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+The Project Gutenberg EBook of Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen
+Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein, by Immanuel Kant
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein
+
+Author: Immanuel Kant
+
+Editor: C. W. Hufeland
+
+Release Date: December 13, 2011 [EBook #38295]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER MACHT DES GEMÜTS ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
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+ Das Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches.
+ ]
+
+
+
+
+ Von der Macht des Gemüts,
+ durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften
+ Gefühle Meister zu sein.
+
+ Von
+ Immanuel Kant.
+
+ Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen
+ von
+ C. W. Hufeland.
+
+ Leipzig und Wien.
+ Bibliographisches Institut.
+
+
+
+
+Vorwort des Herausgebers.
+
+
+Der Geist allein lebt -- Das Leben des Geistes allein ist wahres Leben.
+
+Das Leben des Leibes muß jenem immer untergeordnet und von ihm
+beherrscht werden, nicht umgekehrt der Geist sich den Launen, Stimmungen
+und Trieben des Körpers unterordnen, wenn das wahre Leben erhalten
+werden soll.
+
+Diese große Wahrheit wurde von jeher von den Weisesten dieser Welt als
+der Grundpfeiler aller Sittlichkeit, aller Tugend, aller Religion, genug
+alles dessen, was groß und göttlich ist im Menschen, und sonach auch
+aller wahren Glückseligkeit, betrachtet und gepredigt.
+
+Sie kann aber nicht oft genug wiederholt werden, da es dem natürlichen
+Menschen immer näher liegt und bequemer ist, leiblich zu leben als
+geistig, noch mehr, wenn, wie in den neuesten Zeiten geschehen, selbst
+die Philosophie, sonst die Trägerin des geistigen Lebens, in dem
+Identitätssystem den Unterschied zwischen Geist und Körper ganz aufhebt,
+und sowohl Philosophen als Ärzte die Abhängigkeit des Geistes von dem
+Körper dergestalt in Schutz nehmen, daß sie selbst alle Verbrechen damit
+entschuldigen, Unfreiheit der Seele als ihre Quelle darstellen, und es
+bald dahin gekommen sein wird, daß man gar nichts mehr Verbrechen nennen
+kann.
+
+Aber wohin führt diese Ansicht? -- Ist sie nicht geradezu göttlichen und
+menschlichen Gesetzen entgegen, die ja auf jene Grundlage gebaut sind?
+-- Führt sie nicht zum gröbsten Materialismus? Vernichtet sie nicht alle
+Moralität, alle Kraft der Tugend, die eben in dem Leben der Idee und
+ihrer Herrschaft über das Leibliche besteht? -- Und somit alle wahre
+Freiheit, Selbständigkeit, Selbstbeherrschung, Selbstaufopferung, genug
+das Höchste, was der Mensch erreichen kann: den Sieg über sich selbst?
+
+Ewig wahr bleibt das Sinnbild, den Menschen als den Reiter eines wilden
+Pferdes sich zu denken; einen vernünftigen Geist mit einem Tiere
+vereinigt, das ihn tragen und mit der Erde verbinden, aber von ihm nun
+wiederum geleitet und regiert werden soll. -- Es zeigt die Aufgabe
+seines ganzen Lebens. Besteht sie nicht darin, diese Tierheit in ihm zu
+bekämpfen und der höheren Macht unterzuordnen? Nur dadurch, daß er sich
+dies Tier unterwirft und sich möglichst unabhängig davon macht, wird
+sein Leben regelmäßig, vernünftig, sittlich und so nur wahrhaft
+glücklich. Läßt er dem Tier die Oberhand, so geht es mit ihm durch, und
+er wird ein Spiel seiner Launen und Sprünge -- bis zum tödlichen Sturze.
+
+Aber nicht bloß für das höhere geistige Leben und dessen Gesundheit
+bedarf es dieser physischen Selbstbeherrschung, sondern sie dient
+ebensosehr zur Erhaltung und Vervollkommnung des physischen Lebens und
+dessen Gesundheit und wird dadurch eins der wichtigsten Diät- und
+Heilmittel.
+
+Wir wollen keinesweges den Einfluß des Leiblichen auf das Geistige
+leugnen. Aber ebenso auffallend, ja noch größer ist die psychische Macht
+des Geistes über das Leibliche. Sie kann Krankheiten erregen und heilen.
+Ja sie kann töten und lebendig machen. Sehen wir nicht sehr häufig durch
+Schrecken und andere Leidenschaften, also durch geistigen Einfluß,
+Epilepsie, Ohnmachten, Lähmungen, Blutflüsse und eine Menge andere
+Krankheiten, ja den Tod selbst, entstehen? -- Und woran stirbt ein
+solcher Mensch? Lediglich an einer gewaltsamen, dem Blitzstrahl
+ähnlichen, Einwirkung des Geistes in den Körper. -- Wie oft sind nicht
+die schwersten Krankheiten durch nichts anders geheilt worden, als durch
+Freude, Erhebung und Erweckung des Geistes! Der lange an der Zunge
+gelähmte Sohn des Krösus bekommt die Sprache wieder, als man seinen
+Vater ermorden will. Pinel sah, daß bei der allgemeinen
+leidenschaftlichen Aufregung, die die französische Revolution
+hervorbrachte, eine Menge seit Jahren kränklicher und schwächlicher
+Menschen gesund und stark wurden und besonders die gewöhnlichen
+Nervenübel der vornehmen und müßigen Stände ganz verschwanden. -- Ja,
+ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß der größte Teil unsrer
+langwierigen Nervenkrankheiten und sogenannten Krämpfe gar nichts anders
+ist, als Trägheit und Passivität des Geistes, die Folge des schlaffen
+Hingebens an körperliche Gefühle und Einflüsse.
+
+Wer kann leugnen, daß es Wunder und Wunderheilungen gibt? -- Aber was
+sind sie anders als Wirkungen des festen Glaubens entweder an himmlische
+Kräfte, oder auch an irdische und folglich Wirkungen des Geistes?
+
+Jedermann kennt die Kraft der Imagination. Niemand zweifelt daran, daß
+es eingebildete Krankheiten gibt, und daß eine Menge Menschen an nichts
+anders krank sind, als an der Krankheitseinbildung. Ist es nun aber
+nicht ebensogut möglich und unendlich besser, sich einzubilden, gesund
+zu sein? Und wird man nicht dadurch ebensogut seine Gesundheit stärken
+und erhalten können, als durch das Gegenteil die Krankheit?
+
+Als ein Beitrag zu dieser wichtigen Lehre und als Beförderungsmittel der
+Herrschaft und Heilkraft des Geistes über den Körper, mögen auch
+folgende Worte Kants, die letzten, die dieser große Geist zu uns
+gesprochen, dienen. Er schrieb sie auf meine Veranlassung vor 30 Jahren,
+wo sie in meinem Journal der prakt. Heilkunde abgedruckt wurden, und
+gern habe ich der Aufforderung des Herrn Verlegers zu einem neuen
+besondern Abdrucke gewillfahret und sie mit einigen Bemerkungen
+versehen. Mögen sie ihren Zweck erreichen!
+
+=Berlin= im Mai 1824.
+
+ ~C. W. Hufeland.~
+
+
+
+
+ Von der Macht des Gemüts,
+ durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften
+ Gefühle Meister zu sein.
+
+
+
+
+Ein Schreiben an Herrn Professor Hufeland zu Jena im Jahr 1797(1).
+
+
+ (1) Ich übersendete mein Buch Hrn. Prof. Kant, um ihm einen Beweis der
+ Verehrung zu geben, die gewiß jeder denkende Mensch diesem Weisen
+ zollt, zugleich aber um ihn vielleicht zu veranlassen, über einige
+ darin enthaltene und für das philosophische Tribunal gehörige Ideen
+ nachzudenken, wodurch ich unsrer Kunst zugleich einen Vorteil zu
+ verschaffen hoffte. Ich freue mich ungemein, meinen Wunsch erfüllt zu
+ sehen und hier meinen Lesern mehrere dadurch veranlaßte Ideen und
+ Entwicklungen mitteilen zu können, die für jeden denkenden Arzt höchst
+ interessant sein müssen, und die zugleich über die individuelle
+ geistige und körperliche Diätetik dieses großen Mannes sehr lehrreiche
+ Notizen erteilen. -- Was einige für mich zu schmeichelhafte Ausdrücke
+ darin betrifft, so bitte ich zu bedenken, daß sie in einem an mich
+ geschriebenen Briefe vorkommen, und ich hoffe dadurch jedem Vorwurf zu
+ entgehen, der mir darüber gemacht werden könnte, daß ich sie stehen
+ ließ, welches ich um so weniger verhindern konnte, da sonst der ganze
+ Sinn hie und da verloren gegangen wäre, auch ich überdies offenherzig
+ gestehe, daß ich nicht ein Wort auszustreichen wage, was ein Kant
+ geschrieben hat.
+
+ H.
+
+Daß meine Danksagung, für das den 12. Dez. 1796 an mich bestellte
+Geschenk, Ihres lehrreichen und angenehmen Buchs »von der Kunst das
+menschliche Leben zu verlängern« selbst auf ein langes Leben berechnet
+gewesen sein dürfte, möchten Sie vielleicht aus dem Datum dieser meiner
+Antwort vom Januar dieses Jahres zu schließen Ursache haben; wenn das
+Altgewordensein nicht schon die öftere Vertagung (_procrastinatio_)
+wichtiger Beschlüsse bei sich führete, dergleichen doch wohl der des
+Todes ist, welcher sich immer zu früh für uns anmeldet, und den man
+warten zu lassen an Ausreden unerschöpflich ist.
+
+Sie verlangen von mir »ein Urteil über Ihr Bestreben das Physische im
+Menschen moralisch zu behandeln; den ganzen, auch physischen, Menschen
+als ein auf Moralität berechnetes Wesen darzustellen, und die moralische
+Kultur als unentbehrlich zur physischen Vollendung der überall nur in
+der Anlage vorhandenen Menschennatur zu zeigen«, und setzen hinzu:
+»wenigstens kann ich versichern, daß es keine vorgefaßte Meinungen
+waren, sondern ich durch die Arbeit und Untersuchung selbst
+unwiderstehlich in diese Behandlungsart hineingezogen wurde«. -- Eine
+solche Ansicht der Sache verrät den Philosophen, nicht den bloßen
+Vernunftkünstler; einen Mann, der nicht allein, gleich einem der
+Direktoren des französischen Konvents, die von der Vernunft verordneten
+Mittel der Ausführung (technisch), wie sie die Erfahrung darbietet, zu
+seiner Heilkunde mit Geschicklichkeit, sondern, als gesetzgebendes Glied
+im Korps der Ärzte, aus der reinen Vernunft hernimmt, welche zu dem, was
+hilft, mit Geschicklichkeit, auch das, was zugleich an sich Pflicht ist,
+mit Weisheit zu verordnen weiß: so, daß moralisch-praktische Philosophie
+zugleich eine Universalmedizin abgibt, die zwar nicht allen für alles
+hilft, aber doch in keinem Rezepte mangeln kann.
+
+Dieses Universalmittel betrifft aber nur die Diätetik, d. i. es wirkt
+nur negativ, als Kunst, Krankheiten abzuhalten. Dergleichen Kunst aber
+setzt ein Vermögen voraus, das nur Philosophie, oder der Geist
+derselben, den man schlechthin voraussetzen muß, geben kann. Auf diesen
+bezieht sich die oberste diätetische Aufgabe, welche in dem Thema
+enthalten ist:
+
+~Von der Macht des Gemüts des Menschen, über seine krankhafte Gefühle
+durch den bloßen festen Vorsatz Meister zu sein.~
+
+Die, die Möglichkeit dieses Ausspruchs bestätigenden, Beispiele kann ich
+nicht von der Erfahrung anderer hernehmen, sondern zuerst nur von der an
+mir selbst angestellten; weil sie aus dem Selbstbewußtsein hervorgeht,
+und sich nachher allererst andere fragen läßt: ob es nicht auch sie
+ebenso in sich wahrnehmen. -- Ich sehe mich also genötigt, mein Ich laut
+werden zu lassen; was im dogmatischen Vortrage(2) Unbescheidenheit
+verrät; aber Verzeihung verdient, wenn es nicht gemeine Erfahrung,
+sondern ein inneres Experiment oder Beobachtung betrifft, welche ich
+zuerst an mir selbst angestellt haben muß, um etwas, was nicht jedermann
+von selbst, und ohne darauf geführt zu sein, beifällt, zu seiner
+Beurteilung vorzulegen. -- Es würde tadelhafte Anmaßung sein, andere mit
+der inneren Geschichte meines Gedankenspiels unterhalten zu wollen,
+welche zwar subjektive Wichtigkeit (für mich) aber keine objektive (für
+jedermann geltende) enthielten. Wenn aber dieses Aufmerken auf sich
+selbst und die daraus hervorgehende Wahrnehmung nicht so gemein ist,
+sondern, daß jeder dazu aufgefordert werde, eine Sache ist, die es
+bedarf und verdient, so kann dieser Übelstand mit seinen
+Privatempfindungen andere zu unterhalten wenigstens verziehen werden.
+
+ (2) Im dogmatisch-praktischen Vortrage, z. B. derjenigen Beobachtung
+ seiner selbst, die auf Pflichten abzweckt, die jedermann angehen,
+ spricht der Kanzelredner nicht durch Ich, sondern Wir. In dem
+ erzählenden aber, der Privatempfindung (der Beichte, welche der
+ Patient seinem Arzte ablegt), oder eigener Erfahrung an sich selbst,
+ muß er durch Ich reden.
+
+Ehe ich nun mit dem Resultat meiner, in Absicht auf Diätetik
+angestellten, Selbstbeobachtung aufzutreten wage, muß ich noch etwas
+über die Art bemerken, wie Herr Hufeland die Aufgabe der Diätetik, d. i.
+der Kunst stellt, Krankheiten vorzubeugen, im Gegensatz mit der
+Therapeutik, sie zu heilen.
+
+Sie heißt ihm »die Kunst das menschliche Leben zu verlängern«.
+
+Er nimmt seine Benennung von demjenigen her, was die Menschen am
+sehnsüchtigsten wünschen, ob es gleich vielleicht weniger wünschenswert
+sein dürfte. Sie möchten zwar gern zwei Wünsche zugleich thun: nämlich
+lange zu leben und dabei gesund zu sein; aber der erstere Wunsch hat den
+letzteren nicht zur notwendigen Bedingung: sondern er ist unbedingt.
+Laßt den Hospitalkranken jahrelang auf seinem Lager leiden und darben
+und ihn oft wünschen hören, daß ihn der Tod je eher je lieber von dieser
+Plage erlösen möge; glaubt ihm nicht, es ist nicht sein Ernst. Seine
+Vernunft sagt es ihm zwar vor, aber der Naturinstinkt will es anders.
+Wenn er dem Tode, als seinem Befreier (_Jovi liberatori_), winkt, so
+verlangt er doch immer noch eine kleine Frist und hat immer irgend einen
+Vorwand zur Vertagung (_procrastinatio_) seines peremtorischen Dekrets.
+Der in wilder Entrüstung gefaßte Entschluß des Selbstmörders, seinem
+Leben ein Ende zu machen, macht hievon keine Ausnahme: denn er ist die
+Wirkung eines bis zum Wahnsinn exaltierten Affekts. -- Unter den zwei
+Verheißungen für die Befolgung der Kindespflicht -- »auf daß dir es
+wohlgehe und du lange lebest auf Erden« -- enthält die letztere die
+stärkere Triebfeder, selbst im Urteile der Vernunft, nämlich als
+Pflicht, deren Beobachtung zugleich verdienstlich ist.
+
+Die Pflicht das Alter zu ehren gründet sich nämlich eigentlich nicht auf
+die billige Schonung, die man den Jüngeren gegen die Schwachheit der
+Alten zumutet: denn die ist kein Grund zu einer ihnen schuldigen
+Achtung. Das Alter will also noch für etwas Verdienstliches angesehen
+werden; weil ihm eine Verehrung zugestanden wird. Also, nicht etwa weil
+Nestorjahre zugleich durch viele und lange Erfahrung erworbene Weisheit,
+zu Leitung der jüngeren Welt, bei sich führen, sondern bloß weil, wenn
+nur keine Schande dasselbe befleckt hat, der Mann, welcher sich so lange
+erhalten hat, d. i. der Sterblichkeit, als dem demütigendsten Ausspruch,
+der über ein vernünftiges Wesen nur gefällt werden kann -- »du bist Erde
+und sollst zur Erde werden« -- so lange hat ausweichen und gleichsam der
+Unsterblichkeit hat abgewinnen können, weil, sage ich, ein solcher Mann
+sich so lange lebend erhalten und zum Beispiel aufgestellt hat.
+
+Mit der Gesundheit, als dem zweiten natürlichen Wunsche, ist es dagegen
+nur mißlich bewandt. Man kann sich gesund fühlen (aus dem behaglichen
+Gefühl seines Lebens urteilen), nie aber wissen, daß man gesund sei. --
+Jede Ursache des natürlichen Todes ist Krankheit: man mag sie fühlen
+oder nicht. -- Es gibt viele, von denen, ohne sie eben verspotten zu
+wollen, man sagt, daß sie für immer kränkeln, nie krank werden können;
+deren Diät ein immer wechselndes Abschweifen und wieder Einbeugen ihrer
+Lebensweise ist, und die es im Leben, wenngleich nicht den
+Kraftäußerungen, doch der Länge nach, weit bringen. Wie viel aber meiner
+Freunde oder Bekannten habe ich nicht überlebt, die sich bei einer
+einmal angenommenen ordentlichen Lebensart einer völligen Gesundheit
+rühmten: indessen daß der Keim des Todes (die Krankheit) der
+Entwickelung nahe, unbemerkt in ihnen lag, und der, welcher sich gesund
+fühlte, nicht wußte, daß er krank war; denn die Ursache eines
+natürlichen Todes kann man doch nicht anders als Krankheit nennen. Die
+Kausalität aber kann man nicht fühlen, dazu gehört Verstand, dessen
+Urteil irrig sein kann, indessen daß das Gefühl untrüglich ist, aber nur
+dann, wenn man sich krankhaft fühlt, diesen Namen führt; fühlt man sich
+aber so auch nicht, doch gleichwohl in dem Menschen verborgenerweise und
+zur baldigen Entwickelung bereit liegen kann; daher der Mangel dieses
+Gefühls keinen andern Ausdruck des Menschen für sein Wohlbefinden
+verstattet, als daß er scheinbarlich gesund sei. Das lange Leben also,
+wenn man dahin zurücksieht, kann nur die genossene Gesundheit bezeugen,
+und die Diätetik wird vor allem in der Kunst das Leben zu verlängern
+(nicht es zu genießen) ihre Geschicklichkeit oder Wissenschaft zu
+beweisen haben: wie es auch Herr Hufeland so ausgedrückt haben will.
+
+
+
+
+Grundsatz der Diätetik.
+
+
+Auf Gemächlichkeit muß die Diätetik nicht berechnet werden; denn diese
+Schonung seiner Kräfte und Gefühle ist Verzärtelung, d. i. sie hat
+Schwäche und Kraftlosigkeit zur Folge und ein allmähliches Erlöschen der
+Lebenskraft, aus Mangel der Übung; sowie eine Erschöpfung derselben
+durch zu häufigen und starken Gebrauch derselben. Der Stoizismus, als
+Prinzip der Diätetik (_sustine et abstine_), gehört also nicht bloß zur
+praktischen Philosophie als Tugendlehre, sondern auch zu ihr als
+Heilkunde. Diese ist alsdann philosophisch, wenn bloß die Macht der
+Vernunft im Menschen, über seine sinnlichen Gefühle durch einen sich
+selbst gegebenen Grundsatz Meister zu sein, die Lebensweise bestimmt.
+Dagegen, wenn sie diese Empfindungen zu erregen oder abzuwehren die
+Hilfe außer sich in körperlichen Mitteln (der Apotheke, oder der
+Chirurgie) sucht, sie bloß empirisch und mechanisch ist.
+
+Die Wärme, der Schlaf, die sorgfältige Pflege des nicht Kranken sind
+solche Verwöhnungen der Gemächlichkeit.
+
+1) Ich kann, der Erfahrung an mir selbst gemäß, der Vorschrift nicht
+beistimmen: »man soll Kopf und Füße warm halten«(3). Ich finde es
+dagegen geratener beide kalt zu halten (wozu die Russen auch die Brust
+zählen); gerade der Sorgfalt wegen, um mich nicht zu verkälten. -- Es
+ist freilich gemächlicher im laulichen Wasser sich die Füße zu waschen,
+als es zur Winterszeit mit beinahe eiskaltem zu thun; dafür aber entgeht
+man dem Übel der Erschlaffung der Blutgefäße in so weit vom Herzen
+entlegenen Teilen, welches im Alter oft eine nicht mehr zu hebende
+Krankheit der Füße nach sich zieht. -- Den Bauch, vornehmlich bei kalter
+Witterung, warm zu halten, möchte eher zur diätetischen Vorschrift statt
+der Gemächlichkeit gehören; weil er Gedärme in sich schließt, die einen
+langen Gang hindurch einen nicht flüssigen Stoff forttreiben sollen,
+wozu der sogenannte Schmachtriemen (ein breites, den Unterleib haltendes
+und die Muskeln desselben unterstützendes Band) bei Alten, aber
+eigentlich nicht der Wärme wegen, gehört.
