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-rw-r--r--38402-h/38402-h.htm5034
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+<pre>
+
+Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Geschichten vom lieben Gott
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: December 24, 2011 [EBook #38402]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT ***
+
+
+
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+</pre>
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+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+<p>Das <a href="#contents">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich
+am Ende des Buches.</p>
+</div>
+<div class="figright page-break" style="width: 100px;">
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+
+<p class="page-break">24. bis 28. Tausend</p>
+
+<div id="title-page">
+<h1>Geschichten<br/>
+vom lieben Gott</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5; margin-bottom: 6em;">Von<br/>
+<big>Rainer Maria Rilke</big></p>
+
+<p class="center">1921</p>
+
+<hr class="line"/>
+
+<p class="center">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p>
+</div>
+
+<p class="no-indent page-break">MEINE FREUNDIN, EINMAL HABE ICH DIESES
+BUCH IN IHRE HÄNDE GELEGT, UND SIE
+HABEN ES LIEB GEHABT WIE NIEMAND VORHER.
+SO HABE ICH MICH DARAN GEWÖHNT,
+ZU DENKEN, DASS ES IHNEN GEHÖRT. DULDEN
+SIE DESHALB, DASS ICH NICHT ALLEIN
+IN IHR EIGENES BUCH, SONDERN IN ALLE
+BÜCHER DIESER NEUEN AUSGABE IHREN
+NAMEN SCHREIBE; DASS ICH SCHREIBE:</p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.4;">DIE GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT<br/>
+GEHÖREN ELLEN KEY.</p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.4;"><big>RAINER MARIA RILKE</big><br/>
+ROM, IM APRIL 1904.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>DAS MÄRCHEN VON DEN HÄNDEN GOTTES</h2>
+
+<p class="drop-cap">Neulich,<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a> am Morgen, begegnete mir die Frau
+Nachbarin. Wir begrüßten uns.</p>
+
+<p>»Was für ein Herbst!« sagte sie nach einer
+Pause und blickte nach dem Himmel auf. Ich
+tat desgleichen. Der Morgen war allerdings
+sehr klar und köstlich für Oktober. Plötzlich
+fiel mir etwas ein: »Was für ein Herbst!« rief
+ich und schwenkte ein wenig mit den Händen.
+Und die Frau Nachbarin nickte beifällig. Ich
+sah ihr so einen Augenblick zu. Ihr gutes gesundes
+Gesicht ging so lieb auf und nieder. Es
+war recht hell, nur um die Lippen und an den
+Schläfen waren kleine schattige Falten. Woher
+sie das haben mag? Und da fragte ich ganz unversehens:
+»Und Ihre kleinen Mädchen?« Die
+Falten in ihrem Gesicht verschwanden eine
+Sekunde, zogen sich aber gleich, noch dunkler,
+zusammen. »Gesund sind sie, Gott sei Dank,
+aber&nbsp;&ndash;«; die Frau Nachbarin setzte sich in Bewegung,
+und ich schritt jetzt an ihrer Linken,
+wie es sich gehört. »Wissen Sie, sie sind jetzt
+beide in dem Alter, die Kinder, wo sie den ganzen
+<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>
+Tag fragen. Was, den ganzen Tag, bis in die
+gerechte Nacht hinein.« »Ja,« murmelte ich, &ndash;
+»es gibt eine Zeit&nbsp;&hellip;« Sie aber ließ sich nicht
+stören: »Und nicht etwa: Wohin geht diese
+Pferdebahn? Wieviel Sterne gibt es? Und ist
+zehntausend mehr als viel? Noch ganz andere
+Sachen! Zum Beispiel: Spricht der liebe Gott
+auch chinesisch? und: Wie sieht der liebe Gott
+aus? Immer alles vom lieben Gott! Darüber
+weiß man doch nicht Bescheid&nbsp;&ndash;.« »Nein, allerdings,«
+stimmte ich bei, »man hat da gewisse
+Vermutungen&nbsp;&hellip;« »Oder von den Händen vom
+lieben Gott, was soll man da&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Ich schaute der Nachbarin in die Augen: »Erlauben
+Sie,« sagte ich recht höflich, »Sie sagten
+zuletzt die Hände vom lieben Gott &ndash; nicht
+wahr?« Die Nachbarin nickte. Ich glaube, sie
+war ein wenig erstaunt. »Ja« &ndash; beeilte ich mich
+anzufügen, &ndash; »von den Händen ist mir allerdings
+einiges bekannt. Zufällig« &ndash; bemerkte ich
+rasch, als ich ihre Augen rund werden sah &ndash;
+»ganz zufällig &ndash; ich habe &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; nun,« schloß
+<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>
+ich mit ziemlicher Entschiedenheit, »ich will
+Ihnen erzählen, was ich weiß. Wenn Sie einen
+Augenblick Zeit haben, ich begleite Sie bis zu
+Ihrem Hause, das wird gerade reichen.«</p>
+
+<p>»Gerne,« sagte sie, als ich sie endlich zu
+Worte kommen ließ, immer noch erstaunt,
+»aber wollen Sie nicht vielleicht den Kindern
+selbst?&hellip;« »Ich den Kindern selbst erzählen?
+Nein, liebe Frau, das geht nicht, das geht auf
+keinen Fall. Sehen Sie, ich werde gleich verlegen,
+wenn ich mit den Kindern sprechen muß.
+Das ist an sich nicht schlimm. Aber die Kinder
+könnten meine Verwirrung dahin deuten, daß
+ich mich lügen fühle &hellip; Und da mir sehr viel
+an der Wahrhaftigkeit meiner Geschichte liegt
+&ndash; Sie können es den Kindern ja wiedererzählen;
+Sie treffen es ja gewiß auch viel besser. Sie
+werden es verknüpfen und ausschmücken, ich
+werde nur die einfachen Tatsachen in der kürzesten
+Form berichten. Ja?« »Gut, gut,« machte
+die Nachbarin zerstreut.</p>
+
+<p>Ich dachte nach: »Im Anfang&nbsp;&hellip;« aber ich
+<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>
+unterbrach mich sofort. »Ich kann bei Ihnen,
+Frau Nachbarin, ja manches als bekannt voraussetzen,
+was ich den Kindern erst erzählen müßte.
+Zum Beispiel die Schöpfung&nbsp;&hellip;« Es entstand
+eine ziemliche Pause. Dann: »Ja &ndash;&nbsp;&ndash; und am
+siebenten Tage&nbsp;&hellip;« die Stimme der guten Frau
+war hoch und spitzig. »Halt!« machte ich, »wir
+wollen doch auch der früheren Tage gedenken;
+denn gerade um diese handelt es sich. Also der
+liebe Gott begann, wie bekannt, seine Arbeit,
+indem er die Erde machte, diese vom Wasser
+unterschied und Licht befahl. Dann formte er in
+bewundernswerter Geschwindigkeit die Dinge,
+ich meine die großen wirklichen Dinge, als da
+sind: Felsen, Gebirge, einen Baum und nach
+diesem Muster viele Bäume.« Ich hörte hier
+schon eine Weile lang Schritte hinter uns, die
+uns nicht überholten und auch nicht zurückblieben.
+Das störte mich, und ich verwickelte
+mich in der Schöpfungsgeschichte, als ich folgendermaßen
+fortfuhr: »Man kann sich diese
+schnelle und erfolgreiche Tätigkeit nur begreiflich
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+machen, wenn man annimmt, daß eben
+nach langem, tiefem Nachdenken alles in seinem
+Kopfe ganz fertig war, ehe er&nbsp;&hellip;« Da endlich
+waren die Schritte neben uns, und eine nicht
+gerade angenehme Stimme klebte an uns: »O,
+Sie sprechen wohl von Herrn Schmidt, verzeihen
+Sie&nbsp;&hellip;« Ich sah ärgerlich nach der Hinzugekommenen,
+die Frau Nachbarin aber geriet in
+große Verlegenheit: »Hm,« hustete sie, »nein
+&ndash; das heißt &ndash; ja, &ndash; wir sprachen gerade, gewissermaßen&nbsp;&ndash;.«
+»Was für ein Herbst,« sagte
+auf einmal die andere Frau, als ob nichts geschehen
+wäre, und ihr rotes, kleines Gesicht
+glänzte. »Ja« &ndash; hörte ich meine Nachbarin
+antworten: »Sie haben recht, Frau Hüpfer, ein
+selten schöner Herbst!« Dann trennten sich die
+Frauen. Frau Hüpfer kicherte noch: »Und
+grüßen Sie mir die Kinderchen.« Meine gute
+Nachbarin achtete nicht mehr darauf; sie war
+doch neugierig, meine Geschichte zu erfahren.
+Ich aber behauptete mit unbegreiflicher Härte:
+»Ja, jetzt weiß ich nicht mehr, wo wir stehengeblieben
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>
+sind.« »Sie sagten eben etwas von
+seinem Kopfe, das heißt&nbsp;&ndash;« die Frau Nachbarin
+wurde ganz rot.</p>
+
+<p>Sie tat mir aufrichtig leid, und so erzählte
+ich schnell: »Ja sehen Sie also, solange nur die
+Dinge gemacht waren, hatte der liebe Gott nicht
+notwendig, beständig auf die Erde herunterzuschauen.
+Es konnte sich ja nichts dort begeben.
+Der Wind ging allerdings schon über die Berge,
+welche den Wolken, die er schon seit lange
+kannte, so ähnlich waren, aber den Wipfeln
+der Bäume wich er noch mit einem gewissen
+Mißtrauen aus. Und das war dem lieben Gott
+sehr recht. Die Dinge hat er sozusagen im
+Schlafe gemacht; allein schon bei den Tieren
+fing die Arbeit an, ihm interessant zu werden;
+er neigte sich darüber und zog nur selten die
+breiten Brauen hoch, um einen Blick auf die
+Erde zu werfen. Er vergaß sie vollends, als er
+den Menschen formte. Ich weiß nicht, bei
+welchem komplizierten Teil des Körpers er gerade
+angelangt war, als es um ihn rauschte von
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>
+Flügeln. Ein Engel eilte vorüber und sang: ›Der
+du alles siehst&nbsp;&hellip;‹</p>
+
+<p>Der liebe Gott erschrak. Er hatte den Engel
+in Sünde gebracht, denn eben hatte dieser eine
+Lüge gesungen. Rasch schaute Gottvater hinunter.
+Und freilich, da hatte sich schon irgend
+etwas ereignet, was kaum gutzumachen war.
+Ein kleiner Vogel irrte, als ob er Angst hätte,
+über die Erde hin und her, und der liebe Gott
+war nicht imstande, ihm heimzuhelfen, denn er
+hatte nicht gesehen, aus welchem Walde das
+arme Tier gekommen war. Er wurde ganz ärgerlich
+und sagte: ›Die Vögel haben sitzenzubleiben,
+wo ich sie hingesetzt habe.‹ Aber er erinnerte
+sich, daß er ihnen auf Fürbitte der Engel Flügel
+verliehen hatte, damit es auch auf Erden so etwas
+wie Engel gäbe, und dieser Umstand machte
+ihn nur noch verdrießlicher. Nun ist gegen
+solche Zustände des Gemütes nichts so heilsam
+wie Arbeit. Und mit dem Bau des Menschen
+beschäftigt, wurde Gott auch rasch wieder froh.
+Er hatte die Augen der Engel wie Spiegel vor
+<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>
+sich, maß darin seine eigenen Züge und bildete
+langsam und vorsichtig an einer Kugel auf seinem
+Schoße das erste Gesicht. Die Stirne war ihm
+gelungen. Viel schwerer wurde es ihm, die
+beiden Nasenlöcher symmetrisch zu machen.
+Er bückte sich immer mehr darüber, bis es
+wieder wehte über ihm; er schaute auf. Derselbe
+Engel umkreiste ihn; man hörte diesmal
+keine Hymne, denn in seiner Lüge war dem
+Knaben die Stimme erloschen, aber an seinem
+Mund erkannte Gott, daß er immer noch sang:
+›Der du alles siehst.‹ Zugleich trat der heilige
+Nikolaus, der bei Gott in besonderer Achtung
+steht, an ihn heran und sagte durch seinen
+großen Bart hindurch: ›Deine Löwen sitzen
+ruhig, sie sind recht hochmütige Geschöpfe, das
+muß ich sagen! Aber ein kleiner Hund läuft
+ganz am Rande der Erde herum, ein Terrier,
+siehst du, er wird gleich hinunterfallen.‹ Und
+wirklich merkte der liebe Gott etwas Heiteres,
+Weißes, wie ein kleines Licht hin und her tanzen
+in der Gegend von Skandinavien, wo es schon
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+so furchtbar rund ist. Und er wurde recht bös
+und warf dem heiligen Nikolaus vor, wenn ihm
+seine Löwen nicht recht seien, so solle er versuchen,
+auch welche zu machen. Worauf der
+heilige Nikolaus aus dem Himmel ging und die
+Türe zuschlug, daß ein Stern herunterfiel, gerade
+dem Terrier auf den Kopf. Jetzt war das
+Unglück vollständig, und der liebe Gott mußte
+sich eingestehen, daß er ganz allein an allem
+schuld sei, und beschloß, nicht mehr den Blick
+von der Erde zu rühren. Und so geschah's. Er
+überließ seinen Händen, welche ja auch weise
+sind, die Arbeit, und obwohl er recht neugierig
+war, zu erfahren, wie der Mensch wohl aussehen
+mochte, starrte er unablässig auf die Erde hinab,
+auf welcher sich jetzt, wie zum Trotz, nicht ein
+Blättchen regen wollte. Um doch wenigstens eine
+kleine Freude zu haben nach aller Plage, hatte
+er seinen Händen befohlen, ihm den Menschen
+erst zu zeigen, ehe sie ihn dem Leben ausliefern
+würden. Wiederholt fragte er, wie Kinder, wenn
+sie Verstecken spielen: ›Schon?‹ Aber er hörte
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+als Antwort das Kneten seiner Hände und wartete.
+Es erschien ihm sehr lange. Da auf einmal sah
+er etwas durch den Raum fallen, dunkel und in
+der Richtung, als ob es aus seiner Nähe käme.
+Von einer bösen Ahnung erfüllt, rief er seine
+Hände. Sie erschienen ganz von Lehm befleckt,
+heiß und zitternd. ›Wo ist der Mensch?‹ schrie
+er sie an. Da fuhr die Rechte auf die Linke los:
+<ins title="Du">›Du</ins> hast ihn losgelassen!‹ ›Bitte,‹ sagte die
+Linke gereizt, ›du wolltest ja alles allein machen,
+mich ließest du ja überhaupt gar nicht mitreden.‹
+›Du hättest ihn eben halten müssen!‹ Und die
+Rechte holte aus. Dann aber besann sie sich,
+und beide Hände sagten einander überholend:
+›Er war so ungeduldig, der Mensch. Er wollte
+immer schon leben. Wir können beide nichts
+dafür, gewiß, wir sind beide unschuldig.‹</p>
+
+<p>Der liebe Gott aber war ernstlich böse. Er
+drängte beide Hände fort; denn sie verstellten
+ihm die Aussicht über die Erde: ›Ich kenne
+euch nicht mehr, macht, was ihr wollt.‹ Das
+versuchten die Hände auch seither, aber sie
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+können nur beginnen, was sie auch tun. Ohne
+Gott gibt es keine Vollendung. Und da sind sie
+es endlich müde geworden. Jetzt knien sie den
+ganzen Tag und tun Buße, so erzählt man
+wenigstens. Uns aber erscheint es, als ob Gott
+ruhte, weil er auf seine Hände böse ist. Es ist
+immer noch siebenter Tag.«</p>
+
+<p>Ich schwieg einen Augenblick. Das benützte
+die Frau Nachbarin sehr vernünftig: »Und Sie
+glauben, daß nie wieder eine Versöhnung zustande
+kommt?« »O doch,« sagte ich, »ich hoffe
+es wenigstens.«</p>
+
+<p>»Und wann sollte das sein?«</p>
+
+<p>»Nun, bis Gott wissen wird, wie der Mensch,
+den die Hände gegen seinen Willen losgelassen
+haben, aussieht.«</p>
+
+<p>Die Frau Nachbarin dachte nach, dann lachte
+sie: »Aber dazu hätte er doch bloß heruntersehen
+müssen&nbsp;&hellip;« »Verzeihen Sie,« sagte ich artig,
+»Ihre Bemerkung zeugt von Scharfsinn, aber
+meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Also,
+als die Hände beiseitegetreten waren und Gott
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+die Erde wieder überschaute, da war eben wieder
+eine Minute, oder sagen wir ein Jahrtausend,
+was ja bekanntlich dasselbe ist, vergangen. Statt
+eines Menschen gab es schon eine Million. Aber
+sie waren alle schon in Kleidern. Und da die
+Mode damals gerade sehr häßlich war und auch
+die Gesichter arg entstellte, so bekam Gott einen
+ganz falschen und (ich will es nicht verhehlen)
+sehr schlechten Begriff von den Menschen.«
+»Hm,« machte die Nachbarin und wollte etwas
+bemerken. Ich beachtete es nicht, sondern schloß
+mit starker Betonung: »Und darum ist es
+dringend notwendig, daß Gott erfährt, wie der
+Mensch wirklich ist. Freuen wir uns, daß es
+solche gibt, die es ihm sagen&nbsp;&hellip;« Die Frau
+Nachbarin freute sich noch nicht: »Und wer
+sollte das sein, bitte?« »Einfach die Kinder und
+dann und wann auch diejenigen Leute, welche
+malen, Gedichte schreiben, bauen&nbsp;&hellip;« »Was
+denn bauen, Kirchen?« »Ja, und auch sonst,
+überhaupt&nbsp;&hellip;«</p>
+
+<p>Die Frau Nachbarin schüttelte langsam den
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+Kopf. Manches erschien ihr doch recht verwunderlich.
+Wir waren schon über ihr Haus
+hinausgegangen und kehrten jetzt langsam um.
+Plötzlich wurde sie sehr lustig und lachte: »Aber,
+was für ein Unsinn, Gott ist doch auch allwissend.
+Er hätte ja genau wissen müssen, woher
+zum Beispiel der kleine Vogel gekommen
+ist.« Sie sah mich triumphierend an. Ich war
+ein bißchen verwirrt, ich muß gestehen. Aber
+als ich mich gefaßt hatte, gelang es mir, ein überaus
+ernstes Gesicht zu machen: »Liebe Frau,«
+belehrte ich sie, »das ist eigentlich eine Geschichte
+für sich. Damit Sie aber nicht glauben, das sei
+nur eine Ausrede von mir (sie verwahrte sich
+nun natürlich heftig dagegen), will ich Ihnen in
+Kürze sagen: Gott hat alle Eigenschaften, natürlich.
+Aber ehe er in die Lage kam, sie auf die
+Welt &ndash; gleichsam &ndash; anzuwenden, erschienen
+sie ihm alle wie eine einzige große Kraft. Ich
+weiß nicht, ob ich mich deutlich ausdrücke.
+Aber angesichts der Dinge spezialisierten sich
+seine Fähigkeiten und wurden bis zu einem gewissen
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+Grade: Pflichten. Er hatte Mühe, sich
+alle zu merken. Es gibt eben Konflikte. (Nebenbei:
+das alles sage ich nur Ihnen, und Sie müssen
+es den Kindern keineswegs wiedererzählen.)«
+»Wo denken Sie hin,« beteuerte meine Zuhörerin.</p>
+
+<p>»Sehen Sie, wäre ein Engel vorübergeflogen,
+singend: ›Der du alles weißt‹, so wäre alles gut
+geworden&nbsp;&hellip;«</p>
+
+<p>»Und diese Geschichte wäre überflüssig?«</p>
+
+<p>»Gewiß,« bestätigte ich. Und ich wollte mich
+verabschieden. »Aber wissen Sie das alles auch
+ganz bestimmt?« »Ich weiß es ganz bestimmt,«
+erwiderte ich fast feierlich. »Da werde ich den
+Kindern heute zu erzählen haben!« »Ich würde
+es gerne anhören dürfen. Leben Sie wohl.«
+»Leben Sie wohl,« antwortete sie.</p>
+
+<p>Dann kehrte sie nochmals zurück: »Aber weshalb
+ist gerade dieser Engel&nbsp;&hellip;« »Frau Nachbarin,«
+sagte ich, indem ich sie unterbrach, »ich
+merke jetzt, daß Ihre beiden lieben Mädchen
+gar nicht deshalb soviel fragen, weil sie Kinder
+sind&nbsp;&ndash;« »Sondern?« fragte meine Nachbarin
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+neugierig. »Nun, die Ärzte sagen, es gibt gewisse
+Vererbungen&nbsp;&hellip;« Meine Frau Nachbarin
+drohte mir mit dem Finger. Aber wir schieden
+dennoch als gute Freunde.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p class="drop-cap">Als ich meiner lieben Nachbarin später (übrigens
+nach ziemlich langer Pause) wieder
+einmal begegnete, war sie nicht allein, und ich
+konnte nicht erfahren, ob sie ihren Mädchen
+meine Geschichte berichtet hätte und mit welchem
+Erfolg. Über diesen Zweifel klärte mich
+ein Brief auf, welchen ich kurz darauf empfing.
+Da ich von dem Absender desselben nicht die
+Erlaubnis erhalten habe, ihn zu veröffentlichen,
+so muß ich mich darauf beschränken, zu erzählen,
+wie er endete, woraus man ohne weiteres
+erkennen wird, von wem er stammte. Er schloß
+mit den Worten: »Ich und noch fünf andere
+Kinder, nämlich, weil ich mit dabei bin.«</p>
+
+<p>Ich antwortete, gleich nach Empfang, folgendes:
+»Liebe Kinder, daß euch das Märchen von
+den Händen vom lieben Gott gefallen hat, glaube
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+ich gern; mir gefällt es auch. Aber ich kann
+trotzdem nicht zu euch kommen. Seid nicht
+böse deshalb. Wer weiß, ob ich euch gefiele.
+Ich habe keine schöne Nase, und wenn sie, was
+bisweilen vorkommt, auch noch ein rotes Pickelchen
+an der Spitze hat, so würdet ihr die ganze
+Zeit dieses Pünktchen anschauen und anstaunen
+und gar nicht hören, was ich ein Stückchen
+tiefer unten sage. Auch würdet ihr wahrscheinlich
+von diesem Pickelchen träumen. Das alles
+wäre mir gar nicht recht. Ich schlage darum
+einen anderen Ausweg vor. Wir haben (auch
+außer der Mutter) eine große Anzahl gemeinsamer
+Freunde und Bekannte, die nicht Kinder
+sind. Ihr werdet schon erfahren, welche. Diesen
+werde ich von Zeit zu Zeit eine Geschichte erzählen,
+und ihr werdet sie von diesen Vermittlern
+immer noch schöner empfangen, als ich sie
+zu gestalten vermöchte. Denn es sind gar große
+Dichter unter diesen unseren Freunden. Ich
+werde euch nicht verraten, wovon meine Geschichten
+handeln werden. Aber, weil euch
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+nichts so sehr beschäftigt und am Herzen liegt
+wie der liebe Gott, so werde ich an jeder passenden
+Gelegenheit einfügen, was ich von ihm weiß.
+Sollte etwas davon nicht richtig sein, so schreibt
+mir wieder einen schönen Brief, oder laßt es mir
+durch die Mutter sagen. Denn es ist möglich,
+daß ich mich an mancher Stelle irre, weil es
+schon so lange ist, seit ich die schönsten Geschichten
+erfahren habe, und weil ich seither mir
+viele habe merken müssen, die nicht so schön
+sind. Das kommt im Leben so mit. Trotzdem
+ist das Leben etwas ganz Prächtiges: auch davon
+wird des öfteren in meinen Geschichten die Rede
+sein. Damit grüßt euch &ndash; Ich, aber auch nur
+deshalb Einer, weil ich mit dabei bin.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>DER FREMDE MANN</h2>
+
+<p class="drop-cap">Ein<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> fremder Mann hat mir einen Brief geschrieben.
+Nicht von Europa schrieb mir
+der fremde Mann, nicht von Moses, weder von
+den großen, noch von den kleinen Propheten,
+nicht vom Kaiser von Rußland oder dem Zaren
+Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen Vorfahren.
+Nicht vom Bürgermeister oder vom
+Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen
+Stadt, nicht von den fernen Städten; und auch
+der Wald mit den vielen Rehen, darin ich jeden
+Morgen mich verliere, kommt in seinem Briefe
+nicht vor. Er erzählt mir auch nichts von seinem
+Mütterchen oder von seinen Schwestern,
+die gewiß längst verheiratet sind. Vielleicht ist
+auch sein Mütterchen tot; wie könnte es sonst
+sein, daß ich sie in einem vierseitigen Briefe
+nirgends erwähnt finde! Er erweist mir ein viel,
+viel größeres Vertrauen; er macht mich zu seinem
+Bruder, er spricht mir von seiner Not.</p>
+
+<p>Am Abend kommt der fremde Mann zu mir.
+Ich zünde keine Lampe an, helfe ihm den Mantel
+ablegen und bitte ihn, mit mir Tee zu trinken,
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
+weil das gerade die Stunde ist, in welcher ich
+täglich meinen Tee trinke. Und bei so nahen
+Besuchen muß man sich keinen Zwang auferlegen.
+Als wir uns schon an den Tisch setzen
+wollen, bemerke ich, daß mein Gast unruhig ist;
+sein Gesicht ist voll Angst, und seine Hände
+zittern. »Richtig,« sage ich, »hier ist ein Brief
+für Sie.« Und dann bin ich dabei, den Tee einzugießen.
+»Nehmen Sie Zucker und vielleicht
+Zitrone? Ich habe in Rußland gelernt, den Tee
+mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?«
+Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie
+in eine entfernte Ecke, etwas hoch, so daß eigentlich
+Dämmerung bleibt im Zimmer, nur eine
+etwas wärmere als früher, eine rötliche. Und da
+scheint auch das Gesicht meines Gastes sicherer,
+wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich
+begrüße ihn noch einmal mit den Worten:
+»Wissen Sie, ich habe Sie lange erwartet.« Und
+ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich
+ihm. »Ich weiß eine Geschichte, welche ich
+niemandem erzählen mag als Ihnen; fragen Sie
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie
+bequem sitzen, ob der Tee genug süß ist und ob
+Sie die Geschichte hören wollen.« Mein Gast
+mußte lächeln. Dann antwortete er einfach:
+»Ja.« »Auf alles drei: Ja?« »Auf alles drei.«</p>
+
+<p>Wir lehnten uns beide zugleich in unseren
+Stühlen zurück, so daß unsere Gesichter schattig
+wurden. Ich stellte mein Teeglas nieder, freute
+mich daran, wie goldig der Tee glänzte, vergaß
+diese Freude langsam wieder und fragte plötzlich:
+»Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?«</p>
+
+<p>Der Fremde dachte nach. Seine Augen vertieften
+sich ins Dunkel, und mit den kleinen
+Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei
+langen Laubengängen in einem Parke, über
+welchem leuchtend und breit Sommer und
+Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder
+Dämmerung, dehnen sich in immer engerer
+Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden
+Punkt: dem jenseitigen Ausgang in einen vielleicht
+noch viel helleren Tag. Während ich
+das erkannte, sagte er zögernd und als ob er
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+sich nur ungern seiner Stimme bediente: »Ja,
+ich erinnere mich noch an Gott.« »Gut,« dankte
+ich ihm, »denn gerade von ihm handelt meine
+Geschichte. Doch zuerst sagen Sie mir noch:
+Sprechen Sie bisweilen mit Kindern?« »Es
+kommt wohl vor, so im Vorübergehen, wenigstens&nbsp;&ndash;«
+»Vielleicht ist es Ihnen bekannt, daß
+Gott infolge eines häßlichen Ungehorsams seiner
+Hände nicht weiß, wie der fertige Mensch
+eigentlich aussieht?« »Das habe ich einmal
+irgendwo gehört, ich weiß indessen nicht von
+wem« &ndash; entgegnete mein Gast, und ich sah
+unbestimmte Erinnerungen über seine Stirn
+jagen. »Gleichviel,« störte ich ihn, »hören Sie
+weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese Ungewißheit.
