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diff --git a/38451-8.txt b/38451-8.txt new file mode 100644 index 0000000..518519f --- /dev/null +++ b/38451-8.txt @@ -0,0 +1,7915 @@ +The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Tahiti. Dritter Band. + Roman aus der Südsee + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38451] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + +TAHITI + +_Roman aus der Südsee_ + +von + +#Friedrich Gerstäcker.# + +_Zweite unveränderte Auflage._ + +_Dritter Band._ + +Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor. + +#Leipzig,# + +_Hermann Costenoble._ + +1857. + + + + +#Inhalt des dritten Bandes.# + + + Seite + Cap. 1. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen 1 + + " 2. Pomare und ~Du Petit Thouars~ 54 + + " 3. Die Tahitische Flagge 80 + + " 4. Die Conferenz 122 + + " 5. Susanna 143 + + " 6. Jim O'Flannagan in Thätigkeit 178 + + " 7. Consul Pritchards Gefangennahme 230 + + " 8. Pomare's Flucht 259 + + " 9. Der erste Kampf 292 + + " 10. Der Abschied 310 + + + + +Capitel 1. + +Alte Erinnerungen und neue Schmerzen. + + +Ueber die See strich der Morgenwind leise und feucht, kräuselte die +Wogen, die spielend, neckend nach ihm auflangten, und glitt dann rasch +zwischen die Palmen am Ufer und in den fruchtschweren Wald, in dem er +rauschte und flüsterte und Thau und Blüthen niederschüttelte aus dem +blitzenden Laub. Bleigrau lag noch das Meer, und nur dunkle Schatten +flogen über seine Fläche, wo der Wind sie faßte, herüber und hinüber +drängend und oft im raschen Zug darüber hinstreichend. Nur am Himmel +kündete der lichte Streif den nahenden Morgen, und sandte seine +zuckenden Strahlen weit aus über den noch sternfunkelnden Himmelsdom, +vor denen die Kinder der Nacht erblichen und scheu und furchtsam +zurückwichen, dem Sonnengott Raum zu geben. + +Und heran kam der, auf schnaubenden Rossen, wie vom Sturm getragen, und +nicht langsam und zögernd, wie bei uns im kalten Nord -- dem ersten +Angriff folgend mit starker mächtiger Hand, scheuchte er die Nacht vor +sich her, und seinem ersten dämmernden Nahen folgte auch schon der +Siegeszug, mit dem er den flüchtigen Feind zu Paaren trieb. + +Dunkel und blau lag das Meer, als der erste zündende Strahl darüber +zuckte und die kleinen Wellen neugierig die Köpfe hoben, zuerst dem +nahenden Gott in's Auge zu schauen; und ein blinkendes Netz warf er über +sie aus, Gold und Purpur strahlend, und wie von einem Zauberstab +berührt, glühte plötzlich das weite wogende Meer, jede Welle den blauen +schlanken Nacken mit Diamanten überstreut und von Gold- und Silberadern +dicht und leuchtend durchzogen. Und die Berge strahlten den Widerglanz +zurück, die thaubedeckten Palmenkronen warfen den silbernen Regen nieder +in Thal und Schlucht, und wie aufathmend in unendlicher Wonne und +Seligkeit, strömte der Duft aus von all den Blüthenhainen, die tief +versteckt im dunklen Laube ruhten, den Seewind rückwärts treibend, mit +sanfter liebender Gewalt. + +Ueber die Berge aber schaute der Sonnengott freundlich in's Thal, und +grüßte die friedlichen Dächer alle, die tief versteckt im schattigen +Laub lagen und ihn fürchteten den Gewaltigen. Nicht täuschte sie dabei +der leise Kuß den er ihnen zuwarf wie er nur den Hain erreicht; -- höher +steigend und wachsend an Macht und Gewalt wäre der Kuß zum giftigen +sengenden Pfeil geworden, der zündet was er erreicht und dorrt und +brennt, und die Palmen hatten dann alle Hände voll zu thun, und mit +allen Fasern den kühlen Lebenssaft aus dem feuchten Strand heraufziehen, +das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen der stillen Menschen vor dem +glühenden Strahl zu schützen und zu schirmen. + +Und wie freundlich er da unten auf dem gelben Laub spielte, das hie und +da den Boden bedeckte, wie er sich durch jede Zweigesspalte durchstahl +und den saftigen Blättern schmeichelte und mit ihnen kos'te, ihn nur +durchzulassen, ein kleines kleines wenig nur durchzulassen zu den +Blüthen und Früchten unten, denen er Zucker bringen wollte und ein +goldenes Kleid, und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten formte, +und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut grub zum Angedenken. + +Welch freundliches Leben und Treiben in dem herrlichen Wald, und daß die +Axt da kommen sollte mit gierigem Zahn, und die Palmen niederschlagen +und Bäume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen, viereckige, +eingezäunte Felder, dem Sonnenstrahl preisgegeben, der dann nicht +spielend mehr zwischen den Zweigen kost, sondern verlangend sich an den +Boden saugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Lust. + +Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauschen die Bäume, noch flüstert +der Morgenwind, der flatterhafte Geselle, den Blüthen allen seinen +tollen Liebesunsinn vor, und unter dem Laub, die schönste Zierde des +Hains, der Blumen eine die das Land gebar und die zu ihnen gehörte, zu +den schlanken Palmen und duftenden Blüthen saß Sadie, und wie an den +wehenden, raschelnden, wispernden Blättern der Banane, die ihre grünen +Fächer schützend über sie breitete, der Thau in großen hellen Tropfen +blitzte und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, so hing an ihren +Wimpern ein klares Thränenpaar und schwer und langsam sank es nieder zu +dem Thau -- anderen, schwereren Perlen Raum zu geben. + +Sie war allein -- nur das Kind spielte zu ihren Füßen, haschte nach den +wechselnden Schatten die ein neckischer Strahl über ein hin- und +herwehendes Blatt warf, oder suchte sich kleine blitzende Muscheln aus +dem Korallenkies, der sich hier mit dem Boden vermengte -- René hatte +seine Heimath -- zum ersten Mal seit sie mit ihm vermählt -- schon vor +Tag, und zwar durch Bertrand abgeholt, verlassen, in einer Stimmung +verlassen, die ihr das Herz mit Sorge füllte -- sie wußte selber nicht +warum, und jetzt schnürte ihr eine Angst, der sie nicht Worte zu geben +wußte, die Brust zusammen und die Thränen, die ihren Wimpern entfielen +linderten den Schmerz nicht, der sie erzeugt, sondern brannten nur +weiter in zündender, quälender Lohe. + +So saß sie da, lange, lange Minuten, in ihrem Gram, die brennenden Augen +in der Hand geborgen und die klaren Tropfen preßten sich gewaltsam Bahn, +zwischen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus ins Freie. Aber +immer ängstlicher wurde ihr dabei ums Herz, ein merkwürdig stechendes +Gefühl zog ihr durch Scheitel und Hirn -- sie athmete schwer und wie von +einer heranprassenden Gefahr bedroht, die sie umgab und wenn auch +unsichtbar bedrohte, schaute sie endlich verstört und bleich empor und +sprang mit einem jähen Schrei auch auf von ihrem Sitz, denn vor ihr +stand, mit auf der Brust gekreuzten Armen, den ernsten aber jetzt nicht +strengen Blick fest und forschend auf sie geheftet, der Mann, der einst +mit kalter starrer Hand hineingreifen wollte in ihre Liebe, in ihr +Leben, und dem sie sich seit jenem Tag nicht mehr gegenüber gesehen -- +_der Missionair Rowe_. + +Und was führte ihn jetzt zu ihr? -- Sorge? Theilnahme? hatte sein +starres unduldsames Herz verziehen? oder -- wie Fieberfrost zog es ihr +durch Mark und Bein wenn sie des fernen Gatten dachte und den stillen +wehmüthig ernsten Blick des finstern Mannes so fest, so entsetzlich fest +auf sich gerichtet sah. + +»Um Gott! -- was ist geschehen?« flüsterte sie endlich in kaum hörbaren, +angstdurchzitterten Tönen -- »wo ist René? -- was ist vorgefallen +ehrwürdiger Herr?« und das Kind, das auf dem Boden neben ihr gespielt +und die schmerzlichen Laute der Mutter hörte, ihre Thränen sah, sprang +auf und klammerte sich schreiend an ihr Knie, sich nur wieder beruhigend +als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber der ehrwürdige Mr. +Rowe schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst: + +»Wenn Du eine Unglücksbotschaft fürchtest, meine Tochter, so beruhige +Dich, denn sie kann nicht von mir ausgehen -- ich weiß von keinem +fleischlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte. Aber +nicht dem auch sind Deine Thränen geflossen,« setzte er wehmüthiger +hinzu -- »nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat diese Wangen +gebleicht, diese Augen geröthet -- o Prudentia, sind _das_ die Früchte +unserer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die wir, Dein +Pflegevater und ich auf Dein Wachsen und Aufblühen setzten? -- ist das +Versprechen Wahrheit geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn in +früher Jugend gab, und pflegst Du _so_ das Wort Gottes, das Dir, ein +heiliger tröstender Stern hätte vorleuchten sollen auf der schweren Bahn +der Prüfung die Du, nach dem Willen des Höchsten betreten, und der Du, +ach, nach so kurzer, so entsetzlich kurzer Zeit schon erliegst?« + +Sadie schwieg -- das Herz war ihr schon überdies voll und schwer, und +die Worte des Geistlichen schnitten nur noch tiefer ein in die Wunden. +Auch der wehmüthige, fast liebende Ton den sie an ihm nie gewöhnt, drang +ihr mit scharfem Schmerz in die Seele und wie das, was ihr in früher +Jugend gelehrt und ihr Herz damals in voller ungetheilter Kraft erfüllt +hatte, jetzt wieder, vielleicht stärker noch durch die Gestalt des +damaligen strengen Lehrers, durch die Stimme selber zu Tag gerufen +worden, deren Klänge in ihrer Erinnerung nie verwischt, nur geschlummert +hatten, so stieg auch mit den Worten der mahnende finstere Geist auf und +hob warnend die Hand und der Gedanke _ich habe gesündigt_ wuchs, ein +Furcht- und Schreckensbild, mit riesenhafter Schnelle vor ihrem inneren +Auge empor und gab der Angst und Qual die sie an diesem Morgen schon +gefühlt einen entsetzlichen und doch ihr unbewußt so falschen Ausdruck. + +»Ach, ehrwürdiger Herr« flüsterte sie leise -- »nicht aus eigenem Antrieb +-- Gott weiß es -- betrat ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich +darin gefühlt, zwischen den fremden Menschen.« + +»Aber Du hast mit ihnen _getanzt_!« sagte traurig der Missionair und +sein Auge haftete in ernster Wehmuth auf den bleichen Zügen der armen +jungen Frau -- »ihrer wilden zügellosen Lust mit der sie sich im Kreise +schwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Männer, hast Du +beigewohnt, hast Theil daran genommen und wenn Du da glaubst, und Dir +vorsprichst vielleicht, Dich vor Dir selber zu entschuldigen, Dein Herz +sei noch frei von böser Absicht, bösen Wünschen -- glaube es nicht! -- +Der Feind hat die Hand nach Dir ausgestreckt, die Du ihm, statt ihn mit +frommem inbrünstigem Gebet und fleißigem Lesen in der heiligen Schrift, +abzuwehren, willig -- ja Prudentia -- willig geboten hast. Der erste +Schritt dazu war, als Du einem Manne folgtest, der dem wahren Glauben +abhold, nie in das stille Heiligthum Deines Herzens hätte eindringen +dürfen, eindringen können, wäre nicht grobe Sinnlichkeit und +fleischliche Lust stärker in Dir gewesen als die Liebe zu Gott.« + +»Ehrwürdiger Herr« bat Sadie. + +»Es schmerzt mich« fuhr der Geistliche mit fast weicher Stimme fort »es +schmerzt mich tief Dir weh thun zu müssen, Prudentia, denn ich habe Dich +lieb gehabt, schon als kleines Kind, und Dein Wachsen und Gedeihen in so +Gott wohlgefälliger Weise mit inniger Freude angesehen. Ich hielt es +damals für meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den ersten +Fehltritt thun wolltest -- der Herr hat es anders gelenkt, Sein Name sei +gepriesen. -- Aber nur eine Prüfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das +Kind dieser Inseln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen +Dienern selber gehört, und sorgfältig aufgezogen warst, Sein Wort weiter +zu verbreiten auf diesen Inseln, auch bestehen würdest auf dem rauhen +Pfad des Lebens, wenn keine treue und sichere Hand Dich mehr führte und +leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle diese Hoffnungen sind +dahin gestoben, wie Spreu im Winde -- der erste Lufthauch der Lust, der +Verführung, und Jahrelange Arbeit und Müh schwand dahin, als ob es ein +Nichts gewesen wäre, ein todtes Blatt im Herbststurm, das dem Meere der +Vernichtung entgegenweht. Und noch -- jetzt _noch_ ist es Zeit Dich +zurückzuhalten, jetzt noch ist Rettung nicht unmöglich, wenn Du die +mahnende Freundesstimme -- die Stimme _Gottes_ hören wolltest, die +bittend, flehend zu Dir spricht, durch meinen Mund. Noch ist die elfte +Stunde nicht vorüber -- noch lacht Dir das Licht der Verheißung und es +ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der reuig zurückkehrt in +die Arme des Allliebenden, als über tausend Gerechte die da eingehn zur +himmlischen Herrlichkeit.« + +»Was _kann_ ich thun?« klagte die arme Frau und faltete verzweifelnd die +Hände auf dem Schooße »mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben -- ihnen +gehört es, ihnen muß ich bleiben und sagt nicht selbst Gott in seinem +Wort: Du sollst Vater und Mutter verlassen, und dem Manne folgen?« + +»Dem Manne, aber nicht dem Feind« rief der Missionair zum ersten Mal +wieder den alten unversöhnlichen Haß im Blick -- »nicht dem Feind, +Prudentia, der Dich mit süßen Liedern und rauschenden Klängen lockt. Du +sollst dem Mann, der nun doch einmal Dein Mann geworden, in allem +_Guten_ folgen, aber nicht in Sünde und Finsterniß -- und das nicht +allein, Du sollst, Du _mußt_ all Deine Kraft, all Deine Macht über ihn +anwenden, ihn selber zurückzuhalten von dem, was ihm Verderben droht.« + +»Was würde Vater Osborne sagen« fuhr er wieder mit weicherer leiserer +Stimme fort, »wenn er Dich gestern in ihren Reihen, die Fröhlichste +unter den Fröhlichen noch hätte sehen können?« + +Sadie schüttelte traurig mit dem Kopf und seufzte tief auf. + +»Wenn er Zeuge gewesen wäre, wie Du ihre Tänze tanztest und in ihren +Armen den Abend verbrachtest, der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein +Kind hätte verfließen sollen. Prudentia -- _kannst_ Du noch beten?« + +»Aus voller inniger Seele zu meinem Gott!« rief aber das arme Weib +jetzt, dem bei den Worten eine Last von der Seele wälzte -- »der Schein +mag wider mich sein, und der Ausspruch der Menschen; aber Gott der mein +Herz sieht und kennt, weiß mit wie wehmüthigem Gefühl ich dem Befehl, +dem Wunsch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen an den Lustbarkeiten +der Fremden. Mir war nicht freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich +passe nicht zwischen sie mit ihren fremden Sitten und Gebräuchen -- mit +ihren fremden Gedanken von recht und gut -- mir ist nur wohl in meiner +Heimath, bei meinem Kind und hätt' ich mein freundliches Atiu nicht +verlassen dürfen, wie froh, wie glücklich, wie Gott dankbar hätte ich +leben wollen.« + +»Ich komme jetzt von Atiu« sagte Mr. Rowe leise. + +»Von Atiu?« rief Sadie rasch und bewegt die Hände faltend -- »von -- von +Atiu;« setzte sie langsamer und mit kaum hörbarer Stimme hinzu -- »von +meinem Atiu -- und haben sie meiner freundlich noch gedacht?« + +»Bruder Ezra hat mich begleitet« sagte der Missionair ohne direkt auf +ihre Frage zu erwiedern -- »denn der jetzigen inhaltschweren Verhältnisse +wegen ist eine Zusammenkunft von allen solchen Männern wenigstens nöthig +geworden, die irgend eine vorragende Stellung auf den verschiedenen +Inseln einnehmen, dort etwa auftauchendem Französischem Einfluß zu +begegnen. Die Mutterkirche in England scheint theilnahmlos unserem +Kampfe zuschauen zu wollen, und wir müssen ihr jetzt zeigen über welche +Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der christlichen +Religion gewonnene Häuptlinge ihren Schutz verlangten, oder ein starkes +zahlreiches _Volk_, das ein _Recht_ hat, ihre Hülfe zu beanspruchen.« + +»Mi-to-na-re« flüsterte die junge Frau, unter Thränen lächelnd leise vor +sich hin -- »Mi-to-na-re.« + +»Ja Prudentia -- dort allerdings war eine schöne Zeit für Dich« sagte +der Geistliche, mit ernster Theilnahme den Faden auffassend, der an ihre +Erinnerung knüpfte -- »und Gottes Hand lag liebend auf Deiner Heimath, +seinen Segen spendend zu jeder Stunde die mit Glück und heiliger Ruhe +Deine Brust erfüllte. Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde -- +keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfüllte da Dein Herz -- +der aufkeimenden Sünde wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr +Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer +einstigen Glückseligkeit zu gewinnen, indem sie die heidnischen Gräuel +zerstörten, die diese Wälder und die Herzen ihrer Bewohner füllten, und +Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen Himmelsdom liebend über ein +glückliches Land. Da kam der Versucher und Du erlagst.« + +»Ehrwürdiger Vater« bat Sadie. + +»Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieser Stunde gekommen bin Dir +Vorwürfe zu machen über Vergangenes; es ist geschehen -- ich streckte +meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stießest sie zurück, und wenn ich +Dich auch, durch die Verhältnisse gezwungen, eine Zeitlang Deinem +Schicksal überlassen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus +den Augen verloren Prudentia, und keineswegs die Hoffnung aufgegeben, +Deine Seele ihrem Erlöser zu retten -- ja ich fürchte fast, _wieder zu +gewinnen_.« + +»Aber was kann ich -- _darf_ ich thun?« frug Sadie in peinlicher Angst +-- »meinem Gatten gehört mein Leben, mein Glück -- selbst unsere +Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.« + +»Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten?« frug der Priester mit +finsterer, fast tonloser Stimme. + +»Seinen Leib?« rief Sadie -- der mit Blitzesschnelle der neue Gedanke an +Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte -- »seinen Leib? was droht ihm? +-- was soll ich retten -- o sprecht um des Heilands Willen, was ist +geschehen?« + +»Thörichtes Kind« sagte aber der fromme Mann kopfschüttelnd und seufzend +auf sie nieder schauend -- »thörichtes blindes Kind, das hoffend und +träumend, in sündhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt hat, und +die wetterschwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht +sieht -- oder nicht sehen _will_. Nicht von dem Einzelnen spreche ich, +der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert durch verstocktes +Anhängen am Götzendienst, mit dem sich die Frevler hier Bahn gebrochen +haben durch der Waffen Gewalt -- nicht der Einzelne ist es, der den +strafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat -- »Ich will meine +Pfeile mit Blut trunken machen,« spricht der Herr -- »und mein Schwert +soll Fleisch fressen über dem Blut der Erschlagenen, und über dem +Gefängniß und über dem entblößten Haupt des Feindes. -- Jauchzet Alle, +die Ihr sein Volk seid, denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und +wird sich an seinen Feinden rächen und gnädig sein dem Lande seines +Volks -- Nun will ich mich aufmachen spricht der Herr -- nun will ich +mich erheben, nun will ich hoch kommen, denn die Völker werden zu Kalk +verbrannt werden, wie man abgehauene Dornen mit Feuer ansteckt -- Und +der Herr ist zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles ihr Herr -- +er wird sie verbannen und zum Schlachten überantworten und ihre +Erschlagenen werden hingeworfen werden daß der Gestank von ihren +Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut fließen.« + +»Allerbarmer!« rief Sadie und barg zusammenschaudernd ihr Antlitz in den +Händen, dem furchtbaren Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor ihr +heraufbeschworen. + +»Allerbarmer ja!« sagte der Priester in langsamem und tiefem Ton -- »ja, +bis zum letzten Faden seiner Gnade und Barmherzigkeit -- dann aber auch +der Rächer und furchtbare Richter, mit dem Schwert seines gewaltigen +Zornes und dem Eisen seiner Allmächtigkeit. Sein Arm ist furchtbar und +die Welt zittert wenn er den Finger hebt.« + +»Aber Gott _kann_ nicht den Untergang _Aller_ wollen« bat Sadie -- »er +sieht die Herzen und weiß die Schuldigen von den Schuldlosen zu trennen +-- o wäre Vater Osborne hier, daß er seinem armen Kinde Trost spendete +und Rath in der entsetzlichen Noth.« + +»Nur im Gebet liegt Beides« erwiederte streng und ernst wie je, der +Geistliche -- »bete Tochter, verlorenes Lamm der Heerde -- bete. Bete zu +dem Allmächtigen daß er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu dem Ohr des +Gatten zu dringen, daß er Deinem Herzen die Stärke giebt, auszuhalten in +dem schweren Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irrgängen des +Versuchers. Noch ist der Böse mächtig in Dir, aber der Herr wird Dich +beugen und niederwerfen in den Staub, wenn Du Dich am sichersten +glaubtest vor Seinem Arm -- so bete, bete daß Er die Fasern Deines +Herzens zum Lichte wende und Seine Hand über Dich halte, Dich zu +schirmen und schützen in dem nahen Kampf.« + +Und wie von dem Geist berührt von dem er sprach, warf er sich plötzlich +neben der Trauernden, die mechanisch seinem Beispiel folgte, auf die +Knie nieder, und die Augen schließend und die fast krampfhaft +zusammengefalteten Hände zum Himmel aufhebend rief er mit lauter +wehdurchschauerter und das Herz des Weibes wie mit scharfer Waffe +treffender Stimme in dem Psalm Assaphs: + +»Herr es sind Heiden in Dein Erbe gefallen -- die haben Deinen heiligen +Tempel verunreinigt und aus Jerusalem Steinhaufen gemacht. + +»Wir sind unseren Nachbarn eine Schmach geworden, ein Spott und Hohn +denen, die um uns sind. + +»Herr wie lange willst Du so gar zürnen, und Deinen Eifer wie Feuer +brennen lassen? + +»Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf +die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen. + +»Denn sie haben Jacob aufgefressen und seine Häuser verwüstet. + +»Gedenke nicht unserer vorigen Missethat, erbarme Dich unserer bald, +denn wir sind fast dünne geworden; + +»Hilf uns Gott, unser Helfer, um Deines Namens Ehre willen; errette uns +und vergieb uns unsere Sünde um Deines Namens willen. + +»Warum lässest Du die Heiden sagen »Wo ist nun ihr Gott? + +»Laß unter den Heiden vor unseren Augen kund werden die Rache des Blutes +Deiner Knechte, das vergossen ist. + +»Laß vor Dich kommen das Seufzen der Gefangenen; nach Deinem großen Arm +behalte die Kinder des Todes, + +»Und vergilt unsern Nachbarn siebenfältig in ihren Busen ihre Schmach, +damit sie Dich, Herr, geschmähet haben. + +»Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner Weide, danken Dir ewiglich und +verkündigen Deinen Ruhm für und für!« + +Langsam erhob sich der Priester nach dem Gebet der Rache an den +_Allerbarmer_ und stand noch viele Minuten lang, mit fest auf der Brust +gefaltenen Händen neben der knieenden Frau; aber Sadie regte sich nicht +-- das Antlitz in den Händen über den Stuhl hingebeugt, lag sie in +heißem brünstigen Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Gestalt, der +heiße rasche Athem der sich ihrer Brust entrang, verrieth das Leben, das +Leiden der Armen. + +Der ehrwürdige Mr. Rowe schaute mit ernstem fast wehmüthigem Blick auf +die Betende nieder und legte dann seine beiden Hände leise und wie +segnend auf ihr Haupt. Sadie fühlte die Berührung und zuckte unter ihr +zusammen, aber sie blieb regungslos in ihrer Stellung. + +»Prudentia« sagte Bruder Rowe leise -- »Prudentia!« -- aber keine +Antwort wurde ihm, und nur fester schien die Weinende das Antlitz in +ihren Händen begraben zu wollen. »So sei Gott mit Dir!« sagte der fromme +Mann, seinen Hut ergreifend, den er daneben auf den Tisch gestellt -- +»so sende er Dir sein Licht und seine Gnade -- er lasse sein Angesicht +leuchten über Dir und gebe Dir seinen Frieden!« + +Sich dann wendend, verließ er mit leisen Schritten das Haus, ging +langsam durch den Garten, an dessen Thüre ein Insulaner halb auf der +Lauer, halb auf ihn wartend, gestanden hatte und folgte der Broomroad, +die nach Papetee hinunter führte. + +Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber noch nicht ganz hinter +den, diesen Theil der Hecke bildenden Papayen verschwunden, als aus der +ziemlich dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand, eine kleine +wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geistlichen, +vortauchte, und dessen Entfernung mit augenfälliger Aufmerksamkeit und +fast wie mißtrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt Gewesene +schien sich auch gar nicht damit zu beruhigen daß der also Bewachte +seinen Weg die Straße entlang bis außer Sicht fortsetzte, sondern er +verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerst eine kurze +Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhöhe erreichte, von +der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang mit +den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der +Straße verschwunden war. Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu +fühlen und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden +Augen zum Haus zurück, dessen Thüre noch, wie sie der Geistliche +verlassen, halb geöffnet stand. An der Schwelle aber blieb er wie scheu +und unschlüssig stehen -- er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken -- +er setzte den Fuß vor, und zog ihn fast ängstlich wieder zurück; endlich +aber faßte er sich ein Herz -- die Sonne stieg mit jedem Augenblick +höher und er _durfte_ die kostbare Zeit nicht länger versäumen, und die +Hand der Thüre nähernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltsam +gesammelten Entschluß laut und herzhaft an. + +Keine Antwort; -- drinn im Zimmer rührte und regte sich Nichts und der +Klopfer blieb kopfschüttelnd und unschlüssig in seiner lauschenden +Stellung an der Thür. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung +klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas stärker als vorher, und als +auch diesmal seine Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann +die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand, daß er, vielleicht auch halb +mit der Ueberzeugung es sei Niemand mehr im Haus, den Knöchel seines +dritten Fingers laut und heftig an die Thür anpochte, in demselben +Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrückten Schrei zurücksprang, +als das leise aber doch so deutliche und ihm so wohlbekannte »~hare +mai~« einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein erstes Gefühl +schien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Töne hatten zugleich +alte und oh so liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig +und jedenfalls unbewußt nach seinen Füßen hinunterfühlend, ob er die +Schuhe auch, wie es sich gehöre, daran habe, und nicht etwa wieder +barfuß als roher Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe in +der Welt, schob er die Thüre langsam auf und trat hinein. + +Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehört, vom Boden erhoben und +stand der Thüre zugedreht, kaum aber auch die kleine, so lang +befreundete Gestalt des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf +»Mitonare -- mein guter, lieber Mitonare,« auf ihn zusprang und seine, +nach ihr ausgestreckte Hand ergriff. + +»Pu-de-ni-a!« stammelte der kleine Mann, und riß die Augen weiter und +weiter auf, den mehr und mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die +er nicht zurückpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen auf +das Wesen, das ihm das Liebste gewesen war auf der Welt, fast seit dem +Tag an, wo er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen +Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte -- »Pu-de-ni-a -- es -- es +freut mich recht -- recht sehr -- Sie -- Sie -- Dich --« Er kam nicht +weiter -- die großen hellen Thränen rollten ihm die Backen hinunter und +die nicht widerstrebende Frau an sich ziehend, rieb er -- den höchsten +Ausdruck innigster, herzlichster Zärtlichkeit den er kannte, seine Nase +an der ihrigen, zog sie dann fester an sich, streichelte ihr mit beiden +Händen die Schläfe, drehte ihr Köpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu +sehen und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen die er kannte +und ihr, o wie viel tausend Mal schon, in früheren Jahren liebkosend +gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an seiner Brust und ihre +Thränen strömten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen +Freundes. + +Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der sich wieder sammelte, und +das geliebte Kind auf Armes Länge leise von sich schiebend, daß er eben +die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und überblicken konnte, +sagte er flüsternd und mit recht weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht +in seinem gebrochenen Englisch, sondern der ihm geläufigen +Muttersprache: + +»Aber was ist das? -- ist Pudenia -- meine kleine, liebe Pu-de-ni-a +nicht mehr das fröhliche leichtherzige Kind von A-ti-u? -- sind die +klaren Augen schon so trüb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen +so fahl? und ist der böse böse Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit +meinem Lieb, meinem süßen herztröstenden Lieb?« + +Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und seine Hand fassend und +streichelnd schüttelte sie leise mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast +dem vollen Strahl vorigen Glücks in den schönen Zügen: + +»Nein Mi-to-na-re -- nein er ist gut und lieb wie je und mein Herz ist +sein bis zum Tod, und weit, weit darüber hinaus -- zanke mir nicht den +Wi-Wi --« + +»Dann hat Dir der »schwarze Mann« wieder das Herz schwer gemacht mit +seinen Worten, die Einem wie Messer einschneiden in die Brust und nur +immer brennen und schmerzen« sagte Bruder Ezra, und der scheue aber +zürnende Blick den er aus dem Fenster die Straße entlang warf, verrieth +nur zu deutlich wen er damit gemeint. »Wenn ich eine Zeitlang mit ihm +zusammen bin, und ihn beten und predigen höre, dann komme ich mir immer +vor wie der entsetzlichste furchtbarste Sünder, der noch ein besonderes +Feuer in der Hölle haben müßte, seine Sünden vollständig abzubüßen -- +und wenn ich sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen, als ob +mir der eine Last von der Brust gewälzt und mir Balsam in die frischen +Wunden gegossen hätte. Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte, +wenn man so gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein nichtswürdiger +Sünder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht im +Stande gewesen dahinter zu kommen.« + +»Aber wie siehst Du aus, Mitonare« -- rief Sadie, indem sie lächelnd +einen Schritt zurücktrat, seine Gestalt und Kleidung, die sich +allerdings seit sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verändert +hatte, besser überschauen zu können -- »segne mich, wie Du Dich +gekleidet hast, und wie stattlich Du einher gehst jetzt, und wie +ehrwürdig.« + +Bruder Ezra schüttelte mit dem Kopf, und sich selber, mit einem +keineswegs sehr selbstgefälligen Blick von oben bis unten betrachtend, +sagte er leise und traurig: + +»Es ist Nichts, Pudenia -- gar Nichts; die Hosen machen einen Menschen +höchstens unbequem aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger +hier unter den Ohren -- der Weiße hatte gestern recht der mir sagte wenn +ich mich einmal rasch und plötzlich bückte, schnitt ich mir die Ohren +ab, wie mit dem Rasirmesser.« + +»Die Kleider machen allerdings den Christen nicht, Mi-to-na-re« lächelte +Sadie, »aber das treue Herz in der Brust hat Dich dem reinen schönen +Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit Seinem Ehr und Preis.« + +Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem Herzen tief auf, und es +war augenscheinlich daß ihn dort etwas drückte, mit dem er sich scheute +an Tageslicht zu kommen. Sadie fühlte das mehr als sie es sah, denn des +Mitonare veränderte Kleidung hatte ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der +That zu sehr in Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch +eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, daß nicht Alles so mit dem +kleinen, sonst so freundlichen Manne stehe als es wohl solle, und irgend +etwas vorgefallen sein müsse, das ihn drücke und quäle, und nicht zu +Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwächen und Eigenschaften aber auch +wieder bekannt, lächelte sie, denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der +Gedanke, die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der +Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenöthigt doch angerathen (bei Mr. +Rowe so gut wie ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie, das +Zutrauliche seiner Bewegungen. + +Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein +daß er die Weste fest und eng zugeknöpft trug über dem seit einiger Zeit +wieder gediehenen Bauch, und die Knöpfe derselben in wirklich +gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm das weiße dicke Tuch +dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab, +als ob er mit dem steif und starr gestärkten Hemdkragen oben eben nur +hinausgeschnürt sei; nicht allein daß seine Füße wie früher in den +breiten unbequemen Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat, +als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und ihn wieder +herauszuziehen wünsche, so war ihm auch jetzt das, sonst doch wenigstens +bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine +staken in so engen, strammen Hosen, daß es ein Wunder schien wie er +überhaupt hineingekommen und den kleinen schüchternen Mann veranlaßt +hatte einen kurzen Pareu, _trotz_ den Einreden des Geistlichen, noch +_über_ diesem neuen und jedenfalls unpassenden Kleidungsstück zu tragen, +das nun einmal durchaus nöthig sein sollte auch den letzten heidnischen +Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das war nicht genug gewesen, +denn sogar der hohe trostlose Europäische Hut durfte nicht fehlen ihn +elend zu machen, und so oft war er schon damit in jedem Guiavenbusch, +jeder Banane, in der Thür jeder Hütte, in den Zweigen jedes Baumes +hängen geblieben, daß er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den +schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich zu bücken. + +Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines dicken und schweren +Gebetbuchs, das er in die linke und enge Fracktasche hineingezwängt +trug, während es ihm in dem schmalen Zipfel fortwährend in die +Kniekehlen schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt sich denken daß +er sich, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, an das freie Leben +seiner Inseln gewöhnt, nicht hätte leicht und behaglich fühlen können. +Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch andere Sorgen. + +»Die schöne Zeit ist vorbei« sagte er traurig, »wo nur die Sterne die +Augen Gottes waren, und ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden +Lichter bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglücklich, +sein Glaube ist wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und +weiß nicht ob er gerade durch über die Berge und durch die Thäler weg +steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im seichten +Binnenwasser der Riffe langsam hinsteuern soll.« + +»Armer Mitonare« lächelte Sadie, die noch immer nicht den ernsten Sinn +seiner Worte begriff -- »aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der +fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zusagt?« + +»Wer?« murmelte Bruder Ezra finster vor sich hin -- »wer? -- er hat noch +andere Sachen gethan. Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich +viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen Alle +rettungslos zu Grund -- Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die +andere Hälfte hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun muß er noch +einmal von vorn anfangen und -- und sein Vater und Großvater bleibt doch +in der -- da unten -- tief da unten.« + +Der kleine, sonst so freundliche Mann schüttelte finster mit dem Kopf +und Sadie, seine Hand ergreifend sagte mit leiser unendlich rührender +Stimme: + +»Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re -- und Gott ist ja der +Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von +Deinem Haupte fällt -- so erzähle mir von Atiu -- von meinem Atiu -- was +sie dort treiben und thun und -- ob sie meiner noch manchmal freundlich +da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da +hinüberziehn, und mit meinen Gedanken, meinen Wünschen ihnen doch noch +so weit, so weit voraus bin.« + +»Atiu« wiederholte der kleine Mann, langsam und freundlich mit dem Kopfe +nickend -- »mit dem stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche +-- wo die ~nahuitarava ia mere~[A] Abends gerad über unserem Dache stehn +und ihr mildes Licht auf uns heruntergießen; wo -- aber es ist auch +manches anders geworden auf Atiu« setzte er sinnend, und fast wie mit +sich selber redend, hinzu -- »die Leute werden zu klug und zu reich, und +dann ist's mit dem Frieden vorbei und dem Glück. -- Wie schön war Atiu +als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten Hütten.« + + [A] ~Nahuitarava ia mere~, das Gestirn des Orion. + +»Wie schön war Atiu« wiederholte seufzend die junge Frau. + +»Und vielen Besuch haben wir drüben gehabt« setzte der kleine Mitonare +mit noch fast ernsterer Stimme hinzu -- »lauter Leute die es gut mit uns +meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren unsere Seelen zu retten, +und die uns entsetzlich viel versprachen wenn wir nur gerade da +hineinspringen wollten, wo die Anderen sagten daß es lichterloh mit Pech +und Schwefel brenne.« + +»Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu?« frug Sadie rasch und fast +erschreckt. + +»Ich weiß nicht wo sie herkamen,« sagte der kleine Mann traurig, »aber +Wi-Wis waren darunter und Andere auch -- und -- sie haben uns wenigstens +das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen und drohenden Reden.« + +»Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da gewesen?« + +Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd: + +»Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten für +die -- die Götzendiener -- und der Himmel blieb blau« setzte er +unheimlich lachend hinzu -- »und dann kamen die anderen Männer und +sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr +bester Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von +Pech und Schwefel nieder auf die Häupter ihrer Gegner -- und der Himmel +blieb _blau_!« + +So scharf und grell stieß er dabei das letzte Wort aus, daß die kleine +Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt +in die Höhe fuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Bruder Ezra drehte +sich rasch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit +Mißachtung jedes Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben dem +noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden Kinde auf die Knie nieder +und rief mit, vor innerer Rührung fast erstickter aber auch jubelnder, +jauchzender Stimme: + +»~Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.~«[B] + + [B] Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines + Mädchen. + +Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet hatte, streckte die +Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine +Mitonare griff sie auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit +ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wüthend über solches +Betragen schlenkernde Buch zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide +darüber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles +vergessen, was ihn bis dahin gedrückt oder weh gethan, und das Mädchen +nur herzend, das sich wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen ließ, was +er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt hätte daß ihr von _dem_ +Manne sicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollste +wildeste Zeug, nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich +sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch, von dem er aber in den +letzten Jahren noch viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu +schwatzen und lachen und Geschichten zu erzählen aus Bibel und +Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem +lieben lächelnden Kind gegenüber. Und Sadie stand daneben, die linke +Hand auf den Tisch gestützt und mit der rechten in den Locken des Kindes +spielend und seinen Scheitel streichend, während die kleine Sadie +jauchzte und lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten, ihre +Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an den steifen Hemdkragen und +Halstuchspitzen zupfte. Und Mitonare ließ sich das Alles ruhig gefallen, +und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen für das Kind. + +»Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare?« sagte da Sadie -- »hast +Du auch Atiu verlassen, und willst nicht wieder zurückkehren nach dem +lieben Land?« + +Da wurde der kleine Mann plötzlich ernsthaft, setzte das Kind, das ihn +noch gar nicht lassen wollte nieder auf den Boden und sagte, recht +herzhaft mit dem Kopfe schüttelnd und einen scheuen Blick nach der Thür +werfend: + +»Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die Insel nicht verlassen mein +Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen +und -- wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen; +aber es ist jetzt eine schlimme Zeit -- die Leute sind irre geworden an +ihrem Gott und mit _Gewalt_ wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut +den Glauben begießen, daß er wachse und gedeihe.« + +»Aber ich verstehe Dich nicht« sagte Sadie. + +»Sie haben was vor hier auf Tahiti!« fuhr der Bruder Ezra leise fort, +als ob er sich fürchte irgend ein Geheimniß zu verrathen, »was es ist, +weiß ich noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt +riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, wie ich sehe, +aber die Wi-Wis sind auch nicht müßig, und vorgestern waren zwei große +Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, daß sie den +~Feranis~ gehörten und viel Kanonen an Bord hätten mit Pulver und +schweren Kugeln.« + +»Und was können unbewaffnete Menschen dagegen thun?« frug Sadie +wehmüthig mit dem Kopfe schüttelnd. + +»Unbewaffnete, _Nichts_« erwiederte Bruder Ezra rasch, »aber Bewaffnete +desto mehr; Bibeln waren _nicht_ in den Kisten, die sie vom Bord +desselben Wallfischfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles täuscht, +hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu sicheren Verstecken in die +Berge schafften.« + +»Die Missionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und +Blutvergießen« rief Sadie. + +»Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den Kopf weg,« sagte der +Mitonare trocken -- »es giebt Leute genug überall, die, einen Dollar zu +verdienen, leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein +gutes -- ihre Landsleute mit Waffen zu versehen, daß sie sich selbst +beschützen können.« + +»Du nanntest erst Raiteo, Mitonare?« frug Sadie -- »wie geht es ihm und +was treibt er jetzt -- ist er ein besserer Mensch geworden?« -- + +»Was er in diesem Augenblicke treibt weiß ich wahrlich nicht«, sagte der +kleine Mann finster, »aber als ich kam stand er draußen auf Posten, und +ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück; -- ist +nicht das erste Mal daß sie in einem Joche ziehn.« + +»Raiteo hier auf Tahiti?« rief Sadie erstaunt. + +»Raiteo Mitonare« erwiederte Bruder Ezra trocken. + +»Mitonare? -- Raiteo? der seinen Vater verrathen würde um ein Stück +Kattun zu verdienen oder ein Stück Geld?« + +»Raiteo Mitonare« bestätigte aber auf das Bestimmteste der kleine Mann +und setzte, langsam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu -- »Menschen sind +einmal bös, und dann wieder gut -- Raiteo hat seine Sünden eingesehen +und ist frommer Mann geworden -- aber trägt noch keine Hosen« fügte er, +trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen Grad von +Eifersucht hinzu; »hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und +bloßen Kopf -- und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack -- kann nicht +gut ohne Frack in die Kirche kommen.« + +»Raiteo Mitonare« wiederholte aber wiederum Sadie, die sich noch immer +nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte -- »und das auf Atiu -- wo sie +ihn kennen.« + +Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich nicht, der Wahrheit +die Ehre zu geben, denn wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort +gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder, +gerade in der Erinnerung der Bewohner der Insel, gegen ihn gesprochen +und Bruder Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesänderung +überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei +der, in den nächsten Tagen zu haltenden Versammlung von +»Kirchenältesten« zu wissen und dann auf irgend eine der Nachbarinseln, +auf denen er nicht gerade persönlich bekannt sei, zu versetzen. + +Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare +Veränderung war jedenfalls in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen. +Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der +Missionaire in frommer, furchtsamer Scheu gelauscht, und weit eher an +seiner eigenen Existenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und +Glaubensformeln gezweifelt hätte, sprach jetzt, selbst von dem +strengsten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie konnte sich über den +Ausdruck in seinen Zügen und Worten nicht länger täuschen, fast +ironisch, und das bittere Lächeln das um seine Lippen spielte mochte der +_Furcht_ noch den Platz gönnen, aber strafte die Ehrfurcht Lügen. + +Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade vor sich nieder, er +fühlte daß Sadiens Blick auf ihm haftete -- daß sie die Veränderung +entdeckt die in ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr +vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete -- was ihm den Schlaf +raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde +drückte und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner nächsten Umgebung +selbst, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal scheu und flüchtig den +Blick zu ihr aufschlug, und die zärtliche, liebende Angst sah die aus +diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz +zucken, daß sie -- seine Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er +gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt -- ja das zu ihm bis +jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgesehen, +Schlimmes -- Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen mochte, und +in _der_ Furcht die Hand bittend gegen sie ausstreckend sagte er leise: + +»Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a; er liebt seinen +Gott und -- thut auch -- thut Alles was in der Bibel steht aber -- +andere Männer, Männer die auch sagten daß sie der liebe Gott geschickt +-- sind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost +gebracht -- wo er weinte, seine Thränen getrocknet, wo er unschlüssig +stand, einen neuen Pfad gezeigt und -- wenn er sich auch bis jetzt noch +nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln -- hat er doch bis jetzt --« + +Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie +fuhr langsam und traurig seine Hand ergreifend fort: + +»Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die äußere Form +beibehalten, seinen Gott damit zu täuschen.« + +»Aita Pudenia, aita« -- rief aber der kleine Mann da rasch und ängstlich +vielleicht, weil er die Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs +fühlte -- »nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im +rechten Pfad, nein die Mitonares selber tragen die Schuld, die einander +anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Götzenanbeter nennen, während +sie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu +haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde +vertilgen müsse. Was mir aber am Herzen nagte, das Schicksal von altem +Mann Vater -- von der _Mutter_, die noch gar Nichts von einem anderen +Glauben gewußt, ja ihn kaum nennen gehört, und die nun doch rettungslos +sollten verloren sein und verdammt, das that mir weh, und als der andere +Priester kam und mir die Aussicht stellte, ich könne durch fleißiges +Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem +allbarmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen +Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und böse +Gedanken stiegen auf in mir, und ließen mich nicht rasten und ruhn, und +jetzt weiß ich nicht -- hat der Eine recht und sind sie unrettbar +verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine +entsetzliche Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung weihe +wo ich die Mittel dazu vielleicht in Händen habe. Armer Mitonare« setzte +er dann traurig hinzu -- »ist recht bös daran, soll anderen Kanakas den +Glauben bringen und weiß selber nicht -- Und wenn der alte Mann nun doch +am Ende recht hätte.« + +»Was für ein alter Mann, Mitonare?« frug Sadie erstaunt. Bruder Ezra +aber hob rasch und erschreckt den Finger an die Lippen und sich scheu +umsehend, sagte er langsam und vorsichtig: + +»Pst -- Pudenia, pst, das war ein wunderbarer, furchtbarer alter Mann +und er kam und ging in einem Sturm.« + +»Und was that er bei Euch auf Atiu?« + +»Wie er sagte kam er von den Inseln zu Leewärts, Handel zu treiben und +Cocosöl und Perlmutterschaalen einzukaufen in seinen kleinen Cutter, +aber er sprach furchtbare Sachen und mich schauderts wenn ich daran +denke -- wenn ich darüber nachsinne.« + +»Aber was sprach er so Entsetzliches?« drängte die Frau. + +»Pu-de-ni-a,« sagte da Mitonare, der Frage jetzt noch ausweichend, oder +sie durch eine andere beantwortend -- »hast Du schon einmal an einem +Abgrund -- am äußersten Rand einer schwindelnden Höhe gestanden, und ist +Dir da nicht das Gefühl gekommen, als ob Du hinunterspringen möchtest in +die Tiefe, daß Du den Platz nur schnell verlassen mußtest in Furcht und +Grauen?« + +Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd. + +»Siehst Du, _so_ war es mir, wenn ich den Worten des alten weißen Mannes +lauschte,« flüsterte der kleine Indianer und nickte still vor sich hin. +»Er trug einen langen weißen spitzen Bart, und die kleinen blitzenden +Augen lagen wie zwei glühende Kohlen unter den buschigen Brauen -- Sein +ganzes Gesicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter mehr +erkennen ließen auf der Haut, und er mußte _sehr_ alt sein, denn er +hatte die Welt gesehn von dem Theil wo das Wasser zu Stein wird in +grimmiger Kälte, bis zu wo die Sonne Abends in ihr Lager sinkt, und er +sprach von Gott und den Sternen als ob er da oben zu Hause gehöre und +zwischen den Sternen gewandelt hätte wie in einem Garten.« + +»Aber er glaubte an Gott?« frug Sadie leise und scheu. + +»Er hatte denselben Namen dafür wie wir -- Jehovah,« sagte der kleine +Mitonare, »aber er verleugnete« -- setzte er leise, fast flüsternd hinzu +-- »er verleugnete den Heiland.« + +»Gütiger Gott!« + +»Er leugnete Jesus Christus« bestätigte da Mitonare »und mir lief's wie +Fieberfrost durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus +saß und der Weststurm um das Dach heulte, daß die flackernden Oelflammen +hoch aufschlugen in rother Gluth, und der magere alte bärtige Mann mir +von dem Heiland erzählte der nur ein Mensch gewesen sei wie wir Alle -- +aber ein guter Mensch, und von seinen Neidern und den reichen Leuten, +die fürchteten daß er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln +würde, an das Kreuz geschlagen wurde, da elendiglich umzukommen.