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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:08:39 -0700 |
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diff --git a/37716-8.txt b/37716-8.txt new file mode 100644 index 0000000..532bfca --- /dev/null +++ b/37716-8.txt @@ -0,0 +1,3021 @@ +The Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Gedichte in Prosa + +Author: Iwan Turgenjeff + +Translator: Th. Commichau + +Release Date: October 11, 2011 [EBook #37716] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + Iwan Turgenjeff + + Gedichte in Prosa + + + + Übertragen von Th. Commichau + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + +Das Dorf + + +Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Rußland -- +der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau; +droben ein einzelnes Wölkchen -- halb schwimmend, halb zerfließend. +Windesstille, brütende Hitze ... die Luft -- würzig wie frischgemolkene +Milch! + +Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die +Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht, +stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze. + +Und nach Rauch riecht es, und nach Gras -- und auch nach Teer ein wenig +-- und ein wenig nach Leder. -- Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch +aufgeschossen und strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus. + +Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. An beiden +Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe +der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken +wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. -- In der Ferne, am +Saume zwischen Erde und Himmel -- schimmert der bläuliche Streif eines +großen Stromes. + +Dem Zuge der Schlucht folgend -- hier auf dieser Seite saubere kleine +Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Türen; dort auf jener fünf +bis sechs aus Fichtenstämmen gezimmerte Häuschen mit gehobelten +Bretterdächern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; über +jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines Rößlein mit +flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, uneben und blasig, schillern in +Regenbogenfarben. Krüge mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden +gemalt. Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; auf kleinen +angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knäuel zusammengerollt, +und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen +Türschwelle winkt einladend der kühle, dunkle Hausflur. + +Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten +Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, betäubend duftigen +Heues. Die fleißigen Hauswirte haben es vor ihren Hütten +auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne +durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird sichs +darauf schlafen lassen! + +Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; großschopfige +Hühner scharren im Heu nach Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit +noch hellfarbiger Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen herum. + +Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und schwerfälligen, +umsäumten Stiefeln hänseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen +unbespannten Wagen gestemmt -- und zeigen lachend ihre weißen Zähne. + +Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie +lacht, halb über die Scherze der Burschen, halb über die in den +Heuhaufen sich balgenden Kinder. + +Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen großen nassen +Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile, +so daß langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten. + +Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, karierten +Leinenrock und neuen Schuhen. + +Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen, +faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten +Tuche umwunden, welches tief über ihre trüben Augen herabhängt. + +Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges +Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern muß sie sein, das alte +Mütterchen ... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schönheit +war sie zu ihrer Zeit! + +Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten +Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch +aus dem Keller kommt; der Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie +Perlen glitzert. Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine +große Schnitte noch warmen Brotes. -- »Iß nur, sei dirs gesegnet, +willkommener Gast!« + +Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit den Flügeln; ihm +zur Antwort blökt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb. + +-- »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines Kutschers ... + +O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen +Dorfes! Dieser stille Friede und Segen! + +Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch ein Kreuz auf der +Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das übrige, um das wir uns so +heiß bemühen, wir Stadtmenschen? + + + + +Ein Zwiegespräch + + Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein + menschlicher Fuß. + + +Die höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette zerklüfteter +Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. Über den Bergen wölbt sich +blaßgrün, glänzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost; +harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken +vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken +sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn. +Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast +freieren Ausblick. Was geht da unten vor?« + +Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute. + +Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen verhüllen +die Erde ... Warte!« + +Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute. + +»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau. + +»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau +die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen. +Um sie herumwimmeln noch immer diese Käferchen, du weißt, die +zweifüßigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu +beflecken.« + +»Menschen?« + +»Ja; Menschen.« + +Jahrtausende gehen dahin: eine Minute. + +»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau. + +»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« -- grollt das +Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich +verringert, die Wälder gelichtet.« + +Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute. + +»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau. + +»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« -- erwidert +das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der Ferne, in den Tälern sind +noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.« + +»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten +-- eine Minute. + +»Jetzt ist es gut,« -- antwortet das Finsteraarhorn; -- »rein ist es +überall und ganz weiß, wohin man auch blickt ... Überall unser Schnee, +nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.« + +»Gut« -- wiederholt die Jungfrau. -- »Allein, wir haben jetzt genug +geplaudert, Alter. Zeit ist's, einzuschlafen.« + +»Es ist Zeit.« + +Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der grüne, +leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde. + + + + +Die Alte + + +Ich ging auf einem weiten Felde, allein. + +Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem +Rücken vernehmbar würden ... Es folgte mir jemand. + +Ich schaute mich um -- und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in +graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten +sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich +ging auf sie zu ... Sie blieb stehen. + +»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein +Almosen?« + +Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte, +daß ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug +oder Häutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden +dadurch vor allzu grellem Licht geschützt. + +Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und ließ die Pupillen +nicht hervortreten ... woraus ich schloß, daß sie blind sei. + +»Willst du ein Almosen?« -- wiederholte ich meine Frage. -- »Weshalb +folgst du mir?« -- Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krümmte sie +sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort. + +Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam +schleichenden Tritte. + +-- Wieder dieses Weib! -- dachte ich bei mir; -- warum verfolgt sie mich +denn nur? -- Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird +wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt +dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen +Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird's sein. + +Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken eine seltsame +Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht bloß +folge, sondern daß sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald +nach links stoße, und daß ich ihr willenlos gehorchen müsse. + +Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor mir auf meinem +Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... wie eine Grube ... »Ein +Grab!« durchzuckte es mein Hirn. -- Dorthin also stößt sie mich! Hastig +wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht sie! Sie +blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündenden Augen ... mit +den Augen eines Raubvogels ... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die +Augen ... Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen +Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte -- ist mein Schicksal. Jenes +Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen? +-- Welch ein Wahnsinn ... Man muß es versuchen. Und ich wende mich +seitwärts, einer anderen Richtung zu. + +Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln wie früher +hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir wieder die dunkle Grube. + +Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... Und wiederum +dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken und vor mir derselbe drohende +Fleck. + +Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen ... immer +dasselbe, immer dasselbe! + +Halt! denke ich, -- jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich nicht von +der Stelle rühren! -- und augenblicklich setze ich mich an die Erde. + +Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. -- Ich höre sie +nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich sehe ich: der dunkle +Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O +Gott! Ich schaue rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich +geheftet -- und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund ... + +-- Kein Entrinnen! + + + + +Der Hund + + +Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich ... Draußen heult +wütender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir -- und schaut mir +unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als +müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache, +er versteht sich selbst nicht -- aber ich verstehe ihn wohl. + +Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und +dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir +sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glüht und leuchtet das +gleiche zitternde Flämmchen. + +Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche ... Es +ist zu Ende! + +Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen in ihm und +welches in mir geglüht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese +Blicke ... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet +sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des +Menschen -- schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des +anderen. + + + + +Der Widersacher + + +Ich hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher war; zwar +nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere +Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen -- +entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten über +alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, über das Leben +auf Erden und im Jenseits -- namentlich über das im Jenseits. Er war ein +gläubiger, schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du +bespöttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann +werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir wollen doch sehen, ob +du auch dann noch wirst lachen können!