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diff --git a/38402-h/38402-h.htm b/38402-h/38402-h.htm new file mode 100644 index 0000000..41f9cf6 --- /dev/null +++ b/38402-h/38402-h.htm @@ -0,0 +1,5034 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8"/> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css"/> +<title>Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke—A Project Gutenberg eBook</title> +<link rel="coverpage" href="images/titelseite.jpg"/> +<style type="text/css"> +<!-- +p +{ + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; + line-height: 1.25; +} + +p.center, +p.no-indent, +p.drop-cap, +#tnote p, +#tnote-bottom p +{ + text-indent: 0; +} + +h1, +h2 +{ + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 +{ + font-size: x-large; + margin: 0 auto 1em auto; + line-height: 1.6; +} + +h2 +{ + font-size: large; + margin: 6em auto 3em auto; +} + +a:link, +a:visited +{ + text-decoration: none; +} + +hr +{ + visibility: hidden; + margin: 1.5em auto; +} + +hr.line +{ + visibility: visible; + border: none; + width: 8em; + height: 1px; + color: black; + background-color: black; +} + +ins +{ + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed #add8e6; +} + +.figright +{ + margin: 2em 0 2em auto; +} + +.center +{ + text-align: center; +} + +.right +{ + text-align: right; +} + +p.drop-cap:first-letter +{ + font-size: 3em; + float: left; + margin: 0.05em 0.1em 0 0; + line-height: 0.75; +} + +.poetry +{ + margin-left: 10%; +} + +.poetry .line +{ + text-indent: -3em; + padding-left: 3em; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +#tnote, +#tnote-bottom +{ + max-width: 95%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 6em auto; +} + +#toc +{ + margin: 0 auto; +} + +#toc td +{ + padding: 0.25em 0 0.25em 3em; + text-indent: -3em; + vertical-align: top; +} + +#toc td.right +{ + padding-left: 3em; + text-indent: 0; + vertical-align: bottom; +} + +ul#corrections +{ + list-style-type: none; + margin: 0; + padding: 0; +} + +ul#corrections li +{ + margin: 0.5em 0.25em; +} + +ul#corrections .correction +{ + text-decoration: underline; +} + +@media screen +{ + body + { + width: 80%; + max-width: 35em; + margin: auto; + } + + p + { + margin: 0.75em auto; + } + + #tnote, + #tnote-bottom + { + max-width: 24em; + } + + .page-break + { + margin-top: 8em; + } +} + +@media screen, print +{ + .gesperrt + { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; + } + + em.gesperrt + { + font-style: normal; + } + + #title-page + { + border: 3px double black; + max-width: 20em; + margin: 8em auto 0 auto; + padding: 2em 1em; + } +} + +@media print, handheld +{ + p + { + margin: 0; + } + + #tnote + { + background-color: white; + border: none; + width: 100%; + } + + #tnote p, + #tnote-bottom p + { + margin: 0.25em 0; + } + + .pagenum, + #tnote .screen + { + display: none; + } + + ins + { + border: none; + } + + a:link, + a:visited + { + color: black; + } + + #tnote, + #tnote-bottom, + #title-page, + h2, + .page-break + { + page-break-before: always; + } + + #tnote-bottom + { + page-break-after: always; + } +} + +@media handheld +{ + body + { + margin: 0; + padding: 0; + width: 95%; + } + + p + { + line-height: 1; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Geschichten vom lieben Gott + +Author: Rainer Maria Rilke + +Release Date: December 24, 2011 [EBook #38402] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT *** + + + + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text +<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der +Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> +findet sich am Ende des Textes.</p> +<p>Das <a href="#contents">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich +am Ende des Buches.</p> +</div> +<div class="figright page-break" style="width: 100px;"> +<img src="images/logo.png" width="100" height="95" alt=""/> +</div> + +<p class="page-break">24. bis 28. Tausend</p> + +<div id="title-page"> +<h1>Geschichten<br/> +vom lieben Gott</h1> + +<p class="center" style="line-height: 1.5; margin-bottom: 6em;">Von<br/> +<big>Rainer Maria Rilke</big></p> + +<p class="center">1921</p> + +<hr class="line"/> + +<p class="center">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p> +</div> + +<p class="no-indent page-break">MEINE FREUNDIN, EINMAL HABE ICH DIESES +BUCH IN IHRE HÄNDE GELEGT, UND SIE +HABEN ES LIEB GEHABT WIE NIEMAND VORHER. +SO HABE ICH MICH DARAN GEWÖHNT, +ZU DENKEN, DASS ES IHNEN GEHÖRT. DULDEN +SIE DESHALB, DASS ICH NICHT ALLEIN +IN IHR EIGENES BUCH, SONDERN IN ALLE +BÜCHER DIESER NEUEN AUSGABE IHREN +NAMEN SCHREIBE; DASS ICH SCHREIBE:</p> + +<p class="center" style="line-height: 1.4;">DIE GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT<br/> +GEHÖREN ELLEN KEY.</p> + +<p class="center" style="line-height: 1.4;"><big>RAINER MARIA RILKE</big><br/> +ROM, IM APRIL 1904.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>DAS MÄRCHEN VON DEN HÄNDEN GOTTES</h2> + +<p class="drop-cap">Neulich,<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a> am Morgen, begegnete mir die Frau +Nachbarin. Wir begrüßten uns.</p> + +<p>»Was für ein Herbst!« sagte sie nach einer +Pause und blickte nach dem Himmel auf. Ich +tat desgleichen. Der Morgen war allerdings +sehr klar und köstlich für Oktober. Plötzlich +fiel mir etwas ein: »Was für ein Herbst!« rief +ich und schwenkte ein wenig mit den Händen. +Und die Frau Nachbarin nickte beifällig. Ich +sah ihr so einen Augenblick zu. Ihr gutes gesundes +Gesicht ging so lieb auf und nieder. Es +war recht hell, nur um die Lippen und an den +Schläfen waren kleine schattige Falten. Woher +sie das haben mag? Und da fragte ich ganz unversehens: +»Und Ihre kleinen Mädchen?« Die +Falten in ihrem Gesicht verschwanden eine +Sekunde, zogen sich aber gleich, noch dunkler, +zusammen. »Gesund sind sie, Gott sei Dank, +aber –«; die Frau Nachbarin setzte sich in Bewegung, +und ich schritt jetzt an ihrer Linken, +wie es sich gehört. »Wissen Sie, sie sind jetzt +beide in dem Alter, die Kinder, wo sie den ganzen +<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a> +Tag fragen. Was, den ganzen Tag, bis in die +gerechte Nacht hinein.« »Ja,« murmelte ich, – +»es gibt eine Zeit …« Sie aber ließ sich nicht +stören: »Und nicht etwa: Wohin geht diese +Pferdebahn? Wieviel Sterne gibt es? Und ist +zehntausend mehr als viel? Noch ganz andere +Sachen! Zum Beispiel: Spricht der liebe Gott +auch chinesisch? und: Wie sieht der liebe Gott +aus? Immer alles vom lieben Gott! Darüber +weiß man doch nicht Bescheid –.« »Nein, allerdings,« +stimmte ich bei, »man hat da gewisse +Vermutungen …« »Oder von den Händen vom +lieben Gott, was soll man da –«</p> + +<p>Ich schaute der Nachbarin in die Augen: »Erlauben +Sie,« sagte ich recht höflich, »Sie sagten +zuletzt die Hände vom lieben Gott – nicht +wahr?« Die Nachbarin nickte. Ich glaube, sie +war ein wenig erstaunt. »Ja« – beeilte ich mich +anzufügen, – »von den Händen ist mir allerdings +einiges bekannt. Zufällig« – bemerkte ich +rasch, als ich ihre Augen rund werden sah – +»ganz zufällig – ich habe – – – nun,« schloß +<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a> +ich mit ziemlicher Entschiedenheit, »ich will +Ihnen erzählen, was ich weiß. Wenn Sie einen +Augenblick Zeit haben, ich begleite Sie bis zu +Ihrem Hause, das wird gerade reichen.«</p> + +<p>»Gerne,« sagte sie, als ich sie endlich zu +Worte kommen ließ, immer noch erstaunt, +»aber wollen Sie nicht vielleicht den Kindern +selbst?…« »Ich den Kindern selbst erzählen? +Nein, liebe Frau, das geht nicht, das geht auf +keinen Fall. Sehen Sie, ich werde gleich verlegen, +wenn ich mit den Kindern sprechen muß. +Das ist an sich nicht schlimm. Aber die Kinder +könnten meine Verwirrung dahin deuten, daß +ich mich lügen fühle … Und da mir sehr viel +an der Wahrhaftigkeit meiner Geschichte liegt +– Sie können es den Kindern ja wiedererzählen; +Sie treffen es ja gewiß auch viel besser. Sie +werden es verknüpfen und ausschmücken, ich +werde nur die einfachen Tatsachen in der kürzesten +Form berichten. Ja?« »Gut, gut,« machte +die Nachbarin zerstreut.</p> + +<p>Ich dachte nach: »Im Anfang …« aber ich +<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> +unterbrach mich sofort. »Ich kann bei Ihnen, +Frau Nachbarin, ja manches als bekannt voraussetzen, +was ich den Kindern erst erzählen müßte. +Zum Beispiel die Schöpfung …« Es entstand +eine ziemliche Pause. Dann: »Ja – – und am +siebenten Tage …« die Stimme der guten Frau +war hoch und spitzig. »Halt!« machte ich, »wir +wollen doch auch der früheren Tage gedenken; +denn gerade um diese handelt es sich. Also der +liebe Gott begann, wie bekannt, seine Arbeit, +indem er die Erde machte, diese vom Wasser +unterschied und Licht befahl. Dann formte er in +bewundernswerter Geschwindigkeit die Dinge, +ich meine die großen wirklichen Dinge, als da +sind: Felsen, Gebirge, einen Baum und nach +diesem Muster viele Bäume.« Ich hörte hier +schon eine Weile lang Schritte hinter uns, die +uns nicht überholten und auch nicht zurückblieben. +Das störte mich, und ich verwickelte +mich in der Schöpfungsgeschichte, als ich folgendermaßen +fortfuhr: »Man kann sich diese +schnelle und erfolgreiche Tätigkeit nur begreiflich +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a> +machen, wenn man annimmt, daß eben +nach langem, tiefem Nachdenken alles in seinem +Kopfe ganz fertig war, ehe er …« Da endlich +waren die Schritte neben uns, und eine nicht +gerade angenehme Stimme klebte an uns: »O, +Sie sprechen wohl von Herrn Schmidt, verzeihen +Sie …« Ich sah ärgerlich nach der Hinzugekommenen, +die Frau Nachbarin aber geriet in +große Verlegenheit: »Hm,« hustete sie, »nein +– das heißt – ja, – wir sprachen gerade, gewissermaßen –.« +»Was für ein Herbst,« sagte +auf einmal die andere Frau, als ob nichts geschehen +wäre, und ihr rotes, kleines Gesicht +glänzte. »Ja« – hörte ich meine Nachbarin +antworten: »Sie haben recht, Frau Hüpfer, ein +selten schöner Herbst!« Dann trennten sich die +Frauen. Frau Hüpfer kicherte noch: »Und +grüßen Sie mir die Kinderchen.« Meine gute +Nachbarin achtete nicht mehr darauf; sie war +doch neugierig, meine Geschichte zu erfahren. +Ich aber behauptete mit unbegreiflicher Härte: +»Ja, jetzt weiß ich nicht mehr, wo wir stehengeblieben +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a> +sind.« »Sie sagten eben etwas von +seinem Kopfe, das heißt –« die Frau Nachbarin +wurde ganz rot.</p> + +<p>Sie tat mir aufrichtig leid, und so erzählte +ich schnell: »Ja sehen Sie also, solange nur die +Dinge gemacht waren, hatte der liebe Gott nicht +notwendig, beständig auf die Erde herunterzuschauen. +Es konnte sich ja nichts dort begeben. +Der Wind ging allerdings schon über die Berge, +welche den Wolken, die er schon seit lange +kannte, so ähnlich waren, aber den Wipfeln +der Bäume wich er noch mit einem gewissen +Mißtrauen aus. Und das war dem lieben Gott +sehr recht. Die Dinge hat er sozusagen im +Schlafe gemacht; allein schon bei den Tieren +fing die Arbeit an, ihm interessant zu werden; +er neigte sich darüber und zog nur selten die +breiten Brauen hoch, um einen Blick auf die +Erde zu werfen. Er vergaß sie vollends, als er +den Menschen formte. Ich weiß nicht, bei +welchem komplizierten Teil des Körpers er gerade +angelangt war, als es um ihn rauschte von +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +Flügeln. Ein Engel eilte vorüber und sang: ›Der +du alles siehst …‹</p> + +<p>Der liebe Gott erschrak. Er hatte den Engel +in Sünde gebracht, denn eben hatte dieser eine +Lüge gesungen. Rasch schaute Gottvater hinunter. +Und freilich, da hatte sich schon irgend +etwas ereignet, was kaum gutzumachen war. +Ein kleiner Vogel irrte, als ob er Angst hätte, +über die Erde hin und her, und der liebe Gott +war nicht imstande, ihm heimzuhelfen, denn er +hatte nicht gesehen, aus welchem Walde das +arme Tier gekommen war. Er wurde ganz ärgerlich +und sagte: ›Die Vögel haben sitzenzubleiben, +wo ich sie hingesetzt habe.‹ Aber er erinnerte +sich, daß er ihnen auf Fürbitte der Engel Flügel +verliehen hatte, damit es auch auf Erden so etwas +wie Engel gäbe, und dieser Umstand machte +ihn nur noch verdrießlicher. Nun ist gegen +solche Zustände des Gemütes nichts so heilsam +wie Arbeit. Und mit dem Bau des Menschen +beschäftigt, wurde Gott auch rasch wieder froh. +Er hatte die Augen der Engel wie Spiegel vor +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a> +sich, maß darin seine eigenen Züge und bildete +langsam und vorsichtig an einer Kugel auf seinem +Schoße das erste Gesicht. Die Stirne war ihm +gelungen. Viel schwerer wurde es ihm, die +beiden Nasenlöcher symmetrisch zu machen. +Er bückte sich immer mehr darüber, bis es +wieder wehte über ihm; er schaute auf. Derselbe +Engel umkreiste ihn; man hörte diesmal +keine Hymne, denn in seiner Lüge war dem +Knaben die Stimme erloschen, aber an seinem +Mund erkannte Gott, daß er immer noch sang: +›Der du alles siehst.‹ Zugleich trat der heilige +Nikolaus, der bei Gott in besonderer Achtung +steht, an ihn heran und sagte durch seinen +großen Bart hindurch: ›Deine Löwen sitzen +ruhig, sie sind recht hochmütige Geschöpfe, das +muß ich sagen! Aber ein kleiner Hund läuft +ganz am Rande der Erde herum, ein Terrier, +siehst du, er wird gleich hinunterfallen.‹ Und +wirklich merkte der liebe Gott etwas Heiteres, +Weißes, wie ein kleines Licht hin und her tanzen +in der Gegend von Skandinavien, wo es schon +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +so furchtbar rund ist. Und er wurde recht bös +und warf dem heiligen Nikolaus vor, wenn ihm +seine Löwen nicht recht seien, so solle er versuchen, +auch welche zu machen. Worauf der +heilige Nikolaus aus dem Himmel ging und die +Türe zuschlug, daß ein Stern herunterfiel, gerade +dem Terrier auf den Kopf. Jetzt war das +Unglück vollständig, und der liebe Gott mußte +sich eingestehen, daß er ganz allein an allem +schuld sei, und beschloß, nicht mehr den Blick +von der Erde zu rühren. Und so geschah's. Er +überließ seinen Händen, welche ja auch weise +sind, die Arbeit, und obwohl er recht neugierig +war, zu erfahren, wie der Mensch wohl aussehen +mochte, starrte er unablässig auf die Erde hinab, +auf welcher sich jetzt, wie zum Trotz, nicht ein +Blättchen regen wollte. Um doch wenigstens eine +kleine Freude zu haben nach aller Plage, hatte +er seinen Händen befohlen, ihm den Menschen +erst zu zeigen, ehe sie ihn dem Leben ausliefern +würden. Wiederholt fragte er, wie Kinder, wenn +sie Verstecken spielen: ›Schon?‹ Aber er hörte +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +als Antwort das Kneten seiner Hände und wartete. +Es erschien ihm sehr lange. Da auf einmal sah +er etwas durch den Raum fallen, dunkel und in +der Richtung, als ob es aus seiner Nähe käme. +Von einer bösen Ahnung erfüllt, rief er seine +Hände. Sie erschienen ganz von Lehm befleckt, +heiß und zitternd. ›Wo ist der Mensch?‹ schrie +er sie an. Da fuhr die Rechte auf die Linke los: +<ins title="Du">›Du</ins> hast ihn losgelassen!‹ ›Bitte,‹ sagte die +Linke gereizt, ›du wolltest ja alles allein machen, +mich ließest du ja überhaupt gar nicht mitreden.‹ +›Du hättest ihn eben halten müssen!‹ Und die +Rechte holte aus. Dann aber besann sie sich, +und beide Hände sagten einander überholend: +›Er war so ungeduldig, der Mensch. Er wollte +immer schon leben. Wir können beide nichts +dafür, gewiß, wir sind beide unschuldig.‹</p> + +<p>Der liebe Gott aber war ernstlich böse. Er +drängte beide Hände fort; denn sie verstellten +ihm die Aussicht über die Erde: ›Ich kenne +euch nicht mehr, macht, was ihr wollt.‹ Das +versuchten die Hände auch seither, aber sie +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +können nur beginnen, was sie auch tun. Ohne +Gott gibt es keine Vollendung. Und da sind sie +es endlich müde geworden. Jetzt knien sie den +ganzen Tag und tun Buße, so erzählt man +wenigstens. Uns aber erscheint es, als ob Gott +ruhte, weil er auf seine Hände böse ist. Es ist +immer noch siebenter Tag.«</p> + +<p>Ich schwieg einen Augenblick. Das benützte +die Frau Nachbarin sehr vernünftig: »Und Sie +glauben, daß nie wieder eine Versöhnung zustande +kommt?« »O doch,« sagte ich, »ich hoffe +es wenigstens.«</p> + +<p>»Und wann sollte das sein?«</p> + +<p>»Nun, bis Gott wissen wird, wie der Mensch, +den die Hände gegen seinen Willen losgelassen +haben, aussieht.«</p> + +<p>Die Frau Nachbarin dachte nach, dann lachte +sie: »Aber dazu hätte er doch bloß heruntersehen +müssen …« »Verzeihen Sie,« sagte ich artig, +»Ihre Bemerkung zeugt von Scharfsinn, aber +meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Also, +als die Hände beiseitegetreten waren und Gott +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +die Erde wieder überschaute, da war eben wieder +eine Minute, oder sagen wir ein Jahrtausend, +was ja bekanntlich dasselbe ist, vergangen. Statt +eines Menschen gab es schon eine Million. Aber +sie waren alle schon in Kleidern. Und da die +Mode damals gerade sehr häßlich war und auch +die Gesichter arg entstellte, so bekam Gott einen +ganz falschen und (ich will es nicht verhehlen) +sehr schlechten Begriff von den Menschen.« +»Hm,« machte die Nachbarin und wollte etwas +bemerken. Ich beachtete es nicht, sondern schloß +mit starker Betonung: »Und darum ist es +dringend notwendig, daß Gott erfährt, wie der +Mensch wirklich ist. Freuen wir uns, daß es +solche gibt, die es ihm sagen …« Die Frau +Nachbarin freute sich noch nicht: »Und wer +sollte das sein, bitte?« »Einfach die Kinder und +dann und wann auch diejenigen Leute, welche +malen, Gedichte schreiben, bauen …« »Was +denn bauen, Kirchen?« »Ja, und auch sonst, +überhaupt …«</p> + +<p>Die Frau Nachbarin schüttelte langsam den +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +Kopf. Manches erschien ihr doch recht verwunderlich. +Wir waren schon über ihr Haus +hinausgegangen und kehrten jetzt langsam um. +Plötzlich wurde sie sehr lustig und lachte: »Aber, +was für ein Unsinn, Gott ist doch auch allwissend. +Er hätte ja genau wissen müssen, woher +zum Beispiel der kleine Vogel gekommen +ist.« Sie sah mich triumphierend an. Ich war +ein bißchen verwirrt, ich muß gestehen. Aber +als ich mich gefaßt hatte, gelang es mir, ein überaus +ernstes Gesicht zu machen: »Liebe Frau,« +belehrte ich sie, »das ist eigentlich eine Geschichte +für sich. Damit Sie aber nicht glauben, das sei +nur eine Ausrede von mir (sie verwahrte sich +nun natürlich heftig dagegen), will ich Ihnen in +Kürze sagen: Gott hat alle Eigenschaften, natürlich. +Aber ehe er in die Lage kam, sie auf die +Welt – gleichsam – anzuwenden, erschienen +sie ihm alle wie eine einzige große Kraft. Ich +weiß nicht, ob ich mich deutlich ausdrücke. +Aber angesichts der Dinge spezialisierten sich +seine Fähigkeiten und wurden bis zu einem gewissen +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +Grade: Pflichten. Er hatte Mühe, sich +alle zu merken. Es gibt eben Konflikte. (Nebenbei: +das alles sage ich nur Ihnen, und Sie müssen +es den Kindern keineswegs wiedererzählen.)« +»Wo denken Sie hin,« beteuerte meine Zuhörerin.</p> + +<p>»Sehen Sie, wäre ein Engel vorübergeflogen, +singend: ›Der du alles weißt‹, so wäre alles gut +geworden …«</p> + +<p>»Und diese Geschichte wäre überflüssig?«</p> + +<p>»Gewiß,« bestätigte ich. Und ich wollte mich +verabschieden. »Aber wissen Sie das alles auch +ganz bestimmt?« »Ich weiß es ganz bestimmt,« +erwiderte ich fast feierlich. »Da werde ich den +Kindern heute zu erzählen haben!« »Ich würde +es gerne anhören dürfen. Leben Sie wohl.« +»Leben Sie wohl,« antwortete sie.</p> + +<p>Dann kehrte sie nochmals zurück: »Aber weshalb +ist gerade dieser Engel …« »Frau Nachbarin,« +sagte ich, indem ich sie unterbrach, »ich +merke jetzt, daß Ihre beiden lieben Mädchen +gar nicht deshalb soviel fragen, weil sie Kinder +sind –« »Sondern?« fragte meine Nachbarin +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a> +neugierig. »Nun, die Ärzte sagen, es gibt gewisse +Vererbungen …« Meine Frau Nachbarin +drohte mir mit dem Finger. Aber wir schieden +dennoch als gute Freunde.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p class="drop-cap">Als ich meiner lieben Nachbarin später (übrigens +nach ziemlich langer Pause) wieder +einmal begegnete, war sie nicht allein, und ich +konnte nicht erfahren, ob sie ihren Mädchen +meine Geschichte berichtet hätte und mit welchem +Erfolg. Über diesen Zweifel klärte mich +ein Brief auf, welchen ich kurz darauf empfing. +Da ich von dem Absender desselben nicht die +Erlaubnis erhalten habe, ihn zu veröffentlichen, +so muß ich mich darauf beschränken, zu erzählen, +wie er endete, woraus man ohne weiteres +erkennen wird, von wem er stammte. Er schloß +mit den Worten: »Ich und noch fünf andere +Kinder, nämlich, weil ich mit dabei bin.«</p> + +<p>Ich antwortete, gleich nach Empfang, folgendes: +»Liebe Kinder, daß euch das Märchen von +den Händen vom lieben Gott gefallen hat, glaube +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +ich gern; mir gefällt es auch. Aber ich kann +trotzdem nicht zu euch kommen. Seid nicht +böse deshalb. Wer weiß, ob ich euch gefiele. +Ich habe keine schöne Nase, und wenn sie, was +bisweilen vorkommt, auch noch ein rotes Pickelchen +an der Spitze hat, so würdet ihr die ganze +Zeit dieses Pünktchen anschauen und anstaunen +und gar nicht hören, was ich ein Stückchen +tiefer unten sage. Auch würdet ihr wahrscheinlich +von diesem Pickelchen träumen. Das alles +wäre mir gar nicht recht. Ich schlage darum +einen anderen Ausweg vor. Wir haben (auch +außer der Mutter) eine große Anzahl gemeinsamer +Freunde und Bekannte, die nicht Kinder +sind. Ihr werdet schon erfahren, welche. Diesen +werde ich von Zeit zu Zeit eine Geschichte erzählen, +und ihr werdet sie von diesen Vermittlern +immer noch schöner empfangen, als ich sie +zu gestalten vermöchte. Denn es sind gar große +Dichter unter diesen unseren Freunden. Ich +werde euch nicht verraten, wovon meine Geschichten +handeln werden. Aber, weil euch +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +nichts so sehr beschäftigt und am Herzen liegt +wie der liebe Gott, so werde ich an jeder passenden +Gelegenheit einfügen, was ich von ihm weiß. +Sollte etwas davon nicht richtig sein, so schreibt +mir wieder einen schönen Brief, oder laßt es mir +durch die Mutter sagen. Denn es ist möglich, +daß ich mich an mancher Stelle irre, weil es +schon so lange ist, seit ich die schönsten Geschichten +erfahren habe, und weil ich seither mir +viele habe merken müssen, die nicht so schön +sind. Das kommt im Leben so mit. Trotzdem +ist das Leben etwas ganz Prächtiges: auch davon +wird des öfteren in meinen Geschichten die Rede +sein. Damit grüßt euch – Ich, aber auch nur +deshalb Einer, weil ich mit dabei bin.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>DER FREMDE MANN</h2> + +<p class="drop-cap">Ein<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> fremder Mann hat mir einen Brief geschrieben. +Nicht von Europa schrieb mir +der fremde Mann, nicht von Moses, weder von +den großen, noch von den kleinen Propheten, +nicht vom Kaiser von Rußland oder dem Zaren +Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen Vorfahren. +Nicht vom Bürgermeister oder vom +Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen +Stadt, nicht von den fernen Städten; und auch +der Wald mit den vielen Rehen, darin ich jeden +Morgen mich verliere, kommt in seinem Briefe +nicht vor. Er erzählt mir auch nichts von seinem +Mütterchen oder von seinen Schwestern, +die gewiß längst verheiratet sind. Vielleicht ist +auch sein Mütterchen tot; wie könnte es sonst +sein, daß ich sie in einem vierseitigen Briefe +nirgends erwähnt finde! Er erweist mir ein viel, +viel größeres Vertrauen; er macht mich zu seinem +Bruder, er spricht mir von seiner Not.</p> + +<p>Am Abend kommt der fremde Mann zu mir. +Ich zünde keine Lampe an, helfe ihm den Mantel +ablegen und bitte ihn, mit mir Tee zu trinken, +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a> +weil das gerade die Stunde ist, in welcher ich +täglich meinen Tee trinke. Und bei so nahen +Besuchen muß man sich keinen Zwang auferlegen. +Als wir uns schon an den Tisch setzen +wollen, bemerke ich, daß mein Gast unruhig ist; +sein Gesicht ist voll Angst, und seine Hände +zittern. »Richtig,« sage ich, »hier ist ein Brief +für Sie.« Und dann bin ich dabei, den Tee einzugießen. +»Nehmen Sie Zucker und vielleicht +Zitrone? Ich habe in Rußland gelernt, den Tee +mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?