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+Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Geschichten vom lieben Gott
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: December 24, 2011 [EBook #38402]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT ***
+
+
+
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
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+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
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+ Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches.
+ ]
+
+
+
+
+24. bis 28. Tausend
+
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+
+ Geschichten
+ vom lieben Gott
+
+ Von
+ Rainer Maria Rilke
+
+ 1921
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+MEINE FREUNDIN, EINMAL HABE ICH DIESES BUCH IN IHRE HÄNDE GELEGT, UND
+SIE HABEN ES LIEB GEHABT WIE NIEMAND VORHER. SO HABE ICH MICH DARAN
+GEWÖHNT, ZU DENKEN, DASS ES IHNEN GEHÖRT. DULDEN SIE DESHALB, DASS ICH
+NICHT ALLEIN IN IHR EIGENES BUCH, SONDERN IN ALLE BÜCHER DIESER NEUEN
+AUSGABE IHREN NAMEN SCHREIBE; DASS ICH SCHREIBE:
+
+ DIE GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT
+ GEHÖREN ELLEN KEY.
+
+ RAINER MARIA RILKE
+ ROM, IM APRIL 1904.
+
+
+
+
+DAS MÄRCHEN VON DEN HÄNDEN GOTTES
+
+
+Neulich, am Morgen, begegnete mir die Frau Nachbarin. Wir begrüßten uns.
+
+»Was für ein Herbst!« sagte sie nach einer Pause und blickte nach dem
+Himmel auf. Ich tat desgleichen. Der Morgen war allerdings sehr klar und
+köstlich für Oktober. Plötzlich fiel mir etwas ein: »Was für ein
+Herbst!« rief ich und schwenkte ein wenig mit den Händen. Und die Frau
+Nachbarin nickte beifällig. Ich sah ihr so einen Augenblick zu. Ihr
+gutes gesundes Gesicht ging so lieb auf und nieder. Es war recht hell,
+nur um die Lippen und an den Schläfen waren kleine schattige Falten.
+Woher sie das haben mag? Und da fragte ich ganz unversehens: »Und Ihre
+kleinen Mädchen?« Die Falten in ihrem Gesicht verschwanden eine Sekunde,
+zogen sich aber gleich, noch dunkler, zusammen. »Gesund sind sie, Gott
+sei Dank, aber --«; die Frau Nachbarin setzte sich in Bewegung, und ich
+schritt jetzt an ihrer Linken, wie es sich gehört. »Wissen Sie, sie sind
+jetzt beide in dem Alter, die Kinder, wo sie den ganzen Tag fragen. Was,
+den ganzen Tag, bis in die gerechte Nacht hinein.« »Ja,« murmelte ich,
+-- »es gibt eine Zeit ...« Sie aber ließ sich nicht stören: »Und nicht
+etwa: Wohin geht diese Pferdebahn? Wieviel Sterne gibt es? Und ist
+zehntausend mehr als viel? Noch ganz andere Sachen! Zum Beispiel:
+Spricht der liebe Gott auch chinesisch? und: Wie sieht der liebe Gott
+aus? Immer alles vom lieben Gott! Darüber weiß man doch nicht
+Bescheid --.« »Nein, allerdings,« stimmte ich bei, »man hat da gewisse
+Vermutungen ...« »Oder von den Händen vom lieben Gott, was soll man
+da --«
+
+Ich schaute der Nachbarin in die Augen: »Erlauben Sie,« sagte ich recht
+höflich, »Sie sagten zuletzt die Hände vom lieben Gott -- nicht wahr?«
+Die Nachbarin nickte. Ich glaube, sie war ein wenig erstaunt. »Ja« --
+beeilte ich mich anzufügen, -- »von den Händen ist mir allerdings
+einiges bekannt. Zufällig« -- bemerkte ich rasch, als ich ihre Augen
+rund werden sah -- »ganz zufällig -- ich habe -- -- -- nun,« schloß ich
+mit ziemlicher Entschiedenheit, »ich will Ihnen erzählen, was ich weiß.
+Wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, ich begleite Sie bis zu Ihrem
+Hause, das wird gerade reichen.«
+
+»Gerne,« sagte sie, als ich sie endlich zu Worte kommen ließ, immer noch
+erstaunt, »aber wollen Sie nicht vielleicht den Kindern selbst?...« »Ich
+den Kindern selbst erzählen? Nein, liebe Frau, das geht nicht, das geht
+auf keinen Fall. Sehen Sie, ich werde gleich verlegen, wenn ich mit den
+Kindern sprechen muß. Das ist an sich nicht schlimm. Aber die Kinder
+könnten meine Verwirrung dahin deuten, daß ich mich lügen fühle ... Und
+da mir sehr viel an der Wahrhaftigkeit meiner Geschichte liegt -- Sie
+können es den Kindern ja wiedererzählen; Sie treffen es ja gewiß auch
+viel besser. Sie werden es verknüpfen und ausschmücken, ich werde nur
+die einfachen Tatsachen in der kürzesten Form berichten. Ja?« »Gut,
+gut,« machte die Nachbarin zerstreut.
+
+Ich dachte nach: »Im Anfang ...« aber ich unterbrach mich sofort. »Ich
+kann bei Ihnen, Frau Nachbarin, ja manches als bekannt voraussetzen, was
+ich den Kindern erst erzählen müßte. Zum Beispiel die Schöpfung ...« Es
+entstand eine ziemliche Pause. Dann: »Ja -- -- und am siebenten
+Tage ...« die Stimme der guten Frau war hoch und spitzig. »Halt!« machte
+ich, »wir wollen doch auch der früheren Tage gedenken; denn gerade um
+diese handelt es sich. Also der liebe Gott begann, wie bekannt, seine
+Arbeit, indem er die Erde machte, diese vom Wasser unterschied und Licht
+befahl. Dann formte er in bewundernswerter Geschwindigkeit die Dinge,
+ich meine die großen wirklichen Dinge, als da sind: Felsen, Gebirge,
+einen Baum und nach diesem Muster viele Bäume.« Ich hörte hier schon
+eine Weile lang Schritte hinter uns, die uns nicht überholten und auch
+nicht zurückblieben. Das störte mich, und ich verwickelte mich in der
+Schöpfungsgeschichte, als ich folgendermaßen fortfuhr: »Man kann sich
+diese schnelle und erfolgreiche Tätigkeit nur begreiflich machen, wenn
+man annimmt, daß eben nach langem, tiefem Nachdenken alles in seinem
+Kopfe ganz fertig war, ehe er ...« Da endlich waren die Schritte neben
+uns, und eine nicht gerade angenehme Stimme klebte an uns: »O, Sie
+sprechen wohl von Herrn Schmidt, verzeihen Sie ...« Ich sah ärgerlich
+nach der Hinzugekommenen, die Frau Nachbarin aber geriet in große
+Verlegenheit: »Hm,« hustete sie, »nein -- das heißt -- ja, -- wir
+sprachen gerade, gewissermaßen --.« »Was für ein Herbst,« sagte auf
+einmal die andere Frau, als ob nichts geschehen wäre, und ihr rotes,
+kleines Gesicht glänzte. »Ja« -- hörte ich meine Nachbarin antworten:
+»Sie haben recht, Frau Hüpfer, ein selten schöner Herbst!« Dann trennten
+sich die Frauen. Frau Hüpfer kicherte noch: »Und grüßen Sie mir die
+Kinderchen.« Meine gute Nachbarin achtete nicht mehr darauf; sie war
+doch neugierig, meine Geschichte zu erfahren. Ich aber behauptete mit
+unbegreiflicher Härte: »Ja, jetzt weiß ich nicht mehr, wo wir
+stehengeblieben sind.« »Sie sagten eben etwas von seinem Kopfe, das
+heißt --« die Frau Nachbarin wurde ganz rot.
+
+Sie tat mir aufrichtig leid, und so erzählte ich schnell: »Ja sehen Sie
+also, solange nur die Dinge gemacht waren, hatte der liebe Gott nicht
+notwendig, beständig auf die Erde herunterzuschauen. Es konnte sich ja
+nichts dort begeben. Der Wind ging allerdings schon über die Berge,
+welche den Wolken, die er schon seit lange kannte, so ähnlich waren,
+aber den Wipfeln der Bäume wich er noch mit einem gewissen Mißtrauen
+aus. Und das war dem lieben Gott sehr recht. Die Dinge hat er sozusagen
+im Schlafe gemacht; allein schon bei den Tieren fing die Arbeit an, ihm
+interessant zu werden; er neigte sich darüber und zog nur selten die
+breiten Brauen hoch, um einen Blick auf die Erde zu werfen. Er vergaß
+sie vollends, als er den Menschen formte. Ich weiß nicht, bei welchem
+komplizierten Teil des Körpers er gerade angelangt war, als es um ihn
+rauschte von Flügeln. Ein Engel eilte vorüber und sang: 'Der du alles
+siehst ...'
+
+Der liebe Gott erschrak. Er hatte den Engel in Sünde gebracht, denn eben
+hatte dieser eine Lüge gesungen. Rasch schaute Gottvater hinunter. Und
+freilich, da hatte sich schon irgend etwas ereignet, was kaum
+gutzumachen war. Ein kleiner Vogel irrte, als ob er Angst hätte, über
+die Erde hin und her, und der liebe Gott war nicht imstande, ihm
+heimzuhelfen, denn er hatte nicht gesehen, aus welchem Walde das arme
+Tier gekommen war. Er wurde ganz ärgerlich und sagte: 'Die Vögel haben
+sitzenzubleiben, wo ich sie hingesetzt habe.' Aber er erinnerte sich,
+daß er ihnen auf Fürbitte der Engel Flügel verliehen hatte, damit es
+auch auf Erden so etwas wie Engel gäbe, und dieser Umstand machte ihn
+nur noch verdrießlicher. Nun ist gegen solche Zustände des Gemütes
+nichts so heilsam wie Arbeit. Und mit dem Bau des Menschen beschäftigt,
+wurde Gott auch rasch wieder froh. Er hatte die Augen der Engel wie
+Spiegel vor sich, maß darin seine eigenen Züge und bildete langsam und
+vorsichtig an einer Kugel auf seinem Schoße das erste Gesicht. Die
+Stirne war ihm gelungen. Viel schwerer wurde es ihm, die beiden
+Nasenlöcher symmetrisch zu machen. Er bückte sich immer mehr darüber,
+bis es wieder wehte über ihm; er schaute auf. Derselbe Engel umkreiste
+ihn; man hörte diesmal keine Hymne, denn in seiner Lüge war dem Knaben
+die Stimme erloschen, aber an seinem Mund erkannte Gott, daß er immer
+noch sang: 'Der du alles siehst.' Zugleich trat der heilige Nikolaus,
+der bei Gott in besonderer Achtung steht, an ihn heran und sagte durch
+seinen großen Bart hindurch: 'Deine Löwen sitzen ruhig, sie sind recht
+hochmütige Geschöpfe, das muß ich sagen! Aber ein kleiner Hund läuft
+ganz am Rande der Erde herum, ein Terrier, siehst du, er wird gleich
+hinunterfallen.' Und wirklich merkte der liebe Gott etwas Heiteres,
+Weißes, wie ein kleines Licht hin und her tanzen in der Gegend von
+Skandinavien, wo es schon so furchtbar rund ist. Und er wurde recht bös
+und warf dem heiligen Nikolaus vor, wenn ihm seine Löwen nicht recht
+seien, so solle er versuchen, auch welche zu machen. Worauf der heilige
+Nikolaus aus dem Himmel ging und die Türe zuschlug, daß ein Stern
+herunterfiel, gerade dem Terrier auf den Kopf. Jetzt war das Unglück
+vollständig, und der liebe Gott mußte sich eingestehen, daß er ganz
+allein an allem schuld sei, und beschloß, nicht mehr den Blick von der
+Erde zu rühren. Und so geschah's. Er überließ seinen Händen, welche ja
+auch weise sind, die Arbeit, und obwohl er recht neugierig war, zu
+erfahren, wie der Mensch wohl aussehen mochte, starrte er unablässig auf
+die Erde hinab, auf welcher sich jetzt, wie zum Trotz, nicht ein
+Blättchen regen wollte. Um doch wenigstens eine kleine Freude zu haben
+nach aller Plage, hatte er seinen Händen befohlen, ihm den Menschen erst
+zu zeigen, ehe sie ihn dem Leben ausliefern würden. Wiederholt fragte
+er, wie Kinder, wenn sie Verstecken spielen: 'Schon?' Aber er hörte als
+Antwort das Kneten seiner Hände und wartete. Es erschien ihm sehr lange.
+Da auf einmal sah er etwas durch den Raum fallen, dunkel und in der
+Richtung, als ob es aus seiner Nähe käme. Von einer bösen Ahnung
+erfüllt, rief er seine Hände. Sie erschienen ganz von Lehm befleckt,
+heiß und zitternd. 'Wo ist der Mensch?' schrie er sie an. Da fuhr die
+Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die
+Linke gereizt, 'du wolltest ja alles allein machen, mich ließest du ja
+überhaupt gar nicht mitreden.' 'Du hättest ihn eben halten müssen!' Und
+die Rechte holte aus. Dann aber besann sie sich, und beide Hände sagten
+einander überholend: 'Er war so ungeduldig, der Mensch. Er wollte immer
+schon leben. Wir können beide nichts dafür, gewiß, wir sind beide
+unschuldig.'
+
+Der liebe Gott aber war ernstlich böse. Er drängte beide Hände fort;
+denn sie verstellten ihm die Aussicht über die Erde: 'Ich kenne euch
+nicht mehr, macht, was ihr wollt.' Das versuchten die Hände auch
+seither, aber sie können nur beginnen, was sie auch tun. Ohne Gott gibt
+es keine Vollendung. Und da sind sie es endlich müde geworden. Jetzt
+knien sie den ganzen Tag und tun Buße, so erzählt man wenigstens. Uns
+aber erscheint es, als ob Gott ruhte, weil er auf seine Hände böse ist.
+Es ist immer noch siebenter Tag.«
+
+Ich schwieg einen Augenblick. Das benützte die Frau Nachbarin sehr
+vernünftig: »Und Sie glauben, daß nie wieder eine Versöhnung zustande
+kommt?« »O doch,« sagte ich, »ich hoffe es wenigstens.«
+
+»Und wann sollte das sein?«
+
+»Nun, bis Gott wissen wird, wie der Mensch, den die Hände gegen seinen
+Willen losgelassen haben, aussieht.«
+
+Die Frau Nachbarin dachte nach, dann lachte sie: »Aber dazu hätte er
+doch bloß heruntersehen müssen ...« »Verzeihen Sie,« sagte ich artig,
+»Ihre Bemerkung zeugt von Scharfsinn, aber meine Geschichte ist noch
+nicht zu Ende. Also, als die Hände beiseitegetreten waren und Gott die
+Erde wieder überschaute, da war eben wieder eine Minute, oder sagen wir
+ein Jahrtausend, was ja bekanntlich dasselbe ist, vergangen. Statt eines
+Menschen gab es schon eine Million. Aber sie waren alle schon in
+Kleidern. Und da die Mode damals gerade sehr häßlich war und auch die
+Gesichter arg entstellte, so bekam Gott einen ganz falschen und (ich
+will es nicht verhehlen) sehr schlechten Begriff von den Menschen.«
+»Hm,« machte die Nachbarin und wollte etwas bemerken. Ich beachtete es
+nicht, sondern schloß mit starker Betonung: »Und darum ist es dringend
+notwendig, daß Gott erfährt, wie der Mensch wirklich ist. Freuen wir
+uns, daß es solche gibt, die es ihm sagen ...« Die Frau Nachbarin freute
+sich noch nicht: »Und wer sollte das sein, bitte?« »Einfach die Kinder
+und dann und wann auch diejenigen Leute, welche malen, Gedichte
+schreiben, bauen ...« »Was denn bauen, Kirchen?« »Ja, und auch sonst,
+überhaupt ...«
+
+Die Frau Nachbarin schüttelte langsam den Kopf. Manches erschien ihr
+doch recht verwunderlich. Wir waren schon über ihr Haus hinausgegangen
+und kehrten jetzt langsam um. Plötzlich wurde sie sehr lustig und
+lachte: »Aber, was für ein Unsinn, Gott ist doch auch allwissend. Er
+hätte ja genau wissen müssen, woher zum Beispiel der kleine Vogel
+gekommen ist.« Sie sah mich triumphierend an. Ich war ein bißchen
+verwirrt, ich muß gestehen. Aber als ich mich gefaßt hatte, gelang es
+mir, ein überaus ernstes Gesicht zu machen: »Liebe Frau,« belehrte ich
+sie, »das ist eigentlich eine Geschichte für sich. Damit Sie aber nicht
+glauben, das sei nur eine Ausrede von mir (sie verwahrte sich nun
+natürlich heftig dagegen), will ich Ihnen in Kürze sagen: Gott hat alle
+Eigenschaften, natürlich. Aber ehe er in die Lage kam, sie auf die Welt
+-- gleichsam -- anzuwenden, erschienen sie ihm alle wie eine einzige
+große Kraft. Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich ausdrücke. Aber
+angesichts der Dinge spezialisierten sich seine Fähigkeiten und wurden
+bis zu einem gewissen Grade: Pflichten. Er hatte Mühe, sich alle zu
+merken. Es gibt eben Konflikte. (Nebenbei: das alles sage ich nur Ihnen,
+und Sie müssen es den Kindern keineswegs wiedererzählen.)« »Wo denken
+Sie hin,« beteuerte meine Zuhörerin.
+
+»Sehen Sie, wäre ein Engel vorübergeflogen, singend: 'Der du alles
+weißt', so wäre alles gut geworden ...«
+
+»Und diese Geschichte wäre überflüssig?«
+
+»Gewiß,« bestätigte ich. Und ich wollte mich verabschieden. »Aber wissen
+Sie das alles auch ganz bestimmt?« »Ich weiß es ganz bestimmt,«
+erwiderte ich fast feierlich. »Da werde ich den Kindern heute zu
+erzählen haben!« »Ich würde es gerne anhören dürfen. Leben Sie wohl.«
+»Leben Sie wohl,« antwortete sie.
+
+Dann kehrte sie nochmals zurück: »Aber weshalb ist gerade dieser
+Engel ...« »Frau Nachbarin,« sagte ich, indem ich sie unterbrach, »ich
+merke jetzt, daß Ihre beiden lieben Mädchen gar nicht deshalb soviel
+fragen, weil sie Kinder sind --« »Sondern?« fragte meine Nachbarin
+neugierig. »Nun, die Ärzte sagen, es gibt gewisse Vererbungen ...« Meine
+Frau Nachbarin drohte mir mit dem Finger. Aber wir schieden dennoch als
+gute Freunde.
+
+ * * * * *
+
+Als ich meiner lieben Nachbarin später (übrigens nach ziemlich langer
+Pause) wieder einmal begegnete, war sie nicht allein, und ich konnte
+nicht erfahren, ob sie ihren Mädchen meine Geschichte berichtet hätte
+und mit welchem Erfolg. Über diesen Zweifel klärte mich ein Brief auf,
+welchen ich kurz darauf empfing. Da ich von dem Absender desselben nicht
+die Erlaubnis erhalten habe, ihn zu veröffentlichen, so muß ich mich
+darauf beschränken, zu erzählen, wie er endete, woraus man ohne weiteres
+erkennen wird, von wem er stammte. Er schloß mit den Worten: »Ich und
+noch fünf andere Kinder, nämlich, weil ich mit dabei bin.«
+
+Ich antwortete, gleich nach Empfang, folgendes: »Liebe Kinder, daß euch
+das Märchen von den Händen vom lieben Gott gefallen hat, glaube ich
+gern; mir gefällt es auch. Aber ich kann trotzdem nicht zu euch kommen.
+Seid nicht böse deshalb. Wer weiß, ob ich euch gefiele. Ich habe keine
+schöne Nase, und wenn sie, was bisweilen vorkommt, auch noch ein rotes
+Pickelchen an der Spitze hat, so würdet ihr die ganze Zeit dieses
+Pünktchen anschauen und anstaunen und gar nicht hören, was ich ein
+Stückchen tiefer unten sage. Auch würdet ihr wahrscheinlich von diesem
+Pickelchen träumen. Das alles wäre mir gar nicht recht. Ich schlage
+darum einen anderen Ausweg vor. Wir haben (auch außer der Mutter) eine
+große Anzahl gemeinsamer Freunde und Bekannte, die nicht Kinder sind.
+Ihr werdet schon erfahren, welche. Diesen werde ich von Zeit zu Zeit
+eine Geschichte erzählen, und ihr werdet sie von diesen Vermittlern
+immer noch schöner empfangen, als ich sie zu gestalten vermöchte. Denn
+es sind gar große Dichter unter diesen unseren Freunden. Ich werde euch
+nicht verraten, wovon meine Geschichten handeln werden. Aber, weil euch
+nichts so sehr beschäftigt und am Herzen liegt wie der liebe Gott, so
+werde ich an jeder passenden Gelegenheit einfügen, was ich von ihm weiß.
+Sollte etwas davon nicht richtig sein, so schreibt mir wieder einen
+schönen Brief, oder laßt es mir durch die Mutter sagen. Denn es ist
+möglich, daß ich mich an mancher Stelle irre, weil es schon so lange
+ist, seit ich die schönsten Geschichten erfahren habe, und weil ich
+seither mir viele habe merken müssen, die nicht so schön sind. Das kommt
+im Leben so mit. Trotzdem ist das Leben etwas ganz Prächtiges: auch
+davon wird des öfteren in meinen Geschichten die Rede sein. Damit grüßt
+euch -- Ich, aber auch nur deshalb Einer, weil ich mit dabei bin.«
+
+
+
+
+DER FREMDE MANN
+
+
+Ein fremder Mann hat mir einen Brief geschrieben. Nicht von Europa
+schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses, weder von den großen, noch
+von den kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von Rußland oder dem Zaren
+Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen Vorfahren. Nicht vom
+Bürgermeister oder vom Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen Stadt,
+nicht von den fernen Städten; und auch der Wald mit den vielen Rehen,
+darin ich jeden Morgen mich verliere, kommt in seinem Briefe nicht vor.
+Er erzählt mir auch nichts von seinem Mütterchen oder von seinen
+Schwestern, die gewiß längst verheiratet sind. Vielleicht ist auch sein
+Mütterchen tot; wie könnte es sonst sein, daß ich sie in einem
+vierseitigen Briefe nirgends erwähnt finde! Er erweist mir ein viel,
+viel größeres Vertrauen; er macht mich zu seinem Bruder, er spricht mir
+von seiner Not.
+
+Am Abend kommt der fremde Mann zu mir. Ich zünde keine Lampe an, helfe
+ihm den Mantel ablegen und bitte ihn, mit mir Tee zu trinken, weil das
+gerade die Stunde ist, in welcher ich täglich meinen Tee trinke. Und bei
+so nahen Besuchen muß man sich keinen Zwang auferlegen. Als wir uns
+schon an den Tisch setzen wollen, bemerke ich, daß mein Gast unruhig
+ist; sein Gesicht ist voll Angst, und seine Hände zittern. »Richtig,«
+sage ich, »hier ist ein Brief für Sie.« Und dann bin ich dabei, den Tee
+einzugießen. »Nehmen Sie Zucker und vielleicht Zitrone? Ich habe in
+Rußland gelernt, den Tee mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?«
+Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie in eine entfernte Ecke,
+etwas hoch, so daß eigentlich Dämmerung bleibt im Zimmer, nur eine etwas
+wärmere als früher, eine rötliche. Und da scheint auch das Gesicht
+meines Gastes sicherer, wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich
+begrüße ihn noch einmal mit den Worten: »Wissen Sie, ich habe Sie lange
+erwartet.« Und ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich ihm. »Ich
+weiß eine Geschichte, welche ich niemandem erzählen mag als Ihnen;
+fragen Sie mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob
+der Tee genug süß ist und ob Sie die Geschichte hören wollen.« Mein Gast
+mußte lächeln. Dann antwortete er einfach: »Ja.« »Auf alles drei: Ja?«
+»Auf alles drei.«
+
+Wir lehnten uns beide zugleich in unseren Stühlen zurück, so daß unsere
+Gesichter schattig wurden. Ich stellte mein Teeglas nieder, freute mich
+daran, wie goldig der Tee glänzte, vergaß diese Freude langsam wieder
+und fragte plötzlich: »Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?«
+
+Der Fremde dachte nach. Seine Augen vertieften sich ins Dunkel, und mit
+den kleinen Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei langen
+Laubengängen in einem Parke, über welchem leuchtend und breit Sommer und
+Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder Dämmerung, dehnen sich
+in immer engerer Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden Punkt: dem
+jenseitigen Ausgang in einen vielleicht noch viel helleren Tag. Während
+ich das erkannte, sagte er zögernd und als ob er sich nur ungern seiner
+Stimme bediente: »Ja, ich erinnere mich noch an Gott.« »Gut,« dankte ich
+ihm, »denn gerade von ihm handelt meine Geschichte. Doch zuerst sagen
+Sie mir noch: Sprechen Sie bisweilen mit Kindern?« »Es kommt wohl vor,
+so im Vorübergehen, wenigstens --« »Vielleicht ist es Ihnen bekannt, daß
+Gott infolge eines häßlichen Ungehorsams seiner Hände nicht weiß, wie
+der fertige Mensch eigentlich aussieht?« »Das habe ich einmal irgendwo
+gehört, ich weiß indessen nicht von wem« -- entgegnete mein Gast, und
+ich sah unbestimmte Erinnerungen über seine Stirn jagen. »Gleichviel,«
+störte ich ihn, »hören Sie weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese
+Ungewißheit. Denn seine Geduld ist wie seine Stärke groß. Einmal aber,
+als dichte Wolken zwischen ihm und der Erde standen viele Tage lang, so
+daß er kaum mehr wußte, ob er alles: Welt und Menschen und Zeit nicht
+nur geträumt hatte, rief er seine rechte Hand, die so lange von seinem
+Angesicht verbannt und verborgen gewesen war in kleinen unwichtigen
+Werken. Sie eilte bereitwillig herbei; denn sie glaubte, Gott wolle ihr
+endlich verzeihen. Als Gott sie so vor sich sah in ihrer Schönheit,
+Jugend und Kraft, war er schon geneigt, ihr zu vergeben. Aber
+rechtzeitig besann er sich und gebot, ohne hinzusehen: 'Du gehst
+hinunter auf die Erde. Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen
+siehst, und stellst dich, nackt, auf einen Berg, so daß ich dich genau
+betrachten kann. Sobald du unten ankommst, geh zu einer jungen Frau und
+sag ihr, aber ganz leise: Ich möchte leben. Es wird zuerst ein kleines
+Dunkel um dich sein und dann ein großes Dunkel, welches Kindheit heißt,
+und dann wirst du ein Mann sein und auf den Berg steigen, wie ich es dir
+befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen Augenblick. Leb wohl.'
