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Mohn + +Release Date: November 6, 2011 [EBook #37940] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÜBEZAHL *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Rübezahl. + +Neue Sammlung +der +schönsten Sagen und Märchen + +von dem + +Berggeiste im Riesengebirge. + +Von +Rosalie Koch. + +Zehnte Auflage. + +Mit Illustrationen in Farbendruck und in Holzschnitt +nach Originalen von +Professor P. Mohn. + +Berlin. +Winckelmann & Söhne. + + + + +Inhalt. + + +Einleitung +Woher Rübezahl seinen Namen hat +Der Kräutersammler +Die Musterreiter +Der Meckerfriede +Die Anleihe +Der Wundertaler +Der Goldmacher +Rübezahl straft einen Spötter +Die Perücken +Mutter Else +Glücks-Männlein +Die drei besten Menschen +Der böse Vogt +Rübezahl straft einen Unwissenden +Wie Rübezahl vor Prellerei warnt +Rübezahl betrügt die Geldmäkler +Die Springwurzel +Der gefundene Esel +Der Spieler +Rübezahl und der Schneider +Rübezahl und der lügenhafte Knecht +Der reiche Bäcker +Das Zauberbuch +Wie Rübezahl einem Bauer hilft +Der kleine Peter +Die Reise nach Karlsbad +Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft +Das Rad +Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt +Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden +Rübezahl macht einem Förster einen Zopf +Der alte Schäfer +Die drei Tischlergesellen +Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen +Der Wanderstab +Die gefärbten Badegäste +Der verzauberte Stab +Der böse Edelmann +Grünmantel +Rübezahl. Schauspiel in einem Akt + + + + + + + + +Einleitung. + + +Das Riesengebirge, das euch, meine jungen Freunde, aus der geographischen +Lehrstunde wohl bekannt ist, ja welches einzelne von euch schon besucht +haben, ist derjenige Teil der Sudeten des preußischen Staates, wo sie am +höchsten und engsten verbunden sind und Schlesien von Böhmen und Mähren +scheiden. Die hervorragenden Spitzen derselben sind von ansehnlicher Höhe, +die Riesen-, auch Schneekoppe genannt, welche 1605 m über dem Meeresspiegel +liegt; ferner der Reifträger, das hohe Rad und die Sturmhaube; auch haben +starke Flüsse, z. B. die Elbe und der Bober, ihren Ursprung zwischen +felsigen Höhen. -- Dort nun war ehemals der Aufenthalt eines mächtigen +Berggeistes. Sein Gebiet umschrieb auf der Oberfläche des Riesengebirges +nur wenige Meilen, breitete sich aber im Innern desselben desto weiter und +tiefer aus. Der Gnom herrschte oft jahrhundertelang still in seinem +unterirdischen Reiche, und erhob sich nur selten auf die Oberwelt, um dort +sein Wesen zu treiben. + +Zur Zeit, als noch kein menschlicher Fußtritt das verkümmerte Knieholz und +die spärliche Vegetation der Berge betrat, ehe die Gegend bewohnt war, +begnügte sich der Herr der Riesenberge damit, wilde Tiere aufeinander zu +hetzen, oder sie aus ihrem Lager aufzuschrecken, und sie in wilder Jagd +durch das Gehölz zu treiben. + +Als er aber nach langer Zeit wieder einmal das Tageslicht der Oberwelt +aufsuchte, fand er zu seinem Erstaunen alles so sehr verändert, daß er fast +sein eigenes Gebiet nicht wiedererkannte. Grünes Saatenfeld erhob sich, wo +früher ein finsterer Wald gestanden hatte, und auf Wiesen weideten Schafe +und Rinder, unter der Obhut singender Hirten und schützender Hunde. Da +lagen einzelne Hütten in den Tälern, aus deren Schornsteinen der Rauch +lustig emporstieg und vor deren Türen muntere Kinder spielten, mit +fröhlichem Geschrei. Der Gnom wunderte sich nicht wenig über diese neuen +Erscheinungen; seine größte Aufmerksamkeit aber erregten die Gestalten der +Menschen, die er nie zuvor gesehen hatte. Seine Neugier ward rege, und er +beschloß, diese fremden Wesen näher kennen zu lernen, indem er ihre Gestalt +annahm und einige Zeit unter ihnen lebte. + +Zuerst trat er als Knecht in die Dienste eines Landwirtes und verrichtete +seine Arbeit aufs beste. Was er unternahm, das gelang, und er schaffte +seinem Herrn so großen Nutzen, daß dieser leicht ein reicher Mann hätte +werden können. Aber er war ein Verschwender und verjubelte leichtsinnig +alles, was der fleißige und geschickte Knecht erwarb, dem er für seine +treuen Dienste nicht einmal dankte. Darüber ward denn der Berggeist +ärgerlich und suchte sich einen andern Herrn, bei dem er sich als Schafhirt +vermietete. Und wieder gedieh unter seiner Aufsicht die Herde aufs beste; +kein Schaf erkrankte, keins zerriß der Wolf, solange der Gnom sie hütete. +Aber der Herr war ein Geizhals, der niemals genug hatte, dem treuen Knechte +kaum satt zu essen gab und ihm, so oft er konnte, den bedungenen Lohn +verkürzte. Darum ging dieser auch bald wieder aus diesem Dienst und kam als +Gerichtsdiener zu einem Amtmann. Er versah auch diesen Dienst mit allem +Eifer, und in kurzer Zeit war im ganzen Kreise kein Dieb oder Straßenräuber +mehr zu finden. Als aber der Berggeist sah, daß der Amtmann ein ungerechter +Richter war, der sich durch Geschenke und Schmeicheleien bestechen ließ, +mochte er ihm nicht länger dienen und lief davon. Da er nun durch Zufall an +lauter schlechte Menschen geraten war, glaubte der Gnom, daß sie alle nicht +anders wären, und ohne Lust, weitere Proben davon zu machen, nahm er sich +vor, so weit sein Gebiet reichte, die Menschen zu necken und zu plagen, +damit sie sich wenigstens aus dieser Gegend entfernen sollten. Später +freilich sah er auch diesen Irrtum ein und lernte manchen tugendhaften und +guten Menschen kennen und schätzen und hat denn auch, wie wir sehen werden, +mit seinen Zauberkünsten manchem armen Schelm aus der Not geholfen. + +Wenn er nun wieder von Zeit zu Zeit die Oberwelt besuchte, neckte er die +Reisenden und mischte sich in ihre Geschäfte. Er leitete die Fremden irre, +die sein Gebiet betraten oder trieb Regenwolken zusammen, um sie durch +Sturm und Gewitter zu erschrecken. Er stellte oft in der ödesten Gegend ein +Wirtshaus, oder einen wundervollen Palast auf und äffte die hungrigen und +ermüdeten Wanderer auf alle Weise damit. Wenn betrügerische Roßtäuscher +sein Gebiet betraten, zeigte er sich nicht selten auf einem schönen Pferde +als ein vornehmer Herr; ließen sie sich nun verleiten, ihm das Roß +abzukaufen und ritten weiter damit, so verwandelte es sich nach kurzer Zeit +in einen Strohwisch. -- Traf er dagegen einen unbemittelten Edelmann, der +auf einem mageren Klepper traurig durch das Gebirge ritt, so kam er ihm +wohl als ein stattlicher Reiter entgegen, ließ sich in irgend ein Gespräch +mit ihm ein, und suchte ihn zu irgend einer Wette zu veranlassen. Er selbst +verlor dann, und gab dem glücklichen Gewinner sein schönes Pferd, steckte +ihm auch wohl noch heimlich eine Rolle mit Gold in die Tasche. + +Solche Vorfälle wurden aber bald bekannt, und lockere Burschen oder +Abenteurer, die davon hörten, suchten nun die Wohltätigkeit des Berggeistes +auf ähnliche Weise in Anspruch zu nehmen. Aber da wurden sie empfindlich +getäuscht; wenn sie auch glücklich das Pferd erlisteten, so verwandelte es +sich doch bald genug in einen dürren Stock, auf dem sie immer weiter +ritten, ohne es zu bemerken und zum Gespött in Stadt und Land wurden, wohin +sie kamen. + +So trieb er sein Wesen oberhalb des Gebirges, bald als neckender Spuk, bald +als Wohltäter der Armen, je nachdem seine Laune eben war. Die Märchen, +welche über den Berggeist Rübezahl noch im Munde des Volkes fortleben, +findet ihr, meine jungen Leser, hier größtenteils gesammelt und neu +bearbeitet. Die Autoren, von denen ein Teil derselben entnommen worden, +sind: _Musäus, Lehnert_ u. a. m. + + + + + +Woher Rübezahl seinen Namen hat. + + +Unsichtbar schlich der Berggeist einmal von seinem Felsen ins Tal hinab, +und lustwandelte zwischen grünem Gesträuch und blühenden Hecken. Da +gewahrte er die Gestalt eines überaus lieblichen Mädchens, welches die +Tochter eines Fürsten war, der im schlesischen Gebirge herrschte, und die +sich mit ihren Gespielinnen ins Gras gelagert hatte. Sie pflegte oft mit +den Jungfrauen ihres Hofes in diesen Büschen zu lustwandeln, für ihren +Vater Erdbeeren zu pflücken oder Wohlgeruch duftende Kräuter und Blumen zu +sammeln. »Ei,« dachte der Berggeist, »dies schöne, heitere Wesen wär' eine +gar erfreuliche Gesellschaft in meinem einsamen Reiche,« -- und alsbald +entführte er als ein Sturmwind die schöne Emma, indem er die Augen der +Gespielinnen durch Staub und Sand blendete, die nun mit ihrem Wehklagen +Berg und Tal erfüllten und ohne Unterlaß nach der geraubten Prinzessin +suchten. + +Der König, ihr Vater, war sehr betrübt darüber, nahm die goldene Krone von +seinem Haupte und verhüllte sein weinendes Angesicht in den Purpurmantel. + +Am traurigsten aber war die Prinzessin selbst, als sie sich plötzlich in +dem Palaste des Berggeistes befand, den er im Augenblicke aufgebaut und mit +soviel Reichtum und Glanz ausgeschmückt hatte, wie es die Königstochter +selbst am Hofe ihres Vaters nicht gesehen. Sie selbst war auf das +kostbarste gekleidet, und eine ganze Reihe Kisten und Schränke standen mit +allerlei Putz und Schmuck für sie angefüllt. Ein schöner Lustgarten umgab +den Palast von drei Seiten, die Obstbäume darin trugen purpurrote und +goldene Früchte, und auf den Rasenplätzen, die von den seltensten Blumen +eingefaßt waren, lag der erquickendste Schatten. Der Berggeist, bemüht, daß +es seinem schönen Gaste gefallen solle, ernannte die Prinzessin zur +unumschränkten Herrin dieser Besitzung und folgte jedem ihrer Winke wie +einem Befehl. Aber bei alledem fühlte sich Emma doch unglücklich, denn sie +sehnte sich nach ihrem Vater und ihren Gespielinnen zurück. + +Der Gnom bemerkte bald die Traurigkeit der holden Prinzessin und dachte: Es +mangelt ihr nur an Unterhaltung, denn der Mensch ist an Geselligkeit +gewöhnt, gleich der Biene und Ameise. Und flugs ging er hinauf aufs Feld, +zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich +geflochtenen Korb und brachte sie der Prinzessin. + +»Holde Erdentochter,« redete er sie an, »du sollst nun nicht länger einsam +sein; in diesem Korbe ist alles enthalten, was du bedarfst, um diesen +einsamen Ort zu beleben. Nimm diesen kleinen, buntgeschälten Stab, berühre +eine dieser Rüben damit und gib ihr diejenige Gestalt, welche dir gefällt.« +Darauf verließ er die Prinzessin. + +Diese zögerte keinen Augenblick, von dem Zauberstabe Gebrauch zu machen. +»Brinhild!« rief sie, »meine liebe Brinhild, erscheine!« und alsbald +umschlang die Gerufene ihre Knie und liebkoste die holde Gebieterin mit +Tränen der Freude. Emma überließ sich nun ganz dem Glück, ihre liebste +Gespielin um sich zu haben; sie lustwandelte Hand in Hand mit ihr durch den +Garten, brach von den köstlichsten Früchten für sie, dann zeigte sie ihr +die schönen Kleider, die Ketten und Spangen von Gold und Edelsteinen und +vergaß über Brinhildes Bewunderung fast allen Harm. + +Nun verwandelte Prinzessin Emma auch noch die übrigen Rüben durch den +Zauberstab, so daß sie wieder ihre Kammerfrauen und sogar ihre Cyperkatze +und ihr Hündchen um sich hatte. Wie sie so ihren alten Hofstaat um sich +versammelt sah, war sie wohl zufrieden mit dem Berggeiste und zeigte ihm +zum erstenmale ein freundliches Gesicht. Aber ihr Glück war von kurzer +Dauer, denn nur zu bald bemerkte Emma, daß die blühende Gesichtsfarbe ihrer +Gesellschafterinnen erbleichte und sie nur noch die einzige frische Rose +unter den abwelkenden Jungfrauen war. Ja eines Morgens, als Emma klingelte, +kamen an Stäben und Krücken statt der Kammerfrauen lauter alte Matronen ins +Zimmer gehumpelt, die zitterten und husteten, daß es traurig anzusehen war; +das Lieblingshündchen selbst lag im Verscheiden, und die Cyperkatze konnte +nicht mehr kriechen vor Schwäche. Bestürzt verließ die Prinzessin diese +unheimliche Gesellschaft, trat auf den Söller hinaus und rief den Gnom, der +auch sogleich erschien. + +»Was hast du mit meinen Gespielinnen und Kammerfrauen gemacht, boshafter +Geist!« redete sie ihn zornig an; »mißgönnest du mir diese einzige Freude +in der schrecklichen Gefangenschaft, in der du mich hältst? Wenn du ihnen +nicht sogleich Jugend und Wohlgestalt zurückgibst, will ich nicht aufhören, +dich mit meinem Haß zu verfolgen, und nicht eher sollst du mein Angesicht +sehen.« + +»Zürne nicht,« bat der Berggeist, »ich kann das Unmögliche bei aller meiner +Kraft nicht erfüllen. Solange noch Saft in den Rüben war, konntest du durch +den magischen Stab ihr Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln, nun +dieser aber vertrocknet ist, müssen die verwandelten Gestalten nach den +Gesetzen der Natur verwelken, die ich nicht abändern kann. Aber bekümmere +dich deshalb nicht zu sehr, schöne Emma, ich will dir sogleich andere Rüben +bringen, mit denen du deinen Hofstaat schnell wieder ersetzen kannst. Gib +indes der Natur ihre Geschenke wieder zurück.« + +Der Gnom entfernte sich eilig, und Emma nahm den bunten Stab zur Hand, +berührte die alten Matronen mit dem umgekehrten Ende desselben und warf +dann die vertrockneten Rüben, in welche sie sich wieder verwandelt hatten, +in einen Winkel. Nun eilte sie, so schnell sie konnte, zu ihrem +Lieblingsplatze, einer grünen Rasenstelle im Garten, um den frisch +gefüllten Korb von dem Berggeiste wieder in Empfang zu nehmen. Aber da kam +ihr der Gnom schon mit sichtbarer Verlegenheit entgegen und sagte ganz +bestürzt: + +»Ich habe dir voreilig mehr versprochen, als ich nun zu halten imstande +bin; das ganze Land habe ich durchstreift, um noch einen Rübenacker zu +finden, aber überall, sind sie schon eingeerntet und verwelken in dumpfigen +Kellern. Obgleich es hier in deiner Nähe Frühling ist, so ist doch das Tal +unten mit Eis und Schnee bedeckt, und du mußt noch drei Monate warten, bis +ich dein Verlangen und mein Versprechen erfüllen kann.« -- + +Da drehte ihm die Prinzessin zornig den Rücken und verschloß sich traurig +in ihre Zimmer; der Gnom bekam ihr Angesicht nicht mehr zu sehen, so sehr +er auch bat. Er begab sich nun als Pachter verkleidet nach Schmiedeberg, +kaufte dort auf dem Markte einen Esel und belud ihn mit Säcken voll +Rübensamen, damit er einen ganzen Morgen Land besäen konnte. Nun bestellte +er den Acker, und seine dienstbaren Geister mußten ein unterirdisches Feuer +anschüren, damit die linde Wärme das rasche Wachstum der Saat befördere. + +Das Rübenkraut schoß auch bald lustig genug auf und der Berggeist durfte +auf eine reiche Ernte hoffen. Die Prinzessin ging nun täglich auf das +Ackerfeld hinaus, aber es ging ihr mit dem raschen Wachstum der Saat immer +noch zu langsam, und ihre Augen verloren allen Glanz, ihre Wangen alle +Farbe. Sie war nämlich mit einem schönen Prinzen des Nachbarlandes verlobt +gewesen, und die Hochzeit war nahe, als der Berggeist sie von der Erde +entführte. Prinz Ratibor durchstreifte nun die Gegend ohne Unterlaß, um +seine Braut wiederzufinden, und zog sich endlich ganz traurig in die +einsamsten Waldungen zurück, als alle seine Bemühungen erfolglos blieben. +Emma aber wünschte ebenso sehr, wieder zu ihm zurückkehren zu können, als +Prinz Ratibor, sie wiederzufinden, und sie schmiedete in ihrer freiwilligen +Einsamkeit -- da sie noch immer zürnend die Gesellschaft des Gnomen mied -- +einen klugen Plan, um aus ihrer Haft zu entfliehen und den Hüter zu +täuschen; wußte sie doch jetzt, daß auch er zu überlisten war. + +Allmählich zog nun der schöne Lenz wieder in dem Gebirgstale ein, und die +Rüben wurden groß und voll. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus, +um allerlei Versuche damit zu machen; sie gab ihnen allerlei Gestalten, +anscheinend nur zu ihrer Unterhaltung, aber sie hatte eine andere Absicht +dabei. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden und schickte +sie auf Kundschaft aus zu ihrem Verlobten: + +»Flieg', kleine Biene, gegen Sonnenaufgang zu dem Prinzen Ratibor und summe +ihm ins Ohr, daß ich lebe, aber in der Gefangenschaft des häßlichen +Berggeistes bin. Verlier' kein Wort von meinem Gruße und kehre alsdann +geschwind zurück, mir Antwort zu bringen.« + +Das Bienchen flog vom Finger der Prinzessin, wohin sie gewiesen war; aber +sie hatte ihren Flug kaum begonnen, als eine Schwalbe auf sie herabstieß +und die kleine Botin verschlang. + +Darauf formte Emma eine Grille, gab ihr denselben Auftrag und sagte: + +»Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge hin, zum Prinzen Ratibor und sag' +ihm, daß ich der Befreiung aus der Gewalt des Berggeistes durch seinen +starken Arm harre.« -- + +Die Grille flog und hüpfte, so schnell sie konnte, aber ein langbeiniger +Storch ging eben am Wege spazieren und fing sie mit seinem langen Schnabel +auf. + +Die Prinzessin harrte also lange vergebens darauf, daß ihre Boten +zurückkehren möchten; aber diese mißlungenen Versuche schreckten sie nicht +ab. Sie gab einer dritten Rübe die Gestalt einer Elster und sagte: + +»Fliege hin, du beredsamer Vogel, von Baum zu Baum, bis du zum Fürsten +Ratibor kommst; dem sage von meiner traurigen Gefangenschaft und gibt ihm +Bescheid, daß er am dritten Tage von heute ab mit Roß und Mann an der +Grenze des Gebirges sei, um mich aufzunehmen, und aus der Gewalt des Gnomen +zu befreien.« -- + +Die zweifarbige Elster flatterte darauf von einem Ruheplatz zum andern, und +Emma folgte ihrem Fluge mit den Augen, so weit sie konnte. + +Prinz Ratibor irrte indessen noch immer durch die Wälder, den Verlust +seiner holden Braut beklagend. So saß er einmal unter einer schattigen +Eiche und rief traurig den Namen der Prinzessin in die Luft. Alsbald hörte +er von einer unbekannten Stimme rufen und erblickte eine Elster, die auf +den Zweigen einer Eiche hin und wieder flog. Und diese begann nun +herzusagen, was Emma sie gelehrt hatte. Als Prinz Ratibor diese Botschaft +hörte, ward er voller Freude, eilte schnell in sein Hoflager zurück, +rüstete eine Anzahl Reisige aus und zog mit ihnen guten Mutes den +Riesenbergen zu. + +Emma hatte inzwischen alles zu ihrer Flucht vorbereitet. Sie erschien eines +Tages wieder mit dem größten Schmuck angetan; alles kostbare Geschmeide, +womit der Herr der Riesenberge sie beschenkt hatte, trug sie an sich und +strahlte dadurch ebenso sehr, als durch den Ausdruck der Freude, der in +ihrem Gesichte lag; denn die Elster war glücklich zurückgekommen und hatte +ihr gemeldet, was sie ausgerichtet hatte. + +Als der Gnom die Prinzessin so freundlich und schön geschmückt sah, glaubte +er, sie habe nun endlich ihren Widerwillen gegen diesen Aufenthalt besiegt +und werde nun durch Heiterkeit und Frohsinn sein einsames Reich beleben. Er +trat ihr daher freundlich entgegen und fragte: »ob sie ihm noch zürne, daß +er sie so lange auf ihren Hofstaat habe warten lassen müssen?« Die +Prinzessin lächelte zum erstenmale freundlich und verhieß ihm, sie wolle +fortan gerne bei ihm bleiben, wenn er ihr zuvor noch einen kindischen +Wunsch erfüllen wolle. Dazu vermaß sich der Gnom sogleich, und nun trug ihm +die Prinzessin schalkhaft auf, die Rüben des Ackers zu zählen, ohne sich +dabei zu irren, weil sie ihre Zofen und sonstige Gesellschaft daraus wählen +wolle, und schon jetzt genau zu wissen wünsche, wieviel ihr zu Gebote +stehen würden. + +Sogleich eilte der Berggeist zum Ackerstücke und fing an, die Rüben mit +großer Sorgfalt zu zählen, als er damit fertig war, wollte er sich davon +überzeugen, ob er sich auch gewiß nicht geirrt habe, und fing noch einmal +von neuem zu zählen an. Aber da fand er eine ganz andere Summe, als das +erstemal, und mußte das beschwerliche und langweilige Geschäft zum +drittenmal beginnen. + +Während er also beschäftigt war, benutzte Emma seine Abwesenheit sogleich, +um ihren Plan ins Werk zu setzen. Sie nahm eine starke, saftvolle Rübe und +verwandelte sie in ein mutiges Roß mit Sattel und Zeug. Rasch schwang sie +sich nun darauf und sprengte über Heiden und Gestrüpp dahin, bis hinab in +das Tal, wo Prinz Ratibor ihr schon entgegenkam und die atemlose Flüchtige +in seinen Schutz nahm. + +Als der Gnom mit seiner mühevollen Arbeit nach wiederholtem Zählen zustande +gekommen war, eilte er, die Prinzessin aufzusuchen; da er sie aber auf dem +Rasenplatz nicht mehr fand, lief er durch die bedeckten Gänge und Lauben +des Gartens. Endlich rief er im ganzen Palast ihren Namen aus und wurde +zuletzt unruhig darüber, daß ihm nur der Widerhall Antwort gab. Alsbald +schwang er sich in die Luft empor, um sein Gebiet zu überschauen, und da +sah er denn seine schöne Gefangene noch in der Ferne, wie ihr Roß eben über +die Grenze setzte. Wütend ballte der erzürnte Geist einige Wolken zusammen +und schleuderte einen Blitz nach den Fliehenden; aber dieser traf nur eine +der hundertjährigen Grenzeichen und zersplitterte sie in viele Tausende von +Teilchen. Jenseits der Grenze hörte aber seine Macht auf, und die +Donnerwolke zerfloß in sanften Heidenrauch. + +Nachdem er in stummer Wut den Entflohenen noch lange nachgeschaut hatte, +kehrte er zornig in seinen Palast zurück, aber nur, um diesen samt dem +köstlichen Lustgarten zu zertrümmern. Dann zog er sich an die entferntesten +Grenzen seines Gebietes zurück, um seinen Menschenhaß im Mittelpunkte der +Erde zu verbergen. Nach und nach aber überwand er auch diesen wieder und +lebte von Zeit zu Zeit unter den Gebirgsbewohnern, stiftete mancherlei +Gutes oder neckte die Menschen mit ihren Schwächen und Gebrechen, so daß +mancher dieselben erkannte und sich besserte, zu seinem und seiner +Mitmenschen Wohl. Nie aber hatte der Berggeist wieder versucht, ein schönes +Erdenkind zu entführen, oder etwas zu versprechen, was er nicht halten +konnte. + +Fürst Ratibor aber führte die schöne Emma im Triumph an den Hof ihres +Vaters zurück, der ihn nun mit der Hand der Prinzessin und einer schönen +Stadt belohnte, die nach dem Besitzer »_Ratibor_« genannt wurde. Das +sonderbare Abenteuer, das die Prinzessin im Riesengebirge erlebt hatte, und +ihre schlaue Flucht wurden das Märchen des Landes und pflanzte sich von +Geschlecht zu Geschlecht weiter fort. Die Bewohner der umliegenden Gegend, +die den Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten +ihm nun einen Spottnamen auf und nannten ihn fortan nur _Rübenzähler_ oder +Rübezahl. + + + + + +Der Kräutersammler. + + +Vor langen Jahren lebten in einem Dörfchen am Riesengebirge ein paar alte +Leute, Bieder, ehemals ein Köhler, und Else, sein Weib, arm und unbeachtet, +in einer kleinen, baufälligen Hütte. Sie hatten keine Kinder und nur wenig +Anverwandte, denn die Armut hat nur einen Freund, und der ist im Himmel. Es +lebte zwar noch eine Schwester des Köhlers mit ihrer Tochter, aber sie +wohnte im Böhmenlande, war auch eine Witwe und mußte sich kümmerlich +ernähren. + +Um diese alten Leute nun kümmerte sich niemand; sie hatten gar oft früher +die helle Sonne, als ein Stück schwarzes Brot im Hause, und die arme Else +näßte ihr Gespinnst oft mit Kummertränen, seit ihr guter Alter an der Gicht +daniederlag und seine gelähmten Hände auch nicht mehr die Spindel halten +konnten, womit er sonst seinem Weibe das Brot verdienen half. Da ward +freilich die Not erst recht groß, denn Else mußte den Kranken hegen und +pflegen, und konnte nun nicht mehr jeden Tag, wie sonst, eine Strähne des +schönsten Garnes spinnen. Wenn jetzt der Garnhändler an der Hütte vorbei +kam und an die kleinen Scheiben des Fensterchens pochte, -- da schüttelte +Else oft nur traurig den Kopf, denn sie hatte ja kein Garn zu verkaufen, +oder es war so wenig, daß die paar Groschen eben nur zu Salz und Brot +ausreichten. So verging den armen Leuten die Zeit unter Leiden und +Entbehrungen. + +Da saß eines Tages der alte Bieder vor der Hütte und wärmte die kranken +Glieder im Strahl der Sonne; Else brachte ihm die Pfeife mit dem Kopf aus +Holz heraus, nahm dann Rocken und Spindel und setzte sich neben den Greis +auf den Holzblock. Auf der Landstraße wirbelten kostbare Reisewagen den +Staub auf und nahmen die Richtung nach dem nahe gelegenen Warmbrunn, dessen +weltberühmtes Bad schon Tausenden von Kranken Heilung und Hilfe bereitet +hat. -- »Ach,« seufzte die arme Else, »wenn wir doch auch reich wären, wie +jene vornehmen Reisenden; dann könntest du auch das Warmbad brauchen für +deine kranken Glieder und würdest wohl noch einmal gesund und rüstig.« -- +Bieder ließ traurig den Kopf sinken, und als Else nun ihren Mann so +niedergeschlagen sah, hätte sie ihm gern Mut und Freudigkeit zugesprochen. +Sie erhob daher ihre freilich schon zitternde Stimme und begann das schöne +Lied von _Neumark_: »Wer nur den lieben Gott läßt walten etc.« -- »Weißt du +auch,« schob sie zuvor ein, »was mir der Pfarrer neulich von diesem schönen +Liede erzählte? Georg Neumark habe in Hamburg in so großer Armut gelebt, +daß er seine liebe Violine habe versetzen müssen. Da fand er unvermutet +Gönner, die ihn reichlich unterstützten und ihm auch eine Anstellung +verschafften. Nun konnte er das liebe Instrument wieder einlösen, und aus +Freude darüber machte er das Lied -- Wer nur den lieben Gott läßt walten, +-- welches er selbst zuerst unter Tränen des Dankes gesungen hat.« An +dieser Erzählung richtete sich ihre eigene gebeugte Seele auf, und ihr +Gesicht hatte den Ausdruck froher Ergebung angenommen, als sie zu der +letzten Strophe des Liedes kam: »Denn welcher seine Zuversicht auf Gott +setzt, den verläßt er nicht.« + +Da kam auf der Landstraße ein hübsches Mädchen daher, die trug ein kleines +Bündel Kleider unter dem Arme; sie schien sehr ermüdet zu sein, und die +unbeschuhten Füße waren an manchen Stellen wundgerissen von Baumwurzeln und +Gestrüpp. Als sie nun in die Nähe der Hütte kam, stand sie mit einem: »Grüß +euch Gott!« still, und fragte mit fremdklingender Aussprache: »Könnt ihr +mir wohl sagen, ob hier ein Mann mit Namen Bieder wohnt?« + +»Das bin ich selbst,« antwortete der Alte, und in dem nämlichen Augenblicke +lag das fremde Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Die Mutter grüßt +euch nochmals, lieber Ohm; am Osterfeste ward sie begraben!« -- »Tot?« +fragte Bieder erschrocken, und faltete die Hände. »Du lieber Gott im +Himmel! -- Und du, mein Mädchen, bist wohl Theresens Kind? So sei uns denn +herzlich willkommen!« + +Else trat nun auch herbei, gab dem Mädchen die Hand, strich ihr dann +liebkosend die vollen Zöpfe aus dem braunen Gesicht und klopfte sie auf die +Wange. Da faßte sie der Base Hand und bat mit ihrer sanften Stimme: »Ach, +sei du nun mein Mütterlein, Base Else! siehe, ich bin ja ohne Schutz und +Schirm wie ein Vöglein des Waldes.« + +»Für dich auch wird der Vater sorgen,« sprach da die gute Else, umarmte das +verlassene und verwaiste Mädchen und führte es hinein in die Hütte, daß es +sich ausruhe und an ein wenig Brot und Käse stärke. Am Abend machte die +gute Alte für Susy ein Lager von Heu und Baumblättern zurecht, und so +ärmlich dies war, schlief das Mädchen doch so süß, als läge es auf dem +weichsten Flaum. + +Else aber ließ die Sorge nicht schlafen. Sie ging schon frühe hinaus vor +die Hütte, um ungesehen zu beten und zu weinen, und suchte zugleich junge +Erdbeerblätter zum Frühtrank für sich und den Vater; für Susy hatte sie +noch ein Töpfchen Milch aufgespart. -- Von der neuen Tochter hatte Else +zwar jetzt Unterstützung und Pflege für ihre alten Tage zu erwarten, aber +es fehlte dem Mädchen doch manches, zu dessen Anschaffung Else keinen Rat +wußte. Wäsche und Kleider hatte Susy meist den harten Leuten lassen müssen, +bei denen die Mutter gewohnt hatte, und denen sie in der langen Krankheit +vieles schuldig geblieben war. Zwar blühte Susy frisch und kräftig wie eine +Alpenrose, hatte eine silberhelle Stimme und wußte schöne Lieder zu singen, +die sie mit der Zither begleiten konnte, aber Else hätte lieber für das +Mädchen gebettelt, als das sie zugegeben hätte, daß sie damit ihr Brot zu +verdienen suche. Woher aber das Nötige zu ihrem Unterhalt nehmen? Das gute +Mütterchen sah keinen Ausweg und vergaß, daß _Einer_ in der Höhe lebt, der +ja viel tausend Wiege findet, wo der Verstand nicht einen sieht. + +Da hörte Else plötzlich den Gesang einer Männerstimme im stillen Walde, und +alsbald kam ein Kräutersammler mit seiner Blechkapsel auf dem Rücken daher. +Er schien Else nicht zu bemerken und sang laut und verständlich für jene: + + »Wider alle Wunden + Gibt's ein kräftig Kraut, + Der hat Heilung funden, + Der dies Kräutlein braut. + In des Glaubens Garten + Ist es nur zu schaun, + Lernt das Kräutlein warten, + Es heißt: Gottvertraun!« -- + +Else horchte hoch auf, das Herz pochte ihr fast laut, und ein Glaube, stark +wie Felsengrund, kam hinein. Sie schämte sich ihres Kleinmutes, trocknete +ihre Tränen und erwiderte freundlich den Gruß des Reisenden, der indes +näher gekommen war. + +»Habt ihr etwas von meiner Ware nötig?« fragte er Else und zeigte auf den +Kräuterkasten; doch diese schüttelte wehmütig den Kopf, indem sie +antwortete: + +»Ach, lieber Freund, das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt ihr doch wohl +nicht in eurem Kasten, denn für den Tod ist kein Kraut gewachsen; und mein +armer Mann wird die Gicht nicht eher los, biß sie ihm Erde und Rasen +aufgelegt haben.« + +Da lächelte der Fremde seltsam und wiederholte singend: »Wider alle Wunden +gibt's ein kräftig Kraut usw.« + +Else war ganz wunderbar zumute; sie fragte den Kräutersammler nun wirklich, +ob er ein Mittel gegen das böse Übel ihres Mannes habe und versprach, ihm +gern das Zwanzigkreuzerstück dafür zu geben, was sie seit ihrem +Konfirmationstage am Halse trug. Der Fremde ging nun mit ihr in das +Häuschen, wo Susy schon rüstig aufgeräumt, das Bett des Kranken aufgemacht +und die Fenster geöffnet, um dem Staube freie Bahn zu geben, den sie jetzt +mit flinker Hand ausfegte. Der Kräutersammler sah ihr wohlgefällig zu. »Ist +das Eure Tochter?« fragte er Else, die ihm einen Sessel brachte, den sie +zuvor sauber mit der Schürze abgewischt hatte. + +»Nein, lieber Herr!« antwortete diese, »es ist meiner Schwägerin Kind aus +Böhmen, eine Waise, und erst seit gestern bei uns!« + +Mittlerweile hatten Susy und der Ohm den Eintretenden verwundert +angeschaut; Susy nahm ihm dienstfertig die schwere Blechkapsel vom Rücken +und war so flink und gewandt, das es eine Freude war, ihr zuzusehen. Der +Fremde nahm nun aus seiner Büchse ein Büschel grünen, starkriechenden +Krautes, hieß Else dies kochen und die lahmen Glieder des Kranken damit +waschen, -- wollte aber keine Belohnung dafür annehmen und nur ein +Stündchen in der Hütte ausruhen. Susy war nun wieder rasch bei der Hand, +die Kräuter zu kochen und den Umschlag zu bereiten, und fragte, als sie +damit fertig war, was sie nun schaffen solle? + +»Kannst du spinnen, mein Kind?« fragte die Base; aber darauf schüttelte das +Mädchen den Kopf. »Nun, so will ich es dich lehren,« sagte Else, und +aufmerksam trat jene hinzu. + +Aber der Fremde sprach: »Ich will das Mädchen eine leichtere Art zu spinnen +lehren, als ihr da mit der Spille habt; sie soll bald schneller als ihr, +gutes Mütterchen, die volle Weise an die Wand hängen können.« Ungläubig +lächelte Else, doch schon nach wenig Stunden kam der Kräutersammler mit +einem Spinnrädchen zurück, dessen Gebrauch den armen Köhlerleuten noch ganz +unbekannt war, zeigte der aufmerksamen Susy, wie man den feinen Faden um +die eiserne Spille rollen müsse und machte ihr dann mit der kleinen +schnurrenden Maschine ein Geschenk. Er sagte ihr noch, daß er ihr einen +andern Garnhändler zuschicken wolle, der das Garn besser bezahle, und +entzog sich dann rasch dem Danke der Familie, die ihren unbekannten +Wohltäter im dichten Walde verschwinden sah. + +Susy spann vom Morgen bis zum Abend, sang ein böhmisches Liedchen dazu und +drehte das Rädchen so flink, daß Else und der Ohm ihr mit Verwunderung +zuschauten. Das Garn flog nur so auf die Spule, und niemals riß der Faden +der fleißigen Spinnerin. So ging es einige Zeit; der Kräutersammler kam +nicht wieder, und auch der fremde Garnhändler, der nun jeden Sonnabend kam, +um das Gespinst zu kaufen, kannte ihn nicht, obgleich er sagte, der +Kräutersammler habe ihn hierher gewiesen. Mit dem Kranken wurde es von Tage +zu Tage besser, bald konnte er die gelähmten Glieder wieder bewegen und +erlangte endlich, durch die wunderbaren Heilmittel des fremden +Kräutersammlers, seine völlige Gesundheit wieder. + +Nun schnitzte und künstelte er so lange, bis er für Else ein ähnliches +Rädchen zusammengesetzt hatte, die nun mit ihrem Lieblinge um die Wette +spann und jetzt schon jede Woche einige Groschen zurücklegen konnte; so +mehrte sich ihr Verdienst. Vater Bieder beschäftigte sich damit, +Spinnrädchen zu bauen, da ihm das erste so gut gelungen war, und er konnte +gar nicht genug davon fertig machen, so sehr fragte man danach und bezahlte +diese neue Erfindung so gut, daß schon eine Art Wohlstand in die arme +kleine Hütte einkehrte, durch den Fleiß und die Sparsamkeit ihrer Bewohner. + +Jetzt gab es Mutter Else auch nicht mehr länger zu, daß ihr liebes +Pflegetöchterchen auf dem Heu schlafe, und sie ging mit der ersparten +Barschaft nach der Stadt auf den Jahrmarkt, um ihr heimlich ein Federbett +zu kaufen. Aber die kleine Summe reichte dazu nicht aus, und betrübt stand +die gute Alte, als ihr plötzlich im dichtesten Menschengedränge der +Kräutersammler begegnete. Sie hielt ihn sogleich fest bei der Hand, +erzählte ihm, daß ihr Mann gesund geworden sei, und dankte ihm tausendfach +für seine Hilfe; eben wollte sie ihm sagen, wie fleißig ihre liebe Susy sei +-- da war er spurlos vor ihren Blicken entschwunden, und sie hielt statt +seiner Hand eine kleine lederne Börse fest, die genau jene Summe enthielt, +die ihr zum Ankaufe des Bettes noch gefehlt hatte. + +Wer könnte das Staunen, aber auch die Freude der guten Else beschreiben! +Sie kaufte nun fröhlich ein, und ein junger Landmann, den sein Weg an Elses +Hütte vorüberführte, nahm diese samt dem Federbett mit auf seinen Wagen +nach Hause. Susy saß eben am offenen Fenster, drehte ihr flinkes Rädchen +und sang eins ihrer vaterländischen Liedchen, als der junge Bauer vor dem +Häuschen hielt und verwundert dem hellen Gesange der emsigen Spinnerin +zuhörte. Aber kaum bemerkte das Mädchen die Ankunft der Base, als sie +fröhlich herausgesprungen kam und sogleich Hand anlegte, das Bett in das +Haus zu tragen. + +Peter bot freiwillig seine Hilfe dazu an und konnte sein Auge von der +flinken, blühenden Dirne kaum mehr abwenden. Seine Pferde mußten lange vor +der kleinen Hütte stehen; denn die dankbare Else nötigte ihn in die Stube +hinein, und auf seine Bitte mußte Susy das Lied noch einmal singen, in dem +sie durch die Ankunft der Base gestört worden war. Als der junge Bauer +endlich zögernd Abschied nahm, dachte er, wie glücklich er sein würde, wenn +einmal solch eine fleißige, muntere Dirne sein Weib würde. Vater und Mutter +waren ihm gestorben, und sein schönes Bauerngut kam ihm jetzt recht einsam +und öde vor. -- Kurz, nach wenig Wochen ging er in seinem Sonntagsstaat zu +dem alten Bieder und warb um Susy. Er war ein guter, ordentlicher Bursche, +den das Mädchen wohl leiden mochte, darum erhielt er ihre freudige +Zustimmung unter der Bedingung, daß sie ihre liebe Pflegeeltern mit in die +neue Heimat bringen dürfe, um sie nun erst recht zu pflegen und ihre Liebe +dankbar vergelten zu können. + +Darin willigte Peter mit Freuden, und die Hochzeit ward auf das Osterfest +festgesetzt. An demselben Tage, wo die arme Susy vor einem Jahre verwaist +und trostlos aus ihrer Heimat gegangen war, sollte sie in das neue, schöne +Besitztum einziehen, darin ihrer ein sorgenfreies Leben wartete. + +Nur _ein_ Gedanke verkümmerte Susys Freude über ihr Glück; sie war so gar +arm und konnte nicht einmal einige Webe Leinwand, wie es wohl unter den +Dirnen Sitte ist, in die neue Wirtschaft mitbringen. So fleißig sie auch +gesponnen hatte, immer hatte sie das Garn verkaufen müssen, um den +Unterhalt davon zu bestreiten und einen neuen Anzug für sich und die Eltern +zu kaufen. Sie war recht traurig darüber und stützte gedankenvoll den Kopf +in die Hand; da pochte es leise an die Scheiben des Fensterleins, und der +fremde Garnhändler nickte ihr freundlich zu. Als sie aber hinausging, war +der verschwunden, und im Hausflur lagen sechs Ballen der schönsten +Leinwand; »der fleißigen Susy zum Brautschatz«, stand auf einem Zettel, der +darauf lag. + +Wer da die überraschte Braut gesehen hätte, wie sie, weinend vor Freude, +bald der Base, bald dem Alten um den Hals fiel und wie ein Kind jubelte, +der hätte die Armut um ihr schönes Vorrecht beneidet, aus dem kleinsten +Glücke eine Fülle der Freude zu ziehen. -- Susy schnitt und nähte nun +fleißig; der Garnhändler aber kam nicht mehr wieder. Man gedachte seiner +wie des Kräutersammlers mit heißem Danke. + +So war der Hochzeitstag herangekommen, der ganz still begangen ward; doch +als Susy an der Hand ihres Bräutigams aus der Kirche kam, in anspruchsloser +Schönheit, die blühende Myrte im kunstvoll geflochtenen Haar, -- als alle +Zuschauer Peters Glück priesen, der eine so sittige, gutherzige und +fleißige Hausfrau heim führe, -- da stand plötzlich der Kräutersammler vor +dem Brautpare und reichte Susy einen frischen, blühenden Strauß, indem er +sprach: + +»Fleiß, Gottvertrauen und _Demut_ sind die beste Aussteuer eines Weibes, +mehr wert als _Tausend Gulden_ -- Dieser Strauß wird nie welken, so lange +du diese drei Dinge besitzest, und du wirst dabei glücklich sein.« -- Nach +diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutersammlers in Luft, und +»_Rübezahl_« scholl es durch die ganze Versammlung, denn der Berggeist und +kein anderer war der in wechselnden Gestalten erschienene Freund gewesen. + + + + +Der Musterreiter. + + +Rübezahl saß eines Tages oben auf dem Grubenstein, der Rübezahls Kanzel +genannt wird, und sah hinunter auf die Welt, und dachte dies und jenes. Da +kamen drei Reisende über die Sturmhaube auf die Schneegruben zu, und +Rübezahl merkte bald aus ihrem Gespräch, daß es Kaufleute waren, so eine +Art von Hausierern, die man heutzutage Musterreiter nennt. + +»Worin reiset ihr denn?« fragte der eine; »in Fischtran,« erwiderte der +andere; »und ich,« fuhr der erste fort, »reise in Wagenschmiere.« »Ein +schöner Artikel,« versetzte der andere; »und ihr, mein Herr?« wandte er +sich an den dritten. »In Limburger Käse,« war die Antwort. »Ein beliebter +Artikel, -- verdrängt den Schweizerkäse, -- in Holländischem wird wenig +mehr gemacht,« riefen beide wie aus einem Munde. + +Rübezahl horchte hoch auf und verstand von alledem kein Wort; daß jemand in +Fischtran und Wagenschmiere, ja selbst in Limburger Käse reisen könne, war +ihm völlig unverständlich und unglaublich. Indessen dachte er, du willst +doch weiter hören. Aber was hörte er? -- Die Reisenden, welche sich jetzt +auch auf dem Felsen niedergesetzt hatten, achteten nicht auf den schlicht +aussehenden Mann, ließen ihre Schnappsäcke mit Wein und kaltem Wildbrett +hinauftragen und waren fröhlich und guter Dinge. Je mehr sie tranken, desto +offenherziger wurden sie gegen einander, und Rübezahl erfuhr nun ganz, wes +Geistes Kind sie wären. Daß sie wie die Hausierer bei den Leuten +herumliefen und ihre Waren anböten, ihre verschiedenen Manieren, mit denen +sie ihre Kunden behandelten, alles dies erfuhr er aus ihrem eigenen Munde, +und er staunte über die Dreistigkeit der Burschen. Einer von ihnen meinte, +je unverschämter man sei, desto mehr setze man durch, und je feiner +gebildet die Leute wären, desto mehr müsse man sie bestürmen, weil sie dann +in der Regel das Mittel ergreifen, lieber etwas zu kaufen, um sie los zu +werden. + +Wie sind nur die Leute so blind, dachte Rübezahl, daß sie sich von der +großtuerischen Rolle verblenden lassen, die solche Burschen spielen. Denn +wenn sich diese Musterreiter so üppig und verschwenderisch benehmen, so +liegt es ja auf der Hand, daß die Käufer zuvor tüchtig gerupft werden +müssen, ehe so viel unnötiger Aufwand bestritten wird. -- Rübezahl mochte +endlich ihre prahlerischen Reden nicht länger anhören und verließ den +Felsen. + +Nun gingen auch endlich die Reisenden weiter, bergab nach dem Elbfall zu; +aber das schöne Wetter änderte sich plötzlich, ein dichter Nebel umzog den +ganzen Kamm, und die drei Musterreiter gingen in lauter Wolken, was sie +sehr in üble Laune versetzte, denn dem einen verdarb die Feuchtigkeit den +zierlichen Lockenbau, dem andern wurden die Vatermörder und Manschetten +weich, der dritte machte seine Stiefel von feinem Glanzleder auf dem +schlüpfrigen Wege schmutzig. Aber ihr Unmut stieg gewaltig, als der Führer +nun gar die Richtung verlor und sie zwischen Sumpf und Fichten, +Steinblöcken und Heidekraut, kreuz und quer herumführte. Endlich kam die +übel gelaunte Gesellschaft an einen Fluß, den man wegen des dichten Nebels +nicht übersehen konnte; ein Mann von abenteuerlichem Ansehen vertrat ihnen +hier den Weg, schöpfte mit einem Glase aus dem Flusse, bot ihnen dasselbe +dar und sagte: »Ihr müßt Bescheid tun, ihr Herren.« + + +Der eine setzte das Glas an den Mund, roch und sagte: »Das ist ja +Fischtran.« -- »Nun ja,« versetzte der Mann, »und eben darum müßt ihr +Bescheid tun, sonst kommt ihr nicht von der Stelle.« + +»Das ist euer Artikel,« sagte der Reisende und reichte das Glas dem +Gefährten. Der aber mochte nicht, schüttelte sich und sagte, er sei kein +Grönländer und auch kein Schuhleder, so etwas trinke er nicht. + +»Nun,« erwiderte der fremde Mann mit schrecklicher Stimme, »ihr reiset ja +in Fischtran, und wenn ihr nicht trinkt, so kommt ihr nicht lebendig hier +weg, es ist euer letztes.« -- »Kollege, trinkt!« schrie der dritte in +Verzweiflung, und die Angst preßte ihm Tränen in die Augen. + +Der arme Reisende drückte die Augen fest zu, schüttelte sich ein parmal, +dann schluckte er herzhaft -- und leer war das Glas. Jetzt hob sich der +Nebel ein wenig, und da auch der fremde Mann zur Seite trat und zwischen +dem Gestein verschwand, sahen die Reisenden dicht vor sich einen Steg, der +sie sicher über den Bach brachte. Schon glaubten die Musterreiter, nun +außer aller weitern Gefahr zu sein, denn sie hörten das Rauschen des +Elbfalls ganz in der Nähe; aber mit einem Male senkte sich der Berg +zwischen Felsen hinunter in eine grausige Tiefe, und jenseits starrten +wieder senkrechte Wände von Felsen empor. Sie kamen nun unten an einen +Fluß, der ganz langsam seine schwarzen Wogen heranwälzte, und dabei hing +eine Tafel mit der Inschrift: »Durch!« + +Der eine Reisende stieg zuerst hinunter, tastete, roch und sagte: »Das ist +ja Wagenschmiere, sind wir denn bezaubert und verhext?« + +»Ei nun, das ist ja euer Artikel, und ihr müßt zuerst hindurch, oder wir +werfen euch in die schwarze Suppe und gehen über euern Rücken, wie über +eine Brücke.« + +Das wollte allerdings dem Reisenden nicht in den Kopf, aber hier galt +Gewalt vor Recht, und da er sah, wie hier nicht anders los zu kommen sei, +schritt er in Verzweiflung hinein in den abscheulichen Strom, -- die andern +folgten ihm langsam nach. Endlich standen sie alle wieder am jenseitigen +Ufer und befanden sich nun in der Nähe desselben sonderbaren Mannes, der +ihnen den Trunk aus dem Fischtranflusse gereicht hatte. Er stand an den +Felsen gelehnt und lachte auf das boshafteste, indem er sagte: »Nun seid +ihr saubern Gesellen doch auch einmal angeschmiert und mögt jetzt eures +Weges ziehen; vielleicht vergeßt ihr die erhaltene Lehre nicht zu geschwind +und hütet euch, andere in eurer Weise anzuschmieren.« + +Damit ging der fremde Mann in den Wald hinein. Der Weg, auf dem die +Reisenden sich jetzt befanden, war nun wieder breiter und ebener, und der +Führer sagte, nun sei er auf bekanntem Pfade. Wirklich sahen sie auch bald, +da sich jetzt der Nebel hob, die Hütten von Schreiberhau auf sonnigen +Matten vor sich liegen. Dorthin hatten sie ihre Wagen bestellt, und bald +saßen sie, besonders der dritte, ihrer Meinung nach, allem Ungemach +entronnen, in den weichen Kissen und fuhren getrost nach Warmbrunn hinab. +Im Gasthofe zur preußischen Krone stiegen sie ab, wo eben eine große +Gesellschaft unter dem Leinwanddache saß und Kaffee trank. Die Musterreiter +zupften geschwind Halstuch und Manschetten zurecht, fuhren durch die in +Unordnung gekommenen Haare und gaben sich das möglichst zierlichste +Ansehen, während sie durch die Damenreihe gingen. + +Diese wendeten sich jedoch mit allen Zeichen des Ekels von den Reisenden ab +und nahmen ihre Taschentücher oder ihre Flacons vor die Nase. »Ei der +Tausend, wie siehst du denn aus?« fragten die beiden Reisenden den dritten, +als sie in das Gastzimmer traten, »und, o pfui -- wie duftest du?« + +Wie erschrak der Angeredete, als er, schleunigst seinen Rock, ausziehend, +bemerkte, daß dieser sehr unsauber aussah, denn statt auf Wagenkissen hatte +er in seinem Artikel -- in Limburger Käse gesessen! -- + +Das war ein arger Spaß, den Rübezahl mit den drei Musterreitern angezettelt +hatte, möchte er nur auf eine gute Weile geholfen haben. Wenn der Berggeist +jetzt noch spukte, so fänd' er alle Hände voll zu tun; es reisen gar +wunderliche Leute ins Hochgebirge. + + + + +Mecker-Friede + + +In Schmiedeberg lebte einmal ein Bursch, der hieß Mecker-Friede, war ein +wüster Gesell und peinigte alle Leute, darum mochte ihn auch niemand in +Dienst nehmen. Er ging also unter die Soldaten, und trieb es da eben auch +nicht besser; es war gerade der dreißigjährige Krieg, und er konnte nun +recht ungestraft seine schlimmen Neigungen verfolgen. + +Rübezahl hatte oft arme Leute über ihn jammern hören, denn wo es etwas zu +plündern und zu mißhandeln gab, da war Mecker-Friede gewiß dabei, Aber er +kam nicht ins Gebirge, wohl aber nach einer Schlacht als Invalide in das +Spital nach Schmiedeberg. Es war nun des abgedankten Soldaten größter +Stolz, seine Tapferkeit zu rühmen, und er sagte oft: »Nun müssen sie mich +doch noch im Grabe ehren und dreimal über meinen Sarg schießen.« + +Der also war jetzt gestorben, und es tat keinem leid; aber mit +militärischen Ehren mußte er doch begraben werden, und die Landsknechte +kamen mit ihren Lanzen und Feuerröhren, um ihn zu Grabe zu tragen, voran +der Trommler mit dem gedämpften Kalbfell. Im Hausflur des Hospitals aber +standen zwei Särge, denn es war auch zugleich eine alte Spittelfrau +gestorben und sollte auch zur Ruhe gebracht werden. Wie die Soldaten alle +bereit sind, zeigt der Spitalvater auf einen der Särge und sagt: »Der +ist's!« + +Den nehmen nun die Landsknechte auf ihre Schultern, der Trommler wirbelt +tüchtig, und hinter dem Sarge gehen die Soldaten mit ihren Gewehren. Auf +dem Kirchhofe hält der Pfarrer eine Standrede: wie der Selige nun von +seinem irdischen Posten abgelöst und nun ohne sein Verdienst und Würdigkeit +in den Himmel gekommen sei. Dann schießen die Krieger dreimal über das +Grab, und der Trommler schlägt dazu auf das Kalbfell, daß eine Gänsehaut +alle andächtigen Zuschauer überläuft; darauf geht jeder nach Hause. + +Der Pfarrer begibt sich nun nach dem Spital, um die alte Anne Rosine zu +holen. Da haben sich schon viele Gevatterinnen und Kaffeeschwestern +versammelt und folgen dem Sarge mit großem Wehklagen. Nach der Einsegnung +wird dieser nach damaliger Sitte noch einmal geöffnet, damit die guten +Frauen ihre liebe Freundin zum letzten Male sehen können; aber plötzlich +wird ein Schrei des Entsetzens gehört, und die ganze Grabbegleitung läuft +wie toll und rasend vom Kirchhof herunter, denn im Sarge liegt niemand +anders, als der alte Mecker-Friede, der Kriegsknecht, starr und steif im +ledernen Koller, mit der Pickelhaube und dem Schwert an der Seite. + +So hatten die Träger den unrechten Sarg erwischt und über der alten Anne +Rosine feierlich geschossen und getrommelt. -- Die Versammlung aber meinte, +das sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, Rübezahl habe dem +Mecker-Friede noch im Tode etwas angetan, damit sich die kriegslustige +Jugend daran spiegle und auch als Soldat die Menschlichkeit nicht vergesse. +Das glaubte man auch bald allgemein, gewiß aber wußte es keiner. + +Denn Freund Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet wie ein Kraftgenie, +launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel, +wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; nach der +Stimmung, wie ihn Humor und innerer Drang jeden Augenblick empfinden läßt. + + + + +Die Anleihe. + + +Ein Bauer war mit seinem Weibe und sechs Kindern so verarmt und durch +mancherlei Unglücksfälle herunter gekommen, daß er oft nicht wußte, wo er +Brot für die Seinigen hernehmen sollte. + +Eines Tages sagte er zu seiner Frau: »Du hast ja im Gebirge reiche Vettern; +ich will hin, vielleicht lenkt Gott einem unter ihnen das Herz, daß er mir +hundert Taler auf Zinsen leiht; mit diesem Gelde könnten wir uns aus +unserer großen Not wieder aufhelfen.« + +»Das gebe Gott!« sagte diese mit schwacher Hoffnung, denn sie kannte ihre +Vettern, die nach ihr und den ihrigen niemals gefragt hatten. Am andern +Morgen sehr früh machte sich der Bauer auf den Weg, und schritt rüstig den +ganzen Tag zu, bis er am Abend müde und matt zu den Vettern kam, und ihnen +mit Tränen seine Not klagte, und um ihre Hilfe flehte. Aber überall wurde +er mit harten, bittern Worten abgewiesen, und mußte viel spitzige Reden +hören, von leichtsinnigen Wirten, und wie der in Not habe, der in der Zeit +spare, und was dergleichen Dinge mehr. + +Traurig und niedergeschlagenen Herzens machte er sich auf den Rückweg, und +als er wieder ins Gebirge kam, überfiel ihn Gram und Angst mit großer +Gewalt. Er hatte den Arbeitslohn von zwei Tagen verloren, und fühlte sich +so entkräftet, daß er wohl auch am dritten Tage nicht würde arbeiten +können. Zu Hause aber erwarteten ihn das abgehärmte Weib und die hungrigen +Kinder, und er brachte ihnen nur leere Hände! -- kein Geld, kein Brot, o +wie sollte sein Herz den Jammer ertragen! + +Der arme Mann sann hin und her, wie er Wohl Hilfe schaffen könne. Da fielen +ihm die Geschichten vom Berggeiste ein. »Ich will mich an ihn wenden,« +sagte er, »vielleicht daß meine Bitten Gehör finden.« Darauf rief er +»_Rübezahl! Rübezahl!_« und alsbald stand ein rußiger Köhler mit einem +mächtigen Schürbaum in der Hand vor ihm, der einen wilden, struppigen Bart +und glühende Augen hatte. Der Bauer zweifelte keinen Augenblick, daß dies +der Berggeist sei, und faßte all seinen Mut zusammen, um sein Anliegen +vorzubringen. + +»Ich habe euch nicht aus Mutwillen gerufen,« begann er, »sondern aus Not +und Verzweiflung. Zu euch, lieber Herr vom Berge, habe ich das Zutrauen, +daß ihr mir aus meiner Angst helfen werdet.« Und nun erzählte er ihm von +seinem Weibe und seinen Kindern, sowie von den unbarmherzigen Vettern, und +bat nun ganz treuherzig, Rübezahl solle ihm die hundert Taler leihen, die +er in drei Jahren mit Zinsen zurückzahlen wolle; dann sei ihm aus aller Not +geholfen. -- + +»Wie? treibe ich Wucher?« fragte der Berggeist zornig, »gehe zu den +Menschen, deinen Brüdern, und borge bei denen, so viel du bekommen kannst; +mich aber lasse in Ruhe, und rufe mich nicht wieder, wenn dir dein Leben +lieb ist.« + +Der Bauer ließ sich aber durch diese harte Rede nicht abschrecken, und +schilderte den Jammer und die Not seiner Familie auf das rührendste. »Wollt +ihr mir nicht helfen,« setzte er traurig hinzu, »so erzeigt mir wenigstens +die Wohltat, mich mit eurer Schürstange tot zu schlagen, damit ich nur +nicht länger die Not der Meinigen sehe, der ich nicht abhelfen kann.« + +Rübezahl sah den Bauer mit großen Augen an, hob dann die schwere Stange +hoch in die Luft und schien ihn mit einem gewaltigen Streiche zerschmettern +zu wollen. Da er aber dem Schlage nicht auswich, hielt er inne und hieß den +Bauer ihm folgen. Nun ging es waldeinwärts durch dichtes Gesträuch, bis sie +in ein enges Felsental kamen, an dessen Ende sich eine finstere Höhle +befand, in die kein Strahl des Tageslichts drang. Nur kleine blaue +Flämmchen sprangen jetzt aus dem Boden auf und beleuchteten schauerlich die +schwarzen Steinwände. Die Höhle enthielt außer einem eisernen Kasten nur +eine offene Braupfanne voll blanker, neugeprägter Taler; »da nimm dir das +Geld, was du brauchst, und wenn du schreiben kannst, magst du mir einen +Schuldschein darüber ausstellen,« sagte Rübezahl, und holte aus dem Kasten +Papier und Schreibzeug hervor, wobei er sich um, den Bauer gar nicht zu +bekümmern schien, der indessen mit großer Gewissenhaftigkeit hundert Taler +abzählte und auch nicht einen darüber nahm. Dann schrieb er den +Schuldschein, so gut er vermochte, und Rübezahl schloß diesen in den +eisernen Kasten. + +»Geh nun.« sagte der Berggeist, »und nütze das Geld gut; merke dir auch den +Eingang in dies Felstal und vergiß den Zahlungstag nicht; ich bin ein gar +strenger Schuldherr! Da hast du auch noch etwas für deine Kinder, was nicht +auf dem Schuldschein steht,« -- und mit diesen Worten tat er einen tiefen +Griff in die Braupfanne; der erfreute Vater konnte das reiche Geschenk kaum +mit beiden Händen fassen. + +Dankbar verließ er nun den Berggeist und fand auch glücklich aus dem engen +Felsentale heraus, suchte sich den Eingang genau zu merken und ging, von +der Freude gestärkt und beflügelt, seiner Heimat rüstig zu. + +Sein Weib saß traurig am Ofen, als er in die Stube trat; sie wußte, wie +wenig die Armut auf reiche Anverwandte rechnen dürfe und hatte kaum den +Mut, ihren Mann anzusehen, aus Furcht, die vereitelte Hoffnung auf seinem +Gesicht zu lesen. Wie schlug ihr aber das Herz vor frohem Schreck, als der +Bauer den Quersack öffnete und daraus Fleisch und Wurst, Weißbrot und +Brezeln für die Kinder nahm, was er in der Stadt für sie gekauft hatte. +»Deine Vettern,« sagte er zu der erstaunten Frau, »haben mich nicht nur +sehr freundlich aufgenommen, sondern mir auch bereitwillig das Geld +geliehen, um was ich sie gebeten.« Da staunte das Weib noch mehr und pries +in ihrem Herzen den guten Gott im Himmel, der die Herzen der Menschen lenkt +wie Wasserbäche. + +Nun kam ein neues Leben in die gesunkene Hauswirtschaft des Bauern. Es ward +guter Same gekauft, der Acker ordentlich bestellt und noch zwei Kühe +angeschafft; es lag ein sichtliches Gedeihen auf dem Gelde des Berggeistes, +und bald vermehrte sich das Gut um eine schöne Wiese, ein Weizenfeld um das +andere. Man fand nun weit und breit keinen fleißiger bearbeiteten Acker, +nirgends schöneres und nutzentragenderes Vieh, und der tätige Wirt konnte +schon bares Geld zurücklegen. + +So war indes der Zahlungstag herangekommen. Da sagte eines Tages der Bauer +zu Frau und Kindern: »Zieht nur eure besten Kleider an, der Hans mag die +Pferde anspannen, wir wollen den Vettern das Geld selbst wieder +heimbringen, was sie mir vor drei Jahren geborgt haben.« Das war keine +geringe Freude für die Kinder, und auch der Mutter war es lieb, daß sie nun +ihren Wohlstand den guten Vettern würde zeigen können. Als sie nun ins +Riesengebirge kamen, ließ der Bauer an einem schönen Punkte den Wagen +halten und stieg mit den Seinen aus, teils um es den Pferden leichter zu +machen, wie er sagte, teils auch um den Kindern einen schattigen Weg zu +zeigen. Es fiel aber allen auf, daß der Vater sich immer sorgfältiger +umschaute, je tiefer sie in den Wald kamen, und die Frau fragte daher +besorgt: »Wir sind wohl vom rechten Wege abgekommen?« + + +Da erzählte er ihr und den Kindern erst, wie schnöde die Vettern ihn +abgewiesen hatten, dagegen aber der Berggeist sich seiner erbarmt und ihm +geholfen halbe. Anfänglich erschraken sie, als sie hörten, daß Rübezahl dem +Vater das Geld geliehen, aber da dieser ihnen vorstellte, wie glücklich, +der gefürchtete Berggeist sie alle gemacht habe, verlor sich allmählich +jede Bangigkeit. + +Darauf ging der Bauer ganz allein weiter, um den Eingang in das Felsental +aufzusuchen; aber obgleich er genau wußte, daß er an der rechten Stelle +war, konnte er ihn doch nicht mehr finden. Er schüttelte das Geld im +Beutel, damit Rübezahl erscheinen möchte und er ihm das geliehene Geld +zurückstellen könne, aber es erschien niemand. Er irrte hin und her, von +dem Gefühle getrieben, Wort halten und seinen Dank aussprechen zu müssen. +Es war, als ob eine unsichtbare Macht ihm die Augen trübe mache und seine +Sinne verwirre, sobald er glaubte, den rechten Ort gefunden zu haben. Und +dabei packte ihn dann eine Angst, daß der Geist, der ihm so aus der Not +geholfen, auch erzürnt werden könne, wenn er nicht nach seinen Befehlen +handelte. Ganz niedergeschlagen kam er endlich zu seiner Frau und den +Kindern zurück, setzte sich zu ihnen und wartete viele Stunden lang. Er +rief den Berggeist in seiner Ungeduld selbst mit dem Namen, mit dem er sich +selten ungestraft nennen ließ, und da Rübezahl auch darauf nicht erschien, +beschloß er, daß Geld unter ein Felsstück zu legen, dort werde es der Herr +der Berge schon finden, dachte er. Eben als er diesen Entschluß ausführen +wollte, erhob sich ein heftiger Wirbelwind, Staubwolken und dürres Laub +flog von dem Wege auf, und die Kinder haschten aus Langerweile nach einem +Blatte Papier, was vom Winde immer an ihren Füßen hin und her gejagt wurde. + +Einer der Knaben warf endlich seine Mütze darauf, und da es ein so schönes +weißes Papier war, brachte er es dem Vater. Wie sehr erstaunte dieser aber, +als er seinen eigenen Schuldschein erkannte, unter welchem mit großen +Buchstaben geschrieben stand: »_Zu Dank bezahlt_.« + +»Nun weiß doch mein Wohltäter, daß ich ehrlich Wort gehalten habe und meine +Schuld dankbar abstatten wollte,« rief der Bauer voll Freude, »und das ist +mir weit lieber, als das geschenkte Geld. Auf den Rübezahl aber soll mir +nur einer ein Wort reden, der hat's mit mir zu tun; ohne ihn wäre ich +vergangen in Not und Trübsal. Er wird sich wohl seine Leute ansehen und wen +er wirklich für gut und strebsam hält, dem hilft er auch, und hat er jemand +einmal einen bösen Schabernack gespielt, so wird das auch wohl seinen guten +Grund jedesmal gehabt und schon manchen mag er durch Neckereien auf den +rechten Weg geführt haben.« + +Jetzt wollte er den Wagen aufsuchen und wieder heimfahren, aber die Frau +bat so lange, bis er mit ihr zu den geizigen Vettern fuhr, um diese für +ihre Hartherzigkeit recht zu beschämen. Aber als sie in das Dorf kamen, +waren diese nicht mehr zu finden; der eine war durch einen bösen Fall in +jahrelanges Siechtum verfallen, nach und nach auch in Armut und Not +geraten, der andere aber einer niedrigen Betrügerei wegen mit Schimpf und +Schande von seinem Gehöft vertrieben worden. Niemand im Dorf sprach gern +von ihnen, ihr Andenken war fast ganz vergessen. + +Hochmut und Unbarmherzigkeit kamen bei ihnen vor dem Fall; unser Bauer aber +blieb arbeitsam und einfach, führte ein stilles, friedliches Leben und half +überall seinem Nächsten gern. Dafür wurde er täglich mehr geliebt und +verehrt in der ganzen Gegend, und sein Wohlstand mehrte sich täglich. Seine +Nachkommen leben noch im Gebirge. + + + + +Der Wundertaler. + + +In einem Dörflein des Riesengebirges war Kirchweih; ein Fest, welches die +Landleute feiern, wenn sie den Segen der Felder in die Scheuern gesammelt +haben und der Herbst die gelben Blätter von den Bäumen schüttelt. Da gibt +es denn auch in der ärmsten Hütte einen Fest- und Freudentag; die Arbeit +ruht, das kleine Stübchen ist sauber gescheuert und ausgeputzt, und die +Hausfrau backt derbe, braune Kuchen, wozu die Körner oft mühevoll während +der Ernte auf den Feldern zusammengelesen sind. Da sitzt der wohlhabende +Landmann an dem überreich besetzten Tische, mit Freunden und Verwandten von +nah und fern, und bespricht bei braungesottenen Karpfen und äpfelgefülltem +Gänsebraten Viehstand und Ackerbau. + +In den armen Häuschen der Tagelöhner geht es weniger hoch her, aber doch +steht auf jedem Tische der festliche Birnenkreen (Backobst und geriebener +Meerrettich, als kalter Brei), nach dem die Kinder sehnsüchtig hinblicken, +indessen die Mutter die Schwarzmehlkuchen aufschneidet und wohl gar der +Kaffee am Herde brodelt. Der Vater sitzt im weißärmligen Hemd und in der +buntgeblümten Manchesterweste vor der Tür, raucht aus seinem braunen +Tonkopfe und breitet sich das blaugedruckte Schnupftuch über die Knie, um +die schwarzlederne Beinbekleidung zu schonen. Am Abend versammelt sich jung +und alt im Wirtshause, tanzt oder zecht in der mit Tabaksrauch erfüllten +Stube und im Hausflur würfeln die Kinder um Pfefferkuchen und Mehlweißchen. + +Ein solches Fest war nun in Quirl, einem anmutigen Dorfe im Riesengebirge, +und die Musikanten bliesen eben durch das Dorf, da gab die Mutter dem +kleinen Friedel ein großes Stück Kuchen, band ihm das Halstuch zurecht und +steckte ihm ein Pfennigstück in die Tasche. + +Friedel wollte zur Musik gehen und dabei einmal würfeln. An der Straße saß +Kunz, des Nachbars Sohn, der hatte einen ganzen Beutel voll Geld, das ihm +die Gäste seines Vaters geschenkt hatten, und wohlgefällig, ließ er es vor +den Ohren klingen. Das war ihm lieber als die schönste Musik. + +»Sieh einmal, Friedel,« rief er dem kleinen Spielgefährten zu, »das Geld +ist alles mein; ich nehme aber keinen Groschen davon weg, spare mir noch +viel mehr dazu und kaufe mir ein schönes Bauerngut, wenn ich groß bin.« + +Da zog Friedel sein Geld auch hervor und meinte: »Wenn ich auch nicht +gerade so reich bin, wie du, so will ich mir auch kein Bauerngut kaufen, +sondern einen Pfefferkuchenmann und davon sollst du ein Stück haben, Kunz.« + +Als die Knaben so mit einander redeten, kam ein Schubkärrner im Dorfe +herunter, ein alter, schwacher Mann, der hatte einen großen Hund mit +Stricken vor das schwer beladene Fuhrwerk gespannt, und das arme Tier +lechzte vor Müdigkeit und Hunger. Da der Alte ausruhte, streckte sich der +Hund in den Staub des Weges nieder und winselte. + +»Was fehlt denn dem armen Tiere?« fragte Friedel mitleidig und trat näher +zu dem Kärrner, indessen Kunz geschwind seinen Geldbeutel versteckte. + +»Er ist hungrig und müde,« meinte kurz der Alte. + +»Ach da laßt mich ihm meinen Kuchen geben,« bat Friedel, indem er das +schwarze Backwerk in Stücke brach und den Hund streichelte. Das arme Tier +verschluckte hastig den dargebotenen Kuchen und wedelte mit dem Schwanze. +Darüber freute sich der kleine gute Bursche so sehr, als hätte er selbst +den Kuchen gegessen, obgleich er doch ganz leer ausgegangen war. + +»Du tust da dem armen Tiere Gutes,« sagte der Alte, »vielleicht bist du +auch gegen mich mitleidig, ich bin müde und durstig und ein Trunk Bier +würde mir wohl tun, aber ich habe keinen Pfennig dazu.« + +»Nun, dazu kann ich Rat schaffen,« sagte Friedel gutmütig und zog sein +Geldstück aus der Tasche. »Kauft euch ein Glas Bier dafür, es ist heut +Kirmeß im Dorfe.« Kunz hatte sich indessen heimlich weggeschlichen. -- + +Ein freundliches Lächeln zog über das Gesicht des alten Mannes, dann sah er +dem Knaben nach, der eilig die Straße hinunterlief, und fragte: »Warum +verläßt dich denn dein Spielkamerad so geschwind, und was versteckte er vor +mir?« + +»Ach, laßt nur den Kunz laufen, der kann euch doch nichts geben; seht nur, +er braucht selbst noch viel, bis er sich Haus und Acker kaufen und ein +reicher Bauer werden kann.« + +»Und was wolltest du mit deinem Gelde machen?« fragte der Alte. + +»Ei nun, einen Pfefferkuchenmann kaufen; aber es ist mir viel lieber, wenn +ihr ein Glas Bier dafür trinkt!« + +»Du bist ein guter Junge!« rief der Fremde lachend; »komm und zeige mir nun +den Weg zum Wirtshause, ich bin hier fremd.« Friedel ging neben dem Karren +her; da zerrissen die schlechten Stricke, in welche der Hund gespannt war, +und geschwind wie der Wind lief dieser davon, ins Weite. »Lasset ihn doch,« +bat Friedel den Alten, der dem Hund nachlaufen und ihn tüchtig durchprügeln +wollte, »ich will Hand anlegen durchs Dorf, und euer Sultan wird schon +wiederkommen.« Dabei nahm er die Stricke in die Hand und zog so rüstig an +dem schweren Karren, daß es geschwind weiter ging. + +Am Wirtshause ward haltgemacht, und indes der Alte sein Bier trank, kam +Kunz herbeigeschlichen und sagte: »Du bist ein rechter Narr, Friedel, gibst +dein Geld dem alten Säufer und kannst dir nun keinen Pfefferkuchen kaufen.« + +»Dafür habe ich dem alten Mann eine viel größere Freude gemacht,« +antwortete dieser, »und hätt' ich mehr Geld, so wollt' ich's ihm gern +gönnen, daß er sich eine Güte täte.« + +Kunz ging verdrießlich hinweg, denn hätte Friedel noch Geld gehabt, um +einen Pfefferkuchen zu kaufen, so hätte er ihm gewiß ein Stückchen davon +gegeben; nun ging er lüstern um den Tisch herum, wo diese feilgeboten +wurden, und endlich siegte die Begierde über den Geiz -- er kaufte sich +selbst einen kleinen Pfefferkuchen, an den er zehn Pfennige wendete. Als er +aber hinein beißen wollte, biß er immer in die Luft, und obgleich der +Kuchen immer kleiner wurde, je öfter er versuchte, ein Stück davon zu +genießen, so bekam er doch nie davon etwas in den Magen. In der Tür der +Schenkstube aber stand der alte Kärrner und wollte sich halb tot lachen +über das ängstliche und doch auch wieder böse Gesicht Kunz', dem nun ganz +unheimlich zu werden anfing. Er bestand darauf, daß ihm die Verkäuferin +einen andern Pfefferkuchen geben müsse, weil er für sein Geld eigentlich +nichts bekommen hätte, und diese, die den Knaben für trunken hielt, zog ihn +auch anfänglich noch mehr auf; endlich aber wurde sie ungeduldig und gab +ihm einige derbe Ohrfeigen. + +Eine Menge Kinder versammelten sich nun während des Streites um den +Pfefferkuchentisch, und alle lachten Kunz aus, der zornig und beschämt das +Wirtshaus verließ. + +Friedel wollte ihm nachlaufen und ihm Trost zusprechen, aber da rief ihn +der Alte und bat, er möge ihm doch den Weg nach Buchwald zeigen, wo er noch +vor Abend hinkommen müsse. Es dunkelte schon, und da auf alles Rufen und +Pfeifen des Kärrners der Hund nicht wieder zurückkam, spannte sich Friedel +wieder vor das Fuhrwerk und zog, was seine Kräfte erlaubten. Das Gesicht +des alten Mannes ward dabei immer freundlicher, und als sie an das Dorf +kamen, dankte er dem Knaben, hieß ihn umkehren und gab ihm ein großes +Silberstück, dessen Wert Friedel aber nicht kannte, mit den Worten: + +»Wenn du dies recht anzuwenden verstehst, wirst du reich und glücklich +dadurch werden.« Dann schob er seinen Karren rasch weiter, und als Friedel +ihm nachlief, um sich zu bedanken, war er spurlos verschwunden. + +Das war ein drolliger Kauz, dachte Friedel, und ging mit großen Schritten +nach Hause. Es war ihm ziemlich warm geworden bei der ungewohnten +Anstrengung, aber jetzt blies der Herbstwind scharf, und der kleine Bursche +hatte kein Jäckchen an, so daß er froh war, als er über den Steg ging, an +dessen Ende das Häuschen seiner Eltern stand. Aber da saß ja Kunz noch +immer ganz traurig und mit verweinten Augen; Friedel war ganz mitleidig, +gab ihm die Hand und sagte: »So sei doch nicht gar so betrübt um den dummen +Pfefferkuchen und der paar Püffe willen, die du bekommen hast.« + +»Ja,« murrte Kunz, »du bist auch schuld daran, denn kein anderer als der +tückische Alte hat mir den Possen mit dem Pfefferkuchen gespielt. Warum +mußt du auch allem Bettelvolk nachlaufen!« + +»Glaub doch nicht solch närrisches Zeug, Kunz,« sagte Friedel, »der alte +Mann war gewiß nicht boshaft; sieh einmal, was er mir da für ein blankes +Spielzeug geschenkt hat.« + +Kunz war sogleich aufmerksam, denn der Neid und die Habsucht regten sich in +ihm. Er erkannte sogleich, das es ein Taler war, was Friedel für ein +Spielzeug hielt, und dachte Vorteil von seiner Unwissenheit zu ziehen. + +»Das könntest du mir schenken, wenn du ein guter Junge wärst, wie die Leute +immer sagen,« schmeichelte er; »ich will dir auch etwas von meinem Gelde +dafür geben.« + +»Behalte doch dein Geld, ich will dir das Ding ja lassen; nun mußt du aber +auch nicht mehr traurig sein, sondern wieder ein fröhliches Gesicht +machen.« Das ward dem Kunz jetzt gar nicht schwer, und so spielten die +beiden Knaben noch ein Weilchen, dann gingen sie nach Hause. Friedel dachte +gar nicht mehr an den alten Mann, am wenigsten aber erzählte er den kleinen +Vorfall seinen Eltern, denn er wußte es aus der Kinderlehre, daß man damit +nicht prahlen dürfe, wenn man seinen Nebenmenschen Gutes getan oder ihnen +Hilfe geleistet habe. + +Es ging aber seit jener Zeit das Gerücht im Dorfe, daß der Vater Kunz' +einen Schatz gefunden haben müsse, denn sein Reichtum vermehrte sich alle +Tage. Er kaufte die Scholtisei und ward nun der Schulze des Dorfes; aber in +gleicher Weise, wie sein unermeßlicher Reichtums, nahm auch sein Geiz zu. +Kunz durfte mit Friedel nun nicht mehr spielen, dessen Vater ja nur ein +armer Tagelöhner war; darüber verging die Zeit. Viele Jahre waren vorüber, +Friedel war ein fleißiger Mann geworden, bewohnte nur das kleine Häuschen +seines Vaters, der tot war, und ernährte durch den Ertrag des kleinen dazu +gehörigen Ackers seine alte Mutter. Kunz war nun auch an Stelle seines +Vaters Schulze geworden und hatte das schönste Gehöft, den reichsten +Viehstand im ganzen Dorfe. Aber er hatte keine Freude daran; die +aufsteigende Gewitterwolke ängstete ihn, denn sie konnte ja seine Felder +verheeren; in der Nacht floh der Schlaf sein Auge, denn Räuber konnten +einbrechen und seine zusammengehäuften Schätze fortschleppen. Darüber ward +er krank und schlich wie ein Schatten umher; das Gesinde haßte und +fürchtete ihn, und er wiederum traute niemand; daher hielten ehrliche Leute +in seinem Dienst nicht aus, und er hatte allerlei Ärger, der ihm das Leben +verbitterte. + +So kam er zu keiner Lebensfreude und beneidete den lustigen Friedel oft, +wenn der hinter dem Pfluge hinaus aufs Feld zog und dabei pfiff oder sang, +der gesund und rüstig war, und dem jedermann treuherzig die Hand +schüttelte, wenn er durchs Dorf ging. + +Da ward der junge Bauer einmal tief in der Nacht zum Schulzen gerufen, der +seit einigen Tagen gefährlich krank war. In der spärlich erhellten Kammer +fand er den armen, reichen Mann bleich und elend, dem Tode nahe. Er +streckte Friedel die abgemagerte Hand entgegen und sagte matt: »Ich fühle, +daß ich sterben muß und habe dich rufen lassen, weil ich großes Unrecht +gegen dich auf dem Herzen habe. Erinnerst du dich noch des Geldstückes, was +dir, wie wir beide noch Kinder waren, ein alter Mann geschenkt hatte? Ich +betrog dich darum, denn es war ein Taler, und du hieltest ihn, für ein +Spielzeug, und ich lief freudig damit zu meinem Vater, dem ich erzählte, +ich hätte ihn gefunden. Am andern Tage betrachtete ich mir wieder das +Geldstück und erschrak freudig, als ein zweiter Taler dabei lag, und so oft +ich nachsah, war immer wieder ein neuer dazu gekommen. Das ist ein +Wundertaler, sagte mein Vater, und verbot mir, ein Wort davon zu reden. Von +der Stunde an vermehrte sich unser Reichtum, denn wir hüteten uns wohl, den +Wundertaler auszugeben, aber der Geizige hat keinen Genuß davon, wenn er +auch Berge Goldes um sich anhäufen könnte. -- Auch ich habe von dem unrecht +erworbenen Reichtume keine Freude gehabt; ich ward ein harter, böser +Mensch, den niemand liebte; das Geschenk jenes Alten, der, wie ich längst +merkte, Rübezahl war, ist mir zum Fluch geworden, denn mit mir ist es nun +vorbei. Es ist mir mit meinen erworbenen Schätzen gegangen, wie damals mit +dem Pfefferkuchen, ich habe nichts davon wirklich genossen, so gierig ich +auch danach war. Nun ist alles dein, dem es von Anfang an bestimmt war, du +wirst einen besseren Gebrauch davon machen und Gutes tun, wo ich nur Übles +getan habe. Ich bin verarmt an inneren Schätzen, inmitten des ungerechten +Mammons, und darbe nun an jeder Hoffnung.« -- Ein heftiger Husten +unterbrach seine Worte; er reichte mit zitternder Hand Friedel den +Schlüssel zu dem Gewölbe, worin er seinen Reichtum aufgehäuft hatte und +verlangte den Zuspruch des Pfarrers. Dann erklärte er Friedel gerichtlich +zu seinem Erben und starb in dessen Armen, beweint von dem Redlichen. + +Friedel warf den unheilvollen Wundertaler in den tiefen Waldstrom, er hatte +eine Scheu, denselben, der bei Kunz so viel Unheil angestiftet hatte, zu +behalten; war es ihm doch auch ohne den Wundertaler gut ergangen und stand +sein Sinn nicht am meisten nach Geld und Gut. Er verwendete einen Teil des +geerbten Geldes zu milden Stiftungen, bezog aber nun mit seiner Mutter das +große, schöne Gut. Aber auch dort betrachtete er sich nur als Verwalter der +Besitzung, war gut und mildtätig und die Zuflucht aller Bedrängten und +Notleidenden. Keiner ging ungetröstet von seiner Schwelle, und so +verwandelte sich der Unsegen in Segen, die Felder trugen reiche Frucht, +seine Arbeiten gelangen, und bald, geliebt von allen, ward Friedel nun der +neue Schulze des Dorfes. + + +So hatte er denn reichlich Gelegenheit, das Gute zu fördern, und oft, wenn +er nach einem redlichen Tagewerke abends unter dem Tore seiner schönen +Besitzung saß, war es ihm, als sähe er die Gestalt des alten Kärrners an +sich vorübergleiten und ihm freundlich zuwinken. + + + + +Der Goldmacher. + + +In Warmbrunn, einem berühmten Badeorte, dessen warme Quellen von Hirschen +entdeckt worden sind, wohnte ein Mann, der sehr arm und dürftig war, mit +keinem Menschen umging und sich nur mit chemischen Versuchen und Grübeleien +beschäftigte. Er hoffte, erzählte man, das Geheimnis der Goldmacherkunst zu +ergründen und große Schätze dadurch zu erwerben. Bei solcher Beschäftigung +hatte er aber sein früheres Handwerk vernachlässigt, Hab und Gut an seine +chemischen Versuche gesetzt und war nun so arm geworden, daß er manchen +lieben Tag hungrig schlafen ging. + +Dieser nun durchstreifte sehr oft das wilde Gebirge hinter dem Kynast, und +noch in der späten Nacht umschlich er die sagenreiche Burg, oder verlor +sich in den angrenzenden Wald. Dort begegnete ihm zuweilen ein Mann, zu dem +er Vertrauen gefaßt hatte, und dem er oft erzählte, wie ihn das wilde +Gebirge anziehe, und er gewiß glaube, daß in diesen öden Schluchten ein +Lebensgeheimnis und große Schätze für ihn liegen müßten. + +Einst, als er recht trübselig unter den düsteren Tannen des Gebirges +wandelte, sah er ein helles Flämmchen in der Ferne, dem er sorgsam +nachging, und entdeckte nun eine Gittertür, die eine erleuchtete Höhle +verschloß, in der man große Schätze von Gold und Edelsteinen erblickte. +Begierig hafteten die Augen des armen Mannes auf der Fülle des glänzenden +Goldes, das ihn zauberhaft anzog. Da stand plötzlich jener fremde Mann +neben ihm, mit dem er schon oft im Walde zusammengetroffen war, und sagte: +»Alle diese Schätze sollen dein eigen werden, merk dir nur die Stelle +genau, wo die Höhle steht. In drei Tagen wirst du die Höhle offen finden.« + +Die Bäume waren an dieser Stelle weniger dicht und gaben die Aussicht in +das breite Tal frei. Von der Ruine des Kynasts links sah man den Turm von +Hermsdorf, unten im Tale lag das freundliche Warmbrunn und im Hintergrunde +Hirschberg. Der Fremde machte ihn genau aufmerksam auf die Stellung dieser +Punkte zu einander und sagtet »Präge dir es wohl ein, daß du genau dieselbe +Stelle wiederfindest, denn nur so kannst du die Höhle finden und dein Glück +dadurch machen.« + +Mit welcher Aufmerksamkeit sah der bestürzte Chemiker nach den angedeuteten +Punkten und ging dann voller Entzücken hinweg, kam aber noch einmal zurück, +um gewisser den Standpunkt wiederfinden zu können. »Da hast du eine +Schaumünze,« sprach der Fremde, »damit du morgen nicht alles für einen +bloßen Traum hältst,« und gab ihm eine goldene Münze mit rätselhafter +Inschrift. Dann verschwand er. Als aber der arme Mann sich umsah, war die +Höhle auch verschwunden, und er würde alles für ein Spiel seiner erregten +Einbildungskraft gehalten haben, hätte er nicht die Münze in der Hand +gehalten. + +Während er entzückt nach Hause ging, gab er auf jeden seiner Schritte acht, +wälzte mühsam große Steine an den Weg und bezeichnete sich mehrere Bäume, +um nur ja die rechte Stelle wiederfinden zu können. Am dritten Tage eilte +er denselben Pfad zurück, erkannte auch an allen den Zeichen den rechten +Fußweg und versuchte nun, unter der Ruine stehend, die drei Türme von +Hermsdorf, Warmbrunn und Hirschberg zu finden. Aber wenn er den einen +erblickte, hatte sich ein Fels oder ein Baum vor den andern geschoben, und +vergeblich änderte er wieder und wieder seinen Standpunkt. Unruhig stieg er +bald hinauf, bald hinunter, stellte sich bald rechts, bald links, bald +tiefer in den Wald hinein, bald weiter ins Freie, er fand die drei Türme +auf einmal nicht mehr. Der Angstschweiß rann über seine Stirn, das Herz +klopfte ihm angstvoll, seine Augen starrten weit geöffnet in die Gegend +hinein; vergebens! Endlich rief er laut: »Da! -- so! -- nun habe ich es!« +und sein Gesicht erheiterte sich, seine Knie brachen vor Freude zusammen; +aber die Täuschung dauerte nur einen Augenblick, denn als er genauer +hinsah, war alles anders. So von der furchtbarsten Pein gefoltert und bis +zur Verzweiflung gequält, lief er den ganzen Tag, ja die ganze Nacht umher, +-- kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück und irrte in Wahnsinn +versunken länger als ein Jahr zwischen den Felsen und Bergschluchten hin, +wo nur Wurzeln und Waldbeeren ihn spärlich nährten, bis man ihn endlich tot +in dem Walde fand, die goldene Münze zwischen den erstarrten Fingern. + +Auch ihm waren seine Leidenschaften zum Verderben geworden; hätte er nicht +diese Goldgier gehabt und darüber sein Handwerk vernachlässigt, er würde +nie mit so fruchtlosen Versuchen seine Zeit hingebracht haben und +schließlich, vom Schimmer des Goldes geblendet, elend untergegangen sein. + + + + +Rübezahl straft einen Spötter. + + +Nachdem Rübezahl wiederum einmal Jahrhunderte lang die Unterwelt nicht +verlassen hatte, ihm aber endlich doch die Einsamkeit und Langeweile zu +drückend wurde, und als er eben deshalb in der übelsten Laune war, machte +ein Erdgeist, der bei ihm in besonderer Gnade stand, den Vorschlag, doch +eine Lustpartie ins Riesengebirge zu unternehmen. + +Rübezahl runzelte zwar anfänglich die Stirn gewaltig über diesen Einfall, +aber nach einigem Zögern willigte er endlich doch ein; in einer Minute Zeit +war auch schon die weite Reise zurückgelegt, obgleich es damals noch keine +Eisenbahnen gab. Der Berggeist konnte sich nämlich durch eine bloße Kraft +seines Willens an jeden beliebigen Ort versetzen, und so war er denn auch +jetzt schnell wie ein Gedanke mitten auf dem großen Rasenplatze, den man +noch heut »Rübezahls Lustgarten« nennt. Kaum aber schaute er von dort in +das Tal hinab, wo sich jetzt Türme, Klöster, Städte und Flecken +ausbreiteten, so erwachte sein alter Haß gegen die Menschen aufs neue und +er rief bitter lachend aus: + +»Unseliges Erdengewürm, das mich durch Falschheit und Tücke gehöhnt hat, +nun sollst du mir deine Schuld büßen, und ich will dich hetzen und plagen, +daß du mit Furcht und Schrecken an den Geist des Gebirges denken sollst.« + +Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so hörte er in der Ferne +Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durch das Gebirge, und der +mutigste von ihnen rief in fröhlicher Laune: »Rübezahl! Rübezahl! komm +herab, du Mädchendieb!