+
+ (3) Den Kopf warm zu halten, ist gewiß immer nachteilig, und die
+ medizinische Regel ist eigentlich: »den Kopf kühl und die Füße warm zu
+ halten«. Es bedarf daher diese Äußerung des würdigen Verfassers einige
+ Berichtigung. Es ist allerdings vollkommen wahr, daß, wenn wir unsere
+ Füße von Jugend auf ebenso bloß trügen, wie unsere Hände, Gesicht, und
+ die Weiber auch den Hals und die Brust, wir sie ebensogut gegen Kälte
+ und Witterung würden abhärten können, wie diese, und Millionen von
+ Menschen, welche barfuß laufen, beweisen dieses. Da aber unser Klima
+ und unsere Lebensverhältnisse uns nicht erlauben, das Bloßtragen immer
+ fortzusetzen, sondern die Füße bekleidet zu tragen gebieten, so
+ entsteht dadurch schon die Möglichkeit einer Erkältung, durch
+ Weglassung der gewohnten Bedeckung. Und da es nun überdies gar nicht
+ zu leugnen ist, daß die Füße, besonders der Unterfuß, in einer ganz
+ besondern antagonistischen Verbindung mit den oberen Teilen stehen, so
+ daß durch Erkältung, das heißt, Unterdrückung der Hautthätigkeit, sehr
+ leicht ein Krankheitsreiz auf Kopf, Brust und Unterleibseingeweide
+ reflektiert werden kann, so folgt allerdings daraus die Notwendigkeit,
+ dieselben nicht sowohl warm, sondern in einer gleichmäßigen Temperatur
+ zu halten.
+
+ H.
+
+2) Lange oder (wiederholentlich, durch Mittagsruhe) viel schlafen ist
+freilich ebensoviel Ersparnis am Ungemache, was überhaupt das Leben im
+Wachen unvermeidlich bei sich führt, und es ist wunderlich genug sich
+ein langes Leben zu wünschen, um es größtenteils zu verschlafen. Aber
+das, worauf es hier eigentlich ankömmt, dieses vermeinte Mittel des
+langen Lebens, die Gemächlichkeit, widerspricht sich in seiner Absicht
+selbst. Denn das wechselnde Erwachen und wieder Einschlummern in langen
+Winternächten ist für das ganze Nervensystem lähmend, zermalmend und in
+täuschender Ruhe krafterschöpfend: mithin die Gemächlichkeit hier eine
+Ursache der Verkürzung des Lebens. -- Das Bett ist das Nest einer Menge
+von Krankheiten.
+
+3) Im Alter sich zu pflegen oder pflegen zu lassen, bloß um seine
+Kräfte, durch die Vermeidung der Ungemächlichkeit (z. B. des Ausgehens
+in schlimmem Wetter) oder überhaupt die Übertragung der Arbeit an
+andere, die man selbst verrichten könnte, zu schonen, so aber das Leben
+zu verlängern, diese Sorgfalt bewirkt gerade das Widerspiel, nämlich das
+frühe Altwerden und Verkürzung des Lebens. -- -- Auch daß sehr alt
+gewordene mehrenteils verehelichte(4) Personen gewesen wären, möchte
+schwer zu beweisen sein(5). -- In einigen Familien ist das Altwerden
+erblich, und die Paarung in einer solchen kann wohl einen Familienschlag
+dieser Art begründen. Es ist auch kein übles politisches Prinzip zu
+Beförderung der Ehen, das gepaarte Leben als ein langes Leben
+anzupreisen; obgleich die Erfahrung immer verhältnisweise nur wenig
+Beispiele davon an die Hand gibt, von solchen, die nebeneinander
+vorzüglich alt geworden sind; aber die Frage ist hier nur vom
+physiologischen Grunde des Altwerdens, -- wie es die Natur verfügt,
+nicht vom politischen, wie die Konvenienz des Staats die öffentliche
+Meinung seiner Absicht gemäß gestimmt zu sein verlangt.
+
+ (4) Hierwider möchte ich doch die Beobachtung anführen: daß
+ unverehelichte (oder jung verwitwete) alte Männer mehrenteils länger
+ ein jugendliches Aussehen erhalten, als verehelichte, welches doch auf
+ eine längere Lebensdauer zu deuten schein. -- Sollten wohl die
+ letztern an ihren härteren Gesichtszügen den Zustand eines getragenen
+ Jochs (davon _conjugium_), nämlich das frühere Altwerden verraten,
+ welches auf ein kürzeres Lebensziel hindeutet?
+
+ (5) Ich habe mich bei Aufstellung dieses Grundsatzes in meiner
+ Makrobiotik bloß durch die Erfahrung leiten lassen. Es stießen mir bei
+ meinen Nachforschungen über das höchste Alter so viele Verheiratete
+ auf, daß ich dadurch zuerst aufmerksam gemacht wurde. Ich fand nämlich
+ bei allen Alten einen sehr beträchtlichen Überschuß auf seiten der
+ Verheirateten: von den außerordentlich hohen Alten (d. h.
+ 120-160jährigen) fand ich durchaus gar keinen unverheiratet; ja sie
+ hatten alle mehrmals und größtenteils noch in den letzten Zeiten ihres
+ Lebens geheiratet. Dies allein bewog mich zu den Vermutungen von
+ Einfluß der Zeugungskraft und des Ehestands aufs lange Leben, für die
+ ich dann erst die theoretischen Gründe aufsuchte.
+
+ H.
+
+Übrigens ist das Philosophieren, ohne darum eben Philosoph zu sein, auch
+ein Mittel der Abwehrung mancher unangenehmer Gefühle, und doch zugleich
+Agitation des Gemüts, welches in seine Beschäftigung ein Interesse
+bringt, das von äußern Zufälligkeiten unabhängig und ebendarum, obgleich
+nur als Spiel, dennoch kräftig und inniglich ist und die Lebenskraft
+nicht stocken läßt. Dagegen Philosophie, die ihr Interesse am Ganzen des
+Endzwecks der Vernunft -- der eine absolute Einheit ist -- hat, ein
+Gefühl der Kraft bei sich führt, welches die körperlichen Schwächen des
+Alters in gewissem Maße durch vernünftige Schätzung des Werts des Lebens
+wohl vergüten kann. -- Aber neu sich eröffnende Aussichten zur
+Erweiterung seiner Erkenntnisse, wenn sie auch gerade nicht zur
+Philosophie gehörten, leisten doch auch ebendasselbe, oder etwas dem
+Ähnliches; und, sofern der Mathematiker hieran ein unmittelbares
+Interesse (nicht als an einem Werkzeuge zu anderer Absicht) nimmt, so
+ist er insofern auch Philosoph und genießt die Wohlthätigkeit einer
+solchen Erregungsart seiner Kräfte in einem verjüngten und ohne
+Erschöpfung verlängerten Leben.
+
+Aber auch bloße Tändeleien in einem sorgenfreien Zustande leisten, als
+Surrogate, bei eingeschränkten Köpfen fast ebendasselbe, und, die mit
+Nichtsthun immer vollauf zu thun haben, werden gemeiniglich auch alt. --
+Ein sehr bejahrter Mann fand dabei ein großes Interesse, daß die vielen
+Stutzuhren in seinem Zimmer immer nacheinander, keine mit der andern
+zugleich, schlagen mußten; welches ihn und den Uhrmacher den Tag über
+genug beschäftigte, und dem letztern zu verdienen gab. Ein anderer fand
+in der Abfütterung und Kur seiner Sangvögel hinreichende Beschäftigung,
+um die Zeit zwischen seiner eigenen Abfütterung und dem Schlaf
+auszufüllen. Eine alte begüterte Frau fand diese Ausfüllung am
+Spinnrade, unter dabei eingemischten unbedeutenden Gesprächen, und
+klagte daher in ihrem sehr hohen Alter, gleich als über den Verlust
+einer guten Gesellschaft, daß, da sie nunmehr den Faden zwischen den
+Fingern nicht mehr fühlen konnte, sie für Langerweile zu sterben Gefahr
+liefe.
+
+Doch, damit mein Diskurs über das lange Leben Ihnen nicht auch
+Langeweile mache und ebendadurch gefährlich werde, will ich der
+Sprachseligkeit, die man als einen Fehler des Alters zu belächeln,
+wenngleich nicht zu schelten pflegt, hiemit Grenzen setzen.
+
+
+
+
+Von der Hypochondrie.
+
+
+Die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt, ohne ein
+bestimmtes Objekt, mutlos zu überlassen -- mithin ohne den Versuch zu
+machen, über sie durch die Vernunft Meister zu werden -- die
+Grillenkrankheit (_hypochondria vaga_(6)), welche gar keinen bestimmten
+Sitz im Körper hat und ein Geschöpf der Einbildungskraft ist und daher
+auch die dichtende heißen könnte -- wo der Patient alle Krankheiten, von
+denen er in Büchern liest, an sich zu bemerken glaubt, -- ist das gerade
+Widerspiel jenes Vermögens des Gemüts über seine krankhaften Gefühle
+Meister zu sein, nämlich Verzagtheit, über Übel, welche Menschen
+zustoßen könnten, zu brüten, ohne, wenn sie kämen, ihnen widerstehen zu
+können; eine Art von Wahnsinn, welchem freilich wohl irgend ein
+Krankheitsstoff (Blähung oder Verstopfung) zum Grunde liegen mag, der
+aber nicht unmittelbar, wie er den Sinn affiziert, gefühlt, sondern als
+bevorstehendes Übel von der dichtenden Einbildungskraft vorgespiegelt
+wird; wo dann der Selbstquäler (_Heautontimorumenos_), statt sich selbst
+zu ermannen, vergeblich die Hilfe des Arztes aufruft; weil nur er
+selbst, durch die Diätetik seines Gedankenspiels, belästigende
+Vorstellungen, die sich unwillkührlich einfinden, und zwar von Übeln,
+wider die sich doch nichts veranstalten ließe, wenn sie sich wirklich
+einstellten, aufheben kann. -- Von dem, der mit dieser Krankheit
+behaftet, und solange er es ist, kann man nicht verlangen, er solle
+seiner krankhaften Gefühle durch den bloßen Vorsatz Meister werden.
+Denn, wenn er dieses könnte, so wäre er nicht hypochondrisch. Ein
+vernünftiger Mensch statuiert keine solche Hypochondrie: sondern, wenn
+ihm Beängstigungen anwandeln, die in Grillen, d. i. selbst ausgedachte
+Übel, ausschlagen wollen, so fragt er sich, ob ein Objekt derselben da
+sei. Findet er keines, welches gegründete Ursache zu dieser Beängstigung
+abgeben kann, oder sieht er ein, daß, wenn auch gleich ein solches
+wirklich wäre, doch dabei nichts zu thun möglich sei, um seine Wirkung
+abzuwenden, so geht er mit diesem Anspruche seines inneren Gefühls zur
+Tagesordnung, d. i. er läßt seine Beklommenheit (welche alsdann bloß
+topisch ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie ihn nichts anginge) und
+richtet seine Aufmerksamkeit auf die Geschäfte, mit denen er zu thun
+hat.
+
+ (6) Zum Unterschiede von der topischen (_hypochondria abdominalis_).
+
+ H.
+
+Ich habe wegen meiner flachen und engen Brust, die für die Bewegung des
+Herzens und der Lunge wenig Spielraum läßt, eine natürliche Anlage zur
+Hypochondrie, welche in früheren Jahren bis an den Überdruß des Lebens
+grenzte. Aber die Überlegung, daß die Ursache dieser Herzbeklemmung
+vielleicht bloß mechanisch und nicht zu heben sei, brachte es bald
+dahin, daß ich mich an sie gar nicht kehrte, und während dessen, daß ich
+mich in der Brust beklommen fühlte, im Kopfe doch Ruhe und Heiterkeit
+herrschte, die sich auch in der Gesellschaft, nicht nach abwechselnden
+Launen (wie Hypochondrische pflegen), sondern absichtlich und natürlich
+mitzuteilen nicht ermangelte. Und da man des Lebens mehr froh wird durch
+das, was man im freien Gebrauch desselben thut, als was man genießt, so
+können Geistesarbeiten eine andere Art von befördertem Lebensgefühl den
+Hemmungen entgegensetzen, welche bloß den Körper angehen. Die Beklemmung
+ist mir geblieben; denn ihre Ursache liegt in meinem körperlichen Bau.
+Aber über ihren Einfluß auf meine Gedanken und Handlungen bin ich
+Meister geworden, durch Abkehrung der Aufmerksamkeit von diesem Gefühle,
+als ob es mich gar nicht anginge(7).
+
+ (7) Selbst bei wirklichen Krankheiten müssen wir wohl unterscheiden,
+ die Krankheit und das Gefühl der Krankheit. -- Das letztere übertrifft
+ mehrenteils die erste bei weitem; ja man kann behaupten, man würde die
+ eigentliche Krankheit, die oft nur in einer örtlich gestörten
+ Verrichtung eines oft unbedeutenden Teiles besteht, gar nicht
+ bemerken, wenn nicht die dadurch erregte allgemeine Unlust und
+ Unbehaglichkeit, oder unangenehmen Gefühle und Schmerzen, unsern
+ Zustand höchst peinlich machten. Die Gefühle aber, diese Einwirkung
+ der Krankheit auf das Ganze, stehen großenteils in unserer Gewalt.
+ Eine schwache, verweichlichte Seele, eine dadurch erhöhte
+ Empfindlichkeit, wird dadurch völlig übermannt, ein starker,
+ abgehärteter Geist weiset sie zurück und unterdrückt sie. -- Jedermann
+ gibt zu, daß es möglich ist, durch ein unerwartetes Ereignis, durch
+ eine angenehme Zerstreuung, genug durch etwas, was die Seele stark von
+ sich abzieht, sein körperliches Leiden zu vergessen. -- Warum sollte
+ dies nun nicht der eigne feste Wille, die eigne Seelenkraft selbst
+ bewirken können? --
+
+ Das größte Mittel gegen Hypochondrie und alle eingebildete Übel, ist
+ in der That das Objektivieren seiner selbst, so wie die Hauptursache
+ der Hypochondrie und ihr eigentliches Wesen nichts anders ist, als das
+ Subjektivieren aller Dinge, das heißt, daß das physische Ich die
+ Herrschaft über alles erhalten hat, der alleinige Gedanke, die fixe
+ Idee wird, und alles andere unter diese Kategorie bringt. -- Ich habe
+ daher immer gefunden, daß, je praktisch-thätiger das Leben eines
+ Menschen ist, das heißt, je mehr es ihn immer nach außen zieht, desto
+ sicherer ist er für Hypochondrie. Den besten Beweis geben uns die
+ praktischen Ärzte. Sie sind unaufhörlich mit Krankheiten beschäftigt,
+ und Krankheit, Übelbefinden wird zuletzt der herrschende Gegenstand
+ ihres Denkens. Hier sollte also sehr leicht dasselbe auch der
+ herrschende Gegenstand ihres Ichs werden, und es müßten folglich alle
+ Ärzte endlich hypochondrisch werden. -- Und dennoch sehen wir, daß
+ gerade praktische Ärzte fast nie an Hypochondrie leiden. -- Warum?
+ Weil sie sich von Anfang an gewöhnen, alle Übel zu objektivieren,
+ wodurch sie am Ende dahin gelangen, sich selbst und ihre eignen Übel
+ zu objektivieren, sie von ihrem wahren Ich zu trennen und zum
+ Gegenstand der Außenwelt und der Kunst zu machen. -- Denn das wahre
+ Ich wird nie krank.
+
+ H.
+
+
+
+
+Vom Schlafe.
+
+
+Was die Türken, nach ihren Grundsätzen der Prädestination, über die
+Mäßigkeit sagen: daß nämlich im Anfange der Welt jedem Menschen die
+Portion zugemessen worden, wieviel er im Leben zu essen haben werde,
+und, wenn er sein beschieden Teil in großen Portionen verzehrt, er auf
+eine desto kürzere Zeit zu essen, mithin zu sein, sich Rechnung machen
+könne: das kann in einer Diätetik, als Kinderlehre -- denn im Genießen
+müssen auch Männer von Ärzten oft als Kinder behandelt werden, -- auch
+zur Regel dienen: nämlich daß jedem Menschen von Anbeginn her vom
+Verhängnisse seine Portion Schlaf zugemessen worden, und der, welcher
+von seiner Lebenszeit in Mannsjahren zu viel (über das Dritteil) dem
+Schlafen eingeräumt hat, sich nicht eine lange Zeit zu schlafen, d. i.
+zu leben und alt zu werden, versprechen darf. -- Wer dem Schlaf als
+süßen Genuß im Schlummern (der Siesta der Spanier) oder als Zeitkürzung
+(in langen Winternächten) viel mehr als ein Dritteil seiner Lebenszeit
+einräumt, oder ihm sich auch teilweise (mit Absätzen), nicht in einem
+Stück, für jeden Tag zumißt, verrechnet sich sehr in Ansehung seines
+Lebensquantum, teils dem Grade, teils der Länge nach. -- Da nun
+schwerlich ein Mensch wünschen wird, daß der Schlaf überhaupt gar nicht
+Bedürfnis für ihn wäre, -- woraus doch wohl erhellet, daß er das lange
+Leben als eine lange Plage fühlt; von dem, so viel er verschlafen,
+ebensoviel Mühseligkeit zu tragen er sich ersparet hat -- so ist es
+geratener, fürs Gefühl sowohl als für die Vernunft, dieses genuß- und
+thatleere Drittel ganz auf eine Seite zu bringen und es der
+unentbehrlichen Naturrestauration zu überlassen: doch mit einer genauen
+Abgemessenheit der Zeit, von wo an und wie lange sie dauern soll(8).
+
+ (8) Die naturgemäßeste Einteilung des Tages bleibt gewiß diese: Acht
+ Stunden der Arbeit, acht Stunden der Ruhe und acht Stunden der
+ Nahrung, körperlichen Bewegung, Gesellschaft und Aufheiterung.
+
+ H.
+
+ * * * * *
+
+Es gehört unter die krankhaften Gefühle zu der bestimmten und gewohnten
+Zeit nicht schlafen, oder auch sich nicht wach halten zu können;
+vornehmlich aber das erstere; in dieser Absicht sich zu Bette zu legen
+und doch schlaflos zu liegen. -- Sich alle Gedanken aus dem Kopf zu
+schlagen ist zwar der gewöhnliche Rat, den der Arzt gibt; aber sie, oder
+andere an ihre Stelle, kommen wieder und erhalten wach. Es ist kein
+anderer diätetischer Rat, als beim inneren Wahrnehmen oder Bewußtwerden
+irgend eines sich regenden Gedanken, die Aufmerksamkeit davon sofort
+abzuwenden (gleich als ob man mit geschlossenen Augen diese auf eine
+andere Seite kehrte): wo dann durch das Abbrechen jedes Gedanken, den
+man inne wird, allmählich eine Verwirrung der Vorstellungen entspringt,
+dadurch das Bewußtsein seiner körperlichen (äußern) Lage aufgehoben
+wird, und eine ganz verschiedene Ordnung, nämlich ein unwillkürliches
+Spiel der Einbildungskraft (das im gesunden Zustande der Traum ist)
+eintritt, in welchem, durch ein bewundernswürdiges Kunststück der
+tierischen Organisation, der Körper für die animalischen Bewegungen
+abgespannt, für die Vitalbewegung aber innigst agitiert wird und zwar
+durch Träume, die, wenn wir uns gleich derselben im Erwachen nicht
+erinnern, gleichwohl nicht haben ausbleiben können: weil sonst bei
+gänzlicher Ermangelung derselben, wenn die Nervenkraft, die vom Gehirn,
+dem Sitze der Vorstellungen, ausgeht, nicht mit der Muskelkraft der
+Eingeweide vereinigt wirkte, das Leben sich nicht einen Augenblick
+erhalten könnte. Daher träumen vermutlich alle Tiere, wenn sie schlafen.
+
+Jedermann aber, der sich zu Bette und in Bereitschaft zu schlafen gelegt
+hat, wird bisweilen, bei aller obgedachten Ablenkung seiner Gedanken,
+doch nicht zum Einschlafen kommen können. In diesem Fall wird er im
+Gehirn etwas Spastisches (Krampfartiges) fühlen, welches auch mit der
+Beobachtung gut zusammenhängt: daß ein Mensch gleich nach dem Erwachen
+etwa ½ Zoll länger sei, als wenn er sogar im Bette geblieben und dabei
+nur gewacht hätte. -- Da Schlaflosigkeit ein Fehler des schwächlichen
+Alters und die linke Seite überhaupt genommen die schwächere ist(9), so
+fühlte ich seit etwa einem Jahre diese krampfichte Anwandelungen und
+sehr empfindliche Reize dieser Art (obzwar nicht wirkliche und sichtbare
+Bewegungen der darauf affizierten Gliedmaßen als Krämpfe), die ich nach
+der Beschreibung anderer für gichtische Zufälle halten und dafür einen
+Arzt suchen mußte. Nun aber, aus Ungeduld, am Schlafen mich gehindert zu
+fühlen, griff ich bald zu meinem stoischen Mittel, meinen Gedanken mit
+Anstrengung auf irgend ein von mir gewähltes gleichgültiges Objekt, was
+es auch sei (z. B. auf den viel Nebenvorstellungen enthaltenden Namen
+Cicero), zu heften: mithin die Aufmerksamkeit von jener Empfindung
+abzulenken; dadurch diese dann, und zwar schleunig, stumpf wurden, und
+so die Schläfrigkeit sie überwog, und dieses kann ich jederzeit, bei
+wiederkommenden Anfällen dieser Art in den kleinen Unterbrechungen des
+Nachtschlafs, mit gleich gutem Erfolg wiederholen. Daß aber dieses nicht
+etwa bloß eingebildete Schmerzen waren, davon konnte mich die des andern
+Morgens früh sich zeigende glühende Röte der Zehen des linken Fußes
+überzeugen. -- Ich bin gewiß, daß viele gichtische Zufälle, wenn nur die
+Diät des Genusses nicht gar zu sehr dawider ist, ja Krämpfe und selbst
+epileptische Zufälle (nur nicht bei Weibern und Kindern, als die
+dergleichen Kraft des Vorsatzes nicht haben), auch wohl das für
+unheilbar verschriene Podagra, bei jeder neuen Anwandlung desselben
+durch diese Festigkeit des Vorsatzes (seine Aufmerksamkeit von einem
+solchen Leiden abzuwenden) abgehalten und nach und nach gehoben werden
+könnte(10).