« + +»Er verleugnete Gottes Sohn,« sagte Sadie schaudernd. + +»Ja, und er trieb Spott über Alles, was selbst die Wi-Wis für heilig +halten« nickte der Kleine »und doch, doch lauschte ich ihm gern, denn +sein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menschen waren +seine Kinder, _alle, alle_ nahm er auf zu sich, Kanakas und Weiße, +Beretanis und Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem Worte +folgten; und mein Vater und meine Mutter -- ach Pudenia es war wohl +recht sündhaft daß ich seinen Worten so gerne horchte -- aber mein Vater +und meine Mutter waren auch eingegangen zu seiner Herrlichkeit, wenn sie +nicht sonst recht schlechte und böse Menschen gewesen. Seit der Zeit nun +sind meine Gedanken nicht mehr mein eigen« fuhr der kleine Mann +trübselig fort; »seit der Zeit härm' ich mich und gräm' ich mich und +mache mir Sorge und Kummer, und Nachts kommt der Böse und lockt mich mit +seinen Schmeicheltönen, und am Tag seh ich, wo ich auch bin, den Alten +neben mir, wie er sich den Bart streicht und mit den scharfen +abgestoßenen Worten mir doch Trost und Hoffnung in die Seele gießt. Seit +dem Tag ist der kleine Mitonare ein anderer verzweifelter Mensch +geworden, der mit dem dicken Gebetbuch in der Tasche herumläuft, und +nicht den Muth hat hineinzusehen, dem das Blut in den Adern gerinnt wenn +er an den zornigen Gott denkt, wie ihn die weißen Mitonares lehren, und +der demselben Gott doch immer wieder, und trotz allen Schilderungen zu +Füßen fallen, und ihn Vater, Jehovah nennen möchte, wie ein Kind seinen +eigenen Vater ruft, den es nicht fürchtet, aber von Herzen, recht von +Herzen liebt.« + +»Du armer, armer Mitonare« sagte da Sadie mit ihrer weichen Stimme, +mitleidig des alten kleinen Mannes Hand ergreifend, und sie leise +streichelnd; »bete Du armes geprüftes Herz, bete recht aus tiefster +Seele zu Deinem Heiland daß er Dich führen und schützen möge auf Deiner +Bahn, und den rechten Pfad durch Nacht zum Licht -- bete daß er Dir die +Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und Dich eingehn läßt zu Seiner +Herrlichkeit. Aber verzage nicht, fürchte Dich nicht, denn gerade in der +tiefsten Noth ist er Dir ja auch am nächsten und hört die Stimme Seines +Kindes die zu ihm ruft, und die Hand ausstreckt nach ihm, um Schutz und +Hülfe.« + +»Was ist _das_?« sagte da plötzlich der Mitonare, dessen Blick in tiefem +schmerzlichem Sinnen hinausschweifte über die See, und der jetzt das +Boot eines Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert, um die nächste +Landspitze kommen und gerade auf das Haus zu halten sah. Hinten am Heck +wehte die französische Flagge. + +»Ein Boot der Feranis« sagte Sadie ruhig, »das wahrscheinlich nach +Papara hinunter will und sich dicht an der Küste, des ruhigen Wassers +wegen hält -- sie kommen oft hier vorüber.« + +»Dann hätten sie die Korallenspitze vermeiden müssen, die jetzt zwischen +ihnen und dem Fahrwasser der Binnenriffe liegt« sagte der Mitonare, der +mit einem Blick den Charakter der Bai überschaut hatte, und jetzt +aufmerksamer als vorher hinüberblickte. »Sie können nur hierherwollen, +wie auch ihr Bug zeigt, oder sie müßten die ganze Strecke wieder zurück. +Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Officiere der Wi-Wis und +neben ihnen --« + +»Heiliger Gott -- neben ihnen _liegt_ Jemand auf der Bank« rief aber +auch in diesem Augenblick Sadie in Todesangst, der die böse Ahnung, die +ihr den ganzen Morgen die Brust erfüllt, mit mächtiger Kraft zurück zum +Herzen drängte -- »René!« + +»René?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was hat der tollköpfige Wi-Wi +wieder angestellt, daß ihn die eigenen Landsleute gefangen haben +sollten? -- aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier --« + +Sadie antwortete ihm nicht -- in sprachloser Angst und Erwartung hing +ihr Blick an dem rasch näher kommenden Fahrzeug, das von den elastischen +Rudern getrieben rauschend durch die Wellen schäumte -- schon glaubte +sie die Züge des Officiers zu erkennen, der hinten lehnte und auch sie +war jetzt von den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf dem Sitz +liegende Gestalt richtete sich halb empor und winkte herüber, und mit +lautem Aufschrei flog sie hinaus an den Strand, flog, ihre Europäischen +Kleider vergessend, hinein in die klare Fluth dem Boot entgegen, denn +darin lag, bleich und blutend, wenn er auch freundlich jetzt +herüberwinkte -- ihr Gatte -- lag René. + +Im nächsten Moment schoß das Boot heran, die Matrosen der Backbordseite +warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor und Bertrands Hand streckte +sich dem armen Weib entgegen, dessen stierer und entsetzter Blick nur an +dem bleichen Antlitz des Verwundeten hing. In demselben Moment fast +berührte das Boot den Strand, und ein Theil der Matrosen sprang über +Bord ihn an Land zu tragen. + +»Aber Sadie« flüsterte René halb vorwurfsvoll, halb verlegen der jungen +Frau die Hand hinüberreichend -- »was machst Du für tolle Streiche, +wildes Mädchen?« + +»Du bist verwundet« war Alles was die Frau in fast athemloser Angst über +die Lippen bringen konnte. + +»Unsinn« lachte aber dieser, »eben nur die Haut geritzt, und _hergehn_ +hätt' ich können, hätte nicht Bertrand hier in übergroßer Besorgniß +darauf bestanden mich her zu _fahren_.« + +»Die Wunde ist unbedeutend, Madame« bestätigte aber auch jetzt der junge +Officier, der an Land gesprungen war und eine fast unwillkürliche +Bewegung machte die junge Frau hinauf und zum Haus zurückzuführen, wohin +jetzt vier kräftige Matrosen auf einer der Boot Doften den Verwundeten +trugen. Sadie aber ließ des Gatten Hand nicht los und während sie sich +ängstlich an ihn schmiegte, fuhr der junge Officier fort: »Ich fürchtete +nur eine mögliche Entzündung, wenn er den langen Weg in der Sonnenhitze +hätte zu Fuß zurücklegen sollen; wenige Tage werden ihn wieder +hergestellt haben.« + +»Aber was ist geschehn, um des Heilands Willen« bat Sadie. + +Bertrand biß sich auf die Lippen und René sagte finster: + +»Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Aderlaß einer neckischen +Göttin zum Opfer gebracht -- das Fleisch heilt bald -- aber -- wer ist +das da drüben? -- Mi-to-na-re? -- bei Allem was da lebt -- in Hosen +und Strümpfen -- Mitonare« und dem kleinen, auf ihn zueilenden Mann die +Hand entgegenreichend schüttelte er sie fest und herzlich und -- wandte +den Kopf zur Seite, denn gerade in diesem Augenblick traf ihn die +Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's Leben, und trieb ihm das Wasser +hinauf in die Augen, das er den Seeleuten bergen wollte. + +»Böser Wi-Wi!« rief aber auch jetzt der kleine Missionair wieder in +seinem tollsten Englischen Kauderwelsch, das er mit dem Europäer glaubte +sprechen zu müssen, »~aita maitai~ -- macht ~ole manni~ viel Sorge -- +leichtsinniger Kopf der in dicken Bambus fährt und durchwill -- läßt +kleine Pu-de-ni-a zu Haus und kommt nachher angefahren, blutig und blaß +und jagt ihr den Todesschreck in die Glieder, daß sie auch krank wird +und stirbt.« + +»Pu-de-ni-a!« sagte leise René und drückte die Hand des treuen Weibes, +die in der seinen ruhte, »und Du lieber wackerer Freund,« wandte er sich +dann plötzlich im reinsten Tahitisch zu dem, darüber aufs Aeußerste +erstaunten Mitonare »wo kommst Du her, was treibst Du, wie geht es Dir? +-- und willst Du bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?« + +Ehe aber der Mitonare die rasch hintereinander an ihn gerichteten Fragen +beantworten konnte, verbot der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere +Aufregung, bis er die, allerdings nicht gefährliche aber in einem heißen +Klima doch immer zu beachtende Wunde erst nochmals untersucht und wieder +verbunden hätte. Vor allen Dingen müsse der Verwundete in ein kühles +Zimmer geschafft werden, dort die nöthige Pflege zu finden. + +Sadie besorgte das Alles mit zitternder Hast, häufte Matte auf Matte, +ihm ein kühles und weiches Lager zu bieten, und wechselte erst ihre +eigenen, durchnäßten Kleider, als sie den Gatten mit allem versorgt, was +ihre liebende Hand für ihn bereiten konnte. Die Wunde war allerdings +nicht gefährlich, ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben nur +durch den oberen Theil des Armes dicht an der Schulter durchgegangen, +ohne den Knochen weiter zu verletzen, Blutverlust und Ermattung hatten +ihn aber doch erschöpft und als der zweite Verband mit Sadiens Hülfe +angelegt war, fiel der Leidende in einen sanften aber festen Schlaf, in +dem ihn der Arzt nicht gestört haben wollte, und selbst Sadie bat das +Zimmer zu verlassen. Nur Mataoti mußte bei ihm zurückbleiben, um zu +rufen sobald er wieder erwachen würde. + +Am Strande lag unterdessen das Boot schon wieder zur Abfahrt gerüstet, +und Bertrand wollte eben Abschied nehmen von Sadie, an Bord +zurückzukehren, als diese seinen Arm ergriff und ihn mit leiser, aber +dringender Stimme bat, ihr die Ursache der Verwundung anzugeben, die sie +mit peinlicher Angst, sie wisse selber eigentlich nicht recht, warum? +erfülle. Der junge Mann zögerte erst verlegen mit der Antwort, aber er +fühlte auch, wie er ihr dieselbe eigentlich nicht verweigern durfte, und +erzählte ihr jetzt mit so kurzen und schonenden Worten als möglich, wie +jener Officier, nach den gestrigen Vorgängen, nicht umhin gekonnt habe, +Europäischen Begriffen von Ehre nach, René zu fordern, und wie sie sich +heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren Secundanten getroffen und +geschossen hätten. Rodolphe, sein Gegner, habe zuerst gefehlt und eine +leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnäckig darauf bestanden den +zweiten Schuß zu thun. Die Secundanten konnten ihm den nicht weigern und +von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln sei René in die +Schulter, Rodolphe durch die Brust getroffen. Der Gegner lebe zwar noch, +aber die Wunde sei ziemlich gefährlich; René habe übrigens für seine +Sicherheit nicht das Mindeste zu befürchten, setzte er rasch hinzu, denn +selbst im unglücklichsten Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte +nichts Anderes gethan als sich vertheidigt. + +Sadie wurde todtenbleich -- ihr Gatte verwundet, vielleicht ein Mörder +-- ihrethalben, mit dieser Last auf seiner Seele, und zugleich der +irdischen Gerechtigkeit für blutige That verfallen, denn mit Entsetzen +dachte sie daran, wie gerade jetzt die englischen Schiffe die Obermacht +im Hafen hätten und kaum einen Fall vorübergehn lassen würden, einen aus +dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechenschaft zu ziehen vor ihr Gericht. +Bertrand schüttelte aber bei der laut gewordenen Besorgniß lachend mit +dem Kopf. + +»Die englische Herrschaft ist vorbei« rief er, trotzig den Kopf +emporwerfend; »Großbritannien erkennt das Französische Protectorat an, +und zieht seine Schiffe zurück -- ja noch mehr, in der Nähe einer der +Nachbar-Inseln sind schon zwei Französische Kriegsschiffe -- jedenfalls +~Du Petit Thouars~ mit seiner Flotte im Aufkreuzen gesehen worden, und +die Tricolore herrscht von jetzt an auf Tahiti.« + +»Zwei französische Schiffe sind gesehen worden? -- und von wem habt Ihr +die Nachricht?« frug Sadie rasch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte +ihr Hirn. + +»Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber« antwortete der Officier +-- »wir haben überall unsere Wächter; aber sehn Sie Madame daß ich recht +hatte? -- dort über den Riffen draußen segelt der Talbot vor dem Wind, +diese Küsten zu verlassen, und ha -- dort kommt auch der Vindictive, +schwerfällig seine weiten Segel entfaltend. Halt meine Burschen -- Ruhe +bis wir draußen in See sind,« unterbrach er sich rasch, dem eben +ausgebrochenen Jubelruf seiner Leute zu wehren -- »der Kranke schläft +und Ihr dürft ihn nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch nach +Papetee zurück, denn wir werden dort alle Hände voll zu thun bekommen, +und heute Abend, wenn es geht, komm' ich einen Sprung herüber, mich nach +dem Befinden unseres lieben Kranken zu erkundigen. So Adieu Madame, auf +ein froheres Wiedersehen«, und sich freundlich gegen sie neigend sprang +er auf den Rand des hinangezogenen Bootes und hinein, wo der Arzt schon +seinen Sitz wieder eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus in +tieferes Wasser, folgend, sobald sie das schwanke, scharfgebaute +Fahrzeug flott fühlten, und wenige Minuten später zischte und preßte der +Bug wieder gegen die crystallene Fluth an, sie in leichten Kräuselwellen +zur Seite werfend, der nächsten Landspitze zu, um die es bald darauf +verschwand. + +»Was sagte der Wi-Wi von den Schiffen da draußen?« frug aber jetzt der +Mitonare, der dem ihm unverständlichen Gespräch besonders so erstaunt +gelauscht, weil seine kleine Pudenia die fremde ihm unbegreifliche +Sprache so geläufig sprach, und dem dabei die zwei großen Schiffe die +jetzt erst in Sicht gekommen und augenscheinlich von der Insel +fortsegelten, ebenfalls aufgefallen waren. + +»Es sind die Englischen Kriegsschiffe, die den Hafen verlassen« sagte +Sadie. + +»Den Hafen _verlassen_?« wiederholte erstaunt der kleine Mann -- »und +Bruder Aue hat uns davon ganz andere Geschichten erzählt -- puh, puh, +und die Wi-Wis kommen mit großen Schiffen angesegelt -- böse Sachen, +böse Sachen -- wo bleibt da _unser_ Gott?« + +Sadie hörte gar nicht was er sprach -- vor ihrem inneren Auge lag der +verwundete Gatte, lag sein blutendes Opfer, und während die hellen +Thränen ihr still und schwer die Wangen niederträuften, murmelte sie mit +leiser, schmerzerfüllter Stimme: + +»Verloren -- verloren -- Glück und Frieden dahin -- oh armer armer Vater +Osborne, wie gut daß Du still und ruhig in der kühlen Erde liegst -- wenn +nicht der frühere Gram -- der Tag hätte Dein treues Herz gebrochen.« + +»Ja, Vater ~O-no-so-no~,« seufzte der kleine Mann, seinen Hut wieder +ergreifend und aufsetzend, unter dem das breite, dunkle, gutmüthige +Gesicht gar so komisch und widernatürlich aussah -- »Vater +~O-no-so-no~ war ein guter Mann, und wären sie alle so gewesen wie er -- +Aber ich muß in die Stadt hinüber,« unterbrach er sich selbst, »denn die +Versammlung soll heut' Morgen sein und Mitonare Ezra und Mitonare Raiteo +sind von Atiu geschickt und sollen keine Wi-Wis haben wollen. ~Gu-bei~ +Pudenia, ~gu-bei~ -- Nach der Versammlung kommt Mitonare wieder hierher +zurück und bleibt bei tollen Wi-Wi, bis er gesund ist und bei kleine +Pudenia ~iti iti~ --« + +Damit wandte er sich und verließ den Garten; das schwere Gebetbuch aber +in dem langen schmalen Frackzipfel fing wieder an zu schlenkern, und er +nahm den Zipfel bedächtig in den linken Arm und verfolgte langsam seinen +Weg, ohne sich weiter umzusehen. Und Sadie schaute ihm schwer +aufseufzend nach, als sie die kleine komische in so entsetzliche +Kleiderformen gezwängte Gestalt den Weg hinabgehen sah, und daran dachte +was für ein einfach natürliches Herz unter den unnatürlichen Stoffen +schlage; aber der Ernst des Augenblicks wandte ihre Gedanken bald wieder +dem ab, und dem Gatten zu, und nur wenige Minuten später saß sie am Bett +des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den Schlummer des Kranken +bewachend und von seiner fieberheißen Stirn Mosquito und Fliege fern +zu halten. + +Auch nach Aumama hatte sie hinübergeschickt, ihr beizustehn, wenn sie +irgend einer Hülfe bedürftig sein sollte; Aumama war aber früh am Morgen +nach Hause zurückgekehrt, und hatte ihre Kinder geweckt und mit +fortgenommen, Niemand wußte wohin; Lefévre war ebenfalls nirgends zu +sehen und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie ausgestorben. + + + + +Capitel 2. + +Pomare und ~Du Petit Thouars~. + + +Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon am frühen Morgen liefen +dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe +machten sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe wäre dafür schon +~La Reine Blanche~, mit dem gefürchteten Admiral ~Du Petit Thouars~ an +Bord, gesehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Häufchen +Protestantischer Christen preisgegeben sein würde. + +Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag +lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden mit +dem zurückgekehrten Englischen Consul und früheren Missionair +Pritchard zusammen gewesen, und dieser also allein konnte wirkliche +Aufklärung über das sonst unbegreifliche Zurückziehn der Englischen +Streitmacht geben. Zu dessen Haus strömte nun auch die Masse, Erklärung +fordernd, wo die britische Hülfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen +den Uebergriffen der Franzosen gegenüber so fest war versprochen worden +-- offene Erklärung, was der nach England gesandte Missionair dort +ausgerichtet, und welchen Beistand die Königin von England der in ihren +Rechten gekränkten Pomare zugesichert und zugesagt habe. + +Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht +zu Schanden werden lasse, und berief eine Versammlung der Geistlichen +von Papetee, die nächsten und nöthigsten Schritte zu berathen, falls +eine Französische Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimsuchen würde. + +Darüber sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage +später lief allerdings wieder ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine +sogenannte ~catch~ von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen Schiffe +abzulösen und sich ruhig und ohne weitere Demonstration in der Bai vor +Anker zu legen (es war der ~Basilisk~) und bald danach wurden von den +Höhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti zuhielten. Zwei zusammen +kreuzende Segel erschienen in Sicht, und die Angst vor der ~Reine +blanche~ gab dem größten der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur +Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit erkennbar wurden, den +schlimmsten Verdacht zu bestätigen. + +Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papetee, von +ihrem Heck flatterten die französischen Nationalfarben und das Echo der +Berge gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf und grollend +zurück, wie zürnend, die ungebetenen Gäste auf's Neue in seiner Nähe zu +wissen. + +Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven der ~Jeanne d'Arc~, die +den in so trotziger Stärke einlaufenden Landsleuten entgegenjubelten. -- +Ihre Lage, von den Englischen Schiffen überwacht, war ihnen schon lange +eine drückende ja unerträgliche geworden, noch dazu da ein Theil des +Volks schon bei mancher Gelegenheit -- ob dazu aufgereizt oder nicht -- +die Feranis suchte fühlen zu lassen, daß man weder ihren Gott noch ihre +Regierung wolle und sich unter dem Schutz der Beretanis sicher genug +fühle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der von England +zurückkehrende Consul und Missionair hatte dabei in seiner +zuversichtlichen Haltung ihren schlimmsten Befürchtungen noch eine Art +von Bestätigung gegeben, und die Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~ +ersehnte unter solchen Umständen den Augenblick, wo sie den Befehl zum +Rückzug erhalten würde, die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem +früheren Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire zu +überlassen. + +Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen; +die stolzen Englischen Fregatten, die bis jetzt die Interessen der +Tahitischen Königin überwacht, ließen den Feind derselben, der schon +öfter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und nur immer die +vielleicht bösen Folgen zu gierigen Zulangens gefürchtet, jetzt im +ruhigen unbestrittenen Besitz der ganzen Inseln, und während die +Missionaire in Bestürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem +entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlünde sie als von +England gesandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie seine +Vertreter zu schützen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern den +ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mitzutheilen, und von ihnen ausgehend +lief bald darauf das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Engländer +seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck des +Französischen Joches zu befreien, und wenige Wochen später würden sie +mit Verstärkung zurückkehren die Macht der Christlichen +Protestantischen Kirche, wenn es sein müßte, mit Gewalt der Waffen +aufrecht zu erhalten. -- Es war das ihre letzte Hoffnung. + +Mißtrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Königin dieser +Inseln, die Bewegungen der Feranis, die sie nun schon seit einer Reihe +von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze Blut der +Pomaren schoß ihr zornig in die Schläfe, als sie die Banner Frankreichs +wieder so keck und trotzig in der Brise flattern sah, und den +Kanonendonner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai +entgegenschallte. + +Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europäischem Geschmack +eingerichteten und mit einer Masse von Putz und Geschenken +ausgestatteten oder besser überfüllten Hauses, die heiße Stirne fest +gegen die Glasscheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Pritchard ging mit +auf der Brust fest zusammengeschlagenen Armen in dem Gemach auf und ab, +und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die Bewegungen der +eben eingekommenen Schiffe zu beobachten, aber ohne ein Wort zu sprechen +sein oder der Königin Nachdenken im Mindesten zu stören. Die Fenster +dröhnten dabei von den gewaltigen Saluten der bewaffneten Schiffe und +die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen. + +Auf dem einen Tisch, entrollt und über einem Globus, einem +Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen und einigen geschmackvoll +eingebundenen englischen Bilderbüchern lag die Tahitische rothe Flagge +mit dem einzelnen weißen Stern, und oben über demselben mit einer +goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone frisch hineingestickt. + +»Das sind nun Euere Versprechungen!« sagte die Königin endlich nach +langer Pause, sich halb gegen den Missionair der zugleich die Stelle +eines Englischen Consuls versah, herumdrehend -- »das ist Euer Prahlen +von dem Schutz der mächtigen Beretanis -- des mächtigen Gottes der +Weißen -- Weit draußen in Lee schwimmen die Schiffe die man mir über und +über erzählt daß sie mich und mein Volk beschützen sollten, und mitten +in meinem Reich darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene Flagge +trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz seiner Kanonen vielleicht +neue Erpressungen fordern -- wie kann ich sie jetzt ihm weigern?« + +»Er _darf_ nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen ist« entgegnete +finster der Missionair -- »die neue Flagge hier, mit dem Emblem der +Majestät wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares England +unterstützt, und mit dem ganzen Volk gegen sich, und dem Bewußtsein daß +Englische Kriegsschiffe in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder +einlaufen können in die Bai, deren Bewohner sie durch die Bande der +Religion und Freundschaft verpflichtet sind zu schützen, ist ~Du Petit +Thouars~ zu klug einen trostlosen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und +die schwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn +beschützen würde, herabziehn könnte.« + +»Und wer schützt mein armes Volk _jetzt_ vor ihren Kugeln, wenn ich die +Flagge hisse und ihren Zorn reize?« frug Pomare. + +»Du bist hier Königin« sagte der Missionair ernst und feierlich, »wie +Englands Königin daheim ihr Banner kann wehen lassen über dem Schloß das +sie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart, so steht dasselbe +Recht _Dir_ zu, in Deinem Reich; der Franke _darf_ es Dir nicht wehren, +wenn er auch möchte, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er, nach dem +Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug wäre schon das Aufhissen dieser +Flagge mit einer Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind +höflich« -- setzte er trocken hinzu, »wenn man ihnen auch sonst gerade +nichts Gutes nachsagen kann.« + +Pomare sah ihn forschend an -- ihre Fahne, durch Kanonenschüsse der +gefürchteten Feranis geehrt -- der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz +für sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so sehr sie auch +noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen Schritt entgegen gewesen +sein mochte. + +»Und Du hissest zugleich die Englische Flagge vor _Deinem_ Haus?« frug +sie rasch, des Priesters Arm ergreifend. + +»Als Gruß der Königlich Tahitischen in jedem Fall« erwiederte der +Missionair -- »ich bin sogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu +verpflichtet.« + +»So sei es -- gut!« rief die Königin und ein eigenes Lächeln belebte +ihre schönen, sprechenden Züge und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick +einen höheren Glanz. »Der Wi-Wi soll mir die Krone grüßen müssen, die er +nicht berühren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr +uns oft erzählt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut, deren +Bewohner ihre alten Götter und Gesetze in den Staub geworfen haben, das +Kreuz des Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren, oder ob er +gleichgültig die Erfolge betrachtet, die sein Wort hier auf Erden hat, +dem Götzendienst des anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge +die schon den ganzen Morgen draußen gewiß ungeduldig meiner Befehle +harren -- ich _will_ Königin sein, und eine Königin wie sie über dem +großen Wasser drüben auf der Insel Deines Vaterlandes herrscht, nicht +ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder +fremde Freibeuter die Krone abnehmen und bespötteln darf.« + +»Und Du wirst sehn, Pomare, daß Du Nichts zu fürchten hast,« sagte der +Geistliche -- »in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an +Deine Flagge legen, die Zugeständnisse zu denen man Dich zwang sind +ungültig, eben _weil_ sie erzwungen waren, und Dein Volk ist stark und +mächtig in der Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten +Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine Schiffe mit blutigem Kopf +zurückzuweisen. Ich schicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu +erfüllen, und gehe selbst jetzt hinüber in mein Haus, das königliche +Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Indessen aber +sei der Herr mit Dir in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und +Frieden in Jesu Christo.« + +Und freundlich seine Hände gegen sie, wie zum Segen ausstreckend, blieb +er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken stehen, und verließ +dann langsam das Gemach. + +Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt hatte blieb, als der +ernste Mann ihr Zimmer verlassen, mit fest in beide Hände gepreßter +Stirne stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt zitterte vor +innerer Aufregung, und sie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe sie sich +wieder vollständig sammeln konnte. Kaum aber hörte sie die Schritte der +nahenden Männer, als sie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen +und Charakter eigenthümlich war, jede Schwäche von sich abschüttelte, +und die Lippen fest aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden +Schläfen, die Häuptlinge empfing, die rasch und ebenfalls in Aufregung, +in ihrer Gegenwart erschienen. + +»Joranna Pomare« riefen Aonui und Potowai, »Joranna, und schütze Dich +Gott in dem nahen Kampf.« + +»Dem nahen _Kampf_?« frug Pomare, erstaunt zu ihnen aufsehend, »wer +spricht von einem Kampf?« + +»Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte uns standhaft auszuhalten +selbst gegen die Uebermacht des Feindes draußen« sagte Aonui, »und so +mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen zu scheuen oder zu +fürchten.« + +»Hier ist von keinem Kampf die Rede« entgegnete Pomare ernst -- »nur +unsere Landesflagge sollt Ihr aufziehen an meinem Haus -- ich will +keinem Menschen Böses, und unsere Religion ist eine Religion des +Friedens und der Liebe -- sagt das den Leuten draußen. Sie sollen keinen +Zank anfangen mit den Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und +ihnen Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen -- Pomare +hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.« + +»In Frieden mit ihnen leben?« wiederholte kopfschüttelnd Potowai -- »das +ist ein schweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der +durchsichtige Stein den sie uns gebracht und in unsere Häuser gesetzt +haben, das Licht hineinzulassen, Du rührst ihn an und er bricht und +splittert und verwundet die Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu +denken, nach ihm ausstreckt -- trau dem Ferani. Aber was thuts« -- +setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene +Krone betrachtend, die von Cocosblättern umgeben gar künstlich und +zierlich von frommen weißen Frauen gestickt war -- »wir haben die Bibel +auf unserer Seite und unser gutes Recht, und zehntausend Mal lieber seh +ich dabei den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend ein +anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen, +Pomare, wie dankbar es sein kann für diesen Beweis Deiner Liebe.« + +Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er rasch das Haus, die Fahne +an dem nahen Flaggenpfahl zu befestigen, um den sich indeß schon ein +zahlreicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit der +Demonstration begreifend, versammelt hatte. Ja die meisten sahen eben +nichts weiter darin, als eine sehr gewöhnliche Handlung, vielleicht +sogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen +ließen -- weshalb konnten sie nicht dasselbe mit der ihrigen thun? + +Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen, und wie ein Theil der +Tahitier es schon mit froher Zuversicht als eines der zurückkehrenden +Englischen Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen den +Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder Amerikanischen Matrosen, +das Schiff habe so wenig Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen +liegende ~Reine blanche~ oder ~Danae~ und trage so gut die Tricolore wie +sie alle Beide. Unter der Masse bildeten sich denn auch bald einzelne +Gruppen, die das für und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens +die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre stattliche Fahne +blickten, die lustig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber +zu grüßen schien. + +Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und schien +gewissermaßen eine Autorität, was die Natur des fremden, eben +einsegelnden Schiffes betraf, auszuüben, denn einestheils verstanden ihn +nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrücken, und dann +erklärten Andere wieder, die ein wenig die Englische Sprache gelernt +hatten, daß er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse warum +es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war auch vollkommen als die +Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den +anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jedenfalls +gehaßten Französischen Nationalfarben sichtbar wurden. + +»Segne mich!« sagte da aber Teraitane, der Häuptling, der sich der +Gruppe eben zugesellt hatte, »uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti +(Smith) immer gesagt, die Feranis hätten nur ein einziges Kriegsschiff +in ihrem ganzen Reich, und das schickten sie her bald so, bald so +angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und +jetzt liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt eben ein, und +eines immer größer als das andere -- der ehrwürdige Bruder Mi-ti muß +geträumt haben.« + +»Bruder Mi-ti träumt aber gewöhnlich mit den Augen offen« bemerkte Bob, +trocken; »merkwürdig kluge Erzählungen die sich die Leute machen, nur +daß die Farbe abgeht, wenn sie naß werden. Die Feranis könnten eine +ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes +herschicken, und behielten immer noch so viel zu Hause.« + +Während sich die Eingeborenen, denen ein Anderer das von Bob gesagte +übersetzte, um diesen drängten, der unwillkommenen Mähr von der Macht +eines Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend +geschildert war, hatte die ~Reine blanche~ mit dem neu einkommenden +Fahrzeug rasch Signale gewechselt, aber die erwartete und von der +Königin erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt, von dem +Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb aus, und die Kriegsschiffe +lagen still und ernst in der Bai -- ob Freund ob Feind -- erst die +Zukunft sollte das entscheiden. + +Von der ~Reine blanche~ kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden +Tricolore am Heck, und hielt, von sechzehn Riemen pfeilschnell über die +spiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens zu, vor +dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts, wie jeder Farbe fast, +versammelt hatte. + +Der im Stern des Bootes sitzende Officier war aber ~Du Petit Thouars~ +selber und ehe nur Einzelne der Umstehenden ihn, von seinem früheren +Besuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er an Land, rief +dem ihn begleitenden Officier einige Worte zu und schritt dann, allein +und unangemeldet, rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der +Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte. + +Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es war fast, als ob ein +spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, als er zu dem +flatternden Banner hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen +Farben schweifen ließ -- wenn so, ging das aber eben so rasch vorüber +als es gekommen, und mit flüchtigen Schritten sprang er die wenigen +Stufen zu der Verandah der Königin empor. + +Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern, +eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer +Herrin, denn ~Du Petit Thouars~ war, ob verdient oder unverdient, der +Popanz der Inseln geworden, mit dem man die Kinder furchtsam machte und +die Mädchen. + +Pomare erschrak -- was wollte der Befehlshaber der Kriegsschiffe da +draußen von ihr, daß er, ohne angemeldet, ohne um förmliche Audienz +einzukommen, wie das üblich gewesen war von jeher, das ihr von den +Missionairen und Consuln eingeprägte, und für unumgänglich nöthig +geschilderte Ceremoniell soweit außer Augen setzte, sie allein +aufzusuchen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig und zögernd da; aber +sie hörte schon die lachende Stimme des Französischen Befehlshabers +dicht vor ihrer Thür, wie er sich, durch die ihm den Weg versperrenden +Mädchen Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt, vielleicht +nicht einmal böse über den Widerstand. + +»Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti«[C] sagte sie da schnell, +und das Mädchen öffnete kaum die Thür, dem Befehl Folge zu leisten, als +der Admiral auch, ängstlich von den Frauen Pomares umstanden, +auf der Schwelle erschien, und den Hut abziehend mit, Pomaren +entgegengestreckter Hand ihr sein freundliches Joranna entgegenrief. + + [C] Pritchard. + +»Joranna Peti-Tua« sagte die Königin ernst, ihm die Hand nicht +versagend, aber immer noch in einer eigenen Mischung von beleidigter +Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufschauend -- »bringst Du mir Frieden +oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schiffen mit denen Du die Bai füllst, +und bist Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme schwache +Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König geschickt mit freundlichem +Wort, und ist das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von +den Lippen?« + +»Ich bringe Dir Frieden, Pomare,« sagte ~Du Petit Thouars~ freundlich, +und hielt die Hand die sie ihm gereicht, immer noch in der seinen -- +»Frieden und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig das Alles +von Dir weist und mich förmlich dazu zwingst Dir weh zu thun -- und das +wirst Du hoffentlich nicht.« + +»Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen?« sagte +Pomare rasch und mißtrauisch -- »aber ich habe Nichts mehr -- das letzte +was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen, unglückliche +Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.« + +Der Admiral biß sich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes +Lächeln zuckte über seine Züge. + +»Nein« sagte er endlich nach kleiner Pause, »Du irrst, Pomare, und ich +verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen; ich will auch +Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon gegeben hast -- +nur nichts _nehmen_ möcht' ich mir lassen, und deshalb komme ich her. +Noch aber liegt das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir werden +es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich lösen. Ich meine es gut +mit Dir Pomare, und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.« + +»Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort« sagte Pomare, +den herzlichen Worten des Feranis immer noch mißtrauend. + +»So will ich denn kurz zur Sache kommen« sagte der Admiral und seinen +Hut auf den Tisch, zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten +Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er sich +selber in den nächsten Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke +legend, und die Hände darüber faltend ernster fort: »Ich brauche Dir +nicht erst die während meiner Abwesenheit passirten Vorgänge ins +Gedächtniß zurückzurufen -- eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern +glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen an der Spitze, +denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln +ist, und welche Folgen ein so unüberlegter thörichter Schritt für Dich +und das Land mit sich führen könnte, haben die Französische Flagge +beleidigt und die Verträge gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen +bist. Die Römisch-katholischen Priester sind wieder klagbar geworden -- +bitte laß mich erst ausreden und höre Alles was ich Dir zu sagen habe -- +sie behaupten wieder in ihren Rechten gekränkt zu sein und viel Schaden +durch das willkürliche und widerrechtliche Benehmen der Protestantischen +Geistlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir +jene Vorgänge selber leid thun, und Du sie nur nicht hindern konntest. +Ich will Alles vergessen und vergeben, und ich verlange nicht einmal +eine Entschuldigung von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt mir +dann auch beweisen daß es Dir _jetzt_ wenigstens Ernst ist Se. Majestät, +den König von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in starrem +Trotz die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden bringt.« + +»Und _was_ verlangst Du?« frug Pomare ungeduldig, »denn etwas _willst_ +Du doch von mir, das fühl' ich klar.« + +»Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen« sagte der Admiral +ernst, »Du sollst, mit einem Wort, das Französische Protektorat +anerkennen, dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Häuptlinge, +unterschrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor +Deinem Hause wehenden Flagge, die selbstständige Krone, wegnehmen mußt, +die Dir nicht gebührt.« + +»Wem anders, wenn nicht mir?« rief Pomare aber jetzt gereizt, und das +Blut schoß ihr in vollem Strom in Stirn und Schläfe -- »wem anders, +stolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieses Landes?« + +»Bah, bah« sagte der Officier kopfschüttelnd und mit zusammengezogenen +Brauen, »das sind Redensarten, die Dich Deine frommen Missionaire +gelehrt haben, und sie hätten, beiläufig gesagt, etwas gescheuteres +thun können. Du verkennst Deinen Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein +Unterschied zwischen der ~Pomare wahine~ einer kleinen Insel, und der +Fürstin eines mächtigen Reiches, im alten Vaterland; wenn man Dir also +das nicht früher klar gemacht hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht +in einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam. +Anders wird das jedoch, wenn Du _unter_ dem Schutz eines anderen Staates +stehst, dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebührt Dir die +Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in solchen falschen Ansprüchen +von einer uns feindlichen Macht unterstützen läßt, wie das Wehen der +Englischen Flagge da drüben beweist, und ich muß Dich bitten, +Deinetwegen bitten, sie selber und in aller Stille wieder nieder und +nicht wieder aufzuziehn -- es soll mir das ein Zeichen sein, daß Du +meinen vernünftigen und ruhigen Vorstellungen Gehör gegeben, und nicht +wie früher mit dem starren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die Stirne +bieten willst.« + +»Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und +Niemand darf es ihr verwehren,« rief Pomare, der Argumente ihres +Geistlichen gedenkend. + +»Ach, Kinderspiel,« sagte ~Du Petit Thouars~, ärgerlich den Kopf +herüber und hinüber werfend -- »was haben wir hier mit der Königin +Viktoria zu thun -- sie ist mächtig genug sich selbst zu schützen, und +hat das Recht eine Krone zu führen! -- Wer überhaupt hat Dich auf den +tollen Einfall gebracht, der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in +Fatalitäten bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria zu vergleichen?« + +»Peti Tua« erwiederte Pomare gereizt -- »es sind auch noch andere +Europäer auf der Insel, die wissen was sich für eine Königin schickt -- +wärest Du allein da, müßte ich Dir glauben.« + +Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zähne und mit +einem leise gemurmelten Fluch zischte er: + +»Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in ihrem Uebermuth wieder +die Hand dabei im Spiel gehabt« und er sprang auf und ging ein paar Mal, +mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer auf und nieder; dann +aber, wie sich besinnend, strich er sich über die Stirn, blieb einen +Augenblick, still vor sich niedersehend stehn, und ging dann plötzlich, +mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf Pomare zu, ergriff mit der +Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die +Höhe hebend sagte er lächelnd, ja fast herzlich: + +»Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines +Mannes der, trotz allem was sie Dir mögen dagegen gesagt haben, es +wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind schon in Frankreich +angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Königs +steht, und ich _dürfte_ dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich +wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Englischen +Priester sagen; Du hast schon oft gefunden, daß sie sich irrten. Sie +wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft haben, +und wir Franzosen passen ja doch wahrhaftig besser zu Euch wie die +Kopfhänger.« + +In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür, Pomare entzog dem +Admiral rasch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurück, und eine +der Einanas meldete, den Kopf zur Thür hereinsteckend, den »boda +Piritati« der draußen stände und die Königin zu sprechen wünsche. + +»Schick ihn fort, ~wahine~« rief aber ~Du Petit Thouars~ ärgerlich -- +»wir haben hier wichtige, _weltliche_ Dinge zu reden und brauchen den +Pfaffen nicht -- schick ihn fort« -- + +»Ich habe ihn rufen lassen« entgegnete Pomare, während das Mädchen +unschlüssig erst auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete, »auch ist +er nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der Consul der +Beretanis.« + +»Ein Zwitterding« erwiederte der Franzose, »ich habe mit ihm weder als +das eine noch andere etwas zu schaffen; schick ihn fort, oder _ich_ +gehe, und Du hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.« + +»Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen« sagte Pomare, »und +weiter hast Du mir ja doch nichts mehr zu sagen.« + +»Nichts mehr zu sagen?« rief der Admiral erstaunt -- »Frau das ist +gerade genug, denn es betrifft Dein ganzes Reich --« + +»Du darfst es mir nicht nehmen,« rief die Königin und ihre Augen +blitzten -- »Piritati hat mir selber gesagt, daß mich England beschützen +wird gegen meine Feinde.« + +»Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen lerntest« warnte sie, mit +gehobenem Finger, der Franzose, »aber meine Zeit ist gemessen, so +antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen _willst_, +einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von +Dir noch Auge in Auge verlange, fügen willst oder nicht.« + +»Und was ist das, in klaren einfachen Worten?« frug Pomare. + +»Einfach die Anerkennung unseres Vertrags,« entgegnete ~Du Petit +Thouars~, »und zum Zeichen ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder, +und hissest die Tricolore, die ich im Boot für Dich mitgebracht.« + +»Nie im Leben!« rief Pomare, und stampfte mit dem Fuß den Boden. + +»Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt zu streichen und +Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen -- bedenke Pomare daß von dem +Augenblick, wo das durch _meine_ Hand geschieht, Du aufgehört hast zu +regieren, denn das Land steht dann nicht mehr nur unter Frankreichs +Schutz, nein es ist _erobert_, und der Sieger verfügt darüber wie es ihm +gut dünkt.« + +»Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden Worten willst,« entgegnete +finster Pomare, »aber Du darfst mir mein Land nicht nehmen; die +Englischen Schiffe leiden es nicht.« + +»Wer Dir _das_ sagt ist Dein Feind« entgegnete rasch der Admiral -- +»denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist +auch verflossen und ich fürchte fast nutzlos, denn der Missionair wird +Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.« + +»Ich lasse mir nicht drohen« rief die Königin. + +»Ich habe Dich darum _gebeten_, Pomare« sagte, noch einmal zu ihr +tretend, mit leiser gedämpfter Stimme der Admiral, »Deinethalben +gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schönes +Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten +möchte; _zwinge_ mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen +Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes +Farben auf, und Du bleibst was Du bist, wenn nicht unbeschränkt, doch +Königin dieses Landes.« + +»Und wenn nicht?« + +»Trotzkopf« murmelte der Franzose ärgerlich sich auf dem Absatz +herumdrehend -- »so nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch +Zeit zum Nachdenken bis morgen früh,« setzte er nach kurzem Sinnen hinzu +-- »überleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, daß Du +den rechten Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschuß nicht die +Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm' ich nicht mehr zu Dir +hinüber, sondern schicke Dir rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir +selber zuzuschreiben.« + +Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte er fast gegen den +Missionair, der gerade im Begriff schien es zu betreten. Mr. Pritchard +grüßte ihn, und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der +Französische Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung sich mit ihm +einzulassen, berührte einfach seinen Hut, und ging mit raschen Schritten +wieder der Landung zu, wo indessen seine Leute, von den Indianern +umlagert, doch dem gemessenen Befehl nach nicht den mindesten Verkehr +mit diesen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgestoßen hatten +flott, und außer Verbindung mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber +die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten zurückkehren +sahen -- ein kurzer Befehl und einer der Leute sprang mit einem vorn im +Boote liegenden Pakete -- der zusammengerollten Französischen Flagge -- +die Uferbank hinauf, dem Hause Pomares zu, sie dort für die Königin dem +ersten Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten später kam er in +raschem Lauf zurück, das Boot flog herum und schnitt wieder, zischend +und schäumend, wie ein verfolgter Fisch die Oberfläche theilend, der +~Reine blanche~ entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren Majestät +vielleicht eine Kabelslänge davon vor Anker lag. + + + + +Capitel 3. + +Die Tahitische Flagge. + + +Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage verlebt; Renés Wunde +war allerdings nicht gefährlich, ja sogar viel leichter als sie im +Anfang gefürchtet, gewesen und heilte so rasch, daß er schon am nächsten +Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich +ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde +gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem +Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch +schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr +Herz mit unermeßlichem Weh. -- + +René ein Mörder -- ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst +vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr +die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren +furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz. +-- René ein Mörder -- Blut an der Hand, die sie in Glück und Liebe +tausendmal geküßt -- Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes +Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben +traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern -- und René? Als +sie zu ihm stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten wollte mit +einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie +fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung +zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem ersten +furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von +den Wimpern niederbrannten -- da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl +seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen, +kein Muskel seines Angesichts verrieth daß er _fühle_ was er gethan, und +Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein +Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn +vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit +Brudermord. + +»Laß das, laß das Kind,« sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend +-- »das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen, +nicht beurtheilen kannst.« + +»Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet« weinte Sadie, ohne +sich zu erheben -- »hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und +Deinem Kind -- hast uns geküßt und geliebkost, und bist mit ruhiger +heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.« + +»Sadie« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah, +welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem +nackten Erfolg starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die +Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen wurzelnd, in +ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen _konnte_ -- »thörichtes +Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem +Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht +anders rächen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht +Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das +Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen hätten?« + +»Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,« klagte Sadie, »und vergaßest das +Gesetz Gottes -- nein, vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen +von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn -- oh René, René, Du +hast meinen Frieden zerstört auf ewige Zeiten.« + +»Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden« bat sie da, kurz +abbrechend, René -- »die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn +gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht +ertragen.