« -- + +Der Gnom wurde wütend über diesen Spott und fuhr gleich dem Sturmwind durch +den düstern Fichtenwald, um den armen Schelm, der sich über ihn lustig +gemacht hatte, sogleich zu erwürgen. Aber es fiel ihm ein, daß ein so +grausames Exempel seiner Rache alle Wanderer aus dem Gebirge verscheuchen +würde, und er alsdann keine Gelegenheit hätte, sein Spiel mit den Menschen +zu treiben. Darum ließ er den Frevler einstweilen ruhig seine Straße +ziehen, nahm sich aber vor, ihn den verübten Mutwillen schon noch entgelten +zu lassen. + + +Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich dieser von seinen beiden +Reisegefährten und langte ohne besonderes Abenteuer in Hirschberg, seiner +Vaterstadt, an. Rübezahl war ihm unsichtbar bis zur Herberge gefolgt, um +ihn einen Possen spielen zu können; nun verließ er den Burschen, um ihn bei +gelegener Zeit wieder aufzusuchen. Jetzt ging er ins Gebirge zurück und +sann auf ein Mittel, sich an dem Spötter zu rächen. Da begegnete ihm von +ungefähr ein Jude auf der Landstraße, der nach Hirschberg wollte und sehr +reich war; diesen ersah Rübezahl sogleich zum Werkzeug seiner Rache. Er +nahm alsbald die Gestalt jenes lustigen Gesellen an, der ihn mit dem +Spottnamen gerufen hatte, und indem er ein Stück Weges neben dem Juden +hinwanderte, sich freundlich mit ihm unterhaltend, führte er ihn unbemerkt +von der Straße ab in ein Gehölz, wo er ihn überfiel und zu Boden warf und +ihn des Beutels, darin der Israelit viel Gold und Geschmeide trug, +beraubte. Nachdem er ihn tüchtig zerschlagen hatte, ließ er den armen +geplünderten Mann halbtot im Gebüsch liegen und verschwand. + +Als sich der Jude nach einigen Stunden von Schreck und Mißhandlungen erholt +hatte, rief er laut um Hilfe, damit er von den Stricken befreit würde, +womit ihm Hände und Füße gebunden waren. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann +zu ihm, ein ansehnlicher Bürger, wie es schien, und als er den Juden +gebunden sah, befreite er ihn von den Stricken und leistete ihm jede +mögliche Hilfe. Er labte ihn mit Wein und geleitete ihn dann bis Hirschberg +an die Tür derselben Herberge, wo der Geselle hineingegangen war; diese +pries der Fremde dem geplünderten Juden als die billigste, gab ihm noch +einen Zehrpfennig und verließ ihn dann. + +Wie erstaunte der Israelit, als er in der Stube des Wirtshauses seinen +Räuber ganz wohlgemut am Tische sitzen und einen Schoppen Landwein trinken +sah. Er wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, denn der Bursche war +so froh und vergnügt, als hätte er das beste Gewissen der Welt. + +Ganz still setzte sich der Beraubte in einen Winkel und sann, wie er wieder +zu seinem Eigentum gelangen könne. Da er sich indes immer mehr und mehr +überzeugte, daß er sich in der Person seines Räubers nicht irre, ging er +heimlich zum Richter und teilte ihm den Vorfall mit. Alsbald wurden Häscher +mit Spießen und Stangen zur Herberge geschickt, die das Haus umzingelten +und den Verbrecher vor die Ratsversammlung führten. »Wer bist du?« fragte +der oberste Richter, »und von wannen kommst du?« + +Darauf antwortete der Bursche ganz freimütig und unerschrocken: »Ich bin +ein ehrlicher Schneider meines Handwerks und heiße Benedix.« + +»Hast du nicht diesen Juden auf der Landstraße mörderisch überfallen und +seines Geldes beraubt?« + +»Ich habe diesen Mann nie zuvor mit Augen gesehen und ihn weder geschlagen, +noch des Geldes beraubt; ich bin ein ehrlicher Handwerker und kein +Straßenräuber.« + +»Zeig einmal deine Kundschaft!« (Das ist der Gesellenbrief eines +Handwerkers.) + +Benedix öffnete getrost das Wanderbündel, worin er seine Papiere verwahrt +hatte. Doch wie er darin umhersuchte, klang es wie Gold. Alsbald griffen +die Häscher danach und zogen den schweren Säckel heraus, den der erfreute +Jude auch sogleich als sein Eigentum erkannte. Da stand Benedix wie vom +Blitz zerschmettert, seine Knie zitterten und er ward bleich wie Kalk; kein +Wort vermochte er zu seiner Rechtfertigung zu sagen. + +»Bösewicht!« sagte der Richter zornig, »willst du auch jetzt noch deine +Schuld leugnen?« + +»Erbarmen, gestrenger Herr!« flehte der arme Gesell und fiel auf seine +Knie. »Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich unschuldig bin und von +dem Raube nichts weiß.« + +»Du bist überführt!« antwortete jener. »Der gefundene Beutel spricht am +deutlichsten für dein Verbrechen; bekenne nur freiwillig, ehe dich die +Folter dazu zwingt.« -- Der geängstigte Benedix konnte aber nichts tun, als +seine Unschuld wiederholt zu versichern; da aber Anstalten zur Tortur +gemacht wurden und der arme Schneidergesell die Marterwerkzeuge erblickte, +gestand er alles ein, obgleich sein Herz nichts davon wußte. Der Prozeß +wurde nun kurz gemacht und Benedix zum Strange verurteilt. + +Das Volk, das in der Gerichtsstube versammelt war, pries laut die Weisheit +und die Gerechtigkeit der Richter; am meisten aber tat dies jener +Bürgersmann, der den Juden befreit hatte und sich nun auch in der +Versammlung befand. Das war aber, wie ihr wohl schon erraten haben werdet, +kein anderer als Rübezahl, der das Gold des Juden heimlich in das Felleisen +des Handwerksburschen versteckt hatte, um sich wegen des Spottnamens an ihm +zu rächen. + +Indes ward ein Geistlicher zu dem armen Sünder geführt, um ihn zum Tode +vorzubereiten, da dieser aber den Benedix sehr unwissend fand, hielt er es +für notwendig, daß die Hinrichtung verschoben werde, damit er den +Unwissenden zuvor mehr im Christentum unterweisen könne, und der Rat +gewährte dazu einen Aufschub von drei Tagen. Als Rübezahl dies hörte, flog +er mürrisch ins Gebirge zurück, um dort die Zeit abzuwarten. + +In dieser Zwischenzeit durchstrich er die Gegend und fand dabei ein junges +Weib, die traurig an einem Baume lag und weinte. Ihre Kleidung war dürftig, +aber sehr gut und sauber gehalten, und ihre Hände schienen an harte Arbeit +gewöhnt. Sie trocknete sich zuweilen die Augen damit und seufzte so schwer, +daß selbst Rübezahl davon bewegt wurde. + +Er nahm daher wieder die Gestalt eines stattlichen Bürgers an, trat näher +zu dem jungen Weibe und fragte, warum sie denn gar so traurig sei? »Ach,« +jammerte diese, »ich bin eine Unglückliche und habe das Verderben eines +sonst so guten Menschen auf der Seele!« + +Der Gnom staunte. »Wie?« fragte er, »dein Gesicht sieht doch so ehrlich und +gut aus, und du solltest voll Bosheit sein? Aber freilich, die Menschen +sind ja alle schlecht und böse.« + + +»Ach, mein Herr, da habt ihr unrecht; der Benedix ist nun schon eine treue, +redliche Haut und ist kein Falsch in seinem Herzen. Ich nur habe ihn ins +Verderben gelockt und seinen Tod verschuldet, den er nun durch Henkershand +sterben soll. Er ist nämlich mein Mann, -- der Benedix, -- und wir sind +kaum ein Jahr verheiratet miteinander; mit dem Gewerbe ging es aber von +Anfang an schlecht, wir hatten viel Not und Kummer, und ich war manchmal +unzufrieden und traurig, wenn ich die Nachbarinnen Sonntags in schönen +Kleidern zur Kirche gehen sah, indes ich mit der Nähnadel in der Hand +meinem Manne altes Flickwerk zusammensetzen helfen mußte. Da wurmte ihn +endlich mein unzufriedenes Wesen, so wohlgemut er auch sonst bei aller +Trübsal gewesen war; er schnürte eines Tages sein Bündel und sagte: »Ich +will ins Riesengebirge gehen, wo ich einige Verwandte habe; die helfen mir +wohl mit ein paar Talern auf, womit ich ein Fleckchen Acker kaufen kann. +Damit haben wir doch eigenes Brot, und es wirft doch auch einmal eine neue +Jacke oder Mütze für dich ab.« Der gute Benedix! -- Damit wanderte er +getrost nach Hirschberg; aber meine sündliche Unzufriedenheit hat ihn +verleitet, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen, und nun muß er den +bittern Tod erleiden für meine Schuld. Das überlebe ich nicht und will nur +noch einmal gehen, um Abschied von meinem Manne zu nehmen; die Müdigkeit +und der Schmerz haben mich aber schon auf der Hälfte des Weges aller Kräfte +beraubt.« + +Rübezahl war von dem großen Schmerz des jungen Weibes gerührt und vergaß um +ihretwillen der Rache, die er ihrem Mann geschworen hatte. »Sei getrost,« +sagte er zu der Weinenden, »du sollst deinen Benedix wiederhaben, ehe die +Sonne untergeht. Wisse auch zu deinem Trost, daß er den Raub nicht begangen +hat und unschuldig ist; merke dir aber die Lehre, künftig mit deinem +bescheidenen Lose zufriedener zu sein, da du nun weißt, daß der redliche +Arme glücklicher und beneidenswerter ist als der schuldbewußte Reiche.« + +»Ach Herr!« rief die Frau, und sank vor ihm auf die Knie, »das wollte euch +Gott vergelten, wie ihr mich getröstet habt. Gewiß, ihr seid ein guter +Engel, den mir Gott schickt, obgleich ich so vieler Gnade unwert bin; denn +ich habe ja um irdischer Güter und Herrlichkeit willen mein Seelenheil +selbst in Gefahr gegeben.« + +»Lasse das gut sein,« sagte Rübezahl; »ich bin kein Engel, sondern ein +Bürgersmann aus Hirschberg, der viele Freunde unter den Ratsherren der +Stadt hat; die sollen mir deinen Mann schon freigeben. Kehre du nur in +Frieden heim und sei guten Mutes.« + +Da machte sich die Frau voll heißen Dankes auf den Weg, und ihre Seele war +voller Freude. Rübezahl aber begab sich nun in der Gestalt des Geistlichen, +der den armen Sünder zum Tode vorbereiten sollte, zu Benedix in den Kerker. +Wie fand er den lustigen Schneider da so überaus niedergeschlagen! Eine +lange Zeit redete er über ernste Dinge mit dem Gefangenen, dann sagte er: +»Ich überzeuge mich immer mehr, daß du unschuldig bist, mein Sohn, weiß dir +aber nicht zu helfen, denn deine Sache steht gar schlimm und die +Gerechtigkeit verlangt ein Opfer. Freilich gäbe es noch ein Mittel, dich zu +retten, und ich will nicht anstehen, es anzuwenden. Du sollst nämlich die +Kleider mit mir wechseln und das Gefängnis verlassen; mein weiter Talar +wird den Gefängniswärter schon also täuschen, daß er dir willig das Tor +öffnet. Hier hast du auch noch ein Brot auf den Weg, kehre nun heim zu +deinem Weibe, so schnell dich deine Füße tragen.« + +»Aber ehrwürdiger Herr,« sagte Benedix bedenklich, »ihr könntet dadurch +wohl in große Gefahr und Verantwortung kommen, wenn ihr mir also zur Flucht +verholfen hättet. Am Ende töteten sie euch statt meiner, und ehe solches +Unrecht an einem so frommen Manne geschieht, will ich lieber sterben. +Wenngleich ich an dem Diebstahl unschuldig bin, so habe ich doch wohl durch +manche andere Sünde Strafe verdient und will sie lieber ertragen, als mir +mein Gewissen durch euren Tod schwer machen.« + +Rübezahl wunderte sich über die Sinnesart des ehrlichen Benedix und freute +sich, daß er sein Unrecht an ihm noch gutmachen konnte. Daher sprach er zu +ihm: »Sei ohne Sorge deshalb, mein Sohn, mein Stand wird mich vor einer +solchen Strafe schützen; auch habe ich viele Anhänger und mächtige Freunde +in der Stadt, die mir kein Leid widerfahren lassen werden.« Da ward der +arme Benedix erfreut, daß er mit heiler Haut der Gefahr entkommen sollte, +machte sich geschwind auf und verließ mit tausend Danksagungen gegen den +ehrwürdigen Geistlichen seinen Kerker. Aber die ihm angeborene +Zaghaftigkeit konnte er doch nicht verleugnen, denn als er an dem Schließer +vorbeiging, klappten ihm die Zähne und seine Knie schlotterten aus Furcht, +daß dieser ihn erkennen möchte. Endlich kam er, glücklich aus der Stadt und +war, ehe die Sonne unterging, wieder daheim bei seinem Weibe. + +Welch eine Freude hatte diese, ihren treuen Benedix gesund und frisch +wiederzusehen. Erst dankten sie beide Gott für die wunderbare Rettung, dann +aber sehnte sich Benedix nach einer tüchtigen Mahlzeit, denn die +Todesfurcht hatte ihm allen Appetit verdorben, und nach dem weiten Wege und +der glücklich überstandenen Gefahr machte der Hunger sein Recht geltend. +Die Frau holte nun geschwind herbei, was nur die arme Küche vermochte, und +Benedix schnitt das Brot dazu auf, welches der fromme Pater ihm mit auf den +Weg gegeben hatte. + +Aber sieh da! als er das Messer hineinstieß, gab es einen seltsamen Klang, +und ein Häuflein geprägten Goldes fiel auf den Tisch. -- Nun erst merkten +Benedix und sein Weib, _wer_ der großmütige Helfer gewesen sein müsse, +priesen ihn aus dankbarem Herzen, und zogen fort aus der Gegend nach Prag, +wo Benedix sich ein hübsches Haus kaufte und bald der berühmteste Meister +wurde, der oft mehr als zehn Gesellen hielt. Seine Frau genoß nun den +Wohlstand, den sie sich früher so sehr gewünscht; aber sie mißbrauchte ihn +nicht, sondern tat den Armen Gutes, statt mit schönen Kleidern zu prunken, +wie es wohl sonst ihr Streben gewesen war. Benedix blieb ehrlich, wie er es +immer gewesen, und das trug nicht wenig dazu bei, ihm Kundschaft und Ehre +zu bringen. + +Als am dritten Tage in Hirschberg der arme Sünder vor die Tore der Stadt +geführt wurde, waren viele Tausend Menschen versammelt, um dem Schauspiele +beizuwohnen. Als der Henker aber sein Amt verrichtet hatte, zappelte der +Tote so sehr am Stricke, daß dem Henker bange ward, das Volk werde ihn +steinigen, daß er den Delinquenten zu sehr quäle. Auf einmal aber ward +dieser still und streckte sich lang aus; darauf verlief sich die Menge. + +Am andern Morgen aber kamen einige Bauern vom Felde in die Stadt und +berichteten, der Gehangene lebe noch immer, denn er zappele mit Händen und +Füßen. Da schickte der wohlweise Rat eine Deputation hinaus zum Galgen, um +die Sache zu untersuchen, aber was fanden die gestrengen Herren statt des +Delinquenten? -- Eine Schütte Stroh mit alten Lappen bekleidet, wie man sie +oft in ein Schotenfeld stellt, um die Sperlinge zu verscheuchen. + +Darüber verwunderten sie sich sehr und schüttelten die wohlgepuderten +Perücken, daß der feine Staub um ihre Köpfe flog. Nach langem Sinnen ließen +sie endlich den Strohmann abnehmen und verbreiteten die Nachricht, der +große Wind habe in der Nacht den leichten Schneider vom Galgen über die +Grenze der Stadt hinausgeweht. + + + + +Die Perücken. + + +Als die Deutschen sich zu schämen anfingen, daß sie Deutsche waren, galt +keine Tracht für vornehm oder schön, die nicht von den Franzosen kam. Auch +die Tracht der Haare war aus Frankreich gekommen, und Männer und Frauen +trugen Perücken, um entweder ihre grauen oder ihre spärlichen Haare zu +verbergen und so noch für jung zu gelten, während ihnen die Zeit doch schon +bedeutende Merkmale ihrer Jahre aufgeprägt hatte. + +Als Rübezahl von diesen Narrheiten hörte, begab er sich nach Hirschberg, wo +eben Jahrmarkt war, und hielt Perücken feil. Bald fand sich auch ein junger +Herr, der gern eine mit Locken gehabt hätte und fragte, ob Rübezahl +dergleichen führe. »Genug!« antwortete dieser, »und alle nach der neuesten +Art, aber sie sind sehr kostbar.« + +Der Stutzer betrachtete sich die neuen, schönen Perücken mit Lust, welche +Rübezahl aus den Schachteln nahm, und hatte keinen Tadel daran, als daß sie +zu teuer wären. Dabei zuckte Rübezahl die Achseln und machte Miene, die +kostbaren Perücken wieder einzupacken. »Haltet nur,« rief nun schnell +entschlossen der Stutzer, »wenn mir der Preis auch sehr hoch zu sein +scheint und eigentlich meine Verhältnisse übersteigt, so will ich mir doch +eine eurer schönen Perücken kaufen. Es wird Aufsehen erregen, werde ich +doch der erste sein, der diese neue Mode trägt.« + +Er bezahlte den hohen Preis ohne Widerrede und ging vergnügt nach Hause. +Nun ging es wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt, daß neue Perücken zu +haben wären, und wo ein Narr Geld hatte, kaufte er sich einen solchen Putz, +so daß der Handelsmann bald alle seine Waren verkauft hatte und den Markt +verließ. + +Des Nachmittags stolzierten die Käufer mit ihren neuen Perücken auf dem +Markte umher, und jener junge Stutzer dachte: »Du gehst auch; wie werden +die Leute staunen, wenn sie erst meinen Haarputz sehen!« + +Als er nun mit stolzem Schritt und großem Selbstgefallen an einem Gasthofe +vorübergeht, dessen Fenster alle mit vornehmen, fremden Damen besetzt sind, +ruft ihm ein Bauer nach: »Guter Freund! Euch hat wohl jemand einen +Schabernack gespielt,« und zeigt auf die Perücke. Und zu gleicher Zeit +springen alle Straßenbuben um ihn herum, lachend und schreiend, und selbst +alte Leute lächeln im Vorübergehen, wenn sie den jungen Herrn ansehen. Da +läuft dieser endlich in ein Haus, nimmt die Perücke ab und betrachtet sie +entsetzt, denn sie ist zu einem Geniste von Moos, Werg und Heu geworden. +Unterdessen ist es den andern Käufern nicht besser ergangen, und Lärm und +Gelächter hört man in allen Straßen der Stadt. + +Wie gut aber auch Rübezahl diesen Spaß durchgeführt hatte, so blieb er doch +ohne großen Nutzen, denn noch zu heutiger Zeit schämen sich die Deutschen +nicht, die Affen fremder Völker zu machen, und es täte not, Rübezahl käme +wieder, um ein Exempel zu geben. + + + + +Mutter Else. + + +Die Hilfe, welche Rübezahl einzelnen Personen hatte angedeihen lassen, zog +eine Menge Müßiggänger, nachlässige Hauswirte und dergleichen herbei, die +alle, bald durch Bitten, bald durch Spott den Berggeist zu reizen suchten, +daß er erscheinen und ihre Klagen anhören möchte. Eine Zeitlang ließ dieser +sie ruhig ihr Wesen treiben, denn er verachtete sie zu sehr, um sich über +sie zu erzürnen, oder er neckte sie auch zuweilen durch ein blaues +Flämmchen, welches sie für das Zeichen hielten, daß ein Schatz in der Erde +liege; ja er ließ sie sogar schwere Töpfe finden, und wenn sie diese mühsam +heimtrugen, fanden sie statt des Goldes Steine und Scherben darin. +Gleichwohl ließen sie nicht ab, den Gnom mit Bitten zu bestürmen, bis er +endlich ganz zornig ward und einen tüchtigen Steinhagel unter das Gesindel +warf, um sie aus seinem Gebiete zu verjagen. Kein Wanderer betrat nun ohne +Furcht und Zittern das Riesengebirge; Rübezahl aber ward lange Zeit nicht +mehr gehört und gesehen. + +Eines Tages sonnt sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam +ein Weib daher, die durch den sonderbaren Aufzug, den sie machte, seine +Aufmerksamkeit erregte. Sie hatte nämlich ein Kind auf dem Arme, eins auf +dem Rücken, eins leitete sie an der Hand und ein etwas größerer Knabe trug +einen leeren Korb und einen Rechen, denn die Mutter wollte Laub einsammeln +fürs Vieh. + +Eine Mutter muß doch wahrlich ein gutes Geschöpf sein, dachte Rübezahl, +schleppt sich da mit vier Kindern und muß noch dazu mühsame Arbeit +verrichten. Diese Betrachtungen versetzten den Gnom in gute Laune, und er +nahm sich vor, eine Unterredung mit der Frau anzufangen. Diese hatte indes +ihre Kinder auf den Rasen gesetzt und streifte Laub von den Büschen; +mittlerweile wurde den Kleinen die Zeit lang und sie fingen an zu weinen +und zu schreien; Da verließ die Mutter ihre Arbeit, spielte und scherzte +mit ihnen, wiegte sie endlich in den Schlaf, und ging dann rüstig wieder an +ihre Arbeit. Aber die Mücken stachen die kleinen Schläfer, sie wurden aufs +neue unruhig und ebenso rasch als unverdrossen eilte die Mutter wieder +herzu, suchte Himbeeren im Gebüsch und brachte sie den weinenden Kleinen. +Diese mütterliche Sorgfalt und Geduld rührte den Gnom. + +Der kleinste Knabe aber wollte sich durchaus nicht beruhigen lassen; er +warf die Beeren an den Boden und schrie, als ob er gespießt würde. Darüber +ging der Mutter endlich die Langmut aus; »Rübezahl!« rief sie drohend, +»komm und friß den unartigen Schreihals!« + +Augenblicklich kam der Gerufene in Gestalt eines Köhlers herbei und sprach: +»Hier bin ich, was willst du von mir?« -- + +Die Frau geriet in den größten Schrecken, faßte sich aber bald wieder ein +Herz und antwortete: »Ich rief dich nur, damit mein kleiner Schreihals +ruhig sein sollte; du siehst, es hat schon geholfen, also brauche ich dich +weiter nicht; hab Dank für deinen guten Willen.« + +»Ei!« sagte Rübezahl, »so ungestraft ruft man mich nicht. Nun halte ich +dich beim Worte; gib mir den Schreier, daß ich ihn geschwind aufesse, mir +ist lange kein so zarter Bissen vorgekommen.« Darauf streckte er die rußige +Hand nach dem Knaben aus. + +Da gab die Angst der Mutter Riesenkräfte, sie setzte sich mutig gegen +Rübezahl zur Wehr, zerzauste ihm den Bart tüchtig und rief: »Du Ungetüm, +ehe du mein liebes Kind rauben kannst, mußt du mir erst das Herz aus dem +Leibe reißen.« + +Eines so heftigen Angriffs hatte Rübezahl sich nicht versehen, aber ihm +gefiel der Mut und die Mutterliebe dieses Weibes. Deshalb lächelte er +freundlich und sagte: »Entrüste dich nicht so sehr; ich bin kein +Menschenfresser und will auch deinem Kleinen kein Leid antun. Aber laß mir +den Jungen; er gefällt mir, und ich will ihn wie einen Junker halten, in +Sammet und Seide kleiden, und es soll ein wackerer Bursche aus ihm werden, +der euch alle einmal erhalten kann. Ja, du kannst hundert blanke Taler für +den Buben fordern, und ich gebe sie dir sogleich.« -- + +»Ha,« lachte das Weib, »also mein Junge gefällt euch. Ei seht doch, das +freut mich, denn der prächtige Schlingel ist mir auch lieber als alle +Schätze der Welt.« + +»Du hast ja noch drei andere Kinder,« sagte. Rübezahl, »sie machen dir +Arbeit und Überdruß genug; du mußt dich ja ohnehin placken und schwere +Arbeit machen.« + +»Ei nun, machen sie mir manchmal ein bißchen Last, so sind's dafür doch +meine lieben Kinder, und machen mir noch viel mehr Freude.« + +»Eine schöne Freude, sie den ganzen Tag herumzuschleppen, sie zu gängeln, +zu waschen und zu füttern, und dabei ihre Unarten und ihr Geschrei zu +ertragen.« + +»Seht nur, Herr Berggeist, das versteht Ihr nun eben nicht. So etwas ist ja +die größte Freude für eine Mutter, und kein Kind ist ihr lieber, als was +ihr die meiste Mühe macht, wofür sie Tag und Nacht die Hände regen muß.« + + +»Nun, hast du denn nicht einen Mann, der für euch alle sorgt, arbeitet und +die Hände regt?« + +»O ja, und ich fühl's oft recht nachdrücklich, wie er sie regt,« sagte die +Frau mit einem komischen Seufzer, und machte eine verständliche Bewegung, +als schwinge sie einen Stab. -- + +»Was?« rief der Gnom ganz aufgebracht, »ein so braves Weib, wie ihr seid, +zu schlagen! Ei! so will ich ihm doch gleich das Genick dafür brechen.« + +»Nun, da werdet Ihr etwas zu tun, bekommen, wenn Ihr jedem querköpfigen +Manne das Genick brechen wollt. Seht nur, Steffen ist im Grunde so schlimm +nicht, aber er muß es sich auch sauer werden lassen, um die kleine +Wirtschaft im Stande zu erhalten, denn ich habe ihm nicht einen Groschen +Heiratsgut mitgebracht. Wenn ich nun Geld haben will, um den Kleinen Schuhe +und dergleichen zu kaufen, da tobt er freilich manchmal ärger als ein +Heide, denn unter uns, er ist ein bißchen geizig.« + +»Was treibt denn Steffen für ein Gewerbe?« + +»Er ist ein Glashändler und muß jahraus, jahrein die schwere Hucke mit +Glaswaren von Böhmen herunter ins Land tragen. Wie oft zerbricht nicht da +etwas auf dem weiten Wege, und das müssen die Kinder und ich denn freilich +entgelten. Aber fragt einmal nach, wo das besser sei und die Frau nicht +manche schlimme Stunde hat, weil der Mann Ärger hat.« + +Rübezahl gab sich nun zufrieden, obschon er ein Häkchen auf Steffen hatte; +fing aber nochmals davon an, daß ihm die Mutter den Knaben geben solle. Sie +gab ihm aber keine Antwort mehr darauf, sondern raffte das Laub in den +Korb, band das kleinste Kind mit dem Bande darauf fest und drehte dem +Berggeist den Rücken. Da sie aber den schweren Korb nun nicht gut auf die +Schultern heben konnte, wandte sie sich noch einmal zu ihm um und bat: +»Wollt ihr wohl so gut sein und mir den Korb aufnehmen helfen? Und wenn ihr +ein übriges tun wollt, so schenkt dem Jungen, der euch so gut gefällt, +einen Pfennig zu einer Semmel!« + +Rübezahl half ihr den Korb auf den Rücken heben: »Gibst du mir deinen +Jungen nicht,« sagte er dabei, »so soll er auch keinen Pfennig von mir +haben!« + +»Nun, wie ihr wollt, der Junge wird auch ohne Semmel groß werden,« +antwortete sie kurz und ging ihres Weges. + +Je weiter sie aber ging, desto schwerer ward ihr der Korb, so daß sie +endlich kaum mehr fort konnte. Sie mußte endlich einen Teil des Laubes +ausraffen, um nur leichter zu tragen; aber sie war noch nicht weit +gegangen, da kam ihr der Korb noch viel schwerer vor, und sie mußte +abermals ausraffen, was ihr ganz unerklärlich war, denn sie hatte oft eine +weit größere Bürde getragen, ohne davon so ermüdet zu werden. Als sie +endlich nach Hause kam, waren ihre Arme wie zerbrochen von der schweren +Last, und doch hatte sie noch viel in der Wirtschaft zu tun, warf den +Ziegen das Laub vor, gab den, Kindern das Abendbrot, wiegte sie in den +Schlaf, und legte sich endlich auch danieder, um flugs und fröhlich +einzuschlafen. + +Die frühe Morgenröte weckte das fleißige Weib zu neuem Tagewerke. Sie holte +nun ihr Melkgefäß und ging in den Ziegenstall. Aber welch ein +schreckensvoller Anblick, erwartete sie da! Ihr liebes, treues Haustier, +die alte Ziege, lag ganz starr und tot im Stalle, und die zwei Jungen +atmeten nur noch schwach. Ein so großes Unglück hatte die arme Frau all +ihre Tage noch nicht getroffen, und sie weinte bitterlich darüber. »Ach!« +jammerte sie, »es kommt ja kein Unglück allein, wie wird nun Steffen zanken +und wild werden, wenn er heimkommt; -- nun ist es mit meinem ganzen Frieden +aus, und ich habe kein Glück mehr auf der Welt.« Aber das Herz strafte sie +sogleich über diese Worte. »Waren denn die Ziegen dein einziges Glück und +nicht deine Kinder?« -- Da schämte sie sich ihres Unmutes und dachte: +»mag's denn sein, hat mir doch der liebe Gott die Kinder noch immer gesund +erhalten. Jetzt ist die Ernte vor der Tür, da kann ich ins Feld gehen und +schneiden helfen, damit verdiene ich mir schon etwas, und wenn ich im +Winter dann noch recht fleißig spinne, kann ich mir zum Frühjahr wohl +wieder eine neue Ziege kaufen.« + +Indem sie dies alles bei sich dachte, ward sie getroster, trocknete sich +die Augen und sah noch einmal die armen Ziegen an, die nun alle drei tot +waren. Da flimmerte etwas im Stroh zu ihren Füßen; sie hob es auf, es war +ein Blatt, das gelb wie Gold schimmerte. Da lief sie geschwind zu einer +Judenfrau, die in der Nähe wohnte, und diese erklärte den Fund für +gediegenes Gold, gab ihr auch gleich drei blanke Taler dafür. Wer war nun +froher als das arme Weib; sie lief flugs zum Bäcker, kaufte Semmel und +Butterkringel für die Kinder und eine Hammelkeule für Steffen, die wollte +sie ihm gut zurichten, wenn er abends müde und hungrig heimkäme. Sie vergaß +allen Harm über der Freude, ihre lieben Kinder einmal recht gut +abzufüttern, und diese zappelten, sprangen und jauchzten auch nicht wenig, +als sie die Backwaren bekamen. Indes schaffte die Mutter die toten Ziegen +beiseite, damit Steffen das Unglück nicht sogleich merke, wenn er nach +Hause komme. + +Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, als sie zufällig in die Futterkrippe sah +und einen ganzen Haufen solch goldener Blätter darin erblickte; ja selbst +in dem Korbe, worin sie das Laub heimgetragen hatte, hingen noch einzelne +von den kostbaren Blättern. Nun begriff sie auch leicht, woran ihre Ziegen +gestorben waren; sie haben das unverdauliche Laub gefressen, dachte sie, +und holte rasch ein Messer herbei, schnitt ihnen den Magen auf und fand +auch richtig ganze Klumpen Gold darin. Nun war die arme Frau mit einem Male +so reich geworden, daß sie glaubte, sie könne soviel Gold all ihr Lebtag +nicht verbrauchen; sie lief in ihrer Freude gleich zum Pfarrer, der ein +sehr biederer Mann war, und dieser verwahrte ihren Schatz auf das +gewissenhafteste. »Wenn ich euch einen Rat geben soll, gute Frau,« sagte +er, »so laßt euren Mann nichts von der Sache erfahren, er würde das Geld +für sich behalten und euch und den Kindern nichts davon geben. Ich will +einen Brief in fremder Sprache schreiben, als ob er von eurem Bruder käme, +der weit in der Fremde ist, und der euch eine kleine Summe Geld schicke. +Daran könnt ihr Steffen teilnehmen lassen, und so immer mehr und mehr von +dem Schatze geben, aber nicht auf einmal, denn das wäre bei Steffens +Denkart und seinem Hange zum Geiz nur gefährlich.« + +Die gute Frau war mit diesem Vorschlage wohl zufrieden und gab auch eine +hübsche Summe dem Pfarrer für die Armen des Dorfes; auch kaufte sie für die +Kirche eine neue Altarbekleidung, denn sie war Gott dankbar für den +unverhofften Segen, und wollte ihm dies beweisen durch Mildtätigkeit. + +Während alledem kam Steffen mit einer schweren Ladung Glassachen über das +Gebirge. Er war sehr ermüdet, und da er an seinem Wege eine schöne große +Wiese fand, beschloß er, sich ein wenig niederzulegen. Es war auch ein +umgehauener Baumstamm in der Nähe, darauf konnte er seine Hucke bequem +niedersetzen, und nun ruhte er sich gemächlich aus in dem frischen Grase, +worin weißer Teufelsbart und Marienflachs blühten. Er berechnete dabei den +Vorteil, den er diesmal aus seiner Ladung zu ziehen gedachte. »Ich will mir +einen Esel in Schmiedeberg dafür kaufen,« sagte er in halblautem +Selbstgespräche, »der kann statt meiner die schwere Hucke tragen; mein Weib +ist jung und rüstig und kann schon allein für die Kinder sorgen, wenn ich +ihr auch nichts gebe von meinem Verdienste. Sie hat ja auch die Ziegen, und +die Kinder können mit den Winterkleidern noch lange warten. Kann ich nur +erst auf dem Esel eine doppelte Ladung Glaswaren aus Böhmen herüberbringen, +dann ist mir auch doppelter Verdienst gewiß, und ich bringe es auch nach +und nach wohl bis zu einem Pferde. Ein Stück Acker findet sich auch schon +dazu, es liegt viel Rodeland um meine Hütte, und mein Weib hat junge, +rüstige Glieder; mit der Zeit kann mir ein kleines Bauerngut nicht fehlen, +und dann soll auch Else für sich und die Kinder neue Kleider kaufen.« + +Als Steffen so in seinem künftigen Reichtum schwelgte, erhob sich plötzlich +ein heftiger Wirbelwind und stürzte den Korb mit den Glaswaren vom Stamme +herunter, daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücken herumlag. Das war +der härteste Schlag, der den geizigen Mann treffen konnte; ganz betäubt +starrte er auf die Scherben, mit denen zugleich auch alle seine schönsten +Hoffnungen zertrümmert waren. Da hörte er ein schallendes Gelächter ganz in +seiner Nähe; er sah sich betroffen um, erblickte aber niemand; was ihn aber +noch mehr staunen machte, war, daß der Baumstamm, auf den er zuvor seine +Glashucke niedergestellt hatte, ganz und gar verschwunden war. + +»Rübezahl!« rief er heftig, »du Schadenfroh, das hast du mir getan! Womit +habe ich dich denn erzürnt, daß du mich um meinen sauren Verdienst bringst! +Komm doch lieber gleich und erwürge mich, du tückischer Kobold, du +boshafter Halunke, denn du hast mich doch auf Lebenszeit zu einem +geschlagenen Manne gemacht.« + +Es war Steffens bitterer Ernst mit diesen Worten, aber Rübezahl ließ sich +weder sehen noch hören. -- + +Der arme Steffen mußte sich entschließen, die zerbrochenen Glasscherben +zusammenzusuchen, damit er in der Glashütte wenigstens einige Spitzgläser +dafür bekommen, um nun wieder einen neuen Handel anfangen zu können. Er +sann und sann, woher er Geld nehmen sollte, um nur wieder Waren einkaufen +zu können, aber er sah keinen Ausweg. Endlich fielen ihm die Ziegen seiner +Frau ein. »Wenn du die hättest und verkaufen könntest,« dachte er, »die +würden dir viel helfen; Else wird sie aber gewiß nicht hergeben, denn sie +braucht Milch für die Kinder. -- Wie wäre es aber, wenn ich um Mitternacht +mich still nach Hause schliche, die Ziegen aus dem Stalle holte und nach +Schmiedeberg auf den Markt triebe. Dann könnte ich neue Glaswaren kaufen, +und damit Else, nichts merke, wollte ich sie tüchtig ausschelten, daß sie +so nachlässig, gewesen sei, sich die Ziegen stehlen zu lassen. Ja, den +Kniff will ich anwenden, um mir aus meiner traurigen Lage zu helfen.« + + +Um nun dies Vorhabens auszuführen, schlich sich Steffen so nahe als möglich +an das Dorf und versteckte sich in einem Busche, bis es Nacht ward. Dann +machte er sich ganz behutsam auf den Weg, kletterte über den Zaun und +öffnete den Ziegenstall. Wider Gewohnheit war dieser unverriegelt, und so +sehr ihm dies auch lieb war, fand er doch einen Grund darin, mit seinem +Weibe schelten zu können über große Nachlässigkeit. Im Stall aber rührte +sich nichts; er tappte an der Krippe hin -- es war alles leer. Im ersten +Schreck glaubte Steffen, es sei ihm ein Dieb zuvorgekommen, und war darüber +so niedergeschlagen, daß er sich auf die Spreu warf, in dumpfer Traurigkeit +darüber, das letzte Mittel verloren zu haben, mit dem er sich wieder +aufzuhelfen gedachte. + +Else hatte vergeblich mit der guten Mahlzeit auf ihren Mann gewartet und +war noch spät abends nach der Landstraße gelaufen, wo sie noch lange nach +Steffen sah, bis ihr die Augen weh taten. Traurig ging sie heim, denn sie +dachte, es sei ihm ein Unglück begegnet, und es kam die ganze Nacht kein +Schlaf in ihre Augen. + +Am Morgen klopfte es leise an die Tür. Steffen war es, der die Nacht im +Ziegenstalle auch eben nicht gut zugebracht hatte. »Liebes Weib,« sagte er +ungewöhnlich sanftmütig, »mache mir doch auf, ich bin müde.« -- Else hörte +kaum ihres Mannes Stimme, als sie flink wie ein Reh herbeisprang und ihn +vor lauter Freude umhalste, da er wieder gesund und frisch vor ihren Augen +stand. Er setzte aber ganz kleinlaut und still seinen Korb auf die Ofenbank +und warf sich mißmutig daneben. + +Wie Else ihn so traurig sah, ging es ihr ans Herz. »Was hast du denn, +Steffen?« fragte sie gutmütig, »ist dir etwas Schlimmes begegnet?« Mit +Seufzen und ganz kleinmütig erzählte er ihr endlich sein Unglück. + +Else hätte am liebsten laut gelacht über den Possen, den Rübezahl ihrem +Manne in guter Absicht gespielt hatte. Als er aber nach den Ziegen fragte, +bekam sie selbst Lust, ihn ein wenig zu necken, denn dachte sie, der +Hausvogt hat richtig schon überall herumspioniert. »Was kümmert dich mein +Vieh?« sagte sie, »hast du doch nicht einmal nach den Kindern gefragt. Die +Ziegen sind wohl aufgehoben draußen auf der Weide. Lasse dich aber +Rübezahls Tücke nicht anfechten, wer weiß, auf welchem Wege er es wieder +gutmacht.« + +»Da kannst du lange warten,« brummte Steffen. »Ei nun,« versetzte das Weib, +»unverhofft kommt oft. Hast du auch keine Glaswaren und ich keine Ziegen +mehr, so haben wir ja doch vier gesunde Arme, das ist der beste Reichtum!« + +»Ach, daß Gott sich erbarme,« jammerte der bedrängte Mann, »also die Ziegen +sind doch fort! Nun, so kann ich die Kinder auch nicht mehr erhalten.« + +»Nun, so kann ich's,« sprach Else. -- Bei diesen Worten trat der +freundliche Pfarrer herein, der die Unterredung an der Tür gehört hatte, +und nachdem er dem Steffen eine tüchtige Strafpredigt über den Geiz +gehalten hatte, der eine Wurzel alles Übels sei, -- verkündete er ihm, daß +sein Weib ein reiches Geschenk von ihrem Bruder bekommen habe und zog den +Brief hervor. Und nun las er ihm vor, wie Steffen das Geld nicht in die +Hände bekommen, sondern er, der Pfarrer, dasselbe verwalten solle, damit +Else und die Kinder auch wirklich ihr gut Teil davon bekämen. + +Da stand Steffen wie versteinert und konnte gar nicht zu Worte, kommen. +Endlich nahm das gute Weib seine Hand und sprach ihm Mut zu; da nahm er +sich vor, besser und ein freundlicher Ehemann zu werden; er versprach es +auch seiner Frau vor dem Pfarrer, und bat Elsen, sie solle ihn jetzt nicht +verlassen, da sie reich geworden sei. Und er hielt redlich Wort; seine +fleißige Hand mehrte das Geschenk des Berggeistes von Tag zu Tag. Endlich +kaufte der redliche Pfarrer ein schönes Bauerngut, worauf Steffen und sein +Weib ihr Lebelang glücklich und zufrieden wirtschafteten. + +Die treue, sorgsame Mutter erlebte an ihren Kindern viele Freude; der +kleine Bube, Rübezahls Günstling, wurde ein wackerer Soldat und diente +unter Wallenstein im dreißigjährigen Kriege mit vielem Ruhme. + + + + +Glücks-Männlein. + + +Eines Tages kam in Seidorf die Rede darauf, daß, wer in Rübezahls +Lustgarten Glücks-Männlein pflücken könne, reich und glücklich in der Welt +werde; es müsse aber in der Johannisnacht geschehen, denn außer dieser Zeit +breche Rübezahl einem jeden, der komme, den Hals. »Es muß aber eine Waise +sein und kein böser Mensch,« setzte der Erzähler hinzu. + +Nun waren ein Paar Geschwister in der Wirtsstube, die beide verwaist waren, +und der Brauer hatte sie aus Barmherzigkeit zu sich genommen; wie nun der +Knabe diese Reden hört, denkt er: »Das will ich versuchen, und wenn es +glückt, so soll mein Schwesterchen und der gute Brauer, der sich der armen +Waisen angenommen hat, auch reich und glücklich werden.« + +Ohne jemand ein Wort zu sagen, schleicht sich Joseph aus der Stube, steckt +sich ein Stück Brot ein und schreitet wohlgemut aus dem Dorfe, den Bergen +zu, denn es war eben die Johannisnacht. Wie er bis zur Hampelbaude kommt, +fragt ihn der Baudenwirt, wohin er noch so spät wolle und der Knabe erzählt +treuherzig sein Vorhaben. + +Ein Mann der behaglich hinter einer Flasche Ungarwein sitzt, hört das mit +an, und als Joseph, weitergeht, kommt er ihm rasch nach. »Wir wollen +Gesellschaft machen,« spricht er zu dem Knaben, »ich gehe auch noch diese +Nacht in Rübezahls Lustgärtlein.« + +Joseph sieht den stattlichen Mann an, der so rund und wohlgenährt aussieht +und denkt: »ei, was mag denn dem noch zu seinem Glücke fehlen? -- Das ist +ja der reiche Kretschmer aus Breslau, der gestern bei uns in Seidorf +übernachtete und bis spät nach drei Uhr Karten spielte und zechte.« -- + +So gehen sie nebeneinander; die Nacht ist lieblich und still, und von den +Dörfern im Tale klingen die Abendglocken herauf. Da faltet der Knabe in +frommer Gewohnheit seine Hände und betet; der fremde Mann denkt aber nur an +all den Reichtum, den er mit Hilfe der Glücks-Männlein erwerben wird. Als +sie nun am Lustgarten Rübezahls ankommen, leuchten ihnen schon die Blüten +des Glücks-Männlein entgegen und der Kretschmer fällt gierig darüber her, +ganze Hände voll davon ausrupfend. + +Da tritt plötzlich ein Greis mit langem, silberweißem Barte hinter einem +Felsen hervor und ruft ihm ein donnerndes »Halt« zu. Der Mann zittert am +ganzen Leibe und bleibt wie angewurzelt stehen; der Knabe aber geht ruhig +an den Greis heran und bittet: er möge ihm doch erlauben, zwei +Glücks-Männlein mitzunehmen. + +Da schaute der Greis freundlich auf den Bittenden und fragte: »wozu er denn +gerade zwei Glücks-Männlein pflücken wolle?« + +Joseph sagt nun, wie er und seine Schwester Waisen seien und gern glücklich +werden möchten, damit sie nicht mehr guten Leuten zur Last fielen, und nur +deshalb bitte er um zwei Blümlein. + +Nun wurde der Greis immer freundlicher, pflückte selbst einen großen Strauß +der begehrten Blumen, gab sie dem Knaben in die Hand und steckte ihm noch +alle Taschen voll davon, indem er ihn ermahnte, nichts davon zu verlieren. +-- Nachdem dies geschehen und Joseph tausend Dank gesagt, fragt der Greis +den Kretschmer: »Wer bist du?« -- Der Mann sagt, er sei arm und in Not und +käme auch, um sein Glück zu machen. + +»Elender!« fuhr der Greis ihn an, »glaubst du, ich würde einen so +schlechten Patron, wie du bist, glücklich machen? Hebe dich hinweg, nur für +unschuldige Waisen ist das Glück beschert, das sie hier suchen.« -- Unter +diesen Worten stand der Kretschmer zitternd vor dem Greise, wollte aber +doch nicht vergebens heraufgestiegen sein und sagte, er sei auch eine +Waise, sein Vater wäre von den Moskowitern fortgeschleppt worden, als er +kaum zwölf Jahre alt gewesen sei. Er hatte diese Worte kaum gesprochen, da +ergrimmte der Greis, faßte ihn bei der Gurgel und warf ihn hinab in den +tiefen Grund. »Nichtswürdiger Lügner!« sagte er dabei, und seine Stimme +klang wie ferner Donner; -- das Winseln des Mannes verstummte bald. -- Der +Knabe aber war erschrocken auf die Knie gesunken und betete; da nahm ihn +der Greis an die Hand, sprach ihm sanft zu und führte ihn wieder aus dem +Gehege heraus. + +In Seidorf war man indes um Joseph sehr besorgt gewesen, und besonders die +Schwester freute sich, als er gesund und frisch wiederkam und ganze Hände +voll Glücks-Männlein mitbrachte. Er teilte dem Brauer redlich davon mit, +und am andern Morgen hatte sich jedes Blättlein in pures Gold verwandelt. +Nun gab es auf der Welt keine glücklicheren Geschwister; Joseph ward der +reichste Bauer im Dorfe, hat aber nie die Hilfe Rübezahls und das +schreckliche Ende des schlechten Kretschmers vergessen. + + + + +Die drei besten Menschen. + + +Rübezahl kam auf seinen Streifereien eines Abends bei den Grenzbauden +vorbei. »Wie wär's,« dachte er, »wenn du über Nacht hier bliebest? +Vielleicht erlebst du einen lustigen Zufall,« und damit ging er ins Haus. + +Da saßen drei Männer um einen Tisch, tranken ihre Flasche Österreicher und +waren guter Dinge; zu denen setzte sich Rübezahl und bat, sie möchten sich +in ihrem Gespräch nicht irre machen lassen. Nun fuhr der erste von ihnen in +seiner Rede also weiter fort: + +»Ich bin ein Landsknecht,« sagte er, »aus Dinckelsbühl in Schwaben, und da +jetzt Frieden im Reiche ist, so gehe ich in die weite Welt, um auf meine +eigene Rechnung Taten zu tun, vor denen die Menschen staunen sollen, und +ich will niemand raten, daran zu zweifeln; ich bin zwar sonst der beste +Mensch von der Welt, den Widerspruch aber kann ich nicht leiden, ich möchte +da immer gleich mit dem Schwerte dreinschlagen, und das nehmen die Leute +gleich übel.« + +Der andere erzählte, er sei aus Schlesien und habe sonst in Goldberg Tuche +geschoren, aber er habe die Stadt um einer Kleinigkeit willen verlassen und +suche nun andere Arbeit. »Ich bin eigentlich der beste Mensch von der +Welt,« sagte er, »aber obgleich ich manches Tuch geschoren habe, lasse ich +mich doch nicht scheren, und da es der Meister einmal mit mir probieren +wollte, warf ich ihm mein Eisen an den Kopf. Da verklagte er mich und ich +nahm Reißaus, um nicht im Stock zu brummen.« + +»Ich bin ein Müller,« sagte der dritte auf Befragen, »und gewiß der beste +Mensch von der Welt, nur kann ich keine Ungerechtigkeit leiden. Wenn mir +nun einer von der Mahlmetze und dergleichen anfängt, kribbelt's mich in den +Fäusten und ich fasse da manchmal nach einem Stuhlbein oder dem Bierkandel +und schlage drein. Darüber kam ich mit aller Welt in Unfrieden, und der +Meister jagte mich fort, weil ich ihm die Mahlkunden verjagte, wie er +sagte.« + +»Nun, da haben wir ja ziemlich einerlei Geschick,« fing darauf der +Landsknecht an, »wie wär's, wenn wir ein Stück miteinander in die Welt +gingen?« Das waren die anderen zufrieden und legten sich einig und +friedlich aufs Stroh. + +Als sie nun fest schliefen, betrachtete sie Rübezahl und sagte zu sich +selbst: »Warum mache ich doch diese Entdeckung so spät, die alle meine +früheren Erfahrungen Lügen straft. Sonst wäre ich ja zufrieden gewesen wenn +ich nur _einen_ besten Menschen auf der Welt gefunden hätte, und hier habe +ich nun gleich drei auf einmal.« + +Am anderen Morgen zogen die drei besten Menschen ihres Weges, und Rübezahl +zauberte jedem einen Portugaleser in die Tasche, der ihnen auf ihrer +Wanderschaft ganz gut zustatten kam. + +Nach langer Zeit dachte der Berggeist: »Ich möchte wohl wissen, wo jetzt +die drei besten Menschen der Welt sein mögen und wie es ihnen ergeht.« Und +siehe da, kaum hat er es gedacht, so sieht er den Goldberger Tuchscherer +von Hohenelbe herkommen. Rübezahl verwandelt sich geschwind in einen +Grenzjäger und fängt ein Gespräch mit dem Burschen an. »Ei, warum wandert +ihr denn ganz allein, habt ihr keinen Reisegefährten gefunden?« + +»Zwei für einen, aber mit denen war nicht auszukommen, obgleich ich der +beste Mensch von der Welt bin. Was scher ich mich drum, ich hab gehört, +mein Meister ist gestorben, und da er mir nun nichts weiter antun kann, +gehe ich wieder, woher ich gekommen bin, nach Goldberg.« + +»Das ist wohl eine große, schöne Stadt?« fragt der Grenzjäger; »ich bin aus +Schwaben und erst zwei Tage hier im Lande.« + +»Nun, dem kannst du eins aufbinden,« denkt der Goldberger, und sagt: »Ei +ja, es hat viel Merkwürdigkeiten in meiner Vaterstadt, besonders den +Ratsturm, der ist an die elftausend Fuß hoch, und die Esse des Türmers +nimmt allein tausend Fuß davon weg. Wenn die einmal gefegt wird, so braucht +der Essenkehrer einen und einen halben Tag und muß Nachquartier darin +machen, wozu mitten in der Esse ein kleines Stübchen gebaut ist.« + +»Du Schelm,« denkt Rübezahl, »das soll dir doch nicht ungestraft hingehen.« +Der Goldberger aber lügt tapfer weiter. Endlich kommen sie nach Krummhübel, +und die Sonne vergoldet die Berge über ihnen zum Entzücken schön. An den +Bleichplätzen sind viele Menschen versammelt, und der Tuchscherer grüßt +herablassend nach allen Seiten. Aber die Bleicher stemmen die Arme in die +Seiten und lachen, daß es in den Bergen widerhallt. Die Wanderer am Wege +bleiben stehen und sehen den Goldberger mit Staunen und Entsetzen an. Der +sieht nämlich wie ein Kreuzschnabel und Pfefferfresser aus, eine große Nase +sitzt in seinem Gesicht und darum noch eine Menge kleine. Das sieht er, wie +er eben an einem großen Zuber mit Wasser vorübergeht und erschrickt halb +zum Tode darüber. Die Hände vor das Gesicht geschlagen, läuft er in den +Wald zurück, verfolgt von dem Gelächter der mutwilligen, jungen Leute, die +auf dem Felde und den Bleichen beschäftigt sind. + +Der Goldberger blieb die ganze Nacht versteckt, und nur der Hunger trieb +ihn endlich wieder dem Dorfe zu. Da begegnet ihm ein Jäger und spricht +lachend: + +»Ach, du bist dem Berggeist wohl auch in die Hände gelaufen? Deine Nase ist +keine natürliche.« + +»Ich glaube, der Fremde, der mir in Hohenelbe begegnete, ist der Herr +Johannes gewesen und dem habe ich freilich auch eine Nase aufgebunden. Ach, +wäre ich nur noch einmal diese schreckliche Nase los, ich wollt in meinem +Leben nicht mehr lügen!« + +»Topp, es gilt, mein Bursch!« rief der Jäger, »aber, halt auch Wort.« -- +Und lachend verschwand er zwischen dem hohen Korn. Der Goldberger aber +hatte sein natürliches Gesicht wieder. + + + + +Der böse Vogt. + + +Es war einmal ein Ritter, der Frau und Kind plötzlich durch den Tod verlor +und darüber so in Trübsinn versank, daß ihm nichts auf der Welt mehr Freude +machte. Es ward ihm unheimlich auf seiner Burg; ritt er zur Jagd aus, so +schien ihm der Wald zu eng; der Wein mundete ihm nicht und dem Trost seiner +Genossen und Freunde verschloß er das Ohr. -- Endlich beschloß er, seine +Heimat auf lange Jahre zu verlassen, füllte den Säckel mit Goldgülden, +befahl dem treuen Knappen, die Rosse zu schirren und übergab die Burg +seinem Vogte Lutz. Und nun ritt er weit in das Reich hinein. + + +So lange der Ritter daheim gewesen war, hatten seine Dörfler und Insassen +ein glückliches Leben geführt, das ward nun aber bald anders. Vogt Lutz +ließ die Ältesten aus den Dörfern, die zur Burg gehörten, herbeirufen, und +sagte ihnen, daß sie von nun an doppelt so viel Abgaben bezahlen und statt +dreier Tage fünf in der Woche frohnen sollten. Damit wies er ihnen die Tür +und hörte ihre Gegenvorstellungen gar nicht einmal an. Nun merkten die +Landleute erst, welch ein böser Mensch der Vogt sei, der während der +Anwesenheit des Ritters nur immer den Katzenbuckel gezeigt hatte. Als sie +daher vors Burgtor kamen, sahen sie sich mit trüben Mienen an, schüttelten +sich die Hände und trennten sich mit schwerem Herzen, um die schlimme Kunde +den anderen mitzuteilen. Da gab es viele Klagen bei den Weibern, bei den +Männern viel Grimm und Zorn; aber sie wollten fürs erste ruhig abwarten, +was da kommen würde. + +Als sie, wie früher, drei Tage gefrohnt hatten, glaubten sie, daß sie nun +ihrer Pflicht Genüge getan hätten und bestellten am vierten Tage ihre +eigenen Felder. Da kam um die Mittagsstunde der Vogt Lutz mit einem Schwarm +gewappneter Knechte in die Dörfer und trieb die Bauern mit Schwertstreichen +auf die Äcker, welche zur Burg gehörten. Er drohte ihnen auch mit schwerer +Strafe, wenn er sie nochmals ungehorsam fände, und als die Bauern die +Urkunde zu sehen verlangten, daß ihr Herr so Ungerechtes von ihnen begehre, +hob er sein Schwert und sagte: »Seht, hier ist Brief und Siegel genug für +euch!« + +So mußten denn die Bauern ihre Felder vernachlässigen, und was sie +befürchteten, traf bald genug ein, sie konnten ihre früheren Abgaben nicht +mehr entrichten, viel weniger die neu auferlegten. Da gingen die Ältesten +zu dem Vogt und baten ihn auf den Knien, daß er das harte Gebot doch +zurücknehmen möchte. Aber Lutz jagte sie mit Peitschenhieben aus der Burg, +und es war jämmerlich anzusehen, als die Greise mit ihren silberweißen +Haaren so hart geschlagen wurden. Und als die Bauern dennoch das +unbarmherzige Gebot nicht erfüllen konnten und der Termin kam, ohne daß sie +Geld hatten, ließ der harte Lutz ihr Vieh wegnehmen, um sich daraus bezahlt +zu machen. Da vergaß sich ein junger Bauer und stieß böse Reden gegen den +Vogt aus; dieser aber ließ ihn sogleich von seinen Knechten umringen und an +den Schweif seines Rosses festbinden; so ward er zur Burg geschleift und +dort in ein finsteres Verließ geworfen, auf dessen Boden es von Kröten und +giftigem Gewürm wimmelte. + + +Im Dorfe aber wehklagten die Bauern, und am meisten jammerte Anna, die +Braut des jungen Landmannes, der die Rache des Vogtes auf sich gezogen +hatte. Sie lief weinend in den Wald, und niemand konnte sie trösten. Da +begegnete ihr ein hoher Rittersmann, der vom Kopfe bis zum Fuße in +glänzenden Stahl gehüllt war. Anna erschrak vor der unerwarteten +Erscheinung, als aber der Ritter, sein Visier aufschlug und sie sein edles, +männliches Gesicht sah, welches sie freundlich anblickte, da faßte sie Mut. +»Was weinst du, mein Kind?« fragte der Ritter mit einer so wohltönenden +Stimme, daß Anna davon wunderbar ergriffen wurde. Sie öffnet dem Fremden +ihr ganzes Herz voller Zutrauen, indem sie ihm die Geschichte mit dem Vogte +von Anfang bis zu Ende erzählte. Aufmerksam hörte ihr der Ritter zu und +gebot ihr dann, die Ältesten aus den Dörfern herbeizurufen, die er an der +Kapelle vor der Burg erwarten wolle. + +Anna vollzog eilig sein Gebot, und ehe die Sanduhr zweimal gewendet war, +fanden sich die Gerufenen an der bezeichneten Stelle zusammen. »Liebe +Väter,« redete sie der stahlgepanzerte Ritter an, »ich habe von dem Unrecht +gehört, daß euch der böse Lutz zugefügt, und da ich ein fahrender Ritter +bin, der überall gegen das Unrecht kämpft und seinen Schutz den Bedrängten +angedeihen läßt, so will ich auch euch in eurer gerechten Sache beistehen. +Geht, ruft alle Männer zusammen, daß ich sie führe und die Burg des Vogtes +stürme.« -- Woher mochte es kommen, daß die besonnenen Greise allzugleich +Vertrauen zu dem fremden Ritter faßten? Es war ihnen, als könne es gar +nicht anders sein, als daß sie ihm Folge leisten müßten, und sie eilten in +die Dörfer zurück, um den Vorschlag des Ritters kundzumachen. Da griff alt +und jung zu den Waffen, waren es gleich nur Stangen und Heugabeln, und +damit eilten sie zu der Kapelle, wo der Ritter ihrer wartete. Keiner, der +nur einen Prügel schwingen konnte, war zurückgeblieben. + +Als die Einwohner der drei Dörfer versammelt waren, überblickte der Ritter +die zahlreiche Schar und sprach: »Wenn ihr Mut im Herzen habt, so folgt mir +getrost, ich will euch die Burg erobern und den Vogt züchtigen helfen. Wer +aber Furcht hat, bleibe daheim. Und das möge mein Zeichen sein, daß ihr mir +getrost folgen könnt.« Als er diese Worte sprach, warf er seine riesige +Lanze so hoch in die Luft, daß sie fast den Augen der Menge entschwand, und +als sie sausend wieder herunterfuhr, fing er sie mit gestrecktem Arm wieder +auf. Da jubelten und riefen die Bauern: »Führe uns!« Und fort ging es nun +im Sturmschritt gegen die Burg, der Ritter ging in seiner glänzenden +Rüstung immer voran der kampflustigen Schar: Als sie die Burg erreicht +hatten, rief der Anführer mit Donnerstimme hinauf, Lutz solle sich auf der +Zinne zeigen. + +Alsbald erschien auch der Vogt, von Neugier getrieben und Spott im Herzen; +höhnisch blickte er auf die Feinde hinab. »Ergib dich, Lutz!« rief der +Ritter, »und bedenke dich nicht länger, als zwölf Sandkörner brauchen, um +in der Uhr zu verrinnen!« + +Ach, was sprudelte da der Vogt für Witz- und Schimpfwörter hinaus! Strolch +und Strauchdieb wurde der Ritter, Galgenfutter die Bauern genannt; dann +lief er zornig hinweg, um seinen Knechten zu befehlen, daß sie das Gesindel +von dem äußeren Tore der Burg verjagen möchten. Nun ward ein Hagel von +Bolzen nach den Bauern herabgeschossen, aber wunderbar! die tötlichen +Geschosse verfehlten alle ihr Ziel, und der fremde Ritter erhob indes seine +ungeheure Streitaxt und spaltete mit einem Schlage das Tor der Burg. Hoch +schwang er nun seine gewaltige Waffe und stürmte voran; ein wunderbarer Mut +beseelte die Bauern, daß sie ihm jauchzend folgten. + +Vergebens war alle Gegenwehr der Knechte; wie Blitz und Donner schmetterte +die Streitaxt in ihre Reihen; da warfen die Reisigen ihre Waffen weg und +baten um Gnade. Der Vogt hatte sich versteckt, ward aber bald gefunden; +seine eigenen Leute verrieten ihn. Der Ritter hielt ein kurzes Gericht; +nachdem der junge Bauer aus dem Verließ heraufgeholt worden war, vertrieb +er die besiegten Knechte aus der Burg. + +Nun zog der Ritter ein Pergament hervor; es war die Urkunde vom Tode des +eigentlichen Herrn der Burg, der den fremden Ritter zu seinem Erben +eingesetzt, weil dieser ihm im Türkenlande einmal das Leben gerettet hatte. + +Nun wäre der Ritter ihr neuer Gebieter gewesen, er schenkte aber die Burg +und alle dazu gehörigen Ländereien dem jungen Landmanne, der Annas +Bräutigam war, machte es ihm aber zur Pflicht, die Bauern nicht wie +Leibeigene zu behandeln, sondern ihre Rechte zu wahren und zu schützen. Die +Abgaben wurden aber so gering angesetzt, daß alle Sorge und Not für die +Bauern vorüber war. Alles dies ward förmlich niedergeschrieben und von dem +Ritter unterzeichnet. Als alles dies vorüber war, wurde der neue Burgherr +mit seiner Anna getraut, wobei der fremde Ritter schöne Geschenke zum +Vorschein brachte, ohne daß jemand begreifen konnte, woher er diese in der +Eile genommen hatte. + +Nun ermahnte er die Landleute noch zur Eintracht, und nachdem er dem +zitternden Lutz befohlen hatte, ihm zu folgen, schied er aus ihrer Mitte, +auf eine Weise, die das Staunen der Versammelten nicht wenig erregte. Eine +dunkle Wolke senkte sich nämlich plötzlich hernieder und führte den Ritter +samt dem Vogt ins Weite. Jetzt erkannten die Bauern mit einem Male, daß +Rübezahl ihr Helfer gewesen war, und sahen der Wolke segnend nach, bis sie +auf den Gipfel eines Berges sich niedersenkte und verschwand. Der neue +Burgherr aber war mildherzig und brav, wie denn der Berggeist Rübezahl +seine Leute immer genau kannte. In glücklicher Häuslichkeit und Eintracht +lebten die beiden lange Jahre vereint und die guten Jahre ließen sie die +schweren Stunden vergessen und viele Freude an ihren Nachkommen erleben. +Die Bauern waren glücklich und erzählten noch ihren Enkeln mit Dank und +Freude die seltsame Mär von Rübezahl und dem bösen Vogt, aber auch von dem +letzten, guten Burgherrn, der so unendlich viel Gutes getan hatte und +dessen Andenken lange in Ehren blieb. + + + + + +Rübezahl straft einen Unwissenden. + + +Als Rübezahl eines Tages im warmen Sonnenschein lag und die Gestalt eines +Holzhauers angenommen hatte, um sich irgend einen Spaß mit den Reisenden zu +machen, -- denn die Langeweile plagte den Berggeist oft so sehr, wie unsere +vergnügungssüchtigen Menschen -- kam ein Arzt von Schmiedeberg +heraufgeschritten, um auf dem Kamme zu botanisieren. Rübezahl war geschwind +bei der Hand und erbot sich, dem ermüdeten Bergsteiger das Pflanzenbündel +zu tragen, das er sich schon gesammelt hatte. + +Dabei hatte er Gelegenheit, in dem Arzt einen prahlerischen Wunderdoktor zu +erkennen, der seinem Begleiter viel von seinen fabelhaften Kuren und seiner +unvergleichlichen Geschicklichkeit erzählte. Am meisten aber ergötzte es +den Gnomen, sich von dem Arzte die Heilkräfte der Pflanzen erklären zu +lassen, und da kam es denn, daß der scheinbare Holzhauer dem gelehrten +Herrn manchen Irrtum nachwies, oder ihm noch ganz unbekannte Dinge +mitteilte. Das verdroß den dünkelhaften Arzt, so daß er zu seinem Begleiter +ziemlich verächtlich sagte: »Schuster, bleib bei deinem Leisten!« + +Rübezahl belustigte sich an dem Mißmute des Arztes und fuhr ganz ruhig +fort, ihm allerlei Aufschlüsse über die Naturkräfte zu geben, so daß jener +mit seinen prahlerischen Erzählungen ganz verstummte. »Wenn du so kundig +aller Pflanzen und Kräuter bist, vom kleinsten Moose an bis zur Ceder, die +auf dem Libanon wächst,« sagte er verdrießlich, »so sage mir doch, du +überaus weiser Holzhauer, was wohl früher war, die Eichel, oder der +Eichelbaum?« + +Der Geist antwortete lächelnd: »Ei doch wohl der Eichbaum, denn die Eichel +wächst ja erst auf dem Baume.« + +»Siehst du, welch ein Narr du bist,« spottete der Arzt, »wo kam denn der +erste Baum her, wenn nicht aus deren Samen er aufwuchs?« + +Da erwiderte der Holzhauer: »Ihr habt mir da auch eine zu schwere Frage +gestellt; solche Gelehrsamkeit ist mir zu hoch. Was ich weiß, habe ich nur +von meiner Mutter gelernt. Vielleicht könnt ihr mir aber einen guten Rat +geben; ich habe das Fieber, und schon allerlei dagegen gebraucht; seht nur, +wie mich der Frost packt.« Dabei schüttelte sich der Gnom, daß seine +Glieder knackten, und hielt den Atem an; darüber ward er ganz blau im +Gesicht, und der Arzt sagte: »Ei, ei, mein Freund, da hast du einen +schlimmen Anfall; es ist nur ein Glück, daß du an den rechten Mann gekommen +bist, ich will dir sogleich helfen.« + +Er öffnete seine Blechkapsel, die voll Salbenkrausen und Medizinfläschchen +steckte, goß allerlei Säfte zusammen, schüttelte es wohl untereinander, und +dem Berggeiste lief es dabei wirklich kalt über den Rücken, wenn er dachte, +daß er dieses saubere Gebräu hinunterschlucken sollte. Dann nahm der +Wunderdoktor eine große Schachtel voll Pillen, die er ohne Ausnahme als +Universalmittel bei den verschiedensten Krankheiten anwendete, gegen Gicht +und Kopfschmerzen, Halsweh und alle Fiebergattungen, und hieß den +Holzhauer, stündlich zwölf Stück, sowie einen Eßlöffel von der Medizin zu +nehmen, davon werde er am dritten Tage schon ganz gesund sein, und dafür +solle er ihm nur einen Gulden geben. + +»Gewiß, ihr seid ein grundgescheiter Herr,« sagte der Holzhauer, »und will +ich auch tun, was ihr mir anratet, nur müßt ihr mir zuvor den Gefallen tun, +und mir auch eine Frage beantworten: »Wem gehört der Grund und Boden, auf +welchem wir jetzt stehen? Dem Könige von Böhmen oder dem Herrn vom Berge?«« +(So ward Rübezahl jetzt überall genannt, weil die Benennung Rübezahl ihm +mißfällig war, und seinen Zorn reizte.) + +Der Arzt bedachte sich nicht langes »Nun, wem anders, als dem Könige von +Böhmen, denn Rübezahl ist das Hirngespinnst, um die Kinder zu erschrecken.« + +Ader kaum waren diese Worte aus seinem Munde, so verwandelte sich der +Holzhauer in eine riesenhafte, fürchterliche Gestalt und sah mit +flammensprühenden Augen den Arzt an. »Ich will dir zeigen,« zürnte er, »daß +der Herr vom Berge kein Hirngespinnst ist, mit dem man die Kinder fürchten +macht, und du sollst es sogleich an deinem eigenen Leibe wahrnehmen. Du +unwissender Prahlhans sollst an mich denken, und damit du nie wieder an mir +zweifelst, verschlucke sogleich deine edlen Wunderpillen und das höllische +Gebräu, womit du mir das Fieber ankurieren wolltest, an dem ich gar nicht +leide. Nicht von der Stelle sollst du mir, so lange noch ein Pröbchen +deiner gepriesenen Arzneiwissenschaft übrig ist. Die Kranken in den Dörfern +unten werden es mir Dank wissen. Nun schlucke, mein Sohn!« + +Der Arzt bat und flehte vergebens. Endlich nahm er mit einer Geberde der +Verzweiflung das Arzneiglas und tat einen herzhaften Schluck. Die bitteren +Tränen traten ihm dabei in die Augen und Schweißtropfen auf die Stirn; aber +Rübezahl stand mit aufgehobenen Arm hinter ihm und drohte, ihn zu Boden zu +werfen, wenn er zögere. Als nach einem furchtbaren Kampfe die Medizin gut +oder übel hinunter war, kamen die Universalpillen daran, wobei sich der +Arzt noch viel jämmerlicher geberdete, als das erste Mal. »Es ist mein +Tod,« jammerte er, »ich sterbe an dem schauderhaften Zeuge«; aber Rübezahl +erinnerte ihn höhnend, wie vorzüglich heilsam diese Dinge wären, welche +Wunderkuren er damit schon bewirkt habe, und hieß ihn doch mehr Vertrauen +zu seiner Kunst haben. Dreißig Pillen hatte der arme Mann schon bezwungen, +dann warf er sich verzweifelt auf die Erde und sagte: »Töte mich lieber +sogleich, du grausamer Geist; es kann keinen bitteren Tod geben, als durch +diese Giftpillen sterben zu müssen.« + +»Das merke dir,« sagte Rübezahl und stieß mit seinem Fuße an den Arzt, der +mit Schweiß bedeckt an der Erde lag; er rollte von dieser Bewegung den Berg +hinab, schlug sich an Steinen, verletzte sich an Baumwurzeln, kam aber doch +endlich glücklich auf ebener Erde an, aber zerklopft und zerstoßen, daß er +viele Wochen lang das Bett nicht verlassen konnte. Dabei war er so +mißtrauisch geworden, daß er immer fürchtete, Rübezahl stecke dahinter, +wenn er zu einem Kranken gerufen ward, und sich wohl hütete, seine +gewöhnlichen Mittel zu verordnen. »Wer weiß,« sagen die Leute, »ob jener +Arzt nicht der erste Erfinder der später so bekannt gewordenen +homöopathischen Heilmethode gewesen ist.« + + + + +Wie Rübezahl vor Prellerei warnt. + + +»Nun Gott sei Dank, daß wir herauf sind!« sagten drei Görlitzer Tuchmacher +oben auf dem Schmiedeberger Paß zu einander, setzten ihre Hocken ab und +wischten sich den Schweiß von der Stirn. Sie wollten hinüber nach Böhmen +und ruhten jetzt aus vom vielen Steigen. Indem kam ein vornehmer Herr, +redete sie an, und wie er hörte, daß sie Tuche bei sich führten, sagte er: +»Ich kaufe euch ab.« Obschon die Männer einen sehr hohen Preis forderten, +so kaufte er doch jedem von ihnen ab und zahlte das Geld in lauter Dukaten +aus. Hierauf reisten die drei Tuchmacher weiter, und wie sie eine gute +Strecke gegangen waren, zogen sie lachend ihre Dukaten heraus und freuten +sich, den Fremden so geprellt zu haben. Aber zu ihrem großen Schrecken +fanden sie statt des Goldes nur Zahlpfennige in ihren Taschen. + +Sogleich kehrten sie um und trafen auch an der vorigen Stelle eine Kutsche +mit sechs Rossen, darin saß der vornehme Herr, und sie beklagten sich, daß +er ihnen Zahlpfennige statt Gold gegeben. »Zeigt doch einmal her,« sagte +der Fremde. Wie sie aber ihre Beutel öffneten, war alles gutes Gold. Die +Männer standen bestürzt, und jener sagte: »Könnt ihr nicht Gold von Messing +unterscheiden? Wenn es euch aber nicht recht ist, will ich euch den +Kaufpreis in Talern auszahlen.« + +Sie gingen wohlgemut davon, und nach einer kleinen Weile guckten sie +neugierig in ihre Säckel, ob auch die blanken Taler noch darin wären. Aber +o weh! nun lagen gar Scherben darin; spornstreichs eilten sie zurück, und +glücklich hielt die Kutsche noch auf dem alten Flecke. Der Herr fragte, was +sie denn schon wieder wollten, und sie forderten ihre Tuche zurück. Aber da +ward er sehr zornig und sagte, er habe sie ehrlich bezahlt, sie möchten nun +ruhig ihres Weges ziehen. Hierauf fuhr er rasch über den Paß hinunter, und +die betrübten Tuchmacher setzten wehklagend ihren Weg fort. Als sie aber +nach Libau kamen und ihre Säckel ausschütteten, waren wirklich gute Taler +darin, aber genau nur so viel, als sie mit gutem Gewissen für die Tuche +hätten fordern können, nicht einen Pfennig mehr; ihr ungerechter Profit war +also verloren, und die ausgestandene Angst, die Mühe des unnötig gemachten +Weges hatten sie noch obendrein. Das war ihre Strafe für ihre Habgier und +Gewinnsucht; zuerst ärgerten sie sich grün und blau darüber; später aber +nahmen sie sich vor, nie wieder jemand betrügen zu wollen. Sie hatten +gemerkt, wer der fremde Herr gewesen war, und sie haben seitdem oft an das +Wort gedacht: + +Niemand übervorteile seinen Bruder im Handel! + + + + +Rübezahl betrügt die Geldmäkler. + + +Einige Juden, die dem Rübezahl, ohne ihn zu kennen, schlechte Waren für +übermäßige Preise verkauft hatten, freuten sich über die seltenen und +ungewöhnlich großen Goldstücke, die er ihnen als Zahlung gegeben, hatte und +waren kaum in der nächsten Herberge angelangt, als sie ein einsames +Kämmerchen begehrten, um die Goldstücke zu beschneiden, wie sie es immer +mit Dukaten zu tun pflegten. + +Als sie aber das scharfe Messer ansetzten, um etwas am Rande des +Goldstückes abzuschneiden, fuhr dasselbe ab und mitten durch die Münze, so +daß sie in zwei Hälften geteilt ward, wovon die eine auf den Boden fiel, wo +sie trotz alles Suchens nicht wiedergefunden ward. Ein Gleiches begegnete +den betrügerischen Juden bei dem zweiten und dritten Goldstücke, und sie +verloren auf diese Weise weit mehr, als sie bei ihrem Handel zuvor verdient +hatten. + +Einer von den Wechslern meinte, er wolle sein Goldstück schon auf eine +klügere Weise beschneiden, nahm eine Feile und schabte den feinen Goldstaub +auf eine untergelegte Glasplatte; aber zu seinem größtem Verdruß riß die +Feile viel weiter, als er es gewollt hatte, so daß selbst das Gepräge des +Goldstückes angegriffen war. Der Staub aber, den er sorgfältig sammeln +wollte, blieb an seinen Händen kleben und konnte durch nichts davon +losgemacht werden. Das ärgerte den Juden am meisten, daß er das Gold an den +Händen hatte und doch keinen Gebrauch davon machen konnte. + + + + +Die Springwurzel. + + +Rübezahl hat im Gebirge einen eigenen Krautgarten. Man zeigt ihn seitwärts +auf dem Koppenplan, nicht weit von der Wiesenbaude, an einem Abhange nach +dem Aupengrunde zu. Dort ist das Gebirge an den saftigsten Kräutern reich, +die von alten Zeiten her zu den kräftigsten Essenzen gebraucht wurden, und +auch jetzt noch von den Einwohnern des Dorfes Krummhübel zur Bereitung von +Tee und Medikamenten gesammelt werden. + +Unter allen diesen heilsamen Kräutern ist ganz vorzüglich eins in der +Märchenwelt sehr berühmt geworden. Dieses Zauberkraut heißt die +_Springwurzel_ und wächst nur in Rübezahls Garten. Sie ist von der +köstlichsten Art und heilt die langwierigsten und hartnäckigsten +Krankheiten. Da sie aber den Erdgeistern zur Nahrung dient, erlaubt +Rübezahl nur seinen besonderen Günstlingen, sie ungestraft herauszugraben. + +Einst war in Liegnitz eine vornehme Dame krank und ließ einen Bauer aus dem +Gebirge zu sich rufen, dem sie den Auftrag gab, ihr die Springwurzel aus +Rübezahls Garten zu verschaffen, wofür sie ihm eine große Belohnung +versprach. Das viele Geld verlockte den Bauer zu dem gefährlichen Gange; er +suchte den bezeichneten Ort auf, und als er in die einsame, wüste Gegend +kam, ergriff er den Spaten und fing an, nach der Springwurzel zu graben, +die ihm nicht unbekannt war. + +Während dieser Arbeit, wo er das Gesicht tief zur Erde beugte, pfiff +plötzlich ein Windstoß von einem Felsen in der Nähe her, und er hörte einen +donnernden Zuruf, dessen Worte er aber nicht verstand. Er sah sich daher +ganz erschrocken nach jener Gegend um und erblickte nun am Rande des +Felsens eine riesenhafte, schreckliche Gestalt. Ein langer, weißer Bart +fiel fast bis zu den Füßen nieder, und eine ungeheuer große Nase +beschattete das Gesicht, das ebenso von weißen Haaren umhangen war, die im +Winde vorwärts flogen, ja von denen, sowie aus den weiten Falten des +Mantels, der Sturm eigentlich auszugehen schien. Der wilde, furchtbare +Greis hielt eine riesige Keule in seiner Hand und rief mit einer dem Donner +ähnlichen Stimme: »Was tust du da, Elender?« + +Ein Schauer schüttelte die Glieder des rüstigen Bauern, ehe er sich zu der +Antwort ein Herz faßte: »Eine kranke Frau verlangt nach einer Springwurzel +und ich suche danach!« + +Da schrie die Gestalt zurück: »Du hast eben jetzt eine gefunden, die darfst +du behalten, aber hüte dich, ein zweites Mal wiederzukommen.« Und dabei +schwang sie die Keule mit einer drohenden Gebäude. + +Der Bauer lief, so geschwind er konnte, hinweg und wagte nicht mehr, nach +der furchtbaren Erscheinung zurückzublicken. Als ihm aber die kranke Dame +für die Springwurzel eine Hand voll harter Taler gab, vergaß er den +gehabten Schreck, und tat sich etwas zu gute. Jene aber war kaum im Besitz +der heilsamen Wurzel, als sie sichtlich gesünder und kräftiger wurde. Da +sie nun wohl sah, wie dies Mittel allein ihre gänzliche Wiederherstellung +bewirken könne, ließ sie den Bauer noch einmal zu sich rufen. »Willst du +mir noch eine Springwurzel holen, so sollst du doppelt soviel dafür +bekommen, als das erste Mal,« sagte sie. + + +»Ach, gnädige Frau,« antwortete der Bauer ganz ängstlich, »ich mag es nicht +wieder wagen, in Rübezahls Kräutergarten zu gehen; denn er ist mir in +schrecklicher Gestalt erschienen und hat mir den Tod gedroht, wenn ich +jemals wiederkäme.« + +»Bedenke aber, wieviel Vorteil du davon haben könntest; der Berggeist hat +dich nur schrecken wollen, damit nicht zu viele kommen und die Einsamkeit +seiner Berge stören möchten. Auch hat man nie gehört, daß Rübezahl einem +mutigen Menschen ein Leid getan hätte.« Auf solche Weise suchte die Dame +dem Bauer seine Furcht auszureden, bis er endlich ihren verlockenden +Versprechungen nicht länger widerstehen konnte. Und zum zweiten Male wagte +er, das innere Heiligtum des Gebirges zu betreten. + +Er grub mit großer Angst und Hast, aber kaum hatte er den Spaten einigemal +in die Erde gestoßen, da erhob sich derselbe Sturm, nur noch weit +furchtbarer, als früher, und als er blaß vor Schreck nach dem Felsen +hinblickte, stand die Gestalt noch viel schrecklicher und drohender da, und +ihre Augen schienen Feuer und Flammen zu sprühen. + +»Was tust du da?« hallte es wie ein Erdbeben von dem kahlen Felsen herüber. + +»Ich suche die Springwurzel für eine kranke Frau, die sie mir teuer +bezahlen will,« wagte der Bauer zu antworten. Da blitzte ein furchtbarer +Zorn aus den Augen des Berggeistes. »Ich habe dich gewarnt und du wagst es +doch, in dein Verderben zu rennen, Unsinniger! Die du hast, magst du +behalten, aber nun rette dich, wenn du kannst!« -- Bei diesen Worten flog +die ungeheure Keule sausend durch die Luft, nach dem verzagenden Bauer hin, +aber zur rechten Zeit noch sprang er zur Seite, und sie schlug tief in den +harten Boden. Die Erde erbebte unter diesem gewaltigen Wurfe und ein lange +wiederhallender Donner betäubte den Bauer, daß er bewußtlos zu Boden sank. + +Erst nach langer Zeit erholte er sich von seiner Betäubung, aber alle +Glieder des Leibes schienen ihm zerbrochen zu sein. Die Springwurzel hielt +er zum Glück noch fest in der Hand, und damit kroch er mühsam am Boden hin; +der Regen und die tief ziehenden Nebel durchnäßten und verirrten ihn: er +geriet bald an den Rand gefährlicher Abgründe, bald an einen stürzenden +Gebirgsstrom, der seinen Weg hemmte, und zwei Tage und zwei Nächte lang +irrte er halb verschmachtet durch das Gebirge, ohne sich zurechtfinden zu +können, bis ein Köhler dem Unglücklichen begegnete und ihn halbtot zurück +in seine Hütte brachte. + +Der Bauer konnte erst viele Tage später die mit so vieler Gefahr gewonnene +Wurzel nach Liegnitz tragen, wo die reiche Belohnung ihn endlich die +ausgestandene Angst vergessen ließ. + +Nun verging eine lange Zeit, während welcher die kranke Dame fast ganz +gesund ward und nur selten Anfälle ihres Übels bekam. »Hätte ich nur noch +eine frische Springwurzel, dann wäre mir auf immer geholfen, das fühle +ich,« sagte sie und sandte wieder nach dem Bauer, der anfänglich durchaus +nicht kommen wollte. + +Aber die Begier nach Geld und Gut ist ein böser Geist, der uns wider Willen +vorwärts treibt. So ging es auch dem Bauer. Er kam endlich doch nach +Liegnitz und sagte: »Da bin ich, gnädige Frau, was wollt ihr von mir? Ich +will alles tun, nur nicht mehr in Rübezahls Garten gehen, davor soll mich +Gott bewahren. Wüßtet ihr, wie schlimm es mir das vorige Mal gegangen, und +wie ich fast das Leben verloren hätte, so würdet ihr mich garnicht mehr an +diese schrecklichste Zeit meines Lebens erinnern.« + +»O doch,« antwortete die Dame, »will ich dich heute beschwören, mir zum +letzten Male die heilsame Wurzel zu holen. Ich bin reich genug, dich für +jede Angst und Gefahr zu belohnen und gebe dir ein schönes, reiches +Bauerngut, wenn du den Gang noch einmal für mich wagen willst!« + +Da verblendete die Begier nach dem versprochenen Reichtum den Bauern so +sehr, daß er alle Gefahr vergaß und der Dame zusagte, die Springwurzel zu +holen, solle es auch sein Leben kosten. + +»Bis jetzt,« sagte er, »hat mir der Geist ja nur gedroht, und um ein +reiches Bauerngut kann ich auch allenfalls eine Tracht Schläge schon +hinnehmen. Dann aber soll mich keine Macht der Welt mehr ins Gebirge +bringen, bin ich nur erst ein reicher Mann und kann in Herrlichkeit und +Freude leben.« + +Aber allein wagte er dieses Mal doch nicht zu gehen. Er nahm daher seinen +ältesten Sohn mit sich und sagte, sie wollten nach der Koppenkapelle +wallfahrten. Das war der Knabe wohl zufrieden, und so gingen sie +nebeneinander hin, bis das Gebirge immer steiler und kahler wurde. Tief +unten in den Schneegruben leuchtete der Schnee noch frisch und weiß, wie +ein Leichentuch, obgleich es im Hochsommer war, und dem Bauer kamen dabei +allerlei trübe Gedanken ein. Er wußte nicht, wie es kam, daß sich plötzlich +in ihm eine Stimme regte, die sprach: »Böse Geister haben dich von Jugend +auf verlockt, daß du nie nach dem ewigen, sondern, immer nach dem +zeitlichen Gut gestrebt hast. Wild und wüst hast du daher immer gelebt, als +ob mit dem Tode alles vorbei wäre; der Reichtum und die Lust der Welt, das +war dein Götze, und sie werden dich ins Verderben führen.« + +Aber der Bauer suchte die warnende Stimme zu betäuben, indem er nur immer +an das prächtige Leben dachte, welches er führen wollte, wenn er erst ein +Bauerngut hätte. Und so ergriff er denn hastig den Spaten und fing an zu +graben. Da erhob sich eine Windsbraut, die Bäume drunten im Tale stürzten +davon zusammen, und ein Wolkenbruch flutete herab, so daß in einem +Augenblicke die kleinsten Bäche zu wilden Strömen anschwollen, aus der Erde +drang ein Wehklagen, und eine wilde Kluft öffnete sich plötzlich, daraus +fuhr eine große Gestalt auf, die ergriff den besinnungslosen Bauer und +stürzte sich mit ihm in die schauerliche Tiefe. Immer ferner und schwächer +hörte der Sohn die Stimme seines unglücklichen Vaters. + +Endlich heiterte sich der dunkel umhangene Himmel wieder auf, der brausende +Sturm zog die gewaltigen Schwingen ein, und der verlassene Knabe suchte +erschreckt die Kapelle, um sich dem Schutze Gottes zu empfehlen. Und in +derselben Stunde starb in Liegnitz die Frau am Schlage. + + + + +Der gefundene Esel. + + +Hans und seine Schwester Marie dienten bei einem Bauer in Stonsdorf, einem +Dorfe im Riesengebirge, das etwa eine Stunde von Warmbrunn liegt und durch +den _Prudelberg_ berühmt ist, einer wunderbaren Granitmasse, darin man die +Rischmannshöhle findet, in welcher der Prophet Rischmann im Jahre 1630 +seine ersten Weissagungen tat. Sie waren beide so fleißig und ordentlich, +daß sie sich schon eine kleine Summe erspart hatten; damit gingen sie nun +nach Warmbrunn auf den Markt, um ihrer kranken Mutter eine Kuh zu kaufen. + +Sie hatten sich am Wege in das blühende Haidekraut gesetzt, zählten ihr +Geld und bauten allerlei Luftschlösser, wie sie nach und nach das schlechte +Häuschen der Mutter verbessern und ein Stück Acker dazu kaufen wollten. +Dann sollte es die Mutter gut haben auf ihre alten Tage. + +»Und,« sagte Hans, »hab' ich es einmal erst so weit gebracht, daß ich +Getreide verkaufen kann, dann halte ich mir ein Pferd; das will ich so gut +halten und so blank putzen, wie die Rappen des Edelmannes. Das soll eine +Freude für mich sein, in die Stadt zum Markte zu reiten, daß die Leute +denken, es komme ein reicher Pächter auf seinem schmucken Gaul daher.« + +»Werde nur nicht hochmütig,« sagte die Schwester besorgt, »Hochmut kommt +vor dem Fall. Stecke nur das Geld wieder in die Tasche und laß uns weiter +gehen.« + +Hans schob den Beutel in die Jacke zurück und schickte sich an, der +Schwester zu folgen, da sprang ein stattlicher Esel aus dem Gesträuch am +Wege und lief dem Burschen fast in die Hände. + +»Ei, da hätt' ich ja gleich einen hübschen Anfang,« lachte Hans und hielt +den Esel am Strick fest, der um dessen Hals geschlungen war. »Bruder, du +wirst doch nicht das Tier behalten wollen?« fragte Marie ängstlich. +»Närrchen,« antwortete dieser, »hältst du mich für gar so schlimm? Wenn ich +auch gern reich werden und ein bequemeres Leben führen möchte, so werd' ich +doch nicht etwa deshalb ein Dieb und Betrüger werden sollen. Das wolle Gott +verhüten! gehe du rechts in das Gebüsch, ich will zur linken Seite suchen, +ob wir den Herrn des Esels finden können.« + + +Die Geschwister suchten und riefen, warteten dann fast eine Stunde lang an +der Straße, ob nicht jemand kommen würde, den Esel zu suchen, aber es ließ +sich nichts hören und sehen; und da sie nun eilen mußten, um nach Warmbrunn +zu kommen, weil sie am Abende wieder bei ihrem Dienstherrn sein mußten, +nahmen sie den Esel mit, wobei sie hofften, daß ihnen der Eigentümer +desselben vielleicht auf dem Wege begegnen würde. + +Hans führte das schöne, starke Tier am Stricke, als er aber einige Schritte +gegangen war, dachte er: »warum sollte ich es mir nicht bequemer machen?« +-- setzte sich auf den Esel und ritt. Marie nahm nun statt seiner den +Strick in die Hand. Das ging eine Weile recht gut, aber mit einem Male fing +der Esel an zu springen, schlug mit den Hinterfüßen aus und machte einen so +krummen Rücken, daß Hans auf das jämmerlichste hin- und hergeworfen wurde +und gar nicht wußte, wo ihm der Kopf stand. Er wäre gern abgestiegen, aber +der Esel ließ sich nicht einen Augenblick halten, zerriß den Strick, an dem +Marie ihn führte und setzte über den breiten Graben, wobei er den Reiter +abwarf, daß diesem die Ohren brummten. Da lag unser Held ganz still und +konnte sich kaum rühren; jammernd kam die Schwester herbei und half ihm +wieder auf; der Esel aber trabte den Bergen zu und verschwand. + + +Ganz kleinlaut schlich der arme, geschlagene Hans neben der Schwester her, +deren Sprichwort sich schon an ihm bewiesen hatte. Endlich kamen sie nach +Warmbrunn und fanden auch bald eine gute Kuh für einen ziemlich, billigen +Preis; aber als Hans das Geld zahlen wollte, stand er plötzlich mit +kreideweißem Gesicht vor der Schwester, -- der Beutel war verschwunden und +mußte ihm bei dem tollen Ritt aus der Tasche gefallen sein. Nun war das +Leidwesen groß und guter Rat teuer; da standen die Geschwister vor den +Trümmern all ihrer Hoffnungen. Der Verkäufer der Kuh aber glaubte, er habe +es mit listigen Betrügern zu tun, die ihn nur anführen wollten und rief die +Polizei zu Hilfe. Hans sollte nun eingesteckt wenden, aber Marie bat so +rührend für den unschuldigen Bruder, daß man sie endlich beide ruhig ziehen +ließ, und nur ein Troß von Straßenbuben sie noch verfolgte, worüber sich +Marie so sehr schämte, daß sie die Augen voll Tränen hatte. + +Auf dem Heimwege durchsuchten die betrübten Geschwister das ganze Gebüsch, +um vielleicht ihren Beutel wiederzufinden, aber vergebens. »Den Spuk hat +uns kein anderer getan, als der Rübezahl,« sagte Hans zornig; »ich wollte, +der boshafte Geist stände hier vor mir, daß ich ihn meinen starken Arm +könnte fühlen lassen; es wäre mir auch ganz recht, wenn er mich in der Wut +dafür tötete, denn daß ich nun mit leeren Händen zu der Mutter heim kommen +soll, schnürt mir fast die Kehle zu vor Betrübnis.« + +»Hans,« sagte die Schwester, »ich glaube, der Berggeist hat uns nur eine +gute Lehre geben wollen. Warum wünschten wir uns auch so viel Glück, da wir +doch mit der Freude gar wohl hätten zufrieden sein können, unserer armen +Mutter eine Kuh zu kaufen.