzosen Ernst mit ihrer Drohung machen« entgegnete Mr.
+Pritchard rasch, »und nicht eben nach dieser einfachen Demonstration
+wieder in See gehn, Pomare wie ihre Häuptlinge in sonst ungestörtem
+Besitz der Insel zu lassen, so läuft auch die förmliche
+Besitzergreifung, wo sie dann ja die Zügel der Regierung in die Hand
+nehmen und das Pabstthum proklamiren werden, nicht unblutig ab, und
+_ein_ Leben genommen und die ganze Insel greift mit einem Schlag zu den
+Waffen.«
+
+»Sie glauben also wirklich --«
+
+»Ich bin fest überzeugt davon.« --
+
+»Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally, der Master des
+Wallfischfängers draußen, gerad' apropos die Straße nieder -- he Sir!«
+-- und an's Fenster klopfend winkte er dem Schotten, der überdies schon
+die Richtung gerade nach dem Hause zu hatte, und dessen rascher Schritt
+bald auf der hölzernen Treppe gehört wurde. Wenige Secunden später
+betrat Mac Rally das Gemach und wollte sich eben nach kurzem Gruß an den
+Kaufmann wenden, als er die dritte Person im Zimmer sah, still schwieg
+und sich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner umschaute.
+
+»Es ist ein Freund von mir, ein Geistlicher« sagte Mr. Noughton und
+winkte Mac Rally Platz zu nehmen.
+
+»Ein Missionair, so?« sagte der Seemann, Mr. Pritchard etwas mißtrauisch
+betrachtend, bei seinem Branntweinschmuggeln hatte er die Leute nicht
+eben als Freunde kennen gelernt, und er wußte nicht wie weit der
+anwesende gerade mit seiner nicht unbedeutenden Thätigkeit in diesem
+Geschäftszweig bekannt sein mochte; außerdem haßte er Missionaire. Hier
+galt es übrigens eine Geschäftssache, in der er wußte daß ihm der
+geistliche Mann nicht entgegen sein würde, und er sagte rasch:
+
+»Mit unserem Handel wird es wohl Nichts werden, Mr. Noughton -- es ist
+zu spät.«
+
+»Wie so?« frug der Kaufmann rasch und erschreckt -- »Sie _dürfen_ jetzt
+kein höheres Gebot mehr machen, denn ich habe die Bestellung fest
+gemacht, wie Sie recht gut wissen -- die Waffen sind _mein_.«
+
+»Und sollen die Ihrigen bleiben, mit dem größten Vergnügen,« lachte der
+Seemann, »wenn Sie nur wissen sie an Land zu schaffen.«
+
+»Und geht das nicht mehr auf dem gewöhnlichen Weg?«
+
+»Was für Einer ist das?« frug Mr. Pritchard -- der Seemann glaubte aber
+nicht eine Antwort darauf schuldig zu sein, sondern sagte achselzuckend:
+
+»Die Franzosen haben in der That Besitz von Tahiti genommen; Posten sind
+ausgestellt an allen Plätzen wo es nur einigermaßen möglich ist zu
+landen, und eben wird eine Proclamation in Tahitischer, Französischer
+und Englischer Sprache angeklebt, nach der, unter anderem, Boote nicht
+einmal mehr nach Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an Land
+kommen dürfen.«
+
+»Den Teufel auch« sagte Mr. Noughton, »und das müssen _Sie_ sich hier
+von einem Anderen _erzählen_ lassen?«
+
+Mr. Pritchard zuckte mit den Achseln und sagte leise:
+
+»Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und keine Aufträge anzustürmen;
+das muß der Zeit überlassen bleiben.«
+
+»Zeit« brummte der Seemann ungeduldig -- »die wird Einem dabei auch nicht
+gerade im Uebermaß zugemessen -- morgen muß ich in See sein.«
+
+»Und was haben Sie so zu eilen?« sagte Mr. Noughton.
+
+»Das fragen Sie den Französischen Admiral« brummte der Engländer -- »ob
+sie mich hier in Verdacht haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen
+ist, ich weiß es nicht, aber so viel ist gewiß, daß ich den Befehl
+bekommen habe was ich an Wasser und Provisionen brauche heute in Ordnung
+zu bringen, und morgen mit dem Landwind also etwa um neun Uhr, in See zu
+gehn. Das ist »kurz und süß« wie sie bei uns sagen.«
+
+»Die Franzosen thun wirklich, als ob sie hier schon die Herren wären«
+sagte Mr. Pritchard.
+
+»_Thun_ so, Sirrah?« rief Mac Rally -- »und verdammt gute Ursache dazu,
+denn sie _sind's_, so lange Sie nicht die Indianer dazu bringen können
+mit Macht über sie hereinzubrechen -- und damit sieht's windig aus.
+Hätten Sie die Leute ein Bischen weniger beten und ein Bischen mehr ihre
+gesunden Glieder brauchen und ihre Waffenübungen nicht ganz
+vernachlässigen lassen, so wären die heidnischen Spiele dem lieben Gott
+jetzt selber zu Hülfe gekommen; jetzt können sie weiter Nichts wie mit
+Bibeln drein werfen, und daran stirbt Keiner -- die Langeweile müßte sie
+denn wieder forttreiben.«
+
+Mr. Pritchard legte den Kopf zurück und drehte ihn zur Seite, aber er
+erwiederte kein Wort; Mr. Noughton ging mit ineinandergeschlagenen Armen
+im Zimmer auf und ab, und murmelte leise etwas vor sich hin, endlich
+blieb er vor Mac Rally stehn, und frug, ihn finster dabei ansehend:
+
+»Und was sagt Jim dazu?«
+
+»Jim ist ein Tollkopf« brummte der Engländer -- »ein richtiger Ire, dem
+nicht wohl ist wenn ihm nicht Jemand den Schädel zerschlägt, oder wenn
+er nicht denselben Liebesdienst Jemand Anderem erweisen kann.«
+
+»Also er meint es sei wirklich möglich sie heute Abend an Land zu
+schaffen?« frug Mr. Noughton schnell.
+
+»Der sagt zu Allem ja« knurrte Mac Rally.
+
+»Nun also, was haben wir denn da noch außerdem für Hindernisse?«
+
+»Er verlangt daß ich ihm die Gewehre und was dazu gehört, in
+wasserdichten Fässern an eine gewisse Stelle in Matawai Bai liefere und
+das ginge allenfalls; aber dorthin haben die verdammten Franzosen
+wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht gestellt, wie überhaupt an
+jeden Corallengang durch den mehr als ein Canoe einfahren könnte, und
+ich kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn sie entdeckt werden, und
+das ist kaum anders möglich, so wird jedenfalls auf sie geschossen, oder
+doch der Alarm gegeben, und sie stecken mir nicht allein die Leute ein,
+und der ganze Transport ist verloren sondern sie -- visitiren mir auch
+am Ende noch das Schiff und -- das wäre mir unangenehm.«
+
+»Posten schon überall ausgestellt?« rief Noughton erstaunt, »ei dann
+zeigen sich die Monsieurs schon allerdings als Herren der Insel und es
+hat keine Gefahr mehr, daß mir die Gewehre auf dem Lager blieben -- Mac
+Rally Sie müssen wahrhaftig Rath schaffen; mit einer einzelnen
+Schildwache läßt sich am Ende auch noch sprechen.«
+
+»Sprechen, ja, aber nichts durchbringen« brummte der Wallfischfänger --
+»_Sie_ haben auch Nichts dabei zu riskiren, ich aber desto mehr, und
+nehme da lieber die paar hundert Stück Gewehre wieder mit in See; in
+Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch nicht so gute Preise doch
+mehr Sicherheit.«
+
+»Wo müßten sie denn gelandet werden?« frug der Geistliche.
+
+»Der einzig mögliche Platz wäre Matawai Bai und zwar in der Einfahrt, in
+der früher ein alter Missionair wohnte, der leider Gottes gestorben ist
+-- jetzt sitzt ein Franzose drin -- ja zwei eigentlich, denn dicht
+daneben wohnt noch Einer, und außerdem hat sich der Posten gerade
+überhalb der beiden Häuser in eine alte, nicht mehr benutzte Hütte
+placirt, der, wie ich gehört habe, alle zwei Stunden von Papetee aus
+abgelöst werden soll, während die weiter unten befindlichen mit einem
+anderen, dorthin gelegten Detachement in Verbindung stehn.«
+
+»Und könnten wir nicht _unter_ oder _über_ der Vorposten-_Grenze_
+landen?« frug Mr. Noughton.
+
+»Nein« sagte der Seemann, kopfschüttelnd, »erstlich nimmt das zu lange
+Zeit weg, und selbst das nicht einmal gerechnet, müßte ein Boot auf dem
+Binnenwasser und dicht am Strande hin völlig Spießruthen bei den Posten
+laufen, und es wäre rein unmöglich es unentdeckt an den Ort seiner
+Bestimmung zu bringen, während dorthin gerade die Ladung im Schatten der
+Riffe und später der Palmen die größte Wahrscheinlichkeit sicherer
+Landung für sich hat.«
+
+»Das ist das Haus wo Monsieur Delavigne wohnt« sagte Mr. Noughton --
+»und sein Nachbar heißt Lefévre.«
+
+»Ich glaube das sind die Namen« brummte der Alte, »kommt aber nicht
+d'rauf an wie, sondern _wo_ sie getauft sind.«
+
+»Hm, hm, hm« sagte der Amerikaner, nachdenkend im Zimmer auf- und
+abgehend -- »ich glaube -- lassen Sie mich einmal sehn -- ich glaube
+Bruder Rowe hat Zutritt da im Haus --«
+
+»Wird ihm wenig helfen« meinte Mac Rally.
+
+»Kann ich einmal mit Jim sprechen?« frug Noughton, vor dem Seemann
+stehen bleibend.
+
+»Ich wollte selber ich könnte seiner habhaft werden« erwiederte dieser,
+»aber wie mir Bob, mein Zimmermann sagt, hat er alle Ursache sich nicht
+bei Sonnenschein zwischen den Franzosen blicken zu lassen -- es müssen
+alte Geschichten sein. In den Guiaven drin steht aber ein Haus, wo er zu
+finden sein soll.«
+
+»Bei der alten Irischen Hexe?« frug der Amerikaner.
+
+»Nein, da kommt er seit jenem Abend, wo sie ihn beinah einmal abfaßten
+nicht mehr hin -- 's ist nicht so weit draußen und ich kenne die Stelle
+-- und was sagen Sie dazu, Mr. Pritchard?«
+
+Bei Nennung des Namens drehte sich der Wallfischfänger rasch nach diesem
+um, der Consul aber sagte achselzuckend:
+
+»Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, Mr. Noughton, obgleich
+ich den Insulanern jeden Erfolg gegen ihre Feinde wünsche.«
+
+»Sie sind Consul hier in Papetee?« sagte Mac Rally.
+
+Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf.
+
+»Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag meine Papiere in Ordnung
+zu bringen« bat der Engländer -- »'s ist jedenfalls besser ich habe die
+regulirt.«
+
+»Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es Ihnen besorgen.«
+
+»Mac Rally,« sagte Mr. Noughton, »thun Sie mir einmal den Gefallen, zu
+Mr. Rowe zu gehn und ihn zu bitten, mich heute Morgen, sobald er
+möglicher Weise kann, auf einen Augenblick zu besuchen; ich hätte etwas
+_sehr_ Wichtiges mit ihm zu besprechen; wollen Sie?«
+
+»Ich will gleich von hier zu ihm gehn -- und unser Geschäft?«
+
+»Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im Haus. Sie können mich zu dem
+Haus führen, wo wir Jim O'Flannagan treffen mögen?«
+
+»Gewiß kann ich« brummte dieser, »aber es wird dann die höchste Zeit daß
+etwas geschieht, wenn wir's überhaupt noch ausführen wollen.«
+
+»Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?«
+
+»Schon seit heute Morgen um sechs Uhr.«
+
+»Gut -- überlassen Sie dann das andere mir -- und Mr. Rowe?«
+
+»Schicke ich Ihnen unter Adresse und Frachtbrief augenblicklich ins Haus
+-- guten Morgen Gentlemen,« und sich langsam auf seinen Hacken
+umdrehend, drückte er die Thür hinter sich ins Schloß, und ließ die
+beiden Männer allein, die sich bald darauf in eine sehr lebhafte aber
+mit leiser Stimme geführte Unterhaltung vertieften, in der sie erst
+wieder gestört wurden, als sich der ehrwürdige Mr. Rowe unten anmelden
+ließ.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+Susanna.
+
+
+Der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte allerdings die Inseln der Königin
+Pomare, worunter er damals die beiden Gruppen der Gesellschafts- und
+Georgen-Inseln verstand, im wahren Sinn des Worts in Besitz genommen,
+und dachte, allem Anschein nach, gar nicht daran, sie, wie das vorige
+Mal, als es bei einer Protectoratserklärung geblieben, wieder vollkommen
+zu verlassen, wenigstens von Militair zu entblößen. Der Admiral suchte
+sich einzureden daß Pomare in ihrem Widerstand gegen ihn zu weit
+gegangen sei, und dem zu begegnen fiel er in denselben Fehler, der ihm
+freilich für den Augenblick nicht soviel Schaden bringen konnte, da er
+gerade der Stärkere war.
+
+Recht gut wußte er dabei daß die Insulaner, wenn nicht unnöthiger Weise
+gereizt, eben durch ihre Eifersucht unter sich, und bei dem Haß, den ein
+Theil derselben gegen die strenge Herrschaft der Missionaire hegte,
+nicht leicht persönlichen Widerstand leisten würden, außer, durch die
+Fremden, besonders die Missionaire selber angereizt und dem
+_vor_zuarbeiten, ehe ein förmlicher Bruch herbeigeführt werden konnte,
+that er natürlich Alles was in seinen Kräften stand. Die
+protestantischen Geistlichen wurden schon an und für sich gleich
+gewarnt, das Volk nicht gegen die jetzige _rechtmäßige_ Regierung
+aufzureizen, und außerdem noch eine Proclamation erlassen worin jeder
+Fremde, der _gegen_ die Französische Oberherrschaft sprechen (man sagte
+nicht _predigen_) würde, augenblicklich von der Insel, überhaupt aus den
+Gruppen zu verweisen sei; es war das ein Paragraph der die Missionaire
+am schwersten traf, und auch, besonders in England, von ihnen am meisten
+angegriffen und verdammt wurde.
+
+Ebenso vorsichtig mußten sich die Franzosen dagegen zu wahren suchen daß
+Waffen und Munition den Insulanern durch ihre Freunde zugeführt wurden,
+und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augenblicklich die Ordre
+die Insel zu umschiffen und verdächtige Fahrzeuge abzuweisen, während
+die hier liegenden Engländer, von denen man aber nur das kleine
+Kriegsschiff in Verdacht haben konnte, ebenfalls scharf bewacht wurden.
+Auch Spirituosen suchte man den Insulanern fern zu halten, sie nicht
+aufzureizen und zu Excessen zu treiben, die unter den jetzigen
+Verhältnissen leicht einen ernsten Charakter annehmen konnten, und es
+war deshalb auch daß die Kitty Clover, von der man ziemlich genau wußte
+daß sie unter der Hand Spirituosen an die Insulaner verkaufe und auch
+noch eine ziemliche Quantität derselben an Bord habe, Befehl erhielt die
+Bai am nächsten Morgen zu verlassen. Niemand vermuthete daß sie auch
+noch weit gefährlichere Waffen zum gelegentlichen Handel bei sich führe,
+die Mac Rally übrigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen
+Visitation seines Schiffes, sollte dieselbe ja stattgefunden haben, aus
+dem Weg gesteckt hatte.
+
+Außerdem aber waren die Französischen Soldaten streng beordert die
+Eingeborenen freundlich zu behandeln, und ihnen strenge Strafen
+angedroht, wenn sie dieselben durch Erpressungen, Mißhandlungen oder
+sonstigen Uebermuth reizen und dadurch Anlaß zu Streitigkeiten geben
+würden.
+
+Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum vollständig gesichert, nur
+sollten sie sich, wie schon erwähnt, jeder böswilligen Einwirkung auf
+die Insulaner enthalten, oder der Folgen dafür gewärtig sein.
+
+Auch eine Regierung hatte der jetzt allmächtige Admiral ernannt, einen
+Regierungsrath wenigstens aus drei Personen bestehend, Mr. Aubigny,
+Capitain der Corvette Ambuscade, Lieutenant Clou und Mr. Moerenhout, und
+die Wahl des Letzteren besonders kränkte Pomare tief, da sie wußte wie
+er von jeher ihr gesinnt gewesen, während die Missionaire in dem ihnen
+gerade feindlich gesinnten Mann einen vollständigen Beweis sahen, was
+sie für sich von der neuen Ordnung der Dinge zu erwarten hätten.
+
+Viel Zeit durften sie aber auch nicht verlieren, denn noch an demselben
+Abend lief der Französische Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein
+dumpfes Gerücht durch die Stadt daß der ganze übrige Theil der, bis
+jetzt noch an den Marquesas-Inseln stationirten Flotte, ebenfalls hier
+eintreffen würde, den Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu beweisen
+wie fruchtlos jeder Versuch des Widerstands gegen eine so gewaltige
+Macht unter jeder Bedingung für sie ausfallen müßte.
+
+Die Eingeborenen fingen jetzt erst an wirklich stutzig zu werden, denn
+das ganze Benehmen der Fremden hatte diesmal einen weit anderen
+Charakter wie früher. Die ausgestellten Posten, das gelandete und ohne
+weiteres in einem der Pomare gehörigen Häuser untergebrachte Militair --
+die Besitznahme der kleinen in der Mündung der Bai liegenden Insel
+Motuuta, von jeher der Königssitz und in der That Lieblingsaufenthalt
+der Pomaren, wo die Königin sogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt
+ohne weiteres mächtige Kanonen geschafft wurden, die gar nicht aussahen
+als ob sie blos für die kurze Dauer des Aufenthalts der Schiffe da
+liegen bleiben sollten; vor allen andern Dingen aber das jetzt plötzlich
+so scheue und zurückhaltende Wesen ihrer Missionaire, das sie an ihnen
+wahrlich nicht gewohnt waren, machte sie stutzen, und flößte ihnen zum
+ersten Mal die ernstliche Besorgniß ein, daß doch wohl nicht Alles so
+geschwind wieder vorüber gehn würde und auch nicht genau so sei, wie
+ihnen die frommen Lehrer bis jetzt erzählt haben mochten.
+
+Mr. Pritchard allein blieb sich, auf seine Stellung als Englischer
+Consul fußend, ja vielleicht trotzend, treu in dieser Zeit. So
+unbekümmert die Franzosen irgend etwas gegen die Religion eines fremden
+Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch vielleicht unternehmen
+konnten, so vorsichtig mußten sie jedenfalls zu Werke gehn, wo sie es
+mit der Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten desselben zu thun
+bekamen, und als Consul stand er, wie er recht gut wußte, unter dem
+direkten und unmittelbaren Schutz seines Vaterlandes. Die Eingeborenen
+verstanden aber diesen Charakter gar nicht; ihnen war Mr. Pritchard noch
+immer der Mitonare und Lehrer von früher her, nur mit mehr Autorität
+vielleicht als früher, da er die anderen Geistlichen oft in seinem Hause
+versammelte, mit ihrer Königin in stetem Verkehr stand, und dann auch
+durch die neue Reise noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen hatte.
+Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land der Beretanis, mußte also am
+besten wissen was sie von dort zu hoffen hätten, und ob die Engländer
+Schiffe senden würden sie und ihre Religion zu unterstützen, oder ob sie
+auf sich selber verlassen bleiben sollten, den zahlreichen
+Feuerschlünden des mächtigen Feindes gegenüber.
+
+Die anderen Missionaire hatten, durch die Drohung des Admirals
+eingeschüchtert, nicht gewagt, eine bestimmte Antwort zu geben, und die
+Gläubigen auf die Bibel und den lieben Gott vertröstet, der die Seinen
+schützen und schirmen würde in schwerer Noth und Angst. Mr. Pritchard
+dagegen sprach zu ihren Herzen, und sein Ruf an sie muthig zu sein und
+nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den Waffen, als ein Trost.
+
+»Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge Pomares niedergezogen,
+widerrechtlich setzten sie eine Regierung ein, dem direkt
+ausgesprochenen Willen Englands gegenüber, daß das Land sich frei und
+unbelästigt des Friedens Segen und der christlichen Religion erfreuen
+könne. Mit Kanonen und Bayonnetten überwältigten sie ein stilles
+harmloses Volk und die »Baals-Priester« zogen im Lande umher, dem Feinde
+Seelen zu gewinnen. Er protestirte von Anfang an feierlich gegen jede
+Französische Autorität auf der Insel, die er unter keiner Bedingung
+anerkennen würde, und wahrte sich das Recht zu dem Volke zu reden und
+ihm zu rathen, wie es ihm gut dünke, und wie er es in seinem Amt als
+Englischer Consul sowohl wie Missionair vor seinem Gewissen und seiner
+Regierung, aber nicht vor dem Französischen Admiral zu verantworten
+habe.«
+
+Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert, denn der Mann, wie
+sie erst einmal die wahre Absicht der Fremden verstanden, sprach ihnen
+aus der Seele, aber noch mehr -- er _ver_sprach ihnen auch Englische
+Hülfe von der zuerst einkommenden Englischen Fregatte, während mit dem
+Dublin schon die Klagen und Beschwerden sämmtlicher Missionaire nach
+England abgegangen waren.
+
+Es läßt sich denken daß die Französischen Autoritäten, den
+Protestantischen Geistlichen überdies nicht gewogen, die Aufreizungen
+dieses Mannes mit Aerger und Verdruß ansahen und nur durch seine
+officielle Stellung noch zurückgehalten wurden, etwas Ernstliches und
+Entschiedenes gegen ihn zu unternehmen. Dazu brauchten sie aber irgend
+eine gegen ihn sprechende Thatsache als Vorlage, und eine solche mußte
+jedenfalls erst abgewartet werden.
+
+Spione umgaben ihn dabei genug, aus seinen Reden an das Volk irgend
+eine, direkt zur Empörung aufreizende Aeußerung zu finden, Mr. Pritchard
+war aber klug genug sich keine solche Blöße zu geben, und der Zorn der
+Französischen Officiere gegen ihn stieg von Stunde zu Stunde.
+
+René beschloß indessen sich von jeder Betheiligung an den politischen
+Ereignissen vollkommen entfernt zu halten; er mochte natürlich nicht
+gegen seine Landsleute kämpfen, so sehr er auch fühlte daß den
+Eingeborenen hier unrecht geschah, und natürlich noch viel weniger
+diesen feindlich entgegentreten, mit denen er durch sein Weib in so nahe
+und freundliche Beziehung gekommen war.
+
+Je mehr er aber über sein künftiges Leben auf den Inseln nachdachte,
+desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, wie er solcher Art, und
+gewissermaßen zwischen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine höchst
+unangenehme, ja gefährliche Stellung für die Zukunft einnehmen müsse,
+denn von beiden Partheien wäre er, wenn er es mit keiner offen hielt,
+auch rettungslos verdächtigt worden. -- Er wollte Papetee -- Tahiti
+verlassen und drüben in Atiu, in der stillen Zurückgezogenheit seines
+häuslichen Glücks konnte er bald die Welt um sich her vergessen --
+verachten. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er nicht zu haben,
+Gott hatte den Tisch der Eingeborenen dort mit seinen reichsten Gaben
+überdeckt -- ein fröhliches, gutmüthiges Volk bewohnte die Insel, und
+mit Sadie an seiner Seite --
+
+Und Susanna? --
+
+Fort mit dem Gedanken an sie -- an Alles was sie umgab, gerade hier lag
+die Gefahr für ihn, für sein häusliches Glück, und er fühlte recht gut
+selber wie er zu schwach, viel zu schwach sei, den immer aufs Neue auf
+ihn eindrängenden Verführungen lange widerstehn zu können.
+
+Er liebte Sadie aus tiefster innerster Seele, und dennoch hatte er den
+Zauber, die Gewalt die diese Liebe über ihn ausüben sollte, überschätzt
+-- dennoch fühlte er, wie er jetzt _flüchten_ müsse mit ihr, sich selber
+zu entgehn und seiner Leidenschaft; flüchten, einer Gefahr auszuweichen,
+die drohend über ihrem Glücke hing, und in dem Gefühl lag das Bewußtsein
+seiner Schwäche; gewaltiger noch daß er nicht wagte es sich selber zu
+gestehn, gefährlicher für ihn, daß er je geglaubt hatte es besiegen zu
+können, ja selbst jetzt noch sich selber damit täuschen wolle daß er
+nach freiem Willen handle.
+
+Schon an diesem Tag begann er seine, jedoch eben nicht so bedeutenden
+Vorbereitungen, Tahiti zu verlassen, und Sadie sah den Eifer mit dem er
+es betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafür. Glücklicher fast als
+der Gedanke ihr liebes, freundliches Atiu nun bald wieder zu sehn, es
+nie mehr zu verlassen, machte sie das Bewußtsein des Gatten Liebe noch
+zu besitzen und sich in jener furchtbaren Stunde -- so entsetzlich ihr
+selbst jetzt noch die Erinnerung daran war -- getäuscht zu haben. Er
+konnte jenes fremde schöne Mädchen nicht lieben, hätte er sonst so
+geeilt aus ihrer Nähe zu kommen? und daß es ihn gerade zurück nach Atiu
+zog, war ihr ja der Bürge für ihr schönstes Glück -- für den Frieden
+ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt daß Aumama nicht bei ihr
+geblieben war, Zeuge ihres Glücks zu sein; das wilde Mädchen hatte sich
+aber nicht länger halten lassen und war noch lange vor Abend schon in
+ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen, dort bei der Schwester zu
+bleiben; ja vielleicht -- sie hatte ihr zornig klopfendes Herz fest
+festhalten müssen, als sie der Freundin die Worte zuflüsterte in denen
+ihr ganzes Elend lag -- dort, dort noch einmal dem treulosen Gatten zu
+begegnen, und Rechenschaft von ihm zu fordern, für ein mißhandeltes,
+zertretenes Leben.
+
+Arme Aumama.
+
+René hatte sich von der Mission einen kleinen Cutter zu verschaffen
+gewußt, seine Sachen und was er sich an Bequemlichkeiten auf der Insel
+angekauft, gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz
+hinübertransportiren zu können, und derselbe wurde schon an dem
+nämlichen Nachmittag, ein Beweis wie es ihm Ernst war um seinen Vorsatz,
+von Papetee herüber und an seine Landung geschafft, wo er ruhig und
+vollkommen vor Wind und Wetter geschützt, vor Anker liegen konnte, bis
+er im Stande war seine Geschäfte hier so weit als möglich zu reguliren
+und sich einzuschiffen.
+
+Niemand freute sich mehr darüber als der Mitonare Ezra, der sich
+augenblicklich zum Passagier anbot, und nebenbei noch versprach die
+Mannschaft vollständig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute gebrauchten sie
+ohnedies nicht, da René ja selber Seemann genug war das wenige an Bord
+solch kleinen Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann sein sollte mit
+verrichten und besser verrichten zu können, wie die Insulaner selber.
+
+Mitonare erhielt da die erste Botschaft, nach der Stadt, zu dem
+ehrwürdigen Mr. Rowe zu kommen, und René bekam ebenfalls eine Einladung
+von dem jetzt Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu
+besuchen, da er sich nach Manchem bei ihm zu erkundigen wünsche.
+
+Die Botschaft beunruhigte ihn im Anfang -- sollte etwa wegen der Flagge
+Nachforschung gehalten sein? -- aber lieber Gott, da hätten sie ihm
+dieselbe, wenn er wirklich verrathen wäre, einfach wieder abfordern
+lassen; das Tuch hatte weiter keine Bedeutung, sobald es einmal von der
+Stange herunter war. Oder das Duell? -- es war nicht wahrscheinlich daß
+solche Sache in solcher Zeit zur Untersuchung kommen sollte; und
+überdies hatten beide Theile darin gehandelt wie es den nun einmal
+bestehenden Gesetzen der Ehre entsprach, denen sie sich fügen mußten.
+
+Es half ihm Nichts daß er sich den Kopf darüber zerbrach, und gegen
+Abend -- er war auf vier Uhr Nachmittag nach Papetee beordert worden --
+folgte er der Aufforderung des Gouverneurs.