« + +»Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören wolltest« +klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und +trostlos vor sich niedersehend -- »daß Dir Gottes Wort zum Herzen +spräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor +Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und +seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen +willst. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte, +mit heißen brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir +Verderben droht -- aber konnte ich es denn? -- ward mir armen schwachen +Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, René, und den +Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schützen und Geduld mit Dir zu +haben in seiner Allbarmherzigkeit.« + +»Rowe?« sagte René aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an +-- »was weißt Du von dem Schleicher? -- ich will doch nicht hoffen, daß +er meine Schwelle betreten?« + +»Er war hier« hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu sagen, aber das Blut +schoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe. + +»Hier? -- und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?« -- rief René, +seinen erwachenden Aerger, überdies schon gereizt, nur mit Mühe +bändigend -- »zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn +her?« + +»Die Sorge um mich« sagte leise Sadie -- »er war mein Lehrer in der +Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein +Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner +Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?« + +René biß sich auf die Lippen -- es drängte ihn, seinem Zorn über den +Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht +ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fühlte auch +wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig +mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf +und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer +knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der +Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand auf +ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher liebender Stimme: + +»Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner +Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen +könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn diese That fällt nicht +mir, sie fällt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert -- +Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben. Komm, +schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen -- +geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand +nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte.« + +Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüsterte sie: + +»Bete -- René -- bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich +will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchsten --« + +»Sadie« + +»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand +fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem +Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. -- Tröste mich +wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich -- denn ich +will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir +bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und +Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.« + +»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine +Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig. +Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich +will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich +die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist +schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.« + +Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr +oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach +Papetee hinunter. + +Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß +und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß +René zurück -- reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des +Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das _Verbrechen_; +aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ +ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den +Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn +beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade +entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber +er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu +wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht +ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte +sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand +hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald +darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen +Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen +Hafen zu. + +Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer +Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen +fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch +größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in +Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten +dessen Zeuge -- ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer +und Mitwirkende sein. + +Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch +die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der +zwischen Pomare und ~Du Petit Thouars~ stattgehabten Unterredung bald, +wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend +bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin +solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür +hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle +gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar +bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die +Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen. + +Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten +Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand +versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der +Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die +Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle +wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der +fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch +~Basilisk~ die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung +einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt, +die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und +Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen +bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war +vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß +irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die +Flagge geschehen wäre, denn der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte während +der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum +Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur +mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach +allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er +sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte; +wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen +werden würde. + +Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen +Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr +ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr +wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre +Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl +wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und ~Du Petit +Thouars~ durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum +Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den +früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu +verleugnen. + +Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden, +und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der +Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu +halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen +von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten +oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen +bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und +beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine +Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten +bei ihren Geschützen ständen. + +Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben, +als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die +Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt +werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand +herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so +trefflichen Schatten boten; er hatte ~Du Petit Thouars~ sowohl wie +Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn +aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die +geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den +verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares +wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und +hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug. + +Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und +doch heute so eilfertigen Zügen konnten nicht dazu dienen Renés überdies +gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und +finster und schweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn sie an ihm +vorüberschritten, oder gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in +ihrer Art. + +Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der +Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn +gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen +rufen hörte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand, +dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen ganzen Theil des +Strandes überschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der +erwarteten Vorfälle zu sein. + +Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak förmlich zusammen, +und fühlte wie ihm das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen +drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hübschen +Frau, die engelschönen lächelnden Züge Susannens erkannte, die ebenfalls +zu ihm niedergrüßte. + +»Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu +sehen,« rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und +Verlegenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen wollte -- »aber +hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und +zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschäfte +fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das +Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie +mögen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Französischen +Grund und Boden verwandelt.« + +»Und darf ich?« frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen +Mädchen, das bis dahin nur lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt +fröhlich ausrief: + +»Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fürchten +-- ich wüßte keinen anderen Grund weshalb nicht« -- und wenige Minuten +später stand René in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen +zu begrüßen. + +»Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus« rief aber hier das junge Mädchen, +als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatürliche +Aufregung vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte -- »Ihre +Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt -- +guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.« + +»Und würden Sie mich betrauern?« frug René, ihr forschend ins Auge +schauend. + +Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den +jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte, +Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem +Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto +besser sei es für ihn -- zu früh könne es aber gar nicht mehr geschehen, +und ihre Schlüssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlüssel ihrer +Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch +das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und +einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt. + +Susanne und René waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit +seiner Wunde für sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von +vorhin entschuldigen, als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte +Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung daß +er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause -- jetzt, und +beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn -- er +mußte von dem rasch zuspringenden Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl +taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber +glücklich bezwang, stützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand, +sich wieder zu sammeln, zu erholen. + +»Sie böser, böser Mann« flüsterte das schöne Mädchen, ihr weiches Tuch +rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend -- »was laufen +Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind +-- weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?« + +Sadie -- René athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er +der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte +wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser +Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt zurück, als sich die Thür rasch +öffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder +erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres +Gastes bemerkte. + +»Hallo, was ist hier vorgefallen,« rief sie halb lachend halb bestürzt, +»werden die Herren ohnmächtig und müssen ihnen die Damen beistehn? -- +schöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am +Platz. Hier Monsieur« fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend, +aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend setzte +sie neckend hinzu: »und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen +zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt -- Wie steht es mit Ihrer Wunde, +Delavigne?« + +»Besser -- gut« sagte er rasch. + +»Sie haben von Ihrem Gegner gehört?« frug Susanne leise. + +»Ja« hauchte René. + +»Er hat es nicht anders haben wollen« beruhigte ihn aber die Französin +-- »wäre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache +abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn -- es soll das siebente +Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas +Angenehmerem« setzte sie rasch hinzu, »wissen Sie daß unsere junge +Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub +bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? -- der alte Seewolf muß doch gar +kein so übler Mann sein.« + +»Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?« frug René lächelnd +zu Susanne gewandt. + +»Oh schon lange« erwiederte Susanne, »und hat eine ausgezeichnete Reise +gemacht« setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu -- »Sie haben sich +sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu +sein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchst annehmbaren Preisen -- +Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für ihn +Geschäfte machen sollte -- an die Firma ~Bornholm Watts & Comp.~ +verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer +neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu +rüsten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer solchen Fahrt höchst +interessante Sachen begegnen können.« + +»Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß Sie grausam sind« sagte René +-- »Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten +thun.« + +»Gerade _jetzt_?« frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch +einen Lärm von der Straße unterbrochen, der sie alle drei rasch an das +Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche +her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in +stürmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus +für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben +mochte. + +»Gott wie die Menschen schreien« sagte Madame Belard ängstlich -- »wenn +sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer +Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die Wehr fest in Händen +hält; sie werden noch das größte Unglück über sich hereinrufen.« + +»Und von der Fahne da drüben soll es abhängen, ob Krieg ob Frieden« +sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewußtsein +fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden -- »was für eine +wunderhübsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, daß sie soll +niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im +Wappen, mit dem Cocoszweig?« + +»Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz +schmeicheln wollten« sagte René finster. + +»Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen Aemter im Kopf« rief +Madame Belard, »die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach +Europäischem Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire für +sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte mit allen möglichen +Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare +~wahine~, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt +bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Minister des +Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.« + +»Ach Unsinn« lachte Susanne -- »es sind zu vernünftige Männer etwas +derartig Närrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät +-- hahahaha --« + +»Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen«[D] sagte René ernst, »und +dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen +ehrlichen Mann -- zu Fall gebracht -- nicht einen schlimmeren Ausdruck +dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen +Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im +Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest +und gewaltig Trotz geboten. Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum +Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht -- es können schwere Zeiten +kommen für dies Volk.« + + [D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf + Oahu »nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim + Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges + fremder Consuln zum Grund zu legen.« + +»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd, +»der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und +selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen -- er +hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln +wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte +Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst. +-- Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der +Eingeborene wird sich leicht in das _Geschehene_ fügen, ja vielleicht es +sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen +manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht +zugestehen wollte.« + +René schüttelte den Kopf. + +»Wenn sich selber überlassen, ja« sagte er ernst, »aber der Fanatismus +wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird +wieder die Trommel rühren, und die »Lämmer Gottes« zum Kampfe treiben +und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden, +Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen. +Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.« + +»Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen schlagen?« sagte halb +neckend halb lauernd Susanne, und ließ ihren Blick fest und forschend +auf dem jungen Franzosen ruhn. + +»Wir würden dann unter _einer_ Fahne kämpfen« lachte René der Frage +ausweichend. + +»Wer ich?« rief Susanne schnell -- »da haben Sie weit am Ziel +vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem +Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten +Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des +Gekreuzigten -- ich hasse die Methodisten.« + +»Gott weiß es, ich auch« sagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es +sprach bürgte für die Aufrichtigkeit. »Der beste von ihnen ist +gestorben« fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte +wenigstens an keine der Frauen richtend -- »der alte Osborne war ein +braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren +Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein +mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn +folgen -- die meisten sind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr +eigenes Bild, und streuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo +sie Liebe und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen sollten +statt sie auseinander zu reißen. Gift über sie, mir thäte es in der +Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn -- +und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geschehn, denn +gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.« + +»Ha der Schuß!« rief Susanna die den Blick gerade auf das Französische +Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der +plötzlich daraus hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der Donner +des Geschützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher +durch die Adern jagen. + +»Da kommen auch die Boote!« rief René, »nun wird sich das Schicksal des +Tages bald entscheiden.« + +»Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen +werden?« frug Madame Belard rasch und ängstlich. + +»Fürchten Sie Nichts« lachte aber René -- »was können die Unbewaffneten +jetzt gegen die Schießgewehre der Soldaten, mit den Kanonen der +Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn, und ein +solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er begonnen hätte.« + +Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab; +Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten, die von den regelmäßigen +Riemenschlägen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine +Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrängt voll Menschen, aber +man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren +Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben +Bananenblättern geschmückt, lachend und schwatzend standen sie da, die +Boote erwartend, als ob deren Kommen eine für sie sehr gleichgültige, +vielleicht sogar erwünschte Handlung wäre, und nicht wirklich den +Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen +drohte und bedingte. + +Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch +anfänglich mißtrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon +in seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten können, sahen sie +doch bald daß sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten +hätten, und der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und Mädchen +als Männern bestehend, drängte sich langsam auseinander, dem landenden +Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen. + +Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis +vierhundert Matrosen, mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die +Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich +auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem +dröhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. ~D'Aubigny~ +angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem +Admiral ~Du Petit Thouars~ ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von +dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone +ihren Feinden furchtlos entgegenwehte. + +Im Hause aber lag Alles todtenstill -- die Vorhänge waren niedergezogen, +die Thüren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend +einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker in den Herzen +der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in +geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front +und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen +Boden nieder. + +»Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt?« frug +Susanna, und fast unwillkürlich wandte sich ihr Herz dem Schwächeren, +Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mächtigen Feinde übergeben +sah. + +»Sie werden die Flagge herunternehmen« sagte René, »die Tricolore dafür +aufpflanzen und das Land in den Besitz des Königs von Frankreich +erklären, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.« + +»Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?« frug Susanna rasch und +blickte dem jungen Mann fest in's Auge. + +»Ich weiß nicht« lächelte dieser, »irgend einer der Officiere wird sie +wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.« + +»Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?« + +»Ich glaube kaum« meinte René -- »was liegt an dem Tuch?« + +»Ich weiß nicht _was_ ich darum gäbe, _die_ Fahne mein eigen zu nennen« +rief Susanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und +Busen nieder waren wie von Gluth übergossen. + +»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt. + +»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die +leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch +geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden +sollte. + +René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut +auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer +verlassen. + +»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt -- »sind Sie rein vom +Bösen besessen?« + +»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter +sich ins Schloß. + +»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach, +aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und +eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die +Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück +eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten +später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten, +und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein +Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge +niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl +stehenden Matrosen der ~Jeanne d'Arc~ theils, theils der ~Danae~, und +René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein +daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten, +er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu +erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen. + +Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während +desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die +Flagge an dem Flaggenfall nieder -- kein Schrei des Zorns oder der +Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger +begleitete den Akt -- es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das +fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich +und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt +aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der, +ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit +einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche +zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte. + +»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus, +als er ihn erkannte -- »Mensch, was thust Du hier?« + +René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die +halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte: + +»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat -- was beim +Teufel will der hier zwischen uns?« + +Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er +sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und +ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und +suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe +hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre +Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend, +erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies +nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum +zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. ~d'Aubigny~ brach jetzt +in die allerdings merkwürdigen Worte aus: + +»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen +wir _Gerechtigkeit_ und _Frieden_ bringen, -- im Namen des Königs, +unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land -- wir Alle +werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen +Fahne sterben. Hißt die Flagge!«[E] + + [E] Wörtlich. + +Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem +Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu +sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem +donnernden ~Vive le roi~ der Soldaten und Matrosen, drängte sich René +wieder den Gärten zu und gewann das Freie; ~d'Aubigny~ aber mit seinem +blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er +nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen: + +»_Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir stehen jetzt auf +Französischem Grund und Boden!_« + +Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die +Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher +Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die +Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes +gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den +die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer +Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das +Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich +deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine +so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden +mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu +dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte, +blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing +Bahn zu brechen -- die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten +selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb +Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu. + +Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener +Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore +emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl +bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand +sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine +Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer, +eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich +Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten +wollten. + +»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das +große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen +wieder herunter, wie schon früher einmal.« + +Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von +der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre +Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie +als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen +äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne +Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste +zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen. +Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen +auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten +Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf +und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem +und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten +und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt +darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die +größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und +selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier +aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn +das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch +zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die +Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren +mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern. + +René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner +kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch +Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna, +ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der +Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen +Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach +rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd +mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu +machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er +kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende +Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein +unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ +Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend, +zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit +fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch +weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich +gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr +liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder +heraufbeschwor, und jetzt? -- strahlend von Glück und Seligkeit, mit +leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu +sehen, vorüber und dort am Fenster -- ein stechender jäher Schmerz +zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin +erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel +gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie +dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von +ahnungsvoller Angst begegnet war. + +Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr +René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten +Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder +zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des +jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu +erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und +eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte: + +»Sadie!« + +»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem +Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das +wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren +räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht. +»Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? -- wo warst Du die ganze +Zeit und wie siehst Du aus?« + +»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in +unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die +Haut und -- aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir +etwas, komm; glaubst Du an Geister?« -- + +»An Geister? -- wie verstehst Du das? -- was soll's?« frug Sadie +erschreckt -- »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« -- + +»Fürchten? -- bah, thörichtes Kind -- wovor? vor dem eigenen Mann? -- +der thut Nichts -- sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem +ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide +thun? -- hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige +Geschichten erzählen« -- und die Widerstandlose über den breiten Weg mit +sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes +bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge +hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt +Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses +hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten +Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde. + +»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind -- +bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer +Bewegung zitternder Stimme -- »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm +überbeugt -- hahaha -- ich glaube das war ein Kuß -- nein« lachte sie +dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach +Inselart. Aber komm -- komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen, +und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns +hier draußen bemerken -- den Triumph sollen sie nicht haben -- komm.« + +Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind +fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen +Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden +Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen, +jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer +eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie +erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie +vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen +fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie +eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen +Schmerz, der eigenen Schmach. + +Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum +ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie +verliebt. ~Nahuihua~ -- der blitzende Stern im Norden -- liebte aber +seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh, +und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze +Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er +sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft +entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee, +aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu +fragen. + +-- Und René? -- + +»Hahahaha« lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick -- »Aia hatte recht +-- sie sind sich _alle_, _alle_ gleich -- Alle, _Teufel_ mit ihren +glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflückt +die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut +-- werfen sie sie fort -- sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit« +setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, »und im Weg, +von den Vorübergehenden getreten muß sie ihr junges hingemordetes Leben +lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!« rief sie +plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend -- »meine Kinder hab' ich +schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, daß sie mich nicht an +meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein +Tahitisches Mädchen zu rächen weiß.« + +Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurück vor der +entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das +sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten hatte; sie wollte +sie beruhigen, aber das gereizte Weib stieß sie zornig zurück, und der +Schmerz löste sich erst in milden Thränen, als die Erinnerung an +vergangenes, nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach durch +Leidenschaft und Trotz. + +Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren +Füßen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie +selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das +Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual. + +Und René? -- + +Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanna +gerade gegenüber; sie sprachen von der Welt draußen, von Paris, von +seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna +endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schönen +Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer +höher und höher schlug und das Blut heiß durch die Adern jagte, da -- +er mußte sich gewaltsam zurückhalten der schönen Spielenden nicht in zu +glühenden Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend gemacht, und +mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen -- da +fühlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens +mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die +Brücke abgebrochen die hinüberführte -- Zum ersten Mal brach sich der +Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten +Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem +weißen Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zügen, +tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit +dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber. + +»Spiel' etwas Heiteres, Susanna« rief da Madame Belard, »unser junger +Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch -- die +Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das süße und +weiche Gekose.« + +Susanna ging rasch in die herausfordernden Töne des begeisternden Liedes +über, und René fühlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab +-- Großer Gott, wohin war er gerathen -- was hatte er gethan? und mit +dem Bewußtsein faßte ihn die Angst -- die Reue. Nur fort von hier jetzt, +fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff +er nach seinem Hut. + +»Wohin?« frug Madame Belard erstaunt. + +»Zu Hause --« + +»Jetzt? -- Sie werden doch erst Thee mit uns trinken -- nicht einmal das +Lied will der grobe Mensch aushören« rief die junge Frau erstaunt. + +»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument +aufspringend. + +»Nein -- ja --« stammelte René -- »schon zu lange bin ich hier gewesen +-- die beängstigende Luft -- die späte Stunde -- ich muß fort -- Sadie +auch ängstigt sich um mich.« + +»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit +komischem Aerger Madame Belard -- »ich hatte nun so fest auf Sie heute +Abend gerechnet.« + +Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin +aufzubrechen -- »Ich _muß_ fort« sagte er bestimmt. + +»Sie haben recht« unterstützte ihn aber auch jetzt darin Susanna, »Sadie +_muß_ sich ängstigen, wenn Sie noch länger auf sich warten lassen; aber +dürfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? -- wenn Sie nun wieder +einen Anfall jener Schwäche --« + +René dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede +Angst um sich, lächelnd ab. Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder +vollkommen wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, fast +verstörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in +die dunkle, kühle, sterndurchschimmerte Nacht. + +Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach sich hier die Bahn -- +»Sadie -- mein armes, armes Weib« flüsterten seine Lippen, während die +Hände fest sich preßten auf das Herz -- »armes, verrathenes Kind -- +Nein, nein,« rief er aber rasch und heftig aus -- »noch ist es nicht zu +spät, noch bin ich Dein -- noch hab' ich die Kraft in mir das fremde +Bild aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn +gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger +Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage +gehabt für mich, nur stille leise Thränen, und jede von den Thränen die +ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein +trautes liebes Weib -- Sadie!« -- + +Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte +beflügelte und ihn heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der +freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz, und als er seine +Sinne der Außenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hörte der wehenden +Palmen, das Flüstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der +Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein böser, +entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten +Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim saß mit dem Kind, seiner +kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner +Seele auf. + +Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen +konnten, und fast keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der stillen +Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr +Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr zurückgekehrt -- sie +noch liebe und _nicht_ verlassen habe, an seine Brust legte, und kein +Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll +von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte +ihre Stirn und Lippen mit seinen heißen Küssen und nun erst weinend, +aber in einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er +sie sein Weib, seine kleine süße Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten +fröhlichen Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in acht, sechs, +vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen +und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer +Liebe, ihres Glücks -- zurück nach Atiu. + +»Nach Atiu« war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender +Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut. + + + + +Capitel 4. + +Die Conferenz. + + +So gleichgültig die Insulaner, wenigstens scheinbar, die im letzten +Capitel beschriebenen Vorgänge aufgenommen hatten, und so theilnahmlos +sie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchst Unwesentlichem +zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Missionaire +hervor, die einen entscheidenden Schritt Frankreichs wohl schon lange +gefürchtet, aber doch nicht so schroff auftretend erwartet haben +mochten. Das Zurückziehn der Englischen Fregatten war zu gleicher Zeit +eine ihnen wohl verständliche, und für sie höchst unglückselige +Demonstration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerspruch mit den +freundlichen und ermuthigenden Versprechungen des Englischen +Ministeriums stand, und wovon die Französischen Fregatten schon +jedenfalls Kenntniß haben mußten: daß nämlich England keineswegs gewillt +sei dieses kleinen Inselreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu +beginnen, sondern Tahiti und seine Königin dem Protektorat -- man konnte +ihm nicht mehr gut den Namen einer _Entdeckung_ geben und wünschte doch +derselben Erfolg -- des Nachbarstaates überließ. + +Das aber hieß dem Protestantismus den Boden unter den Füßen fortnehmen, +denn die Franzosen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu +vergelten, so packten sie die evangelischen Geistlichen auf ihre oder +andere Schiffe und schickten sie, gleichviel wohin, nur fort von ihren +Besitzungen. Aber das nicht allein; schon der Gleichberechtigung der +anderen Confession hatten sie von frühster Zeit an mit allen Kräften +entgegengearbeitet. Die katholische Religion sprach weit mehr zu den +Sinnen, als das kalte protestantische Wesen der Geistlichkeit, jene +erregte die Phantasie, diese ertödtete Alles mit ihrer nackten +Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben fordernd für das +Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit ließen die Katholiken den fröhlichen +Kindern dieser glücklichen Zone, die nun einmal das unglückselige +Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen diese wunderschöne Welt auch zum +Genuß geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten daß der +Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Büßen und +Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das Herz frevle, das auf +andere Weise zu seinem Gott bete, als sie es lehrten. + +Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf den Sandwichsinseln gehabt +hatte sie lange vorsichtig gemacht, und mußte ihnen jetzt die schwersten +und begründetsten Befürchtungen aufdringen. Mit dem »Dublin« waren +deshalb auch schon die dringendsten Aufrufe und Nothschreie an die +Missionsgesellschaften in England erlassen, zuerst beim Ministerium, +dann aber auch bei dem Englischen Volk Hülfe für die »Prediger in der +Wüste« und ihre Gemeinden zu fordern, während bei der jetzigen +entschieden feindlichen Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung da +war, daß das schwankende Ministerium eine entschiedenere Handlung den +Uebergriffen Französischer Seeleute gegenüber, einnehmen würde. +Hinhalten mußten sie deshalb hier vor allen Dingen die Entscheidung, die +unbedingte Unterwerfung der Insulaner, aber das nicht allein, sie mußten +auch Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, daß die +Eingeborenen der Südsee das Französische Joch so sehr verabscheuten, wie +sie sich nach der Englischen Mutterkirche sehnten, und daß sie bereit +und entschlossen wären, wenn England die ihnen durch die Missionaire im +Vertrauen auf das Englische Volk versprochene Hülfe _nicht_ senden +sollte, ihr Gut und Blut und Leben einzusetzen, die Unabhängigkeit ihrer +Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten. + +Beides ließ sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen Widerstand -- +nicht allein mit machtlosen Protestationen eines Consuls, sondern durch +Waffengewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind so +lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte seiner _Religions_kämpfe +nach England gelangen konnten, so zweifelten wenige der frommen Männer +daran, daß England, gerührt durch solche Anhänglichkeit an den +christlichen Glauben, auch ein Machtwort sprechen und schon dadurch die +Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben würde. + +Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden Hindernissen zu +kämpfen; zuerst mit der entsetzlichen Gleichgültigkeit der Indianer in +allem was nicht zum täglichen Leben gehörte, und sie etwa gezwungen +hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der sich ihre Theilnahmlosigkeit +für die christliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen, +dem allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen war, aber +doch jetzt nicht so ganz und auf einmal begegnet werden konnte. + +Das erste mochte irgend eine glückliche Gelegenheit von selber heben; +der Uebermuth der Franzosen, die nirgend Widerstand fanden, und das +schöne Land schon fast in Händen zu haben glaubten, gab leicht die +Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand mußte durch andere Mittel +abgeholfen werden, und diese durfte man unter keiner Bedingung länger +als nöthig hinausschieben. + +Der nächste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso, nach ihm Sydney, und +nach beiden Häfen hatten umsichtige Amerikaner schon vor längerer Zeit +Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen könnten, und so +rasch als möglich damit zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man +selbst mit dem günstigsten Winde noch nicht zurückerwarten, und es blieb +dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen +Verhältnissen würde an Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich +Alles thaten solche, und ihnen die gefährlichste, Zufuhr zu verhindern. + +Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann, hatte aber auch noch andere +Verbindungen, und wenn er sich auch nicht gerade übergern mit solchen +Sachen einließ, doch zu viel kaufmännischen und speculativen Geist +sich ein gutes Geschäft durch die Finger schlüpfen zu lassen, wenn er es +eben dazwischen halten konnte. Er selber stand mit den Protestantischen +Geistlichen auf sehr vertrautem Fuß, und durch diese auch mit den +Protestantischen Häuptlingen, wie ihm denn überhaupt nichts mehr verhaßt +war, als das Französische und dadurch Katholische Regiment. Daß er mit +den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf freundschaftlichem, +wenigstens gesellschaftlichem Fuße stand, war die Schuld der +Handelsinteressen, die er nie aus den Augen ließ -- selbst nicht in der +Kirche. + +Mr. Noughton war in seinem Zimmer mit dem Consul Pritchard, und der +letztere ging, mit auf dem Rücken gelegten Armen, rasch und finster auf +und ab, und schien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes Gespräch, +zu überdenken. + +»Und ich habe doch recht, Mr. Noughton,« sagte er endlich, vor dem +Kaufmann stehn bleibend und ihm fest in's Auge sehend, »England kann und +darf uns nicht in dieser Verlegenheit stecken lassen, denn nicht allein +seine Interessen, nein seine _Ehre_ steht hierbei auf dem Spiel und ich +habe von dem Earl von Aberdeen das _feste_ Versprechen schleuniger und +entschiedener Hülfe, wenn ein gegen die bestehenden Verträge gerichteter +Gewaltschritt der Franzosen ihnen nur die entfernteste Rechtfertigung +vor den übrigen Staaten geben würde.« + +Der protestantische Geistliche und jetzige Englische Consul war ein +hochgewachsener, stattlicher Mann, mit freier offener Stirn und ein paar +klaren, klugen grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges Feuer +sprühte -- sein volles Kinn war glatt rasirt und er trug nur einen +halben aber starken, krausen Backenbart, und ging in Civil gekleidet, +mit etwas langem, noch nach dem Geistlichen schmeckenden Rock und weißer +Halsbinde und Weste. + +»Bah, bah, bah« sagte der Amerikaner, eine lange hagere Gestalt, an der +nur die Augen Feuer zu haben schienen, kopfschüttelnd -- »wir kennen +solche Redensarten -- der Earl von Aberdeen steht überhaupt in dem Ruf +als ob er ein etwas Indianisches Temperament habe, das nur heute _Ruhe_ +verlangt, und dem Morgen sich selber überläßt. Das sind Redensarten, mit +denen wir hier nicht vom Fleck kommen, und Sie müssen bedenken daß +zwischen jedem Brief von hier nach England, herüber und hinüber, immer +_zehn Monat Zeit_ liegen -- ein unberechenbares Capital für den, der den +Augenblick zu benützen versteht. Die Franzosen hier werden _handeln_ und +die Engländer werden _protestiren_, denn beide Theile wissen recht gut, +daß zwei große Nationen, mit den Gefahren eines Europäischen Umsturzes +vor sich, nicht eines solchen Fleckchens Erde wegen einen Krieg anfangen +können; so lange sie nur im Stande sind den Anstand nach Außen zu +bewahren, können Sie sich darauf verlassen daß nichts Ernstliches zu +ihrem Vortheil hier geschieht.