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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:10:05 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:10:05 -0700 |
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diff --git a/38336-8.txt b/38336-8.txt new file mode 100644 index 0000000..3e14b6c --- /dev/null +++ b/38336-8.txt @@ -0,0 +1,1065 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Großinquisitor + +Author: F. M. Dostojewski + +Translator: Rudolf Kassner + +Release Date: December 18, 2011 [EBook #38336] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden ohne + Änderungen übernommen. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + F. M. Dostojewski + + Der + Großinquisitor + + Übertragen von Rudolf Kassner + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + +In seiner unermeßlichen Barmherzigkeit zeigt Er sich noch einmal den +Menschen in derselben Gestalt, in welcher Er vor fünfzehn Jahrhunderten +drei Jahre lang unter ihnen gewandelt ist. Er läßt sich herab auf die +'brennenden Plätze' der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in +Gegenwart des Königs, des gesamten Hofstaates, der Ritterschaft, der +Kardinäle und entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft +Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor nicht weniger als ein volles +Hundert Ketzer auf einmal _ad majorem dei gloriam_ verbrannt worden war. + +Leise und unauffällig erscheint Er unter den Menschen, und siehe, es +erkennen Ihn alle. Das Volk drängt sich an Ihn heran mit unbezwinglicher +Gewalt. Es umgibt Ihn, wächst um Ihn und folgt Ihm. Schweigend schreitet +Er unter ihnen, mit dem stillen Lächeln unendlichen Mitleids auf den +Lippen. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen des +Lichtes, der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen und gießen +sich über die Menge und wecken die Herzen der Menschen. Er streckt ihnen +seine Hand entgegen und segnet sie, und aus der Berührung mit seinem +Körper, ja schon aus seinem Gewande fließt heilende Kraft. Ein Greis, +der seit der Kindheit blind war, ruft aus der Schar: 'Herr, heile mich, +damit ich Dich erkenne!' Und siehe, von seinen Augen fällt es wie +Schuppen, und der Blinde sieht. In den Augen der Menschen sind Tränen, +das Volk küßt die Erde, über die Er hinwandelt, die Kinder werfen Blumen +vor seine Schritte, singen Lieder und rufen Hosianna. 'Er ist es, Er,' +wiederholen alle, 'Er muß es sein und kein anderer.' So kommt Er vor das +Tor der Kathedrale, wo Menschen unter Heulen und Wehklagen einen weißen +offenen Kindersarg tragen, darin ein siebenjähriges Mädchen liegt, die +einzige Tochter eines angesehenen Bürgers der Stadt. Das tote Kind liegt +da, ganz in Blumen gebettet. 'Er wird dein Kind auferwecken vom Tode', +rufen Stimmen der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem +Sarge ein Priester entgegen, er vermag nicht gleich zu fassen, was hier +geschieht, und runzelt die Stirne. Da hört er ein Aufschluchzen: es ist +die Mutter des toten Mädchens, sie wirft sich zu seinen Füßen nieder und +hebt ihre Hand zu Ihm auf und ruft aus: 'Wenn Du es bist, dann wecke +mein Kind vom Tode auf!' Die Prozession bleibt stehen, der Sarg wird vor +Ihm auf den Boden gelassen. Er sieht auf ihn hernieder voll Rührung, und +sein Mund spricht noch einmal: '_Talifa kumi._' Und das Mädchen erhebt +sich im Sarge, setzt sich auf und blickt im Kreise um sich mit +erstaunten offenen Augen. In den Händen hält es das Sträußlein weißer +Rosen, mit dem es im Sarge gelegen hat. Das Volk ist bewegt, Stimmen, +Schreie, Schluchzen. In diesem Augenblicke geht an der Kathedrale über +den Platz der Kardinal vorbei, der Großinquisitor, ein Greis von bald +neunzig Jahren, hoch und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und +tiefliegenden Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht. Heute +ist er nicht in den Prunkgewändern, in denen er sich gestern dem Volke +gezeigt hatte, da er die Feinde des römischen Glaubens verbrannte -- +nein, heute trägt er die alte grobe Mönchskutte. Ihm folgen in +gemessener Entfernung seine düsteren Gehilfen und Knechte, die +'heiligen' Wächter. Er bleibt vor der Menge stehen und sieht zu, was +geschieht. Er hat alles gesehen; er hat gesehen, wie sie den Sarg vor +Ihn hingestellt haben, er hat gesehen, wie sich das Mädchen im Sarge +erhoben hat, und über sein Gesicht legt sich ein dunkler Schatten. Er +zieht seine dichten, grauen Brauen zusammen, und sein Blick leuchtet auf +in Bosheit. Indem er auf Ihn mit dem Finger weist, heißt er die Wächter +Ihn ergreifen. Und so groß ist seine Gewalt, und so gehorsam und ergeben +ist ihm das Volk, daß die Menge den Wächtern Platz macht und diese unter +aller tiefem plötzlichem Schweigen Hand an Ihn legen und Ihn fortführen. +Die Volksmenge ist wie =ein= Mann, und die Köpfe neigen sich vor dem +greisen Inquisitor zu Boden; er segnet schweigend die Menschen und setzt +seinen Weg fort. + +Die Wache hat inzwischen den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes +Verlies im alten Gebäude des heiligen Tribunals geführt und hinter Ihm +die Tür geschlossen. Der Tag vergeht, die Nacht bricht herein, die +dunkle, glühende, atemlose Nacht Sevillas. Die Luft ist voll vom Duft +des Lorbeers und der Zitronenblüte. Um Mitternacht öffnet sich das +eiserne Tor des Gefängnisses, und der Großinquisitor tritt leisen +Schrittes herein, in der Hand hält er ein Licht. Er ist allein, hinter +ihm schließt sich das Tor. + +Er bleibt am Eingange stehen und sieht Ihm lange, ein bis zwei Minuten +lang, ins Gesicht. Dann tritt er näher heran, stellt den Leuchter auf +den Tisch und spricht