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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Geschichten vom lieben Gott + +Author: Rainer Maria Rilke + +Release Date: December 24, 2011 [EBook #38402] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT *** + + + + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + + Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches. + ] + + + + +24. bis 28. Tausend + + + + + Geschichten + vom lieben Gott + + Von + Rainer Maria Rilke + + 1921 + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + +MEINE FREUNDIN, EINMAL HABE ICH DIESES BUCH IN IHRE HÄNDE GELEGT, UND +SIE HABEN ES LIEB GEHABT WIE NIEMAND VORHER. SO HABE ICH MICH DARAN +GEWÖHNT, ZU DENKEN, DASS ES IHNEN GEHÖRT. DULDEN SIE DESHALB, DASS ICH +NICHT ALLEIN IN IHR EIGENES BUCH, SONDERN IN ALLE BÜCHER DIESER NEUEN +AUSGABE IHREN NAMEN SCHREIBE; DASS ICH SCHREIBE: + + DIE GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT + GEHÖREN ELLEN KEY. + + RAINER MARIA RILKE + ROM, IM APRIL 1904. + + + + +DAS MÄRCHEN VON DEN HÄNDEN GOTTES + + +Neulich, am Morgen, begegnete mir die Frau Nachbarin. Wir begrüßten uns. + +»Was für ein Herbst!« sagte sie nach einer Pause und blickte nach dem +Himmel auf. Ich tat desgleichen. Der Morgen war allerdings sehr klar und +köstlich für Oktober. Plötzlich fiel mir etwas ein: »Was für ein +Herbst!« rief ich und schwenkte ein wenig mit den Händen. Und die Frau +Nachbarin nickte beifällig. Ich sah ihr so einen Augenblick zu. Ihr +gutes gesundes Gesicht ging so lieb auf und nieder. Es war recht hell, +nur um die Lippen und an den Schläfen waren kleine schattige Falten. +Woher sie das haben mag? Und da fragte ich ganz unversehens: »Und Ihre +kleinen Mädchen?« Die Falten in ihrem Gesicht verschwanden eine Sekunde, +zogen sich aber gleich, noch dunkler, zusammen. »Gesund sind sie, Gott +sei Dank, aber --«; die Frau Nachbarin setzte sich in Bewegung, und ich +schritt jetzt an ihrer Linken, wie es sich gehört. »Wissen Sie, sie sind +jetzt beide in dem Alter, die Kinder, wo sie den ganzen Tag fragen. Was, +den ganzen Tag, bis in die gerechte Nacht hinein.« »Ja,« murmelte ich, +-- »es gibt eine Zeit ...« Sie aber ließ sich nicht stören: »Und nicht +etwa: Wohin geht diese Pferdebahn? Wieviel Sterne gibt es? Und ist +zehntausend mehr als viel? Noch ganz andere Sachen! Zum Beispiel: +Spricht der liebe Gott auch chinesisch? und: Wie sieht der liebe Gott +aus? Immer alles vom lieben Gott! Darüber weiß man doch nicht +Bescheid --.« »Nein, allerdings,« stimmte ich bei, »man hat da gewisse +Vermutungen ...« »Oder von den Händen vom lieben Gott, was soll man +da --« + +Ich schaute der Nachbarin in die Augen: »Erlauben Sie,« sagte ich recht +höflich, »Sie sagten zuletzt die Hände vom lieben Gott -- nicht wahr?« +Die Nachbarin nickte. Ich glaube, sie war ein wenig erstaunt. »Ja« -- +beeilte ich mich anzufügen, -- »von den Händen ist mir allerdings +einiges bekannt. Zufällig« -- bemerkte ich rasch, als ich ihre Augen +rund werden sah -- »ganz zufällig -- ich habe -- -- -- nun,« schloß ich +mit ziemlicher Entschiedenheit, »ich will Ihnen erzählen, was ich weiß. +Wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, ich begleite Sie bis zu Ihrem +Hause, das wird gerade reichen.« + +»Gerne,« sagte sie, als ich sie endlich zu Worte kommen ließ, immer noch +erstaunt, »aber wollen Sie nicht vielleicht den Kindern selbst?...« »Ich +den Kindern selbst erzählen? Nein, liebe Frau, das geht nicht, das geht +auf keinen Fall. Sehen Sie, ich werde gleich verlegen, wenn ich mit den +Kindern sprechen muß. Das ist an sich nicht schlimm. Aber die Kinder +könnten meine Verwirrung dahin deuten, daß ich mich lügen fühle ... Und +da mir sehr viel an der Wahrhaftigkeit meiner Geschichte liegt -- Sie +können es den Kindern ja wiedererzählen; Sie treffen es ja gewiß auch +viel besser. Sie werden es verknüpfen und ausschmücken, ich werde nur +die einfachen Tatsachen in der kürzesten Form berichten. Ja?« »Gut, +gut,« machte die Nachbarin zerstreut. + +Ich dachte nach: »Im Anfang ...« aber ich unterbrach mich sofort. »Ich +kann bei Ihnen, Frau Nachbarin, ja manches als bekannt voraussetzen, was +ich den Kindern erst erzählen müßte. Zum Beispiel die Schöpfung ...« Es +entstand eine ziemliche Pause. Dann: »Ja -- -- und am siebenten +Tage ...« die Stimme der guten Frau war hoch und spitzig. »Halt!« machte +ich, »wir wollen doch auch der früheren Tage gedenken; denn gerade um +diese handelt es sich. Also der liebe Gott begann, wie bekannt, seine +Arbeit, indem er die Erde machte, diese vom Wasser unterschied und Licht +befahl. Dann formte er in bewundernswerter Geschwindigkeit die Dinge, +ich meine die großen wirklichen Dinge, als da sind: Felsen, Gebirge, +einen Baum und nach diesem Muster viele Bäume.« Ich hörte hier schon +eine Weile lang Schritte hinter uns, die uns nicht überholten und auch +nicht zurückblieben. Das störte mich, und ich verwickelte mich in der +Schöpfungsgeschichte, als ich folgendermaßen fortfuhr: »Man kann sich +diese schnelle und erfolgreiche Tätigkeit nur begreiflich machen, wenn +man annimmt, daß eben nach langem, tiefem Nachdenken alles in seinem +Kopfe ganz fertig war, ehe er ...« Da endlich waren die Schritte neben +uns, und eine nicht gerade angenehme Stimme klebte an uns: »O, Sie +sprechen wohl von Herrn Schmidt, verzeihen Sie ...« Ich sah ärgerlich +nach der Hinzugekommenen, die Frau Nachbarin aber geriet in große +Verlegenheit: »Hm,« hustete sie, »nein -- das heißt -- ja, -- wir +sprachen gerade, gewissermaßen --.« »Was für ein Herbst,« sagte auf +einmal die andere Frau, als ob nichts geschehen wäre, und ihr rotes, +kleines Gesicht glänzte. »Ja« -- hörte ich meine Nachbarin antworten: +»Sie haben recht, Frau Hüpfer, ein selten schöner Herbst!« Dann trennten +sich die Frauen. Frau Hüpfer kicherte noch: »Und grüßen Sie mir die +Kinderchen.« Meine gute Nachbarin achtete nicht mehr darauf; sie war +doch neugierig, meine Geschichte zu erfahren. Ich aber behauptete mit +unbegreiflicher Härte: »Ja, jetzt weiß ich nicht mehr, wo wir +stehengeblieben sind.« »Sie sagten eben etwas von seinem Kopfe, das +heißt --« die Frau Nachbarin wurde ganz rot. + +Sie tat mir aufrichtig leid, und so erzählte ich schnell: »Ja sehen Sie +also, solange nur die Dinge gemacht waren, hatte der liebe Gott nicht +notwendig, beständig auf die Erde herunterzuschauen. Es konnte sich ja +nichts dort begeben. Der Wind ging allerdings schon über die Berge, +welche den Wolken, die er schon seit lange kannte, so ähnlich waren, +aber den Wipfeln der Bäume wich er noch mit einem gewissen Mißtrauen +aus. Und das war dem lieben Gott sehr recht. Die Dinge hat er sozusagen +im Schlafe gemacht; allein schon bei den Tieren fing die Arbeit an, ihm +interessant zu werden; er neigte sich darüber und zog nur selten die +breiten Brauen hoch, um einen Blick auf die Erde zu werfen. Er vergaß +sie vollends, als er den Menschen formte. Ich weiß nicht, bei welchem +komplizierten Teil des Körpers er gerade angelangt war, als es um ihn +rauschte von Flügeln. Ein Engel eilte vorüber und sang: 'Der du alles +siehst ...' + +Der liebe Gott erschrak. Er hatte den Engel in Sünde gebracht, denn eben +hatte dieser eine Lüge gesungen. Rasch schaute Gottvater hinunter. Und +freilich, da hatte sich schon irgend etwas ereignet, was kaum +gutzumachen war. Ein kleiner Vogel irrte, als ob er Angst hätte, über +die Erde hin und her, und der liebe Gott war nicht imstande, ihm +heimzuhelfen, denn er hatte nicht gesehen, aus welchem Walde das arme +Tier gekommen war. Er wurde ganz ärgerlich und sagte: 'Die Vögel haben +sitzenzubleiben, wo ich sie hingesetzt habe.' Aber er erinnerte sich, +daß er ihnen auf Fürbitte der Engel Flügel verliehen hatte, damit es +auch auf Erden so etwas wie Engel gäbe, und dieser Umstand machte ihn +nur noch verdrießlicher. Nun ist gegen solche Zustände des Gemütes +nichts so heilsam wie Arbeit. Und mit dem Bau des Menschen beschäftigt, +wurde Gott auch rasch wieder froh. Er hatte die Augen der Engel wie +Spiegel vor sich, maß darin seine eigenen Züge und bildete langsam und +vorsichtig an einer Kugel auf seinem Schoße das erste Gesicht. Die +Stirne war ihm gelungen. Viel schwerer wurde es ihm, die beiden +Nasenlöcher symmetrisch zu machen. Er bückte sich immer mehr darüber, +bis es wieder wehte über ihm; er schaute auf. Derselbe Engel umkreiste +ihn; man hörte diesmal keine Hymne, denn in seiner Lüge war dem Knaben +die Stimme erloschen, aber an seinem Mund erkannte Gott, daß er immer +noch sang: 'Der du alles siehst.' Zugleich trat der heilige Nikolaus, +der bei Gott in besonderer Achtung steht, an ihn heran und sagte durch +seinen großen Bart hindurch: 'Deine Löwen sitzen ruhig, sie sind recht +hochmütige Geschöpfe, das muß ich sagen! Aber ein kleiner Hund läuft +ganz am Rande der Erde herum, ein Terrier, siehst du, er wird gleich +hinunterfallen.' Und wirklich merkte der liebe Gott etwas Heiteres, +Weißes, wie ein kleines Licht hin und her tanzen in der Gegend von +Skandinavien, wo es schon so furchtbar rund ist. Und er wurde recht bös +und warf dem heiligen Nikolaus vor, wenn ihm seine Löwen nicht recht +seien, so solle er versuchen, auch welche zu machen. Worauf der heilige +Nikolaus aus dem Himmel ging und die Türe zuschlug, daß ein Stern +herunterfiel, gerade dem Terrier auf den Kopf. Jetzt war das Unglück +vollständig, und der liebe Gott mußte sich eingestehen, daß er ganz +allein an allem schuld sei, und beschloß, nicht mehr den Blick von der +Erde zu rühren. Und so geschah's. Er überließ seinen Händen, welche ja +auch weise sind, die Arbeit, und obwohl er recht neugierig war, zu +erfahren, wie der Mensch wohl aussehen mochte, starrte er unablässig auf +die Erde hinab, auf welcher sich jetzt, wie zum Trotz, nicht ein +Blättchen regen wollte. Um doch wenigstens eine kleine Freude zu haben +nach aller Plage, hatte er seinen Händen befohlen, ihm den Menschen erst +zu zeigen, ehe sie ihn dem Leben ausliefern würden. Wiederholt fragte +er, wie Kinder, wenn sie Verstecken spielen: 'Schon?' Aber er hörte als +Antwort das Kneten seiner Hände und wartete. Es erschien ihm sehr lange. +Da auf einmal sah er etwas durch den Raum fallen, dunkel und in der +Richtung, als ob es aus seiner Nähe käme. Von einer bösen Ahnung +erfüllt, rief er seine Hände. Sie erschienen ganz von Lehm befleckt, +heiß und zitternd. 'Wo ist der Mensch?' schrie er sie an. Da fuhr die +Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die +Linke gereizt, 'du wolltest ja alles allein machen, mich ließest du ja +überhaupt gar nicht mitreden.' 'Du hättest ihn eben halten müssen!' Und +die Rechte holte aus. Dann aber besann sie sich, und beide Hände sagten +einander überholend: 'Er war so ungeduldig, der Mensch. Er wollte immer +schon leben. Wir können beide nichts dafür, gewiß, wir sind beide +unschuldig.' + +Der liebe Gott aber war ernstlich böse. Er drängte beide Hände fort; +denn sie verstellten ihm die Aussicht über die Erde: 'Ich kenne euch +nicht mehr, macht, was ihr wollt.' Das versuchten die Hände auch +seither, aber sie können nur beginnen, was sie auch tun. Ohne Gott gibt +es keine Vollendung. Und da sind sie es endlich müde geworden. Jetzt +knien sie den ganzen Tag und tun Buße, so erzählt man wenigstens. Uns +aber erscheint es, als ob Gott ruhte, weil er auf seine Hände böse ist. +Es ist immer noch siebenter Tag.« + +Ich schwieg einen Augenblick. Das benützte die Frau Nachbarin sehr +vernünftig: »Und Sie glauben, daß nie wieder eine Versöhnung zustande +kommt?« »O doch,« sagte ich, »ich hoffe es wenigstens.« + +»Und wann sollte das sein?« + +»Nun, bis Gott wissen wird, wie der Mensch, den die Hände gegen seinen +Willen losgelassen haben, aussieht.« + +Die Frau Nachbarin dachte nach, dann lachte sie: »Aber dazu hätte er +doch bloß heruntersehen müssen ...« »Verzeihen Sie,« sagte ich artig, +»Ihre Bemerkung zeugt von Scharfsinn, aber meine Geschichte ist noch +nicht zu Ende. Also, als die Hände beiseitegetreten waren und Gott die +Erde wieder überschaute, da war eben wieder eine Minute, oder sagen wir +ein Jahrtausend, was ja bekanntlich dasselbe ist, vergangen. Statt eines +Menschen gab es schon eine Million. Aber sie waren alle schon in +Kleidern. Und da die Mode damals gerade sehr häßlich war und auch die +Gesichter arg entstellte, so bekam Gott einen ganz falschen und (ich +will es nicht verhehlen) sehr schlechten Begriff von den Menschen.« +»Hm,« machte die Nachbarin und wollte etwas bemerken. Ich beachtete es +nicht, sondern schloß mit starker Betonung: »Und darum ist es dringend +notwendig, daß Gott erfährt, wie der Mensch wirklich ist. Freuen wir +uns, daß es solche gibt, die es ihm sagen ...« Die Frau Nachbarin freute +sich noch nicht: »Und wer sollte das sein, bitte?« »Einfach die Kinder +und dann und wann auch diejenigen Leute, welche malen, Gedichte +schreiben, bauen ...« »Was denn bauen, Kirchen?« »Ja, und auch sonst, +überhaupt ...« + +Die Frau Nachbarin schüttelte langsam den Kopf. Manches erschien ihr +doch recht verwunderlich. Wir waren schon über ihr Haus hinausgegangen +und kehrten jetzt langsam um. Plötzlich wurde sie sehr lustig und +lachte: »Aber, was für ein Unsinn, Gott ist doch auch allwissend. Er +hätte ja genau wissen müssen, woher zum Beispiel der kleine Vogel +gekommen ist.« Sie sah mich triumphierend an. Ich war ein bißchen +verwirrt, ich muß gestehen. Aber als ich mich gefaßt hatte, gelang es +mir, ein überaus ernstes Gesicht zu machen: »Liebe Frau,« belehrte ich +sie, »das ist eigentlich eine Geschichte für sich. Damit Sie aber nicht +glauben, das sei nur eine Ausrede von mir (sie verwahrte sich nun +natürlich heftig dagegen), will ich Ihnen in Kürze sagen: Gott hat alle +Eigenschaften, natürlich. Aber ehe er in die Lage kam, sie auf die Welt +-- gleichsam -- anzuwenden, erschienen sie ihm alle wie eine einzige +große Kraft. Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich ausdrücke. Aber +angesichts der Dinge spezialisierten sich seine Fähigkeiten und wurden +bis zu einem gewissen Grade: Pflichten. Er hatte Mühe, sich alle zu +merken. Es gibt eben Konflikte. (Nebenbei: das alles sage ich nur Ihnen, +und Sie müssen es den Kindern keineswegs wiedererzählen.)« »Wo denken +Sie hin,« beteuerte meine Zuhörerin. + +»Sehen Sie, wäre ein Engel vorübergeflogen, singend: 'Der du alles +weißt', so wäre alles gut geworden ...« + +»Und diese Geschichte wäre überflüssig?« + +»Gewiß,« bestätigte ich. Und ich wollte mich verabschieden. »Aber wissen +Sie das alles auch ganz bestimmt?« »Ich weiß es ganz bestimmt,« +erwiderte ich fast feierlich. »Da werde ich den Kindern heute zu +erzählen haben!« »Ich würde es gerne anhören dürfen. Leben Sie wohl.« +»Leben Sie wohl,« antwortete sie. + +Dann kehrte sie nochmals zurück: »Aber weshalb ist gerade dieser +Engel ...« »Frau Nachbarin,« sagte ich, indem ich sie unterbrach, »ich +merke jetzt, daß Ihre beiden lieben Mädchen gar nicht deshalb soviel +fragen, weil sie Kinder sind --« »Sondern?« fragte meine Nachbarin +neugierig. »Nun, die Ärzte sagen, es gibt gewisse Vererbungen ...« Meine +Frau Nachbarin drohte mir mit dem Finger. Aber wir schieden dennoch als +gute Freunde. + + * * * * * + +Als ich meiner lieben Nachbarin später (übrigens nach ziemlich langer +Pause) wieder einmal begegnete, war sie nicht allein, und ich konnte +nicht erfahren, ob sie ihren Mädchen meine Geschichte berichtet hätte +und mit welchem Erfolg. Über diesen Zweifel klärte mich ein Brief auf, +welchen ich kurz darauf empfing. Da ich von dem Absender desselben nicht +die Erlaubnis erhalten habe, ihn zu veröffentlichen, so muß ich mich +darauf beschränken, zu erzählen, wie er endete, woraus man ohne weiteres +erkennen wird, von wem er stammte. Er schloß mit den Worten: »Ich und +noch fünf andere Kinder, nämlich, weil ich mit dabei bin.« + +Ich antwortete, gleich nach Empfang, folgendes: »Liebe Kinder, daß euch +das Märchen von den Händen vom lieben Gott gefallen hat, glaube ich +gern; mir gefällt es auch. Aber ich kann trotzdem nicht zu euch kommen. +Seid nicht böse deshalb. Wer weiß, ob ich euch gefiele. Ich habe keine +schöne Nase, und wenn sie, was bisweilen vorkommt, auch noch ein rotes +Pickelchen an der Spitze hat, so würdet ihr die ganze Zeit dieses +Pünktchen anschauen und anstaunen und gar nicht hören, was ich ein +Stückchen tiefer unten sage. Auch würdet ihr wahrscheinlich von diesem +Pickelchen träumen. Das alles wäre mir gar nicht recht. Ich schlage +darum einen anderen Ausweg vor. Wir haben (auch außer der Mutter) eine +große Anzahl gemeinsamer Freunde und Bekannte, die nicht Kinder sind. +Ihr werdet schon erfahren, welche. Diesen werde ich von Zeit zu Zeit +eine Geschichte erzählen, und ihr werdet sie von diesen Vermittlern +immer noch schöner empfangen, als ich sie zu gestalten vermöchte. Denn +es sind gar große Dichter unter diesen unseren Freunden. Ich werde euch +nicht verraten, wovon meine Geschichten handeln werden. Aber, weil euch +nichts so sehr beschäftigt und am Herzen liegt wie der liebe Gott, so +werde ich an jeder passenden Gelegenheit einfügen, was ich von ihm weiß. +Sollte etwas davon nicht richtig sein, so schreibt mir wieder einen +schönen Brief, oder laßt es mir durch die Mutter sagen. Denn es ist +möglich, daß ich mich an mancher Stelle irre, weil es schon so lange +ist, seit ich die schönsten Geschichten erfahren habe, und weil ich +seither mir viele habe merken müssen, die nicht so schön sind. Das kommt +im Leben so mit. Trotzdem ist das Leben etwas ganz Prächtiges: auch +davon wird des öfteren in meinen Geschichten die Rede sein. Damit grüßt +euch -- Ich, aber auch nur deshalb Einer, weil ich mit dabei bin.« + + + + +DER FREMDE MANN + + +Ein fremder Mann hat mir einen Brief geschrieben. Nicht von Europa +schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses, weder von den großen, noch +von den kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von Rußland oder dem Zaren +Iwan, dem Grausen, seinem fürchterlichen Vorfahren. Nicht vom +Bürgermeister oder vom Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen Stadt, +nicht von den fernen Städten; und auch der Wald mit den vielen Rehen, +darin ich jeden Morgen mich verliere, kommt in seinem Briefe nicht vor. +Er erzählt mir auch nichts von seinem Mütterchen oder von seinen +Schwestern, die gewiß längst verheiratet sind. Vielleicht ist auch sein +Mütterchen tot; wie könnte es sonst sein, daß ich sie in einem +vierseitigen Briefe nirgends erwähnt finde! Er erweist mir ein viel, +viel größeres Vertrauen; er macht mich zu seinem Bruder, er spricht mir +von seiner Not. + +Am Abend kommt der fremde Mann zu mir. Ich zünde keine Lampe an, helfe +ihm den Mantel ablegen und bitte ihn, mit mir Tee zu trinken, weil das +gerade die Stunde ist, in welcher ich täglich meinen Tee trinke. Und bei +so nahen Besuchen muß man sich keinen Zwang auferlegen. Als wir uns +schon an den Tisch setzen wollen, bemerke ich, daß mein Gast unruhig +ist; sein Gesicht ist voll Angst, und seine Hände zittern. »Richtig,« +sage ich, »hier ist ein Brief für Sie.« Und dann bin ich dabei, den Tee +einzugießen. »Nehmen Sie Zucker und vielleicht Zitrone? Ich habe in +Rußland gelernt, den Tee mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?« +Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie in eine entfernte Ecke, +etwas hoch, so daß eigentlich Dämmerung bleibt im Zimmer, nur eine etwas +wärmere als früher, eine rötliche. Und da scheint auch das Gesicht +meines Gastes sicherer, wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich +begrüße ihn noch einmal mit den Worten: »Wissen Sie, ich habe Sie lange +erwartet.« Und ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich ihm. »Ich +weiß eine Geschichte, welche ich niemandem erzählen mag als Ihnen; +fragen Sie mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob +der Tee genug süß ist und ob Sie die Geschichte hören wollen.« Mein Gast +mußte lächeln. Dann antwortete er einfach: »Ja.« »Auf alles drei: Ja?« +»Auf alles drei.« + +Wir lehnten uns beide zugleich in unseren Stühlen zurück, so daß unsere +Gesichter schattig wurden. Ich stellte mein Teeglas nieder, freute mich +daran, wie goldig der Tee glänzte, vergaß diese Freude langsam wieder +und fragte plötzlich: »Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?« + +Der Fremde dachte nach. Seine Augen vertieften sich ins Dunkel, und mit +den kleinen Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei langen +Laubengängen in einem Parke, über welchem leuchtend und breit Sommer und +Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder Dämmerung, dehnen sich +in immer engerer Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden Punkt: dem +jenseitigen Ausgang in einen vielleicht noch viel helleren Tag. Während +ich das erkannte, sagte er zögernd und als ob er sich nur ungern seiner +Stimme bediente: »Ja, ich erinnere mich noch an Gott.« »Gut,« dankte ich +ihm, »denn gerade von ihm handelt meine Geschichte. Doch zuerst sagen +Sie mir noch: Sprechen Sie bisweilen mit Kindern?« »Es kommt wohl vor, +so im Vorübergehen, wenigstens --« »Vielleicht ist es Ihnen bekannt, daß +Gott infolge eines häßlichen Ungehorsams seiner Hände nicht weiß, wie +der fertige Mensch eigentlich aussieht?« »Das habe ich einmal irgendwo +gehört, ich weiß indessen nicht von wem« -- entgegnete mein Gast, und +ich sah unbestimmte Erinnerungen über seine Stirn jagen. »Gleichviel,« +störte ich ihn, »hören Sie weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese +Ungewißheit. Denn seine Geduld ist wie seine Stärke groß. Einmal aber, +als dichte Wolken zwischen ihm und der Erde standen viele Tage lang, so +daß er kaum mehr wußte, ob er alles: Welt und Menschen und Zeit nicht +nur geträumt hatte, rief er seine rechte Hand, die so lange von seinem +Angesicht verbannt und verborgen gewesen war in kleinen unwichtigen +Werken. Sie eilte bereitwillig herbei; denn sie glaubte, Gott wolle ihr +endlich verzeihen. Als Gott sie so vor sich sah in ihrer Schönheit, +Jugend und Kraft, war er schon geneigt, ihr zu vergeben. Aber +rechtzeitig besann er sich und gebot, ohne hinzusehen: 'Du gehst +hinunter auf die Erde. Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen +siehst, und stellst dich, nackt, auf einen Berg, so daß ich dich genau +betrachten kann. Sobald du unten ankommst, geh zu einer jungen Frau und +sag ihr, aber ganz leise: Ich möchte leben. Es wird zuerst ein kleines +Dunkel um dich sein und dann ein großes Dunkel, welches Kindheit heißt, +und dann wirst du ein Mann sein und auf den Berg steigen, wie ich es dir +befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen Augenblick. Leb wohl.' + +Die Rechte nahm von der Linken Abschied, gab ihr viele freundliche +Namen, ja es wurde sogar behauptet, sie habe sich plötzlich vor ihr +verneigt und gesagt: 'Du, heiliger Geist.' Aber schon trat der heilige +Paulus herzu, hieb dem lieben Gott die rechte Hand ab, und ein Erzengel +fing sie auf und trug sie unter seinem weiten Gewand davon. Gott aber +hielt sich mit der Linken die Wunde zu, damit sein Blut nicht über die +Sterne ströme und von da in traurigen Tropfen herunterfiele auf die +Erde. Eine kurze Zeit später bemerkte Gott, der aufmerksam alle Vorgänge +unten betrachtete, daß die Menschen in den eisernen Kleidern sich um +einen Berg mehr zu schaffen machten als um alle anderen Berge. Und er +erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen zu sehen. Aber es kam nur ein +Mensch in einem, wie es schien, roten Mantel, welcher etwas schwarzes +Schwankendes aufwärts schleppte. In demselben Augenblicke begann Gottes +linke Hand, die vor seinem offenen Blute lag, unruhig zu werden, und mit +einem Mal verließ sie, ehe Gott es verhindern konnte, ihren Platz und +irrte wie wahnsinnig zwischen den Sternen umher und schrie: 'O, die arme +rechte Hand, und ich kann ihr nicht helfen.' Dabei zerrte sie an Gottes +linkem Arm, an dessen äußerstem Ende sie hing, und bemühte sich +loszukommen. Die ganze Erde aber war rot vom Blute Gottes, und man +konnte nicht erkennen, was darunter geschah. Damals wäre Gott fast +gestorben. Mit letzter Anstrengung rief er seine Rechte zurück; sie kam +blaß und bebend und legte sich an ihren Platz wie ein krankes Tier. Aber +auch die Linke, die doch schon manches wußte, da sie die rechte Hand +Gottes damals unten auf der Erde erkannt hatte, als diese in einem roten +Mantel den Berg erstieg, konnte von ihr nicht erfahren, was sich weiter +auf diesem Berge begeben hat. Es muß etwas sehr Schreckliches gewesen +sein. Denn Gottes Rechte hat sich noch nicht davon erholt, und sie +leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger als unter dem alten Zorne +Gottes, der ja seinen Händen immer noch nicht verziehen hat.« Meine +Stimme ruhte ein wenig aus. Der Fremde hatte sein Gesicht mit den Händen +verhüllt. Lange blieb alles so. Dann sagte der fremde Mann mit einer +Stimme, die ich längst kannte: »Und warum haben Sie mir diese Geschichte +erzählt?« + +»Wer hätte mich sonst verstanden? Sie kommen zu mir ohne Rang, ohne Amt, +ohne irgendeine zeitliche Würde, fast ohne Namen. Es war dunkel, als Sie +eintraten, allein ich bemerkte in Ihren Zügen eine Ähnlichkeit --« Der +fremde Mann blickte fragend auf. »Ja,« erwiderte ich seinem stillen +Blick, »ich denke oft, vielleicht ist Gottes Hand wieder unterwegs ...« + +Die Kinder haben diese Geschichte erfahren, und offenbar wurde sie ihnen +so erzählt, daß sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese +Geschichte lieb. + + + + +WARUM DER LIEBE GOTT WILL, DASS ES ARME LEUTE GIBT + + +Die vorangehende Geschichte hat sich so verbreitet, daß der Herr Lehrer +mit sehr gekränktem Gesicht auf der Gasse herumgeht. Ich kann das +begreifen. Es ist immer schlimm für einen Lehrer, wenn die Kinder +plötzlich etwas wissen, was er ihnen nicht erzählt hat. Der Lehrer muß +sozusagen das einzige Loch in der Planke sein, durch welches man in den +Obstgarten sieht; sind noch andere Löcher da, so drängen sich die Kinder +jeden Tag vor einem anderen und werden bald des Ausblicks überhaupt +müde. Ich hätte diesen Vergleich nicht hier aufgezeichnet, denn nicht +jeder Lehrer ist vielleicht damit einverstanden, ein Loch zu sein; aber +der Lehrer, von dem ich rede, mein Nachbar, hat den Vergleich zuerst von +mir vernommen und ihn sogar als äußerst treffend bezeichnet. Und sollte +auch jemand anderer Meinung sein, die Autorität meines Nachbars ist mir +maßgebend. + +Er stand vor mir, rückte beständig an seiner Brille und sagte: »Ich weiß +nicht, wer den Kindern diese Geschichte erzählt hat, aber es ist +jedenfalls unrecht, ihre Phantasie mit solchen ungewöhnlichen +Vorstellungen zu überladen und anzuspannen. Es handelt sich um eine Art +Märchen --.« »Ich habe es zufällig erzählen hören,« unterbrach ich ihn. +(Dabei log ich nicht, denn seit jenem Abend ist es mir wirklich schon +von meiner Frau Nachbarin wiederberichtet worden.) »So,« machte der +Lehrer; er fand das leicht erklärlich. »Nun, was sagen Sie dazu?« Ich +zögerte, auch fuhr er sehr schnell fort: »Zunächst finde ich es unrecht, +religiöse, besonders biblische Stoffe frei und eigenmächtig zu +gebrauchen. Es ist das alles im Katechismus jedenfalls so ausgedrückt, +daß es besser nicht gesagt werden kann ...« Ich wollte etwas bemerken, +erinnerte mich aber im letzten Augenblick, daß der Herr Lehrer +»zunächst« gebraucht hatte, daß also jetzt nach der Grammatik und um der +Gesundheit des Satzes willen ein »dann« und vielleicht sogar ein »und +endlich« folgen mußte, ehe ich mir erlauben durfte, etwas anzufügen. So +geschah es auch. Ich will, da der Herr Lehrer diesen selben Satz, dessen +tadelloser Bau jedem Kenner Freude bereiten wird, auch anderen +übermittelt hat, die ihn ebensowenig wie ich vergessen dürften, hier nur +noch das aufzeichnen, was hinter dem schönen, vorbereitenden Worte: »Und +endlich« wie das Finale einer Ouvertüre kam. »Und endlich ... (die sehr +phantastische Auffassung hingehen lassend) erscheint mir der Stoff gar +nicht einmal genügend durchdrungen und nach allen Seiten hin +berücksichtigt zu sein. Wenn ich Zeit hätte, Geschichten zu +schreiben --« »Sie vermissen etwas in der bewußten Erzählung?« konnte +ich mich nicht enthalten, ihn zu unterbrechen. »Ja, ich vermisse +manches. Vom literarisch-kritischen Standpunkt gewissermaßen. Wenn ich +zu Ihnen als Kollege sprechen darf --« Ich verstand nicht, was er +meinte, und sagte bescheiden: »Sie sind zu gütig, aber ich habe nie eine +Lehrtätigkeit ...« Plötzlich fiel mir etwas ein, ich brach ab, und er +fuhr etwas kühl fort: »Um nur eins zu nennen: es ist nicht anzunehmen, +daß Gott (wenn man schon auf den Sinn der Geschichte so weit eingehen +will), daß Gott, also -- sage ich -- daß Gott keinen weiteren Versuch +gemacht haben sollte, einen Menschen zu sehen, wie er ist, ich meine --« +Jetzt glaubte ich den Herrn Lehrer wieder versöhnen zu müssen. Ich +verneigte mich ein wenig und begann: »Es ist allgemein bekannt, daß Sie +sich eingehend (und, wenn man so sagen darf, nicht ohne Gegenliebe zu +finden) der sozialen Frage genähert haben.« Der Herr Lehrer lächelte. +»Nun, dann darf ich annehmen, daß, was ich Ihnen im folgenden +mitzuteilen gedenke, Ihrem Interesse nicht ganz ferne steht, zumal ich +ja auch an Ihre letzte, sehr scharfsinnige Bemerkung anknüpfen kann.« Er +sah mich erstaunt an: »Sollte Gott etwa ...« »In der Tat,« bestätigte +ich, »Gott ist eben dabei, einen neuen Versuch zu machen.« »Wirklich?« +fuhr mich der Lehrer an, »ist das an maßgebender Stelle bekannt +geworden?« »Darüber kann ich Ihnen nichts Genaues sagen --« bedauerte +ich -- »ich bin nicht in Beziehung mit jenen Kreisen, aber wenn Sie +dennoch meine kleine Geschichte hören wollen?« »Sie würden mir einen +großen Gefallen erweisen.« Der Lehrer nahm seine Brille ab und putzte +sorgfältig die Gläser, während seine nackten Augen sich schämten. + +Ich begann: »Einmal sah der liebe Gott in eine große Stadt. Als ihm von +dem vielen Durcheinander die Augen ermüdeten (dazu trugen die Netze mit +den elektrischen Drähten nicht wenig bei), beschloß er, seine Blicke auf +ein einziges hohes Mietshaus für eine Weile zu beschränken, weil dieses +weit weniger anstrengend war. Gleichzeitig erinnerte er sich seines +alten Wunsches, einmal einen lebenden Menschen zu sehen, und zu diesem +Zwecke tauchten seine Blicke ansteigend in die Fenster der einzelnen +Stockwerke. Die Leute im ersten Stockwerke (es war ein reicher Kaufmann +mit Familie) waren fast nur Kleider. Nicht nur, daß alle Teile ihres +Körpers mit kostbaren Stoffen bedeckt waren, die äußeren Umrisse dieser +Kleidung zeigten an vielen Stellen eine solche Form, daß man sah, es +konnte kein Körper mehr darunter sein. Im zweiten Stock war es nicht +viel besser. Die Leute, welche drei Treppen wohnten, hatten zwar schon +bedeutend weniger an, waren aber so schmutzig, daß der liebe Gott nur +graue Furchen erkannte und in seiner Güte schon bereit war, zu befehlen, +sie möchten fruchtbar werden. Endlich unter dem Dach, in einem schrägen +Kämmerchen, fand der liebe Gott einen Mann in einem schlechten Rock, der +sich damit beschäftigte, Lehm zu kneten. 'Oho, woher hast du das?' rief +er ihn an. Der Mann nahm seine Pfeife gar nicht aus dem Munde und +brummte: 'Der Teufel weiß woher. Ich wollte, ich wär Schuster geworden. +Da sitzt man und plagt sich ...' Und was der liebe Gott auch fragen +mochte, der Mann war schlechter Laune und gab keine Antwort mehr. -- Bis +er eines Tages einen großen Brief vom Bürgermeister dieser Stadt bekam. +Da erzählte er dem lieben Gott, ungefragt, alles. Er hatte so lange +keinen Auftrag bekommen. Jetzt, plötzlich, sollte er eine Statue für den +Stadtpark machen, und sie sollte heißen: die Wahrheit. Der Künstler +arbeitete Tag und Nacht in einem entfernten Atelier, und dem lieben Gott +kamen verschiedene alte Erinnerungen, wie er das so sah. Wenn er seinen +Händen nicht immer noch böse gewesen wäre, er hätte wohl auch wieder +irgendwas begonnen. -- Als aber der Tag kam, da die Bildsäule, welche +die Wahrheit hieß, hinausgetragen werden sollte, auf ihren Platz in den +Garten, wo auch Gott sie hätte sehen können in ihrer Vollendung, da +entstand ein großer Skandal, denn eine Kommission von Stadtvätern, +Lehrern und anderen einflußreichen Persönlichkeiten hatte verlangt, die +Figur müsse erst teilweise bekleidet werden, ehe das Publikum sie zu +Gesicht bekäme. Der liebe Gott verstand nicht, weshalb, so laut fluchte +der Künstler. Stadtväter, Lehrer und die anderen haben ihn in diese +Sünde gebracht, und der liebe Gott wird gewiß an denen -- aber Sie +husten ja fürchterlich!« »Es geht schon vorüber --« sagte mein Lehrer +mit vollkommen klarer Stimme. »Nun, ich habe nur noch ein weniges zu +berichten. Der liebe Gott ließ das Mietshaus und den Stadtpark los und +wollte seinen Blick schon ganz zurückziehen, wie man eine Angelrute aus +dem Wasser zieht, mit einem Schwung, um zu sehen, ob nicht etwas +angebissen hat. In diesem Falle hing wirklich etwas daran. Ein ganz +kleines Häuschen mit mehreren Menschen drinnen, die alle sehr wenig +anhatten, denn sie waren sehr arm. 'Das also ist es --,' dachte der +liebe Gott, 'arm müssen die Menschen sein. Diese hier sind, glaub ich, +schon recht arm, aber ich will sie so arm machen, daß sie nicht einmal +ein Hemd zum Anziehen haben.' So nahm sich der liebe Gott vor.« + +Hier machte ich beim Sprechen einen Punkt, um anzudeuten, daß ich am +Ende sei. Der Herr Lehrer war damit nicht zufrieden; er fand diese +Geschichte ebensowenig abgeschlossen und gerundet wie die vorhergehende. +»Ja« -- entschuldigte ich mich -- »da müßte eben ein Dichter kommen, der +zu dieser Geschichte irgendeinen phantastischen Schluß erfindet, denn +tatsächlich hat sie noch kein Ende.« »Wieso?« machte der Herr Lehrer und +schaute mich gespannt an. »Aber, lieber Herr Lehrer,« erinnerte ich, +»wie vergeßlich Sie sind! Sie sind doch selbst im Vorstand des hiesigen +Armenvereins ...« »Ja, seit etwa zehn Jahren bin ich das und --?« »Das +ist es eben; Sie und Ihr Verein verhindern den lieben Gott die längste +Zeit, sein Ziel zu erreichen. Sie kleiden die Leute --« »Aber ich bitte +Sie,« sagte der Lehrer bescheiden, »das ist einfach Nächstenliebe. Das +ist doch Gott im höchsten Grade wohlgefällig.« »Ach, davon ist man +maßgebenden Orts wohl überzeugt?« fragte ich arglos. »Natürlich ist man +das. Ich habe gerade in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des +Armenvereins manches Lobende zu hören bekommen. Vertraulich gesagt, man +will auch bei der nächsten Beförderung meine Tätigkeit in dieser Weise +-- -- -- Sie verstehen?« Der Herr Lehrer errötete schamhaft. »Ich +wünsche Ihnen das Beste,« entgegnete ich. Wir reichten uns die Hände, +und der Herr Lehrer ging mit so stolzen, gemessenen Schritten fort, daß +ich überzeugt bin: er ist zu spät in die Schule gekommen. + +Wie ich später vernahm, ist ein Teil dieser Geschichte (soweit sie für +Kinder paßt) den Kindern doch bekannt geworden. Sollte der Herr Lehrer +sie zu Ende gedichtet haben? + + + + +WIE DER VERRAT NACH RUSSLAND KAM + + +Ich habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft. Das ist ein +blonder, lahmer Mann, der seinen Stuhl, winters wie sommers, hart am +Fenster hat. Er kann sehr jung aussehen, ja in seinem lauschenden +Gesicht ist manchmal etwas Knabenhaftes. Aber es gibt auch Tage, da er +altert, die Minuten gehen wie Jahre über ihn, und plötzlich ist er ein +Greis, dessen matte Augen das Leben fast schon losgelassen haben. Wir +kennen uns lang. Erst haben wir uns immer angesehen, später lächelten +wir unwillkürlich, ein Jahr lang grüßten wir einander, und seit Gott +weiß wann erzählen wir uns das eine und das andere, wahllos, wie es eben +passiert. »Guten Tag,« rief er, als ich vorüberkam, und sein Fenster war +noch offen in den reichen und stillen Herbst hinaus. »Ich habe Sie lange +nicht gesehen.« + +»Guten Tag, Ewald --.« Ich trat an sein Fenster, wie ich immer zu tun +pflegte, im Vorübergehen. »Ich war verreist.« »Wo waren Sie?« fragte er +mit ungeduldigen Augen. »In Rußland.« »O so weit« -- er lehnte sich +zurück, und dann: »Was ist das für ein Land, Rußland? Ein sehr großes, +nicht wahr?« »Ja,« sagte ich, »groß ist es und außerdem --« »Habe ich +dumm gefragt?« lächelte Ewald und wurde rot. »Nein, Ewald, im Gegenteil. +Da Sie fragen: was ist das für ein Land? wird mir verschiedenes klar. +Zum Beispiel woran Rußland grenzt.« »Im Osten?« warf mein Freund ein. +Ich dachte nach: »Nein.« »Im Norden?« forschte der Lahme. »Sehen Sie,« +fiel mir ein, »das Ablesen von der Landkarte hat die Leute verdorben. +Dort ist alles plan und eben, und wenn sie die vier Weltgegenden +bezeichnet haben, scheint ihnen alles getan. Ein Land ist doch aber kein +Atlas. Es hat Berge und Abgründe. Es muß doch auch oben und unten an +etwas stoßen.« »Hm --« überlegte mein Freund, »Sie haben recht. Woran +könnte Rußland an diesen beiden Seiten grenzen?« Plötzlich sah der +Kranke wie ein Knabe aus. »Sie wissen es,« rief ich. »Vielleicht an +Gott?« »Ja,« bestätigte ich, »an Gott.« »So« -- nickte mein Freund ganz +verständnisvoll. Erst dann kamen ihm einzelne Zweifel: »Ist denn Gott +ein Land?« »Ich glaube nicht,« erwiderte ich, »aber in den primitiven +Sprachen haben viele Dinge denselben Namen. Es ist da wohl ein Reich, +das heißt Gott, und der es beherrscht, heißt auch Gott. Einfache Völker +können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht unterscheiden; beide sind +groß und gütig, furchtbar und groß.« + +»Ich verstehe,« sagte langsam der Mann am Fenster. »Und merkt man in +Rußland diese Nachbarschaft?« »Man merkt sie bei allen Gelegenheiten. +Der Einfluß Gottes ist sehr mächtig. Wieviel man auch aus Europa bringen +mag, die Dinge aus dem Westen sind Steine, sobald sie über die Grenze +sind. Mitunter kostbare Steine, aber eben nur für die Reichen, die +sogenannten 'Gebildeten', während von drüben aus dem anderen Reich das +Brot kommt, wovon das Volk lebt.« »Das hat das Volk wohl in Überfluß?« +Ich zögerte: »Nein, das ist nicht der Fall, die Einfuhr aus Gott ist +durch gewisse Umstände erschwert --« Ich suchte ihn von diesem Gedanken +abzubringen. »Aber man hat vieles aus den Gebräuchen jener breiten +Nachbarschaft angenommen. Das ganze Zeremoniell beispielsweise. Man +spricht zu dem Zaren ähnlich wie zu Gott.« »So, man sagt also nicht: +Majestät?« »Nein, man nennt beide Väterchen.« »Und man kniet vor +beiden?« »Man wirft sich vor beiden nieder, fühlt mit der Stirn den +Boden und weint und sagt: 'Ich bin sündig, verzeih mir, Väterchen.' Die +Deutschen, welche das sehen, behaupten: eine ganz unwürdige Sklaverei. +Ich denke anders darüber. Was soll das Knien bedeuten? Es hat den Sinn +zu erklären: Ich habe Ehrfurcht. Dazu genügt es auch, das Haupt zu +entblößen, meint der Deutsche. Nun ja, der Gruß, die Verbeugung, +gewissermaßen sind auch sie Ausdrücke dafür, Abkürzungen, die entstanden +sind in den Ländern, wo nicht so viel Raum war, daß jeder sich hätte +niederlegen können auf der Erde. Aber Abkürzungen gebraucht man bald +mechanisch und ohne sich ihres Sinnes mehr bewußt zu werden. Deshalb ist +es gut, wo noch Raum und Zeit dafür ist, die Gebärde auszuschreiben, das +ganze schöne und wichtige Wort: Ehrfurcht.« + +»Ja, wenn ich könnte, würde ich auch niederknien --,« träumte der Lahme. +»Aber es kommt --« fuhr ich nach einer Pause fort -- »in Rußland auch +vieles andere von Gott. Man hat das Gefühl, jedes Neue wird von ihm +eingeführt, jedes Kleid, jede Speise, jede Tugend und sogar jede Sünde +muß erst von ihm bewilligt werden, ehe sie in Gebrauch kommt.« Der +Kranke sah mich fast erschrocken an. »Es ist nur ein Märchen, auf +welches ich mich berufe,« eilte ich ihn zu beruhigen, »eine sogenannte +Bylina, ein Gewesenes zu deutsch. Ich will Ihnen kurz den Inhalt +erzählen. Der Titel ist: Wie der Verrat nach Rußland kam.« Ich lehnte +mich ans Fenster, und der Gelähmte schloß die Augen, wie er gerne tat, +wenn irgendwo eine Geschichte begann. + +»Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Fürsten Tribut +auferlegen und drohte ihnen mit einem großen Krieg, falls sie nicht Gold +nach Moskau, in die weiße Stadt, schicken würden. Die Fürsten sagten, +nachdem sie Rat gepflogen hatten, wie ein Mann: 'Wir geben dir drei +Rätselfragen auf. Komm an dem Tage, den wir dir bestimmen, in den +Orient, zu dem weißen Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage uns +die drei Lösungen. Sobald sie richtig sind, geben wir dir die zwölf +Tonnen Goldes, die du von uns verlangst.' Zuerst dachte der Zar Iwan +Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn die vielen Glocken seiner +weißen Stadt Moskau. Da rief er seine Gelehrten und Räte vor sich, und +jeden, der die Frage nicht beantworten konnte, ließ er auf den großen, +roten Platz führen, wo gerade die Kirche für Wassilij, den Nackten, +gebaut wurde, und einfach köpfen. Bei einer solchen Beschäftigung +verging ihm die Zeit so rasch, daß er sich plötzlich auf der Reise fand +nach dem Orient, zu dem weißen Stein, bei welchem die Fürsten warteten. +Er wußte auf keine der drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war +lang, und es war immer noch die Möglichkeit, einem Weisen zu begegnen; +denn damals waren viele Weise unterwegs auf der Flucht, da alle Könige +die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf abschneiden zu lassen, wenn sie +ihnen nicht weise genug schienen. Ein solcher kam ihm nun allerdings +nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen sah er einen alten bärtigen +Bauer, welcher an einer Kirche baute. Er war schon dabei angelangt, den +Dachstuhl zu zimmern und die kleinen Latten darüberzulegen. Da war es +nun recht verwunderlich, daß der alte Bauer immer wieder von der Kirche +herunterstieg, um von den schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet +waren, jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal in seinem langen +Kaftan mitzunehmen. Er mußte so beständig auf und nieder klettern, und +es war gar nicht abzusehen, daß er auf diese Weise überhaupt jemals alle +vielhundert Latten an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde deshalb +ungeduldig: 'Dummkopf,' schrie er (so nennt man in Rußland meistens die +Bauern), 'du solltest dich tüchtig beladen mit deinem Holz und dann auf +die Kirche kriechen, das wäre bei weitem einfacher.' Der Bauer, der +gerade unten war, blieb stehen, hielt die Hand über die Augen und +antwortete: 'Das mußt du schon mir überlassen, Zar Iwan Wassiljewitsch, +jeder versteht sein Handwerk am besten; indessen, weil du schon hier +vorüberreitest, will ich dir die Lösung der drei Rätsel sagen, welche du +am weißen Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst wissen +müssen.' Und er schärfte ihm die drei Antworten der Reihe nach ein. Der +Zar konnte vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken. 'Was soll ich dir +geben zum Lohne?' fragte er endlich. 'Nichts,' machte der Bauer, holte +eine Latte und wollte auf die Leiter steigen. 'Halt,' befahl der Zar, +'das geht nicht an, du mußt dir etwas wünschen.' 'Nun, Väterchen, wenn +du befiehlst, gib mir eine von den zwölf Tonnen Goldes, welche du von +den Fürsten im Orient erhalten wirst.' 'Gut --,' nickte der Zar. 