+Denn seine Geduld ist wie seine Stärke
+groß. Einmal aber, als dichte Wolken zwischen
+ihm und der Erde standen viele Tage lang, so
+daß er kaum mehr wußte, ob er alles: Welt und
+Menschen und Zeit nicht nur geträumt hatte,
+rief er seine rechte Hand, die so lange von seinem
+Angesicht verbannt und verborgen gewesen
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+war in kleinen unwichtigen Werken.
+Sie eilte bereitwillig herbei; denn sie glaubte,
+Gott wolle ihr endlich verzeihen. Als Gott sie
+so vor sich sah in ihrer Schönheit, Jugend und
+Kraft, war er schon geneigt, ihr zu vergeben.
+Aber rechtzeitig besann er sich und gebot, ohne
+hinzusehen: ›Du gehst hinunter auf die Erde.
+Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen
+siehst, und stellst dich, nackt, auf einen
+Berg, so daß ich dich genau betrachten kann.
+Sobald du unten ankommst, geh zu einer jungen
+Frau und sag ihr, aber ganz leise: Ich möchte
+leben. Es wird zuerst ein kleines Dunkel um
+dich sein und dann ein großes Dunkel, welches
+Kindheit heißt, und dann wirst du ein Mann
+sein und auf den Berg steigen, wie ich es dir
+befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen
+Augenblick. Leb wohl.‹</p>
+
+<p>Die Rechte nahm von der Linken Abschied,
+gab ihr viele freundliche Namen, ja es wurde
+sogar behauptet, sie habe sich plötzlich vor ihr
+verneigt und gesagt: ›Du, heiliger Geist.‹ Aber
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+schon trat der heilige Paulus herzu, hieb dem
+lieben Gott die rechte Hand ab, und ein Erzengel
+fing sie auf und trug sie unter seinem
+weiten Gewand davon. Gott aber hielt sich mit
+der Linken die Wunde zu, damit sein Blut nicht
+über die Sterne ströme und von da in traurigen
+Tropfen herunterfiele auf die Erde. Eine kurze
+Zeit später bemerkte Gott, der aufmerksam alle
+Vorgänge unten betrachtete, daß die Menschen
+in den eisernen Kleidern sich um einen Berg
+mehr zu schaffen machten als um alle anderen
+Berge. Und er erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen
+zu sehen. Aber es kam nur ein
+Mensch in einem, wie es schien, roten Mantel,
+welcher etwas schwarzes Schwankendes aufwärts
+schleppte. In demselben Augenblicke begann
+Gottes linke Hand, die vor seinem offenen
+Blute lag, unruhig zu werden, und mit einem
+Mal verließ sie, ehe Gott es verhindern konnte,
+ihren Platz und irrte wie wahnsinnig zwischen
+den Sternen umher und schrie: ›O, die arme
+rechte Hand, und ich kann ihr nicht helfen.‹
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+Dabei zerrte sie an Gottes linkem Arm, an
+dessen äußerstem Ende sie hing, und bemühte
+sich loszukommen. Die ganze Erde aber war
+rot vom Blute Gottes, und man konnte nicht
+erkennen, was darunter geschah. Damals wäre
+Gott fast gestorben. Mit letzter Anstrengung
+rief er seine Rechte zurück; sie kam blaß und
+bebend und legte sich an ihren Platz wie ein
+krankes Tier. Aber auch die Linke, die doch
+schon manches wußte, da sie die rechte Hand
+Gottes damals unten auf der Erde erkannt hatte,
+als diese in einem roten Mantel den Berg erstieg,
+konnte von ihr nicht erfahren, was sich
+weiter auf diesem Berge begeben hat. Es muß
+etwas sehr Schreckliches gewesen sein. Denn
+Gottes Rechte hat sich noch nicht davon erholt,
+und sie leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger
+als unter dem alten Zorne Gottes, der ja
+seinen Händen immer noch nicht verziehen
+hat.« Meine Stimme ruhte ein wenig aus. Der
+Fremde hatte sein Gesicht mit den Händen verhüllt.
+Lange blieb alles so. Dann sagte der
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+fremde Mann mit einer Stimme, die ich längst
+kannte: »Und warum haben Sie mir diese Geschichte
+erzählt?«</p>
+
+<p>»Wer hätte mich sonst verstanden? Sie kommen
+zu mir ohne Rang, ohne Amt, ohne irgendeine
+zeitliche Würde, fast ohne Namen. Es war
+dunkel, als Sie eintraten, allein ich bemerkte in
+Ihren Zügen eine Ähnlichkeit&nbsp;&ndash;« Der fremde
+Mann blickte fragend auf. »Ja,« erwiderte ich
+seinem stillen Blick, »ich denke oft, vielleicht
+ist Gottes Hand wieder unterwegs&nbsp;&hellip;«</p>
+
+<p>Die Kinder haben diese Geschichte erfahren,
+und offenbar wurde sie ihnen so erzählt, daß
+sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese
+Geschichte lieb.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>WARUM DER LIEBE GOTT WILL, DASS ES ARME LEUTE GIBT</h2>
+
+<p class="drop-cap">Die<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> vorangehende Geschichte hat sich so verbreitet,
+daß der Herr Lehrer mit sehr gekränktem
+Gesicht auf der Gasse herumgeht. Ich
+kann das begreifen. Es ist immer schlimm für
+einen Lehrer, wenn die Kinder plötzlich etwas
+wissen, was er ihnen nicht erzählt hat. Der Lehrer
+muß sozusagen das einzige Loch in der Planke
+sein, durch welches man in den Obstgarten sieht;
+sind noch andere Löcher da, so drängen sich die
+Kinder jeden Tag vor einem anderen und werden
+bald des Ausblicks überhaupt müde. Ich hätte
+diesen Vergleich nicht hier aufgezeichnet, denn
+nicht jeder Lehrer ist vielleicht damit einverstanden,
+ein Loch zu sein; aber der Lehrer, von
+dem ich rede, mein Nachbar, hat den Vergleich
+zuerst von mir vernommen und ihn sogar als
+äußerst treffend bezeichnet. Und sollte auch
+jemand anderer Meinung sein, die Autorität
+meines Nachbars ist mir maßgebend.</p>
+
+<p>Er stand vor mir, rückte beständig an seiner
+Brille und sagte: »Ich weiß nicht, wer den Kindern
+diese Geschichte erzählt hat, aber es ist
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+jedenfalls unrecht, ihre Phantasie mit solchen ungewöhnlichen
+Vorstellungen zu überladen und
+anzuspannen. Es handelt sich um eine Art
+Märchen&nbsp;&ndash;.« »Ich habe es zufällig erzählen
+hören,« unterbrach ich ihn. (Dabei log ich nicht,
+denn seit jenem Abend ist es mir wirklich schon
+von meiner Frau Nachbarin wiederberichtet worden.)
+»So,« machte der Lehrer; er fand das leicht
+erklärlich. »Nun, was sagen Sie dazu?« Ich
+zögerte, auch fuhr er sehr schnell fort: »Zunächst
+finde ich es unrecht, religiöse, besonders biblische
+Stoffe frei und eigenmächtig zu gebrauchen.
+Es ist das alles im Katechismus jedenfalls so
+ausgedrückt, daß es besser nicht gesagt werden
+kann&nbsp;&hellip;« Ich wollte etwas bemerken, erinnerte
+mich aber im letzten Augenblick, daß der Herr
+Lehrer »zunächst« gebraucht hatte, daß also jetzt
+nach der Grammatik und um der Gesundheit
+des Satzes willen ein »dann« und vielleicht sogar
+ein »und endlich« folgen mußte, ehe ich
+mir erlauben durfte, etwas anzufügen. So geschah
+es auch. Ich will, da der Herr Lehrer
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+diesen selben Satz, dessen tadelloser Bau jedem
+Kenner Freude bereiten wird, auch anderen übermittelt
+hat, die ihn ebensowenig wie ich vergessen
+dürften, hier nur noch das aufzeichnen,
+was hinter dem schönen, vorbereitenden Worte:
+»Und endlich« wie das Finale einer Ouvertüre
+kam. »Und endlich &hellip; (die sehr phantastische
+Auffassung hingehen lassend) erscheint mir der
+Stoff gar nicht einmal genügend durchdrungen
+und nach allen Seiten hin berücksichtigt zu
+sein. Wenn ich Zeit hätte, Geschichten zu
+schreiben&nbsp;&ndash;« »Sie vermissen etwas in der bewußten
+Erzählung?« konnte ich mich nicht enthalten,
+ihn zu unterbrechen. »Ja, ich vermisse
+manches. Vom literarisch-kritischen Standpunkt
+gewissermaßen. Wenn ich zu Ihnen als Kollege
+sprechen darf&nbsp;&ndash;« Ich verstand nicht, was er
+meinte, und sagte bescheiden: »Sie sind zu gütig,
+aber ich habe nie eine Lehrtätigkeit&nbsp;&hellip;« Plötzlich
+fiel mir etwas ein, ich brach ab, und er fuhr
+etwas kühl fort: »Um nur eins zu nennen: es ist
+nicht anzunehmen, daß Gott (wenn man schon
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+auf den Sinn der Geschichte so weit eingehen
+will), daß Gott, also &ndash; sage ich &ndash; daß Gott
+keinen weiteren Versuch gemacht haben sollte,
+einen Menschen zu sehen, wie er ist, ich meine&nbsp;&ndash;«
+Jetzt glaubte ich den Herrn Lehrer wieder versöhnen
+zu müssen. Ich verneigte mich ein wenig
+und begann: »Es ist allgemein bekannt, daß Sie
+sich eingehend (und, wenn man so sagen darf,
+nicht ohne Gegenliebe zu finden) der sozialen
+Frage genähert haben.« Der Herr Lehrer lächelte.
+»Nun, dann darf ich annehmen, daß, was ich
+Ihnen im folgenden mitzuteilen gedenke, Ihrem
+Interesse nicht ganz ferne steht, zumal ich ja
+auch an Ihre letzte, sehr scharfsinnige Bemerkung
+anknüpfen kann.« Er sah mich erstaunt
+an: »Sollte Gott etwa&nbsp;&hellip;« »In der Tat,« bestätigte
+ich, »Gott ist eben dabei, einen neuen
+Versuch zu machen.« »Wirklich?« fuhr mich
+der Lehrer an, »ist das an maßgebender Stelle
+bekannt geworden?« »Darüber kann ich Ihnen
+nichts Genaues sagen&nbsp;&ndash;« bedauerte ich &ndash; »ich
+bin nicht in Beziehung mit jenen Kreisen, aber
+<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>
+wenn Sie dennoch meine kleine Geschichte
+hören wollen?« »Sie würden mir einen großen
+Gefallen erweisen.« Der Lehrer nahm seine
+Brille ab und putzte sorgfältig die Gläser, während
+seine nackten Augen sich schämten.</p>
+
+<p>Ich begann: »Einmal sah der liebe Gott in
+eine große Stadt. Als ihm von dem vielen Durcheinander
+die Augen ermüdeten (dazu trugen die
+Netze mit den elektrischen Drähten nicht wenig
+bei), beschloß er, seine Blicke auf ein einziges
+hohes Mietshaus für eine Weile zu beschränken,
+weil dieses weit weniger anstrengend war. Gleichzeitig
+erinnerte er sich seines alten Wunsches,
+einmal einen lebenden Menschen zu sehen, und
+zu diesem Zwecke tauchten seine Blicke ansteigend
+in die Fenster der einzelnen Stockwerke.
+Die Leute im ersten Stockwerke (es war ein
+reicher Kaufmann mit Familie) waren fast nur
+Kleider. Nicht nur, daß alle Teile ihres Körpers
+mit kostbaren Stoffen bedeckt waren, die äußeren
+Umrisse dieser Kleidung zeigten an vielen Stellen
+eine solche Form, daß man sah, es konnte kein
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+Körper mehr darunter sein. Im zweiten Stock
+war es nicht viel besser. Die Leute, welche drei
+Treppen wohnten, hatten zwar schon bedeutend
+weniger an, waren aber so schmutzig, daß der
+liebe Gott nur graue Furchen erkannte und in
+seiner Güte schon bereit war, zu befehlen, sie
+möchten fruchtbar werden. Endlich unter dem
+Dach, in einem schrägen Kämmerchen, fand der
+liebe Gott einen Mann in einem schlechten Rock,
+der sich damit beschäftigte, Lehm zu kneten.
+›Oho, woher hast du das?‹ rief er ihn an. Der
+Mann nahm seine Pfeife gar nicht aus dem Munde
+und brummte: ›Der Teufel weiß woher. Ich
+wollte, ich wär Schuster geworden. Da sitzt
+man und plagt sich&nbsp;&hellip;‹ Und was der liebe Gott
+auch fragen mochte, der Mann war schlechter
+Laune und gab keine Antwort mehr. &ndash; Bis er
+eines Tages einen großen Brief vom Bürgermeister
+dieser Stadt bekam. Da erzählte er dem
+lieben Gott, ungefragt, alles. Er hatte so lange
+keinen Auftrag bekommen. Jetzt, plötzlich, sollte
+er eine Statue für den Stadtpark machen, und
+<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>
+sie sollte heißen: die Wahrheit. Der Künstler
+arbeitete Tag und Nacht in einem entfernten
+Atelier, und dem lieben Gott kamen verschiedene
+alte Erinnerungen, wie er das so sah. Wenn er
+seinen Händen nicht immer noch böse gewesen
+wäre, er hätte wohl auch wieder irgendwas begonnen.
+&ndash; Als aber der Tag kam, da die Bildsäule,
+welche die Wahrheit hieß, hinausgetragen
+werden sollte, auf ihren Platz in den Garten,
+wo auch Gott sie hätte sehen können in ihrer
+Vollendung, da entstand ein großer Skandal,
+denn eine Kommission von Stadtvätern, Lehrern
+und anderen einflußreichen Persönlichkeiten
+hatte verlangt, die Figur müsse erst teilweise bekleidet
+werden, ehe das Publikum sie zu Gesicht
+bekäme. Der liebe Gott verstand nicht, weshalb,
+so laut fluchte der Künstler. Stadtväter, Lehrer
+und die anderen haben ihn in diese Sünde gebracht,
+und der liebe Gott wird gewiß an denen
+&ndash; aber Sie husten ja fürchterlich!« »Es geht
+schon vorüber&nbsp;&ndash;« sagte mein Lehrer mit vollkommen
+klarer Stimme. »Nun, ich habe nur
+<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+noch ein weniges zu berichten. Der liebe Gott
+ließ das Mietshaus und den Stadtpark los und
+wollte seinen Blick schon ganz zurückziehen, wie
+man eine Angelrute aus dem Wasser zieht, mit
+einem Schwung, um zu sehen, ob nicht etwas
+angebissen hat. In diesem Falle hing wirklich
+etwas daran. Ein ganz kleines Häuschen mit
+mehreren Menschen drinnen, die alle sehr wenig
+anhatten, denn sie waren sehr arm. ›Das also
+ist es&nbsp;&ndash;,‹ dachte der liebe Gott, ›arm müssen
+die Menschen sein. Diese hier sind, glaub ich,
+schon recht arm, aber ich will sie so arm machen,
+daß sie nicht einmal ein Hemd zum Anziehen
+haben.‹ So nahm sich der liebe Gott vor.«</p>
+
+<p>Hier machte ich beim Sprechen einen Punkt,
+um anzudeuten, daß ich am Ende sei. Der Herr
+Lehrer war damit nicht zufrieden; er fand diese
+Geschichte ebensowenig abgeschlossen und gerundet
+wie die vorhergehende. »Ja« &ndash; entschuldigte
+ich mich &ndash; »da müßte eben ein
+Dichter kommen, der zu dieser Geschichte irgendeinen
+phantastischen Schluß erfindet, denn
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>
+tatsächlich hat sie noch kein Ende.« »Wieso?«
+machte der Herr Lehrer und schaute mich gespannt
+an. »Aber, lieber Herr Lehrer,« erinnerte
+ich, »wie vergeßlich Sie sind! Sie sind doch
+selbst im Vorstand des hiesigen Armenvereins&nbsp;&hellip;«
+»Ja, seit etwa zehn Jahren bin ich das und&nbsp;&ndash;?«
+»Das ist es eben; Sie und Ihr Verein verhindern
+den lieben Gott die längste Zeit, sein Ziel zu erreichen.
+Sie kleiden die Leute&nbsp;&ndash;« »Aber ich
+bitte Sie,« sagte der Lehrer bescheiden, »das ist
+einfach Nächstenliebe. Das ist doch Gott im
+höchsten Grade wohlgefällig.« »Ach, davon ist
+man maßgebenden Orts wohl überzeugt?« fragte
+ich arglos. »Natürlich ist man das. Ich habe
+gerade in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied
+des Armenvereins manches Lobende zu
+hören bekommen. Vertraulich gesagt, man will
+auch bei der nächsten Beförderung meine Tätigkeit
+in dieser Weise &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Sie verstehen?« Der
+Herr Lehrer errötete schamhaft. »Ich wünsche
+Ihnen das Beste,« entgegnete ich. Wir reichten
+uns die Hände, und der Herr Lehrer ging mit
+<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>
+so stolzen, gemessenen Schritten fort, daß ich
+überzeugt bin: er ist zu spät in die Schule gekommen.</p>
+
+<p>Wie ich später vernahm, ist ein Teil dieser
+Geschichte (soweit sie für Kinder paßt) den
+Kindern doch bekannt geworden. Sollte der
+Herr Lehrer sie zu Ende gedichtet haben?</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>WIE DER VERRAT NACH RUSSLAND KAM</h2>
+
+<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft.
+Das ist ein blonder, lahmer Mann,
+der seinen Stuhl, winters wie sommers, hart am
+Fenster hat. Er kann sehr jung aussehen, ja in
+seinem lauschenden Gesicht ist manchmal etwas
+Knabenhaftes. Aber es gibt auch Tage, da er
+altert, die Minuten gehen wie Jahre über ihn,
+und plötzlich ist er ein Greis, dessen matte
+Augen das Leben fast schon losgelassen haben.
+Wir kennen uns lang. Erst haben wir uns
+immer angesehen, später lächelten wir unwillkürlich,
+ein Jahr lang grüßten wir einander, und
+seit Gott weiß wann erzählen wir uns das eine
+und das andere, wahllos, wie es eben passiert.
+»Guten Tag,« rief er, als ich vorüberkam, und
+sein Fenster war noch offen in den reichen und
+stillen Herbst hinaus. »Ich habe Sie lange nicht
+gesehen.«</p>
+
+<p>»Guten Tag, Ewald&nbsp;&ndash;.« Ich trat an sein
+Fenster, wie ich immer zu tun pflegte, im Vorübergehen.
+»Ich war verreist.« »Wo waren Sie?«
+fragte er mit ungeduldigen Augen. »In Rußland.«
+<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>
+»O so weit« &ndash; er lehnte sich zurück,
+und dann: »Was ist das für ein Land, Rußland?
+Ein sehr großes, nicht wahr?« »Ja,« sagte ich,
+»groß ist es und außerdem&nbsp;&ndash;« »Habe ich dumm
+gefragt?« lächelte Ewald und wurde rot. »Nein,
+Ewald, im Gegenteil. Da Sie fragen: was ist
+das für ein Land? wird mir verschiedenes klar.
+Zum Beispiel woran Rußland grenzt.« »Im
+Osten?« warf mein Freund ein. Ich dachte
+nach: »Nein.« »Im Norden?« forschte der
+Lahme. »Sehen Sie,« fiel mir ein, »das Ablesen
+von der Landkarte hat die Leute verdorben.
+Dort ist alles plan und eben, und wenn sie die
+vier Weltgegenden bezeichnet haben, scheint
+ihnen alles getan. Ein Land ist doch aber kein
+Atlas. Es hat Berge und Abgründe. Es muß
+doch auch oben und unten an etwas stoßen.«
+»Hm&nbsp;&ndash;« überlegte mein Freund, »Sie haben
+recht. Woran könnte Rußland an diesen beiden
+Seiten grenzen?« Plötzlich sah der Kranke wie
+ein Knabe aus. »Sie wissen es,« rief ich. »Vielleicht
+an Gott?« »Ja,« bestätigte ich, »an Gott.«
+<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>
+»So« &ndash; nickte mein Freund ganz verständnisvoll.
+Erst dann kamen ihm einzelne Zweifel:
+»Ist denn Gott ein Land?« »Ich glaube nicht,«
+erwiderte ich, »aber in den primitiven Sprachen
+haben viele Dinge denselben Namen. Es ist da
+wohl ein Reich, das heißt Gott, und der es
+beherrscht, heißt auch Gott. Einfache Völker
+können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht
+unterscheiden; beide sind groß und gütig,
+furchtbar und groß.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe,« sagte langsam der Mann am
+Fenster. »Und merkt man in Rußland diese
+Nachbarschaft?« »Man merkt sie bei allen Gelegenheiten.
+Der Einfluß Gottes ist sehr mächtig.
+Wieviel man auch aus Europa bringen mag,
+die Dinge aus dem Westen sind Steine, sobald
+sie über die Grenze sind. Mitunter kostbare
+Steine, aber eben nur für die Reichen, die sogenannten
+›Gebildeten‹, während von drüben
+aus dem anderen Reich das Brot kommt, wovon
+das Volk lebt.« »Das hat das Volk wohl in
+Überfluß?« Ich zögerte: »Nein, das ist nicht
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
+der Fall, die Einfuhr aus Gott ist durch gewisse
+Umstände erschwert&nbsp;&ndash;« Ich suchte ihn von
+diesem Gedanken abzubringen. »Aber man hat
+vieles aus den Gebräuchen jener breiten Nachbarschaft
+angenommen. Das ganze Zeremoniell
+beispielsweise. Man spricht zu dem Zaren ähnlich
+wie zu Gott.« »So, man sagt also nicht:
+Majestät?« »Nein, man nennt beide Väterchen.«
+»Und man kniet vor beiden?« »Man wirft sich
+vor beiden nieder, fühlt mit der Stirn den
+Boden und weint und sagt: ›Ich bin sündig,
+verzeih mir, Väterchen.‹ Die Deutschen, welche
+das sehen, behaupten: eine ganz unwürdige
+Sklaverei. Ich denke anders darüber. Was
+soll das Knien bedeuten? Es hat den Sinn
+zu erklären: Ich habe Ehrfurcht. Dazu genügt
+es auch, das Haupt zu entblößen, meint
+der Deutsche. Nun ja, der Gruß, die Verbeugung,
+gewissermaßen sind auch sie Ausdrücke dafür,
+Abkürzungen, die entstanden sind in den Ländern,
+wo nicht so viel Raum war, daß jeder sich
+hätte niederlegen können auf der Erde. Aber
+<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>
+Abkürzungen gebraucht man bald mechanisch
+und ohne sich ihres Sinnes mehr bewußt zu
+werden. Deshalb ist es gut, wo noch Raum und
+Zeit dafür ist, die Gebärde auszuschreiben, das
+ganze schöne und wichtige Wort: Ehrfurcht.«</p>
+
+<p>»Ja, wenn ich könnte, würde ich auch
+niederknien&nbsp;&ndash;,« träumte der Lahme. »Aber es
+kommt&nbsp;&ndash;« fuhr ich nach einer Pause fort &ndash;
+»in Rußland auch vieles andere von Gott. Man
+hat das Gefühl, jedes Neue wird von ihm eingeführt,
+jedes Kleid, jede Speise, jede Tugend
+und sogar jede Sünde muß erst von ihm bewilligt
+werden, ehe sie in Gebrauch kommt.«
+Der Kranke sah mich fast erschrocken an. »Es
+ist nur ein Märchen, auf welches ich mich berufe,«
+eilte ich ihn zu beruhigen, »eine sogenannte
+Bylina, ein Gewesenes zu deutsch.
+Ich will Ihnen kurz den Inhalt erzählen. Der
+Titel ist: Wie der Verrat nach Rußland kam.«
+Ich lehnte mich ans Fenster, und der Gelähmte
+schloß die Augen, wie er gerne tat, wenn irgendwo
+eine Geschichte begann.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>»Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten
+Fürsten Tribut auferlegen und drohte
+ihnen mit einem großen Krieg, falls sie nicht
+Gold nach Moskau, in die weiße Stadt, schicken
+würden. Die Fürsten sagten, nachdem sie Rat
+gepflogen hatten, wie ein Mann: ›Wir geben dir
+drei Rätselfragen auf. Komm an dem Tage, den
+wir dir bestimmen, in den Orient, zu dem weißen
+Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage
+uns die drei Lösungen. Sobald sie richtig sind,
+geben wir dir die zwölf Tonnen Goldes, die du
+von uns verlangst.‹ Zuerst dachte der Zar Iwan
+Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn die vielen
+Glocken seiner weißen Stadt Moskau. Da rief
+er seine Gelehrten und Räte vor sich, und jeden,
+der die Frage nicht beantworten konnte, ließ er
+auf den großen, roten Platz führen, wo gerade
+die Kirche für Wassilij, den Nackten, gebaut
+wurde, und einfach köpfen. Bei einer solchen
+Beschäftigung verging ihm die Zeit so rasch,
+daß er sich plötzlich auf der Reise fand nach
+dem Orient, zu dem weißen Stein, bei welchem
+<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>
+die Fürsten warteten. Er wußte auf keine der
+drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war
+lang, und es war immer noch die Möglichkeit,
+einem Weisen zu begegnen; denn damals waren
+viele Weise unterwegs auf der Flucht, da alle
+Könige die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf
+abschneiden zu lassen, wenn sie ihnen nicht
+weise genug schienen. Ein solcher kam ihm nun
+allerdings nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen
+sah er einen alten bärtigen Bauer, welcher
+an einer Kirche baute. Er war schon dabei angelangt,
+den Dachstuhl zu zimmern und die kleinen
+Latten darüberzulegen. Da war es nun recht
+verwunderlich, daß der alte Bauer immer wieder
+von der Kirche herunterstieg, um von den
+schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet
+waren, jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal
+in seinem langen Kaftan mitzunehmen. Er
+mußte so beständig auf und nieder klettern, und
+es war gar nicht abzusehen, daß er auf diese
+Weise überhaupt jemals alle vielhundert Latten
+an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde
+<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>
+deshalb ungeduldig: ›Dummkopf,‹ schrie er (so
+nennt man in Rußland meistens die Bauern), ›du
+solltest dich tüchtig beladen mit deinem Holz
+und dann auf die Kirche kriechen, das wäre bei
+weitem einfacher.‹ Der Bauer, der gerade unten
+war, blieb stehen, hielt die Hand über die Augen
+und antwortete: ›Das mußt du schon mir überlassen,
+Zar Iwan Wassiljewitsch, jeder versteht
+sein Handwerk am besten; indessen, weil du
+schon hier vorüberreitest, will ich dir die Lösung
+der drei Rätsel sagen, welche du am weißen
+Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst
+wissen müssen.‹ Und er schärfte ihm die drei
+Antworten der Reihe nach ein. Der Zar konnte
+vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken.
+›Was soll ich dir geben zum Lohne?‹ fragte er
+endlich. ›Nichts,‹ machte der Bauer, holte eine
+Latte und wollte auf die Leiter steigen. ›Halt,‹
+befahl der Zar, ›das geht nicht an, du mußt dir
+etwas wünschen.‹ ›Nun, Väterchen, wenn du
+befiehlst, gib mir eine von den zwölf Tonnen
+Goldes, welche du von den Fürsten im Orient
+<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>
+erhalten wirst.‹ ›Gut&nbsp;&ndash;,‹ nickte der Zar. ›Ich
+gebe dir eine Tonne Goldes.‹ Dann ritt er eilends
+davon, um die Lösungen nicht wieder zu vergessen.</p>
+
+<p>Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen
+zurückgekommen war aus dem Orient, schloß
+er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im
+fünftorigen Kreml, ein und schüttete eine Tonne
+nach der anderen auf die glänzenden Dielen des
+Saales aus, so daß ein wahrer Berg aus Gold
+entstand, der einen großen schwarzen Schatten
+über den Boden warf. In Vergeßlichkeit hatte
+der Zar auch die zwölfte Tonne ausgeleert. Er
+wollte sie wieder füllen, aber es tat ihm leid, so
+viel Gold von dem herrlichen Haufen wieder
+fortnehmen zu müssen. In der Nacht ging er
+in den Hof hinunter, schöpfte feinen Sand in
+die Tonne, bis sie zu drei Vierteilen voll war,
+kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold
+über den Sand und schickte die Tonne mit dem
+nächsten Morgen durch einen Boten in die
+Gegend des weiten Rußland, wo der alte Bauer
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>
+seine Kirche baute. Als dieser den Boten kommen
+sah, stieg er von dem Dach, welches noch
+lange nicht fertig war, und rief: ›Du mußt nicht
+näher kommen, mein Freund, reise zurück
+samt deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand
+und ein knappes Viertel Gold enthält; ich
+brauche sie nicht. Sage deinem Herrn, bisher
+hat es keinen Verrat in Rußland gegeben. Er
+aber ist selbst daran schuld, wenn er bemerken
+sollte, daß er sich auf keinen Menschen verlassen
+kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man
+verrät, und von Jahrhundert zu Jahrhundert
+wird sein Beispiel in ganz Rußland viele Nachahmer
+finden. Ich brauche nicht das Gold, ich
+kann ohne Gold leben. Ich erwartete nicht
+Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit.
