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+The Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Gedichte in Prosa
+
+Author: Iwan Turgenjeff
+
+Translator: Th. Commichau
+
+Release Date: October 11, 2011 [EBook #37716]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
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+
+
+
+
+
+
+ Iwan Turgenjeff
+
+ Gedichte in Prosa
+
+
+
+ Übertragen von Th. Commichau
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+Das Dorf
+
+
+Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Rußland --
+der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau;
+droben ein einzelnes Wölkchen -- halb schwimmend, halb zerfließend.
+Windesstille, brütende Hitze ... die Luft -- würzig wie frischgemolkene
+Milch!
+
+Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die
+Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht,
+stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze.
+
+Und nach Rauch riecht es, und nach Gras -- und auch nach Teer ein wenig
+-- und ein wenig nach Leder. -- Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch
+aufgeschossen und strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.
+
+Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. An beiden
+Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe
+der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken
+wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. -- In der Ferne, am
+Saume zwischen Erde und Himmel -- schimmert der bläuliche Streif eines
+großen Stromes.
+
+Dem Zuge der Schlucht folgend -- hier auf dieser Seite saubere kleine
+Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Türen; dort auf jener fünf
+bis sechs aus Fichtenstämmen gezimmerte Häuschen mit gehobelten
+Bretterdächern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; über
+jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines Rößlein mit
+flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, uneben und blasig, schillern in
+Regenbogenfarben. Krüge mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden
+gemalt. Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; auf kleinen
+angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knäuel zusammengerollt,
+und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen
+Türschwelle winkt einladend der kühle, dunkle Hausflur.
+
+Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten
+Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, betäubend duftigen
+Heues. Die fleißigen Hauswirte haben es vor ihren Hütten
+auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne
+durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird sichs
+darauf schlafen lassen!
+
+Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; großschopfige
+Hühner scharren im Heu nach Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit
+noch hellfarbiger Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen herum.
+
+Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und schwerfälligen,
+umsäumten Stiefeln hänseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen
+unbespannten Wagen gestemmt -- und zeigen lachend ihre weißen Zähne.
+
+Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie
+lacht, halb über die Scherze der Burschen, halb über die in den
+Heuhaufen sich balgenden Kinder.
+
+Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen großen nassen
+Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile,
+so daß langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.
+
+Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, karierten
+Leinenrock und neuen Schuhen.
+
+Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen,
+faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten
+Tuche umwunden, welches tief über ihre trüben Augen herabhängt.
+
+Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges
+Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern muß sie sein, das alte
+Mütterchen ... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schönheit
+war sie zu ihrer Zeit!
+
+Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten
+Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch
+aus dem Keller kommt; der Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie
+Perlen glitzert. Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine
+große Schnitte noch warmen Brotes. -- »Iß nur, sei dirs gesegnet,
+willkommener Gast!«
+
+Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit den Flügeln; ihm
+zur Antwort blökt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb.
+
+-- »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines Kutschers ...
+
+O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen
+Dorfes! Dieser stille Friede und Segen!
+
+Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch  ein Kreuz auf der
+Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das übrige, um das wir uns so
+heiß bemühen, wir Stadtmenschen?
+
+
+
+
+Ein Zwiegespräch
+
+ Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein
+ menschlicher Fuß.
+
+
+Die höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette zerklüfteter
+Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. Über den Bergen wölbt sich
+blaßgrün, glänzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost;
+harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken
+vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken
+sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn.
+Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast
+freieren Ausblick. Was geht da unten vor?«
+
+Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.
+
+Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen verhüllen
+die Erde ... Warte!«
+
+Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.
+
+»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.
+
+»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau
+die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen.
+Um sie herumwimmeln noch immer diese Käferchen, du weißt, die
+zweifüßigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu
+beflecken.«
+
+»Menschen?«
+
+»Ja; Menschen.«
+
+Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.
+
+»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.
+
+»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« -- grollt das
+Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich
+verringert, die Wälder gelichtet.«
+
+Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.
+
+»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau.
+
+»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« -- erwidert
+das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der Ferne, in den Tälern sind
+noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.«
+
+»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten
+-- eine Minute.
+
+»Jetzt ist es gut,« -- antwortet das Finsteraarhorn; -- »rein ist es
+überall und ganz weiß, wohin man auch blickt ... Überall unser Schnee,
+nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.«
+
+»Gut« -- wiederholt die Jungfrau. -- »Allein, wir haben jetzt genug
+geplaudert, Alter. Zeit ist's, einzuschlafen.«
+
+»Es ist Zeit.«
+
+Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der grüne,
+leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.
+
+
+
+
+Die Alte
+
+
+Ich ging auf einem weiten Felde, allein.
+
+Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem
+Rücken vernehmbar würden ... Es folgte mir jemand.
+
+Ich schaute mich um -- und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in
+graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten
+sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich
+ging auf sie zu ... Sie blieb stehen.
+
+»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein
+Almosen?«
+
+Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte,
+daß ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug
+oder Häutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden
+dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.
+
+Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und ließ die Pupillen
+nicht hervortreten ... woraus ich schloß, daß sie blind sei.
+
+»Willst du ein Almosen?« -- wiederholte ich meine Frage. -- »Weshalb
+folgst du mir?« -- Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krümmte sie
+sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort.
+
+Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam
+schleichenden Tritte.
+
+-- Wieder dieses Weib! -- dachte ich bei mir; -- warum verfolgt sie mich
+denn nur? -- Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird
+wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt
+dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen
+Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird's sein.
+
+Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken eine seltsame
+Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht bloß
+folge, sondern daß sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald
+nach links stoße, und daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.
+
+Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor mir auf meinem
+Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... wie eine Grube ... »Ein
+Grab!« durchzuckte es mein Hirn. -- Dorthin also stößt sie mich! Hastig
+wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht sie! Sie
+blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündenden Augen ... mit
+den Augen eines Raubvogels ... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die
+Augen ... Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen
+Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte -- ist mein Schicksal. Jenes
+Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen?
+-- Welch ein Wahnsinn ... Man muß es versuchen. Und ich wende mich
+seitwärts, einer anderen Richtung zu.
+
+Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln wie früher
+hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir wieder die dunkle Grube.
+
+Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... Und wiederum
+dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken und vor mir derselbe drohende
+Fleck.
+
+Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen ... immer
+dasselbe, immer dasselbe!
+
+Halt! denke ich, -- jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich nicht von
+der Stelle rühren! -- und augenblicklich setze ich mich an die Erde.
+
+Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. -- Ich höre sie
+nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich sehe ich: der dunkle
+Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O
+Gott! Ich schaue rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich
+geheftet -- und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund ...
+
+-- Kein Entrinnen!
+
+
+
+
+Der Hund
+
+
+Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich ... Draußen heult
+wütender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir -- und schaut mir
+unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als
+müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache,
+er versteht sich selbst nicht -- aber ich verstehe ihn wohl.
+
+Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und
+dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir
+sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glüht und leuchtet das
+gleiche zitternde Flämmchen.
+
+Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche ... Es
+ist zu Ende!
+
+Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen in ihm und
+welches in mir geglüht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese
+Blicke ... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet
+sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des
+Menschen -- schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des
+anderen.
+
+
+
+
+Der Widersacher
+
+
+Ich hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher war; zwar
+nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere
+Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen --
+entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten über
+alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, über das Leben
+auf Erden und im Jenseits -- namentlich über das im Jenseits. Er war ein
+gläubiger, schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du
+bespöttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann
+werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir wollen doch sehen, ob
+du auch dann noch wirst lachen können!« Und wirklich, er starb vor mir,
+ein Werdender in der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich
+vergaß seines Gelübdes -- seiner Drohung.
+
+Einst lag ich des Nachts im Bett -- und konnte nicht, mochte nicht
+einmal einschlafen.
+
+Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das
+graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich erschien es mir, als ob
+zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stünde -- und stumm und
+traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab.
+
+Ich erschrak nicht -- wunderte mich nicht einmal ... vielmehr richtete
+ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gestützt, nur
+noch schärfer auf die unerwartete Erscheinung.
+
+Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.
+
+»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? oder trauerst du?
+-- Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir
+zu verstehen geben, daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht
+hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder
+Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!«
+
+Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich -- nur wie
+vorher nickte er bloß immer traurig und still ergeben mit dem Kopfe --
+auf und ab. Da lachte ich laut auf ... und er verschwand.
+
+
+
+
+Der Bettler
+
+
+Ich ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher Greis
+hielt mich an.
+
+Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen,
+unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte die Not dieses
+unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte mir seine gerötete,
+verschwollene, schmutzige Hand hin ... Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.
+
+Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber weder Geldbeutel
+noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da ... Ich hatte nichts
+mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer ... und seine
+vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und
+verlegen ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde
+Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein
+Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich; ein
+Lächeln kam auf seine fahlen Lippen -- und dann drückte auch er meine
+erkalteten Finger.
+
+»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür bin ich dir
+dankbar. -- Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.«
+
+Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen
+hatte.
+
+
+
+
+Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...
+
+ _Puschkin_
+
+
+»Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer sprachst du die
+Wahrheit, großer, vaterländischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr
+gesprochen. »Wie Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es
+nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann -- und
+muß ertragen werden; wer die Kraft dazu hat -- der mag es auch
+verachten!
+
+Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz treffen ... Ein
+Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablässiger, hingebender,
+ehrlicher Arbeit ... Da wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm
+ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines
+Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche junge Stimmen
+entgegen. -- »Dich und deine Mühe brauchen wir nicht; du schändest unser
+Heim -- du kennst und du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!«
+
+Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemühen, soll nicht
+versuchen, sich zu rechtfertigen -- soll nicht einmal die Hoffnung auf
+künftige gerechtere Beurteilung nähren.
+
+Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel
+brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche Nahrung des Armen ... Aus
+seinen Händen, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare
+Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Füßen.
+
+Jetzt nähren sie sich davon -- und kennen nicht einmal den Namen ihres
+Wohltäters.
+
+Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er
+sie vor dem Hunger.
+
+Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht unseres
+Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter
+Tadel aus dem Munde derer, die man liebt ... Doch auch dies kann man
+verwinden ...
+
+»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische Feldherr zum
+spartanischen.
+
+»Schlage mich -- aber sei gesund und satt!« so sollen _wir_ denken.
+
+
+
+
+Ein Zufriedener
+
+
+Durch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch
+junger Mann. -- Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen
+leuchten, Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt sein
+freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude.
+
+Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im
+Amte befördert? Eilt er zu einem zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht
+hat er auch bloß -- gut gefrühstückt, -- und das Gefühl der Gesundheit,
+der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar
+seinen Hals mit deinem schönen achteckigen Kreuz geschmückt haben, o
+polnischer König Stanislaus!
+
+Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie
+eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde
+eines anderen Bekannten vernommen -- und _ihr selber Glauben geschenkt_.
+
+O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser
+liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!
+
+
+
+
+Eine Lebensregel
+
+
+»Wenn Sie mal den Wunsch haben, Ihrem Gegner gehörig mitzuspielen und
+ihn womöglich zu kränken,« sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann
+werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie
+sich selber bewußt sind. -- Spielen Sie den Entrüsteten ... und tadeln
+Sie ihn!
+
+»Denn erstens -- bringt dies dem anderen die Meinung bei, daß Sie von
+diesem Laster frei wären.
+
+»Zweitens -- darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige sein ... Sie
+können aus den Vorwürfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen.
+
+»Sind Sie beispielsweise ein Renegat -- dann werfen Sie Ihrem Gegner
+vor, er sei ohne jede Überzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele --
+dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein
+Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!«
+
+»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!«
+bemerkte ich.
+
+»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf.
+
+
+
+
+Das Ende der Welt
+
+Ein Traum
+
+
+Mir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands, in der
+Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhütte.
+
+Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände weiß getüncht;
+aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung
+breitet sie sich in die Ferne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt
+darüber wie ein härenes Tuch.
+
+Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube.
+Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und
+ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus --
+aber unaufhörlich begegnen sich ihre besorgten Blicke.
+
+Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen
+bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit ... alle
+treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als
+warteten sie auf etwas von dorther.
+
+Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.
+
+Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert
+er mit dünner eintöniger Stimme: »Väterchen, ich fürchte mich!« -- Bei
+diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz -- und auch mich beschleicht
+Furcht ... Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine fühle ich:
+heran kommt und nähert sich ein großes, großes Unheil.
+
+Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte man doch nur hinaus!
+Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein
+Ausweg.
+
+Dieser Himmel da -- gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch ...
+Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich springt der Knabe ans Fenster und
+schreit mit derselben kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist
+versunken!«
+
+-- »Wie? Versunken!« -- Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene
+-- jetzt steht es auf dem Gipfel eines ungeheuren Berges! Der Horizont
+ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken -- und dicht vor dem Hause
+starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer Abgrund.
+
+Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der Schrecken erstarrt
+unsere Herzen zu Eis. -- »Dort kommt es ... dort kommt es!« flüstert
+mein Nachbar.
+
+Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben
+und senkten sich kleine wellige Hügel.
+
+»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. »Gleich wird es
+uns alle verschlingen ... Wie kann es bloß so wachsen und in die Höhe
+steigen? Bis zu diesem Felsgrat?«
+
+Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon sinds nicht mehr
+einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... Eine einzige geschlossene,
+ungeheure Woge überflutet den ganzen Horizont.
+
+Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt
+sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum -- dort aber, in jener
+hereinbrechenden Masse -- Dröhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner
+Schrei ...
+
+Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der
+Erde ...
+
+Vernichtung ihr! Vernichtung allem!
+
+Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an meine Gefährten
+klammern -- doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben,
+verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden
+Woge!
+
+Finsternis ... ewige Finsternis!
+
+Nach Atem ringend erwachte ich.
+
+
+
+
+Mascha
+
+
+Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knüpfte ich
+jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mußte, mit dem Kutscher ein
+Gespräch an.
+
+Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern
+aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem
+ärmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen -- in der Hoffnung, dort
+selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren
+erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder mal einen solchen
+Kutscher ... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen,
+stämmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein
+Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen
+herabgezogenen geflickten Mütze hervor. -- Und wie hatte er bloß diesen
+zerrissenen kleinen Kittel über seine riesigen Schultern ziehen können!
+
+Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien
+bekümmert und betrübt.
+
+Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang
+Trübsal.
+
+»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so traurig? Drückt
+dich irgendein Kummer?«
+
+Der Bursche zögerte mit der Antwort.
+
+»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. »Und ein
+Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein Weib ist gestorben.«
+
+»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?«
+
+Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den
+Kopf.
+
+»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns
+nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... immerfort! Warum hat sie
+auch sterben müssen? War doch jung! gesund!... An _einem_ Tage hat die
+Cholera sie abgewürgt.«
+
+»Sie war dir wohl ein braves Weib?«
+
+»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und wie gut haben wir
+zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß
+man sie gar schon begraben hätte, -- da jagte ich augenblicklich zum
+Dorf, nach Hause. Ich kam an -- da wars schon nach Mitternacht. Ich
+trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz
+leise: 'Mascha! meine Mascha!' Aber nur das Heimchen zirpt. -- Da kommt
+mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele -- wie habe ich da mit den
+Händen auf den Boden gehauen! -- 'Du unersättliche Grube!' schrei
+ich ... 'Sie hast du verschlungen ... dann verschling auch mich!' -- Ach
+Mascha!«
+
+»Mascha!« -- setzte er mit plötzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne
+seine groben Zügel loszulassen, wischte er sich mit seinen
+Fausthandschuhen die Tränen aus den Augen, schüttelte sie ab, zuckte die
+Achseln -- und sprach kein Wort mehr.
+
+Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit über den
+Fahrpreis. -- Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Händen nach
+der Mütze griff -- und fuhr dann langsam davon über die glatte
+Schneefläche der menschenleeren Straße, die der graue Nebel des
+Januarfrostes einhüllte.
+
+
+
+
+Der Dummkopf
+
+
+Es war einmal ein Dummkopf.
+
+Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch allmählich
+drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er überall für einen hirnlosen
+Narren gelte.
+
+Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darüber
+nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte aus der Welt schaffen
+könnte.
+
+Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen Kopf ... und
+ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen.
+
+Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter -- der über einen namhaften
+Maler lobend zu sprechen begann ...
+
+»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen Maler hat man ja längst
+zum alten Eisen geworfen ... Das wissen Sie nicht? -- Von Ihnen hätte
+ich das nicht erwartet ... Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«
+
+Der Bekannte erschrak -- und pflichtete dem Dummkopf sofort bei.
+
+»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte ihm ein anderer
+Bekannter.
+
+»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen Sie sich denn nicht?
+Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darüber
+lustig. -- Das wissen Sie nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«
+
+Auch dieser Bekannte erschrak -- und stimmte dem Dummkopf bei.
+
+»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte ein dritter
+Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft vornehme Natur!«
+
+»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein notorischer
+Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wüßte
+denn das nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben!«
+
+Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben
+und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des
+Dummkopfs loben mochte -- für alles hatte er die gleiche Antwort.
+
+Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufügte:
+»Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?«
+
+»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten über den Dummkopf zu
+urteilen. -- »Aber welch ein Kopf!« -- »Und welche Redegewandtheit!« --
+setzten andere hinzu. -- »O gewiß, er hat Talent!«
+
+Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die
+Leitung des kritischen Teiles übertrug.
+
+Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine
+gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrücke irgendwie zu ändern.
+
+Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete -- selbst eine Autorität
+-- und die Jugend beugt sich vor ihm -- und fürchtet ihn.
+
+Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? -- Es ist ja -- im
+allgemeinen -- fatal, sich beugen zu sollen ... indessen, es unterstehe
+sich nur mal einer und beuge sich nicht -- gleich sitzt er im Topf der
+»Zurückgebliebenen«!
+
+Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.
+
+
+
+
+Eine Legende des Morgenlandes
+
+
+Wer kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die Sonne des Weltalls?
+
+Einst -- vor langen Jahren -- da er noch ein Jüngling war, lustwandelte
+Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.
+
+Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt
+um Hilfe.
+
+Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und
+Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz -- und vertraute
+auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen
+hinfälligen Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer gedrückt
+und beraubt wurde.
+
+Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die Räuber: einen
+schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht.
+
+Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, indem er den
+Saum seines Mantels küßte: »Tapferer Jüngling, dein Edelmut soll nicht
+unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler;
+doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, --
+komme morgen in der Frühe auf den großen Bazar; am Springbrunnen werde
+ich dich erwarten -- und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner
+Worte überzeugen.«
+
+Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein
+Bettler, ohne Zweifel; indessen -- nichts ist unmöglich. Weshalb sollte
+ich es nicht versuchen?« und gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich
+werde kommen.«
+
+Der Greis blickte ihm ins Auge -- und entfernte sich.
+
+Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab sich Dschaffar auf
+den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den
+Ellenbogen gestützt hatte, harrte seiner schon der Greis.
+
+Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte ihn in einen
+kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war.
+
+Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand ein Baum von
+ungewöhnlichem Aussehen.
+
+Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe.
+
+Drei Früchte -- drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden
+Zweigen: der eine von mittlerer Größe, länglich und milchweiß; der
+andere groß, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und
+gelblich.
+
+Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang
+sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fühle er die Nähe
+Dschaffars. »Jüngling!« -- hub der Greis nun an -- »pflücke dir nach
+Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du und ißt du
+die weiße -- dann wirst du klüger werden als alle Menschen; pflückst du
+und ißt du die rote -- dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild;
+pflückst du und ißt du aber die gelbe -- dann wirst du allen alten
+Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde
+verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Schoß
+der Erde!«
+
+Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. -- »Wie wähle ich hier am
+besten?« sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich
+selbst zu Rate. -- »Wer allzu weise wird, könnte des Lebens überdrüssig
+werden; wer reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen;
+besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den runzligen!«
+
+Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem zahnlosen Munde
+und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! Du hast das beste Teil
+erwählt! -- Was sollte dir auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja
+klüger als Salomo. -- Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ...
+Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir
+niemand neiden können.«
+
+»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, »wo wohnt die
+ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?«
+
+Der Greis verneigte sich bis zur Erde -- und wies dem Jüngling den Weg.
+
+Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den großen,
+ruhmreichen Dschaffar?
+
+
+
+
+Zwei Vierzeiler
+
+
+Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher
+Weise der Poesie ergeben waren, daß, wenn einmal einige Wochen
+verstrichen, ohne daß neue schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche
+Mißernte als ein öffentliches Unglück empfanden.
