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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:09:08 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Rübezahl, by Rosalie Koch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Rübezahl
+ Neue Sammlung der schönsten Sagen und Märchen von dem
+ Berggeiste im Riesengebirge
+
+Author: Rosalie Koch
+
+Illustrator: P. Mohn
+
+Release Date: November 6, 2011 [EBook #37940]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÜBEZAHL ***
+
+
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+Rübezahl.
+
+Neue Sammlung
+der
+schönsten Sagen und Märchen
+
+von dem
+
+Berggeiste im Riesengebirge.
+
+Von
+Rosalie Koch.
+
+Zehnte Auflage.
+
+Mit Illustrationen in Farbendruck und in Holzschnitt
+nach Originalen von
+Professor P. Mohn.
+
+Berlin.
+Winckelmann & Söhne.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+Einleitung
+Woher Rübezahl seinen Namen hat
+Der Kräutersammler
+Die Musterreiter
+Der Meckerfriede
+Die Anleihe
+Der Wundertaler
+Der Goldmacher
+Rübezahl straft einen Spötter
+Die Perücken
+Mutter Else
+Glücks-Männlein
+Die drei besten Menschen
+Der böse Vogt
+Rübezahl straft einen Unwissenden
+Wie Rübezahl vor Prellerei warnt
+Rübezahl betrügt die Geldmäkler
+Die Springwurzel
+Der gefundene Esel
+Der Spieler
+Rübezahl und der Schneider
+Rübezahl und der lügenhafte Knecht
+Der reiche Bäcker
+Das Zauberbuch
+Wie Rübezahl einem Bauer hilft
+Der kleine Peter
+Die Reise nach Karlsbad
+Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft
+Das Rad
+Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt
+Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden
+Rübezahl macht einem Förster einen Zopf
+Der alte Schäfer
+Die drei Tischlergesellen
+Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen
+Der Wanderstab
+Die gefärbten Badegäste
+Der verzauberte Stab
+Der böse Edelmann
+Grünmantel
+Rübezahl. Schauspiel in einem Akt
+
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+Einleitung.
+
+
+Das Riesengebirge, das euch, meine jungen Freunde, aus der geographischen
+Lehrstunde wohl bekannt ist, ja welches einzelne von euch schon besucht
+haben, ist derjenige Teil der Sudeten des preußischen Staates, wo sie am
+höchsten und engsten verbunden sind und Schlesien von Böhmen und Mähren
+scheiden. Die hervorragenden Spitzen derselben sind von ansehnlicher Höhe,
+die Riesen-, auch Schneekoppe genannt, welche 1605 m über dem Meeresspiegel
+liegt; ferner der Reifträger, das hohe Rad und die Sturmhaube; auch haben
+starke Flüsse, z. B. die Elbe und der Bober, ihren Ursprung zwischen
+felsigen Höhen. -- Dort nun war ehemals der Aufenthalt eines mächtigen
+Berggeistes. Sein Gebiet umschrieb auf der Oberfläche des Riesengebirges
+nur wenige Meilen, breitete sich aber im Innern desselben desto weiter und
+tiefer aus. Der Gnom herrschte oft jahrhundertelang still in seinem
+unterirdischen Reiche, und erhob sich nur selten auf die Oberwelt, um dort
+sein Wesen zu treiben.
+
+Zur Zeit, als noch kein menschlicher Fußtritt das verkümmerte Knieholz und
+die spärliche Vegetation der Berge betrat, ehe die Gegend bewohnt war,
+begnügte sich der Herr der Riesenberge damit, wilde Tiere aufeinander zu
+hetzen, oder sie aus ihrem Lager aufzuschrecken, und sie in wilder Jagd
+durch das Gehölz zu treiben.
+
+Als er aber nach langer Zeit wieder einmal das Tageslicht der Oberwelt
+aufsuchte, fand er zu seinem Erstaunen alles so sehr verändert, daß er fast
+sein eigenes Gebiet nicht wiedererkannte. Grünes Saatenfeld erhob sich, wo
+früher ein finsterer Wald gestanden hatte, und auf Wiesen weideten Schafe
+und Rinder, unter der Obhut singender Hirten und schützender Hunde. Da
+lagen einzelne Hütten in den Tälern, aus deren Schornsteinen der Rauch
+lustig emporstieg und vor deren Türen muntere Kinder spielten, mit
+fröhlichem Geschrei. Der Gnom wunderte sich nicht wenig über diese neuen
+Erscheinungen; seine größte Aufmerksamkeit aber erregten die Gestalten der
+Menschen, die er nie zuvor gesehen hatte. Seine Neugier ward rege, und er
+beschloß, diese fremden Wesen näher kennen zu lernen, indem er ihre Gestalt
+annahm und einige Zeit unter ihnen lebte.
+
+Zuerst trat er als Knecht in die Dienste eines Landwirtes und verrichtete
+seine Arbeit aufs beste. Was er unternahm, das gelang, und er schaffte
+seinem Herrn so großen Nutzen, daß dieser leicht ein reicher Mann hätte
+werden können. Aber er war ein Verschwender und verjubelte leichtsinnig
+alles, was der fleißige und geschickte Knecht erwarb, dem er für seine
+treuen Dienste nicht einmal dankte. Darüber ward denn der Berggeist
+ärgerlich und suchte sich einen andern Herrn, bei dem er sich als Schafhirt
+vermietete. Und wieder gedieh unter seiner Aufsicht die Herde aufs beste;
+kein Schaf erkrankte, keins zerriß der Wolf, solange der Gnom sie hütete.
+Aber der Herr war ein Geizhals, der niemals genug hatte, dem treuen Knechte
+kaum satt zu essen gab und ihm, so oft er konnte, den bedungenen Lohn
+verkürzte. Darum ging dieser auch bald wieder aus diesem Dienst und kam als
+Gerichtsdiener zu einem Amtmann. Er versah auch diesen Dienst mit allem
+Eifer, und in kurzer Zeit war im ganzen Kreise kein Dieb oder Straßenräuber
+mehr zu finden. Als aber der Berggeist sah, daß der Amtmann ein ungerechter
+Richter war, der sich durch Geschenke und Schmeicheleien bestechen ließ,
+mochte er ihm nicht länger dienen und lief davon. Da er nun durch Zufall an
+lauter schlechte Menschen geraten war, glaubte der Gnom, daß sie alle nicht
+anders wären, und ohne Lust, weitere Proben davon zu machen, nahm er sich
+vor, so weit sein Gebiet reichte, die Menschen zu necken und zu plagen,
+damit sie sich wenigstens aus dieser Gegend entfernen sollten. Später
+freilich sah er auch diesen Irrtum ein und lernte manchen tugendhaften und
+guten Menschen kennen und schätzen und hat denn auch, wie wir sehen werden,
+mit seinen Zauberkünsten manchem armen Schelm aus der Not geholfen.
+
+Wenn er nun wieder von Zeit zu Zeit die Oberwelt besuchte, neckte er die
+Reisenden und mischte sich in ihre Geschäfte. Er leitete die Fremden irre,
+die sein Gebiet betraten oder trieb Regenwolken zusammen, um sie durch
+Sturm und Gewitter zu erschrecken. Er stellte oft in der ödesten Gegend ein
+Wirtshaus, oder einen wundervollen Palast auf und äffte die hungrigen und
+ermüdeten Wanderer auf alle Weise damit. Wenn betrügerische Roßtäuscher
+sein Gebiet betraten, zeigte er sich nicht selten auf einem schönen Pferde
+als ein vornehmer Herr; ließen sie sich nun verleiten, ihm das Roß
+abzukaufen und ritten weiter damit, so verwandelte es sich nach kurzer Zeit
+in einen Strohwisch. -- Traf er dagegen einen unbemittelten Edelmann, der
+auf einem mageren Klepper traurig durch das Gebirge ritt, so kam er ihm
+wohl als ein stattlicher Reiter entgegen, ließ sich in irgend ein Gespräch
+mit ihm ein, und suchte ihn zu irgend einer Wette zu veranlassen. Er selbst
+verlor dann, und gab dem glücklichen Gewinner sein schönes Pferd, steckte
+ihm auch wohl noch heimlich eine Rolle mit Gold in die Tasche.
+
+Solche Vorfälle wurden aber bald bekannt, und lockere Burschen oder
+Abenteurer, die davon hörten, suchten nun die Wohltätigkeit des Berggeistes
+auf ähnliche Weise in Anspruch zu nehmen. Aber da wurden sie empfindlich
+getäuscht; wenn sie auch glücklich das Pferd erlisteten, so verwandelte es
+sich doch bald genug in einen dürren Stock, auf dem sie immer weiter
+ritten, ohne es zu bemerken und zum Gespött in Stadt und Land wurden, wohin
+sie kamen.
+
+So trieb er sein Wesen oberhalb des Gebirges, bald als neckender Spuk, bald
+als Wohltäter der Armen, je nachdem seine Laune eben war. Die Märchen,
+welche über den Berggeist Rübezahl noch im Munde des Volkes fortleben,
+findet ihr, meine jungen Leser, hier größtenteils gesammelt und neu
+bearbeitet. Die Autoren, von denen ein Teil derselben entnommen worden,
+sind: _Musäus, Lehnert_ u. a. m.
+
+
+
+
+
+Woher Rübezahl seinen Namen hat.
+
+
+Unsichtbar schlich der Berggeist einmal von seinem Felsen ins Tal hinab,
+und lustwandelte zwischen grünem Gesträuch und blühenden Hecken. Da
+gewahrte er die Gestalt eines überaus lieblichen Mädchens, welches die
+Tochter eines Fürsten war, der im schlesischen Gebirge herrschte, und die
+sich mit ihren Gespielinnen ins Gras gelagert hatte. Sie pflegte oft mit
+den Jungfrauen ihres Hofes in diesen Büschen zu lustwandeln, für ihren
+Vater Erdbeeren zu pflücken oder Wohlgeruch duftende Kräuter und Blumen zu
+sammeln. »Ei,« dachte der Berggeist, »dies schöne, heitere Wesen wär' eine
+gar erfreuliche Gesellschaft in meinem einsamen Reiche,« -- und alsbald
+entführte er als ein Sturmwind die schöne Emma, indem er die Augen der
+Gespielinnen durch Staub und Sand blendete, die nun mit ihrem Wehklagen
+Berg und Tal erfüllten und ohne Unterlaß nach der geraubten Prinzessin
+suchten.
+
+Der König, ihr Vater, war sehr betrübt darüber, nahm die goldene Krone von
+seinem Haupte und verhüllte sein weinendes Angesicht in den Purpurmantel.
+
+Am traurigsten aber war die Prinzessin selbst, als sie sich plötzlich in
+dem Palaste des Berggeistes befand, den er im Augenblicke aufgebaut und mit
+soviel Reichtum und Glanz ausgeschmückt hatte, wie es die Königstochter
+selbst am Hofe ihres Vaters nicht gesehen. Sie selbst war auf das
+kostbarste gekleidet, und eine ganze Reihe Kisten und Schränke standen mit
+allerlei Putz und Schmuck für sie angefüllt. Ein schöner Lustgarten umgab
+den Palast von drei Seiten, die Obstbäume darin trugen purpurrote und
+goldene Früchte, und auf den Rasenplätzen, die von den seltensten Blumen
+eingefaßt waren, lag der erquickendste Schatten. Der Berggeist, bemüht, daß
+es seinem schönen Gaste gefallen solle, ernannte die Prinzessin zur
+unumschränkten Herrin dieser Besitzung und folgte jedem ihrer Winke wie
+einem Befehl. Aber bei alledem fühlte sich Emma doch unglücklich, denn sie
+sehnte sich nach ihrem Vater und ihren Gespielinnen zurück.
+
+Der Gnom bemerkte bald die Traurigkeit der holden Prinzessin und dachte: Es
+mangelt ihr nur an Unterhaltung, denn der Mensch ist an Geselligkeit
+gewöhnt, gleich der Biene und Ameise. Und flugs ging er hinauf aufs Feld,
+zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich
+geflochtenen Korb und brachte sie der Prinzessin.
+
+»Holde Erdentochter,« redete er sie an, »du sollst nun nicht länger einsam
+sein; in diesem Korbe ist alles enthalten, was du bedarfst, um diesen
+einsamen Ort zu beleben. Nimm diesen kleinen, buntgeschälten Stab, berühre
+eine dieser Rüben damit und gib ihr diejenige Gestalt, welche dir gefällt.«
+Darauf verließ er die Prinzessin.
+
+Diese zögerte keinen Augenblick, von dem Zauberstabe Gebrauch zu machen.
+»Brinhild!« rief sie, »meine liebe Brinhild, erscheine!« und alsbald
+umschlang die Gerufene ihre Knie und liebkoste die holde Gebieterin mit
+Tränen der Freude. Emma überließ sich nun ganz dem Glück, ihre liebste
+Gespielin um sich zu haben; sie lustwandelte Hand in Hand mit ihr durch den
+Garten, brach von den köstlichsten Früchten für sie, dann zeigte sie ihr
+die schönen Kleider, die Ketten und Spangen von Gold und Edelsteinen und
+vergaß über Brinhildes Bewunderung fast allen Harm.
+
+Nun verwandelte Prinzessin Emma auch noch die übrigen Rüben durch den
+Zauberstab, so daß sie wieder ihre Kammerfrauen und sogar ihre Cyperkatze
+und ihr Hündchen um sich hatte. Wie sie so ihren alten Hofstaat um sich
+versammelt sah, war sie wohl zufrieden mit dem Berggeiste und zeigte ihm
+zum erstenmale ein freundliches Gesicht. Aber ihr Glück war von kurzer
+Dauer, denn nur zu bald bemerkte Emma, daß die blühende Gesichtsfarbe ihrer
+Gesellschafterinnen erbleichte und sie nur noch die einzige frische Rose
+unter den abwelkenden Jungfrauen war. Ja eines Morgens, als Emma klingelte,
+kamen an Stäben und Krücken statt der Kammerfrauen lauter alte Matronen ins
+Zimmer gehumpelt, die zitterten und husteten, daß es traurig anzusehen war;
+das Lieblingshündchen selbst lag im Verscheiden, und die Cyperkatze konnte
+nicht mehr kriechen vor Schwäche. Bestürzt verließ die Prinzessin diese
+unheimliche Gesellschaft, trat auf den Söller hinaus und rief den Gnom, der
+auch sogleich erschien.
+
+»Was hast du mit meinen Gespielinnen und Kammerfrauen gemacht, boshafter
+Geist!« redete sie ihn zornig an; »mißgönnest du mir diese einzige Freude
+in der schrecklichen Gefangenschaft, in der du mich hältst? Wenn du ihnen
+nicht sogleich Jugend und Wohlgestalt zurückgibst, will ich nicht aufhören,
+dich mit meinem Haß zu verfolgen, und nicht eher sollst du mein Angesicht
+sehen.«
+
+»Zürne nicht,« bat der Berggeist, »ich kann das Unmögliche bei aller meiner
+Kraft nicht erfüllen. Solange noch Saft in den Rüben war, konntest du durch
+den magischen Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln, nun
+dieser aber vertrocknet ist, müssen die verwandelten Gestalten nach den
+Gesetzen der Natur verwelken, die ich nicht abändern kann. Aber bekümmere
+dich deshalb nicht zu sehr, schöne Emma, ich will dir sogleich andere Rüben
+bringen, mit denen du deinen Hofstaat schnell wieder ersetzen kannst. Gib
+indes der Natur ihre Geschenke wieder zurück.«
+
+Der Gnom entfernte sich eilig, und Emma nahm den bunten Stab zur Hand,
+berührte die alten Matronen mit dem umgekehrten Ende desselben und warf
+dann die vertrockneten Rüben, in welche sie sich wieder verwandelt hatten,
+in einen Winkel. Nun eilte sie, so schnell sie konnte, zu ihrem
+Lieblingsplatze, einer grünen Rasenstelle im Garten, um den frisch
+gefüllten Korb von dem Berggeiste wieder in Empfang zu nehmen. Aber da kam
+ihr der Gnom schon mit sichtbarer Verlegenheit entgegen und sagte ganz
+bestürzt:
+
+»Ich habe dir voreilig mehr versprochen, als ich nun zu halten imstande
+bin; das ganze Land habe ich durchstreift, um noch einen Rübenacker zu
+finden, aber überall, sind sie schon eingeerntet und verwelken in dumpfigen
+Kellern. Obgleich es hier in deiner Nähe Frühling ist, so ist doch das Tal
+unten mit Eis und Schnee bedeckt, und du mußt noch drei Monate warten, bis
+ich dein Verlangen und mein Versprechen erfüllen kann.« --
+
+Da drehte ihm die Prinzessin zornig den Rücken und verschloß sich traurig
+in ihre Zimmer; der Gnom bekam ihr Angesicht nicht mehr zu sehen, so sehr
+er auch bat. Er begab sich nun als Pachter verkleidet nach Schmiedeberg,
+kaufte dort auf dem Markte einen Esel und belud ihn mit Säcken voll
+Rübensamen, damit er einen ganzen Morgen Land besäen konnte. Nun bestellte
+er den Acker, und seine dienstbaren Geister mußten ein unterirdisches Feuer
+anschüren, damit die linde Wärme das rasche Wachstum der Saat befördere.
+
+Das Rübenkraut schoß auch bald lustig genug auf und der Berggeist durfte
+auf eine reiche Ernte hoffen. Die Prinzessin ging nun täglich auf das
+Ackerfeld hinaus, aber es ging ihr mit dem raschen Wachstum der Saat immer
+noch zu langsam, und ihre Augen verloren allen Glanz, ihre Wangen alle
+Farbe. Sie war nämlich mit einem schönen Prinzen des Nachbarlandes verlobt
+gewesen, und die Hochzeit war nahe, als der Berggeist sie von der Erde
+entführte. Prinz Ratibor durchstreifte nun die Gegend ohne Unterlaß, um
+seine Braut wiederzufinden, und zog sich endlich ganz traurig in die
+einsamsten Waldungen zurück, als alle seine Bemühungen erfolglos blieben.
+Emma aber wünschte ebenso sehr, wieder zu ihm zurückkehren zu können, als
+Prinz Ratibor, sie wiederzufinden, und sie schmiedete in ihrer freiwilligen
+Einsamkeit -- da sie noch immer zürnend die Gesellschaft des Gnomen mied --
+einen klugen Plan, um aus ihrer Haft zu entfliehen und den Hüter zu
+täuschen; wußte sie doch jetzt, daß auch er zu überlisten war.
+
+Allmählich zog nun der schöne Lenz wieder in dem Gebirgstale ein, und die
+Rüben wurden groß und voll. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus,
+um allerlei Versuche damit zu machen; sie gab ihnen allerlei Gestalten,
+anscheinend nur zu ihrer Unterhaltung, aber sie hatte eine andere Absicht
+dabei. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden und schickte
+sie auf Kundschaft aus zu ihrem Verlobten:
+
+»Flieg', kleine Biene, gegen Sonnenaufgang zu dem Prinzen Ratibor und summe
+ihm ins Ohr, daß ich lebe, aber in der Gefangenschaft des häßlichen
+Berggeistes bin. Verlier' kein Wort von meinem Gruße und kehre alsdann
+geschwind zurück, mir Antwort zu bringen.«
+
+Das Bienchen flog vom Finger der Prinzessin, wohin sie gewiesen war; aber
+sie hatte ihren Flug kaum begonnen, als eine Schwalbe auf sie herabstieß
+und die kleine Botin verschlang.
+
+Darauf formte Emma eine Grille, gab ihr denselben Auftrag und sagte:
+
+»Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge hin, zum Prinzen Ratibor und sag'
+ihm, daß ich der Befreiung aus der Gewalt des Berggeistes durch seinen
+starken Arm harre.« --
+
+Die Grille flog und hüpfte, so schnell sie konnte, aber ein langbeiniger
+Storch ging eben am Wege spazieren und fing sie mit seinem langen Schnabel
+auf.
+
+Die Prinzessin harrte also lange vergebens darauf, daß ihre Boten
+zurückkehren möchten; aber diese mißlungenen Versuche schreckten sie nicht
+ab. Sie gab einer dritten Rübe die Gestalt einer Elster und sagte:
+
+»Fliege hin, du beredsamer Vogel, von Baum zu Baum, bis du zum Fürsten
+Ratibor kommst; dem sage von meiner traurigen Gefangenschaft und gibt ihm
+Bescheid, daß er am dritten Tage von heute ab mit Roß und Mann an der
+Grenze des Gebirges sei, um mich aufzunehmen, und aus der Gewalt des Gnomen
+zu befreien.« --
+
+Die zweifarbige Elster flatterte darauf von einem Ruheplatz zum andern, und
+Emma folgte ihrem Fluge mit den Augen, so weit sie konnte.
+
+Prinz Ratibor irrte indessen noch immer durch die Wälder, den Verlust
+seiner holden Braut beklagend. So saß er einmal unter einer schattigen
+Eiche und rief traurig den Namen der Prinzessin in die Luft. Alsbald hörte
+er von einer unbekannten Stimme rufen und erblickte eine Elster, die auf
+den Zweigen einer Eiche hin und wieder flog. Und diese begann nun
+herzusagen, was Emma sie gelehrt hatte. Als Prinz Ratibor diese Botschaft
+hörte, ward er voller Freude, eilte schnell in sein Hoflager zurück,
+rüstete eine Anzahl Reisige aus und zog mit ihnen guten Mutes den
+Riesenbergen zu.
+
+Emma hatte inzwischen alles zu ihrer Flucht vorbereitet. Sie erschien eines
+Tages wieder mit dem größten Schmuck angetan; alles kostbare Geschmeide,
+womit der Herr der Riesenberge sie beschenkt hatte, trug sie an sich und
+strahlte dadurch ebenso sehr, als durch den Ausdruck der Freude, der in
+ihrem Gesichte lag; denn die Elster war glücklich zurückgekommen und hatte
+ihr gemeldet, was sie ausgerichtet hatte.
+
+Als der Gnom die Prinzessin so freundlich und schön geschmückt sah, glaubte
+er, sie habe nun endlich ihren Widerwillen gegen diesen Aufenthalt besiegt
+und werde nun durch Heiterkeit und Frohsinn sein einsames Reich beleben. Er
+trat ihr daher freundlich entgegen und fragte: »ob sie ihm noch zürne, daß
+er sie so lange auf ihren Hofstaat habe warten lassen müssen?« Die
+Prinzessin lächelte zum erstenmale freundlich und verhieß ihm, sie wolle
+fortan gerne bei ihm bleiben, wenn er ihr zuvor noch einen kindischen
+Wunsch erfüllen wolle. Dazu vermaß sich der Gnom sogleich, und nun trug ihm
+die Prinzessin schalkhaft auf, die Rüben des Ackers zu zählen, ohne sich
+dabei zu irren, weil sie ihre Zofen und sonstige Gesellschaft daraus wählen
+wolle, und schon jetzt genau zu wissen wünsche, wieviel ihr zu Gebote
+stehen würden.
+
+Sogleich eilte der Berggeist zum Ackerstücke und fing an, die Rüben mit
+großer Sorgfalt zu zählen, als er damit fertig war, wollte er sich davon
+überzeugen, ob er sich auch gewiß nicht geirrt habe, und fing noch einmal
+von neuem zu zählen an. Aber da fand er eine ganz andere Summe, als das
+erstemal, und mußte das beschwerliche und langweilige Geschäft zum
+drittenmal beginnen.
+
+Während er also beschäftigt war, benutzte Emma seine Abwesenheit sogleich,
+um ihren Plan ins Werk zu setzen. Sie nahm eine starke, saftvolle Rübe und
+verwandelte sie in ein mutiges Roß mit Sattel und Zeug. Rasch schwang sie
+sich nun darauf und sprengte über Heiden und Gestrüpp dahin, bis hinab in
+das Tal, wo Prinz Ratibor ihr schon entgegenkam und die atemlose Flüchtige
+in seinen Schutz nahm.
+
+Als der Gnom mit seiner mühevollen Arbeit nach wiederholtem Zählen zustande
+gekommen war, eilte er, die Prinzessin aufzusuchen; da er sie aber auf dem
+Rasenplatz nicht mehr fand, lief er durch die bedeckten Gänge und Lauben
+des Gartens. Endlich rief er im ganzen Palast ihren Namen aus und wurde
+zuletzt unruhig darüber, daß ihm nur der Widerhall Antwort gab. Alsbald
+schwang er sich in die Luft empor, um sein Gebiet zu überschauen, und da
+sah er denn seine schöne Gefangene noch in der Ferne, wie ihr Roß eben über
+die Grenze setzte. Wütend ballte der erzürnte Geist einige Wolken zusammen
+und schleuderte einen Blitz nach den Fliehenden; aber dieser traf nur eine
+der hundertjährigen Grenzeichen und zersplitterte sie in viele Tausende von
+Teilchen. Jenseits der Grenze hörte aber seine Macht auf, und die
+Donnerwolke zerfloß in sanften Heidenrauch.
+
+Nachdem er in stummer Wut den Entflohenen noch lange nachgeschaut hatte,
+kehrte er zornig in seinen Palast zurück, aber nur, um diesen samt dem
+köstlichen Lustgarten zu zertrümmern. Dann zog er sich an die entferntesten
+Grenzen seines Gebietes zurück, um seinen Menschenhaß im Mittelpunkte der
+Erde zu verbergen. Nach und nach aber überwand er auch diesen wieder und
+lebte von Zeit zu Zeit unter den Gebirgsbewohnern, stiftete mancherlei
+Gutes oder neckte die Menschen mit ihren Schwächen und Gebrechen, so daß
+mancher dieselben erkannte und sich besserte, zu seinem und seiner
+Mitmenschen Wohl. Nie aber hatte der Berggeist wieder versucht, ein schönes
+Erdenkind zu entführen, oder etwas zu versprechen, was er nicht halten
+konnte.
+
+Fürst Ratibor aber führte die schöne Emma im Triumph an den Hof ihres
+Vaters zurück, der ihn nun mit der Hand der Prinzessin und einer schönen
+Stadt belohnte, die nach dem Besitzer »_Ratibor_« genannt wurde. Das
+sonderbare Abenteuer, das die Prinzessin im Riesengebirge erlebt hatte, und
+ihre schlaue Flucht wurden das Märchen des Landes und pflanzte sich von
+Geschlecht zu Geschlecht weiter fort. Die Bewohner der umliegenden Gegend,
+die den Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten
+ihm nun einen Spottnamen auf und nannten ihn fortan nur _Rübenzähler_ oder
+Rübezahl.
+
+
+
+
+
+Der Kräutersammler.
+
+
+Vor langen Jahren lebten in einem Dörfchen am Riesengebirge ein paar alte
+Leute, Bieder, ehemals ein Köhler, und Else, sein Weib, arm und unbeachtet,
+in einer kleinen, baufälligen Hütte. Sie hatten keine Kinder und nur wenig
+Anverwandte, denn die Armut hat nur einen Freund, und der ist im Himmel. Es
+lebte zwar noch eine Schwester des Köhlers mit ihrer Tochter, aber sie
+wohnte im Böhmenlande, war auch eine Witwe und mußte sich kümmerlich
+ernähren.
+
+Um diese alten Leute nun kümmerte sich niemand; sie hatten gar oft früher
+die helle Sonne, als ein Stück schwarzes Brot im Hause, und die arme Else
+näßte ihr Gespinnst oft mit Kummertränen, seit ihr guter Alter an der Gicht
+daniederlag und seine gelähmten Hände auch nicht mehr die Spindel halten
+konnten, womit er sonst seinem Weibe das Brot verdienen half. Da ward
+freilich die Not erst recht groß, denn Else mußte den Kranken hegen und
+pflegen, und konnte nun nicht mehr jeden Tag, wie sonst, eine Strähne des
+schönsten Garnes spinnen. Wenn jetzt der Garnhändler an der Hütte vorbei
+kam und an die kleinen Scheiben des Fensterchens pochte, -- da schüttelte
+Else oft nur traurig den Kopf, denn sie hatte ja kein Garn zu verkaufen,
+oder es war so wenig, daß die paar Groschen eben nur zu Salz und Brot
+ausreichten. So verging den armen Leuten die Zeit unter Leiden und
+Entbehrungen.
+
+Da saß eines Tages der alte Bieder vor der Hütte und wärmte die kranken
+Glieder im Strahl der Sonne; Else brachte ihm die Pfeife mit dem Kopf aus
+Holz heraus, nahm dann Rocken und Spindel und setzte sich neben den Greis
+auf den Holzblock. Auf der Landstraße wirbelten kostbare Reisewagen den
+Staub auf und nahmen die Richtung nach dem nahe gelegenen Warmbrunn, dessen
+weltberühmtes Bad schon Tausenden von Kranken Heilung und Hilfe bereitet
+hat. -- »Ach,« seufzte die arme Else, »wenn wir doch auch reich wären, wie
+jene vornehmen Reisenden; dann könntest du auch das Warmbad brauchen für
+deine kranken Glieder und würdest wohl noch einmal gesund und rüstig.« --
+Bieder ließ traurig den Kopf sinken, und als Else nun ihren Mann so
+niedergeschlagen sah, hätte sie ihm gern Mut und Freudigkeit zugesprochen.
+Sie erhob daher ihre freilich schon zitternde Stimme und begann das schöne
+Lied von _Neumark_: »Wer nur den lieben Gott läßt walten etc.« -- »Weißt du
+auch,« schob sie zuvor ein, »was mir der Pfarrer neulich von diesem schönen
+Liede erzählte? Georg Neumark habe in Hamburg in so großer Armut gelebt,
+daß er seine liebe Violine habe versetzen müssen. Da fand er unvermutet
+Gönner, die ihn reichlich unterstützten und ihm auch eine Anstellung
+verschafften. Nun konnte er das liebe Instrument wieder einlösen, und aus
+Freude darüber machte er das Lied -- Wer nur den lieben Gott läßt walten,
+-- welches er selbst zuerst unter Tränen des Dankes gesungen hat.« An
+dieser Erzählung richtete sich ihre eigene gebeugte Seele auf, und ihr
+Gesicht hatte den Ausdruck froher Ergebung angenommen, als sie zu der
+letzten Strophe des Liedes kam: »Denn welcher seine Zuversicht auf Gott
+setzt, den verläßt er nicht.«
+
+Da kam auf der Landstraße ein hübsches Mädchen daher, die trug ein kleines
+Bündel Kleider unter dem Arme; sie schien sehr ermüdet zu sein, und die
+unbeschuhten Füße waren an manchen Stellen wundgerissen von Baumwurzeln und
+Gestrüpp. Als sie nun in die Nähe der Hütte kam, stand sie mit einem: »Grüß
+euch Gott!« still, und fragte mit fremdklingender Aussprache: »Könnt ihr
+mir wohl sagen, ob hier ein Mann mit Namen Bieder wohnt?«
+
+»Das bin ich selbst,« antwortete der Alte, und in dem nämlichen Augenblicke
+lag das fremde Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Die Mutter grüßt
+euch nochmals, lieber Ohm; am Osterfeste ward sie begraben!« -- »Tot?«
+fragte Bieder erschrocken, und faltete die Hände. »Du lieber Gott im
+Himmel! -- Und du, mein Mädchen, bist wohl Theresens Kind? So sei uns denn
+herzlich willkommen!«
+
+Else trat nun auch herbei, gab dem Mädchen die Hand, strich ihr dann
+liebkosend die vollen Zöpfe aus dem braunen Gesicht und klopfte sie auf die
+Wange. Da faßte sie der Base Hand und bat mit ihrer sanften Stimme: »Ach,
+sei du nun mein Mütterlein, Base Else! siehe, ich bin ja ohne Schutz und
+Schirm wie ein Vöglein des Waldes.«
+
+»Für dich auch wird der Vater sorgen,« sprach da die gute Else, umarmte das
+verlassene und verwaiste Mädchen und führte es hinein in die Hütte, daß es
+sich ausruhe und an ein wenig Brot und Käse stärke. Am Abend machte die
+gute Alte für Susy ein Lager von Heu und Baumblättern zurecht, und so
+ärmlich dies war, schlief das Mädchen doch so süß, als läge es auf dem
+weichsten Flaum.
+
+Else aber ließ die Sorge nicht schlafen. Sie ging schon frühe hinaus vor
+die Hütte, um ungesehen zu beten und zu weinen, und suchte zugleich junge
+Erdbeerblätter zum Frühtrank für sich und den Vater; für Susy hatte sie
+noch ein Töpfchen Milch aufgespart. -- Von der neuen Tochter hatte Else
+zwar jetzt Unterstützung und Pflege für ihre alten Tage zu erwarten, aber
+es fehlte dem Mädchen doch manches, zu dessen Anschaffung Else keinen Rat
+wußte. Wäsche und Kleider hatte Susy meist den harten Leuten lassen müssen,
+bei denen die Mutter gewohnt hatte, und denen sie in der langen Krankheit
+vieles schuldig geblieben war. Zwar blühte Susy frisch und kräftig wie eine
+Alpenrose, hatte eine silberhelle Stimme und wußte schöne Lieder zu singen,
+die sie mit der Zither begleiten konnte, aber Else hätte lieber für das
+Mädchen gebettelt, als das sie zugegeben hätte, daß sie damit ihr Brot zu
+verdienen suche. Woher aber das Nötige zu ihrem Unterhalt nehmen? Das gute
+Mütterchen sah keinen Ausweg und vergaß, daß _Einer_ in der Höhe lebt, der
+ja viel tausend Wiege findet, wo der Verstand nicht einen sieht.
+
+Da hörte Else plötzlich den Gesang einer Männerstimme im stillen Walde, und
+alsbald kam ein Kräutersammler mit seiner Blechkapsel auf dem Rücken daher.
+Er schien Else nicht zu bemerken und sang laut und verständlich für jene:
+
+ »Wider alle Wunden
+ Gibt's ein kräftig Kraut,
+ Der hat Heilung funden,
+ Der dies Kräutlein braut.
+ In des Glaubens Garten
+ Ist es nur zu schaun,
+ Lernt das Kräutlein warten,
+ Es heißt: Gottvertraun!« --
+
+Else horchte hoch auf, das Herz pochte ihr fast laut, und ein Glaube, stark
+wie Felsengrund, kam hinein. Sie schämte sich ihres Kleinmutes, trocknete
+ihre Tränen und erwiderte freundlich den Gruß des Reisenden, der indes
+näher gekommen war.
+
+»Habt ihr etwas von meiner Ware nötig?« fragte er Else und zeigte auf den
+Kräuterkasten; doch diese schüttelte wehmütig den Kopf, indem sie
+antwortete:
+
+»Ach, lieber Freund, das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt ihr doch wohl
+nicht in eurem Kasten, denn für den Tod ist kein Kraut gewachsen; und mein
+armer Mann wird die Gicht nicht eher los, biß sie ihm Erde und Rasen
+aufgelegt haben.«
+
+Da lächelte der Fremde seltsam und wiederholte singend: »Wider alle Wunden
+gibt's ein kräftig Kraut usw.«
+
+Else war ganz wunderbar zumute; sie fragte den Kräutersammler nun wirklich,
+ob er ein Mittel gegen das böse Übel ihres Mannes habe und versprach, ihm
+gern das Zwanzigkreuzerstück dafür zu geben, was sie seit ihrem
+Konfirmationstage am Halse trug. Der Fremde ging nun mit ihr in das
+Häuschen, wo Susy schon rüstig aufgeräumt, das Bett des Kranken aufgemacht
+und die Fenster geöffnet, um dem Staube freie Bahn zu geben, den sie jetzt
+mit flinker Hand ausfegte. Der Kräutersammler sah ihr wohlgefällig zu. »Ist
+das Eure Tochter?« fragte er Else, die ihm einen Sessel brachte, den sie
+zuvor sauber mit der Schürze abgewischt hatte.
+
+»Nein, lieber Herr!« antwortete diese, »es ist meiner Schwägerin Kind aus
+Böhmen, eine Waise, und erst seit gestern bei uns!«
+
+Mittlerweile hatten Susy und der Ohm den Eintretenden verwundert
+angeschaut; Susy nahm ihm dienstfertig die schwere Blechkapsel vom Rücken
+und war so flink und gewandt, das es eine Freude war, ihr zuzusehen. Der
+Fremde nahm nun aus seiner Büchse ein Büschel grünen, starkriechenden
+Krautes, hieß Else dies kochen und die lahmen Glieder des Kranken damit
+waschen, -- wollte aber keine Belohnung dafür annehmen und nur ein
+Stündchen in der Hütte ausruhen. Susy war nun wieder rasch bei der Hand,
+die Kräuter zu kochen und den Umschlag zu bereiten, und fragte, als sie
+damit fertig war, was sie nun schaffen solle?
+
+»Kannst du spinnen, mein Kind?« fragte die Base; aber darauf schüttelte das
+Mädchen den Kopf. »Nun, so will ich es dich lehren,« sagte Else, und
+aufmerksam trat jene hinzu.
+
+Aber der Fremde sprach: »Ich will das Mädchen eine leichtere Art zu spinnen
+lehren, als ihr da mit der Spille habt; sie soll bald schneller als ihr,
+gutes Mütterchen, die volle Weise an die Wand hängen können.« Ungläubig
+lächelte Else, doch schon nach wenig Stunden kam der Kräutersammler mit
+einem Spinnrädchen zurück, dessen Gebrauch den armen Köhlerleuten noch ganz
+unbekannt war, zeigte der aufmerksamen Susy, wie man den feinen Faden um
+die eiserne Spille rollen müsse und machte ihr dann mit der kleinen
+schnurrenden Maschine ein Geschenk. Er sagte ihr noch, daß er ihr einen
+andern Garnhändler zuschicken wolle, der das Garn besser bezahle, und
+entzog sich dann rasch dem Danke der Familie, die ihren unbekannten
+Wohltäter im dichten Walde verschwinden sah.
+
+Susy spann vom Morgen bis zum Abend, sang ein böhmisches Liedchen dazu und
+drehte das Rädchen so flink, daß Else und der Ohm ihr mit Verwunderung
+zuschauten. Das Garn flog nur so auf die Spule, und niemals riß der Faden
+der fleißigen Spinnerin. So ging es einige Zeit; der Kräutersammler kam
+nicht wieder, und auch der fremde Garnhändler, der nun jeden Sonnabend kam,
+um das Gespinst zu kaufen, kannte ihn nicht, obgleich er sagte, der
+Kräutersammler habe ihn hierher gewiesen. Mit dem Kranken wurde es von Tage
+zu Tage besser, bald konnte er die gelähmten Glieder wieder bewegen und
+erlangte endlich, durch die wunderbaren Heilmittel des fremden
+Kräutersammlers, seine völlige Gesundheit wieder.
+
+Nun schnitzte und künstelte er so lange, bis er für Else ein ähnliches
+Rädchen zusammengesetzt hatte, die nun mit ihrem Lieblinge um die Wette
+spann und jetzt schon jede Woche einige Groschen zurücklegen konnte; so
+mehrte sich ihr Verdienst. Vater Bieder beschäftigte sich damit,
+Spinnrädchen zu bauen, da ihm das erste so gut gelungen war, und er konnte
+gar nicht genug davon fertig machen, so sehr fragte man danach und bezahlte
+diese neue Erfindung so gut, daß schon eine Art Wohlstand in die arme
+kleine Hütte einkehrte, durch den Fleiß und die Sparsamkeit ihrer Bewohner.
+
+Jetzt gab es Mutter Else auch nicht mehr länger zu, daß ihr liebes
+Pflegetöchterchen auf dem Heu schlafe, und sie ging mit der ersparten
+Barschaft nach der Stadt auf den Jahrmarkt, um ihr heimlich ein Federbett
+zu kaufen. Aber die kleine Summe reichte dazu nicht aus, und betrübt stand
+die gute Alte, als ihr plötzlich im dichtesten Menschengedränge der
+Kräutersammler begegnete. Sie hielt ihn sogleich fest bei der Hand,
+erzählte ihm, daß ihr Mann gesund geworden sei, und dankte ihm tausendfach
+für seine Hilfe; eben wollte sie ihm sagen, wie fleißig ihre liebe Susy sei
+-- da war er spurlos vor ihren Blicken entschwunden, und sie hielt statt
+seiner Hand eine kleine lederne Börse fest, die genau jene Summe enthielt,
+die ihr zum Ankaufe des Bettes noch gefehlt hatte.
+
+Wer könnte das Staunen, aber auch die Freude der guten Else beschreiben!
+Sie kaufte nun fröhlich ein, und ein junger Landmann, den sein Weg an Elses
+Hütte vorüberführte, nahm diese samt dem Federbett mit auf seinen Wagen
+nach Hause. Susy saß eben am offenen Fenster, drehte ihr flinkes Rädchen
+und sang eins ihrer vaterländischen Liedchen, als der junge Bauer vor dem
+Häuschen hielt und verwundert dem hellen Gesange der emsigen Spinnerin
+zuhörte. Aber kaum bemerkte das Mädchen die Ankunft der Base, als sie
+fröhlich herausgesprungen kam und sogleich Hand anlegte, das Bett in das
+Haus zu tragen.
+
+Peter bot freiwillig seine Hilfe dazu an und konnte sein Auge von der
+flinken, blühenden Dirne kaum mehr abwenden. Seine Pferde mußten lange vor
+der kleinen Hütte stehen; denn die dankbare Else nötigte ihn in die Stube
+hinein, und auf seine Bitte mußte Susy das Lied noch einmal singen, in dem
+sie durch die Ankunft der Base gestört worden war. Als der junge Bauer
+endlich zögernd Abschied nahm, dachte er, wie glücklich er sein würde, wenn
+einmal solch eine fleißige, muntere Dirne sein Weib würde. Vater und Mutter
+waren ihm gestorben, und sein schönes Bauerngut kam ihm jetzt recht einsam
+und öde vor. -- Kurz, nach wenig Wochen ging er in seinem Sonntagsstaat zu
+dem alten Bieder und warb um Susy. Er war ein guter, ordentlicher Bursche,
+den das Mädchen wohl leiden mochte, darum erhielt er ihre freudige
+Zustimmung unter der Bedingung, daß sie ihre liebe Pflegeeltern mit in die
+neue Heimat bringen dürfe, um sie nun erst recht zu pflegen und ihre Liebe
+dankbar vergelten zu können.
+
+Darin willigte Peter mit Freuden, und die Hochzeit ward auf das Osterfest
+festgesetzt. An demselben Tage, wo die arme Susy vor einem Jahre verwaist
+und trostlos aus ihrer Heimat gegangen war, sollte sie in das neue, schöne
+Besitztum einziehen, darin ihrer ein sorgenfreies Leben wartete.
+
+Nur _ein_ Gedanke verkümmerte Susys Freude über ihr Glück; sie war so gar
+arm und konnte nicht einmal einige Webe Leinwand, wie es wohl unter den
+Dirnen Sitte ist, in die neue Wirtschaft mitbringen. So fleißig sie auch
+gesponnen hatte, immer hatte sie das Garn verkaufen müssen, um den
+Unterhalt davon zu bestreiten und einen neuen Anzug für sich und die Eltern
+zu kaufen. Sie war recht traurig darüber und stützte gedankenvoll den Kopf
+in die Hand; da pochte es leise an die Scheiben des Fensterleins, und der
+fremde Garnhändler nickte ihr freundlich zu. Als sie aber hinausging, war
+der verschwunden, und im Hausflur lagen sechs Ballen der schönsten
+Leinwand; »der fleißigen Susy zum Brautschatz«, stand auf einem Zettel, der
+darauf lag.
+
+Wer da die überraschte Braut gesehen hätte, wie sie, weinend vor Freude,
+bald der Base, bald dem Alten um den Hals fiel und wie ein Kind jubelte,
+der hätte die Armut um ihr schönes Vorrecht beneidet, aus dem kleinsten
+Glücke eine Fülle der Freude zu ziehen. -- Susy schnitt und nähte nun
+fleißig; der Garnhändler aber kam nicht mehr wieder. Man gedachte seiner
+wie des Kräutersammlers mit heißem Danke.
+
+So war der Hochzeitstag herangekommen, der ganz still begangen ward; doch
+als Susy an der Hand ihres Bräutigams aus der Kirche kam, in anspruchsloser
+Schönheit, die blühende Myrte im kunstvoll geflochtenen Haar, -- als alle
+Zuschauer Peters Glück priesen, der eine so sittige, gutherzige und
+fleißige Hausfrau heim führe, -- da stand plötzlich der Kräutersammler vor
+dem Brautpare und reichte Susy einen frischen, blühenden Strauß, indem er
+sprach:
+
+»Fleiß, Gottvertrauen und _Demut_ sind die beste Aussteuer eines Weibes,
+mehr wert als _Tausend Gulden_ -- Dieser Strauß wird nie welken, so lange
+du diese drei Dinge besitzest, und du wirst dabei glücklich sein.« -- Nach
+diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutersammlers in Luft, und
+»_Rübezahl_« scholl es durch die ganze Versammlung, denn der Berggeist und
+kein anderer war der in wechselnden Gestalten erschienene Freund gewesen.
+
+
+
+
+Der Musterreiter.
+
+
+Rübezahl saß eines Tages oben auf dem Grubenstein, der Rübezahls Kanzel
+genannt wird, und sah hinunter auf die Welt, und dachte dies und jenes. Da
+kamen drei Reisende über die Sturmhaube auf die Schneegruben zu, und
+Rübezahl merkte bald aus ihrem Gespräch, daß es Kaufleute waren, so eine
+Art von Hausierern, die man heutzutage Musterreiter nennt.