+
+Es handelte sich dabei übrigens weder um Flagge noch Duell; im
+Gegentheil war Mr. Bruat ungemein freundlich mit dem jungen Mann, dessen
+Schicksale er sich, wie er ihm versicherte, habe erzählen lassen, und um
+ihm zu beweisen wie er sich für ihn interessire, wünsche er ihn an
+sich und Papetee zu fesseln, und bot ihm, da er ja schon überdies früher
+in der Französischen Armee als Officier gedient, eine gleiche Stellung
+in Papetee, unabhängig von den Schiffen und mit gesichertem Aufenthalt
+auf den Inseln.
+
+René begriff recht gut, daß er dies Anerbieten weniger seinen
+Verdiensten als der vermutheten Verbindung verdanke, in der er, durch
+seinen längeren Aufenthalt hier wie seine Heirath, mit den Eingeborenen
+stand. Das Abenteuer mit dem Missionair war ebenfalls, wenn auch nicht
+laut ausgesprochen, doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzosen
+gerade in diesem Augenblick besonders an Leuten, die ihren Interessen so
+ergeben, als denen der Missionaire entgegen wären, und doch dabei eine
+etwas freundlichere Vermittlung zwischen den beiden so schroff
+abstoßenden Elementen, den Eingeborenen der Insel und den Eroberern
+derselben, bieten könnten. Das wäre aber auch jedenfalls der Weg gewesen
+sich den Insulanern vollkommen zu entfremden, und er lehnte die ihm
+gebotene Stellung auf das artigste und mit der Versicherung größter
+Dankbarkeit für das ihm bewiesene Zutrauen, aber auch entschieden ab.
+
+Monsieur Bruat schien etwas pikirt darüber; er hatte wohl keinenfalls
+eine so ganz definitive Weigerung erwartet, René beharrte aber fest
+darauf und wurde endlich mit einer zwar artigen aber sehr kalten
+Verbeugung entlassen.
+
+ * * * * *
+
+In Mons. Belards Hause, in dem kleinen traulichen Stübchen der Madame
+Belard, saß diese an ihrer Arbeit, hinter den niedergelassenen
+Jalousien, die eine angenehme Kühle in dem freundlichen Gemach
+verbreiteten, während Susanna vor dem Instrument in leisen, wehmüthigen
+Akkorden und mit halbgeschlossenen Augen ihrer Phantasie, ihren Gedanken
+freien und ungestörten Lauf ließ.
+
+»Lieber Gott, Susanna,« sagte Madame Belard endlich, ihre Nadel ruhen
+lassend und zu der Freundin aufschauend -- »Du bist entsetzlich
+langweilig heute, und spielst Melodieen daß man immer glaubt es sollte
+Jemand zum Richtplatz geführt werden. Was um Gottes Willen steckt Dir im
+Kopf, was hast Du, was fehlt Dir? -- heraus mit der Sprache, Mädchen,
+aber quäle mir die Molltöne nicht auf solch grausame, unbarmherzige
+Art.«
+
+»Ich? -- Nichts -- was soll mir fehlen?« sagte Susanna.
+
+»Ja das frag' ich Dich -- etwas _ist_ mit Dir, denn Du bist wie
+ausgewechselt gegen sonst.«
+
+»Unsinn« lachte Susanna, die vollen Locken aus der Stirn werfend, und
+zu einer lebendigern Weise übergehend -- es war die Marseillaise.
+
+»Ach damit hast Du gestern Abend Monsieur Delavigne vertrieben« lachte
+Madame Belard -- »wie rasch er aufsprang und fortstürzte. Wir hätten uns
+heute doch einmal sollen nach ihm erkundigen lassen, wie ihm die
+Aufregung gestern bekommen und ob er sein Haus glücklich erreicht hat.«
+
+Susanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die Marseillaise schon
+wieder fallen lassen, und praeludirte eines ihrer kleinen
+melancholischen Creolenlieder aus Louisiana, als Schritte aus dem
+Vorsaal gehört wurden und Mons. Belard gleich darauf die Thür öffnete
+und hereinschaute.
+
+»Ist Delavigne hier gewesen?« frug er die Damen.
+
+»Monsieur Delavigne? nein,« rief seine Frau und Susanna hörte auf zu
+spielen und sah sich nach ihm um -- »ist er wieder in der Stadt?«
+
+»Hat er Euch denn noch Nichts gesagt?« frug der Gatte aber jetzt, sie
+etwas erstaunt ansehend und ganz ins Zimmer tretend, »wißt Ihr noch
+Nichts?«
+
+»Wir? -- was ist denn?« rief Madame Belard erschreckt, »um Gottes Willen
+-- aber wenn er selber in der Stadt war -- ist ihm denn zu Hause etwas
+passirt -- seinem Weib?«
+
+»Ah Papperlapapp,« sagte Mons. Belard lachend, und ging zu einem
+kleinen Eckschrank den er dort zu seinem eigenen Gebrauch stehen hatte,
+sich ein Glas Brandy und Wasser einzuschenken, »da soll bei Euch immer
+gleich was passirt sein; der Frau wird auch was zustoßen, die
+Indianerinnen haben eine zähe Natur und sind nicht gleich immer
+umgeworfen wie andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen hätte,
+ich wüßte auch was ich thäte.«
+
+»Bitte, Monsieur, geniren Sie sich nicht« bat Madame Belard etwas
+beleidigt und mit kalter Höflichkeit -- »ich möchte Ihrem weiteren Glück
+nicht gern im Wege stehn.«
+
+»Aber was ist vorgefallen?« frug auch jetzt Susanna, mit größerem
+Interesse als sie bis jetzt gezeigt, »bringen Sie uns eine angenehme
+oder unangenehme Neuigkeit?«
+
+»Nun ich weiß gerade nicht« sagte Mons. Belard die Mischung von Wasser
+und Brandy erst einen Augenblick gegen das Licht haltend und dann, wie
+mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend -- »angenehm ist sie
+gerade nicht -- wenigstens nicht für Sie Beide, und mir selber thut es
+auch leid, obgleich sich die Sache nun einmal nicht ändern läßt und des
+Menschen Wille sein Himmelreich ist. Wenn's ihm nicht länger bei uns
+gefällt, kann ihn natürlich keine Seele halten.«
+
+»Mons. Delavigne will fort von hier? -- aber wohin?« riefen die beiden
+Damen, wie fast aus einem Munde.
+
+»Soviel ich verstanden habe, nach Atiu zurück, wo er hergekommen«
+lautete die Antwort.
+
+»So wird er dorthin wohl sein Geschäft verlegen wollen.«
+
+»Nein das ist ja eben der Unsinn« rief der Kaufmann ärgerlich, »das
+dacht' ich mir auch im Anfang, denn darin wäre ein Sinn, aber wie mir
+jetzt scheint, läuft die ganze Geschichte auf irgend einen romantischen
+Schwindel hinaus, und wenn das wirklich der Fall wäre, sollt' er mir
+leid thun, denn keine zwei Monat hält er's drüben mit seiner
+Paradies-Comödie aus. Er will sein ganzes Geschäft förmlich mit der
+Wurzel herausreißen und wegwerfen, und sich drüben hinsetzen und
+Brodfrucht und Tarowurzel essen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht
+schön, ist aber nur leider unausführbar -- er müßte denn eben kein
+Franzose -- kein civilisirter Mensch sein, dessen ganze Existenz, er mag
+sich darüber äußerlich vorlügen soviel er will, doch mit all seinen
+tausend Seelenfasern an dem alten gewohnten Leben hängt und nicht
+losgerissen werden _kann_.«
+
+»Aber ist denn vielleicht hier irgend etwas vorgefallen?« sagte Madame
+Belard -- »hat er hier Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht
+dazu treiben?«
+
+»Doch nicht etwa mit der Regierung?« frug Susanna rasch, die
+unwillkürlich und mit leiser Angst der so keck eroberten Flagge
+gedachte.
+
+»Nicht daß ich wüßte« brummte Mons. Belard -- »im Gegentheil scheint ihm
+der Gouverneur wohl gewogen gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne
+selber sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt -- ein Anerbieten
+einer festen gesicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun überdrüssig
+gewesen wäre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand
+gewiesen. Er ist rein toll -- oder blind.«
+
+»Und wann will er fort?« sagte Mad. Belard.
+
+»Morgen schon, soviel ich weiß, wenn er alle seine Siebensachen packen
+und zu Schiff bringen kann -- er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der
+schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist Ernst und nicht nur
+eine flüchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn
+Brouard auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon. Aber ich muß
+wieder fort -- er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu
+sagen, und wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies Papier
+hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es hierher für ihn zu legen,
+vielleicht komm ich nachher noch einmal herüber.« Und mit kurzem Gruß
+verließ er das Zimmer wieder.
+
+Die Frauen saßen noch schweigend, und in tiefem Nachdenken, als Mons.
+Belard schon lange das Zimmer verlassen hatte, und Susanna berührte
+wieder leise die Tasten in weichen, kaum hörbaren Akkorden.
+
+»Merkwürdig« brach Madame Belard endlich das Schweigen -- »etwas _muß_
+da vorgefallen sein, was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschluß
+getrieben haben -- gestern Abend schon sein eigenthümliches Betragen.«
+
+»Du sprichst von Mons. Delavigne?« sagte Susanna, ohne die Freundin
+anzusehn.
+
+Madame Belard schaute rasch nach ihr um, ließ ihr Auge einen Moment auf
+ihr ruhen und sagte dann leise:
+
+»Ja.«
+
+»Die Männer sind wunderliches Volk« sagte die Schöne -- »er wird sich
+mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehn, und von der
+Welt -- in ihren Armen träumen.«
+
+Madame Belard schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte ernst:
+
+»Das ist nicht Alles wie es sein sollte -- hätte er den Entschluß
+langsam und mit reiflicher Ueberlegung gefaßt, so würde es mich recht
+von Herzen, in tiefster Seele gefreut haben.«
+
+»Wie so?« frug Susanna rasch.
+
+»Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in einer Welt hier in die sie
+nicht gehört, in die sie nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es ist ein
+liebes engelgutes Kind, und _verdiente_ glücklich zu sein -- und wird es
+nie werden« setzte sie recht tief aufseufzend hinzu.
+
+»Warum nicht glücklich?« sagte Susanna gleichgültig, der Stimme
+wenigstens den Ausdruck gebend, »so viel ich von dem Leben dieser
+Insulanerinnen gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht
+besser, als daß sich ein Europäer, Franzose oder Engländer ist ihnen
+ziemlich gleich, um sie bewirbt und -- die Dauer seines Aufenthalts
+vielleicht -- bei ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurück fällt
+es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.«
+
+»In der Regel, ja --« sagte Madame Belard -- »leider Gottes handeln die
+Männer hier leichtsinnig genug in dieser Hinsicht, und haben schon
+manches arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten der
+Insulaner -- das Herz kehrt sich ja nun doch einmal nicht an Sitte und
+Gebrauch.«
+
+»Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so leicht brechen könnten«
+entgegnete Susanna etwas kalt.
+
+»Doch, doch« sagte leise Madame Belard, »und Sadie ist gar nicht wie ein
+Kind dieser Inseln erzogen -- nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie,
+Natürliche ihrer Bewegungen verkünden sie als ein Kind des
+Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti starb, hat sie
+wie eine Tochter gehalten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen,
+aber ich fürchte fast, statt dessen einen schlimmen Dienst erwiesen.
+Nicht Indianerin, nicht Europäerin muß sie für das Leben ihres
+Vaterlandes verloren sein, nie wenigstens würde sie sich, wozu sie doch
+Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines gewöhnlichen
+ungebildeten faulen Indianers glücklich fühlen können -- und ich
+fürchte, sie wird _nicht_ im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf
+immer an sich zu fesseln.«
+
+»Und verlangst Du von Delavigne daß er sein Leben auf jenem Atiu
+verträumen -- diese monotonen Inseln mit ihren ewigen Palmen und
+Brodfruchtbäumen nie wieder verlassen soll?« rief Susanna in ihrem Spiel
+aufhörend und sich rasch und fast heftig nach der Freundin umdrehend.
+
+»Verlangen?« sagte diese achselzuckend -- »ich verlange von einem Mann
+vor allen Dingen daß er seine Schwüre hält, es ist das wenigste _was_
+man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, so
+kann er die Inseln nur verlassen, wenn er die Indianerin _als sein Weib_
+mit hinüber in das alte Vaterland nimmt.«
+
+»Um dort der Kinder Spott zu werden« rief Susanna rasch.
+
+»Er hat das Alles voraus gewußt,« sagte Marie Belard, »Sadie ist
+übrigens ein wunderhübsches Weibchen.«
+
+»Und wie lange wird das dauern?« frug Susanna, »in sechs Jahren, in fünf
+vielleicht schon, ist die Blüthenzeit dieser Kinder der Tropen vorüber
+und _die_ Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den
+civilisirten Städten der alten oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der
+neuen könnte er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede
+anständige Familie in New-York sowohl wie New-Orleans von ihm
+zurückziehn würde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit
+_schwarzem_ Blute Umgang zu haben.«
+
+»Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter von
+der Königstochter Pokahontas abzustammen« sagte Madame Belard.
+
+Susanna zuckte die Achseln.
+
+»Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten« sagte sie, »aber frag
+einmal eine der dortigen Familien, ob sie _jetzt_ einem ihrer Söhne
+gestatten würden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu
+_beflecken_. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt
+werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes
+handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern --
+Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen« fügte sie mit weit leiserer
+Stimme etwas zögernd hinzu, »wie man überall hört, ja keineswegs so
+bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf
+ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.«
+
+»Die meisten, ja, leider Gottes« sagte Madame Belard -- »die
+leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht
+verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch
+nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so viel als möglich den
+Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter
+geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer
+Ceremonie als bei uns und -- ich sollte denken -- auch ebenso bindend.
+Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie
+ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und
+getraut; der würdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere
+als vollgültige Ehe zwischen den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe
+sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur
+gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und
+Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben
+bringen kann, ist das _eigene_ Wort, das eigene Herz das einzige worauf
+man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß
+Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.«
+
+»Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher Art hier beschließen
+wird?« frug Susanna -- »Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs
+und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt _aufhören_ zu leben -- ist das
+wahrscheinlich?«
+
+»Aufhören zu leben -- mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit
+seinem Kind?« frug Madame Belard dagegen, »er kann das nicht gut
+»aufhören zu leben« nennen, was, wie er mich oft versichert, das höchste
+und schönste Ziel seines Lebens gewesen; -- es wäre zu traurig für die
+arme Sadie; und doch _fürchte_ ich fast das wilde ungestüme Wesen des
+Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens,
+auf die Länge der Zeit wenigstens, einschnüren lassen. _Ihr_ Beiden
+hättet besser zusammen gepaßt.«
+
+Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und
+zwar mit raschen kräftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, während
+Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute.
+
+Die Thür öffnete sich leise und René erschien auf der Schwelle -- keine
+der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes
+kommen hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast
+wehmüthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den
+Lauscher nicht ahnend das Lied schloß und wieder über zu den weicheren
+seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie
+dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehört. Eine
+Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes
+folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme
+leise ein.
+
+ Die Halme wehn gedankenschwer
+ Auf jener Wiese drüben,
+ Sie sagen wohl einander nur
+ Daß sie sich innig lieben;
+
+ Ich aber liege einsam hier
+ Und schaue in die Höhe --
+ Ach daß mich Niemand lieben will
+ Ist ja mein einzig Wehe.
+
+»Ein trauriges Lied« seufzte Madame Belard und drehte sich nach der
+Freundin um, stieß aber unwillkürlich einen leisen Schrei aus, als sie
+den, mit dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschäftigt,
+bleich und ernst vor sich stehen sah.
+
+Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und während ihr das Blut in die
+Wangen schoß, stand sie auf und verließ das Instrument.
+
+»Sie haben uns belauscht« sagte sie und ihr Auge haftete so fest auf dem
+seinen, als ob sie die Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte
+geliehn.
+
+»Den Dichter wenigstens« entgegnete René, ihrem Blick begegnend -- »den
+armen Dichter, dem als er das Lied schrieb, wohl recht weich und weh muß
+um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß
+Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all seiner
+Pracht und Herrlichkeit -- es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor tausend
+Anderen, solchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch --
+sein Sie mir nicht böse daß ich Sie gestört habe -- ich will ihre Zeit
+nicht lange in Anspruch nehmen -- ich komme Ihnen Adieu zu sagen.«
+
+»Sie wollen fort?« sagte Susanna leise.
+
+»Hoffentlich Morgen« erwiederte René mit einem Lächeln wenigstens,
+wenn es auch ein gezwungenes war.
+
+»Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein« rief Madame Belard --
+»gestern Abend wußten Sie noch kein Wort davon.«
+
+»Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.«
+
+»Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche Nachricht vorbereitet,
+lieber Delavigne -- auch hier ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie
+wirklich nicht noch -- einmal sehn sollte -- es thut uns recht, recht
+leid Sie von hier verlieren zu müssen.«
+
+»Madame Belard« sagte René und seine Stimme zitterte.
+
+»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, soll ich sie
+nicht wiedersehn?«
+
+»Sie werden sie entschuldigen müssen« sagte René das Papier mit einer
+dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte
+-- »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und -- es ist besser so
+vielleicht -- ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen«
+setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, »aber meine Geschäfte
+zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und -- da konnte ich es
+doch nicht übers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.«
+
+»Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen« rief Madame Belard
+schnell -- »aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der
+Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns -- es ist ja das letzte Mal
+vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen.
+Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen Wirren aus dem
+Wege gehn; besonders in ihren Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende
+manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Parthei in
+Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie
+ja noch immer Ihr freier Herr.«
+
+»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig« sagte René -- »ich
+kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch
+spitzfindige Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen
+harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich schon auf der
+anderen Seite auch zu sehr über das Treiben und Wesen der fanatischen
+Missionaire geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde mich
+also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr
+ist übrigens daß man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine
+Neutralität, selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten
+_kann_, und in sofern wäre es allerdings gut selbst der Möglichkeit
+einer Collision entrückt zu sein. Den Eingeborenen ist übrigens jede
+Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können,
+denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer, wenn ich
+nicht irre der Salamander, signalisirt worden.«
+
+»Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre,« rief Madame
+Belard rasch, »dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns
+Briefe aus der Heimath.«
+
+»Aus der Heimath« sagte René leise -- »es ist doch ein wunderbares Wort
+-- ich hätte nie geglaubt daß solch ein Zauber darin liegen könnte --
+aber -- ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis -- Sie
+werden wahrlich erst ungestört spielen können, wenn ich fort bin.«
+
+»Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich
+an's Clavier,« sagte Susanna, in einem Buche blätternd das neben ihr
+lag, den Kopf von René abgewandt.
+
+»Und was hört man draußen im Land über unsere Zustände hier?« frug
+Madame Belard -- »Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich
+die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen Befehlen fügen werden?«
+
+»Gott weiß was sie thun« sagte René -- »soviel ist gewiß, daß die
+Regierung jetzt mehr den Einfluß der Missionaire, besonders des
+Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und
+nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn
+einzuschreiten.«
+
+»Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges nobles in seinem
+ganzen Wesen« sagte die junge Frau -- »ich hätte ihn gar nicht für einen
+Missionair gehalten.«
+
+»Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die
+Eingeborenen ausübt -- ich bin übrigens kein Freund dieser Herren, und
+froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Diese
+tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist zum Verzweifeln, und wenn
+irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug
+machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers zu springen, ehe
+ich einem schleichenden, tödtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.«
+
+Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln:
+
+»Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten -- seit Sie den Frack
+wieder getragen, und die Glacéhandschuh haben Sie sich den Geschmack an
+dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.«
+
+»Sie können mir den Frack noch immer nicht vergessen,« lachte René,
+rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend.
+
+»Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein Ihrer Geschichte, an Ihnen
+in die Augen sprang« sagte schelmisch das Mädchen, »und ich malte mir
+Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch
+nicht wieder verwischen lassen.«
+
+»Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie
+hervorgebracht,« lachte René, »Frack und Glacéhandschuh -- wieder ein
+Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen selten im
+Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil über eine, ihnen zum
+ersten Mal aufstoßende Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.«
+
+»Ei Sie grober Mensch« rief Madame Belard rasch, »wie können Sie etwas
+derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf
+alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck gemacht haben. Der erste
+Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das
+Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele
+Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verstand für das Herz
+denken und handeln müsse, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber
+hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht
+es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und
+uns von anderen eben so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch
+Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz
+streckt seine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verstand in Monaten
+vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch
+getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten
+ist es daß es sich irrt.«
+
+»Sie _hätten_ recht,« erwiederte René, »wenn Ihr erster Blick eben ein
+unpartheiischer wäre, der gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal
+begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei Ihnen stets
+den _Kleidern_ des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehört
+unbefangen zu sein -- eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete Mode
+sprach das Urtheil vorher.«
+
+»Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht haben« rief Susanna wärmer
+werdend -- »schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich
+Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.«
+
+»Augen und Zähne« erwiederte René achselzuckend -- »das Gesicht also
+abermals wieder nur als Kleidungsstück betrachtet.«
+
+»Etwas spricht für Ihre Behauptung« sagte Madame Belard etwas pikirt --
+»daß wir armen Frauen so oft von Euch Männern betrogen werden
+-- vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick ist unser
+Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß Sie so boshaft sein könnten.«
+
+»Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen« sagte Susanna,
+wirklich fast böse über die etwas herbe Bemerkung.
+
+»Gott verhüte daß ich Sie kränken sollte« fiel ihr René rasch ins Wort
+-- »zürnen Sie mir nicht, mir ist der Kopf wirr und toll seit heute
+Morgen, und der Gedanke Tahiti -- so viele liebe Freunde zu verlassen,
+noch zu neu, zu fremd -- zu ungewohnt. Aber ich muß auch fort; es
+dunkelt schon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was
+vor dem Abendschuß abgethan sein muß.«
+
+»Also wirklich fort?« sagte Madame Belard.
+
+»Ich kann nicht anders« seufzte René und fuhr dann leiser und ihre Hand
+ergreifend fort, »ich lasse viele liebe Freunde hier zurück -- werden
+auch Sie manchmal meiner gedenken?«
+
+»Wir wollen keinen großen Abschied von einander nehmen, Delavigne« sagte
+die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung
+niederkämpfend -- »Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier
+herüber kommen; es ist ja das Schönste was wir haben auf der Welt,
+liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren Bild, auf dem dunklen
+Hintergrund der Trennung nur so viel schärfer und reiner in unserer
+Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen und --
+mögen Sie das finden was Sie suchen.«
+
+Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte den jungen Mann durch
+sein offenes herzliches Wesen wirklich lieb gewonnen, und er sollte die
+Thränen nicht sehn die ihr ins Auge stiegen -- verließ sie rasch das
+Zimmer.
+
+Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr folgen wollte, besann sich
+aber und blieb an dem Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken
+Hand stützte.
+
+»Miß Lewis« sagte René leise -- »ich glaube nicht daß wir uns wiedersehn
+werden --«
+
+»Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen,« unterbrach ihn
+die Jungfrau, gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfend, dem sie nicht Worte
+geben mochte und konnte; aber, ohne daß sie eigentlich wußte warum,
+einen ernsten Abschied fürchtend, fuhr sie, in den leichten Ton
+übergehend, freilich in gezwungener Fröhlichkeit fort -- »Sie haben sich
+mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich jedenfalls erst um
+Urlaub bitten. Wissen Sie wohl daß mir der Preis bekannt ist, den mein
+Vater auf Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie jetzt
+so ohne Weiteres entlassen?«
+
+»Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle« bat aber René leise und ernst
+-- nicht im Stande in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden
+Ton einzugehn -- ȟben Sie Gnade meinet- -- Gnade eines anderen Wesens
+wegen.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht« sagte Susanna rasch, »aber ich sehe wohl ein,
+mir armem schwachen Mädchen wird das nicht gelingen, was der Delaware
+mit seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte -- Sie zu halten. -- Und
+was soll ich meinem Vater sagen?«
+
+»Sagen Sie ihm,« rief René jetzt, kaum im Stande das gewaltsam zu Tag
+brechende Gefühl nieder zu kämpfen -- »sagen Sie ihm -- daß ihn die
+Tochter hart und schwer gerächt. Und nun -- leben Sie wohl, recht wohl
+und -- glücklich.«
+
+Ihre Hand dabei ergreifend preßte er sie fest an seine Lippen und sprang
+dann mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus.
+
+»René!« wollte Susanna rufen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst --
+die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft
+auf ihr Herz gepreßt, floh sie auf ihr Zimmer, und schloß hinter sich
+die Thür mit dem Riegel.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+Jim O'Flannagan in Thätigkeit.
+
+
+Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden
+des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in
+wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens, denn
+dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten
+sich höher und höher, eine stürmische Nacht versprechend in dem sich
+wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mißbraucht,
+wenn er den ruhigen und vernünftigen Ostpassat einmal zu verdrängen
+gewußt hat, auf kurze Zeit.
+
+Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare
+Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht früh zurückzukehren und ihr
+noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen.
+Auch René blieb heute so entsetzlich lange aus -- aber er hatte noch
+viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so
+plötzlich, so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich leicht
+denken wie schwer es da sein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ,
+und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald,
+ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach Atiu -- o wie sie der
+Gedanke mit Glück und Seligkeit erfüllte -- nach Atiu, nach ihrem lieben
+lieben Atiu -- und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die
+stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen
+am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbraust,
+der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend -- ihrer Liebe
+-- o es war als ob ihr das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit,
+wenn sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu.
+
+Aber wo blieben die Männer? -- auch Mata-oti war draußen und kehrte,
+trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und
+höher herauf -- und gerade heute ließ man sie so allein. Doch draußen --
+das waren Schritte -- die Gartenthür hatte geknarrt, und gleich darauf
+betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer;
+sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dämmerung, ja
+Nacht, kaum noch erkennen.
+
+»Joranna Sadie, Joranna,« sagte er und trocknete sich den Schweiß von
+der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen
+dicken eingezwängten Armen kaum erreichen konnte -- »René ist noch nicht
+zurück?«
+
+»Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß
+wenigstens Einer von Euch da ist -- es ist gar so unheimlich hier so
+ganz allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lefévres dicht daneben
+-- ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für
+mich.«
+
+»Ist Bruder Aue hier gewesen?« frug Mitonare leise.
+
+»Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?« rief Sadie erstaunt, »nein.«
+
+»Pst« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich
+auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände
+und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum.
+
+Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zündete die
+Lampe an die auf dem Tisch stand.
+
+Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger
+und schleuderte die Brandung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit
+immer dumpferem Brausen.
+
+»Aber was hast Du nur, Mitonare?« rief Sadie endlich, vor ihn tretend
+und ihn bestürzt ansehend -- »Du siehst aus, als ob irgend etwas
+vorgefallen. Ist ein Unglück geschehn? -- Heiliger Gott, René -- wo ist
+René --«
+
+»Pst -- pst« sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und
+schloß die Augen dabei, schob die beiden außerdem schon etwas dicken
+Lippen vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf -- »pst, pst
+Pu-de-ni-a -- nicht solchen Spektakel machen -- haben Schildwache dicht
+bei --«
+
+»Aber René --«
+
+»Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich von ihm weiß ganz gesund
+und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus,
+zum Abschied -- Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehn, auf die Art«
+sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme
+Frau zu beruhigen -- »Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi
+-- bah -- ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel
+in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.«
+
+»Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe -- der Mann erscheint mir nur immer
+vor Sorge und Trübsal und großer Noth -- was soll er hier, heute noch
+hier wollen? und wenn ihn René hier fände, gäb' es vielleicht harte
+Worte zwischen den Männern. Gott wolle es verhüten.«
+
+»Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor -- er verließ den Garten,
+wie ich kam -- war er nicht hier im Haus?«
+
+Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu dem Mitonare auf.
+
+»Er kam aus _unserem_ Garten?« frug sie leise -- »doch ich bin ein
+thörichtes Kind,« setzte sie rascher hinzu, »mir da Sorge und Kummer zu
+machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein
+fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Männer, die darin
+gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach
+sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.«
+
+»Und ist das Canoe wieder fort?« frug Bruder Ezra.
+
+»Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur
+zurückgerudert.«
+
+Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute einige Minuten still
+und schweigend hinaus in die Nacht.
+
+»Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem
+Pandanusdach, wo das Feuer ist?« frug er endlich, sich wieder umdrehend,
+als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte.