+
+ (9) Es ist ein ganz unrichtiges Vorgeben, daß, was die Stärke im
+ Gebrauch seiner äußern Gliedmaßen betrifft, es bloß auf die Übung und
+ wie man früh gewöhnt worden, ankomme, welche von beiden Seiten des
+ Körpers die stärkere oder schwächere sein solle; ob im Gefechte mit
+ dem rechten oder linken Arm der Säbel geführt, ob sich der Reiter im
+ Steigbügel stehend von der rechten zur linken oder umgekehrt aufs
+ Pferd schwinge &c. Die Erfahrung lehrt aber, daß, wer sich am linken
+ Fuße Maß für seine Schuhe nehmen läßt, wenn der Schuh dem linken genau
+ anpaßt, er für den rechten zu enge sei, ohne daß man die Schuld davon
+ den Eltern geben kann, die ihre Kinder nicht besser belehrt hätten; so
+ wie der Vorzug der rechten Seite vor der linken auch daran zu sehen
+ ist, daß der, welcher über einen tiefen Graben schreiten will, den
+ linken Fuß ansetzt und mit dem rechten überschreitet: widrigen Falls
+ er in den Graben zu fallen Gefahr läuft. Daß der preußische
+ Infanterist geübt wird mit dem linken Fuße anzutreten, widerlegt jenen
+ Satz nicht, sondern bestätigt ihn vielmehr; denn er setzt diesen
+ voran, gleich als auf ein Hypomochlium, um mit der rechten Seite den
+ Schwung des Angriffs zu machen, welchen er mit der rechten gegen die
+ linke verrichtet.
+
+ (10) Unglaublich ist es, was der Mensch vermag, auch im Physischen,
+ durch die Kraft des festen Willens; und so auch durch die Not, die oft
+ allein einen solchen festen Willen hervorzubringen vermag. Woher kömmt
+ es, daß die arbeitende, durch Not oder Pflicht zur Arbeit getriebene,
+ Klasse viel weniger kränkelt, als die müßiggehende? Hauptsächlich
+ daher, daß jene keine Zeit hat krank zu sein und also eine Menge
+ Anwandelungen von Krankheiten übergeht, das heißt, in der Arbeit sie
+ vergißt und dadurch wirklich überwindet und aufhebt, statt daß der
+ Müßige, den Gefühlen nachgebend und sie pflegend, dadurch oft den Keim
+ erst zu Krankheiten ausbildet.
+
+ Wie oft habe ich diese Erfahrung in meinem Berufsleben an mir selbst
+ gemacht, und welcher Pflicht- und Berufsmensch hat sie nicht gemacht!
+ -- Wie oft glaubte ich früh nicht im stande zu sein, wegen
+ körperlicher Beschwerden das Zimmer zu verlassen -- die Pflicht rief
+ zum Krankenbett oder aufs Katheder, und so sauer es anfangs wurde,
+ nach einiger Zeit der Anstrengung war das Übel vergessen, der Geist
+ siegte über den Leib, und die Gesundheit war wiederhergestellt.
+
+ Ja am auffallendsten zeigte sich die Kraft des Geistigen bei
+ ansteckenden und epidemischen Krankheiten. Es ist eine ausgemachte
+ Erfahrungssache, daß die, welche guten Mut haben, sich nicht fürchten
+ und ekeln, am wenigsten angesteckt werden. Aber daß eine schon
+ wirklich geschehene Ansteckung noch durch freudige Exaltation des
+ Geistes wieder aufgehoben werden könne, davon bin ich selbst ein
+ Beispiel. -- Ich hatte in dem Kriegsjahre 1807, wo in Preußen ein
+ pestartiges Faulfieber herrschte, viele solche Kranke zu behandeln und
+ fühlte eines Morgens bei dem Erwachen alle Zeichen der Ansteckung,
+ Schwindel, Kopfbetäubung, Zerschlagenheit der Glieder, genug alle
+ Vorboten, die bekanntlich mehrere Tage dauern können, ehe die
+ Krankheit wirklich ausbricht. -- Aber die Pflicht gebot; andere waren
+ kränker als ich. Ich beschloß, meine Geschäfte wie gewöhnlich zu
+ verrichten und mittags einem frohen Mahle beizuwohnen, wozu ich
+ eingeladen war. Hier überließ ich mich einige Stunden ganz der Freude
+ und dem lauten Frohsinn, der mich umgab, trank absichtlich mehr Wein
+ wie gewöhnlich, ging mit einem künstlich erregten Fieber nach Hause,
+ legte mich zu Bett, schwitzte die Nacht hindurch reichlich und war am
+ andern Morgen völlig hergestellt.
+
+ H.
+
+
+
+
+Vom Essen und Trinken.
+
+
+Im gesunden Zustande und der Jugend ist es das Geratenste in Ansehung
+des Genusses, der Zeit und Menge nach, bloß den Appetit (Hunger und
+Durst) zu befragen; aber bei den mit dem Alter sich einfindenden
+Schwächen ist eine gewisse Angewohnheit einer geprüften und heilsam
+gefundenen Lebensart, nämlich wie man es einen Tag gehalten hat, es
+ebenso alle Tage zu halten, ein diätetischer Grundsatz, welcher dem
+langen Leben am günstigsten ist; doch unter der Bedingung, daß diese
+Abfütterung für den sich weigernden Appetit die gehörigen Ausnahmen
+mache. -- Dieser nämlich weigert im Alter die Quantität des Flüssigen
+(Suppen oder viel Wasser zu trinken) vornehmlich dem männlichen
+Geschlecht: verlangt dagegen derbere Kost und anreizenderes Getränke
+(z. B. Wein), sowohl um die wurmförmige Bewegung der Gedärme -- die
+unter allen Eingeweiden am meisten von der _vita propria_ zu haben
+scheinen, weil sie, wenn sie noch warm aus dem Tier gerissen und
+zerhauen werden, als Würmer kriechen, deren Arbeit man nicht bloß
+fühlen, sondern sogar hören kann -- zu befördern und zugleich solche
+Teile in den Blutumlauf zu bringen, die durch ihren Reiz das Geäder zur
+Blutbewegung im Umlauf zu erhalten beförderlich sind.
+
+Das Wasser braucht aber bei alten Leuten längere Zeit, um, ins Blut
+aufgenommen, den langen Gang seiner Absonderung von der Blutmasse durch
+die Nieren zur Harnblase zu machen, wenn es nicht dem Blute assimilierte
+Teile (dergleichen der Wein ist) und die einen Reiz der Blutgefäße zum
+Fortschaffen bei sich führen, in sich enthält; welcher letztere aber
+alsdann als Medizin gebraucht wird, dessen künstlicher Gebrauch
+ebendadurch eigentlich nicht zur Diätetik gehört. Der Anwandelung des
+Appetits zum Wassertrinken (dem Durst), welche großenteils nur
+Angewohnheit ist, nicht sofort nachzugeben und ein hierüber genommener
+fester Vorsatz bringt diesen Reiz in das Maß des natürlichen
+Bedürfnisses, des den festen Speisen beizugebenden Flüssigen, dessen
+Genuß in Menge im Alter selbst durch den Naturinstinkt geweigert wird.
+Man schläft auch nicht gut, wenigstens nicht tief bei dieser
+Wasserschwelgerei, weil die Blutwärme dadurch vermindert wird.
+
+Es ist oft gefragt worden: ob, gleich wie in 24 Stunden nur Ein Schlaf,
+so auch in ebensoviel Stunden nur Eine Mahlzeit nach diätetischer Regel
+verwilligt werden könne, oder ob es nicht besser (gesunder) sei, dem
+Appetit am Mittagstische etwas abzubrechen, um dafür auch zu Nacht essen
+zu können. Zeitkürzender ist freilich das letztere. -- Das erstere halte
+ich auch in den sogenannten besten Lebensjahren (dem Mittelalter) für
+zuträglicher; das letztere aber im späteren Alter. Denn, da das Stadium
+für die Operation der Gedärme zum Behuf der Verdauung im Alter ohne
+Zweifel langsamer abläuft, als in jüngeren Jahren, so kann man glauben,
+daß ein neues Pensum (in einer Abendmahlzeit) der Natur aufzugeben,
+indessen daß das erstere Stadium der Verdauung noch nicht abgelaufen
+ist, der Gesundheit nachteilig werden müsse. -- Auf solche Weise kann
+man den Anreiz zum Abendessen, nach einer hinreichenden Sättigung des
+Mittags, für ein krankhaftes Gefühl halten, dessen man durch einen
+festen Vorsatz so Meister werden kann, daß auch die Anwandelung
+desselben nachgerade nicht mehr verspürt wird.
+
+
+
+
+Von dem krankhaften Gefühl aus der Unzeit im Denken.
+
+
+Einem Gelehrten ist das Denken ein Nahrungsmittel, ohne welches, wenn er
+wach und allein ist, er nicht leben kann; jenes mag nun im Lernen
+(Bücherlesen) oder im Ausdenken (Nachsinnen und Erfinden) bestehen. Aber
+beim Essen oder Gehen sich zugleich angestrengt mit einem bestimmten
+Gedanken beschäftigen, Kopf und Magen oder Kopf und Füße mit zwei
+Arbeiten zugleich belästigen, davon bringt das eine Hypochondrie, das
+andere Schwindel hervor. Um also dieses krankhaften Zustandes durch
+Diätetik Meister zu sein, wird nichts weiter erfordert, als die
+mechanische Beschäftigung des Magens, oder der Füße, mit der geistigen
+des Denkens wechseln zu lassen und während dieser (der Restauration
+gewidmeten) Zeit das absichtliche Denken zu hemmen und dem (dem
+mechanischen ähnlichen) freien Spiele der Einbildungskraft den Lauf zu
+lassen; wozu aber bei einem Studierenden ein allgemein gefaßter und
+fester Vorsatz der Diät im Denken erfordert wird.
+
+Es finden sich krankhafte Gefühle ein, wenn man in einer Mahlzeit ohne
+Gesellschaft sich zugleich mit Bücherlesen oder Nachdenken beschäftigt,
+weil die Lebenskraft durch Kopfarbeit von dem Magen, den man belästigt,
+abgeleitet wird. Ebenso, wenn dieses Nachdenken mit der
+krafterschöpfenden Arbeit der Füße (im Promenieren(11)) verbunden wird.
+Man kann das Lukubrieren noch hinzufügen, wenn es ungewöhnlich ist.
+Indessen sind die krankhaften Gefühle aus diesen unzeitig (_invita
+Minerva_) vorgenommenen Geistesarbeiten doch nicht von der Art, daß sie
+sich unmittelbar durch den bloßen Vorsatz augenblicklich, sondern allein
+durch Entwöhnung, vermöge eines entgegengesetzten Prinzips, nach und
+nach heben lassen, und von den ersteren soll hier nur geredet werden.
+
+ (11) Studierende können es schwerlich unterlassen, in einsamen
+ Spaziergängen sich mit Nachdenken selbst und allein zu unterhalten.
+ Ich habe es aber an mir gefunden und auch von andern, die ich darum
+ befrug, gehört: daß das angestrengte Denken im Gehen geschwinde matt
+ macht; dagegen, wenn man sich dem freien Spiel der Einbildungskraft
+ überläßt, die Motion restaurierend ist. Noch mehr geschieht dieses,
+ wenn bei dieser mit Nachdenken verbundenen Bewegung zugleich
+ Unterredung mit einem andern gehalten wird, so, daß man sich bald
+ genötigt sieht das Spiel seiner Gedanken sitzend fortzusetzen. -- Das
+ Spazieren im Freien hat gerade die Absicht durch den Wechsel der
+ Gegenstände seine Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen abzuspannen.
+
+
+
+
+Von der Hebung und Verhütung krankhafter Zufälle durch den Vorsatz im
+Atemziehen.
+
+
+Ich war vor wenigen Jahren noch dann und wann vom Schnupfen und Husten
+heimgesucht, welche beide Zufälle mir desto ungelegener waren, als sie
+sich bisweilen beim Schlafengehen zutrugen. Gleichsam entrüstet über
+diese Störung des Nachtschlafs entschloß ich mich, was den ersteren
+Zufall betrifft, mit fest geschlossenen Lippen durchaus die Luft durch
+die Nase zu ziehen: welches mir anfangs nur mit einem schwachen Pfeifen,
+und da ich nicht absetzte, oder nachließ, immer mit stärkeren, zuletzt
+mit vollen und freien Luftzuge gelang, es durch die Nase zu stande zu
+bringen, darüber ich dann sofort einschlief. -- Was dieses gleichsam
+konvulsivische und mit dazwischen vorfallenden Einatmen (nicht wie beim
+Lachen ein kontinuiertes, stoßweise erschallendes) Ausatmen, den Husten
+betrifft, vornehmlich den, welchen der gemeine Mann in England den
+Altmannshusten (im Bette liegend) nennt, so war er mir um so mehr
+ungelegen, da er sich bisweilen bald nach der Erwärmung im Bette
+einstellte und das Einschlafen verzögerte. Dieses Husten, welches durch
+den Reiz der mit offenen Munde eingeatmeten Luft auf den Luftröhrenkopf
+erregt wird(12), nun zu hemmen, bedurfte es einer nicht mechanischen
+(pharmazeutischen), sondern nur unmittelbaren Gemütsoperation, nämlich
+die Aufmerksamkeit auf diesen Reiz dadurch ganz abzulenken, daß sie mit
+Anstrengung auf irgend ein Objekt (wie oben bei krampfhaften Zufällen)
+gerichtet und dadurch das Ausstoßen der Luft gehemmet wurde, welches
+mir, wie ich es deutlich fühlete, das Blut ins Gesicht trieb, wobei aber
+der durch denselben Reiz erregte flüssige Speichel (_saliva_) die
+Wirkung dieses Reizes, nämlich die Ausstoßung der Luft, verhinderte und
+ein Herunterschlucken dieser Feuchtigkeit bewirkte. -- -- Eine
+Gemütsoperation, zu der ein recht großer Grad des festen Vorsatzes
+erforderlich, der aber darum auch desto wohlthätiger ist.
+
+ (12) Sollte auch nicht die atmosphärische Luft, wenn sie durch die
+ Eustachische Röhre (also bei geschlossenen Lippen) zirkuliert,
+ dadurch, daß sie auf diesem dem Gehirn naheliegenden Umwege Sauerstoff
+ absetzt, das erquickende Gefühl gestärkter Lebensorgane bewirken,
+ welches dem ähnlich ist, als ob man Luft trinke; wobei diese, ob sie
+ zwar keinen Geruch hat, doch die Geruchsnerven und die denselben
+ naheliegende einsaugende Gefäße stärkt? Bei manchem Wetter findet sich
+ dieses Erquickliche des Genusses der Luft nicht; bei andern ist es
+ eine wahre Annehmlichkeit sie auf seiner Wanderung mit langen Zügen zu
+ trinken: welches das Einatmen mit offenem Munde nicht bewährt. -- --
+ Das ist aber von der größten diätetischen Wichtigkeit, den Atemzug
+ durch die Nase bei geschlossenen Lippen sich so zur Gewohnheit zu
+ machen, daß er selbst im tiefsten Schlaf nicht anders verrichtet wird
+ und man sogleich aufwacht, sobald er mit offenem Munde geschieht, und
+ dadurch gleichsam aufgeschreckt wird; wie ich das anfänglich, ehe es
+ mir zur Gewohnheit wurde auf solche Weise zu atmen, bisweilen erfuhr.
+ -- Wenn man genötigt ist stark oder bergan zu schreiten, so gehört
+ größere Stärke des Vorsatzes dazu, von jener Regel nicht abzuweichen
+ und eher seine Schritte zu mäßigen, als von ihr eine Ausnahme zu
+ machen; ingleichen, wenn es um starke Motion zu thun ist, die etwa ein
+ Erzieher seinen Zöglingen geben will, daß dieser sie ihre Bewegung
+ lieber stumm als mit öfterer Einatmung durch den Mund machen lasse.
+ Meine jungen Freunde (ehemalige Zuhörer) haben diese diätetische
+ Maxime als probat und heilsam gepriesen und sie nicht unter die
+ Kleinigkeiten gezählt, weil sie bloßes Hausmittel ist, das den Arzt
+ entbehrlich macht. -- Merkwürdig ist noch: daß, da es scheint, beim
+ lange fortgesetzten Sprechen geschehe das Einatmen auch durch den so
+ oft geöffneten Mund, mithin jene Regel werde da doch ohne Schaden
+ überschritten, es sich wirklich nicht so verhält. Denn es geschieht
+ doch auch durch die Nase. Denn wäre diese zu der Zeit verstopft, so
+ würde man von dem Redner sagen, er spreche durch die Nase (ein sehr
+ widriger Laut), indem er wirklich nicht durch die Nase spräche, und
+ umgekehrt, er spreche nicht durch die Nase, indem er wirklich durch
+ die Nase spricht: wie es Hr. Hofrat Lichtenberg launicht und richtig
+ bemerkt -- das ist auch der Grund, warum der, welcher lange und laut
+ spricht (Vorleser oder Prediger), es ohne Rauhigkeit der Kehle eine
+ Stunde lang wohl aushalten kann; weil nämlich sein Atemziehen
+ eigentlich durch die Nase, nicht durch den Mund, geschieht, als durch
+ welchen nur das Ausatmen verrichtet wird. -- Ein Nebenvorteil dieser
+ Angewohnheit des Atemzuges mit beständig geschlossenen Lippen, wenn
+ man für sich allein wenigstens nicht im Diskurs begriffen ist, ist
+ der: daß die sich immer absondernde und den Schlund befeuchtende
+ Saliva hiebei zugleich als Verdauungsmittel (_stomachale_), vielleicht
+ auch (verschluckt) als Abführungsmittel wirkt; wenn man fest genug
+ entschlossen ist sie nicht durch üble Angewohnheit zu verschwenden.
+
+ H.
+
+
+
+
+Von den Folgen dieser Angewohnheit des Atemziehens mit geschlossenen
+Lippen.
+
+
+Die unmittelbare Folge davon ist, daß sie auch im Schlafe fortwährt, und
+ich sogleich aus dem Schlafe aufgeschreckt werde, wenn ich
+zufälligerweise die Lippen öffne und ein Atemzug durch den Mund
+geschieht: woraus man sieht, daß der Schlaf und mit ihm der Traum, nicht
+eine so gänzliche Abwesenheit von dem Zustande des Wachenden ist, daß
+sich nicht auch eine Aufmerksamkeit auf seine Lage in jenem Zustande mit
+einmische: wie man denn dieses auch daraus abnehmen kann, daß die,
+welche sich des Abends vorher vorgenommen haben, früher als gewöhnlich
+(etwa zu einer Spazierfahrt) aufzustehen, auch früher erwachen, indem
+sie vermutlich durch die Stadtuhren aufgeweckt werden, die sie also auch
+mitten im Schlaf haben hören und darauf acht geben müssen. -- Die
+mittelbare Folge dieser löblichen Angewöhnung ist: daß das
+unwillkürliche abgenötigte Husten (nicht das Aufhusten eines Schleims
+als beabsichtigter Auswurf) in beiderlei Zustande verhütet und so durch
+die bloße Macht des Vorsatzes eine Krankheit verhütet wird. -- -- Ich
+habe sogar gefunden, daß, da mich nach ausgelöschtem Licht (und eben zu
+Bette gelegt) auf einmal ein starker Durst anwandelte, den mit
+Wassertrinken zu löschen ich im Finstern hätte in eine andere Stube
+gehen und durch Herumtappen das Wassergeschirr suchen müssen, ich darauf
+fiel, verschiedene und starke Atemzüge mit Erhebung der Brust zu thun
+und gleichsam Luft durch die Nase zu trinken, wodurch der Durst in wenig
+Sekunden völlig gelöscht war. Es war ein krankhafter Reiz, der durch
+einen Gegenreiz gehoben ward.
+
+
+
+
+Denkgeschäft -- Alter.
+
+
+Krankhafte Zufälle, in Ansehung deren das Gemüt das Vermögen besitzt,
+des Gefühls derselben durch den bloßen standhaften Willen des Menschen,
+als einer Obermacht des vernünftigen Tieres, Meister werden zu können,
+sind alle von der spastischen (krampfhaften) Art: man kann aber nicht
+umgekehrt sagen, daß alle von dieser Art durch den bloßen festen Vorsatz
+gehemmet oder gehoben werden können. -- Denn einige derselben sind von
+der Beschaffenheit, daß die Versuche sie der Kraft des Vorsatzes zu
+unterwerfen, das krampfhafte Leiden vielmehr noch verstärken: wie es der
+Fall mit mir selber ist, da diejenige Krankheit, welche vor etwa einem
+Jahr in der Kopenhagener Zeitung als »epidemischer, mit Kopfbedrückung
+verbundener Katarrh« beschrieben wurde(13) (bei mir aber wohl ein Jahr
+älter aber doch von ähnlicher Empfindung ist) mich für eigene
+Kopfarbeiten gleichsam desorganisiert, wenigstens geschwächt und stumpf
+gemacht hat, und, da sich diese Bedrückung auf die natürliche Schwäche
+des Alters geworfen hat, wohl nicht anders als mit dem Leben zugleich
+aufhören wird.
+
+ (13) Ich halte sie für eine Gicht, die sich zum Teil aufs Gehirn
+ geworfen hat.