zu Ihm: 'Bist Du es?' + +Da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu: 'Antworte nicht, +schweige! Was kannst Du auch sagen? Ich weiß sehr gut, was Du sagen +willst; doch Du hast kein Recht, auch nur ein Wort zu dem hinzuzufügen, +was einst von Dir selber gesagt worden ist. Warum bist Du gekommen, uns +zu stören? Denn dazu bist Du gekommen, Du weißt es selber. Weißt Du aber +auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist, ich will +auch nicht wissen, ob Du es wirklich bist oder ob Du nur seine Gestalt +angenommen hast: aber morgen werde ich Dich richten und verurteilen und +Dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen als den gefährlichsten aller +Ketzer, und dasselbe Volk, das heute Dir die Füße geküßt hat, wird sich +morgen auf einen Wink von meiner Hand hin zum Scheiterhaufen stürzen, um +dort die Kohlen zu schüren, weißt Du das? Es ist möglich, daß Du es +weißt', fügte er hinzu, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von dem +Gefangenen zu lassen.« -- + +»Ich verstehe nicht, Iwan, was das heißen soll«, unterbrach ihn lächelnd +Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. »Ist das Ganze +nur die uferlose Phantasie oder eine Verwirrung im Kopfe des Greises, +ein unmögliches Quiproquo?« + +»Nimm das letzte an,« lachte Iwan, »wenn dich der zeitgenössische +Realismus schon so verdorben hat, daß du etwas Phantastisches nicht mehr +vertragen kannst! Wenn es ein Quiproquo sein soll, meinetwegen. Es ist +wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit Zeit gehabt, den +Verstand zu verlieren über seiner Idee; zudem konnte ihn der Gefangene +auch durch sein Äußeres aus der Fassung bringen. Vielleicht aber ist es +nur der Wahn, das Fiebergesicht eines neunzigjährigen Greises vor dem +Tode, das Gehirn hat sich vom Autodafé der hundert verbrannten Ketzer +erhitzt. Ist es aber nicht ganz gleichgültig, was es ist, ob ein +Quiproquo oder eine uferlose Phantasie? Es handelt sich hier doch nur +darum, daß der Greis sich ausspricht, daß er endlich einmal nach neunzig +Jahren davon laut redet, worüber er neunzig Jahre lang geschwiegen hat.« + +»Und der Gefangene schweigt, er sieht ihn an und sagt kein Wort?« + +»Unbedingt, auf alle Fälle«, lachte Iwan. »Der Greis hat Ihn doch selber +darauf aufmerksam gemacht, daß Er gar nicht einmal das Recht habe, etwas +zu dem hinzuzufügen, was von Ihm schon gesagt worden ist. Wenn du +willst, kannst du darin den Grundzug des römischen Katholizismus +erblicken, nach meiner Meinung wenigstens: 'Alles wurde von Dir einst +dem Papste übergeben und alles ist jetzt beim Papst, tue Du uns nur den +einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu stören in der Zeit! In +diesem Sinne reden sie nicht nur, sondern schreiben sie auch, die +Jesuiten wenigstens. Ich selbst habe es so bei ihren Gelehrten gelesen. +Hast Du das Recht, auch nur ein einziges von den Geheimnissen jener Welt +aufzudecken, aus der Du zu uns herniedergestiegen bist?' fragt ihn mein +Greis, und er selber gibt sich die Antwort: 'Nein, Du hast nicht das +Recht; denn sonst müßtest Du etwas zu dem noch hinzufügen, was von Dir +gesagt worden war, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du +einst, da Du auf Erden warst, mit solcher Überzeugung eingetreten bist. +Alles, was Du von neuem verkünden könntest, würde somit einen Eingriff +in die Glaubensfreiheit der Menschen bedeuten, denn es würde uns wie ein +Wunder vorkommen; aber die Freiheit des Glaubens galt Dir damals mehr +als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend Jahren. Kam das Wort +nicht immer wieder aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun, +jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen!' 'Ja, das Werk hat uns +viel gekostet,' fügte er gleich hinzu, indem er Ihn streng anblickt, +'aber wir haben es zu Ende geführt, endlich, in Deinem Namen. Fünfzehn +Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit geplagt, aber jetzt +sind wir damit fertig, fertig für alle Zeiten. Glaubst Du nicht, daß wir +damit fertig geworden sind für alle Zeiten? Du siehst mich mit Deinen +sanften Augen an und würdigst mich nicht einmal Deines Zornes. So wisse: +Jetzt, gerade heute sind die Menschen mehr denn je davon überzeugt, sie +wären frei, ganz frei, frei wie nie die Menschheit vor ihnen. In +Wahrheit aber haben sie selber uns ihre Freiheit gebracht und demütig +uns vor die Füße gelegt. Das war unser Werk. War es diese Freiheit, die +Du wünschest?'« + +»Ich verstehe wiederum nicht,« unterbrach ihn Aljoscha: »er ironisiert +Ihn und macht sich über Ihn lustig.« + +»Nicht im geringsten: er rechnet es sich und den Seinen durchaus als +Verdienst an, daß sie endlich die Freiheit niedergerungen haben, und nur +darum, um die Menschen glücklich zu machen; denn jetzt erst ist es +möglich geworden, an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch ist +zum Empörer geschaffen: können Empörer glücklich sein? 'Du wurdest +gewarnt,' fährt der Greis zu ihm fort, 'es fehlte Dir nicht an Mahnungen +und Zeichen, aber Du achtetest nicht darauf. Du kehrtest Dich ab von dem +einzigen Wege, auf dem das Heil der Menschen lag, aber zum Glück hast Du +uns Dein Werk überlassen, da Du von uns schiedest. Du hast es uns +versprochen, Du hast es mit Deinen eigenen Worten bekräftigt, Du hast +uns das Recht gegeben zu binden und zu lösen, darum darf Dir jetzt auch +nicht einmal der Gedanke kommen, uns dieses Recht zu nehmen. Warum +willst Du uns also stören?'« + +»Was heißt das: es hat Dir nicht an Mahnungen und Zeichen gefehlt?