« +Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie +in eine entfernte Ecke, etwas hoch, so daß eigentlich +Dämmerung bleibt im Zimmer, nur eine +etwas wärmere als früher, eine rötliche. Und da +scheint auch das Gesicht meines Gastes sicherer, +wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich +begrüße ihn noch einmal mit den Worten: +»Wissen Sie, ich habe Sie lange erwartet.« Und +ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich +ihm. »Ich weiß eine Geschichte, welche ich +niemandem erzählen mag als Ihnen; fragen Sie +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie +bequem sitzen, ob der Tee genug süß ist und ob +Sie die Geschichte hören wollen.« Mein Gast +mußte lächeln. Dann antwortete er einfach: +»Ja.« »Auf alles drei: Ja?« »Auf alles drei.«</p> + +<p>Wir lehnten uns beide zugleich in unseren +Stühlen zurück, so daß unsere Gesichter schattig +wurden. Ich stellte mein Teeglas nieder, freute +mich daran, wie goldig der Tee glänzte, vergaß +diese Freude langsam wieder und fragte plötzlich: +»Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?«</p> + +<p>Der Fremde dachte nach. Seine Augen vertieften +sich ins Dunkel, und mit den kleinen +Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei +langen Laubengängen in einem Parke, über +welchem leuchtend und breit Sommer und +Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder +Dämmerung, dehnen sich in immer engerer +Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden +Punkt: dem jenseitigen Ausgang in einen vielleicht +noch viel helleren Tag. Während ich +das erkannte, sagte er zögernd und als ob er +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +sich nur ungern seiner Stimme bediente: »Ja, +ich erinnere mich noch an Gott.« »Gut,« dankte +ich ihm, »denn gerade von ihm handelt meine +Geschichte. Doch zuerst sagen Sie mir noch: +Sprechen Sie bisweilen mit Kindern?« »Es +kommt wohl vor, so im Vorübergehen, wenigstens –« +»Vielleicht ist es Ihnen bekannt, daß +Gott infolge eines häßlichen Ungehorsams seiner +Hände nicht weiß, wie der fertige Mensch +eigentlich aussieht?« »Das habe ich einmal +irgendwo gehört, ich weiß indessen nicht von +wem« – entgegnete mein Gast, und ich sah +unbestimmte Erinnerungen über seine Stirn +jagen. »Gleichviel,« störte ich ihn, »hören Sie +weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese Ungewißheit. +Denn seine Geduld ist wie seine Stärke +groß. Einmal aber, als dichte Wolken zwischen +ihm und der Erde standen viele Tage lang, so +daß er kaum mehr wußte, ob er alles: Welt und +Menschen und Zeit nicht nur geträumt hatte, +rief er seine rechte Hand, die so lange von seinem +Angesicht verbannt und verborgen gewesen +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +war in kleinen unwichtigen Werken. +Sie eilte bereitwillig herbei; denn sie glaubte, +Gott wolle ihr endlich verzeihen. Als Gott sie +so vor sich sah in ihrer Schönheit, Jugend und +Kraft, war er schon geneigt, ihr zu vergeben. +Aber rechtzeitig besann er sich und gebot, ohne +hinzusehen: ›Du gehst hinunter auf die Erde. +Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen +siehst, und stellst dich, nackt, auf einen +Berg, so daß ich dich genau betrachten kann. +Sobald du unten ankommst, geh zu einer jungen +Frau und sag ihr, aber ganz leise: Ich möchte +leben. Es wird zuerst ein kleines Dunkel um +dich sein und dann ein großes Dunkel, welches +Kindheit heißt, und dann wirst du ein Mann +sein und auf den Berg steigen, wie ich es dir +befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen +Augenblick. Leb wohl.‹</p> + +<p>Die Rechte nahm von der Linken Abschied, +gab ihr viele freundliche Namen, ja es wurde +sogar behauptet, sie habe sich plötzlich vor ihr +verneigt und gesagt: ›Du, heiliger Geist.‹ Aber +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +schon trat der heilige Paulus herzu, hieb dem +lieben Gott die rechte Hand ab, und ein Erzengel +fing sie auf und trug sie unter seinem +weiten Gewand davon. Gott aber hielt sich mit +der Linken die Wunde zu, damit sein Blut nicht +über die Sterne ströme und von da in traurigen +Tropfen herunterfiele auf die Erde. Eine kurze +Zeit später bemerkte Gott, der aufmerksam alle +Vorgänge unten betrachtete, daß die Menschen +in den eisernen Kleidern sich um einen Berg +mehr zu schaffen machten als um alle anderen +Berge. Und er erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen +zu sehen. Aber es kam nur ein +Mensch in einem, wie es schien, roten Mantel, +welcher etwas schwarzes Schwankendes aufwärts +schleppte. In demselben Augenblicke begann +Gottes linke Hand, die vor seinem offenen +Blute lag, unruhig zu werden, und mit einem +Mal verließ sie, ehe Gott es verhindern konnte, +ihren Platz und irrte wie wahnsinnig zwischen +den Sternen umher und schrie: ›O, die arme +rechte Hand, und ich kann ihr nicht helfen.‹ +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +Dabei zerrte sie an Gottes linkem Arm, an +dessen äußerstem Ende sie hing, und bemühte +sich loszukommen. Die ganze Erde aber war +rot vom Blute Gottes, und man konnte nicht +erkennen, was darunter geschah. Damals wäre +Gott fast gestorben. Mit letzter Anstrengung +rief er seine Rechte zurück; sie kam blaß und +bebend und legte sich an ihren Platz wie ein +krankes Tier. Aber auch die Linke, die doch +schon manches wußte, da sie die rechte Hand +Gottes damals unten auf der Erde erkannt hatte, +als diese in einem roten Mantel den Berg erstieg, +konnte von ihr nicht erfahren, was sich +weiter auf diesem Berge begeben hat. Es muß +etwas sehr Schreckliches gewesen sein. Denn +Gottes Rechte hat sich noch nicht davon erholt, +und sie leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger +als unter dem alten Zorne Gottes, der ja +seinen Händen immer noch nicht verziehen +hat.« Meine Stimme ruhte ein wenig aus. Der +Fremde hatte sein Gesicht mit den Händen verhüllt. +Lange blieb alles so. Dann sagte der +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +fremde Mann mit einer Stimme, die ich längst +kannte: »Und warum haben Sie mir diese Geschichte +erzählt?«</p> + +<p>»Wer hätte mich sonst verstanden? Sie kommen +zu mir ohne Rang, ohne Amt, ohne irgendeine +zeitliche Würde, fast ohne Namen. Es war +dunkel, als Sie eintraten, allein ich bemerkte in +Ihren Zügen eine Ähnlichkeit –« Der fremde +Mann blickte fragend auf. »Ja,« erwiderte ich +seinem stillen Blick, »ich denke oft, vielleicht +ist Gottes Hand wieder unterwegs …«</p> + +<p>Die Kinder haben diese Geschichte erfahren, +und offenbar wurde sie ihnen so erzählt, daß +sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese +Geschichte lieb.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>WARUM DER LIEBE GOTT WILL, DASS ES ARME LEUTE GIBT</h2> + +<p class="drop-cap">Die<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> vorangehende Geschichte hat sich so verbreitet, +daß der Herr Lehrer mit sehr gekränktem +Gesicht auf der Gasse herumgeht. Ich +kann das begreifen. Es ist immer schlimm für +einen Lehrer, wenn die Kinder plötzlich etwas +wissen, was er ihnen nicht erzählt hat. Der Lehrer +muß sozusagen das einzige Loch in der Planke +sein, durch welches man in den Obstgarten sieht; +sind noch andere Löcher da, so drängen sich die +Kinder jeden Tag vor einem anderen und werden +bald des Ausblicks überhaupt müde. Ich hätte +diesen Vergleich nicht hier aufgezeichnet, denn +nicht jeder Lehrer ist vielleicht damit einverstanden, +ein Loch zu sein; aber der Lehrer, von +dem ich rede, mein Nachbar, hat den Vergleich +zuerst von mir vernommen und ihn sogar als +äußerst treffend bezeichnet. Und sollte auch +jemand anderer Meinung sein, die Autorität +meines Nachbars ist mir maßgebend.</p> + +<p>Er stand vor mir, rückte beständig an seiner +Brille und sagte: »Ich weiß nicht, wer den Kindern +diese Geschichte erzählt hat, aber es ist +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +jedenfalls unrecht, ihre Phantasie mit solchen ungewöhnlichen +Vorstellungen zu überladen und +anzuspannen. Es handelt sich um eine Art +Märchen –.« »Ich habe es zufällig erzählen +hören,« unterbrach ich ihn. (Dabei log ich nicht, +denn seit jenem Abend ist es mir wirklich schon +von meiner Frau Nachbarin wiederberichtet worden.) +»So,« machte der Lehrer; er fand das leicht +erklärlich. »Nun, was sagen Sie dazu?« Ich +zögerte, auch fuhr er sehr schnell fort: »Zunächst +finde ich es unrecht, religiöse, besonders biblische +Stoffe frei und eigenmächtig zu gebrauchen. +Es ist das alles im Katechismus jedenfalls so +ausgedrückt, daß es besser nicht gesagt werden +kann …« Ich wollte etwas bemerken, erinnerte +mich aber im letzten Augenblick, daß der Herr +Lehrer »zunächst« gebraucht hatte, daß also jetzt +nach der Grammatik und um der Gesundheit +des Satzes willen ein »dann« und vielleicht sogar +ein »und endlich« folgen mußte, ehe ich +mir erlauben durfte, etwas anzufügen. So geschah +es auch. Ich will, da der Herr Lehrer +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +diesen selben Satz, dessen tadelloser Bau jedem +Kenner Freude bereiten wird, auch anderen übermittelt +hat, die ihn ebensowenig wie ich vergessen +dürften, hier nur noch das aufzeichnen, +was hinter dem schönen, vorbereitenden Worte: +»Und endlich« wie das Finale einer Ouvertüre +kam. »Und endlich … (die sehr phantastische +Auffassung hingehen lassend) erscheint mir der +Stoff gar nicht einmal genügend durchdrungen +und nach allen Seiten hin berücksichtigt zu +sein. Wenn ich Zeit hätte, Geschichten zu +schreiben –« »Sie vermissen etwas in der bewußten +Erzählung?« konnte ich mich nicht enthalten, +ihn zu unterbrechen. »Ja, ich vermisse +manches. Vom literarisch-kritischen Standpunkt +gewissermaßen. Wenn ich zu Ihnen als Kollege +sprechen darf –« Ich verstand nicht, was er +meinte, und sagte bescheiden: »Sie sind zu gütig, +aber ich habe nie eine Lehrtätigkeit …« Plötzlich +fiel mir etwas ein, ich brach ab, und er fuhr +etwas kühl fort: »Um nur eins zu nennen: es ist +nicht anzunehmen, daß Gott (wenn man schon +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +auf den Sinn der Geschichte so weit eingehen +will), daß Gott, also – sage ich – daß Gott +keinen weiteren Versuch gemacht haben sollte, +einen Menschen zu sehen, wie er ist, ich meine –« +Jetzt glaubte ich den Herrn Lehrer wieder versöhnen +zu müssen. Ich verneigte mich ein wenig +und begann: »Es ist allgemein bekannt, daß Sie +sich eingehend (und, wenn man so sagen darf, +nicht ohne Gegenliebe zu finden) der sozialen +Frage genähert haben.« Der Herr Lehrer lächelte. +»Nun, dann darf ich annehmen, daß, was ich +Ihnen im folgenden mitzuteilen gedenke, Ihrem +Interesse nicht ganz ferne steht, zumal ich ja +auch an Ihre letzte, sehr scharfsinnige Bemerkung +anknüpfen kann.« Er sah mich erstaunt +an: »Sollte Gott etwa …« »In der Tat,« bestätigte +ich, »Gott ist eben dabei, einen neuen +Versuch zu machen.« »Wirklich?« fuhr mich +der Lehrer an, »ist das an maßgebender Stelle +bekannt geworden?« »Darüber kann ich Ihnen +nichts Genaues sagen –« bedauerte ich – »ich +bin nicht in Beziehung mit jenen Kreisen, aber +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +wenn Sie dennoch meine kleine Geschichte +hören wollen?« »Sie würden mir einen großen +Gefallen erweisen.« Der Lehrer nahm seine +Brille ab und putzte sorgfältig die Gläser, während +seine nackten Augen sich schämten.</p> + +<p>Ich begann: »Einmal sah der liebe Gott in +eine große Stadt. Als ihm von dem vielen Durcheinander +die Augen ermüdeten (dazu trugen die +Netze mit den elektrischen Drähten nicht wenig +bei), beschloß er, seine Blicke auf ein einziges +hohes Mietshaus für eine Weile zu beschränken, +weil dieses weit weniger anstrengend war. Gleichzeitig +erinnerte er sich seines alten Wunsches, +einmal einen lebenden Menschen zu sehen, und +zu diesem Zwecke tauchten seine Blicke ansteigend +in die Fenster der einzelnen Stockwerke. +Die Leute im ersten Stockwerke (es war ein +reicher Kaufmann mit Familie) waren fast nur +Kleider. Nicht nur, daß alle Teile ihres Körpers +mit kostbaren Stoffen bedeckt waren, die äußeren +Umrisse dieser Kleidung zeigten an vielen Stellen +eine solche Form, daß man sah, es konnte kein +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +Körper mehr darunter sein. Im zweiten Stock +war es nicht viel besser. Die Leute, welche drei +Treppen wohnten, hatten zwar schon bedeutend +weniger an, waren aber so schmutzig, daß der +liebe Gott nur graue Furchen erkannte und in +seiner Güte schon bereit war, zu befehlen, sie +möchten fruchtbar werden. Endlich unter dem +Dach, in einem schrägen Kämmerchen, fand der +liebe Gott einen Mann in einem schlechten Rock, +der sich damit beschäftigte, Lehm zu kneten. +›Oho, woher hast du das?‹ rief er ihn an. Der +Mann nahm seine Pfeife gar nicht aus dem Munde +und brummte: ›Der Teufel weiß woher. Ich +wollte, ich wär Schuster geworden. Da sitzt +man und plagt sich …‹ Und was der liebe Gott +auch fragen mochte, der Mann war schlechter +Laune und gab keine Antwort mehr. – Bis er +eines Tages einen großen Brief vom Bürgermeister +dieser Stadt bekam. Da erzählte er dem +lieben Gott, ungefragt, alles. Er hatte so lange +keinen Auftrag bekommen. Jetzt, plötzlich, sollte +er eine Statue für den Stadtpark machen, und +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +sie sollte heißen: die Wahrheit. Der Künstler +arbeitete Tag und Nacht in einem entfernten +Atelier, und dem lieben Gott kamen verschiedene +alte Erinnerungen, wie er das so sah. Wenn er +seinen Händen nicht immer noch böse gewesen +wäre, er hätte wohl auch wieder irgendwas begonnen. +– Als aber der Tag kam, da die Bildsäule, +welche die Wahrheit hieß, hinausgetragen +werden sollte, auf ihren Platz in den Garten, +wo auch Gott sie hätte sehen können in ihrer +Vollendung, da entstand ein großer Skandal, +denn eine Kommission von Stadtvätern, Lehrern +und anderen einflußreichen Persönlichkeiten +hatte verlangt, die Figur müsse erst teilweise bekleidet +werden, ehe das Publikum sie zu Gesicht +bekäme. Der liebe Gott verstand nicht, weshalb, +so laut fluchte der Künstler. Stadtväter, Lehrer +und die anderen haben ihn in diese Sünde gebracht, +und der liebe Gott wird gewiß an denen +– aber Sie husten ja fürchterlich!« »Es geht +schon vorüber –« sagte mein Lehrer mit vollkommen +klarer Stimme. »Nun, ich habe nur +<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a> +noch ein weniges zu berichten. Der liebe Gott +ließ das Mietshaus und den Stadtpark los und +wollte seinen Blick schon ganz zurückziehen, wie +man eine Angelrute aus dem Wasser zieht, mit +einem Schwung, um zu sehen, ob nicht etwas +angebissen hat. In diesem Falle hing wirklich +etwas daran. Ein ganz kleines Häuschen mit +mehreren Menschen drinnen, die alle sehr wenig +anhatten, denn sie waren sehr arm. ›Das also +ist es –,‹ dachte der liebe Gott, ›arm müssen +die Menschen sein. Diese hier sind, glaub ich, +schon recht arm, aber ich will sie so arm machen, +daß sie nicht einmal ein Hemd zum Anziehen +haben.‹ So nahm sich der liebe Gott vor.«</p> + +<p>Hier machte ich beim Sprechen einen Punkt, +um anzudeuten, daß ich am Ende sei. Der Herr +Lehrer war damit nicht zufrieden; er fand diese +Geschichte ebensowenig abgeschlossen und gerundet +wie die vorhergehende. »Ja« – entschuldigte +ich mich – »da müßte eben ein +Dichter kommen, der zu dieser Geschichte irgendeinen +phantastischen Schluß erfindet, denn +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a> +tatsächlich hat sie noch kein Ende.« »Wieso?« +machte der Herr Lehrer und schaute mich gespannt +an. »Aber, lieber Herr Lehrer,« erinnerte +ich, »wie vergeßlich Sie sind! Sie sind doch +selbst im Vorstand des hiesigen Armenvereins …« +»Ja, seit etwa zehn Jahren bin ich das und –?« +»Das ist es eben; Sie und Ihr Verein verhindern +den lieben Gott die längste Zeit, sein Ziel zu erreichen. +Sie kleiden die Leute –« »Aber ich +bitte Sie,« sagte der Lehrer bescheiden, »das ist +einfach Nächstenliebe. Das ist doch Gott im +höchsten Grade wohlgefällig.« »Ach, davon ist +man maßgebenden Orts wohl überzeugt?« fragte +ich arglos. »Natürlich ist man das. Ich habe +gerade in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied +des Armenvereins manches Lobende zu +hören bekommen. Vertraulich gesagt, man will +auch bei der nächsten Beförderung meine Tätigkeit +in dieser Weise – – – Sie verstehen?« Der +Herr Lehrer errötete schamhaft. »Ich wünsche +Ihnen das Beste,« entgegnete ich. Wir reichten +uns die Hände, und der Herr Lehrer ging mit +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +so stolzen, gemessenen Schritten fort, daß ich +überzeugt bin: er ist zu spät in die Schule gekommen.</p> + +<p>Wie ich später vernahm, ist ein Teil dieser +Geschichte (soweit sie für Kinder paßt) den +Kindern doch bekannt geworden. Sollte der +Herr Lehrer sie zu Ende gedichtet haben?</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>WIE DER VERRAT NACH RUSSLAND KAM</h2> + +<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft. +Das ist ein blonder, lahmer Mann, +der seinen Stuhl, winters wie sommers, hart am +Fenster hat. Er kann sehr jung aussehen, ja in +seinem lauschenden Gesicht ist manchmal etwas +Knabenhaftes. Aber es gibt auch Tage, da er +altert, die Minuten gehen wie Jahre über ihn, +und plötzlich ist er ein Greis, dessen matte +Augen das Leben fast schon losgelassen haben. +Wir kennen uns lang. Erst haben wir uns +immer angesehen, später lächelten wir unwillkürlich, +ein Jahr lang grüßten wir einander, und +seit Gott weiß wann erzählen wir uns das eine +und das andere, wahllos, wie es eben passiert. +»Guten Tag,« rief er, als ich vorüberkam, und +sein Fenster war noch offen in den reichen und +stillen Herbst hinaus. »Ich habe Sie lange nicht +gesehen.«</p> + +<p>»Guten Tag, Ewald –.« Ich trat an sein +Fenster, wie ich immer zu tun pflegte, im Vorübergehen. +»Ich war verreist.« »Wo waren Sie?« +fragte er mit ungeduldigen Augen. »In Rußland.« +<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a> +»O so weit« – er lehnte sich zurück, +und dann: »Was ist das für ein Land, Rußland? +Ein sehr großes, nicht wahr?« »Ja,« sagte ich, +»groß ist es und außerdem –« »Habe ich dumm +gefragt?« lächelte Ewald und wurde rot. »Nein, +Ewald, im Gegenteil. Da Sie fragen: was ist +das für ein Land? wird mir verschiedenes klar. +Zum Beispiel woran Rußland grenzt.« »Im +Osten?« warf mein Freund ein. Ich dachte +nach: »Nein.« »Im Norden?« forschte der +Lahme. »Sehen Sie,« fiel mir ein, »das Ablesen +von der Landkarte hat die Leute verdorben. +Dort ist alles plan und eben, und wenn sie die +vier Weltgegenden bezeichnet haben, scheint +ihnen alles getan. Ein Land ist doch aber kein +Atlas. Es hat Berge und Abgründe. Es muß +doch auch oben und unten an etwas stoßen.« +»Hm –« überlegte mein Freund, »Sie haben +recht. Woran könnte Rußland an diesen beiden +Seiten grenzen?« Plötzlich sah der Kranke wie +ein Knabe aus. »Sie wissen es,« rief ich. »Vielleicht +an Gott?« »Ja,« bestätigte ich, »an Gott.« +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +»So« – nickte mein Freund ganz verständnisvoll. +Erst dann kamen ihm einzelne Zweifel: +»Ist denn Gott ein Land?« »Ich glaube nicht,« +erwiderte ich, »aber in den primitiven Sprachen +haben viele Dinge denselben Namen. Es ist da +wohl ein Reich, das heißt Gott, und der es +beherrscht, heißt auch Gott. Einfache Völker +können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht +unterscheiden; beide sind groß und gütig, +furchtbar und groß.«</p> + +<p>»Ich verstehe,« sagte langsam der Mann am +Fenster. »Und merkt man in Rußland diese +Nachbarschaft?« »Man merkt sie bei allen Gelegenheiten. +Der Einfluß Gottes ist sehr mächtig. +Wieviel man auch aus Europa bringen mag, +die Dinge aus dem Westen sind Steine, sobald +sie über die Grenze sind. Mitunter kostbare +Steine, aber eben nur für die Reichen, die sogenannten +›Gebildeten‹, während von drüben +aus dem anderen Reich das Brot kommt, wovon +das Volk lebt.« »Das hat das Volk wohl in +Überfluß?« Ich zögerte: »Nein, das ist nicht +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +der Fall, die Einfuhr aus Gott ist durch gewisse +Umstände erschwert –« Ich suchte ihn von +diesem Gedanken abzubringen. »Aber man hat +vieles aus den Gebräuchen jener breiten Nachbarschaft +angenommen. Das ganze Zeremoniell +beispielsweise. Man spricht zu dem Zaren ähnlich +wie zu Gott.« »So, man sagt also nicht: +Majestät?« »Nein, man nennt beide Väterchen.« +»Und man kniet vor beiden?« »Man wirft sich +vor beiden nieder, fühlt mit der Stirn den +Boden und weint und sagt: ›Ich bin sündig, +verzeih mir, Väterchen.‹ Die Deutschen, welche +das sehen, behaupten: eine ganz unwürdige +Sklaverei. Ich denke anders darüber. Was +soll das Knien bedeuten? Es hat den Sinn +zu erklären: Ich habe Ehrfurcht. Dazu genügt +es auch, das Haupt zu entblößen, meint +der Deutsche. Nun ja, der Gruß, die Verbeugung, +gewissermaßen sind auch sie Ausdrücke dafür, +Abkürzungen, die entstanden sind in den Ländern, +wo nicht so viel Raum war, daß jeder sich +hätte niederlegen können auf der Erde. Aber +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a> +Abkürzungen gebraucht man bald mechanisch +und ohne sich ihres Sinnes mehr bewußt zu +werden. Deshalb ist es gut, wo noch Raum und +Zeit dafür ist, die Gebärde auszuschreiben, das +ganze schöne und wichtige Wort: Ehrfurcht.«</p> + +<p>»Ja, wenn ich könnte, würde ich auch +niederknien –,« träumte der Lahme. »Aber es +kommt –« fuhr ich nach einer Pause fort – +»in Rußland auch vieles andere von Gott. Man +hat das Gefühl, jedes Neue wird von ihm eingeführt, +jedes Kleid, jede Speise, jede Tugend +und sogar jede Sünde muß erst von ihm bewilligt +werden, ehe sie in Gebrauch kommt.« +Der Kranke sah mich fast erschrocken an. »Es +ist nur ein Märchen, auf welches ich mich berufe,« +eilte ich ihn zu beruhigen, »eine sogenannte +Bylina, ein Gewesenes zu deutsch. +Ich will Ihnen kurz den Inhalt erzählen. Der +Titel ist: Wie der Verrat nach Rußland kam.« +Ich lehnte mich ans Fenster, und der Gelähmte +schloß die Augen, wie er gerne tat, wenn irgendwo +eine Geschichte begann.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>»Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten +Fürsten Tribut auferlegen und drohte +ihnen mit einem großen Krieg, falls sie nicht +Gold nach Moskau, in die weiße Stadt, schicken +würden. Die Fürsten sagten, nachdem sie Rat +gepflogen hatten, wie ein Mann: ›Wir geben dir +drei Rätselfragen auf. Komm an dem Tage, den +wir dir bestimmen, in den Orient, zu dem weißen +Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage +uns die drei Lösungen. Sobald sie richtig sind, +geben wir dir die zwölf Tonnen Goldes, die du +von uns verlangst.‹ Zuerst dachte der Zar Iwan +Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn die vielen +Glocken seiner weißen Stadt Moskau. Da rief +er seine Gelehrten und Räte vor sich, und jeden, +der die Frage nicht beantworten konnte, ließ er +auf den großen, roten Platz führen, wo gerade +die Kirche für Wassilij, den Nackten, gebaut +wurde, und einfach köpfen. Bei einer solchen +Beschäftigung verging ihm die Zeit so rasch, +daß er sich plötzlich auf der Reise fand nach +dem Orient, zu dem weißen Stein, bei welchem +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +die Fürsten warteten. Er wußte auf keine der +drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war +lang, und es war immer noch die Möglichkeit, +einem Weisen zu begegnen; denn damals waren +viele Weise unterwegs auf der Flucht, da alle +Könige die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf +abschneiden zu lassen, wenn sie ihnen nicht +weise genug schienen. Ein solcher kam ihm nun +allerdings nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen +sah er einen alten bärtigen Bauer, welcher +an einer Kirche baute. Er war schon dabei angelangt, +den Dachstuhl zu zimmern und die kleinen +Latten darüberzulegen. Da war es nun recht +verwunderlich, daß der alte Bauer immer wieder +von der Kirche herunterstieg, um von den +schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet +waren, jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal +in seinem langen Kaftan mitzunehmen. Er +mußte so beständig auf und nieder klettern, und +es war gar nicht abzusehen, daß er auf diese +Weise überhaupt jemals alle vielhundert Latten +an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a> +deshalb ungeduldig: ›Dummkopf,‹ schrie er (so +nennt man in Rußland meistens die Bauern), ›du +solltest dich tüchtig beladen mit deinem Holz +und dann auf die Kirche kriechen, das wäre bei +weitem einfacher.