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diff --git a/37716-h/37716-h.htm b/37716-h/37716-h.htm new file mode 100644 index 0000000..aa0c267 --- /dev/null +++ b/37716-h/37716-h.htm @@ -0,0 +1,3557 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff. + </title> + <style type="text/css"> + +<!-- + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + + + h1,h2 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 1em; + } + h3 {text-align: center; + clear: both; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 2em; + font-size: x-large;} + + hr { margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both;} + + .hr80 { width: 80%;} + .hr15 { width: 15%;} + + + div.textbody p { + text-indent: 0.5em; + } + + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px solid; + background-color: rgb(232,232,232); + color: black; + font-size: smaller; + } + + div.titlepage h1 { + font-size: xx-large; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0ex; + line-height: 200%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 5em; + } + div.titlepage h2 { + font-size: x-large; + padding-left: 0ex; + margin-top: 6em; + margin-bottom: 0em; + } + + div.publisher { + margin-top: 6em; + text-align: center; + font-size: large; + } + + + .gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal;} + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + } + + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + + + + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + .pagenum {position: absolute; right: 5%; font-size: x-small; + font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right; + text-indent: 0em;color: gray;} + + .bigletter {font-size: 150%;} + + + .headerblock {margin-left: 40%; margin-right: 10%; margin-bottom: 2em; margin-top: -2em;} + .right {text-align: right; margin-right: 30%; width: auto; margin-bottom: 2em;} + .subchapter {text-align: center; font-size: large; margin-top: -1.5em; margin-bottom: 2em;} + .center {text-align: center; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;} + .extra {margin-top: 6em;} + .poem {margin-left:30%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; + text-indent: -3em;} + + + table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + table.toc { + font-size: medium; + max-width: 50ex; + line-height: 125%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + table.toc td.onpage {text-align: right;} + + ins.correction { + text-decoration:none; /* replace default underline.. */ + border-bottom: thin dotted red; /* ..with delicate red line */ + } + + ul {list-style-type: square; line-height:200%} + + + + --> + + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Gedichte in Prosa + +Author: Iwan Turgenjeff + +Translator: Th. Commichau + +Release Date: October 11, 2011 [EBook #37716] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class="note"> +<p class="center" style="font-size: large;"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> + +<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen.</p> + +<p><b>Formatierung: </b>Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in +Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet: <i>Text</i>.</p> +<p>Das <a name="Inhalt" id="Inhalt"></a><a href="#Inhalt_2">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich am Ende des Textes.</p> +</div> + + +<!-- <p><span class='pagenum'>[4]</span></p> --> + +<div class="titlepage"> +<h2>Iwan Turgenjeff</h2> + +<h1>Gedichte in Prosa</h1> + + +<p class="center"><b>Übertragen von Th. Commichau</b></p> +<hr class="hr80" /> +<p class="center"><b>Im Insel-Verlag zu Leipzig</b></p> +</div> + + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span> +<a name="Das_Dorf" id="Das_Dorf"></a>Das Dorf</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">D</span>er letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise +rings Rußland – der heimatliche Boden. +Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau; droben +ein einzelnes Wölkchen – halb schwimmend, halb zerfließend. +Windesstille, brütende Hitze ... die Luft – +würzig wie frischgemolkene Milch!</p> + +<p>Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos +gleiten die Schwalben umher; die Pferde schnauben und +kauen; die Hunde bellen nicht, stehen da und wedeln +friedfertig mit dem Schwanze.</p> + +<p>Und nach Rauch riecht es, und nach Gras – und auch +nach Teer ein wenig – und ein wenig nach Leder. – Der +Hanf auf den Feldern ist schon hoch aufgeschossen und +strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.</p> + +<p>Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. +An beiden Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener +Weiden. In der Tiefe der Schlucht rieselt ein +Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken wie zitternd +durch seine klaren Wellen hindurch. – In der Ferne, am +Saume zwischen Erde und Himmel – schimmert der bläuliche +Streif eines großen Stromes.</p> + +<p>Dem Zuge der Schlucht folgend – hier auf dieser Seite +saubere kleine Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen +Türen; dort auf jener fünf bis sechs aus Fichtenstämmen +gezimmerte Häuschen mit gehobelten Bretterdächern. +Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; +über jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines +Rößlein mit flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, uneben +<span class='pagenum'>[6]</span> +und blasig, schillern in Regenbogenfarben. Krüge +mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden gemalt. +Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; +auf kleinen angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu +einem Knäuel zusammengerollt, und spitzen die durchsichtigen +feinen Ohren; hinter der hohen Türschwelle winkt +einladend der kühle, dunkle Hausflur.</p> + +<p>Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten +Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, +betäubend duftigen Heues. Die fleißigen Hauswirte +haben es vor ihren Hütten auseinandergestreut: dort +mag es noch eine Weile an der Sonne durchtrocknen; +dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird +sichs darauf schlafen lassen!</p> + +<p>Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen +hervor; großschopfige Hühner scharren im Heu nach +Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit noch hellfarbiger +Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen +herum.</p> + +<p>Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und +schwerfälligen, umsäumten Stiefeln hänseln sich mit +Scherzworten, die Brust gegen einen unbespannten +Wagen gestemmt – und zeigen lachend ihre weißen +Zähne.</p> + +<p>Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, +rundem Antlitz; sie lacht, halb über die Scherze der Burschen, +halb über die in den Heuhaufen sich balgenden +Kinder.</p> + +<p>Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen +großen nassen Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der +Eimer wippt und schaukelt am Seile, so daß langgezogene, +blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.</p> + +<p><span class='pagenum'>[7]</span> +Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, +karierten Leinenrock und neuen Schuhen.</p> + +<p>Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um +ihren braunen, faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit +einem gelben, rotpunktierten Tuche umwunden, welches +tief über ihre trüben Augen herabhängt.</p> + +<p>Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr +ganzes runzliges Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern +muß sie sein, das alte Mütterchen ... aber auch heute +noch ist es zu erkennen: eine Schönheit war sie zu ihrer +Zeit!</p> + +<p>Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern +der rechten Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter +Milch hin, die frisch aus dem Keller kommt; der +Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie Perlen glitzert. +Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine große +Schnitte noch warmen Brotes. – »Iß nur, sei dirs gesegnet, +willkommener Gast!«</p> + +<p>Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit +den Flügeln; ihm zur Antwort blökt nach einer Weile ein +eingesperrtes Kalb.</p> + +<p>– »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines +Kutschers ...</p> + +<p>O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand +des freien russischen Dorfes! Dieser stille Friede und +Segen!</p> + +<p>Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch +ein Kreuz auf der Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz +und all das übrige, um das wir uns so heiß bemühen, +wir Stadtmenschen?</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span> +<a name="Ein_Zwiegesprach" id="Ein_Zwiegesprach"></a>Ein Zwiegespräch</h3> + +<div class="headerblock"> +Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn +war je ein menschlicher Fuß.</div> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">D</span>ie höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette +zerklüfteter Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. +Über den Bergen wölbt sich blaßgrün, glänzend +und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost; +harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen +rauhe Zacken vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, +zwei Riesen recken sich zu beiden Seiten des Horizontes +empor: Jungfrau und Finsteraarhorn. Und die Jungfrau +spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast +freieren Ausblick. Was geht da unten vor?«</p> + +<p>Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.</p> + +<p>Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen +verhüllen die Erde ... Warte!«</p> + +<p>Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.</p> + +<p>»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.</p> + +<p>»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. +Blau die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen +Steinhaufen. Um sie herumwimmeln +noch immer diese Käferchen, du weißt, die zweifüßigen, +denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu beflecken.«</p> + +<p>»Menschen?«</p> + +<p>»Ja; Menschen.«</p> + +<p>Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.</p> + +<p>»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.</p> + +<p>»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« – +grollt das Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, +die Wasser haben sich verringert, die Wälder gelichtet.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.</p> + +<p>»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau.</p> + +<p>»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« +– erwidert das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der +Ferne, in den Tälern sind noch Flecken, und dort bewegt +sich noch etwas.«</p> + +<p>»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend +Jahre verrauschten – eine Minute.</p> + +<p>»Jetzt ist es gut,« – antwortet das Finsteraarhorn; – +»rein ist es überall und ganz weiß, wohin man auch +blickt ... Überall unser Schnee, nichts wie Schnee und +Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.«</p> + +<p>»Gut« – wiederholt die Jungfrau. – »Allein, wir haben +jetzt genug geplaudert, Alter. Zeit ist’s, einzuschlafen.«</p> + +<p>»Es ist Zeit.«</p> + +<p>Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der +grüne, leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.</p> +</div> + +<h3><a name="Die_Alte" id="Die_Alte"></a>Die Alte</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch ging auf einem weiten Felde, allein.</p> + +<p>Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte +hinter meinem Rücken vernehmbar würden ... Es folgte +mir jemand.</p> + +<p>Ich schaute mich um – und gewahrte eine kleine, gebeugte +Alte, ganz in graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor +war nur das Antlitz der Alten sichtbar: ein gelbes, runzliges, +scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich ging auf sie +zu ... Sie blieb stehen.</p> + +<p>»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? +Erwartest du ein Almosen?«</p> + +<p><span class='pagenum'>[10]</span> +Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr +herab und bemerkte, daß ihre beiden Augen mit einem +halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug oder Häutchen bedeckt +waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden +dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.</p> + +<p>Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und +ließ die Pupillen nicht hervortreten ... woraus ich schloß, +daß sie blind sei.</p> + +<p>»Willst du ein Almosen?« – wiederholte ich meine Frage. +– »Weshalb folgst du mir?« – Doch die Alte blieb stumm +wie zuvor, nur krümmte sie sich ein wenig. Ich wandte +mich ab und setzte meinen Weg fort.</p> + +<p>Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, +gleichsam schleichenden Tritte.</p> + +<p>– Wieder dieses Weib! – dachte ich bei mir; – warum +verfolgt sie mich denn nur? – Doch gleich kam mir auch +der weitere Gedanke: sie wird wahrscheinlich in ihrer +Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt dem +Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen +Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird’s sein.</p> + +<p>Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken +eine seltsame Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob +diese Alte mir nicht bloß folge, sondern daß sie mich sogar +lenke, mich bald nach rechts, bald nach links stoße, und +daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.</p> + +<p>Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor +mir auf meinem Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... +wie eine Grube ... »Ein Grab!« durchzuckte es +mein Hirn. – Dorthin also stößt sie mich! Hastig wende +ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht +sie! Sie blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündenden +<span class='pagenum'>[11]</span> +Augen ... mit den Augen eines Raubvogels ... +Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die Augen ... +Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen +Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte – ist mein Schicksal. +Jenes Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! +Kein Entrinnen? – Welch ein Wahnsinn ... +Man muß es versuchen. Und ich wende mich seitwärts, +einer anderen Richtung zu.</p> + +<p>Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln +wie früher hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir +wieder die dunkle Grube.</p> + +<p>Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... +Und wiederum dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken +und vor mir derselbe drohende Fleck.</p> + +<p>Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten +Hasen ... immer dasselbe, immer dasselbe!</p> + +<p>Halt! denke ich, – jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich +nicht von der Stelle rühren! – und augenblicklich setze ich +mich an die Erde.</p> + +<p>Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. – +Ich höre sie nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich +sehe ich: der dunkle Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, +er kriecht gerade auf mich zu! O Gott! Ich schaue +rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf +mich geheftet – und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen +Mund ...</p> + +<p>– Kein Entrinnen!</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +<a name="Der_Hund" id="Der_Hund"></a>Der Hund</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">W</span>ir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und +ich ... Draußen heult wütender Sturm. Mein +Hund sitzt dicht vor mir – und schaut mir unverwandt ins +Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, +als müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er +besitzt keine Sprache, er versteht sich selbst nicht – aber ich +verstehe ihn wohl.</p> + +<p>Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir +ein und dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied +besteht. Wir sind vollkommen gleich; in jedem von +uns beiden glüht und leuchtet das gleiche zitternde Flämmchen.</p> + +<p>Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen +Fittiche ... Es ist zu Ende!