« +fragte Aljoscha. + +»Gerade darüber mußte sich der Greis aussprechen, denn darauf kommt +alles an. 'Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der +Selbstvernichtung und des Nichtseins,' fuhr der Greis fort, 'der große +Geist redete zu Dir in der Wüste, und uns ist in den Büchern +überliefert, daß er Dich dort versuchte. Ist das so richtig? Ist +irgendwo, frage ich, mehr Wahrheit enthalten als in den drei Fragen, die +er Dir stellte und die Du verwarfst und die in den heiligen Büchern +Deine Versuchung genannt werden? Wenn jemals auf Erden ein vollkommenes, +ein wirkliches, ein die Erde in ihren Grundfesten erschütterndes Wunder +geschehen ist, so ward es an jenem Tage, am Tage der drei Versuchungen. +Und nur darin, daß diese Fragen gestellt worden sind, liegt das Wunder. +Denken wir uns, diese drei Fragen des furchtbaren Geistes wären ohne +eine Spur aus den heiligen Büchern verschwunden und müßten wieder dort +eingesetzt, von neuem ausgedacht und verfaßt werden, damit sie wieder in +den Büchern wären, denken wir uns, alle Weisen der Erde, die +Rechtsgelehrten, die Theologen, die Philosophen und die Dichter würden +zusammengerufen, und ihnen sollte die Aufgabe gestellt werden: Sinnet +drei Fragen aus, welche nicht nur der ungeheuren Tatsache eines +versuchten Gottes entsprechen, sondern außerdem in drei Worten, in drei +menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Erde und der +Menschheit enthalten -- glaubst Du wirklich, die ganze vereinigte +Gelehrsamkeit der Erde vermöchte etwas zu ersinnen, was an Kraft und +Tiefe sich jenen drei Fragen vergleichen ließe, die Dir damals in der +Wüste von dem mächtigen und klugen Geiste gestellt worden sind? Schon +daran, daß sie überhaupt gestellt wurden, erkennst Du, daß Du es hier +nicht mit einem menschlichen, fließenden, sondern mit dem ewigen, +dauernden Geiste zu tun hast; denn in diesen drei Fragen liegt wie im +Schoße die ganze weitere Geschichte der Menschheit, die Zukunft ist +darin vorausgesagt, und in drei Bildern vermagst Du alle unlösbaren +Widersprüche der menschlichen Natur zu erkennen. Damals konnte es noch +nicht offenbar sein, denn die Zukunft lag noch verborgen; aber heute, +nach fünfzehn Jahrhunderten, ist es ersichtlich, daß in den drei Fragen +alles also recht geraten und vorausgesagt ward und sich bewahrheitet +hatte, so daß wir weder etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen haben. +Entscheide selber, wer damals recht hatte, Du oder der Dich fragte! +Erinnere Dich der ersten Frage! Sie lautete nicht buchstäblich, doch +wohl dem Geiste nach also: Du willst unter die Menschen treten und gehst +zu ihnen mit leeren Händen, Du gehst zu ihnen mit einem Versprechen von +einer Freiheit, die sie in ihrer Einfalt und angeborenen Stumpfheit +nicht zu fassen vermögen, ja, vor der sie Furcht haben -- denn es hat +niemals für den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze +Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu ertragen fähig +waren als eben die Freiheit. Sieh die Steine zu Deinen Füßen ringsum in +der nackten und glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die +Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde, dankbar und +gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd, Du könntest Deine Hand von ihr +nehmen und ihr Dein Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht +der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was Dir geboten worden +war. Denn wo ist da Freiheit, schlossest Du, wenn der Gehorsam mit +Broten erkauft wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht allein vom +Brote lebe. Weißt Du aber auch, daß im Namen gerade dieses irdischen +Brotes der Geist der Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen +und Dich besiegen wird, und daß alle Menschen ihm nachfolgen und +ausrufen werden: Wer gleicht diesem Tiere, so uns das Feuer vom Himmel +gebracht hat?! Weißt Du auch, daß die Zeiten nicht ausbleiben werden, da +den Menschen durch den Mund der Weisen verkündet werden wird: Es gibt +keine Verbrechen, es gibt auch keine Sünde, es gibt nur Menschen, die +hungern? Mache sie zuerst satt, und dann verlange von ihnen die Tugend: +das werden sie auf die Fahne schreiben, mit der sie gegen Dich in den +Kampf gehen und in Deinen Tempel eindringen werden. Und an Stelle dieses +Deines Tempels wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten Male +jener grauenhafte Turm von Babel erheben. Und wenn auch dieser neue +genau so wie jener erste nicht zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es +dazu gar nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der +Menschheit um tausend Jahre abkürzen können -- denn siehst Du, jetzt +werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem sie sich tausend Jahre mit +ihrem Turm gequält haben. Sie werden uns abermals unter der Erde suchen, +sie werden uns aus den Katakomben holen (denn von neuem werden wir +verfolgt und gemartert werden) und uns, da sie uns gefunden, zurufen: +Macht uns satt, denn die, so uns das Feuer vom Himmel versprochen, waren +Betrüger! So werden wir, wir ihnen den Turm zu Ende bauen; denn der baut +ihn auf, der die Menschen satt macht, und wir werden sie satt machen in +Deinem Namen -- denn so wollen wir es dann sagen und lügen, daß es in +Deinem Namen geschehe. Niemals, zu keiner Zeit werden sie ohne uns den +Hunger stillen. Nie wird ihnen eine Wissenschaft das Brot geben, solange +sie frei bleiben, und das Ende wird sein, daß sie uns ihre Freiheit zu +Füßen legen und zu uns reden werden: Macht uns, wenn es nicht anders +geht, zu euren Knechten, aber macht uns satt! Sie werden endlich selber +einsehen, daß die Freiheit und das Brot, beide zusammen, nicht denkbar +sind, denn niemals werden die Menschen