« -- + +Hans schwieg verdrießlich. So gingen die Geschwister still nebeneinander +heim und dann jedes an seine Arbeit; Marie in den Stall, um die Kühe zu +melken, Hans auf den Boden, um Häcksel zu schneiden. In seinem Unmut wollte +ihm aber die Arbeit gar nicht von der Hand gehen und es brach bald da, bald +dort etwas entzwei. + +»Reich' mir doch ein Stück Strick herauf,« rief er in den Stall hinab, und +Marie griff in die Tasche, wohin sie das Ende des Strickes gesteckt hatte, +das sie in der Hand behielt, als der Esel sich losriß. Hans wollte die +Häckselbank damit befestigen, aber der Strick war spröde wie Eisen, und als +sich der Hanf oben abschälte, flimmerte und glänzte es inwendig. + +Hans sah verwundert nach, -- da war der Strick von lauter Goldfäden +zusammengedreht. -- Nun waren die Geschwister mit einem Male reich, sie +konnten zwei stattliche Kühe kaufen und den Acker vergrößern. Nun +bewirtschafteten sie gemeinschaftlich das Häuschen der Mutter und hegten +und pflegten diese mit treuer Kindesliebe. Hans aber vergaß die Lehre des +Bergsgeistes nicht, und obgleich sein Wohlstand sich von Jahr zu Jahr +mehrte, blieb er doch einfach und schlicht, so daß er nach wie vor zu Fuße +nach der Stadt auf den Markt ging und seine Pferde nicht zum Staat und zur +Bequemlichkeit, sondern allein zu seiner Ackerwirtschaft hielt. Man sagt, +das Reiten sei ihm auf immer verleidet gewesen! + +Im ganzen Dorfe waren sie angesehen wegen ihres rechtschaffenen +Lebenswandels und der Sorgfalt für das Wohl ihrer alten, schwachen Mutter. + + + + +Der Spieler. + + +Von Agnetendorf stieg ein junger Bursche hinauf nach dem Korallenfelsen und +sang dabei so laut und lustig, daß es in den Bergen weithin hallte. +Rübezahl, der auch eben über das hohe Rad kam, hörte den Gesang und dachte, +da scheint ein _fröhlicher_ Mensch zu kommen, wir wollen einmal versuchen, +ob es auch ein _guter_ ist. + +Und er nahm alsbald die Gestalt eines alten Drehorgelspielers an, der den +ganzen Sommer hindurch am Fuße des Berges saß und die Reisenden mit Musik +bewillkommnete, wofür er eine kleine Gabe empfing. Der Alte war aber heute +nicht an seinem Platze, weil im Dorfe unten eine Hochzeit war, wobei er +aufspielte. Nun saß Rübezahl statt seiner da und spielte: »Fröhlich und +wohlgemut.« + +Als der Bursche dem Leiermann nahe kam, zog er seinen Beutel aus der Tasche +und warf ihm einen Groschen zu, wobei er singend und pfeifend seines Weges +ging und sich gar nicht um den Dank des Alten zu kümmern schien. + +»Glückliche Reise!« rief ihm Rübezahl freundlich nach und ging nun auch +seines Weges. Der junge Bursche aber wandert rüstig weiter, bis zu den +Elbwiesen. Da sieht er mehrere junge Leute, welche Kegel schieben, und +bleibt dabei stehen. Er konnte nämlich bei keinem Spieltisch, bei keiner +Kegelbahn vorbei, ohne sein Glück zu versuchen; auch jetzt kribbelt und +juckt es ihn in den Fingern, und er ist wie gebannt an der Stelle; sein +fröhlicher Gesang ist verstummt, und begehrlich folgen seine Blicke der +Kegelkugel, die auf dem frischen Grün der Wiese wie auf einer Bahn von +Sammet dahinrollt. Endlich fordern ihn die jungen Leute auf, mitzuspielen, +und sagen, er solle doch auch einmal sein Glück versuchen; auf der Reise +brauche man immer Geld, wenn er gut schiebe, könne er vielleicht etwas +gewinnen. + +Das läßt sich unser Bursche nicht zweimal sagen, sondern tritt rasch hinzu +und schiebt mit, gewinnt auch einen Groschen um den andern und bald ein +hübsches Sümmchen zusammen. Aber obgleich sich die Dunkelheit schon auf das +Gebirge senkt, bekommt er das Spiel doch immer noch nicht satt; die andern +haben schon längst aufhören wollen, und vom Dorfe her schallt schon die +Abendglocke herauf, unser junger Bursche versucht immer wieder das Spiel im +Gang zu erhalten, weil er gar zu gerne spielt. + +Von dieser Zeit an verlor unser Bursche aber nach und nach den ganzen +Gewinn und endlich auch sein Reisegeld, so daß er keinen Pfennig mehr in +der Tasche behielt. + +Als er nun ganz niedergeschlagen seinen Weg, über die Elbwiesen fortsetzte, +rief ihm einer der Spielkameraden zu, er solle sich doch zum Andenken +wenigstens einen Kegel mitnehmen. »Ei,« denkt unser Bursche, »der Vorschlag +ist ja wunderlich; aber wie mögen nur überhaupt die Kegelschieber hier +herauf gekommen sein, ob das nicht etwa ein Spaß von Rübezahl ist? Da wird +vielleicht der Kegel zu Gold in meiner Tasche!« -- Er kehrte um, suchte den +nun verlassenen Kegelplatz nochmals auf, und da die Kegel vom Spiel noch +dort lagen, steckte er heimlich einen Kegel nach dem andern ein; nur die +Kugel ließ er liegen, denn er trug ohnedies schon schwer genug. Als er nun +schon hinab bis zum Zackenfall gekommen war, wollte er einen Kegel +herausziehen, um zu sehen, ob er sich in Gold verwandelt habe, aber o weh +-- das war kein feiner Spaß vom Rübezahl -- der betrogene Bursche griff in +lauter Schmutz, und ein schallendes Gelächter belehrte ihn, daß der +Berggeist seine Spiellust auf solche Weise bestraft habe. -- Sein Geld +hatte er verloren; später als ihm lieb war kam er ins Tal, seine Kleider +waren beschmutzt und ausgelacht fühlte er sich obendrein. Freilich half die +gute Lehre nicht allzulange. Im Hochgebirge findet sich aber noch jetzt die +Kegelkugel Rübezahls und beweist die Wahrheit dieser Geschichte. Wieder +einmal hatte Rübezahl einen Menschen gezüchtigt, der nur an sich dachte und +nicht Herr seiner Leidenschaften war; möchten sich doch alle dieses Märchen +zu Herzen nehmen, aber besonders solche, die von der bösen Spielwut +beherrscht werden. Gibt es auch keine Geister mehr, so doch eine +allwaltende Vorsehung, welche schafft, daß jedes Laster sich in sich selbst +bestraft. + + + + +Rübezahl und der Schneider. + + +Einmal kam der Berggeist nach Landeshut und trug ein Päcklein Tuch unter +dem Arme. Nach einem Schneider fragt er ein kleines Mägdlein, das am +Brunnen Wasser holt, und dieses weist ihn in ein nahes Haus, wo es gar +stattlich aussieht. Als er nun in die Stube tritt und den Meister höflich +anspricht, ihm einen Rock zu machen, auch den großen Ballen Tuch vor ihm +ausbreitet, denkt der pfiffige Schneider, der ist auch nicht aus Landeshut, +solch' vornehme Leute kommen mir nicht alle Tage unter die Schere. Er legt +also das Tuch doppelt und macht dann ein bedenkliches Gesicht, als werde er +damit wohl schwerlich, auskommen zu einem ganzen Rocke. Rübezahl schwatzt +indes mit den Gesellen und tut, als sehe er nicht, was vorgeht. + +Darauf versprach der Meister, der Rock solle in acht Tagen fertig sein, und +Rübezahl ging weiter. Als die Zeit um ist, schickt er einen Diener, läßt +die Sachen abholen und sagen, er werde nächstens selbst kommen und mehr +Arbeit bestellen, auch alsdann das Macherlohn bezahlen. + +»Ei, recht gern,« sagte der höfliche Schneider und denkt, an diesem Kunden +läßt sich ein guter Schnitt machen. Als aber acht Tage verstreichen und +sich der Fremde nicht sehen läßt, wird's dem Meister doch bedenklich und er +beschließt, das Tuch zu verkaufen, um das er jenen gebracht hat, so daß er +doch nicht um sein Arbeitslohn komme. »Ein Mal einem vornehmen Herrn +getraut und nie wieder,« denkt er, schlägt, sich endlich die Geschichte aus +dem Sinne und holt das Tuch herbei. Aber da war es eine Decke, aus Schilf +geflochten. -- Das kam ihm doch auch gar zu wunderbar und bedenklich vor. + +Nun geschah es lange Zeit darauf, daß er mit seinen Gesellen die Koppe +bestieg, und da begegnete ihnen Rübezahl, ganz lustig auf einem Bocke +reitend. »Du willst wohl das Arbeitslohn für das Kleid holen, so du mir +gemacht hast?« ruft er dem erschrockenen Meister zu. + +Da geht diesem ein Licht auf; aber ein rechter Schneider ist pfiffig und +weiß sich immer zu helfen. »Gnädiger Herr,« spricht er, »deshalb stieg ich +nicht auf das Gebirge, denn ihr habt Kredit, so lange es euch beliebt; ich +mache nur eine Reise nach Böhmen und hoffe, ihr werdet nichts dawider +haben. Ich will euch auch mein Lebtag gern redlich dienen.« + +»Nun, da du so nachsichtig bist, will ich mich auch dankbar bezeigen,« +spricht Rübezahl, »ich will dir mein Reitpferd schenken, aber wehe dir, so +du dich dessen, nicht überall bedienst.« + +Nun hatte der Schneider keine Courage, obgleich das recht unglaublich +klingen mag, und wollte sich durchaus nicht auf den Ziegenbock setzen, der +kerzengrade auf seinen Hinterfüßen stand. Aber Rübezahl hob die Hand, um +dem zaghaften Meister in den Sattel zu helfen. + +Der Schneider aber war so leicht, daß Rübezahls Arm mit ihm eines +Kirchturms Länge in die Luft hinauffuhr, denn der Berggeist hatte gedacht, +er werde doch mindestens über hundert Pfund zu heben haben, und wog der +Schneider nicht viel über fünfzig. Dabei flog der Handschuh Rübezahls ihm +von den Fingern und liegt noch heutzutage nicht weit von Rübezahls Kanzel, +wovon sich jeder überzeugen kann. + +Der Schneider aber saß kaum auf dem Reitpferde, als dies mit ihm +dahintrabte; die Gesellen hielten sich pfiffig an den Schwanz desselben und +kamen nun auch so geschwind, wie der Meister, von der Stelle. Aber wo sie +hinkamen, traf sie das Gespött der Leute, und doch wagte der ehrsame +Meister keinen Schritt zu Fuße zu gehen, sondern bediente sich immer aus +Furcht vor dem Berggeiste des verhaßten Bockes. + +Weil er nun aber in jedem neuen Kunden immer wieder den Rübezahl vermutete, +so hütete er sich wohl, das frühere Kunststück zu wiederholen und ward von +da ab der ehrlichste Schneider der Welt. + +Es hüte sich jeder nicht vor dem Berggeist -- sondern vor der Sünde im +allgemeinen, denn sie ist es, die den Menschen in der Gestalt des bösen +Gewissens oft mehr quält, als alle Gnomen und Erdgeister. + + Lieber bleibe arm auf Erden, + Als durch Untreu reich zu werden. + + + + +Rübezahl und der lügenhafte Knecht. + + + Rübezahl + Schritt einmal + Still vom Berg hinab ins Tal! + Da, auf Wegen + Voller Segen + Kam ein Großknecht ihm entgegen, + + Dieser spricht: + »Kam dir nicht + Rübezahl droben zu Gesicht?« + »»Schwerlich!«« sagte + Der Befragte + Dem der Name nicht behagte. + + »»Rübezahl? + Weiß nicht mal, + Ist's ein Mensch oder ist's ein Aal!«« -- + »Ihn nicht kennen! + Auf den Sennen + Jedes Kind weiß ihn zu nennen.« + + »Hör! der so heißt, + Ist ein Geist, + Der gar dreist sich oft erweist.« + Viel Geschichten + Voll Erdichten + Wußte nun er zu berichten. + + »Aber letzt« -- + Sagt er jetzt -- + »Hab ich ihn in Angst gesetzt! + Auf der Koppe, + Daß er mich foppe, + Rannt' er auf mich zu im Galoppe. + + Doch geschwind, + Mutig gesinnt, + Hielt ich ihm, dem Teufelskind, + Diesen geweihten, + Schön gereihten + Rosenkranz vor, -- ihn abzuleiten. + + Gott sei Dank! + Daß gelang, + Ins Gebüsch entfloh er bang. + Mädchenstehler! + Rübenzähler! + Nur der Dummen Furcht und Quäler! + + Also rief, + Wie er lief, + Ich ihm nach. -- Er nahm das schief, -- + Ward' gar böse, + Macht' ein Getöse, + Als ob der Berg von der Erd' sich löse. + + Doch -- durchs Gebraus + Kühn hinaus, + Schritt ich mutig fort nach Haus.« + So erzählte + Der Gestählte, + Wissend, daß alle Wahrheit fehlte. + + »»Bist du zu End?«« + Frug behend + Rübezahl, als ob's ihm brennt, + »»Ich nun sage: + Rübezahl wage, + Daß er dich Lügen straf' und schlage! + + Sahst ihn noch nie, + Außer jetzt hie. + Ich bin's. Und ich schlage dich, sieh!«« + Nach den Schlägen + Wachsen dem trägen + Knecht die Ohren, wie Gras nach dem Regen. + + »»Wo man dir traut, + Rühm' nun laut, + Daß du den Rübezahl geschaut! + Wünschen Toren + Es beschworen, -- + Schwör's bei deinen Eselsohren!«« + + + + +Der reiche Bäcker. + + +In Hirschberg lebte ein reicher Bäcker, der in großem Ansehen unter der +Bürgerschaft stand und abends auf der Bierbank immer das große Wort führte, +der aber hart und geizig gegen die Arbeiter war, die um Lohn bei ihm +dienten, sowie gegen die Bauern, welche ihm das Holz anfuhren. Von denen +suchte er immer die ärmsten aus, die nötig Geld brauchten, machte ihnen +kleine Vorschüsse und hatte sie dann gewissermaßen in den Händen, daß er +ihnen am Preise abdrücken konnte, so viel er wollte. + +Nun trug es sich einstens zu, daß ein armer Bauer ihm ein Fuder Holz +brachte, wofür das Fuhrlohn schon zuvor bedungen worden war; als er es aber +im Hofe des reichen Bäckers abgeladen hatte, gab ihm dieser doch wieder +eine Mark weniger. Darüber war der Mann sehr bestürzt und machte dem Bäcker +die rührendsten Vorstellungen, wie er den größten Schaden an Wagen und +sonstigem Gerät habe, wenn er so viel verlieren solle; aber jener +antwortete nur kurz, daß sich der Bauer das Holz ruhig wieder aufladen und +mit nach Hause zurücknehmen könne, wenn er es um diesen Preis nicht lassen +wolle. + +Das war freilich leicht gesagt, aber der arme Bauer hatte dabei einen +ganzen Tag Arbeit verloren und sein Pferd und Wagen ganz umsonst abgenutzt. +Außerdem wollte er für das Holzgeld Saatgetreide kaufen und was blieb ihm +nun anderes übrig, als sich den Abzug geduldig gefallen zu lassen. -- Aber +traurig fuhr er aus der Stadt zurück, denn wenn er auch den ungerechten +Mann hätte verklagen wollen, so hätte er doch lange warten müssen, ehe die +Sache entschieden worden wäre, und dann hätte er auch einen Kostenvorschuß +machen müssen. Der Weg zur Gerechtigkeit ist nicht für die armen Leute, +sondern für die reichen! -- Also fuhr er traurig und bekümmert seines Weges +und erzählte sein Unglück einem Nachbar, den er auf dem leeren Holzwagen +mit nach Hause nahm. + + +Rübezahl, der eben aus der Stadt kam, ging nebenbei auf der Straße und +hörte die Geschichte mit an und beschloß, dem reichen Bürger einen +Denkzettel zu geben. »Wenn er mir nur einmal in mein Revier käme,« sagte er +zu sich selbst, »dann sollte er wohl gründlich kuriert werden.« Aber der +Bäcker hütete sich wohl, eine Reise ins Hochgebirge zu machen, dazu war er +viel zu geizig. + +Nun sitzt er aber eines Tages in seiner Putzstube und trinkt ein Schälchen +Warmbier, da tritt ein Mann zu ihm herein und sagt, er habe gehört, daß der +Meister einen Holzmacher brauche und dazu biete er sich an; dabei wolle er +billiger sein, als jeder andere. + +Der Bäcker sah den Fremden, der gar nicht wie ein Holzmacher aussah, mit +großen Augen an, aber Geiz und Eigennutz verblendeten ihn doch so sehr, daß +er mit ihm in den Holzhof ging und ihm dort mehr als fünf Klafter Holz +zeigte, die gespalten werden sollten. »Wieviel wolltet ihr wohl dafür +haben?« fragte er neugierig. + +»Ei nun,« antwortete der fremde Mann, »ich bin ein Bürger aus Schweidnitz, +und haue mehr zu meinem Vergnügen und meiner Bewegung Holz, denn ich leide +an der Leber, und darum kommt es mir nicht sonderlich auf den Verdienst an. +Wenn ihr mir eine so große Hocke Holz dafür geben wollt, als ich mit einem +Male fortbringe, so will ich euch den ganzen Vorrat klein machen.« + +»Nun, das nenn' ich mir einen Narren,« lachte der Bäcker ins Fäustchen, und +da er einen guten Handel abgeschlossen zu haben meinte, nahm er den Fremden +mit in seine Stube zurück, ließ ihn niedersetzen und goß ihm eine Tasse +Warmbier ein. Dieser sah sich neugierig in der schönen Stube um, wo an den +Wänden hohe Schränke voll blankem Zinns und Messinggerät standen, und indem +er die gemalte Decke verwundert betrachtete, sagte er: »Der Tausend! eine +so schöne Stube hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, die habt ihr wohl von +einem Breslauer Künstler malen lassen, Meister?« + +»Nein, es gibt auch in Hirschberg geschickte Leute,« sagte dieser vornehm, +»wer's nur bezahlen kann.« -- Darauf empfahl sich der angebliche +Schweidnitzer Bürger und sagte, er wolle am andern Tage kommen, und die +Arbeit anfangen. Und richtig, am Morgen darauf, als der Meister aus dem +Bette stieg, hörte er im Hofe schon Holz hauen, zog seinen Schafpelz an und +dachte: »Muß doch einmal zum Rechten sehen.« Aber mit weit offenem Munde +blieb er in der Hoftür stehen, denn der Fremde hatte sein linkes Bein aus +der Hüfte herausgezogen und schlug damit auf das Holz, das es in tausend +kleine Stücke zersprang. + +Da wurde dem Meister unheimlich, und er rief dem Fremden zu, er möge doch +aufhören und sich von dannen scheren; der aber tat, als höre er nicht, hieb +immer unbarmherzig darauf los, und ehe eine Viertelstunde verging, war das +ganze Holz in kleine Scheite gespalten. Alsdann steckte er das Bein wieder +in die Hüfte, packte alles gehauene Holz in einer ungeheuren + +FEHLZEILE + +Hofe, ohne sich um das Wehgeschrei des Bäckers zu kümmern. + +Da stand dieser nun als ein geschlagener Mann, sein ganzer Holzvorrat war +nun verloren, denn er hatte ja dem Holzmacher freiwillig als Lohn +versprochen, so viel dieser in einer Hocke forttragen könne. -- Das hatte +nun seine Richtigkeit und konnte der Meister ihn deshalb nicht aufhalten +lassen; was ihn aber noch mehr hinderte, dem Fremden nachzulaufen und sein +Holz zurückzufordern, war die Überzeugung, daß kein anderer als Rübezahl +ein solches Kunststückchen ausführen konnte und mit diesem mochte der +Meister aus guten Gründen nicht anbinden. Da stand er denn und hatte das +leere Nachsehen; es mochte ihm wohl einfallen, daß er nun einmal mit +eigener Münze bezahlt worden sei. + +Rübezahl aber lud seine Bürde vor dem Hause des armen Bauern ab, der gar +nicht begreifen konnte, wer ihm so viele Fuhren Winterholz gebracht habe, +ohne daß er das geringste davon gemerkt hatte. Er verbrauchte es aber +dankbar und gab auch einigen armen Nachbarn davon. Von dieser Zeit an war +der reiche Bäcker in der Stadt wie verwandelt, und wenn er auch noch +manchmal seine alten Gewohnheiten zeigte, so durfte er nur an die +Geschichte mit dem fremden Holzhauer denken, um wenigstens billig zu sein +und den Arbeitern sein Wort zu halten. + + + + +Das Zauberbuch. + + +Ein Mensch, welcher von der Begierde, reich, angesehen und gewaltig zu +werden, sehr geplagt wurde, hatte keinen größeren Wunsch, als ein +Zauberbüchlein zu bekommen, woraus er nach seinem Willen Regen und +Sonnenschein machen, das Vieh behexen, sich unsichtbar machen und +Goldschätze in der Erde finden könne. Da er aber ein solches Buch nirgends +finden konnte, beschloß er endlich, den Rübezahl darum zu bitten; der, +hoffte er, werde es ihm schon geben. + +Er ging also fleißig in der Gegend umher, wo das Gebiet des Berggeistes +lag, bis er nach langer Zeit einmal den Herrn des Gebirges fand. Der saß +als ein eisgraues Männlein vor einer schauerlichen Höhle und gab ihm ein +Büchlein, wie er es erbeten hatte. + +Voller Freude eilte er heim damit, um es sogleich zu probieren; da er es +aber aufschlug und lesen wollte, waren es lauter Baumblätter mit Linien und +Fasern, aber mit keinen Buchstaben. + + + + +Wie Rübezahl einem Bauer hilft. + + +Es war einmal unten am Gebirge ein Edelmann, der war ein wüster, +hochmütiger Geselle, plagte und mißhandelte seine Bauern und meinte, dazu +wären sie nun einmal auf der Welt. Dieser befahl eines Tages einem Bauern, +daß er eine überaus große Eiche, die eben geschlagen worden war, aus dem +Walde holen und im Schloßhofe abladen solle. Mit dem Edelmanne war nicht zu +spaßen, das wußte der arme Schelm wohl, an welchen dieser Befehl erging, +und darum zog er auch sogleich sein Rößlein aus dem Stalle, obschon er +wußte, daß es ein Ding der Unmöglichkeit sei, die schwere Eiche allein von +der Stelle zu bringen. Er gab sich auch alle Mühe, sie nur vom Platze zu +bewegen, aber es war doch vergebliche Arbeit. Da seufzte und jammerte der +arme Bauer, denn er wußte nun, daß ihm der Edelmann nur etwas habe am Zeuge +flicken wollen, -- wie das Sprichwort heißt, -- und daß er jetzt seinen +Zorn an ihm auslassen würde, weil er die aufgetragene Arbeit nicht +verrichten konnte. + + +Wie er noch so voller Betrübnis dasteht, kommt ein Mann im Walde gegangen +und fragt den Bauer, warum er denn so traurig sei. »Ach,« erwidert dieser, +»ihr könnt mir ja auch nicht helfen;« endlich aber erzählt er doch dem +Fremden die Geschichte. + +»Ei, sei doch nur getrost, mein Bauer,« sagt dieser darauf; »gehe ruhig +heim, ich will dir den Baum schon an Ort und Stelle schaffen.« + +Der Fremde aber war Rübezahl, und ich glaube, es macht ihm keiner das +Stückchen nach, welches er jetzt ins Werk setzte. Er nahm die Eiche mit +ihren großen, weit ausgespreizten Ästen in eine Hand und trug sie wie einen +Spazierstab bis in das Dorf. Dort legt er sie vor das Hoftor des +Edelmannes, so daß niemand aus- und eingehen kann. Da befiehlt der Herr, +die Eiche zu zersägen, aber sie ist wie von Eisen, und obgleich die +Arbeiter alle Kraft daran wenden, bringen sie doch auch kein Spänchen davon +ab. + +Nun bleibt dem Edelmann freilich nichts weiter übrig, als ein neues Tor +durch die Mauer zu brechen; da das aber viel Geld kostete, ließ er den +Bauer kommen, der sollte es zur Strafe bezahlen. Als aber dieser die +Geschichte erzählte, die ihm mit der Eiche begegnet war, merkte der +gestrenge Herr gar wohl, daß Rübezahl hier die Hand im Spiele habe; vor dem +hatte er so große Furcht, daß er den Bauer ruhig gehen ließ, und seit jener +Zeit auch vorsichtiger und milder wurde. In so großen Respekt hatte sich +der Berggeist schon in der ganzen Gegend zu setzen gewußt. + + + + +Der kleine Peter. + + +Dem kleinen Peter war seine liebe Mutter gestorben und der Vater nahm eine +Anverwandte ins Haus, damit sie den Knaben in Aufsicht nähme, da er den +ganzen Tag im Walde Holz fälle. Die Muhme aber war mürrisch und boshaft und +konnte den kleinen Peter schon darum nicht gut leiden, weil er immer lustig +und guter Dinge war und so vergnügt spielte, als ob die ganze Welt ihm +gehöre. + +Sie schwärzte ihn daher auch bei dem Vater an, und wenn dieser am Abend von +seinem sauren Tagewerk ermüdet heimkam, klagte sie ihm so viel von Peters +Unfolgsamkeit vor, daß er ohne weiteres eine Haselgerte nahm und den armen, +kleinen Schelm durchprügelte. + +Widerspruch hätte den jähzornigen Mann auch nur noch heftiger gemacht, +darum fand sich Peter geduldig in sein Schicksal und ward es zuletzt immer +mehr gewöhnt, von der Muhme gescholten und von dem Vater jeden Abend ohne +alle Ursache geschlagen zu werden. Da er nun im Hause keine Freude hatte, +war er am liebsten draußen auf dem Felde, da sah er doch das boshafte +Gesicht der Muhme nicht und es keifte niemand mit ihm. + +Aber dieser Freiheit setzte endlich der Winter ein Ziel. Draußen auf den +Feldern und den hohen Bergen lag der Schnee und Peter wäre in seinem dünnen +Leinwandjäckchen bald erfroren. Es war also seine einzige Freude, hinaus +vor die Hütte zu treten und den Sperlingen Brotkrümchen zu streuen, was er +sich jedesmal an seinem Frühstück absparte. Wenn nun die Vögel so lustig +zwitscherten und um ihn herumflogen, da klopfte ihm das Herz vor Lust, und +oft gab er ihnen sein ganzes Stück Schwarzbrot, ohne daran zu denken, daß +er dafür alsdann selbst hungern müsse. + +Eines Tages erwartete die Muhme einen Gast und hatte einen Fisch gekauft. +Peter kam zufällig an dem Faß vorbei, dahinein die Muhme ihn einstweilen +ins Wasser gesetzt hatte, damit er nicht absterbe, ehe sie ihn schlachte. +»Du armes Tierchen,« sagte der kleine Peter, »möchtest wohl auch lieber +draußen im großen Teiche sein, als hier in der Hand voll Wasser; kannst +dich ja gar nicht recht lustig bewegen; komm, ich will dir ein bischen mehr +Freiheit geben.« Und er trug den zappelnden Fisch hinaus in den Bach, der +hinter dem Hause vorbei floß. Als aber der Fisch lustig große Wellen mit +dem Schwanze schlug und dann über die weißen Kiesel hinhuschte, da sprang +Peter vor Freude auf einem Bein. Aber der hinkende Bote kam hinten nach. +Die Muhme erriet ohne Mühe, daß Peter den Fisch fortgetragen hatte und +legte es ihm als Bosheit aus; da gabs denn am Abende wieder etwas zu +klagen, und der Vater schlug heut ganz unbarmherzig auf den +unverbesserlichen Burschen los. + +Peter aber dachte: ohne Schläge wächst kein Mann groß und schüttelte sich, +als es vorüber war. Das ärgerte die Muhme am meisten, daß der Knabe nicht +jammerte und klagte, und sie sann darauf, ihm allerlei Weh zu bereiten. +Eines Tages schickte sie ihn hinaus aufs Feld und sprach: »Hüte dich, +wieder heimzukommen, ehe du einen Scheffel voll Kornähren gelesen hast, wir +haben kein Brot mehr im Hause.« + +Das betrübte den kleinen Peter, aber nur um seines Vaters willen, der schon +lange krank lag, nichts verdienen konnte und nun eben auch nicht die besten +Tage hatte bei der keifenden Muhme. Er ging daher gegen seine Gewohnheit, +ganz niedergeschlagen hinaus aufs Feld und suchte so emsig die Ähren +zwischen den Stoppeln auf, daß ihm der Rücken weh tat. Aber es war schon +Mittag, vorüber und er hatte kaum den Boden des Sackes gefüllt, den ihm die +Muhme mitgegeben hatte; denn es wohnten nur arme Leute im Dorfe, die ihre +Felder so rein als möglich abräumten und nur wenige Halme liegen ließen. +Und dann, dachte Peter, müssen doch auch die kleinen Vögelchen etwas von +dem Erntesegen haben, so daß er hin und wieder eine Ähre für sie liegen +ließ. + +Darüber ging die Sonne unter, und er hatte nicht die Hälfte seiner Aufgabe +gelöst; die Tränen kamen ihm in die Augen, als er an seinen armen, kranken +Vater dachte; aber plötzlich stand ein alter Jägersmann vor ihm und fragte, +warum er weine. + +Da erzählte der kleine Peter ganz treuherzig alles, was sein Herz bedrückte +und vergaß auch nicht, der bösen Muhme zu gedenken. + +»Möchtest du wohl, daß ihr dafür, daß sie dich so quält und immer für +Strafe für dich sorgt, etwas recht Schlimmes geschehe?« fragte der fremde +Mann. + +»Etwas Schlimmes? O nein, aber ich wünschte, die Muhme müßte einmal einen +ganzen Tag lachen und vor Lust herumspringen, damit sie doch wüßte, wie den +fröhlichen Leuten zu Mute ist und nicht mehr so mürrisch und sauertöpfisch +wäre.« + +Der Jäger mußte selbst über den Einfall des Knaben lachen; dann pfiff er +laut auf dem Finger und mit einem Male kam eine ganze Wolke von Vögeln +geflogen, die senkte sich auf das Ährenfeld nieder, und sie lasen die Halme +mit ihren Schnäbeln auf, trugen sie auf ein Häufchen zusammen und der Jäger +deutete darauf hin, indem er sagte: »Da fülle den Sack damit an.« Peter tat +es voller Staunen, und sieh da, er hatte vollauf und seine Aufgabe war +gelöst. Der Jägersmann war nirgends mehr zu sehen und zu hören, aber die +Vögel flogen neben dem kleinen Peter hin, bis zu seines Vaters Häuschen, +und sangen so schön dabei, daß ihm das Herz vor Freude hüpfte. + +Die Muhme aber machte ihm ein grimmiges Gesicht, denn sie hatte gedacht, +Peter könne nicht so viel Ähren finden, als sie ihm geheißen hatte und +werde aus Furcht vor Strafe nicht mehr wiederkommen, sondern in die weite +Welt laufen. + +Peter aber war froh, daß sein armer Vater nun Brot und Mehl zu einer Suppe +hatte, was ihm die Müllersfrau für die gesammelten Körner gab, und er +murrte gar nicht, daß er selbst nichts davon bekam, sondern nur ein paar +kalte Erdäpfel. + +Am andern Tage sagte die Muhme: »Geh' und fange ein Gericht Fische im +Teiche, daß ich sie für den Vater kochen kann. Mit leeren Händen komme mir +aber ja nicht zurück, sonst kann ich dem Kranken nichts zu essen geben, und +er bekommt doch schon wieder einen tüchtigen Appetit.« + +Da ging Peter traurig mit dem kleinen Hamen zum Teiche und dachte: »Ach, +wenn der Vater nur erst wieder gesund würde, damit die Muhme ihm nur nicht +immer jeden Bissen Brot vorwürfe. Ich wollte ja gern wieder jeden Abend +meine Schläge leiden, wenn er nur erst wieder stark genug wäre, mich seine +Arme fühlen zu lassen.« Unter diesen Gedanken senkte er den Hamen in das +Wasser, aber es verging eine Stunde um die andere und er hatte noch immer +nichts gefangen. Da setzte er sich in das Schilf und weinte bitterlich. Und +nicht lange darauf kam der alte Jäger wieder gegangen und fragte, warum er +denn heute wieder weine. + +Peter erzählte ihm, daß die Muhme den Vater quäle und hungern lasse und daß +er nicht eher heimkommen dürfe, bis er ein Gericht Fische bringe. Da pfiff +der Jäger wieder auf seinem Finger, aber ganz leise, und befahl dem Knaben +dann, seinen Hamen noch einmal ins Wasser zu tauchen. Da kam ein großer +Fisch und trieb eine Menge kleiner Hechte und Barben vor sich her, dem +Hamen zu, so daß dieser bald ganz voll wurde und Peter ihn mehrmals +ausleeren mußte. »Kennst du den Fisch nicht mehr?« sagte der Jägersmann, +»es ist ja derselbe, den du aus dem Schaff genommen und in den Bach +getragen hast.« -- Darüber wunderte sich der kleine Peter noch viel mehr +und guckte dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt langsam im +Teiche hin schwamm. Indessen war der rätselhafte Jägersmann wieder +verschwunden und Peter lief voller Freude nach Hause; denn von seinem Fange +konnte der Vater sich viele Tage satt essen. + +Da die böse Muhme dem guten Burschen auf diese Weise nichts antun konnte, +vermehrte sich ihr Haß und sie beschloß, ihn auf immer fortzuschaffen. Sie +gab ihm daher am andern Morgen den Auftrag, er solle auf die Berge steigen +und droben den Rübezahl rufen. Wenn dieser dann erscheine, solle er ihn um +ein Wurzelmännchen bitten; wenn das der Vater hätte, würde er sogleich +gesund werden. Auch dürfe er nicht eher wiederkommen und solle nur nicht +aufhören, den Rübezahl zu bitten, dann werde er schon bekommen, was er +wünsche. In ihrem bösen Herzen aber dachte sie, der Berggeist werde den +kleinen Peter töten, wenn er ihn bei dem Spottnamen rufe und sie würde den +verhaßten Knaben nicht mehr wiedersehen. Der Kranke werde ohnedies nicht +mehr lange leben und dann gehöre ihr die Hütte und alles, was darin sei. + +Nun hatte der Knabe zwar allerlei Schauergeschichten von dem Berggeiste +gehört, aber er dachte: »Sie heißen mich ja alle im Dorfe den Bruder Lustig +und von dem hat mir meine Mutter allerlei komische Märchen erzählt; da habe +ich gesehen, daß selbst der böse Feind einem fröhlichen Herzen kein Leid +antun kann; so schlimm ist aber der Rübezahl doch noch lange nicht.« Und er +stand getrost auf, schnitt sich einen Stab und wanderte nach den Bergen +hinauf. + +»Ei, ei!« hörte, er auf einmal eine Stimme hinter sich, »willst du in die +weite Welt gehen, kleiner Peter?« -- Wie er sich umdrehte, war es der +Jägersmann, der unter den Bäumen dahergeschlendert kam. + +»Hör',« sagte der lustige Kleine, »jetzt soll ich gar zum Rübezahl gehen +und ein Wurzelmännchen holen, davon wird der Vater gesund werden, sagte die +Muhme. Ob es nun wahr sein mag?« + +»Nun wer weiß; aber fürchtest du dich nicht vor dem wilden Berggeiste?« + +»I! er wird doch mit sich reden lassen, der alte, kuriose Herr; so schlimm, +wie ihn die Leute machen, ist er gewiß nicht. Und was kann er mir groß +anhaben. Ein wenig Püffe und ein bißchen Ohrenschütteln verschlägt nicht +viel bei mir, da bin ich es noch besser gewohnt, vom Vater her, wie er noch +gesund war.« -- + +»Ich denke, dir wird der Herr Johannes nichts anhaben, du närrischer Kauz,« +sagte der fremde Jägersmann, »aber wer weiß, ob du ihn antriffst. Wir Jäger +leben so lange Zeit im Walde, daß wir auch hinter allerlei Geheimnisse der +Natur kommen und da kann ich dir selbst deinen Wunsch erfüllen. Hier hast +du ein Wurzelmännchen; das soll der Vater an einer seidenen Schnur am Halse +tragen und er wird gesund davon werden. Und nun geh' ruhig heim, du +fröhliches Herz.« -- + +Der kleine Peter hatte keine Zeit, sich bei dem guten Alten zu bedanken, +der mit großen Schritten über das Haidekraut, hinschritt und dabei sich +immer höher und höher ausdehnte, bis sein Kopf eine Wolke erreichte, worin +alsdann die ganze Gestalt verschwand. -- Das kam unserem kleinen Freunde +doch gar zu wunderlich vor und er lief, was er konnte, nach dem Dorfe +zurück, sein Wurzelmännchen fest in der Hand, das er sich gar noch nicht +einmal angesehen hatte. + +Die Muhme kam ihm schon in der Tür mit einem grimmigen Gesicht entgegen. +»Unkraut verdirbt nicht,« murmelte sie zwischen den Zähnen und +bewillkommnete den kleinen Peter mit einem tüchtigen Puffe. Da öffnete er +die Hand, um ihr das Wurzelmännchen zu zeigen, und kaum hatte sie einen +Blick darauf geworfen, als sie in ein schallendes Gelächter ausbrach und +wie von der Tarantel gestochen umherlief. Peter sah ganz erstaunt bald die +Muhme, bald das Geschenk des alten Jägers an und wußte gar nicht, was jener +in den Sinn komme. Die Wurzel sah zwar komisch genug aus, denn sie glich +vollkommen einem kleinen mißgestalteten Männchen, mit langen Spinnenbeinen +und ebensolchen Armen; Kopf und Rumpf waren dagegen ganz unförmlich dick +und das Gesicht war eine boshaft grinsende Karrikatur. Ein Zopf, der länger +war, als das ganze kleine Wesen, vollendete die höchst wunderliche Gestalt +des Wurzelmännchens, aber bei alledem begriff Peter nicht, warum die Base +gar so unbändig lache. Er trat also ganz nahe zu ihr hin, um ihr den +Gegenstand ihrer Lachlust besser zu zeigen, aber da ward sie völlig außer +sich, die Tränen stürzten ihr aus den Augen und sie fiel ganz atemlos auf +das Bett des Kranken, wobei sie fortfuhr, immer lauter und heftiger zu +lachen. + + +Da fiel es dem kleinen Peter plötzlich ein, wie er ja einmal gegen den +wunderbaren Jägersmann geäußert hatte, er wünsche, daß die Muhme einen +ganzen Tag lachen und springen müsse, und nun konnte er nicht länger +zweifeln, daß Rübezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und +seinen Wunsch erfüllt habe. Sein nächster Gedanke war, daß nun auch gewiß +sein Vater gesund werden würde, denn der Berggeist hielt immer sein Wort; +und so band er denn geschwind das Wurzelmännchen dem Vater um. Dabei kam er +der Muhme wieder nahe, die noch immer halbtot über den Füßen des Kranken +lag; wie unsinnig sprang sie jetzt auf, rollte sich auf der Diele hin, und +als sie an die offene Tür der Stube kam, sprang sie hinaus und ins Dorf +hinunter. Noch aus der Ferne hörte man ihr schallendes Gelächter. + +Von Stund an ward der Kranke gesund, und als Peter ihm nun erzählte, wie +sich alles zugetragen hatte und auf welche Weise er mit Rübezahl +zusammengekommen war, gingen dem Vater die Augen auf, wie unrecht die böse +Muhme dem kleinen Peter getan hatte, und er beschloß, daß sie nie wieder +ins Haus kommen solle. Die Muhme aber blieb von selbst weg, denn sie hatte +den halben Tod von dem lustigen Tanze gehabt, den ihr Peter verschafft +hatte und keine Macht der Welt brachte sie mehr in die Nähe des kleinen +Burschen, von dem sie glaubte, er habe sie verzaubert. Sie zog ganz aus dem +Dorfe, viele Meilen weit, und Peter hatte nur gute Tage, denn der Vater +ward wieder gesund und stark, und da er einstmals unter einer Baumwurzel, +die er ausrodete, einige alte Goldstücke fand, konnte er sich ein Stück +Acker und eine Kuh kaufen. Ja, es war ein so sicherer Segen auf allem, was +er tat, daß er bald der wohlhabendste Bauer im Gebirge wurde, und der +kleine Peter konnte im Winter manches Körnlein Futter für die lieben +Vöglein ausstreuen oder auch im harten Winter für die Rehe und Hirsche in +den Wald tragen. Die Muhme starb vor Neid und Mißgunst, Peter aber lebte +lange und glücklich und behielt seinen Frohsinn und Übermut bis an sein +Lebensende, ja er schenkte sogar der alten Muhme, die ihm so viel Böses +getan, ein freundliches Andenken, er war stets fröhlich und guter Dinge und +erzählte immer mit besonderer Freude die Begebenheit mit dem wunderbaren +Jägersmanne. + + + + +Die Reise nach Karlsbad. + + +Eine reiche Gräfin, die gewöhnt war, den Sommer in irgend einem Badeorte, +den Winter aber in Breslau zuzubringen, begab sich mit ihren beiden +Töchtern nach Karlsbad, weil sie einer Badekur, die jungen Damen aber der +Badegesellschaft bedürftig waren und deshalb so eilig reisten, daß sie Tag +und Nacht nicht rasteten, um Bälle, Ständchen und Promenaden desto früher +zu genießen. Beim Sonnenuntergang kamen sie ins Riesengebirge, und da es +ein schöner, warmer Sommerabend war, an dem sich kein Lüftchen regte, +beschlossen sie, die schöne, sternenhelle Mondnacht hindurch zu fahren. Der +Wagen war außerdem so bequem eingerichtet und bewegte sich bergan so +langsam vorwärts, daß Mutter und Töchter samt der Zofe recht behaglich +schlummerten. Johann allein, der neben dem Postillon auf dem Kutschbocke +saß, konnte wegen seiner freien und gefährlichen Stellung nicht schlafen +und würde es auch schon aus Furcht nicht getan haben, denn ihm fielen alle +die wunderbaren Geschichten von Rübezahl ein, die er gehört hatte, und er +verwünschte im geheimen die abenteuerliche Idee seiner Gebieterin, das +Reich des furchtbaren Berggeistes in der einsamen Nacht zu durchkreuzen. +Wie viel lieber wäre er in Breslau daheim gewesen, wo er niemals etwas von +so großen und mächtigen Geistern gehört hatte. Er sah ängstlich nach allen +Himmelsgegenden aus, und wenn seinem Auge ein auffallender Gegenstand +begegnete, zitterte er wie ein Blatt im Winde. Er fragte mehr als einmal +den Schwager Postillon, ob es hierherum auch geheuer sei, aber doch konnte +er sich bei der Zusicherung desselben, daß gar nichts zu befürchten wäre, +nicht beruhigen. + + +Seine Befürchtungen wurden aber bald zur wirklichen Angst, als der +Postillon plötzlich die Pferde anhielt und einen Fluch zwischen den Zähnen +murmelte. In der Entfernung von kaum zehn Schritten stand mitten im Wege +eine übernatürlich große Gestalt, mit schwarzem Mantel und mit einem +weißen, weithin schimmernden Halskragen, aber -- ohne Kopf! -- Diese +schreckliche Erscheinung stand augenblicklich still, wenn der Postillon die +Pferde anhielt und lief rasch voraus, sobald dieser die Peitsche schwang, +um weiterzufahren. »Schwager, was ist das?« schrie Johann in größter Angst. +»Sei still,« sagte dieser kleinlaut, »damit wir den Spuk nicht irren?« + +Aber der entsetzte Diener hielt es auf seinem freien Posten nicht länger +ruhig aus, wo er sich der Gefahr zumeist ausgesetzt glaubte, und klopfte +heftig an die Fenster des Wagens. Hat die Gräfin, dachte er, die tolle Idee +gehabt, hier in der Nacht zu reisen, so kann sie nun auch Rat schaffen, wie +wir aus der Gefahr kommen. + +Unwillig fuhr die Gebieterin aus ihrem sanften Schlummer auf und fragte, +was es gäbe? »Ei, Ihro Gnaden, da geht einer ohne Kopf,« stammelte der +Bediente und seine Zähne schlugen zusammen. + +»Und darum weckst du mich, Einfaltspinsel? Als ob man das nicht täglich in- +und außerhalb Breslaus sehen könnte.« Sie belachte ihren eigenen Witz, aber +die beiden Fräulein konnten nicht mit einstimmen, denn auch ihnen fielen +zum größten Schreck alle Rübezahl-Märchen ein und sie riefen einstimmig: +»Das ist der Berggeist, Mama, wir sind mitten auf dem Riesengebirge.« + +Die Geister aber schienen bei der Gräfin in keiner besonderen Achtung zu +stehen, denn sie lächelte über die Furcht der Töchter und verspottete die +bekannten Spukgeschichten, die sie die Ausgeburten kranker Einbildung +nannte, ward aber in ihrer Erklärung plötzlich unterbrochen, als der +Schwarzmantel, der einen Augenblick im Gebüsch verschwunden war, wieder in +das helle Mondlicht heraus, dicht an den Weg trat. + +Ein Schrei des Entsetzens ward im Wagen gehört und die seidenen Vorhänge +hastig vor die Fensterscheiben gezogen. Der schreckliche Unbekannte +beunruhigte aber die Damen nicht weiter, sondern begnügte sich, den +Bedienten samt dem Postillon vom Bocke herabzustürzen, wobei ihm die Furcht +der beiden Männer sehr zu statten kam, und schrie dem betäubten Postillon +unter einigen derben Faustschlägen ins Ohr: »Nimm, das vom Rübezahl, weil +du so dreist in mein Gehege fuhrst; dein Roß und Geschirr sind mir +verfallen.« -- Hierauf schwang sich das kopflose Ungetüm auf den Sattel, +trieb die Pferde an und fuhr so rasch über Stock und Stein, daß man vor dem +Rasseln der Räder das Angstgeschrei der Damen nicht hörte. + +Da vermehrte sich plötzlich die nächtliche Reisegesellschaft noch um eine +Person; es trabte nämlich ein Reiter neben dem Fuhrwerk hin, der es gar +nicht zu bemerken schien, daß dem Fuhrmann der Kopf fehle, und ritt neben +dem Wagen her, als gehöre er dazu. Dem Schwarzmantel schien dieser +Gesellschafter eben nicht willkommen zu sein; er lenkte die Pferde nach +einem andern Wege, bog bald links, bald rechte um, konnte aber den +rätselhaften Begleiter nicht los werden Noch viel ängstlicher ward dem +Fuhrmanne aber zu Mute, als er bemerkte, daß dem Schimmel ein Fuß fehle und +dieser doch so lustig neben ihm her trabte. + +»O weh, das ist der _rechte_ Rübezahl,« seufzte er ängstlich, »und meine +Rolle als Rübezahl wird nun bald aus sein, nun der sich in daß Spiel +mischt!« + +Jetzt lenkte der Reiter sein dreibeiniges Roß ganz nahe an den Fuhrmann und +fragte ihn ganz zutraulich: »Landsmann ohne Kopf, wohin des Weges?« + +»Immer der Nase nach,« antwortete dieser mit furchtsamem Trotz. Da fiel der +Reiter den Rossen in die Zügel und rief: »Halt, Gesell!« packte ihn am +Genick und warf ihn so kräftig zur Erde, das ihm alle Glieder knackten. Der +kopflose Fuhrmann hatte, wie es sich nun ergab, Fleisch und Bein, wie jeder +andere Mensch und wimmerte ganz kläglich, als ihm der Reiter die Maske +abriß. Da er nun sah, daß er in die Hände des mächtigen Berggeistes geraten +war, dessen Person er eben dargestellt hatte, ergab er sich auf Gnade und +Ungnade. + +Diese Demut war sein Glück; denn der Gnom war so ergrimmt, daß er ihn ohne +Zweifel zermalmt haben würde, wenn er noch ein Wort zu reden gewagt hätte. +»Sitz auf,« herrschte er ihm jetzt zu, »und tue, was ich dir befehlen +werde.« Nun zog er geschwind den vierten fehlenden Fuß seines Schimmels aus +den Rippen desselben und trat an den Wagenschlag, um sich den Damen ganz +höflich vorzustellen. + +Aber diese lagen sämtlich ganz betäubt und besinnungslos in den Polstern +und gaben kein Zeichen des Lebens. Der Reiter schöpfte aus einer +vorüberrieselnden Bergquelle frisches Wasser und sprengte dies den Damen +ins Gesicht, wodurch sie auch sämtlich wieder zum Leben gebracht wurden. Es +beruhigte sie sehr, einen so feinen, wohlgestalteten Mann in ihrer Nähe zu +haben, von dem sie auch ritterlichen Schutz erwarten durften und sie wurden +ganz frei von Besorgnis, als er sagte: »Ich bedauere die Damen sehr, die +von einem entlarvten Bösewicht erschreckt worden sind, der ohne Zweifel die +Absicht hatte, sie zu bestehlen. Jetzt sind Sie in Sicherheit; ich bin der +Oberst von Riesental und erlaube mir, Sie in meine Wohnung zu geleiten, die +ganz in der Nähe ist.« + +Mit Freuden ward dies freundliche Anerbieten von den Damen angenommen. Der +Oberst ritt indes wieder neben dem eingeschüchterten Fuhrmann her, hieß ihn +bald links, bald rechts einen Weg einbiegen und fing zwischendurch einige +Fledermäuse mit der Hand auf, denen er einen geheimen Auftrag zu geben +schien, und die er dann wieder freiließ. + +So mochte die Fahrt wohl über eine Stunde gedauert haben, als sich in +einiger Ferne Lichtschimmer zeigte und vier Jäger mit brennenden +Windlichtern herangesprengt kamen, um ihren Herrn zu suchen. Die Gräfin +ward dadurch vollständig beruhigt und bat Herrn von Riesental, einige +seiner Leute nach ihrem armen Johann auszuschicken, was auch sogleich +geschah. Bald darauf rollte der Reisewagen über eine Zugbrücke durch ein +altertümliches Burgtor und hielt vor einem hell erleuchteten Palaste. Der +Reiter sprang ab und bot der Gräfin den Arm, worauf er sie in ein +Prunkgemach führte, in dem schon eine große Gesellschaft versammelt war. +Die jungen Damen waren trostlos darüber, in ihren sehr zerdrückten +Reisekleidern in einen so glänzenden Zirkel treten zu sollen und der +Hausherr bemerkte ihre Verlegenheit kaum, als er sie in ein Kabinett treten +ließ, darin alles Nötige zur Herstellung ihrer Toilette vorbereitet war. +Sechs Kerzen brannten vor dem großen Ankleidespiegel, feine Seifen, +Riechwasser, Haaröl und dergleichen lagen auf dem kostbaren Waschtisch und +die feinsten Schuhe und Handschuhe fehlten ebensowenig. + + +Den jungen Damen hätte nicht leicht ein angenehmeres Abenteuer begegnen +können, und sie traten daher ganz frisch und fröhlich in die Gesellschaft, +wo sie sich auch bald recht wohl gefielen. Es ward viel über die Gefahr +gesprochen, in welcher sich die Reisenden befunden hatten und der +aufmerksame Wirt stellte den Damen sogleich einen Arzt vor, der nach ihrem +Gesundheitszustande nach einem so großen Schreck fragte und mit bedeutender +Miene den Puls der Gräfin prüfte. + +Endlich sagte er mit ziemlich bedenklichem Kopfschütteln, daß er die +schlimmsten Folgen von der ungewöhnlichen Aufregung befürchten müsse, wenn +die Damen sich nicht entschließen würden, sogleich einen Aderlaß zu +erlauben. Die Gräfin zitterte für ihr Leben und willigte sogleich ein; bei +den jungen Damen hielt es aber weit schwerer und es bedurfte des +mütterlichen Befehls, um sie dazu geneigter zu machen. + +Der Arzt kehrte sich nicht an den sichtlichen Widerwillen der Damen und +machte sie für die ersten acht Tage unfähig einem Balle beizuwohnen. + +Nachdem diese energische Kur vorüber war, ging die Gesellschaft zur Tafel +und ein fürstliches Mahl war für sie aufgetischt. Auch schienen die Tische +unter der Last des Silbergerätes brechen zu wollen und die köstlichsten +Speisen, die ausgesuchtesten Weine und der Jahreszeit nach ganz +ungewöhnliche Früchte wurden verschwenderisch aufgetragen. Als das bunte +Dessert gebracht wurde, erstaunten die Gräfin und ihre Töchter nicht wenig, +ihr ganzes Abenteuer in Zucker und Tragant dargestellt zu sehen. Voller +Bewunderung der Schnelligkeit, womit dieses kleine Kunstwerk entstanden und +der Zierlichkeit, mit der es ausgeführt war, fragte die Gräfin ihren +Tischnachbar, einen böhmischen Grafen, was für ein Galatag hier gefeiert +werde und erhielt zur Antwort, die Gäste hätten sich nur zufällig getroffen +und es sei nur ein kleines, freundschaftliches Mahl, wie es der Hausherr +täglich gewohnt sei. + +Diese Nachricht vermehrte die Freude der Damen, sich in so guter +Gesellschaft zu befinden und die Gräfin war nur erstaunt, daß sie nie zuvor +von einem so reichen und gastfreien Manne gehört oder ihn in Breslau +gesehen habe. So bewandert sie auch in der Familiengeschichte des ganzen +deutschen Adels war, konnte sie doch in ihrem Gedächtnis keine Familie von +Riesental auffinden. Dieser Ideengang ward unterbrochen, als man allerhand +Märchen von Rübezahl zu erzählen anfing, und die Gräfin nahm sogleich +Gelegenheit, ihren Zweifel an dem wirklichen Vorhandensein des Berggeistes +unter allerlei witzigen Bemerkungen auszusprechen. + +»Mein soeben erlebtes Abenteuer ist der beste Beweis, woher alle diese +Geschichten entstehen,« sagte sie, »und daß der Berggeist nur in den Köpfen +der Furchtsamen spukt. Wenn er hier im Gebirge wirklich herrschte und +hauste, würde er alsdann so ungestraft geduldet haben, daß ein Schurke +unter seinem Namen solchen Unfug treiben durfte? Der arme Geist konnte +seine eigene Ehre nicht retten und ohne den ritterlichen Beistand des Herrn +von Riesental hätte ein frecher Bube uns beraubt und vielleicht ermordet.« + +Der Hauswirt widersprach eben in einem Scherz und höflicher Weise, indem er +noch anriet, den Herrn vom Berge nicht so ganz für ein Unding zu halten, +als er durch das Eintreten Johanns unterbrochen wurde, der wieder ganz +mutig aussah, nun er sich in so sicherer Umgebung erblickte und +triumphierend das Haupt des Schwarzmantels mitbrachte, welches dieser +während der Mummerei unter dem Arme getragen und später verloren hatte. Zur +großen Belustigung der Gäste ergab es sich, daß es nur ein ausgehöhlter +Kürbis war, der mit Sand und Steinen angefüllt, mit einer hölzernen Nase +und einem langen Flachsbarte ausgeschmückt war und so einem recht +fürchterlichen Menschenantlitze glich. + +Nach einer in den weichsten Daunen zugebrachten Nacht verließen die Damen +am andern Morgen das gastliche Schloß, ganz entzückt von der Aufnahme, die +sie daselbst gefunden hatten. Herr von Riesental, nachdem er vergeblich +versucht hatte, seine Gäste noch einen Tag bei sich zu behalten, geleitete +sie höflich bis an die Grenze seines Gebietes, doch mußten ihm die Damen +versprechen, auf der Rückreise wieder einen Besuch bei ihm abzustatten. + +Als nun der Gnom wieder in seiner Burg anlangte, wurde der arme Schelm +herbeigeführt, der seine Rolle auf so unglückliche Weise gespielt hatte. +»Elender!« donnerte ihn der Geist an, »wie wagtest du es, in meinem +Bereiche eine so sträfliche Gaukelei zu verüben? Dafür sollst du mir +lebenslang büßen. Wer bist du, und was trieb dich ins Gebirge, um als Geist +darin zu spuken?« + +»Großer Geist des Riesengebirges, vergib,« sagte der Schlaukopf mit großer +Unterwürfigkeit, »ich habe das Gesetz nicht gekannt, was mir verbietet, +deine Person vorzustellen. Ich kann dir sagen, daß dies an den meisten +Orten geschieht; bald wandelst du mit einer großen Rübe auf den +Maskenbällen umher, bald trägt man dich aus Kokosnuß geschnitzt oder aus +Gips geformt zum Verkaufe umher. Aber nun ich weiß, daß du es ungern +siehst, soll es gewiß niemals wieder geschehen, vergib mir nur diesmal, +mächtiger Geist! -- Ich bin von Profession ein Beutler, aber es ging mir zu +trübselig bei diesem Gewerbe. Wie viele Beutel ich auch nähte, der meine +blieb immer leer, obgleich die Leute sagten, ich hätte eine glückliche +Hand, denn in den von mir gearbeiteten Beuteln halte sich das Geld länger, +als in anderen. Der Pfiff lag aber darin: ein lederner Geldbeutel ist immer +besser, als ein von Seide gestricktes Netz. Warum? Nun seht, die ledernen +Beutel werden meist von den Ackerwirten und armen Handwerkern gekauft, die +sind denn von Haus aus keine Verschwender; aber die feinen, durchsichtigen +Börsen befinden sich nur in vornehmen Händen und da ist es kein Wunder, +wenn sich das Geld nicht gut darin hält; die Gelegenheit ist immer bei der +Hand, daß es herausrinnt so viel auch hineingeschüttet werde.« -- + +»Nun, und weiter,« sagte Rübezahl, der es nicht ganz verbergen konnte, daß +ihn die Erzählung des Burschen belustigte. + +»Nun, es gab Teuerung im Lande und da ich gute Ware für schlechtes Geld +geben mußte, arbeitete ich mich an den Bettelstab und ward endlich in den +Schuldturm geworfen. Als ich wieder frei ward, gab mir niemand Arbeit und +ich mußte in die weite Welt wandern. Da begegnete mir einer meiner alten +Kunden, der ganz stattlich aussah und auf einem schönen, Pferde ritt. »Ei, +ei, Franz!« lachte er, »hast du es noch immer nicht weiter gebracht; willst +du mit mir gehen, so will ich dich lehren, den Beutel immer voll Geld zu +haben.« -- Das war mir eben recht und ich kümmerte mich nicht sonderlich +darum, ob sein Gewerbe ehrlich war. Der Gesell aber machte falsches Geld +und ich ward bald so geschickt in dieser freien Kunst, als er selbst; alles +war im besten Gange, da wurden wir eingefangen und auf Lebenszeit zur +Festung verurteilt.« + +»Da lebte ich eine lange, aber keine gute Zeit, bis endlich ein +Werbeoffizier kam und die Gefangenen zu Soldaten machte, denn es war Krieg +im Lande. Ich war den Tausch auch wohl zufrieden, aber ich hatte wieder +Unglück; als ich einmal auf Fouragierung ausgeschickt wurde, griff ich zu +weit in meinem Auftrage und fegte nicht nur Speicher und Scheuern, sondern +auch Kisten und Kasten in den Häusern aus. Es, war ein schlimmer Zufall, +daß es gerade in Freundes Land war und nun gab es ein weitläufiges Gerede, +ich mußte Spießruten laufen und ward aus dem Soldatenstande fortgejagt, in +dem ich doch so leicht mein Glück hätte machen können.« + +»Jetzt hatte ich wieder keine Aussicht, als zu meiner Profession +zurückzukehren; da ich mir aber kein Lager einkaufen konnte, fiel ich auf +den Gedanken, einmal meine früheren Arbeiten nachzusehen, ob sie sich auch +gut gehalten hätten. Ich sann nun immer darauf, einen Beutel zu erwischen, +wobei es sich freilich traf, daß manchmal noch Geld darin war, aber das war +ja nicht meine Schuld; und oft war der Beutel auch nicht von meiner Arbeit, +aber ich konnte ihn doch nicht mehr ohne Gefahr an den alten Ort +zurückbringen und war also gezwungen, ihn zu behalten. Alte Bekannte fand +ich auch manchmal unter dem fremden Gelde, nämlich von unserer falschen +Münze, mit der die Leute einander immer noch anführten, indes wir schon +unsere Strafe dafür weg hatten. Ich besuchte nun die Messen und Märkte und +machte zuweilen recht gute Geschäfte, aber wer einmal Unglück haben soll! +Es war recht, als sollte es nicht sein, daß ich länger so fort lebte. -- In +Liegnitz fiel mir der Beutel eines reichen Krämers auf, der sehr reichlich +gespickt war; aber das war eben das Unglück, denn er war zu schwer und fiel +mir bei dem angewandten Kunstgriff aus der Hand. Da ward ich ergriffen und +als Beutelschneider vor Gericht geführt; ich sagte, das sei ja mein +gelerntes Handwerk und wies mich durch Kundschaft und Lehrbrief darüber +aus; aber den Herren vom Gericht war nicht gut zuzureden, ich wurde +eingesperrt, ersah mir aber glücklich die Gelegenheit und entwischte +wieder.« + +»Anfänglich hungerte ich, das gefiel mir aber auf die Länge nicht, dann +machte ich einen Versuch mit betteln, es geriet aber auch nicht. Die +Polizei in Groß-Glogau hinderte mich auch daran, und ich mußte wieder ein +paar Tage brummen. Von nun an vermied ich die Städte und genoß die +Landluft, die mir besser bekam; da kam mir die Gräfin in den Weg, an deren +Wagen etwas zerbrochen war. Der Bediente schimpfte gewaltig, daß man nun +gerade in der Nacht aufs Riesengebirge kommen würde, wo doch der gewaltige +Herr Rübezahl hause. Das brachte mich auf den Einfall, seine Zaghaftigkeit +zu benutzen und eine Geisterrolle zu spielen. Beim Küster verschaffte ich +mir den schwarzen Mantel, und ein Kürbis, der auf dem Kleiderschranke +stand, diente mir als Kopf, den ich nach Willkür aufsetzen und abnehmen +konnte, um die Reisenden noch mehr zu erschrecken. Wenn mir die Sache +geglückt wäre, hätte ich die Damen in den tiefen Wald gefahren und mir ihr +Geld und sonstige Kostbarkeiten ausgebeten. Ein größeres Leid hätte ich +ihnen nicht angetan. Vor euch, Herr, habe ich mich, aufrichtig gesprochen, +am wenigsten gefürchtet. Die Kinder glauben ja kaum mehr an euch, so +aufgeklärt ist jetzt die Welt, und ihr werdet bald ganz vergessen sein. Ich +dachte es müsse euch lieb sein, daß ich euch wieder in Erinnerung gebracht +habe und darum seid nicht ungnädig gegen mich. Es wäre euch gerade etwas +leichtes, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen. Lasset mich einen Griff +in eure Braupfanne tun, oder schenkt mir, wie jenem hungrigen +Handwerksburschen, eine Hand voll Schlehen aus eurem Garten. Der arme +Schelm hat sich zwar zwei Vorderzähne an eurem Obst abgebissen, aber dafür +haben sich auch die Schlehen in eitel Gold verwandelt. Vielleicht ist es +euch auch genehm, eine Partie Kegel mit mir zu schieben, wie mit jenem +Prager Studenten, dem ihr alsdann einen Kegel schenktet, der auch von Gold +war; oder wenn ihr mir durchaus eine Strafe für mein Unrecht zudenkt, so +machst es doch mit mir, wie mit jenem Schuster, den ihr mit einer goldenen +Rute tüchtig durchgehauen, ihm aber auch nachher das Strafinstrument zum +Andenken geschenkt habt, wie die Handwerker noch auf ihren Gelagen zu +erzählen wissen.« -- + +»Schurke!« sagte Rübezahl, »ich habe dich geduldig ausreden lassen, aber +nun lauf', so weit deine Füße dich tragen. Du wirst auch ohne mich deiner +Strafe nicht entgehen.« + +Mit Freuden erfüllte der Beutelschneider den zornigen Befehl des Herrn vom +Berge und pries seine Beredsamkeit, die ihn diesmal ganz allein aus seiner +mißlichen Lage gezogen hatte. Er lief so schnell, um aus der +Gerichtsbarkeit Rübezahls zu kommen, daß er in der Eile den schwarzen +Mantel vergaß; so rasch er aber auch sich fortbewegte, schien es doch +nicht, als ob er von der Stelle käme, denn immer umgaben ihn dieselben +Bäume und Felsen, nur die Burg des Herrn von Riesental war verschwunden. +Ganz abgemattet von der fruchtlosen Bestrebung, diesen Platz zu verlassen, +sank er endlich unter einen Baum und fiel in einen festen Schlaf! Als er +nach mehreren Stunden wieder erwachte, wunderte er sich, daß ihn noch immer +eine undurchdringliche Finsternis umgab und er weder das Säuseln der Luft +vernahm, noch ein Sternlein am Himmel blinken sah. Darüber sprang er auf +und erschrak nicht wenig, als er das Geklirr von Ketten hörte, mit denen er +selbst belastet war. In qualvoller Erwartung brachte er mehrere Stunden zu, +bis endlich ein wenig Licht durch das eiserne Gitter eines kleinen Fensters +fiel und er allmählich denselben Kerker wiedererkannte, aus welchem er +zuletzt entflohen war. Da aber niemand kam, um nach dem Gefangenen zu sehen +oder ihm Speise zu bringen, fing noch obendrein der Hunger ihn zu martern +an und er schlug verzweiflungsvoll mit seinen Ketten gegen die +wohlverwahrte Tür. Es währte lange, ehe sich der Gefängniswärter +entschließen konnte, in die Zelle zu gehen, die doch schon wochenlang leer +war; er glaubte, es gehe ein toller Spuk darin um und mit der größten Angst +öffnete er endlich die Tür, um die Ursache dieses ungewöhnlichen Lärmens zu +erforschen. Erst erschrak er sehr vor der Gestalt, die sich in dem dunklen +Gemache bewegte, als er aber seinen entwichenen Gefangenen erkannte, +verwunderte er sich noch weit mehr, denn er konnte nicht beigreifen, wie +dieser durch die verschlossene Tür und das vergitterte Fenster wieder an +seinen alten Platz gekommen sei. Jener aber behauptete, er habe sich +freiwillig wieder eingefunden; da er die geheime Gabe besitze, durch +verschlossene Türen ein- und auszugehen und seine Fesseln anwie abzulegen, +so befinde er sich nach seinem eigenen Willen hier. + +Da es unbegreiflich blieb, wie der schlaue Dieb die Sache ins Werk gesetzt +hatte, mußte man endlich an seine wunderbare Kraft glauben; die Herren in +Liegnitz schickten ihn nun auf die Festung, wo er den Karren schieben mußte +und überließen es ihm, sich, wenn er wolle und könne, auch von dieser Kette +zu befreien; man hat aber mit Verwunderung bemerkt, daß er von seiner +geheimnisvollen Kraft bis zum Ende seines Lebens keinen weiteren Gebrauch +gemacht hat. + +Die Gräfin war indes mit ihrer Begleitung wohlbehalten in Karlsbad +angelangt und ließ sogleich den Badearzt rufen, um ihn über ihren +Gesundheitszustand zu befragen. Da trat derselbe Arzt herein, den sie schon +auf dem Schlosse des Herrn von Riesental kennen gelernt, und der ihr den +Aderlaß verordnet hatte. »Ei, seien Sie uns willkommen!« riefen ihm Mutter +und Töchter freundlich entgegen; »wir vermuteten Sie noch bei dem Herrn von +Riesental und nun sind Sie uns doch zuvorgekommen; warum haben Sie uns denn +dort verschwiegen, daß Sie der hiesige Badearzt sind?« -- »Ach, Herr +Doktor!« seufzten die beiden Fräulein dazwischen, »Sie haben uns wohl die +Adern am Fuße durchgeschlagen; wir müssen jämmerlich hinken und werden nun +keinen Schritt tanzen können.« + +Der Arzt stutzte. »Ihro Gnaden,« sagte er, »sind im Irrtum; ich hatte nie +zuvor die Ehre, Sie zu sehen, auch entferne ich mich während der Kurzeit +niemals von hier und kenne unter allen meinen Bekannten keinen Herrn von +Riesental.« -- + +Die Gräfin lachte über diese Verstellung, wie sie es nannte, und da sie den +Grund davon in dem Zartgefühl des Arztes zu finden meinte, der nur für +seine ihr schon geleisteten Dienste nicht bezahlt sein wollte, sagte sie: +»Ich verstehe Sie, lieber Herr Doktor, Ihr Zartgefühl geht aber zu weit, es +soll mich nicht abhalten mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für +Ihren guten Beistand dankbar zu sein.« Dabei nahm sie eine schöne goldene +Dose aus ihrem Koffer und schenkte sie dem Doktor. Dieser nahm sie als eine +Vorausbezahlung der Dienste, welche er etwa der Gräfin noch würde leisten +können und widersprach ihr daher nicht mehr, weil er glaubte, die Kranke +leide an solchen Einbildungen und ihre Töchter stimmten nur aus Rücksicht +auf den Zustand der Mutter dem bei. + +Bald war es in dem Badeorte bekannt, daß die Gräfin entweder schwachsinnig +oder eine Hellseherin sei, denn der Arzt, der sich immer bemühte, sich bei +seinen Patienten lieb und angenehm zu machen, hatte das kleine Abenteuer +während der Runde, die er am Morgen bei seinen Badegästen machte, vielfach +erzählt und alle waren neugierig, die fremden Damen kennen zu lernen. + +Als die Gräfin mit ihren Töchtern das erste Mal in den Kursaal trat, war es +ihr ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft dort +wiederzufinden, in welche sie einige Tage zuvor vom Herrn von Riesental +eingeführt worden war; dadurch hatte sie gleich angenehme Bekannte und +schloß sich ohne weitere Zeremonie ihnen an. Aber sie fühlte sich verletzt +durch das fremde und kalte Benehmen der Damen und Herren, die vor kurzem +ihr so viel Vertrauen und Aufmerksamkeit bewiesen hatten; endlich fiel ihr +ein, das ganze sei ein verabredeter Scherz, bei dem Herr von Riesental die +Hand im Spiele habe und er würde durch sein plötzliches Erscheinen der +Neckerei ein Ende machen. Sie fragte daher täglich nach ihm und erzählte +mehreren neu angekommenen Gästen ihr Abenteuer auf dem Riesengebirge, durch +welches sie so viel angenehme Bekanntschaften gemacht habe, doch +merkwürdigerweise wollten die Herrschaften sie hier gar nicht +wiedererkennen, auch gar nichts von der Existenz eines Herrn von Riesental +etwas wissen. + +Es war bald nur eine Stimme darüber, daß die Gräfin eine feine und +liebenswürdige Dame sei, daß sich ihre Gedanken aber alsdann verwirrten, +wenn sie an ihr vermeintliches Abenteuer erinnert würde. Man vermied daher, +sie auf diesen Gegenstand zu bringen, und die Gräfin, welcher der Scherz +doch auch zu weit ausgedehnt schien, sprach nun auch nicht weiter davon, +was der Arzt überall als eine Wirkung des Bades pries, das die Krankheit +der Gräfin mit so vielem Erfolge heile. + +Als die Kur beendet war und sich die jungen Damen genug hatten bewundern +lassen, kehrten sie ganz zufrieden nach Breslau zurück. Absichtlich nahmen +sie wieder den Weg über das Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten ihr +Wort zu halten und zugleich die Lösung des Rätsels von ihm zu empfangen, +weshalb die Gäste in Karlsbad ihr früheres Zusammentreffen mit der Gräfin +nicht hätten eingestehen wollen. Aber es wußte niemand den Weg nach dem +Schlosse des Herrn von Riesental nachzuweisen und sein Name war weder +diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt. + +Dadurch war die Gräfin doch endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie +beschützt und so gastlich aufgenommen hatte, Rübezahl, der Berggeist, +gewesen sei. Sie hatte alle Ursache, mit der feinen Rache zufrieden zu +sein, die der Gnom ihrem Unglauben an seine Existenz erwiesen hatte und +verzieh ihm gern die Neckerei mit der Badegesellschaft, die ihr nun erst +erklärlich wurde. Wieder aber war es dem Berggeiste gelungen, die Menschen +an ihren empfindlichsten Stellen zu packen, und die Mutter mit ihrer +Spottlust, die Töchter mit ihrer Eitelkeit zu necken. + + + + +Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft. + + +Der Berggeist duldet es nicht, daß Hunde in sein Gebirge kommen, wie er +sich denn überhaupt im höchsten Gebirge die Jagd selbst vorbehalten hat. + + +Dies Verbot war allgemein bekannt, ohne daß man wußte, wer es zuerst +erfahren habe, und niemand wagte das Gebirge zu überschreiten, wenn er +einen Hund bei sich hatte. Einst aber zwang ein früherer Besitzer +Warmbrunns, ein Vorfahr des Grafen Schafgorsch, seinen Jäger, dem er in dem +wildesten Teil des Gebirges ein Haus hatte bauen lassen, auch einen +Jagdhund zu halten. Da ward es gleich in der ersten Nacht sehr unruhig um +die einsame Wohnung, die Türen klapperten und die Fenster klirrten, als +rüttle ein wütender Sturm daran, und doch bewegte sich draußen kein +Lüftchen. Der Jäger dachte, es sei wohl gar ein Erdbeben, das, wenn auch +selten, doch öfters in dieser Gegend vorkommt. Er stand auf und ging in die +finstere Nacht hinaus; dort war alles totenstill, nur die Sterne +schimmerten in prächtigem Glanz, in ihrer ewigen Majestät am dunklen +Himmel. Da aber, als er näher zusah, war es ihm, als ob derselbe sich öffne +und eine mächtige große Gestalt ihm mit einem Stocke drohe und als ob jeder +Stern den Kopf eines Hundes habe und ihn zornig ansähe. Geblendet kehrte er +ins Haus zurück und versuchte alles für Einbildung und Aufregung zu halten; +er zog die Decke weit über den Kopf und hörte nur noch wie der Hund erst +laut bellte, dann aber jämmerlich zu winseln anfing, bis auch dies immer +schwächer und ferner wurde. Als der Jäger am andern Morgen nach dem Hunde +sah, war dieser verschwunden. Tagelang suchte er vergeblich nach dem treuen +Tiere, bis er endlich nach einiger Zeit die zerstreuten Glieder desselben +in weiter Entfernung von dem Hause fand. -- Niemand wagt seitdem wieder, in +Rübezahls Gebiet Jagdhunde mitzubringen. + + + + +Das Rad. + + +Ein Kutscher rollte einmal ein Rad mit vieler Mühe durch das Gebirge. Er +hatte es eben eine steile Ebene hinaufgeschleppt und lehnte es an einen +Baum, in dessen Schatten er sich ganz ermüdet niederlegte und bald darauf +einschlief. Als er erwachte, hatte Rübezahl die Gestalt des Rades +angenommen, und als der Kutscher es weiterrollen wollte, konnte er es trotz +aller Anstrengung nicht von der Stelle bringen. Endlich konnte er es +wenigstens von dem Baume losmachen, an dem es wie festgenagelt gelegen +hatte, aber es fiel auch sogleich wieder zentnerschwer an die Erde. Als der +Kutscher erschöpft und fluchend vor Zorn alle Hoffnung aufgab, das Rad von +der Stelle zu bringen, stellte es sich mit einem Male wie von selbst +aufrecht, und als es der Kutscher berührte, rollte es mit größter +Schnelligkeit über Steingeklüfte und Baumwurzeln hin, den Berg hinab. +Keuchend mußte der Kutscher nachlaufen und sah mit Verwunderung, wie das +Rad mit gleicher Schnelligkeit bergauf und bergab rollte. Wenn er weit +zurück war, schien es sich langsamer zu bewegen, so daß er glaubte, es bald +erreichen zu können, wenn er aber nahe genug war, um es erreichen zu +können, rollte es mit unaufhaltsamer Eile weiter. + +So lief das Rad, und der Kutscher dahinter her, über Berg und Tal, bis es +ihm endlich gelang, es zu ergreifen. Nun hielt er es mit aller Kraft fest; +aber das Rad fiel an die Erde und zog den Kutscher mit darnieder. Plötzlich +erhob es sich wieder und flog nun geschwind wie ein Pfeil durch die Luft, +bis es mit dem ganz erschöpften Kutscher vor dem Hause seines Herrn +niederfiel. + + + + +Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt. + + +In der Zeit, wo Rübezahl noch sein Wesen auf den Bergen trieb, da war's +freilich anders, als jetzt, da half's einem ungelehrten Burschen nicht zu +einem guten Amte, wenn einer seiner Vettern auch ein vornehmer Rat beim +Konsistorium oder im Reichstag war, da gab's auch noch nicht so viele +Hofräte wie jetzt, und doch war der gute Rat nicht so teuer. Es mußte jeder +etwas tüchtiges lernen, wenn er in der Welt fortkommen wollte und auch +damit hatte es noch Not genug. + +Da gab es denn eine Menge arme Studenten, die fleißig hinter den Büchern +sitzen mußten, um endlich ein mageres Ämtchen zu bekommen und solchen half +der Rübezahl gern, wenn sie nicht etwa Raufbolde waren, die mit Sporen und +Peitsche Straß' auf Straß' ab lärmten, sondern still daheim saßen und +arbeiteten. + +Ein solcher Student reiste einmal in den Sommerferien über das Gebirge und +ist in tiefen Gedanken. Ein Mann, der wie ein reisender Handelsherr +aussieht, gesellt sich dort zu ihm und fängt ein Gespräch mit ihm an. Da +zeigt sich denn der Student als wohl unterrichtet, und wie ihn der Fremde +teilnehmend über sein Schicksal befragt, setzt er sich nicht aufs hohe +Pferd, sondern erzählt treuherzig und unbefangen, daß er arm sei und nur +durch Unterricht und Abschreiben sich forthelfe, daß er noch eine arme +Mutter habe, die für andere Studenten wasche und koche, und wie er eben +jetzt recht sehr bekümmert sei, daß er sich ein gewisses Buch nicht +anschaffen könne, dessen er eben zu seinen Studien bedürfe. + +Der Handelsmann hört ihm mit Teilnahme zu, sucht ihm Mut zuzusprechen und +freut sich, daß er gerade das nötige Buch besitze und mit sich führe. Dabei +ruft er seinen Diener, der ein großes Felleisen trägt, zieht das Buch +heraus und schenkt es dem Studenten. Wer ist nun glücklicher als dieser; er +hätte am liebsten gleich angefangen zu lesen, wenn er die Gesellschaft des +Reisenden nicht so lange als möglich hätte genießen wollen. + +Als dieser sich aber endlich von ihm trennt, setzt sich der erfreute +Student unter einen überhangenden Stein und studiert fleißig in dem Buche. +Und so jeden folgenden Tag; es gab keinen emsigeren Arbeiter auf der ganzen +Hochschule. + +Eines Tages kam einer seiner Bekannten und bot dem Studenten zehn Taler für +das Buch, damit könne er ja eine lange Zeit ohne Sorgen leben; aber dieser +behielt sein Buch und sagte, er wolle lieber ferner sich dürftig behelfen, +wenn er nur recht viel lernen könne und dazu sei ihm das Buch am meisten +behilflich. -- Ehe ein Monat verstrich, hatte der Student das Buch ganz +inne. Als er aber zu den letzten Seiten desselben kam, da lag ein Schein, +ein großer Geldschein zwischen den Blättern in ein sauberes Papier +eingeschlagen und darauf standen die Worte: + +»Ein kleines Andenken an den Herrn vom Berge!« -- Nun konnte er ohne Not +seine Studien vollenden und ward ein sehr gelehrter Mann. + + + + +Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden. + + +Aus dem schönen Tale, zu dem die schlesischen Riesenberge den großartigen +Hintergrund bilden, erheben sich zwei hohe Granitkegel, die unter dem Namen +der »Falkenberge« bekannt sind. Auf einem derselben stand im zwölften +Jahrhunderte eine stolze Burg, in welcher ein gewaltiger Raubritter hauste, +Herr Prótzko, auch »der Falke vom Berge« geheißen. Das war ein gar wilder +Gesell und in der ganzen Gegend gefürchtet. Durch Spiel und Zechgelage +vergeudete er mit seinen Spießgesellen die Beute, die er den Reisenden und +Kaufleuten abgenommen hatte, und führte ein lustiges Leben in seiner festen +Burg. + +Eines Abends saß er in seinem hohen Gemache und ließ den vollen Becher +unberührt vor sich stehen; seine Zechbrüder spotteten darüber, aber ein +wilder Blick des Ritters machte sie sogleich wieder stumm. Da kam eilig ein +Diener herein und meldete, wie auf der Straße von Schmiedeberg daher ein +schwer beladener Wagen komme, der sicher wertvolle Kaufmannsgüter brächte. +Mit wildem Geschrei sprangen die Raubritter von der Tafel auf und griffen +zu ihren Schwertern; nur Prótzko rührte sich nicht und ließ die wilden +Gesellen allein hinausstürmen in die finstere Nacht. Er war wohl sonst bei +solchem Tanze nimmer der letzte, heut aber war seiner sanften Mutter +Todestag, darum kam kein Scherz aus des Ritters Munde, kein Wein über seine +Lippe, und sein blutgewöhntes Schwert blieb in der Scheide. -- So war er +allein in dem stillen Gemache zurückgeblieben, darin er nun mit großen +klingenden Schritten auf und nieder ging. Endlich öffnete er das Fenster +und lehnte sich in die Nacht hinaus. Da hörte er das Stampfen der Rosse, +den wilden Ruf der Spießgesellen, und nun dazwischen ein Schrei der Angst, +der einen wunderbaren Eindruck auf den finstern Ritter machte. + + +»Sattle mein Roß, Knappe,« rief er in den Burghof hinab, griff hastig nach +seinem Schwerte und stürmte auch schon nach wenigen Minuten auf seinem +Streitrosse den steilen Weg vom Falkenberge hinab. Wie eine Wetterwolke +stob er gegen die Raubritter, und seine gute Klinge pfiff durch die Luft. +»Gebt den Gefangenen frei,« schrie er wild, als er einen Mann gebunden +zwischen den Pferden seiner Spießgesellen, sah, »laßt ihn seines Weges +ziehen, oder bei meinem Barte, ihr sollt meinen Arm fühlen!« -- + +Die Raubritter murrten, aber Prótzko war ihr mächtigster Verbündeter und +seine feste Burg ihr sicherster Zufluchtsort. Darum beschlossen sie, seiner +wunderlichen Laune nachzugeben, und banden den gefangenen Kaufmann los. +Aber dieser sank währenddessen zu Boden, denn er hatte bei seiner tapferen +Gegenwehr eine tiefe Wunde am Halse bekommen und sein Körper war bedeckt +mit Blut. + +Prótzko neigte sich prüfend über ihn und eine seltene Regung des Mitleids +zeigte sich in seinem Gesicht. »Tragt den armen Mann auf euren Armen nach +meiner Burg hinauf, er soll dort Pflege und Wartung finden. Auch den Wagen +bringt hinauf, aber wer seine Hand an das Eigentum dieses Mannes legt, der +hat es mit mir zu tun!« rief er wild, und jeder sah es ihm an, daß er nicht +spaße. + +»Der Falke liegt in der Mause,« höhnten die Raubritter leise, aber es wagte +keiner dem wilden Prótzko zu widersprechen, der schweigend und finster dem +Zuge voranritt nach seiner Burg. Dort ward der fremde Kaufmann so gut als +möglich gepflegt, seine Pferde gut versorgt, und die Kisten mit Waren, die +er mit sich führte, von dem Burgherrn selbst verwahrt. + +Wochen vergingen, ehe der Kranke genaß und seine Reise weiter fortsetzen +konnte. Mit großem Danke schied er endlich von seinem mitleidigen Pfleger, +der ihm nicht nur seine reiche Ladung ungeschmälert verabfolgen ließ, +sondern ihm auch noch zwei seiner kräftigsten Pferde schenkte, auf daß er +rascher ans Ziel seiner Reise komme. + +Aber die Spießgesellen des Ritters waren mit dieser unzeitigen Großmut sehr +unzufrieden und grollten, daß ihnen eine so gute Beute entgangen war, und +sannen auf eine Rache, wie sie ihm etwas anhaben könnten. Es war an einem +schwülen Sommertage, die Sonne verschwand grade blutrot hinter den Bergen +und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Zinnen der Burg. Prótzko saß +sinnend und allein in seinem Speisesaal und sah auf die Landschaft hinaus, +als sein treuer Burgvogt atemlos gelaufen kam und meldete: »Herr, die +Mannen des Herzogs Bolko umschleichen unsere Burg und haben gefährliche +Waffen bei sich.« Prótzko sprang, kaum seinen Ohren trauend, auf und befahl +die Tore zu schließen, die Zugbrücke herabzulassen und jedem Knappen auf +seinen Posten zu gehen. Lautlos und beobachtend standen sie da, +entschlossen, sich nicht zu ergeben, als ein plötzlicher, brandiger Geruch +ihnen die Vermutung brachte, daß sie verraten und Feuer in der Burg +angelegt sei. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich dasselbe durch das ganze +Schloß und in wenigen Minuten prasselten blauzüngelnde Flammen fast zu +allen Seiten des Daches hoch empor, und die Feinde drangen ein, so daß der +arme Ritter sich nur mit großer Not durch einen unterirdischen Gang retten +konnte. + + +Verlassen und verraten von treulosen Freunden irrte der Flüchtige nun durch +die Nacht, als er plötzlich jenen Kaufmann dem er so viel Gutes getan +hatte, in Fischertracht vor sich stehen sah. + +»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter,« sagte dieser freundlich +zu Prótzko, »sie wird euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Ich bin durch +Unfälle aller Art arm geworden und lebe hier ganz einsam und still als +Fischer; hier wird niemand den tapfern Ritter vom Falkenberge suchen, und +ich kann euch einen Teil des Dankes abtragen, den ich euch schuldig bin.« + +Prótzko verschmähte dies Anerbieten nicht. Sein Wirt versorgte ihn +reichlich mit Speise und Trank, als aber der Ritter am andern Morgen +erwachte, war dieser verschwunden und hatte ihm sein Fischergerät +zurückgelassen. Damit erwarb sich Prótzko nun seinen Unterhalt, während die +Mannen des Herzogs seine Burg völlig zerstörten und dann abzogen. Nun +durfte sich der Ritter mehr aus seinem Versteck wagen, um als Fischer seine +Beute feilzubieten, und lebte lange Zeit davon. Aber wenn er die Ruinen +seiner Burg sah, das zerstörte Nest des Falken, da ward sein Herz traurig. +Er sehnte sich nach einem ritterlichen Leben, und obschon er sein früheres +wüstes Treiben verabscheute, so schmerzte es ihn doch, sein treues Schwert +verloren und statt dessen die Angelrute in der Hand zu haben. + +Traurig senkte er diese in das klare Bächlein, das unfern seiner Hütte +vorüberfloß; es war eben wieder der Todestag seiner Mutter, und schwere +Gedanken bedrückten Prótzkos Herz; da fing sich ein Fisch von ganz +ungewöhnlicher Größe an seinem Haken, den er nur mit der größten +Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach +hinein waten, um den Fang herauszuholen; aber siehe da! von gediegenem +Golde war der köstliche Fisch, und nun erst ward es dem Ritter klar, daß +jener Kaufmann, dem er einst Güte und Milde hatte angedeihen lassen, +niemand anders, als der mächtige Geist der Riesenberge, Rübezahl, gewesen +sei. + +Nun war er mit einem Male wieder reich und fand bald wieder Anhänger; er +begründete in dem weniger bewohnten, östlichen Gebirgstale ein neues +Schloß, an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhütte, +gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er +gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte dieselbe, in +dankbarer Erinnerung der Weise, wodurch ihm die Mittel dazu geworden waren, +Fischbach. + +So entstand mit Hilfe des Berggeistes das schöne Dorf, welches jetzt, als +einer der interessantesten und berühmtesten Punkte des Gebirgstales, von +vielen Reisenden besucht wird und das Eigentum einer Fürstenfamilie +geworden ist. + + + + +Rübezahl macht einem Förster einen Zopf. + + +In dem Dorfe Brückenberg, das schon sehr hoch im Gebirge liegt, und wohin +der König von Preußen einst eine norwegische Kirche bringen und aufstellen +ließ, lebte vor langen Zeiten ein Förster, von dem die Rede ging, daß er +wacker aufzuschneiden verstehe, und seine Jagdgeschichten, die er den +Leuten stets sehr bereitwillig erzählte, erinnerten etwas stark an +Münchhausens wundervolle Begebenheiten. Oft log er den Bauern am Sonntag im +Wirtshause so viel vor, daß sie nicht mehr wußten, wo ihnen der Kopf stand; +Rübezahl hörte das, hatte aber lange Zeit Nachsicht mit dem Förster, weil +er sonst eine gute Haut war, den die Leute bis auf seine seltsamen +Jagdgeschichten auch recht gern hatten. + +Einstmals aber hatte er seinen Gevatter, den Pfarrer in Seydorf, besucht, +und dieser gab ihm am Abende das Geleit. Während sie nun langsam den Berg +hinaufstiegen, der nach der Anna-Kapelle und den weiterhin liegenden +Gräbersteinen führt, kam der Förster auch wieder auf seine Jagdabenteuer +und fing zu erzählen an: + +»Ihr könnt es mir glauben, Herr Gevatter, mir ist manches passiert, was +andere gern um vieles Geld erleben möchten, und nun sticht sie der Neid, +daß sie mir die helle Wahrheit nicht glauben mögen. Denkt nur einmal z. B., +wie es mir in Polen ging, an dem ungeheuren Schlawer-See, wo die größten +Grausamkeiten von den Seeräubern verübt werden; mir schaudert noch die +Haut, wenn ich mich derselben erinnere. Aber das wollte ich eigentlich +nicht erzählen, sondern, wie ich im Dämmerlichte einmal hinaus in den Wald +gehe, da sehe ich ein braunes Tier, das sich langsam in der Schonung +hinbewegt. Halt, denke ich, das ist gewiß eine Kuh; ich war schon lange +ohne Fleisch gewesen, nahm mein Rohr an den Backen und Schoß. Stellt euch +nun aber mein Erstaunen vor, als ich hinspringe und einen Frosch -- einen +Riesenfrosch, so groß wie ein Ochs, getroffen habe.« + +»Gevatter,« fiel ihm hier der Pfarrer in die Rede, »ihr werdet doch mit +euch handeln lassen; der Frosch wird denn doch wohl etwas kleiner gewesen +sein, als ihr mir weismachen wollt.« + +»Nein, auch nicht einen Zoll breit habe ich ihn vergrößert, er war wie ein +tüchtiger Ochs; ich habe ihm die Haut abgezogen und sie gerben lassen. +Daraus ließ ich mir ein Paar Beinkleider, eine Weste und einen Pelzrock +machen, und sie ist so fest und wasserdicht, daß ich tagelang im Regen auf +dem Anstande stehen oder im Sumpfe waten kann, ohne mir nur die eigene Haut +feucht zu machen.« + +»Ei! die Geschichte ist sehr merkwürdig und klingt genau, als ob sie nicht +wahr wäre.« + +»Nicht wahr?« fuhr der Förster auf; »das haben mir schon viele außer euch +gesagt; aber wie werdet ihr staunen, wenn ich euch eine viel merkwürdigere +Geschichte erzähle. Ich hatte nämlich einen Vorstehhund -- für 200 Taler +hätte ich ihn schon vielmal verkauft --, der stand fest wie eine Mauer, und +diese Tugend war auch endlich die Ursache seines Todes. Hört nur, ich gehe +eines morgens in den Wald, nehme den Hund mit, bekümmere mich aber draußen +nicht weiter um ihn; Als ich nach Haus komme, ist der Hund nicht mehr bei +mir; er wird schon nachkommen, denk ich, und gehe ins Forsthaus. Die Nacht +vergeht, und ich rufe am Morgen meinen Hund, aber da ist er nirgends zu +finden, auch nicht im Walde. Ich streife den ganzen Tag durch die Felder, +durchsuche jeden Busch, pfeife und klopfe, aber immer keine Spur von dem +Hunde. Der ist gewiß in ein anderes Revier geraten und erschossen worden, +denk ich, und konnte das prächtige Tier lange nicht vergessen. Nun aber +hört, Herr Gevatter, was geschieht: das Jahr darauf gehe ich wieder im +Walde durch das junge Holz. Da sehe ich auf einem kleinen Rasenflecken +etwas Weißes und gehe darauf zu, aber -- denkt euch meine Verwunderung -- +wie ich herankomme, sehe ich auf einem Flecke zwölf Vogelgerippe und davor +das Gerippe meines Hundes, denn ich erkannte ihn an den doppelten +Wolfsklauen. Der Hund hatte also hier eine Kette Rebhühner gestellt, und da +diese aus Furcht vor dem Hunde nicht aufzufliegen gewagt hatten, so war das +pflichttreue Tier vor und mit ihnen verendet.