+
+»Worin reiset ihr denn?« fragte der eine; »in Fischtran,« erwiderte der
+andere; »und ich,« fuhr der erste fort, »reise in Wagenschmiere.« »Ein
+schöner Artikel,« versetzte der andere; »und ihr, mein Herr?« wandte er
+sich an den dritten. »In Limburger Käse,« war die Antwort. »Ein beliebter
+Artikel, -- verdrängt den Schweizerkäse, -- in Holländischem wird wenig
+mehr gemacht,« riefen beide wie aus einem Munde.
+
+Rübezahl horchte hoch auf und verstand von alledem kein Wort; daß jemand in
+Fischtran und Wagenschmiere, ja selbst in Limburger Käse reisen könne, war
+ihm völlig unverständlich und unglaublich. Indessen dachte er, du willst
+doch weiter hören. Aber was hörte er? -- Die Reisenden, welche sich jetzt
+auch auf dem Felsen niedergesetzt hatten, achteten nicht auf den schlicht
+aussehenden Mann, ließen ihre Schnappsäcke mit Wein und kaltem Wildbrett
+hinauftragen und waren fröhlich und guter Dinge. Je mehr sie tranken, desto
+offenherziger wurden sie gegen einander, und Rübezahl erfuhr nun ganz, wes
+Geistes Kind sie wären. Daß sie wie die Hausierer bei den Leuten
+herumliefen und ihre Waren anböten, ihre verschiedenen Manieren, mit denen
+sie ihre Kunden behandelten, alles dies erfuhr er aus ihrem eigenen Munde,
+und er staunte über die Dreistigkeit der Burschen. Einer von ihnen meinte,
+je unverschämter man sei, desto mehr setze man durch, und je feiner
+gebildet die Leute wären, desto mehr müsse man sie bestürmen, weil sie dann
+in der Regel das Mittel ergreifen, lieber etwas zu kaufen, um sie los zu
+werden.
+
+Wie sind nur die Leute so blind, dachte Rübezahl, daß sie sich von der
+großtuerischen Rolle verblenden lassen, die solche Burschen spielen. Denn
+wenn sich diese Musterreiter so üppig und verschwenderisch benehmen, so
+liegt es ja auf der Hand, daß die Käufer zuvor tüchtig gerupft werden
+müssen, ehe so viel unnötiger Aufwand bestritten wird. -- Rübezahl mochte
+endlich ihre prahlerischen Reden nicht länger anhören und verließ den
+Felsen.
+
+Nun gingen auch endlich die Reisenden weiter, bergab nach dem Elbfall zu;
+aber das schöne Wetter änderte sich plötzlich, ein dichter Nebel umzog den
+ganzen Kamm, und die drei Musterreiter gingen in lauter Wolken, was sie
+sehr in üble Laune versetzte, denn dem einen verdarb die Feuchtigkeit den
+zierlichen Lockenbau, dem andern wurden die Vatermörder und Manschetten
+weich, der dritte machte seine Stiefel von feinem Glanzleder auf dem
+schlüpfrigen Wege schmutzig. Aber ihr Unmut stieg gewaltig, als der Führer
+nun gar die Richtung verlor und sie zwischen Sumpf und Fichten,
+Steinblöcken und Heidekraut, kreuz und quer herumführte. Endlich kam die
+übel gelaunte Gesellschaft an einen Fluß, den man wegen des dichten Nebels
+nicht übersehen konnte; ein Mann von abenteuerlichem Ansehen vertrat ihnen
+hier den Weg, schöpfte mit einem Glase aus dem Flusse, bot ihnen dasselbe
+dar und sagte: »Ihr müßt Bescheid tun, ihr Herren.«
+
+
+Der eine setzte das Glas an den Mund, roch und sagte: »Das ist ja
+Fischtran.« -- »Nun ja,« versetzte der Mann, »und eben darum müßt ihr
+Bescheid tun, sonst kommt ihr nicht von der Stelle.«
+
+»Das ist euer Artikel,« sagte der Reisende und reichte das Glas dem
+Gefährten. Der aber mochte nicht, schüttelte sich und sagte, er sei kein
+Grönländer und auch kein Schuhleder, so etwas trinke er nicht.
+
+»Nun,« erwiderte der fremde Mann mit schrecklicher Stimme, »ihr reiset ja
+in Fischtran, und wenn ihr nicht trinkt, so kommt ihr nicht lebendig hier
+weg, es ist euer letztes.« -- »Kollege, trinkt!« schrie der dritte in
+Verzweiflung, und die Angst preßte ihm Tränen in die Augen.
+
+Der arme Reisende drückte die Augen fest zu, schüttelte sich ein parmal,
+dann schluckte er herzhaft -- und leer war das Glas. Jetzt hob sich der
+Nebel ein wenig, und da auch der fremde Mann zur Seite trat und zwischen
+dem Gestein verschwand, sahen die Reisenden dicht vor sich einen Steg, der
+sie sicher über den Bach brachte. Schon glaubten die Musterreiter, nun
+außer aller weitern Gefahr zu sein, denn sie hörten das Rauschen des
+Elbfalls ganz in der Nähe; aber mit einem Male senkte sich der Berg
+zwischen Felsen hinunter in eine grausige Tiefe, und jenseits starrten
+wieder senkrechte Wände von Felsen empor. Sie kamen nun unten an einen
+Fluß, der ganz langsam seine schwarzen Wogen heranwälzte, und dabei hing
+eine Tafel mit der Inschrift: »Durch!«
+
+Der eine Reisende stieg zuerst hinunter, tastete, roch und sagte: »Das ist
+ja Wagenschmiere, sind wir denn bezaubert und verhext?«
+
+»Ei nun, das ist ja euer Artikel, und ihr müßt zuerst hindurch, oder wir
+werfen euch in die schwarze Suppe und gehen über euern Rücken, wie über
+eine Brücke.«
+
+Das wollte allerdings dem Reisenden nicht in den Kopf, aber hier galt
+Gewalt vor Recht, und da er sah, wie hier nicht anders los zu kommen sei,
+schritt er in Verzweiflung hinein in den abscheulichen Strom, -- die andern
+folgten ihm langsam nach. Endlich standen sie alle wieder am jenseitigen
+Ufer und befanden sich nun in der Nähe desselben sonderbaren Mannes, der
+ihnen den Trunk aus dem Fischtranflusse gereicht hatte. Er stand an den
+Felsen gelehnt und lachte auf das boshafteste, indem er sagte: »Nun seid
+ihr saubern Gesellen doch auch einmal angeschmiert und mögt jetzt eures
+Weges ziehen; vielleicht vergeßt ihr die erhaltene Lehre nicht zu geschwind
+und hütet euch, andere in eurer Weise anzuschmieren.«
+
+Damit ging der fremde Mann in den Wald hinein. Der Weg, auf dem die
+Reisenden sich jetzt befanden, war nun wieder breiter und ebener, und der
+Führer sagte, nun sei er auf bekanntem Pfade. Wirklich sahen sie auch bald,
+da sich jetzt der Nebel hob, die Hütten von Schreiberhau auf sonnigen
+Matten vor sich liegen. Dorthin hatten sie ihre Wagen bestellt, und bald
+saßen sie, besonders der dritte, ihrer Meinung nach, allem Ungemach
+entronnen, in den weichen Kissen und fuhren getrost nach Warmbrunn hinab.
+Im Gasthofe zur preußischen Krone stiegen sie ab, wo eben eine große
+Gesellschaft unter dem Leinwanddache saß und Kaffee trank. Die Musterreiter
+zupften geschwind Halstuch und Manschetten zurecht, fuhren durch die in
+Unordnung gekommenen Haare und gaben sich das möglichst zierlichste
+Ansehen, während sie durch die Damenreihe gingen.
+
+Diese wendeten sich jedoch mit allen Zeichen des Ekels von den Reisenden ab
+und nahmen ihre Taschentücher oder ihre Flacons vor die Nase. »Ei der
+Tausend, wie siehst du denn aus?« fragten die beiden Reisenden den dritten,
+als sie in das Gastzimmer traten, »und, o pfui -- wie duftest du?«
+
+Wie erschrak der Angeredete, als er, schleunigst seinen Rock, ausziehend,
+bemerkte, daß dieser sehr unsauber aussah, denn statt auf Wagenkissen hatte
+er in seinem Artikel -- in Limburger Käse gesessen! --
+
+Das war ein arger Spaß, den Rübezahl mit den drei Musterreitern angezettelt
+hatte, möchte er nur auf eine gute Weile geholfen haben. Wenn der Berggeist
+jetzt noch spukte, so fänd' er alle Hände voll zu tun; es reisen gar
+wunderliche Leute ins Hochgebirge.
+
+
+
+
+Mecker-Friede
+
+
+In Schmiedeberg lebte einmal ein Bursch, der hieß Mecker-Friede, war ein
+wüster Gesell und peinigte alle Leute, darum mochte ihn auch niemand in
+Dienst nehmen. Er ging also unter die Soldaten, und trieb es da eben auch
+nicht besser; es war gerade der dreißigjährige Krieg, und er konnte nun
+recht ungestraft seine schlimmen Neigungen verfolgen.
+
+Rübezahl hatte oft arme Leute über ihn jammern hören, denn wo es etwas zu
+plündern und zu mißhandeln gab, da war Mecker-Friede gewiß dabei, Aber er
+kam nicht ins Gebirge, wohl aber nach einer Schlacht als Invalide in das
+Spital nach Schmiedeberg. Es war nun des abgedankten Soldaten größter
+Stolz, seine Tapferkeit zu rühmen, und er sagte oft: »Nun müssen sie mich
+doch noch im Grabe ehren und dreimal über meinen Sarg schießen.«
+
+Der also war jetzt gestorben, und es tat keinem leid; aber mit
+militärischen Ehren mußte er doch begraben werden, und die Landsknechte
+kamen mit ihren Lanzen und Feuerröhren, um ihn zu Grabe zu tragen, voran
+der Trommler mit dem gedämpften Kalbfell. Im Hausflur des Hospitals aber
+standen zwei Särge, denn es war auch zugleich eine alte Spittelfrau
+gestorben und sollte auch zur Ruhe gebracht werden. Wie die Soldaten alle
+bereit sind, zeigt der Spitalvater auf einen der Särge und sagt: »Der
+ist's!«
+
+Den nehmen nun die Landsknechte auf ihre Schultern, der Trommler wirbelt
+tüchtig, und hinter dem Sarge gehen die Soldaten mit ihren Gewehren. Auf
+dem Kirchhofe hält der Pfarrer eine Standrede: wie der Selige nun von
+seinem irdischen Posten abgelöst und nun ohne sein Verdienst und Würdigkeit
+in den Himmel gekommen sei. Dann schießen die Krieger dreimal über das
+Grab, und der Trommler schlägt dazu auf das Kalbfell, daß eine Gänsehaut
+alle andächtigen Zuschauer überläuft; darauf geht jeder nach Hause.
+
+Der Pfarrer begibt sich nun nach dem Spital, um die alte Anne Rosine zu
+holen. Da haben sich schon viele Gevatterinnen und Kaffeeschwestern
+versammelt und folgen dem Sarge mit großem Wehklagen. Nach der Einsegnung
+wird dieser nach damaliger Sitte noch einmal geöffnet, damit die guten
+Frauen ihre liebe Freundin zum letzten Male sehen können; aber plötzlich
+wird ein Schrei des Entsetzens gehört, und die ganze Grabbegleitung läuft
+wie toll und rasend vom Kirchhof herunter, denn im Sarge liegt niemand
+anders, als der alte Mecker-Friede, der Kriegsknecht, starr und steif im
+ledernen Koller, mit der Pickelhaube und dem Schwert an der Seite.
+
+So hatten die Träger den unrechten Sarg erwischt und über der alten Anne
+Rosine feierlich geschossen und getrommelt. -- Die Versammlung aber meinte,
+das sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, Rübezahl habe dem
+Mecker-Friede noch im Tode etwas angetan, damit sich die kriegslustige
+Jugend daran spiegle und auch als Soldat die Menschlichkeit nicht vergesse.
+Das glaubte man auch bald allgemein, gewiß aber wußte es keiner.
+
+Denn Freund Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet wie ein Kraftgenie,
+launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel,
+wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; nach der
+Stimmung, wie ihn Humor und innerer Drang jeden Augenblick empfinden läßt.
+
+
+
+
+Die Anleihe.
+
+
+Ein Bauer war mit seinem Weibe und sechs Kindern so verarmt und durch
+mancherlei Unglücksfälle herunter gekommen, daß er oft nicht wußte, wo er
+Brot für die Seinigen hernehmen sollte.
+
+Eines Tages sagte er zu seiner Frau: »Du hast ja im Gebirge reiche Vettern;
+ich will hin, vielleicht lenkt Gott einem unter ihnen das Herz, daß er mir
+hundert Taler auf Zinsen leiht; mit diesem Gelde könnten wir uns aus
+unserer großen Not wieder aufhelfen.«
+
+»Das gebe Gott!« sagte diese mit schwacher Hoffnung, denn sie kannte ihre
+Vettern, die nach ihr und den ihrigen niemals gefragt hatten. Am andern
+Morgen sehr früh machte sich der Bauer auf den Weg, und schritt rüstig den
+ganzen Tag zu, bis er am Abend müde und matt zu den Vettern kam, und ihnen
+mit Tränen seine Not klagte, und um ihre Hilfe flehte. Aber überall wurde
+er mit harten, bittern Worten abgewiesen, und mußte viel spitzige Reden
+hören, von leichtsinnigen Wirten, und wie der in Not habe, der in der Zeit
+spare, und was dergleichen Dinge mehr.
+
+Traurig und niedergeschlagenen Herzens machte er sich auf den Rückweg, und
+als er wieder ins Gebirge kam, überfiel ihn Gram und Angst mit großer
+Gewalt. Er hatte den Arbeitslohn von zwei Tagen verloren, und fühlte sich
+so entkräftet, daß er wohl auch am dritten Tage nicht würde arbeiten
+können. Zu Hause aber erwarteten ihn das abgehärmte Weib und die hungrigen
+Kinder, und er brachte ihnen nur leere Hände! -- kein Geld, kein Brot, o
+wie sollte sein Herz den Jammer ertragen!
+
+Der arme Mann sann hin und her, wie er Wohl Hilfe schaffen könne. Da fielen
+ihm die Geschichten vom Berggeiste ein. »Ich will mich an ihn wenden,«
+sagte er, »vielleicht daß meine Bitten Gehör finden.« Darauf rief er
+»_Rübezahl! Rübezahl!_« und alsbald stand ein rußiger Köhler mit einem
+mächtigen Schürbaum in der Hand vor ihm, der einen wilden, struppigen Bart
+und glühende Augen hatte. Der Bauer zweifelte keinen Augenblick, daß dies
+der Berggeist sei, und faßte all seinen Mut zusammen, um sein Anliegen
+vorzubringen.
+
+»Ich habe euch nicht aus Mutwillen gerufen,« begann er, »sondern aus Not
+und Verzweiflung. Zu euch, lieber Herr vom Berge, habe ich das Zutrauen,
+daß ihr mir aus meiner Angst helfen werdet.« Und nun erzählte er ihm von
+seinem Weibe und seinen Kindern, sowie von den unbarmherzigen Vettern, und
+bat nun ganz treuherzig, Rübezahl solle ihm die hundert Taler leihen, die
+er in drei Jahren mit Zinsen zurückzahlen wolle; dann sei ihm aus aller Not
+geholfen. --
+
+»Wie? treibe ich Wucher?« fragte der Berggeist zornig, »gehe zu den
+Menschen, deinen Brüdern, und borge bei denen, so viel du bekommen kannst;
+mich aber lasse in Ruhe, und rufe mich nicht wieder, wenn dir dein Leben
+lieb ist.«
+
+Der Bauer ließ sich aber durch diese harte Rede nicht abschrecken, und
+schilderte den Jammer und die Not seiner Familie auf das rührendste. »Wollt
+ihr mir nicht helfen,« setzte er traurig hinzu, »so erzeigt mir wenigstens
+die Wohltat, mich mit eurer Schürstange tot zu schlagen, damit ich nur
+nicht länger die Not der Meinigen sehe, der ich nicht abhelfen kann.«
+
+Rübezahl sah den Bauer mit großen Augen an, hob dann die schwere Stange
+hoch in die Luft und schien ihn mit einem gewaltigen Streiche zerschmettern
+zu wollen. Da er aber dem Schlage nicht auswich, hielt er inne und hieß den
+Bauer ihm folgen. Nun ging es waldeinwärts durch dichtes Gesträuch, bis sie
+in ein enges Felsental kamen, an dessen Ende sich eine finstere Höhle
+befand, in die kein Strahl des Tageslichts drang. Nur kleine blaue
+Flämmchen sprangen jetzt aus dem Boden auf und beleuchteten schauerlich die
+schwarzen Steinwände. Die Höhle enthielt außer einem eisernen Kasten nur
+eine offene Braupfanne voll blanker, neugeprägter Taler; »da nimm dir das
+Geld, was du brauchst, und wenn du schreiben kannst, magst du mir einen
+Schuldschein darüber ausstellen,« sagte Rübezahl, und holte aus dem Kasten
+Papier und Schreibzeug hervor, wobei er sich um, den Bauer gar nicht zu
+bekümmern schien, der indessen mit großer Gewissenhaftigkeit hundert Taler
+abzählte und auch nicht einen darüber nahm. Dann schrieb er den
+Schuldschein, so gut er vermochte, und Rübezahl schloß diesen in den
+eisernen Kasten.
+
+»Geh nun.« sagte der Berggeist, »und nütze das Geld gut; merke dir auch den
+Eingang in dies Felstal und vergiß den Zahlungstag nicht; ich bin ein gar
+strenger Schuldherr! Da hast du auch noch etwas für deine Kinder, was nicht
+auf dem Schuldschein steht,« -- und mit diesen Worten tat er einen tiefen
+Griff in die Braupfanne; der erfreute Vater konnte das reiche Geschenk kaum
+mit beiden Händen fassen.
+
+Dankbar verließ er nun den Berggeist und fand auch glücklich aus dem engen
+Felsentale heraus, suchte sich den Eingang genau zu merken und ging, von
+der Freude gestärkt und beflügelt, seiner Heimat rüstig zu.
+
+Sein Weib saß traurig am Ofen, als er in die Stube trat; sie wußte, wie
+wenig die Armut auf reiche Anverwandte rechnen dürfe und hatte kaum den
+Mut, ihren Mann anzusehen, aus Furcht, die vereitelte Hoffnung auf seinem
+Gesicht zu lesen. Wie schlug ihr aber das Herz vor frohem Schreck, als der
+Bauer den Quersack öffnete und daraus Fleisch und Wurst, Weißbrot und
+Brezeln für die Kinder nahm, was er in der Stadt für sie gekauft hatte.
+»Deine Vettern,« sagte er zu der erstaunten Frau, »haben mich nicht nur
+sehr freundlich aufgenommen, sondern mir auch bereitwillig das Geld
+geliehen, um was ich sie gebeten.« Da staunte das Weib noch mehr und pries
+in ihrem Herzen den guten Gott im Himmel, der die Herzen der Menschen lenkt
+wie Wasserbäche.
+
+Nun kam ein neues Leben in die gesunkene Hauswirtschaft des Bauern. Es ward
+guter Same gekauft, der Acker ordentlich bestellt und noch zwei Kühe
+angeschafft; es lag ein sichtliches Gedeihen auf dem Gelde des Berggeistes,
+und bald vermehrte sich das Gut um eine schöne Wiese, ein Weizenfeld um das
+andere. Man fand nun weit und breit keinen fleißiger bearbeiteten Acker,
+nirgends schöneres und nutzentragenderes Vieh, und der tätige Wirt konnte
+schon bares Geld zurücklegen.
+
+So war indes der Zahlungstag herangekommen. Da sagte eines Tages der Bauer
+zu Frau und Kindern: »Zieht nur eure besten Kleider an, der Hans mag die
+Pferde anspannen, wir wollen den Vettern das Geld selbst wieder
+heimbringen, was sie mir vor drei Jahren geborgt haben.« Das war keine
+geringe Freude für die Kinder, und auch der Mutter war es lieb, daß sie nun
+ihren Wohlstand den guten Vettern würde zeigen können. Als sie nun ins
+Riesengebirge kamen, ließ der Bauer an einem schönen Punkte den Wagen
+halten und stieg mit den Seinen aus, teils um es den Pferden leichter zu
+machen, wie er sagte, teils auch um den Kindern einen schattigen Weg zu
+zeigen. Es fiel aber allen auf, daß der Vater sich immer sorgfältiger
+umschaute, je tiefer sie in den Wald kamen, und die Frau fragte daher
+besorgt: »Wir sind wohl vom rechten Wege abgekommen?«
+
+
+Da erzählte er ihr und den Kindern erst, wie schnöde die Vettern ihn
+abgewiesen hatten, dagegen aber der Berggeist sich seiner erbarmt und ihm
+geholfen halbe. Anfänglich erschraken sie, als sie hörten, daß Rübezahl dem
+Vater das Geld geliehen, aber da dieser ihnen vorstellte, wie glücklich,
+der gefürchtete Berggeist sie alle gemacht habe, verlor sich allmählich
+jede Bangigkeit.
+
+Darauf ging der Bauer ganz allein weiter, um den Eingang in das Felsental
+aufzusuchen; aber obgleich er genau wußte, daß er an der rechten Stelle
+war, konnte er ihn doch nicht mehr finden. Er schüttelte das Geld im
+Beutel, damit Rübezahl erscheinen möchte und er ihm das geliehene Geld
+zurückstellen könne, aber es erschien niemand. Er irrte hin und her, von
+dem Gefühle getrieben, Wort halten und seinen Dank aussprechen zu müssen.
+Es war, als ob eine unsichtbare Macht ihm die Augen trübe mache und seine
+Sinne verwirre, sobald er glaubte, den rechten Ort gefunden zu haben. Und
+dabei packte ihn dann eine Angst, daß der Geist, der ihm so aus der Not
+geholfen, auch erzürnt werden könne, wenn er nicht nach seinen Befehlen
+handelte. Ganz niedergeschlagen kam er endlich zu seiner Frau und den
+Kindern zurück, setzte sich zu ihnen und wartete viele Stunden lang. Er
+rief den Berggeist in seiner Ungeduld selbst mit dem Namen, mit dem er sich
+selten ungestraft nennen ließ, und da Rübezahl auch darauf nicht erschien,
+beschloß er, daß Geld unter ein Felsstück zu legen, dort werde es der Herr
+der Berge schon finden, dachte er. Eben als er diesen Entschluß ausführen
+wollte, erhob sich ein heftiger Wirbelwind, Staubwolken und dürres Laub
+flog von dem Wege auf, und die Kinder haschten aus Langerweile nach einem
+Blatte Papier, was vom Winde immer an ihren Füßen hin und her gejagt wurde.
+
+Einer der Knaben warf endlich seine Mütze darauf, und da es ein so schönes
+weißes Papier war, brachte er es dem Vater. Wie sehr erstaunte dieser aber,
+als er seinen eigenen Schuldschein erkannte, unter welchem mit großen
+Buchstaben geschrieben stand: »_Zu Dank bezahlt_.«
+
+»Nun weiß doch mein Wohltäter, daß ich ehrlich Wort gehalten habe und meine
+Schuld dankbar abstatten wollte,« rief der Bauer voll Freude, »und das ist
+mir weit lieber, als das geschenkte Geld. Auf den Rübezahl aber soll mir
+nur einer ein Wort reden, der hat's mit mir zu tun; ohne ihn wäre ich
+vergangen in Not und Trübsal. Er wird sich wohl seine Leute ansehen und wen
+er wirklich für gut und strebsam hält, dem hilft er auch, und hat er jemand
+einmal einen bösen Schabernack gespielt, so wird das auch wohl seinen guten
+Grund jedesmal gehabt und schon manchen mag er durch Neckereien auf den
+rechten Weg geführt haben.«
+
+Jetzt wollte er den Wagen aufsuchen und wieder heimfahren, aber die Frau
+bat so lange, bis er mit ihr zu den geizigen Vettern fuhr, um diese für
+ihre Hartherzigkeit recht zu beschämen. Aber als sie in das Dorf kamen,
+waren diese nicht mehr zu finden; der eine war durch einen bösen Fall in
+jahrelanges Siechtum verfallen, nach und nach auch in Armut und Not
+geraten, der andere aber einer niedrigen Betrügerei wegen mit Schimpf und
+Schande von seinem Gehöft vertrieben worden. Niemand im Dorf sprach gern
+von ihnen, ihr Andenken war fast ganz vergessen.
+
+Hochmut und Unbarmherzigkeit kamen bei ihnen vor dem Fall; unser Bauer aber
+blieb arbeitsam und einfach, führte ein stilles, friedliches Leben und half
+überall seinem Nächsten gern. Dafür wurde er täglich mehr geliebt und
+verehrt in der ganzen Gegend, und sein Wohlstand mehrte sich täglich. Seine
+Nachkommen leben noch im Gebirge.
+
+
+
+
+Der Wundertaler.
+
+
+In einem Dörflein des Riesengebirges war Kirchweih; ein Fest, welches die
+Landleute feiern, wenn sie den Segen der Felder in die Scheuern gesammelt
+haben und der Herbst die gelben Blätter von den Bäumen schüttelt. Da gibt
+es denn auch in der ärmsten Hütte einen Fest- und Freudentag; die Arbeit
+ruht, das kleine Stübchen ist sauber gescheuert und ausgeputzt, und die
+Hausfrau backt derbe, braune Kuchen, wozu die Körner oft mühevoll während
+der Ernte auf den Feldern zusammengelesen sind. Da sitzt der wohlhabende
+Landmann an dem überreich besetzten Tische, mit Freunden und Verwandten von
+nah und fern, und bespricht bei braungesottenen Karpfen und äpfelgefülltem
+Gänsebraten Viehstand und Ackerbau.
+
+In den armen Häuschen der Tagelöhner geht es weniger hoch her, aber doch
+steht auf jedem Tische der festliche Birnenkreen (Backobst und geriebener
+Meerrettich, als kalter Brei), nach dem die Kinder sehnsüchtig hinblicken,
+indessen die Mutter die Schwarzmehlkuchen aufschneidet und wohl gar der
+Kaffee am Herde brodelt. Der Vater sitzt im weißärmligen Hemd und in der
+buntgeblümten Manchesterweste vor der Tür, raucht aus seinem braunen
+Tonkopfe und breitet sich das blaugedruckte Schnupftuch über die Knie, um
+die schwarzlederne Beinbekleidung zu schonen. Am Abend versammelt sich jung
+und alt im Wirtshause, tanzt oder zecht in der mit Tabaksrauch erfüllten
+Stube und im Hausflur würfeln die Kinder um Pfefferkuchen und Mehlweißchen.
+
+Ein solches Fest war nun in Quirl, einem anmutigen Dorfe im Riesengebirge,
+und die Musikanten bliesen eben durch das Dorf, da gab die Mutter dem
+kleinen Friedel ein großes Stück Kuchen, band ihm das Halstuch zurecht und
+steckte ihm ein Pfennigstück in die Tasche.
+
+Friedel wollte zur Musik gehen und dabei einmal würfeln. An der Straße saß
+Kunz, des Nachbars Sohn, der hatte einen ganzen Beutel voll Geld, das ihm
+die Gäste seines Vaters geschenkt hatten, und wohlgefällig, ließ er es vor
+den Ohren klingen. Das war ihm lieber als die schönste Musik.
+
+»Sieh einmal, Friedel,« rief er dem kleinen Spielgefährten zu, »das Geld
+ist alles mein; ich nehme aber keinen Groschen davon weg, spare mir noch
+viel mehr dazu und kaufe mir ein schönes Bauerngut, wenn ich groß bin.«
+
+Da zog Friedel sein Geld auch hervor und meinte: »Wenn ich auch nicht
+gerade so reich bin, wie du, so will ich mir auch kein Bauerngut kaufen,
+sondern einen Pfefferkuchenmann und davon sollst du ein Stück haben, Kunz.«
+
+Als die Knaben so mit einander redeten, kam ein Schubkärrner im Dorfe
+herunter, ein alter, schwacher Mann, der hatte einen großen Hund mit
+Stricken vor das schwer beladene Fuhrwerk gespannt, und das arme Tier
+lechzte vor Müdigkeit und Hunger. Da der Alte ausruhte, streckte sich der
+Hund in den Staub des Weges nieder und winselte.
+
+»Was fehlt denn dem armen Tiere?« fragte Friedel mitleidig und trat näher
+zu dem Kärrner, indessen Kunz geschwind seinen Geldbeutel versteckte.
+
+»Er ist hungrig und müde,« meinte kurz der Alte.
+
+»Ach da laßt mich ihm meinen Kuchen geben,« bat Friedel, indem er das
+schwarze Backwerk in Stücke brach und den Hund streichelte. Das arme Tier
+verschluckte hastig den dargebotenen Kuchen und wedelte mit dem Schwanze.
+Darüber freute sich der kleine gute Bursche so sehr, als hätte er selbst
+den Kuchen gegessen, obgleich er doch ganz leer ausgegangen war.
+
+»Du tust da dem armen Tiere Gutes,« sagte der Alte, »vielleicht bist du
+auch gegen mich mitleidig, ich bin müde und durstig und ein Trunk Bier
+würde mir wohl tun, aber ich habe keinen Pfennig dazu.«
+
+»Nun, dazu kann ich Rat schaffen,« sagte Friedel gutmütig und zog sein
+Geldstück aus der Tasche. »Kauft euch ein Glas Bier dafür, es ist heut
+Kirmeß im Dorfe.« Kunz hatte sich indessen heimlich weggeschlichen. --
+
+Ein freundliches Lächeln zog über das Gesicht des alten Mannes, dann sah er
+dem Knaben nach, der eilig die Straße hinunterlief, und fragte: »Warum
+verläßt dich denn dein Spielkamerad so geschwind, und was versteckte er vor
+mir?«
+
+»Ach, laßt nur den Kunz laufen, der kann euch doch nichts geben; seht nur,
+er braucht selbst noch viel, bis er sich Haus und Acker kaufen und ein
+reicher Bauer werden kann.«
+
+»Und was wolltest du mit deinem Gelde machen?« fragte der Alte.
+
+»Ei nun, einen Pfefferkuchenmann kaufen; aber es ist mir viel lieber, wenn
+ihr ein Glas Bier dafür trinkt!«
+
+»Du bist ein guter Junge!« rief der Fremde lachend; »komm und zeige mir nun
+den Weg zum Wirtshause, ich bin hier fremd.« Friedel ging neben dem Karren
+her; da zerrissen die schlechten Stricke, in welche der Hund gespannt war,
+und geschwind wie der Wind lief dieser davon, ins Weite. »Lasset ihn doch,«
+bat Friedel den Alten, der dem Hund nachlaufen und ihn tüchtig durchprügeln
+wollte, »ich will Hand anlegen durchs Dorf, und euer Sultan wird schon
+wiederkommen.« Dabei nahm er die Stricke in die Hand und zog so rüstig an
+dem schweren Karren, daß es geschwind weiter ging.
+
+Am Wirtshause ward haltgemacht, und indes der Alte sein Bier trank, kam
+Kunz herbeigeschlichen und sagte: »Du bist ein rechter Narr, Friedel, gibst
+dein Geld dem alten Säufer und kannst dir nun keinen Pfefferkuchen kaufen.«
+
+»Dafür habe ich dem alten Mann eine viel größere Freude gemacht,«
+antwortete dieser, »und hätt' ich mehr Geld, so wollt' ich's ihm gern
+gönnen, daß er sich eine Güte täte.«
+
+Kunz ging verdrießlich hinweg, denn hätte Friedel noch Geld gehabt, um
+einen Pfefferkuchen zu kaufen, so hätte er ihm gewiß ein Stückchen davon
+gegeben; nun ging er lüstern um den Tisch herum, wo diese feilgeboten
+wurden, und endlich siegte die Begierde über den Geiz -- er kaufte sich
+selbst einen kleinen Pfefferkuchen, an den er zehn Pfennige wendete. Als er
+aber hinein beißen wollte, biß er immer in die Luft, und obgleich der
+Kuchen immer kleiner wurde, je öfter er versuchte, ein Stück davon zu
+genießen, so bekam er doch nie davon etwas in den Magen. In der Tür der
+Schenkstube aber stand der alte Kärrner und wollte sich halb tot lachen
+über das ängstliche und doch auch wieder böse Gesicht Kunz', dem nun ganz
+unheimlich zu werden anfing. Er bestand darauf, daß ihm die Verkäuferin
+einen andern Pfefferkuchen geben müsse, weil er für sein Geld eigentlich
+nichts bekommen hätte, und diese, die den Knaben für trunken hielt, zog ihn
+auch anfänglich noch mehr auf; endlich aber wurde sie ungeduldig und gab
+ihm einige derbe Ohrfeigen.
+
+Eine Menge Kinder versammelten sich nun während des Streites um den
+Pfefferkuchentisch, und alle lachten Kunz aus, der zornig und beschämt das
+Wirtshaus verließ.
+
+Friedel wollte ihm nachlaufen und ihm Trost zusprechen, aber da rief ihn
+der Alte und bat, er möge ihm doch den Weg nach Buchwald zeigen, wo er noch
+vor Abend hinkommen müsse. Es dunkelte schon, und da auf alles Rufen und
+Pfeifen des Kärrners der Hund nicht wieder zurückkam, spannte sich Friedel
+wieder vor das Fuhrwerk und zog, was seine Kräfte erlaubten. Das Gesicht
+des alten Mannes ward dabei immer freundlicher, und als sie an das Dorf
+kamen, dankte er dem Knaben, hieß ihn umkehren und gab ihm ein großes
+Silberstück, dessen Wert Friedel aber nicht kannte, mit den Worten:
+
+»Wenn du dies recht anzuwenden verstehst, wirst du reich und glücklich
+dadurch werden.« Dann schob er seinen Karren rasch weiter, und als Friedel
+ihm nachlief, um sich zu bedanken, war er spurlos verschwunden.
+
+Das war ein drolliger Kauz, dachte Friedel, und ging mit großen Schritten
+nach Hause. Es war ihm ziemlich warm geworden bei der ungewohnten
+Anstrengung, aber jetzt blies der Herbstwind scharf, und der kleine Bursche
+hatte kein Jäckchen an, so daß er froh war, als er über den Steg ging, an
+dessen Ende das Häuschen seiner Eltern stand. Aber da saß ja Kunz noch
+immer ganz traurig und mit verweinten Augen; Friedel war ganz mitleidig,
+gab ihm die Hand und sagte: »So sei doch nicht gar so betrübt um den dummen
+Pfefferkuchen und der paar Püffe willen, die du bekommen hast.«
+
+»Ja,« murrte Kunz, »du bist auch schuld daran, denn kein anderer als der
+tückische Alte hat mir den Possen mit dem Pfefferkuchen gespielt. Warum
+mußt du auch allem Bettelvolk nachlaufen!«
+
+»Glaub doch nicht solch närrisches Zeug, Kunz,« sagte Friedel, »der alte
+Mann war gewiß nicht boshaft; sieh einmal, was er mir da für ein blankes
+Spielzeug geschenkt hat.«
+
+Kunz war sogleich aufmerksam, denn der Neid und die Habsucht regten sich in
+ihm. Er erkannte sogleich, das es ein Taler war, was Friedel für ein
+Spielzeug hielt, und dachte Vorteil von seiner Unwissenheit zu ziehen.
+
+»Das könntest du mir schenken, wenn du ein guter Junge wärst, wie die Leute
+immer sagen,« schmeichelte er; »ich will dir auch etwas von meinem Gelde
+dafür geben.«
+
+»Behalte doch dein Geld, ich will dir das Ding ja lassen; nun mußt du aber
+auch nicht mehr traurig sein, sondern wieder ein fröhliches Gesicht
+machen.« Das ward dem Kunz jetzt gar nicht schwer, und so spielten die
+beiden Knaben noch ein Weilchen, dann gingen sie nach Hause. Friedel dachte
+gar nicht mehr an den alten Mann, am wenigsten aber erzählte er den kleinen
+Vorfall seinen Eltern, denn er wußte es aus der Kinderlehre, daß man damit
+nicht prahlen dürfe, wenn man seinen Nebenmenschen Gutes getan oder ihnen
+Hilfe geleistet habe.
+
+Es ging aber seit jener Zeit das Gerücht im Dorfe, daß der Vater Kunz'
+einen Schatz gefunden haben müsse, denn sein Reichtum vermehrte sich alle
+Tage. Er kaufte die Scholtisei und ward nun der Schulze des Dorfes; aber in
+gleicher Weise, wie sein unermeßlicher Reichtums, nahm auch sein Geiz zu.
+Kunz durfte mit Friedel nun nicht mehr spielen, dessen Vater ja nur ein
+armer Tagelöhner war; darüber verging die Zeit. Viele Jahre waren vorüber,
+Friedel war ein fleißiger Mann geworden, bewohnte nur das kleine Häuschen
+seines Vaters, der tot war, und ernährte durch den Ertrag des kleinen dazu
+gehörigen Ackers seine alte Mutter. Kunz war nun auch an Stelle seines
+Vaters Schulze geworden und hatte das schönste Gehöft, den reichsten
+Viehstand im ganzen Dorfe. Aber er hatte keine Freude daran; die
+aufsteigende Gewitterwolke ängstete ihn, denn sie konnte ja seine Felder
+verheeren; in der Nacht floh der Schlaf sein Auge, denn Räuber konnten
+einbrechen und seine zusammengehäuften Schätze fortschleppen. Darüber ward
+er krank und schlich wie ein Schatten umher; das Gesinde haßte und
+fürchtete ihn, und er wiederum traute niemand; daher hielten ehrliche Leute
+in seinem Dienst nicht aus, und er hatte allerlei Ärger, der ihm das Leben
+verbitterte.
+
+So kam er zu keiner Lebensfreude und beneidete den lustigen Friedel oft,
+wenn der hinter dem Pfluge hinaus aufs Feld zog und dabei pfiff oder sang,
+der gesund und rüstig war, und dem jedermann treuherzig die Hand
+schüttelte, wenn er durchs Dorf ging.
+
+Da ward der junge Bauer einmal tief in der Nacht zum Schulzen gerufen, der
+seit einigen Tagen gefährlich krank war. In der spärlich erhellten Kammer
+fand er den armen, reichen Mann bleich und elend, dem Tode nahe. Er
+streckte Friedel die abgemagerte Hand entgegen und sagte matt: »Ich fühle,
+daß ich sterben muß und habe dich rufen lassen, weil ich großes Unrecht
+gegen dich auf dem Herzen habe. Erinnerst du dich noch des Geldstückes, was
+dir, wie wir beide noch Kinder waren, ein alter Mann geschenkt hatte? Ich
+betrog dich darum, denn es war ein Taler, und du hieltest ihn, für ein
+Spielzeug, und ich lief freudig damit zu meinem Vater, dem ich erzählte,
+ich hätte ihn gefunden. Am andern Tage betrachtete ich mir wieder das
+Geldstück und erschrak freudig, als ein zweiter Taler dabei lag, und so oft
+ich nachsah, war immer wieder ein neuer dazu gekommen. Das ist ein
+Wundertaler, sagte mein Vater, und verbot mir, ein Wort davon zu reden. Von
+der Stunde an vermehrte sich unser Reichtum, denn wir hüteten uns wohl, den
+Wundertaler auszugeben, aber der Geizige hat keinen Genuß davon, wenn er
+auch Berge Goldes um sich anhäufen könnte. -- Auch ich habe von dem unrecht
+erworbenen Reichtume keine Freude gehabt; ich ward ein harter, böser
+Mensch, den niemand liebte; das Geschenk jenes Alten, der, wie ich längst
+merkte, Rübezahl war, ist mir zum Fluch geworden, denn mit mir ist es nun
+vorbei. Es ist mir mit meinen erworbenen Schätzen gegangen, wie damals mit
+dem Pfefferkuchen, ich habe nichts davon wirklich genossen, so gierig ich
+auch danach war. Nun ist alles dein, dem es von Anfang an bestimmt war, du
+wirst einen besseren Gebrauch davon machen und Gutes tun, wo ich nur Übles
+getan habe. Ich bin verarmt an inneren Schätzen, inmitten des ungerechten
+Mammons, und darbe nun an jeder Hoffnung.« -- Ein heftiger Husten
+unterbrach seine Worte; er reichte mit zitternder Hand Friedel den
+Schlüssel zu dem Gewölbe, worin er seinen Reichtum aufgehäuft hatte und
+verlangte den Zuspruch des Pfarrers. Dann erklärte er Friedel gerichtlich
+zu seinem Erben und starb in dessen Armen, beweint von dem Redlichen.
+
+Friedel warf den unheilvollen Wundertaler in den tiefen Waldstrom, er hatte
+eine Scheu, denselben, der bei Kunz so viel Unheil angestiftet hatte, zu
+behalten; war es ihm doch auch ohne den Wundertaler gut ergangen und stand
+sein Sinn nicht am meisten nach Geld und Gut. Er verwendete einen Teil des
+geerbten Geldes zu milden Stiftungen, bezog aber nun mit seiner Mutter das
+große, schöne Gut. Aber auch dort betrachtete er sich nur als Verwalter der
+Besitzung, war gut und mildtätig und die Zuflucht aller Bedrängten und
+Notleidenden. Keiner ging ungetröstet von seiner Schwelle, und so
+verwandelte sich der Unsegen in Segen, die Felder trugen reiche Frucht,
+seine Arbeiten gelangen, und bald, geliebt von allen, ward Friedel nun der
+neue Schulze des Dorfes.
+
+
+So hatte er denn reichlich Gelegenheit, das Gute zu fördern, und oft, wenn
+er nach einem redlichen Tagewerke abends unter dem Tore seiner schönen
+Besitzung saß, war es ihm, als sähe er die Gestalt des alten Kärrners an
+sich vorübergleiten und ihm freundlich zuwinken.
+
+
+
+
+Der Goldmacher.
+
+
+In Warmbrunn, einem berühmten Badeorte, dessen warme Quellen von Hirschen
+entdeckt worden sind, wohnte ein Mann, der sehr arm und dürftig war, mit
+keinem Menschen umging und sich nur mit chemischen Versuchen und Grübeleien
+beschäftigte. Er hoffte, erzählte man, das Geheimnis der Goldmacherkunst zu
+ergründen und große Schätze dadurch zu erwerben. Bei solcher Beschäftigung
+hatte er aber sein früheres Handwerk vernachlässigt, Hab und Gut an seine
+chemischen Versuche gesetzt und war nun so arm geworden, daß er manchen
+lieben Tag hungrig schlafen ging.
+
+Dieser nun durchstreifte sehr oft das wilde Gebirge hinter dem Kynast, und
+noch in der späten Nacht umschlich er die sagenreiche Burg, oder verlor
+sich in den angrenzenden Wald. Dort begegnete ihm zuweilen ein Mann, zu dem
+er Vertrauen gefaßt hatte, und dem er oft erzählte, wie ihn das wilde
+Gebirge anziehe, und er gewiß glaube, daß in diesen öden Schluchten ein
+Lebensgeheimnis und große Schätze für ihn liegen müßten.
+
+Einst, als er recht trübselig unter den düsteren Tannen des Gebirges
+wandelte, sah er ein helles Flämmchen in der Ferne, dem er sorgsam
+nachging, und entdeckte nun eine Gittertür, die eine erleuchtete Höhle
+verschloß, in der man große Schätze von Gold und Edelsteinen erblickte.
+Begierig hafteten die Augen des armen Mannes auf der Fülle des glänzenden
+Goldes, das ihn zauberhaft anzog. Da stand plötzlich jener fremde Mann
+neben ihm, mit dem er schon oft im Walde zusammengetroffen war, und sagte:
+»Alle diese Schätze sollen dein eigen werden, merk dir nur die Stelle
+genau, wo die Höhle steht. In drei Tagen wirst du die Höhle offen finden.«
+
+Die Bäume waren an dieser Stelle weniger dicht und gaben die Aussicht in
+das breite Tal frei. Von der Ruine des Kynasts links sah man den Turm von
+Hermsdorf, unten im Tale lag das freundliche Warmbrunn und im Hintergrunde
+Hirschberg. Der Fremde machte ihn genau aufmerksam auf die Stellung dieser
+Punkte zu einander und sagtet »Präge dir es wohl ein, daß du genau dieselbe
+Stelle wiederfindest, denn nur so kannst du die Höhle finden und dein Glück
+dadurch machen.«
+
+Mit welcher Aufmerksamkeit sah der bestürzte Chemiker nach den angedeuteten
+Punkten und ging dann voller Entzücken hinweg, kam aber noch einmal zurück,
+um gewisser den Standpunkt wiederfinden zu können. »Da hast du eine
+Schaumünze,« sprach der Fremde, »damit du morgen nicht alles für einen
+bloßen Traum hältst,« und gab ihm eine goldene Münze mit rätselhafter
+Inschrift. Dann verschwand er. Als aber der arme Mann sich umsah, war die
+Höhle auch verschwunden, und er würde alles für ein Spiel seiner erregten
+Einbildungskraft gehalten haben, hätte er nicht die Münze in der Hand
+gehalten.