« + +»England _muß_!« rief Mr. Pritchard. + +»Ach was, England muß nie, wenn es nicht selber will, und wenn es +überhaupt _wollte_, hätte es die Sache schon gar nicht so weit +brauchen kommen zu lassen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen, statt +Privatversprechungen eine Depesche für den Talbot, oder irgend ein +anderes Kriegsschiff Ihrer Majestät mitgab, und das dem Französischen +Cabinet zu wissen that, so müßte ich mich sehr irren, oder ~Du Petit +Thouars~ kreuzte jetzt noch an der Chilenischen Küste herum, oder läge +ruhig im Hafen von Valparaiso, höchstens bei den Marquesas-Inseln vor +Anker. Da das nicht geschehn ist, _wollen_ die Leute auch so wenig von +der Sache hören als angeht, und das Einzige was uns in dem Fall zu thun +übrig bleibt, ist so viel Spektakel als möglich zu machen und sie nicht +ruhen und rasten zu lassen -- vielleicht bekommen sie's dann mit der +Zeit satt und schlagen zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.« + +»Aber was können wir thun?« rief in Unmuth der Consul -- »wenn ich +nicht Consul und -- Geistlicher wäre, beim Himmel, ich griffe selber zu +den Waffen und stellte mich an die Spitze der Insulaner, ihnen ihr +Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, so lange die Welt steht, so lange +wir eine Geschichte haben, ist ein feigerer Einfall unter einem matteren +Vorwand, auf ein friedliches, harmloses Volk geschehen und -- geduldet +worden.« + +»Glauben Sie daß das Volk überhaupt kämpfen würde, wenn es Waffen +hätte?« frug Mr. Noughton. + +»Ich bin überzeugt davon« erwiederte der Consul, »übrigens _sind_ Waffen +auf der Insel, besonders haben die uns ergebenen Häuptlinge -- einen +solchen Fall gerade nicht für unmöglich haltend -- eine ziemliche +Quantität Munition, Pulver und Blei irgendwo in ihren Verstecken, in den +verschiedenen Ansiedelungen -- die anderen Inseln sind sogar reichlich +damit versehen.« + +»S--o--o« sagte Mr. Noughton, sich das Kinn streichend und die Lippen +vorn etwas mehr als gewöhnlich zusammenziehend -- »in den Kisten waren +wohl nicht _lauter_ Bibeln?« + +Mr. Pritchard setzte seinen Weg durch das Zimmer wieder fort und +entgegnete gleichgültig: + +»Ich weiß nicht wann und auf welche Art sie hier gelandet sind -- es +ist, wie ich höre, während meiner Abwesenheit geschehen, aber +verdenken kann ich's den Leuten nicht, daß sie sich mit den Mitteln +versehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen, wenn Beides +widerrechtlicher, ja widernatürlicher Weise nicht allein mehr bedroht, +nein wirklich angegriffen und ihnen entrissen werden soll. Der schwache +Vogel selbst vertheidigt sein Nest gegen Schlange und Marder, und wenn +uns die christliche Religion gebietet Blutvergießen zu vermeiden und +lieber ein geringes Unrecht geduldig zu ertragen, so verlangt sie nicht +von uns, daß wir uns feige dem Schlimmsten unterwerfen sollen. »Und der +Herr sprach zu Josua: Fürchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit Dir +alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe hinauf gen Ai -- und die +Bewohner von Ai fielen Alle durch die Schärfe des Schwertes, bis daß sie +Alle umkamen.« + +»Ja das ist Alles recht schön und gut« sagte Mr. Noughton, den +Zeigefinger an der Nase und nachdenkend vor sich niederschauend; »ich +habe auch nicht den mindesten Zweifel daß uns der liebe Gott eine +Opposition gegen den großprahlerischen Franzmann mit dem größten +Vergnügen vergeben wird -- aber ich weiß nur noch nicht ob wir die +Insulaner eben zum Zuschlagen bringen und -- wer bezahlt nachher die +Waffen?« + +Mr. Pritchard biß seine Lippe und sagte nach kleiner Pause: + +»So viel ich weiß sind die an Land befindlichen schon bezahlt, ich wüßte +wenigstens nicht wie sie sonst in den Besitz der Häuptlinge kommen +sollten, und weiter sind noch keine anderen da -- warten wir bis sie +kommen, das Uebrige findet sich.« + +»Aber ich habe eine ziemliche Quantität aufgetrieben und gewissermaßen +auch schon gekauft« erwiederte Mr. Noughton, »es fragt sich nur jetzt ob +_Sie_ dieselben übernehmen und weiter darüber verfügen wollen, denn +aufrichtig gesagt möchte ich mit den Häuptlingen selber, die gar keine +Idee von Geld und Geldeswerth haben, nicht gern ein solches Geschäft +abschließen, da man überdies auch gar nicht weiß wie die ganze Sache +abläuft und ob die guten Leute nachher noch überhaupt eine Cocosnuß +übrig behalten, womit sie bezahlen _könnten_, selbst wenn sie ehrlich +genug wären zu wollen.« + +»Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen Sache nicht einlassen« +sagte Mr. Pritchard nach kurzem Besinnen kopfschüttelnd, »aber es +interessirt mich natürlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier zu +schöpfen hoffen. Ist es ein Englisches Schiff?« + +»Die Kitty Clover --« + +»Ah der Wallfischfänger -- diese Kitty hat auch Spirituosen an Land +geschafft, aber ohne daß wir im Stande waren ihr auf die Finger zu +klopfen, und wie ich höre waren alle Vorkehrungen dagegen getroffen; Sie +müssen schlaue und mit der Küste hier sehr vertraute Leute an Bord +haben.« + +»Der eigentliche Unterhändler lebt hier an Land« entgegnete Mr. +Noughton, »aber das ist Alles Nebensache, wenn ich nur erst die +Gewißheit hätte, daß es hier zu einem wirklichen Kampf käme, und die +Insulaner nicht ihren _Regierungs_wechsel eben so ruhig und gleichgültig +mit ansehen werden, als gestern den _Flaggen_wechsel, der sie, zu meinem +Erstaunen, entsetzlich kalt ließ.« + +»Wenn die Franzosen Ernst mit ihrer Drohung machen« entgegnete Mr. +Pritchard rasch, »und nicht eben nach dieser einfachen Demonstration +wieder in See gehn, Pomare wie ihre Häuptlinge in sonst ungestörtem +Besitz der Insel zu lassen, so läuft auch die förmliche +Besitzergreifung, wo sie dann ja die Zügel der Regierung in die Hand +nehmen und das Pabstthum proklamiren werden, nicht unblutig ab, und +_ein_ Leben genommen und die ganze Insel greift mit einem Schlag zu den +Waffen.« + +»Sie glauben also wirklich --« + +»Ich bin fest überzeugt davon.« -- + +»Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally, der Master des +Wallfischfängers draußen, gerad' apropos die Straße nieder -- he Sir!« +-- und an's Fenster klopfend winkte er dem Schotten, der überdies schon +die Richtung gerade nach dem Hause zu hatte, und dessen rascher Schritt +bald auf der hölzernen Treppe gehört wurde. Wenige Secunden später +betrat Mac Rally das Gemach und wollte sich eben nach kurzem Gruß an den +Kaufmann wenden, als er die dritte Person im Zimmer sah, still schwieg +und sich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner umschaute. + +»Es ist ein Freund von mir, ein Geistlicher« sagte Mr. Noughton und +winkte Mac Rally Platz zu nehmen. + +»Ein Missionair, so?« sagte der Seemann, Mr. Pritchard etwas mißtrauisch +betrachtend, bei seinem Branntweinschmuggeln hatte er die Leute nicht +eben als Freunde kennen gelernt, und er wußte nicht wie weit der +anwesende gerade mit seiner nicht unbedeutenden Thätigkeit in diesem +Geschäftszweig bekannt sein mochte; außerdem haßte er Missionaire. Hier +galt es übrigens eine Geschäftssache, in der er wußte daß ihm der +geistliche Mann nicht entgegen sein würde, und er sagte rasch: + +»Mit unserem Handel wird es wohl Nichts werden, Mr. Noughton -- es ist +zu spät.« + +»Wie so?« frug der Kaufmann rasch und erschreckt -- »Sie _dürfen_ jetzt +kein höheres Gebot mehr machen, denn ich habe die Bestellung fest +gemacht, wie Sie recht gut wissen -- die Waffen sind _mein_.« + +»Und sollen die Ihrigen bleiben, mit dem größten Vergnügen,« lachte der +Seemann, »wenn Sie nur wissen sie an Land zu schaffen.« + +»Und geht das nicht mehr auf dem gewöhnlichen Weg?« + +»Was für Einer ist das?« frug Mr. Pritchard -- der Seemann glaubte aber +nicht eine Antwort darauf schuldig zu sein, sondern sagte achselzuckend: + +»Die Franzosen haben in der That Besitz von Tahiti genommen; Posten sind +ausgestellt an allen Plätzen wo es nur einigermaßen möglich ist zu +landen, und eben wird eine Proclamation in Tahitischer, Französischer +und Englischer Sprache angeklebt, nach der, unter anderem, Boote nicht +einmal mehr nach Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an Land +kommen dürfen.« + +»Den Teufel auch« sagte Mr. Noughton, »und das müssen _Sie_ sich hier +von einem Anderen _erzählen_ lassen?« + +Mr. Pritchard zuckte mit den Achseln und sagte leise: + +»Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und keine Aufträge anzustürmen; +das muß der Zeit überlassen bleiben.« + +»Zeit« brummte der Seemann ungeduldig -- »die wird Einem dabei auch nicht +gerade im Uebermaß zugemessen -- morgen muß ich in See sein.« + +»Und was haben Sie so zu eilen?« sagte Mr. Noughton. + +»Das fragen Sie den Französischen Admiral« brummte der Engländer -- »ob +sie mich hier in Verdacht haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen +ist, ich weiß es nicht, aber so viel ist gewiß, daß ich den Befehl +bekommen habe was ich an Wasser und Provisionen brauche heute in Ordnung +zu bringen, und morgen mit dem Landwind also etwa um neun Uhr, in See zu +gehn. Das ist »kurz und süß« wie sie bei uns sagen.« + +»Die Franzosen thun wirklich, als ob sie hier schon die Herren wären« +sagte Mr. Pritchard. + +»_Thun_ so, Sirrah?« rief Mac Rally -- »und verdammt gute Ursache dazu, +denn sie _sind's_, so lange Sie nicht die Indianer dazu bringen können +mit Macht über sie hereinzubrechen -- und damit sieht's windig aus. +Hätten Sie die Leute ein Bischen weniger beten und ein Bischen mehr ihre +gesunden Glieder brauchen und ihre Waffenübungen nicht ganz +vernachlässigen lassen, so wären die heidnischen Spiele dem lieben Gott +jetzt selber zu Hülfe gekommen; jetzt können sie weiter Nichts wie mit +Bibeln drein werfen, und daran stirbt Keiner -- die Langeweile müßte sie +denn wieder forttreiben.« + +Mr. Pritchard legte den Kopf zurück und drehte ihn zur Seite, aber er +erwiederte kein Wort; Mr. Noughton ging mit ineinandergeschlagenen Armen +im Zimmer auf und ab, und murmelte leise etwas vor sich hin, endlich +blieb er vor Mac Rally stehn, und frug, ihn finster dabei ansehend: + +»Und was sagt Jim dazu?« + +»Jim ist ein Tollkopf« brummte der Engländer -- »ein richtiger Ire, dem +nicht wohl ist wenn ihm nicht Jemand den Schädel zerschlägt, oder wenn +er nicht denselben Liebesdienst Jemand Anderem erweisen kann.« + +»Also er meint es sei wirklich möglich sie heute Abend an Land zu +schaffen?« frug Mr. Noughton schnell. + +»Der sagt zu Allem ja« knurrte Mac Rally. + +»Nun also, was haben wir denn da noch außerdem für Hindernisse?« + +»Er verlangt daß ich ihm die Gewehre und was dazu gehört, in +wasserdichten Fässern an eine gewisse Stelle in Matawai Bai liefere und +das ginge allenfalls; aber dorthin haben die verdammten Franzosen +wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht gestellt, wie überhaupt an +jeden Corallengang durch den mehr als ein Canoe einfahren könnte, und +ich kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn sie entdeckt werden, und +das ist kaum anders möglich, so wird jedenfalls auf sie geschossen, oder +doch der Alarm gegeben, und sie stecken mir nicht allein die Leute ein, +und der ganze Transport ist verloren sondern sie -- visitiren mir auch +am Ende noch das Schiff und -- das wäre mir unangenehm.« + +»Posten schon überall ausgestellt?« rief Noughton erstaunt, »ei dann +zeigen sich die Monsieurs schon allerdings als Herren der Insel und es +hat keine Gefahr mehr, daß mir die Gewehre auf dem Lager blieben -- Mac +Rally Sie müssen wahrhaftig Rath schaffen; mit einer einzelnen +Schildwache läßt sich am Ende auch noch sprechen.« + +»Sprechen, ja, aber nichts durchbringen« brummte der Wallfischfänger -- +»_Sie_ haben auch Nichts dabei zu riskiren, ich aber desto mehr, und +nehme da lieber die paar hundert Stück Gewehre wieder mit in See; in +Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch nicht so gute Preise doch +mehr Sicherheit.« + +»Wo müßten sie denn gelandet werden?« frug der Geistliche. + +»Der einzig mögliche Platz wäre Matawai Bai und zwar in der Einfahrt, in +der früher ein alter Missionair wohnte, der leider Gottes gestorben ist +-- jetzt sitzt ein Franzose drin -- ja zwei eigentlich, denn dicht +daneben wohnt noch Einer, und außerdem hat sich der Posten gerade +überhalb der beiden Häuser in eine alte, nicht mehr benutzte Hütte +placirt, der, wie ich gehört habe, alle zwei Stunden von Papetee aus +abgelöst werden soll, während die weiter unten befindlichen mit einem +anderen, dorthin gelegten Detachement in Verbindung stehn.« + +»Und könnten wir nicht _unter_ oder _über_ der Vorposten-_Grenze_ +landen?« frug Mr. Noughton. + +»Nein« sagte der Seemann, kopfschüttelnd, »erstlich nimmt das zu lange +Zeit weg, und selbst das nicht einmal gerechnet, müßte ein Boot auf dem +Binnenwasser und dicht am Strande hin völlig Spießruthen bei den Posten +laufen, und es wäre rein unmöglich es unentdeckt an den Ort seiner +Bestimmung zu bringen, während dorthin gerade die Ladung im Schatten der +Riffe und später der Palmen die größte Wahrscheinlichkeit sicherer +Landung für sich hat.« + +»Das ist das Haus wo Monsieur Delavigne wohnt« sagte Mr. Noughton -- +»und sein Nachbar heißt Lefévre.« + +»Ich glaube das sind die Namen« brummte der Alte, »kommt aber nicht +d'rauf an wie, sondern _wo_ sie getauft sind.« + +»Hm, hm, hm« sagte der Amerikaner, nachdenkend im Zimmer auf- und +abgehend -- »ich glaube -- lassen Sie mich einmal sehn -- ich glaube +Bruder Rowe hat Zutritt da im Haus --« + +»Wird ihm wenig helfen« meinte Mac Rally. + +»Kann ich einmal mit Jim sprechen?« frug Noughton, vor dem Seemann +stehen bleibend. + +»Ich wollte selber ich könnte seiner habhaft werden« erwiederte dieser, +»aber wie mir Bob, mein Zimmermann sagt, hat er alle Ursache sich nicht +bei Sonnenschein zwischen den Franzosen blicken zu lassen -- es müssen +alte Geschichten sein. In den Guiaven drin steht aber ein Haus, wo er zu +finden sein soll.« + +»Bei der alten Irischen Hexe?« frug der Amerikaner. + +»Nein, da kommt er seit jenem Abend, wo sie ihn beinah einmal abfaßten +nicht mehr hin -- 's ist nicht so weit draußen und ich kenne die Stelle +-- und was sagen Sie dazu, Mr. Pritchard?« + +Bei Nennung des Namens drehte sich der Wallfischfänger rasch nach diesem +um, der Consul aber sagte achselzuckend: + +»Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, Mr. Noughton, obgleich +ich den Insulanern jeden Erfolg gegen ihre Feinde wünsche.« + +»Sie sind Consul hier in Papetee?« sagte Mac Rally. + +Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf. + +»Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag meine Papiere in Ordnung +zu bringen« bat der Engländer -- »'s ist jedenfalls besser ich habe die +regulirt.« + +»Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es Ihnen besorgen.« + +»Mac Rally,« sagte Mr. Noughton, »thun Sie mir einmal den Gefallen, zu +Mr. Rowe zu gehn und ihn zu bitten, mich heute Morgen, sobald er +möglicher Weise kann, auf einen Augenblick zu besuchen; ich hätte etwas +_sehr_ Wichtiges mit ihm zu besprechen; wollen Sie?« + +»Ich will gleich von hier zu ihm gehn -- und unser Geschäft?« + +»Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im Haus. Sie können mich zu dem +Haus führen, wo wir Jim O'Flannagan treffen mögen?« + +»Gewiß kann ich« brummte dieser, »aber es wird dann die höchste Zeit daß +etwas geschieht, wenn wir's überhaupt noch ausführen wollen.« + +»Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?« + +»Schon seit heute Morgen um sechs Uhr.« + +»Gut -- überlassen Sie dann das andere mir -- und Mr. Rowe?« + +»Schicke ich Ihnen unter Adresse und Frachtbrief augenblicklich ins Haus +-- guten Morgen Gentlemen,« und sich langsam auf seinen Hacken +umdrehend, drückte er die Thür hinter sich ins Schloß, und ließ die +beiden Männer allein, die sich bald darauf in eine sehr lebhafte aber +mit leiser Stimme geführte Unterhaltung vertieften, in der sie erst +wieder gestört wurden, als sich der ehrwürdige Mr. Rowe unten anmelden +ließ. + + + + +Capitel 5. + +Susanna. + + +Der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte allerdings die Inseln der Königin +Pomare, worunter er damals die beiden Gruppen der Gesellschafts- und +Georgen-Inseln verstand, im wahren Sinn des Worts in Besitz genommen, +und dachte, allem Anschein nach, gar nicht daran, sie, wie das vorige +Mal, als es bei einer Protectoratserklärung geblieben, wieder vollkommen +zu verlassen, wenigstens von Militair zu entblößen. Der Admiral suchte +sich einzureden daß Pomare in ihrem Widerstand gegen ihn zu weit +gegangen sei, und dem zu begegnen fiel er in denselben Fehler, der ihm +freilich für den Augenblick nicht soviel Schaden bringen konnte, da er +gerade der Stärkere war. + +Recht gut wußte er dabei daß die Insulaner, wenn nicht unnöthiger Weise +gereizt, eben durch ihre Eifersucht unter sich, und bei dem Haß, den ein +Theil derselben gegen die strenge Herrschaft der Missionaire hegte, +nicht leicht persönlichen Widerstand leisten würden, außer, durch die +Fremden, besonders die Missionaire selber angereizt und dem +_vor_zuarbeiten, ehe ein förmlicher Bruch herbeigeführt werden konnte, +that er natürlich Alles was in seinen Kräften stand. Die +protestantischen Geistlichen wurden schon an und für sich gleich +gewarnt, das Volk nicht gegen die jetzige _rechtmäßige_ Regierung +aufzureizen, und außerdem noch eine Proclamation erlassen worin jeder +Fremde, der _gegen_ die Französische Oberherrschaft sprechen (man sagte +nicht _predigen_) würde, augenblicklich von der Insel, überhaupt aus den +Gruppen zu verweisen sei; es war das ein Paragraph der die Missionaire +am schwersten traf, und auch, besonders in England, von ihnen am meisten +angegriffen und verdammt wurde. + +Ebenso vorsichtig mußten sich die Franzosen dagegen zu wahren suchen daß +Waffen und Munition den Insulanern durch ihre Freunde zugeführt wurden, +und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augenblicklich die Ordre +die Insel zu umschiffen und verdächtige Fahrzeuge abzuweisen, während +die hier liegenden Engländer, von denen man aber nur das kleine +Kriegsschiff in Verdacht haben konnte, ebenfalls scharf bewacht wurden. +Auch Spirituosen suchte man den Insulanern fern zu halten, sie nicht +aufzureizen und zu Excessen zu treiben, die unter den jetzigen +Verhältnissen leicht einen ernsten Charakter annehmen konnten, und es +war deshalb auch daß die Kitty Clover, von der man ziemlich genau wußte +daß sie unter der Hand Spirituosen an die Insulaner verkaufe und auch +noch eine ziemliche Quantität derselben an Bord habe, Befehl erhielt die +Bai am nächsten Morgen zu verlassen. Niemand vermuthete daß sie auch +noch weit gefährlichere Waffen zum gelegentlichen Handel bei sich führe, +die Mac Rally übrigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen +Visitation seines Schiffes, sollte dieselbe ja stattgefunden haben, aus +dem Weg gesteckt hatte. + +Außerdem aber waren die Französischen Soldaten streng beordert die +Eingeborenen freundlich zu behandeln, und ihnen strenge Strafen +angedroht, wenn sie dieselben durch Erpressungen, Mißhandlungen oder +sonstigen Uebermuth reizen und dadurch Anlaß zu Streitigkeiten geben +würden. + +Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum vollständig gesichert, nur +sollten sie sich, wie schon erwähnt, jeder böswilligen Einwirkung auf +die Insulaner enthalten, oder der Folgen dafür gewärtig sein. + +Auch eine Regierung hatte der jetzt allmächtige Admiral ernannt, einen +Regierungsrath wenigstens aus drei Personen bestehend, Mr. Aubigny, +Capitain der Corvette Ambuscade, Lieutenant Clou und Mr. Moerenhout, und +die Wahl des Letzteren besonders kränkte Pomare tief, da sie wußte wie +er von jeher ihr gesinnt gewesen, während die Missionaire in dem ihnen +gerade feindlich gesinnten Mann einen vollständigen Beweis sahen, was +sie für sich von der neuen Ordnung der Dinge zu erwarten hätten. + +Viel Zeit durften sie aber auch nicht verlieren, denn noch an demselben +Abend lief der Französische Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein +dumpfes Gerücht durch die Stadt daß der ganze übrige Theil der, bis +jetzt noch an den Marquesas-Inseln stationirten Flotte, ebenfalls hier +eintreffen würde, den Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu beweisen +wie fruchtlos jeder Versuch des Widerstands gegen eine so gewaltige +Macht unter jeder Bedingung für sie ausfallen müßte. + +Die Eingeborenen fingen jetzt erst an wirklich stutzig zu werden, denn +das ganze Benehmen der Fremden hatte diesmal einen weit anderen +Charakter wie früher. Die ausgestellten Posten, das gelandete und ohne +weiteres in einem der Pomare gehörigen Häuser untergebrachte Militair -- +die Besitznahme der kleinen in der Mündung der Bai liegenden Insel +Motuuta, von jeher der Königssitz und in der That Lieblingsaufenthalt +der Pomaren, wo die Königin sogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt +ohne weiteres mächtige Kanonen geschafft wurden, die gar nicht aussahen +als ob sie blos für die kurze Dauer des Aufenthalts der Schiffe da +liegen bleiben sollten; vor allen andern Dingen aber das jetzt plötzlich +so scheue und zurückhaltende Wesen ihrer Missionaire, das sie an ihnen +wahrlich nicht gewohnt waren, machte sie stutzen, und flößte ihnen zum +ersten Mal die ernstliche Besorgniß ein, daß doch wohl nicht Alles so +geschwind wieder vorüber gehn würde und auch nicht genau so sei, wie +ihnen die frommen Lehrer bis jetzt erzählt haben mochten. + +Mr. Pritchard allein blieb sich, auf seine Stellung als Englischer +Consul fußend, ja vielleicht trotzend, treu in dieser Zeit. So +unbekümmert die Franzosen irgend etwas gegen die Religion eines fremden +Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch vielleicht unternehmen +konnten, so vorsichtig mußten sie jedenfalls zu Werke gehn, wo sie es +mit der Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten desselben zu thun +bekamen, und als Consul stand er, wie er recht gut wußte, unter dem +direkten und unmittelbaren Schutz seines Vaterlandes. Die Eingeborenen +verstanden aber diesen Charakter gar nicht; ihnen war Mr. Pritchard noch +immer der Mitonare und Lehrer von früher her, nur mit mehr Autorität +vielleicht als früher, da er die anderen Geistlichen oft in seinem Hause +versammelte, mit ihrer Königin in stetem Verkehr stand, und dann auch +durch die neue Reise noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen hatte. +Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land der Beretanis, mußte also am +besten wissen was sie von dort zu hoffen hätten, und ob die Engländer +Schiffe senden würden sie und ihre Religion zu unterstützen, oder ob sie +auf sich selber verlassen bleiben sollten, den zahlreichen +Feuerschlünden des mächtigen Feindes gegenüber. + +Die anderen Missionaire hatten, durch die Drohung des Admirals +eingeschüchtert, nicht gewagt, eine bestimmte Antwort zu geben, und die +Gläubigen auf die Bibel und den lieben Gott vertröstet, der die Seinen +schützen und schirmen würde in schwerer Noth und Angst. Mr. Pritchard +dagegen sprach zu ihren Herzen, und sein Ruf an sie muthig zu sein und +nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den Waffen, als ein Trost. + +»Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge Pomares niedergezogen, +widerrechtlich setzten sie eine Regierung ein, dem direkt +ausgesprochenen Willen Englands gegenüber, daß das Land sich frei und +unbelästigt des Friedens Segen und der christlichen Religion erfreuen +könne. Mit Kanonen und Bayonnetten überwältigten sie ein stilles +harmloses Volk und die »Baals-Priester« zogen im Lande umher, dem Feinde +Seelen zu gewinnen. Er protestirte von Anfang an feierlich gegen jede +Französische Autorität auf der Insel, die er unter keiner Bedingung +anerkennen würde, und wahrte sich das Recht zu dem Volke zu reden und +ihm zu rathen, wie es ihm gut dünke, und wie er es in seinem Amt als +Englischer Consul sowohl wie Missionair vor seinem Gewissen und seiner +Regierung, aber nicht vor dem Französischen Admiral zu verantworten +habe.« + +Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert, denn der Mann, wie +sie erst einmal die wahre Absicht der Fremden verstanden, sprach ihnen +aus der Seele, aber noch mehr -- er _ver_sprach ihnen auch Englische +Hülfe von der zuerst einkommenden Englischen Fregatte, während mit dem +Dublin schon die Klagen und Beschwerden sämmtlicher Missionaire nach +England abgegangen waren. + +Es läßt sich denken daß die Französischen Autoritäten, den +Protestantischen Geistlichen überdies nicht gewogen, die Aufreizungen +dieses Mannes mit Aerger und Verdruß ansahen und nur durch seine +officielle Stellung noch zurückgehalten wurden, etwas Ernstliches und +Entschiedenes gegen ihn zu unternehmen. Dazu brauchten sie aber irgend +eine gegen ihn sprechende Thatsache als Vorlage, und eine solche mußte +jedenfalls erst abgewartet werden. + +Spione umgaben ihn dabei genug, aus seinen Reden an das Volk irgend +eine, direkt zur Empörung aufreizende Aeußerung zu finden, Mr. Pritchard +war aber klug genug sich keine solche Blöße zu geben, und der Zorn der +Französischen Officiere gegen ihn stieg von Stunde zu Stunde. + +René beschloß indessen sich von jeder Betheiligung an den politischen +Ereignissen vollkommen entfernt zu halten; er mochte natürlich nicht +gegen seine Landsleute kämpfen, so sehr er auch fühlte daß den +Eingeborenen hier unrecht geschah, und natürlich noch viel weniger +diesen feindlich entgegentreten, mit denen er durch sein Weib in so nahe +und freundliche Beziehung gekommen war. + +Je mehr er aber über sein künftiges Leben auf den Inseln nachdachte, +desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, wie er solcher Art, und +gewissermaßen zwischen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine höchst +unangenehme, ja gefährliche Stellung für die Zukunft einnehmen müsse, +denn von beiden Partheien wäre er, wenn er es mit keiner offen hielt, +auch rettungslos verdächtigt worden. -- Er wollte Papetee -- Tahiti +verlassen und drüben in Atiu, in der stillen Zurückgezogenheit seines +häuslichen Glücks konnte er bald die Welt um sich her vergessen -- +verachten. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er nicht zu haben, +Gott hatte den Tisch der Eingeborenen dort mit seinen reichsten Gaben +überdeckt -- ein fröhliches, gutmüthiges Volk bewohnte die Insel, und +mit Sadie an seiner Seite -- + +Und Susanna? -- + +Fort mit dem Gedanken an sie -- an Alles was sie umgab, gerade hier lag +die Gefahr für ihn, für sein häusliches Glück, und er fühlte recht gut +selber wie er zu schwach, viel zu schwach sei, den immer aufs Neue auf +ihn eindrängenden Verführungen lange widerstehn zu können. + +Er liebte Sadie aus tiefster innerster Seele, und dennoch hatte er den +Zauber, die Gewalt die diese Liebe über ihn ausüben sollte, überschätzt +-- dennoch fühlte er, wie er jetzt _flüchten_ müsse mit ihr, sich selber +zu entgehn und seiner Leidenschaft; flüchten, einer Gefahr auszuweichen, +die drohend über ihrem Glücke hing, und in dem Gefühl lag das Bewußtsein +seiner Schwäche; gewaltiger noch daß er nicht wagte es sich selber zu +gestehn, gefährlicher für ihn, daß er je geglaubt hatte es besiegen zu +können, ja selbst jetzt noch sich selber damit täuschen wolle daß er +nach freiem Willen handle. + +Schon an diesem Tag begann er seine, jedoch eben nicht so bedeutenden +Vorbereitungen, Tahiti zu verlassen, und Sadie sah den Eifer mit dem er +es betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafür. Glücklicher fast als +der Gedanke ihr liebes, freundliches Atiu nun bald wieder zu sehn, es +nie mehr zu verlassen, machte sie das Bewußtsein des Gatten Liebe noch +zu besitzen und sich in jener furchtbaren Stunde -- so entsetzlich ihr +selbst jetzt noch die Erinnerung daran war -- getäuscht zu haben. Er +konnte jenes fremde schöne Mädchen nicht lieben, hätte er sonst so +geeilt aus ihrer Nähe zu kommen? und daß es ihn gerade zurück nach Atiu +zog, war ihr ja der Bürge für ihr schönstes Glück -- für den Frieden +ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt daß Aumama nicht bei ihr +geblieben war, Zeuge ihres Glücks zu sein; das wilde Mädchen hatte sich +aber nicht länger halten lassen und war noch lange vor Abend schon in +ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen, dort bei der Schwester zu +bleiben; ja vielleicht -- sie hatte ihr zornig klopfendes Herz fest +festhalten müssen, als sie der Freundin die Worte zuflüsterte in denen +ihr ganzes Elend lag -- dort, dort noch einmal dem treulosen Gatten zu +begegnen, und Rechenschaft von ihm zu fordern, für ein mißhandeltes, +zertretenes Leben. + +Arme Aumama. + +René hatte sich von der Mission einen kleinen Cutter zu verschaffen +gewußt, seine Sachen und was er sich an Bequemlichkeiten auf der Insel +angekauft, gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz +hinübertransportiren zu können, und derselbe wurde schon an dem +nämlichen Nachmittag, ein Beweis wie es ihm Ernst war um seinen Vorsatz, +von Papetee herüber und an seine Landung geschafft, wo er ruhig und +vollkommen vor Wind und Wetter geschützt, vor Anker liegen konnte, bis +er im Stande war seine Geschäfte hier so weit als möglich zu reguliren +und sich einzuschiffen. + +Niemand freute sich mehr darüber als der Mitonare Ezra, der sich +augenblicklich zum Passagier anbot, und nebenbei noch versprach die +Mannschaft vollständig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute gebrauchten sie +ohnedies nicht, da René ja selber Seemann genug war das wenige an Bord +solch kleinen Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann sein sollte mit +verrichten und besser verrichten zu können, wie die Insulaner selber. + +Mitonare erhielt da die erste Botschaft, nach der Stadt, zu dem +ehrwürdigen Mr. Rowe zu kommen, und René bekam ebenfalls eine Einladung +von dem jetzt Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu +besuchen, da er sich nach Manchem bei ihm zu erkundigen wünsche. + +Die Botschaft beunruhigte ihn im Anfang -- sollte etwa wegen der Flagge +Nachforschung gehalten sein? -- aber lieber Gott, da hätten sie ihm +dieselbe, wenn er wirklich verrathen wäre, einfach wieder abfordern +lassen; das Tuch hatte weiter keine Bedeutung, sobald es einmal von der +Stange herunter war. Oder das Duell? -- es war nicht wahrscheinlich daß +solche Sache in solcher Zeit zur Untersuchung kommen sollte; und +überdies hatten beide Theile darin gehandelt wie es den nun einmal +bestehenden Gesetzen der Ehre entsprach, denen sie sich fügen mußten. + +Es half ihm Nichts daß er sich den Kopf darüber zerbrach, und gegen +Abend -- er war auf vier Uhr Nachmittag nach Papetee beordert worden -- +folgte er der Aufforderung des Gouverneurs. + +Es handelte sich dabei übrigens weder um Flagge noch Duell; im +Gegentheil war Mr. Bruat ungemein freundlich mit dem jungen Mann, dessen +Schicksale er sich, wie er ihm versicherte, habe erzählen lassen, und um +ihm zu beweisen wie er sich für ihn interessire, wünsche er ihn an +sich und Papetee zu fesseln, und bot ihm, da er ja schon überdies früher +in der Französischen Armee als Officier gedient, eine gleiche Stellung +in Papetee, unabhängig von den Schiffen und mit gesichertem Aufenthalt +auf den Inseln. + +René begriff recht gut, daß er dies Anerbieten weniger seinen +Verdiensten als der vermutheten Verbindung verdanke, in der er, durch +seinen längeren Aufenthalt hier wie seine Heirath, mit den Eingeborenen +stand. Das Abenteuer mit dem Missionair war ebenfalls, wenn auch nicht +laut ausgesprochen, doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzosen +gerade in diesem Augenblick besonders an Leuten, die ihren Interessen so +ergeben, als denen der Missionaire entgegen wären, und doch dabei eine +etwas freundlichere Vermittlung zwischen den beiden so schroff +abstoßenden Elementen, den Eingeborenen der Insel und den Eroberern +derselben, bieten könnten. Das wäre aber auch jedenfalls der Weg gewesen +sich den Insulanern vollkommen zu entfremden, und er lehnte die ihm +gebotene Stellung auf das artigste und mit der Versicherung größter +Dankbarkeit für das ihm bewiesene Zutrauen, aber auch entschieden ab. + +Monsieur Bruat schien etwas pikirt darüber; er hatte wohl keinenfalls +eine so ganz definitive Weigerung erwartet, René beharrte aber fest +darauf und wurde endlich mit einer zwar artigen aber sehr kalten +Verbeugung entlassen. + + * * * * * + +In Mons. Belards Hause, in dem kleinen traulichen Stübchen der Madame +Belard, saß diese an ihrer Arbeit, hinter den niedergelassenen +Jalousien, die eine angenehme Kühle in dem freundlichen Gemach +verbreiteten, während Susanna vor dem Instrument in leisen, wehmüthigen +Akkorden und mit halbgeschlossenen Augen ihrer Phantasie, ihren Gedanken +freien und ungestörten Lauf ließ. + +»Lieber Gott, Susanna,« sagte Madame Belard endlich, ihre Nadel ruhen +lassend und zu der Freundin aufschauend -- »Du bist entsetzlich +langweilig heute, und spielst Melodieen daß man immer glaubt es sollte +Jemand zum Richtplatz geführt werden. Was um Gottes Willen steckt Dir im +Kopf, was hast Du, was fehlt Dir? -- heraus mit der Sprache, Mädchen, +aber quäle mir die Molltöne nicht auf solch grausame, unbarmherzige +Art.« + +»Ich? -- Nichts -- was soll mir fehlen?« sagte Susanna. + +»Ja das frag' ich Dich -- etwas _ist_ mit Dir, denn Du bist wie +ausgewechselt gegen sonst.« + +»Unsinn« lachte Susanna, die vollen Locken aus der Stirn werfend, und +zu einer lebendigern Weise übergehend -- es war die Marseillaise. + +»Ach damit hast Du gestern Abend Monsieur Delavigne vertrieben« lachte +Madame Belard -- »wie rasch er aufsprang und fortstürzte. Wir hätten uns +heute doch einmal sollen nach ihm erkundigen lassen, wie ihm die +Aufregung gestern bekommen und ob er sein Haus glücklich erreicht hat.« + +Susanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die Marseillaise schon +wieder fallen lassen, und praeludirte eines ihrer kleinen +melancholischen Creolenlieder aus Louisiana, als Schritte aus dem +Vorsaal gehört wurden und Mons. Belard gleich darauf die Thür öffnete +und hereinschaute. + +»Ist Delavigne hier gewesen?« frug er die Damen. + +»Monsieur Delavigne? nein,« rief seine Frau und Susanna hörte auf zu +spielen und sah sich nach ihm um -- »ist er wieder in der Stadt?« + +»Hat er Euch denn noch Nichts gesagt?« frug der Gatte aber jetzt, sie +etwas erstaunt ansehend und ganz ins Zimmer tretend, »wißt Ihr noch +Nichts?« + +»Wir? -- was ist denn?« rief Madame Belard erschreckt, »um Gottes Willen +-- aber wenn er selber in der Stadt war -- ist ihm denn zu Hause etwas +passirt -- seinem Weib?« + +»Ah Papperlapapp,« sagte Mons. Belard lachend, und ging zu einem +kleinen Eckschrank den er dort zu seinem eigenen Gebrauch stehen hatte, +sich ein Glas Brandy und Wasser einzuschenken, »da soll bei Euch immer +gleich was passirt sein; der Frau wird auch was zustoßen, die +Indianerinnen haben eine zähe Natur und sind nicht gleich immer +umgeworfen wie andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen hätte, +ich wüßte auch was ich thäte.« + +»Bitte, Monsieur, geniren Sie sich nicht« bat Madame Belard etwas +beleidigt und mit kalter Höflichkeit -- »ich möchte Ihrem weiteren Glück +nicht gern im Wege stehn.« + +»Aber was ist vorgefallen?« frug auch jetzt Susanna, mit größerem +Interesse als sie bis jetzt gezeigt, »bringen Sie uns eine angenehme +oder unangenehme Neuigkeit?« + +»Nun ich weiß gerade nicht« sagte Mons. Belard die Mischung von Wasser +und Brandy erst einen Augenblick gegen das Licht haltend und dann, wie +mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend -- »angenehm ist sie +gerade nicht -- wenigstens nicht für Sie Beide, und mir selber thut es +auch leid, obgleich sich die Sache nun einmal nicht ändern läßt und des +Menschen Wille sein Himmelreich ist. Wenn's ihm nicht länger bei uns +gefällt, kann ihn natürlich keine Seele halten.« + +»Mons. Delavigne will fort von hier? -- aber wohin?« riefen die beiden +Damen, wie fast aus einem Munde. + +»Soviel ich verstanden habe, nach Atiu zurück, wo er hergekommen« +lautete die Antwort. + +»So wird er dorthin wohl sein Geschäft verlegen wollen.« + +»Nein das ist ja eben der Unsinn« rief der Kaufmann ärgerlich, »das +dacht' ich mir auch im Anfang, denn darin wäre ein Sinn, aber wie mir +jetzt scheint, läuft die ganze Geschichte auf irgend einen romantischen +Schwindel hinaus, und wenn das wirklich der Fall wäre, sollt' er mir +leid thun, denn keine zwei Monat hält er's drüben mit seiner +Paradies-Comödie aus. Er will sein ganzes Geschäft förmlich mit der +Wurzel herausreißen und wegwerfen, und sich drüben hinsetzen und +Brodfrucht und Tarowurzel essen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht +schön, ist aber nur leider unausführbar -- er müßte denn eben kein +Franzose -- kein civilisirter Mensch sein, dessen ganze Existenz, er mag +sich darüber äußerlich vorlügen soviel er will, doch mit all seinen +tausend Seelenfasern an dem alten gewohnten Leben hängt und nicht +losgerissen werden _kann_.« + +»Aber ist denn vielleicht hier irgend etwas vorgefallen?« sagte Madame +Belard -- »hat er hier Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht +dazu treiben?« + +»Doch nicht etwa mit der Regierung?« frug Susanna rasch, die +unwillkürlich und mit leiser Angst der so keck eroberten Flagge +gedachte. + +»Nicht daß ich wüßte« brummte Mons. Belard -- »im Gegentheil scheint ihm +der Gouverneur wohl gewogen gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne +selber sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt -- ein Anerbieten +einer festen gesicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun überdrüssig +gewesen wäre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand +gewiesen. Er ist rein toll -- oder blind.« + +»Und wann will er fort?« sagte Mad. Belard. + +»Morgen schon, soviel ich weiß, wenn er alle seine Siebensachen packen +und zu Schiff bringen kann -- er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der +schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist Ernst und nicht nur +eine flüchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn +Brouard auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon. Aber ich muß +wieder fort -- er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu +sagen, und wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies Papier +hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es hierher für ihn zu legen, +vielleicht komm ich nachher noch einmal herüber.« Und mit kurzem Gruß +verließ er das Zimmer wieder. + +Die Frauen saßen noch schweigend, und in tiefem Nachdenken, als Mons. +Belard schon lange das Zimmer verlassen hatte, und Susanna berührte +wieder leise die Tasten in weichen, kaum hörbaren Akkorden. + +»Merkwürdig« brach Madame Belard endlich das Schweigen -- »etwas _muß_ +da vorgefallen sein, was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschluß +getrieben haben -- gestern Abend schon sein eigenthümliches Betragen.« + +»Du sprichst von Mons. Delavigne?« sagte Susanna, ohne die Freundin +anzusehn. + +Madame Belard schaute rasch nach ihr um, ließ ihr Auge einen Moment auf +ihr ruhen und sagte dann leise: + +»Ja.« + +»Die Männer sind wunderliches Volk« sagte die Schöne -- »er wird sich +mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehn, und von der +Welt -- in ihren Armen träumen.« + +Madame Belard schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte ernst: + +»Das ist nicht Alles wie es sein sollte -- hätte er den Entschluß +langsam und mit reiflicher Ueberlegung gefaßt, so würde es mich recht +von Herzen, in tiefster Seele gefreut haben.« + +»Wie so?« frug Susanna rasch. + +»Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in einer Welt hier in die sie +nicht gehört, in die sie nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es ist ein +liebes engelgutes Kind, und _verdiente_ glücklich zu sein -- und wird es +nie werden« setzte sie recht tief aufseufzend hinzu. + +»Warum nicht glücklich?« sagte Susanna gleichgültig, der Stimme +wenigstens den Ausdruck gebend, »so viel ich von dem Leben dieser +Insulanerinnen gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht +besser, als daß sich ein Europäer, Franzose oder Engländer ist ihnen +ziemlich gleich, um sie bewirbt und -- die Dauer seines Aufenthalts +vielleicht -- bei ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurück fällt +es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.« + +»In der Regel, ja --« sagte Madame Belard -- »leider Gottes handeln die +Männer hier leichtsinnig genug in dieser Hinsicht, und haben schon +manches arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten der +Insulaner -- das Herz kehrt sich ja nun doch einmal nicht an Sitte und +Gebrauch.« + +»Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so leicht brechen könnten« +entgegnete Susanna etwas kalt. + +»Doch, doch« sagte leise Madame Belard, »und Sadie ist gar nicht wie ein +Kind dieser Inseln erzogen -- nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie, +Natürliche ihrer Bewegungen verkünden sie als ein Kind des +Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti starb, hat sie +wie eine Tochter gehalten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen, +aber ich fürchte fast, statt dessen einen schlimmen Dienst erwiesen. +Nicht Indianerin, nicht Europäerin muß sie für das Leben ihres +Vaterlandes verloren sein, nie wenigstens würde sie sich, wozu sie doch +Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines gewöhnlichen +ungebildeten faulen Indianers glücklich fühlen können -- und ich +fürchte, sie wird _nicht_ im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf +immer an sich zu fesseln.« + +»Und verlangst Du von Delavigne daß er sein Leben auf jenem Atiu +verträumen -- diese monotonen Inseln mit ihren ewigen Palmen und +Brodfruchtbäumen nie wieder verlassen soll?« rief Susanna in ihrem Spiel +aufhörend und sich rasch und fast heftig nach der Freundin umdrehend. + +»Verlangen?« sagte diese achselzuckend -- »ich verlange von einem Mann +vor allen Dingen daß er seine Schwüre hält, es ist das wenigste _was_ +man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, so +kann er die Inseln nur verlassen, wenn er die Indianerin _als sein Weib_ +mit hinüber in das alte Vaterland nimmt.« + +»Um dort der Kinder Spott zu werden« rief Susanna rasch. + +»Er hat das Alles voraus gewußt,« sagte Marie Belard, »Sadie ist +übrigens ein wunderhübsches Weibchen.« + +»Und wie lange wird das dauern?« frug Susanna, »in sechs Jahren, in fünf +vielleicht schon, ist die Blüthenzeit dieser Kinder der Tropen vorüber +und _die_ Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den +civilisirten Städten der alten oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der +neuen könnte er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede +anständige Familie in New-York sowohl wie New-Orleans von ihm +zurückziehn würde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit +_schwarzem_ Blute Umgang zu haben.« + +»Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter von +der Königstochter Pokahontas abzustammen« sagte Madame Belard. + +Susanna zuckte die Achseln. + +»Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten« sagte sie, »aber frag +einmal eine der dortigen Familien, ob sie _jetzt_ einem ihrer Söhne +gestatten würden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu +_beflecken_. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt +werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes +handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern -- +Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen« fügte sie mit weit leiserer +Stimme etwas zögernd hinzu, »wie man überall hört, ja keineswegs so +bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf +ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.« + +»Die meisten, ja, leider Gottes« sagte Madame Belard -- »die +leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht +verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch +nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so viel als möglich den +Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter +geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer +Ceremonie als bei uns und -- ich sollte denken -- auch ebenso bindend. +Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie +ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und +getraut; der würdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere +als vollgültige Ehe zwischen den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe +sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur +gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und +Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben +bringen kann, ist das _eigene_ Wort, das eigene Herz das einzige worauf +man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß +Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.« + +»Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher Art hier beschließen +wird?« frug Susanna -- »Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs +und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt _aufhören_ zu leben -- ist das +wahrscheinlich?« + +»Aufhören zu leben -- mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit +seinem Kind?« frug Madame Belard dagegen, »er kann das nicht gut +»aufhören zu leben« nennen, was, wie er mich oft versichert, das höchste +und schönste Ziel seines Lebens gewesen; -- es wäre zu traurig für die +arme Sadie; und doch _fürchte_ ich fast das wilde ungestüme Wesen des +Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens, +auf die Länge der Zeit wenigstens, einschnüren lassen. _Ihr_ Beiden +hättet besser zusammen gepaßt.« + +Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und +zwar mit raschen kräftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, während +Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute. + +Die Thür öffnete sich leise und René erschien auf der Schwelle -- keine +der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes +kommen hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast +wehmüthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den +Lauscher nicht ahnend das Lied schloß und wieder über zu den weicheren +seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie +dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehört. Eine +Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes +folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme +leise ein. + + Die Halme wehn gedankenschwer + Auf jener Wiese drüben, + Sie sagen wohl einander nur + Daß sie sich innig lieben; + + Ich aber liege einsam hier + Und schaue in die Höhe -- + Ach daß mich Niemand lieben will + Ist ja mein einzig Wehe. + +»Ein trauriges Lied« seufzte Madame Belard und drehte sich nach der +Freundin um, stieß aber unwillkürlich einen leisen Schrei aus, als sie +den, mit dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschäftigt, +bleich und ernst vor sich stehen sah. + +Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und während ihr das Blut in die +Wangen schoß, stand sie auf und verließ das Instrument. + +»Sie haben uns belauscht« sagte sie und ihr Auge haftete so fest auf dem +seinen, als ob sie die Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte +geliehn. + +»Den Dichter wenigstens« entgegnete René, ihrem Blick begegnend -- »den +armen Dichter, dem als er das Lied schrieb, wohl recht weich und weh muß +um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß +Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all seiner +Pracht und Herrlichkeit -- es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor tausend +Anderen, solchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch -- +sein Sie mir nicht böse daß ich Sie gestört habe -- ich will ihre Zeit +nicht lange in Anspruch nehmen -- ich komme Ihnen Adieu zu sagen.« + +»Sie wollen fort?« sagte Susanna leise. + +»Hoffentlich Morgen« erwiederte René mit einem Lächeln wenigstens, +wenn es auch ein gezwungenes war. + +»Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein« rief Madame Belard -- +»gestern Abend wußten Sie noch kein Wort davon.« + +»Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.« + +»Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche Nachricht vorbereitet, +lieber Delavigne -- auch hier ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie +wirklich nicht noch -- einmal sehn sollte -- es thut uns recht, recht +leid Sie von hier verlieren zu müssen.« + +»Madame Belard« sagte René und seine Stimme zitterte. + +»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, soll ich sie +nicht wiedersehn?« + +»Sie werden sie entschuldigen müssen« sagte René das Papier mit einer +dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte +-- »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und -- es ist besser so +vielleicht -- ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen« +setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, »aber meine Geschäfte +zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und -- da konnte ich es +doch nicht übers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.« + +»Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen« rief Madame Belard +schnell -- »aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der +Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns -- es ist ja das letzte Mal +vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen. +Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen Wirren aus dem +Wege gehn; besonders in ihren Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende +manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Parthei in +Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie +ja noch immer Ihr freier Herr.« + +»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig« sagte René -- »ich +kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch +spitzfindige Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen +harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich schon auf der +anderen Seite auch zu sehr über das Treiben und Wesen der fanatischen +Missionaire geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde mich +also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr +ist übrigens daß man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine +Neutralität, selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten +_kann_, und in sofern wäre es allerdings gut selbst der Möglichkeit +einer Collision entrückt zu sein. Den Eingeborenen ist übrigens jede +Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können, +denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer, wenn ich +nicht irre der Salamander, signalisirt worden.« + +»Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre,« rief Madame +Belard rasch, »dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns +Briefe aus der Heimath.