« + +Der Pfarrer schüttelte lachend den Kopf. »Ihr findet das wohl sehr +wunderbar, Herr Gevatter?« fuhr der Förster fort, »und doch das Beste kommt +noch. Aus Anhänglichkeit an den treuen Hund lasse ich mir aus einem +Beinknochen desselben ein Pfeifenrohr machen, und habe diese Pfeife immer +im Walde mit. Da ich einstmals an einem kleinen Gebüsch hingehe und mein +Pfeifchen rauche, rückt es mich plötzlich am Munde, so daß alle Zähne +knacken. Ich nehme die Pfeife erschrocken aus dem Munde, aber da drückt es +mich ebenso stark am Arm und der Hand, womit ich sie halte. Das war mir +doch verdächtig, ich schaue die Wiese hinunter, und richtig, hinter dem +Gebüsch liegt eine ganze Kette Rebhühner. Nun erst geht mir ein Licht auf; +seht, so weit ging die seltene Natur des Hundes, daß der Knochen seines +Beines noch so gut vor den Rebhühnern stand, wie sonst der lebendige Hund. +Ja, so was kann nur unsereiner erleben!« + +»Nein, das ist doch zu stark, Gevatter,« sagte der Pfarrer, »Wenn Ihr noch +mehr lügt, so fürchte ich, passiert etwas.« + +Der Förster geriet über diese Worte ganz in Eifer und beteuerte immer +stärker, daß er nur die Wahrheit geredet habe; er könne über hundert Zeugen +aufrufen; sie wären nur schwer zusammenzubringen, sagte er. + +Als die beiden Gevattersleute eben an der Brotbaude hinschritten, blieb der +Pfarrer zufällig einige Schritte zurück. »Gevatter,« rief er aus, »was +schleppt ihr denn da hinter euch?« -- + +Der Förster wendete sich um und sah ein langes, haariges Ding sich auf der +Erde hinschlängeln. »Es ist ein Zopf,« sagte der Pfarrer, »und euch +eingewachsen.« + +»Ja, ein Zopf,« sprach plötzlich eine Stimme neben ihnen, »und den wirst du +tragen, mein Förster, bis du dir das Lügen abgewöhnt hast.« -- Es war +Rübezahl, der das sagte, und dann im Walde verschwand. Die beiden Männer +standen wie versteinert, bis sich der Pfarrer endlich leise auf den Rückweg +machte. Vergeblich suchte der Förster seinen Zopf los zu werden; wenn er +ihn abschnitt, wuchs er im Augenblick noch einmal so stark und lang, wie +zuvor. Es gab also kein anderes Mittel, um ihn los zu werden, als sich das +Lügen abzugewöhnen; das kam ihm freilich sauer genug an, aber was half's. +Er log auch endlich nimmer wieder, denn was der Mensch ernstlich will, das +kann er auch. Seit jener Zeit aber besteht die Redensart im Gebirge und ist +auch durch das Land bekannt -- jemandem einen Zopf machen! + + + + +Der alte Schäfer. + + +Nach allem Vorhergegangenen möchtet ihr nun wohl glauben, habe es sich +Rübezahl zum Grundsatz gemacht, das Böse zu bestrafen und nur den guten +Menschen Hilfe und Glück angedeihen zu lassen. Im Grunde aber handelte er +meist nach guter oder schlimmer Laune, und nicht immer war er mit Ersatz +und Schadloshaltung zur Hand, wo er durch seine Neckereien Schaden und +Unheil angerichtet hatte. Zuweilen erschreckte er ganz ohne Ursache eine +Gesellschaft Marktweiber durch allerlei abenteuerliche Tiergestalten, +lähmte den Reisenden die Rosse, zerbrach ein Rad und warf abgerissene +Felsstücke in den Weg, die nur mit großer Mühe wieder hinweggeschafft +werden konnten. Wer sich durch solche Neckereien zum Zorn und Unmut gegen +Rübezahl reizen ließ, den verfolgte er mit einem Steinhagel so lange, bis +er sein Gebiet verlassen hatte; oder ein Schwarm wilder Bienen umgab ihn +gleich einer dunklen Wolke, und der Wanderer ward von ihnen so geängstet, +daß er halbtot aus den Bergen zurückkehrte. + +Nur mit einzelnen Menschen ließ sich der Berggeist zuweilen in ein Gespräch +ein, wobei sich aber jene sehr zu hüten hatten, eine allzu große +Vertraulichkeit zu zeigen, oder sich auf seine freundliche Gesinnung zu +verlassen. Man erzählt sich eine Begebenheit mit einem alten Schäfer, die +von Rübezahls Eigensinn und Grausamkeit den besten Beweis liefert. Mit +diesem Manne unterhielt sich der Berggeist oft, ja er leitete eine +förmliche Bekanntschaft mit ihm ein, und gern ließ er sich den einfachen +Lebenslauf des Hirten erzählen. Zum Dank dafür erlaubte er ihm, die Herde +bis an die Hecken seines Gartens zu treiben, was kein anderer zu tun wagen +durfte, verbot ihm jedoch ernsthaft weiter vorzudringen. Lange Zeit hielt +der Schäfer gewissenhaft dieses Verbot und begnügte sich, nur von weiter +Ferne hineinzusehen, als er aber ganz sicher in der Gunst des launenhaften +Gnomen sich glaubte, trieb er seine Schafe einstmals zu nahe an das Gehege +von Rübezahls Garten, daß einige der Tiere, denen die duftenden Kräuter +darin verlockend waren, hindurchbrachen und nun lustig auf dem verbotenen +Felde weideten. Darüber ward Rübezahl so sehr erzürnt, daß er die Herde +durch ein furchtbares Getöse dergestalt erschreckte, daß sie auseinander- +und den Berg hinabstürzte, wobei der größte Teil der Schafe verunglückte +oder sich verlief. Darüber ging der Wohlstand des Schäfers ganz zu Grunde, +von der Freundschaft Rübezahls wollte er nichts mehr wissen und härmte sich +tot. + + + + +Die drei Tischlergesellen. + + +Es wanderten einmal drei Schreinergesellen über das Hochgebirge, von denen +der eine das Fieber eben gehabt hatte und noch krank und matt war. Er war +aus Erfurt und die beiden andern aus Schneeberg. Der arme Bursche war so +müde, daß er kaum weitergehen konnte, aber es mußte doch immer wieder +vorwärts gehen, denn das Zehrgeld war den drei Gesellen gewaltig knapp, und +sie konnten nicht zu oft ein Nachtquartier machen auf dem Wege nach Prag, +wo sie Arbeit zu finden hofften. + +Sie gingen eben am Hainfall hin, von dem bis zur Kapelle der heiligen Anna +zu Seidorf ein wundervoller Pfad hinführt; da seufzte der Erfurter: »Nun +kann ich nicht mehr weiter, ich muß ausruhen; geht ihr eure Straße, ich +will euch nicht länger eine Last sein.« -- + +»Warum nicht gar,« sagten die beiden andern Gesellen, »uns tut ein wenig +Ruhe auch wohl gut, und hier unter den Fichten ist kühler Schatten und +weiches Moos.« + +Wie sie nun alle drei der Ruhe genossen, fiel nahe bei ihnen ein Schuß, so +daß sie erschrocken aufsprangen. Über ihnen, an einem Felsenrande, stand +ein Jäger, sah nach ihnen hin und verschwand. Bald darauf knackte und +prasselte es im Gebüsch und ein Reh, ganz mit Schweiß bedeckt, brach durch +die Zweige und stürzte nur wenig Schritte vor den drei Gesellen zusammen. + +»Ei! das gibt auf viele Tage einen Braten,« sprach der eine, »und für die +Haut können wir manch gutes Nachtlager bezahlen.« + +»Unrecht Gut gedeihet nicht!« sprach der Erfurter; »lasset das Reh liegen, +es ist ja nicht unser.« + +»Dummbart!« lachten die Schneeberger, »soll es hier liegen und verwesen; +der Jäger hatte keinen Hund mit, der es aufspüren konnte, und so findet's +wohl nur ein anderer, der nicht so einfältig ist, wie wir. Nein, wir wollen +uns daran gütlich tun, und wenn du nicht teil daran haben willst, so ist es +uns um so lieber.« + +Darauf brachen sie das Reh auf und warfen dem andern spöttisch die +Eingeweide zu. Der schob halb gedankenlos mit seinem Stabe das Gescheide -- +so nennt der Jägersmann die Eingeweide des Wildes -- auseinander; da +blinkte und flimmerte es wunderbar, und er fand eine goldene Kugel, ja +endlich noch eine zweite und dritte darin. + +Die Schneeberger erschraken nicht wenig darüber, denn nun kannten sie auf +einmal den Jäger und dachten: »Nun wären wir alle Not los, wenn wir nicht +das Eingeweide dem Erfurter zugeworfen hätten.« Aber der teilte seinen +goldenen Fund gewissenhaft mit den Reisegefährten, und diese trugen das Reh +voller Freude einer armen Witwe ins Haus, die sechs hungrige Kinder hatte. +Da war ein Festtag in der kleinen Strohhütte, und viele Tage lang aßen sie +von dem Fleische, das ihnen die drei Schreinergesellen geschenkt hatten, +die indes glücklich nach Prag und auch bald in Arbeit kamen. + + + + +Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen. + + +Zwei ehrliche Drechslergesellen aus dem Vogtlande, die aus der Fremde in +die Heimat zurückgingen, stiegen über das Gebirge nach Böhmen zu. Als sie +eben recht ermüdet und besonders sehr durstig waren, sahen sie einen Baum, +der voller Äpfel hing, obgleich man sonst wohl selten hoch auf dem Gebirge +einen Obstbaum treffen mag. Ein Bäuerlein stand unter dem Baume und +schüttelte Äpfel, den fragen die Wanderburschen, ob sie wohl eine Mandel +davon zu kaufen bekommen könnten. + +»Ei, warum nicht,« antwortete das Bäuerlein und gab jedem eine Handvoll für +einen Groschen. + +Sie sind noch nicht weit gegangen, da beißen sie in ihre Äpfel, aber sie +sind hart wie Stein und wenn sie zwei aneinander schlagen, so klingt es +auch wie Kieselstein. »Der Bauer hat sich einen Spaß mit uns gemacht, die +Äpfel sind ja so hart, daß die Zähne ausbrechen, wenn man beißen will, ich +glaube, mit meinem Stemmeisen wären sie nicht klein zu bekommen,« sagt der +eine und schüttet die Äpfel an die Erde. + +»Laß sie uns auf ein Häufchen tun und mit Moos und Gesträuch zudecken,« +sagte der andere, »damit niemand weiter dadurch angeführt werde, wie es uns +geschehen ist; die ausgebrochenen Zähne wachsen nicht wieder und was lange +leben will, braucht seine Zähne.« Und das tun sie nun in ihrer +Gutmütigkeit. + +»Hör',« fängt dabei der erste wieder an, »ich glaube, das Bäuerlein war +kein rechter Bauer, sondern ist der Herr vom Berge gewesen, von dem man +sich so viel Schnurren erzählt. Nun, wir können zufrieden sein, daß er uns +nicht schlimmer mitgespielt.« + +»Ei, du hast recht,« antwortete der andere. »Aber wir sind doch selber +schuld, daß er uns angeführt hat; es war dumm genug von uns, dort oben auf +der kahlen Höhe einen Apfelbaum zu vermuten, gedeiht doch nicht einmal eine +Kiefer dort.« + +Während sie ihre steinigen Äpfel sorgfältig mit Erde und Blättern zudecken, +blitzt es zwischen dem Häufchen und es liegen zwei Goldstücke darin. Die +nahmen unsere guten Vogtländer mit vielem Danke und konnten's auch gar wohl +gebrauchen, denn sie hatten noch ein gutes Stück Weg nach Hause. Zum +Andenken an dieses Erlebnis steckte sich ein jeder noch einen Apfel in die +Tasche und nahmen ihn mit in die Heimat, wo der Anblick desselben sie oft +im Leben hinderte, was Dummes zu fragen und zu erbitten. Zu Golde wurden +die Apfel nicht, das brauchten die Gesellen auch nicht, denn sie verdienten +durch ihr Handwerk stets ihren Unterhalt. + + + + +Der Wanderstab. + + +Ein Wanderer kroch einst mit vieler Beschwerde unter den wild +zusammengehäuften Steinhaufen des einsamsten Gebirges einher. Er mußte, +nicht ohne Gefahr, von einem Abgrunde zum andern, von einem Felsen zum +andern springen und steile Höhen emporklimmen, während bald wieder ein +wilder Gebirgsbach seine Schritte hemmte. + +»Es ist nur gut,« sagte er zu sich selbst, »daß ich meinen treuen Stab +mitgenommen habe, der mir schon durch manch langes Jahr gute Dienste +geleistet hat.« Bei diesen Worten setzte er ihn zwischen die Steine, um +einen reißenden Bach zu überspringen; aber knacks -- brach der Stab entzwei +und der Wanderer fiel ziemlich unsanft in den Bach. Ganz durchnäßt sprang +er wieder empor; da er sonst keinen Schaden genommen hatte, ärgerte ihn der +Verlust seines Stabes am meisten. »Wie soll ich nun von diesen steilen +Bergen wieder hinabkommen,« klagte er, »da ich meiner gewohnten Stütze +beraubt bin und auf dieser Höhe nirgends ein Baum gedeiht, aus dessen Ästen +ich mir einen neuen Stab schneiden könnte.« + +Plötzlich sprach eine scharfe Stimme dicht hinter dem Wanderer: »Was fehlt +dir?« + +Eine große Gestalt, in einen weiten Mantel gehüllt, stand jetzt neben dem +Erstaunten, der sich in dieser wilden Einsamkeit ganz allein glaubte; der +Wanderer aber erholte sich von seinem ersten Schreck und erzählte dem +Fremden von seinem unangenehmen Verluste. + +»Und darüber wirst du so kleinmütig!« sagte dieser spottend; »hier hast du +meinen Stab, wenn du dich nicht getraust, ohne solchen wieder +hinabzukommen!« Damit entfernte sich der fremde Mann; und wie er so in dem +niedrigen Gestrüpp des Knieholzes hinschritt, schien er immer größer und +größer zu werden und endlich ganz in Nebel zu vergehen. + +Der Wanderer achtete nicht viel darauf, sondern glaubte, die Entfernung +oder die Brechung der Lichtstrahlen hätten diese Täuschung hervorgebracht; +er war sehr erfreut über den schönen Stab, den der Fremde ihm geschenkt +hatte, und schritt dann rüstig weiter. Als er ein Stück Weges gegangen war, +fing der Stab an, ihm höchst beschwerlich zu werden; wo er ihn hinsetzte, +glitt er wieder aus und ward dabei immer schwerer und schwerer. Kurz, er +diente dem Wanderer nicht mehr zur Stütze, der mühsam die steilen Berge +hinabkletterte und den Stab dabei in der Hand trug. Er mußte aber bald mit +der rechten, bald mit der linken abwechseln, so schwer war der Stab, +zuletzt legte er ihn gar auf die Schultern und keuchte unter der immer +wachsenden Last langsam weiter. Aber auch so ward er zuletzt unerträglich +drückend und der Wanderer zog ihn langsam hinter sich auf der Erde fort, wo +er oft festgewurzelt zu sein schien und nur mit großer Anstrengung los zu +machen war. Endlich geriet der Stab durch Zufall zwischen die Füße des +Wanderers, und er umfaßte ihn mit beiden Händen, um nicht zu fallen. +Dadurch ritt er förmlich auf dem wunderlichen Stock, und nun flog dieser +mit ihm in gewaltiger Eile an den sieben Gründen, der Sturmhaube, dem hohen +Rad und den Teichen vorbei, immer wilder, immer schneller. Der Angstschweiß +tropfte dem unfreiwilligen Reiter aus allen Poren und er befahl seine Seele +Gott, denn wie leicht konnte der grausige Ritt ihn hinunter in die +Schneegruben reißen, wo er gewiß verloren war. + +Endlich kam der Wanderer tief unter den Korallenfelsen in die Tannenwaldung +und der Stab hielt an. Fluchend warf er ihn weit von sich hinweg und sank +ermüdet und halbtot vor Angst auf das Moos in den kühlen Schatten nieder. +Kaum aber ward er sich seiner Sinne bewußt, als er seinen alten Stab, den +er am Morgen zerbrochen hatte, ganz und unverletzt zu seinen Füßen liegen +sah. Fröhlich nahm er ihn auf und wanderte weiter, bis er zu einer schönen +Gebirgswiese kam, die den Vordergrund zu einem freundlichen Dorfe gab, das +jetzt nahe war. Nun fiel es mit einem Male wie Schuppen von den Augen des +Wanderers, daß jener Fremde der Herr des Gebirges gewesen sei; und wie er +sich ähnlicher Erzählungen erinnerte, zweifelte er keinen Augenblick, daß +der Stab, den er ihm geschenkt, sich gewiß in Gold verwandelt hätte, und +darum auch so schwer geworden sei. Eilig lief er zurück, so ermüdet er auch +war, hastig durchsuchte er den ganzen Wald, durchspähte den kleinsten +Busch, aber -- der Stab war nirgends zu finden. -- + + + + +Die gefärbten Badegäste. + + +Eine Gesellschaft fröhlicher Badegäste beschloß eines Morgens, noch einmal +die Koppe zu besteigen, ehe sie Warmbrunn verließen, um in ihre Heimat +zurückzukehren; es wurden Speisen und Weine eingepackt, denn dazumal war +man in den Bauden noch nicht auf Bewirtung eingerichtet, Führer und Träger +genommen und alsbald aufgebrochen. Der Morgen war schön und die Reisenden +waren fröhlichen Mutes; auch die Damen stimmten in den Gesang und das +scherzhafte Gespräch der Männer ein. So zogen sie in Giersdorf hinauf, bei +der Papiermühle in den Wald und so weiter. In der Schlingelbaude ruhten sie +und sprachen den mitgenommenen Speisen tüchtig zu, und dann ging es weiter +nach der Hampelbaude. Nun war der schwierigste Marsch überstanden und der +Kamm der Koppe bald erstiegen Bei der Teufelswiese gab es viel Gekreisch +und Gelächter, denn die weißen Strümpfe der Damen bekamen dort im Sumpfe +manchen Schmutzfleck, wenn sie neben die gelegten Steine traten; alles dies +erhöhte nur die allgemeine Fröhlichkeit. + +Endlich stand die Gesellschaft auf der Koppe und erblickte die Welt im +Sonnenglanze zu ihren Füßen; nun stieg ihre Freude an der schönen Reise auf +den höchsten Gipfel, und weil sie so sehr vom Wetter begünstigt gewesen +waren, auch sonst keinen Unfall gehabt hatten, ergriff ein heiteres, junges +Mädchen ihr Weinglas und rief: »Zum Dank und auf das Wohlergehen des guten +Rübezahl!« + +Kaum war das Wort über ihre Lippen, als aus dem Teufelsgrunde ein Sturm und +Wetter losbrach, daß die ganze Gesellschaft untereinander gewirbelt wurde +und kaum imstande war, sich auf den Füßen zu erhalten. Unter beständiger +Gefahr, in den Melzergrund hinabzustürzen, traten sie ihren Rückweg an; +aber rechts und links aus den sie einhüllenden Wolken schallte ihnen ein +lautes Gelächter nach und erst am Ende der Teufelswiese hellte sich der +Himmel über den durchnäßten Reisenden wieder auf. + +Das junge Mädchen, das mit dem Trinkspruche augenscheinlich den Herrn vom +Berge so erzürnt hatte, konnte sich gar nicht über die Störung des +Vergnügens beruhigen. Sie hatte dem Berggeiste ja so recht von Herzen +danken wollen für das herrliche Wetter, daß nicht Nebel den Umblick in die +Täler verhindert habe; geht doch wohl jedem das Herz auf in so großartiger +Natur und stimmt ihn dankbar für so ungestörten Genuß. + +Wie mancher Reisender hat vor- und nachher voll froher Hoffnung auf schönes +Wetter die beschwerliche Gebirgsreise angetreten, hat Kamm und Kappe +erstiegen und hat wieder hinunter ins Tal gemußt, ohne daß er +hinunterblicken konnte in die Täler, bald war er selbst, bald die Täler in +Nebel gehüllt. + +»Sie können von Glück sagen,« meinte ein alter Führer, »daß der Herr des +Gebirges nicht einem aus der Gesellschaft das Genick gebrochen hat, denn +niemand darf ungestraft auf dem Gebirge den Namen Rübezahl aussprechen; am +gefährlichsten aber ist es auf der Schneekoppe und in des Teufels +Lustgärtlein.« + +In der Hampelbaude übernachtete die Gesellschaft, froh, dem schrecklichen +Wetter so leichten Kaufs entkommen zu sein, und am anderen Tage, als die +Männer in der Schwimmanstalt badeten, erzählten sie den übrigen ihr +Abenteuer auf der Koppe, wie Rübezahl sie erschreckt habe. + +»Ihr könnt wohl damit zufrieden sein,« sagte ein Fremder, der zum ersten +Male unter ihnen erschienen war, »wenn euch der Berggeist nicht etwa noch +einen schlimmeren Streich spielt.« + +»Nun, darüber sind wir wohl hinweg,« gibt einer der Reisenden zur Antwort +und steigt aus dem Bade. Aber, o Himmel! wie erschrak die ganze +Gesellschaft, als dieser Mann bis unter die Stirn schwarz gefärbt erschien; +und noch größer ward ihr Entsetzen, als sie einer nach dem andern aus dem +Wasser stiegen und dieselbe Farbe hatten, von der sie kein Waschpulver, +keine Lauge rein wusch. + +Einen ganzen Tag mußten sie zum Spott der andern als Mohren herumgehen; am +folgenden Morgen aber verschwand die fatale Färbung und die Gefoppten +sprachen fröhlich zu einander: »Es ist doch ein schlimmer Spaßvogel.« +_Wer?_ das mochte keiner sagen, so gescheit waren sie nun. + + + + +Der verzauberte Stab. + + +Ein Naturforscher besuchte das Sudetental und die dunkelblaue Kette der +Riesenberge, die es umgrenzten; sein Auge war offen für die tausend und +aber tausend kleinen Wunder, die in der Pflanzenwelt grünen und blühen, in +den feinen Adern und Gängen der Mineralien klopfen. Er hatte die grüne +Botanisierbüchse, die ziemlich schwer war, über die Schulter zu hängen, +auch sah der Reisende sehr ermüdet aus. »Wäre ich nur so mit einem Schritt +da drüben in Schmiedeberg,« sagte er halblaut, »dort könnte ich doch meine +Pflanzenfunde einlegen und trocknen; ich habe neue, seltene Exemplare +darunter.« -- Aber bis Schmiedeberg hatte der Botaniker noch zwei volle +Stunden bergab zu steigen und doch ging die Sonne schon tief. Der Reisende +verstärkte seine Schritte als plötzlich aus den Bäumen die gebückte Gestalt +eines alten Mannes hervortrat, der mühsam ein schweres Bund Holz trug. + + +»Ei Alter,« sprach der kräftige junge Mann, »das ist harte Arbeit für euch; +habt ihr niemand zu Hause, der sie für euch tun könnte?« + +Der Angeredete wendete sein auffallendes Gesicht um, darin ein Paar helle +Augen blitzten und eine scharf gebogene Nase bedeutend hervortrat, und +antwortete: »Wer sollte mir es heimtragen? Ich habe weder Weib noch Kind, +auch sonst keine Anverwandten und Freunde.« + +»Nun, so gebt mir's,« sagte der Botaniker gutmütig, »für meine Schultern +ist das nur ein Spaß.« -- Dabei nahm er dem alten Manne die Last ab und +trug sie neben der Pflanzenkapsel auf dem Rücken. »Wo habt ihr denn denn +eure Wohnung, alter Vater?« + +»Nun, ein gutes Stück in die Berge hinein, noch hinter den Grenzbauden.« + +»Also wieder rückwärts -- o weh, meine Pflanzen,« sagte der junge Mann ganz +leise, schritt aber doch rüstig vorwärts. Eine halbe Stunde hatte er fast +versäumt durch seine Gutmütigkeit, darum warf er rasch das Gebund Holz an +der kleinen Hütte nieder und sagte dem Alten Lebewohl. Aber dieser hielt +ihn zurück. + +»Wie weit wollt ihr denn heute noch gehen?« fragte er. + +»Bis Schmiedeberg, dort habe ich Freunde und will meine Pflanzen einlegen.« +-- + +»Ei! damit hat's wohl bis morgen Zeit; bleibt doch in den Grenzbauden, +lieber Herr, und seht die Sonne aufgehen; es gibt morgen einen schönen +Tag.« + +»Seht nur, wie das manchmal geht; ich bin schon lange fort von daheim und +mein Geld ist rein aufgezehrt, ich könnte eine Nachtherberge nicht mehr +bezahlen. Drunten schaffen die Freunde wohl wieder Rat, obgleich sie +brummen, daß meine Reiselust so viel Geld kostet. Nun, ich kann's doch +nicht anders! -- Hätte ich Geld gehabt, so wäret ihr nicht so unbeschenkt +von mir gegangen, mein guter Alter.« -- + +»Nun, Glück auf den Weg, und da ihr noch einen so weiten Weg habt, da, -- +nehmt einen Stab aus dem Holzbündel, daß ihr mir so weit getragen habt, es +ist doch eine Stütze beim Abwärtssteigen.« + +Der Reisende nahm lächelnd das Geschenk des alten Mannes, da er zu gutmütig +war, um ihn durch ein Ablehnen desselben zu betrüben. Er schwenkte den Hut +zurück und hob den Stab, um nun rüstig weiterzuschreiten, -- aber -- da +stand er ja schon mitten in der Stadt neben dem altertümlichen Rathause und +pochte an die Tür seines Freundes. -- Er glaubte zu träumen, faßte an seine +Stirn, er war wach, die Botanisierbüchse hing schwer auf seiner Schulter, +in der Hand hielt er den Stab, den ihm der Alte geschenkt hatte. + +Da hat mir meine Zerstreuung wohl einen Streich gespielt, und ich habe den +weiten Weg zurückgelegt, ohne es zu bemerken, dachte er kopfschüttelnd und +ließ es sich nun wohlsein bei dem Freunde. Die Pflanzen wurden eingelegt +und geordnet, Moose mit der Lupe untersucht und beschrieben, die halbe +Nacht hindurch. An sein Abenteuer dachte er nicht mehr, der rohe Stab lag +verachtet im Winkel. + +So ging es einige Tage, da wachte die Reiselust wieder mit aller Macht auf. +Könnte ich nur ein recht großes Stück hinaus in die Welt, dachte er, aber +ich soll hier bleiben und ein Amt annehmen. Hätte ich nur eine Handvoll des +armseligen Goldes, es sollte mich nichts abhalten, meinen Wanderstab wieder +weiterzusetzen. + + »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, + Den schickt er in die weite Welt, + Dem will er seine Wunder weisen + In Berg und Wald, in Strom und Feld!« + +Und traurig nahm er den Stab aus der Ecke, drehte ihn langsam in den Händen +und dachte, wie herrlich es jetzt wäre, durch die Alpen nach Triest zu +wandern. -- Er hatte es kaum ausgedacht, da stand er auf der letzten Höhe +des Karstes, vor ihm der tiefblaue Himmel des südlichen Frühlingshimmels, +das Adriatische Meer mit seiner grünen Farbe und den zahlreichen +Schiffsmasten, tief unter ihm die mächtige Handelsstadt. Mit weit offenen +Augen schaute er in die untergehende Sonne und jauchzte dann freudig auf. +Ein Blick auf den rohen, unsscheinbaren Stab erklärte ihm das schöne +Wunder, dem der glückliche Naturforscher die Befriedigung seines heißesten +Wunsches, die Welt aber bald manch wichtige Bereicherung der Wissenschaft +zu danken hatte. In seinem Herzen aber tönte der letzte Vers des schönen +Liedes wieder, der sich auch an ihm bewahrheitet hatte: + + Den lieben Gott lass' ich nur walten, + Der Bächlein, Berge, Wald und Feld + Und Erd' und Himmel wird erhalten, + Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt. + +Als altersmüder Greis kehrte er in sein Vaterland zurück und pilgerte +hinauf in das Riesengebirge, um dort den wunderbaren Stab niederzulegen. +Wer ihn doch finden könnte! -- + + + + +Der böse Edelmann. + + +Ein Edelmann, den Rübezahl schon einmal durch einen Possen gewarnt hatte, +da ihm so viele Klagen zu Ohren gekommen, war besonders hart gegen die +Armen, wenn er sie im Holze traf und gab ihnen seine Reitpeitsche sogleich +zu fühlen. Trieb nun gar ein Bauer das herrschaftliche Wild von seinen +Feldern, wo es Verheerungen anrichtete, den verfolgte er mit besonderem +Hasse. Wer einen Hirsch tötete, der seine Saaten fraß, ward nicht selten +zwischen die Geweihe eines Hirsches gebunden und in den Wald +hinausgeschickt, bis das Tier sich seiner Bürde auf irgend eine Weise +entledigte. -- + +»Komm du mir nur einmal ins Gebirge, dir will ich's heimzahlen,« denkt +Rübezahl. Nun geschieht's auch wirklich einmal, daß der Edelmann eine große +Jagd anstellt und sich dabei um keine Grenze bekümmert. Auf diese Weise +kommt er in Rübezahls Gebiet; der hört kaum das Hallo der Treiber, das +Knallen der Röhre, so denkt er: »Ha, nun ist's Zeit!« Tritt also auf den +Edelmann zu und fragt ihn, wer ihm erlaube, auf fremdem Reviere zu jagen. + +Der Edelmann erstaunte nicht wenig über die Keckheit des unbekannten, +unscheinbaren Mannes, fährt ihn rauh an, ihn fragend, wie er dazu komme, +ihm, dem Edelmann, in den Weg zu treten. Rübezahl erwiderte: »Hier bin ich +der Herr, und du sollst sehen und fühlen, daß du mit mir nicht umspringen +darfst, wie mit deinen armen Bauern.« + +Solche kecke Rede hatte der Edelmann noch nie gehört, er stößt in sein +Hüfthorn und gibt den herbeieilenden Jägern Befehl, den Mann zu ergreifen. +Der bleibt ruhig stehen und sieht einen nach dem andern mit stechenden +Augen an und wenn er einen ansieht, so steht dieser gleich starr und steif +da. Nun wird der Edelmann wütend, zieht sein Waidmesser heraus und will es +dem ersten besten in den Leib stoßen. Aber Rübezahl faßt ihn gelassen an +der Brust, so daß er sich nicht rühren und regen kann. Hierauf hält er ihm +sein ganzes Sündenregister vor und sagt ihm, dies sei seine letzte Jagd. -- +Dann verschwand er, nachdem er den Edelherrn auf den Boden geworfen hatte, +daß ihm alle Rippen krachten. Kaum war er fort, so bekamen Jäger und +Treiber das Leben wieder, machten eine Bahre von Zweigen, legten den Herrn +darauf und trugen ihn nach Hause. + +Nun war im Schlosse große Trauer und im Dorfe große Freude. Der Doktor +wußte nicht recht, was er dem Kranken verschreiben solle und griff bald zu +diesem, bald zu jenem. So mußte unser Edelmann ganze Schaufeln Pulver +nehmen, Kochtöpfe voll Latwerge und Pillen, so groß wie Straußeneier; aber +es half doch alles nichts. Nun wurde ihm Ader gelassen und er mußte so diät +leben, wie ein Sperling; darüber verging der edle Herr vollends; zuletzt +ward er so verändert und ruhig, daß er sagte: »Mit mir ist's vorbei, gebt +mir meinen Degen an die Seite, daß ich wie ein Edelmann sterben kann.« +»Gebt ihm auch die Sporen dazu,« sagte einer seiner Freunde, »denn diese +gehören zu einem Edelmann, der vor seinen Gott treten soll.« Da +verwunderten sich die Diener, daß ihr Herr auch einen Gott habe, weil sie +dies nie zuvor gehört hatten und freuten sich in ihren einfältigen Herzen +darüber. Und sie zogen ihm Stiefel und Sporen an, legten ihm den Degen an +die Seite, zu Füßen sein Wappenschild. Dann starb der Kranke beruhigt. Auf +einmal klopft es an die Tür und ein Fremder tritt herein, der sich für +einen adeligen Arzt ausgibt und einen Versuch machen will, ob der Edelmann +wirklich kein Leben mehr in sich habe. Das war aber wieder Freund Rübezahl, +und wie er den Toten berührt, fällt er sogleich in ein Häufchen Asche +zusammen; selbst vom Degen und den silbernen Sporen ist nichts mehr zu +sehen. + +Vergessen ist der Edelmann wie jeder, der nichts Gutes im Leben geleistet +hat, vergessen nicht nur von seinen Feinden, auch die Freunde, die freilich +nur auf Äußerlichkeiten sahen, haben nichts zur Erinnerung zurückbehalten, +vergessen wie jeder Egoist, der nichts tut, seine Mitmenschen zu beglücken, +oder ihnen im Elend zu helfen. + + + + +Grünmantel. + + +In dem wüstesten und grauenvollsten Teile des Riesengebirges stand eine +kleine Hütte, in der ein armer Köhler, namens Erdmann, mit seinem Sohne +Konrad lebte. Konrad war ein hübscher, lebhafter und sehr gutartiger Knabe, +dessen liebste Beschäftigung es war, in den Feierstunden -- denn er mußte +seinem Vater fleißig arbeiten helfen, obgleich er kaum elf Jahre alt war, +-- durch das Gebirge zu streifen, das am meisten verrufen war, weil man +glaubte, daß Rübezahl dort sein Wesen treibe. Aber gerade an diesem Platze +spielte er mit seinen Schulkameraden am liebsten, und es vergnügte sie am +meisten, mit kleinen Steinen und Blechmarken Anschlag zu werfen. + +Seit einiger Zeit fanden die Knaben, wenn sie dies ihr Lieblingsspiel +trieben, kleine Silberpfennige im Sande, was jedoch keinem von ihnen +befremdlich war, da sie den Wert dieser Münzen nicht kannten und daher nie +daran dachten, danach zu suchen. Spielte der Zufall einem oder dem andern +einen solchen glänzenden Pfennig zu, so war's allemal eine laute Freude; +doch waren die Kinder noch alle in dem glücklichen Alter, wo Habsucht oder +unnütze Grübeleien ihrer Seele fremd waren; und so dachten sie auch nicht +weiter über den Zusammenhang nach, als sich zuletzt bei ihren Spielen auch +ein fremder Mann einfand, den sie, seiner Kleidung wegen, den Grünmantel +nannten. -- + +Grünmantel schien ein Freund der Kinder zu sein, er teilte ihre Spiele oder +lehrte sie auch ganz neue. Immer fand er die meisten Silberpfennige und +verteilte sie unter die Knaben, so daß diese ihn bald recht lieb gewannen, +und gern gewußt hätten, woher er komme und gehe; denn er verschwand +jedesmal spurlos und stand auch immer ebenso unvorhergesehen mitten unter +ihnen. Da er aber diese Fragen nicht beantwortete, wurden sie ebenso rasch +von den kleinen Burschen wieder vergessen. + +Zuweilen aber maßte sich ihr unbekannter Spielgefährte das Richteramt über +sie an, wenn kleine Streitigkeiten zwischen ihnen vorkamen, und wer im +Unrecht war, der konnte sich immer darauf gefaßt machen, einige derbe Hiebe +von dem Grünmantel zu bekommen, ohne das dieser ein Wort dabei sprach. Oft +verjagte er die ganze Knabenschar bis auf Konrad, für den er ein ganz +besonderes Wohlwollen zeigte; er nahm alsdann diesen bei der Hand und +führte ihn zwischen Klippen und Felsen zu überraschenden Punkten hin, +zeigte ihm auch goldene Münzen im Sande, mit denen Konrad auch gern +spielte, sie aber achtlos wieder verlor. Die vielen Wunderlichkeiten des +Grünmantels verscheuchten nach und nach die kleinen Burschen von ihrem +Spielplatze, und nur Konrad ließ sich nicht abhalten, immer wieder dahin +zurückzukehren. + +Es war auch nicht einsam dort, denn nun fehlte der Grünmantel selten und +fing jetzt an mit dem Knaben zu sprechen, was er nie zuvor getan hatte. Er +wußte allerlei hübsche Geschichten zu erzählen und beschenkte seinen +kleinen Freund oft mit Goldstücken, wogegen er sich das Versprechen der +tiefsten Verschwiegenheit über alles dies geben ließ. + +Konrad dachte: dabei kann ja nichts Unrechtes sein, und versprach dem +Grünmantel mit Hand und Mund, er wolle es nie einem Menschen sagen, daß er +mit ihm zusammentreffe und so schönes Spielzeug von ihm bekomme. Und er +hielt auch treulich Wort, denn er fürchtete, seinen lieben Spielgefährten +sonst zu verlieren. So verging Sommer und Herbst in Lust und Freude; allein +nun kam der Winter, und der tiefe Schnee verwehrte dem Knaben, seinen +Freund auf dem Berge zu besuchen. + +In dieser Zeit erkrankte auch Konrads Vater, und der Schäfer des Dorfes gab +wenig Hoffnung, daß es mit ihm noch einmal besser werden würde. Einen Arzt +anzunehmen, war Erdmann zu arm, und so wankte er denn seinem frühen Grabe +zu. Natürlich war an Verdienst nicht mehr zu denken, und es fehlte oft +selbst an den schmalen Bissen, die Vater und Sohn zu ihrem Unterhalte +bedurften. Wie leicht hätte Konrad aller Not ein Ende machen können, wenn +er den Wert seiner goldenen Spielpfennige gekannt hätte und vor seinem +Vater keine Heimlichkeiten gehabt hätte. + +So mußte, als alles andere verzehrt war, auch noch die Ziege verkauft +werden, die Konrad so lieb hatte; wie traurig war der arme Knabe, als er +sie am Strick nach dem nächsten Dorfe führen mußte, um sie dort zu +verkaufen. Da begegnete ihm ein alter Mann, der ein Gespräch mit ihm +anfing, und als er hörte, daß Konrad die Ziege verkaufen wollte, gab er ihm +ein Goldstück dafür und wollte mit der Ziege seines Weges ziehen. Als aber +der Knabe das Goldstück in der Hand hielt, schüttelte er den Kopf und +sagte: »Guter Mann, solcher blanken Dinger habe ich viele zu Hause, dafür +kann man aber nichts kaufen, die sind nur zum Spielen. Nehmt es also nur +wieder zurück und gebt mir Silbergeld dafür.« + +»Kleiner Tor!« lachte der Mann, »mache einmal die Probe, was mehr gilt; +hier hast du einen Silbergroschen und hier das Goldstück, lauf' ins Dorf +und siehe, wofür du das meiste Brot bekommen wirst. Ich will hier auf dich +warten.« + +Konrad gehorchte, ließ seine Ziege dem Fremden und ging ins Dorf zu einem +Manne, der ehrlich genug war, ihn mit dem vollen Werte des Goldstückes +bekannt zu machen und ihm nun allerlei Bedürfnisse für das Haus einkaufen +zu helfen Damit kehrte Konrad wohlbehalten zurück, fand aber den fremden +alten Mann nicht mehr wieder und eilte nun zu seinem Vater. + +An der Schwelle des Hauses sprang ihm seine liebe Ziege lustig entgegen. +»Ein Fremder,« sagte der Vater, »hat sie mir heimgebracht; er habe sie im +Walde gefunden, sagte er.« Darüber erstaunte Konrad nicht wenig und +erzählte nun auch sein Abenteuer mit dem fremden, alten Manne. Von dem +übrigen Gelde und den eingekauften Lebensmitteln konnten nun Vater und Sohn +länger als eine Woche zehren und dankten Gott dafür, daß er ihnen eine so +wunderbare Hilfe geschickt hatte. + +Aber die nahrhaftere Kost, die Konrad für den Kranken herbeigeschafft +hatte, schadete diesem und mehrte seinen Fieberzustand so sehr, daß es +schien, als, sei sein Tod nahe. Es kamen nun einige seiner Bekannten aus +dem Dorfe, um ihm in den letzten Augenblicken beizustehen; darunter war +auch der Mann, welcher dem kleinen Konrad das Goldstück eingewechselt +hatte. Der sagte zu dem weinenden Knaben: »Gehe hinaus in die frische Luft, +dein Vater wird schon wieder gesund werden, und wenn nicht, will ich dein +Vater sein!« + +Traurig ging Konrad hinaus und richtete seinen Fuß nach dem bekannten +Berge, wo er sonst so oft seinen lieben Grünmantel getroffen hatte. Es lag +noch Schnee an einzelnen Stellen des Berges, während unten im Tale schon +voller Frühling war. Für alle Schönheiten der Natur aber hatte der betrübte +Knabe jetzt kein Auge, er legte sich in das weiche Moos und weinte still. +Tief unter ihm brauste der Sturzbach, und das Gesträuch hatte eine grüne +Färbung angenommen von den aufschwellenden Knospen. + +»Worüber weinst du denn so sehr?« sprach eine bekannte Stimme hinter ihm, +und Konrad schlug freudig überrascht seine geschwollenen Augen zu der +Gestalt seines Freundes Grünmantel empor. »Steh auf!« sagte dieser, »und +erzähle mir dein Leid, vielleicht kann ich helfen!« + +»Ach!« antwortete der Knabe schluchzend, »hier ist alles so schön und +drunten in unserer Hütte ist es gar so traurig. Mein lieber Vater stirbt, +und ich bin dann verlassen und allein in der Welt.« -- + +»Sieh einmal diesen wilden Rosenbusch an,« sagte Grünmantel, »wie ihn der +Frühling wieder frisch und grün gemacht hat, so daß schon hin und wieder +die ersten Blüten aufbrechen. Und nun denke daran, wie dürr und kahl er im +Herbste stand, so daß du glaubtest, er könne nie wieder blühen. -- Sammle +das frische Laub von diesem Strauche und bestreue deines Vaters Lager +damit, vielleicht, daß die gesunkenen Kräfte sich noch einmal dadurch +stärken lassen. Aber eile, denn die Zeit ist kurz!« + +Konrad nahm sich kaum Zeit, dem Grünmantel zu danken, er füllte seine Mütze +ganz mit Rosenlaub und trug davon soviel in den Händen, als er fortbringen +konnte. Eilig lief er damit den Berg hinab, der Hütte zu, und überstreute +das Bett des Kranken mit dem duftenden Laube. Davon schlug der Vater die +Augen auf und drückte dem Knaben schwach die Hand, aus Freude über den +stärkenden Geruch. Und sichtbar ging eine Veränderung mit ihm vor, die alle +in Staunen setzte. Schon am dritten Tage konnte er, auf Konrad und den +Nachbar gestützt, das Bett verlassen und sich vor die Hütte in den milden +Sonnenschein setzen. »Wie ist doch so großes Wunder an mir geschehen, der +ich schon zu sterben meinte?« fragte er freudig. + +»Darum müßt ihr den Konrad befragen,« antwortete der Nachbar. + +»Nun,« sagte dieser unbefangen, »vielleicht hat euch das junge Laub +geholfen, was ich auf euer Lager gestreut habe.« + +»Wie bist du denn zu dieser Wunderarzenei gekommen, mein Sohn?« + +Konrad schwieg verlegen; -- er dachte an das Versprechen, gegen niemand +sein Geheimnis mit dem Grünmantel verraten zu wollen. Und lügen hatte er, +gottlob! nicht gelernt. + +»Er wird das Rosenlaub wohl auch daher haben, von wo er seine Ziege +wiederbekommen hat,« sagte der Nachbar spottend. + +»Gewiß, ich habe den fremden Mann, dem ich die Ziege verkaufte, nicht +gekannt,« rief Konrad lebhaft, »und habe ihn weder zuvor, noch später +gesehen!« + +»Um so besser,« fuhr der Nachbar mit höhnischer Miene fort, »wirst du _den_ +kennen, der dir den hübschen Vorrat von Goldstücken gab, die du so heimlich +in deine Kammer versteckt hast!« -- + +»Wie, mein Kind! Du hättest Gold gehabt und deinen Vater doch so lange Not +leiden lassen?« fragte Erdmann vorwurfsvoll. + +»Vater, man kann ja damit nur spielen,« flüsterte Konrad schüchtern. »Aber +ich will dir alles erzählen!« + +Und nun teilte ihm der Knabe in voller Wahrheit alles mit, obgleich er es +nicht ohne geheimen Widerwillen tat, weil sein Freund Grünmantel es ihm ja +verboten hatte. + +»Das ist niemand anders gewesen, als der Herr des Riesengebirges, der +gefürchtete Rübezahl,« sagte Erdmann freudig, »er hat unserer Not nun auf +immer ein Ende gemacht. Da er aber die Übertretung seiner Gebote oft streng +zu bestrafen pflegt, wollen wir eilen, aus seinem Gebiete zu kommen.« + + +Und nun holten sie die Goldstücke aus der Hütte, packten ihre wenigen +Habseligkeiten zusammen und zogen in eine andere Gegend Schlesiens fort, um +vor der Rache des Berggeistes sicher zu sein; dort kaufte Erdmann ein +hübsches Häuschen und erzog Konrad zu einem braven, fleißigen Menschen, dem +es stets wohl erging. Oft dachte dieser noch in den spätesten Jahren seines +Lebens mit dankbarem Herzen an seinen lieben Gespielen Grünmantel. + + + + +Rübezahl. + + +Schauspiel in einem Akt. + + + + +Personen: + + +Rübezahl. +Elisabeth. +Vater Thomas. +Gustav. +Die Mutter. + + + +Erste Szene. + + +Rübezahl (steigt während eines Gewitters aus der Erde empor und sieht sich +neugierig überall um). + + +Ich, Herr Johannes, im Riesengebirge +Mit Furcht und Zittern nur genannt, +Weil ich mit Lust die Bösen würge, +Sie oft gestraft mit harter Hand; +Ich zeige nach ein paar hundert Jahren +Mich wieder einmal auf den Bergen hier, +Um etwas Neues zu erfahren, +Und zu durchreisen mein Revier. +Musäus hat von mir geschrieben +So manches Märchen wunderlich; +Doch wenn die Menschen wie sonst geblieben, +Sind sie viel närrischer als ich. +Sie machen sich durch Haß und Neid, +Durch Falschheit selbst das Leben sauer, +Sie schätzen sich nur nach dem Kleid +Und machen sich die Welt zur Trauer. +Zwar sind gar viele hochgelehrt +Und wissen wunderkluge Sachen, +Doch fragt nur, was dazu gehört, +Um sich das Leben leicht zu machen, +Und, selbst von groben Fehlern rein, +Es andern liebreich zu versüßen, +Im Frieden mit der Welt zu sein, +Da fragt einmal, ob sie das wissen? +Denk ich der Jugend jetz'ger Zeit, +Juckt's in den Fingern mich zur Stelle, +Die macht sich gar gewaltig breit, +Hält Kränzchen gar und Kinderbälle. +Wenn sie französisch nur versteht, +Glaubt sie schon Wunder was zu können, +Sie kann wohl, wie der Ebro geht, +Doch nicht der Heimat Flüsse nennen! +Es sagt manch Kind dir auf ein Haar, +Wer Mutius Scävola gewesen, +Doch frage nur, wer Luther war, +So haben sie's noch nicht gelesen. +Dort sitzt ein Mädchen am Klavier +Und fehlt nicht eine einz'ge Note, +Fast jede Oper kennt sie dir, +Nur leider nicht die zehn Gebote. -- +So steht es mit der Jugend jetzt, +Die fromme Einfalt ist verschwunden; +Ich aber hab mich in Bewegung nun gesetzt, +Um mich als Herr hier zu bekunden. +Ich werde, nach meiner alten Manier, +Den Guten necken und endlich beglücken, +Den Bösen aber, nach Gebühr, +Recht arg geprellt nach Hause schicken. +Sieh da, -- das kommt ja wie beschert, -- +Dort naht sich eine alte Mutter, +Sucht dürres Holz für ihren Herd +Und für die Zieg' ein wenig Futter. +Zwei Kinder folgen, jung und zart, +Da will ich mich sogleich verstecken, +Vielleicht kann ich die Sinnesart +Der armen Leutchen so entdecken. -- + +(Er versteckt sich.) + + + +Zweite Szene. + + +_Die Mutter_, _Elisabeth_ und _Gustav_ (dürres Reisig suchend); + +Mutter. + +Gottlob! das Gewitter ist vorüber; +Es scheint die Sonne wieder schön. + +Elisabeth. + +Doch, gute Mutter, ihr solltet lieber +Um trockne Kleider jetzt nach Hause gehn. + +Mutter. + +Es ist ja nur ein Rock im Schranke, +Und du bist mehr als ich durchnäßt. + +Elisabeth. + +Ei, liebe Mutter, welch ein Gedanke, +Ich bin noch jung, gesund und fest! + +Mutter. + +So laß uns nur die Hände rühren, +Die Arbeit hier macht wieder warm +Und läßt im Winter uns nicht frieren. + +Elisabeth (seufzend). + +Ach, wären wir nur nicht so arm! + +Mutter. + +Sprich, möchtest du denn etwa lieber +Reich, wie der Nachbar Töffel, sein? + +Elisabeth. + +O nein, der schließt ja jeden Stüber +Voll Geiz in seinen Kasten ein! + +Mutter. + +Könnt ich doch, wie der Schulze, schenken +Der Tochter ein so stattlich Haus -- + +Elisabeth. + +Da würd ich mich noch sehr bedenken, +Dort sieht's nicht eben friedlich aus! + +Mutter. + +Ist Küsters Röse zu beneiden? +Sie hat voll Linnen Kist' und Schrank! -- + +Elisabeth. + +O nein, das wär' ein rechtes Leiden, +Jahraus, jahrein ist Röse krank! + +Mutter. + +Die reiche Elsbeth aus der Mühle, +Die wärst du aber gern, mein Kind? + +Elisabeth. + +Ha! was du sagen willst, das fühle +Ich tief, -- _ihr ist die Mutter blind!_ +Nein, nein, ich schäme mich der Klage, +Mit keinem möcht ich tauschen gern, +Es hat ein jeder seine Plage; +Vertrau'n wir nur auf Gott den Herrn. +Um _deinetwillen_ mög' er schenken +Uns bess're Tage, nicht so schwer. -- + +Mutter. + +Willst du nicht auch des Guten denken? +Wenn ich nur Elsbeths Mutter wär' -- +So bin ich rüstig auf den Füßen, +Zur Wette spinn ich noch mit dir, +Und meine Kinder -- sie versüßen +Auch kummervolle Tage mir. + +(Elisabeth schlingt ihren Arm um die Mutter. Gustav kommt +herbeigesprungen.) + +Gustav. + +Hier, seht nur, bring ich reife Beeren, +Die Mutter jetzt allein sie essen muß. + +Mutter. + +Wir wollen sie zusammen verzehren, +Denn so nur ist's für mich Genuß. + + + +Dritte Szene. + + +_Die Vorigen. Rübezahl_ (als Jäger). + +Gustav. + +Sieh, Mutter, da kommt ein fremder Mann. + +Mutter. + +Brauchst darum keine Furcht zu hegen. +Was geht der fremde Jäger uns an? +Wir sind ja nicht auf bösen Wegen. + +Rübezahl. + +Gott grüß euch! + +Mutter. + +Schönen Dank, Herr! + +Rübezahl. + +Was macht ihr da? + +Mutter. + +Wir sammeln Reiser; +Der Winter ist lang und oft gar schwer, +Und schlecht verwahrt sind hier die Häuser. + +Rübezahl. + +Wer seid ihr? + +Mutter. + +Eine arme Frau +Mit ein paar guten, frommen Kindern; +Wir lebten sonst dem Ackerbau, +Der Feind tat uns die Scheuern plündern, +Nahm unser bißchen Vieh, zerschlug, +Was eben nicht fortzubringen war; +So kamen wir um Acker und Pflug, +Es geht nun schon ins fünfte Jahr. + +Rübezahl. + +So seid ihr Witwe? + +Mutter. + +Nein, ach nein! +Das wolle der liebe Gott verhüten! + +Rübezahl. + +Dann wird der Mann in der Schenke sein, +Statt sich um Tagelohn zu vermieten? + +Mutter. + +Bewahre! mein guter Thomas war +Stets fleißig und lebte eingezogen; +Als aber das Vaterland in Gefahr, +Da ist er mit in den Krieg gezogen. +Fünf Jahr und drüber sind schon verflossen, +Seit ich nichts mehr von ihm gehört, +Seit ich und meine Unglücksgenossen +Mit Tränen jeden Bissen verzehrt. + +Rübezahl. + +So läßt sich wohl nicht anders glauben, +Als daß eine Kugel ihn hingerafft? + +Mutter. + +Wollt ihr die letzte Hoffnung mir rauben? +Mit ihr des Lebens Mut und Kraft? + +Rübezahl. + +Doch besser, er schlummert im kühlen Grabe, +Als wenn er, ein Bettler, wiederkehrt! + +Mutter. + +O, wenn ich ihn nur wiederhabe, +Mein treues Herz nicht mehr begehrt. + +Rübezahl. + +Wenn nur nicht etwa gar am Ende +Zum Krüppel ward der arme Mann? + +Mutter. + +Ach, dann gibt's noch vier fleißige Hände, +Und auch der Gustel wächst heran! -- + +Rübezahl. + +Ihr wagt euch so auf diese Straße, +Wie, wenn der Berggeist euch erschreckt? + +Mutter. + +Hab ich doch immer gehört, er lasse +Die guten Menschen ungeneckt! + +Elisabeth. + +Ja, Herr! wir haben ein gutes Gewissen; +Er mag nur kommen, wenn's ihm beliebt. + +Rübezahl. + +Vielleicht würd' er dich zu trösten wissen, +Du schienst vorhin mir sehr betrübt. + +Mutter. + +Wir haben schon viel Zeit verplaudert, +Und im Gebirge ist's nicht gut, +Wenn man bis in die Dämmrung zaudert. +Lebt wohl! + +Rübezahl. + +Auch ihr, und bleibt bei gutem Mut. + +Mutter. + +O ja, was Gott über mich verhängt, +Das wird er auch alles zum Guten lenken. + +Gustav (vertraulich zu Rübezahl). + +Wenn er einmal ein Eichhörnchen fängt, +So könnt' er's wohl dem Gustel schenken! + +Rübezahl. + +Bist du der Gustel? wir wollen sehn! + +Gustav. + +Er sieht zwar etwas grimmig aus, +Als wollt er einem den Hals umdrehen; +Ich mache mir aber gar nichts daraus. + +Rübezahl. + +Das freut mich, Kleiner! + +Mutter. + +Komm, mein Kind! +Noch ist der Korb nicht voll, drum munter! +Wir suchen und füllen ihn geschwind; +Und dann in unser Dörfchen hinunter. + +(ab). + + + +Vierte Szene. + + +Rübezahl (allein). + +Die Mutter ist brav, die Kinder gut, +Man hört es ja aus jedem Worte; +Schon manchem half ich aus Übermut, +Doch hier ist Hilf' am rechten Orte. + + + +Fünfte Szene. + +_Der Vorige. Thomas_ (auf Krücken, ohne Rübezahl zu sehen). + +Thomas. + +Für heute kann ich nun wohl nicht weiter, +Ich armer Krüppel! was soll ich tun? +Die Luft ist warm, der Himmel heiter -- +Hier will ich unter dem Baume ruhn. +Den Berg herauf mußt' ich schon keuchen, +Doch morgen hab' ich neue Kraft, +Die liebe Heimat zu erreichen, +Die mir die letzte Ruh' verschafft. +Zwar komm' ich, ach, mit leeren Händen, +Und bin ein Krüppel obendrein, +Kann nur verzehren, nur verschwenden, +Und nichts erwerben -- welche Pein! +Warum fand nicht den Weg zum Herzen +Die Kugel, die mein Knie gefaßt! +So wär' ich ledig aller Schmerzen, +Und meinen Kindern nicht zur Last. +Zur Last? -- Ach nein, sie werden gerne +Hilfreich dem Vater zur Seite stehn; +Und der da droben regiert die Sterne, +Läßt mich, wohl auch nicht untergehn. -- +Könnt' ich denn nichts, gar nichts erwerben? +Sind doch die Hände noch wohl geschickt; +Und gerne, gerne will ich sterben, +Hab' ich nur die Meinen noch erblickt. + +(Er hat sich unter einem Baum gelagert). + +Rübezahl (beiseite). + +Er ist's! -- fürwahr auf diese Höhen +Hat ihn ein guter Geist, geschickt; +Er mag im Traum die Kinder sehen, +Bis er sie wach an den Busen drückt. + +(Ab, nachdem er nach einigem Nachsinnen dem Thomas die Krücken weggenommen +hat). + +Thomas (erwachend, greift um sich und sucht sie vergebens). + +Wo sind meine Krücken? -- guter Gott! -- +Ein Bösewicht hat sie mir genommen, -- +Wer trieb mit mir so bittern Spott, +Wie soll ich nun nach Hause kommen? + + + +Sechste Szene. + + +_Rübezahl_ (als Köhler), _Thomas_. + +Rübezahl. + +Was wimmert denn da? + +Thomas. + +Ach, guter Freund, +Seid mir tausendmal willkommen! +Ihr wie ein Engel mir erscheint, -- +Ein Bube hat mir die Krücken genommen, +Sucht doch im Strauchwerk, guter Mann, +Vielleicht warf er sie weg -- + +Rübezahl. + +Der Bärenhäuter! + +Thomas. + +Ich bin ein lahmer Kriegesmann, +Und ohne Krücken kann ich nicht weiter. + +Rübezahl (beiseite). + +Ich will dir deinen Schmerz bezahlen. +(laut). Wer seid ihr denn? wo kommt ihr her?? + +Thomas. + +Ich heiße Thomas, komm aus Westfalen, +Im Kriege ward ich verwundet schwer. +Dort unten im Tal liegt meine Hütte, +Wo mir in guter Kinder Mitte, +Das treue Weib zur Ruhe winkt, +Da bin ich denn bis hierher gehinkt. -- + +Rübezahl. + +Seid ihr der Thomas, der vor fünf Jahren +Geplündert unter die Soldaten ging? + +Thomas. + +Der bin ich. Habt ihr was erfahren, +Wie es indes den Meinen ging? + +Rübezahl. + +Die Tochter -- ist im Bach ertrunken; +Den Jungen -- haben die Pocken hinweggerafft; +Und endlich ist die Mutter ins Grab gesunken, +Wie ein dürrer Baum, ohne Saft und Kraft. + +(ab). + +Thomas. + +Gott! Gott! dann brauch' ich keine Krücken, +Keinen Trost und keine Hilfe mehr! -- +O Kugel, die mich lahm geschlagen, +Warum nicht höher herauf ins Herz! +Ich habe alles mit Mut ertragen; +Jetzt unterlieg' ich meinem Schmerz. + + + +Siebente Szene. + + +_Gustav_ und _Thomas_. + +Gustav (der einen Schmetterling haschen will). + +Wart! wart! Ich will dich doch wohl fangen, +Und wärst du schneller als der Wind! + +Thomas. + +Wie wird mir -- welch ein heimlich Bangen -- +Ach, welch ein liebes, schönes Kind! + +Gustav. + +Ach! sieh -- ein Fremder -- + +Thomas. + +Darfst nicht erschrecken, +Mein Kind, ich bin kein böser Mann. + +Gustav. + +Ich werde mich nicht vor ihm verstecken, +Hab' ich doch ihm auch nichts getan. + +Thomas. + +Hast du das Gebirge nicht gescheut? +Wie kommst du so allein in den Wald? + +Gustav. + +Nicht doch, die Mutter ist ja nicht weit. + +Thomas. + +Ach Gott, mein Gustel wär' auch so alt! + +Gustav. + +Wir sammeln für den Winter Reisig. + +Thomas. + +Ihr guten Leute seid wohl arm! + +Gustav. + +Ei freilich, aber die Mutter ist fleißig; +Wär' nur im Winter der Ofen warm. + +Thomas. + +Der Vater schafft euch warme Betten. + +Gustav. + +Ja, wenn wir noch einen Vater hätten! + +Thomas. + +Du hast den Vater schon verloren? + +Gustav. + +Er zog in den Krieg, kaum war ich geboren. + +Thomas. + +Wie mir das durch die Seele geht! +Wie alles seltsam sich muß treffen, +Mich Armen schadenfroh zu äffen. +Mein Gustel! -- meine Elisabeth! -- + +Gustav. + +Was wollt ihr von uns? + +Thomas. + +Von euch? wieso? + +Gustav. + +Ich und die Schwester, wir heißen ja so. + +Thomas. + +Ha! treibt denn hier in seinem Grimme +Mit mir sein Spiel ein böser Geist? + +Mutter (hinter der Szene). + +He! Gustel! + +Thomas. + +Das ist meines Weibes Stimme! + +Mutter (noch immer hinter der Szene). + +Wo bist du, Gustel? Um Gottes Willen! + +Gustav. + +Gleich, liebe _Mutter!_ ich komme gleich! + +Thomas. + +O, könnt' ich mein Verlangen stillen -- +O, könnt' ich _kriechen_ durchs Gesträuch! + +Gustav. + +Will er die Mutter sehen, so sitze +Er nicht so faul, und rühr' er sich. + +Thomas. + +Kind, ich bin lahm -- hab' keine Stütze. + +Gustav. + +Nun denn, so stütz' er sich auf _mich_. + +Thomas. + +Du willst mich ihr entgegenführen? +Ihr -- wag' ich zu hoffen? -- süßer Betrug. + +Gustav (hilf ihm auf und stützt ihn). + +Nur auf! Er soll gemächlich spazieren; +Ich bin wohl klein, aber stark genug. + + + +Achte Szene. + + +_Die Vorigen. Mutter. Elisabeth._ + +Mutter (setzt ihren Korb nieder). + +Wo bleibst du? Hast du dich verirrt? + +Thomas. + +Sie ist's! -- O halte mich, Kind! halte! + +Mutter. + +Was seh' ich! sind meine Sinne verwirrt -- +Mein Mann! -- (sie stürzt sich ihm in die Arme). + +Thomas. + +Mein Weib! + +Elisabeth (hängt sich an ihn). + +Der Vater! + +Gustav (verwundert). + +Dieser Alte? + +Mutter. + +Du bist nicht tot? + +Thomas. + +Ihr seid nicht gestorben? + +Mutter. + +Dich hab' ich wieder? + +Thomas. + +Ich umarme dich. + +Elisabeth. + +Wir haben's durch unser Gebet erworben. + +Gustav. + +Bist du der Vater, so küß auch mich. + +Thomas (tut es). + +Ja dich, den Gott als Engel sandte; +(zu Elisabeth) Und dich, die mir so hold erscheint. + +Mutter. + +Wo kommst du her? + +Thomas. + +Aus fernem Lande. + +Mutter. + +Wir haben lang um dich geweint! + +Thomas. + +Ach, weinen werdet ihr auch wieder! +Der liebe Gott mir alles nahm! +O, setzt mich unter dem Baume nieder, +Ich bin ein Bettler -- und -- bin lahm! + +Mutter. + +Ein Bettler? nein! nenn' es gelinder; +Sechs Hände sind, Dich zu nähren, bereit, +Du hast dein Weib und deine Kinder, +Die werden dich stützen jederzeit. + +Thomas. + +O höre, Gott, mein dankbar Beten! -- +Ich fand euch wieder, ihr habt mich lieb. +Doch soll ich meine Hütte betreten +Als ein unnützer Tagedieb! +Soll ich von euch mich lassen füttern? + +Mutter. + +Willst du uns die schöne Stunde verbittern? +Du brauchst ja nur zum _Gehn_ die Krücken, +Kannst drum die _Hände_ dennoch rühren. +Wir wollen es sogleich probieren; +Komm, hilf den Korb mir auf den Rücken; +Dann wandeln wir getrost und munter +Den wohlbekannten Pfad hinunter. + +Thomas (dem seine Kinder aufgeholfen haben). + +Ja, liebes Weib, du gibst mir neues Leben; +Wie wohl mir der Gedanke tut, +Ich sei doch noch zu etwas gut. +Wo ist der Korb? Ich will ihn heben! + +(Elisabeth unterstützt ihn dabei, die Mutter stellt sich mit dem Rücken +gegen ihn, und er versucht, den Korb auf ihre Schultern zu heben). + +Thomas. + +Von mir gewichen ist die Kraft des Lebens; +Auch dieser Korb ist mir zu schwer! + +Elisabeth. + +Ich will auch helfen, Vater; gebt her! + +(sie will den Korb aufheben) + +Seltsam; auch ich versuch' es vergebens. + +Thomas. + +Um mich zu trösten, stellst du dich schwach. + +Elisabeth. + +Nein, wahrlich, Vater! ich heb' und hebe; +Allein umsonst. (Sie blickt in den Korb). Ach, Mutter! Ach, +Die Reiser sind _Gold!_ so wahr ich lebe! + +Mutter (wendet sich um). + +Was sagst du? + +Gustav (hüpft um den Korb). + +Gold, Gold, lauter Gold! + +Mutter. + +Ich bin erschrocken, daß ich bebe. + +Thomas (sinkt wieder unter den Baum). + +O Kinder, der Berggeist ist uns hold; +Gewiß von ihm kommt das Geschenk. + +Mutter. + +Nun sieh', es leuchtet ein neuer Morgen! + +Thomas. + +Nun darf der Krüppel nicht mehr sorgen! +O, seid der Wohltat eingedenkt! + +Gustav. + +Dank dir, du guter Rübezahl! + +Mutter. + +Mein Dank ist stumm und ohne Wort. + +Elisabeth. + +Wie bringen wir aber den Korb nun fort? +Der Weg ist weit hinab ins Tal. -- +Wir müssen auch den Vater führen; +Denn eher lass' ich die goldene Beute. + + + +Neunte Szene. + + +_Die Vorigen. Rübezahl_ (als wandernder Chirurgus). + +Rübezahl. + +O sagt mir doch, ihr guten Leute, +Kann ich hier nicht den Weg verlieren? + +Mutter. + +Wo kommt er her? Wo will er hin? + +Rübezahl. + +Aus fremden Ländern ward ich verschrieben, +Weil ich ein berühmter Wundarzt bin, +Meine Kunst in Hirschberg auszuüben; +Dort, sagt man, lebt ein reicher Mann, +Dem ist einmal vor vielen Jahren, +Als er im Kriege sich hervorgetan, +Eine Kugel in das Knie gefahren; +Ein Ignorant hat es schlecht kuriert, +Davon ist der Fuß ihm steif geblieben; +Weil er nun nicht gern auf Krücken marschiert, +So hat er mich aus Paris verschrieben. +Über Hals und Kopf komm' ich von dort, +Bin auf der Reise schon viele Wochen; +Soeben ist mir der Wagen zerbrochen, +Da wollt' ich denn zu Fuße fort. -- + +Mutter. + +I nun, die Beschwerde ist noch erträglich; +Hirschberg ist eben nicht mehr weit. + +Thomas. + +Ach, sag er mir, Herr! ist das wohl möglich, +Daß er den Fuß von der Lähmung befreit, +Wenn schon eine geraume Zeit verstrichen +Und alles schon verwachsen ist? + +Rübezahl. + +Freund, das ist mir eine Kleinigkeit; + +Mutter. + +Ach Gott, welch' neuer Hoffnungsstrahl! -- + +Rübezahl. + +Doch freilich ist mein Balsam teuer. + +Elisabeth. + +Befreit den Vater von seiner Qual, +Und was wir besitzen, sei flugs euer. + +Rübezahl (lachend). + +Blutwenig ist wohl, was ihr besitzt? + +Mutter (rasch). + +Hier, dieser Korb -- + +Thomas. + +O nicht doch, Kind! +Ein gesunder Fuß euch ja weit minder, +Als dieser Schatz im Korbe nützt. + +Mutter. + +Mit Freuden wollen wir alles missen. + +Rübezahl. + +Was habt ihr denn im Korbe dort? + +Mutter. + +Gold! lauter Gold! + +Rübezahl. + +Das schenkt ihr fort, +Als wären's Schalen von Haselnüssen? + +Mutter. + +Ach, Herr! für ein Weib, das redlich liebt, +Auf Erden kein größer Glück es gibt, +Als wenn sie für einen wackern Mann +Das Beste und Liebste opfern kann. + +Elisabeth. + +Hilft er, so spring' ich deckenhoch. + +Gustav. + +Und Gustel ihm ein Liedchen singt. -- + +Thomas. + +Nicht wahr, Herr, wenn's auch nicht gelingt, +Ein glücklicher Vater bleib' ich doch? -- + +Rübezahl (beiseite). + +Bin, ich doch sonderbar bewegt, +Fast scheint's -- trotz meinem geistigen Wesen -- -- +Daß Neid sich gegen die Menschen regt. +(laut) Wohlann, mein Freund, ihr sollt genesen! + +Mutter. + +Ist's möglich, Herr! + +Rübezahl. + +Ja, eure Krücken +Werft nur in Gottes Namen weit, +Es tut in wenig Augenblicken +Mein Balsam seine Schuldigkeit. + +(Er setzt sich zu Thomas, zieht ein Büchschen hervor und reibt ihm das +Knie). + +Mutter. + +O Rübezahl! jetzt fühlen wir erst +Den ganzen Wert von deinem Geschenke. + +Thomas. + +Ha! diese zerschmetterten Gelenke -- +Wie ist mir -- neues Leben zuckt +Durch jede Muskel, jede Nerve -- +Die Last, die mich zu Boden gedrückt, +Wie leicht ich sie von der Schulter werfe! -- + +Gustav (faltet die Hände). + +Ach, Mutter! ich bete Sprüch' und Psalter, +Das wird vielleicht von Nutzen sein. + +Thomas. + +Geschmeidig wird mein Fuß. -- + +Rübezahl. + +Nun, Alter? +Versucht? einmal und steht allein! + +Thomas. + +Es ist geschehen! ich bin gesund! +Gott! Gott! ich danke dir; und ihm! + +_Mutter und Elisabeth_ (umarmen Rübezahl von beiden Seiten). + +O Herr! -- + +Gustav. + +Gott wollt's ihm segnen alle Stund'. + +Rübezahl. + +Nun, nun, nur nicht so ungestüm, +Mein Balsam hat den Dienst verrichtet; +Doch schwebt euch auch wohl noch im Sinn, +Zu welchem Geschenk ihr euch verpflichtet? + +Elisabeth. + +Da steht der Korb! + +Mutter. + +Nehmt alles hin! + +Rübezahl. + +Zuweilen die Menschen sich hoch vermessen, +Zu geben und schenken, was es auch sei; +Ist aber die Gefahr vorbei, +So wird das Gelübde gar oft vergessen. + +Mutter. + +Nein, zieh er nur hin mit der goldnen Bürde. + +Elisabeth. + +Auch nicht ein Blättchen nehmen wir an! -- + +Thomas. + +Nun fühl ich erst wieder des Hausvaters Würde, +Da ich für die Meinigen arbeiten kann. + +(Mutter und Kinder umschlingen den genesenden Thomas; währenddessen +verwandelt sich Rübezahl.) + +Alle. + +Ha! Rübezahl! -- der gute Geist! + +(Sie heben die Hände zu ihm empor -- er verschwindet.) + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Rübezahl, by Rosalie Koch + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÜBEZAHL *** + +***** This file should be named 37940-8.txt or 37940-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/9/4/37940/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Rübezahl + Neue Sammlung der schönsten Sagen und Märchen von dem + Berggeiste im Riesengebirge + +Author: Rosalie Koch + +Illustrator: P. Mohn + +Release Date: November 6, 2011 [EBook #37940] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÜBEZAHL *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/cover.jpg" alt="Cover"/></div> + +<div class="trnote"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<div class="centerpic"><img src="images/color-1.jpg" alt="Farbtafel 1"/></div> + +<h1 style="page-break-before:always"> +Rübezahl. +</h1> + +<p class="center"> +Neue Sammlung<br /> +<span class="small">der</span><br /> +<span class="sperr"><b>schönsten Sagen und Märchen</b></span><br /> +<span class="small">von dem</span><br /> +<span class="sperr">Berggeiste im Riesengebirge.</span><br /> +<span class="small">Von</span><br /> +<b>Rosalie Koch.</b> +</p> + +<p> </p> +<p class="center" style="font-size:small"> +<span style="border-top:solid 1pt; border-bottom:solid 1pt; "> +Zehnte Auflage. +</span> +</p> +<p> </p> + +<p class="center"> +Mit Illustrationen in Farbendruck und in Holzschnitt<br /> +<span class="small">nach Originalen von</span><br /> +Professor P. Mohn. +</p> + +<p> </p> +<div class="centerpic" style="margin-bottom: 1%"> +<img src="images/001.jpg" alt="Ornament"/> +</div> + +<p class="center"> +<span class="sperr"> +Berlin.<br /> +Winckelmann & Söhne. +</span> +</p> +<p> </p> + +<h2 class="left" style="page-break-before:always; padding:0; margin:0"> +<span class="hidden">Inhalt.</span> +<img src="images/003_1.jpg" alt="Inhalt." /> +<span class="left leftpic" style="padding:0; margin:0;"> +<img src="images/003_2.jpg" alt="" /> +</span> +</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Einleitung</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Woher Rübezahl seinen Namen hat</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Der Kräutersammler</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Die Musterreiter</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Der Meckerfriede</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Die Anleihe</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-7">Der Wundertaler</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-8">Der Goldmacher</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-9">Rübezahl straft einen Spötter</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-10">Die Perücken</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-11">Mutter Else</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-12">Glücks-Männlein</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-13">Die drei besten Menschen</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-14">Der böse Vogt</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-15">Rübezahl straft einen Unwissenden</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-16">Wie Rübezahl vor Prellerei warnt</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-17">Rübezahl betrügt die Geldmäkler</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-18">Die Springwurzel</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-19">Der gefundene Esel</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-20">Der Spieler</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-21">Rübezahl und der Schneider</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-22">Rübezahl und der lügenhafte Knecht</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-23">Der reiche Bäcker</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-24">Das Zauberbuch</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-25">Wie Rübezahl einem Bauer hilft</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-26">Der kleine Peter</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-27">Die Reise nach Karlsbad</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-28">Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-29">Das Rad</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-30">Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-31">Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-32">Rübezahl macht einem Förster einen Zopf</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-33">Der alte Schäfer</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-34">Die drei Tischlergesellen</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-35">Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-36">Der Wanderstab</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-37">Die gefärbten Badegäste</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-38">Der verzauberte Stab</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-39">Der böse Edelmann</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-40">Grünmantel</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-41">Rübezahl. Schauspiel in einem Akt</a></p> + +<p> </p> +<div class="centerpic"> +<img src="images/004.jpg" alt="Illustration 004"/> +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p> +<!-- page 005 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Einleitung.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>as Riesengebirge, das euch, meine jungen Freunde, aus der +geographischen Lehrstunde wohl bekannt ist, ja welches einzelne +von euch schon besucht haben, ist derjenige Teil der Sudeten +des preußischen Staates, wo sie am höchsten und engsten verbunden +sind und Schlesien von Böhmen und Mähren scheiden. +Die hervorragenden Spitzen derselben sind von ansehnlicher +Höhe, die Riesen-, auch Schneekoppe genannt, welche 1605 m +über dem Meeresspiegel liegt; ferner der Reifträger, das hohe +Rad und die Sturmhaube; auch haben starke Flüsse, z. B. die +Elbe und der Bober, ihren Ursprung zwischen felsigen Höhen. +— Dort nun war ehemals der Aufenthalt eines mächtigen +Berggeistes. Sein Gebiet umschrieb auf der Oberfläche des +Riesengebirges nur wenige Meilen, breitete sich aber im Innern +desselben desto weiter und tiefer aus. Der Gnom herrschte +oft jahrhundertelang still in seinem unterirdischen Reiche, und +erhob sich nur selten auf die Oberwelt, um dort sein Wesen zu +treiben. + +</p><p>Zur Zeit, als noch kein menschlicher Fußtritt das verkümmerte +Knieholz und die spärliche Vegetation der Berge betrat, +ehe die Gegend bewohnt war, begnügte sich der Herr der Riesenberge +damit, wilde Tiere aufeinander zu hetzen, oder sie aus +ihrem Lager aufzuschrecken, und sie in wilder Jagd durch das +Gehölz zu treiben. +<!-- page 006 --> + +</p><p>Als er aber nach langer Zeit wieder einmal das Tageslicht +der Oberwelt aufsuchte, fand er zu seinem Erstaunen alles +so sehr verändert, daß er fast sein eigenes Gebiet nicht wiedererkannte. +Grünes Saatenfeld erhob sich, wo früher ein finsterer +Wald gestanden hatte, und auf Wiesen weideten Schafe und +Rinder, unter der Obhut singender Hirten und schützender +Hunde. Da lagen einzelne Hütten in den Tälern, aus deren +Schornsteinen der Rauch lustig emporstieg und vor deren Türen +muntere Kinder spielten, mit fröhlichem Geschrei. Der Gnom +wunderte sich nicht wenig über diese neuen Erscheinungen; seine +größte Aufmerksamkeit aber erregten die Gestalten der Menschen, +die er nie zuvor gesehen hatte. Seine Neugier ward rege, +und er beschloß, diese fremden Wesen näher kennen zu lernen, +indem er ihre Gestalt annahm und einige Zeit unter ihnen lebte. + +</p><p>Zuerst trat er als Knecht in die Dienste eines Landwirtes +und verrichtete seine Arbeit aufs beste. Was er unternahm, +das gelang, und er schaffte seinem Herrn so großen Nutzen, daß +dieser leicht ein reicher Mann hätte werden können. Aber er +war ein Verschwender und verjubelte leichtsinnig alles, was +der fleißige und geschickte Knecht erwarb, dem er für seine treuen +Dienste nicht einmal dankte. Darüber ward denn der Berggeist +ärgerlich und suchte sich einen andern Herrn, bei dem er sich +als Schafhirt vermietete. Und wieder gedieh unter seiner Aufsicht +die Herde aufs beste; kein Schaf erkrankte, keins zerriß der +Wolf, solange der Gnom sie hütete. Aber der Herr war ein +Geizhals, der niemals genug hatte, dem treuen Knechte kaum +satt zu essen gab und ihm, so oft er konnte, den bedungenen +Lohn verkürzte. Darum ging dieser auch bald wieder aus diesem +Dienst und kam als Gerichtsdiener zu einem Amtmann. Er +versah auch diesen Dienst mit allem Eifer, und in kurzer Zeit +<!-- page 007 --> +war im ganzen Kreise kein Dieb oder Straßenräuber mehr zu +finden. Als aber der Berggeist sah, daß der Amtmann ein +ungerechter Richter war, der sich durch Geschenke und Schmeicheleien +bestechen ließ, mochte er ihm nicht länger dienen und lief +davon. Da er nun durch Zufall an lauter schlechte Menschen +geraten war, glaubte der Gnom, daß sie alle nicht anders +wären, und ohne Lust, weitere Proben davon zu machen, nahm +er sich vor, so weit sein Gebiet reichte, die Menschen zu necken +und zu plagen, damit sie sich wenigstens aus dieser Gegend +entfernen sollten. Später freilich sah er auch diesen Irrtum +ein und lernte manchen tugendhaften und guten Menschen +kennen und schätzen und hat denn auch, wie wir sehen werden, +mit seinen Zauberkünsten manchem armen Schelm aus der +Not geholfen. + +</p><p>Wenn er nun wieder von Zeit zu Zeit die Oberwelt besuchte, +neckte er die Reisenden und mischte sich in ihre Geschäfte. +Er leitete die Fremden irre, die sein Gebiet betraten oder trieb +Regenwolken zusammen, um sie durch Sturm und Gewitter zu +erschrecken. Er stellte oft in der ödesten Gegend ein Wirtshaus, +oder einen wundervollen Palast auf und äffte die hungrigen +und ermüdeten Wanderer auf alle Weise damit. Wenn betrügerische +Roßtäuscher sein Gebiet betraten, zeigte er sich nicht selten +auf einem schönen Pferde als ein vornehmer Herr; ließen sie +sich nun verleiten, ihm das Roß abzukaufen und ritten weiter +damit, so verwandelte es sich nach kurzer Zeit in einen Strohwisch. +— Traf er dagegen einen unbemittelten Edelmann, der +auf einem mageren Klepper traurig durch das Gebirge ritt, so +kam er ihm wohl als ein stattlicher Reiter entgegen, ließ sich in +irgend ein Gespräch mit ihm ein, und suchte ihn zu irgend einer +Wette zu veranlassen. Er selbst verlor dann, und gab dem +<!-- page 008 --> +glücklichen Gewinner sein schönes Pferd, steckte ihm auch wohl +noch heimlich eine Rolle mit Gold in die Tasche. + +</p><p>Solche Vorfälle wurden aber bald bekannt, und lockere +Burschen oder Abenteurer, die davon hörten, suchten nun die +Wohltätigkeit des Berggeistes auf ähnliche Weise in Anspruch +zu nehmen. Aber da wurden sie empfindlich getäuscht; wenn +sie auch glücklich das Pferd erlisteten, so verwandelte es sich doch +bald genug in einen dürren Stock, auf dem sie immer weiter +ritten, ohne es zu bemerken und zum Gespött in Stadt und +Land wurden, wohin sie kamen. + +</p><p>So trieb er sein Wesen oberhalb des Gebirges, bald als +neckender Spuk, bald als Wohltäter der Armen, je nachdem +seine Laune eben war. Die Märchen, welche über den Berggeist +Rübezahl noch im Munde des Volkes fortleben, findet ihr, +meine jungen Leser, hier größtenteils gesammelt und neu bearbeitet. +Die Autoren, von denen ein Teil derselben entnommen +worden, sind: <i>Musäus, Lehnert</i> u. a. m. + +<span class="centerpic" id="img-008"><img src="images/008.jpg" alt="Illustration 008" /></span> +<!-- page 009 --> + +</p> +<h2 class="chapter left" id="chapter-2" style="padding:0;margin:0;margin-bottom:120px;"> +<img src="images/009_1.jpg" alt="W" /> +<span class="leftpic" style="padding:0; margin:0;"> +<img src="images/009_2.jpg" alt="" /> +</span> +<span class="hidden">W</span>oher Rübezahl seinen Namen hat. +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">U</span>nsichtbar schlich der Berggeist einmal von seinem Felsen +ins Tal hinab, und lustwandelte zwischen grünem Gesträuch +und blühenden Hecken. Da gewahrte er die Gestalt eines überaus +lieblichen Mädchens, welches die Tochter eines Fürsten war, +der im schlesischen Gebirge herrschte, und die sich mit ihren Gespielinnen +ins Gras gelagert hatte. Sie pflegte oft mit den<a id="corr-1"></a> +Jungfrauen ihres Hofes in diesen Büschen zu lustwandeln, für +ihren Vater Erdbeeren zu pflücken oder Wohlgeruch duftende +Kräuter und Blumen zu sammeln. „Ei,“ dachte der Berggeist, +„dies schöne, heitere Wesen wär’ eine gar erfreuliche Gesellschaft +in meinem einsamen Reiche,“ — und alsbald entführte er als +ein Sturmwind die schöne Emma, indem er die Augen der Gespielinnen +<!-- page 010 --> +durch Staub und Sand blendete, die nun mit ihrem +Wehklagen Berg und Tal erfüllten und ohne Unterlaß nach +der geraubten Prinzessin suchten. + +</p><p>Der König, ihr Vater, war sehr betrübt darüber, nahm +die goldene Krone von seinem Haupte und verhüllte sein weinendes +Angesicht in den Purpurmantel. + +</p><p>Am traurigsten aber war die Prinzessin selbst, als sie sich +plötzlich in dem Palaste des Berggeistes befand, den er im +Augenblicke aufgebaut und mit soviel Reichtum und Glanz ausgeschmückt +hatte, wie es die Königstochter selbst am Hofe ihres +Vaters nicht gesehen. Sie selbst war auf das kostbarste gekleidet, +und eine ganze Reihe Kisten und Schränke standen mit allerlei +Putz und Schmuck für sie angefüllt. Ein schöner Lustgarten +umgab den Palast von drei Seiten, die Obstbäume darin trugen +purpurrote und goldene Früchte, und auf den Rasenplätzen, die +von den seltensten Blumen eingefaßt waren, lag der erquickendste +Schatten. Der Berggeist, bemüht, daß es seinem schönen Gaste +gefallen solle, ernannte die Prinzessin zur unumschränkten Herrin +dieser Besitzung und folgte jedem ihrer Winke wie einem +Befehl. Aber bei alledem fühlte sich Emma doch unglücklich, denn +sie sehnte sich nach ihrem Vater und ihren Gespielinnen zurück. + +</p><p>Der Gnom bemerkte bald die Traurigkeit der holden Prinzessin +und dachte: Es mangelt ihr nur an Unterhaltung, denn +der Mensch ist an Geselligkeit gewöhnt, gleich der Biene und +Ameise. Und flugs ging er hinauf aufs Feld, zog auf einem +Acker ein Dutzend Rüben aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen +Korb und brachte sie der Prinzessin. + +</p><p>„Holde Erdentochter,“ redete er sie an, „du sollst nun +nicht länger einsam sein; in diesem Korbe ist alles enthalten, +was du bedarfst, um diesen einsamen Ort zu beleben. Nimm +<!-- page 011 --> +diesen kleinen, buntgeschälten Stab, berühre eine dieser Rüben +damit und gib ihr diejenige Gestalt, welche dir gefällt.“ +Darauf verließ er die Prinzessin. + +</p><p>Diese zögerte keinen Augenblick, von dem Zauberstabe Gebrauch +zu machen. „Brinhild!“ rief sie, „meine liebe Brinhild, +erscheine!“ und alsbald umschlang die Gerufene ihre Knie und +liebkoste die holde Gebieterin mit Tränen der Freude. Emma +überließ sich nun ganz dem Glück, ihre liebste Gespielin um +sich zu haben; sie lustwandelte Hand in Hand mit ihr durch +den Garten, brach von den köstlichsten Früchten für sie, dann +zeigte sie ihr die schönen Kleider, die Ketten und Spangen von +Gold und Edelsteinen und vergaß über Brinhildes Bewunderung +fast allen Harm. + +</p><p>Nun verwandelte Prinzessin Emma auch noch die übrigen +Rüben durch den Zauberstab, so daß sie wieder ihre Kammerfrauen +und sogar ihre Cyperkatze und ihr Hündchen um sich +hatte. Wie sie so ihren alten Hofstaat um sich versammelt sah, +war sie wohl zufrieden mit dem Berggeiste und zeigte ihm zum +erstenmale ein freundliches Gesicht. Aber ihr Glück war von +kurzer Dauer, denn nur zu bald bemerkte Emma, daß die blühende +Gesichtsfarbe ihrer Gesellschafterinnen erbleichte und sie +nur noch die einzige frische Rose unter den abwelkenden Jungfrauen +war. Ja eines Morgens, als Emma klingelte, kamen +an Stäben und Krücken statt der Kammerfrauen lauter alte +Matronen ins Zimmer gehumpelt, die zitterten und husteten, +daß es traurig anzusehen war; das Lieblingshündchen selbst lag +im Verscheiden, und die Cyperkatze konnte nicht mehr kriechen +vor Schwäche. Bestürzt verließ die Prinzessin diese unheimliche +Gesellschaft, trat auf den Söller hinaus und rief den +Gnom, der auch sogleich erschien. +<!-- page 012 --> + +</p><p>„Was hast du mit meinen Gespielinnen und Kammerfrauen +gemacht, boshafter Geist!“ redete sie ihn zornig an; +„mißgönnest du mir diese einzige Freude in der schrecklichen +Gefangenschaft, in der du mich hältst? Wenn du ihnen nicht +sogleich Jugend und Wohlgestalt zurückgibst, will ich nicht aufhören, +dich mit meinem Haß zu verfolgen, und nicht eher sollst +du mein Angesicht sehen.“ + +</p><p>„Zürne nicht,“ bat der Berggeist, „ich kann das Unmögliche +bei aller meiner Kraft nicht erfüllen. Solange noch Saft +in den Rüben war, konntest du durch den magischen Stab ihr +Pflanzenleben nach deinem Gefallen verwandeln, nun dieser +aber vertrocknet ist, müssen die verwandelten Gestalten nach den +Gesetzen der Natur verwelken, die ich nicht abändern kann. +Aber bekümmere dich deshalb nicht zu sehr, schöne Emma, ich +will dir sogleich andere Rüben bringen, mit denen du deinen +Hofstaat schnell wieder ersetzen kannst. Gib indes der Natur +ihre Geschenke wieder zurück.“ + +</p><p>Der Gnom entfernte sich eilig, und Emma nahm den +bunten Stab zur Hand, berührte die alten Matronen mit dem +umgekehrten Ende desselben und warf dann die vertrockneten +Rüben, in welche sie sich wieder verwandelt hatten, in einen +Winkel. Nun eilte sie, so schnell sie konnte, zu ihrem Lieblingsplatze, +einer grünen Rasenstelle im Garten, um den frisch gefüllten +Korb von dem Berggeiste wieder in Empfang zu nehmen. +Aber da kam ihr der Gnom schon mit sichtbarer Verlegenheit +entgegen und sagte ganz bestürzt: + +</p><p>„Ich habe dir voreilig mehr versprochen, als ich nun zu +halten imstande bin; das ganze Land habe ich durchstreift, um +noch einen Rübenacker zu finden, aber überall, sind sie schon +eingeerntet und verwelken in dumpfigen Kellern. Obgleich es +<!-- page 013 --> +hier in deiner Nähe Frühling ist, so ist doch das Tal unten +mit Eis und Schnee bedeckt, und du mußt noch drei Monate +warten, bis ich dein Verlangen und mein Versprechen erfüllen +kann.“ — + +</p><p>Da drehte ihm die Prinzessin zornig den Rücken und verschloß +sich traurig in ihre Zimmer; der Gnom bekam ihr Angesicht +nicht mehr zu sehen, so sehr er auch bat. Er begab sich +nun als Pachter verkleidet nach Schmiedeberg, kaufte dort auf +dem Markte einen Esel und belud ihn mit Säcken voll Rübensamen, +damit er einen ganzen Morgen Land besäen konnte. +Nun bestellte er den Acker, und seine dienstbaren Geister mußten +ein unterirdisches Feuer anschüren, damit die linde Wärme +das rasche Wachstum der Saat befördere. + +</p><p>Das Rübenkraut schoß auch bald lustig genug auf und der +Berggeist durfte auf eine reiche Ernte hoffen. Die Prinzessin +ging nun täglich auf das Ackerfeld hinaus, aber es ging ihr +mit dem raschen Wachstum der Saat immer noch zu langsam, +und ihre Augen verloren allen Glanz, ihre Wangen alle Farbe. +Sie war nämlich mit einem schönen Prinzen des Nachbarlandes +verlobt gewesen, und die Hochzeit war nahe, als der Berggeist +sie von der Erde entführte. Prinz Ratibor durchstreifte nun +die Gegend ohne Unterlaß, um seine Braut wiederzufinden, +und zog sich endlich ganz traurig in die einsamsten Waldungen +zurück, als alle seine Bemühungen erfolglos blieben. Emma +aber wünschte ebenso sehr, wieder zu ihm zurückkehren zu können, +als Prinz Ratibor, sie wiederzufinden, und sie schmiedete in +ihrer freiwilligen Einsamkeit — da sie noch immer zürnend +die Gesellschaft des Gnomen mied — einen klugen Plan, +um aus ihrer Haft zu entfliehen und den Hüter zu täuschen; +wußte sie doch jetzt, daß auch er zu überlisten war. +<!-- page 014 --> + +</p><p>Allmählich zog nun der schöne Lenz wieder in dem Gebirgstale +ein, und die Rüben wurden groß und voll. Die schlaue +Emma zog täglich einige davon aus, um allerlei Versuche damit +zu machen; sie gab ihnen allerlei Gestalten, anscheinend nur zu +ihrer Unterhaltung, aber sie hatte eine andere Absicht dabei. +Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden und +schickte sie auf Kundschaft aus zu ihrem Verlobten: + +</p><p>„Flieg’, kleine Biene, gegen Sonnenaufgang zu dem Prinzen +Ratibor und summe ihm ins Ohr, daß ich lebe, aber in der +Gefangenschaft des häßlichen Berggeistes bin. Verlier’ kein +Wort von meinem Gruße und kehre alsdann geschwind zurück, +mir Antwort zu bringen.