+
+Die krankhafte Beschaffenheit des Patienten, die das Denken, insofern es
+ein Festhalten eines Begriffs -- der Einheit des Bewußtseins verbundener
+Vorstellungen -- ist, begleitet und erschwert, bringt das Gefühl eines
+spastischen Zustandes des Organs des Denkens (des Gehirns) als eines
+Drucks hervor, der zwar das Denken und Nachdenken selbst ingleichen das
+Gedächtnis in Ansehung des ehedem Gedachten eigentlich nicht schwächt,
+aber im Vortrage (dem mündlichen oder schriftlichen) das feste
+Zusammenhalten der Vorstellungen in ihrer Zeitfolge wider Zerstreuung
+sichern soll, und bewirkt selbst einen unwillkürlichen spastischen
+Zustand des Gehirns, als ein Unvermögen, bei dem Wechsel der aufeinander
+folgenden Vorstellungen die Einheit des Bewußtseins derselben zu
+erhalten. Daher begegnet es mir, daß, wenn ich, wie es in jeder Rede
+jederzeit geschieht, zuerst zu dem, was ich sagen will, den Hörer oder
+Leser vorbereite, ihm den Gegenstand, wohin ich gehen will, in der
+Aussicht, dann ihn auch auf das, wovon ich ausgegangen bin,
+zurückgewiesen habe -- ohne welche zwei Hinweisungen kein Zusammenhang
+der Rede stattfindet -- und ich nun das letztere mit dem ersteren
+verknüpfen soll, ich auf einmal meinen Zuhörer, oder stillschweigend
+mich selbst, fragen muß: Wo war ich doch? Wovon ging ich aus? Welcher
+Fehler nicht sowohl ein Fehler des Geistes, noch des Gedächtnisses
+allein, sondern der Geistesgegenwart (im Verknüpfen), d. i.
+unwillkürliche Zerstreuung, und ein sehr peinigender Fehler ist, dem man
+zwar in Schriften -- zumal den philosophischen, weil man da nicht immer
+so leicht zurücksehen kann, von wo man ausging -- mühsam vorbeugen, aber
+mit aller Mühe nie völlig vergüten kann.
+
+Mit dem Mathematiker, der seine Begriffe, oder die Stellvertreter
+derselben (Größen- und Zahlenzeichen), in der Anschauung vor sich
+hinstellen und, daß, soweit er gegangen ist, alles richtig sei,
+versichert sein kann, ist es anders bewandt als mit dem Arbeiter im
+Fache der, vornehmlich reinen, Philosophie (Logik und Metaphysik), der
+seinen Gegenstand in der Luft vor sich schwebend erhalten muß, und ihn
+nicht bloß teilweise, sondern jederzeit zugleich in einem Ganzen des
+Systems (d. r. V.), sich darstellen und prüfen muß. Daher es eben nicht
+zu verwundern ist, wenn ein Metaphysiker eher invalid wird als der
+Studierende in einem anderen Fache, ingleichen als Geschäftsphilosophen;
+indessen daß es doch einige derer geben muß, die sich jenem ganz widmen,
+weil ohne Metaphysik überhaupt es gar keine Philosophie geben könnte.
+
+Hieraus ist auch zu erklären, wie jemand für sein Alter gesund zu sein
+sich rühmen kann, ob er zwar in Ansehung gewisser ihm obliegenden
+Geschäfte sich in die Krankenliste müßte einschreiben lassen. Denn, weil
+das Unvermögen zugleich den Gebrauch und mit diesem auch den Verbrauch
+und die Erschöpfung der Lebenskraft abhält, und er gleichsam nur in
+einer niedrigeren Stufe (als vegetierendes Wesen) zu leben gesteht,
+nämlich essen, sehen und schlafen zu können, was für seine animalische
+Existenz gesund, für die bürgerliche (zu öffentlichen Geschäften
+verpflichtete) Existenz aber krank, d. i. invalid, heißt: so
+widerspricht sich dieser Kandidat des Todes hiemit gar nicht.
+
+Dahin führt die Kunst das menschliche Leben zu verlängern: daß man
+endlich unter den Lebenden nur so geduldet wird, welches eben nicht die
+ergötzlichste Lage ist(14).
+
+ (14) Dies Resultat, so wenig tröstlich es ist, ist vollkommen richtig,
+ sobald wir an das, was der Mensch im vollkommenen Sinn ist und sein
+ soll, denken. Aber selbst das Beispiel des würdigen Herrn Verfassers
+ gibt ja einen sprechenden Beweis, was der Mensch auch im Alter noch
+ für andere sein kann, wenn die Vernunft immer, wie hier, seine oberste
+ Gesetzgeberin war. -- Und gesetzt auch, es fehlte ganz an dieser
+ objektiven und bürgerlichen Existenz, sind uns nicht auch die Ruinen
+ eines schönen und großen Gebäudes heilig und schätzbar? dienen sie uns
+ nicht als Denkzeichen des Vergangenen, als Winke der Zukunft, als
+ Lehre und Beispiel?
+
+ H.
+
+Hieran aber habe ich selber schuld. Denn warum will ich auch der
+hinanstrebenden jüngeren Welt nicht Platz machen und um zu leben mir den
+gewöhnten Genuß des Lebens schmälern: warum ein schwächliches Leben
+durch Entsagungen in ungewöhnliche Länge ziehen, die Sterbelisten, in
+denen doch auf den Zuschnitt der von Natur schwächeren und ihre
+mutmaßliche Lebensdauer mit gerechnet ist, durch mein Beispiel in
+Verwirrung bringen, und das alles, was man sonst Schicksal nannte (dem
+man sich demütig und andächtig unterwarf), dem eigenen festen Vorsatze
+unterwerfen; welcher doch schwerlich zur allgemeinen diätetischen Regel,
+nach welcher die Vernunft unmittelbar Heilkraft ausübt, aufgenommen
+werden und die therapeutische Formeln der Offizin jemals verdrängen
+wird?
+
+
+
+
+Nachschrift.
+
+Vorsorge für die Augen von seiten der Buchdrucker und Verleger.
+
+
+Den Verfasser der Kunst das menschliche (auch besonders das
+litterarische) Leben zu verlängern, darf ich also dazu wohl auffordern,
+daß er wohlwollend auch darauf bedacht sei, die Augen der Leser --
+vornehmlich der jetzt großen Zahl der Leserinnen, die den Übelstand der
+Brille noch härter fühlen dürften -- in Schutz zu nehmen: auf welche
+jetzt aus elender Ziererei der Buchdrucker (denn Buchstaben haben doch
+als Malerei schlechterdings nichts Schönes an sich), von allen Seiten
+Jagd gemacht wird; damit nicht so, wie in Marokko, durch weiße
+Übertünchung aller Häuser ein großer Teil der Einwohner der Stadt blind
+ist, dieses Übel aus ähnlicher Ursache auch bei uns einreiße, vielmehr
+die Buchdrucker desfalls unter Polizeigesetze gebracht werden. -- Die
+jetzige Mode will es dagegen anders, nämlich:
+
+1) Nicht mit schwarzer, sondern grauer Tinte (weil es sanfter und
+lieblicher auf schönem weißen Papier absteche), zu drucken.
+
+2) Mit Didotschen Lettern, von schmalen Füßen, nicht mit Breitkopfschen,
+die ihrem Namen Buchstaben (gleichsam bücherner Stäbe zum Feststehen)
+besser entsprechen würden.
+
+3) Mit lateinischer (wohl gar Kursiv) Schrift ein Werk deutschen
+Inhalts, von welcher Breitkopf mit Grunde sagte, daß niemand das Lesen
+derselben für seine Augen so lange aushalte, als mit der deutschen.
+
+4) Mit so kleiner Schrift als nur möglich, damit für die unten etwa
+beizufügenden Noten noch kleinere (dem Auge noch knapper angemessene)
+leserlich bleibe(15).
+
+ (15) Ich stimme in diese Klage des verehrten Verfassers (mit Ausnahme
+ des grauen Papiers, woran es unsere Herren Verleger so schon nicht
+ fehlen lassen) ganz mit ein, und bin überzeugt, daß der größte Teil
+ der jetzt so auffallend läufiger werdenden Augenschwächen schon an und
+ für sich in dem weit häufigern Lesen -- besonders dem geschwind Lesen,
+ was jetzt wegen der weit häufigern Zeitungen, Journale, und
+ Flugschriften weit gewöhnlicher ist und die Augen unglaublich angreift
+ -- zu suchen sei und dadurch auch unbeschreiblich vermehrt wird, daß
+ man beim Druck die Rücksicht auf die Augen immer mehr vernachlässigt,
+ da sie vielmehr, weil nun einmal das Lesen zum allgemeinen Bedürfnis
+ geworden ist, vermehrt werden sollte.
+
+ Auch ich glaube, daß dabei die den Augen nachteiligsten Fehler dadurch
+ begangen werden, wenn man auf nicht weißes Papier, mit grauer
+ Schwärze, mit zu kleinen, oder mit zu zarten, zu wenig Körper
+ habenden, Lettern druckt; und ich mache es daher jedem Autor, Verleger
+ und Drucker zur heiligen Pflicht, das Augenwohl ihrer Leser künftig
+ besser zu bedenken. Besonders ist die blasse Farbe der Buchstaben
+ äußerst nachteilig, und es ist unverzeihlich, daß es Drucker so häufig
+ aus elender Gewinnsucht oder Bequemlichkeit darinnen fehlen lassen.
+
+ Je größer der Abstand der Buchstabenfarbe von der Farbe des Papiers
+ ist, desto leichter faßt das Auge das Bild, und desto weniger greift
+ dieses Auffassen, das Lesen, die Augen an. -- Also recht weißes Papier
+ und recht schwarze Buchstaben sind es, worum ich die deutschen Herrn
+ Buchhändler und Buchdrucker im Namen des lesenden Publikums recht
+ angelegentlich bitte. -- Mögen sie es zur Ehre der deutschen Nation
+ thun, denn wie schön zeichnen sich darin die ausländischen Drucke
+ gegen die meisten deutschen aus! Mögen sie es zu Bewahrung ihres
+ Gewissens thun, denn sie versündigen sich in der That, indem sie
+ unbewußt Ursache der überhandnehmenden Augenschwäche und Blindheit
+ werden!
+
+ Was aber die lateinischen Lettern als Augenverderber betrifft, so
+ bitte ich um Erlaubnis, darin andrer Meinung zu sein, und zwar aus
+ folgenden Gründen:
+
+ 1) Daß diese Lettern an und für sich den Augen nicht nachteiliger
+ sind, als unsre deutschen, erhellt daraus, weil sonst in England,
+ Frankreich und andern Ländern, wo man sich ihrer bedient, die
+ Augenfehler häufiger sein müßten, als bei uns, welches aber nicht der
+ Fall ist.
+
+ 2) Wenn sie also einen Deutschen, der gewohnt ist deutsch zu lesen,
+ etwas mehr anzugreifen scheinen, so liegt die Ursache bloß darin, weil
+ er sie nicht gewohnt ist, und das Angreifende verliert sich, sobald er
+ sich daran gewöhnt hat, und fällt ganz weg, wenn wir gleich von Jugend
+ auf an diese Lettern gewöhnt werden.
+
+ 3) Daß diese Lettern, wenn sie klein oder zu mager sind, die Augen
+ angreifen, ist wahr, aber dasselbe gilt auch von den deutschen, und
+ ich halte es daher für äußerst nötig, bei der lateinischen Schrift
+ größere oder fettere Typen zu nehmen; welches auch der einzige Grund
+ war, warum ich sie bei der Makrobiotik von dieser Beschaffenheit
+ wählete, ohnerachtet man hie und da darin einen Grund zum Tadel
+ gefunden hat, -- ein Beweis, daß man gerade dann, wenn man fürs
+ Publikum sorgt, oft am meisten verkannt werden kann.
+
+ Ich finde also keinen medizinischen Gegengrund, der mich von ihrem
+ Gebrauch abhalten sollte; vieles aber, was mir ihren Gebrauch anriet
+ und mich dahin gebracht hat, sie häufig zu wählen. Zuerst nämlich
+ glaube ich, daß unsere Litteratur und Sprache dann ungleich mehr
+ Eingang in andre Länder finden wird, wenn wir lateinisch drucken, denn
+ viele Ausländer schreckt schon das Fremde und Unverständliche der
+ Typen ab, und man wird sich gewiß schwerer zu Erlernung einer Sprache
+ entschließen, wenn man selbst erst die Form der Lettern studieren muß.
+ Ich glaube daher, es würde ungemein viel zur litterarischen Verbindung
+ Europens und zur Beförderung der allgemeinen Gelehrtenrepublik
+ beitragen, wenn wir uns endlich eben der Typen bedienten, die die
+ aufgeklärtesten Nationen angenommen haben, und ich glaube, es muß am
+ Ende dahin kommen. England, selbst Italien, bedienten sich ja noch bis
+ zu Anfang dieses Jahrhunderts unserer Mönchsschrift und haben sie
+ dennoch ganz verlassen, welches zugleich beweist, daß wir nicht einmal
+ deutsche Originalität daran finden können. -- Dazu kommt nun noch der
+ Grund, daß bei scientifischen, besonders medizinischen, Büchern, wo
+ viel lateinische _Termini technici_ vorkommen, ein großer Übelstand
+ fürs Auge entsteht, wenn die deutsche Schrift alle Augenblicke durch
+ lateinische unterbrochen wird, oder dadurch ein noch schlimmeres Übel
+ bewirkt wird, daß man diese _Termini technici_ ins Deutsche übersetzt,
+ wodurch sie nun vollends den Ausländern ganz, und selbst den Deutschen
+ aus einer andern Provinz zum Teil, unverständlich werden, und sie
+ wirklich den Vorzug verlieren, _Termini technici_ zu sein.
+
+ Ich gebe zu, daß manche ungeübte Leser für jetzt lateinische Lettern
+ ungern, ja wohl gar nicht lesen; dies gilt aber nicht von
+ scientifischen Schriften. Man mag also bei Schriften für die niedern
+ Klassen noch deutsche Lettern gebrauchen, bei allen gebildeten Ständen
+ beiderlei Geschlechts ist das aber schon jetzt nicht mehr nötig.
+
+ H.
+
+Diesem Unwesen zu steuern, schlage ich vor, den Druck der Berliner
+Monatsschrift (nach Text und Noten) zum Muster zu nehmen; denn man mag,
+welches Stück man will, in die Hand nehmen, so wird man die durch obige
+Leserei angegriffenen Augen durch Ansicht des letzteren merklich
+gestärkt fühlen(16).
+
+ (16) Unter den krankhaften Zufällen der Augen (nicht eigentlichen
+ Augenkrankheiten) habe ich die Erfahrung von einem, der mir zuerst in
+ meinen vierziger Jahren einmal, späterhin, mit Zwischenräumen von
+ einigen Jahren, dann und wann, jetzt aber in einem Jahre etlichemal
+ begegnet ist, gemacht; wo das Phänomen darin besteht: daß auf dem
+ Blatt, welches ich lese, auf einmal alle Buchstaben verwirrt und durch
+ eine gewisse über dasselbe verbreitete Helligkeit vermischt und ganz
+ unleserlich werden: ein Zustand, der nicht über 6 Minuten dauert, der
+ einem Prediger, welcher seine Predigt vom Blatte zu lesen gewohnt ist,
+ sehr gefährlich sein dürfte, von mir aber in meinem Auditorium der
+ Logik oder Metaphysik, wo nach gehöriger Vorbereitung im freien
+ Vortrage (aus dem Kopfe) geredet werden kann, nichts als die Besorgnis
+ entsprang, es möchte dieser Zufall der Vorbote vom Erblinden sein;
+ worüber ich gleichwohl jetzt beruhigt bin: da ich bei diesem jetzt
+ öfterer als sonst sich ereignenden Zufalle an meinem einen gesunden
+ Auge (denn das linke hat das Sehen seit etwa 5 Jahren verloren) nicht
+ den mindesten Abgang an Klarheit verspüre. -- Zufälligerweise kam ich
+ darauf, wenn sich jenes Phänomen ereignete, meine Augen zu schließen,
+ ja um noch besser das äußere Licht abzuhalten, meine Hand darüber zu
+ legen, und dann sahe ich eine hellweiße wie mit Phosphor im Finstern
+ auf einem Blatt verzeichnete Figur, ähnlich der, wie das letzte
+ Viertel im Kalender vorgestellt wird, doch mit einem auf der konvexen
+ Seite ausgezackten Rande, welche allmählich an Helligkeit verlor und
+ in obbenannter Zeit verschwand. -- Ich möchte wohl wissen: ob diese
+ Beobachtung auch von andern gemacht und wie diese Erscheinung, die
+ wohl eigentlich nicht in den Augen, -- als bei deren Bewegung dies
+ Bild nicht zugleich mit bewegt, sondern immer an derselben Stelle
+ gesehn wird -- sondern im _Sensorium commune_ ihren Sitz haben dürfte,
+ zu erklären sei(17). Zugleich ist es seltsam, daß man ein Auge
+ (innerhalb einer Zeit, die ich etwa auf 3 Jahre schätze) einbüßen
+ kann, ohne es zu vermissen.
+
+ (17) Dieser Fehler des Sehens kommt allerdings mehr vor, und gehört
+ unter die allgemeine Rubrik: _Visus confusus s. perversus_, weil er
+ noch eben keinen Mangel der Sehkraft, sondern nur eine Abalienation
+ derselben beweist. Ich selbst habe es zuweilen periodisch gehabt, und
+ der vom Hrn. Hofr. Herz im Journal d. pr. Heilk. beschriebne falsche
+ Schwindel hat viel Ähnliches. Mehrenteils ist eine vorübergehende
+ Reizung die Ursache, z. B. Blutreiz, Gichtreiz, gastrische Reize, oder
+ auch Schwäche.
+
+ H.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ Einleitung 7
+
+ Grundsatz der Diätetik 11
+
+ Von der Hypochondrie 14
+
+ Vom Schlafe 16
+
+ Vom Essen und Trinken 19
+
+ Von dem krankhaften Gefühl aus der Unzeit im Denken 21
+
+ Von der Hebung und Verhütung krankhafter Gefühle durch
+ den Vorsatz im Atemziehen 22
+
+ Von den Folgen dieser Angewohnheit des Atemziehens mit
+ geschlossenen Lippen 24
+
+ Denkgeschäft -- Alter 25
+
+ Nachschrift. -- Vorsorge für die Augen von seiten der
+ Buchdrucker und Verleger 27
+
+
+
+
+Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ H
+ H. [Fußnote 1]
+
+ Die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt, ohne eine
+ Die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt, ohne ein
+
+ topisch ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie ihm nichts anginge) und
+ topisch ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie ihn nichts anginge) und
+
+ H
+ H. [Fußnote 8]
+
+ siegte über den Leib, und die Gesundheit war wiederhergestellt
+ siegte über den Leib, und die Gesundheit war wiederhergestellt.
+
+ eingeladen war Hier überließ ich mich einige Stunden ganz der Freude
+ eingeladen war. Hier überließ ich mich einige Stunden ganz der Freude
+
+ Im gesunden Zustande und des Jugend ist es das Geratenste in Ansehung
+ Im gesunden Zustande und der Jugend ist es das Geratenste in Ansehung
+
+ und recht schwarze Buchstaben sind es, warum ich die deutschen Herrn
+ und recht schwarze Buchstaben sind es, worum ich die deutschen Herrn
+
+ entschließen, wenn man selbst erst die Form der Lettern studieren muß
+ entschließen, wenn man selbst erst die Form der Lettern studieren muß.
+
+ Schwindel hat viel Ähnliches Mehrenteils ist eine vorübergehende
+ Schwindel hat viel Ähnliches. Mehrenteils ist eine vorübergehende
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Von der Macht des Gemüts, durch den
+bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein, by Immanuel Kant
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER MACHT DES GEMÜTS ***
+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Von der Macht des Gemüts, durch den
+bloßen Vorsatz seiner krankhaften G, by Immanuel Kant
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein
+
+Author: Immanuel Kant
+
+Editor: C. W. Hufeland
+
+Release Date: December 13, 2011 [EBook #38295]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER MACHT DES GEMÜTS ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+<p>Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich
+am Ende des Buches.</p>
+</div>
+
+<h1>Von der Macht des Gemüts,<br/>
+<small>durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften
+Gefühle Meister zu sein.</small></h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5;">Von<br/>
+<big style="font-size: x-large;">Immanuel Kant.</big></p>
+
+<hr/>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5;">Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen<br/>
+von<br/>
+<big>C.&nbsp;W. Hufeland.</big></p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5; margin-top: 4em;">Leipzig und Wien.<br/>
+Bibliographisches Institut.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>Vorwort des Herausgebers.</h2>
+
+<p>Der Geist allein lebt &ndash; Das Leben des Geistes allein ist
+wahres Leben.</p>
+
+<p>Das Leben des Leibes muß jenem immer untergeordnet und
+von ihm beherrscht werden, nicht umgekehrt der Geist sich den
+Launen, Stimmungen und Trieben des Körpers unterordnen,
+wenn das wahre Leben erhalten werden soll.</p>
+
+<p>Diese große Wahrheit wurde von jeher von den Weisesten dieser
+Welt als der Grundpfeiler aller Sittlichkeit, aller Tugend,
+aller Religion, genug alles dessen, was groß und göttlich ist im
+Menschen, und sonach auch aller wahren Glückseligkeit, betrachtet
+und gepredigt.</p>
+
+<p>Sie kann aber nicht oft genug wiederholt werden, da es dem
+natürlichen Menschen immer näher liegt und bequemer ist, leiblich
+zu leben als geistig, noch mehr, wenn, wie in den neuesten
+Zeiten geschehen, selbst die Philosophie, sonst die Trägerin des
+geistigen Lebens, in dem Identitätssystem den Unterschied zwischen
+Geist und Körper ganz aufhebt, und sowohl Philosophen
+als Ärzte die Abhängigkeit des Geistes von dem Körper dergestalt
+in Schutz nehmen, daß sie selbst alle Verbrechen damit entschuldigen,
+Unfreiheit der Seele als ihre Quelle darstellen, und es
+<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>
+bald dahin gekommen sein wird, daß man gar nichts mehr Verbrechen
+nennen kann.</p>
+
+<p>Aber wohin führt diese Ansicht? &ndash; Ist sie nicht geradezu göttlichen
+und menschlichen Gesetzen entgegen, die ja auf jene Grundlage
+gebaut sind? &ndash; Führt sie nicht zum gröbsten Materialismus?