‹ Der Bauer, der gerade unten +war, blieb stehen, hielt die Hand über die Augen +und antwortete: ›Das mußt du schon mir überlassen, +Zar Iwan Wassiljewitsch, jeder versteht +sein Handwerk am besten; indessen, weil du +schon hier vorüberreitest, will ich dir die Lösung +der drei Rätsel sagen, welche du am weißen +Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst +wissen müssen.‹ Und er schärfte ihm die drei +Antworten der Reihe nach ein. Der Zar konnte +vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken. +›Was soll ich dir geben zum Lohne?‹ fragte er +endlich. ›Nichts,‹ machte der Bauer, holte eine +Latte und wollte auf die Leiter steigen. ›Halt,‹ +befahl der Zar, ›das geht nicht an, du mußt dir +etwas wünschen.‹ ›Nun, Väterchen, wenn du +befiehlst, gib mir eine von den zwölf Tonnen +Goldes, welche du von den Fürsten im Orient +<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a> +erhalten wirst.‹ ›Gut –,‹ nickte der Zar. ›Ich +gebe dir eine Tonne Goldes.‹ Dann ritt er eilends +davon, um die Lösungen nicht wieder zu vergessen.</p> + +<p>Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen +zurückgekommen war aus dem Orient, schloß +er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im +fünftorigen Kreml, ein und schüttete eine Tonne +nach der anderen auf die glänzenden Dielen des +Saales aus, so daß ein wahrer Berg aus Gold +entstand, der einen großen schwarzen Schatten +über den Boden warf. In Vergeßlichkeit hatte +der Zar auch die zwölfte Tonne ausgeleert. Er +wollte sie wieder füllen, aber es tat ihm leid, so +viel Gold von dem herrlichen Haufen wieder +fortnehmen zu müssen. In der Nacht ging er +in den Hof hinunter, schöpfte feinen Sand in +die Tonne, bis sie zu drei Vierteilen voll war, +kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold +über den Sand und schickte die Tonne mit dem +nächsten Morgen durch einen Boten in die +Gegend des weiten Rußland, wo der alte Bauer +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +seine Kirche baute. Als dieser den Boten kommen +sah, stieg er von dem Dach, welches noch +lange nicht fertig war, und rief: ›Du mußt nicht +näher kommen, mein Freund, reise zurück +samt deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand +und ein knappes Viertel Gold enthält; ich +brauche sie nicht. Sage deinem Herrn, bisher +hat es keinen Verrat in Rußland gegeben. Er +aber ist selbst daran schuld, wenn er bemerken +sollte, daß er sich auf keinen Menschen verlassen +kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man +verrät, und von Jahrhundert zu Jahrhundert +wird sein Beispiel in ganz Rußland viele Nachahmer +finden. Ich brauche nicht das Gold, ich +kann ohne Gold leben. Ich erwartete nicht +Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. +Er aber hat mich getäuscht. Sage das +deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren Iwan +Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau +sitzt mit seinem bösen Gewissen und in +einem goldenen Kleid.‹</p> + +<p>Nach einer Weile Reitens wandte sich der +<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a> +Bote nochmals um: der Bauer und seine Kirche +waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten +Latten lagen nicht mehr da, es war +alles leeres, flaches Land. Da jagte der Mann +entsetzt zurück nach Moskau, stand atemlos vor +dem Zaren und erzählte ihm ziemlich unverständlich, +was sich begeben hatte und daß der +vermeintliche Bauer niemand anderes gewesen +sei als Gott selbst.«</p> + +<p>»Ob er wohl recht gehabt hat damit?« meinte +mein Freund leise, nachdem meine Geschichte +verklungen war.</p> + +<p>»Vielleicht –,« entgegnete ich, »aber, wissen +Sie, das Volk ist – abergläubisch – indessen, +ich muß jetzt gehen, Ewald.« »Schade,« sagte +der Lahme aufrichtig. »Wollen Sie mir nicht +bald wieder eine Geschichte erzählen?« »Gerne, +– aber unter einer Bedingung.« Ich trat noch +einmal ans Fenster heran. »Nämlich?« staunte +Ewald. »Sie müssen alles gelegentlich den Kindern +in der Nachbarschaft weitererzählen,« bat +ich. »O, die Kinder kommen jetzt so selten zu +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a> +mir.« Ich vertröstete ihn: »Sie werden schon +kommen. Offenbar haben Sie in der letzten +Zeit nicht Lust gehabt, ihnen etwas zu erzählen, +und vielleicht auch keinen Stoff, oder zu viel +Stoffe. Aber wenn einer eine wirkliche Geschichte +weiß, glauben Sie, das kann verborgen +bleiben? Bewahre, das spricht sich herum, besonders +unter den Kindern!« »Auf Wiedersehen.« +Damit ging ich.</p> + +<p>Und die Kinder haben die Geschichte noch +an demselben Tage gehört.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>WIE DER ALTE TIMOFEI SINGEND STARB</h2> + +<p class="drop-cap">Was<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a> für eine Freude ist es doch, einem +lahmen Menschen zu erzählen. Die gesunden +Leute sind so ungewiß; sie sehen die +Dinge bald von der, bald von jener Seite an, +und wenn man mit ihnen eine Stunde lang so +gegangen ist, daß sie zur Rechten waren, kann +es geschehen, daß sie plötzlich von links antworten, +nur, weil es ihnen einfällt, daß das höflicher +sei und von feinerer Bildung zeuge. Beim +Lahmen hat man das nicht zu befürchten. Seine +Unbeweglichkeit macht ihn den Dingen ähnlich, +mit denen er auch wirklich viele herzliche Beziehungen +pflegt, macht ihn, sozusagen, zu +einem den anderen sehr überlegenen Ding, zu +einem Ding, das nicht nur lauscht mit seiner +Schweigsamkeit, sondern auch mit seinen seltenen +leisen Worten und mit seinen sanften, +ehrfürchtigen Gefühlen.</p> + +<p>Ich mag am liebsten meinem Freund Ewald +erzählen. Und ich war sehr froh, als er mir von +seinem täglichen Fenster aus zurief: »Ich muß +Sie etwas fragen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>Rasch trat ich zu ihm und begrüßte ihn. +»Woher stammt die Geschichte, die Sie mir +neulich erzählt haben?« bat er endlich. »Aus +einem Buch?« »Ja« – entgegnete ich traurig, +»die Gelehrten haben sie darin begraben, seit +sie tot ist; das ist gar nicht lange her. Noch +vor hundert Jahren lebte sie, gewiß sehr sorglos, +auf vielen Lippen. Aber die Worte, welche +die Menschen jetzt gebrauchen, diese schweren, +nicht sangbaren Worte, waren ihr feind und +nahmen ihr einen Mund nach dem anderen +weg, so daß sie zuletzt, nur sehr eingezogen +und ärmlich, auf ein paar trockenen Lippen, +wie auf einem schlechten Witwengut, lebte. +Dort verstarb sie auch, ohne Nachkommen zu +hinterlassen, und wurde, wie schon erwähnt, +mit allen Ehren in einem Buche bestattet, wo +schon andere aus ihrem Geschlechte lagen.« +»Und sie war sehr alt, als sie starb?« fragte +mein Freund, in meinen Ton eingehend. »400 +bis 500 Jahre,« berichtete ich der Wahrheit gemäß, +»verschiedene von ihren Verwandten haben +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a> +noch ein ungleich höheres Alter erreicht.« »Wie, +ohne jemals in einem Buche zu ruhen?« staunte +Ewald. Ich erklärte: »Soviel ich weiß, waren +sie die ganze Zeit von Lippe zu Lippe unterwegs.« +»Und haben nie geschlafen?« »Doch, +von dem Munde des Sängers steigend, blieben +sie wohl dann und wann in einem Herzen, +darin es warm und dunkel war.« »Waren denn +die Menschen so still, daß Lieder schlafen konnten +in ihren Herzen?« Ewald schien mir recht +ungläubig. »Es muß wohl so gewesen sein. +Man behauptet, sie sprachen weniger, tanzten +langsam anwachsende Tänze, die etwas Wiegendes +hatten, und vor allem: sie lachten nicht laut, +wie man es heute trotz der allgemeinen hohen +Kultur nicht selten vernehmen kann.«</p> + +<p>Ewald schickte sich an, noch etwas zu fragen, +aber er unterdrückte es und lächelte: »Ich frage +und frage, – aber Sie haben vielleicht eine Geschichte +vor?« Er sah mich erwartungsvoll an.</p> + +<p>»Eine Geschichte? Ich weiß nicht. Ich wollte +nur sagen: diese Gesänge waren das Erbgut in +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +gewissen Familien. Man hatte es übernommen, +und man gab es weiter, nicht ganz unbenützt, +mit den Spuren eines täglichen Gebrauchs, aber +doch unbeschädigt, wie etwa eine alte Bibel von +Vätern zu Enkeln geht. Der Enterbte unterschied +sich von den in ihre Rechte eingesetzten +Geschwistern dadurch, daß er nicht singen +konnte, oder er wußte wenigstens nur einen +kleinen Teil der Lieder seines Vaters und Großvaters +und verlor mit den übrigen Gesängen das +große Stück Erleben, das alle diese Bylinen und +Skaski dem Volke bedeuten. So hatte z. B. Jegor +Timofejewitsch gegen den Willen seines Vaters, +des alten Timofei, ein junges, schönes Weib geheiratet +und war mit ihr nach Kiew gegangen, +in die heilige Stadt, bei welcher sich die Gräber +der größten Märtyrer der heiligen, rechtgläubigen +Kirche versammelt haben. Der Vater Timofei, +der als der kundigste Sänger auf zehn Tagereisen +im Umkreis galt, verfluchte seinen Sohn und erzählte +seinen Nachbarn, daß er oft überzeugt sei, +niemals einen solchen gehabt zu haben. Dennoch +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +verstummte er in Gram und Traurigkeit. +Und er wies alle die jungen Leute zurück, die +sich in seine Hütte drängten, um die Erben der +vielen Gesänge zu werden, welche in dem Alten +eingeschlossen waren, wie in einer verstaubten +Geige. ›Vater, du unser Väterchen, gib uns nur +eines oder das andere Lied. Siehst du, wir +wollen es in die Dörfer tragen, und du sollst es +hören aus allen Höfen, sobald der Abend kommt +und das Vieh in den Ställen ruhig geworden ist.‹ +Der Alte, der beständig auf dem Ofen saß, +schüttelte den ganzen Tag den Kopf. Er hörte +nicht mehr gut, und da er nicht wußte, ob nicht +einer von den Burschen, die jetzt fortwährend +sein Haus umhorchten, eben wieder gefragt hatte, +machte er mit seinem weißen Kopf zitternd: +Nein, nein, nein, bis er einschlief und auch dann +noch eine Weile – im Schlaf. Er hätte den +Burschen gerne ihren Willen getan; es war ihm +selber leid, daß sein stummer, verstorbener Staub +über diesen Liedern liegen sollte, vielleicht schon +ganz bald. Aber hätte er versucht, einen von +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a> +ihnen etwas zu lehren, gewiß hätte er sich dabei +seines Jegoruschka erinnern müssen und dann +– wer weiß – was dann geschehen wäre. Denn +nur, weil er überhaupt schwieg, hatte ihn niemand +weinen sehen. Hinter jedem Wort stand +es ihm, das Schluchzen, und er mußte immer +sehr schnell und vorsichtig den Mund schließen, +sonst wäre es einmal doch mitgekommen.</p> + +<p>Der alte Timofei hatte seinen einzigen Sohn +Jegor von ganz früh an einzelne Lieder gelehrt, +und als fünfzehnjähriger Knabe wußte dieser +schon mehr und richtiger zu singen als alle erwachsenen +Burschen im Dorfe und in der Nachbarschaft. +Gleichwohl pflegte der Alte meistens +am Feiertag, wenn er etwas trunken war, dem +Burschen zu sagen: <ins title="Jegoruschka">›Jegoruschka</ins>, mein Täubchen, +ich habe dich schon viele Lieder singen +gelehrt, viele Bylinen und auch die Legenden +von Heiligen, fast für jeden Tag eine. Aber ich +bin, wie du weißt, der Kundigste im ganzen +Gouvernement, und mein Vater kannte sozusagen +alle Lieder von ganz Rußland und auch +<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a> +noch tatarische Geschichten dazu. Du bist noch +sehr jung, und deshalb habe ich dir die schönsten +Bylinen, darin die Worte wie Ikone sind und +gar nicht zu vergleichen mit den gewöhnlichen +Worten, noch nicht erzählt, und du hast noch +nicht gelernt, jene Weisen zu singen, die noch +keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, +hat anhören können, ohne zu weinen.‹ Dieses +wiederholte Timofei seinem Sohne an jedem +Sonntag und an allen vielen Feiertagen des russischen +Jahres, also ziemlich oft. Bis dieser nach +einem heftigen Auftritt mit dem Alten, zugleich +mit der schönen Ustjënka, der Tochter eines +armen Bauern, verschwunden war.</p> + +<p>Im dritten Jahre nach diesem Vorfall erkrankte +Timofei, zur selben Zeit, als einer jener vielen +Pilgerzüge, die aus allen Teilen des weiten Reiches +beständig nach Kiew ziehen, aufbrechen wollte. +Da trat Ossip, der Nachbar, bei dem Kranken +ein: ›Ich gehe mit den Pilgern, Timofei Iwanitsch, +erlaube mir, dich noch einmal zu umarmen.‹ +Ossip war nicht befreundet mit dem Alten, aber +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> +nun, da er diese weite Reise begann, fand er es +für notwendig, von ihm wie von einem Vater +Abschied zu nehmen. ›Ich habe dich manchmal +gekränkt,‹ schluchzte er, ›verzeih mir, mein +Herzchen, es ist im Trunke geschehen, und da +kann man nichts dafür, wie du weißt. Nun, ich +will für dich beten und eine Kerze anstecken für +dich; leb wohl, Timofei Iwanitsch, mein Väterchen, +vielleicht wirst du wieder gesund, wenn +Gott es will, dann singst du uns wieder etwas. +Ja, ja, das ist lange her, seit du gesungen hast. +Was waren das für Lieder. Das von Djuk Stepanowitsch +zum Beispiel, glaubst du, ich habe +das vergessen? Wie dumm du bist! Ich weiß +es noch ganz genau. Freilich, so wie du, – du +hast es eben gekonnt, das muß man sagen. Gott +hat dir das gegeben, einem anderen gibt er etwas +anderes. Mir zum Beispiel –‹</p> + +<p>Der Alte, der auf dem Ofen lag, drehte sich +ächzend um und machte eine Bewegung, als ob +er etwas sagen wollte. Es war, als hörte man +ganz leise den Namen Jegors. Vielleicht wollte +<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a> +er ihm eine Nachricht schicken. Aber als der +Nachbar, von der Türe her, fragte: ›Sagst du +etwas, Timofei Iwanitsch?‹ lag er schon wieder +ganz ruhig da und schüttelte nur leise seinen +weißen Kopf. Trotzdem, weiß Gott wie es geschah, +kaum ein Jahr, nachdem Ossip fortgegangen +war, kehrte Jegor ganz unvermutet zurück. +Der Alte erkannte ihn nicht gleich, denn +es war dunkel in der Hütte, und die greisen +Augen nahmen nur ungern eine neue fremde +Gestalt auf. Aber als Timofei die Stimme des +Fremden gehört hatte, erschrak er und sprang +vom Ofen herab auf seine alten, schwankenden +Beine. Jegor fing ihn auf, und sie hielten sich +in den Armen. Timofei weinte. Der junge +Mensch fragte in einem fort: ›Bist du schon lange +krank, Vater?‹ Als sich der Alte ein wenig beruhigt +hatte, kroch er auf seinen Ofen zurück +und erkundigte sich in einem anderen strengen +Ton: ›Und dein Weib?‹ Pause. Jegor spuckte +aus: ›Ich hab sie fortgejagt, weißt du, mit dem +Kind.‹ Er schwieg eine Weile. ›Da kommt +<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a> +einmal der Ossip zu mir; ›Ossip Nikiphorowitsch?‹ +sag ich. ›Ja,‹ antwortet er, ›ich bins. +Dein Vater ist krank, Jegor. Er kann nicht mehr +singen. Es ist jetzt ganz still im Dorfe, als ob +es keine Seele mehr hätte, unser Dorf. Nichts +klopft, nichts rührt sich, es weint niemand mehr, +und auch zum Lachen ist kein rechter Grund.‹ +Ich denke nach. Was ist da zu machen? Ich +rufe also mein Weib. ›Ustjënka‹ – sag ich –, +›ich muß nach Hause, es singt sonst keiner mehr +dort, die Reihe ist an mir. Der Vater ist krank.‹ +›Gut,‹ sagt Ustjënka. ›Aber ich kann dich nicht +mitnehmen‹ – so erklär ich ihr, ›der Vater, weißt +du, will dich nicht. Und auch zurückkommen +werd ich wahrscheinlich nicht zu dir, wenn ich +erst einmal wieder dort bin und singe.‹ Ustjënka +versteht mich: ›Nun, Gott mit dir! Es sind jetzt +viele Pilger hier, da gibt es viel Almosen. Gott +wird schon helfen, Jegor.‹ Und so geh ich also +fort. Und nun, Vater, sag mir alle deine Lieder.‹</p> + +<p>Es verbreitete sich das Gerücht, daß Jegor zurückgekehrt +sei und daß der alte Timofei wieder +<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a> +singe. Aber in diesem Herbst ging der Wind so +heftig durch das Dorf, daß niemand von den Vorübergehenden +mit Sicherheit ermitteln konnte, +ob in Timofeis Hause wirklich gesungen werde +oder nicht. Und die Tür wurde keinem Pochenden +geöffnet. Die beiden wollten allein sein. +Jegor saß am Rande des Ofens, auf welchem der +Vater lag, und kam mit dem Ohr bisweilen dem +Munde des Alten entgegen; denn dieser sang in +der Tat. Seine alte Stimme trug, etwas gebückt +und zitternd, alle die schönsten Lieder zu Jegor +hin, und dieser wiegte manchmal den Kopf oder +bewegte die herabhängenden Beine, ganz, als ob +er schon selber sänge. Das ging so viele Tage +lang fort. Timofei fand immer noch ein schöneres +Lied in seiner Erinnerung; oft, nachts, weckte +er den Sohn, und indem er mit den welken, +zuckenden Händen ungewisse Bewegungen +machte, sang er ein kleines Lied und noch eines +und noch eines – bis der träge Morgen sich zu +rühren begann. Bald nach dem schönsten starb +er. Er hatte sich in den letzten Tagen oft arg +<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a> +beklagt, daß er noch eine Unmenge Lieder in +sich trüge und nicht mehr Zeit habe, sie seinem +Sohne mitzuteilen. Er lag da mit gefurchter +Stirne, in angestrengtem, ängstlichem Nachdenken, +und seine Lippen zitterten vor Erwartung. +Von Zeit zu Zeit setzte er sich auf, wiegte +eine Weile den Kopf, bewegte den Mund, und +endlich kam irgendein leises Lied hinzu; aber +jetzt sang er meistens immer dieselben Strophen +von Djuk Stepanowitsch, die er besonders liebte, +und sein Sohn mußte erstaunt sein und tun, als +vernähme er sie zum erstenmal, um ihn nicht +zu erzürnen.</p> + +<p>Als der alte Timofei Iwanitsch gestorben war, +blieb das Haus, welches Jegor jetzt allein bewohnte, +noch eine Zeitlang verschlossen. Dann, +im ersten Frühjahr, trat Jegor Timofejewitsch, +der jetzt einen ziemlich langen Bart hatte, aus +seiner Tür, begann im Dorfe hin und her zu +gehen und zu singen. Später kam er auch in +die benachbarten Dörfer, und die Bauern erzählten +sich schon, daß Jegor ein mindestens +<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a> +ebenso kundiger Sänger geworden sei wie sein +Vater Timofei; denn er wußte eine große Anzahl +ernster und heldenhafter Gesänge und alle +jene Weisen, die keiner, er mochte ein Kosak +sein oder ein Bauer, anhören konnte, ohne zu +weinen. Dabei soll er noch so einen sanften und +traurigen Ton gehabt haben, wie man ihn noch +von keinem Sänger vernommen hat. Und dieser +Ton fand sich immer, ganz unerwartet, im Kehrreim +vor, wodurch er besonders rührend wirkte. +So habe ich wenigstens erzählen hören.«</p> + +<p>»Diesen Ton hat er also nicht von seinem +Vater gelernt?« sagte mein Freund Ewald nach +einer Weile. »Nein,« erwiderte ich, »man weiß +nicht, woher der ihm kam.« Als ich vom Fenster +schon fortgetreten war, machte der Lahme noch +eine Bewegung und rief mir nach: »Er hat vielleicht +an sein Weib und sein Kind gedacht. +Übrigens, hat er sie nie kommen lassen, da ja +sein Vater nun tot war?« »Nein, ich glaube nicht. +Wenigstens ist er später allein gestorben.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>DAS LIED VON DER GERECHTIGKEIT</h2> + +<p class="drop-cap">Als<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a> ich das nächste Mal an Ewalds Fenster +vorüberkam, winkte er mir und lächelte: +»Haben Sie den Kindern etwas Bestimmtes versprochen?« +»Wieso?« staunte ich. »Nun, als +ich ihnen die Geschichte von Jegor erzählt hatte, +beklagten sie sich, daß Gott in derselben nicht +vorkäme.« Ich erschrak: »Was, eine Geschichte +ohne Gott, aber wie ist denn das möglich?« +Dann besann ich mich: »In der Tat, es ist wahr, +von Gott sagt die Geschichte, wie ich sie mir +jetzt überdenke, nichts. Ich begreife nicht, wie +das geschehen konnte; hätte jemand von mir +eine solche verlangt, ich glaube, ich hätte mein +ganzes Leben nachgedacht, ohne Erfolg …«</p> + +<p>Mein Freund lächelte über diesen Eifer: »Sie +müssen sich deshalb nicht erregen,« unterbrach +er mich mit einer gewissen Güte, »ich denke +mir, man kann ja nie wissen, ob Gott in einer +Geschichte ist, ehe man sie auch ganz beendet +hat. Denn wenn auch nur noch zwei Worte +fehlen sollten, ja selbst, wenn nur noch die Pause +hinter dem letzten Worte der Erzählung aussteht: +<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a> +Er kann immer noch kommen.« Ich +nickte, und der Lahme sagte in anderem Ton: +»Wissen Sie nicht noch etwas von diesen russischen +Sängern?«</p> + +<p>Ich zögerte: »Ja, wollen wir nicht lieber von +Gott reden, Ewald?« Er schüttelte den Kopf: +»Ich wünsche mir so, mehr von diesen eigentümlichen +Männern zu vernehmen. Ich weiß +nicht, wie es kommt, ich denke mir immer, +wenn so einer hier bei mir einträte –« und er +wandte den Kopf ins Zimmer nach der Türe zu. +Aber seine Augen kehrten schnell und nicht +ohne Verlegenheit zu mir zurück – »Doch das +ist ja wohl nicht möglich,« verbesserte er eilig. +»Warum sollte das nicht möglich sein, Ewald? +Ihnen kann manches begegnen, was den Menschen, +die ihre Beine brauchen können, verwehrt +bleibt, weil sie an so vielem vorübergehen und +vor so manchem davonlaufen. Gott hat Sie, +Ewald, dazu bestimmt, ein ruhiger Punkt zu sein +mitten in aller Hast. Fühlen Sie nicht, wie alles +sich um Sie bewegt? Die anderen jagen den +<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a> +Tagen nach, und wenn sie mal einen erreicht +haben, sind sie so atemlos, daß sie gar nicht mit +ihm sprechen können. Sie aber, mein Freund, +sitzen einfach an Ihrem Fenster und warten; und +den Wartenden geschieht immer etwas. Sie +haben ein ganz besonderes Los. Denken Sie, +sogar die Iberische Madonna in Moskau muß +aus ihrem Kapellchen heraus und fährt in einem +schwarzen Wagen mit vier Pferden zu denen, +die irgend etwas feiern, sei es die Taufe oder den +Tod. Zu Ihnen aber muß alles kommen –«</p> + +<p>»Ja,« sagte Ewald mit einem fremden Lächeln, +»ich kann sogar dem Tod nicht entgegengehen. +Viele Menschen finden ihn unterwegs. Er scheut +sich, ihre Häuser zu betreten, und ruft sie hinaus +in die Fremde, in den Krieg, auf einen steilen +Turm, auf eine schwankende Brücke, in eine +Wildnis oder in den Wahnsinn. Die meisten +holen ihn wenigstens draußen irgendwo ab und +tragen ihn dann auf ihren Schultern nach Hause, +ohne es zu merken. Denn der Tod ist träge; +wenn die Menschen ihn nicht fortwährend stören +<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a> +würden, wer weiß, er schliefe vielleicht ein.« +Der Kranke dachte eine Weile nach und fuhr +dann mit einem gewissen Stolz fort: »Aber zu +mir wird er kommen müssen, wenn er mich will. +Hier in meine kleine helle Stube, in der die +Blumen sich so lange halten, über diesen alten +Teppich, an diesem Schrank vorbei, zwischen +Tisch und Bettende durch (es ist gar nicht leicht, +vorüberzukommen) bis her an meinen breiten, +lieben, alten Stuhl, der dann wahrscheinlich mit +mir sterben wird, weil er sozusagen mit mir gelebt +hat. Und er wird dies alles tun müssen in der +üblichen Art, ohne Lärm, ohne etwas umzuwerfen, +ohne etwas Ungewöhnliches zu beginnen, +wie ein Besuch. Dieser Umstand bringt mir meine +Stube merkwürdig nah. Es wird sich alles hier +abspielen auf dieser engen Szene, und darum wird +auch dieser letzte Vorgang sich nicht sehr von +allen anderen Ereignissen unterscheiden, welche +sich hier begeben haben und noch bevorstehen. +Es hat mir immer schon als Kind seltsam geschienen, +daß die Menschen vom Tode anders +<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a> +sprechen als von allen anderen Begebenheiten, +und das nur deshalb, weil jeder von dem, was +ihm nachher geschieht, nichts mehr verrät. Wodurch +aber unterscheidet sich denn ein Toter +von einem Menschen, welcher ernst wird, auf +die Zeit verzichtet und sich einschließt, um über +etwas ruhig nachzudenken, dessen Lösung ihn +lange schon quält? Unter den Leuten kann man +sich doch nicht einmal des Vaterunsers erinnern, +wie denn erst irgendeines anderen dunkleren Zusammenhanges, +der vielleicht nicht in Worten, +sondern in Ereignissen besteht. Man muß abseits +gehen in irgendeine unzugängliche Stille, und +vielleicht sind die Toten solche, die sich zurückgezogen +haben, um über das Leben nachzudenken.«</p> + +<p>Es entstand eine kleine Schweigsamkeit, die +ich mit folgenden Worten begrenzte: »Ich muß +dabei an ein junges Mädchen denken. Man kann +sagen, daß sie in den ersten siebzehn Jahren ihres +heiteren Lebens nur geschaut hat. Ihre Augen +waren so groß und so selbständig, daß sie alles, +was sie empfingen, selbst verbrauchten, und das +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a> +Leben in dem ganzen Körper des jungen Geschöpfes +ging, unabhängig davon, von schlichten, +inneren Geräuschen genährt, vor sich. Am Ende +dieser Zeit aber störte irgendein zu heftiges Ereignis +dieses doppelte, kaum sich berührende +Leben, die Augen brachen gleichsam nach innen +durch, und die ganze Schwere des Äußeren fiel +durch sie in das dunkle Herz hinein, und jeder +Tag stürzte mit solcher Wucht in die tiefen, +steilen Blicke, daß er in der engen Brust zersprang +wie ein Glas. Da wurde das junge Mädchen blaß, +begann zu kränkeln, einsam zu werden, nachzudenken, +und endlich suchte es selbst jene Stille +auf, darin die Gedanken wahrscheinlich nicht +mehr gestört werden.