</p> + +<p>Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen +in ihm und welches in mir geglüht hat? Nein! nicht +Tier und Mensch tauschen diese Blicke ... Es sind zwei +gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet sind. Und +in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem +des Menschen – schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb +bebend an den des anderen.</p> +</div> + + +<h3><a name="Der_Widersacher" id="Der_Widersacher"></a>Der Widersacher</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher +war; zwar nicht im Studium, auch nicht im +Amt oder in der Liebe; nur unsere Ansichten waren stets +unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen – entspann +sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten +<span class='pagenum'>[13]</span> +über alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, +über das Leben auf Erden und im Jenseits – +namentlich über das im Jenseits. Er war ein gläubiger, +schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du bespöttelst +doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, +dann werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir +wollen doch sehen, ob du auch dann noch wirst lachen können!« +Und wirklich, er starb vor mir, ein Werdender in +der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich vergaß +seines Gelübdes – seiner Drohung.</p> + +<p>Einst lag ich des Nachts im Bett – und konnte nicht, +mochte nicht einmal einschlafen.</p> + +<p>Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich +begann in das graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich +erschien es mir, als ob zwischen den beiden Fenstern mein +Widersacher stünde – und stumm und traurig mit dem +Kopfe nicke, auf und ab.</p> + +<p>Ich erschrak nicht – wunderte mich nicht einmal ... vielmehr +richtete ich mich ein wenig auf und blickte, auf den +Ellenbogen gestützt, nur noch schärfer auf die unerwartete +Erscheinung.</p> + +<p>Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.</p> + +<p>»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? +oder trauerst du? – Bedeutet dies eine Warnung oder +einen Vorwurf?... Oder willst du mir zu verstehen geben, +daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht hatten? +Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder +Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges +Wort!«</p> + +<p>Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von +sich – nur wie vorher nickte er bloß immer traurig und +<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +still ergeben mit dem Kopfe – auf und ab. Da lachte ich +laut auf ... und er verschwand.</p> +</div> + + +<h3><a name="Der_Bettler" id="Der_Bettler"></a>Der Bettler</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher +Greis hielt mich an.</p> + +<p>Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte +Lumpen, unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte +die Not dieses unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte +mir seine gerötete, verschwollene, schmutzige Hand hin ... +Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.</p> + +<p>Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber +weder Geldbeutel noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch +war da ... Ich hatte nichts mitgenommen. Der Bettler +aber wartete noch immer ... und seine vorgestreckte Hand +bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und verlegen +ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde +Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts +bei mir, mein Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten +Augen auf mich; ein Lächeln kam auf seine fahlen +Lippen – und dann drückte auch er meine erkalteten +Finger.</p> + +<p>»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür +bin ich dir dankbar. – Auch das ist eine Gabe, mein +Bruder.«</p> + +<p>Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe +empfangen hatte.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +<a name="Erfahren_wirst_du_noch" id="Erfahren_wirst_du_noch"></a>Erfahren wirst du noch, +wie Toren richten ...</h3> +<p class="headerblock right"><span class="gesperrt">Puschkin</span></p> + +<div class="textbody"> +<p>»<span class="bigletter">E</span>rfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer +sprachst du die Wahrheit, großer, vaterländischer +Dichter du, auch diesmal hast du wahr gesprochen. »Wie +Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es +nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies +kann – und muß ertragen werden; wer die Kraft dazu +hat – der mag es auch verachten!</p> + +<p>Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz +treffen ... Ein Mann tat alles, was er vermochte; wirkte +in unablässiger, hingebender, ehrlicher Arbeit ... Da +wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm ab; ehrliche +Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines +Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche +junge Stimmen entgegen. – »Dich und deine Mühe brauchen +wir nicht; du schändest unser Heim – du kennst und +du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!«</p> + +<p>Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im +Bemühen, soll nicht versuchen, sich zu rechtfertigen – soll +nicht einmal die Hoffnung auf künftige gerechtere Beurteilung +nähren.</p> + +<p>Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen +die Kartoffel brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche +Nahrung des Armen ... Aus seinen Händen, die er ihnen +entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare Gabe, warfen sie +in den Kot, traten sie mit Füßen.</p> + +<p>Jetzt nähren sie sich davon – und kennen nicht einmal den +Namen ihres Wohltäters.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span> +Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als +Namenloser bewahrt er sie vor dem Hunger.</p> + +<p>Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht +unseres Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich +ist ungerechter Tadel aus dem Munde derer, die man +liebt ... Doch auch dies kann man verwinden ...</p> + +<p>»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische +Feldherr zum spartanischen.</p> + +<p>»Schlage mich – aber sei gesund und satt!« +so sollen <span class="gesperrt">wir</span> +denken.</p> +</div> + +<h3><a name="Ein_Zufriedener" id="Ein_Zufriedener"></a>Ein Zufriedener</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">D</span>urch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren +Schritten ein noch junger Mann. – Seine Bewegungen +sind freudig und lebhaft; seine Augen leuchten, +Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt +sein freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit +und Freude.</p> + +<p>Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft +gemacht? Wurde er im Amte befördert? Eilt er zu einem +zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht hat er auch bloß +– gut gefrühstückt, – und das Gefühl der Gesundheit, +der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird +doch nicht gar seinen Hals mit deinem schönen achteckigen +Kreuz geschmückt haben, o polnischer König Stanislaus!</p> + +<p>Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten +ersonnen, hat sie eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe +Verleumdung, aus dem Munde eines anderen Bekannten +vernommen – und <span class="gesperrt">ihr selber Glauben geschenkt</span>.</p> + +<p>O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick +dieser liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +<a name="Eine_Lebensregel" id="Eine_Lebensregel"></a>Eine Lebensregel</h3> + +<div class="textbody"> +<p>»<span class="bigletter">W</span>enn Sie mal den Wunsch haben, <ins class="correction" +title="Original: ihrem">Ihrem</ins> Gegner gehörig +mitzuspielen und ihn womöglich zu kränken,« +sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann werfen Sie +ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen +Sie sich selber bewußt sind. – Spielen Sie den Entrüsteten ... +und tadeln Sie ihn!</p> + +<p>»Denn erstens – bringt dies dem anderen die Meinung +bei, daß Sie von diesem Laster frei wären.</p> + +<p>»Zweitens – darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige +sein ... Sie können aus den Vorwürfen Ihres eigenen +Gewissens Nutzen ziehen.</p> + +<p>»Sind Sie beispielsweise ein Renegat – dann werfen +Sie Ihrem Gegner vor, er sei ohne jede Überzeugung! +Sind Sie selber eine Lakaienseele – dann sagen Sie +ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein +Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!«</p> + +<p>»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des +Lakaienhasses!« bemerkte ich.</p> + +<p>»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf.</p> +</div> + +<h3><a name="Das_Ende_der_Welt" id="Das_Ende_der_Welt"></a> +Das Ende der Welt</h3> + +<p class="subchapter">Ein Traum</p> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">M</span>ir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel +Rußlands, in der Einsamkeit, in einer einfachen +Dorfhütte.</p> + +<p>Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände +weiß getüncht; aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine +kahle Ebene; in sanfter Neigung breitet sie sich in die +<span class='pagenum'>[18]</span> +Ferne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt darüber +wie ein härenes Tuch.</p> + +<p>Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir +in der Stube. Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie +gehen in der Stube auf und ab, schweigend, gleichsam +schleichend. Jeder weicht dem anderen aus – aber unaufhörlich +begegnen sich ihre besorgten Blicke.</p> + +<p>Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und +was die anderen bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert +Unruhe und Bangigkeit ... alle treten abwechselnd an +die Fenster und blicken forschend hinaus, als warteten sie +auf etwas von dorther.</p> + +<p>Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.</p> + +<p>Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit +zu Zeit wimmert er mit dünner eintöniger Stimme: +»Väterchen, ich fürchte mich!« – Bei diesem Wimmern +wird mir kalt ums Herz – und auch mich beschleicht Furcht ... +Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine +fühle ich: heran kommt und nähert sich ein großes, großes +Unheil.</p> + +<p>Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte +man doch nur hinaus! Wie dumpf ists hier! Wie +beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein +Ausweg.</p> + +<p>Dieser Himmel da – gerade wie ein Leichentuch. Und +kein Windhauch ... Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich +springt der Knabe ans Fenster und schreit mit derselben +kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist versunken!«</p> + +<p>– »Wie? Versunken!« – Wahrhaftig: vorhin war vor +dem Hause eine Ebene – jetzt steht es auf dem Gipfel +<span class='pagenum'>[19]</span> +eines ungeheuren Berges! Der Horizont ist herabgefallen, +in die Tiefe gesunken – und dicht vor dem +Hause starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer +Abgrund.</p> + +<p>Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der +Schrecken erstarrt unsere Herzen zu Eis. – »Dort kommt +es ... dort kommt es!« flüstert mein Nachbar.</p> + +<p>Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich +zu bewegen, hoben und senkten sich kleine wellige Hügel.</p> + +<p>»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. +»Gleich wird es uns alle verschlingen ... Wie +kann es bloß so wachsen und in die Höhe steigen? Bis +zu diesem Felsgrat?«</p> + +<p>Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon +sinds nicht mehr einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... +Eine einzige geschlossene, ungeheure Woge überflutet +den ganzen Horizont.</p> + +<p>Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie +heran, ballt sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum +– dort aber, in jener hereinbrechenden Masse – Dröhnen, +Donnern, tausendstimmiger, eherner Schrei ...</p> + +<p>Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der +Schreckensschrei der Erde ...</p> + +<p>Vernichtung ihr! Vernichtung allem!</p> + +<p>Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an +meine Gefährten klammern – doch schon sind wir alle +zerschmettert, begraben, verschlungen, fortgerissen von dieser +pechschwarzen, eisigen, donnernden Woge!</p> + +<p>Finsternis ... ewige Finsternis!</p> + +<p>Nach Atem ringend erwachte ich.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +<a name="Mascha" id="Mascha"></a>Mascha</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">A</span>ls ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, +knüpfte ich jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen +mußte, mit dem Kutscher ein Gespräch an.</p> + +<p>Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, +armen Bauern aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen +Schlitten und einem ärmlichen Karrengaul +in die Hauptstadt kamen – in der Hoffnung, dort selber +ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre +Gutsherren erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder +mal einen solchen Kutscher ... Ein Bursche von etwa +zwanzig Jahren, hochgewachsen, stämmig, wie aus Kernholz; +mit blauen Augen und frischroten Backen; sein +Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die +Augenbrauen herabgezogenen geflickten Mütze hervor. – +Und wie hatte er bloß diesen zerrissenen kleinen Kittel +über seine riesigen Schultern ziehen können!</p> + +<p>Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers +schien bekümmert und betrübt.</p> + +<p>Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner +Stimme klang Trübsal.</p> + +<p>»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so +traurig? Drückt dich irgendein Kummer?«</p> + +<p>Der Bursche zögerte mit der Antwort.</p> + +<p>»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. +»Und ein Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein +Weib ist gestorben.«</p> + +<p>»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?«</p> + +<p>Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur +ein wenig den Kopf.</p> + +<p><span class='pagenum'>[21]</span> +»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber +ich kanns nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... +immerfort! Warum hat sie auch sterben müssen? War +doch jung! gesund!... An <span class="gesperrt">einem</span> Tage hat die Cholera +sie abgewürgt.«</p> + +<p>»Sie war dir wohl ein braves Weib?«</p> + +<p>»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und +wie gut haben wir zusammengelebt! Sie ist ohne mich +gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß man sie gar schon +begraben hätte, – da jagte ich augenblicklich zum Dorf, +nach Hause. Ich kam an – da wars schon nach Mitternacht. +Ich trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube +still und rufe so ganz leise: ‘Mascha! meine Mascha!’ +Aber nur das Heimchen zirpt. – Da kommt mir das +Heulen, ich werfe mich auf die Diele – wie habe ich da +mit den Händen auf den Boden gehauen! – ‘Du unersättliche +Grube!’ schrei ich ... ‘Sie hast du verschlungen ... +dann verschling auch mich!’ – Ach Mascha!«</p> + +<p>»Mascha!« – setzte er mit plötzlich versagender Stimme +hinzu. Und ohne seine groben Zügel loszulassen, wischte +er sich mit seinen Fausthandschuhen die Tränen aus den +Augen, schüttelte sie ab, zuckte die Achseln – und sprach +kein Wort mehr.</p> + +<p>Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit +über den Fahrpreis. – Er verbeugte sich tief, indem +er mit beiden Händen nach der Mütze griff – und fuhr +dann langsam davon über die glatte Schneefläche der +menschenleeren Straße, die der graue Nebel des Januarfrostes +einhüllte.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +<a name="Der_Dummkopf" id="Der_Dummkopf"></a>Der Dummkopf</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>s war einmal ein Dummkopf.</p> + +<p>Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch +allmählich drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er +überall für einen hirnlosen Narren gelte.