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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:08:39 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Gedichte in Prosa
+
+Author: Iwan Turgenjeff
+
+Translator: Th. Commichau
+
+Release Date: October 11, 2011 [EBook #37716]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Iwan Turgenjeff
+
+ Gedichte in Prosa
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+ Übertragen von Th. Commichau
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+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
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+Das Dorf
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+
+Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Rußland --
+der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau;
+droben ein einzelnes Wölkchen -- halb schwimmend, halb zerfließend.
+Windesstille, brütende Hitze ... die Luft -- würzig wie frischgemolkene
+Milch!
+
+Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die
+Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht,
+stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze.
+
+Und nach Rauch riecht es, und nach Gras -- und auch nach Teer ein wenig
+-- und ein wenig nach Leder. -- Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch
+aufgeschossen und strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.
+
+Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. An beiden
+Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe
+der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken
+wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. -- In der Ferne, am
+Saume zwischen Erde und Himmel -- schimmert der bläuliche Streif eines
+großen Stromes.
+
+Dem Zuge der Schlucht folgend -- hier auf dieser Seite saubere kleine
+Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Türen; dort auf jener fünf
+bis sechs aus Fichtenstämmen gezimmerte Häuschen mit gehobelten
+Bretterdächern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; über
+jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines Rößlein mit
+flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, uneben und blasig, schillern in
+Regenbogenfarben. Krüge mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden
+gemalt. Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; auf kleinen
+angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knäuel zusammengerollt,
+und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen
+Türschwelle winkt einladend der kühle, dunkle Hausflur.
+
+Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten
+Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, betäubend duftigen
+Heues. Die fleißigen Hauswirte haben es vor ihren Hütten
+auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne
+durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird sichs
+darauf schlafen lassen!
+
+Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; großschopfige
+Hühner scharren im Heu nach Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit
+noch hellfarbiger Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen herum.
+
+Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und schwerfälligen,
+umsäumten Stiefeln hänseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen
+unbespannten Wagen gestemmt -- und zeigen lachend ihre weißen Zähne.
+
+Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie
+lacht, halb über die Scherze der Burschen, halb über die in den
+Heuhaufen sich balgenden Kinder.
+
+Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen großen nassen
+Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile,
+so daß langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.
+
+Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, karierten
+Leinenrock und neuen Schuhen.
+
+Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen,
+faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten
+Tuche umwunden, welches tief über ihre trüben Augen herabhängt.
+
+Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges
+Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern muß sie sein, das alte
+Mütterchen ... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schönheit
+war sie zu ihrer Zeit!
+
+Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten
+Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch
+aus dem Keller kommt; der Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie
+Perlen glitzert. Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine
+große Schnitte noch warmen Brotes. -- »Iß nur, sei dirs gesegnet,
+willkommener Gast!«
+
+Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit den Flügeln; ihm
+zur Antwort blökt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb.
+
+-- »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines Kutschers ...
+
+O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen
+Dorfes! Dieser stille Friede und Segen!
+
+Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch  ein Kreuz auf der
+Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das übrige, um das wir uns so
+heiß bemühen, wir Stadtmenschen?
+
+
+
+
+Ein Zwiegespräch
+
+ Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein
+ menschlicher Fuß.
+
+
+Die höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette zerklüfteter
+Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. Über den Bergen wölbt sich
+blaßgrün, glänzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost;
+harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken
+vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken
+sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn.
+Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast
+freieren Ausblick. Was geht da unten vor?«
+
+Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.
+
+Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen verhüllen
+die Erde ... Warte!«
+
+Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.
+
+»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.
+
+»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau
+die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen.
+Um sie herumwimmeln noch immer diese Käferchen, du weißt, die
+zweifüßigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu
+beflecken.«
+
+»Menschen?«
+
+»Ja; Menschen.«
+
+Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.
+
+»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.
+
+»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« -- grollt das
+Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich
+verringert, die Wälder gelichtet.«
+
+Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.
+
+»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau.
+
+»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« -- erwidert
+das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der Ferne, in den Tälern sind
+noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.«
+
+»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten
+-- eine Minute.
+
+»Jetzt ist es gut,« -- antwortet das Finsteraarhorn; -- »rein ist es
+überall und ganz weiß, wohin man auch blickt ... Überall unser Schnee,
+nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.«
+
+»Gut« -- wiederholt die Jungfrau. -- »Allein, wir haben jetzt genug
+geplaudert, Alter. Zeit ist's, einzuschlafen.«
+
+»Es ist Zeit.«
+
+Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der grüne,
+leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.
+
+
+
+
+Die Alte
+
+
+Ich ging auf einem weiten Felde, allein.
+
+Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem
+Rücken vernehmbar würden ... Es folgte mir jemand.
+
+Ich schaute mich um -- und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in
+graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten
+sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich
+ging auf sie zu ... Sie blieb stehen.
+
+»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein
+Almosen?«
+
+Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte,
+daß ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug
+oder Häutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden
+dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.
+
+Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und ließ die Pupillen
+nicht hervortreten ... woraus ich schloß, daß sie blind sei.
+
+»Willst du ein Almosen?« -- wiederholte ich meine Frage. -- »Weshalb
+folgst du mir?« -- Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krümmte sie
+sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort.
+
+Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam
+schleichenden Tritte.
+
+-- Wieder dieses Weib! -- dachte ich bei mir; -- warum verfolgt sie mich
+denn nur? -- Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird
+wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt
+dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen
+Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird's sein.
+
+Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken eine seltsame
+Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht bloß
+folge, sondern daß sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald
+nach links stoße, und daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.
+
+Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor mir auf meinem
+Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... wie eine Grube ... »Ein
+Grab!« durchzuckte es mein Hirn. -- Dorthin also stößt sie mich! Hastig
+wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht sie! Sie
+blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündenden Augen ... mit
+den Augen eines Raubvogels ... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die
+Augen ... Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen
+Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte -- ist mein Schicksal. Jenes
+Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen?
+-- Welch ein Wahnsinn ... Man muß es versuchen. Und ich wende mich
+seitwärts, einer anderen Richtung zu.
+
+Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln wie früher
+hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir wieder die dunkle Grube.
+
+Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... Und wiederum
+dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken und vor mir derselbe drohende
+Fleck.
+
+Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen ... immer
+dasselbe, immer dasselbe!
+
+Halt! denke ich, -- jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich nicht von
+der Stelle rühren! -- und augenblicklich setze ich mich an die Erde.