+
+Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs
+Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Plätzen und haderten unter
+bitteren Tränen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe.
+
+An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter Junius auf dem
+Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfüllt war.
+
+Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel
+und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht vorzutragen
+wünsche.
+
+Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!«
+schrien sie laut -- und erwartungsvoll verstummte die Menge.
+
+»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber etwas unsicherer
+Stimme:
+
+ »Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!
+ Bewundrer alles des, was edel und vollendet!
+ Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!
+ Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.«
+
+Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von allen Enden des
+Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.
+
+Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen
+blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, drohten, ballten sich zu
+Fäusten!
+
+»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu erringen!« schrien
+zornige Stimmen. »Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen
+Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen
+Narren! Gebt Steine! Steine her!«
+
+Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber noch war er
+nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Händeklatschen,
+Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang.
+
+Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden -- denn es ist
+gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen --, kehrte Junius auf den Platz
+zurück.
+
+Und was sah er?
+
+Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem
+flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehüllt, einen
+Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge
+Dichter Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! Heil dem
+unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in unserem großen Kummer hat
+er uns getröstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, süßer als Honig,
+wohlklingender als Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als
+Himmelsbläue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit
+köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch sanftes Fächeln mit
+Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen alle Wohlgerüche arabischer
+Myrrhen! Heil!«
+
+Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage mir doch, lieber
+Mitbürger, mit welchen Versen Julius uns beglückt hat! Leider war ich
+nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch,
+wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!«
+
+»Wie sollte man -- solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?«
+antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst du mich denn? So höre --
+und jauchze, jauchze mit uns!
+
+'Der Dichtkunst Gönner ihr!' so begann der göttliche Julius ...
+
+ 'Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!
+ Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!
+ Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!
+ Die freudge Stunde naht -- und Tag verscheucht die Nacht!'
+
+Herrlich, nicht wahr?«
+
+»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja doch meine eigenen
+Verse! -- Julius hat sich gewiß unter der Volksmenge befunden, als ich
+sie vortrug -- er hat sie gehört und dann wiederholt, wobei er nur
+einige Ausdrücke -- und keineswegs zum Vorteil -- veränderte!«
+
+»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete
+stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel bist du oder ein
+Dummkopf!... So überlege doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben
+heißt es bei Julius: 'Und Tag verscheucht die Nacht!' ... Bei dir
+dagegen -- so recht abgeschmackt: 'Und Dunkel weicht dem Licht!' --
+Welches Licht?! Welches Dunkel?!«
+
+»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius einzuwenden ...
+
+»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und ich rufe das
+Volk auf ... das dich zerreißen wird!«
+
+Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann,
+der sein Gespräch mit dem Bürger gehört hatte, auf den niedergeschlagenen
+Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach:
+
+»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab
+nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. -- Folglich hat er
+recht -- dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.«
+
+Doch während das reine Gewissen -- so gut und so weit es irgend
+vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht -- den Junius
+tröstete, der sich stumm in einen Winkel gedrückt hatte, schwebte in der
+Ferne, unter tosendem Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der
+Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem
+Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Könige, der
+zur Krönung schreitet, -- in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des
+Julius dahin ... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich
+vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem
+demütigen Sichneigen die beständig sich erneuernde Verehrung ausdrücken,
+welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.
+
+
+
+
+Der Sperling
+
+
+Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein
+Hund lief vor mir her.
+
+Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als
+wittere er vor sich ein Wild.
+
+Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit
+gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste
+gefallen -- heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee -- und hockte
+unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen
+ausstreckend.
+
+Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume
+sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein
+gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört,
+mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den
+scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein
+Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es
+schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein
+Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich
+selbst!
+
+Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch
+hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht ...
+Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab.
+
+Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff auch er diese
+Macht.
+
+Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich,
+Ehrfurcht im Herzen.
+
+Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen
+heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe.
+
+Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des
+Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben.
+
+
+
+
+Die Totenschädel
+
+
+Ein prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche
+Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprühende Gesichter und
+eifrige Gespräche ... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine
+berühmte Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... O, wie
+herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!
+
+Und plötzlich -- wie auf den Wink eines Zauberstabes -- verschwand von
+allen Köpfen und allen Gesichtern die zarte Hülle der Haut, und
+augenblicklich erschienen die Schädel in ihrer Totenblässe, traten
+Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor.
+
+Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen
+bewegten und rührten -- wie sich diese rundlichen, knöchernen Kugeln, im
+Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten --
+und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen
+Augäpfel.
+
+Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte auch nicht,
+mich im Spiegel zu betrachten.
+
+Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit derselben
+Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen
+geläufig hin und her bewegend, schwatzten die geschäftigen Stimmen
+davon, wie wunderbar, wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die
+unsterbliche Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe!
+
+
+
+
+Die Tagelöhner und der Weißhändige
+
+Ein Gespräch
+
+
+_Tagelöhner_
+
+Was drängst du dich zu uns? Was willst du? Du gehörst nicht zu uns ...
+Mach, daß du weiterkommst!
+
+_Der Weißhändige_
+
+Ich gehöre zu euch, Brüder!
+
+_Tagelöhner_
+
+Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau mal auf meine
+Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dünger riechen sie und
+nach Teer, -- deine Hände aber sind weiß. Wonach riechen die denn?
+
+_Der Weißhändige_ (seine Hände hinhaltend)
+
+So rieche doch!
+
+_Tagelöhner_ (sie beriechend)
+
+Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen.
+
+_Der Weißhändige_
+
+Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten.
+
+_Tagelöhner_
+
+Warum denn das?
+
+_Der Weißhändige_
+
+Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien
+wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure
+Bedrücker, revoltierte ... Da haben sie mich denn gefangengesetzt.
+
+_Tagelöhner_
+
+Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?!
+
+
+ -- _Zwei Jahre später_ --
+
+
+_Einer derselben Tagelöhner_ (zum anderen)
+
+Hör mal, Peter ... Du weißt doch noch, wie im vorvorigen Jahr so 'n
+weißhändiger Kerl mit dir schwatzte?
+
+_Zweiter Tagelöhner_
+
+Freilich ... na, und?
+
+_Erster Tagelöhner_
+
+Nun, hängen werden sie ihn heute; so 'n Befehl ist gekommen.
+
+_Zweiter Tagelöhner_
+
+Hat er denn wieder revoltiert?
+
+_Erster Tagelöhner_
+
+Wieder revoltiert!
+
+_Zweiter Tagelöhner_
+
+Na ... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen, daß wir den Strick
+kriegen, mit dem er gehängt wird; so was soll doch 'n mächtiges Glück
+ins Haus bringen!
+
+_Erster Tagelöhner_
+
+Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.
+
+
+
+
+Die Rose
+
+
+Es war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst hatte bereits
+seinen Einzug gehalten.
+
+Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, doch ohne Donner
+und Blitz, war eben ein starker Regenschauer über unsere weite Ebene
+hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz
+überflutet vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.
+
+Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch
+die halboffene Tür in den Garten hinaus.
+
+Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, daß sie nach einem
+kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem
+Gefühle ergab, das sie nicht länger zu bemeistern imstande war.
+
+Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und
+verschwand.
+
+Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder.
+
+Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee,
+durch welche -- wie ich bestimmt voraussetzte -- auch sie gegangen war.
+
+Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon hereingebrochen.
+Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten
+Schleier der Finsternis hindurch noch rötlich schimmernd, ein rundlicher
+Gegenstand erkennbar.
+
+Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte Rose. Noch
+vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen.
+
+Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum
+Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch.
+
+Endlich kam auch sie zurück -- durchmaß mit leichten Schritten das
+Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber
+auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten
+ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die
+Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, beschmutzten Blätter,
+blickte dann auf mich -- und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre
+Augen in Tränen.
+
+»Warum weinen Sie?« fragte ich.
+
+»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.«
+
+Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre Tränen werden
+diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit vielsagender Betonung.
+
+»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete sie, wandte sich
+zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme.
+
+»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer gewissen
+Entschlossenheit, -- und ihre schönen Augen, in denen die Tränen noch
+schimmerten, strahlten in mutvollem und beglücktem Lächeln.
+
+Da wußte ich, daß auch sie versengt war.
+
+
+
+
+Letztes Wiedersehen
+
+
+Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... Doch es kam ein
+verhängnisvoller Augenblick -- und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.
+
+Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in
+die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, daß er hoffnungslos
+darniederliege und mich wiederzusehen wünsche.
+
+Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke begegneten sich.
+
+Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt!
+
+Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, ergrautem
+Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten Hemde da ... Er
+vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu
+ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam
+abgenagte Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche Worte
+hervor -- ob es ein Gruß, ob es ein Vorwurf war -- wer mag es wissen?
+Seine entkräftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung -- und über die
+verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten zwei kümmerliche,
+leidensschwere Tränenperlen.
+
+Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und
+reichte ihm, während ich unwillkürlich den Blick vor dieser furchtbaren
+Entstellung senken mußte, auch meinerseits die Hand.
+
+Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine Hand, die die
+meine umschlossen hielt.
+
+Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein
+langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden,
+matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen
+Lippen.
+
+Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf
+immer.
+
+Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...
+
+
+
+
+Ein Besuch
+
+
+Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai.
+
+Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht
+war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.
+
+Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag
+noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das
+nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter,
+stärkender Taugeruch.
+
+Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und
+Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.
+
+Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine
+geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen,
+schillernden Gewande.
+
+Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; bloß die
+Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer
+erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden
+Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines
+Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer
+lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke
+umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen,
+schwarzen, glänzenden Augen.
+
+Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie
+funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine
+langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« nennt sie das russische Volk,
+-- auch ähnelt sie wirklich einem Zepter.
+
+Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser Blume mein
+Haupt.
+
+Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert
+-- und fort war sie ...
+
+Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine
+Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu -- und in der Ferne, wo sie
+verschwand, begann der milchweiße Himmel sich langsam zu röten.
+
+Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte dich zu mir
+-- du flogst davon zu den jungen Dichtern.
+
+O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur noch auf Augenblicke
+erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele -- frühmorgens bei
+Frühlings Erwachen!
+
+
+
+
+#Necessitas -- Vis -- Libertas#
+
+Ein Basrelief
+
+
+Eine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und
+unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen Schritten und stößt mit
+ihrer stockdürren Hand ein anderes Weib vor sich her.
+
+Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit Muskeln gleich
+einem Herkules, aber einem winzigen Köpfchen auf einem Stiernacken, --
+ist blind -- und stößt ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor
+sich hin.
+
+Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, versucht sich
+umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles
+Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie
+möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen
+wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.
+
+#Necessitas -- Vis -- Libertas.#
+
+Wer Lust hat -- mag es übersetzen.
+
+
+
+
+Das Almosen
+
+
+In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein
+alter, kranker Mann.
+
+Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten
+seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie
+einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen
+Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die
+Kräfte.
+
+Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte
+sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und
+zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in
+den trockenen grauen Staub.
+
+Er dachte vergangener Zeiten ...
+
+Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie
+er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere
+verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er
+nicht einmal ein Stückchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die
+Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so
+weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in
+sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften
+in den grauen Staub.
+
+Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete
+sein müdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten.
+
+Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen
+nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.
+
+»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme
+vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?«
+
+»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn
+ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«
+
+»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre
+Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der
+Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig
+sein können?«
+
+Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken.
+
+»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der
+Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch
+du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen,
+daß sie gut sind.«
+
+Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon
+verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.
+
+Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser
+Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts.
+
+Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines
+Almosen.
+
+Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen -- und süß
+schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham quälte mehr sein
+Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.
+
+
+
+
+Das Insekt
+
+
+Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit
+offenen Fenstern.
+
+Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...
+
+Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut
+durcheinander.
+
+Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem
+Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich
+dann an die Wand.
+
+Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner
+Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig
+und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und
+diese Füßchen -- waren leuchtend rot wie Blut.
+
+Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben,
+nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es
+von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und
+machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von
+der Stelle zu rühren.
+
+In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand
+von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch
+dies Ungeziefer hinaus!« -- alle schwenkten von weitem ihre
+Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das
+Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.
+
+Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann,
+blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die
+Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns
+vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt
+kein Insekt wahrnehmen -- hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner
+Flügel.
+
+Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte
+sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ...
+Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus -- und brach tot
+zusammen.
+
+Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst
+errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.
+
+
+
+
+Die Kohlsuppe
+
+
+Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der
+beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes,
+hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung
+auf, um sie zu besuchen.
+
+Sie fand sie zu Hause.
+
+Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer,
+mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff
+herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte
+einen Löffel nach dem andern davon hinunter.
+
+Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und
+verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der
+Kirche.
+
+Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem
+Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese
+Leute für ein rohes Gefühl!
+
+Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen
+Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter
+Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von
+Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht
+hatte! -- Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.
+
+Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. -- »Tatjana!« rief sie
+aus ... »Das ist unerhört! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen
+Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren?
+-- Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«
+
+»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten
+bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir
+bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen.
+Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja
+gesalzen.«
+
+Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie
+war das Salz billig.
+
+
+
+
+Die Gefilde der Seligen
+
+
+O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der
+Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume.
+
+Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer
+Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden
+Wimpeln.
+
+Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit
+ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich!
+
+Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues
+Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war --
+und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und
+darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche,
+heitere Sonne.
+
+Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches
+Lachen -- wie das Lachen der Götter!
+
+Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer
+Schönheit und begeisternder Kraft ... es schien, als ob der Himmel
+selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend
+erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille.
+
+Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin.
+Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden
+Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre
+er beseelt.
+
+Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren
+Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft
+geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser
+Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und
+Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige,
+langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die
+Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der
+glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen
+und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen
+schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer,
+das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem
+Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe!
+
+Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da ... unsichtbar,
+doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglänzen, es strahlt
+ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit
+sich in ein unverwelkliches Paradies!
+
+O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.
+
+
+
+
+Zwei Reiche
+
+
+Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er
+ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern,
+für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt
+dies meinen Beifall und rührt mich.
+
+Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die
+Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine
+kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.
+
+»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser
+letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz für die
+Suppe ...«
+
+»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr
+Mann, zur Antwort.
+
+Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!
+
+
+
+
+Der Greis
+
+
+Trübe, schwere Tage sind gekommen ...
+
+Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters.
+Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und
+schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.
+
+Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder
+dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem
+verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, --
+aber grün ist auch dieses noch.
+
+So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei
+deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner
+innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in
+all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden
+Frühlingspracht vor dir erglänzen.
+
+Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!
+
+
+
+
+Der Berichterstatter
+
+
+Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich
+auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige
+Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven.
+
+»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster
+hinausblickte.
+
+»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer
+es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht
+zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.«
+
+»Ein Mörder ist's aber nicht, den sie da prügeln.«
+
+»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen
+ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«
+
+»Es ist auch kein Dieb.«
+
+»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer,
+ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein
+gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?...
+Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!«
+
+»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«
+
+»Einen Berichterstatter? -- Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig
+unsern Tee austrinken.«
+
+
+
+
+Zwei Brüder
+
+
+Ich hatte eine Vision ...
+
+Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ...
+Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an
+den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen.
+
+Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte
+Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von
+dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und
+verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem
+Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die
+vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener
+Macht -- selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz
+schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die
+sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von
+einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen
+Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner
+Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend
+rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit
+zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem
+angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens.
+
+Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem
+Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war
+fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der
+unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten
+etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die
+Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum
+bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln
+geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch
+das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings -- obwohl liebreizend und
+sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten
+schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten
+Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine
+Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten
+sich langsam und drohend.
+
+Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein.
+
+Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten
+ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die
+schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern
+wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.
+
+Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:
+
+»Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brüder, die zwei
+Grundpfeiler allen Lebens.
+
+»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich
+fortzupflanzen.
+
+»Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das
+Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte
+Leben.«
+
+
+
+
+Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja
+
+
+Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines
+baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines
+verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet
+worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig
+bewußtlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken
+Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte
+halten können -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten
+Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen
+Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.
+
+Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die
+höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen
+beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von
+diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben
+lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen.
+
+Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer
+Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrängten Hilfe zu leisten ...
+ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht -- und lernte
+sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein
+hatte sie sich längst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer
+unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer
+Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten,
+tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewußt -- und
+kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.
+
+Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet.
+
+Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens
+ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham
+sich jeder Dankesbezeugung entzog.
+
+Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine,
+verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage!
+
+
+
+
+Der Egoist
+
+
+Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie
+zu werden.
+
+Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes
+langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel
+nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.
+
+Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner
+Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine
+Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ...
+und er nahm Wucherzinsen davon.
+
+Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie
+aus freien Stücken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos --
+und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute.
+Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so
+überaus musterhafte Person und war innerlich empört, wenn die anderen
+sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten.
+
+Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten -- und
+verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den
+Egoismus! -- Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen
+eigenen!
+
+Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und
+duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden
+und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und
+vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.
+
+Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu
+vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte
+er dann den anderen vergeben?
+
+Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner
+eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund
+von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer
+Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer
+Mensch!«
+
+Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und
+selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in
+diesem Herzen ohne Makel und Fehl.
+
+O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend --
+schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des
+Lasters!
+
+
+
+
+Das Fest beim höchsten Wesen
+
+
+Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast
+ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten.
+Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.
+
+Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die großen wie die
+kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und
+liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt --
+und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe
+Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste
+Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen
+schienen.
+
+Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu
+der anderen.
+
+»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die
+Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden
+gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie
+besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal.
+
+
+
+
+Die Sphinx
+
+
+Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand
+ohne Ende, so weit das Auge reicht!
+
+Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich
+das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx.
+
+Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese
+starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern -- und diese Augen, diese
+länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der
+hohen Brauen?
+
+Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein Ödipus
+vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen.
+
+Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches
+mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die
+kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche
+Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen -- und diese weit
+auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den
+Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja,
+Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein
+Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die
+Sphinxe geraten?
+
+Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch --
+eine Sphinx.
+
+Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und
+auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.
+
+Wo aber ist dein Ödipus?
+
+O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht
+ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx!
+
+
+
+
+Die Nymphen
+
+
+Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten
+Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.
+
+Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der
+Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb
+verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein.
+
+Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe,
+das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische
+Meer fuhr.
+
+Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da
+ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine
+vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann
+lasse laut den Ruf erschallen: 'Der große Pan ist tot!'«
+
+Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der
+Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!«
+
+Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers
+(obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und
+langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!«
+
+Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare
+Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«
+
+Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es
+mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft:
+»Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!«
+
+Und sogleich, o Wunder! -- erscholl als Antwort auf meinen Ruf längs des
+ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte
+freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan
+ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. -- Plötzlich jubelte
+alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger
+als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch
+hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün
+schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische
+Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden,
+Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen
+sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen
+Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins -- und
+Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ...
+Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle
+anderen, -- ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt
+sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine
+silberne Mondsichel ...
+
+Diana -- bist du es?
+
+Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die
+ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah,
+wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer
+tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr
+Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr
+in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen?
+Wohin blickte sie?
+
+Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten
+Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein
+feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen
+Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm
+ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden
+Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen
+spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und
+nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und
+verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg
+Nebel vom Talgrund auf -- ich weiß es nicht.
+
+Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen!
+
+
+
+
+Freund und Feind
+
+
+Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und
+stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den
+Fersen.
+
+Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger
+nachzulassen.
+
+Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern -- ein schmaler,
+aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen!
+
+Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon
+hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun,
+daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind
+standen.
+
+Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund
+dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne
+dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig
+verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst
+rettungslos um!«
+
+»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die
+Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett.
+
+»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde
+gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter
+den Füßen weg. -- Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab -- und
+ertrank.
+
+Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber
+setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen
+-- armen Freund!
+
+Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar
+nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick.
+
+»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos.
+
+»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes
+Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet
+er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es
+so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich
+betrachtet!«
+
+Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den
+unglückseligen Freund.
+
+
+
+
+Christus
+
+
+Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen
+Dorfkirche. -- Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine
+rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.
+
+Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne
+Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber
+standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit
+zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder
+gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge
+über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und
+trat neben mich.
+
+Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fühlte sofort: dieser
+Mensch ist -- Christus.
+
+Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben
+Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an.
+
+Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen
+Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts,
+andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht
+zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze
+Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch
+die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen.
+
+»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher,
+einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«
+
+Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen
+Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefühl überkam, als stünde
+wirklich Christus an meiner Seite.
+
+Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe
+Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen,
+wenn auch unbekannten Züge.
+
+Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun
+begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen
+Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei.