</p> + +<p>Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll +darüber nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte +aus der Welt schaffen könnte.</p> + +<p>Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen +Kopf ... und ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat +umzusetzen.</p> + +<p>Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter – der über +einen namhaften Maler lobend zu sprechen begann ...;</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen +Maler hat man ja längst zum alten Eisen geworfen ... +Das wissen Sie nicht? – Von Ihnen hätte ich das nicht +erwartet ... Sie sind – sehr zurückgeblieben.«</p> + +<p>Der Bekannte erschrak – und pflichtete dem Dummkopf +sofort bei.</p> + +<p>»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte +ihm ein anderer Bekannter.</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen +Sie sich denn nicht? Dies Buch hat ja nicht den geringsten +Wert; alle Welt macht sich darüber lustig. – Das wissen +Sie nicht? – Sie sind – sehr zurückgeblieben.«</p> + +<p>Auch dieser Bekannte erschrak – und stimmte dem Dummkopf +bei.</p> + +<p>»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte +ein dritter Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft +vornehme Natur!«</p> + +<p><span class='pagenum'>[23]</span> +»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein +notorischer Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er +gebrandschatzt. Wer wüßte denn das nicht? – Sie sind – +sehr zurückgeblieben!«</p> + +<p>Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem +Dummkopf Glauben und sagte sich von seinem Freunde +los. Und was man auch in Gegenwart des Dummkopfs +loben mochte – für alles hatte er die gleiche Antwort.</p> + +<p>Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs +hinzufügte: »Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?«</p> + +<p>»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten +über den Dummkopf zu urteilen. – »Aber welch ein +Kopf!« – »Und welche Redegewandtheit!« – setzten andere +hinzu. – »O gewiß, er hat Talent!«</p> + +<p>Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes +dem Dummkopf die Leitung des kritischen Teiles übertrug.</p> + +<p>Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, +ohne seine gewohnte Art noch seine bisherigen +Ausdrücke irgendwie zu ändern.</p> + +<p>Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete – selbst eine +Autorität – und die Jugend beugt sich vor ihm – und +fürchtet ihn.</p> + +<p>Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? – +Es ist ja – im allgemeinen – fatal, sich beugen zu +sollen ... indessen, es unterstehe sich nur mal einer und +beuge sich nicht – gleich sitzt er im Topf der »Zurückgebliebenen«!</p> + +<p>Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +<a name="Eine_Legende_des_Morgenlandes" id="Eine_Legende_des_Morgenlandes"></a> +Eine Legende des Morgenlandes</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">W</span>er kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die +Sonne des Weltalls?</p> + +<p>Einst – vor langen Jahren – da er noch ein Jüngling +war, lustwandelte Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.</p> + +<p>Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand +verzweifelt um Hilfe.</p> + +<p>Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch +Klugheit und Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles +Herz – und vertraute auf seine Kraft. Er +rannte dem Schrei nach und erblickte einen hinfälligen +Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer +gedrückt und beraubt wurde.</p> + +<p>Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die +Räuber: einen schlug er nieder, den andern trieb er in die +Flucht.</p> + +<p>Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, +indem er den Saum seines Mantels küßte: »Tapferer +Jüngling, dein Edelmut soll nicht unbelohnt bleiben. Dem +Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler; doch nur +dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem +Stande, – komme morgen in der Frühe auf den großen +Bazar; am Springbrunnen werde ich dich erwarten – +und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner Worte +überzeugen.«</p> + +<p>Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser +Mann ein Bettler, ohne Zweifel; indessen – nichts ist +unmöglich. Weshalb sollte ich es nicht versuchen?« und +gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich werde kommen.«</p> + +<p>Der Greis blickte ihm ins Auge – und entfernte sich.</p> + +<p><span class='pagenum'>[25]</span> +Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab +sich Dschaffar auf den Bazar. Am Springbrunnen, auf +dessen Marmorrand er sich mit den Ellenbogen gestützt +hatte, harrte seiner schon der Greis.</p> + +<p>Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte +ihn in einen kleinen Garten, der rings von hohen Mauern +umgeben war.</p> + +<p>Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand +ein Baum von ungewöhnlichem Aussehen.</p> + +<p>Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer +Farbe.</p> + +<p>Drei Früchte – drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden +Zweigen: der eine von mittlerer Größe, +länglich und milchweiß; der andere groß, rund und feuerrot; +der dritte klein, verschrumpft und gelblich.</p> + +<p>Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart +und klagend klang sein Rauschen, wie der Ton des Glases. +Es schien, als fühle er die Nähe Dschaffars. »Jüngling!« +– hub der Greis nun an – »pflücke dir nach +Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du +und ißt du die weiße – dann wirst du klüger werden als +alle Menschen; pflückst du und ißt du die rote – dann +wirst du so reich wie der Jude Rothschild; pflückst du und +ißt du aber die gelbe – dann wirst du allen alten Weibern +gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer +Stunde verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt +in den stummen Schoß der Erde!«</p> + +<p>Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. – »Wie +wähle ich hier am besten?« sprach er halblaut vor sich hin, +gleich als ginge er mit sich selbst zu Rate. – »Wer allzu +weise wird, könnte des Lebens überdrüssig werden; wer +<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span> +reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen; +besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den +runzligen!«</p> + +<p>Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem +zahnlosen Munde und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! +Du hast das beste Teil erwählt! – Was sollte dir +auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja klüger als +Salomo. – Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ... +Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen +Reichtum wird dir niemand neiden können.«</p> + +<p>»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, +»wo wohnt die ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten +Kalifen?«</p> + +<p>Der Greis verneigte sich bis zur Erde – und wies dem +Jüngling den Weg.</p> + +<p>Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, +den großen, ruhmreichen Dschaffar?</p> +</div> + +<h3><a name="Zwei_Vierzeiler" id="Zwei_Vierzeiler"></a>Zwei Vierzeiler</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>inst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher +Weise der Poesie ergeben waren, daß, +wenn einmal einige Wochen verstrichen, ohne daß neue +schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche Mißernte als +ein öffentliches Unglück empfanden.</p> + +<p>Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich +Asche aufs Haupt, sammelten sich in Scharen auf den +Plätzen und haderten unter bitteren Tränen mit der Muse, +weil sie sich von ihnen abgewendet habe.</p> + +<p>An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter +<span class='pagenum'>[27]</span> +Junius auf dem Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge +erfüllt war.</p> + +<p>Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete +Kanzel und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht +vorzutragen wünsche.</p> + +<p>Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!« +schrien sie laut – und erwartungsvoll verstummte +die Menge.</p> + +<p>»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber +etwas unsicherer Stimme:</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!<br/></span> +<span class="i0">Bewundrer alles des, was edel und vollendet!<br/></span> +<span class="i0">Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!<br/></span> +<span class="i0">Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.«</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von +allen Enden des Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.</p> + +<p>Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, +alle Augen blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, +drohten, ballten sich zu Fäusten!</p> + +<p>»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu +erringen!« schrien zornige Stimmen. »Herunter von der +Kanzel mit dem unbeholfenen Reimschmied! Fort mit dem +Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen Narren! +Gebt Steine! Steine her!«</p> + +<p>Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber +noch war er nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes +Händeklatschen, Beifallsruf und Freudengeschrei +an sein Ohr drang.</p> + +<p><span class='pagenum'>[28]</span> +Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden +– denn es ist gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen –, +kehrte Junius auf den Platz zurück.</p> + +<p>Und was sah er?</p> + +<p>Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, +stand auf einem flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen +Mantel gehüllt, einen Lorbeerkranz auf dem wallenden +Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge Dichter +Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! +Heil dem unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in +unserem großen Kummer hat er uns getröstet! Er hat uns +mit Versen beschenkt, süßer als Honig, wohlklingender als +Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als Himmelsbläue! +Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes +Haupt mit köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch +sanftes Fächeln mit Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen +alle Wohlgerüche arabischer Myrrhen! Heil!«</p> + +<p>Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage +mir doch, lieber Mitbürger, mit welchen Versen Julius +uns beglückt hat! Leider war ich nicht hier auf dem Platze, +als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch, wenn du sie +behalten hast, tu mir den Gefallen!«</p> + +<p>»Wie sollte man – solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?« +antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst +du mich denn? So höre – und jauchze, jauchze mit uns!</p> + +<p>‘Der Dichtkunst Gönner ihr!’ so begann der göttliche +Julius ...</p> +</div> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">‘Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!<br/></span> +<span class="i0">Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!<br/></span> +<span class="i0">Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!<br/></span> +<span class='pagenum'>[29]</span> +<span class="i0">Die freudge Stunde naht – und Tag verscheucht die Nacht!’</span> +</div></div> + +<div class="textbody"> +<p>Herrlich, nicht wahr?«</p> + +<p>»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja +doch meine eigenen Verse! – Julius hat sich gewiß unter +der Volksmenge befunden, als ich sie vortrug – er hat sie +gehört und dann wiederholt, wobei er nur einige Ausdrücke +– und keineswegs zum Vorteil – veränderte!«</p> + +<p>»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete +stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel +bist du oder ein Dummkopf!... So überlege +doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben heißt es +bei Julius: ‘Und Tag verscheucht die Nacht!’ ... Bei dir +dagegen – so recht abgeschmackt: ‘Und Dunkel weicht dem +Licht!’ – Welches Licht?! Welches Dunkel?!«</p> + +<p>»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius +einzuwenden ...</p> + +<p>»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und +ich rufe das Volk auf ... das dich zerreißen wird!«</p> + +<p>Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger +alter Mann, der sein Gespräch mit dem Bürger gehört +hatte, auf den niedergeschlagenen Dichter zutrat, ihm die +Hand auf die Schulter legte und sprach:</p> + +<p>»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; +der andere gab nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten +Zeit. – Folglich hat er recht – dir aber bleibt der Trost +deines reinen Gewissens.«</p> + +<p>Doch während das reine Gewissen – so gut und so weit es +irgend vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht +– den Junius tröstete, der sich stumm in einen Winkel +gedrückt hatte, schwebte in der Ferne, unter tosendem +<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span> +Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der Sonne, +strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von +frischem Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, +gleich einem Könige, der zur Krönung schreitet, – in gemessener, +stolzer Haltung die Gestalt des Julius dahin ... +und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich +vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, +ihrem demütigen Sichneigen die beständig +sich erneuernde Verehrung ausdrücken, welche die Herzen +seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.</p> +</div> + +<h3><a name="Der_Sperling" id="Der_Sperling"></a>Der Sperling</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">A</span>uf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die +Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her.</p> + +<p>Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, +gleich als wittere er vor sich ein Wild.</p> + +<p>Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen +Sperling mit gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf +dem Köpfchen. Er war aus dem Neste gefallen – heftiger +Wind schüttelte die Birken der Allee – und hockte unbeweglich, +hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen +ausstreckend.</p> + +<p>Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von +einem nahen Baume sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige +Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze +zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört, mit verzweifeltem, +kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, +geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich +über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe +<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span> +wollte er es schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper +bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und +heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich selbst!</p> + +<p>Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! +Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, +sicheren Aste zu bleiben vermocht ... Eine Macht, stärker +als sein Wille, riß ihn von dort herab.</p> + +<p>Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff +auch er diese Macht.</p> + +<p>Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte +mich, Ehrfurcht im Herzen.</p> + +<p>Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem +kleinen heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden +Kraft seiner Liebe.</p> + +<p>Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die +Schrecken des Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält +und bewegt unser Leben.</p> +</div> + +<h3><a name="Die_Totenschadel" id="Die_Totenschadel"></a>Die Totenschädel</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>in prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche +Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum +lebensprühende Gesichter und eifrige Gespräche ... Die +sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine berühmte +Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... +O, wie herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!