+
+Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. -- Ich höre sie
+nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich sehe ich: der dunkle
+Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O
+Gott! Ich schaue rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich
+geheftet -- und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund ...
+
+-- Kein Entrinnen!
+
+
+
+
+Der Hund
+
+
+Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich ... Draußen heult
+wütender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir -- und schaut mir
+unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als
+müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache,
+er versteht sich selbst nicht -- aber ich verstehe ihn wohl.
+
+Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und
+dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir
+sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glüht und leuchtet das
+gleiche zitternde Flämmchen.
+
+Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche ... Es
+ist zu Ende!
+
+Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen in ihm und
+welches in mir geglüht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese
+Blicke ... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet
+sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des
+Menschen -- schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des
+anderen.
+
+
+
+
+Der Widersacher
+
+
+Ich hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher war; zwar
+nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere
+Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen --
+entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten über
+alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, über das Leben
+auf Erden und im Jenseits -- namentlich über das im Jenseits. Er war ein
+gläubiger, schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du
+bespöttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann
+werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir wollen doch sehen, ob
+du auch dann noch wirst lachen können!« Und wirklich, er starb vor mir,
+ein Werdender in der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich
+vergaß seines Gelübdes -- seiner Drohung.
+
+Einst lag ich des Nachts im Bett -- und konnte nicht, mochte nicht
+einmal einschlafen.
+
+Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das
+graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich erschien es mir, als ob
+zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stünde -- und stumm und
+traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab.
+
+Ich erschrak nicht -- wunderte mich nicht einmal ... vielmehr richtete
+ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gestützt, nur
+noch schärfer auf die unerwartete Erscheinung.
+
+Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.
+
+»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? oder trauerst du?
+-- Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir
+zu verstehen geben, daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht
+hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder
+Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!«
+
+Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich -- nur wie
+vorher nickte er bloß immer traurig und still ergeben mit dem Kopfe --
+auf und ab. Da lachte ich laut auf ... und er verschwand.
+
+
+
+
+Der Bettler
+
+
+Ich ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher Greis
+hielt mich an.
+
+Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen,
+unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte die Not dieses
+unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte mir seine gerötete,
+verschwollene, schmutzige Hand hin ... Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.
+
+Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber weder Geldbeutel
+noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da ... Ich hatte nichts
+mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer ... und seine
+vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und
+verlegen ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde
+Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein
+Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich; ein
+Lächeln kam auf seine fahlen Lippen -- und dann drückte auch er meine
+erkalteten Finger.
+
+»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür bin ich dir
+dankbar. -- Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.«
+
+Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen
+hatte.
+
+
+
+
+Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...
+
+ _Puschkin_
+
+
+»Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer sprachst du die
+Wahrheit, großer, vaterländischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr
+gesprochen. »Wie Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es
+nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann -- und
+muß ertragen werden; wer die Kraft dazu hat -- der mag es auch
+verachten!
+
+Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz treffen ... Ein
+Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablässiger, hingebender,
+ehrlicher Arbeit ... Da wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm
+ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines
+Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche junge Stimmen
+entgegen. -- »Dich und deine Mühe brauchen wir nicht; du schändest unser
+Heim -- du kennst und du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!«
+
+Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemühen, soll nicht
+versuchen, sich zu rechtfertigen -- soll nicht einmal die Hoffnung auf
+künftige gerechtere Beurteilung nähren.
+
+Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel
+brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche Nahrung des Armen ... Aus
+seinen Händen, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare
+Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Füßen.
+
+Jetzt nähren sie sich davon -- und kennen nicht einmal den Namen ihres
+Wohltäters.
+
+Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er
+sie vor dem Hunger.
+
+Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht unseres
+Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter
+Tadel aus dem Munde derer, die man liebt ... Doch auch dies kann man
+verwinden ...
+
+»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische Feldherr zum
+spartanischen.
+
+»Schlage mich -- aber sei gesund und satt!« so sollen _wir_ denken.
+
+
+
+
+Ein Zufriedener
+
+
+Durch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch
+junger Mann. -- Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen
+leuchten, Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt sein
+freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude.
+
+Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im
+Amte befördert? Eilt er zu einem zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht
+hat er auch bloß -- gut gefrühstückt, -- und das Gefühl der Gesundheit,
+der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar
+seinen Hals mit deinem schönen achteckigen Kreuz geschmückt haben, o
+polnischer König Stanislaus!
+
+Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie
+eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde
+eines anderen Bekannten vernommen -- und _ihr selber Glauben geschenkt_.
+
+O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser
+liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!
+
+
+
+
+Eine Lebensregel
+
+
+»Wenn Sie mal den Wunsch haben, Ihrem Gegner gehörig mitzuspielen und
+ihn womöglich zu kränken,« sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann
+werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie
+sich selber bewußt sind. -- Spielen Sie den Entrüsteten ... und tadeln
+Sie ihn!
+
+»Denn erstens -- bringt dies dem anderen die Meinung bei, daß Sie von
+diesem Laster frei wären.
+
+»Zweitens -- darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige sein ... Sie
+können aus den Vorwürfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen.
+
+»Sind Sie beispielsweise ein Renegat -- dann werfen Sie Ihrem Gegner
+vor, er sei ohne jede Überzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele --
+dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein
+Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!«
+
+»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!«
+bemerkte ich.
+
+»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf.
+
+
+
+
+Das Ende der Welt
+
+Ein Traum
+
+
+Mir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands, in der
+Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhütte.
+
+Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände weiß getüncht;
+aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung
+breitet sie sich in die Ferne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt
+darüber wie ein härenes Tuch.
+
+Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube.
+Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und
+ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus --
+aber unaufhörlich begegnen sich ihre besorgten Blicke.
+
+Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen
+bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit ... alle
+treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als
+warteten sie auf etwas von dorther.
+
+Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.
+
+Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert
+er mit dünner eintöniger Stimme: »Väterchen, ich fürchte mich!« -- Bei
+diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz -- und auch mich beschleicht
+Furcht ... Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine fühle ich:
+heran kommt und nähert sich ein großes, großes Unheil.
+
+Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte man doch nur hinaus!
+Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein
+Ausweg.
+
+Dieser Himmel da -- gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch ...
+Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich springt der Knabe ans Fenster und
+schreit mit derselben kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist
+versunken!«
+
+-- »Wie? Versunken!« -- Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene
+-- jetzt steht es auf dem Gipfel eines ungeheuren Berges! Der Horizont
+ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken -- und dicht vor dem Hause
+starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer Abgrund.