+
+
+
+
+Der Stein
+
+
+Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn
+an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die
+frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen,
+umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen
+glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein
+-- aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben.
+
+Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst
+zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte.
+
+So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen
+Frauenseelen bestürmt -- und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten
+sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!
+
+Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch
+nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen.
+
+
+
+
+Die Tauben
+
+
+Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir
+breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes
+Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos
+war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.
+
+Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter
+dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue
+Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des
+Horizontes.
+
+Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden
+Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören
+und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe
+irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.
+
+Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue
+Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur
+schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange,
+grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende
+Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit!
+
+Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der
+schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie
+sich.
+
+Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes
+Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes
+Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die
+vom Dorfe herübergeflogen kam.
+
+Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm
+Walde.
+
+Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare
+Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken
+schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben
+heimwärts.
+
+Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann!
+
+Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie
+ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten,
+niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt
+durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender
+Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie
+Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht
+nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande
+des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche
+nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht
+und dadurch vielleicht gerettet hatte.
+
+Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt -- und schmiegen
+sich Fittich an Fittich ...
+
+Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ...
+Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer.
+
+
+
+
+Morgen! Morgen!
+
+
+Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag!
+Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf
+verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!
+
+Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein
+Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich
+selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der
+Zukunft!
+
+Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem
+ebenverflossenen nicht gleichen würden?
+
+Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt
+zuwider -- und er tut wohl daran.
+
+»Ei, morgen, morgen!« -- damit tröstet er sich, -- so lange, bis ihn
+dieses Morgen ins Grab senkt.
+
+Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grübeln ganz
+von selbst ein Ende.
+
+
+
+
+Die Natur
+
+
+Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen
+Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht
+erfüllte den ganzen Raum.
+
+Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen
+Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes
+Nachdenken versunken.
+
+Ich begriff sofort, daß dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie
+plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.
+
+Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du
+unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach?
+Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der
+Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen
+könne?«
+
+Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre
+Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das
+Dröhnen des Eisens:
+
+»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere
+Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu
+retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist
+gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«
+
+»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht
+wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder?«
+
+Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,«
+sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied -- und ohne
+Unterschied vernichte ich sie alle.«
+
+»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.
+
+»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder
+Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist
+Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder
+nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es
+einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen -- und laß mich in Ruhe!«
+
+Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf
+zu stöhnen und zu beben -- und ich erwachte.
+
+
+
+
+Hängt ihn!
+
+
+»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor
+Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in
+Mähren Quartiere bezogen.
+
+Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu
+drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an,
+obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten.
+
+Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter,
+namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von
+klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.
+
+Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte,
+lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen
+worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er
+beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... 'Er und
+stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors
+Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.
+
+Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der
+Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber.
+
+Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und
+Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.
+
+Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde
+entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz außer sich, mit fliegenden
+Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand
+auf ihn deutete.
+
+'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie!
+Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der
+Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust
+herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache --
+und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser
+ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung
+brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu
+Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den
+Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.
+
+Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und
+brummte zornig: 'Nun?' ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt
+grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können,
+der Kerl lache.
+
+Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: 'Hängt ihn!' gab seinem
+Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in
+scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein
+einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen
+flüchtigen Blick zu.
+
+Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort
+festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen --
+und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!'
+-- dann halblaut: 'Gott droben weiß es, ich wars nicht!' Bitterlich
+weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung.
+'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn bloß dem General nicht
+geantwortet?' 'Gott droben weiß es, ich wars nicht,' wiederholte der
+Ärmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch
+fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun
+fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an,
+versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei,
+alles aufzuklären ...
+
+Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber
+Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter
+und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und
+das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr,
+Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja
+schon verziehen.'«
+
+Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte,
+flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« -- und
+dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.
+
+
+
+
+Was ich wohl denken werde ...
+
+
+Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde
+schlägt -- wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?
+
+Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie
+ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?
+
+»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! Ich habe ja doch
+noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit
+gehen!«
+
+Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich
+durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?
+
+Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird
+meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden?
+Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und
+wartet dort überhaupt etwas meiner?
+
+Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken -- und
+mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine
+Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir
+auftut, abzulenken.
+
+Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine
+Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner
+verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene
+Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.
+
+
+
+
+Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...
+
+
+Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß
+es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im
+dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel
+gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses
+stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die
+laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; -- am Fenster aber sitzt,
+mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein
+Mädchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um
+das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig
+andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese
+fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen
+begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind
+die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu
+richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht
+knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen
+heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernähme
+ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ...
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm
+ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere
+geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die
+frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich
+innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft
+durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen
+Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern
+über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer
+vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ...
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt?
+Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein
+alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt
+es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+
+
+
+Eine Seefahrt
+
+
+Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren
+unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der
+Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem
+englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.
+
+Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck
+angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel.
+
+Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes,
+kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen
+Augen auf mich. -- Ich erfaßte seine Hand -- und da hörte es auf zu
+piepen und zu zerren.
+
+Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie
+ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war
+davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten
+Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf
+und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem
+Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem
+geheimnisvollen, seltsamen Rot.
+
+Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar,
+glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten
+sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich,
+wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den
+gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise
+zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder
+zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.
+
+Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die
+kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um
+gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu
+verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem
+sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und
+spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen
+antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig,
+als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden -- dem Affen.
+
+Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs
+neue seine Hand hin.
+
+Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in
+gleiches, gedankenloses Brüten versunken saßen wir eins neben dem
+andern, wie zwei Verwandte.
+
+Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders.
+
+Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, daß das arme
+Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte,
+wie an einen Verwandten.
+
+
+
+
+N. N.
+
+
+Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und
+ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt.
+
+Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd -- und du
+brauchst niemanden.
+
+Du bist schön -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine
+Schönheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und
+verlangst keine Teilnahme.
+
+Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in
+dieser lichten Tiefe.
+
+So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen
+Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.
+
+
+
+
+Halt inne!
+
+
+Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib für immer in meinem
+Gedächtnis!
+
+Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine
+Augen glänzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, überwältigt
+von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu
+verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine
+ermatteten Arme ausstreckst!
+
+Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine
+ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?
+
+Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken
+zurückgeweht?
+
+Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es --
+das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der
+Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere
+Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In
+diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann
+bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt
+dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du höher, standest über
+allem Vergänglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt
+unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner
+Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit
+strahlen!
+
+
+
+
+Der Mönch
+
+
+Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur
+in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so
+lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Füße
+unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte
+sie nicht mehr, stand da -- und betete.
+
+Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er
+soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine
+Freuden unzugänglich sind.
+
+Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch
+wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die
+mich davon abhält.
+
+Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm
+-- das seine.
+
+Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich
+finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch
+ich lüge ja nicht.
+
+
+
+
+Noch wollen wir kämpfen!
+
+
+Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen
+völlig umzustimmen!
+
+Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.
+
+Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich
+meiner bemächtigt.
+
+Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief
+der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg,
+etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt,
+hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt
+und unbesorgt!
+
+Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen
+einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als
+schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll für Zoll!
+
+Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht
+gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.
+
+Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich
+waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut,
+Widerstandskraft und Lebenslust.
+
+Mag doch auch über _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen ...
+
+-- Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!
+
+
+
+
+Das Gebet
+
+
+Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes
+Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal
+zwei -- nicht vier sei.«
+
+Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu
+einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen
+abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmöglich und undenkbar. Aber
+kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich
+machen, daß zwei mal zwei -- nicht vier sei?
+
+Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« -- und
+ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen.
+
+Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?
+
+Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding' im Himmel
+und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.
+
+Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er
+bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?«
+
+Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein -- und beten.
+
+
+
+
+Die russische Sprache
+
+
+In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines
+Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Stütze, o du große,
+mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht
+wärst -- müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was
+sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache
+nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein!
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Das Dorf 5
+
+ Ein Zwiegespräch 8
+
+ Die Alte 9
+
+ Der Hund 12
+
+ Der Widersacher 12
+
+ Der Bettler 14
+
+ Erfahren wirst du noch, wie Toren richten 15
+
+ Ein Zufriedener 16
+
+ Eine Lebensregel 17
+
+ Das Ende der Welt. Ein Traum 17
+
+ Mascha 20
+
+ Der Dummkopf 22
+
+ Eine Legende des Morgenlandes 24
+
+ Zwei Vierzeiler 26
+
+ Der Sperling 30
+
+ Die Totenschädel 31
+
+ Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch 32
+
+ Die Rose 34
+
+ Letztes Wiedersehen 36
+
+ Ein Besuch 37
+
+ #Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief 39
+
+ Das Almosen 39
+
+ Das Insekt 41
+
+ Die Kohlsuppe 43
+
+ Die Gefilde der Seligen 44
+
+ Zwei Reiche 46
+
+ Der Greis 46
+
+ Der Berichterstatter 47
+
+ Zwei Brüder 48
+
+ Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja 50
+
+ Der Egoist 51
+
+ Das Fest beim höchsten Wesen 53
+
+ Die Sphinx 53
+
+ Die Nymphen 55
+
+ Freund und Feind 57
+
+ Christus 59
+
+ Der Stein 60
+
+ Die Tauben 61
+
+ Morgen! Morgen! 62
+
+ Die Natur 63
+
+ Hängt ihn! 65
+
+ Was ich wohl denken werde 67
+
+ Wie frisch und duftig waren doch die Rosen 68
+
+ Eine Seefahrt 70
+
+ N. N. 72
+
+ Halt inne! 72
+
+ Der Mönch 73
+
+ Noch wollen wir kämpfen! 74
+
+ Das Gebet 75
+
+ Die russische Sprache 76
+
+
+
+
+ Druck von Bernhard
+ Tauchnitz in Leipzig
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiqua#
+
+
+Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+
+
+Seite 17: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehörig
+ --> Ihrem
+
+Seite 73: auf den kalten Steinfließen --> Steinfliesen
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
+
+***** This file should be named 37716-8.txt or 37716-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/7/7/1/37716/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
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+1.E.9.
+
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+The Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Gedichte in Prosa
+
+Author: Iwan Turgenjeff
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+Translator: Th. Commichau
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+Release Date: October 11, 2011 [EBook #37716]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
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+
+<div class="note">
+<p class="center" style="font-size: large;"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+
+<p>Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.</p>
+
+<p><b>Formatierung: </b>Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in
+Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet: <i>Text</i>.</p>
+<p>Das <a name="Inhalt" id="Inhalt"></a><a href="#Inhalt_2">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+
+<!-- <p><span class='pagenum'>[4]</span></p> -->
+
+<div class="titlepage">
+<h2>Iwan Turgenjeff</h2>
+
+<h1>Gedichte in Prosa</h1>
+
+
+<p class="center"><b>Übertragen von Th. Commichau</b></p>
+<hr class="hr80" />
+<p class="center"><b>Im Insel-Verlag zu Leipzig</b></p>
+</div>
+
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+<a name="Das_Dorf" id="Das_Dorf"></a>Das Dorf</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">D</span>er letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise
+rings Rußland &#8211; der heimatliche Boden.
+Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau; droben
+ein einzelnes Wölkchen &#8211; halb schwimmend, halb zerfließend.
+Windesstille, brütende Hitze&nbsp;... die Luft &#8211;
+würzig wie frischgemolkene Milch!</p>
+
+<p>Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos
+gleiten die Schwalben umher; die Pferde schnauben und
+kauen; die Hunde bellen nicht, stehen da und wedeln
+friedfertig mit dem Schwanze.</p>
+
+<p>Und nach Rauch riecht es, und nach Gras &#8211; und auch
+nach Teer ein wenig &#8211; und ein wenig nach Leder. &#8211; Der
+Hanf auf den Feldern ist schon hoch aufgeschossen und
+strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.</p>
+
+<p>Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich.
+An beiden Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener
+Weiden. In der Tiefe der Schlucht rieselt ein
+Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken wie zitternd
+durch seine klaren Wellen hindurch. &#8211; In der Ferne, am
+Saume zwischen Erde und Himmel &#8211; schimmert der bläuliche
+Streif eines großen Stromes.</p>
+
+<p>Dem Zuge der Schlucht folgend &#8211; hier auf dieser Seite
+saubere kleine Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen
+Türen; dort auf jener fünf bis sechs aus Fichtenstämmen
+gezimmerte Häuschen mit gehobelten Bretterdächern.
+Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten;
+über jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines
+Rößlein mit flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, uneben
+<span class='pagenum'>[6]</span>
+und blasig, schillern in Regenbogenfarben. Krüge
+mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden gemalt.
+Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank;
+auf kleinen angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu
+einem Knäuel zusammengerollt, und spitzen die durchsichtigen
+feinen Ohren; hinter der hohen Türschwelle winkt
+einladend der kühle, dunkle Hausflur.</p>
+
+<p>Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten
+Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten,
+betäubend duftigen Heues. Die fleißigen Hauswirte
+haben es vor ihren Hütten auseinandergestreut: dort
+mag es noch eine Weile an der Sonne durchtrocknen;
+dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird
+sichs darauf schlafen lassen!</p>
+
+<p>Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen
+hervor; großschopfige Hühner scharren im Heu nach
+Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit noch hellfarbiger
+Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen
+herum.</p>
+
+<p>Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und
+schwerfälligen, umsäumten Stiefeln hänseln sich mit
+Scherzworten, die Brust gegen einen unbespannten
+Wagen gestemmt &#8211; und zeigen lachend ihre weißen
+Zähne.</p>
+
+<p>Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem,
+rundem Antlitz; sie lacht, halb über die Scherze der Burschen,
+halb über die in den Heuhaufen sich balgenden
+Kinder.</p>
+
+<p>Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen
+großen nassen Eimer aus dem Brunnen herauf&nbsp;... Der
+Eimer wippt und schaukelt am Seile, so daß langgezogene,
+blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[7]</span>
+Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen,
+karierten Leinenrock und neuen Schuhen.</p>
+
+<p>Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um
+ihren braunen, faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit
+einem gelben, rotpunktierten Tuche umwunden, welches
+tief über ihre trüben Augen herabhängt.</p>
+
+<p>Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr
+ganzes runzliges Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern
+muß sie sein, das alte Mütterchen&nbsp;... aber auch heute
+noch ist es zu erkennen: eine Schönheit war sie zu ihrer
+Zeit!</p>
+
+<p>Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern
+der rechten Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter
+Milch hin, die frisch aus dem Keller kommt; der
+Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie Perlen glitzert.
+Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine große
+Schnitte noch warmen Brotes. &#8211; &raquo;Iß nur, sei dirs gesegnet,
+willkommener Gast!&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit
+den Flügeln; ihm zur Antwort blökt nach einer Weile ein
+eingesperrtes Kalb.</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;Das nenn ich mir Hafer!&laquo; ertönt die Stimme meines
+Kutschers&nbsp;...</p>
+
+<p>O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand
+des freien russischen Dorfes! Dieser stille Friede und
+Segen!</p>
+
+<p>Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch
+ein Kreuz auf der Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz
+und all das übrige, um das wir uns so heiß bemühen,
+wir Stadtmenschen?</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>
+<a name="Ein_Zwiegesprach" id="Ein_Zwiegesprach"></a>Ein Zwiegespräch</h3>
+
+<div class="headerblock">
+Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn
+war je ein menschlicher Fuß.</div>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">D</span>ie höchsten Gipfel der Alpen&nbsp;... Eine ganze Kette
+zerklüfteter Felsenmassen&nbsp;... Das Herz des Gebirgsstockes.
+Über den Bergen wölbt sich blaßgrün, glänzend
+und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost;
+harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen
+rauhe Zacken vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse,
+zwei Riesen recken sich zu beiden Seiten des Horizontes
+empor: Jungfrau und Finsteraarhorn. Und die Jungfrau
+spricht zum Nachbar: &raquo;Was gibt es Neues? Du hast
+freieren Ausblick. Was geht da unten vor?&laquo;</p>
+
+<p>Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.</p>
+
+<p>Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: &raquo;Dichte Wolkenmassen
+verhüllen die Erde&nbsp;... Warte!&laquo;</p>
+
+<p>Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, und jetzt?&laquo; fragt die Jungfrau.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich.
+Blau die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen
+Steinhaufen. Um sie herumwimmeln
+noch immer diese Käferchen, du weißt, die zweifüßigen,
+denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu beflecken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Menschen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, und jetzt?&laquo; fragt die Jungfrau.</p>
+
+<p>&raquo;Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,&laquo; &#8211;
+grollt das Finsteraarhorn; &raquo;klarer ist es da unten geworden,
+die Wasser haben sich verringert, die Wälder gelichtet.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.</p>
+
+<p>&raquo;Was siehst du jetzt?&laquo; spricht die Jungfrau.</p>
+
+<p>&raquo;Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,&laquo;
+&#8211; erwidert das Finsteraarhorn; &raquo;da hinten nur, in der
+Ferne, in den Tälern sind noch Flecken, und dort bewegt
+sich noch etwas.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber jetzt?&laquo; fragt die Jungfrau, als weitere tausend
+Jahre verrauschten &#8211; eine Minute.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt ist es gut,&laquo; &#8211; antwortet das Finsteraarhorn; &#8211;
+&raquo;rein ist es überall und ganz weiß, wohin man auch
+blickt&nbsp;... Überall unser Schnee, nichts wie Schnee und
+Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut&laquo; &#8211; wiederholt die Jungfrau. &#8211; &raquo;Allein, wir haben
+jetzt genug geplaudert, Alter. Zeit ist&#8217;s, einzuschlafen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der
+grüne, leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Die_Alte" id="Die_Alte"></a>Die Alte</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch ging auf einem weiten Felde, allein.</p>
+
+<p>Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte
+hinter meinem Rücken vernehmbar würden&nbsp;... Es folgte
+mir jemand.</p>
+
+<p>Ich schaute mich um &#8211; und gewahrte eine kleine, gebeugte
+Alte, ganz in graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor
+war nur das Antlitz der Alten sichtbar: ein gelbes, runzliges,
+scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich ging auf sie
+zu&nbsp;... Sie blieb stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin?
+Erwartest du ein Almosen?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[10]</span>
+Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr
+herab und bemerkte, daß ihre beiden Augen mit einem
+halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug oder Häutchen bedeckt
+waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden
+dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.</p>
+
+<p>Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und
+ließ die Pupillen nicht hervortreten&nbsp;... woraus ich schloß,
+daß sie blind sei.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du ein Almosen?&laquo; &#8211; wiederholte ich meine Frage.
+&#8211; &raquo;Weshalb folgst du mir?&laquo; &#8211; Doch die Alte blieb stumm
+wie zuvor, nur krümmte sie sich ein wenig. Ich wandte
+mich ab und setzte meinen Weg fort.</p>
+
+<p>Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen,
+gleichsam schleichenden Tritte.</p>
+
+<p>&#8211; Wieder dieses Weib! &#8211; dachte ich bei mir; &#8211; warum
+verfolgt sie mich denn nur? &#8211; Doch gleich kam mir auch
+der weitere Gedanke: sie wird wahrscheinlich in ihrer
+Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt dem
+Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen
+Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird&#8217;s sein.</p>
+
+<p>Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken
+eine seltsame Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob
+diese Alte mir nicht bloß folge, sondern daß sie mich sogar
+lenke, mich bald nach rechts, bald nach links stoße, und
+daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.</p>
+
+<p>Dennoch schreite ich weiter&nbsp;... auf einmal, gerade vor
+mir auf meinem Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes&nbsp;...
+wie eine Grube&nbsp;... &raquo;Ein Grab!&laquo; durchzuckte es
+mein Hirn. &#8211; Dorthin also stößt sie mich! Hastig wende
+ich mich um. Wieder vor mir die Alte&nbsp;... aber jetzt sieht
+sie! Sie blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündenden
+<span class='pagenum'>[11]</span>
+Augen&nbsp;... mit den Augen eines Raubvogels&nbsp;...
+Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die Augen&nbsp;...
+Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen
+Züge&nbsp;... Ach! denke ich&nbsp;... diese Alte &#8211; ist mein Schicksal.
+Jenes Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen!
+Kein Entrinnen? &#8211; Welch ein Wahnsinn&nbsp;...
+Man muß es versuchen. Und ich wende mich seitwärts,
+einer anderen Richtung zu.</p>
+
+<p>Rasch eile ich vorwärts&nbsp;... Allein die leisen Tritte rascheln
+wie früher hinter mir, nahe, ganz nahe&nbsp;... Und vor mir
+wieder die dunkle Grube.</p>
+
+<p>Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite&nbsp;...