+
+»Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag« sagte Sadie, »aber sie
+trieben sich meist oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootse
+mit seinen Töchtern wohnt.«
+
+»Ahem, ahem« nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen
+und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im
+Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin -- »es ist doch eine böse
+Geschichte, böse, böse Geschichte.«
+
+Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch
+nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn
+ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herüber zu
+dringen schien. Es war indeß so dunkel geworden, daß man die Hand kaum
+vor Augen erkennen konnte.
+
+»Was war das?« sagte sie leise -- »war das nicht als ob ein Canoe dort
+unten landete -- ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch
+nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?«
+
+»Unsinn« sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schüttelnd und die Thür
+zumachend -- »wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter -- Cutter
+liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist,
+wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.«
+
+»Dort draußen geht Jemand« rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre
+Sinne zum Aeußersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu
+erlauschen -- »das ist René.«
+
+»Possen,« sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thüre
+fortzuziehn, aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere
+Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da
+unten flüstere.
+
+»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte aber Sadie, sich entschlossen
+von der Hand des kleinen Mitonare befreiend -- »was hast Du, Mitonare
+-- Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt die Nacht da
+draußen?«
+
+»Pu-de-ni-a -- es ist Nichts -- ist nicht viel« sagte der kleine braune
+Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem
+Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen -- gute Freunde von --
+keine guten Freunde von Wi-Wis -- aber nicht von _unserem_ Wi-Wi« setzte
+er rasch hinzu -- »wollen sich -- wollen sich was in die Berge tragen,
+daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.«
+
+»Was in die Berge tragen? -- wie versteh' ich das?« frug die Frau
+erstaunt -- »geschieht da etwas gegen die Gesetze?«
+
+»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell -- »im Gegentheil,
+das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen
+-- ist Alles vorgeschrieben drinn.«
+
+»Wer hat es abgelesen?« flüsterte Sadie leise.
+
+»Bruder Aue und noch viele andere Männer.«
+
+Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte selber kaum warum, aber
+die Angst um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im
+Haus drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu öffnen.
+Mitonare verhinderte sie daran.
+
+»Nein, nein Pu-de-ni-a« sagte er rasch -- »nicht hinaussehn jetzt --
+brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn
+Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie
+Gewehre in die Berge tragen.«
+
+»Gewehre?« frug Sadie rasch und erschreckt -- »Waffen für die
+Eingebornen?«
+
+Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch
+besinnend daß er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare,
+eine auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln
+plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so
+kräftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.
+
+»Und weiß René davon?« frug die Frau.
+
+»Der Wi-Wi?« lachte aber Mitonare schon über einen solchen Gedanken
+gerad hinaus -- »der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a --
+Nein das ist gerad das Komische -- nehmen es durch sein eigen Haus und
+er weiß _nicht_!«
+
+»Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm gäbe?« frug die Frau,
+ängstlich die Möglichkeit bedenkend daß René die Hand nicht dazu bieten
+würde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen.
+
+»Bah, bah« lachte aber der Mitonare still in sich hinein -- »der Wi-Wi
+kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür gesorgt -- haben ihn
+eingeladen bis zehn Uhr -- nachher Alles vorbei -- kann nachher kommen
+und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in
+den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden hinzu, als
+er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand und dem Geräusch
+draußen horchte -- »sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei
+womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde
+unverschämte Männer über das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und
+Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? -- Bah -- soviel für die Wi-Wis
+-- sind ein paar gute darunter ja -- aber nicht viel; Kanaka muß was in
+der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die
+Matten unter dem Rücken fort.«
+
+Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu
+verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene
+Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute,
+wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen
+müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen,
+und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine
+_Flagge_? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als
+sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den
+Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm
+ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit
+gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen
+würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein
+eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige
+die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der
+ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten.
+Und der Erfolg? -- sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge
+waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß
+schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer,
+nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren
+Feinde die Spitze bieten. -- Aber Blut -- Blut sollte in diesen Thälern
+fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört
+geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu
+vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und
+unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu
+stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele.
+
+Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in
+seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von
+ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und _die_
+selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere
+dabei als leitende herrschende Wesen dachte -- den kleinen friedlichen
+Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die
+Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten --
+sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.
+
+»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches
+ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust -- »wenn die Männer zu den
+Waffen greifen, haben sie recht -- die jungen Leute eines Stammes haben
+ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen
+Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen
+entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so
+vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den _Lehrern_ eines
+Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe
+selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das
+Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem
+Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die,
+die Dich angegriffen haben? -- ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine
+thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und
+Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß
+nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater
+Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir
+unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.«
+
+»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land
+weggenommen,« rief der Mitonare schnell -- »Religion -- ja das ist
+Alles recht schön und gut -- Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man
+aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem
+auch die Religion Nichts.«
+
+Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an -- sprach das der kleine
+gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre
+im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem
+ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?
+
+»Mi-to-na-re!« rief sie bittend.
+
+»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem
+einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit
+-- »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der
+alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht
+anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch
+wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig -- aber glücklich wird man
+nun einmal nicht dabei.«
+
+»Und wir _waren_ glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth
+seine Hand ergreifend.
+
+»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam
+wieder über ihn -- »recht glücklich waren wir -- bis die Wi-Wis kamen
+-- nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen -- bis die anderen
+Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst
+verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten
+daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten
+müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem
+Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht
+mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch
+wieder in alten Weg zurückgeführt hatte -- es ist doch nicht mehr so wie
+früher, wir sind älter geworden und -- ha -- was war das? -- Jemand ist
+an der Thüre.«
+
+»Das wird René sein« rief Sadie.
+
+Die Klinke draußen wurde versucht.
+
+»Sadie -- öffne schnell! ich bin es,« rief in dem Augenblick der junge
+Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt
+hatte.
+
+»Segne mich« sagte aber Bruder Ezra erschreckt, während Sadie rasch
+hinzusprang dem Gatten zu öffnen -- »warum kommt er nicht oben herein
+von der Straße -- er muß sie gesehn haben.«
+
+»Was geht hier vor?« rief aber in diesem Augenblick René, sein Weib und
+den Mitonare, die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend.
+»Was sind das für Leute hier im Garten und was tragen sie?«
+
+»Was für Leute?« frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem
+Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen.
+
+»Was für Leute?« wiederholte René erstaunt -- »habt Ihr denn Nichts
+gehört und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei?
+-- wo ist mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die Wache von
+nebenan wird auch gleich hier sein.«
+
+»Die Wache?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was weiß sie von hier?«
+
+»Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang rasch zurück als wir die
+verdächtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.«
+
+»Alle Wetter!« rief aber der Mitonare, und in die Thür springend hielt
+er die hohlen Hände an den Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten,
+aber doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus.
+
+»Was zum Teufel, Mitonare!« schrie aber René auf ihn zuspringend und ihn
+zurückziehend -- »was soll das heißen?« Der kleine Bruder Ezra leistete
+jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgeführt zu
+haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf
+einen dort stehenden niederen Schemel -- mit den hohen Stühlen konnte
+er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrückt,
+still und aufmerksam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier
+ruhig abzuwarten gedenke.
+
+ * * * * *
+
+René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn
+gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe
+Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und
+jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte,
+auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden
+Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und
+machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit
+die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem
+Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte
+auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück.
+
+Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf
+aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von
+dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden
+wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und
+sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb.
+
+Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war
+dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon
+eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen
+breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe
+von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls
+etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen
+verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René
+konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner
+ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien
+eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung
+eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das
+Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es
+die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der
+Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber
+einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen
+Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr
+Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis --
+Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge,
+und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der
+Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand
+-- in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je
+daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu
+entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein
+Haus zu erreichen.
+
+Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen
+Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können,
+war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem
+Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so
+überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen
+Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.
+
+»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich
+ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit -- »sie werden
+fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben.
+Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne
+selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen,
+schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale,
+mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite
+der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in
+demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt
+fühlte.
+
+Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte
+keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein
+Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen
+Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem
+sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb,
+vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:
+
+»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine
+noch nicht ganz vernarbte Wunde -- laß mich los, wir können ruhig mit
+einander reden.«
+
+»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd.
+
+»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der
+verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch
+unten leise hielt -- »was habt Ihr gegen _mich_? -- es ist doch wohl nur
+ein Versehen, daß Ihr _mich_ gerade angefallen habt.«
+
+»Versehen? -- vielleicht« sagte der Eine vorsichtig -- »nicht viel zu
+sehen hier überhaupt -- wie heißt Du?«
+
+»René Delavigne, und wohne schon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai
+unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher
+bewohnte.«
+
+»Ist Alles in Ordnung« sagte ein Anderer der Leute.
+
+»Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?«
+
+»Müssen Dich erst noch sprechen -- komm herein in das Haus hier -- thun
+Dir Nichts« sagte der Erste wieder.
+
+»Ich fürchte Euch nicht,« entgegnete trotzig der junge Franzose, »habe
+aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch
+beliebt.«
+
+»Bist Du ein Freund von Kanaka?« frug ein Dritter jetzt, der bis dahin
+noch nicht gesprochen.
+
+»Wenn ich's _nicht_ wäre hätte ich schon um Hülfe gerufen, und Euch den
+Französischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt
+von hier entfernt auf der Straße liegt« entgegnete mürrisch René.
+
+»Hm, wenn das lauter Beweis ist« lautete die etwas mißachtende Antwort
+-- »Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier
+zum nächsten Haus -- gleich am Wasser dran -- wollen was mit Dir
+sprechen.«
+
+»Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte die mich eilig nach
+Hause rufen« sagte René ausweichend.
+
+»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher -- »komm Freund, Du _mußt_ --
+weißt Du, dann kann man nicht anders.«
+
+»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über
+den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine
+Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier
+ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders -- aber _was_
+wollte man von ihm? -- »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen -- »ich
+will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich
+ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und
+muß zu ihr.«
+
+»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen
+daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte -- »soll
+Dir Nichts geschehn, Freund -- blos warten ein Bischen blos warten« --
+und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben,
+gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo
+etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief
+versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag.
+
+René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil
+er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich
+das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben
+wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten,
+und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei,
+daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den
+Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier
+aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je
+eher er sich wieder frei machte, desto besser.
+
+Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und
+die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's
+Arm los und bat ihn hinein zu gehn -- er habe Nichts für sich zu
+fürchten.
+
+»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten
+Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand
+dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber
+ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da
+etwas aus dem Weg zu gehn, sonst --« und er riß das Terzerol, das er
+in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem
+Eingeborenen entgegen -- »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu
+vertreiben.«
+
+»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu
+hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in
+der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah -- »hast Du so was auch
+in der Tasche? -- hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer
+nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts -- schießt Du mich,
+sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.«
+
+»Du nimmst's kaltblütig« lachte René mit einem Blick den inneren Raum
+der Hütte überfliegend. Am andern Ende derselben saßen fünf oder sechs
+Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber
+konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand
+umzog das Haus, und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches
+entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden
+konnte.
+
+»Du hast recht Kamerad -- es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir
+eine Kugel durch den Kopf jagte -- drei Andere wären noch da mich
+aufzuhalten -- aber _Dir_ eben auch nicht. Ihr habt mich in aller
+Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräusch zu
+vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir
+sagt was Ihr von mir wollt _oder_ -- ich gebrauche doch hier diese
+Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls
+Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und
+weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?«
+
+Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten
+in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen
+würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem Geschütz herrührend
+verwechselten; jedenfalls mußte ihnen diese Drohung wichtiger als die
+erste dünken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander,
+ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.
+
+»Du willst nicht bei uns bleiben?« frug der Eine ihn jetzt.
+
+»Gutwillig nicht -- Ihr sagt mir denn sonst weshalb.«
+
+Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die leise und flüsternd
+geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für René, als
+er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der
+That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit
+der Stämme aber -- vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt
+auffällig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen
+direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden ließ, weil sie wohl
+fühlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste
+vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben
+und Tod, schien hier zu René's Gunsten zu sprechen.
+
+»Wir wollen Dir kein Leides thun« sagte der eine Insulaner, der Einzige
+der im Licht stand, dessen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und
+der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mußte -- »unser
+Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das
+nicht willst magst Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu Nacht
+essen -- Du sollst nicht sagen können daß wir Dich in eine unserer
+Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.«
+
+René lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und
+doch lag aber auch wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es,
+vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht
+abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in
+der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das
+Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert
+ziehn zu lassen.
+
+»Ich verspreche Dir das« sagte der Eingeborene, »und zum Beweis daß ich
+Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thür offen -- wir
+halten Dich nicht mehr -- aber« setzte er dann etwas leiser und mit
+einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu -- »wenn Du Freund von Kanaka
+bist, wirst Du's beweisen können heut'.«
+
+»Gut denn« lachte René, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die
+Tasche zurückschiebend -- »so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn
+daß ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mögt, Ehre mache.«
+
+Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Männer und den
+feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurückgezogen
+hatten in den entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die
+friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer
+noch schüchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die
+Männer zuriefen »den Tisch zu decken.« Schon bereit gehaltene Blätter
+wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen
+für die Neugekommenen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet
+saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod
+entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern
+gehangen, sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht die
+aufgetragenen Speisen zu beseitigen.
+
+Und René war der Fröhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz
+vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine
+Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und
+Umgebung, jeden trüben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das
+leichte fröhliche Blut, das seinem ganzen Körper jene unendliche und
+nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem
+Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er
+auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge sah.
+
+Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte
+sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen
+Hibiscusblätter trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte jetzt,
+aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten,
+denn er war nicht immer gewohnt bei den _civilisirten_ Indianern Treu
+und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber
+öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem
+Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht
+als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten
+hätte, verließ er das Bambushaus -- kopfschüttelnd dabei, was das
+räthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten
+gehabt.
+
+Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder unter sich, zu dem er sich,
+am Ufer des Baches nieder, hatte hinunterfühlen müssen, als er so rasch
+den Heimweg antrat, als ihn seine Füße tragen wollten. Weshalb hatten
+ihn die Insulaner aufgehalten? und stand das am Ende gar in irgend einer
+Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches fatales
+Gefühl, und das gespannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen
+Angriff nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er
+ging, den, zwar sehr betretenen, aber doch schmalen und dunklen Pfad
+entlang, der ihn zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann
+durch den noch düsterern Grund eines mit Wi- und Mapebäumen besetzten
+Thales führte. Mit diesem Thal näherte er sich aber mehr und mehr dem
+eigenen Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die Büsche
+schimmern zu sehn, als er plötzlich durch ein etwas barsches und gar
+nicht weit entferntes »~Qui vive!~« fast erschreckt und in seiner Bahn
+gehemmt wurde.
+
+»Hallo Kamerad« sagte er aber lachend, sobald er die Antwort gegeben und
+durch den hier so dicht bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt
+so weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches konnte
+vorgefallen sein -- »Ihr liegt ja hier förmlich im Hinterhalt und
+könntet nervösen Personen den Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so
+plötzlich angeschrien würden; aber lieb ist mir's daß ich Euch hier
+finde.«
+
+»Habt Ihr irgend etwas gesehn?« frug der Soldat rasch.
+
+»Gesehn? -- nein« sagte René nach kurzem Bedenken, er wollte nicht als
+Ankläger gegen die sich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen
+auftreten, »aber paßt gut auf, Kamerad -- Ihr habt es mit listigen und
+der Waldwege gewohnten Burschen zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen
+sollten in späterer Zeit.«
+
+»Hat Nichts zu sagen« lachte der junge Soldat, »meine Augen sind frisch,
+Kamerad, und mein Gehör so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht
+mir Nichts -- aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier auf der Wacht einen
+gewaltigen Freundschaftsdienst erweisen, wenn Ihr's nämlich bei Euch
+führt.«
+
+»Und das wäre? von Herzen gern wenn ich's kann.«
+
+»Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den
+Strand postirt ist, sein Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht
+eine Pfeife voll Taback zwischen uns -- alle fünf -- wenn Ihr nur die
+geringste Quantität --«
+
+»Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade,« sagte René freundlich,
+»aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt
+Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, steht er Euch gern zu
+Diensten.«
+
+»Ich selber darf nicht vom Posten« rief der Soldat fröhlich, »aber ich
+geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch
+Aussicht auf eine Pfeife« -- und rasch der vielleicht zwanzig Schritt
+vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend rief er von dort einen der da
+drin auf der Matte schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den
+Landsmann zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen.
+
+René war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort schnitt ein
+ihm wohlbekannter, etwas näherer schmaler Fußpfad durch ein weites
+unbebautes und mit hohen Cocospalmen bewachsenes Grundstück nach seinem
+eigenen Garten hinüber, der von hier kaum mehr wie fünf- oder
+sechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge
+Französische Soldat, ohne es selbst der Mühe werth zu halten sein Gewehr
+mitzunehmen, begleitete. Die Insulaner hatten sich bis jetzt nicht
+allein so friedlich, nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, daß
+keiner der Soldaten an einen Zusammenstoß mit ihnen auch nur dachte.
+All' diese Vorsichtsmaßregeln, besonders die am Strand hin aufgestellten
+einzelnen Posten galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern sollten
+einzig und allein dazu dienen die Mannschaft der im Hafen liegenden
+fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die
+Eingeborenen, was man besonders von den Engländern fürchtete, nicht
+allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch
+Waffen und den fast für den Frieden der Küste ebenso gefährlichen
+Branntwein zuzuführen.
+
+Rasch und schweigend, René voran, waren sie den Pfad entlang
+geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut
+hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die
+Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand
+darauf gelegt hinüber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und
+gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer
+schweren Last, rasch aber geräuschlos vom Strande aufwärts, dicht unter
+den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun lag
+allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen
+einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen
+eingeladen, also auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief
+einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da?
+-- was trugen sie?
+
+»Was ist da?« flüsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts
+sehen konnte, aber ein Geräusch zu hören glaubte, »irgend etwas
+Verdächtiges?«
+
+»Verdächtiges? -- ja« flüsterte René zurück -- »ich kann nur noch nicht
+recht daraus klug werden -- bst --« sagte er plötzlich, den Arm des
+Soldaten fassend, »da kommt noch Einer.« Dieser glitt etwas weiter nach
+vorn, und deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht
+irgend etwas ausgeführt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm
+im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem
+zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch René nicht
+glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber
+beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier
+draußen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflüsternd daß er
+hinüberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu
+untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der
+letzte Träger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise über die
+Fenz, und glitt rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während der
+Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als
+er wieder Schritte vom Wasser herauf hörte, so still wie er konnte
+zurückzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise
+noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten
+alarmirt worden war, herbei zu holen.
+
+ * * * * *
+
+An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck,
+eine besondere Thätigkeit geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich,
+wer das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das kaum hätte vermuthen
+dürfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schläfrig herum, oder
+stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn
+oder eine zersprengte Weveling[F] auszubessern, höchst aufmerksam jedoch
+stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo
+dann jedesmal das Klopfen und Hämmern in seinem Bauch schwieg, und Mac
+Rally vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte,
+nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte.
+
+ [F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen.
+
+Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck -- die Leute
+beschäftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem
+Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen
+Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn.
+Hoch postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordseit,
+diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die
+Aussicht auf sein Deck, die überdies in der rasch einbrechenden
+Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu
+war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene
+Matrosenwäsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier
+Fässer waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen
+umwunden, um, sobald die Nacht vollständig eingebrochen sei, über Bord
+gelassen zu werden.
+
+Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem
+von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wünschen können, das in nichts
+Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen
+Munition, wie eben so viele Säbel, an den durch den Iren selber
+bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wußte daß die Küste an diesem
+Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes
+Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen können, waren die Waffen in
+gewöhnliche Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet worden,
+und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, daß
+sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend,
+schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als sie zu
+steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben
+waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender
+Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in der That nur durch einen
+ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserfläche
+unterschied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen
+auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden.
+Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die
+Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die
+Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten
+Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch
+dessen Garten die Fracht geschafft werden mußte, entfernt oder für ihr
+Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan
+selber, das zweite Mr. Noughton -- wie er sagte »_durch seine
+Freunde_« -- übernommen.
+
+Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich
+regelmäßig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am
+Strand eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf
+der harten sandigen Fläche auf und ab. Mißtrauisch wohl manchmal nach
+Westen hinüberschauend, wo über den scharfzackigen Kuppen von Imoe
+schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon
+eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende
+prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit,
+und nicht satt sehen konnte er sich an den weißen schäumenden Massen,
+die in dumpfem Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's Neue mit
+ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen
+Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen
+über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschüttelten
+Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leise Plätschern
+des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel
+und das Wasser weiter und weiter nach See zurückwich -- es war ihm froh
+und leicht um's Herz, und fast vergessend daß er hier eigentlich her
+postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht
+gehörender, feindlicher Körper, summte er sich doch ein munteres Lied
+und athmete die kühle würzige Luft ein -- der Brust ein herrliches
+Gefühl nach dem schwülen dumpfigen Tag.
+
+In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenstreif
+der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten
+schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es
+scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter
+und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie
+oben stehn; -- so nicht fünfzehn Minuten später hüllt wirkliche Nacht
+die Erde ein, während noch der hellere Streif im Westen die Stelle
+kündet wo die Sonne kaum verschwunden.
+
+In der kurzen Dämmerung die dem scheidenden Tage folgte, war es, als ein
+Seemann, wenigstens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein
+rothseidenes Tuch eingeknüpften Bündel am Strande suchend heraufkam, und
+seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von
+dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerst bemerkt
+als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf
+ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe, besonders der
+Englischen, streiften in der ganzen Nachbarschaft umher und mußten doch
+alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendschuß Papetee wieder verlassen
+haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe zurückgekehrt zu sein; es war
+Zeit daß der Mann dorthin aufbrach, er verpaßte sonst die Stunde, und
+konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen Hängematte, in dem
+Französischen Wachthaus zubringen -- eine Abkühlung für die Freuden des
+Tages.
+
+Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach Papetee zurückzuwollen,
+denn langsam am Ufer hinschlendernd, wobei er sich der Schildwacht mehr
+und mehr näherte, blieb er manchmal stehn und erwartete jedenfalls ein
+Boot von See her, das vielleicht versprochen hatte ihn hier abzuholen.
+So wenigstens erklärte sich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes.
+
+Endlich mußte dieser -- und es war fast dunkel indessen geworden -- zu
+einem andern Entschluß gekommen sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie
+ärgerlich und ungeduldig mit dem Fuß, und schritt dann, dabei alle
+möglichen Englischen Flüche in den Bart murmelnd, gerade auf den
+Franzosen zu, der jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die
+einbrechende Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte, zu sehen
+was der Bursche von ihm wolle.
+
+»Hallo Mate«[G] redete er den Soldaten in breitem Irisch an, als er in
+Sprachnähe etwa herangekommen -- »kein Boot gesehen hier, seit Du da
+stehst und die Muskete spazieren trägst?«
+
+ [G] Kamerad.
+
+»~Je ne comprends pas, camarade~« lachte der Franzose, mit dem Kopf
+schüttelnd.
+
+»Wer ist todt?« frug der Ire, mit komischem Ernst den Franzosen erstaunt
+ansehend.
+
+»~Je ne comprends pas -- rien du tout -- notting!~« erwiederte aber die
+Wacht halb mürrisch über die wiederholte Frage, und das einzige
+Englische Wort verunstaltend, das sie vielleicht konnte -- »geh hinunter
+nach Papetee -- bis Du hinunter kommen kannst wird der Abendschuß
+gefeuert, und nachher sitzest Du da.«
+
+»Ahem« nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von dem Allen verstand --
+»er wird's wohl nicht haben ändern können. Aber verdammt, das ist
+langweilige Arbeit, wenn der Bursche auch kein Wort Englisch versteht --
+wie mach' ich ihm da begreiflich was ich will -- ist doch horndummes
+Volk die Wi-Wis.«
+
+»~Prenez garde!~« rief der Posten drohend, der die letzten nur zu gut
+gekannten Sylben wohl verstanden hatte, und sich denken konnte daß der
+Fremde ärgerlich darüber sei sich nicht ausdrücken zu können und für
+sich schimpfe -- »wahr' Dich wie Du das Wort hier brauchst Kamerad.«
+
+»Dann versteht Ihr vielleicht die Landessprache« rief Jim O'Flannagan,
+denn er war es, jetzt rasch -- »auf Tahitisch wär' es wenigstens eine
+Aushülfe.«
+
+»Tahitisch nicht gerade« antwortete der Franzose ihm in einem anderen,
+aber doch verständlichen Dialekt -- »ich bin fast ein Jahr auf den
+Marquesas-Inseln gewesen, und es hat Aehnlichkeit -- aber was wollt
+Ihr?«
+
+»Mein Boot, Mate« brummte der Ire, »mein Kamerad hat versprochen mich
+hier abzuholen, und jetzt läßt er mich sitzen.«
+
+»Nebenan ist heute ein Canoe angefahren« sagte der Franzose.
+
+»Hol' die Canoe's der Teufel« knurrte Jim -- »wenn man am festesten
+sitzt, klappen sie um manchmal, wie die Taschenmesser -- nein eine
+ordentliche reguläre Schiffsjölle mit rothem Segel -- nichts gesehn,
+Kamerad?«
+
+»Nicht die Probe.«
+
+»Verflucht« brummte der Ire, »aber kommen _muß_ er noch, denn er darf
+nicht ohne mich an Bord zurück -- Wollt Ihr mir einen Gefallen thun,
+Kamerad?«
+
+»Und der wäre?«
+
+»Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bündel hier einen Augenblick
+herzulegen? ich traue dem rothen Gesindel nicht recht, ich habe Geld
+d'rin.«
+
+»Warum nimmst Du's nicht lieber mit?« frug der Posten.
+
+»Ich muß doch hierher wieder zurück, wenigstens noch einmal nachzusehn
+ob das Boot nicht kommt -- nachher geh' ich die Straße hinunter in die
+Stadt.«
+
+»Und kommst zu spät zum Abfahren.«
+
+»Bin bekannt dort« lachte der Andere -- »im schlimmsten Fall find' ich
+Nachtquartier -- ich bin gleich wieder unten,« und ohne eine halbe
+Einwendung des Franzosen dagegen weiter zu hören, legte er sein Bündel
+gleich neben den Stamm einer dicht am Strand stehenden Palme, deren
+faserige Wurzeln von dem Wellenschlag vollkommen bloß gespült waren, und
+schritt in das Gebüsch hinein, das dort allerdings der Straße zuführte.
+
+»Diable« brummte aber auch seinerseits der Posten, »giebt einem da
+Aufträge ohne weitere Umstände -- werde mich aber verwünscht wenig um
+sein Tuch kümmern. Boot? -- ein Boot darf mir jetzt gar nicht mehr
+landen nach Dunkelwerden; verdammt unverschämtes Volk diese Englischen
+Matrosen.« Und wie den Aerger zu verjagen setzte er pfeifend wieder
+seine Wandrung am Strande auf und nieder fort.
+
+Jim war aber nicht nach der Straße hinaufgegangen, sondern mit jedem
+Fußbreit Boden, den er den Tag über genau recognoscirt, vollkommen
+vertraut, in den Büschen, zwischen dem Posten und der oben aufgestellten
+Wache durchgeschlichen, und einer etwas weiter oben auslaufenden
+Korallenspitze zugeeilt, wo man allerdings, der fast bis an die
+Oberfläche reichenden Korallen wegen mit einem Boote nicht landen, die
+schmale Durchfahrt aber innerhalb der Riffe, desto besser übersehen
+konnte. Dort lag er, bis er vom Wasser aus das verabredete Zeichen der
+vorbeitreibenden Fässer erhielt, deren dunkle Umrisse er von hier aus
+kaum im Stande war zu unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben
+sie so viel weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu
+fürchten, sobald nur das Ausladen geräuschlos genug betrieben wurde.
+
+Vollkommen befriedigt über das was er gesehn, lag er noch einige Minuten
+still, das eigenthümliche Floß mit seinen dunklen Geleitern erst etwa in
+einer Höhe mit der Schildwacht zu lassen, kroch dann den Weg den er
+gekommen zurück, und ging nun, in den Büschen wieder angelangt, und
+durch diese mit einigen halblauten, für das Ohr des Posten bestimmten
+Flüchen durchbrechend, gerade wieder auf die Palme zu wo sein Bündel
+lag.