+
+Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der Schrecken erstarrt
+unsere Herzen zu Eis. -- »Dort kommt es ... dort kommt es!« flüstert
+mein Nachbar.
+
+Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben
+und senkten sich kleine wellige Hügel.
+
+»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. »Gleich wird es
+uns alle verschlingen ... Wie kann es bloß so wachsen und in die Höhe
+steigen? Bis zu diesem Felsgrat?«
+
+Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon sinds nicht mehr
+einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... Eine einzige geschlossene,
+ungeheure Woge überflutet den ganzen Horizont.
+
+Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt
+sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum -- dort aber, in jener
+hereinbrechenden Masse -- Dröhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner
+Schrei ...
+
+Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der
+Erde ...
+
+Vernichtung ihr! Vernichtung allem!
+
+Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an meine Gefährten
+klammern -- doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben,
+verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden
+Woge!
+
+Finsternis ... ewige Finsternis!
+
+Nach Atem ringend erwachte ich.
+
+
+
+
+Mascha
+
+
+Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knüpfte ich
+jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mußte, mit dem Kutscher ein
+Gespräch an.
+
+Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern
+aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem
+ärmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen -- in der Hoffnung, dort
+selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren
+erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder mal einen solchen
+Kutscher ... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen,
+stämmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein
+Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen
+herabgezogenen geflickten Mütze hervor. -- Und wie hatte er bloß diesen
+zerrissenen kleinen Kittel über seine riesigen Schultern ziehen können!
+
+Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien
+bekümmert und betrübt.
+
+Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang
+Trübsal.
+
+»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so traurig? Drückt
+dich irgendein Kummer?«
+
+Der Bursche zögerte mit der Antwort.
+
+»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. »Und ein
+Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein Weib ist gestorben.«
+
+»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?«
+
+Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den
+Kopf.
+
+»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns
+nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... immerfort! Warum hat sie
+auch sterben müssen? War doch jung! gesund!... An _einem_ Tage hat die
+Cholera sie abgewürgt.«
+
+»Sie war dir wohl ein braves Weib?«
+
+»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und wie gut haben wir
+zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß
+man sie gar schon begraben hätte, -- da jagte ich augenblicklich zum
+Dorf, nach Hause. Ich kam an -- da wars schon nach Mitternacht. Ich
+trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz
+leise: 'Mascha! meine Mascha!' Aber nur das Heimchen zirpt. -- Da kommt
+mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele -- wie habe ich da mit den
+Händen auf den Boden gehauen! -- 'Du unersättliche Grube!' schrei
+ich ... 'Sie hast du verschlungen ... dann verschling auch mich!' -- Ach
+Mascha!«
+
+»Mascha!« -- setzte er mit plötzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne
+seine groben Zügel loszulassen, wischte er sich mit seinen
+Fausthandschuhen die Tränen aus den Augen, schüttelte sie ab, zuckte die
+Achseln -- und sprach kein Wort mehr.
+
+Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit über den
+Fahrpreis. -- Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Händen nach
+der Mütze griff -- und fuhr dann langsam davon über die glatte
+Schneefläche der menschenleeren Straße, die der graue Nebel des
+Januarfrostes einhüllte.
+
+
+
+
+Der Dummkopf
+
+
+Es war einmal ein Dummkopf.
+
+Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch allmählich
+drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er überall für einen hirnlosen
+Narren gelte.
+
+Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darüber
+nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte aus der Welt schaffen
+könnte.
+
+Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen Kopf ... und
+ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen.
+
+Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter -- der über einen namhaften
+Maler lobend zu sprechen begann ...
+
+»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen Maler hat man ja längst
+zum alten Eisen geworfen ... Das wissen Sie nicht? -- Von Ihnen hätte
+ich das nicht erwartet ... Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«
+
+Der Bekannte erschrak -- und pflichtete dem Dummkopf sofort bei.
+
+»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte ihm ein anderer
+Bekannter.
+
+»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen Sie sich denn nicht?
+Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darüber
+lustig. -- Das wissen Sie nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«
+
+Auch dieser Bekannte erschrak -- und stimmte dem Dummkopf bei.
+
+»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte ein dritter
+Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft vornehme Natur!«
+
+»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein notorischer
+Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wüßte
+denn das nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben!«
+
+Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben
+und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des
+Dummkopfs loben mochte -- für alles hatte er die gleiche Antwort.
+
+Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufügte:
+»Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?«
+
+»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten über den Dummkopf zu
+urteilen. -- »Aber welch ein Kopf!« -- »Und welche Redegewandtheit!« --
+setzten andere hinzu. -- »O gewiß, er hat Talent!«
+
+Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die
+Leitung des kritischen Teiles übertrug.
+
+Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine
+gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrücke irgendwie zu ändern.
+
+Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete -- selbst eine Autorität
+-- und die Jugend beugt sich vor ihm -- und fürchtet ihn.
+
+Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? -- Es ist ja -- im
+allgemeinen -- fatal, sich beugen zu sollen ... indessen, es unterstehe
+sich nur mal einer und beuge sich nicht -- gleich sitzt er im Topf der
+»Zurückgebliebenen«!
+
+Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.
+
+
+
+
+Eine Legende des Morgenlandes
+
+
+Wer kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die Sonne des Weltalls?
+
+Einst -- vor langen Jahren -- da er noch ein Jüngling war, lustwandelte
+Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.
+
+Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt
+um Hilfe.
+
+Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und
+Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz -- und vertraute
+auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen
+hinfälligen Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer gedrückt
+und beraubt wurde.
+
+Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die Räuber: einen
+schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht.
+
+Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, indem er den
+Saum seines Mantels küßte: »Tapferer Jüngling, dein Edelmut soll nicht
+unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler;
+doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, --
+komme morgen in der Frühe auf den großen Bazar; am Springbrunnen werde
+ich dich erwarten -- und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner
+Worte überzeugen.«
+
+Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein
+Bettler, ohne Zweifel; indessen -- nichts ist unmöglich. Weshalb sollte
+ich es nicht versuchen?« und gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich
+werde kommen.«
+
+Der Greis blickte ihm ins Auge -- und entfernte sich.
+
+Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab sich Dschaffar auf
+den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den
+Ellenbogen gestützt hatte, harrte seiner schon der Greis.
+
+Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte ihn in einen
+kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war.
+
+Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand ein Baum von
+ungewöhnlichem Aussehen.
+
+Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe.