+Und wiederum dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken
+und vor mir derselbe drohende Fleck.</p>
+
+<p>Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten
+Hasen&nbsp;... immer dasselbe, immer dasselbe!</p>
+
+<p>Halt! denke ich, &#8211; jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich
+nicht von der Stelle rühren! &#8211; und augenblicklich setze ich
+mich an die Erde.</p>
+
+<p>Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. &#8211;
+Ich höre sie nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich
+sehe ich: der dunkle Fleck dort in der Ferne, er schwimmt,
+er kriecht gerade auf mich zu! O Gott! Ich schaue
+rückwärts&nbsp;... Die Alte hat ihren starren Blick auf
+mich geheftet &#8211; und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen
+Mund&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Kein Entrinnen!</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+<a name="Der_Hund" id="Der_Hund"></a>Der Hund</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">W</span>ir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und
+ich&nbsp;... Draußen heult wütender Sturm. Mein
+Hund sitzt dicht vor mir &#8211; und schaut mir unverwandt ins
+Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint,
+als müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er
+besitzt keine Sprache, er versteht sich selbst nicht &#8211; aber ich
+verstehe ihn wohl.</p>
+
+<p>Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir
+ein und dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied
+besteht. Wir sind vollkommen gleich; in jedem von
+uns beiden glüht und leuchtet das gleiche zitternde Flämmchen.</p>
+
+<p>Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen
+Fittiche&nbsp;... Es ist zu Ende!</p>
+
+<p>Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen
+in ihm und welches in mir geglüht hat? Nein! nicht
+Tier und Mensch tauschen diese Blicke&nbsp;... Es sind zwei
+gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet sind. Und
+in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem
+des Menschen &#8211; schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb
+bebend an den des anderen.</p>
+</div>
+
+
+<h3><a name="Der_Widersacher" id="Der_Widersacher"></a>Der Widersacher</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher
+war; zwar nicht im Studium, auch nicht im
+Amt oder in der Liebe; nur unsere Ansichten waren stets
+unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen &#8211; entspann
+sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten
+<span class='pagenum'>[13]</span>
+über alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft,
+über das Leben auf Erden und im Jenseits &#8211;
+namentlich über das im Jenseits. Er war ein gläubiger,
+schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: &raquo;Du bespöttelst
+doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben,
+dann werde ich dir vom Jenseits her erscheinen&nbsp;... Wir
+wollen doch sehen, ob du auch dann noch wirst lachen können!&laquo;
+Und wirklich, er starb vor mir, ein Werdender in
+der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich vergaß
+seines Gelübdes &#8211; seiner Drohung.</p>
+
+<p>Einst lag ich des Nachts im Bett &#8211; und konnte nicht,
+mochte nicht einmal einschlafen.</p>
+
+<p>Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich
+begann in das graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich
+erschien es mir, als ob zwischen den beiden Fenstern mein
+Widersacher stünde &#8211; und stumm und traurig mit dem
+Kopfe nicke, auf und ab.</p>
+
+<p>Ich erschrak nicht &#8211; wunderte mich nicht einmal&nbsp;... vielmehr
+richtete ich mich ein wenig auf und blickte, auf den
+Ellenbogen gestützt, nur noch schärfer auf die unerwartete
+Erscheinung.</p>
+
+<p>Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.</p>
+
+<p>&raquo;Was gibts?&laquo; begann ich schließlich. &raquo;Triumphierst du?
+oder trauerst du? &#8211; Bedeutet dies eine Warnung oder
+einen Vorwurf?... Oder willst du mir zu verstehen geben,
+daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht hatten?
+Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder
+Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges
+Wort!&laquo;</p>
+
+<p>Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von
+sich &#8211; nur wie vorher nickte er bloß immer traurig und
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+still ergeben mit dem Kopfe &#8211; auf und ab. Da lachte ich
+laut auf&nbsp;... und er verschwand.</p>
+</div>
+
+
+<h3><a name="Der_Bettler" id="Der_Bettler"></a>Der Bettler</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch ging die Straße hinunter&nbsp;... Ein dürftiger, gebrechlicher
+Greis hielt mich an.</p>
+
+<p>Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte
+Lumpen, unsaubere Schwären&nbsp;... O, wie schrecklich hatte
+die Not dieses unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte
+mir seine gerötete, verschwollene, schmutzige Hand hin&nbsp;...
+Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.</p>
+
+<p>Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen&nbsp;... Aber
+weder Geldbeutel noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch
+war da&nbsp;... Ich hatte nichts mitgenommen. Der Bettler
+aber wartete noch immer&nbsp;... und seine vorgestreckte Hand
+bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und verlegen
+ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde
+Hand&nbsp;... &raquo;Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts
+bei mir, mein Bruder.&laquo; Der Bettler richtete seine entzündeten
+Augen auf mich; ein Lächeln kam auf seine fahlen
+Lippen &#8211; und dann drückte auch er meine erkalteten
+Finger.</p>
+
+<p>&raquo;Laß es gut sein, Bruder,&laquo; sagte er leise; &raquo;auch dafür
+bin ich dir dankbar. &#8211; Auch das ist eine Gabe, mein
+Bruder.&laquo;</p>
+
+<p>Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe
+empfangen hatte.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+<a name="Erfahren_wirst_du_noch" id="Erfahren_wirst_du_noch"></a>Erfahren wirst du noch,
+wie Toren richten&nbsp;...</h3>
+<p class="headerblock right"><span class="gesperrt">Puschkin</span></p>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;<span class="bigletter">E</span>rfahren wirst du noch, wie Toren richten&nbsp;...&laquo; Immer
+sprachst du die Wahrheit, großer, vaterländischer
+Dichter du, auch diesmal hast du wahr gesprochen. &raquo;Wie
+Toren richten und die Menge spottet&nbsp;...&laquo; Wer hätte es
+nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies
+kann &#8211; und muß ertragen werden; wer die Kraft dazu
+hat &#8211; der mag es auch verachten!</p>
+
+<p>Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz
+treffen&nbsp;... Ein Mann tat alles, was er vermochte; wirkte
+in unablässiger, hingebender, ehrlicher Arbeit&nbsp;... Da
+wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm ab; ehrliche
+Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines
+Namens. &raquo;Hinweg! Fort mit dir!&laquo; schallen ihm ehrliche
+junge Stimmen entgegen. &#8211; &raquo;Dich und deine Mühe brauchen
+wir nicht; du schändest unser Heim &#8211; du kennst und
+du verstehst uns nicht&nbsp;... Du bist unser Feind!&laquo;</p>
+
+<p>Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im
+Bemühen, soll nicht versuchen, sich zu rechtfertigen &#8211; soll
+nicht einmal die Hoffnung auf künftige gerechtere Beurteilung
+nähren.</p>
+
+<p>Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen
+die Kartoffel brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche
+Nahrung des Armen&nbsp;... Aus seinen Händen, die er ihnen
+entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare Gabe, warfen sie
+in den Kot, traten sie mit Füßen.</p>
+
+<p>Jetzt nähren sie sich davon &#8211; und kennen nicht einmal den
+Namen ihres Wohltäters.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>
+Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als
+Namenloser bewahrt er sie vor dem Hunger.</p>
+
+<p>Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht
+unseres Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich
+ist ungerechter Tadel aus dem Munde derer, die man
+liebt&nbsp;... Doch auch dies kann man verwinden&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Schlage mich! aber höre mich an!&laquo; sprach der athenische
+Feldherr zum spartanischen.</p>
+
+<p>&raquo;Schlage mich &#8211; aber sei gesund und satt!&laquo;
+so sollen <span class="gesperrt">wir</span>
+denken.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Ein_Zufriedener" id="Ein_Zufriedener"></a>Ein Zufriedener</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">D</span>urch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren
+Schritten ein noch junger Mann. &#8211; Seine Bewegungen
+sind freudig und lebhaft; seine Augen leuchten,
+Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt
+sein freundliches Antlitz&nbsp;... Er ist ganz Zufriedenheit
+und Freude.</p>
+
+<p>Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft
+gemacht? Wurde er im Amte befördert? Eilt er zu einem
+zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht hat er auch bloß
+&#8211; gut gefrühstückt, &#8211; und das Gefühl der Gesundheit,
+der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird
+doch nicht gar seinen Hals mit deinem schönen achteckigen
+Kreuz geschmückt haben, o polnischer König Stanislaus!</p>
+
+<p>Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten
+ersonnen, hat sie eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe
+Verleumdung, aus dem Munde eines anderen Bekannten
+vernommen &#8211; und <span class="gesperrt">ihr selber Glauben geschenkt</span>.</p>
+
+<p>O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick
+dieser liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+<a name="Eine_Lebensregel" id="Eine_Lebensregel"></a>Eine Lebensregel</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;<span class="bigletter">W</span>enn Sie mal den Wunsch haben, <ins class="correction"
+title="Original: ihrem">Ihrem</ins> Gegner gehörig
+mitzuspielen und ihn womöglich zu kränken,&laquo;
+sagte mir einst ein alter Schlaukopf, &raquo;dann werfen Sie
+ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen
+Sie sich selber bewußt sind. &#8211; Spielen Sie den Entrüsteten&nbsp;...
+und tadeln Sie ihn!</p>
+
+<p>&raquo;Denn erstens &#8211; bringt dies dem anderen die Meinung
+bei, daß Sie von diesem Laster frei wären.</p>
+
+<p>&raquo;Zweitens &#8211; darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige
+sein&nbsp;... Sie können aus den Vorwürfen Ihres eigenen
+Gewissens Nutzen ziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie beispielsweise ein Renegat &#8211; dann werfen
+Sie Ihrem Gegner vor, er sei ohne jede Überzeugung!
+Sind Sie selber eine Lakaienseele &#8211; dann sagen Sie
+ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai&nbsp;... ein
+Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des
+Lakaienhasses!&laquo; bemerkte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Selbst dies!&laquo; erwiderte prompt der Schlaukopf.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Das_Ende_der_Welt" id="Das_Ende_der_Welt"></a>
+Das Ende der Welt</h3>
+
+<p class="subchapter">Ein Traum</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">M</span>ir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel
+Rußlands, in der Einsamkeit, in einer einfachen
+Dorfhütte.</p>
+
+<p>Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände
+weiß getüncht; aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine
+kahle Ebene; in sanfter Neigung breitet sie sich in die
+<span class='pagenum'>[18]</span>
+Ferne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt darüber
+wie ein härenes Tuch.</p>
+
+<p>Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir
+in der Stube. Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie
+gehen in der Stube auf und ab, schweigend, gleichsam
+schleichend. Jeder weicht dem anderen aus &#8211; aber unaufhörlich
+begegnen sich ihre besorgten Blicke.</p>
+
+<p>Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und
+was die anderen bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert
+Unruhe und Bangigkeit&nbsp;... alle treten abwechselnd an
+die Fenster und blicken forschend hinaus, als warteten sie
+auf etwas von dorther.</p>
+
+<p>Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.</p>
+
+<p>Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit
+zu Zeit wimmert er mit dünner eintöniger Stimme:
+&raquo;Väterchen, ich fürchte mich!&laquo; &#8211; Bei diesem Wimmern
+wird mir kalt ums Herz &#8211; und auch mich beschleicht Furcht&nbsp;...
+Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine
+fühle ich: heran kommt und nähert sich ein großes, großes
+Unheil.</p>
+
+<p>Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte
+man doch nur hinaus! Wie dumpf ists hier! Wie
+beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein
+Ausweg.</p>
+
+<p>Dieser Himmel da &#8211; gerade wie ein Leichentuch. Und
+kein Windhauch&nbsp;... Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich
+springt der Knabe ans Fenster und schreit mit derselben
+kläglichen Stimme: &raquo;Seht! seht! die Erde ist versunken!&laquo;</p>
+
+<p>&#8211; &raquo;Wie? Versunken!&laquo; &#8211; Wahrhaftig: vorhin war vor
+dem Hause eine Ebene &#8211; jetzt steht es auf dem Gipfel
+<span class='pagenum'>[19]</span>
+eines ungeheuren Berges! Der Horizont ist herabgefallen,
+in die Tiefe gesunken &#8211; und dicht vor dem
+Hause starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer
+Abgrund.</p>
+
+<p>Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt&nbsp;... Der
+Schrecken erstarrt unsere Herzen zu Eis. &#8211; &raquo;Dort kommt
+es&nbsp;... dort kommt es!&laquo; flüstert mein Nachbar.</p>
+
+<p>Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich
+zu bewegen, hoben und senkten sich kleine wellige Hügel.</p>
+
+<p>&raquo;Das Meer!&laquo; durchfuhr es uns alle im selben Augenblick.
+&raquo;Gleich wird es uns alle verschlingen&nbsp;... Wie
+kann es bloß so wachsen und in die Höhe steigen? Bis
+zu diesem Felsgrat?&laquo;</p>
+
+<p>Allein es wächst, wächst mit rasender Eile&nbsp;... Schon
+sinds nicht mehr einzelne, in der Ferne schwankende Hügel&nbsp;...
+Eine einzige geschlossene, ungeheure Woge überflutet
+den ganzen Horizont.</p>
+
+<p>Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie
+heran, ballt sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum
+&#8211; dort aber, in jener hereinbrechenden Masse &#8211; Dröhnen,
+Donnern, tausendstimmiger, eherner Schrei&nbsp;...</p>
+
+<p>Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der
+Schreckensschrei der Erde&nbsp;...</p>
+
+<p>Vernichtung ihr! Vernichtung allem!</p>
+
+<p>Noch einmal wimmert der Kleine&nbsp;... Ich will mich an
+meine Gefährten klammern &#8211; doch schon sind wir alle
+zerschmettert, begraben, verschlungen, fortgerissen von dieser
+pechschwarzen, eisigen, donnernden Woge!</p>
+
+<p>Finsternis&nbsp;... ewige Finsternis!</p>
+
+<p>Nach Atem ringend erwachte ich.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+<a name="Mascha" id="Mascha"></a>Mascha</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">A</span>ls ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte,
+knüpfte ich jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen
+mußte, mit dem Kutscher ein Gespräch an.</p>
+
+<p>Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern,
+armen Bauern aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen
+Schlitten und einem ärmlichen Karrengaul
+in die Hauptstadt kamen &#8211; in der Hoffnung, dort selber
+ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre
+Gutsherren erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder
+mal einen solchen Kutscher&nbsp;... Ein Bursche von etwa
+zwanzig Jahren, hochgewachsen, stämmig, wie aus Kernholz;
+mit blauen Augen und frischroten Backen; sein
+Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die
+Augenbrauen herabgezogenen geflickten Mütze hervor. &#8211;
+Und wie hatte er bloß diesen zerrissenen kleinen Kittel
+über seine riesigen Schultern ziehen können!</p>
+
+<p>Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers
+schien bekümmert und betrübt.</p>
+
+<p>Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner
+Stimme klang Trübsal.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Freundchen,&laquo; fragte ich ihn, &raquo;warum bist du so
+traurig? Drückt dich irgendein Kummer?&laquo;</p>
+
+<p>Der Bursche zögerte mit der Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, Herr, freilich,&laquo; brachte er schließlich heraus.
+&raquo;Und ein Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein
+Weib ist gestorben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast sie wohl sehr geliebt&nbsp;... dein Weib?&laquo;</p>
+
+<p>Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur
+ein wenig den Kopf.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[21]</span>
+&raquo;Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber
+ich kanns nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen&nbsp;...
+immerfort! Warum hat sie auch sterben müssen? War
+doch jung! gesund!... An <span class="gesperrt">einem</span> Tage hat die Cholera
+sie abgewürgt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie war dir wohl ein braves Weib?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Herr!&laquo; seufzte der arme Bursche schwer auf. &raquo;Und
+wie gut haben wir zusammengelebt! Sie ist ohne mich
+gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß man sie gar schon
+begraben hätte, &#8211; da jagte ich augenblicklich zum Dorf,
+nach Hause. Ich kam an &#8211; da wars schon nach Mitternacht.
+Ich trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube
+still und rufe so ganz leise: &lsquo;Mascha! meine Mascha!&rsquo;
+Aber nur das Heimchen zirpt. &#8211; Da kommt mir das
+Heulen, ich werfe mich auf die Diele &#8211; wie habe ich da
+mit den Händen auf den Boden gehauen! &#8211; &lsquo;Du unersättliche
+Grube!&rsquo; schrei ich&nbsp;... &lsquo;Sie hast du verschlungen&nbsp;...
+dann verschling auch mich!&rsquo; &#8211; Ach Mascha!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mascha!&laquo; &#8211; setzte er mit plötzlich versagender Stimme
+hinzu. Und ohne seine groben Zügel loszulassen, wischte
+er sich mit seinen Fausthandschuhen die Tränen aus den
+Augen, schüttelte sie ab, zuckte die Achseln &#8211; und sprach
+kein Wort mehr.</p>
+
+<p>Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit
+über den Fahrpreis. &#8211; Er verbeugte sich tief, indem
+er mit beiden Händen nach der Mütze griff &#8211; und fuhr
+dann langsam davon über die glatte Schneefläche der
+menschenleeren Straße, die der graue Nebel des Januarfrostes
+einhüllte.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+<a name="Der_Dummkopf" id="Der_Dummkopf"></a>Der Dummkopf</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>s war einmal ein Dummkopf.</p>
+
+<p>Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch
+allmählich drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er
+überall für einen hirnlosen Narren gelte.</p>
+
+<p>Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll
+darüber nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte
+aus der Welt schaffen könnte.</p>
+
+<p>Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen
+Kopf&nbsp;... und ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat
+umzusetzen.</p>
+
+<p>Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter &#8211; der über
+einen namhaften Maler lobend zu sprechen begann&nbsp;...;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte Sie!&laquo; rief der Dummkopf. &raquo;Diesen
+Maler hat man ja längst zum alten Eisen geworfen&nbsp;...