+
+Die Rechte nahm von der Linken Abschied, gab ihr viele freundliche
+Namen, ja es wurde sogar behauptet, sie habe sich plötzlich vor ihr
+verneigt und gesagt: 'Du, heiliger Geist.' Aber schon trat der heilige
+Paulus herzu, hieb dem lieben Gott die rechte Hand ab, und ein Erzengel
+fing sie auf und trug sie unter seinem weiten Gewand davon. Gott aber
+hielt sich mit der Linken die Wunde zu, damit sein Blut nicht über die
+Sterne ströme und von da in traurigen Tropfen herunterfiele auf die
+Erde. Eine kurze Zeit später bemerkte Gott, der aufmerksam alle Vorgänge
+unten betrachtete, daß die Menschen in den eisernen Kleidern sich um
+einen Berg mehr zu schaffen machten als um alle anderen Berge. Und er
+erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen zu sehen. Aber es kam nur ein
+Mensch in einem, wie es schien, roten Mantel, welcher etwas schwarzes
+Schwankendes aufwärts schleppte. In demselben Augenblicke begann Gottes
+linke Hand, die vor seinem offenen Blute lag, unruhig zu werden, und mit
+einem Mal verließ sie, ehe Gott es verhindern konnte, ihren Platz und
+irrte wie wahnsinnig zwischen den Sternen umher und schrie: 'O, die arme
+rechte Hand, und ich kann ihr nicht helfen.' Dabei zerrte sie an Gottes
+linkem Arm, an dessen äußerstem Ende sie hing, und bemühte sich
+loszukommen. Die ganze Erde aber war rot vom Blute Gottes, und man
+konnte nicht erkennen, was darunter geschah. Damals wäre Gott fast
+gestorben. Mit letzter Anstrengung rief er seine Rechte zurück; sie kam
+blaß und bebend und legte sich an ihren Platz wie ein krankes Tier. Aber
+auch die Linke, die doch schon manches wußte, da sie die rechte Hand
+Gottes damals unten auf der Erde erkannt hatte, als diese in einem roten
+Mantel den Berg erstieg, konnte von ihr nicht erfahren, was sich weiter
+auf diesem Berge begeben hat. Es muß etwas sehr Schreckliches gewesen
+sein. Denn Gottes Rechte hat sich noch nicht davon erholt, und sie
+leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger als unter dem alten Zorne
+Gottes, der ja seinen Händen immer noch nicht verziehen hat.« Meine
+Stimme ruhte ein wenig aus. Der Fremde hatte sein Gesicht mit den Händen
+verhüllt. Lange blieb alles so. Dann sagte der fremde Mann mit einer
+Stimme, die ich längst kannte: »Und warum haben Sie mir diese Geschichte
+erzählt?«
+
+»Wer hätte mich sonst verstanden? Sie kommen zu mir ohne Rang, ohne Amt,
+ohne irgendeine zeitliche Würde, fast ohne Namen. Es war dunkel, als Sie
+eintraten, allein ich bemerkte in Ihren Zügen eine Ähnlichkeit --« Der
+fremde Mann blickte fragend auf. »Ja,« erwiderte ich seinem stillen
+Blick, »ich denke oft, vielleicht ist Gottes Hand wieder unterwegs ...«
+
+Die Kinder haben diese Geschichte erfahren, und offenbar wurde sie ihnen
+so erzählt, daß sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese
+Geschichte lieb.
+
+
+
+
+WARUM DER LIEBE GOTT WILL, DASS ES ARME LEUTE GIBT
+
+
+Die vorangehende Geschichte hat sich so verbreitet, daß der Herr Lehrer
+mit sehr gekränktem Gesicht auf der Gasse herumgeht. Ich kann das
+begreifen. Es ist immer schlimm für einen Lehrer, wenn die Kinder
+plötzlich etwas wissen, was er ihnen nicht erzählt hat. Der Lehrer muß
+sozusagen das einzige Loch in der Planke sein, durch welches man in den
+Obstgarten sieht; sind noch andere Löcher da, so drängen sich die Kinder
+jeden Tag vor einem anderen und werden bald des Ausblicks überhaupt
+müde. Ich hätte diesen Vergleich nicht hier aufgezeichnet, denn nicht
+jeder Lehrer ist vielleicht damit einverstanden, ein Loch zu sein; aber
+der Lehrer, von dem ich rede, mein Nachbar, hat den Vergleich zuerst von
+mir vernommen und ihn sogar als äußerst treffend bezeichnet. Und sollte
+auch jemand anderer Meinung sein, die Autorität meines Nachbars ist mir
+maßgebend.
+
+Er stand vor mir, rückte beständig an seiner Brille und sagte: »Ich weiß
+nicht, wer den Kindern diese Geschichte erzählt hat, aber es ist
+jedenfalls unrecht, ihre Phantasie mit solchen ungewöhnlichen
+Vorstellungen zu überladen und anzuspannen. Es handelt sich um eine Art
+Märchen --.« »Ich habe es zufällig erzählen hören,« unterbrach ich ihn.
+(Dabei log ich nicht, denn seit jenem Abend ist es mir wirklich schon
+von meiner Frau Nachbarin wiederberichtet worden.) »So,« machte der
+Lehrer; er fand das leicht erklärlich. »Nun, was sagen Sie dazu?« Ich
+zögerte, auch fuhr er sehr schnell fort: »Zunächst finde ich es unrecht,
+religiöse, besonders biblische Stoffe frei und eigenmächtig zu
+gebrauchen. Es ist das alles im Katechismus jedenfalls so ausgedrückt,
+daß es besser nicht gesagt werden kann ...« Ich wollte etwas bemerken,
+erinnerte mich aber im letzten Augenblick, daß der Herr Lehrer
+»zunächst« gebraucht hatte, daß also jetzt nach der Grammatik und um der
+Gesundheit des Satzes willen ein »dann« und vielleicht sogar ein »und
+endlich« folgen mußte, ehe ich mir erlauben durfte, etwas anzufügen. So
+geschah es auch. Ich will, da der Herr Lehrer diesen selben Satz, dessen
+tadelloser Bau jedem Kenner Freude bereiten wird, auch anderen
+übermittelt hat, die ihn ebensowenig wie ich vergessen dürften, hier nur
+noch das aufzeichnen, was hinter dem schönen, vorbereitenden Worte: »Und
+endlich« wie das Finale einer Ouvertüre kam. »Und endlich ... (die sehr
+phantastische Auffassung hingehen lassend) erscheint mir der Stoff gar
+nicht einmal genügend durchdrungen und nach allen Seiten hin
+berücksichtigt zu sein. Wenn ich Zeit hätte, Geschichten zu
+schreiben --« »Sie vermissen etwas in der bewußten Erzählung?« konnte
+ich mich nicht enthalten, ihn zu unterbrechen. »Ja, ich vermisse
+manches. Vom literarisch-kritischen Standpunkt gewissermaßen. Wenn ich
+zu Ihnen als Kollege sprechen darf --« Ich verstand nicht, was er
+meinte, und sagte bescheiden: »Sie sind zu gütig, aber ich habe nie eine
+Lehrtätigkeit ...« Plötzlich fiel mir etwas ein, ich brach ab, und er
+fuhr etwas kühl fort: »Um nur eins zu nennen: es ist nicht anzunehmen,
+daß Gott (wenn man schon auf den Sinn der Geschichte so weit eingehen
+will), daß Gott, also -- sage ich -- daß Gott keinen weiteren Versuch
+gemacht haben sollte, einen Menschen zu sehen, wie er ist, ich meine --«
+Jetzt glaubte ich den Herrn Lehrer wieder versöhnen zu müssen. Ich
+verneigte mich ein wenig und begann: »Es ist allgemein bekannt, daß Sie
+sich eingehend (und, wenn man so sagen darf, nicht ohne Gegenliebe zu
+finden) der sozialen Frage genähert haben.« Der Herr Lehrer lächelte.
+»Nun, dann darf ich annehmen, daß, was ich Ihnen im folgenden
+mitzuteilen gedenke, Ihrem Interesse nicht ganz ferne steht, zumal ich
+ja auch an Ihre letzte, sehr scharfsinnige Bemerkung anknüpfen kann.« Er
+sah mich erstaunt an: »Sollte Gott etwa ...« »In der Tat,« bestätigte
+ich, »Gott ist eben dabei, einen neuen Versuch zu machen.« »Wirklich?«
+fuhr mich der Lehrer an, »ist das an maßgebender Stelle bekannt
+geworden?« »Darüber kann ich Ihnen nichts Genaues sagen --« bedauerte
+ich -- »ich bin nicht in Beziehung mit jenen Kreisen, aber wenn Sie
+dennoch meine kleine Geschichte hören wollen?« »Sie würden mir einen
+großen Gefallen erweisen.« Der Lehrer nahm seine Brille ab und putzte
+sorgfältig die Gläser, während seine nackten Augen sich schämten.
+
+Ich begann: »Einmal sah der liebe Gott in eine große Stadt. Als ihm von
+dem vielen Durcheinander die Augen ermüdeten (dazu trugen die Netze mit
+den elektrischen Drähten nicht wenig bei), beschloß er, seine Blicke auf
+ein einziges hohes Mietshaus für eine Weile zu beschränken, weil dieses
+weit weniger anstrengend war. Gleichzeitig erinnerte er sich seines
+alten Wunsches, einmal einen lebenden Menschen zu sehen, und zu diesem
+Zwecke tauchten seine Blicke ansteigend in die Fenster der einzelnen
+Stockwerke. Die Leute im ersten Stockwerke (es war ein reicher Kaufmann
+mit Familie) waren fast nur Kleider. Nicht nur, daß alle Teile ihres
+Körpers mit kostbaren Stoffen bedeckt waren, die äußeren Umrisse dieser
+Kleidung zeigten an vielen Stellen eine solche Form, daß man sah, es
+konnte kein Körper mehr darunter sein. Im zweiten Stock war es nicht
+viel besser. Die Leute, welche drei Treppen wohnten, hatten zwar schon
+bedeutend weniger an, waren aber so schmutzig, daß der liebe Gott nur
+graue Furchen erkannte und in seiner Güte schon bereit war, zu befehlen,
+sie möchten fruchtbar werden. Endlich unter dem Dach, in einem schrägen
+Kämmerchen, fand der liebe Gott einen Mann in einem schlechten Rock, der
+sich damit beschäftigte, Lehm zu kneten. 'Oho, woher hast du das?' rief
+er ihn an. Der Mann nahm seine Pfeife gar nicht aus dem Munde und
+brummte: 'Der Teufel weiß woher. Ich wollte, ich wär Schuster geworden.
+Da sitzt man und plagt sich ...' Und was der liebe Gott auch fragen
+mochte, der Mann war schlechter Laune und gab keine Antwort mehr. -- Bis
+er eines Tages einen großen Brief vom Bürgermeister dieser Stadt bekam.
+Da erzählte er dem lieben Gott, ungefragt, alles. Er hatte so lange
+keinen Auftrag bekommen. Jetzt, plötzlich, sollte er eine Statue für den
+Stadtpark machen, und sie sollte heißen: die Wahrheit. Der Künstler
+arbeitete Tag und Nacht in einem entfernten Atelier, und dem lieben Gott
+kamen verschiedene alte Erinnerungen, wie er das so sah. Wenn er seinen
+Händen nicht immer noch böse gewesen wäre, er hätte wohl auch wieder
+irgendwas begonnen. -- Als aber der Tag kam, da die Bildsäule, welche
+die Wahrheit hieß, hinausgetragen werden sollte, auf ihren Platz in den
+Garten, wo auch Gott sie hätte sehen können in ihrer Vollendung, da
+entstand ein großer Skandal, denn eine Kommission von Stadtvätern,
+Lehrern und anderen einflußreichen Persönlichkeiten hatte verlangt, die
+Figur müsse erst teilweise bekleidet werden, ehe das Publikum sie zu
+Gesicht bekäme. Der liebe Gott verstand nicht, weshalb, so laut fluchte
+der Künstler. Stadtväter, Lehrer und die anderen haben ihn in diese
+Sünde gebracht, und der liebe Gott wird gewiß an denen -- aber Sie
+husten ja fürchterlich!« »Es geht schon vorüber --« sagte mein Lehrer
+mit vollkommen klarer Stimme. »Nun, ich habe nur noch ein weniges zu
+berichten. Der liebe Gott ließ das Mietshaus und den Stadtpark los und
+wollte seinen Blick schon ganz zurückziehen, wie man eine Angelrute aus
+dem Wasser zieht, mit einem Schwung, um zu sehen, ob nicht etwas
+angebissen hat. In diesem Falle hing wirklich etwas daran. Ein ganz
+kleines Häuschen mit mehreren Menschen drinnen, die alle sehr wenig
+anhatten, denn sie waren sehr arm. 'Das also ist es --,' dachte der
+liebe Gott, 'arm müssen die Menschen sein. Diese hier sind, glaub ich,
+schon recht arm, aber ich will sie so arm machen, daß sie nicht einmal
+ein Hemd zum Anziehen haben.' So nahm sich der liebe Gott vor.«
+
+Hier machte ich beim Sprechen einen Punkt, um anzudeuten, daß ich am
+Ende sei. Der Herr Lehrer war damit nicht zufrieden; er fand diese
+Geschichte ebensowenig abgeschlossen und gerundet wie die vorhergehende.
+»Ja« -- entschuldigte ich mich -- »da müßte eben ein Dichter kommen, der
+zu dieser Geschichte irgendeinen phantastischen Schluß erfindet, denn
+tatsächlich hat sie noch kein Ende.« »Wieso?« machte der Herr Lehrer und
+schaute mich gespannt an. »Aber, lieber Herr Lehrer,« erinnerte ich,
+»wie vergeßlich Sie sind! Sie sind doch selbst im Vorstand des hiesigen
+Armenvereins ...« »Ja, seit etwa zehn Jahren bin ich das und --?« »Das
+ist es eben; Sie und Ihr Verein verhindern den lieben Gott die längste
+Zeit, sein Ziel zu erreichen. Sie kleiden die Leute --« »Aber ich bitte
+Sie,« sagte der Lehrer bescheiden, »das ist einfach Nächstenliebe. Das
+ist doch Gott im höchsten Grade wohlgefällig.« »Ach, davon ist man
+maßgebenden Orts wohl überzeugt?« fragte ich arglos. »Natürlich ist man
+das. Ich habe gerade in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des
+Armenvereins manches Lobende zu hören bekommen. Vertraulich gesagt, man
+will auch bei der nächsten Beförderung meine Tätigkeit in dieser Weise
+-- -- -- Sie verstehen?« Der Herr Lehrer errötete schamhaft. »Ich
+wünsche Ihnen das Beste,« entgegnete ich. Wir reichten uns die Hände,
+und der Herr Lehrer ging mit so stolzen, gemessenen Schritten fort, daß
+ich überzeugt bin: er ist zu spät in die Schule gekommen.
+
+Wie ich später vernahm, ist ein Teil dieser Geschichte (soweit sie für
+Kinder paßt) den Kindern doch bekannt geworden. Sollte der Herr Lehrer
+sie zu Ende gedichtet haben?
+
+
+
+
+WIE DER VERRAT NACH RUSSLAND KAM
+
+
+Ich habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft. Das ist ein
+blonder, lahmer Mann, der seinen Stuhl, winters wie sommers, hart am
+Fenster hat. Er kann sehr jung aussehen, ja in seinem lauschenden
+Gesicht ist manchmal etwas Knabenhaftes. Aber es gibt auch Tage, da er
+altert, die Minuten gehen wie Jahre über ihn, und plötzlich ist er ein
+Greis, dessen matte Augen das Leben fast schon losgelassen haben. Wir
+kennen uns lang. Erst haben wir uns immer angesehen, später lächelten
+wir unwillkürlich, ein Jahr lang grüßten wir einander, und seit Gott
+weiß wann erzählen wir uns das eine und das andere, wahllos, wie es eben
+passiert. »Guten Tag,« rief er, als ich vorüberkam, und sein Fenster war
+noch offen in den reichen und stillen Herbst hinaus. »Ich habe Sie lange
+nicht gesehen.«
+
+»Guten Tag, Ewald --.« Ich trat an sein Fenster, wie ich immer zu tun
+pflegte, im Vorübergehen. »Ich war verreist.« »Wo waren Sie?« fragte er
+mit ungeduldigen Augen. »In Rußland.« »O so weit« -- er lehnte sich
+zurück, und dann: »Was ist das für ein Land, Rußland? Ein sehr großes,
+nicht wahr?« »Ja,« sagte ich, »groß ist es und außerdem --« »Habe ich
+dumm gefragt?« lächelte Ewald und wurde rot. »Nein, Ewald, im Gegenteil.
+Da Sie fragen: was ist das für ein Land? wird mir verschiedenes klar.
+Zum Beispiel woran Rußland grenzt.« »Im Osten?« warf mein Freund ein.
+Ich dachte nach: »Nein.« »Im Norden?« forschte der Lahme. »Sehen Sie,«
+fiel mir ein, »das Ablesen von der Landkarte hat die Leute verdorben.
+Dort ist alles plan und eben, und wenn sie die vier Weltgegenden
+bezeichnet haben, scheint ihnen alles getan. Ein Land ist doch aber kein
+Atlas. Es hat Berge und Abgründe. Es muß doch auch oben und unten an
+etwas stoßen.« »Hm --« überlegte mein Freund, »Sie haben recht. Woran
+könnte Rußland an diesen beiden Seiten grenzen?« Plötzlich sah der
+Kranke wie ein Knabe aus. »Sie wissen es,« rief ich. »Vielleicht an
+Gott?« »Ja,« bestätigte ich, »an Gott.« »So« -- nickte mein Freund ganz
+verständnisvoll. Erst dann kamen ihm einzelne Zweifel: »Ist denn Gott
+ein Land?« »Ich glaube nicht,« erwiderte ich, »aber in den primitiven
+Sprachen haben viele Dinge denselben Namen. Es ist da wohl ein Reich,
+das heißt Gott, und der es beherrscht, heißt auch Gott. Einfache Völker
+können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht unterscheiden; beide sind
+groß und gütig, furchtbar und groß.«
+
+»Ich verstehe,« sagte langsam der Mann am Fenster. »Und merkt man in
+Rußland diese Nachbarschaft?« »Man merkt sie bei allen Gelegenheiten.
+Der Einfluß Gottes ist sehr mächtig. Wieviel man auch aus Europa bringen
+mag, die Dinge aus dem Westen sind Steine, sobald sie über die Grenze
+sind. Mitunter kostbare Steine, aber eben nur für die Reichen, die
+sogenannten 'Gebildeten', während von drüben aus dem anderen Reich das
+Brot kommt, wovon das Volk lebt.« »Das hat das Volk wohl in Überfluß?«
+Ich zögerte: »Nein, das ist nicht der Fall, die Einfuhr aus Gott ist
+durch gewisse Umstände erschwert --« Ich suchte ihn von diesem Gedanken
+abzubringen. »Aber man hat vieles aus den Gebräuchen jener breiten
+Nachbarschaft angenommen. Das ganze Zeremoniell beispielsweise. Man
+spricht zu dem Zaren ähnlich wie zu Gott.« »So, man sagt also nicht:
+Majestät?« »Nein, man nennt beide Väterchen.« »Und man kniet vor
+beiden?« »Man wirft sich vor beiden nieder, fühlt mit der Stirn den
+Boden und weint und sagt: 'Ich bin sündig, verzeih mir, Väterchen.' Die
+Deutschen, welche das sehen, behaupten: eine ganz unwürdige Sklaverei.
+Ich denke anders darüber. Was soll das Knien bedeuten? Es hat den Sinn
+zu erklären: Ich habe Ehrfurcht. Dazu genügt es auch, das Haupt zu
+entblößen, meint der Deutsche. Nun ja, der Gruß, die Verbeugung,
+gewissermaßen sind auch sie Ausdrücke dafür, Abkürzungen, die entstanden
+sind in den Ländern, wo nicht so viel Raum war, daß jeder sich hätte
+niederlegen können auf der Erde. Aber Abkürzungen gebraucht man bald
+mechanisch und ohne sich ihres Sinnes mehr bewußt zu werden. Deshalb ist
+es gut, wo noch Raum und Zeit dafür ist, die Gebärde auszuschreiben, das
+ganze schöne und wichtige Wort: Ehrfurcht.«
+
+»Ja, wenn ich könnte, würde ich auch niederknien --,« träumte der Lahme.
+»Aber es kommt --« fuhr ich nach einer Pause fort -- »in Rußland auch
+vieles andere von Gott. Man hat das Gefühl, jedes Neue wird von ihm
+eingeführt, jedes Kleid, jede Speise, jede Tugend und sogar jede Sünde
+muß erst von ihm bewilligt werden, ehe sie in Gebrauch kommt.« Der
+Kranke sah mich fast erschrocken an. »Es ist nur ein Märchen, auf
+welches ich mich berufe,« eilte ich ihn zu beruhigen, »eine sogenannte
+Bylina, ein Gewesenes zu deutsch. Ich will Ihnen kurz den Inhalt
+erzählen. Der Titel ist: Wie der Verrat nach Rußland kam.« Ich lehnte
+mich ans Fenster, und der Gelähmte schloß die Augen, wie er gerne tat,
+wenn irgendwo eine Geschichte begann.
+
+»Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Fürsten Tribut
+auferlegen und drohte ihnen mit einem großen Krieg, falls sie nicht Gold
+nach Moskau, in die weiße Stadt, schicken würden. Die Fürsten sagten,
+nachdem sie Rat gepflogen hatten, wie ein Mann: 'Wir geben dir drei
+Rätselfragen auf. Komm an dem Tage, den wir dir bestimmen, in den
+Orient, zu dem weißen Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage uns
+die drei Lösungen. Sobald sie richtig sind, geben wir dir die zwölf
+Tonnen Goldes, die du von uns verlangst.' Zuerst dachte der Zar Iwan
+Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn die vielen Glocken seiner
+weißen Stadt Moskau. Da rief er seine Gelehrten und Räte vor sich, und
+jeden, der die Frage nicht beantworten konnte, ließ er auf den großen,
+roten Platz führen, wo gerade die Kirche für Wassilij, den Nackten,
+gebaut wurde, und einfach köpfen. Bei einer solchen Beschäftigung
+verging ihm die Zeit so rasch, daß er sich plötzlich auf der Reise fand
+nach dem Orient, zu dem weißen Stein, bei welchem die Fürsten warteten.
+Er wußte auf keine der drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war
+lang, und es war immer noch die Möglichkeit, einem Weisen zu begegnen;
+denn damals waren viele Weise unterwegs auf der Flucht, da alle Könige
+die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf abschneiden zu lassen, wenn sie
+ihnen nicht weise genug schienen. Ein solcher kam ihm nun allerdings
+nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen sah er einen alten bärtigen
+Bauer, welcher an einer Kirche baute. Er war schon dabei angelangt, den
+Dachstuhl zu zimmern und die kleinen Latten darüberzulegen. Da war es
+nun recht verwunderlich, daß der alte Bauer immer wieder von der Kirche
+herunterstieg, um von den schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet
+waren, jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal in seinem langen
+Kaftan mitzunehmen. Er mußte so beständig auf und nieder klettern, und
+es war gar nicht abzusehen, daß er auf diese Weise überhaupt jemals alle
+vielhundert Latten an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde deshalb
+ungeduldig: 'Dummkopf,' schrie er (so nennt man in Rußland meistens die
+Bauern), 'du solltest dich tüchtig beladen mit deinem Holz und dann auf
+die Kirche kriechen, das wäre bei weitem einfacher.' Der Bauer, der
+gerade unten war, blieb stehen, hielt die Hand über die Augen und
+antwortete: 'Das mußt du schon mir überlassen, Zar Iwan Wassiljewitsch,
+jeder versteht sein Handwerk am besten; indessen, weil du schon hier
+vorüberreitest, will ich dir die Lösung der drei Rätsel sagen, welche du
+am weißen Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst wissen
+müssen.' Und er schärfte ihm die drei Antworten der Reihe nach ein. Der
+Zar konnte vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken. 'Was soll ich dir
+geben zum Lohne?' fragte er endlich. 'Nichts,' machte der Bauer, holte
+eine Latte und wollte auf die Leiter steigen. 'Halt,' befahl der Zar,
+'das geht nicht an, du mußt dir etwas wünschen.' 'Nun, Väterchen, wenn
+du befiehlst, gib mir eine von den zwölf Tonnen Goldes, welche du von
+den Fürsten im Orient erhalten wirst.' 'Gut --,' nickte der Zar. 'Ich
+gebe dir eine Tonne Goldes.' Dann ritt er eilends davon, um die Lösungen
+nicht wieder zu vergessen.
