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Zeitschrift für Anwendung der + Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften II (1913). S. 357-408. + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert. + ] + + + + +Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der +Neurotiker. + +Von SIGM. FREUD. + +IV. + +Die infantile Wiederkehr des Totemismus. + + +Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung +psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu +besorgen, daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die +Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in +notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der +Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht +sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten +Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus +verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative +Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion +zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel +als auch die Absicht des Psychoanalytikers. + + + + +1. + + +In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des +Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein +System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien, +Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der +sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, daß der Schotte _Mac Lennan_ +1869 das allgemeinste Interesse für die bis dahin nur als Kuriosa +gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die +Vermutung aussprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in +verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste +einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither +diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der +letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den +Elementen der Völkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(1): +»Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher +Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die totemistische Kultur überall +einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe +zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und +Götterzeitalter gebildet hat.« + + (1) p. 139. + +Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu einem +tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Gründen, welche +später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung +von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totémisme in +zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion, +entworfen hat(2): + +1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber die +Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen +Pflege. + +2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen +Ehrenbezeugungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes. + +3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten +Körperteil des Tieres. + +4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem Drange der +Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die +Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und +Ausflüchte abzuschwächen. + +5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint. + +6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, legt +man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind +dies die Totemtiere. + +7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der +Totemtiere. + +8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen +ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich +solche durch Tätowierung einritzen. + +9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren gehört, so +wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes +verschont. + +10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des Stammes. + +11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen +als Führer. + +12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß sie mit dem +Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknüpft sind. + + (2) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors + vierbändigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1908, T. I, p. 17 ff. + +Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, wenn man in +Betracht zieht, daß _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und +Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand +des totemistischen Systems erschließen kann. Eine besondere Stellung +dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, daß er dafür die +wesentlichen Züge des Totemismus einigermaßen vernachlässigt. Wir werden +uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen des totemistischen +Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt, den anderen völlig +übergangen hat. + +Um von den Charakteren des Totemismus ein richtigeres Bild zu gewinnen, +wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbändiges Werk +gewidmet hat, das die vollständigste Sammlung der hieher gehörigen +Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten +Probleme verbindet. Wir werden J. G. _Frazer_, dem Verfasser von +»Totemism and Exogamy«(3) für Genuß und Belehrung verpflichtet bleiben, +auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen führen +sollte, welche weit von den seinigen abweichen(4). + + (3) 1910. + + (4) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die + Schwierigkeiten vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem + Gebiete zu kämpfen haben: + + Zunächst; die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht + dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren + Reisende und Missionäre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte + ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verständigung + mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit + den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe von + Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit + den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die + intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen + Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben + aus den verschiedenartigsten Motiven (Vgl. _Frazer_, The beginnings of + religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly + Review, 1905; T. and Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche + Auskünfte. -- Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven + Völker keine jungen Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die + zivilisiertesten, und daß man kein Recht zur Erwartung hat, sie würden + ihre ursprünglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und + Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr + sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach + allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken + entscheiden kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen + nach Art eines Petrefakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten + hat, und was einer Entstellung und Veränderung derselben entspricht. + Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den + Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was als + spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des + ursprünglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der + Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart + der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie ebenso leicht wie die + Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen + psychischen Konstellationen zu deuten. + +Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatze(5), ist ein +materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen Respekt +bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person und jedem +Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die +Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine +wechselseitige; der Totem beschützt den Menschen und der Mensch beweist +seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z. B. daß er ihn +nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es eine Pflanze +ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein +Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine +Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und +noch seltener von künstlich hergestellten Gegenständen. + + (5) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen + Werkes T. and Ex. + +Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden: + +1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich +erblich von einer Generation auf die andere überträgt; + +2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen +Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechts +angehört, und + +3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht +auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten Arten von Totem +kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind, +wenn nicht alles täuscht, späte und für das Wesen des Totem wenig +bedeutsame Bildungen. + +Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe +von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich für +blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch +gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem +miteinander fest verbunden sind. + +Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales System. Nach +seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger +Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach +seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder +gegeneinander und gegen andere Stämme. In der späteren Geschichte des +Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen; +das soziale System überlebt häufig das religiöse und umgekehrt +verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Länder, in denen +das auf den Totemismus gegründete soziale System verschwunden ist. Wie +diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander +zusammenhingen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge +nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke +Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang +unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir +zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammesangehörige +sich zur selben Art zählt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den +Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet. + +In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen +Systems stellt _Frazer_ voran, daß die Mitglieder eines Stammes sich +nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, daß sie von ihm +abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, daß sie das Totemtier +nicht jagen, nicht töten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch +des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote, +den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen +Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten ihn zu berühren, +ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fällen darf der Totem nicht bei +seinem richtigen Namen genannt werden. Die Übertretung dieser den Totem +schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere +Erkrankungen oder Tod(6). + + (6) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, Imago I. + +Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen +und in der Gefangenschaft gehegt(7). Ein tot aufgefundenes Totemtier +wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mußte man ein +Totemtier töten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von +Entschuldigungen und Sühnezeremonien. + + (7) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom, + die Bären im Zwinger von Bern. + +Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein +gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus, +daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun würde, und wo sich diese +Voraussetzung nicht bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem Stamm +ausgestoßen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprünglich Ordalien, viele +Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung +überlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen +und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines Hauses +wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war +gekommen, seinen Verwandten zu holen(8). + + (8) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter. + +Unter verschiedenen, bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clangenosse +seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm +äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totemtiers hüllt, sich das +Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten der +Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird diese Identifizierung mit +dem Totem in Taten und Worten durchgeführt. Tänze, bei denen alle +Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden und wie er gebärden, +dienen mannigfaltigen magischen und religiösen Absichten. Endlich gibt +es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise getötet +wird(9). + + (9) l. c. p. 45. -- Siehe unten die Erörterung über das Opfer. + +Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem streng +gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung aus. Die +Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, verpflichtet +einander zu helfen und zu beschützen; im Falle der Tötung eines +Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für +die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fühlt sich solidarisch in der +Forderung nach Sühne für das vergossene Blut. Die Totembande sind +stärker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen +nicht zusammen, da die Übertragung des Totem in der Regel durch +mütterliche Vererbung geschieht und ursprünglich die väterliche +Vererbung vielleicht überhaupt nicht in Geltung war. + +Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem Verbot, daß +Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und überhaupt +nicht in Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies ist die berühmte +und rätselhafte, mit dem Totemismus verknüpfte _Exogamie_. Wir haben ihr +die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier +nur anzuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven +entspringt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen +verständlich würde, und daß sie zunächst die Inzestverhütung für die +jüngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der +älteren Generation zum Hindernis wird(10). + + (10) Imago I, 1912. 1. Heft. + +An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frühesten in +der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszüge aus einer +der letzten Zusammenfassungen anschließen. In den 1912 erschienenen +Elementen der Völkerpsychologie sagt W. _Wundt_(11): »Das Totemtier gilt +als Ahnentier der betreffenden Gruppe. 'Totem' ist also einerseits +Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat +dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese +Verwendungen des Begriffs spielen aber ineinander und die einzelnen +dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die +Totems fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden +sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch +die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff +des Totem wird für die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_ +maßgebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und +Fühlen der Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier +ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe von +Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als Stammvater +der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hängt dann zusammen, daß diese +Tierahnen einen Kult genießen ... Dieser Tierkult äußert sich +ursprünglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen +Festen vor allem in dem Verhalten gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein +einzelnes Tier, sondern jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in +gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten +oder nur unter bestimmten Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres +zu genießen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame +Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen eine Art von +zeremoniellem Genuß des Totemfleisches stattfindet ...« + + (11) p. 116. + +»... Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen +Stammesgliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der +Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter +diesen Normen stehen in erster Linie die für den Eheverkehr. So hängt +diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die +zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.« + + * * * * * + +Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung oder +Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprünglichen +Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche +Züge: _Die Totem waren ursprünglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen +der einzelnen Stämme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie; +es war verboten, den Totem zu töten_ (oder _zu essen_, was für primitive +Verhältnisse zusammenfällt); _es war den Totemgenossen verboten, +Sexualverkehr miteinander zu pflegen(12)._ + + (12) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus, + welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The + origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus, Totemism + has commonly been treated as a primitive system both of religion and + of society. As a system of religion it embraces the mystic union of + the savage with his totem; as a system of society it comprises the + relations in which men and women of the same totem stand to each other + and to the members of other totemic groups. And corresponding to these + two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of + Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem + animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit + with a woman of the same totem.