</p> + +<p>Und plötzlich – wie auf den Wink eines Zauberstabes – +verschwand von allen Köpfen und allen Gesichtern die +zarte Hülle der Haut, und augenblicklich erschienen die +<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span> +Schädel in ihrer Totenblässe, traten Kiefer und Backenknochen +in bleigrauer Farbe hervor.</p> + +<p>Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen +bewegten und rührten – wie sich diese rundlichen, +knöchernen Kugeln, im Scheine der Lampen und Kerzen +widerstrahlend, hin und her wendeten – und wie sich in +ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen +Augäpfel.</p> + +<p>Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte +auch nicht, mich im Spiegel zu betrachten.</p> + +<p>Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit +derselben Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den +fleischlosen Kinnladen geläufig hin und her bewegend, +schwatzten die geschäftigen Stimmen davon, wie wunderbar, +wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die unsterbliche +Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert +habe!</p> +</div> + +<h3><a name="Die_Tagelohner_und_der_Weisshandige" id="Die_Tagelohner_und_der_Weisshandige"></a> +Die Tagelöhner und der Weißhändige</h3> + +<p class="subchapter">Ein Gespräch</p> + +<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p> + +<p><span class="bigletter">W</span>as drängst du dich zu uns? Was willst du? Du +gehörst nicht zu uns ... Mach, daß du weiterkommst!</p> + +<p><span class="gesperrt">Der Weißhändige</span></p> + +<p>Ich gehöre zu euch, Brüder!</p> + +<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p> + +<p>Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau +mal auf meine Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind? +Nach Dünger riechen sie und nach Teer, – deine Hände +aber sind weiß. Wonach riechen die denn?</p> + +<p><span class='pagenum'>[33]</span> +<span class="gesperrt">Der Weißhändige</span> (seine Hände hinhaltend)</p> + +<p>So rieche doch!</p> + +<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span> (sie beriechend)</p> + +<p>Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen.</p> + +<p><span class="gesperrt">Der Weißhändige</span></p> + +<p>Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in +Ketten.</p> + +<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p> + +<p>Warum denn das?</p> + +<p><span class="gesperrt">Der Weißhändige</span></p> + +<p>Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich +euch befreien wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil +ich auftrat gegen eure Bedrücker, revoltierte ... Da haben +sie mich denn gefangengesetzt.</p> + +<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p> + +<p>Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?!</p> + +<p class="center">– <span class="gesperrt">Zwei Jahre später</span> –</p> + +<p><span class="gesperrt">Einer derselben Tagelöhner</span> (zum anderen)</p> + +<p>Hör mal, Peter ... Du weißt doch noch, wie im +vorvorigen Jahr so ’n weißhändiger Kerl mit dir +schwatzte?</p> + +<p><span class="gesperrt">Zweiter Tagelöhner</span></p> + +<p>Freilich ... na, und?</p> + +<p><span class="gesperrt">Erster Tagelöhner</span></p> + +<p>Nun, hängen werden sie ihn heute; so ’n Befehl ist gekommen.</p> + +<p><span class="gesperrt">Zweiter Tagelöhner</span></p> + +<p>Hat er denn wieder revoltiert?</p> + +<p><span class="gesperrt">Erster Tagelöhner</span></p> + +<p>Wieder revoltiert!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span> +<span class="gesperrt">Zweiter Tagelöhner</span></p> + +<p>Na ... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen, +daß wir den Strick kriegen, mit dem er gehängt wird; so +was soll doch ’n mächtiges Glück ins Haus bringen!</p> + +<p><span class="gesperrt">Erster Tagelöhner</span></p> + +<p>Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.</p> + + +<h3><a name="Die_Rose" id="Die_Rose"></a>Die Rose</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>s war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst +hatte bereits seinen Einzug gehalten.</p> + +<p>Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, +doch ohne Donner und Blitz, war eben ein starker Regenschauer +über unsere weite Ebene hinweggezogen. Der +Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz überflutet +vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.</p> + +<p>Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem +Nachdenken durch die halboffene Tür in den Garten +hinaus.</p> + +<p>Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, +daß sie nach einem kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich +in diesem Augenblick einem Gefühle ergab, das sie nicht +länger zu bemeistern imstande war.</p> + +<p>Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus +und verschwand.</p> + +<p>Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie +kam nicht wieder.</p> + +<p>Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich +nach der Allee, durch welche – wie ich bestimmt voraussetzte +– auch sie gegangen war.</p> + +<p><span class='pagenum'>[35]</span> +Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon +hereingebrochen. Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, +selbst durch den dichten Schleier der Finsternis hindurch +noch rötlich schimmernd, ein rundlicher Gegenstand +erkennbar.</p> + +<p>Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte +Rose. Noch vor zwei Stunden hatte ich dieselbe +Rose an ihrem Busen gesehen.</p> + +<p>Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, +kehrte zum Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren +Stuhl auf den Tisch.</p> + +<p>Endlich kam auch sie zurück – durchmaß mit leichten +Schritten das Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr +Antlitz war jetzt blasser, aber auch belebter; unstet, mit +einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten ihre gesenkten, +scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte +sie die Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, +beschmutzten Blätter, blickte dann auf mich – +und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre Augen in +Tränen.</p> + +<p>»Warum weinen Sie?« fragte ich.</p> + +<p>»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden +ist.«</p> + +<p>Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre +Tränen werden diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit +vielsagender Betonung.</p> + +<p>»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete +sie, wandte sich zum Kamin und warf die Blume in die +ersterbende Flamme.</p> + +<p>»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer +gewissen Entschlossenheit, – und ihre schönen Augen, in +<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +denen die Tränen noch schimmerten, strahlten in mutvollem +und beglücktem Lächeln.</p> + +<p>Da wußte ich, daß auch sie versengt war.</p> +</div> + +<h3><a name="Letztes_Wiedersehen" id="Letztes_Wiedersehen"></a> +Letztes Wiedersehen</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">W</span>ir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... +Doch es kam ein verhängnisvoller Augenblick – +und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.</p> + +<p>Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf +der Durchreise in die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, +daß er hoffnungslos darniederliege und mich wiederzusehen +wünsche.</p> + +<p>Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke +begegneten sich.</p> + +<p>Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das +Leiden ihn entstellt!</p> + +<p>Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, +ergrautem Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten +Hemde da ... Er vermochte den Druck selbst +des leichtesten Gewandes nicht mehr zu ertragen. Hastig +streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam abgenagte +Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche +Worte hervor – ob es ein Gruß, ob es ein +Vorwurf war – wer mag es wissen? Seine entkräftete +Brust geriet in krampfhafte Bewegung – und über die +verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten +zwei kümmerliche, leidensschwere Tränenperlen.</p> + +<p>Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf +einen Stuhl und reichte ihm, während ich unwillkürlich +<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +den Blick vor dieser furchtbaren Entstellung senken mußte, +auch meinerseits die Hand.</p> + +<p>Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine +Hand, die die meine umschlossen hielt.</p> + +<p>Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches +Weib. Ein langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu +Füßen ein. Ihre tiefliegenden, matten Augen schauen ins +Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen Lippen.</p> + +<p>Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie +versöhnte uns auf immer.</p> + +<p>Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...</p> +</div> + +<h3><a name="Ein_Besuch" id="Ein_Besuch"></a>Ein Besuch</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens +am ersten Mai.</p> + +<p>Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, +laue Nacht war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.</p> + +<p>Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, +alles lag noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... +aber schon kündete sich das nahe Erwachen an, und in +der morgenfrischen Luft schwamm feuchter, stärkender +Taugeruch.</p> + +<p>Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren +und Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.</p> + +<p>Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein +Vogel, es war eine geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, +in einem schließenden, langen, schillernden Gewande.</p> + +<p>Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; +<span class='pagenum'>[38]</span> +bloß die Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten +Hauch einer erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen +umschloß die flatternden Locken ihres rundlichen Köpfchens, +und gleich Fühlern eines Schmetterlings wiegten +sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer lieblichen gewölbten +Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke +umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten +auch ihre großen, schwarzen, glänzenden Augen.</p> + +<p>Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges +machte sie funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der +Hand hielt sie eine langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« +nennt sie das russische Volk, – auch ähnelt sie wirklich +einem Zepter.</p> + +<p>Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser +Blume mein Haupt.</p> + +<p>Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster +hinausgeflattert – und fort war sie ...</p> + +<p>Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, +rief ihr eine Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu +– und in der Ferne, wo sie verschwand, begann der milchweiße +Himmel sich langsam zu röten.</p> + +<p>Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte +dich zu mir – du flogst davon zu den jungen Dichtern.</p> + +<p>O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur +noch auf Augenblicke erscheint ihr in all eurem Glanze vor +meiner Seele – frühmorgens bei Frühlings Erwachen!</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +<a name="Necessitas_Vis_Libertas" id="Necessitas_Vis_Libertas"></a><i> +<b>Necessitas – Vis – Libertas</b></i></h3> +<p class="subchapter">Ein Basrelief</p> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>ine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz +und unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen +Schritten und stößt mit ihrer stockdürren Hand ein anderes +Weib vor sich her.</p> + +<p>Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit +Muskeln gleich einem Herkules, aber einem winzigen +Köpfchen auf einem Stiernacken, – ist blind – und stößt +ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor sich hin.</p> + +<p>Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, +versucht sich umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände +empor; ihr lebensvolles Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld +und Entschlossenheit ... Sie möchte nicht willenlos +gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen wird ... +und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.</p> + +<p><i>Necessitas – Vis – Libertas.</i></p> + +<p>Wer Lust hat – mag es übersetzen.</p> +</div> + +<h3><a name="Das_Almosen" id="Das_Almosen"></a>Das Almosen</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>n der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten +Fahrwege, ging ein alter, kranker Mann.</p> + +<p>Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und +stolpernd tappten seine abgemagerten Füße nur schwerfällig +und matt vorwärts, als ob sie einem fremden Willen +gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen +Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn +verließen die Kräfte.</p> + +<p><span class='pagenum'>[40]</span> +Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, +stützte sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden +Händen sein Antlitz, und zwischen seinen gekrümmten +Fingern hervor quollen Tränen und tropften in den +trockenen grauen Staub.</p> + +<p>Er dachte vergangener Zeiten ...</p> + +<p>Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen +– und wie er dann seine Gesundheit verlor – und +seinen Reichtum an andere verschwendete, an gute und +schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er nicht einmal +ein Stückchen Brot – alle hatten ihn verlassen, die Freunde +noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich +so weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? +Und Bitterkeit zog in sein Herz, und Scham. Seine +Tränen aber rannen und rannen und tropften in den +grauen Staub.</p> + +<p>Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen +rief: er richtete sein müdes Haupt empor – und erblickte +vor sich einen Unbekannten.</p> + +<p>Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges +Antlitz; die Augen nicht strahlend, aber klar; der Blick +durchdringend, aber ohne Falsch.</p> + +<p>»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte +Stimme vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig +gewesen zu sein?«</p> + +<p>»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem +Seufzer, »wenn ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«</p> + +<p>»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, +welche dir ihre Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte +fort, »wenn niemand der Wohltaten bedürftig gewesen +wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig sein können?«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +Der Greis gab keine Antwort – und verfiel in Nachdenken.</p> + +<p>»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« +hub der Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke +deine Hand aus, gib auch du jetzt anderen guten Menschen +Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen, daß sie gut sind.«</p> + +<p>Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der +Unbekannte war schon verschwunden; – in der Ferne aber +erschien auf dem Wege ein Wandrer.</p> + +<p>Der Greis trat auf ihn zu – und streckte seine Hand +aus. – Dieser Wandrer aber wandte sich mit mürrischem +Blicke ab und gab ihm nichts.</p> + +<p>Nach ihm kam aber ein zweiter – und der gab dem +Greis ein kleines Almosen.</p> + +<p>Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen +Groschen – und süß schmeckte ihm der erbettelte Bissen +– und keine Scham quälte mehr sein Herz – im Gegenteil: +eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.</p> +</div> + +<h3><a name="Das_Insekt" id="Das_Insekt"></a>Das Insekt</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">M</span>ir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem +großen Zimmer mit offenen Fenstern.</p> + +<p>Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...</p> + +<p>Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und +sprachen laut durcheinander.