« + +»Aus der Heimath« sagte René leise -- »es ist doch ein wunderbares Wort +-- ich hätte nie geglaubt daß solch ein Zauber darin liegen könnte -- +aber -- ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis -- Sie +werden wahrlich erst ungestört spielen können, wenn ich fort bin.« + +»Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich +an's Clavier,« sagte Susanna, in einem Buche blätternd das neben ihr +lag, den Kopf von René abgewandt. + +»Und was hört man draußen im Land über unsere Zustände hier?« frug +Madame Belard -- »Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich +die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen Befehlen fügen werden?« + +»Gott weiß was sie thun« sagte René -- »soviel ist gewiß, daß die +Regierung jetzt mehr den Einfluß der Missionaire, besonders des +Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und +nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn +einzuschreiten.« + +»Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges nobles in seinem +ganzen Wesen« sagte die junge Frau -- »ich hätte ihn gar nicht für einen +Missionair gehalten.« + +»Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die +Eingeborenen ausübt -- ich bin übrigens kein Freund dieser Herren, und +froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Diese +tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist zum Verzweifeln, und wenn +irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug +machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers zu springen, ehe +ich einem schleichenden, tödtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.« + +Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln: + +»Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten -- seit Sie den Frack +wieder getragen, und die Glacéhandschuh haben Sie sich den Geschmack an +dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.« + +»Sie können mir den Frack noch immer nicht vergessen,« lachte René, +rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend. + +»Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein Ihrer Geschichte, an Ihnen +in die Augen sprang« sagte schelmisch das Mädchen, »und ich malte mir +Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch +nicht wieder verwischen lassen.« + +»Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie +hervorgebracht,« lachte René, »Frack und Glacéhandschuh -- wieder ein +Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen selten im +Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil über eine, ihnen zum +ersten Mal aufstoßende Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.« + +»Ei Sie grober Mensch« rief Madame Belard rasch, »wie können Sie etwas +derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf +alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck gemacht haben. Der erste +Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das +Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele +Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verstand für das Herz +denken und handeln müsse, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber +hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht +es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und +uns von anderen eben so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch +Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz +streckt seine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verstand in Monaten +vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch +getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten +ist es daß es sich irrt.« + +»Sie _hätten_ recht,« erwiederte René, »wenn Ihr erster Blick eben ein +unpartheiischer wäre, der gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal +begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei Ihnen stets +den _Kleidern_ des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehört +unbefangen zu sein -- eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete Mode +sprach das Urtheil vorher.« + +»Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht haben« rief Susanna wärmer +werdend -- »schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich +Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.« + +»Augen und Zähne« erwiederte René achselzuckend -- »das Gesicht also +abermals wieder nur als Kleidungsstück betrachtet.« + +»Etwas spricht für Ihre Behauptung« sagte Madame Belard etwas pikirt -- +»daß wir armen Frauen so oft von Euch Männern betrogen werden +-- vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick ist unser +Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß Sie so boshaft sein könnten.« + +»Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen« sagte Susanna, +wirklich fast böse über die etwas herbe Bemerkung. + +»Gott verhüte daß ich Sie kränken sollte« fiel ihr René rasch ins Wort +-- »zürnen Sie mir nicht, mir ist der Kopf wirr und toll seit heute +Morgen, und der Gedanke Tahiti -- so viele liebe Freunde zu verlassen, +noch zu neu, zu fremd -- zu ungewohnt. Aber ich muß auch fort; es +dunkelt schon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was +vor dem Abendschuß abgethan sein muß.« + +»Also wirklich fort?« sagte Madame Belard. + +»Ich kann nicht anders« seufzte René und fuhr dann leiser und ihre Hand +ergreifend fort, »ich lasse viele liebe Freunde hier zurück -- werden +auch Sie manchmal meiner gedenken?« + +»Wir wollen keinen großen Abschied von einander nehmen, Delavigne« sagte +die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung +niederkämpfend -- »Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier +herüber kommen; es ist ja das Schönste was wir haben auf der Welt, +liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren Bild, auf dem dunklen +Hintergrund der Trennung nur so viel schärfer und reiner in unserer +Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen und -- +mögen Sie das finden was Sie suchen.« + +Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte den jungen Mann durch +sein offenes herzliches Wesen wirklich lieb gewonnen, und er sollte die +Thränen nicht sehn die ihr ins Auge stiegen -- verließ sie rasch das +Zimmer. + +Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr folgen wollte, besann sich +aber und blieb an dem Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken +Hand stützte. + +»Miß Lewis« sagte René leise -- »ich glaube nicht daß wir uns wiedersehn +werden --« + +»Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen,« unterbrach ihn +die Jungfrau, gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfend, dem sie nicht Worte +geben mochte und konnte; aber, ohne daß sie eigentlich wußte warum, +einen ernsten Abschied fürchtend, fuhr sie, in den leichten Ton +übergehend, freilich in gezwungener Fröhlichkeit fort -- »Sie haben sich +mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich jedenfalls erst um +Urlaub bitten. Wissen Sie wohl daß mir der Preis bekannt ist, den mein +Vater auf Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie jetzt +so ohne Weiteres entlassen?« + +»Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle« bat aber René leise und ernst +-- nicht im Stande in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden +Ton einzugehn -- »üben Sie Gnade meinet- -- Gnade eines anderen Wesens +wegen.« + +»Ich verstehe Sie nicht« sagte Susanna rasch, »aber ich sehe wohl ein, +mir armem schwachen Mädchen wird das nicht gelingen, was der Delaware +mit seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte -- Sie zu halten. -- Und +was soll ich meinem Vater sagen?« + +»Sagen Sie ihm,« rief René jetzt, kaum im Stande das gewaltsam zu Tag +brechende Gefühl nieder zu kämpfen -- »sagen Sie ihm -- daß ihn die +Tochter hart und schwer gerächt. Und nun -- leben Sie wohl, recht wohl +und -- glücklich.« + +Ihre Hand dabei ergreifend preßte er sie fest an seine Lippen und sprang +dann mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus. + +»René!« wollte Susanna rufen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst -- +die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft +auf ihr Herz gepreßt, floh sie auf ihr Zimmer, und schloß hinter sich +die Thür mit dem Riegel. + + + + +Capitel 6. + +Jim O'Flannagan in Thätigkeit. + + +Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden +des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in +wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens, denn +dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten +sich höher und höher, eine stürmische Nacht versprechend in dem sich +wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mißbraucht, +wenn er den ruhigen und vernünftigen Ostpassat einmal zu verdrängen +gewußt hat, auf kurze Zeit. + +Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare +Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht früh zurückzukehren und ihr +noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen. +Auch René blieb heute so entsetzlich lange aus -- aber er hatte noch +viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so +plötzlich, so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich leicht +denken wie schwer es da sein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ, +und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald, +ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach Atiu -- o wie sie der +Gedanke mit Glück und Seligkeit erfüllte -- nach Atiu, nach ihrem lieben +lieben Atiu -- und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die +stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen +am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbraust, +der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend -- ihrer Liebe +-- o es war als ob ihr das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit, +wenn sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu. + +Aber wo blieben die Männer? -- auch Mata-oti war draußen und kehrte, +trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und +höher herauf -- und gerade heute ließ man sie so allein. Doch draußen -- +das waren Schritte -- die Gartenthür hatte geknarrt, und gleich darauf +betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer; +sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dämmerung, ja +Nacht, kaum noch erkennen. + +»Joranna Sadie, Joranna,« sagte er und trocknete sich den Schweiß von +der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen +dicken eingezwängten Armen kaum erreichen konnte -- »René ist noch nicht +zurück?« + +»Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß +wenigstens Einer von Euch da ist -- es ist gar so unheimlich hier so +ganz allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lefévres dicht daneben +-- ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für +mich.« + +»Ist Bruder Aue hier gewesen?« frug Mitonare leise. + +»Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?« rief Sadie erstaunt, »nein.« + +»Pst« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich +auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände +und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum. + +Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zündete die +Lampe an die auf dem Tisch stand. + +Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger +und schleuderte die Brandung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit +immer dumpferem Brausen. + +»Aber was hast Du nur, Mitonare?« rief Sadie endlich, vor ihn tretend +und ihn bestürzt ansehend -- »Du siehst aus, als ob irgend etwas +vorgefallen. Ist ein Unglück geschehn? -- Heiliger Gott, René -- wo ist +René --« + +»Pst -- pst« sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und +schloß die Augen dabei, schob die beiden außerdem schon etwas dicken +Lippen vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf -- »pst, pst +Pu-de-ni-a -- nicht solchen Spektakel machen -- haben Schildwache dicht +bei --« + +»Aber René --« + +»Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich von ihm weiß ganz gesund +und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus, +zum Abschied -- Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehn, auf die Art« +sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme +Frau zu beruhigen -- »Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi +-- bah -- ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel +in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.« + +»Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe -- der Mann erscheint mir nur immer +vor Sorge und Trübsal und großer Noth -- was soll er hier, heute noch +hier wollen? und wenn ihn René hier fände, gäb' es vielleicht harte +Worte zwischen den Männern. Gott wolle es verhüten.« + +»Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor -- er verließ den Garten, +wie ich kam -- war er nicht hier im Haus?« + +Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu dem Mitonare auf. + +»Er kam aus _unserem_ Garten?« frug sie leise -- »doch ich bin ein +thörichtes Kind,« setzte sie rascher hinzu, »mir da Sorge und Kummer zu +machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein +fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Männer, die darin +gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach +sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.« + +»Und ist das Canoe wieder fort?« frug Bruder Ezra. + +»Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur +zurückgerudert.« + +Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute einige Minuten still +und schweigend hinaus in die Nacht. + +»Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem +Pandanusdach, wo das Feuer ist?« frug er endlich, sich wieder umdrehend, +als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte. + +»Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag« sagte Sadie, »aber sie +trieben sich meist oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootse +mit seinen Töchtern wohnt.« + +»Ahem, ahem« nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen +und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im +Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin -- »es ist doch eine böse +Geschichte, böse, böse Geschichte.« + +Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch +nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn +ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herüber zu +dringen schien. Es war indeß so dunkel geworden, daß man die Hand kaum +vor Augen erkennen konnte. + +»Was war das?« sagte sie leise -- »war das nicht als ob ein Canoe dort +unten landete -- ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch +nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?« + +»Unsinn« sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schüttelnd und die Thür +zumachend -- »wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter -- Cutter +liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist, +wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.« + +»Dort draußen geht Jemand« rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre +Sinne zum Aeußersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu +erlauschen -- »das ist René.« + +»Possen,« sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thüre +fortzuziehn, aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere +Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da +unten flüstere. + +»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte aber Sadie, sich entschlossen +von der Hand des kleinen Mitonare befreiend -- »was hast Du, Mitonare +-- Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt die Nacht da +draußen?« + +»Pu-de-ni-a -- es ist Nichts -- ist nicht viel« sagte der kleine braune +Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem +Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen -- gute Freunde von -- +keine guten Freunde von Wi-Wis -- aber nicht von _unserem_ Wi-Wi« setzte +er rasch hinzu -- »wollen sich -- wollen sich was in die Berge tragen, +daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.« + +»Was in die Berge tragen? -- wie versteh' ich das?« frug die Frau +erstaunt -- »geschieht da etwas gegen die Gesetze?« + +»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell -- »im Gegentheil, +das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen +-- ist Alles vorgeschrieben drinn.« + +»Wer hat es abgelesen?« flüsterte Sadie leise. + +»Bruder Aue und noch viele andere Männer.« + +Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte selber kaum warum, aber +die Angst um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im +Haus drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu öffnen. +Mitonare verhinderte sie daran. + +»Nein, nein Pu-de-ni-a« sagte er rasch -- »nicht hinaussehn jetzt -- +brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn +Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie +Gewehre in die Berge tragen.« + +»Gewehre?« frug Sadie rasch und erschreckt -- »Waffen für die +Eingebornen?« + +Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch +besinnend daß er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare, +eine auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln +plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so +kräftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf. + +»Und weiß René davon?« frug die Frau. + +»Der Wi-Wi?« lachte aber Mitonare schon über einen solchen Gedanken +gerad hinaus -- »der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a -- +Nein das ist gerad das Komische -- nehmen es durch sein eigen Haus und +er weiß _nicht_!« + +»Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm gäbe?« frug die Frau, +ängstlich die Möglichkeit bedenkend daß René die Hand nicht dazu bieten +würde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen. + +»Bah, bah« lachte aber der Mitonare still in sich hinein -- »der Wi-Wi +kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür gesorgt -- haben ihn +eingeladen bis zehn Uhr -- nachher Alles vorbei -- kann nachher kommen +und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in +den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden hinzu, als +er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand und dem Geräusch +draußen horchte -- »sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei +womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde +unverschämte Männer über das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und +Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? -- Bah -- soviel für die Wi-Wis +-- sind ein paar gute darunter ja -- aber nicht viel; Kanaka muß was in +der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die +Matten unter dem Rücken fort.« + +Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu +verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene +Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute, +wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen +müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen, +und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine +_Flagge_? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als +sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den +Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm +ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit +gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen +würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein +eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige +die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der +ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten. +Und der Erfolg? -- sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge +waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß +schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer, +nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren +Feinde die Spitze bieten. -- Aber Blut -- Blut sollte in diesen Thälern +fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört +geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu +vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und +unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu +stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele. + +Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in +seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von +ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und _die_ +selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere +dabei als leitende herrschende Wesen dachte -- den kleinen friedlichen +Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die +Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten -- +sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen. + +»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches +ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust -- »wenn die Männer zu den +Waffen greifen, haben sie recht -- die jungen Leute eines Stammes haben +ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen +Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen +entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so +vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den _Lehrern_ eines +Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe +selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das +Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem +Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die, +die Dich angegriffen haben? -- ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine +thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und +Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß +nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater +Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir +unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.« + +»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land +weggenommen,« rief der Mitonare schnell -- »Religion -- ja das ist +Alles recht schön und gut -- Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man +aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem +auch die Religion Nichts.« + +Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an -- sprach das der kleine +gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre +im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem +ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen? + +»Mi-to-na-re!« rief sie bittend. + +»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem +einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit +-- »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der +alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht +anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch +wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig -- aber glücklich wird man +nun einmal nicht dabei.« + +»Und wir _waren_ glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth +seine Hand ergreifend. + +»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam +wieder über ihn -- »recht glücklich waren wir -- bis die Wi-Wis kamen +-- nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen -- bis die anderen +Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst +verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten +daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten +müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem +Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht +mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch +wieder in alten Weg zurückgeführt hatte -- es ist doch nicht mehr so wie +früher, wir sind älter geworden und -- ha -- was war das? -- Jemand ist +an der Thüre.« + +»Das wird René sein« rief Sadie. + +Die Klinke draußen wurde versucht. + +»Sadie -- öffne schnell! ich bin es,« rief in dem Augenblick der junge +Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt +hatte. + +»Segne mich« sagte aber Bruder Ezra erschreckt, während Sadie rasch +hinzusprang dem Gatten zu öffnen -- »warum kommt er nicht oben herein +von der Straße -- er muß sie gesehn haben.« + +»Was geht hier vor?« rief aber in diesem Augenblick René, sein Weib und +den Mitonare, die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend. +»Was sind das für Leute hier im Garten und was tragen sie?« + +»Was für Leute?« frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem +Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen. + +»Was für Leute?« wiederholte René erstaunt -- »habt Ihr denn Nichts +gehört und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei? +-- wo ist mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die Wache von +nebenan wird auch gleich hier sein.« + +»Die Wache?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was weiß sie von hier?« + +»Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang rasch zurück als wir die +verdächtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.« + +»Alle Wetter!« rief aber der Mitonare, und in die Thür springend hielt +er die hohlen Hände an den Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten, +aber doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus. + +»Was zum Teufel, Mitonare!« schrie aber René auf ihn zuspringend und ihn +zurückziehend -- »was soll das heißen?« Der kleine Bruder Ezra leistete +jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgeführt zu +haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf +einen dort stehenden niederen Schemel -- mit den hohen Stühlen konnte +er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrückt, +still und aufmerksam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier +ruhig abzuwarten gedenke. + + * * * * * + +René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn +gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe +Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und +jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte, +auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden +Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und +machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit +die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem +Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte +auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück. + +Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf +aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von +dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden +wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und +sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb. + +Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war +dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon +eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen +breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe +von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls +etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen +verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René +konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner +ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien +eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung +eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das +Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es +die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der +Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber +einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen +Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr +Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis -- +Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge, +und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der +Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand +-- in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je +daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu +entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein +Haus zu erreichen. + +Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen +Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können, +war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem +Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so +überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen +Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte. + +»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich +ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit -- »sie werden +fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben. +Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne +selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen, +schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale, +mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite +der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in +demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt +fühlte. + +Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte +keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein +Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen +Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem +sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb, +vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch: + +»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine +noch nicht ganz vernarbte Wunde -- laß mich los, wir können ruhig mit +einander reden.« + +»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd. + +»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der +verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch +unten leise hielt -- »was habt Ihr gegen _mich_? -- es ist doch wohl nur +ein Versehen, daß Ihr _mich_ gerade angefallen habt.« + +»Versehen? -- vielleicht« sagte der Eine vorsichtig -- »nicht viel zu +sehen hier überhaupt -- wie heißt Du?« + +»René Delavigne, und wohne schon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai +unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher +bewohnte.« + +»Ist Alles in Ordnung« sagte ein Anderer der Leute. + +»Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?« + +»Müssen Dich erst noch sprechen -- komm herein in das Haus hier -- thun +Dir Nichts« sagte der Erste wieder. + +»Ich fürchte Euch nicht,« entgegnete trotzig der junge Franzose, »habe +aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch +beliebt.« + +»Bist Du ein Freund von Kanaka?« frug ein Dritter jetzt, der bis dahin +noch nicht gesprochen. + +»Wenn ich's _nicht_ wäre hätte ich schon um Hülfe gerufen, und Euch den +Französischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt +von hier entfernt auf der Straße liegt« entgegnete mürrisch René. + +»Hm, wenn das lauter Beweis ist« lautete die etwas mißachtende Antwort +-- »Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier +zum nächsten Haus -- gleich am Wasser dran -- wollen was mit Dir +sprechen.« + +»Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte die mich eilig nach +Hause rufen« sagte René ausweichend. + +»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher -- »komm Freund, Du _mußt_ -- +weißt Du, dann kann man nicht anders.« + +»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über +den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine +Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier +ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders -- aber _was_ +wollte man von ihm? -- »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen -- »ich +will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich +ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und +muß zu ihr.« + +»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen +daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte -- »soll +Dir Nichts geschehn, Freund -- blos warten ein Bischen blos warten« -- +und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben, +gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo +etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief +versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag. + +René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil +er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich +das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben +wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten, +und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei, +daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den +Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier +aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je +eher er sich wieder frei machte, desto besser. + +Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und +die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's +Arm los und bat ihn hinein zu gehn -- er habe Nichts für sich zu +fürchten. + +»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten +Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand +dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber +ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da +etwas aus dem Weg zu gehn, sonst --« und er riß das Terzerol, das er +in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem +Eingeborenen entgegen -- »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu +vertreiben.« + +»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu +hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in +der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah -- »hast Du so was auch +in der Tasche? -- hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer +nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts -- schießt Du mich, +sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.« + +»Du nimmst's kaltblütig« lachte René mit einem Blick den inneren Raum +der Hütte überfliegend. Am andern Ende derselben saßen fünf oder sechs +Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber +konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand +umzog das Haus, und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches +entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden +konnte. + +»Du hast recht Kamerad -- es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir +eine Kugel durch den Kopf jagte -- drei Andere wären noch da mich +aufzuhalten -- aber _Dir_ eben auch nicht. Ihr habt mich in aller +Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräusch zu +vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir +sagt was Ihr von mir wollt _oder_ -- ich gebrauche doch hier diese +Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls +Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und +weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?« + +Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten +in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen +würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem Geschütz herrührend +verwechselten; jedenfalls mußte ihnen diese Drohung wichtiger als die +erste dünken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander, +ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen. + +»Du willst nicht bei uns bleiben?« frug der Eine ihn jetzt. + +»Gutwillig nicht -- Ihr sagt mir denn sonst weshalb.« + +Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die leise und flüsternd +geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für René, als +er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der +That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit +der Stämme aber -- vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt +auffällig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen +direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden ließ, weil sie wohl +fühlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste +vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben +und Tod, schien hier zu René's Gunsten zu sprechen. + +»Wir wollen Dir kein Leides thun« sagte der eine Insulaner, der Einzige +der im Licht stand, dessen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und +der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mußte -- »unser +Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das +nicht willst magst Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu Nacht +essen -- Du sollst nicht sagen können daß wir Dich in eine unserer +Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.« + +René lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und +doch lag aber auch wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es, +vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht +abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in +der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das +Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert +ziehn zu lassen. + +»Ich verspreche Dir das« sagte der Eingeborene, »und zum Beweis daß ich +Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thür offen -- wir +halten Dich nicht mehr -- aber« setzte er dann etwas leiser und mit +einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu -- »wenn Du Freund von Kanaka +bist, wirst Du's beweisen können heut'.« + +»Gut denn« lachte René, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die +Tasche zurückschiebend -- »so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn +daß ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mögt, Ehre mache.« + +Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Männer und den +feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurückgezogen +hatten in den entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die +friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer +noch schüchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die +Männer zuriefen »den Tisch zu decken.« Schon bereit gehaltene Blätter +wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen +für die Neugekommenen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet +saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod +entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern +gehangen, sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht die +aufgetragenen Speisen zu beseitigen. + +Und René war der Fröhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz +vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine +Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und +Umgebung, jeden trüben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das +leichte fröhliche Blut, das seinem ganzen Körper jene unendliche und +nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem +Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er +auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge sah. + +Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte +sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen +Hibiscusblätter trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte jetzt, +aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten, +denn er war nicht immer gewohnt bei den _civilisirten_ Indianern Treu +und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber +öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem +Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht +als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten +hätte, verließ er das Bambushaus -- kopfschüttelnd dabei, was das +räthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten +gehabt. + +Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder unter sich, zu dem er sich, +am Ufer des Baches nieder, hatte hinunterfühlen müssen, als er so rasch +den Heimweg antrat, als ihn seine Füße tragen wollten. Weshalb hatten +ihn die Insulaner aufgehalten? und stand das am Ende gar in irgend einer +Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches fatales +Gefühl, und das gespannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen +Angriff nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er +ging, den, zwar sehr betretenen, aber doch schmalen und dunklen Pfad +entlang, der ihn zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann +durch den noch düsterern Grund eines mit Wi- und Mapebäumen besetzten +Thales führte. Mit diesem Thal näherte er sich aber mehr und mehr dem +eigenen Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die Büsche +schimmern zu sehn, als er plötzlich durch ein etwas barsches und gar +nicht weit entferntes »~Qui vive!~« fast erschreckt und in seiner Bahn +gehemmt wurde. + +»Hallo Kamerad« sagte er aber lachend, sobald er die Antwort gegeben und +durch den hier so dicht bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt +so weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches konnte +vorgefallen sein -- »Ihr liegt ja hier förmlich im Hinterhalt und +könntet nervösen Personen den Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so +plötzlich angeschrien würden; aber lieb ist mir's daß ich Euch hier +finde.« + +»Habt Ihr irgend etwas gesehn?« frug der Soldat rasch. + +»Gesehn? -- nein« sagte René nach kurzem Bedenken, er wollte nicht als +Ankläger gegen die sich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen +auftreten, »aber paßt gut auf, Kamerad -- Ihr habt es mit listigen und +der Waldwege gewohnten Burschen zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen +sollten in späterer Zeit.« + +»Hat Nichts zu sagen« lachte der junge Soldat, »meine Augen sind frisch, +Kamerad, und mein Gehör so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht +mir Nichts -- aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier auf der Wacht einen +gewaltigen Freundschaftsdienst erweisen, wenn Ihr's nämlich bei Euch +führt.« + +»Und das wäre? von Herzen gern wenn ich's kann.« + +»Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den +Strand postirt ist, sein Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht +eine Pfeife voll Taback zwischen uns -- alle fünf -- wenn Ihr nur die +geringste Quantität --« + +»Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade,« sagte René freundlich, +»aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt +Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, steht er Euch gern zu +Diensten.« + +»Ich selber darf nicht vom Posten« rief der Soldat fröhlich, »aber ich +geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch +Aussicht auf eine Pfeife« -- und rasch der vielleicht zwanzig Schritt +vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend rief er von dort einen der da +drin auf der Matte schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den +Landsmann zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen. + +René war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort schnitt ein +ihm wohlbekannter, etwas näherer schmaler Fußpfad durch ein weites +unbebautes und mit hohen Cocospalmen bewachsenes Grundstück nach seinem +eigenen Garten hinüber, der von hier kaum mehr wie fünf- oder +sechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge +Französische Soldat, ohne es selbst der Mühe werth zu halten sein Gewehr +mitzunehmen, begleitete. Die Insulaner hatten sich bis jetzt nicht +allein so friedlich, nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, daß +keiner der Soldaten an einen Zusammenstoß mit ihnen auch nur dachte. +All' diese Vorsichtsmaßregeln, besonders die am Strand hin aufgestellten +einzelnen Posten galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern sollten +einzig und allein dazu dienen die Mannschaft der im Hafen liegenden +fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die +Eingeborenen, was man besonders von den Engländern fürchtete, nicht +allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch +Waffen und den fast für den Frieden der Küste ebenso gefährlichen +Branntwein zuzuführen. + +Rasch und schweigend, René voran, waren sie den Pfad entlang +geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut +hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die +Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand +darauf gelegt hinüber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und +gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer +schweren Last, rasch aber geräuschlos vom Strande aufwärts, dicht unter +den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun lag +allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen +einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen +eingeladen, also auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief +einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da? +-- was trugen sie? + +»Was ist da?« flüsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts +sehen konnte, aber ein Geräusch zu hören glaubte, »irgend etwas +Verdächtiges?« + +»Verdächtiges? -- ja« flüsterte René zurück -- »ich kann nur noch nicht +recht daraus klug werden -- bst --« sagte er plötzlich, den Arm des +Soldaten fassend, »da kommt noch Einer.« Dieser glitt etwas weiter nach +vorn, und deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht +irgend etwas ausgeführt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm +im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem +zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch René nicht +glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber +beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier +draußen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflüsternd daß er +hinüberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu +untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der +letzte Träger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise über die +Fenz, und glitt rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während der +Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als +er wieder Schritte vom Wasser herauf hörte, so still wie er konnte +zurückzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise +noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten +alarmirt worden war, herbei zu holen. + + * * * * * + +An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck, +eine besondere Thätigkeit geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich, +wer das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das kaum hätte vermuthen +dürfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schläfrig herum, oder +stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn +oder eine zersprengte Weveling[F] auszubessern, höchst aufmerksam jedoch +stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo +dann jedesmal das Klopfen und Hämmern in seinem Bauch schwieg, und Mac +Rally vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte, +nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte. + + [F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen. + +Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck -- die Leute +beschäftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem +Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen +Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn. +Hoch postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordseit, +diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die +Aussicht auf sein Deck, die überdies in der rasch einbrechenden +Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu +war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene +Matrosenwäsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier +Fässer waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen +umwunden, um, sobald die Nacht vollständig eingebrochen sei, über Bord +gelassen zu werden. + +Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem +von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wünschen können, das in nichts +Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen +Munition, wie eben so viele Säbel, an den durch den Iren selber +bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wußte daß die Küste an diesem +Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes +Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen können, waren die Waffen in +gewöhnliche Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet worden, +und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, daß +sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend, +schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als sie zu +steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben +waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender +Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in der That nur durch einen +ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserfläche +unterschied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen +auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden. +Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die +Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die +Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten +Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch +dessen Garten die Fracht geschafft werden mußte, entfernt oder für ihr +Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan +selber, das zweite Mr. Noughton -- wie er sagte »_durch seine +Freunde_« -- übernommen. + +Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich +regelmäßig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am +Strand eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf +der harten sandigen Fläche auf und ab. Mißtrauisch wohl manchmal nach +Westen hinüberschauend, wo über den scharfzackigen Kuppen von Imoe +schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon +eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende +prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit, +und nicht satt sehen konnte er sich an den weißen schäumenden Massen, +die in dumpfem Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's Neue mit +ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen +Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen +über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschüttelten +Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leise Plätschern +des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel +und das Wasser weiter und weiter nach See zurückwich -- es war ihm froh +und leicht um's Herz, und fast vergessend daß er hier eigentlich her +postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht +gehörender, feindlicher Körper, summte er sich doch ein munteres Lied +und athmete die kühle würzige Luft ein -- der Brust ein herrliches +Gefühl nach dem schwülen dumpfigen Tag. + +In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenstreif +der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten +schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es +scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter +und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie +oben stehn; -- so nicht fünfzehn Minuten später hüllt wirkliche Nacht +die Erde ein, während noch der hellere Streif im Westen die Stelle +kündet wo die Sonne kaum verschwunden. + +In der kurzen Dämmerung die dem scheidenden Tage folgte, war es, als ein +Seemann, wenigstens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein +rothseidenes Tuch eingeknüpften Bündel am Strande suchend heraufkam, und +seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von +dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerst bemerkt +als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf +ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe, besonders der +Englischen, streiften in der ganzen Nachbarschaft umher und mußten doch +alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendschuß Papetee wieder verlassen +haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe zurückgekehrt zu sein; es war +Zeit daß der Mann dorthin aufbrach, er verpaßte sonst die Stunde, und +konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen Hängematte, in dem +Französischen Wachthaus zubringen -- eine Abkühlung für die Freuden des +Tages. + +Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach Papetee zurückzuwollen, +denn langsam am Ufer hinschlendernd, wobei er sich der Schildwacht mehr +und mehr näherte, blieb er manchmal stehn und erwartete jedenfalls ein +Boot von See her, das vielleicht versprochen hatte ihn hier abzuholen. +So wenigstens erklärte sich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes. + +Endlich mußte dieser -- und es war fast dunkel indessen geworden -- zu +einem andern Entschluß gekommen sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie +ärgerlich und ungeduldig mit dem Fuß, und schritt dann, dabei alle +möglichen Englischen Flüche in den Bart murmelnd, gerade auf den +Franzosen zu, der jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die +einbrechende Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte, zu sehen +was der Bursche von ihm wolle. + +»Hallo Mate«[G] redete er den Soldaten in breitem Irisch an, als er in +Sprachnähe etwa herangekommen -- »kein Boot gesehen hier, seit Du da +stehst und die Muskete spazieren trägst?