+
+Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen zurückgekommen war aus dem
+Orient, schloß er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im fünftorigen
+Kreml, ein und schüttete eine Tonne nach der anderen auf die glänzenden
+Dielen des Saales aus, so daß ein wahrer Berg aus Gold entstand, der
+einen großen schwarzen Schatten über den Boden warf. In Vergeßlichkeit
+hatte der Zar auch die zwölfte Tonne ausgeleert. Er wollte sie wieder
+füllen, aber es tat ihm leid, so viel Gold von dem herrlichen Haufen
+wieder fortnehmen zu müssen. In der Nacht ging er in den Hof hinunter,
+schöpfte feinen Sand in die Tonne, bis sie zu drei Vierteilen voll war,
+kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold über den Sand und
+schickte die Tonne mit dem nächsten Morgen durch einen Boten in die
+Gegend des weiten Rußland, wo der alte Bauer seine Kirche baute. Als
+dieser den Boten kommen sah, stieg er von dem Dach, welches noch lange
+nicht fertig war, und rief: 'Du mußt nicht näher kommen, mein Freund,
+reise zurück samt deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand und ein
+knappes Viertel Gold enthält; ich brauche sie nicht. Sage deinem Herrn,
+bisher hat es keinen Verrat in Rußland gegeben. Er aber ist selbst daran
+schuld, wenn er bemerken sollte, daß er sich auf keinen Menschen
+verlassen kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man verrät, und von
+Jahrhundert zu Jahrhundert wird sein Beispiel in ganz Rußland viele
+Nachahmer finden. Ich brauche nicht das Gold, ich kann ohne Gold leben.
+Ich erwartete nicht Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. Er
+aber hat mich getäuscht. Sage das deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren
+Iwan Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau sitzt mit seinem
+bösen Gewissen und in einem goldenen Kleid.'
+
+Nach einer Weile Reitens wandte sich der Bote nochmals um: der Bauer und
+seine Kirche waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten Latten
+lagen nicht mehr da, es war alles leeres, flaches Land. Da jagte der
+Mann entsetzt zurück nach Moskau, stand atemlos vor dem Zaren und
+erzählte ihm ziemlich unverständlich, was sich begeben hatte und daß der
+vermeintliche Bauer niemand anderes gewesen sei als Gott selbst.«
+
+»Ob er wohl recht gehabt hat damit?« meinte mein Freund leise, nachdem
+meine Geschichte verklungen war.
+
+»Vielleicht --,« entgegnete ich, »aber, wissen Sie, das Volk ist --
+abergläubisch -- indessen, ich muß jetzt gehen, Ewald.« »Schade,« sagte
+der Lahme aufrichtig. »Wollen Sie mir nicht bald wieder eine Geschichte
+erzählen?« »Gerne, -- aber unter einer Bedingung.« Ich trat noch einmal
+ans Fenster heran. »Nämlich?« staunte Ewald. »Sie müssen alles
+gelegentlich den Kindern in der Nachbarschaft weitererzählen,« bat ich.
+»O, die Kinder kommen jetzt so selten zu mir.« Ich vertröstete ihn: »Sie
+werden schon kommen. Offenbar haben Sie in der letzten Zeit nicht Lust
+gehabt, ihnen etwas zu erzählen, und vielleicht auch keinen Stoff, oder
+zu viel Stoffe. Aber wenn einer eine wirkliche Geschichte weiß, glauben
+Sie, das kann verborgen bleiben? Bewahre, das spricht sich herum,
+besonders unter den Kindern!« »Auf Wiedersehen.« Damit ging ich.
+
+Und die Kinder haben die Geschichte noch an demselben Tage gehört.
+
+
+
+
+WIE DER ALTE TIMOFEI SINGEND STARB
+
+
+Was für eine Freude ist es doch, einem lahmen Menschen zu erzählen. Die
+gesunden Leute sind so ungewiß; sie sehen die Dinge bald von der, bald
+von jener Seite an, und wenn man mit ihnen eine Stunde lang so gegangen
+ist, daß sie zur Rechten waren, kann es geschehen, daß sie plötzlich von
+links antworten, nur, weil es ihnen einfällt, daß das höflicher sei und
+von feinerer Bildung zeuge. Beim Lahmen hat man das nicht zu befürchten.
+Seine Unbeweglichkeit macht ihn den Dingen ähnlich, mit denen er auch
+wirklich viele herzliche Beziehungen pflegt, macht ihn, sozusagen, zu
+einem den anderen sehr überlegenen Ding, zu einem Ding, das nicht nur
+lauscht mit seiner Schweigsamkeit, sondern auch mit seinen seltenen
+leisen Worten und mit seinen sanften, ehrfürchtigen Gefühlen.
+
+Ich mag am liebsten meinem Freund Ewald erzählen. Und ich war sehr froh,
+als er mir von seinem täglichen Fenster aus zurief: »Ich muß Sie etwas
+fragen.«
+
+Rasch trat ich zu ihm und begrüßte ihn. »Woher stammt die Geschichte,
+die Sie mir neulich erzählt haben?« bat er endlich. »Aus einem Buch?«
+»Ja« -- entgegnete ich traurig, »die Gelehrten haben sie darin begraben,
+seit sie tot ist; das ist gar nicht lange her. Noch vor hundert Jahren
+lebte sie, gewiß sehr sorglos, auf vielen Lippen. Aber die Worte, welche
+die Menschen jetzt gebrauchen, diese schweren, nicht sangbaren Worte,
+waren ihr feind und nahmen ihr einen Mund nach dem anderen weg, so daß
+sie zuletzt, nur sehr eingezogen und ärmlich, auf ein paar trockenen
+Lippen, wie auf einem schlechten Witwengut, lebte. Dort verstarb sie
+auch, ohne Nachkommen zu hinterlassen, und wurde, wie schon erwähnt, mit
+allen Ehren in einem Buche bestattet, wo schon andere aus ihrem
+Geschlechte lagen.« »Und sie war sehr alt, als sie starb?« fragte mein
+Freund, in meinen Ton eingehend. »400 bis 500 Jahre,« berichtete ich der
+Wahrheit gemäß, »verschiedene von ihren Verwandten haben noch ein
+ungleich höheres Alter erreicht.« »Wie, ohne jemals in einem Buche zu
+ruhen?« staunte Ewald. Ich erklärte: »Soviel ich weiß, waren sie die
+ganze Zeit von Lippe zu Lippe unterwegs.« »Und haben nie geschlafen?«
+»Doch, von dem Munde des Sängers steigend, blieben sie wohl dann und
+wann in einem Herzen, darin es warm und dunkel war.« »Waren denn die
+Menschen so still, daß Lieder schlafen konnten in ihren Herzen?« Ewald
+schien mir recht ungläubig. »Es muß wohl so gewesen sein. Man behauptet,
+sie sprachen weniger, tanzten langsam anwachsende Tänze, die etwas
+Wiegendes hatten, und vor allem: sie lachten nicht laut, wie man es
+heute trotz der allgemeinen hohen Kultur nicht selten vernehmen kann.«
+
+Ewald schickte sich an, noch etwas zu fragen, aber er unterdrückte es
+und lächelte: »Ich frage und frage, -- aber Sie haben vielleicht eine
+Geschichte vor?« Er sah mich erwartungsvoll an.
+
+»Eine Geschichte? Ich weiß nicht. Ich wollte nur sagen: diese Gesänge
+waren das Erbgut in gewissen Familien. Man hatte es übernommen, und man
+gab es weiter, nicht ganz unbenützt, mit den Spuren eines täglichen
+Gebrauchs, aber doch unbeschädigt, wie etwa eine alte Bibel von Vätern
+zu Enkeln geht. Der Enterbte unterschied sich von den in ihre Rechte
+eingesetzten Geschwistern dadurch, daß er nicht singen konnte, oder er
+wußte wenigstens nur einen kleinen Teil der Lieder seines Vaters und
+Großvaters und verlor mit den übrigen Gesängen das große Stück Erleben,
+das alle diese Bylinen und Skaski dem Volke bedeuten. So hatte z. B.
+Jegor Timofejewitsch gegen den Willen seines Vaters, des alten Timofei,
+ein junges, schönes Weib geheiratet und war mit ihr nach Kiew gegangen,
+in die heilige Stadt, bei welcher sich die Gräber der größten Märtyrer
+der heiligen, rechtgläubigen Kirche versammelt haben. Der Vater Timofei,
+der als der kundigste Sänger auf zehn Tagereisen im Umkreis galt,
+verfluchte seinen Sohn und erzählte seinen Nachbarn, daß er oft
+überzeugt sei, niemals einen solchen gehabt zu haben. Dennoch verstummte
+er in Gram und Traurigkeit. Und er wies alle die jungen Leute zurück,
+die sich in seine Hütte drängten, um die Erben der vielen Gesänge zu
+werden, welche in dem Alten eingeschlossen waren, wie in einer
+verstaubten Geige. 'Vater, du unser Väterchen, gib uns nur eines oder
+das andere Lied. Siehst du, wir wollen es in die Dörfer tragen, und du
+sollst es hören aus allen Höfen, sobald der Abend kommt und das Vieh in
+den Ställen ruhig geworden ist.' Der Alte, der beständig auf dem Ofen
+saß, schüttelte den ganzen Tag den Kopf. Er hörte nicht mehr gut, und da
+er nicht wußte, ob nicht einer von den Burschen, die jetzt fortwährend
+sein Haus umhorchten, eben wieder gefragt hatte, machte er mit seinem
+weißen Kopf zitternd: Nein, nein, nein, bis er einschlief und auch dann
+noch eine Weile -- im Schlaf. Er hätte den Burschen gerne ihren Willen
+getan; es war ihm selber leid, daß sein stummer, verstorbener Staub über
+diesen Liedern liegen sollte, vielleicht schon ganz bald. Aber hätte er
+versucht, einen von ihnen etwas zu lehren, gewiß hätte er sich dabei
+seines Jegoruschka erinnern müssen und dann -- wer weiß -- was dann
+geschehen wäre. Denn nur, weil er überhaupt schwieg, hatte ihn niemand
+weinen sehen. Hinter jedem Wort stand es ihm, das Schluchzen, und er
+mußte immer sehr schnell und vorsichtig den Mund schließen, sonst wäre
+es einmal doch mitgekommen.
+
+Der alte Timofei hatte seinen einzigen Sohn Jegor von ganz früh an
+einzelne Lieder gelehrt, und als fünfzehnjähriger Knabe wußte dieser
+schon mehr und richtiger zu singen als alle erwachsenen Burschen im
+Dorfe und in der Nachbarschaft. Gleichwohl pflegte der Alte meistens am
+Feiertag, wenn er etwas trunken war, dem Burschen zu sagen:
+'Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen
+gelehrt, viele Bylinen und auch die Legenden von Heiligen, fast für
+jeden Tag eine. Aber ich bin, wie du weißt, der Kundigste im ganzen
+Gouvernement, und mein Vater kannte sozusagen alle Lieder von ganz
+Rußland und auch noch tatarische Geschichten dazu. Du bist noch sehr
+jung, und deshalb habe ich dir die schönsten Bylinen, darin die Worte
+wie Ikone sind und gar nicht zu vergleichen mit den gewöhnlichen Worten,
+noch nicht erzählt, und du hast noch nicht gelernt, jene Weisen zu
+singen, die noch keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, hat
+anhören können, ohne zu weinen.' Dieses wiederholte Timofei seinem Sohne
+an jedem Sonntag und an allen vielen Feiertagen des russischen Jahres,
+also ziemlich oft. Bis dieser nach einem heftigen Auftritt mit dem
+Alten, zugleich mit der schönen Ustjënka, der Tochter eines armen
+Bauern, verschwunden war.
+
+Im dritten Jahre nach diesem Vorfall erkrankte Timofei, zur selben Zeit,
+als einer jener vielen Pilgerzüge, die aus allen Teilen des weiten
+Reiches beständig nach Kiew ziehen, aufbrechen wollte. Da trat Ossip,
+der Nachbar, bei dem Kranken ein: 'Ich gehe mit den Pilgern, Timofei
+Iwanitsch, erlaube mir, dich noch einmal zu umarmen.' Ossip war nicht
+befreundet mit dem Alten, aber nun, da er diese weite Reise begann, fand
+er es für notwendig, von ihm wie von einem Vater Abschied zu nehmen.
+'Ich habe dich manchmal gekränkt,' schluchzte er, 'verzeih mir, mein
+Herzchen, es ist im Trunke geschehen, und da kann man nichts dafür, wie
+du weißt. Nun, ich will für dich beten und eine Kerze anstecken für
+dich; leb wohl, Timofei Iwanitsch, mein Väterchen, vielleicht wirst du
+wieder gesund, wenn Gott es will, dann singst du uns wieder etwas. Ja,
+ja, das ist lange her, seit du gesungen hast. Was waren das für Lieder.
+Das von Djuk Stepanowitsch zum Beispiel, glaubst du, ich habe das
+vergessen? Wie dumm du bist! Ich weiß es noch ganz genau. Freilich, so
+wie du, -- du hast es eben gekonnt, das muß man sagen. Gott hat dir das
+gegeben, einem anderen gibt er etwas anderes. Mir zum Beispiel --'
+
+Der Alte, der auf dem Ofen lag, drehte sich ächzend um und machte eine
+Bewegung, als ob er etwas sagen wollte. Es war, als hörte man ganz leise
+den Namen Jegors. Vielleicht wollte er ihm eine Nachricht schicken. Aber
+als der Nachbar, von der Türe her, fragte: 'Sagst du etwas, Timofei
+Iwanitsch?' lag er schon wieder ganz ruhig da und schüttelte nur leise
+seinen weißen Kopf. Trotzdem, weiß Gott wie es geschah, kaum ein Jahr,
+nachdem Ossip fortgegangen war, kehrte Jegor ganz unvermutet zurück. Der
+Alte erkannte ihn nicht gleich, denn es war dunkel in der Hütte, und die
+greisen Augen nahmen nur ungern eine neue fremde Gestalt auf. Aber als
+Timofei die Stimme des Fremden gehört hatte, erschrak er und sprang vom
+Ofen herab auf seine alten, schwankenden Beine. Jegor fing ihn auf, und
+sie hielten sich in den Armen. Timofei weinte. Der junge Mensch fragte
+in einem fort: 'Bist du schon lange krank, Vater?' Als sich der Alte ein
+wenig beruhigt hatte, kroch er auf seinen Ofen zurück und erkundigte
+sich in einem anderen strengen Ton: 'Und dein Weib?' Pause. Jegor
+spuckte aus: 'Ich hab sie fortgejagt, weißt du, mit dem Kind.' Er
+schwieg eine Weile. 'Da kommt einmal der Ossip zu mir; 'Ossip
+Nikiphorowitsch?' sag ich. 'Ja,' antwortet er, 'ich bins. Dein Vater ist
+krank, Jegor. Er kann nicht mehr singen. Es ist jetzt ganz still im
+Dorfe, als ob es keine Seele mehr hätte, unser Dorf. Nichts klopft,
+nichts rührt sich, es weint niemand mehr, und auch zum Lachen ist kein
+rechter Grund.' Ich denke nach. Was ist da zu machen? Ich rufe also mein
+Weib. 'Ustjënka' -- sag ich --, 'ich muß nach Hause, es singt sonst
+keiner mehr dort, die Reihe ist an mir. Der Vater ist krank.' 'Gut,'
+sagt Ustjënka. 'Aber ich kann dich nicht mitnehmen' -- so erklär ich
+ihr, 'der Vater, weißt du, will dich nicht. Und auch zurückkommen werd
+ich wahrscheinlich nicht zu dir, wenn ich erst einmal wieder dort bin
+und singe.' Ustjënka versteht mich: 'Nun, Gott mit dir! Es sind jetzt
+viele Pilger hier, da gibt es viel Almosen. Gott wird schon helfen,
+Jegor.' Und so geh ich also fort. Und nun, Vater, sag mir alle deine
+Lieder.'
+
+Es verbreitete sich das Gerücht, daß Jegor zurückgekehrt sei und daß der
+alte Timofei wieder singe. Aber in diesem Herbst ging der Wind so heftig
+durch das Dorf, daß niemand von den Vorübergehenden mit Sicherheit
+ermitteln konnte, ob in Timofeis Hause wirklich gesungen werde oder
+nicht. Und die Tür wurde keinem Pochenden geöffnet. Die beiden wollten
+allein sein. Jegor saß am Rande des Ofens, auf welchem der Vater lag,
+und kam mit dem Ohr bisweilen dem Munde des Alten entgegen; denn dieser
+sang in der Tat. Seine alte Stimme trug, etwas gebückt und zitternd,
+alle die schönsten Lieder zu Jegor hin, und dieser wiegte manchmal den
+Kopf oder bewegte die herabhängenden Beine, ganz, als ob er schon selber
+sänge. Das ging so viele Tage lang fort. Timofei fand immer noch ein
+schöneres Lied in seiner Erinnerung; oft, nachts, weckte er den Sohn,
+und indem er mit den welken, zuckenden Händen ungewisse Bewegungen
+machte, sang er ein kleines Lied und noch eines und noch eines -- bis
+der träge Morgen sich zu rühren begann. Bald nach dem schönsten starb
+er. Er hatte sich in den letzten Tagen oft arg beklagt, daß er noch eine
+Unmenge Lieder in sich trüge und nicht mehr Zeit habe, sie seinem Sohne
+mitzuteilen. Er lag da mit gefurchter Stirne, in angestrengtem,
+ängstlichem Nachdenken, und seine Lippen zitterten vor Erwartung. Von
+Zeit zu Zeit setzte er sich auf, wiegte eine Weile den Kopf, bewegte den
+Mund, und endlich kam irgendein leises Lied hinzu; aber jetzt sang er
+meistens immer dieselben Strophen von Djuk Stepanowitsch, die er
+besonders liebte, und sein Sohn mußte erstaunt sein und tun, als
+vernähme er sie zum erstenmal, um ihn nicht zu erzürnen.
+
+Als der alte Timofei Iwanitsch gestorben war, blieb das Haus, welches
+Jegor jetzt allein bewohnte, noch eine Zeitlang verschlossen. Dann, im
+ersten Frühjahr, trat Jegor Timofejewitsch, der jetzt einen ziemlich
+langen Bart hatte, aus seiner Tür, begann im Dorfe hin und her zu gehen
+und zu singen. Später kam er auch in die benachbarten Dörfer, und die
+Bauern erzählten sich schon, daß Jegor ein mindestens ebenso kundiger
+Sänger geworden sei wie sein Vater Timofei; denn er wußte eine große
+Anzahl ernster und heldenhafter Gesänge und alle jene Weisen, die
+keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, anhören konnte, ohne zu
+weinen. Dabei soll er noch so einen sanften und traurigen Ton gehabt
+haben, wie man ihn noch von keinem Sänger vernommen hat. Und dieser Ton
+fand sich immer, ganz unerwartet, im Kehrreim vor, wodurch er besonders
+rührend wirkte. So habe ich wenigstens erzählen hören.«
+
+»Diesen Ton hat er also nicht von seinem Vater gelernt?« sagte mein
+Freund Ewald nach einer Weile. »Nein,« erwiderte ich, »man weiß nicht,
+woher der ihm kam.« Als ich vom Fenster schon fortgetreten war, machte
+der Lahme noch eine Bewegung und rief mir nach: »Er hat vielleicht an
+sein Weib und sein Kind gedacht. Übrigens, hat er sie nie kommen lassen,
+da ja sein Vater nun tot war?« »Nein, ich glaube nicht. Wenigstens ist
+er später allein gestorben.«
+
+
+
+
+DAS LIED VON DER GERECHTIGKEIT
+
+
+Als ich das nächste Mal an Ewalds Fenster vorüberkam, winkte er mir und
+lächelte: »Haben Sie den Kindern etwas Bestimmtes versprochen?« »Wieso?«
+staunte ich. »Nun, als ich ihnen die Geschichte von Jegor erzählt hatte,
+beklagten sie sich, daß Gott in derselben nicht vorkäme.« Ich erschrak:
+»Was, eine Geschichte ohne Gott, aber wie ist denn das möglich?« Dann
+besann ich mich: »In der Tat, es ist wahr, von Gott sagt die Geschichte,
+wie ich sie mir jetzt überdenke, nichts. Ich begreife nicht, wie das
+geschehen konnte; hätte jemand von mir eine solche verlangt, ich glaube,
+ich hätte mein ganzes Leben nachgedacht, ohne Erfolg ...«
+
+Mein Freund lächelte über diesen Eifer: »Sie müssen sich deshalb nicht
+erregen,« unterbrach er mich mit einer gewissen Güte, »ich denke mir,
+man kann ja nie wissen, ob Gott in einer Geschichte ist, ehe man sie
+auch ganz beendet hat. Denn wenn auch nur noch zwei Worte fehlen
+sollten, ja selbst, wenn nur noch die Pause hinter dem letzten Worte der
+Erzählung aussteht: Er kann immer noch kommen.« Ich nickte, und der
+Lahme sagte in anderem Ton: »Wissen Sie nicht noch etwas von diesen
+russischen Sängern?«
+
+Ich zögerte: »Ja, wollen wir nicht lieber von Gott reden, Ewald?« Er
+schüttelte den Kopf: »Ich wünsche mir so, mehr von diesen eigentümlichen
+Männern zu vernehmen. Ich weiß nicht, wie es kommt, ich denke mir immer,
+wenn so einer hier bei mir einträte --« und er wandte den Kopf ins
+Zimmer nach der Türe zu. Aber seine Augen kehrten schnell und nicht ohne
+Verlegenheit zu mir zurück -- »Doch das ist ja wohl nicht möglich,«
+verbesserte er eilig. »Warum sollte das nicht möglich sein, Ewald? Ihnen
+kann manches begegnen, was den Menschen, die ihre Beine brauchen können,
+verwehrt bleibt, weil sie an so vielem vorübergehen und vor so manchem
+davonlaufen. Gott hat Sie, Ewald, dazu bestimmt, ein ruhiger Punkt zu
+sein mitten in aller Hast. Fühlen Sie nicht, wie alles sich um Sie
+bewegt? Die anderen jagen den Tagen nach, und wenn sie mal einen
+erreicht haben, sind sie so atemlos, daß sie gar nicht mit ihm sprechen
+können. Sie aber, mein Freund, sitzen einfach an Ihrem Fenster und
+warten; und den Wartenden geschieht immer etwas. Sie haben ein ganz
+besonderes Los. Denken Sie, sogar die Iberische Madonna in Moskau muß
+aus ihrem Kapellchen heraus und fährt in einem schwarzen Wagen mit vier
+Pferden zu denen, die irgend etwas feiern, sei es die Taufe oder den
+Tod. Zu Ihnen aber muß alles kommen --«
+
+»Ja,« sagte Ewald mit einem fremden Lächeln, »ich kann sogar dem Tod
+nicht entgegengehen. Viele Menschen finden ihn unterwegs. Er scheut
+sich, ihre Häuser zu betreten, und ruft sie hinaus in die Fremde, in den
+Krieg, auf einen steilen Turm, auf eine schwankende Brücke, in eine
+Wildnis oder in den Wahnsinn. Die meisten holen ihn wenigstens draußen
+irgendwo ab und tragen ihn dann auf ihren Schultern nach Hause, ohne es
+zu merken. Denn der Tod ist träge; wenn die Menschen ihn nicht
+fortwährend stören würden, wer weiß, er schliefe vielleicht ein.« Der
+Kranke dachte eine Weile nach und fuhr dann mit einem gewissen Stolz
+fort: »Aber zu mir wird er kommen müssen, wenn er mich will. Hier in
+meine kleine helle Stube, in der die Blumen sich so lange halten, über
+diesen alten Teppich, an diesem Schrank vorbei, zwischen Tisch und
+Bettende durch (es ist gar nicht leicht, vorüberzukommen) bis her an
+meinen breiten, lieben, alten Stuhl, der dann wahrscheinlich mit mir
+sterben wird, weil er sozusagen mit mir gelebt hat. Und er wird dies
+alles tun müssen in der üblichen Art, ohne Lärm, ohne etwas umzuwerfen,
+ohne etwas Ungewöhnliches zu beginnen, wie ein Besuch. Dieser Umstand
+bringt mir meine Stube merkwürdig nah. Es wird sich alles hier abspielen
+auf dieser engen Szene, und darum wird auch dieser letzte Vorgang sich
+nicht sehr von allen anderen Ereignissen unterscheiden, welche sich hier
+begeben haben und noch bevorstehen. Es hat mir immer schon als Kind
+seltsam geschienen, daß die Menschen vom Tode anders sprechen als von
+allen anderen Begebenheiten, und das nur deshalb, weil jeder von dem,
+was ihm nachher geschieht, nichts mehr verrät. Wodurch aber
+unterscheidet sich denn ein Toter von einem Menschen, welcher ernst
+wird, auf die Zeit verzichtet und sich einschließt, um über etwas ruhig
+nachzudenken, dessen Lösung ihn lange schon quält? Unter den Leuten kann
+man sich doch nicht einmal des Vaterunsers erinnern, wie denn erst
+irgendeines anderen dunkleren Zusammenhanges, der vielleicht nicht in
+Worten, sondern in Ereignissen besteht. Man muß abseits gehen in
+irgendeine unzugängliche Stille, und vielleicht sind die Toten solche,
+die sich zurückgezogen haben, um über das Leben nachzudenken.«
+
+Es entstand eine kleine Schweigsamkeit, die ich mit folgenden Worten
+begrenzte: »Ich muß dabei an ein junges Mädchen denken. Man kann sagen,
+daß sie in den ersten siebzehn Jahren ihres heiteren Lebens nur geschaut
+hat. Ihre Augen waren so groß und so selbständig, daß sie alles, was sie
+empfingen, selbst verbrauchten, und das Leben in dem ganzen Körper des
+jungen Geschöpfes ging, unabhängig davon, von schlichten, inneren
+Geräuschen genährt, vor sich. Am Ende dieser Zeit aber störte irgendein
+zu heftiges Ereignis dieses doppelte, kaum sich berührende Leben, die
+Augen brachen gleichsam nach innen durch, und die ganze Schwere des
+Äußeren fiel durch sie in das dunkle Herz hinein, und jeder Tag stürzte
+mit solcher Wucht in die tiefen, steilen Blicke, daß er in der engen
+Brust zersprang wie ein Glas. Da wurde das junge Mädchen blaß, begann zu
+kränkeln, einsam zu werden, nachzudenken, und endlich suchte es selbst
+jene Stille auf, darin die Gedanken wahrscheinlich nicht mehr gestört
+werden.«
+
+»Wie ist sie gestorben?« fragte mein Freund leise, mit etwas heiserer
+Stimme. »Sie ist ertrunken. In einem tiefen, stillen Teich, und an der
+Oberfläche desselben entstanden viele Ringe, die langsam weit wurden und
+unter den weißen Wasserrosen hin wuchsen, so daß alle diese badenden
+Blüten sich bewegten.«
+
+»Ist das auch eine Geschichte?« sagte Ewald, um die Stille hinter meinen
+Worten nicht mächtig werden zu lassen. »Nein,« entgegnete ich, »das ist
+ein Gefühl.« »Aber könnte man es nicht auch den Kindern übermitteln --
+dieses Gefühl?« Ich überlegte. »Vielleicht --« »Und wodurch?« »Durch
+eine andere Geschichte.« Und ich erzählte:
+
+»Es war zur Zeit, als man im südlichen Rußland um die Freiheit kämpfte.«
+
+»Verzeihen Sie,« sagte Ewald, »wie ist das zu verstehen -- wollte sich
+das Volk etwa vom Zaren losmachen? Das würde nicht zu dem passen, was
+ich mir von Rußland denke, und auch mit Ihren früheren Erzählungen in
+Widerspruch stehen. In diesem Falle würde ich vorziehen, Ihre Geschichte
+nicht zu hören. Denn ich liebe das Bild, welches ich mir von den Dingen
+dort gemacht habe, und will es unbeschädigt behalten.«
+
+Ich mußte lächeln und beruhigte ihn: »Die polnischen Pans (ich hätte das
+vorausschicken müssen) waren Herren im südlichen Rußland und in jenen
+stillen, einsamen Steppen, welche man mit dem Namen Ukraine bezeichnet.