'Ich +gebe dir eine Tonne Goldes.' Dann ritt er eilends davon, um die Lösungen +nicht wieder zu vergessen. + +Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen zurückgekommen war aus dem +Orient, schloß er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im fünftorigen +Kreml, ein und schüttete eine Tonne nach der anderen auf die glänzenden +Dielen des Saales aus, so daß ein wahrer Berg aus Gold entstand, der +einen großen schwarzen Schatten über den Boden warf. In Vergeßlichkeit +hatte der Zar auch die zwölfte Tonne ausgeleert. Er wollte sie wieder +füllen, aber es tat ihm leid, so viel Gold von dem herrlichen Haufen +wieder fortnehmen zu müssen. In der Nacht ging er in den Hof hinunter, +schöpfte feinen Sand in die Tonne, bis sie zu drei Vierteilen voll war, +kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold über den Sand und +schickte die Tonne mit dem nächsten Morgen durch einen Boten in die +Gegend des weiten Rußland, wo der alte Bauer seine Kirche baute. Als +dieser den Boten kommen sah, stieg er von dem Dach, welches noch lange +nicht fertig war, und rief: 'Du mußt nicht näher kommen, mein Freund, +reise zurück samt deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand und ein +knappes Viertel Gold enthält; ich brauche sie nicht. Sage deinem Herrn, +bisher hat es keinen Verrat in Rußland gegeben. Er aber ist selbst daran +schuld, wenn er bemerken sollte, daß er sich auf keinen Menschen +verlassen kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man verrät, und von +Jahrhundert zu Jahrhundert wird sein Beispiel in ganz Rußland viele +Nachahmer finden. Ich brauche nicht das Gold, ich kann ohne Gold leben. +Ich erwartete nicht Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. Er +aber hat mich getäuscht. Sage das deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren +Iwan Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau sitzt mit seinem +bösen Gewissen und in einem goldenen Kleid.' + +Nach einer Weile Reitens wandte sich der Bote nochmals um: der Bauer und +seine Kirche waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten Latten +lagen nicht mehr da, es war alles leeres, flaches Land. Da jagte der +Mann entsetzt zurück nach Moskau, stand atemlos vor dem Zaren und +erzählte ihm ziemlich unverständlich, was sich begeben hatte und daß der +vermeintliche Bauer niemand anderes gewesen sei als Gott selbst.« + +»Ob er wohl recht gehabt hat damit?« meinte mein Freund leise, nachdem +meine Geschichte verklungen war. + +»Vielleicht --,« entgegnete ich, »aber, wissen Sie, das Volk ist -- +abergläubisch -- indessen, ich muß jetzt gehen, Ewald.« »Schade,« sagte +der Lahme aufrichtig. »Wollen Sie mir nicht bald wieder eine Geschichte +erzählen?« »Gerne, -- aber unter einer Bedingung.« Ich trat noch einmal +ans Fenster heran. »Nämlich?« staunte Ewald. »Sie müssen alles +gelegentlich den Kindern in der Nachbarschaft weitererzählen,« bat ich. +»O, die Kinder kommen jetzt so selten zu mir.« Ich vertröstete ihn: »Sie +werden schon kommen. Offenbar haben Sie in der letzten Zeit nicht Lust +gehabt, ihnen etwas zu erzählen, und vielleicht auch keinen Stoff, oder +zu viel Stoffe. Aber wenn einer eine wirkliche Geschichte weiß, glauben +Sie, das kann verborgen bleiben? Bewahre, das spricht sich herum, +besonders unter den Kindern!« »Auf Wiedersehen.« Damit ging ich. + +Und die Kinder haben die Geschichte noch an demselben Tage gehört. + + + + +WIE DER ALTE TIMOFEI SINGEND STARB + + +Was für eine Freude ist es doch, einem lahmen Menschen zu erzählen. Die +gesunden Leute sind so ungewiß; sie sehen die Dinge bald von der, bald +von jener Seite an, und wenn man mit ihnen eine Stunde lang so gegangen +ist, daß sie zur Rechten waren, kann es geschehen, daß sie plötzlich von +links antworten, nur, weil es ihnen einfällt, daß das höflicher sei und +von feinerer Bildung zeuge. Beim Lahmen hat man das nicht zu befürchten. +Seine Unbeweglichkeit macht ihn den Dingen ähnlich, mit denen er auch +wirklich viele herzliche Beziehungen pflegt, macht ihn, sozusagen, zu +einem den anderen sehr überlegenen Ding, zu einem Ding, das nicht nur +lauscht mit seiner Schweigsamkeit, sondern auch mit seinen seltenen +leisen Worten und mit seinen sanften, ehrfürchtigen Gefühlen. + +Ich mag am liebsten meinem Freund Ewald erzählen. Und ich war sehr froh, +als er mir von seinem täglichen Fenster aus zurief: »Ich muß Sie etwas +fragen.« + +Rasch trat ich zu ihm und begrüßte ihn. »Woher stammt die Geschichte, +die Sie mir neulich erzählt haben?« bat er endlich. »Aus einem Buch?« +»Ja« -- entgegnete ich traurig, »die Gelehrten haben sie darin begraben, +seit sie tot ist; das ist gar nicht lange her. Noch vor hundert Jahren +lebte sie, gewiß sehr sorglos, auf vielen Lippen. Aber die Worte, welche +die Menschen jetzt gebrauchen, diese schweren, nicht sangbaren Worte, +waren ihr feind und nahmen ihr einen Mund nach dem anderen weg, so daß +sie zuletzt, nur sehr eingezogen und ärmlich, auf ein paar trockenen +Lippen, wie auf einem schlechten Witwengut, lebte. Dort verstarb sie +auch, ohne Nachkommen zu hinterlassen, und wurde, wie schon erwähnt, mit +allen Ehren in einem Buche bestattet, wo schon andere aus ihrem +Geschlechte lagen.« »Und sie war sehr alt, als sie starb?« fragte mein +Freund, in meinen Ton eingehend. »400 bis 500 Jahre,« berichtete ich der +Wahrheit gemäß, »verschiedene von ihren Verwandten haben noch ein +ungleich höheres Alter erreicht.« »Wie, ohne jemals in einem Buche zu +ruhen?« staunte Ewald. Ich erklärte: »Soviel ich weiß, waren sie die +ganze Zeit von Lippe zu Lippe unterwegs.« »Und haben nie geschlafen?« +»Doch, von dem Munde des Sängers steigend, blieben sie wohl dann und +wann in einem Herzen, darin es warm und dunkel war.« »Waren denn die +Menschen so still, daß Lieder schlafen konnten in ihren Herzen?« Ewald +schien mir recht ungläubig. »Es muß wohl so gewesen sein. Man behauptet, +sie sprachen weniger, tanzten langsam anwachsende Tänze, die etwas +Wiegendes hatten, und vor allem: sie lachten nicht laut, wie man es +heute trotz der allgemeinen hohen Kultur nicht selten vernehmen kann.« + +Ewald schickte sich an, noch etwas zu fragen, aber er unterdrückte es +und lächelte: »Ich frage und frage, -- aber Sie haben vielleicht eine +Geschichte vor?« Er sah mich erwartungsvoll an. + +»Eine Geschichte? Ich weiß nicht. Ich wollte nur sagen: diese Gesänge +waren das Erbgut in gewissen Familien. Man hatte es übernommen, und man +gab es weiter, nicht ganz unbenützt, mit den Spuren eines täglichen +Gebrauchs, aber doch unbeschädigt, wie etwa eine alte Bibel von Vätern +zu Enkeln geht. Der Enterbte unterschied sich von den in ihre Rechte +eingesetzten Geschwistern dadurch, daß er nicht singen konnte, oder er +wußte wenigstens nur einen kleinen Teil der Lieder seines Vaters und +Großvaters und verlor mit den übrigen Gesängen das große Stück Erleben, +das alle diese Bylinen und Skaski dem Volke bedeuten. So hatte z. B. +Jegor Timofejewitsch gegen den Willen seines Vaters, des alten Timofei, +ein junges, schönes Weib geheiratet und war mit ihr nach Kiew gegangen, +in die heilige Stadt, bei welcher sich die Gräber der größten Märtyrer +der heiligen, rechtgläubigen Kirche versammelt haben. Der Vater Timofei, +der als der kundigste Sänger auf zehn Tagereisen im Umkreis galt, +verfluchte seinen Sohn und erzählte seinen Nachbarn, daß er oft +überzeugt sei, niemals einen solchen gehabt zu haben. Dennoch verstummte +er in Gram und Traurigkeit. Und er wies alle die jungen Leute zurück, +die sich in seine Hütte drängten, um die Erben der vielen Gesänge zu +werden, welche in dem Alten eingeschlossen waren, wie in einer +verstaubten Geige. 'Vater, du unser Väterchen, gib uns nur eines oder +das andere Lied. Siehst du, wir wollen es in die Dörfer tragen, und du +sollst es hören aus allen Höfen, sobald der Abend kommt und das Vieh in +den Ställen ruhig geworden ist.' Der Alte, der beständig auf dem Ofen +saß, schüttelte den ganzen Tag den Kopf. Er hörte nicht mehr gut, und da +er nicht wußte, ob nicht einer von den Burschen, die jetzt fortwährend +sein Haus umhorchten, eben wieder gefragt hatte, machte er mit seinem +weißen Kopf zitternd: Nein, nein, nein, bis er einschlief und auch dann +noch eine Weile -- im Schlaf. Er hätte den Burschen gerne ihren Willen +getan; es war ihm selber leid, daß sein stummer, verstorbener Staub über +diesen Liedern liegen sollte, vielleicht schon ganz bald. Aber hätte er +versucht, einen von ihnen etwas zu lehren, gewiß hätte er sich dabei +seines Jegoruschka erinnern müssen und dann -- wer weiß -- was dann +geschehen wäre. Denn nur, weil er überhaupt schwieg, hatte ihn niemand +weinen sehen. Hinter jedem Wort stand es ihm, das Schluchzen, und er +mußte immer sehr schnell und vorsichtig den Mund schließen, sonst wäre +es einmal doch mitgekommen. + +Der alte Timofei hatte seinen einzigen Sohn Jegor von ganz früh an +einzelne Lieder gelehrt, und als fünfzehnjähriger Knabe wußte dieser +schon mehr und richtiger zu singen als alle erwachsenen Burschen im +Dorfe und in der Nachbarschaft. Gleichwohl pflegte der Alte meistens am +Feiertag, wenn er etwas trunken war, dem Burschen zu sagen: +'Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen +gelehrt, viele Bylinen und auch die Legenden von Heiligen, fast für +jeden Tag eine. Aber ich bin, wie du weißt, der Kundigste im ganzen +Gouvernement, und mein Vater kannte sozusagen alle Lieder von ganz +Rußland und auch noch tatarische Geschichten dazu. Du bist noch sehr +jung, und deshalb habe ich dir die schönsten Bylinen, darin die Worte +wie Ikone sind und gar nicht zu vergleichen mit den gewöhnlichen Worten, +noch nicht erzählt, und du hast noch nicht gelernt, jene Weisen zu +singen, die noch keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, hat +anhören können, ohne zu weinen.' Dieses wiederholte Timofei seinem Sohne +an jedem Sonntag und an allen vielen Feiertagen des russischen Jahres, +also ziemlich oft. Bis dieser nach einem heftigen Auftritt mit dem +Alten, zugleich mit der schönen Ustjënka, der Tochter eines armen +Bauern, verschwunden war. + +Im dritten Jahre nach diesem Vorfall erkrankte Timofei, zur selben Zeit, +als einer jener vielen Pilgerzüge, die aus allen Teilen des weiten +Reiches beständig nach Kiew ziehen, aufbrechen wollte. Da trat Ossip, +der Nachbar, bei dem Kranken ein: 'Ich gehe mit den Pilgern, Timofei +Iwanitsch, erlaube mir, dich noch einmal zu umarmen.' Ossip war nicht +befreundet mit dem Alten, aber nun, da er diese weite Reise begann, fand +er es für notwendig, von ihm wie von einem Vater Abschied zu nehmen. +'Ich habe dich manchmal gekränkt,' schluchzte er, 'verzeih mir, mein +Herzchen, es ist im Trunke geschehen, und da kann man nichts dafür, wie +du weißt. Nun, ich will für dich beten und eine Kerze anstecken für +dich; leb wohl, Timofei Iwanitsch, mein Väterchen, vielleicht wirst du +wieder gesund, wenn Gott es will, dann singst du uns wieder etwas. Ja, +ja, das ist lange her, seit du gesungen hast. Was waren das für Lieder. +Das von Djuk Stepanowitsch zum Beispiel, glaubst du, ich habe das +vergessen? Wie dumm du bist! Ich weiß es noch ganz genau. Freilich, so +wie du, -- du hast es eben gekonnt, das muß man sagen. Gott hat dir das +gegeben, einem anderen gibt er etwas anderes. Mir zum Beispiel --' + +Der Alte, der auf dem Ofen lag, drehte sich ächzend um und machte eine +Bewegung, als ob er etwas sagen wollte. Es war, als hörte man ganz leise +den Namen Jegors. Vielleicht wollte er ihm eine Nachricht schicken. Aber +als der Nachbar, von der Türe her, fragte: 'Sagst du etwas, Timofei +Iwanitsch?' lag er schon wieder ganz ruhig da und schüttelte nur leise +seinen weißen Kopf. Trotzdem, weiß Gott wie es geschah, kaum ein Jahr, +nachdem Ossip fortgegangen war, kehrte Jegor ganz unvermutet zurück. Der +Alte erkannte ihn nicht gleich, denn es war dunkel in der Hütte, und die +greisen Augen nahmen nur ungern eine neue fremde Gestalt auf. Aber als +Timofei die Stimme des Fremden gehört hatte, erschrak er und sprang vom +Ofen herab auf seine alten, schwankenden Beine. Jegor fing ihn auf, und +sie hielten sich in den Armen. Timofei weinte. Der junge Mensch fragte +in einem fort: 'Bist du schon lange krank, Vater?' Als sich der Alte ein +wenig beruhigt hatte, kroch er auf seinen Ofen zurück und erkundigte +sich in einem anderen strengen Ton: 'Und dein Weib?' Pause. Jegor +spuckte aus: 'Ich hab sie fortgejagt, weißt du, mit dem Kind.' Er +schwieg eine Weile. 'Da kommt einmal der Ossip zu mir; 'Ossip +Nikiphorowitsch?' sag ich. 'Ja,' antwortet er, 'ich bins. Dein Vater ist +krank, Jegor. Er kann nicht mehr singen. Es ist jetzt ganz still im +Dorfe, als ob es keine Seele mehr hätte, unser Dorf. Nichts klopft, +nichts rührt sich, es weint niemand mehr, und auch zum Lachen ist kein +rechter Grund.' Ich denke nach. Was ist da zu machen? Ich rufe also mein +Weib. 'Ustjënka' -- sag ich --, 'ich muß nach Hause, es singt sonst +keiner mehr dort, die Reihe ist an mir. Der Vater ist krank.' 'Gut,' +sagt Ustjënka. 'Aber ich kann dich nicht mitnehmen' -- so erklär ich +ihr, 'der Vater, weißt du, will dich nicht. Und auch zurückkommen werd +ich wahrscheinlich nicht zu dir, wenn ich erst einmal wieder dort bin +und singe.' Ustjënka versteht mich: 'Nun, Gott mit dir! Es sind jetzt +viele Pilger hier, da gibt es viel Almosen. Gott wird schon helfen, +Jegor.' Und so geh ich also fort. Und nun, Vater, sag mir alle deine +Lieder.' + +Es verbreitete sich das Gerücht, daß Jegor zurückgekehrt sei und daß der +alte Timofei wieder singe. Aber in diesem Herbst ging der Wind so heftig +durch das Dorf, daß niemand von den Vorübergehenden mit Sicherheit +ermitteln konnte, ob in Timofeis Hause wirklich gesungen werde oder +nicht. Und die Tür wurde keinem Pochenden geöffnet. Die beiden wollten +allein sein. Jegor saß am Rande des Ofens, auf welchem der Vater lag, +und kam mit dem Ohr bisweilen dem Munde des Alten entgegen; denn dieser +sang in der Tat. Seine alte Stimme trug, etwas gebückt und zitternd, +alle die schönsten Lieder zu Jegor hin, und dieser wiegte manchmal den +Kopf oder bewegte die herabhängenden Beine, ganz, als ob er schon selber +sänge. Das ging so viele Tage lang fort. Timofei fand immer noch ein +schöneres Lied in seiner Erinnerung; oft, nachts, weckte er den Sohn, +und indem er mit den welken, zuckenden Händen ungewisse Bewegungen +machte, sang er ein kleines Lied und noch eines und noch eines -- bis +der träge Morgen sich zu rühren begann. Bald nach dem schönsten starb +er. Er hatte sich in den letzten Tagen oft arg beklagt, daß er noch eine +Unmenge Lieder in sich trüge und nicht mehr Zeit habe, sie seinem Sohne +mitzuteilen. Er lag da mit gefurchter Stirne, in angestrengtem, +ängstlichem Nachdenken, und seine Lippen zitterten vor Erwartung. Von +Zeit zu Zeit setzte er sich auf, wiegte eine Weile den Kopf, bewegte den +Mund, und endlich kam irgendein leises Lied hinzu; aber jetzt sang er +meistens immer dieselben Strophen von Djuk Stepanowitsch, die er +besonders liebte, und sein Sohn mußte erstaunt sein und tun, als +vernähme er sie zum erstenmal, um ihn nicht zu erzürnen. + +Als der alte Timofei Iwanitsch gestorben war, blieb das Haus, welches +Jegor jetzt allein bewohnte, noch eine Zeitlang verschlossen. Dann, im +ersten Frühjahr, trat Jegor Timofejewitsch, der jetzt einen ziemlich +langen Bart hatte, aus seiner Tür, begann im Dorfe hin und her zu gehen +und zu singen. Später kam er auch in die benachbarten Dörfer, und die +Bauern erzählten sich schon, daß Jegor ein mindestens ebenso kundiger +Sänger geworden sei wie sein Vater Timofei; denn er wußte eine große +Anzahl ernster und heldenhafter Gesänge und alle jene Weisen, die +keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, anhören konnte, ohne zu +weinen. Dabei soll er noch so einen sanften und traurigen Ton gehabt +haben, wie man ihn noch von keinem Sänger vernommen hat. Und dieser Ton +fand sich immer, ganz unerwartet, im Kehrreim vor, wodurch er besonders +rührend wirkte. So habe ich wenigstens erzählen hören.« + +»Diesen Ton hat er also nicht von seinem Vater gelernt?« sagte mein +Freund Ewald nach einer Weile. »Nein,« erwiderte ich, »man weiß nicht, +woher der ihm kam.« Als ich vom Fenster schon fortgetreten war, machte +der Lahme noch eine Bewegung und rief mir nach: »Er hat vielleicht an +sein Weib und sein Kind gedacht. Übrigens, hat er sie nie kommen lassen, +da ja sein Vater nun tot war?« »Nein, ich glaube nicht. Wenigstens ist +er später allein gestorben.« + + + + +DAS LIED VON DER GERECHTIGKEIT + + +Als ich das nächste Mal an Ewalds Fenster vorüberkam, winkte er mir und +lächelte: »Haben Sie den Kindern etwas Bestimmtes versprochen?« »Wieso?« +staunte ich. »Nun, als ich ihnen die Geschichte von Jegor erzählt hatte, +beklagten sie sich, daß Gott in derselben nicht vorkäme.« Ich erschrak: +»Was, eine Geschichte ohne Gott, aber wie ist denn das möglich?« Dann +besann ich mich: »In der Tat, es ist wahr, von Gott sagt die Geschichte, +wie ich sie mir jetzt überdenke, nichts. Ich begreife nicht, wie das +geschehen konnte; hätte jemand von mir eine solche verlangt, ich glaube, +ich hätte mein ganzes Leben nachgedacht, ohne Erfolg ...« + +Mein Freund lächelte über diesen Eifer: »Sie müssen sich deshalb nicht +erregen,« unterbrach er mich mit einer gewissen Güte, »ich denke mir, +man kann ja nie wissen, ob Gott in einer Geschichte ist, ehe man sie +auch ganz beendet hat. Denn wenn auch nur noch zwei Worte fehlen +sollten, ja selbst, wenn nur noch die Pause hinter dem letzten Worte der +Erzählung aussteht: Er kann immer noch kommen.« Ich nickte, und der +Lahme sagte in anderem Ton: »Wissen Sie nicht noch etwas von diesen +russischen Sängern?« + +Ich zögerte: »Ja, wollen wir nicht lieber von Gott reden, Ewald?« Er +schüttelte den Kopf: »Ich wünsche mir so, mehr von diesen eigentümlichen +Männern zu vernehmen. Ich weiß nicht, wie es kommt, ich denke mir immer, +wenn so einer hier bei mir einträte --« und er wandte den Kopf ins +Zimmer nach der Türe zu. Aber seine Augen kehrten schnell und nicht ohne +Verlegenheit zu mir zurück -- »Doch das ist ja wohl nicht möglich,« +verbesserte er eilig. »Warum sollte das nicht möglich sein, Ewald? Ihnen +kann manches begegnen, was den Menschen, die ihre Beine brauchen können, +verwehrt bleibt, weil sie an so vielem vorübergehen und vor so manchem +davonlaufen. Gott hat Sie, Ewald, dazu bestimmt, ein ruhiger Punkt zu +sein mitten in aller Hast. Fühlen Sie nicht, wie alles sich um Sie +bewegt? Die anderen jagen den Tagen nach, und wenn sie mal einen +erreicht haben, sind sie so atemlos, daß sie gar nicht mit ihm sprechen +können. Sie aber, mein Freund, sitzen einfach an Ihrem Fenster und +warten; und den Wartenden geschieht immer etwas. Sie haben ein ganz +besonderes Los. Denken Sie, sogar die Iberische Madonna in Moskau muß +aus ihrem Kapellchen heraus und fährt in einem schwarzen Wagen mit vier +Pferden zu denen, die irgend etwas feiern, sei es die Taufe oder den +Tod. Zu Ihnen aber muß alles kommen --« + +»Ja,« sagte Ewald mit einem fremden Lächeln, »ich kann sogar dem Tod +nicht entgegengehen. Viele Menschen finden ihn unterwegs. Er scheut +sich, ihre Häuser zu betreten, und ruft sie hinaus in die Fremde, in den +Krieg, auf einen steilen Turm, auf eine schwankende Brücke, in eine +Wildnis oder in den Wahnsinn. Die meisten holen ihn wenigstens draußen +irgendwo ab und tragen ihn dann auf ihren Schultern nach Hause, ohne es +zu merken. Denn der Tod ist träge; wenn die Menschen ihn nicht +fortwährend stören würden, wer weiß, er schliefe vielleicht ein.« Der +Kranke dachte eine Weile nach und fuhr dann mit einem gewissen Stolz +fort: »Aber zu mir wird er kommen müssen, wenn er mich will. Hier in +meine kleine helle Stube, in der die Blumen sich so lange halten, über +diesen alten Teppich, an diesem Schrank vorbei, zwischen Tisch und +Bettende durch (es ist gar nicht leicht, vorüberzukommen) bis her an +meinen breiten, lieben, alten Stuhl, der dann wahrscheinlich mit mir +sterben wird, weil er sozusagen mit mir gelebt hat. Und er wird dies +alles tun müssen in der üblichen Art, ohne Lärm, ohne etwas umzuwerfen, +ohne etwas Ungewöhnliches zu beginnen, wie ein Besuch. Dieser Umstand +bringt mir meine Stube merkwürdig nah. Es wird sich alles hier abspielen +auf dieser engen Szene, und darum wird auch dieser letzte Vorgang sich +nicht sehr von allen anderen Ereignissen unterscheiden, welche sich hier +begeben haben und noch bevorstehen. Es hat mir immer schon als Kind +seltsam geschienen, daß die Menschen vom Tode anders sprechen als von +allen anderen Begebenheiten, und das nur deshalb, weil jeder von dem, +was ihm nachher geschieht, nichts mehr verrät. Wodurch aber +unterscheidet sich denn ein Toter von einem Menschen, welcher ernst +wird, auf die Zeit verzichtet und sich einschließt, um über etwas ruhig +nachzudenken, dessen Lösung ihn lange schon quält? Unter den Leuten kann +man sich doch nicht einmal des Vaterunsers erinnern, wie denn erst +irgendeines anderen dunkleren Zusammenhanges, der vielleicht nicht in +Worten, sondern in Ereignissen besteht. Man muß abseits gehen in +irgendeine unzugängliche Stille, und vielleicht sind die Toten solche, +die sich zurückgezogen haben, um über das Leben nachzudenken.« + +Es entstand eine kleine Schweigsamkeit, die ich mit folgenden Worten +begrenzte: »Ich muß dabei an ein junges Mädchen denken. Man kann sagen, +daß sie in den ersten siebzehn Jahren ihres heiteren Lebens nur geschaut +hat. Ihre Augen waren so groß und so selbständig, daß sie alles, was sie +empfingen, selbst verbrauchten, und das Leben in dem ganzen Körper des +jungen Geschöpfes ging, unabhängig davon, von schlichten, inneren +Geräuschen genährt, vor sich. Am Ende dieser Zeit aber störte irgendein +zu heftiges Ereignis dieses doppelte, kaum sich berührende Leben, die +Augen brachen gleichsam nach innen durch, und die ganze Schwere des +Äußeren fiel durch sie in das dunkle Herz hinein, und jeder Tag stürzte +mit solcher Wucht in die tiefen, steilen Blicke, daß er in der engen +Brust zersprang wie ein Glas. Da wurde das junge Mädchen blaß, begann zu +kränkeln, einsam zu werden, nachzudenken, und endlich suchte es selbst +jene Stille auf, darin die Gedanken wahrscheinlich nicht mehr gestört +werden.« + +»Wie ist sie gestorben?« fragte mein Freund leise, mit etwas heiserer +Stimme. »Sie ist ertrunken. In einem tiefen, stillen Teich, und an der +Oberfläche desselben entstanden viele Ringe, die langsam weit wurden und +unter den weißen Wasserrosen hin wuchsen, so daß alle diese badenden +Blüten sich bewegten.« + +»Ist das auch eine Geschichte?« sagte Ewald, um die Stille hinter meinen +Worten nicht mächtig werden zu lassen. »Nein,« entgegnete ich, »das ist +ein Gefühl.« »Aber könnte man es nicht auch den Kindern übermitteln -- +dieses Gefühl?« Ich überlegte. »Vielleicht --« »Und wodurch?« »Durch +eine andere Geschichte.« Und ich erzählte: + +»Es war zur Zeit, als man im südlichen Rußland um die Freiheit kämpfte.« + +»Verzeihen Sie,« sagte Ewald, »wie ist das zu verstehen -- wollte sich +das Volk etwa vom Zaren losmachen? Das würde nicht zu dem passen, was +ich mir von Rußland denke, und auch mit Ihren früheren Erzählungen in +Widerspruch stehen. In diesem Falle würde ich vorziehen, Ihre Geschichte +nicht zu hören. Denn ich liebe das Bild, welches ich mir von den Dingen +dort gemacht habe, und will es unbeschädigt behalten.