+Das wissen Sie nicht? &#8211; Von Ihnen hätte ich das nicht
+erwartet&nbsp;... Sie sind &#8211; sehr zurückgeblieben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bekannte erschrak &#8211; und pflichtete dem Dummkopf
+sofort bei.</p>
+
+<p>&raquo;Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!&laquo; sagte
+ihm ein anderer Bekannter.</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte Sie!&laquo; rief der Dummkopf. &raquo;Schämen
+Sie sich denn nicht? Dies Buch hat ja nicht den geringsten
+Wert; alle Welt macht sich darüber lustig. &#8211; Das wissen
+Sie nicht? &#8211; Sie sind &#8211; sehr zurückgeblieben.&laquo;</p>
+
+<p>Auch dieser Bekannte erschrak &#8211; und stimmte dem Dummkopf
+bei.</p>
+
+<p>&raquo;Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!&laquo; äußerte
+ein dritter Bekannter zum Dummkopf. &raquo;Eine wahrhaft
+vornehme Natur!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[23]</span>
+&raquo;Aber ich bitte Sie!&laquo; rief der Dummkopf. &raquo;N. N. ist ein
+notorischer Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er
+gebrandschatzt. Wer wüßte denn das nicht? &#8211; Sie sind &#8211;
+sehr zurückgeblieben!&laquo;</p>
+
+<p>Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem
+Dummkopf Glauben und sagte sich von seinem Freunde
+los. Und was man auch in Gegenwart des Dummkopfs
+loben mochte &#8211; für alles hatte er die gleiche Antwort.</p>
+
+<p>Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs
+hinzufügte: &raquo;Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gift und Galle ist er!&laquo; begannen nun die Bekannten
+über den Dummkopf zu urteilen. &#8211; &raquo;Aber welch ein
+Kopf!&laquo; &#8211; &raquo;Und welche Redegewandtheit!&laquo; &#8211; setzten andere
+hinzu. &#8211; &raquo;O gewiß, er hat Talent!&laquo;</p>
+
+<p>Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes
+dem Dummkopf die Leitung des kritischen Teiles übertrug.</p>
+
+<p>Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren,
+ohne seine gewohnte Art noch seine bisherigen
+Ausdrücke irgendwie zu ändern.</p>
+
+<p>Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete &#8211; selbst eine
+Autorität &#8211; und die Jugend beugt sich vor ihm &#8211; und
+fürchtet ihn.</p>
+
+<p>Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? &#8211;
+Es ist ja &#8211; im allgemeinen &#8211; fatal, sich beugen zu
+sollen&nbsp;... indessen, es unterstehe sich nur mal einer und
+beuge sich nicht &#8211; gleich sitzt er im Topf der &raquo;Zurückgebliebenen&laquo;!</p>
+
+<p>Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+<a name="Eine_Legende_des_Morgenlandes" id="Eine_Legende_des_Morgenlandes"></a>
+Eine Legende des Morgenlandes</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">W</span>er kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die
+Sonne des Weltalls?</p>
+
+<p>Einst &#8211; vor langen Jahren &#8211; da er noch ein Jüngling
+war, lustwandelte Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.</p>
+
+<p>Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand
+verzweifelt um Hilfe.</p>
+
+<p>Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch
+Klugheit und Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles
+Herz &#8211; und vertraute auf seine Kraft. Er
+rannte dem Schrei nach und erblickte einen hinfälligen
+Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer
+gedrückt und beraubt wurde.</p>
+
+<p>Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die
+Räuber: einen schlug er nieder, den andern trieb er in die
+Flucht.</p>
+
+<p>Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach,
+indem er den Saum seines Mantels küßte: &raquo;Tapferer
+Jüngling, dein Edelmut soll nicht unbelohnt bleiben. Dem
+Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler; doch nur
+dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem
+Stande, &#8211; komme morgen in der Frühe auf den großen
+Bazar; am Springbrunnen werde ich dich erwarten &#8211;
+und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner Worte
+überzeugen.&laquo;</p>
+
+<p>Dschaffar dachte bei sich: &raquo;Dem Aussehen nach ist dieser
+Mann ein Bettler, ohne Zweifel; indessen &#8211; nichts ist
+unmöglich. Weshalb sollte ich es nicht versuchen?&laquo; und
+gab zur Antwort: &raquo;Gut, mein Vater, ich werde kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Greis blickte ihm ins Auge &#8211; und entfernte sich.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[25]</span>
+Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab
+sich Dschaffar auf den Bazar. Am Springbrunnen, auf
+dessen Marmorrand er sich mit den Ellenbogen gestützt
+hatte, harrte seiner schon der Greis.</p>
+
+<p>Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte
+ihn in einen kleinen Garten, der rings von hohen Mauern
+umgeben war.</p>
+
+<p>Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand
+ein Baum von ungewöhnlichem Aussehen.</p>
+
+<p>Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer
+Farbe.</p>
+
+<p>Drei Früchte &#8211; drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden
+Zweigen: der eine von mittlerer Größe,
+länglich und milchweiß; der andere groß, rund und feuerrot;
+der dritte klein, verschrumpft und gelblich.</p>
+
+<p>Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart
+und klagend klang sein Rauschen, wie der Ton des Glases.
+Es schien, als fühle er die Nähe Dschaffars. &raquo;Jüngling!&laquo;
+&#8211; hub der Greis nun an &#8211; &raquo;pflücke dir nach
+Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du
+und ißt du die weiße &#8211; dann wirst du klüger werden als
+alle Menschen; pflückst du und ißt du die rote &#8211; dann
+wirst du so reich wie der Jude Rothschild; pflückst du und
+ißt du aber die gelbe &#8211; dann wirst du allen alten Weibern
+gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer
+Stunde verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt
+in den stummen Schoß der Erde!&laquo;</p>
+
+<p>Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. &#8211; &raquo;Wie
+wähle ich hier am besten?&laquo; sprach er halblaut vor sich hin,
+gleich als ginge er mit sich selbst zu Rate. &#8211; &raquo;Wer allzu
+weise wird, könnte des Lebens überdrüssig werden; wer
+<span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen;
+besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den
+runzligen!&laquo;</p>
+
+<p>Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem
+zahnlosen Munde und sprach: &raquo;O du weisester aller Jünglinge!
+Du hast das beste Teil erwählt! &#8211; Was sollte dir
+auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja klüger als
+Salomo. &#8211; Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht&nbsp;...
+Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen
+Reichtum wird dir niemand neiden können.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sag an, Alter,&laquo; entgegnete Dschaffar sich aufrichtend,
+&raquo;wo wohnt die ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten
+Kalifen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Greis verneigte sich bis zur Erde &#8211; und wies dem
+Jüngling den Weg.</p>
+
+<p>Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls,
+den großen, ruhmreichen Dschaffar?</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Zwei_Vierzeiler" id="Zwei_Vierzeiler"></a>Zwei Vierzeiler</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>inst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher
+Weise der Poesie ergeben waren, daß,
+wenn einmal einige Wochen verstrichen, ohne daß neue
+schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche Mißernte als
+ein öffentliches Unglück empfanden.</p>
+
+<p>Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich
+Asche aufs Haupt, sammelten sich in Scharen auf den
+Plätzen und haderten unter bitteren Tränen mit der Muse,
+weil sie sich von ihnen abgewendet habe.</p>
+
+<p>An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter
+<span class='pagenum'>[27]</span>
+Junius auf dem Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge
+erfüllt war.</p>
+
+<p>Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete
+Kanzel und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht
+vorzutragen wünsche.</p>
+
+<p>Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. &raquo;Ruhe, Aufmerksamkeit!&laquo;
+schrien sie laut &#8211; und erwartungsvoll verstummte
+die Menge.</p>
+
+<p>&raquo;Genossen! Freunde!&laquo; begann Junius mit tönender, aber
+etwas unsicherer Stimme:</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!<br/></span>
+<span class="i0">Bewundrer alles des, was edel und vollendet!<br/></span>
+<span class="i0">Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!<br/></span>
+<span class="i0">Die frohe Stunde naht&nbsp;... und Dunkel weicht dem Licht.&laquo;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Junius hielt inne&nbsp;... aber als Antwort erscholl von
+allen Enden des Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.</p>
+
+<p>Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen,
+alle Augen blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich,
+drohten, ballten sich zu Fäusten!</p>
+
+<p>&raquo;Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu
+erringen!&laquo; schrien zornige Stimmen. &raquo;Herunter von der
+Kanzel mit dem unbeholfenen Reimschmied! Fort mit dem
+Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen Narren!
+Gebt Steine! Steine her!&laquo;</p>
+
+<p>Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel&nbsp;... aber
+noch war er nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes
+Händeklatschen, Beifallsruf und Freudengeschrei
+an sein Ohr drang.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[28]</span>
+Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden
+&#8211; denn es ist gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen &#8211;,
+kehrte Junius auf den Platz zurück.</p>
+
+<p>Und was sah er?</p>
+
+<p>Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen,
+stand auf einem flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen
+Mantel gehüllt, einen Lorbeerkranz auf dem wallenden
+Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge Dichter
+Julius&nbsp;... Rings aber schrie das Volk: &raquo;Heil! Heil!
+Heil dem unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in
+unserem großen Kummer hat er uns getröstet! Er hat uns
+mit Versen beschenkt, süßer als Honig, wohlklingender als
+Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als Himmelsbläue!
+Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes
+Haupt mit köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch
+sanftes Fächeln mit Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen
+alle Wohlgerüche arabischer Myrrhen! Heil!&laquo;</p>
+
+<p>Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. &raquo;Sage
+mir doch, lieber Mitbürger, mit welchen Versen Julius
+uns beglückt hat! Leider war ich nicht hier auf dem Platze,
+als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch, wenn du sie
+behalten hast, tu mir den Gefallen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sollte man &#8211; solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?&laquo;
+antwortete erregt der Gefragte. &raquo;Wofür hältst
+du mich denn? So höre &#8211; und jauchze, jauchze mit uns!</p>
+
+<p>&lsquo;Der Dichtkunst Gönner ihr!&rsquo; so begann der göttliche
+Julius&nbsp;...</p>
+</div>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&lsquo;Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!<br/></span>
+<span class="i0">Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!<br/></span>
+<span class="i0">Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!<br/></span>
+<span class='pagenum'>[29]</span>
+<span class="i0">Die freudge Stunde naht &#8211; und Tag verscheucht die Nacht!&rsquo;</span>
+</div></div>
+
+<div class="textbody">
+<p>Herrlich, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Himmels willen!&laquo; rief Junius aus, &raquo;das sind ja
+doch meine eigenen Verse! &#8211; Julius hat sich gewiß unter
+der Volksmenge befunden, als ich sie vortrug &#8211; er hat sie
+gehört und dann wiederholt, wobei er nur einige Ausdrücke
+&#8211; und keineswegs zum Vorteil &#8211; veränderte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aha! Jetzt erkenne ich dich&nbsp;... du bist Junius,&laquo; entgegnete
+stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. &raquo;Ein Neidhammel
+bist du oder ein Dummkopf!... So überlege
+doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben heißt es
+bei Julius: &lsquo;Und Tag verscheucht die Nacht!&rsquo;&nbsp;... Bei dir
+dagegen &#8211; so recht abgeschmackt: &lsquo;Und Dunkel weicht dem
+Licht!&rsquo; &#8211; Welches Licht?! Welches Dunkel?!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?&laquo; wagte Junius
+einzuwenden&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Ein einziges Wort noch,&laquo; unterbrach ihn der Bürger, &raquo;und
+ich rufe das Volk auf&nbsp;... das dich zerreißen wird!&laquo;</p>
+
+<p>Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger
+alter Mann, der sein Gespräch mit dem Bürger gehört
+hatte, auf den niedergeschlagenen Dichter zutrat, ihm die
+Hand auf die Schulter legte und sprach:</p>
+
+<p>&raquo;Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit;
+der andere gab nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten
+Zeit. &#8211; Folglich hat er recht &#8211; dir aber bleibt der Trost
+deines reinen Gewissens.&laquo;</p>
+
+<p>Doch während das reine Gewissen &#8211; so gut und so weit es
+irgend vermochte&nbsp;... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht
+&#8211; den Junius tröstete, der sich stumm in einen Winkel
+gedrückt hatte, schwebte in der Ferne, unter tosendem
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>
+Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der Sonne,
+strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von
+frischem Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit,
+gleich einem Könige, der zur Krönung schreitet, &#8211; in gemessener,
+stolzer Haltung die Gestalt des Julius dahin&nbsp;...
+und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich
+vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten,
+ihrem demütigen Sichneigen die beständig
+sich erneuernde Verehrung ausdrücken, welche die Herzen
+seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Der_Sperling" id="Der_Sperling"></a>Der Sperling</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">A</span>uf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die
+Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her.</p>
+
+<p>Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen,
+gleich als wittere er vor sich ein Wild.</p>
+
+<p>Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen
+Sperling mit gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf
+dem Köpfchen. Er war aus dem Neste gefallen &#8211; heftiger
+Wind schüttelte die Birken der Allee &#8211; und hockte unbeweglich,
+hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen
+ausstreckend.</p>
+
+<p>Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von
+einem nahen Baume sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige
+Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze
+zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört, mit verzweifeltem,
+kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten,
+geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich
+über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+wollte er es schützen&nbsp;... doch sein ganzer kleiner Körper
+bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und
+heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich selbst!</p>
+
+<p>Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen!
+Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen,
+sicheren Aste zu bleiben vermocht&nbsp;... Eine Macht, stärker
+als sein Wille, riß ihn von dort herab.</p>
+
+<p>Mein Tresor hielt inne, wich zurück&nbsp;... Sichtlich begriff
+auch er diese Macht.</p>
+
+<p>Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte
+mich, Ehrfurcht im Herzen.</p>
+
+<p>Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem
+kleinen heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden
+Kraft seiner Liebe.</p>
+
+<p>Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die
+Schrecken des Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält
+und bewegt unser Leben.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Die_Totenschadel" id="Die_Totenschadel"></a>Die Totenschädel</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>in prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche
+Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum
+lebensprühende Gesichter und eifrige Gespräche&nbsp;... Die
+sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine berühmte
+Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich&nbsp;...
+O, wie herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!</p>
+
+<p>Und plötzlich &#8211; wie auf den Wink eines Zauberstabes &#8211;
+verschwand von allen Köpfen und allen Gesichtern die
+zarte Hülle der Haut, und augenblicklich erschienen die
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+Schädel in ihrer Totenblässe, traten Kiefer und Backenknochen
+in bleigrauer Farbe hervor.</p>
+
+<p>Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen
+bewegten und rührten &#8211; wie sich diese rundlichen,
+knöchernen Kugeln, im Scheine der Lampen und Kerzen
+widerstrahlend, hin und her wendeten &#8211; und wie sich in
+ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen
+Augäpfel.</p>
+
+<p>Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte
+auch nicht, mich im Spiegel zu betrachten.</p>
+
+<p>Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor&nbsp;... Und mit
+derselben Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den
+fleischlosen Kinnladen geläufig hin und her bewegend,
+schwatzten die geschäftigen Stimmen davon, wie wunderbar,
+wie unübertrefflich die unsterbliche&nbsp;... ja, die unsterbliche
+Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert
+habe!</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Die_Tagelohner_und_der_Weisshandige" id="Die_Tagelohner_und_der_Weisshandige"></a>
+Die Tagelöhner und der Weißhändige</h3>
+
+<p class="subchapter">Ein Gespräch</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p>
+
+<p><span class="bigletter">W</span>as drängst du dich zu uns? Was willst du? Du
+gehörst nicht zu uns&nbsp;... Mach, daß du weiterkommst!</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Der Weißhändige</span></p>
+
+<p>Ich gehöre zu euch, Brüder!</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau
+mal auf meine Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind?
+Nach Dünger riechen sie und nach Teer, &#8211; deine Hände
+aber sind weiß. Wonach riechen die denn?</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[33]</span>
+<span class="gesperrt">Der Weißhändige</span> (seine Hände hinhaltend)</p>
+
+<p>So rieche doch!</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span> (sie beriechend)</p>
+
+<p>Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Der Weißhändige</span></p>
+
+<p>Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in
+Ketten.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Warum denn das?</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Der Weißhändige</span></p>
+
+<p>Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich
+euch befreien wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil
+ich auftrat gegen eure Bedrücker, revoltierte&nbsp;... Da haben
+sie mich denn gefangengesetzt.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?!</p>
+
+<p class="center">&#8211; <span class="gesperrt">Zwei Jahre später</span> &#8211;</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Einer derselben Tagelöhner</span> (zum anderen)</p>
+
+<p>Hör mal, Peter&nbsp;... Du weißt doch noch, wie im
+vorvorigen Jahr so &#8217;n weißhändiger Kerl mit dir
+schwatzte?</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Zweiter Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Freilich&nbsp;... na, und?</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Erster Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Nun, hängen werden sie ihn heute; so &#8217;n Befehl ist gekommen.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Zweiter Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Hat er denn wieder revoltiert?</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Erster Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Wieder revoltiert!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>
+<span class="gesperrt">Zweiter Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Na&nbsp;... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen,
+daß wir den Strick kriegen, mit dem er gehängt wird; so
+was soll doch &#8217;n mächtiges Glück ins Haus bringen!</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Erster Tagelöhner</span></p>
+
+<p>Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.</p>
+
+
+<h3><a name="Die_Rose" id="Die_Rose"></a>Die Rose</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>s war in den letzten Tagen des August&nbsp;... Der Herbst
+hatte bereits seinen Einzug gehalten.</p>
+
+<p>Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen,
+doch ohne Donner und Blitz, war eben ein starker Regenschauer
+über unsere weite Ebene hinweggezogen. Der
+Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz überflutet
+vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.</p>
+
+<p>Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem
+Nachdenken durch die halboffene Tür in den Garten
+hinaus.</p>
+
+<p>Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte,
+daß sie nach einem kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich
+in diesem Augenblick einem Gefühle ergab, das sie nicht
+länger zu bemeistern imstande war.</p>
+
+<p>Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus
+und verschwand.</p>
+
+<p>Es verging eine Stunde&nbsp;... und noch eine Stunde: sie
+kam nicht wieder.</p>
+
+<p>Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich
+nach der Allee, durch welche &#8211; wie ich bestimmt voraussetzte
+&#8211; auch sie gegangen war.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[35]</span>
+Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon
+hereingebrochen. Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege,
+selbst durch den dichten Schleier der Finsternis hindurch
+noch rötlich schimmernd, ein rundlicher Gegenstand
+erkennbar.</p>
+
+<p>Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte
+Rose. Noch vor zwei Stunden hatte ich dieselbe
+Rose an ihrem Busen gesehen.</p>
+
+<p>Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf,
+kehrte zum Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren
+Stuhl auf den Tisch.</p>
+
+<p>Endlich kam auch sie zurück &#8211; durchmaß mit leichten
+Schritten das Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr
+Antlitz war jetzt blasser, aber auch belebter; unstet, mit
+einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten ihre gesenkten,
+scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte
+sie die Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten,
+beschmutzten Blätter, blickte dann auf mich &#8211;
+und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre Augen in
+Tränen.</p>
+
+<p>&raquo;Warum weinen Sie?&laquo; fragte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. &raquo;Ihre
+Tränen werden diese Flecken abwaschen,&laquo; bemerkte ich mit
+vielsagender Betonung.</p>
+
+<p>&raquo;Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,&laquo; entgegnete
+sie, wandte sich zum Kamin und warf die Blume in die
+ersterbende Flamme.</p>
+
+<p>&raquo;Feuer versengt noch besser als Tränen,&laquo; rief sie mit einer
+gewissen Entschlossenheit, &#8211; und ihre schönen Augen, in
+<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+denen die Tränen noch schimmerten, strahlten in mutvollem
+und beglücktem Lächeln.</p>
+
+<p>Da wußte ich, daß auch sie versengt war.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Letztes_Wiedersehen" id="Letztes_Wiedersehen"></a>
+Letztes Wiedersehen</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">W</span>ir waren einst Freunde, enge, treue Freunde&nbsp;...
+Doch es kam ein verhängnisvoller Augenblick &#8211;
+und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.</p>
+
+<p>Viele Jahre vergingen&nbsp;... Da kam ich eines Tages auf
+der Durchreise in die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr,
+daß er hoffnungslos darniederliege und mich wiederzusehen
+wünsche.</p>
+
+<p>Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer&nbsp;... unsere Blicke
+begegneten sich.</p>
+
+<p>Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das
+Leiden ihn entstellt!</p>
+
+<p>Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem,
+ergrautem Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten
+Hemde da&nbsp;... Er vermochte den Druck selbst
+des leichtesten Gewandes nicht mehr zu ertragen. Hastig
+streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam abgenagte
+Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche
+Worte hervor &#8211; ob es ein Gruß, ob es ein
+Vorwurf war &#8211; wer mag es wissen? Seine entkräftete
+Brust geriet in krampfhafte Bewegung &#8211; und über die
+verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten
+zwei kümmerliche, leidensschwere Tränenperlen.</p>
+
+<p>Mir blutete das Herz&nbsp;... Ich setzte mich neben ihn auf
+einen Stuhl und reichte ihm, während ich unwillkürlich
+<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+den Blick vor dieser furchtbaren Entstellung senken mußte,
+auch meinerseits die Hand.</p>
+
+<p>Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine
+Hand, die die meine umschlossen hielt.</p>
+
+<p>Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches
+Weib. Ein langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu
+Füßen ein. Ihre tiefliegenden, matten Augen schauen ins
+Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen Lippen.</p>
+
+<p>Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen&nbsp;... Sie
+versöhnte uns auf immer.</p>
+
+<p>Ja&nbsp;... der Tod hatte uns versöhnt&nbsp;...</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Ein_Besuch" id="Ein_Besuch"></a>Ein Besuch</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch saß am offenen Fenster&nbsp;... morgens, frühmorgens
+am ersten Mai.</p>
+
+<p>Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle,
+laue Nacht war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.</p>
+
+<p>Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich,
+alles lag noch in einfarbigem, stummem Schweigen&nbsp;...