+Sie waren harte Herren. Ihre Bedrückung und die Habgier der Juden,
+welche sogar den Kirchenschlüssel in Händen hatten, den sie nur gegen
+Bezahlung den Rechtgläubigen auslieferten, hatte das jugendliche Volk um
+Kiew herum und den ganzen Dnjepr aufwärts müde und nachdenklich gemacht.
+Die Stadt selbst, Kiew, das heilige, der Ort, wo Rußland zuerst mit
+vierhundert Kirchenkuppeln von sich erzählte, versank immer mehr in sich
+selbst und verzehrte sich in Bränden wie in plötzlichen, irren Gedanken,
+hinter denen die Nacht nur immer uferloser wird. Das Volk in der Steppe
+wußte nicht recht, was geschah. Aber von seltsamer Unruhe erfaßt, traten
+die Greise nachts aus den Hütten und betrachteten schweigend den hohen,
+ewig windlosen Himmel, und am Tage konnte man Gestalten auf dem Rücken
+der Kurgane auftauchen sehen, die sich wartend vor der flachen Ferne
+erhoben. Diese Kurgane sind Grabstätten vergangener Geschlechter, die
+die ganze Heide wie ein erstarrter, schlafender Wellenschlag
+durchziehen. Und in diesem Land, in welchem die Gräber die Berge sind,
+sind die Menschen die Abgründe. Tief, dunkel, schweigsam ist die
+Bevölkerung, und ihre Worte sind nur schwache, schwankende Brücken über
+ihrem wirklichen Sein. -- Manchmal heben sich dunkle Vögel von den
+Kurganen. Manchmal stürzen wilde Lieder in die dämmernden Menschen
+hinein und verschwinden in ihnen tief, während die Vögel im Himmel
+verloren gehen. Nach allen Richtungen hin scheint alles grenzenlos. Die
+Häuser selbst können nicht beschützen vor dieser Unermeßlichkeit; ihre
+kleinen Fenster sind voll davon. Nur in den dunkelnden Ecken der Stuben
+stehen die alten Ikone, wie Meilensteine Gottes, und der Glanz von einem
+kleinen Licht geht durch ihre Rahmen, wie ein verirrtes Kind durch die
+Sternennacht. Diese Ikone sind der einzige Halt, das einzige
+zuverlässige Zeichen am Wege, und kein Haus kann ohne sie bestehen.
+Immer wieder werden welche notwendig; wenn eines zerbricht vor Alter und
+Wurm, wenn jemand heiratet und sich eine Hütte zimmert, oder wenn einer,
+wie zum Beispiel der alte Abraham, stirbt mit dem Wunsch, den heiligen
+Nikolaus, den Wundertäter, in den gefalteten Händen mitzunehmen,
+wahrscheinlich, um die Heiligen im Himmel mit diesem Bilde zu
+vergleichen und den besonders Verehrten vor allen anderen zu erkennen.
+
+So kommt es, daß Peter Akimowitsch, eigentlich Schuster von Beruf, auch
+Ikone malt. Wenn er von der einen Arbeit müde ist, geht er, nachdem er
+sich dreimal bekreuzt hat, zu der anderen über, und über seinem Nähen
+und Hämmern wie über seinem Malen waltet die gleiche Frömmigkeit. Jetzt
+ist er schon ein alter Mann, aber doch ziemlich rüstig. Den Rücken, den
+er über die Stiefel biegt, richtet er vor den Bildern wieder gerade, und
+so hat er sich eine gute Haltung bewahrt und ein gewisses Gleichgewicht
+in den Schultern und im Kreuz. Den größten Teil seines Lebens hat er
+ganz allein verbracht, sich gar nicht hineinmischend in die Unruhe, die
+dadurch entstand, daß sein Weib Akulina ihm Kinder gebar und daß diese
+verstarben oder sich verheirateten. Erst in seinem siebzigsten Jahre
+hatte Peter sich mit denen in Verbindung gesetzt, die in seinem Hause
+verblieben waren und die er nun erst als wirklich vorhanden betrachtete.
+Das waren: Akulina, sein Weib, eine stille, demütige Person, die sich
+fast ganz in den Kindern fortgegeben hatte, eine alternde, häßliche
+Tochter und Aljoscha, ein Sohn, welcher, unverhältnismäßig spät geboren,
+erst siebzehn Jahre zählte. Diesen wollte Peter für die Malerei
+heranbilden; denn er sah ein, daß er bald nicht allen Bestellungen würde
+entsprechen können. Aber er gab den Unterricht bald auf. Aljoscha hatte
+die allerheiligste Jungfrau gemalt, aber das strenge und richtige
+Vorbild so wenig erreicht, daß sein Machwerk aussah wie ein Bild der
+Mariana, der Tochter des Kosaken Golokopytenko, also wie etwas durchaus
+Sündiges, und der alte Peter beeilte sich, nachdem er sich oft bekreuzt
+hatte, das beleidigte Brett mit einem heiligen Dmitrij zu übermalen,
+welchen er aus einem unbekannten Grunde über alle anderen Heiligen
+stellte.
+
+Aljoscha versuchte auch nie mehr ein Bild zu beginnen. Wenn ihm der
+Vater nicht befahl, einen Nimbus zu vergolden, war er meistens draußen
+in der Steppe, kein Mensch wußte wo. Niemand hielt ihn zu Hause. Die
+Mutter wunderte sich über ihn und hatte eine Scheu, mit ihm zu reden,
+als ob er ein Fremder wäre oder ein Beamter. Die Schwester hatte ihn
+geschlagen, solang er ein Kind war, und jetzt, seit Aljoscha erwachsen
+war, begann sie ihn zu verachten, dafür, daß er sie nicht schlug. Aber
+auch im Dorfe war niemand, der sich um den Burschen kümmerte. Mariana,
+die Kosakentochter, hatte ihn ausgelacht, als er ihr erklärte, er wolle
+sie heiraten, und die anderen Mädchen hatte Aljoscha nicht danach
+gefragt, ob sie ihn als Bräutigam annehmen möchten. In die Ssetsch, zu
+den Zaporogern, hatte ihn keiner mitnehmen wollen, weil er allen zu
+schwächlich schien und vielleicht auch noch etwas zu jung. Einmal war er
+schon davongelaufen bis zum nächsten Kloster, aber die Mönche nahmen ihn
+nicht auf -- und so blieb nur die Heide für ihn, die weite, wogende
+Heide. Ein Jäger hatte ihm einmal ein altes Gewehr geschenkt, das weiß
+Gott womit geladen war. Das schleppte Aljoscha immer mit, schoß es aber
+niemals ab, erstens, weil er den Schuß sparen wollte, und dann, weil er
+nicht wußte wofür. An einem lauen, stillen Abend, zu Anfang des Sommers,
+saßen alle beisammen an dem groben Tisch, auf welchem eine Schüssel mit
+Grütze stand. Peter aß, und die anderen schauten ihm zu und warteten auf
+das, was er übriglassen würde. Plötzlich ließ der Alte den Löffel in der
+Luft stehen und streckte den breiten welken Kopf in den Lichtstreifen,
+der von der Tür kam und quer über den Tisch in die Dämmerung lief. Alle
+horchten. Es war außen an den Wänden der Hütte ein Geräusch, wie wenn
+ein Nachtvogel mit seinen Flügeln sachte die Balken streifte; aber die
+Sonne war kaum untergegangen, und die nächtlichen Vögel kamen ja
+überhaupt selten bis ins Dorf. Und da war es wieder, als tappe irgendein
+anderes großes Tier ums Haus und als wäre von allen Wänden zugleich sein
+suchender Schritt vernehmbar. Aljoscha erhob sich leise von seiner Bank,
+in demselben Augenblick verdunkelte sich die Tür von etwas Hohem,
+Schwarzem; es verdrängte den ganzen Abend, brachte Nacht in die Hütte
+und bewegte sich in seiner Größe nur unsicher vorwärts. 'Der Ostap!'
+sagte die Häßliche mit ihrer bösen Stimme. Und jetzt erkannten ihn alle.
+Es war einer von den blinden Kobzars, ein Greis, der mit einer
+zwölfsaitigen Bandura durch die Dörfer ging und von dem großen Ruhm der
+Kosaken, von ihrer Tapferkeit und Treue, von ihren Hetmans Kirdjaga,
+Kukubenko, Bulba und anderen Helden sang, so daß alle es gerne hörten.
+Ostap verneigte sich dreimal tief in der Richtung, in der er das
+Heiligenbild vermutete (und es war die Znamenskaja, zu der er sich so,
+unbewußt, wandte), setzte sich dann an den Ofen und fragte mit leiser
+Stimme: 'Bei wem bin ich eigentlich?' 'Bei uns, Väterchen, bei Peter
+Akimowitsch, dem Schuster,' erwiderte Peter freundlich. Er war ein
+Freund des Gesanges und freute sich dieses unerwarteten Besuches. 'Ah,
+bei Peter Akimowitsch, dem, der die Bilder malt,' sagte der Blinde, um
+auch eine Freundlichkeit zu erweisen. Dann wurde es still. In den langen
+sechs Saiten der Bandura begann ein Klang, wuchs und kam kurz und
+gleichsam erschöpft von den sechs kurzen Saiten zurück, und diese
+Wirkung wiederholte sich in immer rascheren Takten, so daß man endlich
+die Augen schließen mußte, in Angst, den Ton von der in rasendem Lauf
+erstiegenen Melodie irgendwo hinabstürzen zu sehen; da brach das Lied ab
+und gab der schönen, schweren Stimme des Kobzars Raum, welche bald das
+ganze Haus erfüllte und auch aus den benachbarten Hütten die Leute rief,
+die sich vor der Türe und unter den Fenstern versammelten. Aber nicht
+von Helden ging diesmal das Lied. Schon ganz sicher schien Bulbas und
+Ostranitzas und Naliwaikos Ruhm. Für alle Zeiten fest schien die Treue
+der Kosaken. Nicht von ihren Taten ging heute das Lied. Tiefer zu
+schlafen schien in allen, welche es vernahmen, der Tanz; denn keiner
+rührte die Beine oder hob die Hände empor. Wie Ostaps Kopf, so waren
+auch die anderen Köpfe gesenkt und wurden schwer von dem traurigen Lied:
+
+»Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt. Die Gerechtigkeit, wer
+kann sie finden? Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt; denn alle
+Gerechtigkeit ist den Gesetzen der Ungerechtigkeit unterstellt.
+
+»Heut ist die Gerechtigkeit elend in Fesseln. Und das Unrecht lacht über
+sie, wir sahns, und sitzt mit den Pans in den goldenen Sesseln und sitzt
+in dem goldenen Saal mit den Pans.
+
+»Die Gerechtigkeit liegt an der Schwelle und fleht; bei den Pans ist das
+Unrecht, das Schlechte, zu Gast, und sie laden es lachend in ihren
+Palast, und sie schenken dem Unrecht den Becher voll Met.
+
+»O, Gerechtigkeit, Mütterchen, Mütterchen mein, mit dem Fittich, der
+jenem des Adlers gleicht, es kommt vielleicht noch ein Mann, der
+gerecht, der gerecht sein will, dann helfe ihm Gott, Er vermag es
+allein, und macht dem Gerechten die Tage leicht.«
+
+Und die Köpfe hoben sich nur mühsam, und auf allen Stirnen stand
+Schweigsamkeit; das erkannten auch die, welche reden wollten. Und nach
+einer kleinen, ernsten Stille begann wieder das Spiel auf der Bandura,
+diesmal schon besser verstanden von der immer wachsenden Menge. Dreimal
+sang Ostap sein Lied von der Gerechtigkeit. Und es war jedesmal ein
+anderes. War es zum erstenmal Klage, so erschien es bei der Wiederholung
+Vorwurf, und endlich, da der Kobzar es zum drittenmal mit hocherhobener
+Stirne wie eine Kette kurzer Befehle rief, da brach ein wilder Zorn aus
+den zitternden Worten und erfaßte alle und riß sie hin in eine breite
+und zugleich bange Begeisterung.
+
+'Wo sammeln sich die Männer?' fragte ein junger Bauer, als der Sänger
+sich erhob. Der Alte, der von allen Bewegungen der Kosaken unterrichtet
+war, nannte einen nahen Ort. Schnell zerstreuten sich die Männer, man
+hörte kurze Rufe, Waffen rührten sich, und vor den Türen weinten die
+Weiber. Eine Stunde später zog ein Trupp Bauern, bewaffnet, aus dem
+Dorfe gegen Tschernigof zu. Peter hatte dem Kobzar ein Glas Most
+angeboten in der Hoffnung, mehr von ihm zu erfahren. Der Alte saß,
+trank, gab aber nur kurze Antworten auf die vielen Fragen des Schusters.
+Dann dankte er und ging. Aljoscha führte den Blinden über die Schwelle.
+Als sie draußen waren in der Nacht und allein, bat Aljoscha: 'Und dürfen
+alle mitgehen in den Krieg?' 'Alle,' sagte der Alte und verschwand
+rascher ausschreitend, als ob er sehend würde in der Nacht.
+
+Als alle schliefen, erhob sich Aljoscha vom Ofen, wo er in den Kleidern
+gelegen hatte, nahm sein Gewehr und ging hinaus. Draußen fühlte er sich
+mit einem Male umarmt und sanft aufs Haar geküßt. Gleich darauf erkannte
+er im Mondlicht Akulina, die eilig und trippelnd auf das Haus zulief.
+'Mutter?!' staunte er, und es wurde ihm ganz eigentümlich zumut. Er
+zögerte eine Weile. Eine Tür ging irgendwo, und ein Hund heulte in der
+Nähe. Da warf Aljoscha sein Gewehr über die Schulter und schritt stark
+aus, denn er gedachte die Männer noch vor Morgen einzuholen. Im Hause
+aber taten alle, als ob sie Aljoschas Fehlen nicht bemerkten. Nur als
+sie sich wieder zu Tische setzten und Peter den leeren Platz gewahrte,
+stand er noch einmal auf, ging in die Ecke und zündete eine Kerze an vor
+der Znamenskaja. Eine ganz dünne Kerze. Die Häßliche zuckte mit den
+Achseln.
+
+Indessen ging Ostap, der blinde Greis, schon durch das nächste Dorf und
+begann traurig und mit sanfter klagender Stimme den Gesang von der
+Gerechtigkeit.«
+
+Der Lahme wartete noch eine Weile. Dann sah er mich erstaunt an: »Nun,
+weshalb schließen Sie nicht? Es ist doch wie in der Geschichte vom
+Verrat. Dieser Alte war Gott.«
+
+»O, und ich habe es nicht gewußt,« sagte ich erschauernd.
+
+
+
+
+EINE SZENE AUS DEM GHETTO VON VENEDIG
+
+
+Herr Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann, Ehrenoberster der freiwilligen
+Feuerwehr und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz zu sagen: Herr
+Baum muß eines meiner Gespräche mit Ewald belauscht haben. Es ist kein
+Wunder; ihm gehört das Haus, darin mein Freund zu ebener Erde wohnt.
+Herr Baum und ich, wir kennen uns längst vom Sehen. Neulich aber bleibt
+der Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig den Hut, so daß ein kleiner
+Vogel hätte ausfliegen können, im Falle einer drunter gefangen gewesen
+wäre. Er lächelt höflich und eröffnet unsere Bekanntschaft: »Sie reisen
+manchmal?« »O ja --,« erwiderte ich, etwas zerstreut, »das kann wohl
+sein.« Nun fuhr er vertraulich fort: »Ich glaube, wir sind die beiden
+einzigen hier, die in Italien waren.« »So --,« ich bemühte mich etwas
+aufmerksamer zu sein --, »ja, dann ist es allerdings dringend notwendig,
+daß wir miteinander reden.«
+
+Herr Baum lachte. »Ja, Italien -- das ist doch noch etwas. Ich erzähle
+immer meinen Kindern -- zum Beispiel nehmen Sie Venedig!« Ich blieb
+stehen: »Sie erinnern sich noch Venedigs?« »Aber, ich bitte Sie,«
+stöhnte er, denn er war etwas zu dick, um sich mühelos zu entrüsten, --
+»wie sollte ich nicht -- wer das einmal gesehen hat -- diese Piazzetta
+-- nicht wahr?« »Ja,« entgegnete ich, »ich erinnere mich besonders gern
+der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen Hingleitens am Rande
+von Vergangenheiten.« »Der Palazzo Franchetti,« fiel ihm ein. »Die Cà
+Doro,« -- gab ich zurück. »Der Fischmarkt --« »Der Palazzo Vendramin --«
+»Wo Richard Wagner« -- fügte er rasch, als ein gebildeter Deutscher
+hinzu. Ich nickte: »Den Ponte, wissen Sie?« Er lächelte mit
+Orientierung: »Selbstverständlich, und das Museum, die Akademie nicht zu
+vergessen, wo ein Tizian ...«
+
+So hat sich Herr Baum einer Art Prüfung unterzogen, die etwas
+anstrengend war. Ich nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu
+entschädigen. Und begann ohne weiteres:
+
+»Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfährt, an dem Fondaco de'
+Turchi und an dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt: 'Rechts!'
+so sieht er etwas erstaunt aus und fragt wohl gar 'Dove?' Aber man
+besteht darauf, nach rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen
+schmutzigen Kanäle aus, handelt mit ihm, schimpft und geht durch
+gedrängte Gassen und schwarze verqualmte Torgänge auf einen leeren
+freien Platz hinaus. Alles das einfach aus dem Grunde, weil dort meine
+Geschichte handelt.« Herr Baum berührte mich sanft am Arm: »Verzeihen
+Sie, welche Geschichte?« Seine kleinen Augen gingen etwas beängstigt hin
+und her.
+
+Ich beruhigte ihn: »Irgendeine, verehrter Herr, keine irgendwie
+nennenswerte. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wann sie geschah.
+Vielleicht unter dem Dogen Alvise Moncenigo IV., aber es kann auch etwas
+früher oder später gewesen sein. Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie
+solche gesehen haben sollten, sind wie auf purpurnem Samt gemalt,
+überall bricht etwas Warmes, gleichsam Waldiges durch, und um die
+gedämpften Lichter darin drängen sich horchende Schatten. Giorgione hat
+auf mattem, alterndem Gold, Tizian auf schwarzem Atlas gemalt, aber in
+der Zeit, von der ich rede, liebte man lichte Bilder, auf einen Grund
+von weißer Seide gesetzt, und der Name, mit dem man spielte, den schöne
+Lippen in die Sonne warfen und den reizende Ohren auffingen, wenn er
+zitternd niederfiel, dieser Name ist Gian Battista Tiepolo.
+
+Aber das alles kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es geht nur das
+wirkliche Venedig an, die Stadt der Paläste, der Abenteuer, der Masken
+und der blassen Lagunennächte, die wie keine anderen Nächte sonst den
+Ton von heimlichen Romanzen tragen. -- In dem Stück Venedig, von dem ich
+erzähle, sind nur arme tägliche Geräusche, die Tage gehen gleichförmig
+darüber hin, als ob es nur ein einziger wäre, und die Gesänge, die man
+dort vernimmt, sind wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie ein
+wallender Qualm über den Gassen lagern. Sobald es dämmert, treibt sich
+viel scheues Gesindel dort herum, unzählige Kinder haben ihre Heimat auf
+den Plätzen und in den engen kalten Haustüren und spielen mit Scherben
+und Abfällen von buntem Glasfluß, demselben, aus dem die Meister die
+ernsten Mosaiken von San Marco fügten. Ein Adeliger kommt selten in das
+Ghetto. Höchstens zur Zeit, wenn die Judenmädchen zum Brunnen kommen,
+kann man manchmal eine Gestalt, schwarz, im Mantel und mit Maske
+bemerken. Gewisse Leute wissen aus Erfahrung, daß diese Gestalt einen
+Dolch in den Falten verborgen trägt. Jemand will einmal im Mondlicht das
+Gesicht des Jünglings gesehen haben, und es wird seither behauptet,
+dieser schwarze schlanke Gast sei Marcantonio Priuli, Sohn des
+Proveditore Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli. Man weiß,
+er wartet unter dem Torweg des Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn
+es einsam wird, quer über den Platz und tritt bei dem alten Melchisedech
+ein, dem reichen Goldschmied, der viele Söhne und sieben Töchter und von
+den Söhnen und Töchtern viele Enkel hat. Die jüngste Enkelin, Esther,
+erwartet ihn, an den greisen Großvater geschmiegt, in einem niederen,
+dunklen Gemach, in welchem vieles glänzt und glüht, und Seide und Samt
+hängt sanft über den Gefäßen, wie um ihre vollen, goldenen Flammen zu
+stillen. Hier sitzt Marcantonio auf einem silbergestickten Kissen, dem
+greisen Juden zu Füßen und erzählt von Venedig, wie von einem Märchen,
+das es nirgendwo jemals ganz so gegeben hat. Er erzählt von den
+Schauspielen, von den Schlachten des venezianischen Heeres, von fremden
+Gästen, von Bildern und Bildsäulen, von der »Sensa« am Himmelfahrtstage,
+von dem Karneval und von der Schönheit seiner Mutter Catharina Minelli.
+Alles das ist für ihn von ähnlichem Sinn, verschiedene Ausdrücke für
+Macht und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist alles fremd; denn die
+Juden sind streng ausgeschlossen von jedem Verkehr, und auch der reiche
+Melchisedech betritt niemals das Gebiet des Großen Rates, obwohl er als
+Goldschmied und weil er allgemeine Achtung genoß, es hätte wagen dürfen.
+In seinem langen Leben hat der Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn
+alle wie einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom Rate verschafft,
+aber er hatte auch immer wieder den Rückschlag erlebt. Sooft ein Unheil
+über den Staat hereinbrach, rächte man sich an den Juden; die Venezianer
+selbst waren von viel zu verwandtem Geiste, als daß sie, wie andere
+Völker, die Juden für den Handel gebraucht hätten, sie quälten sie mit
+Abgaben, beraubten sie ihrer Güter und beschränkten immer mehr das
+Gebiet des Ghetto, so daß die Familien, die sich mitten in aller Not
+fruchtbar vermehrten, gezwungen waren, ihre Häuser aufwärts, eines auf
+das Dach des anderen zu bauen. Und ihre Stadt, die nicht am Meere lag,
+wuchs so langsam in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer, und um
+den Platz mit dem Brunnen erhoben sich auf allen Seiten die steilen
+Gebäude wie die Wände irgendeines Riesenturms.
+
+Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit des hohen Alters, hatte
+seinen Mitbürgern, Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag
+gemacht. Er wollte immer das jeweilig höchste dieser winzigen Häuser,
+die sich in zahllosen Stockwerken übereinanderschoben, bewohnen. Man
+erfüllte ihm diesen seltsamen Wunsch gerne, denn man traute ohnehin
+nicht mehr der Tragkraft der unteren Mauern und setzte oben so leichte
+Steine auf, daß der Wind die Wände gar nicht zu bemerken schien. So
+siedelte der Greis zwei- bis dreimal im Jahre um und Esther, die ihn
+nicht verlassen wollte, immer mit ihm. Schließlich waren sie so hoch,
+daß, wenn sie aus der Enge ihres Gemachs auf das flache Dach traten, in
+der Höhe ihrer Stirnen schon ein anderes Land begann, von dessen
+Gebräuchen der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, sprach. Es war
+jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; durch viele fremde Leben hindurch, über
+steile und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern vorüber und über
+die Überfälle hungernder Kinder hinaus ging der Weg, und seine vielen
+Hindernisse beschränkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio kam nicht mehr
+zu Besuch, und Esther vermißte ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden,
+da sie mit ihm allein gewesen war, so groß und lange angeschaut, daß ihr
+schien, er wäre damals tief in ihre dunklen Augen gestürzt und
+gestorben, und jetzt begönne in ihr selbst sein neues, ewiges Leben, an
+das er als Christ doch geglaubt hatte. Mit diesem neuen Gefühl in ihrem
+jungen Leib stand sie tagelang auf dem Dache und suchte das Meer. Aber
+so hoch die Behausung auch war, man erkannte zuerst nur den Giebel des
+Palazzo Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer Kirche, eine fernere
+Kuppel, wie frierend im Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken,
+Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden Himmels.
+
+Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl ihm das Steigen schon
+schwer fiel, allen Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man hatte eine
+neue Hütte, hoch über allen, gebaut. Als er nach so langer Zeit wieder
+über den Platz ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele um ihn
+und neigten sich über seine tastenden Hände und baten ihn um seinen Rat
+in vielen Dingen; denn er war ihnen wie ein Toter, der aus seinem Grabe
+steigt, weil irgendeine Zeit sich erfüllt hat. Und so schien es auch.