+
+»Kein Boot gekommen?« frug er hier, dicht bei dem Französischen Soldaten
+stehn bleibend, nahm dabei eine Cigarre aus der Tasche, schlug mit Stein
+und Stahl Feuer und zündete sie an.
+
+»Nein« sagte der Soldat, dem der Tabacksqualm gut roch, der aber den
+Engländer nicht deshalb anreden mochte -- »jetzt wär's auch zu spät, ich
+dürft' es gar nicht mehr an's Ufer lassen.«
+
+»So hol's der Böse, ich komme auch ohne es an Bord -- eine Cigarre
+Kamerad?«
+
+Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei nach dem Wasser hinüber;
+sein scharfes Ohr hatte von dorther ein Geräusch entdeckt.
+
+»Danke« sagte der Franzose, die Cigarre nehmend und an der des Iren
+entzündend -- »Taback -- schmeckt -- prächtig -- wenn -- man --«
+
+»Hat sie keine Luft?«
+
+»Danke -- geht schon -- wenn man ihn lange nicht gehabt hat -- so,
+danke.«
+
+»Hm« sagte der Ire, sein Bündel wieder aufnehmend, er that dabei langsam
+ein paar Schritte an der Wache vorbei und blieb dann wieder stehn.
+
+»Gute Nacht Kamerad« sagte der Franzose.
+
+»Gute Nacht -- hm, ja -- gute Nacht Mate« entgegnete Jim -- das Floß
+hätte jetzt schon gut an Ort und Stelle sein können, und doch war's ihm
+immer, als ob er ein verdächtiges Geräusch gerade gegenüber auf dem
+Wasser höre; hinaushorchen durfte er aber auch nicht, sonst wäre der
+Posten ebenfalls darauf aufmerksam geworden. Er _mußte_ noch einen
+Augenblick zögern, und drückte sein Cigarrenfeuer zwischen den Fingern
+aus, that dann ein paar Schritte, blieb stehn, zog wieder, und wollte
+eben zurückgehn den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieser sagte:
+
+»Da draußen wird Euer Boot kommen -- mir war als ob ich etwas auf dem
+Wasser hörte.«
+
+»Das wäre der Teufel« brummte Jim in Englisch, setzte dann aber sogleich
+auf Tahitisch hinzu: »würden jetzt schwerlich glauben daß ich noch hier
+bin -- wird wohl ein Fisch gewesen sein.«
+
+Der Soldat horchte.
+
+»Dürft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer bitten« sagte Jim wieder zu
+ihm tretend.
+
+»Gern -- wahrhaftig da war wieder etwas.«
+
+»Es sind hier viel Purpoisen im Wasser und machen dann immer einen
+merkwürdigen Spektakel.«
+
+»Das war kaum ein Fisch« sagte der Soldat, jetzt vollständig alarmirt
+und sich niederkauernd, besser über die Fläche sehn zu können, ob er
+nicht doch vielleicht durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke
+-- »müßte mich sehr irren, wenn das nicht wie eine Menschenstimme klang.«
+
+»Vielleicht Fischer die noch draußen sind« sagte der Ire, sich jetzt
+ebenfalls niederkauernd, dem was man hörte Form abzugewinnen, in der
+That aber dem Soldaten, falls dieser wirklich laut werden wollte, so nah
+als möglich zu sein.
+
+»Ruft doch einmal Euer Boot an« sagte jetzt der Soldat zu Jim, »da
+werden wir gleich sehen wer draußen ist.«
+
+Das war allerdings richtig, aber daran lag dem Iren Nichts hier Lärm,
+und die Soldaten an der Straße nur ebenfalls aufmerksam zu machen.
+
+»Es kann das Boot nicht mehr sein« brummte er kopfschüttelnd.
+
+»Diable« murmelte der Franzose, »ich glaube wahrhaftig ich sehe dort
+etwas auf dem Wasser -- ruf Kamerad, ich _muß_ wissen was da draußen
+ist.«
+
+Jim konnte sich nicht länger weigern und die Hände trichterförmig an den
+Mund haltend, daß der Schall so wenig wie möglich rückwärts ginge, rief
+er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme:
+
+»Boot ahoy!«
+
+Keine Antwort erfolgte.
+
+»Lauter!« sagte der Soldat.
+
+»Boot ahoy« rief Jim noch einmal, ohne daß sich von draußen irgend etwas
+als Antwort hören ließ; ja es schien eher als ob der Laut das da drüben,
+was es nun auch gewesen, zurückgescheucht habe in die Tiefe, aus der es
+vielleicht gekommen.
+
+»Du rufst gerade als wenn man in einen Topf spricht« brummte der Soldat
+-- »das kann man ja nicht auf fünf Schritt hören.«
+
+»Ich bin heiser« sagte Jim -- »aber es war auch jedenfalls ein Fisch --
+jetzt ist Alles wieder todtenstill.«
+
+»Vielleicht -- vielleicht auch nicht, -- da ist's wieder! ~qui vive!~«
+rief er dann mit lautem, kurz abgestoßenem Ton über das Wasser hinüber,
+»Teufel wenn Du mir da drüben nicht antwortest, schick' ich Dir eine
+Kugel hinüber.«
+
+Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand lautlos nicht zwei
+Schritt von dem Franzosen, er sah sich scheu und rasch um, und die linke
+Hand faßte wie krampfhaft das Bündel das sie trug.
+
+»Wenn Ihr denn da drüben nicht antworten wollt, so tragt auch die
+Folgen« brummte der Soldat vor sich hin und spannte den Hahn -- Jim
+stand dicht hinter ihm, seine rechte Hand hob sich und als er sie
+senkte rasselte das Gewehr auf den Sand nieder, und der Körper des
+unglücklichen Franzosen brach lautlos zusammen.
+
+»Hast's nicht anders haben wollen« sagte der Mörder dumpf vor sich hin
+und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in
+seiner Tasche nach etwas gesucht -- er zog aber die Hand wieder zurück
+und lächelte unheimlich: »er braucht keinen Knebel mehr; 's giebt doch
+nichts besseres auf der Welt als solche Schlingenkugel für derlei Arbeit
+-- was für einen sanften Tod der Schuft gestorben ist. Aber nun Kamerad,
+Dein Gewehr und Patrontasche -- das Seitengewehr hilft Dir auch nichts
+mehr, und hier oben können wir's vielleicht brauchen.«
+
+Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, dann noch einen
+Augenblick nach dem Wasser hinüberhorchend zog er die Leiche unter einen
+Busch, wo sie wenigstens nicht vor Tag entdeckt werden konnte, griff
+sein Tuch und die erbeuteten Waffen auf, und glitt am Strande hin der
+Stelle zu wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen
+ebenfalls anlegen sollte. Den Boden stampfte er aber vor Wuth, als noch
+keine Spur von den versprochenen Fässern sichtbar war, und die kostbare
+Zeit verfloß indeß in unverantwortlichem Warten. Schon wollte er wieder
+zurück am Strande, ob er weiter oben Nichts erkennen könne, als ein
+leiser leiser Pfiff, mehr wie das Zischen eines Seevogels, vom Wasser
+herübertönte.
+
+»Endlich« knurrte der Seemann, die Zähne fest zusammenbeißend und wie er
+den Ruf kaum, eben so vorsichtig, beantwortet, kam auch schon im
+Fahrwasser das lange Floß mit den Schwimmern heran. »Wo zum Teufel habt
+Ihr so ewig lang gesteckt?« fluchte hier Jim ihnen entgegen, »glaubt Ihr
+daß sie uns die ganze Nacht Raum zu unserer Arbeit geben werden?«
+
+»Wir saßen da drüben auf einer Koralle und konnten nicht wieder
+loskommen« sagte Einer der Eingebornen.
+
+»Und habt einen Skandal gemacht, daß man's hätte in Papetee hören
+können« zürnte der Ire.
+
+»Hat die Schildwacht 'was gemerkt?«
+
+»Euere Schuld wär's nicht, wenn sie's hätte -- aber jetzt fort, heran
+hier mit dem Faß, und nicht länger geschwatzt -- habt Ihr die Säge mit?
+-- so hier, nun sägt die Reifen vorsichtig durch -- halt ich will das
+selber thun -- herauf mit dem Faß hier, und Du mein Bursche läufst über
+den Weg hinauf und holst die Leute herunter die dort versteckt liegen --
+Rasch mit Dir, sie sollen Alle kommen, wir müssen die Fracht in Zeit von
+einer Stunde wenigstens im Busch drinn haben; dort bleibt uns dann die
+ganze übrige Nacht, sie aus dem Weg zu schaffen.«
+
+Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf
+mit einer Anzahl seiner Landsleute zurück, die schon ungeduldig genug
+darauf gewartet hatten abgerufen zu werden, Jim aber sägte indessen mit
+einer seinen scharfen, besonders dazu hergerichteten Säge die hölzernen
+Reifen der Fässer durch, diese zu öffnen, und reichte die schon in
+tragbare Pakete eingeschnürten Gewehre, wie die kleinen Fäßchen Pulver
+rasch hinter einander hinaus. Blei befand sich schon genug an Land, was
+früher zu anderen Zwecken bestimmt gewesen. Vier Fässer waren solcher
+Art in unglaublich kurzer Zeit aufs Trockene gewälzt, geöffnet und
+geleert worden, und selbst von dem fünften hatte Jim schon die Reifen
+herunter, die Dauben mit Hülfe von ein paar Insulanern sorgfältig
+auseinander genommen, und angefangen die Pakete herauszureichen, mit
+denen zwei augenblicklich nach oben liefen, als sie den zurückkehrenden
+René über den freien Platz gleiten und in das Haus verschwinden sahen.
+Einer der Indianer sprang rasch zurück, dem Iren die unwillkommene
+Ankunft zu melden, dieser aber ließ sich nicht irre machen und betrieb
+das Ausladen nur um so schärfer.
+
+»Fort mit Euch -- fort.« flüsterte er rasch und leise -- »in zehn
+Minuten können wir mit unserer ganzen Sache in Sicherheit sein und dann
+mögen sie kommen und spioniren; in die Guiaven folgt uns doch so leicht
+Keiner hinein. Hier meine Jungen, auf mit Euch und davon -- was steht
+Ihr da? -- die Thür? -- fort mit Euch -- so lange das Zeichen nicht -- ha
+Teufel!« unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener
+Warnungsruf zu ihm niederschallte, »da ist wirklich Noth an Mann.«
+
+»Sollen wir noch gerad hinauf?« frug ihn Einer der Leute, der seine Last
+schon auf den Schultern trug.
+
+»Nein, hier rechts hinein« rief Jim rasch, »in des Franzosen Haus da
+neben an ist auch Niemand daheim, und die Fenz hier unten am Wasser hab'
+ich schon niedergebrochen. Dort hinüber und dann gerade hinauf in die
+Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn nur noch zwei Leute unten wären;
+fort -- macht daß Ihr fortkommt -- um Euer Leben.«
+
+Und die Warnung kam nicht zu spät, denn Jim O'Flannagans scharfes Ohr
+hatte schon die herbeieilenden Soldaten entdeckt, die rasch und ziemlich
+laut durch die Büsche traten, während zu gleicher Zeit René in seiner
+Thür erschien. Nur noch zwei Pakete Waffen waren dabei übrig geblieben,
+davon schob er das eine jetzt rasch auf das Deck des kleinen Cutters,
+vielleicht vor anbrechendem Morgen noch einmal Gelegenheit zu bekommen
+es von dort wieder durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen,
+während er selber das andere auffaßte und damit, so rasch ihn seine Füße
+trugen, den letztgegangenen Indianern folgte.
+
+»Halt steh da!« schrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn seine dunkle
+Gestalt war von oben herab gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als
+den weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des Strandes entdeckt
+worden, und drei Kugeln schwirrten zu gleicher Zeit nach ihm hinüber.
+Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den
+scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und seine Last mit
+dem linken Arm nur fester umspannend, während er das dem ermordeten
+Posten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, sprang er mit
+wenigen Sätzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich schwache
+Bambusthür nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine
+Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinanstürmten ihn
+auch dort nicht aufzugeben. Jim aber feuerte hier, theils um sie zu
+schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das
+geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf sie ab, und die
+Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber
+zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich hier, ohne die mindeste
+Aussicht auf Erfolg aussetzten, denn bei Nacht war in einem solchen
+Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain
+vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung wurde auf
+morgen früh mit Tageslicht festgesetzt, bis wohin auch Verstärkung von
+Papetee herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufgefunden werden
+konnte, wenn sie nicht, wie man sie jetzt stark in Verdacht hatte,
+gemeinsame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die
+Berge geflohen sei.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+Consul Pritchards Gefangennahme.
+
+
+Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in kleinen finsteren Trupps mit
+raschen Schritten durch die von der Morgensonne freundlich beschienene
+Stadt. Die Insulaner standen in kleinen Gruppen bestürzt beieinander,
+und die Mädchen liefen neugierig herüber und hinüber, zu sehn und
+horchen was geschehn, was vorgefallen sei, eine so plötzliche
+auffallende Veränderung in dem Benehmen der Fremden zu rechtfertigen.
+Keiner sprach, Keiner lachte mehr mit ihnen; barsch zurückgewiesen
+wurden sie, sobald sie sich ihnen nur näherten, und von den
+verschiedenen Schiffen landete Boot nach Boot, vollgedrängt von
+Bewaffneten, die verschiedene am Strand gelegene und der Königin
+gehörige Bambushäuser in Besitz nahmen, Wachen, ja Festungen daraus zu
+bilden.
+
+Dumpfe Gerüchte verbreiteten sich indeß auch unter den Bewohnern von
+Papetee, die keine Ahnung irgend einer begonnenen Feindseligkeit haben
+konnten. Eine Parthie Waffen war gestern Nacht in Mativai Bai auf
+schlaue Weise an Land geschmuggelt; man hatte nicht allein einzelne
+Stücken, ein Bayonnet und mehre andere Kleinigkeiten an der Straße,
+sondern auch ein ganzes Paket mit Englischen Musketen in einem kleinen
+Cutter der dort vor Anker lag, gefunden, und gegen Morgen noch, wo man
+mit Fackeln nachgesucht, war der Leichnam der überfallenen und
+ermordeten Französischen Schildwache, ebenfalls ihrer Waffen beraubt,
+entdeckt worden. Viele Personen waren deshalb schon verhaftet, auf
+anderen lag schwerer Verdacht, und die herbeigezogene Truppenmasse schon
+allein genügte, die sorglose Stimmung der Eingebornen zu zerstören, und
+ihnen einigermaßen das Verhältniß in seinem wahren und grellen Licht zu
+zeigen, in dem sie zu den fremden Eindringlingen standen, und welche
+Stellung diese, ihnen gegenüber, einzunehmen gedachten.
+
+Was sollte geschehen, was wollten diese von ihnen, und weshalb eine
+Armee in ihre Hütten werfen, die ihnen noch keinen Widerstand geboten,
+und jetzt überall durch die fremden unwillkommenen Gäste unwohnlich und
+beschränkt wurden. Die Häuptlinge traten zusammen und schickten Boten an
+die Missionaire ab, diese um Verhaltungsmaßregeln zu ersuchen; die
+geistlichen Herren fühlten aber daß ihr Regiment, für den Augenblick
+wenigstens, hier ausgespielt sei, und der einzige von ihnen, Mr.
+Pritchard, der sich durch die Flagge seiner Nation geschützt glaubte,
+zürnte offen und frei wie vor gegen die förmliche und muthwillige
+Eroberung, nein nicht einmal Eroberung, sondern einfache Besitznahme
+eines vollkommen friedlichen Landes an, dessen Fürstin sich jetzt nur
+gezwungen einer solchen Gewalt füge und wissen werde sich ihr Recht zu
+wahren, wenn die Zeit dazu gekommen sei.
+
+Die Franzosen kehrten sich aber wenig an Herrn Pritchard; ihre Flagge
+wehte schon von fünf oder sechs occupirten Gebäuden, ihre Soldaten
+durchzogen die Stadt nicht allein, sondern setzten sich an dem obern wie
+untern Theil derselben fest, und Massen von ihnen, die Flinte und
+Seitengewehr so lange ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen,
+fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Insel Motuuta
+Verschanzungen aufzuwerfen, sondern auch, zum unbegrenzten Erstaunen der
+Bewohner von Papetee, Gräben zu ziehn und Erdwälle aufzubauen um die
+Stadt selbst herum, als ob sie sich gegen die Berge und das benachbarte
+Land vor einem Angriff sichern wollten, an den in der That noch wenige
+der Insulaner gedacht, und der ihnen dadurch erst vor die Augen gerückt
+und als möglich und ausführbar gestellt wurde.
+
+Die Französische Regierung aber, oder vielmehr das Französische
+Regiment, das recht gut fühlte wie es bei einem wirklichen Angriff _gut
+bewaffneter_ Insulaner, hier dicht von den Bergen überall
+eingeschlossen, mancher Gefahr ausgesetzt sein könne, suchte gleich im
+Anfang mit durchgreifenden Maßregeln allen solchen Versuchen entgegen zu
+arbeiten, und eine etwaige Empörung im Keim zu ersticken. Strenge schien
+hierbei vor allen Dingen nöthig und den Befehlshabern war deshalb
+besonders daran gelegen die Mörder des Franzosen heraus zu bekommen,
+oder wenigstens ihre Spur zu finden, von der es schon ziemlich bestimmt
+im Französischen Lager hieß daß sie in das Haus eines der
+Protestantischen Missionaire, vielleicht gar des Englischen Consuls
+führen würde. Mr. Pritchard mit seiner offnen und ungescheuten Predigt
+gegen ihre Macht war ihnen überhaupt ein Dorn im Auge.
+
+Zu den ersten Maßregeln des Französischen Kommandanten gehörte es aber
+auch an diesem Morgen René Delavigne verhaften zu lassen, auf dessen
+Grundstück -- ob mit seinem Vorwissen oder nicht mußte die Untersuchung
+erst ergeben -- die Waffen ausgeladen waren und auf dessen, durch ihn
+hingeführten und dort gehaltenen Cutter man noch ein frisch eingenähtes
+Paket Waffen gefunden, das jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen
+liegenden Englischen Schiffe hinüberbefördert und dann während der
+Entdeckung und dem Angriff der Französischen Wache, dort zurückgelassen
+war. Sein spätes Außensein und seine doch sichere Bekanntschaft mit der
+dortigen Oertlichkeit wurde sogar mit der erschlagenen Wache in
+Verbindung gebracht, wobei ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung
+dienen konnte, den Französischen Soldaten selber dorthin geführt zu
+haben, wo sie die Schmuggler entdeckten -- jedenfalls waren die Vorräthe
+zu der Zeit schon in Sicherheit gewesen und die Möglichkeit lag unter
+jeder Bedingung vor, daß ein solcher Schritt, später gerechtfertigt
+dazustehn, ausführbar, ja sogar klug gewesen wäre.
+
+Den Cutter, an dessen Bord man die Waffen gefunden, nahm die Regierung
+ebenfalls in Beschlag, ja er wurde sogar, nicht einmal blos vor der Hand
+in Untersuchung gelegt, sondern gleich ohne Weiteres confiscirt und zum
+Französischen Küstendienst requirirt -- an Wiederherausgeben war gar
+kein Gedanke mehr.
+
+Sadie erschrak, als an dem Morgen, an dem sie gehofft hatte dem wilden
+stürmischen Tahiti den Rücken zu kehren und hinüber zu flüchten in ihr
+friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren Gatten
+fortzuführen; aber rasch gefaßt, und dem Unvermeidlichen sich fügend,
+übersah sie auch bald daß René, vollkommen unschuldig an den Vorgängen
+des letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder dastehn und
+natürlich freigegeben werden würde. Ernstlichere Folgen sah sie nicht
+und konnte sie nicht eine in einer solchen Maßregel sehn. Aber sie
+bezwang sich auch, dem Gatten gegenüber, noch weit gewaltiger, als ihr
+eigentlich zu Sinn war; sie wollte ihn nicht mit schwerem Herzen
+fortgehn lassen, wo er ja gerade Alles gethan hatte sie wieder froh und
+glücklich zu machen, und wenn das nun für den Augenblick noch nicht
+ging, so war das ja nicht seine Schuld sondern -- das Herz schlug ihr
+doch laut und ängstlich wenn sie in diesem Augenblick daran dachte _wer_
+die Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Bewußtsein vermochte sie
+dabei vollständig zu trösten, daß Alles ja nur geschehn wäre ihr
+Vaterland von den Unterdrückern desselben zu befreien, und den
+Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den starken und übermüthigen Feind zu
+schützen.
+
+Nicht allein René wurde aber an dem Morgen verhaftet, sondern auch der
+kleine Mi-to-na-re, der allerdings schon mit Sonnenaufgang einen Versuch
+gemacht hatte das, die ganze Nacht umstellte Haus zu verlassen, von den
+Wachen aber verhindert war und nun mit nach Papetee abgeführt wurde.
+
+»Armer Mitonare« sagte Sadie traurig, als er, aufgefordert der
+Patrouille zu folgen, an jenem Morgen sein Gebetbuch wieder in die linke
+Rocktasche hineinzwängte, und unverkennbar niedergeschlagen sich bereit
+machte dem eben nicht freundlich gegebenen Befehl zu gehorsamen --
+»armer Mitonare ist von seinem freundlichen Atiu hier herüber gerufen um
+Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens Willen.«
+
+Bruder Ezra schüttelte aber mit dem Kopf und sagte, keineswegs zufrieden
+mit der ganzen Begebenheit:
+
+»Glauben? -- der Glauben hat wenig genug damit zu thun -- wir sollen
+_glauben_, Pudenia, und die Wi-Wis wissen Alles gewiß. Glauben -- ja,
+ist ein schönes Ding, aber ein bequemes Haus dabei, und viel Brodfrucht
+-- nicht so in der Welt herumlaufen und das schwere Buch hinten in der
+Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue nicht ein?«
+
+»Wer ist das?« sagte Einer der dabeistehenden Französischen Soldaten,
+der eben genug von dem Tahitischen Dialekt verstand, den Sinn zu
+begreifen, »wo ist der, den Du eben genannt hast?«
+
+»Bodder Aue?« sagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drollen Humors, der
+ihn auch in diesem Augenblick nicht verließ, spielte ihm um die Lippen
+-- »Bodder Aue ist sehr guter Freund von mir auf Atiu -- aber nicht hier
+-- wenn wir ihn haben wollen können wir einen Brief schreiben; gehe
+wieder hinüber, sobald die Feranis keine Brodfrucht mehr für mich
+haben.«
+
+»Fort denn, mein Bursche« sagte der Soldat ärgerlich, »wir haben lange
+genug hier getrödelt,« und während man René noch Zeit ließ, ein paar
+Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben, die er augenblicklich
+abgegeben zu haben wünschte, wurde der kleine braune Missionair, unter
+den Spottreden und Witzen der Französischen Soldaten, die sich über
+seine unsinnige eingezwängte und unpassende Kleidung nicht wenig
+amüsirten, nach Papetee zu abmarschirt. Mitonare nahm aber die Sache
+ungemein kaltblütig -- klemmte seinen linken Rockschoß wieder unter den
+Arm, setzte seinen hohen Hut auf und schritt so ehrbar und ernst
+zwischen den bärtigen Kindern eines andern Landes hin, und grüßte so
+würdevoll die ihn begegnenden Insulaner, von denen ihn Viele kannten und
+lieb hatten, daß sich der Spott der Soldaten endlich auch abstumpfte,
+und sie ihn ungefährdet weiter in das Hauptquartier lieferten.
+
+René blieb übrigens, wie er auch Sadie zu ihrer Beruhigung vorhergesagt,
+nur wenige Stunden in Haft; leicht war es ihm durch seine Freunde zu
+beweisen, wie er wirklich den ganzen vorigen Nachmittag in Papetee
+zugebracht, und erst lange nach Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen
+sei. Dort selber hatte er den Französischen Soldaten mitnehmen wollen,
+als sie die Schmuggler trafen; an eine Mitwissenschaft war nicht zu
+denken. Schwieriger wurde es ihm zu beweisen, daß der kleine Cutter die
+Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort bei sich vor Anker legte,
+und daß er der Mission selber gehöre machte die ganze Sache nur noch
+verwickelter. Es ließ sich kaum denken daß der junge, mit den Officieren
+auf so freundlichem Fuß stehende Franzose etwas Derartiges gegen seine
+Landsleute unternehmen, oder auch nur unterstützen würde, und dennoch
+mochten die Französischen Behörden eine solche Gelegenheit, die Mission
+selber in eine Untersuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt wieder
+entschlüpfen lassen -- wer wußte ob nicht dann, wenn auch selbst nicht
+über diesen Fall, doch manches Andere an den Tag kam. Gern wurde deshalb
+auch die Bürgschaft der Herrn Belard und Brouard angenommen, René
+Delavigne augenblicklich wieder auf freien Fuß zu lassen, mit der
+Bedingung nur, Tahiti nicht zu verlassen, bis eben die Sache streng und
+vollkommen untersucht sei, wozu man sowohl seiner Gegenwart wie seines
+Zeugnisses glaubte benöthigt zu sein.
+
+Nicht so leicht sollte dagegen Bruder Ezra davonkommen, und trotz dem
+Protest der Missionaire, die es als einen Eingriff in ihre Religion
+betrachtet haben wollten einen fungirenden Missionair auf nur flüchtigen
+Verdacht hin seinem Amt zu entziehn, trotz der eben so ernsten
+Reclamation des Englischen Consuls, der in dem Indianer, als aktivem
+Mitglied einer Englischen Missionsgesellschaft, auch einen Englischen
+Bürger zu sehen glaubte oder zu sehen behauptete, behielt man ihn im
+Verwahrsam, und die Antwort die dem Englischen Consul wurde, war: sich
+selber in Acht zu nehmen und von gefährlichen Demonstrationen fern zu
+halten, wenn er nicht gleiches Schicksal -- vielleicht noch Schlimmeres,
+gewärtigen wollte.
+
+Solcher Art standen die Sachen mehrere Tage, die Französischen
+Kriegsschiffe fuhren ab und zu, umsegelten die Insel Tahiti einige Male,
+kreuzten nach Imeo hinüber, und Einzelne davon wurden sogar auf eine
+regelmäßige Expedition beordert, die Französische Flagge nämlich auf der
+Nachbargruppe der Gesellschafts-Inseln, auf Huaheine, Bola Bola, Raiatea
+und den anderen aufzupflanzen, ja man sprach sogar schon davon auch die,
+gerade unter dem Wind liegenden »Cooks-Inseln« zu denen Atiu gehörte, in
+Besitz zu nehmen und hie und da Garnisonen zu lassen. Doch hatten die
+Schiffe für jetzt eben mit der Gesellschaftsgruppe alle Hände voll zu
+thun, und ließen die übrigen Inseln für eine spätere und günstigere
+Zeit.
+
+Indessen waren die Franzosen unendlich thätig in Papetee und der
+Umgegend; feste Blockhäuser zu Kasernen und Gefängnissen wurden mit
+einer Masse von Leuten in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgräben um
+die eigentliche Stadt gezogen, ein tüchtiger Damm als Brustwehr
+aufgeworfen, und Geschütze von den Schiffen an Land gebracht, diese,
+sobald sie nöthig werden sollten gegen den Feind verwenden zu können.
+Auch die kleine Insel im Eingang des Hafens, welche die Haupteinfahrt
+allerdings vollkommen überwacht, wurde mit schwerem Geschütz versehn,
+irgend einem doch vielleicht gefürchteten Angriff der Engländer zu
+begegnen, und das gerade war es was den Insulanern, durch die Europäer
+darauf aufmerksam gemacht, wieder neuen Muth gab, ihre Sache noch nicht
+verzweifelt zu glauben. Beschäftigten ihre Freunde die Beretani's -- die
+übrigens auch hätten etwas früher kommen können -- nur die Schiffe, so
+wollten sie dann schon mit den am Lande befindlichen Wi-Wis -- mochten
+das auch noch so viel sein, fertig werden.
+
+Die Stimmung gegenseitig wurde ebenfalls eine feindlichere von Tag zu
+Tag. Die Eingebornen mußten eine Masse Provisionen und Früchte in die
+Stadt liefern, die man ihnen allerdings vollkommen gut bezahlte; aber
+dies zwang sie zu einer ihnen fremden und unbequemen Thätigkeit, einer
+Thätigkeit die sie nicht einmal gern für sich selber, viel weniger für
+die erklärten Feinde ihres Glaubens und Landes anwenden wollten, und sie
+erkundigten sich vor allen Dingen bei ihren Missionairen, ob sie dazu
+verpflichtet wären den Französischen Soldaten Brodfrucht und Fleisch und
+Früchte und Fische zu Markt zu bringen.