+Er aber hat mich getäuscht. Sage das
+deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren Iwan
+Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau
+sitzt mit seinem bösen Gewissen und in
+einem goldenen Kleid.‹</p>
+
+<p>Nach einer Weile Reitens wandte sich der
+<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>
+Bote nochmals um: der Bauer und seine Kirche
+waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten
+Latten lagen nicht mehr da, es war
+alles leeres, flaches Land. Da jagte der Mann
+entsetzt zurück nach Moskau, stand atemlos vor
+dem Zaren und erzählte ihm ziemlich unverständlich,
+was sich begeben hatte und daß der
+vermeintliche Bauer niemand anderes gewesen
+sei als Gott selbst.«</p>
+
+<p>»Ob er wohl recht gehabt hat damit?« meinte
+mein Freund leise, nachdem meine Geschichte
+verklungen war.</p>
+
+<p>»Vielleicht&nbsp;&ndash;,« entgegnete ich, »aber, wissen
+Sie, das Volk ist &ndash; abergläubisch &ndash; indessen,
+ich muß jetzt gehen, Ewald.« »Schade,« sagte
+der Lahme aufrichtig. »Wollen Sie mir nicht
+bald wieder eine Geschichte erzählen?« »Gerne,
+&ndash; aber unter einer Bedingung.« Ich trat noch
+einmal ans Fenster heran. »Nämlich?« staunte
+Ewald. »Sie müssen alles gelegentlich den Kindern
+in der Nachbarschaft weitererzählen,« bat
+ich. »O, die Kinder kommen jetzt so selten zu
+<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>
+mir.« Ich vertröstete ihn: »Sie werden schon
+kommen. Offenbar haben Sie in der letzten
+Zeit nicht Lust gehabt, ihnen etwas zu erzählen,
+und vielleicht auch keinen Stoff, oder zu viel
+Stoffe. Aber wenn einer eine wirkliche Geschichte
+weiß, glauben Sie, das kann verborgen
+bleiben? Bewahre, das spricht sich herum, besonders
+unter den Kindern!« »Auf Wiedersehen.«
+Damit ging ich.</p>
+
+<p>Und die Kinder haben die Geschichte noch
+an demselben Tage gehört.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>WIE DER ALTE TIMOFEI SINGEND STARB</h2>
+
+<p class="drop-cap">Was<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a> für eine Freude ist es doch, einem
+lahmen Menschen zu erzählen. Die gesunden
+Leute sind so ungewiß; sie sehen die
+Dinge bald von der, bald von jener Seite an,
+und wenn man mit ihnen eine Stunde lang so
+gegangen ist, daß sie zur Rechten waren, kann
+es geschehen, daß sie plötzlich von links antworten,
+nur, weil es ihnen einfällt, daß das höflicher
+sei und von feinerer Bildung zeuge. Beim
+Lahmen hat man das nicht zu befürchten. Seine
+Unbeweglichkeit macht ihn den Dingen ähnlich,
+mit denen er auch wirklich viele herzliche Beziehungen
+pflegt, macht ihn, sozusagen, zu
+einem den anderen sehr überlegenen Ding, zu
+einem Ding, das nicht nur lauscht mit seiner
+Schweigsamkeit, sondern auch mit seinen seltenen
+leisen Worten und mit seinen sanften,
+ehrfürchtigen Gefühlen.</p>
+
+<p>Ich mag am liebsten meinem Freund Ewald
+erzählen. Und ich war sehr froh, als er mir von
+seinem täglichen Fenster aus zurief: »Ich muß
+Sie etwas fragen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>Rasch trat ich zu ihm und begrüßte ihn.
+»Woher stammt die Geschichte, die Sie mir
+neulich erzählt haben?« bat er endlich. »Aus
+einem Buch?« »Ja« &ndash; entgegnete ich traurig,
+»die Gelehrten haben sie darin begraben, seit
+sie tot ist; das ist gar nicht lange her. Noch
+vor hundert Jahren lebte sie, gewiß sehr sorglos,
+auf vielen Lippen. Aber die Worte, welche
+die Menschen jetzt gebrauchen, diese schweren,
+nicht sangbaren Worte, waren ihr feind und
+nahmen ihr einen Mund nach dem anderen
+weg, so daß sie zuletzt, nur sehr eingezogen
+und ärmlich, auf ein paar trockenen Lippen,
+wie auf einem schlechten Witwengut, lebte.
+Dort verstarb sie auch, ohne Nachkommen zu
+hinterlassen, und wurde, wie schon erwähnt,
+mit allen Ehren in einem Buche bestattet, wo
+schon andere aus ihrem Geschlechte lagen.«
+»Und sie war sehr alt, als sie starb?« fragte
+mein Freund, in meinen Ton eingehend. »400
+bis 500 Jahre,« berichtete ich der Wahrheit gemäß,
+»verschiedene von ihren Verwandten haben
+<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>
+noch ein ungleich höheres Alter erreicht.« »Wie,
+ohne jemals in einem Buche zu ruhen?« staunte
+Ewald. Ich erklärte: »Soviel ich weiß, waren
+sie die ganze Zeit von Lippe zu Lippe unterwegs.«
+»Und haben nie geschlafen?« »Doch,
+von dem Munde des Sängers steigend, blieben
+sie wohl dann und wann in einem Herzen,
+darin es warm und dunkel war.« »Waren denn
+die Menschen so still, daß Lieder schlafen konnten
+in ihren Herzen?« Ewald schien mir recht
+ungläubig. »Es muß wohl so gewesen sein.
+Man behauptet, sie sprachen weniger, tanzten
+langsam anwachsende Tänze, die etwas Wiegendes
+hatten, und vor allem: sie lachten nicht laut,
+wie man es heute trotz der allgemeinen hohen
+Kultur nicht selten vernehmen kann.«</p>
+
+<p>Ewald schickte sich an, noch etwas zu fragen,
+aber er unterdrückte es und lächelte: »Ich frage
+und frage, &ndash; aber Sie haben vielleicht eine Geschichte
+vor?« Er sah mich erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>»Eine Geschichte? Ich weiß nicht. Ich wollte
+nur sagen: diese Gesänge waren das Erbgut in
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+gewissen Familien. Man hatte es übernommen,
+und man gab es weiter, nicht ganz unbenützt,
+mit den Spuren eines täglichen Gebrauchs, aber
+doch unbeschädigt, wie etwa eine alte Bibel von
+Vätern zu Enkeln geht. Der Enterbte unterschied
+sich von den in ihre Rechte eingesetzten
+Geschwistern dadurch, daß er nicht singen
+konnte, oder er wußte wenigstens nur einen
+kleinen Teil der Lieder seines Vaters und Großvaters
+und verlor mit den übrigen Gesängen das
+große Stück Erleben, das alle diese Bylinen und
+Skaski dem Volke bedeuten. So hatte z.&nbsp;B. Jegor
+Timofejewitsch gegen den Willen seines Vaters,
+des alten Timofei, ein junges, schönes Weib geheiratet
+und war mit ihr nach Kiew gegangen,
+in die heilige Stadt, bei welcher sich die Gräber
+der größten Märtyrer der heiligen, rechtgläubigen
+Kirche versammelt haben. Der Vater Timofei,
+der als der kundigste Sänger auf zehn Tagereisen
+im Umkreis galt, verfluchte seinen Sohn und erzählte
+seinen Nachbarn, daß er oft überzeugt sei,
+niemals einen solchen gehabt zu haben. Dennoch
+<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>
+verstummte er in Gram und Traurigkeit.
+Und er wies alle die jungen Leute zurück, die
+sich in seine Hütte drängten, um die Erben der
+vielen Gesänge zu werden, welche in dem Alten
+eingeschlossen waren, wie in einer verstaubten
+Geige. ›Vater, du unser Väterchen, gib uns nur
+eines oder das andere Lied. Siehst du, wir
+wollen es in die Dörfer tragen, und du sollst es
+hören aus allen Höfen, sobald der Abend kommt
+und das Vieh in den Ställen ruhig geworden ist.‹
+Der Alte, der beständig auf dem Ofen saß,
+schüttelte den ganzen Tag den Kopf. Er hörte
+nicht mehr gut, und da er nicht wußte, ob nicht
+einer von den Burschen, die jetzt fortwährend
+sein Haus umhorchten, eben wieder gefragt hatte,
+machte er mit seinem weißen Kopf zitternd:
+Nein, nein, nein, bis er einschlief und auch dann
+noch eine Weile &ndash; im Schlaf. Er hätte den
+Burschen gerne ihren Willen getan; es war ihm
+selber leid, daß sein stummer, verstorbener Staub
+über diesen Liedern liegen sollte, vielleicht schon
+ganz bald. Aber hätte er versucht, einen von
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>
+ihnen etwas zu lehren, gewiß hätte er sich dabei
+seines Jegoruschka erinnern müssen und dann
+&ndash; wer weiß &ndash; was dann geschehen wäre. Denn
+nur, weil er überhaupt schwieg, hatte ihn niemand
+weinen sehen. Hinter jedem Wort stand
+es ihm, das Schluchzen, und er mußte immer
+sehr schnell und vorsichtig den Mund schließen,
+sonst wäre es einmal doch mitgekommen.</p>
+
+<p>Der alte Timofei hatte seinen einzigen Sohn
+Jegor von ganz früh an einzelne Lieder gelehrt,
+und als fünfzehnjähriger Knabe wußte dieser
+schon mehr und richtiger zu singen als alle erwachsenen
+Burschen im Dorfe und in der Nachbarschaft.
+Gleichwohl pflegte der Alte meistens
+am Feiertag, wenn er etwas trunken war, dem
+Burschen zu sagen: <ins title="Jegoruschka">›Jegoruschka</ins>, mein Täubchen,
+ich habe dich schon viele Lieder singen
+gelehrt, viele Bylinen und auch die Legenden
+von Heiligen, fast für jeden Tag eine. Aber ich
+bin, wie du weißt, der Kundigste im ganzen
+Gouvernement, und mein Vater kannte sozusagen
+alle Lieder von ganz Rußland und auch
+<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>
+noch tatarische Geschichten dazu. Du bist noch
+sehr jung, und deshalb habe ich dir die schönsten
+Bylinen, darin die Worte wie Ikone sind und
+gar nicht zu vergleichen mit den gewöhnlichen
+Worten, noch nicht erzählt, und du hast noch
+nicht gelernt, jene Weisen zu singen, die noch
+keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer,
+hat anhören können, ohne zu weinen.‹ Dieses
+wiederholte Timofei seinem Sohne an jedem
+Sonntag und an allen vielen Feiertagen des russischen
+Jahres, also ziemlich oft. Bis dieser nach
+einem heftigen Auftritt mit dem Alten, zugleich
+mit der schönen Ustjënka, der Tochter eines
+armen Bauern, verschwunden war.</p>
+
+<p>Im dritten Jahre nach diesem Vorfall erkrankte
+Timofei, zur selben Zeit, als einer jener vielen
+Pilgerzüge, die aus allen Teilen des weiten Reiches
+beständig nach Kiew ziehen, aufbrechen wollte.
+Da trat Ossip, der Nachbar, bei dem Kranken
+ein: ›Ich gehe mit den Pilgern, Timofei Iwanitsch,
+erlaube mir, dich noch einmal zu umarmen.‹
+Ossip war nicht befreundet mit dem Alten, aber
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>
+nun, da er diese weite Reise begann, fand er es
+für notwendig, von ihm wie von einem Vater
+Abschied zu nehmen. ›Ich habe dich manchmal
+gekränkt,‹ schluchzte er, ›verzeih mir, mein
+Herzchen, es ist im Trunke geschehen, und da
+kann man nichts dafür, wie du weißt. Nun, ich
+will für dich beten und eine Kerze anstecken für
+dich; leb wohl, Timofei Iwanitsch, mein Väterchen,
+vielleicht wirst du wieder gesund, wenn
+Gott es will, dann singst du uns wieder etwas.
+Ja, ja, das ist lange her, seit du gesungen hast.
+Was waren das für Lieder. Das von Djuk Stepanowitsch
+zum Beispiel, glaubst du, ich habe
+das vergessen? Wie dumm du bist! Ich weiß
+es noch ganz genau. Freilich, so wie du, &ndash; du
+hast es eben gekonnt, das muß man sagen. Gott
+hat dir das gegeben, einem anderen gibt er etwas
+anderes. Mir zum Beispiel&nbsp;&ndash;‹</p>
+
+<p>Der Alte, der auf dem Ofen lag, drehte sich
+ächzend um und machte eine Bewegung, als ob
+er etwas sagen wollte. Es war, als hörte man
+ganz leise den Namen Jegors. Vielleicht wollte
+<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>
+er ihm eine Nachricht schicken. Aber als der
+Nachbar, von der Türe her, fragte: ›Sagst du
+etwas, Timofei Iwanitsch?‹ lag er schon wieder
+ganz ruhig da und schüttelte nur leise seinen
+weißen Kopf. Trotzdem, weiß Gott wie es geschah,
+kaum ein Jahr, nachdem Ossip fortgegangen
+war, kehrte Jegor ganz unvermutet zurück.
+Der Alte erkannte ihn nicht gleich, denn
+es war dunkel in der Hütte, und die greisen
+Augen nahmen nur ungern eine neue fremde
+Gestalt auf. Aber als Timofei die Stimme des
+Fremden gehört hatte, erschrak er und sprang
+vom Ofen herab auf seine alten, schwankenden
+Beine. Jegor fing ihn auf, und sie hielten sich
+in den Armen. Timofei weinte. Der junge
+Mensch fragte in einem fort: ›Bist du schon lange
+krank, Vater?‹ Als sich der Alte ein wenig beruhigt
+hatte, kroch er auf seinen Ofen zurück
+und erkundigte sich in einem anderen strengen
+Ton: ›Und dein Weib?‹ Pause. Jegor spuckte
+aus: ›Ich hab sie fortgejagt, weißt du, mit dem
+Kind.‹ Er schwieg eine Weile. ›Da kommt
+<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>
+einmal der Ossip zu mir; ›Ossip Nikiphorowitsch?‹
+sag ich. ›Ja,‹ antwortet er, ›ich bins.
+Dein Vater ist krank, Jegor. Er kann nicht mehr
+singen. Es ist jetzt ganz still im Dorfe, als ob
+es keine Seele mehr hätte, unser Dorf. Nichts
+klopft, nichts rührt sich, es weint niemand mehr,
+und auch zum Lachen ist kein rechter Grund.‹
+Ich denke nach. Was ist da zu machen? Ich
+rufe also mein Weib. ›Ustjënka‹ &ndash; sag ich&nbsp;&ndash;,
+›ich muß nach Hause, es singt sonst keiner mehr
+dort, die Reihe ist an mir. Der Vater ist krank.‹
+›Gut,‹ sagt Ustjënka. ›Aber ich kann dich nicht
+mitnehmen‹ &ndash; so erklär ich ihr, ›der Vater, weißt
+du, will dich nicht. Und auch zurückkommen
+werd ich wahrscheinlich nicht zu dir, wenn ich
+erst einmal wieder dort bin und singe.‹ Ustjënka
+versteht mich: ›Nun, Gott mit dir! Es sind jetzt
+viele Pilger hier, da gibt es viel Almosen. Gott
+wird schon helfen, Jegor.‹ Und so geh ich also
+fort. Und nun, Vater, sag mir alle deine Lieder.‹</p>
+
+<p>Es verbreitete sich das Gerücht, daß Jegor zurückgekehrt
+sei und daß der alte Timofei wieder
+<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>
+singe. Aber in diesem Herbst ging der Wind so
+heftig durch das Dorf, daß niemand von den Vorübergehenden
+mit Sicherheit ermitteln konnte,
+ob in Timofeis Hause wirklich gesungen werde
+oder nicht. Und die Tür wurde keinem Pochenden
+geöffnet. Die beiden wollten allein sein.
+Jegor saß am Rande des Ofens, auf welchem der
+Vater lag, und kam mit dem Ohr bisweilen dem
+Munde des Alten entgegen; denn dieser sang in
+der Tat. Seine alte Stimme trug, etwas gebückt
+und zitternd, alle die schönsten Lieder zu Jegor
+hin, und dieser wiegte manchmal den Kopf oder
+bewegte die herabhängenden Beine, ganz, als ob
+er schon selber sänge. Das ging so viele Tage
+lang fort. Timofei fand immer noch ein schöneres
+Lied in seiner Erinnerung; oft, nachts, weckte
+er den Sohn, und indem er mit den welken,
+zuckenden Händen ungewisse Bewegungen
+machte, sang er ein kleines Lied und noch eines
+und noch eines &ndash; bis der träge Morgen sich zu
+rühren begann. Bald nach dem schönsten starb
+er. Er hatte sich in den letzten Tagen oft arg
+<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>
+beklagt, daß er noch eine Unmenge Lieder in
+sich trüge und nicht mehr Zeit habe, sie seinem
+Sohne mitzuteilen. Er lag da mit gefurchter
+Stirne, in angestrengtem, ängstlichem Nachdenken,
+und seine Lippen zitterten vor Erwartung.
+Von Zeit zu Zeit setzte er sich auf, wiegte
+eine Weile den Kopf, bewegte den Mund, und
+endlich kam irgendein leises Lied hinzu; aber
+jetzt sang er meistens immer dieselben Strophen
+von Djuk Stepanowitsch, die er besonders liebte,
+und sein Sohn mußte erstaunt sein und tun, als
+vernähme er sie zum erstenmal, um ihn nicht
+zu erzürnen.</p>
+
+<p>Als der alte Timofei Iwanitsch gestorben war,
+blieb das Haus, welches Jegor jetzt allein bewohnte,
+noch eine Zeitlang verschlossen. Dann,
+im ersten Frühjahr, trat Jegor Timofejewitsch,
+der jetzt einen ziemlich langen Bart hatte, aus
+seiner Tür, begann im Dorfe hin und her zu
+gehen und zu singen. Später kam er auch in
+die benachbarten Dörfer, und die Bauern erzählten
+sich schon, daß Jegor ein mindestens
+<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
+ebenso kundiger Sänger geworden sei wie sein
+Vater Timofei; denn er wußte eine große Anzahl
+ernster und heldenhafter Gesänge und alle
+jene Weisen, die keiner, er mochte ein Kosak
+sein oder ein Bauer, anhören konnte, ohne zu
+weinen. Dabei soll er noch so einen sanften und
+traurigen Ton gehabt haben, wie man ihn noch
+von keinem Sänger vernommen hat. Und dieser
+Ton fand sich immer, ganz unerwartet, im Kehrreim
+vor, wodurch er besonders rührend wirkte.
+So habe ich wenigstens erzählen hören.«</p>
+
+<p>»Diesen Ton hat er also nicht von seinem
+Vater gelernt?« sagte mein Freund Ewald nach
+einer Weile. »Nein,« erwiderte ich, »man weiß
+nicht, woher der ihm kam.« Als ich vom Fenster
+schon fortgetreten war, machte der Lahme noch
+eine Bewegung und rief mir nach: »Er hat vielleicht
+an sein Weib und sein Kind gedacht.
+Übrigens, hat er sie nie kommen lassen, da ja
+sein Vater nun tot war?« »Nein, ich glaube nicht.
+Wenigstens ist er später allein gestorben.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>DAS LIED VON DER GERECHTIGKEIT</h2>
+
+<p class="drop-cap">Als<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a> ich das nächste Mal an Ewalds Fenster
+vorüberkam, winkte er mir und lächelte:
+»Haben Sie den Kindern etwas Bestimmtes versprochen?«
+»Wieso?« staunte ich. »Nun, als
+ich ihnen die Geschichte von Jegor erzählt hatte,
+beklagten sie sich, daß Gott in derselben nicht
+vorkäme.« Ich erschrak: »Was, eine Geschichte
+ohne Gott, aber wie ist denn das möglich?«
+Dann besann ich mich: »In der Tat, es ist wahr,
+von Gott sagt die Geschichte, wie ich sie mir
+jetzt überdenke, nichts. Ich begreife nicht, wie
+das geschehen konnte; hätte jemand von mir
+eine solche verlangt, ich glaube, ich hätte mein
+ganzes Leben nachgedacht, ohne Erfolg&nbsp;&hellip;«</p>
+
+<p>Mein Freund lächelte über diesen Eifer: »Sie
+müssen sich deshalb nicht erregen,« unterbrach
+er mich mit einer gewissen Güte, »ich denke
+mir, man kann ja nie wissen, ob Gott in einer
+Geschichte ist, ehe man sie auch ganz beendet
+hat. Denn wenn auch nur noch zwei Worte
+fehlen sollten, ja selbst, wenn nur noch die Pause
+hinter dem letzten Worte der Erzählung aussteht:
+<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>
+Er kann immer noch kommen.« Ich
+nickte, und der Lahme sagte in anderem Ton:
+»Wissen Sie nicht noch etwas von diesen russischen
+Sängern?«</p>
+
+<p>Ich zögerte: »Ja, wollen wir nicht lieber von
+Gott reden, Ewald?« Er schüttelte den Kopf:
+»Ich wünsche mir so, mehr von diesen eigentümlichen
+Männern zu vernehmen. Ich weiß
+nicht, wie es kommt, ich denke mir immer,
+wenn so einer hier bei mir einträte&nbsp;&ndash;« und er
+wandte den Kopf ins Zimmer nach der Türe zu.
+Aber seine Augen kehrten schnell und nicht
+ohne Verlegenheit zu mir zurück &ndash; »Doch das
+ist ja wohl nicht möglich,« verbesserte er eilig.
+»Warum sollte das nicht möglich sein, Ewald?
+Ihnen kann manches begegnen, was den Menschen,
+die ihre Beine brauchen können, verwehrt
+bleibt, weil sie an so vielem vorübergehen und
+vor so manchem davonlaufen. Gott hat Sie,
+Ewald, dazu bestimmt, ein ruhiger Punkt zu sein
+mitten in aller Hast. Fühlen Sie nicht, wie alles
+sich um Sie bewegt? Die anderen jagen den
+<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>
+Tagen nach, und wenn sie mal einen erreicht
+haben, sind sie so atemlos, daß sie gar nicht mit
+ihm sprechen können. Sie aber, mein Freund,
+sitzen einfach an Ihrem Fenster und warten; und
+den Wartenden geschieht immer etwas. Sie
+haben ein ganz besonderes Los. Denken Sie,
+sogar die Iberische Madonna in Moskau muß
+aus ihrem Kapellchen heraus und fährt in einem
+schwarzen Wagen mit vier Pferden zu denen,
+die irgend etwas feiern, sei es die Taufe oder den
+Tod. Zu Ihnen aber muß alles kommen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Ewald mit einem fremden Lächeln,
+»ich kann sogar dem Tod nicht entgegengehen.
+Viele Menschen finden ihn unterwegs. Er scheut
+sich, ihre Häuser zu betreten, und ruft sie hinaus
+in die Fremde, in den Krieg, auf einen steilen
+Turm, auf eine schwankende Brücke, in eine
+Wildnis oder in den Wahnsinn. Die meisten
+holen ihn wenigstens draußen irgendwo ab und
+tragen ihn dann auf ihren Schultern nach Hause,
+ohne es zu merken. Denn der Tod ist träge;
+wenn die Menschen ihn nicht fortwährend stören
+<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>
+würden, wer weiß, er schliefe vielleicht ein.«
+Der Kranke dachte eine Weile nach und fuhr
+dann mit einem gewissen Stolz fort: »Aber zu
+mir wird er kommen müssen, wenn er mich will.
+Hier in meine kleine helle Stube, in der die
+Blumen sich so lange halten, über diesen alten
+Teppich, an diesem Schrank vorbei, zwischen
+Tisch und Bettende durch (es ist gar nicht leicht,
+vorüberzukommen) bis her an meinen breiten,
+lieben, alten Stuhl, der dann wahrscheinlich mit
+mir sterben wird, weil er sozusagen mit mir gelebt
+hat. Und er wird dies alles tun müssen in der
+üblichen Art, ohne Lärm, ohne etwas umzuwerfen,
+ohne etwas Ungewöhnliches zu beginnen,
+wie ein Besuch. Dieser Umstand bringt mir meine
+Stube merkwürdig nah. Es wird sich alles hier
+abspielen auf dieser engen Szene, und darum wird
+auch dieser letzte Vorgang sich nicht sehr von
+allen anderen Ereignissen unterscheiden, welche
+sich hier begeben haben und noch bevorstehen.
+Es hat mir immer schon als Kind seltsam geschienen,
+daß die Menschen vom Tode anders
+<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>
+sprechen als von allen anderen Begebenheiten,
+und das nur deshalb, weil jeder von dem, was
+ihm nachher geschieht, nichts mehr verrät. Wodurch
+aber unterscheidet sich denn ein Toter
+von einem Menschen, welcher ernst wird, auf
+die Zeit verzichtet und sich einschließt, um über
+etwas ruhig nachzudenken, dessen Lösung ihn
+lange schon quält? Unter den Leuten kann man
+sich doch nicht einmal des Vaterunsers erinnern,
+wie denn erst irgendeines anderen dunkleren Zusammenhanges,
+der vielleicht nicht in Worten,
+sondern in Ereignissen besteht. Man muß abseits
+gehen in irgendeine unzugängliche Stille, und
+vielleicht sind die Toten solche, die sich zurückgezogen
+haben, um über das Leben nachzudenken.«</p>
+
+<p>Es entstand eine kleine Schweigsamkeit, die
+ich mit folgenden Worten begrenzte: »Ich muß
+dabei an ein junges Mädchen denken. Man kann
+sagen, daß sie in den ersten siebzehn Jahren ihres
+heiteren Lebens nur geschaut hat. Ihre Augen
+waren so groß und so selbständig, daß sie alles,
+was sie empfingen, selbst verbrauchten, und das
+<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>
+Leben in dem ganzen Körper des jungen Geschöpfes
+ging, unabhängig davon, von schlichten,
+inneren Geräuschen genährt, vor sich. Am Ende
+dieser Zeit aber störte irgendein zu heftiges Ereignis
+dieses doppelte, kaum sich berührende
+Leben, die Augen brachen gleichsam nach innen
+durch, und die ganze Schwere des Äußeren fiel
+durch sie in das dunkle Herz hinein, und jeder
+Tag stürzte mit solcher Wucht in die tiefen,
+steilen Blicke, daß er in der engen Brust zersprang
+wie ein Glas. Da wurde das junge Mädchen blaß,
+begann zu kränkeln, einsam zu werden, nachzudenken,
+und endlich suchte es selbst jene Stille
+auf, darin die Gedanken wahrscheinlich nicht
+mehr gestört werden.«</p>
+
+<p>»Wie ist sie gestorben?« fragte mein Freund
+leise, mit etwas heiserer Stimme. »Sie ist ertrunken.
+In einem tiefen, stillen Teich, und an
+der Oberfläche desselben entstanden viele Ringe,
+die langsam weit wurden und unter den weißen
+Wasserrosen hin wuchsen, so daß alle diese
+badenden Blüten sich bewegten.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>»Ist das auch eine Geschichte?« sagte Ewald,
+um die Stille hinter meinen Worten nicht mächtig
+werden zu lassen. »Nein,« entgegnete ich, »das ist
+ein Gefühl.« »Aber könnte man es nicht auch den
+Kindern übermitteln &ndash; dieses Gefühl?« Ich überlegte.