+Vernichtet sie nicht alle Moralität, alle Kraft der Tugend,
+die eben in dem Leben der Idee und ihrer Herrschaft über das
+Leibliche besteht? &ndash; Und somit alle wahre Freiheit, Selbständigkeit,
+Selbstbeherrschung, Selbstaufopferung, genug das Höchste,
+was der Mensch erreichen kann: den Sieg über sich selbst?</p>
+
+<p>Ewig wahr bleibt das Sinnbild, den Menschen als den Reiter
+eines wilden Pferdes sich zu denken; einen vernünftigen Geist
+mit einem Tiere vereinigt, das ihn tragen und mit der Erde verbinden,
+aber von ihm nun wiederum geleitet und regiert werden
+soll. &ndash; Es zeigt die Aufgabe seines ganzen Lebens. Besteht sie
+nicht darin, diese Tierheit in ihm zu bekämpfen und der höheren
+Macht unterzuordnen? Nur dadurch, daß er sich dies Tier unterwirft
+und sich möglichst unabhängig davon macht, wird sein Leben
+regelmäßig, vernünftig, sittlich und so nur wahrhaft glücklich.
+Läßt er dem Tier die Oberhand, so geht es mit ihm durch,
+und er wird ein Spiel seiner Launen und Sprünge &ndash; bis zum
+tödlichen Sturze.</p>
+
+<p>Aber nicht bloß für das höhere geistige Leben und dessen Gesundheit
+bedarf es dieser physischen Selbstbeherrschung, sondern
+sie dient ebensosehr zur Erhaltung und Vervollkommnung des physischen
+Lebens und dessen Gesundheit und wird dadurch eins der
+wichtigsten Diät- und Heilmittel.</p>
+
+<p>Wir wollen keinesweges den Einfluß des Leiblichen auf das
+Geistige leugnen. Aber ebenso auffallend, ja noch größer ist die
+psychische Macht des Geistes über das Leibliche. Sie kann Krankheiten
+erregen und heilen. Ja sie kann töten und lebendig
+machen. Sehen wir nicht sehr häufig durch Schrecken und andere
+<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>
+Leidenschaften, also durch geistigen Einfluß, Epilepsie, Ohnmachten,
+Lähmungen, Blutflüsse und eine Menge andere Krankheiten,
+ja den Tod selbst, entstehen? &ndash; Und woran stirbt ein solcher
+Mensch? Lediglich an einer gewaltsamen, dem Blitzstrahl
+ähnlichen, Einwirkung des Geistes in den Körper. &ndash; Wie oft
+sind nicht die schwersten Krankheiten durch nichts anders geheilt
+worden, als durch Freude, Erhebung und Erweckung des Geistes!
+Der lange an der Zunge gelähmte Sohn des Krösus bekommt
+die Sprache wieder, als man seinen Vater ermorden will. Pinel
+sah, daß bei der allgemeinen leidenschaftlichen Aufregung, die die
+französische Revolution hervorbrachte, eine Menge seit Jahren
+kränklicher und schwächlicher Menschen gesund und stark wurden
+und besonders die gewöhnlichen Nervenübel der vornehmen und
+müßigen Stände ganz verschwanden. &ndash; Ja, ich sage nicht zu viel,
+wenn ich behaupte, daß der größte Teil unsrer langwierigen
+Nervenkrankheiten und sogenannten Krämpfe gar nichts anders
+ist, als Trägheit und Passivität des Geistes, die Folge des schlaffen
+Hingebens an körperliche Gefühle und Einflüsse.</p>
+
+<p>Wer kann leugnen, daß es Wunder und Wunderheilungen
+gibt? &ndash; Aber was sind sie anders als Wirkungen des festen
+Glaubens entweder an himmlische Kräfte, oder auch an irdische
+und folglich Wirkungen des Geistes?</p>
+
+<p>Jedermann kennt die Kraft der Imagination. Niemand zweifelt
+daran, daß es eingebildete Krankheiten gibt, und daß eine Menge
+Menschen an nichts anders krank sind, als an der Krankheitseinbildung.
+Ist es nun aber nicht ebensogut möglich und unendlich
+besser, sich einzubilden, gesund zu sein? Und wird man
+nicht dadurch ebensogut seine Gesundheit stärken und erhalten
+können, als durch das Gegenteil die Krankheit?</p>
+
+<p>Als ein Beitrag zu dieser wichtigen Lehre und als Beförderungsmittel
+der Herrschaft und Heilkraft des Geistes über den
+Körper, mögen auch folgende Worte Kants, die letzten, die dieser
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+große Geist zu uns gesprochen, dienen. Er schrieb sie auf meine
+Veranlassung vor 30 Jahren, wo sie in meinem Journal der
+prakt. Heilkunde abgedruckt wurden, und gern habe ich der Aufforderung
+des Herrn Verlegers zu einem neuen besondern Abdrucke
+gewillfahret und sie mit einigen Bemerkungen versehen.
+Mögen sie ihren Zweck erreichen!</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Berlin</span> im Mai 1824.</p>
+
+<p class="right"><b>C.&nbsp;W. Hufeland.</b></p>
+
+<p class="center page-break" style="font-size: x-large;"><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a><a name="Einleitung">Von der Macht des Gemüts,<br/>
+durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften
+Gefühle Meister zu sein.</a></p>
+
+<h2>Ein Schreiben an Herrn Professor Hufeland zu Jena im Jahr 1797<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a>.</h2>
+
+<p>Daß meine Danksagung, für das den 12. Dez. 1796 an mich
+bestellte Geschenk, Ihres lehrreichen und angenehmen Buchs
+»von der Kunst das menschliche Leben zu verlängern« selbst auf
+ein langes Leben berechnet gewesen sein dürfte, möchten Sie vielleicht
+aus dem Datum dieser meiner Antwort vom Januar dieses
+Jahres zu schließen Ursache haben; wenn das Altgewordensein
+nicht schon die öftere Vertagung (<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">procrastinatio</span>) wichtiger
+Beschlüsse bei sich führete, dergleichen doch wohl der des Todes
+ist, welcher sich immer zu früh für uns anmeldet, und den man
+warten zu lassen an Ausreden unerschöpflich ist.</p>
+
+<p>Sie verlangen von mir »ein Urteil über Ihr Bestreben das
+Physische im Menschen moralisch zu behandeln; den ganzen, auch
+physischen, Menschen als ein auf Moralität berechnetes Wesen
+darzustellen, und die moralische Kultur als unentbehrlich zur
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>
+physischen Vollendung der überall nur in der Anlage vorhandenen
+Menschennatur zu zeigen«, und setzen hinzu: »wenigstens
+kann ich versichern, daß es keine vorgefaßte Meinungen waren,
+sondern ich durch die Arbeit und Untersuchung selbst unwiderstehlich
+in diese Behandlungsart hineingezogen wurde«. &ndash;
+Eine solche Ansicht der Sache verrät den Philosophen, nicht den
+bloßen Vernunftkünstler; einen Mann, der nicht allein, gleich
+einem der Direktoren des französischen Konvents, die von der
+Vernunft verordneten Mittel der Ausführung (technisch), wie
+sie die Erfahrung darbietet, zu seiner Heilkunde mit Geschicklichkeit,
+sondern, als gesetzgebendes Glied im Korps der Ärzte, aus
+der reinen Vernunft hernimmt, welche zu dem, was hilft, mit
+Geschicklichkeit, auch das, was zugleich an sich Pflicht ist, mit
+Weisheit zu verordnen weiß: so, daß moralisch-praktische Philosophie
+zugleich eine Universalmedizin abgibt, die zwar nicht
+allen für alles hilft, aber doch in keinem Rezepte mangeln kann.</p>
+
+<p>Dieses Universalmittel betrifft aber nur die Diätetik, d.&nbsp;i. es
+wirkt nur negativ, als Kunst, Krankheiten abzuhalten. Dergleichen
+Kunst aber setzt ein Vermögen voraus, das nur Philosophie,
+oder der Geist derselben, den man schlechthin voraussetzen
+muß, geben kann. Auf diesen bezieht sich die oberste diätetische
+Aufgabe, welche in dem Thema enthalten ist:</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Von der Macht des Gemüts des Menschen, über seine krankhafte
+Gefühle durch den bloßen festen Vorsatz Meister zu sein.</b></p>
+
+<p>Die, die Möglichkeit dieses Ausspruchs bestätigenden, Beispiele
+kann ich nicht von der Erfahrung anderer hernehmen, sondern zuerst
+nur von der an mir selbst angestellten; weil sie aus dem Selbstbewußtsein
+hervorgeht, und sich nachher allererst andere fragen
+läßt: ob es nicht auch sie ebenso in sich wahrnehmen. &ndash; Ich sehe
+mich also genötigt, mein Ich laut werden zu lassen; was im dogmatischen
+Vortrage<a name="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">(2)</a> Unbescheidenheit verrät; aber Verzeihung
+verdient, wenn es nicht gemeine Erfahrung, sondern ein inneres
+Experiment oder Beobachtung betrifft, welche ich zuerst an mir
+selbst angestellt haben muß, um etwas, was nicht jedermann von
+<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>
+selbst, und ohne darauf geführt zu sein, beifällt, zu seiner Beurteilung
+vorzulegen. &ndash; Es würde tadelhafte Anmaßung sein, andere
+mit der inneren Geschichte meines Gedankenspiels unterhalten
+zu wollen, welche zwar subjektive Wichtigkeit (für mich)
+aber keine objektive (für jedermann geltende) enthielten. Wenn
+aber dieses Aufmerken auf sich selbst und die daraus hervorgehende
+Wahrnehmung nicht so gemein ist, sondern, daß jeder
+dazu aufgefordert werde, eine Sache ist, die es bedarf und verdient,
+so kann dieser Übelstand mit seinen Privatempfindungen
+andere zu unterhalten wenigstens verziehen werden.</p>
+
+<p>Ehe ich nun mit dem Resultat meiner, in Absicht auf Diätetik
+angestellten, Selbstbeobachtung aufzutreten wage, muß ich
+noch etwas über die Art bemerken, wie Herr Hufeland die Aufgabe
+der Diätetik, d.&nbsp;i. der Kunst stellt, Krankheiten vorzubeugen,
+im Gegensatz mit der Therapeutik, sie zu heilen.</p>
+
+<p>Sie heißt ihm »die Kunst das menschliche Leben zu verlängern«.</p>
+
+<p>Er nimmt seine Benennung von demjenigen her, was die
+Menschen am sehnsüchtigsten wünschen, ob es gleich vielleicht weniger
+wünschenswert sein dürfte. Sie möchten zwar gern zwei
+Wünsche zugleich thun: nämlich lange zu leben und dabei gesund
+zu sein; aber der erstere Wunsch hat den letzteren nicht zur notwendigen
+Bedingung: sondern er ist unbedingt. Laßt den Hospitalkranken
+jahrelang auf seinem Lager leiden und darben und
+ihn oft wünschen hören, daß ihn der Tod je eher je lieber von
+dieser Plage erlösen möge; glaubt ihm nicht, es ist nicht sein
+Ernst. Seine Vernunft sagt es ihm zwar vor, aber der Naturinstinkt
+will es anders. Wenn er dem Tode, als seinem Befreier
+(<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Jovi liberatori</span>), winkt, so verlangt er doch immer noch eine
+kleine Frist und hat immer irgend einen Vorwand zur Vertagung
+(<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">procrastinatio</span>) seines peremtorischen Dekrets. Der in wilder
+Entrüstung gefaßte Entschluß des Selbstmörders, seinem Leben
+ein Ende zu machen, macht hievon keine Ausnahme: denn er ist
+die Wirkung eines bis zum Wahnsinn exaltierten Affekts. &ndash;
+Unter den zwei Verheißungen für die Befolgung der Kindespflicht
+&ndash; »auf daß dir es wohlgehe und du lange lebest auf
+Erden« &ndash; enthält die letztere die stärkere Triebfeder, selbst im
+Urteile der Vernunft, nämlich als Pflicht, deren Beobachtung
+zugleich verdienstlich ist.</p>
+
+<p>Die Pflicht das Alter zu ehren gründet sich nämlich eigentlich
+nicht auf die billige Schonung, die man den Jüngeren gegen die
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+Schwachheit der Alten zumutet: denn die ist kein Grund zu einer
+ihnen schuldigen Achtung. Das Alter will also noch für etwas
+Verdienstliches angesehen werden; weil ihm eine Verehrung zugestanden
+wird. Also, nicht etwa weil Nestorjahre zugleich durch
+viele und lange Erfahrung erworbene Weisheit, zu Leitung der
+jüngeren Welt, bei sich führen, sondern bloß weil, wenn nur keine
+Schande dasselbe befleckt hat, der Mann, welcher sich so lange
+erhalten hat, d.&nbsp;i. der Sterblichkeit, als dem demütigendsten Ausspruch,
+der über ein vernünftiges Wesen nur gefällt werden kann
+&ndash; »du bist Erde und sollst zur Erde werden« &ndash; so lange hat
+ausweichen und gleichsam der Unsterblichkeit hat abgewinnen
+können, weil, sage ich, ein solcher Mann sich so lange lebend erhalten
+und zum Beispiel aufgestellt hat.</p>
+
+<p>Mit der Gesundheit, als dem zweiten natürlichen Wunsche,
+ist es dagegen nur mißlich bewandt. Man kann sich gesund
+fühlen (aus dem behaglichen Gefühl seines Lebens urteilen), nie
+aber wissen, daß man gesund sei. &ndash; Jede Ursache des natürlichen
+Todes ist Krankheit: man mag sie fühlen oder nicht. &ndash;
+Es gibt viele, von denen, ohne sie eben verspotten zu wollen,
+man sagt, daß sie für immer kränkeln, nie krank werden können;
+deren Diät ein immer wechselndes Abschweifen und wieder
+Einbeugen ihrer Lebensweise ist, und die es im Leben, wenngleich
+nicht den Kraftäußerungen, doch der Länge nach, weit
+bringen. Wie viel aber meiner Freunde oder Bekannten habe
+ich nicht überlebt, die sich bei einer einmal angenommenen
+ordentlichen Lebensart einer völligen Gesundheit rühmten: indessen
+daß der Keim des Todes (die Krankheit) der Entwickelung
+nahe, unbemerkt in ihnen lag, und der, welcher sich gesund
+fühlte, nicht wußte, daß er krank war; denn die Ursache eines
+natürlichen Todes kann man doch nicht anders als Krankheit
+nennen. Die Kausalität aber kann man nicht fühlen, dazu gehört
+Verstand, dessen Urteil irrig sein kann, indessen daß das
+Gefühl untrüglich ist, aber nur dann, wenn man sich krankhaft
+fühlt, diesen Namen führt; fühlt man sich aber so auch nicht,
+doch gleichwohl in dem Menschen verborgenerweise und zur baldigen
+Entwickelung bereit liegen kann; daher der Mangel dieses
+Gefühls keinen andern Ausdruck des Menschen für sein Wohlbefinden
+verstattet, als daß er scheinbarlich gesund sei. Das
+lange Leben also, wenn man dahin zurücksieht, kann nur die
+genossene Gesundheit bezeugen, und die Diätetik wird vor allem
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+in der Kunst das Leben zu verlängern (nicht es zu genießen)
+ihre Geschicklichkeit oder Wissenschaft zu beweisen haben: wie es
+auch Herr Hufeland so ausgedrückt haben will.</p>
+
+<h2><a name="Grundsatz">Grundsatz der Diätetik.</a></h2>
+
+<p>Auf Gemächlichkeit muß die Diätetik nicht berechnet werden;
+denn diese Schonung seiner Kräfte und Gefühle ist Verzärtelung,
+d.&nbsp;i. sie hat Schwäche und Kraftlosigkeit zur Folge und ein allmähliches
+Erlöschen der Lebenskraft, aus Mangel der Übung;
+sowie eine Erschöpfung derselben durch zu häufigen und starken
+Gebrauch derselben. Der Stoizismus, als Prinzip der Diätetik
+(<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sustine et abstine</span>), gehört also nicht bloß zur praktischen
+Philosophie als Tugendlehre, sondern auch zu ihr als Heilkunde.
+Diese ist alsdann philosophisch, wenn bloß die Macht
+der Vernunft im Menschen, über seine sinnlichen Gefühle durch
+einen sich selbst gegebenen Grundsatz Meister zu sein, die Lebensweise
+bestimmt. Dagegen, wenn sie diese Empfindungen zu erregen
+oder abzuwehren die Hilfe außer sich in körperlichen Mitteln
+(der Apotheke, oder der Chirurgie) sucht, sie bloß empirisch
+und mechanisch ist.</p>
+
+<p>Die Wärme, der Schlaf, die sorgfältige Pflege des nicht Kranken
+sind solche Verwöhnungen der Gemächlichkeit.</p>
+
+<p>1) Ich kann, der Erfahrung an mir selbst gemäß, der Vorschrift
+nicht beistimmen: »man soll Kopf und Füße warm
+halten«<a name="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">(3)</a>. Ich finde es dagegen geratener beide kalt zu halten
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+(wozu die Russen auch die Brust zählen); gerade der Sorgfalt
+wegen, um mich nicht zu verkälten. &ndash; Es ist freilich gemächlicher
+im laulichen Wasser sich die Füße zu waschen, als es zur
+Winterszeit mit beinahe eiskaltem zu thun; dafür aber entgeht
+man dem Übel der Erschlaffung der Blutgefäße in so weit vom
+Herzen entlegenen Teilen, welches im Alter oft eine nicht mehr
+zu hebende Krankheit der Füße nach sich zieht. &ndash; Den Bauch,
+vornehmlich bei kalter Witterung, warm zu halten, möchte eher
+zur diätetischen Vorschrift statt der Gemächlichkeit gehören; weil
+er Gedärme in sich schließt, die einen langen Gang hindurch
+einen nicht flüssigen Stoff forttreiben sollen, wozu der sogenannte
+Schmachtriemen (ein breites, den Unterleib haltendes
+und die Muskeln desselben unterstützendes Band) bei Alten,
+aber eigentlich nicht der Wärme wegen, gehört.</p>
+
+<p>2) Lange oder (wiederholentlich, durch Mittagsruhe) viel
+schlafen ist freilich ebensoviel Ersparnis am Ungemache, was
+überhaupt das Leben im Wachen unvermeidlich bei sich führt,
+und es ist wunderlich genug sich ein langes Leben zu wünschen,
+um es größtenteils zu verschlafen. Aber das, worauf es hier
+eigentlich ankömmt, dieses vermeinte Mittel des langen Lebens,
+die Gemächlichkeit, widerspricht sich in seiner Absicht selbst.
+Denn das wechselnde Erwachen und wieder Einschlummern in
+langen Winternächten ist für das ganze Nervensystem lähmend,
+zermalmend und in täuschender Ruhe krafterschöpfend: mithin
+die Gemächlichkeit hier eine Ursache der Verkürzung des Lebens.
+&ndash; Das Bett ist das Nest einer Menge von Krankheiten.</p>
+
+<p>3) Im Alter sich zu pflegen oder pflegen zu lassen, bloß um
+seine Kräfte, durch die Vermeidung der Ungemächlichkeit (z.&nbsp;B.
+des Ausgehens in schlimmem Wetter) oder überhaupt die Übertragung
+der Arbeit an andere, die man selbst verrichten könnte,
+zu schonen, so aber das Leben zu verlängern, diese Sorgfalt bewirkt
+gerade das Widerspiel, nämlich das frühe Altwerden und
+Verkürzung des Lebens. &ndash;&nbsp;&ndash; Auch daß sehr alt gewordene
+mehrenteils verehelichte<a name="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">(4)</a> Personen gewesen wären, möchte
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+schwer zu beweisen sein<a name="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">(5)</a>. &ndash; In einigen Familien ist das
+Altwerden erblich, und die Paarung in einer solchen kann wohl
+einen Familienschlag dieser Art begründen. Es ist auch kein
+übles politisches Prinzip zu Beförderung der Ehen, das gepaarte
+Leben als ein langes Leben anzupreisen; obgleich die Erfahrung
+immer verhältnisweise nur wenig Beispiele davon an die Hand
+gibt, von solchen, die nebeneinander vorzüglich alt geworden
+sind; aber die Frage ist hier nur vom physiologischen Grunde
+des Altwerdens, &ndash; wie es die Natur verfügt, nicht vom politischen,
+wie die Konvenienz des Staats die öffentliche Meinung
+seiner Absicht gemäß gestimmt zu sein verlangt.</p>
+
+<p>Übrigens ist das Philosophieren, ohne darum eben Philosoph
+zu sein, auch ein Mittel der Abwehrung mancher unangenehmer
+Gefühle, und doch zugleich Agitation des Gemüts, welches in
+seine Beschäftigung ein Interesse bringt, das von äußern Zufälligkeiten
+unabhängig und ebendarum, obgleich nur als Spiel,
+dennoch kräftig und inniglich ist und die Lebenskraft nicht
+stocken läßt. Dagegen Philosophie, die ihr Interesse am Ganzen
+des Endzwecks der Vernunft &ndash; der eine absolute Einheit ist &ndash;
+hat, ein Gefühl der Kraft bei sich führt, welches die körperlichen
+Schwächen des Alters in gewissem Maße durch vernünftige
+Schätzung des Werts des Lebens wohl vergüten kann. &ndash; Aber
+neu sich eröffnende Aussichten zur Erweiterung seiner Erkenntnisse,
+wenn sie auch gerade nicht zur Philosophie gehörten,
+leisten doch auch ebendasselbe, oder etwas dem Ähnliches; und,
+sofern der Mathematiker hieran ein unmittelbares Interesse
+(nicht als an einem Werkzeuge zu anderer Absicht) nimmt, so
+ist er insofern auch Philosoph und genießt die Wohlthätigkeit
+einer solchen Erregungsart seiner Kräfte in einem verjüngten
+und ohne Erschöpfung verlängerten Leben.</p>
+
+<p>Aber auch bloße Tändeleien in einem sorgenfreien Zustande
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+leisten, als Surrogate, bei eingeschränkten Köpfen fast ebendasselbe,
+und, die mit Nichtsthun immer vollauf zu thun haben,
+werden gemeiniglich auch alt. &ndash; Ein sehr bejahrter Mann
+fand dabei ein großes Interesse, daß die vielen Stutzuhren in
+seinem Zimmer immer nacheinander, keine mit der andern zugleich,
+schlagen mußten; welches ihn und den Uhrmacher den
+Tag über genug beschäftigte, und dem letztern zu verdienen gab.