</p> + +<p>Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll +Länge mit scharfem Summen ins Zimmer ... flog +herein, zog im Kreise umher und setzte sich dann an die +Wand.</p> + +<p><span class='pagenum'>[42]</span> +Es glich einer Fliege oder Wespe. – Der Leib war von +schmutzigbrauner Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; +die gespreizten Füßchen borstig und der Kopf eckig und +groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und diese +Füßchen – waren leuchtend rot wie Blut.</p> + +<p>Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach +unten und oben, nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... +dann plötzlich flog es von der Wand ab, flog +summend durchs Zimmer – setzte sich von neuem und +machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, +ohne sich von der Stelle zu rühren.</p> + +<p>In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar +Furcht ... Niemand von uns hatte bisher etwas Ähnliches +gesehen, alle schrien: »Jagt doch dies Ungeziefer +hinaus!« – alle schwenkten von weitem ihre Taschentücher ... +aber keiner wagte heranzukommen ... und +sooft das Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.</p> + +<p>Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender +Mann, blickte auf uns übrige mit unverhohlenem +Erstaunen. – Er zuckte die Achseln, lächelte und konnte +durchaus nicht begreifen, was mit uns vorging und weshalb +wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt +kein Insekt wahrnehmen – hörte nicht das unheimliche +Schwirren seiner Flügel.</p> + +<p>Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog +auf, preßte sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über +den Augen in die Stirn ... Der junge Mann stieß einen +schwachen Schrei aus – und brach tot zusammen.</p> + +<p>Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... +Da erst errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +<a name="Die_Kohlsuppe" id="Die_Kohlsuppe"></a>Die Kohlsuppe</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>iner alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger +Sohn gestorben, der beste Arbeiter im Dorfe. Die +Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes, hörte vom +Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der +Beerdigung auf, um sie zu besuchen.</p> + +<p>Sie fand sie zu Hause.</p> + +<p>Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie +mit langsamer, mechanischer Bewegung mit der rechten +Hand (die linke hing schlaff herab) dünne Kohlsuppe aus +einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte einen Löffel +nach dem andern davon hinunter.</p> + +<p>Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die +Augen rot und verschwollen ... aber sie hielt sich gerade +und aufrecht, wie in der Kirche.</p> + +<p>Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in +solchem Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was +haben doch all diese Leute für ein rohes Gefühl!</p> + +<p>Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst +vor einigen Jahren nach dem Verlust eines neun Monate +alten Töchterchens vor lauter Kummer darauf verzichtet +hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von Petersburg +zu mieten – und den ganzen Sommer in der Stadt +zugebracht hatte! – Die Alte dagegen löffelte weiter an +ihrer Kohlsuppe.</p> + +<p>Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. – »Tatjana!« +rief sie aus ... »Das ist unerhört! – Ich fasse +es nicht! Hast du denn deinen Sohn gar nicht geliebt? +Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren? – Wie +kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte – und +von neuem rollten bittere Tränen über ihre eingefallenen +Wangen. »Nun ist es auch mit mir bald zu Ende: bei +lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen. +Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen +lassen: sie ist ja gesalzen.«</p> + +<p>Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte +sich. Für sie war das Salz billig.</p> +</div> + +<h3><a name="Die_Gefilde_der_Seligen" id="Die_Gefilde_der_Seligen"> +</a>Die Gefilde der Seligen</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">O</span> Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, +des Lichtes, der Jugend und des Glücks! Ich habe +euch geschaut ... im Traume.</p> + +<p>Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten +Nachen. Einer Schwanenbrust gleich schwoll das weiße +Segel unter den spielenden Wimpeln.</p> + +<p>Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich +fühlte mit ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh +und glücklich seien wie ich!</p> + +<p>Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, +azurblaues Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit +goldigen Schuppen bedeckt war – und zu Häupten ein +gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, – und darüberhin +zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche, +heitere Sonne.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, +fröhliches Lachen – wie das Lachen der Götter!</p> + +<p>Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, +Verse von wunderbarer Schönheit und begeisternder Kraft ... +<span class='pagenum'>[45]</span> + es schien, als ob der Himmel selber deren Echo widerhalle +und rings das Meer mitempfindend erzittere ... +Und dann wieder herrschte selige Stille.</p> + +<p>Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen +rasch dahin. Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere +eigenen freudig pochenden Herzen. Wohin wir begehrten, +dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre er beseelt.</p> + +<p>Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer +von kostbaren Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, +zogen an uns vorüber. Aus den sanft geschwungenen +Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser +Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer +Rosen und Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet +regenbogenfarbige, langgefiederte Vögel empor. Und die +Vögel kreisten hoch über uns, die Maiglöckchen und Rosen +zertauten in den Schaumperlen, die längs der glatten +Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich +mit den Blumen und den Vögeln schwebten süße, süße Töne +herüber ... Mädchenstimmen schienen darein verwoben ... +Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, das +Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der +Strömung hinter dem Nachen – alles redete von Liebe, +von seliger Liebe!</p> + +<p>Und sie, die ein jeder von Herzen liebte – sie war da ... +unsichtbar, doch nahe. Einen Augenblick nur – und ihre +Augen erglänzen, es strahlt ihr Lächeln ... Ihre Hand +schließt sich in deine Hand und zieht dich mit sich in ein +unverwelkliches Paradies!</p> + +<p>O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span> +<a name="Zwei_Reiche" id="Zwei_Reiche"></a>Zwei Reiche</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">W</span>enn man in meinem Beisein das Lob des reichen +Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren +Einkommens für Erziehung von Kindern, für +Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet +– dann erregt dies meinen Beifall und rührt mich.</p> + +<p>Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung +doch die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu +unterdrücken, welche eine kleine verwaiste Nichte unter ihr +elendes Dach aufnahm.</p> + +<p>»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann +geht unser letzter Groschen drauf – dann langts nicht mehr +zum Salz für die Suppe ...«</p> + +<p>»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr +der Bauer, ihr Mann, zur Antwort.</p> + +<p>Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!</p> +</div> + +<h3><a name="Der_Greis" id="Der_Greis"></a>Der Greis</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">T</span>rübe, schwere Tage sind gekommen ...</p> + +<p>Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und +Finsternis des Alters. Alles, was du geliebt, woran du +mit ganzem Herzen gehangen – welkt und schwindet dahin. +Der Pfad senkt sich bergab.</p> + +<p>Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, +damit dienst du weder dir selbst, noch den anderen ... +Wohl wird das Laub auf dem verdorrenden, sich krümmenden +Baume immer dürftiger und seltener, – aber grün ist +auch dieses noch.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span> +So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, +weile bei deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten +auf dem Grunde deiner innersten Seele, wird dein vergangenes, +dir allein zugängliches Leben in all seinem duftigen, +immer noch frischen Grün und seiner quellenden +Frühlingspracht vor dir erglänzen.</p> + +<p>Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!</p> +</div> + +<h3><a name="Der_Berichterstatter" id="Der_Berichterstatter"> +</a>Der Berichterstatter</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">Z</span>wei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit +einemmal erhebt sich auf der Straße ein großer +Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige Verwünschungen +und schadenfrohe Lachsalven.</p> + +<p>»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem +er zum Fenster hinausblickte.</p> + +<p>»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der +andere. »Höre mal, wer es auch sein mag, wir dürfen +solch willkürliches Rechtsverfahren nicht zulassen. Komm, +wir wollen ihm beistehen.«</p> + +<p>»Ein Mörder ist’s aber nicht, den sie da prügeln.«</p> + +<p>»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, +komm, wir wollen ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«</p> + +<p>»Es ist auch kein Dieb.«</p> + +<p>»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer, +ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein +Advokat, ein gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher +Wohltäter?... Gleichviel, komm und laß uns ihm +helfen!«</p> + +<p>»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +»Einen Berichterstatter? – Na, weißt du was: dann wollen +wir erst ruhig unsern Tee austrinken.«</p> +</div> + +<h3><a name="Zwei_Bruder" id="Zwei_Bruder"></a>Zwei Brüder</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch hatte eine Vision ...</p> + +<p>Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. +Ich sage: Engel ... Genien – weil kein Gewand ihren +nackten Körper verhüllte und beide an den Schultern +mächtige, lange Flügel besaßen.</p> + +<p>Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen +Wuchs, eine zarte Haut und schwarzlockiges Haar. Seine +Augen waren braun, feurig und von dichten Wimpern beschattet; +sein Blick einschmeichelnd, heiter und verlangend. +Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem +Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken +spielte um die vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling +lächelte, wie im Gefühl überlegener Macht – selbstbewußt +und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz schmiegte +sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die sammetgleichen +Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, +von einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht +von der rundlichen Schulter bis auf die schwellende Hüfte +herab. Das Gefieder seiner Schwingen spielte in den +Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend rot, gleich +als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von +Zeit zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von +einem angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen +eines Frühlingsregens.</p> + +<p>Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. +<span class='pagenum'>[49]</span> +Bei jedem Atemzug wurden seine Rippen in leichten +Umrissen sichtbar. Sein Haar war fahl, dünn und +schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der +unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge +hatten etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete +Mund wies Fischzähne auf; die Adlernase war schmal, +das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum bedeckt. +Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln +geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses +Antlitz! (Auch das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings +– obwohl liebreizend und sanft – war ohne jeden +Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten schlangen +sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten +Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand +sich um seine Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau +und glanzlos, bewegten sich langsam und drohend.</p> + +<p>Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu +sein.</p> + +<p>Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche +Hand des ersten ruhte wie eine Weintraube auf der +mageren Achsel des anderen; die schmale Hand dieses +anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern wie +eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.</p> + +<p>Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:</p> + +<p>»Vor dir stehen Liebe und Hunger – zwei leibliche Brüder, +die zwei Grundpfeiler allen Lebens.</p> + +<p>»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt +sich, um sich fortzupflanzen.</p> + +<p>»Liebe und Hunger – ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, +damit das Leben nicht versiege – das eigene wie das +fremde, – ja, das gesamte Leben.«</p> +</div> + +<h3><a name="Dem_Andenken_an_Fraulein" id="Dem_Andenken_an_Fraulein"></a> +<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span> +Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja</h3> + + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>m Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter +dem Dach eines baufälligen Schuppens, der in notdürftiger +Hast inmitten eines verwüsteten bulgarischen +Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet worden war +– erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie +war völlig bewußtlos – und nicht ein einziger Arzt sah +nach ihr; die kranken Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange +sie sich auf den Füßen hatte halten können – erhoben +sich der Reihe nach von ihrer verseuchten Lagerstatt, um +in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen +Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.</p> + +<p>Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr +offen; selbst die höchsten Würdenträger wandten ihr ihre +Aufmerksamkeit zu. Die Frauen beneideten sie, die +Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von +diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. +Das Leben lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das +schlimmer ist als Tränen.</p> + +<p>Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei +aber von einer Kraft, einer Opferfreudigkeit! – Den Bedrängten +Hilfe zu leisten ... ein anderes Glück kannte +sie nicht ... kannte sie nicht – und lernte sie nicht kennen. +Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein +hatte sie sich längst ergeben – und mit dem heiligen Feuer +unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste +ihrer Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie +dort im geheimsten, tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, +<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +das hat niemand je gewußt – und kann jetzt freilich niemand +mehr erfahren.</p> + +<p>Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist +vollendet.</p> + +<p>Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand +wenigstens ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon +sie selbst in edler Scham sich jeder Dankesbezeugung +entzog.</p> + +<p>Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich +dieses kleine, verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen +wage!</p> +</div> + +<h3><a name="Der_Egoist" id="Der_Egoist"></a>Der Egoist</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>r besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel +seiner Familie zu werden.</p> + +<p>Von klein auf gesund und reich – und gesund und reich +sein ganzes langes Leben hindurch, beging er nie einen +einzigen Fehltritt, verfiel nie in einen Irrtum, versprach +und versah sich nicht ein einziges Mal.