+»Vielleicht&nbsp;&ndash;« »Und wodurch?« »Durch
+eine andere Geschichte.« Und ich erzählte:</p>
+
+<p>»Es war zur Zeit, als man im südlichen Rußland
+um die Freiheit kämpfte.«</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie,« sagte Ewald, »wie ist das
+zu verstehen &ndash; wollte sich das Volk etwa vom
+Zaren losmachen? Das würde nicht zu dem
+passen, was ich mir von Rußland denke, und
+auch mit Ihren früheren Erzählungen in Widerspruch
+stehen. In diesem Falle würde ich vorziehen,
+Ihre Geschichte nicht zu hören. Denn
+ich liebe das Bild, welches ich mir von den
+Dingen dort gemacht habe, und will es unbeschädigt
+behalten.«</p>
+
+<p>Ich mußte lächeln und beruhigte ihn: »Die
+polnischen Pans (ich hätte das vorausschicken
+müssen) waren Herren im südlichen Rußland
+<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>
+und in jenen stillen, einsamen Steppen, welche
+man mit dem Namen Ukraine bezeichnet. Sie
+waren harte Herren. Ihre Bedrückung und die
+Habgier der Juden, welche sogar den Kirchenschlüssel
+in Händen hatten, den sie nur gegen
+Bezahlung den Rechtgläubigen auslieferten, hatte
+das jugendliche Volk um Kiew herum und den
+ganzen Dnjepr aufwärts müde und nachdenklich
+gemacht. Die Stadt selbst, Kiew, das heilige, der
+Ort, wo Rußland zuerst mit vierhundert Kirchenkuppeln
+von sich erzählte, versank immer mehr
+in sich selbst und verzehrte sich in Bränden wie
+in plötzlichen, irren Gedanken, hinter denen die
+Nacht nur immer uferloser wird. Das Volk in
+der Steppe wußte nicht recht, was geschah. Aber
+von seltsamer Unruhe erfaßt, traten die Greise
+nachts aus den Hütten und betrachteten schweigend
+den hohen, ewig windlosen Himmel, und
+am Tage konnte man Gestalten auf dem Rücken
+der Kurgane auftauchen sehen, die sich wartend
+vor der flachen Ferne erhoben. Diese Kurgane
+sind Grabstätten vergangener Geschlechter, die
+<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
+die ganze Heide wie ein erstarrter, schlafender
+Wellenschlag durchziehen. Und in diesem Land,
+in welchem die Gräber die Berge sind, sind die
+Menschen die Abgründe. Tief, dunkel, schweigsam
+ist die Bevölkerung, und ihre Worte sind
+nur schwache, schwankende Brücken über ihrem
+wirklichen Sein. &ndash; Manchmal heben sich dunkle
+Vögel von den Kurganen. Manchmal stürzen
+wilde Lieder in die dämmernden Menschen hinein
+und verschwinden in ihnen tief, während
+die Vögel im Himmel verloren gehen. Nach
+allen Richtungen hin scheint alles grenzenlos.
+Die Häuser selbst können nicht beschützen vor
+dieser Unermeßlichkeit; ihre kleinen Fenster sind
+voll davon. Nur in den dunkelnden Ecken der
+Stuben stehen die alten Ikone, wie Meilensteine
+Gottes, und der Glanz von einem kleinen Licht
+geht durch ihre Rahmen, wie ein verirrtes Kind
+durch die Sternennacht. Diese Ikone sind der
+einzige Halt, das einzige zuverlässige Zeichen am
+Wege, und kein Haus kann ohne sie bestehen.
+Immer wieder werden welche notwendig; wenn
+<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>
+eines zerbricht vor Alter und Wurm, wenn jemand
+heiratet und sich eine Hütte zimmert, oder wenn
+einer, wie zum Beispiel der alte Abraham, stirbt mit
+dem Wunsch, den heiligen Nikolaus, den Wundertäter,
+in den gefalteten Händen mitzunehmen,
+wahrscheinlich, um die Heiligen im Himmel mit
+diesem Bilde zu vergleichen und den besonders
+Verehrten vor allen anderen zu erkennen.</p>
+
+<p>So kommt es, daß Peter Akimowitsch, eigentlich
+Schuster von Beruf, auch Ikone malt. Wenn
+er von der einen Arbeit müde ist, geht er, nachdem
+er sich dreimal bekreuzt hat, zu der anderen
+über, und über seinem Nähen und Hämmern wie
+über seinem Malen waltet die gleiche Frömmigkeit.
+Jetzt ist er schon ein alter Mann, aber doch
+ziemlich rüstig. Den Rücken, den er über die
+Stiefel biegt, richtet er vor den Bildern wieder
+gerade, und so hat er sich eine gute Haltung
+bewahrt und ein gewisses Gleichgewicht in den
+Schultern und im Kreuz. Den größten Teil seines
+Lebens hat er ganz allein verbracht, sich gar nicht
+hineinmischend in die Unruhe, die dadurch entstand,
+<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>
+daß sein Weib Akulina ihm Kinder gebar
+und daß diese verstarben oder sich verheirateten.
+Erst in seinem siebzigsten Jahre hatte Peter sich
+mit denen in Verbindung gesetzt, die in seinem
+Hause verblieben waren und die er nun erst
+als wirklich vorhanden betrachtete. Das waren:
+Akulina, sein Weib, eine stille, demütige Person,
+die sich fast ganz in den Kindern fortgegeben
+hatte, eine alternde, häßliche Tochter und Aljoscha,
+ein Sohn, welcher, unverhältnismäßig spät
+geboren, erst siebzehn Jahre zählte. Diesen wollte
+Peter für die Malerei heranbilden; denn er sah
+ein, daß er bald nicht allen Bestellungen würde
+entsprechen können. Aber er gab den Unterricht
+bald auf. Aljoscha hatte die allerheiligste Jungfrau
+gemalt, aber das strenge und richtige Vorbild
+so wenig erreicht, daß sein Machwerk aussah
+wie ein Bild der Mariana, der Tochter des
+Kosaken Golokopytenko, also wie etwas durchaus
+Sündiges, und der alte Peter beeilte sich,
+nachdem er sich oft bekreuzt hatte, das beleidigte
+Brett mit einem heiligen Dmitrij zu übermalen,
+<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a>
+welchen er aus einem unbekannten Grunde über
+alle anderen Heiligen stellte.</p>
+
+<p>Aljoscha versuchte auch nie mehr ein Bild
+zu beginnen. Wenn ihm der Vater nicht befahl,
+einen Nimbus zu vergolden, war er meistens
+draußen in der Steppe, kein Mensch wußte wo.
+Niemand hielt ihn zu Hause. Die Mutter wunderte
+sich über ihn und hatte eine Scheu, mit
+ihm zu reden, als ob er ein Fremder wäre oder
+ein Beamter. Die Schwester hatte ihn geschlagen,
+solang er ein Kind war, und jetzt, seit Aljoscha
+erwachsen war, begann sie ihn zu verachten, dafür,
+daß er sie nicht schlug. Aber auch im Dorfe
+war niemand, der sich um den Burschen kümmerte.
+Mariana, die Kosakentochter, hatte ihn
+ausgelacht, als er ihr erklärte, er wolle sie heiraten,
+und die anderen Mädchen hatte Aljoscha
+nicht danach gefragt, ob sie ihn als Bräutigam
+annehmen möchten. In die Ssetsch, zu den Zaporogern,
+hatte ihn keiner mitnehmen wollen,
+weil er allen zu schwächlich schien und vielleicht
+auch noch etwas zu jung. Einmal war er schon
+<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a>
+davongelaufen bis zum nächsten Kloster, aber
+die Mönche nahmen ihn nicht auf &ndash; und so blieb
+nur die Heide für ihn, die weite, wogende Heide.
+Ein Jäger hatte ihm einmal ein altes Gewehr geschenkt,
+das weiß Gott womit geladen war. Das
+schleppte Aljoscha immer mit, schoß es aber niemals
+ab, erstens, weil er den Schuß sparen wollte,
+und dann, weil er nicht wußte wofür. An einem
+lauen, stillen Abend, zu Anfang des Sommers,
+saßen alle beisammen an dem groben Tisch, auf
+welchem eine Schüssel mit Grütze stand. Peter
+aß, und die anderen schauten ihm zu und warteten
+auf das, was er übriglassen würde. Plötzlich
+ließ der Alte den Löffel in der Luft stehen
+und streckte den breiten welken Kopf in den
+Lichtstreifen, der von der Tür kam und quer
+über den Tisch in die Dämmerung lief. Alle
+horchten. Es war außen an den Wänden der
+Hütte ein Geräusch, wie wenn ein Nachtvogel
+mit seinen Flügeln sachte die Balken streifte;
+aber die Sonne war kaum untergegangen, und
+die nächtlichen Vögel kamen ja überhaupt selten
+<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>
+bis ins Dorf. Und da war es wieder, als tappe
+irgendein anderes großes Tier ums Haus und
+als wäre von allen Wänden zugleich sein suchender
+Schritt vernehmbar. Aljoscha erhob sich
+leise von seiner Bank, in demselben Augenblick
+verdunkelte sich die Tür von etwas Hohem,
+Schwarzem; es verdrängte den ganzen Abend,
+brachte Nacht in die Hütte und bewegte sich in
+seiner Größe nur unsicher vorwärts. ›Der Ostap!‹
+sagte die Häßliche mit ihrer bösen Stimme. Und
+jetzt erkannten ihn alle. Es war einer von den
+blinden Kobzars, ein Greis, der mit einer zwölfsaitigen
+Bandura durch die Dörfer ging und von
+dem großen Ruhm der Kosaken, von ihrer Tapferkeit
+und Treue, von ihren Hetmans Kirdjaga,
+Kukubenko, Bulba und anderen Helden sang,
+so daß alle es gerne hörten. Ostap verneigte sich
+dreimal tief in der Richtung, in der er das Heiligenbild
+vermutete (und es war die Znamenskaja,
+zu der er sich so, unbewußt, wandte), setzte sich
+dann an den Ofen und fragte mit leiser Stimme:
+›Bei wem bin ich eigentlich?‹ ›Bei uns, Väterchen,
+<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
+bei Peter Akimowitsch, dem Schuster,‹ erwiderte
+Peter freundlich. Er war ein Freund des Gesanges
+und freute sich dieses unerwarteten Besuches.
+›Ah, bei Peter Akimowitsch, dem, der
+die Bilder malt,‹ sagte der Blinde, um auch eine
+Freundlichkeit zu erweisen. Dann wurde es still.
+In den langen sechs Saiten der Bandura begann
+ein Klang, wuchs und kam kurz und gleichsam
+erschöpft von den sechs kurzen Saiten zurück,
+und diese Wirkung wiederholte sich in immer
+rascheren Takten, so daß man endlich die Augen
+schließen mußte, in Angst, den Ton von der in
+rasendem Lauf erstiegenen Melodie irgendwo
+hinabstürzen zu sehen; da brach das Lied ab und
+gab der schönen, schweren Stimme des Kobzars
+Raum, welche bald das ganze Haus erfüllte und
+auch aus den benachbarten Hütten die Leute rief,
+die sich vor der Türe und unter den Fenstern
+versammelten. Aber nicht von Helden ging diesmal
+das Lied. Schon ganz sicher schien Bulbas
+und Ostranitzas und Naliwaikos Ruhm. Für
+alle Zeiten fest schien die Treue der Kosaken.
+<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>
+Nicht von ihren Taten ging heute das Lied. Tiefer
+zu schlafen schien in allen, welche es vernahmen,
+der Tanz; denn keiner rührte die Beine oder hob
+die Hände empor. Wie Ostaps Kopf, so waren
+auch die anderen Köpfe gesenkt und wurden
+schwer von dem traurigen Lied:</p>
+
+<p>»Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt.
+Die Gerechtigkeit, wer kann sie finden? Es ist
+keine Gerechtigkeit mehr in der Welt; denn alle
+Gerechtigkeit ist den Gesetzen der Ungerechtigkeit
+unterstellt.</p>
+
+<p>»Heut ist die Gerechtigkeit elend in Fesseln.
+Und das Unrecht lacht über sie, wir sahns, und
+sitzt mit den Pans in den goldenen Sesseln und
+sitzt in dem goldenen Saal mit den Pans.</p>
+
+<p>»Die Gerechtigkeit liegt an der Schwelle und
+fleht; bei den Pans ist das Unrecht, das Schlechte,
+zu Gast, und sie laden es lachend in ihren Palast,
+und sie schenken dem Unrecht den Becher voll
+Met.</p>
+
+<p>»O, Gerechtigkeit, Mütterchen, Mütterchen
+mein, mit dem Fittich, der jenem des Adlers
+<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>
+gleicht, es kommt vielleicht noch ein Mann, der
+gerecht, der gerecht sein will, dann helfe ihm
+Gott, Er vermag es allein, und macht dem Gerechten
+die Tage leicht.«</p>
+
+<p>Und die Köpfe hoben sich nur mühsam,
+und auf allen Stirnen stand Schweigsamkeit;
+das erkannten auch die, welche reden wollten.
+Und nach einer kleinen, ernsten Stille begann
+wieder das Spiel auf der Bandura, diesmal schon
+besser verstanden von der immer wachsenden
+Menge. Dreimal sang Ostap sein Lied von der
+Gerechtigkeit. Und es war jedesmal ein anderes.
+War es zum erstenmal Klage, so erschien es bei
+der Wiederholung Vorwurf, und endlich, da der
+Kobzar es zum drittenmal mit hocherhobener
+Stirne wie eine Kette kurzer Befehle rief, da
+brach ein wilder Zorn aus den zitternden Worten
+und erfaßte alle und riß sie hin in eine breite
+und zugleich bange Begeisterung.</p>
+
+<p>›Wo sammeln sich die Männer?‹ fragte ein
+junger Bauer, als der Sänger sich erhob. Der
+Alte, der von allen Bewegungen der Kosaken
+<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>
+unterrichtet war, nannte einen nahen Ort.
+Schnell zerstreuten sich die Männer, man hörte
+kurze Rufe, Waffen rührten sich, und vor den
+Türen weinten die Weiber. Eine Stunde später
+zog ein Trupp Bauern, bewaffnet, aus dem Dorfe
+gegen Tschernigof zu. Peter hatte dem Kobzar
+ein Glas Most angeboten in der Hoffnung, mehr
+von ihm zu erfahren. Der Alte saß, trank, gab
+aber nur kurze Antworten auf die vielen Fragen
+des Schusters. Dann dankte er und ging. Aljoscha
+führte den Blinden über die Schwelle. Als sie
+draußen waren in der Nacht und allein, bat
+Aljoscha: ›Und dürfen alle mitgehen in den Krieg?‹
+›Alle,‹ sagte der Alte und verschwand rascher
+ausschreitend, als ob er sehend würde in der Nacht.</p>
+
+<p>Als alle schliefen, erhob sich Aljoscha vom
+Ofen, wo er in den Kleidern gelegen hatte, nahm
+sein Gewehr und ging hinaus. Draußen fühlte
+er sich mit einem Male umarmt und sanft aufs
+Haar geküßt. Gleich darauf erkannte er im
+Mondlicht Akulina, die eilig und trippelnd auf das Haus
+zulief. ›Mutter?!‹ staunte er, und es wurde ihm
+<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>
+ganz eigentümlich zumut. Er zögerte eine Weile.
+Eine Tür ging irgendwo, und ein Hund heulte
+in der Nähe. Da warf Aljoscha sein Gewehr über
+die Schulter und schritt stark aus, denn er gedachte
+die Männer noch vor Morgen einzuholen.
+Im Hause aber taten alle, als ob sie Aljoschas
+Fehlen nicht bemerkten. Nur als sie sich wieder
+zu Tische setzten und Peter den leeren Platz
+gewahrte, stand er noch einmal auf, ging in die
+Ecke und zündete eine Kerze an vor der Znamenskaja.
+Eine ganz dünne Kerze. Die Häßliche
+zuckte mit den Achseln.</p>
+
+<p>Indessen ging Ostap, der blinde Greis, schon
+durch das nächste Dorf und begann traurig und
+mit sanfter klagender Stimme den Gesang von
+der Gerechtigkeit.«</p>
+
+<p>Der Lahme wartete noch eine Weile. Dann
+sah er mich erstaunt an: »Nun, weshalb schließen
+Sie nicht? Es ist doch wie in der Geschichte
+vom Verrat. Dieser Alte war Gott.«</p>
+
+<p>»O, und ich habe es nicht gewußt,« sagte ich
+erschauernd.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>EINE SZENE AUS DEM GHETTO VON VENEDIG</h2>
+
+<p class="drop-cap">Herr<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a> Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann,
+Ehrenoberster der freiwilligen Feuerwehr
+und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz
+zu sagen: Herr Baum muß eines meiner Gespräche
+mit Ewald belauscht haben. Es ist kein
+Wunder; ihm gehört das Haus, darin mein Freund
+zu ebener Erde wohnt. Herr Baum und ich, wir
+kennen uns längst vom Sehen. Neulich aber
+bleibt der Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig
+den Hut, so daß ein kleiner Vogel hätte ausfliegen
+können, im Falle einer drunter gefangen
+gewesen wäre. Er lächelt höflich und eröffnet
+unsere Bekanntschaft: »Sie reisen manchmal?«
+»O ja&nbsp;&ndash;,« erwiderte ich, etwas zerstreut, »das
+kann wohl sein.« Nun fuhr er vertraulich fort:
+»Ich glaube, wir sind die beiden einzigen hier,
+die in Italien waren.« »So&nbsp;&ndash;,« ich bemühte mich
+etwas aufmerksamer zu sein&nbsp;&ndash;, »ja, dann ist es
+allerdings dringend notwendig, daß wir miteinander
+reden.«</p>
+
+<p>Herr Baum lachte. »Ja, Italien &ndash; das ist doch
+noch etwas. Ich erzähle immer meinen Kindern
+<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>
+&ndash; zum Beispiel nehmen Sie Venedig!« Ich
+blieb stehen: »Sie erinnern sich noch Venedigs?«
+»Aber, ich bitte Sie,« stöhnte er, denn er war
+etwas zu dick, um sich mühelos zu entrüsten, &ndash;
+»wie sollte ich nicht &ndash; wer das einmal gesehen
+hat &ndash; diese Piazzetta &ndash; nicht wahr?« »Ja,« entgegnete
+ich, »ich erinnere mich besonders gern
+der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen
+Hingleitens am Rande von Vergangenheiten.«
+»Der Palazzo Franchetti,« fiel ihm ein.
+»Die Cà Doro,« &ndash; gab ich zurück. »Der Fischmarkt&nbsp;&ndash;«
+»Der Palazzo Vendramin&nbsp;&ndash;« »Wo Richard
+Wagner« &ndash; fügte er rasch, als ein gebildeter
+Deutscher hinzu. Ich nickte: »Den Ponte,
+wissen Sie?« Er lächelte mit Orientierung:
+»Selbstverständlich, und das Museum, die Akademie
+nicht zu vergessen, wo ein Tizian&nbsp;&hellip;«</p>
+
+<p>So hat sich Herr Baum einer Art Prüfung
+unterzogen, die etwas anstrengend war. Ich
+nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu
+entschädigen. Und begann ohne weiteres:</p>
+
+<p>»Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfährt,
+<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a>
+an dem Fondaco de' Turchi und an
+dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt:
+›Rechts!‹ so sieht er etwas erstaunt aus und fragt
+wohl gar ›Dove?‹ Aber man besteht darauf, nach
+rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen
+schmutzigen Kanäle aus, handelt mit ihm,
+schimpft und geht durch gedrängte Gassen und
+schwarze verqualmte Torgänge auf einen leeren
+freien Platz hinaus. Alles das einfach aus dem
+Grunde, weil dort meine Geschichte handelt.«
+Herr Baum berührte mich sanft am Arm: »Verzeihen
+Sie, welche Geschichte?« Seine kleinen
+Augen gingen etwas beängstigt hin und her.</p>
+
+<p>Ich beruhigte ihn: »Irgendeine, verehrter Herr,
+keine irgendwie nennenswerte. Ich kann Ihnen
+auch nicht sagen, wann sie geschah. Vielleicht
+unter dem Dogen Alvise Moncenigo&nbsp;IV., aber es
+kann auch etwas früher oder später gewesen sein.
+Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie solche gesehen
+haben sollten, sind wie auf purpurnem
+Samt gemalt, überall bricht etwas Warmes, gleichsam
+Waldiges durch, und um die gedämpften
+<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>
+Lichter darin drängen sich horchende Schatten.
+Giorgione hat auf mattem, alterndem Gold, Tizian
+auf schwarzem Atlas gemalt, aber in der
+Zeit, von der ich rede, liebte man lichte Bilder,
+auf einen Grund von weißer Seide gesetzt, und
+der Name, mit dem man spielte, den schöne
+Lippen in die Sonne warfen und den reizende
+Ohren auffingen, wenn er zitternd niederfiel,
+dieser Name ist Gian Battista Tiepolo.</p>
+
+<p>Aber das alles kommt in meiner Geschichte
+nicht vor. Es geht nur das wirkliche Venedig
+an, die Stadt der Paläste, der Abenteuer, der Masken
+und der blassen Lagunennächte, die wie
+keine anderen Nächte sonst den Ton von heimlichen
+Romanzen tragen. &ndash; In dem Stück Venedig,
+von dem ich erzähle, sind nur arme tägliche
+Geräusche, die Tage gehen gleichförmig
+darüber hin, als ob es nur ein einziger wäre,
+und die Gesänge, die man dort vernimmt, sind
+wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie
+ein wallender Qualm über den Gassen lagern.
+Sobald es dämmert, treibt sich viel scheues Gesindel
+<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
+dort herum, unzählige Kinder haben ihre
+Heimat auf den Plätzen und in den engen kalten
+Haustüren und spielen mit Scherben und Abfällen
+von buntem Glasfluß, demselben, aus dem
+die Meister die ernsten Mosaiken von San Marco
+fügten. Ein Adeliger kommt selten in das Ghetto.
+Höchstens zur Zeit, wenn die Judenmädchen zum
+Brunnen kommen, kann man manchmal eine Gestalt,
+schwarz, im Mantel und mit Maske bemerken.
+Gewisse Leute wissen aus Erfahrung, daß
+diese Gestalt einen Dolch in den Falten verborgen
+trägt. Jemand will einmal im Mondlicht das Gesicht
+des Jünglings gesehen haben, und es wird
+seither behauptet, dieser schwarze schlanke Gast
+sei Marcantonio Priuli, Sohn des Proveditore
+Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli.
+Man weiß, er wartet unter dem Torweg des
+Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn es
+einsam wird, quer über den Platz und tritt bei
+dem alten Melchisedech ein, dem reichen Goldschmied,
+der viele Söhne und sieben Töchter
+und von den Söhnen und Töchtern viele Enkel
+<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>
+hat. Die jüngste Enkelin, Esther, erwartet ihn,
+an den greisen Großvater geschmiegt, in einem
+niederen, dunklen Gemach, in welchem vieles
+glänzt und glüht, und Seide und Samt hängt sanft
+über den Gefäßen, wie um ihre vollen, goldenen
+Flammen zu stillen. Hier sitzt Marcantonio auf
+einem silbergestickten Kissen, dem greisen Juden
+zu Füßen und erzählt von Venedig, wie von
+einem Märchen, das es nirgendwo jemals ganz
+so gegeben hat. Er erzählt von den Schauspielen,
+von den Schlachten des venezianischen Heeres,
+von fremden Gästen, von Bildern und Bildsäulen,
+von der »Sensa« am Himmelfahrtstage, von dem
+Karneval und von der Schönheit seiner Mutter
+Catharina Minelli. Alles das ist für ihn von ähnlichem
+Sinn, verschiedene Ausdrücke für Macht
+und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist
+alles fremd; denn die Juden sind streng ausgeschlossen
+von jedem Verkehr, und auch der
+reiche Melchisedech betritt niemals das Gebiet
+des Großen Rates, obwohl er als Goldschmied
+und weil er allgemeine Achtung genoß, es hätte
+<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>
+wagen dürfen. In seinem langen Leben hat der
+Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn alle wie
+einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom
+Rate verschafft, aber er hatte auch immer wieder
+den Rückschlag erlebt. Sooft ein Unheil über
+den Staat hereinbrach, rächte man sich an den
+Juden; die Venezianer selbst waren von viel
+zu verwandtem Geiste, als daß sie, wie andere
+Völker, die Juden für den Handel gebraucht
+hätten, sie quälten sie mit Abgaben, beraubten
+sie ihrer Güter und beschränkten immer mehr
+das Gebiet des Ghetto, so daß die Familien, die
+sich mitten in aller Not fruchtbar vermehrten,
+gezwungen waren, ihre Häuser aufwärts, eines
+auf das Dach des anderen zu bauen. Und ihre
+Stadt, die nicht am Meere lag, wuchs so langsam
+in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer,
+und um den Platz mit dem Brunnen erhoben
+sich auf allen Seiten die steilen Gebäude wie die
+Wände irgendeines Riesenturms.</p>
+
+<p>Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit
+des hohen Alters, hatte seinen Mitbürgern,
+<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>
+Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag
+gemacht. Er wollte immer das jeweilig
+höchste dieser winzigen Häuser, die sich in
+zahllosen Stockwerken übereinanderschoben,
+bewohnen. Man erfüllte ihm diesen seltsamen
+Wunsch gerne, denn man traute ohnehin nicht
+mehr der Tragkraft der unteren Mauern und setzte
+oben so leichte Steine auf, daß der Wind die
+Wände gar nicht zu bemerken schien. So siedelte
+der Greis zwei- bis dreimal im Jahre um und
+Esther, die ihn nicht verlassen wollte, immer mit
+ihm. Schließlich waren sie so hoch, daß, wenn
+sie aus der Enge ihres Gemachs auf das flache
+Dach traten, in der Höhe ihrer Stirnen schon
+ein anderes Land begann, von dessen Gebräuchen
+der Alte in dunklen Worten, halb psalmend,
+sprach. Es war jetzt sehr weit zu ihnen hinauf;
+durch viele fremde Leben hindurch, über steile
+und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern
+vorüber und über die Überfälle hungernder Kinder
+hinaus ging der Weg, und seine vielen Hindernisse
+beschränkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio
+<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>
+kam nicht mehr zu Besuch, und Esther
+vermißte ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden,
+da sie mit ihm allein gewesen war, so groß und
+lange angeschaut, daß ihr schien, er wäre damals
+tief in ihre dunklen Augen gestürzt und gestorben,
+und jetzt begönne in ihr selbst sein neues, ewiges
+Leben, an das er als Christ doch geglaubt hatte.
+Mit diesem neuen Gefühl in ihrem jungen Leib
+stand sie tagelang auf dem Dache und suchte das
+Meer. Aber so hoch die Behausung auch war,
+man erkannte zuerst nur den Giebel des Palazzo
+Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer
+Kirche, eine fernere Kuppel, wie frierend im
+Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken,
+Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden
+Himmels.</p>
+
+<p>Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl
+ihm das Steigen schon schwer fiel, allen
+Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man
+hatte eine neue Hütte, hoch über allen, gebaut.
+Als er nach so langer Zeit wieder über den Platz
+ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele
+<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>
+um ihn und neigten sich über seine tastenden
+Hände und baten ihn um seinen Rat in vielen
+Dingen; denn er war ihnen wie ein Toter, der
+aus seinem Grabe steigt, weil irgendeine Zeit
+sich erfüllt hat. Und so schien es auch. Die
+Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein Aufstand
+sei, der Adel sei in Gefahr, und über ein
+kurzes würden die Grenzen des Ghetto fallen,
+und alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen.
+Der Alte antwortete nichts und nickte
+nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und
+noch vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak
+Rosso, auf dessen Gipfel seine neue Wohnung
+lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf.
+Oben bekam Esther ein blondes, zartes Kind.
+Nachdem sie sich erholt hatte, trug sie es auf
+den Armen hinaus auf das Dach und legte zum
+erstenmal den ganzen goldenen Himmel in seine
+offenen Augen. Es war ein Herbstmorgen von
+unbeschreiblicher Klarheit. Die Dinge dunkelten,
+fast ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter
+ließen sich, wie auf große Blumen, auf sie nieder,
+<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a>
+ruhten eine Weile und schwebten dann über die
+goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel.