+Ein anderer fand in der Abfütterung und Kur seiner Sangvögel
+hinreichende Beschäftigung, um die Zeit zwischen seiner
+eigenen Abfütterung und dem Schlaf auszufüllen. Eine alte
+begüterte Frau fand diese Ausfüllung am Spinnrade, unter
+dabei eingemischten unbedeutenden Gesprächen, und klagte daher
+in ihrem sehr hohen Alter, gleich als über den Verlust einer
+guten Gesellschaft, daß, da sie nunmehr den Faden zwischen den
+Fingern nicht mehr fühlen konnte, sie für Langerweile zu sterben
+Gefahr liefe.</p>
+
+<p>Doch, damit mein Diskurs über das lange Leben Ihnen nicht
+auch Langeweile mache und ebendadurch gefährlich werde, will
+ich der Sprachseligkeit, die man als einen Fehler des Alters zu
+belächeln, wenngleich nicht zu schelten pflegt, hiemit Grenzen
+setzen.</p>
+
+<h2><a name="Hypochondrie">Von der Hypochondrie.</a></h2>
+
+<p>Die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt,
+ohne <ins title="eine">ein</ins> bestimmtes Objekt, mutlos zu überlassen &ndash; mithin
+ohne den Versuch zu machen, über sie durch die Vernunft
+Meister zu werden &ndash; die Grillenkrankheit (<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">hypochondria
+vaga</span><a name="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">(6)</a>), welche gar keinen bestimmten Sitz im Körper hat
+und ein Geschöpf der Einbildungskraft ist und daher auch die
+dichtende heißen könnte &ndash; wo der Patient alle Krankheiten, von
+denen er in Büchern liest, an sich zu bemerken glaubt, &ndash; ist das
+gerade Widerspiel jenes Vermögens des Gemüts über seine
+krankhaften Gefühle Meister zu sein, nämlich Verzagtheit, über
+Übel, welche Menschen zustoßen könnten, zu brüten, ohne, wenn
+sie kämen, ihnen widerstehen zu können; eine Art von Wahnsinn,
+welchem freilich wohl irgend ein Krankheitsstoff (Blähung
+oder Verstopfung) zum Grunde liegen mag, der aber nicht unmittelbar,
+wie er den Sinn affiziert, gefühlt, sondern als bevorstehendes
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+Übel von der dichtenden Einbildungskraft vorgespiegelt
+wird; wo dann der Selbstquäler (<span class="antiqua">Heautontimorumenos</span>), statt
+sich selbst zu ermannen, vergeblich die Hilfe des Arztes aufruft;
+weil nur er selbst, durch die Diätetik seines Gedankenspiels, belästigende
+Vorstellungen, die sich unwillkührlich einfinden, und
+zwar von Übeln, wider die sich doch nichts veranstalten ließe,
+wenn sie sich wirklich einstellten, aufheben kann. &ndash; Von dem,
+der mit dieser Krankheit behaftet, und solange er es ist, kann
+man nicht verlangen, er solle seiner krankhaften Gefühle durch
+den bloßen Vorsatz Meister werden. Denn, wenn er dieses
+könnte, so wäre er nicht hypochondrisch. Ein vernünftiger
+Mensch statuiert keine solche Hypochondrie: sondern, wenn ihm
+Beängstigungen anwandeln, die in Grillen, d.&nbsp;i. selbst ausgedachte
+Übel, ausschlagen wollen, so fragt er sich, ob ein Objekt
+derselben da sei. Findet er keines, welches gegründete Ursache
+zu dieser Beängstigung abgeben kann, oder sieht er ein, daß,
+wenn auch gleich ein solches wirklich wäre, doch dabei nichts zu
+thun möglich sei, um seine Wirkung abzuwenden, so geht er mit
+diesem Anspruche seines inneren Gefühls zur Tagesordnung,
+d.&nbsp;i. er läßt seine Beklommenheit (welche alsdann bloß topisch
+ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie <ins title="ihm">ihn</ins> nichts anginge) und
+richtet seine Aufmerksamkeit auf die Geschäfte, mit denen er zu
+thun hat.</p>
+
+<p>Ich habe wegen meiner flachen und engen Brust, die für die
+Bewegung des Herzens und der Lunge wenig Spielraum läßt,
+eine natürliche Anlage zur Hypochondrie, welche in früheren
+Jahren bis an den Überdruß des Lebens grenzte. Aber die Überlegung,
+daß die Ursache dieser Herzbeklemmung vielleicht bloß
+mechanisch und nicht zu heben sei, brachte es bald dahin, daß ich
+mich an sie gar nicht kehrte, und während dessen, daß ich mich
+in der Brust beklommen fühlte, im Kopfe doch Ruhe und
+Heiterkeit herrschte, die sich auch in der Gesellschaft, nicht nach
+abwechselnden Launen (wie Hypochondrische pflegen), sondern
+absichtlich und natürlich mitzuteilen nicht ermangelte. Und da
+man des Lebens mehr froh wird durch das, was man im freien
+Gebrauch desselben thut, als was man genießt, so können Geistesarbeiten
+eine andere Art von befördertem Lebensgefühl den
+Hemmungen entgegensetzen, welche bloß den Körper angehen.
+Die Beklemmung ist mir geblieben; denn ihre Ursache liegt in
+meinem körperlichen Bau. Aber über ihren Einfluß auf meine
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+Gedanken und Handlungen bin ich Meister geworden, durch
+Abkehrung der Aufmerksamkeit von diesem Gefühle, als ob es
+mich gar nicht anginge<a name="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">(7)</a>.</p>
+
+<h2><a name="Schlaf">Vom Schlafe.</a></h2>
+
+<p>Was die Türken, nach ihren Grundsätzen der Prädestination,
+über die Mäßigkeit sagen: daß nämlich im Anfange der Welt
+jedem Menschen die Portion zugemessen worden, wieviel er im
+Leben zu essen haben werde, und, wenn er sein beschieden Teil in
+großen Portionen verzehrt, er auf eine desto kürzere Zeit zu essen,
+mithin zu sein, sich Rechnung machen könne: das kann in einer
+Diätetik, als Kinderlehre &ndash; denn im Genießen müssen auch
+Männer von Ärzten oft als Kinder behandelt werden, &ndash; auch
+zur Regel dienen: nämlich daß jedem Menschen von Anbeginn
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+her vom Verhängnisse seine Portion Schlaf zugemessen worden,
+und der, welcher von seiner Lebenszeit in Mannsjahren zu viel
+(über das Dritteil) dem Schlafen eingeräumt hat, sich nicht eine
+lange Zeit zu schlafen, d.&nbsp;i. zu leben und alt zu werden, versprechen
+darf. &ndash; Wer dem Schlaf als süßen Genuß im Schlummern
+(der Siesta der Spanier) oder als Zeitkürzung (in langen
+Winternächten) viel mehr als ein Dritteil seiner Lebenszeit einräumt,
+oder ihm sich auch teilweise (mit Absätzen), nicht in einem
+Stück, für jeden Tag zumißt, verrechnet sich sehr in Ansehung
+seines Lebensquantum, teils dem Grade, teils der Länge nach.
+&ndash; Da nun schwerlich ein Mensch wünschen wird, daß der Schlaf
+überhaupt gar nicht Bedürfnis für ihn wäre, &ndash; woraus doch
+wohl erhellet, daß er das lange Leben als eine lange Plage fühlt;
+von dem, so viel er verschlafen, ebensoviel Mühseligkeit zu
+tragen er sich ersparet hat &ndash; so ist es geratener, fürs Gefühl
+sowohl als für die Vernunft, dieses genuß- und thatleere
+Drittel ganz auf eine Seite zu bringen und es der unentbehrlichen
+Naturrestauration zu überlassen: doch mit einer genauen
+Abgemessenheit der Zeit, von wo an und wie lange sie dauern soll<a name="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">(8)</a>.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Es gehört unter die krankhaften Gefühle zu der bestimmten
+und gewohnten Zeit nicht schlafen, oder auch sich nicht wach
+halten zu können; vornehmlich aber das erstere; in dieser Absicht
+sich zu Bette zu legen und doch schlaflos zu liegen. &ndash; Sich alle
+Gedanken aus dem Kopf zu schlagen ist zwar der gewöhnliche
+Rat, den der Arzt gibt; aber sie, oder andere an ihre Stelle,
+kommen wieder und erhalten wach. Es ist kein anderer diätetischer
+Rat, als beim inneren Wahrnehmen oder Bewußtwerden
+irgend eines sich regenden Gedanken, die Aufmerksamkeit davon
+sofort abzuwenden (gleich als ob man mit geschlossenen Augen
+diese auf eine andere Seite kehrte): wo dann durch das Abbrechen
+jedes Gedanken, den man inne wird, allmählich eine Verwirrung
+der Vorstellungen entspringt, dadurch das Bewußtsein seiner
+körperlichen (äußern) Lage aufgehoben wird, und eine ganz verschiedene
+Ordnung, nämlich ein unwillkürliches Spiel der Einbildungskraft
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+(das im gesunden Zustande der Traum ist) eintritt,
+in welchem, durch ein bewundernswürdiges Kunststück
+der tierischen Organisation, der Körper für die animalischen
+Bewegungen abgespannt, für die Vitalbewegung aber innigst
+agitiert wird und zwar durch Träume, die, wenn wir uns gleich
+derselben im Erwachen nicht erinnern, gleichwohl nicht haben
+ausbleiben können: weil sonst bei gänzlicher Ermangelung derselben,
+wenn die Nervenkraft, die vom Gehirn, dem Sitze der
+Vorstellungen, ausgeht, nicht mit der Muskelkraft der Eingeweide
+vereinigt wirkte, das Leben sich nicht einen Augenblick erhalten
+könnte. Daher träumen vermutlich alle Tiere, wenn sie
+schlafen.</p>
+
+<p>Jedermann aber, der sich zu Bette und in Bereitschaft zu
+schlafen gelegt hat, wird bisweilen, bei aller obgedachten Ablenkung
+seiner Gedanken, doch nicht zum Einschlafen kommen
+können. In diesem Fall wird er im Gehirn etwas Spastisches
+(Krampfartiges) fühlen, welches auch mit der Beobachtung gut
+zusammenhängt: daß ein Mensch gleich nach dem Erwachen
+etwa ½&nbsp;Zoll länger sei, als wenn er sogar im Bette geblieben
+und dabei nur gewacht hätte. &ndash; Da Schlaflosigkeit ein Fehler
+des schwächlichen Alters und die linke Seite überhaupt genommen
+die schwächere ist<a name="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">(9)</a>, so fühlte ich seit etwa einem Jahre diese
+krampfichte Anwandelungen und sehr empfindliche Reize dieser
+Art (obzwar nicht wirkliche und sichtbare Bewegungen der
+darauf affizierten Gliedmaßen als Krämpfe), die ich nach der
+Beschreibung anderer für gichtische Zufälle halten und dafür
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+einen Arzt suchen mußte. Nun aber, aus Ungeduld, am Schlafen
+mich gehindert zu fühlen, griff ich bald zu meinem stoischen
+Mittel, meinen Gedanken mit Anstrengung auf irgend ein von
+mir gewähltes gleichgültiges Objekt, was es auch sei (z.&nbsp;B. auf
+den viel Nebenvorstellungen enthaltenden Namen Cicero), zu
+heften: mithin die Aufmerksamkeit von jener Empfindung abzulenken;
+dadurch diese dann, und zwar schleunig, stumpf wurden,
+und so die Schläfrigkeit sie überwog, und dieses kann ich
+jederzeit, bei wiederkommenden Anfällen dieser Art in den
+kleinen Unterbrechungen des Nachtschlafs, mit gleich gutem Erfolg
+wiederholen. Daß aber dieses nicht etwa bloß eingebildete
+Schmerzen waren, davon konnte mich die des andern Morgens
+früh sich zeigende glühende Röte der Zehen des linken Fußes
+überzeugen. &ndash; Ich bin gewiß, daß viele gichtische Zufälle, wenn
+nur die Diät des Genusses nicht gar zu sehr dawider ist, ja
+Krämpfe und selbst epileptische Zufälle (nur nicht bei Weibern
+und Kindern, als die dergleichen Kraft des Vorsatzes nicht haben),
+auch wohl das für unheilbar verschriene Podagra, bei jeder
+neuen Anwandlung desselben durch diese Festigkeit des Vorsatzes
+(seine Aufmerksamkeit von einem solchen Leiden abzuwenden)
+abgehalten und nach und nach gehoben werden könnte<a name="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">(10)</a>.</p>
+
+<h2><a name="Essen">Vom Essen und Trinken.</a></h2>
+
+<p>Im gesunden Zustande und <ins title="des">der</ins> Jugend ist es das Geratenste
+in Ansehung des Genusses, der Zeit und Menge nach, bloß den
+Appetit (Hunger und Durst) zu befragen; aber bei den mit dem
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+Alter sich einfindenden Schwächen ist eine gewisse Angewohnheit
+einer geprüften und heilsam gefundenen Lebensart, nämlich wie
+man es einen Tag gehalten hat, es ebenso alle Tage zu halten,
+ein diätetischer Grundsatz, welcher dem langen Leben am günstigsten
+ist; doch unter der Bedingung, daß diese Abfütterung
+für den sich weigernden Appetit die gehörigen Ausnahmen
+mache. &ndash; Dieser nämlich weigert im Alter die Quantität des
+Flüssigen (Suppen oder viel Wasser zu trinken) vornehmlich
+dem männlichen Geschlecht: verlangt dagegen derbere Kost und
+anreizenderes Getränke (z.&nbsp;B. Wein), sowohl um die wurmförmige
+Bewegung der Gedärme &ndash; die unter allen Eingeweiden
+am meisten von der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vita propria</span> zu haben scheinen, weil sie,
+wenn sie noch warm aus dem Tier gerissen und zerhauen werden,
+als Würmer kriechen, deren Arbeit man nicht bloß fühlen,
+sondern sogar hören kann &ndash; zu befördern und zugleich solche
+Teile in den Blutumlauf zu bringen, die durch ihren Reiz das
+Geäder zur Blutbewegung im Umlauf zu erhalten beförderlich sind.</p>
+
+<p>Das Wasser braucht aber bei alten Leuten längere Zeit, um,
+ins Blut aufgenommen, den langen Gang seiner Absonderung
+von der Blutmasse durch die Nieren zur Harnblase zu machen,
+wenn es nicht dem Blute assimilierte Teile (dergleichen der
+Wein ist) und die einen Reiz der Blutgefäße zum Fortschaffen
+bei sich führen, in sich enthält; welcher letztere aber alsdann als
+Medizin gebraucht wird, dessen künstlicher Gebrauch ebendadurch
+eigentlich nicht zur Diätetik gehört. Der Anwandelung
+des Appetits zum Wassertrinken (dem Durst), welche großenteils
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
+nur Angewohnheit ist, nicht sofort nachzugeben und ein hierüber
+genommener fester Vorsatz bringt diesen Reiz in das Maß des
+natürlichen Bedürfnisses, des den festen Speisen beizugebenden
+Flüssigen, dessen Genuß in Menge im Alter selbst durch den
+Naturinstinkt geweigert wird. Man schläft auch nicht gut,
+wenigstens nicht tief bei dieser Wasserschwelgerei, weil die Blutwärme
+dadurch vermindert wird.</p>
+
+<p>Es ist oft gefragt worden: ob, gleich wie in 24 Stunden nur
+Ein Schlaf, so auch in ebensoviel Stunden nur Eine Mahlzeit
+nach diätetischer Regel verwilligt werden könne, oder ob es nicht
+besser (gesunder) sei, dem Appetit am Mittagstische etwas abzubrechen,
+um dafür auch zu Nacht essen zu können. Zeitkürzender
+ist freilich das letztere. &ndash; Das erstere halte ich auch in den
+sogenannten besten Lebensjahren (dem Mittelalter) für zuträglicher;
+das letztere aber im späteren Alter. Denn, da das Stadium
+für die Operation der Gedärme zum Behuf der Verdauung im
+Alter ohne Zweifel langsamer abläuft, als in jüngeren Jahren,
+so kann man glauben, daß ein neues Pensum (in einer Abendmahlzeit)
+der Natur aufzugeben, indessen daß das erstere Stadium
+der Verdauung noch nicht abgelaufen ist, der Gesundheit nachteilig
+werden müsse. &ndash; Auf solche Weise kann man den Anreiz
+zum Abendessen, nach einer hinreichenden Sättigung des Mittags,
+für ein krankhaftes Gefühl halten, dessen man durch einen
+festen Vorsatz so Meister werden kann, daß auch die Anwandelung
+desselben nachgerade nicht mehr verspürt wird.</p>
+
+<h2><a name="Unzeit">Von dem krankhaften Gefühl aus der Unzeit im Denken.</a></h2>
+
+<p>Einem Gelehrten ist das Denken ein Nahrungsmittel, ohne
+welches, wenn er wach und allein ist, er nicht leben kann; jenes
+mag nun im Lernen (Bücherlesen) oder im Ausdenken (Nachsinnen
+und Erfinden) bestehen. Aber beim Essen oder Gehen
+sich zugleich angestrengt mit einem bestimmten Gedanken beschäftigen,
+Kopf und Magen oder Kopf und Füße mit zwei
+Arbeiten zugleich belästigen, davon bringt das eine Hypochondrie,
+das andere Schwindel hervor. Um also dieses krankhaften Zustandes
+durch Diätetik Meister zu sein, wird nichts weiter erfordert,
+als die mechanische Beschäftigung des Magens, oder der
+Füße, mit der geistigen des Denkens wechseln zu lassen und
+während dieser (der Restauration gewidmeten) Zeit das absichtliche
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+Denken zu hemmen und dem (dem mechanischen ähnlichen)
+freien Spiele der Einbildungskraft den Lauf zu lassen; wozu
+aber bei einem Studierenden ein allgemein gefaßter und fester
+Vorsatz der Diät im Denken erfordert wird.</p>
+
+<p>Es finden sich krankhafte Gefühle ein, wenn man in einer
+Mahlzeit ohne Gesellschaft sich zugleich mit Bücherlesen oder
+Nachdenken beschäftigt, weil die Lebenskraft durch Kopfarbeit
+von dem Magen, den man belästigt, abgeleitet wird. Ebenso,
+wenn dieses Nachdenken mit der krafterschöpfenden Arbeit der
+Füße (im Promenieren<a name="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">(11)</a>) verbunden wird. Man kann das
+Lukubrieren noch hinzufügen, wenn es ungewöhnlich ist. Indessen
+sind die krankhaften Gefühle aus diesen unzeitig (<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">invita Minerva</span>)
+vorgenommenen Geistesarbeiten doch nicht von der Art, daß sie
+sich unmittelbar durch den bloßen Vorsatz augenblicklich, sondern
+allein durch Entwöhnung, vermöge eines entgegengesetzten Prinzips,
+nach und nach heben lassen, und von den ersteren soll hier
+nur geredet werden.</p>
+
+<h2><a name="Atemziehen">Von der Hebung und Verhütung krankhafter Zufälle durch den Vorsatz im Atemziehen.</a></h2>
+
+<p>Ich war vor wenigen Jahren noch dann und wann vom
+Schnupfen und Husten heimgesucht, welche beide Zufälle mir
+desto ungelegener waren, als sie sich bisweilen beim Schlafengehen
+zutrugen. Gleichsam entrüstet über diese Störung des
+Nachtschlafs entschloß ich mich, was den ersteren Zufall betrifft,
+mit fest geschlossenen Lippen durchaus die Luft durch die Nase
+zu ziehen: welches mir anfangs nur mit einem schwachen Pfeifen,
+und da ich nicht absetzte, oder nachließ, immer mit stärkeren, zuletzt
+mit vollen und freien Luftzuge gelang, es durch die Nase
+zu stande zu bringen, darüber ich dann sofort einschlief. &ndash; Was
+dieses gleichsam konvulsivische und mit dazwischen vorfallenden
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+Einatmen (nicht wie beim Lachen ein kontinuiertes, stoßweise
+erschallendes) Ausatmen, den Husten betrifft, vornehmlich den,
+welchen der gemeine Mann in England den Altmannshusten
+(im Bette liegend) nennt, so war er mir um so mehr ungelegen,
+da er sich bisweilen bald nach der Erwärmung im Bette einstellte
+und das Einschlafen verzögerte. Dieses Husten, welches
+durch den Reiz der mit offenen Munde eingeatmeten Luft auf
+den Luftröhrenkopf erregt wird<a name="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">(12)</a>, nun zu hemmen, bedurfte es
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+einer nicht mechanischen (pharmazeutischen), sondern nur unmittelbaren
+Gemütsoperation, nämlich die Aufmerksamkeit auf
+diesen Reiz dadurch ganz abzulenken, daß sie mit Anstrengung
+auf irgend ein Objekt (wie oben bei krampfhaften Zufällen)
+gerichtet und dadurch das Ausstoßen der Luft gehemmet wurde,
+welches mir, wie ich es deutlich fühlete, das Blut ins Gesicht
+trieb, wobei aber der durch denselben Reiz erregte flüssige Speichel
+(<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">saliva</span>) die Wirkung dieses Reizes, nämlich die Ausstoßung
+der Luft, verhinderte und ein Herunterschlucken dieser Feuchtigkeit
+bewirkte. &ndash;&nbsp;&ndash; Eine Gemütsoperation, zu der ein recht
+großer Grad des festen Vorsatzes erforderlich, der aber darum
+auch desto wohlthätiger ist.</p>
+
+<h2><a name="Lippen">Von den Folgen dieser Angewohnheit des Atemziehens mit geschlossenen Lippen.</a></h2>