+
+Drei Früchte -- drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden
+Zweigen: der eine von mittlerer Größe, länglich und milchweiß; der
+andere groß, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und
+gelblich.
+
+Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang
+sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fühle er die Nähe
+Dschaffars. »Jüngling!« -- hub der Greis nun an -- »pflücke dir nach
+Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du und ißt du
+die weiße -- dann wirst du klüger werden als alle Menschen; pflückst du
+und ißt du die rote -- dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild;
+pflückst du und ißt du aber die gelbe -- dann wirst du allen alten
+Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde
+verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Schoß
+der Erde!«
+
+Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. -- »Wie wähle ich hier am
+besten?« sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich
+selbst zu Rate. -- »Wer allzu weise wird, könnte des Lebens überdrüssig
+werden; wer reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen;
+besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den runzligen!«
+
+Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem zahnlosen Munde
+und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! Du hast das beste Teil
+erwählt! -- Was sollte dir auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja
+klüger als Salomo. -- Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ...
+Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir
+niemand neiden können.«
+
+»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, »wo wohnt die
+ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?«
+
+Der Greis verneigte sich bis zur Erde -- und wies dem Jüngling den Weg.
+
+Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den großen,
+ruhmreichen Dschaffar?
+
+
+
+
+Zwei Vierzeiler
+
+
+Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher
+Weise der Poesie ergeben waren, daß, wenn einmal einige Wochen
+verstrichen, ohne daß neue schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche
+Mißernte als ein öffentliches Unglück empfanden.
+
+Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs
+Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Plätzen und haderten unter
+bitteren Tränen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe.
+
+An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter Junius auf dem
+Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfüllt war.
+
+Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel
+und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht vorzutragen
+wünsche.
+
+Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!«
+schrien sie laut -- und erwartungsvoll verstummte die Menge.
+
+»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber etwas unsicherer
+Stimme:
+
+ »Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!
+ Bewundrer alles des, was edel und vollendet!
+ Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!
+ Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.«
+
+Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von allen Enden des
+Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.
+
+Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen
+blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, drohten, ballten sich zu
+Fäusten!
+
+»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu erringen!« schrien
+zornige Stimmen. »Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen
+Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen
+Narren! Gebt Steine! Steine her!«
+
+Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber noch war er
+nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Händeklatschen,
+Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang.
+
+Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden -- denn es ist
+gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen --, kehrte Junius auf den Platz
+zurück.
+
+Und was sah er?
+
+Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem
+flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehüllt, einen
+Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge
+Dichter Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! Heil dem
+unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in unserem großen Kummer hat
+er uns getröstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, süßer als Honig,
+wohlklingender als Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als
+Himmelsbläue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit
+köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch sanftes Fächeln mit
+Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen alle Wohlgerüche arabischer
+Myrrhen! Heil!«
+
+Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage mir doch, lieber
+Mitbürger, mit welchen Versen Julius uns beglückt hat! Leider war ich
+nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch,
+wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!«
+
+»Wie sollte man -- solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?«
+antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst du mich denn? So höre --
+und jauchze, jauchze mit uns!
+
+'Der Dichtkunst Gönner ihr!' so begann der göttliche Julius ...
+
+ 'Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!
+ Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!
+ Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!
+ Die freudge Stunde naht -- und Tag verscheucht die Nacht!'
+
+Herrlich, nicht wahr?«
+
+»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja doch meine eigenen
+Verse! -- Julius hat sich gewiß unter der Volksmenge befunden, als ich
+sie vortrug -- er hat sie gehört und dann wiederholt, wobei er nur
+einige Ausdrücke -- und keineswegs zum Vorteil -- veränderte!«
+
+»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete
+stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel bist du oder ein
+Dummkopf!... So überlege doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben
+heißt es bei Julius: 'Und Tag verscheucht die Nacht!' ... Bei dir
+dagegen -- so recht abgeschmackt: 'Und Dunkel weicht dem Licht!' --
+Welches Licht?! Welches Dunkel?!«
+
+»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius einzuwenden ...
+
+»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und ich rufe das
+Volk auf ... das dich zerreißen wird!«
+
+Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann,
+der sein Gespräch mit dem Bürger gehört hatte, auf den niedergeschlagenen
+Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach:
+
+»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab
+nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. -- Folglich hat er
+recht -- dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.«
+
+Doch während das reine Gewissen -- so gut und so weit es irgend
+vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht -- den Junius
+tröstete, der sich stumm in einen Winkel gedrückt hatte, schwebte in der
+Ferne, unter tosendem Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der
+Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem
+Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Könige, der
+zur Krönung schreitet, -- in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des
+Julius dahin ... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich
+vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem
+demütigen Sichneigen die beständig sich erneuernde Verehrung ausdrücken,
+welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.
+
+
+
+
+Der Sperling
+
+
+Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein
+Hund lief vor mir her.
+
+Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als
+wittere er vor sich ein Wild.
+
+Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit
+gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste
+gefallen -- heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee -- und hockte
+unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen
+ausstreckend.
+
+Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume
+sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein
+gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört,
+mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den
+scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein
+Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es
+schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein
+Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich
+selbst!
+
+Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch
+hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht ...
+Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab.
+
+Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff auch er diese
+Macht.
+
+Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich,
+Ehrfurcht im Herzen.
+
+Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen
+heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe.
+
+Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des
+Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben.
+
+
+
+
+Die Totenschädel
+
+
+Ein prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche
+Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprühende Gesichter und
+eifrige Gespräche ... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine
+berühmte Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... O, wie
+herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!
+
+Und plötzlich -- wie auf den Wink eines Zauberstabes -- verschwand von
+allen Köpfen und allen Gesichtern die zarte Hülle der Haut, und
+augenblicklich erschienen die Schädel in ihrer Totenblässe, traten
+Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor.
+
+Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen
+bewegten und rührten -- wie sich diese rundlichen, knöchernen Kugeln, im
+Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten --
+und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen
+Augäpfel.
+
+Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte auch nicht,
+mich im Spiegel zu betrachten.
+
+Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit derselben
+Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen
+geläufig hin und her bewegend, schwatzten die geschäftigen Stimmen
+davon, wie wunderbar, wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die
+unsterbliche Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe!
+
+
+
+
+Die Tagelöhner und der Weißhändige
+
+Ein Gespräch
+
+
+_Tagelöhner_
+
+Was drängst du dich zu uns? Was willst du? Du gehörst nicht zu uns ...
+Mach, daß du weiterkommst!
+
+_Der Weißhändige_
+
+Ich gehöre zu euch, Brüder!