« (p. 101.) _Frazer_ fügt dann hinzu, + was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus hineinführt: + Whether the two sides -- the religious and the social -- have always + coexisted or are essentially independent, is a question which has been + variously answered. + +Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du Totémisme, den _Reinach_ +aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, überhaupt +nicht vorkommt, während die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung +vom Totemtier, nur eine beiläufige Erwähnung findet. Ich habe aber die +Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors, +ausgewählt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren +vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen. + + + + +2. + + +Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine +regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde +das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, die Rätsel +seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am Totemismus; die +entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung, +nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen +Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der +Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verständnis sollte in einem +ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter +welchen Bedingungen sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und +welchen seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte. + +Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von wie +verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen +versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher +hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man +allgemein über Totemismus und Exogamie behaupten möchte; auch das +vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 veröffentlichten Schrift +geschöpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkürliche +Vorliebe des Referenten auszudrücken, und würde heute von _Frazer_ +selbst, der seine Ansichten über den Gegenstand wiederholt geändert hat, +beanständet werden.(13) + + (13) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen + Satz nieder: »That my conclusions on these difficult questions are + final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views + repeatedly, and I am resolved to change them again with every change + of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift + his colours with the shifting colours of the ground he treads.« + Vorrede zum I. Band von Totemism and Exogamy. 1910. + +Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des Totemismus und +der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn man den Ursprüngen der +beiden Institutionen näher käme. Dann ist aber für die Beurteilung der +Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, daß auch +die primitiven Völker uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen +und die Bedingungen für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so +daß wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die +mangelnde Beobachtung zu ersetzen(14). Unter den vorgebrachten +Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von +vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den +Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. Andere ruhen +auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Bestätigung versagt; noch +andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen +Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen +Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie +gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker als in ihren +eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die meisten der behandelten +Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der +neuesten, hier meist übergangenen Literatur des Gegenstandes das +unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lösung der +totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. (So z. B. +_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-Lore XXIII, 1910. Referat in Britannica +Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser +einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen. + + (14) »By the nature of the case, as the origin of totemism lies far + beyond our powers of historical examination or of experiment, we must + have recourse as regards this matter to conjecture«, A. _Lang_, Secret + of the Totem, p. 27. -- »Nowhere do we see absolutely primitive man, + and a totemic system in the making.« p. 29. + + +a) Die Herkunft des Totemismus. + +Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch so +formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stämme) nach +Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu benennen?(15) + + (15) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren. + +Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie für die +Wissenschaft entdeckte(16), enthielt sich, eine Ansicht über die +Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mitteilung von +A. _Lang_(17) war er eine Zeit lang geneigt, den Totemismus auf die +Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die verlautbarten Theorien zur +Ableitung des Totemismus möchte ich in drei Gruppen bringen als A) +nominalistische, B) soziologische, C) psychologische. + + (16) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870. + -- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in + ancient History 1876. 2. ed. 1886. + + (17) The Secret of the Totem. 1905, p. 34. + + +A) Die nominalistischen Theorien. + +Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter +dem von mir gebrauchten Titel rechtfertigen. + +Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkömmling der peruanischen Inka, der +im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll, +was ihm von totemistischen Phänomenen bekannt war, auf das Bedürfnis der +Stämme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurückgeführt +haben(18). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte später in der Ethnology +von A. K. _Keane_ auf, die Totem seien aus »heraldic badges« +(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und +Stämme sich voneinander unterscheiden wollten(19). + + (18) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p. 34. + + (19) Ibid. + +Max _Müller_ äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der Totem in +seinen Contributions to the Science of Mythology(20). Ein Totem sei 1. +ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clans, +4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Später J. _Pikler_ +1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren +Namens für Gemeinschaften und Individuen ... So entspringt also der +Totemismus nicht aus dem religiösen, sondern aus dem nüchternen +Alltagsbedürfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung, +ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem +ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden +aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee +einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab.(21) + + (20) Nach A. _Lang_. + + (21) _Pikler_ und _Somló_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die + Autoren kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als »Beitrag + zur materialistischen Geschichtstheorie«. + +Herbert _Spencer_(22) legte gleichfalls der Namengebung die +entscheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne +Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften +herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen +oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten. +Infolge der Unbestimmtheit und Unverständlichkeit der primitiven +Sprachen seien diese Namen von den späteren Generationen so aufgefaßt +worden, als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung von diesen Tieren +selbst. Der Totemismus hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung +ergeben. + + (22) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien + der Soziologie. I. Bd., §§ 169 bis 176. + +Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses, hat Lord +_Avebury_ (bekannter unter seinem früheren Namen Sir John _Lubbock_) die +Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklären +wollen, dürfen wir nicht daran vergessen, wie häufig die menschlichen +Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines +Mannes, der Bär oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen +Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer gewissen +Achtung und endlich Verehrung gelangte. + +Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche +Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_ +vorgebracht(23). Er zeigt an den Verhältnissen von Australien, daß der +Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines +einzelnen ist. Wäre es aber anders und der Totem ursprünglich der Name +eines einzelnen Menschen, so könnte er bei dem System der mütterlichen +Vererbung nie auf dessen Kinder übergehen. + + (23) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret etc.). + +Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkundiger Weise +unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der Tiernamen für die +Stämme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese +Namengebung für sie gewonnen hat, das totemistische System. Die +beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen +Büchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905 +entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems, +aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und +beansprucht so das Rätsel des Totemismus der endgiltigen Lösung +zugeführt zu haben. + +A. _Lang_ meint, es sei zunächst gleichgiltig, auf welche Weise die +Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie +erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie solche tragen, und wußten +sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei +vergessen_. Dann würden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft +darüber zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der +Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im +totemistischen System enthalten sind. Namen sind für die Primitiven -- +wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere Kinder(24) -- nicht +etwa etwas Gleichgiltiges und Konventionelles, wie sie uns etwa +erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name +eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein +Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mußte die +Primitiven dazu führen, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band +zwischen ihren Personen und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band +konnte da anders in Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War +diese aber infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben +sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit +Einschluß der Exogamie. + + (24) Vgl. Imago, I., Tabu, p. 319. + +»No more than these three things -- a group animal name of unknown +origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human +and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions -- +was needed to give rise to all the totemic creeds and practices, +including exogamy.« (Secret of the Totem, p. 126.) + +_Langs_ Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische +System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen +ab unter der Voraussetzung, daß die Herkunft dieser Namengebung +vergessen worden sei. Das andere Stück der Theorie sucht nun den +Ursprung dieser Namen aufzuklären; wir werden sehen, daß es von ganz +anderem Gepräge ist. + +Dies andere Stück der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich +von den übrigen, die ich »nominalistisch« genannt habe. Das praktische +Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die einzelnen Stämme Namen +anzunehmen, und darum ließen sie sich die Namen gefallen, die jedem +Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies »naming from without« ist die +Eigentümlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Daß die Namen, die so +zustande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig +und braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden +worden zu sein. Übrigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Fälle +aus späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von außen +gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten +akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und +_Tories_). Die Annahme, daß die Entstehung dieser Namen im Laufe der +Zeit vergessen wurde, verknüpft dies zweite Stück der _Lang_schen +Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten. + + +B) Die soziologischen Theorien. + +S. _Reinach_, der den Überbleibseln des totemistischen Systems in Kult +und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber von Anfang an +das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschätzt hat, äußert +einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein +als »une hypertrophie de l'instinct social«(25). + + (25) l. c. T. I., p. 41. + +Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_, Les formes +élémentaires de la vie religieuse. Le système totémique en Australie, +1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Repräsentant der +sozialen Religion dieser Völker. Er verkörpert die Gemeinschaft, welche +der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist. + +Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese Beteiligung der +sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht. +So hat A. C. _Haddon_ angenommen, daß jeder primitive Stamm ursprünglich +von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit +diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch +zuführte. So konnte es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter dem +Namen des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle spielte, +bekannt wurde. Gleichzeitig mußte sich bei diesem Stamm eine besondere +Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse für +dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als +auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedürfnisse, den +Hunger, gegründet war(26). + + (26) Address to the Anthropological Section, British Association + Belfast 1902. Nach _Frazer_ l. c. T. IV., p. 50 u. ff. + +Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen, +daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primitiven nirgends +gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden +seien omnivor und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei +es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschließlicher Diät sich ein +fast religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in +der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte. + +Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ über die Entstehung des +Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer +Stelle berichtet werden. + +Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem +Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher über die +Eingebornen von Zentralaustralien(27). + + (27) The native tribes of Central Australia von Baldwin _Spencer_ und + H. J. _Gillen_, London 1891. + +_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stämmen, der +sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentümlichen Einrichtungen, +Gebräuchen und Ansichten und _Frazer_ schloß sich ihrem Urteil an, daß +diese Besonderheiten als Züge eines primären Zustandes zu betrachten +seien und über den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß +geben können. + +Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil +der _Arunta_nation) folgende: + +1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht +erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende Weise) individuell +bestimmt. + +2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen werden +durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt, +welche mit den Totem nichts zu tun haben. + +3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung einer +Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des eßbaren +Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heißt _Intichiuma_). + +4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und +Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres +Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre +Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene +Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf +welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach +wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, daß die +Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentümliche +Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Stätten +gefunden werden. + +Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, daß man in +den Einrichtungen der _Arunta_ die älteste Form des Totemismus +aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche +behaupteten, daß die Ahnen der _Arunta_ sich regelmäßig von ihrem Totem +genährt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem +geheiratet hätten. Zweitens die anscheinende Zurücksetzung des +Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht +erkannt hatten, daß die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs +sei, dürfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter +den heute lebenden ansehen. + +Indem _Frazer_ sich für die Beurteilung des Totemismus an die +Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf +einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchweg praktische +Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürfnisse des Menschen +(vgl. oben _Haddon_)(28). Das System war einfach ein großartiges Stück +von »cooperative magic«. Die Primitiven bildeten sozusagen einen +magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die +Aufgabe übernommen, für die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels +zu sorgen. Wenn es sich um nicht eßbare Totem handelte, wie um +schädliche Tiere, um Regen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des +Totemclans, dieses Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit +abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clans kamen allen anderen zugute. +Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so +beschaffte er dieses wertvolle Gut für die anderen und wurde dafür von +ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu +besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie +vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wäre man durch +das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere +Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, möglichst +viel von dem eßbaren Totem für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen. + + (28) There is nothing vague or mystical about it, nothing of that + metaphysical haze which some writers love to conjure up over the + humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to + the simple, sensuous, and concrete modes of the savage (Totemism and + Exogamy, I., p. 117). + +_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, daß jeder Totemclan sich +ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem genährt habe. Dann +bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die +sich damit begnügte, den Totem für andere zu sichern, während man selbst +auf seinen Genuß fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschränkung +sei keineswegs aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen, +sondern vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen zu +verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung mit dem +Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen wünschte, Schaden +brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen, +indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die +Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht(29) und ebensowenig getraute er +sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_ +behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur +Exogamie gewandelt habe. + + (29) l. c. p. 120. + +Die auf das Intichiuma gegründete Theorie _Frazers_ steht und fällt mit +der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es +scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(30) und +_Lang_(31) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die Arunta scheinen +vielmehr die entwickeltsten der australischen Stämme zu sein, eher ein +Auflösungsstadium als den Beginn des Totemismus zu repräsentieren. Die +Mythen, welche auf _Frazer_ so großen Eindruck gemacht haben, weil sie +im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit +betonen vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, würden +sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, welche in die +Vergangenheit projiziert sind, ähnlich wie der Mythus vom goldenen +Zeitalter. + + (30) L'année sociologique, T. I., V., VIII. und an anderen Stellen. S. + besonders die Abhandlung Sur le totémisme, T. V., 1901. + + (31) Social Origins und Secret of the Totem. + + +C) Die psychologischen Theorien. + +Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner +Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ +geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die »äußerliche Seele«(32). Der +Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen, an +dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu +bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht +hatte, so war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den +Träger seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber nicht wußte, +welches Individuum der Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe, +die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus +aus dem Seelenglauben später selbst aufgegeben. + + (32) The Golden Bough II., p. 332. + +Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde, +stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche +eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, daß das Motiv, +aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu »rationell« sei und daß er +dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu +kompliziert sei, als daß man sie primitiv heißen dürfe(33). Die +magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte +Früchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment, +einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die +Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand +er dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_. + + (33) »It is unlikely that a community of savages should deliberately + parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to + a particular band of magicians, and bid all the bands to work their + magic and weave their spells for the common good.« T. and Ex. IV., + p. 57. + +Die _Arunta_ heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang der Konzeption +mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fühlt, so ist in +diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der +nächstliegenden Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen und wird von +ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der +gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den +Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn +man einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das Weib +ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt, +welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie sich zuerst +Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr +in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität eines Menschen mit +seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle +weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht +daraus ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser +Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. Er +würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise +etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch seine +Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist, +verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. _Rivers_ an den +Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der +Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu +erweisen(34). + + (34) T. and Ex. II., p. 89 und IV., p. 59. + +Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit der Wilden +über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des +besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Männchen bei der +Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis muß erleichtert werden durch das +lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die +Geburt des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewegungen) +einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht des +männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies) +des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. »Anything indeed that +struck a woman at that mysterious moment of her life when she first +knows herself to be a mother might easily be identified by her with the +child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so +universal, appear to be the root of totemism«(35). + + (35) l. c. IV., p. 63. + +Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe, +der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die +_Arunta_ scheinen sich von den Anfängen des Totemismus weit weg entfernt +zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver +Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stücken väterliche +Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation +geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36). +Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur +allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man darum ihnen +Unwissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten, +wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen +Mythen. + + (36) »That belief is a philosophy far from primitive.« A. _Lang_, + Secret of the Totem, p. 192. + +Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der +Holländer G. A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknüpfung des +Totemismus mit der Seelenwanderung her. »Dasjenige Tier, in welches die +Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, wurde zum +Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt.« Aber der Glauben an +die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein +als umgekehrt(37). + + (37) _Frazer_, T. and Ex. IV., p. 45 u. ff. + +Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten +amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u. a., vertreten. Sie +geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen aus und +behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines Ahnen, den +dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt +habe. Wir haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten die +Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her +bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen die +Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen(38). + + (38) _Frazer_, l. c. p. 48. + +Für die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_ +ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, daß +erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das +Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren wieder die +ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(39). Seelentiere, wie +Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle +Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung und +Grauen erregende Eigenschaften dazu als die Träger der den Körper +verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkömmling +der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mündet hier für _Wundt_ der +Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein. + + (39) _Wundt_, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190. + + +b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus. + +Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit +vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck durch die +immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe. In betreff der weiteren +Fragen nehme ich mir im Interesse des Lesers die Freiheit einer noch +weitergehenden Zusammendrängung. Die Diskussionen über die Exogamie der +Totemvölker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials +besonders kompliziert und unübersehbar; man könnte sagen verworren. Die +Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier auf +Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine gründlichere +Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden +Fachschriften verweise. + +Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natürlich +nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder jene +Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus lassen jede +Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die beiden Institutionen +glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander +gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen Anschein festhalten will, +die Exogamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, und +eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein +zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt. +_Frazer_ hat in seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit +Entschiedenheit vertreten. + +»I must request the reader to bear constantly in mind that the two +institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in +origin and nature though they have accidentally crossed and blended in +many tribes.« (T. and Ex., I., Vorrede XII.) + +Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle +unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu +haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge +der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in +seinen Arbeiten(40) ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte Tabu das +Verbot mit sich bringen mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum +geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut +wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht auf +Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das +demselben Totem angehört(41). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_ +anschließt, meint sogar, es bedurfte nicht des Bluttabu, um das Verbot +der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(42). Das allgemeine +Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu +sitzen, würde hiefür hingereicht haben. A. _Lang_ verficht übrigens auch +eine andere Ableitung der Exogamie (s. unten) und läßt es zweifelhaft, +wie sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten. + + (40) L'année sociologique 1898-1904. + + (41) S. die Kritik der Erörterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T. and + Ex., IV., p. 101. + + (42) Secret etc., p. 125. + +In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren +der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die Exogamie +später hinzugekommen(43). + + (43) Z. B. _Frazer_, l. c. IV., p. 75: The totemic clan is a totally + different social organism from the exogamous class, and we have good + grounds for thinking that it is far older. + +Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom Totemismus +erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die +verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern. + +_Mac Lennan_(44) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den +Überresten von Sitten erraten, welche auf ehemaligen Frauenraub +hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein gebräuchlich +gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die +Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt +geworden, weil sie ungewöhnlich war(45). Das Motiv für diese Gewohnheit +der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme, +der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt +zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu +tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen _Mac Lennans_ +bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es unter den +Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich bliebe, warum sich die +männlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut +unzugänglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem +gänzlich beiseite gelassen wird(46). + + (44) Primitive marriage 1865. + + (45) »Improper because it was unusual.« + + (46) _Frazer_, l. c. IV., p. 73 bis 92. + +Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die +Exogamie als eine Institution zur Verhütung des Inzests erfaßt(47). + + (47) Vgl. Imago I.: Die Inzestscheu. + +Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der australischen +Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von +_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(48) beistimmen, daß +diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht (»deliberate +design« nach _Frazer_) an sich tragen, und daß sie das erreichen +sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. »In no other way does it +seem possible to explain in all its details a system at once so complex +and so regular(49).« + + (48) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex. IV., + p. 105 ff. + + (49) _Frazer_, l. c. p. 106. + +Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die +Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die +Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern +und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest zwischen +Vater und Tochter erst durch weitergehende Maßregeln aufgehoben wurde. + +Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen auf +gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis des +Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in +letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie +erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung +der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr +unter Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu +berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem +Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen +Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt, +in denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht +wurde. + +_Westermarck_(50) machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, »daß +zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene +Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und daß dieses Gefühl, +da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz +einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem +Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten«. _Havelock Ellis_ bestritt +zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen »Studies in +the psychology of sex«, trat aber sonst im wesentlichen derselben +Erklärung bei, indem er äußerte: »das normale Unterbleiben des +Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und +Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben +handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, daß +unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen +durchaus fehlen müssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen +aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen Reize des Sehens, +des Hörens und der Berührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen +Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung +geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung +hervorzurufen.