+aber schon kündete sich das nahe Erwachen an, und in
+der morgenfrischen Luft schwamm feuchter, stärkender
+Taugeruch.</p>
+
+<p>Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren
+und Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.</p>
+
+<p>Ich fuhr zusammen und blickte empor&nbsp;... Es war kein
+Vogel, es war eine geflügelte, kleine, weibliche Gestalt,
+in einem schließenden, langen, schillernden Gewande.</p>
+
+<p>Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer;
+<span class='pagenum'>[38]</span>
+bloß die Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten
+Hauch einer erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen
+umschloß die flatternden Locken ihres rundlichen Köpfchens,
+und gleich Fühlern eines Schmetterlings wiegten
+sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer lieblichen gewölbten
+Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke
+umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten
+auch ihre großen, schwarzen, glänzenden Augen.</p>
+
+<p>Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges
+machte sie funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der
+Hand hielt sie eine langgestielte Steppenblume: &raquo;Kaiserzepter&laquo;
+nennt sie das russische Volk, &#8211; auch ähnelt sie wirklich
+einem Zepter.</p>
+
+<p>Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser
+Blume mein Haupt.</p>
+
+<p>Ich haschte nach ihr&nbsp;... Doch schon war sie zum Fenster
+hinausgeflattert &#8211; und fort war sie&nbsp;...</p>
+
+<p>Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches,
+rief ihr eine Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu
+&#8211; und in der Ferne, wo sie verschwand, begann der milchweiße
+Himmel sich langsam zu röten.</p>
+
+<p>Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte
+dich zu mir &#8211; du flogst davon zu den jungen Dichtern.</p>
+
+<p>O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur
+noch auf Augenblicke erscheint ihr in all eurem Glanze vor
+meiner Seele &#8211; frühmorgens bei Frühlings Erwachen!</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+<a name="Necessitas_Vis_Libertas" id="Necessitas_Vis_Libertas"></a><i>
+<b>Necessitas &#8211; Vis &#8211; Libertas</b></i></h3>
+<p class="subchapter">Ein Basrelief</p>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>ine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz
+und unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen
+Schritten und stößt mit ihrer stockdürren Hand ein anderes
+Weib vor sich her.</p>
+
+<p>Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit
+Muskeln gleich einem Herkules, aber einem winzigen
+Köpfchen auf einem Stiernacken, &#8211; ist blind &#8211; und stößt
+ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor sich hin.</p>
+
+<p>Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich,
+versucht sich umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände
+empor; ihr lebensvolles Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld
+und Entschlossenheit&nbsp;... Sie möchte nicht willenlos
+gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen wird&nbsp;...
+und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.</p>
+
+<p><i>Necessitas &#8211; Vis &#8211; Libertas.</i></p>
+
+<p>Wer Lust hat &#8211; mag es übersetzen.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Das_Almosen" id="Das_Almosen"></a>Das Almosen</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>n der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten
+Fahrwege, ging ein alter, kranker Mann.</p>
+
+<p>Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und
+stolpernd tappten seine abgemagerten Füße nur schwerfällig
+und matt vorwärts, als ob sie einem fremden Willen
+gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen
+Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab&nbsp;... Ihn
+verließen die Kräfte.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[40]</span>
+Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber,
+stützte sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden
+Händen sein Antlitz, und zwischen seinen gekrümmten
+Fingern hervor quollen Tränen und tropften in den
+trockenen grauen Staub.</p>
+
+<p>Er dachte vergangener Zeiten&nbsp;...</p>
+
+<p>Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen
+&#8211; und wie er dann seine Gesundheit verlor &#8211; und
+seinen Reichtum an andere verschwendete, an gute und
+schlechte Freunde&nbsp;... Und nun, nun hatte er nicht einmal
+ein Stückchen Brot &#8211; alle hatten ihn verlassen, die Freunde
+noch früher als die Feinde&nbsp;... Sollte er sich nun wirklich
+so weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln?
+Und Bitterkeit zog in sein Herz, und Scham. Seine
+Tränen aber rannen und rannen und tropften in den
+grauen Staub.</p>
+
+<p>Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen
+rief: er richtete sein müdes Haupt empor &#8211; und erblickte
+vor sich einen Unbekannten.</p>
+
+<p>Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges
+Antlitz; die Augen nicht strahlend, aber klar; der Blick
+durchdringend, aber ohne Falsch.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast deinen Reichtum verschenkt,&laquo; ließ sich eine sanfte
+Stimme vernehmen&nbsp;... &raquo;Gereut es dich nicht, wohltätig
+gewesen zu sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gereut mich nicht,&laquo; antwortete der Greis mit einem
+Seufzer, &raquo;wenn ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte,
+welche dir ihre Hände hinstreckten,&laquo; fuhr der Unbekannte
+fort, &raquo;wenn niemand der Wohltaten bedürftig gewesen
+wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig sein können?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+Der Greis gab keine Antwort &#8211; und verfiel in Nachdenken.</p>
+
+<p>&raquo;So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,&laquo;
+hub der Unbekannte wieder an, &raquo;mach dich auf, strecke
+deine Hand aus, gib auch du jetzt anderen guten Menschen
+Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen, daß sie gut sind.&laquo;</p>
+
+<p>Der Greis fuhr auf und blickte umher&nbsp;... doch der
+Unbekannte war schon verschwunden; &#8211; in der Ferne aber
+erschien auf dem Wege ein Wandrer.</p>
+
+<p>Der Greis trat auf ihn zu &#8211; und streckte seine Hand
+aus. &#8211; Dieser Wandrer aber wandte sich mit mürrischem
+Blicke ab und gab ihm nichts.</p>
+
+<p>Nach ihm kam aber ein zweiter &#8211; und der gab dem
+Greis ein kleines Almosen.</p>
+
+<p>Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen
+Groschen &#8211; und süß schmeckte ihm der erbettelte Bissen
+&#8211; und keine Scham quälte mehr sein Herz &#8211; im Gegenteil:
+eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Das_Insekt" id="Das_Insekt"></a>Das Insekt</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">M</span>ir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem
+großen Zimmer mit offenen Fenstern.</p>
+
+<p>Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise&nbsp;...</p>
+
+<p>Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und
+sprachen laut durcheinander.</p>
+
+<p>Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll
+Länge mit scharfem Summen ins Zimmer&nbsp;... flog
+herein, zog im Kreise umher und setzte sich dann an die
+Wand.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[42]</span>
+Es glich einer Fliege oder Wespe. &#8211; Der Leib war von
+schmutzigbrauner Farbe, ebenso die flachen harten Flügel;
+die gespreizten Füßchen borstig und der Kopf eckig und
+groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und diese
+Füßchen &#8211; waren leuchtend rot wie Blut.</p>
+
+<p>Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach
+unten und oben, nach rechts und links, bewegte die Füßchen&nbsp;...
+dann plötzlich flog es von der Wand ab, flog
+summend durchs Zimmer &#8211; setzte sich von neuem und
+machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen,
+ohne sich von der Stelle zu rühren.</p>
+
+<p>In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar
+Furcht&nbsp;... Niemand von uns hatte bisher etwas Ähnliches
+gesehen, alle schrien: &raquo;Jagt doch dies Ungeziefer
+hinaus!&laquo; &#8211; alle schwenkten von weitem ihre Taschentücher&nbsp;...
+aber keiner wagte heranzukommen&nbsp;... und
+sooft das Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.</p>
+
+<p>Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender
+Mann, blickte auf uns übrige mit unverhohlenem
+Erstaunen. &#8211; Er zuckte die Achseln, lächelte und konnte
+durchaus nicht begreifen, was mit uns vorging und weshalb
+wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt
+kein Insekt wahrnehmen &#8211; hörte nicht das unheimliche
+Schwirren seiner Flügel.</p>
+
+<p>Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog
+auf, preßte sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über
+den Augen in die Stirn&nbsp;... Der junge Mann stieß einen
+schwachen Schrei aus &#8211; und brach tot zusammen.</p>
+
+<p>Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus&nbsp;...
+Da erst errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+<a name="Die_Kohlsuppe" id="Die_Kohlsuppe"></a>Die Kohlsuppe</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>iner alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger
+Sohn gestorben, der beste Arbeiter im Dorfe. Die
+Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes, hörte vom
+Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der
+Beerdigung auf, um sie zu besuchen.</p>
+
+<p>Sie fand sie zu Hause.</p>
+
+<p>Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie
+mit langsamer, mechanischer Bewegung mit der rechten
+Hand (die linke hing schlaff herab) dünne Kohlsuppe aus
+einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte einen Löffel
+nach dem andern davon hinunter.</p>
+
+<p>Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die
+Augen rot und verschwollen&nbsp;... aber sie hielt sich gerade
+und aufrecht, wie in der Kirche.</p>
+
+<p>Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in
+solchem Augenblick bekommt die es fertig zu essen&nbsp;... was
+haben doch all diese Leute für ein rohes Gefühl!</p>
+
+<p>Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst
+vor einigen Jahren nach dem Verlust eines neun Monate
+alten Töchterchens vor lauter Kummer darauf verzichtet
+hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von Petersburg
+zu mieten &#8211; und den ganzen Sommer in der Stadt
+zugebracht hatte! &#8211; Die Alte dagegen löffelte weiter an
+ihrer Kohlsuppe.</p>
+
+<p>Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. &#8211; &raquo;Tatjana!&laquo;
+rief sie aus&nbsp;... &raquo;Das ist unerhört! &#8211; Ich fasse
+es nicht! Hast du denn deinen Sohn gar nicht geliebt?
+Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren? &#8211; Wie
+kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+&raquo;Mein Wassja ist tot,&laquo; erwiderte leise die Alte &#8211; und
+von neuem rollten bittere Tränen über ihre eingefallenen
+Wangen. &raquo;Nun ist es auch mit mir bald zu Ende: bei
+lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen.
+Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen
+lassen: sie ist ja gesalzen.&laquo;</p>
+
+<p>Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte
+sich. Für sie war das Salz billig.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Die_Gefilde_der_Seligen" id="Die_Gefilde_der_Seligen">
+</a>Die Gefilde der Seligen</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">O</span> Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue,
+des Lichtes, der Jugend und des Glücks! Ich habe
+euch geschaut&nbsp;... im Traume.</p>
+
+<p>Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten
+Nachen. Einer Schwanenbrust gleich schwoll das weiße
+Segel unter den spielenden Wimpeln.</p>
+
+<p>Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich
+fühlte mit ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh
+und glücklich seien wie ich!</p>
+
+<p>Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses,
+azurblaues Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit
+goldigen Schuppen bedeckt war &#8211; und zu Häupten ein
+gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, &#8211; und darüberhin
+zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche,
+heitere Sonne.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes,
+fröhliches Lachen &#8211; wie das Lachen der Götter!</p>
+
+<p>Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte,
+Verse von wunderbarer Schönheit und begeisternder Kraft&nbsp;...
+<span class='pagenum'>[45]</span>
+ es schien, als ob der Himmel selber deren Echo widerhalle
+und rings das Meer mitempfindend erzittere&nbsp;...
+Und dann wieder herrschte selige Stille.</p>
+
+<p>Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen
+rasch dahin. Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere
+eigenen freudig pochenden Herzen. Wohin wir begehrten,
+dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre er beseelt.</p>
+
+<p>Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer
+von kostbaren Edelsteinen, Rubinen und Smaragden,
+zogen an uns vorüber. Aus den sanft geschwungenen
+Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser
+Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer
+Rosen und Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet
+regenbogenfarbige, langgefiederte Vögel empor. Und die
+Vögel kreisten hoch über uns, die Maiglöckchen und Rosen
+zertauten in den Schaumperlen, die längs der glatten
+Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich
+mit den Blumen und den Vögeln schwebten süße, süße Töne
+herüber&nbsp;... Mädchenstimmen schienen darein verwoben&nbsp;...
+Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, das
+Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der
+Strömung hinter dem Nachen &#8211; alles redete von Liebe,
+von seliger Liebe!</p>
+
+<p>Und sie, die ein jeder von Herzen liebte &#8211; sie war da&nbsp;...
+unsichtbar, doch nahe. Einen Augenblick nur &#8211; und ihre
+Augen erglänzen, es strahlt ihr Lächeln&nbsp;... Ihre Hand
+schließt sich in deine Hand und zieht dich mit sich in ein
+unverwelkliches Paradies!</p>
+
+<p>O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+<a name="Zwei_Reiche" id="Zwei_Reiche"></a>Zwei Reiche</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">W</span>enn man in meinem Beisein das Lob des reichen
+Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren
+Einkommens für Erziehung von Kindern, für
+Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet
+&#8211; dann erregt dies meinen Beifall und rührt mich.</p>
+
+<p>Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung
+doch die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu
+unterdrücken, welche eine kleine verwaiste Nichte unter ihr
+elendes Dach aufnahm.</p>
+
+<p>&raquo;Nehmen wir Katja zu uns,&laquo; meinte die alte Frau, &raquo;dann
+geht unser letzter Groschen drauf &#8211; dann langts nicht mehr
+zum Salz für die Suppe&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun&nbsp;... dann essen wir sie eben ungesalzen,&laquo; gab ihr
+der Bauer, ihr Mann, zur Antwort.</p>
+
+<p>Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Der_Greis" id="Der_Greis"></a>Der Greis</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">T</span>rübe, schwere Tage sind gekommen&nbsp;...</p>
+
+<p>Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und
+Finsternis des Alters. Alles, was du geliebt, woran du
+mit ganzem Herzen gehangen &#8211; welkt und schwindet dahin.
+Der Pfad senkt sich bergab.</p>
+
+<p>Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein,
+damit dienst du weder dir selbst, noch den anderen&nbsp;...
+Wohl wird das Laub auf dem verdorrenden, sich krümmenden
+Baume immer dürftiger und seltener, &#8211; aber grün ist
+auch dieses noch.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst,
+weile bei deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten
+auf dem Grunde deiner innersten Seele, wird dein vergangenes,
+dir allein zugängliches Leben in all seinem duftigen,
+immer noch frischen Grün und seiner quellenden
+Frühlingspracht vor dir erglänzen.</p>
+
+<p>Aber hüte dich&nbsp;... schaue nicht vor dich, armer Greis!</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Der_Berichterstatter" id="Der_Berichterstatter">
+</a>Der Berichterstatter</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">Z</span>wei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit
+einemmal erhebt sich auf der Straße ein großer
+Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige Verwünschungen
+und schadenfrohe Lachsalven.</p>
+
+<p>&raquo;Da prügeln sie jemand,&laquo; sagte einer der Freunde, indem
+er zum Fenster hinausblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?&laquo; fragte der
+andere. &raquo;Höre mal, wer es auch sein mag, wir dürfen
+solch willkürliches Rechtsverfahren nicht zulassen. Komm,
+wir wollen ihm beistehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Mörder ist&#8217;s aber nicht, den sie da prügeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich,
+komm, wir wollen ihn dem Pöbelhaufen entreißen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist auch kein Dieb.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer,
+ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein
+Advokat, ein gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher
+Wohltäter?... Gleichviel, komm und laß uns ihm
+helfen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weit gefehlt&nbsp;... sie prügeln einen Berichterstatter.&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+&raquo;Einen Berichterstatter? &#8211; Na, weißt du was: dann wollen
+wir erst ruhig unsern Tee austrinken.&laquo;</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Zwei_Bruder" id="Zwei_Bruder"></a>Zwei Brüder</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch hatte eine Vision&nbsp;...</p>
+
+<p>Es erschienen vor mir zwei Engel&nbsp;... zwei Genien.
+Ich sage: Engel&nbsp;... Genien &#8211; weil kein Gewand ihren
+nackten Körper verhüllte und beide an den Schultern
+mächtige, lange Flügel besaßen.</p>
+
+<p>Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen
+Wuchs, eine zarte Haut und schwarzlockiges Haar. Seine
+Augen waren braun, feurig und von dichten Wimpern beschattet;
+sein Blick einschmeichelnd, heiter und verlangend.
+Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem
+Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken
+spielte um die vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling
+lächelte, wie im Gefühl überlegener Macht &#8211; selbstbewußt
+und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz schmiegte
+sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die sammetgleichen
+Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell,
+von einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht
+von der rundlichen Schulter bis auf die schwellende Hüfte
+herab. Das Gefieder seiner Schwingen spielte in den
+Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend rot, gleich
+als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von
+Zeit zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von
+einem angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen
+eines Frühlingsregens.</p>
+
+<p>Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe.
+<span class='pagenum'>[49]</span>
+Bei jedem Atemzug wurden seine Rippen in leichten
+Umrissen sichtbar. Sein Haar war fahl, dünn und
+schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau&nbsp;... der
+unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge
+hatten etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete
+Mund wies Fischzähne auf; die Adlernase war schmal,
+das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum bedeckt.
+Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln
+geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses
+Antlitz! (Auch das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings
+&#8211; obwohl liebreizend und sanft &#8211; war ohne jeden
+Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten schlangen
+sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten
+Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand
+sich um seine Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau
+und glanzlos, bewegten sich langsam und drohend.</p>
+
+<p>Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu
+sein.</p>
+
+<p>Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche
+Hand des ersten ruhte wie eine Weintraube auf der
+mageren Achsel des anderen; die schmale Hand dieses
+anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern wie
+eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.</p>
+
+<p>Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:</p>
+
+<p>&raquo;Vor dir stehen Liebe und Hunger &#8211; zwei leibliche Brüder,
+die zwei Grundpfeiler allen Lebens.</p>
+
+<p>&raquo;Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt
+sich, um sich fortzupflanzen.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe und Hunger &#8211; ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken,
+damit das Leben nicht versiege &#8211; das eigene wie das
+fremde, &#8211; ja, das gesamte Leben.&laquo;</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Dem_Andenken_an_Fraulein" id="Dem_Andenken_an_Fraulein"></a>
+<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>
+Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja</h3>
+
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>m Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter
+dem Dach eines baufälligen Schuppens, der in notdürftiger
+Hast inmitten eines verwüsteten bulgarischen
+Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet worden war
+&#8211; erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie
+war völlig bewußtlos &#8211; und nicht ein einziger Arzt sah
+nach ihr; die kranken Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange
+sie sich auf den Füßen hatte halten können &#8211; erhoben
+sich der Reihe nach von ihrer verseuchten Lagerstatt, um
+in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen
+Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.</p>
+
+<p>Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr
+offen; selbst die höchsten Würdenträger wandten ihr ihre
+Aufmerksamkeit zu. Die Frauen beneideten sie, die
+Männer machten ihr den Hof&nbsp;... zwei oder drei von
+diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt.
+Das Leben lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das
+schlimmer ist als Tränen.</p>
+
+<p>Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte&nbsp;... dabei
+aber von einer Kraft, einer Opferfreudigkeit! &#8211; Den Bedrängten
+Hilfe zu leisten&nbsp;... ein anderes Glück kannte
+sie nicht&nbsp;... kannte sie nicht &#8211; und lernte sie nicht kennen.
+Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein
+hatte sie sich längst ergeben &#8211; und mit dem heiligen Feuer
+unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste
+ihrer Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie
+dort im geheimsten, tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte,
+<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+das hat niemand je gewußt &#8211; und kann jetzt freilich niemand
+mehr erfahren.</p>
+
+<p>Wozu auch? Das Opfer ist gebracht&nbsp;... das Werk ist
+vollendet.</p>
+
+<p>Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand
+wenigstens ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon
+sie selbst in edler Scham sich jeder Dankesbezeugung
+entzog.</p>
+
+<p>Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich
+dieses kleine, verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen
+wage!</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Der_Egoist" id="Der_Egoist"></a>Der Egoist</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>r besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel
+seiner Familie zu werden.</p>
+
+<p>Von klein auf gesund und reich &#8211; und gesund und reich
+sein ganzes langes Leben hindurch, beging er nie einen
+einzigen Fehltritt, verfiel nie in einen Irrtum, versprach
+und versah sich nicht ein einziges Mal.</p>
+
+<p>Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein
+seiner Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle
+seine Angehörigen, seine Freunde, seine Bekannten. Seine
+Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital&nbsp;... und er nahm
+Wucherzinsen davon.</p>
+
+<p>Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos
+zu sein und nie aus freien Stücken Gutes zu tun; &#8211;
+und darum war er erbarmungslos &#8211; und tat nie Gutes&nbsp;...
+denn das Gute auf Befehl &#8211; ist nicht das Gute.
+Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine
+eigene, so überaus musterhafte Person und war innerlich
+<span class='pagenum'>[52]</span>
+empört, wenn die anderen sich nicht ebenso eifrig um diese
+bekümmerten.</p>
+
+<p>Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten &#8211;
+und verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten
+und den Egoismus! &#8211; Das wäre auch! Fremder Egoismus
+behinderte ja seinen eigenen!</p>
+
+<p>Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt,
+begriff und duldete er solche auch nicht bei anderen.
+Er begriff überhaupt niemanden und nichts, denn überall,
+von allen Seiten, unten und oben, hinten und vorn war
+er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.</p>
+
+<p>Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst
+etwas zu vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß&nbsp;...