+
+Während er entzückt nach Hause ging, gab er auf jeden seiner Schritte acht,
+wälzte mühsam große Steine an den Weg und bezeichnete sich mehrere Bäume,
+um nur ja die rechte Stelle wiederfinden zu können. Am dritten Tage eilte
+er denselben Pfad zurück, erkannte auch an allen den Zeichen den rechten
+Fußweg und versuchte nun, unter der Ruine stehend, die drei Türme von
+Hermsdorf, Warmbrunn und Hirschberg zu finden. Aber wenn er den einen
+erblickte, hatte sich ein Fels oder ein Baum vor den andern geschoben, und
+vergeblich änderte er wieder und wieder seinen Standpunkt. Unruhig stieg er
+bald hinauf, bald hinunter, stellte sich bald rechts, bald links, bald
+tiefer in den Wald hinein, bald weiter ins Freie, er fand die drei Türme
+auf einmal nicht mehr. Der Angstschweiß rann über seine Stirn, das Herz
+klopfte ihm angstvoll, seine Augen starrten weit geöffnet in die Gegend
+hinein; vergebens! Endlich rief er laut: »Da! -- so! -- nun habe ich es!«
+und sein Gesicht erheiterte sich, seine Knie brachen vor Freude zusammen;
+aber die Täuschung dauerte nur einen Augenblick, denn als er genauer
+hinsah, war alles anders. So von der furchtbarsten Pein gefoltert und bis
+zur Verzweiflung gequält, lief er den ganzen Tag, ja die ganze Nacht umher,
+-- kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück und irrte in Wahnsinn
+versunken länger als ein Jahr zwischen den Felsen und Bergschluchten hin,
+wo nur Wurzeln und Waldbeeren ihn spärlich nährten, bis man ihn endlich tot
+in dem Walde fand, die goldene Münze zwischen den erstarrten Fingern.
+
+Auch ihm waren seine Leidenschaften zum Verderben geworden; hätte er nicht
+diese Goldgier gehabt und darüber sein Handwerk vernachlässigt, er würde
+nie mit so fruchtlosen Versuchen seine Zeit hingebracht haben und
+schließlich, vom Schimmer des Goldes geblendet, elend untergegangen sein.
+
+
+
+
+Rübezahl straft einen Spötter.
+
+
+Nachdem Rübezahl wiederum einmal Jahrhunderte lang die Unterwelt nicht
+verlassen hatte, ihm aber endlich doch die Einsamkeit und Langeweile zu
+drückend wurde, und als er eben deshalb in der übelsten Laune war, machte
+ein Erdgeist, der bei ihm in besonderer Gnade stand, den Vorschlag, doch
+eine Lustpartie ins Riesengebirge zu unternehmen.
+
+Rübezahl runzelte zwar anfänglich die Stirn gewaltig über diesen Einfall,
+aber nach einigem Zögern willigte er endlich doch ein; in einer Minute Zeit
+war auch schon die weite Reise zurückgelegt, obgleich es damals noch keine
+Eisenbahnen gab. Der Berggeist konnte sich nämlich durch eine bloße Kraft
+seines Willens an jeden beliebigen Ort versetzen, und so war er denn auch
+jetzt schnell wie ein Gedanke mitten auf dem großen Rasenplatze, den man
+noch heut »Rübezahls Lustgarten« nennt. Kaum aber schaute er von dort in
+das Tal hinab, wo sich jetzt Türme, Klöster, Städte und Flecken
+ausbreiteten, so erwachte sein alter Haß gegen die Menschen aufs neue und
+er rief bitter lachend aus:
+
+»Unseliges Erdengewürm, das mich durch Falschheit und Tücke gehöhnt hat,
+nun sollst du mir deine Schuld büßen, und ich will dich hetzen und plagen,
+daß du mit Furcht und Schrecken an den Geist des Gebirges denken sollst.«
+
+Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so hörte er in der Ferne
+Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durch das Gebirge, und der
+mutigste von ihnen rief in fröhlicher Laune: »Rübezahl! Rübezahl! komm
+herab, du Mädchendieb!« --
+
+Der Gnom wurde wütend über diesen Spott und fuhr gleich dem Sturmwind durch
+den düstern Fichtenwald, um den armen Schelm, der sich über ihn lustig
+gemacht hatte, sogleich zu erwürgen. Aber es fiel ihm ein, daß ein so
+grausames Exempel seiner Rache alle Wanderer aus dem Gebirge verscheuchen
+würde, und er alsdann keine Gelegenheit hätte, sein Spiel mit den Menschen
+zu treiben. Darum ließ er den Frevler einstweilen ruhig seine Straße
+ziehen, nahm sich aber vor, ihn den verübten Mutwillen schon noch entgelten
+zu lassen.
+
+
+Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich dieser von seinen beiden
+Reisegefährten und langte ohne besonderes Abenteuer in Hirschberg, seiner
+Vaterstadt, an. Rübezahl war ihm unsichtbar bis zur Herberge gefolgt, um
+ihn einen Possen spielen zu können; nun verließ er den Burschen, um ihn bei
+gelegener Zeit wieder aufzusuchen. Jetzt ging er ins Gebirge zurück und
+sann auf ein Mittel, sich an dem Spötter zu rächen. Da begegnete ihm von
+ungefähr ein Jude auf der Landstraße, der nach Hirschberg wollte und sehr
+reich war; diesen ersah Rübezahl sogleich zum Werkzeug seiner Rache. Er
+nahm alsbald die Gestalt jenes lustigen Gesellen an, der ihn mit dem
+Spottnamen gerufen hatte, und indem er ein Stück Weges neben dem Juden
+hinwanderte, sich freundlich mit ihm unterhaltend, führte er ihn unbemerkt
+von der Straße ab in ein Gehölz, wo er ihn überfiel und zu Boden warf und
+ihn des Beutels, darin der Israelit viel Gold und Geschmeide trug,
+beraubte. Nachdem er ihn tüchtig zerschlagen hatte, ließ er den armen
+geplünderten Mann halbtot im Gebüsch liegen und verschwand.
+
+Als sich der Jude nach einigen Stunden von Schreck und Mißhandlungen erholt
+hatte, rief er laut um Hilfe, damit er von den Stricken befreit würde,
+womit ihm Hände und Füße gebunden waren. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann
+zu ihm, ein ansehnlicher Bürger, wie es schien, und als er den Juden
+gebunden sah, befreite er ihn von den Stricken und leistete ihm jede
+mögliche Hilfe. Er labte ihn mit Wein und geleitete ihn dann bis Hirschberg
+an die Tür derselben Herberge, wo der Geselle hineingegangen war; diese
+pries der Fremde dem geplünderten Juden als die billigste, gab ihm noch
+einen Zehrpfennig und verließ ihn dann.
+
+Wie erstaunte der Israelit, als er in der Stube des Wirtshauses seinen
+Räuber ganz wohlgemut am Tische sitzen und einen Schoppen Landwein trinken
+sah. Er wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, denn der Bursche war
+so froh und vergnügt, als hätte er das beste Gewissen der Welt.
+
+Ganz still setzte sich der Beraubte in einen Winkel und sann, wie er wieder
+zu seinem Eigentum gelangen könne. Da er sich indes immer mehr und mehr
+überzeugte, daß er sich in der Person seines Räubers nicht irre, ging er
+heimlich zum Richter und teilte ihm den Vorfall mit. Alsbald wurden Häscher
+mit Spießen und Stangen zur Herberge geschickt, die das Haus umzingelten
+und den Verbrecher vor die Ratsversammlung führten. »Wer bist du?« fragte
+der oberste Richter, »und von wannen kommst du?«
+
+Darauf antwortete der Bursche ganz freimütig und unerschrocken: »Ich bin
+ein ehrlicher Schneider meines Handwerks und heiße Benedix.«
+
+»Hast du nicht diesen Juden auf der Landstraße mörderisch überfallen und
+seines Geldes beraubt?«
+
+»Ich habe diesen Mann nie zuvor mit Augen gesehen und ihn weder geschlagen,
+noch des Geldes beraubt; ich bin ein ehrlicher Handwerker und kein
+Straßenräuber.«
+
+»Zeig einmal deine Kundschaft!« (Das ist der Gesellenbrief eines
+Handwerkers.)
+
+Benedix öffnete getrost das Wanderbündel, worin er seine Papiere verwahrt
+hatte. Doch wie er darin umhersuchte, klang es wie Gold. Alsbald griffen
+die Häscher danach und zogen den schweren Säckel heraus, den der erfreute
+Jude auch sogleich als sein Eigentum erkannte. Da stand Benedix wie vom
+Blitz zerschmettert, seine Knie zitterten und er ward bleich wie Kalk; kein
+Wort vermochte er zu seiner Rechtfertigung zu sagen.
+
+»Bösewicht!« sagte der Richter zornig, »willst du auch jetzt noch deine
+Schuld leugnen?«
+
+»Erbarmen, gestrenger Herr!« flehte der arme Gesell und fiel auf seine
+Knie. »Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich unschuldig bin und von
+dem Raube nichts weiß.«
+
+»Du bist überführt!« antwortete jener. »Der gefundene Beutel spricht am
+deutlichsten für dein Verbrechen; bekenne nur freiwillig, ehe dich die
+Folter dazu zwingt.« -- Der geängstigte Benedix konnte aber nichts tun, als
+seine Unschuld wiederholt zu versichern; da aber Anstalten zur Tortur
+gemacht wurden und der arme Schneidergesell die Marterwerkzeuge erblickte,
+gestand er alles ein, obgleich sein Herz nichts davon wußte. Der Prozeß
+wurde nun kurz gemacht und Benedix zum Strange verurteilt.
+
+Das Volk, das in der Gerichtsstube versammelt war, pries laut die Weisheit
+und die Gerechtigkeit der Richter; am meisten aber tat dies jener
+Bürgersmann, der den Juden befreit hatte und sich nun auch in der
+Versammlung befand. Das war aber, wie ihr wohl schon erraten haben werdet,
+kein anderer als Rübezahl, der das Gold des Juden heimlich in das Felleisen
+des Handwerksburschen versteckt hatte, um sich wegen des Spottnamens an ihm
+zu rächen.
+
+Indes ward ein Geistlicher zu dem armen Sünder geführt, um ihn zum Tode
+vorzubereiten, da dieser aber den Benedix sehr unwissend fand, hielt er es
+für notwendig, daß die Hinrichtung verschoben werde, damit er den
+Unwissenden zuvor mehr im Christentum unterweisen könne, und der Rat
+gewährte dazu einen Aufschub von drei Tagen. Als Rübezahl dies hörte, flog
+er mürrisch ins Gebirge zurück, um dort die Zeit abzuwarten.
+
+In dieser Zwischenzeit durchstrich er die Gegend und fand dabei ein junges
+Weib, die traurig an einem Baume lag und weinte. Ihre Kleidung war dürftig,
+aber sehr gut und sauber gehalten, und ihre Hände schienen an harte Arbeit
+gewöhnt. Sie trocknete sich zuweilen die Augen damit und seufzte so schwer,
+daß selbst Rübezahl davon bewegt wurde.
+
+Er nahm daher wieder die Gestalt eines stattlichen Bürgers an, trat näher
+zu dem jungen Weibe und fragte, warum sie denn gar so traurig sei? »Ach,«
+jammerte diese, »ich bin eine Unglückliche und habe das Verderben eines
+sonst so guten Menschen auf der Seele!«
+
+Der Gnom staunte. »Wie?« fragte er, »dein Gesicht sieht doch so ehrlich und
+gut aus, und du solltest voll Bosheit sein? Aber freilich, die Menschen
+sind ja alle schlecht und böse.«
+
+
+»Ach, mein Herr, da habt ihr unrecht; der Benedix ist nun schon eine treue,
+redliche Haut und ist kein Falsch in seinem Herzen. Ich nur habe ihn ins
+Verderben gelockt und seinen Tod verschuldet, den er nun durch Henkershand
+sterben soll. Er ist nämlich mein Mann, -- der Benedix, -- und wir sind
+kaum ein Jahr verheiratet miteinander; mit dem Gewerbe ging es aber von
+Anfang an schlecht, wir hatten viel Not und Kummer, und ich war manchmal
+unzufrieden und traurig, wenn ich die Nachbarinnen Sonntags in schönen
+Kleidern zur Kirche gehen sah, indes ich mit der Nähnadel in der Hand
+meinem Manne altes Flickwerk zusammensetzen helfen mußte. Da wurmte ihn
+endlich mein unzufriedenes Wesen, so wohlgemut er auch sonst bei aller
+Trübsal gewesen war; er schnürte eines Tages sein Bündel und sagte: »Ich
+will ins Riesengebirge gehen, wo ich einige Verwandte habe; die helfen mir
+wohl mit ein paar Talern auf, womit ich ein Fleckchen Acker kaufen kann.
+Damit haben wir doch eigenes Brot, und es wirft doch auch einmal eine neue
+Jacke oder Mütze für dich ab.« Der gute Benedix! -- Damit wanderte er
+getrost nach Hirschberg; aber meine sündliche Unzufriedenheit hat ihn
+verleitet, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen, und nun muß er den
+bittern Tod erleiden für meine Schuld. Das überlebe ich nicht und will nur
+noch einmal gehen, um Abschied von meinem Manne zu nehmen; die Müdigkeit
+und der Schmerz haben mich aber schon auf der Hälfte des Weges aller Kräfte
+beraubt.«
+
+Rübezahl war von dem großen Schmerz des jungen Weibes gerührt und vergaß um
+ihretwillen der Rache, die er ihrem Mann geschworen hatte. »Sei getrost,«
+sagte er zu der Weinenden, »du sollst deinen Benedix wiederhaben, ehe die
+Sonne untergeht. Wisse auch zu deinem Trost, daß er den Raub nicht begangen
+hat und unschuldig ist; merke dir aber die Lehre, künftig mit deinem
+bescheidenen Lose zufriedener zu sein, da du nun weißt, daß der redliche
+Arme glücklicher und beneidenswerter ist als der schuldbewußte Reiche.«
+
+»Ach Herr!« rief die Frau, und sank vor ihm auf die Knie, »das wollte euch
+Gott vergelten, wie ihr mich getröstet habt. Gewiß, ihr seid ein guter
+Engel, den mir Gott schickt, obgleich ich so vieler Gnade unwert bin; denn
+ich habe ja um irdischer Güter und Herrlichkeit willen mein Seelenheil
+selbst in Gefahr gegeben.«
+
+»Lasse das gut sein,« sagte Rübezahl; »ich bin kein Engel, sondern ein
+Bürgersmann aus Hirschberg, der viele Freunde unter den Ratsherren der
+Stadt hat; die sollen mir deinen Mann schon freigeben. Kehre du nur in
+Frieden heim und sei guten Mutes.«
+
+Da machte sich die Frau voll heißen Dankes auf den Weg, und ihre Seele war
+voller Freude. Rübezahl aber begab sich nun in der Gestalt des Geistlichen,
+der den armen Sünder zum Tode vorbereiten sollte, zu Benedix in den Kerker.
+Wie fand er den lustigen Schneider da so überaus niedergeschlagen! Eine
+lange Zeit redete er über ernste Dinge mit dem Gefangenen, dann sagte er:
+»Ich überzeuge mich immer mehr, daß du unschuldig bist, mein Sohn, weiß dir
+aber nicht zu helfen, denn deine Sache steht gar schlimm und die
+Gerechtigkeit verlangt ein Opfer. Freilich gäbe es noch ein Mittel, dich zu
+retten, und ich will nicht anstehen, es anzuwenden. Du sollst nämlich die
+Kleider mit mir wechseln und das Gefängnis verlassen; mein weiter Talar
+wird den Gefängniswärter schon also täuschen, daß er dir willig das Tor
+öffnet. Hier hast du auch noch ein Brot auf den Weg, kehre nun heim zu
+deinem Weibe, so schnell dich deine Füße tragen.«
+
+»Aber ehrwürdiger Herr,« sagte Benedix bedenklich, »ihr könntet dadurch
+wohl in große Gefahr und Verantwortung kommen, wenn ihr mir also zur Flucht
+verholfen hättet. Am Ende töteten sie euch statt meiner, und ehe solches
+Unrecht an einem so frommen Manne geschieht, will ich lieber sterben.
+Wenngleich ich an dem Diebstahl unschuldig bin, so habe ich doch wohl durch
+manche andere Sünde Strafe verdient und will sie lieber ertragen, als mir
+mein Gewissen durch euren Tod schwer machen.«
+
+Rübezahl wunderte sich über die Sinnesart des ehrlichen Benedix und freute
+sich, daß er sein Unrecht an ihm noch gutmachen konnte. Daher sprach er zu
+ihm: »Sei ohne Sorge deshalb, mein Sohn, mein Stand wird mich vor einer
+solchen Strafe schützen; auch habe ich viele Anhänger und mächtige Freunde
+in der Stadt, die mir kein Leid widerfahren lassen werden.« Da ward der
+arme Benedix erfreut, daß er mit heiler Haut der Gefahr entkommen sollte,
+machte sich geschwind auf und verließ mit tausend Danksagungen gegen den
+ehrwürdigen Geistlichen seinen Kerker. Aber die ihm angeborene
+Zaghaftigkeit konnte er doch nicht verleugnen, denn als er an dem Schließer
+vorbeiging, klappten ihm die Zähne und seine Knie schlotterten aus Furcht,
+daß dieser ihn erkennen möchte. Endlich kam er, glücklich aus der Stadt und
+war, ehe die Sonne unterging, wieder daheim bei seinem Weibe.
+
+Welch eine Freude hatte diese, ihren treuen Benedix gesund und frisch
+wiederzusehen. Erst dankten sie beide Gott für die wunderbare Rettung, dann
+aber sehnte sich Benedix nach einer tüchtigen Mahlzeit, denn die
+Todesfurcht hatte ihm allen Appetit verdorben, und nach dem weiten Wege und
+der glücklich überstandenen Gefahr machte der Hunger sein Recht geltend.
+Die Frau holte nun geschwind herbei, was nur die arme Küche vermochte, und
+Benedix schnitt das Brot dazu auf, welches der fromme Pater ihm mit auf den
+Weg gegeben hatte.
+
+Aber sieh da! als er das Messer hineinstieß, gab es einen seltsamen Klang,
+und ein Häuflein geprägten Goldes fiel auf den Tisch. -- Nun erst merkten
+Benedix und sein Weib, _wer_ der großmütige Helfer gewesen sein müsse,
+priesen ihn aus dankbarem Herzen, und zogen fort aus der Gegend nach Prag,
+wo Benedix sich ein hübsches Haus kaufte und bald der berühmteste Meister
+wurde, der oft mehr als zehn Gesellen hielt. Seine Frau genoß nun den
+Wohlstand, den sie sich früher so sehr gewünscht; aber sie mißbrauchte ihn
+nicht, sondern tat den Armen Gutes, statt mit schönen Kleidern zu prunken,
+wie es wohl sonst ihr Streben gewesen war. Benedix blieb ehrlich, wie er es
+immer gewesen, und das trug nicht wenig dazu bei, ihm Kundschaft und Ehre
+zu bringen.
+
+Als am dritten Tage in Hirschberg der arme Sünder vor die Tore der Stadt
+geführt wurde, waren viele Tausend Menschen versammelt, um dem Schauspiele
+beizuwohnen. Als der Henker aber sein Amt verrichtet hatte, zappelte der
+Tote so sehr am Stricke, daß dem Henker bange ward, das Volk werde ihn
+steinigen, daß er den Delinquenten zu sehr quäle. Auf einmal aber ward
+dieser still und streckte sich lang aus; darauf verlief sich die Menge.
+
+Am andern Morgen aber kamen einige Bauern vom Felde in die Stadt und
+berichteten, der Gehangene lebe noch immer, denn er zappele mit Händen und
+Füßen. Da schickte der wohlweise Rat eine Deputation hinaus zum Galgen, um
+die Sache zu untersuchen, aber was fanden die gestrengen Herren statt des
+Delinquenten? -- Eine Schütte Stroh mit alten Lappen bekleidet, wie man sie
+oft in ein Schotenfeld stellt, um die Sperlinge zu verscheuchen.
+
+Darüber verwunderten sie sich sehr und schüttelten die wohlgepuderten
+Perücken, daß der feine Staub um ihre Köpfe flog. Nach langem Sinnen ließen
+sie endlich den Strohmann abnehmen und verbreiteten die Nachricht, der
+große Wind habe in der Nacht den leichten Schneider vom Galgen über die
+Grenze der Stadt hinausgeweht.
+
+
+
+
+Die Perücken.
+
+
+Als die Deutschen sich zu schämen anfingen, daß sie Deutsche waren, galt
+keine Tracht für vornehm oder schön, die nicht von den Franzosen kam. Auch
+die Tracht der Haare war aus Frankreich gekommen, und Männer und Frauen
+trugen Perücken, um entweder ihre grauen oder ihre spärlichen Haare zu
+verbergen und so noch für jung zu gelten, während ihnen die Zeit doch schon
+bedeutende Merkmale ihrer Jahre aufgeprägt hatte.
+
+Als Rübezahl von diesen Narrheiten hörte, begab er sich nach Hirschberg, wo
+eben Jahrmarkt war, und hielt Perücken feil. Bald fand sich auch ein junger
+Herr, der gern eine mit Locken gehabt hätte und fragte, ob Rübezahl
+dergleichen führe. »Genug!« antwortete dieser, »und alle nach der neuesten
+Art, aber sie sind sehr kostbar.«
+
+Der Stutzer betrachtete sich die neuen, schönen Perücken mit Lust, welche
+Rübezahl aus den Schachteln nahm, und hatte keinen Tadel daran, als daß sie
+zu teuer wären. Dabei zuckte Rübezahl die Achseln und machte Miene, die
+kostbaren Perücken wieder einzupacken. »Haltet nur,« rief nun schnell
+entschlossen der Stutzer, »wenn mir der Preis auch sehr hoch zu sein
+scheint und eigentlich meine Verhältnisse übersteigt, so will ich mir doch
+eine eurer schönen Perücken kaufen. Es wird Aufsehen erregen, werde ich
+doch der erste sein, der diese neue Mode trägt.«
+
+Er bezahlte den hohen Preis ohne Widerrede und ging vergnügt nach Hause.
+Nun ging es wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt, daß neue Perücken zu
+haben wären, und wo ein Narr Geld hatte, kaufte er sich einen solchen Putz,
+so daß der Handelsmann bald alle seine Waren verkauft hatte und den Markt
+verließ.
+
+Des Nachmittags stolzierten die Käufer mit ihren neuen Perücken auf dem
+Markte umher, und jener junge Stutzer dachte: »Du gehst auch; wie werden
+die Leute staunen, wenn sie erst meinen Haarputz sehen!«
+
+Als er nun mit stolzem Schritt und großem Selbstgefallen an einem Gasthofe
+vorübergeht, dessen Fenster alle mit vornehmen, fremden Damen besetzt sind,
+ruft ihm ein Bauer nach: »Guter Freund! Euch hat wohl jemand einen
+Schabernack gespielt,« und zeigt auf die Perücke. Und zu gleicher Zeit
+springen alle Straßenbuben um ihn herum, lachend und schreiend, und selbst
+alte Leute lächeln im Vorübergehen, wenn sie den jungen Herrn ansehen. Da
+läuft dieser endlich in ein Haus, nimmt die Perücke ab und betrachtet sie
+entsetzt, denn sie ist zu einem Geniste von Moos, Werg und Heu geworden.
+Unterdessen ist es den andern Käufern nicht besser ergangen, und Lärm und
+Gelächter hört man in allen Straßen der Stadt.
+
+Wie gut aber auch Rübezahl diesen Spaß durchgeführt hatte, so blieb er doch
+ohne großen Nutzen, denn noch zu heutiger Zeit schämen sich die Deutschen
+nicht, die Affen fremder Völker zu machen, und es täte not, Rübezahl käme
+wieder, um ein Exempel zu geben.
+
+
+
+
+Mutter Else.
+
+
+Die Hilfe, welche Rübezahl einzelnen Personen hatte angedeihen lassen, zog
+eine Menge Müßiggänger, nachlässige Hauswirte und dergleichen herbei, die
+alle, bald durch Bitten, bald durch Spott den Berggeist zu reizen suchten,
+daß er erscheinen und ihre Klagen anhören möchte. Eine Zeitlang ließ dieser
+sie ruhig ihr Wesen treiben, denn er verachtete sie zu sehr, um sich über
+sie zu erzürnen, oder er neckte sie auch zuweilen durch ein blaues
+Flämmchen, welches sie für das Zeichen hielten, daß ein Schatz in der Erde
+liege; ja er ließ sie sogar schwere Töpfe finden, und wenn sie diese mühsam
+heimtrugen, fanden sie statt des Goldes Steine und Scherben darin.
+Gleichwohl ließen sie nicht ab, den Gnom mit Bitten zu bestürmen, bis er
+endlich ganz zornig ward und einen tüchtigen Steinhagel unter das Gesindel
+warf, um sie aus seinem Gebiete zu verjagen. Kein Wanderer betrat nun ohne
+Furcht und Zittern das Riesengebirge; Rübezahl aber ward lange Zeit nicht
+mehr gehört und gesehen.
+
+Eines Tages sonnt sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam
+ein Weib daher, die durch den sonderbaren Aufzug, den sie machte, seine
+Aufmerksamkeit erregte. Sie hatte nämlich ein Kind auf dem Arme, eins auf
+dem Rücken, eins leitete sie an der Hand und ein etwas größerer Knabe trug
+einen leeren Korb und einen Rechen, denn die Mutter wollte Laub einsammeln
+fürs Vieh.
+
+Eine Mutter muß doch wahrlich ein gutes Geschöpf sein, dachte Rübezahl,
+schleppt sich da mit vier Kindern und muß noch dazu mühsame Arbeit
+verrichten. Diese Betrachtungen versetzten den Gnom in gute Laune, und er
+nahm sich vor, eine Unterredung mit der Frau anzufangen. Diese hatte indes
+ihre Kinder auf den Rasen gesetzt und streifte Laub von den Büschen;
+mittlerweile wurde den Kleinen die Zeit lang und sie fingen an zu weinen
+und zu schreien; Da verließ die Mutter ihre Arbeit, spielte und scherzte
+mit ihnen, wiegte sie endlich in den Schlaf, und ging dann rüstig wieder an
+ihre Arbeit. Aber die Mücken stachen die kleinen Schläfer, sie wurden aufs
+neue unruhig und ebenso rasch als unverdrossen eilte die Mutter wieder
+herzu, suchte Himbeeren im Gebüsch und brachte sie den weinenden Kleinen.
+Diese mütterliche Sorgfalt und Geduld rührte den Gnom.
+
+Der kleinste Knabe aber wollte sich durchaus nicht beruhigen lassen; er
+warf die Beeren an den Boden und schrie, als ob er gespießt würde. Darüber
+ging der Mutter endlich die Langmut aus; »Rübezahl!« rief sie drohend,
+»komm und friß den unartigen Schreihals!«
+
+Augenblicklich kam der Gerufene in Gestalt eines Köhlers herbei und sprach:
+»Hier bin ich, was willst du von mir?« --
+
+Die Frau geriet in den größten Schrecken, faßte sich aber bald wieder ein
+Herz und antwortete: »Ich rief dich nur, damit mein kleiner Schreihals
+ruhig sein sollte; du siehst, es hat schon geholfen, also brauche ich dich
+weiter nicht; hab Dank für deinen guten Willen.«
+
+»Ei!« sagte Rübezahl, »so ungestraft ruft man mich nicht. Nun halte ich
+dich beim Worte; gib mir den Schreier, daß ich ihn geschwind aufesse, mir
+ist lange kein so zarter Bissen vorgekommen.« Darauf streckte er die rußige
+Hand nach dem Knaben aus.
+
+Da gab die Angst der Mutter Riesenkräfte, sie setzte sich mutig gegen
+Rübezahl zur Wehr, zerzauste ihm den Bart tüchtig und rief: »Du Ungetüm,
+ehe du mein liebes Kind rauben kannst, mußt du mir erst das Herz aus dem
+Leibe reißen.«
+
+Eines so heftigen Angriffs hatte Rübezahl sich nicht versehen, aber ihm
+gefiel der Mut und die Mutterliebe dieses Weibes. Deshalb lächelte er
+freundlich und sagte: »Entrüste dich nicht so sehr; ich bin kein
+Menschenfresser und will auch deinem Kleinen kein Leid antun. Aber laß mir
+den Jungen; er gefällt mir, und ich will ihn wie einen Junker halten, in
+Sammet und Seide kleiden, und es soll ein wackerer Bursche aus ihm werden,
+der euch alle einmal erhalten kann. Ja, du kannst hundert blanke Taler für
+den Buben fordern, und ich gebe sie dir sogleich.« --
+
+»Ha,« lachte das Weib, »also mein Junge gefällt euch. Ei seht doch, das
+freut mich, denn der prächtige Schlingel ist mir auch lieber als alle
+Schätze der Welt.«
+
+»Du hast ja noch drei andere Kinder,« sagte. Rübezahl, »sie machen dir
+Arbeit und Überdruß genug; du mußt dich ja ohnehin placken und schwere
+Arbeit machen.«
+
+»Ei nun, machen sie mir manchmal ein bißchen Last, so sind's dafür doch
+meine lieben Kinder, und machen mir noch viel mehr Freude.«
+
+»Eine schöne Freude, sie den ganzen Tag herumzuschleppen, sie zu gängeln,
+zu waschen und zu füttern, und dabei ihre Unarten und ihr Geschrei zu
+ertragen.«
+
+»Seht nur, Herr Berggeist, das versteht Ihr nun eben nicht. So etwas ist ja
+die größte Freude für eine Mutter, und kein Kind ist ihr lieber, als was
+ihr die meiste Mühe macht, wofür sie Tag und Nacht die Hände regen muß.«
+
+
+»Nun, hast du denn nicht einen Mann, der für euch alle sorgt, arbeitet und
+die Hände regt?«
+
+»O ja, und ich fühl's oft recht nachdrücklich, wie er sie regt,« sagte die
+Frau mit einem komischen Seufzer, und machte eine verständliche Bewegung,
+als schwinge sie einen Stab. --
+
+»Was?« rief der Gnom ganz aufgebracht, »ein so braves Weib, wie ihr seid,
+zu schlagen! Ei! so will ich ihm doch gleich das Genick dafür brechen.«
+
+»Nun, da werdet Ihr etwas zu tun, bekommen, wenn Ihr jedem querköpfigen
+Manne das Genick brechen wollt. Seht nur, Steffen ist im Grunde so schlimm
+nicht, aber er muß es sich auch sauer werden lassen, um die kleine
+Wirtschaft im Stande zu erhalten, denn ich habe ihm nicht einen Groschen
+Heiratsgut mitgebracht. Wenn ich nun Geld haben will, um den Kleinen Schuhe
+und dergleichen zu kaufen, da tobt er freilich manchmal ärger als ein
+Heide, denn unter uns, er ist ein bißchen geizig.«
+
+»Was treibt denn Steffen für ein Gewerbe?«
+
+»Er ist ein Glashändler und muß jahraus, jahrein die schwere Hucke mit
+Glaswaren von Böhmen herunter ins Land tragen. Wie oft zerbricht nicht da
+etwas auf dem weiten Wege, und das müssen die Kinder und ich denn freilich
+entgelten. Aber fragt einmal nach, wo das besser sei und die Frau nicht
+manche schlimme Stunde hat, weil der Mann Ärger hat.«
+
+Rübezahl gab sich nun zufrieden, obschon er ein Häkchen auf Steffen hatte;
+fing aber nochmals davon an, daß ihm die Mutter den Knaben geben solle. Sie
+gab ihm aber keine Antwort mehr darauf, sondern raffte das Laub in den
+Korb, band das kleinste Kind mit dem Bande darauf fest und drehte dem
+Berggeist den Rücken. Da sie aber den schweren Korb nun nicht gut auf die
+Schultern heben konnte, wandte sie sich noch einmal zu ihm um und bat:
+»Wollt ihr wohl so gut sein und mir den Korb aufnehmen helfen? Und wenn ihr
+ein übriges tun wollt, so schenkt dem Jungen, der euch so gut gefällt,
+einen Pfennig zu einer Semmel!«
+
+Rübezahl half ihr den Korb auf den Rücken heben: »Gibst du mir deinen
+Jungen nicht,« sagte er dabei, »so soll er auch keinen Pfennig von mir
+haben!«
+
+»Nun, wie ihr wollt, der Junge wird auch ohne Semmel groß werden,«
+antwortete sie kurz und ging ihres Weges.
+
+Je weiter sie aber ging, desto schwerer ward ihr der Korb, so daß sie
+endlich kaum mehr fort konnte. Sie mußte endlich einen Teil des Laubes
+ausraffen, um nur leichter zu tragen; aber sie war noch nicht weit
+gegangen, da kam ihr der Korb noch viel schwerer vor, und sie mußte
+abermals ausraffen, was ihr ganz unerklärlich war, denn sie hatte oft eine
+weit größere Bürde getragen, ohne davon so ermüdet zu werden. Als sie
+endlich nach Hause kam, waren ihre Arme wie zerbrochen von der schweren
+Last, und doch hatte sie noch viel in der Wirtschaft zu tun, warf den
+Ziegen das Laub vor, gab den, Kindern das Abendbrot, wiegte sie in den
+Schlaf, und legte sich endlich auch danieder, um flugs und fröhlich
+einzuschlafen.
+
+Die frühe Morgenröte weckte das fleißige Weib zu neuem Tagewerke. Sie holte
+nun ihr Melkgefäß und ging in den Ziegenstall. Aber welch ein
+schreckensvoller Anblick, erwartete sie da! Ihr liebes, treues Haustier,
+die alte Ziege, lag ganz starr und tot im Stalle, und die zwei Jungen
+atmeten nur noch schwach. Ein so großes Unglück hatte die arme Frau all
+ihre Tage noch nicht getroffen, und sie weinte bitterlich darüber. »Ach!«
+jammerte sie, »es kommt ja kein Unglück allein, wie wird nun Steffen zanken
+und wild werden, wenn er heimkommt; -- nun ist es mit meinem ganzen Frieden
+aus, und ich habe kein Glück mehr auf der Welt.« Aber das Herz strafte sie
+sogleich über diese Worte. »Waren denn die Ziegen dein einziges Glück und
+nicht deine Kinder?« -- Da schämte sie sich ihres Unmutes und dachte:
+»mag's denn sein, hat mir doch der liebe Gott die Kinder noch immer gesund
+erhalten. Jetzt ist die Ernte vor der Tür, da kann ich ins Feld gehen und
+schneiden helfen, damit verdiene ich mir schon etwas, und wenn ich im
+Winter dann noch recht fleißig spinne, kann ich mir zum Frühjahr wohl
+wieder eine neue Ziege kaufen.«
+
+Indem sie dies alles bei sich dachte, ward sie getroster, trocknete sich
+die Augen und sah noch einmal die armen Ziegen an, die nun alle drei tot
+waren. Da flimmerte etwas im Stroh zu ihren Füßen; sie hob es auf, es war
+ein Blatt, das gelb wie Gold schimmerte. Da lief sie geschwind zu einer
+Judenfrau, die in der Nähe wohnte, und diese erklärte den Fund für
+gediegenes Gold, gab ihr auch gleich drei blanke Taler dafür. Wer war nun
+froher als das arme Weib; sie lief flugs zum Bäcker, kaufte Semmel und
+Butterkringel für die Kinder und eine Hammelkeule für Steffen, die wollte
+sie ihm gut zurichten, wenn er abends müde und hungrig heimkäme. Sie vergaß
+allen Harm über der Freude, ihre lieben Kinder einmal recht gut
+abzufüttern, und diese zappelten, sprangen und jauchzten auch nicht wenig,
+als sie die Backwaren bekamen. Indes schaffte die Mutter die toten Ziegen
+beiseite, damit Steffen das Unglück nicht sogleich merke, wenn er nach
+Hause komme.
+
+Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, als sie zufällig in die Futterkrippe sah
+und einen ganzen Haufen solch goldener Blätter darin erblickte; ja selbst
+in dem Korbe, worin sie das Laub heimgetragen hatte, hingen noch einzelne
+von den kostbaren Blättern. Nun begriff sie auch leicht, woran ihre Ziegen
+gestorben waren; sie haben das unverdauliche Laub gefressen, dachte sie,
+und holte rasch ein Messer herbei, schnitt ihnen den Magen auf und fand
+auch richtig ganze Klumpen Gold darin. Nun war die arme Frau mit einem Male
+so reich geworden, daß sie glaubte, sie könne soviel Gold all ihr Lebtag
+nicht verbrauchen; sie lief in ihrer Freude gleich zum Pfarrer, der ein
+sehr biederer Mann war, und dieser verwahrte ihren Schatz auf das
+gewissenhafteste. »Wenn ich euch einen Rat geben soll, gute Frau,« sagte
+er, »so laßt euren Mann nichts von der Sache erfahren, er würde das Geld
+für sich behalten und euch und den Kindern nichts davon geben. Ich will
+einen Brief in fremder Sprache schreiben, als ob er von eurem Bruder käme,
+der weit in der Fremde ist, und der euch eine kleine Summe Geld schicke.
+Daran könnt ihr Steffen teilnehmen lassen, und so immer mehr und mehr von
+dem Schatze geben, aber nicht auf einmal, denn das wäre bei Steffens
+Denkart und seinem Hange zum Geiz nur gefährlich.«
+
+Die gute Frau war mit diesem Vorschlage wohl zufrieden und gab auch eine
+hübsche Summe dem Pfarrer für die Armen des Dorfes; auch kaufte sie für die
+Kirche eine neue Altarbekleidung, denn sie war Gott dankbar für den
+unverhofften Segen, und wollte ihm dies beweisen durch Mildtätigkeit.
+
+Während alledem kam Steffen mit einer schweren Ladung Glassachen über das
+Gebirge. Er war sehr ermüdet, und da er an seinem Wege eine schöne große
+Wiese fand, beschloß er, sich ein wenig niederzulegen. Es war auch ein
+umgehauener Baumstamm in der Nähe, darauf konnte er seine Hucke bequem
+niedersetzen, und nun ruhte er sich gemächlich aus in dem frischen Grase,
+worin weißer Teufelsbart und Marienflachs blühten. Er berechnete dabei den
+Vorteil, den er diesmal aus seiner Ladung zu ziehen gedachte. »Ich will mir
+einen Esel in Schmiedeberg dafür kaufen,« sagte er in halblautem
+Selbstgespräche, »der kann statt meiner die schwere Hucke tragen; mein Weib
+ist jung und rüstig und kann schon allein für die Kinder sorgen, wenn ich
+ihr auch nichts gebe von meinem Verdienste. Sie hat ja auch die Ziegen, und
+die Kinder können mit den Winterkleidern noch lange warten. Kann ich nur
+erst auf dem Esel eine doppelte Ladung Glaswaren aus Böhmen herüberbringen,
+dann ist mir auch doppelter Verdienst gewiß, und ich bringe es auch nach
+und nach wohl bis zu einem Pferde. Ein Stück Acker findet sich auch schon
+dazu, es liegt viel Rodeland um meine Hütte, und mein Weib hat junge,
+rüstige Glieder; mit der Zeit kann mir ein kleines Bauerngut nicht fehlen,
+und dann soll auch Else für sich und die Kinder neue Kleider kaufen.«
+
+Als Steffen so in seinem künftigen Reichtum schwelgte, erhob sich plötzlich
+ein heftiger Wirbelwind und stürzte den Korb mit den Glaswaren vom Stamme
+herunter, daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücken herumlag. Das war
+der härteste Schlag, der den geizigen Mann treffen konnte; ganz betäubt
+starrte er auf die Scherben, mit denen zugleich auch alle seine schönsten
+Hoffnungen zertrümmert waren. Da hörte er ein schallendes Gelächter ganz in
+seiner Nähe; er sah sich betroffen um, erblickte aber niemand; was ihn aber
+noch mehr staunen machte, war, daß der Baumstamm, auf den er zuvor seine
+Glashucke niedergestellt hatte, ganz und gar verschwunden war.
+
+»Rübezahl!« rief er heftig, »du Schadenfroh, das hast du mir getan! Womit
+habe ich dich denn erzürnt, daß du mich um meinen sauren Verdienst bringst!
+Komm doch lieber gleich und erwürge mich, du tückischer Kobold, du
+boshafter Halunke, denn du hast mich doch auf Lebenszeit zu einem
+geschlagenen Manne gemacht.«
+
+Es war Steffens bitterer Ernst mit diesen Worten, aber Rübezahl ließ sich
+weder sehen noch hören. --
+
+Der arme Steffen mußte sich entschließen, die zerbrochenen Glasscherben
+zusammenzusuchen, damit er in der Glashütte wenigstens einige Spitzgläser
+dafür bekommen, um nun wieder einen neuen Handel anfangen zu können. Er
+sann und sann, woher er Geld nehmen sollte, um nur wieder Waren einkaufen
+zu können, aber er sah keinen Ausweg. Endlich fielen ihm die Ziegen seiner
+Frau ein. »Wenn du die hättest und verkaufen könntest,« dachte er, »die
+würden dir viel helfen; Else wird sie aber gewiß nicht hergeben, denn sie
+braucht Milch für die Kinder. -- Wie wäre es aber, wenn ich um Mitternacht
+mich still nach Hause schliche, die Ziegen aus dem Stalle holte und nach
+Schmiedeberg auf den Markt triebe. Dann könnte ich neue Glaswaren kaufen,
+und damit Else, nichts merke, wollte ich sie tüchtig ausschelten, daß sie
+so nachlässig, gewesen sei, sich die Ziegen stehlen zu lassen. Ja, den
+Kniff will ich anwenden, um mir aus meiner traurigen Lage zu helfen.«
+
+
+Um nun dies Vorhabens auszuführen, schlich sich Steffen so nahe als möglich
+an das Dorf und versteckte sich in einem Busche, bis es Nacht ward. Dann
+machte er sich ganz behutsam auf den Weg, kletterte über den Zaun und
+öffnete den Ziegenstall. Wider Gewohnheit war dieser unverriegelt, und so
+sehr ihm dies auch lieb war, fand er doch einen Grund darin, mit seinem
+Weibe schelten zu können über große Nachlässigkeit. Im Stall aber rührte
+sich nichts; er tappte an der Krippe hin -- es war alles leer. Im ersten
+Schreck glaubte Steffen, es sei ihm ein Dieb zuvorgekommen, und war darüber
+so niedergeschlagen, daß er sich auf die Spreu warf, in dumpfer Traurigkeit
+darüber, das letzte Mittel verloren zu haben, mit dem er sich wieder
+aufzuhelfen gedachte.
+
+Else hatte vergeblich mit der guten Mahlzeit auf ihren Mann gewartet und
+war noch spät abends nach der Landstraße gelaufen, wo sie noch lange nach
+Steffen sah, bis ihr die Augen weh taten. Traurig ging sie heim, denn sie
+dachte, es sei ihm ein Unglück begegnet, und es kam die ganze Nacht kein
+Schlaf in ihre Augen.
+
+Am Morgen klopfte es leise an die Tür. Steffen war es, der die Nacht im
+Ziegenstalle auch eben nicht gut zugebracht hatte. »Liebes Weib,« sagte er
+ungewöhnlich sanftmütig, »mache mir doch auf, ich bin müde.« -- Else hörte
+kaum ihres Mannes Stimme, als sie flink wie ein Reh herbeisprang und ihn
+vor lauter Freude umhalste, da er wieder gesund und frisch vor ihren Augen
+stand. Er setzte aber ganz kleinlaut und still seinen Korb auf die Ofenbank
+und warf sich mißmutig daneben.
+
+Wie Else ihn so traurig sah, ging es ihr ans Herz. »Was hast du denn,
+Steffen?« fragte sie gutmütig, »ist dir etwas Schlimmes begegnet?« Mit
+Seufzen und ganz kleinmütig erzählte er ihr endlich sein Unglück.
+
+Else hätte am liebsten laut gelacht über den Possen, den Rübezahl ihrem
+Manne in guter Absicht gespielt hatte. Als er aber nach den Ziegen fragte,
+bekam sie selbst Lust, ihn ein wenig zu necken, denn dachte sie, der
+Hausvogt hat richtig schon überall herumspioniert. »Was kümmert dich mein
+Vieh?« sagte sie, »hast du doch nicht einmal nach den Kindern gefragt. Die
+Ziegen sind wohl aufgehoben draußen auf der Weide. Lasse dich aber
+Rübezahls Tücke nicht anfechten, wer weiß, auf welchem Wege er es wieder
+gutmacht.«
+
+»Da kannst du lange warten,« brummte Steffen. »Ei nun,« versetzte das Weib,
+»unverhofft kommt oft. Hast du auch keine Glaswaren und ich keine Ziegen
+mehr, so haben wir ja doch vier gesunde Arme, das ist der beste Reichtum!«
+
+»Ach, daß Gott sich erbarme,« jammerte der bedrängte Mann, »also die Ziegen
+sind doch fort! Nun, so kann ich die Kinder auch nicht mehr erhalten.«
+
+»Nun, so kann ich's,« sprach Else. -- Bei diesen Worten trat der
+freundliche Pfarrer herein, der die Unterredung an der Tür gehört hatte,
+und nachdem er dem Steffen eine tüchtige Strafpredigt über den Geiz
+gehalten hatte, der eine Wurzel alles Übels sei, -- verkündete er ihm, daß
+sein Weib ein reiches Geschenk von ihrem Bruder bekommen habe und zog den
+Brief hervor. Und nun las er ihm vor, wie Steffen das Geld nicht in die
+Hände bekommen, sondern er, der Pfarrer, dasselbe verwalten solle, damit
+Else und die Kinder auch wirklich ihr gut Teil davon bekämen.