« + +Ich mußte lächeln und beruhigte ihn: »Die polnischen Pans (ich hätte das +vorausschicken müssen) waren Herren im südlichen Rußland und in jenen +stillen, einsamen Steppen, welche man mit dem Namen Ukraine bezeichnet. +Sie waren harte Herren. Ihre Bedrückung und die Habgier der Juden, +welche sogar den Kirchenschlüssel in Händen hatten, den sie nur gegen +Bezahlung den Rechtgläubigen auslieferten, hatte das jugendliche Volk um +Kiew herum und den ganzen Dnjepr aufwärts müde und nachdenklich gemacht. +Die Stadt selbst, Kiew, das heilige, der Ort, wo Rußland zuerst mit +vierhundert Kirchenkuppeln von sich erzählte, versank immer mehr in sich +selbst und verzehrte sich in Bränden wie in plötzlichen, irren Gedanken, +hinter denen die Nacht nur immer uferloser wird. Das Volk in der Steppe +wußte nicht recht, was geschah. Aber von seltsamer Unruhe erfaßt, traten +die Greise nachts aus den Hütten und betrachteten schweigend den hohen, +ewig windlosen Himmel, und am Tage konnte man Gestalten auf dem Rücken +der Kurgane auftauchen sehen, die sich wartend vor der flachen Ferne +erhoben. Diese Kurgane sind Grabstätten vergangener Geschlechter, die +die ganze Heide wie ein erstarrter, schlafender Wellenschlag +durchziehen. Und in diesem Land, in welchem die Gräber die Berge sind, +sind die Menschen die Abgründe. Tief, dunkel, schweigsam ist die +Bevölkerung, und ihre Worte sind nur schwache, schwankende Brücken über +ihrem wirklichen Sein. -- Manchmal heben sich dunkle Vögel von den +Kurganen. Manchmal stürzen wilde Lieder in die dämmernden Menschen +hinein und verschwinden in ihnen tief, während die Vögel im Himmel +verloren gehen. Nach allen Richtungen hin scheint alles grenzenlos. Die +Häuser selbst können nicht beschützen vor dieser Unermeßlichkeit; ihre +kleinen Fenster sind voll davon. Nur in den dunkelnden Ecken der Stuben +stehen die alten Ikone, wie Meilensteine Gottes, und der Glanz von einem +kleinen Licht geht durch ihre Rahmen, wie ein verirrtes Kind durch die +Sternennacht. Diese Ikone sind der einzige Halt, das einzige +zuverlässige Zeichen am Wege, und kein Haus kann ohne sie bestehen. +Immer wieder werden welche notwendig; wenn eines zerbricht vor Alter und +Wurm, wenn jemand heiratet und sich eine Hütte zimmert, oder wenn einer, +wie zum Beispiel der alte Abraham, stirbt mit dem Wunsch, den heiligen +Nikolaus, den Wundertäter, in den gefalteten Händen mitzunehmen, +wahrscheinlich, um die Heiligen im Himmel mit diesem Bilde zu +vergleichen und den besonders Verehrten vor allen anderen zu erkennen. + +So kommt es, daß Peter Akimowitsch, eigentlich Schuster von Beruf, auch +Ikone malt. Wenn er von der einen Arbeit müde ist, geht er, nachdem er +sich dreimal bekreuzt hat, zu der anderen über, und über seinem Nähen +und Hämmern wie über seinem Malen waltet die gleiche Frömmigkeit. Jetzt +ist er schon ein alter Mann, aber doch ziemlich rüstig. Den Rücken, den +er über die Stiefel biegt, richtet er vor den Bildern wieder gerade, und +so hat er sich eine gute Haltung bewahrt und ein gewisses Gleichgewicht +in den Schultern und im Kreuz. Den größten Teil seines Lebens hat er +ganz allein verbracht, sich gar nicht hineinmischend in die Unruhe, die +dadurch entstand, daß sein Weib Akulina ihm Kinder gebar und daß diese +verstarben oder sich verheirateten. Erst in seinem siebzigsten Jahre +hatte Peter sich mit denen in Verbindung gesetzt, die in seinem Hause +verblieben waren und die er nun erst als wirklich vorhanden betrachtete. +Das waren: Akulina, sein Weib, eine stille, demütige Person, die sich +fast ganz in den Kindern fortgegeben hatte, eine alternde, häßliche +Tochter und Aljoscha, ein Sohn, welcher, unverhältnismäßig spät geboren, +erst siebzehn Jahre zählte. Diesen wollte Peter für die Malerei +heranbilden; denn er sah ein, daß er bald nicht allen Bestellungen würde +entsprechen können. Aber er gab den Unterricht bald auf. Aljoscha hatte +die allerheiligste Jungfrau gemalt, aber das strenge und richtige +Vorbild so wenig erreicht, daß sein Machwerk aussah wie ein Bild der +Mariana, der Tochter des Kosaken Golokopytenko, also wie etwas durchaus +Sündiges, und der alte Peter beeilte sich, nachdem er sich oft bekreuzt +hatte, das beleidigte Brett mit einem heiligen Dmitrij zu übermalen, +welchen er aus einem unbekannten Grunde über alle anderen Heiligen +stellte. + +Aljoscha versuchte auch nie mehr ein Bild zu beginnen. Wenn ihm der +Vater nicht befahl, einen Nimbus zu vergolden, war er meistens draußen +in der Steppe, kein Mensch wußte wo. Niemand hielt ihn zu Hause. Die +Mutter wunderte sich über ihn und hatte eine Scheu, mit ihm zu reden, +als ob er ein Fremder wäre oder ein Beamter. Die Schwester hatte ihn +geschlagen, solang er ein Kind war, und jetzt, seit Aljoscha erwachsen +war, begann sie ihn zu verachten, dafür, daß er sie nicht schlug. Aber +auch im Dorfe war niemand, der sich um den Burschen kümmerte. Mariana, +die Kosakentochter, hatte ihn ausgelacht, als er ihr erklärte, er wolle +sie heiraten, und die anderen Mädchen hatte Aljoscha nicht danach +gefragt, ob sie ihn als Bräutigam annehmen möchten. In die Ssetsch, zu +den Zaporogern, hatte ihn keiner mitnehmen wollen, weil er allen zu +schwächlich schien und vielleicht auch noch etwas zu jung. Einmal war er +schon davongelaufen bis zum nächsten Kloster, aber die Mönche nahmen ihn +nicht auf -- und so blieb nur die Heide für ihn, die weite, wogende +Heide. Ein Jäger hatte ihm einmal ein altes Gewehr geschenkt, das weiß +Gott womit geladen war. Das schleppte Aljoscha immer mit, schoß es aber +niemals ab, erstens, weil er den Schuß sparen wollte, und dann, weil er +nicht wußte wofür. An einem lauen, stillen Abend, zu Anfang des Sommers, +saßen alle beisammen an dem groben Tisch, auf welchem eine Schüssel mit +Grütze stand. Peter aß, und die anderen schauten ihm zu und warteten auf +das, was er übriglassen würde. Plötzlich ließ der Alte den Löffel in der +Luft stehen und streckte den breiten welken Kopf in den Lichtstreifen, +der von der Tür kam und quer über den Tisch in die Dämmerung lief. Alle +horchten. Es war außen an den Wänden der Hütte ein Geräusch, wie wenn +ein Nachtvogel mit seinen Flügeln sachte die Balken streifte; aber die +Sonne war kaum untergegangen, und die nächtlichen Vögel kamen ja +überhaupt selten bis ins Dorf. Und da war es wieder, als tappe irgendein +anderes großes Tier ums Haus und als wäre von allen Wänden zugleich sein +suchender Schritt vernehmbar. Aljoscha erhob sich leise von seiner Bank, +in demselben Augenblick verdunkelte sich die Tür von etwas Hohem, +Schwarzem; es verdrängte den ganzen Abend, brachte Nacht in die Hütte +und bewegte sich in seiner Größe nur unsicher vorwärts. 'Der Ostap!' +sagte die Häßliche mit ihrer bösen Stimme. Und jetzt erkannten ihn alle. +Es war einer von den blinden Kobzars, ein Greis, der mit einer +zwölfsaitigen Bandura durch die Dörfer ging und von dem großen Ruhm der +Kosaken, von ihrer Tapferkeit und Treue, von ihren Hetmans Kirdjaga, +Kukubenko, Bulba und anderen Helden sang, so daß alle es gerne hörten. +Ostap verneigte sich dreimal tief in der Richtung, in der er das +Heiligenbild vermutete (und es war die Znamenskaja, zu der er sich so, +unbewußt, wandte), setzte sich dann an den Ofen und fragte mit leiser +Stimme: 'Bei wem bin ich eigentlich?' 'Bei uns, Väterchen, bei Peter +Akimowitsch, dem Schuster,' erwiderte Peter freundlich. Er war ein +Freund des Gesanges und freute sich dieses unerwarteten Besuches. 'Ah, +bei Peter Akimowitsch, dem, der die Bilder malt,' sagte der Blinde, um +auch eine Freundlichkeit zu erweisen. Dann wurde es still. In den langen +sechs Saiten der Bandura begann ein Klang, wuchs und kam kurz und +gleichsam erschöpft von den sechs kurzen Saiten zurück, und diese +Wirkung wiederholte sich in immer rascheren Takten, so daß man endlich +die Augen schließen mußte, in Angst, den Ton von der in rasendem Lauf +erstiegenen Melodie irgendwo hinabstürzen zu sehen; da brach das Lied ab +und gab der schönen, schweren Stimme des Kobzars Raum, welche bald das +ganze Haus erfüllte und auch aus den benachbarten Hütten die Leute rief, +die sich vor der Türe und unter den Fenstern versammelten. Aber nicht +von Helden ging diesmal das Lied. Schon ganz sicher schien Bulbas und +Ostranitzas und Naliwaikos Ruhm. Für alle Zeiten fest schien die Treue +der Kosaken. Nicht von ihren Taten ging heute das Lied. Tiefer zu +schlafen schien in allen, welche es vernahmen, der Tanz; denn keiner +rührte die Beine oder hob die Hände empor. Wie Ostaps Kopf, so waren +auch die anderen Köpfe gesenkt und wurden schwer von dem traurigen Lied: + +»Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt. Die Gerechtigkeit, wer +kann sie finden? Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt; denn alle +Gerechtigkeit ist den Gesetzen der Ungerechtigkeit unterstellt. + +»Heut ist die Gerechtigkeit elend in Fesseln. Und das Unrecht lacht über +sie, wir sahns, und sitzt mit den Pans in den goldenen Sesseln und sitzt +in dem goldenen Saal mit den Pans. + +»Die Gerechtigkeit liegt an der Schwelle und fleht; bei den Pans ist das +Unrecht, das Schlechte, zu Gast, und sie laden es lachend in ihren +Palast, und sie schenken dem Unrecht den Becher voll Met. + +»O, Gerechtigkeit, Mütterchen, Mütterchen mein, mit dem Fittich, der +jenem des Adlers gleicht, es kommt vielleicht noch ein Mann, der +gerecht, der gerecht sein will, dann helfe ihm Gott, Er vermag es +allein, und macht dem Gerechten die Tage leicht.« + +Und die Köpfe hoben sich nur mühsam, und auf allen Stirnen stand +Schweigsamkeit; das erkannten auch die, welche reden wollten. Und nach +einer kleinen, ernsten Stille begann wieder das Spiel auf der Bandura, +diesmal schon besser verstanden von der immer wachsenden Menge. Dreimal +sang Ostap sein Lied von der Gerechtigkeit. Und es war jedesmal ein +anderes. War es zum erstenmal Klage, so erschien es bei der Wiederholung +Vorwurf, und endlich, da der Kobzar es zum drittenmal mit hocherhobener +Stirne wie eine Kette kurzer Befehle rief, da brach ein wilder Zorn aus +den zitternden Worten und erfaßte alle und riß sie hin in eine breite +und zugleich bange Begeisterung. + +'Wo sammeln sich die Männer?' fragte ein junger Bauer, als der Sänger +sich erhob. Der Alte, der von allen Bewegungen der Kosaken unterrichtet +war, nannte einen nahen Ort. Schnell zerstreuten sich die Männer, man +hörte kurze Rufe, Waffen rührten sich, und vor den Türen weinten die +Weiber. Eine Stunde später zog ein Trupp Bauern, bewaffnet, aus dem +Dorfe gegen Tschernigof zu. Peter hatte dem Kobzar ein Glas Most +angeboten in der Hoffnung, mehr von ihm zu erfahren. Der Alte saß, +trank, gab aber nur kurze Antworten auf die vielen Fragen des Schusters. +Dann dankte er und ging. Aljoscha führte den Blinden über die Schwelle. +Als sie draußen waren in der Nacht und allein, bat Aljoscha: 'Und dürfen +alle mitgehen in den Krieg?' 'Alle,' sagte der Alte und verschwand +rascher ausschreitend, als ob er sehend würde in der Nacht. + +Als alle schliefen, erhob sich Aljoscha vom Ofen, wo er in den Kleidern +gelegen hatte, nahm sein Gewehr und ging hinaus. Draußen fühlte er sich +mit einem Male umarmt und sanft aufs Haar geküßt. Gleich darauf erkannte +er im Mondlicht Akulina, die eilig und trippelnd auf das Haus zulief. +'Mutter?!' staunte er, und es wurde ihm ganz eigentümlich zumut. Er +zögerte eine Weile. Eine Tür ging irgendwo, und ein Hund heulte in der +Nähe. Da warf Aljoscha sein Gewehr über die Schulter und schritt stark +aus, denn er gedachte die Männer noch vor Morgen einzuholen. Im Hause +aber taten alle, als ob sie Aljoschas Fehlen nicht bemerkten. Nur als +sie sich wieder zu Tische setzten und Peter den leeren Platz gewahrte, +stand er noch einmal auf, ging in die Ecke und zündete eine Kerze an vor +der Znamenskaja. Eine ganz dünne Kerze. Die Häßliche zuckte mit den +Achseln. + +Indessen ging Ostap, der blinde Greis, schon durch das nächste Dorf und +begann traurig und mit sanfter klagender Stimme den Gesang von der +Gerechtigkeit.« + +Der Lahme wartete noch eine Weile. Dann sah er mich erstaunt an: »Nun, +weshalb schließen Sie nicht? Es ist doch wie in der Geschichte vom +Verrat. Dieser Alte war Gott.« + +»O, und ich habe es nicht gewußt,« sagte ich erschauernd. + + + + +EINE SZENE AUS DEM GHETTO VON VENEDIG + + +Herr Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann, Ehrenoberster der freiwilligen +Feuerwehr und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz zu sagen: Herr +Baum muß eines meiner Gespräche mit Ewald belauscht haben. Es ist kein +Wunder; ihm gehört das Haus, darin mein Freund zu ebener Erde wohnt. +Herr Baum und ich, wir kennen uns längst vom Sehen. Neulich aber bleibt +der Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig den Hut, so daß ein kleiner +Vogel hätte ausfliegen können, im Falle einer drunter gefangen gewesen +wäre. Er lächelt höflich und eröffnet unsere Bekanntschaft: »Sie reisen +manchmal?« »O ja --,« erwiderte ich, etwas zerstreut, »das kann wohl +sein.« Nun fuhr er vertraulich fort: »Ich glaube, wir sind die beiden +einzigen hier, die in Italien waren.« »So --,« ich bemühte mich etwas +aufmerksamer zu sein --, »ja, dann ist es allerdings dringend notwendig, +daß wir miteinander reden.« + +Herr Baum lachte. »Ja, Italien -- das ist doch noch etwas. Ich erzähle +immer meinen Kindern -- zum Beispiel nehmen Sie Venedig!« Ich blieb +stehen: »Sie erinnern sich noch Venedigs?« »Aber, ich bitte Sie,« +stöhnte er, denn er war etwas zu dick, um sich mühelos zu entrüsten, -- +»wie sollte ich nicht -- wer das einmal gesehen hat -- diese Piazzetta +-- nicht wahr?« »Ja,« entgegnete ich, »ich erinnere mich besonders gern +der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen Hingleitens am Rande +von Vergangenheiten.« »Der Palazzo Franchetti,« fiel ihm ein. »Die Cà +Doro,« -- gab ich zurück. »Der Fischmarkt --« »Der Palazzo Vendramin --« +»Wo Richard Wagner« -- fügte er rasch, als ein gebildeter Deutscher +hinzu. Ich nickte: »Den Ponte, wissen Sie?« Er lächelte mit +Orientierung: »Selbstverständlich, und das Museum, die Akademie nicht zu +vergessen, wo ein Tizian ...« + +So hat sich Herr Baum einer Art Prüfung unterzogen, die etwas +anstrengend war. Ich nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu +entschädigen. Und begann ohne weiteres: + +»Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfährt, an dem Fondaco de' +Turchi und an dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt: 'Rechts!' +so sieht er etwas erstaunt aus und fragt wohl gar 'Dove?' Aber man +besteht darauf, nach rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen +schmutzigen Kanäle aus, handelt mit ihm, schimpft und geht durch +gedrängte Gassen und schwarze verqualmte Torgänge auf einen leeren +freien Platz hinaus. Alles das einfach aus dem Grunde, weil dort meine +Geschichte handelt.« Herr Baum berührte mich sanft am Arm: »Verzeihen +Sie, welche Geschichte?« Seine kleinen Augen gingen etwas beängstigt hin +und her. + +Ich beruhigte ihn: »Irgendeine, verehrter Herr, keine irgendwie +nennenswerte. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wann sie geschah. +Vielleicht unter dem Dogen Alvise Moncenigo IV., aber es kann auch etwas +früher oder später gewesen sein. Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie +solche gesehen haben sollten, sind wie auf purpurnem Samt gemalt, +überall bricht etwas Warmes, gleichsam Waldiges durch, und um die +gedämpften Lichter darin drängen sich horchende Schatten. Giorgione hat +auf mattem, alterndem Gold, Tizian auf schwarzem Atlas gemalt, aber in +der Zeit, von der ich rede, liebte man lichte Bilder, auf einen Grund +von weißer Seide gesetzt, und der Name, mit dem man spielte, den schöne +Lippen in die Sonne warfen und den reizende Ohren auffingen, wenn er +zitternd niederfiel, dieser Name ist Gian Battista Tiepolo. + +Aber das alles kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es geht nur das +wirkliche Venedig an, die Stadt der Paläste, der Abenteuer, der Masken +und der blassen Lagunennächte, die wie keine anderen Nächte sonst den +Ton von heimlichen Romanzen tragen. -- In dem Stück Venedig, von dem ich +erzähle, sind nur arme tägliche Geräusche, die Tage gehen gleichförmig +darüber hin, als ob es nur ein einziger wäre, und die Gesänge, die man +dort vernimmt, sind wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie ein +wallender Qualm über den Gassen lagern. Sobald es dämmert, treibt sich +viel scheues Gesindel dort herum, unzählige Kinder haben ihre Heimat auf +den Plätzen und in den engen kalten Haustüren und spielen mit Scherben +und Abfällen von buntem Glasfluß, demselben, aus dem die Meister die +ernsten Mosaiken von San Marco fügten. Ein Adeliger kommt selten in das +Ghetto. Höchstens zur Zeit, wenn die Judenmädchen zum Brunnen kommen, +kann man manchmal eine Gestalt, schwarz, im Mantel und mit Maske +bemerken. Gewisse Leute wissen aus Erfahrung, daß diese Gestalt einen +Dolch in den Falten verborgen trägt. Jemand will einmal im Mondlicht das +Gesicht des Jünglings gesehen haben, und es wird seither behauptet, +dieser schwarze schlanke Gast sei Marcantonio Priuli, Sohn des +Proveditore Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli. Man weiß, +er wartet unter dem Torweg des Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn +es einsam wird, quer über den Platz und tritt bei dem alten Melchisedech +ein, dem reichen Goldschmied, der viele Söhne und sieben Töchter und von +den Söhnen und Töchtern viele Enkel hat. Die jüngste Enkelin, Esther, +erwartet ihn, an den greisen Großvater geschmiegt, in einem niederen, +dunklen Gemach, in welchem vieles glänzt und glüht, und Seide und Samt +hängt sanft über den Gefäßen, wie um ihre vollen, goldenen Flammen zu +stillen. Hier sitzt Marcantonio auf einem silbergestickten Kissen, dem +greisen Juden zu Füßen und erzählt von Venedig, wie von einem Märchen, +das es nirgendwo jemals ganz so gegeben hat. Er erzählt von den +Schauspielen, von den Schlachten des venezianischen Heeres, von fremden +Gästen, von Bildern und Bildsäulen, von der »Sensa« am Himmelfahrtstage, +von dem Karneval und von der Schönheit seiner Mutter Catharina Minelli. +Alles das ist für ihn von ähnlichem Sinn, verschiedene Ausdrücke für +Macht und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist alles fremd; denn die +Juden sind streng ausgeschlossen von jedem Verkehr, und auch der reiche +Melchisedech betritt niemals das Gebiet des Großen Rates, obwohl er als +Goldschmied und weil er allgemeine Achtung genoß, es hätte wagen dürfen. +In seinem langen Leben hat der Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn +alle wie einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom Rate verschafft, +aber er hatte auch immer wieder den Rückschlag erlebt. Sooft ein Unheil +über den Staat hereinbrach, rächte man sich an den Juden; die Venezianer +selbst waren von viel zu verwandtem Geiste, als daß sie, wie andere +Völker, die Juden für den Handel gebraucht hätten, sie quälten sie mit +Abgaben, beraubten sie ihrer Güter und beschränkten immer mehr das +Gebiet des Ghetto, so daß die Familien, die sich mitten in aller Not +fruchtbar vermehrten, gezwungen waren, ihre Häuser aufwärts, eines auf +das Dach des anderen zu bauen. Und ihre Stadt, die nicht am Meere lag, +wuchs so langsam in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer, und um +den Platz mit dem Brunnen erhoben sich auf allen Seiten die steilen +Gebäude wie die Wände irgendeines Riesenturms. + +Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit des hohen Alters, hatte +seinen Mitbürgern, Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag +gemacht. Er wollte immer das jeweilig höchste dieser winzigen Häuser, +die sich in zahllosen Stockwerken übereinanderschoben, bewohnen. Man +erfüllte ihm diesen seltsamen Wunsch gerne, denn man traute ohnehin +nicht mehr der Tragkraft der unteren Mauern und setzte oben so leichte +Steine auf, daß der Wind die Wände gar nicht zu bemerken schien. So +siedelte der Greis zwei- bis dreimal im Jahre um und Esther, die ihn +nicht verlassen wollte, immer mit ihm. Schließlich waren sie so hoch, +daß, wenn sie aus der Enge ihres Gemachs auf das flache Dach traten, in +der Höhe ihrer Stirnen schon ein anderes Land begann, von dessen +Gebräuchen der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, sprach. Es war +jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; durch viele fremde Leben hindurch, über +steile und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern vorüber und über +die Überfälle hungernder Kinder hinaus ging der Weg, und seine vielen +Hindernisse beschränkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio kam nicht mehr +zu Besuch, und Esther vermißte ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden, +da sie mit ihm allein gewesen war, so groß und lange angeschaut, daß ihr +schien, er wäre damals tief in ihre dunklen Augen gestürzt und +gestorben, und jetzt begönne in ihr selbst sein neues, ewiges Leben, an +das er als Christ doch geglaubt hatte. Mit diesem neuen Gefühl in ihrem +jungen Leib stand sie tagelang auf dem Dache und suchte das Meer. Aber +so hoch die Behausung auch war, man erkannte zuerst nur den Giebel des +Palazzo Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer Kirche, eine fernere +Kuppel, wie frierend im Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken, +Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden Himmels. + +Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl ihm das Steigen schon +schwer fiel, allen Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man hatte eine +neue Hütte, hoch über allen, gebaut. Als er nach so langer Zeit wieder +über den Platz ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele um ihn +und neigten sich über seine tastenden Hände und baten ihn um seinen Rat +in vielen Dingen; denn er war ihnen wie ein Toter, der aus seinem Grabe +steigt, weil irgendeine Zeit sich erfüllt hat. Und so schien es auch. +Die Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein Aufstand sei, der Adel sei +in Gefahr, und über ein kurzes würden die Grenzen des Ghetto fallen, und +alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen. Der Alte antwortete +nichts und nickte nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und noch +vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak Rosso, auf dessen Gipfel +seine neue Wohnung lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf. Oben +bekam Esther ein blondes, zartes Kind. Nachdem sie sich erholt hatte, +trug sie es auf den Armen hinaus auf das Dach und legte zum erstenmal +den ganzen goldenen Himmel in seine offenen Augen. Es war ein +Herbstmorgen von unbeschreiblicher Klarheit. Die Dinge dunkelten, fast +ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter ließen sich, wie auf große +Blumen, auf sie nieder, ruhten eine Weile und schwebten dann über die +goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. Und dort, wo sie +verschwanden, erblickte man von dieser höchsten Stelle, was noch keiner +vom Ghetto aus je gesehen hatte --, ein stilles, silbernes Licht: das +Meer. Und erst jetzt, da Esthers Augen sich an die Herrlichkeit gewöhnt +hatten, bemerkte sie am Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. Er +erhob sich mit ausgebreiteten Armen und zwang seine matten Augen, in den +Tag zu schauen, der sich langsam entfaltete. Seine Arme blieben hoch, +seine Stirne trug einen strahlenden Gedanken; es war, als ob er opferte. +Dann ließ er sich immer wieder vornüberfallen und preßte den alten Kopf +an die schlechten kantigen Steine. Das Volk aber stand unten auf dem +Platze versammelt und blickte herauf. Einzelne Gebärden und Worte +erhoben sich aus der Menge, aber sie reichten nicht bis zu dem einsam +betenden Greise. Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten wie in +den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, sich stolz zu erheben und aufs neue +in Demut zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die Menge unten wuchs +und ließ ihn nicht aus den Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den +Ewigen, in seiner Glorie?« + +Herr Baum bemühte sich, recht schnell etwas zu bemerken. Es gelang ihm +nicht gleich. »Das Meer wahrscheinlich,« -- sagte er dann trocken, »es +ist ja auch ein Eindruck« -- wodurch er sich besonders aufgeklärt und +verständig erwies. + +Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte mich doch nicht +enthalten, ihm nachzurufen: »Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren +Kindern zu erzählen.« Er besann sich: »Den Kindern? Wissen Sie, da ist +dieser junge Adlige, dieser Antonio, oder wie er heißt, ein ganz und gar +nicht schöner Charakter und dann: das Kind, dieses Kind! Das dürfte doch +-- für Kinder --« »O,« beruhigte ich ihn, »Sie haben vergessen, +verehrter Herr, daß die Kinder von Gott kommen! Wie sollten die Kinder +zweifeln, daß Esther eines bekam, da sie doch so nahe am Himmel wohnt!« + +Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen, und wenn man sie +fragt, wie sie darüber denken, was der alte Jude Melchisedech wohl +erblickt haben mag in seiner Verzückung, so sagen sie ohne nachzusinnen: +»O, das Meer auch.« + + + + +VON EINEM, DER DIE STEINE BELAUSCHT + + +Ich bin schon wieder bei meinem lahmen Freunde. Er lächelt in seiner +eigentümlichen Art: »Und von Italien haben Sie mir noch nie erzählt.« +»Das soll heißen, ich möge es so bald als möglich nachholen?« + +Ewald nickt und schließt schon die Augen, um zuzuhören. Ich fange also +an. »Was wir Frühling fühlen, sieht Gott als ein flüchtiges, kleines +Lächeln über die Erde gehen. Sie scheint sich an etwas zu erinnern, im +Sommer erzählt sie allen davon, bis sie weiser wird in der großen, +herbstlichen Schweigsamkeit, mit welcher sie sich Einsamen vertraut. +Alle Frühlinge, welche Sie und ich erlebt haben, zusammengenommen, +reichen noch nicht aus, eine Sekunde Gottes zu füllen. Der Frühling, den +Gott bemerken soll, darf nicht in Bäumen und auf Wiesen bleiben, er muß +irgendwie in den Menschen mächtig werden, denn dann geht er sozusagen +nicht in der Zeit, vielmehr in der Ewigkeit vor sich und in Gegenwart +Gottes. + +Als dieses einmal geschah, mußten Gottes Blicke in ihren dunkeln +Schwingen über Italien hängen. Das Land unten war hell, die Zeit glänzte +wie Gold, aber quer darüber, wie ein dunkler Weg, lag der Schatten eines +breiten Mannes, schwer und schwarz, und weit davor der Schatten seiner +schaffenden Hände, unruhig, zuckend, bald über Pisa, bald über Neapel, +bald zerfließend auf der ungewissen Bewegung des Meeres. Gott konnte +seine Augen nicht abwenden von diesen Händen, die ihm zuerst gefaltet +schienen, wie betende, -- aber das Gebet, welches ihnen entquoll, +drängte sie weit auseinander. Es wurde eine Stille in den Himmeln. Alle +Heiligen folgten den Blicken Gottes und betrachteten wie er den +Schatten, der halb Italien verhüllte, und die Hymnen der Engel blieben +auf ihren Gesichtern stehen, und die Sterne zitterten, denn sie +fürchteten, irgend etwas verschuldet zu haben, und warteten demütig auf +Gottes zorniges Wort. Aber nichts dergleichen geschah. Die Himmel hatten +sich in ihrer ganzen Breite über Italien aufgetan, so daß Raffael in Rom +auf den Knien lag, und der selige Fra Angelico von Fiesole stand in +einer Wolke und freute sich über ihn. Viele Gebete waren zu dieser +Stunde von der Erde unterwegs. Gott aber erkannte nur eines: die Kraft +Michelangelos stieg wie Duft von Weinbergen zu ihm empor. Und er +duldete, daß sie seine Gedanken erfüllte. Er neigte sich tiefer, fand +den schaffenden Mann, sah über seine Schultern fort auf die am Steine +horchenden Hände und erschrak: sollten in den Steinen auch Seelen sein? +Warum belauschte dieser Mann die Steine? Und nun erwachten ihm die Hände +und wühlten den Stein auf wie ein Grab, darin eine schwache, sterbende +Stimme flackert: 'Michelangelo,' rief Gott in Bangigkeit, 'wer ist im +Stein?' Michelangelo horchte auf; seine Hände zitterten. Dann antwortete +er dumpf: 'Du, mein Gott, wer denn sonst. Aber ich kann nicht zu dir.' +Und da fühlte Gott, daß er auch im Steine sei, und es wurde ihm +ängstlich und enge. Der ganze Himmel war nur ein Stein, und er war +mitten drin eingeschlossen und hoffte auf die Hände Michelangelos, die +ihn befreien würden, und er hörte sie kommen, aber noch weit. Der +Meister aber war wieder über dem Werke. Er dachte beständig: du bist nur +ein kleiner Block, und ein anderer könnte in dir kaum einen Menschen +finden. Ich aber fühle hier eine Schulter: es ist die des Josef von +Arimathäa, hier neigt sich Maria, ich spüre ihre zitternden Hände, +welche Jesum, unseren Herrn, halten, der eben am Kreuze verstarb. Wenn +in diesem kleinen Marmor diese drei Raum haben, wie sollte ich nicht +einmal ein schlafendes Geschlecht aus einem Felsen heben? Und mit +breiten Hieben machte er die drei Gestalten der Pietà frei, aber er +löste nicht ganz die steinernen Schleier von ihren Gesichtern, als +fürchtete er, ihre tiefe Traurigkeit könnte sich lähmend über seine +Hände legen. So flüchtete er zu einem anderen Steine. Aber jedesmal +verzagte er, einer Stirne ihre volle Klarheit, einer Schulter ihre +reinste Rundung zu geben, und wenn er ein Weib bildete, so legte er +nicht das letzte Lächeln um ihren Mund, damit ihre Schönheit nicht ganz +verraten sei. + +Zu dieser Zeit entwarf er das Grabdenkmal für Julius della Rovere. Einen +Berg wollte er bauen über den eisernen Papst und ein Geschlecht dazu, +welches diesen Berg bevölkerte. Von vielen dunkeln Plänen erfüllt, ging +er hinaus nach seinen Marmorbrüchen. Über einem armen Dorf erhob sich +steil der Hang. Umrahmt von Oliven und welkem Gestein, erschienen die +frisch gebrochenen Flächen wie ein großes blasses Gesicht unter +alterndem Haar. Lange stand Michelangelo vor seiner verhüllten Stirne. +Plötzlich bemerkte er darunter zwei riesige Augen aus Stein, welche ihn +betrachteten. Und Michelangelo fühlte seine Gestalt wachsen unter dem +Einfluß dieses Blickes. Jetzt ragte auch er über dem Land, und es war +ihm, als ob er von Ewigkeit her diesem Berg brüderlich gegenüberstände. +Das Tal wich unter ihm zurück wie unter einem Steigenden, die Hütten +drängten sich wie Herden aneinander, und näher und verwandter zeigte +sich das Felsengesicht unter seinen weißen steinernen Schleiern. Es +hatte einen wartenden Ausdruck, reglos und doch am Rande der Bewegung. +Michelangelo dachte nach: 'Man kann dich nicht zerschlagen, du bist ja +nur Eines,' und dann hob er seine Stimme: 'Dich will ich vollenden, du +bist mein Werk.' Und er wandte sich nach Florenz zurück. Er sah einen +Stern und den Turm vom Dom. Und um seine Füße war Abend. + +Mit einem Mal, an der Porta Romana, zögerte er. Die beiden Häuserreihen +streckten sich wie Arme nach ihm aus, und schon hatten sie ihn ergriffen +und zogen ihn hinein in die Stadt. Und immer enger und dämmernder wurden +die Gassen, und als er sein Haus betrat, da wußte er sich in dunkeln +Händen, denen er nicht entgehen konnte. Er flüchtete in den Saal und von +da in die niedere, kaum zwei Schritte lange Kammer, darin er zu +schreiben pflegte. Ihre Wände legten sich an ihn, und es war, als +kämpften sie mit seinen Übermaßen und zwängten ihn zurück in die alte, +enge Gestalt. Und er duldete es. Er drückte sich in die Knie und ließ +sich formen von ihnen. Er fühlte eine nie gekannte Demut in sich und +hatte selbst den Wunsch, irgendwie klein zu sein. Und eine Stimme kam: +'Michelangelo, wer ist in dir?' Und der Mann in der schmalen Kammer +legte die Stirn schwer in die Hände und sagte leise: 'Du, mein Gott, wer +denn sonst.' + +Und da wurde es weit um Gott, und er hob sein Gesicht, welches über +Italien war, frei empor und schaute um sich: in Mänteln und Mitren +standen die Heiligen da, und die Engel gingen mit ihren Gesängen wie mit +Krügen voll glänzenden Quells unter den dürstenden Sternen umher, und es +war der Himmel kein Ende.« + +Mein lahmer Freund hob seine Blicke und duldete, daß die Abendwolken sie +mitzogen über den Himmel hin: »Ist Gott denn _dort_?« fragte er. Ich +schwieg. Dann neigte ich mich zu ihm: »Ewald, sind wir denn _hier_?« Und +wir hielten uns herzlich die Hände. + + + + +WIE DER FINGERHUT DAZU KAM, DER LIEBE GOTT ZU SEIN + + +Als ich vom Fenster forttrat, waren die Abendwolken immer noch da. Sie +schienen zu warten. Soll ich ihnen auch eine Geschichte erzählen? Ich +schlug es ihnen vor. Aber sie hörten mich gar nicht. Um mich +verständlich zu machen und die Entfernung zwischen uns zu beschränken, +rief ich: »Ich bin auch eine Abendwolke.« Sie blieben stehen, offenbar +betrachteten sie mich. Dann streckten sie mir ihre feinen, +durchscheinenden rötlichen Flügel entgegen. Das ist die Art, wie +Abendwolken sich begrüßen. Sie hatten mich erkannt. + +»Wir sind über der Erde,« -- erklärten sie -- »genauer über Europa, und +du?« Ich zögerte: »Es ist da ein Land --« »Wie sieht es aus?« +erkundigten sie sich. »Nun,« entgegnete ich -- »Dämmerung mit Dingen --« +»Das ist Europa auch,« lachte eine junge Wolke. »Möglich,« sagte ich, +»aber ich habe immer gehört: die Dinge in Europa sind tot.« »Ja, +allerdings,« bemerkte eine andere verächtlich. »Was wäre das für ein +Unsinn: lebende Dinge?« »Nun,« beharrte ich, »meine leben. Das ist also +der Unterschied. Sie können verschiedenes werden, und ein Ding, welches +als Bleistift oder als Ofen zur Welt kommt, muß deshalb noch nicht an +seinem Fortkommen verzweifeln. Ein Bleistift kann mal ein Stock, wenn es +gut geht, ein Mastbaum, ein Ofen aber mindestens ein Stadttor werden.« + +»Du scheinst mir eine recht einfältige Abendwolke zu sein,« sagte die +junge Wolke, welche sich schon früher so wenig zurückhaltend ausgedrückt +hatte. Ein alter Wolkerich fürchtete, sie könnte mich beleidigt haben. +»Es gibt ganz verschiedene Länder,« begütigte er, »ich war einmal über +ein kleines deutsches Fürstentum geraten, und ich glaube bis heute +nicht, daß das zu Europa gehörte.« Ich dankte ihm und sagte: »Wir werden +uns schwer einigen können, sehe ich. Erlauben Sie, ich werde Ihnen +einfach das erzählen, was ich in der letzten Zeit unter mir erblickte, +das wird wohl das beste sein.« »Bitte,« gestattete der weise Wolkerich +im Auftrage aller. Ich begann: »Menschen sind in einer Stube. Ich bin +ziemlich hoch, müßt ihr wissen, und so kommt es: sie sehen für mich wie +Kinder aus; deshalb will ich auch einfach sagen: Kinder. Also: Kinder +sind in einer Stube. Zwei, fünf, sechs, sieben Kinder. Es würde zu lange +dauern, sie um ihre Namen zu fragen. Übrigens scheinen die Kinder eifrig +etwas zu besprechen; bei dieser Gelegenheit wird sich ja der eine oder +der andere Name verraten. Sie stehen wohl schon eine ganze Weile so +beisammen, denn der älteste (ich vernehme, daß er Hans gerufen wird) +bemerkt gleichsam abschließend: 'Nein, so kann es entschieden nicht +bleiben. Ich habe gehört, früher haben die Eltern den Kindern am Abend +immer, oder wenigstens an braven Abenden -- Geschichten erzählt bis zum +Einschlafen. Kommt so etwas heute vor?' Eine kleine Pause, dann +antwortet Hans selbst: 'Es kommt nicht vor, nirgends. Ich für meinen +Teil, auch weil ich schon groß bin gewissermaßen, schenke ihnen ja gern +diese paar elenden Drachen, mit denen sie sich quälen würden, aber +immerhin, es gehört sich, daß sie uns sagen, es gibt Nixen, Zwerge, +Prinzen und Ungeheuer.' 'Ich habe eine Tante,' bemerkte eine Kleine, +'die erzählt mir manchmal --' 'Ach was,' schneidet Hans kurz ab, 'Tanten +gelten nicht, die lügen.' Die ganze Gesellschaft war sehr +eingeschüchtert angesichts dieser kühnen, aber unwiderlegten Behauptung. +Hans fährt fort: 'Auch handelt es sich hier vor allem um die Eltern, +weil diese gewissermaßen die Verpflichtung haben, uns in dieser Weise zu +unterrichten: bei den anderen ist es mehr Güte. Verlangen kann man es +nicht von ihnen. Aber gebt nur mal acht: was tun unsere Eltern? Sie +gehen mit bösen gekränkten Gesichtern umher, nichts ist ihnen recht, sie +schreien und schelten, aber dabei sind sie doch so gleichgültig, und +wenn die Welt unterginge, sie würden es kaum bemerken. Sie haben etwas, +was sie »Ideale« nennen. Vielleicht ist das auch so eine Art kleine +Kinder, die nicht allein bleiben dürfen und sehr viel Mühe machen; aber +dann hätten sie eben uns nicht haben dürfen. Nun, ich denke so, Kinder: +daß die Eltern uns vernachlässigen, ist traurig, gewiß. Aber wir würden +das dennoch ertragen, wenn es nicht ein Beweis wäre dafür, daß die +Großen überhaupt dumm werden, zurückgehen, wenn man so sagen darf. Wir +können ihren Verfall nicht aufhalten; denn wir können den ganzen Tag +keinen Einfluß auf sie ausüben, und kommen wir spät aus der Schule nach +Haus, wird kein Mensch verlangen, daß wir uns hinsetzen und versuchen, +sie für etwas Vernünftiges zu interessieren. Es tut einem auch recht +weh, wenn man so unter der Lampe sitzt und sitzt, und die Mutter +begreift nicht einmal den pythagoreischen Lehrsatz. Nun, es ist einmal +nicht anders. So werden die Großen immer dümmer werden ... es schadet +nichts: was kann uns dabei verloren gehen? die Bildung? Sie ziehen den +Hut voreinander, und wenn eine Glatze dabei zum Vorschein kommt, so +lachen sie. Überhaupt: sie lachen beständig. Wenn wir nicht dann und +wann so vernünftig wären, zu weinen, es gäbe durchaus kein Gleichgewicht +auch in diesen Angelegenheiten. Dabei sind sie von einem Hochmut: sie +behaupten sogar, der Kaiser sei ein Erwachsener. Ich habe in den +Zeitungen gelesen, der König von Spanien sei ein Kind, so ist es mit +allen Königen und Kaisern, -- laßt euch nur nichts einreden! Aber neben +allem Überflüssigen haben die Großen doch etwas, was uns durchaus nicht +gleichgültig sein kann: den lieben Gott. Ich habe ihn zwar noch bei +keinem von ihnen gesehen, -- aber gerade das ist verdächtig. Es ist mir +eingefallen, sie könnten ihn in ihrer Zerstreutheit, Geschäftigkeit und +Hast irgendwo verloren haben. Nun ist er aber etwas durchaus +Notwendiges. Verschiedenes kann ohne ihn nicht geschehen, die Sonne kann +nicht aufgehen, keine Kinder können kommen, aber auch das Brot wird +aufhören. Wenn es auch beim Bäcker herauskommt, der liebe Gott sitzt und +dreht die großen Mühlen. Es lassen sich leicht viele Gründe finden, +weshalb der liebe Gott etwas Unentbehrliches ist. Aber so viel steht +fest, die Großen kümmern sich nicht um ihn, also müssen wir Kinder es +tun. Hört, was ich mir ausgedacht habe. Wir sind genau sieben Kinder. +Jedes muß den lieben Gott einen Tag tragen, dann ist er die ganze Woche +bei uns, und man weiß immer, wo er sich gerade befindet.' + +Hier entstand eine große Verlegenheit. Wie sollte das geschehen? Konnte +man denn den lieben Gott in die Hand nehmen oder in die Tasche stecken? +Dazu erzählte ein Kleiner: 'Ich war allein im Zimmer. Eine kleine Lampe +brannte nahe bei mir, und ich saß im Bett und sagte mein Abendgebet -- +sehr laut. Es rührte sich etwas in meinen gefalteten Händen. Es war +weich und warm und wie ein kleines Vögelchen. Ich konnte die Hände nicht +auftun, denn das Gebet war noch nicht aus. Aber ich war sehr neugierig +und betete furchtbar schnell. Dann beim Amen machte ich so (der Kleine +streckte die Hände aus und spreizte die Finger), aber es war nichts da.' + +Das konnten sich alle vorstellen. Auch Hans wußte keinen Rat. Alle +schauten ihn an. Und auf einmal sagte er: 'Das ist ja dumm. Ein jedes +Ding kann der liebe Gott sein. Man muß es ihm nur sagen.' Er wandte sich +an den ihm zunächst stehenden, rothaarigen Knaben. 'Ein Tier kann das +nicht. Es läuft davon. Aber ein Ding, siehst du, es steht, du kommst in +die Stube, bei Tag, bei Nacht, es ist immer da, es kann wohl der liebe +Gott sein.' Allmählich überzeugten sich die anderen davon. 'Aber wir +brauchen einen kleinen Gegenstand, den man überall mittragen kann, sonst +hat es ja keinen Sinn. Leert einmal alle eure Taschen aus.' Da zeigten +sich nun sehr seltsame Dinge: Papierschnitzel, Federmesser, Radiergummi, +Federn, Bindfaden, kleine Steine, Schrauben, Pfeifen, Holzspänchen und +vieles andere, was sich aus der Ferne gar nicht erkennen läßt, oder +wofür der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten +Händen der Kinder, wie erschrocken über die plötzliche Möglichkeit, der +liebe Gott zu werden, und welches von ihnen ein bißchen glänzen konnte, +glänzte, um dem Hans zu gefallen. Lange schwankte die Wahl. Endlich fand +sich bei der kleinen Resi ein Fingerhut, den sie ihrer Mutter einmal +weggenommen hatte. Er war licht wie aus Silber, und um seiner Schönheit +willen wurde er der liebe Gott. Hans selbst steckte ihn ein, denn er +begann die Reihe, und alle Kinder gingen den ganzen Tag hinter ihm her +und waren stolz auf ihn. Nur schwer einigte man sich, wer ihn morgen +haben sollte, und Hans stellte in seiner Umsicht dann das Programm +gleich für die ganze Woche fest, damit kein Streit ausbräche. + +Diese Einrichtung erwies sich im ganzen als überaus zweckmäßig. Wer den +lieben Gott gerade hatte, konnte man auf den ersten Blick erkennen. Denn +der Betreffende ging etwas steifer und feierlicher und machte ein +Gesicht wie am Sonntag. Die ersten drei Tage sprachen die Kinder von +nichts anderem. Jeden Augenblick verlangte eines den lieben Gott zu +sehen, und wenn sich der Fingerhut unter dem Einfluß seiner großen Würde +auch gar nicht verändert hatte, das Fingerhutliche an ihm erschien jetzt +nur als ein bescheidenes Kleid um seine wirkliche Gestalt. Alles ging +nach der Ordnung vor sich. Am Mittwoch hatte ihn Paul, am Donnerstag die +kleine Anna. Der Samstag kam. Die Kinder spielten Fangen und tollten +atemlos durcheinander, als Hans plötzlich rief: 'Wer hat denn den lieben +Gott?' Alle standen. Jedes sah das andere an. Keines erinnerte sich, ihn +seit zwei Tagen gesehen zu haben. Hans zählte ab, wer an der Reihe sei; +es kam heraus: die kleine Marie. Und nun verlangte man ohne weiteres von +der kleinen Marie den lieben Gott. Was war da zu tun? Die Kleine kratzte +in ihren Taschen herum. Jetzt fiel ihr erst ein, daß sie ihn am Morgen +erhalten hatte; aber jetzt war er fort, wahrscheinlich hatte sie ihn +hier beim Spielen verloren. + +Und als alle Kinder nach Hause gingen, blieb die Kleine auf der Wiese +zurück und suchte. Das Gras war ziemlich hoch. Zweimal kamen Leute +vorüber und fragten, ob sie etwas verloren hätte. Jedesmal antwortete +das Kind: 'Einen Fingerhut' -- und suchte. Die Leute taten eine Weile +mit, wurden aber bald des Bückens müde, und einer riet im Fortgehen: +'Geh lieber nach Haus, man kann ja einen neuen kaufen.' Dennoch suchte +Mariechen weiter. Die Wiese wurde immer fremder in der Dämmerung, und +das Gras begann naß zu werden. Da kam wieder ein Mann. Er beugte sich +über das Kind: 'Was suchst du?' Jetzt antwortete Mariechen, nicht weit +vom Weinen, aber tapfer und trotzig: 'Den lieben Gott.' Der Fremde +lächelte, nahm sie einfach bei der Hand, und sie ließ sich führen, als +ob jetzt alles gut wäre. Unterwegs sagte der fremde Mann: 'Und sieh mal, +was ich heute für einen schönen Fingerhut gefunden habe.' --« + +Die Abendwolken waren schon längst ungeduldig. Jetzt wandte sich der +weise Wolkerich, welcher indessen dick geworden war, zu mir: »Verzeihen +Sie, dürfte ich nicht den Namen des Landes -- über welchem Sie --« Aber +die anderen Wolken liefen lachend in den Himmel hinein und zogen den +Alten mit. + + + + +EIN MÄRCHEN VOM TOD UND EINE FREMDE NACHSCHRIFT DAZU + + +Ich schaute noch immer hinauf in den langsam verlöschenden Abendhimmel, +als jemand sagte: »Sie scheinen sich ja für das Land da oben sehr zu +interessieren?« + +Mein Blick fiel schnell, wie heruntergeschossen, und ich erkannte: ich +war an die niedere Mauer unseres kleinen Kirchhofs geraten, und vor mir, +jenseits derselben, stand der Mann mit dem Spaten und lächelte ernst. +»Ich interessiere mich wieder für dieses Land hier,« ergänzte er und +wies nach der schwarzen, feuchten Erde, welche an manchen Stellen +hervorsah aus den vielen welken Blättern, die sich rauschend rührten, +während ich nicht wußte, daß ein Wind begonnen hatte. Plötzlich sagte +ich, von heftigem Abscheu erfaßt: »Warum tun Sie das da?« Der +Totengräber lächelte immer noch: »Es ernährt einen auch -- und dann, ich +bitte Sie, tun nicht die meisten Menschen das gleiche? Sie begraben Gott +dort, wie ich die Menschen hier.