+Und dort, wo sie verschwanden, erblickte man
+von dieser höchsten Stelle, was noch keiner vom
+Ghetto aus je gesehen hatte&nbsp;&ndash;, ein stilles, silbernes
+Licht: das Meer. Und erst jetzt, da Esthers Augen
+sich an die Herrlichkeit gewöhnt hatten, bemerkte
+sie am Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech.
+Er erhob sich mit ausgebreiteten Armen
+und zwang seine matten Augen, in den Tag zu
+schauen, der sich langsam entfaltete. Seine Arme
+blieben hoch, seine Stirne trug einen strahlenden
+Gedanken; es war, als ob er opferte. Dann ließ
+er sich immer wieder vornüberfallen und preßte
+den alten Kopf an die schlechten kantigen Steine.
+Das Volk aber stand unten auf dem Platze versammelt
+und blickte herauf. Einzelne Gebärden
+und Worte erhoben sich aus der Menge, aber sie
+reichten nicht bis zu dem einsam betenden Greise.
+Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten
+wie in den Wolken. Der Alte aber fuhr fort,
+sich stolz zu erheben und aufs neue in Demut
+<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>
+zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die
+Menge unten wuchs und ließ ihn nicht aus den
+Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den
+Ewigen, in seiner Glorie?«</p>
+
+<p>Herr Baum bemühte sich, recht schnell etwas
+zu bemerken. Es gelang ihm nicht gleich. »Das
+Meer wahrscheinlich,« &ndash; sagte er dann trocken,
+»es ist ja auch ein Eindruck« &ndash; wodurch er sich
+besonders aufgeklärt und verständig erwies.</p>
+
+<p>Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte
+mich doch nicht enthalten, ihm nachzurufen:
+»Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren
+Kindern zu erzählen.« Er besann sich: »Den
+Kindern? Wissen Sie, da ist dieser junge Adlige,
+dieser Antonio, oder wie er heißt, ein ganz und
+gar nicht schöner Charakter und dann: das
+Kind, dieses Kind! Das dürfte doch &ndash; für Kinder&nbsp;&ndash;«
+»O,« beruhigte ich ihn, »Sie haben vergessen,
+verehrter Herr, daß die Kinder von Gott
+kommen! Wie sollten die Kinder zweifeln, daß
+Esther eines bekam, da sie doch so nahe am
+Himmel wohnt!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a>Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen,
+und wenn man sie fragt, wie sie darüber
+denken, was der alte Jude Melchisedech wohl erblickt
+haben mag in seiner Verzückung, so sagen
+sie ohne nachzusinnen: »O, das Meer auch.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>VON EINEM, DER DIE STEINE BELAUSCHT</h2>
+
+<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a> bin schon wieder bei meinem lahmen
+Freunde. Er lächelt in seiner eigentümlichen
+Art: »Und von Italien haben Sie mir noch nie
+erzählt.« »Das soll heißen, ich möge es so bald
+als möglich nachholen?«</p>
+
+<p>Ewald nickt und schließt schon die Augen,
+um zuzuhören. Ich fange also an. »Was wir
+Frühling fühlen, sieht Gott als ein flüchtiges,
+kleines Lächeln über die Erde gehen. Sie scheint
+sich an etwas zu erinnern, im Sommer erzählt
+sie allen davon, bis sie weiser wird in der großen,
+herbstlichen Schweigsamkeit, mit welcher sie
+sich Einsamen vertraut. Alle Frühlinge, welche
+Sie und ich erlebt haben, zusammengenommen,
+reichen noch nicht aus, eine Sekunde Gottes zu
+füllen. Der Frühling, den Gott bemerken soll,
+darf nicht in Bäumen und auf Wiesen bleiben,
+er muß irgendwie in den Menschen mächtig
+werden, denn dann geht er sozusagen nicht in
+der Zeit, vielmehr in der Ewigkeit vor sich und
+in Gegenwart Gottes.</p>
+
+<p>Als dieses einmal geschah, mußten Gottes
+<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>
+Blicke in ihren dunkeln Schwingen über Italien
+hängen. Das Land unten war hell, die Zeit
+glänzte wie Gold, aber quer darüber, wie ein
+dunkler Weg, lag der Schatten eines breiten
+Mannes, schwer und schwarz, und weit davor
+der Schatten seiner schaffenden Hände, unruhig,
+zuckend, bald über Pisa, bald über Neapel, bald
+zerfließend auf der ungewissen Bewegung des
+Meeres. Gott konnte seine Augen nicht abwenden
+von diesen Händen, die ihm zuerst gefaltet
+schienen, wie betende, &ndash; aber das Gebet,
+welches ihnen entquoll, drängte sie weit auseinander.
+Es wurde eine Stille in den Himmeln.
+Alle Heiligen folgten den Blicken Gottes und
+betrachteten wie er den Schatten, der halb Italien
+verhüllte, und die Hymnen der Engel blieben
+auf ihren Gesichtern stehen, und die Sterne
+zitterten, denn sie fürchteten, irgend etwas verschuldet
+zu haben, und warteten demütig auf
+Gottes zorniges Wort. Aber nichts dergleichen
+geschah. Die Himmel hatten sich in ihrer ganzen
+Breite über Italien aufgetan, so daß Raffael in
+<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>
+Rom auf den Knien lag, und der selige Fra Angelico
+von Fiesole stand in einer Wolke und
+freute sich über ihn. Viele Gebete waren zu
+dieser Stunde von der Erde unterwegs. Gott
+aber erkannte nur eines: die Kraft Michelangelos
+stieg wie Duft von Weinbergen zu ihm empor.
+Und er duldete, daß sie seine Gedanken erfüllte.
+Er neigte sich tiefer, fand den schaffenden Mann,
+sah über seine Schultern fort auf die am Steine
+horchenden Hände und erschrak: sollten in den
+Steinen auch Seelen sein? Warum belauschte
+dieser Mann die Steine? Und nun erwachten
+ihm die Hände und wühlten den Stein auf wie
+ein Grab, darin eine schwache, sterbende Stimme
+flackert: ›Michelangelo,‹ rief Gott in Bangigkeit,
+›wer ist im Stein?‹ Michelangelo horchte auf;
+seine Hände zitterten. Dann antwortete er dumpf:
+›Du, mein Gott, wer denn sonst. Aber ich kann
+nicht zu dir.‹ Und da fühlte Gott, daß er auch
+im Steine sei, und es wurde ihm ängstlich und
+enge. Der ganze Himmel war nur ein Stein,
+und er war mitten drin eingeschlossen und hoffte
+<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>
+auf die Hände Michelangelos, die ihn befreien
+würden, und er hörte sie kommen, aber noch
+weit. Der Meister aber war wieder über dem
+Werke. Er dachte beständig: du bist nur ein
+kleiner Block, und ein anderer könnte in dir
+kaum einen Menschen finden. Ich aber fühle
+hier eine Schulter: es ist die des Josef von Arimathäa,
+hier neigt sich Maria, ich spüre ihre
+zitternden Hände, welche Jesum, unseren Herrn,
+halten, der eben am Kreuze verstarb. Wenn in
+diesem kleinen Marmor diese drei Raum haben,
+wie sollte ich nicht einmal ein schlafendes Geschlecht
+aus einem Felsen heben? Und mit
+breiten Hieben machte er die drei Gestalten der
+Pietà frei, aber er löste nicht ganz die steinernen
+Schleier von ihren Gesichtern, als fürchtete er,
+ihre tiefe Traurigkeit könnte sich lähmend über
+seine Hände legen. So flüchtete er zu einem
+anderen Steine. Aber jedesmal verzagte er, einer
+Stirne ihre volle Klarheit, einer Schulter ihre
+reinste Rundung zu geben, und wenn er ein
+Weib bildete, so legte er nicht das letzte Lächeln
+<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a>
+um ihren Mund, damit ihre Schönheit nicht ganz
+verraten sei.</p>
+
+<p>Zu dieser Zeit entwarf er das Grabdenkmal für
+Julius della Rovere. Einen Berg wollte er bauen
+über den eisernen Papst und ein Geschlecht dazu,
+welches diesen Berg bevölkerte. Von vielen
+dunkeln Plänen erfüllt, ging er hinaus nach
+seinen Marmorbrüchen. Über einem armen Dorf
+erhob sich steil der Hang. Umrahmt von Oliven
+und welkem Gestein, erschienen die frisch gebrochenen
+Flächen wie ein großes blasses Gesicht
+unter alterndem Haar. Lange stand Michelangelo
+vor seiner verhüllten Stirne. Plötzlich
+bemerkte er darunter zwei riesige Augen aus
+Stein, welche ihn betrachteten. Und Michelangelo
+fühlte seine Gestalt wachsen unter dem
+Einfluß dieses Blickes. Jetzt ragte auch er über
+dem Land, und es war ihm, als ob er von Ewigkeit
+her diesem Berg brüderlich gegenüberstände.
+Das Tal wich unter ihm zurück wie unter einem
+Steigenden, die Hütten drängten sich wie Herden
+aneinander, und näher und verwandter zeigte
+<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
+sich das Felsengesicht unter seinen weißen steinernen
+Schleiern. Es hatte einen wartenden Ausdruck,
+reglos und doch am Rande der Bewegung.
+Michelangelo dachte nach: ›Man kann dich nicht
+zerschlagen, du bist ja nur Eines,‹ und dann hob
+er seine Stimme: ›Dich will ich vollenden, du
+bist mein Werk.‹ Und er wandte sich nach
+Florenz zurück. Er sah einen Stern und den
+Turm vom Dom. Und um seine Füße war
+Abend.</p>
+
+<p>Mit einem Mal, an der Porta Romana, zögerte
+er. Die beiden Häuserreihen streckten sich wie
+Arme nach ihm aus, und schon hatten sie ihn
+ergriffen und zogen ihn hinein in die Stadt.
+Und immer enger und dämmernder wurden die
+Gassen, und als er sein Haus betrat, da wußte
+er sich in dunkeln Händen, denen er nicht entgehen
+konnte. Er flüchtete in den Saal und von
+da in die niedere, kaum zwei Schritte lange
+Kammer, darin er zu schreiben pflegte. Ihre
+Wände legten sich an ihn, und es war, als
+kämpften sie mit seinen Übermaßen und zwängten
+<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>
+ihn zurück in die alte, enge Gestalt. Und
+er duldete es. Er drückte sich in die Knie und
+ließ sich formen von ihnen. Er fühlte eine nie
+gekannte Demut in sich und hatte selbst den
+Wunsch, irgendwie klein zu sein. Und eine
+Stimme kam: ›Michelangelo, wer ist in dir?‹
+Und der Mann in der schmalen Kammer legte
+die Stirn schwer in die Hände und sagte leise:
+›Du, mein Gott, wer denn sonst.‹</p>
+
+<p>Und da wurde es weit um Gott, und er hob
+sein Gesicht, welches über Italien war, frei
+empor und schaute um sich: in Mänteln und
+Mitren standen die Heiligen da, und die Engel
+gingen mit ihren Gesängen wie mit Krügen voll
+glänzenden Quells unter den dürstenden Sternen
+umher, und es war der Himmel kein Ende.«</p>
+
+<p>Mein lahmer Freund hob seine Blicke und
+duldete, daß die Abendwolken sie mitzogen über
+den Himmel hin: »Ist Gott denn <em class="gesperrt">dort</em>?« fragte
+er. Ich schwieg. Dann neigte ich mich zu ihm:
+»Ewald, sind wir denn <em class="gesperrt">hier</em>?« Und wir hielten
+uns herzlich die Hände.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a>WIE DER FINGERHUT DAZU KAM, DER LIEBE GOTT ZU SEIN</h2>
+
+<p class="drop-cap">Als<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> ich vom Fenster forttrat, waren die Abendwolken
+immer noch da. Sie schienen zu
+warten. Soll ich ihnen auch eine Geschichte erzählen?
+Ich schlug es ihnen vor. Aber sie hörten
+mich gar nicht. Um mich verständlich zu machen
+und die Entfernung zwischen uns zu beschränken,
+rief ich: »Ich bin auch eine Abendwolke.«
+Sie blieben stehen, offenbar betrachteten sie
+mich. Dann streckten sie mir ihre feinen, durchscheinenden
+rötlichen Flügel entgegen. Das ist
+die Art, wie Abendwolken sich begrüßen. Sie
+hatten mich erkannt.</p>
+
+<p>»Wir sind über der Erde,« &ndash; erklärten sie &ndash;
+»genauer über Europa, und du?« Ich zögerte:
+»Es ist da ein Land&nbsp;&ndash;« »Wie sieht es aus?« erkundigten
+sie sich. »Nun,« entgegnete ich &ndash;
+»Dämmerung mit Dingen&nbsp;&ndash;« »Das ist Europa
+auch,« lachte eine junge Wolke. »Möglich,«
+sagte ich, »aber ich habe immer gehört: die
+Dinge in Europa sind tot.« »Ja, allerdings,« bemerkte
+eine andere verächtlich. »Was wäre das
+für ein Unsinn: lebende Dinge?« »Nun,« beharrte
+<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
+ich, »meine leben. Das ist also der Unterschied.
+Sie können verschiedenes werden, und
+ein Ding, welches als Bleistift oder als Ofen zur
+Welt kommt, muß deshalb noch nicht an seinem
+Fortkommen verzweifeln. Ein Bleistift kann mal
+ein Stock, wenn es gut geht, ein Mastbaum, ein
+Ofen aber mindestens ein Stadttor werden.«</p>
+
+<p>»Du scheinst mir eine recht einfältige Abendwolke
+zu sein,« sagte die junge Wolke, welche
+sich schon früher so wenig zurückhaltend ausgedrückt
+hatte. Ein alter Wolkerich fürchtete,
+sie könnte mich beleidigt haben. »Es gibt ganz
+verschiedene Länder,« begütigte er, »ich war
+einmal über ein kleines deutsches Fürstentum
+geraten, und ich glaube bis heute nicht, daß das
+zu Europa gehörte.« Ich dankte ihm und sagte:
+»Wir werden uns schwer einigen können, sehe
+ich. Erlauben Sie, ich werde Ihnen einfach das
+erzählen, was ich in der letzten Zeit unter mir
+erblickte, das wird wohl das beste sein.« »Bitte,«
+gestattete der weise Wolkerich im Auftrage aller.
+Ich begann: »Menschen sind in einer Stube. Ich
+<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>
+bin ziemlich hoch, müßt ihr wissen, und so
+kommt es: sie sehen für mich wie Kinder aus;
+deshalb will ich auch einfach sagen: Kinder.
+Also: Kinder sind in einer Stube. Zwei, fünf,
+sechs, sieben Kinder. Es würde zu lange dauern,
+sie um ihre Namen zu fragen. Übrigens
+scheinen die Kinder eifrig etwas zu besprechen;
+bei dieser Gelegenheit wird sich ja der eine oder
+der andere Name verraten. Sie stehen wohl
+schon eine ganze Weile so beisammen, denn der
+älteste (ich vernehme, daß er Hans gerufen wird)
+bemerkt gleichsam abschließend: ›Nein, so kann
+es entschieden nicht bleiben. Ich habe gehört,
+früher haben die Eltern den Kindern am Abend
+immer, oder wenigstens an braven Abenden &ndash;
+Geschichten erzählt bis zum Einschlafen. Kommt
+so etwas heute vor?‹ Eine kleine Pause, dann
+antwortet Hans selbst: ›Es kommt nicht vor,
+nirgends. Ich für meinen Teil, auch weil ich
+schon groß bin gewissermaßen, schenke ihnen
+ja gern diese paar elenden Drachen, mit denen
+sie sich quälen würden, aber immerhin, es gehört
+<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>
+sich, daß sie uns sagen, es gibt Nixen, Zwerge,
+Prinzen und Ungeheuer.‹ ›Ich habe eine Tante,‹
+bemerkte eine Kleine, ›die erzählt mir manchmal&nbsp;&ndash;‹
+›Ach was,‹ schneidet Hans kurz ab,
+›Tanten gelten nicht, die lügen.‹ Die ganze Gesellschaft
+war sehr eingeschüchtert angesichts
+dieser kühnen, aber unwiderlegten Behauptung.
+Hans fährt fort: ›Auch handelt es sich hier vor
+allem um die Eltern, weil diese gewissermaßen
+die Verpflichtung haben, uns in dieser Weise zu
+unterrichten: bei den anderen ist es mehr Güte.
+Verlangen kann man es nicht von ihnen. Aber
+gebt nur mal acht: was tun unsere Eltern? Sie
+gehen mit bösen gekränkten Gesichtern umher,
+nichts ist ihnen recht, sie schreien und schelten,
+aber dabei sind sie doch so gleichgültig, und
+wenn die Welt unterginge, sie würden es kaum
+bemerken. Sie haben etwas, was sie »Ideale«
+nennen. Vielleicht ist das auch so eine Art
+kleine Kinder, die nicht allein bleiben dürfen
+und sehr viel Mühe machen; aber dann hätten
+sie eben uns nicht haben dürfen. Nun, ich denke
+<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a>
+so, Kinder: daß die Eltern uns vernachlässigen,
+ist traurig, gewiß. Aber wir würden das dennoch
+ertragen, wenn es nicht ein Beweis wäre
+dafür, daß die Großen überhaupt dumm werden,
+zurückgehen, wenn man so sagen darf. Wir
+können ihren Verfall nicht aufhalten; denn wir
+können den ganzen Tag keinen Einfluß auf sie
+ausüben, und kommen wir spät aus der Schule
+nach Haus, wird kein Mensch verlangen, daß
+wir uns hinsetzen und versuchen, sie für etwas
+Vernünftiges zu interessieren. Es tut einem auch
+recht weh, wenn man so unter der Lampe sitzt
+und sitzt, und die Mutter begreift nicht einmal
+den pythagoreischen Lehrsatz. Nun, es ist einmal
+nicht anders. So werden die Großen immer
+dümmer werden &hellip; es schadet nichts: was kann
+uns dabei verloren gehen? die Bildung? Sie
+ziehen den Hut voreinander, und wenn eine
+Glatze dabei zum Vorschein kommt, so lachen
+sie. Überhaupt: sie lachen beständig. Wenn wir
+nicht dann und wann so vernünftig wären, zu
+weinen, es gäbe durchaus kein Gleichgewicht
+<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>
+auch in diesen Angelegenheiten. Dabei sind sie
+von einem Hochmut: sie behaupten sogar, der
+Kaiser sei ein Erwachsener. Ich habe in den
+Zeitungen gelesen, der König von Spanien sei
+ein Kind, so ist es mit allen Königen und Kaisern,
+&ndash; laßt euch nur nichts einreden! Aber neben
+allem Überflüssigen haben die Großen doch
+etwas, was uns durchaus nicht gleichgültig sein
+kann: den lieben Gott. Ich habe ihn zwar noch
+bei keinem von ihnen gesehen, &ndash; aber gerade
+das ist verdächtig. Es ist mir eingefallen, sie
+könnten ihn in ihrer Zerstreutheit, Geschäftigkeit
+und Hast irgendwo verloren haben. Nun
+ist er aber etwas durchaus Notwendiges. Verschiedenes
+kann ohne ihn nicht geschehen, die
+Sonne kann nicht aufgehen, keine Kinder können
+kommen, aber auch das Brot wird aufhören.
+Wenn es auch beim Bäcker herauskommt, der
+liebe Gott sitzt und dreht die großen Mühlen.
+Es lassen sich leicht viele Gründe finden, weshalb
+der liebe Gott etwas Unentbehrliches ist.
+Aber so viel steht fest, die Großen kümmern
+<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>
+sich nicht um ihn, also müssen wir Kinder es
+tun. Hört, was ich mir ausgedacht habe. Wir
+sind genau sieben Kinder. Jedes muß den lieben
+Gott einen Tag tragen, dann ist er die ganze
+Woche bei uns, und man weiß immer, wo er
+sich gerade befindet.‹</p>
+
+<p>Hier entstand eine große Verlegenheit. Wie
+sollte das geschehen? Konnte man denn den
+lieben Gott in die Hand nehmen oder in die
+Tasche stecken? Dazu erzählte ein Kleiner:
+›Ich war allein im Zimmer. Eine kleine Lampe
+brannte nahe bei mir, und ich saß im Bett und
+sagte mein Abendgebet &ndash; sehr laut. Es rührte
+sich etwas in meinen gefalteten Händen. Es
+war weich und warm und wie ein kleines Vögelchen.
+Ich konnte die Hände nicht auftun, denn
+das Gebet war noch nicht aus. Aber ich war
+sehr neugierig und betete furchtbar schnell.
+Dann beim Amen machte ich so (der Kleine
+streckte die Hände aus und spreizte die Finger),
+aber es war nichts da.‹</p>
+
+<p>Das konnten sich alle vorstellen. Auch Hans
+<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>
+wußte keinen Rat. Alle schauten ihn an. Und
+auf einmal sagte er: ›Das ist ja dumm. Ein jedes
+Ding kann der liebe Gott sein. Man muß es
+ihm nur sagen.‹ Er wandte sich an den ihm zunächst
+stehenden, rothaarigen Knaben. ›Ein Tier
+kann das nicht. Es läuft davon. Aber ein Ding,
+siehst du, es steht, du kommst in die Stube, bei
+Tag, bei Nacht, es ist immer da, es kann wohl
+der liebe Gott sein.‹ Allmählich überzeugten
+sich die anderen davon. ›Aber wir brauchen
+einen kleinen Gegenstand, den man überall mittragen
+kann, sonst hat es ja keinen Sinn. Leert
+einmal alle eure Taschen aus.‹ Da zeigten sich
+nun sehr seltsame Dinge: Papierschnitzel, Federmesser,
+Radiergummi, Federn, Bindfaden, kleine
+Steine, Schrauben, Pfeifen, Holzspänchen und
+vieles andere, was sich aus der Ferne gar nicht
+erkennen läßt, oder wofür der Name mir <ins title="fehlt">fehlt.</ins>
+Und alle diese Dinge lagen in den seichten Händen
+der Kinder, wie erschrocken über die plötzliche
+Möglichkeit, der liebe Gott zu werden, und
+welches von ihnen ein bißchen glänzen konnte,
+<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>
+glänzte, um dem Hans zu gefallen. Lange
+schwankte die Wahl. Endlich fand sich bei der
+kleinen Resi ein Fingerhut, den sie ihrer Mutter
+einmal weggenommen hatte. Er war licht wie
+aus Silber, und um seiner Schönheit willen wurde
+er der liebe Gott. Hans selbst steckte ihn ein,
+denn er begann die Reihe, und alle Kinder gingen
+den ganzen Tag hinter ihm her und waren stolz
+auf ihn. Nur schwer einigte man sich, wer ihn
+morgen haben sollte, und Hans stellte in seiner
+Umsicht dann das Programm gleich für die ganze
+Woche fest, damit kein Streit ausbräche.</p>
+
+<p>Diese Einrichtung erwies sich im ganzen als
+überaus zweckmäßig. Wer den lieben Gott gerade
+hatte, konnte man auf den ersten Blick erkennen.
+Denn der Betreffende ging etwas steifer
+und feierlicher und machte ein Gesicht wie am
+Sonntag. Die ersten drei Tage sprachen die
+Kinder von nichts anderem. Jeden Augenblick
+verlangte eines den lieben Gott zu sehen, und
+wenn sich der Fingerhut unter dem Einfluß
+seiner großen Würde auch gar nicht verändert
+<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>
+hatte, das Fingerhutliche an ihm erschien jetzt
+nur als ein bescheidenes Kleid um seine wirkliche
+Gestalt. Alles ging nach der Ordnung vor
+sich. Am Mittwoch hatte ihn Paul, am Donnerstag
+die kleine Anna. Der Samstag kam. Die Kinder
+spielten Fangen und tollten atemlos durcheinander,
+als Hans plötzlich rief: ›Wer hat denn
+den lieben Gott?‹ Alle standen. Jedes sah das
+andere an. Keines erinnerte sich, ihn seit zwei
+Tagen gesehen zu haben. Hans zählte ab, wer
+an der Reihe sei; es kam heraus: die kleine Marie.
+Und nun verlangte man ohne weiteres von der
+kleinen Marie den lieben Gott. Was war da zu
+tun? Die Kleine kratzte in ihren Taschen herum.
+Jetzt fiel ihr erst ein, daß sie ihn am Morgen erhalten
+hatte; aber jetzt war er fort, wahrscheinlich
+hatte sie ihn hier beim Spielen verloren.</p>
+
+<p>Und als alle Kinder nach Hause gingen, blieb
+die Kleine auf der Wiese zurück und suchte.
+Das Gras war ziemlich hoch. Zweimal kamen
+Leute vorüber und fragten, ob sie etwas verloren
+hätte. Jedesmal antwortete das Kind: ›Einen
+<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>
+Fingerhut‹ &ndash; und suchte. Die Leute taten eine
+Weile mit, wurden aber bald des Bückens müde,
+und einer riet im Fortgehen: ›Geh lieber nach
+Haus, man kann ja einen neuen kaufen.‹ Dennoch
+suchte Mariechen weiter. Die Wiese wurde
+immer fremder in der Dämmerung, und das
+Gras begann naß zu werden. Da kam wieder
+ein Mann. Er beugte sich über das Kind: ›Was
+suchst du?‹ Jetzt antwortete Mariechen, nicht
+weit vom Weinen, aber tapfer und trotzig: ›Den
+lieben Gott.‹ Der Fremde lächelte, nahm sie
+einfach bei der Hand, und sie ließ sich führen,
+als ob jetzt alles gut wäre. Unterwegs sagte der
+fremde Mann: ›Und sieh mal, was ich heute für
+einen schönen Fingerhut gefunden habe.‹&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Die Abendwolken waren schon längst ungeduldig.
+Jetzt wandte sich der weise Wolkerich,
+welcher indessen dick geworden war, zu mir:
+»Verzeihen Sie, dürfte ich nicht den Namen des
+Landes &ndash; über welchem Sie&nbsp;&ndash;« Aber die anderen
+Wolken liefen lachend in den Himmel
+hinein und zogen den Alten mit.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>EIN MÄRCHEN VOM TOD UND EINE FREMDE NACHSCHRIFT DAZU</h2>
+
+<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a> schaute noch immer hinauf in den langsam
+verlöschenden Abendhimmel, als jemand
+sagte: »Sie scheinen sich ja für das Land
+da oben sehr zu interessieren?«</p>
+
+<p>Mein Blick fiel schnell, wie heruntergeschossen,
+und ich erkannte: ich war an die niedere Mauer
+unseres kleinen Kirchhofs geraten, und vor mir,
+jenseits derselben, stand der Mann mit dem Spaten
+und lächelte ernst. »Ich interessiere mich wieder
+für dieses Land hier,« ergänzte er und wies nach
+der schwarzen, feuchten Erde, welche an manchen
+Stellen hervorsah aus den vielen welken Blättern,
+die sich rauschend rührten, während ich nicht
+wußte, daß ein Wind begonnen hatte. Plötzlich
+sagte ich, von heftigem Abscheu erfaßt: »Warum
+tun Sie das da?« Der Totengräber lächelte immer
+noch: »Es ernährt einen auch &ndash; und dann, ich
+bitte Sie, tun nicht die meisten Menschen das
+gleiche? Sie begraben Gott dort, wie ich die
+Menschen hier.« Er zeigte nach dem Himmel
+und erklärte mir: »Ja, das ist auch ein großes
+Grab, im Sommer stehen wilde Vergißmeinnicht
+<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>
+drauf&nbsp;&ndash;« Ich unterbrach ihn: »Es gab eine Zeit,
+wo die Menschen Gott im Himmel begruben,
+das ist wahr&nbsp;&ndash;« »Ist das anders geworden?«
+fragte er seltsam traurig. Ich fuhr fort: »Einmal
+warf jeder eine Hand Himmel über ihn, ich
+weiß. Aber da war er eigentlich schon nicht
+mehr dort, oder doch&nbsp;&ndash;« Ich zögerte.</p>
+
+<p>»Wissen Sie,« begann ich dann von neuem,
+»in alten Zeiten beteten die Menschen so.« Ich
+breitete die Arme aus und fühlte unwillkürlich
+meine Brust groß werden dabei. »Damals warf
+sich Gott in alle diese Abgründe voll Demut
+und Dunkelheit, und nur ungern kehrte er in
+seine Himmel zurück, die er, unvermerkt, immer
+näher über die Erde zog. Aber ein neuer Glaube
+begann. Da dieser den Menschen nicht verständlich
+machen konnte, worin sein neuer Gott
+sich von jenem alten unterscheide (sobald er ihn
+nämlich zu preisen begann, erkannten die Menschen
+sofort den einen alten Gott auch hier), so
+veränderte der Verkünder des neuen Gebotes
+die Art zu beten. Er lehrte das Händefalten und
+<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>
+entschied: ›Seht, unser Gott will so gebeten sein,
+also ist er ein anderer als der, den ihr bisher in
+euren Armen glaubtet zu empfangen.‹ Die Menschen
+sahen das ein, und die Gebärde der offenen
+Arme wurde eine verächtliche und schreckliche,
+und später heftete man sie ans Kreuz, um sie
+allen als ein Symbol der Not und des Todes zu
+zeigen.</p>
+
+<p>Als Gott aber das nächste Mal wieder auf
+die Erde niederblickte, erschrak er. Neben den
+vielen gefalteten Händen hatte man viele gotische
+Kirchen gebaut, und so streckten sich ihm die
+Hände und die Dächer, gleich steil und scharf,
+wie feindliche Waffen entgegen. Bei Gott ist eine
+andere Tapferkeit. Er kehrte in seine Himmel zurück,
+und als er merkte, daß die Türme und die
+neuen Gebete hinter ihm her wuchsen, da ging
+er auf der anderen Seite aus seinen Himmeln
+hinaus und entzog sich so der Verfolgung. Er
+war selbst überrascht, jenseits von seiner strahlenden
+Heimat ein beginnendes Dunkel zu finden,
+das ihn schweigend empfing, und er ging mit
+<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
+einem seltsamen Gefühl immer weiter in dieser
+Dämmerung, welche ihn an die Herzen der
+Menschen erinnerte. Da fiel es ihm zuerst ein,
+daß die Köpfe der Menschen licht, ihre Herzen
+aber voll eines ähnlichen Dunkels sind, und eine
+Sehnsucht überkam ihn, in den Herzen der Menschen
+zu wohnen und nicht mehr durch das
+klare, kalte Wachsein ihrer Gedanken zu gehen.