+
+Da stand Steffen wie versteinert und konnte gar nicht zu Worte, kommen.
+Endlich nahm das gute Weib seine Hand und sprach ihm Mut zu; da nahm er
+sich vor, besser und ein freundlicher Ehemann zu werden; er versprach es
+auch seiner Frau vor dem Pfarrer, und bat Elsen, sie solle ihn jetzt nicht
+verlassen, da sie reich geworden sei. Und er hielt redlich Wort; seine
+fleißige Hand mehrte das Geschenk des Berggeistes von Tag zu Tag. Endlich
+kaufte der redliche Pfarrer ein schönes Bauerngut, worauf Steffen und sein
+Weib ihr Lebelang glücklich und zufrieden wirtschafteten.
+
+Die treue, sorgsame Mutter erlebte an ihren Kindern viele Freude; der
+kleine Bube, Rübezahls Günstling, wurde ein wackerer Soldat und diente
+unter Wallenstein im dreißigjährigen Kriege mit vielem Ruhme.
+
+
+
+
+Glücks-Männlein.
+
+
+Eines Tages kam in Seidorf die Rede darauf, daß, wer in Rübezahls
+Lustgarten Glücks-Männlein pflücken könne, reich und glücklich in der Welt
+werde; es müsse aber in der Johannisnacht geschehen, denn außer dieser Zeit
+breche Rübezahl einem jeden, der komme, den Hals. »Es muß aber eine Waise
+sein und kein böser Mensch,« setzte der Erzähler hinzu.
+
+Nun waren ein Paar Geschwister in der Wirtsstube, die beide verwaist waren,
+und der Brauer hatte sie aus Barmherzigkeit zu sich genommen; wie nun der
+Knabe diese Reden hört, denkt er: »Das will ich versuchen, und wenn es
+glückt, so soll mein Schwesterchen und der gute Brauer, der sich der armen
+Waisen angenommen hat, auch reich und glücklich werden.«
+
+Ohne jemand ein Wort zu sagen, schleicht sich Joseph aus der Stube, steckt
+sich ein Stück Brot ein und schreitet wohlgemut aus dem Dorfe, den Bergen
+zu, denn es war eben die Johannisnacht. Wie er bis zur Hampelbaude kommt,
+fragt ihn der Baudenwirt, wohin er noch so spät wolle und der Knabe erzählt
+treuherzig sein Vorhaben.
+
+Ein Mann der behaglich hinter einer Flasche Ungarwein sitzt, hört das mit
+an, und als Joseph, weitergeht, kommt er ihm rasch nach. »Wir wollen
+Gesellschaft machen,« spricht er zu dem Knaben, »ich gehe auch noch diese
+Nacht in Rübezahls Lustgärtlein.«
+
+Joseph sieht den stattlichen Mann an, der so rund und wohlgenährt aussieht
+und denkt: »ei, was mag denn dem noch zu seinem Glücke fehlen? -- Das ist
+ja der reiche Kretschmer aus Breslau, der gestern bei uns in Seidorf
+übernachtete und bis spät nach drei Uhr Karten spielte und zechte.« --
+
+So gehen sie nebeneinander; die Nacht ist lieblich und still, und von den
+Dörfern im Tale klingen die Abendglocken herauf. Da faltet der Knabe in
+frommer Gewohnheit seine Hände und betet; der fremde Mann denkt aber nur an
+all den Reichtum, den er mit Hilfe der Glücks-Männlein erwerben wird. Als
+sie nun am Lustgarten Rübezahls ankommen, leuchten ihnen schon die Blüten
+des Glücks-Männlein entgegen und der Kretschmer fällt gierig darüber her,
+ganze Hände voll davon ausrupfend.
+
+Da tritt plötzlich ein Greis mit langem, silberweißem Barte hinter einem
+Felsen hervor und ruft ihm ein donnerndes »Halt« zu. Der Mann zittert am
+ganzen Leibe und bleibt wie angewurzelt stehen; der Knabe aber geht ruhig
+an den Greis heran und bittet: er möge ihm doch erlauben, zwei
+Glücks-Männlein mitzunehmen.
+
+Da schaute der Greis freundlich auf den Bittenden und fragte: »wozu er denn
+gerade zwei Glücks-Männlein pflücken wolle?«
+
+Joseph sagt nun, wie er und seine Schwester Waisen seien und gern glücklich
+werden möchten, damit sie nicht mehr guten Leuten zur Last fielen, und nur
+deshalb bitte er um zwei Blümlein.
+
+Nun wurde der Greis immer freundlicher, pflückte selbst einen großen Strauß
+der begehrten Blumen, gab sie dem Knaben in die Hand und steckte ihm noch
+alle Taschen voll davon, indem er ihn ermahnte, nichts davon zu verlieren.
+-- Nachdem dies geschehen und Joseph tausend Dank gesagt, fragt der Greis
+den Kretschmer: »Wer bist du?« -- Der Mann sagt, er sei arm und in Not und
+käme auch, um sein Glück zu machen.
+
+»Elender!« fuhr der Greis ihn an, »glaubst du, ich würde einen so
+schlechten Patron, wie du bist, glücklich machen? Hebe dich hinweg, nur für
+unschuldige Waisen ist das Glück beschert, das sie hier suchen.« -- Unter
+diesen Worten stand der Kretschmer zitternd vor dem Greise, wollte aber
+doch nicht vergebens heraufgestiegen sein und sagte, er sei auch eine
+Waise, sein Vater wäre von den Moskowitern fortgeschleppt worden, als er
+kaum zwölf Jahre alt gewesen sei. Er hatte diese Worte kaum gesprochen, da
+ergrimmte der Greis, faßte ihn bei der Gurgel und warf ihn hinab in den
+tiefen Grund. »Nichtswürdiger Lügner!« sagte er dabei, und seine Stimme
+klang wie ferner Donner; -- das Winseln des Mannes verstummte bald. -- Der
+Knabe aber war erschrocken auf die Knie gesunken und betete; da nahm ihn
+der Greis an die Hand, sprach ihm sanft zu und führte ihn wieder aus dem
+Gehege heraus.
+
+In Seidorf war man indes um Joseph sehr besorgt gewesen, und besonders die
+Schwester freute sich, als er gesund und frisch wiederkam und ganze Hände
+voll Glücks-Männlein mitbrachte. Er teilte dem Brauer redlich davon mit,
+und am andern Morgen hatte sich jedes Blättlein in pures Gold verwandelt.
+Nun gab es auf der Welt keine glücklicheren Geschwister; Joseph ward der
+reichste Bauer im Dorfe, hat aber nie die Hilfe Rübezahls und das
+schreckliche Ende des schlechten Kretschmers vergessen.
+
+
+
+
+Die drei besten Menschen.
+
+
+Rübezahl kam auf seinen Streifereien eines Abends bei den Grenzbauden
+vorbei. »Wie wär's,« dachte er, »wenn du über Nacht hier bliebest?
+Vielleicht erlebst du einen lustigen Zufall,« und damit ging er ins Haus.
+
+Da saßen drei Männer um einen Tisch, tranken ihre Flasche Österreicher und
+waren guter Dinge; zu denen setzte sich Rübezahl und bat, sie möchten sich
+in ihrem Gespräch nicht irre machen lassen. Nun fuhr der erste von ihnen in
+seiner Rede also weiter fort:
+
+»Ich bin ein Landsknecht,« sagte er, »aus Dinckelsbühl in Schwaben, und da
+jetzt Frieden im Reiche ist, so gehe ich in die weite Welt, um auf meine
+eigene Rechnung Taten zu tun, vor denen die Menschen staunen sollen, und
+ich will niemand raten, daran zu zweifeln; ich bin zwar sonst der beste
+Mensch von der Welt, den Widerspruch aber kann ich nicht leiden, ich möchte
+da immer gleich mit dem Schwerte dreinschlagen, und das nehmen die Leute
+gleich übel.«
+
+Der andere erzählte, er sei aus Schlesien und habe sonst in Goldberg Tuche
+geschoren, aber er habe die Stadt um einer Kleinigkeit willen verlassen und
+suche nun andere Arbeit. »Ich bin eigentlich der beste Mensch von der
+Welt,« sagte er, »aber obgleich ich manches Tuch geschoren habe, lasse ich
+mich doch nicht scheren, und da es der Meister einmal mit mir probieren
+wollte, warf ich ihm mein Eisen an den Kopf. Da verklagte er mich und ich
+nahm Reißaus, um nicht im Stock zu brummen.«
+
+»Ich bin ein Müller,« sagte der dritte auf Befragen, »und gewiß der beste
+Mensch von der Welt, nur kann ich keine Ungerechtigkeit leiden. Wenn mir
+nun einer von der Mahlmetze und dergleichen anfängt, kribbelt's mich in den
+Fäusten und ich fasse da manchmal nach einem Stuhlbein oder dem Bierkandel
+und schlage drein. Darüber kam ich mit aller Welt in Unfrieden, und der
+Meister jagte mich fort, weil ich ihm die Mahlkunden verjagte, wie er
+sagte.«
+
+»Nun, da haben wir ja ziemlich einerlei Geschick,« fing darauf der
+Landsknecht an, »wie wär's, wenn wir ein Stück miteinander in die Welt
+gingen?« Das waren die anderen zufrieden und legten sich einig und
+friedlich aufs Stroh.
+
+Als sie nun fest schliefen, betrachtete sie Rübezahl und sagte zu sich
+selbst: »Warum mache ich doch diese Entdeckung so spät, die alle meine
+früheren Erfahrungen Lügen straft. Sonst wäre ich ja zufrieden gewesen wenn
+ich nur _einen_ besten Menschen auf der Welt gefunden hätte, und hier habe
+ich nun gleich drei auf einmal.«
+
+Am anderen Morgen zogen die drei besten Menschen ihres Weges, und Rübezahl
+zauberte jedem einen Portugaleser in die Tasche, der ihnen auf ihrer
+Wanderschaft ganz gut zustatten kam.
+
+Nach langer Zeit dachte der Berggeist: »Ich möchte wohl wissen, wo jetzt
+die drei besten Menschen der Welt sein mögen und wie es ihnen ergeht.« Und
+siehe da, kaum hat er es gedacht, so sieht er den Goldberger Tuchscherer
+von Hohenelbe herkommen. Rübezahl verwandelt sich geschwind in einen
+Grenzjäger und fängt ein Gespräch mit dem Burschen an. »Ei, warum wandert
+ihr denn ganz allein, habt ihr keinen Reisegefährten gefunden?«
+
+»Zwei für einen, aber mit denen war nicht auszukommen, obgleich ich der
+beste Mensch von der Welt bin. Was scher ich mich drum, ich hab gehört,
+mein Meister ist gestorben, und da er mir nun nichts weiter antun kann,
+gehe ich wieder, woher ich gekommen bin, nach Goldberg.«
+
+»Das ist wohl eine große, schöne Stadt?« fragt der Grenzjäger; »ich bin aus
+Schwaben und erst zwei Tage hier im Lande.«
+
+»Nun, dem kannst du eins aufbinden,« denkt der Goldberger, und sagt: »Ei
+ja, es hat viel Merkwürdigkeiten in meiner Vaterstadt, besonders den
+Ratsturm, der ist an die elftausend Fuß hoch, und die Esse des Türmers
+nimmt allein tausend Fuß davon weg. Wenn die einmal gefegt wird, so braucht
+der Essenkehrer einen und einen halben Tag und muß Nachquartier darin
+machen, wozu mitten in der Esse ein kleines Stübchen gebaut ist.«
+
+»Du Schelm,« denkt Rübezahl, »das soll dir doch nicht ungestraft hingehen.«
+Der Goldberger aber lügt tapfer weiter. Endlich kommen sie nach Krummhübel,
+und die Sonne vergoldet die Berge über ihnen zum Entzücken schön. An den
+Bleichplätzen sind viele Menschen versammelt, und der Tuchscherer grüßt
+herablassend nach allen Seiten. Aber die Bleicher stemmen die Arme in die
+Seiten und lachen, daß es in den Bergen widerhallt. Die Wanderer am Wege
+bleiben stehen und sehen den Goldberger mit Staunen und Entsetzen an. Der
+sieht nämlich wie ein Kreuzschnabel und Pfefferfresser aus, eine große Nase
+sitzt in seinem Gesicht und darum noch eine Menge kleine. Das sieht er, wie
+er eben an einem großen Zuber mit Wasser vorübergeht und erschrickt halb
+zum Tode darüber. Die Hände vor das Gesicht geschlagen, läuft er in den
+Wald zurück, verfolgt von dem Gelächter der mutwilligen, jungen Leute, die
+auf dem Felde und den Bleichen beschäftigt sind.
+
+Der Goldberger blieb die ganze Nacht versteckt, und nur der Hunger trieb
+ihn endlich wieder dem Dorfe zu. Da begegnet ihm ein Jäger und spricht
+lachend:
+
+»Ach, du bist dem Berggeist wohl auch in die Hände gelaufen? Deine Nase ist
+keine natürliche.«
+
+»Ich glaube, der Fremde, der mir in Hohenelbe begegnete, ist der Herr
+Johannes gewesen und dem habe ich freilich auch eine Nase aufgebunden. Ach,
+wäre ich nur noch einmal diese schreckliche Nase los, ich wollt in meinem
+Leben nicht mehr lügen!«
+
+»Topp, es gilt, mein Bursch!« rief der Jäger, »aber, halt auch Wort.« --
+Und lachend verschwand er zwischen dem hohen Korn. Der Goldberger aber
+hatte sein natürliches Gesicht wieder.
+
+
+
+
+Der böse Vogt.
+
+
+Es war einmal ein Ritter, der Frau und Kind plötzlich durch den Tod verlor
+und darüber so in Trübsinn versank, daß ihm nichts auf der Welt mehr Freude
+machte. Es ward ihm unheimlich auf seiner Burg; ritt er zur Jagd aus, so
+schien ihm der Wald zu eng; der Wein mundete ihm nicht und dem Trost seiner
+Genossen und Freunde verschloß er das Ohr. -- Endlich beschloß er, seine
+Heimat auf lange Jahre zu verlassen, füllte den Säckel mit Goldgülden,
+befahl dem treuen Knappen, die Rosse zu schirren und übergab die Burg
+seinem Vogte Lutz. Und nun ritt er weit in das Reich hinein.
+
+
+So lange der Ritter daheim gewesen war, hatten seine Dörfler und Insassen
+ein glückliches Leben geführt, das ward nun aber bald anders. Vogt Lutz
+ließ die Ältesten aus den Dörfern, die zur Burg gehörten, herbeirufen, und
+sagte ihnen, daß sie von nun an doppelt so viel Abgaben bezahlen und statt
+dreier Tage fünf in der Woche frohnen sollten. Damit wies er ihnen die Tür
+und hörte ihre Gegenvorstellungen gar nicht einmal an. Nun merkten die
+Landleute erst, welch ein böser Mensch der Vogt sei, der während der
+Anwesenheit des Ritters nur immer den Katzenbuckel gezeigt hatte. Als sie
+daher vors Burgtor kamen, sahen sie sich mit trüben Mienen an, schüttelten
+sich die Hände und trennten sich mit schwerem Herzen, um die schlimme Kunde
+den anderen mitzuteilen. Da gab es viele Klagen bei den Weibern, bei den
+Männern viel Grimm und Zorn; aber sie wollten fürs erste ruhig abwarten,
+was da kommen würde.
+
+Als sie, wie früher, drei Tage gefrohnt hatten, glaubten sie, daß sie nun
+ihrer Pflicht Genüge getan hätten und bestellten am vierten Tage ihre
+eigenen Felder. Da kam um die Mittagsstunde der Vogt Lutz mit einem Schwarm
+gewappneter Knechte in die Dörfer und trieb die Bauern mit Schwertstreichen
+auf die Äcker, welche zur Burg gehörten. Er drohte ihnen auch mit schwerer
+Strafe, wenn er sie nochmals ungehorsam fände, und als die Bauern die
+Urkunde zu sehen verlangten, daß ihr Herr so Ungerechtes von ihnen begehre,
+hob er sein Schwert und sagte: »Seht, hier ist Brief und Siegel genug für
+euch!«
+
+So mußten denn die Bauern ihre Felder vernachlässigen, und was sie
+befürchteten, traf bald genug ein, sie konnten ihre früheren Abgaben nicht
+mehr entrichten, viel weniger die neu auferlegten. Da gingen die Ältesten
+zu dem Vogt und baten ihn auf den Knien, daß er das harte Gebot doch
+zurücknehmen möchte. Aber Lutz jagte sie mit Peitschenhieben aus der Burg,
+und es war jämmerlich anzusehen, als die Greise mit ihren silberweißen
+Haaren so hart geschlagen wurden. Und als die Bauern dennoch das
+unbarmherzige Gebot nicht erfüllen konnten und der Termin kam, ohne daß sie
+Geld hatten, ließ der harte Lutz ihr Vieh wegnehmen, um sich daraus bezahlt
+zu machen. Da vergaß sich ein junger Bauer und stieß böse Reden gegen den
+Vogt aus; dieser aber ließ ihn sogleich von seinen Knechten umringen und an
+den Schweif seines Rosses festbinden; so ward er zur Burg geschleift und
+dort in ein finsteres Verließ geworfen, auf dessen Boden es von Kröten und
+giftigem Gewürm wimmelte.
+
+
+Im Dorfe aber wehklagten die Bauern, und am meisten jammerte Anna, die
+Braut des jungen Landmannes, der die Rache des Vogtes auf sich gezogen
+hatte. Sie lief weinend in den Wald, und niemand konnte sie trösten. Da
+begegnete ihr ein hoher Rittersmann, der vom Kopfe bis zum Fuße in
+glänzenden Stahl gehüllt war. Anna erschrak vor der unerwarteten
+Erscheinung, als aber der Ritter, sein Visier aufschlug und sie sein edles,
+männliches Gesicht sah, welches sie freundlich anblickte, da faßte sie Mut.
+»Was weinst du, mein Kind?« fragte der Ritter mit einer so wohltönenden
+Stimme, daß Anna davon wunderbar ergriffen wurde. Sie öffnet dem Fremden
+ihr ganzes Herz voller Zutrauen, indem sie ihm die Geschichte mit dem Vogte
+von Anfang bis zu Ende erzählte. Aufmerksam hörte ihr der Ritter zu und
+gebot ihr dann, die Ältesten aus den Dörfern herbeizurufen, die er an der
+Kapelle vor der Burg erwarten wolle.
+
+Anna vollzog eilig sein Gebot, und ehe die Sanduhr zweimal gewendet war,
+fanden sich die Gerufenen an der bezeichneten Stelle zusammen. »Liebe
+Väter,« redete sie der stahlgepanzerte Ritter an, »ich habe von dem Unrecht
+gehört, daß euch der böse Lutz zugefügt, und da ich ein fahrender Ritter
+bin, der überall gegen das Unrecht kämpft und seinen Schutz den Bedrängten
+angedeihen läßt, so will ich auch euch in eurer gerechten Sache beistehen.
+Geht, ruft alle Männer zusammen, daß ich sie führe und die Burg des Vogtes
+stürme.« -- Woher mochte es kommen, daß die besonnenen Greise allzugleich
+Vertrauen zu dem fremden Ritter faßten? Es war ihnen, als könne es gar
+nicht anders sein, als daß sie ihm Folge leisten müßten, und sie eilten in
+die Dörfer zurück, um den Vorschlag des Ritters kundzumachen. Da griff alt
+und jung zu den Waffen, waren es gleich nur Stangen und Heugabeln, und
+damit eilten sie zu der Kapelle, wo der Ritter ihrer wartete. Keiner, der
+nur einen Prügel schwingen konnte, war zurückgeblieben.
+
+Als die Einwohner der drei Dörfer versammelt waren, überblickte der Ritter
+die zahlreiche Schar und sprach: »Wenn ihr Mut im Herzen habt, so folgt mir
+getrost, ich will euch die Burg erobern und den Vogt züchtigen helfen. Wer
+aber Furcht hat, bleibe daheim. Und das möge mein Zeichen sein, daß ihr mir
+getrost folgen könnt.« Als er diese Worte sprach, warf er seine riesige
+Lanze so hoch in die Luft, daß sie fast den Augen der Menge entschwand, und
+als sie sausend wieder herunterfuhr, fing er sie mit gestrecktem Arm wieder
+auf. Da jubelten und riefen die Bauern: »Führe uns!« Und fort ging es nun
+im Sturmschritt gegen die Burg, der Ritter ging in seiner glänzenden
+Rüstung immer voran der kampflustigen Schar: Als sie die Burg erreicht
+hatten, rief der Anführer mit Donnerstimme hinauf, Lutz solle sich auf der
+Zinne zeigen.
+
+Alsbald erschien auch der Vogt, von Neugier getrieben und Spott im Herzen;
+höhnisch blickte er auf die Feinde hinab. »Ergib dich, Lutz!« rief der
+Ritter, »und bedenke dich nicht länger, als zwölf Sandkörner brauchen, um
+in der Uhr zu verrinnen!«
+
+Ach, was sprudelte da der Vogt für Witz- und Schimpfwörter hinaus! Strolch
+und Strauchdieb wurde der Ritter, Galgenfutter die Bauern genannt; dann
+lief er zornig hinweg, um seinen Knechten zu befehlen, daß sie das Gesindel
+von dem äußeren Tore der Burg verjagen möchten. Nun ward ein Hagel von
+Bolzen nach den Bauern herabgeschossen, aber wunderbar! die tötlichen
+Geschosse verfehlten alle ihr Ziel, und der fremde Ritter erhob indes seine
+ungeheure Streitaxt und spaltete mit einem Schlage das Tor der Burg. Hoch
+schwang er nun seine gewaltige Waffe und stürmte voran; ein wunderbarer Mut
+beseelte die Bauern, daß sie ihm jauchzend folgten.
+
+Vergebens war alle Gegenwehr der Knechte; wie Blitz und Donner schmetterte
+die Streitaxt in ihre Reihen; da warfen die Reisigen ihre Waffen weg und
+baten um Gnade. Der Vogt hatte sich versteckt, ward aber bald gefunden;
+seine eigenen Leute verrieten ihn. Der Ritter hielt ein kurzes Gericht;
+nachdem der junge Bauer aus dem Verließ heraufgeholt worden war, vertrieb
+er die besiegten Knechte aus der Burg.
+
+Nun zog der Ritter ein Pergament hervor; es war die Urkunde vom Tode des
+eigentlichen Herrn der Burg, der den fremden Ritter zu seinem Erben
+eingesetzt, weil dieser ihm im Türkenlande einmal das Leben gerettet hatte.
+
+Nun wäre der Ritter ihr neuer Gebieter gewesen, er schenkte aber die Burg
+und alle dazu gehörigen Ländereien dem jungen Landmanne, der Annas
+Bräutigam war, machte es ihm aber zur Pflicht, die Bauern nicht wie
+Leibeigene zu behandeln, sondern ihre Rechte zu wahren und zu schützen. Die
+Abgaben wurden aber so gering angesetzt, daß alle Sorge und Not für die
+Bauern vorüber war. Alles dies ward förmlich niedergeschrieben und von dem
+Ritter unterzeichnet. Als alles dies vorüber war, wurde der neue Burgherr
+mit seiner Anna getraut, wobei der fremde Ritter schöne Geschenke zum
+Vorschein brachte, ohne daß jemand begreifen konnte, woher er diese in der
+Eile genommen hatte.
+
+Nun ermahnte er die Landleute noch zur Eintracht, und nachdem er dem
+zitternden Lutz befohlen hatte, ihm zu folgen, schied er aus ihrer Mitte,
+auf eine Weise, die das Staunen der Versammelten nicht wenig erregte. Eine
+dunkle Wolke senkte sich nämlich plötzlich hernieder und führte den Ritter
+samt dem Vogt ins Weite. Jetzt erkannten die Bauern mit einem Male, daß
+Rübezahl ihr Helfer gewesen war, und sahen der Wolke segnend nach, bis sie
+auf den Gipfel eines Berges sich niedersenkte und verschwand. Der neue
+Burgherr aber war mildherzig und brav, wie denn der Berggeist Rübezahl
+seine Leute immer genau kannte. In glücklicher Häuslichkeit und Eintracht
+lebten die beiden lange Jahre vereint und die guten Jahre ließen sie die
+schweren Stunden vergessen und viele Freude an ihren Nachkommen erleben.
+Die Bauern waren glücklich und erzählten noch ihren Enkeln mit Dank und
+Freude die seltsame Mär von Rübezahl und dem bösen Vogt, aber auch von dem
+letzten, guten Burgherrn, der so unendlich viel Gutes getan hatte und
+dessen Andenken lange in Ehren blieb.
+
+
+
+
+
+Rübezahl straft einen Unwissenden.
+
+
+Als Rübezahl eines Tages im warmen Sonnenschein lag und die Gestalt eines
+Holzhauers angenommen hatte, um sich irgend einen Spaß mit den Reisenden zu
+machen, -- denn die Langeweile plagte den Berggeist oft so sehr, wie unsere
+vergnügungssüchtigen Menschen -- kam ein Arzt von Schmiedeberg
+heraufgeschritten, um auf dem Kamme zu botanisieren. Rübezahl war geschwind
+bei der Hand und erbot sich, dem ermüdeten Bergsteiger das Pflanzenbündel
+zu tragen, das er sich schon gesammelt hatte.
+
+Dabei hatte er Gelegenheit, in dem Arzt einen prahlerischen Wunderdoktor zu
+erkennen, der seinem Begleiter viel von seinen fabelhaften Kuren und seiner
+unvergleichlichen Geschicklichkeit erzählte. Am meisten aber ergötzte es
+den Gnomen, sich von dem Arzte die Heilkräfte der Pflanzen erklären zu
+lassen, und da kam es denn, daß der scheinbare Holzhauer dem gelehrten
+Herrn manchen Irrtum nachwies, oder ihm noch ganz unbekannte Dinge
+mitteilte. Das verdroß den dünkelhaften Arzt, so daß er zu seinem Begleiter
+ziemlich verächtlich sagte: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!«
+
+Rübezahl belustigte sich an dem Mißmute des Arztes und fuhr ganz ruhig
+fort, ihm allerlei Aufschlüsse über die Naturkräfte zu geben, so daß jener
+mit seinen prahlerischen Erzählungen ganz verstummte. »Wenn du so kundig
+aller Pflanzen und Kräuter bist, vom kleinsten Moose an bis zur Ceder, die
+auf dem Libanon wächst,« sagte er verdrießlich, »so sage mir doch, du
+überaus weiser Holzhauer, was wohl früher war, die Eichel, oder der
+Eichelbaum?«
+
+Der Geist antwortete lächelnd: »Ei doch wohl der Eichbaum, denn die Eichel
+wächst ja erst auf dem Baume.«
+
+»Siehst du, welch ein Narr du bist,« spottete der Arzt, »wo kam denn der
+erste Baum her, wenn nicht aus deren Samen er aufwuchs?«
+
+Da erwiderte der Holzhauer: »Ihr habt mir da auch eine zu schwere Frage
+gestellt; solche Gelehrsamkeit ist mir zu hoch. Was ich weiß, habe ich nur
+von meiner Mutter gelernt. Vielleicht könnt ihr mir aber einen guten Rat
+geben; ich habe das Fieber, und schon allerlei dagegen gebraucht; seht nur,
+wie mich der Frost packt.« Dabei schüttelte sich der Gnom, daß seine
+Glieder knackten, und hielt den Atem an; darüber ward er ganz blau im
+Gesicht, und der Arzt sagte: »Ei, ei, mein Freund, da hast du einen
+schlimmen Anfall; es ist nur ein Glück, daß du an den rechten Mann gekommen
+bist, ich will dir sogleich helfen.«
+
+Er öffnete seine Blechkapsel, die voll Salbenkrausen und Medizinfläschchen
+steckte, goß allerlei Säfte zusammen, schüttelte es wohl untereinander, und
+dem Berggeiste lief es dabei wirklich kalt über den Rücken, wenn er dachte,
+daß er dieses saubere Gebräu hinunterschlucken sollte. Dann nahm der
+Wunderdoktor eine große Schachtel voll Pillen, die er ohne Ausnahme als
+Universalmittel bei den verschiedensten Krankheiten anwendete, gegen Gicht
+und Kopfschmerzen, Halsweh und alle Fiebergattungen, und hieß den
+Holzhauer, stündlich zwölf Stück, sowie einen Eßlöffel von der Medizin zu
+nehmen, davon werde er am dritten Tage schon ganz gesund sein, und dafür
+solle er ihm nur einen Gulden geben.
+
+»Gewiß, ihr seid ein grundgescheiter Herr,« sagte der Holzhauer, »und will
+ich auch tun, was ihr mir anratet, nur müßt ihr mir zuvor den Gefallen tun,
+und mir auch eine Frage beantworten: »Wem gehört der Grund und Boden, auf
+welchem wir jetzt stehen? Dem Könige von Böhmen oder dem Herrn vom Berge?««
+(So ward Rübezahl jetzt überall genannt, weil die Benennung Rübezahl ihm
+mißfällig war, und seinen Zorn reizte.)
+
+Der Arzt bedachte sich nicht langes »Nun, wem anders, als dem Könige von
+Böhmen, denn Rübezahl ist das Hirngespinnst, um die Kinder zu erschrecken.«
+
+Ader kaum waren diese Worte aus seinem Munde, so verwandelte sich der
+Holzhauer in eine riesenhafte, fürchterliche Gestalt und sah mit
+flammensprühenden Augen den Arzt an. »Ich will dir zeigen,« zürnte er, »daß
+der Herr vom Berge kein Hirngespinnst ist, mit dem man die Kinder fürchten
+macht, und du sollst es sogleich an deinem eigenen Leibe wahrnehmen. Du
+unwissender Prahlhans sollst an mich denken, und damit du nie wieder an mir
+zweifelst, verschlucke sogleich deine edlen Wunderpillen und das höllische
+Gebräu, womit du mir das Fieber ankurieren wolltest, an dem ich gar nicht
+leide. Nicht von der Stelle sollst du mir, so lange noch ein Pröbchen
+deiner gepriesenen Arzneiwissenschaft übrig ist. Die Kranken in den Dörfern
+unten werden es mir Dank wissen. Nun schlucke, mein Sohn!«
+
+Der Arzt bat und flehte vergebens. Endlich nahm er mit einer Geberde der
+Verzweiflung das Arzneiglas und tat einen herzhaften Schluck. Die bitteren
+Tränen traten ihm dabei in die Augen und Schweißtropfen auf die Stirn; aber
+Rübezahl stand mit aufgehobenen Arm hinter ihm und drohte, ihn zu Boden zu
+werfen, wenn er zögere. Als nach einem furchtbaren Kampfe die Medizin gut
+oder übel hinunter war, kamen die Universalpillen daran, wobei sich der
+Arzt noch viel jämmerlicher geberdete, als das erste Mal. »Es ist mein
+Tod,« jammerte er, »ich sterbe an dem schauderhaften Zeuge«; aber Rübezahl
+erinnerte ihn höhnend, wie vorzüglich heilsam diese Dinge wären, welche
+Wunderkuren er damit schon bewirkt habe, und hieß ihn doch mehr Vertrauen
+zu seiner Kunst haben. Dreißig Pillen hatte der arme Mann schon bezwungen,
+dann warf er sich verzweifelt auf die Erde und sagte: »Töte mich lieber
+sogleich, du grausamer Geist; es kann keinen bitteren Tod geben, als durch
+diese Giftpillen sterben zu müssen.«
+
+»Das merke dir,« sagte Rübezahl und stieß mit seinem Fuße an den Arzt, der
+mit Schweiß bedeckt an der Erde lag; er rollte von dieser Bewegung den Berg
+hinab, schlug sich an Steinen, verletzte sich an Baumwurzeln, kam aber doch
+endlich glücklich auf ebener Erde an, aber zerklopft und zerstoßen, daß er
+viele Wochen lang das Bett nicht verlassen konnte. Dabei war er so
+mißtrauisch geworden, daß er immer fürchtete, Rübezahl stecke dahinter,
+wenn er zu einem Kranken gerufen ward, und sich wohl hütete, seine
+gewöhnlichen Mittel zu verordnen. »Wer weiß,« sagen die Leute, »ob jener
+Arzt nicht der erste Erfinder der später so bekannt gewordenen
+homöopathischen Heilmethode gewesen ist.«
+
+
+
+
+Wie Rübezahl vor Prellerei warnt.
+
+
+»Nun Gott sei Dank, daß wir herauf sind!« sagten drei Görlitzer Tuchmacher
+oben auf dem Schmiedeberger Paß zu einander, setzten ihre Hocken ab und
+wischten sich den Schweiß von der Stirn. Sie wollten hinüber nach Böhmen
+und ruhten jetzt aus vom vielen Steigen. Indem kam ein vornehmer Herr,
+redete sie an, und wie er hörte, daß sie Tuche bei sich führten, sagte er:
+»Ich kaufe euch ab.« Obschon die Männer einen sehr hohen Preis forderten,
+so kaufte er doch jedem von ihnen ab und zahlte das Geld in lauter Dukaten
+aus. Hierauf reisten die drei Tuchmacher weiter, und wie sie eine gute
+Strecke gegangen waren, zogen sie lachend ihre Dukaten heraus und freuten
+sich, den Fremden so geprellt zu haben. Aber zu ihrem großen Schrecken
+fanden sie statt des Goldes nur Zahlpfennige in ihren Taschen.
+
+Sogleich kehrten sie um und trafen auch an der vorigen Stelle eine Kutsche
+mit sechs Rossen, darin saß der vornehme Herr, und sie beklagten sich, daß
+er ihnen Zahlpfennige statt Gold gegeben. »Zeigt doch einmal her,« sagte
+der Fremde. Wie sie aber ihre Beutel öffneten, war alles gutes Gold. Die
+Männer standen bestürzt, und jener sagte: »Könnt ihr nicht Gold von Messing
+unterscheiden? Wenn es euch aber nicht recht ist, will ich euch den
+Kaufpreis in Talern auszahlen.«
+
+Sie gingen wohlgemut davon, und nach einer kleinen Weile guckten sie
+neugierig in ihre Säckel, ob auch die blanken Taler noch darin wären. Aber
+o weh! nun lagen gar Scherben darin; spornstreichs eilten sie zurück, und
+glücklich hielt die Kutsche noch auf dem alten Flecke. Der Herr fragte, was
+sie denn schon wieder wollten, und sie forderten ihre Tuche zurück. Aber da
+ward er sehr zornig und sagte, er habe sie ehrlich bezahlt, sie möchten nun
+ruhig ihres Weges ziehen. Hierauf fuhr er rasch über den Paß hinunter, und
+die betrübten Tuchmacher setzten wehklagend ihren Weg fort. Als sie aber
+nach Libau kamen und ihre Säckel ausschütteten, waren wirklich gute Taler
+darin, aber genau nur so viel, als sie mit gutem Gewissen für die Tuche
+hätten fordern können, nicht einen Pfennig mehr; ihr ungerechter Profit war
+also verloren, und die ausgestandene Angst, die Mühe des unnötig gemachten
+Weges hatten sie noch obendrein. Das war ihre Strafe für ihre Habgier und
+Gewinnsucht; zuerst ärgerten sie sich grün und blau darüber; später aber
+nahmen sie sich vor, nie wieder jemand betrügen zu wollen. Sie hatten
+gemerkt, wer der fremde Herr gewesen war, und sie haben seitdem oft an das
+Wort gedacht:
+
+Niemand übervorteile seinen Bruder im Handel!
+
+
+
+
+Rübezahl betrügt die Geldmäkler.
+
+
+Einige Juden, die dem Rübezahl, ohne ihn zu kennen, schlechte Waren für
+übermäßige Preise verkauft hatten, freuten sich über die seltenen und
+ungewöhnlich großen Goldstücke, die er ihnen als Zahlung gegeben, hatte und
+waren kaum in der nächsten Herberge angelangt, als sie ein einsames
+Kämmerchen begehrten, um die Goldstücke zu beschneiden, wie sie es immer
+mit Dukaten zu tun pflegten.
+
+Als sie aber das scharfe Messer ansetzten, um etwas am Rande des
+Goldstückes abzuschneiden, fuhr dasselbe ab und mitten durch die Münze, so
+daß sie in zwei Hälften geteilt ward, wovon die eine auf den Boden fiel, wo
+sie trotz alles Suchens nicht wiedergefunden ward. Ein Gleiches begegnete
+den betrügerischen Juden bei dem zweiten und dritten Goldstücke, und sie
+verloren auf diese Weise weit mehr, als sie bei ihrem Handel zuvor verdient
+hatten.
+
+Einer von den Wechslern meinte, er wolle sein Goldstück schon auf eine
+klügere Weise beschneiden, nahm eine Feile und schabte den feinen Goldstaub
+auf eine untergelegte Glasplatte; aber zu seinem größtem Verdruß riß die
+Feile viel weiter, als er es gewollt hatte, so daß selbst das Gepräge des
+Goldstückes angegriffen war. Der Staub aber, den er sorgfältig sammeln
+wollte, blieb an seinen Händen kleben und konnte durch nichts davon
+losgemacht werden. Das ärgerte den Juden am meisten, daß er das Gold an den
+Händen hatte und doch keinen Gebrauch davon machen konnte.
+
+
+
+
+Die Springwurzel.
+
+
+Rübezahl hat im Gebirge einen eigenen Krautgarten. Man zeigt ihn seitwärts
+auf dem Koppenplan, nicht weit von der Wiesenbaude, an einem Abhange nach
+dem Aupengrunde zu. Dort ist das Gebirge an den saftigsten Kräutern reich,
+die von alten Zeiten her zu den kräftigsten Essenzen gebraucht wurden, und
+auch jetzt noch von den Einwohnern des Dorfes Krummhübel zur Bereitung von
+Tee und Medikamenten gesammelt werden.
+
+Unter allen diesen heilsamen Kräutern ist ganz vorzüglich eins in der
+Märchenwelt sehr berühmt geworden. Dieses Zauberkraut heißt die
+_Springwurzel_ und wächst nur in Rübezahls Garten. Sie ist von der
+köstlichsten Art und heilt die langwierigsten und hartnäckigsten
+Krankheiten. Da sie aber den Erdgeistern zur Nahrung dient, erlaubt
+Rübezahl nur seinen besonderen Günstlingen, sie ungestraft herauszugraben.
+
+Einst war in Liegnitz eine vornehme Dame krank und ließ einen Bauer aus dem
+Gebirge zu sich rufen, dem sie den Auftrag gab, ihr die Springwurzel aus
+Rübezahls Garten zu verschaffen, wofür sie ihm eine große Belohnung
+versprach. Das viele Geld verlockte den Bauer zu dem gefährlichen Gange; er
+suchte den bezeichneten Ort auf, und als er in die einsame, wüste Gegend
+kam, ergriff er den Spaten und fing an, nach der Springwurzel zu graben,
+die ihm nicht unbekannt war.
+
+Während dieser Arbeit, wo er das Gesicht tief zur Erde beugte, pfiff
+plötzlich ein Windstoß von einem Felsen in der Nähe her, und er hörte einen
+donnernden Zuruf, dessen Worte er aber nicht verstand. Er sah sich daher
+ganz erschrocken nach jener Gegend um und erblickte nun am Rande des
+Felsens eine riesenhafte, schreckliche Gestalt. Ein langer, weißer Bart
+fiel fast bis zu den Füßen nieder, und eine ungeheuer große Nase
+beschattete das Gesicht, das ebenso von weißen Haaren umhangen war, die im
+Winde vorwärts flogen, ja von denen, sowie aus den weiten Falten des
+Mantels, der Sturm eigentlich auszugehen schien. Der wilde, furchtbare
+Greis hielt eine riesige Keule in seiner Hand und rief mit einer dem Donner
+ähnlichen Stimme: »Was tust du da, Elender?«
+
+Ein Schauer schüttelte die Glieder des rüstigen Bauern, ehe er sich zu der
+Antwort ein Herz faßte: »Eine kranke Frau verlangt nach einer Springwurzel
+und ich suche danach!«
+
+Da schrie die Gestalt zurück: »Du hast eben jetzt eine gefunden, die darfst
+du behalten, aber hüte dich, ein zweites Mal wiederzukommen.« Und dabei
+schwang sie die Keule mit einer drohenden Gebäude.
+
+Der Bauer lief, so geschwind er konnte, hinweg und wagte nicht mehr, nach
+der furchtbaren Erscheinung zurückzublicken. Als ihm aber die kranke Dame
+für die Springwurzel eine Hand voll harter Taler gab, vergaß er den
+gehabten Schreck, und tat sich etwas zu gute. Jene aber war kaum im Besitz
+der heilsamen Wurzel, als sie sichtlich gesünder und kräftiger wurde. Da
+sie nun wohl sah, wie dies Mittel allein ihre gänzliche Wiederherstellung
+bewirken könne, ließ sie den Bauer noch einmal zu sich rufen. »Willst du
+mir noch eine Springwurzel holen, so sollst du doppelt soviel dafür
+bekommen, als das erste Mal,« sagte sie.
+
+
+»Ach, gnädige Frau,« antwortete der Bauer ganz ängstlich, »ich mag es nicht
+wieder wagen, in Rübezahls Kräutergarten zu gehen; denn er ist mir in
+schrecklicher Gestalt erschienen und hat mir den Tod gedroht, wenn ich
+jemals wiederkäme.«
+
+»Bedenke aber, wieviel Vorteil du davon haben könntest; der Berggeist hat
+dich nur schrecken wollen, damit nicht zu viele kommen und die Einsamkeit
+seiner Berge stören möchten. Auch hat man nie gehört, daß Rübezahl einem
+mutigen Menschen ein Leid getan hätte.« Auf solche Weise suchte die Dame
+dem Bauer seine Furcht auszureden, bis er endlich ihren verlockenden
+Versprechungen nicht länger widerstehen konnte. Und zum zweiten Male wagte
+er, das innere Heiligtum des Gebirges zu betreten.
+
+Er grub mit großer Angst und Hast, aber kaum hatte er den Spaten einigemal
+in die Erde gestoßen, da erhob sich derselbe Sturm, nur noch weit
+furchtbarer, als früher, und als er blaß vor Schreck nach dem Felsen
+hinblickte, stand die Gestalt noch viel schrecklicher und drohender da, und
+ihre Augen schienen Feuer und Flammen zu sprühen.
+
+»Was tust du da?« hallte es wie ein Erdbeben von dem kahlen Felsen herüber.
+
+»Ich suche die Springwurzel für eine kranke Frau, die sie mir teuer
+bezahlen will,« wagte der Bauer zu antworten. Da blitzte ein furchtbarer
+Zorn aus den Augen des Berggeistes. »Ich habe dich gewarnt und du wagst es
+doch, in dein Verderben zu rennen, Unsinniger! Die du hast, magst du
+behalten, aber nun rette dich, wenn du kannst!« -- Bei diesen Worten flog
+die ungeheure Keule sausend durch die Luft, nach dem verzagenden Bauer hin,
+aber zur rechten Zeit noch sprang er zur Seite, und sie schlug tief in den
+harten Boden. Die Erde erbebte unter diesem gewaltigen Wurfe und ein lange
+wiederhallender Donner betäubte den Bauer, daß er bewußtlos zu Boden sank.
+
+Erst nach langer Zeit erholte er sich von seiner Betäubung, aber alle
+Glieder des Leibes schienen ihm zerbrochen zu sein. Die Springwurzel hielt
+er zum Glück noch fest in der Hand, und damit kroch er mühsam am Boden hin;
+der Regen und die tief ziehenden Nebel durchnäßten und verirrten ihn: er
+geriet bald an den Rand gefährlicher Abgründe, bald an einen stürzenden
+Gebirgsstrom, der seinen Weg hemmte, und zwei Tage und zwei Nächte lang
+irrte er halb verschmachtet durch das Gebirge, ohne sich zurechtfinden zu
+können, bis ein Köhler dem Unglücklichen begegnete und ihn halbtot zurück
+in seine Hütte brachte.
+
+Der Bauer konnte erst viele Tage später die mit so vieler Gefahr gewonnene
+Wurzel nach Liegnitz tragen, wo die reiche Belohnung ihn endlich die
+ausgestandene Angst vergessen ließ.
+
+Nun verging eine lange Zeit, während welcher die kranke Dame fast ganz
+gesund ward und nur selten Anfälle ihres Übels bekam. »Hätte ich nur noch
+eine frische Springwurzel, dann wäre mir auf immer geholfen, das fühle
+ich,« sagte sie und sandte wieder nach dem Bauer, der anfänglich durchaus
+nicht kommen wollte.
+
+Aber die Begier nach Geld und Gut ist ein böser Geist, der uns wider Willen
+vorwärts treibt. So ging es auch dem Bauer. Er kam endlich doch nach
+Liegnitz und sagte: »Da bin ich, gnädige Frau, was wollt ihr von mir? Ich
+will alles tun, nur nicht mehr in Rübezahls Garten gehen, davor soll mich
+Gott bewahren. Wüßtet ihr, wie schlimm es mir das vorige Mal gegangen, und
+wie ich fast das Leben verloren hätte, so würdet ihr mich garnicht mehr an
+diese schrecklichste Zeit meines Lebens erinnern.«
+
+»O doch,« antwortete die Dame, »will ich dich heute beschwören, mir zum
+letzten Male die heilsame Wurzel zu holen. Ich bin reich genug, dich für
+jede Angst und Gefahr zu belohnen und gebe dir ein schönes, reiches
+Bauerngut, wenn du den Gang noch einmal für mich wagen willst!«
+
+Da verblendete die Begier nach dem versprochenen Reichtum den Bauern so
+sehr, daß er alle Gefahr vergaß und der Dame zusagte, die Springwurzel zu
+holen, solle es auch sein Leben kosten.