+
+_Tagelöhner_
+
+Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau mal auf meine
+Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dünger riechen sie und
+nach Teer, -- deine Hände aber sind weiß. Wonach riechen die denn?
+
+_Der Weißhändige_ (seine Hände hinhaltend)
+
+So rieche doch!
+
+_Tagelöhner_ (sie beriechend)
+
+Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen.
+
+_Der Weißhändige_
+
+Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten.
+
+_Tagelöhner_
+
+Warum denn das?
+
+_Der Weißhändige_
+
+Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien
+wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure
+Bedrücker, revoltierte ... Da haben sie mich denn gefangengesetzt.
+
+_Tagelöhner_
+
+Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?!
+
+
+ -- _Zwei Jahre später_ --
+
+
+_Einer derselben Tagelöhner_ (zum anderen)
+
+Hör mal, Peter ... Du weißt doch noch, wie im vorvorigen Jahr so 'n
+weißhändiger Kerl mit dir schwatzte?
+
+_Zweiter Tagelöhner_
+
+Freilich ... na, und?
+
+_Erster Tagelöhner_
+
+Nun, hängen werden sie ihn heute; so 'n Befehl ist gekommen.
+
+_Zweiter Tagelöhner_
+
+Hat er denn wieder revoltiert?
+
+_Erster Tagelöhner_
+
+Wieder revoltiert!
+
+_Zweiter Tagelöhner_
+
+Na ... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen, daß wir den Strick
+kriegen, mit dem er gehängt wird; so was soll doch 'n mächtiges Glück
+ins Haus bringen!
+
+_Erster Tagelöhner_
+
+Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.
+
+
+
+
+Die Rose
+
+
+Es war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst hatte bereits
+seinen Einzug gehalten.
+
+Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, doch ohne Donner
+und Blitz, war eben ein starker Regenschauer über unsere weite Ebene
+hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz
+überflutet vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.
+
+Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch
+die halboffene Tür in den Garten hinaus.
+
+Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, daß sie nach einem
+kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem
+Gefühle ergab, das sie nicht länger zu bemeistern imstande war.
+
+Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und
+verschwand.
+
+Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder.
+
+Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee,
+durch welche -- wie ich bestimmt voraussetzte -- auch sie gegangen war.
+
+Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon hereingebrochen.
+Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten
+Schleier der Finsternis hindurch noch rötlich schimmernd, ein rundlicher
+Gegenstand erkennbar.
+
+Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte Rose. Noch
+vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen.
+
+Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum
+Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch.
+
+Endlich kam auch sie zurück -- durchmaß mit leichten Schritten das
+Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber
+auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten
+ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die
+Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, beschmutzten Blätter,
+blickte dann auf mich -- und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre
+Augen in Tränen.
+
+»Warum weinen Sie?« fragte ich.
+
+»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.«
+
+Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre Tränen werden
+diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit vielsagender Betonung.
+
+»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete sie, wandte sich
+zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme.
+
+»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer gewissen
+Entschlossenheit, -- und ihre schönen Augen, in denen die Tränen noch
+schimmerten, strahlten in mutvollem und beglücktem Lächeln.
+
+Da wußte ich, daß auch sie versengt war.
+
+
+
+
+Letztes Wiedersehen
+
+
+Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... Doch es kam ein
+verhängnisvoller Augenblick -- und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.
+
+Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in
+die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, daß er hoffnungslos
+darniederliege und mich wiederzusehen wünsche.
+
+Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke begegneten sich.
+
+Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt!
+
+Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, ergrautem
+Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten Hemde da ... Er
+vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu
+ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam
+abgenagte Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche Worte
+hervor -- ob es ein Gruß, ob es ein Vorwurf war -- wer mag es wissen?
+Seine entkräftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung -- und über die
+verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten zwei kümmerliche,
+leidensschwere Tränenperlen.
+
+Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und
+reichte ihm, während ich unwillkürlich den Blick vor dieser furchtbaren
+Entstellung senken mußte, auch meinerseits die Hand.
+
+Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine Hand, die die
+meine umschlossen hielt.
+
+Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein
+langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden,
+matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen
+Lippen.
+
+Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf
+immer.
+
+Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...
+
+
+
+
+Ein Besuch
+
+
+Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai.
+
+Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht
+war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.
+
+Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag
+noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das
+nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter,
+stärkender Taugeruch.
+
+Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und
+Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.
+
+Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine
+geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen,
+schillernden Gewande.
+
+Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; bloß die
+Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer
+erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden
+Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines
+Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer
+lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke
+umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen,
+schwarzen, glänzenden Augen.
+
+Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie
+funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine
+langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« nennt sie das russische Volk,
+-- auch ähnelt sie wirklich einem Zepter.
+
+Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser Blume mein
+Haupt.
+
+Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert
+-- und fort war sie ...
+
+Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine
+Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu -- und in der Ferne, wo sie
+verschwand, begann der milchweiße Himmel sich langsam zu röten.
+
+Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte dich zu mir
+-- du flogst davon zu den jungen Dichtern.
+
+O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur noch auf Augenblicke
+erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele -- frühmorgens bei
+Frühlings Erwachen!
+
+
+
+
+#Necessitas -- Vis -- Libertas#
+
+Ein Basrelief
+
+
+Eine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und
+unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen Schritten und stößt mit
+ihrer stockdürren Hand ein anderes Weib vor sich her.
+
+Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit Muskeln gleich
+einem Herkules, aber einem winzigen Köpfchen auf einem Stiernacken, --
+ist blind -- und stößt ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor
+sich hin.
+
+Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, versucht sich
+umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles
+Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie
+möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen
+wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.
+
+#Necessitas -- Vis -- Libertas.#
+
+Wer Lust hat -- mag es übersetzen.
+
+
+
+
+Das Almosen
+
+
+In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein
+alter, kranker Mann.
+
+Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten
+seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie
+einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen
+Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die
+Kräfte.
+
+Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte
+sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und
+zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in
+den trockenen grauen Staub.
+
+Er dachte vergangener Zeiten ...
+
+Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie
+er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere
+verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er
+nicht einmal ein Stückchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die
+Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so
+weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in
+sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften
+in den grauen Staub.
+
+Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete
+sein müdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten.
+
+Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen
+nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.
+
+»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme
+vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?«
+
+»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn
+ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«
+
+»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre
+Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der
+Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig
+sein können?«
+
+Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken.
+
+»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der
+Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch
+du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen,
+daß sie gut sind.«
+
+Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon
+verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.
+
+Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser
+Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts.