« + + (50) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909. + Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene + Einwendungen. + +Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß _Westermarck_ diese angeborene +Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die +Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Repräsentanz der +biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine Schädigung der Gattung +bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt würde in seiner +psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der für +die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht +ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch +nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche +_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_ +findet es unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar +nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die +Inzestscheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll, +gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere +Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im +Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten +zusammentreffen. + +»Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher +Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen sollte. Es gibt kein +Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder +ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und +trinken und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst +vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch +Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den +Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe ausführen könnten. +Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das +Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig +annehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden, +Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen Neigungen gerne +begehen würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solchen +Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu +brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot +des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung gegen den Inzest +besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß ein natürlicher +Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das Gesetz diesen Trieb wie +andere natürliche Triebe unterdrückt, dies seinen Grund in der Einsicht +zivilisierter Menschen hat, daß die Befriedigung dieser natürlichen +Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(51).« + + (51) l. c., p. 97. + +Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufügen, daß +die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen +Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich machen. Sie haben +im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen Regungen des +jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche +verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu +überschätzende Rolle spielen. + +Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also +fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung +des Inzestverbotes, welche sich zahlreicher Anhänger erfreut, um die +Annahme, daß die primitiven Völker frühzeitig bemerkt haben, mit welchen +Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in +bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen +gegen diesen Erklärungsversuch drängen einander(52). Nicht nur, daß das +Inzestverbot älter sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der +Mensch Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften +der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht sind +auch heute noch nicht über jeden Zweifel sichergestellt und beim +Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir über die +heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer +entferntesten Ahnen bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre +spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich, +wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern +hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie in unserer +heutigen Kultur noch kaum Berücksichtigung gefunden haben(53). + + (52) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'année + sociologique. I., 1896/97. + + (53) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: »they are not likely to + reflect on distant evils to their progeny.« + +Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus praktisch +hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse +schwächenden Momentes ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu +zu erklären, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest +erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(54), erscheint diese +Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher noch reger +und stärker als bei den zivilisierten. + + (54) Imago, I., l. c. + +Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der Inzestscheu die +Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen +Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive +vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten zu würdigen wären, +sieht man sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resignierten +Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu +nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher +vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend(55). + + (55) »Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of + incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a + problem nearly as dark as ever.« T. and Ex. I., p. 165. + +Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der Inzestscheu zu +erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten. +Man könnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen. + +Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ über den +sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schloß aus den +Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der Mensch ursprünglich +in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des +ältesten und stärksten Männchens die sexuelle Promiskuität verhinderte. +»Wir können in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller +männlichen Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum +Kämpfen mit ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine +Vermischung der Geschlechter im Naturzustande äußerst unwahrscheinlich +ist ... Wenn wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und +nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, +schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch +ursprünglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau +oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen +alle anderen Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen +sein und doch mit mehreren Frauen für sich allein gelebt haben wie der +Gorilla; denn alle Eingebornen stimmen darin überein, daß nur ein +erwachsenes Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge +Männchen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der +Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder vertrieben +hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal +of Natur. Hist. V., 1845-1847). Die jüngeren Männchen, welche hiedurch +ausgestoßen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt +beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb +der Glieder einer und derselben Familie verhüten«(56). + + (56) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. _Carus_, II. Bd., + Kap. 20, p. 341. + +_Atkinson_(57) scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhältnisse +der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Männer praktisch +durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine ähnliche Horde +gründen, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der +Eifersucht des Oberhaupts galt, und im Laufe der Zeit würde sich aus +diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein +Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte +sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr +innerhalb des Totem. + + (57) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins). + +A. _Lang_(58) hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. Er +vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie, +welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen +läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu +vereinigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem Totemismus +bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben(59). + + (58) Secret of the Totem, p. 114, 143. + + (59) »If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines + of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the + practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first + practical rule would be that of the jealous Sire 'No males to touch + the females in my camp', with expulsion of adolescent sons. _In efflux + of time that rule, become habitual_, would be, 'No marriage within the + local group'. Next let the local groups receive names, such as Emus, + Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, 'No Marriage within the + local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe'. But, if the + primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as + totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable, + and other names of small local groups.« Secret of the Totem, p. 143. + (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In + seiner letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911) + teilt A. _Lang_ übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus + dem »general totemic« Tabu aufgegeben habe. + + + + +3. + + +Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in +dieses Dunkel. + +Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem des +Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut, +welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur +durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen. +Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im +ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere +verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen. + +In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und Tier tritt +nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind beginnt plötzlich +eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor der Berührung oder dem +Anblick aller einzelnen dieser Art zu schützen. Es stellt sich das +klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der häufigsten unter den +psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die +früheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel +Tiere, für welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse +gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl +unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter +städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen, +seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und +Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus dem +Bilderbuch und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte der +unsinnigen und unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt; +selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine +ungewöhnliche Wahl des Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K. +_Abraham_ die Mitteilung eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst +vor Wespen selbst durch die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung +des Wespenleibes hätte es an den Tiger denken lassen, vor dem es sich +nach allem Gehörten fürchten durfte. + +Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer +analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade +verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem +Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht +behaupten, daß man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und +ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich herausstellen +dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten +Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem +Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche: +die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben +waren, und war nur auf das Tier verschoben worden. + +Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle gesehen und +von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf +wenige ausführliche Publikationen darüber berufen. Es ist dies ein +Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, daß +wir unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen +stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher sich +verständnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M. +_Wulff_ (Odessa). Er erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte +eines neunjährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer +Hundephobie gelitten hat. »Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen +sah, weinte er und schrie: »Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will +artig sein.« Unter »artig sein« meinte er: »nicht mehr Geige spielen +(onanieren)«(60). + + (60) M. _Wulff_, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralbl. f. + Psychoanalyse 1912, II., Nr. 1, p. 15 ff. + +Derselbe Autor resumiert später: »Seine Hundephobie ist eigentlich die +auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare +Äußerung: 'Hund ich will artig sein' -- d. h. nicht masturbieren -- +bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation +verboten hat.« In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so +völlig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit +solcher Erfahrungen bezeugt: »Solche Phobien (Pferdephobien, +Hundephobien, Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im +Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und +lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst +von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete +Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht +behaupten.« + +Im ersten Band des Jahrbuchs für psychoanalytische und psychopathologische +Forschungen teilte ich die »_Analyse der Phobie eines fünfjährigen +Knaben_« mit, welche mir der Vater des kleinen Patienten +zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden, +in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte auf die Straße zu gehen. Er +äußerte die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn +beißen. Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen Wunsch sein +sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben +durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es +sich, daß er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen, +Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er +überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter, +auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln Ahnungen gerichtet +waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des männlichen +Kindes zu den Eltern, welche wir als den »Ödipuskomplex« bezeichnen, und +in der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu +aus der Analyse des »kleinen Hans« erfahren, ist die für den Totemismus +wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil +seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt. + +Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen +Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich +geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus der +Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann sich im +Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit +jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu +kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ -- +Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in +diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen +Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den +Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, daß sie eine glatte +Scheidung der zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der +Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die +Ambivalenz greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der +kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und +Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat, +identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als +Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater(61). In einem anderen +Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen +großen Tieren zu identifizieren(62). + + (61) l. c. p. 37. + + (62) Die Giraffenphantasie p. 24. + +Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der Kinder +gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wiederkehren. Wir +verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schöne Beobachtung eines +Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen +kann(63). Bei dem kleinen Arpád, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen +die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang +des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung +desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen +Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten +Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen +Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales +gefürchtet wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater +die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen +Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist +die von ihm drohende Strafe(64). + + (63) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschr. f. ärztl. + Psychoanalyse 1913, I., Nr. 3. + + (64) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus + enthaltene Blendung vergleiche die Mitteilungen von _Reitler_, + _Ferenczi_, _Rank_ und _Eder_ in Intern. Zeitschr. f. ärztl. + Psychoanalyse 1913, I., Nr. 2. + +Als der kleine Arpád zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in +einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren, wobei ihn ein +Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr +später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er +interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was darin +vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf. +Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber +beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und +anderem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur +Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein +Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben. Am +liebsten spielte er Hühnerschlachten. »Das Schlachten des Federviehs ist +ihm überhaupt ein Fest. Er ist imstande, stundenlang um die Tierleichen +erregt herumzutanzen.