+
+Welche Antwort sie dort erhielten ist nicht bekannt, aber sie weigerten
+sich von da an die verlangten Provisionen einzuliefern, und eine
+Proclamation des Gouverneurs erklärte sie für _Rebellen_.
+
+»Rebellen?« bah, das war Unsinn -- das Wort das sie für Rebellion
+hatten, bezog sich auf eine Empörung gegen ihren Landesherrn und
+Gebieter, nicht gegen einen fremden Wi-Wi, der mit großen Schiffen kam
+und ihnen das Land wegnahm; denn selbst daß Einzelne ihrer Häuptlinge
+die Franzosen ersucht hatten sie zu _beschützen_ konnte ihrer Meinung
+nach die Fremden nicht berechtigen ihre Königin abzusetzen, gegen die
+sie ja gar keinen Schutz verlangt hatten, und ihnen Fremde zu Richtern
+und Distriktsoberhäuptern zu geben. Daß die Wörter »Protektorat« und
+»Besitznahme« dem Französischen Admiral ähnlich genug klangen sie zu
+verwechseln, konnten sie nicht wissen.
+
+Neue Forderungen des Kommandanten um Provision gingen indeß mit der
+scharfen Drohung ein, die ernstesten Maßregeln ergreifen zu wollen, wenn
+dem _Befehl_ nicht Folge geleistet würde, und besonders sollten die
+Häuptlinge, als die Einzigen an die man sich möglicher Weise direkt
+halten konnte, für das Betragen des Volks in diesem Fall verantwortlich
+gemacht werden.
+
+Auch den Missionairen wurde nochmals die, in nicht sanften Ausdrücken
+abgefaßte Warnung gegeben, sich nicht im Mindesten um die politischen
+Verhältnisse der Insel zu bekümmern, wenn sie sich nicht, im
+entgegengesetzten Fall, den unangenehmsten Folgen selber aussetzen
+wollten; ja es wurde ihnen sogar die auch bald darauf in einer
+Proklamation veröffentlichte Drohung verschärft in's Gedächtniß
+zurückgerufen, daß jeder Fremde, der gegen die jetzt bestehende
+Regierung sprechen würde, augenblicklich, und ohne Einspruch von irgend
+einer andern Seite zu gestatten, von der Insel verbannt werden würde.
+
+Mehre der Missionaire, vielleicht ängstlicher als die Anderen, oder sich
+auch möglicher Weise irgend einer Aeußerung bewußt die ihnen das
+Mißfallen der jetzt mächtigen Franzosen zuziehen konnte, verließen
+Papetee und gingen theils nach Imeo theils nach Bola-Bola oder Huaheina
+hinüber; die meisten blieben aber auf ihrem Posten, fest entschlossen
+dem fremden Einfluß unverdrossen, und so viel nur irgend in ihren
+Kräften stand, entgegenzuarbeiten, mochten die Folgen dann ausfallen wie
+sie wollten.
+
+Der neue Aufruf an die Häuptlinge veranlaßte diese wieder sich an die
+Königin zu wenden, und von ihr Verhaltungsmaßregeln einzuholen, was sie
+thun, wie sie handeln sollten. Pomare aber, obgleich keineswegs gewillt
+sich zu unterwerfen, war doch auch wieder durch die Flucht so vieler
+Missionaire und die Warnungen der Uebrigen nicht zu weit zu gehn, ehe
+sich England nicht entschieden hätte, zu sehr eingeschüchtert worden,
+und gab ausweichende Antworten, ja verwies die an sie abgesandten
+Häuptlinge sogar an den Consul Pritchard, und da dieser erklärte in
+seiner Stellung -- was auch seine Privatmeinung sein möge -- der Königin
+nicht officiell beitreten zu können, bis er Verhaltungsbefehle von
+London habe, an den Missionair Rowe.
+
+Diesen aber weigerten sich die Häuptlinge (wenigstens die Mehrzahl
+derselben, denn Einzelne, mit Aonui an der Spitze, verlangten keinen
+bessern Wegweiser für ihr Verhalten) als Führer anzunehmen; Fanue vor
+allen Andern schwor, sie hätten lange genug unter dem Regiment der
+Priester gestanden, und das gerade sei ihr Fluch gewesen von je her. Er
+verlangte deshalb auch eine Zusammenkunft der Ersten des Volks, wo sie
+die Befehle ihrer Königin einholen und das Beste des Landes, das jetzt
+gerade ihr Zusammenstehn am Meisten fordere, berathen konnten.
+
+Diese, den Interessen der Franzosen geradezu entgegenlaufende Maßregel
+wurde vom Consul Pritchard auf das lebendigste unterstützt; er
+behauptete das Volk habe ein Recht über sein eigenes Wohl zu sprechen,
+das eine fremde Nation, sie möge es so gut mit ihm meinen wie sie wolle,
+gar nicht verstehen könne, viel weniger die Französische und er redete
+der Königin zu darein zu willigen, ja suchte sogar den Capitain des
+kürzlich eingelaufenen Dampfers Cormorant dafür zu gewinnen, den
+Häuptlingen den Schutz seines Dampfers zu einer freien Besprechung zu
+gestatten, damit sie am Land nicht vielleicht durch überall
+umherstreifende Truppen gestört, oder gar aufgehoben wurden.
+
+Die Französischen Officiere bekamen noch an dem nämlichen Abend Kenntniß
+von dieser Absicht, und trafen ihre Maßregeln den Feind, der ihnen
+vielleicht gefährlich, jedenfalls aber höchst unbequem war, so rasch als
+möglich unschädlich zu machen.
+
+Am andern Morgen war ein Placat an den Ecken angeklebt, worin die
+Eingebornen gewarnt wurden sich durch irgend Eines Rede gegen die einmal
+bestehende Obrigkeit aufzulehnen, während man Alle mit den härtesten
+Strafen bedrohte, die etwas Derartiges in, den Franzosen feindlichem
+Interesse, unternehmen sollten. Namen waren nicht dabei genannt, aber
+das Ganze so entschieden gehalten, daß selbst Bruder Rowe fühlte sie
+seien, für jetzt wenigstens, an einer Grenze ihrer Thätigkeit angelangt,
+und würden wohl thun sich entweder für eine Zeitlang von dem Schauplatz
+Französischer Herrschaft zu entfernen, oder doch wenigstens die Sache,
+die sie nicht mehr aufhalten konnten, ihren ungehinderten Gang gehn zu
+lassen, damit sie nicht zu Schaden kämen.
+
+Das Nähere darüber mit dem Consul Pritchard zu besprechen, suchte er
+diesen auf, und fand ihn schon vollständig angezogen, mit auf dem Rücken
+gekreuzten Armen mit großen Schritten in seinem Zimmer auf- und
+abgehend; eine Einleitung wurde ihm übrigens schon durch dessen Anrede
+erspart.
+
+»Sie kommen mir zu erzählen, daß die Franzosen freundlich unserer an den
+Straßenecken gedacht haben?« sagte er, mit einem eigenthümlichen Lächeln
+um die feingeschnittenen Lippen vor ihm stehen bleibend.
+
+»Allerdings Bruder Pritchard« erwiederte Mr. Rowe mit in die Höhe
+gezogenen Augenbrauen und gefalteten Händen, »die Sache wird bedenklich,
+und diesen tollen Papisten gegenüber, die nun einmal keine andere
+Autorität auf und über der Erde anerkennen, als ihre Waffen, wäre es
+allerdings an der Zeit auf einen anständigen Rückzug zu denken. Ich
+fürchte besonders daß gerade Sie dabei gefährdet sind.«
+
+»Bah, bah« sagte der frühere Geistliche, den die Missionaire noch gerne
+»Bruder« nannten, verächtlich -- »was können, was _dürfen_ sie mir thun?
+-- ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe nur das gesagt was
+ich, nicht allein als Consul ihrer Britannischen Majestät, nein auch
+als Mensch verantworten konnte, und sie mögen sich ärgern darüber, aber
+sie dürfen nicht wirklich etwas anderes gegen mich unternehmen, als
+vielleicht -- was wahrscheinlich geschehen wird -- von meiner Regierung
+verlangen daß sie mich abberuft; statt dem Befehle kommt dann vielleicht
+eine Flotte.«
+
+Mr. Rowe schüttelte bedenklich mit dem Kopf.
+
+»Ich habe mich selber« sagte er, »früher solchen phantastischen Träumen
+hingegeben, und auch mein Möglichstes, selbst bis noch auf die neueste
+Zeit gethan, diesen Glauben bei den Insulanern aufrecht zu erhalten, muß
+aber doch gestehn daß ich jetzt anfange mißtrauisch gegen meine eigenen
+Prophezeihungen zu werden, die unsere Regierung keineswegs, nicht einmal
+mehr durch eine einfache Demonstration zu unterstützen scheint. Seit der
+würdige Capitain des Talbot diese Ufer verlassen hat thun diese
+nichtswürdigen Feranis vollkommen ungehindert was ihnen eben gut dünkt,
+und einzelne Kriegsschiffe unserer Nation, von denen wir immer
+gesprochen, kommen, sehen sich die Sache an, hören auch, geduldig oder
+ungeduldig was wir ihnen zu klagen haben und -- segeln einfach wieder
+aus der Bai, ohne selbst einmal Joranna zu sagen. Ich kann wohl gestehn
+daß die Bibel von Alt-England hier zum ersten Mal auf eine höchst
+befremdende Weise im Stich gelassen wird, während es uns selber in die
+größte Verlegenheit bringt, einestheils die zu unserer eigenen Erhaltung
+nöthigen Schritte zu thun, und andrerseits auch wieder unserem Grundsatz
+treu zu bleiben, und uns nicht in die politischen Verhältnisse des
+Staates in dem wir freundlich aufgenommen wurden, zu mischen.«
+
+»Da kommen wir auf den faulen Fleck« sagte der Consul finster, seine
+Hände ineinander reibend und seinen Spaziergang im Zimmer wieder
+beginnend, in dem er nur manchmal bei der Bestärkung irgend eines
+Satzes, vor dem Missionair stehen blieb und ihn auch wohl leise bei
+einem Knopf faßte -- »es ist das alte Sprichwort: »wasch mich und mach'
+mich nicht naß -- wir haben stets etwas darin gesucht mit etwas zu
+prahlen, das an und für sich ein Unding ist, und Sie werden mir bezeugen
+können wie ich selber mich von je dagegen aufgelehnt. Als Missionair bei
+einem vollkommen uncivilisirten Volke _muß_ ich mich auch mit den
+politischen Verhältnissen desselben beschäftigen, ich muß sie ordnen und
+sichten, ich muß die bestehenden Gesetze, so weit sie mit dem
+Christenthum vereinbar sind, diesem anpassen; ich muß die Strafen in dem
+Verhältniß bestimmen, wie es uns von der Heiligen Schrift angegeben
+wurde, und das ist die Stelle wo die Religion in die Politik eines
+Landes, in dem ich eine Gleichstellung vor dem Gesetz fordere,
+hineingreift und hineingreifen muß, wenn unsere ganze Arbeit nicht eben
+eine vergebene soll gewesen sein. Dabei ist es hier nicht wie in einem
+civilisirten Staat, wo die Gesetze nur brauchen gegeben zu werden um in
+Kraft zu treten durch die bestimmten Executoren derselben, wir müssen
+sie hier auch in Kraft _halten_, und das können wir nur wenn der Einfluß
+nicht nachläßt, den wir, _durch_ unsere Stellung gerade als Lehrer und
+Gesetzgeber, auf die Häuptlinge ausüben. Wir sind nun einmal ihnen an
+Geist überlegene Geschöpfe, denen die Regierung zusteht, ob wir hier auf
+diesem Boden geboren sind und ihre Farbe haben oder nicht.«
+
+»Damit kommen wir aber nicht durch« sagte Mr. Rowe kopfschüttelnd --
+»sobald wir das offen bekennen schreien sie Zeter über uns, und nennen
+es einen Mißbrauch den wir mit der Heiligen Schrift, irdischen Ehrgeizes
+und Gewinns wegen trieben. Selbst andere Nationen würden sich dann in
+das Missionswesen mischen, und gleich von vornherein protestiren oder
+gar störend dazwischen treten, wo fromme Männer das Kreuz hintrugen und
+das Gesetzbuch aufschlugen.«
+
+»Fremde Nationen mischen sich doch hinein« sagte der Consul, »wie wir
+den Beweis hier haben, und wer weiß ob Frankreich je so entschieden
+gegen diese Indianische Königin auftreten dürfte, hätten wir die Sache
+gleich von vornherein in die Hand genommen als Gesetzgeber und Richter.
+Von uns konnten sie wenigstens einen Schadenersatz für die papistischen
+Priester nie erpressen, und das Land wäre dann nicht verantwortlich
+dafür gewesen. Doch sei dem wie ihm sei,« fuhr er rascher fort, »das ist
+vorbei, und jetzt bleibt uns Nichts weiter zu thun übrig, als die Sache
+auch ernst und männlich durchzuführen.«
+
+»Wie aber, wo wir nicht die Gewalt in Händen haben?« frug Mr. Rowe, »der
+Cormorant liegt wieder da draußen, als ob er blos hergeschickt wäre eine
+Ladung Perlmutterschaalen und Cocosnußöl abzuholen, keineswegs aber, als
+ob hier die Interessen Englischer Bürger und die Rechte der Heiligen
+Schrift unter die Füße getreten würden, und uns selber sind die Hände
+total gebunden.«
+
+»Ich hoffe viel von der möglichen Einigkeit der Häuptlinge« sagte der
+Consul, »wenn zu keinem anderen Zweck, imponirt es den Franzosen und wir
+gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir für einen solchen Gewaltschritt des
+Feindes feste Hülfe zugesagt und versprochen -- er wird uns, _kann_ uns
+nicht im Stich lassen.«
+
+»Und willigt der Capitain des Cormorant ein, die Versammlung der
+Häuptlinge an seinem Bord zu halten?«
+
+»Ich habe schon die halbe Zusage, und will eben hinüberfahren die Zeit
+genau zu besprechen.«
+
+»Nehmen Sie sich in Acht, Bruder Pritchard« sagte aber der Missionair
+ernst, »daß Ihnen der Franzose nicht doch noch, trotz aller Autorität,
+einen Stein in den Weg legt; das Anheften der Plakate hat auf mich einen
+höchst ungünstigen, niederstimmenden Eindruck gemacht; ich kann mich
+irren, aber es kam mir vor wie eine Vorausentschuldigung gegen einen Akt
+der Gewalt; die Leute sind wirklich zu Allem fähig.«
+
+»Aber klug genug zu wissen wie weit sie gehn dürfen, England gegenüber.«
+
+»Wie weit?« sagte Bruder Rowe achselzuckend, »das ist eine sehr
+unbestimmte Größe, auf die ich mich, für meine eigene Person, gerade
+nicht verlassen möchte; aber Sie sind gewarnt, und werden am Besten
+wissen was Sie zu thun haben. Apropos, haben Sie Nichts von Bruder Ezra
+gehört und was über ihn beschlossen ist? Ich habe mir die größte Mühe
+gegeben, zu ihm zu gelangen, bin aber immer hartnäckig abgewiesen.«
+
+»Mir ist auf meine förmliche Protestation gar keine Antwort gegeben«
+erwiederte der Consul, »es scheint übrigens daß Bruder Ezra klug genug
+gewesen ist, trotz seiner Bibel in der Tasche hartnäckig zu leugnen, und
+wenn ich recht unterrichtet bin, hält man ihn jetzt nur noch zurück, um
+ihn mit dem nächsten nach Atiu segelnden Kriegsschiff dort hinüber aus
+dem Weg zu schicken.«
+
+»Sie möchten uns Alle lieber gern auf ein Kriegsschiff packen und nach
+irgend einer entlegenen Insel schicken« sagte Bruder Rowe; »die
+Katholischen Priester würden dann wenigstens für ihre unausgesetzten
+Bemühungen doch auch auf eigenen Erfolg rechnen können.«
+
+»Wir werden sehr umsichtig jetzt zu wachen haben, daß der in, von
+Bayonnetten aufgewühlten Boden gestreute Unglaube, nicht um sich greift
+und bleibende Wurzel schlägt,« sagte der Consul.
+
+»Wir sind allerdings da in nicht unbedeutender Gefahr« erwiederte Mr.
+Rowe seufzend, »und _eine_ Familie hier besonders ist es, die mir große
+Sorge macht, und gerade in diesem Augenblick meine ganze Thätigkeit in
+Anspruch nimmt; -- aber Sie wollen ausgehn, wie ich sehe?«
+
+Mr. Pritchard hatte seinen Hut aufgegriffen und seine Handschuh genommen
+und sagte:
+
+»Ja, nur an Bord des Cormorant, dort das Nähere zu besprechen.«
+
+»Haben Sie schon ein Boot?«
+
+»Es liegt an der Landung und wartet auf mich; wollen Sie mich
+begleiten?«
+
+»Ich danke herzlich« erwiederte der Missionair, »aber mich rufen gerade
+in diesem Augenblick heilige Pflichten, die ich nicht versäumen darf --
+ich habe einen höchst interessanten Fall mit einem alten bis jetzt
+verstockten Häuptling, dessen Herz erst seit wenig Tagen von dem Licht
+unserer Kirche erleuchtet ist, und der jetzt zu seinem Entsetzen, aber
+hoffentlich noch nicht zu spät, den Abgrund erkannt, der vor seinen
+Füßen gähnt, und auf den ich ihn aufmerksam gemacht habe. Wie das aber
+wohl oft in solchen Fällen geschieht, gehen diese Unglücklichen da
+leicht von einem Extrem zum andern über, und ich habe jetzt die größte
+Mühe ihn an einem Verbrechen zu verhindern, das er begehen will seine
+unsterbliche Seele zu retten; er behauptet nämlich sein Kopf sei so
+lange verstockt gewesen, seine Ohren zu hören, seine Augen zu sehen,
+seine Zunge zu sprechen, daß er ihn sich abschneiden müsse, auf Gottes
+Altar die Sünde damit zu sühnen, denn wie er endlich die Strenge und
+Furchtbarkeit Gottes begriffen hat, zweifelt er an dessen Liebe und
+Allbarmherzigkeit.«
+
+»Möge ihn der Herr erleuchten« erwiederte Mr. Pritchard mit einem
+frommen Blick nach oben, und wandte sich dabei das Haus zu verlassen --
+»so thun Sie Ihre Pflicht, lieber Rowe, _ich_ gehe indessen an ein
+weniger erfreuliches Werk!« und dem von ihm Abschied nehmenden
+Geistlichen, der ihn unten an seiner Verandah verließ, freundlich mit
+der Hand winkend, schritt er durch den Garten oder vielmehr Hofraum, der
+von einer Reihe niederer stumpfer Pallisaden umgeben wurde, nach der
+kleinen Ausgangsthür zu, öffnete diese und schritt dann quer über den,
+vielleicht achtzig oder hundert Fuß breiten Strand hinüber, einem
+kleinen in See hinausgebauten Werft zu, dort das für ihn liegende Boot
+zu besteigen, und an Bord hinüberzufahren, als er rasche Schritte hinter
+sich hörte. -- Er wandte den Kopf danach um und sah zu seinem Erstaunen
+einen Französischen Beamten, der, von einigen Soldaten gefolgt, rasch
+auf ihn zusprang.
+
+»Halt!« rief ihm der Erstere, noch eine Strecke von ihm entfernt, schon
+entgegen -- »halt Monsieur!«
+
+»Was wollen Sie?« sagte der Consul, zwar erstaunt aber doch ruhig stehen
+bleibend und den Franzosen mit zusammengezogenen Brauen erwartend -- »was
+wünschen Sie von mir?«
+
+»Sie sind mein Gefangener, im Namen des Königs!« rief der Polizeibeamte
+und deutete auf die ihm folgenden Soldaten.
+
+»Ich verstehe Sie nicht« sagte der Consul gleichgültig, und wollte sich
+abdrehen; der Franzose aber ergriff seinen Arm und den Soldaten winkend,
+die den Gefangenen an beiden Seiten umgaben, zog er den entrüsteten
+Mann, der gegen solche Willkür einem Englischen Consul gegenüber,
+protestiren wollte, rücksichtslos und ohne Weiteres fort mit sich, in
+das Wach- und Polizeilokal, von wo der Consul, ohne weitere Rücksicht
+auf sein Amt oder seine Stellung zu nehmen, bald darauf nach einem,
+schon allem Anschein nach für ihn bereit gehaltenen Gefängniß abgeführt
+wurde.
+
+Und Papetee blieb ruhig. Die Bedeutung, die der Consul einer
+Europäischen Macht im Ausland haben sollte, ja gewissermaßen auch seine
+Unverletzlichkeit, verstanden die Insulaner nicht; der Gefangene war
+ihnen auch immer mehr als Missionair wie als Consul wichtig und lieb
+gewesen, denn Nutzen hatte er ihnen in letzterer Eigenschaft doch nicht
+gebracht, noch sie gegen die Uebergriffe und Forderungen der Franzosen
+schützen können. Daß aber die Feranis es wagten einen Mitonare
+einzustecken, überstieg ihre Begriffe, und jetzt zum ersten Mal
+fürchteten die Häuptlinge für ihre eigene Sicherheit.
+
+Die Missionaire selber erwarteten, nachdem selbst die Consulnwürde von
+den Eroberern nicht geachtet wurde, das Aeußerste, und wandten sich nun
+in ihrer Rathlosigkeit an die arme, selbst unmächtige Königin, wandten
+sich an das Volk, sie zu schützen und nicht zu gestatten daß die Feranis
+mit ihnen machten was sie wollten.
+
+Aber die Geduld des Volkes war noch lange nicht erschöpft, oder
+wenigstens seine Gleichgültigkeit, wie sein Widerwillen gegen irgend
+eine außergewöhnliche Anstrengung noch nicht besiegt, und zu der gehörte
+jedenfalls ein Krieg, zu dem sie noch immer keine richtige Veranlassung
+sahen. Man hatte einen Französischen Soldaten ermordet, und darüber
+waren die Feranis böse, schickten eine Menge Soldaten an Land, die aber
+für Alles bezahlten was sie verzehrten, und sperrten einen rothen
+Mitonare, der in Verdacht stand an dem Mord betheiligt zu sein, wie
+einen weißen, der besonders auf sie geschimpft hatte, ein. Das war
+vielleicht unrecht in ihren Augen, aber immer noch keine Ursache einen
+ordentlichen Krieg anzufangen; ja die Insulaner beschlossen jetzt
+ernstlicher als je mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun zu haben,
+und wenn auch einzelne feurige Köpfe, wie besonders Fanue und
+ähnliche, einen Angriff auf die »Feinde ihres Vaterlandes« offen
+predigten, so verhielten sich doch die einflußreicheren, wie Tati und
+Utami, noch immer ruhig, ja Paofai und Hitoti verkehrten sogar
+öffentlich und auf höchst freundschaftliche Art mit den Feranis, und
+beschlossen deshalb auch einen günstigern Zeitpunkt, das heißt eine
+wirkliche Ursache abzuwarten, die Feindseligkeiten zu beginnen, und
+Gewalt mit Gewalt zu vertreiben -- bis dahin aber sich vollkommen ruhig
+zu verhalten und ebensowenig die Waffen zu ergreifen, als den
+Eindringlingen auch noch Proviant zu liefern, ihnen das Leben hier auf
+der Insel so angenehm als möglich zu machen.
+
+Lieutenant Hunt, der Befehlshaber des kleinen Kriegsschiffes Basilisk
+sowohl, wie der Capitain des Cormorant hatten allerdings augenblicklich
+gegen die an dem Englischen Consul verübte Gewaltsmaßregel protestirt,
+konnten aber weder seine Befreiung erwirken noch etwas an seiner Lage
+bessern, und Monsieur ~d'Aubigny~ erließ ein Plakat, worin Mr.
+Pritchard, wenigstens indirekt, der Mord der Schildwache zugesprochen,
+und er ebenfalls als die Ursache des trotzigen Betragens der
+Eingeborenen, die er täglich und täglich wieder aufgereizt habe,
+angesehen wurde. Seine Gefangennahme sei aus dem Grunde geschehn und
+er selber solle für alle weiteren Folgen verantwortlich gehalten werden.
+
+Mit vieler Mühe gelang es endlich dem Capitain des Cormorant die
+Freiheit des Gefangenen, aber auch nur unter der Bedingung zu erwirken,
+daß er ihn an Bord seines eigenen Dampfers von Tahiti fortnahm, und sich
+dabei verbindlich machte ihn an keiner Insel dieser oder der
+Nachbargruppe wieder an Land zu setzen. Die Franzosen betrachteten
+diesen Mann als die einzige Ursache der nicht unbedingten und
+augenblicklichen Unterwerfung der Indianer, und glaubten und hofften
+durch seine Entfernung jedes weitere Hinderniß ihrer Festsetzung und
+unbestrittenen Oberherrschaft auf den Inseln, vollständig beseitigt zu
+haben.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+Pomare's Flucht.
+
+
+René's kleiner Haushalt befand sich indeß in wilder ungemüthlicher
+Verfassung; Alles war gepackt gewesen, und nur gezwungen hatten sie im
+Anfang das Nothdürftigste wieder herausgenommen, immer noch hoffend daß
+sich die unangenehme Sache freundlich erledigen würde; aber Tag nach Tag
+verging ohne daß eine Entscheidung kam, und René seines Wortes, Tahiti
+nicht zu verlassen, entbunden worden wäre. Er war selber mehrmals bei
+Mons. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig
+empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung unter keiner
+Bedingung aufgeben zu können, bis er zu einem Resultat gekommen sei, und
+René stände als Eigenthümer des Grundstücks wo die Waffen geschmuggelt
+wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer sogar des Schooners, der Sache zu
+nah, sein Zeugniß, falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben
+könnte, zu entbehren. »Augenscheinlich« setzte er dann zwar höflich aber
+ziemlich bestimmt hinzu, »wisse er auch mehr über die Waffen, als er für
+gut finde, vielleicht durch seine enge Verwandtschaft mit den
+Eingebornen dazu veranlaßt, auszusagen, und wenn es seinem bekannten
+Charakter nach auch nicht wahrscheinlich wäre, daß er selber irgend
+etwas Feindseliges gegen seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch
+nur dulden würde, so lange er es eben verhindern könnte, sei die ganze
+Verhandlung noch keineswegs klar genug, so rasch und vollkommen wieder
+aufgegeben zu werden; das aber müsse in der That geschehn, wenn er ihn
+jetzt seines Wortes entbinden wolle.« Uebrigens bot auch Gouverneur
+Bruat, wie vor ihm der Kommandant ~d'Aubigny~ dem jungen Mann an in
+Französische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders zu beweisen
+hoffte, daß gegen seine Person nicht der mindeste Verdacht vorliege. Zu
+gleicher Zeit machte er ihn besonders darauf aufmerksam, welch
+wohlthätigen vermittelnden Einfluß er da oft werde im Stande sein auf
+einzelne Verhältnisse auszuüben: René erklärte aber bestimmt, hier in
+Tahiti nie einen Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen, und das
+sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner, sobald er wirklich
+eingetreten wäre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten
+zwar dankbar, aber doch bestimmt ab.
+
+Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten -- ja
+sogar auf das Aengstlichste vermieden nach Papetee zu kommen. Er fühlte
+welche Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor sich
+selber verbergen konnte; ja auch Susanna mußte durch seinen Abschied,
+und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks
+gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf ihn gemacht, und wie
+ihre Nähe den Frieden seines Hauses, seines Lebens zu stören, zu
+untergraben drohe, wenn er nicht mit fester männlicher Kraft dagegen
+ankämpfe, und die Leidenschaft niederhalte, die zwei Wesen zu verderben
+drohte. Monsieur Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf der
+Straße getroffen, wo ihn Geschäfte in das Gouvernements-Gebäude riefen,
+er erklärte aber jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti zu
+verlassen, und wolle den Abschied von ihm so lieb gewordenen Freunden
+nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal überstanden. Mons.