«</p> + +<p>»Wie ist sie gestorben?« fragte mein Freund +leise, mit etwas heiserer Stimme. »Sie ist ertrunken. +In einem tiefen, stillen Teich, und an +der Oberfläche desselben entstanden viele Ringe, +die langsam weit wurden und unter den weißen +Wasserrosen hin wuchsen, so daß alle diese +badenden Blüten sich bewegten.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>»Ist das auch eine Geschichte?« sagte Ewald, +um die Stille hinter meinen Worten nicht mächtig +werden zu lassen. »Nein,« entgegnete ich, »das ist +ein Gefühl.« »Aber könnte man es nicht auch den +Kindern übermitteln – dieses Gefühl?« Ich überlegte. +»Vielleicht –« »Und wodurch?« »Durch +eine andere Geschichte.« Und ich erzählte:</p> + +<p>»Es war zur Zeit, als man im südlichen Rußland +um die Freiheit kämpfte.«</p> + +<p>»Verzeihen Sie,« sagte Ewald, »wie ist das +zu verstehen – wollte sich das Volk etwa vom +Zaren losmachen? Das würde nicht zu dem +passen, was ich mir von Rußland denke, und +auch mit Ihren früheren Erzählungen in Widerspruch +stehen. In diesem Falle würde ich vorziehen, +Ihre Geschichte nicht zu hören. Denn +ich liebe das Bild, welches ich mir von den +Dingen dort gemacht habe, und will es unbeschädigt +behalten.«</p> + +<p>Ich mußte lächeln und beruhigte ihn: »Die +polnischen Pans (ich hätte das vorausschicken +müssen) waren Herren im südlichen Rußland +<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a> +und in jenen stillen, einsamen Steppen, welche +man mit dem Namen Ukraine bezeichnet. Sie +waren harte Herren. Ihre Bedrückung und die +Habgier der Juden, welche sogar den Kirchenschlüssel +in Händen hatten, den sie nur gegen +Bezahlung den Rechtgläubigen auslieferten, hatte +das jugendliche Volk um Kiew herum und den +ganzen Dnjepr aufwärts müde und nachdenklich +gemacht. Die Stadt selbst, Kiew, das heilige, der +Ort, wo Rußland zuerst mit vierhundert Kirchenkuppeln +von sich erzählte, versank immer mehr +in sich selbst und verzehrte sich in Bränden wie +in plötzlichen, irren Gedanken, hinter denen die +Nacht nur immer uferloser wird. Das Volk in +der Steppe wußte nicht recht, was geschah. Aber +von seltsamer Unruhe erfaßt, traten die Greise +nachts aus den Hütten und betrachteten schweigend +den hohen, ewig windlosen Himmel, und +am Tage konnte man Gestalten auf dem Rücken +der Kurgane auftauchen sehen, die sich wartend +vor der flachen Ferne erhoben. Diese Kurgane +sind Grabstätten vergangener Geschlechter, die +<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a> +die ganze Heide wie ein erstarrter, schlafender +Wellenschlag durchziehen. Und in diesem Land, +in welchem die Gräber die Berge sind, sind die +Menschen die Abgründe. Tief, dunkel, schweigsam +ist die Bevölkerung, und ihre Worte sind +nur schwache, schwankende Brücken über ihrem +wirklichen Sein. – Manchmal heben sich dunkle +Vögel von den Kurganen. Manchmal stürzen +wilde Lieder in die dämmernden Menschen hinein +und verschwinden in ihnen tief, während +die Vögel im Himmel verloren gehen. Nach +allen Richtungen hin scheint alles grenzenlos. +Die Häuser selbst können nicht beschützen vor +dieser Unermeßlichkeit; ihre kleinen Fenster sind +voll davon. Nur in den dunkelnden Ecken der +Stuben stehen die alten Ikone, wie Meilensteine +Gottes, und der Glanz von einem kleinen Licht +geht durch ihre Rahmen, wie ein verirrtes Kind +durch die Sternennacht. Diese Ikone sind der +einzige Halt, das einzige zuverlässige Zeichen am +Wege, und kein Haus kann ohne sie bestehen. +Immer wieder werden welche notwendig; wenn +<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a> +eines zerbricht vor Alter und Wurm, wenn jemand +heiratet und sich eine Hütte zimmert, oder wenn +einer, wie zum Beispiel der alte Abraham, stirbt mit +dem Wunsch, den heiligen Nikolaus, den Wundertäter, +in den gefalteten Händen mitzunehmen, +wahrscheinlich, um die Heiligen im Himmel mit +diesem Bilde zu vergleichen und den besonders +Verehrten vor allen anderen zu erkennen.</p> + +<p>So kommt es, daß Peter Akimowitsch, eigentlich +Schuster von Beruf, auch Ikone malt. Wenn +er von der einen Arbeit müde ist, geht er, nachdem +er sich dreimal bekreuzt hat, zu der anderen +über, und über seinem Nähen und Hämmern wie +über seinem Malen waltet die gleiche Frömmigkeit. +Jetzt ist er schon ein alter Mann, aber doch +ziemlich rüstig. Den Rücken, den er über die +Stiefel biegt, richtet er vor den Bildern wieder +gerade, und so hat er sich eine gute Haltung +bewahrt und ein gewisses Gleichgewicht in den +Schultern und im Kreuz. Den größten Teil seines +Lebens hat er ganz allein verbracht, sich gar nicht +hineinmischend in die Unruhe, die dadurch entstand, +<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a> +daß sein Weib Akulina ihm Kinder gebar +und daß diese verstarben oder sich verheirateten. +Erst in seinem siebzigsten Jahre hatte Peter sich +mit denen in Verbindung gesetzt, die in seinem +Hause verblieben waren und die er nun erst +als wirklich vorhanden betrachtete. Das waren: +Akulina, sein Weib, eine stille, demütige Person, +die sich fast ganz in den Kindern fortgegeben +hatte, eine alternde, häßliche Tochter und Aljoscha, +ein Sohn, welcher, unverhältnismäßig spät +geboren, erst siebzehn Jahre zählte. Diesen wollte +Peter für die Malerei heranbilden; denn er sah +ein, daß er bald nicht allen Bestellungen würde +entsprechen können. Aber er gab den Unterricht +bald auf. Aljoscha hatte die allerheiligste Jungfrau +gemalt, aber das strenge und richtige Vorbild +so wenig erreicht, daß sein Machwerk aussah +wie ein Bild der Mariana, der Tochter des +Kosaken Golokopytenko, also wie etwas durchaus +Sündiges, und der alte Peter beeilte sich, +nachdem er sich oft bekreuzt hatte, das beleidigte +Brett mit einem heiligen Dmitrij zu übermalen, +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +welchen er aus einem unbekannten Grunde über +alle anderen Heiligen stellte.</p> + +<p>Aljoscha versuchte auch nie mehr ein Bild +zu beginnen. Wenn ihm der Vater nicht befahl, +einen Nimbus zu vergolden, war er meistens +draußen in der Steppe, kein Mensch wußte wo. +Niemand hielt ihn zu Hause. Die Mutter wunderte +sich über ihn und hatte eine Scheu, mit +ihm zu reden, als ob er ein Fremder wäre oder +ein Beamter. Die Schwester hatte ihn geschlagen, +solang er ein Kind war, und jetzt, seit Aljoscha +erwachsen war, begann sie ihn zu verachten, dafür, +daß er sie nicht schlug. Aber auch im Dorfe +war niemand, der sich um den Burschen kümmerte. +Mariana, die Kosakentochter, hatte ihn +ausgelacht, als er ihr erklärte, er wolle sie heiraten, +und die anderen Mädchen hatte Aljoscha +nicht danach gefragt, ob sie ihn als Bräutigam +annehmen möchten. In die Ssetsch, zu den Zaporogern, +hatte ihn keiner mitnehmen wollen, +weil er allen zu schwächlich schien und vielleicht +auch noch etwas zu jung. Einmal war er schon +<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +davongelaufen bis zum nächsten Kloster, aber +die Mönche nahmen ihn nicht auf – und so blieb +nur die Heide für ihn, die weite, wogende Heide. +Ein Jäger hatte ihm einmal ein altes Gewehr geschenkt, +das weiß Gott womit geladen war. Das +schleppte Aljoscha immer mit, schoß es aber niemals +ab, erstens, weil er den Schuß sparen wollte, +und dann, weil er nicht wußte wofür. An einem +lauen, stillen Abend, zu Anfang des Sommers, +saßen alle beisammen an dem groben Tisch, auf +welchem eine Schüssel mit Grütze stand. Peter +aß, und die anderen schauten ihm zu und warteten +auf das, was er übriglassen würde. Plötzlich +ließ der Alte den Löffel in der Luft stehen +und streckte den breiten welken Kopf in den +Lichtstreifen, der von der Tür kam und quer +über den Tisch in die Dämmerung lief. Alle +horchten. Es war außen an den Wänden der +Hütte ein Geräusch, wie wenn ein Nachtvogel +mit seinen Flügeln sachte die Balken streifte; +aber die Sonne war kaum untergegangen, und +die nächtlichen Vögel kamen ja überhaupt selten +<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a> +bis ins Dorf. Und da war es wieder, als tappe +irgendein anderes großes Tier ums Haus und +als wäre von allen Wänden zugleich sein suchender +Schritt vernehmbar. Aljoscha erhob sich +leise von seiner Bank, in demselben Augenblick +verdunkelte sich die Tür von etwas Hohem, +Schwarzem; es verdrängte den ganzen Abend, +brachte Nacht in die Hütte und bewegte sich in +seiner Größe nur unsicher vorwärts. ›Der Ostap!‹ +sagte die Häßliche mit ihrer bösen Stimme. Und +jetzt erkannten ihn alle. Es war einer von den +blinden Kobzars, ein Greis, der mit einer zwölfsaitigen +Bandura durch die Dörfer ging und von +dem großen Ruhm der Kosaken, von ihrer Tapferkeit +und Treue, von ihren Hetmans Kirdjaga, +Kukubenko, Bulba und anderen Helden sang, +so daß alle es gerne hörten. Ostap verneigte sich +dreimal tief in der Richtung, in der er das Heiligenbild +vermutete (und es war die Znamenskaja, +zu der er sich so, unbewußt, wandte), setzte sich +dann an den Ofen und fragte mit leiser Stimme: +›Bei wem bin ich eigentlich?‹ ›Bei uns, Väterchen, +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +bei Peter Akimowitsch, dem Schuster,‹ erwiderte +Peter freundlich. Er war ein Freund des Gesanges +und freute sich dieses unerwarteten Besuches. +›Ah, bei Peter Akimowitsch, dem, der +die Bilder malt,‹ sagte der Blinde, um auch eine +Freundlichkeit zu erweisen. Dann wurde es still. +In den langen sechs Saiten der Bandura begann +ein Klang, wuchs und kam kurz und gleichsam +erschöpft von den sechs kurzen Saiten zurück, +und diese Wirkung wiederholte sich in immer +rascheren Takten, so daß man endlich die Augen +schließen mußte, in Angst, den Ton von der in +rasendem Lauf erstiegenen Melodie irgendwo +hinabstürzen zu sehen; da brach das Lied ab und +gab der schönen, schweren Stimme des Kobzars +Raum, welche bald das ganze Haus erfüllte und +auch aus den benachbarten Hütten die Leute rief, +die sich vor der Türe und unter den Fenstern +versammelten. Aber nicht von Helden ging diesmal +das Lied. Schon ganz sicher schien Bulbas +und Ostranitzas und Naliwaikos Ruhm. Für +alle Zeiten fest schien die Treue der Kosaken. +<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a> +Nicht von ihren Taten ging heute das Lied. Tiefer +zu schlafen schien in allen, welche es vernahmen, +der Tanz; denn keiner rührte die Beine oder hob +die Hände empor. Wie Ostaps Kopf, so waren +auch die anderen Köpfe gesenkt und wurden +schwer von dem traurigen Lied:</p> + +<p>»Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt. +Die Gerechtigkeit, wer kann sie finden? Es ist +keine Gerechtigkeit mehr in der Welt; denn alle +Gerechtigkeit ist den Gesetzen der Ungerechtigkeit +unterstellt.</p> + +<p>»Heut ist die Gerechtigkeit elend in Fesseln. +Und das Unrecht lacht über sie, wir sahns, und +sitzt mit den Pans in den goldenen Sesseln und +sitzt in dem goldenen Saal mit den Pans.</p> + +<p>»Die Gerechtigkeit liegt an der Schwelle und +fleht; bei den Pans ist das Unrecht, das Schlechte, +zu Gast, und sie laden es lachend in ihren Palast, +und sie schenken dem Unrecht den Becher voll +Met.</p> + +<p>»O, Gerechtigkeit, Mütterchen, Mütterchen +mein, mit dem Fittich, der jenem des Adlers +<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a> +gleicht, es kommt vielleicht noch ein Mann, der +gerecht, der gerecht sein will, dann helfe ihm +Gott, Er vermag es allein, und macht dem Gerechten +die Tage leicht.«</p> + +<p>Und die Köpfe hoben sich nur mühsam, +und auf allen Stirnen stand Schweigsamkeit; +das erkannten auch die, welche reden wollten. +Und nach einer kleinen, ernsten Stille begann +wieder das Spiel auf der Bandura, diesmal schon +besser verstanden von der immer wachsenden +Menge. Dreimal sang Ostap sein Lied von der +Gerechtigkeit. Und es war jedesmal ein anderes. +War es zum erstenmal Klage, so erschien es bei +der Wiederholung Vorwurf, und endlich, da der +Kobzar es zum drittenmal mit hocherhobener +Stirne wie eine Kette kurzer Befehle rief, da +brach ein wilder Zorn aus den zitternden Worten +und erfaßte alle und riß sie hin in eine breite +und zugleich bange Begeisterung.</p> + +<p>›Wo sammeln sich die Männer?‹ fragte ein +junger Bauer, als der Sänger sich erhob. Der +Alte, der von allen Bewegungen der Kosaken +<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a> +unterrichtet war, nannte einen nahen Ort. +Schnell zerstreuten sich die Männer, man hörte +kurze Rufe, Waffen rührten sich, und vor den +Türen weinten die Weiber. Eine Stunde später +zog ein Trupp Bauern, bewaffnet, aus dem Dorfe +gegen Tschernigof zu. Peter hatte dem Kobzar +ein Glas Most angeboten in der Hoffnung, mehr +von ihm zu erfahren. Der Alte saß, trank, gab +aber nur kurze Antworten auf die vielen Fragen +des Schusters. Dann dankte er und ging. Aljoscha +führte den Blinden über die Schwelle. Als sie +draußen waren in der Nacht und allein, bat +Aljoscha: ›Und dürfen alle mitgehen in den Krieg?‹ +›Alle,‹ sagte der Alte und verschwand rascher +ausschreitend, als ob er sehend würde in der Nacht.</p> + +<p>Als alle schliefen, erhob sich Aljoscha vom +Ofen, wo er in den Kleidern gelegen hatte, nahm +sein Gewehr und ging hinaus. Draußen fühlte +er sich mit einem Male umarmt und sanft aufs +Haar geküßt. Gleich darauf erkannte er im +Mondlicht Akulina, die eilig und trippelnd auf das Haus +zulief. ›Mutter?!‹ staunte er, und es wurde ihm +<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a> +ganz eigentümlich zumut. Er zögerte eine Weile. +Eine Tür ging irgendwo, und ein Hund heulte +in der Nähe. Da warf Aljoscha sein Gewehr über +die Schulter und schritt stark aus, denn er gedachte +die Männer noch vor Morgen einzuholen. +Im Hause aber taten alle, als ob sie Aljoschas +Fehlen nicht bemerkten. Nur als sie sich wieder +zu Tische setzten und Peter den leeren Platz +gewahrte, stand er noch einmal auf, ging in die +Ecke und zündete eine Kerze an vor der Znamenskaja. +Eine ganz dünne Kerze. Die Häßliche +zuckte mit den Achseln.</p> + +<p>Indessen ging Ostap, der blinde Greis, schon +durch das nächste Dorf und begann traurig und +mit sanfter klagender Stimme den Gesang von +der Gerechtigkeit.«</p> + +<p>Der Lahme wartete noch eine Weile. Dann +sah er mich erstaunt an: »Nun, weshalb schließen +Sie nicht? Es ist doch wie in der Geschichte +vom Verrat. Dieser Alte war Gott.«</p> + +<p>»O, und ich habe es nicht gewußt,« sagte ich +erschauernd.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>EINE SZENE AUS DEM GHETTO VON VENEDIG</h2> + +<p class="drop-cap">Herr<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a> Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann, +Ehrenoberster der freiwilligen Feuerwehr +und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz +zu sagen: Herr Baum muß eines meiner Gespräche +mit Ewald belauscht haben. Es ist kein +Wunder; ihm gehört das Haus, darin mein Freund +zu ebener Erde wohnt. Herr Baum und ich, wir +kennen uns längst vom Sehen. Neulich aber +bleibt der Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig +den Hut, so daß ein kleiner Vogel hätte ausfliegen +können, im Falle einer drunter gefangen +gewesen wäre. Er lächelt höflich und eröffnet +unsere Bekanntschaft: »Sie reisen manchmal?« +»O ja –,« erwiderte ich, etwas zerstreut, »das +kann wohl sein.« Nun fuhr er vertraulich fort: +»Ich glaube, wir sind die beiden einzigen hier, +die in Italien waren.« »So –,« ich bemühte mich +etwas aufmerksamer zu sein –, »ja, dann ist es +allerdings dringend notwendig, daß wir miteinander +reden.«</p> + +<p>Herr Baum lachte. »Ja, Italien – das ist doch +noch etwas. Ich erzähle immer meinen Kindern +<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a> +– zum Beispiel nehmen Sie Venedig!« Ich +blieb stehen: »Sie erinnern sich noch Venedigs?« +»Aber, ich bitte Sie,« stöhnte er, denn er war +etwas zu dick, um sich mühelos zu entrüsten, – +»wie sollte ich nicht – wer das einmal gesehen +hat – diese Piazzetta – nicht wahr?« »Ja,« entgegnete +ich, »ich erinnere mich besonders gern +der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen +Hingleitens am Rande von Vergangenheiten.« +»Der Palazzo Franchetti,« fiel ihm ein. +»Die Cà Doro,« – gab ich zurück. »Der Fischmarkt –« +»Der Palazzo Vendramin –« »Wo Richard +Wagner« – fügte er rasch, als ein gebildeter +Deutscher hinzu. Ich nickte: »Den Ponte, +wissen Sie?« Er lächelte mit Orientierung: +»Selbstverständlich, und das Museum, die Akademie +nicht zu vergessen, wo ein Tizian …«</p> + +<p>So hat sich Herr Baum einer Art Prüfung +unterzogen, die etwas anstrengend war. Ich +nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu +entschädigen. Und begann ohne weiteres:</p> + +<p>»Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfährt, +<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +an dem Fondaco de' Turchi und an +dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt: +›Rechts!‹ so sieht er etwas erstaunt aus und fragt +wohl gar ›Dove?‹ Aber man besteht darauf, nach +rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen +schmutzigen Kanäle aus, handelt mit ihm, +schimpft und geht durch gedrängte Gassen und +schwarze verqualmte Torgänge auf einen leeren +freien Platz hinaus. Alles das einfach aus dem +Grunde, weil dort meine Geschichte handelt.« +Herr Baum berührte mich sanft am Arm: »Verzeihen +Sie, welche Geschichte?« Seine kleinen +Augen gingen etwas beängstigt hin und her.</p> + +<p>Ich beruhigte ihn: »Irgendeine, verehrter Herr, +keine irgendwie nennenswerte. Ich kann Ihnen +auch nicht sagen, wann sie geschah. Vielleicht +unter dem Dogen Alvise Moncenigo IV., aber es +kann auch etwas früher oder später gewesen sein. +Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie solche gesehen +haben sollten, sind wie auf purpurnem +Samt gemalt, überall bricht etwas Warmes, gleichsam +Waldiges durch, und um die gedämpften +<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a> +Lichter darin drängen sich horchende Schatten. +Giorgione hat auf mattem, alterndem Gold, Tizian +auf schwarzem Atlas gemalt, aber in der +Zeit, von der ich rede, liebte man lichte Bilder, +auf einen Grund von weißer Seide gesetzt, und +der Name, mit dem man spielte, den schöne +Lippen in die Sonne warfen und den reizende +Ohren auffingen, wenn er zitternd niederfiel, +dieser Name ist Gian Battista Tiepolo.</p> + +<p>Aber das alles kommt in meiner Geschichte +nicht vor. Es geht nur das wirkliche Venedig +an, die Stadt der Paläste, der Abenteuer, der Masken +und der blassen Lagunennächte, die wie +keine anderen Nächte sonst den Ton von heimlichen +Romanzen tragen. – In dem Stück Venedig, +von dem ich erzähle, sind nur arme tägliche +Geräusche, die Tage gehen gleichförmig +darüber hin, als ob es nur ein einziger wäre, +und die Gesänge, die man dort vernimmt, sind +wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie +ein wallender Qualm über den Gassen lagern. +Sobald es dämmert, treibt sich viel scheues Gesindel +<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a> +dort herum, unzählige Kinder haben ihre +Heimat auf den Plätzen und in den engen kalten +Haustüren und spielen mit Scherben und Abfällen +von buntem Glasfluß, demselben, aus dem +die Meister die ernsten Mosaiken von San Marco +fügten. Ein Adeliger kommt selten in das Ghetto. +Höchstens zur Zeit, wenn die Judenmädchen zum +Brunnen kommen, kann man manchmal eine Gestalt, +schwarz, im Mantel und mit Maske bemerken. +Gewisse Leute wissen aus Erfahrung, daß +diese Gestalt einen Dolch in den Falten verborgen +trägt. Jemand will einmal im Mondlicht das Gesicht +des Jünglings gesehen haben, und es wird +seither behauptet, dieser schwarze schlanke Gast +sei Marcantonio Priuli, Sohn des Proveditore +Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli. +Man weiß, er wartet unter dem Torweg des +Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn es +einsam wird, quer über den Platz und tritt bei +dem alten Melchisedech ein, dem reichen Goldschmied, +der viele Söhne und sieben Töchter +und von den Söhnen und Töchtern viele Enkel +<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a> +hat. Die jüngste Enkelin, Esther, erwartet ihn, +an den greisen Großvater geschmiegt, in einem +niederen, dunklen Gemach, in welchem vieles +glänzt und glüht, und Seide und Samt hängt sanft +über den Gefäßen, wie um ihre vollen, goldenen +Flammen zu stillen. Hier sitzt Marcantonio auf +einem silbergestickten Kissen, dem greisen Juden +zu Füßen und erzählt von Venedig, wie von +einem Märchen, das es nirgendwo jemals ganz +so gegeben hat. Er erzählt von den Schauspielen, +von den Schlachten des venezianischen Heeres, +von fremden Gästen, von Bildern und Bildsäulen, +von der »Sensa« am Himmelfahrtstage, von dem +Karneval und von der Schönheit seiner Mutter +Catharina Minelli. Alles das ist für ihn von ähnlichem +Sinn, verschiedene Ausdrücke für Macht +und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist +alles fremd; denn die Juden sind streng ausgeschlossen +von jedem Verkehr, und auch der +reiche Melchisedech betritt niemals das Gebiet +des Großen Rates, obwohl er als Goldschmied +und weil er allgemeine Achtung genoß, es hätte +<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a> +wagen dürfen. In seinem langen Leben hat der +Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn alle wie +einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom +Rate verschafft, aber er hatte auch immer wieder +den Rückschlag erlebt. Sooft ein Unheil über +den Staat hereinbrach, rächte man sich an den +Juden; die Venezianer selbst waren von viel +zu verwandtem Geiste, als daß sie, wie andere +Völker, die Juden für den Handel gebraucht +hätten, sie quälten sie mit Abgaben, beraubten +sie ihrer Güter und beschränkten immer mehr +das Gebiet des Ghetto, so daß die Familien, die +sich mitten in aller Not fruchtbar vermehrten, +gezwungen waren, ihre Häuser aufwärts, eines +auf das Dach des anderen zu bauen. Und ihre +Stadt, die nicht am Meere lag, wuchs so langsam +in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer, +und um den Platz mit dem Brunnen erhoben +sich auf allen Seiten die steilen Gebäude wie die +Wände irgendeines Riesenturms.</p> + +<p>Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit +des hohen Alters, hatte seinen Mitbürgern, +<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a> +Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag +gemacht. Er wollte immer das jeweilig +höchste dieser winzigen Häuser, die sich in +zahllosen Stockwerken übereinanderschoben, +bewohnen. Man erfüllte ihm diesen seltsamen +Wunsch gerne, denn man traute ohnehin nicht +mehr der Tragkraft der unteren Mauern und setzte +oben so leichte Steine auf, daß der Wind die +Wände gar nicht zu bemerken schien. So siedelte +der Greis zwei- bis dreimal im Jahre um und +Esther, die ihn nicht verlassen wollte, immer mit +ihm. Schließlich waren sie so hoch, daß, wenn +sie aus der Enge ihres Gemachs auf das flache +Dach traten, in der Höhe ihrer Stirnen schon +ein anderes Land begann, von dessen Gebräuchen +der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, +sprach. Es war jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; +durch viele fremde Leben hindurch, über steile +und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern +vorüber und über die Überfälle hungernder Kinder +hinaus ging der Weg, und seine vielen Hindernisse +beschränkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio +<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a> +kam nicht mehr zu Besuch, und Esther +vermißte ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden, +da sie mit ihm allein gewesen war, so groß und +lange angeschaut, daß ihr schien, er wäre damals +tief in ihre dunklen Augen gestürzt und gestorben, +und jetzt begönne in ihr selbst sein neues, ewiges +Leben, an das er als Christ doch geglaubt hatte. +Mit diesem neuen Gefühl in ihrem jungen Leib +stand sie tagelang auf dem Dache und suchte das +Meer. Aber so hoch die Behausung auch war, +man erkannte zuerst nur den Giebel des Palazzo +Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer +Kirche, eine fernere Kuppel, wie frierend im +Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken, +Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden +Himmels.