</p> + +<p>Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein +seiner Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle +seine Angehörigen, seine Freunde, seine Bekannten. Seine +Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ... und er nahm +Wucherzinsen davon.</p> + +<p>Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos +zu sein und nie aus freien Stücken Gutes zu tun; – +und darum war er erbarmungslos – und tat nie Gutes ... +denn das Gute auf Befehl – ist nicht das Gute. +Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine +eigene, so überaus musterhafte Person und war innerlich +<span class='pagenum'>[52]</span> +empört, wenn die anderen sich nicht ebenso eifrig um diese +bekümmerten.</p> + +<p>Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten – +und verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten +und den Egoismus! – Das wäre auch! Fremder Egoismus +behinderte ja seinen eigenen!</p> + +<p>Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, +begriff und duldete er solche auch nicht bei anderen. +Er begriff überhaupt niemanden und nichts, denn überall, +von allen Seiten, unten und oben, hinten und vorn war +er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.</p> + +<p>Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst +etwas zu vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... +Aus welchem Grunde sollte er dann den anderen vergeben?</p> + +<p>Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem +Angesicht seiner eigenen Gottheit – da pflegte er, dieses +Wunderwesen, dieser Ausbund von Tugend, die Augen +gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer +Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein +moralischer Mensch!«</p> + +<p>Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen +– und selbst dann wird nichts sich regen in seinem +steinernen Herzen – in diesem Herzen ohne Makel und +Fehl.</p> + +<p>O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen +Tugend – schwerlich kannst du überboten werden +von dem nackten Scheusal des Lasters!</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +<a name="Das_Fest_beim_hochsten_Wesen" id="Das_Fest_beim_hochsten_Wesen"> +</a>Das Fest beim höchsten Wesen</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>instmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen +Himmelspalast ein Fest zu geben. Sämtliche +Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. Aber +nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... +bloß Damen.</p> + +<p>Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden – die großen +wie die kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig +zuvorkommender und liebenswürdiger als die großen; +doch schienen alle sehr befriedigt – und man unterhielt +sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe Verwandte +und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte +das höchste Wesen zwei schöne Damen, die sich +gegenseitig gar nicht zu kennen schienen.</p> + +<p>Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der +Hand und führte sie zu der anderen.</p> + +<p>»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. +»Die Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die +zweite. Beide Tugenden gerieten in sprachloses Erstaunen: +seitdem die Welt besteht – und sie besteht schon +ziemlich lange –, begegneten sie sich zum erstenmal.</p> +</div> + +<h3><a name="Die_Sphinx" id="Die_Sphinx"></a>Die Sphinx</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">G</span>elblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender +Sand ... Sand ohne Ende, so weit das Auge +reicht!</p> + +<p>Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten +Staubes erhebt sich das gigantische Haupt einer ägyptischen +Sphinx.</p> + +<p><span class='pagenum'>[54]</span> +Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, +diese starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern – und +diese Augen, diese länglichen, halb träumenden, halb +wachen Augen unter dem Doppelbogen der hohen +Brauen?</p> + +<p>Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar – doch +nur ein Ödipus vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre +stumme Sprache zu verstehen.</p> + +<p>Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts +Ägyptisches mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden +Backenknochen, die kurze, gerade Nase, der +hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche Schnurrbart +nebst dem krausen Kinnbärtchen – und diese weit +auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, +wie eine Mütze den Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... +Ei, das bist du ja, Karp, Sidor, Semjon, +du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein Landsmann, +ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn +unter die Sphinxe geraten?</p> + +<p>Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist +freilich auch – eine Sphinx.</p> + +<p>Auch deine Augen – diese farblosen, aber tiefen Augen +reden ... Und auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.</p> + +<p>Wo aber ist dein Ödipus?</p> + +<p>O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider +nicht ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische +Sphinx!</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span> +<a name="Die_Nymphen" id="Die_Nymphen"></a>Die Nymphen</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten +Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte +sie vom Kamm bis zur Sohle.</p> + +<p>Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche +Himmel; aus der Höhe sandte die Sonne ihre spielenden +Strahlen herab; drunten, halb verborgen im Grase, +murmelten flinke Bächlein.</p> + +<p>Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen +Schiffe, das im ersten Jahrhundert nach Christi +Geburt einst über das Ägäische Meer fuhr.</p> + +<p>Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte +lag die See. Da ertönte mit einem Male hoch über dem +Haupte des Steuermanns eine vernehmliche Stimme: +»Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann lasse laut +den Ruf erschallen: ‘Der große Pan ist tot!’«</p> + +<p>Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber +das Schiff an der Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und +rief: »Der große Pan ist tot!«</p> + +<p>Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs +des ganzen Ufers (obwohl die Insel unbewohnt war) +schmerzliche Seufzer, Stöhnen und langgezogene Klagelaute: +»Tot, tot! Der große Pan ist tot!«</p> + +<p>Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam +mir der sonderbare Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich +jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«</p> + +<p>Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne +widerstrebte es mir, an den Tod zu denken, und so +rief ich denn mit aller Kraft: »Auferstanden, auferstanden +ist der große Pan!«</p> + +<p><span class='pagenum'>[56]</span> +Und sogleich, o Wunder! – erscholl als Antwort auf +meinen Ruf längs des ganzen weiten Halbkreises grünender +Berge ein fröhliches Lachen, ertönte freudiges +Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! +Pan ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. +– Plötzlich jubelte alles da drüben laut auf, heller als +die Sonne in der Höhe und lustiger als das Spiel der +Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch hurtiger, +leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das +Waldesgrün schimmerte das marmorne Weiß wollener +Gewänder und die lebensfrische Röte nackter Körper ... +Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden, Bacchantinnen, +die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen +sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar +fließt um die göttlichen Häupter, edelgeformte Hände +schwingen Kränze und Tamburins – und Lachen, freudiges, +olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ... +Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer +und schöner als alle anderen, – ein Köcher hängt von +den Schultern herab, in der Hand trägt sie einen Bogen, +auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine silberne +Mondsichel ...</p> + +<p>Diana – bist du es?</p> + +<p>Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig +hielt die ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das +helle Lachen erstarb. Ich sah, wie sich das Antlitz der +plötzlich verstummten Göttin mit einer tödlichen Blässe +bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr +Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre +Augen, starr in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... +Was hatte sie gesehen? Wohin blickte sie?</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... +Am äußersten Saume des Himmels, hinter dem flachen +Streif der Felder flammte wie ein feuriger Punkt das +goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen +Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter +mir vernahm ich einen zitternden, langen Seufzer, dem +Beben einer zerspringenden Saite gleich – und als ich +mich wieder umwandte, waren die Nymphen spurlos verschwunden ... +Der weit ausgedehnte Wald grünte wie +zuvor, und nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, +leuchtete auf und verschwand etwas Weißes. +Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg Nebel +vom Talgrund auf – ich weiß es nicht.</p> + +<p>Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der +Göttinnen!</p> +</div> + +<h3><a name="Freund_und_Feind" id="Freund_und_Feind"></a>Freund und Feind</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">E</span>in zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus +dem Gefängnis und stürzte in wilder Flucht einher. ... +Die Verfolger waren ihm auf den Fersen.</p> + +<p>Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die +Verfolger nachzulassen.</p> + +<p>Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen +Ufern – ein schmaler, aber tiefer Fluß ... Und er kann +nicht schwimmen!</p> + +<p>Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes +Brett. Schon hatte der Flüchtling den Fuß +darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun, daß drüben am +Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind +standen.</p> + +<p><span class='pagenum'>[58]</span> +Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die +Arme; der Freund dagegen schrie aus vollem Halse: »Um +Gottes willen! Was tust du? Besinne dich, Wahnwitziger! +Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig verfault +ist?! – Es wird unter deiner Last brechen – und du kommst +rettungslos um!«</p> + +<p>»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du +nicht die Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche +und betrat das Brett.</p> + +<p>»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß +du zugrunde gehst!« schrie der eifrige Freund und riß +dem Fliehenden das Brett unter den Füßen weg. – Der +stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab – und ertrank.</p> + +<p>Der Feind lachte befriedigt auf – und ging von dannen; +der Freund aber setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen +Tränen um seinen armen – armen Freund!</p> + +<p>Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, +das kam ihm gar nicht in den Sinn ... nicht einen +Augenblick.</p> + +<p>»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er +trostlos.</p> + +<p>»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja +doch sein ganzes Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten +müssen! Wenigstens leidet er jetzt nicht mehr! Jetzt ist +ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es so gewollt! – +Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich betrachtet!«</p> + +<p>Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen +um den unglückseligen Freund.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span> +<a name="Christus" id="Christus"></a>Christus</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in +einer niedrigen Dorfkirche. – Die Flämmchen der +dünnen Wachskerzen glühten wie kleine rote Punkte vor +den alten Heiligenbildern.</p> + +<p>Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes +einzelne Flämmchen. Es war düster und dämmerig in +der Kirche ... Vor mir aber standen eine Menge Leute. +Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit zu Zeit +neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich +wieder gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche +Wind wie eine sanfte Woge über sie hinstreicht. Mit +einem Male kam jemand von hinten heran und trat neben +mich.</p> + +<p>Ich wandte mich nicht nach ihm um – aber ich fühlte sofort: +dieser Mensch ist – Christus.</p> + +<p>Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im +selben Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah +meinen Nachbar an.</p> + +<p>Ein Gesicht wie das aller anderen – ein Gesicht, das allen +Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig +aufwärts, andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, +aber nicht zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam +auf der unteren; der kurze Bart ist in der Mitte geteilt. +Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch die Kleidung +ist dieselbe wie bei allen übrigen.</p> + +<p>»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch +einfacher, einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«</p> + +<p>Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von +diesem einfachen Menschen abgewandt, als mich wiederum +<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +das Gefühl überkam, als stünde wirklich Christus an +meiner Seite.</p> + +<p>Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder +erblickte ich dasselbe Antlitz, das allen Menschengesichtern +gleicht, dieselben alltäglichen, wenn auch unbekannten +Züge.</p> + +<p>Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz – und ich +kam zu mir. Nun begriff ich erst, daß gerade solch ein +Antlitz – ein Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht +– Christi Antlitz sei.</p> +</div> + +<h3><a name="Der_Stein" id="Der_Stein"></a>Der Stein</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">S</span>aht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten +grauen Stein, wenn an einem sonnigen Frühlingstage +zur Flutzeit von allen Seiten die frischen Wellen +gegen ihn anschlagen – anschlagen, ihn umspielen, umschmeicheln +– und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen +glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein +bleibt wohl derselbe Stein – aber auf seiner Oberfläche +erscheinen leuchtende Farben.</p> + +<p>Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene +Granit eben erst zu erstarren begann und noch ganz in +feurigen Farben glühte.</p> + +<p>So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten +von jungen Frauenseelen bestürmt – und unter ihrer liebkosenden +Berührung röteten sich seine seit langem verblaßten +Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!</p> + +<p>Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben +aber sind noch nicht verblichen – mag auch scharfer Wind +sie trocknen.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +<a name="Die_Tauben" id="Die_Tauben"></a>Die Tauben</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; +vor mir breitete sich schimmernd wie ein Meer von +Gold und Silber ein reifes Roggenfeld aus. Keine +Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos +war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.</p> + +<p>Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; +aber dort, hinter dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, +lastete eine schwarzblaue Wolkenwand wie eine gewaltige +Masse auf dem ganzen Halbkreise des Horizontes.</p> + +<p>Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der +unheildrohenden Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht +ein einziger Vogel war zu hören und zu sehen; sogar die +Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe irgendwo +raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.</p> + +<p>Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute +auf die blaue Wolkenmasse ... und unruhige Erregung +bemächtigte sich meiner. Nur schnell, schnell! dachte ich +bei mir, blitze, du goldene Schlange, grolle, Donner! rege +dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende Wolke, und +löse diese beklemmende Dumpfheit!