« + + [G] Kamerad. + +»~Je ne comprends pas, camarade~« lachte der Franzose, mit dem Kopf +schüttelnd. + +»Wer ist todt?« frug der Ire, mit komischem Ernst den Franzosen erstaunt +ansehend. + +»~Je ne comprends pas -- rien du tout -- notting!~« erwiederte aber die +Wacht halb mürrisch über die wiederholte Frage, und das einzige +Englische Wort verunstaltend, das sie vielleicht konnte -- »geh hinunter +nach Papetee -- bis Du hinunter kommen kannst wird der Abendschuß +gefeuert, und nachher sitzest Du da.« + +»Ahem« nickte der Ire, der nicht eine Sylbe von dem Allen verstand -- +»er wird's wohl nicht haben ändern können. Aber verdammt, das ist +langweilige Arbeit, wenn der Bursche auch kein Wort Englisch versteht -- +wie mach' ich ihm da begreiflich was ich will -- ist doch horndummes +Volk die Wi-Wis.« + +»~Prenez garde!~« rief der Posten drohend, der die letzten nur zu gut +gekannten Sylben wohl verstanden hatte, und sich denken konnte daß der +Fremde ärgerlich darüber sei sich nicht ausdrücken zu können und für +sich schimpfe -- »wahr' Dich wie Du das Wort hier brauchst Kamerad.« + +»Dann versteht Ihr vielleicht die Landessprache« rief Jim O'Flannagan, +denn er war es, jetzt rasch -- »auf Tahitisch wär' es wenigstens eine +Aushülfe.« + +»Tahitisch nicht gerade« antwortete der Franzose ihm in einem anderen, +aber doch verständlichen Dialekt -- »ich bin fast ein Jahr auf den +Marquesas-Inseln gewesen, und es hat Aehnlichkeit -- aber was wollt +Ihr?« + +»Mein Boot, Mate« brummte der Ire, »mein Kamerad hat versprochen mich +hier abzuholen, und jetzt läßt er mich sitzen.« + +»Nebenan ist heute ein Canoe angefahren« sagte der Franzose. + +»Hol' die Canoe's der Teufel« knurrte Jim -- »wenn man am festesten +sitzt, klappen sie um manchmal, wie die Taschenmesser -- nein eine +ordentliche reguläre Schiffsjölle mit rothem Segel -- nichts gesehn, +Kamerad?« + +»Nicht die Probe.« + +»Verflucht« brummte der Ire, »aber kommen _muß_ er noch, denn er darf +nicht ohne mich an Bord zurück -- Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, +Kamerad?« + +»Und der wäre?« + +»Wollt Ihr mir erlauben mein klein Bündel hier einen Augenblick +herzulegen? ich traue dem rothen Gesindel nicht recht, ich habe Geld +d'rin.« + +»Warum nimmst Du's nicht lieber mit?« frug der Posten. + +»Ich muß doch hierher wieder zurück, wenigstens noch einmal nachzusehn +ob das Boot nicht kommt -- nachher geh' ich die Straße hinunter in die +Stadt.« + +»Und kommst zu spät zum Abfahren.« + +»Bin bekannt dort« lachte der Andere -- »im schlimmsten Fall find' ich +Nachtquartier -- ich bin gleich wieder unten,« und ohne eine halbe +Einwendung des Franzosen dagegen weiter zu hören, legte er sein Bündel +gleich neben den Stamm einer dicht am Strand stehenden Palme, deren +faserige Wurzeln von dem Wellenschlag vollkommen bloß gespült waren, und +schritt in das Gebüsch hinein, das dort allerdings der Straße zuführte. + +»Diable« brummte aber auch seinerseits der Posten, »giebt einem da +Aufträge ohne weitere Umstände -- werde mich aber verwünscht wenig um +sein Tuch kümmern. Boot? -- ein Boot darf mir jetzt gar nicht mehr +landen nach Dunkelwerden; verdammt unverschämtes Volk diese Englischen +Matrosen.« Und wie den Aerger zu verjagen setzte er pfeifend wieder +seine Wandrung am Strande auf und nieder fort. + +Jim war aber nicht nach der Straße hinaufgegangen, sondern mit jedem +Fußbreit Boden, den er den Tag über genau recognoscirt, vollkommen +vertraut, in den Büschen, zwischen dem Posten und der oben aufgestellten +Wache durchgeschlichen, und einer etwas weiter oben auslaufenden +Korallenspitze zugeeilt, wo man allerdings, der fast bis an die +Oberfläche reichenden Korallen wegen mit einem Boote nicht landen, die +schmale Durchfahrt aber innerhalb der Riffe, desto besser übersehen +konnte. Dort lag er, bis er vom Wasser aus das verabredete Zeichen der +vorbeitreibenden Fässer erhielt, deren dunkle Umrisse er von hier aus +kaum im Stande war zu unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben +sie so viel weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu +fürchten, sobald nur das Ausladen geräuschlos genug betrieben wurde. + +Vollkommen befriedigt über das was er gesehn, lag er noch einige Minuten +still, das eigenthümliche Floß mit seinen dunklen Geleitern erst etwa in +einer Höhe mit der Schildwacht zu lassen, kroch dann den Weg den er +gekommen zurück, und ging nun, in den Büschen wieder angelangt, und +durch diese mit einigen halblauten, für das Ohr des Posten bestimmten +Flüchen durchbrechend, gerade wieder auf die Palme zu wo sein Bündel +lag. + +»Kein Boot gekommen?« frug er hier, dicht bei dem Französischen Soldaten +stehn bleibend, nahm dabei eine Cigarre aus der Tasche, schlug mit Stein +und Stahl Feuer und zündete sie an. + +»Nein« sagte der Soldat, dem der Tabacksqualm gut roch, der aber den +Engländer nicht deshalb anreden mochte -- »jetzt wär's auch zu spät, ich +dürft' es gar nicht mehr an's Ufer lassen.« + +»So hol's der Böse, ich komme auch ohne es an Bord -- eine Cigarre +Kamerad?« + +Er hielt ihm die Cigarren hin und horchte dabei nach dem Wasser hinüber; +sein scharfes Ohr hatte von dorther ein Geräusch entdeckt. + +»Danke« sagte der Franzose, die Cigarre nehmend und an der des Iren +entzündend -- »Taback -- schmeckt -- prächtig -- wenn -- man --« + +»Hat sie keine Luft?« + +»Danke -- geht schon -- wenn man ihn lange nicht gehabt hat -- so, +danke.« + +»Hm« sagte der Ire, sein Bündel wieder aufnehmend, er that dabei langsam +ein paar Schritte an der Wache vorbei und blieb dann wieder stehn. + +»Gute Nacht Kamerad« sagte der Franzose. + +»Gute Nacht -- hm, ja -- gute Nacht Mate« entgegnete Jim -- das Floß +hätte jetzt schon gut an Ort und Stelle sein können, und doch war's ihm +immer, als ob er ein verdächtiges Geräusch gerade gegenüber auf dem +Wasser höre; hinaushorchen durfte er aber auch nicht, sonst wäre der +Posten ebenfalls darauf aufmerksam geworden. Er _mußte_ noch einen +Augenblick zögern, und drückte sein Cigarrenfeuer zwischen den Fingern +aus, that dann ein paar Schritte, blieb stehn, zog wieder, und wollte +eben zurückgehn den Mann wieder um Feuer zu bitten, als dieser sagte: + +»Da draußen wird Euer Boot kommen -- mir war als ob ich etwas auf dem +Wasser hörte.« + +»Das wäre der Teufel« brummte Jim in Englisch, setzte dann aber sogleich +auf Tahitisch hinzu: »würden jetzt schwerlich glauben daß ich noch hier +bin -- wird wohl ein Fisch gewesen sein.« + +Der Soldat horchte. + +»Dürft' ich Euch jetzt noch einmal um Feuer bitten« sagte Jim wieder zu +ihm tretend. + +»Gern -- wahrhaftig da war wieder etwas.« + +»Es sind hier viel Purpoisen im Wasser und machen dann immer einen +merkwürdigen Spektakel.« + +»Das war kaum ein Fisch« sagte der Soldat, jetzt vollständig alarmirt +und sich niederkauernd, besser über die Fläche sehn zu können, ob er +nicht doch vielleicht durch die Dunkelheit irgend etwas entdecke +-- »müßte mich sehr irren, wenn das nicht wie eine Menschenstimme klang.« + +»Vielleicht Fischer die noch draußen sind« sagte der Ire, sich jetzt +ebenfalls niederkauernd, dem was man hörte Form abzugewinnen, in der +That aber dem Soldaten, falls dieser wirklich laut werden wollte, so nah +als möglich zu sein. + +»Ruft doch einmal Euer Boot an« sagte jetzt der Soldat zu Jim, »da +werden wir gleich sehen wer draußen ist.« + +Das war allerdings richtig, aber daran lag dem Iren Nichts hier Lärm, +und die Soldaten an der Straße nur ebenfalls aufmerksam zu machen. + +»Es kann das Boot nicht mehr sein« brummte er kopfschüttelnd. + +»Diable« murmelte der Franzose, »ich glaube wahrhaftig ich sehe dort +etwas auf dem Wasser -- ruf Kamerad, ich _muß_ wissen was da draußen +ist.« + +Jim konnte sich nicht länger weigern und die Hände trichterförmig an den +Mund haltend, daß der Schall so wenig wie möglich rückwärts ginge, rief +er mit keineswegs lauter, dumpf klingender Stimme: + +»Boot ahoy!« + +Keine Antwort erfolgte. + +»Lauter!« sagte der Soldat. + +»Boot ahoy« rief Jim noch einmal, ohne daß sich von draußen irgend etwas +als Antwort hören ließ; ja es schien eher als ob der Laut das da drüben, +was es nun auch gewesen, zurückgescheucht habe in die Tiefe, aus der es +vielleicht gekommen. + +»Du rufst gerade als wenn man in einen Topf spricht« brummte der Soldat +-- »das kann man ja nicht auf fünf Schritt hören.« + +»Ich bin heiser« sagte Jim -- »aber es war auch jedenfalls ein Fisch -- +jetzt ist Alles wieder todtenstill.« + +»Vielleicht -- vielleicht auch nicht, -- da ist's wieder! ~qui vive!~« +rief er dann mit lautem, kurz abgestoßenem Ton über das Wasser hinüber, +»Teufel wenn Du mir da drüben nicht antwortest, schick' ich Dir eine +Kugel hinüber.« + +Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand lautlos nicht zwei +Schritt von dem Franzosen, er sah sich scheu und rasch um, und die linke +Hand faßte wie krampfhaft das Bündel das sie trug. + +»Wenn Ihr denn da drüben nicht antworten wollt, so tragt auch die +Folgen« brummte der Soldat vor sich hin und spannte den Hahn -- Jim +stand dicht hinter ihm, seine rechte Hand hob sich und als er sie +senkte rasselte das Gewehr auf den Sand nieder, und der Körper des +unglücklichen Franzosen brach lautlos zusammen. + +»Hast's nicht anders haben wollen« sagte der Mörder dumpf vor sich hin +und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in +seiner Tasche nach etwas gesucht -- er zog aber die Hand wieder zurück +und lächelte unheimlich: »er braucht keinen Knebel mehr; 's giebt doch +nichts besseres auf der Welt als solche Schlingenkugel für derlei Arbeit +-- was für einen sanften Tod der Schuft gestorben ist. Aber nun Kamerad, +Dein Gewehr und Patrontasche -- das Seitengewehr hilft Dir auch nichts +mehr, und hier oben können wir's vielleicht brauchen.« + +Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, dann noch einen +Augenblick nach dem Wasser hinüberhorchend zog er die Leiche unter einen +Busch, wo sie wenigstens nicht vor Tag entdeckt werden konnte, griff +sein Tuch und die erbeuteten Waffen auf, und glitt am Strande hin der +Stelle zu wo der kleine Cutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen +ebenfalls anlegen sollte. Den Boden stampfte er aber vor Wuth, als noch +keine Spur von den versprochenen Fässern sichtbar war, und die kostbare +Zeit verfloß indeß in unverantwortlichem Warten. Schon wollte er wieder +zurück am Strande, ob er weiter oben Nichts erkennen könne, als ein +leiser leiser Pfiff, mehr wie das Zischen eines Seevogels, vom Wasser +herübertönte. + +»Endlich« knurrte der Seemann, die Zähne fest zusammenbeißend und wie er +den Ruf kaum, eben so vorsichtig, beantwortet, kam auch schon im +Fahrwasser das lange Floß mit den Schwimmern heran. »Wo zum Teufel habt +Ihr so ewig lang gesteckt?« fluchte hier Jim ihnen entgegen, »glaubt Ihr +daß sie uns die ganze Nacht Raum zu unserer Arbeit geben werden?« + +»Wir saßen da drüben auf einer Koralle und konnten nicht wieder +loskommen« sagte Einer der Eingebornen. + +»Und habt einen Skandal gemacht, daß man's hätte in Papetee hören +können« zürnte der Ire. + +»Hat die Schildwacht 'was gemerkt?« + +»Euere Schuld wär's nicht, wenn sie's hätte -- aber jetzt fort, heran +hier mit dem Faß, und nicht länger geschwatzt -- habt Ihr die Säge mit? +-- so hier, nun sägt die Reifen vorsichtig durch -- halt ich will das +selber thun -- herauf mit dem Faß hier, und Du mein Bursche läufst über +den Weg hinauf und holst die Leute herunter die dort versteckt liegen -- +Rasch mit Dir, sie sollen Alle kommen, wir müssen die Fracht in Zeit von +einer Stunde wenigstens im Busch drinn haben; dort bleibt uns dann die +ganze übrige Nacht, sie aus dem Weg zu schaffen.« + +Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf +mit einer Anzahl seiner Landsleute zurück, die schon ungeduldig genug +darauf gewartet hatten abgerufen zu werden, Jim aber sägte indessen mit +einer seinen scharfen, besonders dazu hergerichteten Säge die hölzernen +Reifen der Fässer durch, diese zu öffnen, und reichte die schon in +tragbare Pakete eingeschnürten Gewehre, wie die kleinen Fäßchen Pulver +rasch hinter einander hinaus. Blei befand sich schon genug an Land, was +früher zu anderen Zwecken bestimmt gewesen. Vier Fässer waren solcher +Art in unglaublich kurzer Zeit aufs Trockene gewälzt, geöffnet und +geleert worden, und selbst von dem fünften hatte Jim schon die Reifen +herunter, die Dauben mit Hülfe von ein paar Insulanern sorgfältig +auseinander genommen, und angefangen die Pakete herauszureichen, mit +denen zwei augenblicklich nach oben liefen, als sie den zurückkehrenden +René über den freien Platz gleiten und in das Haus verschwinden sahen. +Einer der Indianer sprang rasch zurück, dem Iren die unwillkommene +Ankunft zu melden, dieser aber ließ sich nicht irre machen und betrieb +das Ausladen nur um so schärfer. + +»Fort mit Euch -- fort.« flüsterte er rasch und leise -- »in zehn +Minuten können wir mit unserer ganzen Sache in Sicherheit sein und dann +mögen sie kommen und spioniren; in die Guiaven folgt uns doch so leicht +Keiner hinein. Hier meine Jungen, auf mit Euch und davon -- was steht +Ihr da? -- die Thür? -- fort mit Euch -- so lange das Zeichen nicht -- ha +Teufel!« unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener +Warnungsruf zu ihm niederschallte, »da ist wirklich Noth an Mann.« + +»Sollen wir noch gerad hinauf?« frug ihn Einer der Leute, der seine Last +schon auf den Schultern trug. + +»Nein, hier rechts hinein« rief Jim rasch, »in des Franzosen Haus da +neben an ist auch Niemand daheim, und die Fenz hier unten am Wasser hab' +ich schon niedergebrochen. Dort hinüber und dann gerade hinauf in die +Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn nur noch zwei Leute unten wären; +fort -- macht daß Ihr fortkommt -- um Euer Leben.« + +Und die Warnung kam nicht zu spät, denn Jim O'Flannagans scharfes Ohr +hatte schon die herbeieilenden Soldaten entdeckt, die rasch und ziemlich +laut durch die Büsche traten, während zu gleicher Zeit René in seiner +Thür erschien. Nur noch zwei Pakete Waffen waren dabei übrig geblieben, +davon schob er das eine jetzt rasch auf das Deck des kleinen Cutters, +vielleicht vor anbrechendem Morgen noch einmal Gelegenheit zu bekommen +es von dort wieder durch irgend einen der Eingeborenen zu entfernen, +während er selber das andere auffaßte und damit, so rasch ihn seine Füße +trugen, den letztgegangenen Indianern folgte. + +»Halt steh da!« schrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn seine dunkle +Gestalt war von oben herab gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als +den weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des Strandes entdeckt +worden, und drei Kugeln schwirrten zu gleicher Zeit nach ihm hinüber. +Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den +scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und seine Last mit +dem linken Arm nur fester umspannend, während er das dem ermordeten +Posten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, sprang er mit +wenigen Sätzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich schwache +Bambusthür nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine +Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinanstürmten ihn +auch dort nicht aufzugeben. Jim aber feuerte hier, theils um sie zu +schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das +geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf sie ab, und die +Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber +zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich hier, ohne die mindeste +Aussicht auf Erfolg aussetzten, denn bei Nacht war in einem solchen +Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain +vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung wurde auf +morgen früh mit Tageslicht festgesetzt, bis wohin auch Verstärkung von +Papetee herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufgefunden werden +konnte, wenn sie nicht, wie man sie jetzt stark in Verdacht hatte, +gemeinsame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die +Berge geflohen sei. + + + + +Capitel 7. + +Consul Pritchards Gefangennahme. + + +Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in kleinen finsteren Trupps mit +raschen Schritten durch die von der Morgensonne freundlich beschienene +Stadt. Die Insulaner standen in kleinen Gruppen bestürzt beieinander, +und die Mädchen liefen neugierig herüber und hinüber, zu sehn und +horchen was geschehn, was vorgefallen sei, eine so plötzliche +auffallende Veränderung in dem Benehmen der Fremden zu rechtfertigen. +Keiner sprach, Keiner lachte mehr mit ihnen; barsch zurückgewiesen +wurden sie, sobald sie sich ihnen nur näherten, und von den +verschiedenen Schiffen landete Boot nach Boot, vollgedrängt von +Bewaffneten, die verschiedene am Strand gelegene und der Königin +gehörige Bambushäuser in Besitz nahmen, Wachen, ja Festungen daraus zu +bilden. + +Dumpfe Gerüchte verbreiteten sich indeß auch unter den Bewohnern von +Papetee, die keine Ahnung irgend einer begonnenen Feindseligkeit haben +konnten. Eine Parthie Waffen war gestern Nacht in Mativai Bai auf +schlaue Weise an Land geschmuggelt; man hatte nicht allein einzelne +Stücken, ein Bayonnet und mehre andere Kleinigkeiten an der Straße, +sondern auch ein ganzes Paket mit Englischen Musketen in einem kleinen +Cutter der dort vor Anker lag, gefunden, und gegen Morgen noch, wo man +mit Fackeln nachgesucht, war der Leichnam der überfallenen und +ermordeten Französischen Schildwache, ebenfalls ihrer Waffen beraubt, +entdeckt worden. Viele Personen waren deshalb schon verhaftet, auf +anderen lag schwerer Verdacht, und die herbeigezogene Truppenmasse schon +allein genügte, die sorglose Stimmung der Eingebornen zu zerstören, und +ihnen einigermaßen das Verhältniß in seinem wahren und grellen Licht zu +zeigen, in dem sie zu den fremden Eindringlingen standen, und welche +Stellung diese, ihnen gegenüber, einzunehmen gedachten. + +Was sollte geschehen, was wollten diese von ihnen, und weshalb eine +Armee in ihre Hütten werfen, die ihnen noch keinen Widerstand geboten, +und jetzt überall durch die fremden unwillkommenen Gäste unwohnlich und +beschränkt wurden. Die Häuptlinge traten zusammen und schickten Boten an +die Missionaire ab, diese um Verhaltungsmaßregeln zu ersuchen; die +geistlichen Herren fühlten aber daß ihr Regiment, für den Augenblick +wenigstens, hier ausgespielt sei, und der einzige von ihnen, Mr. +Pritchard, der sich durch die Flagge seiner Nation geschützt glaubte, +zürnte offen und frei wie vor gegen die förmliche und muthwillige +Eroberung, nein nicht einmal Eroberung, sondern einfache Besitznahme +eines vollkommen friedlichen Landes an, dessen Fürstin sich jetzt nur +gezwungen einer solchen Gewalt füge und wissen werde sich ihr Recht zu +wahren, wenn die Zeit dazu gekommen sei. + +Die Franzosen kehrten sich aber wenig an Herrn Pritchard; ihre Flagge +wehte schon von fünf oder sechs occupirten Gebäuden, ihre Soldaten +durchzogen die Stadt nicht allein, sondern setzten sich an dem obern wie +untern Theil derselben fest, und Massen von ihnen, die Flinte und +Seitengewehr so lange ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen, +fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Insel Motuuta +Verschanzungen aufzuwerfen, sondern auch, zum unbegrenzten Erstaunen der +Bewohner von Papetee, Gräben zu ziehn und Erdwälle aufzubauen um die +Stadt selbst herum, als ob sie sich gegen die Berge und das benachbarte +Land vor einem Angriff sichern wollten, an den in der That noch wenige +der Insulaner gedacht, und der ihnen dadurch erst vor die Augen gerückt +und als möglich und ausführbar gestellt wurde. + +Die Französische Regierung aber, oder vielmehr das Französische +Regiment, das recht gut fühlte wie es bei einem wirklichen Angriff _gut +bewaffneter_ Insulaner, hier dicht von den Bergen überall +eingeschlossen, mancher Gefahr ausgesetzt sein könne, suchte gleich im +Anfang mit durchgreifenden Maßregeln allen solchen Versuchen entgegen zu +arbeiten, und eine etwaige Empörung im Keim zu ersticken. Strenge schien +hierbei vor allen Dingen nöthig und den Befehlshabern war deshalb +besonders daran gelegen die Mörder des Franzosen heraus zu bekommen, +oder wenigstens ihre Spur zu finden, von der es schon ziemlich bestimmt +im Französischen Lager hieß daß sie in das Haus eines der +Protestantischen Missionaire, vielleicht gar des Englischen Consuls +führen würde. Mr. Pritchard mit seiner offnen und ungescheuten Predigt +gegen ihre Macht war ihnen überhaupt ein Dorn im Auge. + +Zu den ersten Maßregeln des Französischen Kommandanten gehörte es aber +auch an diesem Morgen René Delavigne verhaften zu lassen, auf dessen +Grundstück -- ob mit seinem Vorwissen oder nicht mußte die Untersuchung +erst ergeben -- die Waffen ausgeladen waren und auf dessen, durch ihn +hingeführten und dort gehaltenen Cutter man noch ein frisch eingenähtes +Paket Waffen gefunden, das jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen +liegenden Englischen Schiffe hinüberbefördert und dann während der +Entdeckung und dem Angriff der Französischen Wache, dort zurückgelassen +war. Sein spätes Außensein und seine doch sichere Bekanntschaft mit der +dortigen Oertlichkeit wurde sogar mit der erschlagenen Wache in +Verbindung gebracht, wobei ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung +dienen konnte, den Französischen Soldaten selber dorthin geführt zu +haben, wo sie die Schmuggler entdeckten -- jedenfalls waren die Vorräthe +zu der Zeit schon in Sicherheit gewesen und die Möglichkeit lag unter +jeder Bedingung vor, daß ein solcher Schritt, später gerechtfertigt +dazustehn, ausführbar, ja sogar klug gewesen wäre. + +Den Cutter, an dessen Bord man die Waffen gefunden, nahm die Regierung +ebenfalls in Beschlag, ja er wurde sogar, nicht einmal blos vor der Hand +in Untersuchung gelegt, sondern gleich ohne Weiteres confiscirt und zum +Französischen Küstendienst requirirt -- an Wiederherausgeben war gar +kein Gedanke mehr. + +Sadie erschrak, als an dem Morgen, an dem sie gehofft hatte dem wilden +stürmischen Tahiti den Rücken zu kehren und hinüber zu flüchten in ihr +friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren Gatten +fortzuführen; aber rasch gefaßt, und dem Unvermeidlichen sich fügend, +übersah sie auch bald daß René, vollkommen unschuldig an den Vorgängen +des letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder dastehn und +natürlich freigegeben werden würde. Ernstlichere Folgen sah sie nicht +und konnte sie nicht eine in einer solchen Maßregel sehn. Aber sie +bezwang sich auch, dem Gatten gegenüber, noch weit gewaltiger, als ihr +eigentlich zu Sinn war; sie wollte ihn nicht mit schwerem Herzen +fortgehn lassen, wo er ja gerade Alles gethan hatte sie wieder froh und +glücklich zu machen, und wenn das nun für den Augenblick noch nicht +ging, so war das ja nicht seine Schuld sondern -- das Herz schlug ihr +doch laut und ängstlich wenn sie in diesem Augenblick daran dachte _wer_ +die Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Bewußtsein vermochte sie +dabei vollständig zu trösten, daß Alles ja nur geschehn wäre ihr +Vaterland von den Unterdrückern desselben zu befreien, und den +Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den starken und übermüthigen Feind zu +schützen. + +Nicht allein René wurde aber an dem Morgen verhaftet, sondern auch der +kleine Mi-to-na-re, der allerdings schon mit Sonnenaufgang einen Versuch +gemacht hatte das, die ganze Nacht umstellte Haus zu verlassen, von den +Wachen aber verhindert war und nun mit nach Papetee abgeführt wurde. + +»Armer Mitonare« sagte Sadie traurig, als er, aufgefordert der +Patrouille zu folgen, an jenem Morgen sein Gebetbuch wieder in die linke +Rocktasche hineinzwängte, und unverkennbar niedergeschlagen sich bereit +machte dem eben nicht freundlich gegebenen Befehl zu gehorsamen -- +»armer Mitonare ist von seinem freundlichen Atiu hier herüber gerufen um +Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens Willen.« + +Bruder Ezra schüttelte aber mit dem Kopf und sagte, keineswegs zufrieden +mit der ganzen Begebenheit: + +»Glauben? -- der Glauben hat wenig genug damit zu thun -- wir sollen +_glauben_, Pudenia, und die Wi-Wis wissen Alles gewiß. Glauben -- ja, +ist ein schönes Ding, aber ein bequemes Haus dabei, und viel Brodfrucht +-- nicht so in der Welt herumlaufen und das schwere Buch hinten in der +Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue nicht ein?« + +»Wer ist das?« sagte Einer der dabeistehenden Französischen Soldaten, +der eben genug von dem Tahitischen Dialekt verstand, den Sinn zu +begreifen, »wo ist der, den Du eben genannt hast?« + +»Bodder Aue?« sagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drollen Humors, der +ihn auch in diesem Augenblick nicht verließ, spielte ihm um die Lippen +-- »Bodder Aue ist sehr guter Freund von mir auf Atiu -- aber nicht hier +-- wenn wir ihn haben wollen können wir einen Brief schreiben; gehe +wieder hinüber, sobald die Feranis keine Brodfrucht mehr für mich +haben.« + +»Fort denn, mein Bursche« sagte der Soldat ärgerlich, »wir haben lange +genug hier getrödelt,« und während man René noch Zeit ließ, ein paar +Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben, die er augenblicklich +abgegeben zu haben wünschte, wurde der kleine braune Missionair, unter +den Spottreden und Witzen der Französischen Soldaten, die sich über +seine unsinnige eingezwängte und unpassende Kleidung nicht wenig +amüsirten, nach Papetee zu abmarschirt. Mitonare nahm aber die Sache +ungemein kaltblütig -- klemmte seinen linken Rockschoß wieder unter den +Arm, setzte seinen hohen Hut auf und schritt so ehrbar und ernst +zwischen den bärtigen Kindern eines andern Landes hin, und grüßte so +würdevoll die ihn begegnenden Insulaner, von denen ihn Viele kannten und +lieb hatten, daß sich der Spott der Soldaten endlich auch abstumpfte, +und sie ihn ungefährdet weiter in das Hauptquartier lieferten. + +René blieb übrigens, wie er auch Sadie zu ihrer Beruhigung vorhergesagt, +nur wenige Stunden in Haft; leicht war es ihm durch seine Freunde zu +beweisen, wie er wirklich den ganzen vorigen Nachmittag in Papetee +zugebracht, und erst lange nach Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen +sei. Dort selber hatte er den Französischen Soldaten mitnehmen wollen, +als sie die Schmuggler trafen; an eine Mitwissenschaft war nicht zu +denken. Schwieriger wurde es ihm zu beweisen, daß der kleine Cutter die +Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort bei sich vor Anker legte, +und daß er der Mission selber gehöre machte die ganze Sache nur noch +verwickelter. Es ließ sich kaum denken daß der junge, mit den Officieren +auf so freundlichem Fuß stehende Franzose etwas Derartiges gegen seine +Landsleute unternehmen, oder auch nur unterstützen würde, und dennoch +mochten die Französischen Behörden eine solche Gelegenheit, die Mission +selber in eine Untersuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt wieder +entschlüpfen lassen -- wer wußte ob nicht dann, wenn auch selbst nicht +über diesen Fall, doch manches Andere an den Tag kam. Gern wurde deshalb +auch die Bürgschaft der Herrn Belard und Brouard angenommen, René +Delavigne augenblicklich wieder auf freien Fuß zu lassen, mit der +Bedingung nur, Tahiti nicht zu verlassen, bis eben die Sache streng und +vollkommen untersucht sei, wozu man sowohl seiner Gegenwart wie seines +Zeugnisses glaubte benöthigt zu sein. + +Nicht so leicht sollte dagegen Bruder Ezra davonkommen, und trotz dem +Protest der Missionaire, die es als einen Eingriff in ihre Religion +betrachtet haben wollten einen fungirenden Missionair auf nur flüchtigen +Verdacht hin seinem Amt zu entziehn, trotz der eben so ernsten +Reclamation des Englischen Consuls, der in dem Indianer, als aktivem +Mitglied einer Englischen Missionsgesellschaft, auch einen Englischen +Bürger zu sehen glaubte oder zu sehen behauptete, behielt man ihn im +Verwahrsam, und die Antwort die dem Englischen Consul wurde, war: sich +selber in Acht zu nehmen und von gefährlichen Demonstrationen fern zu +halten, wenn er nicht gleiches Schicksal -- vielleicht noch Schlimmeres, +gewärtigen wollte. + +Solcher Art standen die Sachen mehrere Tage, die Französischen +Kriegsschiffe fuhren ab und zu, umsegelten die Insel Tahiti einige Male, +kreuzten nach Imeo hinüber, und Einzelne davon wurden sogar auf eine +regelmäßige Expedition beordert, die Französische Flagge nämlich auf der +Nachbargruppe der Gesellschafts-Inseln, auf Huaheine, Bola Bola, Raiatea +und den anderen aufzupflanzen, ja man sprach sogar schon davon auch die, +gerade unter dem Wind liegenden »Cooks-Inseln« zu denen Atiu gehörte, in +Besitz zu nehmen und hie und da Garnisonen zu lassen. Doch hatten die +Schiffe für jetzt eben mit der Gesellschaftsgruppe alle Hände voll zu +thun, und ließen die übrigen Inseln für eine spätere und günstigere +Zeit. + +Indessen waren die Franzosen unendlich thätig in Papetee und der +Umgegend; feste Blockhäuser zu Kasernen und Gefängnissen wurden mit +einer Masse von Leuten in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgräben um +die eigentliche Stadt gezogen, ein tüchtiger Damm als Brustwehr +aufgeworfen, und Geschütze von den Schiffen an Land gebracht, diese, +sobald sie nöthig werden sollten gegen den Feind verwenden zu können. +Auch die kleine Insel im Eingang des Hafens, welche die Haupteinfahrt +allerdings vollkommen überwacht, wurde mit schwerem Geschütz versehn, +irgend einem doch vielleicht gefürchteten Angriff der Engländer zu +begegnen, und das gerade war es was den Insulanern, durch die Europäer +darauf aufmerksam gemacht, wieder neuen Muth gab, ihre Sache noch nicht +verzweifelt zu glauben. Beschäftigten ihre Freunde die Beretani's -- die +übrigens auch hätten etwas früher kommen können -- nur die Schiffe, so +wollten sie dann schon mit den am Lande befindlichen Wi-Wis -- mochten +das auch noch so viel sein, fertig werden. + +Die Stimmung gegenseitig wurde ebenfalls eine feindlichere von Tag zu +Tag. Die Eingebornen mußten eine Masse Provisionen und Früchte in die +Stadt liefern, die man ihnen allerdings vollkommen gut bezahlte; aber +dies zwang sie zu einer ihnen fremden und unbequemen Thätigkeit, einer +Thätigkeit die sie nicht einmal gern für sich selber, viel weniger für +die erklärten Feinde ihres Glaubens und Landes anwenden wollten, und sie +erkundigten sich vor allen Dingen bei ihren Missionairen, ob sie dazu +verpflichtet wären den Französischen Soldaten Brodfrucht und Fleisch und +Früchte und Fische zu Markt zu bringen. + +Welche Antwort sie dort erhielten ist nicht bekannt, aber sie weigerten +sich von da an die verlangten Provisionen einzuliefern, und eine +Proclamation des Gouverneurs erklärte sie für _Rebellen_. + +»Rebellen?« bah, das war Unsinn -- das Wort das sie für Rebellion +hatten, bezog sich auf eine Empörung gegen ihren Landesherrn und +Gebieter, nicht gegen einen fremden Wi-Wi, der mit großen Schiffen kam +und ihnen das Land wegnahm; denn selbst daß Einzelne ihrer Häuptlinge +die Franzosen ersucht hatten sie zu _beschützen_ konnte ihrer Meinung +nach die Fremden nicht berechtigen ihre Königin abzusetzen, gegen die +sie ja gar keinen Schutz verlangt hatten, und ihnen Fremde zu Richtern +und Distriktsoberhäuptern zu geben. Daß die Wörter »Protektorat« und +»Besitznahme« dem Französischen Admiral ähnlich genug klangen sie zu +verwechseln, konnten sie nicht wissen. + +Neue Forderungen des Kommandanten um Provision gingen indeß mit der +scharfen Drohung ein, die ernstesten Maßregeln ergreifen zu wollen, wenn +dem _Befehl_ nicht Folge geleistet würde, und besonders sollten die +Häuptlinge, als die Einzigen an die man sich möglicher Weise direkt +halten konnte, für das Betragen des Volks in diesem Fall verantwortlich +gemacht werden. + +Auch den Missionairen wurde nochmals die, in nicht sanften Ausdrücken +abgefaßte Warnung gegeben, sich nicht im Mindesten um die politischen +Verhältnisse der Insel zu bekümmern, wenn sie sich nicht, im +entgegengesetzten Fall, den unangenehmsten Folgen selber aussetzen +wollten; ja es wurde ihnen sogar die auch bald darauf in einer +Proklamation veröffentlichte Drohung verschärft in's Gedächtniß +zurückgerufen, daß jeder Fremde, der gegen die jetzt bestehende +Regierung sprechen würde, augenblicklich, und ohne Einspruch von irgend +einer andern Seite zu gestatten, von der Insel verbannt werden würde. + +Mehre der Missionaire, vielleicht ängstlicher als die Anderen, oder sich +auch möglicher Weise irgend einer Aeußerung bewußt die ihnen das +Mißfallen der jetzt mächtigen Franzosen zuziehen konnte, verließen +Papetee und gingen theils nach Imeo theils nach Bola-Bola oder Huaheina +hinüber; die meisten blieben aber auf ihrem Posten, fest entschlossen +dem fremden Einfluß unverdrossen, und so viel nur irgend in ihren +Kräften stand, entgegenzuarbeiten, mochten die Folgen dann ausfallen wie +sie wollten. + +Der neue Aufruf an die Häuptlinge veranlaßte diese wieder sich an die +Königin zu wenden, und von ihr Verhaltungsmaßregeln einzuholen, was sie +thun, wie sie handeln sollten. Pomare aber, obgleich keineswegs gewillt +sich zu unterwerfen, war doch auch wieder durch die Flucht so vieler +Missionaire und die Warnungen der Uebrigen nicht zu weit zu gehn, ehe +sich England nicht entschieden hätte, zu sehr eingeschüchtert worden, +und gab ausweichende Antworten, ja verwies die an sie abgesandten +Häuptlinge sogar an den Consul Pritchard, und da dieser erklärte in +seiner Stellung -- was auch seine Privatmeinung sein möge -- der Königin +nicht officiell beitreten zu können, bis er Verhaltungsbefehle von +London habe, an den Missionair Rowe. + +Diesen aber weigerten sich die Häuptlinge (wenigstens die Mehrzahl +derselben, denn Einzelne, mit Aonui an der Spitze, verlangten keinen +bessern Wegweiser für ihr Verhalten) als Führer anzunehmen; Fanue vor +allen Andern schwor, sie hätten lange genug unter dem Regiment der +Priester gestanden, und das gerade sei ihr Fluch gewesen von je her. Er +verlangte deshalb auch eine Zusammenkunft der Ersten des Volks, wo sie +die Befehle ihrer Königin einholen und das Beste des Landes, das jetzt +gerade ihr Zusammenstehn am Meisten fordere, berathen konnten. + +Diese, den Interessen der Franzosen geradezu entgegenlaufende Maßregel +wurde vom Consul Pritchard auf das lebendigste unterstützt; er +behauptete das Volk habe ein Recht über sein eigenes Wohl zu sprechen, +das eine fremde Nation, sie möge es so gut mit ihm meinen wie sie wolle, +gar nicht verstehen könne, viel weniger die Französische und er redete +der Königin zu darein zu willigen, ja suchte sogar den Capitain des +kürzlich eingelaufenen Dampfers Cormorant dafür zu gewinnen, den +Häuptlingen den Schutz seines Dampfers zu einer freien Besprechung zu +gestatten, damit sie am Land nicht vielleicht durch überall +umherstreifende Truppen gestört, oder gar aufgehoben wurden. + +Die Französischen Officiere bekamen noch an dem nämlichen Abend Kenntniß +von dieser Absicht, und trafen ihre Maßregeln den Feind, der ihnen +vielleicht gefährlich, jedenfalls aber höchst unbequem war, so rasch als +möglich unschädlich zu machen. + +Am andern Morgen war ein Placat an den Ecken angeklebt, worin die +Eingebornen gewarnt wurden sich durch irgend Eines Rede gegen die einmal +bestehende Obrigkeit aufzulehnen, während man Alle mit den härtesten +Strafen bedrohte, die etwas Derartiges in, den Franzosen feindlichem +Interesse, unternehmen sollten. Namen waren nicht dabei genannt, aber +das Ganze so entschieden gehalten, daß selbst Bruder Rowe fühlte sie +seien, für jetzt wenigstens, an einer Grenze ihrer Thätigkeit angelangt, +und würden wohl thun sich entweder für eine Zeitlang von dem Schauplatz +Französischer Herrschaft zu entfernen, oder doch wenigstens die Sache, +die sie nicht mehr aufhalten konnten, ihren ungehinderten Gang gehn zu +lassen, damit sie nicht zu Schaden kämen. + +Das Nähere darüber mit dem Consul Pritchard zu besprechen, suchte er +diesen auf, und fand ihn schon vollständig angezogen, mit auf dem Rücken +gekreuzten Armen mit großen Schritten in seinem Zimmer auf- und +abgehend; eine Einleitung wurde ihm übrigens schon durch dessen Anrede +erspart. + +»Sie kommen mir zu erzählen, daß die Franzosen freundlich unserer an den +Straßenecken gedacht haben?« sagte er, mit einem eigenthümlichen Lächeln +um die feingeschnittenen Lippen vor ihm stehen bleibend. + +»Allerdings Bruder Pritchard« erwiederte Mr. Rowe mit in die Höhe +gezogenen Augenbrauen und gefalteten Händen, »die Sache wird bedenklich, +und diesen tollen Papisten gegenüber, die nun einmal keine andere +Autorität auf und über der Erde anerkennen, als ihre Waffen, wäre es +allerdings an der Zeit auf einen anständigen Rückzug zu denken. Ich +fürchte besonders daß gerade Sie dabei gefährdet sind.« + +»Bah, bah« sagte der frühere Geistliche, den die Missionaire noch gerne +»Bruder« nannten, verächtlich -- »was können, was _dürfen_ sie mir thun? +-- ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe nur das gesagt was +ich, nicht allein als Consul ihrer Britannischen Majestät, nein auch +als Mensch verantworten konnte, und sie mögen sich ärgern darüber, aber +sie dürfen nicht wirklich etwas anderes gegen mich unternehmen, als +vielleicht -- was wahrscheinlich geschehen wird -- von meiner Regierung +verlangen daß sie mich abberuft; statt dem Befehle kommt dann vielleicht +eine Flotte.« + +Mr. Rowe schüttelte bedenklich mit dem Kopf. + +»Ich habe mich selber« sagte er, »früher solchen phantastischen Träumen +hingegeben, und auch mein Möglichstes, selbst bis noch auf die neueste +Zeit gethan, diesen Glauben bei den Insulanern aufrecht zu erhalten, muß +aber doch gestehn daß ich jetzt anfange mißtrauisch gegen meine eigenen +Prophezeihungen zu werden, die unsere Regierung keineswegs, nicht einmal +mehr durch eine einfache Demonstration zu unterstützen scheint. Seit der +würdige Capitain des Talbot diese Ufer verlassen hat thun diese +nichtswürdigen Feranis vollkommen ungehindert was ihnen eben gut dünkt, +und einzelne Kriegsschiffe unserer Nation, von denen wir immer +gesprochen, kommen, sehen sich die Sache an, hören auch, geduldig oder +ungeduldig was wir ihnen zu klagen haben und -- segeln einfach wieder +aus der Bai, ohne selbst einmal Joranna zu sagen. Ich kann wohl gestehn +daß die Bibel von Alt-England hier zum ersten Mal auf eine höchst +befremdende Weise im Stich gelassen wird, während es uns selber in die +größte Verlegenheit bringt, einestheils die zu unserer eigenen Erhaltung +nöthigen Schritte zu thun, und andrerseits auch wieder unserem Grundsatz +treu zu bleiben, und uns nicht in die politischen Verhältnisse des +Staates in dem wir freundlich aufgenommen wurden, zu mischen.« + +»Da kommen wir auf den faulen Fleck« sagte der Consul finster, seine +Hände ineinander reibend und seinen Spaziergang im Zimmer wieder +beginnend, in dem er nur manchmal bei der Bestärkung irgend eines +Satzes, vor dem Missionair stehen blieb und ihn auch wohl leise bei +einem Knopf faßte -- »es ist das alte Sprichwort: »wasch mich und mach' +mich nicht naß -- wir haben stets etwas darin gesucht mit etwas zu +prahlen, das an und für sich ein Unding ist, und Sie werden mir bezeugen +können wie ich selber mich von je dagegen aufgelehnt. Als Missionair bei +einem vollkommen uncivilisirten Volke _muß_ ich mich auch mit den +politischen Verhältnissen desselben beschäftigen, ich muß sie ordnen und +sichten, ich muß die bestehenden Gesetze, so weit sie mit dem +Christenthum vereinbar sind, diesem anpassen; ich muß die Strafen in dem +Verhältniß bestimmen, wie es uns von der Heiligen Schrift angegeben +wurde, und das ist die Stelle wo die Religion in die Politik eines +Landes, in dem ich eine Gleichstellung vor dem Gesetz fordere, +hineingreift und hineingreifen muß, wenn unsere ganze Arbeit nicht eben +eine vergebene soll gewesen sein. Dabei ist es hier nicht wie in einem +civilisirten Staat, wo die Gesetze nur brauchen gegeben zu werden um in +Kraft zu treten durch die bestimmten Executoren derselben, wir müssen +sie hier auch in Kraft _halten_, und das können wir nur wenn der Einfluß +nicht nachläßt, den wir, _durch_ unsere Stellung gerade als Lehrer und +Gesetzgeber, auf die Häuptlinge ausüben. Wir sind nun einmal ihnen an +Geist überlegene Geschöpfe, denen die Regierung zusteht, ob wir hier auf +diesem Boden geboren sind und ihre Farbe haben oder nicht.« + +»Damit kommen wir aber nicht durch« sagte Mr. Rowe kopfschüttelnd -- +»sobald wir das offen bekennen schreien sie Zeter über uns, und nennen +es einen Mißbrauch den wir mit der Heiligen Schrift, irdischen Ehrgeizes +und Gewinns wegen trieben. Selbst andere Nationen würden sich dann in +das Missionswesen mischen, und gleich von vornherein protestiren oder +gar störend dazwischen treten, wo fromme Männer das Kreuz hintrugen und +das Gesetzbuch aufschlugen.« + +»Fremde Nationen mischen sich doch hinein« sagte der Consul, »wie wir +den Beweis hier haben, und wer weiß ob Frankreich je so entschieden +gegen diese Indianische Königin auftreten dürfte, hätten wir die Sache +gleich von vornherein in die Hand genommen als Gesetzgeber und Richter. +Von uns konnten sie wenigstens einen Schadenersatz für die papistischen +Priester nie erpressen, und das Land wäre dann nicht verantwortlich +dafür gewesen. Doch sei dem wie ihm sei,« fuhr er rascher fort, »das ist +vorbei, und jetzt bleibt uns Nichts weiter zu thun übrig, als die Sache +auch ernst und männlich durchzuführen.« + +»Wie aber, wo wir nicht die Gewalt in Händen haben?« frug Mr. Rowe, »der +Cormorant liegt wieder da draußen, als ob er blos hergeschickt wäre eine +Ladung Perlmutterschaalen und Cocosnußöl abzuholen, keineswegs aber, als +ob hier die Interessen Englischer Bürger und die Rechte der Heiligen +Schrift unter die Füße getreten würden, und uns selber sind die Hände +total gebunden.« + +»Ich hoffe viel von der möglichen Einigkeit der Häuptlinge« sagte der +Consul, »wenn zu keinem anderen Zweck, imponirt es den Franzosen und wir +gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir für einen solchen Gewaltschritt des +Feindes feste Hülfe zugesagt und versprochen -- er wird uns, _kann_ uns +nicht im Stich lassen.« + +»Und willigt der Capitain des Cormorant ein, die Versammlung der +Häuptlinge an seinem Bord zu halten?« + +»Ich habe schon die halbe Zusage, und will eben hinüberfahren die Zeit +genau zu besprechen.« + +»Nehmen Sie sich in Acht, Bruder Pritchard« sagte aber der Missionair +ernst, »daß Ihnen der Franzose nicht doch noch, trotz aller Autorität, +einen Stein in den Weg legt; das Anheften der Plakate hat auf mich einen +höchst ungünstigen, niederstimmenden Eindruck gemacht; ich kann mich +irren, aber es kam mir vor wie eine Vorausentschuldigung gegen einen Akt +der Gewalt; die Leute sind wirklich zu Allem fähig.« + +»Aber klug genug zu wissen wie weit sie gehn dürfen, England gegenüber.« + +»Wie weit?« sagte Bruder Rowe achselzuckend, »das ist eine sehr +unbestimmte Größe, auf die ich mich, für meine eigene Person, gerade +nicht verlassen möchte; aber Sie sind gewarnt, und werden am Besten +wissen was Sie zu thun haben. Apropos, haben Sie Nichts von Bruder Ezra +gehört und was über ihn beschlossen ist? Ich habe mir die größte Mühe +gegeben, zu ihm zu gelangen, bin aber immer hartnäckig abgewiesen.« + +»Mir ist auf meine förmliche Protestation gar keine Antwort gegeben« +erwiederte der Consul, »es scheint übrigens daß Bruder Ezra klug genug +gewesen ist, trotz seiner Bibel in der Tasche hartnäckig zu leugnen, und +wenn ich recht unterrichtet bin, hält man ihn jetzt nur noch zurück, um +ihn mit dem nächsten nach Atiu segelnden Kriegsschiff dort hinüber aus +dem Weg zu schicken.« + +»Sie möchten uns Alle lieber gern auf ein Kriegsschiff packen und nach +irgend einer entlegenen Insel schicken« sagte Bruder Rowe; »die +Katholischen Priester würden dann wenigstens für ihre unausgesetzten +Bemühungen doch auch auf eigenen Erfolg rechnen können.« + +»Wir werden sehr umsichtig jetzt zu wachen haben, daß der in, von +Bayonnetten aufgewühlten Boden gestreute Unglaube, nicht um sich greift +und bleibende Wurzel schlägt,« sagte der Consul. + +»Wir sind allerdings da in nicht unbedeutender Gefahr« erwiederte Mr. +Rowe seufzend, »und _eine_ Familie hier besonders ist es, die mir große +Sorge macht, und gerade in diesem Augenblick meine ganze Thätigkeit in +Anspruch nimmt; -- aber Sie wollen ausgehn, wie ich sehe?« + +Mr. Pritchard hatte seinen Hut aufgegriffen und seine Handschuh genommen +und sagte: + +»Ja, nur an Bord des Cormorant, dort das Nähere zu besprechen.« + +»Haben Sie schon ein Boot?« + +»Es liegt an der Landung und wartet auf mich; wollen Sie mich +begleiten?« + +»Ich danke herzlich« erwiederte der Missionair, »aber mich rufen gerade +in diesem Augenblick heilige Pflichten, die ich nicht versäumen darf -- +ich habe einen höchst interessanten Fall mit einem alten bis jetzt +verstockten Häuptling, dessen Herz erst seit wenig Tagen von dem Licht +unserer Kirche erleuchtet ist, und der jetzt zu seinem Entsetzen, aber +hoffentlich noch nicht zu spät, den Abgrund erkannt, der vor seinen +Füßen gähnt, und auf den ich ihn aufmerksam gemacht habe. Wie das aber +wohl oft in solchen Fällen geschieht, gehen diese Unglücklichen da +leicht von einem Extrem zum andern über, und ich habe jetzt die größte +Mühe ihn an einem Verbrechen zu verhindern, das er begehen will seine +unsterbliche Seele zu retten; er behauptet nämlich sein Kopf sei so +lange verstockt gewesen, seine Ohren zu hören, seine Augen zu sehen, +seine Zunge zu sprechen, daß er ihn sich abschneiden müsse, auf Gottes +Altar die Sünde damit zu sühnen, denn wie er endlich die Strenge und +Furchtbarkeit Gottes begriffen hat, zweifelt er an dessen Liebe und +Allbarmherzigkeit.« + +»Möge ihn der Herr erleuchten« erwiederte Mr. Pritchard mit einem +frommen Blick nach oben, und wandte sich dabei das Haus zu verlassen -- +»so thun Sie Ihre Pflicht, lieber Rowe, _ich_ gehe indessen an ein +weniger erfreuliches Werk!« und dem von ihm Abschied nehmenden +Geistlichen, der ihn unten an seiner Verandah verließ, freundlich mit +der Hand winkend, schritt er durch den Garten oder vielmehr Hofraum, der +von einer Reihe niederer stumpfer Pallisaden umgeben wurde, nach der +kleinen Ausgangsthür zu, öffnete diese und schritt dann quer über den, +vielleicht achtzig oder hundert Fuß breiten Strand hinüber, einem +kleinen in See hinausgebauten Werft zu, dort das für ihn liegende Boot +zu besteigen, und an Bord hinüberzufahren, als er rasche Schritte hinter +sich hörte. -- Er wandte den Kopf danach um und sah zu seinem Erstaunen +einen Französischen Beamten, der, von einigen Soldaten gefolgt, rasch +auf ihn zusprang. + +»Halt!« rief ihm der Erstere, noch eine Strecke von ihm entfernt, schon +entgegen -- »halt Monsieur!« + +»Was wollen Sie?« sagte der Consul, zwar erstaunt aber doch ruhig stehen +bleibend und den Franzosen mit zusammengezogenen Brauen erwartend -- »was +wünschen Sie von mir?« + +»Sie sind mein Gefangener, im Namen des Königs!« rief der Polizeibeamte +und deutete auf die ihm folgenden Soldaten. + +»Ich verstehe Sie nicht« sagte der Consul gleichgültig, und wollte sich +abdrehen; der Franzose aber ergriff seinen Arm und den Soldaten winkend, +die den Gefangenen an beiden Seiten umgaben, zog er den entrüsteten +Mann, der gegen solche Willkür einem Englischen Consul gegenüber, +protestiren wollte, rücksichtslos und ohne Weiteres fort mit sich, in +das Wach- und Polizeilokal, von wo der Consul, ohne weitere Rücksicht +auf sein Amt oder seine Stellung zu nehmen, bald darauf nach einem, +schon allem Anschein nach für ihn bereit gehaltenen Gefängniß abgeführt +wurde. + +Und Papetee blieb ruhig. Die Bedeutung, die der Consul einer +Europäischen Macht im Ausland haben sollte, ja gewissermaßen auch seine +Unverletzlichkeit, verstanden die Insulaner nicht; der Gefangene war +ihnen auch immer mehr als Missionair wie als Consul wichtig und lieb +gewesen, denn Nutzen hatte er ihnen in letzterer Eigenschaft doch nicht +gebracht, noch sie gegen die Uebergriffe und Forderungen der Franzosen +schützen können. Daß aber die Feranis es wagten einen Mitonare +einzustecken, überstieg ihre Begriffe, und jetzt zum ersten Mal +fürchteten die Häuptlinge für ihre eigene Sicherheit. + +Die Missionaire selber erwarteten, nachdem selbst die Consulnwürde von +den Eroberern nicht geachtet wurde, das Aeußerste, und wandten sich nun +in ihrer Rathlosigkeit an die arme, selbst unmächtige Königin, wandten +sich an das Volk, sie zu schützen und nicht zu gestatten daß die Feranis +mit ihnen machten was sie wollten. + +Aber die Geduld des Volkes war noch lange nicht erschöpft, oder +wenigstens seine Gleichgültigkeit, wie sein Widerwillen gegen irgend +eine außergewöhnliche Anstrengung noch nicht besiegt, und zu der gehörte +jedenfalls ein Krieg, zu dem sie noch immer keine richtige Veranlassung +sahen. Man hatte einen Französischen Soldaten ermordet, und darüber +waren die Feranis böse, schickten eine Menge Soldaten an Land, die aber +für Alles bezahlten was sie verzehrten, und sperrten einen rothen +Mitonare, der in Verdacht stand an dem Mord betheiligt zu sein, wie +einen weißen, der besonders auf sie geschimpft hatte, ein. Das war +vielleicht unrecht in ihren Augen, aber immer noch keine Ursache einen +ordentlichen Krieg anzufangen; ja die Insulaner beschlossen jetzt +ernstlicher als je mit der ganzen Sache nichts weiter zu thun zu haben, +und wenn auch einzelne feurige Köpfe, wie besonders Fanue und +ähnliche, einen Angriff auf die »Feinde ihres Vaterlandes« offen +predigten, so verhielten sich doch die einflußreicheren, wie Tati und +Utami, noch immer ruhig, ja Paofai und Hitoti verkehrten sogar +öffentlich und auf höchst freundschaftliche Art mit den Feranis, und +beschlossen deshalb auch einen günstigern Zeitpunkt, das heißt eine +wirkliche Ursache abzuwarten, die Feindseligkeiten zu beginnen, und +Gewalt mit Gewalt zu vertreiben -- bis dahin aber sich vollkommen ruhig +zu verhalten und ebensowenig die Waffen zu ergreifen, als den +Eindringlingen auch noch Proviant zu liefern, ihnen das Leben hier auf +der Insel so angenehm als möglich zu machen. + +Lieutenant Hunt, der Befehlshaber des kleinen Kriegsschiffes Basilisk +sowohl, wie der Capitain des Cormorant hatten allerdings augenblicklich +gegen die an dem Englischen Consul verübte Gewaltsmaßregel protestirt, +konnten aber weder seine Befreiung erwirken noch etwas an seiner Lage +bessern, und Monsieur ~d'Aubigny~ erließ ein Plakat, worin Mr. +Pritchard, wenigstens indirekt, der Mord der Schildwache zugesprochen, +und er ebenfalls als die Ursache des trotzigen Betragens der +Eingeborenen, die er täglich und täglich wieder aufgereizt habe, +angesehen wurde. Seine Gefangennahme sei aus dem Grunde geschehn und +er selber solle für alle weiteren Folgen verantwortlich gehalten werden. + +Mit vieler Mühe gelang es endlich dem Capitain des Cormorant die +Freiheit des Gefangenen, aber auch nur unter der Bedingung zu erwirken, +daß er ihn an Bord seines eigenen Dampfers von Tahiti fortnahm, und sich +dabei verbindlich machte ihn an keiner Insel dieser oder der +Nachbargruppe wieder an Land zu setzen. Die Franzosen betrachteten +diesen Mann als die einzige Ursache der nicht unbedingten und +augenblicklichen Unterwerfung der Indianer, und glaubten und hofften +durch seine Entfernung jedes weitere Hinderniß ihrer Festsetzung und +unbestrittenen Oberherrschaft auf den Inseln, vollständig beseitigt zu +haben. + + + + +Capitel 8. + +Pomare's Flucht. + + +René's kleiner Haushalt befand sich indeß in wilder ungemüthlicher +Verfassung; Alles war gepackt gewesen, und nur gezwungen hatten sie im +Anfang das Nothdürftigste wieder herausgenommen, immer noch hoffend daß +sich die unangenehme Sache freundlich erledigen würde; aber Tag nach Tag +verging ohne daß eine Entscheidung kam, und René seines Wortes, Tahiti +nicht zu verlassen, entbunden worden wäre. Er war selber mehrmals bei +Mons. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig +empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung unter keiner +Bedingung aufgeben zu können, bis er zu einem Resultat gekommen sei, und +René stände als Eigenthümer des Grundstücks wo die Waffen geschmuggelt +wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer sogar des Schooners, der Sache zu +nah, sein Zeugniß, falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben +könnte, zu entbehren. »Augenscheinlich« setzte er dann zwar höflich aber +ziemlich bestimmt hinzu, »wisse er auch mehr über die Waffen, als er für +gut finde, vielleicht durch seine enge Verwandtschaft mit den +Eingebornen dazu veranlaßt, auszusagen, und wenn es seinem bekannten +Charakter nach auch nicht wahrscheinlich wäre, daß er selber irgend +etwas Feindseliges gegen seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch +nur dulden würde, so lange er es eben verhindern könnte, sei die ganze +Verhandlung noch keineswegs klar genug, so rasch und vollkommen wieder +aufgegeben zu werden; das aber müsse in der That geschehn, wenn er ihn +jetzt seines Wortes entbinden wolle.« Uebrigens bot auch Gouverneur +Bruat, wie vor ihm der Kommandant ~d'Aubigny~ dem jungen Mann an in +Französische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders zu beweisen +hoffte, daß gegen seine Person nicht der mindeste Verdacht vorliege. Zu +gleicher Zeit machte er ihn besonders darauf aufmerksam, welch +wohlthätigen vermittelnden Einfluß er da oft werde im Stande sein auf +einzelne Verhältnisse auszuüben: René erklärte aber bestimmt, hier in +Tahiti nie einen Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen, und das +sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner, sobald er wirklich +eingetreten wäre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten +zwar dankbar, aber doch bestimmt ab. + +Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten -- ja +sogar auf das Aengstlichste vermieden nach Papetee zu kommen. Er fühlte +welche Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor sich +selber verbergen konnte; ja auch Susanna mußte durch seinen Abschied, +und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks +gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf ihn gemacht, und wie +ihre Nähe den Frieden seines Hauses, seines Lebens zu stören, zu +untergraben drohe, wenn er nicht mit fester männlicher Kraft dagegen +ankämpfe, und die Leidenschaft niederhalte, die zwei Wesen zu verderben +drohte. Monsieur Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf der +Straße getroffen, wo ihn Geschäfte in das Gouvernements-Gebäude riefen, +er erklärte aber jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti zu +verlassen, und wolle den Abschied von ihm so lieb gewordenen Freunden +nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal überstanden. Mons. +Belard lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen Abschied +als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach einer nur wenige Meilen +entfernten Insel überzusiedeln gedenke, hatte aber immer zu viel +Geschäfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald, +von René rasch dabei unterstützt, auf irgend etwas Anderes, +Gleichgültigeres zu reden. + +Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und mehr und mehr drängte es +ihn dann nach Hause zurück, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit +unermüdlicher Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens daheim das Alles +vergessen zu machen, was ihm die Menschen draußen weh gethan. Das, +glaubte sie auch, drücke ihm das Herz, er wäre ja sonst nicht immer so +traurig und verstimmt zu Haus gekommen und bleich und schwermüthig +geworden, gar nicht in seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was +er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte auch die Wolken von +seiner Stirn und rief das Lächeln wieder auf seine Lippen, wie in alter +Zeit; und wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte und sie sich an +ihn schmiegte, plauderte sie ihm von Atiu und den lieben Plätzen die sie +dort wieder besuchen würden; von dem stillen Sitz an dem Palmenhang; von +dem Ihiamoea oben im Dickicht, wo er die böse Nacht verbracht; von der +kleinen Veste auf der Hügelspitze wo er sie zuerst gesehn und sie ihn +fortgeführt hatte in das friedliche Missionshaus an der Bai -- und von +den seligen, seligen Stunden die sie da verlebt. + +René lauschte, das glückliche Weib an seinem Herzen, wie in einem Traum, +der all die lieben Bilder wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge; +aber immer und immer wieder mußte er sich zwingen dazu, das Alles +_keinen_ Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines +Armes lag, und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild und seinem +Herz. Und daß er das fühlte, daß er das erkannte machte ihn unglücklich. +»Du sündigst« flüsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer +endendem Klang, »Du sündigst« sprach jeder Liebesblick aus den Augen +seiner Sadie, »Du sündigst« drängte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe +Lächeln seines Kindes entgegen, »Du sündigst« donnerte die Brandung, die +ihn einst in Schlaf gesungen, in Liebe und Glück. + +Wie um vor sich selbst zu flüchten, hatte er den Vater Conet wieder +aufgesucht, der in zarter Rücksicht bis dahin sein Haus lange Zeit nicht +betreten, weil er fürchtete daß seine Stellung zu den Protestantischen +Geistlichen Uneinigkeit säen könne in stilles häusliches Glück; er +forderte ihn jetzt selber auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange +er noch auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang des +freundlichen verständigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm +wirklich dem Freunde, der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine +solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was ihm das Herz erfüllte, +was es quäle, und Alles das trug er fest in sich verschlossen und +allein, und kämpfte still und männlich dagegen an. Es war ein Kampf der +Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr nur wuchs ihm erst die Kraft. + +Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häufiger besucht, aber fast +nur ihm zuzureden der Einladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in +eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist und Herzen doch +auch mehr bot als eine bloße Existenz, die ihm eine Aussicht auf spätere +Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als +eben nur das Bewußtsein zu haben daß man ist und athmet. Auch Vater +Conet stimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, René sei, wie +gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken +zu können sich von der Welt ganz zurückzuziehn, die ebenfalls ihre +Forderung an _ihn_ habe und sich ihr Recht dann doch einmal über kurz +oder lang zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, daß ihm das Leben +der Inseln auf die Länge der Zeit genügen würde und könne, und wie +sich _alle_ seine Landsleute für später solche Aussicht offen gelassen +-- eine Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen Ausnahmen eine +_Hoffnung_ wurde -- so werde auch er einmal den Drang wieder in sich +fühlen nach Frankreich zurückzukehren, an dessen weit geselligeres Leben +sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den Sitten, der Sprache des +fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewöhnen würde. + +Sadie schüttelte bei solchen Reden recht ernst und ängstlich mit dem +Kopf; sie hatte genug von Französischem Leben hier auf Tahiti gesehn, +sich nicht weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu leben wo sie +weiter gar Nichts mehr sehen sollte als fremde unbekannte Gestalten, wo +ihr die lieben Palmen fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen +Kinder ihres sonnigen Vaterlands? -- Nein, nein, dahinein paßte sie +nicht, und sie würde und müßte vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh. + +Auch René hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm +laut wurden und Form gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren +so viel er wollte. + +Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den +Französischen Behörden eingezogen worden, etwas mehr aus ihm +herauszubringen über jene Nacht, als ein bloßes ~aita vau i ite~ -- +ich weiß es nicht -- und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu sich genommen, +die ihr die Dienste des Knaben ersetzen sollte. Nai Nai war über die +Blüthe der Jahre hinaus, wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich +sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hübsches Mädchen gewesen +sein sollte, doch jetzt abgefallen, mager und selbst häßlich geworden. +Eine eigene Wuth die sie dabei hatte Europäische Kleider und besonders +Hüte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande ihre Reize zu erhöhen, und +Sadie lachte darüber, aber auf René machte es einen peinlichen Eindruck, +so peinlich daß er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken, wenn er +ihr auch keinen Grund dafür anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie +einen Wunsch, wenn es in ihren Kräften stand ihn auszuführen, und Nai +Nai wurde wieder hinüber nach Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und +von einem hübschen jungen Mädchen ersetzt. + +Wenige Wochen waren solcher Art nach den im vorigen Capitel +beschriebenen Vorgängen verflossen, und wenn sich auch die Insulaner +schon ziemlich über den Verlust ihres Missionairs und Consuls beruhigt +hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich der Fremden diesem +scheinbaren Frieden ein Ende machen. + +Die ~Reine blanche~ war wieder gesegelt und Monsieur Bruat hatte Alles +versucht die Eingebornen in Güte dazu zu bringen, ihnen die nöthigen +Provisionen zu liefern, aber umsonst. Wie die Franzosen behaupteten, von +den Missionairen aufgereizt, jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen +Häuptlinge, hielten sich die Insulaner in ihren Wohnungen und brachten +nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja das Gerücht verbreitete sich +sogar, sie seien gesonnen Alles was sie nicht von Früchten und überhaupt +Lebensmitteln nothwendig selber brauchten, in die Berge und den Feranis +aus dem Weg zu schaffen. + +Dem zu begegnen schritt der Französische Kommandant zu einem +Gewaltstreich, lockte vier der einflußreichsten Häuptlinge, unter ihnen +Terate, Avei und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er sie gefangen +hielt, und hätte sich fast auch noch eines andern Trupps bemächtigt, +wäre diesem nicht noch zeitige Warnung geworden, daß er in die Berge +fliehen konnte. + +Bald darauf erschien eine Proclamation vom Gouverneur Bruat +unterzeichnet, die im Namen des Königs von Frankreich und als Gouverneur +der Französischen Besitzungen, dem Volke von Tahiti erklärte daß die +vier Häuptlinge Taaniri, Raheahu, Potowai und Teraitane, da sie auf das +Wort des Friedens nicht hatten hören wollen, für Rebellen erklärt und +ihr Eigenthum mit Beschlag belegt werden sollte. + +»Acht Tage« hieß die Proclamation weiter -- »sind ihnen noch gegeben sich +zu unterwerfen. Der Distrikt der ihnen Schutz giebt soll, nach seiner +Wichtigkeit, unter eine entsprechende Contribution gelegt werden. -- Die +dem Frieden und dem Gesetz freundlich gestimmten Personen bleiben ruhig +unter dem Protectorat Frankreichs -- die Strenge der Gesetze soll die +Schuldigen treffen. + Bruat.« + +Jetzt zum ersten Mal schien das Volk zu fühlen daß es wirklich +unterjocht werden sollte, da man sich nicht allein begnügte die +Englischen Missionaire feindlich zu behandeln, sondern auch sogar Hand +an ihre eigenen Häuptlinge legte, und ein wilder Schrei des Zorns und +der Entrüstung ging durch das ganze Land. + +Pomare war zu gleicher Zeit von den Missionairen feste Hülfe von England +versprochen, und selbst alle dort lebenden Engländer bestätigten das, da +Britanien nie dulden werde, daß Einer seiner Consuln auf solche Weise +behandelt werde; nur verzögern mußte sie einen Ausbruch des Volks, damit +der Franzose nicht neuen Grund bekam zu neuen Uebergriffen, und sich +indeß ihr Recht wahren, als souveraine Königin. + +Dem Sinne folgend schrieb sie einen Brief[H] an die Häuptlinge, worin +sie dieselben zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte, aber sie +auch zugleich indirekt darin aufforderte in ihrer Widersetzlichkeit +gegen die Feranis standhaft zu bleiben, und dieser Brief wurde, wie es +heißt, von Gouverneur Bruat so aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen in +der »Rebellion gegen ihre gesetzmäßige Regierung« bestärken und +bekräftigen solle. + + [H] Pomare's Brief lautete wörtlich: »Gesundheit Euch Allen; ich + mache Euch bekannt daß unser Kriegsschiff uns bald verlassen wird; + der Admiral verlangt es nach Oahu zurück. Ein kleines Kriegsschiff + liegt hier, über uns zu wachen, ein anderes wird kommen. Horcht + nicht auf die Männer die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht + daß wir nicht unterstützt würden. Britanien wird uns nicht + verlassen. Laßt uns uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen. + + Dies ist mein Wort an Euch -- laßt unter keiner Bedingung etwas + Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die Feranis schlecht; habt + große Geduld. Nehmt mich zum Muster und folgt mir, und laßt uns Alle + brünstig zu Gott flehen, daß er uns von unserer Prüfung befreien + möge, wie einst Hezekiah. Frieden sei mit Euch. + Pomare.« + +Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam, wahrscheinlich selbst von Französischer +Seite, einen Wink, daß der Königin in Folge dieses Briefes Gefahr für +ihre persönliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr. Pritchards +Gefangennehmung überdies noch aufgeregt und eingeschüchtert, dermaßen +den Kopf, daß er auf der Stelle zu ihr zu eilen beschloß, sie auf das +Dringendste zur Flucht zu mahnen. + +Pomare war allein, als ihr der Missionair gemeldet wurde, und Bruder +Rowe mußte lange draußen warten ehe er vorgelassen werden konnte. Selbst +ihre Einanas hatte die Königin von sich entfernt; die Mädchen saßen und +lagen draußen auf der Verandah herum und flüsterten leise miteinander -- +sie wagten nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein die +Gebieterin von der Ankunft des Geistlichen zu benachrichtigen, und kam +dann zu den Uebrigen zurück, denen sie mit halblauter Stimme etwas +zuflüsterte. + +»Hast Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine?« frug der Geistliche +endlich, dem der Boden anfing unter den Füßen zu brennen -- »_weiß_ sie +daß ich hier bin und sie sprechen muß?« + +»Ja, Mitonare!« lautete die leise Antwort. + +»Und was hat sie gesagt?« + +»Mitonare soll warten« -- das Gespräch war wieder abgebrochen. + +»Mitonare soll warten« -- und die Zeit verfloß indeß, die ihr vielleicht +noch geblieben, und _mit_ der Königin waren auch alle ihre Rathgeber +gefährdet -- wer weiß was sie vielleicht in ihrem weibischen Trotz +Alles aussagte und -- gestand. + +Der Missionair ging mit raschen ungeduldigen Schritten wieder draußen +auf und ab. + +»Sie muß mich vergessen haben« rief er aber endlich, nicht länger im +Stande seinen Unmuth zu verbergen, indem er wieder vor der Einana stehen +blieb -- »fort mit Dir, Waihine -- sage noch einmal daß ich da bin, und +Pomare sprechen _muß_, denn ich hätte ihr Wichtiges -- sehr Wichtiges +mitzutheilen.« + +»Pomare hat gesagt Mitonare soll warten,« sagte aber das Mädchen, und +Bruder Rowe sah sie erstaunt und mißtrauisch an -- so hatten die Einanas +noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner frommen Schaar zu +sprechen -- »und kam diese Sinnesänderung von oben herab?« + +Er sollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Königin, +ob sie die ungeduldige Stimme des Missionairs gehört, oder selber es für +Zeit fand ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mädchen sprangen +auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten +später das kleine Gemach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte +auf der Erde saß. + +Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres Hauses zurückgezogen; +weder Tisch noch Stuhl stand in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das +einzige Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemusterte Gardinen +hingen und in dem Zug der offnen Flügel hin und herwehten. Nur Matten, +nebst einigen mit roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer +zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und ein an der Wand +befestigtes Seitenbret trug drei oder vier Bücher, eine reich vergoldete +Obertasse mit abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos +Poe-Schale. + +Der ehrwürdige Mann blickte etwas erstaunt umher, denn gerade in der +letzten Zeit hatte Pomare weit eher gesucht sich mit Europäischem Glanz +zu umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurückzuziehn; aber +die Königin selber zog seine Aufmerksamkeit bald auf sich allein, denn +sie sah bleich und abgehärmt aus, und die Spuren frischer Thränen waren +noch in ihren Augen. + +»Was bringst Du mir?« sagte sie mit halb abgewandtem Antlitz, als ob sie +sich dieses Zeichens von Schwäche schäme -- »was wollt Ihr von _mir_? +ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti -- meine Sonne ist +untergegangen und meine Nacht bricht an -- Ihr müßt von jetzt an für +Euch selber sorgen -- Pomare Waihine hat kaum noch den einzigen +Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thüre steht.« + +»Und doch bist Du noch frei, Pomare,« sagte der Missionair mit +traurigem, mitleidigem Blick -- »hast noch Dein Volk um Dich und den +blauen Himmel über Dir --« + +»Und wer kann mir das nehmen?« rief Pomare schnell, und ihr +mißtrauischer Blick haftete forschend an dem Auge des Priesters. + +»Der Feind hat jetzt die Macht« entgegnete finster der Missionair, »und +seine Bosheit ist groß.« + +Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglücksboten nur ruhig und sinnend +an, dann langsam aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen +Arm und sagte leise: + +»Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? -- sag es mir gleich heraus und leg +Dich nicht erst in den Hinterhalt -- Du thust mir weh damit.« + +»Es ist auch keine Zeit mehr zu verlieren, Pomare,« erwiederte der +Priester ernst -- »Du weißt was die Feranis mit Piritati gemacht haben.« + +»Piritati war ein Beretani« rief die Königin schnell -- »er gehörte +nicht in dieses Land -- sie konnten das wagen -- sie dürfen nicht Hand +an Pomare legen.« + +»_Dürfen_?« sagte Mr. Rowe achselzuckend -- »wir sind ein friedliches +Volk und können uns nicht zur Wehr setzen.« + +»Und wessen Schuld ist das?« frug die Königin rasch und mit einem +Zornesblick im Auge -- »wer anders als Ihr, die Ihr uns von England die +Religion gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe nennt, und die +jetzt Haß und Tod unter mein Volk bringt, wer anders hat den Bewohnern +dieser Inseln ihre alten Kriegsspiele verboten, und die Führung der +Waffen für sündhaft erklärt? wer eiferte früher dagegen, daß meine +jungen Leute ihr Cocosöl und ihre Perlmutterschalen gegen Gewehre und +Pulver eintauschen sollten wie es mein und ihr Wunsch war, und erklärte +es gegen Gottes Gebote, während Ihr Oel und Muscheln für Eure eigenen +Zwecke sammeltet und nach Beretani schicktet?« + +»Es geschah das um Gottes Wort auch auf andern Inseln zu verbreiten -- +auch andern Völkern den Segen der christlichen Religion zu bringen« +sagte mit milder freundlicher Stimme der Geistliche. + +»Ich habe das gute Buch durchgelesen von Anfang bis Ende« erwiederte die +Königin finster -- »und nirgends darin gefunden daß Jesus Christus +_gesammelt_ hat für andere Völker.« + +»Damals war es noch nicht nöthig, Pomare« erwiederte Mr. Rowe, etwas +verlegen -- »und nicht wohl ist es gethan, das Schwert zu nehmen, denn +Jesus selber hat gesagt, »wer das Schwert nimmt, der soll durch's +Schwert umkommen.« + +»Geh, geh!« sagte aber Pomare traurig mit dem Kopf schüttelnd -- »Du +hast für Alles einen Vers aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du +sagst daß sie gute Christen wären fahren eben so mit Kriegs-Canoes auf +der See herum wie die Feranis, sie nehmen das Schwert und sie kommen +nicht um, und ich habe das Schwert nicht genommen und verliere mein +Reich -- Was willst Du jetzt von mir? -- was soll ich thun? -- gehe +zurück zu Deinen Landsleuten und sage ihnen daß ich Euch hier nicht mehr +schützen kann. Ich danke ihnen daß sie mir die Bibel gesandt, aber mein +Volk ist zerstreut, meine Macht ist gebrochen -- wenn ich wieder Königin +bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.« + +»Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare« sagte aber der Geistliche +ernst, »nicht für mich Schutz oder Hülfe zu erbitten von Dir, Du +schwergeprüfte Königin, sondern Dich selber wollt' ich warnen, Dich +einer Gefahr zu entziehn, die über Deinem Haupte schwebt, und Dich in +der nächsten Stunde schon vielleicht erreichen kann.« + +»So sprich!« rief Pomare, »schon seit Du das Zimmer betreten, sehe ich +Dein Unheilkündendes Gesicht, und mein Herz ist von Angst erfüllt -- +was ist es?« + +»Vor einer Stunde etwa« nahm der Geistliche wieder das Wort, »bin ich +gewarnt worden, daß die Feranis, böse über Deinen Brief den Du an die +Häuptlinge geschrieben, Dich ebenso wollten gefangen nehmen und in +Gewahrsam halten, wie Terate und die Andern, damit Du die Eingebornen +nicht aufwiegeln könntest gegen sie. Die wahnsinnigen Menschen behaupten +jetzt die rechtmäßigen Eigenthümer Tahitis zu sein, und erklären uns +selber für _Rebellen_ wenn wir gegen sie reden.« + +Ein zorniges Lächeln flog über Pomares Züge, als sie die Worte hörte und +sie antwortete finster: + +»Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt Euere Schiffe? wo die +Kanonen die Ihr mir zu meinem Schutz verspracht? -- Euere Kriegsschiffe +haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai verlassen, Euer Consul +ist gefangen, Euere Fahne verschwunden -- wo bleiben Euere Predigten, +Euere Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosöl, da war ich Königin, +da kamen die Capitaine und sprachen schöne Worte und brachten Geschenke +-- jetzt da ich arm und verlassen bin, kommt Niemand mich zu +unterstützen. Und wohin soll ich fliehen?« + +»Es liegt ein Englisches Kriegsschiff im Hafen das Dich aufnehmen +wird, und unter Englischer Flagge bist Du sicher« rief der Missionair. + +»An Bord eines fremden Schiffes? nie« -- zürnte die Königin, »wär' ich +nicht dort Gefangene wie da?« + +»Und doch ist es das Einzige« seufzte der Missionair -- »dorthin reicht +der Arm der Feranis nicht, und wer weiß ob Du heut Abend selbst noch zu +dem Schritt Raum und Zeit behältst.« + +»Ich kann mich nicht allein in den Schutz der fremden Männer geben« +sagte Pomare, doch jetzt unruhig werdend über den besorgten Ernst des +sonst ihr so freundlich gesinnten Mannes -- »ich kann nicht allein an +Bord eines Kriegsschiffs fliehn.« + +»Dein Gatte und zwei Deiner Einanas müssen Dich begleiten« sagte Mr. +Rowe, »Pomare Tane[I] ist ja von Imeo zurückgekehrt, und wird sich nicht +weigern Dir an Bord zu folgen.« + + [I] Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel »Pomare's Mann.« + +»Weigern?« sagte die Königin zürnend, und ein verächtliches Lächeln +spielte um ihre Lippen -- »aber meine Kinder? -- was würde aus denen?« + +»Wohin die Mutter geht, gehn sie auch, und Capitain Hunt ist ein +Gentleman, der sich glücklich schätzen wird einer armen verrathenen +Frau und Königin Schutz mit den ihren zu gewähren.« + +Pomare ging, die Hände krampfhaft gefaltet, das Haupt gesenkt, mit +raschen Schritten im Zimmer auf und ab, als draußen Stimmen laut wurden +und gleich darauf Eine der Einanas den Häuptling Tati meldete, der +Pomare dringend zu sprechen wünsche. + +»Tati?« rief Pomare, erstaunt vor dem Mädchen stehn bleibend -- »Tati? +was will er von _mir_ in jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis +geschickt, seine Königin abzuholen ins Gefängniß -- send' ihn fort, er +gehört zum Feind; Pomare will ihn nicht sprechen.« + +»Wenn der Feind Dein Vaterland ist, Pomare, dann hast Du recht« sprach +in diesem Augenblick die tiefe klangvolle Stimme des Häuptlings, der dem +Mädchen auf dem Fuß gefolgt, und auf der Schwelle stehn geblieben war, +bis seine Ankunft gemeldet worden -- »schicke mich nicht noch einmal +fort von Dir, denn ich bringe ein Freundeswort.« + +»Schickt Dich der Ferani?« frug die Königin, ihn mit einem finstern +Blick betrachtend -- »haben sie Dir wieder neue Versprechungen gemacht, +oder soll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir auch +die Füße bindet, wie der erste die Hände, und mich hier hält in ihren +bewaffneten Häusern, als Geißel für die Unterwürfigkeit meines armen +Volkes?« + +Tati zog die Brauen finster zusammen und sein Blick suchte den +Missionair, als ob er dort den Grund solcher harten Anklage vermuthe, +aber das gute Element in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger fast +herzlicher Stimme sagte er: + +»Du hast Grund uns zu zürnen, Pomare, denn wenn auch absichtslos, gaben +wir dem Ferani den Halt an dieses Land, den er jetzt benutzt, es zum +Abgrund niederzureißen, aber vielleicht bin ich im Stande Dir heute zu +beweisen daß es Tati redlich mit Tahiti, redlich mit Dir meint, und +kleinliche Eifersucht seinem Herzen fremd ist, in der Stunde der Noth. +Du bist in Gefahr und mußt Papetee verlassen.« + +»Ich weiß es, ich weiß es« rief Pomare schnell -- »der ehrwürdige Mann +hier hat mich schon gewarnt, und das Schiff der Beretanis wird mich und +die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis gefangen gebe.« + +»Das Schiff der Beretanis?« rief Tati, fast ebenso sehr erschreckt als +erstaunt -- »und was hast Du bei den Beretanis zu thun? sind sie nicht +Fremde, so gut als Jene? O Pomare, wann wirst Du aufhören Dich auf +Fremde zu verlassen?« + +»Der Häuptling Tati spricht, als ob unsere Nation dem Tahitischen Stamme +je noch feindlich gewesen wäre« sagte der Missionair, »ich dächte wir +hätten bewiesen, daß wir unsere Tahitischen Brüder lieben.« + +»Genug -- genug« sagte der Häuptling abwehrend -- »nicht um mit Worten +zu streiten bin ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln ist gekommen, +und Du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob Du würdig bist das Tahitische +Volk zu regieren, wo dann Tati und alle Andern sich freudig Deiner +Herrschaft beugen werden.« + +»Und soll ich mit meiner Flucht solchen Beweis beginnen?« frug die +Königin bitter. + +»Allerdings« rief Tati rasch, »aber nicht wenn Dich die Bahn nach einem +fremden Schiffe führt.« + +»Und wohin denn? -- wo hast Du Schutz für mich?« + +»Bei Deinem Volk, Pomare!« rief der Häuptling rasch und während die +Königin finster und wehmüthig mit dem Kopfe schüttelte, fuhr er von +seiner Sache begeisterter, wärmer werdend, fort -- »schüttle nicht so +zweifelnd das Haupt, die Führer fast aller Partheien, die sich vereinigt +haben in der gemeinsamen Noth des Landes senden mich, und rufen, ja +fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen und mit ihnen in +die Berge zu ziehn. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf, und Tod den +Feinden, wenn sie es wagen sollten uns dorthin zu folgen, wo wir uns +fest und freudig um Dich geschaart.« + +»Nur bei dem Versuch in die Berge zu entkommen« warf hier kopfschüttelnd +der Geistliche ein -- »wäre Pomare fast der gewissen Gefahr ausgesetzt, +von den Feranis angehalten und gefangen zu werden. Sie würden es nimmer +dulden etwas geschehn zu lassen, was ihnen die Eingebornen zu so viel +gefährlicheren Feinden machen müßte.« + +»_Gefahr_ und _Dulden_!« rief der Häuptling, mit dem Fuße stampfend, +»ein einzig Zeichen durch die Stadt von mir und fast drei Viertel der +Bewohner schaaren sich mit einem Jubelschrei um ihre Königin. Laßt das +Volk wissen daß Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren sind, und +kein Arm der noch einen Bogen spannen und einen Speer schleudern kann, +bleibt daheim, das Ende schmachvoll abzuwarten. Nein Pomare, nicht +Furcht jetzt, nicht Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die Spitze +Deines Volks zu stellen. Die Fremden haben jetzt deutlich genug gezeigt +_was_ ihre Absicht ist, und uns bleibt keine andere Wahl, als +Unterwerfung oder Kampf.« + +»Uns bleibt die Wahl Britischen Schutz zu suchen« rief der Missionair, +neben Pomare tretend, »uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch +spät, die Hülfe bleibt nicht aus; so langsam sie kommt, so sicher wird +sie kommen.« + +Tati wollte heftig gegen den Priester auffahren; aber er bezwang sich, +er fühlte die Wichtigkeit dieser Stunde und sagte ernst und ruhig: + +»Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo Du zu wählen hast zwischen +Deinem Volk und den Fremden, zwischen Deiner eigenen Herrschaft oder +der, Beretanischer oder Feranischer Priester; -- gieb Dich wieder in +ihre Hände, und Deine Macht ist gebrochen für ewige Zeiten -- wirf sie +von Dir, und wir erkämpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen +ehrenvollen Tod. Sieh, daß die Häuptlinge _mich_ senden, mag Dir ein +Beweis sein wie wir denken -- jeder Partheistreit sei vergessen, jeder +kleinliche Gedanke an Eigennutz zerstört, das Vaterland ist in Gefahr +und wie der fremde Ferani schlau und tückisch seinen Vortheil zog aus +dem Zwiespalt der Partheien, so pflanze die _eine_ Macht jetzt siegreich +ihr Banner auf in den Bergen.« + +Die Königin stand unschlüssig; das Herz schlug ihr heftig und ihr Blick +flog ängstlich von den schönen belebten Zügen des Häuptlings nach dem +bleichen Antlitz des Priesters hinüber. + +»Und was wird aus Pomare Tane?« frug sie leise. + +Tati biß sich die Lippe -- + +»Er mag mit Dir gehn« sagte er endlich leise, »aber _wenn_ er ein Mann +wäre hätte er selber schon das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den +Waffen gerufen -- oh daß Dein Vater lebte, Pomare.« + +»Und was dann, wird aus den Lehrern dieses Volks, was wird aus uns und +unseren Häusern?« rief der ehrwürdige Mr. Rowe. »Vertrauungsvoll sind +wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu +bringen, und sollen wir jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde +zurückbleiben? So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird +ebensowohl _Dein_ Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis +fürchten unseren Stamm, mögen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie +sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflüchtet, als erklärter +Feind und mit den Waffen in der Hand, so ist nach den Gesetzen des +Kriegs Alles dem verfallen, der das Feld behauptet.« + +»Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?« rief Tati zornig, »wo das +Schicksal des ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?« + +»Viel weniger an mich« -- erwiederte ruhig der Missionair, »als an +alle meine Brüder hier auf den Inseln, ja an das Schicksal der Mission +selber, die damit ihrem gewissen Untergang entgegen zöge. Sobald Pomare +jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit +abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entscheidet +wer künftig und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt, so ist +es der Sieger, der die Bedingungen schreibt und denen sie sich fügen +muß, indeß sie jetzt noch immer Englands Hülfe sich erhält, seine +Vermittlung die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.« + +»Zum Abgrund mit der Bibel!« schrie aber der im Herzen noch immer den +alten Göttern zugethane Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den +egoistischen Geistlichen die Ueberhand gewann -- »es gilt hier nicht das +dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier für Pomare die Herzen +ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange sind. Tati +läßt auch Alles zurück was er sein eigen nennt, ebenso Utami -- wir +wollen uns selber, wollen unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind +die Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere Brodfruchtbäume +niedermähn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und +tausend andere Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da oben so +rein und frisch, wie hier im Thal.« + +»Ich will auf das Schiff gehn, Tati« sagte aber jetzt Pomare, die bis +dahin unschlüssig und ängstlich gestanden -- »der Mitonare hat recht; so +lange ich unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie kämpfe, werden +sie unser Eigenthum achten und nicht zerstören, und das fromme Werk der +Mission, das mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zu Grunde gehn; +ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder +sollen ihre Krone nicht vergossenem Blute zu verdanken haben -- wenn +Andere Unrecht thun will ich nicht selber sündigen. Und auch Du Tati, +schaudere vor dem Abgrund zurück an dem Du stehst, denn Du verachtest +die Bibel und sie ist Deine einzige Rettung.« + +»Pomare -- laß uns nicht in dieser Stunde um ein Wort, um eine Meinung +zanken,« bat aber der Häuptling -- »schicke mich nicht fort von Dir mit +solcher Antwort; noch bist Du Königin und will Dich England schützen, +wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm _erzwingst_, durch +Königliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe +flüchtest, von vorn herein gleich erklärend, ich bin zu schwach, ich +_kann_ nicht Königin sein.« + +»Da kommt Bruder Brower in großer Eile« rief Mr. Rowe da, der einen +Blick durch das Fenster geworfen -- »was wird er bringen?« + +»Unheil diesem Haus« sagte Tati düster, der in den Augen Pomare's schon +seine Antwort las, und nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare +würde den Ausschlag geben. Er sollte darüber nicht lange in Zweifel +bleiben; mit ängstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins +Zimmer, und nur einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling werfend, +dessen Parthei den Interessen Pomare's bis dahin selten freundlich +gewesen, rief er aus: + +»Die Noth ist groß Pomare, größer aber die Gefahr, denn soeben höre ich +daß die Französische Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu +halten, bis zu Abschluß des Friedens. Glücklicher Weise aber war das +Boot des Basilisk hier an Land -- sein Officier ist von mir in Kenntniß +gesetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem +Schutz seiner Flagge sicher fortzuführen -- aber der Augenblick drängt, +Du hast keine Viertelstunde mehr zu Deiner Verfügung.« + +»Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare« rief da Tati noch +einmal, den letzten Versuch zu machen, die Königin ihrem Lande zu +erhalten -- »über die Straße hinüber beginnen die Guiaven, und mein Kopf +bürge Dir für Deine Sicherheit.« + +Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's Gemach; es war ein junger +bildschöner Mann, wohl sechs oder acht Jahr jünger als die Königin, +aber mit weichen, weibischen Zügen, die Oelgetränkten Haare mit Blumen +geschmückt und die Finger mit Ringen besteckt. Auch seine Züge waren +jetzt angstentstellt, und die Männer nicht beachtend die im Zimmer +standen rief er laut: + +»Flieh Pomare, flieh -- an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit +geladenen Gewehren stehn und das Volk schreit, sie kämen Dich zu fangen +und zu binden.« + +»Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten bist Du frei,« drängte da Mr. +Rowe. + +»Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner Krieger stellen« bat Pomare -- +»der Allmächtige wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere +Hände geben.« + +»Verdorren soll der Finger der sich für Deine Sache regt wenn Du ihr +selbst den Rücken kehrst;« -- rief aber der Häuptling trotzig und +finster -- »Pomare -- hah, was ist _mir_ der Name? dem _Vaterlande_ hätt' +ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von +Uneinigkeit draus fern zu halten, selbst _Deinem_ Stamm gehorcht. Du +bist aus edlem Blut entsprossen und das Land hätte, so von jedem +Partheienhaß befreit, seiner Königin zugejauchzt und sich für sie mit +Freuden in den Kampf geworfen -- das ist vorbei, die schwarzen Männer +haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati ist für Dich verloren.« + +Noch stand Pomare zögernd, da schallte ein kurzer Trommelwirbel, eine +vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr. + +»Der Feind!« rief Pomare Tane, riefen die Missionaire -- »sie kommen +Dich zu holen.« + +»Wo sind meine Kinder« flehte die arme Königin jetzt selber von der +Angst der Uebrigen eingeschüchtert -- »meine Kinder!« + +»Hier im Zimmer bei den Einanas« beruhigte sie Mr. Brower -- »ich ließ +sie selber hier zusammenkommen, jetzt fort -- in wenigen Minuten bist Du +an Bord -- schon im Boot bist Du sicher und ungefährdet« und ihre Hand +ergreifend, die sie ihm willig überließ, folgte sie ihm hinaus. + +»Meine Kinder« rief die Königin. + +»Hier, hier -- Ihr Mädchen da rasch mit den Kindern in's Boot das am +Strande liegt -- fort mit Euch.« + +»Aber meine Matten, meine Kleider --« + +»Alles wird Dir nachgeschickt Pomare,« rief Mr. Rowe rasch -- »wir +selber wollen Dein Eigenthum schützen, das der Ferani nicht wagen darf +anzutasten.« + +Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr außer Fassung gebracht, +folgte fast willenlos den Führern, und mit den Kindern voran floh der +kleine Zug über den schmalen Strand dem zum augenblicklichen Abstoßen +bereiten Englischen Boote zu. Eine Französische Patrouille kam gerade +zufällig am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch +wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen +der recht gut gekannten Königin nicht, ja es ist leicht möglich, daß die +Franzosen sehr zufrieden damit waren einer unangenehmen Ueberwachung +Pomares solcher Art vollkommen überhoben zu sein. Sie bekamen dadurch +viel freiere und ungestörtere Hand in der Stadt, und hatten +gewissermaßen eine Verantwortlichkeit weniger. + +Unbelästigt erreichte die Königin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den +Kindern und zweien der Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und +Brower am Ufer standen und mit einem dankenden Blick nach oben die +Rettung Pomare's feierten, schoß das scharfgebaute Boot mit seiner +kostbaren Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff[J] zu, +wo die seltenen Schützlinge von dem Englischen Capitain auf das +Zuvorkommendste und Freundlichste empfangen und, so gut als der enge +Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden. + + [J] Der »~Basilisk~«, nur eine sogenannte »~catch~« von circa 200 + Tons. + +So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten, +und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation +zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres +ersten Missionairs gestört werden konnte, so heftig erschütterte dagegen +das Gerücht: Pomare hat fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth, +und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden +Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die +Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rüsten. Halb +Papetee stand einsam und verlassen, während die Eroberer, damit gar +nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie +theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten, +zugleich aber auch mit vereinten Kräften daran gingen den Wall und +Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie +überhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen +eine Ueberzahl der Feinde schützen konnte. + +Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig -- kein wirklicher Ueberfall +geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer +sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt +noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Männer deutlich +genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden. + + + + +Capitel 9. + +Der erste Kampf. + + +Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzosen lief aber auch, +wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch +trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Insel, und das Volk fing +jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge +eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bündniß +mit den Häuptlingen schloß, und seine Priester ihnen herüberbrachte. +Dumpfe Gerüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich aller +ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's +geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran +gedacht hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf, +Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln +zwischen ihnen zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer +zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regsamkeit, die einen +ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als +eine Unmöglichkeit erscheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund +zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer +Parthei; das Geschütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu +entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden, _konnte_ das +nicht lange auf sich warten lassen. + +Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner +von Tahiti) Nachmittag -- und Bruder Dennis hatte an diesem Tage +Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses +freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz +wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon +aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie +gleichgültig an sich haben vorübergehn zu lassen, und wenn auch +äußerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing +sich zu regen, waren unter der Hand die Rüstungen mit vielleicht nicht +weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's. + +Schon während der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes +Französisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Küste täglich auf- und +abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier +dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natürlich +von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt. +Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die +»Papisten und Sabbathschänder« sprach, die Herzen seiner Zuhörer mehr +noch mit Zorn und Entrüstung füllend. + +Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich +ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und +wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und +die Mädchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit +ihnen scherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem +Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer +Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schönen zuletzt gereizt, selbst +ihrem Uebermuth, hätte irgend eine Grenze gesteckt. + +Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten sich übrigens damit am +Ufer, oder in der Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes +kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst +schon lange vorüber war und sich die einzelnen Familien in ihre +Wohnungen zurückgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur +theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächsten +Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuser zerstreut unter vorhängenden +Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten und +kleinen Guiavendickichten hinaufzog. + +Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine Gruppe sorgloser fröhlicher +Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen +Brodfruchtbäumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am +Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt, hie und da eine sogar auf ihre +Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in +einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, während +die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu +Vieren oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger +Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß +sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges +befände, und den Feind unter sich wußte, der es schon geärgert und +gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten +konnte. + +Zwischen den Frauen waren drei reizende junge Mädchen, zwei von Tairabu, +und eine, ein Gast in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene +reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der beiden Jungfrauen, die +sich lächelnd zu ihr hinüberneigten, erzählte die Fremde den Freundinnen +von der Stadt an der andern Seite der Insel, von den frechen Wi-Wis die +ihre Waffen und Kanonen an Land geschafft, und die Herren sein wollten +der ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen Sitten und +Gebräuchen, von ihren großen Bärten und heißen Kleidern, von der +wunderlichen Sprache -- wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi +sprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie -- fuhr die Jungfrau +leise und schüchtern fort, den Mädchen nachstellten und ihnen stets von +ewiger Liebe sprächen, und sie dann wieder verließen wo sie ein anderes +junges Gesicht gesehn. + +Es war ein liebliches zauberschönes Bild, diese drei jungen Kinder der +Insel mit den blitzenden sprechenden Augen und üppigen Formen, denen die +Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch höheren Reiz verlieh. Und +dicht hinter ihnen saß ein alter Mann, in seinen Tapamantel +eingeschlagen, und an den Stamm an einer hochwüchsigen mit goldgelben +Früchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt, finster vor sich +niederbrütend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mädchens +lauschend. Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das heiße Blut +die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte, als er den Uebermuth der +frechen Fremden von rosigen Lippen lachend bestätigt hörte, und der die +Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie sie die +Schmach schon so lange ertragen, und immer und immer noch nicht +losgeschlagen hätten in das Herz des Feindes hinein. + +Lautes Geräusch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tönten zu +ihnen von unten herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der die +Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen auch jetzt, die Mädchen +neckend und die Männer ärgernd, bis zu ihnen herauf. + +»Die Wi-Wis« -- die Mädchen drängten sich neugierig vor, ob sie nicht +irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen +Gestalten erkennen könnten, schüchtern aber dabei und bereit zu +augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall gewesen wäre. +Trommeln wirbelten indessen unten im Thal, aber nicht der bekannte +fröhliche Laut zum jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem +schroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen herauf die von der +munteren Soldateska mit herüber genommen waren die Herzen der Hörer zu +gewinnen. + +Fester Tritt und lautes Lachen schallte da näher und deutlicher zu ihnen +herüber, und unten am Hang, in den Gärten schon wo die Reihen sorgfältig +gepflanzter Bananen und süßer Kartoffeln standen, wurden die bunten +Uniformen der Fremden sichtbar, die an den Fruchtbäumen, wenig sich um +den Eigenthümer kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu suchen und zu +pflücken. + +Die Mädchen welche aufgesprungen waren und rasch mit einander geflüstert +hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurück. +Was hatten sie zu fürchten an _seiner_ Hütte? glaubten sie daß der +Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen ungestraft zu beleidigen? Die +Mädchen schämten sich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der +Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und sie faßten +sie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen +sie wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon nicht recht daß +sie dableiben mußten, und nun wollte das Mädchen von Papetee sie auch +noch dazu allein lassen -- das ging unter keiner Bedingung an. + +Die Franzosen, von denen einige mit ihren Seitengewehren bewaffnet +waren, drei oder vier sogar ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch +in die leichte Tracht der Europäer auf den Inseln, weite Hosen und +Jacken und breiträndigen Strohhut gekleidet gingen, kamen indeß näher +und näher und steuerten, als sie die bunten Kleider der Mädchen vor dem +Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu. + +Die Männer oben hörten dabei auf zu singen, und blickten finster auf die +ungebetenen Gäste, die hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des +eigenen Hauses störten, und die Mädchen rückten enger zusammen, und +flüsterten ängstlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf sie +zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten nicht +einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme fest +auf der Brust gekreuzt, in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst +und fragend an. + +»Hallo Waihine's!« rief da der Eine der Franzosen in ihrer Sprache -- +»auf mit den Köpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das +Näschen im Schultertuch -- aufgeschaut Dirnen und laßt ein vernünftig +Wort mit Euch reden. -- Vor Allem sollt Ihr mir eine Frage beantworten, +und ich weiß Ihr könnt, wenn Ihr wollt.« + +Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die +Fremde senkte ihr Köpfchen tiefer und tiefer, und glühendes Roth schoß +ihr über Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken selbst bis unter das +Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mädchen bemerkend +und kaum noch im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm kochte und +gährte, sagte finster, die Feinde seines Vaterlandes mit den Augen +messend: + +»Und was habt _Ihr_ für Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen, +zu dem man Euch nicht das ~hare mai~ gerufen hat? -- fort mit Euch wohin +Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter über das blaue Wasser +nach den Lee-Inseln; unsere Augen schmerzen von Euerem Anblick.« + +»Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen, alter Bursche, wenn Du so +unverschämte Reden führst!