+Nun, Gott hat seinen Weg fortgesetzt. Immer
+dichter wird um ihn die Dunkelheit, und die
+Nacht, durch die er sich drängt, hat etwas von
+der duftenden Wärme fruchtbarer Schollen. Und
+nicht lange mehr, so strecken sich ihm die Wurzeln
+entgegen mit der alten schönen Gebärde des
+breiten Gebetes. Es gibt nichts Weiseres als den
+Kreis. Der Gott, der uns in den Himmeln entfloh,
+aus der Erde wird er uns wiederkommen.
+Und, wer weiß, vielleicht graben gerade Sie einmal
+das Tor&nbsp;&hellip;« Der Mann mit dem Spaten
+sagte: »Aber das ist ein Märchen.« »In unserer
+Stimme,« erwiderte ich leise, »wird alles Märchen,
+denn es kann sich ja in ihr nie begeben haben.«
+<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>
+Der Mann schaute eine Weile vor sich hin. Dann
+zog er mit heftigen Bewegungen den Rock an
+und fragte: »Wir können ja wohl zusammen
+gehen?« Ich nickte: »Ich gehe nach Hause. Es
+wird wohl derselbe Weg sein. Aber wohnen
+Sie nicht hier?« Er trat aus der kleinen Gittertür,
+legte sie sanft in ihre klagenden Angeln zurück
+und entgegnete: »Nein.«</p>
+
+<p>Nach ein paar Schritten wurde er vertraulicher:
+»Sie haben ganz recht gehabt vorhin. Es
+ist seltsam, daß sich niemand findet, der das
+tun mag, das da draußen. Ich habe früher nie
+daran gedacht. Aber jetzt, seit ich älter werde,
+kommen mir manchmal Gedanken, eigentümliche
+Gedanken, wie der mit dem Himmel, und
+noch andere. Der Tod. Was weiß man davon?
+Scheinbar alles und vielleicht nichts. Oft stehen
+die Kinder (ich weiß nicht, wem sie gehören)
+um mich, wenn ich arbeite. Und mir fällt gerade
+so etwas ein. Dann grabe ich wie ein Tier,
+um alle meine Kraft aus dem Kopfe fortzuziehen
+und sie in den Armen zu verbrauchen. Das Grab
+<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>
+wird viel tiefer, als die Vorschrift verlangt, und
+ein Berg Erde wächst daneben auf. Die Kinder
+aber laufen davon, da sie meine wilden Bewegungen
+sehen. Sie glauben, daß ich irgendwie
+zornig bin.« Er dachte nach. »Und es ist ja auch
+eine Art Zorn. Man wird abgestumpft, man
+glaubt es überwunden zu haben, und plötzlich &hellip;
+Es hilft nichts, der Tod ist etwas Unbegreifliches,
+Schreckliches.«</p>
+
+<p>Wir gingen eine lange Straße unter schon ganz
+blätterlosen Obstbäumen, und der Wald begann,
+uns zur Linken, wie eine Nacht, die jeden Augenblick
+auch über uns hereinbrechen kann. »Ich
+will Ihnen eine kleine Geschichte berichten,«
+versuchte ich, »sie reicht gerade bis an den Ort.«
+Der Mann nickte und zündete sich seine kurze,
+alte Pfeife an. Ich erzählte:</p>
+
+<p>»Es waren zwei Menschen, ein Mann und ein
+Weib, und sie hatten einander lieb. Liebhaben,
+das heißt nichts annehmen, von nirgends, alles
+vergessen und von <em class="gesperrt">einem</em> Menschen alles empfangen
+wollen, das was man schon besaß und
+<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>
+alles andere. So wünschten es die beiden Menschen
+gegenseitig. Aber in der Zeit, im Tage,
+unter den vielen, was alles kommt und geht,
+oft ehe man eine wirkliche Beziehung dazu
+gewinnt, läßt sich ein solches Liebhaben gar
+nicht durchführen, die Ereignisse kommen von
+allen Seiten, und der Zufall öffnet ihnen jede
+Tür.</p>
+
+<p>Deshalb beschlossen die beiden Menschen aus
+der Zeit in die Einsamkeit zu gehen, weit fort
+vom Uhrenschlagen und von den Geräuschen
+der Stadt. Und dort erbauten sie sich in einem
+Garten ein Haus. Und das Haus hatte zwei Tore,
+eines an seiner rechten, eines an seiner linken
+Seite. Und das rechte Tor war des Mannes Tor,
+und alles Seine sollte durch dasselbe in das
+Haus einziehen. Das linke aber war das Tor des
+Weibes; und was ihres Sinnes war, sollte durch
+seinen Bogen eintreten. So geschah es. Wer zuerst
+erwachte am Morgen, stieg hinab und tat
+sein Tor auf. Und da kam dann bis spät in die
+Nacht gar manches herein, wenn auch das Haus
+<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>
+nicht am Rande des Weges lag. Zu denen, die
+zu empfangen verstehen, kommt die Landschaft
+ins Haus und das Licht und ein Wind mit einem
+Duft auf den Schultern und viel anderes mehr.
+Aber auch Vergangenheiten, Gestalten, Schicksale
+traten durch die beiden Tore ein, und allen
+wurde die gleiche, schlichte Gastlichkeit zuteil,
+so daß sie meinten, seit immer in dem Heidehaus
+gewohnt zu haben. So ging es eine lange
+Zeit fort, und die beiden Menschen waren sehr
+glücklich dabei. Das linke Tor war etwas häufiger
+geöffnet, aber durch das rechte traten buntere
+Gäste ein. Vor diesem wartete auch eines Morgens
+&ndash; der Tod. Der Mann schlug seine Tür
+eilends zu, als er ihn bemerkte, und hielt sie den
+ganzen Tag über fest verschlossen. Nach einiger
+Zeit tauchte der Tod vor dem linken Eingang
+auf. Zitternd warf das Weib das Tor zu und
+schob den breiten Riegel vor. Sie sprachen nicht
+miteinander über dieses Ereignis, aber sie öffneten
+seltener die beiden Tore und suchten mit dem
+auszukommen, was im Hause war. Da lebten
+<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>
+sie nun freilich viel ärmlicher als vorher. Ihre
+Vorräte wurden knapp, und es stellten sich
+Sorgen ein. Sie begannen beide, schlecht zu
+schlafen, und in einer solchen wachen, langen
+Nacht vernahmen sie plötzlich zugleich ein seltsames,
+schlürfendes und pochendes Geräusch.
+Es war hinter der Wand des Hauses, gleich weit
+entfernt von den beiden Toren, und klang, als
+ob jemand begänne, Steine auszubrechen, um
+ein neues Tor mitten in die Mauer zu bauen.
+Die beiden Menschen taten in ihrem Schrecken
+dennoch, als ob sie nichts Besonderes vernähmen.
+Sie begannen zu sprechen, lachten unnatürlich
+laut, und als sie müde wurden, war das Wühlen
+in der Wand verstummt. Seither bleiben die
+beiden Tore ganz geschlossen. Die Menschen
+leben wie Gefangene. Beide sind kränklich geworden
+und haben seltsame Einbildungen. Das
+Geräusch wiederholt sich von Zeit zu Zeit. Dann
+lachen sie mit ihren Lippen, während ihre Herzen
+fast sterben vor Angst. Und sie wissen beide, daß
+das Graben immer lauter und deutlicher wird,
+<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a>
+und müssen immer lauter sprechen und lachen
+mit ihren immer matteren Stimmen.«</p>
+
+<p>Ich schwieg. »Ja, ja&nbsp;&ndash;,« sagte der Mann
+neben mir, »so ist es, das ist eine wahre Geschichte.«</p>
+
+<p>»Diese habe ich in einem alten Buche gelesen,«
+fügte ich hinzu, »und da ereignete sich
+etwas sehr Merkwürdiges dabei. Hinter der Zeile,
+darin erzählt wird, wie der Tod auch vor dem
+Tore des Weibes erschien, war mit alter, verwelkter
+Tinte ein kleines Sternchen gezeichnet.
+Es sah aus den Worten wie aus Wolken hervor,
+und ich dachte einen Augenblick, wenn die
+Zeilen sich verzögen, so könnte offenbar werden,
+daß hinter ihnen lauter Sterne stehen, wie es ja
+wohl manchmal geschieht, wenn der Frühlingshimmel
+sich spät am Abend klärt. Dann vergaß
+ich des unbedeutenden Umstandes ganz, bis ich
+hinten im Einband des Buches dasselbe Sternchen,
+wie gespiegelt in einem See, in dem glatten
+Glanzpapier wiederfand, und nah unter demselben
+begannen zarte Zeilen, die wie Wellen
+<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>
+in der blassen spiegelnden Fläche verliefen. Die
+Schrift war an vielen Stellen undeutlich geworden,
+aber es gelang mir doch, sie fast ganz
+zu entziffern. Da stand etwa:</p>
+
+<p>›Ich habe diese Geschichte so oft gelesen, und
+zwar in allen möglichen Tagen, daß ich manchmal
+glaube, ich habe sie selbst, aus der Erinnerung
+aufgezeichnet. Aber bei mir geht es im
+weiteren Verlaufe so zu, wie ich es hier niederschreibe.
+Das Weib hatte den Tod nie gesehen,
+arglos ließ sie ihn eintreten. Der Tod aber sagte
+etwas hastig, und wie einer, welcher kein gutes
+Gewissen hat: ›Gib das deinem Mann.‹ Und er
+fügte, als das Weib ihn fragend anblickte, eilig
+hinzu: ›Es ist Samen, sehr guter Samen.‹ Dann
+entfernte er sich, ohne zurückzusehen. Das Weib
+öffnete das Säckchen, welches er ihr in die Hand
+gelegt hatte; es fand sich wirklich eine Art Samen
+darin, harte, häßliche Körner. Da dachte das
+Weib: der Same ist etwas Unfertiges, Zukünftiges.
+Man kann nicht wissen, was aus ihm wird.
+Ich will diese unschönen Körner nicht meinem
+<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>
+Manne geben, sie sehen gar nicht aus wie ein
+Geschenk. Ich will sie lieber in das Beet unseres
+Gartens drücken und warten, was sich aus ihnen
+erhebt. Dann will ich ihn davor führen und ihm
+erzählen, wie ich zu dieser Pflanze kam. Also
+tat das Weib auch. Dann lebten sie dasselbe
+Leben weiter. Der Mann, der immer daran
+denken mußte, daß der Tod vor seinem Tore
+gestanden hatte, war anfangs etwas ängstlich,
+aber da er das Weib so gastlich und sorglos sah
+wie immer, tat auch er bald wieder die breiten
+Flügel seines Tores auf, so daß viel Leben und
+Licht in das Haus hereinkam. Im nächsten Frühjahr
+stand mitten im Beete zwischen den schlanken
+Feuerlilien ein kleiner Strauch. Er hatte schmale,
+schwärzliche Blätter, etwas spitz, ähnlich denen
+des Lorbeers, und es lag ein sonderbarer Glanz
+auf ihrer Dunkelheit. Der Mann nahm sich täglich
+vor, zu fragen, woher diese Pflanze stamme.
+Aber er unterließ es täglich. In einem verwandten
+Gefühl verschwieg auch das Weib von einem
+Tag zum andern die Aufklärung. Aber die unterdrückte
+<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a>
+Frage auf der einen, die nie gewagte Antwort
+auf der anderen Seite führte die beiden
+Menschen oft bei diesem Strauch zusammen,
+der sich in seiner grünen Dunkelheit so seltsam
+von dem Garten unterschied. Als das nächste
+Frühjahr kam, da beschäftigten sie sich wie mit
+den anderen Gewächsen auch mit dem Strauch,
+und sie wurden traurig, als er, umringt von lauter
+steigenden Blüten, unverändert und stumm, wie
+im ersten Jahr, gegen alle Sonne taub, sich erhob.
+Damals beschlossen sie, ohne es einander
+zu verraten, gerade diesem im dritten Frühjahr
+ihre ganze Kraft zu widmen, und als dieses
+Frühjahr erschien, erfüllten sie leise und Hand
+in Hand, was sich jeder versprochen hatte. Der
+Garten umher verwilderte, und die Feuerlilien
+schienen blasser als sonst zu sein. Aber einmal,
+als sie nach einer schweren, bedeckten Nacht
+in den Morgengarten, den stillen, schimmernden
+traten, da wußten sie: aus den schwarzen,
+scharfen Blättern des fremden Strauches war
+unversehrt eine blasse, blaue Blüte gestiegen,
+<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a>
+welcher die Knospenschalen schon an allen
+Seiten enge wurden. Und sie standen davor
+vereint und schweigend, und jetzt wußten sie
+sich erst recht nichts zu sagen. Denn sie dachten:
+nun blüht der Tod, und neigten sich zugleich,
+um den Duft der jungen Blüte zu kosten. &ndash; Seit
+diesem Morgen aber ist alles anders geworden
+in der Welt.‹ So stand es in dem Einband des
+alten Buches,« schloß ich.</p>
+
+<p>»Und wer das geschrieben hat?« drängte der
+Mann.</p>
+
+<p>»Eine Frau nach der Schrift,« antwortete ich.
+»Aber was hätte es geholfen, nachzuforschen.
+Die Buchstaben waren sehr verblaßt und etwas
+altmodisch. Wahrscheinlich war sie schon längst
+tot.«</p>
+
+<p>Der Mann war ganz in Gedanken. Endlich
+bekannte er: »Nur eine Geschichte, und doch
+rührt es einen so an.« »Nun, das ist, wenn man
+selten Geschichten hört,« begütigte ich. »Meinen
+Sie?« Er reichte mir seine Hand, und ich hielt
+sie fest. »Aber ich möchte sie gerne weitersagen.
+<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a>
+Das darf man doch?« Ich nickte. Plötzlich fiel
+ihm ein: »Aber ich habe niemanden. Wem
+sollte ich sie auch erzählen?« »Nun, das ist
+einfach; den Kindern, die Ihnen manchmal zusehen
+kommen. Wem sonst?«</p>
+
+<p>Die Kinder haben auch richtig die letzten
+drei Geschichten gehört. Allerdings, die von
+den Abendwolken wiederholte, nur teilweise,
+wenn ich gut unterrichtet bin. Die Kinder sind
+ja klein und darum von den Abendwolken viel
+weiter als wir. Doch das ist bei dieser Geschichte
+ganz gut. Trotz der langen, wohlgesetzten Rede
+des Hans würden sie erkennen, daß die Sache
+unter Kindern spielt, und meine Erzählung kritisch
+als Sachverständige betrachten. Aber es ist
+besser, daß sie nicht erfahren, mit welcher Anstrengung
+und wie ungeschickt wir die Dinge
+erleben, die ihnen so ganz mühelos und einfach
+geschehen.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a>EIN VEREIN AUS EINEM DRINGENDEN BEDÜRFNIS HERAUS</h2>
+
+<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a> erfahre erst, daß unser Ort auch eine Art
+Künstlerverein besitzt. Er ist kürzlich aus
+einem, wie man sich leicht vorstellen kann, sehr
+dringenden Bedürfnis entstanden, und es geht
+das Gerücht, daß er »blüht«. Wenn Vereine
+gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, dann
+blühen sie; sie haben gehört, daß man dies tun
+muß, um ein richtiger Verein zu sein.</p>
+
+<p>Ich muß nicht sagen, daß Herr Baum Ehrenmitglied,
+Gründer, Fahnenvater und alles übrige
+in einer Person ist und Mühe hat, die verschiedenen
+Würden auseinanderzuhalten. Er sandte
+mir einen jungen Mann, der mich einladen sollte,
+an den »Abenden« teilzunehmen. Ich dankte
+ihm, wie es sich von selbst versteht, sehr höflich
+und fügte hinzu, daß meine ganze Tätigkeit
+seit etwa fünf Jahren im Gegenteil bestehe. »Es
+vergeht, stellen Sie sich vor,« erklärte ich ihm
+mit dem entsprechenden Ernst, »seit dieser Zeit
+keine Minute, in welcher ich nicht aus irgendeinem
+Verbande austrete, und doch gibt es noch
+immer Gesellschaften, welche mich sozusagen
+<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a>
+enthalten.« Der junge Mann schaute erst erschreckt,
+dann mit dem Ausdruck respektvollen
+Bedauerns auf meine Füße. Er mußte ihnen das
+»Austreten« ansehen, denn er nickte verständig
+mit dem Kopfe. Das gefiel mir gut, und da ich
+gerade fortgehen mußte, schlug ich ihm vor,
+mich ein Stückchen zu begleiten. So gingen
+wir durch den Ort und darüber hinaus, dem
+Bahnhof zu, denn ich hatte in der Umgebung
+zu tun. Wir sprachen über mancherlei Dinge;
+ich erfuhr, daß der junge Mann Musiker sei. Er
+hatte es mir bescheiden mitgeteilt, ansehen
+konnte man es ihm nicht. Außer seinen zahlreichen
+Haaren zeichnete ihn eine große, gleichsam
+springende Bereitwilligkeit aus. Auf diesem
+nicht allzu langen Weg hob er mir zwei Handschuhe
+auf, hielt mir den Schirm, als ich etwas
+in meinen Taschen suchte, machte mich errötend
+darauf aufmerksam, daß mir etwas im Barte
+hinge, daß mir Ruß auf der Nase säße, und dabei
+wurden ihm die mageren Finger lang, als
+sehnten sie sich danach, sich meinem Gesichte
+<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
+auf diese Weise hilfreich zu nähern. In seinem
+Eifer blieb der junge Mensch sogar bisweilen
+zurück und holte mit sichtlichem Vergnügen
+die welken Blätter, die im Herabflattern hängen
+geblieben waren, aus den Ästen der Sträucher.
+Ich sah ein, daß ich durch diese beständigen Verzögerungen
+den Zug versäumen würde (der Bahnhof
+war noch ziemlich weit), und entschloß mich,
+meinem Begleiter eine Geschichte zu erzählen,
+um ihn ein wenig an meiner Seite zu halten.
+Ich begann ohne weiteres: »Mir ist der Verlauf
+einer derartigen Gründung bekannt, welche auf
+wirklicher Notwendigkeit beruhte. Sie werden
+sehen. Es ist nicht sehr lange her, da fanden
+sich drei Maler durch Zufall in einer alten Stadt
+zusammen. Die drei Maler sprachen natürlich
+nicht von Kunst. Es schien wenigstens so. Sie
+verbrachten den Abend in der Hinterstube eines
+alten Gasthauses damit, sich Reiseabenteuer und
+Erlebnisse verschiedener Art mitzuteilen, ihre
+Geschichten wurden immer kürzer und wörtlicher,
+und endlich blieben noch ein paar Witze
+<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>
+übrig, mit denen sie beständig hin und her
+warfen. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen,
+muß ich übrigens gleich sagen, daß es wirkliche
+Künstler waren, gewissermaßen von der Natur
+beabsichtigte, keine zufälligen. Dieser öde Abend
+in der Hinterstube kann nichts daran ändern;
+man wird ja auch gleich erfahren, wie er weiter
+verlief. Es traten andere Leute, profane, in dieses
+Gasthaus ein, die Maler fühlten sich gestört und
+brachen auf. Mit dem Augenblick, da sie aus
+dem Tor traten, waren sie andere Leute. Sie
+gingen in der Mitte der Gasse, einer vom anderen
+etwas getrennt. Auf ihren Gesichtern waren
+noch die Spuren des Lachens, diese merkwürdige
+Unordnung der Züge, aber die Augen waren
+bei allen schon ernst und betrachtend. Plötzlich
+stieß der in der Mitte den Rechten an. Der
+verstand ihn sofort. Da war vor ihnen eine Gasse,
+schmal, von feiner, warmer Dämmerung erfüllt.
+Sie stieg etwas an, so daß sie perspektivisch sehr
+zur Geltung kam, und hatte etwas ungemein Geheimnisvolles
+und doch wieder Vertrautes. Die
+<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a>
+drei Maler ließen das einen Augenblick auf sich
+wirken. Sie sprachen nichts, denn sie wußten:
+sagen kann man das nicht. Sie waren ja deshalb
+Maler geworden, weil es manches gibt, was man
+nicht sagen kann. Plötzlich erhob sich der Mond
+irgendwo, zeichnete den einen Giebel silbern
+nach, und es stieg ein Lied aus einem Hofe auf.
+›Grobe Effekthascherei&nbsp;&ndash;‹ brummte der Mittlere,
+und sie gingen weiter. Sie schritten jetzt etwas
+näher nebeneinander hin, obwohl sie immer
+noch die ganze Breite der Gasse brauchten. So
+gerieten sie unversehens auf einen Platz. Jetzt
+war es der rechts, welcher die anderen aufmerksam
+machte. In dieser breiteren, freieren Szene
+hatte der Mond nichts Störendes, im Gegenteil,
+es war geradezu notwendig, daß er vorhanden
+war. Er ließ den Platz größer erscheinen, gab
+den Häusern ein überraschendes, lauschendes
+Leben, und die beleuchtete Fläche des Pflasters
+wurde mitten rücksichtslos von einem Brunnen
+und seinem schweren Schlagschatten unterbrochen,
+eine Kühnheit, welche den Malern ausnehmend
+<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>
+imponierte. Sie stellten sich nahe zusammen
+und saugten sozusagen an den Brüsten
+dieser Stimmung. Aber sie wurden unangenehm
+unterbrochen. Eilige, leichte Schritte näherten
+sich, aus dem Dunkel des Brunnens löste sich
+eine männliche Gestalt, empfing jene Schritte,
+und was sonst zu ihnen gehörte, mit der üblichen
+Zärtlichkeit, und der schöne Platz war
+auf einmal eine erbärmliche Illustration geworden,
+von welcher sich die drei Maler wie <em class="gesperrt">ein</em>
+Maler abwandten. ›Da ist schon wieder dieses
+verdammte novellistische Element,‹ schrie der
+rechts, indem er das Liebespaar am Brunnen mit
+diesem korrekt technischen Ausdruck begriff.
+Vereint in ihrem Groll, wanderten die Maler
+noch lange planlos in der Stadt herum, immerfort
+Motive entdeckend, aber auch jedesmal aufs
+neue empört durch die Art, mit welcher irgendein
+banaler Umstand die Stille und Einfachheit
+jedes Bildes zunichte machte. Gegen Mitternacht
+saßen sie im Gasthof in der Wohnstube
+des Linken, des Jüngsten, beisammen und dachten
+<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>
+nicht ans Schlafengehen. Die nächtliche
+Wanderung hatte eine Menge Pläne und Entwürfe
+in ihnen wachgerufen, und da sie zugleich
+bewiesen hatte, daß sie eines Geistes seien im
+Grunde, tauschten sie jetzt, im höchsten Maße
+interessiert, ihre gegenseitigen Ansichten aus.
+Man kann nicht behaupten, daß sie tadellose
+Sätze hervorbrachten, sie schlugen mit ein paar
+Worten herum, die kein profaner Mensch begriffen
+hätte, aber untereinander verständigten
+sie sich dadurch so gut, daß sämtliche Zimmernachbarn
+bis gegen vier Uhr morgens nicht einschlafen
+konnten. Das lange Beisammensitzen
+hatte aber einen wirklichen, sichtbaren Erfolg.
+Etwas wie ein Verein wurde gebildet; das heißt,
+er war eigentlich schon da im Augenblick, als
+die Absichten und Ziele der drei Künstler sich
+so verwandt erwiesen, daß man sie nur schwer
+voneinander trennen konnte. Der erste gemeinsame
+Beschluß des »Vereins« erfüllte sich sofort.
+Man zog drei Stunden weit ins Land und mietete
+gemeinsam einen Bauernhof. In der Stadt zu
+<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>
+bleiben, hätte zunächst keinen Sinn gehabt. Erst
+wollte man sich draußen den »Stil« erwerben,
+die gewisse persönliche Sicherheit, den Blick,
+die Hand und wie alle die Dinge heißen, ohne
+welche ein Maler zwar leben, aber nicht malen
+kann. &ndash; Zu allen diesen Tugenden sollte das
+Zusammenhalten helfen, der »Verein« eben,
+&ndash; besonders aber das Ehrenmitglied dieses Vereins:
+die Natur. Unter »Natur« stellen sich die
+Maler alles vor, was der liebe Gott selbst gemacht
+hat oder doch gemacht haben könnte,
+unter Umständen. Ein Zaun, ein Haus, ein
+Brunnen &ndash; alle diese Dinge sind ja meistens
+menschlichen Ursprungs. Aber wenn sie eine
+Zeitlang in der Landschaft stehen, so daß sie
+gewisse Eigenschaften von den Bäumen und
+Büschen und von ihrer anderen Umgebung angenommen
+haben, so gehen sie gleichsam in den
+Besitz Gottes über und damit auch in das Eigentum
+des Malers. Denn Gott und der Künstler
+haben dasselbe Vermögen und dieselbe Armut
+je nachdem. &ndash; Nun, an der Natur, welche um
+<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a>
+den gemeinsamen Bauernhof sich erstreckte,
+glaubte Gott gewiß keinen besonderen Reichtum
+zu besitzen. Es dauerte indessen nicht lang, so
+belehrten ihn die Maler eines Besseren. Die
+Gegend war flach, das ließ sich nicht leugnen.
+Aber durch die Tiefe ihrer Schatten und die
+Höhe ihrer Lichter waren Abgründe und Gipfel
+vorhanden, zwischen denen eine Unzahl von
+Mitteltönen jenen Regionen weiter Wiesen und
+fruchtbarer Felder entsprach, die den materiellen
+Wert einer gebirgigen Gegend ausmachen. Es
+waren nur wenig Bäume vorhanden und fast alle
+von derselben Art, botanisch betrachtet. Durch
+die Gefühle indessen, welche sie ausdrückten,
+durch die Sehnsucht irgendeines Astes oder die
+sanfte Ehrfurcht des Stammes erschienen sie als
+eine große Anzahl individueller Wesen, und
+manche Weide war eine Persönlichkeit, die den
+Malern durch die Vielseitigkeit und Tiefe ihres
+Charakters Überraschung um Überraschung bereitete.
+Die Begeisterung war so groß, man fühlte
+sich so sehr eins in dieser Arbeit, daß es nichts
+<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a>
+bedeuten will, daß jeder der drei Maler nach
+Verlauf eines halben Jahres ein eigenes Haus
+bezog; das hatte gewiß rein räumliche Gründe.