+
+Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines
+Almosen.
+
+Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen -- und süß
+schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham quälte mehr sein
+Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.
+
+
+
+
+Das Insekt
+
+
+Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit
+offenen Fenstern.
+
+Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...
+
+Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut
+durcheinander.
+
+Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem
+Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich
+dann an die Wand.
+
+Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner
+Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig
+und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und
+diese Füßchen -- waren leuchtend rot wie Blut.
+
+Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben,
+nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es
+von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und
+machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von
+der Stelle zu rühren.
+
+In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand
+von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch
+dies Ungeziefer hinaus!« -- alle schwenkten von weitem ihre
+Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das
+Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.
+
+Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann,
+blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die
+Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns
+vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt
+kein Insekt wahrnehmen -- hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner
+Flügel.
+
+Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte
+sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ...
+Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus -- und brach tot
+zusammen.
+
+Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst
+errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.
+
+
+
+
+Die Kohlsuppe
+
+
+Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der
+beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes,
+hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung
+auf, um sie zu besuchen.
+
+Sie fand sie zu Hause.
+
+Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer,
+mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff
+herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte
+einen Löffel nach dem andern davon hinunter.
+
+Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und
+verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der
+Kirche.
+
+Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem
+Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese
+Leute für ein rohes Gefühl!
+
+Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen
+Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter
+Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von
+Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht
+hatte! -- Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.
+
+Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. -- »Tatjana!« rief sie
+aus ... »Das ist unerhört! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen
+Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren?
+-- Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«
+
+»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten
+bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir
+bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen.
+Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja
+gesalzen.«
+
+Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie
+war das Salz billig.
+
+
+
+
+Die Gefilde der Seligen
+
+
+O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der
+Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume.
+
+Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer
+Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden
+Wimpeln.
+
+Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit
+ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich!
+
+Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues
+Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war --
+und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und
+darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche,
+heitere Sonne.
+
+Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches
+Lachen -- wie das Lachen der Götter!
+
+Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer
+Schönheit und begeisternder Kraft ... es schien, als ob der Himmel
+selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend
+erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille.
+
+Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin.
+Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden
+Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre
+er beseelt.
+
+Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren
+Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft
+geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser
+Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und
+Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige,
+langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die
+Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der
+glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen
+und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen
+schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer,
+das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem
+Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe!
+
+Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da ... unsichtbar,
+doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglänzen, es strahlt
+ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit
+sich in ein unverwelkliches Paradies!
+
+O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.
+
+
+
+
+Zwei Reiche
+
+
+Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er
+ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern,
+für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt
+dies meinen Beifall und rührt mich.
+
+Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die
+Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine
+kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.
+
+»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser
+letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz für die
+Suppe ...«
+
+»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr
+Mann, zur Antwort.
+
+Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!
+
+
+
+
+Der Greis
+
+
+Trübe, schwere Tage sind gekommen ...
+
+Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters.
+Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und
+schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.
+
+Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder
+dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem
+verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, --
+aber grün ist auch dieses noch.
+
+So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei
+deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner
+innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in
+all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden
+Frühlingspracht vor dir erglänzen.
+
+Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!
+
+
+
+
+Der Berichterstatter
+
+
+Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich
+auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige
+Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven.
+
+»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster
+hinausblickte.
+
+»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer
+es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht
+zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.«
+
+»Ein Mörder ist's aber nicht, den sie da prügeln.«
+
+»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen
+ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«
+
+»Es ist auch kein Dieb.«
+
+»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer,
+ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein
+gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?...
+Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!«
+
+»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«
+
+»Einen Berichterstatter? -- Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig
+unsern Tee austrinken.«
+
+
+
+
+Zwei Brüder
+
+
+Ich hatte eine Vision ...
+
+Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ...
+Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an
+den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen.
+
+Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte
+Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von
+dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und
+verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem
+Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die
+vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener
+Macht -- selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz
+schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die
+sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von
+einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen
+Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner
+Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend
+rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit
+zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem
+angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens.
+
+Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem
+Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war
+fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der
+unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten
+etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die
+Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum
+bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln
+geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch
+das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings -- obwohl liebreizend und
+sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten
+schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten
+Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine
+Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten
+sich langsam und drohend.
+
+Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein.
+
+Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten
+ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die
+schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern
+wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.
+
+Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:
+
+»Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brüder, die zwei
+Grundpfeiler allen Lebens.
+
+»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich
+fortzupflanzen.
+
+»Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das
+Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte
+Leben.«
+
+
+
+
+Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja
+
+
+Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines
+baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines
+verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet
+worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig
+bewußtlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken
+Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte
+halten können -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten
+Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen
+Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.
+
+Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die
+höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen
+beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von
+diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben
+lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen.
+
+Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer
+Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrängten Hilfe zu leisten ...
+ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht -- und lernte
+sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein
+hatte sie sich längst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer
+unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer
+Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten,
+tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewußt -- und
+kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.
+
+Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet.
+
+Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens
+ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham
+sich jeder Dankesbezeugung entzog.
+
+Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine,
+verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage!
+
+
+
+
+Der Egoist
+
+
+Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie
+zu werden.
+
+Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes
+langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel
+nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.
+
+Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner
+Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine
+Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ...
+und er nahm Wucherzinsen davon.
+
+Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie
+aus freien Stücken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos --
+und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute.
+Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so
+überaus musterhafte Person und war innerlich empört, wenn die anderen
+sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten.
+
+Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten -- und
+verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den
+Egoismus! -- Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen
+eigenen!
+
+Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und
+duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden
+und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und
+vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.
+
+Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu
+vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte
+er dann den anderen vergeben?
+
+Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner
+eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund
+von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer
+Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer
+Mensch!«
+
+Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und
+selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in
+diesem Herzen ohne Makel und Fehl.
+
+O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend --
+schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des
+Lasters!
+
+
+
+
+Das Fest beim höchsten Wesen
+
+
+Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast
+ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten.
+Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.
+
+Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die großen wie die
+kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und
+liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt --
+und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe
+Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste
+Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen
+schienen.
+
+Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu
+der anderen.
+
+»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die
+Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden
+gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie
+besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal.
+
+
+
+
+Die Sphinx
+
+
+Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand
+ohne Ende, so weit das Auge reicht!
+
+Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich
+das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx.
+
+Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese
+starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern -- und diese Augen, diese
+länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der
+hohen Brauen?
+
+Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein Ödipus
+vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen.
+
+Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches
+mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die
+kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche
+Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen -- und diese weit
+auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den
+Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja,
+Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein
+Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die
+Sphinxe geraten?