« rief Einer der Bewaffneten drohend; +»übrigens hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern mit den Dirnen +hier, so warte hübsch bis Du gefragt wirst -- hallo hier Waihine, gieb +Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Kuss« sich +niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten Arm um ihren schlanken +zitternden Körper, während sie sich ihm mit lautem ängstlichem Ruf zu +entziehen suchte. + +Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber +auch Einer der Franzosen das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm +nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen: + +»~Nahuihua~ -- bei Allem was da lebt -- die Perle die ich suchte; da +bist Du ja, Mädchen!« + +»Zurück -- Le-fe-ve« -- rief aber die Schöne mit zornfunkelnden Augen -- +»zurück falscher Wi-Wi -- todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus +Aumama -- und sie hat den Fluch über Dich gesprochen.« + +»Aumama?« rief Lefévre etwas bestürzt, »sie ist hier?« jede weitere +Unterhandlung wurde aber rasch und plötzlich durch den greisen Häuptling +selber abgeschnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwischen die Fremden +sprang und Lefévre, denn dieser war es wirklich, an der Schulter faßte +und zurückschleuderte von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und +dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen. + +»Fort mit Dir!« schrie er und sein Auge blitzte -- »fort mit Dir +falscher Wi-Wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule +und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit +Dir, meineidiger feiger ~Huapareva~[K] oder Du sollst den Tag +verfluchen der Dich zu unserem Leid an diese Küste gebracht!« + + [K] Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf altem Schilf + schwimmend gefunden wird, und womit die Insulaner Personen von + unbekannter dunkler Herkunft vergleichen. + +»Teufel!« schrie aber Lefévre in toller Wuth, der von der kräftigen Hand +des Alten seitab geschleudert wirklich Augenblicke brauchte sich im +Gleichgewicht zu halten daß er nicht zu Boden fiel -- »Teufel!« und sich +in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm führen, +aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit +kräftiger Faust dermaßen gegen die Stirn, daß er betäubt einen Schritt +zurücktaumelte. + +»Rebellion!« schrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn spannend +und die Flinte emporreißend, schlug er auf den ihm trotzig +gegenüberstehenden Häuptling an und feuerte. Die Kugel wäre dem alten +Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich gewesen, hätte +nicht ~Nahuihua~, während die beiden anderen Mädchen flüchteten, selber +den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeschlagen, das +tödtliche Blei durch das Dach des Hauses zu senden. + +Jetzt aber sprangen auch die andern Männer empor, an dem beginnenden +und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen; +Lefévre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kümmerte sich nicht +weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen +hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen, sondern +sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in +Todesangst der Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher +Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden +auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein +Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen. + +Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei +der Frauen stürzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der +Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erschien, +gleich nach dem ersten Schuß, eine andere Frau, ein junges schönes Weib, +die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das +Schultertuch selbst gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten, +wild und verstört wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer +Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die +Kämpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester +Hülfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich +sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang +sie zu retten -- sich selber zu rächen. + +Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der +Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte, +sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit +Gedankenschnelle die Waffe an sich reißend, floh sie den Hang nieder. +Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild +hinterdrein, aber was achtete das die Rasende -- wie eine zürnende Göttin +ihres Waldes, und so schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den +Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war sie +dicht hinter ihm. + +»Le-fe-ve!« hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort über die Lippen, +aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz +-- »Le-fe-ve!« und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen +Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die +Büsche glitt, während das zürnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den +erschreckt Zurückfahrenden ansprang. + +»Dieb!« schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, »falscher +schurkischer Dieb!« und wäre die schwache Hand gewohnt gewesen eine +Waffe zu führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verräthers +niederschmetterte, hätte für diesen keinen zweiten nöthig gemacht. +Selbst so traf er den rechten Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er +kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten +Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm so schändlich +verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos +wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder, +zum Strand zurück. + +Von dort aber stürmten indeß die Franzosen gleich nach dem ersten Schuß +in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die +Sachlage wesentlich verändert hatte. + +»Sind wir Hunde?« schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu +kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden +zu -- »daß Ihr uns so behandelt? -- wir waren ein ruhiges Volk, wir +_wollten_ Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in +das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!« + +»Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat, »so, das für Dich, Du rothe +Giftkröte!« und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und +drückte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie +leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum. +In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn +geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er +damit die Stirn des Unglücklichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den +Lippen leblos zusammenbrach. + +»Nieder mit den Verräthern!« schrieen die Franzosen, »hierher Kameraden +-- hierher zu Hülfe!« und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem +benachbarten Orangendickicht, während eine Schaar von französischen +Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach ein dunkler Haufe von +Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten +Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber feuerten sie +mitten hinein in den Schwarm, der sich also überrascht und bestürzt in +der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich von +den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet. +Die Franzosen aber merkten jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit +einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während sie +sich hier höchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt +hatten, und in dem dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in die +Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend, und jetzt nur auf +Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab +und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die +Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurück den sie gekommen. +Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergossene Blut der +ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen +sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde +wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand +wieder erreichten. + +Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen neuen Angriff +machen, theils die Insulaner zu züchtigen, theils einzelne ihrer +Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen, +zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schicksal, zu +überlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der +endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten +Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen +sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher +Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, daß +dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe +zurückrudern mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den +Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmäßiges aber von wenig +Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in +den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen +wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die +Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen +waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach +Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls +höchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu +bringen. + +An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen +vierzig und fünfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande +waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte +und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde. + +Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein +Kriegsdampfer, und die ~Jeanne d'Arc~ mit den nöthigen Marinesoldaten +abgeschickt, die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen, während die +Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Läufer +Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den +Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwärmen in der Nähe der +jetzt vollständig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen +Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde +dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie +mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich verlassen +hatte, einen temporären Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen. +Die Besatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste +verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber +angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten +Angriff der Eingeborenen gegenüber, schwebte, recht gut bewußt. + + + + +Capitel 10. + +Der Abschied. + + +Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche geworden, daß René +selber fürchtete außerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in +einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der +Europäer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu +sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch +jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen würden. Welche +Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer +solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee -- +Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem +Grundstück lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was +sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein +länger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen +Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber +unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie zu wirklich entschlossener +Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte +in dem ehrwürdigen Mr. Nelson. + +Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz kürzlich erst +wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest +bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes +Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie +bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem +Geständniß, während sie sprach, und Worte fand für das, was ihr bis +dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es +auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar +gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte, +von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie öffnete dem alten +ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie +dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That +noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und +glücklich werden könne. René liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein +Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geöffnet, -- nur +der Verführung mußte er hier entzogen sein -- nur erst wieder vergessen +was er Alles aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder gut wie in +früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange +trüb gewesen -- recht trüb und traurig. + +Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten +wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte, +der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt jetzt Einer der +leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer +Wallfischfänger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen +Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der +Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten +an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt +Sadie und René den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien +einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon +die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben würde ihn zu +begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht René +seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie +Alles geordnet hatte, seine längst besprochene Uebersiedelung +auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht für ihn, und +verzögerte sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit +aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein, wenn der Kampf +hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber +war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald +er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen. + +Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich von René, und wenn auch +nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte +in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte +-- _durfte_ sie den Gatten hier allein zurücklassen, wo ihm vielleicht +noch Gefahr für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, für +sein Leben drohte? Und _allein_ nach Atiu zurückzukehren? -- sie hatte +sich das so ganz anders gedacht -- so lieb und glücklich sich das +ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am +Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen +würde -- wenn die Thäler und Hänge dem Meer entstiegen -- rechts und +links das niedere Palmenbewachsene Land austräte von den Gebirgen, und +höher und deutlicher würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung +zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt -- Ach sie seufzte +recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, daß sie das +Alles jetzt _allein_ nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick +doch das Bewußtsein halb ertödten müßte -- _er_, durch den Dir die +Plätze und Thäler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum +Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das +Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und +Kind nicht bei sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben. + +Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht +hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen +aus der Nähe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr +_nieder_blickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß +stillen konnten und -- mochten, ein Herz zu finden dem sie sich +anschlösse, eine Brust in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der +sie zujubeln durfte was sie freue. + +René sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind +vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier +aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber auch recht gut, +wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so günstige Gelegenheit zu +finden auf einem großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer +Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen, +von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten +zu dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem +sich die Französischen Behörden ganz besonders solche Mühe gaben, irgend +etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf +der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte sich nicht das +Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf +seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß sein +Ueberfall an dem Abend, René wußte selber nicht wie, bekannt geworden, +und man ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die seine +Untersuchung leitende Behörde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach +das aber wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten +Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu führen, Nichts gewußt zu +haben; was hätte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die +Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer +müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu +zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an +Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den +geringsten Verkehr zu haben. + +René ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem +die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und +ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn später seine +Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln +stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden +Augenblick bereit gewesen sich zu stellen. + +Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getäuscht sehen; +Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer +Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im +Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der +Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe +hinübermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls +bedenkliche Nachrichten über den Zustand der dortigen Verhältnisse +eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache +beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat +den jungen Mann nur noch höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten +Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung +zurück sein müßte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher +nichts weiter im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings geben +könne, daß sich der Gouverneur selber dahin geäußert habe die +Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven +Beschluß vermochte er selber nicht zu geben. + +Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am +nächsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu +können, beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem raschen +Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde. Ohne Weiteres beschloß er +nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem +bequemen Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu +willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen +Güter, das am nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier +Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr. +Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach +Hause zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so +manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie +zuzubringen. + +Die letzte Nacht -- es liegt ein eigener, wehmüthiger Zauber in dem +Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz +verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei +selbst gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns +fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und +trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt +verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter +den Füßen gebrannt, und wenn wir fort _dürfen_, wenn die Welt frei und +offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin +hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches +Gefühl von Weh und Reue fast die Brust -- wir stehn und zögern, wenden +uns zum Gehn, und der Fuß ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon +oft im Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich _warum_? -- zum letzten +Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise -- zum letzten Mal +betret ich ihn vielleicht -- dazwischen liegt die Ewigkeit, und der +Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt +schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der +Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist nicht mehr +die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten Platz -- es ist die +Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber. + +Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit +allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert, und nicht +loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt +stößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu +eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum. + +In ernstem Schweigen blieb René stehn, als er den freien offenen Platz +erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er seit +Jahren nun sein eigen genannt, überschauen konnte, und trübe +schmerzliche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten. Manches +Andere gesellte sich noch dazu -- er war gealtert seit er sich einst hier +angebaut, gealtert an Leib und Seele -- und mehr noch an Seele wie an +Leib. Und hatte sich Alles das erfüllt was er hier einst gehofft? -- war +das Wahrheit geworden, was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz da +vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden Farben? bot ihm die +Zukunft noch, was sie ihm einst in schöner Zeit versprochen? -- doch +fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele +jagten, fort -- sein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift -- für +ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da +noch mishandeln erst und quälen. + +Und als er noch so da stand und, erst die düsteren Geister gebannt, aus +dem Schatz seiner Erinnerungen all die lieben seligen Bilder herauf +beschwor; das Glück in dem er geschwelgt, den süßen Frieden den er hier +gefunden, als ihn die ganze Welt zurück gestoßen und das Herz verschmäht +das er ihr bot, da schoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn. +Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich höher, freier -- seine +Lippen lächelten und jetzt? -- der laute fröhliche Jubelruf des +glücklichen spielenden Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte +Thür des freundlichen Häuschens trat sein Weib, das herzige Mädchen auf +dem Arm, auszuschaun nach dem so lange bleibenden bösen Vater, und mit +einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung, hatte sein treues Weib +umfaßt und an sein Herz gedrückt, das sich an ihn schmiegende Kind auf +dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen wie in alter Zeit. + +Jetzt erzählte René auch der, darüber fast wieder traurig werdenden +Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der +Gouverneur den lächerlichen Proceß wolle fallen lassen, wegen dem Mord +der Schildwacht, bei dem er ja doch wahrlich nicht betheiligt gewesen, +so daß er nun gleich nachfolgen könne, sobald Jener zurückgekehrt -- und +lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen standen, +und jeder Tag den Aufstand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte. + +So sollte denn Sadie morgen endlich zurück kehren nach ihrem lieben +Atiu, und bis sie dort Alles mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare +Hülfe in Ordnung gebracht, konnte René auch schon wieder eine +Gelegenheit gefunden haben nachzukommen -- die wenigen Tage oder selbst +Wochen gingen rasch vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war +wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmeninsel, und die Kleine +schrie und jauchzte vor lauter Lust, als sie die Mutter so lachen sah +und fröhlich sein. + +Den Abend plauderten sie noch bis spät in die Nacht hinein und am +anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte daß es nun bald an den +Abschied ging, hatte sie so viel zu thun, daß sie gar nicht Zeit bekam +daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten +mußten bis Alles zusammengerollt und eingeschnürt zum niedertragen +fertig lag. Nur das Nothdürftigste behielt René zurück, jetzt durch so +wenig als möglich belästigt zu bleiben, und das Wenige dann +mitzubringen, wenn er selber käme. + +Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte, sollte das Boot +wieder da sein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der +Wallfischfänger in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen. + +Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefahren und um die nächste +Landspitze verschwunden, und René und Sadie standen noch und schauten +ihnen nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach dem _leeren_ +Haus zurück zu gehn, da hörten sie Schritte hinter sich und Sadie stieß +einen leisen Angstschrei aus, während sich Renés Brauen finster und +drohend zusammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange +düstere Gestalt des Missionairs Rowe feierlich und ernst herunter +schritt, und unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die +beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und +vorgestreckten, nach unten gedrehten Händen, wie segnend grüßte. Seine +Lippen lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster Brust +geholte Seufzer, der das kaum hörbar geflüsterte Amen begleitete, +verrieth das Mitgefühl, das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die +um ihn her sündigten und litten. + +»Und welchem glücklichen Zufall habe ich die Ehre dieses in der That +unerwarteten Besuchs zu danken?« sagte René kalt, als der Geistliche +noch einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor ihnen stehen +blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als sonstigen Gruß oder Anrede zu +sagen; »oder hat Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das +wahrscheinlichere, ein paar Thüren zu weit gegangen, wo er dann freilich +mitten hinein ist gerathen in die »papistischen Gräuel« und den +»Baalsdienst«. + +»René« bat Sadie, und drückte leise und bittend des Gatten Arm, aber das +Herz war ihr selber fast wie zugeschnürt, denn jedem entscheidenden +Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so ernst und +finster wie er jetzt da vor ihr stand; und hatte nicht immer sein Kommen +ihr Leid gebracht, und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung, der +sie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte ihr sein Anblick die +Brust, das Herz in dieser Stunde, und sie mußte sich zwingen den leisen +Gruß auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte weder +Gruß noch Freundes Wort; nein, aus sich selber heraus quoll ihm des +heiligen Wortes Spruch und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost +und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild wohl brachte, aber das +Herz kalt ließ dabei und unbefriedigt. + +»Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine +Schwelle geführt« erwiederte Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen +Anrede des Katholiken, »aber Du und die Gattin die Du Dir erwählt, Ihr +Beide steht an einem Abschnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort +eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen +sollte.« + +»Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den Beweis gegeben« unterbrach +ihn rasch René, der sich nicht helfen konnte dem Gedächtniß des +Geistlichen mit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht in +Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich bei dem frommen Mann +geirrt. + +»Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und +Seinen Werken« sagte er ernst und feierlich, aber keineswegs erzürnt +über die finstere Mahnung des jungen Mannes. »Was ich gethan und wie ich +gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und +siehe da, vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege sind +aber wunderbar, und Er führet Alles zum Besten hinaus, und Ihm deshalb +sei Ehre und Preis in der Höhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmüthig +selber richten wollen.« + +René wollte reden, aber der leise Druck von Sadieens Hand lag bittend +auf seinem Arm, und er biß nur die Unterlippe ein und wandte sich halb +ab von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde nicht +verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs für ihn +darin, wie er jetzt dem, dieser Verbindung so feindlich gesinnt +gewesenen Priester gegenüber stand. Mr. Rowe übrigens, unbekümmert um +Alles was in der Brust des Franzosen, dessen Gesinnung gegen ihn er +vollkommen gut begriff, vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm die +Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos und zitternd überließ und +mit den Worten -- »lasset uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu +dieser Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter, für und für«, +führte er die etwas erstaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in +das Haus, dort, wie er ihr sagte, ungestört ihre Augen und Herzen zu +Gott erheben zu können. + +René blieb wirklich erstaunt über diese fabelhafte Ruhe -- und er hatte +noch einen anderen Namen dafür -- zurück, und sah ihnen nach, dann aber +mit dem Kopf schüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich nahm er sein +Kind auf den Arm und sprang und spielte damit am Strand herum, die +Rückkunft des frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten. + +»Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen« murmelte er dabei vor sich +hin, indem er zuletzt ungeduldig werdend am Strande auf und ab ging, und +durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen suchte, »ein +Selbstvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt +mir der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig +nicht als ob er sich schämen müsse mir in's Auge zu sehn, nein, als ob +er mir verziehen hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet. +Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschießen solche Fragezeichen der +Schöpfung unter uns herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des +Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehört aber Geduld dazu, und +verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in +diesen Tagen einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein +donnern in den Kram. Und wer leidet nachher darunter? sicher nicht diese +Schleicher, die sich wohlweislich einzudrücken verstehn und mit einem +frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darüber zu Grunde gehn +sehn -- hol' sie Alle der Henker. -- Und wo er nur bleibt?« -- setzte er +dann nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren Blick nach +seiner Thür hinzu -- »es gehört bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu, +mit diesen -- Heiligen fertig zu werden.« + +Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte das sogar ganz genau, wie +gern ihn der Franzose bei sich sah, hielt es aber für unumgänglich +nothwendig, seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz +aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig eine Gelegenheit +gesucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken +wieder auf etwas freundschaftlichere Weise anzuknüpfen; jedenfalls aber +eine Entschuldigung zu finden sein Haus in seiner Gegenwart zu besuchen, +um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. _Der_ Zeitpunkt war +ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht nicht wieder bot, und +der Erfolg bewies daß er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber +auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder verlieren +wollte, und deshalb das Gebet vielleicht rascher beendend, als er es +unter anderen Umständen gethan haben würde, erhob er sich wieder, +stäubte sich die Knie ab, küßte Sadie inbrünstig auf die Stirn, legte +seine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt und führte sie dann wieder +mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an +der Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in den Seinen zog, und +dann den Geistlichen ansah, als ob er seiner Entfernung nicht das +mindeste in den Weg zu legen wünsche. + +Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlassen hätte +ehe er es selber für Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des +göttlichen Wortes nach Kräften ausgestreut zu haben; fiel der dann auf +unfruchtbares Land, so war das nicht seine Schuld, und er hatte sich +selber keine Vorwürfe darüber zu machen. In einer ziemlich langen +Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er sich dann noch +einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht kränken mochte und +sonst dem für ihn höchst langweiligen Gespräch wohl bald ein Ende +gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beschrittenen Bahn des Guten, die er +hier auf Tahiti, als eine schätzenswerthe Ausnahme von seinen +Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur Gott +ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere Missethat des Mordes +verzeihen wolle, und verkündigte ihm dann, als er merkte wie René jetzt +wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund öffnete zum trotzigen +Einwurf, daß er dafür gesorgt habe ihre alte früher innegehabte Wohnung +in Atiu wieder für sie herrichten zu lassen; daß das Dach neu gedeckt, +das Haus gereinigt und gelüftet sei -- eine nicht ganz unnöthige +Vorsicht des sonst sehr leicht darin nistenden Ungeziefers der +Centipeden wegen -- und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich +beziehen könne, als ob sie es nie verlassen habe. + +»Das Haus uns hergestellt?« rief René allerdings im höchsten +unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern Abend ja den Entschluß +gefaßt, und Wochen dazu gehört haben mußten das anzuordnen und +auszuführen -- »und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?« + +»Aber René« beschwor ihn seine Frau. + +»Gebeten? -- Niemand --« erwiederte jedoch in voller Ruhe der +Geistliche, »aus freiem Antrieb hab' ich das gethan. Seit jener Nacht« +fuhr er dann mit einem wehmuthvollen Blick nach oben fort, »wo jene +fatale Sache mit der Französischen Schildwacht hier geschah, wußt' ich +daß es sowohl Ihr, wie besonders Prudentias Wunsch war, sich wieder +zurück nach Atiu zu ziehn. Es war das Beste auch für sie, sie konnte +dort ungestörter ihrem Gotte leben, nicht abgelenkt durch sünd'gen +Wandel mehr, und alle Reize der Verführung die hier in Papetee des +Satans Macht zu gold'nem Netze auslegt -- es war die höchste Zeit für +sie, zurückzukehren zu dem stillen Frieden jener Insel die ihre Heimath +nun doch einmal ist.« + +Renés Blut kochte, denn recht gut fühlte er, wie der Geistliche zum +ersten Mal wieder die Hand ausgestreckt, in sein Familienleben +einzugreifen, und wie er jetzt gleich entschieden auftreten müsse, ihn +von allen derartigen Versuchen zurückzuschrecken. Sadie dagegen sah in +dem freundlichem Wort, ihr Herz ja selber kein anderes Gefühl bergend, +nur Liebe und Versöhnung, und mit Freude strahlenden Blicken die Hand +des Geistlichen ergreifend, drückte sie diese in frommer dankbarer +Inbrunst an ihre Lippen, René aber, ihren Arm erfassend, zog sie zurück +und sagte finster: + +»Laß das Sadie; der Herr da meint's vielleicht recht gut, und ich will +gern Vergangenes auch vergessen, doch damit, hochwürdiger Herr hab' ich +auch Alles gethan was ich vermag, und muß Sie ernstlich bitten sich +nicht um irgend etwas mehr zu kümmern, was mich, Sadie oder mein Haus +betrifft.« + +»Herr Delavigne« rief der Geistliche auffahrend, und ein Blitz aus +seinem kleinen lebendig grauen Auge traf den Franzosen in nichts weniger +als christlicher Demuth -- »Sie gehn zu weit -- Prudentia ist +Protestantin, und ihrer Seele Heil fordert der Herr einstens vielleicht +von mir.« + +Ein spöttisches Lächeln zuckte um des Franzosen Lippe als er erwiederte: +»Genug und über genug, ich habe keine Lust mich jetzt noch in religiöse +Spitzfindigkeiten einzulassen; Sie wissen daß Sadie mich bald verläßt +und Manches hat sie mir wohl noch zu sagen, Manches ich ihr -- ich +hoffe doch Sie werden mich verstehen.« + +»René« bat die Frau mit leiser flehender Stimme. + +»Ei beim Teufel« zürnte aber der junge Mann mit dem Fuß stampfend -- +»der Herr hier weiß wie wir zusammen stehn und sollte es vermeiden +Scenen zu erneun, die nur für beide Theile unangenehm sein können. Ich +bedarf seiner Einmischung in meine Angelegenheiten nicht -- ich verlange +sie nicht und, beim Himmel, ich _will_ sie nicht dulden.« + +»Herr Delavigne -- Sie trotzen auf die Macht die Ihre Landsleute in +diesem Augenblick gerade hier besitzen« rief der Geistliche aber jetzt +auch gereizt. + +»Ich trotze auf die Macht die mir mein Hausrecht giebt« rief aber der +junge Mann. + +»Ich glaubte Sie mir zum Dank verpflichtet zu sehn« sagte der Missionair +da, der seine ganze Ruhe wieder gewonnen -- »und bedaure, mich geirrt zu +haben.« + +»Er hat es so gut gemeint, René« bat die Frau. + +»Die Minuten verfliegen« rief aber der junge Mann, »und wenige nur sind +noch die unseren -- in kurzer Zeit kann das Boot hier sein, Sadie, das +Dich mir entführt.« + +»Ich sehe wie es steht« sagte der Missionair ernst und fast traurig -- +»Gottes Wort wird überflüssig wo der Welt Stolz die Zügel faßt und dem +ewigen Verderben mit raschen flüchtigen Schritten entgegeneilt. So lebe +denn wohl Prudentia -- die Stunde schlägt die Dich jenem stillen +freundlichen Insellande wieder zuführen soll -- möge es dieselbe sein, +die Dich auch wieder zu Gottes Vaterhuld zurückführt. So bete zu ihm, +daß er Dir gnädig Deine Sünden vergeben möge und behalte und wahre ihn +in Deinem Herzen, der das Licht ist und Heil und die Hoffnung der +Gläubigen in aller Ewigkeit -- Amen.« + +Und mit diesen Abschiedsworten hob er das Kind, das Sadie indessen +wieder an sich genommen, zu sich auf, küßte und segnete es, gab es der +Mutter zurück, neigte noch einmal die Hand gegen sie, und den finster +dabei stehenden, den Gruß kalt erwiedernden Gatten und schritt dann +langsam durch den Garten, durch dessen Pforte er bald darauf verschwand. + +Sadie aber lehnte ihr Haupt leise an des Gatten Brust und flüsterte mit +weherfüllter Stimme: + +»Oh René, Du hast mir weh, recht weh gethan, mit Deinen heftigen, +undankbaren Worten --« + +»Undankbar Sadie?« + +»Er hatte es so gut um uns gemeint, und Du hast ihn so kalt und heftig +abgewiesen.« + +»Täusche Dich nicht, mein Lieb,« sagte René, sie fest an sich pressend +-- »der stolze Priester meint's mit Niemand gut, und wenig Dank werd' +ich ihm, vor allen Andern schulden. Er weiß das selber auch am Besten +und _kann_ nichts Anderes erwartet haben. Ach Sadie, es war mir ein gar +so wehmüthiges, ja bitteres Gefühl, daß sich der finstere Gesell gerad' +in der letzten Stunde noch zwischen uns stellte und die Herzen +auseinander hielt. Ich weiß nicht mir schnürt's die Brust noch jedesmal +zusammen in seiner Nähe.« + +»Ach mir ist's auch ein wehes, wunderlich Gefühl« flüsterte Sadie, »und +doch wär's Sünde, denn er meint es treu, und wenn er auch mit strengem +starren Sinn den Weg verfolgt, den er nun einmal für den einzig wahren +hält, so dürfen wir ihn doch darum nicht tadeln. Er ist im Zorn von uns +gegangen.« + +»Laß ihn gehn« rief aber René, hochaufathmend, und den Blick dorthin +zurückwerfend, wo der ehrwürdige Herr verschwunden, als ob er der +wirklichen Entfernung desselben noch immer nicht traue -- »mir ist ein +Stein vom Herzen daß er fort ist.« + +»Ist er's auch wirklich?« flüsterte da eine Stimme dicht neben ihnen, +und als sie überrascht dorthin umschauten glitt Aia, das wilde schöne +Mädchen hinter einem dichten Orangenbusch vor, und trat zu den Beiden. + +»Aia!« rief Sadie erfreut und doch auch vorwurfsvoll -- »Du böses, böses +Kind, wo hast Du so lang Dich herumgetrieben in der Welt, daß Du gar +nicht mehr an Deine Sadie gedacht?« + +»Und ich wollte ich müßte auch jetzt nicht an Dich denken« sagte das +Mädchen leise und sie kämpfte dabei hart mit sich, eine aufsteigende, +ihr sonst fast fremde Rührung zu verbergen. + +»Und weshalb, Aia?« frug Sadie. + +»Mach ihr das Herz nicht wieder schwer, Du wunderliches Kind« sagte aber +René jetzt, ihr leise mit dem Finger drohend, »bist solch ein tolles +Ding wenn Du da draußen herumtobst, unter den wilden die wildeste, und +wie ein anderer Geist scheint es über Dich zu kommen, wenn Du diese +Schwelle betrittst.« + +»Du hast mir und ihr auch noch Vorwürfe zu machen, nicht wahr, Du böser, +nichtsnutziger Wi-Wi?« rief aber das Mädchen, trotzig sich die Locken +aus der Stirn schüttelnd und mit zornigem Blick ihn anblitzend -- »Wehe +über Dich; aber die Strafe bleibt Dir nicht aus, und dann denk' an +_mich_, dann erschein' ich Dir in Deinen Träumen und quäle und martere +Dich, trockne Dir Falten in die Wangen und bleiche Dir das Haar -- denk' +an Aia.« + +»Tolles Mädchen was hast Du?« lachte aber René -- »kann ich dafür, wenn +jene Kriegsschiffe vielleicht ungerecht dies Volk überfallen und sich +unterwerfen? trag' ich die Schuld des vergossenen Blutes und all der +darum vergossenen Thränen?« + +»Nein, Gott sei Dank nicht das auch noch,« sagte Aia, »doch genug, +übergenug davon zu reden. Aber ich bin nicht zu _Dir_ gekommen, falscher +Ferani, sondern zu Deinem Weib -- ich will mein Wort lösen, das ich ihr +einst gegeben.« + +»Dein Wort Aia?« + +»Sagte ich Dir nicht, daß wenn Dich _Alle_ verließen und von Dir gingen, +ich zu Dir kommen und bei Dir bleiben würde, und daß wir dann lachen und +singen und tanzen und es toller treiben wollten, wie alle Anderen +zusammen? -- und Gott weiß es, sie treiben's toll genug.« + +»Aber wunderliches Mädchen Du« sagte Sadie, während dennoch ein eigenes, +wehes Gefühl ihr dabei das Herz durchzuckte, »wie fällst Du auf solch +traurige Gedanken -- wer hat Dir die Grillen in den Kopf gesetzt?« + +»Und gehst Du nicht zurück nach Atiu?« rief Aia schnell und fast +freudig. + +»Allerdings geh ich dorthin.« + +»Und René geht mit Dir?« + +»Allerdings.« + +»Aber jetzt? -- gleich? -- auf einem Schiff?« + +»Wenn auch nicht jetzt in _einem_ Schiff, Aia« nahm hier René das Wort, +während Aia leise und traurig mit dem Kopf nickte, »doch sobald ich darf +-- sie lassen mich noch nicht hier fort.« + +»Wer? -- die Wi-Wis? -- die Kanakas halten Dich doch wahrlich nicht, +Ferani,« rief Aia zornig. + +»Die Kanakas nein,« lachte René, »aber meine eigenen Landsleute, eines +tollen Streiches der Deinigen wegen.« + +»Ja ich weiß wohl« sagte das Mädchen unheimlich lachend, »Ihr helft +einander wo Ihr nur könnt; ich habe das selber erfahren zu meinem Leid +-- aber fort mit Dir, nicht zu _Dir_ bin ich gekommen, mit Dir zu +plaudern -- nimmst Du mich mit, Sadie?« + +»Nach Atiu?« rief Sadie rasch und freudig. + +»Wohin Du gehst« sagte das wilde Mädchen leise und herzlich. + +»Und willst Du dem tollen schlechten Leben entsagen?« frug Sadie ihre +Hand in tiefer Rührung ergreifend -- »willst Du bei mir bleiben, und mit +mir leben von nun an?« + +»Wohin Du gehst« flüsterte Aia und schaute ihr dabei recht still und +wehmüthig in's Auge. + +»Aber Aia« sagte René, »wenn Du mitreisen willst, wo hast Du Deine +Sachen, Deine Matte, Deine Kleider? -- das Boot wird gleich kommen Euch +abzuholen.« + +Aia erröthete und schüttelte unwillig mit dem Kopf -- + +»Was Kleider, was Matte, ich habe Nichts auf der weiten Welt und -- +brauche Nichts. Eine Matte finde ich in Atiu darauf zu schlafen, oder +Blätter und Gras genug für ein Lager, und die Brodfrucht ist so süß dort +wie hier -- und süßer -- viel süßer« setzte sie mit weicherer Stimme +hinzu. + +»Ich habe Matten genug für Dich, Aia« sagte Sadie herzlich. + +»Ich weiß Du bist gut« flüsterte das Mädchen -- »aber ich hatte selber +eine Matte, nur gestern und vorgestern -- schlief ich -- schlief ich bei +der alten Hexe im Haus, die sie Mütterchen Tot nennen -- und die behielt +mir für Schlafen und -- aber was brauch' ich's auch« setzte sie unwillig +hinzu -- »mag sie zu Gift dem ersten werden, der sich d'rauf bettet.« + +»Aia --« + +Das Mädchen wandte den Kopf scheu und beschämt zur Seite, aber ihr Blick +traf ein weißes Segel, das eben über der Landspitze sichtbar wurde, und +durch das Binnenwasser der Riffe kam, von vier kräftigen Matrosen +gerudert, ein scharfgebautes schlankes Boot schäumend heran. Sie deutete +mit der Hand hinüber und wie mit einem Messer stach es nach Sadie's +Herzen, denn das Boot das dort herbeischoß -- war bestimmt sie aus den +Armen des Gatten, zum ersten Mal von seiner Brust zu reißen. Sie wurde +todtenbleich und Aia sprang zu sie zu unterstützen. + +»Sadie -- Sadie« bat René, der rasch seinen Arm um sie schlug und sie an +sein Herz zog, »mein armes süßes Kind fasse Dich -- nur für wenige +Wochen ist es ja -- _Tage_ vielleicht, die ich getrennt von Dir bin, und +die Zeit wird rasch und leicht vorübergehn -- grüße mir mein Atiu +indessen.« + +»René -- René!« weinte die Frau an seinem Hals und schmiegte sich an +seine Brust, als ob sie ihn nie und nimmer lassen könnte -- und Aia +stand daneben, die großen hellen Thränen ihr rasch die Wangen +niederjagend, und ihr Blick haftete in einer eigenen Mischung von Zorn +und Angst und Schmerz auf dem Mann. Aber sie sprach kein Wort und die +Arme jetzt krampfhaft fest über der Brust gekreuzt blieb sie in ihrer +Stellung regungslos der Gruppe gegenüber. + +Auf einen Wink René's trug indeß das Mädchen, das sie ebenfalls hinüber +begleiten sollte, das letzte Gepäck zum Strand hinunter, dem der Bug +des Wallfischbootes rasch entgegenstrebte, und Sadiens Stirn dann +küssend flüsterte er noch einmal: + +»Komm Kind, komm -- faß Dich mein süßes Lieb -- sieh was müssen die +Matrosen davon denken, die gleich hier bei uns sind. Um Gott, was fehlt +Dir nur?« + +»Nichts -- nichts;« flüsterte Sadie leise und suchte sich aufzurichten +-- sie deckte einen Moment die Augen mit ihrer linken Hand und das +rasche Wogen ihrer Brust verrieth jetzt allein noch den Sturm der in ihr +tobe. »Es ist vorbei« sagte sie dann nach kleiner Pause mit leiser, aber +wieder fester Stimme -- »es ist Alles vorbei.« + +Aia wandte sich ab, und hielt beide Hände jetzt fest an ihr Herz +gepreßt, René aber rief mit lauter freudiger Stimme: + +»Und da drüben beginnen wir dann ein neues, freudiges Leben -- so wirf +den Gram und Kummer von Dir mein herziges Weib; sieh, da sind die Leute, +und ungeduldig winkt mir der Bootssteurer schon und zeigt nach dem +Schiff -- sie _dürfen_ nicht länger zögern -- leb wohl Sadie!« + +Wieder warf sich die Frau an seine Brust -- aber es war nur ein Moment, +nur die fast krampfhafte Wirkung des Trennungsworts, dann sich gewaltsam +emporraffend griff sie nach ihrem Kind und reichte es ihm hinauf. + +»Da -- küß Dein Kind noch einmal« flüsterte sie ihm zu. + +»Aber Sadie, quälst Du Dich doch als ob es eine Trennung auf Jahre +gälte; fasse Dich Lieb.« + +»Küsse Dein Kind« bat die Frau, und das kleine liebe Ding hatte schon +die Aermchen um des Vaters Nacken gelegt, und preßte seine rosigen +Lippen auf seinen Mund -- »und nun leb wohl René« sagte sie dann und ihr +Antlitz, wenn auch noch von Thränen überströmt, hatte ganz wieder seine +alte Ruhe gewonnen -- »leb wohl René und schütze Dich -- schütze Dich +Gott!« + +»Mein liebes Weib --« + +»So -- so, das ist gut, und nun mein Kind -- fort, fort nach Atiu« -- und +unter Thränen lächelnd hob sie die Kleine sich auf den Arm; noch einmal +hingen ihre Lippen in langem heißen Kuß an denen des Gatten, und sich +selber aus seinem Arm reißend floh sie hinunter zum Boot, wo die Leute +schon ungeduldig standen und sie erwarteten. + +»Segel auf da vorn!« rief indeß der Bootssteuerer der hinten, mit dem +langen Riemen im Eisenring, stand und die Abschiedsscene mit spöttischem +Lächeln betrachtet hatte -- »und aufgepaßt da mit Euerem Bug, daß wir +nicht auf den Sand kommen -- Alles klar?« + +»Halt! die Wahine da soll auch noch mit« rief Einer der Leute. + +»Wetter noch einmal, über all das Weibervolk« brummte der +Wallfischfänger leise vor sich hin -- »wird eine schöne Fahrt werden.« + +»So leb wohl Aia« rief der davon Springenden René noch freundlich nach +-- aber Aia kümmerte sich nicht um ihn; ihr Blick hing an dem +schmerzlich durchzuckten Antlitz Sadiens -- sie hörte kaum daß ihr die +Matrosen zuriefen sich zu eilen, und im Boot kauerte sie neben der +schlanken Gestalt der Frau nieder und barg, den Arm um sie +hergeschlagen, ihr Antlitz in ihrem Kleid. + +»Alles klar da vorn« schallte die rauhe Stimme des Bootssteuerers. + +»Alles klar!« lautete die Antwort. + +»Ab mit Euch -- stoßt ab.« Die Riemen wurden eingesetzt, der Bug des +schlanken Fahrzeugs flog herum, und das Segel, das bis jetzt rasch und +heftig gegen den schwanken Mast geschlagen, blähte weit aus in der +frischen günstigen Brise, daß das schlanke Boot schon im nächsten +Augenblick hineinpreßte in die klare Fluth, und den weißgekräußten wie +gläsernen Schaum zu beiden Seiten hinausspritzte. + +»Joranna René -- Joranna!« rief ihm die Frau noch hinüber, und ihre +rechte Hand, während sie mit der linken das Kind an sich preßte, winkte +und grüßte den Zurückgebliebenen. + +»Joranna, Joranna!« schallte der Ruf zurück klar und deutlich mit der +Brise über das Wasser -- »Joranna!« Aber das Boot schäumte durch die +Fluth -- weiter und weiter drängte der Kiel dem Lande ab, der schmalen +Einfahrt des Hafens zu und draußen, mit backgebraßten Segeln, lag schon +das Schiff, der Ankunft des Bootes harrend, mit wehender Flagge noch, +wie es den Hafen von Papetee verlassen. Jetzt hatte das schnelle Boot +die offene See erreicht, mehr und mehr näherte es sich dem +Wallfischfänger; jetzt fiel das Segel, René konnte deutlich die Leute +erkennen, wie sie hinaufliefen an der Seitenwand -- das Boot stieg +empor, die Raaen flogen herum und »Joranna« hauchten seine Lippen das +Abschiedswort, als das wackere Schiff die frische Brise faßte, Segel auf +Segel sich noch entfaltete, und der schlanke Bau in seinen Formen in +immer weiterer Ferne mehr und mehr zusammenschmolz, bis er, ein weißer +Punkt noch auf der dunkelblauen Fläche ruhte und -- verschwand. + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im +Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden Ebook wurden offensichtliche +Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. Die Schreibweise von +Eigennamen richtet sich weitgehend auch nach den beiden bereits +veröffentlichten Bänden. + +Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden +folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: ~Antiquatext~ +Fettdruck: #fetter Text#] + + + + + +End of Project Gutenberg's Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. DRITTER BAND. *** + +***** This file should be named 38451-8.txt or 38451-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/4/5/38451/ + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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