</p> + +<p>Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl +ihm das Steigen schon schwer fiel, allen +Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man +hatte eine neue Hütte, hoch über allen, gebaut. +Als er nach so langer Zeit wieder über den Platz +ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele +<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a> +um ihn und neigten sich über seine tastenden +Hände und baten ihn um seinen Rat in vielen +Dingen; denn er war ihnen wie ein Toter, der +aus seinem Grabe steigt, weil irgendeine Zeit +sich erfüllt hat. Und so schien es auch. Die +Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein Aufstand +sei, der Adel sei in Gefahr, und über ein +kurzes würden die Grenzen des Ghetto fallen, +und alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen. +Der Alte antwortete nichts und nickte +nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und +noch vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak +Rosso, auf dessen Gipfel seine neue Wohnung +lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf. +Oben bekam Esther ein blondes, zartes Kind. +Nachdem sie sich erholt hatte, trug sie es auf +den Armen hinaus auf das Dach und legte zum +erstenmal den ganzen goldenen Himmel in seine +offenen Augen. Es war ein Herbstmorgen von +unbeschreiblicher Klarheit. Die Dinge dunkelten, +fast ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter +ließen sich, wie auf große Blumen, auf sie nieder, +<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a> +ruhten eine Weile und schwebten dann über die +goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. +Und dort, wo sie verschwanden, erblickte man +von dieser höchsten Stelle, was noch keiner vom +Ghetto aus je gesehen hatte –, ein stilles, silbernes +Licht: das Meer. Und erst jetzt, da Esthers Augen +sich an die Herrlichkeit gewöhnt hatten, bemerkte +sie am Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. +Er erhob sich mit ausgebreiteten Armen +und zwang seine matten Augen, in den Tag zu +schauen, der sich langsam entfaltete. Seine Arme +blieben hoch, seine Stirne trug einen strahlenden +Gedanken; es war, als ob er opferte. Dann ließ +er sich immer wieder vornüberfallen und preßte +den alten Kopf an die schlechten kantigen Steine. +Das Volk aber stand unten auf dem Platze versammelt +und blickte herauf. Einzelne Gebärden +und Worte erhoben sich aus der Menge, aber sie +reichten nicht bis zu dem einsam betenden Greise. +Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten +wie in den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, +sich stolz zu erheben und aufs neue in Demut +<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a> +zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die +Menge unten wuchs und ließ ihn nicht aus den +Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den +Ewigen, in seiner Glorie?«</p> + +<p>Herr Baum bemühte sich, recht schnell etwas +zu bemerken. Es gelang ihm nicht gleich. »Das +Meer wahrscheinlich,« – sagte er dann trocken, +»es ist ja auch ein Eindruck« – wodurch er sich +besonders aufgeklärt und verständig erwies.</p> + +<p>Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte +mich doch nicht enthalten, ihm nachzurufen: +»Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren +Kindern zu erzählen.« Er besann sich: »Den +Kindern? Wissen Sie, da ist dieser junge Adlige, +dieser Antonio, oder wie er heißt, ein ganz und +gar nicht schöner Charakter und dann: das +Kind, dieses Kind! Das dürfte doch – für Kinder –« +»O,« beruhigte ich ihn, »Sie haben vergessen, +verehrter Herr, daß die Kinder von Gott +kommen! Wie sollten die Kinder zweifeln, daß +Esther eines bekam, da sie doch so nahe am +Himmel wohnt!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a>Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen, +und wenn man sie fragt, wie sie darüber +denken, was der alte Jude Melchisedech wohl erblickt +haben mag in seiner Verzückung, so sagen +sie ohne nachzusinnen: »O, das Meer auch.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>VON EINEM, DER DIE STEINE BELAUSCHT</h2> + +<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a> bin schon wieder bei meinem lahmen +Freunde. Er lächelt in seiner eigentümlichen +Art: »Und von Italien haben Sie mir noch nie +erzählt.« »Das soll heißen, ich möge es so bald +als möglich nachholen?«</p> + +<p>Ewald nickt und schließt schon die Augen, +um zuzuhören. Ich fange also an. »Was wir +Frühling fühlen, sieht Gott als ein flüchtiges, +kleines Lächeln über die Erde gehen. Sie scheint +sich an etwas zu erinnern, im Sommer erzählt +sie allen davon, bis sie weiser wird in der großen, +herbstlichen Schweigsamkeit, mit welcher sie +sich Einsamen vertraut. Alle Frühlinge, welche +Sie und ich erlebt haben, zusammengenommen, +reichen noch nicht aus, eine Sekunde Gottes zu +füllen. Der Frühling, den Gott bemerken soll, +darf nicht in Bäumen und auf Wiesen bleiben, +er muß irgendwie in den Menschen mächtig +werden, denn dann geht er sozusagen nicht in +der Zeit, vielmehr in der Ewigkeit vor sich und +in Gegenwart Gottes.</p> + +<p>Als dieses einmal geschah, mußten Gottes +<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a> +Blicke in ihren dunkeln Schwingen über Italien +hängen. Das Land unten war hell, die Zeit +glänzte wie Gold, aber quer darüber, wie ein +dunkler Weg, lag der Schatten eines breiten +Mannes, schwer und schwarz, und weit davor +der Schatten seiner schaffenden Hände, unruhig, +zuckend, bald über Pisa, bald über Neapel, bald +zerfließend auf der ungewissen Bewegung des +Meeres. Gott konnte seine Augen nicht abwenden +von diesen Händen, die ihm zuerst gefaltet +schienen, wie betende, – aber das Gebet, +welches ihnen entquoll, drängte sie weit auseinander. +Es wurde eine Stille in den Himmeln. +Alle Heiligen folgten den Blicken Gottes und +betrachteten wie er den Schatten, der halb Italien +verhüllte, und die Hymnen der Engel blieben +auf ihren Gesichtern stehen, und die Sterne +zitterten, denn sie fürchteten, irgend etwas verschuldet +zu haben, und warteten demütig auf +Gottes zorniges Wort. Aber nichts dergleichen +geschah. Die Himmel hatten sich in ihrer ganzen +Breite über Italien aufgetan, so daß Raffael in +<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a> +Rom auf den Knien lag, und der selige Fra Angelico +von Fiesole stand in einer Wolke und +freute sich über ihn. Viele Gebete waren zu +dieser Stunde von der Erde unterwegs. Gott +aber erkannte nur eines: die Kraft Michelangelos +stieg wie Duft von Weinbergen zu ihm empor. +Und er duldete, daß sie seine Gedanken erfüllte. +Er neigte sich tiefer, fand den schaffenden Mann, +sah über seine Schultern fort auf die am Steine +horchenden Hände und erschrak: sollten in den +Steinen auch Seelen sein? Warum belauschte +dieser Mann die Steine? Und nun erwachten +ihm die Hände und wühlten den Stein auf wie +ein Grab, darin eine schwache, sterbende Stimme +flackert: ›Michelangelo,‹ rief Gott in Bangigkeit, +›wer ist im Stein?‹ Michelangelo horchte auf; +seine Hände zitterten. Dann antwortete er dumpf: +›Du, mein Gott, wer denn sonst. Aber ich kann +nicht zu dir.‹ Und da fühlte Gott, daß er auch +im Steine sei, und es wurde ihm ängstlich und +enge. Der ganze Himmel war nur ein Stein, +und er war mitten drin eingeschlossen und hoffte +<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a> +auf die Hände Michelangelos, die ihn befreien +würden, und er hörte sie kommen, aber noch +weit. Der Meister aber war wieder über dem +Werke. Er dachte beständig: du bist nur ein +kleiner Block, und ein anderer könnte in dir +kaum einen Menschen finden. Ich aber fühle +hier eine Schulter: es ist die des Josef von Arimathäa, +hier neigt sich Maria, ich spüre ihre +zitternden Hände, welche Jesum, unseren Herrn, +halten, der eben am Kreuze verstarb. Wenn in +diesem kleinen Marmor diese drei Raum haben, +wie sollte ich nicht einmal ein schlafendes Geschlecht +aus einem Felsen heben? Und mit +breiten Hieben machte er die drei Gestalten der +Pietà frei, aber er löste nicht ganz die steinernen +Schleier von ihren Gesichtern, als fürchtete er, +ihre tiefe Traurigkeit könnte sich lähmend über +seine Hände legen. So flüchtete er zu einem +anderen Steine. Aber jedesmal verzagte er, einer +Stirne ihre volle Klarheit, einer Schulter ihre +reinste Rundung zu geben, und wenn er ein +Weib bildete, so legte er nicht das letzte Lächeln +<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a> +um ihren Mund, damit ihre Schönheit nicht ganz +verraten sei.</p> + +<p>Zu dieser Zeit entwarf er das Grabdenkmal für +Julius della Rovere. Einen Berg wollte er bauen +über den eisernen Papst und ein Geschlecht dazu, +welches diesen Berg bevölkerte. Von vielen +dunkeln Plänen erfüllt, ging er hinaus nach +seinen Marmorbrüchen. Über einem armen Dorf +erhob sich steil der Hang. Umrahmt von Oliven +und welkem Gestein, erschienen die frisch gebrochenen +Flächen wie ein großes blasses Gesicht +unter alterndem Haar. Lange stand Michelangelo +vor seiner verhüllten Stirne. Plötzlich +bemerkte er darunter zwei riesige Augen aus +Stein, welche ihn betrachteten. Und Michelangelo +fühlte seine Gestalt wachsen unter dem +Einfluß dieses Blickes. Jetzt ragte auch er über +dem Land, und es war ihm, als ob er von Ewigkeit +her diesem Berg brüderlich gegenüberstände. +Das Tal wich unter ihm zurück wie unter einem +Steigenden, die Hütten drängten sich wie Herden +aneinander, und näher und verwandter zeigte +<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a> +sich das Felsengesicht unter seinen weißen steinernen +Schleiern. Es hatte einen wartenden Ausdruck, +reglos und doch am Rande der Bewegung. +Michelangelo dachte nach: ›Man kann dich nicht +zerschlagen, du bist ja nur Eines,‹ und dann hob +er seine Stimme: ›Dich will ich vollenden, du +bist mein Werk.‹ Und er wandte sich nach +Florenz zurück. Er sah einen Stern und den +Turm vom Dom. Und um seine Füße war +Abend.</p> + +<p>Mit einem Mal, an der Porta Romana, zögerte +er. Die beiden Häuserreihen streckten sich wie +Arme nach ihm aus, und schon hatten sie ihn +ergriffen und zogen ihn hinein in die Stadt. +Und immer enger und dämmernder wurden die +Gassen, und als er sein Haus betrat, da wußte +er sich in dunkeln Händen, denen er nicht entgehen +konnte. Er flüchtete in den Saal und von +da in die niedere, kaum zwei Schritte lange +Kammer, darin er zu schreiben pflegte. Ihre +Wände legten sich an ihn, und es war, als +kämpften sie mit seinen Übermaßen und zwängten +<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a> +ihn zurück in die alte, enge Gestalt. Und +er duldete es. Er drückte sich in die Knie und +ließ sich formen von ihnen. Er fühlte eine nie +gekannte Demut in sich und hatte selbst den +Wunsch, irgendwie klein zu sein. Und eine +Stimme kam: ›Michelangelo, wer ist in dir?‹ +Und der Mann in der schmalen Kammer legte +die Stirn schwer in die Hände und sagte leise: +›Du, mein Gott, wer denn sonst.‹</p> + +<p>Und da wurde es weit um Gott, und er hob +sein Gesicht, welches über Italien war, frei +empor und schaute um sich: in Mänteln und +Mitren standen die Heiligen da, und die Engel +gingen mit ihren Gesängen wie mit Krügen voll +glänzenden Quells unter den dürstenden Sternen +umher, und es war der Himmel kein Ende.«</p> + +<p>Mein lahmer Freund hob seine Blicke und +duldete, daß die Abendwolken sie mitzogen über +den Himmel hin: »Ist Gott denn <em class="gesperrt">dort</em>?« fragte +er. Ich schwieg. Dann neigte ich mich zu ihm: +»Ewald, sind wir denn <em class="gesperrt">hier</em>?« Und wir hielten +uns herzlich die Hände.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a>WIE DER FINGERHUT DAZU KAM, DER LIEBE GOTT ZU SEIN</h2> + +<p class="drop-cap">Als<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> ich vom Fenster forttrat, waren die Abendwolken +immer noch da. Sie schienen zu +warten. Soll ich ihnen auch eine Geschichte erzählen? +Ich schlug es ihnen vor. Aber sie hörten +mich gar nicht. Um mich verständlich zu machen +und die Entfernung zwischen uns zu beschränken, +rief ich: »Ich bin auch eine Abendwolke.« +Sie blieben stehen, offenbar betrachteten sie +mich. Dann streckten sie mir ihre feinen, durchscheinenden +rötlichen Flügel entgegen. Das ist +die Art, wie Abendwolken sich begrüßen. Sie +hatten mich erkannt.</p> + +<p>»Wir sind über der Erde,« – erklärten sie – +»genauer über Europa, und du?« Ich zögerte: +»Es ist da ein Land –« »Wie sieht es aus?« erkundigten +sie sich. »Nun,« entgegnete ich – +»Dämmerung mit Dingen –« »Das ist Europa +auch,« lachte eine junge Wolke. »Möglich,« +sagte ich, »aber ich habe immer gehört: die +Dinge in Europa sind tot.« »Ja, allerdings,« bemerkte +eine andere verächtlich. »Was wäre das +für ein Unsinn: lebende Dinge?« »Nun,« beharrte +<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +ich, »meine leben. Das ist also der Unterschied. +Sie können verschiedenes werden, und +ein Ding, welches als Bleistift oder als Ofen zur +Welt kommt, muß deshalb noch nicht an seinem +Fortkommen verzweifeln. Ein Bleistift kann mal +ein Stock, wenn es gut geht, ein Mastbaum, ein +Ofen aber mindestens ein Stadttor werden.«</p> + +<p>»Du scheinst mir eine recht einfältige Abendwolke +zu sein,« sagte die junge Wolke, welche +sich schon früher so wenig zurückhaltend ausgedrückt +hatte. Ein alter Wolkerich fürchtete, +sie könnte mich beleidigt haben. »Es gibt ganz +verschiedene Länder,« begütigte er, »ich war +einmal über ein kleines deutsches Fürstentum +geraten, und ich glaube bis heute nicht, daß das +zu Europa gehörte.« Ich dankte ihm und sagte: +»Wir werden uns schwer einigen können, sehe +ich. Erlauben Sie, ich werde Ihnen einfach das +erzählen, was ich in der letzten Zeit unter mir +erblickte, das wird wohl das beste sein.« »Bitte,« +gestattete der weise Wolkerich im Auftrage aller. +Ich begann: »Menschen sind in einer Stube. Ich +<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a> +bin ziemlich hoch, müßt ihr wissen, und so +kommt es: sie sehen für mich wie Kinder aus; +deshalb will ich auch einfach sagen: Kinder. +Also: Kinder sind in einer Stube. Zwei, fünf, +sechs, sieben Kinder. Es würde zu lange dauern, +sie um ihre Namen zu fragen. Übrigens +scheinen die Kinder eifrig etwas zu besprechen; +bei dieser Gelegenheit wird sich ja der eine oder +der andere Name verraten. Sie stehen wohl +schon eine ganze Weile so beisammen, denn der +älteste (ich vernehme, daß er Hans gerufen wird) +bemerkt gleichsam abschließend: ›Nein, so kann +es entschieden nicht bleiben. Ich habe gehört, +früher haben die Eltern den Kindern am Abend +immer, oder wenigstens an braven Abenden – +Geschichten erzählt bis zum Einschlafen. Kommt +so etwas heute vor?‹ Eine kleine Pause, dann +antwortet Hans selbst: ›Es kommt nicht vor, +nirgends. Ich für meinen Teil, auch weil ich +schon groß bin gewissermaßen, schenke ihnen +ja gern diese paar elenden Drachen, mit denen +sie sich quälen würden, aber immerhin, es gehört +<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a> +sich, daß sie uns sagen, es gibt Nixen, Zwerge, +Prinzen und Ungeheuer.‹ ›Ich habe eine Tante,‹ +bemerkte eine Kleine, ›die erzählt mir manchmal –‹ +›Ach was,‹ schneidet Hans kurz ab, +›Tanten gelten nicht, die lügen.‹ Die ganze Gesellschaft +war sehr eingeschüchtert angesichts +dieser kühnen, aber unwiderlegten Behauptung. +Hans fährt fort: ›Auch handelt es sich hier vor +allem um die Eltern, weil diese gewissermaßen +die Verpflichtung haben, uns in dieser Weise zu +unterrichten: bei den anderen ist es mehr Güte. +Verlangen kann man es nicht von ihnen. Aber +gebt nur mal acht: was tun unsere Eltern? Sie +gehen mit bösen gekränkten Gesichtern umher, +nichts ist ihnen recht, sie schreien und schelten, +aber dabei sind sie doch so gleichgültig, und +wenn die Welt unterginge, sie würden es kaum +bemerken. Sie haben etwas, was sie »Ideale« +nennen. Vielleicht ist das auch so eine Art +kleine Kinder, die nicht allein bleiben dürfen +und sehr viel Mühe machen; aber dann hätten +sie eben uns nicht haben dürfen. Nun, ich denke +<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a> +so, Kinder: daß die Eltern uns vernachlässigen, +ist traurig, gewiß. Aber wir würden das dennoch +ertragen, wenn es nicht ein Beweis wäre +dafür, daß die Großen überhaupt dumm werden, +zurückgehen, wenn man so sagen darf. Wir +können ihren Verfall nicht aufhalten; denn wir +können den ganzen Tag keinen Einfluß auf sie +ausüben, und kommen wir spät aus der Schule +nach Haus, wird kein Mensch verlangen, daß +wir uns hinsetzen und versuchen, sie für etwas +Vernünftiges zu interessieren. Es tut einem auch +recht weh, wenn man so unter der Lampe sitzt +und sitzt, und die Mutter begreift nicht einmal +den pythagoreischen Lehrsatz. Nun, es ist einmal +nicht anders. So werden die Großen immer +dümmer werden … es schadet nichts: was kann +uns dabei verloren gehen? die Bildung? Sie +ziehen den Hut voreinander, und wenn eine +Glatze dabei zum Vorschein kommt, so lachen +sie. Überhaupt: sie lachen beständig. Wenn wir +nicht dann und wann so vernünftig wären, zu +weinen, es gäbe durchaus kein Gleichgewicht +<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a> +auch in diesen Angelegenheiten. Dabei sind sie +von einem Hochmut: sie behaupten sogar, der +Kaiser sei ein Erwachsener. Ich habe in den +Zeitungen gelesen, der König von Spanien sei +ein Kind, so ist es mit allen Königen und Kaisern, +– laßt euch nur nichts einreden! Aber neben +allem Überflüssigen haben die Großen doch +etwas, was uns durchaus nicht gleichgültig sein +kann: den lieben Gott. Ich habe ihn zwar noch +bei keinem von ihnen gesehen, – aber gerade +das ist verdächtig. Es ist mir eingefallen, sie +könnten ihn in ihrer Zerstreutheit, Geschäftigkeit +und Hast irgendwo verloren haben. Nun +ist er aber etwas durchaus Notwendiges. Verschiedenes +kann ohne ihn nicht geschehen, die +Sonne kann nicht aufgehen, keine Kinder können +kommen, aber auch das Brot wird aufhören. +Wenn es auch beim Bäcker herauskommt, der +liebe Gott sitzt und dreht die großen Mühlen. +Es lassen sich leicht viele Gründe finden, weshalb +der liebe Gott etwas Unentbehrliches ist. +Aber so viel steht fest, die Großen kümmern +<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a> +sich nicht um ihn, also müssen wir Kinder es +tun. Hört, was ich mir ausgedacht habe. Wir +sind genau sieben Kinder. Jedes muß den lieben +Gott einen Tag tragen, dann ist er die ganze +Woche bei uns, und man weiß immer, wo er +sich gerade befindet.‹</p> + +<p>Hier entstand eine große Verlegenheit. Wie +sollte das geschehen? Konnte man denn den +lieben Gott in die Hand nehmen oder in die +Tasche stecken? Dazu erzählte ein Kleiner: +›Ich war allein im Zimmer. Eine kleine Lampe +brannte nahe bei mir, und ich saß im Bett und +sagte mein Abendgebet – sehr laut. Es rührte +sich etwas in meinen gefalteten Händen. Es +war weich und warm und wie ein kleines Vögelchen. +Ich konnte die Hände nicht auftun, denn +das Gebet war noch nicht aus. Aber ich war +sehr neugierig und betete furchtbar schnell. +Dann beim Amen machte ich so (der Kleine +streckte die Hände aus und spreizte die Finger), +aber es war nichts da.‹</p> + +<p>Das konnten sich alle vorstellen. Auch Hans +<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> +wußte keinen Rat. Alle schauten ihn an. Und +auf einmal sagte er: ›Das ist ja dumm. Ein jedes +Ding kann der liebe Gott sein. Man muß es +ihm nur sagen.‹ Er wandte sich an den ihm zunächst +stehenden, rothaarigen Knaben. ›Ein Tier +kann das nicht. Es läuft davon. Aber ein Ding, +siehst du, es steht, du kommst in die Stube, bei +Tag, bei Nacht, es ist immer da, es kann wohl +der liebe Gott sein.‹ Allmählich überzeugten +sich die anderen davon. ›Aber wir brauchen +einen kleinen Gegenstand, den man überall mittragen +kann, sonst hat es ja keinen Sinn. Leert +einmal alle eure Taschen aus.‹ Da zeigten sich +nun sehr seltsame Dinge: Papierschnitzel, Federmesser, +Radiergummi, Federn, Bindfaden, kleine +Steine, Schrauben, Pfeifen, Holzspänchen und +vieles andere, was sich aus der Ferne gar nicht +erkennen läßt, oder wofür der Name mir <ins title="fehlt">fehlt.</ins> +Und alle diese Dinge lagen in den seichten Händen +der Kinder, wie erschrocken über die plötzliche +Möglichkeit, der liebe Gott zu werden, und +welches von ihnen ein bißchen glänzen konnte, +<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a> +glänzte, um dem Hans zu gefallen. Lange +schwankte die Wahl. Endlich fand sich bei der +kleinen Resi ein Fingerhut, den sie ihrer Mutter +einmal weggenommen hatte. Er war licht wie +aus Silber, und um seiner Schönheit willen wurde +er der liebe Gott. Hans selbst steckte ihn ein, +denn er begann die Reihe, und alle Kinder gingen +den ganzen Tag hinter ihm her und waren stolz +auf ihn. Nur schwer einigte man sich, wer ihn +morgen haben sollte, und Hans stellte in seiner +Umsicht dann das Programm gleich für die ganze +Woche fest, damit kein Streit ausbräche.</p> + +<p>Diese Einrichtung erwies sich im ganzen als +überaus zweckmäßig. Wer den lieben Gott gerade +hatte, konnte man auf den ersten Blick erkennen. +Denn der Betreffende ging etwas steifer +und feierlicher und machte ein Gesicht wie am +Sonntag. Die ersten drei Tage sprachen die +Kinder von nichts anderem. Jeden Augenblick +verlangte eines den lieben Gott zu sehen, und +wenn sich der Fingerhut unter dem Einfluß +seiner großen Würde auch gar nicht verändert +<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a> +hatte, das Fingerhutliche an ihm erschien jetzt +nur als ein bescheidenes Kleid um seine wirkliche +Gestalt. Alles ging nach der Ordnung vor +sich. Am Mittwoch hatte ihn Paul, am Donnerstag +die kleine Anna. Der Samstag kam. Die Kinder +spielten Fangen und tollten atemlos durcheinander, +als Hans plötzlich rief: ›Wer hat denn +den lieben Gott?‹ Alle standen. Jedes sah das +andere an. Keines erinnerte sich, ihn seit zwei +Tagen gesehen zu haben. Hans zählte ab, wer +an der Reihe sei; es kam heraus: die kleine Marie. +Und nun verlangte man ohne weiteres von der +kleinen Marie den lieben Gott. Was war da zu +tun? Die Kleine kratzte in ihren Taschen herum. +Jetzt fiel ihr erst ein, daß sie ihn am Morgen erhalten +hatte; aber jetzt war er fort, wahrscheinlich +hatte sie ihn hier beim Spielen verloren.</p> + +<p>Und als alle Kinder nach Hause gingen, blieb +die Kleine auf der Wiese zurück und suchte. +Das Gras war ziemlich hoch. Zweimal kamen +Leute vorüber und fragten, ob sie etwas verloren +hätte. Jedesmal antwortete das Kind: ›Einen +<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a> +Fingerhut‹ – und suchte. Die Leute taten eine +Weile mit, wurden aber bald des Bückens müde, +und einer riet im Fortgehen: ›Geh lieber nach +Haus, man kann ja einen neuen kaufen.‹ Dennoch +suchte Mariechen weiter. Die Wiese wurde +immer fremder in der Dämmerung, und das +Gras begann naß zu werden. Da kam wieder +ein Mann. Er beugte sich über das Kind: ›Was +suchst du?‹ Jetzt antwortete Mariechen, nicht +weit vom Weinen, aber tapfer und trotzig: ›Den +lieben Gott.‹ Der Fremde lächelte, nahm sie +einfach bei der Hand, und sie ließ sich führen, +als ob jetzt alles gut wäre. Unterwegs sagte der +fremde Mann: ›Und sieh mal, was ich heute für +einen schönen Fingerhut gefunden habe.‹ –«</p> + +<p>Die Abendwolken waren schon längst ungeduldig. +Jetzt wandte sich der weise Wolkerich, +welcher indessen dick geworden war, zu mir: +»Verzeihen Sie, dürfte ich nicht den Namen des +Landes – über welchem Sie –« Aber die anderen +Wolken liefen lachend in den Himmel +hinein und zogen den Alten mit.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>EIN MÄRCHEN VOM TOD UND EINE FREMDE NACHSCHRIFT DAZU</h2> + +<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a> schaute noch immer hinauf in den langsam +verlöschenden Abendhimmel, als jemand +sagte: »Sie scheinen sich ja für das Land +da oben sehr zu interessieren?«</p> + +<p>Mein Blick fiel schnell, wie heruntergeschossen, +und ich erkannte: ich war an die niedere Mauer +unseres kleinen Kirchhofs geraten, und vor mir, +jenseits derselben, stand der Mann mit dem Spaten +und lächelte ernst. »Ich interessiere mich wieder +für dieses Land hier,« ergänzte er und wies nach +der schwarzen, feuchten Erde, welche an manchen +Stellen hervorsah aus den vielen welken Blättern, +die sich rauschend rührten, während ich nicht +wußte, daß ein Wind begonnen hatte. Plötzlich +sagte ich, von heftigem Abscheu erfaßt: »Warum +tun Sie das da?