</p> + +<p>Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie +auf der schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger +ballte und verfinsterte sie sich.</p> + +<p>Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau +ein schimmerndes Etwas in gleichmäßiger, schwimmender +Bewegung; man konnte auf ein weißes Tüchlein raten +oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, +die vom Dorfe herübergeflogen kam.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand +hinterm Walde.</p> + +<p>Einige Augenblicke vergingen – immer noch herrschte dieselbe +furchtbare Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern +zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken schweben zurück: in gleichmäßigem +Fluge flattern zwei weiße Tauben heimwärts.</p> + +<p>Und jetzt, endlich, brach der Sturm los – und der wilde +Tanz begann!</p> + +<p>Mit genauer Not erreichte ich das Haus. – Der Wind +heult und tobt wie ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen +jagen die fahlroten, niederhängenden Wolken dahin, alles +dreht sich wirbelnd, stiebt durcheinander, wie eine senkrechte +Säule peitscht und stürzt wütender Platzregen herab, +die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie Kanonenschüsse +krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es +riecht nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden +Giebel, hart am Rande des Bodenfensters, sitzen dicht +beisammen zwei Tauben – jene, welche nach ihrer Gefährtin +ausgeflogen war – und die, welche sie heimgebracht +und dadurch vielleicht gerettet hatte.</p> + +<p>Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt – +und schmiegen sich Fittich an Fittich ...</p> + +<p>Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so +betrachte ... Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie +immer.</p> +</div> + +<h3><a name="Morgen_Morgen" id="Morgen_Morgen"></a>Morgen! Morgen!</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">W</span>ie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder +durchlebte Tag! Wie geringfügig die Spuren, die +er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf verrannen all die +Stunden, eine nach der anderen!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span> +Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn +dünkt das Leben ein Schatz, all seine Hoffnungen baut +er darauf, er baut sie auf sich selbst, auf die Zukunft ... +O, wieviel Glück erwartet er von der Zukunft!</p> + +<p>Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen +Tage dem ebenverflossenen nicht gleichen würden?</p> + +<p>Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das +Grübeln überhaupt zuwider – und er tut wohl daran.</p> + +<p>»Ei, morgen, morgen!« – damit tröstet er sich, – so lange, +bis ihn dieses Morgen ins Grab senkt.</p> + +<p>Nun – und liegst du erst einmal im Grabe – dann hat +dein Grübeln ganz von selbst ein Ende.</p> +</div> + +<h3><a name="Die_Natur" id="Die_Natur"></a>Die Natur</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">M</span>ir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen +Saal mit hohen Gewölben. Ein gewisses ebenso +unterirdisches, gleichmäßiges Licht erfüllte den ganzen +Raum.</p> + +<p>Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem +faltenreichen grünen Gewande. Das Haupt auf die Hand +gestützt, schien sie in tiefes Nachdenken versunken.</p> + +<p>Ich begriff sofort, daß dieses Weib – die Natur selbst +war, – und wie plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer +der Ehrfurcht durch meine Seele.</p> + +<p>Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich +ehrerbietig: »O du unser aller gemeinsame Mutter!« rief +ich aus. »Worüber sinnst du nach? Gelten deine Gedanken +dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder +der Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und +Glückseligkeit gelangen könne?«</p> + +<p><span class='pagenum'>[64]</span> +Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen +auf mich. Ihre Lippen bewegten sich – und machtvoll +erklang eine Stimme wie das Dröhnen des Eisens:</p> + +<p>»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs +eine größere Kraft gegeben werden könne, damit er sich +besser vor seinen Feinden zu retten vermöchte. Das +Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist gestört ... +Es muß wiederhergestellt werden.«</p> + +<p>»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? +Sind denn aber nicht wir – wir Menschen, deine Lieblingskinder?«</p> + +<p>Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe +sind meine Kinder,« sprach sie; »ich sorge für sie alle +ohne Unterschied – und ohne Unterschied vernichte ich sie +alle.«</p> + +<p>»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte +ich wiederum.</p> + +<p>»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. +»Ich kenne weder Gut noch Böse ... Vernunft ist mir +nicht Gesetz – und was ist Gerechtigkeit? – Ich gab dir +das Leben – ich werde es dir wieder nehmen und anderen +Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es +einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen – und laß +mich in Ruhe!«</p> + +<p>Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings +die Erde dumpf zu stöhnen und zu beben – und ich erwachte.</p> +</div> + +<h3><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span> +<a name="Hangt_ihn" id="Hangt_ihn"></a>Hängt ihn!</h3> + +<div class="textbody"> +<p>»<span class="bigletter">D</span>as geschah im Jahre 1803,« begann mein alter +Bekannter, »kurz vor Austerlitz. Das Regiment, +in welchem ich als Offizier stand, hatte in Mähren Quartiere +bezogen.</p> + +<p>Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen +und zu drangsalieren; sahen uns die Leute doch +ohnehin mit scheelen Augen an, obgleich wir zu ihren +Bundesgenossen zählten.</p> + +<p>Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen +meiner Mutter, namens Jegor. Er war ein ehrlicher, +stiller Mensch; ich kannte ihn von klein auf und behandelte +ihn wie einen Freund.</p> + +<p>Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in +dem ich wohnte, lautes Gezänke und Wehklagen: der +Wirtin waren zwei Hühner gestohlen worden, und sie bezichtigte +meinen Burschen dieses Diebstahls. Er beteuerte +seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... ‘Er +und stehlen, er, Jegor Awtamanow!’ Ich suchte die +Wirtin von Jegors Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie +blieb taub gegen alles.</p> + +<p>Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße +herauf: der Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit +seinem Stabe vorüber.</p> + +<p>Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem +Kopfe und Epauletten, die bis auf die Brust +herabhingen.</p> + +<p>Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt – als sie sich seinem +Pferde entgegenwarf, auf die Knie fiel – und ganz +außer sich, mit fliegenden Haaren, meinen Burschen laut +<span class='pagenum'>[66]</span> +anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand auf ihn +deutete.</p> + +<p>‘Herr General!’ schrie sie, ‘Eure Hoheit! Richten Sie! +Helfen Sie! Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!’ +Jegor stand auf der Türschwelle, kerzengerade, +die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust herausgedrückt +und die Hacken aneinandergenommen wie eine +Schildwache – und gab nicht einen Laut von sich! Mag +sein, daß ihn der Anblick dieser ganzen, mitten auf der +Straße haltenden Generalität aus der Fassung brachte, +daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils +zu Stein erstarrte – mein armer Jegor stand bloß +da und blinzelte mit den Augen, im Gesicht aber fahl wie +Tonerde.</p> + +<p>Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren +Blick auf ihn und brummte zornig: ‘Nun?’ ... Jegor +steht da wie eine Bildsäule und zeigt grinsend seine Zähne! +Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können, der Kerl +lache.</p> + +<p>Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: ‘Hängt +ihn!’ gab seinem Pferde die Sporen und ritt weiter – +zuerst wieder im Schritt – dann in scharfem Trabe. +Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein einzelner +Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor +einen flüchtigen Blick zu.</p> + +<p>Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor +wurde sofort festgenommen und zur Exekution abgeführt. +Da brach er völlig zusammen – und rief mit erstickter +Stimme nur ein paarmal: ‘Mein Gott! Mein Gott!’ – +dann halblaut: ‘Gott droben weiß es, ich wars nicht!’ +Bitterlich weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich +<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +war in Verzweiflung. ‘Jegor! Jegor!’ schrie ich, ‘warum +hast du denn bloß dem General nicht geantwortet?’ ‘Gott +droben weiß es, ich wars nicht,’ wiederholte der Ärmste +schluchzend. – Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch +fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, +und nun fing auch sie zu heulen an! Alle und +jeden flehte sie um Schonung an, versicherte, daß sich +ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei, alles aufzuklären ...</p> + +<p>Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im +Kriege, mein lieber Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! +Die Wirtin heulte immer lauter und lauter. Als +ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und +das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: +‘Sagen Sie ihr, Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht +so grämen ... Ich habe ihr ja schon verziehen.’«</p> + +<p>Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen +wiederholt hatte, flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein +Täubchen, du brave Seele!« – und dabei rannen ihm +die Tränen über die gefurchten Wangen.</p> +</div> + +<h3><a name="Was_ich" id="Was_ich"></a>Was ich wohl denken werde ...</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">W</span>as ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da +die Sterbestunde schlägt – wenn ich dann überhaupt +noch werde denken können?</p> + +<p>Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt +habe, wie ich es verschlief, verträumte, seine +Gaben nicht zu genießen verstand?</p> + +<p>»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! +<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +Ich habe ja doch noch nichts leisten können ... Ich +wollte ja eben erst an die Arbeit gehen!«</p> + +<p>Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen +wenigen köstlich durchlebten Augenblicken verweilen, bei +teuren Bildern und Gestalten?</p> + +<p>Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach +werden – und wird meine Seele von dem brennenden +Schmerz verspäteter Reue gequält werden? Werde ich +daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... +und wartet dort überhaupt etwas meiner?</p> + +<p>Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht +zu denken – und mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen +Lappalien abgeben, bloß um meine Aufmerksamkeit +von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor +mir auftut, abzulenken.</p> + +<p>Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß +man ihm keine Nüsse zu essen geben wolle ... und nur +dort, in der Tiefe seiner verlöschenden Augen zuckte und +zitterte etwas wie die gebrochene Schwinge eines zu +Tode verwundeten Vogels.</p> +</div> + +<h3><a name="Wie_Frisch_und_duftig" id="Wie_Frisch_und_duftig"></a> +Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">V</span>or langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein +Gedicht. Ich vergaß es bald wieder ... die erste +Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:</p> + +<p>»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«</p> + +<p>Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick +bereift; im dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. +<span class='pagenum'>[69]</span> +Ich sitze da, in einen Winkel gedrückt; in meinem Kopfe +aber klingt es und klingt immerzu:</p> + +<p>»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«</p> + +<p>Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen +Landhauses stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend +und wandelt sich zur Nacht, die laue Luft duftet nach +Reseda und Lindenblüten; – am Fenster aber sitzt, mit +geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, +ein Mädchen – und blickt schweigend und unverwandt +zum Himmel auf, wie um das Aufleuchten der +ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig andachtsvoll +sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese +fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im +Erblühen begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, +wie rein und zart sind die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! +Kein Wörtchen wage ich an sie zu richten, aber +wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!</p> + +<p>»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«</p> + +<p>Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das +herabgebrannte Licht knistert, flüchtige Schatten schwanken +an der niedrigen Decke, draußen heult und knirscht der +Frost um die Mauer – und mir ist, als vernähme ich +grämliches, greisenhaftes Geflüster ...</p> + +<p>»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«</p> + +<p>Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den +fröhlichen Lärm ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, +eins an das andere geschmiegt, schauen mich +mit ihren hellen Äuglein munter an, die frischroten +Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben +sich innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen +lebhaft durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde +<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span> +des traulichen Zimmers, gleiten andere, ebenso +jugendliche Hände mit behenden Fingern über die Tasten +eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer +vermag das Summen des patriarchalischen Samowars +nicht zu übertönen ...</p> + +<p>»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«</p> + +<p>Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so +heiser und matt? Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, +in unruhigem Schlafe mein alter Hund, mein +einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt +es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...</p> + +<p>»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«</p> +</div> + +<h3><a name="Eine_Seefahrt" id="Eine_Seefahrt"></a>Eine Seefahrt</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg +nach London. Wir waren unser zwei Passagiere: +ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der Gattung +der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem +englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.</p> + +<p>Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank +auf dem Deck angebunden, zerrte daran und piepte kläglich +wie ein Vogel.</p> + +<p>Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir +sein schwarzes, kaltes Händchen hin und richtete seine +traurigen, beinahe menschlichen Augen auf mich. – Ich +erfaßte seine Hand – und da hörte es auf zu piepen und +zu zerren.</p> + +<p>Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich +das Meer wie ein unbewegliches, bleigraues, glattes +<span class='pagenum'>[71]</span> +Tafeltuch aus. Nur wenig war davon sichtbar; ein Nebel +lag darüber, so dicht, daß er die äußersten Mastspitzen +verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier +stumpf und müde machte. Die Sonne hing wie eine +trübrote Scheibe in diesem Dunst; gegen Abend aber +flammte sie auf und glühte in einem geheimnisvollen, +seltsamen Rot.</p> + +<p>Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe +vergleichbar, glitten eine nach der anderen vom Bug des +Schiffes abwärts, kräuselten sich und wurden immer +breiter und breiter, glätteten sich endlich, wippten und +verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den +gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß +und leise zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß +dann hinten wieder zusammen und verschwand ebenfalls, +vom Nebel verschlungen.