“ + +</p><p>Das Bienchen flog vom Finger der Prinzessin, wohin sie +gewiesen war; aber sie hatte ihren Flug kaum begonnen, als +eine Schwalbe auf sie herabstieß und die kleine Botin verschlang. + +</p><p>Darauf formte Emma eine Grille, gab ihr denselben Auftrag +und sagte: + +</p><p>„Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge hin, zum Prinzen +Ratibor und sag’ ihm, daß ich der Befreiung aus der Gewalt +des Berggeistes durch seinen starken Arm harre.“ — + +</p><p>Die Grille flog und hüpfte, so schnell sie konnte, aber ein +langbeiniger Storch ging eben am Wege spazieren und fing sie +mit seinem langen Schnabel auf. + +</p><p>Die Prinzessin harrte also lange vergebens darauf, daß +ihre Boten zurückkehren möchten; aber diese mißlungenen Versuche +schreckten sie nicht ab. Sie gab einer dritten Rübe die +Gestalt einer Elster und sagte: + +</p><p>„Fliege hin, du beredsamer Vogel, von Baum zu Baum, +bis du zum Fürsten Ratibor kommst; dem sage von meiner +traurigen Gefangenschaft und gibt ihm Bescheid, daß er am +<!-- page 015 --> +dritten Tage von heute ab mit Roß und Mann an der Grenze +des Gebirges sei, um mich aufzunehmen, und aus der Gewalt +des Gnomen zu befreien.“ — + +</p><p>Die zweifarbige Elster flatterte darauf von einem Ruheplatz +zum andern, und Emma folgte ihrem Fluge mit den +Augen, so weit sie konnte. + +</p><p>Prinz Ratibor irrte indessen noch immer durch die Wälder, +den Verlust seiner holden Braut beklagend. So saß er einmal +unter einer schattigen Eiche und rief traurig den Namen der +Prinzessin in die Luft. Alsbald hörte er von einer unbekannten +Stimme rufen und erblickte eine Elster, die auf den Zweigen +einer Eiche hin und wieder flog. Und diese begann nun herzusagen, +was Emma sie gelehrt hatte. Als Prinz Ratibor diese +Botschaft hörte, ward er voller Freude, eilte schnell in sein Hoflager +zurück, rüstete eine Anzahl Reisige aus und zog mit ihnen +guten Mutes den Riesenbergen zu. + +</p><p>Emma hatte inzwischen alles zu ihrer Flucht vorbereitet. +Sie erschien eines Tages wieder mit dem größten Schmuck angetan; +alles kostbare Geschmeide, womit der Herr der Riesenberge +sie beschenkt hatte, trug sie an sich und strahlte dadurch +ebenso sehr, als durch den Ausdruck der Freude, der in ihrem +Gesichte lag; denn die Elster war glücklich zurückgekommen und +hatte ihr gemeldet, was sie ausgerichtet hatte. + +</p><p>Als der Gnom die Prinzessin so freundlich und schön geschmückt +sah, glaubte er, sie habe nun endlich ihren Widerwillen +gegen diesen Aufenthalt besiegt und werde nun durch Heiterkeit +und Frohsinn sein einsames Reich beleben. Er trat ihr daher +freundlich entgegen und fragte: „ob sie ihm noch zürne, daß er +sie so lange auf ihren Hofstaat habe warten lassen müssen?“ +Die Prinzessin lächelte zum erstenmale freundlich und verhieß +<!-- page 016 --> +ihm, sie wolle fortan gerne bei ihm bleiben, wenn er ihr zuvor +noch einen kindischen Wunsch erfüllen wolle. Dazu vermaß sich +der Gnom sogleich, und nun trug ihm die Prinzessin schalkhaft +auf, die Rüben des Ackers zu zählen, ohne sich dabei zu irren, +weil sie ihre Zofen und sonstige Gesellschaft daraus wählen +wolle, und schon jetzt genau zu wissen wünsche, wieviel ihr zu +Gebote stehen würden. + +</p><p>Sogleich eilte der Berggeist zum Ackerstücke und fing an, +die Rüben mit großer Sorgfalt zu zählen, als er damit fertig +war, wollte er sich davon überzeugen, ob er sich auch gewiß nicht +geirrt habe, und fing noch einmal von neuem zu zählen an. +Aber da fand er eine ganz andere Summe, als das erstemal, +und mußte das beschwerliche und langweilige Geschäft zum +drittenmal beginnen. + +</p><p>Während er also beschäftigt war, benutzte Emma seine Abwesenheit +sogleich, um ihren Plan ins Werk zu setzen. Sie +nahm eine starke, saftvolle Rübe und verwandelte sie in ein +mutiges Roß mit Sattel und Zeug. Rasch schwang sie sich nun +darauf und sprengte über Heiden und Gestrüpp dahin, bis hinab +in das Tal, wo Prinz Ratibor ihr schon entgegenkam und +die atemlose Flüchtige in seinen Schutz nahm. + +</p><p>Als der Gnom mit seiner mühevollen Arbeit nach wiederholtem +Zählen zustande gekommen war, eilte er, die Prinzessin +aufzusuchen; da er sie aber auf dem Rasenplatz nicht mehr +fand, lief er durch die bedeckten Gänge und Lauben des Gartens. +Endlich rief er im ganzen Palast ihren Namen aus und wurde +zuletzt unruhig darüber, daß ihm nur der Widerhall Antwort +gab. Alsbald schwang er sich in die Luft empor, um sein Gebiet +zu überschauen, und da sah er denn seine schöne Gefangene +noch in der Ferne, wie ihr Roß eben über die Grenze setzte. +<!-- page 017 --> +<span class="leftpic" id="img-017"><img src="images/017.jpg" alt="Illustration 017" /></span> +Wütend ballte der erzürnte +Geist einige Wolken zusammen +und schleuderte einen Blitz +nach den Fliehenden; aber dieser +traf nur eine der hundertjährigen +Grenzeichen und zersplitterte +sie in viele Tausende +von Teilchen. Jenseits der +Grenze hörte aber seine +Macht auf, und die Donnerwolke +zerfloß in sanften Heidenrauch. + +</p><p>Nachdem er in stummer Wut +den Entflohenen noch lange +nachgeschaut hatte, kehrte er +zornig in seinen Palast zurück, +aber nur, um diesen +samt dem köstlichen Lustgarten +zu zertrümmern. Dann +zog er sich an die entferntesten +Grenzen seines Gebietes +zurück, um seinen Menschenhaß +im Mittelpunkte der +Erde zu verbergen. Nach und +nach aber überwand er auch +diesen wieder und lebte +von Zeit zu Zeit unter +den Gebirgsbewohnern, stiftete +mancherlei Gutes oder +neckte die Menschen mit ihren +Schwächen und Gebrechen, so +daß mancher dieselben erkannte und sich besserte, zu seinem und +<!-- page 018 --> +seiner Mitmenschen Wohl. Nie aber hatte der Berggeist wieder +versucht, ein schönes Erdenkind zu entführen, oder etwas zu +versprechen, was er nicht halten konnte. + +</p><p>Fürst Ratibor aber führte die schöne Emma im Triumph +an den Hof ihres Vaters zurück, der ihn nun mit der Hand +der Prinzessin und einer schönen Stadt belohnte, die nach dem +Besitzer „<i>Ratibor</i>“ genannt wurde. Das sonderbare Abenteuer, +das die Prinzessin im Riesengebirge erlebt hatte, und +ihre schlaue Flucht wurden das Märchen des Landes und +pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht weiter fort. Die Bewohner +der umliegenden Gegend, die den Berggeist bei seinem +Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm nun einen +Spottnamen auf und nannten ihn fortan nur <i>Rübenzähler</i> +oder <span class="hidden">Rübezahl.</span> + +<span class="centerpic" id="img-018"><img src="images/018.jpg" alt="Rübezahl" /></span> +<!-- page 019 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Der Kräutersammler.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>or langen Jahren lebten in einem Dörfchen am Riesengebirge +ein paar alte Leute, Bieder, ehemals ein Köhler, und +Else, sein Weib, arm und unbeachtet, in einer kleinen, baufälligen +Hütte. Sie hatten keine Kinder und nur wenig Anverwandte, +denn die Armut hat nur einen Freund, und der ist +im Himmel. Es lebte zwar noch eine Schwester des Köhlers +mit ihrer Tochter, aber sie wohnte im Böhmenlande, war auch +eine Witwe und mußte sich kümmerlich ernähren. + +</p><p>Um diese alten Leute nun kümmerte sich niemand; sie hatten +gar oft früher die helle Sonne, als ein Stück schwarzes +Brot im Hause, und die arme Else näßte ihr Gespinnst oft mit +Kummertränen, seit ihr guter Alter an der Gicht daniederlag +und seine gelähmten Hände auch nicht mehr die Spindel halten +konnten, womit er sonst seinem Weibe das Brot verdienen half. +Da ward freilich die Not erst recht groß, denn Else mußte den +Kranken hegen und pflegen, und konnte nun nicht mehr jeden +Tag, wie sonst, eine Strähne des schönsten Garnes spinnen. +Wenn jetzt der Garnhändler an der Hütte vorbei kam und +an die kleinen Scheiben des Fensterchens pochte, — da schüttelte +Else oft nur traurig den Kopf, denn sie hatte ja kein Garn +zu verkaufen, oder es war so wenig, daß die paar Groschen eben +nur zu Salz und Brot ausreichten. So verging den armen +Leuten die Zeit unter Leiden und Entbehrungen. + +</p><p>Da saß eines Tages der alte Bieder vor der Hütte und +wärmte die kranken Glieder im Strahl der Sonne; Else brachte +<!-- page 020 --> +ihm die Pfeife mit dem Kopf aus Holz heraus, nahm dann +Rocken und Spindel und setzte sich neben den Greis auf den +Holzblock. Auf der Landstraße wirbelten kostbare Reisewagen +den Staub auf und nahmen die Richtung nach dem nahe gelegenen +Warmbrunn, dessen weltberühmtes Bad schon Tausenden +von Kranken Heilung und Hilfe bereitet hat. — „Ach,“ +seufzte die arme Else, „wenn wir doch auch reich wären, wie jene +vornehmen Reisenden; dann könntest du auch das Warmbad +brauchen für deine kranken Glieder und würdest wohl noch +einmal gesund und rüstig.“ — Bieder ließ traurig den Kopf +sinken, und als Else nun ihren Mann so niedergeschlagen sah, +hätte sie ihm gern Mut und Freudigkeit zugesprochen. Sie +erhob daher ihre freilich schon zitternde Stimme und begann +das schöne Lied von <i>Neumark</i>: „Wer nur den lieben Gott +läßt walten etc.“ — „Weißt du auch,“ schob sie zuvor ein, „was +mir der Pfarrer neulich von diesem schönen Liede erzählte? +Georg Neumark habe in Hamburg in so großer Armut gelebt, +daß er seine liebe Violine habe versetzen müssen. Da fand er +unvermutet Gönner, die ihn reichlich unterstützten und ihm auch +eine Anstellung verschafften. Nun konnte er das liebe Instrument +wieder einlösen, und aus Freude darüber machte er das +Lied — Wer nur den lieben Gott läßt walten, — welches er +selbst zuerst unter Tränen des Dankes gesungen hat.“ An +dieser Erzählung richtete sich ihre eigene gebeugte Seele auf, +und ihr Gesicht hatte den Ausdruck froher Ergebung angenommen, +als sie zu der letzten Strophe des Liedes kam: „Denn +welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verläßt er nicht.“ + +</p><p>Da kam auf der Landstraße ein hübsches Mädchen daher, +die trug ein kleines Bündel Kleider unter dem Arme; sie schien +sehr ermüdet zu sein, und die unbeschuhten Füße waren an +<!-- page 021 --> +manchen Stellen wundgerissen von Baumwurzeln und Gestrüpp. +Als sie nun in die Nähe der Hütte kam, stand sie mit +einem: „Grüß euch Gott!“ still, und fragte mit fremdklingender +Aussprache: „Könnt ihr mir wohl sagen, ob hier ein Mann +mit Namen Bieder wohnt?“ + +</p><p>„Das bin ich selbst,“ antwortete der Alte, und in dem +nämlichen Augenblicke lag das fremde Mädchen an seinem +Halse und schluchzte: „Die Mutter grüßt euch nochmals, lieber +Ohm; am Osterfeste ward sie begraben!“ — „Tot?“ fragte +Bieder erschrocken, und faltete die Hände. „Du lieber Gott im +Himmel! — Und du, mein Mädchen, bist wohl Theresens Kind? +So sei uns denn herzlich willkommen!“ + +</p><p>Else trat nun auch herbei, gab dem Mädchen die Hand, +strich ihr dann liebkosend die vollen Zöpfe aus dem braunen +Gesicht und klopfte sie auf die Wange. Da faßte sie der Base +Hand und bat mit ihrer sanften Stimme: „Ach, sei du nun +mein Mütterlein, Base Else! siehe, ich bin ja ohne Schutz und +Schirm wie ein Vöglein des Waldes.“ + +</p><p>„Für dich auch wird der Vater sorgen,“ sprach da die gute +Else, umarmte das verlassene und verwaiste Mädchen und +führte es hinein in die Hütte, daß es sich ausruhe und an ein +wenig Brot und Käse stärke. Am Abend machte die gute Alte +für Susy ein Lager von Heu und Baumblättern zurecht, und +so ärmlich dies war, schlief das Mädchen doch so süß, als läge +es auf dem weichsten Flaum. + +</p><p>Else aber ließ die Sorge nicht schlafen. Sie ging schon +frühe hinaus vor die Hütte, um ungesehen zu beten und zu +weinen, und suchte zugleich junge Erdbeerblätter zum Frühtrank +für sich und den Vater; für Susy hatte sie noch ein +Töpfchen Milch aufgespart. — Von der neuen Tochter hatte +<!-- page 022 --> +Else zwar jetzt Unterstützung und Pflege für ihre alten Tage +zu erwarten, aber es fehlte dem Mädchen doch manches, zu +dessen Anschaffung Else keinen Rat wußte. Wäsche und Kleider +hatte Susy meist den harten Leuten lassen müssen, bei denen die +Mutter gewohnt hatte, und denen sie in der langen Krankheit +vieles schuldig geblieben war. Zwar blühte Susy frisch und +kräftig wie eine Alpenrose, hatte eine silberhelle Stimme und +wußte schöne Lieder zu singen, die sie mit der Zither begleiten +konnte, aber Else hätte lieber für das Mädchen gebettelt, als +das sie zugegeben hätte, daß sie damit ihr Brot zu verdienen +suche. Woher aber das Nötige zu ihrem Unterhalt nehmen? +Das gute Mütterchen sah keinen Ausweg und vergaß, daß +<i>Einer</i> in der Höhe lebt, der ja viel tausend Wiege findet, wo +der Verstand nicht einen sieht. + +</p><p>Da hörte Else plötzlich den Gesang einer Männerstimme +im stillen Walde, und alsbald kam ein Kräutersammler mit +seiner Blechkapsel auf dem Rücken daher. Er schien Else nicht +zu bemerken und sang laut und verständlich für jene: + +</p><div class="poem"> +<p class="line">„Wider alle Wunden</p> +<p class="line">Gibt’s ein kräftig Kraut,</p> +<p class="line">Der hat Heilung funden,</p> +<p class="line">Der dies Kräutlein braut.</p> +<p class="line">In des Glaubens Garten</p> +<p class="line">Ist es nur zu schaun,</p> +<p class="line">Lernt das Kräutlein warten,</p> +<p class="line">Es heißt: Gottvertraun!“ —</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent">Else horchte hoch auf, das Herz pochte ihr fast laut, und +ein Glaube, stark wie Felsengrund, kam hinein. Sie schämte sich +ihres Kleinmutes, trocknete ihre Tränen und erwiderte freundlich +den Gruß des Reisenden, der indes näher gekommen war. +<!-- page 023 --> + +</p><p>„Habt ihr etwas von meiner Ware nötig?“ fragte er Else +und zeigte auf den Kräuterkasten; doch diese schüttelte wehmütig +den Kopf, indem sie antwortete: + +</p><p>„Ach, lieber Freund, das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt +ihr doch wohl nicht in eurem Kasten, denn für den Tod ist kein +Kraut gewachsen; und mein armer Mann wird die Gicht nicht +eher los, biß sie ihm Erde und Rasen aufgelegt haben.“ + +</p><p>Da lächelte der Fremde seltsam und wiederholte singend: +„Wider alle Wunden gibt’s ein kräftig Kraut usw.“ + +</p><p>Else war ganz wunderbar zumute; sie fragte den Kräutersammler +nun wirklich, ob er ein Mittel gegen das böse Übel +ihres Mannes habe und versprach, ihm gern das Zwanzigkreuzerstück +dafür zu geben, was sie seit ihrem Konfirmationstage +am Halse trug. Der Fremde ging nun mit ihr in das Häuschen, +wo Susy schon rüstig aufgeräumt, das Bett des Kranken +aufgemacht und die Fenster geöffnet, um dem Staube freie +Bahn zu geben, den sie jetzt mit flinker Hand ausfegte. Der +Kräutersammler sah ihr wohlgefällig zu. „Ist das Eure Tochter?“ +fragte er Else, die ihm einen Sessel brachte, den sie zuvor +sauber mit der Schürze abgewischt hatte. + +</p><p>„Nein, lieber Herr!“ antwortete diese, „es ist meiner +Schwägerin Kind aus Böhmen, eine Waise, und erst seit gestern +bei uns!“ + +</p><p>Mittlerweile hatten Susy und der Ohm den Eintretenden +verwundert angeschaut; Susy nahm ihm dienstfertig die schwere +Blechkapsel vom Rücken und war so flink und gewandt, das es +eine Freude war, ihr zuzusehen. Der Fremde nahm nun aus +seiner Büchse ein Büschel grünen, starkriechenden Krautes, hieß +Else dies kochen und die lahmen Glieder des Kranken damit +waschen, — wollte aber keine Belohnung dafür annehmen und +<!-- page 024 --> +nur ein Stündchen in der Hütte ausruhen. Susy war nun +wieder rasch bei der Hand, die Kräuter zu kochen und den Umschlag +zu bereiten, und fragte, als sie damit fertig war, was +sie nun schaffen solle? + +</p><p>„Kannst du spinnen, mein Kind?“ fragte die Base; aber +darauf schüttelte das Mädchen den Kopf. „Nun, so will ich es +dich lehren,“ sagte Else, und aufmerksam trat jene hinzu. + +</p><p>Aber der Fremde sprach: „Ich will das Mädchen eine +leichtere Art zu spinnen lehren, als ihr da mit der Spille habt; +sie soll bald schneller als ihr, gutes Mütterchen, die volle Weise +an die Wand hängen können.“ Ungläubig lächelte Else, doch +schon nach wenig Stunden kam der Kräutersammler mit einem +Spinnrädchen zurück, dessen Gebrauch den armen Köhlerleuten +noch ganz unbekannt war, zeigte der aufmerksamen Susy, wie +man den feinen Faden um die eiserne Spille rollen müsse und +machte ihr dann mit der kleinen schnurrenden Maschine ein +Geschenk. Er sagte ihr noch, daß er ihr einen andern Garnhändler +zuschicken wolle, der das Garn besser bezahle, und entzog +sich dann rasch dem Danke der Familie, die ihren unbekannten +Wohltäter im dichten Walde verschwinden sah. + +</p><p>Susy spann vom Morgen bis zum<a id="corr-2"></a> Abend, sang ein böhmisches +Liedchen dazu und drehte das Rädchen so flink, daß Else +und der Ohm ihr mit Verwunderung zuschauten. Das Garn +flog nur so auf die Spule, und niemals riß der Faden der +fleißigen Spinnerin. So ging es einige Zeit; der Kräutersammler +kam nicht wieder, und auch der fremde Garnhändler, +der nun jeden Sonnabend kam, um das Gespinst zu kaufen, +kannte ihn nicht, obgleich er sagte, der Kräutersammler habe +ihn hierher gewiesen. Mit dem Kranken wurde es von Tage +zu Tage besser, bald konnte er die gelähmten Glieder wieder +<!-- page 025 --> +bewegen und erlangte endlich, durch die wunderbaren Heilmittel +des fremden Kräutersammlers, seine völlige Gesundheit wieder. + +</p><p>Nun schnitzte und künstelte er so lange, bis er für Else +ein ähnliches Rädchen zusammengesetzt hatte, die nun mit ihrem +Lieblinge um die Wette spann und jetzt schon jede Woche einige +Groschen zurücklegen konnte; so mehrte sich ihr Verdienst. Vater +Bieder beschäftigte sich damit, Spinnrädchen zu bauen, da ihm +das erste so gut gelungen war, und er konnte gar nicht genug +davon fertig machen, so sehr fragte man danach und bezahlte +diese neue Erfindung so gut, daß schon eine Art Wohlstand in +die arme kleine Hütte einkehrte, durch den Fleiß und die Sparsamkeit +ihrer Bewohner. + +</p><p>Jetzt gab es Mutter Else auch nicht mehr länger zu, daß +ihr liebes Pflegetöchterchen auf dem Heu schlafe, und sie ging +mit der ersparten Barschaft nach der Stadt auf den Jahrmarkt, +um ihr heimlich ein Federbett zu kaufen. Aber die kleine +Summe reichte dazu nicht aus, und betrübt stand die gute Alte, +als ihr plötzlich im dichtesten Menschengedränge der Kräutersammler +begegnete. Sie hielt ihn sogleich fest bei der Hand, +erzählte ihm, daß ihr Mann gesund geworden sei, und dankte +ihm tausendfach für seine Hilfe; eben wollte sie ihm sagen, +wie fleißig ihre liebe Susy sei — da war er spurlos vor ihren +Blicken entschwunden, und sie hielt statt seiner Hand eine kleine +lederne Börse fest, die genau jene Summe enthielt, die ihr zum +Ankaufe des Bettes noch gefehlt hatte. + +</p><p>Wer könnte das Staunen, aber auch die Freude der guten +Else beschreiben! Sie kaufte nun fröhlich ein, und ein junger +Landmann, den sein Weg an Elses Hütte vorüberführte, nahm +diese samt dem Federbett mit auf seinen Wagen nach Hause. +Susy saß eben am offenen Fenster, drehte ihr flinkes Rädchen +<!-- page 026 --> +und sang eins ihrer vaterländischen Liedchen, als der junge +Bauer vor dem Häuschen hielt und verwundert dem hellen +Gesange der emsigen Spinnerin zuhörte. Aber kaum bemerkte +das Mädchen die Ankunft der Base, als sie fröhlich herausgesprungen +kam und sogleich Hand anlegte, das Bett in das +Haus zu tragen. + +</p><p>Peter bot freiwillig seine Hilfe dazu an und konnte sein +Auge von der flinken, blühenden Dirne kaum mehr abwenden. +Seine Pferde mußten lange vor der kleinen Hütte stehen; denn +die dankbare Else nötigte ihn in die Stube hinein, und auf +seine Bitte mußte Susy das Lied noch einmal singen, in dem +sie durch die Ankunft der Base gestört worden war. Als der +junge Bauer endlich zögernd Abschied nahm, dachte er, wie glücklich +er sein würde, wenn einmal solch eine fleißige, muntere +Dirne sein Weib würde. Vater und Mutter waren ihm gestorben, +und sein schönes Bauerngut kam ihm jetzt recht einsam +und öde vor. — Kurz, nach wenig Wochen ging er in seinem +Sonntagsstaat zu dem alten Bieder und warb um Susy. Er +war ein guter, ordentlicher Bursche, den das Mädchen wohl +leiden mochte, darum erhielt er ihre freudige Zustimmung unter +der Bedingung, daß sie ihre liebe Pflegeeltern mit in die neue +Heimat bringen dürfe, um sie nun erst recht zu pflegen und +ihre Liebe dankbar vergelten zu können. + +</p><p>Darin willigte Peter mit Freuden, und die Hochzeit ward +auf das Osterfest festgesetzt. An demselben Tage, wo die arme +Susy vor einem Jahre verwaist und trostlos aus ihrer Heimat +gegangen war, sollte sie in das neue, schöne Besitztum einziehen, +darin ihrer ein sorgenfreies Leben wartete. + +</p><p>Nur <i>ein</i> Gedanke verkümmerte Susys Freude über ihr +Glück; sie war so gar arm und konnte nicht einmal einige +<!-- page 027 --> +Webe Leinwand, wie es wohl unter den Dirnen Sitte ist, in +die neue Wirtschaft mitbringen. So fleißig sie auch gesponnen +hatte, immer hatte sie das Garn verkaufen müssen, um den +Unterhalt davon zu bestreiten und einen neuen Anzug für sich +und die Eltern zu kaufen. Sie war recht traurig darüber +und stützte gedankenvoll den Kopf in die Hand; da pochte es +leise an die Scheiben des Fensterleins, und der fremde Garnhändler +nickte ihr freundlich zu. Als sie aber hinausging, war +der verschwunden, und im Hausflur lagen sechs Ballen der +schönsten Leinwand; „der fleißigen Susy zum Brautschatz“, +stand auf einem Zettel, der darauf lag. + +</p><p>Wer da die überraschte Braut gesehen hätte, wie sie, weinend +vor Freude, bald der Base, bald dem Alten um den Hals +fiel und wie ein Kind jubelte, der hätte die Armut um ihr +schönes Vorrecht beneidet, aus dem kleinsten Glücke eine Fülle +der Freude zu ziehen. — Susy schnitt und nähte nun fleißig; +der Garnhändler aber kam nicht mehr wieder. Man gedachte +seiner wie des Kräutersammlers mit heißem Danke. + +</p><p>So war der Hochzeitstag herangekommen, der ganz still +begangen ward; doch als Susy an der Hand ihres Bräutigams +aus der Kirche kam, in anspruchsloser Schönheit, die blühende +Myrte im kunstvoll geflochtenen Haar, — als alle Zuschauer +Peters Glück priesen, der eine so sittige, gutherzige und fleißige +Hausfrau heim führe, — da stand plötzlich der Kräutersammler +vor dem Brautpare und reichte Susy einen frischen, blühenden +Strauß, indem er sprach: + +</p><p>„Fleiß, Gottvertrauen und <i>Demut</i> sind die beste Aussteuer +eines Weibes, mehr wert als <i>Tausend Gulden</i> — +Dieser Strauß wird nie welken, so lange du diese drei Dinge besitzest, +und du wirst dabei glücklich sein.“ — Nach diesen Worten +<!-- page 028 --> +zerfloß die Gestalt des Kräutersammlers in Luft, und +„<i>Rübezahl</i>“ scholl es durch die ganze Versammlung, denn +der Berggeist und kein anderer war der in wechselnden Gestalten +erschienene Freund gewesen. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Der Musterreiter.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>übezahl saß eines Tages oben auf dem Grubenstein, der +Rübezahls Kanzel genannt wird, und sah hinunter auf die Welt, +und dachte dies und jenes. Da kamen drei Reisende über die +Sturmhaube auf die Schneegruben zu, und Rübezahl merkte +bald aus ihrem Gespräch, daß es Kaufleute waren, so eine Art +von Hausierern, die man heutzutage Musterreiter nennt. + +</p><p>„Worin reiset ihr denn?“ fragte der eine; „in Fischtran,“ +erwiderte der andere; „und ich,“ fuhr der erste fort, +„reise in Wagenschmiere.“ „Ein schöner Artikel,“ versetzte der +andere; „und ihr, mein Herr?“ wandte er sich an den dritten. +„In Limburger Käse,“ war die Antwort. „Ein beliebter +Artikel, — verdrängt den Schweizerkäse, — in Holländischem +wird wenig mehr gemacht,“ riefen beide wie aus einem Munde. + +</p><p>Rübezahl horchte hoch auf und verstand von alledem kein +Wort; daß jemand in Fischtran und Wagenschmiere, ja selbst +in Limburger Käse reisen könne, war ihm völlig unverständlich +und unglaublich. Indessen dachte er, du willst doch weiter +hören. Aber was hörte er? — Die Reisenden, welche sich jetzt +auch auf dem Felsen niedergesetzt hatten, achteten nicht auf den +schlicht aussehenden Mann, ließen ihre Schnappsäcke mit Wein +<!-- page 029 --> +und kaltem Wildbrett hinauftragen und waren fröhlich und +guter Dinge. Je mehr sie tranken, desto offenherziger wurden +sie gegen einander, und Rübezahl erfuhr nun ganz, wes Geistes +Kind sie wären. Daß sie wie die Hausierer bei den Leuten +herumliefen und ihre Waren anböten, ihre verschiedenen Manieren, +mit denen sie ihre Kunden behandelten, alles dies erfuhr +er aus ihrem eigenen Munde, und er staunte über die Dreistigkeit +der Burschen. Einer von ihnen meinte, je unverschämter +man sei, desto mehr setze man durch, und je feiner gebildet die +Leute wären, desto mehr müsse man sie bestürmen, weil sie +dann in der Regel das Mittel ergreifen, lieber etwas zu kaufen, +um sie los zu werden. + +</p><p>Wie sind nur die Leute so blind, dachte Rübezahl, daß sie +sich von der großtuerischen Rolle verblenden lassen, die solche +Burschen spielen. Denn wenn sich diese Musterreiter so üppig +und verschwenderisch benehmen, so liegt es ja auf der Hand, +daß die Käufer zuvor tüchtig gerupft werden müssen, ehe so viel +unnötiger Aufwand bestritten wird. — Rübezahl mochte endlich +ihre prahlerischen Reden nicht länger anhören und verließ +den Felsen. + +</p><p>Nun gingen auch endlich die Reisenden weiter, bergab nach +dem Elbfall zu; aber das schöne Wetter änderte sich plötzlich, +ein dichter Nebel umzog den ganzen Kamm, und die drei Musterreiter +gingen in lauter Wolken, was sie sehr in üble Laune +versetzte, denn dem einen verdarb die Feuchtigkeit den zierlichen +Lockenbau, dem andern wurden die Vatermörder und Manschetten weich, +der dritte machte seine Stiefel von feinem Glanzleder +auf dem schlüpfrigen Wege schmutzig. Aber ihr Unmut +stieg gewaltig, als der Führer nun gar die Richtung verlor +und sie zwischen Sumpf und Fichten, Steinblöcken und Heidekraut, +<!-- page 030 --> +kreuz und quer herumführte. Endlich kam die übel gelaunte +Gesellschaft an einen Fluß, den man wegen des dichten +Nebels nicht übersehen konnte; ein Mann von abenteuerlichem +Ansehen vertrat ihnen hier den Weg, schöpfte mit einem Glase +aus dem Flusse, bot ihnen dasselbe dar und sagte: „Ihr müßt +Bescheid tun, ihr Herren.“ + +<span class="centerpic" id="img-030"><img src="images/030.jpg" alt="Illustration 030" /></span> + +</p><p>Der eine setzte das Glas an den Mund, roch und sagte: +„Das ist ja Fischtran.“ — „Nun ja,“ versetzte der Mann, +„und eben darum müßt ihr Bescheid tun, sonst kommt ihr +nicht von der Stelle.“ + +</p><p>„Das ist euer Artikel,“ sagte der Reisende und reichte das +Glas dem Gefährten. Der aber mochte nicht, schüttelte sich +und sagte, er sei kein Grönländer und auch kein Schuhleder, +so etwas trinke er nicht. + +</p><p>„Nun,“ erwiderte der fremde Mann mit schrecklicher +Stimme, „ihr reiset ja in Fischtran, und wenn ihr nicht trinkt, +so kommt ihr nicht lebendig hier weg, es ist euer letztes.“ — +„Kollege, trinkt!“ schrie der dritte in Verzweiflung, und die +Angst preßte ihm Tränen in die Augen. +<!-- page 031 --> + +</p><p>Der arme Reisende drückte die Augen fest zu, schüttelte +sich ein parmal, dann schluckte er herzhaft — und leer war das +Glas. Jetzt hob sich der Nebel ein wenig, und da auch der +fremde Mann zur Seite trat und zwischen dem Gestein verschwand, +sahen die Reisenden dicht vor sich einen Steg, der sie +sicher über den Bach brachte. Schon glaubten die Musterreiter, +nun außer aller weitern Gefahr zu sein, denn sie hörten das +Rauschen des Elbfalls ganz in der Nähe; aber mit einem Male +senkte sich der Berg zwischen Felsen hinunter in eine grausige +Tiefe, und jenseits starrten wieder senkrechte Wände von Felsen +empor. Sie kamen nun unten an einen Fluß, der ganz langsam +seine schwarzen Wogen heranwälzte, und dabei hing eine Tafel +mit der Inschrift: „Durch!“ + +</p><p>Der eine Reisende stieg zuerst hinunter, tastete, roch und +sagte: „Das ist ja Wagenschmiere, sind wir denn bezaubert +und verhext?“ + +</p><p>„Ei nun, das ist ja euer Artikel, und ihr müßt zuerst hindurch, +oder wir werfen euch in die schwarze Suppe und gehen +über euern Rücken, wie über eine Brücke.“ + +</p><p>Das wollte allerdings dem Reisenden nicht in den Kopf, +aber hier galt Gewalt vor Recht, und da er sah, wie hier nicht +anders los zu kommen sei, schritt er in Verzweiflung hinein in +den abscheulichen Strom, — die andern folgten ihm langsam +nach. Endlich standen sie alle wieder am jenseitigen Ufer und +befanden sich nun in der Nähe desselben sonderbaren Mannes, +der ihnen den Trunk aus dem Fischtranflusse gereicht hatte. +Er stand an den Felsen gelehnt und lachte auf das boshafteste, +indem er sagte: „Nun seid ihr saubern Gesellen doch auch einmal +angeschmiert und mögt jetzt eures Weges ziehen; vielleicht +vergeßt ihr die erhaltene Lehre nicht zu geschwind und hütet +euch, andere in eurer Weise anzuschmieren.“ +<!-- page 032 --> + +</p><p>Damit ging der fremde Mann in den Wald hinein. Der +Weg, auf dem die Reisenden sich jetzt befanden, war nun wieder +breiter und ebener, und der Führer sagte, nun sei er auf bekanntem +Pfade. Wirklich sahen sie auch bald, da sich jetzt der +Nebel hob, die Hütten von Schreiberhau auf sonnigen Matten +vor sich liegen. Dorthin hatten sie ihre Wagen bestellt, und +bald saßen sie, besonders der dritte, ihrer Meinung nach, allem +Ungemach entronnen, in den weichen Kissen und fuhren getrost +nach Warmbrunn hinab. Im Gasthofe zur preußischen Krone +stiegen sie ab, wo eben eine große Gesellschaft unter dem Leinwanddache +saß und Kaffee trank. Die Musterreiter zupften geschwind +Halstuch und Manschetten zurecht, fuhren durch die in +Unordnung gekommenen Haare und gaben sich das möglichst +zierlichste Ansehen, während sie durch die Damenreihe gingen. + +</p><p>Diese wendeten sich jedoch mit allen Zeichen des Ekels von +den Reisenden ab und nahmen ihre Taschentücher oder ihre +Flacons vor die Nase. „Ei der Tausend, wie siehst du denn +aus?“ fragten die beiden Reisenden den dritten, als sie in das +Gastzimmer traten, „und, o pfui — wie duftest du?“ + +</p><p>Wie erschrak der Angeredete, als er, schleunigst seinen Rock, +ausziehend, bemerkte, daß dieser sehr unsauber aussah, denn +statt auf Wagenkissen hatte er in seinem Artikel — in Limburger +Käse gesessen! — + +</p><p>Das war ein arger Spaß, den Rübezahl mit den drei +Musterreitern angezettelt hatte, möchte er nur auf eine gute +Weile geholfen haben. Wenn der Berggeist jetzt noch spukte, +so fänd’ er alle Hände voll zu tun; es reisen gar wunderliche +Leute ins Hochgebirge. +<!-- page 033 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Mecker-Friede</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>n Schmiedeberg lebte einmal ein Bursch, der hieß Mecker-Friede, +war ein wüster Gesell und peinigte alle Leute, darum +mochte ihn auch niemand in Dienst nehmen. Er ging also unter +die Soldaten, und trieb es da eben auch nicht besser; es war +gerade der dreißigjährige Krieg, und er konnte nun recht ungestraft +seine schlimmen<a id="corr-3"></a> Neigungen verfolgen. + +</p><p>Rübezahl hatte oft arme Leute über ihn jammern hören, +denn wo es<a id="corr-4"></a> etwas zu plündern und zu mißhandeln gab, da war +Mecker-Friede gewiß dabei, Aber er kam nicht ins Gebirge, +wohl aber nach einer Schlacht als Invalide in das Spital nach +Schmiedeberg. Es war nun des abgedankten Soldaten größter +Stolz, seine Tapferkeit zu rühmen, und er sagte oft: „Nun +müssen sie mich doch noch im Grabe ehren und dreimal über +meinen Sarg schießen.“ + +</p><p>Der also war jetzt gestorben, und es tat keinem leid; aber +mit militärischen Ehren mußte er doch begraben werden, und die +Landsknechte kamen mit ihren Lanzen und Feuerröhren, um +ihn zu Grabe zu tragen, voran der Trommler mit dem gedämpften +Kalbfell. Im Hausflur des Hospitals aber standen +zwei Särge, denn es war auch zugleich eine alte Spittelfrau +gestorben und sollte auch zur Ruhe gebracht werden. Wie die +Soldaten alle bereit sind, zeigt der Spitalvater auf einen der +Särge und sagt: „Der ist’s!“ + +</p><p>Den nehmen nun die Landsknechte auf ihre Schultern, +der Trommler wirbelt tüchtig, und hinter dem Sarge gehen die +Soldaten mit ihren Gewehren. Auf dem Kirchhofe hält der +<!-- page 034 --> +Pfarrer eine Standrede: wie der Selige nun von seinem irdischen +Posten abgelöst und nun ohne sein Verdienst und Würdigkeit +in den Himmel gekommen sei. Dann schießen die Krieger +dreimal über das Grab, und der Trommler schlägt dazu auf +das Kalbfell, daß eine Gänsehaut alle andächtigen Zuschauer +überläuft; darauf geht jeder nach Hause. + +</p><p>Der Pfarrer begibt sich nun nach dem Spital, um die +alte Anne Rosine zu holen. Da haben sich schon viele Gevatterinnen +und Kaffeeschwestern versammelt und folgen dem Sarge +mit großem Wehklagen. Nach der Einsegnung wird dieser nach +damaliger Sitte noch einmal geöffnet, damit die guten Frauen +ihre liebe Freundin zum letzten Male sehen können; aber plötzlich<a id="corr-5"></a> +wird ein Schrei des Entsetzens gehört, und die ganze Grabbegleitung +läuft wie toll und rasend vom Kirchhof herunter, +denn im Sarge liegt niemand anders, als der alte Mecker-Friede, +der Kriegsknecht, starr und steif im ledernen Koller, +mit der Pickelhaube und dem Schwert an der Seite. + +</p><p>So hatten die Träger den unrechten Sarg erwischt und +über der alten Anne Rosine feierlich geschossen und getrommelt. +— Die Versammlung aber meinte, das sei nicht mit rechten +Dingen zugegangen, Rübezahl habe dem Mecker-Friede noch im +Tode etwas angetan, damit sich die kriegslustige Jugend daran +spiegle und auch als Soldat die Menschlichkeit nicht vergesse. +Das glaubte man auch bald allgemein, gewiß aber wußte es +keiner. + +</p><p>Denn Freund Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet wie +ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, +unbescheiden, stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste +Freund, morgen fremd und kalt; nach der Stimmung, wie ihn +Humor und innerer Drang jeden Augenblick empfinden läßt. +<!-- page 035 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Die Anleihe.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Bauer war mit seinem Weibe und sechs Kindern so +verarmt und durch mancherlei Unglücksfälle herunter gekommen, +daß er oft nicht wußte, wo er Brot für die Seinigen hernehmen +sollte. + +</p><p>Eines Tages sagte er zu seiner Frau: „Du hast ja im +Gebirge reiche Vettern; ich will hin, vielleicht lenkt Gott einem +unter ihnen das Herz, daß er mir hundert Taler auf Zinsen +leiht; mit diesem Gelde könnten wir uns aus unserer großen +Not wieder aufhelfen.“ + +</p><p>„Das gebe Gott!“ sagte diese mit schwacher Hoffnung, +denn sie kannte ihre Vettern, die nach ihr und den ihrigen niemals +gefragt hatten. Am andern Morgen sehr früh machte +sich der Bauer auf den Weg, und schritt rüstig den ganzen Tag +zu, bis er am Abend müde und matt zu den Vettern kam, und +ihnen mit Tränen seine Not klagte, und um ihre Hilfe flehte. +Aber überall wurde er mit harten, bittern Worten abgewiesen, +und mußte viel spitzige Reden hören, von leichtsinnigen Wirten, +und wie der in Not habe, der in der Zeit spare, und was dergleichen +Dinge mehr. + +</p><p>Traurig und niedergeschlagenen Herzens machte er sich auf +den Rückweg, und als er wieder ins Gebirge kam, überfiel ihn +Gram und Angst mit großer Gewalt. Er hatte den Arbeitslohn +von zwei Tagen verloren, und fühlte sich so entkräftet, daß er +wohl auch am dritten Tage nicht würde arbeiten können. Zu +<!-- page 036 --> +Hause aber erwarteten ihn das abgehärmte Weib und die hungrigen +Kinder, und er brachte ihnen nur leere Hände! — kein +Geld, kein Brot, o wie sollte sein Herz den Jammer ertragen! + +</p><p>Der arme Mann sann hin und her, wie er Wohl Hilfe +schaffen könne. Da fielen ihm die Geschichten vom Berggeiste +ein. „Ich will mich an ihn wenden,“ sagte er, „vielleicht daß +meine Bitten Gehör finden.“ Darauf rief er „<i>Rübezahl! +Rübezahl!</i>“ und alsbald stand ein rußiger Köhler mit +einem mächtigen Schürbaum in der Hand vor ihm, der einen +wilden, struppigen Bart und glühende Augen hatte. Der Bauer +zweifelte keinen Augenblick, daß dies der Berggeist sei, und +faßte all seinen Mut zusammen, um sein Anliegen vorzubringen. + +</p><p>„Ich habe euch nicht aus Mutwillen gerufen,“ begann er, +„sondern aus Not und Verzweiflung. Zu euch, lieber Herr vom +Berge, habe ich das Zutrauen, daß ihr mir aus meiner Angst +helfen werdet.“ Und nun erzählte er ihm von seinem Weibe +und seinen Kindern, sowie von den unbarmherzigen Vettern, +und bat nun ganz treuherzig, Rübezahl solle ihm die hundert +Taler leihen, die er in drei Jahren mit Zinsen zurückzahlen +wolle; dann sei ihm aus aller Not geholfen. — + +</p><p>„Wie? treibe ich Wucher?“ fragte der Berggeist zornig, +„gehe zu den Menschen, deinen Brüdern, und borge bei denen, +so viel du bekommen kannst; mich aber lasse in Ruhe, und rufe +mich nicht wieder, wenn dir dein Leben lieb ist.“ + +</p><p>Der Bauer ließ sich aber durch diese harte Rede nicht abschrecken, +und schilderte den Jammer und die Not seiner Familie +auf das rührendste. „Wollt ihr mir nicht helfen,“ setzte +er traurig hinzu, „so erzeigt mir wenigstens die Wohltat, mich +mit eurer Schürstange tot zu schlagen, damit ich nur nicht +länger die Not der Meinigen sehe, der ich nicht abhelfen kann.“ +<!-- page 037 --> + +</p><p>Rübezahl sah den Bauer mit großen Augen an, hob dann +die schwere Stange hoch in die Luft und schien ihn mit einem +gewaltigen Streiche zerschmettern zu wollen. Da er aber dem +Schlage nicht auswich, hielt er inne und hieß den Bauer ihm +folgen. Nun ging es waldeinwärts durch dichtes Gesträuch, +bis sie in ein enges Felsental kamen, an dessen Ende sich eine +finstere Höhle befand, in die kein Strahl des Tageslichts drang. +Nur kleine blaue Flämmchen sprangen jetzt aus dem Boden +auf und beleuchteten schauerlich die schwarzen Steinwände. Die +Höhle enthielt außer einem eisernen Kasten nur eine offene +Braupfanne voll blanker, neugeprägter Taler; „da nimm dir +das Geld, was du brauchst, und wenn du schreiben kannst, magst +du mir einen Schuldschein darüber ausstellen,“ sagte Rübezahl, +und holte aus dem Kasten Papier und Schreibzeug hervor, wobei +er sich um, den Bauer gar nicht zu bekümmern schien, der indessen +mit großer Gewissenhaftigkeit hundert Taler abzählte +und auch nicht einen darüber nahm. Dann schrieb er den +Schuldschein, so gut er vermochte, und Rübezahl schloß diesen +in den eisernen Kasten. + +</p><p>„Geh nun.“ sagte der Berggeist, „und nütze das Geld gut; +merke dir auch den Eingang in dies Felstal und vergiß den +Zahlungstag nicht; ich bin ein gar strenger Schuldherr! Da +hast du auch noch etwas für deine Kinder, was nicht auf dem +Schuldschein steht,“ — und mit diesen Worten tat er einen +tiefen Griff in die Braupfanne; der erfreute Vater konnte das +reiche Geschenk kaum mit beiden Händen fassen. + +</p><p>Dankbar verließ er nun den Berggeist und fand auch +glücklich aus dem engen Felsentale heraus, suchte sich den Eingang +genau zu merken und ging, von der Freude gestärkt und +beflügelt, seiner Heimat rüstig zu. +<!-- page 038 --> + +</p><p>Sein Weib saß traurig am Ofen, als er in die Stube trat; +sie wußte, wie wenig die Armut auf reiche Anverwandte rechnen +dürfe und hatte kaum den Mut, ihren Mann anzusehen, +aus Furcht, die vereitelte Hoffnung auf seinem Gesicht zu lesen. +Wie schlug ihr aber das Herz vor frohem Schreck, als der Bauer +den Quersack öffnete und daraus Fleisch und Wurst, Weißbrot +und Brezeln für die Kinder nahm, was er in der Stadt für sie +gekauft hatte. „Deine Vettern,“ sagte er zu der erstaunten +Frau, „haben mich nicht nur sehr freundlich aufgenommen, +sondern mir auch bereitwillig das Geld geliehen, um was ich sie +gebeten.“ Da staunte das Weib noch mehr und pries in ihrem +Herzen den guten Gott im Himmel, der die Herzen der Menschen +lenkt wie Wasserbäche. + +</p><p>Nun kam ein neues Leben in die gesunkene Hauswirtschaft +des Bauern. Es ward guter Same gekauft, der Acker ordentlich +bestellt und noch zwei Kühe angeschafft; es lag ein sichtliches +Gedeihen auf dem Gelde des Berggeistes, und bald vermehrte +sich das Gut um eine schöne Wiese, ein Weizenfeld um das andere. +Man fand nun weit und breit keinen fleißiger bearbeiteten +Acker, nirgends schöneres und nutzentragenderes Vieh, und +der tätige Wirt konnte schon bares Geld zurücklegen. + +</p><p>So war indes der Zahlungstag herangekommen. Da sagte +eines Tages der Bauer zu Frau und Kindern: „Zieht nur eure +besten Kleider an, der Hans mag die Pferde anspannen, wir +wollen den Vettern das Geld selbst wieder heimbringen, was +sie mir vor drei Jahren geborgt haben.“ Das war keine geringe +Freude für die Kinder, und auch der Mutter war es +lieb, daß sie nun ihren Wohlstand den guten Vettern würde +zeigen können. Als sie nun ins Riesengebirge kamen, ließ der +Bauer an einem schönen Punkte den Wagen halten und stieg +<!-- page 039 --> +mit den Seinen aus, teils um es den Pferden leichter zu machen, +wie er sagte, teils auch um den Kindern einen schattigen Weg +zu zeigen. Es fiel aber allen auf, daß der Vater sich immer sorgfältiger +umschaute, je tiefer sie in den Wald kamen, und die +Frau fragte daher besorgt: „Wir sind wohl vom rechten Wege +abgekommen?“ + +<span class="centerpic" id="img-039"><img src="images/039.jpg" alt="Illustration 039" /></span> + +</p><p>Da erzählte er ihr und den Kindern erst, wie schnöde die +Vettern ihn abgewiesen hatten, dagegen aber der Berggeist sich +seiner erbarmt und ihm geholfen halbe. Anfänglich erschraken +sie, als sie hörten, daß Rübezahl dem Vater das Geld geliehen, +aber da dieser ihnen vorstellte, wie glücklich, der gefürchtete Berggeist +sie alle gemacht habe, verlor sich allmählich jede Bangigkeit. + +</p><p>Darauf ging der Bauer ganz allein weiter, um den Eingang +in das Felsental aufzusuchen; aber obgleich er genau +wußte, daß er an der rechten Stelle war, konnte er ihn doch nicht +mehr finden. Er schüttelte das Geld im Beutel, damit Rübezahl +<!-- page 040 --> +erscheinen möchte und er ihm das geliehene Geld zurückstellen +könne, aber es erschien niemand. Er irrte hin und her, von dem +Gefühle getrieben, Wort halten und seinen Dank aussprechen +zu müssen. Es war, als ob eine unsichtbare Macht ihm die +Augen trübe mache und seine Sinne verwirre, sobald er glaubte, +den rechten Ort gefunden zu haben. Und dabei packte ihn dann +eine Angst, daß der Geist, der ihm so aus der Not geholfen, +auch erzürnt werden könne, wenn er nicht nach seinen Befehlen +handelte. Ganz niedergeschlagen kam er endlich zu seiner Frau +und den Kindern zurück, setzte sich zu ihnen und wartete viele +Stunden lang. Er rief den Berggeist in seiner Ungeduld selbst +mit dem Namen, mit dem er sich selten ungestraft nennen ließ, +und da Rübezahl auch darauf nicht erschien, beschloß er, daß +Geld unter ein Felsstück zu legen, dort werde es der Herr der +Berge schon finden, dachte er. Eben als er diesen Entschluß +ausführen wollte, erhob sich ein heftiger Wirbelwind, Staubwolken +und dürres Laub flog von dem Wege auf, und die Kinder +haschten aus Langerweile nach einem Blatte Papier, was +vom Winde immer an ihren Füßen hin und her gejagt wurde. + +</p><p>Einer der Knaben warf endlich seine Mütze darauf, und +da es ein so schönes weißes Papier war, brachte er es dem +Vater. Wie sehr erstaunte dieser aber, als er seinen eigenen +Schuldschein erkannte, unter welchem mit großen Buchstaben +geschrieben stand: „<i>Zu Dank bezahlt</i>.“ + +</p><p>„Nun weiß doch mein Wohltäter, daß ich ehrlich Wort gehalten +habe und meine Schuld dankbar abstatten wollte,“ rief +der Bauer voll Freude, „und das ist mir weit lieber, als das +geschenkte Geld. Auf den Rübezahl aber soll mir nur einer ein +Wort reden, der hat’s mit mir zu tun; ohne ihn wäre ich vergangen +in Not und Trübsal. Er wird sich wohl seine Leute ansehen +<!-- page 041 --> +und wen er wirklich für gut und strebsam hält, dem hilft +er auch, und hat er jemand einmal einen bösen Schabernack +gespielt, so wird das auch wohl seinen guten Grund jedesmal +gehabt und schon manchen mag er durch Neckereien auf den +rechten Weg geführt haben.“ + +</p><p>Jetzt wollte er den Wagen aufsuchen und wieder heimfahren, +aber die Frau bat so lange, bis er mit ihr zu den geizigen +Vettern fuhr, um diese für ihre Hartherzigkeit recht zu +beschämen. Aber als sie in das Dorf kamen, waren diese nicht +mehr zu finden; der eine war durch einen bösen Fall in jahrelanges +Siechtum verfallen, nach und nach auch in Armut und +Not geraten, der andere aber einer niedrigen Betrügerei wegen +mit Schimpf und Schande von seinem Gehöft vertrieben worden. +Niemand im Dorf sprach gern von ihnen, ihr Andenken +war fast ganz vergessen. + +</p><p>Hochmut und Unbarmherzigkeit kamen bei ihnen vor dem +Fall; unser Bauer aber blieb arbeitsam und einfach, führte +ein stilles, friedliches Leben und half überall seinem Nächsten +gern. Dafür wurde er täglich mehr geliebt und verehrt in der +ganzen Gegend, und sein Wohlstand mehrte sich täglich. Seine +Nachkommen leben noch im Gebirge. +<!-- page 042 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-7">Der Wundertaler.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>n einem Dörflein des Riesengebirges war Kirchweih; ein +Fest, welches die Landleute feiern, wenn sie den Segen der Felder +in die Scheuern gesammelt haben und der Herbst die gelben +Blätter von den Bäumen schüttelt. Da gibt es denn auch in der +ärmsten Hütte einen Fest- und Freudentag; die Arbeit ruht, +das kleine Stübchen ist sauber gescheuert und ausgeputzt, und +die Hausfrau backt derbe, braune Kuchen, wozu die Körner oft +mühevoll während der Ernte auf den Feldern zusammengelesen +sind. Da sitzt der wohlhabende Landmann an dem überreich +besetzten Tische, mit Freunden und Verwandten von nah und +fern, und bespricht bei braungesottenen Karpfen und äpfelgefülltem +Gänsebraten Viehstand und Ackerbau. + +</p><p>In den armen Häuschen der Tagelöhner geht es weniger +hoch her, aber doch steht auf jedem Tische der festliche Birnenkreen +(Backobst und geriebener Meerrettich, als kalter Brei), +nach dem die Kinder sehnsüchtig hinblicken, indessen die Mutter +die Schwarzmehlkuchen aufschneidet und wohl gar der Kaffee +am Herde brodelt. Der Vater sitzt im weißärmligen Hemd und +in der buntgeblümten Manchesterweste vor der Tür, raucht aus +seinem braunen Tonkopfe und breitet sich das blaugedruckte +Schnupftuch über die Knie, um die schwarzlederne Beinbekleidung +zu schonen. Am Abend versammelt sich jung und alt im +<!-- page 043 --> +Wirtshause, tanzt oder zecht in der mit Tabaksrauch erfüllten +Stube und im Hausflur würfeln die Kinder um Pfefferkuchen +und Mehlweißchen. + +</p><p>Ein solches Fest war nun in Quirl, einem anmutigen +Dorfe im Riesengebirge, und die Musikanten bliesen eben durch +das Dorf, da gab die Mutter dem kleinen Friedel ein<a id="corr-6"></a> großes +Stück Kuchen, band ihm das Halstuch zurecht und steckte ihm +ein Pfennigstück in die Tasche. + +</p><p>Friedel wollte zur Musik gehen und dabei einmal würfeln. +An der Straße saß Kunz, des Nachbars Sohn, der hatte +einen ganzen Beutel voll Geld, das ihm die Gäste seines Vaters +geschenkt hatten, und wohlgefällig, ließ er es vor den Ohren +klingen. Das war ihm lieber als die schönste Musik. + +</p><p>„Sieh einmal, Friedel,“ rief er dem kleinen Spielgefährten +zu, „das Geld ist alles mein; ich nehme aber keinen Groschen +davon weg, spare mir noch viel mehr dazu und kaufe mir +ein schönes Bauerngut, wenn ich groß bin.“ + +</p><p>Da zog Friedel sein Geld auch hervor und meinte: „Wenn +ich auch nicht gerade so reich bin, wie du, so will ich mir auch +kein Bauerngut kaufen, sondern einen Pfefferkuchenmann und +davon sollst du ein Stück haben, Kunz.“ + +</p><p>Als die Knaben so mit einander redeten, kam ein Schubkärrner +im Dorfe herunter, ein alter, schwacher Mann, der +hatte einen großen Hund mit Stricken vor das schwer beladene +Fuhrwerk gespannt, und das arme Tier lechzte vor Müdigkeit +und Hunger. Da der Alte ausruhte, streckte sich der Hund in +den Staub des Weges nieder und winselte. + +</p><p>„Was fehlt denn dem armen Tiere?“ fragte Friedel mitleidig +und trat näher zu dem Kärrner, indessen Kunz geschwind +seinen Geldbeutel versteckte. +<!-- page 044 --> + +</p><p>„Er ist hungrig und müde,“ meinte kurz der Alte. + +</p><p>„Ach da laßt mich ihm meinen Kuchen geben,“ bat Friedel, +indem er das schwarze Backwerk in Stücke brach und den Hund +streichelte. Das arme Tier verschluckte hastig den dargebotenen +Kuchen und wedelte mit dem Schwanze. Darüber freute sich +der kleine gute Bursche so sehr, als hätte er selbst den Kuchen +gegessen, obgleich er doch ganz leer ausgegangen war. + +</p><p>„Du tust da dem armen Tiere Gutes,“ sagte der Alte, +„vielleicht bist du auch gegen mich mitleidig, ich bin müde und +durstig und ein Trunk Bier würde mir wohl tun, aber ich habe +keinen Pfennig dazu.“ + +</p><p>„Nun, dazu kann ich Rat schaffen,“ sagte Friedel gutmütig +und zog sein Geldstück aus der Tasche. „Kauft euch ein Glas +Bier dafür, es ist heut Kirmeß im Dorfe.“ Kunz hatte sich indessen +heimlich weggeschlichen. — + +</p><p>Ein freundliches Lächeln zog über das Gesicht des alten +Mannes, dann sah er dem Knaben nach, der eilig die Straße +hinunterlief, und fragte: „Warum verläßt dich denn dein +Spielkamerad so geschwind, und was versteckte er vor mir?“ + +</p><p>„Ach, laßt nur den Kunz laufen, der kann euch doch nichts +geben; seht nur, er braucht selbst noch viel, bis er sich Haus +und Acker kaufen und ein reicher Bauer werden kann.“ + +</p><p>„Und was wolltest du mit deinem Gelde machen?“ fragte +der Alte. + +</p><p>„Ei nun, einen Pfefferkuchenmann kaufen; aber es ist +mir viel lieber, wenn ihr ein Glas Bier dafür trinkt!“ + +</p><p>„Du bist ein guter Junge!“ rief der Fremde lachend; +„komm und zeige mir nun den Weg zum Wirtshause, ich bin +hier fremd.“ Friedel ging neben dem Karren her; da zerrissen +die schlechten Stricke, in welche der Hund gespannt war, und +<!-- page 045 --> +geschwind wie der<a id="corr-7"></a> Wind lief dieser davon, ins Weite. „Lasset +ihn doch,“ bat Friedel den Alten, der dem Hund nachlaufen und +ihn tüchtig durchprügeln wollte, „ich will Hand anlegen durchs +Dorf, und euer Sultan wird schon wiederkommen.“ Dabei +nahm er die Stricke in die Hand und zog so rüstig an dem +schweren Karren, daß es geschwind weiter ging. + +</p><p>Am Wirtshause ward haltgemacht, und indes der Alte +sein Bier trank, kam Kunz herbeigeschlichen und sagte: „Du +bist ein rechter Narr, Friedel, gibst dein Geld dem alten Säufer +und kannst dir nun keinen Pfefferkuchen kaufen.“ + +</p><p>„Dafür habe ich dem alten Mann eine viel größere Freude +gemacht,“ antwortete dieser, „und hätt’ ich mehr Geld, so wollt’ +ich’s ihm gern gönnen, daß er sich eine Güte täte.“ + +</p><p>Kunz ging verdrießlich hinweg, denn hätte Friedel noch +Geld gehabt, um einen Pfefferkuchen zu kaufen, so hätte er ihm +gewiß ein Stückchen davon gegeben; nun ging er lüstern um +den Tisch herum, wo diese feilgeboten wurden, und endlich +siegte die Begierde über den Geiz — er kaufte sich selbst einen +kleinen Pfefferkuchen, an den er zehn Pfennige wendete. Als er +aber hinein beißen wollte, biß er immer in die Luft, und obgleich +der Kuchen immer kleiner wurde, je öfter er versuchte, ein +Stück davon zu genießen, so bekam er doch nie davon etwas in +den Magen. In der Tür der Schenkstube aber stand der alte +Kärrner und wollte sich halb tot lachen über das ängstliche und +doch auch wieder böse Gesicht Kunz’, dem nun ganz unheimlich +zu werden anfing. Er bestand darauf, daß ihm die Verkäuferin +einen andern Pfefferkuchen geben müsse, weil er für sein +Geld eigentlich nichts bekommen hätte, und diese, die den Knaben +für trunken hielt, zog ihn auch anfänglich noch mehr auf; +endlich aber wurde sie ungeduldig und gab ihm einige derbe +Ohrfeigen. +<!-- page 046 --> + +</p><p>Eine Menge Kinder versammelten sich nun während des +Streites um den Pfefferkuchentisch, und alle lachten Kunz aus, +der zornig und beschämt das Wirtshaus verließ. + +</p><p>Friedel wollte ihm nachlaufen und ihm Trost zusprechen, +aber da rief ihn der Alte und bat, er möge ihm doch den Weg +nach Buchwald zeigen, wo er noch vor Abend hinkommen müsse. +Es dunkelte schon, und da auf alles Rufen und Pfeifen des +Kärrners der Hund nicht wieder zurückkam, spannte sich Friedel +wieder vor das Fuhrwerk und zog, was seine Kräfte erlaubten. +Das Gesicht des alten Mannes ward dabei immer freundlicher, +und als sie an das Dorf kamen, dankte er dem Knaben, hieß +ihn umkehren und gab ihm ein großes Silberstück, dessen Wert +Friedel aber nicht kannte, mit den Worten: + +</p><p>„Wenn du dies recht anzuwenden verstehst, wirst du reich +und glücklich dadurch werden.“ Dann schob er seinen Karren +rasch weiter, und als Friedel ihm nachlief, um sich zu bedanken, +war er spurlos verschwunden. + +</p><p>Das war ein drolliger Kauz, dachte Friedel, und ging mit +großen Schritten nach Hause. Es war ihm ziemlich warm geworden +bei der ungewohnten Anstrengung, aber jetzt blies der +Herbstwind scharf, und der kleine Bursche hatte kein Jäckchen +an, so daß er froh war, als er über den Steg ging, an dessen +Ende das Häuschen seiner Eltern stand. Aber da saß ja Kunz +noch immer ganz traurig und mit verweinten Augen; Friedel +war ganz mitleidig, gab ihm die Hand und sagte: „So sei +doch nicht gar so betrübt um den dummen Pfefferkuchen und +der paar Püffe willen, die du bekommen hast.“ + +</p><p>„Ja,“ murrte Kunz, „du bist auch schuld daran, denn kein +anderer als der tückische Alte hat mir den Possen mit dem +<!-- page 047 --> +Pfefferkuchen gespielt. Warum mußt du auch allem Bettelvolk +nachlaufen!“ + +</p><p>„Glaub doch nicht solch närrisches Zeug, Kunz,“ sagte +Friedel, „der alte Mann war gewiß nicht boshaft; sieh einmal, +was er mir da für ein blankes Spielzeug geschenkt hat.“ + +</p><p>Kunz war sogleich aufmerksam, denn der Neid und die +Habsucht regten sich in ihm. Er erkannte sogleich, das es ein +Taler war, was Friedel für ein Spielzeug hielt, und dachte +Vorteil von seiner Unwissenheit zu ziehen. + +</p><p>„Das könntest du mir schenken, wenn du ein guter Junge +wärst, wie die Leute immer sagen,“ schmeichelte er; „ich will +dir auch etwas von meinem Gelde dafür geben.“ + +</p><p>„Behalte doch dein Geld, ich will dir das Ding ja lassen; +nun mußt du aber auch nicht mehr traurig sein, sondern wieder +ein fröhliches Gesicht machen.“ Das ward dem Kunz jetzt gar +nicht schwer, und so spielten die beiden Knaben noch ein Weilchen, +dann gingen sie nach Hause. Friedel dachte gar nicht mehr +an den alten Mann, am wenigsten aber erzählte er den kleinen +Vorfall seinen Eltern, denn er wußte es aus der Kinderlehre, +daß man damit nicht prahlen dürfe, wenn man seinen Nebenmenschen +Gutes getan oder ihnen Hilfe geleistet habe. + +</p><p>Es ging aber seit jener Zeit das Gerücht im Dorfe, daß +der Vater Kunz’ einen Schatz gefunden haben müsse, denn sein +Reichtum vermehrte sich alle Tage. Er kaufte die Scholtisei +und ward nun der Schulze des Dorfes; aber in gleicher Weise, +wie sein unermeßlicher Reichtums, nahm auch sein Geiz zu. +Kunz durfte mit Friedel nun nicht mehr spielen, dessen Vater +ja nur ein armer Tagelöhner war; darüber verging die Zeit. +Viele Jahre waren vorüber, Friedel war ein fleißiger Mann +geworden, bewohnte nur das kleine Häuschen seines Vaters, der +<!-- page 048 --> +tot war, und ernährte durch den Ertrag des kleinen dazu gehörigen +Ackers seine alte Mutter. Kunz war nun auch an Stelle +seines Vaters Schulze geworden und hatte das schönste Gehöft, +den reichsten Viehstand im ganzen Dorfe. Aber er hatte keine +Freude daran; die aufsteigende Gewitterwolke ängstete ihn, +denn sie konnte ja seine Felder verheeren; in der Nacht floh der +Schlaf sein Auge, denn Räuber konnten einbrechen und seine +zusammengehäuften Schätze fortschleppen. Darüber ward er +krank und schlich wie ein Schatten umher; das Gesinde haßte +und fürchtete ihn, und er wiederum traute niemand; daher +hielten ehrliche Leute in seinem Dienst nicht aus, und er hatte +allerlei Ärger, der ihm das Leben verbitterte. + +</p><p>So kam er zu keiner Lebensfreude und beneidete den lustigen +Friedel oft, wenn der hinter dem Pfluge hinaus aufs Feld +zog und dabei pfiff oder sang, der gesund und rüstig war, und +dem jedermann treuherzig die Hand schüttelte, wenn er durchs +Dorf ging. + +</p><p>Da ward der junge Bauer einmal tief in der Nacht zum +Schulzen gerufen, der seit einigen Tagen gefährlich krank war. +In der spärlich erhellten Kammer fand er den armen, reichen +Mann bleich und elend, dem Tode nahe. Er streckte Friedel +die abgemagerte Hand entgegen und sagte matt: „Ich fühle, +daß ich sterben muß und habe dich rufen lassen, weil ich großes +Unrecht gegen dich auf dem Herzen habe. Erinnerst du dich +noch des Geldstückes, was dir, wie wir beide noch Kinder waren, +ein alter Mann geschenkt hatte? Ich betrog dich darum, denn +es war ein Taler, und du hieltest ihn, für ein Spielzeug, und +ich lief freudig damit zu meinem Vater, dem ich erzählte, ich +hätte ihn gefunden. Am andern Tage betrachtete ich mir wieder +das Geldstück und erschrak freudig, als ein zweiter Taler +<!-- page 049 --> +dabei lag, und so oft ich nachsah, war immer wieder ein neuer +dazu gekommen. Das ist ein Wundertaler, sagte mein Vater, +und verbot mir, ein Wort davon zu reden. Von der Stunde +an vermehrte sich unser Reichtum, denn wir hüteten uns wohl, +den Wundertaler auszugeben, aber der Geizige hat keinen Genuß +davon, wenn er auch Berge Goldes um sich anhäufen +könnte. — Auch ich habe von dem unrecht erworbenen Reichtume +keine Freude gehabt; ich ward ein harter, böser Mensch, +den niemand liebte; das Geschenk jenes Alten, der, wie ich +längst merkte, Rübezahl war, ist mir zum Fluch geworden, denn +mit mir ist es nun vorbei. Es ist mir mit meinen erworbenen +Schätzen gegangen, wie damals mit dem Pfefferkuchen, ich habe +nichts davon wirklich genossen, so gierig ich auch danach war. +Nun ist alles dein, dem es von Anfang an bestimmt war, du +wirst einen besseren Gebrauch davon machen und Gutes tun, wo +ich nur Übles getan habe. Ich bin verarmt an inneren Schätzen, +inmitten des ungerechten Mammons, und darbe nun an jeder +Hoffnung.“ — Ein heftiger Husten unterbrach seine Worte; +er reichte mit zitternder Hand Friedel den Schlüssel zu dem +Gewölbe, worin er seinen Reichtum aufgehäuft hatte und verlangte +den Zuspruch des Pfarrers. Dann erklärte er Friedel +gerichtlich zu seinem Erben und starb in dessen Armen, beweint +von dem Redlichen. + +</p><p>Friedel warf den unheilvollen Wundertaler in den tiefen +Waldstrom, er hatte eine Scheu, denselben, der bei Kunz so +viel Unheil angestiftet hatte, zu behalten; war es ihm doch auch +ohne den Wundertaler gut ergangen und stand sein Sinn nicht +am meisten nach Geld und Gut. Er verwendete einen Teil des +geerbten Geldes zu milden Stiftungen, bezog aber nun mit +seiner Mutter das große, schöne Gut. Aber auch dort betrachtete +<!-- page 050 --> +er sich nur als Verwalter der Besitzung, war gut und mildtätig +und die Zuflucht aller Bedrängten und Notleidenden. +Keiner ging ungetröstet von seiner Schwelle, und so verwandelte +sich der Unsegen in Segen, die Felder trugen reiche Frucht, +seine Arbeiten gelangen, und bald, geliebt von allen, ward +Friedel nun der neue Schulze des Dorfes. + +<span class="centerpic" id="img-050"><img src="images/050.jpg" alt="Illustration 050" /></span> + +</p><p>So hatte er denn reichlich Gelegenheit, das Gute zu fördern, +und oft, wenn er nach einem redlichen Tagewerke abends +unter dem Tore seiner schönen Besitzung saß, war es ihm, als +sähe er die Gestalt des alten Kärrners an sich vorübergleiten +und ihm freundlich zuwinken. +<!-- page 051 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-8">Der Goldmacher.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>n Warmbrunn, einem berühmten Badeorte, dessen warme +Quellen von Hirschen entdeckt worden sind, wohnte ein Mann, +der sehr arm und dürftig war, mit keinem Menschen umging +und sich nur mit chemischen Versuchen und Grübeleien beschäftigte. +Er hoffte, erzählte man, das Geheimnis der Goldmacherkunst +zu ergründen und große Schätze dadurch zu erwerben. Bei +solcher Beschäftigung hatte er aber sein früheres Handwerk vernachlässigt, +Hab und Gut an seine chemischen Versuche gesetzt +und war nun so arm geworden, daß er manchen lieben Tag +hungrig schlafen ging. + +</p><p>Dieser nun durchstreifte sehr oft das wilde Gebirge hinter +dem Kynast, und noch in der späten Nacht umschlich er die sagenreiche +Burg, oder verlor sich in den angrenzenden Wald. Dort +begegnete ihm zuweilen ein Mann, zu dem er Vertrauen gefaßt +hatte, und dem er oft erzählte, wie ihn das wilde Gebirge anziehe, +und er gewiß glaube, daß in diesen öden Schluchten ein +Lebensgeheimnis und große Schätze für ihn liegen müßten. + +</p><p>Einst, als er recht trübselig unter den düsteren Tannen +des Gebirges wandelte, sah er ein helles Flämmchen in der +Ferne, dem er sorgsam nachging, und entdeckte nun eine Gittertür, +die eine erleuchtete Höhle verschloß, in der man große +Schätze von Gold und Edelsteinen erblickte. Begierig hafteten +<!-- page 052 --> +die Augen des armen Mannes auf der Fülle des glänzenden +Goldes, das ihn zauberhaft anzog. Da stand plötzlich jener +fremde Mann neben ihm, mit dem er schon oft im Walde zusammengetroffen +war, und sagte: „Alle diese Schätze sollen dein +eigen werden, merk dir nur die Stelle genau, wo die Höhle +steht. In drei Tagen wirst du die Höhle offen finden.“ + +</p><p>Die Bäume waren an dieser Stelle weniger dicht und gaben +die Aussicht in das breite Tal frei. Von der Ruine des Kynasts +links sah man den Turm von Hermsdorf, unten im Tale lag +das freundliche Warmbrunn und im Hintergrunde Hirschberg. +Der Fremde machte ihn genau aufmerksam auf die Stellung +dieser Punkte zu einander und sagtet „Präge dir es wohl ein, +daß du genau dieselbe Stelle wiederfindest, denn nur so kannst +du die Höhle finden und dein Glück dadurch machen.“ + +</p><p>Mit welcher Aufmerksamkeit sah der bestürzte Chemiker +nach den angedeuteten Punkten und ging dann voller Entzücken +hinweg, kam aber noch einmal zurück, um gewisser den Standpunkt +wiederfinden zu können. „Da hast du eine Schaumünze,“ +sprach der Fremde, „damit du morgen nicht alles für einen +bloßen Traum hältst,“ und gab ihm eine goldene Münze mit +rätselhafter Inschrift. Dann verschwand er. Als aber der arme +Mann sich umsah, war die Höhle auch verschwunden, und er +würde alles für ein Spiel seiner erregten Einbildungskraft gehalten +haben, hätte er nicht die Münze in der Hand gehalten. + +</p><p>Während er entzückt nach Hause ging, gab er auf jeden +seiner Schritte acht, wälzte mühsam große Steine an den Weg +und bezeichnete sich mehrere Bäume, um nur ja die rechte Stelle +wiederfinden zu können. Am dritten Tage eilte er denselben +Pfad zurück, erkannte auch an allen den Zeichen den rechten +Fußweg und versuchte nun, unter der Ruine stehend, die drei +<!-- page 053 --> +Türme von Hermsdorf, Warmbrunn und Hirschberg zu finden. +Aber wenn er den einen erblickte, hatte sich ein Fels oder ein +Baum vor den andern geschoben, und vergeblich änderte er +wieder und wieder seinen Standpunkt. Unruhig stieg er bald +hinauf, bald hinunter, stellte sich bald rechts, bald links, bald +tiefer in den Wald hinein, bald weiter ins Freie, er fand die +drei Türme auf einmal nicht mehr. Der Angstschweiß rann +über seine Stirn, das Herz klopfte ihm angstvoll, seine Augen +starrten weit geöffnet in die Gegend hinein; vergebens! Endlich +rief er laut: „Da! — so! — nun habe ich es!“ und sein +Gesicht erheiterte sich, seine Knie brachen vor Freude zusammen; +aber die Täuschung dauerte nur einen Augenblick, denn +als er genauer hinsah, war alles anders. So von der furchtbarsten +Pein gefoltert und bis zur Verzweiflung gequält, lief +er den ganzen Tag, ja die ganze Nacht umher, — kehrte nicht +mehr in seine Wohnung zurück und irrte in Wahnsinn versunken +länger als ein Jahr zwischen den Felsen und Bergschluchten +hin, wo nur Wurzeln und Waldbeeren ihn spärlich nährten, +bis man ihn endlich tot in dem Walde fand, die goldene Münze +zwischen den erstarrten Fingern. + +</p><p>Auch ihm waren seine Leidenschaften zum Verderben geworden; +hätte er nicht diese Goldgier gehabt und darüber sein +Handwerk vernachlässigt, er würde nie mit so fruchtlosen Versuchen +seine Zeit hingebracht haben und schließlich, vom Schimmer +des Goldes geblendet, elend untergegangen sein. +<!-- page 054 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-9">Rübezahl straft einen Spötter.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">N</span>achdem Rübezahl wiederum einmal Jahrhunderte lang die +Unterwelt nicht verlassen hatte, ihm aber endlich doch die Einsamkeit +und Langeweile zu drückend wurde, und als er eben +deshalb in der übelsten Laune war, machte ein Erdgeist, der +bei ihm in besonderer Gnade stand, den Vorschlag, doch eine +Lustpartie ins Riesengebirge zu unternehmen. + +</p><p>Rübezahl runzelte zwar anfänglich die Stirn gewaltig über +diesen Einfall, aber nach einigem Zögern willigte er endlich +doch ein; in einer Minute Zeit war auch schon die weite Reise +zurückgelegt, obgleich es damals noch keine Eisenbahnen gab. +Der Berggeist konnte sich nämlich durch eine bloße Kraft seines +Willens an jeden beliebigen Ort versetzen, und so war er denn +auch jetzt schnell wie ein Gedanke mitten auf dem großen Rasenplatze, +den man noch heut „Rübezahls Lustgarten“ nennt. Kaum +aber schaute er von dort in das Tal hinab, wo sich jetzt Türme, +Klöster, Städte und Flecken ausbreiteten, so erwachte sein alter +Haß gegen die Menschen aufs neue und er rief bitter lachend +aus: + +</p><p>„Unseliges Erdengewürm, das mich durch Falschheit und +Tücke gehöhnt hat, nun sollst du mir deine Schuld büßen, und +ich will dich hetzen und plagen, daß du mit Furcht und Schrecken +an den Geist des Gebirges denken sollst.“ + +</p><p>Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so hörte er in +der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten +<!-- page 055 --> +durch das Gebirge, und der mutigste von ihnen rief in fröhlicher +Laune: „Rübezahl! Rübezahl! komm herab, du Mädchendieb!“ +— + +</p><p>Der Gnom wurde wütend über diesen Spott und fuhr +gleich dem Sturmwind durch den düstern Fichtenwald, um den +armen Schelm, der sich über ihn lustig gemacht hatte, sogleich zu +erwürgen. Aber es fiel ihm ein, daß ein so grausames Exempel +seiner Rache alle Wanderer aus dem Gebirge verscheuchen +würde, und er alsdann keine Gelegenheit hätte, sein Spiel mit +den Menschen zu treiben. Darum ließ er den Frevler einstweilen +ruhig seine Straße ziehen, nahm sich aber vor, ihn<a id="corr-8"></a> den +verübten Mutwillen schon noch entgelten zu lassen. + +<span class="centerpic" id="img-055"><img src="images/055.jpg" alt="Illustration 055" /></span> + +</p><p>Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich dieser von seinen +beiden Reisegefährten und langte ohne besonderes Abenteuer +in Hirschberg, seiner Vaterstadt, an. Rübezahl war ihm +unsichtbar bis zur Herberge gefolgt, um ihn einen Possen spielen +<!-- page 056 --> +zu können; nun verließ er den Burschen, um ihn bei gelegener +Zeit wieder aufzusuchen. Jetzt ging er ins Gebirge +zurück und sann auf ein Mittel, sich an dem Spötter zu rächen. +Da begegnete ihm von ungefähr ein Jude auf der Landstraße, +der nach Hirschberg wollte und sehr reich war; diesen ersah +Rübezahl sogleich zum Werkzeug seiner Rache. Er nahm alsbald +die Gestalt jenes lustigen Gesellen an, der ihn mit dem Spottnamen +gerufen hatte, und indem er ein Stück Weges neben dem +Juden hinwanderte, sich freundlich mit ihm unterhaltend, +führte er ihn unbemerkt von der Straße ab in ein Gehölz, wo +er ihn überfiel und zu Boden warf und ihn des Beutels, darin +der Israelit viel Gold und Geschmeide trug, beraubte. Nachdem +er ihn tüchtig zerschlagen hatte, ließ er den armen geplünderten +Mann halbtot im Gebüsch liegen und verschwand. + +</p><p>Als sich der Jude nach einigen Stunden von Schreck und +Mißhandlungen erholt hatte, rief er laut um Hilfe, damit er +von den Stricken befreit würde, womit ihm Hände und Füße +gebunden waren. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, +ein ansehnlicher Bürger, wie es schien, und als er den Juden +gebunden sah, befreite er ihn von den Stricken und leistete ihm +jede mögliche Hilfe. Er labte ihn mit Wein und geleitete ihn +dann bis Hirschberg an die Tür derselben Herberge, wo der +Geselle hineingegangen war; diese pries der Fremde dem geplünderten +Juden als die billigste, gab ihm noch einen Zehrpfennig +und verließ ihn dann. + +</p><p>Wie erstaunte der Israelit, als er in der Stube des Wirtshauses +seinen Räuber ganz wohlgemut am Tische sitzen und +einen Schoppen Landwein trinken sah. Er wußte nicht, ob er +seinen Augen trauen sollte, denn der Bursche war so froh und +vergnügt, als hätte er das beste Gewissen der Welt. +<!-- page 057 --> + +</p><p>Ganz still setzte sich der Beraubte in einen Winkel und +sann, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen könne. Da +er sich indes immer mehr und mehr überzeugte, daß er sich in +der Person seines Räubers nicht irre, ging er heimlich zum +Richter und teilte ihm den Vorfall mit. Alsbald wurden +Häscher mit Spießen und Stangen zur Herberge geschickt, die +das Haus umzingelten und den Verbrecher vor die Ratsversammlung +führten. „Wer bist du?“ fragte der oberste Richter, +„und von wannen kommst du?“ + +</p><p>Darauf antwortete der Bursche ganz freimütig und unerschrocken: +„Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks +und heiße Benedix.“ + +</p><p>„Hast du nicht diesen Juden auf der Landstraße mörderisch +überfallen und seines Geldes beraubt?“ + +</p><p>„Ich habe diesen Mann nie zuvor mit Augen gesehen und +ihn weder geschlagen, noch des Geldes beraubt; ich bin ein ehrlicher +Handwerker und kein Straßenräuber.“ + +</p><p>„Zeig einmal deine Kundschaft!“ (Das ist der Gesellenbrief +eines Handwerkers.) + +</p><p>Benedix öffnete getrost das Wanderbündel, worin er seine +Papiere verwahrt hatte. Doch wie er darin umhersuchte, klang +es wie Gold. Alsbald griffen die Häscher danach und zogen +den schweren Säckel heraus, den der erfreute Jude auch sogleich +als sein Eigentum erkannte. Da stand Benedix wie vom Blitz +zerschmettert, seine Knie zitterten und er ward bleich wie Kalk; +kein Wort vermochte er zu seiner Rechtfertigung zu sagen. + +</p><p>„Bösewicht!“ sagte der Richter zornig, „willst du auch jetzt +noch deine Schuld leugnen?“ + +</p><p>„Erbarmen, gestrenger Herr!“ flehte der arme Gesell und +fiel auf seine Knie. „Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, +daß ich unschuldig bin und von dem Raube nichts weiß.“ +<!-- page 058 --> + +</p><p>„Du bist überführt!“ antwortete jener. „Der gefundene +Beutel spricht am deutlichsten für dein Verbrechen; bekenne +nur freiwillig, ehe dich die Folter dazu zwingt.“ — Der geängstigte +Benedix konnte aber nichts tun, als seine Unschuld +wiederholt zu versichern; da aber Anstalten zur Tortur gemacht +wurden und der arme Schneidergesell die Marterwerkzeuge erblickte, +gestand er alles ein, obgleich sein Herz nichts davon +wußte. Der Prozeß wurde nun kurz gemacht und Benedix +zum Strange verurteilt. + +</p><p>Das Volk, das in der Gerichtsstube versammelt war, pries +laut die Weisheit und die Gerechtigkeit der Richter; am meisten +aber tat dies jener Bürgersmann, der den Juden befreit hatte +und sich nun auch in der Versammlung befand. Das war aber, +wie ihr wohl schon erraten haben werdet, kein anderer als +Rübezahl, der das Gold des Juden heimlich in das Felleisen +des Handwerksburschen versteckt hatte, um sich wegen des Spottnamens +an ihm zu rächen. + +</p><p>Indes ward ein Geistlicher zu dem armen Sünder geführt, +um ihn zum Tode vorzubereiten, da dieser aber den Benedix +sehr unwissend fand, hielt er es für notwendig, daß die Hinrichtung +verschoben werde, damit er den Unwissenden zuvor +mehr im Christentum unterweisen könne, und der Rat gewährte +dazu einen Aufschub von drei Tagen. Als Rübezahl dies hörte, +flog er mürrisch ins Gebirge zurück, um dort die Zeit abzuwarten. + +</p><p>In dieser Zwischenzeit durchstrich er die Gegend und fand +dabei ein junges Weib, die traurig an einem Baume lag und +weinte. Ihre Kleidung war dürftig, aber sehr gut und sauber +gehalten, und ihre Hände schienen an harte Arbeit gewöhnt. +Sie trocknete sich zuweilen die Augen damit und seufzte so +schwer, daß selbst Rübezahl davon bewegt wurde. +<!-- page 059 --> + +</p><p>Er nahm daher wieder die Gestalt eines stattlichen Bürgers +an, trat näher zu dem jungen Weibe und fragte, warum +sie denn gar so traurig sei? „Ach,“ jammerte diese, „ich bin +eine Unglückliche und habe das Verderben eines sonst so guten +Menschen auf der Seele!“ + +</p><p>Der Gnom staunte. „Wie?“ fragte er, „dein Gesicht sieht +doch so ehrlich und gut aus, und du solltest voll Bosheit sein? +Aber freilich, die Menschen sind ja alle schlecht und böse.“ + +<span class="centerpic" id="img-059"><img src="images/059.jpg" alt="Illustration 059" /></span> + +</p><p>„Ach, mein Herr, da habt ihr unrecht; der Benedix ist nun +schon eine treue, redliche Haut und ist kein Falsch in seinem +Herzen. Ich nur habe ihn ins Verderben gelockt und seinen Tod +verschuldet, den er nun durch Henkershand sterben soll. Er ist +nämlich mein Mann, — der Benedix, — und wir sind kaum +ein Jahr verheiratet miteinander; mit dem Gewerbe ging es +aber von Anfang an schlecht, wir hatten viel Not und Kummer, +und ich war manchmal unzufrieden und traurig, wenn ich die +Nachbarinnen Sonntags in schönen Kleidern zur Kirche gehen +sah, indes ich mit der Nähnadel in der Hand meinem Manne +<!-- page 060 --> +altes Flickwerk zusammensetzen helfen mußte. Da wurmte ihn +endlich mein unzufriedenes Wesen, so wohlgemut er auch sonst +bei aller Trübsal gewesen war; er schnürte eines Tages sein +Bündel und sagte: „Ich will ins Riesengebirge gehen, wo ich +einige Verwandte habe; die helfen mir wohl mit ein paar Talern +auf, womit ich ein Fleckchen Acker kaufen kann. Damit +haben wir doch eigenes Brot, und es wirft doch auch einmal eine +neue Jacke oder Mütze für dich ab.“ Der gute Benedix! — +Damit wanderte er getrost nach Hirschberg; aber meine sündliche +Unzufriedenheit hat ihn verleitet, sich an fremdem Eigentum +zu vergreifen, und nun muß er den bittern Tod erleiden +für meine Schuld. Das überlebe ich nicht und will nur noch +einmal gehen, um Abschied von meinem Manne zu nehmen; +die Müdigkeit und der Schmerz haben mich aber schon auf der +Hälfte des Weges aller Kräfte beraubt.“ + +</p><p>Rübezahl war von dem großen Schmerz des jungen Weibes +gerührt und vergaß um ihretwillen der Rache, die er ihrem +Mann geschworen hatte. „Sei getrost,“ sagte er zu der Weinenden, +„du sollst deinen Benedix wiederhaben, ehe die Sonne +untergeht. Wisse auch zu deinem Trost, daß er den Raub nicht +begangen hat und unschuldig ist; merke dir aber die Lehre, +künftig mit deinem bescheidenen Lose zufriedener zu sein, da +du nun weißt, daß der redliche Arme glücklicher und beneidenswerter +ist als der schuldbewußte Reiche.“ + +</p><p>„Ach Herr!“ rief die Frau, und sank vor ihm auf die Knie, +„das wollte euch Gott vergelten, wie ihr mich getröstet habt. +Gewiß, ihr seid ein guter Engel, den mir Gott schickt, obgleich +ich so vieler Gnade unwert bin; denn ich habe ja um irdischer +Güter und Herrlichkeit willen mein Seelenheil selbst in Gefahr +gegeben.“ +<!-- page 061 --> + +</p><p>„Lasse das gut sein,“ sagte Rübezahl; „ich bin kein Engel, +sondern ein Bürgersmann aus Hirschberg, der viele Freunde +unter den Ratsherren der Stadt hat; die sollen mir deinen +Mann schon freigeben. Kehre du nur in Frieden heim und sei +guten Mutes.“ + +</p><p>Da machte sich die Frau voll heißen Dankes auf den Weg, +und ihre Seele war voller Freude. Rübezahl aber begab sich +nun in der Gestalt des Geistlichen, der den armen Sünder zum +Tode vorbereiten sollte, zu Benedix in den Kerker. Wie fand +er den lustigen Schneider da so überaus niedergeschlagen! Eine +lange Zeit redete er über ernste Dinge mit dem Gefangenen, +dann sagte er: „Ich überzeuge mich immer mehr, daß du unschuldig +bist, mein Sohn, weiß dir aber nicht zu helfen, denn +deine Sache steht gar schlimm und die Gerechtigkeit verlangt +ein Opfer. Freilich gäbe es noch ein Mittel, dich zu retten, und +ich will nicht anstehen, es anzuwenden. Du sollst nämlich die +Kleider mit mir wechseln und das Gefängnis verlassen; mein +weiter Talar wird den Gefängniswärter schon also täuschen, +daß er dir willig das Tor öffnet. Hier hast du auch noch ein +Brot auf den Weg, kehre nun heim zu deinem Weibe, so schnell +dich deine Füße tragen.“ + +</p><p>„Aber ehrwürdiger Herr,“ sagte Benedix bedenklich, „ihr +könntet dadurch wohl in große Gefahr und Verantwortung +kommen, wenn ihr mir also zur Flucht verholfen hättet. Am +Ende töteten sie euch statt meiner, und ehe solches Unrecht an +einem so frommen Manne geschieht, will ich lieber sterben. +Wenngleich ich an dem Diebstahl unschuldig bin, so habe ich +doch wohl durch manche andere Sünde Strafe verdient und will +sie lieber ertragen, als mir mein Gewissen durch euren Tod +schwer machen.“ +<!-- page 062 --> + +</p><p>Rübezahl wunderte sich über die Sinnesart des ehrlichen +Benedix und freute sich, daß er sein Unrecht an ihm noch gutmachen +konnte. Daher sprach er zu ihm: „Sei ohne Sorge deshalb, +mein Sohn, mein Stand wird mich vor einer solchen +Strafe schützen; auch habe ich viele Anhänger und mächtige +Freunde in der Stadt, die mir kein Leid widerfahren lassen +werden.“ Da ward der arme Benedix erfreut, daß er mit heiler +Haut der Gefahr entkommen sollte, machte sich geschwind auf +und verließ mit tausend Danksagungen gegen den ehrwürdigen +Geistlichen seinen Kerker. Aber die ihm angeborene Zaghaftigkeit +konnte er doch nicht verleugnen, denn als er an dem Schließer +vorbeiging, klappten ihm die Zähne und seine Knie schlotterten +aus Furcht, daß dieser ihn erkennen möchte. Endlich +kam er, glücklich aus der Stadt und war, ehe die Sonne unterging, +wieder daheim bei seinem Weibe. + +</p><p>Welch eine Freude hatte diese, ihren treuen Benedix gesund +und frisch wiederzusehen. Erst dankten sie beide Gott für die +wunderbare Rettung, dann aber sehnte sich Benedix nach einer +tüchtigen Mahlzeit, denn die Todesfurcht hatte ihm allen Appetit +verdorben, und nach dem weiten Wege und der glücklich überstandenen +Gefahr machte der Hunger sein Recht geltend. Die +Frau holte nun geschwind herbei, was nur die arme Küche vermochte, +und Benedix schnitt das Brot dazu auf, welches der +fromme Pater ihm mit auf den Weg gegeben hatte. + +</p><p>Aber sieh da! als er das Messer hineinstieß, gab es einen +seltsamen Klang, und ein Häuflein geprägten Goldes fiel auf +den Tisch. — Nun erst merkten Benedix und sein Weib, <i>wer</i> +der großmütige Helfer gewesen sein müsse, priesen ihn aus dankbarem +Herzen, und zogen fort aus der Gegend nach Prag, wo +Benedix sich ein hübsches Haus kaufte und bald der berühmteste +<!