+
+»Bis jetzt,« sagte er, »hat mir der Geist ja nur gedroht, und um ein
+reiches Bauerngut kann ich auch allenfalls eine Tracht Schläge schon
+hinnehmen. Dann aber soll mich keine Macht der Welt mehr ins Gebirge
+bringen, bin ich nur erst ein reicher Mann und kann in Herrlichkeit und
+Freude leben.«
+
+Aber allein wagte er dieses Mal doch nicht zu gehen. Er nahm daher seinen
+ältesten Sohn mit sich und sagte, sie wollten nach der Koppenkapelle
+wallfahrten. Das war der Knabe wohl zufrieden, und so gingen sie
+nebeneinander hin, bis das Gebirge immer steiler und kahler wurde. Tief
+unten in den Schneegruben leuchtete der Schnee noch frisch und weiß, wie
+ein Leichentuch, obgleich es im Hochsommer war, und dem Bauer kamen dabei
+allerlei trübe Gedanken ein. Er wußte nicht, wie es kam, daß sich plötzlich
+in ihm eine Stimme regte, die sprach: »Böse Geister haben dich von Jugend
+auf verlockt, daß du nie nach dem ewigen, sondern, immer nach dem
+zeitlichen Gut gestrebt hast. Wild und wüst hast du daher immer gelebt, als
+ob mit dem Tode alles vorbei wäre; der Reichtum und die Lust der Welt, das
+war dein Götze, und sie werden dich ins Verderben führen.«
+
+Aber der Bauer suchte die warnende Stimme zu betäuben, indem er nur immer
+an das prächtige Leben dachte, welches er führen wollte, wenn er erst ein
+Bauerngut hätte. Und so ergriff er denn hastig den Spaten und fing an zu
+graben. Da erhob sich eine Windsbraut, die Bäume drunten im Tale stürzten
+davon zusammen, und ein Wolkenbruch flutete herab, so daß in einem
+Augenblicke die kleinsten Bäche zu wilden Strömen anschwollen, aus der Erde
+drang ein Wehklagen, und eine wilde Kluft öffnete sich plötzlich, daraus
+fuhr eine große Gestalt auf, die ergriff den besinnungslosen Bauer und
+stürzte sich mit ihm in die schauerliche Tiefe. Immer ferner und schwächer
+hörte der Sohn die Stimme seines unglücklichen Vaters.
+
+Endlich heiterte sich der dunkel umhangene Himmel wieder auf, der brausende
+Sturm zog die gewaltigen Schwingen ein, und der verlassene Knabe suchte
+erschreckt die Kapelle, um sich dem Schutze Gottes zu empfehlen. Und in
+derselben Stunde starb in Liegnitz die Frau am Schlage.
+
+
+
+
+Der gefundene Esel.
+
+
+Hans und seine Schwester Marie dienten bei einem Bauer in Stonsdorf, einem
+Dorfe im Riesengebirge, das etwa eine Stunde von Warmbrunn liegt und durch
+den _Prudelberg_ berühmt ist, einer wunderbaren Granitmasse, darin man die
+Rischmannshöhle findet, in welcher der Prophet Rischmann im Jahre 1630
+seine ersten Weissagungen tat. Sie waren beide so fleißig und ordentlich,
+daß sie sich schon eine kleine Summe erspart hatten; damit gingen sie nun
+nach Warmbrunn auf den Markt, um ihrer kranken Mutter eine Kuh zu kaufen.
+
+Sie hatten sich am Wege in das blühende Haidekraut gesetzt, zählten ihr
+Geld und bauten allerlei Luftschlösser, wie sie nach und nach das schlechte
+Häuschen der Mutter verbessern und ein Stück Acker dazu kaufen wollten.
+Dann sollte es die Mutter gut haben auf ihre alten Tage.
+
+»Und,« sagte Hans, »hab' ich es einmal erst so weit gebracht, daß ich
+Getreide verkaufen kann, dann halte ich mir ein Pferd; das will ich so gut
+halten und so blank putzen, wie die Rappen des Edelmannes. Das soll eine
+Freude für mich sein, in die Stadt zum Markte zu reiten, daß die Leute
+denken, es komme ein reicher Pächter auf seinem schmucken Gaul daher.«
+
+»Werde nur nicht hochmütig,« sagte die Schwester besorgt, »Hochmut kommt
+vor dem Fall. Stecke nur das Geld wieder in die Tasche und laß uns weiter
+gehen.«
+
+Hans schob den Beutel in die Jacke zurück und schickte sich an, der
+Schwester zu folgen, da sprang ein stattlicher Esel aus dem Gesträuch am
+Wege und lief dem Burschen fast in die Hände.
+
+»Ei, da hätt' ich ja gleich einen hübschen Anfang,« lachte Hans und hielt
+den Esel am Strick fest, der um dessen Hals geschlungen war. »Bruder, du
+wirst doch nicht das Tier behalten wollen?« fragte Marie ängstlich.
+»Närrchen,« antwortete dieser, »hältst du mich für gar so schlimm? Wenn ich
+auch gern reich werden und ein bequemeres Leben führen möchte, so werd' ich
+doch nicht etwa deshalb ein Dieb und Betrüger werden sollen. Das wolle Gott
+verhüten! gehe du rechts in das Gebüsch, ich will zur linken Seite suchen,
+ob wir den Herrn des Esels finden können.«
+
+
+Die Geschwister suchten und riefen, warteten dann fast eine Stunde lang an
+der Straße, ob nicht jemand kommen würde, den Esel zu suchen, aber es ließ
+sich nichts hören und sehen; und da sie nun eilen mußten, um nach Warmbrunn
+zu kommen, weil sie am Abende wieder bei ihrem Dienstherrn sein mußten,
+nahmen sie den Esel mit, wobei sie hofften, daß ihnen der Eigentümer
+desselben vielleicht auf dem Wege begegnen würde.
+
+Hans führte das schöne, starke Tier am Stricke, als er aber einige Schritte
+gegangen war, dachte er: »warum sollte ich es mir nicht bequemer machen?«
+-- setzte sich auf den Esel und ritt. Marie nahm nun statt seiner den
+Strick in die Hand. Das ging eine Weile recht gut, aber mit einem Male fing
+der Esel an zu springen, schlug mit den Hinterfüßen aus und machte einen so
+krummen Rücken, daß Hans auf das jämmerlichste hin- und hergeworfen wurde
+und gar nicht wußte, wo ihm der Kopf stand. Er wäre gern abgestiegen, aber
+der Esel ließ sich nicht einen Augenblick halten, zerriß den Strick, an dem
+Marie ihn führte und setzte über den breiten Graben, wobei er den Reiter
+abwarf, daß diesem die Ohren brummten. Da lag unser Held ganz still und
+konnte sich kaum rühren; jammernd kam die Schwester herbei und half ihm
+wieder auf; der Esel aber trabte den Bergen zu und verschwand.
+
+
+Ganz kleinlaut schlich der arme, geschlagene Hans neben der Schwester her,
+deren Sprichwort sich schon an ihm bewiesen hatte. Endlich kamen sie nach
+Warmbrunn und fanden auch bald eine gute Kuh für einen ziemlich, billigen
+Preis; aber als Hans das Geld zahlen wollte, stand er plötzlich mit
+kreideweißem Gesicht vor der Schwester, -- der Beutel war verschwunden und
+mußte ihm bei dem tollen Ritt aus der Tasche gefallen sein. Nun war das
+Leidwesen groß und guter Rat teuer; da standen die Geschwister vor den
+Trümmern all ihrer Hoffnungen. Der Verkäufer der Kuh aber glaubte, er habe
+es mit listigen Betrügern zu tun, die ihn nur anführen wollten und rief die
+Polizei zu Hilfe. Hans sollte nun eingesteckt wenden, aber Marie bat so
+rührend für den unschuldigen Bruder, daß man sie endlich beide ruhig ziehen
+ließ, und nur ein Troß von Straßenbuben sie noch verfolgte, worüber sich
+Marie so sehr schämte, daß sie die Augen voll Tränen hatte.
+
+Auf dem Heimwege durchsuchten die betrübten Geschwister das ganze Gebüsch,
+um vielleicht ihren Beutel wiederzufinden, aber vergebens. »Den Spuk hat
+uns kein anderer getan, als der Rübezahl,« sagte Hans zornig; »ich wollte,
+der boshafte Geist stände hier vor mir, daß ich ihn meinen starken Arm
+könnte fühlen lassen; es wäre mir auch ganz recht, wenn er mich in der Wut
+dafür tötete, denn daß ich nun mit leeren Händen zu der Mutter heim kommen
+soll, schnürt mir fast die Kehle zu vor Betrübnis.«
+
+»Hans,« sagte die Schwester, »ich glaube, der Berggeist hat uns nur eine
+gute Lehre geben wollen. Warum wünschten wir uns auch so viel Glück, da wir
+doch mit der Freude gar wohl hätten zufrieden sein können, unserer armen
+Mutter eine Kuh zu kaufen.« --
+
+Hans schwieg verdrießlich. So gingen die Geschwister still nebeneinander
+heim und dann jedes an seine Arbeit; Marie in den Stall, um die Kühe zu
+melken, Hans auf den Boden, um Häcksel zu schneiden. In seinem Unmut wollte
+ihm aber die Arbeit gar nicht von der Hand gehen und es brach bald da, bald
+dort etwas entzwei.
+
+»Reich' mir doch ein Stück Strick herauf,« rief er in den Stall hinab, und
+Marie griff in die Tasche, wohin sie das Ende des Strickes gesteckt hatte,
+das sie in der Hand behielt, als der Esel sich losriß. Hans wollte die
+Häckselbank damit befestigen, aber der Strick war spröde wie Eisen, und als
+sich der Hanf oben abschälte, flimmerte und glänzte es inwendig.
+
+Hans sah verwundert nach, -- da war der Strick von lauter Goldfäden
+zusammengedreht. -- Nun waren die Geschwister mit einem Male reich, sie
+konnten zwei stattliche Kühe kaufen und den Acker vergrößern. Nun
+bewirtschafteten sie gemeinschaftlich das Häuschen der Mutter und hegten
+und pflegten diese mit treuer Kindesliebe. Hans aber vergaß die Lehre des
+Bergsgeistes nicht, und obgleich sein Wohlstand sich von Jahr zu Jahr
+mehrte, blieb er doch einfach und schlicht, so daß er nach wie vor zu Fuße
+nach der Stadt auf den Markt ging und seine Pferde nicht zum Staat und zur
+Bequemlichkeit, sondern allein zu seiner Ackerwirtschaft hielt. Man sagt,
+das Reiten sei ihm auf immer verleidet gewesen!
+
+Im ganzen Dorfe waren sie angesehen wegen ihres rechtschaffenen
+Lebenswandels und der Sorgfalt für das Wohl ihrer alten, schwachen Mutter.
+
+
+
+
+Der Spieler.
+
+
+Von Agnetendorf stieg ein junger Bursche hinauf nach dem Korallenfelsen und
+sang dabei so laut und lustig, daß es in den Bergen weithin hallte.
+Rübezahl, der auch eben über das hohe Rad kam, hörte den Gesang und dachte,
+da scheint ein _fröhlicher_ Mensch zu kommen, wir wollen einmal versuchen,
+ob es auch ein _guter_ ist.
+
+Und er nahm alsbald die Gestalt eines alten Drehorgelspielers an, der den
+ganzen Sommer hindurch am Fuße des Berges saß und die Reisenden mit Musik
+bewillkommnete, wofür er eine kleine Gabe empfing. Der Alte war aber heute
+nicht an seinem Platze, weil im Dorfe unten eine Hochzeit war, wobei er
+aufspielte. Nun saß Rübezahl statt seiner da und spielte: »Fröhlich und
+wohlgemut.«
+
+Als der Bursche dem Leiermann nahe kam, zog er seinen Beutel aus der Tasche
+und warf ihm einen Groschen zu, wobei er singend und pfeifend seines Weges
+ging und sich gar nicht um den Dank des Alten zu kümmern schien.
+
+»Glückliche Reise!« rief ihm Rübezahl freundlich nach und ging nun auch
+seines Weges. Der junge Bursche aber wandert rüstig weiter, bis zu den
+Elbwiesen. Da sieht er mehrere junge Leute, welche Kegel schieben, und
+bleibt dabei stehen. Er konnte nämlich bei keinem Spieltisch, bei keiner
+Kegelbahn vorbei, ohne sein Glück zu versuchen; auch jetzt kribbelt und
+juckt es ihn in den Fingern, und er ist wie gebannt an der Stelle; sein
+fröhlicher Gesang ist verstummt, und begehrlich folgen seine Blicke der
+Kegelkugel, die auf dem frischen Grün der Wiese wie auf einer Bahn von
+Sammet dahinrollt. Endlich fordern ihn die jungen Leute auf, mitzuspielen,
+und sagen, er solle doch auch einmal sein Glück versuchen; auf der Reise
+brauche man immer Geld, wenn er gut schiebe, könne er vielleicht etwas
+gewinnen.
+
+Das läßt sich unser Bursche nicht zweimal sagen, sondern tritt rasch hinzu
+und schiebt mit, gewinnt auch einen Groschen um den andern und bald ein
+hübsches Sümmchen zusammen. Aber obgleich sich die Dunkelheit schon auf das
+Gebirge senkt, bekommt er das Spiel doch immer noch nicht satt; die andern
+haben schon längst aufhören wollen, und vom Dorfe her schallt schon die
+Abendglocke herauf, unser junger Bursche versucht immer wieder das Spiel im
+Gang zu erhalten, weil er gar zu gerne spielt.
+
+Von dieser Zeit an verlor unser Bursche aber nach und nach den ganzen
+Gewinn und endlich auch sein Reisegeld, so daß er keinen Pfennig mehr in
+der Tasche behielt.
+
+Als er nun ganz niedergeschlagen seinen Weg, über die Elbwiesen fortsetzte,
+rief ihm einer der Spielkameraden zu, er solle sich doch zum Andenken
+wenigstens einen Kegel mitnehmen. »Ei,« denkt unser Bursche, »der Vorschlag
+ist ja wunderlich; aber wie mögen nur überhaupt die Kegelschieber hier
+herauf gekommen sein, ob das nicht etwa ein Spaß von Rübezahl ist? Da wird
+vielleicht der Kegel zu Gold in meiner Tasche!« -- Er kehrte um, suchte den
+nun verlassenen Kegelplatz nochmals auf, und da die Kegel vom Spiel noch
+dort lagen, steckte er heimlich einen Kegel nach dem andern ein; nur die
+Kugel ließ er liegen, denn er trug ohnedies schon schwer genug. Als er nun
+schon hinab bis zum Zackenfall gekommen war, wollte er einen Kegel
+herausziehen, um zu sehen, ob er sich in Gold verwandelt habe, aber o weh
+-- das war kein feiner Spaß vom Rübezahl -- der betrogene Bursche griff in
+lauter Schmutz, und ein schallendes Gelächter belehrte ihn, daß der
+Berggeist seine Spiellust auf solche Weise bestraft habe. -- Sein Geld
+hatte er verloren; später als ihm lieb war kam er ins Tal, seine Kleider
+waren beschmutzt und ausgelacht fühlte er sich obendrein. Freilich half die
+gute Lehre nicht allzulange. Im Hochgebirge findet sich aber noch jetzt die
+Kegelkugel Rübezahls und beweist die Wahrheit dieser Geschichte. Wieder
+einmal hatte Rübezahl einen Menschen gezüchtigt, der nur an sich dachte und
+nicht Herr seiner Leidenschaften war; möchten sich doch alle dieses Märchen
+zu Herzen nehmen, aber besonders solche, die von der bösen Spielwut
+beherrscht werden. Gibt es auch keine Geister mehr, so doch eine
+allwaltende Vorsehung, welche schafft, daß jedes Laster sich in sich selbst
+bestraft.
+
+
+
+
+Rübezahl und der Schneider.
+
+
+Einmal kam der Berggeist nach Landeshut und trug ein Päcklein Tuch unter
+dem Arme. Nach einem Schneider fragt er ein kleines Mägdlein, das am
+Brunnen Wasser holt, und dieses weist ihn in ein nahes Haus, wo es gar
+stattlich aussieht. Als er nun in die Stube tritt und den Meister höflich
+anspricht, ihm einen Rock zu machen, auch den großen Ballen Tuch vor ihm
+ausbreitet, denkt der pfiffige Schneider, der ist auch nicht aus Landeshut,
+solch' vornehme Leute kommen mir nicht alle Tage unter die Schere. Er legt
+also das Tuch doppelt und macht dann ein bedenkliches Gesicht, als werde er
+damit wohl schwerlich, auskommen zu einem ganzen Rocke. Rübezahl schwatzt
+indes mit den Gesellen und tut, als sehe er nicht, was vorgeht.
+
+Darauf versprach der Meister, der Rock solle in acht Tagen fertig sein, und
+Rübezahl ging weiter. Als die Zeit um ist, schickt er einen Diener, läßt
+die Sachen abholen und sagen, er werde nächstens selbst kommen und mehr
+Arbeit bestellen, auch alsdann das Macherlohn bezahlen.
+
+»Ei, recht gern,« sagte der höfliche Schneider und denkt, an diesem Kunden
+läßt sich ein guter Schnitt machen. Als aber acht Tage verstreichen und
+sich der Fremde nicht sehen läßt, wird's dem Meister doch bedenklich und er
+beschließt, das Tuch zu verkaufen, um das er jenen gebracht hat, so daß er
+doch nicht um sein Arbeitslohn komme. »Ein Mal einem vornehmen Herrn
+getraut und nie wieder,« denkt er, schlägt, sich endlich die Geschichte aus
+dem Sinne und holt das Tuch herbei. Aber da war es eine Decke, aus Schilf
+geflochten. -- Das kam ihm doch auch gar zu wunderbar und bedenklich vor.
+
+Nun geschah es lange Zeit darauf, daß er mit seinen Gesellen die Koppe
+bestieg, und da begegnete ihnen Rübezahl, ganz lustig auf einem Bocke
+reitend. »Du willst wohl das Arbeitslohn für das Kleid holen, so du mir
+gemacht hast?« ruft er dem erschrockenen Meister zu.
+
+Da geht diesem ein Licht auf; aber ein rechter Schneider ist pfiffig und
+weiß sich immer zu helfen. »Gnädiger Herr,« spricht er, »deshalb stieg ich
+nicht auf das Gebirge, denn ihr habt Kredit, so lange es euch beliebt; ich
+mache nur eine Reise nach Böhmen und hoffe, ihr werdet nichts dawider
+haben. Ich will euch auch mein Lebtag gern redlich dienen.«
+
+»Nun, da du so nachsichtig bist, will ich mich auch dankbar bezeigen,«
+spricht Rübezahl, »ich will dir mein Reitpferd schenken, aber wehe dir, so
+du dich dessen, nicht überall bedienst.«
+
+Nun hatte der Schneider keine Courage, obgleich das recht unglaublich
+klingen mag, und wollte sich durchaus nicht auf den Ziegenbock setzen, der
+kerzengrade auf seinen Hinterfüßen stand. Aber Rübezahl hob die Hand, um
+dem zaghaften Meister in den Sattel zu helfen.
+
+Der Schneider aber war so leicht, daß Rübezahls Arm mit ihm eines
+Kirchturms Länge in die Luft hinauffuhr, denn der Berggeist hatte gedacht,
+er werde doch mindestens über hundert Pfund zu heben haben, und wog der
+Schneider nicht viel über fünfzig. Dabei flog der Handschuh Rübezahls ihm
+von den Fingern und liegt noch heutzutage nicht weit von Rübezahls Kanzel,
+wovon sich jeder überzeugen kann.
+
+Der Schneider aber saß kaum auf dem Reitpferde, als dies mit ihm
+dahintrabte; die Gesellen hielten sich pfiffig an den Schwanz desselben und
+kamen nun auch so geschwind, wie der Meister, von der Stelle. Aber wo sie
+hinkamen, traf sie das Gespött der Leute, und doch wagte der ehrsame
+Meister keinen Schritt zu Fuße zu gehen, sondern bediente sich immer aus
+Furcht vor dem Berggeiste des verhaßten Bockes.
+
+Weil er nun aber in jedem neuen Kunden immer wieder den Rübezahl vermutete,
+so hütete er sich wohl, das frühere Kunststück zu wiederholen und ward von
+da ab der ehrlichste Schneider der Welt.
+
+Es hüte sich jeder nicht vor dem Berggeist -- sondern vor der Sünde im
+allgemeinen, denn sie ist es, die den Menschen in der Gestalt des bösen
+Gewissens oft mehr quält, als alle Gnomen und Erdgeister.
+
+ Lieber bleibe arm auf Erden,
+ Als durch Untreu reich zu werden.
+
+
+
+
+Rübezahl und der lügenhafte Knecht.
+
+
+ Rübezahl
+ Schritt einmal
+ Still vom Berg hinab ins Tal!
+ Da, auf Wegen
+ Voller Segen
+ Kam ein Großknecht ihm entgegen,
+
+ Dieser spricht:
+ »Kam dir nicht
+ Rübezahl droben zu Gesicht?«
+ »»Schwerlich!«« sagte
+ Der Befragte
+ Dem der Name nicht behagte.
+
+ »»Rübezahl?
+ Weiß nicht mal,
+ Ist's ein Mensch oder ist's ein Aal!«« --
+ »Ihn nicht kennen!
+ Auf den Sennen
+ Jedes Kind weiß ihn zu nennen.«
+
+ »Hör! der so heißt,
+ Ist ein Geist,
+ Der gar dreist sich oft erweist.«
+ Viel Geschichten
+ Voll Erdichten
+ Wußte nun er zu berichten.
+
+ »Aber letzt« --
+ Sagt er jetzt --
+ »Hab ich ihn in Angst gesetzt!
+ Auf der Koppe,
+ Daß er mich foppe,
+ Rannt' er auf mich zu im Galoppe.
+
+ Doch geschwind,
+ Mutig gesinnt,
+ Hielt ich ihm, dem Teufelskind,
+ Diesen geweihten,
+ Schön gereihten
+ Rosenkranz vor, -- ihn abzuleiten.
+
+ Gott sei Dank!
+ Daß gelang,
+ Ins Gebüsch entfloh er bang.
+ Mädchenstehler!
+ Rübenzähler!
+ Nur der Dummen Furcht und Quäler!
+
+ Also rief,
+ Wie er lief,
+ Ich ihm nach. -- Er nahm das schief, --
+ Ward' gar böse,
+ Macht' ein Getöse,
+ Als ob der Berg von der Erd' sich löse.
+
+ Doch -- durchs Gebraus
+ Kühn hinaus,
+ Schritt ich mutig fort nach Haus.«
+ So erzählte
+ Der Gestählte,
+ Wissend, daß alle Wahrheit fehlte.
+
+ »»Bist du zu End?««
+ Frug behend
+ Rübezahl, als ob's ihm brennt,
+ »»Ich nun sage:
+ Rübezahl wage,
+ Daß er dich Lügen straf' und schlage!
+
+ Sahst ihn noch nie,
+ Außer jetzt hie.
+ Ich bin's. Und ich schlage dich, sieh!««
+ Nach den Schlägen
+ Wachsen dem trägen
+ Knecht die Ohren, wie Gras nach dem Regen.
+
+ »»Wo man dir traut,
+ Rühm' nun laut,
+ Daß du den Rübezahl geschaut!
+ Wünschen Toren
+ Es beschworen, --
+ Schwör's bei deinen Eselsohren!««
+
+
+
+
+Der reiche Bäcker.
+
+
+In Hirschberg lebte ein reicher Bäcker, der in großem Ansehen unter der
+Bürgerschaft stand und abends auf der Bierbank immer das große Wort führte,
+der aber hart und geizig gegen die Arbeiter war, die um Lohn bei ihm
+dienten, sowie gegen die Bauern, welche ihm das Holz anfuhren. Von denen
+suchte er immer die ärmsten aus, die nötig Geld brauchten, machte ihnen
+kleine Vorschüsse und hatte sie dann gewissermaßen in den Händen, daß er
+ihnen am Preise abdrücken konnte, so viel er wollte.
+
+Nun trug es sich einstens zu, daß ein armer Bauer ihm ein Fuder Holz
+brachte, wofür das Fuhrlohn schon zuvor bedungen worden war; als er es aber
+im Hofe des reichen Bäckers abgeladen hatte, gab ihm dieser doch wieder
+eine Mark weniger. Darüber war der Mann sehr bestürzt und machte dem Bäcker
+die rührendsten Vorstellungen, wie er den größten Schaden an Wagen und
+sonstigem Gerät habe, wenn er so viel verlieren solle; aber jener
+antwortete nur kurz, daß sich der Bauer das Holz ruhig wieder aufladen und
+mit nach Hause zurücknehmen könne, wenn er es um diesen Preis nicht lassen
+wolle.
+
+Das war freilich leicht gesagt, aber der arme Bauer hatte dabei einen
+ganzen Tag Arbeit verloren und sein Pferd und Wagen ganz umsonst abgenutzt.
+Außerdem wollte er für das Holzgeld Saatgetreide kaufen und was blieb ihm
+nun anderes übrig, als sich den Abzug geduldig gefallen zu lassen. -- Aber
+traurig fuhr er aus der Stadt zurück, denn wenn er auch den ungerechten
+Mann hätte verklagen wollen, so hätte er doch lange warten müssen, ehe die
+Sache entschieden worden wäre, und dann hätte er auch einen Kostenvorschuß
+machen müssen. Der Weg zur Gerechtigkeit ist nicht für die armen Leute,
+sondern für die reichen! -- Also fuhr er traurig und bekümmert seines Weges
+und erzählte sein Unglück einem Nachbar, den er auf dem leeren Holzwagen
+mit nach Hause nahm.
+
+
+Rübezahl, der eben aus der Stadt kam, ging nebenbei auf der Straße und
+hörte die Geschichte mit an und beschloß, dem reichen Bürger einen
+Denkzettel zu geben. »Wenn er mir nur einmal in mein Revier käme,« sagte er
+zu sich selbst, »dann sollte er wohl gründlich kuriert werden.« Aber der
+Bäcker hütete sich wohl, eine Reise ins Hochgebirge zu machen, dazu war er
+viel zu geizig.
+
+Nun sitzt er aber eines Tages in seiner Putzstube und trinkt ein Schälchen
+Warmbier, da tritt ein Mann zu ihm herein und sagt, er habe gehört, daß der
+Meister einen Holzmacher brauche und dazu biete er sich an; dabei wolle er
+billiger sein, als jeder andere.
+
+Der Bäcker sah den Fremden, der gar nicht wie ein Holzmacher aussah, mit
+großen Augen an, aber Geiz und Eigennutz verblendeten ihn doch so sehr, daß
+er mit ihm in den Holzhof ging und ihm dort mehr als fünf Klafter Holz
+zeigte, die gespalten werden sollten. »Wieviel wolltet ihr wohl dafür
+haben?« fragte er neugierig.
+
+»Ei nun,« antwortete der fremde Mann, »ich bin ein Bürger aus Schweidnitz,
+und haue mehr zu meinem Vergnügen und meiner Bewegung Holz, denn ich leide
+an der Leber, und darum kommt es mir nicht sonderlich auf den Verdienst an.
+Wenn ihr mir eine so große Hocke Holz dafür geben wollt, als ich mit einem
+Male fortbringe, so will ich euch den ganzen Vorrat klein machen.«
+
+»Nun, das nenn' ich mir einen Narren,« lachte der Bäcker ins Fäustchen, und
+da er einen guten Handel abgeschlossen zu haben meinte, nahm er den Fremden
+mit in seine Stube zurück, ließ ihn niedersetzen und goß ihm eine Tasse
+Warmbier ein. Dieser sah sich neugierig in der schönen Stube um, wo an den
+Wänden hohe Schränke voll blankem Zinns und Messinggerät standen, und indem
+er die gemalte Decke verwundert betrachtete, sagte er: »Der Tausend! eine
+so schöne Stube hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, die habt ihr wohl von
+einem Breslauer Künstler malen lassen, Meister?«
+
+»Nein, es gibt auch in Hirschberg geschickte Leute,« sagte dieser vornehm,
+»wer's nur bezahlen kann.« -- Darauf empfahl sich der angebliche
+Schweidnitzer Bürger und sagte, er wolle am andern Tage kommen, und die
+Arbeit anfangen. Und richtig, am Morgen darauf, als der Meister aus dem
+Bette stieg, hörte er im Hofe schon Holz hauen, zog seinen Schafpelz an und
+dachte: »Muß doch einmal zum Rechten sehen.« Aber mit weit offenem Munde
+blieb er in der Hoftür stehen, denn der Fremde hatte sein linkes Bein aus
+der Hüfte herausgezogen und schlug damit auf das Holz, das es in tausend
+kleine Stücke zersprang.
+
+Da wurde dem Meister unheimlich, und er rief dem Fremden zu, er möge doch
+aufhören und sich von dannen scheren; der aber tat, als höre er nicht, hieb
+immer unbarmherzig darauf los, und ehe eine Viertelstunde verging, war das
+ganze Holz in kleine Scheite gespalten. Alsdann steckte er das Bein wieder
+in die Hüfte, packte alles gehauene Holz in einer ungeheuren
+
+FEHLZEILE
+
+Hofe, ohne sich um das Wehgeschrei des Bäckers zu kümmern.
+
+Da stand dieser nun als ein geschlagener Mann, sein ganzer Holzvorrat war
+nun verloren, denn er hatte ja dem Holzmacher freiwillig als Lohn
+versprochen, so viel dieser in einer Hocke forttragen könne. -- Das hatte
+nun seine Richtigkeit und konnte der Meister ihn deshalb nicht aufhalten
+lassen; was ihn aber noch mehr hinderte, dem Fremden nachzulaufen und sein
+Holz zurückzufordern, war die Überzeugung, daß kein anderer als Rübezahl
+ein solches Kunststückchen ausführen konnte und mit diesem mochte der
+Meister aus guten Gründen nicht anbinden. Da stand er denn und hatte das
+leere Nachsehen; es mochte ihm wohl einfallen, daß er nun einmal mit
+eigener Münze bezahlt worden sei.
+
+Rübezahl aber lud seine Bürde vor dem Hause des armen Bauern ab, der gar
+nicht begreifen konnte, wer ihm so viele Fuhren Winterholz gebracht habe,
+ohne daß er das geringste davon gemerkt hatte. Er verbrauchte es aber
+dankbar und gab auch einigen armen Nachbarn davon. Von dieser Zeit an war
+der reiche Bäcker in der Stadt wie verwandelt, und wenn er auch noch
+manchmal seine alten Gewohnheiten zeigte, so durfte er nur an die
+Geschichte mit dem fremden Holzhauer denken, um wenigstens billig zu sein
+und den Arbeitern sein Wort zu halten.
+
+
+
+
+Das Zauberbuch.
+
+
+Ein Mensch, welcher von der Begierde, reich, angesehen und gewaltig zu
+werden, sehr geplagt wurde, hatte keinen größeren Wunsch, als ein
+Zauberbüchlein zu bekommen, woraus er nach seinem Willen Regen und
+Sonnenschein machen, das Vieh behexen, sich unsichtbar machen und
+Goldschätze in der Erde finden könne. Da er aber ein solches Buch nirgends
+finden konnte, beschloß er endlich, den Rübezahl darum zu bitten; der,
+hoffte er, werde es ihm schon geben.
+
+Er ging also fleißig in der Gegend umher, wo das Gebiet des Berggeistes
+lag, bis er nach langer Zeit einmal den Herrn des Gebirges fand. Der saß
+als ein eisgraues Männlein vor einer schauerlichen Höhle und gab ihm ein
+Büchlein, wie er es erbeten hatte.
+
+Voller Freude eilte er heim damit, um es sogleich zu probieren; da er es
+aber aufschlug und lesen wollte, waren es lauter Baumblätter mit Linien und
+Fasern, aber mit keinen Buchstaben.
+
+
+
+
+Wie Rübezahl einem Bauer hilft.
+
+
+Es war einmal unten am Gebirge ein Edelmann, der war ein wüster,
+hochmütiger Geselle, plagte und mißhandelte seine Bauern und meinte, dazu
+wären sie nun einmal auf der Welt. Dieser befahl eines Tages einem Bauern,
+daß er eine überaus große Eiche, die eben geschlagen worden war, aus dem
+Walde holen und im Schloßhofe abladen solle. Mit dem Edelmanne war nicht zu
+spaßen, das wußte der arme Schelm wohl, an welchen dieser Befehl erging,
+und darum zog er auch sogleich sein Rößlein aus dem Stalle, obschon er
+wußte, daß es ein Ding der Unmöglichkeit sei, die schwere Eiche allein von
+der Stelle zu bringen. Er gab sich auch alle Mühe, sie nur vom Platze zu
+bewegen, aber es war doch vergebliche Arbeit. Da seufzte und jammerte der
+arme Bauer, denn er wußte nun, daß ihm der Edelmann nur etwas habe am Zeuge
+flicken wollen, -- wie das Sprichwort heißt, -- und daß er jetzt seinen
+Zorn an ihm auslassen würde, weil er die aufgetragene Arbeit nicht
+verrichten konnte.
+
+
+Wie er noch so voller Betrübnis dasteht, kommt ein Mann im Walde gegangen
+und fragt den Bauer, warum er denn so traurig sei. »Ach,« erwidert dieser,
+»ihr könnt mir ja auch nicht helfen;« endlich aber erzählt er doch dem
+Fremden die Geschichte.
+
+»Ei, sei doch nur getrost, mein Bauer,« sagt dieser darauf; »gehe ruhig
+heim, ich will dir den Baum schon an Ort und Stelle schaffen.«
+
+Der Fremde aber war Rübezahl, und ich glaube, es macht ihm keiner das
+Stückchen nach, welches er jetzt ins Werk setzte. Er nahm die Eiche mit
+ihren großen, weit ausgespreizten Ästen in eine Hand und trug sie wie einen
+Spazierstab bis in das Dorf. Dort legt er sie vor das Hoftor des
+Edelmannes, so daß niemand aus- und eingehen kann. Da befiehlt der Herr,
+die Eiche zu zersägen, aber sie ist wie von Eisen, und obgleich die
+Arbeiter alle Kraft daran wenden, bringen sie doch auch kein Spänchen davon
+ab.
+
+Nun bleibt dem Edelmann freilich nichts weiter übrig, als ein neues Tor
+durch die Mauer zu brechen; da das aber viel Geld kostete, ließ er den
+Bauer kommen, der sollte es zur Strafe bezahlen. Als aber dieser die
+Geschichte erzählte, die ihm mit der Eiche begegnet war, merkte der
+gestrenge Herr gar wohl, daß Rübezahl hier die Hand im Spiele habe; vor dem
+hatte er so große Furcht, daß er den Bauer ruhig gehen ließ, und seit jener
+Zeit auch vorsichtiger und milder wurde. In so großen Respekt hatte sich
+der Berggeist schon in der ganzen Gegend zu setzen gewußt.
+
+
+
+
+Der kleine Peter.
+
+
+Dem kleinen Peter war seine liebe Mutter gestorben und der Vater nahm eine
+Anverwandte ins Haus, damit sie den Knaben in Aufsicht nähme, da er den
+ganzen Tag im Walde Holz fälle. Die Muhme aber war mürrisch und boshaft und
+konnte den kleinen Peter schon darum nicht gut leiden, weil er immer lustig
+und guter Dinge war und so vergnügt spielte, als ob die ganze Welt ihm
+gehöre.
+
+Sie schwärzte ihn daher auch bei dem Vater an, und wenn dieser am Abend von
+seinem sauren Tagewerk ermüdet heimkam, klagte sie ihm so viel von Peters
+Unfolgsamkeit vor, daß er ohne weiteres eine Haselgerte nahm und den armen,
+kleinen Schelm durchprügelte.
+
+Widerspruch hätte den jähzornigen Mann auch nur noch heftiger gemacht,
+darum fand sich Peter geduldig in sein Schicksal und ward es zuletzt immer
+mehr gewöhnt, von der Muhme gescholten und von dem Vater jeden Abend ohne
+alle Ursache geschlagen zu werden. Da er nun im Hause keine Freude hatte,
+war er am liebsten draußen auf dem Felde, da sah er doch das boshafte
+Gesicht der Muhme nicht und es keifte niemand mit ihm.
+
+Aber dieser Freiheit setzte endlich der Winter ein Ziel. Draußen auf den
+Feldern und den hohen Bergen lag der Schnee und Peter wäre in seinem dünnen
+Leinwandjäckchen bald erfroren. Es war also seine einzige Freude, hinaus
+vor die Hütte zu treten und den Sperlingen Brotkrümchen zu streuen, was er
+sich jedesmal an seinem Frühstück absparte. Wenn nun die Vögel so lustig
+zwitscherten und um ihn herumflogen, da klopfte ihm das Herz vor Lust, und
+oft gab er ihnen sein ganzes Stück Schwarzbrot, ohne daran zu denken, daß
+er dafür alsdann selbst hungern müsse.
+
+Eines Tages erwartete die Muhme einen Gast und hatte einen Fisch gekauft.
+Peter kam zufällig an dem Faß vorbei, dahinein die Muhme ihn einstweilen
+ins Wasser gesetzt hatte, damit er nicht absterbe, ehe sie ihn schlachte.
+»Du armes Tierchen,« sagte der kleine Peter, »möchtest wohl auch lieber
+draußen im großen Teiche sein, als hier in der Hand voll Wasser; kannst
+dich ja gar nicht recht lustig bewegen; komm, ich will dir ein bischen mehr
+Freiheit geben.« Und er trug den zappelnden Fisch hinaus in den Bach, der
+hinter dem Hause vorbei floß. Als aber der Fisch lustig große Wellen mit
+dem Schwanze schlug und dann über die weißen Kiesel hinhuschte, da sprang
+Peter vor Freude auf einem Bein. Aber der hinkende Bote kam hinten nach.
+Die Muhme erriet ohne Mühe, daß Peter den Fisch fortgetragen hatte und
+legte es ihm als Bosheit aus; da gabs denn am Abende wieder etwas zu
+klagen, und der Vater schlug heut ganz unbarmherzig auf den
+unverbesserlichen Burschen los.
+
+Peter aber dachte: ohne Schläge wächst kein Mann groß und schüttelte sich,
+als es vorüber war. Das ärgerte die Muhme am meisten, daß der Knabe nicht
+jammerte und klagte, und sie sann darauf, ihm allerlei Weh zu bereiten.
+Eines Tages schickte sie ihn hinaus aufs Feld und sprach: »Hüte dich,
+wieder heimzukommen, ehe du einen Scheffel voll Kornähren gelesen hast, wir
+haben kein Brot mehr im Hause.«
+
+Das betrübte den kleinen Peter, aber nur um seines Vaters willen, der schon
+lange krank lag, nichts verdienen konnte und nun eben auch nicht die besten
+Tage hatte bei der keifenden Muhme. Er ging daher gegen seine Gewohnheit,
+ganz niedergeschlagen hinaus aufs Feld und suchte so emsig die Ähren
+zwischen den Stoppeln auf, daß ihm der Rücken weh tat. Aber es war schon
+Mittag, vorüber und er hatte kaum den Boden des Sackes gefüllt, den ihm die
+Muhme mitgegeben hatte; denn es wohnten nur arme Leute im Dorfe, die ihre
+Felder so rein als möglich abräumten und nur wenige Halme liegen ließen.
+Und dann, dachte Peter, müssen doch auch die kleinen Vögelchen etwas von
+dem Erntesegen haben, so daß er hin und wieder eine Ähre für sie liegen
+ließ.
+
+Darüber ging die Sonne unter, und er hatte nicht die Hälfte seiner Aufgabe
+gelöst; die Tränen kamen ihm in die Augen, als er an seinen armen, kranken
+Vater dachte; aber plötzlich stand ein alter Jägersmann vor ihm und fragte,
+warum er weine.
+
+Da erzählte der kleine Peter ganz treuherzig alles, was sein Herz bedrückte
+und vergaß auch nicht, der bösen Muhme zu gedenken.
+
+»Möchtest du wohl, daß ihr dafür, daß sie dich so quält und immer für
+Strafe für dich sorgt, etwas recht Schlimmes geschehe?« fragte der fremde
+Mann.
+
+»Etwas Schlimmes? O nein, aber ich wünschte, die Muhme müßte einmal einen
+ganzen Tag lachen und vor Lust herumspringen, damit sie doch wüßte, wie den
+fröhlichen Leuten zu Mute ist und nicht mehr so mürrisch und sauertöpfisch
+wäre.«
+
+Der Jäger mußte selbst über den Einfall des Knaben lachen; dann pfiff er
+laut auf dem Finger und mit einem Male kam eine ganze Wolke von Vögeln
+geflogen, die senkte sich auf das Ährenfeld nieder, und sie lasen die Halme
+mit ihren Schnäbeln auf, trugen sie auf ein Häufchen zusammen und der Jäger
+deutete darauf hin, indem er sagte: »Da fülle den Sack damit an.« Peter tat
+es voller Staunen, und sieh da, er hatte vollauf und seine Aufgabe war
+gelöst. Der Jägersmann war nirgends mehr zu sehen und zu hören, aber die
+Vögel flogen neben dem kleinen Peter hin, bis zu seines Vaters Häuschen,
+und sangen so schön dabei, daß ihm das Herz vor Freude hüpfte.
+
+Die Muhme aber machte ihm ein grimmiges Gesicht, denn sie hatte gedacht,
+Peter könne nicht so viel Ähren finden, als sie ihm geheißen hatte und
+werde aus Furcht vor Strafe nicht mehr wiederkommen, sondern in die weite
+Welt laufen.
+
+Peter aber war froh, daß sein armer Vater nun Brot und Mehl zu einer Suppe
+hatte, was ihm die Müllersfrau für die gesammelten Körner gab, und er
+murrte gar nicht, daß er selbst nichts davon bekam, sondern nur ein paar
+kalte Erdäpfel.
+
+Am andern Tage sagte die Muhme: »Geh' und fange ein Gericht Fische im
+Teiche, daß ich sie für den Vater kochen kann. Mit leeren Händen komme mir
+aber ja nicht zurück, sonst kann ich dem Kranken nichts zu essen geben, und
+er bekommt doch schon wieder einen tüchtigen Appetit.«
+
+Da ging Peter traurig mit dem kleinen Hamen zum Teiche und dachte: »Ach,
+wenn der Vater nur erst wieder gesund würde, damit die Muhme ihm nur nicht
+immer jeden Bissen Brot vorwürfe. Ich wollte ja gern wieder jeden Abend
+meine Schläge leiden, wenn er nur erst wieder stark genug wäre, mich seine
+Arme fühlen zu lassen.« Unter diesen Gedanken senkte er den Hamen in das
+Wasser, aber es verging eine Stunde um die andere und er hatte noch immer
+nichts gefangen. Da setzte er sich in das Schilf und weinte bitterlich. Und
+nicht lange darauf kam der alte Jäger wieder gegangen und fragte, warum er
+denn heute wieder weine.
+
+Peter erzählte ihm, daß die Muhme den Vater quäle und hungern lasse und daß
+er nicht eher heimkommen dürfe, bis er ein Gericht Fische bringe. Da pfiff
+der Jäger wieder auf seinem Finger, aber ganz leise, und befahl dem Knaben
+dann, seinen Hamen noch einmal ins Wasser zu tauchen. Da kam ein großer
+Fisch und trieb eine Menge kleiner Hechte und Barben vor sich her, dem
+Hamen zu, so daß dieser bald ganz voll wurde und Peter ihn mehrmals
+ausleeren mußte. »Kennst du den Fisch nicht mehr?« sagte der Jägersmann,
+»es ist ja derselbe, den du aus dem Schaff genommen und in den Bach
+getragen hast.« -- Darüber wunderte sich der kleine Peter noch viel mehr
+und guckte dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt langsam im
+Teiche hin schwamm. Indessen war der rätselhafte Jägersmann wieder
+verschwunden und Peter lief voller Freude nach Hause; denn von seinem Fange
+konnte der Vater sich viele Tage satt essen.
+
+Da die böse Muhme dem guten Burschen auf diese Weise nichts antun konnte,
+vermehrte sich ihr Haß und sie beschloß, ihn auf immer fortzuschaffen. Sie
+gab ihm daher am andern Morgen den Auftrag, er solle auf die Berge steigen
+und droben den Rübezahl rufen. Wenn dieser dann erscheine, solle er ihn um
+ein Wurzelmännchen bitten; wenn das der Vater hätte, würde er sogleich
+gesund werden. Auch dürfe er nicht eher wiederkommen und solle nur nicht
+aufhören, den Rübezahl zu bitten, dann werde er schon bekommen, was er
+wünsche. In ihrem bösen Herzen aber dachte sie, der Berggeist werde den
+kleinen Peter töten, wenn er ihn bei dem Spottnamen rufe und sie würde den
+verhaßten Knaben nicht mehr wiedersehen. Der Kranke werde ohnedies nicht
+mehr lange leben und dann gehöre ihr die Hütte und alles, was darin sei.