+Aber etwas anderes wird man hier doch erwähnen
+müssen. Die Maler wollten irgendwie
+das einjährige Bestehen ihres Vereines, aus dem
+in so kurzer Zeit so viel Gutes gekommen war,
+feiern, und jeder entschloß sich, zu diesem Zweck
+heimlich die Häuser der anderen zu malen. An
+dem bestimmten Tage kamen sie, jeder mit
+seinen Bildern, zusammen. Es traf sich, daß sie
+gerade von ihren jeweiligen Wohnungen, deren
+Lage, Zweckmäßigkeit usw. sich unterhielten.
+Sie ereiferten sich ziemlich stark, und es geschah,
+daß während des Gesprächs jeder seiner
+mitgebrachten Ölskizzen vergaß und spät nachts
+mit dem uneröffneten Paket zu Hause ankam.
+Wie das geschehen konnte, ist schwer begreiflich.
+Aber sie zeigten sich auch in der nächsten
+Zeit ihre Bilder nicht, und wenn der eine den
+andern besuchte (was infolge vieler Arbeit immer
+seltener geschah), fand er auf der Staffelei des
+<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a>
+Freundes Skizzen aus jener ersten Zeit, da sie
+noch gemeinsam denselben Bauernhof bewohnten.
+Aber einmal entdeckte der Rechte (er wohnte
+jetzt auch zur Rechten, kann also weiter so
+heißen) bei dem, welchen ich den Jüngsten genannt
+habe, eines jener genannten, nicht verratenen
+Jubiläumsbilder. Er betrachtete es eine
+Weile nachdenklich, trat damit ans Licht und
+lachte plötzlich: ›Schau, das hab ich gar nicht
+gewußt, nicht ohne Glück hast du da mein Haus
+aufgefaßt. Eine wahrhaft geistreiche Karikatur.
+Mit diesen Übertreibungen in Form und Farbe,
+mit dieser kühnen Ausgestaltung meines allerdings
+etwas betonten Giebels, wirklich, es liegt
+etwas darin.‹ Der Jüngste machte keines seiner
+vorteilhaftesten Gesichter, im Gegenteil; er ging
+zum Mittleren in seiner Bestürzung, um sich
+von ihm, dem Besonnensten, beruhigen zu lassen,
+denn er war nach Vorfällen solcher Art gleich
+kleinmütig und geneigt, an seiner Begabung zu
+zweifeln. Er traf den Mittleren nicht zu Haus
+und stöberte ein wenig im Atelier umher, wobei
+<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>
+ihm gleich ein Bild in die Augen fiel, das
+ihn merkwürdig abstieß. Es war ein Haus, aber
+ein richtiger Narr mußte darin wohnen. Diese
+Fassade! Das konnte nur irgendeiner gebaut
+haben, der von Architektur keine Idee hatte und
+der seine armseligen, malerischen Ideen anwandte
+auf ein Gebäude. Plötzlich stellte der
+Jüngste das Bild fort, als ob es ihm die Finger
+verbrannt hätte. An dem linken Rande desselben
+hatte er das Datum jenes ersten Jubiläums gelesen
+und daneben: »Das Haus unseres Jüngsten.«
+Er wartete natürlich den Hausherrn nicht ab,
+sondern kehrte etwas verstimmt nach Hause zurück.
+Der Jüngste und der rechts waren seither
+vorsichtig geworden. Sie suchten sich entfernte
+Motive und dachten selbstverständlich nicht
+daran, für das Fest des zweijährigen Bestehens
+ihres so förderlichen Vereins etwas vorzubereiten.
+Um so eifriger arbeitete der ahnungslose Mittlere
+daran, ein Motiv, das der Wohnung des Rechten
+zunächst lag, zu malen. Etwas Unbestimmtes
+hielt ihn davon ab, dessen Haus selbst zum Vorwand
+<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a>
+seiner Arbeit zu wählen. &ndash; Als er dem
+Rechtswohnenden das fertige Bild überbrachte,
+verhielt sich dieser merkwürdig zurückhaltend,
+schaute es nur flüchtig an und bemerkte etwas
+Beiläufiges. Dann, nach einer Weile sagte er:
+›Ich habe übrigens gar nicht gewußt, daß du so
+weit verreist warst in der letzten Zeit.‹ ›Wieso,
+weit? Verreist?‹ Der Mittlere begriff nicht ein
+Wort. ›Nun &ndash; diese tüchtige Arbeit da,‹ erwiderte
+der andere, ›offenbar doch irgendein
+holländisches Motiv&nbsp;&ndash;‹ Der besonnene Mittlere
+lachte laut auf. ›Köstlich, dieses holländische
+Motiv befindet sich vor deiner Türe.‹ Und er
+wollte sich gar nicht beruhigen. Aber der Vereinsgenosse
+lachte nicht, gar nicht. Er quälte sich
+ein Lächeln ab und meinte: ›Ein guter Witz.‹
+›Aber ganz und gar nicht, mach mal die Tür
+auf, ich will dir gleich zeigen&nbsp;&ndash;‹ und der Mittlere
+ging selbst auf die Türe zu. ›Halt,‹ befahl der
+Hausherr, ›und ich erkläre dir somit, daß ich
+diese Gegend nie gesehen habe und auch nie
+sehen werde, weil sie für mein Auge überhaupt
+<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>
+nicht existenzfähig ist.‹ ›Aber,‹ machte der mittlere
+Maler erstaunt. ›Du bleibst dabei?‹ fuhr der
+Rechte gereizt fort, ›gut, ich reise heute noch
+ab. Du zwingst mich fortzugehen, denn ich
+wünsche nicht, in dieser Gegend zu leben. Verstanden?‹
+&ndash; Damit war die Freundschaft zu Ende,
+aber nicht der Verein; denn er ist bis heute nicht
+statutengemäß aufgelöst worden. Niemand hat
+daran gedacht, und man kann von ihm mit
+vollstem Rechte sagen, daß er sich über die ganze
+Erde verbreitet hat.«</p>
+
+<p>»Man sieht,« unterbrach mich der bereitwillige
+junge Mann, der schon beständig die
+Lippen spitzte, »wieder einer jener kolossalen
+Erfolge des Vereinslebens; gewiß sind viele hervorragende
+Meister aus dieser innigen Verbindung
+hervorgegangen&nbsp;&ndash;.« »Erlauben Sie,« bat
+ich, und er stäubte mir unversehens den Ärmel
+ab, »das war eigentlich erst die Einleitung zu
+meiner Geschichte, obwohl sie komplizierter ist
+als die Geschichte selbst. Also, ich sagte, daß
+der Verein sich über die ganze Erde verbreitet
+<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a>
+hatte, und dieses ist Tatsache. Seine drei Mitglieder
+flohen in wahrem Entsetzen voneinander.
+Nirgends war ihnen Ruhe gewährt. Immer fürchtete
+jeder, der andere könnte noch ein Stück
+seines Landes erkennen und durch seine ruchlose
+Darstellung entweihen, und als sie schon
+an drei entgegengesetzten Punkten der irdischen
+Peripherie angelangt waren, kam jedem der trostlose
+Einfall, daß sein Himmel, der Himmel, den
+er mühsam durch seine wachsende Eigenart erworben
+hatte, den anderen noch erreichbar sei.
+In diesem erschütternden Augenblick begannen
+sie, alle drei zugleich, mit ihren Staffeleien nach
+rückwärts zu gehen, und noch fünf Schritte, und
+sie wären vom Rande der Erde in die Unendlichkeit
+gefallen und müßten jetzt in rasender
+Geschwindigkeit die doppelte Bewegung um
+diese und um die Sonne vollführen. Aber Gottes
+Teilnahme und Aufmerksamkeit verhütete dieses
+grausame Schicksal. Gott erkannte die Gefahr
+und trat im letzten Moment (was hätte er auch
+sonst tun sollen?) heraus, in die Mitte des Himmels.
+<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a>
+Die drei Maler erschraken. Sie stellten
+die Staffelei fest und setzten die Palette auf.
+Diese Gelegenheit durften sie sich nicht entgehen
+lassen. Der liebe Gott erscheint nicht
+alle Tage und auch nicht jedem. Und jeder der
+Maler meinte natürlich, Gott stünde nur vor
+ihm. Im übrigen vertieften sie sich immer mehr
+in die interessante Arbeit. Und jedesmal, wenn
+Gott wieder zurück in den Himmel will, bittet
+der heilige Lukas ihn, noch eine Weile draußen
+zu bleiben, bis die drei Maler mit ihren Bildern
+fertig sind.«</p>
+
+<p>»Und die Herren haben diese Bilder ohne
+Zweifel schon ausgestellt, vielleicht gar verkauft?«
+fragte der Musiker in den sanftesten
+Tönen. »Wo denken Sie hin,« wehrte ich ab.
+»Sie malen immer noch an Gott und werden
+ihn wohl bis an ihr eigenes Ende malen. Sollten
+sie aber (was ich für ausgeschlossen halte) noch
+einmal im Leben zusammenkommen und sich
+die Bilder, die sie von Gott inzwischen gemalt
+haben, zeigen, wer weiß: vielleicht würden
+<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a>
+diese Bilder sich kaum voneinander unterscheiden.«</p>
+
+<p>Da war auch schon der Bahnhof. Ich hatte
+noch fünf Minuten Zeit. Ich dankte dem jungen
+Mann für seine Begleitung und wünschte ihm
+alles Glück für den jungen Verein, den er so
+ausgezeichnet vertrat. Er tippte mit dem rechten
+Zeigefinger den Staub auf, der die Fensterbretter
+des kleinen Wartesaals zu bedrücken schien, und
+war sehr in Gedanken. Ich muß gestehen, ich
+schmeichelte mir schon, meine kleine Geschichte
+hätte ihn so nachdenklich gestimmt. Als er mir
+zum Abschied einen roten Faden aus dem Handschuh
+zog, riet ich ihm aus Dankbarkeit: »Sie
+können zurück ja über die Felder gehen, dieser
+Weg ist bedeutend näher als die Straße.« »Verzeihen
+Sie,« verneigte sich der bereitwillige
+junge Mann, »ich werde doch wieder die Straße
+nehmen. Ich suche mich eben zu besinnen, wo
+das war. Während Sie die Güte hatten, mir
+einiges wirklich Bedeutende zu erzählen, glaubte
+ich eine Vogelscheuche im Acker zu bemerken,
+<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a>
+in einem alten Rock, und der eine &ndash; mir scheint
+der linke Ärmel war hängen geblieben an einem
+Pfahl, so daß er durchaus nicht wehte. Ich fühle
+nun gewissermaßen die Verpflichtung, meinen
+kleinen Tribut an den gemeinsamen Interessen
+der Menschheit, die mir auch als eine Art Verein
+erscheint, in welchem jeder etwas zu leisten hat,
+dadurch zu entrichten, daß ich diesen linken
+Ärmel seinem eigentlichen Sinne, nämlich: zu
+wehen, zurückgebe&nbsp;&hellip;« Der junge Mann entfernte
+sich mit dem liebenswürdigsten Lächeln.
+Ich aber hätte beinah meinen Zug versäumt.</p>
+
+<p>Bruchstücke dieser Geschichte wurden von
+dem jungen Manne an einem »Abende« des
+Vereines gesungen. Weiß Gott, wer ihm die
+Musik dazu erfunden hat. Herr Baum, der
+Fahnenvater, hat sie den Kindern mitgebracht,
+und die Kinder haben sich einige Melodien
+daraus gemerkt.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>DER BETTLER UND DAS STOLZE FRÄULEIN</h2>
+
+<p class="drop-cap">Es<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a> traf sich, daß wir &ndash; der Herr Lehrer und
+ich &ndash; Zeugen wurden folgender kleinen
+Begebenheit. Bei uns, am Waldrand, steht bisweilen
+ein alter Bettler. Auch heute war er
+wieder da, ärmer, elender als je, durch ein mitleidiges
+Mimikry fast ununterscheidbar von den
+Latten des morschen Bretterzauns, an denen er
+lehnte. Aber da begab es sich, daß ein ganz
+kleines Mädchen auf ihn zugelaufen kam, um
+ihm eine kleine Münze zu schenken. Das war
+weiter nicht verwunderlich, überraschend war
+nur, wie sie das tat. Sie machte einen schönen
+braven Knicks, reichte dem Alten rasch, als ob
+es niemand merken sollte, ihre Gabe, knickste
+wieder und war schon davon. Diese beiden
+Knickse aber waren mindestens eines Kaisers
+wert. Das ärgerte den Herrn Lehrer ganz besonders.
+Er wollte rasch auf den Bettler zugehen,
+wahrscheinlich, um ihn von seiner Zaunlatte zu
+verjagen; denn wie man weiß, war er im Vorstand
+des Armenvereins und gegen den Straßenbettel
+eingenommen. Ich hielt ihn zurück. »Die Leute
+<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a>
+werden von uns unterstützt, ja man kann wohl
+sagen, versorgt,« eiferte er. »Wenn sie auf der
+Straße auch noch betteln, so ist das einfach
+&ndash; Übermut.« »Verehrter Herr Lehrer« &ndash; suchte
+ich ihn zu beruhigen, aber er zog mich immer
+noch nach dem Waldrand hin. »Verehrter Herr
+Lehrer&nbsp;&ndash;,« bat ich, »ich muß Ihnen eine Geschichte
+erzählen.« »So dringend?« fragte er
+giftig. Ich nahm es ernst: »Ja, eben jetzt. Ehe
+Sie vergessen, was wir da gerade zufällig beobachtet
+haben.« Der Lehrer mißtraute mir
+seit meiner letzten Geschichte. Ich las das von
+seinem Gesichte und begütigte: »Nicht vom
+lieben Gott, wirklich nicht. Der liebe Gott
+kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es ist
+etwas Historisches.« Damit hatte ich gewonnen.
+Man muß nur das Wort »Historie« sagen, und
+schon gehen jedem Lehrer die Ohren auf; denn
+die Historie ist etwas durchaus Achtbares, Unverfängliches
+und oft pädagogisch Verwendbares.
+Ich sah, daß der Herr Lehrer wieder seine
+Brille putzte, ein Zeichen, daß seine Sehkraft
+<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a>
+sich in die Ohren geschlagen hatte, und diesen
+günstigen Moment wußte ich geschickt zu benutzen.
+Ich begann:</p>
+
+<p>»Es war in Florenz, Lorenzo de' Medici, jung,
+noch nicht Herrscher, hatte gerade sein Gedicht
+›Trionfo di Bacco ed Arianna‹ ersonnen, und
+schon wurden alle Gärten davon laut. Damals
+gab es lebende Lieder. Aus dem Dunkel des
+Dichters stiegen sie in die Stimmen und trieben
+auf ihnen, wie auf silbernen Kähnen, furchtlos,
+ins Unbekannte. Der Dichter begann ein Lied,
+und alle, die es sangen, vollendeten es. Im
+›Trionfo‹ wird, wie in den meisten Liedern
+jener Zeit, das Leben gefeiert, diese Geige mit
+den lichten, singenden Saiten und ihrem dunklen
+Hintergrund: dem Rauschen des Blutes. Die
+ungleich langen Strophen steigen in eine taumelnde
+Lustigkeit hinauf, aber dort, wo diese
+atemlos wird, setzt jedesmal ein kurzer, einfacher
+Kehrreim an, der sich von der schwindelnden
+Höhe niederneigt und, vor dem Abgrund
+bang, die Augen zu schließen scheint. Er lautet:</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a><div class="line">Wie schön ist die Jugend, die uns erfreut,<br/></div>
+<div class="line">Doch wer will sie halten? Sie flieht und bereut,<br/></div>
+<div class="line">Und wenn einer fröhlich sein will, der sei's heut,<br/></div>
+<div class="line">Und für morgen ist keine Gewißheit.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p class="no-indent">Ist es wunderlich, daß über die Menschen,
+welche dieses Gedicht sangen, eine Hast hereinbrach,
+ein Bestreben, alle Festlichkeit auf dieses
+Heute zu türmen, auf den einzigen Fels, auf dem
+zu bauen sich verlohnt? Und so kann man sich
+das Gedränge der Gestalten auf den Bildern der
+florentiner Maler erklären, die sich bemühten,
+alle ihre Fürsten und Frauen und Freunde in
+einem Gemälde zu vereinen, denn man malte
+langsam, und wer konnte wissen, ob zur Zeit
+des nächsten Bildes alle noch so jung und bunt
+und einig sein würden. Am deutlichsten sprach
+dieser Geist der Ungeduld sich begreiflichermaßen
+bei den Jünglingen aus. Die glänzendsten
+von ihnen saßen nach einem Gastmahle
+auf der Terrasse des Palazzo Strozzi beisammen
+und plauderten von den Spielen, die demnächst
+vor der Kirche Santa Croce stattfinden sollten.
+<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a>
+Etwas abseits in einer Loggia stand Palla degli
+Albizzi mit seinem Freunde Tomaso, dem Maler.
+Sie schienen etwas in wachsender Erregung zu
+verhandeln, bis Tomaso plötzlich rief: ›Das tust
+du nicht, ich wette, das tust du nicht!‹ Nun
+wurden die anderen aufmerksam. ›Was habt
+ihr?‹ erkundigte sich Gaetano Strozzi und kam
+mit einigen Freunden näher. Tomaso erklärte:
+›Palla will auf dem Feste vor Beatrice Altichieri,
+dieser Hochmütigen, niederknien und sie bitten,
+sie möchte ihm gestatten, den staubigen Saum
+ihres Kleides zu küssen.‹ Alle lachten, und Lionardo,
+aus dem Hause Ricardi, bemerkte: ›Palla
+wird sich das überlegen; er weiß wohl, daß die
+schönsten Frauen ein Lächeln für ihn haben,
+das man sonst niemals bei ihnen sieht.‹ Und ein
+anderer fügte hinzu: ›Und Beatrice ist noch so
+jung. Ihre Lippen sind noch zu kinderhaft hart,
+um zu lächeln. Darum scheint sie so stolz.‹
+›Nein&nbsp;&ndash;,‹ erwiderte Palla degli Albizzi mit übermäßiger
+Heftigkeit, ›sie ist stolz, daran ist nicht
+ihre Jugend schuld. Sie ist stolz wie ein Stein
+<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a>
+in den Händen Michelangelos, stolz wie eine
+Blume an einem Madonnenbild, stolz wie ein
+Sonnenstrahl, der über Diamanten geht&nbsp;&ndash;‹ Gaetano
+Strozzi unterbrach ihn etwas streng: ›Und
+du, Palla, bist nicht auch du stolz? Was du da
+sagst, das kommt mir vor, als wolltest du dich
+unter die Bettler stellen, die um die Vesper im
+Hofe der Sma Annunziata warten, bis Beatrice
+Altichieri ihnen mit abgewendetem Gesicht
+einen Soldo schenkt.‹ ›Ich will auch dieses tun!‹
+rief Palla mit glänzenden Augen, drängte sich
+durch die Freunde nach der Treppe durch und
+verschwand. Tomaso wollte ihm nach. ›Laß,‹
+hielt Strozzi ihn ab, ›er muß jetzt allein sein, da
+wird er am ehesten vernünftig werden.‹ Dann
+zerstreuten sich die jungen Leute in die Gärten.</p>
+
+<p>Im Vorhofe der Santissima Annunziata warteten
+auch an diesem Abend etwa zwanzig Bettler
+und Bettlerinnen auf die Vesper. Beatrice, welche
+sie alle dem Namen nach kannte und bisweilen
+auch in ihre armen Häuser an der Porta San
+Niccolò zu den Kindern und zu den Kranken
+<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a>
+kam, pflegte jeden von ihnen im Vorübergehen
+mit einem kleinen Silberstück zu beschenken.
+Heute schien sie sich etwas zu verspäten; die
+Glocken hatten schon gerufen, und nur Fäden
+ihres Klanges hingen noch an den Türmen über
+der Dämmerung. Es entstand eine Unruhe unter
+den Armen, auch weil ein neuer unbekannter
+Bettler sich in das Dunkel des Kirchentors geschlichen
+hatte, und eben wollten sie sich seiner
+erwehren in ihrem Neid, als ein junges Mädchen
+in schwarzem, fast nonnenhaftem Kleide im Vorhofe
+erschien und, durch ihre Güte gehemmt,
+von einem zum anderen ging, während eine der
+begleitenden Frauen den Beutel offen hielt, aus
+welchem sie ihre kleinen Gaben holte. Die
+Bettler stürzten in die Knie, schluchzten und
+suchten ihre welken Finger eine Sekunde lang
+an die Schleppe des schlichten Kleides ihrer
+Wohltäterin zu legen, oder sie küßten auch den
+letzten Saum mit ihren nassen, stammelnden
+Lippen. Die Reihe war zu Ende; es hatte auch
+keiner von den Beatrice wohlbekannten Armen
+<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a>
+gefehlt. Aber da gewahrte sie unter dem Schatten
+des Tores noch eine fremde Gestalt in Lumpen
+und erschrak. Sie geriet in Verwirrung. Alle
+ihre Armen hatte sie schon als Kind gekannt,
+und sie zu beschenken, war ihr etwas Selbstverständliches
+geworden, eine Handlung wie etwa
+die, daß man die Finger in die Marmorschalen
+voll heiligen Wassers hält, die an den Türen
+jeder Kirche stehen. Aber es war ihr nie eingefallen,
+daß es auch fremde Bettler geben könnte;
+wie sollte man das Recht haben, auch diese zu
+beschenken, da man sich das Vertrauen ihrer
+Armut nicht verdient hatte durch irgendein
+Wissen darum? Wäre es nicht eine unerhörte
+Überhebung gewesen, einem Unbekannten ein
+Almosen zu reichen? Und im Widerstreit dieser
+dunkeln Gefühle ging das Mädchen, als ob es
+ihn nicht bemerkt hätte, an dem neuen Bettler
+vorbei und trat rasch in die kühle, hohe Kirche
+ein. Aber als drinnen die Andacht begann,
+konnte sie sich keines Gebetes erinnern. Eine
+Angst überkam sie, daß der arme Mann nach
+<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a>
+der Vesper nicht mehr am Tore zu finden sein
+würde und daß sie nichts getan hatte, seine Not
+zu lindern, während die Nacht so nahe war,
+darin alle Armut hilfloser und trauriger ist als
+am Tag. Sie machte derjenigen von ihren
+Frauen, die den Beutel trug, ein Zeichen und
+zog sich mit ihr nach dem Eingang zurück.
+Dort war es indessen leer geworden; aber der
+Fremde stand immer noch, an eine Säule gelehnt,
+da und schien dem Gesang zu lauschen,
+der seltsam fern, wie aus Himmeln, aus der
+Kirche kam. Sein Gesicht war fast ganz verhüllt,
+wie es manchmal bei Aussätzigen der Fall
+ist, die ihre häßlichen Wunden erst entblößen,
+wenn man nahe vor ihnen steht und sie sicher
+sind, daß Mitleid und Ekel in gleichem Maße
+zu ihren Gunsten reden. Beatrice zögerte. Sie
+hatte den kleinen Beutel selbst in Händen und
+fühlte nur wenige geringe Münzen darin. Aber
+mit einem raschen Entschluß trat sie auf den
+Bettler zu und sagte mit unsicherer, etwas
+singender Stimme und ohne die flüchtenden
+<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a>
+Blicke von den eigenen Händen zu heben:
+›Nicht um Euch zu kränken, Herr &hellip; mir ist,
+erkenn ich Euch recht, ich bin in Eurer Schuld.
+Euer Vater, ich glaube, hat in unserem Haus
+das reiche Geländer gemacht, aus getriebenem
+Eisen, wißt Ihr, welches die Treppe uns ziert.
+Später einmal &ndash; fand sich in der Kammer, &ndash; darin
+er manchmal bei uns zu arbeiten pflegte, &ndash; ein
+Beutel &ndash; ich denke, er hat ihn verloren &ndash; gewiß&nbsp;&ndash;.‹
+Aber die hilflose Lüge ihrer Lippen drückte das
+Mädchen vor dem Fremden in die Kniee. Sie
+zwang den Beutel aus Brokat in seine vom Mantel
+verhüllten Hände und stammelte: ›Verzeiht&nbsp;&ndash;.‹</p>
+
+<p>Sie fühlte noch, daß der Bettler zitterte. Dann
+flüchtete Beatrice mit der erschrockenen Begleiterin
+zurück in die Kirche. Aus dem eine
+Weile geöffneten Tor brach ein kurzer Jubel
+von Stimmen. &ndash; Die Geschichte ist zu Ende.
+Messer Palla degli Albizzi blieb in seinen Lumpen.
+Er verschenkte seine ganze Habe und ging barfuß
+und arm ins Land. Später soll er in der Nähe
+von Subiaco gewohnt haben.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>»Zeiten, Zeiten,« sagte der Herr Lehrer.
+»Was hilft das alles; er war auf dem Wege, ein
+Wüstling zu werden, und wurde durch diese
+Begebenheit ein Landstreicher, ein Sonderling.
+Heute weiß gewiß kein Mensch mehr von ihm.«
+»Doch,« &ndash; erwiderte ich bescheiden, &ndash; »sein
+Name wird bisweilen bei den großen Litaneien
+in den katholischen Kirchen unter den Fürbittern
+genannt; denn er ist ein Heiliger geworden.«</p>
+
+<p>Die Kinder haben auch diese Geschichte vernommen,
+und sie behaupten, zum Ärger des
+Herrn Lehrer, auch in ihr käme der liebe Gott
+vor. Ich bin auch ein wenig erstaunt darüber;
+denn ich habe dem Herrn Lehrer doch versprochen,
+ihm eine Geschichte ohne den lieben
+Gott zu erzählen. Aber, freilich: die Kinder
+müssen es wissen!</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>EINE GESCHICHTE, DEM DUNKEL ERZÄHLT</h2>
+
+<p class="drop-cap">Ich<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a> wollte den Mantel umnehmen und zu meinem
+Freunde Ewald gehen. Aber ich hatte
+mich über einem Buche versäumt, einem alten
+Buche übrigens, und es war Abend geworden,
+wie es in Rußland Frühling wird. Noch vor
+einem Augenblick war die Stube bis in die fernsten
+Ecken klar, und nun taten alle Dinge, als
+ob sie nie etwas anderes gekannt hätten als
+Dämmerung; überall gingen große dunkle Blumen
+auf, und wie auf Libellenflügeln glitt Glanz
+um ihre samtenen Kelche.</p>
+
+<p>Der Lahme war gewiß nicht mehr am Fenster.
+Ich blieb also zu Haus. Was hatte ich ihm doch
+erzählen wollen? Ich wußte es nicht mehr. Aber
+eine Weile später fühlte ich, daß jemand diese
+verlorene Geschichte von mir verlangte, irgendein
+einsamer Mensch vielleicht, der fern am
+Fenster seiner finstern Stube stand, oder vielleicht
+dieses Dunkel selbst, das mich und ihn
+und die Dinge umgab. So geschah es, daß ich
+dem Dunkel erzählte. Und es neigte sich immer
+näher zu mir, so daß ich immer leiser sprechen
+<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a>
+konnte, ganz, wie es zu meiner Geschichte paßt.
+Sie handelt übrigens in der Gegenwart und beginnt.</p>
+
+<p>Nach langer Abwesenheit kehrte Doktor Georg
+Laßmann in seine enge Heimat zurück. Er hatte
+nie viel dort besessen, und jetzt lebten ihm nur
+mehr zwei Schwestern in der Vaterstadt, beide
+verheiratet, wie es schien, gut verheiratet; diese
+nach zwölf Jahren wiederzusehen, war der Grund
+seines Besuchs. So glaubte er selbst. Aber nachts,
+während er im überfüllten Zuge nicht schlafen
+konnte, wurde ihm klar, daß er eigentlich um
+seiner Kindheit willen kam, und hoffte, in den
+alten Gassen irgend etwas wieder zu finden: ein
+Tor, einen Turm, einen Brunnen, irgendeinen
+Anlaß zu einer Freude oder zu einer Traurigkeit,
+an welcher er sich wieder erkennen konnte.