+Die Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein Aufstand sei, der Adel sei
+in Gefahr, und über ein kurzes würden die Grenzen des Ghetto fallen, und
+alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen. Der Alte antwortete
+nichts und nickte nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und noch
+vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak Rosso, auf dessen Gipfel
+seine neue Wohnung lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf. Oben
+bekam Esther ein blondes, zartes Kind. Nachdem sie sich erholt hatte,
+trug sie es auf den Armen hinaus auf das Dach und legte zum erstenmal
+den ganzen goldenen Himmel in seine offenen Augen. Es war ein
+Herbstmorgen von unbeschreiblicher Klarheit. Die Dinge dunkelten, fast
+ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter ließen sich, wie auf große
+Blumen, auf sie nieder, ruhten eine Weile und schwebten dann über die
+goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. Und dort, wo sie
+verschwanden, erblickte man von dieser höchsten Stelle, was noch keiner
+vom Ghetto aus je gesehen hatte --, ein stilles, silbernes Licht: das
+Meer. Und erst jetzt, da Esthers Augen sich an die Herrlichkeit gewöhnt
+hatten, bemerkte sie am Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. Er
+erhob sich mit ausgebreiteten Armen und zwang seine matten Augen, in den
+Tag zu schauen, der sich langsam entfaltete. Seine Arme blieben hoch,
+seine Stirne trug einen strahlenden Gedanken; es war, als ob er opferte.
+Dann ließ er sich immer wieder vornüberfallen und preßte den alten Kopf
+an die schlechten kantigen Steine. Das Volk aber stand unten auf dem
+Platze versammelt und blickte herauf. Einzelne Gebärden und Worte
+erhoben sich aus der Menge, aber sie reichten nicht bis zu dem einsam
+betenden Greise. Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten wie in
+den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, sich stolz zu erheben und aufs neue
+in Demut zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die Menge unten wuchs
+und ließ ihn nicht aus den Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den
+Ewigen, in seiner Glorie?«
+
+Herr Baum bemühte sich, recht schnell etwas zu bemerken. Es gelang ihm
+nicht gleich. »Das Meer wahrscheinlich,« -- sagte er dann trocken, »es
+ist ja auch ein Eindruck« -- wodurch er sich besonders aufgeklärt und
+verständig erwies.
+
+Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte mich doch nicht
+enthalten, ihm nachzurufen: »Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren
+Kindern zu erzählen.« Er besann sich: »Den Kindern? Wissen Sie, da ist
+dieser junge Adlige, dieser Antonio, oder wie er heißt, ein ganz und gar
+nicht schöner Charakter und dann: das Kind, dieses Kind! Das dürfte doch
+-- für Kinder --« »O,« beruhigte ich ihn, »Sie haben vergessen,
+verehrter Herr, daß die Kinder von Gott kommen! Wie sollten die Kinder
+zweifeln, daß Esther eines bekam, da sie doch so nahe am Himmel wohnt!«
+
+Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen, und wenn man sie
+fragt, wie sie darüber denken, was der alte Jude Melchisedech wohl
+erblickt haben mag in seiner Verzückung, so sagen sie ohne nachzusinnen:
+»O, das Meer auch.«
+
+
+
+
+VON EINEM, DER DIE STEINE BELAUSCHT
+
+
+Ich bin schon wieder bei meinem lahmen Freunde. Er lächelt in seiner
+eigentümlichen Art: »Und von Italien haben Sie mir noch nie erzählt.«
+»Das soll heißen, ich möge es so bald als möglich nachholen?«
+
+Ewald nickt und schließt schon die Augen, um zuzuhören. Ich fange also
+an. »Was wir Frühling fühlen, sieht Gott als ein flüchtiges, kleines
+Lächeln über die Erde gehen. Sie scheint sich an etwas zu erinnern, im
+Sommer erzählt sie allen davon, bis sie weiser wird in der großen,
+herbstlichen Schweigsamkeit, mit welcher sie sich Einsamen vertraut.
+Alle Frühlinge, welche Sie und ich erlebt haben, zusammengenommen,
+reichen noch nicht aus, eine Sekunde Gottes zu füllen. Der Frühling, den
+Gott bemerken soll, darf nicht in Bäumen und auf Wiesen bleiben, er muß
+irgendwie in den Menschen mächtig werden, denn dann geht er sozusagen
+nicht in der Zeit, vielmehr in der Ewigkeit vor sich und in Gegenwart
+Gottes.
+
+Als dieses einmal geschah, mußten Gottes Blicke in ihren dunkeln
+Schwingen über Italien hängen. Das Land unten war hell, die Zeit glänzte
+wie Gold, aber quer darüber, wie ein dunkler Weg, lag der Schatten eines
+breiten Mannes, schwer und schwarz, und weit davor der Schatten seiner
+schaffenden Hände, unruhig, zuckend, bald über Pisa, bald über Neapel,
+bald zerfließend auf der ungewissen Bewegung des Meeres. Gott konnte
+seine Augen nicht abwenden von diesen Händen, die ihm zuerst gefaltet
+schienen, wie betende, -- aber das Gebet, welches ihnen entquoll,
+drängte sie weit auseinander. Es wurde eine Stille in den Himmeln. Alle
+Heiligen folgten den Blicken Gottes und betrachteten wie er den
+Schatten, der halb Italien verhüllte, und die Hymnen der Engel blieben
+auf ihren Gesichtern stehen, und die Sterne zitterten, denn sie
+fürchteten, irgend etwas verschuldet zu haben, und warteten demütig auf
+Gottes zorniges Wort. Aber nichts dergleichen geschah. Die Himmel hatten
+sich in ihrer ganzen Breite über Italien aufgetan, so daß Raffael in Rom
+auf den Knien lag, und der selige Fra Angelico von Fiesole stand in
+einer Wolke und freute sich über ihn. Viele Gebete waren zu dieser
+Stunde von der Erde unterwegs. Gott aber erkannte nur eines: die Kraft
+Michelangelos stieg wie Duft von Weinbergen zu ihm empor. Und er
+duldete, daß sie seine Gedanken erfüllte. Er neigte sich tiefer, fand
+den schaffenden Mann, sah über seine Schultern fort auf die am Steine
+horchenden Hände und erschrak: sollten in den Steinen auch Seelen sein?
+Warum belauschte dieser Mann die Steine? Und nun erwachten ihm die Hände
+und wühlten den Stein auf wie ein Grab, darin eine schwache, sterbende
+Stimme flackert: 'Michelangelo,' rief Gott in Bangigkeit, 'wer ist im
+Stein?' Michelangelo horchte auf; seine Hände zitterten. Dann antwortete
+er dumpf: 'Du, mein Gott, wer denn sonst. Aber ich kann nicht zu dir.'
+Und da fühlte Gott, daß er auch im Steine sei, und es wurde ihm
+ängstlich und enge. Der ganze Himmel war nur ein Stein, und er war
+mitten drin eingeschlossen und hoffte auf die Hände Michelangelos, die
+ihn befreien würden, und er hörte sie kommen, aber noch weit. Der
+Meister aber war wieder über dem Werke. Er dachte beständig: du bist nur
+ein kleiner Block, und ein anderer könnte in dir kaum einen Menschen
+finden. Ich aber fühle hier eine Schulter: es ist die des Josef von
+Arimathäa, hier neigt sich Maria, ich spüre ihre zitternden Hände,
+welche Jesum, unseren Herrn, halten, der eben am Kreuze verstarb. Wenn
+in diesem kleinen Marmor diese drei Raum haben, wie sollte ich nicht
+einmal ein schlafendes Geschlecht aus einem Felsen heben? Und mit
+breiten Hieben machte er die drei Gestalten der Pietà frei, aber er
+löste nicht ganz die steinernen Schleier von ihren Gesichtern, als
+fürchtete er, ihre tiefe Traurigkeit könnte sich lähmend über seine
+Hände legen. So flüchtete er zu einem anderen Steine. Aber jedesmal
+verzagte er, einer Stirne ihre volle Klarheit, einer Schulter ihre
+reinste Rundung zu geben, und wenn er ein Weib bildete, so legte er
+nicht das letzte Lächeln um ihren Mund, damit ihre Schönheit nicht ganz
+verraten sei.
+
+Zu dieser Zeit entwarf er das Grabdenkmal für Julius della Rovere. Einen
+Berg wollte er bauen über den eisernen Papst und ein Geschlecht dazu,
+welches diesen Berg bevölkerte. Von vielen dunkeln Plänen erfüllt, ging
+er hinaus nach seinen Marmorbrüchen. Über einem armen Dorf erhob sich
+steil der Hang. Umrahmt von Oliven und welkem Gestein, erschienen die
+frisch gebrochenen Flächen wie ein großes blasses Gesicht unter
+alterndem Haar. Lange stand Michelangelo vor seiner verhüllten Stirne.
+Plötzlich bemerkte er darunter zwei riesige Augen aus Stein, welche ihn
+betrachteten. Und Michelangelo fühlte seine Gestalt wachsen unter dem
+Einfluß dieses Blickes. Jetzt ragte auch er über dem Land, und es war
+ihm, als ob er von Ewigkeit her diesem Berg brüderlich gegenüberstände.
+Das Tal wich unter ihm zurück wie unter einem Steigenden, die Hütten
+drängten sich wie Herden aneinander, und näher und verwandter zeigte
+sich das Felsengesicht unter seinen weißen steinernen Schleiern. Es
+hatte einen wartenden Ausdruck, reglos und doch am Rande der Bewegung.
+Michelangelo dachte nach: 'Man kann dich nicht zerschlagen, du bist ja
+nur Eines,' und dann hob er seine Stimme: 'Dich will ich vollenden, du
+bist mein Werk.' Und er wandte sich nach Florenz zurück. Er sah einen
+Stern und den Turm vom Dom. Und um seine Füße war Abend.
+
+Mit einem Mal, an der Porta Romana, zögerte er. Die beiden Häuserreihen
+streckten sich wie Arme nach ihm aus, und schon hatten sie ihn ergriffen
+und zogen ihn hinein in die Stadt. Und immer enger und dämmernder wurden
+die Gassen, und als er sein Haus betrat, da wußte er sich in dunkeln
+Händen, denen er nicht entgehen konnte. Er flüchtete in den Saal und von
+da in die niedere, kaum zwei Schritte lange Kammer, darin er zu
+schreiben pflegte. Ihre Wände legten sich an ihn, und es war, als
+kämpften sie mit seinen Übermaßen und zwängten ihn zurück in die alte,
+enge Gestalt. Und er duldete es. Er drückte sich in die Knie und ließ
+sich formen von ihnen. Er fühlte eine nie gekannte Demut in sich und
+hatte selbst den Wunsch, irgendwie klein zu sein. Und eine Stimme kam:
+'Michelangelo, wer ist in dir?' Und der Mann in der schmalen Kammer
+legte die Stirn schwer in die Hände und sagte leise: 'Du, mein Gott, wer
+denn sonst.'
+
+Und da wurde es weit um Gott, und er hob sein Gesicht, welches über
+Italien war, frei empor und schaute um sich: in Mänteln und Mitren
+standen die Heiligen da, und die Engel gingen mit ihren Gesängen wie mit
+Krügen voll glänzenden Quells unter den dürstenden Sternen umher, und es
+war der Himmel kein Ende.«
+
+Mein lahmer Freund hob seine Blicke und duldete, daß die Abendwolken sie
+mitzogen über den Himmel hin: »Ist Gott denn _dort_?« fragte er. Ich
+schwieg. Dann neigte ich mich zu ihm: »Ewald, sind wir denn _hier_?« Und
+wir hielten uns herzlich die Hände.
+
+
+
+
+WIE DER FINGERHUT DAZU KAM, DER LIEBE GOTT ZU SEIN
+
+
+Als ich vom Fenster forttrat, waren die Abendwolken immer noch da. Sie
+schienen zu warten. Soll ich ihnen auch eine Geschichte erzählen? Ich
+schlug es ihnen vor. Aber sie hörten mich gar nicht. Um mich
+verständlich zu machen und die Entfernung zwischen uns zu beschränken,
+rief ich: »Ich bin auch eine Abendwolke.« Sie blieben stehen, offenbar
+betrachteten sie mich. Dann streckten sie mir ihre feinen,
+durchscheinenden rötlichen Flügel entgegen. Das ist die Art, wie
+Abendwolken sich begrüßen. Sie hatten mich erkannt.
+
+»Wir sind über der Erde,« -- erklärten sie -- »genauer über Europa, und
+du?« Ich zögerte: »Es ist da ein Land --« »Wie sieht es aus?«
+erkundigten sie sich. »Nun,« entgegnete ich -- »Dämmerung mit Dingen --«
+»Das ist Europa auch,« lachte eine junge Wolke. »Möglich,« sagte ich,
+»aber ich habe immer gehört: die Dinge in Europa sind tot.« »Ja,
+allerdings,« bemerkte eine andere verächtlich. »Was wäre das für ein
+Unsinn: lebende Dinge?« »Nun,« beharrte ich, »meine leben. Das ist also
+der Unterschied. Sie können verschiedenes werden, und ein Ding, welches
+als Bleistift oder als Ofen zur Welt kommt, muß deshalb noch nicht an
+seinem Fortkommen verzweifeln. Ein Bleistift kann mal ein Stock, wenn es
+gut geht, ein Mastbaum, ein Ofen aber mindestens ein Stadttor werden.«
+
+»Du scheinst mir eine recht einfältige Abendwolke zu sein,« sagte die
+junge Wolke, welche sich schon früher so wenig zurückhaltend ausgedrückt
+hatte. Ein alter Wolkerich fürchtete, sie könnte mich beleidigt haben.
+»Es gibt ganz verschiedene Länder,« begütigte er, »ich war einmal über
+ein kleines deutsches Fürstentum geraten, und ich glaube bis heute
+nicht, daß das zu Europa gehörte.« Ich dankte ihm und sagte: »Wir werden
+uns schwer einigen können, sehe ich. Erlauben Sie, ich werde Ihnen
+einfach das erzählen, was ich in der letzten Zeit unter mir erblickte,
+das wird wohl das beste sein.« »Bitte,« gestattete der weise Wolkerich
+im Auftrage aller. Ich begann: »Menschen sind in einer Stube. Ich bin
+ziemlich hoch, müßt ihr wissen, und so kommt es: sie sehen für mich wie
+Kinder aus; deshalb will ich auch einfach sagen: Kinder. Also: Kinder
+sind in einer Stube. Zwei, fünf, sechs, sieben Kinder. Es würde zu lange
+dauern, sie um ihre Namen zu fragen. Übrigens scheinen die Kinder eifrig
+etwas zu besprechen; bei dieser Gelegenheit wird sich ja der eine oder
+der andere Name verraten. Sie stehen wohl schon eine ganze Weile so
+beisammen, denn der älteste (ich vernehme, daß er Hans gerufen wird)
+bemerkt gleichsam abschließend: 'Nein, so kann es entschieden nicht
+bleiben. Ich habe gehört, früher haben die Eltern den Kindern am Abend
+immer, oder wenigstens an braven Abenden -- Geschichten erzählt bis zum
+Einschlafen. Kommt so etwas heute vor?' Eine kleine Pause, dann
+antwortet Hans selbst: 'Es kommt nicht vor, nirgends. Ich für meinen
+Teil, auch weil ich schon groß bin gewissermaßen, schenke ihnen ja gern
+diese paar elenden Drachen, mit denen sie sich quälen würden, aber
+immerhin, es gehört sich, daß sie uns sagen, es gibt Nixen, Zwerge,
+Prinzen und Ungeheuer.' 'Ich habe eine Tante,' bemerkte eine Kleine,
+'die erzählt mir manchmal --' 'Ach was,' schneidet Hans kurz ab, 'Tanten
+gelten nicht, die lügen.' Die ganze Gesellschaft war sehr
+eingeschüchtert angesichts dieser kühnen, aber unwiderlegten Behauptung.
+Hans fährt fort: 'Auch handelt es sich hier vor allem um die Eltern,
+weil diese gewissermaßen die Verpflichtung haben, uns in dieser Weise zu
+unterrichten: bei den anderen ist es mehr Güte. Verlangen kann man es
+nicht von ihnen. Aber gebt nur mal acht: was tun unsere Eltern? Sie
+gehen mit bösen gekränkten Gesichtern umher, nichts ist ihnen recht, sie
+schreien und schelten, aber dabei sind sie doch so gleichgültig, und
+wenn die Welt unterginge, sie würden es kaum bemerken. Sie haben etwas,
+was sie »Ideale« nennen. Vielleicht ist das auch so eine Art kleine
+Kinder, die nicht allein bleiben dürfen und sehr viel Mühe machen; aber
+dann hätten sie eben uns nicht haben dürfen. Nun, ich denke so, Kinder:
+daß die Eltern uns vernachlässigen, ist traurig, gewiß. Aber wir würden
+das dennoch ertragen, wenn es nicht ein Beweis wäre dafür, daß die
+Großen überhaupt dumm werden, zurückgehen, wenn man so sagen darf. Wir
+können ihren Verfall nicht aufhalten; denn wir können den ganzen Tag
+keinen Einfluß auf sie ausüben, und kommen wir spät aus der Schule nach
+Haus, wird kein Mensch verlangen, daß wir uns hinsetzen und versuchen,
+sie für etwas Vernünftiges zu interessieren. Es tut einem auch recht
+weh, wenn man so unter der Lampe sitzt und sitzt, und die Mutter
+begreift nicht einmal den pythagoreischen Lehrsatz. Nun, es ist einmal
+nicht anders. So werden die Großen immer dümmer werden ... es schadet
+nichts: was kann uns dabei verloren gehen? die Bildung? Sie ziehen den
+Hut voreinander, und wenn eine Glatze dabei zum Vorschein kommt, so
+lachen sie. Überhaupt: sie lachen beständig. Wenn wir nicht dann und
+wann so vernünftig wären, zu weinen, es gäbe durchaus kein Gleichgewicht
+auch in diesen Angelegenheiten. Dabei sind sie von einem Hochmut: sie
+behaupten sogar, der Kaiser sei ein Erwachsener. Ich habe in den
+Zeitungen gelesen, der König von Spanien sei ein Kind, so ist es mit
+allen Königen und Kaisern, -- laßt euch nur nichts einreden! Aber neben
+allem Überflüssigen haben die Großen doch etwas, was uns durchaus nicht
+gleichgültig sein kann: den lieben Gott. Ich habe ihn zwar noch bei
+keinem von ihnen gesehen, -- aber gerade das ist verdächtig. Es ist mir
+eingefallen, sie könnten ihn in ihrer Zerstreutheit, Geschäftigkeit und
+Hast irgendwo verloren haben. Nun ist er aber etwas durchaus
+Notwendiges. Verschiedenes kann ohne ihn nicht geschehen, die Sonne kann
+nicht aufgehen, keine Kinder können kommen, aber auch das Brot wird
+aufhören. Wenn es auch beim Bäcker herauskommt, der liebe Gott sitzt und
+dreht die großen Mühlen. Es lassen sich leicht viele Gründe finden,
+weshalb der liebe Gott etwas Unentbehrliches ist. Aber so viel steht
+fest, die Großen kümmern sich nicht um ihn, also müssen wir Kinder es
+tun. Hört, was ich mir ausgedacht habe. Wir sind genau sieben Kinder.
+Jedes muß den lieben Gott einen Tag tragen, dann ist er die ganze Woche
+bei uns, und man weiß immer, wo er sich gerade befindet.'
+
+Hier entstand eine große Verlegenheit. Wie sollte das geschehen? Konnte
+man denn den lieben Gott in die Hand nehmen oder in die Tasche stecken?
+Dazu erzählte ein Kleiner: 'Ich war allein im Zimmer. Eine kleine Lampe
+brannte nahe bei mir, und ich saß im Bett und sagte mein Abendgebet --
+sehr laut. Es rührte sich etwas in meinen gefalteten Händen. Es war
+weich und warm und wie ein kleines Vögelchen. Ich konnte die Hände nicht
+auftun, denn das Gebet war noch nicht aus. Aber ich war sehr neugierig
+und betete furchtbar schnell. Dann beim Amen machte ich so (der Kleine
+streckte die Hände aus und spreizte die Finger), aber es war nichts da.'
+
+Das konnten sich alle vorstellen. Auch Hans wußte keinen Rat. Alle
+schauten ihn an. Und auf einmal sagte er: 'Das ist ja dumm. Ein jedes
+Ding kann der liebe Gott sein. Man muß es ihm nur sagen.' Er wandte sich
+an den ihm zunächst stehenden, rothaarigen Knaben. 'Ein Tier kann das
+nicht. Es läuft davon. Aber ein Ding, siehst du, es steht, du kommst in
+die Stube, bei Tag, bei Nacht, es ist immer da, es kann wohl der liebe
+Gott sein.' Allmählich überzeugten sich die anderen davon. 'Aber wir
+brauchen einen kleinen Gegenstand, den man überall mittragen kann, sonst
+hat es ja keinen Sinn. Leert einmal alle eure Taschen aus.' Da zeigten
+sich nun sehr seltsame Dinge: Papierschnitzel, Federmesser, Radiergummi,
+Federn, Bindfaden, kleine Steine, Schrauben, Pfeifen, Holzspänchen und
+vieles andere, was sich aus der Ferne gar nicht erkennen läßt, oder
+wofür der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten
+Händen der Kinder, wie erschrocken über die plötzliche Möglichkeit, der
+liebe Gott zu werden, und welches von ihnen ein bißchen glänzen konnte,
+glänzte, um dem Hans zu gefallen. Lange schwankte die Wahl. Endlich fand
+sich bei der kleinen Resi ein Fingerhut, den sie ihrer Mutter einmal
+weggenommen hatte. Er war licht wie aus Silber, und um seiner Schönheit
+willen wurde er der liebe Gott. Hans selbst steckte ihn ein, denn er
+begann die Reihe, und alle Kinder gingen den ganzen Tag hinter ihm her
+und waren stolz auf ihn. Nur schwer einigte man sich, wer ihn morgen
+haben sollte, und Hans stellte in seiner Umsicht dann das Programm
+gleich für die ganze Woche fest, damit kein Streit ausbräche.
+
+Diese Einrichtung erwies sich im ganzen als überaus zweckmäßig. Wer den
+lieben Gott gerade hatte, konnte man auf den ersten Blick erkennen. Denn
+der Betreffende ging etwas steifer und feierlicher und machte ein
+Gesicht wie am Sonntag. Die ersten drei Tage sprachen die Kinder von
+nichts anderem. Jeden Augenblick verlangte eines den lieben Gott zu
+sehen, und wenn sich der Fingerhut unter dem Einfluß seiner großen Würde
+auch gar nicht verändert hatte, das Fingerhutliche an ihm erschien jetzt
+nur als ein bescheidenes Kleid um seine wirkliche Gestalt. Alles ging
+nach der Ordnung vor sich. Am Mittwoch hatte ihn Paul, am Donnerstag die
+kleine Anna. Der Samstag kam. Die Kinder spielten Fangen und tollten
+atemlos durcheinander, als Hans plötzlich rief: 'Wer hat denn den lieben
+Gott?' Alle standen. Jedes sah das andere an. Keines erinnerte sich, ihn
+seit zwei Tagen gesehen zu haben. Hans zählte ab, wer an der Reihe sei;
+es kam heraus: die kleine Marie. Und nun verlangte man ohne weiteres von
+der kleinen Marie den lieben Gott. Was war da zu tun? Die Kleine kratzte
+in ihren Taschen herum. Jetzt fiel ihr erst ein, daß sie ihn am Morgen
+erhalten hatte; aber jetzt war er fort, wahrscheinlich hatte sie ihn
+hier beim Spielen verloren.
+
+Und als alle Kinder nach Hause gingen, blieb die Kleine auf der Wiese
+zurück und suchte. Das Gras war ziemlich hoch. Zweimal kamen Leute
+vorüber und fragten, ob sie etwas verloren hätte. Jedesmal antwortete
+das Kind: 'Einen Fingerhut' -- und suchte. Die Leute taten eine Weile
+mit, wurden aber bald des Bückens müde, und einer riet im Fortgehen:
+'Geh lieber nach Haus, man kann ja einen neuen kaufen.' Dennoch suchte
+Mariechen weiter. Die Wiese wurde immer fremder in der Dämmerung, und
+das Gras begann naß zu werden. Da kam wieder ein Mann. Er beugte sich
+über das Kind: 'Was suchst du?' Jetzt antwortete Mariechen, nicht weit
+vom Weinen, aber tapfer und trotzig: 'Den lieben Gott.' Der Fremde
+lächelte, nahm sie einfach bei der Hand, und sie ließ sich führen, als
+ob jetzt alles gut wäre. Unterwegs sagte der fremde Mann: 'Und sieh mal,
+was ich heute für einen schönen Fingerhut gefunden habe.' --«
+
+Die Abendwolken waren schon längst ungeduldig. Jetzt wandte sich der
+weise Wolkerich, welcher indessen dick geworden war, zu mir: »Verzeihen
+Sie, dürfte ich nicht den Namen des Landes -- über welchem Sie --« Aber
+die anderen Wolken liefen lachend in den Himmel hinein und zogen den
+Alten mit.
+
+
+
+
+EIN MÄRCHEN VOM TOD UND EINE FREMDE NACHSCHRIFT DAZU
+
+
+Ich schaute noch immer hinauf in den langsam verlöschenden Abendhimmel,
+als jemand sagte: »Sie scheinen sich ja für das Land da oben sehr zu
+interessieren?«
+
+Mein Blick fiel schnell, wie heruntergeschossen, und ich erkannte: ich
+war an die niedere Mauer unseres kleinen Kirchhofs geraten, und vor mir,
+jenseits derselben, stand der Mann mit dem Spaten und lächelte ernst.
+»Ich interessiere mich wieder für dieses Land hier,« ergänzte er und
+wies nach der schwarzen, feuchten Erde, welche an manchen Stellen
+hervorsah aus den vielen welken Blättern, die sich rauschend rührten,
+während ich nicht wußte, daß ein Wind begonnen hatte. Plötzlich sagte
+ich, von heftigem Abscheu erfaßt: »Warum tun Sie das da?« Der
+Totengräber lächelte immer noch: »Es ernährt einen auch -- und dann, ich
+bitte Sie, tun nicht die meisten Menschen das gleiche? Sie begraben Gott
+dort, wie ich die Menschen hier.« Er zeigte nach dem Himmel und erklärte
+mir: »Ja, das ist auch ein großes Grab, im Sommer stehen wilde
+Vergißmeinnicht drauf --« Ich unterbrach ihn: »Es gab eine Zeit, wo die
+Menschen Gott im Himmel begruben, das ist wahr --« »Ist das anders
+geworden?« fragte er seltsam traurig. Ich fuhr fort: »Einmal warf jeder
+eine Hand Himmel über ihn, ich weiß. Aber da war er eigentlich schon
+nicht mehr dort, oder doch --« Ich zögerte.