+
+Nun hatte der Knabe zwar allerlei Schauergeschichten von dem Berggeiste
+gehört, aber er dachte: »Sie heißen mich ja alle im Dorfe den Bruder Lustig
+und von dem hat mir meine Mutter allerlei komische Märchen erzählt; da habe
+ich gesehen, daß selbst der böse Feind einem fröhlichen Herzen kein Leid
+antun kann; so schlimm ist aber der Rübezahl doch noch lange nicht.« Und er
+stand getrost auf, schnitt sich einen Stab und wanderte nach den Bergen
+hinauf.
+
+»Ei, ei!« hörte, er auf einmal eine Stimme hinter sich, »willst du in die
+weite Welt gehen, kleiner Peter?« -- Wie er sich umdrehte, war es der
+Jägersmann, der unter den Bäumen dahergeschlendert kam.
+
+»Hör',« sagte der lustige Kleine, »jetzt soll ich gar zum Rübezahl gehen
+und ein Wurzelmännchen holen, davon wird der Vater gesund werden, sagte die
+Muhme. Ob es nun wahr sein mag?«
+
+»Nun wer weiß; aber fürchtest du dich nicht vor dem wilden Berggeiste?«
+
+»I! er wird doch mit sich reden lassen, der alte, kuriose Herr; so schlimm,
+wie ihn die Leute machen, ist er gewiß nicht. Und was kann er mir groß
+anhaben. Ein wenig Püffe und ein bißchen Ohrenschütteln verschlägt nicht
+viel bei mir, da bin ich es noch besser gewohnt, vom Vater her, wie er noch
+gesund war.« --
+
+»Ich denke, dir wird der Herr Johannes nichts anhaben, du närrischer Kauz,«
+sagte der fremde Jägersmann, »aber wer weiß, ob du ihn antriffst. Wir Jäger
+leben so lange Zeit im Walde, daß wir auch hinter allerlei Geheimnisse der
+Natur kommen und da kann ich dir selbst deinen Wunsch erfüllen. Hier hast
+du ein Wurzelmännchen; das soll der Vater an einer seidenen Schnur am Halse
+tragen und er wird gesund davon werden. Und nun geh' ruhig heim, du
+fröhliches Herz.« --
+
+Der kleine Peter hatte keine Zeit, sich bei dem guten Alten zu bedanken,
+der mit großen Schritten über das Haidekraut, hinschritt und dabei sich
+immer höher und höher ausdehnte, bis sein Kopf eine Wolke erreichte, worin
+alsdann die ganze Gestalt verschwand. -- Das kam unserem kleinen Freunde
+doch gar zu wunderlich vor und er lief, was er konnte, nach dem Dorfe
+zurück, sein Wurzelmännchen fest in der Hand, das er sich gar noch nicht
+einmal angesehen hatte.
+
+Die Muhme kam ihm schon in der Tür mit einem grimmigen Gesicht entgegen.
+»Unkraut verdirbt nicht,« murmelte sie zwischen den Zähnen und
+bewillkommnete den kleinen Peter mit einem tüchtigen Puffe. Da öffnete er
+die Hand, um ihr das Wurzelmännchen zu zeigen, und kaum hatte sie einen
+Blick darauf geworfen, als sie in ein schallendes Gelächter ausbrach und
+wie von der Tarantel gestochen umherlief. Peter sah ganz erstaunt bald die
+Muhme, bald das Geschenk des alten Jägers an und wußte gar nicht, was jener
+in den Sinn komme. Die Wurzel sah zwar komisch genug aus, denn sie glich
+vollkommen einem kleinen mißgestalteten Männchen, mit langen Spinnenbeinen
+und ebensolchen Armen; Kopf und Rumpf waren dagegen ganz unförmlich dick
+und das Gesicht war eine boshaft grinsende Karrikatur. Ein Zopf, der länger
+war, als das ganze kleine Wesen, vollendete die höchst wunderliche Gestalt
+des Wurzelmännchens, aber bei alledem begriff Peter nicht, warum die Base
+gar so unbändig lache. Er trat also ganz nahe zu ihr hin, um ihr den
+Gegenstand ihrer Lachlust besser zu zeigen, aber da ward sie völlig außer
+sich, die Tränen stürzten ihr aus den Augen und sie fiel ganz atemlos auf
+das Bett des Kranken, wobei sie fortfuhr, immer lauter und heftiger zu
+lachen.
+
+
+Da fiel es dem kleinen Peter plötzlich ein, wie er ja einmal gegen den
+wunderbaren Jägersmann geäußert hatte, er wünsche, daß die Muhme einen
+ganzen Tag lachen und springen müsse, und nun konnte er nicht länger
+zweifeln, daß Rübezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und
+seinen Wunsch erfüllt habe. Sein nächster Gedanke war, daß nun auch gewiß
+sein Vater gesund werden würde, denn der Berggeist hielt immer sein Wort;
+und so band er denn geschwind das Wurzelmännchen dem Vater um. Dabei kam er
+der Muhme wieder nahe, die noch immer halbtot über den Füßen des Kranken
+lag; wie unsinnig sprang sie jetzt auf, rollte sich auf der Diele hin, und
+als sie an die offene Tür der Stube kam, sprang sie hinaus und ins Dorf
+hinunter. Noch aus der Ferne hörte man ihr schallendes Gelächter.
+
+Von Stund an ward der Kranke gesund, und als Peter ihm nun erzählte, wie
+sich alles zugetragen hatte und auf welche Weise er mit Rübezahl
+zusammengekommen war, gingen dem Vater die Augen auf, wie unrecht die böse
+Muhme dem kleinen Peter getan hatte, und er beschloß, daß sie nie wieder
+ins Haus kommen solle. Die Muhme aber blieb von selbst weg, denn sie hatte
+den halben Tod von dem lustigen Tanze gehabt, den ihr Peter verschafft
+hatte und keine Macht der Welt brachte sie mehr in die Nähe des kleinen
+Burschen, von dem sie glaubte, er habe sie verzaubert. Sie zog ganz aus dem
+Dorfe, viele Meilen weit, und Peter hatte nur gute Tage, denn der Vater
+ward wieder gesund und stark, und da er einstmals unter einer Baumwurzel,
+die er ausrodete, einige alte Goldstücke fand, konnte er sich ein Stück
+Acker und eine Kuh kaufen. Ja, es war ein so sicherer Segen auf allem, was
+er tat, daß er bald der wohlhabendste Bauer im Gebirge wurde, und der
+kleine Peter konnte im Winter manches Körnlein Futter für die lieben
+Vöglein ausstreuen oder auch im harten Winter für die Rehe und Hirsche in
+den Wald tragen. Die Muhme starb vor Neid und Mißgunst, Peter aber lebte
+lange und glücklich und behielt seinen Frohsinn und Übermut bis an sein
+Lebensende, ja er schenkte sogar der alten Muhme, die ihm so viel Böses
+getan, ein freundliches Andenken, er war stets fröhlich und guter Dinge und
+erzählte immer mit besonderer Freude die Begebenheit mit dem wunderbaren
+Jägersmanne.
+
+
+
+
+Die Reise nach Karlsbad.
+
+
+Eine reiche Gräfin, die gewöhnt war, den Sommer in irgend einem Badeorte,
+den Winter aber in Breslau zuzubringen, begab sich mit ihren beiden
+Töchtern nach Karlsbad, weil sie einer Badekur, die jungen Damen aber der
+Badegesellschaft bedürftig waren und deshalb so eilig reisten, daß sie Tag
+und Nacht nicht rasteten, um Bälle, Ständchen und Promenaden desto früher
+zu genießen. Beim Sonnenuntergang kamen sie ins Riesengebirge, und da es
+ein schöner, warmer Sommerabend war, an dem sich kein Lüftchen regte,
+beschlossen sie, die schöne, sternenhelle Mondnacht hindurch zu fahren. Der
+Wagen war außerdem so bequem eingerichtet und bewegte sich bergan so
+langsam vorwärts, daß Mutter und Töchter samt der Zofe recht behaglich
+schlummerten. Johann allein, der neben dem Postillon auf dem Kutschbocke
+saß, konnte wegen seiner freien und gefährlichen Stellung nicht schlafen
+und würde es auch schon aus Furcht nicht getan haben, denn ihm fielen alle
+die wunderbaren Geschichten von Rübezahl ein, die er gehört hatte, und er
+verwünschte im geheimen die abenteuerliche Idee seiner Gebieterin, das
+Reich des furchtbaren Berggeistes in der einsamen Nacht zu durchkreuzen.
+Wie viel lieber wäre er in Breslau daheim gewesen, wo er niemals etwas von
+so großen und mächtigen Geistern gehört hatte. Er sah ängstlich nach allen
+Himmelsgegenden aus, und wenn seinem Auge ein auffallender Gegenstand
+begegnete, zitterte er wie ein Blatt im Winde. Er fragte mehr als einmal
+den Schwager Postillon, ob es hierherum auch geheuer sei, aber doch konnte
+er sich bei der Zusicherung desselben, daß gar nichts zu befürchten wäre,
+nicht beruhigen.
+
+
+Seine Befürchtungen wurden aber bald zur wirklichen Angst, als der
+Postillon plötzlich die Pferde anhielt und einen Fluch zwischen den Zähnen
+murmelte. In der Entfernung von kaum zehn Schritten stand mitten im Wege
+eine übernatürlich große Gestalt, mit schwarzem Mantel und mit einem
+weißen, weithin schimmernden Halskragen, aber -- ohne Kopf! -- Diese
+schreckliche Erscheinung stand augenblicklich still, wenn der Postillon die
+Pferde anhielt und lief rasch voraus, sobald dieser die Peitsche schwang,
+um weiterzufahren. »Schwager, was ist das?« schrie Johann in größter Angst.
+»Sei still,« sagte dieser kleinlaut, »damit wir den Spuk nicht irren?«
+
+Aber der entsetzte Diener hielt es auf seinem freien Posten nicht länger
+ruhig aus, wo er sich der Gefahr zumeist ausgesetzt glaubte, und klopfte
+heftig an die Fenster des Wagens. Hat die Gräfin, dachte er, die tolle Idee
+gehabt, hier in der Nacht zu reisen, so kann sie nun auch Rat schaffen, wie
+wir aus der Gefahr kommen.
+
+Unwillig fuhr die Gebieterin aus ihrem sanften Schlummer auf und fragte,
+was es gäbe? »Ei, Ihro Gnaden, da geht einer ohne Kopf,« stammelte der
+Bediente und seine Zähne schlugen zusammen.
+
+»Und darum weckst du mich, Einfaltspinsel? Als ob man das nicht täglich in-
+und außerhalb Breslaus sehen könnte.« Sie belachte ihren eigenen Witz, aber
+die beiden Fräulein konnten nicht mit einstimmen, denn auch ihnen fielen
+zum größten Schreck alle Rübezahl-Märchen ein und sie riefen einstimmig:
+»Das ist der Berggeist, Mama, wir sind mitten auf dem Riesengebirge.«
+
+Die Geister aber schienen bei der Gräfin in keiner besonderen Achtung zu
+stehen, denn sie lächelte über die Furcht der Töchter und verspottete die
+bekannten Spukgeschichten, die sie die Ausgeburten kranker Einbildung
+nannte, ward aber in ihrer Erklärung plötzlich unterbrochen, als der
+Schwarzmantel, der einen Augenblick im Gebüsch verschwunden war, wieder in
+das helle Mondlicht heraus, dicht an den Weg trat.
+
+Ein Schrei des Entsetzens ward im Wagen gehört und die seidenen Vorhänge
+hastig vor die Fensterscheiben gezogen. Der schreckliche Unbekannte
+beunruhigte aber die Damen nicht weiter, sondern begnügte sich, den
+Bedienten samt dem Postillon vom Bocke herabzustürzen, wobei ihm die Furcht
+der beiden Männer sehr zu statten kam, und schrie dem betäubten Postillon
+unter einigen derben Faustschlägen ins Ohr: »Nimm, das vom Rübezahl, weil
+du so dreist in mein Gehege fuhrst; dein Roß und Geschirr sind mir
+verfallen.« -- Hierauf schwang sich das kopflose Ungetüm auf den Sattel,
+trieb die Pferde an und fuhr so rasch über Stock und Stein, daß man vor dem
+Rasseln der Räder das Angstgeschrei der Damen nicht hörte.
+
+Da vermehrte sich plötzlich die nächtliche Reisegesellschaft noch um eine
+Person; es trabte nämlich ein Reiter neben dem Fuhrwerk hin, der es gar
+nicht zu bemerken schien, daß dem Fuhrmann der Kopf fehle, und ritt neben
+dem Wagen her, als gehöre er dazu. Dem Schwarzmantel schien dieser
+Gesellschafter eben nicht willkommen zu sein; er lenkte die Pferde nach
+einem andern Wege, bog bald links, bald rechte um, konnte aber den
+rätselhaften Begleiter nicht los werden Noch viel ängstlicher ward dem
+Fuhrmanne aber zu Mute, als er bemerkte, daß dem Schimmel ein Fuß fehle und
+dieser doch so lustig neben ihm her trabte.
+
+»O weh, das ist der _rechte_ Rübezahl,« seufzte er ängstlich, »und meine
+Rolle als Rübezahl wird nun bald aus sein, nun der sich in daß Spiel
+mischt!«
+
+Jetzt lenkte der Reiter sein dreibeiniges Roß ganz nahe an den Fuhrmann und
+fragte ihn ganz zutraulich: »Landsmann ohne Kopf, wohin des Weges?«
+
+»Immer der Nase nach,« antwortete dieser mit furchtsamem Trotz. Da fiel der
+Reiter den Rossen in die Zügel und rief: »Halt, Gesell!« packte ihn am
+Genick und warf ihn so kräftig zur Erde, das ihm alle Glieder knackten. Der
+kopflose Fuhrmann hatte, wie es sich nun ergab, Fleisch und Bein, wie jeder
+andere Mensch und wimmerte ganz kläglich, als ihm der Reiter die Maske
+abriß. Da er nun sah, daß er in die Hände des mächtigen Berggeistes geraten
+war, dessen Person er eben dargestellt hatte, ergab er sich auf Gnade und
+Ungnade.
+
+Diese Demut war sein Glück; denn der Gnom war so ergrimmt, daß er ihn ohne
+Zweifel zermalmt haben würde, wenn er noch ein Wort zu reden gewagt hätte.
+»Sitz auf,« herrschte er ihm jetzt zu, »und tue, was ich dir befehlen
+werde.« Nun zog er geschwind den vierten fehlenden Fuß seines Schimmels aus
+den Rippen desselben und trat an den Wagenschlag, um sich den Damen ganz
+höflich vorzustellen.
+
+Aber diese lagen sämtlich ganz betäubt und besinnungslos in den Polstern
+und gaben kein Zeichen des Lebens. Der Reiter schöpfte aus einer
+vorüberrieselnden Bergquelle frisches Wasser und sprengte dies den Damen
+ins Gesicht, wodurch sie auch sämtlich wieder zum Leben gebracht wurden. Es
+beruhigte sie sehr, einen so feinen, wohlgestalteten Mann in ihrer Nähe zu
+haben, von dem sie auch ritterlichen Schutz erwarten durften und sie wurden
+ganz frei von Besorgnis, als er sagte: »Ich bedauere die Damen sehr, die
+von einem entlarvten Bösewicht erschreckt worden sind, der ohne Zweifel die
+Absicht hatte, sie zu bestehlen. Jetzt sind Sie in Sicherheit; ich bin der
+Oberst von Riesental und erlaube mir, Sie in meine Wohnung zu geleiten, die
+ganz in der Nähe ist.«
+
+Mit Freuden ward dies freundliche Anerbieten von den Damen angenommen. Der
+Oberst ritt indes wieder neben dem eingeschüchterten Fuhrmann her, hieß ihn
+bald links, bald rechts einen Weg einbiegen und fing zwischendurch einige
+Fledermäuse mit der Hand auf, denen er einen geheimen Auftrag zu geben
+schien, und die er dann wieder freiließ.
+
+So mochte die Fahrt wohl über eine Stunde gedauert haben, als sich in
+einiger Ferne Lichtschimmer zeigte und vier Jäger mit brennenden
+Windlichtern herangesprengt kamen, um ihren Herrn zu suchen. Die Gräfin
+ward dadurch vollständig beruhigt und bat Herrn von Riesental, einige
+seiner Leute nach ihrem armen Johann auszuschicken, was auch sogleich
+geschah. Bald darauf rollte der Reisewagen über eine Zugbrücke durch ein
+altertümliches Burgtor und hielt vor einem hell erleuchteten Palaste. Der
+Reiter sprang ab und bot der Gräfin den Arm, worauf er sie in ein
+Prunkgemach führte, in dem schon eine große Gesellschaft versammelt war.
+Die jungen Damen waren trostlos darüber, in ihren sehr zerdrückten
+Reisekleidern in einen so glänzenden Zirkel treten zu sollen und der
+Hausherr bemerkte ihre Verlegenheit kaum, als er sie in ein Kabinett treten
+ließ, darin alles Nötige zur Herstellung ihrer Toilette vorbereitet war.
+Sechs Kerzen brannten vor dem großen Ankleidespiegel, feine Seifen,
+Riechwasser, Haaröl und dergleichen lagen auf dem kostbaren Waschtisch und
+die feinsten Schuhe und Handschuhe fehlten ebensowenig.
+
+
+Den jungen Damen hätte nicht leicht ein angenehmeres Abenteuer begegnen
+können, und sie traten daher ganz frisch und fröhlich in die Gesellschaft,
+wo sie sich auch bald recht wohl gefielen. Es ward viel über die Gefahr
+gesprochen, in welcher sich die Reisenden befunden hatten und der
+aufmerksame Wirt stellte den Damen sogleich einen Arzt vor, der nach ihrem
+Gesundheitszustande nach einem so großen Schreck fragte und mit bedeutender
+Miene den Puls der Gräfin prüfte.
+
+Endlich sagte er mit ziemlich bedenklichem Kopfschütteln, daß er die
+schlimmsten Folgen von der ungewöhnlichen Aufregung befürchten müsse, wenn
+die Damen sich nicht entschließen würden, sogleich einen Aderlaß zu
+erlauben. Die Gräfin zitterte für ihr Leben und willigte sogleich ein; bei
+den jungen Damen hielt es aber weit schwerer und es bedurfte des
+mütterlichen Befehls, um sie dazu geneigter zu machen.
+
+Der Arzt kehrte sich nicht an den sichtlichen Widerwillen der Damen und
+machte sie für die ersten acht Tage unfähig einem Balle beizuwohnen.
+
+Nachdem diese energische Kur vorüber war, ging die Gesellschaft zur Tafel
+und ein fürstliches Mahl war für sie aufgetischt. Auch schienen die Tische
+unter der Last des Silbergerätes brechen zu wollen und die köstlichsten
+Speisen, die ausgesuchtesten Weine und der Jahreszeit nach ganz
+ungewöhnliche Früchte wurden verschwenderisch aufgetragen. Als das bunte
+Dessert gebracht wurde, erstaunten die Gräfin und ihre Töchter nicht wenig,
+ihr ganzes Abenteuer in Zucker und Tragant dargestellt zu sehen. Voller
+Bewunderung der Schnelligkeit, womit dieses kleine Kunstwerk entstanden und
+der Zierlichkeit, mit der es ausgeführt war, fragte die Gräfin ihren
+Tischnachbar, einen böhmischen Grafen, was für ein Galatag hier gefeiert
+werde und erhielt zur Antwort, die Gäste hätten sich nur zufällig getroffen
+und es sei nur ein kleines, freundschaftliches Mahl, wie es der Hausherr
+täglich gewohnt sei.
+
+Diese Nachricht vermehrte die Freude der Damen, sich in so guter
+Gesellschaft zu befinden und die Gräfin war nur erstaunt, daß sie nie zuvor
+von einem so reichen und gastfreien Manne gehört oder ihn in Breslau
+gesehen habe. So bewandert sie auch in der Familiengeschichte des ganzen
+deutschen Adels war, konnte sie doch in ihrem Gedächtnis keine Familie von
+Riesental auffinden. Dieser Ideengang ward unterbrochen, als man allerhand
+Märchen von Rübezahl zu erzählen anfing, und die Gräfin nahm sogleich
+Gelegenheit, ihren Zweifel an dem wirklichen Vorhandensein des Berggeistes
+unter allerlei witzigen Bemerkungen auszusprechen.
+
+»Mein soeben erlebtes Abenteuer ist der beste Beweis, woher alle diese
+Geschichten entstehen,« sagte sie, »und daß der Berggeist nur in den Köpfen
+der Furchtsamen spukt. Wenn er hier im Gebirge wirklich herrschte und
+hauste, würde er alsdann so ungestraft geduldet haben, daß ein Schurke
+unter seinem Namen solchen Unfug treiben durfte? Der arme Geist konnte
+seine eigene Ehre nicht retten und ohne den ritterlichen Beistand des Herrn
+von Riesental hätte ein frecher Bube uns beraubt und vielleicht ermordet.«
+
+Der Hauswirt widersprach eben in einem Scherz und höflicher Weise, indem er
+noch anriet, den Herrn vom Berge nicht so ganz für ein Unding zu halten,
+als er durch das Eintreten Johanns unterbrochen wurde, der wieder ganz
+mutig aussah, nun er sich in so sicherer Umgebung erblickte und
+triumphierend das Haupt des Schwarzmantels mitbrachte, welches dieser
+während der Mummerei unter dem Arme getragen und später verloren hatte. Zur
+großen Belustigung der Gäste ergab es sich, daß es nur ein ausgehöhlter
+Kürbis war, der mit Sand und Steinen angefüllt, mit einer hölzernen Nase
+und einem langen Flachsbarte ausgeschmückt war und so einem recht
+fürchterlichen Menschenantlitze glich.
+
+Nach einer in den weichsten Daunen zugebrachten Nacht verließen die Damen
+am andern Morgen das gastliche Schloß, ganz entzückt von der Aufnahme, die
+sie daselbst gefunden hatten. Herr von Riesental, nachdem er vergeblich
+versucht hatte, seine Gäste noch einen Tag bei sich zu behalten, geleitete
+sie höflich bis an die Grenze seines Gebietes, doch mußten ihm die Damen
+versprechen, auf der Rückreise wieder einen Besuch bei ihm abzustatten.
+
+Als nun der Gnom wieder in seiner Burg anlangte, wurde der arme Schelm
+herbeigeführt, der seine Rolle auf so unglückliche Weise gespielt hatte.
+»Elender!« donnerte ihn der Geist an, »wie wagtest du es, in meinem
+Bereiche eine so sträfliche Gaukelei zu verüben? Dafür sollst du mir
+lebenslang büßen. Wer bist du, und was trieb dich ins Gebirge, um als Geist
+darin zu spuken?«
+
+»Großer Geist des Riesengebirges, vergib,« sagte der Schlaukopf mit großer
+Unterwürfigkeit, »ich habe das Gesetz nicht gekannt, was mir verbietet,
+deine Person vorzustellen. Ich kann dir sagen, daß dies an den meisten
+Orten geschieht; bald wandelst du mit einer großen Rübe auf den
+Maskenbällen umher, bald trägt man dich aus Kokosnuß geschnitzt oder aus
+Gips geformt zum Verkaufe umher. Aber nun ich weiß, daß du es ungern
+siehst, soll es gewiß niemals wieder geschehen, vergib mir nur diesmal,
+mächtiger Geist! -- Ich bin von Profession ein Beutler, aber es ging mir zu
+trübselig bei diesem Gewerbe. Wie viele Beutel ich auch nähte, der meine
+blieb immer leer, obgleich die Leute sagten, ich hätte eine glückliche
+Hand, denn in den von mir gearbeiteten Beuteln halte sich das Geld länger,
+als in anderen. Der Pfiff lag aber darin: ein lederner Geldbeutel ist immer
+besser, als ein von Seide gestricktes Netz. Warum? Nun seht, die ledernen
+Beutel werden meist von den Ackerwirten und armen Handwerkern gekauft, die
+sind denn von Haus aus keine Verschwender; aber die feinen, durchsichtigen
+Börsen befinden sich nur in vornehmen Händen und da ist es kein Wunder,
+wenn sich das Geld nicht gut darin hält; die Gelegenheit ist immer bei der
+Hand, daß es herausrinnt so viel auch hineingeschüttet werde.« --
+
+»Nun, und weiter,« sagte Rübezahl, der es nicht ganz verbergen konnte, daß
+ihn die Erzählung des Burschen belustigte.
+
+»Nun, es gab Teuerung im Lande und da ich gute Ware für schlechtes Geld
+geben mußte, arbeitete ich mich an den Bettelstab und ward endlich in den
+Schuldturm geworfen. Als ich wieder frei ward, gab mir niemand Arbeit und
+ich mußte in die weite Welt wandern. Da begegnete mir einer meiner alten
+Kunden, der ganz stattlich aussah und auf einem schönen, Pferde ritt. »Ei,
+ei, Franz!« lachte er, »hast du es noch immer nicht weiter gebracht; willst
+du mit mir gehen, so will ich dich lehren, den Beutel immer voll Geld zu
+haben.« -- Das war mir eben recht und ich kümmerte mich nicht sonderlich
+darum, ob sein Gewerbe ehrlich war. Der Gesell aber machte falsches Geld
+und ich ward bald so geschickt in dieser freien Kunst, als er selbst; alles
+war im besten Gange, da wurden wir eingefangen und auf Lebenszeit zur
+Festung verurteilt.«
+
+»Da lebte ich eine lange, aber keine gute Zeit, bis endlich ein
+Werbeoffizier kam und die Gefangenen zu Soldaten machte, denn es war Krieg
+im Lande. Ich war den Tausch auch wohl zufrieden, aber ich hatte wieder
+Unglück; als ich einmal auf Fouragierung ausgeschickt wurde, griff ich zu
+weit in meinem Auftrage und fegte nicht nur Speicher und Scheuern, sondern
+auch Kisten und Kasten in den Häusern aus. Es, war ein schlimmer Zufall,
+daß es gerade in Freundes Land war und nun gab es ein weitläufiges Gerede,
+ich mußte Spießruten laufen und ward aus dem Soldatenstande fortgejagt, in
+dem ich doch so leicht mein Glück hätte machen können.«
+
+»Jetzt hatte ich wieder keine Aussicht, als zu meiner Profession
+zurückzukehren; da ich mir aber kein Lager einkaufen konnte, fiel ich auf
+den Gedanken, einmal meine früheren Arbeiten nachzusehen, ob sie sich auch
+gut gehalten hätten. Ich sann nun immer darauf, einen Beutel zu erwischen,
+wobei es sich freilich traf, daß manchmal noch Geld darin war, aber das war
+ja nicht meine Schuld; und oft war der Beutel auch nicht von meiner Arbeit,
+aber ich konnte ihn doch nicht mehr ohne Gefahr an den alten Ort
+zurückbringen und war also gezwungen, ihn zu behalten. Alte Bekannte fand
+ich auch manchmal unter dem fremden Gelde, nämlich von unserer falschen
+Münze, mit der die Leute einander immer noch anführten, indes wir schon
+unsere Strafe dafür weg hatten. Ich besuchte nun die Messen und Märkte und
+machte zuweilen recht gute Geschäfte, aber wer einmal Unglück haben soll!
+Es war recht, als sollte es nicht sein, daß ich länger so fort lebte. -- In
+Liegnitz fiel mir der Beutel eines reichen Krämers auf, der sehr reichlich
+gespickt war; aber das war eben das Unglück, denn er war zu schwer und fiel
+mir bei dem angewandten Kunstgriff aus der Hand. Da ward ich ergriffen und
+als Beutelschneider vor Gericht geführt; ich sagte, das sei ja mein
+gelerntes Handwerk und wies mich durch Kundschaft und Lehrbrief darüber
+aus; aber den Herren vom Gericht war nicht gut zuzureden, ich wurde
+eingesperrt, ersah mir aber glücklich die Gelegenheit und entwischte
+wieder.«
+
+»Anfänglich hungerte ich, das gefiel mir aber auf die Länge nicht, dann
+machte ich einen Versuch mit betteln, es geriet aber auch nicht. Die
+Polizei in Groß-Glogau hinderte mich auch daran, und ich mußte wieder ein
+paar Tage brummen. Von nun an vermied ich die Städte und genoß die
+Landluft, die mir besser bekam; da kam mir die Gräfin in den Weg, an deren
+Wagen etwas zerbrochen war. Der Bediente schimpfte gewaltig, daß man nun
+gerade in der Nacht aufs Riesengebirge kommen würde, wo doch der gewaltige
+Herr Rübezahl hause. Das brachte mich auf den Einfall, seine Zaghaftigkeit
+zu benutzen und eine Geisterrolle zu spielen. Beim Küster verschaffte ich
+mir den schwarzen Mantel, und ein Kürbis, der auf dem Kleiderschranke
+stand, diente mir als Kopf, den ich nach Willkür aufsetzen und abnehmen
+konnte, um die Reisenden noch mehr zu erschrecken. Wenn mir die Sache
+geglückt wäre, hätte ich die Damen in den tiefen Wald gefahren und mir ihr
+Geld und sonstige Kostbarkeiten ausgebeten. Ein größeres Leid hätte ich
+ihnen nicht angetan. Vor euch, Herr, habe ich mich, aufrichtig gesprochen,
+am wenigsten gefürchtet. Die Kinder glauben ja kaum mehr an euch, so
+aufgeklärt ist jetzt die Welt, und ihr werdet bald ganz vergessen sein. Ich
+dachte es müsse euch lieb sein, daß ich euch wieder in Erinnerung gebracht
+habe und darum seid nicht ungnädig gegen mich. Es wäre euch gerade etwas
+leichtes, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen. Lasset mich einen Griff
+in eure Braupfanne tun, oder schenkt mir, wie jenem hungrigen
+Handwerksburschen, eine Hand voll Schlehen aus eurem Garten. Der arme
+Schelm hat sich zwar zwei Vorderzähne an eurem Obst abgebissen, aber dafür
+haben sich auch die Schlehen in eitel Gold verwandelt. Vielleicht ist es
+euch auch genehm, eine Partie Kegel mit mir zu schieben, wie mit jenem
+Prager Studenten, dem ihr alsdann einen Kegel schenktet, der auch von Gold
+war; oder wenn ihr mir durchaus eine Strafe für mein Unrecht zudenkt, so
+machst es doch mit mir, wie mit jenem Schuster, den ihr mit einer goldenen
+Rute tüchtig durchgehauen, ihm aber auch nachher das Strafinstrument zum
+Andenken geschenkt habt, wie die Handwerker noch auf ihren Gelagen zu
+erzählen wissen.« --
+
+»Schurke!« sagte Rübezahl, »ich habe dich geduldig ausreden lassen, aber
+nun lauf', so weit deine Füße dich tragen. Du wirst auch ohne mich deiner
+Strafe nicht entgehen.«
+
+Mit Freuden erfüllte der Beutelschneider den zornigen Befehl des Herrn vom
+Berge und pries seine Beredsamkeit, die ihn diesmal ganz allein aus seiner
+mißlichen Lage gezogen hatte. Er lief so schnell, um aus der
+Gerichtsbarkeit Rübezahls zu kommen, daß er in der Eile den schwarzen
+Mantel vergaß; so rasch er aber auch sich fortbewegte, schien es doch
+nicht, als ob er von der Stelle käme, denn immer umgaben ihn dieselben
+Bäume und Felsen, nur die Burg des Herrn von Riesental war verschwunden.
+Ganz abgemattet von der fruchtlosen Bestrebung, diesen Platz zu verlassen,
+sank er endlich unter einen Baum und fiel in einen festen Schlaf! Als er
+nach mehreren Stunden wieder erwachte, wunderte er sich, daß ihn noch immer
+eine undurchdringliche Finsternis umgab und er weder das Säuseln der Luft
+vernahm, noch ein Sternlein am Himmel blinken sah. Darüber sprang er auf
+und erschrak nicht wenig, als er das Geklirr von Ketten hörte, mit denen er
+selbst belastet war. In qualvoller Erwartung brachte er mehrere Stunden zu,
+bis endlich ein wenig Licht durch das eiserne Gitter eines kleinen Fensters
+fiel und er allmählich denselben Kerker wiedererkannte, aus welchem er
+zuletzt entflohen war. Da aber niemand kam, um nach dem Gefangenen zu sehen
+oder ihm Speise zu bringen, fing noch obendrein der Hunger ihn zu martern
+an und er schlug verzweiflungsvoll mit seinen Ketten gegen die
+wohlverwahrte Tür. Es währte lange, ehe sich der Gefängniswärter
+entschließen konnte, in die Zelle zu gehen, die doch schon wochenlang leer
+war; er glaubte, es gehe ein toller Spuk darin um und mit der größten Angst
+öffnete er endlich die Tür, um die Ursache dieses ungewöhnlichen Lärmens zu
+erforschen. Erst erschrak er sehr vor der Gestalt, die sich in dem dunklen
+Gemache bewegte, als er aber seinen entwichenen Gefangenen erkannte,
+verwunderte er sich noch weit mehr, denn er konnte nicht beigreifen, wie
+dieser durch die verschlossene Tür und das vergitterte Fenster wieder an
+seinen alten Platz gekommen sei. Jener aber behauptete, er habe sich
+freiwillig wieder eingefunden; da er die geheime Gabe besitze, durch
+verschlossene Türen ein- und auszugehen und seine Fesseln anwie abzulegen,
+so befinde er sich nach seinem eigenen Willen hier.
+
+Da es unbegreiflich blieb, wie der schlaue Dieb die Sache ins Werk gesetzt
+hatte, mußte man endlich an seine wunderbare Kraft glauben; die Herren in
+Liegnitz schickten ihn nun auf die Festung, wo er den Karren schieben mußte
+und überließen es ihm, sich, wenn er wolle und könne, auch von dieser Kette
+zu befreien; man hat aber mit Verwunderung bemerkt, daß er von seiner
+geheimnisvollen Kraft bis zum Ende seines Lebens keinen weiteren Gebrauch
+gemacht hat.
+
+Die Gräfin war indes mit ihrer Begleitung wohlbehalten in Karlsbad
+angelangt und ließ sogleich den Badearzt rufen, um ihn über ihren
+Gesundheitszustand zu befragen. Da trat derselbe Arzt herein, den sie schon
+auf dem Schlosse des Herrn von Riesental kennen gelernt, und der ihr den
+Aderlaß verordnet hatte. »Ei, seien Sie uns willkommen!« riefen ihm Mutter
+und Töchter freundlich entgegen; »wir vermuteten Sie noch bei dem Herrn von
+Riesental und nun sind Sie uns doch zuvorgekommen; warum haben Sie uns denn
+dort verschwiegen, daß Sie der hiesige Badearzt sind?« -- »Ach, Herr
+Doktor!« seufzten die beiden Fräulein dazwischen, »Sie haben uns wohl die
+Adern am Fuße durchgeschlagen; wir müssen jämmerlich hinken und werden nun
+keinen Schritt tanzen können.«
+
+Der Arzt stutzte. »Ihro Gnaden,« sagte er, »sind im Irrtum; ich hatte nie
+zuvor die Ehre, Sie zu sehen, auch entferne ich mich während der Kurzeit
+niemals von hier und kenne unter allen meinen Bekannten keinen Herrn von
+Riesental.« --
+
+Die Gräfin lachte über diese Verstellung, wie sie es nannte, und da sie den
+Grund davon in dem Zartgefühl des Arztes zu finden meinte, der nur für
+seine ihr schon geleisteten Dienste nicht bezahlt sein wollte, sagte sie:
+»Ich verstehe Sie, lieber Herr Doktor, Ihr Zartgefühl geht aber zu weit, es
+soll mich nicht abhalten mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für
+Ihren guten Beistand dankbar zu sein.« Dabei nahm sie eine schöne goldene
+Dose aus ihrem Koffer und schenkte sie dem Doktor. Dieser nahm sie als eine
+Vorausbezahlung der Dienste, welche er etwa der Gräfin noch würde leisten
+können und widersprach ihr daher nicht mehr, weil er glaubte, die Kranke
+leide an solchen Einbildungen und ihre Töchter stimmten nur aus Rücksicht
+auf den Zustand der Mutter dem bei.
+
+Bald war es in dem Badeorte bekannt, daß die Gräfin entweder schwachsinnig
+oder eine Hellseherin sei, denn der Arzt, der sich immer bemühte, sich bei
+seinen Patienten lieb und angenehm zu machen, hatte das kleine Abenteuer
+während der Runde, die er am Morgen bei seinen Badegästen machte, vielfach
+erzählt und alle waren neugierig, die fremden Damen kennen zu lernen.
+
+Als die Gräfin mit ihren Töchtern das erste Mal in den Kursaal trat, war es
+ihr ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft dort
+wiederzufinden, in welche sie einige Tage zuvor vom Herrn von Riesental
+eingeführt worden war; dadurch hatte sie gleich angenehme Bekannte und
+schloß sich ohne weitere Zeremonie ihnen an. Aber sie fühlte sich verletzt
+durch das fremde und kalte Benehmen der Damen und Herren, die vor kurzem
+ihr so viel Vertrauen und Aufmerksamkeit bewiesen hatten; endlich fiel ihr
+ein, das ganze sei ein verabredeter Scherz, bei dem Herr von Riesental die
+Hand im Spiele habe und er würde durch sein plötzliches Erscheinen der
+Neckerei ein Ende machen. Sie fragte daher täglich nach ihm und erzählte
+mehreren neu angekommenen Gästen ihr Abenteuer auf dem Riesengebirge, durch
+welches sie so viel angenehme Bekanntschaften gemacht habe, doch
+merkwürdigerweise wollten die Herrschaften sie hier gar nicht
+wiedererkennen, auch gar nichts von der Existenz eines Herrn von Riesental
+etwas wissen.
+
+Es war bald nur eine Stimme darüber, daß die Gräfin eine feine und
+liebenswürdige Dame sei, daß sich ihre Gedanken aber alsdann verwirrten,
+wenn sie an ihr vermeintliches Abenteuer erinnert würde. Man vermied daher,
+sie auf diesen Gegenstand zu bringen, und die Gräfin, welcher der Scherz
+doch auch zu weit ausgedehnt schien, sprach nun auch nicht weiter davon,
+was der Arzt überall als eine Wirkung des Bades pries, das die Krankheit
+der Gräfin mit so vielem Erfolge heile.
+
+Als die Kur beendet war und sich die jungen Damen genug hatten bewundern
+lassen, kehrten sie ganz zufrieden nach Breslau zurück. Absichtlich nahmen
+sie wieder den Weg über das Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten ihr
+Wort zu halten und zugleich die Lösung des Rätsels von ihm zu empfangen,
+weshalb die Gäste in Karlsbad ihr früheres Zusammentreffen mit der Gräfin
+nicht hätten eingestehen wollen. Aber es wußte niemand den Weg nach dem
+Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen und sein Name war weder
+diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt.
+
+Dadurch war die Gräfin doch endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie
+beschützt und so gastlich aufgenommen hatte, Rübezahl, der Berggeist,
+gewesen sei. Sie hatte alle Ursache, mit der feinen Rache zufrieden zu
+sein, die der Gnom ihrem Unglauben an seine Existenz erwiesen hatte und
+verzieh ihm gern die Neckerei mit der Badegesellschaft, die ihr nun erst
+erklärlich wurde. Wieder aber war es dem Berggeiste gelungen, die Menschen
+an ihren empfindlichsten Stellen zu packen, und die Mutter mit ihrer
+Spottlust, die Töchter mit ihrer Eitelkeit zu necken.
+
+
+
+
+Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft.
+
+
+Der Berggeist duldet es nicht, daß Hunde in sein Gebirge kommen, wie er
+sich denn überhaupt im höchsten Gebirge die Jagd selbst vorbehalten hat.
+
+
+Dies Verbot war allgemein bekannt, ohne daß man wußte, wer es zuerst
+erfahren habe, und niemand wagte das Gebirge zu überschreiten, wenn er
+einen Hund bei sich hatte. Einst aber zwang ein früherer Besitzer
+Warmbrunns, ein Vorfahr des Grafen Schafgorsch, seinen Jäger, dem er in dem
+wildesten Teil des Gebirges ein Haus hatte bauen lassen, auch einen
+Jagdhund zu halten. Da ward es gleich in der ersten Nacht sehr unruhig um
+die einsame Wohnung, die Türen klapperten und die Fenster klirrten, als
+rüttle ein wütender Sturm daran, und doch bewegte sich draußen kein
+Lüftchen. Der Jäger dachte, es sei wohl gar ein Erdbeben, das, wenn auch
+selten, doch öfters in dieser Gegend vorkommt. Er stand auf und ging in die
+finstere Nacht hinaus; dort war alles totenstill, nur die Sterne
+schimmerten in prächtigem Glanz, in ihrer ewigen Majestät am dunklen
+Himmel. Da aber, als er näher zusah, war es ihm, als ob derselbe sich öffne
+und eine mächtige große Gestalt ihm mit einem Stocke drohe und als ob jeder
+Stern den Kopf eines Hundes habe und ihn zornig ansähe. Geblendet kehrte er
+ins Haus zurück und versuchte alles für Einbildung und Aufregung zu halten;
+er zog die Decke weit über den Kopf und hörte nur noch wie der Hund erst
+laut bellte, dann aber jämmerlich zu winseln anfing, bis auch dies immer
+schwächer und ferner wurde. Als der Jäger am andern Morgen nach dem Hunde
+sah, war dieser verschwunden. Tagelang suchte er vergeblich nach dem treuen
+Tiere, bis er endlich nach einiger Zeit die zerstreuten Glieder desselben
+in weiter Entfernung von dem Hause fand. -- Niemand wagt seitdem wieder, in
+Rübezahls Gebiet Jagdhunde mitzubringen.
+
+
+
+
+Das Rad.
+
+
+Ein Kutscher rollte einmal ein Rad mit vieler Mühe durch das Gebirge. Er
+hatte es eben eine steile Ebene hinaufgeschleppt und lehnte es an einen
+Baum, in dessen Schatten er sich ganz ermüdet niederlegte und bald darauf
+einschlief. Als er erwachte, hatte Rübezahl die Gestalt des Rades
+angenommen, und als der Kutscher es weiterrollen wollte, konnte er es trotz
+aller Anstrengung nicht von der Stelle bringen. Endlich konnte er es
+wenigstens von dem Baume losmachen, an dem es wie festgenagelt gelegen
+hatte, aber es fiel auch sogleich wieder zentnerschwer an die Erde. Als der
+Kutscher erschöpft und fluchend vor Zorn alle Hoffnung aufgab, das Rad von
+der Stelle zu bringen, stellte es sich mit einem Male wie von selbst
+aufrecht, und als es der Kutscher berührte, rollte es mit größter
+Schnelligkeit über Steingeklüfte und Baumwurzeln hin, den Berg hinab.
+Keuchend mußte der Kutscher nachlaufen und sah mit Verwunderung, wie das
+Rad mit gleicher Schnelligkeit bergauf und bergab rollte. Wenn er weit
+zurück war, schien es sich langsamer zu bewegen, so daß er glaubte, es bald
+erreichen zu können, wenn er aber nahe genug war, um es erreichen zu
+können, rollte es mit unaufhaltsamer Eile weiter.
+
+So lief das Rad, und der Kutscher dahinter her, über Berg und Tal, bis es
+ihm endlich gelang, es zu ergreifen. Nun hielt er es mit aller Kraft fest;
+aber das Rad fiel an die Erde und zog den Kutscher mit darnieder. Plötzlich
+erhob es sich wieder und flog nun geschwind wie ein Pfeil durch die Luft,
+bis es mit dem ganz erschöpften Kutscher vor dem Hause seines Herrn
+niederfiel.
+
+
+
+
+Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt.
+
+
+In der Zeit, wo Rübezahl noch sein Wesen auf den Bergen trieb, da war's
+freilich anders, als jetzt, da half's einem ungelehrten Burschen nicht zu
+einem guten Amte, wenn einer seiner Vettern auch ein vornehmer Rat beim
+Konsistorium oder im Reichstag war, da gab's auch noch nicht so viele
+Hofräte wie jetzt, und doch war der gute Rat nicht so teuer. Es mußte jeder
+etwas tüchtiges lernen, wenn er in der Welt fortkommen wollte und auch
+damit hatte es noch Not genug.
+
+Da gab es denn eine Menge arme Studenten, die fleißig hinter den Büchern
+sitzen mußten, um endlich ein mageres Ämtchen zu bekommen und solchen half
+der Rübezahl gern, wenn sie nicht etwa Raufbolde waren, die mit Sporen und
+Peitsche Straß' auf Straß' ab lärmten, sondern still daheim saßen und
+arbeiteten.
+
+Ein solcher Student reiste einmal in den Sommerferien über das Gebirge und
+ist in tiefen Gedanken. Ein Mann, der wie ein reisender Handelsherr
+aussieht, gesellt sich dort zu ihm und fängt ein Gespräch mit ihm an. Da
+zeigt sich denn der Student als wohl unterrichtet, und wie ihn der Fremde
+teilnehmend über sein Schicksal befragt, setzt er sich nicht aufs hohe
+Pferd, sondern erzählt treuherzig und unbefangen, daß er arm sei und nur
+durch Unterricht und Abschreiben sich forthelfe, daß er noch eine arme
+Mutter habe, die für andere Studenten wasche und koche, und wie er eben
+jetzt recht sehr bekümmert sei, daß er sich ein gewisses Buch nicht
+anschaffen könne, dessen er eben zu seinen Studien bedürfe.