+
+<p>Die unmittelbare Folge davon ist, daß sie auch im Schlafe
+fortwährt, und ich sogleich aus dem Schlafe aufgeschreckt werde,
+wenn ich zufälligerweise die Lippen öffne und ein Atemzug durch
+den Mund geschieht: woraus man sieht, daß der Schlaf und mit
+ihm der Traum, nicht eine so gänzliche Abwesenheit von dem
+Zustande des Wachenden ist, daß sich nicht auch eine Aufmerksamkeit
+auf seine Lage in jenem Zustande mit einmische: wie
+man denn dieses auch daraus abnehmen kann, daß die, welche
+sich des Abends vorher vorgenommen haben, früher als gewöhnlich
+(etwa zu einer Spazierfahrt) aufzustehen, auch früher erwachen,
+indem sie vermutlich durch die Stadtuhren aufgeweckt
+werden, die sie also auch mitten im Schlaf haben hören und
+darauf acht geben müssen. &ndash; Die mittelbare Folge dieser löblichen
+Angewöhnung ist: daß das unwillkürliche abgenötigte
+Husten (nicht das Aufhusten eines Schleims als beabsichtigter
+Auswurf) in beiderlei Zustande verhütet und so durch die bloße
+Macht des Vorsatzes eine Krankheit verhütet wird. &ndash;&nbsp;&ndash; Ich habe
+sogar gefunden, daß, da mich nach ausgelöschtem Licht (und eben
+zu Bette gelegt) auf einmal ein starker Durst anwandelte, den
+mit Wassertrinken zu löschen ich im Finstern hätte in eine andere
+Stube gehen und durch Herumtappen das Wassergeschirr suchen
+müssen, ich darauf fiel, verschiedene und starke Atemzüge mit
+Erhebung der Brust zu thun und gleichsam Luft durch die Nase
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+zu trinken, wodurch der Durst in wenig Sekunden völlig gelöscht
+war. Es war ein krankhafter Reiz, der durch einen Gegenreiz
+gehoben ward.</p>
+
+<h2><a name="Alter">Denkgeschäft &ndash; Alter.</a></h2>
+
+<p>Krankhafte Zufälle, in Ansehung deren das Gemüt das Vermögen
+besitzt, des Gefühls derselben durch den bloßen standhaften
+Willen des Menschen, als einer Obermacht des vernünftigen
+Tieres, Meister werden zu können, sind alle von der spastischen
+(krampfhaften) Art: man kann aber nicht umgekehrt sagen, daß
+alle von dieser Art durch den bloßen festen Vorsatz gehemmet oder
+gehoben werden können. &ndash; Denn einige derselben sind von der
+Beschaffenheit, daß die Versuche sie der Kraft des Vorsatzes zu
+unterwerfen, das krampfhafte Leiden vielmehr noch verstärken:
+wie es der Fall mit mir selber ist, da diejenige Krankheit, welche
+vor etwa einem Jahr in der Kopenhagener Zeitung als »epidemischer,
+mit Kopfbedrückung verbundener Katarrh« beschrieben
+wurde<a name="FNanchor_13" href="#Footnote_13" class="fnanchor">(13)</a> (bei mir aber wohl ein Jahr älter aber doch von ähnlicher
+Empfindung ist) mich für eigene Kopfarbeiten gleichsam
+desorganisiert, wenigstens geschwächt und stumpf gemacht hat,
+und, da sich diese Bedrückung auf die natürliche Schwäche des
+Alters geworfen hat, wohl nicht anders als mit dem Leben zugleich
+aufhören wird.</p>
+
+<p>Die krankhafte Beschaffenheit des Patienten, die das Denken,
+insofern es ein Festhalten eines Begriffs &ndash; der Einheit des
+Bewußtseins verbundener Vorstellungen &ndash; ist, begleitet und
+erschwert, bringt das Gefühl eines spastischen Zustandes des
+Organs des Denkens (des Gehirns) als eines Drucks hervor,
+der zwar das Denken und Nachdenken selbst ingleichen das
+Gedächtnis in Ansehung des ehedem Gedachten eigentlich nicht
+schwächt, aber im Vortrage (dem mündlichen oder schriftlichen)
+das feste Zusammenhalten der Vorstellungen in ihrer Zeitfolge
+wider Zerstreuung sichern soll, und bewirkt selbst einen unwillkürlichen
+spastischen Zustand des Gehirns, als ein Unvermögen,
+bei dem Wechsel der aufeinander folgenden Vorstellungen die
+Einheit des Bewußtseins derselben zu erhalten. Daher begegnet
+es mir, daß, wenn ich, wie es in jeder Rede jederzeit geschieht,
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+zuerst zu dem, was ich sagen will, den Hörer oder Leser vorbereite,
+ihm den Gegenstand, wohin ich gehen will, in der Aussicht,
+dann ihn auch auf das, wovon ich ausgegangen bin, zurückgewiesen
+habe &ndash; ohne welche zwei Hinweisungen kein Zusammenhang
+der Rede stattfindet &ndash; und ich nun das letztere mit dem
+ersteren verknüpfen soll, ich auf einmal meinen Zuhörer, oder
+stillschweigend mich selbst, fragen muß: Wo war ich doch? Wovon
+ging ich aus? Welcher Fehler nicht sowohl ein Fehler des
+Geistes, noch des Gedächtnisses allein, sondern der Geistesgegenwart
+(im Verknüpfen), d.&nbsp;i. unwillkürliche Zerstreuung, und
+ein sehr peinigender Fehler ist, dem man zwar in Schriften &ndash;
+zumal den philosophischen, weil man da nicht immer so leicht
+zurücksehen kann, von wo man ausging &ndash; mühsam vorbeugen,
+aber mit aller Mühe nie völlig vergüten kann.</p>
+
+<p>Mit dem Mathematiker, der seine Begriffe, oder die Stellvertreter
+derselben (Größen- und Zahlenzeichen), in der Anschauung
+vor sich hinstellen und, daß, soweit er gegangen ist, alles richtig
+sei, versichert sein kann, ist es anders bewandt als mit dem Arbeiter im
+Fache der, vornehmlich reinen, Philosophie (Logik und Metaphysik),
+der seinen Gegenstand in der Luft vor sich schwebend erhalten
+muß, und ihn nicht bloß teilweise, sondern jederzeit zugleich
+in einem Ganzen des Systems (d. r. V.), sich darstellen
+und prüfen muß. Daher es eben nicht zu verwundern ist, wenn
+ein Metaphysiker eher invalid wird als der Studierende in einem
+anderen Fache, ingleichen als Geschäftsphilosophen; indessen daß
+es doch einige derer geben muß, die sich jenem ganz widmen,
+weil ohne Metaphysik überhaupt es gar keine Philosophie geben
+könnte.</p>
+
+<p>Hieraus ist auch zu erklären, wie jemand für sein Alter gesund
+zu sein sich rühmen kann, ob er zwar in Ansehung gewisser ihm
+obliegenden Geschäfte sich in die Krankenliste müßte einschreiben
+lassen. Denn, weil das Unvermögen zugleich den Gebrauch und
+mit diesem auch den Verbrauch und die Erschöpfung der Lebenskraft
+abhält, und er gleichsam nur in einer niedrigeren Stufe
+(als vegetierendes Wesen) zu leben gesteht, nämlich essen, sehen
+und schlafen zu können, was für seine animalische Existenz gesund,
+für die bürgerliche (zu öffentlichen Geschäften verpflichtete)
+Existenz aber krank, d.&nbsp;i. invalid, heißt: so widerspricht sich dieser
+Kandidat des Todes hiemit gar nicht.</p>
+
+<p>Dahin führt die Kunst das menschliche Leben zu verlängern:
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+daß man endlich unter den Lebenden nur so geduldet wird, welches
+eben nicht die ergötzlichste Lage ist<a name="FNanchor_14" href="#Footnote_14" class="fnanchor">(14)</a>.</p>
+
+<p>Hieran aber habe ich selber schuld. Denn warum will ich
+auch der hinanstrebenden jüngeren Welt nicht Platz machen und
+um zu leben mir den gewöhnten Genuß des Lebens schmälern:
+warum ein schwächliches Leben durch Entsagungen in ungewöhnliche
+Länge ziehen, die Sterbelisten, in denen doch auf den Zuschnitt
+der von Natur schwächeren und ihre mutmaßliche Lebensdauer
+mit gerechnet ist, durch mein Beispiel in Verwirrung
+bringen, und das alles, was man sonst Schicksal nannte (dem
+man sich demütig und andächtig unterwarf), dem eigenen festen
+Vorsatze unterwerfen; welcher doch schwerlich zur allgemeinen
+diätetischen Regel, nach welcher die Vernunft unmittelbar Heilkraft
+ausübt, aufgenommen werden und die therapeutische Formeln
+der Offizin jemals verdrängen wird?</p>
+
+<h2><a name="Nachschrift">Nachschrift.</a><br/>
+<small>Vorsorge für die Augen von seiten der Buchdrucker und Verleger.</small></h2>
+
+<p>Den Verfasser der Kunst das menschliche (auch besonders das
+litterarische) Leben zu verlängern, darf ich also dazu wohl auffordern,
+daß er wohlwollend auch darauf bedacht sei, die Augen
+der Leser &ndash; vornehmlich der jetzt großen Zahl der Leserinnen,
+die den Übelstand der Brille noch härter fühlen dürften &ndash; in
+Schutz zu nehmen: auf welche jetzt aus elender Ziererei der Buchdrucker
+(denn Buchstaben haben doch als Malerei schlechterdings
+<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>
+nichts Schönes an sich), von allen Seiten Jagd gemacht wird; damit
+nicht so, wie in Marokko, durch weiße Übertünchung aller
+Häuser ein großer Teil der Einwohner der Stadt blind ist, dieses
+Übel aus ähnlicher Ursache auch bei uns einreiße, vielmehr die
+Buchdrucker desfalls unter Polizeigesetze gebracht werden. &ndash; Die
+jetzige Mode will es dagegen anders, nämlich:</p>
+
+<p>1) Nicht mit schwarzer, sondern grauer Tinte (weil es sanfter
+und lieblicher auf schönem weißen Papier absteche), zu drucken.</p>
+
+<p>2) Mit Didotschen Lettern, von schmalen Füßen, nicht mit
+Breitkopfschen, die ihrem Namen Buchstaben (gleichsam bücherner
+Stäbe zum Feststehen) besser entsprechen würden.</p>
+
+<p>3) Mit lateinischer (wohl gar Kursiv) Schrift ein Werk deutschen
+Inhalts, von welcher Breitkopf mit Grunde sagte, daß
+niemand das Lesen derselben für seine Augen so lange aushalte,
+als mit der deutschen.</p>
+
+<p>4) Mit so kleiner Schrift als nur möglich, damit für die unten
+etwa beizufügenden Noten noch kleinere (dem Auge noch knapper
+angemessene) leserlich bleibe<a name="FNanchor_15" href="#Footnote_15" class="fnanchor">(15)</a>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>Diesem Unwesen zu steuern, schlage ich vor, den Druck der
+Berliner Monatsschrift (nach Text und Noten) zum Muster zu
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+nehmen; denn man mag, welches Stück man will, in die Hand
+nehmen, so wird man die durch obige Leserei angegriffenen Augen
+durch Ansicht des letzteren merklich gestärkt fühlen<a name="FNanchor_16" href="#Footnote_16" class="fnanchor">(16)</a>.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a><a name="Inhalt">Inhalt.</a></h2>
+
+<table id="toc" summary="Inhalt">
+<tr>
+ <th>&nbsp;</th>
+ <th>Seite</th>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Einleitung">Einleitung</a></td>
+ <td class="right">7</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Grundsatz">Grundsatz der Diätetik</a></td>
+ <td class="right">11</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Hypochondrie">Von der Hypochondrie</a></td>
+ <td class="right">14</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Schlaf">Vom Schlafe</a></td>
+ <td class="right">16</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Essen">Vom Essen und Trinken</a></td>
+ <td class="right">19</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Unzeit">Von dem krankhaften Gefühl aus der Unzeit im Denken</a></td>
+ <td class="right">21</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Atemziehen">Von der Hebung und Verhütung krankhafter Gefühle durch den Vorsatz
+ im Atemziehen</a></td>
+ <td class="right">22</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Lippen">Von den Folgen dieser Angewohnheit des Atemziehens mit geschlossenen
+ Lippen</a></td>
+ <td class="right">24</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Alter">Denkgeschäft &ndash; Alter</a></td>
+ <td class="right">25</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><a href="#Nachschrift">Nachschrift. &ndash; Vorsorge für die Augen von seiten der Buchdrucker und
+ Verleger</a></td>
+ <td class="right">27</td>
+</tr>
+</table>
+
+<div class="figcenter" style="width: 150px;">
+<img src="images/verzierung.png" width="150" height="14" alt=""/>
+</div>
+
+<p class="center">Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig.</p>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a>
+Ich übersendete mein Buch Hrn. Prof. Kant, um ihm einen Beweis der
+Verehrung zu geben, die gewiß jeder denkende Mensch diesem Weisen zollt,
+zugleich aber um ihn vielleicht zu veranlassen, über einige darin enthaltene
+und für das philosophische Tribunal gehörige Ideen nachzudenken, wodurch
+ich unsrer Kunst zugleich einen Vorteil zu verschaffen hoffte. Ich freue mich
+ungemein, meinen Wunsch erfüllt zu sehen und hier meinen Lesern mehrere
+dadurch veranlaßte Ideen und Entwicklungen mitteilen zu können, die für
+jeden denkenden Arzt höchst interessant sein müssen, und die zugleich über die
+individuelle geistige und körperliche Diätetik dieses großen Mannes sehr lehrreiche
+Notizen erteilen. &ndash; Was einige für mich zu schmeichelhafte Ausdrücke
+darin betrifft, so bitte ich zu bedenken, daß sie in einem an mich geschriebenen
+Briefe vorkommen, und ich hoffe dadurch jedem Vorwurf zu entgehen, der
+mir darüber gemacht werden könnte, daß ich sie stehen ließ, welches ich um
+so weniger verhindern konnte, da sonst der ganze Sinn hie und da verloren
+gegangen wäre, auch ich überdies offenherzig gestehe, daß ich nicht ein Wort
+auszustreichen wage, was ein Kant geschrieben hat.
+</p>
+
+<p class="right"><ins title="H">H.</ins></p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">(2)</a>
+Im dogmatisch-praktischen Vortrage, z.&nbsp;B. derjenigen Beobachtung
+seiner selbst, die auf Pflichten abzweckt, die jedermann angehen, spricht der
+Kanzelredner nicht durch Ich, sondern Wir. In dem erzählenden aber, der
+Privatempfindung (der Beichte, welche der Patient seinem Arzte ablegt),
+oder eigener Erfahrung an sich selbst, muß er durch Ich reden.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">(3)</a>
+Den Kopf warm zu halten, ist gewiß immer nachteilig, und die medizinische
+Regel ist eigentlich: »den Kopf kühl und die Füße warm zu halten«.
+Es bedarf daher diese Äußerung des würdigen Verfassers einige Berichtigung.
+Es ist allerdings vollkommen wahr, daß, wenn wir unsere Füße von Jugend
+auf ebenso bloß trügen, wie unsere Hände, Gesicht, und die Weiber auch den
+Hals und die Brust, wir sie ebensogut gegen Kälte und Witterung würden
+abhärten können, wie diese, und Millionen von Menschen, welche barfuß
+laufen, beweisen dieses. Da aber unser Klima und unsere Lebensverhältnisse
+uns nicht erlauben, das Bloßtragen immer fortzusetzen, sondern die Füße
+bekleidet zu tragen gebieten, so entsteht dadurch schon die Möglichkeit einer
+Erkältung, durch Weglassung der gewohnten Bedeckung. Und da es nun überdies
+gar nicht zu leugnen ist, daß die Füße, besonders der Unterfuß, in einer
+ganz besondern antagonistischen Verbindung mit den oberen Teilen stehen,
+so daß durch Erkältung, das heißt, Unterdrückung der Hautthätigkeit, sehr
+leicht ein Krankheitsreiz auf Kopf, Brust und Unterleibseingeweide reflektiert
+werden kann, so folgt allerdings daraus die Notwendigkeit, dieselben nicht
+sowohl warm, sondern in einer gleichmäßigen Temperatur zu halten.
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">(4)</a>
+Hierwider möchte ich doch die Beobachtung anführen: daß unverehelichte
+(oder jung verwitwete) alte Männer mehrenteils länger ein jugendliches
+Aussehen erhalten, als verehelichte, welches doch auf eine längere
+Lebensdauer zu deuten schein. &ndash; Sollten wohl die letztern an ihren härteren
+Gesichtszügen den Zustand eines getragenen Jochs (davon <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">conjugium</span>), nämlich
+das frühere Altwerden verraten, welches auf ein kürzeres Lebensziel hindeutet?
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">(5)</a>
+Ich habe mich bei Aufstellung dieses Grundsatzes in meiner Makrobiotik
+bloß durch die Erfahrung leiten lassen. Es stießen mir bei meinen Nachforschungen
+über das höchste Alter so viele Verheiratete auf, daß ich dadurch
+zuerst aufmerksam gemacht wurde. Ich fand nämlich bei allen Alten einen
+sehr beträchtlichen Überschuß auf seiten der Verheirateten: von den außerordentlich
+hohen Alten (d.&nbsp;h. 120&ndash;160jährigen) fand ich durchaus gar keinen
+unverheiratet; ja sie hatten alle mehrmals und größtenteils noch in den
+letzten Zeiten ihres Lebens geheiratet. Dies allein bewog mich zu den Vermutungen
+von Einfluß der Zeugungskraft und des Ehestands aufs lange
+Leben, für die ich dann erst die theoretischen Gründe aufsuchte.
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">(6)</a>
+Zum Unterschiede von der topischen (<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">hypochondria abdominalis</span>).
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">(7)</a>
+Selbst bei wirklichen Krankheiten müssen wir wohl unterscheiden, die
+Krankheit und das Gefühl der Krankheit. &ndash; Das letztere übertrifft mehrenteils
+die erste bei weitem; ja man kann behaupten, man würde die eigentliche
+Krankheit, die oft nur in einer örtlich gestörten Verrichtung eines oft unbedeutenden
+Teiles besteht, gar nicht bemerken, wenn nicht die dadurch erregte
+allgemeine Unlust und Unbehaglichkeit, oder unangenehmen Gefühle und
+Schmerzen, unsern Zustand höchst peinlich machten. Die Gefühle aber, diese
+Einwirkung der Krankheit auf das Ganze, stehen großenteils in unserer Gewalt.
+Eine schwache, verweichlichte Seele, eine dadurch erhöhte Empfindlichkeit,
+wird dadurch völlig übermannt, ein starker, abgehärteter Geist weiset sie
+zurück und unterdrückt sie. &ndash; Jedermann gibt zu, daß es möglich ist, durch
+ein unerwartetes Ereignis, durch eine angenehme Zerstreuung, genug durch
+etwas, was die Seele stark von sich abzieht, sein körperliches Leiden zu vergessen.
+&ndash; Warum sollte dies nun nicht der eigne feste Wille, die eigne Seelenkraft
+selbst bewirken können?&nbsp;&ndash;
+</p>
+<p>
+Das größte Mittel gegen Hypochondrie und alle eingebildete Übel, ist in
+der That das Objektivieren seiner selbst, so wie die Hauptursache der Hypochondrie
+und ihr eigentliches Wesen nichts anders ist, als das Subjektivieren
+aller Dinge, das heißt, daß das physische Ich die Herrschaft über alles erhalten
+hat, der alleinige Gedanke, die fixe Idee wird, und alles andere unter
+diese Kategorie bringt. &ndash; Ich habe daher immer gefunden, daß, je praktisch-thätiger
+das Leben eines Menschen ist, das heißt, je mehr es ihn immer nach
+außen zieht, desto sicherer ist er für Hypochondrie. Den besten Beweis geben
+uns die praktischen Ärzte. Sie sind unaufhörlich mit Krankheiten beschäftigt,
+und Krankheit, Übelbefinden wird zuletzt der herrschende Gegenstand ihres
+Denkens. Hier sollte also sehr leicht dasselbe auch der herrschende Gegenstand
+ihres Ichs werden, und es müßten folglich alle Ärzte endlich hypochondrisch
+werden. &ndash; Und dennoch sehen wir, daß gerade praktische Ärzte fast nie an
+Hypochondrie leiden. &ndash; Warum? Weil sie sich von Anfang an gewöhnen,
+alle Übel zu objektivieren, wodurch sie am Ende dahin gelangen, sich selbst
+und ihre eignen Übel zu objektivieren, sie von ihrem wahren Ich zu trennen
+und zum Gegenstand der Außenwelt und der Kunst zu machen. &ndash; Denn
+das wahre Ich wird nie krank.
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">(8)</a>
+Die naturgemäßeste Einteilung des Tages bleibt gewiß diese: Acht
+Stunden der Arbeit, acht Stunden der Ruhe und acht Stunden der Nahrung,
+körperlichen Bewegung, Gesellschaft und Aufheiterung.