« Und wirklich, er starb vor mir, +ein Werdender in der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich +vergaß seines Gelübdes -- seiner Drohung. + +Einst lag ich des Nachts im Bett -- und konnte nicht, mochte nicht +einmal einschlafen. + +Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das +graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich erschien es mir, als ob +zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stünde -- und stumm und +traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab. + +Ich erschrak nicht -- wunderte mich nicht einmal ... vielmehr richtete +ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gestützt, nur +noch schärfer auf die unerwartete Erscheinung. + +Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken. + +»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? oder trauerst du? +-- Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir +zu verstehen geben, daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht +hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder +Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!« + +Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich -- nur wie +vorher nickte er bloß immer traurig und still ergeben mit dem Kopfe -- +auf und ab. Da lachte ich laut auf ... und er verschwand. + + + + +Der Bettler + + +Ich ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher Greis +hielt mich an. + +Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen, +unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte die Not dieses +unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte mir seine gerötete, +verschwollene, schmutzige Hand hin ... Er stöhnte, er ächzte um Hilfe. + +Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber weder Geldbeutel +noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da ... Ich hatte nichts +mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer ... und seine +vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und +verlegen ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde +Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein +Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich; ein +Lächeln kam auf seine fahlen Lippen -- und dann drückte auch er meine +erkalteten Finger. + +»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür bin ich dir +dankbar. -- Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.« + +Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen +hatte. + + + + +Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ... + + _Puschkin_ + + +»Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer sprachst du die +Wahrheit, großer, vaterländischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr +gesprochen. »Wie Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es +nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann -- und +muß ertragen werden; wer die Kraft dazu hat -- der mag es auch +verachten! + +Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz treffen ... Ein +Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablässiger, hingebender, +ehrlicher Arbeit ... Da wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm +ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines +Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche junge Stimmen +entgegen. -- »Dich und deine Mühe brauchen wir nicht; du schändest unser +Heim -- du kennst und du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!« + +Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemühen, soll nicht +versuchen, sich zu rechtfertigen -- soll nicht einmal die Hoffnung auf +künftige gerechtere Beurteilung nähren. + +Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel +brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche Nahrung des Armen ... Aus +seinen Händen, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare +Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Füßen. + +Jetzt nähren sie sich davon -- und kennen nicht einmal den Namen ihres +Wohltäters. + +Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er +sie vor dem Hunger. + +Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht unseres +Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter +Tadel aus dem Munde derer, die man liebt ... Doch auch dies kann man +verwinden ... + +»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische Feldherr zum +spartanischen. + +»Schlage mich -- aber sei gesund und satt!« so sollen _wir_ denken. + + + + +Ein Zufriedener + + +Durch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch +junger Mann. -- Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen +leuchten, Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt sein +freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude. + +Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im +Amte befördert? Eilt er zu einem zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht +hat er auch bloß -- gut gefrühstückt, -- und das Gefühl der Gesundheit, +der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar +seinen Hals mit deinem schönen achteckigen Kreuz geschmückt haben, o +polnischer König Stanislaus! + +Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie +eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde +eines anderen Bekannten vernommen -- und _ihr selber Glauben geschenkt_. + +O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser +liebenswürdige, vielversprechende junge Mann! + + + + +Eine Lebensregel + + +»Wenn Sie mal den Wunsch haben, Ihrem Gegner gehörig mitzuspielen und +ihn womöglich zu kränken,« sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann +werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie +sich selber bewußt sind. -- Spielen Sie den Entrüsteten ... und tadeln +Sie ihn! + +»Denn erstens -- bringt dies dem anderen die Meinung bei, daß Sie von +diesem Laster frei wären. + +»Zweitens -- darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige sein ... Sie +können aus den Vorwürfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen. + +»Sind Sie beispielsweise ein Renegat -- dann werfen Sie Ihrem Gegner +vor, er sei ohne jede Überzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele -- +dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein +Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!« + +»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!« +bemerkte ich. + +»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf. + + + + +Das Ende der Welt + +Ein Traum + + +Mir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands, in der +Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhütte. + +Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände weiß getüncht; +aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung +breitet sie sich in die Ferne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt +darüber wie ein härenes Tuch. + +Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube. +Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und +ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus -- +aber unaufhörlich begegnen sich ihre besorgten Blicke. + +Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen +bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit ... alle +treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als +warteten sie auf etwas von dorther. + +Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab. + +Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert +er mit dünner eintöniger Stimme: »Väterchen, ich fürchte mich!« -- Bei +diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz -- und auch mich beschleicht +Furcht ... Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine fühle ich: +heran kommt und nähert sich ein großes, großes Unheil. + +Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte man doch nur hinaus! +Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein +Ausweg. + +Dieser Himmel da -- gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch ... +Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich springt der Knabe ans Fenster und +schreit mit derselben kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist +versunken!« + +-- »Wie? Versunken!« -- Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene +-- jetzt steht es auf dem Gipfel eines ungeheuren Berges! Der Horizont +ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken -- und dicht vor dem Hause +starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer Abgrund. + +Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der Schrecken erstarrt +unsere Herzen zu Eis. -- »Dort kommt es ... dort kommt es!« flüstert +mein Nachbar. + +Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben +und senkten sich kleine wellige Hügel. + +»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. »Gleich wird es +uns alle verschlingen ... Wie kann es bloß so wachsen und in die Höhe +steigen? Bis zu diesem Felsgrat?« + +Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon sinds nicht mehr +einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... Eine einzige geschlossene, +ungeheure Woge überflutet den ganzen Horizont. + +Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt +sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum -- dort aber, in jener +hereinbrechenden Masse -- Dröhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner +Schrei ... + +Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der +Erde ... + +Vernichtung ihr! Vernichtung allem! + +Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an meine Gefährten +klammern -- doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben, +verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden +Woge! + +Finsternis ... ewige Finsternis! + +Nach Atem ringend erwachte ich. + + + + +Mascha + + +Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knüpfte ich +jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mußte, mit dem Kutscher ein +Gespräch an. + +Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern +aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem +ärmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen -- in der Hoffnung, dort +selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren +erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder mal einen solchen +Kutscher ... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen, +stämmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein +Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen +herabgezogenen geflickten Mütze hervor. -- Und wie hatte er bloß diesen +zerrissenen kleinen Kittel über seine riesigen Schultern ziehen können! + +Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien +bekümmert und betrübt. + +Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang +Trübsal. + +»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so traurig? Drückt +dich irgendein Kummer?« + +Der Bursche zögerte mit der Antwort. + +»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. »Und ein +Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein Weib ist gestorben.« + +»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?« + +Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den +Kopf. + +»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns +nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... immerfort! Warum hat sie +auch sterben müssen? War doch jung! gesund!... An _einem_ Tage hat die +Cholera sie abgewürgt.« + +»Sie war dir wohl ein braves Weib?« + +»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und wie gut haben wir +zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß +man sie gar schon begraben hätte, -- da jagte ich augenblicklich zum +Dorf, nach Hause. Ich kam an -- da wars schon nach Mitternacht. Ich +trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz +leise: 'Mascha! meine Mascha!' Aber nur das Heimchen zirpt. -- Da kommt +mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele -- wie habe ich da mit den +Händen auf den Boden gehauen! -- 'Du unersättliche Grube!' schrei +ich ... 