-- page 063 --> +Meister wurde, der oft mehr als zehn Gesellen hielt. Seine +Frau genoß nun den Wohlstand, den sie sich früher so sehr gewünscht; +aber sie mißbrauchte ihn nicht, sondern tat den Armen +Gutes, statt mit schönen Kleidern zu prunken, wie es wohl +sonst ihr Streben gewesen war. Benedix blieb ehrlich, wie er +es immer gewesen, und das trug nicht wenig dazu bei, ihm +Kundschaft und Ehre zu bringen. + +</p><p>Als am dritten Tage in Hirschberg der arme Sünder vor +die Tore der Stadt geführt wurde, waren viele Tausend Menschen +versammelt, um dem Schauspiele beizuwohnen. Als der +Henker aber sein Amt verrichtet hatte, zappelte der Tote so +sehr am Stricke, daß dem Henker bange ward, das Volk werde +ihn steinigen, daß er den Delinquenten zu sehr quäle. Auf +einmal aber ward dieser still und streckte sich lang aus; darauf +verlief sich die Menge. + +</p><p>Am andern Morgen aber kamen einige Bauern vom Felde +in die Stadt und berichteten, der Gehangene lebe noch immer, +denn er zappele mit Händen und Füßen. Da schickte der wohlweise +Rat eine Deputation hinaus zum Galgen, um die Sache +zu untersuchen, aber was fanden die gestrengen Herren statt +des Delinquenten? — Eine Schütte Stroh mit alten Lappen +bekleidet, wie man sie oft in ein Schotenfeld stellt, um die +Sperlinge zu verscheuchen. + +</p><p>Darüber verwunderten sie sich sehr und schüttelten die wohlgepuderten +Perücken, daß der feine Staub um ihre Köpfe flog. +Nach langem Sinnen ließen sie endlich den Strohmann abnehmen +und verbreiteten die Nachricht, der große Wind habe +in der Nacht den leichten Schneider vom Galgen über die +Grenze der Stadt hinausgeweht. +<!-- page 064 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-10">Die Perücken<a id="corr-9"></a>.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls die Deutschen sich zu schämen anfingen, daß sie Deutsche +waren, galt keine Tracht für vornehm oder schön, die nicht von +den Franzosen kam. Auch die Tracht der Haare war aus Frankreich +gekommen, und Männer und Frauen trugen Perücken, um +entweder ihre grauen oder ihre spärlichen Haare zu verbergen +und so noch für jung zu gelten, während ihnen die Zeit doch +schon bedeutende Merkmale ihrer Jahre aufgeprägt hatte. + +</p><p>Als Rübezahl von diesen Narrheiten hörte, begab er sich +nach Hirschberg, wo eben Jahrmarkt war, und hielt Perücken +feil. Bald fand sich auch ein junger Herr, der gern eine mit +Locken gehabt hätte und fragte, ob Rübezahl dergleichen führe. +„Genug!“ antwortete dieser, „und alle nach der neuesten Art, +aber sie sind sehr kostbar.“ + +</p><p>Der Stutzer betrachtete sich die neuen, schönen Perücken mit +Lust, welche Rübezahl aus den Schachteln nahm, und hatte keinen +Tadel daran, als daß sie zu teuer wären. Dabei zuckte Rübezahl +die Achseln und machte Miene, die kostbaren Perücken +wieder einzupacken. „Haltet nur,“ rief nun schnell entschlossen +der Stutzer, „wenn mir der Preis auch sehr hoch zu sein scheint +und eigentlich meine Verhältnisse übersteigt, so will ich mir +doch eine eurer schönen Perücken kaufen. Es wird Aufsehen erregen, +werde ich doch der erste sein, der diese neue Mode trägt.“ +<!-- page 065 --> + +</p><p>Er bezahlte den hohen Preis ohne Widerrede und ging +vergnügt nach Hause. Nun ging es wie ein Lauffeuer durch +die ganze Stadt, daß neue Perücken zu haben wären, und wo +ein Narr Geld hatte, kaufte er sich einen solchen Putz, so daß +der Handelsmann bald alle seine Waren verkauft hatte und +den Markt verließ. + +</p><p>Des Nachmittags stolzierten die Käufer mit ihren neuen +Perücken auf dem Markte umher, und jener junge Stutzer +dachte: „Du gehst auch; wie werden die Leute staunen, wenn sie +erst meinen Haarputz sehen!“ + +</p><p>Als er nun mit stolzem Schritt und großem Selbstgefallen +an einem Gasthofe vorübergeht, dessen Fenster alle mit vornehmen, +fremden Damen besetzt sind, ruft ihm ein Bauer nach: +„Guter Freund! Euch hat wohl jemand einen Schabernack gespielt,“ +und zeigt auf die Perücke. Und zu gleicher Zeit springen +alle Straßenbuben um ihn herum, lachend und schreiend, und +selbst alte Leute lächeln im Vorübergehen, wenn sie den jungen +Herrn ansehen. Da läuft dieser endlich in ein Haus, nimmt +die Perücke ab und betrachtet sie entsetzt, denn sie ist zu einem +Geniste von Moos, Werg und Heu geworden. Unterdessen ist +es den andern Käufern nicht besser ergangen, und Lärm und +Gelächter hört man in allen Straßen der Stadt. + +</p><p>Wie gut aber auch Rübezahl diesen Spaß durchgeführt +hatte, so blieb er doch ohne großen Nutzen, denn noch zu heutiger +Zeit schämen sich die Deutschen nicht, die Affen fremder +Völker zu machen, und es täte not, Rübezahl käme wieder, um +ein Exempel zu geben. +<!-- page 066 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-11">Mutter Else.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>ie Hilfe, welche Rübezahl einzelnen Personen hatte angedeihen +lassen, zog eine Menge Müßiggänger<a id="corr-10"></a>, nachlässige Hauswirte +und dergleichen herbei, die alle, bald durch Bitten, bald +durch Spott den Berggeist zu reizen suchten, daß er erscheinen +und ihre Klagen anhören möchte. Eine Zeitlang ließ dieser sie +ruhig ihr Wesen treiben, denn er verachtete sie zu sehr, um sich +über sie zu erzürnen, oder er neckte sie auch zuweilen durch ein +blaues Flämmchen, welches sie für das Zeichen hielten, daß ein +Schatz in der Erde liege; ja er ließ sie sogar schwere Töpfe finden, +und wenn sie diese mühsam heimtrugen, fanden sie statt +des Goldes Steine und Scherben darin. Gleichwohl ließen sie +nicht ab, den Gnom mit Bitten zu bestürmen, bis er endlich +ganz zornig ward und einen tüchtigen Steinhagel unter das Gesindel +warf, um sie aus seinem Gebiete zu verjagen. Kein Wanderer +betrat nun ohne Furcht und Zittern das Riesengebirge; +Rübezahl aber ward lange Zeit nicht mehr gehört und gesehen. + +</p><p>Eines Tages sonnt sich der Berggeist an der Hecke seines +Gartens; da kam ein Weib daher, die durch den sonderbaren +Aufzug, den sie machte, seine Aufmerksamkeit erregte. Sie +hatte nämlich ein Kind auf dem Arme, eins auf dem Rücken, +eins leitete sie an der Hand und ein etwas größerer Knabe +trug einen leeren Korb und einen Rechen, denn die Mutter +wollte Laub einsammeln fürs Vieh. +<!-- page 067 --> + +</p><p>Eine Mutter muß doch wahrlich ein gutes Geschöpf sein, +dachte Rübezahl, schleppt sich da mit vier Kindern und muß +noch dazu mühsame Arbeit verrichten. Diese Betrachtungen +versetzten den Gnom in gute Laune, und er nahm sich vor, eine +Unterredung mit der Frau anzufangen. Diese hatte indes ihre +Kinder auf den Rasen gesetzt und streifte Laub von den +Büschen; mittlerweile wurde den Kleinen die Zeit lang und sie +fingen an zu weinen und zu schreien; Da verließ die Mutter +ihre Arbeit, spielte und scherzte mit ihnen, wiegte sie endlich in +den Schlaf, und ging dann rüstig wieder an ihre Arbeit. Aber +die Mücken stachen die kleinen Schläfer, sie wurden aufs neue +unruhig und ebenso rasch als unverdrossen eilte die Mutter +wieder herzu, suchte Himbeeren im Gebüsch und brachte sie den +weinenden Kleinen. Diese mütterliche Sorgfalt und Geduld +rührte den Gnom. + +</p><p>Der kleinste Knabe aber wollte sich durchaus nicht beruhigen +lassen; er warf die Beeren an den Boden und schrie, als ob +er gespießt würde. Darüber ging der Mutter endlich die Langmut +aus; „Rübezahl!“ rief sie drohend, „komm und friß den +unartigen Schreihals!“ + +</p><p>Augenblicklich kam der Gerufene in Gestalt eines Köhlers +herbei und sprach: „Hier bin ich, was willst du von mir?“ — + +</p><p>Die Frau geriet in den größten Schrecken, faßte sich aber +bald wieder ein Herz und antwortete: „Ich rief dich nur, damit +mein kleiner Schreihals ruhig sein sollte; du siehst, es hat +schon geholfen, also brauche ich dich weiter nicht; hab Dank für +deinen guten Willen.“ + +</p><p>„Ei!“ sagte Rübezahl, „so ungestraft ruft man mich nicht. +Nun halte ich dich beim Worte; gib mir den Schreier, daß ich +ihn geschwind aufesse, mir ist lange kein so zarter Bissen vorgekommen.“ +<!-- page 068 --> +Darauf streckte er die rußige Hand nach dem +Knaben aus. + +</p><p>Da gab die Angst der Mutter Riesenkräfte, sie setzte sich +mutig gegen Rübezahl zur Wehr, zerzauste ihm den Bart tüchtig +und rief: „Du Ungetüm, ehe du mein liebes Kind rauben +kannst, mußt du mir erst das Herz aus dem Leibe reißen.“ + +</p><p>Eines so heftigen Angriffs hatte Rübezahl sich nicht versehen, +aber ihm gefiel der Mut und die Mutterliebe dieses +Weibes. Deshalb lächelte er freundlich und sagte: „Entrüste +dich nicht so sehr; ich bin kein Menschenfresser und will auch +deinem Kleinen kein Leid antun. Aber laß mir den Jungen; +er gefällt mir, und ich will ihn wie einen Junker halten, in +Sammet und Seide kleiden, und es soll ein wackerer Bursche +aus ihm werden, der euch alle einmal erhalten kann. Ja, du +kannst hundert blanke Taler für den Buben fordern, und ich +gebe sie dir sogleich.“ — + +</p><p>„Ha,“ lachte das Weib, „also mein Junge gefällt euch. Ei +seht doch, das freut mich, denn der prächtige Schlingel ist mir +auch lieber als alle Schätze der Welt.“ + +</p><p>„Du hast ja noch drei andere Kinder,“ sagte. Rübezahl, „sie +machen dir Arbeit und Überdruß genug; du mußt dich ja ohnehin +placken und schwere Arbeit machen.“ + +</p><p>„Ei nun, machen sie mir manchmal ein bißchen Last, so +sind’s dafür doch meine lieben Kinder, und machen mir noch +viel mehr Freude.“ + +</p><p>„Eine schöne Freude, sie den ganzen Tag herumzuschleppen, +sie zu gängeln, zu waschen und zu füttern, und dabei ihre +Unarten und ihr Geschrei zu ertragen.“ + +</p><p>„Seht nur, Herr Berggeist, das versteht Ihr nun eben +nicht. So etwas ist ja die größte Freude für eine Mutter, und +<!-- page 069 --> +kein Kind ist ihr lieber, als was ihr die meiste Mühe macht, +wofür sie Tag und Nacht die Hände regen muß.“ + +<span class="centerpic" id="img-color-2"><img src="images/color-2.jpg" alt="Illustration color-2" /></span> + +</p><p>„Nun, hast du denn nicht einen Mann, der für euch alle +sorgt, arbeitet und die Hände regt?“ + +</p><p>„O ja, und ich fühl’s oft recht nachdrücklich, wie er sie +regt,“ sagte die Frau mit einem komischen Seufzer, und machte +eine verständliche Bewegung, als schwinge sie einen Stab. — + +</p><p>„Was?“ rief der Gnom ganz aufgebracht, „ein so braves +Weib, wie ihr seid, zu schlagen! Ei! so will ich ihm doch gleich +das Genick dafür brechen.“ + +</p><p>„Nun, da werdet Ihr etwas zu tun, bekommen, wenn Ihr +jedem querköpfigen Manne das Genick brechen wollt. Seht nur, +Steffen ist im Grunde so schlimm nicht, aber er muß es sich +auch sauer werden lassen, um die kleine Wirtschaft im Stande +zu erhalten, denn ich habe ihm nicht einen Groschen Heiratsgut +mitgebracht. Wenn ich nun Geld haben will, um den Kleinen +Schuhe und dergleichen zu kaufen, da tobt er freilich manchmal +ärger als ein Heide, denn unter uns, er ist ein bißchen geizig.“ + +</p><p>„Was treibt denn Steffen für ein Gewerbe?“ + +</p><p>„Er ist ein Glashändler und muß jahraus, jahrein die +schwere Hucke mit Glaswaren von Böhmen herunter ins Land +tragen. Wie oft zerbricht nicht da etwas auf dem weiten Wege, +und das müssen die Kinder und ich denn freilich entgelten. Aber +fragt einmal nach, wo das besser sei und die Frau nicht manche +schlimme Stunde hat, weil der Mann Ärger hat.“ + +</p><p>Rübezahl gab sich nun zufrieden, obschon er ein Häkchen +auf Steffen hatte; fing aber nochmals davon an, daß ihm die +Mutter den Knaben geben solle. Sie gab ihm aber keine Antwort +mehr darauf, sondern raffte das Laub in den Korb, band +das kleinste Kind mit dem Bande darauf fest und drehte dem +<!-- page 070 --> +Berggeist den Rücken. Da sie aber den schweren Korb nun +nicht gut auf die Schultern heben konnte, wandte sie sich noch +einmal zu ihm um und bat: „Wollt ihr wohl so gut sein und +mir den Korb aufnehmen helfen? Und wenn ihr ein übriges +tun wollt, so schenkt dem Jungen, der euch so gut gefällt, einen +Pfennig zu einer Semmel!“ + +</p><p>Rübezahl half ihr den Korb auf den Rücken heben: „Gibst +du mir deinen Jungen nicht,“ sagte er dabei, „so soll er auch +keinen Pfennig von mir haben!“ + +</p><p>„Nun, wie ihr wollt, der Junge wird auch ohne Semmel +groß werden,“ antwortete sie kurz und ging ihres Weges. + +</p><p>Je weiter sie aber ging, desto schwerer ward ihr der Korb, +so daß sie endlich kaum mehr fort konnte. Sie mußte endlich +einen Teil des Laubes ausraffen, um nur leichter zu tragen; +aber sie war noch nicht weit gegangen, da kam ihr der Korb +noch viel schwerer vor, und sie mußte abermals ausraffen, was +ihr ganz unerklärlich war, denn sie hatte oft eine weit größere +Bürde getragen, ohne davon so ermüdet zu werden. Als sie +endlich nach Hause kam, waren ihre Arme wie zerbrochen von +der schweren Last, und doch hatte sie noch viel in der Wirtschaft +zu tun, warf den Ziegen das Laub vor, gab den, Kindern das +Abendbrot, wiegte sie in den Schlaf, und legte sich endlich auch +danieder, um flugs und fröhlich einzuschlafen. + +</p><p>Die frühe Morgenröte weckte das fleißige Weib zu neuem +Tagewerke. Sie holte nun ihr Melkgefäß und ging in den Ziegenstall. +Aber welch ein schreckensvoller Anblick, erwartete sie +da! Ihr liebes, treues Haustier, die alte Ziege, lag ganz starr +und tot im Stalle, und die zwei Jungen atmeten nur noch +schwach. Ein so großes Unglück hatte die arme Frau all ihre +Tage noch nicht getroffen, und sie weinte bitterlich darüber. +<!-- page 071 --> +„Ach!“ jammerte sie, „es kommt ja kein Unglück allein, wie +wird nun Steffen zanken und wild werden, wenn er heimkommt; +— nun ist es mit meinem ganzen Frieden aus, und ich +habe kein Glück mehr auf der Welt.“ Aber das Herz strafte sie +sogleich über diese Worte. „Waren denn die Ziegen dein einziges +Glück und nicht deine Kinder?“ — Da schämte sie sich ihres +Unmutes und dachte: „mag’s denn sein, hat mir doch der liebe +Gott die Kinder noch immer gesund erhalten. Jetzt ist die Ernte +vor der Tür, da kann ich ins Feld gehen und schneiden helfen, +damit verdiene ich mir schon etwas, und wenn ich im Winter +dann noch recht fleißig spinne, kann ich mir zum Frühjahr +wohl wieder eine neue Ziege kaufen.“ + +</p><p>Indem sie dies alles bei sich dachte, ward sie getroster, +trocknete sich die Augen und sah noch einmal die armen Ziegen +an, die nun alle drei tot waren. Da flimmerte etwas im +Stroh zu ihren Füßen; sie hob es auf, es war ein Blatt, das +gelb wie Gold schimmerte. Da lief sie geschwind zu einer Judenfrau, +die in der Nähe wohnte, und diese erklärte den Fund für +gediegenes Gold, gab ihr auch gleich drei blanke Taler dafür. +Wer war nun froher als das arme Weib; sie lief flugs zum +Bäcker, kaufte Semmel und Butterkringel für die Kinder und +eine Hammelkeule für Steffen, die wollte sie ihm gut zurichten, +wenn er abends müde und hungrig heimkäme. Sie vergaß +allen Harm über der Freude, ihre lieben Kinder einmal recht +gut abzufüttern, und diese zappelten, sprangen und jauchzten +auch nicht wenig, als sie die Backwaren bekamen. Indes schaffte +die Mutter die toten Ziegen beiseite, damit Steffen das Unglück +nicht sogleich merke, wenn er nach Hause komme. + +</p><p>Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, als sie zufällig in die +Futterkrippe sah und einen ganzen Haufen solch goldener Blätter +<!-- page 072 --> +darin erblickte; ja selbst in dem Korbe, worin sie das Laub +heimgetragen hatte, hingen noch einzelne von den kostbaren +Blättern. Nun begriff sie auch leicht, woran ihre Ziegen gestorben +waren; sie haben das unverdauliche Laub gefressen, dachte +sie, und holte rasch ein Messer herbei, schnitt ihnen den Magen +auf und fand auch richtig ganze Klumpen Gold darin. Nun +war die arme Frau mit einem Male so reich geworden, daß sie +glaubte, sie könne soviel Gold all ihr Lebtag nicht verbrauchen; +sie lief in ihrer Freude gleich zum Pfarrer, der ein sehr biederer +Mann war, und dieser verwahrte ihren Schatz auf das gewissenhafteste. +„Wenn ich euch einen Rat geben soll, gute Frau,“ +sagte er, „so laßt euren Mann nichts von der Sache erfahren, +er würde das Geld für sich behalten und euch und den Kindern +nichts davon geben. Ich will einen Brief in fremder Sprache +schreiben, als ob er von eurem Bruder käme, der weit in der +Fremde ist, und der euch eine kleine Summe Geld schicke. Daran +könnt ihr Steffen teilnehmen lassen, und so immer mehr und +mehr von dem Schatze geben, aber nicht auf einmal, denn das +wäre bei Steffens Denkart und seinem Hange zum Geiz nur +gefährlich.“ + +</p><p>Die gute Frau war mit diesem Vorschlage wohl zufrieden +und gab auch eine hübsche Summe dem Pfarrer für die Armen +des Dorfes; auch kaufte sie für die Kirche eine neue Altarbekleidung, +denn sie war Gott dankbar für den unverhofften Segen, +und wollte ihm dies beweisen durch Mildtätigkeit. + +</p><p>Während alledem kam Steffen mit einer schweren Ladung +Glassachen über das Gebirge. Er war sehr ermüdet, und da +er an seinem Wege eine schöne große Wiese fand, beschloß er, +sich ein wenig niederzulegen. Es war auch ein umgehauener +Baumstamm in der Nähe, darauf konnte er seine Hucke bequem +<!-- page 073 --> +niedersetzen, und nun ruhte er sich gemächlich aus in dem frischen +Grase, worin weißer Teufelsbart und Marienflachs blühten. +Er berechnete dabei den Vorteil, den er diesmal aus seiner +Ladung zu ziehen gedachte. „Ich will mir einen Esel in Schmiedeberg +dafür kaufen,“ sagte er in halblautem Selbstgespräche, +„der kann statt meiner die schwere Hucke tragen; mein Weib ist +jung und rüstig und kann schon allein für die Kinder sorgen, +wenn ich ihr auch nichts gebe von meinem Verdienste. Sie hat +ja auch die Ziegen, und die Kinder können mit den Winterkleidern +noch lange warten. Kann ich nur erst auf dem Esel eine +doppelte Ladung Glaswaren aus Böhmen herüberbringen, +dann ist mir auch doppelter Verdienst gewiß, und ich bringe es +auch nach und nach wohl bis zu einem Pferde. Ein Stück Acker +findet sich auch schon dazu, es liegt viel Rodeland um meine +Hütte, und mein Weib hat junge, rüstige Glieder; mit der Zeit +kann mir ein kleines Bauerngut nicht fehlen, und dann soll +auch Else<a id="corr-11"></a> für sich und die Kinder neue Kleider kaufen.“ + +</p><p>Als Steffen so in seinem künftigen Reichtum schwelgte, +erhob sich plötzlich ein heftiger Wirbelwind und stürzte den +Korb mit den Glaswaren vom Stamme herunter, daß der zerbrechliche +Kram in tausend Stücken herumlag. Das war der +härteste Schlag, der den geizigen Mann treffen konnte; ganz +betäubt starrte er auf die Scherben, mit denen zugleich auch alle +seine schönsten Hoffnungen zertrümmert waren. Da hörte er +ein schallendes Gelächter ganz in seiner Nähe; er sah sich betroffen +um, erblickte aber niemand; was ihn aber noch mehr staunen +machte, war, daß der Baumstamm, auf den er zuvor seine +Glashucke niedergestellt hatte, ganz und gar verschwunden war. + +</p><p>„Rübezahl!“ rief er heftig, „du Schadenfroh, das hast du +mir getan! Womit habe ich dich denn erzürnt, daß du mich um +<!-- page 074 --> +meinen sauren Verdienst bringst! Komm doch lieber gleich und +erwürge mich, du tückischer Kobold, du boshafter Halunke, denn +du hast mich doch auf Lebenszeit zu einem geschlagenen Manne +gemacht.“ + +</p><p>Es war Steffens bitterer Ernst mit diesen Worten, aber +Rübezahl ließ sich weder sehen noch hören. — + +</p><p>Der arme Steffen mußte sich entschließen, die zerbrochenen +Glasscherben zusammenzusuchen, damit er in der Glashütte +wenigstens einige Spitzgläser dafür bekommen, um nun wieder +einen neuen Handel anfangen zu können. Er sann und sann, +woher er Geld nehmen sollte, um nur wieder Waren einkaufen +zu können, aber er sah keinen Ausweg. Endlich fielen ihm die +Ziegen seiner Frau ein. „Wenn du die hättest und verkaufen +könntest,“ dachte er, „die würden dir viel helfen; Else wird sie +aber gewiß nicht hergeben, denn sie braucht Milch für die Kinder. +— Wie wäre es aber, wenn ich um Mitternacht mich still +nach Hause schliche, die Ziegen aus dem Stalle holte und nach +<!-- page 075 --> +Schmiedeberg auf den Markt triebe. Dann könnte ich neue +Glaswaren kaufen, und damit Else, nichts merke, wollte ich sie +tüchtig ausschelten, daß sie so nachlässig, gewesen sei, sich die +Ziegen stehlen zu lassen. Ja, den Kniff will ich anwenden, um +mir aus meiner traurigen Lage zu helfen.“ + +<span class="centerpic" id="img-074"><img src="images/074.jpg" alt="Illustration 074" /></span> + +</p><p>Um nun dies Vorhabens auszuführen, schlich sich Steffen so +nahe als möglich an das Dorf und versteckte sich in einem +Busche, bis es Nacht ward. Dann machte er sich ganz behutsam +auf den Weg, kletterte über den Zaun und öffnete den Ziegenstall. +Wider Gewohnheit war dieser unverriegelt, und so sehr +ihm dies auch lieb war, fand er doch einen Grund darin, mit +seinem Weibe schelten zu können über große Nachlässigkeit. Im +Stall aber rührte sich nichts; er tappte an der Krippe hin — +es war alles leer. Im ersten Schreck glaubte Steffen, es sei ihm +ein Dieb zuvorgekommen, und war darüber so niedergeschlagen, +daß er sich auf die Spreu warf, in dumpfer Traurigkeit +darüber, das letzte Mittel verloren zu haben, mit dem er sich +wieder aufzuhelfen gedachte. + +</p><p>Else hatte vergeblich mit der guten Mahlzeit auf ihren +Mann gewartet und war noch spät abends nach der Landstraße +gelaufen, wo sie noch lange nach Steffen sah, bis ihr die Augen +weh taten. Traurig ging sie heim, denn sie dachte, es sei ihm +ein Unglück begegnet, und es kam die ganze Nacht kein Schlaf +in ihre Augen. + +</p><p>Am Morgen klopfte es leise an die Tür. Steffen war es, +der die Nacht im Ziegenstalle auch eben nicht gut zugebracht +hatte. „Liebes Weib,“ sagte er ungewöhnlich sanftmütig, +„mache mir doch auf, ich bin müde.“ — Else hörte kaum ihres +Mannes Stimme, als sie flink wie ein Reh herbeisprang und +ihn vor lauter Freude umhalste, da er wieder gesund und frisch +<!-- page 076 --> +vor ihren Augen stand. Er setzte aber ganz kleinlaut und still +seinen Korb auf die Ofenbank und warf sich mißmutig daneben. + +</p><p>Wie Else ihn so traurig sah, ging es ihr ans Herz. „Was +hast du denn, Steffen?“ fragte sie gutmütig, „ist dir etwas +Schlimmes begegnet?“ Mit Seufzen und ganz kleinmütig erzählte +er ihr endlich sein Unglück. + +</p><p>Else hätte am liebsten laut gelacht über den Possen, den +Rübezahl ihrem Manne in guter Absicht gespielt hatte. Als +er aber nach den Ziegen fragte, bekam sie selbst Lust, ihn ein +wenig zu necken, denn dachte sie, der Hausvogt hat richtig schon +überall herumspioniert. „Was kümmert dich mein Vieh?“ +sagte sie, „hast du doch nicht einmal nach den Kindern gefragt. +Die Ziegen sind wohl aufgehoben draußen auf der Weide. Lasse +dich aber Rübezahls Tücke nicht anfechten, wer weiß, auf welchem +Wege er es wieder gutmacht.“ + +</p><p>„Da kannst du lange warten,“ brummte Steffen. „Ei +nun,“ versetzte das Weib, „unverhofft kommt oft. Hast du auch +keine Glaswaren und ich keine Ziegen mehr, so haben wir ja +doch vier gesunde Arme, das ist der beste Reichtum!“ + +</p><p>„Ach, daß Gott sich erbarme,“ jammerte der bedrängte +Mann, „also die Ziegen sind doch fort! Nun, so kann ich die +Kinder auch nicht mehr erhalten.“ + +</p><p>„Nun, so kann ich’s,“ sprach Else. — Bei diesen Worten +trat der freundliche Pfarrer herein, der die Unterredung an +der Tür gehört hatte, und nachdem er dem Steffen eine tüchtige +Strafpredigt über den Geiz gehalten hatte, der eine Wurzel +alles Übels sei, — verkündete er ihm, daß sein Weib ein reiches +Geschenk von ihrem Bruder bekommen habe und zog den Brief +hervor. Und nun las er ihm vor, wie Steffen das Geld nicht +in die Hände bekommen, sondern er, der Pfarrer, dasselbe verwalten +<!-- page 077 --> +solle, damit Else und die Kinder auch wirklich ihr gut +Teil davon bekämen. + +</p><p>Da stand Steffen wie versteinert und konnte gar nicht zu +Worte, kommen. Endlich nahm das gute Weib seine Hand und +sprach ihm Mut zu; da nahm er sich vor, besser und ein freundlicher +Ehemann zu werden; er versprach es auch seiner Frau +vor dem Pfarrer, und bat Elsen, sie solle ihn jetzt nicht verlassen, +da sie reich geworden sei. Und er hielt redlich Wort; +seine fleißige Hand mehrte das Geschenk des Berggeistes von +Tag zu Tag. Endlich kaufte der redliche Pfarrer ein schönes +Bauerngut, worauf Steffen und sein Weib ihr Lebelang glücklich +und zufrieden wirtschafteten. + +</p><p>Die treue, sorgsame Mutter erlebte an ihren Kindern +viele Freude; der kleine Bube, Rübezahls Günstling, wurde +ein wackerer Soldat und diente unter Wallenstein im dreißigjährigen +Kriege mit vielem Ruhme. +<!-- page 078 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-12">Glücks-Männlein.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>ines Tages kam in Seidorf die Rede darauf, daß, wer in +Rübezahls Lustgarten Glücks-Männlein pflücken könne, reich +und glücklich in der Welt werde; es müsse aber in der Johannisnacht +geschehen, denn außer dieser Zeit breche Rübezahl +einem jeden, der komme, den Hals. „Es muß aber eine Waise +sein und kein böser Mensch,“ setzte der Erzähler hinzu. + +</p><p>Nun waren ein Paar Geschwister in der Wirtsstube, die +beide verwaist waren, und der Brauer hatte sie aus Barmherzigkeit +zu sich genommen; wie nun der Knabe diese Reden hört, +denkt er: „Das will ich versuchen, und wenn es glückt, so soll +mein Schwesterchen und der gute Brauer, der sich der armen +Waisen angenommen hat, auch reich und glücklich werden.“ + +</p><p>Ohne jemand ein Wort zu sagen, schleicht sich Joseph aus +der Stube, steckt sich ein Stück Brot ein und schreitet wohlgemut +aus dem Dorfe, den Bergen zu, denn es war eben die Johannisnacht. +Wie er bis zur Hampelbaude kommt, fragt ihn der +Baudenwirt, wohin er noch so spät wolle und der Knabe erzählt +treuherzig sein Vorhaben. + +</p><p>Ein Mann der behaglich hinter einer Flasche Ungarwein +sitzt, hört das mit an, und als Joseph, weitergeht, kommt er +ihm rasch nach. „Wir wollen Gesellschaft machen,“ spricht er +zu dem Knaben, „ich gehe auch noch diese Nacht in Rübezahls +Lustgärtlein.“ +<!-- page 079 --> + +</p><p>Joseph sieht den stattlichen Mann an, der so rund und +wohlgenährt aussieht und denkt: „ei, was mag denn dem noch +zu seinem Glücke fehlen? — Das ist ja der reiche Kretschmer +aus Breslau, der gestern bei uns in Seidorf übernachtete und +bis spät nach drei Uhr Karten spielte und zechte.“ — + +</p><p>So gehen sie nebeneinander; die Nacht ist lieblich und still, +und von den Dörfern im Tale klingen die Abendglocken herauf. +Da faltet der Knabe in frommer Gewohnheit seine Hände +und betet; der fremde Mann denkt aber nur an all den Reichtum, +den er mit Hilfe der Glücks-Männlein erwerben wird. Als +sie nun am Lustgarten Rübezahls ankommen, leuchten ihnen schon +die Blüten des Glücks-Männlein entgegen und der +Kretschmer fällt gierig darüber her, ganze Hände voll davon +ausrupfend. + +</p><p>Da tritt plötzlich ein Greis mit langem, silberweißem +Barte hinter einem Felsen hervor und ruft ihm ein donnerndes +„Halt“ zu. Der Mann zittert am ganzen Leibe und bleibt +wie angewurzelt stehen; der Knabe aber geht ruhig an den +Greis heran und bittet: er möge ihm doch erlauben, zwei +Glücks-Männlein mitzunehmen. + +</p><p>Da schaute der Greis freundlich auf den Bittenden und +fragte: „wozu er denn gerade zwei Glücks-Männlein pflücken +wolle?“ + +</p><p>Joseph sagt nun, wie er und seine Schwester Waisen seien +und gern glücklich werden möchten, damit sie nicht mehr guten +Leuten zur Last fielen, und nur deshalb bitte er um zwei +Blümlein. + +</p><p>Nun wurde der Greis immer freundlicher, pflückte selbst +einen großen Strauß der begehrten Blumen, gab sie dem Knaben +in die Hand und steckte ihm noch alle Taschen voll davon, +<!-- page 080 --> +indem er ihn ermahnte, nichts davon zu verlieren. — Nachdem +dies geschehen und Joseph tausend Dank gesagt, fragt der +Greis den Kretschmer: „Wer bist du?“ — Der Mann sagt, er +sei arm und in Not und käme auch, um sein Glück zu machen. + +</p><p>„Elender!“ fuhr der Greis ihn an, „glaubst du, ich würde +einen so schlechten Patron, wie du bist, glücklich machen? Hebe +dich hinweg, nur für unschuldige Waisen ist das Glück beschert, +das sie hier suchen.“ — Unter diesen Worten stand der Kretschmer +zitternd vor dem Greise, wollte aber doch nicht vergebens +heraufgestiegen sein und sagte, er sei auch eine Waise, sein Vater +wäre von den Moskowitern fortgeschleppt worden, als er +kaum zwölf Jahre alt gewesen sei. Er hatte diese Worte kaum +gesprochen, da ergrimmte der Greis, faßte ihn bei der Gurgel +und warf ihn hinab in den tiefen Grund. „Nichtswürdiger +Lügner!“ sagte er dabei, und seine Stimme klang wie ferner +Donner; — das Winseln des Mannes verstummte bald. — +Der Knabe aber war erschrocken auf die Knie gesunken und +betete; da nahm ihn der Greis an die Hand, sprach ihm sanft +zu und führte ihn wieder aus dem Gehege heraus. + +</p><p>In Seidorf war man indes um Joseph sehr besorgt gewesen, +und besonders die Schwester freute sich, als er gesund +und frisch wiederkam und ganze Hände voll Glücks-Männlein +mitbrachte. Er teilte dem Brauer redlich davon mit, und am +andern Morgen hatte sich jedes Blättlein in pures Gold verwandelt. +Nun gab es auf der Welt keine glücklicheren Geschwister; +Joseph ward der reichste Bauer im Dorfe, hat aber +nie die Hilfe Rübezahls und das schreckliche Ende des schlechten +Kretschmers vergessen. +<!-- page 081 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-13">Die drei besten Menschen.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>übezahl kam auf seinen Streifereien eines Abends bei den +Grenzbauden vorbei. „Wie wär’s,“ dachte er, „wenn du über +Nacht hier bliebest? Vielleicht erlebst du einen lustigen Zufall,“ +und damit ging er ins Haus. + +</p><p>Da saßen drei Männer um einen Tisch, tranken ihre +Flasche Österreicher und waren guter Dinge; zu denen setzte +sich Rübezahl und bat, sie möchten sich in ihrem Gespräch nicht +irre machen lassen. Nun fuhr der erste von ihnen in seiner +Rede also weiter fort: + +</p><p>„Ich bin ein Landsknecht,“ sagte er, „aus Dinckelsbühl in +Schwaben, und da jetzt Frieden im Reiche ist, so gehe ich in die +weite Welt, um auf meine eigene Rechnung Taten zu tun, vor +denen die Menschen staunen sollen, und ich will niemand raten, +daran zu zweifeln; ich bin zwar sonst der beste Mensch von +der Welt, den Widerspruch aber kann ich nicht leiden, ich möchte +da immer gleich mit dem Schwerte dreinschlagen, und das nehmen +die Leute gleich übel.“ + +</p><p>Der andere erzählte, er sei aus Schlesien und habe sonst +in Goldberg Tuche geschoren, aber er habe die Stadt um einer +Kleinigkeit willen verlassen und suche nun andere Arbeit. „Ich +bin eigentlich der beste Mensch von der Welt,“ sagte er, „aber +<!-- page 082 --> +obgleich ich manches Tuch geschoren habe, lasse ich mich doch +nicht scheren, und da es der Meister einmal mit mir<a id="corr-12"></a> probieren +wollte, warf ich ihm mein Eisen an den Kopf. Da verklagte er +mich und ich nahm Reißaus, um nicht im Stock zu brummen.“ + +</p><p>„Ich bin ein Müller,“ sagte der dritte auf Befragen, „und +gewiß der beste Mensch von der Welt, nur kann ich keine Ungerechtigkeit +leiden. Wenn mir nun einer von der Mahlmetze +und dergleichen anfängt, kribbelt’s mich in den Fäusten und ich +fasse da manchmal nach einem Stuhlbein oder dem Bierkandel +und schlage drein. Darüber kam ich mit aller Welt in Unfrieden, +und der Meister jagte mich fort, weil ich ihm die Mahlkunden +verjagte, wie er sagte.“ + +</p><p>„Nun, da haben wir ja ziemlich einerlei Geschick,“ fing +darauf der Landsknecht an, „wie wär’s, wenn wir ein Stück +miteinander in die Welt gingen?“ Das waren die anderen zufrieden +und legten sich einig und friedlich aufs Stroh. + +</p><p>Als sie nun fest schliefen, betrachtete sie Rübezahl und sagte +zu sich selbst: „Warum mache ich doch diese Entdeckung so spät, +die alle meine früheren Erfahrungen Lügen straft. Sonst wäre +ich ja zufrieden gewesen wenn ich nur <i>einen</i> besten Menschen +auf der Welt gefunden hätte, und hier habe ich nun gleich drei +auf einmal.“ + +</p><p>Am anderen Morgen zogen die drei besten Menschen ihres +Weges, und Rübezahl zauberte jedem einen Portugaleser in die +Tasche, der ihnen auf ihrer Wanderschaft ganz gut zustatten kam. + +</p><p>Nach langer Zeit dachte der Berggeist: „Ich möchte wohl +wissen, wo jetzt die drei besten Menschen der Welt sein mögen +und wie es ihnen ergeht.“ Und siehe da, kaum hat er es gedacht, +so sieht er den Goldberger Tuchscherer von Hohenelbe herkommen. +Rübezahl verwandelt sich geschwind in einen Grenzjäger +<!-- page 083 --> +und fängt ein Gespräch mit dem Burschen an. „Ei, +warum wandert ihr denn ganz allein, habt ihr keinen Reisegefährten +gefunden?“ + +</p><p>„Zwei für einen, aber mit denen war nicht auszukommen, +obgleich ich der beste Mensch von der Welt bin. Was scher ich +mich drum, ich hab gehört, mein Meister ist gestorben, und da +er mir nun nichts weiter antun kann, gehe ich wieder, woher +ich gekommen bin, nach Goldberg.“ + +</p><p>„Das ist wohl eine große, schöne Stadt?“ fragt der Grenzjäger; +„ich bin aus Schwaben und erst zwei Tage hier im +Lande.“ + +</p><p>„Nun, dem kannst du eins aufbinden,“ denkt der Goldberger, +und sagt: „Ei ja, es hat viel Merkwürdigkeiten in +meiner Vaterstadt, besonders den Ratsturm, der ist an die elftausend +Fuß hoch, und die Esse des Türmers nimmt allein +tausend Fuß davon weg. Wenn die einmal gefegt wird, so +braucht der Essenkehrer einen und einen halben Tag und muß +Nachquartier darin machen, wozu mitten in der Esse ein kleines +Stübchen gebaut ist.“ + +</p><p>„Du Schelm,“ denkt Rübezahl, „das soll dir doch nicht ungestraft +hingehen.“ Der Goldberger aber lügt tapfer weiter. +Endlich kommen sie nach Krummhübel, und die Sonne vergoldet +die Berge über ihnen zum Entzücken schön. An den Bleichplätzen +sind viele Menschen versammelt, und der Tuchscherer +grüßt herablassend nach allen Seiten. Aber die Bleicher stemmen +die Arme in die Seiten und lachen, daß es in den Bergen +widerhallt. Die Wanderer am Wege bleiben stehen und sehen +den Goldberger mit Staunen und Entsetzen an. Der sieht +nämlich wie ein Kreuzschnabel und Pfefferfresser aus, eine +große Nase sitzt in seinem Gesicht und darum noch eine Menge +<!-- page 084 --> +kleine. Das sieht er, wie er eben an einem großen Zuber mit +Wasser vorübergeht und erschrickt halb zum Tode darüber. Die +Hände vor das Gesicht geschlagen, läuft er in den Wald zurück, +verfolgt von dem Gelächter der mutwilligen, jungen Leute, die +auf dem Felde und den Bleichen beschäftigt sind. + +</p><p>Der Goldberger blieb die ganze Nacht versteckt, und nur +der Hunger trieb ihn endlich wieder dem Dorfe zu. Da begegnet +ihm ein Jäger und spricht lachend: + +</p><p>„Ach, du bist dem Berggeist wohl auch in die Hände gelaufen? +Deine Nase ist keine natürliche.“ + +</p><p>„Ich glaube, der Fremde, der mir in Hohenelbe begegnete, +ist der Herr Johannes gewesen und dem habe ich freilich auch +eine Nase aufgebunden. Ach, wäre ich nur noch einmal diese +schreckliche Nase los, ich wollt in meinem Leben nicht mehr +lügen!“ + +</p><p>„Topp, es gilt, mein Bursch!“ rief der Jäger, „aber, halt +auch Wort.“ — Und lachend verschwand er zwischen dem hohen +Korn. Der Goldberger aber hatte sein natürliches Gesicht +wieder. +<!-- page 085 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-14">Der böse Vogt.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>s war einmal ein Ritter, der Frau und Kind plötzlich durch +den Tod verlor und darüber so in Trübsinn versank, daß ihm +nichts auf der Welt mehr Freude machte. Es ward ihm unheimlich +auf seiner Burg; ritt er zur Jagd aus, so schien ihm +der Wald zu eng; der Wein mundete ihm nicht und dem Trost +seiner Genossen und Freunde verschloß er das Ohr. — Endlich +beschloß er, seine Heimat auf lange Jahre zu verlassen, füllte +den Säckel mit Goldgülden, befahl dem treuen Knappen, die +Rosse zu schirren und übergab die Burg seinem Vogte Lutz. +Und nun ritt er weit in das Reich hinein. + +<span class="centerpic" id="img-085"><img src="images/085.jpg" alt="Illustration 085" /></span> + +</p><p>So lange der Ritter daheim gewesen war, hatten seine +Dörfler und Insassen ein glückliches Leben geführt, das ward +nun aber bald anders. Vogt Lutz ließ die Ältesten aus den +<!-- page 086 --> +Dörfern, die zur Burg gehörten, herbeirufen, und sagte ihnen, +daß sie von nun an doppelt so viel Abgaben bezahlen und statt +dreier Tage fünf in der Woche frohnen sollten. Damit wies +er ihnen die Tür und hörte ihre Gegenvorstellungen gar nicht +einmal an. Nun merkten die Landleute erst, welch ein böser +Mensch der Vogt sei, der während der Anwesenheit des Ritters +nur immer den Katzenbuckel gezeigt hatte. Als sie daher vors +Burgtor kamen, sahen sie sich mit trüben Mienen an, schüttelten +sich die Hände und trennten sich mit schwerem Herzen, um +die schlimme Kunde den anderen mitzuteilen. Da gab es viele +Klagen bei den Weibern, bei den Männern viel Grimm und +Zorn; aber sie wollten fürs erste ruhig abwarten, was da +kommen würde. + +</p><p>Als sie, wie früher, drei Tage gefrohnt hatten, glaubten +sie, daß sie nun ihrer Pflicht Genüge getan hätten und bestellten +am vierten Tage ihre eigenen Felder. Da kam um die +Mittagsstunde der Vogt Lutz mit einem Schwarm gewappneter +Knechte in die Dörfer und trieb die Bauern mit Schwertstreichen +auf die Äcker, welche zur Burg gehörten. Er drohte ihnen +auch mit schwerer Strafe, wenn er sie nochmals ungehorsam +fände, und als die Bauern die Urkunde zu sehen verlangten, +daß ihr Herr so Ungerechtes von ihnen begehre, hob er sein +Schwert und sagte: „Seht, hier ist Brief und Siegel genug für +euch!“ + +</p><p>So mußten denn die Bauern ihre Felder vernachlässigen, +und was sie befürchteten, traf bald genug ein, sie konnten ihre +früheren Abgaben nicht mehr entrichten, viel weniger die neu +auferlegten. Da gingen die Ältesten zu dem Vogt und baten +ihn auf den Knien, daß er das harte Gebot doch zurücknehmen +möchte. Aber Lutz jagte sie mit Peitschenhieben aus der Burg, +<!-- page 087 --> +und es war jämmerlich anzusehen, als die Greise mit ihren +silberweißen Haaren so hart geschlagen wurden. Und als die +Bauern dennoch das unbarmherzige Gebot nicht erfüllen konnten +und der Termin kam, ohne daß sie Geld hatten, ließ der +harte Lutz ihr Vieh wegnehmen, um sich daraus bezahlt zu +machen. Da vergaß sich ein junger Bauer und stieß böse Reden +gegen den Vogt aus; dieser aber ließ ihn sogleich von seinen +Knechten umringen und an den Schweif seines Rosses festbinden; +so ward er zur Burg geschleift und dort in ein finsteres +Verließ geworfen, auf dessen Boden es von Kröten und giftigem +Gewürm wimmelte. + +<span class="centerpic" id="img-087"><img src="images/087.jpg" alt="Illustration 087" /></span> + +</p><p>Im Dorfe aber wehklagten die Bauern, und am meisten +jammerte Anna, die Braut des jungen Landmannes, der die +Rache des Vogtes auf sich gezogen hatte. Sie lief weinend in +<!-- page 088 --> +den Wald, und niemand konnte sie trösten. Da begegnete ihr +ein hoher Rittersmann, der vom Kopfe bis zum Fuße in glänzenden +Stahl gehüllt war. Anna erschrak vor der unerwarteten +Erscheinung, als aber der Ritter, sein Visier aufschlug und sie +sein edles, männliches Gesicht sah, welches sie freundlich anblickte, +da faßte sie Mut. „Was weinst du, mein Kind?“ +fragte der Ritter mit einer so wohltönenden Stimme, daß +Anna davon wunderbar ergriffen wurde. Sie öffnet dem +Fremden ihr ganzes Herz voller Zutrauen, indem sie ihm die +Geschichte mit dem Vogte von Anfang bis zu Ende erzählte. +Aufmerksam hörte ihr der Ritter zu und gebot ihr dann, die +Ältesten aus den Dörfern herbeizurufen, die er an der Kapelle +vor der Burg erwarten wolle. + +</p><p>Anna vollzog eilig sein Gebot, und ehe die Sanduhr zweimal +gewendet war, fanden sich die Gerufenen an der bezeichneten +Stelle zusammen. „Liebe Väter,“ redete sie der stahlgepanzerte +Ritter an, „ich habe von dem Unrecht gehört, daß euch +der böse Lutz zugefügt, und da ich ein fahrender Ritter bin, der +überall gegen das Unrecht kämpft und seinen Schutz den Bedrängten +angedeihen läßt, so will ich auch euch in eurer gerechten +Sache beistehen. Geht, ruft alle Männer zusammen, daß +ich sie führe und die Burg des Vogtes stürme.“ — Woher mochte +es kommen, daß die besonnenen Greise allzugleich Vertrauen +zu dem fremden Ritter faßten? Es war ihnen, als könne es +gar nicht anders sein, als daß sie ihm Folge leisten müßten, +und sie eilten in die Dörfer zurück, um den Vorschlag des Ritters +kundzumachen. Da griff alt und jung zu den Waffen, +waren es gleich nur Stangen und Heugabeln, und damit eilten +sie zu der Kapelle, wo der Ritter ihrer wartete. Keiner, der +nur einen Prügel schwingen konnte, war zurückgeblieben. +<!-- page 089 --> + +</p><p>Als die Einwohner der drei Dörfer versammelt waren, +überblickte der Ritter die zahlreiche Schar und sprach: „Wenn +ihr Mut im Herzen habt, so folgt mir getrost, ich will euch +die Burg erobern und den Vogt züchtigen helfen. Wer aber +Furcht hat, bleibe daheim. Und das möge mein Zeichen sein, +daß ihr mir getrost folgen könnt.“ Als er diese Worte sprach, +warf er seine riesige Lanze so hoch in die Luft, daß sie fast den +Augen der Menge entschwand, und als sie sausend wieder herunterfuhr, +fing er sie mit gestrecktem Arm wieder auf. Da +jubelten und riefen die Bauern: „Führe uns!“ Und fort ging +es nun im Sturmschritt gegen die Burg, der Ritter ging in +seiner glänzenden Rüstung immer voran der kampflustigen +Schar: Als sie die Burg erreicht hatten, rief der Anführer mit +Donnerstimme hinauf, Lutz solle sich auf der Zinne zeigen. + +</p><p>Alsbald erschien auch der Vogt, von Neugier getrieben und +Spott im Herzen; höhnisch blickte er auf die Feinde hinab. +„Ergib dich, Lutz!“ rief der Ritter, „und bedenke dich nicht +länger, als zwölf Sandkörner brauchen, um in der Uhr zu +verrinnen!“ + +</p><p>Ach, was sprudelte da der Vogt für Witz- und Schimpfwörter +hinaus! Strolch und Strauchdieb wurde der Ritter, +Galgenfutter die Bauern genannt; dann lief er zornig hinweg, +um seinen Knechten zu befehlen, daß sie das Gesindel von dem +äußeren Tore der Burg verjagen möchten. Nun ward ein +Hagel von Bolzen nach den Bauern herabgeschossen, aber wunderbar! +die tötlichen Geschosse verfehlten alle ihr Ziel, und der +fremde Ritter<a id="corr-13"></a> erhob indes seine ungeheure Streitaxt und spaltete +mit einem Schlage das Tor der Burg. Hoch schwang er nun +seine gewaltige Waffe und stürmte voran; ein wunderbarer +Mut beseelte die Bauern, daß sie ihm jauchzend folgten. +<!-- page 090 --> + +</p><p>Vergebens war alle Gegenwehr der Knechte; wie Blitz und +Donner schmetterte die Streitaxt in ihre Reihen; da warfen die +Reisigen ihre Waffen weg und baten um Gnade. Der Vogt +hatte sich versteckt, ward aber bald gefunden; seine eigenen +Leute verrieten ihn. Der Ritter hielt ein kurzes Gericht; nachdem +der junge Bauer aus dem Verließ heraufgeholt worden +war, vertrieb er die besiegten Knechte aus der Burg. + +</p><p>Nun zog der Ritter ein Pergament hervor; es war die +Urkunde vom Tode des eigentlichen Herrn der Burg, der den +fremden Ritter zu seinem<a id="corr-14"></a> Erben eingesetzt, weil dieser ihm im +Türkenlande einmal das Leben gerettet hatte. + +</p><p>Nun wäre der Ritter ihr neuer Gebieter gewesen, er +schenkte aber die Burg und alle dazu gehörigen Ländereien dem +jungen Landmanne, der Annas Bräutigam war, machte es ihm +aber zur Pflicht, die Bauern nicht wie Leibeigene zu behandeln, +sondern ihre Rechte zu wahren und zu schützen. Die Abgaben +wurden aber so gering angesetzt, daß alle Sorge und Not für +die Bauern vorüber war. Alles dies ward förmlich niedergeschrieben +und von dem Ritter unterzeichnet. Als alles dies +vorüber war, wurde der neue Burgherr mit seiner Anna getraut, +wobei der fremde Ritter schöne Geschenke zum Vorschein +brachte, ohne daß jemand begreifen konnte, woher er diese in +der Eile genommen hatte. + +</p><p>Nun ermahnte er die Landleute noch zur Eintracht, und +nachdem er dem zitternden Lutz befohlen hatte, ihm zu folgen, +schied er aus ihrer Mitte, auf eine Weise, die das Staunen der +Versammelten nicht wenig erregte. Eine dunkle Wolke senkte +sich nämlich plötzlich hernieder und führte den Ritter samt dem +Vogt ins Weite. Jetzt erkannten die Bauern mit einem Male, +daß Rübezahl ihr Helfer gewesen war, und sahen der Wolke +<!-- page 091 --> +segnend nach, bis sie auf den Gipfel eines Berges sich niedersenkte +und verschwand. Der neue Burgherr aber war mildherzig +und brav, wie denn der Berggeist Rübezahl seine Leute +immer genau kannte. In glücklicher Häuslichkeit und Eintracht +lebten die beiden lange Jahre vereint und die guten +Jahre ließen sie die schweren Stunden vergessen und viele +Freude an ihren Nachkommen erleben. Die Bauern waren +glücklich und erzählten noch ihren Enkeln mit Dank und Freude +die seltsame Mär von Rübezahl und dem bösen Vogt, aber auch +von dem letzten, guten Burgherrn, der so unendlich viel Gutes +getan hatte und dessen Andenken lange in Ehren blieb. + +<span class="centerpic" id="img-091"><img src="images/091.jpg" alt="Illustration 091" /></span> +<!-- page 092 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-15">Rübezahl straft einen Unwissenden.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls Rübezahl eines Tages im warmen Sonnenschein lag +und die Gestalt eines Holzhauers angenommen hatte, um sich +irgend einen Spaß mit den Reisenden zu machen, — denn die +Langeweile plagte den Berggeist oft so sehr, wie unsere vergnügungssüchtigen +Menschen — kam ein Arzt von Schmiedeberg +heraufgeschritten, um auf dem Kamme zu botanisieren. +Rübezahl war geschwind bei der Hand und erbot sich, dem ermüdeten +Bergsteiger das Pflanzenbündel zu tragen, das er sich +schon gesammelt hatte. + +</p><p>Dabei hatte er Gelegenheit, in dem Arzt einen prahlerischen +Wunderdoktor zu erkennen, der seinem<a id="corr-15"></a> Begleiter viel von +seinen fabelhaften Kuren und seiner unvergleichlichen Geschicklichkeit +erzählte. Am meisten aber ergötzte es den Gnomen, +sich von dem Arzte die Heilkräfte der Pflanzen erklären zu +lassen, und da kam es denn, daß der scheinbare Holzhauer dem +gelehrten Herrn manchen Irrtum nachwies, oder ihm noch +ganz unbekannte Dinge mitteilte. Das verdroß den<a id="corr-16"></a> dünkelhaften +Arzt, so daß er zu seinem Begleiter ziemlich verächtlich +sagte: „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ + +</p><p>Rübezahl belustigte sich an dem Mißmute des Arztes und +fuhr ganz ruhig fort, ihm allerlei Aufschlüsse über die Naturkräfte +<!-- page 093 --> +zu geben, so daß jener mit seinen prahlerischen Erzählungen +ganz verstummte. „Wenn du so kundig aller Pflanzen +und Kräuter bist, vom kleinsten Moose an bis zur Ceder, die +auf dem Libanon wächst,“ sagte er verdrießlich, „so sage mir +doch, du überaus weiser Holzhauer, was wohl früher war, die +Eichel, oder der Eichelbaum?“ + +</p><p>Der Geist antwortete lächelnd: „Ei doch wohl der Eichbaum, +denn die Eichel wächst ja erst auf dem Baume.“ + +</p><p>„Siehst du, welch ein Narr du bist,“ spottete der Arzt, +„wo kam denn der erste Baum her, wenn nicht aus deren +Samen er aufwuchs?“ + +</p><p>Da erwiderte der Holzhauer: „Ihr habt mir da auch eine +zu schwere Frage gestellt; solche Gelehrsamkeit ist mir zu hoch. +Was ich weiß, habe ich nur von meiner Mutter gelernt. Vielleicht +könnt ihr mir aber einen guten Rat geben; ich habe das +Fieber, und schon allerlei dagegen gebraucht; seht nur, wie +mich der Frost packt.“ Dabei schüttelte sich der Gnom, daß +seine Glieder knackten, und hielt den Atem an; darüber ward +er ganz blau im Gesicht, und der Arzt sagte: „Ei, ei, mein +Freund, da hast du einen schlimmen Anfall; es ist nur ein +Glück, daß du an den rechten Mann gekommen bist, ich will dir +sogleich helfen.“ + +</p><p>Er öffnete seine Blechkapsel, die voll Salbenkrausen und +Medizinfläschchen steckte, goß allerlei Säfte zusammen, schüttelte +es wohl untereinander, und dem Berggeiste lief es dabei wirklich +kalt über den Rücken, wenn er dachte, daß er dieses saubere +Gebräu hinunterschlucken sollte. Dann nahm der Wunderdoktor +eine große Schachtel voll Pillen, die er ohne Ausnahme als +Universalmittel bei den verschiedensten Krankheiten anwendete, +gegen Gicht und Kopfschmerzen, Halsweh und alle Fiebergattungen, +<!-- page 094 --> +und hieß den<a id="corr-17"></a> Holzhauer, stündlich zwölf Stück, sowie +einen Eßlöffel<a id="corr-18"></a> von der Medizin zu nehmen, davon werde er am +dritten Tage schon ganz gesund sein, und dafür solle er ihm +nur einen Gulden geben. + +</p><p>„Gewiß, ihr seid ein grundgescheiter Herr,“ sagte der Holzhauer, +„und will ich auch tun, was ihr mir anratet, nur müßt +ihr mir zuvor den Gefallen tun, und mir auch eine Frage +beantworten: „Wem gehört der Grund und Boden, auf welchem +wir jetzt stehen? Dem Könige von Böhmen oder dem Herrn vom +Berge?““ (So ward Rübezahl jetzt überall genannt, weil die +Benennung Rübezahl ihm mißfällig war, und seinen Zorn +reizte.) + +</p><p>Der Arzt bedachte sich nicht langes „Nun, wem anders, +als dem Könige von Böhmen, denn Rübezahl ist das Hirngespinnst, +um die Kinder zu erschrecken.“ + +</p><p>Ader kaum waren diese Worte aus seinem Munde, so verwandelte +sich der Holzhauer in eine riesenhafte, fürchterliche +Gestalt und sah mit flammensprühenden Augen den Arzt an. +„Ich will dir zeigen,“ zürnte er, „daß der Herr vom Berge +kein Hirngespinnst ist, mit dem man die Kinder fürchten macht, +und du sollst es sogleich an deinem eigenen Leibe wahrnehmen. +Du unwissender Prahlhans sollst an mich denken, und damit +du nie wieder an mir zweifelst, verschlucke sogleich deine edlen +Wunderpillen und das höllische Gebräu, womit du mir das +Fieber ankurieren wolltest, an dem ich gar nicht leide. Nicht +von der Stelle sollst du mir, so lange noch ein Pröbchen deiner +gepriesenen Arzneiwissenschaft übrig ist. Die Kranken in den +Dörfern unten werden es mir Dank wissen. Nun schlucke, +mein Sohn!“ + +</p><p>Der Arzt bat und flehte vergebens. Endlich nahm er mit +<!-- page 095 --> +einer Geberde der Verzweiflung das Arzneiglas und tat einen +herzhaften Schluck. Die bitteren Tränen traten ihm dabei in +die Augen und Schweißtropfen auf die Stirn; aber Rübezahl +stand mit aufgehobenen Arm hinter ihm und drohte, ihn zu +Boden zu werfen, wenn er zögere. Als nach einem furchtbaren +Kampfe die Medizin gut oder übel hinunter war, kamen die +Universalpillen daran, wobei sich der Arzt noch viel jämmerlicher +geberdete, als das erste Mal. „Es ist mein Tod,“ jammerte +er, „ich sterbe an dem schauderhaften Zeuge“; aber Rübezahl +erinnerte ihn höhnend, wie vorzüglich heilsam diese Dinge +wären, welche Wunderkuren er damit schon bewirkt habe, und +hieß ihn doch mehr Vertrauen zu seiner Kunst haben. Dreißig +Pillen hatte der arme Mann schon bezwungen, dann warf er +sich verzweifelt auf die Erde und sagte: „Töte mich lieber sogleich, +du grausamer Geist; es kann keinen bitteren Tod geben, +als durch diese Giftpillen sterben zu müssen.“ + +</p><p>„Das merke dir,“ sagte Rübezahl und stieß mit seinem +Fuße an den Arzt, der mit Schweiß bedeckt an der Erde lag; +er rollte von dieser Bewegung den Berg hinab, schlug sich an +Steinen, verletzte sich an Baumwurzeln, kam aber doch endlich +glücklich auf ebener Erde an, aber zerklopft und zerstoßen, +daß er viele Wochen lang das Bett nicht verlassen konnte. Dabei +war er so mißtrauisch geworden, daß er immer fürchtete, +Rübezahl stecke dahinter, wenn er zu einem Kranken gerufen +ward, und sich wohl hütete, seine gewöhnlichen Mittel zu verordnen. +„Wer weiß,“ sagen die Leute, „ob jener Arzt nicht der +erste Erfinder der später so bekannt gewordenen homöopathischen +Heilmethode gewesen ist.“ +<!-- page 096 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-16">Wie Rübezahl vor Prellerei warnt.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">„N</span>un Gott sei Dank, daß wir herauf sind!“ sagten drei +Görlitzer Tuchmacher oben auf dem Schmiedeberger Paß zu +einander, setzten ihre Hocken ab und wischten sich den Schweiß +von der Stirn. Sie wollten hinüber nach Böhmen und ruhten +jetzt aus vom vielen Steigen. Indem kam ein vornehmer Herr, +redete sie an, und wie er hörte, daß sie Tuche bei sich führten, +sagte er: „Ich kaufe euch ab.“ Obschon die Männer<a id="corr-19"></a> einen sehr +hohen Preis forderten, so kaufte er doch jedem von ihnen ab +und zahlte das Geld in lauter Dukaten aus. Hierauf reisten +die drei Tuchmacher weiter, und wie sie eine gute Strecke gegangen +waren, zogen sie lachend ihre Dukaten heraus und +freuten sich, den Fremden so geprellt zu haben. Aber zu ihrem +großen Schrecken fanden sie statt des Goldes nur Zahlpfennige +in ihren Taschen. + +</p><p>Sogleich kehrten sie um und trafen auch an der vorigen +Stelle eine Kutsche mit sechs Rossen, darin saß der vornehme +Herr, und sie beklagten sich, daß er ihnen Zahlpfennige statt +Gold gegeben. „Zeigt doch einmal her,“ sagte der Fremde. +Wie sie aber ihre Beutel öffneten, war alles gutes Gold. Die +Männer standen bestürzt, und jener sagte: „Könnt ihr nicht +Gold von Messing unterscheiden? Wenn es euch aber nicht +recht ist, will ich euch den Kaufpreis in Talern auszahlen.“ +<!-- page 097 --> + +</p><p>Sie gingen wohlgemut davon, und nach einer kleinen +Weile guckten sie neugierig in ihre Säckel, ob auch die blanken +Taler noch darin wären. Aber o weh! nun lagen gar Scherben +darin; spornstreichs eilten sie zurück, und glücklich hielt die +Kutsche noch auf dem alten Flecke. Der Herr fragte, was sie +denn schon wieder wollten, und sie forderten ihre Tuche zurück. +Aber da ward er sehr zornig und sagte, er habe sie ehrlich +bezahlt, sie möchten nun ruhig ihres Weges ziehen. Hierauf +fuhr er rasch über den Paß hinunter, und die betrübten Tuchmacher +setzten wehklagend ihren Weg fort. Als sie aber nach +Libau kamen und ihre Säckel ausschütteten, waren wirklich +gute Taler darin, aber genau nur so viel, als sie mit gutem +Gewissen für die Tuche hätten fordern können, nicht einen Pfennig +mehr; ihr ungerechter Profit war also verloren, und die +ausgestandene Angst, die Mühe des unnötig gemachten Weges +hatten sie noch obendrein. Das war ihre Strafe für ihre Habgier +und Gewinnsucht; zuerst ärgerten sie sich grün und blau +darüber; später aber nahmen sie sich vor, nie wieder jemand +betrügen zu wollen. Sie hatten gemerkt, wer der fremde Herr +gewesen war, und sie haben seitdem oft an das Wort gedacht: + +</p><p>Niemand übervorteile seinen Bruder im Handel! +<!-- page 098 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-17">Rübezahl betrügt die Geldmäkler.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>inige Juden, die dem Rübezahl, ohne ihn zu kennen, +schlechte Waren für übermäßige Preise verkauft hatten, freuten +sich über die seltenen und ungewöhnlich großen Goldstücke, +die er ihnen als Zahlung gegeben, hatte und waren kaum in +der nächsten Herberge angelangt, als sie ein einsames Kämmerchen +begehrten, um die Goldstücke zu beschneiden, wie sie es +immer mit Dukaten zu tun pflegten. + +</p><p>Als sie aber das scharfe Messer ansetzten, um etwas am +Rande des Goldstückes abzuschneiden, fuhr dasselbe ab und +mitten durch die Münze, so daß sie in zwei Hälften geteilt +ward, wovon die eine auf den Boden fiel, wo sie trotz alles +Suchens nicht wiedergefunden ward. Ein Gleiches begegnete +den betrügerischen Juden bei dem zweiten und dritten Goldstücke, +und sie verloren auf diese Weise weit mehr, als sie bei +ihrem Handel zuvor verdient hatten. + +</p><p>Einer von den Wechslern meinte, er wolle sein Goldstück +schon auf eine klügere Weise beschneiden, nahm eine Feile und +schabte den feinen Goldstaub auf eine untergelegte Glasplatte; +aber zu seinem größtem Verdruß riß die Feile viel weiter, als +er es gewollt hatte, so daß selbst das Gepräge des Goldstückes +angegriffen war. Der Staub aber, den er sorgfältig sammeln +wollte, blieb an seinen Händen kleben und konnte durch nichts +davon losgemacht werden. Das ärgerte den Juden am +meisten, daß er das Gold an den Händen hatte und doch keinen +Gebrauch davon machen konnte. +<!-- page 099 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-18">Die Springwurzel.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>übezahl hat im Gebirge einen eigenen Krautgarten. +Man zeigt ihn seitwärts auf dem<a id="corr-20"></a> Koppenplan, nicht weit von +der Wiesenbaude, an einem Abhange nach dem Aupengrunde +zu. Dort ist das Gebirge an den saftigsten Kräutern reich, die +von alten Zeiten her zu den kräftigsten Essenzen gebraucht +wurden, und auch jetzt noch von den Einwohnern des Dorfes +Krummhübel zur Bereitung von Tee und Medikamenten gesammelt +werden. + +</p><p>Unter allen diesen heilsamen Kräutern ist ganz vorzüglich +eins in der Märchenwelt sehr berühmt geworden. Dieses Zauberkraut +heißt die <i>Springwurzel</i> und wächst nur in +Rübezahls Garten. Sie ist von der köstlichsten Art und heilt +die<a id="corr-21"></a> langwierigsten und hartnäckigsten Krankheiten. Da sie aber +den Erdgeistern zur Nahrung dient, erlaubt Rübezahl nur +seinen besonderen Günstlingen, sie ungestraft herauszugraben. + +</p><p>Einst war in Liegnitz eine vornehme Dame krank und ließ +einen Bauer aus dem Gebirge zu sich rufen, dem sie den Auftrag +gab, ihr die Springwurzel aus Rübezahls Garten zu verschaffen, +wofür sie ihm eine große Belohnung versprach. Das +viele Geld verlockte den Bauer zu dem gefährlichen Gange; er +suchte den bezeichneten Ort auf, und als er in die einsame, +wüste Gegend kam, ergriff er den Spaten und fing an, nach +der Springwurzel zu graben, die ihm nicht unbekannt war. +<!-- page 100 --> + +</p><p>Während dieser Arbeit, wo er das Gesicht tief zur Erde +beugte, pfiff plötzlich ein Windstoß von einem Felsen in der +Nähe her, und er hörte einen donnernden Zuruf, dessen Worte +er aber nicht verstand. Er sah sich daher ganz erschrocken nach +jener Gegend um und erblickte nun am Rande des Felsens +eine riesenhafte, schreckliche Gestalt. Ein langer, weißer Bart +fiel fast bis zu den Füßen nieder, und eine ungeheuer große +Nase beschattete das Gesicht, das ebenso von weißen Haaren umhangen +war, die im Winde vorwärts flogen, ja von denen, sowie +aus den weiten Falten des Mantels, der Sturm eigentlich +auszugehen schien. Der wilde, furchtbare Greis hielt eine +riesige Keule in seiner Hand und rief mit einer dem Donner +ähnlichen Stimme: „Was tust du da, Elender?“ + +</p><p>Ein Schauer schüttelte die Glieder des rüstigen Bauern, +ehe er sich zu der Antwort ein Herz faßte: „Eine kranke Frau +verlangt nach einer Springwurzel und ich suche danach!“ + +</p><p>Da schrie die Gestalt zurück: „Du hast eben jetzt eine gefunden, +die darfst du behalten, aber hüte dich, ein zweites Mal +wiederzukommen.“ Und dabei schwang sie die Keule mit einer +drohenden Gebäude. + +</p><p>Der Bauer lief, so geschwind er konnte, hinweg und wagte +nicht mehr, nach der furchtbaren Erscheinung zurückzublicken. +Als ihm aber die kranke Dame für die Springwurzel eine Hand +voll harter Taler gab, vergaß er den gehabten Schreck, und +tat sich etwas zu gute. Jene aber war kaum im Besitz der heilsamen +Wurzel, als sie sichtlich gesünder und kräftiger wurde. +Da sie nun wohl sah, wie dies Mittel allein ihre gänzliche +Wiederherstellung bewirken könne, ließ sie den Bauer noch +einmal zu sich rufen. „Willst du mir noch eine Springwurzel +holen, so sollst du doppelt soviel dafür bekommen, als das erste +Mal,“ sagte sie. + +<span class="centerpic" id="img-color-3"><img src="images/color-3.jpg" alt="Illustration color-3" /></span> +<!-- page 101 --> + +</p><p>„Ach, gnädige Frau,“ antwortete der Bauer ganz ängstlich, +„ich mag es nicht wieder wagen, in Rübezahls Kräutergarten +zu gehen; denn er ist mir in schrecklicher Gestalt erschienen und +hat mir den Tod gedroht, wenn ich jemals wiederkäme.“ + +</p><p>„Bedenke aber, wieviel Vorteil du davon haben könntest; +der Berggeist hat dich nur schrecken wollen, damit nicht zu viele +kommen und die Einsamkeit seiner Berge stören möchten. Auch +hat man nie gehört, daß Rübezahl einem mutigen Menschen +ein Leid getan hätte.“ Auf solche Weise suchte die Dame dem +Bauer seine Furcht auszureden, bis er endlich ihren verlockenden +Versprechungen nicht länger widerstehen konnte. Und zum +zweiten Male wagte er, das innere Heiligtum des Gebirges +zu betreten. + +</p><p>Er grub mit großer Angst und Hast, aber kaum hatte er +den Spaten einigemal in die Erde gestoßen, da erhob sich derselbe +Sturm, nur noch weit furchtbarer, als früher, und als er +blaß vor Schreck nach dem Felsen hinblickte, stand die Gestalt +noch viel schrecklicher und drohender da, und ihre Augen +schienen Feuer und Flammen zu sprühen. + +</p><p>„Was tust du da?“ hallte es wie ein Erdbeben von dem +kahlen Felsen herüber. + +</p><p>„Ich suche die Springwurzel für eine kranke Frau, die sie +mir teuer bezahlen will,“ wagte der Bauer zu antworten. Da +blitzte ein furchtbarer Zorn aus den Augen des Berggeistes. +„Ich habe dich gewarnt und du wagst es doch, in dein Verderben +zu rennen, Unsinniger! Die du hast, magst du behalten, aber +nun rette dich, wenn du kannst!“ — Bei diesen Worten flog die +ungeheure Keule sausend durch die Luft, nach dem verzagenden +Bauer hin, aber zur rechten Zeit noch sprang er zur Seite, und +sie schlug tief in den harten Boden. Die Erde erbebte unter +<!-- page 102 --> +diesem gewaltigen Wurfe und ein lange wiederhallender Donner +betäubte den Bauer, daß er bewußtlos zu Boden sank. + +</p><p>Erst nach langer Zeit erholte er sich von seiner Betäubung, +aber alle Glieder des Leibes schienen ihm zerbrochen zu +sein. Die Springwurzel hielt er zum Glück noch fest in der +Hand, und damit kroch er mühsam am Boden hin; der Regen +und die tief ziehenden Nebel durchnäßten und verirrten ihn: +er geriet bald an den Rand gefährlicher Abgründe, bald an +einen stürzenden Gebirgsstrom, der seinen Weg hemmte, und +zwei Tage und zwei Nächte lang irrte er halb verschmachtet +durch das Gebirge, ohne sich zurechtfinden zu können, bis ein +Köhler dem Unglücklichen begegnete und ihn halbtot zurück in +seine Hütte brachte. + +</p><p>Der Bauer konnte erst viele Tage später die mit so vieler +Gefahr gewonnene Wurzel nach Liegnitz tragen, wo die reiche +Belohnung ihn endlich die ausgestandene Angst vergessen ließ. + +</p><p>Nun verging eine lange Zeit, während welcher die kranke +Dame fast ganz gesund ward und nur selten Anfälle ihres +Übels bekam. „Hätte ich nur noch eine frische Springwurzel, +dann wäre mir auf immer geholfen, das fühle ich,“ sagte sie +und sandte wieder nach dem Bauer, der anfänglich durchaus +nicht kommen wollte. + +</p><p>Aber die Begier nach Geld und Gut ist ein böser Geist, +der uns wider Willen vorwärts treibt. So ging es auch dem +Bauer. Er kam endlich doch nach Liegnitz und sagte: „Da bin +ich, gnädige Frau, was wollt ihr von mir? Ich will alles +tun, nur nicht mehr in Rübezahls Garten gehen, davor soll +mich Gott bewahren. Wüßtet ihr, wie schlimm es mir das +vorige Mal gegangen, und wie ich fast das Leben verloren hätte, +<!-- page 103 --> +so würdet ihr mich garnicht mehr an diese schrecklichste Zeit +meines Lebens erinnern.“ + +</p><p>„O doch,“ antwortete die Dame, „will ich dich heute beschwören, +mir zum letzten Male die heilsame Wurzel zu holen. +Ich bin reich genug, dich für jede Angst und Gefahr zu belohnen +und gebe dir ein schönes, reiches Bauerngut, wenn du +den Gang noch einmal für mich wagen willst!“ + +</p><p>Da verblendete die Begier nach dem versprochenen Reichtum +den Bauern so sehr, daß er alle Gefahr vergaß und der +Dame zusagte, die Springwurzel zu holen, solle es auch sein +Leben kosten. + +</p><p>„Bis jetzt,“ sagte er, „hat mir der Geist ja nur gedroht, +und um ein reiches Bauerngut kann ich auch allenfalls eine +Tracht Schläge schon hinnehmen. Dann aber soll mich keine +Macht der Welt mehr ins Gebirge bringen, bin ich nur erst ein +reicher Mann und kann in Herrlichkeit und Freude leben.“ + +</p><p>Aber allein wagte er dieses Mal doch nicht zu gehen. Er +nahm daher seinen ältesten Sohn mit sich und sagte, sie wollten +nach der Koppenkapelle wallfahrten. Das war der Knabe wohl +zufrieden, und so gingen sie nebeneinander hin, bis das Gebirge +immer steiler und kahler wurde. Tief unten in den +Schneegruben leuchtete der Schnee noch frisch und weiß, wie ein +Leichentuch, obgleich es im Hochsommer war, und dem Bauer +kamen dabei allerlei trübe Gedanken ein. Er wußte nicht, wie +es kam, daß sich plötzlich in ihm eine Stimme regte, die sprach: +„Böse Geister haben dich von Jugend auf verlockt, daß du nie +nach dem ewigen, sondern, immer nach dem zeitlichen Gut gestrebt +hast. Wild und wüst hast du daher immer gelebt, als ob +mit dem Tode alles vorbei wäre; der Reichtum und die Lust +<!-- page 104 --> +der Welt, das war dein Götze, und sie werden dich ins Verderben +führen.“ + +</p><p>Aber der Bauer suchte die warnende Stimme zu betäuben, +indem er nur immer an das prächtige Leben dachte, welches er +führen wollte, wenn er erst ein Bauerngut hätte. Und so ergriff +er denn hastig den Spaten und fing an zu graben. Da +erhob sich eine Windsbraut, die Bäume drunten im Tale stürzten +davon zusammen, und ein Wolkenbruch flutete herab, so +daß in einem Augenblicke die kleinsten Bäche zu wilden Strömen +anschwollen, aus der Erde drang ein Wehklagen, und eine +wilde Kluft öffnete sich plötzlich, daraus fuhr eine große Gestalt +auf, die ergriff den besinnungslosen Bauer und stürzte sich +mit ihm in die schauerliche Tiefe. Immer ferner und schwächer +hörte der Sohn die Stimme seines unglücklichen Vaters. + +</p><p>Endlich heiterte sich der dunkel umhangene Himmel wieder +auf, der brausende Sturm zog die gewaltigen Schwingen ein, +und der verlassene Knabe suchte erschreckt die Kapelle, um sich +dem Schutze Gottes zu empfehlen. Und in derselben Stunde +starb in Liegnitz die Frau am Schlage. +<!-- page 105 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-19">Der gefundene Esel.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>ans und seine Schwester Marie dienten bei einem Bauer +in Stonsdorf, einem Dorfe im Riesengebirge, das etwa eine +Stunde von Warmbrunn liegt und durch den <i>Prudelberg</i> +berühmt ist, einer wunderbaren Granitmasse, darin man die +Rischmannshöhle findet, in welcher der Prophet Rischmann +im Jahre 1630 seine ersten Weissagungen tat. Sie waren +beide so fleißig und ordentlich, daß sie sich schon eine kleine +Summe erspart hatten; damit gingen sie nun nach Warmbrunn +auf den Markt, um ihrer kranken Mutter eine Kuh zu +kaufen. + +</p><p>Sie hatten sich am Wege in das blühende Haidekraut gesetzt, +zählten ihr Geld und bauten allerlei Luftschlösser, wie sie +nach und nach das schlechte Häuschen der Mutter verbessern +und ein Stück Acker dazu kaufen wollten. Dann sollte es die +Mutter gut haben auf ihre alten Tage. + +</p><p>„Und,“ sagte Hans, „hab’ ich es einmal erst so weit gebracht, +daß ich Getreide verkaufen kann, dann halte ich mir +ein Pferd; das will ich so gut halten und so blank putzen, wie +die Rappen des Edelmannes. Das soll eine Freude für mich +sein, in die Stadt zum Markte zu reiten, daß die Leute denken, +es komme ein reicher Pächter auf seinem schmucken Gaul +daher.“ +<!-- page 106 --> + +</p><p>„Werde nur nicht hochmütig,“ sagte die Schwester besorgt, +„Hochmut kommt vor dem Fall. Stecke nur das Geld wieder +in die Tasche und laß uns weiter gehen.“ + +</p><p>Hans schob den Beutel in die Jacke zurück und schickte +sich an, der Schwester zu folgen, da sprang ein stattlicher Esel +aus dem Gesträuch am Wege und lief dem Burschen fast in die +Hände. + +</p><p>„Ei, da hätt’ ich ja gleich einen hübschen Anfang,“ lachte +Hans und hielt den Esel am Strick fest, der um dessen Hals +geschlungen war. „Bruder, du wirst doch nicht das Tier behalten +wollen?“ fragte Marie ängstlich. „Närrchen,“ antwortete +dieser, „hältst<a id="corr-22"></a> du mich für gar so schlimm? Wenn ich auch +gern reich werden und ein bequemeres Leben führen möchte, so +werd’ ich doch nicht etwa deshalb ein Dieb und Betrüger werden +sollen. Das wolle Gott verhüten! gehe du rechts in das +Gebüsch, ich will zur linken Seite suchen, ob wir den Herrn des +Esels finden können.“ + +<span class="centerpic" id="img-106"><img src="images/106.jpg" alt="Illustration 106" /></span> + +</p><p>Die Geschwister suchten und riefen, warteten dann fast +eine Stunde lang an der Straße, ob nicht jemand kommen<a id="corr-23"></a> würde, +den Esel zu suchen, aber es ließ sich nichts hören und sehen; +und da sie nun eilen mußten, um nach Warmbrunn zu kommen, +weil sie am Abende wieder bei ihrem Dienstherrn sein +mußten, nahmen sie den Esel mit, wobei sie hofften, daß ihnen +der Eigentümer desselben vielleicht auf dem Wege begegnen +würde. +<!-- page 107 --> + +</p><p>Hans führte das schöne, starke Tier am Stricke, als er +aber einige Schritte gegangen war, dachte er: „warum sollte +ich es mir nicht bequemer machen?“ — setzte sich auf den Esel +und ritt. Marie nahm nun statt seiner den Strick in die Hand. +Das ging eine Weile recht gut, aber mit einem Male fing der +Esel an zu springen, schlug mit den Hinterfüßen aus und +machte einen so krummen Rücken, daß Hans auf das jämmerlichste +hin- und hergeworfen wurde und gar nicht wußte, wo +ihm der Kopf stand. Er wäre gern abgestiegen, aber der Esel +ließ sich nicht einen Augenblick halten, zerriß<a id="corr-24"></a> den Strick, an +dem Marie ihn führte und setzte über den breiten Graben, +wobei er den Reiter abwarf, daß diesem die Ohren brummten. +Da lag unser Held ganz still und konnte sich kaum rühren; +jammernd kam die Schwester herbei und half ihm wieder auf; +der Esel aber trabte den Bergen zu und verschwand. + +<span class="centerpic" id="img-107"><img src="images/107.jpg" alt="Illustration 107" /></span> + +</p><p>Ganz kleinlaut schlich der arme, geschlagene Hans neben +der Schwester her, deren Sprichwort sich schon an ihm bewiesen +hatte. Endlich kamen sie nach Warmbrunn und fanden auch +bald eine gute Kuh für einen ziemlich, billigen Preis; aber als +<!-- page 108 --> +Hans das Geld zahlen wollte, stand er plötzlich mit kreideweißem +Gesicht vor der Schwester, — der Beutel war verschwunden +und mußte ihm bei dem tollen Ritt aus der Tasche gefallen +sein. Nun war das Leidwesen groß und guter Rat teuer; da +standen die Geschwister vor den Trümmern all ihrer Hoffnungen. +Der Verkäufer der Kuh aber glaubte, er habe es mit +listigen Betrügern zu tun, die ihn nur anführen wollten und +rief die Polizei zu Hilfe. Hans sollte nun eingesteckt wenden, +aber Marie bat so rührend für den unschuldigen Bruder, daß +man sie endlich beide ruhig ziehen ließ, und nur ein Troß von +Straßenbuben sie noch verfolgte, worüber sich Marie so sehr +schämte, daß sie die Augen voll Tränen hatte. + +</p><p>Auf dem Heimwege durchsuchten die betrübten Geschwister +das ganze Gebüsch, um vielleicht ihren Beutel wiederzufinden, +aber vergebens. „Den Spuk hat uns kein anderer getan, als +der Rübezahl,“ sagte Hans zornig; „ich wollte, der boshafte +Geist stände hier vor mir, daß ich ihn meinen starken Arm +könnte fühlen lassen; es wäre mir auch ganz recht, wenn er +mich in der Wut dafür tötete, denn daß ich nun mit leeren +Händen zu der Mutter heim kommen soll, schnürt mir fast die +Kehle zu vor Betrübnis.“ + +</p><p>„Hans,“ sagte die Schwester, „ich glaube, der Berggeist +hat uns nur eine gute Lehre geben wollen. Warum wünschten +wir uns auch so viel Glück, da wir doch mit der Freude gar +wohl hätten zufrieden sein können, unserer armen Mutter eine +Kuh zu kaufen.“ — + +</p><p>Hans schwieg verdrießlich. So gingen die Geschwister still +nebeneinander heim und dann jedes an seine Arbeit; Marie +in den Stall, um die Kühe zu melken, Hans auf den Boden, +um Häcksel zu schneiden. In seinem Unmut wollte ihm aber +<!-- page 109 --> +die Arbeit gar nicht von der Hand gehen und es brach bald da, +bald dort etwas entzwei. + +</p><p>„Reich’ mir doch ein Stück Strick herauf,“ rief er in den +Stall hinab, und Marie griff in die Tasche, wohin sie das +Ende des Strickes gesteckt hatte, das sie in der Hand behielt, +als der Esel sich losriß. Hans wollte die Häckselbank damit +befestigen, aber der Strick war spröde wie Eisen, und als sich +der Hanf oben abschälte, flimmerte und glänzte es inwendig. + +</p><p>Hans sah verwundert nach, — da war der Strick von +lauter Goldfäden zusammengedreht. — Nun waren die Geschwister +mit einem Male reich, sie konnten zwei stattliche Kühe +kaufen und den Acker vergrößern. Nun bewirtschafteten sie gemeinschaftlich +das Häuschen der Mutter und hegten und pflegten +diese mit treuer Kindesliebe. Hans aber vergaß die Lehre +des Bergsgeistes nicht, und obgleich sein Wohlstand sich von Jahr +zu Jahr mehrte, blieb er doch einfach und schlicht, so daß er +nach wie vor zu Fuße nach der Stadt auf den Markt ging und +seine Pferde nicht zum Staat und zur Bequemlichkeit, sondern +allein zu seiner Ackerwirtschaft hielt. Man sagt, das Reiten sei +ihm auf immer verleidet gewesen! + +</p><p>Im ganzen Dorfe waren sie angesehen wegen ihres rechtschaffenen +Lebenswandels und der Sorgfalt für das Wohl +ihrer alten, schwachen Mutter. +<!-- page 110 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-20">Der Spieler.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>on Agnetendorf stieg ein junger Bursche hinauf nach +dem Korallenfelsen und sang dabei so laut und lustig, daß es +in den Bergen weithin hallte. Rübezahl, der auch eben über +das hohe Rad kam, hörte den Gesang und dachte, da scheint ein +<i>fröhlicher</i> Mensch zu kommen, wir wollen einmal versuchen, +ob es auch ein <i>guter</i> ist. + +</p><p>Und er nahm alsbald die Gestalt eines alten Drehorgelspielers +an, der den ganzen Sommer hindurch am Fuße des +Berges saß und die Reisenden mit Musik bewillkommnete, wofür +er eine kleine Gabe empfing. Der Alte war aber heute +nicht an seinem Platze, weil im Dorfe unten eine Hochzeit war, +wobei er aufspielte. Nun saß Rübezahl statt seiner da und +spielte: „Fröhlich und wohlgemut.“ + +</p><p>Als der Bursche dem Leiermann nahe kam, zog er seinen +Beutel aus der Tasche und warf ihm einen Groschen zu, wobei +er singend und pfeifend seines Weges ging und sich gar nicht +um den Dank des Alten zu kümmern schien. + +</p><p>„Glückliche Reise!“ rief ihm Rübezahl freundlich nach und +ging nun auch seines Weges. Der junge Bursche aber wandert +rüstig weiter, bis zu den Elbwiesen. Da sieht er mehrere junge +Leute, welche Kegel schieben, und bleibt dabei stehen. Er konnte +nämlich bei keinem Spieltisch, bei keiner Kegelbahn vorbei, +<!-- page 111 --> +ohne sein Glück zu versuchen; auch jetzt kribbelt und juckt es +ihn in den Fingern, und er ist wie gebannt an der Stelle; sein +fröhlicher Gesang ist verstummt, und begehrlich folgen seine +Blicke der Kegelkugel, die auf dem frischen Grün der Wiese wie +auf einer Bahn von Sammet dahinrollt. Endlich fordern ihn +die jungen Leute auf, mitzuspielen, und sagen, er solle doch +auch einmal sein Glück versuchen; auf der Reise brauche man +immer Geld, wenn er gut schiebe, könne er vielleicht etwas gewinnen. + +</p><p>Das läßt sich unser Bursche nicht zweimal sagen, sondern +tritt rasch hinzu und schiebt mit, gewinnt auch einen Groschen +um den andern und bald ein hübsches Sümmchen zusammen. +Aber obgleich sich die Dunkelheit schon auf das Gebirge senkt, +bekommt er das Spiel doch immer noch nicht satt; die andern +haben schon längst aufhören wollen, und vom Dorfe her schallt +schon die Abendglocke herauf, unser junger Bursche versucht +immer wieder das Spiel im Gang zu erhalten, weil er gar zu +gerne spielt. + +</p><p>Von dieser Zeit an verlor unser Bursche aber nach und +nach den ganzen Gewinn und endlich auch sein Reisegeld, so +daß er keinen Pfennig mehr in der Tasche behielt. + +</p><p>Als er nun ganz niedergeschlagen seinen Weg, über die +Elbwiesen fortsetzte, rief ihm einer der Spielkameraden zu, er +solle sich doch zum Andenken wenigstens einen Kegel mitnehmen. +„Ei,“ denkt unser Bursche, „der Vorschlag ist ja wunderlich; +aber wie mögen nur überhaupt die Kegelschieber hier herauf +gekommen sein, ob das nicht etwa ein Spaß von Rübezahl ist? +Da wird vielleicht der Kegel zu Gold in meiner Tasche!“ — +Er kehrte um, suchte den nun verlassenen Kegelplatz nochmals +auf, und da die Kegel vom Spiel noch dort lagen, steckte er +<!-- page 112 --> +heimlich einen Kegel nach dem andern ein; nur die Kugel ließ +er liegen, denn er trug ohnedies schon schwer genug. Als er +nun schon hinab bis zum Zackenfall gekommen war, wollte er +einen Kegel herausziehen, um zu sehen, ob er sich in Gold verwandelt +habe, aber o weh — das war kein feiner Spaß vom +Rübezahl — der betrogene Bursche griff in lauter Schmutz, +und ein schallendes Gelächter belehrte ihn, daß der Berggeist +seine Spiellust auf solche Weise bestraft habe. — Sein Geld +hatte er verloren; später als ihm lieb war kam er ins Tal, +seine Kleider waren beschmutzt und ausgelacht fühlte er sich +obendrein. Freilich half die gute Lehre nicht allzulange. Im +Hochgebirge findet sich aber noch jetzt die Kegelkugel Rübezahls +und beweist die Wahrheit dieser Geschichte. Wieder einmal +hatte Rübezahl einen Menschen gezüchtigt, der nur an sich +dachte und nicht Herr seiner Leidenschaften war; möchten sich +doch alle dieses Märchen zu Herzen nehmen, aber besonders +solche, die von der bösen Spielwut beherrscht werden. Gibt es +auch keine Geister mehr, so doch eine allwaltende Vorsehung, +welche schafft, daß jedes Laster sich in sich selbst bestraft. +<!-- page 113 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-21">Rübezahl und der Schneider.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>inmal kam der Berggeist nach Landeshut und trug ein +Päcklein Tuch unter dem Arme. Nach einem Schneider fragt er +ein kleines Mägdlein, das am Brunnen Wasser holt, und dieses +weist ihn in ein nahes Haus, wo es gar stattlich aussieht. Als +er nun in die Stube tritt und den Meister höflich anspricht, +ihm einen Rock zu machen, auch den großen Ballen Tuch vor +ihm ausbreitet, denkt der pfiffige Schneider, der ist auch nicht +aus Landeshut, solch’ vornehme Leute kommen mir nicht alle +Tage unter die Schere. Er legt also das Tuch doppelt und +macht dann ein bedenkliches Gesicht, als werde er damit wohl +schwerlich, auskommen zu einem ganzen Rocke. Rübezahl +schwatzt indes mit den Gesellen und tut, als sehe er nicht, was +vorgeht. + +</p><p>Darauf versprach der Meister, der Rock solle in acht Tagen +fertig sein, und Rübezahl ging weiter. Als die Zeit um ist, +schickt er einen Diener, läßt die Sachen abholen und sagen, er +werde nächstens selbst kommen und mehr Arbeit bestellen, auch +alsdann das Macherlohn bezahlen. + +</p><p>„Ei, recht gern,“ sagte der höfliche Schneider und denkt, +an diesem Kunden läßt sich ein guter Schnitt machen. Als +aber acht Tage verstreichen und sich der Fremde nicht sehen +läßt, wird’s dem Meister doch bedenklich und er beschließt, das +<!-- page 114 --> +Tuch zu verkaufen, um das er jenen gebracht hat, so daß er +doch nicht um sein Arbeitslohn komme. „Ein Mal einem vornehmen +Herrn getraut und nie wieder,“ denkt er, schlägt, sich +endlich die Geschichte aus dem Sinne und holt das Tuch herbei. +Aber da war es eine Decke, aus Schilf geflochten. — Das kam +ihm doch auch gar zu wunderbar und bedenklich vor. + +</p><p>Nun geschah es lange Zeit darauf, daß er mit seinen Gesellen +die Koppe bestieg, und da begegnete ihnen Rübezahl, ganz +lustig auf einem Bocke reitend. „Du willst wohl das Arbeitslohn +für das Kleid holen, so du mir gemacht hast?“ ruft er +dem erschrockenen Meister zu. + +</p><p>Da geht diesem ein Licht auf; aber ein rechter Schneider +ist pfiffig und weiß sich immer zu helfen. „Gnädiger Herr,“ +spricht er, „deshalb stieg ich nicht auf das Gebirge, denn ihr +habt Kredit, so lange es euch beliebt; ich mache nur eine Reise +nach Böhmen und hoffe, ihr werdet nichts dawider haben. +Ich will euch auch mein Lebtag gern redlich dienen.