</p> + +<p>Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des +Affen bimmelte die kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab +und zu tauchte ein Seehund auf – um gleich wieder kopfüber +unter der leichtbewegten Wasserfläche zu verschwinden. +Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem sonnenverbrannten, +mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife +und spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf +all meine Fragen antwortete er nur mit einem kurzen +Gebrumm; mir blieb also nichts übrig, als mich wieder +meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden – dem +Affen.</p> + +<p>Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern +und streckte mir aufs neue seine Hand hin.</p> + +<p>Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige +Nebel; und in gleiches, gedankenloses Brüten +<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span> +versunken saßen wir eins neben dem andern, wie zwei +Verwandte.</p> + +<p>Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand +ich anders.</p> + +<p>Wir alle sind Kinder einer Mutter – und es tat mir +wohl, daß das arme Tierchen sich so vertrauensvoll +beruhigte und sich an mich schmiegte, wie an einen Verwandten.</p> +</div> + +<h3><a name="N_N" id="N_N"></a>N. N.</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">H</span>armonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs +Leben, ohne Tränen und ohne Lächeln, kaum durch +eine gleichgültige Anteilnahme belebt.</p> + +<p>Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles +fremd – und du brauchst niemanden.</p> + +<p>Du bist schön – und doch vermag niemand zu sagen, ob +du Wert auf deine Schönheit legst oder nicht. – Selbst +bist du teilnahmlos – und verlangst keine Teilnahme.</p> + +<p>Dein Blick ist tief – und doch nicht gedankenvoll; leer +ist es in dieser lichten Tiefe.</p> + +<p>So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen +Klängen Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische +Schatten.</p> +</div> + +<h3><a name="Halt_inne" id="Halt_inne"></a>Halt inne!</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">H</span>alt inne! So wie ich dich jetzt sehe – so bleib für +immer in meinem Gedächtnis!</p> + +<p>Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte +Ton – deine Augen glänzen nicht und strahlen nicht – +<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>sie +verdunkeln sich, überwältigt von Glück, vom seligen +Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu verkünden, +jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, +deine ermatteten Arme ausstreckst!</p> + +<p>Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt +um deine ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines +Gewandes?</p> + +<p>Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten +Locken zurückgeweht?</p> + +<p>Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen +Stirn. Da ist es – das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis +der Poesie, des Lebens, der Liebe! Da ist sie, +da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere Unsterblichkeit +gibt es nicht – und braucht es nicht zu geben. – In diesem +Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden – und +dann bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein +Kind ... Doch was liegt dir daran! – In diesem Augenblick +– standest du höher, standest über allem Vergänglichen +und Zeitlichen. – Dieser <span class="gesperrt">dein</span> Augenblick bleibt +unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an +deiner Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz +deiner Ewigkeit strahlen!</p> +</div> + +<h3><a name="Der_Monch" id="Der_Monch"></a>Der Mönch</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>ch kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. +Er lebte nur in der Wonne des Gebets – +und in diesem seligen Rausche stand er so lange auf den +kalten <ins class="correction" title="Original: Steinfließen">Steinfliesen</ins> der Kirche, +bis ihm seine Füße unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. +Er fühlte sie nicht mehr, stand da – und betete. +<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span></p> +<p>Ich verstand ihn – vielleicht beneidete ich ihn auch – aber +auch er soll mich verstehen und mich nicht verurteilen – +mich, dem seine Freuden unzugänglich sind.</p> + +<p>Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu +vernichten; doch wenn ich auch nicht zu beten vermag, +so ists doch nicht Eigenliebe, die mich davon abhält.</p> + +<p>Mein <span class="gesperrt">Ich</span> ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, +als ihm – das seine.</p> + +<p>Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... +aber auch ich finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. +Er lügt nicht ... aber auch ich lüge ja nicht.</p> +</div> + + + +<h3><a name="Noch_wollen_wir_kampfen" id="Noch_wollen_wir_kampfen"> +</a>Noch wollen wir kämpfen!</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">W</span>elch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen +einen Menschen völlig umzustimmen!</p> + +<p>Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.</p> + +<p>Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit +hatte sich meiner bemächtigt.</p> + +<p>Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen +hoher Pappeln, lief der Weg schnurgerade in die Ferne. +Und darüberhin, über ebendiesen Weg, etwa zehn Schritt +vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt, +hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so +recht keck, vergnügt und unbesorgt!</p> + +<p>Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen +Quersprüngen einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte +so frech, gerade als schere er sich um keinen Teufel! +Ein Held – Zoll für Zoll!</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der +vielleicht gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.</p> + +<p>Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen – und +augenblicklich waren die trüben Gedanken verflogen: ich +fühlte wieder Mut, Widerstandskraft und Lebenslust.</p> + +<p>Mag doch auch über <span class="gesperrt">meinem</span> Haupte ein Habicht +kreisen ...</p> + +<p>– Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!</p> +</div> + +<h3><a name="Das_Gebet" id="Das_Gebet"></a>Das Gebet</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">U</span>m was der Mensch auch immer beten mag – er +betet um ein Wunder. Jedes Gebet läuft schließlich +darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal zwei +– nicht vier sei.«</p> + +<p>Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht +zu Angesicht. Zu einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, +zum Kantschen, Hegelschen abstrakten, wesenlosen Gotte +beten – ist unmöglich und undenkbar. Aber kann denn +ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich +machen, daß zwei mal zwei – nicht vier sei?</p> + +<p>Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er +kann es« – und ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung +zu festigen.</p> + +<p>Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft +auflehnt?</p> + +<p>Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt +mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.</p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen +– dann hat er bloß die berühmte Frage zu wiederholen: +»Was ist Wahrheit?«</p> + +<p>Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein – und +beten.</p> +</div> + +<h3><a name="Die_russische_Sprache" +id="Die_russische_Sprache"></a>Die russische Sprache</h3> + +<div class="textbody"> +<p><span class="bigletter">I</span>n Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge +um das Schicksal meines Heimatlandes – bist du +allein mir Halt und Stütze, o du große, mächtige, wahrhaftige +und freie russische Sprache! – Wenn du nicht +wärst – müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles +dessen, was sich daheim vollzieht? – Undenkbar aber ist +es, daß eine solche Sprache nicht auch einem großen +Volke sollte gegeben sein!</p> +</div> + +<p class="extra" /> + +<hr class="hr15" /> + + +<h2><span class="gesperrt"><a name="Inhalt_2" id="Inhalt_2"></a><a href="#Inhalt">Inhalt</a></span></h2> +<table class="toc" summary="Inhalt"> +<tr><td><span class='pagenum'>[77]</span><a href="#Das_Dorf">Das Dorf</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Ein_Zwiegesprach">Ein Zwiegespräch</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_8">8</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Alte">Die Alte</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Hund">Der Hund</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_12">12</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Widersacher">Der Widersacher</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_12">12</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Bettler">Der Bettler</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_14">14</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Erfahren_wirst_du_noch">Erfahren wirst du noch, wie Toren richten</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_15">15</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Ein_Zufriedener">Ein Zufriedener</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_16">16</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Eine_Lebensregel">Eine Lebensregel</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_17">17</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Ende_der_Welt">Das Ende der Welt. Ein Traum</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_17">17</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Mascha">Mascha</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_20">20</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Dummkopf">Der Dummkopf</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_22">22</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Eine_Legende_des_Morgenlandes">Eine Legende des Morgenlandes</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_24">24</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Zwei_Vierzeiler">Zwei Vierzeiler</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_26">26</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Sperling">Der Sperling</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_30">30</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Totenschadel">Die Totenschädel</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_31">31</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Tagelohner_und_der_Weisshandige"> +Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_32">32</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Rose">Die Rose</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_34">34</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Letztes_Wiedersehen">Letztes Wiedersehen</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_36">36</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Ein_Besuch">Ein Besuch</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_37">37</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Necessitas_Vis_Libertas"><i>Necessitas – Vis – Libertas.</i> + Ein Basrelief</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_39">39</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Almosen">Das Almosen</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_39">39</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Insekt">Das Insekt</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_41">41</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Kohlsuppe">Die Kohlsuppe</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_43">43</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Gefilde_der_Seligen">Die Gefilde der Seligen</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_44">44</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Zwei_Reiche">Zwei Reiche</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_46">46</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Greis">Der Greis</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_46">46</a></td></tr> +<tr><td><span class='pagenum'>[78]</span> +<a href="#Der_Berichterstatter">Der Berichterstatter</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_47">47</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Zwei_Bruder">Zwei Brüder</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_48">48</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Dem_Andenken_an_Fraulein">Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_50">50</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Egoist">Der Egoist</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Fest_beim_hochsten_Wesen">Das Fest beim höchsten Wesen</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_53">53</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Sphinx">Die Sphinx</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_53">53</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Nymphen">Die Nymphen</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_55">55</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Freund_und_Feind">Freund und Feind</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_57">57</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Christus">Christus</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_59">59</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Stein">Der Stein</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_60">60</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Tauben">Die Tauben</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_61">61</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Morgen_Morgen">Morgen! Morgen!</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_62">62</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_Natur">Die Natur</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_63">63</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Hangt_ihn">Hängt ihn!</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_65">65</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Was_ich">Was ich wohl denken werde</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_67">67</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Wie_Frisch_und_duftig">Wie frisch und duftig waren doch die Rosen</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_68">68</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Eine_Seefahrt">Eine Seefahrt</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_70">70</a></td></tr> +<tr><td><a href="#N_N">N. N.</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_72">72</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Halt_inne">Halt inne!</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_72">72</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Monch">Der Mönch</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_73">73</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Noch_wollen_wir_kampfen">Noch wollen wir kämpfen!</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_74">74</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Das_Gebet">Das Gebet</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_75">75</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Die_russische_Sprache">Die russische Sprache</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_76">76</a> <span class='pagenum'><a href="#Inhalt">nach oben</a></span></td></tr> +</table> + + +<p><span class='pagenum'>[79]</span></p> + +<div class="publisher"> +<hr class="hr15" /> +Druck von Bernhard<br /> +Tauchnitz in Leipzig<br /> +<hr class="hr15" /> +</div> + +<div class="note"> +<p><b>Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:</b></p> + +<ul> +<li><a href="#Page_17">Seite 17</a>: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, +ihrem Gegner gehörig –> Ihrem</li> +<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>: auf den kalten Steinfließen –> Steinfliesen</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA *** + +***** This file should be named 37716-h.htm or 37716-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/7/1/37716/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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