+Aus welchem Grunde sollte er dann den anderen vergeben?</p>
+
+<p>Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem
+Angesicht seiner eigenen Gottheit &#8211; da pflegte er, dieses
+Wunderwesen, dieser Ausbund von Tugend, die Augen
+gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer
+Stimme auszusprechen: &raquo;Ja, ich bin ein würdiger, ein
+moralischer Mensch!&laquo;</p>
+
+<p>Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen
+&#8211; und selbst dann wird nichts sich regen in seinem
+steinernen Herzen &#8211; in diesem Herzen ohne Makel und
+Fehl.</p>
+
+<p>O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen
+Tugend &#8211; schwerlich kannst du überboten werden
+von dem nackten Scheusal des Lasters!</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+<a name="Das_Fest_beim_hochsten_Wesen" id="Das_Fest_beim_hochsten_Wesen">
+</a>Das Fest beim höchsten Wesen</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>instmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen
+Himmelspalast ein Fest zu geben. Sämtliche
+Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. Aber
+nur die weiblichen&nbsp;... Herren waren nicht geladen&nbsp;...
+bloß Damen.</p>
+
+<p>Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden &#8211; die großen
+wie die kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig
+zuvorkommender und liebenswürdiger als die großen;
+doch schienen alle sehr befriedigt &#8211; und man unterhielt
+sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe Verwandte
+und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte
+das höchste Wesen zwei schöne Damen, die sich
+gegenseitig gar nicht zu kennen schienen.</p>
+
+<p>Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der
+Hand und führte sie zu der anderen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Wohltätigkeit!&laquo; sprach er, auf die erste deutend.
+&raquo;Die Dankbarkeit!&laquo; fügte er hinzu und wies auf die
+zweite. Beide Tugenden gerieten in sprachloses Erstaunen:
+seitdem die Welt besteht &#8211; und sie besteht schon
+ziemlich lange &#8211;, begegneten sie sich zum erstenmal.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Die_Sphinx" id="Die_Sphinx"></a>Die Sphinx</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">G</span>elblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender
+Sand&nbsp;... Sand ohne Ende, so weit das Auge
+reicht!</p>
+
+<p>Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten
+Staubes erhebt sich das gigantische Haupt einer ägyptischen
+Sphinx.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[54]</span>
+Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen,
+diese starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern &#8211; und
+diese Augen, diese länglichen, halb träumenden, halb
+wachen Augen unter dem Doppelbogen der hohen
+Brauen?</p>
+
+<p>Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar &#8211; doch
+nur ein Ödipus vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre
+stumme Sprache zu verstehen.</p>
+
+<p>Ha! Nun erkenne ich diese Züge&nbsp;... jetzt haben sie nichts
+Ägyptisches mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden
+Backenknochen, die kurze, gerade Nase, der
+hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche Schnurrbart
+nebst dem krausen Kinnbärtchen &#8211; und diese weit
+auseinanderstehenden kleinen Augen&nbsp;... dazu das Haar,
+wie eine Mütze den Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt&nbsp;...
+Ei, das bist du ja, Karp, Sidor, Semjon,
+du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein Landsmann,
+ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn
+unter die Sphinxe geraten?</p>
+
+<p>Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist
+freilich auch &#8211; eine Sphinx.</p>
+
+<p>Auch deine Augen &#8211; diese farblosen, aber tiefen Augen
+reden&nbsp;... Und auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.</p>
+
+<p>Wo aber ist dein Ödipus?</p>
+
+<p>O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider
+nicht ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische
+Sphinx!</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+<a name="Die_Nymphen" id="Die_Nymphen"></a>Die Nymphen</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten
+Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte
+sie vom Kamm bis zur Sohle.</p>
+
+<p>Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche
+Himmel; aus der Höhe sandte die Sonne ihre spielenden
+Strahlen herab; drunten, halb verborgen im Grase,
+murmelten flinke Bächlein.</p>
+
+<p>Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen
+Schiffe, das im ersten Jahrhundert nach Christi
+Geburt einst über das Ägäische Meer fuhr.</p>
+
+<p>Es war um die Mittagsstunde&nbsp;... In ruhiger Glätte
+lag die See. Da ertönte mit einem Male hoch über dem
+Haupte des Steuermanns eine vernehmliche Stimme:
+&raquo;Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann lasse laut
+den Ruf erschallen: &lsquo;Der große Pan ist tot!&rsquo;&laquo;</p>
+
+<p>Der Steuermann staunte&nbsp;... und erschrak. Als aber
+das Schiff an der Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und
+rief: &raquo;Der große Pan ist tot!&laquo;</p>
+
+<p>Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs
+des ganzen Ufers (obwohl die Insel unbewohnt war)
+schmerzliche Seufzer, Stöhnen und langgezogene Klagelaute:
+&raquo;Tot, tot! Der große Pan ist tot!&laquo;</p>
+
+<p>Diese Sage also war mir eingefallen&nbsp;... und da kam
+mir der sonderbare Gedanke: &raquo;Wie, wenn nun auch ich
+jetzt diesen Ruf erschallen ließe?&laquo;</p>
+
+<p>Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne
+widerstrebte es mir, an den Tod zu denken, und so
+rief ich denn mit aller Kraft: &raquo;Auferstanden, auferstanden
+ist der große Pan!&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[56]</span>
+Und sogleich, o Wunder! &#8211; erscholl als Antwort auf
+meinen Ruf längs des ganzen weiten Halbkreises grünender
+Berge ein fröhliches Lachen, ertönte freudiges
+Stimmengewirr und Händeklatschen. &raquo;Er ist auferstanden!
+Pan ist auferstanden!&laquo; riefen jugendliche Stimmen.
+&#8211; Plötzlich jubelte alles da drüben laut auf, heller als
+die Sonne in der Höhe und lustiger als das Spiel der
+Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch hurtiger,
+leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das
+Waldesgrün schimmerte das marmorne Weiß wollener
+Gewänder und die lebensfrische Röte nackter Körper&nbsp;...
+Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden, Bacchantinnen,
+die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen
+sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar
+fließt um die göttlichen Häupter, edelgeformte Hände
+schwingen Kränze und Tamburins &#8211; und Lachen, freudiges,
+olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran&nbsp;...
+Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer
+und schöner als alle anderen, &#8211; ein Köcher hängt von
+den Schultern herab, in der Hand trägt sie einen Bogen,
+auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine silberne
+Mondsichel&nbsp;...</p>
+
+<p>Diana &#8211; bist du es?</p>
+
+<p>Plötzlich aber macht die Göttin halt&nbsp;... und gleichzeitig
+hielt die ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das
+helle Lachen erstarb. Ich sah, wie sich das Antlitz der
+plötzlich verstummten Göttin mit einer tödlichen Blässe
+bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr
+Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre
+Augen, starr in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten&nbsp;...
+Was hatte sie gesehen? Wohin blickte sie?</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah&nbsp;...
+Am äußersten Saume des Himmels, hinter dem flachen
+Streif der Felder flammte wie ein feuriger Punkt das
+goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen
+Kirche&nbsp;... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter
+mir vernahm ich einen zitternden, langen Seufzer, dem
+Beben einer zerspringenden Saite gleich &#8211; und als ich
+mich wieder umwandte, waren die Nymphen spurlos verschwunden&nbsp;...
+Der weit ausgedehnte Wald grünte wie
+zuvor, und nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch,
+leuchtete auf und verschwand etwas Weißes.
+Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg Nebel
+vom Talgrund auf &#8211; ich weiß es nicht.</p>
+
+<p>Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der
+Göttinnen!</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Freund_und_Feind" id="Freund_und_Feind"></a>Freund und Feind</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">E</span>in zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus
+dem Gefängnis und stürzte in wilder Flucht einher.&nbsp;...
+Die Verfolger waren ihm auf den Fersen.</p>
+
+<p>Er rannte aus allen Kräften&nbsp;... Schon begannen die
+Verfolger nachzulassen.</p>
+
+<p>Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen
+Ufern &#8211; ein schmaler, aber tiefer Fluß&nbsp;... Und er kann
+nicht schwimmen!</p>
+
+<p>Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes
+Brett. Schon hatte der Flüchtling den Fuß
+darauf gesetzt&nbsp;... Der Zufall wollte nun, daß drüben am
+Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind
+standen.</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[58]</span>
+Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die
+Arme; der Freund dagegen schrie aus vollem Halse: &raquo;Um
+Gottes willen! Was tust du? Besinne dich, Wahnwitziger!
+Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig verfault
+ist?! &#8211; Es wird unter deiner Last brechen &#8211; und du kommst
+rettungslos um!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt aber doch keine andere Brücke&nbsp;... und hörst du
+nicht die Verfolger?&laquo; stöhnte verzweifelt der Unglückliche
+und betrat das Brett.</p>
+
+<p>&raquo;Das lasse ich nicht zu!&nbsp;... Nein, ich lasse nicht zu, daß
+du zugrunde gehst!&laquo; schrie der eifrige Freund und riß
+dem Fliehenden das Brett unter den Füßen weg. &#8211; Der
+stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab &#8211; und ertrank.</p>
+
+<p>Der Feind lachte befriedigt auf &#8211; und ging von dannen;
+der Freund aber setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen
+Tränen um seinen armen &#8211; armen Freund!</p>
+
+<p>Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen,
+das kam ihm gar nicht in den Sinn&nbsp;... nicht einen
+Augenblick.</p>
+
+<p>&raquo;Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!&laquo; schluchzte er
+trostlos.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn auch!&laquo; sagte er zum Schluß. &raquo;Er hätte ja
+doch sein ganzes Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten
+müssen! Wenigstens leidet er jetzt nicht mehr! Jetzt ist
+ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es so gewollt! &#8211;
+Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich betrachtet!&laquo;</p>
+
+<p>Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen
+um den unglückseligen Freund.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>
+<a name="Christus" id="Christus"></a>Christus</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in
+einer niedrigen Dorfkirche. &#8211; Die Flämmchen der
+dünnen Wachskerzen glühten wie kleine rote Punkte vor
+den alten Heiligenbildern.</p>
+
+<p>Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes
+einzelne Flämmchen. Es war düster und dämmerig in
+der Kirche&nbsp;... Vor mir aber standen eine Menge Leute.
+Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit zu Zeit
+neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich
+wieder gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche
+Wind wie eine sanfte Woge über sie hinstreicht. Mit
+einem Male kam jemand von hinten heran und trat neben
+mich.</p>
+
+<p>Ich wandte mich nicht nach ihm um &#8211; aber ich fühlte sofort:
+dieser Mensch ist &#8211; Christus.</p>
+
+<p>Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im
+selben Augenblick. Ich nahm mich zusammen&nbsp;... und sah
+meinen Nachbar an.</p>
+
+<p>Ein Gesicht wie das aller anderen &#8211; ein Gesicht, das allen
+Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig
+aufwärts, andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen,
+aber nicht zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam
+auf der unteren; der kurze Bart ist in der Mitte geteilt.
+Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch die Kleidung
+ist dieselbe wie bei allen übrigen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kann das Christus sein!&laquo; dachte ich bei mir. &raquo;Solch
+einfacher, einfacher Mensch! Es ist unmöglich!&laquo;</p>
+
+<p>Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von
+diesem einfachen Menschen abgewandt, als mich wiederum
+<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+das Gefühl überkam, als stünde wirklich Christus an
+meiner Seite.</p>
+
+<p>Noch einmal nahm ich mich zusammen&nbsp;... Und wieder
+erblickte ich dasselbe Antlitz, das allen Menschengesichtern
+gleicht, dieselben alltäglichen, wenn auch unbekannten
+Züge.</p>
+
+<p>Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz &#8211; und ich
+kam zu mir. Nun begriff ich erst, daß gerade solch ein
+Antlitz &#8211; ein Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht
+&#8211; Christi Antlitz sei.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Der_Stein" id="Der_Stein"></a>Der Stein</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">S</span>aht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten
+grauen Stein, wenn an einem sonnigen Frühlingstage
+zur Flutzeit von allen Seiten die frischen Wellen
+gegen ihn anschlagen &#8211; anschlagen, ihn umspielen, umschmeicheln
+&#8211; und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen
+glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein
+bleibt wohl derselbe Stein &#8211; aber auf seiner Oberfläche
+erscheinen leuchtende Farben.</p>
+
+<p>Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene
+Granit eben erst zu erstarren begann und noch ganz in
+feurigen Farben glühte.</p>
+
+<p>So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten
+von jungen Frauenseelen bestürmt &#8211; und unter ihrer liebkosenden
+Berührung röteten sich seine seit langem verblaßten
+Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!</p>
+
+<p>Die Wellen sind wieder zurückgeströmt&nbsp;... die Farben
+aber sind noch nicht verblichen &#8211; mag auch scharfer Wind
+sie trocknen.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+<a name="Die_Tauben" id="Die_Tauben"></a>Die Tauben</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels;
+vor mir breitete sich schimmernd wie ein Meer von
+Gold und Silber ein reifes Roggenfeld aus. Keine
+Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos
+war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.</p>
+
+<p>Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe;
+aber dort, hinter dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern,
+lastete eine schwarzblaue Wolkenwand wie eine gewaltige
+Masse auf dem ganzen Halbkreise des Horizontes.</p>
+
+<p>Alles war verstummt&nbsp;... alles war erstorben unter der
+unheildrohenden Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht
+ein einziger Vogel war zu hören und zu sehen; sogar die
+Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe irgendwo
+raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.</p>
+
+<p>Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute
+auf die blaue Wolkenmasse&nbsp;... und unruhige Erregung
+bemächtigte sich meiner. Nur schnell, schnell! dachte ich
+bei mir, blitze, du goldene Schlange, grolle, Donner! rege
+dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende Wolke, und
+löse diese beklemmende Dumpfheit!</p>
+
+<p>Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie
+auf der schweigenden Erde&nbsp;... und nur noch mächtiger
+ballte und verfinsterte sie sich.</p>
+
+<p>Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau
+ein schimmerndes Etwas in gleichmäßiger, schwimmender
+Bewegung; man konnte auf ein weißes Tüchlein raten
+oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube,
+die vom Dorfe herübergeflogen kam.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus&nbsp;... und verschwand
+hinterm Walde.</p>
+
+<p>Einige Augenblicke vergingen &#8211; immer noch herrschte dieselbe
+furchtbare Stille&nbsp;... Doch sieh! Jetzt schimmern
+zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken schweben zurück: in gleichmäßigem
+Fluge flattern zwei weiße Tauben heimwärts.</p>
+
+<p>Und jetzt, endlich, brach der Sturm los &#8211; und der wilde
+Tanz begann!</p>
+
+<p>Mit genauer Not erreichte ich das Haus. &#8211; Der Wind
+heult und tobt wie ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen
+jagen die fahlroten, niederhängenden Wolken dahin, alles
+dreht sich wirbelnd, stiebt durcheinander, wie eine senkrechte
+Säule peitscht und stürzt wütender Platzregen herab,
+die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie Kanonenschüsse
+krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es
+riecht nach Schwefel&nbsp;... Aber unter dem vorspringenden
+Giebel, hart am Rande des Bodenfensters, sitzen dicht
+beisammen zwei Tauben &#8211; jene, welche nach ihrer Gefährtin
+ausgeflogen war &#8211; und die, welche sie heimgebracht
+und dadurch vielleicht gerettet hatte.</p>
+
+<p>Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt &#8211;
+und schmiegen sich Fittich an Fittich&nbsp;...</p>
+
+<p>Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so
+betrachte&nbsp;... Obgleich ich ganz allein bin&nbsp;... allein wie
+immer.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Morgen_Morgen" id="Morgen_Morgen"></a>Morgen! Morgen!</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">W</span>ie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder
+durchlebte Tag! Wie geringfügig die Spuren, die
+er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf verrannen all die
+Stunden, eine nach der anderen!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn
+dünkt das Leben ein Schatz, all seine Hoffnungen baut
+er darauf, er baut sie auf sich selbst, auf die Zukunft&nbsp;...
+O, wieviel Glück erwartet er von der Zukunft!</p>
+
+<p>Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen
+Tage dem ebenverflossenen nicht gleichen würden?</p>
+
+<p>Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das
+Grübeln überhaupt zuwider &#8211; und er tut wohl daran.</p>
+
+<p>&raquo;Ei, morgen, morgen!&laquo; &#8211; damit tröstet er sich, &#8211; so lange,
+bis ihn dieses Morgen ins Grab senkt.</p>
+
+<p>Nun &#8211; und liegst du erst einmal im Grabe &#8211; dann hat
+dein Grübeln ganz von selbst ein Ende.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Die_Natur" id="Die_Natur"></a>Die Natur</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">M</span>ir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen
+Saal mit hohen Gewölben. Ein gewisses ebenso
+unterirdisches, gleichmäßiges Licht erfüllte den ganzen
+Raum.</p>
+
+<p>Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem
+faltenreichen grünen Gewande. Das Haupt auf die Hand
+gestützt, schien sie in tiefes Nachdenken versunken.</p>
+
+<p>Ich begriff sofort, daß dieses Weib &#8211; die Natur selbst
+war, &#8211; und wie plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer
+der Ehrfurcht durch meine Seele.</p>
+
+<p>Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich
+ehrerbietig: &raquo;O du unser aller gemeinsame Mutter!&laquo; rief
+ich aus. &raquo;Worüber sinnst du nach? Gelten deine Gedanken
+dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder
+der Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und
+Glückseligkeit gelangen könne?&laquo;</p>
+
+<p><span class='pagenum'>[64]</span>
+Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen
+auf mich. Ihre Lippen bewegten sich &#8211; und machtvoll
+erklang eine Stimme wie das Dröhnen des Eisens:</p>
+
+<p>&raquo;Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs
+eine größere Kraft gegeben werden könne, damit er sich
+besser vor seinen Feinden zu retten vermöchte. Das
+Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist gestört&nbsp;...
+Es muß wiederhergestellt werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie?&laquo; entgegnete ich stammelnd. &raquo;Daran denkst du?
+Sind denn aber nicht wir &#8211; wir Menschen, deine Lieblingskinder?&laquo;</p>
+
+<p>Das Weib runzelte leicht die Brauen: &raquo;Alle Geschöpfe
+sind meine Kinder,&laquo; sprach sie; &raquo;ich sorge für sie alle
+ohne Unterschied &#8211; und ohne Unterschied vernichte ich sie
+alle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Güte&nbsp;... Vernunft&nbsp;... Gerechtigkeit&nbsp;...&laquo; stammelte
+ich wiederum.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind Menschenworte,&laquo; dröhnte die eherne Stimme.
+&raquo;Ich kenne weder Gut noch Böse&nbsp;... Vernunft ist mir
+nicht Gesetz &#8211; und was ist Gerechtigkeit? &#8211; Ich gab dir
+das Leben &#8211; ich werde es dir wieder nehmen und anderen
+Wesen geben, Würmern oder Menschen&nbsp;... mir ist es
+einerlei&nbsp;... Du aber wehre dich einstweilen &#8211; und laß
+mich in Ruhe!&laquo;</p>
+
+<p>Ich wollte noch etwas erwidern&nbsp;... doch da begann rings
+die Erde dumpf zu stöhnen und zu beben &#8211; und ich erwachte.</p>
+</div>
+
+<h3><span class='pagenum'><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+<a name="Hangt_ihn" id="Hangt_ihn"></a>Hängt ihn!</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p>&raquo;<span class="bigletter">D</span>as geschah im Jahre 1803,&laquo; begann mein alter
+Bekannter, &raquo;kurz vor Austerlitz. Das Regiment,
+in welchem ich als Offizier stand, hatte in Mähren Quartiere
+bezogen.</p>
+
+<p>Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen
+und zu drangsalieren; sahen uns die Leute doch
+ohnehin mit scheelen Augen an, obgleich wir zu ihren
+Bundesgenossen zählten.</p>
+
+<p>Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen
+meiner Mutter, namens Jegor. Er war ein ehrlicher,
+stiller Mensch; ich kannte ihn von klein auf und behandelte
+ihn wie einen Freund.</p>
+
+<p>Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in
+dem ich wohnte, lautes Gezänke und Wehklagen: der
+Wirtin waren zwei Hühner gestohlen worden, und sie bezichtigte
+meinen Burschen dieses Diebstahls. Er beteuerte
+seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an&nbsp;... &lsquo;Er
+und stehlen, er, Jegor Awtamanow!&rsquo; Ich suchte die
+Wirtin von Jegors Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie
+blieb taub gegen alles.</p>
+
+<p>Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße
+herauf: der Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit
+seinem Stabe vorüber.</p>
+
+<p>Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem
+Kopfe und Epauletten, die bis auf die Brust
+herabhingen.</p>
+
+<p>Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt &#8211; als sie sich seinem
+Pferde entgegenwarf, auf die Knie fiel &#8211; und ganz
+außer sich, mit fliegenden Haaren, meinen Burschen laut
+<span class='pagenum'>[66]</span>
+anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand auf ihn
+deutete.</p>
+
+<p>&lsquo;Herr General!&rsquo; schrie sie, &lsquo;Eure Hoheit! Richten Sie!