'Sie hast du verschlungen ... dann verschling auch mich!' -- Ach +Mascha!« + +»Mascha!« -- setzte er mit plötzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne +seine groben Zügel loszulassen, wischte er sich mit seinen +Fausthandschuhen die Tränen aus den Augen, schüttelte sie ab, zuckte die +Achseln -- und sprach kein Wort mehr. + +Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit über den +Fahrpreis. -- Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Händen nach +der Mütze griff -- und fuhr dann langsam davon über die glatte +Schneefläche der menschenleeren Straße, die der graue Nebel des +Januarfrostes einhüllte. + + + + +Der Dummkopf + + +Es war einmal ein Dummkopf. + +Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch allmählich +drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er überall für einen hirnlosen +Narren gelte. + +Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darüber +nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte aus der Welt schaffen +könnte. + +Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen Kopf ... und +ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen. + +Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter -- der über einen namhaften +Maler lobend zu sprechen begann ... + +»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen Maler hat man ja längst +zum alten Eisen geworfen ... Das wissen Sie nicht? -- Von Ihnen hätte +ich das nicht erwartet ... Sie sind -- sehr zurückgeblieben.« + +Der Bekannte erschrak -- und pflichtete dem Dummkopf sofort bei. + +»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte ihm ein anderer +Bekannter. + +»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen Sie sich denn nicht? +Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darüber +lustig. -- Das wissen Sie nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben.« + +Auch dieser Bekannte erschrak -- und stimmte dem Dummkopf bei. + +»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte ein dritter +Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft vornehme Natur!« + +»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein notorischer +Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wüßte +denn das nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben!« + +Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben +und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des +Dummkopfs loben mochte -- für alles hatte er die gleiche Antwort. + +Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufügte: +»Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?« + +»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten über den Dummkopf zu +urteilen. -- »Aber welch ein Kopf!« -- »Und welche Redegewandtheit!« -- +setzten andere hinzu. -- »O gewiß, er hat Talent!« + +Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die +Leitung des kritischen Teiles übertrug. + +Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine +gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrücke irgendwie zu ändern. + +Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete -- selbst eine Autorität +-- und die Jugend beugt sich vor ihm -- und fürchtet ihn. + +Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? -- Es ist ja -- im +allgemeinen -- fatal, sich beugen zu sollen ... indessen, es unterstehe +sich nur mal einer und beuge sich nicht -- gleich sitzt er im Topf der +»Zurückgebliebenen«! + +Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen. + + + + +Eine Legende des Morgenlandes + + +Wer kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die Sonne des Weltalls? + +Einst -- vor langen Jahren -- da er noch ein Jüngling war, lustwandelte +Dschaffar in der Umgebung von Bagdad. + +Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt +um Hilfe. + +Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und +Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz -- und vertraute +auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen +hinfälligen Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer gedrückt +und beraubt wurde. + +Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die Räuber: einen +schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht. + +Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, indem er den +Saum seines Mantels küßte: »Tapferer Jüngling, dein Edelmut soll nicht +unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler; +doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, -- +komme morgen in der Frühe auf den großen Bazar; am Springbrunnen werde +ich dich erwarten -- und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner +Worte überzeugen.« + +Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein +Bettler, ohne Zweifel; indessen -- nichts ist unmöglich. Weshalb sollte +ich es nicht versuchen?« und gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich +werde kommen.« + +Der Greis blickte ihm ins Auge -- und entfernte sich. + +Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab sich Dschaffar auf +den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den +Ellenbogen gestützt hatte, harrte seiner schon der Greis. + +Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte ihn in einen +kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war. + +Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand ein Baum von +ungewöhnlichem Aussehen. + +Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe. + +Drei Früchte -- drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden +Zweigen: der eine von mittlerer Größe, länglich und milchweiß; der +andere groß, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und +gelblich. + +Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang +sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fühle er die Nähe +Dschaffars. »Jüngling!« -- hub der Greis nun an -- »pflücke dir nach +Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du und ißt du +die weiße -- dann wirst du klüger werden als alle Menschen; pflückst du +und ißt du die rote -- dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild; +pflückst du und ißt du aber die gelbe -- dann wirst du allen alten +Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde +verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Schoß +der Erde!« + +Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. -- »Wie wähle ich hier am +besten?« sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich +selbst zu Rate. -- »Wer allzu weise wird, könnte des Lebens überdrüssig +werden; wer reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen; +besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den runzligen!« + +Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem zahnlosen Munde +und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! Du hast das beste Teil +erwählt! -- Was sollte dir auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja +klüger als Salomo. -- Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ... +Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir +niemand neiden können.« + +»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, »wo wohnt die +ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?« + +Der Greis verneigte sich bis zur Erde -- und wies dem Jüngling den Weg. + +Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den großen, +ruhmreichen Dschaffar? + + + + +Zwei Vierzeiler + + +Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher +Weise der Poesie ergeben waren, daß, wenn einmal einige Wochen +verstrichen, ohne daß neue schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche +Mißernte als ein öffentliches Unglück empfanden. + +Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs +Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Plätzen und haderten unter +bitteren Tränen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe. + +An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter Junius auf dem +Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfüllt war. + +Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel +und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht vorzutragen +wünsche. + +Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!« +schrien sie laut -- und erwartungsvoll verstummte die Menge. + +»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber etwas unsicherer +Stimme: + + »Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr! + Bewundrer alles des, was edel und vollendet! + Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen! + Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.« + +Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von allen Enden des +Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter. + +Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen +blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, drohten, ballten sich zu +Fäusten! + +»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu erringen!« schrien +zornige Stimmen. »Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen +Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen +Narren! Gebt Steine! Steine her!« + +Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber noch war er +nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Händeklatschen, +Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang. + +Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden -- denn es ist +gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen --, kehrte Junius auf den Platz +zurück. + +Und was sah er? + +Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem +flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehüllt, einen +Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge +Dichter Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! Heil dem +unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in unserem großen Kummer hat +er uns getröstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, süßer als Honig, +wohlklingender als Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als +Himmelsbläue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit +köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch sanftes Fächeln mit +Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen alle Wohlgerüche arabischer +Myrrhen! Heil!« + +Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage mir doch, lieber +Mitbürger, mit welchen Versen Julius uns beglückt hat! Leider war ich +nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch, +wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!« + +»Wie sollte man -- solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?« +antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst du mich denn? So höre -- +und jauchze, jauchze mit uns! + +'Der Dichtkunst Gönner ihr!' so begann der göttliche Julius ... + + 'Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all! + Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich! + Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben! + Die freudge Stunde naht -- und Tag verscheucht die Nacht!' + +Herrlich, nicht wahr?« + +»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja doch meine eigenen +Verse! -- Julius hat sich gewiß unter der Volksmenge befunden, als ich +sie vortrug -- er hat sie gehört und dann wiederholt, wobei er nur +einige Ausdrücke -- und keineswegs zum Vorteil -- veränderte!« + +»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete +stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel bist du oder ein +Dummkopf!... So überlege doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben +heißt es bei Julius: 'Und Tag verscheucht die Nacht!' ... Bei dir +dagegen -- so recht abgeschmackt: 'Und Dunkel weicht dem Licht!' -- +Welches Licht?! Welches Dunkel?!« + +»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius einzuwenden ... + +»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und ich rufe das +Volk auf ... das dich zerreißen wird!« + +Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann, +der sein Gespräch mit dem Bürger gehört hatte, auf den niedergeschlagenen +Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach: + +»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab +nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. -- Folglich hat er +recht -- dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.