“ + +</p><p>„Nun, da du so nachsichtig bist, will ich mich auch dankbar +bezeigen,“ spricht Rübezahl, „ich will dir mein Reitpferd schenken, +aber wehe dir, so du dich dessen, nicht überall bedienst.“ + +</p><p>Nun hatte der Schneider keine Courage, obgleich das recht +unglaublich klingen mag, und wollte sich durchaus nicht auf +den Ziegenbock setzen, der kerzengrade auf seinen Hinterfüßen +stand. Aber Rübezahl hob die Hand, um dem<a id="corr-25"></a> zaghaften +Meister in den Sattel zu helfen. + +</p><p>Der Schneider aber war so leicht, daß Rübezahls Arm mit +ihm eines Kirchturms Länge in die Luft hinauffuhr, denn der +Berggeist hatte gedacht, er werde doch mindestens über hundert +Pfund zu heben haben, und wog der Schneider nicht viel über +fünfzig. Dabei flog der Handschuh Rübezahls ihm von den +<!-- page 115 --> +Fingern und liegt noch heutzutage nicht weit von Rübezahls +Kanzel, wovon sich jeder überzeugen kann. + +</p><p>Der Schneider aber saß kaum auf dem Reitpferde, als dies +mit ihm dahintrabte; die Gesellen hielten sich pfiffig an den +Schwanz desselben und kamen nun auch so geschwind, wie der +Meister, von der Stelle. Aber wo sie hinkamen, traf sie das +Gespött der Leute, und doch wagte der ehrsame Meister keinen +Schritt zu Fuße zu gehen, sondern bediente sich immer aus +Furcht vor dem Berggeiste des verhaßten Bockes. + +</p><p>Weil er nun aber in jedem neuen Kunden immer wieder +den Rübezahl vermutete, so hütete er sich wohl, das frühere +Kunststück zu wiederholen und ward von da ab der ehrlichste +Schneider der Welt. + +</p><p>Es hüte sich jeder nicht vor dem Berggeist — sondern vor +der Sünde im allgemeinen, denn sie ist es, die den Menschen +in der Gestalt des bösen Gewissens oft mehr quält, als alle +Gnomen und Erdgeister. + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Lieber bleibe arm auf Erden,</p> +<p class="line">Als durch Untreu reich zu werden. +<!-- page 116 --> +</p> +</div><p> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-22">Rübezahl und der lügenhafte Knecht.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar"> </span> </p><div class="poem"> + <p class="line2">Rübezahl</p> + <p class="line2">Schritt einmal</p> +<p class="line">Still vom Berg hinab ins Tal!</p> + <p class="line2">Da, auf Wegen</p> + <p class="line2">Voller Segen</p> +<p class="line">Kam ein Großknecht ihm entgegen,</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">Dieser spricht:</p> + <p class="line2">„Kam dir nicht</p> +<p class="line">Rübezahl droben zu Gesicht?“</p> + <p class="line2">„„Schwerlich!““ sagte</p> + <p class="line2">Der Befragte</p> +<p class="line">Dem der Name nicht behagte.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">„„Rübezahl?</p> + <p class="line2">Weiß nicht mal,</p> +<p class="line">Ist’s ein Mensch oder ist’s ein Aal!““ —</p> + <p class="line2">„Ihn nicht kennen!</p> + <p class="line2">Auf den Sennen</p> +<p class="line">Jedes Kind weiß ihn zu nennen.“ +<!-- page 117 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">„Hör! der so heißt,</p> + <p class="line2">Ist ein Geist,</p> +<p class="line">Der gar dreist sich oft erweist.“</p> + <p class="line2">Viel Geschichten</p> + <p class="line2">Voll Erdichten</p> +<p class="line">Wußte nun er zu berichten.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">„Aber letzt“ —</p> + <p class="line2">Sagt er jetzt —</p> +<p class="line">„Hab ich ihn in Angst gesetzt!</p> + <p class="line2">Auf der Koppe,</p> + <p class="line2">Daß er mich foppe,</p> +<p class="line">Rannt’ er auf mich zu im Galoppe.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">Doch geschwind,</p> + <p class="line2">Mutig gesinnt,</p> +<p class="line">Hielt ich ihm, dem Teufelskind,</p> + <p class="line2">Diesen geweihten,</p> + <p class="line2">Schön gereihten</p> +<p class="line">Rosenkranz vor, — ihn abzuleiten.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">Gott sei Dank!</p> + <p class="line2">Daß gelang,</p> +<p class="line">Ins Gebüsch entfloh er bang.</p> + <p class="line2">Mädchenstehler!</p> + <p class="line2">Rübenzähler!</p> +<p class="line">Nur der Dummen Furcht und Quäler!</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">Also rief,</p> + <p class="line2">Wie er lief,</p> +<p class="line">Ich ihm nach. — Er nahm das schief, — +<!-- page 118 --> +</p> + <p class="line2">Ward’ gar böse,</p> + <p class="line2">Macht’ ein Getöse,</p> +<p class="line">Als ob der Berg von der Erd’ sich löse.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">Doch — durchs Gebraus</p> + <p class="line2">Kühn hinaus,</p> +<p class="line">Schritt ich mutig fort nach Haus.“</p> + <p class="line2">So erzählte</p> + <p class="line2">Der Gestählte,</p> +<p class="line">Wissend, daß alle Wahrheit fehlte.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">„„Bist du zu End?““</p> + <p class="line2">Frug behend</p> +<p class="line">Rübezahl, als ob’s ihm brennt,</p> + <p class="line2">„„Ich nun sage:</p> + <p class="line2">Rübezahl wage,</p> +<p class="line">Daß er dich Lügen straf’ und schlage!</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">Sahst ihn noch nie,</p> + <p class="line2">Außer jetzt hie.</p> +<p class="line">Ich bin’s. Und ich schlage dich, sieh!““</p> + <p class="line2">Nach den Schlägen</p> + <p class="line2">Wachsen dem trägen</p> +<p class="line">Knecht die Ohren, wie Gras nach dem Regen.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent"> </p><div class="poem"> + <p class="line2">„„Wo man dir traut,</p> + <p class="line2">Rühm’ nun laut,</p> +<p class="line">Daß du den Rübezahl geschaut!</p> + <p class="line2">Wünschen Toren</p> + <p class="line2">Es beschworen, —</p> +<p class="line">Schwör’s bei deinen Eselsohren!““ +<!-- page 119 --> +</p> +</div><p> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-23">Der reiche Bäcker.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>n Hirschberg lebte ein reicher Bäcker, der in großem Ansehen +unter der Bürgerschaft stand und abends auf der Bierbank +immer das große Wort führte, der aber hart und geizig +gegen die Arbeiter war, die um Lohn bei ihm dienten, sowie +gegen die Bauern, welche ihm das Holz anfuhren. Von denen +suchte er immer die ärmsten aus, die nötig Geld brauchten, +machte ihnen kleine Vorschüsse und hatte sie dann gewissermaßen +in den Händen, daß er ihnen am Preise abdrücken +konnte, so viel er wollte. + +</p><p>Nun trug es sich einstens zu, daß ein armer Bauer ihm +ein Fuder Holz brachte, wofür das Fuhrlohn schon zuvor bedungen +worden war; als er es aber im Hofe des reichen Bäckers +abgeladen hatte, gab ihm dieser doch wieder eine Mark weniger. +Darüber war der Mann sehr bestürzt und machte dem Bäcker +die rührendsten Vorstellungen, wie er den größten Schaden an +Wagen und sonstigem Gerät habe, wenn er so viel verlieren +solle; aber jener antwortete nur kurz, daß sich der Bauer das +Holz ruhig wieder aufladen und mit nach Hause zurücknehmen +könne, wenn er es um diesen Preis nicht lassen wolle. + +</p><p>Das war freilich leicht gesagt, aber der arme Bauer hatte +dabei einen ganzen Tag Arbeit verloren und sein Pferd und +Wagen ganz umsonst abgenutzt. Außerdem wollte er für das +<!-- page 120 --> +Holzgeld Saatgetreide kaufen und was blieb ihm nun anderes +übrig, als sich den Abzug geduldig gefallen zu lassen. — Aber +traurig fuhr er aus der Stadt zurück, denn wenn er auch den +ungerechten Mann hätte verklagen wollen, so hätte er doch lange +warten müssen, ehe die Sache entschieden worden wäre, und +dann hätte er auch einen Kostenvorschuß machen müssen. Der +Weg zur Gerechtigkeit ist nicht für die armen Leute, sondern +für die reichen! — Also fuhr er traurig und bekümmert seines +Weges und erzählte sein Unglück einem Nachbar, den er auf dem +leeren Holzwagen mit nach Hause nahm. + +<span class="centerpic" id="img-120"><img src="images/120.jpg" alt="Illustration 120" /></span> + +</p><p>Rübezahl, der eben aus der Stadt kam, ging nebenbei auf +der Straße und hörte die Geschichte mit an und beschloß, dem +reichen Bürger einen Denkzettel zu geben. „Wenn er mir nur +einmal in mein Revier käme,“ sagte er zu sich selbst, „dann +sollte er wohl gründlich kuriert werden.“ Aber der Bäcker +hütete sich wohl, eine Reise ins Hochgebirge zu machen, dazu +war er viel zu geizig. + +</p><p>Nun sitzt er aber eines Tages in seiner Putzstube und +trinkt ein Schälchen Warmbier, da tritt ein Mann zu ihm herein +und sagt, er habe gehört, daß der Meister einen Holzmacher +<!-- page 121 --> +brauche und dazu biete er sich an; dabei wolle er billiger sein, +als jeder andere. + +</p><p>Der Bäcker sah den Fremden, der gar nicht wie ein Holzmacher +aussah, mit großen Augen an, aber Geiz und Eigennutz +verblendeten ihn doch so sehr, daß er mit ihm in den Holzhof +ging und ihm dort mehr als fünf Klafter Holz zeigte, die gespalten +werden sollten. „Wieviel wolltet ihr wohl dafür +haben?“ fragte er neugierig. + +</p><p>„Ei nun,“ antwortete der fremde Mann, „ich bin ein +Bürger aus Schweidnitz, und haue mehr zu meinem Vergnügen +und meiner Bewegung Holz, denn ich leide an der Leber, und +darum kommt es mir nicht sonderlich auf den Verdienst an. +Wenn ihr mir eine so große Hocke Holz dafür geben wollt, als +ich mit einem Male fortbringe, so will ich euch den ganzen Vorrat +klein machen.“ + +</p><p>„Nun, das nenn’ ich mir einen Narren,“ lachte der Bäcker +ins Fäustchen, und da er einen guten Handel abgeschlossen zu +haben meinte, nahm er den Fremden mit in seine Stube zurück, +ließ ihn niedersetzen und goß ihm eine Tasse Warmbier ein. +Dieser sah sich neugierig in der schönen Stube um, wo an den +Wänden hohe Schränke voll blankem Zinns und Messinggerät +standen, und indem er die gemalte Decke verwundert betrachtete, +sagte er: „Der Tausend! eine so schöne Stube hab’ ich mein +Lebtag nicht gesehen, die habt ihr wohl von einem Breslauer +Künstler malen lassen, Meister?“ + +</p><p>„Nein, es gibt auch in Hirschberg geschickte Leute,“ sagte +dieser vornehm, „wer’s nur bezahlen kann.“ — Darauf empfahl +sich der angebliche Schweidnitzer Bürger und sagte, er wolle +am andern Tage kommen, und die Arbeit anfangen. Und richtig, +am Morgen darauf, als der Meister aus dem Bette stieg, +<!-- page 122 --> +hörte er im Hofe schon Holz hauen, zog seinen Schafpelz an und +dachte: „Muß doch einmal zum Rechten sehen.“ Aber mit weit +offenem Munde blieb er in der Hoftür stehen, denn der Fremde +hatte sein linkes Bein aus der Hüfte herausgezogen und schlug +damit auf das Holz, das es in tausend kleine Stücke zersprang. + +</p><p>Da wurde dem Meister unheimlich, und er rief dem Fremden +zu, er möge doch aufhören und sich von dannen scheren; der +aber tat, als höre er nicht, hieb immer unbarmherzig darauf +los, und ehe eine Viertelstunde verging, war das ganze Holz +in kleine Scheite gespalten. Alsdann steckte er das Bein wieder +in die Hüfte, packte alles gehauene Holz in einer ungeheuren + +</p><p>FEHLZEILE<a id="corr-26"></a> + +</p><p>Hofe, ohne sich um das Wehgeschrei des Bäckers zu kümmern. + +</p><p>Da stand dieser nun als ein geschlagener Mann, sein ganzer +Holzvorrat war nun verloren, denn er hatte ja dem Holzmacher +freiwillig als Lohn versprochen, so viel dieser in einer +Hocke forttragen könne. — Das hatte nun seine Richtigkeit und +konnte der Meister ihn deshalb nicht aufhalten lassen; was ihn +aber noch mehr hinderte, dem Fremden nachzulaufen und sein +Holz zurückzufordern, war die Überzeugung, daß kein anderer +als Rübezahl ein solches Kunststückchen ausführen konnte und +mit diesem mochte der Meister aus guten Gründen nicht anbinden. +Da stand er denn und hatte das leere Nachsehen; es +mochte ihm wohl einfallen, daß er nun einmal mit eigener +Münze bezahlt worden sei. + +</p><p>Rübezahl aber lud seine Bürde vor dem Hause des armen +Bauern ab, der gar nicht begreifen konnte, wer ihm so viele +Fuhren Winterholz gebracht habe, ohne daß er das geringste +davon gemerkt hatte. Er verbrauchte es aber dankbar und gab +auch einigen armen Nachbarn davon. Von dieser Zeit an war +<!-- page 123 --> +der reiche Bäcker in der Stadt wie verwandelt, und wenn er +auch noch manchmal seine alten Gewohnheiten zeigte, so durfte +er nur an die Geschichte mit dem fremden Holzhauer denken, +um wenigstens billig zu sein und den Arbeitern sein Wort zu +halten. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-24">Das Zauberbuch.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Mensch, welcher von der Begierde, reich, angesehen und +gewaltig zu werden, sehr geplagt wurde, hatte keinen größeren +Wunsch, als ein Zauberbüchlein zu bekommen, woraus er nach +seinem<a id="corr-27"></a> Willen Regen und Sonnenschein machen, das Vieh behexen, +sich unsichtbar machen und Goldschätze in der Erde finden +könne. Da er aber ein solches Buch nirgends finden konnte, beschloß +er endlich, den Rübezahl darum zu bitten; der, hoffte er, +werde es ihm schon geben. + +</p><p>Er ging also fleißig in der Gegend umher, wo das Gebiet +des Berggeistes lag, bis er nach langer Zeit einmal den Herrn +des Gebirges fand. Der saß als ein eisgraues Männlein vor +einer schauerlichen Höhle und gab ihm ein Büchlein, wie er +es erbeten hatte. + +</p><p>Voller Freude eilte er heim damit, um es sogleich zu probieren; +da er es aber aufschlug und lesen wollte, waren es +lauter Baumblätter mit Linien und Fasern, aber mit keinen +Buchstaben. +<!-- page 124 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-25">Wie Rübezahl einem Bauer hilft.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>s war einmal unten am Gebirge ein Edelmann, der war +ein wüster, hochmütiger Geselle, plagte und mißhandelte seine +Bauern und meinte, dazu wären sie nun einmal auf der Welt. +Dieser befahl eines Tages einem Bauern, daß er eine überaus +große Eiche, die eben geschlagen worden war, aus dem Walde +holen und im Schloßhofe abladen solle. Mit dem Edelmanne +war nicht zu spaßen, das wußte der arme Schelm wohl, an +welchen dieser Befehl erging, und darum zog er auch sogleich +sein Rößlein aus dem Stalle, obschon er wußte, daß es ein Ding +der Unmöglichkeit sei, die schwere Eiche allein von der Stelle +zu bringen. Er gab sich auch alle Mühe, sie nur vom Platze zu +bewegen, aber es war doch vergebliche Arbeit. Da seufzte und +jammerte der arme Bauer, denn er wußte nun, daß ihm der +<!-- page 125 --> +Edelmann nur etwas habe am Zeuge flicken wollen, — wie das +Sprichwort heißt, — und daß er jetzt seinen Zorn an ihm auslassen +würde, weil er die aufgetragene Arbeit nicht verrichten +konnte. + +<span class="centerpic" id="img-124"><img src="images/124.jpg" alt="Illustration 124" /></span> + +</p><p>Wie er noch so voller Betrübnis dasteht, kommt ein Mann +im Walde gegangen und fragt den Bauer, warum er denn so +traurig sei. „Ach,“ erwidert dieser, „ihr könnt mir ja auch nicht +helfen;“ endlich aber erzählt er doch dem Fremden die Geschichte. + +</p><p>„Ei, sei doch nur getrost, mein Bauer,“ sagt dieser darauf; +„gehe ruhig heim, ich will dir den Baum schon an Ort und +Stelle schaffen.“ + +</p><p>Der Fremde aber war Rübezahl, und ich glaube, es macht +ihm keiner das Stückchen nach, welches er jetzt ins Werk setzte. +Er nahm die Eiche mit ihren großen, weit ausgespreizten Ästen +in eine Hand und trug sie wie einen Spazierstab bis in das +Dorf. Dort legt er sie vor das Hoftor des Edelmannes, so daß +niemand aus- und eingehen kann. Da befiehlt der Herr, die +Eiche zu zersägen, aber sie ist wie von Eisen, und obgleich die +Arbeiter alle Kraft daran wenden, bringen sie doch auch kein +Spänchen davon ab. + +</p><p>Nun bleibt dem Edelmann freilich nichts weiter übrig, als +ein neues Tor durch die Mauer zu brechen; da das aber viel +Geld kostete, ließ er den Bauer kommen, der sollte es zur Strafe +bezahlen. Als aber dieser die Geschichte erzählte, die ihm mit +der Eiche begegnet war, merkte der gestrenge Herr gar wohl, +daß Rübezahl hier die Hand im Spiele habe; vor dem hatte er +so große Furcht, daß er den Bauer ruhig gehen ließ, und seit +jener Zeit auch vorsichtiger und milder wurde. In so großen +Respekt hatte sich der Berggeist schon in der ganzen Gegend zu +setzen gewußt. +<!-- page 126 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-26">Der kleine Peter.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>em kleinen Peter war seine liebe Mutter gestorben und der +Vater nahm eine Anverwandte ins Haus, damit sie den Knaben +in Aufsicht nähme, da er den ganzen Tag im Walde Holz fälle. +Die Muhme aber war mürrisch und boshaft und konnte den +kleinen Peter schon darum nicht gut leiden, weil er immer +lustig und guter Dinge war und so vergnügt spielte, als ob die +ganze Welt ihm gehöre. + +</p><p>Sie schwärzte ihn daher auch bei dem Vater an, und wenn +dieser am Abend von seinem sauren Tagewerk ermüdet heimkam, +klagte sie ihm so viel von Peters Unfolgsamkeit vor, daß +er ohne weiteres eine Haselgerte nahm und den armen, kleinen +Schelm durchprügelte. + +</p><p>Widerspruch hätte den jähzornigen Mann auch nur noch +heftiger gemacht, darum fand sich Peter geduldig in sein Schicksal +und ward es zuletzt immer mehr gewöhnt, von der Muhme +gescholten und von dem Vater jeden Abend ohne alle Ursache +geschlagen zu werden. Da er nun im Hause keine Freude hatte, +war er am liebsten draußen auf dem Felde, da sah er doch das +boshafte Gesicht der Muhme nicht und es keifte niemand mit +ihm. +<!-- page 127 --> + +</p><p>Aber dieser Freiheit setzte endlich der Winter ein Ziel. +Draußen auf den Feldern und den hohen Bergen lag der Schnee +und Peter wäre in seinem dünnen Leinwandjäckchen bald erfroren. +Es war also seine einzige Freude, hinaus vor die +Hütte zu treten und den Sperlingen Brotkrümchen zu streuen, +was er sich jedesmal an seinem Frühstück absparte. Wenn nun +die Vögel so lustig zwitscherten und um ihn herumflogen, da +klopfte ihm das Herz vor Lust, und oft gab er ihnen sein ganzes +Stück Schwarzbrot, ohne daran zu denken, daß er dafür alsdann +selbst hungern müsse. + +</p><p>Eines Tages erwartete die Muhme einen Gast und hatte +einen Fisch gekauft. Peter kam zufällig an dem Faß vorbei, +dahinein die Muhme ihn einstweilen ins Wasser gesetzt hatte, +damit er nicht absterbe, ehe sie ihn schlachte. „Du armes Tierchen,“ +sagte der kleine Peter, „möchtest wohl auch lieber draußen +im großen Teiche sein, als hier in der Hand voll Wasser; kannst +dich ja gar nicht recht lustig bewegen; komm, ich will dir ein +bischen mehr Freiheit geben.“ Und er trug den zappelnden Fisch +hinaus in den Bach, der hinter dem Hause vorbei floß. Als +aber der Fisch lustig große Wellen mit dem Schwanze schlug +und dann über die weißen Kiesel hinhuschte, da sprang Peter +vor Freude auf einem Bein. Aber der hinkende Bote kam +hinten nach. Die Muhme erriet ohne Mühe, daß Peter den +Fisch fortgetragen hatte und legte es ihm als Bosheit aus; da +gabs denn am Abende wieder etwas zu klagen, und der Vater +schlug heut ganz unbarmherzig auf den unverbesserlichen Burschen +los. + +</p><p>Peter aber dachte: ohne Schläge wächst kein Mann groß +und schüttelte sich, als es vorüber war. Das ärgerte die Muhme +am meisten, daß der Knabe nicht jammerte und klagte, und sie +<!-- page 128 --> +sann darauf, ihm allerlei Weh zu bereiten. Eines Tages schickte +sie ihn hinaus aufs Feld und sprach: „Hüte dich, wieder heimzukommen, +ehe du einen Scheffel voll Kornähren gelesen hast, +wir haben kein Brot mehr im Hause.“ + +</p><p>Das betrübte den kleinen Peter, aber nur um seines +Vaters willen, der schon lange krank lag, nichts verdienen +konnte und nun eben auch nicht die besten Tage hatte bei der +keifenden Muhme. Er ging daher gegen seine Gewohnheit, +ganz niedergeschlagen hinaus aufs Feld und suchte so emsig die +Ähren zwischen den Stoppeln auf, daß ihm der Rücken weh tat. +Aber es war schon Mittag, vorüber und er hatte kaum den +Boden des Sackes gefüllt, den ihm die Muhme mitgegeben +hatte; denn es wohnten nur arme Leute im Dorfe, die ihre +Felder so rein als möglich abräumten und nur wenige Halme +liegen ließen. Und dann, dachte Peter, müssen doch auch die +kleinen Vögelchen etwas von dem Erntesegen haben, so daß er +hin und wieder eine Ähre für sie liegen ließ. + +</p><p>Darüber ging die Sonne unter, und er hatte nicht die +Hälfte seiner Aufgabe gelöst; die Tränen kamen ihm in die +Augen, als er an seinen armen, kranken Vater dachte; aber +plötzlich stand ein alter Jägersmann vor ihm und fragte, +warum er weine. + +</p><p>Da erzählte der kleine Peter ganz treuherzig alles, was +sein Herz bedrückte und vergaß auch nicht, der bösen Muhme +zu gedenken. + +</p><p>„Möchtest du wohl, daß ihr dafür, daß sie dich so quält und +immer für Strafe für dich sorgt, etwas recht Schlimmes geschehe?“ +fragte der fremde Mann. + +</p><p>„Etwas Schlimmes? O nein, aber ich wünschte, die +Muhme müßte einmal einen ganzen Tag lachen und vor Lust +<!-- page 129 --> +herumspringen, damit sie doch wüßte, wie den fröhlichen Leuten +zu Mute ist und nicht mehr so mürrisch und sauertöpfisch +wäre.“ + +</p><p>Der Jäger mußte selbst über den Einfall des Knaben +lachen; dann pfiff er laut auf dem Finger und mit einem Male +kam eine ganze Wolke von Vögeln geflogen, die senkte sich auf +das Ährenfeld nieder, und sie lasen die Halme mit ihren Schnäbeln +auf, trugen sie auf ein Häufchen zusammen und der Jäger +deutete darauf hin, indem er sagte: „Da fülle den Sack damit +an.“ Peter tat es voller Staunen, und sieh da, er hatte vollauf +und seine Aufgabe war gelöst. Der Jägersmann war nirgends +mehr zu sehen und zu hören, aber die Vögel flogen neben +dem kleinen Peter hin, bis zu seines Vaters Häuschen, und +sangen so schön dabei, daß ihm das Herz vor Freude hüpfte. + +</p><p>Die Muhme aber machte ihm ein grimmiges Gesicht, denn +sie hatte gedacht, Peter könne nicht so viel Ähren finden, als +sie ihm geheißen hatte und werde aus Furcht vor Strafe nicht +mehr wiederkommen, sondern in die weite Welt laufen. + +</p><p>Peter aber war froh, daß sein armer Vater nun Brot +und Mehl zu einer Suppe hatte, was ihm die Müllersfrau +für die gesammelten Körner gab, und er murrte gar nicht, daß +er selbst nichts davon bekam, sondern nur ein paar kalte Erdäpfel. + +</p><p>Am andern Tage sagte die Muhme: „Geh’ und fange ein +Gericht Fische im Teiche, daß ich sie für den Vater kochen kann. +Mit leeren Händen komme mir aber ja nicht zurück, sonst kann +ich dem Kranken nichts zu essen geben, und er bekommt doch +schon wieder einen tüchtigen Appetit.“ + +</p><p>Da ging Peter traurig mit dem kleinen Hamen zum Teiche +und dachte: „Ach, wenn der Vater nur erst wieder gesund würde, +<!-- page 130 --> +damit die Muhme ihm nur nicht immer jeden Bissen Brot vorwürfe. +Ich wollte ja gern wieder jeden Abend meine Schläge +leiden, wenn er nur erst wieder stark genug wäre, mich seine +Arme fühlen zu lassen.“ Unter diesen Gedanken senkte er den +Hamen in das Wasser, aber es verging eine Stunde um die +andere und er hatte noch immer nichts gefangen. Da setzte er +sich in das Schilf und weinte bitterlich. Und nicht lange darauf +kam der alte Jäger wieder gegangen und fragte, warum er +denn heute wieder weine. + +</p><p>Peter erzählte ihm, daß die Muhme den Vater quäle und +hungern lasse und daß er nicht eher heimkommen dürfe, bis +er ein Gericht Fische bringe. Da pfiff der Jäger wieder auf +seinem Finger, aber ganz leise, und befahl dem Knaben dann, +seinen Hamen noch einmal ins Wasser zu tauchen. Da kam +ein großer Fisch und trieb eine Menge kleiner Hechte und +Barben vor sich her, dem Hamen zu, so daß dieser bald ganz +voll wurde und Peter ihn mehrmals ausleeren mußte. „Kennst +du den Fisch nicht mehr?“ sagte der Jägersmann, „es ist ja +derselbe, den du aus dem Schaff genommen und in den Bach +getragen hast.“ — Darüber wunderte sich der kleine Peter noch +viel mehr und guckte dem Fische so lange als möglich nach, der +jetzt langsam im Teiche hin schwamm. Indessen war der rätselhafte +Jägersmann wieder verschwunden und Peter lief voller +Freude nach Hause; denn von seinem Fange konnte der Vater +sich viele Tage satt essen. + +</p><p>Da die böse Muhme dem guten Burschen auf diese Weise +nichts antun konnte, vermehrte sich ihr Haß und sie beschloß, +ihn auf immer fortzuschaffen. Sie gab ihm daher am andern +Morgen den Auftrag, er solle auf die Berge steigen und droben +den Rübezahl rufen. Wenn dieser dann erscheine, solle er ihn +<!-- page 131 --> +um ein Wurzelmännchen bitten; wenn das der Vater hätte, würde +er sogleich gesund werden. Auch dürfe er nicht eher wiederkommen +und solle nur nicht aufhören, den Rübezahl zu +bitten, dann werde er schon bekommen, was er wünsche. In +ihrem bösen Herzen aber dachte sie, der Berggeist werde den +kleinen Peter töten, wenn er ihn bei dem Spottnamen rufe und +sie würde den verhaßten Knaben nicht mehr wiedersehen. Der +Kranke werde ohnedies nicht mehr lange leben und dann gehöre +ihr die Hütte und alles, was darin sei. + +</p><p>Nun hatte der Knabe zwar allerlei Schauergeschichten von +dem Berggeiste gehört, aber er dachte: „Sie heißen mich ja alle +im Dorfe den Bruder Lustig und von dem hat mir meine +Mutter allerlei komische Märchen erzählt; da habe ich gesehen, +daß selbst der böse Feind einem fröhlichen Herzen kein Leid +antun kann; so schlimm ist aber der Rübezahl doch noch lange +nicht.“ Und er stand getrost auf, schnitt sich einen Stab und +wanderte nach den Bergen hinauf. + +</p><p>„Ei, ei!“ hörte, er auf einmal eine Stimme hinter sich, +„willst du in die weite Welt gehen, kleiner Peter?“ — Wie +er sich umdrehte, war es der Jägersmann, der unter den Bäumen +dahergeschlendert kam. + +</p><p>„Hör’,“ sagte der lustige Kleine, „jetzt soll ich gar zum +Rübezahl gehen und ein Wurzelmännchen holen, davon wird +der Vater gesund werden, sagte die Muhme. Ob es nun wahr +sein mag?“ + +</p><p>„Nun wer weiß; aber fürchtest du dich nicht vor dem wilden +Berggeiste?“ + +</p><p>„I! er wird doch mit sich reden lassen, der alte, kuriose +Herr; so schlimm, wie ihn die Leute machen, ist er gewiß nicht. +Und was kann er mir groß anhaben. Ein wenig Püffe und +<!-- page 132 --> +ein bißchen Ohrenschütteln verschlägt nicht viel bei mir, da bin +ich es noch besser gewohnt, vom Vater her, wie er noch gesund +war.“ — + +</p><p>„Ich denke, dir wird der Herr Johannes nichts anhaben, +du närrischer Kauz,“ sagte der fremde Jägersmann, „aber wer +weiß, ob du ihn antriffst. Wir Jäger leben so lange Zeit im +Walde, daß wir auch hinter allerlei Geheimnisse der Natur +kommen und da kann ich dir selbst deinen Wunsch erfüllen. +Hier hast du ein Wurzelmännchen; das soll der Vater an einer +seidenen Schnur am Halse tragen und er wird gesund davon +werden. Und nun geh’ ruhig heim, du fröhliches Herz.“ — + +</p><p>Der kleine Peter hatte keine Zeit, sich bei dem guten Alten +zu bedanken, der mit großen Schritten über das Haidekraut, +hinschritt und dabei sich immer höher und höher ausdehnte, bis +sein Kopf eine Wolke erreichte, worin alsdann die ganze Gestalt +verschwand. — Das kam unserem kleinen Freunde doch gar zu +wunderlich vor und er lief, was er konnte, nach dem Dorfe +zurück, sein Wurzelmännchen fest in der Hand, das er sich gar +noch nicht einmal angesehen hatte. + +</p><p>Die Muhme kam ihm schon in der Tür mit einem grimmigen +Gesicht entgegen. „Unkraut verdirbt nicht,“ murmelte +sie zwischen den Zähnen und bewillkommnete den kleinen Peter +mit einem tüchtigen Puffe. Da öffnete er die Hand, um ihr +das Wurzelmännchen zu zeigen, und kaum hatte sie einen Blick +darauf geworfen, als sie in ein schallendes Gelächter ausbrach +und wie von der Tarantel gestochen umherlief. Peter sah ganz +erstaunt bald die Muhme, bald das Geschenk des alten Jägers +an und wußte gar nicht, was jener in den Sinn komme. Die +Wurzel sah zwar komisch genug aus, denn sie glich vollkommen +einem kleinen mißgestalteten Männchen, mit langen Spinnenbeinen +<!-- page 133 --> +und ebensolchen Armen; Kopf und Rumpf waren dagegen +ganz unförmlich dick und das Gesicht war eine boshaft +grinsende Karrikatur. Ein Zopf, der länger war, als das +ganze kleine Wesen, vollendete die höchst wunderliche Gestalt +des Wurzelmännchens, aber bei alledem begriff Peter nicht, +warum die Base gar so unbändig lache. Er trat also ganz nahe +zu ihr hin, um ihr den Gegenstand ihrer Lachlust besser zu +zeigen, aber da ward sie völlig außer sich, die Tränen stürzten +ihr aus den Augen und sie fiel ganz atemlos auf das Bett des +Kranken, wobei sie fortfuhr, immer lauter und heftiger zu +lachen. + +<span class="centerpic" id="img-color-4"><img src="images/color-4.jpg" alt="Illustration color-4" /></span> + +</p><p>Da fiel es dem kleinen Peter plötzlich ein, wie er ja einmal +gegen den wunderbaren Jägersmann geäußert hatte, er +wünsche, daß die Muhme einen ganzen Tag lachen und springen +müsse, und nun konnte er nicht länger zweifeln, daß Rübezahl +selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und seinen Wunsch +erfüllt habe. Sein nächster Gedanke war, daß nun auch gewiß +sein Vater gesund werden würde, denn der Berggeist hielt +immer sein Wort; und so band er denn geschwind das Wurzelmännchen +dem Vater um. Dabei kam er der Muhme wieder +nahe, die noch immer halbtot über den Füßen des Kranken +lag; wie unsinnig sprang sie jetzt auf, rollte sich auf der Diele +hin, und als sie an die offene Tür der Stube kam, sprang sie +hinaus und ins Dorf hinunter. Noch aus der Ferne hörte +man ihr schallendes Gelächter. + +</p><p>Von Stund an ward der Kranke gesund, und als Peter +ihm nun erzählte, wie sich alles zugetragen hatte und auf welche +Weise er mit Rübezahl zusammengekommen war, gingen dem +Vater die Augen auf, wie unrecht die böse Muhme dem kleinen +Peter getan hatte, und er beschloß, daß sie nie wieder ins Haus +<!-- page 134 --> +kommen solle. Die Muhme aber blieb von selbst weg, denn sie +hatte den halben Tod von dem lustigen Tanze gehabt, den ihr +Peter verschafft hatte und keine Macht der Welt brachte sie mehr +in die Nähe des kleinen Burschen, von dem sie glaubte, er habe +sie verzaubert. Sie zog ganz aus dem Dorfe, viele Meilen +weit, und Peter hatte nur gute Tage, denn der Vater ward wieder +gesund und stark, und da er einstmals unter einer Baumwurzel, +die er ausrodete, einige alte Goldstücke fand, konnte +er sich ein Stück Acker und eine Kuh kaufen. Ja, es war ein +so sicherer Segen auf allem, was er tat, daß er bald der wohlhabendste +Bauer im Gebirge wurde, und der kleine Peter +konnte im Winter manches Körnlein Futter für die lieben +Vöglein ausstreuen oder auch im harten Winter für die Rehe +und Hirsche in den Wald tragen. Die Muhme starb vor Neid +und Mißgunst, Peter aber lebte lange und glücklich und behielt +seinen Frohsinn und Übermut bis an sein Lebensende, ja er +schenkte sogar der alten Muhme, die ihm so viel Böses getan, +ein freundliches Andenken, er war stets fröhlich und guter +Dinge und erzählte immer mit besonderer Freude die Begebenheit +mit dem wunderbaren Jägersmanne. +<!-- page 135 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-27">Die Reise nach Karlsbad.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>ine reiche Gräfin, die gewöhnt war, den Sommer in irgend +einem Badeorte, den Winter aber in Breslau zuzubringen, begab +sich mit ihren beiden Töchtern nach Karlsbad, weil sie einer +Badekur, die jungen Damen aber der Badegesellschaft bedürftig +waren und deshalb so eilig reisten, daß sie Tag und Nacht nicht +rasteten, um Bälle, Ständchen und Promenaden desto früher +zu genießen. Beim Sonnenuntergang kamen sie ins Riesengebirge, +und da es ein schöner, warmer Sommerabend war, an +dem sich kein Lüftchen regte, beschlossen sie, die schöne, sternenhelle +Mondnacht hindurch zu fahren. Der Wagen war außerdem +<!-- page 136 --> +so bequem eingerichtet und bewegte sich bergan so langsam +vorwärts, daß Mutter und Töchter samt der Zofe recht behaglich +schlummerten. Johann allein, der neben dem Postillon +auf dem Kutschbocke saß, konnte wegen seiner freien und gefährlichen +Stellung nicht schlafen und würde es auch schon aus +Furcht nicht getan haben, denn ihm fielen alle die wunderbaren +Geschichten von Rübezahl ein, die er gehört hatte, und er +verwünschte im geheimen die abenteuerliche Idee seiner Gebieterin, +das Reich des furchtbaren Berggeistes in der einsamen +Nacht zu durchkreuzen. Wie viel lieber wäre er in Breslau +daheim gewesen, wo er niemals etwas von so großen und mächtigen +Geistern gehört hatte. Er sah ängstlich nach allen Himmelsgegenden +aus, und wenn seinem Auge ein auffallender +Gegenstand begegnete, zitterte er wie ein Blatt im Winde. Er +fragte mehr als einmal den Schwager Postillon, ob es hierherum +auch geheuer sei, aber doch konnte er sich bei der Zusicherung +desselben, daß gar nichts zu befürchten wäre, nicht beruhigen. + +<span class="centerpic" id="img-135"><img src="images/135.jpg" alt="Illustration 135" /></span> + +</p><p>Seine Befürchtungen wurden aber bald zur wirklichen +Angst, als der Postillon plötzlich die Pferde anhielt und einen +Fluch zwischen den Zähnen murmelte. In der Entfernung von +kaum zehn Schritten stand mitten im Wege eine übernatürlich +große Gestalt, mit schwarzem Mantel und mit einem weißen, +weithin schimmernden Halskragen, aber — ohne Kopf! — +Diese schreckliche Erscheinung stand augenblicklich still, wenn +der Postillon die Pferde anhielt und lief rasch voraus, sobald +dieser die Peitsche schwang, um weiterzufahren. „Schwager, +was ist das?“ schrie Johann in größter Angst. „Sei still,“ +sagte dieser kleinlaut, „damit wir den Spuk nicht irren?“ + +</p><p>Aber der entsetzte Diener hielt es auf seinem freien Posten +nicht länger ruhig aus, wo er sich der Gefahr zumeist ausgesetzt +<!-- page 137 --> +glaubte, und klopfte heftig an die Fenster des Wagens. Hat +die Gräfin, dachte er, die tolle Idee gehabt, hier in der Nacht +zu reisen, so kann sie nun auch Rat schaffen, wie wir aus der +Gefahr kommen. + +</p><p>Unwillig fuhr die Gebieterin aus ihrem sanften Schlummer +auf und fragte, was es gäbe? „Ei, Ihro Gnaden, da geht +einer ohne Kopf,“ stammelte der Bediente und seine Zähne +schlugen zusammen. + +</p><p>„Und darum weckst du mich, Einfaltspinsel? Als ob man +das nicht täglich in- und außerhalb Breslaus sehen könnte.“ +Sie belachte ihren eigenen Witz, aber die beiden Fräulein konnten +nicht mit einstimmen, denn auch ihnen fielen zum größten +Schreck alle Rübezahl-Märchen ein und sie riefen einstimmig: +„Das ist der Berggeist, Mama, wir sind mitten auf dem Riesengebirge.“ + +</p><p>Die Geister aber schienen bei der Gräfin in keiner besonderen +Achtung zu stehen, denn sie lächelte über die Furcht der +Töchter und verspottete die bekannten Spukgeschichten, die sie +die Ausgeburten kranker Einbildung nannte, ward aber in +ihrer Erklärung plötzlich unterbrochen, als der Schwarzmantel, +der einen Augenblick im Gebüsch verschwunden war, wieder in +das helle Mondlicht heraus, dicht an den Weg trat. + +</p><p>Ein Schrei des Entsetzens ward im Wagen gehört und die +seidenen Vorhänge hastig vor die Fensterscheiben gezogen. Der +schreckliche Unbekannte beunruhigte aber die Damen nicht weiter, +sondern begnügte sich, den Bedienten samt dem Postillon +vom Bocke herabzustürzen, wobei ihm die Furcht der beiden +Männer sehr zu statten kam, und schrie dem betäubten Postillon +unter einigen derben Faustschlägen ins Ohr: „Nimm, das +vom Rübezahl, weil du so dreist in mein Gehege fuhrst; dein +<!-- page 138 --> +Roß und Geschirr sind mir verfallen.“ — Hierauf schwang sich +das kopflose Ungetüm auf den Sattel, trieb die Pferde an und +fuhr so rasch über Stock und Stein, daß man vor dem Rasseln +der Räder das Angstgeschrei der Damen nicht hörte. + +</p><p>Da vermehrte sich plötzlich die nächtliche Reisegesellschaft +noch um eine Person; es trabte nämlich ein Reiter neben dem +Fuhrwerk hin, der es gar nicht zu bemerken schien, daß dem +Fuhrmann der Kopf fehle, und ritt neben dem Wagen her, als +gehöre er dazu. Dem Schwarzmantel schien dieser Gesellschafter +eben nicht willkommen zu sein; er lenkte die Pferde nach einem +andern Wege, bog bald links, bald rechte um, konnte aber den +rätselhaften Begleiter nicht los werden Noch viel ängstlicher +ward dem Fuhrmanne aber zu Mute, als er bemerkte, daß +dem Schimmel ein Fuß fehle und dieser doch so lustig neben +ihm her trabte. + +</p><p>„O weh, das ist der <i>rechte</i> Rübezahl,“ seufzte er ängstlich, +„und meine Rolle als Rübezahl wird nun bald aus sein, +nun der sich in daß Spiel mischt!“ + +</p><p>Jetzt lenkte der Reiter sein dreibeiniges Roß ganz nahe an +den Fuhrmann und fragte ihn ganz zutraulich: „Landsmann +ohne Kopf, wohin des Weges?“ + +</p><p>„Immer der Nase nach,“ antwortete dieser mit furchtsamem +Trotz. Da fiel der Reiter den Rossen in die Zügel und +rief: „Halt, Gesell!“ packte ihn am Genick und warf ihn so +kräftig zur Erde, das ihm alle Glieder knackten. Der kopflose +Fuhrmann hatte, wie es sich nun ergab, Fleisch und Bein, wie +jeder andere Mensch und wimmerte ganz kläglich, als ihm der +Reiter die Maske abriß. Da er nun sah, daß er in die Hände +des mächtigen Berggeistes geraten war, dessen Person er eben +dargestellt hatte, ergab er sich auf Gnade und Ungnade. +<!-- page 139 --> + +</p><p>Diese Demut war sein Glück; denn der Gnom war so ergrimmt, +daß er ihn ohne Zweifel zermalmt haben würde, wenn +er noch ein Wort zu reden gewagt hätte. „Sitz auf,“ herrschte +er ihm jetzt zu, „und tue, was ich dir befehlen werde.“ Nun +zog er geschwind den vierten fehlenden Fuß seines Schimmels aus +den Rippen desselben und trat an den Wagenschlag, um +sich den Damen ganz höflich vorzustellen. + +</p><p>Aber diese lagen sämtlich ganz betäubt und besinnungslos +in den Polstern und gaben kein Zeichen des Lebens. Der Reiter +schöpfte aus einer vorüberrieselnden Bergquelle frisches +Wasser und sprengte dies den Damen ins Gesicht, wodurch sie +auch sämtlich wieder zum Leben gebracht wurden. Es beruhigte +sie sehr, einen so feinen, wohlgestalteten Mann in ihrer Nähe +zu haben, von dem sie auch ritterlichen Schutz erwarten durften +und sie wurden ganz frei von Besorgnis, als er sagte: „Ich bedauere +die Damen sehr, die von einem entlarvten Bösewicht +erschreckt worden sind, der ohne Zweifel die Absicht hatte, sie +zu bestehlen. Jetzt sind Sie in Sicherheit; ich bin der Oberst +von Riesental und erlaube mir, Sie in meine Wohnung zu geleiten, +die ganz in der Nähe ist.“ + +</p><p>Mit Freuden ward dies freundliche Anerbieten von den +Damen angenommen. Der Oberst ritt indes wieder neben dem +eingeschüchterten Fuhrmann her, hieß ihn bald links, bald +rechts einen Weg einbiegen und fing zwischendurch einige Fledermäuse +mit der Hand auf, denen er einen geheimen Auftrag +zu geben schien, und die er dann wieder freiließ. + +</p><p>So mochte die Fahrt wohl über eine Stunde gedauert +haben, als sich in einiger Ferne Lichtschimmer zeigte und vier +Jäger mit brennenden Windlichtern herangesprengt kamen, um +ihren Herrn zu suchen. Die Gräfin ward dadurch vollständig +<!-- page 140 --> +beruhigt und bat Herrn von Riesental, einige seiner Leute nach +ihrem armen Johann auszuschicken, was auch sogleich geschah. +Bald darauf rollte der Reisewagen über eine Zugbrücke durch +ein altertümliches Burgtor und hielt vor einem hell erleuchteten +Palaste. Der Reiter sprang ab und bot der Gräfin den Arm, +worauf er sie in ein Prunkgemach führte, in dem schon eine +große Gesellschaft versammelt war. Die jungen Damen waren +trostlos darüber, in ihren sehr zerdrückten Reisekleidern in +einen so glänzenden Zirkel treten zu sollen und der Hausherr +bemerkte ihre Verlegenheit kaum, als er sie in ein Kabinett +treten ließ, darin alles Nötige zur Herstellung ihrer Toilette +vorbereitet war. Sechs Kerzen brannten vor dem großen Ankleidespiegel, +feine Seifen, Riechwasser, Haaröl und dergleichen +lagen auf dem kostbaren Waschtisch und die feinsten Schuhe +und Handschuhe fehlten ebensowenig. + +<span class="centerpic" id="img-140"><img src="images/140.jpg" alt="Illustration 140" /></span> + +</p><p>Den jungen Damen hätte nicht leicht ein angenehmeres +Abenteuer begegnen können, und sie traten daher ganz frisch +und fröhlich in die Gesellschaft, wo sie sich auch bald recht wohl +<!-- page 141 --> +gefielen. Es ward viel über die Gefahr gesprochen, in welcher +sich die Reisenden befunden hatten und der aufmerksame Wirt +stellte den Damen sogleich einen Arzt vor, der nach ihrem Gesundheitszustande +nach einem so großen Schreck fragte und mit +bedeutender Miene den Puls der Gräfin prüfte. + +</p><p>Endlich sagte er mit ziemlich bedenklichem Kopfschütteln, +daß er die schlimmsten Folgen von der ungewöhnlichen Aufregung +befürchten müsse, wenn die Damen sich nicht entschließen +würden, sogleich einen Aderlaß zu erlauben. Die Gräfin zitterte +für ihr Leben und willigte sogleich ein; bei den jungen Damen +hielt es aber weit schwerer und es bedurfte des mütterlichen +Befehls, um sie dazu geneigter zu machen. + +</p><p>Der Arzt kehrte sich nicht an den sichtlichen Widerwillen +der Damen und machte sie für die ersten acht Tage unfähig +einem Balle beizuwohnen. + +</p><p>Nachdem diese energische Kur vorüber war, ging die Gesellschaft +zur Tafel und ein fürstliches Mahl war für sie aufgetischt. +Auch schienen die Tische unter der Last des Silbergerätes +brechen zu wollen und die köstlichsten Speisen, die ausgesuchtesten +Weine und der Jahreszeit nach ganz ungewöhnliche Früchte +wurden verschwenderisch aufgetragen. Als das bunte Dessert +gebracht wurde, erstaunten die Gräfin und ihre Töchter nicht +wenig, ihr ganzes Abenteuer in Zucker und Tragant dargestellt +zu sehen. Voller Bewunderung der Schnelligkeit, womit dieses +kleine Kunstwerk entstanden und der Zierlichkeit, mit der es +ausgeführt war, fragte die Gräfin ihren Tischnachbar, einen +böhmischen Grafen, was für ein Galatag hier gefeiert werde +und erhielt zur Antwort, die Gäste hätten sich nur zufällig getroffen +und es sei nur ein kleines, freundschaftliches Mahl, wie +es der Hausherr täglich gewohnt sei. +<!-- page 142 --> + +</p><p>Diese Nachricht vermehrte die Freude der Damen, sich in +so guter Gesellschaft zu befinden und die Gräfin war nur erstaunt, +daß sie nie zuvor von einem so reichen und gastfreien +Manne gehört oder ihn in Breslau gesehen habe. So bewandert +sie auch in der Familiengeschichte des ganzen deutschen +Adels war, konnte sie doch in ihrem Gedächtnis keine Familie +von Riesental auffinden. Dieser Ideengang ward unterbrochen, +als man allerhand Märchen von Rübezahl zu erzählen +anfing, und die Gräfin nahm sogleich Gelegenheit, ihren Zweifel +an dem wirklichen Vorhandensein des Berggeistes unter allerlei +witzigen Bemerkungen auszusprechen. + +</p><p>„Mein soeben erlebtes Abenteuer ist der beste Beweis, +woher alle diese Geschichten entstehen,“ sagte sie, „und daß der +Berggeist nur in den Köpfen der Furchtsamen spukt. Wenn +er hier im Gebirge wirklich herrschte und hauste, würde er alsdann +so ungestraft geduldet haben, daß ein Schurke unter +seinem Namen solchen Unfug treiben durfte? Der arme Geist +konnte seine eigene Ehre nicht retten und ohne den ritterlichen +Beistand des Herrn von Riesental hätte ein frecher Bube uns +beraubt und vielleicht ermordet.“ + +</p><p>Der Hauswirt widersprach eben in einem Scherz und höflicher +Weise, indem er noch anriet, den Herrn vom Berge nicht +so ganz für ein Unding zu halten, als er durch das Eintreten +Johanns unterbrochen wurde, der wieder ganz mutig aussah, +nun er sich in so sicherer Umgebung erblickte und triumphierend +das Haupt des Schwarzmantels mitbrachte, welches dieser während +der Mummerei unter dem Arme getragen und später verloren +hatte. Zur großen Belustigung der Gäste ergab es sich, daß +es nur ein ausgehöhlter Kürbis war, der mit Sand und +Steinen angefüllt, mit einer hölzernen Nase und einem langen +<!-- page 143 --> +Flachsbarte ausgeschmückt war und so einem recht fürchterlichen +Menschenantlitze glich. + +</p><p>Nach einer in den weichsten Daunen zugebrachten Nacht +verließen die Damen am andern Morgen das gastliche Schloß, +ganz entzückt von der Aufnahme, die sie daselbst gefunden hatten. +Herr von Riesental, nachdem er vergeblich versucht hatte, +seine Gäste noch einen Tag bei sich zu behalten, geleitete sie +höflich bis an die Grenze seines Gebietes, doch mußten ihm die +Damen versprechen, auf der Rückreise wieder einen Besuch bei +ihm abzustatten. + +</p><p>Als nun der Gnom wieder in seiner Burg anlangte, wurde +der arme Schelm herbeigeführt, der seine Rolle auf so unglückliche +Weise gespielt hatte. „Elender!“ donnerte ihn der Geist +an, „wie wagtest du es, in meinem Bereiche eine so sträfliche +Gaukelei zu verüben? Dafür sollst du mir lebenslang büßen. +Wer bist du, und was trieb dich ins Gebirge, um als Geist +darin zu spuken?“ + +</p><p>„Großer Geist des Riesengebirges, vergib,“ sagte der +Schlaukopf mit großer Unterwürfigkeit, „ich habe das Gesetz +nicht gekannt, was mir verbietet, deine Person vorzustellen. +Ich kann dir sagen, daß dies an den meisten Orten geschieht; +bald wandelst du mit einer großen Rübe auf den Maskenbällen +umher, bald trägt man dich aus Kokosnuß geschnitzt oder aus +Gips geformt zum Verkaufe umher. Aber nun ich weiß, daß +du es ungern siehst, soll es gewiß niemals wieder geschehen, +vergib mir nur diesmal, mächtiger Geist! — Ich bin von +Profession ein Beutler, aber es ging mir zu trübselig bei diesem +Gewerbe. Wie viele Beutel ich auch nähte, der meine blieb +immer leer, obgleich die Leute sagten, ich hätte eine glückliche +Hand, denn in den von mir gearbeiteten Beuteln halte sich das +<!-- page 144 --> +Geld länger, als in anderen. Der Pfiff lag aber darin: ein +lederner Geldbeutel ist immer besser, als ein von Seide gestricktes +Netz. Warum? Nun seht, die ledernen Beutel werden meist +von den Ackerwirten und armen Handwerkern gekauft, die sind +denn von Haus aus keine Verschwender; aber die feinen, durchsichtigen +Börsen befinden sich nur in vornehmen Händen und +da ist es kein Wunder, wenn sich das Geld nicht gut darin hält; +die Gelegenheit ist immer bei der Hand, daß es herausrinnt +so viel auch hineingeschüttet werde.“ — + +</p><p>„Nun, und weiter,“ sagte Rübezahl, der es nicht ganz verbergen +konnte, daß ihn die Erzählung des Burschen belustigte. + +</p><p>„Nun, es gab Teuerung im Lande und da ich gute Ware +für schlechtes Geld geben mußte, arbeitete ich mich an den +Bettelstab und ward endlich in den Schuldturm geworfen. Als ich +wieder frei ward, gab mir niemand Arbeit und ich mußte +in die weite Welt wandern. Da begegnete mir einer meiner +alten Kunden, der ganz stattlich aussah und auf einem schönen, +Pferde ritt. „Ei, ei, Franz!“ lachte er, „hast du es noch immer +nicht weiter gebracht; willst du mit mir gehen, so will ich dich +lehren, den Beutel immer voll Geld zu haben.“ — Das war +mir eben recht und ich kümmerte mich nicht sonderlich darum, +ob sein Gewerbe ehrlich war. Der Gesell aber machte falsches +Geld und ich ward bald so geschickt in dieser freien Kunst, als er +selbst; alles war im besten Gange, da wurden wir eingefangen +und auf Lebenszeit zur Festung verurteilt.“ + +</p><p>„Da lebte ich eine lange, aber keine gute Zeit, bis endlich +ein Werbeoffizier kam und die Gefangenen zu Soldaten machte, +denn es war Krieg im Lande. Ich war den Tausch auch wohl +zufrieden, aber ich hatte wieder Unglück; als ich einmal auf +Fouragierung ausgeschickt wurde, griff ich zu weit in meinem +<!-- page 145 --> +Auftrage und fegte nicht nur Speicher und Scheuern, sondern +auch Kisten und Kasten in den Häusern aus. Es, war ein +schlimmer Zufall, daß es gerade in Freundes Land war und +nun gab es ein weitläufiges Gerede, ich mußte Spießruten laufen +und ward aus dem Soldatenstande fortgejagt, in dem ich +doch so leicht mein Glück hätte machen können.“ + +</p><p>„Jetzt hatte ich wieder keine Aussicht, als zu meiner Profession +zurückzukehren; da ich mir aber kein Lager einkaufen +konnte, fiel ich auf den Gedanken, einmal meine früheren Arbeiten +nachzusehen, ob sie sich auch gut gehalten hätten. Ich sann +nun immer darauf, einen Beutel zu erwischen, wobei es sich +freilich traf, daß manchmal noch Geld darin war, aber das war +ja nicht meine Schuld; und oft war der Beutel auch nicht von +meiner Arbeit, aber ich konnte ihn doch nicht mehr ohne Gefahr +an den alten Ort zurückbringen und war also gezwungen, ihn +zu behalten. Alte Bekannte fand ich auch manchmal unter dem +fremden Gelde, nämlich von unserer falschen Münze, mit der +die Leute einander immer noch anführten, indes wir schon unsere +Strafe dafür weg hatten. Ich besuchte nun die Messen +und Märkte und machte zuweilen recht gute Geschäfte, aber wer +einmal Unglück haben soll! Es war recht, als sollte es nicht +sein, daß ich länger so fort lebte. — In Liegnitz fiel mir der +Beutel eines reichen Krämers auf, der sehr reichlich gespickt +war; aber das war eben das Unglück, denn er war zu schwer +und fiel mir bei dem angewandten Kunstgriff aus der Hand. +Da ward ich ergriffen und als Beutelschneider vor Gericht geführt; +ich sagte, das sei ja mein gelerntes Handwerk und wies +mich durch Kundschaft und Lehrbrief darüber aus; aber den +Herren vom Gericht war nicht gut zuzureden, ich wurde eingesperrt, +ersah mir aber glücklich die Gelegenheit und entwischte +wieder.“ +<!-- page 146 --> + +</p><p>„Anfänglich hungerte ich, das gefiel mir aber auf die Länge +nicht, dann machte ich einen Versuch mit betteln, es geriet aber +auch nicht. Die Polizei in Groß-Glogau hinderte mich auch +daran, und ich mußte wieder ein paar Tage brummen. Von +nun an vermied ich die Städte und genoß die Landluft, die mir +besser bekam; da kam mir die Gräfin in den Weg, an deren +Wagen etwas zerbrochen war. Der Bediente schimpfte gewaltig, +daß man nun gerade in der Nacht aufs Riesengebirge kommen +würde, wo doch der gewaltige Herr Rübezahl hause. Das brachte +mich auf den Einfall, seine Zaghaftigkeit zu benutzen und eine +Geisterrolle zu spielen. Beim Küster verschaffte ich mir den +schwarzen Mantel, und ein Kürbis, der auf dem Kleiderschranke +stand, diente mir als Kopf, den ich nach Willkür aufsetzen +und abnehmen konnte, um die Reisenden noch mehr zu erschrecken. +Wenn mir die Sache geglückt wäre, hätte ich die Damen +in den tiefen Wald<a id="corr-28"></a> gefahren und mir ihr Geld und sonstige +Kostbarkeiten ausgebeten. Ein größeres Leid hätte ich +ihnen nicht angetan. Vor euch, Herr, habe ich mich, aufrichtig +gesprochen, am wenigsten gefürchtet. Die Kinder glauben ja +kaum mehr an euch, so aufgeklärt ist jetzt die Welt, und ihr +werdet bald ganz vergessen sein. Ich dachte es müsse euch lieb +sein, daß ich euch wieder in Erinnerung gebracht habe und +darum seid nicht ungnädig gegen mich. Es wäre euch gerade +etwas leichtes, einen ehrlichen Kerl aus mir zu machen. Lasset +mich einen Griff in eure Braupfanne tun, oder schenkt mir, +wie jenem hungrigen Handwerksburschen, eine Hand voll +Schlehen aus eurem Garten. Der arme Schelm hat sich zwar +zwei Vorderzähne an eurem Obst abgebissen, aber dafür haben +sich auch die Schlehen in eitel Gold verwandelt. Vielleicht ist es +euch auch genehm, eine Partie Kegel mit mir zu schieben, wie +<!-- page 147 --> +mit jenem Prager Studenten, dem ihr alsdann einen Kegel +schenktet, der auch von Gold war; oder wenn ihr mir durchaus +eine Strafe für mein Unrecht zudenkt, so machst es doch mit mir, +wie mit jenem Schuster, den ihr mit einer goldenen Rute +tüchtig durchgehauen, ihm aber auch nachher das Strafinstrument +zum Andenken geschenkt habt, wie die Handwerker noch +auf ihren Gelagen zu erzählen wissen.“ — + +</p><p>„Schurke!“ sagte Rübezahl, „ich habe dich geduldig ausreden +lassen, aber nun lauf’, so weit deine Füße dich tragen. +Du wirst auch ohne mich deiner Strafe nicht entgehen.“ + +</p><p>Mit Freuden erfüllte der Beutelschneider den zornigen +Befehl des Herrn vom Berge und pries seine Beredsamkeit, die +ihn diesmal ganz allein aus seiner mißlichen Lage gezogen +hatte. Er lief so schnell, um aus der Gerichtsbarkeit Rübezahls +zu kommen, daß er in der Eile den schwarzen Mantel vergaß; +so rasch er aber auch sich fortbewegte, schien es doch nicht, als +ob er von der Stelle käme, denn immer umgaben ihn dieselben +Bäume und Felsen, nur die Burg des Herrn von Riesental +war verschwunden. Ganz abgemattet von der fruchtlosen Bestrebung, +diesen Platz zu verlassen, sank er endlich unter einen +Baum und fiel in einen festen Schlaf! Als er nach mehreren +Stunden wieder erwachte, wunderte er sich, daß ihn noch immer +eine undurchdringliche Finsternis umgab und er weder das +Säuseln der Luft vernahm, noch ein Sternlein am Himmel +blinken sah. Darüber sprang er auf und erschrak nicht wenig, +als er das Geklirr von Ketten hörte, mit denen er selbst belastet +war. In qualvoller Erwartung brachte er mehrere Stunden +zu, bis endlich ein wenig Licht durch das eiserne Gitter +eines kleinen Fensters fiel und er allmählich denselben Kerker +wiedererkannte, aus welchem er zuletzt entflohen war. Da aber +<!-- page 148 --> +niemand kam, um nach dem Gefangenen zu sehen oder ihm +Speise zu bringen, fing noch obendrein der Hunger ihn zu martern +an und er schlug verzweiflungsvoll mit seinen Ketten gegen +die wohlverwahrte Tür. Es währte lange, ehe sich der Gefängniswärter +entschließen konnte, in die Zelle zu gehen, die +doch schon wochenlang leer war; er glaubte, es gehe ein toller +Spuk darin um und mit der größten Angst öffnete er endlich +die Tür, um die Ursache dieses ungewöhnlichen Lärmens zu erforschen. +Erst erschrak er sehr vor der Gestalt, die sich in dem +dunklen Gemache bewegte, als er aber seinen entwichenen Gefangenen +erkannte, verwunderte er sich noch weit mehr, denn +er konnte nicht beigreifen, wie dieser durch die verschlossene Tür +und das vergitterte Fenster wieder an seinen alten Platz gekommen +sei. Jener aber behauptete, er habe sich freiwillig wieder +eingefunden; da er die geheime Gabe besitze, durch verschlossene +Türen ein- und auszugehen und seine Fesseln anwie +abzulegen, so befinde er sich nach seinem eigenen Willen hier. + +</p><p>Da es unbegreiflich blieb, wie der schlaue Dieb die Sache +ins Werk gesetzt hatte, mußte man endlich an seine wunderbare +Kraft glauben; die Herren in Liegnitz schickten ihn nun auf die +Festung, wo er den Karren schieben mußte und überließen es +ihm, sich, wenn er wolle und könne, auch von dieser Kette zu +befreien; man hat aber mit Verwunderung bemerkt, daß er von +seiner geheimnisvollen Kraft bis zum Ende seines Lebens +keinen weiteren Gebrauch gemacht hat. + +</p><p>Die Gräfin war indes mit ihrer Begleitung wohlbehalten +in Karlsbad angelangt und ließ sogleich den Badearzt rufen, +um ihn über ihren Gesundheitszustand zu befragen. Da trat +derselbe Arzt herein, den sie schon auf dem Schlosse des Herrn von +Riesental kennen gelernt, und der ihr den Aderlaß verordnet +<!-- page 149 --> +hatte. „Ei, seien Sie uns willkommen!“ riefen ihm +Mutter und Töchter freundlich entgegen; „wir vermuteten Sie +noch bei dem Herrn von Riesental und nun sind Sie uns doch +zuvorgekommen; warum haben Sie uns denn dort verschwiegen, +daß Sie der hiesige Badearzt sind?“ — „Ach, Herr Doktor!“ +seufzten die beiden Fräulein dazwischen, „Sie haben uns +wohl die Adern am Fuße durchgeschlagen; wir müssen jämmerlich +hinken und werden nun keinen Schritt tanzen können.“ + +</p><p>Der Arzt stutzte. „Ihro Gnaden,“ sagte er, „sind im +Irrtum; ich hatte nie zuvor die Ehre, Sie zu sehen, auch entferne +ich mich während der Kurzeit niemals von hier und kenne +unter allen meinen Bekannten keinen Herrn von Riesental.“ — + +</p><p>Die Gräfin lachte über diese Verstellung, wie sie es nannte, +und da sie den Grund davon in dem Zartgefühl des Arztes zu +finden meinte, der nur für seine ihr schon geleisteten Dienste +nicht bezahlt sein wollte, sagte sie: „Ich verstehe Sie, lieber Herr +Doktor, Ihr Zartgefühl geht aber zu weit, es soll mich nicht +abhalten mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren +guten Beistand dankbar zu sein.“ Dabei nahm sie eine schöne +goldene Dose aus ihrem Koffer und schenkte sie dem Doktor. +Dieser nahm sie als eine Vorausbezahlung der Dienste, welche +er etwa der Gräfin noch würde leisten können und widersprach +ihr daher nicht mehr, weil er glaubte, die Kranke leide an solchen +Einbildungen und ihre Töchter stimmten nur aus Rücksicht +auf den Zustand der Mutter dem bei. + +</p><p>Bald war es in dem Badeorte bekannt, daß die Gräfin +entweder schwachsinnig oder eine Hellseherin sei, denn der Arzt, +der sich immer bemühte, sich bei seinen Patienten lieb und angenehm +zu machen, hatte das kleine Abenteuer während der +Runde, die er am Morgen bei seinen Badegästen machte, vielfach +<!-- page 150 --> +erzählt und alle waren neugierig, die fremden Damen +kennen zu lernen. + +</p><p>Als die Gräfin mit ihren Töchtern das erste Mal in den +Kursaal trat, war es ihr ein höchst überraschender Anblick, die +ganze Gesellschaft dort wiederzufinden, in welche sie einige Tage +zuvor vom Herrn von Riesental eingeführt worden war; dadurch +hatte sie gleich angenehme Bekannte und schloß sich ohne +weitere Zeremonie ihnen an. Aber sie fühlte sich verletzt durch +das fremde und kalte Benehmen der Damen und Herren, die +vor kurzem ihr so viel Vertrauen und Aufmerksamkeit bewiesen +hatten; endlich fiel ihr ein, das ganze sei ein verabredeter +Scherz, bei dem Herr von Riesental die Hand im Spiele habe +und er würde durch sein plötzliches Erscheinen der Neckerei ein +Ende machen. Sie fragte daher täglich nach ihm und erzählte +mehreren neu angekommenen Gästen ihr Abenteuer auf dem +Riesengebirge, durch welches sie so viel angenehme Bekanntschaften +gemacht habe, doch merkwürdigerweise wollten die Herrschaften +sie hier gar nicht wiedererkennen, auch gar nichts von +der Existenz eines Herrn von Riesental etwas wissen. + +</p><p>Es war bald nur eine Stimme darüber, daß die Gräfin +eine feine und liebenswürdige Dame sei, daß sich ihre Gedanken +aber alsdann verwirrten, wenn sie an ihr vermeintliches Abenteuer +erinnert würde. Man vermied daher, sie auf diesen Gegenstand +zu bringen, und die Gräfin, welcher der Scherz doch +auch zu weit ausgedehnt schien, sprach nun auch nicht weiter +davon, was der Arzt überall als eine Wirkung des Bades pries, +das die Krankheit der Gräfin mit so vielem Erfolge heile. + +</p><p>Als die Kur beendet war und sich die jungen Damen genug +hatten bewundern lassen, kehrten sie ganz zufrieden nach Breslau +zurück. Absichtlich nahmen sie wieder den Weg über das +<!-- page 151 --> +Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten ihr Wort zu halten +und zugleich die Lösung des Rätsels von ihm zu empfangen, +weshalb die Gäste in Karlsbad ihr früheres Zusammentreffen +mit der Gräfin nicht hätten eingestehen wollen. Aber es wußte +niemand den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental +nachzuweisen und sein Name war weder diesseits noch jenseits +des Gebirges bekannt. + +</p><p>Dadurch war die Gräfin doch endlich überzeugt, daß der +Unbekannte, der sie beschützt und so gastlich aufgenommen hatte, +Rübezahl, der Berggeist, gewesen sei. Sie hatte alle Ursache, +mit der feinen Rache zufrieden zu sein, die der Gnom ihrem +Unglauben an seine Existenz erwiesen hatte und verzieh ihm +gern die Neckerei mit der Badegesellschaft, die ihr nun erst erklärlich +wurde. Wieder aber war es dem Berggeiste gelungen, +die Menschen an ihren empfindlichsten Stellen zu packen, und +die Mutter mit ihrer Spottlust, die Töchter mit ihrer Eitelkeit +zu necken. +<!-- page 152 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-28">Wie Rübezahl die Übertretung seiner Gesetze bestraft.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>er Berggeist duldet es nicht, daß Hunde in sein Gebirge +kommen, wie er sich denn überhaupt im höchsten Gebirge die +Jagd selbst vorbehalten hat. + +<span class="centerpic" id="img-152"><img src="images/152.jpg" alt="Illustration 152" /></span> + +</p><p>Dies Verbot war allgemein bekannt, ohne daß man wußte, +wer es zuerst erfahren habe, und niemand wagte das Gebirge +zu überschreiten, wenn er einen Hund bei sich hatte. Einst aber +zwang ein früherer Besitzer Warmbrunns, ein Vorfahr des +Grafen Schafgorsch, seinen Jäger, dem er in dem wildesten Teil +des Gebirges ein Haus hatte bauen lassen, auch einen Jagdhund +zu halten. Da ward es gleich in der ersten Nacht sehr +<!-- page 153 --> +unruhig um die einsame Wohnung, die Türen klapperten und +die Fenster klirrten, als rüttle ein wütender Sturm daran, +und doch bewegte sich draußen kein Lüftchen. Der Jäger dachte, +es sei wohl gar ein Erdbeben, das, wenn auch selten, doch öfters +in dieser Gegend vorkommt. Er stand auf und ging in die +finstere Nacht hinaus; dort war alles totenstill, nur die Sterne +schimmerten in prächtigem Glanz, in ihrer ewigen Majestät +am dunklen Himmel. Da aber, als er näher zusah, war es +ihm, als ob derselbe sich öffne und eine mächtige große Gestalt +ihm mit einem Stocke drohe und als ob jeder Stern den Kopf +eines Hundes habe und ihn zornig ansähe. Geblendet kehrte +er ins Haus zurück und versuchte alles für Einbildung und +Aufregung zu halten; er zog die Decke weit über den Kopf und +hörte nur noch wie der Hund erst laut bellte, dann aber jämmerlich +zu winseln anfing, bis auch dies immer schwächer und +ferner wurde. Als der Jäger am andern Morgen nach dem +Hunde sah, war dieser verschwunden. Tagelang suchte er vergeblich +nach dem treuen Tiere, bis er endlich nach einiger Zeit +die zerstreuten Glieder desselben in weiter Entfernung von dem +Hause fand. — Niemand wagt seitdem wieder, in Rübezahls +Gebiet Jagdhunde mitzubringen. +<!-- page 154 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-29">Das Rad.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Kutscher rollte einmal ein Rad mit vieler Mühe durch +das Gebirge. Er hatte es eben eine steile Ebene hinaufgeschleppt +und lehnte es an einen Baum, in dessen Schatten er sich +ganz ermüdet niederlegte und bald darauf einschlief. Als er +erwachte, hatte Rübezahl die Gestalt des Rades angenommen, +und als der Kutscher es weiterrollen wollte, konnte er es trotz +aller Anstrengung nicht von der Stelle bringen. Endlich konnte +er es wenigstens von dem Baume losmachen, an dem es wie +festgenagelt gelegen hatte, aber es fiel auch sogleich wieder +zentnerschwer an die Erde. Als der Kutscher erschöpft und +fluchend vor Zorn alle Hoffnung aufgab, das Rad von der +Stelle zu bringen, stellte es sich mit einem Male wie von selbst +aufrecht, und als es der Kutscher berührte, rollte es mit größter +Schnelligkeit über Steingeklüfte und Baumwurzeln hin, den +Berg hinab. Keuchend mußte der Kutscher nachlaufen und sah +mit Verwunderung, wie das Rad mit gleicher Schnelligkeit +bergauf und bergab rollte. Wenn er weit zurück war, schien es +sich langsamer zu bewegen, so daß er glaubte, es bald erreichen +zu können, wenn er aber nahe genug war, um es erreichen zu +können, rollte es mit unaufhaltsamer Eile weiter. + +</p><p>So lief das Rad, und der Kutscher dahinter her, über +Berg und Tal, bis es ihm endlich gelang, es zu ergreifen. +Nun hielt er es mit aller Kraft fest; aber das Rad fiel an die +Erde und zog den Kutscher mit darnieder. Plötzlich erhob es +sich wieder und flog nun geschwind wie ein Pfeil durch die Luft, +bis es mit dem ganz erschöpften Kutscher vor dem Hause seines +Herrn niederfiel. +<!-- page 155 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-30">Wie Rübezahl sich eines armen Studenten annimmt.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>n der Zeit, wo Rübezahl noch sein Wesen auf den Bergen +trieb, da war’s freilich anders, als jetzt, da half’s einem<a id="corr-29"></a> ungelehrten +Burschen nicht zu einem guten Amte, wenn einer seiner +Vettern auch ein vornehmer Rat beim Konsistorium oder im +Reichstag war, da gab’s auch noch nicht so viele Hofräte wie +jetzt, und doch war der gute Rat nicht so teuer. Es mußte jeder +etwas tüchtiges lernen, wenn er in der Welt fortkommen wollte +und auch damit hatte es noch Not genug. + +</p><p>Da gab es denn eine Menge arme Studenten, die fleißig +hinter den Büchern sitzen mußten, um endlich ein mageres +Ämtchen zu bekommen und solchen half der Rübezahl gern, +wenn sie nicht etwa Raufbolde waren, die mit Sporen und +Peitsche Straß’ auf Straß’ ab lärmten, sondern still daheim +saßen und arbeiteten. + +</p><p>Ein solcher Student reiste einmal in den Sommerferien +über das Gebirge und ist in tiefen Gedanken. Ein Mann, der +wie ein reisender Handelsherr aussieht, gesellt sich dort zu ihm +und fängt ein Gespräch mit ihm an. Da zeigt sich denn der +Student als wohl unterrichtet, und wie ihn der Fremde teilnehmend +über sein Schicksal befragt, setzt er sich nicht aufs hohe +Pferd, sondern erzählt treuherzig und unbefangen, daß er arm +sei und nur durch Unterricht und Abschreiben sich forthelfe, daß +er noch eine arme Mutter habe, die für andere Studenten +<!-- page 156 --> +wasche und koche, und wie er eben jetzt recht sehr bekümmert sei, +daß er sich ein gewisses Buch nicht anschaffen könne, dessen er +eben zu seinen Studien bedürfe. + +</p><p>Der Handelsmann hört ihm mit Teilnahme zu, sucht ihm +Mut zuzusprechen und freut sich, daß er gerade das nötige +Buch besitze und mit sich führe. Dabei ruft er seinen Diener, +der ein großes Felleisen trägt, zieht das Buch heraus und +schenkt es dem Studenten. Wer ist nun glücklicher als dieser; +er hätte am liebsten gleich angefangen zu lesen, wenn er die +Gesellschaft des Reisenden nicht so lange als möglich hätte genießen +wollen. + +</p><p>Als dieser sich aber endlich von ihm trennt, setzt sich der +erfreute Student unter einen überhangenden Stein und studiert +fleißig in dem Buche. Und so jeden folgenden Tag; es +gab keinen emsigeren Arbeiter auf der ganzen Hochschule. + +</p><p>Eines Tages kam einer seiner Bekannten und bot dem +Studenten zehn Taler für das Buch, damit könne er ja eine +lange Zeit ohne Sorgen leben; aber dieser behielt sein Buch +und sagte, er wolle lieber ferner sich dürftig behelfen, wenn er +nur recht viel lernen könne und dazu sei ihm das Buch am +meisten behilflich. — Ehe ein Monat verstrich, hatte der Student +das Buch ganz inne. Als er aber zu den letzten Seiten +desselben kam, da lag ein Schein, ein großer Geldschein zwischen +den Blättern in ein sauberes Papier eingeschlagen und +darauf standen die Worte: + +</p><p>„Ein kleines Andenken an den Herrn vom Berge!“ — +Nun konnte er ohne Not seine Studien vollenden und ward ein +sehr gelehrter Mann. +<!-- page 157 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-31">Wie Fischbach durch Rübezahls Hilfe erbaut worden.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>us dem schönen Tale, zu dem die schlesischen Riesenberge +den großartigen Hintergrund bilden, erheben sich zwei hohe +Granitkegel, die unter dem Namen der „Falkenberge“ bekannt +sind. Auf einem derselben stand im zwölften Jahrhunderte eine +stolze Burg, in welcher ein gewaltiger Raubritter hauste, Herr +Prótzko, auch „der Falke vom Berge“ geheißen. Das war ein +gar wilder Gesell und in der ganzen Gegend gefürchtet. Durch +Spiel und Zechgelage vergeudete er mit seinen Spießgesellen +die Beute, die er den Reisenden und Kaufleuten abgenommen +hatte, und führte ein lustiges Leben in seiner festen Burg. + +</p><p>Eines Abends saß er in seinem hohen Gemache und ließ +den vollen Becher unberührt vor sich stehen; seine Zechbrüder +spotteten darüber, aber ein wilder Blick des Ritters machte sie +sogleich wieder stumm. Da kam eilig ein Diener herein und +meldete, wie auf der Straße von Schmiedeberg daher ein schwer +beladener Wagen komme, der sicher wertvolle Kaufmannsgüter +brächte. Mit wildem Geschrei sprangen die Raubritter von der +Tafel auf und griffen zu ihren Schwertern; nur Prótzko rührte +sich nicht und ließ die wilden Gesellen allein hinausstürmen in +die finstere Nacht. Er war wohl sonst bei solchem Tanze nimmer +der letzte, heut aber war seiner sanften Mutter Todestag, +<!-- page 158 --> +darum kam kein Scherz aus des Ritters Munde, kein Wein +über seine Lippe, und sein blutgewöhntes Schwert blieb in der +Scheide. — So war er allein in dem stillen Gemache zurückgeblieben, +darin er nun mit großen klingenden Schritten auf +und nieder ging. Endlich öffnete er das Fenster und lehnte +sich in die Nacht hinaus. Da hörte er das Stampfen der Rosse, +den wilden Ruf der Spießgesellen, und nun dazwischen ein +Schrei der Angst, der einen wunderbaren Eindruck auf den +finstern Ritter machte. + +<span class="centerpic" id="img-158"><img src="images/158.jpg" alt="Illustration 158" /></span> + +</p><p>„Sattle mein Roß, Knappe,“ rief er in den Burghof hinab, +griff hastig nach seinem Schwerte und stürmte auch schon +nach wenigen Minuten auf seinem Streitrosse den steilen Weg +vom Falkenberge hinab. Wie eine Wetterwolke stob er gegen +die Raubritter, und seine gute Klinge pfiff durch die Luft. +„Gebt den Gefangenen frei,“ schrie er wild, als er einen Mann +<!-- page 159 --> +gebunden zwischen den Pferden seiner Spießgesellen, sah, „laßt +ihn seines Weges ziehen, oder bei meinem Barte, ihr sollt +meinen Arm fühlen!“ — + +</p><p>Die Raubritter murrten, aber Prótzko war ihr mächtigster +Verbündeter und seine feste Burg ihr sicherster Zufluchtsort. +Darum beschlossen sie, seiner wunderlichen Laune nachzugeben, +und banden den gefangenen Kaufmann los. Aber dieser sank +währenddessen zu Boden, denn er hatte bei seiner tapferen Gegenwehr +eine tiefe Wunde am Halse bekommen und sein Körper +war bedeckt mit Blut. + +</p><p>Prótzko neigte sich prüfend über ihn und eine seltene Regung +des Mitleids zeigte sich in seinem Gesicht. „Tragt den +armen Mann auf euren Armen nach meiner Burg hinauf, er +soll dort Pflege und Wartung finden. Auch den Wagen bringt +hinauf, aber wer seine Hand an das Eigentum dieses Mannes +legt, der hat es mit mir zu tun!“ rief er wild, und jeder sah +es ihm an, daß er nicht spaße. + +</p><p>„Der Falke liegt in der Mause,“ höhnten die Raubritter +leise, aber es wagte keiner dem wilden Prótzko zu widersprechen, +der schweigend und finster dem Zuge voranritt nach seiner +Burg. Dort ward der fremde Kaufmann so gut als möglich +gepflegt, seine Pferde gut versorgt, und die Kisten mit Waren, +die er mit sich führte, von dem Burgherrn selbst verwahrt. + +</p><p>Wochen vergingen, ehe der Kranke genaß und seine Reise +weiter fortsetzen konnte. Mit großem Danke schied er endlich +von seinem mitleidigen Pfleger, der ihm nicht nur seine reiche +Ladung ungeschmälert verabfolgen ließ, sondern ihm auch noch +zwei seiner kräftigsten Pferde schenkte, auf daß er rascher ans +Ziel seiner Reise komme. +<!-- page 160 --> + +</p><p>Aber die Spießgesellen des Ritters waren mit dieser unzeitigen +Großmut sehr unzufrieden und grollten, daß ihnen +eine so gute Beute entgangen war, und sannen auf eine Rache, +wie sie ihm etwas anhaben könnten. Es war an einem schwülen +Sommertage, die Sonne verschwand grade blutrot hinter +den Bergen und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Zinnen +der Burg. Prótzko saß sinnend und allein in seinem +Speisesaal und sah auf die Landschaft hinaus, als sein treuer +Burgvogt atemlos gelaufen kam und meldete: „Herr, die Mannen +des Herzogs Bolko umschleichen unsere Burg und haben +gefährliche Waffen bei sich.“ Prótzko sprang, kaum seinen Ohren +trauend, auf und befahl die Tore zu schließen, die Zugbrücke +herabzulassen und jedem Knappen auf seinen Posten zu gehen. +Lautlos und beobachtend standen sie da, entschlossen, sich nicht +zu ergeben, als ein plötzlicher, brandiger Geruch ihnen die Vermutung +brachte, daß sie verraten und Feuer in der Burg angelegt +sei. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich dasselbe durch +<!-- page 161 --> +das ganze Schloß und in wenigen Minuten prasselten blauzüngelnde +Flammen fast zu allen Seiten des Daches hoch empor, +und die Feinde drangen ein, so daß der arme Ritter sich nur +mit großer Not durch einen unterirdischen Gang retten konnte. + +<span class="centerpic" id="img-160"><img src="images/160.jpg" alt="Illustration 160" /></span> + +</p><p>Verlassen und verraten von treulosen Freunden irrte der +Flüchtige nun durch die Nacht, als er plötzlich jenen Kaufmann +dem er so viel Gutes getan hatte, in Fischertracht vor sich +stehen sah. + +</p><p>„Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter,“ +sagte dieser freundlich zu Prótzko, „sie wird euch sicher Schutz +und Obdach gewähren. Ich bin durch Unfälle aller Art arm +geworden und lebe hier ganz einsam und still als Fischer; hier +wird niemand den tapfern Ritter vom Falkenberge suchen, und +ich kann euch einen Teil des Dankes abtragen, den ich euch +schuldig bin.“ + +</p><p>Prótzko verschmähte dies Anerbieten nicht. Sein Wirt versorgte +ihn reichlich mit Speise und Trank, als aber der Ritter +am andern Morgen erwachte, war dieser verschwunden und +hatte ihm sein Fischergerät zurückgelassen. Damit erwarb sich +Prótzko nun seinen Unterhalt, während die Mannen des Herzogs +seine Burg völlig zerstörten und dann abzogen. Nun +durfte sich der Ritter mehr aus seinem Versteck wagen, um als +Fischer seine Beute feilzubieten, und lebte lange Zeit davon. +Aber wenn er die Ruinen seiner Burg sah, das zerstörte Nest +des Falken, da ward sein Herz traurig. Er sehnte sich nach +einem ritterlichen Leben, und obschon er sein früheres wüstes +Treiben verabscheute, so schmerzte es ihn doch, sein treues +Schwert verloren und statt dessen die Angelrute in der Hand +zu haben. +<!-- page 162 --> + +</p><p>Traurig senkte er diese in das klare Bächlein, das unfern +seiner Hütte vorüberfloß; es war eben wieder der Todestag +seiner Mutter, und schwere Gedanken bedrückten Prótzkos Herz; +da fing sich ein Fisch von ganz ungewöhnlicher Größe an seinem +Haken, den er nur mit der größten Kraftanstrengung ans Land +zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach hinein waten, +um den Fang herauszuholen; aber siehe da! von gediegenem +Golde war der köstliche Fisch, und nun erst ward es dem Ritter +klar, daß jener Kaufmann, dem er einst Güte und Milde hatte +angedeihen lassen, niemand anders, als der mächtige Geist der +Riesenberge, Rübezahl, gewesen sei. + +</p><p>Nun war er mit einem Male wieder reich und fand bald +wieder Anhänger; er begründete in dem weniger bewohnten, +östlichen Gebirgstale ein neues Schloß, an derselben Stelle, wo +sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhütte, gestanden hatte. +Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er gab +ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte dieselbe, +in dankbarer Erinnerung der Weise, wodurch ihm die Mittel +dazu geworden waren, Fischbach. + +</p><p>So entstand mit Hilfe des Berggeistes das schöne Dorf, +welches jetzt, als einer der interessantesten und berühmtesten +Punkte des Gebirgstales, von vielen Reisenden besucht wird +und das Eigentum einer Fürstenfamilie geworden ist. +<!-- page 163 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-32">Rübezahl macht einem Förster einen Zopf.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>n dem Dorfe Brückenberg, das schon sehr hoch im Gebirge +liegt, und wohin der König von Preußen einst eine norwegische +Kirche bringen und aufstellen ließ<a id="corr-30"></a>, lebte vor langen Zeiten ein +Förster, von dem die Rede ging, daß er wacker aufzuschneiden +verstehe, und seine Jagdgeschichten, die er den Leuten stets sehr +bereitwillig erzählte, erinnerten etwas stark an Münchhausens +wundervolle Begebenheiten. Oft log er den Bauern am Sonntag +im Wirtshause so viel vor, daß sie nicht mehr wußten, wo +ihnen der Kopf stand; Rübezahl hörte das, hatte aber lange +Zeit Nachsicht mit dem Förster, weil er sonst eine gute Haut +war, den die Leute bis auf seine seltsamen Jagdgeschichten +auch recht gern hatten. + +</p><p>Einstmals aber hatte er seinen Gevatter, den Pfarrer in +Seydorf, besucht, und dieser gab ihm am Abende das Geleit. +Während sie nun langsam den Berg hinaufstiegen, der nach der +Anna-Kapelle und den weiterhin liegenden Gräbersteinen führt, +kam der Förster auch wieder auf seine Jagdabenteuer und fing +zu erzählen an: + +</p><p>„Ihr könnt es mir glauben, Herr Gevatter, mir ist manches +passiert, was andere gern um vieles Geld erleben möchten, +und nun sticht sie der Neid, daß sie mir die helle Wahrheit nicht +glauben mögen. Denkt nur einmal z. B., wie es mir in Polen +ging, an dem ungeheuren Schlawer-See, wo die größten Grausamkeiten +von den Seeräubern verübt werden; mir schaudert +<!-- page 164 --> +noch die Haut, wenn ich mich derselben erinnere. Aber das +wollte ich eigentlich nicht erzählen, sondern, wie ich im Dämmerlichte +einmal hinaus in den Wald gehe, da sehe ich ein +braunes Tier, das sich langsam in der Schonung hinbewegt. +Halt, denke ich, das ist gewiß eine Kuh; ich war schon lange +ohne Fleisch gewesen, nahm mein Rohr an den Backen und Schoß. +Stellt euch nun aber mein Erstaunen vor, als ich hinspringe +und einen Frosch — einen Riesenfrosch, so groß wie ein Ochs, +getroffen habe.“ + +</p><p>„Gevatter,“ fiel ihm hier der Pfarrer in die Rede, „ihr +werdet doch mit euch handeln lassen; der Frosch wird denn doch +wohl etwas kleiner gewesen sein, als ihr mir weismachen wollt.“ + +</p><p>„Nein, auch nicht einen Zoll breit habe ich ihn vergrößert, +er war wie ein tüchtiger Ochs; ich habe ihm die Haut abgezogen +und sie gerben lassen. Daraus ließ ich mir ein Paar Beinkleider, +eine Weste und einen Pelzrock machen, und sie ist so +fest und wasserdicht, daß ich tagelang im Regen auf dem Anstande +stehen oder im Sumpfe waten kann, ohne mir nur die +eigene Haut feucht zu machen.“ + +</p><p>„Ei! die Geschichte ist sehr merkwürdig und klingt genau, +als ob sie nicht wahr wäre.“ + +</p><p>„Nicht wahr?“ fuhr der Förster auf; „das haben mir schon +viele außer euch gesagt; aber wie werdet ihr staunen, wenn ich +euch eine viel merkwürdigere Geschichte erzähle. Ich hatte nämlich +einen Vorstehhund — für 200 Taler hätte ich ihn schon +vielmal verkauft —, der stand fest wie eine Mauer, und diese +Tugend war auch endlich die Ursache seines Todes. Hört nur, +ich gehe eines morgens in den Wald, nehme den Hund mit, +bekümmere mich aber draußen nicht weiter um ihn; Als ich +nach Haus komme, ist der Hund nicht mehr bei mir; er wird +<!-- page 165 --> +schon nachkommen, denk ich, und gehe ins Forsthaus. Die Nacht +vergeht, und ich rufe am Morgen meinen Hund, aber da ist er +nirgends zu finden, auch nicht im Walde. Ich streife den ganzen +Tag durch die Felder, durchsuche jeden Busch, pfeife und klopfe, +aber immer keine Spur von dem Hunde. Der ist gewiß in ein +anderes Revier geraten und erschossen worden, denk ich, und +konnte das prächtige Tier lange nicht vergessen. Nun aber +hört, Herr Gevatter, was geschieht: das Jahr darauf gehe ich +wieder im Walde durch das junge Holz. Da sehe ich auf einem +kleinen Rasenflecken etwas Weißes und gehe darauf zu, aber +— denkt euch meine Verwunderung — wie ich herankomme, +sehe ich auf einem Flecke zwölf Vogelgerippe und davor das +Gerippe meines Hundes, denn ich erkannte ihn an den doppelten +Wolfsklauen. Der Hund hatte also hier eine Kette Rebhühner +gestellt, und da diese aus Furcht vor dem Hunde nicht +aufzufliegen gewagt hatten, so war das pflichttreue Tier vor +und mit ihnen verendet.“ + +</p><p>Der Pfarrer schüttelte lachend den Kopf. „Ihr findet das +wohl sehr wunderbar, Herr Gevatter?“ fuhr der Förster fort, +„und doch das Beste kommt noch. Aus Anhänglichkeit an den +treuen Hund lasse ich mir aus einem Beinknochen desselben ein +Pfeifenrohr machen, und habe diese Pfeife immer im Walde +mit. Da ich einstmals an einem kleinen Gebüsch hingehe und +mein Pfeifchen rauche, rückt es mich plötzlich am Munde, so +daß alle Zähne knacken. Ich nehme die Pfeife erschrocken aus +dem Munde, aber da drückt es mich ebenso stark am Arm und +der Hand, womit ich sie halte. Das war mir doch verdächtig, ich +schaue die Wiese hinunter, und richtig, hinter dem Gebüsch liegt +eine ganze Kette Rebhühner. Nun erst geht mir ein Licht auf; +seht, so weit ging die seltene Natur des Hundes, daß der Knochen +<!