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+Project Gutenberg's Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die infantile Wiederkehr des Totemismus
+ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker IV
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 14, 2011 [EBook #37071]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
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+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften II (1913). S. 357-408.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
+Neurotiker.
+
+Von SIGM. FREUD.
+
+IV.
+
+Die infantile Wiederkehr des Totemismus.
+
+
+Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung
+psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu
+besorgen, daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die
+Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in
+notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der
+Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht
+sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten
+Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus
+verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative
+Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion
+zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel
+als auch die Absicht des Psychoanalytikers.
+
+
+
+
+1.
+
+
+In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des
+Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein
+System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien,
+Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der
+sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, daß der Schotte _Mac Lennan_
+1869 das allgemeinste Interesse für die bis dahin nur als Kuriosa
+gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die
+Vermutung aussprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in
+verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste
+einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither
+diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der
+letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den
+Elementen der Völkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(1):
+»Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher
+Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die totemistische Kultur überall
+einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe
+zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und
+Götterzeitalter gebildet hat.«
+
+ (1) p. 139.
+
+Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu einem
+tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Gründen, welche
+später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung
+von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totémisme in
+zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion,
+entworfen hat(2):
+
+1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber die
+Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen
+Pflege.
+
+2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen
+Ehrenbezeugungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.
+
+3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten
+Körperteil des Tieres.
+
+4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem Drange der
+Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die
+Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und
+Ausflüchte abzuschwächen.
+
+5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.
+
+6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, legt
+man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind
+dies die Totemtiere.
+
+7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der
+Totemtiere.
+
+8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen
+ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich
+solche durch Tätowierung einritzen.
+
+9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren gehört, so
+wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes
+verschont.
+
+10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des Stammes.
+
+11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen
+als Führer.
+
+12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß sie mit dem
+Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknüpft sind.
+
+ (2) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors
+ vierbändigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1908, T. I, p. 17 ff.
+
+Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, wenn man in
+Betracht zieht, daß _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und
+Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand
+des totemistischen Systems erschließen kann. Eine besondere Stellung
+dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, daß er dafür die
+wesentlichen Züge des Totemismus einigermaßen vernachlässigt. Wir werden
+uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen des totemistischen
+Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt, den anderen völlig
+übergangen hat.
+
+Um von den Charakteren des Totemismus ein richtigeres Bild zu gewinnen,
+wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbändiges Werk
+gewidmet hat, das die vollständigste Sammlung der hieher gehörigen
+Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten
+Probleme verbindet. Wir werden J. G. _Frazer_, dem Verfasser von
+»Totemism and Exogamy«(3) für Genuß und Belehrung verpflichtet bleiben,
+auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen führen
+sollte, welche weit von den seinigen abweichen(4).
+
+ (3) 1910.
+
+ (4) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die
+ Schwierigkeiten vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem
+ Gebiete zu kämpfen haben:
+
+ Zunächst; die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht
+ dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren
+ Reisende und Missionäre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte
+ ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verständigung
+ mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit
+ den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe von
+ Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit
+ den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die
+ intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen
+ Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben
+ aus den verschiedenartigsten Motiven (Vgl. _Frazer_, The beginnings of
+ religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly
+ Review, 1905; T. and Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche
+ Auskünfte. -- Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven
+ Völker keine jungen Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die
+ zivilisiertesten, und daß man kein Recht zur Erwartung hat, sie würden
+ ihre ursprünglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und
+ Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr
+ sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach
+ allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken
+ entscheiden kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen
+ nach Art eines Petrefakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten
+ hat, und was einer Entstellung und Veränderung derselben entspricht.
+ Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den
+ Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was als
+ spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des
+ ursprünglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der
+ Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart
+ der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie ebenso leicht wie die
+ Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen
+ psychischen Konstellationen zu deuten.
+
+Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatze(5), ist ein
+materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen Respekt
+bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person und jedem
+Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die
+Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine
+wechselseitige; der Totem beschützt den Menschen und der Mensch beweist
+seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z. B. daß er ihn
+nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es eine Pflanze
+ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein
+Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine
+Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und
+noch seltener von künstlich hergestellten Gegenständen.
+
+ (5) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen
+ Werkes T. and Ex.
+
+Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:
+
+1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich
+erblich von einer Generation auf die andere überträgt;
+
+2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen
+Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechts
+angehört, und
+
+3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht
+auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten Arten von Totem
+kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind,
+wenn nicht alles täuscht, späte und für das Wesen des Totem wenig
+bedeutsame Bildungen.
+
+Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe
+von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich für
+blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch
+gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem
+miteinander fest verbunden sind.
+
+Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales System. Nach
+seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger
+Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach
+seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder
+gegeneinander und gegen andere Stämme. In der späteren Geschichte des
+Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen;
+das soziale System überlebt häufig das religiöse und umgekehrt
+verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Länder, in denen
+das auf den Totemismus gegründete soziale System verschwunden ist. Wie
+diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander
+zusammenhingen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge
+nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke
+Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang
+unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir
+zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammesangehörige
+sich zur selben Art zählt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den
+Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet.