+
+Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch --
+eine Sphinx.
+
+Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und
+auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.
+
+Wo aber ist dein Ödipus?
+
+O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht
+ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx!
+
+
+
+
+Die Nymphen
+
+
+Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten
+Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.
+
+Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der
+Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb
+verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein.
+
+Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe,
+das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische
+Meer fuhr.
+
+Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da
+ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine
+vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann
+lasse laut den Ruf erschallen: 'Der große Pan ist tot!'«
+
+Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der
+Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!«
+
+Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers
+(obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und
+langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!«
+
+Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare
+Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«
+
+Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es
+mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft:
+»Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!«
+
+Und sogleich, o Wunder! -- erscholl als Antwort auf meinen Ruf längs des
+ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte
+freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan
+ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. -- Plötzlich jubelte
+alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger
+als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch
+hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün
+schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische
+Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden,
+Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen
+sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen
+Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins -- und
+Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ...
+Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle
+anderen, -- ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt
+sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine
+silberne Mondsichel ...
+
+Diana -- bist du es?
+
+Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die
+ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah,
+wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer
+tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr
+Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr
+in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen?
+Wohin blickte sie?
+
+Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten
+Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein
+feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen
+Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm
+ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden
+Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen
+spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und
+nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und
+verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg
+Nebel vom Talgrund auf -- ich weiß es nicht.
+
+Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen!
+
+
+
+
+Freund und Feind
+
+
+Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und
+stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den
+Fersen.
+
+Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger
+nachzulassen.
+
+Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern -- ein schmaler,
+aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen!
+
+Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon
+hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun,
+daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind
+standen.
+
+Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund
+dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne
+dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig
+verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst
+rettungslos um!«
+
+»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die
+Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett.
+
+»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde
+gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter
+den Füßen weg. -- Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab -- und
+ertrank.
+
+Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber
+setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen
+-- armen Freund!
+
+Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar
+nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick.
+
+»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos.
+
+»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes
+Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet
+er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es
+so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich
+betrachtet!«
+
+Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den
+unglückseligen Freund.
+
+
+
+
+Christus
+
+
+Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen
+Dorfkirche. -- Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine
+rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.
+
+Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne
+Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber
+standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit
+zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder
+gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge
+über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und
+trat neben mich.
+
+Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fühlte sofort: dieser
+Mensch ist -- Christus.
+
+Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben
+Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an.
+
+Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen
+Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts,
+andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht
+zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze
+Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch
+die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen.
+
+»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher,
+einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«
+
+Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen
+Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefühl überkam, als stünde
+wirklich Christus an meiner Seite.
+
+Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe
+Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen,
+wenn auch unbekannten Züge.
+
+Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun
+begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen
+Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei.
+
+
+
+
+Der Stein
+
+
+Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn
+an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die
+frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen,
+umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen
+glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein
+-- aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben.
+
+Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst
+zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte.
+
+So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen
+Frauenseelen bestürmt -- und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten
+sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!
+
+Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch
+nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen.
+
+
+
+
+Die Tauben
+
+
+Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir
+breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes
+Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos
+war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.
+
+Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter
+dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue
+Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des
+Horizontes.
+
+Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden
+Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören
+und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe
+irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.
+
+Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue
+Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur
+schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange,
+grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende
+Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit!
+
+Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der
+schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie
+sich.
+
+Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes
+Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes
+Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die
+vom Dorfe herübergeflogen kam.
+
+Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm
+Walde.
+
+Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare
+Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken
+schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben
+heimwärts.
+
+Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann!
+
+Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie
+ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten,
+niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt
+durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender
+Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie
+Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht
+nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande
+des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche
+nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht
+und dadurch vielleicht gerettet hatte.
+
+Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt -- und schmiegen
+sich Fittich an Fittich ...
+
+Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ...
+Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer.
+
+
+
+
+Morgen! Morgen!
+
+
+Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag!
+Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf
+verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!
+
+Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein
+Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich
+selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der
+Zukunft!
+
+Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem
+ebenverflossenen nicht gleichen würden?
+
+Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt
+zuwider -- und er tut wohl daran.
+
+»Ei, morgen, morgen!« -- damit tröstet er sich, -- so lange, bis ihn
+dieses Morgen ins Grab senkt.
+
+Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grübeln ganz
+von selbst ein Ende.
+
+
+
+
+Die Natur
+
+
+Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen
+Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht
+erfüllte den ganzen Raum.
+
+Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen
+Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes
+Nachdenken versunken.
+
+Ich begriff sofort, daß dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie
+plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.
+
+Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du
+unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach?
+Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der
+Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen
+könne?«
+
+Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre
+Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das
+Dröhnen des Eisens:
+
+»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere
+Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu
+retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist
+gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«
+
+»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht
+wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder?«
+
+Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,«
+sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied -- und ohne
+Unterschied vernichte ich sie alle.«
+
+»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.
+
+»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder
+Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist
+Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder
+nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es
+einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen -- und laß mich in Ruhe!«
+
+Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf
+zu stöhnen und zu beben -- und ich erwachte.
+
+
+
+
+Hängt ihn!
+
+
+»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor
+Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in
+Mähren Quartiere bezogen.
+
+Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu
+drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an,
+obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten.
+
+Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter,
+namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von
+klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.
+
+Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte,
+lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen
+worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er
+beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... 'Er und
+stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors
+Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.
+
+Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der
+Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber.
+
+Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und
+Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.
+
+Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde
+entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz außer sich, mit fliegenden
+Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand
+auf ihn deutete.
+
+'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie!
+Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der
+Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust
+herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache --
+und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser
+ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung
+brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu
+Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den
+Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.
+
+Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und
+brummte zornig: 'Nun?' ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt
+grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können,
+der Kerl lache.
+
+Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: 'Hängt ihn!' gab seinem
+Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in
+scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein
+einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen
+flüchtigen Blick zu.
+
+Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort
+festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen --
+und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!'
+-- dann halblaut: 'Gott droben weiß es, ich wars nicht!' Bitterlich
+weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung.
+'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn bloß dem General nicht
+geantwortet?' 'Gott droben weiß es, ich wars nicht,' wiederholte der
+Ärmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch
+fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun
+fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an,
+versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei,
+alles aufzuklären ...
+
+Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber
+Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter
+und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und
+das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr,
+Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja
+schon verziehen.'«
+
+Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte,
+flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« -- und
+dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.