« + +Doch während das reine Gewissen -- so gut und so weit es irgend +vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht -- den Junius +tröstete, der sich stumm in einen Winkel gedrückt hatte, schwebte in der +Ferne, unter tosendem Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der +Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem +Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Könige, der +zur Krönung schreitet, -- in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des +Julius dahin ... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich +vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem +demütigen Sichneigen die beständig sich erneuernde Verehrung ausdrücken, +welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte. + + + + +Der Sperling + + +Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein +Hund lief vor mir her. + +Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als +wittere er vor sich ein Wild. + +Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit +gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste +gefallen -- heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee -- und hockte +unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen +ausstreckend. + +Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume +sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein +gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört, +mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den +scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein +Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es +schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein +Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich +selbst! + +Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch +hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht ... +Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab. + +Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff auch er diese +Macht. + +Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich, +Ehrfurcht im Herzen. + +Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen +heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe. + +Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des +Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben. + + + + +Die Totenschädel + + +Ein prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche +Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprühende Gesichter und +eifrige Gespräche ... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine +berühmte Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... O, wie +herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert! + +Und plötzlich -- wie auf den Wink eines Zauberstabes -- verschwand von +allen Köpfen und allen Gesichtern die zarte Hülle der Haut, und +augenblicklich erschienen die Schädel in ihrer Totenblässe, traten +Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor. + +Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen +bewegten und rührten -- wie sich diese rundlichen, knöchernen Kugeln, im +Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten -- +und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen +Augäpfel. + +Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte auch nicht, +mich im Spiegel zu betrachten. + +Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit derselben +Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen +geläufig hin und her bewegend, schwatzten die geschäftigen Stimmen +davon, wie wunderbar, wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die +unsterbliche Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe! + + + + +Die Tagelöhner und der Weißhändige + +Ein Gespräch + + +_Tagelöhner_ + +Was drängst du dich zu uns? Was willst du? Du gehörst nicht zu uns ... +Mach, daß du weiterkommst! + +_Der Weißhändige_ + +Ich gehöre zu euch, Brüder! + +_Tagelöhner_ + +Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau mal auf meine +Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dünger riechen sie und +nach Teer, -- deine Hände aber sind weiß. Wonach riechen die denn? + +_Der Weißhändige_ (seine Hände hinhaltend) + +So rieche doch! + +_Tagelöhner_ (sie beriechend) + +Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen. + +_Der Weißhändige_ + +Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten. + +_Tagelöhner_ + +Warum denn das? + +_Der Weißhändige_ + +Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien +wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure +Bedrücker, revoltierte ... Da haben sie mich denn gefangengesetzt. + +_Tagelöhner_ + +Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?! + + + -- _Zwei Jahre später_ -- + + +_Einer derselben Tagelöhner_ (zum anderen) + +Hör mal, Peter ... Du weißt doch noch, wie im vorvorigen Jahr so 'n +weißhändiger Kerl mit dir schwatzte? + +_Zweiter Tagelöhner_ + +Freilich ... na, und? + +_Erster Tagelöhner_ + +Nun, hängen werden sie ihn heute; so 'n Befehl ist gekommen. + +_Zweiter Tagelöhner_ + +Hat er denn wieder revoltiert? + +_Erster Tagelöhner_ + +Wieder revoltiert! + +_Zweiter Tagelöhner_ + +Na ... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen, daß wir den Strick +kriegen, mit dem er gehängt wird; so was soll doch 'n mächtiges Glück +ins Haus bringen! + +_Erster Tagelöhner_ + +Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter. + + + + +Die Rose + + +Es war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst hatte bereits +seinen Einzug gehalten. + +Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, doch ohne Donner +und Blitz, war eben ein starker Regenschauer über unsere weite Ebene +hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz +überflutet vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens. + +Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch +die halboffene Tür in den Garten hinaus. + +Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, daß sie nach einem +kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem +Gefühle ergab, das sie nicht länger zu bemeistern imstande war. + +Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und +verschwand. + +Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder. + +Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee, +durch welche -- wie ich bestimmt voraussetzte -- auch sie gegangen war. + +Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon hereingebrochen. +Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten +Schleier der Finsternis hindurch noch rötlich schimmernd, ein rundlicher +Gegenstand erkennbar. + +Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte Rose. Noch +vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen. + +Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum +Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch. + +Endlich kam auch sie zurück -- durchmaß mit leichten Schritten das +Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber +auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten +ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die +Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, beschmutzten Blätter, +blickte dann auf mich -- und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre +Augen in Tränen. + +»Warum weinen Sie?« fragte ich. + +»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.« + +Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre Tränen werden +diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit vielsagender Betonung. + +»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete sie, wandte sich +zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme. + +»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer gewissen +Entschlossenheit, -- und ihre schönen Augen, in denen die Tränen noch +schimmerten, strahlten in mutvollem und beglücktem Lächeln. + +Da wußte ich, daß auch sie versengt war. + + + + +Letztes Wiedersehen + + +Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... Doch es kam ein +verhängnisvoller Augenblick -- und wir entfremdeten uns, wurden Feinde. + +Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in +die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, daß er hoffnungslos +darniederliege und mich wiederzusehen wünsche. + +Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke begegneten sich. + +Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt! + +Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, ergrautem +Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten Hemde da ... Er +vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu +ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam +abgenagte Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche Worte +hervor -- ob es ein Gruß, ob es ein Vorwurf war -- wer mag es wissen? +Seine entkräftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung -- und über die +verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten zwei kümmerliche, +leidensschwere Tränenperlen. + +Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und +reichte ihm, während ich unwillkürlich den Blick vor dieser furchtbaren +Entstellung senken mußte, auch meinerseits die Hand. + +Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine Hand, die die +meine umschlossen hielt. + +Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein +langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden, +matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen +Lippen. + +Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf +immer. + +Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ... + + + + +Ein Besuch + + +Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai. + +Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht +war schon einer kühleren Dämmerung gewichen. + +Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag +noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das +nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter, +stärkender Taugeruch. + +Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und +Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein. + +Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine +geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen, +schillernden Gewande. + +Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; bloß die +Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer +erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden +Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines +Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer +lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke +umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen, +schwarzen, glänzenden Augen. + +Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie +funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine +langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« nennt sie das russische Volk, +-- auch ähnelt sie wirklich einem Zepter. + +Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser Blume mein +Haupt. + +Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert +-- und fort war sie ... + +Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine +Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu -- und in der Ferne, wo sie +verschwand, begann der milchweiße Himmel sich langsam zu röten. + +Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte dich zu mir +-- du flogst davon zu den jungen Dichtern. + +O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur noch auf Augenblicke +erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele -- frühmorgens bei +Frühlings Erwachen! + + + + +#Necessitas -- Vis -- Libertas# + +Ein Basrelief + + +Eine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und +unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen Schritten und stößt mit +ihrer stockdürren Hand ein anderes Weib vor sich her. + +Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit Muskeln gleich +einem Herkules, aber einem winzigen Köpfchen auf einem Stiernacken, -- +ist blind -- und stößt ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor +sich hin. + +Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, versucht sich +umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles +Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie +möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen +wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen. + +#Necessitas -- Vis -- Libertas.