+
+»Wissen Sie,« begann ich dann von neuem, »in alten Zeiten beteten die
+Menschen so.« Ich breitete die Arme aus und fühlte unwillkürlich meine
+Brust groß werden dabei. »Damals warf sich Gott in alle diese Abgründe
+voll Demut und Dunkelheit, und nur ungern kehrte er in seine Himmel
+zurück, die er, unvermerkt, immer näher über die Erde zog. Aber ein
+neuer Glaube begann. Da dieser den Menschen nicht verständlich machen
+konnte, worin sein neuer Gott sich von jenem alten unterscheide (sobald
+er ihn nämlich zu preisen begann, erkannten die Menschen sofort den
+einen alten Gott auch hier), so veränderte der Verkünder des neuen
+Gebotes die Art zu beten. Er lehrte das Händefalten und entschied:
+'Seht, unser Gott will so gebeten sein, also ist er ein anderer als der,
+den ihr bisher in euren Armen glaubtet zu empfangen.' Die Menschen sahen
+das ein, und die Gebärde der offenen Arme wurde eine verächtliche und
+schreckliche, und später heftete man sie ans Kreuz, um sie allen als ein
+Symbol der Not und des Todes zu zeigen.
+
+Als Gott aber das nächste Mal wieder auf die Erde niederblickte,
+erschrak er. Neben den vielen gefalteten Händen hatte man viele gotische
+Kirchen gebaut, und so streckten sich ihm die Hände und die Dächer,
+gleich steil und scharf, wie feindliche Waffen entgegen. Bei Gott ist
+eine andere Tapferkeit. Er kehrte in seine Himmel zurück, und als er
+merkte, daß die Türme und die neuen Gebete hinter ihm her wuchsen, da
+ging er auf der anderen Seite aus seinen Himmeln hinaus und entzog sich
+so der Verfolgung. Er war selbst überrascht, jenseits von seiner
+strahlenden Heimat ein beginnendes Dunkel zu finden, das ihn schweigend
+empfing, und er ging mit einem seltsamen Gefühl immer weiter in dieser
+Dämmerung, welche ihn an die Herzen der Menschen erinnerte. Da fiel es
+ihm zuerst ein, daß die Köpfe der Menschen licht, ihre Herzen aber voll
+eines ähnlichen Dunkels sind, und eine Sehnsucht überkam ihn, in den
+Herzen der Menschen zu wohnen und nicht mehr durch das klare, kalte
+Wachsein ihrer Gedanken zu gehen. Nun, Gott hat seinen Weg fortgesetzt.
+Immer dichter wird um ihn die Dunkelheit, und die Nacht, durch die er
+sich drängt, hat etwas von der duftenden Wärme fruchtbarer Schollen. Und
+nicht lange mehr, so strecken sich ihm die Wurzeln entgegen mit der
+alten schönen Gebärde des breiten Gebetes. Es gibt nichts Weiseres als
+den Kreis. Der Gott, der uns in den Himmeln entfloh, aus der Erde wird
+er uns wiederkommen. Und, wer weiß, vielleicht graben gerade Sie einmal
+das Tor ...« Der Mann mit dem Spaten sagte: »Aber das ist ein Märchen.«
+»In unserer Stimme,« erwiderte ich leise, »wird alles Märchen, denn es
+kann sich ja in ihr nie begeben haben.« Der Mann schaute eine Weile vor
+sich hin. Dann zog er mit heftigen Bewegungen den Rock an und fragte:
+»Wir können ja wohl zusammen gehen?« Ich nickte: »Ich gehe nach Hause.
+Es wird wohl derselbe Weg sein. Aber wohnen Sie nicht hier?« Er trat aus
+der kleinen Gittertür, legte sie sanft in ihre klagenden Angeln zurück
+und entgegnete: »Nein.«
+
+Nach ein paar Schritten wurde er vertraulicher: »Sie haben ganz recht
+gehabt vorhin. Es ist seltsam, daß sich niemand findet, der das tun mag,
+das da draußen. Ich habe früher nie daran gedacht. Aber jetzt, seit ich
+älter werde, kommen mir manchmal Gedanken, eigentümliche Gedanken, wie
+der mit dem Himmel, und noch andere. Der Tod. Was weiß man davon?
+Scheinbar alles und vielleicht nichts. Oft stehen die Kinder (ich weiß
+nicht, wem sie gehören) um mich, wenn ich arbeite. Und mir fällt gerade
+so etwas ein. Dann grabe ich wie ein Tier, um alle meine Kraft aus dem
+Kopfe fortzuziehen und sie in den Armen zu verbrauchen. Das Grab wird
+viel tiefer, als die Vorschrift verlangt, und ein Berg Erde wächst
+daneben auf. Die Kinder aber laufen davon, da sie meine wilden
+Bewegungen sehen. Sie glauben, daß ich irgendwie zornig bin.« Er dachte
+nach. »Und es ist ja auch eine Art Zorn. Man wird abgestumpft, man
+glaubt es überwunden zu haben, und plötzlich ... Es hilft nichts, der
+Tod ist etwas Unbegreifliches, Schreckliches.«
+
+Wir gingen eine lange Straße unter schon ganz blätterlosen Obstbäumen,
+und der Wald begann, uns zur Linken, wie eine Nacht, die jeden
+Augenblick auch über uns hereinbrechen kann. »Ich will Ihnen eine kleine
+Geschichte berichten,« versuchte ich, »sie reicht gerade bis an den
+Ort.« Der Mann nickte und zündete sich seine kurze, alte Pfeife an. Ich
+erzählte:
+
+»Es waren zwei Menschen, ein Mann und ein Weib, und sie hatten einander
+lieb. Liebhaben, das heißt nichts annehmen, von nirgends, alles
+vergessen und von _einem_ Menschen alles empfangen wollen, das was man
+schon besaß und alles andere. So wünschten es die beiden Menschen
+gegenseitig. Aber in der Zeit, im Tage, unter den vielen, was alles
+kommt und geht, oft ehe man eine wirkliche Beziehung dazu gewinnt, läßt
+sich ein solches Liebhaben gar nicht durchführen, die Ereignisse kommen
+von allen Seiten, und der Zufall öffnet ihnen jede Tür.
+
+Deshalb beschlossen die beiden Menschen aus der Zeit in die Einsamkeit
+zu gehen, weit fort vom Uhrenschlagen und von den Geräuschen der Stadt.
+Und dort erbauten sie sich in einem Garten ein Haus. Und das Haus hatte
+zwei Tore, eines an seiner rechten, eines an seiner linken Seite. Und
+das rechte Tor war des Mannes Tor, und alles Seine sollte durch dasselbe
+in das Haus einziehen. Das linke aber war das Tor des Weibes; und was
+ihres Sinnes war, sollte durch seinen Bogen eintreten. So geschah es.
+Wer zuerst erwachte am Morgen, stieg hinab und tat sein Tor auf. Und da
+kam dann bis spät in die Nacht gar manches herein, wenn auch das Haus
+nicht am Rande des Weges lag. Zu denen, die zu empfangen verstehen,
+kommt die Landschaft ins Haus und das Licht und ein Wind mit einem Duft
+auf den Schultern und viel anderes mehr. Aber auch Vergangenheiten,
+Gestalten, Schicksale traten durch die beiden Tore ein, und allen wurde
+die gleiche, schlichte Gastlichkeit zuteil, so daß sie meinten, seit
+immer in dem Heidehaus gewohnt zu haben. So ging es eine lange Zeit
+fort, und die beiden Menschen waren sehr glücklich dabei. Das linke Tor
+war etwas häufiger geöffnet, aber durch das rechte traten buntere Gäste
+ein. Vor diesem wartete auch eines Morgens -- der Tod. Der Mann schlug
+seine Tür eilends zu, als er ihn bemerkte, und hielt sie den ganzen Tag
+über fest verschlossen. Nach einiger Zeit tauchte der Tod vor dem linken
+Eingang auf. Zitternd warf das Weib das Tor zu und schob den breiten
+Riegel vor. Sie sprachen nicht miteinander über dieses Ereignis, aber
+sie öffneten seltener die beiden Tore und suchten mit dem auszukommen,
+was im Hause war. Da lebten sie nun freilich viel ärmlicher als vorher.
+Ihre Vorräte wurden knapp, und es stellten sich Sorgen ein. Sie begannen
+beide, schlecht zu schlafen, und in einer solchen wachen, langen Nacht
+vernahmen sie plötzlich zugleich ein seltsames, schlürfendes und
+pochendes Geräusch. Es war hinter der Wand des Hauses, gleich weit
+entfernt von den beiden Toren, und klang, als ob jemand begänne, Steine
+auszubrechen, um ein neues Tor mitten in die Mauer zu bauen. Die beiden
+Menschen taten in ihrem Schrecken dennoch, als ob sie nichts Besonderes
+vernähmen. Sie begannen zu sprechen, lachten unnatürlich laut, und als
+sie müde wurden, war das Wühlen in der Wand verstummt. Seither bleiben
+die beiden Tore ganz geschlossen. Die Menschen leben wie Gefangene.
+Beide sind kränklich geworden und haben seltsame Einbildungen. Das
+Geräusch wiederholt sich von Zeit zu Zeit. Dann lachen sie mit ihren
+Lippen, während ihre Herzen fast sterben vor Angst. Und sie wissen
+beide, daß das Graben immer lauter und deutlicher wird, und müssen immer
+lauter sprechen und lachen mit ihren immer matteren Stimmen.«
+
+Ich schwieg. »Ja, ja --,« sagte der Mann neben mir, »so ist es, das ist
+eine wahre Geschichte.«
+
+»Diese habe ich in einem alten Buche gelesen,« fügte ich hinzu, »und da
+ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges dabei. Hinter der Zeile, darin
+erzählt wird, wie der Tod auch vor dem Tore des Weibes erschien, war mit
+alter, verwelkter Tinte ein kleines Sternchen gezeichnet. Es sah aus den
+Worten wie aus Wolken hervor, und ich dachte einen Augenblick, wenn die
+Zeilen sich verzögen, so könnte offenbar werden, daß hinter ihnen lauter
+Sterne stehen, wie es ja wohl manchmal geschieht, wenn der
+Frühlingshimmel sich spät am Abend klärt. Dann vergaß ich des
+unbedeutenden Umstandes ganz, bis ich hinten im Einband des Buches
+dasselbe Sternchen, wie gespiegelt in einem See, in dem glatten
+Glanzpapier wiederfand, und nah unter demselben begannen zarte Zeilen,
+die wie Wellen in der blassen spiegelnden Fläche verliefen. Die Schrift
+war an vielen Stellen undeutlich geworden, aber es gelang mir doch, sie
+fast ganz zu entziffern. Da stand etwa:
+
+'Ich habe diese Geschichte so oft gelesen, und zwar in allen möglichen
+Tagen, daß ich manchmal glaube, ich habe sie selbst, aus der Erinnerung
+aufgezeichnet. Aber bei mir geht es im weiteren Verlaufe so zu, wie ich
+es hier niederschreibe. Das Weib hatte den Tod nie gesehen, arglos ließ
+sie ihn eintreten. Der Tod aber sagte etwas hastig, und wie einer,
+welcher kein gutes Gewissen hat: 'Gib das deinem Mann.' Und er fügte,
+als das Weib ihn fragend anblickte, eilig hinzu: 'Es ist Samen, sehr
+guter Samen.' Dann entfernte er sich, ohne zurückzusehen. Das Weib
+öffnete das Säckchen, welches er ihr in die Hand gelegt hatte; es fand
+sich wirklich eine Art Samen darin, harte, häßliche Körner. Da dachte
+das Weib: der Same ist etwas Unfertiges, Zukünftiges. Man kann nicht
+wissen, was aus ihm wird. Ich will diese unschönen Körner nicht meinem
+Manne geben, sie sehen gar nicht aus wie ein Geschenk. Ich will sie
+lieber in das Beet unseres Gartens drücken und warten, was sich aus
+ihnen erhebt. Dann will ich ihn davor führen und ihm erzählen, wie ich
+zu dieser Pflanze kam. Also tat das Weib auch. Dann lebten sie dasselbe
+Leben weiter. Der Mann, der immer daran denken mußte, daß der Tod vor
+seinem Tore gestanden hatte, war anfangs etwas ängstlich, aber da er das
+Weib so gastlich und sorglos sah wie immer, tat auch er bald wieder die
+breiten Flügel seines Tores auf, so daß viel Leben und Licht in das Haus
+hereinkam. Im nächsten Frühjahr stand mitten im Beete zwischen den
+schlanken Feuerlilien ein kleiner Strauch. Er hatte schmale,
+schwärzliche Blätter, etwas spitz, ähnlich denen des Lorbeers, und es
+lag ein sonderbarer Glanz auf ihrer Dunkelheit. Der Mann nahm sich
+täglich vor, zu fragen, woher diese Pflanze stamme. Aber er unterließ es
+täglich. In einem verwandten Gefühl verschwieg auch das Weib von einem
+Tag zum andern die Aufklärung. Aber die unterdrückte Frage auf der
+einen, die nie gewagte Antwort auf der anderen Seite führte die beiden
+Menschen oft bei diesem Strauch zusammen, der sich in seiner grünen
+Dunkelheit so seltsam von dem Garten unterschied. Als das nächste
+Frühjahr kam, da beschäftigten sie sich wie mit den anderen Gewächsen
+auch mit dem Strauch, und sie wurden traurig, als er, umringt von lauter
+steigenden Blüten, unverändert und stumm, wie im ersten Jahr, gegen alle
+Sonne taub, sich erhob. Damals beschlossen sie, ohne es einander zu
+verraten, gerade diesem im dritten Frühjahr ihre ganze Kraft zu widmen,
+und als dieses Frühjahr erschien, erfüllten sie leise und Hand in Hand,
+was sich jeder versprochen hatte. Der Garten umher verwilderte, und die
+Feuerlilien schienen blasser als sonst zu sein. Aber einmal, als sie
+nach einer schweren, bedeckten Nacht in den Morgengarten, den stillen,
+schimmernden traten, da wußten sie: aus den schwarzen, scharfen Blättern
+des fremden Strauches war unversehrt eine blasse, blaue Blüte gestiegen,
+welcher die Knospenschalen schon an allen Seiten enge wurden. Und sie
+standen davor vereint und schweigend, und jetzt wußten sie sich erst
+recht nichts zu sagen. Denn sie dachten: nun blüht der Tod, und neigten
+sich zugleich, um den Duft der jungen Blüte zu kosten. -- Seit diesem
+Morgen aber ist alles anders geworden in der Welt.' So stand es in dem
+Einband des alten Buches,« schloß ich.
+
+»Und wer das geschrieben hat?« drängte der Mann.
+
+»Eine Frau nach der Schrift,« antwortete ich. »Aber was hätte es
+geholfen, nachzuforschen. Die Buchstaben waren sehr verblaßt und etwas
+altmodisch. Wahrscheinlich war sie schon längst tot.«
+
+Der Mann war ganz in Gedanken. Endlich bekannte er: »Nur eine
+Geschichte, und doch rührt es einen so an.« »Nun, das ist, wenn man
+selten Geschichten hört,« begütigte ich. »Meinen Sie?« Er reichte mir
+seine Hand, und ich hielt sie fest. »Aber ich möchte sie gerne
+weitersagen. Das darf man doch?« Ich nickte. Plötzlich fiel ihm ein:
+»Aber ich habe niemanden. Wem sollte ich sie auch erzählen?« »Nun, das
+ist einfach; den Kindern, die Ihnen manchmal zusehen kommen. Wem sonst?«
+
+Die Kinder haben auch richtig die letzten drei Geschichten gehört.
+Allerdings, die von den Abendwolken wiederholte, nur teilweise, wenn ich
+gut unterrichtet bin. Die Kinder sind ja klein und darum von den
+Abendwolken viel weiter als wir. Doch das ist bei dieser Geschichte ganz
+gut. Trotz der langen, wohlgesetzten Rede des Hans würden sie erkennen,
+daß die Sache unter Kindern spielt, und meine Erzählung kritisch als
+Sachverständige betrachten. Aber es ist besser, daß sie nicht erfahren,
+mit welcher Anstrengung und wie ungeschickt wir die Dinge erleben, die
+ihnen so ganz mühelos und einfach geschehen.
+
+
+
+
+EIN VEREIN AUS EINEM DRINGENDEN BEDÜRFNIS HERAUS
+
+
+Ich erfahre erst, daß unser Ort auch eine Art Künstlerverein besitzt. Er
+ist kürzlich aus einem, wie man sich leicht vorstellen kann, sehr
+dringenden Bedürfnis entstanden, und es geht das Gerücht, daß er
+»blüht«. Wenn Vereine gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, dann
+blühen sie; sie haben gehört, daß man dies tun muß, um ein richtiger
+Verein zu sein.
+
+Ich muß nicht sagen, daß Herr Baum Ehrenmitglied, Gründer, Fahnenvater
+und alles übrige in einer Person ist und Mühe hat, die verschiedenen
+Würden auseinanderzuhalten. Er sandte mir einen jungen Mann, der mich
+einladen sollte, an den »Abenden« teilzunehmen. Ich dankte ihm, wie es
+sich von selbst versteht, sehr höflich und fügte hinzu, daß meine ganze
+Tätigkeit seit etwa fünf Jahren im Gegenteil bestehe. »Es vergeht,
+stellen Sie sich vor,« erklärte ich ihm mit dem entsprechenden Ernst,
+»seit dieser Zeit keine Minute, in welcher ich nicht aus irgendeinem
+Verbande austrete, und doch gibt es noch immer Gesellschaften, welche
+mich sozusagen enthalten.« Der junge Mann schaute erst erschreckt, dann
+mit dem Ausdruck respektvollen Bedauerns auf meine Füße. Er mußte ihnen
+das »Austreten« ansehen, denn er nickte verständig mit dem Kopfe. Das
+gefiel mir gut, und da ich gerade fortgehen mußte, schlug ich ihm vor,
+mich ein Stückchen zu begleiten. So gingen wir durch den Ort und darüber
+hinaus, dem Bahnhof zu, denn ich hatte in der Umgebung zu tun. Wir
+sprachen über mancherlei Dinge; ich erfuhr, daß der junge Mann Musiker
+sei. Er hatte es mir bescheiden mitgeteilt, ansehen konnte man es ihm
+nicht. Außer seinen zahlreichen Haaren zeichnete ihn eine große,
+gleichsam springende Bereitwilligkeit aus. Auf diesem nicht allzu langen
+Weg hob er mir zwei Handschuhe auf, hielt mir den Schirm, als ich etwas
+in meinen Taschen suchte, machte mich errötend darauf aufmerksam, daß
+mir etwas im Barte hinge, daß mir Ruß auf der Nase säße, und dabei
+wurden ihm die mageren Finger lang, als sehnten sie sich danach, sich
+meinem Gesichte auf diese Weise hilfreich zu nähern. In seinem Eifer
+blieb der junge Mensch sogar bisweilen zurück und holte mit sichtlichem
+Vergnügen die welken Blätter, die im Herabflattern hängen geblieben
+waren, aus den Ästen der Sträucher. Ich sah ein, daß ich durch diese
+beständigen Verzögerungen den Zug versäumen würde (der Bahnhof war noch
+ziemlich weit), und entschloß mich, meinem Begleiter eine Geschichte zu
+erzählen, um ihn ein wenig an meiner Seite zu halten. Ich begann ohne
+weiteres: »Mir ist der Verlauf einer derartigen Gründung bekannt, welche
+auf wirklicher Notwendigkeit beruhte. Sie werden sehen. Es ist nicht
+sehr lange her, da fanden sich drei Maler durch Zufall in einer alten
+Stadt zusammen. Die drei Maler sprachen natürlich nicht von Kunst. Es
+schien wenigstens so. Sie verbrachten den Abend in der Hinterstube eines
+alten Gasthauses damit, sich Reiseabenteuer und Erlebnisse verschiedener
+Art mitzuteilen, ihre Geschichten wurden immer kürzer und wörtlicher,
+und endlich blieben noch ein paar Witze übrig, mit denen sie beständig
+hin und her warfen. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, muß ich
+übrigens gleich sagen, daß es wirkliche Künstler waren, gewissermaßen
+von der Natur beabsichtigte, keine zufälligen. Dieser öde Abend in der
+Hinterstube kann nichts daran ändern; man wird ja auch gleich erfahren,
+wie er weiter verlief. Es traten andere Leute, profane, in dieses
+Gasthaus ein, die Maler fühlten sich gestört und brachen auf. Mit dem
+Augenblick, da sie aus dem Tor traten, waren sie andere Leute. Sie
+gingen in der Mitte der Gasse, einer vom anderen etwas getrennt. Auf
+ihren Gesichtern waren noch die Spuren des Lachens, diese merkwürdige
+Unordnung der Züge, aber die Augen waren bei allen schon ernst und
+betrachtend. Plötzlich stieß der in der Mitte den Rechten an. Der
+verstand ihn sofort. Da war vor ihnen eine Gasse, schmal, von feiner,
+warmer Dämmerung erfüllt. Sie stieg etwas an, so daß sie perspektivisch
+sehr zur Geltung kam, und hatte etwas ungemein Geheimnisvolles und doch
+wieder Vertrautes. Die drei Maler ließen das einen Augenblick auf sich
+wirken. Sie sprachen nichts, denn sie wußten: sagen kann man das nicht.
+Sie waren ja deshalb Maler geworden, weil es manches gibt, was man nicht
+sagen kann. Plötzlich erhob sich der Mond irgendwo, zeichnete den einen
+Giebel silbern nach, und es stieg ein Lied aus einem Hofe auf. 'Grobe
+Effekthascherei --' brummte der Mittlere, und sie gingen weiter. Sie
+schritten jetzt etwas näher nebeneinander hin, obwohl sie immer noch die
+ganze Breite der Gasse brauchten. So gerieten sie unversehens auf einen
+Platz. Jetzt war es der rechts, welcher die anderen aufmerksam machte.
+In dieser breiteren, freieren Szene hatte der Mond nichts Störendes, im
+Gegenteil, es war geradezu notwendig, daß er vorhanden war. Er ließ den
+Platz größer erscheinen, gab den Häusern ein überraschendes, lauschendes
+Leben, und die beleuchtete Fläche des Pflasters wurde mitten
+rücksichtslos von einem Brunnen und seinem schweren Schlagschatten
+unterbrochen, eine Kühnheit, welche den Malern ausnehmend imponierte.
+Sie stellten sich nahe zusammen und saugten sozusagen an den Brüsten
+dieser Stimmung. Aber sie wurden unangenehm unterbrochen. Eilige,
+leichte Schritte näherten sich, aus dem Dunkel des Brunnens löste sich
+eine männliche Gestalt, empfing jene Schritte, und was sonst zu ihnen
+gehörte, mit der üblichen Zärtlichkeit, und der schöne Platz war auf
+einmal eine erbärmliche Illustration geworden, von welcher sich die drei
+Maler wie _ein_ Maler abwandten. 'Da ist schon wieder dieses verdammte
+novellistische Element,' schrie der rechts, indem er das Liebespaar am
+Brunnen mit diesem korrekt technischen Ausdruck begriff. Vereint in
+ihrem Groll, wanderten die Maler noch lange planlos in der Stadt herum,
+immerfort Motive entdeckend, aber auch jedesmal aufs neue empört durch
+die Art, mit welcher irgendein banaler Umstand die Stille und
+Einfachheit jedes Bildes zunichte machte. Gegen Mitternacht saßen sie im
+Gasthof in der Wohnstube des Linken, des Jüngsten, beisammen und dachten
+nicht ans Schlafengehen. Die nächtliche Wanderung hatte eine Menge Pläne
+und Entwürfe in ihnen wachgerufen, und da sie zugleich bewiesen hatte,
+daß sie eines Geistes seien im Grunde, tauschten sie jetzt, im höchsten
+Maße interessiert, ihre gegenseitigen Ansichten aus. Man kann nicht
+behaupten, daß sie tadellose Sätze hervorbrachten, sie schlugen mit ein
+paar Worten herum, die kein profaner Mensch begriffen hätte, aber
+untereinander verständigten sie sich dadurch so gut, daß sämtliche
+Zimmernachbarn bis gegen vier Uhr morgens nicht einschlafen konnten. Das
+lange Beisammensitzen hatte aber einen wirklichen, sichtbaren Erfolg.
+Etwas wie ein Verein wurde gebildet; das heißt, er war eigentlich schon
+da im Augenblick, als die Absichten und Ziele der drei Künstler sich so
+verwandt erwiesen, daß man sie nur schwer voneinander trennen konnte.