+
+
+
+
+Was ich wohl denken werde ...
+
+
+Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde
+schlägt -- wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?
+
+Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie
+ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?
+
+»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! Ich habe ja doch
+noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit
+gehen!«
+
+Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich
+durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?
+
+Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird
+meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden?
+Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und
+wartet dort überhaupt etwas meiner?
+
+Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken -- und
+mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine
+Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir
+auftut, abzulenken.
+
+Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine
+Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner
+verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene
+Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.
+
+
+
+
+Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...
+
+
+Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß
+es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im
+dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel
+gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses
+stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die
+laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; -- am Fenster aber sitzt,
+mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein
+Mädchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um
+das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig
+andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese
+fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen
+begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind
+die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu
+richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht
+knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen
+heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernähme
+ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ...
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm
+ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere
+geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die
+frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich
+innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft
+durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen
+Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern
+über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer
+vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ...
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt?
+Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein
+alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt
+es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...
+
+»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«
+
+
+
+
+Eine Seefahrt
+
+
+Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren
+unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der
+Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem
+englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.
+
+Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck
+angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel.
+
+Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes,
+kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen
+Augen auf mich. -- Ich erfaßte seine Hand -- und da hörte es auf zu
+piepen und zu zerren.
+
+Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie
+ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war
+davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten
+Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf
+und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem
+Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem
+geheimnisvollen, seltsamen Rot.
+
+Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar,
+glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten
+sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich,
+wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den
+gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise
+zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder
+zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.
+
+Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die
+kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um
+gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu
+verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem
+sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und
+spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen
+antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig,
+als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden -- dem Affen.
+
+Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs
+neue seine Hand hin.
+
+Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in
+gleiches, gedankenloses Brüten versunken saßen wir eins neben dem
+andern, wie zwei Verwandte.
+
+Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders.
+
+Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, daß das arme
+Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte,
+wie an einen Verwandten.
+
+
+
+
+N. N.
+
+
+Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und
+ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt.
+
+Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd -- und du
+brauchst niemanden.
+
+Du bist schön -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine
+Schönheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und
+verlangst keine Teilnahme.
+
+Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in
+dieser lichten Tiefe.
+
+So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen
+Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.
+
+
+
+
+Halt inne!
+
+
+Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib für immer in meinem
+Gedächtnis!
+
+Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine
+Augen glänzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, überwältigt
+von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu
+verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine
+ermatteten Arme ausstreckst!
+
+Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine
+ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?
+
+Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken
+zurückgeweht?
+
+Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es --
+das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der
+Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere
+Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In
+diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann
+bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt
+dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du höher, standest über
+allem Vergänglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt
+unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner
+Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit
+strahlen!
+
+
+
+
+Der Mönch
+
+
+Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur
+in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so
+lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Füße
+unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte
+sie nicht mehr, stand da -- und betete.
+
+Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er
+soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine
+Freuden unzugänglich sind.
+
+Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch
+wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die
+mich davon abhält.
+
+Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm
+-- das seine.
+
+Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich
+finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch
+ich lüge ja nicht.
+
+
+
+
+Noch wollen wir kämpfen!
+
+
+Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen
+völlig umzustimmen!
+
+Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.
+
+Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich
+meiner bemächtigt.
+
+Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief
+der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg,
+etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt,
+hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt
+und unbesorgt!
+
+Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen
+einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als
+schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll für Zoll!
+
+Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht
+gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.
+
+Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich
+waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut,
+Widerstandskraft und Lebenslust.
+
+Mag doch auch über _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen ...
+
+-- Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!
+
+
+
+
+Das Gebet
+
+
+Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes
+Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal
+zwei -- nicht vier sei.«
+
+Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu
+einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen
+abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmöglich und undenkbar. Aber
+kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich
+machen, daß zwei mal zwei -- nicht vier sei?
+
+Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« -- und
+ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen.
+
+Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?
+
+Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding' im Himmel
+und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.
+
+Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er
+bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?«
+
+Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein -- und beten.
+
+
+
+
+Die russische Sprache
+
+
+In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines
+Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Stütze, o du große,
+mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht
+wärst -- müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was
+sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache
+nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein!
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+
+ Das Dorf 5
+
+ Ein Zwiegespräch 8
+
+ Die Alte 9
+
+ Der Hund 12
+
+ Der Widersacher 12
+
+ Der Bettler 14
+
+ Erfahren wirst du noch, wie Toren richten 15
+
+ Ein Zufriedener 16
+
+ Eine Lebensregel 17
+
+ Das Ende der Welt. Ein Traum 17
+
+ Mascha 20
+
+ Der Dummkopf 22
+
+ Eine Legende des Morgenlandes 24
+
+ Zwei Vierzeiler 26
+
+ Der Sperling 30
+
+ Die Totenschädel 31
+
+ Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch 32
+
+ Die Rose 34
+
+ Letztes Wiedersehen 36
+
+ Ein Besuch 37
+
+ #Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief 39
+
+ Das Almosen 39
+
+ Das Insekt 41
+
+ Die Kohlsuppe 43
+
+ Die Gefilde der Seligen 44
+
+ Zwei Reiche 46
+
+ Der Greis 46
+
+ Der Berichterstatter 47
+
+ Zwei Brüder 48
+
+ Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja 50
+
+ Der Egoist 51
+
+ Das Fest beim höchsten Wesen 53
+
+ Die Sphinx 53
+
+ Die Nymphen 55
+
+ Freund und Feind 57
+
+ Christus 59
+
+ Der Stein 60
+
+ Die Tauben 61
+
+ Morgen! Morgen! 62
+
+ Die Natur 63
+
+ Hängt ihn! 65
+
+ Was ich wohl denken werde 67
+
+ Wie frisch und duftig waren doch die Rosen 68
+
+ Eine Seefahrt 70
+
+ N. N. 72
+
+ Halt inne! 72
+
+ Der Mönch 73
+
+ Noch wollen wir kämpfen! 74
+
+ Das Gebet 75
+
+ Die russische Sprache 76
+
+
+
+
+ Druck von Bernhard
+ Tauchnitz in Leipzig
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+ Sperrung: _gesperrter Text_
+ Antiquaschrift: #Antiqua#
+
+
+Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
+
+
+
+Seite 17: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehörig
+ --> Ihrem
+
+Seite 73: auf den kalten Steinfließen --> Steinfliesen
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
+
+***** This file should be named 37716-8.txt or 37716-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/7/7/1/37716/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+
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+electronic works
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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