« Der Totengräber lächelte immer +noch: »Es ernährt einen auch – und dann, ich +bitte Sie, tun nicht die meisten Menschen das +gleiche? Sie begraben Gott dort, wie ich die +Menschen hier.« Er zeigte nach dem Himmel +und erklärte mir: »Ja, das ist auch ein großes +Grab, im Sommer stehen wilde Vergißmeinnicht +<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a> +drauf –« Ich unterbrach ihn: »Es gab eine Zeit, +wo die Menschen Gott im Himmel begruben, +das ist wahr –« »Ist das anders geworden?« +fragte er seltsam traurig. Ich fuhr fort: »Einmal +warf jeder eine Hand Himmel über ihn, ich +weiß. Aber da war er eigentlich schon nicht +mehr dort, oder doch –« Ich zögerte.</p> + +<p>»Wissen Sie,« begann ich dann von neuem, +»in alten Zeiten beteten die Menschen so.« Ich +breitete die Arme aus und fühlte unwillkürlich +meine Brust groß werden dabei. »Damals warf +sich Gott in alle diese Abgründe voll Demut +und Dunkelheit, und nur ungern kehrte er in +seine Himmel zurück, die er, unvermerkt, immer +näher über die Erde zog. Aber ein neuer Glaube +begann. Da dieser den Menschen nicht verständlich +machen konnte, worin sein neuer Gott +sich von jenem alten unterscheide (sobald er ihn +nämlich zu preisen begann, erkannten die Menschen +sofort den einen alten Gott auch hier), so +veränderte der Verkünder des neuen Gebotes +die Art zu beten. Er lehrte das Händefalten und +<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a> +entschied: ›Seht, unser Gott will so gebeten sein, +also ist er ein anderer als der, den ihr bisher in +euren Armen glaubtet zu empfangen.‹ Die Menschen +sahen das ein, und die Gebärde der offenen +Arme wurde eine verächtliche und schreckliche, +und später heftete man sie ans Kreuz, um sie +allen als ein Symbol der Not und des Todes zu +zeigen.</p> + +<p>Als Gott aber das nächste Mal wieder auf +die Erde niederblickte, erschrak er. Neben den +vielen gefalteten Händen hatte man viele gotische +Kirchen gebaut, und so streckten sich ihm die +Hände und die Dächer, gleich steil und scharf, +wie feindliche Waffen entgegen. Bei Gott ist eine +andere Tapferkeit. Er kehrte in seine Himmel zurück, +und als er merkte, daß die Türme und die +neuen Gebete hinter ihm her wuchsen, da ging +er auf der anderen Seite aus seinen Himmeln +hinaus und entzog sich so der Verfolgung. Er +war selbst überrascht, jenseits von seiner strahlenden +Heimat ein beginnendes Dunkel zu finden, +das ihn schweigend empfing, und er ging mit +<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a> +einem seltsamen Gefühl immer weiter in dieser +Dämmerung, welche ihn an die Herzen der +Menschen erinnerte. Da fiel es ihm zuerst ein, +daß die Köpfe der Menschen licht, ihre Herzen +aber voll eines ähnlichen Dunkels sind, und eine +Sehnsucht überkam ihn, in den Herzen der Menschen +zu wohnen und nicht mehr durch das +klare, kalte Wachsein ihrer Gedanken zu gehen. +Nun, Gott hat seinen Weg fortgesetzt. Immer +dichter wird um ihn die Dunkelheit, und die +Nacht, durch die er sich drängt, hat etwas von +der duftenden Wärme fruchtbarer Schollen. Und +nicht lange mehr, so strecken sich ihm die Wurzeln +entgegen mit der alten schönen Gebärde des +breiten Gebetes. Es gibt nichts Weiseres als den +Kreis. Der Gott, der uns in den Himmeln entfloh, +aus der Erde wird er uns wiederkommen. +Und, wer weiß, vielleicht graben gerade Sie einmal +das Tor …« Der Mann mit dem Spaten +sagte: »Aber das ist ein Märchen.« »In unserer +Stimme,« erwiderte ich leise, »wird alles Märchen, +denn es kann sich ja in ihr nie begeben haben.« +<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a> +Der Mann schaute eine Weile vor sich hin. Dann +zog er mit heftigen Bewegungen den Rock an +und fragte: »Wir können ja wohl zusammen +gehen?« Ich nickte: »Ich gehe nach Hause. Es +wird wohl derselbe Weg sein. Aber wohnen +Sie nicht hier?« Er trat aus der kleinen Gittertür, +legte sie sanft in ihre klagenden Angeln zurück +und entgegnete: »Nein.«</p> + +<p>Nach ein paar Schritten wurde er vertraulicher: +»Sie haben ganz recht gehabt vorhin. Es +ist seltsam, daß sich niemand findet, der das +tun mag, das da draußen. Ich habe früher nie +daran gedacht. Aber jetzt, seit ich älter werde, +kommen mir manchmal Gedanken, eigentümliche +Gedanken, wie der mit dem Himmel, und +noch andere. Der Tod. Was weiß man davon? +Scheinbar alles und vielleicht nichts. Oft stehen +die Kinder (ich weiß nicht, wem sie gehören) +um mich, wenn ich arbeite. Und mir fällt gerade +so etwas ein. Dann grabe ich wie ein Tier, +um alle meine Kraft aus dem Kopfe fortzuziehen +und sie in den Armen zu verbrauchen. Das Grab +<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a> +wird viel tiefer, als die Vorschrift verlangt, und +ein Berg Erde wächst daneben auf. Die Kinder +aber laufen davon, da sie meine wilden Bewegungen +sehen. Sie glauben, daß ich irgendwie +zornig bin.« Er dachte nach. »Und es ist ja auch +eine Art Zorn. Man wird abgestumpft, man +glaubt es überwunden zu haben, und plötzlich … +Es hilft nichts, der Tod ist etwas Unbegreifliches, +Schreckliches.«</p> + +<p>Wir gingen eine lange Straße unter schon ganz +blätterlosen Obstbäumen, und der Wald begann, +uns zur Linken, wie eine Nacht, die jeden Augenblick +auch über uns hereinbrechen kann. »Ich +will Ihnen eine kleine Geschichte berichten,« +versuchte ich, »sie reicht gerade bis an den Ort.« +Der Mann nickte und zündete sich seine kurze, +alte Pfeife an. Ich erzählte:</p> + +<p>»Es waren zwei Menschen, ein Mann und ein +Weib, und sie hatten einander lieb. Liebhaben, +das heißt nichts annehmen, von nirgends, alles +vergessen und von <em class="gesperrt">einem</em> Menschen alles empfangen +wollen, das was man schon besaß und +<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a> +alles andere. So wünschten es die beiden Menschen +gegenseitig. Aber in der Zeit, im Tage, +unter den vielen, was alles kommt und geht, +oft ehe man eine wirkliche Beziehung dazu +gewinnt, läßt sich ein solches Liebhaben gar +nicht durchführen, die Ereignisse kommen von +allen Seiten, und der Zufall öffnet ihnen jede +Tür.</p> + +<p>Deshalb beschlossen die beiden Menschen aus +der Zeit in die Einsamkeit zu gehen, weit fort +vom Uhrenschlagen und von den Geräuschen +der Stadt. Und dort erbauten sie sich in einem +Garten ein Haus. Und das Haus hatte zwei Tore, +eines an seiner rechten, eines an seiner linken +Seite. Und das rechte Tor war des Mannes Tor, +und alles Seine sollte durch dasselbe in das +Haus einziehen. Das linke aber war das Tor des +Weibes; und was ihres Sinnes war, sollte durch +seinen Bogen eintreten. So geschah es. Wer zuerst +erwachte am Morgen, stieg hinab und tat +sein Tor auf. Und da kam dann bis spät in die +Nacht gar manches herein, wenn auch das Haus +<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a> +nicht am Rande des Weges lag. Zu denen, die +zu empfangen verstehen, kommt die Landschaft +ins Haus und das Licht und ein Wind mit einem +Duft auf den Schultern und viel anderes mehr. +Aber auch Vergangenheiten, Gestalten, Schicksale +traten durch die beiden Tore ein, und allen +wurde die gleiche, schlichte Gastlichkeit zuteil, +so daß sie meinten, seit immer in dem Heidehaus +gewohnt zu haben. So ging es eine lange +Zeit fort, und die beiden Menschen waren sehr +glücklich dabei. Das linke Tor war etwas häufiger +geöffnet, aber durch das rechte traten buntere +Gäste ein. Vor diesem wartete auch eines Morgens +– der Tod. Der Mann schlug seine Tür +eilends zu, als er ihn bemerkte, und hielt sie den +ganzen Tag über fest verschlossen. Nach einiger +Zeit tauchte der Tod vor dem linken Eingang +auf. Zitternd warf das Weib das Tor zu und +schob den breiten Riegel vor. Sie sprachen nicht +miteinander über dieses Ereignis, aber sie öffneten +seltener die beiden Tore und suchten mit dem +auszukommen, was im Hause war. Da lebten +<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a> +sie nun freilich viel ärmlicher als vorher. Ihre +Vorräte wurden knapp, und es stellten sich +Sorgen ein. Sie begannen beide, schlecht zu +schlafen, und in einer solchen wachen, langen +Nacht vernahmen sie plötzlich zugleich ein seltsames, +schlürfendes und pochendes Geräusch. +Es war hinter der Wand des Hauses, gleich weit +entfernt von den beiden Toren, und klang, als +ob jemand begänne, Steine auszubrechen, um +ein neues Tor mitten in die Mauer zu bauen. +Die beiden Menschen taten in ihrem Schrecken +dennoch, als ob sie nichts Besonderes vernähmen. +Sie begannen zu sprechen, lachten unnatürlich +laut, und als sie müde wurden, war das Wühlen +in der Wand verstummt. Seither bleiben die +beiden Tore ganz geschlossen. Die Menschen +leben wie Gefangene. Beide sind kränklich geworden +und haben seltsame Einbildungen. Das +Geräusch wiederholt sich von Zeit zu Zeit. Dann +lachen sie mit ihren Lippen, während ihre Herzen +fast sterben vor Angst. Und sie wissen beide, daß +das Graben immer lauter und deutlicher wird, +<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a> +und müssen immer lauter sprechen und lachen +mit ihren immer matteren Stimmen.«</p> + +<p>Ich schwieg. »Ja, ja –,« sagte der Mann +neben mir, »so ist es, das ist eine wahre Geschichte.«</p> + +<p>»Diese habe ich in einem alten Buche gelesen,« +fügte ich hinzu, »und da ereignete sich +etwas sehr Merkwürdiges dabei. Hinter der Zeile, +darin erzählt wird, wie der Tod auch vor dem +Tore des Weibes erschien, war mit alter, verwelkter +Tinte ein kleines Sternchen gezeichnet. +Es sah aus den Worten wie aus Wolken hervor, +und ich dachte einen Augenblick, wenn die +Zeilen sich verzögen, so könnte offenbar werden, +daß hinter ihnen lauter Sterne stehen, wie es ja +wohl manchmal geschieht, wenn der Frühlingshimmel +sich spät am Abend klärt. Dann vergaß +ich des unbedeutenden Umstandes ganz, bis ich +hinten im Einband des Buches dasselbe Sternchen, +wie gespiegelt in einem See, in dem glatten +Glanzpapier wiederfand, und nah unter demselben +begannen zarte Zeilen, die wie Wellen +<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a> +in der blassen spiegelnden Fläche verliefen. Die +Schrift war an vielen Stellen undeutlich geworden, +aber es gelang mir doch, sie fast ganz +zu entziffern. Da stand etwa:</p> + +<p>›Ich habe diese Geschichte so oft gelesen, und +zwar in allen möglichen Tagen, daß ich manchmal +glaube, ich habe sie selbst, aus der Erinnerung +aufgezeichnet. Aber bei mir geht es im +weiteren Verlaufe so zu, wie ich es hier niederschreibe. +Das Weib hatte den Tod nie gesehen, +arglos ließ sie ihn eintreten. Der Tod aber sagte +etwas hastig, und wie einer, welcher kein gutes +Gewissen hat: ›Gib das deinem Mann.‹ Und er +fügte, als das Weib ihn fragend anblickte, eilig +hinzu: ›Es ist Samen, sehr guter Samen.‹ Dann +entfernte er sich, ohne zurückzusehen. Das Weib +öffnete das Säckchen, welches er ihr in die Hand +gelegt hatte; es fand sich wirklich eine Art Samen +darin, harte, häßliche Körner. Da dachte das +Weib: der Same ist etwas Unfertiges, Zukünftiges. +Man kann nicht wissen, was aus ihm wird. +Ich will diese unschönen Körner nicht meinem +<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a> +Manne geben, sie sehen gar nicht aus wie ein +Geschenk. Ich will sie lieber in das Beet unseres +Gartens drücken und warten, was sich aus ihnen +erhebt. Dann will ich ihn davor führen und ihm +erzählen, wie ich zu dieser Pflanze kam. Also +tat das Weib auch. Dann lebten sie dasselbe +Leben weiter. Der Mann, der immer daran +denken mußte, daß der Tod vor seinem Tore +gestanden hatte, war anfangs etwas ängstlich, +aber da er das Weib so gastlich und sorglos sah +wie immer, tat auch er bald wieder die breiten +Flügel seines Tores auf, so daß viel Leben und +Licht in das Haus hereinkam. Im nächsten Frühjahr +stand mitten im Beete zwischen den schlanken +Feuerlilien ein kleiner Strauch. Er hatte schmale, +schwärzliche Blätter, etwas spitz, ähnlich denen +des Lorbeers, und es lag ein sonderbarer Glanz +auf ihrer Dunkelheit. Der Mann nahm sich täglich +vor, zu fragen, woher diese Pflanze stamme. +Aber er unterließ es täglich. In einem verwandten +Gefühl verschwieg auch das Weib von einem +Tag zum andern die Aufklärung. Aber die unterdrückte +<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a> +Frage auf der einen, die nie gewagte Antwort +auf der anderen Seite führte die beiden +Menschen oft bei diesem Strauch zusammen, +der sich in seiner grünen Dunkelheit so seltsam +von dem Garten unterschied. Als das nächste +Frühjahr kam, da beschäftigten sie sich wie mit +den anderen Gewächsen auch mit dem Strauch, +und sie wurden traurig, als er, umringt von lauter +steigenden Blüten, unverändert und stumm, wie +im ersten Jahr, gegen alle Sonne taub, sich erhob. +Damals beschlossen sie, ohne es einander +zu verraten, gerade diesem im dritten Frühjahr +ihre ganze Kraft zu widmen, und als dieses +Frühjahr erschien, erfüllten sie leise und Hand +in Hand, was sich jeder versprochen hatte. Der +Garten umher verwilderte, und die Feuerlilien +schienen blasser als sonst zu sein. Aber einmal, +als sie nach einer schweren, bedeckten Nacht +in den Morgengarten, den stillen, schimmernden +traten, da wußten sie: aus den schwarzen, +scharfen Blättern des fremden Strauches war +unversehrt eine blasse, blaue Blüte gestiegen, +<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a> +welcher die Knospenschalen schon an allen +Seiten enge wurden. Und sie standen davor +vereint und schweigend, und jetzt wußten sie +sich erst recht nichts zu sagen. Denn sie dachten: +nun blüht der Tod, und neigten sich zugleich, +um den Duft der jungen Blüte zu kosten. – Seit +diesem Morgen aber ist alles anders geworden +in der Welt.‹ So stand es in dem Einband des +alten Buches,« schloß ich.</p> + +<p>»Und wer das geschrieben hat?« drängte der +Mann.</p> + +<p>»Eine Frau nach der Schrift,« antwortete ich. +»Aber was hätte es geholfen, nachzuforschen. +Die Buchstaben waren sehr verblaßt und etwas +altmodisch. Wahrscheinlich war sie schon längst +tot.«</p> + +<p>Der Mann war ganz in Gedanken. Endlich +bekannte er: »Nur eine Geschichte, und doch +rührt es einen so an.« »Nun, das ist, wenn man +selten Geschichten hört,« begütigte ich. »Meinen +Sie?« Er reichte mir seine Hand, und ich hielt +sie fest. »Aber ich möchte sie gerne weitersagen. +<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a> +Das darf man doch?« Ich nickte. Plötzlich fiel +ihm ein: »Aber ich habe niemanden. Wem +sollte ich sie auch erzählen?« »Nun, das ist +einfach; den Kindern, die Ihnen manchmal zusehen +kommen. Wem sonst?«</p> + +<p>Die Kinder haben auch richtig die letzten +drei Geschichten gehört. Allerdings, die von +den Abendwolken wiederholte, nur teilweise, +wenn ich gut unterrichtet bin. Die Kinder sind +ja klein und darum von den Abendwolken viel +weiter als wir. Doch das ist bei dieser Geschichte +ganz gut. Trotz der langen, wohlgesetzten Rede +des Hans würden sie erkennen, daß die Sache +unter Kindern spielt, und meine Erzählung kritisch +als Sachverständige betrachten. Aber es ist +besser, daß sie nicht erfahren, mit welcher Anstrengung +und wie ungeschickt wir die Dinge +erleben, die ihnen so ganz mühelos und einfach +geschehen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a>EIN VEREIN AUS EINEM DRINGENDEN BEDÜRFNIS HERAUS</h2> + +<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a> erfahre erst, daß unser Ort auch eine Art +Künstlerverein besitzt. Er ist kürzlich aus +einem, wie man sich leicht vorstellen kann, sehr +dringenden Bedürfnis entstanden, und es geht +das Gerücht, daß er »blüht«. Wenn Vereine +gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, dann +blühen sie; sie haben gehört, daß man dies tun +muß, um ein richtiger Verein zu sein.</p> + +<p>Ich muß nicht sagen, daß Herr Baum Ehrenmitglied, +Gründer, Fahnenvater und alles übrige +in einer Person ist und Mühe hat, die verschiedenen +Würden auseinanderzuhalten. Er sandte +mir einen jungen Mann, der mich einladen sollte, +an den »Abenden« teilzunehmen. Ich dankte +ihm, wie es sich von selbst versteht, sehr höflich +und fügte hinzu, daß meine ganze Tätigkeit +seit etwa fünf Jahren im Gegenteil bestehe. »Es +vergeht, stellen Sie sich vor,« erklärte ich ihm +mit dem entsprechenden Ernst, »seit dieser Zeit +keine Minute, in welcher ich nicht aus irgendeinem +Verbande austrete, und doch gibt es noch +immer Gesellschaften, welche mich sozusagen +<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a> +enthalten.« Der junge Mann schaute erst erschreckt, +dann mit dem Ausdruck respektvollen +Bedauerns auf meine Füße. Er mußte ihnen das +»Austreten« ansehen, denn er nickte verständig +mit dem Kopfe. Das gefiel mir gut, und da ich +gerade fortgehen mußte, schlug ich ihm vor, +mich ein Stückchen zu begleiten. So gingen +wir durch den Ort und darüber hinaus, dem +Bahnhof zu, denn ich hatte in der Umgebung +zu tun. Wir sprachen über mancherlei Dinge; +ich erfuhr, daß der junge Mann Musiker sei. Er +hatte es mir bescheiden mitgeteilt, ansehen +konnte man es ihm nicht. Außer seinen zahlreichen +Haaren zeichnete ihn eine große, gleichsam +springende Bereitwilligkeit aus. Auf diesem +nicht allzu langen Weg hob er mir zwei Handschuhe +auf, hielt mir den Schirm, als ich etwas +in meinen Taschen suchte, machte mich errötend +darauf aufmerksam, daß mir etwas im Barte +hinge, daß mir Ruß auf der Nase säße, und dabei +wurden ihm die mageren Finger lang, als +sehnten sie sich danach, sich meinem Gesichte +<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a> +auf diese Weise hilfreich zu nähern. In seinem +Eifer blieb der junge Mensch sogar bisweilen +zurück und holte mit sichtlichem Vergnügen +die welken Blätter, die im Herabflattern hängen +geblieben waren, aus den Ästen der Sträucher. +Ich sah ein, daß ich durch diese beständigen Verzögerungen +den Zug versäumen würde (der Bahnhof +war noch ziemlich weit), und entschloß mich, +meinem Begleiter eine Geschichte zu erzählen, +um ihn ein wenig an meiner Seite zu halten. +Ich begann ohne weiteres: »Mir ist der Verlauf +einer derartigen Gründung bekannt, welche auf +wirklicher Notwendigkeit beruhte. Sie werden +sehen. Es ist nicht sehr lange her, da fanden +sich drei Maler durch Zufall in einer alten Stadt +zusammen. Die drei Maler sprachen natürlich +nicht von Kunst. Es schien wenigstens so. Sie +verbrachten den Abend in der Hinterstube eines +alten Gasthauses damit, sich Reiseabenteuer und +Erlebnisse verschiedener Art mitzuteilen, ihre +Geschichten wurden immer kürzer und wörtlicher, +und endlich blieben noch ein paar Witze +<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a> +übrig, mit denen sie beständig hin und her +warfen. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, +muß ich übrigens gleich sagen, daß es wirkliche +Künstler waren, gewissermaßen von der Natur +beabsichtigte, keine zufälligen. Dieser öde Abend +in der Hinterstube kann nichts daran ändern; +man wird ja auch gleich erfahren, wie er weiter +verlief. Es traten andere Leute, profane, in dieses +Gasthaus ein, die Maler fühlten sich gestört und +brachen auf. Mit dem Augenblick, da sie aus +dem Tor traten, waren sie andere Leute. Sie +gingen in der Mitte der Gasse, einer vom anderen +etwas getrennt. Auf ihren Gesichtern waren +noch die Spuren des Lachens, diese merkwürdige +Unordnung der Züge, aber die Augen waren +bei allen schon ernst und betrachtend. Plötzlich +stieß der in der Mitte den Rechten an. Der +verstand ihn sofort. Da war vor ihnen eine Gasse, +schmal, von feiner, warmer Dämmerung erfüllt. +Sie stieg etwas an, so daß sie perspektivisch sehr +zur Geltung kam, und hatte etwas ungemein Geheimnisvolles +und doch wieder Vertrautes. Die +<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a> +drei Maler ließen das einen Augenblick auf sich +wirken. Sie sprachen nichts, denn sie wußten: +sagen kann man das nicht. Sie waren ja deshalb +Maler geworden, weil es manches gibt, was man +nicht sagen kann. Plötzlich erhob sich der Mond +irgendwo, zeichnete den einen Giebel silbern +nach, und es stieg ein Lied aus einem Hofe auf. +›Grobe Effekthascherei –‹ brummte der Mittlere, +und sie gingen weiter. Sie schritten jetzt etwas +näher nebeneinander hin, obwohl sie immer +noch die ganze Breite der Gasse brauchten. So +gerieten sie unversehens auf einen Platz. Jetzt +war es der rechts, welcher die anderen aufmerksam +machte. In dieser breiteren, freieren Szene +hatte der Mond nichts Störendes, im Gegenteil, +es war geradezu notwendig, daß er vorhanden +war. Er ließ den Platz größer erscheinen, gab +den Häusern ein überraschendes, lauschendes +Leben, und die beleuchtete Fläche des Pflasters +wurde mitten rücksichtslos von einem Brunnen +und seinem schweren Schlagschatten unterbrochen, +eine Kühnheit, welche den Malern ausnehmend +<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a> +imponierte. Sie stellten sich nahe zusammen +und saugten sozusagen an den Brüsten +dieser Stimmung. Aber sie wurden unangenehm +unterbrochen. Eilige, leichte Schritte näherten +sich, aus dem Dunkel des Brunnens löste sich +eine männliche Gestalt, empfing jene Schritte, +und was sonst zu ihnen gehörte, mit der üblichen +Zärtlichkeit, und der schöne Platz war +auf einmal eine erbärmliche Illustration geworden, +von welcher sich die drei Maler wie <em class="gesperrt">ein</em> +Maler abwandten. ›Da ist schon wieder dieses +verdammte novellistische Element,‹ schrie der +rechts, indem er das Liebespaar am Brunnen mit +diesem korrekt technischen Ausdruck begriff. +Vereint in ihrem Groll, wanderten die Maler +noch lange planlos in der Stadt herum, immerfort +Motive entdeckend, aber auch jedesmal aufs +neue empört durch die Art, mit welcher irgendein +banaler Umstand die Stille und Einfachheit +jedes Bildes zunichte machte. Gegen Mitternacht +saßen sie im Gasthof in der Wohnstube +des Linken, des Jüngsten, beisammen und dachten +<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a> +nicht ans Schlafengehen. Die nächtliche +Wanderung hatte eine Menge Pläne und Entwürfe +in ihnen wachgerufen, und da sie zugleich +bewiesen hatte, daß sie eines Geistes seien im +Grunde, tauschten sie jetzt, im höchsten Maße +interessiert, ihre gegenseitigen Ansichten aus. +Man kann nicht behaupten, daß sie tadellose +Sätze hervorbrachten, sie schlugen mit ein paar +Worten herum, die kein profaner Mensch begriffen +hätte, aber untereinander verständigten +sie sich dadurch so gut, daß sämtliche Zimmernachbarn +bis gegen vier Uhr morgens nicht einschlafen +konnten. Das lange Beisammensitzen +hatte aber einen wirklichen, sichtbaren Erfolg. +Etwas wie ein Verein wurde gebildet; das heißt, +er war eigentlich schon da im Augenblick, als +die Absichten und Ziele der drei Künstler sich +so verwandt erwiesen, daß man sie nur schwer +voneinander trennen konnte. Der erste gemeinsame +Beschluß des »Vereins« erfüllte sich sofort. +Man zog drei Stunden weit ins Land und mietete +gemeinsam einen Bauernhof. In der Stadt zu +<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a> +bleiben, hätte zunächst keinen Sinn gehabt. Erst +wollte man sich draußen den »Stil« erwerben, +die gewisse persönliche Sicherheit, den Blick, +die Hand und wie alle die Dinge heißen, ohne +welche ein Maler zwar leben, aber nicht malen +kann. – Zu allen diesen Tugenden sollte das +Zusammenhalten helfen, der »Verein« eben, +– besonders aber das Ehrenmitglied dieses Vereins: +die Natur. Unter »Natur« stellen sich die +Maler alles vor, was der liebe Gott selbst gemacht +hat oder doch gemacht haben könnte, +unter Umständen. Ein Zaun, ein Haus, ein +Brunnen – alle diese Dinge sind ja meistens +menschlichen Ursprungs. Aber wenn sie eine +Zeitlang in der Landschaft stehen, so daß sie +gewisse Eigenschaften von den Bäumen und +Büschen und von ihrer anderen Umgebung angenommen +haben, so gehen sie gleichsam in den +Besitz Gottes über und damit auch in das Eigentum +des Malers. Denn Gott und der Künstler +haben dasselbe Vermögen und dieselbe Armut +je nachdem. – Nun, an der Natur, welche um +<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a> +den gemeinsamen Bauernhof sich erstreckte, +glaubte Gott gewiß keinen besonderen Reichtum +zu besitzen. Es dauerte indessen nicht lang, so +belehrten ihn die Maler eines Besseren. Die +Gegend war flach, das ließ sich nicht leugnen. +Aber durch die Tiefe ihrer Schatten und die +Höhe ihrer Lichter waren Abgründe und Gipfel +vorhanden, zwischen denen eine Unzahl von +Mitteltönen jenen Regionen weiter Wiesen und +fruchtbarer Felder entsprach, die den materiellen +Wert einer gebirgigen Gegend ausmachen. Es +waren nur wenig Bäume vorhanden und fast alle +von derselben Art, botanisch betrachtet. Durch +die Gefühle indessen, welche sie ausdrückten, +durch die Sehnsucht irgendeines Astes oder die +sanfte Ehrfurcht des Stammes erschienen sie als +eine große Anzahl individueller Wesen, und +manche Weide war eine Persönlichkeit, die den +Malern durch die Vielseitigkeit und Tiefe ihres +Charakters Überraschung um Überraschung bereitete. +Die Begeisterung war so groß, man fühlte +sich so sehr eins in dieser Arbeit, daß es nichts +<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a> +bedeuten will, daß jeder der drei Maler nach +Verlauf eines halben Jahres ein eigenes Haus +bezog; das hatte gewiß rein räumliche Gründe. +Aber etwas anderes wird man hier doch erwähnen +müssen. Die Maler wollten irgendwie +das einjährige Bestehen ihres Vereines, aus dem +in so kurzer Zeit so viel Gutes gekommen war, +feiern, und jeder entschloß sich, zu diesem Zweck +heimlich die Häuser der anderen zu malen. An +dem bestimmten Tage kamen sie, jeder mit +seinen Bildern, zusammen. Es traf sich, daß sie +gerade von ihren jeweiligen Wohnungen, deren +Lage, Zweckmäßigkeit usw. sich unterhielten. +Sie ereiferten sich ziemlich stark, und es geschah, +daß während des Gesprächs jeder seiner +mitgebrachten Ölskizzen vergaß und spät nachts +mit dem uneröffneten Paket zu Hause ankam. +Wie das geschehen konnte, ist schwer begreiflich. +Aber sie zeigten sich auch in der nächsten +Zeit ihre Bilder nicht, und wenn der eine den +andern besuchte (was infolge vieler Arbeit immer +seltener geschah), fand er auf der Staffelei des +<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a> +Freundes Skizzen aus jener ersten Zeit, da sie +noch gemeinsam denselben Bauernhof bewohnten. +Aber einmal entdeckte der Rechte (er wohnte +jetzt auch zur Rechten, kann also weiter so +heißen) bei dem, welchen ich den Jüngsten genannt +habe, eines jener genannten, nicht verratenen +Jubiläumsbilder. Er betrachtete es eine +Weile nachdenklich, trat damit ans Licht und +lachte plötzlich: ›Schau, das hab ich gar nicht +gewußt, nicht ohne Glück hast du da mein Haus +aufgefaßt. Eine wahrhaft geistreiche Karikatur. +Mit diesen Übertreibungen in Form und Farbe, +mit dieser kühnen Ausgestaltung meines allerdings +etwas betonten Giebels, wirklich, es liegt +etwas darin.