+Der erste gemeinsame Beschluß des »Vereins« erfüllte sich sofort. Man
+zog drei Stunden weit ins Land und mietete gemeinsam einen Bauernhof. In
+der Stadt zu bleiben, hätte zunächst keinen Sinn gehabt. Erst wollte man
+sich draußen den »Stil« erwerben, die gewisse persönliche Sicherheit,
+den Blick, die Hand und wie alle die Dinge heißen, ohne welche ein Maler
+zwar leben, aber nicht malen kann. -- Zu allen diesen Tugenden sollte
+das Zusammenhalten helfen, der »Verein« eben, -- besonders aber das
+Ehrenmitglied dieses Vereins: die Natur. Unter »Natur« stellen sich die
+Maler alles vor, was der liebe Gott selbst gemacht hat oder doch gemacht
+haben könnte, unter Umständen. Ein Zaun, ein Haus, ein Brunnen -- alle
+diese Dinge sind ja meistens menschlichen Ursprungs. Aber wenn sie eine
+Zeitlang in der Landschaft stehen, so daß sie gewisse Eigenschaften von
+den Bäumen und Büschen und von ihrer anderen Umgebung angenommen haben,
+so gehen sie gleichsam in den Besitz Gottes über und damit auch in das
+Eigentum des Malers. Denn Gott und der Künstler haben dasselbe Vermögen
+und dieselbe Armut je nachdem. -- Nun, an der Natur, welche um den
+gemeinsamen Bauernhof sich erstreckte, glaubte Gott gewiß keinen
+besonderen Reichtum zu besitzen. Es dauerte indessen nicht lang, so
+belehrten ihn die Maler eines Besseren. Die Gegend war flach, das ließ
+sich nicht leugnen. Aber durch die Tiefe ihrer Schatten und die Höhe
+ihrer Lichter waren Abgründe und Gipfel vorhanden, zwischen denen eine
+Unzahl von Mitteltönen jenen Regionen weiter Wiesen und fruchtbarer
+Felder entsprach, die den materiellen Wert einer gebirgigen Gegend
+ausmachen. Es waren nur wenig Bäume vorhanden und fast alle von
+derselben Art, botanisch betrachtet. Durch die Gefühle indessen, welche
+sie ausdrückten, durch die Sehnsucht irgendeines Astes oder die sanfte
+Ehrfurcht des Stammes erschienen sie als eine große Anzahl individueller
+Wesen, und manche Weide war eine Persönlichkeit, die den Malern durch
+die Vielseitigkeit und Tiefe ihres Charakters Überraschung um
+Überraschung bereitete. Die Begeisterung war so groß, man fühlte sich so
+sehr eins in dieser Arbeit, daß es nichts bedeuten will, daß jeder der
+drei Maler nach Verlauf eines halben Jahres ein eigenes Haus bezog; das
+hatte gewiß rein räumliche Gründe. Aber etwas anderes wird man hier doch
+erwähnen müssen. Die Maler wollten irgendwie das einjährige Bestehen
+ihres Vereines, aus dem in so kurzer Zeit so viel Gutes gekommen war,
+feiern, und jeder entschloß sich, zu diesem Zweck heimlich die Häuser
+der anderen zu malen. An dem bestimmten Tage kamen sie, jeder mit seinen
+Bildern, zusammen. Es traf sich, daß sie gerade von ihren jeweiligen
+Wohnungen, deren Lage, Zweckmäßigkeit usw. sich unterhielten. Sie
+ereiferten sich ziemlich stark, und es geschah, daß während des
+Gesprächs jeder seiner mitgebrachten Ölskizzen vergaß und spät nachts
+mit dem uneröffneten Paket zu Hause ankam. Wie das geschehen konnte, ist
+schwer begreiflich. Aber sie zeigten sich auch in der nächsten Zeit ihre
+Bilder nicht, und wenn der eine den andern besuchte (was infolge vieler
+Arbeit immer seltener geschah), fand er auf der Staffelei des Freundes
+Skizzen aus jener ersten Zeit, da sie noch gemeinsam denselben Bauernhof
+bewohnten. Aber einmal entdeckte der Rechte (er wohnte jetzt auch zur
+Rechten, kann also weiter so heißen) bei dem, welchen ich den Jüngsten
+genannt habe, eines jener genannten, nicht verratenen Jubiläumsbilder.
+Er betrachtete es eine Weile nachdenklich, trat damit ans Licht und
+lachte plötzlich: 'Schau, das hab ich gar nicht gewußt, nicht ohne Glück
+hast du da mein Haus aufgefaßt. Eine wahrhaft geistreiche Karikatur. Mit
+diesen Übertreibungen in Form und Farbe, mit dieser kühnen Ausgestaltung
+meines allerdings etwas betonten Giebels, wirklich, es liegt etwas
+darin.' Der Jüngste machte keines seiner vorteilhaftesten Gesichter, im
+Gegenteil; er ging zum Mittleren in seiner Bestürzung, um sich von ihm,
+dem Besonnensten, beruhigen zu lassen, denn er war nach Vorfällen
+solcher Art gleich kleinmütig und geneigt, an seiner Begabung zu
+zweifeln. Er traf den Mittleren nicht zu Haus und stöberte ein wenig im
+Atelier umher, wobei ihm gleich ein Bild in die Augen fiel, das ihn
+merkwürdig abstieß. Es war ein Haus, aber ein richtiger Narr mußte darin
+wohnen. Diese Fassade! Das konnte nur irgendeiner gebaut haben, der von
+Architektur keine Idee hatte und der seine armseligen, malerischen Ideen
+anwandte auf ein Gebäude. Plötzlich stellte der Jüngste das Bild fort,
+als ob es ihm die Finger verbrannt hätte. An dem linken Rande desselben
+hatte er das Datum jenes ersten Jubiläums gelesen und daneben: »Das Haus
+unseres Jüngsten.« Er wartete natürlich den Hausherrn nicht ab, sondern
+kehrte etwas verstimmt nach Hause zurück. Der Jüngste und der rechts
+waren seither vorsichtig geworden. Sie suchten sich entfernte Motive und
+dachten selbstverständlich nicht daran, für das Fest des zweijährigen
+Bestehens ihres so förderlichen Vereins etwas vorzubereiten. Um so
+eifriger arbeitete der ahnungslose Mittlere daran, ein Motiv, das der
+Wohnung des Rechten zunächst lag, zu malen. Etwas Unbestimmtes hielt ihn
+davon ab, dessen Haus selbst zum Vorwand seiner Arbeit zu wählen. -- Als
+er dem Rechtswohnenden das fertige Bild überbrachte, verhielt sich
+dieser merkwürdig zurückhaltend, schaute es nur flüchtig an und bemerkte
+etwas Beiläufiges. Dann, nach einer Weile sagte er: 'Ich habe übrigens
+gar nicht gewußt, daß du so weit verreist warst in der letzten Zeit.'
+'Wieso, weit? Verreist?' Der Mittlere begriff nicht ein Wort. 'Nun --
+diese tüchtige Arbeit da,' erwiderte der andere, 'offenbar doch
+irgendein holländisches Motiv --' Der besonnene Mittlere lachte laut
+auf. 'Köstlich, dieses holländische Motiv befindet sich vor deiner
+Türe.' Und er wollte sich gar nicht beruhigen. Aber der Vereinsgenosse
+lachte nicht, gar nicht. Er quälte sich ein Lächeln ab und meinte: 'Ein
+guter Witz.' 'Aber ganz und gar nicht, mach mal die Tür auf, ich will
+dir gleich zeigen --' und der Mittlere ging selbst auf die Türe zu.
+'Halt,' befahl der Hausherr, 'und ich erkläre dir somit, daß ich diese
+Gegend nie gesehen habe und auch nie sehen werde, weil sie für mein Auge
+überhaupt nicht existenzfähig ist.' 'Aber,' machte der mittlere Maler
+erstaunt. 'Du bleibst dabei?' fuhr der Rechte gereizt fort, 'gut, ich
+reise heute noch ab. Du zwingst mich fortzugehen, denn ich wünsche
+nicht, in dieser Gegend zu leben. Verstanden?' -- Damit war die
+Freundschaft zu Ende, aber nicht der Verein; denn er ist bis heute nicht
+statutengemäß aufgelöst worden. Niemand hat daran gedacht, und man kann
+von ihm mit vollstem Rechte sagen, daß er sich über die ganze Erde
+verbreitet hat.«
+
+»Man sieht,« unterbrach mich der bereitwillige junge Mann, der schon
+beständig die Lippen spitzte, »wieder einer jener kolossalen Erfolge des
+Vereinslebens; gewiß sind viele hervorragende Meister aus dieser innigen
+Verbindung hervorgegangen --.« »Erlauben Sie,« bat ich, und er stäubte
+mir unversehens den Ärmel ab, »das war eigentlich erst die Einleitung zu
+meiner Geschichte, obwohl sie komplizierter ist als die Geschichte
+selbst. Also, ich sagte, daß der Verein sich über die ganze Erde
+verbreitet hatte, und dieses ist Tatsache. Seine drei Mitglieder flohen
+in wahrem Entsetzen voneinander. Nirgends war ihnen Ruhe gewährt. Immer
+fürchtete jeder, der andere könnte noch ein Stück seines Landes erkennen
+und durch seine ruchlose Darstellung entweihen, und als sie schon an
+drei entgegengesetzten Punkten der irdischen Peripherie angelangt waren,
+kam jedem der trostlose Einfall, daß sein Himmel, der Himmel, den er
+mühsam durch seine wachsende Eigenart erworben hatte, den anderen noch
+erreichbar sei. In diesem erschütternden Augenblick begannen sie, alle
+drei zugleich, mit ihren Staffeleien nach rückwärts zu gehen, und noch
+fünf Schritte, und sie wären vom Rande der Erde in die Unendlichkeit
+gefallen und müßten jetzt in rasender Geschwindigkeit die doppelte
+Bewegung um diese und um die Sonne vollführen. Aber Gottes Teilnahme und
+Aufmerksamkeit verhütete dieses grausame Schicksal. Gott erkannte die
+Gefahr und trat im letzten Moment (was hätte er auch sonst tun sollen?)
+heraus, in die Mitte des Himmels. Die drei Maler erschraken. Sie
+stellten die Staffelei fest und setzten die Palette auf. Diese
+Gelegenheit durften sie sich nicht entgehen lassen. Der liebe Gott
+erscheint nicht alle Tage und auch nicht jedem. Und jeder der Maler
+meinte natürlich, Gott stünde nur vor ihm. Im übrigen vertieften sie
+sich immer mehr in die interessante Arbeit. Und jedesmal, wenn Gott
+wieder zurück in den Himmel will, bittet der heilige Lukas ihn, noch
+eine Weile draußen zu bleiben, bis die drei Maler mit ihren Bildern
+fertig sind.«
+
+»Und die Herren haben diese Bilder ohne Zweifel schon ausgestellt,
+vielleicht gar verkauft?« fragte der Musiker in den sanftesten Tönen.
+»Wo denken Sie hin,« wehrte ich ab. »Sie malen immer noch an Gott und
+werden ihn wohl bis an ihr eigenes Ende malen. Sollten sie aber (was ich
+für ausgeschlossen halte) noch einmal im Leben zusammenkommen und sich
+die Bilder, die sie von Gott inzwischen gemalt haben, zeigen, wer weiß:
+vielleicht würden diese Bilder sich kaum voneinander unterscheiden.«
+
+Da war auch schon der Bahnhof. Ich hatte noch fünf Minuten Zeit. Ich
+dankte dem jungen Mann für seine Begleitung und wünschte ihm alles Glück
+für den jungen Verein, den er so ausgezeichnet vertrat. Er tippte mit
+dem rechten Zeigefinger den Staub auf, der die Fensterbretter des
+kleinen Wartesaals zu bedrücken schien, und war sehr in Gedanken. Ich
+muß gestehen, ich schmeichelte mir schon, meine kleine Geschichte hätte
+ihn so nachdenklich gestimmt. Als er mir zum Abschied einen roten Faden
+aus dem Handschuh zog, riet ich ihm aus Dankbarkeit: »Sie können zurück
+ja über die Felder gehen, dieser Weg ist bedeutend näher als die
+Straße.« »Verzeihen Sie,« verneigte sich der bereitwillige junge Mann,
+»ich werde doch wieder die Straße nehmen. Ich suche mich eben zu
+besinnen, wo das war. Während Sie die Güte hatten, mir einiges wirklich
+Bedeutende zu erzählen, glaubte ich eine Vogelscheuche im Acker zu
+bemerken, in einem alten Rock, und der eine -- mir scheint der linke
+Ärmel war hängen geblieben an einem Pfahl, so daß er durchaus nicht
+wehte. Ich fühle nun gewissermaßen die Verpflichtung, meinen kleinen
+Tribut an den gemeinsamen Interessen der Menschheit, die mir auch als
+eine Art Verein erscheint, in welchem jeder etwas zu leisten hat,
+dadurch zu entrichten, daß ich diesen linken Ärmel seinem eigentlichen
+Sinne, nämlich: zu wehen, zurückgebe ...« Der junge Mann entfernte sich
+mit dem liebenswürdigsten Lächeln. Ich aber hätte beinah meinen Zug
+versäumt.
+
+Bruchstücke dieser Geschichte wurden von dem jungen Manne an einem
+»Abende« des Vereines gesungen. Weiß Gott, wer ihm die Musik dazu
+erfunden hat. Herr Baum, der Fahnenvater, hat sie den Kindern
+mitgebracht, und die Kinder haben sich einige Melodien daraus gemerkt.
+
+
+
+
+DER BETTLER UND DAS STOLZE FRÄULEIN
+
+
+Es traf sich, daß wir -- der Herr Lehrer und ich -- Zeugen wurden
+folgender kleinen Begebenheit. Bei uns, am Waldrand, steht bisweilen ein
+alter Bettler. Auch heute war er wieder da, ärmer, elender als je, durch
+ein mitleidiges Mimikry fast ununterscheidbar von den Latten des
+morschen Bretterzauns, an denen er lehnte. Aber da begab es sich, daß
+ein ganz kleines Mädchen auf ihn zugelaufen kam, um ihm eine kleine
+Münze zu schenken. Das war weiter nicht verwunderlich, überraschend war
+nur, wie sie das tat. Sie machte einen schönen braven Knicks, reichte
+dem Alten rasch, als ob es niemand merken sollte, ihre Gabe, knickste
+wieder und war schon davon. Diese beiden Knickse aber waren mindestens
+eines Kaisers wert. Das ärgerte den Herrn Lehrer ganz besonders. Er
+wollte rasch auf den Bettler zugehen, wahrscheinlich, um ihn von seiner
+Zaunlatte zu verjagen; denn wie man weiß, war er im Vorstand des
+Armenvereins und gegen den Straßenbettel eingenommen. Ich hielt ihn
+zurück. »Die Leute werden von uns unterstützt, ja man kann wohl sagen,
+versorgt,« eiferte er. »Wenn sie auf der Straße auch noch betteln, so
+ist das einfach -- Übermut.« »Verehrter Herr Lehrer« -- suchte ich ihn
+zu beruhigen, aber er zog mich immer noch nach dem Waldrand hin.
+»Verehrter Herr Lehrer --,« bat ich, »ich muß Ihnen eine Geschichte
+erzählen.« »So dringend?« fragte er giftig. Ich nahm es ernst: »Ja, eben
+jetzt. Ehe Sie vergessen, was wir da gerade zufällig beobachtet haben.«
+Der Lehrer mißtraute mir seit meiner letzten Geschichte. Ich las das von
+seinem Gesichte und begütigte: »Nicht vom lieben Gott, wirklich nicht.
+Der liebe Gott kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es ist etwas
+Historisches.« Damit hatte ich gewonnen. Man muß nur das Wort »Historie«
+sagen, und schon gehen jedem Lehrer die Ohren auf; denn die Historie ist
+etwas durchaus Achtbares, Unverfängliches und oft pädagogisch
+Verwendbares. Ich sah, daß der Herr Lehrer wieder seine Brille putzte,
+ein Zeichen, daß seine Sehkraft sich in die Ohren geschlagen hatte, und
+diesen günstigen Moment wußte ich geschickt zu benutzen. Ich begann:
+
+»Es war in Florenz, Lorenzo de' Medici, jung, noch nicht Herrscher,
+hatte gerade sein Gedicht 'Trionfo di Bacco ed Arianna' ersonnen, und
+schon wurden alle Gärten davon laut. Damals gab es lebende Lieder. Aus
+dem Dunkel des Dichters stiegen sie in die Stimmen und trieben auf
+ihnen, wie auf silbernen Kähnen, furchtlos, ins Unbekannte. Der Dichter
+begann ein Lied, und alle, die es sangen, vollendeten es. Im 'Trionfo'
+wird, wie in den meisten Liedern jener Zeit, das Leben gefeiert, diese
+Geige mit den lichten, singenden Saiten und ihrem dunklen Hintergrund:
+dem Rauschen des Blutes. Die ungleich langen Strophen steigen in eine
+taumelnde Lustigkeit hinauf, aber dort, wo diese atemlos wird, setzt
+jedesmal ein kurzer, einfacher Kehrreim an, der sich von der
+schwindelnden Höhe niederneigt und, vor dem Abgrund bang, die Augen zu
+schließen scheint. Er lautet:
+
+ Wie schön ist die Jugend, die uns erfreut,
+ Doch wer will sie halten? Sie flieht und bereut,
+ Und wenn einer fröhlich sein will, der sei's heut,
+ Und für morgen ist keine Gewißheit.
+
+Ist es wunderlich, daß über die Menschen, welche dieses Gedicht sangen,
+eine Hast hereinbrach, ein Bestreben, alle Festlichkeit auf dieses Heute
+zu türmen, auf den einzigen Fels, auf dem zu bauen sich verlohnt? Und so
+kann man sich das Gedränge der Gestalten auf den Bildern der florentiner
+Maler erklären, die sich bemühten, alle ihre Fürsten und Frauen und
+Freunde in einem Gemälde zu vereinen, denn man malte langsam, und wer
+konnte wissen, ob zur Zeit des nächsten Bildes alle noch so jung und
+bunt und einig sein würden. Am deutlichsten sprach dieser Geist der
+Ungeduld sich begreiflichermaßen bei den Jünglingen aus. Die
+glänzendsten von ihnen saßen nach einem Gastmahle auf der Terrasse des
+Palazzo Strozzi beisammen und plauderten von den Spielen, die demnächst
+vor der Kirche Santa Croce stattfinden sollten. Etwas abseits in einer
+Loggia stand Palla degli Albizzi mit seinem Freunde Tomaso, dem Maler.
+Sie schienen etwas in wachsender Erregung zu verhandeln, bis Tomaso
+plötzlich rief: 'Das tust du nicht, ich wette, das tust du nicht!' Nun
+wurden die anderen aufmerksam. 'Was habt ihr?' erkundigte sich Gaetano
+Strozzi und kam mit einigen Freunden näher. Tomaso erklärte: 'Palla will
+auf dem Feste vor Beatrice Altichieri, dieser Hochmütigen, niederknien
+und sie bitten, sie möchte ihm gestatten, den staubigen Saum ihres
+Kleides zu küssen.' Alle lachten, und Lionardo, aus dem Hause Ricardi,
+bemerkte: 'Palla wird sich das überlegen; er weiß wohl, daß die
+schönsten Frauen ein Lächeln für ihn haben, das man sonst niemals bei
+ihnen sieht.' Und ein anderer fügte hinzu: 'Und Beatrice ist noch so
+jung. Ihre Lippen sind noch zu kinderhaft hart, um zu lächeln. Darum
+scheint sie so stolz.' 'Nein --,' erwiderte Palla degli Albizzi mit
+übermäßiger Heftigkeit, 'sie ist stolz, daran ist nicht ihre Jugend
+schuld. Sie ist stolz wie ein Stein in den Händen Michelangelos, stolz
+wie eine Blume an einem Madonnenbild, stolz wie ein Sonnenstrahl, der
+über Diamanten geht --' Gaetano Strozzi unterbrach ihn etwas streng:
+'Und du, Palla, bist nicht auch du stolz? Was du da sagst, das kommt mir
+vor, als wolltest du dich unter die Bettler stellen, die um die Vesper
+im Hofe der Sma Annunziata warten, bis Beatrice Altichieri ihnen mit
+abgewendetem Gesicht einen Soldo schenkt.' 'Ich will auch dieses tun!'
+rief Palla mit glänzenden Augen, drängte sich durch die Freunde nach der
+Treppe durch und verschwand. Tomaso wollte ihm nach. 'Laß,' hielt
+Strozzi ihn ab, 'er muß jetzt allein sein, da wird er am ehesten
+vernünftig werden.' Dann zerstreuten sich die jungen Leute in die
+Gärten.
+
+Im Vorhofe der Santissima Annunziata warteten auch an diesem Abend etwa
+zwanzig Bettler und Bettlerinnen auf die Vesper. Beatrice, welche sie
+alle dem Namen nach kannte und bisweilen auch in ihre armen Häuser an
+der Porta San Niccolò zu den Kindern und zu den Kranken kam, pflegte
+jeden von ihnen im Vorübergehen mit einem kleinen Silberstück zu
+beschenken. Heute schien sie sich etwas zu verspäten; die Glocken hatten
+schon gerufen, und nur Fäden ihres Klanges hingen noch an den Türmen
+über der Dämmerung. Es entstand eine Unruhe unter den Armen, auch weil
+ein neuer unbekannter Bettler sich in das Dunkel des Kirchentors
+geschlichen hatte, und eben wollten sie sich seiner erwehren in ihrem
+Neid, als ein junges Mädchen in schwarzem, fast nonnenhaftem Kleide im
+Vorhofe erschien und, durch ihre Güte gehemmt, von einem zum anderen
+ging, während eine der begleitenden Frauen den Beutel offen hielt, aus
+welchem sie ihre kleinen Gaben holte. Die Bettler stürzten in die Knie,
+schluchzten und suchten ihre welken Finger eine Sekunde lang an die
+Schleppe des schlichten Kleides ihrer Wohltäterin zu legen, oder sie
+küßten auch den letzten Saum mit ihren nassen, stammelnden Lippen. Die
+Reihe war zu Ende; es hatte auch keiner von den Beatrice wohlbekannten
+Armen gefehlt. Aber da gewahrte sie unter dem Schatten des Tores noch
+eine fremde Gestalt in Lumpen und erschrak. Sie geriet in Verwirrung.
+Alle ihre Armen hatte sie schon als Kind gekannt, und sie zu beschenken,
+war ihr etwas Selbstverständliches geworden, eine Handlung wie etwa die,
+daß man die Finger in die Marmorschalen voll heiligen Wassers hält, die
+an den Türen jeder Kirche stehen. Aber es war ihr nie eingefallen, daß
+es auch fremde Bettler geben könnte; wie sollte man das Recht haben,
+auch diese zu beschenken, da man sich das Vertrauen ihrer Armut nicht
+verdient hatte durch irgendein Wissen darum? Wäre es nicht eine
+unerhörte Überhebung gewesen, einem Unbekannten ein Almosen zu reichen?
+Und im Widerstreit dieser dunkeln Gefühle ging das Mädchen, als ob es
+ihn nicht bemerkt hätte, an dem neuen Bettler vorbei und trat rasch in
+die kühle, hohe Kirche ein. Aber als drinnen die Andacht begann, konnte
+sie sich keines Gebetes erinnern. Eine Angst überkam sie, daß der arme
+Mann nach der Vesper nicht mehr am Tore zu finden sein würde und daß sie
+nichts getan hatte, seine Not zu lindern, während die Nacht so nahe war,
+darin alle Armut hilfloser und trauriger ist als am Tag. Sie machte
+derjenigen von ihren Frauen, die den Beutel trug, ein Zeichen und zog
+sich mit ihr nach dem Eingang zurück. Dort war es indessen leer
+geworden; aber der Fremde stand immer noch, an eine Säule gelehnt, da
+und schien dem Gesang zu lauschen, der seltsam fern, wie aus Himmeln,
+aus der Kirche kam. Sein Gesicht war fast ganz verhüllt, wie es manchmal
+bei Aussätzigen der Fall ist, die ihre häßlichen Wunden erst entblößen,
+wenn man nahe vor ihnen steht und sie sicher sind, daß Mitleid und Ekel
+in gleichem Maße zu ihren Gunsten reden. Beatrice zögerte. Sie hatte den
+kleinen Beutel selbst in Händen und fühlte nur wenige geringe Münzen
+darin. Aber mit einem raschen Entschluß trat sie auf den Bettler zu und
+sagte mit unsicherer, etwas singender Stimme und ohne die flüchtenden
+Blicke von den eigenen Händen zu heben: 'Nicht um Euch zu kränken, Herr
+... mir ist, erkenn ich Euch recht, ich bin in Eurer Schuld. Euer Vater,
+ich glaube, hat in unserem Haus das reiche Geländer gemacht, aus
+getriebenem Eisen, wißt Ihr, welches die Treppe uns ziert. Später einmal
+-- fand sich in der Kammer, -- darin er manchmal bei uns zu arbeiten
+pflegte, -- ein Beutel -- ich denke, er hat ihn verloren -- gewiß --.'
+Aber die hilflose Lüge ihrer Lippen drückte das Mädchen vor dem Fremden
+in die Kniee. Sie zwang den Beutel aus Brokat in seine vom Mantel
+verhüllten Hände und stammelte: 'Verzeiht --.'
+
+Sie fühlte noch, daß der Bettler zitterte. Dann flüchtete Beatrice mit
+der erschrockenen Begleiterin zurück in die Kirche. Aus dem eine Weile
+geöffneten Tor brach ein kurzer Jubel von Stimmen. -- Die Geschichte ist
+zu Ende. Messer Palla degli Albizzi blieb in seinen Lumpen. Er
+verschenkte seine ganze Habe und ging barfuß und arm ins Land. Später
+soll er in der Nähe von Subiaco gewohnt haben.«
+
+»Zeiten, Zeiten,« sagte der Herr Lehrer. »Was hilft das alles; er war
+auf dem Wege, ein Wüstling zu werden, und wurde durch diese Begebenheit
+ein Landstreicher, ein Sonderling. Heute weiß gewiß kein Mensch mehr von
+ihm.« »Doch,« -- erwiderte ich bescheiden, -- »sein Name wird bisweilen
+bei den großen Litaneien in den katholischen Kirchen unter den
+Fürbittern genannt; denn er ist ein Heiliger geworden.«
+
+Die Kinder haben auch diese Geschichte vernommen, und sie behaupten, zum
+Ärger des Herrn Lehrer, auch in ihr käme der liebe Gott vor. Ich bin
+auch ein wenig erstaunt darüber; denn ich habe dem Herrn Lehrer doch
+versprochen, ihm eine Geschichte ohne den lieben Gott zu erzählen. Aber,
+freilich: die Kinder müssen es wissen!
+
+
+
+
+EINE GESCHICHTE, DEM DUNKEL ERZÄHLT
+
+
+Ich wollte den Mantel umnehmen und zu meinem Freunde Ewald gehen. Aber
+ich hatte mich über einem Buche versäumt, einem alten Buche übrigens,
+und es war Abend geworden, wie es in Rußland Frühling wird. Noch vor
+einem Augenblick war die Stube bis in die fernsten Ecken klar, und nun
+taten alle Dinge, als ob sie nie etwas anderes gekannt hätten als
+Dämmerung; überall gingen große dunkle Blumen auf, und wie auf
+Libellenflügeln glitt Glanz um ihre samtenen Kelche.