# + +Wer Lust hat -- mag es übersetzen. + + + + +Das Almosen + + +In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein +alter, kranker Mann. + +Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten +seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie +einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen +Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die +Kräfte. + +Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte +sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und +zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in +den trockenen grauen Staub. + +Er dachte vergangener Zeiten ... + +Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie +er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere +verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er +nicht einmal ein Stückchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die +Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so +weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in +sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften +in den grauen Staub. + +Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete +sein müdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten. + +Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen +nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch. + +»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme +vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?« + +»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn +ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.« + +»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre +Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der +Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig +sein können?« + +Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken. + +»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der +Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch +du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen, +daß sie gut sind.« + +Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon +verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer. + +Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser +Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts. + +Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines +Almosen. + +Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen -- und süß +schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham quälte mehr sein +Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen. + + + + +Das Insekt + + +Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit +offenen Fenstern. + +Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ... + +Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut +durcheinander. + +Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem +Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich +dann an die Wand. + +Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner +Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig +und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und +diese Füßchen -- waren leuchtend rot wie Blut. + +Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben, +nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es +von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und +machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von +der Stelle zu rühren. + +In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand +von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch +dies Ungeziefer hinaus!« -- alle schwenkten von weitem ihre +Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das +Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück. + +Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann, +blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die +Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns +vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt +kein Insekt wahrnehmen -- hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner +Flügel. + +Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte +sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ... +Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus -- und brach tot +zusammen. + +Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst +errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war. + + + + +Die Kohlsuppe + + +Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der +beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes, +hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung +auf, um sie zu besuchen. + +Sie fand sie zu Hause. + +Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer, +mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff +herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte +einen Löffel nach dem andern davon hinunter. + +Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und +verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der +Kirche. + +Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem +Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese +Leute für ein rohes Gefühl! + +Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen +Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter +Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von +Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht +hatte! -- Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe. + +Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. -- »Tatjana!« rief sie +aus ... »Das ist unerhört! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen +Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren? +-- Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!« + +»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten +bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir +bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen. +Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja +gesalzen.« + +Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie +war das Salz billig. + + + + +Die Gefilde der Seligen + + +O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der +Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume. + +Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer +Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden +Wimpeln. + +Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit +ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich! + +Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues +Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war -- +und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und +darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche, +heitere Sonne. + +Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches +Lachen -- wie das Lachen der Götter! + +Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer +Schönheit und begeisternder Kraft ... es schien, als ob der Himmel +selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend +erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille. + +Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin. +Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden +Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre +er beseelt. + +Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren +Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft +geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser +Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und +Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige, +langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die +Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der +glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen +und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen +schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, +das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem +Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe! + +Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da ... unsichtbar, +doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglänzen, es strahlt +ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit +sich in ein unverwelkliches Paradies! + +O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut. + + + + +Zwei Reiche + + +Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er +ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern, +für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt +dies meinen Beifall und rührt mich. + +Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die +Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine +kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm. + +»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser +letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz für die +Suppe ...« + +»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr +Mann, zur Antwort. + +Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern! + + + + +Der Greis + + +Trübe, schwere Tage sind gekommen ... + +Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters. +Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und +schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab. + +Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder +dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem +verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, -- +aber grün ist auch dieses noch. + +So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei +deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner +innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in +all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden +Frühlingspracht vor dir erglänzen. + +Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis! + + + + +Der Berichterstatter + + +Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich +auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige +Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven. + +»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster +hinausblickte. + +»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer +es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht +zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.« + +»Ein Mörder ist's aber nicht, den sie da prügeln.« + +»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen +ihn dem Pöbelhaufen entreißen.« + +»Es ist auch kein Dieb.« + +»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer, +ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein +gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?... +Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!« + +»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.« + +»Einen Berichterstatter? -- Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig +unsern Tee austrinken.