+
+In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen
+Systems stellt _Frazer_ voran, daß die Mitglieder eines Stammes sich
+nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, daß sie von ihm
+abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, daß sie das Totemtier
+nicht jagen, nicht töten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch
+des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote,
+den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen
+Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten ihn zu berühren,
+ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fällen darf der Totem nicht bei
+seinem richtigen Namen genannt werden. Die Übertretung dieser den Totem
+schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere
+Erkrankungen oder Tod(6).
+
+ (6) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, Imago I.
+
+Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen
+und in der Gefangenschaft gehegt(7). Ein tot aufgefundenes Totemtier
+wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mußte man ein
+Totemtier töten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von
+Entschuldigungen und Sühnezeremonien.
+
+ (7) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom,
+ die Bären im Zwinger von Bern.
+
+Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein
+gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus,
+daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun würde, und wo sich diese
+Voraussetzung nicht bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem Stamm
+ausgestoßen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprünglich Ordalien, viele
+Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung
+überlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen
+und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines Hauses
+wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war
+gekommen, seinen Verwandten zu holen(8).
+
+ (8) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter.
+
+Unter verschiedenen, bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clangenosse
+seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm
+äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totemtiers hüllt, sich das
+Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten der
+Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird diese Identifizierung mit
+dem Totem in Taten und Worten durchgeführt. Tänze, bei denen alle
+Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden und wie er gebärden,
+dienen mannigfaltigen magischen und religiösen Absichten. Endlich gibt
+es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise getötet
+wird(9).
+
+ (9) l. c. p. 45. -- Siehe unten die Erörterung über das Opfer.
+
+Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem streng
+gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung aus. Die
+Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, verpflichtet
+einander zu helfen und zu beschützen; im Falle der Tötung eines
+Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für
+die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fühlt sich solidarisch in der
+Forderung nach Sühne für das vergossene Blut. Die Totembande sind
+stärker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen
+nicht zusammen, da die Übertragung des Totem in der Regel durch
+mütterliche Vererbung geschieht und ursprünglich die väterliche
+Vererbung vielleicht überhaupt nicht in Geltung war.
+
+Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem Verbot, daß
+Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und überhaupt
+nicht in Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies ist die berühmte
+und rätselhafte, mit dem Totemismus verknüpfte _Exogamie_. Wir haben ihr
+die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier
+nur anzuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven
+entspringt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen
+verständlich würde, und daß sie zunächst die Inzestverhütung für die
+jüngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der
+älteren Generation zum Hindernis wird(10).
+
+ (10) Imago I, 1912. 1. Heft.
+
+An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frühesten in
+der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszüge aus einer
+der letzten Zusammenfassungen anschließen. In den 1912 erschienenen
+Elementen der Völkerpsychologie sagt W. _Wundt_(11): »Das Totemtier gilt
+als Ahnentier der betreffenden Gruppe. ›Totem‹ ist also einerseits
+Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat
+dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese
+Verwendungen des Begriffs spielen aber ineinander und die einzelnen
+dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die
+Totems fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden
+sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch
+die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff
+des Totem wird für die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_
+maßgebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und
+Fühlen der Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier
+ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe von
+Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als Stammvater
+der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hängt dann zusammen, daß diese
+Tierahnen einen Kult genießen ... Dieser Tierkult äußert sich
+ursprünglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen
+Festen vor allem in dem Verhalten gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein
+einzelnes Tier, sondern jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in
+gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten
+oder nur unter bestimmten Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres
+zu genießen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame
+Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen eine Art von
+zeremoniellem Genuß des Totemfleisches stattfindet ...«
+
+ (11) p. 116.
+
+»... Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen
+Stammesgliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der
+Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter
+diesen Normen stehen in erster Linie die für den Eheverkehr. So hängt
+diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die
+zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.«
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung oder
+Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprünglichen
+Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche
+Züge: _Die Totem waren ursprünglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen
+der einzelnen Stämme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie;
+es war verboten, den Totem zu töten_ (oder _zu essen_, was für primitive
+Verhältnisse zusammenfällt); _es war den Totemgenossen verboten,
+Sexualverkehr miteinander zu pflegen(12)._
+
+ (12) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus,
+ welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus, Totemism
+ has commonly been treated as a primitive system both of religion and
+ of society. As a system of religion it embraces the mystic union of
+ the savage with his totem; as a system of society it comprises the
+ relations in which men and women of the same totem stand to each other
+ and to the members of other totemic groups. And corresponding to these
+ two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of
+ Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem
+ animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit
+ with a woman of the same totem.« (p. 101.) _Frazer_ fügt dann hinzu,
+ was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus hineinführt:
+ Whether the two sides -- the religious and the social -- have always
+ coexisted or are essentially independent, is a question which has been
+ variously answered.