+Man verliert sich ja so im Leben. Und da fiel
+ihm verschiedenes ein: die kleine Wohnung in
+der Heinrichsgasse mit den glänzenden Türklinken
+und den dunkelgestrichenen Dielen, die
+geschonten Möbel und seine Eltern, diese beiden
+<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a>
+abgenützten Menschen, fast ehrfürchtig neben
+ihnen; die schnellen gehetzten Wochentage und
+die Sonntage, die wie ausgeräumte Säle waren,
+die seltenen Besuche, die man lachend und in
+Verlegenheit empfing, das verstimmte Klavier,
+der alte Kanarienvogel, der ererbte Lehnstuhl,
+auf dem man nicht sitzen durfte, ein Namenstag,
+ein Onkel, der aus Hamburg kommt, ein
+Puppentheater, ein Leierkasten, eine Kindergesellschaft,
+und jemand ruft: ›Klara‹. Der Doktor
+wäre fast eingeschlafen. Man steht in einer
+Station, Lichter laufen vorüber, und der Hammer
+geht horchend durch die klingenden Räder. Und
+das ist wie: Klara, Klara. Klara, überlegt der
+Doktor, jetzt ganz wach, wer war das doch?
+Und gleich darauf fühlt er ein Gesicht, ein
+Kindergesicht mit blondem, glattem Haar. Nicht
+daß er es schildern könnte, aber er hat die Empfindung
+von etwas Stillem, Hilflosem, Ergebenem,
+von ein paar schmalen Kinderschultern,
+durch ein verwaschenes Kleidchen noch mehr
+zusammengepreßt, und er dichtet dazu ein Gesicht
+<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a>
+&ndash; aber da weiß er auch schon, er muß es
+nicht dichten. Es ist da &ndash; oder vielmehr es war
+da &ndash; damals. So erinnert sich Doktor Laßmann
+an seine einzige Gespielin Klara, nicht ohne
+Mühe. Bis zur Zeit, da er in eine Erziehungsanstalt
+kam, etwa zehn Jahre alt, hat er alles mit
+ihr geteilt, was ihm begegnete, das Wenige (oder
+das Viele?). Klara hatte keine Geschwister, und
+er hatte so gut wie keine; denn seine älteren
+Schwestern kümmerten sich nicht um ihn. Aber
+seither hat er niemanden je nach ihr gefragt.
+Wie war das doch möglich? Er lehnte sich zurück.
+Sie war ein frommes Kind, erinnerte er
+sich noch, und dann fragte er sich: Was mag
+aus ihr geworden sein? Eine Zeitlang ängstigte
+ihn der Gedanke, sie könnte gestorben sein. Eine
+unermeßliche Bangigkeit überfiel ihn in dem
+engen gedrängten Coupé; alles schien diese Annahme
+zu bestätigen: sie war ein kränkliches
+Kind, sie hatte es zu Hause nicht besonders gut,
+sie weinte oft; unzweifelhaft: sie ist tot. Der
+Doktor ertrug es nicht länger; er störte einzelne
+<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a>
+Schlafende und schob sich zwischen ihnen durch
+in den Gang des Waggons. Dort öffnete er ein
+Fenster und schaute hinaus in das Schwarz mit
+den tanzenden Funken. Das beruhigte ihn. Und
+als er später in das Coupé zurückkehrte, schlief
+er trotz der unbequemen Lage bald ein.</p>
+
+<p>Das Wiedersehen mit den beiden verheirateten
+Schwestern verlief nicht ohne Verlegenheiten.
+Die drei Menschen hatten vergessen, wie weit
+sie einander, trotz ihrer engen Verwandtschaft,
+doch immer geblieben waren, und versuchten
+eine Weile, sich wie Geschwister zu benehmen.
+Indessen kamen sie bald stillschweigend überein,
+zu dem höflichen Mittelton ihre Zuflucht
+zu nehmen, den der gesellschaftliche Verkehr
+für alle Fälle geschaffen hat.</p>
+
+<p>Er war bei der jüngeren Schwester, deren
+Mann in besonders günstigen Verhältnissen war,
+Fabrikant mit dem Titel kaiserlicher Rat; und
+es war nach dem vierten Gange des Diners, als
+der Doktor fragte: ›Sag mal, Sophie, was ist
+denn aus Klara geworden?‹ ›Welcher Klara?‹
+<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a>
+›Ich kann mich ihres Familiennamens nicht erinnern.
+Der kleinen, weißt du, der Nachbarstochter,
+mit der ich als Kind gespielt habe?‹
+›Ach, Klara Söllner meinst du?‹ ›Söllner, richtig,
+Söllner. Jetzt fällt mir erst ein: der alte Söllner,
+das war ja dieser gräßliche Alte &ndash;&nbsp;&ndash; aber was
+ist mit Klara?‹ Die Schwester zögerte: ›Sie hat
+geheiratet &ndash; übrigens lebt sie jetzt ganz zurückgezogen.‹
+›Ja,‹ machte der Herr Rat, und sein
+Messer glitt kreischend über den Teller, ›ganz
+zurückgezogen.‹ ›Du kennst sie auch?‹ wandte
+sich der Doktor an seinen Schwager. ›Ja-a-a &ndash;
+so flüchtig; sie ist ja hier ziemlich bekannt.‹ Die
+beiden Gatten wechselten einen Blick des Einverständnisses.
+Der Doktor merkte, daß es ihnen
+aus irgendeinem Grunde unangenehm war, über
+diese Angelegenheit zu reden, und fragte nicht
+weiter.</p>
+
+<p>Um so mehr Lust zu diesem Thema bewies
+der Herr Rat, als die Hausfrau die Herren beim
+schwarzen Kaffee zurückgelassen hatte. ›Diese
+Klara,‹ fragte er mit listigem Lächeln und betrachtete
+<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a>
+die Asche, die von seiner Zigarre in
+den silbernen Becher fiel, ›sie soll doch ein stilles
+und überdies häßliches Kind gewesen sein?‹
+Der Doktor schwieg. Der Herr Rat rückte vertraulich
+näher: ›Das war eine Geschichte! &ndash;
+Hast du nie davon gehört?‹ ›Aber ich habe ja
+mit niemandem gesprochen.‹ ›Was, gesprochen,‹
+lächelte der Rat fein, ›man hat es ja in den Zeitungen
+lesen können.‹ ›Was?‹ fragte der Doktor
+nervös.</p>
+
+<p>›Also, sie ist ihm durchgegangen‹ &ndash; hinter
+einer Wolke Rauches her schickte der Fabrikant
+diesen überraschenden Satz und wartete in unendlichem
+Behagen die Wirkung desselben ab.
+Aber diese schien ihm nicht zu gefallen. Er
+nahm eine geschäftliche Miene an, setzte sich
+gerade und begann in anderem berichtenden
+Ton, gleichsam gekränkt. ›Hm. Man hatte sie
+verheiratet an den Baurat Lehr. Du wirst ihn
+nicht mehr gekannt haben. Kein alter Mann, in
+meinem Alter. Reich, durchaus anständig, weißt
+du, durchaus anständig. Sie hatte keinen Groschen
+<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a>
+und war obendrein nicht schön, ohne
+Erziehung usw. Aber der Baurat wünschte ja
+auch keine große Dame, eine bescheidene Hausfrau.
+Aber die Klara &ndash; sie wurde überall in der
+Gesellschaft aufgenommen, man brachte ihr allgemein
+Wohlwollen entgegen, &ndash; wirklich &ndash; man
+benahm sich &ndash; also sie hätte sich eine Position
+schaffen können mit Leichtigkeit, weißt du &ndash;
+aber die Klara, eines Tages &ndash; kaum zwei Jahre
+nach der Hochzeit: fort ist sie. Kannst du dir
+denken: fort. Wohin? Nach Italien. Eine kleine
+Vergnügungsreise, natürlich nicht allein. Wir
+haben sie schon im ganzen letzten Jahr nicht
+eingeladen gehabt, &ndash; als ob wir geahnt hätten!
+Der Baurat, mein guter Freund, ein Ehrenmann,
+ein Mann&nbsp;&ndash;‹</p>
+
+<p>›Und Klara?‹ unterbrach ihn der Doktor und
+erhob sich. ›Ach so &ndash; ja, na die Strafe des Himmels
+hat sie erreicht. Also der Betreffende &ndash;
+man sagt ein Künstler, weißt du &ndash; ein leichter
+Vogel, natürlich nur so &ndash; Also wie sie aus
+Italien zurück waren, in München: adieu und
+<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a>
+ward nicht mehr gesehen. Jetzt sitzt sie mit
+ihrem Kind!‹</p>
+
+<p>Doktor Laßmann ging erregt auf und nieder:
+›In München?‹ ›Ja, in München,‹ antwortete
+der Rat und erhob sich gleichfalls. ›Es soll
+ihr übrigens recht elend gehen&nbsp;&ndash;‹ ›Was heißt
+elend&nbsp;&ndash;?‹ ›Nun,‹ der Rat betrachtete seine Zigarre,
+›pekuniär und dann überhaupt &ndash; Gott &ndash; so eine
+Existenz &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;‹ Plötzlich legte er seine gepflegte
+Hand dem Schwager auf die Schulter,
+seine Stimme gluckste vor Vergnügen: ›Weißt
+du, übrigens erzählte man sich, sie lebe von&nbsp;&ndash;‹
+Der Doktor drehte sich kurz um und ging aus
+der Tür. Der Herr Rat, dem die Hand von der
+Schulter des Schwagers gefallen war, brauchte
+zehn Minuten, um sich von seinem Staunen zu
+erholen. Dann ging er zu seiner Frau hinein
+und sagte ärgerlich: ›Ich hab es immer gesagt,
+dein Bruder ist ein Sonderling.‹ Und diese, die
+eben eingenickt war, gähnte träge: ›Ach Gott ja.‹</p>
+
+<p>Vierzehn Tage später reiste der Doktor ab.
+Er wußte mit einemmal, daß er seine Kindheit
+<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a>
+anderswo suchen müsse. In München fand er
+im Adreßbuch: Klara Söllner, Schwabing, Straße
+und Nummer. Er meldete sich an und fuhr
+hinaus. Eine schlanke Frau begrüßte ihn in
+einer Stube voll Licht und Güte.</p>
+
+<p>›Georg, und Sie erinnern sich meiner?‹</p>
+
+<p>Der Doktor staunte. Endlich sagte er: ›Also
+das sind Sie, Klara,‹ sie hielt ihr stilles Gesicht
+mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte sie
+ihm Zeit geben, sie zu erkennen. Das dauerte
+lange. Schließlich schien der Doktor etwas gefunden
+zu haben, was ihm bewies, daß seine
+alte Spielgefährtin wirklich vor ihm stünde. Er
+suchte noch einmal ihre Hand und drückte sie;
+dann ließ er sie langsam los und schaute in der
+Stube umher. Diese schien nichts Überflüssiges
+zu enthalten. Am Fenster ein Schreibtisch mit
+Schriften und Büchern, an welchem Klara eben
+mußte gesessen haben. Der Stuhl war noch zurückgeschoben.
+›Sie haben geschrieben?‹ &hellip;
+und der Doktor fühlte, wie dumm diese Frage
+war. Aber Klara antwortete unbefangen: ›Ja, ich
+<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a>
+übersetze.‹ ›Für den Druck?‹ ›Ja,‹ sagte Klara
+einfach, ›für einen Verlag.‹ Georg bemerkte an
+den Wänden einige italienische Photographien.
+Darunter das »Konzert« des Giorgione. ›Sie
+lieben das?‹ Er trat nahe an das Bild heran. ›Und
+Sie?‹ ›Ich habe das Original nie gesehen; es ist
+in Florenz, nicht wahr?‹ ›Im Pitti. Sie müssen
+hinreisen.‹ ›Zu diesem Zweck?‹ ›Zu diesem
+Zweck.‹ Eine freie und einfache Heiterkeit war
+über ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf.</p>
+
+<p>›Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht
+setzen?‹ ›Ich bin traurig,‹ zögerte er. ›Ich habe
+gedacht &ndash; aber Sie sind ja gar nicht elend&nbsp;&ndash;‹ fuhr
+es plötzlich heraus. Klara lächelte: ›Sie haben
+meine Geschichte gehört?‹ ›Ja, das heißt&nbsp;&ndash;‹ ›O,‹
+unterbrach ihn Klara schnell, als sie merkte,
+daß seine Stirn sich verdunkelte, ›es ist nicht
+die Schuld der Menschen, daß sie anders davon
+reden. Die Dinge, die wir erleben, lassen sich
+oft nicht ausdrücken, und wer sie dennoch erzählt,
+muß notwendig Fehler begehen&nbsp;&ndash;.‹ Pause.
+Und der Doktor: ›Was hat Sie so gütig gemacht?‹
+<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>
+›Alles,‹ sagte sie leise und warm. ›Aber
+warum sagen Sie: gütig?‹ ›Weil &ndash; weil Sie
+eigentlich hätten hart werden müssen. Sie waren
+ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder
+werden später entweder hart oder&nbsp;&ndash;‹ ›Oder sie
+sterben &ndash; wollen Sie sagen. Nun, ich bin auch
+gestorben. O, ich bin viele Jahre gestorben.
+Seit ich Sie zum letztenmal gesehen habe, zu
+Haus, bis&nbsp;&ndash;‹ Sie langte etwas vom Tische her:
+›Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist etwas geschmeichelt.
+Sein Gesicht ist nicht so klar, aber
+&ndash; lieber, einfacher. Ich werde Ihnen dann gleich
+unser Kind zeigen, es schläft jetzt nebenan. Es
+ist ein Bub. Heißt Angelo, wie er. Er ist jetzt
+fort, auf Reisen, weit.‹</p>
+
+<p>›Und Sie sind ganz allein?‹ fragte der Doktor
+zerstreut, immer noch über dem Bilde.</p>
+
+<p>›Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug?
+Ich will Ihnen erzählen, wie das kommt. Angelo
+ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie
+werden ihn nie gehört haben. Bis in die letzte
+Zeit hat er gerungen mit der Welt, mit seinen
+<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a>
+Plänen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir;
+denn ich bat ihn seit einem Jahr: du mußt reisen.
+Ich fühlte, wie sehr ihm das not tat. Einmal
+sagte er scherzend: ›Mich oder ein Kind?‹ ›Ein
+Kind,‹ sagte ich, und dann reiste er.‹</p>
+
+<p>›Und wann wird er zurückkehren?‹</p>
+
+<p>›Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so
+ist es abgemacht.‹ Der Doktor wollte etwas bemerken.
+Aber Klara lachte: ›Und da es ein
+schwerer Name ist, wird es noch eine Weile
+dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei
+Jahre.‹</p>
+
+<p>›Seltsam,‹ sagte der Doktor. ›Was, Georg?‹
+›Wie gut Sie das Leben verstehen. Wie groß
+Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie
+Ihre Kindheit hingetan? &ndash; wir waren doch beide
+so &ndash; so hilflose Kinder. Das läßt sich doch
+nicht ändern oder ungeschehen machen.‹ ›Sie
+meinen also, wir hätten an unserer Kindheit
+leiden müssen, von Rechts wegen?‹ ›Ja, gerade
+das meine ich. An diesem schweren Dunkel
+hinter uns, zu dem wir so schwache, so ungewisse
+<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a>
+Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit:
+wir haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen
+Anfang, alles Vertrauen, die Keime zu alledem,
+was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich
+wissen wir: Alles das ist versunken in einem
+Meer, und wir wissen nicht einmal genau wann.
+Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand
+sein ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür
+eine Feder kaufte und sie auf den Hut steckte,
+hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen.
+Natürlich kommt er zu Hause ohne Feder an,
+und ihm bleibt nichts übrig, als nachzudenken,
+wann sie wohl könnte davongeflogen sein.‹</p>
+
+<p>›Sie denken daran, Georg?‹</p>
+
+<p>›Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben.
+Ich beginne irgendwo hinter meinem zehnten
+Jahr, dort, wo ich aufgehört habe zu beten. Das
+andere gehört nicht mir.‹</p>
+
+<p>›Und wie kommt es dann, daß Sie sich an
+mich erinnert haben?‹</p>
+
+<p>›Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der
+einzige Zeuge jener Zeit. Ich glaubte, ich könnte
+<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a>
+in Ihnen wiederfinden, &ndash; was ich in mir nicht
+finden kann. Irgendeine Bewegung, ein Wort,
+einen Namen, an dem etwas hängt &ndash; eine Aufklärung&nbsp;&ndash;‹
+Der Doktor senkte den Kopf in seine
+kalten, unruhigen Hände.</p>
+
+<p>Frau Klara dachte nach: ›Ich erinnere mich
+an so weniges aus meiner Kindheit, als wären
+tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie
+mich so daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein
+Abend. Sie kamen zu uns, unerwartet; Ihre
+Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so.
+Bei uns war alles hell. Mein Vater erwartete
+einen Gast, einen Verwandten, einen entfernten
+reichen Verwandten, wenn ich mich recht entsinne.
+Er sollte kommen aus, aus &ndash; ich weiß
+nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns wartete
+man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Türen
+waren offen, die Lampen brannten, die Mutter
+ging von Zeit zu Zeit und glättete eine Schutzdecke
+auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster.
+Niemand wagte sich zu setzen, um keinen Stuhl
+zu verrücken. Da Sie gerade kamen, warteten
+<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a>
+Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tür.
+Und je später es wurde, einen desto wunderbarern
+Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten
+sogar, er könnte kommen, ehe er jenen letzten
+Grad von Herrlichkeit erreicht haben würde,
+dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens
+näher kam. Wir fürchteten nicht, er könnte
+überhaupt nicht erscheinen; wir wußten bestimmt:
+er kommt, aber wir wollten ihm Zeit
+lassen, groß und mächtig zu werden.‹</p>
+
+<p>Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte
+traurig: <ins title="Das">›Das</ins> also wissen wir beide, daß er nicht
+kam&nbsp;&ndash;. Ich habe es auch nicht vergessen gehabt.‹
+›Nein,‹ &ndash; bestätigte Klara, ›er kam nicht&nbsp;&ndash;.‹
+Und nach einer Pause: ›Aber es war doch schön!‹
+›Was?‹ ›Nun so &ndash; das Warten, die vielen Lampen,
+&ndash; die Stille &ndash; das Feiertägliche.‹</p>
+
+<p>Etwas rührte sich im Nebenzimmer. Frau
+Klara entschuldigte sich für einen Augenblick;
+und als sie hell und heiter zurückkam, sagte sie:
+›Wir können dann hineingehen. Er ist jetzt wach
+und lächelt. &ndash; Aber was wollten Sie eben sagen?‹</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a>›Ich habe mir eben überlegt, was Ihnen könnte
+geholfen haben zu &ndash; zu sich selbst, zu diesem
+ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen
+doch nicht leicht gemacht. Offenbar half Ihnen
+etwas, was mir fehlt?‹ ›Was sollte das sein,
+Georg?‹ Klara setzte sich neben ihn.</p>
+
+<p>›Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal
+wieder Ihrer erinnerte, vor drei Wochen nachts,
+auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes
+Kind. Und jetzt, seit ich Sie gesehen habe,
+trotzdem Sie so ganz anders sind, als ich erwartete
+&ndash; trotzdem, ich möchte fast sagen, nur
+noch desto sicherer, empfinde ich, was Sie geführt
+hat, mitten durch alle Gefahren, war Ihre
+&ndash; Ihre Frömmigkeit.‹</p>
+
+<p>›Was nennen Sie Frömmigkeit?‹</p>
+
+<p>›Nun, Ihr Verhältnis zu Gott, Ihre Liebe zu
+ihm, Ihr Glauben.‹</p>
+
+<p>Frau Klara schloß die Augen: ›Liebe zu Gott?
+Lassen Sie mich nachdenken.‹ Der Doktor betrachtete
+sie gespannt. Sie schien ihre Gedanken
+langsam auszusprechen, so wie sie ihr kamen:
+<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a>
+›Als Kind &ndash; hab ich da Gott geliebt? Ich glaube
+nicht. Ja, ich habe nicht einmal &ndash; es hätte mir
+wie eine wahnsinnige Überhebung &ndash; das ist nicht
+das richtige Wort &ndash; wie die größte Sünde geschienen,
+zu denken: Er ist. Als ob ich ihn damit
+gezwungen hätte, in mir, in diesem schwachen
+Kind, mit den lächerlich langen Armen, zu sein,
+in unserer armen Wohnung, in der alles unecht
+und lügnerisch war, von den Bronze-Wandtellern
+aus Papiermaché bis zum Wein in den Flaschen,
+die so teure Etiketten trugen. Und später&nbsp;&ndash;‹
+Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung
+mit den Händen, und ihre Augen schlossen sich
+fester, als fürchteten sie, durch die Lider etwas
+Furchtbares zu sehen &ndash; ›ich hätte ihn ja hinausdrängen
+müssen aus mir, wenn er in mir gewohnt
+hätte damals. Aber ich wußte nichts von
+ihm. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich hatte
+alles vergessen. &ndash; Erst in Florenz: Als ich zum
+erstenmal in meinem Leben sah, hörte, fühlte,
+erkannte und zugleich danken lernte für alles
+das, da dachte ich wieder an ihn. Überall waren
+<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a>
+Spuren von ihm. In allen Bildern fand ich Reste
+von seinem Lächeln, die Glocken lebten noch
+von seiner Stimme, und an den Statuen erkannte
+ich Abdrücke seiner Hände.‹</p>
+
+<p>›Und da fanden Sie ihn?‹</p>
+
+<p>Klara schaute den Doktor mit großen, glücklichen
+Augen an: ›Ich fühlte, daß er war, irgendwann
+einmal war &hellip; warum hätte ich mehr empfinden
+sollen? Das war ja schon Überfluß.‹</p>
+
+<p>Der Doktor stand auf und ging ans Fenster.
+Man sah ein Stück Feld und die kleine, alte
+Schwabinger Kirche, darüber Himmel, nicht
+mehr ganz ohne Abend. Plötzlich fragte Doktor
+Laßmann, ohne sich umzuwenden: ›Und jetzt?‹
+Als keine Antwort kam, kehrte er leise zurück.</p>
+
+<p>›Jetzt&nbsp;&ndash;,‹ zögerte Klara, als er gerade vor ihr
+stand, und hob die Augen voll zu ihm auf: ›jetzt
+denke ich manchmal: Er wird sein.‹</p>
+
+<p>Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie
+einen Augenblick. Er schaute so ins Unbestimmte.</p>
+
+<p>›Woran denken Sie, Georg?‹</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a>›Ich denke, daß das wieder wie an jenem
+Abend ist: Sie warten wieder auf den Wunderbaren,
+auf Gott, und wissen, daß er kommen
+wird &ndash; Und ich komme zufällig dazu&nbsp;&ndash;.‹</p>
+
+<p>Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie
+sah sehr jung aus. ›Nun, diesmal wollen wirs
+aber auch abwarten.‹ Sie sagte das so froh und
+einfach, daß der Doktor lächeln mußte. So
+führte sie ihn in das andere Zimmer, zu ihrem
+Kind.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder
+nicht wissen dürfen. Indessen, die Kinder haben
+sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem Dunkel
+erzählt, sonst niemandem. Und die Kinder haben
+Angst vor dem Dunkel, laufen ihm davon, und
+müssen sie einmal drinnen bleiben, so pressen
+sie die Augen zusammen und halten sich die
+Ohren zu. Aber auch für sie wird einmal die
+Zeit kommen, da sie das Dunkel liebhaben. Sie
+werden von ihm meine Geschichte empfangen,
+und dann werden sie sie auch besser verstehen.</p>
+
+<h2><a name="contents">INHALT</a></h2>
+
+<table id="toc" summary="Inhalt">
+<tr>
+ <td colspan="2">ALS EINLEITUNG</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Das Märchen von den Händen Gottes</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_1">1</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td colspan="2">GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Der fremde Mann</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_19">19</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Warum der liebe Gott will, daß es arme Leute gibt</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_29">29</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Wie der Verrat nach Rußland kam</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_41">41</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Wie der alte Timofei singend starb</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_55">55</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Das Lied von der Gerechtigkeit</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_69">69</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_89">89</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Von einem, der die Steine belauscht</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_103">103</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_111">111</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Ein Märchen vom Tod und eine fremde Nachschrift dazu</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_123">123</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Ein Verein aus einem dringenden Bedürfnis heraus</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_139">139</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Der Bettler und das stolze Fräulein</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_159">159</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Eine Geschichte, dem Dunkel erzählt</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_171">171</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<p class="center page-break">Druck von Bernhard<br/>
+Tauchnitz in Leipzig</p>
+
+<p class="center page-break" style="font-size: large; text-decoration: underline;">IM INSEL-VERLAG · LEIPZIG</p>
+
+<p class="center" style="font-size: large;">DICHTUNGEN<br/>
+VON RAINER MARIA RILKE</p>
+
+<hr class="line"/>
+
+<p class="no-indent">DAS STUNDENBUCH. (Vom mönchischen Leben;
+Von der Pilgerschaft; Von der Armut und vom Tode.)
+<i>30.&ndash;39. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">ERSTE GEDICHTE. <i>10.&ndash;13. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">DIE FRÜHEN GEDICHTE. <i>11.&ndash;14. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">NEUE GEDICHTE (1905 bis 1907). <i>10.&ndash;14. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. <i>9. bis
+13. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">DAS BUCH DER BILDER. <i>16.&ndash;19. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">REQUIEM. (Für eine Freundin. Für Wolf Graf von
+Kalckreuth.) <i>Fünfte Auflage.</i></p>
+
+<p class="no-indent">DAS MARIENLEBEN. <i>31.&ndash;40. Tausend.</i> (Insel-Bücherei
+Nr.&nbsp;43.)</p>
+
+<p class="no-indent">DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS
+CHRISTOPH RILKE. <i>201.&ndash;230. Tausend.</i>
+(Insel-Bücherei Nr.&nbsp;1.)</p>
+
+<p class="no-indent">DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS
+BRIGGE. Roman. Zwei Bände. <i>13.&ndash;17. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">AUGUSTE RODIN. Mit 96 Vollbildern nach Skulpturen
+und Handzeichnungen Rodins. <i>31.&ndash;35. Tausend.</i></p>
+
+<hr class="line"/>
+
+<p class="center"><i>Von Rilke wurden übertragen:</i></p>
+
+<p class="no-indent">ELIZABETH BARRETT-BROWNING: SONETTE
+AUS DEM PORTUGIESISCHEN. (Insel-Bücherei
+Nr.&nbsp;252.)</p>
+
+<p class="no-indent">DIE LIEBE DER MAGDALENA. Ein französischer
+Sermon, gezogen durch den Abbé Joseph Bonnet aus
+dem Manuskript Q&nbsp;I&nbsp;14 der Kaiserlichen Bibliothek zu
+St. Petersburg. <i>Dritte Auflage.</i></p>
+
+<p class="no-indent">DIE VIERUNDZWANZIG SONETTE DER LOUÏZE
+LABÉ. Lyoneserin 1555. (Insel-Bücherei Nr.&nbsp;222.)
+<i>11.&ndash;20. Tausend.</i></p>
+
+<p class="no-indent">PORTUGIESISCHE BRIEFE. (Die Briefe der Marianne
+Alcoforado.) <i>21.&ndash;25. Tausend.</i> (Insel-Bücherei
+Nr.&nbsp;74.)</p>
+
+<p class="no-indent">ANDRÉ GIDE. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes.
+<i>16.&ndash;20. Tausend.</i> (Insel-Bücherei Nr.&nbsp;143.)</p>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_11">Seite 11</a>:<br/>
+<span class="correction">Du</span> hast ihn losgelassen!‹ ›Bitte,‹ sagte die<br/>
+<span class="correction">›Du</span> hast ihn losgelassen!‹ ›Bitte,‹ sagte die
+</li>
+<li><a href="#Page_61">Seite 61</a>:<br/>
+Burschen zu sagen: <span class="correction">Jegoruschka</span>, mein Täubchen,<br/>
+Burschen zu sagen: <span class="correction">›Jegoruschka</span>, mein Täubchen,
+</li>
+<li><a href="#Page_119">Seite 119</a>:<br/>
+erkennen läßt, oder wofür der Name mir <span class="correction">fehlt</span><br/>
+erkennen läßt, oder wofür der Name mir <span class="correction">fehlt.</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_187">Seite 187</a>:<br/>
+traurig: <span class="correction">Das</span> also wissen wir beide, daß er nicht<br/>
+traurig: <span class="correction">›Das</span> also wissen wir beide, daß er nicht
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT ***
+
+***** This file should be named 38402-h.htm or 38402-h.zip *****
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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