« Er zeigte nach dem Himmel und erklärte +mir: »Ja, das ist auch ein großes Grab, im Sommer stehen wilde +Vergißmeinnicht drauf --« Ich unterbrach ihn: »Es gab eine Zeit, wo die +Menschen Gott im Himmel begruben, das ist wahr --« »Ist das anders +geworden?« fragte er seltsam traurig. Ich fuhr fort: »Einmal warf jeder +eine Hand Himmel über ihn, ich weiß. Aber da war er eigentlich schon +nicht mehr dort, oder doch --« Ich zögerte. + +»Wissen Sie,« begann ich dann von neuem, »in alten Zeiten beteten die +Menschen so.« Ich breitete die Arme aus und fühlte unwillkürlich meine +Brust groß werden dabei. »Damals warf sich Gott in alle diese Abgründe +voll Demut und Dunkelheit, und nur ungern kehrte er in seine Himmel +zurück, die er, unvermerkt, immer näher über die Erde zog. Aber ein +neuer Glaube begann. Da dieser den Menschen nicht verständlich machen +konnte, worin sein neuer Gott sich von jenem alten unterscheide (sobald +er ihn nämlich zu preisen begann, erkannten die Menschen sofort den +einen alten Gott auch hier), so veränderte der Verkünder des neuen +Gebotes die Art zu beten. Er lehrte das Händefalten und entschied: +'Seht, unser Gott will so gebeten sein, also ist er ein anderer als der, +den ihr bisher in euren Armen glaubtet zu empfangen.' Die Menschen sahen +das ein, und die Gebärde der offenen Arme wurde eine verächtliche und +schreckliche, und später heftete man sie ans Kreuz, um sie allen als ein +Symbol der Not und des Todes zu zeigen. + +Als Gott aber das nächste Mal wieder auf die Erde niederblickte, +erschrak er. Neben den vielen gefalteten Händen hatte man viele gotische +Kirchen gebaut, und so streckten sich ihm die Hände und die Dächer, +gleich steil und scharf, wie feindliche Waffen entgegen. Bei Gott ist +eine andere Tapferkeit. Er kehrte in seine Himmel zurück, und als er +merkte, daß die Türme und die neuen Gebete hinter ihm her wuchsen, da +ging er auf der anderen Seite aus seinen Himmeln hinaus und entzog sich +so der Verfolgung. Er war selbst überrascht, jenseits von seiner +strahlenden Heimat ein beginnendes Dunkel zu finden, das ihn schweigend +empfing, und er ging mit einem seltsamen Gefühl immer weiter in dieser +Dämmerung, welche ihn an die Herzen der Menschen erinnerte. Da fiel es +ihm zuerst ein, daß die Köpfe der Menschen licht, ihre Herzen aber voll +eines ähnlichen Dunkels sind, und eine Sehnsucht überkam ihn, in den +Herzen der Menschen zu wohnen und nicht mehr durch das klare, kalte +Wachsein ihrer Gedanken zu gehen. Nun, Gott hat seinen Weg fortgesetzt. +Immer dichter wird um ihn die Dunkelheit, und die Nacht, durch die er +sich drängt, hat etwas von der duftenden Wärme fruchtbarer Schollen. Und +nicht lange mehr, so strecken sich ihm die Wurzeln entgegen mit der +alten schönen Gebärde des breiten Gebetes. Es gibt nichts Weiseres als +den Kreis. Der Gott, der uns in den Himmeln entfloh, aus der Erde wird +er uns wiederkommen. Und, wer weiß, vielleicht graben gerade Sie einmal +das Tor ...« Der Mann mit dem Spaten sagte: »Aber das ist ein Märchen.« +»In unserer Stimme,« erwiderte ich leise, »wird alles Märchen, denn es +kann sich ja in ihr nie begeben haben.« Der Mann schaute eine Weile vor +sich hin. Dann zog er mit heftigen Bewegungen den Rock an und fragte: +»Wir können ja wohl zusammen gehen?« Ich nickte: »Ich gehe nach Hause. +Es wird wohl derselbe Weg sein. Aber wohnen Sie nicht hier?« Er trat aus +der kleinen Gittertür, legte sie sanft in ihre klagenden Angeln zurück +und entgegnete: »Nein.« + +Nach ein paar Schritten wurde er vertraulicher: »Sie haben ganz recht +gehabt vorhin. Es ist seltsam, daß sich niemand findet, der das tun mag, +das da draußen. Ich habe früher nie daran gedacht. Aber jetzt, seit ich +älter werde, kommen mir manchmal Gedanken, eigentümliche Gedanken, wie +der mit dem Himmel, und noch andere. Der Tod. Was weiß man davon? +Scheinbar alles und vielleicht nichts. Oft stehen die Kinder (ich weiß +nicht, wem sie gehören) um mich, wenn ich arbeite. Und mir fällt gerade +so etwas ein. Dann grabe ich wie ein Tier, um alle meine Kraft aus dem +Kopfe fortzuziehen und sie in den Armen zu verbrauchen. Das Grab wird +viel tiefer, als die Vorschrift verlangt, und ein Berg Erde wächst +daneben auf. Die Kinder aber laufen davon, da sie meine wilden +Bewegungen sehen. Sie glauben, daß ich irgendwie zornig bin.« Er dachte +nach. »Und es ist ja auch eine Art Zorn. Man wird abgestumpft, man +glaubt es überwunden zu haben, und plötzlich ... Es hilft nichts, der +Tod ist etwas Unbegreifliches, Schreckliches.« + +Wir gingen eine lange Straße unter schon ganz blätterlosen Obstbäumen, +und der Wald begann, uns zur Linken, wie eine Nacht, die jeden +Augenblick auch über uns hereinbrechen kann. »Ich will Ihnen eine kleine +Geschichte berichten,« versuchte ich, »sie reicht gerade bis an den +Ort.« Der Mann nickte und zündete sich seine kurze, alte Pfeife an. Ich +erzählte: + +»Es waren zwei Menschen, ein Mann und ein Weib, und sie hatten einander +lieb. Liebhaben, das heißt nichts annehmen, von nirgends, alles +vergessen und von _einem_ Menschen alles empfangen wollen, das was man +schon besaß und alles andere. So wünschten es die beiden Menschen +gegenseitig. Aber in der Zeit, im Tage, unter den vielen, was alles +kommt und geht, oft ehe man eine wirkliche Beziehung dazu gewinnt, läßt +sich ein solches Liebhaben gar nicht durchführen, die Ereignisse kommen +von allen Seiten, und der Zufall öffnet ihnen jede Tür. + +Deshalb beschlossen die beiden Menschen aus der Zeit in die Einsamkeit +zu gehen, weit fort vom Uhrenschlagen und von den Geräuschen der Stadt. +Und dort erbauten sie sich in einem Garten ein Haus. Und das Haus hatte +zwei Tore, eines an seiner rechten, eines an seiner linken Seite. Und +das rechte Tor war des Mannes Tor, und alles Seine sollte durch dasselbe +in das Haus einziehen. Das linke aber war das Tor des Weibes; und was +ihres Sinnes war, sollte durch seinen Bogen eintreten. So geschah es. +Wer zuerst erwachte am Morgen, stieg hinab und tat sein Tor auf. Und da +kam dann bis spät in die Nacht gar manches herein, wenn auch das Haus +nicht am Rande des Weges lag. Zu denen, die zu empfangen verstehen, +kommt die Landschaft ins Haus und das Licht und ein Wind mit einem Duft +auf den Schultern und viel anderes mehr. Aber auch Vergangenheiten, +Gestalten, Schicksale traten durch die beiden Tore ein, und allen wurde +die gleiche, schlichte Gastlichkeit zuteil, so daß sie meinten, seit +immer in dem Heidehaus gewohnt zu haben. So ging es eine lange Zeit +fort, und die beiden Menschen waren sehr glücklich dabei. Das linke Tor +war etwas häufiger geöffnet, aber durch das rechte traten buntere Gäste +ein. Vor diesem wartete auch eines Morgens -- der Tod. Der Mann schlug +seine Tür eilends zu, als er ihn bemerkte, und hielt sie den ganzen Tag +über fest verschlossen. Nach einiger Zeit tauchte der Tod vor dem linken +Eingang auf. Zitternd warf das Weib das Tor zu und schob den breiten +Riegel vor. Sie sprachen nicht miteinander über dieses Ereignis, aber +sie öffneten seltener die beiden Tore und suchten mit dem auszukommen, +was im Hause war. Da lebten sie nun freilich viel ärmlicher als vorher. +Ihre Vorräte wurden knapp, und es stellten sich Sorgen ein. Sie begannen +beide, schlecht zu schlafen, und in einer solchen wachen, langen Nacht +vernahmen sie plötzlich zugleich ein seltsames, schlürfendes und +pochendes Geräusch. Es war hinter der Wand des Hauses, gleich weit +entfernt von den beiden Toren, und klang, als ob jemand begänne, Steine +auszubrechen, um ein neues Tor mitten in die Mauer zu bauen. Die beiden +Menschen taten in ihrem Schrecken dennoch, als ob sie nichts Besonderes +vernähmen. Sie begannen zu sprechen, lachten unnatürlich laut, und als +sie müde wurden, war das Wühlen in der Wand verstummt. Seither bleiben +die beiden Tore ganz geschlossen. Die Menschen leben wie Gefangene. +Beide sind kränklich geworden und haben seltsame Einbildungen. Das +Geräusch wiederholt sich von Zeit zu Zeit. Dann lachen sie mit ihren +Lippen, während ihre Herzen fast sterben vor Angst. Und sie wissen +beide, daß das Graben immer lauter und deutlicher wird, und müssen immer +lauter sprechen und lachen mit ihren immer matteren Stimmen.« + +Ich schwieg. »Ja, ja --,« sagte der Mann neben mir, »so ist es, das ist +eine wahre Geschichte.« + +»Diese habe ich in einem alten Buche gelesen,« fügte ich hinzu, »und da +ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges dabei. Hinter der Zeile, darin +erzählt wird, wie der Tod auch vor dem Tore des Weibes erschien, war mit +alter, verwelkter Tinte ein kleines Sternchen gezeichnet. Es sah aus den +Worten wie aus Wolken hervor, und ich dachte einen Augenblick, wenn die +Zeilen sich verzögen, so könnte offenbar werden, daß hinter ihnen lauter +Sterne stehen, wie es ja wohl manchmal geschieht, wenn der +Frühlingshimmel sich spät am Abend klärt. Dann vergaß ich des +unbedeutenden Umstandes ganz, bis ich hinten im Einband des Buches +dasselbe Sternchen, wie gespiegelt in einem See, in dem glatten +Glanzpapier wiederfand, und nah unter demselben begannen zarte Zeilen, +die wie Wellen in der blassen spiegelnden Fläche verliefen. Die Schrift +war an vielen Stellen undeutlich geworden, aber es gelang mir doch, sie +fast ganz zu entziffern. Da stand etwa: + +'Ich habe diese Geschichte so oft gelesen, und zwar in allen möglichen +Tagen, daß ich manchmal glaube, ich habe sie selbst, aus der Erinnerung +aufgezeichnet. Aber bei mir geht es im weiteren Verlaufe so zu, wie ich +es hier niederschreibe. Das Weib hatte den Tod nie gesehen, arglos ließ +sie ihn eintreten. Der Tod aber sagte etwas hastig, und wie einer, +welcher kein gutes Gewissen hat: 'Gib das deinem Mann.' Und er fügte, +als das Weib ihn fragend anblickte, eilig hinzu: 'Es ist Samen, sehr +guter Samen.' Dann entfernte er sich, ohne zurückzusehen. Das Weib +öffnete das Säckchen, welches er ihr in die Hand gelegt hatte; es fand +sich wirklich eine Art Samen darin, harte, häßliche Körner. Da dachte +das Weib: der Same ist etwas Unfertiges, Zukünftiges. Man kann nicht +wissen, was aus ihm wird. Ich will diese unschönen Körner nicht meinem +Manne geben, sie sehen gar nicht aus wie ein Geschenk. Ich will sie +lieber in das Beet unseres Gartens drücken und warten, was sich aus +ihnen erhebt. Dann will ich ihn davor führen und ihm erzählen, wie ich +zu dieser Pflanze kam. Also tat das Weib auch. Dann lebten sie dasselbe +Leben weiter. Der Mann, der immer daran denken mußte, daß der Tod vor +seinem Tore gestanden hatte, war anfangs etwas ängstlich, aber da er das +Weib so gastlich und sorglos sah wie immer, tat auch er bald wieder die +breiten Flügel seines Tores auf, so daß viel Leben und Licht in das Haus +hereinkam. Im nächsten Frühjahr stand mitten im Beete zwischen den +schlanken Feuerlilien ein kleiner Strauch. Er hatte schmale, +schwärzliche Blätter, etwas spitz, ähnlich denen des Lorbeers, und es +lag ein sonderbarer Glanz auf ihrer Dunkelheit. Der Mann nahm sich +täglich vor, zu fragen, woher diese Pflanze stamme. Aber er unterließ es +täglich. In einem verwandten Gefühl verschwieg auch das Weib von einem +Tag zum andern die Aufklärung. Aber die unterdrückte Frage auf der +einen, die nie gewagte Antwort auf der anderen Seite führte die beiden +Menschen oft bei diesem Strauch zusammen, der sich in seiner grünen +Dunkelheit so seltsam von dem Garten unterschied. Als das nächste +Frühjahr kam, da beschäftigten sie sich wie mit den anderen Gewächsen +auch mit dem Strauch, und sie wurden traurig, als er, umringt von lauter +steigenden Blüten, unverändert und stumm, wie im ersten Jahr, gegen alle +Sonne taub, sich erhob. Damals beschlossen sie, ohne es einander zu +verraten, gerade diesem im dritten Frühjahr ihre ganze Kraft zu widmen, +und als dieses Frühjahr erschien, erfüllten sie leise und Hand in Hand, +was sich jeder versprochen hatte. Der Garten umher verwilderte, und die +Feuerlilien schienen blasser als sonst zu sein. Aber einmal, als sie +nach einer schweren, bedeckten Nacht in den Morgengarten, den stillen, +schimmernden traten, da wußten sie: aus den schwarzen, scharfen Blättern +des fremden Strauches war unversehrt eine blasse, blaue Blüte gestiegen, +welcher die Knospenschalen schon an allen Seiten enge wurden. Und sie +standen davor vereint und schweigend, und jetzt wußten sie sich erst +recht nichts zu sagen. Denn sie dachten: nun blüht der Tod, und neigten +sich zugleich, um den Duft der jungen Blüte zu kosten. -- Seit diesem +Morgen aber ist alles anders geworden in der Welt.' So stand es in dem +Einband des alten Buches,« schloß ich. + +»Und wer das geschrieben hat?« drängte der Mann. + +»Eine Frau nach der Schrift,« antwortete ich. »Aber was hätte es +geholfen, nachzuforschen. Die Buchstaben waren sehr verblaßt und etwas +altmodisch. Wahrscheinlich war sie schon längst tot.« + +Der Mann war ganz in Gedanken. Endlich bekannte er: »Nur eine +Geschichte, und doch rührt es einen so an.« »Nun, das ist, wenn man +selten Geschichten hört,« begütigte ich. »Meinen Sie?« Er reichte mir +seine Hand, und ich hielt sie fest. »Aber ich möchte sie gerne +weitersagen. Das darf man doch?« Ich nickte. Plötzlich fiel ihm ein: +»Aber ich habe niemanden. Wem sollte ich sie auch erzählen?« »Nun, das +ist einfach; den Kindern, die Ihnen manchmal zusehen kommen. Wem sonst?« + +Die Kinder haben auch richtig die letzten drei Geschichten gehört. +Allerdings, die von den Abendwolken wiederholte, nur teilweise, wenn ich +gut unterrichtet bin. Die Kinder sind ja klein und darum von den +Abendwolken viel weiter als wir. Doch das ist bei dieser Geschichte ganz +gut. Trotz der langen, wohlgesetzten Rede des Hans würden sie erkennen, +daß die Sache unter Kindern spielt, und meine Erzählung kritisch als +Sachverständige betrachten. Aber es ist besser, daß sie nicht erfahren, +mit welcher Anstrengung und wie ungeschickt wir die Dinge erleben, die +ihnen so ganz mühelos und einfach geschehen. + + + + +EIN VEREIN AUS EINEM DRINGENDEN BEDÜRFNIS HERAUS + + +Ich erfahre erst, daß unser Ort auch eine Art Künstlerverein besitzt. Er +ist kürzlich aus einem, wie man sich leicht vorstellen kann, sehr +dringenden Bedürfnis entstanden, und es geht das Gerücht, daß er +»blüht«. Wenn Vereine gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, dann +blühen sie; sie haben gehört, daß man dies tun muß, um ein richtiger +Verein zu sein. + +Ich muß nicht sagen, daß Herr Baum Ehrenmitglied, Gründer, Fahnenvater +und alles übrige in einer Person ist und Mühe hat, die verschiedenen +Würden auseinanderzuhalten. Er sandte mir einen jungen Mann, der mich +einladen sollte, an den »Abenden« teilzunehmen. Ich dankte ihm, wie es +sich von selbst versteht, sehr höflich und fügte hinzu, daß meine ganze +Tätigkeit seit etwa fünf Jahren im Gegenteil bestehe. »Es vergeht, +stellen Sie sich vor,« erklärte ich ihm mit dem entsprechenden Ernst, +»seit dieser Zeit keine Minute, in welcher ich nicht aus irgendeinem +Verbande austrete, und doch gibt es noch immer Gesellschaften, welche +mich sozusagen enthalten.« Der junge Mann schaute erst erschreckt, dann +mit dem Ausdruck respektvollen Bedauerns auf meine Füße. Er mußte ihnen +das »Austreten« ansehen, denn er nickte verständig mit dem Kopfe. Das +gefiel mir gut, und da ich gerade fortgehen mußte, schlug ich ihm vor, +mich ein Stückchen zu begleiten. So gingen wir durch den Ort und darüber +hinaus, dem Bahnhof zu, denn ich hatte in der Umgebung zu tun. Wir +sprachen über mancherlei Dinge; ich erfuhr, daß der junge Mann Musiker +sei. Er hatte es mir bescheiden mitgeteilt, ansehen konnte man es ihm +nicht. Außer seinen zahlreichen Haaren zeichnete ihn eine große, +gleichsam springende Bereitwilligkeit aus. Auf diesem nicht allzu langen +Weg hob er mir zwei Handschuhe auf, hielt mir den Schirm, als ich etwas +in meinen Taschen suchte, machte mich errötend darauf aufmerksam, daß +mir etwas im Barte hinge, daß mir Ruß auf der Nase säße, und dabei +wurden ihm die mageren Finger lang, als sehnten sie sich danach, sich +meinem Gesichte auf diese Weise hilfreich zu nähern. In seinem Eifer +blieb der junge Mensch sogar bisweilen zurück und holte mit sichtlichem +Vergnügen die welken Blätter, die im Herabflattern hängen geblieben +waren, aus den Ästen der Sträucher. Ich sah ein, daß ich durch diese +beständigen Verzögerungen den Zug versäumen würde (der Bahnhof war noch +ziemlich weit), und entschloß mich, meinem Begleiter eine Geschichte zu +erzählen, um ihn ein wenig an meiner Seite zu halten. Ich begann ohne +weiteres: »Mir ist der Verlauf einer derartigen Gründung bekannt, welche +auf wirklicher Notwendigkeit beruhte. Sie werden sehen. Es ist nicht +sehr lange her, da fanden sich drei Maler durch Zufall in einer alten +Stadt zusammen. Die drei Maler sprachen natürlich nicht von Kunst. Es +schien wenigstens so. Sie verbrachten den Abend in der Hinterstube eines +alten Gasthauses damit, sich Reiseabenteuer und Erlebnisse verschiedener +Art mitzuteilen, ihre Geschichten wurden immer kürzer und wörtlicher, +und endlich blieben noch ein paar Witze übrig, mit denen sie beständig +hin und her warfen. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, muß ich +übrigens gleich sagen, daß es wirkliche Künstler waren, gewissermaßen +von der Natur beabsichtigte, keine zufälligen. Dieser öde Abend in der +Hinterstube kann nichts daran ändern; man wird ja auch gleich erfahren, +wie er weiter verlief. Es traten andere Leute, profane, in dieses +Gasthaus ein, die Maler fühlten sich gestört und brachen auf. Mit dem +Augenblick, da sie aus dem Tor traten, waren sie andere Leute. Sie +gingen in der Mitte der Gasse, einer vom anderen etwas getrennt. Auf +ihren Gesichtern waren noch die Spuren des Lachens, diese merkwürdige +Unordnung der Züge, aber die Augen waren bei allen schon ernst und +betrachtend. Plötzlich stieß der in der Mitte den Rechten an. Der +verstand ihn sofort. Da war vor ihnen eine Gasse, schmal, von feiner, +warmer Dämmerung erfüllt. Sie stieg etwas an, so daß sie perspektivisch +sehr zur Geltung kam, und hatte etwas ungemein Geheimnisvolles und doch +wieder Vertrautes. Die drei Maler ließen das einen Augenblick auf sich +wirken. Sie sprachen nichts, denn sie wußten: sagen kann man das nicht. +Sie waren ja deshalb Maler geworden, weil es manches gibt, was man nicht +sagen kann. Plötzlich erhob sich der Mond irgendwo, zeichnete den einen +Giebel silbern nach, und es stieg ein Lied aus einem Hofe auf. 'Grobe +Effekthascherei --' brummte der Mittlere, und sie gingen weiter. Sie +schritten jetzt etwas näher nebeneinander hin, obwohl sie immer noch die +ganze Breite der Gasse brauchten. So gerieten sie unversehens auf einen +Platz. Jetzt war es der rechts, welcher die anderen aufmerksam machte. +In dieser breiteren, freieren Szene hatte der Mond nichts Störendes, im +Gegenteil, es war geradezu notwendig, daß er vorhanden war. Er ließ den +Platz größer erscheinen, gab den Häusern ein überraschendes, lauschendes +Leben, und die beleuchtete Fläche des Pflasters wurde mitten +rücksichtslos von einem Brunnen und seinem schweren Schlagschatten +unterbrochen, eine Kühnheit, welche den Malern ausnehmend imponierte. +Sie stellten sich nahe zusammen und saugten sozusagen an den Brüsten +dieser Stimmung. Aber sie wurden unangenehm unterbrochen. Eilige, +leichte Schritte näherten sich, aus dem Dunkel des Brunnens löste sich +eine männliche Gestalt, empfing jene Schritte, und was sonst zu ihnen +gehörte, mit der üblichen Zärtlichkeit, und der schöne Platz war auf +einmal eine erbärmliche Illustration geworden, von welcher sich die drei +Maler wie _ein_ Maler abwandten. 