+Belard lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen Abschied
+als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach einer nur wenige Meilen
+entfernten Insel überzusiedeln gedenke, hatte aber immer zu viel
+Geschäfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald,
+von René rasch dabei unterstützt, auf irgend etwas Anderes,
+Gleichgültigeres zu reden.
+
+Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und mehr und mehr drängte es
+ihn dann nach Hause zurück, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit
+unermüdlicher Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens daheim das Alles
+vergessen zu machen, was ihm die Menschen draußen weh gethan. Das,
+glaubte sie auch, drücke ihm das Herz, er wäre ja sonst nicht immer so
+traurig und verstimmt zu Haus gekommen und bleich und schwermüthig
+geworden, gar nicht in seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was
+er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte auch die Wolken von
+seiner Stirn und rief das Lächeln wieder auf seine Lippen, wie in alter
+Zeit; und wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte und sie sich an
+ihn schmiegte, plauderte sie ihm von Atiu und den lieben Plätzen die sie
+dort wieder besuchen würden; von dem stillen Sitz an dem Palmenhang; von
+dem Ihiamoea oben im Dickicht, wo er die böse Nacht verbracht; von der
+kleinen Veste auf der Hügelspitze wo er sie zuerst gesehn und sie ihn
+fortgeführt hatte in das friedliche Missionshaus an der Bai -- und von
+den seligen, seligen Stunden die sie da verlebt.
+
+René lauschte, das glückliche Weib an seinem Herzen, wie in einem Traum,
+der all die lieben Bilder wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge;
+aber immer und immer wieder mußte er sich zwingen dazu, das Alles
+_keinen_ Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines
+Armes lag, und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild und seinem
+Herz. Und daß er das fühlte, daß er das erkannte machte ihn unglücklich.
+»Du sündigst« flüsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer
+endendem Klang, »Du sündigst« sprach jeder Liebesblick aus den Augen
+seiner Sadie, »Du sündigst« drängte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe
+Lächeln seines Kindes entgegen, »Du sündigst« donnerte die Brandung, die
+ihn einst in Schlaf gesungen, in Liebe und Glück.
+
+Wie um vor sich selbst zu flüchten, hatte er den Vater Conet wieder
+aufgesucht, der in zarter Rücksicht bis dahin sein Haus lange Zeit nicht
+betreten, weil er fürchtete daß seine Stellung zu den Protestantischen
+Geistlichen Uneinigkeit säen könne in stilles häusliches Glück; er
+forderte ihn jetzt selber auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange
+er noch auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang des
+freundlichen verständigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm
+wirklich dem Freunde, der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine
+solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was ihm das Herz erfüllte,
+was es quäle, und Alles das trug er fest in sich verschlossen und
+allein, und kämpfte still und männlich dagegen an. Es war ein Kampf der
+Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr nur wuchs ihm erst die Kraft.
+
+Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häufiger besucht, aber fast
+nur ihm zuzureden der Einladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in
+eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist und Herzen doch
+auch mehr bot als eine bloße Existenz, die ihm eine Aussicht auf spätere
+Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als
+eben nur das Bewußtsein zu haben daß man ist und athmet. Auch Vater
+Conet stimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, René sei, wie
+gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken
+zu können sich von der Welt ganz zurückzuziehn, die ebenfalls ihre
+Forderung an _ihn_ habe und sich ihr Recht dann doch einmal über kurz
+oder lang zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, daß ihm das Leben
+der Inseln auf die Länge der Zeit genügen würde und könne, und wie
+sich _alle_ seine Landsleute für später solche Aussicht offen gelassen
+-- eine Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen Ausnahmen eine
+_Hoffnung_ wurde -- so werde auch er einmal den Drang wieder in sich
+fühlen nach Frankreich zurückzukehren, an dessen weit geselligeres Leben
+sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den Sitten, der Sprache des
+fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewöhnen würde.
+
+Sadie schüttelte bei solchen Reden recht ernst und ängstlich mit dem
+Kopf; sie hatte genug von Französischem Leben hier auf Tahiti gesehn,
+sich nicht weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu leben wo sie
+weiter gar Nichts mehr sehen sollte als fremde unbekannte Gestalten, wo
+ihr die lieben Palmen fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen
+Kinder ihres sonnigen Vaterlands? -- Nein, nein, dahinein paßte sie
+nicht, und sie würde und müßte vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh.
+
+Auch René hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm
+laut wurden und Form gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren
+so viel er wollte.
+
+Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den
+Französischen Behörden eingezogen worden, etwas mehr aus ihm
+herauszubringen über jene Nacht, als ein bloßes ~aita vau i ite~ --
+ich weiß es nicht -- und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu sich genommen,
+die ihr die Dienste des Knaben ersetzen sollte. Nai Nai war über die
+Blüthe der Jahre hinaus, wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich
+sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hübsches Mädchen gewesen
+sein sollte, doch jetzt abgefallen, mager und selbst häßlich geworden.
+Eine eigene Wuth die sie dabei hatte Europäische Kleider und besonders
+Hüte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande ihre Reize zu erhöhen, und
+Sadie lachte darüber, aber auf René machte es einen peinlichen Eindruck,
+so peinlich daß er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken, wenn er
+ihr auch keinen Grund dafür anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie
+einen Wunsch, wenn es in ihren Kräften stand ihn auszuführen, und Nai
+Nai wurde wieder hinüber nach Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und
+von einem hübschen jungen Mädchen ersetzt.
+
+Wenige Wochen waren solcher Art nach den im vorigen Capitel
+beschriebenen Vorgängen verflossen, und wenn sich auch die Insulaner
+schon ziemlich über den Verlust ihres Missionairs und Consuls beruhigt
+hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich der Fremden diesem
+scheinbaren Frieden ein Ende machen.
+
+Die ~Reine blanche~ war wieder gesegelt und Monsieur Bruat hatte Alles
+versucht die Eingebornen in Güte dazu zu bringen, ihnen die nöthigen
+Provisionen zu liefern, aber umsonst. Wie die Franzosen behaupteten, von
+den Missionairen aufgereizt, jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen
+Häuptlinge, hielten sich die Insulaner in ihren Wohnungen und brachten
+nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja das Gerücht verbreitete sich
+sogar, sie seien gesonnen Alles was sie nicht von Früchten und überhaupt
+Lebensmitteln nothwendig selber brauchten, in die Berge und den Feranis
+aus dem Weg zu schaffen.
+
+Dem zu begegnen schritt der Französische Kommandant zu einem
+Gewaltstreich, lockte vier der einflußreichsten Häuptlinge, unter ihnen
+Terate, Avei und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er sie gefangen
+hielt, und hätte sich fast auch noch eines andern Trupps bemächtigt,
+wäre diesem nicht noch zeitige Warnung geworden, daß er in die Berge
+fliehen konnte.
+
+Bald darauf erschien eine Proclamation vom Gouverneur Bruat
+unterzeichnet, die im Namen des Königs von Frankreich und als Gouverneur
+der Französischen Besitzungen, dem Volke von Tahiti erklärte daß die
+vier Häuptlinge Taaniri, Raheahu, Potowai und Teraitane, da sie auf das
+Wort des Friedens nicht hatten hören wollen, für Rebellen erklärt und
+ihr Eigenthum mit Beschlag belegt werden sollte.
+
+»Acht Tage« hieß die Proclamation weiter -- »sind ihnen noch gegeben sich
+zu unterwerfen. Der Distrikt der ihnen Schutz giebt soll, nach seiner
+Wichtigkeit, unter eine entsprechende Contribution gelegt werden. -- Die
+dem Frieden und dem Gesetz freundlich gestimmten Personen bleiben ruhig
+unter dem Protectorat Frankreichs -- die Strenge der Gesetze soll die
+Schuldigen treffen.
+ Bruat.«
+
+Jetzt zum ersten Mal schien das Volk zu fühlen daß es wirklich
+unterjocht werden sollte, da man sich nicht allein begnügte die
+Englischen Missionaire feindlich zu behandeln, sondern auch sogar Hand
+an ihre eigenen Häuptlinge legte, und ein wilder Schrei des Zorns und
+der Entrüstung ging durch das ganze Land.
+
+Pomare war zu gleicher Zeit von den Missionairen feste Hülfe von England
+versprochen, und selbst alle dort lebenden Engländer bestätigten das, da
+Britanien nie dulden werde, daß Einer seiner Consuln auf solche Weise
+behandelt werde; nur verzögern mußte sie einen Ausbruch des Volks, damit
+der Franzose nicht neuen Grund bekam zu neuen Uebergriffen, und sich
+indeß ihr Recht wahren, als souveraine Königin.
+
+Dem Sinne folgend schrieb sie einen Brief[H] an die Häuptlinge, worin
+sie dieselben zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte, aber sie
+auch zugleich indirekt darin aufforderte in ihrer Widersetzlichkeit
+gegen die Feranis standhaft zu bleiben, und dieser Brief wurde, wie es
+heißt, von Gouverneur Bruat so aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen in
+der »Rebellion gegen ihre gesetzmäßige Regierung« bestärken und
+bekräftigen solle.
+
+ [H] Pomare's Brief lautete wörtlich: »Gesundheit Euch Allen; ich
+ mache Euch bekannt daß unser Kriegsschiff uns bald verlassen wird;
+ der Admiral verlangt es nach Oahu zurück. Ein kleines Kriegsschiff
+ liegt hier, über uns zu wachen, ein anderes wird kommen. Horcht
+ nicht auf die Männer die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht
+ daß wir nicht unterstützt würden. Britanien wird uns nicht
+ verlassen. Laßt uns uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen.
+
+ Dies ist mein Wort an Euch -- laßt unter keiner Bedingung etwas
+ Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die Feranis schlecht; habt
+ große Geduld. Nehmt mich zum Muster und folgt mir, und laßt uns Alle
+ brünstig zu Gott flehen, daß er uns von unserer Prüfung befreien
+ möge, wie einst Hezekiah. Frieden sei mit Euch.
+ Pomare.«
+
+Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam, wahrscheinlich selbst von Französischer
+Seite, einen Wink, daß der Königin in Folge dieses Briefes Gefahr für
+ihre persönliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr. Pritchards
+Gefangennehmung überdies noch aufgeregt und eingeschüchtert, dermaßen
+den Kopf, daß er auf der Stelle zu ihr zu eilen beschloß, sie auf das
+Dringendste zur Flucht zu mahnen.
+
+Pomare war allein, als ihr der Missionair gemeldet wurde, und Bruder
+Rowe mußte lange draußen warten ehe er vorgelassen werden konnte. Selbst
+ihre Einanas hatte die Königin von sich entfernt; die Mädchen saßen und
+lagen draußen auf der Verandah herum und flüsterten leise miteinander --
+sie wagten nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein die
+Gebieterin von der Ankunft des Geistlichen zu benachrichtigen, und kam
+dann zu den Uebrigen zurück, denen sie mit halblauter Stimme etwas
+zuflüsterte.
+
+»Hast Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine?« frug der Geistliche
+endlich, dem der Boden anfing unter den Füßen zu brennen -- »_weiß_ sie
+daß ich hier bin und sie sprechen muß?«
+
+»Ja, Mitonare!« lautete die leise Antwort.
+
+»Und was hat sie gesagt?«
+
+»Mitonare soll warten« -- das Gespräch war wieder abgebrochen.
+
+»Mitonare soll warten« -- und die Zeit verfloß indeß, die ihr vielleicht
+noch geblieben, und _mit_ der Königin waren auch alle ihre Rathgeber
+gefährdet -- wer weiß was sie vielleicht in ihrem weibischen Trotz
+Alles aussagte und -- gestand.
+
+Der Missionair ging mit raschen ungeduldigen Schritten wieder draußen
+auf und ab.
+
+»Sie muß mich vergessen haben« rief er aber endlich, nicht länger im
+Stande seinen Unmuth zu verbergen, indem er wieder vor der Einana stehen
+blieb -- »fort mit Dir, Waihine -- sage noch einmal daß ich da bin, und
+Pomare sprechen _muß_, denn ich hätte ihr Wichtiges -- sehr Wichtiges
+mitzutheilen.«
+
+»Pomare hat gesagt Mitonare soll warten,« sagte aber das Mädchen, und
+Bruder Rowe sah sie erstaunt und mißtrauisch an -- so hatten die Einanas
+noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner frommen Schaar zu
+sprechen -- »und kam diese Sinnesänderung von oben herab?«
+
+Er sollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Königin,
+ob sie die ungeduldige Stimme des Missionairs gehört, oder selber es für
+Zeit fand ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mädchen sprangen
+auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten
+später das kleine Gemach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte
+auf der Erde saß.
+
+Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres Hauses zurückgezogen;
+weder Tisch noch Stuhl stand in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das
+einzige Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemusterte Gardinen
+hingen und in dem Zug der offnen Flügel hin und herwehten. Nur Matten,
+nebst einigen mit roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer
+zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und ein an der Wand
+befestigtes Seitenbret trug drei oder vier Bücher, eine reich vergoldete
+Obertasse mit abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos
+Poe-Schale.
+
+Der ehrwürdige Mann blickte etwas erstaunt umher, denn gerade in der
+letzten Zeit hatte Pomare weit eher gesucht sich mit Europäischem Glanz
+zu umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurückzuziehn; aber
+die Königin selber zog seine Aufmerksamkeit bald auf sich allein, denn
+sie sah bleich und abgehärmt aus, und die Spuren frischer Thränen waren
+noch in ihren Augen.
+
+»Was bringst Du mir?« sagte sie mit halb abgewandtem Antlitz, als ob sie
+sich dieses Zeichens von Schwäche schäme -- »was wollt Ihr von _mir_?
+ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti -- meine Sonne ist
+untergegangen und meine Nacht bricht an -- Ihr müßt von jetzt an für
+Euch selber sorgen -- Pomare Waihine hat kaum noch den einzigen
+Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thüre steht.«
+
+»Und doch bist Du noch frei, Pomare,« sagte der Missionair mit
+traurigem, mitleidigem Blick -- »hast noch Dein Volk um Dich und den
+blauen Himmel über Dir --«
+
+»Und wer kann mir das nehmen?« rief Pomare schnell, und ihr
+mißtrauischer Blick haftete forschend an dem Auge des Priesters.
+
+»Der Feind hat jetzt die Macht« entgegnete finster der Missionair, »und
+seine Bosheit ist groß.«
+
+Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglücksboten nur ruhig und sinnend
+an, dann langsam aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen
+Arm und sagte leise:
+
+»Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? -- sag es mir gleich heraus und leg
+Dich nicht erst in den Hinterhalt -- Du thust mir weh damit.«
+
+»Es ist auch keine Zeit mehr zu verlieren, Pomare,« erwiederte der
+Priester ernst -- »Du weißt was die Feranis mit Piritati gemacht haben.«
+
+»Piritati war ein Beretani« rief die Königin schnell -- »er gehörte
+nicht in dieses Land -- sie konnten das wagen -- sie dürfen nicht Hand
+an Pomare legen.«
+
+»_Dürfen_?« sagte Mr. Rowe achselzuckend -- »wir sind ein friedliches
+Volk und können uns nicht zur Wehr setzen.«
+
+»Und wessen Schuld ist das?« frug die Königin rasch und mit einem
+Zornesblick im Auge -- »wer anders als Ihr, die Ihr uns von England die
+Religion gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe nennt, und die
+jetzt Haß und Tod unter mein Volk bringt, wer anders hat den Bewohnern
+dieser Inseln ihre alten Kriegsspiele verboten, und die Führung der
+Waffen für sündhaft erklärt? wer eiferte früher dagegen, daß meine
+jungen Leute ihr Cocosöl und ihre Perlmutterschalen gegen Gewehre und
+Pulver eintauschen sollten wie es mein und ihr Wunsch war, und erklärte
+es gegen Gottes Gebote, während Ihr Oel und Muscheln für Eure eigenen
+Zwecke sammeltet und nach Beretani schicktet?«
+
+»Es geschah das um Gottes Wort auch auf andern Inseln zu verbreiten --
+auch andern Völkern den Segen der christlichen Religion zu bringen«
+sagte mit milder freundlicher Stimme der Geistliche.
+
+»Ich habe das gute Buch durchgelesen von Anfang bis Ende« erwiederte die
+Königin finster -- »und nirgends darin gefunden daß Jesus Christus
+_gesammelt_ hat für andere Völker.«
+
+»Damals war es noch nicht nöthig, Pomare« erwiederte Mr. Rowe, etwas
+verlegen -- »und nicht wohl ist es gethan, das Schwert zu nehmen, denn
+Jesus selber hat gesagt, »wer das Schwert nimmt, der soll durch's
+Schwert umkommen.«
+
+»Geh, geh!« sagte aber Pomare traurig mit dem Kopf schüttelnd -- »Du
+hast für Alles einen Vers aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du
+sagst daß sie gute Christen wären fahren eben so mit Kriegs-Canoes auf
+der See herum wie die Feranis, sie nehmen das Schwert und sie kommen
+nicht um, und ich habe das Schwert nicht genommen und verliere mein
+Reich -- Was willst Du jetzt von mir? -- was soll ich thun? -- gehe
+zurück zu Deinen Landsleuten und sage ihnen daß ich Euch hier nicht mehr
+schützen kann. Ich danke ihnen daß sie mir die Bibel gesandt, aber mein
+Volk ist zerstreut, meine Macht ist gebrochen -- wenn ich wieder Königin
+bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.«
+
+»Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare« sagte aber der Geistliche
+ernst, »nicht für mich Schutz oder Hülfe zu erbitten von Dir, Du
+schwergeprüfte Königin, sondern Dich selber wollt' ich warnen, Dich
+einer Gefahr zu entziehn, die über Deinem Haupte schwebt, und Dich in
+der nächsten Stunde schon vielleicht erreichen kann.«
+
+»So sprich!« rief Pomare, »schon seit Du das Zimmer betreten, sehe ich
+Dein Unheilkündendes Gesicht, und mein Herz ist von Angst erfüllt --
+was ist es?«
+
+»Vor einer Stunde etwa« nahm der Geistliche wieder das Wort, »bin ich
+gewarnt worden, daß die Feranis, böse über Deinen Brief den Du an die
+Häuptlinge geschrieben, Dich ebenso wollten gefangen nehmen und in
+Gewahrsam halten, wie Terate und die Andern, damit Du die Eingebornen
+nicht aufwiegeln könntest gegen sie. Die wahnsinnigen Menschen behaupten
+jetzt die rechtmäßigen Eigenthümer Tahitis zu sein, und erklären uns
+selber für _Rebellen_ wenn wir gegen sie reden.«
+
+Ein zorniges Lächeln flog über Pomares Züge, als sie die Worte hörte und
+sie antwortete finster:
+
+»Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt Euere Schiffe? wo die
+Kanonen die Ihr mir zu meinem Schutz verspracht? -- Euere Kriegsschiffe
+haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai verlassen, Euer Consul
+ist gefangen, Euere Fahne verschwunden -- wo bleiben Euere Predigten,
+Euere Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosöl, da war ich Königin,
+da kamen die Capitaine und sprachen schöne Worte und brachten Geschenke
+-- jetzt da ich arm und verlassen bin, kommt Niemand mich zu
+unterstützen. Und wohin soll ich fliehen?«
+
+»Es liegt ein Englisches Kriegsschiff im Hafen das Dich aufnehmen
+wird, und unter Englischer Flagge bist Du sicher« rief der Missionair.
+
+»An Bord eines fremden Schiffes? nie« -- zürnte die Königin, »wär' ich
+nicht dort Gefangene wie da?«
+
+»Und doch ist es das Einzige« seufzte der Missionair -- »dorthin reicht
+der Arm der Feranis nicht, und wer weiß ob Du heut Abend selbst noch zu
+dem Schritt Raum und Zeit behältst.«
+
+»Ich kann mich nicht allein in den Schutz der fremden Männer geben«
+sagte Pomare, doch jetzt unruhig werdend über den besorgten Ernst des
+sonst ihr so freundlich gesinnten Mannes -- »ich kann nicht allein an
+Bord eines Kriegsschiffs fliehn.«
+
+»Dein Gatte und zwei Deiner Einanas müssen Dich begleiten« sagte Mr.
+Rowe, »Pomare Tane[I] ist ja von Imeo zurückgekehrt, und wird sich nicht
+weigern Dir an Bord zu folgen.«
+
+ [I] Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel »Pomare's Mann.«
+
+»Weigern?« sagte die Königin zürnend, und ein verächtliches Lächeln
+spielte um ihre Lippen -- »aber meine Kinder? -- was würde aus denen?«
+
+»Wohin die Mutter geht, gehn sie auch, und Capitain Hunt ist ein
+Gentleman, der sich glücklich schätzen wird einer armen verrathenen
+Frau und Königin Schutz mit den ihren zu gewähren.«
+
+Pomare ging, die Hände krampfhaft gefaltet, das Haupt gesenkt, mit
+raschen Schritten im Zimmer auf und ab, als draußen Stimmen laut wurden
+und gleich darauf Eine der Einanas den Häuptling Tati meldete, der
+Pomare dringend zu sprechen wünsche.
+
+»Tati?« rief Pomare, erstaunt vor dem Mädchen stehn bleibend -- »Tati?
+was will er von _mir_ in jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis
+geschickt, seine Königin abzuholen ins Gefängniß -- send' ihn fort, er
+gehört zum Feind; Pomare will ihn nicht sprechen.«
+
+»Wenn der Feind Dein Vaterland ist, Pomare, dann hast Du recht« sprach
+in diesem Augenblick die tiefe klangvolle Stimme des Häuptlings, der dem
+Mädchen auf dem Fuß gefolgt, und auf der Schwelle stehn geblieben war,
+bis seine Ankunft gemeldet worden -- »schicke mich nicht noch einmal
+fort von Dir, denn ich bringe ein Freundeswort.«
+
+»Schickt Dich der Ferani?« frug die Königin, ihn mit einem finstern
+Blick betrachtend -- »haben sie Dir wieder neue Versprechungen gemacht,
+oder soll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir auch
+die Füße bindet, wie der erste die Hände, und mich hier hält in ihren
+bewaffneten Häusern, als Geißel für die Unterwürfigkeit meines armen
+Volkes?«
+
+Tati zog die Brauen finster zusammen und sein Blick suchte den
+Missionair, als ob er dort den Grund solcher harten Anklage vermuthe,
+aber das gute Element in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger fast
+herzlicher Stimme sagte er:
+
+»Du hast Grund uns zu zürnen, Pomare, denn wenn auch absichtslos, gaben
+wir dem Ferani den Halt an dieses Land, den er jetzt benutzt, es zum
+Abgrund niederzureißen, aber vielleicht bin ich im Stande Dir heute zu
+beweisen daß es Tati redlich mit Tahiti, redlich mit Dir meint, und
+kleinliche Eifersucht seinem Herzen fremd ist, in der Stunde der Noth.
+Du bist in Gefahr und mußt Papetee verlassen.«
+
+»Ich weiß es, ich weiß es« rief Pomare schnell -- »der ehrwürdige Mann
+hier hat mich schon gewarnt, und das Schiff der Beretanis wird mich und
+die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis gefangen gebe.«
+
+»Das Schiff der Beretanis?« rief Tati, fast ebenso sehr erschreckt als
+erstaunt -- »und was hast Du bei den Beretanis zu thun? sind sie nicht
+Fremde, so gut als Jene? O Pomare, wann wirst Du aufhören Dich auf
+Fremde zu verlassen?«
+
+»Der Häuptling Tati spricht, als ob unsere Nation dem Tahitischen Stamme
+je noch feindlich gewesen wäre« sagte der Missionair, »ich dächte wir
+hätten bewiesen, daß wir unsere Tahitischen Brüder lieben.«
+
+»Genug -- genug« sagte der Häuptling abwehrend -- »nicht um mit Worten
+zu streiten bin ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln ist gekommen,
+und Du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob Du würdig bist das Tahitische
+Volk zu regieren, wo dann Tati und alle Andern sich freudig Deiner
+Herrschaft beugen werden.«
+
+»Und soll ich mit meiner Flucht solchen Beweis beginnen?« frug die
+Königin bitter.
+
+»Allerdings« rief Tati rasch, »aber nicht wenn Dich die Bahn nach einem
+fremden Schiffe führt.«
+
+»Und wohin denn? -- wo hast Du Schutz für mich?«
+
+»Bei Deinem Volk, Pomare!« rief der Häuptling rasch und während die
+Königin finster und wehmüthig mit dem Kopfe schüttelte, fuhr er von
+seiner Sache begeisterter, wärmer werdend, fort -- »schüttle nicht so
+zweifelnd das Haupt, die Führer fast aller Partheien, die sich vereinigt
+haben in der gemeinsamen Noth des Landes senden mich, und rufen, ja
+fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen und mit ihnen in
+die Berge zu ziehn. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf, und Tod den
+Feinden, wenn sie es wagen sollten uns dorthin zu folgen, wo wir uns
+fest und freudig um Dich geschaart.«
+
+»Nur bei dem Versuch in die Berge zu entkommen« warf hier kopfschüttelnd
+der Geistliche ein -- »wäre Pomare fast der gewissen Gefahr ausgesetzt,
+von den Feranis angehalten und gefangen zu werden. Sie würden es nimmer
+dulden etwas geschehn zu lassen, was ihnen die Eingebornen zu so viel
+gefährlicheren Feinden machen müßte.«
+
+»_Gefahr_ und _Dulden_!« rief der Häuptling, mit dem Fuße stampfend,
+»ein einzig Zeichen durch die Stadt von mir und fast drei Viertel der
+Bewohner schaaren sich mit einem Jubelschrei um ihre Königin. Laßt das
+Volk wissen daß Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren sind, und
+kein Arm der noch einen Bogen spannen und einen Speer schleudern kann,
+bleibt daheim, das Ende schmachvoll abzuwarten. Nein Pomare, nicht
+Furcht jetzt, nicht Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die Spitze
+Deines Volks zu stellen. Die Fremden haben jetzt deutlich genug gezeigt
+_was_ ihre Absicht ist, und uns bleibt keine andere Wahl, als
+Unterwerfung oder Kampf.«
+
+»Uns bleibt die Wahl Britischen Schutz zu suchen« rief der Missionair,
+neben Pomare tretend, »uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch
+spät, die Hülfe bleibt nicht aus; so langsam sie kommt, so sicher wird
+sie kommen.«
+
+Tati wollte heftig gegen den Priester auffahren; aber er bezwang sich,
+er fühlte die Wichtigkeit dieser Stunde und sagte ernst und ruhig:
+
+»Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo Du zu wählen hast zwischen
+Deinem Volk und den Fremden, zwischen Deiner eigenen Herrschaft oder
+der, Beretanischer oder Feranischer Priester; -- gieb Dich wieder in
+ihre Hände, und Deine Macht ist gebrochen für ewige Zeiten -- wirf sie
+von Dir, und wir erkämpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen
+ehrenvollen Tod. Sieh, daß die Häuptlinge _mich_ senden, mag Dir ein
+Beweis sein wie wir denken -- jeder Partheistreit sei vergessen, jeder
+kleinliche Gedanke an Eigennutz zerstört, das Vaterland ist in Gefahr
+und wie der fremde Ferani schlau und tückisch seinen Vortheil zog aus
+dem Zwiespalt der Partheien, so pflanze die _eine_ Macht jetzt siegreich
+ihr Banner auf in den Bergen.«
+
+Die Königin stand unschlüssig; das Herz schlug ihr heftig und ihr Blick
+flog ängstlich von den schönen belebten Zügen des Häuptlings nach dem
+bleichen Antlitz des Priesters hinüber.
+
+»Und was wird aus Pomare Tane?« frug sie leise.