« + + + + +Zwei Brüder + + +Ich hatte eine Vision ... + +Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ... +Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an +den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen. + +Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte +Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von +dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und +verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem +Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die +vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener +Macht -- selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz +schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die +sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von +einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen +Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner +Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend +rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit +zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem +angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens. + +Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem +Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war +fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der +unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten +etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die +Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum +bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln +geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch +das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings -- obwohl liebreizend und +sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten +schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten +Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine +Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten +sich langsam und drohend. + +Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein. + +Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten +ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die +schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern +wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten. + +Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also: + +»Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brüder, die zwei +Grundpfeiler allen Lebens. + +»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich +fortzupflanzen. + +»Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das +Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte +Leben.« + + + + +Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja + + +Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines +baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines +verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet +worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig +bewußtlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken +Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte +halten können -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten +Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen +Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen. + +Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die +höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen +beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von +diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben +lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen. + +Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer +Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrängten Hilfe zu leisten ... +ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht -- und lernte +sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein +hatte sie sich längst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer +unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer +Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten, +tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewußt -- und +kann jetzt freilich niemand mehr erfahren. + +Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet. + +Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens +ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham +sich jeder Dankesbezeugung entzog. + +Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine, +verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage! + + + + +Der Egoist + + +Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie +zu werden. + +Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes +langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel +nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal. + +Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner +Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine +Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ... +und er nahm Wucherzinsen davon. + +Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie +aus freien Stücken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos -- +und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute. +Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so +überaus musterhafte Person und war innerlich empört, wenn die anderen +sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten. + +Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten -- und +verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den +Egoismus! -- Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen +eigenen! + +Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und +duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden +und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und +vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen. + +Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu +vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte +er dann den anderen vergeben? + +Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner +eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund +von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer +Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer +Mensch!« + +Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und +selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in +diesem Herzen ohne Makel und Fehl. + +O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend -- +schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des +Lasters! + + + + +Das Fest beim höchsten Wesen + + +Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast +ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. +Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen. + +Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die großen wie die +kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und +liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt -- +und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe +Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste +Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen +schienen. + +Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu +der anderen. + +»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die +Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden +gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie +besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal. + + + + +Die Sphinx + + +Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand +ohne Ende, so weit das Auge reicht! + +Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich +das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx. + +Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese +starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern -- und diese Augen, diese +länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der +hohen Brauen? + +Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein Ödipus +vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen. + +Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches +mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die +kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche +Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen -- und diese weit +auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den +Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja, +Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein +Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die +Sphinxe geraten? + +Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch -- +eine Sphinx. + +Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und +auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll. + +Wo aber ist dein Ödipus? + +O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht +ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx! + + + + +Die Nymphen + + +Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten +Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle. + +Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der +Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb +verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein. + +Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe, +das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische +Meer fuhr. + +Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da +ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine +vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann +lasse laut den Ruf erschallen: 'Der große Pan ist tot!'« + +Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der +Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!« + +Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers +(obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und +langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!« + +Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare +Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?« + +Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es +mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft: +»Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!« + +Und sogleich, o Wunder! -- erscholl als Antwort auf meinen Ruf längs des +ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte +freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan +ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. -- Plötzlich jubelte +alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger +als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch +hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün +schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische +Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden, +Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen +sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen +Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins -- und +Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ... +Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle +anderen, -- ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt +sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine +silberne Mondsichel ... + +Diana -- bist du es? + +Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die +ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah, +wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer +tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr +Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr +in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen? +Wohin blickte sie? + +Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten +Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein +feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen +Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm +ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden +Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen +spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und +nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und +verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg +Nebel vom Talgrund auf -- ich weiß es nicht. + +Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen! + + + + +Freund und Feind + + +Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und +stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den +Fersen. + +Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger +nachzulassen. + +Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern -- ein schmaler, +aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen! + +Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon +hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun, +daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind +standen. + +Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund +dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne +dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig +verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst +rettungslos um!« + +»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die +Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett. + +»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde +gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter +den Füßen weg. -- Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab -- und +ertrank. + +Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber +setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen +-- armen Freund! + +Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar +nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick. + +»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos. + +»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes +Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet +er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es +so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich +betrachtet!