‹ Der Jüngste machte keines seiner +vorteilhaftesten Gesichter, im Gegenteil; er ging +zum Mittleren in seiner Bestürzung, um sich +von ihm, dem Besonnensten, beruhigen zu lassen, +denn er war nach Vorfällen solcher Art gleich +kleinmütig und geneigt, an seiner Begabung zu +zweifeln. Er traf den Mittleren nicht zu Haus +und stöberte ein wenig im Atelier umher, wobei +<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a> +ihm gleich ein Bild in die Augen fiel, das +ihn merkwürdig abstieß. Es war ein Haus, aber +ein richtiger Narr mußte darin wohnen. Diese +Fassade! Das konnte nur irgendeiner gebaut +haben, der von Architektur keine Idee hatte und +der seine armseligen, malerischen Ideen anwandte +auf ein Gebäude. Plötzlich stellte der +Jüngste das Bild fort, als ob es ihm die Finger +verbrannt hätte. An dem linken Rande desselben +hatte er das Datum jenes ersten Jubiläums gelesen +und daneben: »Das Haus unseres Jüngsten.« +Er wartete natürlich den Hausherrn nicht ab, +sondern kehrte etwas verstimmt nach Hause zurück. +Der Jüngste und der rechts waren seither +vorsichtig geworden. Sie suchten sich entfernte +Motive und dachten selbstverständlich nicht +daran, für das Fest des zweijährigen Bestehens +ihres so förderlichen Vereins etwas vorzubereiten. +Um so eifriger arbeitete der ahnungslose Mittlere +daran, ein Motiv, das der Wohnung des Rechten +zunächst lag, zu malen. Etwas Unbestimmtes +hielt ihn davon ab, dessen Haus selbst zum Vorwand +<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a> +seiner Arbeit zu wählen. – Als er dem +Rechtswohnenden das fertige Bild überbrachte, +verhielt sich dieser merkwürdig zurückhaltend, +schaute es nur flüchtig an und bemerkte etwas +Beiläufiges. Dann, nach einer Weile sagte er: +›Ich habe übrigens gar nicht gewußt, daß du so +weit verreist warst in der letzten Zeit.‹ ›Wieso, +weit? Verreist?‹ Der Mittlere begriff nicht ein +Wort. ›Nun – diese tüchtige Arbeit da,‹ erwiderte +der andere, ›offenbar doch irgendein +holländisches Motiv –‹ Der besonnene Mittlere +lachte laut auf. ›Köstlich, dieses holländische +Motiv befindet sich vor deiner Türe.‹ Und er +wollte sich gar nicht beruhigen. Aber der Vereinsgenosse +lachte nicht, gar nicht. Er quälte sich +ein Lächeln ab und meinte: ›Ein guter Witz.‹ +›Aber ganz und gar nicht, mach mal die Tür +auf, ich will dir gleich zeigen –‹ und der Mittlere +ging selbst auf die Türe zu. ›Halt,‹ befahl der +Hausherr, ›und ich erkläre dir somit, daß ich +diese Gegend nie gesehen habe und auch nie +sehen werde, weil sie für mein Auge überhaupt +<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a> +nicht existenzfähig ist.‹ ›Aber,‹ machte der mittlere +Maler erstaunt. ›Du bleibst dabei?‹ fuhr der +Rechte gereizt fort, ›gut, ich reise heute noch +ab. Du zwingst mich fortzugehen, denn ich +wünsche nicht, in dieser Gegend zu leben. Verstanden?‹ +– Damit war die Freundschaft zu Ende, +aber nicht der Verein; denn er ist bis heute nicht +statutengemäß aufgelöst worden. Niemand hat +daran gedacht, und man kann von ihm mit +vollstem Rechte sagen, daß er sich über die ganze +Erde verbreitet hat.«</p> + +<p>»Man sieht,« unterbrach mich der bereitwillige +junge Mann, der schon beständig die +Lippen spitzte, »wieder einer jener kolossalen +Erfolge des Vereinslebens; gewiß sind viele hervorragende +Meister aus dieser innigen Verbindung +hervorgegangen –.« »Erlauben Sie,« bat +ich, und er stäubte mir unversehens den Ärmel +ab, »das war eigentlich erst die Einleitung zu +meiner Geschichte, obwohl sie komplizierter ist +als die Geschichte selbst. Also, ich sagte, daß +der Verein sich über die ganze Erde verbreitet +<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a> +hatte, und dieses ist Tatsache. Seine drei Mitglieder +flohen in wahrem Entsetzen voneinander. +Nirgends war ihnen Ruhe gewährt. Immer fürchtete +jeder, der andere könnte noch ein Stück +seines Landes erkennen und durch seine ruchlose +Darstellung entweihen, und als sie schon +an drei entgegengesetzten Punkten der irdischen +Peripherie angelangt waren, kam jedem der trostlose +Einfall, daß sein Himmel, der Himmel, den +er mühsam durch seine wachsende Eigenart erworben +hatte, den anderen noch erreichbar sei. +In diesem erschütternden Augenblick begannen +sie, alle drei zugleich, mit ihren Staffeleien nach +rückwärts zu gehen, und noch fünf Schritte, und +sie wären vom Rande der Erde in die Unendlichkeit +gefallen und müßten jetzt in rasender +Geschwindigkeit die doppelte Bewegung um +diese und um die Sonne vollführen. Aber Gottes +Teilnahme und Aufmerksamkeit verhütete dieses +grausame Schicksal. Gott erkannte die Gefahr +und trat im letzten Moment (was hätte er auch +sonst tun sollen?) heraus, in die Mitte des Himmels. +<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a> +Die drei Maler erschraken. Sie stellten +die Staffelei fest und setzten die Palette auf. +Diese Gelegenheit durften sie sich nicht entgehen +lassen. Der liebe Gott erscheint nicht +alle Tage und auch nicht jedem. Und jeder der +Maler meinte natürlich, Gott stünde nur vor +ihm. Im übrigen vertieften sie sich immer mehr +in die interessante Arbeit. Und jedesmal, wenn +Gott wieder zurück in den Himmel will, bittet +der heilige Lukas ihn, noch eine Weile draußen +zu bleiben, bis die drei Maler mit ihren Bildern +fertig sind.«</p> + +<p>»Und die Herren haben diese Bilder ohne +Zweifel schon ausgestellt, vielleicht gar verkauft?« +fragte der Musiker in den sanftesten +Tönen. »Wo denken Sie hin,« wehrte ich ab. +»Sie malen immer noch an Gott und werden +ihn wohl bis an ihr eigenes Ende malen. Sollten +sie aber (was ich für ausgeschlossen halte) noch +einmal im Leben zusammenkommen und sich +die Bilder, die sie von Gott inzwischen gemalt +haben, zeigen, wer weiß: vielleicht würden +<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a> +diese Bilder sich kaum voneinander unterscheiden.«</p> + +<p>Da war auch schon der Bahnhof. Ich hatte +noch fünf Minuten Zeit. Ich dankte dem jungen +Mann für seine Begleitung und wünschte ihm +alles Glück für den jungen Verein, den er so +ausgezeichnet vertrat. Er tippte mit dem rechten +Zeigefinger den Staub auf, der die Fensterbretter +des kleinen Wartesaals zu bedrücken schien, und +war sehr in Gedanken. Ich muß gestehen, ich +schmeichelte mir schon, meine kleine Geschichte +hätte ihn so nachdenklich gestimmt. Als er mir +zum Abschied einen roten Faden aus dem Handschuh +zog, riet ich ihm aus Dankbarkeit: »Sie +können zurück ja über die Felder gehen, dieser +Weg ist bedeutend näher als die Straße.« »Verzeihen +Sie,« verneigte sich der bereitwillige +junge Mann, »ich werde doch wieder die Straße +nehmen. Ich suche mich eben zu besinnen, wo +das war. Während Sie die Güte hatten, mir +einiges wirklich Bedeutende zu erzählen, glaubte +ich eine Vogelscheuche im Acker zu bemerken, +<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a> +in einem alten Rock, und der eine – mir scheint +der linke Ärmel war hängen geblieben an einem +Pfahl, so daß er durchaus nicht wehte. Ich fühle +nun gewissermaßen die Verpflichtung, meinen +kleinen Tribut an den gemeinsamen Interessen +der Menschheit, die mir auch als eine Art Verein +erscheint, in welchem jeder etwas zu leisten hat, +dadurch zu entrichten, daß ich diesen linken +Ärmel seinem eigentlichen Sinne, nämlich: zu +wehen, zurückgebe …« Der junge Mann entfernte +sich mit dem liebenswürdigsten Lächeln. +Ich aber hätte beinah meinen Zug versäumt.</p> + +<p>Bruchstücke dieser Geschichte wurden von +dem jungen Manne an einem »Abende« des +Vereines gesungen. Weiß Gott, wer ihm die +Musik dazu erfunden hat. Herr Baum, der +Fahnenvater, hat sie den Kindern mitgebracht, +und die Kinder haben sich einige Melodien +daraus gemerkt.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>DER BETTLER UND DAS STOLZE FRÄULEIN</h2> + +<p class="drop-cap">Es<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a> traf sich, daß wir – der Herr Lehrer und +ich – Zeugen wurden folgender kleinen +Begebenheit. Bei uns, am Waldrand, steht bisweilen +ein alter Bettler. Auch heute war er +wieder da, ärmer, elender als je, durch ein mitleidiges +Mimikry fast ununterscheidbar von den +Latten des morschen Bretterzauns, an denen er +lehnte. Aber da begab es sich, daß ein ganz +kleines Mädchen auf ihn zugelaufen kam, um +ihm eine kleine Münze zu schenken. Das war +weiter nicht verwunderlich, überraschend war +nur, wie sie das tat. Sie machte einen schönen +braven Knicks, reichte dem Alten rasch, als ob +es niemand merken sollte, ihre Gabe, knickste +wieder und war schon davon. Diese beiden +Knickse aber waren mindestens eines Kaisers +wert. Das ärgerte den Herrn Lehrer ganz besonders. +Er wollte rasch auf den Bettler zugehen, +wahrscheinlich, um ihn von seiner Zaunlatte zu +verjagen; denn wie man weiß, war er im Vorstand +des Armenvereins und gegen den Straßenbettel +eingenommen. Ich hielt ihn zurück. »Die Leute +<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a> +werden von uns unterstützt, ja man kann wohl +sagen, versorgt,« eiferte er. »Wenn sie auf der +Straße auch noch betteln, so ist das einfach +– Übermut.« »Verehrter Herr Lehrer« – suchte +ich ihn zu beruhigen, aber er zog mich immer +noch nach dem Waldrand hin. »Verehrter Herr +Lehrer –,« bat ich, »ich muß Ihnen eine Geschichte +erzählen.« »So dringend?« fragte er +giftig. Ich nahm es ernst: »Ja, eben jetzt. Ehe +Sie vergessen, was wir da gerade zufällig beobachtet +haben.« Der Lehrer mißtraute mir +seit meiner letzten Geschichte. Ich las das von +seinem Gesichte und begütigte: »Nicht vom +lieben Gott, wirklich nicht. Der liebe Gott +kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es ist +etwas Historisches.« Damit hatte ich gewonnen. +Man muß nur das Wort »Historie« sagen, und +schon gehen jedem Lehrer die Ohren auf; denn +die Historie ist etwas durchaus Achtbares, Unverfängliches +und oft pädagogisch Verwendbares. +Ich sah, daß der Herr Lehrer wieder seine +Brille putzte, ein Zeichen, daß seine Sehkraft +<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a> +sich in die Ohren geschlagen hatte, und diesen +günstigen Moment wußte ich geschickt zu benutzen. +Ich begann:</p> + +<p>»Es war in Florenz, Lorenzo de' Medici, jung, +noch nicht Herrscher, hatte gerade sein Gedicht +›Trionfo di Bacco ed Arianna‹ ersonnen, und +schon wurden alle Gärten davon laut. Damals +gab es lebende Lieder. Aus dem Dunkel des +Dichters stiegen sie in die Stimmen und trieben +auf ihnen, wie auf silbernen Kähnen, furchtlos, +ins Unbekannte. Der Dichter begann ein Lied, +und alle, die es sangen, vollendeten es. Im +›Trionfo‹ wird, wie in den meisten Liedern +jener Zeit, das Leben gefeiert, diese Geige mit +den lichten, singenden Saiten und ihrem dunklen +Hintergrund: dem Rauschen des Blutes. Die +ungleich langen Strophen steigen in eine taumelnde +Lustigkeit hinauf, aber dort, wo diese +atemlos wird, setzt jedesmal ein kurzer, einfacher +Kehrreim an, der sich von der schwindelnden +Höhe niederneigt und, vor dem Abgrund +bang, die Augen zu schließen scheint. Er lautet:</p> + +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a><div class="line">Wie schön ist die Jugend, die uns erfreut,<br/></div> +<div class="line">Doch wer will sie halten? Sie flieht und bereut,<br/></div> +<div class="line">Und wenn einer fröhlich sein will, der sei's heut,<br/></div> +<div class="line">Und für morgen ist keine Gewißheit.<br/></div> +</div> +</div> + +<p class="no-indent">Ist es wunderlich, daß über die Menschen, +welche dieses Gedicht sangen, eine Hast hereinbrach, +ein Bestreben, alle Festlichkeit auf dieses +Heute zu türmen, auf den einzigen Fels, auf dem +zu bauen sich verlohnt? Und so kann man sich +das Gedränge der Gestalten auf den Bildern der +florentiner Maler erklären, die sich bemühten, +alle ihre Fürsten und Frauen und Freunde in +einem Gemälde zu vereinen, denn man malte +langsam, und wer konnte wissen, ob zur Zeit +des nächsten Bildes alle noch so jung und bunt +und einig sein würden. Am deutlichsten sprach +dieser Geist der Ungeduld sich begreiflichermaßen +bei den Jünglingen aus. Die glänzendsten +von ihnen saßen nach einem Gastmahle +auf der Terrasse des Palazzo Strozzi beisammen +und plauderten von den Spielen, die demnächst +vor der Kirche Santa Croce stattfinden sollten. +<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a> +Etwas abseits in einer Loggia stand Palla degli +Albizzi mit seinem Freunde Tomaso, dem Maler. +Sie schienen etwas in wachsender Erregung zu +verhandeln, bis Tomaso plötzlich rief: ›Das tust +du nicht, ich wette, das tust du nicht!‹ Nun +wurden die anderen aufmerksam. ›Was habt +ihr?‹ erkundigte sich Gaetano Strozzi und kam +mit einigen Freunden näher. Tomaso erklärte: +›Palla will auf dem Feste vor Beatrice Altichieri, +dieser Hochmütigen, niederknien und sie bitten, +sie möchte ihm gestatten, den staubigen Saum +ihres Kleides zu küssen.‹ Alle lachten, und Lionardo, +aus dem Hause Ricardi, bemerkte: ›Palla +wird sich das überlegen; er weiß wohl, daß die +schönsten Frauen ein Lächeln für ihn haben, +das man sonst niemals bei ihnen sieht.‹ Und ein +anderer fügte hinzu: ›Und Beatrice ist noch so +jung. Ihre Lippen sind noch zu kinderhaft hart, +um zu lächeln. Darum scheint sie so stolz.‹ +›Nein –,‹ erwiderte Palla degli Albizzi mit übermäßiger +Heftigkeit, ›sie ist stolz, daran ist nicht +ihre Jugend schuld. Sie ist stolz wie ein Stein +<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a> +in den Händen Michelangelos, stolz wie eine +Blume an einem Madonnenbild, stolz wie ein +Sonnenstrahl, der über Diamanten geht –‹ Gaetano +Strozzi unterbrach ihn etwas streng: ›Und +du, Palla, bist nicht auch du stolz? Was du da +sagst, das kommt mir vor, als wolltest du dich +unter die Bettler stellen, die um die Vesper im +Hofe der Sma Annunziata warten, bis Beatrice +Altichieri ihnen mit abgewendetem Gesicht +einen Soldo schenkt.‹ ›Ich will auch dieses tun!‹ +rief Palla mit glänzenden Augen, drängte sich +durch die Freunde nach der Treppe durch und +verschwand. Tomaso wollte ihm nach. ›Laß,‹ +hielt Strozzi ihn ab, ›er muß jetzt allein sein, da +wird er am ehesten vernünftig werden.‹ Dann +zerstreuten sich die jungen Leute in die Gärten.</p> + +<p>Im Vorhofe der Santissima Annunziata warteten +auch an diesem Abend etwa zwanzig Bettler +und Bettlerinnen auf die Vesper. Beatrice, welche +sie alle dem Namen nach kannte und bisweilen +auch in ihre armen Häuser an der Porta San +Niccolò zu den Kindern und zu den Kranken +<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a> +kam, pflegte jeden von ihnen im Vorübergehen +mit einem kleinen Silberstück zu beschenken. +Heute schien sie sich etwas zu verspäten; die +Glocken hatten schon gerufen, und nur Fäden +ihres Klanges hingen noch an den Türmen über +der Dämmerung. Es entstand eine Unruhe unter +den Armen, auch weil ein neuer unbekannter +Bettler sich in das Dunkel des Kirchentors geschlichen +hatte, und eben wollten sie sich seiner +erwehren in ihrem Neid, als ein junges Mädchen +in schwarzem, fast nonnenhaftem Kleide im Vorhofe +erschien und, durch ihre Güte gehemmt, +von einem zum anderen ging, während eine der +begleitenden Frauen den Beutel offen hielt, aus +welchem sie ihre kleinen Gaben holte. Die +Bettler stürzten in die Knie, schluchzten und +suchten ihre welken Finger eine Sekunde lang +an die Schleppe des schlichten Kleides ihrer +Wohltäterin zu legen, oder sie küßten auch den +letzten Saum mit ihren nassen, stammelnden +Lippen. Die Reihe war zu Ende; es hatte auch +keiner von den Beatrice wohlbekannten Armen +<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a> +gefehlt. Aber da gewahrte sie unter dem Schatten +des Tores noch eine fremde Gestalt in Lumpen +und erschrak. Sie geriet in Verwirrung. Alle +ihre Armen hatte sie schon als Kind gekannt, +und sie zu beschenken, war ihr etwas Selbstverständliches +geworden, eine Handlung wie etwa +die, daß man die Finger in die Marmorschalen +voll heiligen Wassers hält, die an den Türen +jeder Kirche stehen. Aber es war ihr nie eingefallen, +daß es auch fremde Bettler geben könnte; +wie sollte man das Recht haben, auch diese zu +beschenken, da man sich das Vertrauen ihrer +Armut nicht verdient hatte durch irgendein +Wissen darum? Wäre es nicht eine unerhörte +Überhebung gewesen, einem Unbekannten ein +Almosen zu reichen? Und im Widerstreit dieser +dunkeln Gefühle ging das Mädchen, als ob es +ihn nicht bemerkt hätte, an dem neuen Bettler +vorbei und trat rasch in die kühle, hohe Kirche +ein. Aber als drinnen die Andacht begann, +konnte sie sich keines Gebetes erinnern. Eine +Angst überkam sie, daß der arme Mann nach +<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a> +der Vesper nicht mehr am Tore zu finden sein +würde und daß sie nichts getan hatte, seine Not +zu lindern, während die Nacht so nahe war, +darin alle Armut hilfloser und trauriger ist als +am Tag. Sie machte derjenigen von ihren +Frauen, die den Beutel trug, ein Zeichen und +zog sich mit ihr nach dem Eingang zurück. +Dort war es indessen leer geworden; aber der +Fremde stand immer noch, an eine Säule gelehnt, +da und schien dem Gesang zu lauschen, +der seltsam fern, wie aus Himmeln, aus der +Kirche kam. Sein Gesicht war fast ganz verhüllt, +wie es manchmal bei Aussätzigen der Fall +ist, die ihre häßlichen Wunden erst entblößen, +wenn man nahe vor ihnen steht und sie sicher +sind, daß Mitleid und Ekel in gleichem Maße +zu ihren Gunsten reden. Beatrice zögerte. Sie +hatte den kleinen Beutel selbst in Händen und +fühlte nur wenige geringe Münzen darin. Aber +mit einem raschen Entschluß trat sie auf den +Bettler zu und sagte mit unsicherer, etwas +singender Stimme und ohne die flüchtenden +<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a> +Blicke von den eigenen Händen zu heben: +›Nicht um Euch zu kränken, Herr … mir ist, +erkenn ich Euch recht, ich bin in Eurer Schuld. +Euer Vater, ich glaube, hat in unserem Haus +das reiche Geländer gemacht, aus getriebenem +Eisen, wißt Ihr, welches die Treppe uns ziert. +Später einmal – fand sich in der Kammer, – darin +er manchmal bei uns zu arbeiten pflegte, – ein +Beutel – ich denke, er hat ihn verloren – gewiß –.‹ +Aber die hilflose Lüge ihrer Lippen drückte das +Mädchen vor dem Fremden in die Kniee. Sie +zwang den Beutel aus Brokat in seine vom Mantel +verhüllten Hände und stammelte: ›Verzeiht –.‹</p> + +<p>Sie fühlte noch, daß der Bettler zitterte. Dann +flüchtete Beatrice mit der erschrockenen Begleiterin +zurück in die Kirche. Aus dem eine +Weile geöffneten Tor brach ein kurzer Jubel +von Stimmen. – Die Geschichte ist zu Ende. +Messer Palla degli Albizzi blieb in seinen Lumpen. +Er verschenkte seine ganze Habe und ging barfuß +und arm ins Land. Später soll er in der Nähe +von Subiaco gewohnt haben.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>»Zeiten, Zeiten,« sagte der Herr Lehrer. +»Was hilft das alles; er war auf dem Wege, ein +Wüstling zu werden, und wurde durch diese +Begebenheit ein Landstreicher, ein Sonderling. +Heute weiß gewiß kein Mensch mehr von ihm.« +»Doch,« – erwiderte ich bescheiden, – »sein +Name wird bisweilen bei den großen Litaneien +in den katholischen Kirchen unter den Fürbittern +genannt; denn er ist ein Heiliger geworden.«</p> + +<p>Die Kinder haben auch diese Geschichte vernommen, +und sie behaupten, zum Ärger des +Herrn Lehrer, auch in ihr käme der liebe Gott +vor. Ich bin auch ein wenig erstaunt darüber; +denn ich habe dem Herrn Lehrer doch versprochen, +ihm eine Geschichte ohne den lieben +Gott zu erzählen. Aber, freilich: die Kinder +müssen es wissen!</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>EINE GESCHICHTE, DEM DUNKEL ERZÄHLT</h2> + +<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a> wollte den Mantel umnehmen und zu meinem +Freunde Ewald gehen. Aber ich hatte +mich über einem Buche versäumt, einem alten +Buche übrigens, und es war Abend geworden, +wie es in Rußland Frühling wird. Noch vor +einem Augenblick war die Stube bis in die fernsten +Ecken klar, und nun taten alle Dinge, als +ob sie nie etwas anderes gekannt hätten als +Dämmerung; überall gingen große dunkle Blumen +auf, und wie auf Libellenflügeln glitt Glanz +um ihre samtenen Kelche.</p> + +<p>Der Lahme war gewiß nicht mehr am Fenster. +Ich blieb also zu Haus. Was hatte ich ihm doch +erzählen wollen? Ich wußte es nicht mehr. Aber +eine Weile später fühlte ich, daß jemand diese +verlorene Geschichte von mir verlangte, irgendein +einsamer Mensch vielleicht, der fern am +Fenster seiner finstern Stube stand, oder vielleicht +dieses Dunkel selbst, das mich und ihn +und die Dinge umgab. So geschah es, daß ich +dem Dunkel erzählte. Und es neigte sich immer +näher zu mir, so daß ich immer leiser sprechen +<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a> +konnte, ganz, wie es zu meiner Geschichte paßt. +Sie handelt übrigens in der Gegenwart und beginnt.