+Helfen Sie! Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!&rsquo;
+Jegor stand auf der Türschwelle, kerzengerade,
+die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust herausgedrückt
+und die Hacken aneinandergenommen wie eine
+Schildwache &#8211; und gab nicht einen Laut von sich! Mag
+sein, daß ihn der Anblick dieser ganzen, mitten auf der
+Straße haltenden Generalität aus der Fassung brachte,
+daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils
+zu Stein erstarrte &#8211; mein armer Jegor stand bloß
+da und blinzelte mit den Augen, im Gesicht aber fahl wie
+Tonerde.</p>
+
+<p>Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren
+Blick auf ihn und brummte zornig: &lsquo;Nun?&rsquo;&nbsp;... Jegor
+steht da wie eine Bildsäule und zeigt grinsend seine Zähne!
+Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können, der Kerl
+lache.</p>
+
+<p>Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: &lsquo;Hängt
+ihn!&rsquo; gab seinem Pferde die Sporen und ritt weiter &#8211;
+zuerst wieder im Schritt &#8211; dann in scharfem Trabe.
+Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein einzelner
+Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor
+einen flüchtigen Blick zu.</p>
+
+<p>Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich&nbsp;... Jegor
+wurde sofort festgenommen und zur Exekution abgeführt.
+Da brach er völlig zusammen &#8211; und rief mit erstickter
+Stimme nur ein paarmal: &lsquo;Mein Gott! Mein Gott!&rsquo; &#8211;
+dann halblaut: &lsquo;Gott droben weiß es, ich wars nicht!&rsquo;
+Bitterlich weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich
+<span class='pagenum'><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+war in Verzweiflung. &lsquo;Jegor! Jegor!&rsquo; schrie ich, &lsquo;warum
+hast du denn bloß dem General nicht geantwortet?&rsquo; &lsquo;Gott
+droben weiß es, ich wars nicht,&rsquo; wiederholte der Ärmste
+schluchzend. &#8211; Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch
+fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten,
+und nun fing auch sie zu heulen an! Alle und
+jeden flehte sie um Schonung an, versicherte, daß sich
+ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei, alles aufzuklären&nbsp;...</p>
+
+<p>Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im
+Kriege, mein lieber Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin!
+Die Wirtin heulte immer lauter und lauter. Als
+ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und
+das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir:
+&lsquo;Sagen Sie ihr, Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht
+so grämen&nbsp;... Ich habe ihr ja schon verziehen.&rsquo;&laquo;</p>
+
+<p>Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen
+wiederholt hatte, flüsterte er leise: &raquo;Jegoruschka, mein
+Täubchen, du brave Seele!&laquo; &#8211; und dabei rannen ihm
+die Tränen über die gefurchten Wangen.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Was_ich" id="Was_ich"></a>Was ich wohl denken werde&nbsp;...</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">W</span>as ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da
+die Sterbestunde schlägt &#8211; wenn ich dann überhaupt
+noch werde denken können?</p>
+
+<p>Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt
+habe, wie ich es verschlief, verträumte, seine
+Gaben nicht zu genießen verstand?</p>
+
+<p>&raquo;Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich!
+<span class='pagenum'><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+Ich habe ja doch noch nichts leisten können&nbsp;... Ich
+wollte ja eben erst an die Arbeit gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen
+wenigen köstlich durchlebten Augenblicken verweilen, bei
+teuren Bildern und Gestalten?</p>
+
+<p>Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach
+werden &#8211; und wird meine Seele von dem brennenden
+Schmerz verspäteter Reue gequält werden? Werde ich
+daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet&nbsp;...
+und wartet dort überhaupt etwas meiner?</p>
+
+<p>Nein&nbsp;... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht
+zu denken &#8211; und mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen
+Lappalien abgeben, bloß um meine Aufmerksamkeit
+von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor
+mir auftut, abzulenken.</p>
+
+<p>Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß
+man ihm keine Nüsse zu essen geben wolle&nbsp;... und nur
+dort, in der Tiefe seiner verlöschenden Augen zuckte und
+zitterte etwas wie die gebrochene Schwinge eines zu
+Tode verwundeten Vogels.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Wie_Frisch_und_duftig" id="Wie_Frisch_und_duftig"></a>
+Wie frisch und duftig waren doch die Rosen&nbsp;...</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">V</span>or langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein
+Gedicht. Ich vergaß es bald wieder&nbsp;... die erste
+Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:</p>
+
+<p>&raquo;Wie frisch und duftig waren doch die Rosen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick
+bereift; im dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht.
+<span class='pagenum'>[69]</span>
+Ich sitze da, in einen Winkel gedrückt; in meinem Kopfe
+aber klingt es und klingt immerzu:</p>
+
+<p>&raquo;Wie frisch und duftig waren doch die Rosen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen
+Landhauses stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend
+und wandelt sich zur Nacht, die laue Luft duftet nach
+Reseda und Lindenblüten; &#8211; am Fenster aber sitzt, mit
+geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt,
+ein Mädchen &#8211; und blickt schweigend und unverwandt
+zum Himmel auf, wie um das Aufleuchten der
+ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig andachtsvoll
+sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese
+fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im
+Erblühen begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust,
+wie rein und zart sind die Züge dieses jugendlichen Antlitzes!
+Kein Wörtchen wage ich an sie zu richten, aber
+wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!</p>
+
+<p>&raquo;Wie frisch und duftig waren doch die Rosen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer&nbsp;... Das
+herabgebrannte Licht knistert, flüchtige Schatten schwanken
+an der niedrigen Decke, draußen heult und knirscht der
+Frost um die Mauer &#8211; und mir ist, als vernähme ich
+grämliches, greisenhaftes Geflüster&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Wie frisch und duftig waren doch die Rosen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Andere Bilder steigen vor mir auf&nbsp;... Ich höre den
+fröhlichen Lärm ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen,
+eins an das andere geschmiegt, schauen mich
+mit ihren hellen Äuglein munter an, die frischroten
+Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben
+sich innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen
+lebhaft durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde
+<span class='pagenum'><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+des traulichen Zimmers, gleiten andere, ebenso
+jugendliche Hände mit behenden Fingern über die Tasten
+eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer
+vermag das Summen des patriarchalischen Samowars
+nicht zu übertönen&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Wie frisch und duftig waren doch die Rosen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Das Licht wird trübe und verlischt&nbsp;... Wer hustet da so
+heiser und matt? Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert,
+in unruhigem Schlafe mein alter Hund, mein
+einziger Gefährte&nbsp;... Mich friert&nbsp;... Eisig durchbebt
+es mich&nbsp;... und sie alle starben&nbsp;... starben dahin&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Wie frisch und duftig waren doch die Rosen&nbsp;...&laquo;</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Eine_Seefahrt" id="Eine_Seefahrt"></a>Eine Seefahrt</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg
+nach London. Wir waren unser zwei Passagiere:
+ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der Gattung
+der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem
+englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.</p>
+
+<p>Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank
+auf dem Deck angebunden, zerrte daran und piepte kläglich
+wie ein Vogel.</p>
+
+<p>Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir
+sein schwarzes, kaltes Händchen hin und richtete seine
+traurigen, beinahe menschlichen Augen auf mich. &#8211; Ich
+erfaßte seine Hand &#8211; und da hörte es auf zu piepen und
+zu zerren.</p>
+
+<p>Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich
+das Meer wie ein unbewegliches, bleigraues, glattes
+<span class='pagenum'>[71]</span>
+Tafeltuch aus. Nur wenig war davon sichtbar; ein Nebel
+lag darüber, so dicht, daß er die äußersten Mastspitzen
+verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier
+stumpf und müde machte. Die Sonne hing wie eine
+trübrote Scheibe in diesem Dunst; gegen Abend aber
+flammte sie auf und glühte in einem geheimnisvollen,
+seltsamen Rot.</p>
+
+<p>Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe
+vergleichbar, glitten eine nach der anderen vom Bug des
+Schiffes abwärts, kräuselten sich und wurden immer
+breiter und breiter, glätteten sich endlich, wippten und
+verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den
+gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß
+und leise zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß
+dann hinten wieder zusammen und verschwand ebenfalls,
+vom Nebel verschlungen.</p>
+
+<p>Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des
+Affen bimmelte die kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab
+und zu tauchte ein Seehund auf &#8211; um gleich wieder kopfüber
+unter der leichtbewegten Wasserfläche zu verschwinden.
+Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem sonnenverbrannten,
+mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife
+und spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf
+all meine Fragen antwortete er nur mit einem kurzen
+Gebrumm; mir blieb also nichts übrig, als mich wieder
+meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden &#8211; dem
+Affen.</p>
+
+<p>Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern
+und streckte mir aufs neue seine Hand hin.</p>
+
+<p>Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige
+Nebel; und in gleiches, gedankenloses Brüten
+<span class='pagenum'><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+versunken saßen wir eins neben dem andern, wie zwei
+Verwandte.</p>
+
+<p>Jetzt lächele ich wohl darüber&nbsp;... damals aber empfand
+ich anders.</p>
+
+<p>Wir alle sind Kinder einer Mutter &#8211; und es tat mir
+wohl, daß das arme Tierchen sich so vertrauensvoll
+beruhigte und sich an mich schmiegte, wie an einen Verwandten.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="N_N" id="N_N"></a>N. N.</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">H</span>armonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs
+Leben, ohne Tränen und ohne Lächeln, kaum durch
+eine gleichgültige Anteilnahme belebt.</p>
+
+<p>Du bist gut und bist klug&nbsp;... und doch ist dir alles
+fremd &#8211; und du brauchst niemanden.</p>
+
+<p>Du bist schön &#8211; und doch vermag niemand zu sagen, ob
+du Wert auf deine Schönheit legst oder nicht. &#8211; Selbst
+bist du teilnahmlos &#8211; und verlangst keine Teilnahme.</p>
+
+<p>Dein Blick ist tief &#8211; und doch nicht gedankenvoll; leer
+ist es in dieser lichten Tiefe.</p>
+
+<p>So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen
+Klängen Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische
+Schatten.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Halt_inne" id="Halt_inne"></a>Halt inne!</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">H</span>alt inne! So wie ich dich jetzt sehe &#8211; so bleib für
+immer in meinem Gedächtnis!</p>
+
+<p>Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte
+Ton &#8211; deine Augen glänzen nicht und strahlen nicht&nbsp;&#8211;
+<span class='pagenum'><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>sie
+verdunkeln sich, überwältigt von Glück, vom seligen
+Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu verkünden,
+jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden,
+deine ermatteten Arme ausstreckst!</p>
+
+<p>Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt
+um deine ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines
+Gewandes?</p>
+
+<p>Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten
+Locken zurückgeweht?</p>
+
+<p>Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen
+Stirn. Da ist es &#8211; das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis
+der Poesie, des Lebens, der Liebe! Da ist sie,
+da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere Unsterblichkeit
+gibt es nicht &#8211; und braucht es nicht zu geben. &#8211; In diesem
+Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden &#8211; und
+dann bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein
+Kind&nbsp;... Doch was liegt dir daran! &#8211; In diesem Augenblick
+&#8211; standest du höher, standest über allem Vergänglichen
+und Zeitlichen. &#8211; Dieser <span class="gesperrt">dein</span> Augenblick bleibt
+unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an
+deiner Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz
+deiner Ewigkeit strahlen!</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Der_Monch" id="Der_Monch"></a>Der Mönch</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>ch kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen.
+Er lebte nur in der Wonne des Gebets &#8211;
+und in diesem seligen Rausche stand er so lange auf den
+kalten <ins class="correction" title="Original: Steinfließen">Steinfliesen</ins> der Kirche,
+bis ihm seine Füße unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten.
+Er fühlte sie nicht mehr, stand da &#8211; und betete.
+<span class='pagenum'><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span></p>
+<p>Ich verstand ihn &#8211; vielleicht beneidete ich ihn auch &#8211; aber
+auch er soll mich verstehen und mich nicht verurteilen &#8211;
+mich, dem seine Freuden unzugänglich sind.</p>
+
+<p>Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu
+vernichten; doch wenn ich auch nicht zu beten vermag,
+so ists doch nicht Eigenliebe, die mich davon abhält.</p>
+
+<p>Mein <span class="gesperrt">Ich</span> ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter,
+als ihm &#8211; das seine.</p>
+
+<p>Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können&nbsp;...
+aber auch ich finde ein solches, wenn auch kein dauerndes.
+Er lügt nicht&nbsp;... aber auch ich lüge ja nicht.</p>
+</div>
+
+
+
+<h3><a name="Noch_wollen_wir_kampfen" id="Noch_wollen_wir_kampfen">
+</a>Noch wollen wir kämpfen!</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">W</span>elch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen
+einen Menschen völlig umzustimmen!</p>
+
+<p>Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.</p>
+
+<p>Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit
+hatte sich meiner bemächtigt.</p>
+
+<p>Ich erhob den Kopf&nbsp;... Vor mir, zwischen zwei Reihen
+hoher Pappeln, lief der Weg schnurgerade in die Ferne.
+Und darüberhin, über ebendiesen Weg, etwa zehn Schritt
+vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt,
+hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so
+recht keck, vergnügt und unbesorgt!</p>
+
+<p>Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen
+Quersprüngen einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte
+so frech, gerade als schere er sich um keinen Teufel!
+Ein Held &#8211; Zoll für Zoll!</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der
+vielleicht gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.</p>
+
+<p>Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen &#8211; und
+augenblicklich waren die trüben Gedanken verflogen: ich
+fühlte wieder Mut, Widerstandskraft und Lebenslust.</p>
+
+<p>Mag doch auch über <span class="gesperrt">meinem</span> Haupte ein Habicht
+kreisen&nbsp;...</p>
+
+<p>&#8211; Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Das_Gebet" id="Das_Gebet"></a>Das Gebet</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">U</span>m was der Mensch auch immer beten mag &#8211; er
+betet um ein Wunder. Jedes Gebet läuft schließlich
+darauf hinaus: &raquo;Großer Gott, gib, daß zwei mal zwei
+&#8211; nicht vier sei.&laquo;</p>
+
+<p>Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht
+zu Angesicht. Zu einem Weltgeist, zum höchsten Wesen,
+zum Kantschen, Hegelschen abstrakten, wesenlosen Gotte
+beten &#8211; ist unmöglich und undenkbar. Aber kann denn
+ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich
+machen, daß zwei mal zwei &#8211; nicht vier sei?</p>
+
+<p>Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: &raquo;Ja, er
+kann es&laquo; &#8211; und ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung
+zu festigen.</p>
+
+<p>Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft
+auflehnt?</p>
+
+<p>Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: &raquo;Es gibt
+mehr Ding&#8217; im Himmel und auf Erden, Freund Horatio&nbsp;...&laquo; usw.</p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen
+&#8211; dann hat er bloß die berühmte Frage zu wiederholen:
+&raquo;Was ist Wahrheit?&laquo;</p>
+
+<p>Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein &#8211; und
+beten.</p>
+</div>
+
+<h3><a name="Die_russische_Sprache"
+id="Die_russische_Sprache"></a>Die russische Sprache</h3>
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="bigletter">I</span>n Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge
+um das Schicksal meines Heimatlandes &#8211; bist du
+allein mir Halt und Stütze, o du große, mächtige, wahrhaftige
+und freie russische Sprache! &#8211; Wenn du nicht
+wärst &#8211; müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles
+dessen, was sich daheim vollzieht? &#8211; Undenkbar aber ist
+es, daß eine solche Sprache nicht auch einem großen
+Volke sollte gegeben sein!</p>
+</div>
+
+<p class="extra" />
+
+<hr class="hr15" />
+
+
+<h2><span class="gesperrt"><a name="Inhalt_2" id="Inhalt_2"></a><a href="#Inhalt">Inhalt</a></span></h2>
+<table class="toc" summary="Inhalt">
+<tr><td><span class='pagenum'>[77]</span><a href="#Das_Dorf">Das Dorf</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_5">5</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Ein_Zwiegesprach">Ein Zwiegespräch</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_8">8</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Alte">Die Alte</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Hund">Der Hund</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_12">12</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Widersacher">Der Widersacher</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_12">12</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Bettler">Der Bettler</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_14">14</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Erfahren_wirst_du_noch">Erfahren wirst du noch, wie Toren richten</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_15">15</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Ein_Zufriedener">Ein Zufriedener</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_16">16</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Eine_Lebensregel">Eine Lebensregel</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_17">17</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Ende_der_Welt">Das Ende der Welt. Ein Traum</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_17">17</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Mascha">Mascha</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_20">20</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Dummkopf">Der Dummkopf</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_22">22</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Eine_Legende_des_Morgenlandes">Eine Legende des Morgenlandes</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_24">24</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Zwei_Vierzeiler">Zwei Vierzeiler</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_26">26</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Sperling">Der Sperling</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_30">30</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Totenschadel">Die Totenschädel</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_31">31</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Tagelohner_und_der_Weisshandige">
+Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_32">32</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Rose">Die Rose</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_34">34</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Letztes_Wiedersehen">Letztes Wiedersehen</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_36">36</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Ein_Besuch">Ein Besuch</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_37">37</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Necessitas_Vis_Libertas"><i>Necessitas &#8211; Vis &#8211; Libertas.</i>
+ Ein Basrelief</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_39">39</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Almosen">Das Almosen</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_39">39</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Insekt">Das Insekt</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_41">41</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Kohlsuppe">Die Kohlsuppe</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_43">43</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Gefilde_der_Seligen">Die Gefilde der Seligen</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_44">44</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Zwei_Reiche">Zwei Reiche</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_46">46</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Greis">Der Greis</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_46">46</a></td></tr>
+<tr><td><span class='pagenum'>[78]</span>
+<a href="#Der_Berichterstatter">Der Berichterstatter</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_47">47</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Zwei_Bruder">Zwei Brüder</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_48">48</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Dem_Andenken_an_Fraulein">Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_50">50</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Egoist">Der Egoist</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_51">51</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Fest_beim_hochsten_Wesen">Das Fest beim höchsten Wesen</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_53">53</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Sphinx">Die Sphinx</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_53">53</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Nymphen">Die Nymphen</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_55">55</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Freund_und_Feind">Freund und Feind</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_57">57</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Christus">Christus</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_59">59</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Stein">Der Stein</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_60">60</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Tauben">Die Tauben</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_61">61</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Morgen_Morgen">Morgen! Morgen!</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_62">62</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_Natur">Die Natur</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_63">63</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Hangt_ihn">Hängt ihn!</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_65">65</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Was_ich">Was ich wohl denken werde</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_67">67</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Wie_Frisch_und_duftig">Wie frisch und duftig waren doch die Rosen</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_68">68</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Eine_Seefahrt">Eine Seefahrt</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_70">70</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#N_N">N. N.</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_72">72</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Halt_inne">Halt inne!</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_72">72</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Monch">Der Mönch</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_73">73</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Noch_wollen_wir_kampfen">Noch wollen wir kämpfen!</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_74">74</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Das_Gebet">Das Gebet</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_75">75</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Die_russische_Sprache">Die russische Sprache</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_76">76</a> <span class='pagenum'><a href="#Inhalt">nach oben</a></span></td></tr>
+</table>
+
+
+<p><span class='pagenum'>[79]</span></p>
+
+<div class="publisher">
+<hr class="hr15" />
+Druck von Bernhard<br />
+Tauchnitz in Leipzig<br />
+<hr class="hr15" />
+</div>
+
+<div class="note">
+<p><b>Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:</b></p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_17">Seite 17</a>: &raquo;Wenn Sie mal den Wunsch haben,
+ihrem Gegner gehörig &#8211;&gt; Ihrem</li>
+<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>: auf den kalten Steinfließen &#8211;&gt; Steinfliesen</li>
+</ul>
+</div>
+
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+
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+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
+
+***** This file should be named 37716-h.htm or 37716-h.zip *****
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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