« + +Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den +unglückseligen Freund. + + + + +Christus + + +Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen +Dorfkirche. -- Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine +rote Punkte vor den alten Heiligenbildern. + +Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne +Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber +standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit +zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder +gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge +über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und +trat neben mich. + +Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fühlte sofort: dieser +Mensch ist -- Christus. + +Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben +Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an. + +Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen +Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts, +andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht +zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze +Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch +die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen. + +»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher, +einfacher Mensch! Es ist unmöglich!« + +Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen +Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefühl überkam, als stünde +wirklich Christus an meiner Seite. + +Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe +Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen, +wenn auch unbekannten Züge. + +Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun +begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen +Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei. + + + + +Der Stein + + +Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn +an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die +frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen, +umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen +glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein +-- aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben. + +Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst +zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte. + +So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen +Frauenseelen bestürmt -- und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten +sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers! + +Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch +nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen. + + + + +Die Tauben + + +Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir +breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes +Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos +war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen. + +Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter +dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue +Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des +Horizontes. + +Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden +Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören +und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe +irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt. + +Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue +Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur +schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange, +grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende +Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit! + +Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der +schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie +sich. + +Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes +Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes +Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die +vom Dorfe herübergeflogen kam. + +Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm +Walde. + +Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare +Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken +schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben +heimwärts. + +Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann! + +Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie +ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten, +niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt +durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender +Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie +Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht +nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande +des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche +nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht +und dadurch vielleicht gerettet hatte. + +Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt -- und schmiegen +sich Fittich an Fittich ... + +Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ... +Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer. + + + + +Morgen! Morgen! + + +Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag! +Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf +verrannen all die Stunden, eine nach der anderen! + +Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein +Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich +selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der +Zukunft! + +Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem +ebenverflossenen nicht gleichen würden? + +Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt +zuwider -- und er tut wohl daran. + +»Ei, morgen, morgen!« -- damit tröstet er sich, -- so lange, bis ihn +dieses Morgen ins Grab senkt. + +Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grübeln ganz +von selbst ein Ende. + + + + +Die Natur + + +Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen +Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht +erfüllte den ganzen Raum. + +Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen +Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes +Nachdenken versunken. + +Ich begriff sofort, daß dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie +plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele. + +Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du +unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach? +Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der +Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen +könne?« + +Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre +Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das +Dröhnen des Eisens: + +»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere +Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu +retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist +gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.« + +»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht +wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder?« + +Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,« +sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied -- und ohne +Unterschied vernichte ich sie alle.« + +»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum. + +»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder +Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist +Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder +nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es +einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen -- und laß mich in Ruhe!« + +Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf +zu stöhnen und zu beben -- und ich erwachte. + + + + +Hängt ihn! + + +»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor +Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in +Mähren Quartiere bezogen. + +Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu +drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an, +obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten. + +Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter, +namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von +klein auf und behandelte ihn wie einen Freund. + +Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte, +lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen +worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er +beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... 'Er und +stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors +Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles. + +Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der +Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber. + +Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und +Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen. + +Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde +entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz außer sich, mit fliegenden +Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand +auf ihn deutete. + +'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie! +Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der +Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust +herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache -- +und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser +ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung +brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu +Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den +Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde. + +Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und +brummte zornig: 'Nun?' ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt +grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können, +der Kerl lache. + +Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: 'Hängt ihn!' gab seinem +Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in +scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein +einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen +flüchtigen Blick zu. + +Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort +festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen -- +und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!' +-- dann halblaut: 'Gott droben weiß es, ich wars nicht!' Bitterlich +weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung. +'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn bloß dem General nicht +geantwortet?' 'Gott droben weiß es, ich wars nicht,' wiederholte der +Ärmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch +fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun +fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an, +versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei, +alles aufzuklären ... + +Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber +Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter +und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und +das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr, +Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja +schon verziehen.'« + +Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte, +flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« -- und +dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen. + + + + +Was ich wohl denken werde ... + + +Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde +schlägt -- wenn ich dann überhaupt noch werde denken können? + +Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie +ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand? + +»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! Ich habe ja doch +noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit +gehen!