</p> + +<p>Nach langer Abwesenheit kehrte Doktor Georg +Laßmann in seine enge Heimat zurück. Er hatte +nie viel dort besessen, und jetzt lebten ihm nur +mehr zwei Schwestern in der Vaterstadt, beide +verheiratet, wie es schien, gut verheiratet; diese +nach zwölf Jahren wiederzusehen, war der Grund +seines Besuchs. So glaubte er selbst. Aber nachts, +während er im überfüllten Zuge nicht schlafen +konnte, wurde ihm klar, daß er eigentlich um +seiner Kindheit willen kam, und hoffte, in den +alten Gassen irgend etwas wieder zu finden: ein +Tor, einen Turm, einen Brunnen, irgendeinen +Anlaß zu einer Freude oder zu einer Traurigkeit, +an welcher er sich wieder erkennen konnte. +Man verliert sich ja so im Leben. Und da fiel +ihm verschiedenes ein: die kleine Wohnung in +der Heinrichsgasse mit den glänzenden Türklinken +und den dunkelgestrichenen Dielen, die +geschonten Möbel und seine Eltern, diese beiden +<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a> +abgenützten Menschen, fast ehrfürchtig neben +ihnen; die schnellen gehetzten Wochentage und +die Sonntage, die wie ausgeräumte Säle waren, +die seltenen Besuche, die man lachend und in +Verlegenheit empfing, das verstimmte Klavier, +der alte Kanarienvogel, der ererbte Lehnstuhl, +auf dem man nicht sitzen durfte, ein Namenstag, +ein Onkel, der aus Hamburg kommt, ein +Puppentheater, ein Leierkasten, eine Kindergesellschaft, +und jemand ruft: ›Klara‹. Der Doktor +wäre fast eingeschlafen. Man steht in einer +Station, Lichter laufen vorüber, und der Hammer +geht horchend durch die klingenden Räder. Und +das ist wie: Klara, Klara. Klara, überlegt der +Doktor, jetzt ganz wach, wer war das doch? +Und gleich darauf fühlt er ein Gesicht, ein +Kindergesicht mit blondem, glattem Haar. Nicht +daß er es schildern könnte, aber er hat die Empfindung +von etwas Stillem, Hilflosem, Ergebenem, +von ein paar schmalen Kinderschultern, +durch ein verwaschenes Kleidchen noch mehr +zusammengepreßt, und er dichtet dazu ein Gesicht +<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a> +– aber da weiß er auch schon, er muß es +nicht dichten. Es ist da – oder vielmehr es war +da – damals. So erinnert sich Doktor Laßmann +an seine einzige Gespielin Klara, nicht ohne +Mühe. Bis zur Zeit, da er in eine Erziehungsanstalt +kam, etwa zehn Jahre alt, hat er alles mit +ihr geteilt, was ihm begegnete, das Wenige (oder +das Viele?). Klara hatte keine Geschwister, und +er hatte so gut wie keine; denn seine älteren +Schwestern kümmerten sich nicht um ihn. Aber +seither hat er niemanden je nach ihr gefragt. +Wie war das doch möglich? Er lehnte sich zurück. +Sie war ein frommes Kind, erinnerte er +sich noch, und dann fragte er sich: Was mag +aus ihr geworden sein? Eine Zeitlang ängstigte +ihn der Gedanke, sie könnte gestorben sein. Eine +unermeßliche Bangigkeit überfiel ihn in dem +engen gedrängten Coupé; alles schien diese Annahme +zu bestätigen: sie war ein kränkliches +Kind, sie hatte es zu Hause nicht besonders gut, +sie weinte oft; unzweifelhaft: sie ist tot. Der +Doktor ertrug es nicht länger; er störte einzelne +<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a> +Schlafende und schob sich zwischen ihnen durch +in den Gang des Waggons. Dort öffnete er ein +Fenster und schaute hinaus in das Schwarz mit +den tanzenden Funken. Das beruhigte ihn. Und +als er später in das Coupé zurückkehrte, schlief +er trotz der unbequemen Lage bald ein.</p> + +<p>Das Wiedersehen mit den beiden verheirateten +Schwestern verlief nicht ohne Verlegenheiten. +Die drei Menschen hatten vergessen, wie weit +sie einander, trotz ihrer engen Verwandtschaft, +doch immer geblieben waren, und versuchten +eine Weile, sich wie Geschwister zu benehmen. +Indessen kamen sie bald stillschweigend überein, +zu dem höflichen Mittelton ihre Zuflucht +zu nehmen, den der gesellschaftliche Verkehr +für alle Fälle geschaffen hat.</p> + +<p>Er war bei der jüngeren Schwester, deren +Mann in besonders günstigen Verhältnissen war, +Fabrikant mit dem Titel kaiserlicher Rat; und +es war nach dem vierten Gange des Diners, als +der Doktor fragte: ›Sag mal, Sophie, was ist +denn aus Klara geworden?‹ ›Welcher Klara?‹ +<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a> +›Ich kann mich ihres Familiennamens nicht erinnern. +Der kleinen, weißt du, der Nachbarstochter, +mit der ich als Kind gespielt habe?‹ +›Ach, Klara Söllner meinst du?‹ ›Söllner, richtig, +Söllner. Jetzt fällt mir erst ein: der alte Söllner, +das war ja dieser gräßliche Alte – – aber was +ist mit Klara?‹ Die Schwester zögerte: ›Sie hat +geheiratet – übrigens lebt sie jetzt ganz zurückgezogen.‹ +›Ja,‹ machte der Herr Rat, und sein +Messer glitt kreischend über den Teller, ›ganz +zurückgezogen.‹ ›Du kennst sie auch?‹ wandte +sich der Doktor an seinen Schwager. ›Ja-a-a – +so flüchtig; sie ist ja hier ziemlich bekannt.‹ Die +beiden Gatten wechselten einen Blick des Einverständnisses. +Der Doktor merkte, daß es ihnen +aus irgendeinem Grunde unangenehm war, über +diese Angelegenheit zu reden, und fragte nicht +weiter.</p> + +<p>Um so mehr Lust zu diesem Thema bewies +der Herr Rat, als die Hausfrau die Herren beim +schwarzen Kaffee zurückgelassen hatte. ›Diese +Klara,‹ fragte er mit listigem Lächeln und betrachtete +<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a> +die Asche, die von seiner Zigarre in +den silbernen Becher fiel, ›sie soll doch ein stilles +und überdies häßliches Kind gewesen sein?‹ +Der Doktor schwieg. Der Herr Rat rückte vertraulich +näher: ›Das war eine Geschichte! – +Hast du nie davon gehört?‹ ›Aber ich habe ja +mit niemandem gesprochen.‹ ›Was, gesprochen,‹ +lächelte der Rat fein, ›man hat es ja in den Zeitungen +lesen können.‹ ›Was?‹ fragte der Doktor +nervös.</p> + +<p>›Also, sie ist ihm durchgegangen‹ – hinter +einer Wolke Rauches her schickte der Fabrikant +diesen überraschenden Satz und wartete in unendlichem +Behagen die Wirkung desselben ab. +Aber diese schien ihm nicht zu gefallen. Er +nahm eine geschäftliche Miene an, setzte sich +gerade und begann in anderem berichtenden +Ton, gleichsam gekränkt. ›Hm. Man hatte sie +verheiratet an den Baurat Lehr. Du wirst ihn +nicht mehr gekannt haben. Kein alter Mann, in +meinem Alter. Reich, durchaus anständig, weißt +du, durchaus anständig. Sie hatte keinen Groschen +<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a> +und war obendrein nicht schön, ohne +Erziehung usw. Aber der Baurat wünschte ja +auch keine große Dame, eine bescheidene Hausfrau. +Aber die Klara – sie wurde überall in der +Gesellschaft aufgenommen, man brachte ihr allgemein +Wohlwollen entgegen, – wirklich – man +benahm sich – also sie hätte sich eine Position +schaffen können mit Leichtigkeit, weißt du – +aber die Klara, eines Tages – kaum zwei Jahre +nach der Hochzeit: fort ist sie. Kannst du dir +denken: fort. Wohin? Nach Italien. Eine kleine +Vergnügungsreise, natürlich nicht allein. Wir +haben sie schon im ganzen letzten Jahr nicht +eingeladen gehabt, – als ob wir geahnt hätten! +Der Baurat, mein guter Freund, ein Ehrenmann, +ein Mann –‹</p> + +<p>›Und Klara?‹ unterbrach ihn der Doktor und +erhob sich. ›Ach so – ja, na die Strafe des Himmels +hat sie erreicht. Also der Betreffende – +man sagt ein Künstler, weißt du – ein leichter +Vogel, natürlich nur so – Also wie sie aus +Italien zurück waren, in München: adieu und +<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a> +ward nicht mehr gesehen. Jetzt sitzt sie mit +ihrem Kind!‹</p> + +<p>Doktor Laßmann ging erregt auf und nieder: +›In München?‹ ›Ja, in München,‹ antwortete +der Rat und erhob sich gleichfalls. ›Es soll +ihr übrigens recht elend gehen –‹ ›Was heißt +elend –?‹ ›Nun,‹ der Rat betrachtete seine Zigarre, +›pekuniär und dann überhaupt – Gott – so eine +Existenz – – –‹ Plötzlich legte er seine gepflegte +Hand dem Schwager auf die Schulter, +seine Stimme gluckste vor Vergnügen: ›Weißt +du, übrigens erzählte man sich, sie lebe von –‹ +Der Doktor drehte sich kurz um und ging aus +der Tür. Der Herr Rat, dem die Hand von der +Schulter des Schwagers gefallen war, brauchte +zehn Minuten, um sich von seinem Staunen zu +erholen. Dann ging er zu seiner Frau hinein +und sagte ärgerlich: ›Ich hab es immer gesagt, +dein Bruder ist ein Sonderling.‹ Und diese, die +eben eingenickt war, gähnte träge: ›Ach Gott ja.‹</p> + +<p>Vierzehn Tage später reiste der Doktor ab. +Er wußte mit einemmal, daß er seine Kindheit +<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a> +anderswo suchen müsse. In München fand er +im Adreßbuch: Klara Söllner, Schwabing, Straße +und Nummer. Er meldete sich an und fuhr +hinaus. Eine schlanke Frau begrüßte ihn in +einer Stube voll Licht und Güte.</p> + +<p>›Georg, und Sie erinnern sich meiner?‹</p> + +<p>Der Doktor staunte. Endlich sagte er: ›Also +das sind Sie, Klara,‹ sie hielt ihr stilles Gesicht +mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte sie +ihm Zeit geben, sie zu erkennen. Das dauerte +lange. Schließlich schien der Doktor etwas gefunden +zu haben, was ihm bewies, daß seine +alte Spielgefährtin wirklich vor ihm stünde. Er +suchte noch einmal ihre Hand und drückte sie; +dann ließ er sie langsam los und schaute in der +Stube umher. Diese schien nichts Überflüssiges +zu enthalten. Am Fenster ein Schreibtisch mit +Schriften und Büchern, an welchem Klara eben +mußte gesessen haben. Der Stuhl war noch zurückgeschoben. +›Sie haben geschrieben?‹ … +und der Doktor fühlte, wie dumm diese Frage +war. Aber Klara antwortete unbefangen: ›Ja, ich +<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a> +übersetze.‹ ›Für den Druck?‹ ›Ja,‹ sagte Klara +einfach, ›für einen Verlag.‹ Georg bemerkte an +den Wänden einige italienische Photographien. +Darunter das »Konzert« des Giorgione. ›Sie +lieben das?‹ Er trat nahe an das Bild heran. ›Und +Sie?‹ ›Ich habe das Original nie gesehen; es ist +in Florenz, nicht wahr?‹ ›Im Pitti. Sie müssen +hinreisen.‹ ›Zu diesem Zweck?‹ ›Zu diesem +Zweck.‹ Eine freie und einfache Heiterkeit war +über ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf.</p> + +<p>›Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht +setzen?‹ ›Ich bin traurig,‹ zögerte er. ›Ich habe +gedacht – aber Sie sind ja gar nicht elend –‹ fuhr +es plötzlich heraus. Klara lächelte: ›Sie haben +meine Geschichte gehört?‹ ›Ja, das heißt –‹ ›O,‹ +unterbrach ihn Klara schnell, als sie merkte, +daß seine Stirn sich verdunkelte, ›es ist nicht +die Schuld der Menschen, daß sie anders davon +reden. Die Dinge, die wir erleben, lassen sich +oft nicht ausdrücken, und wer sie dennoch erzählt, +muß notwendig Fehler begehen –.‹ Pause. +Und der Doktor: ›Was hat Sie so gütig gemacht?‹ +<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a> +›Alles,‹ sagte sie leise und warm. ›Aber +warum sagen Sie: gütig?‹ ›Weil – weil Sie +eigentlich hätten hart werden müssen. Sie waren +ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder +werden später entweder hart oder –‹ ›Oder sie +sterben – wollen Sie sagen. Nun, ich bin auch +gestorben. O, ich bin viele Jahre gestorben. +Seit ich Sie zum letztenmal gesehen habe, zu +Haus, bis –‹ Sie langte etwas vom Tische her: +›Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist etwas geschmeichelt. +Sein Gesicht ist nicht so klar, aber +– lieber, einfacher. Ich werde Ihnen dann gleich +unser Kind zeigen, es schläft jetzt nebenan. Es +ist ein Bub. Heißt Angelo, wie er. Er ist jetzt +fort, auf Reisen, weit.‹</p> + +<p>›Und Sie sind ganz allein?‹ fragte der Doktor +zerstreut, immer noch über dem Bilde.</p> + +<p>›Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug? +Ich will Ihnen erzählen, wie das kommt. Angelo +ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie +werden ihn nie gehört haben. Bis in die letzte +Zeit hat er gerungen mit der Welt, mit seinen +<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a> +Plänen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir; +denn ich bat ihn seit einem Jahr: du mußt reisen. +Ich fühlte, wie sehr ihm das not tat. Einmal +sagte er scherzend: ›Mich oder ein Kind?‹ ›Ein +Kind,‹ sagte ich, und dann reiste er.‹</p> + +<p>›Und wann wird er zurückkehren?‹</p> + +<p>›Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so +ist es abgemacht.‹ Der Doktor wollte etwas bemerken. +Aber Klara lachte: ›Und da es ein +schwerer Name ist, wird es noch eine Weile +dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei +Jahre.‹</p> + +<p>›Seltsam,‹ sagte der Doktor. ›Was, Georg?‹ +›Wie gut Sie das Leben verstehen. Wie groß +Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie +Ihre Kindheit hingetan? – wir waren doch beide +so – so hilflose Kinder. Das läßt sich doch +nicht ändern oder ungeschehen machen.‹ ›Sie +meinen also, wir hätten an unserer Kindheit +leiden müssen, von Rechts wegen?‹ ›Ja, gerade +das meine ich. An diesem schweren Dunkel +hinter uns, zu dem wir so schwache, so ungewisse +<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a> +Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: +wir haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen +Anfang, alles Vertrauen, die Keime zu alledem, +was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich +wissen wir: Alles das ist versunken in einem +Meer, und wir wissen nicht einmal genau wann. +Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand +sein ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür +eine Feder kaufte und sie auf den Hut steckte, +hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. +Natürlich kommt er zu Hause ohne Feder an, +und ihm bleibt nichts übrig, als nachzudenken, +wann sie wohl könnte davongeflogen sein.‹</p> + +<p>›Sie denken daran, Georg?‹</p> + +<p>›Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben. +Ich beginne irgendwo hinter meinem zehnten +Jahr, dort, wo ich aufgehört habe zu beten. Das +andere gehört nicht mir.‹</p> + +<p>›Und wie kommt es dann, daß Sie sich an +mich erinnert haben?‹</p> + +<p>›Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der +einzige Zeuge jener Zeit. Ich glaubte, ich könnte +<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a> +in Ihnen wiederfinden, – was ich in mir nicht +finden kann. Irgendeine Bewegung, ein Wort, +einen Namen, an dem etwas hängt – eine Aufklärung –‹ +Der Doktor senkte den Kopf in seine +kalten, unruhigen Hände.</p> + +<p>Frau Klara dachte nach: ›Ich erinnere mich +an so weniges aus meiner Kindheit, als wären +tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie +mich so daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein +Abend. Sie kamen zu uns, unerwartet; Ihre +Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so. +Bei uns war alles hell. Mein Vater erwartete +einen Gast, einen Verwandten, einen entfernten +reichen Verwandten, wenn ich mich recht entsinne. +Er sollte kommen aus, aus – ich weiß +nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns wartete +man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Türen +waren offen, die Lampen brannten, die Mutter +ging von Zeit zu Zeit und glättete eine Schutzdecke +auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster. +Niemand wagte sich zu setzen, um keinen Stuhl +zu verrücken. Da Sie gerade kamen, warteten +<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a> +Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tür. +Und je später es wurde, einen desto wunderbarern +Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten +sogar, er könnte kommen, ehe er jenen letzten +Grad von Herrlichkeit erreicht haben würde, +dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens +näher kam. Wir fürchteten nicht, er könnte +überhaupt nicht erscheinen; wir wußten bestimmt: +er kommt, aber wir wollten ihm Zeit +lassen, groß und mächtig zu werden.‹</p> + +<p>Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte +traurig: <ins title="Das">›Das</ins> also wissen wir beide, daß er nicht +kam –. Ich habe es auch nicht vergessen gehabt.‹ +›Nein,‹ – bestätigte Klara, ›er kam nicht –.‹ +Und nach einer Pause: ›Aber es war doch schön!‹ +›Was?‹ ›Nun so – das Warten, die vielen Lampen, +– die Stille – das Feiertägliche.‹</p> + +<p>Etwas rührte sich im Nebenzimmer. Frau +Klara entschuldigte sich für einen Augenblick; +und als sie hell und heiter zurückkam, sagte sie: +›Wir können dann hineingehen. Er ist jetzt wach +und lächelt. – Aber was wollten Sie eben sagen?‹</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a>›Ich habe mir eben überlegt, was Ihnen könnte +geholfen haben zu – zu sich selbst, zu diesem +ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen +doch nicht leicht gemacht. Offenbar half Ihnen +etwas, was mir fehlt?‹ ›Was sollte das sein, +Georg?‹ Klara setzte sich neben ihn.</p> + +<p>›Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal +wieder Ihrer erinnerte, vor drei Wochen nachts, +auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes +Kind. Und jetzt, seit ich Sie gesehen habe, +trotzdem Sie so ganz anders sind, als ich erwartete +– trotzdem, ich möchte fast sagen, nur +noch desto sicherer, empfinde ich, was Sie geführt +hat, mitten durch alle Gefahren, war Ihre +– Ihre Frömmigkeit.‹</p> + +<p>›Was nennen Sie Frömmigkeit?‹</p> + +<p>›Nun, Ihr Verhältnis zu Gott, Ihre Liebe zu +ihm, Ihr Glauben.‹</p> + +<p>Frau Klara schloß die Augen: ›Liebe zu Gott? +Lassen Sie mich nachdenken.‹ Der Doktor betrachtete +sie gespannt. Sie schien ihre Gedanken +langsam auszusprechen, so wie sie ihr kamen: +<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a> +›Als Kind – hab ich da Gott geliebt? Ich glaube +nicht. Ja, ich habe nicht einmal – es hätte mir +wie eine wahnsinnige Überhebung – das ist nicht +das richtige Wort – wie die größte Sünde geschienen, +zu denken: Er ist. Als ob ich ihn damit +gezwungen hätte, in mir, in diesem schwachen +Kind, mit den lächerlich langen Armen, zu sein, +in unserer armen Wohnung, in der alles unecht +und lügnerisch war, von den Bronze-Wandtellern +aus Papiermaché bis zum Wein in den Flaschen, +die so teure Etiketten trugen. Und später –‹ +Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung +mit den Händen, und ihre Augen schlossen sich +fester, als fürchteten sie, durch die Lider etwas +Furchtbares zu sehen – ›ich hätte ihn ja hinausdrängen +müssen aus mir, wenn er in mir gewohnt +hätte damals. Aber ich wußte nichts von +ihm. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich hatte +alles vergessen. – Erst in Florenz: Als ich zum +erstenmal in meinem Leben sah, hörte, fühlte, +erkannte und zugleich danken lernte für alles +das, da dachte ich wieder an ihn. Überall waren +<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a> +Spuren von ihm. In allen Bildern fand ich Reste +von seinem Lächeln, die Glocken lebten noch +von seiner Stimme, und an den Statuen erkannte +ich Abdrücke seiner Hände.‹</p> + +<p>›Und da fanden Sie ihn?‹</p> + +<p>Klara schaute den Doktor mit großen, glücklichen +Augen an: ›Ich fühlte, daß er war, irgendwann +einmal war … warum hätte ich mehr empfinden +sollen? Das war ja schon Überfluß.‹</p> + +<p>Der Doktor stand auf und ging ans Fenster. +Man sah ein Stück Feld und die kleine, alte +Schwabinger Kirche, darüber Himmel, nicht +mehr ganz ohne Abend. Plötzlich fragte Doktor +Laßmann, ohne sich umzuwenden: ›Und jetzt?‹ +Als keine Antwort kam, kehrte er leise zurück.</p> + +<p>›Jetzt –,‹ zögerte Klara, als er gerade vor ihr +stand, und hob die Augen voll zu ihm auf: ›jetzt +denke ich manchmal: Er wird sein.‹</p> + +<p>Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie +einen Augenblick. Er schaute so ins Unbestimmte.</p> + +<p>›Woran denken Sie, Georg?‹</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a>›Ich denke, daß das wieder wie an jenem +Abend ist: Sie warten wieder auf den Wunderbaren, +auf Gott, und wissen, daß er kommen +wird – Und ich komme zufällig dazu –.‹</p> + +<p>Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie +sah sehr jung aus. ›Nun, diesmal wollen wirs +aber auch abwarten.‹ Sie sagte das so froh und +einfach, daß der Doktor lächeln mußte. So +führte sie ihn in das andere Zimmer, zu ihrem +Kind. –</p> + +<p>In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder +nicht wissen dürfen. Indessen, die Kinder haben +sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem Dunkel +erzählt, sonst niemandem. Und die Kinder haben +Angst vor dem Dunkel, laufen ihm davon, und +müssen sie einmal drinnen bleiben, so pressen +sie die Augen zusammen und halten sich die +Ohren zu. Aber auch für sie wird einmal die +Zeit kommen, da sie das Dunkel liebhaben. Sie +werden von ihm meine Geschichte empfangen, +und dann werden sie sie auch besser verstehen.</p> + +<h2><a name="contents">INHALT</a></h2> + +<table id="toc" summary="Inhalt"> +<tr> + <td colspan="2">ALS EINLEITUNG</td> +</tr> +<tr> + <td>Das Märchen von den Händen Gottes</td> + <td class="right"><a href="#Page_1">1</a></td> +</tr> +<tr> + <td colspan="2">GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT</td> +</tr> +<tr> + <td>Der fremde Mann</td> + <td class="right"><a href="#Page_19">19</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Warum der liebe Gott will, daß es arme Leute gibt</td> + <td class="right"><a href="#Page_29">29</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Wie der Verrat nach Rußland kam</td> + <td class="right"><a href="#Page_41">41</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Wie der alte Timofei singend starb</td> + <td class="right"><a href="#Page_55">55</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Das Lied von der Gerechtigkeit</td> + <td class="right"><a href="#Page_69">69</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig</td> + <td class="right"><a href="#Page_89">89</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Von einem, der die Steine belauscht</td> + <td class="right"><a href="#Page_103">103</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein</td> + <td class="right"><a href="#Page_111">111</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Ein Märchen vom Tod und eine fremde Nachschrift dazu</td> + <td class="right"><a href="#Page_123">123</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Ein Verein aus einem dringenden Bedürfnis heraus</td> + <td class="right"><a href="#Page_139">139</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Der Bettler und das stolze Fräulein</td> + <td class="right"><a href="#Page_159">159</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Eine Geschichte, dem Dunkel erzählt</td> + <td class="right"><a href="#Page_171">171</a></td> +</tr> +</table> + +<p class="center page-break">Druck von Bernhard<br/> +Tauchnitz in Leipzig</p> + +<p class="center page-break" style="font-size: large; text-decoration: underline;">IM INSEL-VERLAG · LEIPZIG</p> + +<p class="center" style="font-size: large;">DICHTUNGEN<br/> +VON RAINER MARIA RILKE</p> + +<hr class="line"/> + +<p class="no-indent">DAS STUNDENBUCH. (Vom mönchischen Leben; +Von der Pilgerschaft; Von der Armut und vom Tode.) +<i>30.–39. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">ERSTE GEDICHTE. <i>10.–13. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">DIE FRÜHEN GEDICHTE. <i>11.–14. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">NEUE GEDICHTE (1905 bis 1907). <i>10.–14. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. <i>9. bis +13. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">DAS BUCH DER BILDER. <i>16.–19. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">REQUIEM. (Für eine Freundin. Für Wolf Graf von +Kalckreuth.) <i>Fünfte Auflage.</i></p> + +<p class="no-indent">DAS MARIENLEBEN. <i>31.–40. Tausend.</i> (Insel-Bücherei +Nr. 43.)</p> + +<p class="no-indent">DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS +CHRISTOPH RILKE. <i>201.–230. Tausend.</i> +(Insel-Bücherei Nr. 1.)</p> + +<p class="no-indent">DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS +BRIGGE. Roman. Zwei Bände. <i>13.–17. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">AUGUSTE RODIN. Mit 96 Vollbildern nach Skulpturen +und Handzeichnungen Rodins. <i>31.–35. Tausend.</i></p> + +<hr class="line"/> + +<p class="center"><i>Von Rilke wurden übertragen:</i></p> + +<p class="no-indent">ELIZABETH BARRETT-BROWNING: SONETTE +AUS DEM PORTUGIESISCHEN. (Insel-Bücherei +Nr. 252.)</p> + +<p class="no-indent">DIE LIEBE DER MAGDALENA. Ein französischer +Sermon, gezogen durch den Abbé Joseph Bonnet aus +dem Manuskript Q I 14 der Kaiserlichen Bibliothek zu +St. Petersburg. <i>Dritte Auflage.</i></p> + +<p class="no-indent">DIE VIERUNDZWANZIG SONETTE DER LOUÏZE +LABÉ. Lyoneserin 1555. (Insel-Bücherei Nr. 222.) +<i>11.–20. Tausend.</i></p> + +<p class="no-indent">PORTUGIESISCHE BRIEFE. (Die Briefe der Marianne +Alcoforado.) <i>21.–25. Tausend.</i> (Insel-Bücherei +Nr. 74.)</p> + +<p class="no-indent">ANDRÉ GIDE. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. +<i>16.–20. Tausend.</i> (Insel-Bücherei Nr. 143.)</p> + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_11">Seite 11</a>:<br/> +<span class="correction">Du</span> hast ihn losgelassen!‹ ›Bitte,‹ sagte die<br/> +<span class="correction">›Du</span> hast ihn losgelassen!‹ ›Bitte,‹ sagte die +</li> +<li><a href="#Page_61">Seite 61</a>:<br/> +Burschen zu sagen: <span class="correction">Jegoruschka</span>, mein Täubchen,<br/> +Burschen zu sagen: <span class="correction">›Jegoruschka</span>, mein Täubchen, +</li> +<li><a href="#Page_119">Seite 119</a>:<br/> +erkennen läßt, oder wofür der Name mir <span class="correction">fehlt</span><br/> +erkennen läßt, oder wofür der Name mir <span class="correction">fehlt.</span> +</li> +<li><a href="#Page_187">Seite 187</a>:<br/> +traurig: <span class="correction">Das</span> also wissen wir beide, daß er nicht<br/> +traurig: <span class="correction">›Das</span> also wissen wir beide, daß er nicht +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT *** + +***** This file should be named 38402-h.htm or 38402-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/4/0/38402/ + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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