das Brot untereinander zu teilen +verstehen. Zudem werden sie sich davon überzeugen, daß sie auch darum +nicht frei sein können, weil sie kleinmütig, lasterhaft und nichtig sind +und voll von Empörung stecken. Du hast ihnen das Himmelsbrot +versprochen, aber ich wiederhole: kann dieses Himmelsbrot sich in den +Augen eben dieses schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren +Geschlechtes mit dem irdischen vergleichen? Und wenn Dir auch im Namen +des Himmelsbrotes Tausende und Zehntausende folgen, was geschieht aber +mit den Millionen und zehntausend Millionen von Schwachen, die nicht die +Kraft haben, das irdische Brot von sich zu weisen und dafür das +himmlische zu nehmen? Sprich, sind Dir vielleicht nur die zehntausend +Starken und Großen lieb, und sollen die Millionen, die zahllos wie der +Sand am Meere und schwach sind, aber Dich lieben, sollen diese nur Stoff +sein in der Hand der Großen und Starken? Nein, uns sind auch die +Schwachen lieb. Freilich sind sie Sünder und Empörer, aber schließlich +werden sie doch den Gehorsam lernen. Und sie werden uns anstaunen und +darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die Herren, darin +eingewilligt haben, die Freiheit, vor der sie zurückgeschreckt sind, auf +uns zu nehmen und also die Herrschaft zu führen -- so entsetzlich wird +es für sie geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen reden, +daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen herrschen. Wir werden sie +abermals betrügen, denn Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen. +In diesem Betrug wird auch unser Leiden liegen, denn wir werden zur Lüge +gezwungen sein. Das war der Sinn der ersten Frage und Versuchung in der +Wüste. Und Du hast sie verworfen im Namen der Freiheit, die Du höher +stelltest als alle Güter der Erde. Und in dieser Frage war das große +Geheimnis dieser Welt enthalten. Wenn Du die Brote angenommen hättest, +so würdest Du damit auch eine Antwort gefunden haben auf die große, +leidvolle Frage, die sich der einzelne Mensch nicht weniger als die +ganze Menschheit ewig stellt, auf die Frage: Wen sollen wir anbeten? Es +gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie +diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in +Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt +es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese +Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn +die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den +Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten, +sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die +Knie sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen nach +gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen ebenso wie die ganze +Menschheit mehr denn jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und +darum, um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein Volk das andere +aus mit dem Schwerte; die Menschen schaffen sich Götter und rufen +einander zu: Werft die euren in den Staub und betet zu den unseren, +sonst seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis zum Ende der +Welt sein, auch dann noch, wenn aus der Welt die Götter gewichen sind. +Die Menschen werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast um +dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt, Du mußtest darum wissen, +aber Du hast das einzige Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches +Dir angeboten worden war, um die Menschen alle dazu zu bringen, sich vor +Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, das Zeichen des irdischen +Brotes. Und Du hast es verworfen im Namen der Freiheit und des +himmlischen Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest, und wiederum im +Namen der Freiheit! Ich habe Dir gesagt, der Mensch kenne keine +quälendere Sorge als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie +möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, mit dem +dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden ist. Aber nur der +bemächtigt sich der Freiheit der Menschen, der ihr Gewissen beruhigt. +Mit dem Brote ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen +geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen anbeten, denn am +Brote zweifelt niemand. Wenn aber zu gleicher Zeit einer sich ihrer +Gewissen bemächtigt, ohne daß sie darum wüßten, -- o glaube mir, dann +wird er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen, der sein +Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn das Geheimnis des +Menschenlebens liegt nicht allein darin, daß der Mensch lebe, sondern +auch in dem Zweck, wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende +Vorstellung eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch in +das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher das Leben nehmen, +als daß er unter solchen Bedingungen auf der Erde verweilte, wenn auch +rings um ihn alles zu Brot geworden wäre. Das ist die Wahrheit, aber was +tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast Du es nur noch tiefer +gemacht. Oder hast Du vergessen, daß Ruhe, daß der Tod selber dem +Menschen lieber seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß +ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit, nichts +aber peinigt ihn auch mehr. Statt ihm nun ein für allemal feste +Satzungen zu geben zu seiner Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was +ungewöhnlich, rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was über +die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz wie einer, der die +Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen warst, Dein Leben für die +Menschen zu lassen! Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu +bemächtigen, hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast die Seele des +Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid überladen. Dein Wunsch war die +freie Liebe des Menschen; frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt +und gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu richten, +sollte der Mensch von nun an freien Herzens vor sich selber entscheiden, +was gut und was böse sei, mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir +damals nie der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit +bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn ihn Deine Wahrheit +mit einer solchen Last, wie es die Wahl zwischen Gut und Böse ist, +drücken muß? Die Menschen werden es laut verkünden, endlich, daß die +Wahrheit gar nicht in Dir sei; denn es war nicht möglich, sie in ärgerer +Qual und Not zu lassen, als Du es tatest, da Du ihnen nur Sorge und +unauflösbare Rätsel auf Erden zurückließest. Auf solche Weise hast Du +selber den Grund gelegt zur Zerstörung Deines Reiches, gib also niemand +anderem mehr die Schuld daran! Es gibt drei Gewalten, drei, nicht mehr, +auf Erden, die mächtig sind, für ewig das Gewissen dieser erbärmlichen +Empörer zu unterjochen und zu knechten, zu ihrem Glück. Und diese drei +Gewalten sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du hast die +eine und die andere und auch die dritte von Dir gewiesen und den +Menschen also ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare und weise Geist +Dich auf die Zinnen des Tempels führte, sprach er zu Dir: Wenn Du wissen +willst, ob Du der Sohn Gottes seist, so stürze Dich von hier herab; denn +es steht geschrieben, daß Engel Dich auffangen und tragen werden und Du +nicht fallen noch Deinen Leib zerschmettern wirst, und also wirst Du +wissen, daß Du Gottes Sohn bist, und wirst den Menschen für ewig zeigen, +wie groß Dein Glaube an den Vater im Himmel ist! Du aber, da Du den +bösen Geist also hörtest, wiesest diesen Antrag von Dir und warfst Dich +nicht herab von den Zinnen des Tempels. O gewiß, in diesem Augenblick +warst Du stolz und herrlich wie ein Gott, aber sage: sind auch die +Menschen, dieses schwache Geschlecht von Empörern, Götter? Du wußtest +damals, daß, so Du nur einen Schritt machst, eine einzige Bewegung, um +Dich herabzustürzen, Du Gott selber in Versuchung führen und Deinen +Glauben an ihn verlieren und Deine Glieder an derselben Erde +zerschmettern würdest, die Du zu erlösen gekommen warst, und daß also +der kluge Geist frohlocken würde, da er Dich also verführt hatte. Aber +ich wiederhole: Gibt es viele so wie Du? Konntest Du auch nur den +Augenblick lang annehmen, daß eine solche Versuchung nicht ganz und gar +über die Kraft des Menschen ginge? Ist die menschliche Natur stark +genug, daß sie das Wunder von sich weisen und in den furchtbaren +Augenblicken des Lebens, in den Augenblicken der schrecklichsten und +quälendsten Zweifel der Seele, allein stehen dürfe, allein mit dem +freien Entschluß des Herzens? Du wußtest wohl, daß Dein Sieg in den +Büchern der Menschen aufbewahrt werden und bis ans Ende der Zeiten und +bis an die letzten Grenzen der Erde gelangen würde, und Deine Hoffnung +war, daß auch der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte, bei Gott +ausharren und des Wunders nicht bedürfen würde. Aber Du wußtest nicht, +daß der Mensch mit dem Wunder auch Gott verwerfen müsse; denn der Mensch +sucht Gott nicht mit mehr Eifer, als er nach dem Wunder verlangt. Und +weil der Mensch ohne Wunder zu bleiben nicht die Kraft hat, so wird er +sich selber neue, eigene schaffen. Er wird an die Wunder von Zauberern +und an die Hexenkünste alter Weiber glauben, wie gewaltig und kühn auch +seine Empörung, seine Ketzerei und Gottlosigkeit sein mögen. Du bist +nicht vom Kreuz herabgestiegen, als sie Dir, indem sie Dir die Kleider +vom Leibe rissen und Dich verhöhnten, zuriefen: Steig vom Kreuz herab, +und wir werden glauben, daß Du der Sohn Gottes bist. Du bist deshalb +nicht herabgestiegen, weil Du wiederum die Menschen nicht mit dem Wunder +knechten wolltest und Dich nach dem freien und nicht nach dem +Wunderglauben dürstete. Du sehntest Dich nach der freien Liebe und +verwarfst das feige Entzücken der Sklaven vor der Macht. Aber Du +dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind nun einmal Sklaven, +wenn auch zur Empörung geschaffen. Blicke um Dich und urteile selbst! +Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen, komm, sieh Dir die Menschen an: +wen hast Du da bis zu Dir emporgehoben? Ich bezeuge es: der Mensch ist +schwächer und niedriger, als Du dachtest. Kann er wirklich alles das +erfüllen, was Du ihn gewiesen hast? Indem Du also hoch von ihm dachtest, +hast Du wie einer gehandelt, der kein Mitleid mit ihm fühlt, da Du +allzuviel von ihm verlangtest -- und das tatest Du, der Du ihn mehr +liebst als Dich selber. Hättest Du ihn niedriger eingeschätzt, so +würdest Du weniger von ihm verlangt haben, und es würde mehr der Liebe +geglichen haben, denn die Bürde wäre leichter zu tragen gewesen. Er ist +schwach, und er ist gemein. Was liegt schließlich daran, daß er sich +allerorten jetzt gegen unsere Macht empört und sich darauf viel +einbildet, daß er sich empört! Ich sage Dir, es ist die Empörung von +Kindern und Schulknaben; das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse +zusammenrotten und den Lehrer davonjagen. Doch diesem Jubeln der Kinder +wird bald ein Ende gesetzt sein, und es wird sie teuer zu stehen kommen. +Sie reißen die Tempel ein und begießen die Erde mit Blut, aber endlich +werden