« + +Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich +durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten? + +Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird +meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden? +Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und +wartet dort überhaupt etwas meiner? + +Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken -- und +mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine +Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir +auftut, abzulenken. + +Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine +Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner +verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene +Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels. + + + + +Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ... + + +Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß +es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis: + +»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...« + +Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im +dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel +gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu: + +»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...« + +Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses +stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die +laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; -- am Fenster aber sitzt, +mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein +Mädchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um +das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig +andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese +fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen +begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind +die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu +richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht! + +»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...« + +Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht +knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen +heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernähme +ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ... + +»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...« + +Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm +ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere +geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die +frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich +innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft +durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen +Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern +über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer +vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ... + +»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...« + +Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt? +Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein +alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt +es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ... + +»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...« + + + + +Eine Seefahrt + + +Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren +unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der +Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem +englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte. + +Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck +angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel. + +Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes, +kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen +Augen auf mich. -- Ich erfaßte seine Hand -- und da hörte es auf zu +piepen und zu zerren. + +Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie +ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war +davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten +Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf +und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem +Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem +geheimnisvollen, seltsamen Rot. + +Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar, +glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten +sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich, +wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den +gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise +zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder +zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen. + +Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die +kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um +gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu +verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem +sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und +spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen +antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig, +als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden -- dem Affen. + +Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs +neue seine Hand hin. + +Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in +gleiches, gedankenloses Brüten versunken saßen wir eins neben dem +andern, wie zwei Verwandte. + +Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders. + +Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, daß das arme +Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte, +wie an einen Verwandten. + + + + +N. N. + + +Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und +ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt. + +Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd -- und du +brauchst niemanden. + +Du bist schön -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine +Schönheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und +verlangst keine Teilnahme. + +Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in +dieser lichten Tiefe. + +So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen +Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten. + + + + +Halt inne! + + +Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib für immer in meinem +Gedächtnis! + +Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine +Augen glänzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, überwältigt +von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu +verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine +ermatteten Arme ausstreckst! + +Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine +ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes? + +Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken +zurückgeweht? + +Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es -- +das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der +Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere +Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In +diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann +bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt +dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du höher, standest über +allem Vergänglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt +unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner +Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit +strahlen! + + + + +Der Mönch + + +Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur +in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so +lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Füße +unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte +sie nicht mehr, stand da -- und betete. + +Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er +soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine +Freuden unzugänglich sind. + +Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch +wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die +mich davon abhält. + +Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm +-- das seine. + +Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich +finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch +ich lüge ja nicht. + + + + +Noch wollen wir kämpfen! + + +Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen +völlig umzustimmen! + +Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße. + +Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich +meiner bemächtigt. + +Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief +der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg, +etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt, +hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt +und unbesorgt! + +Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen +einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als +schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll für Zoll! + +Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht +gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen. + +Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich +waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut, +Widerstandskraft und Lebenslust. + +Mag doch auch über _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen ... + +-- Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch! + + + + +Das Gebet + + +Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes +Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal +zwei -- nicht vier sei.« + +Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu +einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen +abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmöglich und undenkbar. Aber +kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich +machen, daß zwei mal zwei -- nicht vier sei? + +Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« -- und +ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen. + +Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt? + +Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding' im Himmel +und auf Erden, Freund Horatio ...« usw. + +Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er +bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?« + +Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein -- und beten. + + + + +Die russische Sprache + + +In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines +Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Stütze, o du große, +mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht +wärst -- müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was +sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache +nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein! + + + + + Inhalt + + + Das Dorf 5 + + Ein Zwiegespräch 8 + + Die Alte 9 + + Der Hund 12 + + Der Widersacher 12 + + Der Bettler 14 + + Erfahren wirst du noch, wie Toren richten 15 + + Ein Zufriedener 16 + + Eine Lebensregel 17 + + Das Ende der Welt. Ein Traum 17 + + Mascha 20 + + Der Dummkopf 22 + + Eine Legende des Morgenlandes 24 + + Zwei Vierzeiler 26 + + Der Sperling 30 + + Die Totenschädel 31 + + Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch 32 + + Die Rose 34 + + Letztes Wiedersehen 36 + + Ein Besuch 37 + + #Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief 39 + + Das Almosen 39 + + Das Insekt 41 + + Die Kohlsuppe 43 + + Die Gefilde der Seligen 44 + + Zwei Reiche 46 + + Der Greis 46 + + Der Berichterstatter 47 + + Zwei Brüder 48 + + Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja 50 + + Der Egoist 51 + + Das Fest beim höchsten Wesen 53 + + Die Sphinx 53 + + Die Nymphen 55 + + Freund und Feind 57 + + Christus 59 + + Der Stein 60 + + Die Tauben 61 + + Morgen! Morgen! 62 + + Die Natur 63 + + Hängt ihn! 65 + + Was ich wohl denken werde 67 + + Wie frisch und duftig waren doch die Rosen 68 + + Eine Seefahrt 70 + + N. N. 72 + + Halt inne! 72 + + Der Mönch 73 + + Noch wollen wir kämpfen! 74 + + Das Gebet 75 + + Die russische Sprache 76 + + + + + Druck von Bernhard + Tauchnitz in Leipzig + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + + Sperrung: _gesperrter Text_ + Antiquaschrift: #Antiqua# + + +Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen: + + + +Seite 17: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehörig + --> Ihrem + +Seite 73: auf den kalten Steinfließen --> Steinfliesen + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA *** + +***** This file should be named 37716-8.txt or 37716-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/7/1/37716/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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