+</p>
+
+<p class="right"><ins title="H">H.</ins></p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">(9)</a>
+Es ist ein ganz unrichtiges Vorgeben, daß, was die Stärke im Gebrauch
+seiner äußern Gliedmaßen betrifft, es bloß auf die Übung und wie man
+früh gewöhnt worden, ankomme, welche von beiden Seiten des Körpers die
+stärkere oder schwächere sein solle; ob im Gefechte mit dem rechten oder linken
+Arm der Säbel geführt, ob sich der Reiter im Steigbügel stehend von der
+rechten zur linken oder umgekehrt aufs Pferd schwinge &amp;c. Die Erfahrung
+lehrt aber, daß, wer sich am linken Fuße Maß für seine Schuhe nehmen
+läßt, wenn der Schuh dem linken genau anpaßt, er für den rechten zu enge
+sei, ohne daß man die Schuld davon den Eltern geben kann, die ihre Kinder
+nicht besser belehrt hätten; so wie der Vorzug der rechten Seite vor der linken
+auch daran zu sehen ist, daß der, welcher über einen tiefen Graben schreiten
+will, den linken Fuß ansetzt und mit dem rechten überschreitet: widrigen Falls
+er in den Graben zu fallen Gefahr läuft. Daß der preußische Infanterist
+geübt wird mit dem linken Fuße anzutreten, widerlegt jenen Satz nicht, sondern
+bestätigt ihn vielmehr; denn er setzt diesen voran, gleich als auf ein
+Hypomochlium, um mit der rechten Seite den Schwung des Angriffs zu
+machen, welchen er mit der rechten gegen die linke verrichtet.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">(10)</a>
+Unglaublich ist es, was der Mensch vermag, auch im Physischen, durch
+die Kraft des festen Willens; und so auch durch die Not, die oft allein einen
+solchen festen Willen hervorzubringen vermag. Woher kömmt es, daß die
+arbeitende, durch Not oder Pflicht zur Arbeit getriebene, Klasse viel weniger
+kränkelt, als die müßiggehende? Hauptsächlich daher, daß jene keine Zeit
+hat krank zu sein und also eine Menge Anwandelungen von Krankheiten
+übergeht, das heißt, in der Arbeit sie vergißt und dadurch wirklich überwindet
+und aufhebt, statt daß der Müßige, den Gefühlen nachgebend und sie
+pflegend, dadurch oft den Keim erst zu Krankheiten ausbildet.
+</p>
+<p>
+Wie oft habe ich diese Erfahrung in meinem Berufsleben an mir selbst
+gemacht, und welcher Pflicht- und Berufsmensch hat sie nicht gemacht! &ndash;
+Wie oft glaubte ich früh nicht im stande zu sein, wegen körperlicher Beschwerden
+das Zimmer zu verlassen &ndash; die Pflicht rief zum Krankenbett oder
+aufs Katheder, und so sauer es anfangs wurde, nach einiger Zeit der Anstrengung
+war das Übel vergessen, der Geist siegte über den Leib, und die
+Gesundheit war <ins title="wiederhergestellt">wiederhergestellt.</ins>
+</p>
+<p>
+Ja am auffallendsten zeigte sich die Kraft des Geistigen bei ansteckenden
+und epidemischen Krankheiten. Es ist eine ausgemachte Erfahrungssache, daß
+die, welche guten Mut haben, sich nicht fürchten und ekeln, am wenigsten
+angesteckt werden. Aber daß eine schon wirklich geschehene Ansteckung noch
+durch freudige Exaltation des Geistes wieder aufgehoben werden könne, davon
+bin ich selbst ein Beispiel. &ndash; Ich hatte in dem Kriegsjahre 1807, wo in
+Preußen ein pestartiges Faulfieber herrschte, viele solche Kranke zu behandeln
+und fühlte eines Morgens bei dem Erwachen alle Zeichen der Ansteckung,
+Schwindel, Kopfbetäubung, Zerschlagenheit der Glieder, genug alle Vorboten,
+die bekanntlich mehrere Tage dauern können, ehe die Krankheit wirklich ausbricht.
+&ndash; Aber die Pflicht gebot; andere waren kränker als ich. Ich beschloß,
+meine Geschäfte wie gewöhnlich zu verrichten und mittags einem frohen
+Mahle beizuwohnen, wozu ich eingeladen <ins title="war">war.</ins> Hier überließ ich mich einige
+Stunden ganz der Freude und dem lauten Frohsinn, der mich umgab, trank
+absichtlich mehr Wein wie gewöhnlich, ging mit einem künstlich erregten
+Fieber nach Hause, legte mich zu Bett, schwitzte die Nacht hindurch reichlich
+und war am andern Morgen völlig hergestellt.
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">(11)</a>
+Studierende können es schwerlich unterlassen, in einsamen Spaziergängen
+sich mit Nachdenken selbst und allein zu unterhalten. Ich habe es aber an
+mir gefunden und auch von andern, die ich darum befrug, gehört: daß das
+angestrengte Denken im Gehen geschwinde matt macht; dagegen, wenn man
+sich dem freien Spiel der Einbildungskraft überläßt, die Motion restaurierend
+ist. Noch mehr geschieht dieses, wenn bei dieser mit Nachdenken verbundenen
+Bewegung zugleich Unterredung mit einem andern gehalten wird, so, daß
+man sich bald genötigt sieht das Spiel seiner Gedanken sitzend fortzusetzen. &ndash;
+Das Spazieren im Freien hat gerade die Absicht durch den Wechsel der Gegenstände
+seine Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen abzuspannen.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">(12)</a>
+Sollte auch nicht die atmosphärische Luft, wenn sie durch die Eustachische
+Röhre (also bei geschlossenen Lippen) zirkuliert, dadurch, daß sie auf diesem
+dem Gehirn naheliegenden Umwege Sauerstoff absetzt, das erquickende Gefühl
+gestärkter Lebensorgane bewirken, welches dem ähnlich ist, als ob man
+Luft trinke; wobei diese, ob sie zwar keinen Geruch hat, doch die Geruchsnerven
+und die denselben naheliegende einsaugende Gefäße stärkt? Bei manchem
+Wetter findet sich dieses Erquickliche des Genusses der Luft nicht; bei andern
+ist es eine wahre Annehmlichkeit sie auf seiner Wanderung mit langen Zügen
+zu trinken: welches das Einatmen mit offenem Munde nicht bewährt. &ndash;&nbsp;&ndash;
+Das ist aber von der größten diätetischen Wichtigkeit, den Atemzug durch die
+Nase bei geschlossenen Lippen sich so zur Gewohnheit zu machen, daß er selbst
+im tiefsten Schlaf nicht anders verrichtet wird und man sogleich aufwacht, sobald
+er mit offenem Munde geschieht, und dadurch gleichsam aufgeschreckt
+wird; wie ich das anfänglich, ehe es mir zur Gewohnheit wurde auf solche
+Weise zu atmen, bisweilen erfuhr. &ndash; Wenn man genötigt ist stark oder
+bergan zu schreiten, so gehört größere Stärke des Vorsatzes dazu, von jener
+Regel nicht abzuweichen und eher seine Schritte zu mäßigen, als von ihr eine
+Ausnahme zu machen; ingleichen, wenn es um starke Motion zu thun ist,
+die etwa ein Erzieher seinen Zöglingen geben will, daß dieser sie ihre Bewegung
+lieber stumm als mit öfterer Einatmung durch den Mund machen
+lasse. Meine jungen Freunde (ehemalige Zuhörer) haben diese diätetische
+Maxime als probat und heilsam gepriesen und sie nicht unter die Kleinigkeiten
+gezählt, weil sie bloßes Hausmittel ist, das den Arzt entbehrlich macht.
+&ndash; Merkwürdig ist noch: daß, da es scheint, beim lange fortgesetzten Sprechen
+geschehe das Einatmen auch durch den so oft geöffneten Mund, mithin jene
+Regel werde da doch ohne Schaden überschritten, es sich wirklich nicht so verhält.
+Denn es geschieht doch auch durch die Nase. Denn wäre diese zu der
+Zeit verstopft, so würde man von dem Redner sagen, er spreche durch die
+Nase (ein sehr widriger Laut), indem er wirklich nicht durch die Nase spräche,
+und umgekehrt, er spreche nicht durch die Nase, indem er wirklich durch die
+Nase spricht: wie es Hr. Hofrat Lichtenberg launicht und richtig bemerkt &ndash;
+das ist auch der Grund, warum der, welcher lange und laut spricht (Vorleser
+oder Prediger), es ohne Rauhigkeit der Kehle eine Stunde lang wohl
+aushalten kann; weil nämlich sein Atemziehen eigentlich durch die Nase, nicht
+durch den Mund, geschieht, als durch welchen nur das Ausatmen verrichtet
+wird. &ndash; Ein Nebenvorteil dieser Angewohnheit des Atemzuges mit beständig
+geschlossenen Lippen, wenn man für sich allein wenigstens nicht im Diskurs
+begriffen ist, ist der: daß die sich immer absondernde und den Schlund befeuchtende
+Saliva hiebei zugleich als Verdauungsmittel (<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">stomachale</span>), vielleicht
+auch (verschluckt) als Abführungsmittel wirkt; wenn man fest genug
+entschlossen ist sie nicht durch üble Angewohnheit zu verschwenden.
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_13" href="#FNanchor_13" class="label">(13)</a>
+Ich halte sie für eine Gicht, die sich zum Teil aufs Gehirn geworfen hat.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_14" href="#FNanchor_14" class="label">(14)</a>
+Dies Resultat, so wenig tröstlich es ist, ist vollkommen richtig, sobald
+wir an das, was der Mensch im vollkommenen Sinn ist und sein soll,
+denken. Aber selbst das Beispiel des würdigen Herrn Verfassers gibt ja
+einen sprechenden Beweis, was der Mensch auch im Alter noch für andere
+sein kann, wenn die Vernunft immer, wie hier, seine oberste Gesetzgeberin
+war. &ndash; Und gesetzt auch, es fehlte ganz an dieser objektiven und bürgerlichen
+Existenz, sind uns nicht auch die Ruinen eines schönen und großen Gebäudes
+heilig und schätzbar? dienen sie uns nicht als Denkzeichen des Vergangenen,
+als Winke der Zukunft, als Lehre und Beispiel?
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_15" href="#FNanchor_15" class="label">(15)</a>
+Ich stimme in diese Klage des verehrten Verfassers (mit Ausnahme des
+grauen Papiers, woran es unsere Herren Verleger so schon nicht fehlen lassen)
+ganz mit ein, und bin überzeugt, daß der größte Teil der jetzt so auffallend
+läufiger werdenden Augenschwächen schon an und für sich in dem weit häufigern
+Lesen &ndash; besonders dem geschwind Lesen, was jetzt wegen der weit
+häufigern Zeitungen, Journale, und Flugschriften weit gewöhnlicher ist und
+die Augen unglaublich angreift &ndash; zu suchen sei und dadurch auch unbeschreiblich
+vermehrt wird, daß man beim Druck die Rücksicht auf die Augen
+immer mehr vernachlässigt, da sie vielmehr, weil nun einmal das Lesen zum
+allgemeinen Bedürfnis geworden ist, vermehrt werden sollte.
+</p>
+<p>
+Auch ich glaube, daß dabei die den Augen nachteiligsten Fehler dadurch
+begangen werden, wenn man auf nicht weißes Papier, mit grauer Schwärze,
+mit zu kleinen, oder mit zu zarten, zu wenig Körper habenden, Lettern druckt;
+und ich mache es daher jedem Autor, Verleger und Drucker zur heiligen
+Pflicht, das Augenwohl ihrer Leser künftig besser zu bedenken. Besonders
+ist die blasse Farbe der Buchstaben äußerst nachteilig, und es ist unverzeihlich,
+daß es Drucker so häufig aus elender Gewinnsucht oder Bequemlichkeit darinnen
+fehlen lassen.
+</p>
+<p>
+Je größer der Abstand der Buchstabenfarbe von der Farbe des Papiers
+ist, desto leichter faßt das Auge das Bild, und desto weniger greift dieses
+Auffassen, das Lesen, die Augen an. &ndash; Also recht weißes Papier und recht
+schwarze Buchstaben sind es, <ins title="warum">worum</ins> ich die deutschen Herrn Buchhändler und
+Buchdrucker im Namen des lesenden Publikums recht angelegentlich bitte. &ndash;
+Mögen sie es zur Ehre der deutschen Nation thun, denn wie schön zeichnen
+sich darin die ausländischen Drucke gegen die meisten deutschen aus! Mögen
+sie es zu Bewahrung ihres Gewissens thun, denn sie versündigen sich in der
+That, indem sie unbewußt Ursache der überhandnehmenden Augenschwäche
+und Blindheit werden!
+</p>
+<p>
+Was aber die lateinischen Lettern als Augenverderber betrifft, so bitte ich
+um Erlaubnis, darin andrer Meinung zu sein, und zwar aus folgenden
+Gründen:
+</p>
+<p>
+1) Daß diese Lettern an und für sich den Augen nicht nachteiliger sind,
+als unsre deutschen, erhellt daraus, weil sonst in England, Frankreich und
+andern Ländern, wo man sich ihrer bedient, die Augenfehler häufiger sein
+müßten, als bei uns, welches aber nicht der Fall ist.
+</p>
+<p>
+2) Wenn sie also einen Deutschen, der gewohnt ist deutsch zu lesen, etwas
+mehr anzugreifen scheinen, so liegt die Ursache bloß darin, weil er sie nicht
+gewohnt ist, und das Angreifende verliert sich, sobald er sich daran gewöhnt
+hat, und fällt ganz weg, wenn wir gleich von Jugend auf an diese Lettern
+gewöhnt werden.
+</p>
+<p>
+3) Daß diese Lettern, wenn sie klein oder zu mager sind, die Augen angreifen,
+ist wahr, aber dasselbe gilt auch von den deutschen, und ich halte es
+daher für äußerst nötig, bei der lateinischen Schrift größere oder fettere Typen
+zu nehmen; welches auch der einzige Grund war, warum ich sie bei der
+Makrobiotik von dieser Beschaffenheit wählete, ohnerachtet man hie und da
+darin einen Grund zum Tadel gefunden hat, &ndash; ein Beweis, daß man gerade
+dann, wenn man fürs Publikum sorgt, oft am meisten verkannt werden kann.
+</p>
+<p>
+Ich finde also keinen medizinischen Gegengrund, der mich von ihrem Gebrauch
+abhalten sollte; vieles aber, was mir ihren Gebrauch anriet und mich
+dahin gebracht hat, sie häufig zu wählen. Zuerst nämlich glaube ich, daß
+unsere Litteratur und Sprache dann ungleich mehr Eingang in andre Länder
+finden wird, wenn wir lateinisch drucken, denn viele Ausländer schreckt schon
+das Fremde und Unverständliche der Typen ab, und man wird sich gewiß
+schwerer zu Erlernung einer Sprache entschließen, wenn man selbst erst die
+Form der Lettern studieren <ins title="muß">muß.</ins> Ich glaube daher, es würde ungemein
+viel zur litterarischen Verbindung Europens und zur Beförderung der allgemeinen
+Gelehrtenrepublik beitragen, wenn wir uns endlich eben der Typen
+bedienten, die die aufgeklärtesten Nationen angenommen haben, und ich glaube,
+es muß am Ende dahin kommen. England, selbst Italien, bedienten sich ja
+noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts unserer Mönchsschrift und haben
+sie dennoch ganz verlassen, welches zugleich beweist, daß wir nicht einmal
+deutsche Originalität daran finden können. &ndash; Dazu kommt nun noch der
+Grund, daß bei scientifischen, besonders medizinischen, Büchern, wo viel lateinische
+<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Termini technici</span> vorkommen, ein großer Übelstand fürs Auge entsteht,
+wenn die deutsche Schrift alle Augenblicke durch lateinische unterbrochen
+wird, oder dadurch ein noch schlimmeres Übel bewirkt wird, daß man diese
+<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Termini technici</span> ins Deutsche übersetzt, wodurch sie nun vollends den Ausländern
+ganz, und selbst den Deutschen aus einer andern Provinz zum Teil,
+unverständlich werden, und sie wirklich den Vorzug verlieren, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Termini technici</span>
+zu sein.
+</p>
+<p>
+Ich gebe zu, daß manche ungeübte Leser für jetzt lateinische Lettern ungern,
+ja wohl gar nicht lesen; dies gilt aber nicht von scientifischen Schriften.
+Man mag also bei Schriften für die niedern Klassen noch deutsche Lettern
+gebrauchen, bei allen gebildeten Ständen beiderlei Geschlechts ist das aber
+schon jetzt nicht mehr nötig.
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_16" href="#FNanchor_16" class="label">(16)</a>
+Unter den krankhaften Zufällen der Augen (nicht eigentlichen Augenkrankheiten)
+habe ich die Erfahrung von einem, der mir zuerst in meinen
+vierziger Jahren einmal, späterhin, mit Zwischenräumen von einigen Jahren,
+dann und wann, jetzt aber in einem Jahre etlichemal begegnet ist, gemacht;
+wo das Phänomen darin besteht: daß auf dem Blatt, welches ich lese, auf
+einmal alle Buchstaben verwirrt und durch eine gewisse über dasselbe verbreitete
+Helligkeit vermischt und ganz unleserlich werden: ein Zustand, der
+nicht über 6 Minuten dauert, der einem Prediger, welcher seine Predigt vom
+Blatte zu lesen gewohnt ist, sehr gefährlich sein dürfte, von mir aber in
+meinem Auditorium der Logik oder Metaphysik, wo nach gehöriger Vorbereitung
+im freien Vortrage (aus dem Kopfe) geredet werden kann, nichts als
+die Besorgnis entsprang, es möchte dieser Zufall der Vorbote vom Erblinden
+sein; worüber ich gleichwohl jetzt beruhigt bin: da ich bei diesem jetzt öfterer
+als sonst sich ereignenden Zufalle an meinem einen gesunden Auge (denn das
+linke hat das Sehen seit etwa 5 Jahren verloren) nicht den mindesten Abgang
+an Klarheit verspüre. &ndash; Zufälligerweise kam ich darauf, wenn sich jenes
+Phänomen ereignete, meine Augen zu schließen, ja um noch besser das äußere
+Licht abzuhalten, meine Hand darüber zu legen, und dann sahe ich eine hellweiße
+wie mit Phosphor im Finstern auf einem Blatt verzeichnete Figur,
+ähnlich der, wie das letzte Viertel im Kalender vorgestellt wird, doch mit
+einem auf der konvexen Seite ausgezackten Rande, welche allmählich an
+Helligkeit verlor und in obbenannter Zeit verschwand. &ndash; Ich möchte wohl
+wissen: ob diese Beobachtung auch von andern gemacht und wie diese Erscheinung,
+die wohl eigentlich nicht in den Augen, &ndash; als bei deren Bewegung
+dies Bild nicht zugleich mit bewegt, sondern immer an derselben Stelle gesehn
+wird &ndash; sondern im <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Sensorium commune</span> ihren Sitz haben dürfte, zu
+erklären sei<a name="FNanchor_17" href="#Footnote_17" class="fnanchor">(17)</a>. Zugleich ist es seltsam, daß man ein Auge (innerhalb einer
+Zeit, die ich etwa auf 3 Jahre schätze) einbüßen kann, ohne es zu vermissen.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_17" href="#FNanchor_17" class="label">(17)</a>
+Dieser Fehler des Sehens kommt allerdings mehr vor, und gehört
+unter die allgemeine Rubrik: <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Visus confusus s. perversus</span>, weil
+er noch eben keinen Mangel der Sehkraft, sondern nur eine Abalienation
+derselben beweist. Ich selbst habe es zuweilen periodisch gehabt, und
+der vom Hrn. Hofr. Herz im Journal d. pr. Heilk. beschriebne falsche
+Schwindel hat viel <ins title="Ähnliches">Ähnliches.</ins> Mehrenteils ist eine vorübergehende
+Reizung die Ursache, z.&nbsp;B. Blutreiz, Gichtreiz, gastrische Reize, oder
+auch Schwäche.
+</p>
+
+<p class="right">H.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_14">Seite 14</a>:<br/>
+ohne <span class="correction">eine</span> bestimmtes Objekt, mutlos zu überlassen &ndash; mithin<br/>
+ohne <span class="correction">ein</span> bestimmtes Objekt, mutlos zu überlassen &ndash; mithin
+</li>
+<li><a href="#Page_15">Seite 15</a>:<br/>
+ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie <span class="correction">ihm</span> nichts anginge) und<br/>
+ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie <span class="correction">ihn</span> nichts anginge) und
+</li>
+<li><a href="#Page_19">Seite 19</a>:<br/>
+Im gesunden Zustande und <span class="correction">des</span> Jugend ist es das Geratenste<br/>
+Im gesunden Zustande und <span class="correction">der</span> Jugend ist es das Geratenste
+</li>
+<li><a href="#Footnote_1">Fußnote 1</a>:<br/>
+<span class="correction">H</span><br/>
+<span class="correction">H.</span>
+</li>
+<li><a href="#Footnote_8">Fußnote 8</a>:<br/>
+<span class="correction">H</span><br/>
+<span class="correction">H.</span>
+</li>
+<li><a href="#Footnote_10">Fußnote 10:</a><br/>
+Gesundheit war <span class="correction">wiederhergestellt</span><br/>
+Gesundheit war <span class="correction">wiederhergestellt.</span>
+</li>
+<li><a href="#Footnote_10">Fußnote 10:</a><br/>
+Mahle beizuwohnen, wozu ich eingeladen <span class="correction">war</span> Hier überließ ich mich einige<br/>
+Mahle beizuwohnen, wozu ich eingeladen <span class="correction">war.</span> Hier überließ ich mich einige
+</li>
+<li><a href="#Footnote_15">Fußnote 15:</a><br/>
+schwarze Buchstaben sind es, <span class="correction">warum</span> ich die deutschen Herrn Buchhändler und<br/>
+schwarze Buchstaben sind es, <span class="correction">worum</span> ich die deutschen Herrn Buchhändler und
+</li>
+<li><a href="#Footnote_15">Fußnote 15:</a><br/>
+Form der Lettern studieren <span class="correction">muß</span> Ich glaube daher, es würde ungemein<br/>
+Form der Lettern studieren <span class="correction">muß.</span> Ich glaube daher, es würde ungemein
+</li>
+<li><a href="#Footnote_17">Fußnote 17:</a><br/>
+Schwindel hat viel <span class="correction">Ähnliches</span> Mehrenteils ist eine vorübergehende<br/>
+Schwindel hat viel <span class="correction">Ähnliches.</span> Mehrenteils ist eine vorübergehende
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Von der Macht des Gemüts, durch de
+ bloßen Vorsatz seiner krankhaften, by Immanuel Kant
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER MACHT DES GEMÜTS ***
+
+***** This file should be named 38295-h.htm or 38295-h.zip *****
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
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+
+
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+will be renamed.
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+Literary Archive Foundation
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+particular state visit http://pglaf.org
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+works.
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+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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