sie es selber spüren, diese törichten Knaben, daß, wenn sie auch +Empörer sind, ihre Empörung doch nur erbärmlich ist und daß sie selber +ihre eigene Empörung nicht lange aushalten. So werden sie wie dumme +Kinder zu heulen anfangen und einsehen, daß Er, der sie zu Empörern +geschaffen hat, sich ganz zweifellos über sie hatte lustig machen +wollen. Sie werden es in ihrer Verzweiflung so aussprechen, und ihre +Rede wird Gotteslästerung sein, um derentwillen sie noch unglücklicher +sein werden. Denn die menschliche Natur vermag Gotteslästerung nicht zu +ertragen und straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung +und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen Menschen nach allem, +was Du für deren Freiheit gelitten hast. Dein großer Prophet spricht in +seinen Gesichten, daß er alle gesehen, die an der Auferstehung +teilgenommen hätten, und daß es aus jedem Stamme zwölftausend gewesen +wären -- aber wenn es nicht mehr sind, so waren sie eben nicht Menschen, +sondern schon Götter. Sie haben Dein Kreuz getragen, sie haben zehn +Jahre in der hungernden und nackten Wüste gelebt und sich dort von +Heuschrecken und Wurzeln genährt -- gewiß kannst Du jetzt mit Stolz auf +sie hinweisen, auf diese Kinder der Freiheit, der freien Liebe, des +freien erhabenen Opfers in Deinem Namen, doch vergiß nicht, daß ihrer +nur einige Tausend und daß sie Götter waren! Was geschieht aber mit den +anderen, was haben Dir die übrigen schwachen Menschen getan, daß sie das +nicht aushielten, was die starken zu tragen die Kraft hatten? Ist es die +Schuld der schwachen Seele, daß sie nicht mächtig sei, so furchtbare +Geschenke in sich zu fassen? Bist Du nur zu den Auserwählten und +ihretwegen geraden Weges vom Himmel heruntergestiegen? Wenn ja, so ist +dies ein Geheimnis, das wir nicht zu begreifen vermögen. Und wenn es ein +Geheimnis ist, so haben auch wir das Recht, das Geheimnis zu verkünden +und sie zu lehren, daß nicht der freie Entschluß des Herzens und nicht +die Liebe, sondern eben das Geheimnis entscheide, als welchem sie blind, +ja gegen ihr eigenes Gewissen gehorchen sollten. Und so haben wir auch +gehandelt. Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, auf +dem Geheimnis und auf der Autorität neu aufgebaut. Und die Menschen sind +es froh, daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß wir aus +ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, die ihnen soviel Qual +gebracht hat. Sprich, haben wir recht gehandelt? Haben wir die +Menschheit nicht geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten +und mit Liebe die Bürde leichter machten und die schwache Natur von der +Sünde freisprachen? Warum bist Du also gekommen, uns zu stören? Warum +blickst Du mich so still und durchdringend mit Deinen sanften Augen an? +Zürnst Du mir dafür, daß ich Deine Liebe nicht will, weil ich Dich +selber nicht liebe? Warum sollte ich es vor Dir verheimlichen, ich weiß +ja nicht, zu wem ich rede; was ich Dir zu sagen habe, das weißt Du im +voraus, ich lese es in Deinen Augen. Soll ich Dir unser Geheimnis +enthüllen? Vielleicht willst Du es aus meinem Munde hören, so vernimm +denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, das ist unser +Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, schon +acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte ist es her, daß wir das von =ihm= +annahmen, was Du mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk, +das er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der Erde +entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und das Schwert Cäsars +empfangen und uns für die Herren der Erde erklärt, die einzigen, wenn +auch unser Werk bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist. Wer ist aber +daran schuld? O, unser Werk ist noch in seinen Anfängen, aber es hat +begonnen; noch lange müssen wir auf dessen Vollendung warten, und noch +viel Leiden wird auf der Erde sein, aber wir werden es vollenden und die +Herren der Erde sein, und dann erst wird die Zeit gekommen sein, daß wir +an das allgemeine, ewige Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du +damals schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können! Warum hast Du +auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen? Wärest Du damals seinem Rate +gefolgt, so würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen auf Erden +verlangt: den Gott, den er anbeten, den Herrn, dem er sein Gewissen +übergeben will, und den Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit +endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinen kann. +Denn dieses Verlangen nach weltumspannender Einheit ist die dritte und +letzte Sorge des Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen +Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große Völker gegeben +mit großer Geschichte, aber je höher sie aufstiegen, um so glücklicher +waren sie, denn um so stärker empfanden sie die Notwendigkeit der +Einigung aller Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und +Dschingis-Chan sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt und +haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern gesucht. Aber auch sie +drückten, wenn auch unbewußt, denselben gewaltigen Drang der Menschheit +nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und den Purpur Cäsars +damals angenommen, so würdest Du das Weltenreich gegründet und der Welt +ewigen Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen herrschen, +wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht und in dessen Hand das Brot +ist? Wir nun haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich damit +für alle Zeiten besiegt und sind =ihm= nachgefolgt. O gewiß, es werden +noch Jahrhunderte des Mißbrauchs der menschlichen Geisteskraft kommen, +Jahrhunderte der Wissenschaft und Menschenfresserei -- denn wenn sie +ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen wollen, werden sie bei +der Menschenfresserei aufhören. Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen +kommen und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen. Und wir +werden uns auf das Tier setzen und den Kelch hochheben, und auf diesem +wird geschrieben stehen: Geheimnis. Aber dann erst und nicht früher wird +für die Menschen das Reich des Friedens und des Glückes gekommen sein. +Du bist stolz auf Deine Auserwählten, denn Du hast nur Auserwählte, wir +aber werden allen Menschen Ruhe und Frieden bringen. Doch das ist noch +nicht alles, vergiß nicht: gar viele von den Auserwählten, von den +Starken, die da Auserwählte hätten werden können, sind des Wartens auf +Dein Kommen müde geworden und haben die Kraft ihres Geistes und die Glut +ihres Herzens in ein fremdes Land gebracht und auf einen fremden Acker +getragen und tragen es noch immer dorthin, so daß sie schließlich gegen +Dich die Fahne der Freiheit, die Du selbst einst aufgerichtet hattest, +aufpflanzen werden. Bei uns aber werden alle glücklich sein, alle ohne +Unterschied, und es wird keine Empörung mehr unter den Menschen +herrschen, und sie werden sich nicht mehr gegenseitig das Schwert in den +Leib stoßen, wie sie es in Deinem freien Reiche immer getan haben. Wir +werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann frei sein können, wenn sie +sich von ihrer Freiheit zu unseren Gunsten lossagen und uns sich +ergeben. Werden wir recht damit tun oder werden wir lügen? Die Menschen +selber werden davon überzeugt sein, daß wir recht haben; denn sie werden +es nie vergessen, zu welchen Schrecknissen der Knechtschaft und +Erniedrigung Deine Freiheit sie geführt hat. Die Freiheit, der freie +Geist, die freie Wissenschaft werden sie vor solche Abgründe bringen und +vor solche Wunder und unenthüllbare Geheimnisse stellen, daß die einen, +die Unruhigen und Unbändigen, sich das Leben nehmen, daß die anderen, +die wohl unruhig, aber schwach sind, sich gegenseitig töten werden; die +übrigen aber, die Demütigen und Unglücklichen, die werden zu uns +gekrochen kommen und zu uns reden: Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid +die Herren des Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns +vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot empfangen, werden sie +natürlich sehr gut wissen, daß wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes +Brot genommen haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes Wunder. +Sie werden keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß wir durchaus +nicht Steine in Brot verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über +diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren +Händen haben. Denn nur zu gut werden sie sich dessen erinnern, daß +früher, ohne uns, in ihren Händen das Brot sich in Steine verwandelt +hatte, daß jetzt aber, da sie zu uns zurückgekehrt sind, die Steine zu +Broten würden. Zu gut werden sie es zu würdigen wissen, zu gut, sage +ich, was es heißt, sich für immer zu unterwerfen. Denn solange die +Menschen das nicht begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer vor allen +aber hat sie dazu befähigt, das nicht zu begreifen? Wer hat die Herde +zerstückt und auf unbekannten Wegen zerstreut? Antworte! Doch die Herde +wird sich von neuem sammeln und von neuem beruhigen und von da an für +immer. Wir werden ihnen das stille Glück, den Frieden der schwächlichen +Menschen geben, zu dem sie auch geschaffen sind; wir werden sie davon +überzeugen, daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast sie +über sich selber gehoben und sie also den Hochmut gelehrt; wir werden +ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge, daß sie kleine klagende Kinder +seien, daß aber kein Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie +werden zaghaft werden und zu uns hinaufblicken und sich an uns schmiegen +in ihrer Furcht wie die Küchlein an die Henne. Und sie werden uns +anstaunen und Angst haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so +mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden haben, die +aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden ohnmächtig vor unserem Zorn +zittern, ihr Geist wird zaghaft werden, und ihre Augen werden sich mit +Tränen füllen wie die Augen der Kinder und Weiber; aber leicht werden +sie auf einen Wink von uns zur Heiterkeit und zum Lachen übergehen, zu +heller Freude und glückseligen Kinderliedern. Gewiß, auch wir werden sie +zur Arbeit anhalten; aber in den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen +das Leben wie ein Kinderspiel gestalten, mit Kinderliedern, Kinderchören +und unschuldigen Tänzen. Wir werden sie von ihren Sünden lossprechen, +denn sie sind schwach und erbärmlich, und sie werden uns lieben wie +Kinder dafür, daß wir ihnen die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen, +daß jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer Erlaubnis +geschah, und wir werden ihnen darum zu sündigen erlauben, weil wir sie +lieben; die Strafe aber für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So +wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen, und sie werden uns +verehren als ihre Wohltäter, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns +nehmen. Sie werden kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald +erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten zu