+
+Der Handelsmann hört ihm mit Teilnahme zu, sucht ihm Mut zuzusprechen und
+freut sich, daß er gerade das nötige Buch besitze und mit sich führe. Dabei
+ruft er seinen Diener, der ein großes Felleisen trägt, zieht das Buch
+heraus und schenkt es dem Studenten. Wer ist nun glücklicher als dieser; er
+hätte am liebsten gleich angefangen zu lesen, wenn er die Gesellschaft des
+Reisenden nicht so lange als möglich hätte genießen wollen.
+
+Als dieser sich aber endlich von ihm trennt, setzt sich der erfreute
+Student unter einen überhangenden Stein und studiert fleißig in dem Buche.
+Und so jeden folgenden Tag; es gab keinen emsigeren Arbeiter auf der ganzen
+Hochschule.
+
+Eines Tages kam einer seiner Bekannten und bot dem Studenten zehn Taler für
+das Buch, damit könne er ja eine lange Zeit ohne Sorgen leben; aber dieser
+behielt sein Buch und sagte, er wolle lieber ferner sich dürftig behelfen,
+wenn er nur recht viel lernen könne und dazu sei ihm das Buch am meisten
+behilflich. -- Ehe ein Monat verstrich, hatte der Student das Buch ganz
+inne. Als er aber zu den letzten Seiten desselben kam, da lag ein Schein,
+ein großer Geldschein zwischen den Blättern in ein sauberes Papier
+eingeschlagen und darauf standen die Worte:
+
+»Ein kleines Andenken an den Herrn vom Berge!« -- Nun konnte er ohne Not
+seine Studien vollenden und ward ein sehr gelehrter Mann.
+
+
+
+
+Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden.
+
+
+Aus dem schönen Tale, zu dem die schlesischen Riesenberge den großartigen
+Hintergrund bilden, erheben sich zwei hohe Granitkegel, die unter dem Namen
+der »Falkenberge« bekannt sind. Auf einem derselben stand im zwölften
+Jahrhunderte eine stolze Burg, in welcher ein gewaltiger Raubritter hauste,
+Herr Prótzko, auch »der Falke vom Berge« geheißen. Das war ein gar wilder
+Gesell und in der ganzen Gegend gefürchtet. Durch Spiel und Zechgelage
+vergeudete er mit seinen Spießgesellen die Beute, die er den Reisenden und
+Kaufleuten abgenommen hatte, und führte ein lustiges Leben in seiner festen
+Burg.
+
+Eines Abends saß er in seinem hohen Gemache und ließ den vollen Becher
+unberührt vor sich stehen; seine Zechbrüder spotteten darüber, aber ein
+wilder Blick des Ritters machte sie sogleich wieder stumm. Da kam eilig ein
+Diener herein und meldete, wie auf der Straße von Schmiedeberg daher ein
+schwer beladener Wagen komme, der sicher wertvolle Kaufmannsgüter brächte.
+Mit wildem Geschrei sprangen die Raubritter von der Tafel auf und griffen
+zu ihren Schwertern; nur Prótzko rührte sich nicht und ließ die wilden
+Gesellen allein hinausstürmen in die finstere Nacht. Er war wohl sonst bei
+solchem Tanze nimmer der letzte, heut aber war seiner sanften Mutter
+Todestag, darum kam kein Scherz aus des Ritters Munde, kein Wein über seine
+Lippe, und sein blutgewöhntes Schwert blieb in der Scheide. -- So war er
+allein in dem stillen Gemache zurückgeblieben, darin er nun mit großen
+klingenden Schritten auf und nieder ging. Endlich öffnete er das Fenster
+und lehnte sich in die Nacht hinaus. Da hörte er das Stampfen der Rosse,
+den wilden Ruf der Spießgesellen, und nun dazwischen ein Schrei der Angst,
+der einen wunderbaren Eindruck auf den finstern Ritter machte.
+
+
+»Sattle mein Roß, Knappe,« rief er in den Burghof hinab, griff hastig nach
+seinem Schwerte und stürmte auch schon nach wenigen Minuten auf seinem
+Streitrosse den steilen Weg vom Falkenberge hinab. Wie eine Wetterwolke
+stob er gegen die Raubritter, und seine gute Klinge pfiff durch die Luft.
+»Gebt den Gefangenen frei,« schrie er wild, als er einen Mann gebunden
+zwischen den Pferden seiner Spießgesellen, sah, »laßt ihn seines Weges
+ziehen, oder bei meinem Barte, ihr sollt meinen Arm fühlen!« --
+
+Die Raubritter murrten, aber Prótzko war ihr mächtigster Verbündeter und
+seine feste Burg ihr sicherster Zufluchtsort. Darum beschlossen sie, seiner
+wunderlichen Laune nachzugeben, und banden den gefangenen Kaufmann los.
+Aber dieser sank währenddessen zu Boden, denn er hatte bei seiner tapferen
+Gegenwehr eine tiefe Wunde am Halse bekommen und sein Körper war bedeckt
+mit Blut.
+
+Prótzko neigte sich prüfend über ihn und eine seltene Regung des Mitleids
+zeigte sich in seinem Gesicht. »Tragt den armen Mann auf euren Armen nach
+meiner Burg hinauf, er soll dort Pflege und Wartung finden. Auch den Wagen
+bringt hinauf, aber wer seine Hand an das Eigentum dieses Mannes legt, der
+hat es mit mir zu tun!« rief er wild, und jeder sah es ihm an, daß er nicht
+spaße.
+
+»Der Falke liegt in der Mause,« höhnten die Raubritter leise, aber es wagte
+keiner dem wilden Prótzko zu widersprechen, der schweigend und finster dem
+Zuge voranritt nach seiner Burg. Dort ward der fremde Kaufmann so gut als
+möglich gepflegt, seine Pferde gut versorgt, und die Kisten mit Waren, die
+er mit sich führte, von dem Burgherrn selbst verwahrt.
+
+Wochen vergingen, ehe der Kranke genaß und seine Reise weiter fortsetzen
+konnte. Mit großem Danke schied er endlich von seinem mitleidigen Pfleger,
+der ihm nicht nur seine reiche Ladung ungeschmälert verabfolgen ließ,
+sondern ihm auch noch zwei seiner kräftigsten Pferde schenkte, auf daß er
+rascher ans Ziel seiner Reise komme.
+
+Aber die Spießgesellen des Ritters waren mit dieser unzeitigen Großmut sehr
+unzufrieden und grollten, daß ihnen eine so gute Beute entgangen war, und
+sannen auf eine Rache, wie sie ihm etwas anhaben könnten. Es war an einem
+schwülen Sommertage, die Sonne verschwand grade blutrot hinter den Bergen
+und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Zinnen der Burg. Prótzko saß
+sinnend und allein in seinem Speisesaal und sah auf die Landschaft hinaus,
+als sein treuer Burgvogt atemlos gelaufen kam und meldete: »Herr, die
+Mannen des Herzogs Bolko umschleichen unsere Burg und haben gefährliche
+Waffen bei sich.« Prótzko sprang, kaum seinen Ohren trauend, auf und befahl
+die Tore zu schließen, die Zugbrücke herabzulassen und jedem Knappen auf
+seinen Posten zu gehen. Lautlos und beobachtend standen sie da,
+entschlossen, sich nicht zu ergeben, als ein plötzlicher, brandiger Geruch
+ihnen die Vermutung brachte, daß sie verraten und Feuer in der Burg
+angelegt sei. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich dasselbe durch das ganze
+Schloß und in wenigen Minuten prasselten blauzüngelnde Flammen fast zu
+allen Seiten des Daches hoch empor, und die Feinde drangen ein, so daß der
+arme Ritter sich nur mit großer Not durch einen unterirdischen Gang retten
+konnte.
+
+
+Verlassen und verraten von treulosen Freunden irrte der Flüchtige nun durch
+die Nacht, als er plötzlich jenen Kaufmann dem er so viel Gutes getan
+hatte, in Fischertracht vor sich stehen sah.
+
+»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter,« sagte dieser freundlich
+zu Prótzko, »sie wird euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Ich bin durch
+Unfälle aller Art arm geworden und lebe hier ganz einsam und still als
+Fischer; hier wird niemand den tapfern Ritter vom Falkenberge suchen, und
+ich kann euch einen Teil des Dankes abtragen, den ich euch schuldig bin.«
+
+Prótzko verschmähte dies Anerbieten nicht. Sein Wirt versorgte ihn
+reichlich mit Speise und Trank, als aber der Ritter am andern Morgen
+erwachte, war dieser verschwunden und hatte ihm sein Fischergerät
+zurückgelassen. Damit erwarb sich Prótzko nun seinen Unterhalt, während die
+Mannen des Herzogs seine Burg völlig zerstörten und dann abzogen. Nun
+durfte sich der Ritter mehr aus seinem Versteck wagen, um als Fischer seine
+Beute feilzubieten, und lebte lange Zeit davon. Aber wenn er die Ruinen
+seiner Burg sah, das zerstörte Nest des Falken, da ward sein Herz traurig.
+Er sehnte sich nach einem ritterlichen Leben, und obschon er sein früheres
+wüstes Treiben verabscheute, so schmerzte es ihn doch, sein treues Schwert
+verloren und statt dessen die Angelrute in der Hand zu haben.
+
+Traurig senkte er diese in das klare Bächlein, das unfern seiner Hütte
+vorüberfloß; es war eben wieder der Todestag seiner Mutter, und schwere
+Gedanken bedrückten Prótzkos Herz; da fing sich ein Fisch von ganz
+ungewöhnlicher Größe an seinem Haken, den er nur mit der größten
+Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach
+hinein waten, um den Fang herauszuholen; aber siehe da! von gediegenem
+Golde war der köstliche Fisch, und nun erst ward es dem Ritter klar, daß
+jener Kaufmann, dem er einst Güte und Milde hatte angedeihen lassen,
+niemand anders, als der mächtige Geist der Riesenberge, Rübezahl, gewesen
+sei.
+
+Nun war er mit einem Male wieder reich und fand bald wieder Anhänger; er
+begründete in dem weniger bewohnten, östlichen Gebirgstale ein neues
+Schloß, an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhütte,
+gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er
+gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte dieselbe, in
+dankbarer Erinnerung der Weise, wodurch ihm die Mittel dazu geworden waren,
+Fischbach.
+
+So entstand mit Hilfe des Berggeistes das schöne Dorf, welches jetzt, als
+einer der interessantesten und berühmtesten Punkte des Gebirgstales, von
+vielen Reisenden besucht wird und das Eigentum einer Fürstenfamilie
+geworden ist.
+
+
+
+
+Rübezahl macht einem Förster einen Zopf.
+
+
+In dem Dorfe Brückenberg, das schon sehr hoch im Gebirge liegt, und wohin
+der König von Preußen einst eine norwegische Kirche bringen und aufstellen
+ließ, lebte vor langen Zeiten ein Förster, von dem die Rede ging, daß er
+wacker aufzuschneiden verstehe, und seine Jagdgeschichten, die er den
+Leuten stets sehr bereitwillig erzählte, erinnerten etwas stark an
+Münchhausens wundervolle Begebenheiten. Oft log er den Bauern am Sonntag im
+Wirtshause so viel vor, daß sie nicht mehr wußten, wo ihnen der Kopf stand;
+Rübezahl hörte das, hatte aber lange Zeit Nachsicht mit dem Förster, weil
+er sonst eine gute Haut war, den die Leute bis auf seine seltsamen
+Jagdgeschichten auch recht gern hatten.
+
+Einstmals aber hatte er seinen Gevatter, den Pfarrer in Seydorf, besucht,
+und dieser gab ihm am Abende das Geleit. Während sie nun langsam den Berg
+hinaufstiegen, der nach der Anna-Kapelle und den weiterhin liegenden
+Gräbersteinen führt, kam der Förster auch wieder auf seine Jagdabenteuer
+und fing zu erzählen an:
+
+»Ihr könnt es mir glauben, Herr Gevatter, mir ist manches passiert, was
+andere gern um vieles Geld erleben möchten, und nun sticht sie der Neid,
+daß sie mir die helle Wahrheit nicht glauben mögen. Denkt nur einmal z. B.,
+wie es mir in Polen ging, an dem ungeheuren Schlawer-See, wo die größten
+Grausamkeiten von den Seeräubern verübt werden; mir schaudert noch die
+Haut, wenn ich mich derselben erinnere. Aber das wollte ich eigentlich
+nicht erzählen, sondern, wie ich im Dämmerlichte einmal hinaus in den Wald
+gehe, da sehe ich ein braunes Tier, das sich langsam in der Schonung
+hinbewegt. Halt, denke ich, das ist gewiß eine Kuh; ich war schon lange
+ohne Fleisch gewesen, nahm mein Rohr an den Backen und Schoß. Stellt euch
+nun aber mein Erstaunen vor, als ich hinspringe und einen Frosch -- einen
+Riesenfrosch, so groß wie ein Ochs, getroffen habe.«
+
+»Gevatter,« fiel ihm hier der Pfarrer in die Rede, »ihr werdet doch mit
+euch handeln lassen; der Frosch wird denn doch wohl etwas kleiner gewesen
+sein, als ihr mir weismachen wollt.«
+
+»Nein, auch nicht einen Zoll breit habe ich ihn vergrößert, er war wie ein
+tüchtiger Ochs; ich habe ihm die Haut abgezogen und sie gerben lassen.
+Daraus ließ ich mir ein Paar Beinkleider, eine Weste und einen Pelzrock
+machen, und sie ist so fest und wasserdicht, daß ich tagelang im Regen auf
+dem Anstande stehen oder im Sumpfe waten kann, ohne mir nur die eigene Haut
+feucht zu machen.«
+
+»Ei! die Geschichte ist sehr merkwürdig und klingt genau, als ob sie nicht
+wahr wäre.«
+
+»Nicht wahr?« fuhr der Förster auf; »das haben mir schon viele außer euch
+gesagt; aber wie werdet ihr staunen, wenn ich euch eine viel merkwürdigere
+Geschichte erzähle. Ich hatte nämlich einen Vorstehhund -- für 200 Taler
+hätte ich ihn schon vielmal verkauft --, der stand fest wie eine Mauer, und
+diese Tugend war auch endlich die Ursache seines Todes. Hört nur, ich gehe
+eines morgens in den Wald, nehme den Hund mit, bekümmere mich aber draußen
+nicht weiter um ihn; Als ich nach Haus komme, ist der Hund nicht mehr bei
+mir; er wird schon nachkommen, denk ich, und gehe ins Forsthaus. Die Nacht
+vergeht, und ich rufe am Morgen meinen Hund, aber da ist er nirgends zu
+finden, auch nicht im Walde. Ich streife den ganzen Tag durch die Felder,
+durchsuche jeden Busch, pfeife und klopfe, aber immer keine Spur von dem
+Hunde. Der ist gewiß in ein anderes Revier geraten und erschossen worden,
+denk ich, und konnte das prächtige Tier lange nicht vergessen. Nun aber
+hört, Herr Gevatter, was geschieht: das Jahr darauf gehe ich wieder im
+Walde durch das junge Holz. Da sehe ich auf einem kleinen Rasenflecken
+etwas Weißes und gehe darauf zu, aber -- denkt euch meine Verwunderung --
+wie ich herankomme, sehe ich auf einem Flecke zwölf Vogelgerippe und davor
+das Gerippe meines Hundes, denn ich erkannte ihn an den doppelten
+Wolfsklauen. Der Hund hatte also hier eine Kette Rebhühner gestellt, und da
+diese aus Furcht vor dem Hunde nicht aufzufliegen gewagt hatten, so war das
+pflichttreue Tier vor und mit ihnen verendet.«
+
+Der Pfarrer schüttelte lachend den Kopf. »Ihr findet das wohl sehr
+wunderbar, Herr Gevatter?« fuhr der Förster fort, »und doch das Beste kommt
+noch. Aus Anhänglichkeit an den treuen Hund lasse ich mir aus einem
+Beinknochen desselben ein Pfeifenrohr machen, und habe diese Pfeife immer
+im Walde mit. Da ich einstmals an einem kleinen Gebüsch hingehe und mein
+Pfeifchen rauche, rückt es mich plötzlich am Munde, so daß alle Zähne
+knacken. Ich nehme die Pfeife erschrocken aus dem Munde, aber da drückt es
+mich ebenso stark am Arm und der Hand, womit ich sie halte. Das war mir
+doch verdächtig, ich schaue die Wiese hinunter, und richtig, hinter dem
+Gebüsch liegt eine ganze Kette Rebhühner. Nun erst geht mir ein Licht auf;
+seht, so weit ging die seltene Natur des Hundes, daß der Knochen seines
+Beines noch so gut vor den Rebhühnern stand, wie sonst der lebendige Hund.
+Ja, so was kann nur unsereiner erleben!«
+
+»Nein, das ist doch zu stark, Gevatter,« sagte der Pfarrer, »Wenn Ihr noch
+mehr lügt, so fürchte ich, passiert etwas.«
+
+Der Förster geriet über diese Worte ganz in Eifer und beteuerte immer
+stärker, daß er nur die Wahrheit geredet habe; er könne über hundert Zeugen
+aufrufen; sie wären nur schwer zusammenzubringen, sagte er.
+
+Als die beiden Gevattersleute eben an der Brotbaude hinschritten, blieb der
+Pfarrer zufällig einige Schritte zurück. »Gevatter,« rief er aus, »was
+schleppt ihr denn da hinter euch?« --
+
+Der Förster wendete sich um und sah ein langes, haariges Ding sich auf der
+Erde hinschlängeln. »Es ist ein Zopf,« sagte der Pfarrer, »und euch
+eingewachsen.«
+
+»Ja, ein Zopf,« sprach plötzlich eine Stimme neben ihnen, »und den wirst du
+tragen, mein Förster, bis du dir das Lügen abgewöhnt hast.« -- Es war
+Rübezahl, der das sagte, und dann im Walde verschwand. Die beiden Männer
+standen wie versteinert, bis sich der Pfarrer endlich leise auf den Rückweg
+machte. Vergeblich suchte der Förster seinen Zopf los zu werden; wenn er
+ihn abschnitt, wuchs er im Augenblick noch einmal so stark und lang, wie
+zuvor. Es gab also kein anderes Mittel, um ihn los zu werden, als sich das
+Lügen abzugewöhnen; das kam ihm freilich sauer genug an, aber was half's.
+Er log auch endlich nimmer wieder, denn was der Mensch ernstlich will, das
+kann er auch. Seit jener Zeit aber besteht die Redensart im Gebirge und ist
+auch durch das Land bekannt -- jemandem einen Zopf machen!
+
+
+
+
+Der alte Schäfer.
+
+
+Nach allem Vorhergegangenen möchtet ihr nun wohl glauben, habe es sich
+Rübezahl zum Grundsatz gemacht, das Böse zu bestrafen und nur den guten
+Menschen Hilfe und Glück angedeihen zu lassen. Im Grunde aber handelte er
+meist nach guter oder schlimmer Laune, und nicht immer war er mit Ersatz
+und Schadloshaltung zur Hand, wo er durch seine Neckereien Schaden und
+Unheil angerichtet hatte. Zuweilen erschreckte er ganz ohne Ursache eine
+Gesellschaft Marktweiber durch allerlei abenteuerliche Tiergestalten,
+lähmte den Reisenden die Rosse, zerbrach ein Rad und warf abgerissene
+Felsstücke in den Weg, die nur mit großer Mühe wieder hinweggeschafft
+werden konnten. Wer sich durch solche Neckereien zum Zorn und Unmut gegen
+Rübezahl reizen ließ, den verfolgte er mit einem Steinhagel so lange, bis
+er sein Gebiet verlassen hatte; oder ein Schwarm wilder Bienen umgab ihn
+gleich einer dunklen Wolke, und der Wanderer ward von ihnen so geängstet,
+daß er halbtot aus den Bergen zurückkehrte.
+
+Nur mit einzelnen Menschen ließ sich der Berggeist zuweilen in ein Gespräch
+ein, wobei sich aber jene sehr zu hüten hatten, eine allzu große
+Vertraulichkeit zu zeigen, oder sich auf seine freundliche Gesinnung zu
+verlassen. Man erzählt sich eine Begebenheit mit einem alten Schäfer, die
+von Rübezahls Eigensinn und Grausamkeit den besten Beweis liefert. Mit
+diesem Manne unterhielt sich der Berggeist oft, ja er leitete eine
+förmliche Bekanntschaft mit ihm ein, und gern ließ er sich den einfachen
+Lebenslauf des Hirten erzählen. Zum Dank dafür erlaubte er ihm, die Herde
+bis an die Hecken seines Gartens zu treiben, was kein anderer zu tun wagen
+durfte, verbot ihm jedoch ernsthaft weiter vorzudringen. Lange Zeit hielt
+der Schäfer gewissenhaft dieses Verbot und begnügte sich, nur von weiter
+Ferne hineinzusehen, als er aber ganz sicher in der Gunst des launenhaften
+Gnomen sich glaubte, trieb er seine Schafe einstmals zu nahe an das Gehege
+von Rübezahls Garten, daß einige der Tiere, denen die duftenden Kräuter
+darin verlockend waren, hindurchbrachen und nun lustig auf dem verbotenen
+Felde weideten. Darüber ward Rübezahl so sehr erzürnt, daß er die Herde
+durch ein furchtbares Getöse dergestalt erschreckte, daß sie auseinander-
+und den Berg hinabstürzte, wobei der größte Teil der Schafe verunglückte
+oder sich verlief. Darüber ging der Wohlstand des Schäfers ganz zu Grunde,
+von der Freundschaft Rübezahls wollte er nichts mehr wissen und härmte sich
+tot.
+
+
+
+
+Die drei Tischlergesellen.
+
+
+Es wanderten einmal drei Schreinergesellen über das Hochgebirge, von denen
+der eine das Fieber eben gehabt hatte und noch krank und matt war. Er war
+aus Erfurt und die beiden andern aus Schneeberg. Der arme Bursche war so
+müde, daß er kaum weitergehen konnte, aber es mußte doch immer wieder
+vorwärts gehen, denn das Zehrgeld war den drei Gesellen gewaltig knapp, und
+sie konnten nicht zu oft ein Nachtquartier machen auf dem Wege nach Prag,
+wo sie Arbeit zu finden hofften.
+
+Sie gingen eben am Hainfall hin, von dem bis zur Kapelle der heiligen Anna
+zu Seidorf ein wundervoller Pfad hinführt; da seufzte der Erfurter: »Nun
+kann ich nicht mehr weiter, ich muß ausruhen; geht ihr eure Straße, ich
+will euch nicht länger eine Last sein.« --
+
+»Warum nicht gar,« sagten die beiden andern Gesellen, »uns tut ein wenig
+Ruhe auch wohl gut, und hier unter den Fichten ist kühler Schatten und
+weiches Moos.«
+
+Wie sie nun alle drei der Ruhe genossen, fiel nahe bei ihnen ein Schuß, so
+daß sie erschrocken aufsprangen. Über ihnen, an einem Felsenrande, stand
+ein Jäger, sah nach ihnen hin und verschwand. Bald darauf knackte und
+prasselte es im Gebüsch und ein Reh, ganz mit Schweiß bedeckt, brach durch
+die Zweige und stürzte nur wenig Schritte vor den drei Gesellen zusammen.
+
+»Ei! das gibt auf viele Tage einen Braten,« sprach der eine, »und für die
+Haut können wir manch gutes Nachtlager bezahlen.«
+
+»Unrecht Gut gedeihet nicht!« sprach der Erfurter; »lasset das Reh liegen,
+es ist ja nicht unser.«
+
+»Dummbart!« lachten die Schneeberger, »soll es hier liegen und verwesen;
+der Jäger hatte keinen Hund mit, der es aufspüren konnte, und so findet's
+wohl nur ein anderer, der nicht so einfältig ist, wie wir. Nein, wir wollen
+uns daran gütlich tun, und wenn du nicht teil daran haben willst, so ist es
+uns um so lieber.«
+
+Darauf brachen sie das Reh auf und warfen dem andern spöttisch die
+Eingeweide zu. Der schob halb gedankenlos mit seinem Stabe das Gescheide --
+so nennt der Jägersmann die Eingeweide des Wildes -- auseinander; da
+blinkte und flimmerte es wunderbar, und er fand eine goldene Kugel, ja
+endlich noch eine zweite und dritte darin.
+
+Die Schneeberger erschraken nicht wenig darüber, denn nun kannten sie auf
+einmal den Jäger und dachten: »Nun wären wir alle Not los, wenn wir nicht
+das Eingeweide dem Erfurter zugeworfen hätten.« Aber der teilte seinen
+goldenen Fund gewissenhaft mit den Reisegefährten, und diese trugen das Reh
+voller Freude einer armen Witwe ins Haus, die sechs hungrige Kinder hatte.
+Da war ein Festtag in der kleinen Strohhütte, und viele Tage lang aßen sie
+von dem Fleische, das ihnen die drei Schreinergesellen geschenkt hatten,
+die indes glücklich nach Prag und auch bald in Arbeit kamen.
+
+
+
+
+Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen.
+
+
+Zwei ehrliche Drechslergesellen aus dem Vogtlande, die aus der Fremde in
+die Heimat zurückgingen, stiegen über das Gebirge nach Böhmen zu. Als sie
+eben recht ermüdet und besonders sehr durstig waren, sahen sie einen Baum,
+der voller Äpfel hing, obgleich man sonst wohl selten hoch auf dem Gebirge
+einen Obstbaum treffen mag. Ein Bäuerlein stand unter dem Baume und
+schüttelte Äpfel, den fragen die Wanderburschen, ob sie wohl eine Mandel
+davon zu kaufen bekommen könnten.
+
+»Ei, warum nicht,« antwortete das Bäuerlein und gab jedem eine Handvoll für
+einen Groschen.
+
+Sie sind noch nicht weit gegangen, da beißen sie in ihre Äpfel, aber sie
+sind hart wie Stein und wenn sie zwei aneinander schlagen, so klingt es
+auch wie Kieselstein. »Der Bauer hat sich einen Spaß mit uns gemacht, die
+Äpfel sind ja so hart, daß die Zähne ausbrechen, wenn man beißen will, ich
+glaube, mit meinem Stemmeisen wären sie nicht klein zu bekommen,« sagt der
+eine und schüttet die Äpfel an die Erde.
+
+»Laß sie uns auf ein Häufchen tun und mit Moos und Gesträuch zudecken,«
+sagte der andere, »damit niemand weiter dadurch angeführt werde, wie es uns
+geschehen ist; die ausgebrochenen Zähne wachsen nicht wieder und was lange
+leben will, braucht seine Zähne.« Und das tun sie nun in ihrer
+Gutmütigkeit.
+
+»Hör',« fängt dabei der erste wieder an, »ich glaube, das Bäuerlein war
+kein rechter Bauer, sondern ist der Herr vom Berge gewesen, von dem man
+sich so viel Schnurren erzählt. Nun, wir können zufrieden sein, daß er uns
+nicht schlimmer mitgespielt.«
+
+»Ei, du hast recht,« antwortete der andere. »Aber wir sind doch selber
+schuld, daß er uns angeführt hat; es war dumm genug von uns, dort oben auf
+der kahlen Höhe einen Apfelbaum zu vermuten, gedeiht doch nicht einmal eine
+Kiefer dort.«
+
+Während sie ihre steinigen Äpfel sorgfältig mit Erde und Blättern zudecken,
+blitzt es zwischen dem Häufchen und es liegen zwei Goldstücke darin. Die
+nahmen unsere guten Vogtländer mit vielem Danke und konnten's auch gar wohl
+gebrauchen, denn sie hatten noch ein gutes Stück Weg nach Hause. Zum
+Andenken an dieses Erlebnis steckte sich ein jeder noch einen Apfel in die
+Tasche und nahmen ihn mit in die Heimat, wo der Anblick desselben sie oft
+im Leben hinderte, was Dummes zu fragen und zu erbitten. Zu Golde wurden
+die Apfel nicht, das brauchten die Gesellen auch nicht, denn sie verdienten
+durch ihr Handwerk stets ihren Unterhalt.
+
+
+
+
+Der Wanderstab.
+
+
+Ein Wanderer kroch einst mit vieler Beschwerde unter den wild
+zusammengehäuften Steinhaufen des einsamsten Gebirges einher. Er mußte,
+nicht ohne Gefahr, von einem Abgrunde zum andern, von einem Felsen zum
+andern springen und steile Höhen emporklimmen, während bald wieder ein
+wilder Gebirgsbach seine Schritte hemmte.
+
+»Es ist nur gut,« sagte er zu sich selbst, »daß ich meinen treuen Stab
+mitgenommen habe, der mir schon durch manch langes Jahr gute Dienste
+geleistet hat.« Bei diesen Worten setzte er ihn zwischen die Steine, um
+einen reißenden Bach zu überspringen; aber knacks -- brach der Stab entzwei
+und der Wanderer fiel ziemlich unsanft in den Bach. Ganz durchnäßt sprang
+er wieder empor; da er sonst keinen Schaden genommen hatte, ärgerte ihn der
+Verlust seines Stabes am meisten. »Wie soll ich nun von diesen steilen
+Bergen wieder hinabkommen,« klagte er, »da ich meiner gewohnten Stütze
+beraubt bin und auf dieser Höhe nirgends ein Baum gedeiht, aus dessen Ästen
+ich mir einen neuen Stab schneiden könnte.«
+
+Plötzlich sprach eine scharfe Stimme dicht hinter dem Wanderer: »Was fehlt
+dir?«
+
+Eine große Gestalt, in einen weiten Mantel gehüllt, stand jetzt neben dem
+Erstaunten, der sich in dieser wilden Einsamkeit ganz allein glaubte; der
+Wanderer aber erholte sich von seinem ersten Schreck und erzählte dem
+Fremden von seinem unangenehmen Verluste.
+
+»Und darüber wirst du so kleinmütig!« sagte dieser spottend; »hier hast du
+meinen Stab, wenn du dich nicht getraust, ohne solchen wieder
+hinabzukommen!« Damit entfernte sich der fremde Mann; und wie er so in dem
+niedrigen Gestrüpp des Knieholzes hinschritt, schien er immer größer und
+größer zu werden und endlich ganz in Nebel zu vergehen.
+
+Der Wanderer achtete nicht viel darauf, sondern glaubte, die Entfernung
+oder die Brechung der Lichtstrahlen hätten diese Täuschung hervorgebracht;
+er war sehr erfreut über den schönen Stab, den der Fremde ihm geschenkt
+hatte, und schritt dann rüstig weiter. Als er ein Stück Weges gegangen war,
+fing der Stab an, ihm höchst beschwerlich zu werden; wo er ihn hinsetzte,
+glitt er wieder aus und ward dabei immer schwerer und schwerer. Kurz, er
+diente dem Wanderer nicht mehr zur Stütze, der mühsam die steilen Berge
+hinabkletterte und den Stab dabei in der Hand trug. Er mußte aber bald mit
+der rechten, bald mit der linken abwechseln, so schwer war der Stab,
+zuletzt legte er ihn gar auf die Schultern und keuchte unter der immer
+wachsenden Last langsam weiter. Aber auch so ward er zuletzt unerträglich
+drückend und der Wanderer zog ihn langsam hinter sich auf der Erde fort, wo
+er oft festgewurzelt zu sein schien und nur mit großer Anstrengung los zu
+machen war. Endlich geriet der Stab durch Zufall zwischen die Füße des
+Wanderers, und er umfaßte ihn mit beiden Händen, um nicht zu fallen.
+Dadurch ritt er förmlich auf dem wunderlichen Stock, und nun flog dieser
+mit ihm in gewaltiger Eile an den sieben Gründen, der Sturmhaube, dem hohen
+Rad und den Teichen vorbei, immer wilder, immer schneller. Der Angstschweiß
+tropfte dem unfreiwilligen Reiter aus allen Poren und er befahl seine Seele
+Gott, denn wie leicht konnte der grausige Ritt ihn hinunter in die
+Schneegruben reißen, wo er gewiß verloren war.
+
+Endlich kam der Wanderer tief unter den Korallenfelsen in die Tannenwaldung
+und der Stab hielt an. Fluchend warf er ihn weit von sich hinweg und sank
+ermüdet und halbtot vor Angst auf das Moos in den kühlen Schatten nieder.
+Kaum aber ward er sich seiner Sinne bewußt, als er seinen alten Stab, den
+er am Morgen zerbrochen hatte, ganz und unverletzt zu seinen Füßen liegen
+sah. Fröhlich nahm er ihn auf und wanderte weiter, bis er zu einer schönen
+Gebirgswiese kam, die den Vordergrund zu einem freundlichen Dorfe gab, das
+jetzt nahe war. Nun fiel es mit einem Male wie Schuppen von den Augen des
+Wanderers, daß jener Fremde der Herr des Gebirges gewesen sei; und wie er
+sich ähnlicher Erzählungen erinnerte, zweifelte er keinen Augenblick, daß
+der Stab, den er ihm geschenkt, sich gewiß in Gold verwandelt hätte, und
+darum auch so schwer geworden sei. Eilig lief er zurück, so ermüdet er auch
+war, hastig durchsuchte er den ganzen Wald, durchspähte den kleinsten
+Busch, aber -- der Stab war nirgends zu finden. --
+
+
+
+
+Die gefärbten Badegäste.
+
+
+Eine Gesellschaft fröhlicher Badegäste beschloß eines Morgens, noch einmal
+die Koppe zu besteigen, ehe sie Warmbrunn verließen, um in ihre Heimat
+zurückzukehren; es wurden Speisen und Weine eingepackt, denn dazumal war
+man in den Bauden noch nicht auf Bewirtung eingerichtet, Führer und Träger
+genommen und alsbald aufgebrochen. Der Morgen war schön und die Reisenden
+waren fröhlichen Mutes; auch die Damen stimmten in den Gesang und das
+scherzhafte Gespräch der Männer ein. So zogen sie in Giersdorf hinauf, bei
+der Papiermühle in den Wald und so weiter. In der Schlingelbaude ruhten sie
+und sprachen den mitgenommenen Speisen tüchtig zu, und dann ging es weiter
+nach der Hampelbaude. Nun war der schwierigste Marsch überstanden und der
+Kamm der Koppe bald erstiegen Bei der Teufelswiese gab es viel Gekreisch
+und Gelächter, denn die weißen Strümpfe der Damen bekamen dort im Sumpfe
+manchen Schmutzfleck, wenn sie neben die gelegten Steine traten; alles dies
+erhöhte nur die allgemeine Fröhlichkeit.
+
+Endlich stand die Gesellschaft auf der Koppe und erblickte die Welt im
+Sonnenglanze zu ihren Füßen; nun stieg ihre Freude an der schönen Reise auf
+den höchsten Gipfel, und weil sie so sehr vom Wetter begünstigt gewesen
+waren, auch sonst keinen Unfall gehabt hatten, ergriff ein heiteres, junges
+Mädchen ihr Weinglas und rief: »Zum Dank und auf das Wohlergehen des guten
+Rübezahl!«
+
+Kaum war das Wort über ihre Lippen, als aus dem Teufelsgrunde ein Sturm und
+Wetter losbrach, daß die ganze Gesellschaft untereinander gewirbelt wurde
+und kaum imstande war, sich auf den Füßen zu erhalten. Unter beständiger
+Gefahr, in den Melzergrund hinabzustürzen, traten sie ihren Rückweg an;
+aber rechts und links aus den sie einhüllenden Wolken schallte ihnen ein
+lautes Gelächter nach und erst am Ende der Teufelswiese hellte sich der
+Himmel über den durchnäßten Reisenden wieder auf.
+
+Das junge Mädchen, das mit dem Trinkspruche augenscheinlich den Herrn vom
+Berge so erzürnt hatte, konnte sich gar nicht über die Störung des
+Vergnügens beruhigen. Sie hatte dem Berggeiste ja so recht von Herzen
+danken wollen für das herrliche Wetter, daß nicht Nebel den Umblick in die
+Täler verhindert habe; geht doch wohl jedem das Herz auf in so großartiger
+Natur und stimmt ihn dankbar für so ungestörten Genuß.
+
+Wie mancher Reisender hat vor- und nachher voll froher Hoffnung auf schönes
+Wetter die beschwerliche Gebirgsreise angetreten, hat Kamm und Kappe
+erstiegen und hat wieder hinunter ins Tal gemußt, ohne daß er
+hinunterblicken konnte in die Täler, bald war er selbst, bald die Täler in
+Nebel gehüllt.
+
+»Sie können von Glück sagen,« meinte ein alter Führer, »daß der Herr des
+Gebirges nicht einem aus der Gesellschaft das Genick gebrochen hat, denn
+niemand darf ungestraft auf dem Gebirge den Namen Rübezahl aussprechen; am
+gefährlichsten aber ist es auf der Schneekoppe und in des Teufels
+Lustgärtlein.«
+
+In der Hampelbaude übernachtete die Gesellschaft, froh, dem schrecklichen
+Wetter so leichten Kaufs entkommen zu sein, und am anderen Tage, als die
+Männer in der Schwimmanstalt badeten, erzählten sie den übrigen ihr
+Abenteuer auf der Koppe, wie Rübezahl sie erschreckt habe.
+
+»Ihr könnt wohl damit zufrieden sein,« sagte ein Fremder, der zum ersten
+Male unter ihnen erschienen war, »wenn euch der Berggeist nicht etwa noch
+einen schlimmeren Streich spielt.«
+
+»Nun, darüber sind wir wohl hinweg,« gibt einer der Reisenden zur Antwort
+und steigt aus dem Bade. Aber, o Himmel! wie erschrak die ganze
+Gesellschaft, als dieser Mann bis unter die Stirn schwarz gefärbt erschien;
+und noch größer ward ihr Entsetzen, als sie einer nach dem andern aus dem
+Wasser stiegen und dieselbe Farbe hatten, von der sie kein Waschpulver,
+keine Lauge rein wusch.
+
+Einen ganzen Tag mußten sie zum Spott der andern als Mohren herumgehen; am
+folgenden Morgen aber verschwand die fatale Färbung und die Gefoppten
+sprachen fröhlich zu einander: »Es ist doch ein schlimmer Spaßvogel.«
+_Wer?_ das mochte keiner sagen, so gescheit waren sie nun.
+
+
+
+
+Der verzauberte Stab.
+
+
+Ein Naturforscher besuchte das Sudetental und die dunkelblaue Kette der
+Riesenberge, die es umgrenzten; sein Auge war offen für die tausend und
+aber tausend kleinen Wunder, die in der Pflanzenwelt grünen und blühen, in
+den feinen Adern und Gängen der Mineralien klopfen. Er hatte die grüne
+Botanisierbüchse, die ziemlich schwer war, über die Schulter zu hängen,
+auch sah der Reisende sehr ermüdet aus. »Wäre ich nur so mit einem Schritt
+da drüben in Schmiedeberg,« sagte er halblaut, »dort könnte ich doch meine
+Pflanzenfunde einlegen und trocknen; ich habe neue, seltene Exemplare
+darunter.« -- Aber bis Schmiedeberg hatte der Botaniker noch zwei volle
+Stunden bergab zu steigen und doch ging die Sonne schon tief. Der Reisende
+verstärkte seine Schritte als plötzlich aus den Bäumen die gebückte Gestalt
+eines alten Mannes hervortrat, der mühsam ein schweres Bund Holz trug.
+
+
+»Ei Alter,« sprach der kräftige junge Mann, »das ist harte Arbeit für euch;
+habt ihr niemand zu Hause, der sie für euch tun könnte?«
+
+Der Angeredete wendete sein auffallendes Gesicht um, darin ein Paar helle
+Augen blitzten und eine scharf gebogene Nase bedeutend hervortrat, und
+antwortete: »Wer sollte mir es heimtragen? Ich habe weder Weib noch Kind,
+auch sonst keine Anverwandten und Freunde.«
+
+»Nun, so gebt mir's,« sagte der Botaniker gutmütig, »für meine Schultern
+ist das nur ein Spaß.« -- Dabei nahm er dem alten Manne die Last ab und
+trug sie neben der Pflanzenkapsel auf dem Rücken. »Wo habt ihr denn denn
+eure Wohnung, alter Vater?«
+
+»Nun, ein gutes Stück in die Berge hinein, noch hinter den Grenzbauden.«
+
+»Also wieder rückwärts -- o weh, meine Pflanzen,« sagte der junge Mann ganz
+leise, schritt aber doch rüstig vorwärts. Eine halbe Stunde hatte er fast
+versäumt durch seine Gutmütigkeit, darum warf er rasch das Gebund Holz an
+der kleinen Hütte nieder und sagte dem Alten Lebewohl. Aber dieser hielt
+ihn zurück.
+
+»Wie weit wollt ihr denn heute noch gehen?« fragte er.
+
+»Bis Schmiedeberg, dort habe ich Freunde und will meine Pflanzen einlegen.«
+--
+
+»Ei! damit hat's wohl bis morgen Zeit; bleibt doch in den Grenzbauden,
+lieber Herr, und seht die Sonne aufgehen; es gibt morgen einen schönen
+Tag.«
+
+»Seht nur, wie das manchmal geht; ich bin schon lange fort von daheim und
+mein Geld ist rein aufgezehrt, ich könnte eine Nachtherberge nicht mehr
+bezahlen. Drunten schaffen die Freunde wohl wieder Rat, obgleich sie
+brummen, daß meine Reiselust so viel Geld kostet. Nun, ich kann's doch
+nicht anders! -- Hätte ich Geld gehabt, so wäret ihr nicht so unbeschenkt
+von mir gegangen, mein guter Alter.« --
+
+»Nun, Glück auf den Weg, und da ihr noch einen so weiten Weg habt, da, --
+nehmt einen Stab aus dem Holzbündel, daß ihr mir so weit getragen habt, es
+ist doch eine Stütze beim Abwärtssteigen.«
+
+Der Reisende nahm lächelnd das Geschenk des alten Mannes, da er zu gutmütig
+war, um ihn durch ein Ablehnen desselben zu betrüben. Er schwenkte den Hut
+zurück und hob den Stab, um nun rüstig weiterzuschreiten, -- aber -- da
+stand er ja schon mitten in der Stadt neben dem altertümlichen Rathause und
+pochte an die Tür seines Freundes. -- Er glaubte zu träumen, faßte an seine
+Stirn, er war wach, die Botanisierbüchse hing schwer auf seiner Schulter,
+in der Hand hielt er den Stab, den ihm der Alte geschenkt hatte.
+
+Da hat mir meine Zerstreuung wohl einen Streich gespielt, und ich habe den
+weiten Weg zurückgelegt, ohne es zu bemerken, dachte er kopfschüttelnd und
+ließ es sich nun wohlsein bei dem Freunde. Die Pflanzen wurden eingelegt
+und geordnet, Moose mit der Lupe untersucht und beschrieben, die halbe
+Nacht hindurch. An sein Abenteuer dachte er nicht mehr, der rohe Stab lag
+verachtet im Winkel.
+
+So ging es einige Tage, da wachte die Reiselust wieder mit aller Macht auf.
+Könnte ich nur ein recht großes Stück hinaus in die Welt, dachte er, aber
+ich soll hier bleiben und ein Amt annehmen. Hätte ich nur eine Handvoll des
+armseligen Goldes, es sollte mich nichts abhalten, meinen Wanderstab wieder
+weiterzusetzen.
+
+ »Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
+ Den schickt er in die weite Welt,
+ Dem will er seine Wunder weisen
+ In Berg und Wald, in Strom und Feld!«
+
+Und traurig nahm er den Stab aus der Ecke, drehte ihn langsam in den Händen
+und dachte, wie herrlich es jetzt wäre, durch die Alpen nach Triest zu
+wandern. -- Er hatte es kaum ausgedacht, da stand er auf der letzten Höhe
+des Karstes, vor ihm der tiefblaue Himmel des südlichen Frühlingshimmels,
+das Adriatische Meer mit seiner grünen Farbe und den zahlreichen
+Schiffsmasten, tief unter ihm die mächtige Handelsstadt. Mit weit offenen
+Augen schaute er in die untergehende Sonne und jauchzte dann freudig auf.
+Ein Blick auf den rohen, unsscheinbaren Stab erklärte ihm das schöne
+Wunder, dem der glückliche Naturforscher die Befriedigung seines heißesten
+Wunsches, die Welt aber bald manch wichtige Bereicherung der Wissenschaft
+zu danken hatte. In seinem Herzen aber tönte der letzte Vers des schönen
+Liedes wieder, der sich auch an ihm bewahrheitet hatte:
+
+ Den lieben Gott lass' ich nur walten,
+ Der Bächlein, Berge, Wald und Feld
+ Und Erd' und Himmel wird erhalten,
+ Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.
+
+Als altersmüder Greis kehrte er in sein Vaterland zurück und pilgerte
+hinauf in das Riesengebirge, um dort den wunderbaren Stab niederzulegen.
+Wer ihn doch finden könnte! --
+
+
+
+
+Der böse Edelmann.
+
+
+Ein Edelmann, den Rübezahl schon einmal durch einen Possen gewarnt hatte,
+da ihm so viele Klagen zu Ohren gekommen, war besonders hart gegen die
+Armen, wenn er sie im Holze traf und gab ihnen seine Reitpeitsche sogleich
+zu fühlen. Trieb nun gar ein Bauer das herrschaftliche Wild von seinen
+Feldern, wo es Verheerungen anrichtete, den verfolgte er mit besonderem
+Hasse. Wer einen Hirsch tötete, der seine Saaten fraß, ward nicht selten
+zwischen die Geweihe eines Hirsches gebunden und in den Wald
+hinausgeschickt, bis das Tier sich seiner Bürde auf irgend eine Weise
+entledigte. --
+
+»Komm du mir nur einmal ins Gebirge, dir will ich's heimzahlen,« denkt
+Rübezahl. Nun geschieht's auch wirklich einmal, daß der Edelmann eine große
+Jagd anstellt und sich dabei um keine Grenze bekümmert. Auf diese Weise
+kommt er in Rübezahls Gebiet; der hört kaum das Hallo der Treiber, das
+Knallen der Röhre, so denkt er: »Ha, nun ist's Zeit!« Tritt also auf den
+Edelmann zu und fragt ihn, wer ihm erlaube, auf fremdem Reviere zu jagen.