+
+Tati biß sich die Lippe --
+
+»Er mag mit Dir gehn« sagte er endlich leise, »aber _wenn_ er ein Mann
+wäre hätte er selber schon das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den
+Waffen gerufen -- oh daß Dein Vater lebte, Pomare.«
+
+»Und was dann, wird aus den Lehrern dieses Volks, was wird aus uns und
+unseren Häusern?« rief der ehrwürdige Mr. Rowe. »Vertrauungsvoll sind
+wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu
+bringen, und sollen wir jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde
+zurückbleiben? So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird
+ebensowohl _Dein_ Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis
+fürchten unseren Stamm, mögen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie
+sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflüchtet, als erklärter
+Feind und mit den Waffen in der Hand, so ist nach den Gesetzen des
+Kriegs Alles dem verfallen, der das Feld behauptet.«
+
+»Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?« rief Tati zornig, »wo das
+Schicksal des ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?«
+
+»Viel weniger an mich« -- erwiederte ruhig der Missionair, »als an
+alle meine Brüder hier auf den Inseln, ja an das Schicksal der Mission
+selber, die damit ihrem gewissen Untergang entgegen zöge. Sobald Pomare
+jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit
+abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entscheidet
+wer künftig und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt, so ist
+es der Sieger, der die Bedingungen schreibt und denen sie sich fügen
+muß, indeß sie jetzt noch immer Englands Hülfe sich erhält, seine
+Vermittlung die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.«
+
+»Zum Abgrund mit der Bibel!« schrie aber der im Herzen noch immer den
+alten Göttern zugethane Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den
+egoistischen Geistlichen die Ueberhand gewann -- »es gilt hier nicht das
+dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier für Pomare die Herzen
+ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange sind. Tati
+läßt auch Alles zurück was er sein eigen nennt, ebenso Utami -- wir
+wollen uns selber, wollen unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind
+die Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere Brodfruchtbäume
+niedermähn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und
+tausend andere Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da oben so
+rein und frisch, wie hier im Thal.«
+
+»Ich will auf das Schiff gehn, Tati« sagte aber jetzt Pomare, die bis
+dahin unschlüssig und ängstlich gestanden -- »der Mitonare hat recht; so
+lange ich unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie kämpfe, werden
+sie unser Eigenthum achten und nicht zerstören, und das fromme Werk der
+Mission, das mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zu Grunde gehn;
+ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder
+sollen ihre Krone nicht vergossenem Blute zu verdanken haben -- wenn
+Andere Unrecht thun will ich nicht selber sündigen. Und auch Du Tati,
+schaudere vor dem Abgrund zurück an dem Du stehst, denn Du verachtest
+die Bibel und sie ist Deine einzige Rettung.«
+
+»Pomare -- laß uns nicht in dieser Stunde um ein Wort, um eine Meinung
+zanken,« bat aber der Häuptling -- »schicke mich nicht fort von Dir mit
+solcher Antwort; noch bist Du Königin und will Dich England schützen,
+wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm _erzwingst_, durch
+Königliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe
+flüchtest, von vorn herein gleich erklärend, ich bin zu schwach, ich
+_kann_ nicht Königin sein.«
+
+»Da kommt Bruder Brower in großer Eile« rief Mr. Rowe da, der einen
+Blick durch das Fenster geworfen -- »was wird er bringen?«
+
+»Unheil diesem Haus« sagte Tati düster, der in den Augen Pomare's schon
+seine Antwort las, und nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare
+würde den Ausschlag geben. Er sollte darüber nicht lange in Zweifel
+bleiben; mit ängstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins
+Zimmer, und nur einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling werfend,
+dessen Parthei den Interessen Pomare's bis dahin selten freundlich
+gewesen, rief er aus:
+
+»Die Noth ist groß Pomare, größer aber die Gefahr, denn soeben höre ich
+daß die Französische Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu
+halten, bis zu Abschluß des Friedens. Glücklicher Weise aber war das
+Boot des Basilisk hier an Land -- sein Officier ist von mir in Kenntniß
+gesetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem
+Schutz seiner Flagge sicher fortzuführen -- aber der Augenblick drängt,
+Du hast keine Viertelstunde mehr zu Deiner Verfügung.«
+
+»Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare« rief da Tati noch
+einmal, den letzten Versuch zu machen, die Königin ihrem Lande zu
+erhalten -- »über die Straße hinüber beginnen die Guiaven, und mein Kopf
+bürge Dir für Deine Sicherheit.«
+
+Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's Gemach; es war ein junger
+bildschöner Mann, wohl sechs oder acht Jahr jünger als die Königin,
+aber mit weichen, weibischen Zügen, die Oelgetränkten Haare mit Blumen
+geschmückt und die Finger mit Ringen besteckt. Auch seine Züge waren
+jetzt angstentstellt, und die Männer nicht beachtend die im Zimmer
+standen rief er laut:
+
+»Flieh Pomare, flieh -- an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit
+geladenen Gewehren stehn und das Volk schreit, sie kämen Dich zu fangen
+und zu binden.«
+
+»Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten bist Du frei,« drängte da Mr.
+Rowe.
+
+»Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner Krieger stellen« bat Pomare --
+»der Allmächtige wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere
+Hände geben.«
+
+»Verdorren soll der Finger der sich für Deine Sache regt wenn Du ihr
+selbst den Rücken kehrst;« -- rief aber der Häuptling trotzig und
+finster -- »Pomare -- hah, was ist _mir_ der Name? dem _Vaterlande_ hätt'
+ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von
+Uneinigkeit draus fern zu halten, selbst _Deinem_ Stamm gehorcht. Du
+bist aus edlem Blut entsprossen und das Land hätte, so von jedem
+Partheienhaß befreit, seiner Königin zugejauchzt und sich für sie mit
+Freuden in den Kampf geworfen -- das ist vorbei, die schwarzen Männer
+haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati ist für Dich verloren.«
+
+Noch stand Pomare zögernd, da schallte ein kurzer Trommelwirbel, eine
+vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr.
+
+»Der Feind!« rief Pomare Tane, riefen die Missionaire -- »sie kommen
+Dich zu holen.«
+
+»Wo sind meine Kinder« flehte die arme Königin jetzt selber von der
+Angst der Uebrigen eingeschüchtert -- »meine Kinder!«
+
+»Hier im Zimmer bei den Einanas« beruhigte sie Mr. Brower -- »ich ließ
+sie selber hier zusammenkommen, jetzt fort -- in wenigen Minuten bist Du
+an Bord -- schon im Boot bist Du sicher und ungefährdet« und ihre Hand
+ergreifend, die sie ihm willig überließ, folgte sie ihm hinaus.
+
+»Meine Kinder« rief die Königin.
+
+»Hier, hier -- Ihr Mädchen da rasch mit den Kindern in's Boot das am
+Strande liegt -- fort mit Euch.«
+
+»Aber meine Matten, meine Kleider --«
+
+»Alles wird Dir nachgeschickt Pomare,« rief Mr. Rowe rasch -- »wir
+selber wollen Dein Eigenthum schützen, das der Ferani nicht wagen darf
+anzutasten.«
+
+Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr außer Fassung gebracht,
+folgte fast willenlos den Führern, und mit den Kindern voran floh der
+kleine Zug über den schmalen Strand dem zum augenblicklichen Abstoßen
+bereiten Englischen Boote zu. Eine Französische Patrouille kam gerade
+zufällig am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch
+wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen
+der recht gut gekannten Königin nicht, ja es ist leicht möglich, daß die
+Franzosen sehr zufrieden damit waren einer unangenehmen Ueberwachung
+Pomares solcher Art vollkommen überhoben zu sein. Sie bekamen dadurch
+viel freiere und ungestörtere Hand in der Stadt, und hatten
+gewissermaßen eine Verantwortlichkeit weniger.
+
+Unbelästigt erreichte die Königin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den
+Kindern und zweien der Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und
+Brower am Ufer standen und mit einem dankenden Blick nach oben die
+Rettung Pomare's feierten, schoß das scharfgebaute Boot mit seiner
+kostbaren Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff[J] zu,
+wo die seltenen Schützlinge von dem Englischen Capitain auf das
+Zuvorkommendste und Freundlichste empfangen und, so gut als der enge
+Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden.
+
+ [J] Der »~Basilisk~«, nur eine sogenannte »~catch~« von circa 200
+ Tons.
+
+So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten,
+und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation
+zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres
+ersten Missionairs gestört werden konnte, so heftig erschütterte dagegen
+das Gerücht: Pomare hat fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth,
+und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden
+Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die
+Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rüsten. Halb
+Papetee stand einsam und verlassen, während die Eroberer, damit gar
+nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie
+theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten,
+zugleich aber auch mit vereinten Kräften daran gingen den Wall und
+Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie
+überhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen
+eine Ueberzahl der Feinde schützen konnte.
+
+Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig -- kein wirklicher Ueberfall
+geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer
+sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt
+noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Männer deutlich
+genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+Der erste Kampf.
+
+
+Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzosen lief aber auch,
+wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch
+trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Insel, und das Volk fing
+jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge
+eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bündniß
+mit den Häuptlingen schloß, und seine Priester ihnen herüberbrachte.
+Dumpfe Gerüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich aller
+ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's
+geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran
+gedacht hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf,
+Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln
+zwischen ihnen zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer
+zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regsamkeit, die einen
+ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als
+eine Unmöglichkeit erscheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund
+zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer
+Parthei; das Geschütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu
+entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden, _konnte_ das
+nicht lange auf sich warten lassen.
+
+Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner
+von Tahiti) Nachmittag -- und Bruder Dennis hatte an diesem Tage
+Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses
+freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz
+wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon
+aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie
+gleichgültig an sich haben vorübergehn zu lassen, und wenn auch
+äußerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing
+sich zu regen, waren unter der Hand die Rüstungen mit vielleicht nicht
+weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's.
+
+Schon während der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes
+Französisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Küste täglich auf- und
+abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier
+dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natürlich
+von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt.
+Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die
+»Papisten und Sabbathschänder« sprach, die Herzen seiner Zuhörer mehr
+noch mit Zorn und Entrüstung füllend.
+
+Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich
+ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und
+wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und
+die Mädchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit
+ihnen scherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem
+Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer
+Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schönen zuletzt gereizt, selbst
+ihrem Uebermuth, hätte irgend eine Grenze gesteckt.
+
+Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten sich übrigens damit am
+Ufer, oder in der Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes
+kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst
+schon lange vorüber war und sich die einzelnen Familien in ihre
+Wohnungen zurückgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur
+theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächsten
+Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuser zerstreut unter vorhängenden
+Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten und
+kleinen Guiavendickichten hinaufzog.
+
+Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine Gruppe sorgloser fröhlicher
+Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen
+Brodfruchtbäumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am
+Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt, hie und da eine sogar auf ihre
+Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in
+einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, während
+die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu
+Vieren oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger
+Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß
+sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges
+befände, und den Feind unter sich wußte, der es schon geärgert und
+gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten
+konnte.
+
+Zwischen den Frauen waren drei reizende junge Mädchen, zwei von Tairabu,
+und eine, ein Gast in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene
+reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der beiden Jungfrauen, die
+sich lächelnd zu ihr hinüberneigten, erzählte die Fremde den Freundinnen
+von der Stadt an der andern Seite der Insel, von den frechen Wi-Wis die
+ihre Waffen und Kanonen an Land geschafft, und die Herren sein wollten
+der ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen Sitten und
+Gebräuchen, von ihren großen Bärten und heißen Kleidern, von der
+wunderlichen Sprache -- wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi
+sprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie -- fuhr die Jungfrau
+leise und schüchtern fort, den Mädchen nachstellten und ihnen stets von
+ewiger Liebe sprächen, und sie dann wieder verließen wo sie ein anderes
+junges Gesicht gesehn.
+
+Es war ein liebliches zauberschönes Bild, diese drei jungen Kinder der
+Insel mit den blitzenden sprechenden Augen und üppigen Formen, denen die
+Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch höheren Reiz verlieh. Und
+dicht hinter ihnen saß ein alter Mann, in seinen Tapamantel
+eingeschlagen, und an den Stamm an einer hochwüchsigen mit goldgelben
+Früchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt, finster vor sich
+niederbrütend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mädchens
+lauschend. Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das heiße Blut
+die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte, als er den Uebermuth der
+frechen Fremden von rosigen Lippen lachend bestätigt hörte, und der die
+Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie sie die
+Schmach schon so lange ertragen, und immer und immer noch nicht
+losgeschlagen hätten in das Herz des Feindes hinein.
+
+Lautes Geräusch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tönten zu
+ihnen von unten herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der die
+Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen auch jetzt, die Mädchen
+neckend und die Männer ärgernd, bis zu ihnen herauf.
+
+»Die Wi-Wis« -- die Mädchen drängten sich neugierig vor, ob sie nicht
+irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen
+Gestalten erkennen könnten, schüchtern aber dabei und bereit zu
+augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall gewesen wäre.
+Trommeln wirbelten indessen unten im Thal, aber nicht der bekannte
+fröhliche Laut zum jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem
+schroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen herauf die von der
+munteren Soldateska mit herüber genommen waren die Herzen der Hörer zu
+gewinnen.
+
+Fester Tritt und lautes Lachen schallte da näher und deutlicher zu ihnen
+herüber, und unten am Hang, in den Gärten schon wo die Reihen sorgfältig
+gepflanzter Bananen und süßer Kartoffeln standen, wurden die bunten
+Uniformen der Fremden sichtbar, die an den Fruchtbäumen, wenig sich um
+den Eigenthümer kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu suchen und zu
+pflücken.
+
+Die Mädchen welche aufgesprungen waren und rasch mit einander geflüstert
+hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurück.
+Was hatten sie zu fürchten an _seiner_ Hütte? glaubten sie daß der
+Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen ungestraft zu beleidigen? Die
+Mädchen schämten sich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der
+Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und sie faßten
+sie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen
+sie wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon nicht recht daß
+sie dableiben mußten, und nun wollte das Mädchen von Papetee sie auch
+noch dazu allein lassen -- das ging unter keiner Bedingung an.
+
+Die Franzosen, von denen einige mit ihren Seitengewehren bewaffnet
+waren, drei oder vier sogar ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch
+in die leichte Tracht der Europäer auf den Inseln, weite Hosen und
+Jacken und breiträndigen Strohhut gekleidet gingen, kamen indeß näher
+und näher und steuerten, als sie die bunten Kleider der Mädchen vor dem
+Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu.
+
+Die Männer oben hörten dabei auf zu singen, und blickten finster auf die
+ungebetenen Gäste, die hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des
+eigenen Hauses störten, und die Mädchen rückten enger zusammen, und
+flüsterten ängstlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf sie
+zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten nicht
+einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme fest
+auf der Brust gekreuzt, in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst
+und fragend an.
+
+»Hallo Waihine's!« rief da der Eine der Franzosen in ihrer Sprache --
+»auf mit den Köpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das
+Näschen im Schultertuch -- aufgeschaut Dirnen und laßt ein vernünftig
+Wort mit Euch reden. -- Vor Allem sollt Ihr mir eine Frage beantworten,
+und ich weiß Ihr könnt, wenn Ihr wollt.«
+
+Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die
+Fremde senkte ihr Köpfchen tiefer und tiefer, und glühendes Roth schoß
+ihr über Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken selbst bis unter das
+Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mädchen bemerkend
+und kaum noch im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm kochte und
+gährte, sagte finster, die Feinde seines Vaterlandes mit den Augen
+messend:
+
+»Und was habt _Ihr_ für Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen,
+zu dem man Euch nicht das ~hare mai~ gerufen hat? -- fort mit Euch wohin
+Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter über das blaue Wasser
+nach den Lee-Inseln; unsere Augen schmerzen von Euerem Anblick.«
+
+»Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen, alter Bursche, wenn Du so
+unverschämte Reden führst!« rief Einer der Bewaffneten drohend;
+ȟbrigens hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern mit den Dirnen
+hier, so warte hübsch bis Du gefragt wirst -- hallo hier Waihine, gieb
+Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Kuss« sich
+niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten Arm um ihren schlanken
+zitternden Körper, während sie sich ihm mit lautem ängstlichem Ruf zu
+entziehen suchte.
+
+Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber
+auch Einer der Franzosen das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm
+nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen:
+
+»~Nahuihua~ -- bei Allem was da lebt -- die Perle die ich suchte; da
+bist Du ja, Mädchen!«
+
+»Zurück -- Le-fe-ve« -- rief aber die Schöne mit zornfunkelnden Augen --
+»zurück falscher Wi-Wi -- todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus
+Aumama -- und sie hat den Fluch über Dich gesprochen.«
+
+»Aumama?« rief Lefévre etwas bestürzt, »sie ist hier?« jede weitere
+Unterhandlung wurde aber rasch und plötzlich durch den greisen Häuptling
+selber abgeschnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwischen die Fremden
+sprang und Lefévre, denn dieser war es wirklich, an der Schulter faßte
+und zurückschleuderte von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und
+dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.
+
+»Fort mit Dir!« schrie er und sein Auge blitzte -- »fort mit Dir
+falscher Wi-Wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule
+und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit
+Dir, meineidiger feiger ~Huapareva~[K] oder Du sollst den Tag
+verfluchen der Dich zu unserem Leid an diese Küste gebracht!«
+
+ [K] Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf altem Schilf
+ schwimmend gefunden wird, und womit die Insulaner Personen von
+ unbekannter dunkler Herkunft vergleichen.
+
+»Teufel!« schrie aber Lefévre in toller Wuth, der von der kräftigen Hand
+des Alten seitab geschleudert wirklich Augenblicke brauchte sich im
+Gleichgewicht zu halten daß er nicht zu Boden fiel -- »Teufel!« und sich
+in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm führen,
+aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit
+kräftiger Faust dermaßen gegen die Stirn, daß er betäubt einen Schritt
+zurücktaumelte.
+
+»Rebellion!« schrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn spannend
+und die Flinte emporreißend, schlug er auf den ihm trotzig
+gegenüberstehenden Häuptling an und feuerte. Die Kugel wäre dem alten
+Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich gewesen, hätte
+nicht ~Nahuihua~, während die beiden anderen Mädchen flüchteten, selber
+den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeschlagen, das
+tödtliche Blei durch das Dach des Hauses zu senden.
+
+Jetzt aber sprangen auch die andern Männer empor, an dem beginnenden
+und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen;
+Lefévre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kümmerte sich nicht
+weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen
+hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen, sondern
+sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in
+Todesangst der Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher
+Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden
+auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein
+Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen.
+
+Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei
+der Frauen stürzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der
+Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erschien,
+gleich nach dem ersten Schuß, eine andere Frau, ein junges schönes Weib,
+die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das
+Schultertuch selbst gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten,
+wild und verstört wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer
+Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die
+Kämpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester
+Hülfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich
+sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang
+sie zu retten -- sich selber zu rächen.
+
+Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der
+Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte,
+sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit
+Gedankenschnelle die Waffe an sich reißend, floh sie den Hang nieder.
+Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild
+hinterdrein, aber was achtete das die Rasende -- wie eine zürnende Göttin
+ihres Waldes, und so schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den
+Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war sie
+dicht hinter ihm.
+
+»Le-fe-ve!« hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort über die Lippen,
+aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz
+-- »Le-fe-ve!« und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen
+Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die
+Büsche glitt, während das zürnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den
+erschreckt Zurückfahrenden ansprang.
+
+»Dieb!« schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, »falscher
+schurkischer Dieb!« und wäre die schwache Hand gewohnt gewesen eine
+Waffe zu führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verräthers
+niederschmetterte, hätte für diesen keinen zweiten nöthig gemacht.
+Selbst so traf er den rechten Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er
+kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten
+Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm so schändlich
+verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos
+wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder,
+zum Strand zurück.
+
+Von dort aber stürmten indeß die Franzosen gleich nach dem ersten Schuß
+in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die
+Sachlage wesentlich verändert hatte.
+
+»Sind wir Hunde?« schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu
+kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden
+zu -- »daß Ihr uns so behandelt? -- wir waren ein ruhiges Volk, wir
+_wollten_ Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in
+das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!«
+
+»Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat, »so, das für Dich, Du rothe
+Giftkröte!« und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und
+drückte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie
+leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum.
+In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn
+geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er
+damit die Stirn des Unglücklichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den
+Lippen leblos zusammenbrach.
+
+»Nieder mit den Verräthern!« schrieen die Franzosen, »hierher Kameraden
+-- hierher zu Hülfe!« und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem
+benachbarten Orangendickicht, während eine Schaar von französischen
+Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach ein dunkler Haufe von
+Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten
+Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber feuerten sie
+mitten hinein in den Schwarm, der sich also überrascht und bestürzt in
+der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich von
+den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet.
+Die Franzosen aber merkten jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit
+einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während sie
+sich hier höchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt
+hatten, und in dem dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in die
+Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend, und jetzt nur auf
+Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab
+und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die
+Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurück den sie gekommen.
+Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergossene Blut der
+ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen
+sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde
+wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand
+wieder erreichten.
+
+Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen neuen Angriff
+machen, theils die Insulaner zu züchtigen, theils einzelne ihrer
+Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen,
+zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schicksal, zu
+überlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der
+endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten
+Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen
+sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher
+Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, daß
+dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe
+zurückrudern mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den
+Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmäßiges aber von wenig
+Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in
+den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen
+wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die
+Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen
+waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach
+Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls
+höchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu
+bringen.
+
+An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen
+vierzig und fünfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande
+waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte
+und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde.
+
+Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein
+Kriegsdampfer, und die ~Jeanne d'Arc~ mit den nöthigen Marinesoldaten
+abgeschickt, die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen, während die
+Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Läufer
+Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den
+Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwärmen in der Nähe der
+jetzt vollständig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen
+Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde
+dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie
+mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich verlassen
+hatte, einen temporären Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen.
+Die Besatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste
+verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber
+angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten
+Angriff der Eingeborenen gegenüber, schwebte, recht gut bewußt.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+Der Abschied.
+
+
+Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche geworden, daß René
+selber fürchtete außerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in
+einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der
+Europäer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu
+sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch
+jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen würden. Welche
+Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer
+solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee --
+Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem
+Grundstück lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was
+sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein
+länger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen
+Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber
+unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie zu wirklich entschlossener
+Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte
+in dem ehrwürdigen Mr. Nelson.
+
+Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz kürzlich erst
+wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest
+bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes
+Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie
+bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem
+Geständniß, während sie sprach, und Worte fand für das, was ihr bis
+dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es
+auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar
+gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte,
+von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie öffnete dem alten
+ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie
+dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That
+noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und
+glücklich werden könne. René liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein
+Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geöffnet, -- nur
+der Verführung mußte er hier entzogen sein -- nur erst wieder vergessen
+was er Alles aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder gut wie in
+früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange
+trüb gewesen -- recht trüb und traurig.
+
+Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten
+wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte,
+der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt jetzt Einer der
+leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer
+Wallfischfänger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen
+Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der
+Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten
+an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt
+Sadie und René den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien
+einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon
+die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben würde ihn zu
+begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht René
+seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie
+Alles geordnet hatte, seine längst besprochene Uebersiedelung
+auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht für ihn, und
+verzögerte sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit
+aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein, wenn der Kampf
+hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber
+war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald
+er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen.
+
+Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich von René, und wenn auch
+nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte
+in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte
+-- _durfte_ sie den Gatten hier allein zurücklassen, wo ihm vielleicht
+noch Gefahr für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, für
+sein Leben drohte? Und _allein_ nach Atiu zurückzukehren? -- sie hatte
+sich das so ganz anders gedacht -- so lieb und glücklich sich das
+ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am
+Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen
+würde -- wenn die Thäler und Hänge dem Meer entstiegen -- rechts und
+links das niedere Palmenbewachsene Land austräte von den Gebirgen, und
+höher und deutlicher würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung
+zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt -- Ach sie seufzte
+recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, daß sie das
+Alles jetzt _allein_ nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick
+doch das Bewußtsein halb ertödten müßte -- _er_, durch den Dir die
+Plätze und Thäler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum
+Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das
+Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und
+Kind nicht bei sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben.
+
+Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht
+hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen
+aus der Nähe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr
+_nieder_blickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß
+stillen konnten und -- mochten, ein Herz zu finden dem sie sich
+anschlösse, eine Brust in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der
+sie zujubeln durfte was sie freue.
+
+René sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind
+vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier
+aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber auch recht gut,
+wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so günstige Gelegenheit zu
+finden auf einem großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer
+Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen,
+von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten
+zu dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem
+sich die Französischen Behörden ganz besonders solche Mühe gaben, irgend
+etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf
+der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte sich nicht das
+Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf
+seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß sein
+Ueberfall an dem Abend, René wußte selber nicht wie, bekannt geworden,
+und man ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die seine
+Untersuchung leitende Behörde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach
+das aber wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten
+Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu führen, Nichts gewußt zu
+haben; was hätte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die
+Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer
+müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu
+zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an
+Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den
+geringsten Verkehr zu haben.
+
+René ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem
+die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und
+ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn später seine
+Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln
+stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden
+Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.
+
+Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getäuscht sehen;
+Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer
+Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im
+Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der
+Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe
+hinübermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls
+bedenkliche Nachrichten über den Zustand der dortigen Verhältnisse
+eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache
+beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat
+den jungen Mann nur noch höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten
+Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung
+zurück sein müßte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher
+nichts weiter im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings geben
+könne, daß sich der Gouverneur selber dahin geäußert habe die
+Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven
+Beschluß vermochte er selber nicht zu geben.
+
+Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am
+nächsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu
+können, beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem raschen
+Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde. Ohne Weiteres beschloß er
+nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem
+bequemen Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu
+willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen
+Güter, das am nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier
+Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr.
+Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach
+Hause zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so
+manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie
+zuzubringen.
+
+Die letzte Nacht -- es liegt ein eigener, wehmüthiger Zauber in dem
+Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz
+verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei
+selbst gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns
+fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und
+trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt
+verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter
+den Füßen gebrannt, und wenn wir fort _dürfen_, wenn die Welt frei und
+offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin
+hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches
+Gefühl von Weh und Reue fast die Brust -- wir stehn und zögern, wenden
+uns zum Gehn, und der Fuß ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon
+oft im Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich _warum_? -- zum letzten
+Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise -- zum letzten Mal
+betret ich ihn vielleicht -- dazwischen liegt die Ewigkeit, und der
+Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt
+schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der
+Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist nicht mehr
+die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten Platz -- es ist die
+Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber.
+
+Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit
+allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert, und nicht
+loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt
+stößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu
+eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum.
+
+In ernstem Schweigen blieb René stehn, als er den freien offenen Platz
+erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er seit
+Jahren nun sein eigen genannt, überschauen konnte, und trübe
+schmerzliche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten. Manches
+Andere gesellte sich noch dazu -- er war gealtert seit er sich einst hier
+angebaut, gealtert an Leib und Seele -- und mehr noch an Seele wie an
+Leib. Und hatte sich Alles das erfüllt was er hier einst gehofft? -- war
+das Wahrheit geworden, was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz da
+vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden Farben? bot ihm die
+Zukunft noch, was sie ihm einst in schöner Zeit versprochen? -- doch
+fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele
+jagten, fort -- sein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift -- für
+ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da
+noch mishandeln erst und quälen.
+
+Und als er noch so da stand und, erst die düsteren Geister gebannt, aus
+dem Schatz seiner Erinnerungen all die lieben seligen Bilder herauf
+beschwor; das Glück in dem er geschwelgt, den süßen Frieden den er hier
+gefunden, als ihn die ganze Welt zurück gestoßen und das Herz verschmäht
+das er ihr bot, da schoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn.
+Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich höher, freier -- seine
+Lippen lächelten und jetzt? -- der laute fröhliche Jubelruf des
+glücklichen spielenden Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte
+Thür des freundlichen Häuschens trat sein Weib, das herzige Mädchen auf
+dem Arm, auszuschaun nach dem so lange bleibenden bösen Vater, und mit
+einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung, hatte sein treues Weib
+umfaßt und an sein Herz gedrückt, das sich an ihn schmiegende Kind auf
+dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen wie in alter Zeit.
+
+Jetzt erzählte René auch der, darüber fast wieder traurig werdenden
+Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der
+Gouverneur den lächerlichen Proceß wolle fallen lassen, wegen dem Mord
+der Schildwacht, bei dem er ja doch wahrlich nicht betheiligt gewesen,
+so daß er nun gleich nachfolgen könne, sobald Jener zurückgekehrt -- und
+lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen standen,
+und jeder Tag den Aufstand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte.
+
+So sollte denn Sadie morgen endlich zurück kehren nach ihrem lieben
+Atiu, und bis sie dort Alles mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare
+Hülfe in Ordnung gebracht, konnte René auch schon wieder eine
+Gelegenheit gefunden haben nachzukommen -- die wenigen Tage oder selbst
+Wochen gingen rasch vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war
+wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmeninsel, und die Kleine
+schrie und jauchzte vor lauter Lust, als sie die Mutter so lachen sah
+und fröhlich sein.