leben, +Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von ihrem Gehorsam abhängen, +und sie werden sich unserem Willen mit Freude und Entzücken ergeben. +Auch die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens -- alles, alles werden +sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien, und sie werden +unserer Entscheidung frohen Herzens glauben, weil diese sie von dem +großen Kummer und der Qual der persönlichen unfreien Entscheidung +entbunden hat. Alle werden sie glücklich sein, alle diese Millionen von +Untertanen, alle mit Ausnahme von den Hunderttausenden, die über sie +herrschen; denn wir, wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein +werden unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche Kinder +geben und hunderttausend Märtyrer, die da auf sich genommen haben die +verfluchte Erkenntnis des Guten und Bösen. In Frieden werden sie +sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und +jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber werden das Geheimnis +hüten und zu ihrem Heil sie locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn +selbst, wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre es doch +nicht für solche wie sie. Es heißt und wurde verkündet, daß Du +wiederkommen und von neuem siegen, daß Du mit deinen Auserwählten, mit +den Stolzen und Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären, daß +sie sich selber, wir aber alle erlöst haben. Es heißt, daß die Buhlerin, +die auf dem Tiere sitzt und in ihren Händen das Geheimnis hält, +beschimpft werden wird, daß von neuem die Schwächlinge sich empören +werden, daß sie den Purpur zerreißen und den schamlosen Körper des +Weibes entblößen werden -- dann aber werde ich mich erheben und Dir die +tausend Millionen glücklicher Kinder zeigen, die nichts von Sünde +wissen. Und wir, die wir die Sünde zu deren Glück auf uns genommen +haben, wir werden uns vor Dir erheben und sagen: Richte uns, wenn Du es +kannst und wagst! Wisse, daß ich Dich nicht fürchte, wisse, daß auch ich +in der Wüste gelebt habe und mich dort von Heuschrecken und Wurzeln +genährt habe, daß auch ich die Freiheit gesegnet habe, mit der Du die +Menschen gesegnet hast, daß auch ich mich vorbereitet hatte, unter die +Auserwählten zu treten, unter die Stolzen und Starken, dürstend, daß die +Zahl voll werde! Doch ich bin erwacht und wollte Dir nicht mehr mit dem +Wahnsinn dienen, ich bin umgekehrt und habe mich der Schar derer +angeschlossen, die Deine Tat verbessern wollten. Ich bin aus der Reihe +der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt zu denen, die sich +gedemütigt haben zum Heile der Sterblichen. -- Das, was ich zu Dir +gesprochen habe, wird sein, und unser Reich wird gegründet werden. Ich +wiederhole Dir: morgen wirst Du selber die gehorsame Schar sehen, die +auf den ersten Wink meiner Hand sich zum Scheiterhaufen stürzen wird, um +die Kohlen zu schüren, auf welchen Du dafür brennen sollst, daß Du +gekommen bist, uns zu stören; denn wenn jemand lebt, der mehr als alle +Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich +Dich verbrennen.' + + * * * * * + +Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene +ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der +Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade +ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete, +ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein +stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt +an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das +war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er +geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: 'Gehe hinaus und kehre +nicht wieder -- kehre nie wieder -- nie, nie!' Er läßt Ihn hinaus auf +die 'dunklen schweigenden Plätze' der Stadt. Der Gefangene geht hinaus. + + + + +Note + + +Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski auch nach Rom, +wo ihn weder das Altertum noch das sich bildende _terzo regno_, sondern +einzig und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten. In +einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon. Auf diesen ihn tief +erschütternden Eindruck mag der Großinquisitor historisch zurückgeführt +werden. Im wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze +Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine Parabel gebracht: der +Kampf der mechanischen Welt, als deren sublimster Ausdruck Dostojewski +der Katholizismus erscheint, gegen den Geist, gegen Christus. + +Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe, William Blake, +Kierkegaard haben wie Dostojewski gefühlt; was den russischen Dichter +jedoch unterscheidet, ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide +recht haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und nicht nur +Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe, bei Kierkegaard. Dostojewski +löst, vielmehr setzt den Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder +Räsoneur, nicht als Rechtender und Klagender, sondern als Dramatiker, +das heißt: er legt ihn in die Seele des Dichters der Erzählung selber, +in die tiefe, leidende, verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das +ist das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser unsterblichen +Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken des Christentums noch +einmal denkt wie keine andere im 19. Jahrhundert. + +R. K. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR *** + +***** This file should be named 38336-0.txt or 38336-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/3/3/38336/ + +Produced by Norbert H. 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