+
+Der Lahme war gewiß nicht mehr am Fenster. Ich blieb also zu Haus. Was
+hatte ich ihm doch erzählen wollen? Ich wußte es nicht mehr. Aber eine
+Weile später fühlte ich, daß jemand diese verlorene Geschichte von mir
+verlangte, irgendein einsamer Mensch vielleicht, der fern am Fenster
+seiner finstern Stube stand, oder vielleicht dieses Dunkel selbst, das
+mich und ihn und die Dinge umgab. So geschah es, daß ich dem Dunkel
+erzählte. Und es neigte sich immer näher zu mir, so daß ich immer leiser
+sprechen konnte, ganz, wie es zu meiner Geschichte paßt. Sie handelt
+übrigens in der Gegenwart und beginnt.
+
+Nach langer Abwesenheit kehrte Doktor Georg Laßmann in seine enge Heimat
+zurück. Er hatte nie viel dort besessen, und jetzt lebten ihm nur mehr
+zwei Schwestern in der Vaterstadt, beide verheiratet, wie es schien, gut
+verheiratet; diese nach zwölf Jahren wiederzusehen, war der Grund seines
+Besuchs. So glaubte er selbst. Aber nachts, während er im überfüllten
+Zuge nicht schlafen konnte, wurde ihm klar, daß er eigentlich um seiner
+Kindheit willen kam, und hoffte, in den alten Gassen irgend etwas wieder
+zu finden: ein Tor, einen Turm, einen Brunnen, irgendeinen Anlaß zu
+einer Freude oder zu einer Traurigkeit, an welcher er sich wieder
+erkennen konnte. Man verliert sich ja so im Leben. Und da fiel ihm
+verschiedenes ein: die kleine Wohnung in der Heinrichsgasse mit den
+glänzenden Türklinken und den dunkelgestrichenen Dielen, die geschonten
+Möbel und seine Eltern, diese beiden abgenützten Menschen, fast
+ehrfürchtig neben ihnen; die schnellen gehetzten Wochentage und die
+Sonntage, die wie ausgeräumte Säle waren, die seltenen Besuche, die man
+lachend und in Verlegenheit empfing, das verstimmte Klavier, der alte
+Kanarienvogel, der ererbte Lehnstuhl, auf dem man nicht sitzen durfte,
+ein Namenstag, ein Onkel, der aus Hamburg kommt, ein Puppentheater, ein
+Leierkasten, eine Kindergesellschaft, und jemand ruft: 'Klara'. Der
+Doktor wäre fast eingeschlafen. Man steht in einer Station, Lichter
+laufen vorüber, und der Hammer geht horchend durch die klingenden Räder.
+Und das ist wie: Klara, Klara. Klara, überlegt der Doktor, jetzt ganz
+wach, wer war das doch? Und gleich darauf fühlt er ein Gesicht, ein
+Kindergesicht mit blondem, glattem Haar. Nicht daß er es schildern
+könnte, aber er hat die Empfindung von etwas Stillem, Hilflosem,
+Ergebenem, von ein paar schmalen Kinderschultern, durch ein verwaschenes
+Kleidchen noch mehr zusammengepreßt, und er dichtet dazu ein Gesicht --
+aber da weiß er auch schon, er muß es nicht dichten. Es ist da -- oder
+vielmehr es war da -- damals. So erinnert sich Doktor Laßmann an seine
+einzige Gespielin Klara, nicht ohne Mühe. Bis zur Zeit, da er in eine
+Erziehungsanstalt kam, etwa zehn Jahre alt, hat er alles mit ihr
+geteilt, was ihm begegnete, das Wenige (oder das Viele?). Klara hatte
+keine Geschwister, und er hatte so gut wie keine; denn seine älteren
+Schwestern kümmerten sich nicht um ihn. Aber seither hat er niemanden je
+nach ihr gefragt. Wie war das doch möglich? Er lehnte sich zurück. Sie
+war ein frommes Kind, erinnerte er sich noch, und dann fragte er sich:
+Was mag aus ihr geworden sein? Eine Zeitlang ängstigte ihn der Gedanke,
+sie könnte gestorben sein. Eine unermeßliche Bangigkeit überfiel ihn in
+dem engen gedrängten Coupé; alles schien diese Annahme zu bestätigen:
+sie war ein kränkliches Kind, sie hatte es zu Hause nicht besonders gut,
+sie weinte oft; unzweifelhaft: sie ist tot. Der Doktor ertrug es nicht
+länger; er störte einzelne Schlafende und schob sich zwischen ihnen
+durch in den Gang des Waggons. Dort öffnete er ein Fenster und schaute
+hinaus in das Schwarz mit den tanzenden Funken. Das beruhigte ihn. Und
+als er später in das Coupé zurückkehrte, schlief er trotz der unbequemen
+Lage bald ein.
+
+Das Wiedersehen mit den beiden verheirateten Schwestern verlief nicht
+ohne Verlegenheiten. Die drei Menschen hatten vergessen, wie weit sie
+einander, trotz ihrer engen Verwandtschaft, doch immer geblieben waren,
+und versuchten eine Weile, sich wie Geschwister zu benehmen. Indessen
+kamen sie bald stillschweigend überein, zu dem höflichen Mittelton ihre
+Zuflucht zu nehmen, den der gesellschaftliche Verkehr für alle Fälle
+geschaffen hat.
+
+Er war bei der jüngeren Schwester, deren Mann in besonders günstigen
+Verhältnissen war, Fabrikant mit dem Titel kaiserlicher Rat; und es war
+nach dem vierten Gange des Diners, als der Doktor fragte: 'Sag mal,
+Sophie, was ist denn aus Klara geworden?' 'Welcher Klara?' 'Ich kann
+mich ihres Familiennamens nicht erinnern. Der kleinen, weißt du, der
+Nachbarstochter, mit der ich als Kind gespielt habe?' 'Ach, Klara
+Söllner meinst du?' 'Söllner, richtig, Söllner. Jetzt fällt mir erst
+ein: der alte Söllner, das war ja dieser gräßliche Alte -- -- aber was
+ist mit Klara?' Die Schwester zögerte: 'Sie hat geheiratet -- übrigens
+lebt sie jetzt ganz zurückgezogen.' 'Ja,' machte der Herr Rat, und sein
+Messer glitt kreischend über den Teller, 'ganz zurückgezogen.' 'Du
+kennst sie auch?' wandte sich der Doktor an seinen Schwager. 'Ja-a-a --
+so flüchtig; sie ist ja hier ziemlich bekannt.' Die beiden Gatten
+wechselten einen Blick des Einverständnisses. Der Doktor merkte, daß es
+ihnen aus irgendeinem Grunde unangenehm war, über diese Angelegenheit zu
+reden, und fragte nicht weiter.
+
+Um so mehr Lust zu diesem Thema bewies der Herr Rat, als die Hausfrau
+die Herren beim schwarzen Kaffee zurückgelassen hatte. 'Diese Klara,'
+fragte er mit listigem Lächeln und betrachtete die Asche, die von seiner
+Zigarre in den silbernen Becher fiel, 'sie soll doch ein stilles und
+überdies häßliches Kind gewesen sein?' Der Doktor schwieg. Der Herr Rat
+rückte vertraulich näher: 'Das war eine Geschichte! -- Hast du nie davon
+gehört?' 'Aber ich habe ja mit niemandem gesprochen.' 'Was, gesprochen,'
+lächelte der Rat fein, 'man hat es ja in den Zeitungen lesen können.'
+'Was?' fragte der Doktor nervös.
+
+'Also, sie ist ihm durchgegangen' -- hinter einer Wolke Rauches her
+schickte der Fabrikant diesen überraschenden Satz und wartete in
+unendlichem Behagen die Wirkung desselben ab. Aber diese schien ihm
+nicht zu gefallen. Er nahm eine geschäftliche Miene an, setzte sich
+gerade und begann in anderem berichtenden Ton, gleichsam gekränkt. 'Hm.
+Man hatte sie verheiratet an den Baurat Lehr. Du wirst ihn nicht mehr
+gekannt haben. Kein alter Mann, in meinem Alter. Reich, durchaus
+anständig, weißt du, durchaus anständig. Sie hatte keinen Groschen und
+war obendrein nicht schön, ohne Erziehung usw. Aber der Baurat wünschte
+ja auch keine große Dame, eine bescheidene Hausfrau. Aber die Klara --
+sie wurde überall in der Gesellschaft aufgenommen, man brachte ihr
+allgemein Wohlwollen entgegen, -- wirklich -- man benahm sich -- also
+sie hätte sich eine Position schaffen können mit Leichtigkeit, weißt du
+-- aber die Klara, eines Tages -- kaum zwei Jahre nach der Hochzeit:
+fort ist sie. Kannst du dir denken: fort. Wohin? Nach Italien. Eine
+kleine Vergnügungsreise, natürlich nicht allein. Wir haben sie schon im
+ganzen letzten Jahr nicht eingeladen gehabt, -- als ob wir geahnt
+hätten! Der Baurat, mein guter Freund, ein Ehrenmann, ein Mann --'
+
+'Und Klara?' unterbrach ihn der Doktor und erhob sich. 'Ach so -- ja, na
+die Strafe des Himmels hat sie erreicht. Also der Betreffende -- man
+sagt ein Künstler, weißt du -- ein leichter Vogel, natürlich nur so --
+Also wie sie aus Italien zurück waren, in München: adieu und ward nicht
+mehr gesehen. Jetzt sitzt sie mit ihrem Kind!'
+
+Doktor Laßmann ging erregt auf und nieder: 'In München?' 'Ja, in
+München,' antwortete der Rat und erhob sich gleichfalls. 'Es soll ihr
+übrigens recht elend gehen --' 'Was heißt elend --?' 'Nun,' der Rat
+betrachtete seine Zigarre, 'pekuniär und dann überhaupt -- Gott -- so
+eine Existenz -- -- --' Plötzlich legte er seine gepflegte Hand dem
+Schwager auf die Schulter, seine Stimme gluckste vor Vergnügen: 'Weißt
+du, übrigens erzählte man sich, sie lebe von --' Der Doktor drehte sich
+kurz um und ging aus der Tür. Der Herr Rat, dem die Hand von der
+Schulter des Schwagers gefallen war, brauchte zehn Minuten, um sich von
+seinem Staunen zu erholen. Dann ging er zu seiner Frau hinein und sagte
+ärgerlich: 'Ich hab es immer gesagt, dein Bruder ist ein Sonderling.'
+Und diese, die eben eingenickt war, gähnte träge: 'Ach Gott ja.'
+
+Vierzehn Tage später reiste der Doktor ab. Er wußte mit einemmal, daß er
+seine Kindheit anderswo suchen müsse. In München fand er im Adreßbuch:
+Klara Söllner, Schwabing, Straße und Nummer. Er meldete sich an und fuhr
+hinaus. Eine schlanke Frau begrüßte ihn in einer Stube voll Licht und
+Güte.
+
+'Georg, und Sie erinnern sich meiner?'
+
+Der Doktor staunte. Endlich sagte er: 'Also das sind Sie, Klara,' sie
+hielt ihr stilles Gesicht mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte
+sie ihm Zeit geben, sie zu erkennen. Das dauerte lange. Schließlich
+schien der Doktor etwas gefunden zu haben, was ihm bewies, daß seine
+alte Spielgefährtin wirklich vor ihm stünde. Er suchte noch einmal ihre
+Hand und drückte sie; dann ließ er sie langsam los und schaute in der
+Stube umher. Diese schien nichts Überflüssiges zu enthalten. Am Fenster
+ein Schreibtisch mit Schriften und Büchern, an welchem Klara eben mußte
+gesessen haben. Der Stuhl war noch zurückgeschoben. 'Sie haben
+geschrieben?' ... und der Doktor fühlte, wie dumm diese Frage war. Aber
+Klara antwortete unbefangen: 'Ja, ich übersetze.' 'Für den Druck?' 'Ja,'
+sagte Klara einfach, 'für einen Verlag.' Georg bemerkte an den Wänden
+einige italienische Photographien. Darunter das »Konzert« des Giorgione.
+'Sie lieben das?' Er trat nahe an das Bild heran. 'Und Sie?' 'Ich habe
+das Original nie gesehen; es ist in Florenz, nicht wahr?' 'Im Pitti. Sie
+müssen hinreisen.' 'Zu diesem Zweck?' 'Zu diesem Zweck.' Eine freie und
+einfache Heiterkeit war über ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf.
+
+'Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht setzen?' 'Ich bin traurig,'
+zögerte er. 'Ich habe gedacht -- aber Sie sind ja gar nicht elend --'
+fuhr es plötzlich heraus. Klara lächelte: 'Sie haben meine Geschichte
+gehört?' 'Ja, das heißt --' 'O,' unterbrach ihn Klara schnell, als sie
+merkte, daß seine Stirn sich verdunkelte, 'es ist nicht die Schuld der
+Menschen, daß sie anders davon reden. Die Dinge, die wir erleben, lassen
+sich oft nicht ausdrücken, und wer sie dennoch erzählt, muß notwendig
+Fehler begehen --.' Pause. Und der Doktor: 'Was hat Sie so gütig
+gemacht?' 'Alles,' sagte sie leise und warm. 'Aber warum sagen Sie:
+gütig?' 'Weil -- weil Sie eigentlich hätten hart werden müssen. Sie
+waren ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder werden später
+entweder hart oder --' 'Oder sie sterben -- wollen Sie sagen. Nun, ich
+bin auch gestorben. O, ich bin viele Jahre gestorben. Seit ich Sie zum
+letztenmal gesehen habe, zu Haus, bis --' Sie langte etwas vom Tische
+her: 'Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist etwas geschmeichelt. Sein
+Gesicht ist nicht so klar, aber -- lieber, einfacher. Ich werde Ihnen
+dann gleich unser Kind zeigen, es schläft jetzt nebenan. Es ist ein Bub.
+Heißt Angelo, wie er. Er ist jetzt fort, auf Reisen, weit.'
+
+'Und Sie sind ganz allein?' fragte der Doktor zerstreut, immer noch über
+dem Bilde.
+
+'Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug? Ich will Ihnen erzählen, wie
+das kommt. Angelo ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie werden ihn
+nie gehört haben. Bis in die letzte Zeit hat er gerungen mit der Welt,
+mit seinen Plänen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir; denn ich bat
+ihn seit einem Jahr: du mußt reisen. Ich fühlte, wie sehr ihm das not
+tat. Einmal sagte er scherzend: 'Mich oder ein Kind?' 'Ein Kind,' sagte
+ich, und dann reiste er.'
+
+'Und wann wird er zurückkehren?'
+
+'Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so ist es abgemacht.' Der Doktor
+wollte etwas bemerken. Aber Klara lachte: 'Und da es ein schwerer Name
+ist, wird es noch eine Weile dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei
+Jahre.'
+
+'Seltsam,' sagte der Doktor. 'Was, Georg?' 'Wie gut Sie das Leben
+verstehen. Wie groß Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie Ihre
+Kindheit hingetan? -- wir waren doch beide so -- so hilflose Kinder. Das
+läßt sich doch nicht ändern oder ungeschehen machen.' 'Sie meinen also,
+wir hätten an unserer Kindheit leiden müssen, von Rechts wegen?' 'Ja,
+gerade das meine ich. An diesem schweren Dunkel hinter uns, zu dem wir
+so schwache, so ungewisse Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: wir
+haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen Anfang, alles Vertrauen, die
+Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich
+wissen wir: Alles das ist versunken in einem Meer, und wir wissen nicht
+einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand sein
+ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür eine Feder kaufte und sie auf den
+Hut steckte, hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. Natürlich kommt
+er zu Hause ohne Feder an, und ihm bleibt nichts übrig, als
+nachzudenken, wann sie wohl könnte davongeflogen sein.'
+
+'Sie denken daran, Georg?'
+
+'Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben. Ich beginne irgendwo hinter
+meinem zehnten Jahr, dort, wo ich aufgehört habe zu beten. Das andere
+gehört nicht mir.'
+
+'Und wie kommt es dann, daß Sie sich an mich erinnert haben?'
+
+'Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der einzige Zeuge jener Zeit. Ich
+glaubte, ich könnte in Ihnen wiederfinden, -- was ich in mir nicht
+finden kann. Irgendeine Bewegung, ein Wort, einen Namen, an dem etwas
+hängt -- eine Aufklärung --' Der Doktor senkte den Kopf in seine kalten,
+unruhigen Hände.
+
+Frau Klara dachte nach: 'Ich erinnere mich an so weniges aus meiner
+Kindheit, als wären tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie mich
+so daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein Abend. Sie kamen zu uns,
+unerwartet; Ihre Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so. Bei uns
+war alles hell. Mein Vater erwartete einen Gast, einen Verwandten, einen
+entfernten reichen Verwandten, wenn ich mich recht entsinne. Er sollte
+kommen aus, aus -- ich weiß nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns
+wartete man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Türen waren offen, die
+Lampen brannten, die Mutter ging von Zeit zu Zeit und glättete eine
+Schutzdecke auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster. Niemand wagte sich
+zu setzen, um keinen Stuhl zu verrücken. Da Sie gerade kamen, warteten
+Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tür. Und je später es wurde,
+einen desto wunderbarern Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten sogar,
+er könnte kommen, ehe er jenen letzten Grad von Herrlichkeit erreicht
+haben würde, dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens näher kam. Wir
+fürchteten nicht, er könnte überhaupt nicht erscheinen; wir wußten
+bestimmt: er kommt, aber wir wollten ihm Zeit lassen, groß und mächtig
+zu werden.'
+
+Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen
+wir beide, daß er nicht kam --. Ich habe es auch nicht vergessen
+gehabt.' 'Nein,' -- bestätigte Klara, 'er kam nicht --.' Und nach einer
+Pause: 'Aber es war doch schön!' 'Was?' 'Nun so -- das Warten, die
+vielen Lampen, -- die Stille -- das Feiertägliche.'
+
+Etwas rührte sich im Nebenzimmer. Frau Klara entschuldigte sich für
+einen Augenblick; und als sie hell und heiter zurückkam, sagte sie: 'Wir
+können dann hineingehen. Er ist jetzt wach und lächelt. -- Aber was
+wollten Sie eben sagen?'
+
+'Ich habe mir eben überlegt, was Ihnen könnte geholfen haben zu -- zu
+sich selbst, zu diesem ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen doch
+nicht leicht gemacht. Offenbar half Ihnen etwas, was mir fehlt?' 'Was
+sollte das sein, Georg?' Klara setzte sich neben ihn.
+
+'Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal wieder Ihrer erinnerte, vor
+drei Wochen nachts, auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes
+Kind. Und jetzt, seit ich Sie gesehen habe, trotzdem Sie so ganz anders
+sind, als ich erwartete -- trotzdem, ich möchte fast sagen, nur noch
+desto sicherer, empfinde ich, was Sie geführt hat, mitten durch alle
+Gefahren, war Ihre -- Ihre Frömmigkeit.'
+
+'Was nennen Sie Frömmigkeit?'
+
+'Nun, Ihr Verhältnis zu Gott, Ihre Liebe zu ihm, Ihr Glauben.'
+
+Frau Klara schloß die Augen: 'Liebe zu Gott? Lassen Sie mich
+nachdenken.' Der Doktor betrachtete sie gespannt. Sie schien ihre
+Gedanken langsam auszusprechen, so wie sie ihr kamen: 'Als Kind -- hab
+ich da Gott geliebt? Ich glaube nicht. Ja, ich habe nicht einmal -- es
+hätte mir wie eine wahnsinnige Überhebung -- das ist nicht das richtige
+Wort -- wie die größte Sünde geschienen, zu denken: Er ist. Als ob ich
+ihn damit gezwungen hätte, in mir, in diesem schwachen Kind, mit den
+lächerlich langen Armen, zu sein, in unserer armen Wohnung, in der alles
+unecht und lügnerisch war, von den Bronze-Wandtellern aus Papiermaché
+bis zum Wein in den Flaschen, die so teure Etiketten trugen. Und
+später --' Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung mit den Händen,
+und ihre Augen schlossen sich fester, als fürchteten sie, durch die
+Lider etwas Furchtbares zu sehen -- 'ich hätte ihn ja hinausdrängen
+müssen aus mir, wenn er in mir gewohnt hätte damals. Aber ich wußte
+nichts von ihm. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich hatte alles vergessen.
+-- Erst in Florenz: Als ich zum erstenmal in meinem Leben sah, hörte,
+fühlte, erkannte und zugleich danken lernte für alles das, da dachte ich
+wieder an ihn. Überall waren Spuren von ihm. In allen Bildern fand ich
+Reste von seinem Lächeln, die Glocken lebten noch von seiner Stimme, und
+an den Statuen erkannte ich Abdrücke seiner Hände.'
+
+'Und da fanden Sie ihn?'
+
+Klara schaute den Doktor mit großen, glücklichen Augen an: 'Ich fühlte,
+daß er war, irgendwann einmal war ... warum hätte ich mehr empfinden
+sollen? Das war ja schon Überfluß.'
+
+Der Doktor stand auf und ging ans Fenster. Man sah ein Stück Feld und
+die kleine, alte Schwabinger Kirche, darüber Himmel, nicht mehr ganz
+ohne Abend. Plötzlich fragte Doktor Laßmann, ohne sich umzuwenden: 'Und
+jetzt?' Als keine Antwort kam, kehrte er leise zurück.
+
+'Jetzt --,' zögerte Klara, als er gerade vor ihr stand, und hob die
+Augen voll zu ihm auf: 'jetzt denke ich manchmal: Er wird sein.'
+
+Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie einen Augenblick. Er schaute
+so ins Unbestimmte.
+
+'Woran denken Sie, Georg?'
+
+'Ich denke, daß das wieder wie an jenem Abend ist: Sie warten wieder auf
+den Wunderbaren, auf Gott, und wissen, daß er kommen wird -- Und ich
+komme zufällig dazu --.'
+
+Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie sah sehr jung aus. 'Nun,
+diesmal wollen wirs aber auch abwarten.' Sie sagte das so froh und
+einfach, daß der Doktor lächeln mußte. So führte sie ihn in das andere
+Zimmer, zu ihrem Kind. --
+
+In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder nicht wissen dürfen.
+Indessen, die Kinder haben sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem
+Dunkel erzählt, sonst niemandem. Und die Kinder haben Angst vor dem
+Dunkel, laufen ihm davon, und müssen sie einmal drinnen bleiben, so
+pressen sie die Augen zusammen und halten sich die Ohren zu. Aber auch
+für sie wird einmal die Zeit kommen, da sie das Dunkel liebhaben. Sie
+werden von ihm meine Geschichte empfangen, und dann werden sie sie auch
+besser verstehen.
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+ ALS EINLEITUNG
+
+ Das Märchen von den Händen Gottes 1
+
+ GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT
+
+ Der fremde Mann 19
+
+ Warum der liebe Gott will, daß es arme Leute gibt 29
+
+ Wie der Verrat nach Rußland kam 41
+
+ Wie der alte Timofei singend starb 55
+
+ Das Lied von der Gerechtigkeit 69
+
+ Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig 89
+
+ Von einem, der die Steine belauscht 103
+
+ Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein 111
+
+ Ein Märchen vom Tod und eine fremde Nachschrift dazu 123
+
+ Ein Verein aus einem dringenden Bedürfnis heraus 139
+
+ Der Bettler und das stolze Fräulein 159
+
+ Eine Geschichte, dem Dunkel erzählt 171
+
+
+
+
+ Druck von Bernhard
+ Tauchnitz in Leipzig
+
+
+
+
+IM INSEL-VERLAG · LEIPZIG
+
+DICHTUNGEN VON RAINER MARIA RILKE
+
+
+DAS STUNDENBUCH. (Vom mönchischen Leben; Von der Pilgerschaft; Von der
+Armut und vom Tode.) 30.-39. Tausend.
+
+ERSTE GEDICHTE. 10.-13. Tausend.
+
+DIE FRÜHEN GEDICHTE. 11.-14. Tausend.
+
+NEUE GEDICHTE (1905 bis 1907). 10.-14. Tausend.
+
+DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. 9. bis 13. Tausend.
+
+DAS BUCH DER BILDER. 16.-19. Tausend.
+
+REQUIEM. (Für eine Freundin. Für Wolf Graf von Kalckreuth.) Fünfte
+Auflage.
+
+DAS MARIENLEBEN. 31.-40. Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 43.)
+
+DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE. 201.-230.
+Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 1.)
+
+DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE. Roman. Zwei Bände. 13.-17.
+Tausend.
+
+AUGUSTE RODIN. Mit 96 Vollbildern nach Skulpturen und Handzeichnungen
+Rodins. 31.-35. Tausend.
+
+ * * * * *
+
+Von Rilke wurden übertragen:
+
+ELIZABETH BARRETT-BROWNING: SONETTE AUS DEM PORTUGIESISCHEN.
+(Insel-Bücherei Nr. 252.)
+
+DIE LIEBE DER MAGDALENA. Ein französischer Sermon, gezogen durch den
+Abbé Joseph Bonnet aus dem Manuskript Q I 14 der Kaiserlichen Bibliothek
+zu St. Petersburg. Dritte Auflage.
+
+DIE VIERUNDZWANZIG SONETTE DER LOUÏZE LABÉ. Lyoneserin 1555.
+(Insel-Bücherei Nr. 222.) 11.-20. Tausend.
+
+PORTUGIESISCHE BRIEFE. (Die Briefe der Marianne Alcoforado.) 21.-25.
+Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 74.)
+
+ANDRÉ GIDE. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. 16.-20. Tausend.
+(Insel-Bücherei Nr. 143.)
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Rechte auf die Linke los: Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die
+ Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die
+
+ Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen
+ 'Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen
+
+ wofür der Name mir fehlt Und alle diese Dinge lagen in den seichten
+ wofür der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten
+
+ Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: Das also wissen
+ Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT ***
+
+***** This file should be named 38402-8.txt or 38402-8.zip *****
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+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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