+
+Den Abend plauderten sie noch bis spät in die Nacht hinein und am
+anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte daß es nun bald an den
+Abschied ging, hatte sie so viel zu thun, daß sie gar nicht Zeit bekam
+daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten
+mußten bis Alles zusammengerollt und eingeschnürt zum niedertragen
+fertig lag. Nur das Nothdürftigste behielt René zurück, jetzt durch so
+wenig als möglich belästigt zu bleiben, und das Wenige dann
+mitzubringen, wenn er selber käme.
+
+Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte, sollte das Boot
+wieder da sein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der
+Wallfischfänger in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen.
+
+Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefahren und um die nächste
+Landspitze verschwunden, und René und Sadie standen noch und schauten
+ihnen nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach dem _leeren_
+Haus zurück zu gehn, da hörten sie Schritte hinter sich und Sadie stieß
+einen leisen Angstschrei aus, während sich Renés Brauen finster und
+drohend zusammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange
+düstere Gestalt des Missionairs Rowe feierlich und ernst herunter
+schritt, und unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die
+beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und
+vorgestreckten, nach unten gedrehten Händen, wie segnend grüßte. Seine
+Lippen lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster Brust
+geholte Seufzer, der das kaum hörbar geflüsterte Amen begleitete,
+verrieth das Mitgefühl, das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die
+um ihn her sündigten und litten.
+
+»Und welchem glücklichen Zufall habe ich die Ehre dieses in der That
+unerwarteten Besuchs zu danken?« sagte René kalt, als der Geistliche
+noch einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor ihnen stehen
+blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als sonstigen Gruß oder Anrede zu
+sagen; »oder hat Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das
+wahrscheinlichere, ein paar Thüren zu weit gegangen, wo er dann freilich
+mitten hinein ist gerathen in die »papistischen Gräuel« und den
+»Baalsdienst«.
+
+»René« bat Sadie, und drückte leise und bittend des Gatten Arm, aber das
+Herz war ihr selber fast wie zugeschnürt, denn jedem entscheidenden
+Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so ernst und
+finster wie er jetzt da vor ihr stand; und hatte nicht immer sein Kommen
+ihr Leid gebracht, und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung, der
+sie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte ihr sein Anblick die
+Brust, das Herz in dieser Stunde, und sie mußte sich zwingen den leisen
+Gruß auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte weder
+Gruß noch Freundes Wort; nein, aus sich selber heraus quoll ihm des
+heiligen Wortes Spruch und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost
+und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild wohl brachte, aber das
+Herz kalt ließ dabei und unbefriedigt.
+
+»Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine
+Schwelle geführt« erwiederte Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen
+Anrede des Katholiken, »aber Du und die Gattin die Du Dir erwählt, Ihr
+Beide steht an einem Abschnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort
+eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen
+sollte.«
+
+»Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den Beweis gegeben« unterbrach
+ihn rasch René, der sich nicht helfen konnte dem Gedächtniß des
+Geistlichen mit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht in
+Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich bei dem frommen Mann
+geirrt.
+
+»Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und
+Seinen Werken« sagte er ernst und feierlich, aber keineswegs erzürnt
+über die finstere Mahnung des jungen Mannes. »Was ich gethan und wie ich
+gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und
+siehe da, vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege sind
+aber wunderbar, und Er führet Alles zum Besten hinaus, und Ihm deshalb
+sei Ehre und Preis in der Höhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmüthig
+selber richten wollen.«
+
+René wollte reden, aber der leise Druck von Sadieens Hand lag bittend
+auf seinem Arm, und er biß nur die Unterlippe ein und wandte sich halb
+ab von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde nicht
+verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs für ihn
+darin, wie er jetzt dem, dieser Verbindung so feindlich gesinnt
+gewesenen Priester gegenüber stand. Mr. Rowe übrigens, unbekümmert um
+Alles was in der Brust des Franzosen, dessen Gesinnung gegen ihn er
+vollkommen gut begriff, vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm die
+Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos und zitternd überließ und
+mit den Worten -- »lasset uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu
+dieser Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter, für und für«,
+führte er die etwas erstaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in
+das Haus, dort, wie er ihr sagte, ungestört ihre Augen und Herzen zu
+Gott erheben zu können.
+
+René blieb wirklich erstaunt über diese fabelhafte Ruhe -- und er hatte
+noch einen anderen Namen dafür -- zurück, und sah ihnen nach, dann aber
+mit dem Kopf schüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich nahm er sein
+Kind auf den Arm und sprang und spielte damit am Strand herum, die
+Rückkunft des frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten.
+
+»Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen« murmelte er dabei vor sich
+hin, indem er zuletzt ungeduldig werdend am Strande auf und ab ging, und
+durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen suchte, »ein
+Selbstvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt
+mir der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig
+nicht als ob er sich schämen müsse mir in's Auge zu sehn, nein, als ob
+er mir verziehen hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet.
+Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschießen solche Fragezeichen der
+Schöpfung unter uns herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des
+Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehört aber Geduld dazu, und
+verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in
+diesen Tagen einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein
+donnern in den Kram. Und wer leidet nachher darunter? sicher nicht diese
+Schleicher, die sich wohlweislich einzudrücken verstehn und mit einem
+frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darüber zu Grunde gehn
+sehn -- hol' sie Alle der Henker. -- Und wo er nur bleibt?« -- setzte er
+dann nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren Blick nach
+seiner Thür hinzu -- »es gehört bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu,
+mit diesen -- Heiligen fertig zu werden.«
+
+Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte das sogar ganz genau, wie
+gern ihn der Franzose bei sich sah, hielt es aber für unumgänglich
+nothwendig, seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz
+aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig eine Gelegenheit
+gesucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken
+wieder auf etwas freundschaftlichere Weise anzuknüpfen; jedenfalls aber
+eine Entschuldigung zu finden sein Haus in seiner Gegenwart zu besuchen,
+um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. _Der_ Zeitpunkt war
+ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht nicht wieder bot, und
+der Erfolg bewies daß er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber
+auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder verlieren
+wollte, und deshalb das Gebet vielleicht rascher beendend, als er es
+unter anderen Umständen gethan haben würde, erhob er sich wieder,
+stäubte sich die Knie ab, küßte Sadie inbrünstig auf die Stirn, legte
+seine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt und führte sie dann wieder
+mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an
+der Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in den Seinen zog, und
+dann den Geistlichen ansah, als ob er seiner Entfernung nicht das
+mindeste in den Weg zu legen wünsche.
+
+Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlassen hätte
+ehe er es selber für Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des
+göttlichen Wortes nach Kräften ausgestreut zu haben; fiel der dann auf
+unfruchtbares Land, so war das nicht seine Schuld, und er hatte sich
+selber keine Vorwürfe darüber zu machen. In einer ziemlich langen
+Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er sich dann noch
+einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht kränken mochte und
+sonst dem für ihn höchst langweiligen Gespräch wohl bald ein Ende
+gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beschrittenen Bahn des Guten, die er
+hier auf Tahiti, als eine schätzenswerthe Ausnahme von seinen
+Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur Gott
+ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere Missethat des Mordes
+verzeihen wolle, und verkündigte ihm dann, als er merkte wie René jetzt
+wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund öffnete zum trotzigen
+Einwurf, daß er dafür gesorgt habe ihre alte früher innegehabte Wohnung
+in Atiu wieder für sie herrichten zu lassen; daß das Dach neu gedeckt,
+das Haus gereinigt und gelüftet sei -- eine nicht ganz unnöthige
+Vorsicht des sonst sehr leicht darin nistenden Ungeziefers der
+Centipeden wegen -- und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich
+beziehen könne, als ob sie es nie verlassen habe.
+
+»Das Haus uns hergestellt?« rief René allerdings im höchsten
+unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern Abend ja den Entschluß
+gefaßt, und Wochen dazu gehört haben mußten das anzuordnen und
+auszuführen -- »und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?«
+
+»Aber René« beschwor ihn seine Frau.
+
+»Gebeten? -- Niemand --« erwiederte jedoch in voller Ruhe der
+Geistliche, »aus freiem Antrieb hab' ich das gethan. Seit jener Nacht«
+fuhr er dann mit einem wehmuthvollen Blick nach oben fort, »wo jene
+fatale Sache mit der Französischen Schildwacht hier geschah, wußt' ich
+daß es sowohl Ihr, wie besonders Prudentias Wunsch war, sich wieder
+zurück nach Atiu zu ziehn. Es war das Beste auch für sie, sie konnte
+dort ungestörter ihrem Gotte leben, nicht abgelenkt durch sünd'gen
+Wandel mehr, und alle Reize der Verführung die hier in Papetee des
+Satans Macht zu gold'nem Netze auslegt -- es war die höchste Zeit für
+sie, zurückzukehren zu dem stillen Frieden jener Insel die ihre Heimath
+nun doch einmal ist.«
+
+Renés Blut kochte, denn recht gut fühlte er, wie der Geistliche zum
+ersten Mal wieder die Hand ausgestreckt, in sein Familienleben
+einzugreifen, und wie er jetzt gleich entschieden auftreten müsse, ihn
+von allen derartigen Versuchen zurückzuschrecken. Sadie dagegen sah in
+dem freundlichem Wort, ihr Herz ja selber kein anderes Gefühl bergend,
+nur Liebe und Versöhnung, und mit Freude strahlenden Blicken die Hand
+des Geistlichen ergreifend, drückte sie diese in frommer dankbarer
+Inbrunst an ihre Lippen, René aber, ihren Arm erfassend, zog sie zurück
+und sagte finster:
+
+»Laß das Sadie; der Herr da meint's vielleicht recht gut, und ich will
+gern Vergangenes auch vergessen, doch damit, hochwürdiger Herr hab' ich
+auch Alles gethan was ich vermag, und muß Sie ernstlich bitten sich
+nicht um irgend etwas mehr zu kümmern, was mich, Sadie oder mein Haus
+betrifft.«
+
+»Herr Delavigne« rief der Geistliche auffahrend, und ein Blitz aus
+seinem kleinen lebendig grauen Auge traf den Franzosen in nichts weniger
+als christlicher Demuth -- »Sie gehn zu weit -- Prudentia ist
+Protestantin, und ihrer Seele Heil fordert der Herr einstens vielleicht
+von mir.«
+
+Ein spöttisches Lächeln zuckte um des Franzosen Lippe als er erwiederte:
+»Genug und über genug, ich habe keine Lust mich jetzt noch in religiöse
+Spitzfindigkeiten einzulassen; Sie wissen daß Sadie mich bald verläßt
+und Manches hat sie mir wohl noch zu sagen, Manches ich ihr -- ich
+hoffe doch Sie werden mich verstehen.«
+
+»René« bat die Frau mit leiser flehender Stimme.
+
+»Ei beim Teufel« zürnte aber der junge Mann mit dem Fuß stampfend --
+»der Herr hier weiß wie wir zusammen stehn und sollte es vermeiden
+Scenen zu erneun, die nur für beide Theile unangenehm sein können. Ich
+bedarf seiner Einmischung in meine Angelegenheiten nicht -- ich verlange
+sie nicht und, beim Himmel, ich _will_ sie nicht dulden.«
+
+»Herr Delavigne -- Sie trotzen auf die Macht die Ihre Landsleute in
+diesem Augenblick gerade hier besitzen« rief der Geistliche aber jetzt
+auch gereizt.
+
+»Ich trotze auf die Macht die mir mein Hausrecht giebt« rief aber der
+junge Mann.
+
+»Ich glaubte Sie mir zum Dank verpflichtet zu sehn« sagte der Missionair
+da, der seine ganze Ruhe wieder gewonnen -- »und bedaure, mich geirrt zu
+haben.«
+
+»Er hat es so gut gemeint, René« bat die Frau.
+
+»Die Minuten verfliegen« rief aber der junge Mann, »und wenige nur sind
+noch die unseren -- in kurzer Zeit kann das Boot hier sein, Sadie, das
+Dich mir entführt.«
+
+»Ich sehe wie es steht« sagte der Missionair ernst und fast traurig --
+»Gottes Wort wird überflüssig wo der Welt Stolz die Zügel faßt und dem
+ewigen Verderben mit raschen flüchtigen Schritten entgegeneilt. So lebe
+denn wohl Prudentia -- die Stunde schlägt die Dich jenem stillen
+freundlichen Insellande wieder zuführen soll -- möge es dieselbe sein,
+die Dich auch wieder zu Gottes Vaterhuld zurückführt. So bete zu ihm,
+daß er Dir gnädig Deine Sünden vergeben möge und behalte und wahre ihn
+in Deinem Herzen, der das Licht ist und Heil und die Hoffnung der
+Gläubigen in aller Ewigkeit -- Amen.«
+
+Und mit diesen Abschiedsworten hob er das Kind, das Sadie indessen
+wieder an sich genommen, zu sich auf, küßte und segnete es, gab es der
+Mutter zurück, neigte noch einmal die Hand gegen sie, und den finster
+dabei stehenden, den Gruß kalt erwiedernden Gatten und schritt dann
+langsam durch den Garten, durch dessen Pforte er bald darauf verschwand.
+
+Sadie aber lehnte ihr Haupt leise an des Gatten Brust und flüsterte mit
+weherfüllter Stimme:
+
+»Oh René, Du hast mir weh, recht weh gethan, mit Deinen heftigen,
+undankbaren Worten --«
+
+»Undankbar Sadie?«
+
+»Er hatte es so gut um uns gemeint, und Du hast ihn so kalt und heftig
+abgewiesen.«
+
+»Täusche Dich nicht, mein Lieb,« sagte René, sie fest an sich pressend
+-- »der stolze Priester meint's mit Niemand gut, und wenig Dank werd'
+ich ihm, vor allen Andern schulden. Er weiß das selber auch am Besten
+und _kann_ nichts Anderes erwartet haben. Ach Sadie, es war mir ein gar
+so wehmüthiges, ja bitteres Gefühl, daß sich der finstere Gesell gerad'
+in der letzten Stunde noch zwischen uns stellte und die Herzen
+auseinander hielt. Ich weiß nicht mir schnürt's die Brust noch jedesmal
+zusammen in seiner Nähe.«
+
+»Ach mir ist's auch ein wehes, wunderlich Gefühl« flüsterte Sadie, »und
+doch wär's Sünde, denn er meint es treu, und wenn er auch mit strengem
+starren Sinn den Weg verfolgt, den er nun einmal für den einzig wahren
+hält, so dürfen wir ihn doch darum nicht tadeln. Er ist im Zorn von uns
+gegangen.«
+
+»Laß ihn gehn« rief aber René, hochaufathmend, und den Blick dorthin
+zurückwerfend, wo der ehrwürdige Herr verschwunden, als ob er der
+wirklichen Entfernung desselben noch immer nicht traue -- »mir ist ein
+Stein vom Herzen daß er fort ist.«
+
+»Ist er's auch wirklich?« flüsterte da eine Stimme dicht neben ihnen,
+und als sie überrascht dorthin umschauten glitt Aia, das wilde schöne
+Mädchen hinter einem dichten Orangenbusch vor, und trat zu den Beiden.
+
+»Aia!« rief Sadie erfreut und doch auch vorwurfsvoll -- »Du böses, böses
+Kind, wo hast Du so lang Dich herumgetrieben in der Welt, daß Du gar
+nicht mehr an Deine Sadie gedacht?«
+
+»Und ich wollte ich müßte auch jetzt nicht an Dich denken« sagte das
+Mädchen leise und sie kämpfte dabei hart mit sich, eine aufsteigende,
+ihr sonst fast fremde Rührung zu verbergen.
+
+»Und weshalb, Aia?« frug Sadie.
+
+»Mach ihr das Herz nicht wieder schwer, Du wunderliches Kind« sagte aber
+René jetzt, ihr leise mit dem Finger drohend, »bist solch ein tolles
+Ding wenn Du da draußen herumtobst, unter den wilden die wildeste, und
+wie ein anderer Geist scheint es über Dich zu kommen, wenn Du diese
+Schwelle betrittst.«
+
+»Du hast mir und ihr auch noch Vorwürfe zu machen, nicht wahr, Du böser,
+nichtsnutziger Wi-Wi?« rief aber das Mädchen, trotzig sich die Locken
+aus der Stirn schüttelnd und mit zornigem Blick ihn anblitzend -- »Wehe
+über Dich; aber die Strafe bleibt Dir nicht aus, und dann denk' an
+_mich_, dann erschein' ich Dir in Deinen Träumen und quäle und martere
+Dich, trockne Dir Falten in die Wangen und bleiche Dir das Haar -- denk'
+an Aia.«
+
+»Tolles Mädchen was hast Du?« lachte aber René -- »kann ich dafür, wenn
+jene Kriegsschiffe vielleicht ungerecht dies Volk überfallen und sich
+unterwerfen? trag' ich die Schuld des vergossenen Blutes und all der
+darum vergossenen Thränen?«
+
+»Nein, Gott sei Dank nicht das auch noch,« sagte Aia, »doch genug,
+übergenug davon zu reden. Aber ich bin nicht zu _Dir_ gekommen, falscher
+Ferani, sondern zu Deinem Weib -- ich will mein Wort lösen, das ich ihr
+einst gegeben.«
+
+»Dein Wort Aia?«
+
+»Sagte ich Dir nicht, daß wenn Dich _Alle_ verließen und von Dir gingen,
+ich zu Dir kommen und bei Dir bleiben würde, und daß wir dann lachen und
+singen und tanzen und es toller treiben wollten, wie alle Anderen
+zusammen? -- und Gott weiß es, sie treiben's toll genug.«
+
+»Aber wunderliches Mädchen Du« sagte Sadie, während dennoch ein eigenes,
+wehes Gefühl ihr dabei das Herz durchzuckte, »wie fällst Du auf solch
+traurige Gedanken -- wer hat Dir die Grillen in den Kopf gesetzt?«
+
+»Und gehst Du nicht zurück nach Atiu?« rief Aia schnell und fast
+freudig.
+
+»Allerdings geh ich dorthin.«
+
+»Und René geht mit Dir?«
+
+»Allerdings.«
+
+»Aber jetzt? -- gleich? -- auf einem Schiff?«
+
+»Wenn auch nicht jetzt in _einem_ Schiff, Aia« nahm hier René das Wort,
+während Aia leise und traurig mit dem Kopf nickte, »doch sobald ich darf
+-- sie lassen mich noch nicht hier fort.«
+
+»Wer? -- die Wi-Wis? -- die Kanakas halten Dich doch wahrlich nicht,
+Ferani,« rief Aia zornig.
+
+»Die Kanakas nein,« lachte René, »aber meine eigenen Landsleute, eines
+tollen Streiches der Deinigen wegen.«
+
+»Ja ich weiß wohl« sagte das Mädchen unheimlich lachend, »Ihr helft
+einander wo Ihr nur könnt; ich habe das selber erfahren zu meinem Leid
+-- aber fort mit Dir, nicht zu _Dir_ bin ich gekommen, mit Dir zu
+plaudern -- nimmst Du mich mit, Sadie?«
+
+»Nach Atiu?« rief Sadie rasch und freudig.
+
+»Wohin Du gehst« sagte das wilde Mädchen leise und herzlich.
+
+»Und willst Du dem tollen schlechten Leben entsagen?« frug Sadie ihre
+Hand in tiefer Rührung ergreifend -- »willst Du bei mir bleiben, und mit
+mir leben von nun an?«
+
+»Wohin Du gehst« flüsterte Aia und schaute ihr dabei recht still und
+wehmüthig in's Auge.
+
+»Aber Aia« sagte René, »wenn Du mitreisen willst, wo hast Du Deine
+Sachen, Deine Matte, Deine Kleider? -- das Boot wird gleich kommen Euch
+abzuholen.«
+
+Aia erröthete und schüttelte unwillig mit dem Kopf --
+
+»Was Kleider, was Matte, ich habe Nichts auf der weiten Welt und --
+brauche Nichts. Eine Matte finde ich in Atiu darauf zu schlafen, oder
+Blätter und Gras genug für ein Lager, und die Brodfrucht ist so süß dort
+wie hier -- und süßer -- viel süßer« setzte sie mit weicherer Stimme
+hinzu.
+
+»Ich habe Matten genug für Dich, Aia« sagte Sadie herzlich.
+
+»Ich weiß Du bist gut« flüsterte das Mädchen -- »aber ich hatte selber
+eine Matte, nur gestern und vorgestern -- schlief ich -- schlief ich bei
+der alten Hexe im Haus, die sie Mütterchen Tot nennen -- und die behielt
+mir für Schlafen und -- aber was brauch' ich's auch« setzte sie unwillig
+hinzu -- »mag sie zu Gift dem ersten werden, der sich d'rauf bettet.«
+
+»Aia --«
+
+Das Mädchen wandte den Kopf scheu und beschämt zur Seite, aber ihr Blick
+traf ein weißes Segel, das eben über der Landspitze sichtbar wurde, und
+durch das Binnenwasser der Riffe kam, von vier kräftigen Matrosen
+gerudert, ein scharfgebautes schlankes Boot schäumend heran. Sie deutete
+mit der Hand hinüber und wie mit einem Messer stach es nach Sadie's
+Herzen, denn das Boot das dort herbeischoß -- war bestimmt sie aus den
+Armen des Gatten, zum ersten Mal von seiner Brust zu reißen. Sie wurde
+todtenbleich und Aia sprang zu sie zu unterstützen.
+
+»Sadie -- Sadie« bat René, der rasch seinen Arm um sie schlug und sie an
+sein Herz zog, »mein armes süßes Kind fasse Dich -- nur für wenige
+Wochen ist es ja -- _Tage_ vielleicht, die ich getrennt von Dir bin, und
+die Zeit wird rasch und leicht vorübergehn -- grüße mir mein Atiu
+indessen.«
+
+»René -- René!« weinte die Frau an seinem Hals und schmiegte sich an
+seine Brust, als ob sie ihn nie und nimmer lassen könnte -- und Aia
+stand daneben, die großen hellen Thränen ihr rasch die Wangen
+niederjagend, und ihr Blick haftete in einer eigenen Mischung von Zorn
+und Angst und Schmerz auf dem Mann. Aber sie sprach kein Wort und die
+Arme jetzt krampfhaft fest über der Brust gekreuzt blieb sie in ihrer
+Stellung regungslos der Gruppe gegenüber.
+
+Auf einen Wink René's trug indeß das Mädchen, das sie ebenfalls hinüber
+begleiten sollte, das letzte Gepäck zum Strand hinunter, dem der Bug
+des Wallfischbootes rasch entgegenstrebte, und Sadiens Stirn dann
+küssend flüsterte er noch einmal:
+
+»Komm Kind, komm -- faß Dich mein süßes Lieb -- sieh was müssen die
+Matrosen davon denken, die gleich hier bei uns sind. Um Gott, was fehlt
+Dir nur?«
+
+»Nichts -- nichts;« flüsterte Sadie leise und suchte sich aufzurichten
+-- sie deckte einen Moment die Augen mit ihrer linken Hand und das
+rasche Wogen ihrer Brust verrieth jetzt allein noch den Sturm der in ihr
+tobe. »Es ist vorbei« sagte sie dann nach kleiner Pause mit leiser, aber
+wieder fester Stimme -- »es ist Alles vorbei.«
+
+Aia wandte sich ab, und hielt beide Hände jetzt fest an ihr Herz
+gepreßt, René aber rief mit lauter freudiger Stimme:
+
+»Und da drüben beginnen wir dann ein neues, freudiges Leben -- so wirf
+den Gram und Kummer von Dir mein herziges Weib; sieh, da sind die Leute,
+und ungeduldig winkt mir der Bootssteurer schon und zeigt nach dem
+Schiff -- sie _dürfen_ nicht länger zögern -- leb wohl Sadie!«
+
+Wieder warf sich die Frau an seine Brust -- aber es war nur ein Moment,
+nur die fast krampfhafte Wirkung des Trennungsworts, dann sich gewaltsam
+emporraffend griff sie nach ihrem Kind und reichte es ihm hinauf.
+
+»Da -- küß Dein Kind noch einmal« flüsterte sie ihm zu.
+
+»Aber Sadie, quälst Du Dich doch als ob es eine Trennung auf Jahre
+gälte; fasse Dich Lieb.«
+
+»Küsse Dein Kind« bat die Frau, und das kleine liebe Ding hatte schon
+die Aermchen um des Vaters Nacken gelegt, und preßte seine rosigen
+Lippen auf seinen Mund -- »und nun leb wohl René« sagte sie dann und ihr
+Antlitz, wenn auch noch von Thränen überströmt, hatte ganz wieder seine
+alte Ruhe gewonnen -- »leb wohl René und schütze Dich -- schütze Dich
+Gott!«
+
+»Mein liebes Weib --«
+
+»So -- so, das ist gut, und nun mein Kind -- fort, fort nach Atiu« -- und
+unter Thränen lächelnd hob sie die Kleine sich auf den Arm; noch einmal
+hingen ihre Lippen in langem heißen Kuß an denen des Gatten, und sich
+selber aus seinem Arm reißend floh sie hinunter zum Boot, wo die Leute
+schon ungeduldig standen und sie erwarteten.
+
+»Segel auf da vorn!« rief indeß der Bootssteuerer der hinten, mit dem
+langen Riemen im Eisenring, stand und die Abschiedsscene mit spöttischem
+Lächeln betrachtet hatte -- »und aufgepaßt da mit Euerem Bug, daß wir
+nicht auf den Sand kommen -- Alles klar?«
+
+»Halt! die Wahine da soll auch noch mit« rief Einer der Leute.
+
+»Wetter noch einmal, über all das Weibervolk« brummte der
+Wallfischfänger leise vor sich hin -- »wird eine schöne Fahrt werden.«
+
+»So leb wohl Aia« rief der davon Springenden René noch freundlich nach
+-- aber Aia kümmerte sich nicht um ihn; ihr Blick hing an dem
+schmerzlich durchzuckten Antlitz Sadiens -- sie hörte kaum daß ihr die
+Matrosen zuriefen sich zu eilen, und im Boot kauerte sie neben der
+schlanken Gestalt der Frau nieder und barg, den Arm um sie
+hergeschlagen, ihr Antlitz in ihrem Kleid.
+
+»Alles klar da vorn« schallte die rauhe Stimme des Bootssteuerers.
+
+»Alles klar!« lautete die Antwort.
+
+»Ab mit Euch -- stoßt ab.« Die Riemen wurden eingesetzt, der Bug des
+schlanken Fahrzeugs flog herum, und das Segel, das bis jetzt rasch und
+heftig gegen den schwanken Mast geschlagen, blähte weit aus in der
+frischen günstigen Brise, daß das schlanke Boot schon im nächsten
+Augenblick hineinpreßte in die klare Fluth, und den weißgekräußten wie
+gläsernen Schaum zu beiden Seiten hinausspritzte.
+
+»Joranna René -- Joranna!« rief ihm die Frau noch hinüber, und ihre
+rechte Hand, während sie mit der linken das Kind an sich preßte, winkte
+und grüßte den Zurückgebliebenen.
+
+»Joranna, Joranna!« schallte der Ruf zurück klar und deutlich mit der
+Brise über das Wasser -- »Joranna!« Aber das Boot schäumte durch die
+Fluth -- weiter und weiter drängte der Kiel dem Lande ab, der schmalen
+Einfahrt des Hafens zu und draußen, mit backgebraßten Segeln, lag schon
+das Schiff, der Ankunft des Bootes harrend, mit wehender Flagge noch,
+wie es den Hafen von Papetee verlassen. Jetzt hatte das schnelle Boot
+die offene See erreicht, mehr und mehr näherte es sich dem
+Wallfischfänger; jetzt fiel das Segel, René konnte deutlich die Leute
+erkennen, wie sie hinaufliefen an der Seitenwand -- das Boot stieg
+empor, die Raaen flogen herum und »Joranna« hauchten seine Lippen das
+Abschiedswort, als das wackere Schiff die frische Brise faßte, Segel auf
+Segel sich noch entfaltete, und der schlanke Bau in seinen Formen in
+immer weiterer Ferne mehr und mehr zusammenschmolz, bis er, ein weißer
+Punkt noch auf der dunkelblauen Fläche ruhte und -- verschwand.
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im
+Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden Ebook wurden offensichtliche
+Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. Die Schreibweise von
+Eigennamen richtet sich weitgehend auch nach den beiden bereits
+veröffentlichten Bänden.
+
+Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
+folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: ~Antiquatext~
+Fettdruck: #fetter Text#]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. ***
+
+***** This file should be named 38451-8.txt or 38451-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/8/4/5/38451/
+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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