« Aber dann küßte und streichelte er das +geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst +mißhandelten Ebenbilder von Hühnern. + +Der kleine Arpád sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines sonderbaren +Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte gelegentlich +seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurück in die des +Alltagslebens. »Mein Vater ist der Hahn«, sagte er einmal. »Jetzt bin +ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich +ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich ein Hahn.« Ein andermal +wünschte er sich plötzlich eine »eingemachte Mutter« zu essen (nach der +Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen +Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer +Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte. + +Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof blieb +nach _Ferenczi_ kein Zweifel: »Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und +Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut« +befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen +Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine +Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: »Ich werde +Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin, +nein, statt der Köchin lieber die Mutter.« + +Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung +vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle +Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: Die volle +Identifizierung mit dem Totemtier(65) und die ambivalente +Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen +Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus -- für den +Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken +dann, daß wir damit keinen neuen oder besonders kühnen Schritt getan +haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch +heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren +Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich +genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die +sie darum gerne in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse +mahnt uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn +den Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen.(66) + + (65) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben + ist: »Totemism is an identification of a man with his totem.« T. and + Ex., IV., p. 5. + + (66) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von + Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung, + wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (p. 369) + erwähnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er hatte von seinem Vater + erfahren, daß seine Mutter während der Schwangerschaft mit ihm einmal + vor einem Hunde erschrocken sei. + +Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. Wenn das +Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des +Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den +Totem nicht zu töten und kein Weib, das dem Totem angehört, sexuell zu +gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des Ödipus, +der seinen Vater tötete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den +beiden Urwünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren +Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte +diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so +müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in +unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es müßte uns +gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische System sich aus +den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des +»kleinen Hans« und die Geflügelperversion des »kleinen Arpád«. Um dieser +Möglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit +des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können, der Totemreligion +studieren, welche bisher kaum Erwähnung finden konnte. + + + + +4. + + +Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe, +Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie +scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889 +veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten(67) die Annahme +aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_ +von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen +Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur +eine einzige, aus dem fünften Jahrhundert n. Chr. überlieferte +Beschreibung eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die +Annahme durch die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem +hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine +göttliche Person voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rückschluß +von einer höheren Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste des +Totemismus. + + (67) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second + Edition. London 1907. + +Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson +Smith_ die für unser Interesse entscheidenden Sätze über Ursprung und +Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so +reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller späteren +Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem +Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung +im Original zu übermitteln. + +_Robertson Smith_ führt aus, daß das Opfer am Altar das wesentliche +Stück im Ritus der alten Religionen gewesen ist. Es spielt in allen +Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung auf sehr +allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachen zurückführen muß. + +Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificium, +~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was +spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit, +um sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. Von dem Nebensinn der +Selbstentäußerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus. Das +Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als »_an act of social +fellowship between the deity and his worshippers_«, ein Akt der +Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gotte. + +Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon +der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, Wein und Öl, das +opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch +bestanden Einschränkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist +der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind +ihm allein überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die +älteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer +sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und +entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das +Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau. + +Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott bestimmte +Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde. +Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde +diese Vorstellung anstößig; man wich ihr aus, indem man den flüssigen +Anteil der Mahlzeit allein der Gottheit zuwies. Später gestattete der +Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch +aufgehen ließ, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch +welche sie dem göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des +Trinkopfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später +der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Primitiven als das »Blut der +Rebe«, wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen. + +Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers und die +Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut +der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, daß +jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte. + +Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen +Clans. Die Religion war überhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die +religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung. Opfer und +Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein +Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das +Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen +Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit untereinander und mit +der Gottheit. + +Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten +Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens. +Mit einem anderen zu essen und zu trinken war gleichzeitig ein Symbol +und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme +gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten +Ausdruck, daß der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit +waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute +unter den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende an +der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der +Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen +Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der +braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern darf seines +Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für ewige +Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam genossene +Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt. So realistisch wird +das Band der Vereinigung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu +verstärken und dauerhaft zu machen. + +Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft +zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band, +welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft +(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch für +einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben solcher +Art zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man sie wie Stücke +eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord eines +einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses und jenes ist vergossen +worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die hebräische Phrase, +mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, lautet: Du bist +mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen Anteil haben an +einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natürlich, daß sie nicht nur auf +die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der Substanz seiner +Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man genährt wurde, +sondern daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt und durch die +man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken kann. Teilte +man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es die Überzeugung aus, +daß man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als Fremden erkannte, +mit dem teilte man keine Mahlzeit. + +Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von +Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte miteinander +essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der +Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun. +Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten uns bekannten Familien +umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbänden +angehören. Die Männer heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder +erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft +zwischen dem Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen +Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute +abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus +machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern +unmöglich. + +Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, keine +Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist -- +auch kein Schlachten eines Tieres außer für solche feierliche +Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von Früchten, Wild und von +der Milch der Haustiere, aber religiöse Skrupel machten es dem einzelnen +unmöglich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet +nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, daß jedes Opfer +ursprünglich Clanopfer war, und daß das _Töten eines Schlachtopfers_ +ursprünglich zu jenen Handlungen gehörte, _die dem einzelnen verboten +sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die +Verantwortlichkeit mitübernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine +Klasse von Handlungen, für welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich +Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes +rühren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur +durch die Zustimmung und unter der Teilnahme aller Clangenossen geopfert +werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben des Stammesgenossen +selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des +Opfertieres genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, daß +die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm +zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie +ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier +waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clans. + +_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das +Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum zwei +Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für gewöhnlich +gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein +verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen +Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dargebracht +wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich identisch +waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen in irgendeiner Weise +beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte +betonten. Für noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied +zwischen gewöhnlichen und »mystischen« Opfern. Alle Tiere sind +ursprünglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei +feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen +werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut +gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen +Vorwurf geschehen. + +Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint +überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet +zu haben(68). Aber was in der nun »pastoralen« Religion den Haustieren +an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprünglichen +Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen +Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach +vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu +entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines Ochsen +eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem +athenischen Fest der Bouphonien wurde nach dem Opfer ein förmlicher +Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen. Endlich +einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen, +welches dann ins Meer geworfen wurde. + + (68) »The inference is that the domestication to which totemism + invariably leads (when there are any animals capable of domestication) + is fatal to totemism.« + + _Jevons_, An introduction to the history of religion 1911, fifth + edition, p. 120. + +Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines +Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von +Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten und Fleisch und Blut +desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese +Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben +gehört, daß in späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an +der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges +Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint +diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers +zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich, +indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann, +welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(69)._ + + (69) l. c. p. 113. + +Dies Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in +seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen +Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen +_Blutbündnissen_ zugrunde, durch die sich noch in späten Zeiten Menschen +gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische Auffassung der +Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die Notwendigkeit +verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen Prozeß der +Opfermahlzeit zu erneuern. + +Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von _Robertson Smith_ +ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resumieren. Als die Idee des +Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit, +als eine Übertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes +aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des +Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst +heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der +Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes +genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß +die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander und mit +der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier +selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier, +der primitive Gott selbst, durch dessen Tötung und Verzehrung die +Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten und versicherten. + +Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schluß, daß +die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der +Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stück der +Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit, +meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten +erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in +der sinaitischen Wüste um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi +Geburt. Das Opfer, ein Kameel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von +Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer dreimal +unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste +Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann stürzte sich +die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des +zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in +der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem +dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen +alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide +vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Altertümlichkeit zeugende +Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern +die allgemeine ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer Zeit +die verschiedensten Abschwächungen erfuhr. + +Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit +Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe +des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch +selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale +Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z. B. bei den Menschenopfern der +Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit +erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika +und die Bärenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und ähnliche +Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes +ausführlich mitgeteilt(70). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen +großen Raubvogel (Buzzard) verehrt, tötet diesen in feierlicher +Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den +Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso +mit ihrer heiligen Schildkröte. + + (70) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild; + 1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine + animal. + +In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stämme ist ein Zug +beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson Smith_ +vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für die Vermehrung seines Totem, +dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten, +bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genießen, ehe +derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel für +den sakramentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach +_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem +Begräbniszeremoniell dieser Stämme finden(71). + + (71) _Frazer_, T. and Ex. T. II, p. 590. + +Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, daß die +sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen +Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei.(72) + + (72) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_ + u. a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind + mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von + _Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeinträchtigt. + + + + +5. + + +Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und +statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus, die bisher +nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei +feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es roh verzehrt, Blut, +Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit +des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie +seine und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei, +daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch +die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner +von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der Tat wird das +hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine +zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung +erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei +einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für die +Tötung von sich abzuwälzen(73). + + (73) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412. + +Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung +aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das +Wesen des _Festes_ fällt uns hier ohne jede Mühe zu. + +Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein +feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge +irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die +Ausschreitungen, durch die sich Feste zu allen Zeiten ausgezeichnet +haben, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die festliche +Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt. + +Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer über den +Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung des Totem, die sonst +versagt ist, freut, warum trauert man auch über sie? + +Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß des Totem +heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter einander bestärken. +Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die Substanz des Totem ist, in +sich aufgenommen haben, könnte ja die festliche Stimmung und alles, was +aus ihr folgt, erklären. + +Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich der +Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, daß es +sonst verboten ist es zu töten, und daß seine Tötung zur Festlichkeit +wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. Die ambivalente +Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren +Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt, +würde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken. + +Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung des +Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese +über den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhält, ergibt +sich die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, der Ausblick auf +eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil +bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von +Phänomenen herzustellen. + +Die _Darwin_sche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des +Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen +für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter. +Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der +Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was +noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht, das sind +_Männerverbände_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und +den Einschränkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei +mütterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen +sein und auf welchem Wege war es möglich? + +Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort +zu geben: Eines Tages(74) taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, +erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein +Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande, was dem einzelnen +unmöglich geblieben wäre. Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die +Handhabung einer neuen Waffe ihnen das Gefühl der Überlegenheit gegeben. +Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen Wilden +selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater war gewiß das beneidete und +gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setzten +sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten +sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht +das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier +dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen +Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen +und die Religion(75). + + (74) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte ich + die Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv + hinzuzunehmen. + + (75) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und + Tötung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der + ausgetriebenen Söhne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung + aus den Verhältnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. »A youthful + band of brothers living together in forced celibacy, or at most in + polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet + weak in their impubescence they are, but they would, when strength was + gained with time, inevitably wrench by combined attacks renewed again + and again, both wife and life from the paternal tyrant« (Primal Law, + p. 220-221). _Atkinson_, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien + verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen + hatte, beruft sich auch darauf, daß die von _Darwin_ supponierten + Zustände der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu + beobachten sind und regelmäßig zur Tötung des Vatertieres führen. Er + nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall + der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne unter + einander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation der + Gesellschaft niemals zustande: »an ever recurring violent succession + to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal hands were + so soon again clenched in fratricidal strife_« (p. 228). _Atkinson_, + dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und dem die + Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet einen minder + gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten sozialen Stufe, auf + welcher zahlreiche Männer in friedlicher Gemeinschaft zusammenleben. + Er läßt es die Mutterliebe durchsetzen, daß anfangs nur die jüngsten, + später auch andere Söhne in der Horde verbleiben, wofür diese + Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form der von ihnen + geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern anerkennen. + + Soviel über die höchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre + Übereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte + und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang + mit so vielem anderen mit sich bringt. + + Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche + Zusammendrängung der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf + ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung + hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit + anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern. + +Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig zu finden, +braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende Brüderschar +von denselben einander widersprechenden Gefühlen gegen den Vater +beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei +jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie +haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen +Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten +ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren +Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die +dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen(76). Es +geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches +hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde +nun stärker als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch heute +an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz +verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen +Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten +»_nachträglichen Gehorsams_«. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die +Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und +verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen +versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewußtsein des Sohnes_ die +beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden +verdrängten Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. Wer +dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig, +welche die primitive Gesellschaft bekümmerten(77). + + (76) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zugute kommen, daß die + Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in + gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte ja + seinen ursprünglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters + einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen + Reaktion weit günstiger als die Befriedigung. + + (77) »Murder and incest, or offences of a like kind against this + sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which + the community as such takes cognisance ...« Religion of the Semites, + p. 419. + +Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen +beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die +Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven; der Vater war ja +beseitigt, in der Realität war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber, +das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begründung. Das +sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten +sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder +des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater +alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wäre die +neue Organisation zugrunde gegangen. Es war auch kein Überstarker mehr +da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit +blieb den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als +das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von +ihnen begehrten Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster +Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, +welche sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und +Betätigungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei +ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation, +welche den Keim zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des +_Mutterrechts_ legte, bis dieses von der patriarchalischen +Familienordnung abgelöst wurde. + +An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt, knüpft +hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer +Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Söhne das Tier +als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in +der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr +Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es +konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende +Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu +bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit +dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche +Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und Schonung, +wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, d. h. die Tat an +ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zugrunde +gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus. +»Hätte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wären nie in die +Versuchung gekommen, ihn zu töten«. So half der Totemismus dazu, die +Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er +seine Entstehung verdankte. + +Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter jeder +Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem +Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies Gefühl zu +beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen Gehorsam +zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen sich als Lösungsversuche +desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie +unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es +sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit +der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur +Ruhe kommen läßt. + +Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist +damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war +wohl zu groß, um durch irgendeine Veranstaltung ausgeglichen zu werden, +oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser +Gefühlsgegensätze überhaupt nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die +dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und +in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt +nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Versöhnung, +sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater. Die +Befriedigung darüber läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit +einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams +wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der +Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft +der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des +Vaters, infolge der verändernden Einflüsse des Lebens zu entschwinden +droht. Wir werden nicht überrascht sein, zu finden, daß auch der Anteil +des Sohnestrotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und +Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht. + +Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus +noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue +verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so wollen wir doch +nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord +gedrängt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen +die große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten den +tiefgehendsten Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie +schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der +Betonung der Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die Brüder +sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von +ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen +gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum +religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun das sozial +begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange +währen, bis das Gebot die Einschränkung auf den Stammesgenossen +abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht +morden. Zunächst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brüderclan_ +getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die +Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten +Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber, +die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum +anderen Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen. + +Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren Auffassungen +des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse einen +innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und +Exogamie vertreten. + + + + +6. + + +Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von starken Motiven, +die mich vom Versuche zurückhalten werden, die weitere Entwicklung der +Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen +Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich +sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des +Totemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater(78). + + (78) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte + Arbeit von C. G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch + von _Bleuler-Freud_, IV., 1912. + +_Robertson Smith_ hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit in der +ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist +derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit; +auch das Schuldbewußtsein ist dabei geblieben; welches nur durch die +Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu +hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das +Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse, +und mit der man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt +der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation? + +Die Antwort könnte lauten, es sei unterdeß -- unbekannt woher -- die +Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben unterworfen, +und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, hätte auch die +Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System gewinnen müssen. Allein +die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer +ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater +gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem +Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich +verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter +Vater. Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus den +Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem +Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgendwelche Beachtung +verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge und Bedeutungen +Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der +Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber +in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten, +einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem +Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen +Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben +kann. + +Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen +Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewöhnlich ein Tier +heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen +Opfern, den »mystischen« wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier +zum Opfer dargebracht(79); 3. der Gott wurde häufig in der Gestalt eines +Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche Verehrung +lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt +sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So läge die +Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich auf einer +späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier entwickelt +hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber die Erwägung, daß der +Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz. So mag er die erste +Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine spätere, in welcher der +Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschöpfung +aus der Wurzel aller Religionsbildung, der _Vatersehnsucht_, konnte +möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am Verhältnis zum Vater -- +und vielleicht auch zum Tier -- Wesentliches geändert hatte. + + (79) _Robertson Smith_, Religion of the Semites. + +Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem +Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tier und von der Zersetzung +des Totemismus durch die Domestikation absehen will(80). In der durch +die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein Moment, +welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der +Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des +Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt +gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch +Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck +gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die Bande des +Brüderclans auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und +durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach +der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten +die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nachlassen, +die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen, +welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst bekämpften +Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt +hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen +Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Veränderungen +nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in +Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen +hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern +wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt, +was uns heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das +Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(81). +Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm +seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Sühneversuch +als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem. + + (80) S. o. p. 388. + + (81) »To us moderns for whom the breach which divides the human and + the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may + appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their + thinking gods and men were akin, for many families traced their + descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed + as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems + to a modern catholic.« _Frazer_, Golden Bough I. The magic art and the + evolution of kings. II., p. 177. + +Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Muttergottheiten +findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorhergegangen sind, +weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die Wandlung im +Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte, +sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters +beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation, +übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die +vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um. +Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den +Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt +wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclans waren +nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen +Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß genug, um +die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der +ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern. + +In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich +zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem +Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in +acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine Allegorie +übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die +zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich +ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den +Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der +zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene +der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum +Material für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die +Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin, +daß es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in +derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat +fortsetzt. + +In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die +Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die +Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zugunsten des Gottes. Gott selbst +ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch +die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die +soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarchalische System +auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und +wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der +Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue +Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter zu +entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer +Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet. +Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier +tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die +äußerste Verläugnung der großen Untat, mit welcher die Gesellschaft und +das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren +Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung +darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zugunsten der höheren +Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der +Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen. +Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den tierischen Anteil +seines Wesens überwindet(82). + + (82) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den + Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der + Ersetzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von + Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer + Entwicklung. In letzterem Falle nähert sich der Mythus den + »funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. _Silberer_. Daß der das Tier + tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. _Jung_ (l. c.) behauptet, + setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten + voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig. + +Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der +erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, welche dem +Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen der +Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und der +Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener +Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt. + +_Frazer_ hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die Vermutung +ausgesprochen, daß die ersten Könige der latinischen Stämme Fremde +waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an +einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche +Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein +wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das +Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der +bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als +Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des +lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser +Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische +Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung +wie das Tieropfer behandeln kann, wirft das hellste Licht nach rückwärts +auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit nicht zu +überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer das +nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also. +Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt +eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz +für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der +Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das +Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln. + +So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als +unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen sie zu vergessen, und +gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte, +mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zutage +treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als +Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an +dieser Stelle nicht auszuführen. _Robertson Smith_, dem ja unsere +Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen +Urgeschichte ferne liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit +denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als +»_commemoration of a mythical tragedy_« ausgelegt wurden, und daß die +Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern +etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an +sich trug(83). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte +war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zugrunde liegenden +Situation ihre gute Aufklärung fanden. + + (83) Religion of the Semites, p. 412-413. »The mourning is not a + spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but + obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief + object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's + death_ -- a point which has already come before us in connection with + theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at Athens«. + +Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren Entwicklung +der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewußtsein des +Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsversuch des +religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden +seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem +kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, historischen +Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen. + +Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor, +sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung des +Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen +Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die +in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet. +Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a., +Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die +Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater +zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese +Schöpfung nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die +diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und +eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in +Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet, das heilige +Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an +Entmannung(84). Die Beweinung und die Freude über die Auferstehung +dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit +übergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war. + + (84) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in + der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen + Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir + ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach + seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen + Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die + völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist + meines Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei + primitiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der + Männerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst + sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist + überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit + Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt + ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen + können, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie + Äquivalente der Kastration behandeln. + +Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf +die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile +zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde. + +Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch +unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den +Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen +Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit +die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab +einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und +diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes +Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde. + +Die Lehre von der Erbsünde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den +Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des +griechischen Altertums ein(85). Die Menschen waren die Nachkommen von +Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt +hatten; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment +von _Anaximander_ wird gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein +urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, was daraus +hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß.(86) Erinnert die Tat +der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und +Zerreißung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene Totemopfer +-- wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der Tod des +Orpheus selbst -- so stört uns hier doch die Abweichung, daß die Mordtat +an einem jugendlichen Gott vollzogen wird. + + (85) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff. + + (86) »Une sorte de péché proethnique« l. c., p. 76. + +Im christlichen Mythus ist die Erbsünde der Menschen unzweifelhaft eine +Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem +Druck der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt +er uns zu dem Schluß, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im +menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur +durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die +Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück(87). Und wenn dieses +Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so +kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater +gewesen sein. + + (87) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig + als Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet + sind. + +So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am +unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im +Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat. +Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig +mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen +Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch das +psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen +Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der +Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott +neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die +Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte +Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die +Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters, +genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert. +Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der +Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und +mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen +Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen +so sehr bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die +christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des +Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie +berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, daß »the Christian communion has +absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than +Christianity«(88). + + (88) Eating the God, p. 51. ... Niemand, der mit der Literatur des + Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der + christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers + dieses Aufsatzes sei. + + + + +7. + + +Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüderschar mußte +unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und +sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je +weniger er selbst erinnert werden sollte(89). Ich gehe der Versuchung +aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu +finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem +ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung +über den Tod des Orpheus folge(90). + + (89) _Ariel_ im »Sturm«: + + Full fathom five thy father lies: + Of his bones are coral made; + Those are pearls that were his eyes; + Nothing of him that doth fade + But doth suffer a sea-change + Into something rich and strange. + + In der schönen Übersetzung von _Schlegel_: + + Fünf Faden tief liegt Vater dein. + Sein Gebein wird zu Korallen, + Perlen sind die Augen sein. + Nichts an ihm, das soll verfallen, + Das nicht wandelt Meeres-Hut + In ein reich und seltnes Gut. + + (90) La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes + et Religions. T. II, p. 100 ff. + +In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche +auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten +mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt. +Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von +Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen +einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig sind: Es ist +der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller. Spätere +Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um +Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der +Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert. +Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche +Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf +sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine +Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der +Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der Chor +begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn +zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für +sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung +gefunden hatte. + +Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet seine +»tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung +abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held jener großen +urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung +findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß, +um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist +durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter +Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten +Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden +verursachten; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern, +und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte +Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große Autorität, +ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die +Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen +Willen -- zum Erlöser des Chors gemacht. + +Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des göttlichen +Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden +Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht +verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an +der Passion Christi neu entzündete. + +So möchte ich denn zum Schluß dieser mit äußerster Verkürzung geführten +Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex die Anfänge +von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, in +voller Übereinstimmung mit der Feststellung der Psychoanalyse, daß +dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt +unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine große +Überraschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelenlebens eine +Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das Verhältnis +zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes +psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben +so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im eigentlichen Sinne, +also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen dasselbe Objekt, an der +Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die +Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein +fundamentales Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die andere +Möglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben +ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(91) erworben +wurde, wo die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute +noch ihre stärkste Ausprägung nachweist.(92) + + (91) Respektive Elternkomplex. + + (92) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig, + ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückführungen an + die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen + haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten + oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, Sittlichkeit und der + Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, welches sich aus der + Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die + Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es + geht aber diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er + in einer solchen Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen + könnte, wenngleich die Überwindung von großen affektiven Widerständen + erfordert werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung zugesteht. + +Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, daß der hohe +Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in +diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten +unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate +verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die +sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften. + +Es kann zunächst niemand entgangen sein, daß wir überall die Annahme +einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher sich die seelischen +Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor +allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahrtausende +fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat +nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie er bei +Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt +wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen +Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden +waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere +Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen +vermeiden kann. + +Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwortlichkeit für +solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer +Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche +gestattet sich über die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das +Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie +überhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der +einen Generation nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung +zum Leben neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt +und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen, +wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb der Generationsreihen +zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation +bedient, um ihre psychischen Zustände auf die nächste zu übertragen. Ich +werde nicht behaupten, daß diese Probleme weit genug geklärt sind, oder +daß die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunächst denkt, für +das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kümmert sich die +Völkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte +Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen +hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung +psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser +Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen. +Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen +Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch +schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es seelische Regungen +gibt, welche so spurlos unterdrückt werden können, daß sie keine +Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche gibt es nicht. Die +stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen und +aus ihnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber annehmen, daß keine +Generation imstande ist, bedeutsamere seelische Vorgänge vor der +nächsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, daß +jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat +besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, +d. h. die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere +an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem Wege +des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und Satzungen, +welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater zurückgelassen hatte, +mag auch den späteren Generationen die Übernahme jener Gefühlserbschaft +gelungen sein. + +Ein anderes Bedenken dürfte gerade von seiten der analytischen Denkweise +erhoben werden. + +Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschränkungen der +primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefaßt, welche +ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat +und beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt werden solle, und daß +ihre Ausführung keinen Gewinn gebracht haben dürfe. Dies schöpferische +Schuldbewußtsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei +den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften, +fortgesetzte Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die +begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(93). Wenn wir +aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche +Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden nicht +Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem Bösen +verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden sind. Dem +Schuldbewußtsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitäten +zugrunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß +sie die psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken +ebenso ernsthaft reagiert, wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten. + + (93) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu, p. 328 ff. + +Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? Wir sind +berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung ihrer psychischen +Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen Organisation +zuzuschreiben(94). Demnach könnten die bloßen Impulse von Feindseligkeit +gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu töten und zu +verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion zu erzeugen, +die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man würde so der Notwendigkeit +entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den wir mit Recht +so stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle beleidigendes +Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang bis in unsere +Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen Schaden, denn die +psychische Realität wäre bedeutsam genug, um alle diese Folgen zu +tragen. Man wende dagegen nicht ein, daß ja eine Veränderung der +Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des Brüderclans wirklich +vorgefallen ist. Sie könnte auf minder gewaltsame Weise erreicht worden +sein und doch die Bedingung für das Hervortreten der moralischen +Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters sich fühlbar +machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn berechtigt, und die +Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt abwarten. Ebensowenig ist +der zweite Einwand stichhaltig, daß alles, was sich aus der ambivalenten +Relation zum Vater ableitet, Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des +höchsten Ernstes und der vollsten Realität an sich trägt. Auch das +Zeremoniell und die Hemmungen der Zwangsneurotiker zeigen diesen +Charakter und gehen doch nur auf psychische Realität, auf Vorsatz und +nicht auf Ausführung zurück. Wir müssen uns hüten, aus unserer +nüchternen Welt, die voll ist von materiellen Werten, die +Geringschätzung des blos Gedachten und Gewünschten in die nur innerlich +reiche Welt des Primitiven und des Neurotikers einzutragen. + + (94) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken + in Heft I dieses Jahrganges. + +Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht +gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß der Unterschied, +der Anderen fundamental erscheinen kann, für unser Urteil nicht das +Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn für den Primitiven Wünsche und +Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher +Auffassung verständnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab +zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in +diesen Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist +nicht richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke +einer Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität von +Versuchungen verteidigen und wegen blos verspürter Impulse bestrafen. Es +ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in ihrer Kindheit hatten +diese Menschen nichts anderes als die bösen Impulse, und insoweit sie in +der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in +Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen Überguten hatte in der Kindheit +seine böse Zeit, eine perverse Phase als Vorläufer und Voraussetzung der +späteren moralischen. Die Analogie der Primitiven mit den Neurotikern +wird also viel gründlicher hergestellt, wenn wir annehmen, daß auch bei +den ersteren die psychische Realität, an deren Gestaltung kein Zweifel +ist, anfänglich mit der faktischen Realität zusammenfiel, daß die +Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen Zeugnissen zu +tun beabsichtigten. + +Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch nicht durch +die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die +Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß sind bei beiden, Wilden wie +Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir +sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im +Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat. +Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat +um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum +meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Entscheidung +einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen: +Im Anfang war die Tat. + + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + physischen Konstellationen zu deuten. + psychischen Konstellationen zu deuten. + + (6) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, Jmago I. + (6) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, Imago I. + + origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism + origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus, Totemism + + Jear Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser + Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser + + besonders die Abhandlung Sur le totémisme, T., V., 1901. + besonders die Abhandlung Sur le totémisme, T. V., 1901. + + geopfert haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36). + geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36). + + Gesetz, welches dem Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder + Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder + + Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet dem + Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den + + of Mr. _Darwins_ theory, before the totem beliefs lent to the + of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the + + die Tatsache gegründet wird, daß man einen Teil von der Substanz seiner + die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der Substanz seiner + + (69) l. c. p. 313. + (69) l. c. p. 113. + + (70) The Golden Bough, Part. V, Spirits of the corn and of the wild; + (70) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild; + + der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie + des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie + + gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Bruderschar gewesen. Nun setzten + gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setzten + + als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand in + als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in + + Lösungen müßen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben + Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben + + Bruderclans auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und + Brüderclans auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und + + Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstössig(81). + Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(81). + + thinking gods and men were akin, for many families traced ther + thinking gods and men were akin, for many families traced their + + der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedigung, ist hier zum + der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum + + object of the mourners is to _disclaim responsibility for the gods + object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's + + Gesellschaft ein neues Moment hinzufügen, welches sich aus der + Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, welches sich aus der + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by +Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR *** + +***** This file should be named 37071-8.txt or 37071-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/0/7/37071/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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