+
+Der Edelmann erstaunte nicht wenig über die Keckheit des unbekannten,
+unscheinbaren Mannes, fährt ihn rauh an, ihn fragend, wie er dazu komme,
+ihm, dem Edelmann, in den Weg zu treten. Rübezahl erwiderte: »Hier bin ich
+der Herr, und du sollst sehen und fühlen, daß du mit mir nicht umspringen
+darfst, wie mit deinen armen Bauern.«
+
+Solche kecke Rede hatte der Edelmann noch nie gehört, er stößt in sein
+Hüfthorn und gibt den herbeieilenden Jägern Befehl, den Mann zu ergreifen.
+Der bleibt ruhig stehen und sieht einen nach dem andern mit stechenden
+Augen an und wenn er einen ansieht, so steht dieser gleich starr und steif
+da. Nun wird der Edelmann wütend, zieht sein Waidmesser heraus und will es
+dem ersten besten in den Leib stoßen. Aber Rübezahl faßt ihn gelassen an
+der Brust, so daß er sich nicht rühren und regen kann. Hierauf hält er ihm
+sein ganzes Sündenregister vor und sagt ihm, dies sei seine letzte Jagd. --
+Dann verschwand er, nachdem er den Edelherrn auf den Boden geworfen hatte,
+daß ihm alle Rippen krachten. Kaum war er fort, so bekamen Jäger und
+Treiber das Leben wieder, machten eine Bahre von Zweigen, legten den Herrn
+darauf und trugen ihn nach Hause.
+
+Nun war im Schlosse große Trauer und im Dorfe große Freude. Der Doktor
+wußte nicht recht, was er dem Kranken verschreiben solle und griff bald zu
+diesem, bald zu jenem. So mußte unser Edelmann ganze Schaufeln Pulver
+nehmen, Kochtöpfe voll Latwerge und Pillen, so groß wie Straußeneier; aber
+es half doch alles nichts. Nun wurde ihm Ader gelassen und er mußte so diät
+leben, wie ein Sperling; darüber verging der edle Herr vollends; zuletzt
+ward er so verändert und ruhig, daß er sagte: »Mit mir ist's vorbei, gebt
+mir meinen Degen an die Seite, daß ich wie ein Edelmann sterben kann.«
+»Gebt ihm auch die Sporen dazu,« sagte einer seiner Freunde, »denn diese
+gehören zu einem Edelmann, der vor seinen Gott treten soll.« Da
+verwunderten sich die Diener, daß ihr Herr auch einen Gott habe, weil sie
+dies nie zuvor gehört hatten und freuten sich in ihren einfältigen Herzen
+darüber. Und sie zogen ihm Stiefel und Sporen an, legten ihm den Degen an
+die Seite, zu Füßen sein Wappenschild. Dann starb der Kranke beruhigt. Auf
+einmal klopft es an die Tür und ein Fremder tritt herein, der sich für
+einen adeligen Arzt ausgibt und einen Versuch machen will, ob der Edelmann
+wirklich kein Leben mehr in sich habe. Das war aber wieder Freund Rübezahl,
+und wie er den Toten berührt, fällt er sogleich in ein Häufchen Asche
+zusammen; selbst vom Degen und den silbernen Sporen ist nichts mehr zu
+sehen.
+
+Vergessen ist der Edelmann wie jeder, der nichts Gutes im Leben geleistet
+hat, vergessen nicht nur von seinen Feinden, auch die Freunde, die freilich
+nur auf Äußerlichkeiten sahen, haben nichts zur Erinnerung zurückbehalten,
+vergessen wie jeder Egoist, der nichts tut, seine Mitmenschen zu beglücken,
+oder ihnen im Elend zu helfen.
+
+
+
+
+Grünmantel.
+
+
+In dem wüstesten und grauenvollsten Teile des Riesengebirges stand eine
+kleine Hütte, in der ein armer Köhler, namens Erdmann, mit seinem Sohne
+Konrad lebte. Konrad war ein hübscher, lebhafter und sehr gutartiger Knabe,
+dessen liebste Beschäftigung es war, in den Feierstunden -- denn er mußte
+seinem Vater fleißig arbeiten helfen, obgleich er kaum elf Jahre alt war,
+-- durch das Gebirge zu streifen, das am meisten verrufen war, weil man
+glaubte, daß Rübezahl dort sein Wesen treibe. Aber gerade an diesem Platze
+spielte er mit seinen Schulkameraden am liebsten, und es vergnügte sie am
+meisten, mit kleinen Steinen und Blechmarken Anschlag zu werfen.
+
+Seit einiger Zeit fanden die Knaben, wenn sie dies ihr Lieblingsspiel
+trieben, kleine Silberpfennige im Sande, was jedoch keinem von ihnen
+befremdlich war, da sie den Wert dieser Münzen nicht kannten und daher nie
+daran dachten, danach zu suchen. Spielte der Zufall einem oder dem andern
+einen solchen glänzenden Pfennig zu, so war's allemal eine laute Freude;
+doch waren die Kinder noch alle in dem glücklichen Alter, wo Habsucht oder
+unnütze Grübeleien ihrer Seele fremd waren; und so dachten sie auch nicht
+weiter über den Zusammenhang nach, als sich zuletzt bei ihren Spielen auch
+ein fremder Mann einfand, den sie, seiner Kleidung wegen, den Grünmantel
+nannten. --
+
+Grünmantel schien ein Freund der Kinder zu sein, er teilte ihre Spiele oder
+lehrte sie auch ganz neue. Immer fand er die meisten Silberpfennige und
+verteilte sie unter die Knaben, so daß diese ihn bald recht lieb gewannen,
+und gern gewußt hätten, woher er komme und gehe; denn er verschwand
+jedesmal spurlos und stand auch immer ebenso unvorhergesehen mitten unter
+ihnen. Da er aber diese Fragen nicht beantwortete, wurden sie ebenso rasch
+von den kleinen Burschen wieder vergessen.
+
+Zuweilen aber maßte sich ihr unbekannter Spielgefährte das Richteramt über
+sie an, wenn kleine Streitigkeiten zwischen ihnen vorkamen, und wer im
+Unrecht war, der konnte sich immer darauf gefaßt machen, einige derbe Hiebe
+von dem Grünmantel zu bekommen, ohne das dieser ein Wort dabei sprach. Oft
+verjagte er die ganze Knabenschar bis auf Konrad, für den er ein ganz
+besonderes Wohlwollen zeigte; er nahm alsdann diesen bei der Hand und
+führte ihn zwischen Klippen und Felsen zu überraschenden Punkten hin,
+zeigte ihm auch goldene Münzen im Sande, mit denen Konrad auch gern
+spielte, sie aber achtlos wieder verlor. Die vielen Wunderlichkeiten des
+Grünmantels verscheuchten nach und nach die kleinen Burschen von ihrem
+Spielplatze, und nur Konrad ließ sich nicht abhalten, immer wieder dahin
+zurückzukehren.
+
+Es war auch nicht einsam dort, denn nun fehlte der Grünmantel selten und
+fing jetzt an mit dem Knaben zu sprechen, was er nie zuvor getan hatte. Er
+wußte allerlei hübsche Geschichten zu erzählen und beschenkte seinen
+kleinen Freund oft mit Goldstücken, wogegen er sich das Versprechen der
+tiefsten Verschwiegenheit über alles dies geben ließ.
+
+Konrad dachte: dabei kann ja nichts Unrechtes sein, und versprach dem
+Grünmantel mit Hand und Mund, er wolle es nie einem Menschen sagen, daß er
+mit ihm zusammentreffe und so schönes Spielzeug von ihm bekomme. Und er
+hielt auch treulich Wort, denn er fürchtete, seinen lieben Spielgefährten
+sonst zu verlieren. So verging Sommer und Herbst in Lust und Freude; allein
+nun kam der Winter, und der tiefe Schnee verwehrte dem Knaben, seinen
+Freund auf dem Berge zu besuchen.
+
+In dieser Zeit erkrankte auch Konrads Vater, und der Schäfer des Dorfes gab
+wenig Hoffnung, daß es mit ihm noch einmal besser werden würde. Einen Arzt
+anzunehmen, war Erdmann zu arm, und so wankte er denn seinem frühen Grabe
+zu. Natürlich war an Verdienst nicht mehr zu denken, und es fehlte oft
+selbst an den schmalen Bissen, die Vater und Sohn zu ihrem Unterhalte
+bedurften. Wie leicht hätte Konrad aller Not ein Ende machen können, wenn
+er den Wert seiner goldenen Spielpfennige gekannt hätte und vor seinem
+Vater keine Heimlichkeiten gehabt hätte.
+
+So mußte, als alles andere verzehrt war, auch noch die Ziege verkauft
+werden, die Konrad so lieb hatte; wie traurig war der arme Knabe, als er
+sie am Strick nach dem nächsten Dorfe führen mußte, um sie dort zu
+verkaufen. Da begegnete ihm ein alter Mann, der ein Gespräch mit ihm
+anfing, und als er hörte, daß Konrad die Ziege verkaufen wollte, gab er ihm
+ein Goldstück dafür und wollte mit der Ziege seines Weges ziehen. Als aber
+der Knabe das Goldstück in der Hand hielt, schüttelte er den Kopf und
+sagte: »Guter Mann, solcher blanken Dinger habe ich viele zu Hause, dafür
+kann man aber nichts kaufen, die sind nur zum Spielen. Nehmt es also nur
+wieder zurück und gebt mir Silbergeld dafür.«
+
+»Kleiner Tor!« lachte der Mann, »mache einmal die Probe, was mehr gilt;
+hier hast du einen Silbergroschen und hier das Goldstück, lauf' ins Dorf
+und siehe, wofür du das meiste Brot bekommen wirst. Ich will hier auf dich
+warten.«
+
+Konrad gehorchte, ließ seine Ziege dem Fremden und ging ins Dorf zu einem
+Manne, der ehrlich genug war, ihn mit dem vollen Werte des Goldstückes
+bekannt zu machen und ihm nun allerlei Bedürfnisse für das Haus einkaufen
+zu helfen Damit kehrte Konrad wohlbehalten zurück, fand aber den fremden
+alten Mann nicht mehr wieder und eilte nun zu seinem Vater.
+
+An der Schwelle des Hauses sprang ihm seine liebe Ziege lustig entgegen.
+»Ein Fremder,« sagte der Vater, »hat sie mir heimgebracht; er habe sie im
+Walde gefunden, sagte er.« Darüber erstaunte Konrad nicht wenig und
+erzählte nun auch sein Abenteuer mit dem fremden, alten Manne. Von dem
+übrigen Gelde und den eingekauften Lebensmitteln konnten nun Vater und Sohn
+länger als eine Woche zehren und dankten Gott dafür, daß er ihnen eine so
+wunderbare Hilfe geschickt hatte.
+
+Aber die nahrhaftere Kost, die Konrad für den Kranken herbeigeschafft
+hatte, schadete diesem und mehrte seinen Fieberzustand so sehr, daß es
+schien, als, sei sein Tod nahe. Es kamen nun einige seiner Bekannten aus
+dem Dorfe, um ihm in den letzten Augenblicken beizustehen; darunter war
+auch der Mann, welcher dem kleinen Konrad das Goldstück eingewechselt
+hatte. Der sagte zu dem weinenden Knaben: »Gehe hinaus in die frische Luft,
+dein Vater wird schon wieder gesund werden, und wenn nicht, will ich dein
+Vater sein!«
+
+Traurig ging Konrad hinaus und richtete seinen Fuß nach dem bekannten
+Berge, wo er sonst so oft seinen lieben Grünmantel getroffen hatte. Es lag
+noch Schnee an einzelnen Stellen des Berges, während unten im Tale schon
+voller Frühling war. Für alle Schönheiten der Natur aber hatte der betrübte
+Knabe jetzt kein Auge, er legte sich in das weiche Moos und weinte still.
+Tief unter ihm brauste der Sturzbach, und das Gesträuch hatte eine grüne
+Färbung angenommen von den aufschwellenden Knospen.
+
+»Worüber weinst du denn so sehr?« sprach eine bekannte Stimme hinter ihm,
+und Konrad schlug freudig überrascht seine geschwollenen Augen zu der
+Gestalt seines Freundes Grünmantel empor. »Steh auf!« sagte dieser, »und
+erzähle mir dein Leid, vielleicht kann ich helfen!«
+
+»Ach!« antwortete der Knabe schluchzend, »hier ist alles so schön und
+drunten in unserer Hütte ist es gar so traurig. Mein lieber Vater stirbt,
+und ich bin dann verlassen und allein in der Welt.« --
+
+»Sieh einmal diesen wilden Rosenbusch an,« sagte Grünmantel, »wie ihn der
+Frühling wieder frisch und grün gemacht hat, so daß schon hin und wieder
+die ersten Blüten aufbrechen. Und nun denke daran, wie dürr und kahl er im
+Herbste stand, so daß du glaubtest, er könne nie wieder blühen. -- Sammle
+das frische Laub von diesem Strauche und bestreue deines Vaters Lager
+damit, vielleicht, daß die gesunkenen Kräfte sich noch einmal dadurch
+stärken lassen. Aber eile, denn die Zeit ist kurz!«
+
+Konrad nahm sich kaum Zeit, dem Grünmantel zu danken, er füllte seine Mütze
+ganz mit Rosenlaub und trug davon soviel in den Händen, als er fortbringen
+konnte. Eilig lief er damit den Berg hinab, der Hütte zu, und überstreute
+das Bett des Kranken mit dem duftenden Laube. Davon schlug der Vater die
+Augen auf und drückte dem Knaben schwach die Hand, aus Freude über den
+stärkenden Geruch. Und sichtbar ging eine Veränderung mit ihm vor, die alle
+in Staunen setzte. Schon am dritten Tage konnte er, auf Konrad und den
+Nachbar gestützt, das Bett verlassen und sich vor die Hütte in den milden
+Sonnenschein setzen. »Wie ist doch so großes Wunder an mir geschehen, der
+ich schon zu sterben meinte?« fragte er freudig.
+
+»Darum müßt ihr den Konrad befragen,« antwortete der Nachbar.
+
+»Nun,« sagte dieser unbefangen, »vielleicht hat euch das junge Laub
+geholfen, was ich auf euer Lager gestreut habe.«
+
+»Wie bist du denn zu dieser Wunderarzenei gekommen, mein Sohn?«
+
+Konrad schwieg verlegen; -- er dachte an das Versprechen, gegen niemand
+sein Geheimnis mit dem Grünmantel verraten zu wollen. Und lügen hatte er,
+gottlob! nicht gelernt.
+
+»Er wird das Rosenlaub wohl auch daher haben, von wo er seine Ziege
+wiederbekommen hat,« sagte der Nachbar spottend.
+
+»Gewiß, ich habe den fremden Mann, dem ich die Ziege verkaufte, nicht
+gekannt,« rief Konrad lebhaft, »und habe ihn weder zuvor, noch später
+gesehen!«
+
+»Um so besser,« fuhr der Nachbar mit höhnischer Miene fort, »wirst du _den_
+kennen, der dir den hübschen Vorrat von Goldstücken gab, die du so heimlich
+in deine Kammer versteckt hast!« --
+
+»Wie, mein Kind! Du hättest Gold gehabt und deinen Vater doch so lange Not
+leiden lassen?« fragte Erdmann vorwurfsvoll.
+
+»Vater, man kann ja damit nur spielen,« flüsterte Konrad schüchtern. »Aber
+ich will dir alles erzählen!«
+
+Und nun teilte ihm der Knabe in voller Wahrheit alles mit, obgleich er es
+nicht ohne geheimen Widerwillen tat, weil sein Freund Grünmantel es ihm ja
+verboten hatte.
+
+»Das ist niemand anders gewesen, als der Herr des Riesengebirges, der
+gefürchtete Rübezahl,« sagte Erdmann freudig, »er hat unserer Not nun auf
+immer ein Ende gemacht. Da er aber die Übertretung seiner Gebote oft streng
+zu bestrafen pflegt, wollen wir eilen, aus seinem Gebiete zu kommen.«
+
+
+Und nun holten sie die Goldstücke aus der Hütte, packten ihre wenigen
+Habseligkeiten zusammen und zogen in eine andere Gegend Schlesiens fort, um
+vor der Rache des Berggeistes sicher zu sein; dort kaufte Erdmann ein
+hübsches Häuschen und erzog Konrad zu einem braven, fleißigen Menschen, dem
+es stets wohl erging. Oft dachte dieser noch in den spätesten Jahren seines
+Lebens mit dankbarem Herzen an seinen lieben Gespielen Grünmantel.
+
+
+
+
+Rübezahl.
+
+
+Schauspiel in einem Akt.
+
+
+
+
+Personen:
+
+
+Rübezahl.
+Elisabeth.
+Vater Thomas.
+Gustav.
+Die Mutter.
+
+
+
+Erste Szene.
+
+
+Rübezahl (steigt während eines Gewitters aus der Erde empor und sieht sich
+neugierig überall um).
+
+
+Ich, Herr Johannes, im Riesengebirge
+Mit Furcht und Zittern nur genannt,
+Weil ich mit Lust die Bösen würge,
+Sie oft gestraft mit harter Hand;
+Ich zeige nach ein paar hundert Jahren
+Mich wieder einmal auf den Bergen hier,
+Um etwas Neues zu erfahren,
+Und zu durchreisen mein Revier.
+Musäus hat von mir geschrieben
+So manches Märchen wunderlich;
+Doch wenn die Menschen wie sonst geblieben,
+Sind sie viel närrischer als ich.
+Sie machen sich durch Haß und Neid,
+Durch Falschheit selbst das Leben sauer,
+Sie schätzen sich nur nach dem Kleid
+Und machen sich die Welt zur Trauer.
+Zwar sind gar viele hochgelehrt
+Und wissen wunderkluge Sachen,
+Doch fragt nur, was dazu gehört,
+Um sich das Leben leicht zu machen,
+Und, selbst von groben Fehlern rein,
+Es andern liebreich zu versüßen,
+Im Frieden mit der Welt zu sein,
+Da fragt einmal, ob sie das wissen?
+Denk ich der Jugend jetz'ger Zeit,
+Juckt's in den Fingern mich zur Stelle,
+Die macht sich gar gewaltig breit,
+Hält Kränzchen gar und Kinderbälle.
+Wenn sie französisch nur versteht,
+Glaubt sie schon Wunder was zu können,
+Sie kann wohl, wie der Ebro geht,
+Doch nicht der Heimat Flüsse nennen!
+Es sagt manch Kind dir auf ein Haar,
+Wer Mutius Scävola gewesen,
+Doch frage nur, wer Luther war,
+So haben sie's noch nicht gelesen.
+Dort sitzt ein Mädchen am Klavier
+Und fehlt nicht eine einz'ge Note,
+Fast jede Oper kennt sie dir,
+Nur leider nicht die zehn Gebote. --
+So steht es mit der Jugend jetzt,
+Die fromme Einfalt ist verschwunden;
+Ich aber hab mich in Bewegung nun gesetzt,
+Um mich als Herr hier zu bekunden.
+Ich werde, nach meiner alten Manier,
+Den Guten necken und endlich beglücken,
+Den Bösen aber, nach Gebühr,
+Recht arg geprellt nach Hause schicken.
+Sieh da, -- das kommt ja wie beschert, --
+Dort naht sich eine alte Mutter,
+Sucht dürres Holz für ihren Herd
+Und für die Zieg' ein wenig Futter.
+Zwei Kinder folgen, jung und zart,
+Da will ich mich sogleich verstecken,
+Vielleicht kann ich die Sinnesart
+Der armen Leutchen so entdecken. --
+
+(Er versteckt sich.)
+
+
+
+Zweite Szene.
+
+
+_Die Mutter_, _Elisabeth_ und _Gustav_ (dürres Reisig suchend);
+
+Mutter.
+
+Gottlob! das Gewitter ist vorüber;
+Es scheint die Sonne wieder schön.
+
+Elisabeth.
+
+Doch, gute Mutter, ihr solltet lieber
+Um trockne Kleider jetzt nach Hause gehn.
+
+Mutter.
+
+Es ist ja nur ein Rock im Schranke,
+Und du bist mehr als ich durchnäßt.
+
+Elisabeth.
+
+Ei, liebe Mutter, welch ein Gedanke,
+Ich bin noch jung, gesund und fest!
+
+Mutter.
+
+So laß uns nur die Hände rühren,
+Die Arbeit hier macht wieder warm
+Und läßt im Winter uns nicht frieren.
+
+Elisabeth (seufzend).
+
+Ach, wären wir nur nicht so arm!
+
+Mutter.
+
+Sprich, möchtest du denn etwa lieber
+Reich, wie der Nachbar Töffel, sein?
+
+Elisabeth.
+
+O nein, der schließt ja jeden Stüber
+Voll Geiz in seinen Kasten ein!
+
+Mutter.
+
+Könnt ich doch, wie der Schulze, schenken
+Der Tochter ein so stattlich Haus --
+
+Elisabeth.
+
+Da würd ich mich noch sehr bedenken,
+Dort sieht's nicht eben friedlich aus!
+
+Mutter.
+
+Ist Küsters Röse zu beneiden?
+Sie hat voll Linnen Kist' und Schrank! --
+
+Elisabeth.
+
+O nein, das wär' ein rechtes Leiden,
+Jahraus, jahrein ist Röse krank!
+
+Mutter.
+
+Die reiche Elsbeth aus der Mühle,
+Die wärst du aber gern, mein Kind?
+
+Elisabeth.
+
+Ha! was du sagen willst, das fühle
+Ich tief, -- _ihr ist die Mutter blind!_
+Nein, nein, ich schäme mich der Klage,
+Mit keinem möcht ich tauschen gern,
+Es hat ein jeder seine Plage;
+Vertrau'n wir nur auf Gott den Herrn.
+Um _deinetwillen_ mög' er schenken
+Uns bess're Tage, nicht so schwer. --
+
+Mutter.
+
+Willst du nicht auch des Guten denken?
+Wenn ich nur Elsbeths Mutter wär' --
+So bin ich rüstig auf den Füßen,
+Zur Wette spinn ich noch mit dir,
+Und meine Kinder -- sie versüßen
+Auch kummervolle Tage mir.
+
+(Elisabeth schlingt ihren Arm um die Mutter. Gustav kommt
+herbeigesprungen.)
+
+Gustav.
+
+Hier, seht nur, bring ich reife Beeren,
+Die Mutter jetzt allein sie essen muß.
+
+Mutter.
+
+Wir wollen sie zusammen verzehren,
+Denn so nur ist's für mich Genuß.
+
+
+
+Dritte Szene.
+
+
+_Die Vorigen. Rübezahl_ (als Jäger).
+
+Gustav.
+
+Sieh, Mutter, da kommt ein fremder Mann.
+
+Mutter.
+
+Brauchst darum keine Furcht zu hegen.
+Was geht der fremde Jäger uns an?
+Wir sind ja nicht auf bösen Wegen.
+
+Rübezahl.
+
+Gott grüß euch!
+
+Mutter.
+
+Schönen Dank, Herr!
+
+Rübezahl.
+
+Was macht ihr da?
+
+Mutter.
+
+Wir sammeln Reiser;
+Der Winter ist lang und oft gar schwer,
+Und schlecht verwahrt sind hier die Häuser.
+
+Rübezahl.
+
+Wer seid ihr?
+
+Mutter.
+
+Eine arme Frau
+Mit ein paar guten, frommen Kindern;
+Wir lebten sonst dem Ackerbau,
+Der Feind tat uns die Scheuern plündern,
+Nahm unser bißchen Vieh, zerschlug,
+Was eben nicht fortzubringen war;
+So kamen wir um Acker und Pflug,
+Es geht nun schon ins fünfte Jahr.
+
+Rübezahl.
+
+So seid ihr Witwe?
+
+Mutter.
+
+Nein, ach nein!
+Das wolle der liebe Gott verhüten!
+
+Rübezahl.
+
+Dann wird der Mann in der Schenke sein,
+Statt sich um Tagelohn zu vermieten?
+
+Mutter.
+
+Bewahre! mein guter Thomas war
+Stets fleißig und lebte eingezogen;
+Als aber das Vaterland in Gefahr,
+Da ist er mit in den Krieg gezogen.
+Fünf Jahr und drüber sind schon verflossen,
+Seit ich nichts mehr von ihm gehört,
+Seit ich und meine Unglücksgenossen
+Mit Tränen jeden Bissen verzehrt.
+
+Rübezahl.
+
+So läßt sich wohl nicht anders glauben,
+Als daß eine Kugel ihn hingerafft?
+
+Mutter.
+
+Wollt ihr die letzte Hoffnung mir rauben?
+Mit ihr des Lebens Mut und Kraft?
+
+Rübezahl.
+
+Doch besser, er schlummert im kühlen Grabe,
+Als wenn er, ein Bettler, wiederkehrt!
+
+Mutter.
+
+O, wenn ich ihn nur wiederhabe,
+Mein treues Herz nicht mehr begehrt.
+
+Rübezahl.
+
+Wenn nur nicht etwa gar am Ende
+Zum Krüppel ward der arme Mann?
+
+Mutter.
+
+Ach, dann gibt's noch vier fleißige Hände,
+Und auch der Gustel wächst heran! --
+
+Rübezahl.
+
+Ihr wagt euch so auf diese Straße,
+Wie, wenn der Berggeist euch erschreckt?
+
+Mutter.
+
+Hab ich doch immer gehört, er lasse
+Die guten Menschen ungeneckt!
+
+Elisabeth.
+
+Ja, Herr! wir haben ein gutes Gewissen;
+Er mag nur kommen, wenn's ihm beliebt.
+
+Rübezahl.
+
+Vielleicht würd' er dich zu trösten wissen,
+Du schienst vorhin mir sehr betrübt.
+
+Mutter.
+
+Wir haben schon viel Zeit verplaudert,
+Und im Gebirge ist's nicht gut,
+Wenn man bis in die Dämmrung zaudert.
+Lebt wohl!
+
+Rübezahl.
+
+Auch ihr, und bleibt bei gutem Mut.
+
+Mutter.
+
+O ja, was Gott über mich verhängt,
+Das wird er auch alles zum Guten lenken.
+
+Gustav (vertraulich zu Rübezahl).
+
+Wenn er einmal ein Eichhörnchen fängt,
+So könnt' er's wohl dem Gustel schenken!
+
+Rübezahl.
+
+Bist du der Gustel? wir wollen sehn!
+
+Gustav.
+
+Er sieht zwar etwas grimmig aus,
+Als wollt er einem den Hals umdrehen;
+Ich mache mir aber gar nichts daraus.
+
+Rübezahl.
+
+Das freut mich, Kleiner!
+
+Mutter.
+
+Komm, mein Kind!
+Noch ist der Korb nicht voll, drum munter!
+Wir suchen und füllen ihn geschwind;
+Und dann in unser Dörfchen hinunter.
+
+(ab).
+
+
+
+Vierte Szene.
+
+
+Rübezahl (allein).
+
+Die Mutter ist brav, die Kinder gut,
+Man hört es ja aus jedem Worte;
+Schon manchem half ich aus Übermut,
+Doch hier ist Hilf' am rechten Orte.
+
+
+
+Fünfte Szene.
+
+_Der Vorige. Thomas_ (auf Krücken, ohne Rübezahl zu sehen).
+
+Thomas.
+
+Für heute kann ich nun wohl nicht weiter,
+Ich armer Krüppel! was soll ich tun?
+Die Luft ist warm, der Himmel heiter --
+Hier will ich unter dem Baume ruhn.
+Den Berg herauf mußt' ich schon keuchen,
+Doch morgen hab' ich neue Kraft,
+Die liebe Heimat zu erreichen,
+Die mir die letzte Ruh' verschafft.
+Zwar komm' ich, ach, mit leeren Händen,
+Und bin ein Krüppel obendrein,
+Kann nur verzehren, nur verschwenden,
+Und nichts erwerben -- welche Pein!
+Warum fand nicht den Weg zum Herzen
+Die Kugel, die mein Knie gefaßt!
+So wär' ich ledig aller Schmerzen,
+Und meinen Kindern nicht zur Last.
+Zur Last? -- Ach nein, sie werden gerne
+Hilfreich dem Vater zur Seite stehn;
+Und der da droben regiert die Sterne,
+Läßt mich, wohl auch nicht untergehn. --
+Könnt' ich denn nichts, gar nichts erwerben?
+Sind doch die Hände noch wohl geschickt;
+Und gerne, gerne will ich sterben,
+Hab' ich nur die Meinen noch erblickt.
+
+(Er hat sich unter einem Baum gelagert).
+
+Rübezahl (beiseite).
+
+Er ist's! -- fürwahr auf diese Höhen
+Hat ihn ein guter Geist, geschickt;
+Er mag im Traum die Kinder sehen,
+Bis er sie wach an den Busen drückt.
+
+(Ab, nachdem er nach einigem Nachsinnen dem Thomas die Krücken weggenommen
+hat).
+
+Thomas (erwachend, greift um sich und sucht sie vergebens).
+
+Wo sind meine Krücken? -- guter Gott! --
+Ein Bösewicht hat sie mir genommen, --
+Wer trieb mit mir so bittern Spott,
+Wie soll ich nun nach Hause kommen?
+
+
+
+Sechste Szene.
+
+
+_Rübezahl_ (als Köhler), _Thomas_.
+
+Rübezahl.
+
+Was wimmert denn da?
+
+Thomas.
+
+Ach, guter Freund,
+Seid mir tausendmal willkommen!
+Ihr wie ein Engel mir erscheint, --
+Ein Bube hat mir die Krücken genommen,
+Sucht doch im Strauchwerk, guter Mann,
+Vielleicht warf er sie weg --
+
+Rübezahl.
+
+Der Bärenhäuter!
+
+Thomas.
+
+Ich bin ein lahmer Kriegesmann,
+Und ohne Krücken kann ich nicht weiter.
+
+Rübezahl (beiseite).
+
+Ich will dir deinen Schmerz bezahlen.
+(laut). Wer seid ihr denn? wo kommt ihr her??
+
+Thomas.
+
+Ich heiße Thomas, komm aus Westfalen,
+Im Kriege ward ich verwundet schwer.
+Dort unten im Tal liegt meine Hütte,
+Wo mir in guter Kinder Mitte,
+Das treue Weib zur Ruhe winkt,
+Da bin ich denn bis hierher gehinkt. --
+
+Rübezahl.
+
+Seid ihr der Thomas, der vor fünf Jahren
+Geplündert unter die Soldaten ging?
+
+Thomas.
+
+Der bin ich. Habt ihr was erfahren,
+Wie es indes den Meinen ging?
+
+Rübezahl.
+
+Die Tochter -- ist im Bach ertrunken;
+Den Jungen -- haben die Pocken hinweggerafft;
+Und endlich ist die Mutter ins Grab gesunken,
+Wie ein dürrer Baum, ohne Saft und Kraft.
+
+(ab).
+
+Thomas.
+
+Gott! Gott! dann brauch' ich keine Krücken,
+Keinen Trost und keine Hilfe mehr! --
+O Kugel, die mich lahm geschlagen,
+Warum nicht höher herauf ins Herz!
+Ich habe alles mit Mut ertragen;
+Jetzt unterlieg' ich meinem Schmerz.
+
+
+
+Siebente Szene.
+
+
+_Gustav_ und _Thomas_.
+
+Gustav (der einen Schmetterling haschen will).
+
+Wart! wart! Ich will dich doch wohl fangen,
+Und wärst du schneller als der Wind!
+
+Thomas.
+
+Wie wird mir -- welch ein heimlich Bangen --
+Ach, welch ein liebes, schönes Kind!
+
+Gustav.
+
+Ach! sieh -- ein Fremder --
+
+Thomas.
+
+Darfst nicht erschrecken,
+Mein Kind, ich bin kein böser Mann.
+
+Gustav.
+
+Ich werde mich nicht vor ihm verstecken,
+Hab' ich doch ihm auch nichts getan.
+
+Thomas.
+
+Hast du das Gebirge nicht gescheut?
+Wie kommst du so allein in den Wald?
+
+Gustav.
+
+Nicht doch, die Mutter ist ja nicht weit.
+
+Thomas.
+
+Ach Gott, mein Gustel wär' auch so alt!
+
+Gustav.
+
+Wir sammeln für den Winter Reisig.
+
+Thomas.
+
+Ihr guten Leute seid wohl arm!
+
+Gustav.
+
+Ei freilich, aber die Mutter ist fleißig;
+Wär' nur im Winter der Ofen warm.
+
+Thomas.
+
+Der Vater schafft euch warme Betten.
+
+Gustav.
+
+Ja, wenn wir noch einen Vater hätten!
+
+Thomas.
+
+Du hast den Vater schon verloren?
+
+Gustav.
+
+Er zog in den Krieg, kaum war ich geboren.
+
+Thomas.
+
+Wie mir das durch die Seele geht!
+Wie alles seltsam sich muß treffen,
+Mich Armen schadenfroh zu äffen.
+Mein Gustel! -- meine Elisabeth! --
+
+Gustav.
+
+Was wollt ihr von uns?
+
+Thomas.
+
+Von euch? wieso?
+
+Gustav.
+
+Ich und die Schwester, wir heißen ja so.
+
+Thomas.
+
+Ha! treibt denn hier in seinem Grimme
+Mit mir sein Spiel ein böser Geist?
+
+Mutter (hinter der Szene).
+
+He! Gustel!
+
+Thomas.
+
+Das ist meines Weibes Stimme!
+
+Mutter (noch immer hinter der Szene).
+
+Wo bist du, Gustel? Um Gottes Willen!
+
+Gustav.
+
+Gleich, liebe _Mutter!_ ich komme gleich!
+
+Thomas.
+
+O, könnt' ich mein Verlangen stillen --
+O, könnt' ich _kriechen_ durchs Gesträuch!
+
+Gustav.
+
+Will er die Mutter sehen, so sitze
+Er nicht so faul, und rühr' er sich.
+
+Thomas.
+
+Kind, ich bin lahm -- hab' keine Stütze.
+
+Gustav.
+
+Nun denn, so stütz' er sich auf _mich_.
+
+Thomas.
+
+Du willst mich ihr entgegenführen?
+Ihr -- wag' ich zu hoffen? -- süßer Betrug.
+
+Gustav (hilf ihm auf und stützt ihn).
+
+Nur auf! Er soll gemächlich spazieren;
+Ich bin wohl klein, aber stark genug.
+
+
+
+Achte Szene.
+
+
+_Die Vorigen. Mutter. Elisabeth._
+
+Mutter (setzt ihren Korb nieder).
+
+Wo bleibst du? Hast du dich verirrt?
+
+Thomas.
+
+Sie ist's! -- O halte mich, Kind! halte!
+
+Mutter.
+
+Was seh' ich! sind meine Sinne verwirrt --
+Mein Mann! -- (sie stürzt sich ihm in die Arme).
+
+Thomas.
+
+Mein Weib!
+
+Elisabeth (hängt sich an ihn).
+
+Der Vater!
+
+Gustav (verwundert).
+
+Dieser Alte?
+
+Mutter.
+
+Du bist nicht tot?
+
+Thomas.
+
+Ihr seid nicht gestorben?
+
+Mutter.
+
+Dich hab' ich wieder?
+
+Thomas.
+
+Ich umarme dich.
+
+Elisabeth.
+
+Wir haben's durch unser Gebet erworben.
+
+Gustav.
+
+Bist du der Vater, so küß auch mich.
+
+Thomas (tut es).
+
+Ja dich, den Gott als Engel sandte;
+(zu Elisabeth) Und dich, die mir so hold erscheint.
+
+Mutter.
+
+Wo kommst du her?
+
+Thomas.
+
+Aus fernem Lande.
+
+Mutter.
+
+Wir haben lang um dich geweint!
+
+Thomas.
+
+Ach, weinen werdet ihr auch wieder!
+Der liebe Gott mir alles nahm!
+O, setzt mich unter dem Baume nieder,
+Ich bin ein Bettler -- und -- bin lahm!
+
+Mutter.
+
+Ein Bettler? nein! nenn' es gelinder;
+Sechs Hände sind, Dich zu nähren, bereit,
+Du hast dein Weib und deine Kinder,
+Die werden dich stützen jederzeit.
+
+Thomas.
+
+O höre, Gott, mein dankbar Beten! --
+Ich fand euch wieder, ihr habt mich lieb.
+Doch soll ich meine Hütte betreten
+Als ein unnützer Tagedieb!
+Soll ich von euch mich lassen füttern?
+
+Mutter.
+
+Willst du uns die schöne Stunde verbittern?
+Du brauchst ja nur zum _Gehn_ die Krücken,
+Kannst drum die _Hände_ dennoch rühren.
+Wir wollen es sogleich probieren;
+Komm, hilf den Korb mir auf den Rücken;
+Dann wandeln wir getrost und munter
+Den wohlbekannten Pfad hinunter.
+
+Thomas (dem seine Kinder aufgeholfen haben).
+
+Ja, liebes Weib, du gibst mir neues Leben;
+Wie wohl mir der Gedanke tut,
+Ich sei doch noch zu etwas gut.
+Wo ist der Korb? Ich will ihn heben!
+
+(Elisabeth unterstützt ihn dabei, die Mutter stellt sich mit dem Rücken
+gegen ihn, und er versucht, den Korb auf ihre Schultern zu heben).
+
+Thomas.
+
+Von mir gewichen ist die Kraft des Lebens;
+Auch dieser Korb ist mir zu schwer!
+
+Elisabeth.
+
+Ich will auch helfen, Vater; gebt her!
+
+(sie will den Korb aufheben)
+
+Seltsam; auch ich versuch' es vergebens.
+
+Thomas.
+
+Um mich zu trösten, stellst du dich schwach.
+
+Elisabeth.
+
+Nein, wahrlich, Vater! ich heb' und hebe;
+Allein umsonst. (Sie blickt in den Korb). Ach, Mutter! Ach,
+Die Reiser sind _Gold!_ so wahr ich lebe!
+
+Mutter (wendet sich um).
+
+Was sagst du?
+
+Gustav (hüpft um den Korb).
+
+Gold, Gold, lauter Gold!
+
+Mutter.
+
+Ich bin erschrocken, daß ich bebe.
+
+Thomas (sinkt wieder unter den Baum).
+
+O Kinder, der Berggeist ist uns hold;
+Gewiß von ihm kommt das Geschenk.
+
+Mutter.
+
+Nun sieh', es leuchtet ein neuer Morgen!
+
+Thomas.
+
+Nun darf der Krüppel nicht mehr sorgen!
+O, seid der Wohltat eingedenkt!
+
+Gustav.
+
+Dank dir, du guter Rübezahl!
+
+Mutter.
+
+Mein Dank ist stumm und ohne Wort.
+
+Elisabeth.
+
+Wie bringen wir aber den Korb nun fort?
+Der Weg ist weit hinab ins Tal. --
+Wir müssen auch den Vater führen;
+Denn eher lass' ich die goldene Beute.
+
+
+
+Neunte Szene.
+
+
+_Die Vorigen. Rübezahl_ (als wandernder Chirurgus).
+
+Rübezahl.
+
+O sagt mir doch, ihr guten Leute,
+Kann ich hier nicht den Weg verlieren?
+
+Mutter.
+
+Wo kommt er her? Wo will er hin?
+
+Rübezahl.
+
+Aus fremden Ländern ward ich verschrieben,
+Weil ich ein berühmter Wundarzt bin,
+Meine Kunst in Hirschberg auszuüben;
+Dort, sagt man, lebt ein reicher Mann,
+Dem ist einmal vor vielen Jahren,
+Als er im Kriege sich hervorgetan,
+Eine Kugel in das Knie gefahren;
+Ein Ignorant hat es schlecht kuriert,
+Davon ist der Fuß ihm steif geblieben;
+Weil er nun nicht gern auf Krücken marschiert,
+So hat er mich aus Paris verschrieben.
+Über Hals und Kopf komm' ich von dort,
+Bin auf der Reise schon viele Wochen;
+Soeben ist mir der Wagen zerbrochen,
+Da wollt' ich denn zu Fuße fort. --
+
+Mutter.
+
+I nun, die Beschwerde ist noch erträglich;
+Hirschberg ist eben nicht mehr weit.
+
+Thomas.
+
+Ach, sag er mir, Herr! ist das wohl möglich,
+Daß er den Fuß von der Lähmung befreit,
+Wenn schon eine geraume Zeit verstrichen
+Und alles schon verwachsen ist?
+
+Rübezahl.
+
+Freund, das ist mir eine Kleinigkeit;
+
+Mutter.
+
+Ach Gott, welch' neuer Hoffnungsstrahl! --
+
+Rübezahl.
+
+Doch freilich ist mein Balsam teuer.
+
+Elisabeth.
+
+Befreit den Vater von seiner Qual,
+Und was wir besitzen, sei flugs euer.
+
+Rübezahl (lachend).
+
+Blutwenig ist wohl, was ihr besitzt?
+
+Mutter (rasch).
+
+Hier, dieser Korb --
+
+Thomas.
+
+O nicht doch, Kind!
+Ein gesunder Fuß euch ja weit minder,
+Als dieser Schatz im Korbe nützt.
+
+Mutter.
+
+Mit Freuden wollen wir alles missen.
+
+Rübezahl.
+
+Was habt ihr denn im Korbe dort?
+
+Mutter.
+
+Gold! lauter Gold!
+
+Rübezahl.
+
+Das schenkt ihr fort,
+Als wären's Schalen von Haselnüssen?
+
+Mutter.
+
+Ach, Herr! für ein Weib, das redlich liebt,
+Auf Erden kein größer Glück es gibt,
+Als wenn sie für einen wackern Mann
+Das Beste und Liebste opfern kann.
+
+Elisabeth.
+
+Hilft er, so spring' ich deckenhoch.
+
+Gustav.
+
+Und Gustel ihm ein Liedchen singt. --
+
+Thomas.
+
+Nicht wahr, Herr, wenn's auch nicht gelingt,
+Ein glücklicher Vater bleib' ich doch? --
+
+Rübezahl (beiseite).
+
+Bin, ich doch sonderbar bewegt,
+Fast scheint's -- trotz meinem geistigen Wesen -- --
+Daß Neid sich gegen die Menschen regt.
+(laut) Wohlann, mein Freund, ihr sollt genesen!
+
+Mutter.
+
+Ist's möglich, Herr!
+
+Rübezahl.
+
+Ja, eure Krücken
+Werft nur in Gottes Namen weit,
+Es tut in wenig Augenblicken
+Mein Balsam seine Schuldigkeit.
+
+(Er setzt sich zu Thomas, zieht ein Büchschen hervor und reibt ihm das
+Knie).
+
+Mutter.
+
+O Rübezahl! jetzt fühlen wir erst
+Den ganzen Wert von deinem Geschenke.
+
+Thomas.
+
+Ha! diese zerschmetterten Gelenke --
+Wie ist mir -- neues Leben zuckt
+Durch jede Muskel, jede Nerve --
+Die Last, die mich zu Boden gedrückt,
+Wie leicht ich sie von der Schulter werfe! --
+
+Gustav (faltet die Hände).
+
+Ach, Mutter! ich bete Sprüch' und Psalter,
+Das wird vielleicht von Nutzen sein.
+
+Thomas.
+
+Geschmeidig wird mein Fuß. --
+
+Rübezahl.
+
+Nun, Alter?
+Versucht? einmal und steht allein!
+
+Thomas.
+
+Es ist geschehen! ich bin gesund!
+Gott! Gott! ich danke dir; und ihm!
+
+_Mutter und Elisabeth_ (umarmen Rübezahl von beiden Seiten).
+
+O Herr! --
+
+Gustav.
+
+Gott wollt's ihm segnen alle Stund'.
+
+Rübezahl.
+
+Nun, nun, nur nicht so ungestüm,
+Mein Balsam hat den Dienst verrichtet;
+Doch schwebt euch auch wohl noch im Sinn,
+Zu welchem Geschenk ihr euch verpflichtet?
+
+Elisabeth.
+
+Da steht der Korb!
+
+Mutter.
+
+Nehmt alles hin!
+
+Rübezahl.
+
+Zuweilen die Menschen sich hoch vermessen,
+Zu geben und schenken, was es auch sei;
+Ist aber die Gefahr vorbei,
+So wird das Gelübde gar oft vergessen.
+
+Mutter.
+
+Nein, zieh er nur hin mit der goldnen Bürde.
+
+Elisabeth.
+
+Auch nicht ein Blättchen nehmen wir an! --
+
+Thomas.
+
+Nun fühl ich erst wieder des Hausvaters Würde,
+Da ich für die Meinigen arbeiten kann.
+
+(Mutter und Kinder umschlingen den genesenden Thomas; währenddessen
+verwandelt sich Rübezahl.)
+
+Alle.
+
+Ha! Rübezahl! -- der gute Geist!
+
+(Sie heben die Hände zu ihm empor -- er verschwindet.)
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Rübezahl, by Rosalie Koch
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÜBEZAHL ***
+
+***** This file should be named 37940-8.txt or 37940-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/7/9/4/37940/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+States.
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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