'Da ist schon wieder dieses verdammte +novellistische Element,' schrie der rechts, indem er das Liebespaar am +Brunnen mit diesem korrekt technischen Ausdruck begriff. Vereint in +ihrem Groll, wanderten die Maler noch lange planlos in der Stadt herum, +immerfort Motive entdeckend, aber auch jedesmal aufs neue empört durch +die Art, mit welcher irgendein banaler Umstand die Stille und +Einfachheit jedes Bildes zunichte machte. Gegen Mitternacht saßen sie im +Gasthof in der Wohnstube des Linken, des Jüngsten, beisammen und dachten +nicht ans Schlafengehen. Die nächtliche Wanderung hatte eine Menge Pläne +und Entwürfe in ihnen wachgerufen, und da sie zugleich bewiesen hatte, +daß sie eines Geistes seien im Grunde, tauschten sie jetzt, im höchsten +Maße interessiert, ihre gegenseitigen Ansichten aus. Man kann nicht +behaupten, daß sie tadellose Sätze hervorbrachten, sie schlugen mit ein +paar Worten herum, die kein profaner Mensch begriffen hätte, aber +untereinander verständigten sie sich dadurch so gut, daß sämtliche +Zimmernachbarn bis gegen vier Uhr morgens nicht einschlafen konnten. Das +lange Beisammensitzen hatte aber einen wirklichen, sichtbaren Erfolg. +Etwas wie ein Verein wurde gebildet; das heißt, er war eigentlich schon +da im Augenblick, als die Absichten und Ziele der drei Künstler sich so +verwandt erwiesen, daß man sie nur schwer voneinander trennen konnte. +Der erste gemeinsame Beschluß des »Vereins« erfüllte sich sofort. Man +zog drei Stunden weit ins Land und mietete gemeinsam einen Bauernhof. In +der Stadt zu bleiben, hätte zunächst keinen Sinn gehabt. Erst wollte man +sich draußen den »Stil« erwerben, die gewisse persönliche Sicherheit, +den Blick, die Hand und wie alle die Dinge heißen, ohne welche ein Maler +zwar leben, aber nicht malen kann. -- Zu allen diesen Tugenden sollte +das Zusammenhalten helfen, der »Verein« eben, -- besonders aber das +Ehrenmitglied dieses Vereins: die Natur. Unter »Natur« stellen sich die +Maler alles vor, was der liebe Gott selbst gemacht hat oder doch gemacht +haben könnte, unter Umständen. Ein Zaun, ein Haus, ein Brunnen -- alle +diese Dinge sind ja meistens menschlichen Ursprungs. Aber wenn sie eine +Zeitlang in der Landschaft stehen, so daß sie gewisse Eigenschaften von +den Bäumen und Büschen und von ihrer anderen Umgebung angenommen haben, +so gehen sie gleichsam in den Besitz Gottes über und damit auch in das +Eigentum des Malers. Denn Gott und der Künstler haben dasselbe Vermögen +und dieselbe Armut je nachdem. -- Nun, an der Natur, welche um den +gemeinsamen Bauernhof sich erstreckte, glaubte Gott gewiß keinen +besonderen Reichtum zu besitzen. Es dauerte indessen nicht lang, so +belehrten ihn die Maler eines Besseren. Die Gegend war flach, das ließ +sich nicht leugnen. Aber durch die Tiefe ihrer Schatten und die Höhe +ihrer Lichter waren Abgründe und Gipfel vorhanden, zwischen denen eine +Unzahl von Mitteltönen jenen Regionen weiter Wiesen und fruchtbarer +Felder entsprach, die den materiellen Wert einer gebirgigen Gegend +ausmachen. Es waren nur wenig Bäume vorhanden und fast alle von +derselben Art, botanisch betrachtet. Durch die Gefühle indessen, welche +sie ausdrückten, durch die Sehnsucht irgendeines Astes oder die sanfte +Ehrfurcht des Stammes erschienen sie als eine große Anzahl individueller +Wesen, und manche Weide war eine Persönlichkeit, die den Malern durch +die Vielseitigkeit und Tiefe ihres Charakters Überraschung um +Überraschung bereitete. Die Begeisterung war so groß, man fühlte sich so +sehr eins in dieser Arbeit, daß es nichts bedeuten will, daß jeder der +drei Maler nach Verlauf eines halben Jahres ein eigenes Haus bezog; das +hatte gewiß rein räumliche Gründe. Aber etwas anderes wird man hier doch +erwähnen müssen. Die Maler wollten irgendwie das einjährige Bestehen +ihres Vereines, aus dem in so kurzer Zeit so viel Gutes gekommen war, +feiern, und jeder entschloß sich, zu diesem Zweck heimlich die Häuser +der anderen zu malen. An dem bestimmten Tage kamen sie, jeder mit seinen +Bildern, zusammen. Es traf sich, daß sie gerade von ihren jeweiligen +Wohnungen, deren Lage, Zweckmäßigkeit usw. sich unterhielten. Sie +ereiferten sich ziemlich stark, und es geschah, daß während des +Gesprächs jeder seiner mitgebrachten Ölskizzen vergaß und spät nachts +mit dem uneröffneten Paket zu Hause ankam. Wie das geschehen konnte, ist +schwer begreiflich. Aber sie zeigten sich auch in der nächsten Zeit ihre +Bilder nicht, und wenn der eine den andern besuchte (was infolge vieler +Arbeit immer seltener geschah), fand er auf der Staffelei des Freundes +Skizzen aus jener ersten Zeit, da sie noch gemeinsam denselben Bauernhof +bewohnten. Aber einmal entdeckte der Rechte (er wohnte jetzt auch zur +Rechten, kann also weiter so heißen) bei dem, welchen ich den Jüngsten +genannt habe, eines jener genannten, nicht verratenen Jubiläumsbilder. +Er betrachtete es eine Weile nachdenklich, trat damit ans Licht und +lachte plötzlich: 'Schau, das hab ich gar nicht gewußt, nicht ohne Glück +hast du da mein Haus aufgefaßt. Eine wahrhaft geistreiche Karikatur. Mit +diesen Übertreibungen in Form und Farbe, mit dieser kühnen Ausgestaltung +meines allerdings etwas betonten Giebels, wirklich, es liegt etwas +darin.' Der Jüngste machte keines seiner vorteilhaftesten Gesichter, im +Gegenteil; er ging zum Mittleren in seiner Bestürzung, um sich von ihm, +dem Besonnensten, beruhigen zu lassen, denn er war nach Vorfällen +solcher Art gleich kleinmütig und geneigt, an seiner Begabung zu +zweifeln. Er traf den Mittleren nicht zu Haus und stöberte ein wenig im +Atelier umher, wobei ihm gleich ein Bild in die Augen fiel, das ihn +merkwürdig abstieß. Es war ein Haus, aber ein richtiger Narr mußte darin +wohnen. Diese Fassade! Das konnte nur irgendeiner gebaut haben, der von +Architektur keine Idee hatte und der seine armseligen, malerischen Ideen +anwandte auf ein Gebäude. Plötzlich stellte der Jüngste das Bild fort, +als ob es ihm die Finger verbrannt hätte. An dem linken Rande desselben +hatte er das Datum jenes ersten Jubiläums gelesen und daneben: »Das Haus +unseres Jüngsten.« Er wartete natürlich den Hausherrn nicht ab, sondern +kehrte etwas verstimmt nach Hause zurück. Der Jüngste und der rechts +waren seither vorsichtig geworden. Sie suchten sich entfernte Motive und +dachten selbstverständlich nicht daran, für das Fest des zweijährigen +Bestehens ihres so förderlichen Vereins etwas vorzubereiten. Um so +eifriger arbeitete der ahnungslose Mittlere daran, ein Motiv, das der +Wohnung des Rechten zunächst lag, zu malen. Etwas Unbestimmtes hielt ihn +davon ab, dessen Haus selbst zum Vorwand seiner Arbeit zu wählen. -- Als +er dem Rechtswohnenden das fertige Bild überbrachte, verhielt sich +dieser merkwürdig zurückhaltend, schaute es nur flüchtig an und bemerkte +etwas Beiläufiges. Dann, nach einer Weile sagte er: 'Ich habe übrigens +gar nicht gewußt, daß du so weit verreist warst in der letzten Zeit.' +'Wieso, weit? Verreist?' Der Mittlere begriff nicht ein Wort. 'Nun -- +diese tüchtige Arbeit da,' erwiderte der andere, 'offenbar doch +irgendein holländisches Motiv --' Der besonnene Mittlere lachte laut +auf. 'Köstlich, dieses holländische Motiv befindet sich vor deiner +Türe.' Und er wollte sich gar nicht beruhigen. Aber der Vereinsgenosse +lachte nicht, gar nicht. Er quälte sich ein Lächeln ab und meinte: 'Ein +guter Witz.' 'Aber ganz und gar nicht, mach mal die Tür auf, ich will +dir gleich zeigen --' und der Mittlere ging selbst auf die Türe zu. +'Halt,' befahl der Hausherr, 'und ich erkläre dir somit, daß ich diese +Gegend nie gesehen habe und auch nie sehen werde, weil sie für mein Auge +überhaupt nicht existenzfähig ist.' 'Aber,' machte der mittlere Maler +erstaunt. 'Du bleibst dabei?' fuhr der Rechte gereizt fort, 'gut, ich +reise heute noch ab. Du zwingst mich fortzugehen, denn ich wünsche +nicht, in dieser Gegend zu leben. Verstanden?' -- Damit war die +Freundschaft zu Ende, aber nicht der Verein; denn er ist bis heute nicht +statutengemäß aufgelöst worden. Niemand hat daran gedacht, und man kann +von ihm mit vollstem Rechte sagen, daß er sich über die ganze Erde +verbreitet hat.« + +»Man sieht,« unterbrach mich der bereitwillige junge Mann, der schon +beständig die Lippen spitzte, »wieder einer jener kolossalen Erfolge des +Vereinslebens; gewiß sind viele hervorragende Meister aus dieser innigen +Verbindung hervorgegangen --.« »Erlauben Sie,« bat ich, und er stäubte +mir unversehens den Ärmel ab, »das war eigentlich erst die Einleitung zu +meiner Geschichte, obwohl sie komplizierter ist als die Geschichte +selbst. Also, ich sagte, daß der Verein sich über die ganze Erde +verbreitet hatte, und dieses ist Tatsache. Seine drei Mitglieder flohen +in wahrem Entsetzen voneinander. Nirgends war ihnen Ruhe gewährt. Immer +fürchtete jeder, der andere könnte noch ein Stück seines Landes erkennen +und durch seine ruchlose Darstellung entweihen, und als sie schon an +drei entgegengesetzten Punkten der irdischen Peripherie angelangt waren, +kam jedem der trostlose Einfall, daß sein Himmel, der Himmel, den er +mühsam durch seine wachsende Eigenart erworben hatte, den anderen noch +erreichbar sei. In diesem erschütternden Augenblick begannen sie, alle +drei zugleich, mit ihren Staffeleien nach rückwärts zu gehen, und noch +fünf Schritte, und sie wären vom Rande der Erde in die Unendlichkeit +gefallen und müßten jetzt in rasender Geschwindigkeit die doppelte +Bewegung um diese und um die Sonne vollführen. Aber Gottes Teilnahme und +Aufmerksamkeit verhütete dieses grausame Schicksal. Gott erkannte die +Gefahr und trat im letzten Moment (was hätte er auch sonst tun sollen?) +heraus, in die Mitte des Himmels. Die drei Maler erschraken. Sie +stellten die Staffelei fest und setzten die Palette auf. Diese +Gelegenheit durften sie sich nicht entgehen lassen. Der liebe Gott +erscheint nicht alle Tage und auch nicht jedem. Und jeder der Maler +meinte natürlich, Gott stünde nur vor ihm. Im übrigen vertieften sie +sich immer mehr in die interessante Arbeit. Und jedesmal, wenn Gott +wieder zurück in den Himmel will, bittet der heilige Lukas ihn, noch +eine Weile draußen zu bleiben, bis die drei Maler mit ihren Bildern +fertig sind.« + +»Und die Herren haben diese Bilder ohne Zweifel schon ausgestellt, +vielleicht gar verkauft?« fragte der Musiker in den sanftesten Tönen. +»Wo denken Sie hin,« wehrte ich ab. »Sie malen immer noch an Gott und +werden ihn wohl bis an ihr eigenes Ende malen. Sollten sie aber (was ich +für ausgeschlossen halte) noch einmal im Leben zusammenkommen und sich +die Bilder, die sie von Gott inzwischen gemalt haben, zeigen, wer weiß: +vielleicht würden diese Bilder sich kaum voneinander unterscheiden.« + +Da war auch schon der Bahnhof. Ich hatte noch fünf Minuten Zeit. Ich +dankte dem jungen Mann für seine Begleitung und wünschte ihm alles Glück +für den jungen Verein, den er so ausgezeichnet vertrat. Er tippte mit +dem rechten Zeigefinger den Staub auf, der die Fensterbretter des +kleinen Wartesaals zu bedrücken schien, und war sehr in Gedanken. Ich +muß gestehen, ich schmeichelte mir schon, meine kleine Geschichte hätte +ihn so nachdenklich gestimmt. Als er mir zum Abschied einen roten Faden +aus dem Handschuh zog, riet ich ihm aus Dankbarkeit: »Sie können zurück +ja über die Felder gehen, dieser Weg ist bedeutend näher als die +Straße.« »Verzeihen Sie,« verneigte sich der bereitwillige junge Mann, +»ich werde doch wieder die Straße nehmen. Ich suche mich eben zu +besinnen, wo das war. Während Sie die Güte hatten, mir einiges wirklich +Bedeutende zu erzählen, glaubte ich eine Vogelscheuche im Acker zu +bemerken, in einem alten Rock, und der eine -- mir scheint der linke +Ärmel war hängen geblieben an einem Pfahl, so daß er durchaus nicht +wehte. Ich fühle nun gewissermaßen die Verpflichtung, meinen kleinen +Tribut an den gemeinsamen Interessen der Menschheit, die mir auch als +eine Art Verein erscheint, in welchem jeder etwas zu leisten hat, +dadurch zu entrichten, daß ich diesen linken Ärmel seinem eigentlichen +Sinne, nämlich: zu wehen, zurückgebe ...« Der junge Mann entfernte sich +mit dem liebenswürdigsten Lächeln. Ich aber hätte beinah meinen Zug +versäumt. + +Bruchstücke dieser Geschichte wurden von dem jungen Manne an einem +»Abende« des Vereines gesungen. Weiß Gott, wer ihm die Musik dazu +erfunden hat. Herr Baum, der Fahnenvater, hat sie den Kindern +mitgebracht, und die Kinder haben sich einige Melodien daraus gemerkt. + + + + +DER BETTLER UND DAS STOLZE FRÄULEIN + + +Es traf sich, daß wir -- der Herr Lehrer und ich -- Zeugen wurden +folgender kleinen Begebenheit. Bei uns, am Waldrand, steht bisweilen ein +alter Bettler. Auch heute war er wieder da, ärmer, elender als je, durch +ein mitleidiges Mimikry fast ununterscheidbar von den Latten des +morschen Bretterzauns, an denen er lehnte. Aber da begab es sich, daß +ein ganz kleines Mädchen auf ihn zugelaufen kam, um ihm eine kleine +Münze zu schenken. Das war weiter nicht verwunderlich, überraschend war +nur, wie sie das tat. Sie machte einen schönen braven Knicks, reichte +dem Alten rasch, als ob es niemand merken sollte, ihre Gabe, knickste +wieder und war schon davon. Diese beiden Knickse aber waren mindestens +eines Kaisers wert. Das ärgerte den Herrn Lehrer ganz besonders. Er +wollte rasch auf den Bettler zugehen, wahrscheinlich, um ihn von seiner +Zaunlatte zu verjagen; denn wie man weiß, war er im Vorstand des +Armenvereins und gegen den Straßenbettel eingenommen. Ich hielt ihn +zurück. »Die Leute werden von uns unterstützt, ja man kann wohl sagen, +versorgt,« eiferte er. »Wenn sie auf der Straße auch noch betteln, so +ist das einfach -- Übermut.« »Verehrter Herr Lehrer« -- suchte ich ihn +zu beruhigen, aber er zog mich immer noch nach dem Waldrand hin. +»Verehrter Herr Lehrer --,« bat ich, »ich muß Ihnen eine Geschichte +erzählen.« »So dringend?« fragte er giftig. Ich nahm es ernst: »Ja, eben +jetzt. Ehe Sie vergessen, was wir da gerade zufällig beobachtet haben.« +Der Lehrer mißtraute mir seit meiner letzten Geschichte. Ich las das von +seinem Gesichte und begütigte: »Nicht vom lieben Gott, wirklich nicht. +Der liebe Gott kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es ist etwas +Historisches.« Damit hatte ich gewonnen. Man muß nur das Wort »Historie« +sagen, und schon gehen jedem Lehrer die Ohren auf; denn die Historie ist +etwas durchaus Achtbares, Unverfängliches und oft pädagogisch +Verwendbares. Ich sah, daß der Herr Lehrer wieder seine Brille putzte, +ein Zeichen, daß seine Sehkraft sich in die Ohren geschlagen hatte, und +diesen günstigen Moment wußte ich geschickt zu benutzen. Ich begann: + +»Es war in Florenz, Lorenzo de' Medici, jung, noch nicht Herrscher, +hatte gerade sein Gedicht 'Trionfo di Bacco ed Arianna' ersonnen, und +schon wurden alle Gärten davon laut. Damals gab es lebende Lieder. Aus +dem Dunkel des Dichters stiegen sie in die Stimmen und trieben auf +ihnen, wie auf silbernen Kähnen, furchtlos, ins Unbekannte. Der Dichter +begann ein Lied, und alle, die es sangen, vollendeten es. Im 'Trionfo' +wird, wie in den meisten Liedern jener Zeit, das Leben gefeiert, diese +Geige mit den lichten, singenden Saiten und ihrem dunklen Hintergrund: +dem Rauschen des Blutes. Die ungleich langen Strophen steigen in eine +taumelnde Lustigkeit hinauf, aber dort, wo diese atemlos wird, setzt +jedesmal ein kurzer, einfacher Kehrreim an, der sich von der +schwindelnden Höhe niederneigt und, vor dem Abgrund bang, die Augen zu +schließen scheint. Er lautet: + + Wie schön ist die Jugend, die uns erfreut, + Doch wer will sie halten? Sie flieht und bereut, + Und wenn einer fröhlich sein will, der sei's heut, + Und für morgen ist keine Gewißheit. + +Ist es wunderlich, daß über die Menschen, welche dieses Gedicht sangen, +eine Hast hereinbrach, ein Bestreben, alle Festlichkeit auf dieses Heute +zu türmen, auf den einzigen Fels, auf dem zu bauen sich verlohnt? Und so +kann man sich das Gedränge der Gestalten auf den Bildern der florentiner +Maler erklären, die sich bemühten, alle ihre Fürsten und Frauen und +Freunde in einem Gemälde zu vereinen, denn man malte langsam, und wer +konnte wissen, ob zur Zeit des nächsten Bildes alle noch so jung und +bunt und einig sein würden. Am deutlichsten sprach dieser Geist der +Ungeduld sich begreiflichermaßen bei den Jünglingen aus. Die +glänzendsten von ihnen saßen nach einem Gastmahle auf der Terrasse des +Palazzo Strozzi beisammen und plauderten von den Spielen, die demnächst +vor der Kirche Santa Croce stattfinden sollten. Etwas abseits in einer +Loggia stand Palla degli Albizzi mit seinem Freunde Tomaso, dem Maler. +Sie schienen etwas in wachsender Erregung zu verhandeln, bis Tomaso +plötzlich rief: 'Das tust du nicht, ich wette, das tust du nicht!' Nun +wurden die anderen aufmerksam. 'Was habt ihr?' erkundigte sich Gaetano +Strozzi und kam mit einigen Freunden näher. Tomaso erklärte: 'Palla will +auf dem Feste vor Beatrice Altichieri, dieser Hochmütigen, niederknien +und sie bitten, sie möchte ihm gestatten, den staubigen Saum ihres +Kleides zu küssen.' Alle lachten, und Lionardo, aus dem Hause Ricardi, +bemerkte: 'Palla wird sich das überlegen; er weiß wohl, daß die +schönsten Frauen ein Lächeln für ihn haben, das man sonst niemals bei +ihnen sieht.' Und ein anderer fügte hinzu: 'Und Beatrice ist noch so +jung. Ihre Lippen sind noch zu kinderhaft hart, um zu lächeln. Darum +scheint sie so stolz.' 'Nein --,' erwiderte Palla degli Albizzi mit +übermäßiger Heftigkeit, 'sie ist stolz, daran ist nicht ihre Jugend +schuld. Sie ist stolz wie ein Stein in den Händen Michelangelos, stolz +wie eine Blume an einem Madonnenbild, stolz wie ein Sonnenstrahl, der +über Diamanten geht --' Gaetano Strozzi unterbrach ihn etwas streng: +'Und du, Palla, bist nicht auch du stolz? Was du da sagst, das kommt mir +vor, als wolltest du dich unter die Bettler stellen, die um die Vesper +im Hofe der Sma Annunziata warten, bis Beatrice Altichieri ihnen mit +abgewendetem Gesicht einen Soldo schenkt.' 'Ich will auch dieses tun!' +rief Palla mit glänzenden Augen, drängte sich durch die Freunde nach der +Treppe durch und verschwand. Tomaso wollte ihm nach. 'Laß,' hielt +Strozzi ihn ab, 'er muß jetzt allein sein, da wird er am ehesten +vernünftig werden.' Dann zerstreuten sich die jungen Leute in die +Gärten. + +Im Vorhofe der Santissima Annunziata warteten auch an diesem Abend etwa +zwanzig Bettler und Bettlerinnen auf die Vesper. Beatrice, welche sie +alle dem Namen nach kannte und bisweilen auch in ihre armen Häuser an +der Porta San Niccolò zu den Kindern und zu den Kranken kam, pflegte +jeden von ihnen im Vorübergehen mit einem kleinen Silberstück zu +beschenken. Heute schien sie sich etwas zu verspäten; die Glocken hatten +schon gerufen, und nur Fäden ihres Klanges hingen noch an den Türmen +über der Dämmerung. Es entstand eine Unruhe unter den Armen, auch weil +ein neuer unbekannter Bettler sich in das Dunkel des Kirchentors +geschlichen hatte, und eben wollten sie sich seiner erwehren in ihrem +Neid, als ein junges Mädchen in schwarzem, fast nonnenhaftem Kleide im +Vorhofe erschien und, durch ihre Güte gehemmt, von einem zum anderen +ging, während eine der begleitenden Frauen den Beutel offen hielt, aus +welchem sie ihre kleinen Gaben holte. Die Bettler stürzten in die Knie, +schluchzten und suchten ihre welken Finger eine Sekunde lang an die +Schleppe des schlichten Kleides ihrer Wohltäterin zu legen, oder sie +küßten auch den letzten Saum mit ihren nassen, stammelnden Lippen. Die +Reihe war zu Ende; es hatte auch keiner von den Beatrice wohlbekannten +Armen gefehlt. Aber da gewahrte sie unter dem Schatten des Tores noch +eine fremde Gestalt in Lumpen und erschrak. Sie geriet in Verwirrung. +Alle ihre Armen hatte sie schon als Kind gekannt, und sie zu beschenken, +war ihr etwas Selbstverständliches geworden, eine Handlung wie etwa die, +daß man die Finger in die Marmorschalen voll heiligen Wassers hält, die +an den Türen jeder Kirche stehen. Aber es war ihr nie eingefallen, daß +es auch fremde Bettler geben könnte; wie sollte man das Recht haben, +auch diese zu beschenken, da man sich das Vertrauen ihrer Armut nicht +verdient hatte durch irgendein Wissen darum? Wäre es nicht eine +unerhörte Überhebung gewesen, einem Unbekannten ein Almosen zu reichen? +Und im Widerstreit dieser dunkeln Gefühle ging das Mädchen, als ob es +ihn nicht bemerkt hätte, an dem neuen Bettler vorbei und trat rasch in +die kühle, hohe Kirche ein. Aber als drinnen die Andacht begann, konnte +sie sich keines Gebetes erinnern. Eine Angst überkam sie, daß der arme +Mann nach der Vesper nicht mehr am Tore zu finden sein würde und daß sie +nichts getan hatte, seine Not zu lindern, während die Nacht so nahe war, +darin alle Armut hilfloser und trauriger ist als am Tag. Sie machte +derjenigen von ihren Frauen, die den Beutel trug, ein Zeichen und zog +sich mit ihr nach dem Eingang zurück. Dort war es indessen leer +geworden; aber der Fremde stand immer noch, an eine Säule gelehnt, da +und schien dem Gesang zu lauschen, der seltsam fern, wie aus Himmeln, +aus der Kirche kam. Sein Gesicht war fast ganz verhüllt, wie es manchmal +bei Aussätzigen der Fall ist, die ihre häßlichen Wunden erst entblößen, +wenn man nahe vor ihnen steht und sie sicher sind, daß Mitleid und Ekel +in gleichem Maße zu ihren Gunsten reden. Beatrice zögerte. Sie hatte den +kleinen Beutel selbst in Händen und fühlte nur wenige geringe Münzen +darin. Aber mit einem raschen Entschluß trat sie auf den Bettler zu und +sagte mit unsicherer, etwas singender Stimme und ohne die flüchtenden +Blicke von den eigenen Händen zu heben: 'Nicht um Euch zu kränken, Herr +... mir ist, erkenn ich Euch recht, ich bin in Eurer Schuld. Euer Vater, +ich glaube, hat in unserem Haus das reiche Geländer gemacht, aus +getriebenem Eisen, wißt Ihr, welches die Treppe uns ziert. Später einmal +-- fand sich in der Kammer, -- darin er manchmal bei uns zu arbeiten +pflegte, -- ein Beutel -- ich denke, er hat ihn verloren -- gewiß --.' +Aber die hilflose Lüge ihrer Lippen drückte das Mädchen vor dem Fremden +in die Kniee. Sie zwang den Beutel aus Brokat in seine vom Mantel +verhüllten Hände und stammelte: 'Verzeiht --.' + +Sie fühlte noch, daß der Bettler zitterte. Dann flüchtete Beatrice mit +der erschrockenen Begleiterin zurück in die Kirche. Aus dem eine Weile +geöffneten Tor brach ein kurzer Jubel von Stimmen. -- Die Geschichte ist +zu Ende. Messer Palla degli Albizzi blieb in seinen Lumpen. Er +verschenkte seine ganze Habe und ging barfuß und arm ins Land. Später +soll er in der Nähe von Subiaco gewohnt haben.« + +»Zeiten, Zeiten,« sagte der Herr Lehrer. »Was hilft das alles; er war +auf dem Wege, ein Wüstling zu werden, und wurde durch diese Begebenheit +ein Landstreicher, ein Sonderling. Heute weiß gewiß kein Mensch mehr von +ihm.« »Doch,« -- erwiderte ich bescheiden, -- »sein Name wird bisweilen +bei den großen Litaneien in den katholischen Kirchen unter den +Fürbittern genannt; denn er ist ein Heiliger geworden.