-- page 166 --> +seines Beines noch so gut vor den Rebhühnern stand, wie sonst +der lebendige Hund. Ja, so was kann nur unsereiner erleben!“ + +</p><p>„Nein, das ist doch zu stark, Gevatter,“ sagte der Pfarrer, +„Wenn Ihr noch mehr lügt, so fürchte ich, passiert etwas.“ + +</p><p>Der Förster geriet über diese Worte ganz in Eifer und +beteuerte immer stärker, daß er nur die Wahrheit geredet habe; +er könne über hundert Zeugen aufrufen; sie wären nur schwer +zusammenzubringen, sagte er. + +</p><p>Als die beiden Gevattersleute eben an der Brotbaude hinschritten, +blieb der Pfarrer zufällig einige Schritte zurück. „Gevatter,“ +rief er aus, „was schleppt ihr denn da hinter euch?“ — + +</p><p>Der Förster wendete sich um und sah ein langes, haariges +Ding sich auf der Erde hinschlängeln. „Es ist ein Zopf,“ sagte +der Pfarrer, „und euch eingewachsen.“ + +</p><p>„Ja, ein Zopf,“ sprach plötzlich eine Stimme neben ihnen, +„und den wirst du tragen, mein Förster, bis du dir das Lügen +abgewöhnt hast.“ — Es war Rübezahl, der das sagte, und dann +im Walde verschwand. Die beiden Männer standen wie versteinert, +bis sich der Pfarrer endlich leise auf den Rückweg +machte. Vergeblich suchte der Förster seinen Zopf los zu werden; +wenn er ihn abschnitt, wuchs er im Augenblick noch einmal +so stark und lang, wie zuvor. Es gab also kein anderes +Mittel, um ihn los zu werden, als sich das Lügen abzugewöhnen; +das kam ihm freilich sauer genug an, aber was half’s. +Er log auch endlich nimmer wieder, denn was der Mensch +ernstlich will, das kann er auch. Seit jener Zeit aber besteht +die Redensart im Gebirge und ist auch durch das Land bekannt +— jemandem einen Zopf machen! +<!-- page 167 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-33">Der alte Schäfer.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">N</span>ach allem Vorhergegangenen möchtet ihr nun wohl glauben, +habe es sich Rübezahl zum Grundsatz gemacht, das Böse zu +bestrafen und nur den guten Menschen Hilfe und Glück angedeihen +zu lassen. Im Grunde aber handelte er meist nach guter +oder schlimmer Laune, und nicht immer war er mit Ersatz und +Schadloshaltung zur Hand, wo er durch seine Neckereien Schaden +und Unheil angerichtet hatte. Zuweilen erschreckte er ganz +ohne Ursache eine Gesellschaft Marktweiber durch allerlei abenteuerliche +Tiergestalten, lähmte den Reisenden die Rosse, zerbrach +ein Rad und warf abgerissene Felsstücke in den Weg, die +nur mit großer Mühe wieder hinweggeschafft werden konnten. +Wer sich durch solche Neckereien zum Zorn und Unmut gegen +Rübezahl reizen ließ, den verfolgte er mit einem Steinhagel so +lange, bis er sein Gebiet verlassen hatte; oder ein Schwarm +wilder Bienen umgab ihn gleich einer dunklen Wolke, und der +Wanderer ward von ihnen so geängstet, daß er halbtot aus den +Bergen zurückkehrte. + +</p><p>Nur mit einzelnen Menschen ließ sich der Berggeist zuweilen +in ein Gespräch ein, wobei sich aber jene sehr zu hüten hatten, +eine allzu große Vertraulichkeit zu zeigen, oder sich auf +seine freundliche Gesinnung zu verlassen. Man erzählt sich eine +<!-- page 168 --> +Begebenheit mit einem alten Schäfer, die von Rübezahls Eigensinn +und Grausamkeit den besten Beweis liefert. Mit diesem +Manne unterhielt sich der Berggeist oft, ja er leitete eine förmliche +Bekanntschaft mit ihm ein, und gern ließ er sich den einfachen +Lebenslauf des Hirten erzählen. Zum Dank dafür erlaubte +er ihm, die Herde bis an die Hecken seines Gartens zu +treiben, was kein anderer zu tun wagen durfte, verbot ihm +jedoch ernsthaft weiter vorzudringen. Lange Zeit hielt der +Schäfer gewissenhaft dieses Verbot und begnügte sich, nur von +weiter Ferne hineinzusehen, als er aber ganz sicher in der Gunst +des launenhaften Gnomen sich glaubte, trieb er seine Schafe +einstmals zu nahe an das Gehege von Rübezahls Garten, daß +einige der Tiere, denen die duftenden Kräuter darin verlockend +waren, hindurchbrachen und nun lustig auf dem verbotenen +Felde weideten. Darüber ward Rübezahl so sehr erzürnt, daß +er die Herde durch ein furchtbares Getöse dergestalt erschreckte, +daß sie auseinander- und den Berg hinabstürzte, wobei der +größte Teil der Schafe verunglückte oder sich verlief. Darüber +ging der Wohlstand des Schäfers ganz zu Grunde, von der +Freundschaft Rübezahls wollte er nichts mehr wissen und +härmte sich tot. +<!-- page 169 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-34">Die drei Tischlergesellen.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>s wanderten einmal drei Schreinergesellen über das Hochgebirge, +von denen der eine das Fieber eben gehabt hatte und +noch krank und matt war. Er war aus Erfurt und die beiden +andern aus Schneeberg. Der arme Bursche war so müde, daß +er kaum weitergehen konnte, aber es mußte doch immer wieder +vorwärts gehen, denn das Zehrgeld war den drei Gesellen gewaltig +knapp, und sie konnten nicht zu oft ein Nachtquartier +machen auf dem Wege nach Prag, wo sie Arbeit zu finden +hofften. + +</p><p>Sie gingen eben am Hainfall hin, von dem bis zur Kapelle +der heiligen Anna zu Seidorf ein wundervoller Pfad hinführt; +da seufzte der Erfurter: „Nun kann ich nicht mehr +weiter, ich muß ausruhen; geht ihr eure Straße, ich will euch +nicht länger eine Last sein.“ — + +</p><p>„Warum nicht gar,“ sagten die beiden andern Gesellen, +„uns tut ein wenig Ruhe auch wohl gut, und hier unter den +Fichten ist kühler Schatten und weiches Moos.“ + +</p><p>Wie sie nun alle drei der Ruhe genossen, fiel nahe bei +ihnen ein Schuß, so daß sie erschrocken aufsprangen. Über ihnen, +an einem Felsenrande, stand ein Jäger, sah nach ihnen hin und +verschwand. Bald darauf knackte und prasselte es im Gebüsch +und ein Reh, ganz mit Schweiß bedeckt, brach durch die Zweige +und stürzte nur wenig Schritte vor den drei Gesellen zusammen. +<!-- page 170 --> + +</p><p>„Ei! das gibt auf viele Tage einen Braten,“ sprach der +eine, „und für die Haut können wir manch gutes Nachtlager +bezahlen.“ + +</p><p>„Unrecht Gut gedeihet nicht!“ sprach der Erfurter; „lasset +das Reh liegen, es ist ja nicht unser.“ + +</p><p>„Dummbart!“ lachten die Schneeberger, „soll es hier liegen +und verwesen; der Jäger hatte keinen Hund mit, der es aufspüren +konnte, und so findet’s wohl nur ein anderer, der nicht +so einfältig ist, wie wir. Nein, wir wollen uns daran gütlich +tun, und wenn du nicht teil daran haben willst, so ist es uns +um so lieber.“ + +</p><p>Darauf brachen sie das Reh auf und warfen dem andern +spöttisch die Eingeweide zu. Der schob halb gedankenlos mit seinem +Stabe das Gescheide — so nennt der Jägersmann die +Eingeweide des Wildes — auseinander; da blinkte und flimmerte +es wunderbar, und er fand eine goldene Kugel, ja endlich +noch eine zweite und dritte darin. + +</p><p>Die Schneeberger erschraken nicht wenig darüber, denn +nun kannten sie auf einmal den Jäger und dachten: „Nun +wären wir alle Not los, wenn wir nicht das Eingeweide dem +Erfurter zugeworfen hätten.“ Aber der teilte seinen goldenen +Fund gewissenhaft mit den Reisegefährten, und diese trugen +das Reh voller Freude einer armen Witwe ins Haus, die sechs +hungrige Kinder hatte. Da war ein Festtag in der kleinen +Strohhütte, und viele Tage lang aßen sie von dem Fleische, das +ihnen die drei Schreinergesellen geschenkt hatten, die indes +glücklich nach Prag und auch bald in Arbeit kamen. +<!-- page 171 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-35">Wozu es nützt, schweigend Unrecht zu ertragen.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">Z</span>wei ehrliche Drechslergesellen aus dem Vogtlande, die aus +der Fremde in die Heimat zurückgingen, stiegen über das Gebirge +nach Böhmen zu. Als sie eben recht ermüdet und besonders +sehr durstig waren, sahen sie einen Baum, der voller +Äpfel hing, obgleich man sonst wohl selten hoch auf dem Gebirge +einen Obstbaum treffen mag. Ein Bäuerlein stand unter +dem Baume und schüttelte Äpfel, den fragen die Wanderburschen, +ob sie wohl eine Mandel davon zu kaufen bekommen +könnten. + +</p><p>„Ei, warum nicht,“ antwortete das Bäuerlein und gab +jedem eine Handvoll für einen Groschen. + +</p><p>Sie sind noch nicht weit gegangen, da beißen sie in ihre +Äpfel, aber sie sind hart wie Stein und wenn sie zwei aneinander +schlagen, so klingt es auch wie Kieselstein. „Der Bauer +hat sich einen Spaß mit uns gemacht, die Äpfel sind ja so hart, +daß die Zähne ausbrechen, wenn man beißen will, ich glaube, +mit meinem Stemmeisen wären sie nicht klein zu bekommen,“ +sagt der eine und schüttet die Äpfel an die Erde. + +</p><p>„Laß sie uns auf ein Häufchen tun und mit Moos und +Gesträuch zudecken,“ sagte der andere, „damit niemand weiter +dadurch angeführt werde, wie es uns geschehen ist; die ausgebrochenen +<!-- page 172 --> +Zähne wachsen nicht wieder und was lange leben will, +braucht seine Zähne.“ Und das tun sie nun in ihrer Gutmütigkeit. + +</p><p>„Hör’,“ fängt dabei der erste wieder an, „ich glaube, das +Bäuerlein war kein rechter Bauer, sondern ist der Herr vom +Berge gewesen, von dem man sich so viel Schnurren erzählt. +Nun, wir können zufrieden sein, daß er uns nicht schlimmer +mitgespielt.“ + +</p><p>„Ei, du hast recht,“ antwortete der andere. „Aber wir +sind doch selber schuld, daß er uns angeführt hat; es war dumm +genug von uns, dort oben auf der kahlen Höhe einen Apfelbaum +zu vermuten, gedeiht doch nicht einmal eine Kiefer dort.“ + +</p><p>Während sie ihre steinigen Äpfel sorgfältig mit Erde und +Blättern zudecken, blitzt es zwischen dem Häufchen und es liegen +zwei Goldstücke darin. Die nahmen unsere guten Vogtländer +mit vielem Danke und konnten’s auch gar wohl gebrauchen, +denn sie hatten noch ein gutes Stück Weg nach Hause. Zum +Andenken an dieses Erlebnis steckte sich ein jeder noch einen +Apfel in die Tasche und nahmen ihn mit in die Heimat, wo +der Anblick desselben sie oft im Leben hinderte, was Dummes +zu fragen und zu erbitten. Zu Golde wurden die Apfel nicht, +das brauchten die Gesellen auch nicht, denn sie verdienten durch +ihr Handwerk stets ihren Unterhalt. +<!-- page 173 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-36">Der Wanderstab.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Wanderer kroch einst mit vieler Beschwerde unter den +wild zusammengehäuften Steinhaufen des einsamsten Gebirges +einher. Er mußte, nicht ohne Gefahr, von einem Abgrunde +zum andern, von einem Felsen zum andern springen und steile +Höhen emporklimmen, während bald wieder ein wilder Gebirgsbach +seine Schritte hemmte. + +</p><p>„Es ist nur gut,“ sagte er zu sich selbst, „daß ich meinen +treuen Stab mitgenommen habe, der mir schon durch manch +langes Jahr gute Dienste geleistet hat.“ Bei diesen Worten +setzte er ihn zwischen die Steine, um einen reißenden Bach zu +überspringen; aber knacks — brach der Stab entzwei und der +Wanderer fiel ziemlich unsanft in den Bach. Ganz durchnäßt +sprang er wieder empor; da er sonst keinen Schaden genommen +hatte, ärgerte ihn der Verlust seines Stabes am meisten. „Wie +soll ich nun von diesen steilen Bergen wieder hinabkommen,“ +klagte er, „da ich meiner gewohnten Stütze beraubt bin und +auf dieser Höhe nirgends ein Baum gedeiht, aus dessen Ästen +ich mir einen neuen Stab schneiden könnte.“ + +</p><p>Plötzlich sprach eine scharfe Stimme dicht hinter dem Wanderer: +„Was fehlt dir?“ + +</p><p>Eine große Gestalt, in einen weiten Mantel gehüllt, stand +jetzt neben dem Erstaunten, der sich in dieser wilden Einsamkeit +<!-- page 174 --> +<span class="leftpic" id="img-174"><img src="images/174.jpg" alt="Illustration 174" /></span> +ganz allein glaubte; der +Wanderer aber erholte sich +von seinem ersten Schreck +und erzählte dem Fremden +von seinem unangenehmen +Verluste. + +</p><p>„Und darüber wirst du so +kleinmütig!“ sagte dieser +spottend; „hier hast du meinen +Stab, wenn du dich nicht +getraust, ohne solchen wieder +hinabzukommen!“ Damit +entfernte sich der fremde +Mann; und wie er so in +dem niedrigen Gestrüpp des +Knieholzes hinschritt, schien +er immer größer und größer +zu werden und endlich ganz +in Nebel zu vergehen. + +</p><p>Der Wanderer achtete +nicht viel darauf, sondern +glaubte, die Entfernung oder +die Brechung der Lichtstrahlen +hätten diese Täuschung +hervorgebracht; er war sehr +erfreut über den schönen +Stab, den der Fremde ihm +geschenkt hatte, und schritt +dann rüstig weiter. Als er +ein Stück Weges gegangen war, fing der Stab an, ihm höchst +<!-- page 175 --> +beschwerlich zu werden; wo er ihn hinsetzte, glitt er wieder aus +und ward dabei immer schwerer und schwerer. Kurz, er diente +dem Wanderer nicht mehr zur Stütze, der mühsam die steilen +Berge hinabkletterte und den Stab dabei in der Hand trug. +Er mußte aber bald mit der rechten, bald mit der linken abwechseln, +<span class="rightpic" id="img-175"><img src="images/175.jpg" alt="Illustration 175" /></span> +so schwer war +der Stab, zuletzt legte er +ihn gar auf die Schultern +und keuchte unter der +immer wachsenden Last +langsam weiter. Aber auch +so ward er zuletzt unerträglich +drückend und der +Wanderer zog ihn langsam +hinter sich auf der +Erde fort, wo er oft festgewurzelt +zu sein schien +und nur mit großer Anstrengung +los zu machen +war. Endlich geriet der +Stab durch Zufall zwischen +die Füße des Wanderers, +und er umfaßte +ihn mit beiden Händen, +um nicht zu fallen. Dadurch +ritt er förmlich auf dem wunderlichen Stock, und nun +flog dieser mit ihm in gewaltiger Eile an den sieben Gründen, +der Sturmhaube, dem hohen Rad und den Teichen vorbei, +immer wilder, immer schneller. Der Angstschweiß tropfte dem +unfreiwilligen Reiter aus allen Poren und er befahl seine +<!-- page 176 --> +Seele Gott, denn wie leicht konnte der grausige Ritt ihn hinunter +in die Schneegruben reißen, wo er gewiß verloren war. + +</p><p>Endlich kam der Wanderer tief unter den Korallenfelsen +in die Tannenwaldung und der Stab hielt an. Fluchend warf +er ihn weit von sich hinweg und sank ermüdet und halbtot vor +Angst auf das Moos in den kühlen Schatten nieder. Kaum +aber ward er sich seiner Sinne bewußt, als er seinen alten +Stab, den er am Morgen zerbrochen hatte, ganz und unverletzt +zu seinen Füßen liegen sah. Fröhlich nahm er ihn auf und +wanderte weiter, bis er zu einer schönen Gebirgswiese kam, die +den Vordergrund zu einem freundlichen Dorfe gab, das jetzt +nahe war. Nun fiel es mit einem Male wie Schuppen von +den Augen des Wanderers, daß jener Fremde der Herr des +Gebirges gewesen sei; und wie er sich ähnlicher Erzählungen +erinnerte, zweifelte er keinen Augenblick, daß der Stab, den er +ihm geschenkt, sich gewiß in Gold verwandelt hätte, und darum +auch so schwer geworden sei. Eilig lief er zurück, so ermüdet +er auch war, hastig durchsuchte er den ganzen Wald, durchspähte +den kleinsten Busch, aber — der Stab war nirgends zu +finden. — +<!-- page 177 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-37">Die gefärbten Badegäste.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>ine Gesellschaft fröhlicher Badegäste beschloß eines Morgens, +noch einmal die Koppe zu besteigen, ehe sie Warmbrunn verließen, +um in ihre Heimat zurückzukehren; es wurden Speisen +und Weine eingepackt, denn dazumal war man in den Bauden +noch nicht auf Bewirtung eingerichtet, Führer und Träger genommen +und alsbald aufgebrochen. Der Morgen war schön +und die Reisenden waren fröhlichen Mutes; auch die Damen +stimmten in den Gesang und das scherzhafte Gespräch der Männer +ein. So zogen sie in Giersdorf hinauf, bei der Papiermühle +in den Wald und so weiter. In der Schlingelbaude +ruhten sie und sprachen den mitgenommenen Speisen tüchtig +zu, und dann ging es weiter nach der Hampelbaude. Nun war +der schwierigste Marsch überstanden und der Kamm der Koppe +bald erstiegen Bei der Teufelswiese gab es viel Gekreisch und +Gelächter, denn die weißen Strümpfe der Damen bekamen +dort im Sumpfe manchen Schmutzfleck, wenn sie neben die gelegten +Steine traten; alles dies erhöhte nur die allgemeine +Fröhlichkeit. + +</p><p>Endlich stand die Gesellschaft auf der Koppe und erblickte +die Welt im Sonnenglanze zu ihren Füßen; nun stieg ihre +Freude an der schönen Reise auf den höchsten Gipfel, und weil +sie so sehr vom Wetter begünstigt gewesen waren, auch sonst +keinen Unfall gehabt hatten, ergriff ein heiteres, junges Mädchen +<!-- page 178 --> +ihr Weinglas und rief: „Zum Dank und auf das Wohlergehen +des guten Rübezahl!“ + +</p><p>Kaum war das Wort über ihre Lippen, als aus dem Teufelsgrunde +ein Sturm und Wetter losbrach, daß die ganze Gesellschaft +untereinander gewirbelt wurde und kaum imstande +war, sich auf den Füßen zu erhalten. Unter beständiger Gefahr, +in den Melzergrund hinabzustürzen, traten sie ihren +Rückweg an; aber rechts und links aus den sie einhüllenden +Wolken schallte ihnen ein lautes Gelächter nach und erst am +Ende der Teufelswiese hellte sich der Himmel über den durchnäßten +Reisenden wieder auf. + +</p><p>Das junge Mädchen, das mit dem Trinkspruche augenscheinlich +den Herrn vom Berge so erzürnt hatte, konnte sich +gar nicht über die Störung des Vergnügens beruhigen. Sie +hatte dem Berggeiste ja so recht von Herzen danken wollen für +das herrliche Wetter, daß nicht Nebel den Umblick in die Täler +verhindert habe; geht doch wohl jedem das Herz auf in so großartiger +Natur und stimmt ihn dankbar für so ungestörten +Genuß. + +</p><p>Wie mancher Reisender hat vor- und nachher voll froher +Hoffnung auf schönes Wetter die beschwerliche Gebirgsreise angetreten, +hat Kamm und Kappe erstiegen und hat wieder hinunter +ins Tal gemußt, ohne daß er hinunterblicken konnte in +die Täler, bald war er selbst, bald die Täler in Nebel gehüllt. + +</p><p>„Sie können von Glück sagen,“ meinte ein alter Führer, +„daß der Herr des Gebirges nicht einem aus der Gesellschaft +das Genick gebrochen hat, denn niemand darf ungestraft auf +dem Gebirge den Namen Rübezahl aussprechen; am gefährlichsten +aber ist es auf der Schneekoppe und in des Teufels +Lustgärtlein.“ +<!-- page 179 --> + +</p><p>In der Hampelbaude übernachtete die Gesellschaft, froh, +dem schrecklichen Wetter so leichten Kaufs entkommen zu sein, +und am anderen Tage, als die Männer in der Schwimmanstalt +badeten, erzählten sie den übrigen ihr Abenteuer auf der Koppe, +wie Rübezahl sie erschreckt habe. + +</p><p>„Ihr könnt wohl damit zufrieden sein,“ sagte ein Fremder, +der zum ersten Male unter ihnen erschienen war, „wenn +euch der Berggeist nicht etwa noch einen schlimmeren Streich +spielt.“ + +</p><p>„Nun, darüber sind wir wohl hinweg,“ gibt einer der Reisenden +zur Antwort und steigt aus dem Bade. Aber, o Himmel! +wie erschrak die ganze Gesellschaft, als dieser Mann bis unter +die Stirn schwarz gefärbt erschien; und noch größer ward ihr +Entsetzen, als sie einer nach dem andern aus dem Wasser +stiegen und dieselbe Farbe hatten, von der sie kein Waschpulver, +keine Lauge rein wusch. + +</p><p>Einen ganzen Tag mußten sie zum Spott der andern als +Mohren herumgehen; am folgenden Morgen aber verschwand +die fatale Färbung und die Gefoppten sprachen fröhlich zu einander: +„Es ist doch ein schlimmer Spaßvogel.“ <i>Wer?</i> das +mochte keiner sagen, so gescheit waren sie nun. +<!-- page 180 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-38">Der verzauberte Stab.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Naturforscher besuchte das Sudetental und die dunkelblaue +Kette der Riesenberge, die es umgrenzten; sein Auge war +offen für die tausend und aber tausend kleinen Wunder, die in +der Pflanzenwelt grünen und blühen, in den feinen Adern und +Gängen der Mineralien klopfen. Er hatte die grüne Botanisierbüchse, +die ziemlich schwer war, über die Schulter zu hängen, +auch sah der Reisende sehr ermüdet aus. „Wäre ich nur so +mit einem Schritt da drüben in Schmiedeberg,“ sagte er halblaut, +„dort könnte ich doch meine Pflanzenfunde einlegen und +trocknen; ich habe neue, seltene Exemplare darunter.“ — Aber +bis Schmiedeberg hatte der Botaniker noch zwei volle Stunden +bergab zu steigen und doch ging die Sonne schon tief. Der Reisende +<!-- page 181 --> +verstärkte seine Schritte als plötzlich aus den Bäumen +die gebückte Gestalt eines alten Mannes hervortrat, der mühsam +ein schweres Bund Holz trug. + +<span class="centerpic" id="img-180"><img src="images/180.jpg" alt="Illustration 180" /></span> + +</p><p>„Ei Alter,“ sprach der kräftige junge Mann, „das ist +harte Arbeit für euch; habt ihr niemand zu Hause, der sie für +euch tun könnte?“ + +</p><p>Der Angeredete wendete sein auffallendes Gesicht um, +darin ein Paar helle Augen blitzten und eine scharf gebogene +Nase bedeutend hervortrat, und antwortete: „Wer sollte mir es +heimtragen? Ich habe weder Weib noch Kind, auch sonst keine +Anverwandten und Freunde.“ + +</p><p>„Nun, so gebt mir’s,“ sagte der Botaniker gutmütig, „für +meine Schultern ist das nur ein Spaß.“ — Dabei nahm er +dem alten Manne die Last ab und trug sie neben der Pflanzenkapsel +auf dem Rücken. „Wo habt ihr denn denn eure Wohnung, +alter Vater?“ + +</p><p>„Nun, ein gutes Stück in die Berge hinein, noch hinter +den Grenzbauden.“ + +</p><p>„Also wieder rückwärts — o weh, meine Pflanzen,“ sagte +der junge Mann ganz leise, schritt aber doch rüstig vorwärts. +Eine halbe Stunde hatte er fast versäumt durch seine Gutmütigkeit, +darum warf er rasch das Gebund Holz an der kleinen +Hütte nieder und sagte dem Alten Lebewohl. Aber dieser +hielt ihn zurück. + +</p><p>„Wie weit wollt ihr denn heute noch gehen?“ fragte er. + +</p><p>„Bis Schmiedeberg, dort habe ich Freunde und will meine +Pflanzen einlegen.“ — + +</p><p>„Ei! damit hat’s wohl bis morgen Zeit; bleibt doch in +den Grenzbauden, lieber Herr, und seht die Sonne aufgehen; +es gibt morgen einen schönen Tag.“ +<!-- page 182 --> + +</p><p>„Seht nur, wie das manchmal geht; ich bin schon lange +fort von daheim und mein Geld ist rein aufgezehrt, ich könnte +eine Nachtherberge nicht mehr bezahlen. Drunten schaffen die +Freunde wohl wieder Rat, obgleich sie brummen, daß meine +Reiselust so viel Geld kostet. Nun, ich kann’s doch nicht anders! +— Hätte ich Geld gehabt, so wäret ihr nicht so unbeschenkt von +mir gegangen, mein guter Alter.“ — + +</p><p>„Nun, Glück auf den Weg, und da ihr noch einen so weiten +Weg habt, da, — nehmt einen Stab aus dem Holzbündel, daß +ihr mir so weit getragen habt, es ist doch eine Stütze beim +Abwärtssteigen.“ + +</p><p>Der Reisende nahm lächelnd das Geschenk des alten Mannes, +da er zu gutmütig war, um ihn durch ein Ablehnen desselben +zu betrüben. Er schwenkte den Hut zurück und hob den +Stab, um nun rüstig weiterzuschreiten, — aber — da stand er +ja schon mitten in der Stadt neben dem altertümlichen Rathause +und pochte an die Tür seines Freundes. — Er glaubte +zu träumen, faßte an seine Stirn, er war wach, die Botanisierbüchse +hing schwer auf seiner Schulter, in der Hand hielt er +den Stab, den ihm der Alte geschenkt hatte. + +</p><p>Da hat mir meine Zerstreuung wohl einen Streich gespielt, +und ich habe den weiten Weg zurückgelegt, ohne es zu +bemerken, dachte er kopfschüttelnd und ließ es sich nun wohlsein +bei dem Freunde. Die Pflanzen wurden eingelegt und geordnet, +Moose mit der Lupe untersucht und beschrieben, die +halbe Nacht hindurch. An sein Abenteuer dachte er nicht mehr, +der rohe Stab lag verachtet im Winkel. + +</p><p>So ging es einige Tage, da wachte die Reiselust wieder +mit aller Macht auf. Könnte ich nur ein recht großes Stück +hinaus in die Welt, dachte er, aber ich soll hier bleiben und ein +<!-- page 183 --> +Amt annehmen. Hätte ich nur eine Handvoll des armseligen +Goldes, es sollte mich nichts abhalten, meinen Wanderstab +wieder weiterzusetzen. + +</p><div class="poem"> +<p class="line">„Wem Gott will rechte Gunst erweisen,</p> +<p class="line">Den schickt er in die weite Welt,</p> +<p class="line">Dem will er seine Wunder weisen</p> +<p class="line">In Berg und Wald, in Strom und Feld!“</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent">Und traurig nahm er den Stab aus der Ecke, drehte ihn +langsam in den Händen und dachte, wie herrlich es jetzt wäre, +durch die Alpen nach Triest zu wandern. — Er hatte es kaum +ausgedacht, da stand er auf der letzten Höhe des Karstes, vor +ihm der tiefblaue Himmel des südlichen Frühlingshimmels, +das Adriatische Meer mit seiner grünen Farbe und den zahlreichen +Schiffsmasten, tief unter ihm die mächtige Handelsstadt. +Mit weit offenen Augen schaute er in die untergehende +Sonne und jauchzte dann freudig auf. Ein Blick auf den +rohen, unsscheinbaren Stab erklärte ihm das schöne Wunder, +dem der glückliche Naturforscher die Befriedigung seines heißesten +Wunsches, die Welt aber bald manch wichtige Bereicherung +der Wissenschaft zu danken hatte. In seinem Herzen aber +tönte der letzte Vers des schönen Liedes wieder, der sich auch an +ihm bewahrheitet hatte: + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Den lieben Gott lass’ ich nur walten,</p> +<p class="line">Der Bächlein, Berge, Wald und Feld</p> +<p class="line">Und Erd’ und Himmel wird erhalten,</p> +<p class="line">Hat auch mein Sach’ aufs best’ bestellt.</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent">Als altersmüder Greis kehrte er in sein Vaterland zurück +und pilgerte hinauf in das Riesengebirge, um dort den wunderbaren +Stab niederzulegen. Wer ihn doch finden könnte! — +<!-- page 184 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-39">Der böse Edelmann.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>in Edelmann, den Rübezahl schon einmal durch einen Possen +gewarnt hatte, da ihm so viele Klagen zu Ohren gekommen, +war besonders hart gegen die Armen, wenn er sie im Holze +traf und gab ihnen seine Reitpeitsche sogleich zu fühlen. Trieb +nun gar ein Bauer das herrschaftliche Wild von seinen Feldern, +wo es Verheerungen anrichtete, den verfolgte er mit besonderem +Hasse. Wer einen Hirsch tötete, der seine Saaten +fraß, ward nicht selten zwischen die Geweihe eines Hirsches gebunden +und in den Wald hinausgeschickt, bis das Tier sich +seiner Bürde auf irgend eine Weise entledigte. — + +</p><p>„Komm du mir nur einmal ins Gebirge, dir will ich’s +heimzahlen,“ denkt Rübezahl. Nun geschieht’s auch wirklich einmal, +daß der Edelmann eine große Jagd anstellt und sich dabei +um keine Grenze bekümmert. Auf diese Weise kommt er in +Rübezahls Gebiet; der hört kaum das Hallo der Treiber, das +Knallen der Röhre, so denkt er: „Ha, nun ist’s Zeit!“ Tritt +also auf den Edelmann zu und fragt ihn, wer ihm erlaube, auf +fremdem Reviere zu jagen. + +</p><p>Der Edelmann erstaunte nicht wenig über die Keckheit des +unbekannten, unscheinbaren Mannes, fährt ihn rauh an, ihn +fragend, wie er dazu komme, ihm, dem Edelmann, in den Weg +<!-- page 185 --> +zu treten. Rübezahl erwiderte: „Hier bin ich der Herr, und +du sollst sehen und fühlen, daß du mit mir nicht umspringen +darfst, wie mit deinen armen Bauern.“ + +</p><p>Solche kecke Rede hatte der Edelmann noch nie gehört, er +stößt in sein Hüfthorn und gibt den herbeieilenden Jägern Befehl, +den Mann zu ergreifen. Der bleibt ruhig stehen und +sieht einen nach dem andern mit stechenden Augen an und wenn +er einen ansieht, so steht dieser gleich starr und steif da. Nun +wird der Edelmann wütend, zieht sein Waidmesser heraus und +will es dem ersten besten in den Leib stoßen. Aber Rübezahl +faßt ihn gelassen an der Brust, so daß er sich nicht rühren und +regen kann. Hierauf hält er ihm sein ganzes Sündenregister +vor und sagt ihm, dies sei seine letzte Jagd. — Dann verschwand +er, nachdem er den Edelherrn auf den Boden geworfen +hatte, daß ihm alle Rippen krachten. Kaum war er fort, so +bekamen Jäger und Treiber das Leben wieder, machten eine +Bahre von Zweigen, legten den Herrn darauf und trugen ihn +nach Hause. + +</p><p>Nun war im Schlosse große Trauer und im Dorfe große +Freude. Der Doktor wußte nicht recht, was er dem Kranken +verschreiben solle und griff bald zu diesem, bald zu jenem. So +mußte unser Edelmann ganze Schaufeln Pulver nehmen, Kochtöpfe +voll Latwerge und Pillen, so groß wie Straußeneier; aber +es half doch alles nichts. Nun wurde ihm Ader gelassen und +er mußte so diät leben, wie ein Sperling; darüber verging der +edle Herr vollends; zuletzt ward er so verändert und ruhig, +daß er sagte: „Mit mir ist’s vorbei, gebt mir meinen Degen an +die Seite, daß ich wie ein Edelmann sterben kann.“ „Gebt +ihm auch die Sporen dazu,“ sagte einer seiner Freunde, „denn +diese gehören zu einem Edelmann, der vor seinen Gott treten +<!-- page 186 --> +soll.“ Da verwunderten sich die Diener, daß ihr Herr auch +einen Gott habe, weil sie dies nie zuvor gehört hatten und +freuten sich in ihren einfältigen Herzen darüber. Und sie zogen +ihm Stiefel und Sporen an, legten ihm den Degen an die +Seite, zu Füßen sein Wappenschild. Dann starb der Kranke +beruhigt. Auf einmal klopft es an die Tür und ein Fremder +tritt herein, der sich für einen adeligen Arzt ausgibt und einen +Versuch machen will, ob der Edelmann wirklich kein Leben +mehr in sich habe. Das war aber wieder Freund Rübezahl, +und wie er den Toten berührt, fällt er sogleich in ein Häufchen +Asche zusammen; selbst vom Degen und den silbernen Sporen +ist nichts mehr zu sehen. + +</p><p>Vergessen ist der Edelmann wie jeder, der nichts Gutes im +Leben geleistet hat, vergessen nicht nur von seinen Feinden, auch +die Freunde, die freilich nur auf Äußerlichkeiten sahen, haben +nichts zur Erinnerung zurückbehalten, vergessen wie jeder +Egoist, der nichts tut, seine Mitmenschen zu beglücken, oder +ihnen im Elend zu helfen. +<!-- page 187 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-40">Grünmantel.</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>n dem wüstesten und grauenvollsten Teile des Riesengebirges +stand eine kleine Hütte, in der ein armer Köhler, +namens Erdmann, mit seinem Sohne Konrad lebte. Konrad +war ein hübscher, lebhafter und sehr gutartiger Knabe, dessen +liebste Beschäftigung es war, in den Feierstunden — denn er +mußte seinem Vater fleißig arbeiten helfen, obgleich er kaum +elf Jahre alt war, — durch das Gebirge zu streifen, das am +meisten verrufen war, weil man glaubte, daß Rübezahl dort +sein Wesen treibe. Aber gerade an diesem Platze spielte er mit +seinen Schulkameraden am liebsten, und es vergnügte sie am +meisten, mit kleinen Steinen und Blechmarken Anschlag zu +werfen. + +</p><p>Seit einiger Zeit fanden die Knaben, wenn sie dies ihr +Lieblingsspiel trieben, kleine Silberpfennige im Sande, was +jedoch keinem von ihnen befremdlich war, da sie den Wert +dieser Münzen nicht kannten und daher nie daran dachten, danach +zu suchen. Spielte der Zufall einem oder dem andern +einen solchen glänzenden Pfennig zu, so war’s allemal eine +laute Freude; doch waren die Kinder noch alle in dem glücklichen +Alter, wo Habsucht oder unnütze Grübeleien ihrer Seele +fremd waren; und so dachten sie auch nicht weiter über den +Zusammenhang nach, als sich zuletzt bei ihren Spielen auch +ein fremder Mann einfand, den sie, seiner Kleidung wegen, +den Grünmantel nannten. — +<!-- page 188 --> + +</p><p>Grünmantel schien ein Freund der Kinder zu sein, er +teilte ihre Spiele oder lehrte sie auch ganz neue. Immer fand +er die meisten Silberpfennige und verteilte sie unter die Knaben, +so daß diese ihn bald recht lieb gewannen, und gern gewußt +hätten, woher er komme und gehe; denn er verschwand +jedesmal spurlos und stand auch immer ebenso unvorhergesehen +mitten unter ihnen. Da er aber diese Fragen nicht +beantwortete, wurden sie ebenso rasch von den kleinen Burschen +wieder vergessen. + +</p><p>Zuweilen aber maßte sich ihr unbekannter Spielgefährte +das Richteramt über sie an, wenn kleine Streitigkeiten zwischen +ihnen vorkamen, und wer im Unrecht war, der konnte sich +immer darauf gefaßt machen, einige derbe Hiebe von dem +Grünmantel zu bekommen, ohne das dieser ein Wort dabei +sprach. Oft verjagte er die ganze Knabenschar bis auf Konrad, +für den er ein ganz besonderes Wohlwollen zeigte; er +nahm alsdann diesen bei der Hand und führte ihn zwischen +Klippen und Felsen zu überraschenden Punkten hin, zeigte ihm +auch goldene Münzen im Sande, mit denen Konrad auch gern +spielte, sie aber achtlos wieder verlor. Die vielen Wunderlichkeiten +des Grünmantels verscheuchten nach und nach die kleinen +Burschen von ihrem Spielplatze, und nur Konrad ließ sich +nicht abhalten, immer wieder dahin zurückzukehren. + +</p><p>Es war auch nicht einsam dort, denn nun fehlte der Grünmantel +selten und fing jetzt an mit dem Knaben zu sprechen, +was er nie zuvor getan hatte. Er wußte allerlei hübsche Geschichten +zu erzählen und beschenkte seinen kleinen Freund oft +mit Goldstücken, wogegen er sich das Versprechen der tiefsten +Verschwiegenheit über alles dies geben ließ. +<!-- page 189 --> + +</p><p>Konrad dachte: dabei kann ja nichts Unrechtes sein, und +versprach dem Grünmantel mit Hand und Mund, er wolle es +nie einem Menschen sagen, daß er mit ihm zusammentreffe +und so schönes Spielzeug von ihm bekomme. Und er hielt auch +treulich Wort, denn er fürchtete, seinen lieben Spielgefährten +sonst zu verlieren. So verging Sommer und Herbst in Lust +und Freude; allein nun kam der Winter, und der tiefe Schnee +verwehrte dem Knaben, seinen Freund auf dem Berge zu besuchen. + +</p><p>In dieser Zeit erkrankte auch Konrads Vater, und der +Schäfer des Dorfes gab wenig Hoffnung, daß es mit ihm noch +einmal besser werden würde. Einen Arzt anzunehmen, war +Erdmann zu arm, und so wankte er denn seinem frühen Grabe +zu. Natürlich war an Verdienst nicht mehr zu denken, und +es fehlte oft selbst an den schmalen Bissen, die Vater und Sohn +zu ihrem Unterhalte bedurften. Wie leicht hätte Konrad aller +Not ein Ende machen können, wenn er den Wert seiner goldenen +Spielpfennige gekannt hätte und vor seinem Vater keine +Heimlichkeiten gehabt hätte. + +</p><p>So mußte, als alles andere verzehrt war, auch noch die +Ziege verkauft werden, die Konrad so lieb hatte; wie traurig +war der arme Knabe, als er sie am Strick nach dem nächsten +Dorfe führen mußte, um sie dort zu verkaufen. Da begegnete +ihm ein alter Mann, der ein Gespräch mit ihm anfing, und +als er hörte, daß Konrad die Ziege verkaufen wollte, gab er +ihm ein Goldstück dafür und wollte mit der Ziege seines Weges +ziehen. Als aber der Knabe das Goldstück in der Hand hielt, +schüttelte er den Kopf und sagte: „Guter Mann, solcher blanken +Dinger habe ich viele zu Hause, dafür kann man aber nichts +kaufen, die sind nur zum Spielen. Nehmt es also nur wieder +zurück und gebt mir Silbergeld dafür.“ +<!-- page 190 --> + +</p><p>„Kleiner Tor!“ lachte der Mann, „mache einmal die +Probe, was mehr gilt; hier hast du einen Silbergroschen und +hier das Goldstück, lauf’ ins Dorf und siehe, wofür du das +meiste Brot bekommen wirst. Ich will hier auf dich warten.“ + +</p><p>Konrad gehorchte, ließ seine Ziege dem Fremden und ging +ins Dorf zu einem Manne, der ehrlich genug war, ihn mit +dem vollen Werte des Goldstückes bekannt zu machen und ihm +nun allerlei Bedürfnisse für das Haus einkaufen zu helfen Damit +kehrte Konrad wohlbehalten zurück, fand aber den fremden +alten Mann nicht mehr wieder und eilte nun zu seinem Vater. + +</p><p>An der Schwelle des Hauses sprang ihm seine liebe Ziege +lustig entgegen. „Ein Fremder,“ sagte der Vater, „hat sie +mir heimgebracht; er habe sie im Walde gefunden, sagte er.“ +Darüber erstaunte Konrad nicht wenig und erzählte nun auch +sein Abenteuer mit dem fremden, alten Manne. Von dem +übrigen Gelde und den eingekauften Lebensmitteln konnten +nun Vater und Sohn länger als eine Woche zehren und dankten +Gott dafür, daß er ihnen eine so wunderbare Hilfe geschickt +hatte. + +</p><p>Aber die nahrhaftere Kost, die Konrad für den Kranken +herbeigeschafft hatte, schadete diesem und mehrte seinen Fieberzustand +so sehr, daß es schien, als, sei sein Tod nahe. Es kamen +nun einige seiner Bekannten aus dem Dorfe, um ihm in den +letzten Augenblicken beizustehen; darunter war auch der Mann, +welcher dem kleinen Konrad das Goldstück eingewechselt hatte. +Der sagte zu dem weinenden Knaben: „Gehe hinaus in die +frische Luft, dein Vater wird schon wieder gesund werden, +und wenn nicht, will ich dein Vater sein!“ + +</p><p>Traurig ging Konrad hinaus und richtete seinen Fuß nach +dem bekannten Berge, wo er sonst so oft seinen lieben Grünmantel +<!-- page 191 --> +getroffen hatte. Es lag noch Schnee an einzelnen Stellen +des Berges, während unten im Tale schon voller Frühling +war. Für alle Schönheiten der Natur aber hatte der betrübte +Knabe jetzt kein Auge, er legte sich in das weiche Moos +und weinte still. Tief unter ihm brauste der Sturzbach, und +das Gesträuch hatte eine grüne Färbung angenommen von den +aufschwellenden Knospen. + +</p><p>„Worüber weinst du denn so sehr?“ sprach eine bekannte +Stimme hinter ihm, und Konrad schlug freudig überrascht +seine geschwollenen Augen zu der Gestalt seines Freundes Grünmantel +empor. „Steh auf!“ sagte dieser, „und erzähle mir +dein Leid, vielleicht kann ich helfen!“ + +</p><p>„Ach!“ antwortete der Knabe schluchzend, „hier ist alles +so schön und drunten in unserer Hütte ist es gar so traurig. +Mein lieber Vater stirbt, und ich bin dann verlassen und allein +in der Welt.“ — + +</p><p>„Sieh einmal diesen wilden Rosenbusch an,“ sagte Grünmantel, +„wie ihn der Frühling wieder frisch und grün gemacht +hat, so daß schon hin und wieder die ersten Blüten aufbrechen. +Und nun denke daran, wie dürr und kahl er im Herbste stand, +so daß du glaubtest, er könne nie wieder blühen. — Sammle +das frische Laub von diesem Strauche und bestreue deines +Vaters Lager damit, vielleicht, daß die gesunkenen Kräfte sich +noch einmal dadurch stärken lassen. Aber eile, denn die Zeit +ist kurz!“ + +</p><p>Konrad nahm sich kaum Zeit, dem Grünmantel zu danken, +er füllte seine Mütze ganz mit Rosenlaub und trug davon +soviel in den Händen, als er fortbringen konnte. Eilig lief er +damit den Berg hinab, der Hütte zu, und überstreute das Bett +des Kranken mit dem duftenden Laube. Davon schlug der Vater +<!-- page 192 --> +die Augen auf und drückte dem Knaben schwach die Hand, +aus Freude über den stärkenden Geruch. Und sichtbar ging eine +Veränderung mit ihm vor, die alle in Staunen setzte. Schon +am dritten Tage konnte er, auf Konrad und den Nachbar gestützt, +das Bett verlassen und sich vor die Hütte in den milden +Sonnenschein setzen. „Wie ist doch so großes Wunder an mir +geschehen, der ich schon zu sterben meinte?“ fragte er freudig. + +</p><p>„Darum müßt ihr den Konrad befragen,“ antwortete der +Nachbar. + +</p><p>„Nun,“ sagte dieser unbefangen, „vielleicht hat euch das +junge Laub geholfen, was ich auf euer Lager gestreut habe.“ + +</p><p>„Wie bist du denn zu dieser Wunderarzenei gekommen, +mein Sohn?“ + +</p><p>Konrad schwieg verlegen; — er dachte an das Versprechen, +gegen niemand sein Geheimnis mit dem Grünmantel verraten +zu wollen. Und lügen hatte er, gottlob! nicht gelernt. + +</p><p>„Er wird das Rosenlaub wohl auch daher haben, von wo +er seine Ziege wiederbekommen hat,“ sagte der Nachbar +spottend. + +</p><p>„Gewiß, ich habe den fremden Mann, dem ich die Ziege +verkaufte, nicht gekannt,“ rief Konrad lebhaft, „und habe ihn +weder zuvor, noch später gesehen!“ + +</p><p>„Um so besser,“ fuhr der Nachbar mit höhnischer Miene +fort, „wirst du <i>den</i> kennen, der dir den hübschen Vorrat von +Goldstücken gab, die du so heimlich in deine Kammer versteckt +hast!“ — + +</p><p>„Wie, mein Kind! Du hättest Gold gehabt und deinen +Vater doch so lange Not leiden lassen?“ fragte Erdmann vorwurfsvoll. +<!-- page 193 --> + +</p><p>„Vater, man kann ja damit nur spielen,“ flüsterte Konrad +schüchtern. „Aber ich will dir alles erzählen!“ + +</p><p>Und nun teilte ihm der Knabe in voller Wahrheit alles +mit, obgleich er es nicht ohne geheimen Widerwillen tat, weil +sein Freund Grünmantel es ihm ja verboten hatte. + +</p><p>„Das ist niemand anders gewesen, als der Herr des Riesengebirges, +der gefürchtete Rübezahl,“ sagte Erdmann freudig, +„er hat unserer Not nun auf immer ein Ende gemacht. Da +er aber die Übertretung seiner Gebote oft streng zu bestrafen +pflegt, wollen wir eilen, aus seinem Gebiete zu kommen.“ + +<span class="centerpic" id="img-193"><img src="images/193.jpg" alt="Illustration 193" /></span> + +</p><p>Und nun holten sie die Goldstücke aus der Hütte, packten +ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und zogen in eine andere +Gegend Schlesiens fort, um vor der Rache des Berggeistes +sicher zu sein; dort kaufte Erdmann ein hübsches Häuschen und +erzog Konrad zu einem braven, fleißigen Menschen, dem es +stets wohl erging. Oft dachte dieser noch in den spätesten Jahren +seines Lebens mit dankbarem Herzen an seinen lieben Gespielen +Grünmantel. +<!-- page 194 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-41">Rübezahl.</h2><p> + +</p><p class="character">Schauspiel in einem Akt.</p><p> + + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-1">Personen:</h3><p> + + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Rübezahl.</p> +<p class="line">Elisabeth.</p> +<p class="line">Vater Thomas.</p> +<p class="line">Gustav.</p> +<p class="line">Die Mutter.</p> +</div><p> + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-2">Erste Szene.</h3><p> + + +</p><p class="character">Rübezahl <span class="direction">(steigt während eines Gewitters aus der Erde empor und sieht sich neugierig überall um)</span>.</p><p> + + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich, Herr Johannes, im Riesengebirge</p> +<p class="line">Mit Furcht und Zittern nur genannt,</p> +<p class="line">Weil ich mit Lust die Bösen würge,</p> +<p class="line">Sie oft gestraft mit harter Hand;</p> +<p class="line">Ich zeige nach ein paar hundert Jahren</p> +<p class="line">Mich wieder einmal auf den Bergen hier,</p> +<p class="line">Um etwas Neues zu erfahren,</p> +<p class="line">Und zu durchreisen mein Revier.</p> +<p class="line">Musäus hat von mir geschrieben</p> +<p class="line">So manches Märchen wunderlich;</p> +<p class="line">Doch wenn die Menschen wie sonst geblieben,</p> +<p class="line">Sind sie viel närrischer als ich. +<!-- page 195 --> +</p> +<p class="line">Sie machen sich durch Haß und Neid,</p> +<p class="line">Durch Falschheit selbst das Leben sauer,</p> +<p class="line">Sie schätzen sich nur nach dem Kleid</p> +<p class="line">Und machen sich die Welt zur Trauer.</p> +<p class="line">Zwar sind gar viele hochgelehrt</p> +<p class="line">Und wissen wunderkluge Sachen,</p> +<p class="line">Doch fragt nur, was dazu gehört,</p> +<p class="line">Um sich das Leben leicht zu machen,</p> +<p class="line">Und, selbst von groben Fehlern rein,</p> +<p class="line">Es andern liebreich zu versüßen,</p> +<p class="line">Im Frieden mit der Welt zu sein,</p> +<p class="line">Da fragt einmal, ob sie das wissen?</p> +<p class="line">Denk ich der Jugend jetz’ger Zeit,</p> +<p class="line">Juckt’s in den Fingern mich zur Stelle,</p> +<p class="line">Die macht sich gar gewaltig breit,</p> +<p class="line">Hält Kränzchen gar und Kinderbälle.</p> +<p class="line">Wenn sie französisch nur versteht,</p> +<p class="line">Glaubt sie schon Wunder was zu können,</p> +<p class="line">Sie kann wohl, wie der Ebro geht,</p> +<p class="line">Doch nicht der Heimat Flüsse nennen!</p> +<p class="line">Es sagt manch Kind dir auf ein Haar,</p> +<p class="line">Wer Mutius Scävola gewesen,</p> +<p class="line">Doch frage nur, wer Luther war,</p> +<p class="line">So haben sie’s noch nicht gelesen.</p> +<p class="line">Dort sitzt ein Mädchen am Klavier</p> +<p class="line">Und fehlt nicht eine einz’ge Note,</p> +<p class="line">Fast jede Oper kennt sie dir,</p> +<p class="line">Nur leider nicht die zehn Gebote. —</p> +<p class="line">So steht es mit der Jugend jetzt,</p> +<p class="line">Die fromme Einfalt ist verschwunden; +<!-- page 196 --> +</p> +<p class="line">Ich aber hab mich in Bewegung nun gesetzt,</p> +<p class="line">Um mich als Herr hier zu bekunden.</p> +<p class="line">Ich werde, nach meiner alten Manier,</p> +<p class="line">Den Guten necken und endlich beglücken,</p> +<p class="line">Den Bösen aber, nach Gebühr,</p> +<p class="line">Recht arg geprellt nach Hause schicken.</p> +<p class="line">Sieh da, — das kommt ja wie beschert, —</p> +<p class="line">Dort naht sich eine alte Mutter,</p> +<p class="line">Sucht dürres Holz für ihren Herd</p> +<p class="line">Und für die Zieg’ ein wenig Futter.</p> +<p class="line">Zwei Kinder folgen, jung und zart,</p> +<p class="line">Da will ich mich sogleich verstecken,</p> +<p class="line">Vielleicht kann ich die Sinnesart</p> +<p class="line">Der armen Leutchen so entdecken. —</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Er versteckt sich.)</span></p><p> + + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-3">Zweite Szene.</h3><p> + + +</p><p class="direction"><i>Die Mutter</i>, <i>Elisabeth</i> und <i>Gustav</i> <span class="direction">(dürres Reisig suchend)</span>;</p><p> + + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Gottlob! das Gewitter ist vorüber;</p> +<p class="line">Es scheint die Sonne wieder schön.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Doch, gute Mutter, ihr solltet lieber</p> +<p class="line">Um trockne Kleider jetzt nach Hause gehn.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Es ist ja nur ein Rock im Schranke,</p> +<p class="line">Und du bist mehr als ich durchnäßt.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ei, liebe Mutter, welch ein Gedanke,</p> +<p class="line">Ich bin noch jung, gesund und fest! +<!-- page 197 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">So laß uns nur die Hände rühren,</p> +<p class="line">Die Arbeit hier macht wieder warm</p> +<p class="line">Und läßt im Winter uns nicht frieren.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth <span class="direction">(seufzend)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach, wären wir nur nicht so arm!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Sprich, möchtest du denn etwa lieber</p> +<p class="line">Reich, wie der Nachbar Töffel, sein?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O nein, der schließt ja jeden Stüber</p> +<p class="line">Voll Geiz in seinen Kasten ein!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Könnt ich doch, wie der Schulze, schenken</p> +<p class="line">Der Tochter ein so stattlich Haus —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Da würd ich mich noch sehr bedenken,</p> +<p class="line">Dort sieht’s nicht eben friedlich aus!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ist Küsters Röse zu beneiden?</p> +<p class="line">Sie hat voll Linnen Kist’ und Schrank! —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O nein, das wär’ ein rechtes Leiden,</p> +<p class="line">Jahraus, jahrein ist Röse krank!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Die reiche Elsbeth aus der Mühle,</p> +<p class="line">Die wärst du aber gern, mein Kind?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ha! was du sagen willst, das fühle</p> +<p class="line">Ich tief, — <i>ihr ist die Mutter blind!</i> +<!-- page 198 --> +</p> +<p class="line">Nein, nein, ich schäme mich der Klage,</p> +<p class="line">Mit keinem möcht ich tauschen gern,</p> +<p class="line">Es hat ein jeder seine Plage;</p> +<p class="line">Vertrau’n wir nur auf Gott den Herrn.</p> +<p class="line">Um <i>deinetwillen</i> mög’ er schenken</p> +<p class="line">Uns bess’re Tage, nicht so schwer. —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Willst du nicht auch des Guten denken?</p> +<p class="line">Wenn ich nur Elsbeths Mutter wär’ —</p> +<p class="line">So bin ich rüstig auf den Füßen,</p> +<p class="line">Zur Wette spinn ich noch mit dir,</p> +<p class="line">Und meine Kinder — sie versüßen</p> +<p class="line">Auch kummervolle Tage mir.</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Elisabeth schlingt ihren Arm um die Mutter. Gustav kommt herbeigesprungen.)</span></p><p> + + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Hier, seht nur, bring ich reife Beeren,</p> +<p class="line">Die Mutter jetzt allein sie essen muß.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wir wollen sie zusammen verzehren,</p> +<p class="line">Denn so nur ist’s für mich Genuß.</p> +</div><p> + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-4">Dritte Szene.</h3><p> + + +</p><p class="direction"><i>Die Vorigen. Rübezahl</i> <span class="direction">(als Jäger)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Sieh, Mutter, da kommt ein fremder Mann.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Brauchst darum keine Furcht zu hegen.</p> +<p class="line">Was geht der fremde Jäger uns an?</p> +<p class="line">Wir sind ja nicht auf bösen Wegen. +<!-- page 199 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Gott grüß euch!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Schönen Dank, Herr!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Was macht ihr da?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wir sammeln Reiser;</p> +<p class="line">Der Winter ist lang und oft gar schwer,</p> +<p class="line">Und schlecht verwahrt sind hier die Häuser.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wer seid ihr?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Eine arme Frau</p> +<p class="line">Mit ein paar guten, frommen Kindern;</p> +<p class="line">Wir lebten sonst dem Ackerbau,</p> +<p class="line">Der Feind tat uns die Scheuern plündern,</p> +<p class="line">Nahm unser bißchen Vieh, zerschlug,</p> +<p class="line">Was eben nicht fortzubringen war;</p> +<p class="line">So kamen wir um Acker und Pflug,</p> +<p class="line">Es geht nun schon ins fünfte Jahr.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">So seid ihr Witwe?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nein, ach nein!</p> +<p class="line">Das wolle der liebe Gott verhüten!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Dann wird der Mann in der Schenke sein,</p> +<p class="line">Statt sich um Tagelohn zu vermieten? +<!-- page 200 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Bewahre! mein guter Thomas war</p> +<p class="line">Stets fleißig und lebte eingezogen;</p> +<p class="line">Als aber das Vaterland in Gefahr,</p> +<p class="line">Da ist er mit in den Krieg gezogen.</p> +<p class="line">Fünf Jahr und drüber sind schon verflossen,</p> +<p class="line">Seit ich nichts mehr von ihm gehört,</p> +<p class="line">Seit ich und meine Unglücksgenossen</p> +<p class="line">Mit Tränen jeden Bissen verzehrt.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">So läßt sich wohl nicht anders glauben,</p> +<p class="line">Als daß eine Kugel ihn hingerafft?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wollt ihr die letzte Hoffnung mir rauben?</p> +<p class="line">Mit ihr des Lebens Mut und Kraft?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Doch besser, er schlummert im kühlen Grabe,</p> +<p class="line">Als wenn er, ein Bettler, wiederkehrt!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O, wenn ich ihn nur wiederhabe,</p> +<p class="line">Mein treues Herz nicht mehr begehrt.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wenn nur nicht etwa gar am Ende</p> +<p class="line">Zum Krüppel ward der arme Mann?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach, dann gibt’s noch vier fleißige Hände,</p> +<p class="line">Und auch der Gustel wächst heran! —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ihr wagt euch so auf diese Straße,</p> +<p class="line">Wie, wenn der Berggeist euch erschreckt? +<!-- page 201 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Hab ich doch immer gehört, er lasse</p> +<p class="line">Die guten Menschen ungeneckt!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ja, Herr! wir haben ein gutes Gewissen;</p> +<p class="line">Er mag nur kommen, wenn’s ihm beliebt.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Vielleicht würd’ er dich zu trösten wissen,</p> +<p class="line">Du schienst vorhin mir sehr betrübt.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wir haben schon viel Zeit verplaudert,</p> +<p class="line">Und im Gebirge ist’s nicht gut,</p> +<p class="line">Wenn man bis in die Dämmrung zaudert.</p> +<p class="line">Lebt wohl!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Auch ihr, und bleibt bei gutem Mut.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O ja, was Gott über mich verhängt,</p> +<p class="line">Das wird er auch alles zum Guten lenken.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav <span class="direction">(vertraulich zu Rübezahl)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wenn er einmal ein Eichhörnchen fängt,</p> +<p class="line">So könnt’ er’s wohl dem Gustel schenken!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Bist du der Gustel? wir wollen sehn!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Er sieht zwar etwas grimmig aus,</p> +<p class="line">Als wollt er einem den Hals umdrehen;</p> +<p class="line">Ich mache mir aber gar nichts daraus.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Das freut mich, Kleiner! +<!-- page 202 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Komm, mein Kind!</p> +<p class="line">Noch ist der Korb nicht voll, drum munter!</p> +<p class="line">Wir suchen und füllen ihn geschwind;</p> +<p class="line">Und dann in unser Dörfchen hinunter.</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(ab)</span>.</p><p> + + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-5">Vierte Szene.</h3><p> + + +</p><p class="character">Rübezahl <span class="direction">(allein)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Die Mutter ist brav, die Kinder gut,</p> +<p class="line">Man hört es ja aus jedem Worte;</p> +<p class="line">Schon manchem half ich aus Übermut,</p> +<p class="line">Doch hier ist Hilf’ am rechten Orte.</p> +</div><p> + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-6">Fünfte Szene.</h3><p> + +</p><p class="direction"><i>Der Vorige. Thomas</i> <span class="direction">(auf Krücken, ohne Rübezahl zu sehen)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Für heute kann ich nun wohl nicht weiter,</p> +<p class="line">Ich armer Krüppel! was soll ich tun?</p> +<p class="line">Die Luft ist warm, der Himmel heiter —</p> +<p class="line">Hier will ich unter dem Baume ruhn.</p> +<p class="line">Den Berg herauf mußt’ ich schon keuchen,</p> +<p class="line">Doch morgen hab’ ich neue Kraft,</p> +<p class="line">Die liebe Heimat zu erreichen,</p> +<p class="line">Die mir die letzte Ruh’ verschafft.</p> +<p class="line">Zwar komm’ ich, ach, mit leeren Händen,</p> +<p class="line">Und bin ein Krüppel obendrein,</p> +<p class="line">Kann nur verzehren, nur verschwenden,</p> +<p class="line">Und nichts erwerben — welche Pein!</p> +<p class="line">Warum fand nicht den Weg zum Herzen</p> +<p class="line">Die Kugel, die mein Knie gefaßt! +<!-- page 203 --> +</p> +<p class="line">So wär’ ich ledig aller Schmerzen,</p> +<p class="line">Und meinen Kindern nicht zur Last.</p> +<p class="line">Zur Last? — Ach nein, sie werden gerne</p> +<p class="line">Hilfreich dem Vater zur Seite stehn;</p> +<p class="line">Und der da droben regiert die Sterne,</p> +<p class="line">Läßt mich, wohl auch nicht untergehn. —</p> +<p class="line">Könnt’ ich denn nichts, gar nichts erwerben?</p> +<p class="line">Sind doch die Hände noch wohl geschickt;</p> +<p class="line">Und gerne, gerne will ich sterben,</p> +<p class="line">Hab’ ich nur die Meinen noch erblickt.</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Er hat sich unter einem Baum gelagert)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Rübezahl <span class="direction">(beiseite)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Er ist’s! — fürwahr auf diese Höhen</p> +<p class="line">Hat ihn ein guter Geist, geschickt;</p> +<p class="line">Er mag im Traum die Kinder sehen,</p> +<p class="line">Bis er sie wach an den Busen drückt.</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Ab, nachdem er nach einigem Nachsinnen dem Thomas die Krücken weggenommen hat)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Thomas <span class="direction">(erwachend, greift um sich und sucht sie vergebens)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wo sind meine Krücken? — guter Gott! —</p> +<p class="line">Ein Bösewicht hat sie mir genommen, —</p> +<p class="line">Wer trieb mit mir so bittern Spott,</p> +<p class="line">Wie soll ich nun nach Hause kommen?</p> +</div><p> + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-7">Sechste Szene.</h3><p> + + +</p><p class="direction"><i>Rübezahl</i> <span class="direction">(als Köhler)</span>, <i>Thomas</i>.</p><p> + + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Was wimmert denn da?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach, guter Freund,</p> +<p class="line">Seid mir tausendmal willkommen! +<!-- page 204 --> +</p> +<p class="line">Ihr wie ein Engel mir erscheint, —</p> +<p class="line">Ein Bube hat mir die Krücken genommen,</p> +<p class="line">Sucht doch im Strauchwerk, guter Mann,</p> +<p class="line">Vielleicht warf er sie weg —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Der Bärenhäuter!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich bin ein lahmer Kriegesmann,</p> +<p class="line">Und ohne Krücken kann ich nicht weiter.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl <span class="direction">(beiseite)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich will dir deinen Schmerz bezahlen.</p> +<p class="line"><span class="direction">(laut)</span>. Wer seid ihr denn? wo kommt ihr her??</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich heiße Thomas, komm aus Westfalen,</p> +<p class="line">Im Kriege ward ich verwundet schwer.</p> +<p class="line">Dort unten im Tal liegt meine Hütte,</p> +<p class="line">Wo mir in guter Kinder Mitte,</p> +<p class="line">Das treue Weib zur Ruhe winkt,</p> +<p class="line">Da bin ich denn bis hierher gehinkt. —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Seid ihr der Thomas, der vor fünf Jahren</p> +<p class="line">Geplündert unter die Soldaten ging?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Der bin ich. Habt ihr was erfahren,</p> +<p class="line">Wie es indes den Meinen ging?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Die Tochter — ist im Bach ertrunken;</p> +<p class="line">Den Jungen — haben die Pocken hinweggerafft; +<!-- page 205 --> +</p> +<p class="line">Und endlich ist die Mutter ins Grab gesunken,</p> +<p class="line">Wie ein dürrer Baum, ohne Saft und Kraft.</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(ab)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Gott! Gott! dann brauch’ ich keine Krücken,</p> +<p class="line">Keinen Trost und keine Hilfe mehr! —</p> +<p class="line">O Kugel, die mich lahm geschlagen,</p> +<p class="line">Warum nicht höher herauf ins Herz!</p> +<p class="line">Ich habe alles mit Mut ertragen;</p> +<p class="line">Jetzt unterlieg’ ich meinem Schmerz.</p> +</div><p> + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-8">Siebente Szene.</h3><p> + + +</p><p class="direction"><i>Gustav</i> und <i>Thomas</i>.</p><p> + + +</p><p class="character">Gustav <span class="direction">(der einen Schmetterling haschen will)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wart! wart! Ich will dich doch wohl fangen,</p> +<p class="line">Und wärst du schneller als der Wind!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wie wird mir — welch ein heimlich Bangen —</p> +<p class="line">Ach, welch ein liebes, schönes Kind!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach! sieh — ein Fremder —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Darfst nicht erschrecken,</p> +<p class="line">Mein Kind, ich bin kein böser Mann.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich werde mich nicht vor ihm verstecken,</p> +<p class="line">Hab’ ich doch ihm auch nichts getan.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Hast du das Gebirge nicht gescheut?</p> +<p class="line">Wie kommst du so allein in den Wald? +<!-- page 206 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nicht doch, die Mutter ist ja nicht weit.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach Gott, mein Gustel wär’ auch so alt!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wir sammeln für den Winter Reisig.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ihr guten Leute seid wohl arm!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ei freilich, aber die Mutter ist fleißig;</p> +<p class="line">Wär’ nur im Winter der Ofen warm.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Der Vater schafft euch warme Betten.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ja, wenn wir noch einen Vater hätten!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Du hast den Vater schon verloren?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Er zog in den Krieg, kaum war ich geboren.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wie mir das durch die Seele geht!</p> +<p class="line">Wie alles seltsam sich muß treffen,</p> +<p class="line">Mich Armen schadenfroh zu äffen.</p> +<p class="line">Mein Gustel! — meine Elisabeth! —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Was wollt ihr von uns?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Von euch? wieso?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich und die Schwester, wir heißen ja so. +<!-- page 207 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ha! treibt denn hier in seinem Grimme</p> +<p class="line">Mit mir sein Spiel ein böser Geist?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter <span class="direction">(hinter der Szene)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">He! Gustel!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Das ist meines Weibes Stimme!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter <span class="direction">(noch immer hinter der Szene)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wo bist du, Gustel? Um Gottes Willen!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Gleich, liebe <i>Mutter!</i> ich komme gleich!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O, könnt’ ich mein Verlangen stillen —</p> +<p class="line">O, könnt’ ich <i>kriechen</i> durchs Gesträuch!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Will er die Mutter sehen, so sitze</p> +<p class="line">Er nicht so faul, und rühr’ er sich.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Kind, ich bin lahm — hab’ keine Stütze.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nun denn, so stütz’ er sich auf <i>mich</i>.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Du willst mich ihr entgegenführen?</p> +<p class="line">Ihr — wag’ ich zu hoffen? — süßer Betrug.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav <span class="direction">(hilf ihm auf und stützt ihn)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nur auf! Er soll gemächlich spazieren;</p> +<p class="line">Ich bin wohl klein, aber stark genug. +<!-- page 208 --> +</p> +</div><p> + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-9">Achte Szene.</h3><p> + + +</p><p class="direction"><i>Die Vorigen. Mutter. Elisabeth.</i></p><p> + + +</p><p class="character">Mutter <span class="direction">(setzt ihren Korb nieder)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wo bleibst du? Hast du dich verirrt?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Sie ist’s! — O halte mich, Kind! halte!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Was seh’ ich! sind meine Sinne verwirrt —</p> +<p class="line">Mein Mann! — <span class="direction">(sie stürzt sich ihm in die Arme)</span>.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Mein Weib!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth <span class="direction">(hängt sich an ihn)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Der Vater!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav <span class="direction">(verwundert)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Dieser Alte?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Du bist nicht tot?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ihr seid nicht gestorben?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Dich hab’ ich wieder?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich umarme dich.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wir haben’s durch unser Gebet erworben.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Bist du der Vater, so küß auch mich.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas <span class="direction">(tut es)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ja dich, den Gott als Engel sandte;</p> +<p class="line"><span class="direction">(zu Elisabeth)</span> Und dich, die mir so hold erscheint. +<!-- page 209 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wo kommst du her?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Aus fernem Lande.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wir haben lang um dich geweint!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach, weinen werdet ihr auch wieder!</p> +<p class="line">Der liebe Gott mir alles nahm!</p> +<p class="line">O, setzt mich unter dem Baume nieder,</p> +<p class="line">Ich bin ein Bettler — und — bin lahm!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ein Bettler? nein! nenn’ es gelinder;</p> +<p class="line">Sechs Hände sind, Dich zu nähren, bereit,</p> +<p class="line">Du hast dein Weib und deine Kinder,</p> +<p class="line">Die werden dich stützen jederzeit.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O höre, Gott, mein dankbar Beten! —</p> +<p class="line">Ich fand euch wieder, ihr habt mich lieb.</p> +<p class="line">Doch soll ich meine Hütte betreten</p> +<p class="line">Als ein unnützer Tagedieb!</p> +<p class="line">Soll ich von euch mich lassen füttern?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Willst du uns die schöne Stunde verbittern?</p> +<p class="line">Du brauchst ja nur zum <i>Gehn</i> die Krücken,</p> +<p class="line">Kannst drum die <i>Hände</i> dennoch rühren.</p> +<p class="line">Wir wollen es sogleich probieren;</p> +<p class="line">Komm, hilf den Korb mir auf den Rücken;</p> +<p class="line">Dann wandeln wir getrost und munter</p> +<p class="line">Den wohlbekannten Pfad hinunter. +<!-- page 210 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas <span class="direction">(dem seine Kinder aufgeholfen haben)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ja, liebes Weib, du gibst mir neues Leben;</p> +<p class="line">Wie wohl mir der Gedanke tut,</p> +<p class="line">Ich sei doch noch zu etwas gut.</p> +<p class="line">Wo ist der Korb? Ich will ihn heben!</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Elisabeth unterstützt ihn dabei, die Mutter stellt sich mit dem Rücken gegen ihn, und er versucht, den Korb auf ihre Schultern zu heben)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Von mir gewichen ist die Kraft des Lebens;</p> +<p class="line">Auch dieser Korb ist mir zu schwer!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich will auch helfen, Vater; gebt her!</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(sie will den Korb aufheben)</span></p><p> + + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Seltsam; auch ich versuch’ es vergebens.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Um mich zu trösten, stellst du dich schwach.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nein, wahrlich, Vater! ich heb’ und hebe;</p> +<p class="line">Allein umsonst. <span class="direction">(Sie blickt in den Korb)</span>. Ach, Mutter! Ach,</p> +<p class="line">Die Reiser sind <i>Gold!</i> so wahr ich lebe!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter <span class="direction">(wendet sich um)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Was sagst du?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav <span class="direction">(hüpft um den Korb)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Gold, Gold, lauter Gold!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ich bin erschrocken, daß ich bebe.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas <span class="direction">(sinkt wieder unter den Baum)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O Kinder, der Berggeist ist uns hold;</p> +<p class="line">Gewiß von ihm kommt das Geschenk. +<!-- page 211 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nun sieh’, es leuchtet ein neuer Morgen!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nun darf der Krüppel nicht mehr sorgen!</p> +<p class="line">O, seid der Wohltat eingedenkt!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Dank dir, du guter Rübezahl!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Mein Dank ist stumm und ohne Wort.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wie bringen wir aber den Korb nun fort?</p> +<p class="line">Der Weg ist weit hinab ins Tal. —</p> +<p class="line">Wir müssen auch den Vater führen;</p> +<p class="line">Denn eher lass’ ich die goldene Beute.</p> +</div><p> + +</p> +<h3 class="scene" id="scene-10">Neunte Szene.</h3><p> + + +</p><p class="direction"><i>Die Vorigen. Rübezahl</i> <span class="direction">(als wandernder Chirurgus)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O sagt mir doch, ihr guten Leute,</p> +<p class="line">Kann ich hier nicht den Weg verlieren?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Wo kommt er her? Wo will er hin?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Aus fremden Ländern ward ich verschrieben,</p> +<p class="line">Weil ich ein berühmter Wundarzt bin,</p> +<p class="line">Meine Kunst in Hirschberg auszuüben;</p> +<p class="line">Dort, sagt man, lebt ein reicher Mann,</p> +<p class="line">Dem ist einmal vor vielen Jahren,</p> +<p class="line">Als er im Kriege sich hervorgetan,</p> +<p class="line">Eine Kugel in das Knie gefahren; +<!-- page 212 --> +</p> +<p class="line">Ein Ignorant hat es schlecht kuriert,</p> +<p class="line">Davon ist der Fuß ihm steif geblieben;</p> +<p class="line">Weil er nun nicht gern auf Krücken marschiert,</p> +<p class="line">So hat er mich aus Paris verschrieben.</p> +<p class="line">Über Hals und Kopf komm’ ich von dort,</p> +<p class="line">Bin auf der Reise schon viele Wochen;</p> +<p class="line">Soeben ist mir der Wagen zerbrochen,</p> +<p class="line">Da wollt’ ich denn zu Fuße fort. —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">I nun, die Beschwerde ist noch erträglich;</p> +<p class="line">Hirschberg ist eben nicht mehr weit.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach, sag er mir, Herr! ist das wohl möglich,</p> +<p class="line">Daß er den Fuß von der Lähmung befreit,</p> +<p class="line">Wenn schon eine geraume Zeit verstrichen</p> +<p class="line">Und alles schon verwachsen ist?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Freund, das ist mir eine Kleinigkeit;</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach Gott, welch’ neuer Hoffnungsstrahl! —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Doch freilich ist mein Balsam teuer.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Befreit den Vater von seiner Qual,</p> +<p class="line">Und was wir besitzen, sei flugs euer.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl <span class="direction">(lachend)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Blutwenig ist wohl, was ihr besitzt?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter <span class="direction">(rasch)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Hier, dieser Korb — +<!-- page 213 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O nicht doch, Kind!</p> +<p class="line">Ein gesunder Fuß euch ja weit minder,</p> +<p class="line">Als dieser Schatz im Korbe nützt.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Mit Freuden wollen wir alles missen.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Was habt ihr denn im Korbe dort?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Gold! lauter Gold!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Das schenkt ihr fort,</p> +<p class="line">Als wären’s Schalen von Haselnüssen?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach, Herr! für ein Weib, das redlich liebt,</p> +<p class="line">Auf Erden kein größer Glück es gibt,</p> +<p class="line">Als wenn sie für einen wackern Mann</p> +<p class="line">Das Beste und Liebste opfern kann.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Hilft er, so spring’ ich deckenhoch.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Und Gustel ihm ein Liedchen singt. —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nicht wahr, Herr, wenn’s auch nicht gelingt,</p> +<p class="line">Ein glücklicher Vater bleib’ ich doch? —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl <span class="direction">(beiseite)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Bin, ich doch sonderbar bewegt,</p> +<p class="line">Fast scheint’s — trotz meinem geistigen Wesen — —</p> +<p class="line">Daß Neid sich gegen die Menschen regt.</p> +<p class="line"><span class="direction">(laut)</span> Wohlann, mein Freund, ihr sollt genesen! +<!-- page 214 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ist’s möglich, Herr!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ja, eure Krücken</p> +<p class="line">Werft nur in Gottes Namen weit,</p> +<p class="line">Es tut in wenig Augenblicken</p> +<p class="line">Mein Balsam seine Schuldigkeit.</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Er setzt sich zu Thomas, zieht ein Büchschen hervor und reibt ihm das Knie)</span>.</p><p> + + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O Rübezahl! jetzt fühlen wir erst</p> +<p class="line">Den ganzen Wert von deinem Geschenke.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ha! diese zerschmetterten Gelenke —</p> +<p class="line">Wie ist mir — neues Leben zuckt</p> +<p class="line">Durch jede Muskel, jede Nerve —</p> +<p class="line">Die Last, die mich zu Boden gedrückt,</p> +<p class="line">Wie leicht ich sie von der Schulter werfe! —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav <span class="direction">(faltet die Hände)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ach, Mutter! ich bete Sprüch’ und Psalter,</p> +<p class="line">Das wird vielleicht von Nutzen sein.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Geschmeidig wird mein Fuß. —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nun, Alter?</p> +<p class="line">Versucht? einmal und steht allein!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Es ist geschehen! ich bin gesund!</p> +<p class="line">Gott! Gott! ich danke dir; und ihm! +<!-- page 215 --> +</p> +</div><p> + +</p><p class="character"><i>Mutter und Elisabeth</i> <span class="direction">(umarmen Rübezahl von beiden Seiten)</span>.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">O Herr! —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Gustav.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Gott wollt’s ihm segnen alle Stund’.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nun, nun, nur nicht so ungestüm,</p> +<p class="line">Mein Balsam hat den Dienst verrichtet;</p> +<p class="line">Doch schwebt euch auch wohl noch im Sinn,</p> +<p class="line">Zu welchem Geschenk ihr euch verpflichtet?</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Da steht der Korb!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nehmt alles hin!</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Rübezahl.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Zuweilen die Menschen sich hoch vermessen,</p> +<p class="line">Zu geben und schenken, was es auch sei;</p> +<p class="line">Ist aber die Gefahr vorbei,</p> +<p class="line">So wird das Gelübde gar oft vergessen.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Mutter.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nein, zieh er nur hin mit der goldnen Bürde.</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Elisabeth.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Auch nicht ein Blättchen nehmen wir an! —</p> +</div><p> + +</p><p class="character">Thomas.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Nun fühl ich erst wieder des Hausvaters Würde,</p> +<p class="line">Da ich für die Meinigen arbeiten kann.</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Mutter und Kinder umschlingen den genesenden Thomas; währenddessen verwandelt sich Rübezahl.)</span></p><p> + + +</p><p class="character">Alle.</p><p> + +</p><div class="poem"> +<p class="line">Ha! Rübezahl! — der gute Geist!</p> +</div><p> + +</p><p class="direction"><span class="direction">(Sie heben die Hände zu ihm empor — er verschwindet.)</span></p><p> + + +</p> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always"> +<img src="images/ad.jpg" alt="Reklame"/> +</div> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> +<li>dem — geändert in <a href="#corr-1"><i>den</i></a></li> +<li> um — geändert in <a href="#corr-2"><i>zum</i></a></li> +<li>schlimme — geändert in <a href="#corr-3"><i>schlimmen</i></a></li> +<li> ("es" eingefügt) — geändert in <a href="#corr-4"><i>es</i></a></li> +<li>plötz- — geändert in <a href="#corr-5"><i>plötzlich</i></a></li> +<li> eine — geändert in <a href="#corr-6"><i>ein</i></a></li> +<li> die — geändert in <a href="#corr-7"><i>der</i></a></li> +<li> ihm — geändert in <a href="#corr-8"><i>ihn</i></a></li> +<li>Perrücken — geändert in <a href="#corr-9"><i>Perücken</i></a></li> +<li>Müssiggänger — geändert in <a href="#corr-10"><i>Müßiggänger</i></a></li> +<li>multiple Wiederholungen von Ilse — geändert in <a href="#corr-11"><i>Else</i></a></li> +<li>wir — geändert in <a href="#corr-12"><i>mir</i></a></li> +<li>Riter — geändert in <a href="#corr-13"><i>Ritter</i></a></li> +<li>seinen — geändert in <a href="#corr-14"><i>seinem</i></a></li> +<li> seinen — geändert in <a href="#corr-15"><i>seinem</i></a></li> +<li>dem — geändert in <a href="#corr-16"><i>den</i></a></li> +<li> dem — geändert in <a href="#corr-17"><i>den</i></a></li> +<li>Eßlöfel — geändert in <a href="#corr-18"><i>Eßlöffel</i></a></li> +<li>Mäner — geändert in <a href="#corr-19"><i>Männer</i></a></li> +<li>den — geändert in <a href="#corr-20"><i>dem</i></a></li> +<li> Die — geändert in <a href="#corr-21"><i>die</i></a></li> +<li>hälst — geändert in <a href="#corr-22"><i>hältst</i></a></li> +<li>komen — geändert in <a href="#corr-23"><i>kommen</i></a></li> +<li>zeriß — geändert in <a href="#corr-24"><i>zerriß</i></a></li> +<li> den — geändert in <a href="#corr-25"><i>dem</i></a></li> +<li>"Hocke forttragen könne. — Das hatte nun seine Richtigkeit und" — diese Zeile steht zweimal im Original (hier und weiter unten) und die eigentliche Zeile an dieser Stelle fehlt — auch in anderen Auflagen. — geändert in <a href="#corr-26"><i>FEHLZEILE</i></a></li> +<li> seinen — geändert in <a href="#corr-27"><i>seinem</i></a></li> +<li>Wad — geändert in <a href="#corr-28"><i>Wald</i></a></li> +<li>einen — geändert in <a href="#corr-29"><i>einem</i></a></li> +<li>ließen — geändert in <a href="#corr-30"><i>ließ</i></a></li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Rübezahl, by Rosalie Koch + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÜBEZAHL *** + +***** This file should be named 37940-h.htm or 37940-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/9/4/37940/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. 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