« + +Die Kinder haben auch diese Geschichte vernommen, und sie behaupten, zum +Ärger des Herrn Lehrer, auch in ihr käme der liebe Gott vor. Ich bin +auch ein wenig erstaunt darüber; denn ich habe dem Herrn Lehrer doch +versprochen, ihm eine Geschichte ohne den lieben Gott zu erzählen. Aber, +freilich: die Kinder müssen es wissen! + + + + +EINE GESCHICHTE, DEM DUNKEL ERZÄHLT + + +Ich wollte den Mantel umnehmen und zu meinem Freunde Ewald gehen. Aber +ich hatte mich über einem Buche versäumt, einem alten Buche übrigens, +und es war Abend geworden, wie es in Rußland Frühling wird. Noch vor +einem Augenblick war die Stube bis in die fernsten Ecken klar, und nun +taten alle Dinge, als ob sie nie etwas anderes gekannt hätten als +Dämmerung; überall gingen große dunkle Blumen auf, und wie auf +Libellenflügeln glitt Glanz um ihre samtenen Kelche. + +Der Lahme war gewiß nicht mehr am Fenster. Ich blieb also zu Haus. Was +hatte ich ihm doch erzählen wollen? Ich wußte es nicht mehr. Aber eine +Weile später fühlte ich, daß jemand diese verlorene Geschichte von mir +verlangte, irgendein einsamer Mensch vielleicht, der fern am Fenster +seiner finstern Stube stand, oder vielleicht dieses Dunkel selbst, das +mich und ihn und die Dinge umgab. So geschah es, daß ich dem Dunkel +erzählte. Und es neigte sich immer näher zu mir, so daß ich immer leiser +sprechen konnte, ganz, wie es zu meiner Geschichte paßt. Sie handelt +übrigens in der Gegenwart und beginnt. + +Nach langer Abwesenheit kehrte Doktor Georg Laßmann in seine enge Heimat +zurück. Er hatte nie viel dort besessen, und jetzt lebten ihm nur mehr +zwei Schwestern in der Vaterstadt, beide verheiratet, wie es schien, gut +verheiratet; diese nach zwölf Jahren wiederzusehen, war der Grund seines +Besuchs. So glaubte er selbst. Aber nachts, während er im überfüllten +Zuge nicht schlafen konnte, wurde ihm klar, daß er eigentlich um seiner +Kindheit willen kam, und hoffte, in den alten Gassen irgend etwas wieder +zu finden: ein Tor, einen Turm, einen Brunnen, irgendeinen Anlaß zu +einer Freude oder zu einer Traurigkeit, an welcher er sich wieder +erkennen konnte. Man verliert sich ja so im Leben. Und da fiel ihm +verschiedenes ein: die kleine Wohnung in der Heinrichsgasse mit den +glänzenden Türklinken und den dunkelgestrichenen Dielen, die geschonten +Möbel und seine Eltern, diese beiden abgenützten Menschen, fast +ehrfürchtig neben ihnen; die schnellen gehetzten Wochentage und die +Sonntage, die wie ausgeräumte Säle waren, die seltenen Besuche, die man +lachend und in Verlegenheit empfing, das verstimmte Klavier, der alte +Kanarienvogel, der ererbte Lehnstuhl, auf dem man nicht sitzen durfte, +ein Namenstag, ein Onkel, der aus Hamburg kommt, ein Puppentheater, ein +Leierkasten, eine Kindergesellschaft, und jemand ruft: 'Klara'. Der +Doktor wäre fast eingeschlafen. Man steht in einer Station, Lichter +laufen vorüber, und der Hammer geht horchend durch die klingenden Räder. +Und das ist wie: Klara, Klara. Klara, überlegt der Doktor, jetzt ganz +wach, wer war das doch? Und gleich darauf fühlt er ein Gesicht, ein +Kindergesicht mit blondem, glattem Haar. Nicht daß er es schildern +könnte, aber er hat die Empfindung von etwas Stillem, Hilflosem, +Ergebenem, von ein paar schmalen Kinderschultern, durch ein verwaschenes +Kleidchen noch mehr zusammengepreßt, und er dichtet dazu ein Gesicht -- +aber da weiß er auch schon, er muß es nicht dichten. Es ist da -- oder +vielmehr es war da -- damals. So erinnert sich Doktor Laßmann an seine +einzige Gespielin Klara, nicht ohne Mühe. Bis zur Zeit, da er in eine +Erziehungsanstalt kam, etwa zehn Jahre alt, hat er alles mit ihr +geteilt, was ihm begegnete, das Wenige (oder das Viele?). Klara hatte +keine Geschwister, und er hatte so gut wie keine; denn seine älteren +Schwestern kümmerten sich nicht um ihn. Aber seither hat er niemanden je +nach ihr gefragt. Wie war das doch möglich? Er lehnte sich zurück. Sie +war ein frommes Kind, erinnerte er sich noch, und dann fragte er sich: +Was mag aus ihr geworden sein? Eine Zeitlang ängstigte ihn der Gedanke, +sie könnte gestorben sein. Eine unermeßliche Bangigkeit überfiel ihn in +dem engen gedrängten Coupé; alles schien diese Annahme zu bestätigen: +sie war ein kränkliches Kind, sie hatte es zu Hause nicht besonders gut, +sie weinte oft; unzweifelhaft: sie ist tot. Der Doktor ertrug es nicht +länger; er störte einzelne Schlafende und schob sich zwischen ihnen +durch in den Gang des Waggons. Dort öffnete er ein Fenster und schaute +hinaus in das Schwarz mit den tanzenden Funken. Das beruhigte ihn. Und +als er später in das Coupé zurückkehrte, schlief er trotz der unbequemen +Lage bald ein. + +Das Wiedersehen mit den beiden verheirateten Schwestern verlief nicht +ohne Verlegenheiten. Die drei Menschen hatten vergessen, wie weit sie +einander, trotz ihrer engen Verwandtschaft, doch immer geblieben waren, +und versuchten eine Weile, sich wie Geschwister zu benehmen. Indessen +kamen sie bald stillschweigend überein, zu dem höflichen Mittelton ihre +Zuflucht zu nehmen, den der gesellschaftliche Verkehr für alle Fälle +geschaffen hat. + +Er war bei der jüngeren Schwester, deren Mann in besonders günstigen +Verhältnissen war, Fabrikant mit dem Titel kaiserlicher Rat; und es war +nach dem vierten Gange des Diners, als der Doktor fragte: 'Sag mal, +Sophie, was ist denn aus Klara geworden?' 'Welcher Klara?' 'Ich kann +mich ihres Familiennamens nicht erinnern. Der kleinen, weißt du, der +Nachbarstochter, mit der ich als Kind gespielt habe?' 'Ach, Klara +Söllner meinst du?' 'Söllner, richtig, Söllner. Jetzt fällt mir erst +ein: der alte Söllner, das war ja dieser gräßliche Alte -- -- aber was +ist mit Klara?' Die Schwester zögerte: 'Sie hat geheiratet -- übrigens +lebt sie jetzt ganz zurückgezogen.' 'Ja,' machte der Herr Rat, und sein +Messer glitt kreischend über den Teller, 'ganz zurückgezogen.' 'Du +kennst sie auch?' wandte sich der Doktor an seinen Schwager. 'Ja-a-a -- +so flüchtig; sie ist ja hier ziemlich bekannt.' Die beiden Gatten +wechselten einen Blick des Einverständnisses. Der Doktor merkte, daß es +ihnen aus irgendeinem Grunde unangenehm war, über diese Angelegenheit zu +reden, und fragte nicht weiter. + +Um so mehr Lust zu diesem Thema bewies der Herr Rat, als die Hausfrau +die Herren beim schwarzen Kaffee zurückgelassen hatte. 'Diese Klara,' +fragte er mit listigem Lächeln und betrachtete die Asche, die von seiner +Zigarre in den silbernen Becher fiel, 'sie soll doch ein stilles und +überdies häßliches Kind gewesen sein?' Der Doktor schwieg. Der Herr Rat +rückte vertraulich näher: 'Das war eine Geschichte! -- Hast du nie davon +gehört?' 'Aber ich habe ja mit niemandem gesprochen.' 'Was, gesprochen,' +lächelte der Rat fein, 'man hat es ja in den Zeitungen lesen können.' +'Was?' fragte der Doktor nervös. + +'Also, sie ist ihm durchgegangen' -- hinter einer Wolke Rauches her +schickte der Fabrikant diesen überraschenden Satz und wartete in +unendlichem Behagen die Wirkung desselben ab. Aber diese schien ihm +nicht zu gefallen. Er nahm eine geschäftliche Miene an, setzte sich +gerade und begann in anderem berichtenden Ton, gleichsam gekränkt. 'Hm. +Man hatte sie verheiratet an den Baurat Lehr. Du wirst ihn nicht mehr +gekannt haben. Kein alter Mann, in meinem Alter. Reich, durchaus +anständig, weißt du, durchaus anständig. Sie hatte keinen Groschen und +war obendrein nicht schön, ohne Erziehung usw. Aber der Baurat wünschte +ja auch keine große Dame, eine bescheidene Hausfrau. Aber die Klara -- +sie wurde überall in der Gesellschaft aufgenommen, man brachte ihr +allgemein Wohlwollen entgegen, -- wirklich -- man benahm sich -- also +sie hätte sich eine Position schaffen können mit Leichtigkeit, weißt du +-- aber die Klara, eines Tages -- kaum zwei Jahre nach der Hochzeit: +fort ist sie. Kannst du dir denken: fort. Wohin? Nach Italien. Eine +kleine Vergnügungsreise, natürlich nicht allein. Wir haben sie schon im +ganzen letzten Jahr nicht eingeladen gehabt, -- als ob wir geahnt +hätten! Der Baurat, mein guter Freund, ein Ehrenmann, ein Mann --' + +'Und Klara?' unterbrach ihn der Doktor und erhob sich. 'Ach so -- ja, na +die Strafe des Himmels hat sie erreicht. Also der Betreffende -- man +sagt ein Künstler, weißt du -- ein leichter Vogel, natürlich nur so -- +Also wie sie aus Italien zurück waren, in München: adieu und ward nicht +mehr gesehen. Jetzt sitzt sie mit ihrem Kind!' + +Doktor Laßmann ging erregt auf und nieder: 'In München?' 'Ja, in +München,' antwortete der Rat und erhob sich gleichfalls. 'Es soll ihr +übrigens recht elend gehen --' 'Was heißt elend --?' 'Nun,' der Rat +betrachtete seine Zigarre, 'pekuniär und dann überhaupt -- Gott -- so +eine Existenz -- -- --' Plötzlich legte er seine gepflegte Hand dem +Schwager auf die Schulter, seine Stimme gluckste vor Vergnügen: 'Weißt +du, übrigens erzählte man sich, sie lebe von --' Der Doktor drehte sich +kurz um und ging aus der Tür. Der Herr Rat, dem die Hand von der +Schulter des Schwagers gefallen war, brauchte zehn Minuten, um sich von +seinem Staunen zu erholen. Dann ging er zu seiner Frau hinein und sagte +ärgerlich: 'Ich hab es immer gesagt, dein Bruder ist ein Sonderling.' +Und diese, die eben eingenickt war, gähnte träge: 'Ach Gott ja.' + +Vierzehn Tage später reiste der Doktor ab. Er wußte mit einemmal, daß er +seine Kindheit anderswo suchen müsse. In München fand er im Adreßbuch: +Klara Söllner, Schwabing, Straße und Nummer. Er meldete sich an und fuhr +hinaus. Eine schlanke Frau begrüßte ihn in einer Stube voll Licht und +Güte. + +'Georg, und Sie erinnern sich meiner?' + +Der Doktor staunte. Endlich sagte er: 'Also das sind Sie, Klara,' sie +hielt ihr stilles Gesicht mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte +sie ihm Zeit geben, sie zu erkennen. Das dauerte lange. Schließlich +schien der Doktor etwas gefunden zu haben, was ihm bewies, daß seine +alte Spielgefährtin wirklich vor ihm stünde. Er suchte noch einmal ihre +Hand und drückte sie; dann ließ er sie langsam los und schaute in der +Stube umher. Diese schien nichts Überflüssiges zu enthalten. Am Fenster +ein Schreibtisch mit Schriften und Büchern, an welchem Klara eben mußte +gesessen haben. Der Stuhl war noch zurückgeschoben. 'Sie haben +geschrieben?' ... und der Doktor fühlte, wie dumm diese Frage war. Aber +Klara antwortete unbefangen: 'Ja, ich übersetze.' 'Für den Druck?' 'Ja,' +sagte Klara einfach, 'für einen Verlag.' Georg bemerkte an den Wänden +einige italienische Photographien. Darunter das »Konzert« des Giorgione. +'Sie lieben das?' Er trat nahe an das Bild heran. 'Und Sie?' 'Ich habe +das Original nie gesehen; es ist in Florenz, nicht wahr?' 'Im Pitti. Sie +müssen hinreisen.' 'Zu diesem Zweck?' 'Zu diesem Zweck.' Eine freie und +einfache Heiterkeit war über ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf. + +'Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht setzen?' 'Ich bin traurig,' +zögerte er. 'Ich habe gedacht -- aber Sie sind ja gar nicht elend --' +fuhr es plötzlich heraus. Klara lächelte: 'Sie haben meine Geschichte +gehört?' 'Ja, das heißt --' 'O,' unterbrach ihn Klara schnell, als sie +merkte, daß seine Stirn sich verdunkelte, 'es ist nicht die Schuld der +Menschen, daß sie anders davon reden. Die Dinge, die wir erleben, lassen +sich oft nicht ausdrücken, und wer sie dennoch erzählt, muß notwendig +Fehler begehen --.' Pause. Und der Doktor: 'Was hat Sie so gütig +gemacht?' 'Alles,' sagte sie leise und warm. 'Aber warum sagen Sie: +gütig?' 'Weil -- weil Sie eigentlich hätten hart werden müssen. Sie +waren ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder werden später +entweder hart oder --' 'Oder sie sterben -- wollen Sie sagen. Nun, ich +bin auch gestorben. O, ich bin viele Jahre gestorben. Seit ich Sie zum +letztenmal gesehen habe, zu Haus, bis --' Sie langte etwas vom Tische +her: 'Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist etwas geschmeichelt. Sein +Gesicht ist nicht so klar, aber -- lieber, einfacher. Ich werde Ihnen +dann gleich unser Kind zeigen, es schläft jetzt nebenan. Es ist ein Bub. +Heißt Angelo, wie er. Er ist jetzt fort, auf Reisen, weit.' + +'Und Sie sind ganz allein?' fragte der Doktor zerstreut, immer noch über +dem Bilde. + +'Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug? Ich will Ihnen erzählen, wie +das kommt. Angelo ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie werden ihn +nie gehört haben. Bis in die letzte Zeit hat er gerungen mit der Welt, +mit seinen Plänen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir; denn ich bat +ihn seit einem Jahr: du mußt reisen. Ich fühlte, wie sehr ihm das not +tat. Einmal sagte er scherzend: 'Mich oder ein Kind?' 'Ein Kind,' sagte +ich, und dann reiste er.' + +'Und wann wird er zurückkehren?' + +'Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so ist es abgemacht.' Der Doktor +wollte etwas bemerken. Aber Klara lachte: 'Und da es ein schwerer Name +ist, wird es noch eine Weile dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei +Jahre.' + +'Seltsam,' sagte der Doktor. 'Was, Georg?' 'Wie gut Sie das Leben +verstehen. Wie groß Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie Ihre +Kindheit hingetan? -- wir waren doch beide so -- so hilflose Kinder. Das +läßt sich doch nicht ändern oder ungeschehen machen.' 'Sie meinen also, +wir hätten an unserer Kindheit leiden müssen, von Rechts wegen?' 'Ja, +gerade das meine ich. An diesem schweren Dunkel hinter uns, zu dem wir +so schwache, so ungewisse Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: wir +haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen Anfang, alles Vertrauen, die +Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich +wissen wir: Alles das ist versunken in einem Meer, und wir wissen nicht +einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand sein +ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür eine Feder kaufte und sie auf den +Hut steckte, hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. Natürlich kommt +er zu Hause ohne Feder an, und ihm bleibt nichts übrig, als +nachzudenken, wann sie wohl könnte davongeflogen sein.' + +'Sie denken daran, Georg?' + +'Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben. Ich beginne irgendwo hinter +meinem zehnten Jahr, dort, wo ich aufgehört habe zu beten. Das andere +gehört nicht mir.' + +'Und wie kommt es dann, daß Sie sich an mich erinnert haben?' + +'Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der einzige Zeuge jener Zeit. Ich +glaubte, ich könnte in Ihnen wiederfinden, -- was ich in mir nicht +finden kann. Irgendeine Bewegung, ein Wort, einen Namen, an dem etwas +hängt -- eine Aufklärung --' Der Doktor senkte den Kopf in seine kalten, +unruhigen Hände. + +Frau Klara dachte nach: 'Ich erinnere mich an so weniges aus meiner +Kindheit, als wären tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie mich +so daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein Abend. Sie kamen zu uns, +unerwartet; Ihre Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so. Bei uns +war alles hell. Mein Vater erwartete einen Gast, einen Verwandten, einen +entfernten reichen Verwandten, wenn ich mich recht entsinne. Er sollte +kommen aus, aus -- ich weiß nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns +wartete man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Türen waren offen, die +Lampen brannten, die Mutter ging von Zeit zu Zeit und glättete eine +Schutzdecke auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster. Niemand wagte sich +zu setzen, um keinen Stuhl zu verrücken. Da Sie gerade kamen, warteten +Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tür. Und je später es wurde, +einen desto wunderbarern Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten sogar, +er könnte kommen, ehe er jenen letzten Grad von Herrlichkeit erreicht +haben würde, dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens näher kam. Wir +fürchteten nicht, er könnte überhaupt nicht erscheinen; wir wußten +bestimmt: er kommt, aber wir wollten ihm Zeit lassen, groß und mächtig +zu werden.' + +Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen +wir beide, daß er nicht kam --. Ich habe es auch nicht vergessen +gehabt.' 'Nein,' -- bestätigte Klara, 'er kam nicht --.' Und nach einer +Pause: 'Aber es war doch schön!' 'Was?' 'Nun so -- das Warten, die +vielen Lampen, -- die Stille -- das Feiertägliche.' + +Etwas rührte sich im Nebenzimmer. Frau Klara entschuldigte sich für +einen Augenblick; und als sie hell und heiter zurückkam, sagte sie: 'Wir +können dann hineingehen. Er ist jetzt wach und lächelt. -- Aber was +wollten Sie eben sagen?' + +'Ich habe mir eben überlegt, was Ihnen könnte geholfen haben zu -- zu +sich selbst, zu diesem ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen doch +nicht leicht gemacht. Offenbar half Ihnen etwas, was mir fehlt?' 'Was +sollte das sein, Georg?' Klara setzte sich neben ihn. + +'Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal wieder Ihrer erinnerte, vor +drei Wochen nachts, auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes +Kind. Und jetzt, seit ich Sie gesehen habe, trotzdem Sie so ganz anders +sind, als ich erwartete -- trotzdem, ich möchte fast sagen, nur noch +desto sicherer, empfinde ich, was Sie geführt hat, mitten durch alle +Gefahren, war Ihre -- Ihre Frömmigkeit.' + +'Was nennen Sie Frömmigkeit?' + +'Nun, Ihr Verhältnis zu Gott, Ihre Liebe zu ihm, Ihr Glauben.' + +Frau Klara schloß die Augen: 'Liebe zu Gott? Lassen Sie mich +nachdenken.' Der Doktor betrachtete sie gespannt. Sie schien ihre +Gedanken langsam auszusprechen, so wie sie ihr kamen: 'Als Kind -- hab +ich da Gott geliebt? Ich glaube nicht. Ja, ich habe nicht einmal -- es +hätte mir wie eine wahnsinnige Überhebung -- das ist nicht das richtige +Wort -- wie die größte Sünde geschienen, zu denken: Er ist. Als ob ich +ihn damit gezwungen hätte, in mir, in diesem schwachen Kind, mit den +lächerlich langen Armen, zu sein, in unserer armen Wohnung, in der alles +unecht und lügnerisch war, von den Bronze-Wandtellern aus Papiermaché +bis zum Wein in den Flaschen, die so teure Etiketten trugen. Und +später --' Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung mit den Händen, +und ihre Augen schlossen sich fester, als fürchteten sie, durch die +Lider etwas Furchtbares zu sehen -- 'ich hätte ihn ja hinausdrängen +müssen aus mir, wenn er in mir gewohnt hätte damals. Aber ich wußte +nichts von ihm. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich hatte alles vergessen. +-- Erst in Florenz: Als ich zum erstenmal in meinem Leben sah, hörte, +fühlte, erkannte und zugleich danken lernte für alles das, da dachte ich +wieder an ihn. Überall waren Spuren von ihm. In allen Bildern fand ich +Reste von seinem Lächeln, die Glocken lebten noch von seiner Stimme, und +an den Statuen erkannte ich Abdrücke seiner Hände.' + +'Und da fanden Sie ihn?' + +Klara schaute den Doktor mit großen, glücklichen Augen an: 'Ich fühlte, +daß er war, irgendwann einmal war ... warum hätte ich mehr empfinden +sollen? Das war ja schon Überfluß.' + +Der Doktor stand auf und ging ans Fenster. Man sah ein Stück Feld und +die kleine, alte Schwabinger Kirche, darüber Himmel, nicht mehr ganz +ohne Abend. Plötzlich fragte Doktor Laßmann, ohne sich umzuwenden: 'Und +jetzt?' Als keine Antwort kam, kehrte er leise zurück. + +'Jetzt --,' zögerte Klara, als er gerade vor ihr stand, und hob die +Augen voll zu ihm auf: 'jetzt denke ich manchmal: Er wird sein.' + +Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie einen Augenblick. Er schaute +so ins Unbestimmte. + +'Woran denken Sie, Georg?' + +'Ich denke, daß das wieder wie an jenem Abend ist: Sie warten wieder auf +den Wunderbaren, auf Gott, und wissen, daß er kommen wird -- Und ich +komme zufällig dazu --.' + +Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie sah sehr jung aus. 'Nun, +diesmal wollen wirs aber auch abwarten.' Sie sagte das so froh und +einfach, daß der Doktor lächeln mußte. So führte sie ihn in das andere +Zimmer, zu ihrem Kind. -- + +In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder nicht wissen dürfen. +Indessen, die Kinder haben sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem +Dunkel erzählt, sonst niemandem. Und die Kinder haben Angst vor dem +Dunkel, laufen ihm davon, und müssen sie einmal drinnen bleiben, so +pressen sie die Augen zusammen und halten sich die Ohren zu. Aber auch +für sie wird einmal die Zeit kommen, da sie das Dunkel liebhaben. Sie +werden von ihm meine Geschichte empfangen, und dann werden sie sie auch +besser verstehen. + + + + +INHALT + + + ALS EINLEITUNG + + Das Märchen von den Händen Gottes 1 + + GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT + + Der fremde Mann 19 + + Warum der liebe Gott will, daß es arme Leute gibt 29 + + Wie der Verrat nach Rußland kam 41 + + Wie der alte Timofei singend starb 55 + + Das Lied von der Gerechtigkeit 69 + + Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig 89 + + Von einem, der die Steine belauscht 103 + + Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein 111 + + Ein Märchen vom Tod und eine fremde Nachschrift dazu 123 + + Ein Verein aus einem dringenden Bedürfnis heraus 139 + + Der Bettler und das stolze Fräulein 159 + + Eine Geschichte, dem Dunkel erzählt 171 + + + + + Druck von Bernhard + Tauchnitz in Leipzig + + + + +IM INSEL-VERLAG · LEIPZIG + +DICHTUNGEN VON RAINER MARIA RILKE + + +DAS STUNDENBUCH. (Vom mönchischen Leben; Von der Pilgerschaft; Von der +Armut und vom Tode.) 30.-39. Tausend. + +ERSTE GEDICHTE. 10.-13. Tausend. + +DIE FRÜHEN GEDICHTE. 11.-14. Tausend. + +NEUE GEDICHTE (1905 bis 1907). 10.-14. Tausend. + +DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. 9. bis 13. Tausend. + +DAS BUCH DER BILDER. 16.-19. Tausend. + +REQUIEM. (Für eine Freundin. Für Wolf Graf von Kalckreuth.) Fünfte +Auflage. + +DAS MARIENLEBEN. 31.-40. Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 43.) + +DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE. 201.-230. +Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 1.) + +DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE. Roman. Zwei Bände. 13.-17. +Tausend. + +AUGUSTE RODIN. Mit 96 Vollbildern nach Skulpturen und Handzeichnungen +Rodins. 31.-35. Tausend. + + * * * * * + +Von Rilke wurden übertragen: + +ELIZABETH BARRETT-BROWNING: SONETTE AUS DEM PORTUGIESISCHEN. +(Insel-Bücherei Nr. 252.) + +DIE LIEBE DER MAGDALENA. Ein französischer Sermon, gezogen durch den +Abbé Joseph Bonnet aus dem Manuskript Q I 14 der Kaiserlichen Bibliothek +zu St. Petersburg. Dritte Auflage. + +DIE VIERUNDZWANZIG SONETTE DER LOUÏZE LABÉ. Lyoneserin 1555. +(Insel-Bücherei Nr. 222.) 11.-20. Tausend. + +PORTUGIESISCHE BRIEFE. (Die Briefe der Marianne Alcoforado.) 21.-25. +Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 74.) + +ANDRÉ GIDE. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. 16.-20. Tausend. +(Insel-Bücherei Nr. 143.) + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + Rechte auf die Linke los: Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die + Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die + + Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen + 'Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen + + wofür der Name mir fehlt Und alle diese Dinge lagen in den seichten + wofür der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten + + Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: Das also wissen + Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen + + ] + + + + + + +End of Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT *** + +***** This file should be named 38402-8.txt or 38402-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/4/0/38402/ + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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