+
+Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du Totémisme, den _Reinach_
+aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, überhaupt
+nicht vorkommt, während die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung
+vom Totemtier, nur eine beiläufige Erwähnung findet. Ich habe aber die
+Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors,
+ausgewählt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren
+vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine
+regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde
+das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, die Rätsel
+seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am Totemismus; die
+entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung,
+nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen
+Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der
+Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verständnis sollte in einem
+ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter
+welchen Bedingungen sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und
+welchen seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte.
+
+Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von wie
+verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen
+versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher
+hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man
+allgemein über Totemismus und Exogamie behaupten möchte; auch das
+vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 veröffentlichten Schrift
+geschöpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkürliche
+Vorliebe des Referenten auszudrücken, und würde heute von _Frazer_
+selbst, der seine Ansichten über den Gegenstand wiederholt geändert hat,
+beanständet werden.(13)
+
+ (13) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen
+ Satz nieder: »That my conclusions on these difficult questions are
+ final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views
+ repeatedly, and I am resolved to change them again with every change
+ of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift
+ his colours with the shifting colours of the ground he treads.«
+ Vorrede zum I. Band von Totemism and Exogamy. 1910.
+
+Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des Totemismus und
+der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn man den Ursprüngen der
+beiden Institutionen näher käme. Dann ist aber für die Beurteilung der
+Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, daß auch
+die primitiven Völker uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen
+und die Bedingungen für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so
+daß wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die
+mangelnde Beobachtung zu ersetzen(14). Unter den vorgebrachten
+Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von
+vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den
+Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. Andere ruhen
+auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Bestätigung versagt; noch
+andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen
+Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen
+Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie
+gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker als in ihren
+eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die meisten der behandelten
+Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der
+neuesten, hier meist übergangenen Literatur des Gegenstandes das
+unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lösung der
+totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. (So z. B.
+_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-Lore XXIII, 1910. Referat in Britannica
+Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
+einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen.
+
+ (14) »By the nature of the case, as the origin of totemism lies far
+ beyond our powers of historical examination or of experiment, we must
+ have recourse as regards this matter to conjecture«, A. _Lang_, Secret
+ of the Totem, p. 27. -- »Nowhere do we see absolutely primitive man,
+ and a totemic system in the making.« p. 29.
+
+
+a) Die Herkunft des Totemismus.
+
+Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch so
+formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stämme) nach
+Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu benennen?(15)
+
+ (15) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren.
+
+Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie für die
+Wissenschaft entdeckte(16), enthielt sich, eine Ansicht über die
+Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mitteilung von
+A. _Lang_(17) war er eine Zeit lang geneigt, den Totemismus auf die
+Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die verlautbarten Theorien zur
+Ableitung des Totemismus möchte ich in drei Gruppen bringen als α)
+nominalistische, β) soziologische, γ) psychologische.
+
+ (16) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870.
+ -- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in
+ ancient History 1876. 2. ed. 1886.
+
+ (17) The Secret of the Totem. 1905, p. 34.
+
+
+α) Die nominalistischen Theorien.
+
+Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter
+dem von mir gebrauchten Titel rechtfertigen.
+
+Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkömmling der peruanischen Inka, der
+im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll,
+was ihm von totemistischen Phänomenen bekannt war, auf das Bedürfnis der
+Stämme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurückgeführt
+haben(18). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte später in der Ethnology
+von A. K. _Keane_ auf, die Totem seien aus »heraldic badges«
+(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und
+Stämme sich voneinander unterscheiden wollten(19).
+
+ (18) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p. 34.
+
+ (19) Ibid.
+
+Max _Müller_ äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der Totem in
+seinen Contributions to the Science of Mythology(20). Ein Totem sei 1.
+ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clans,
+4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Später J. _Pikler_
+1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren
+Namens für Gemeinschaften und Individuen ... So entspringt also der
+Totemismus nicht aus dem religiösen, sondern aus dem nüchternen
+Alltagsbedürfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung,
+ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem
+ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden
+aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee
+einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab.(21)
+
+ (20) Nach A. _Lang_.
+
+ (21) _Pikler_ und _Somló_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die
+ Autoren kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als »Beitrag
+ zur materialistischen Geschichtstheorie«.
+
+Herbert _Spencer_(22) legte gleichfalls der Namengebung die
+entscheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne
+Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften
+herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen
+oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten.
+Infolge der Unbestimmtheit und Unverständlichkeit der primitiven
+Sprachen seien diese Namen von den späteren Generationen so aufgefaßt
+worden, als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung von diesen Tieren
+selbst. Der Totemismus hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung
+ergeben.
+
+ (22) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien
+ der Soziologie. I. Bd., §§ 169 bis 176.
+
+Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses, hat Lord
+_Avebury_ (bekannter unter seinem früheren Namen Sir John _Lubbock_) die
+Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklären
+wollen, dürfen wir nicht daran vergessen, wie häufig die menschlichen
+Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines
+Mannes, der Bär oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen
+Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer gewissen
+Achtung und endlich Verehrung gelangte.
+
+Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche
+Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_
+vorgebracht(23). Er zeigt an den Verhältnissen von Australien, daß der
+Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines
+einzelnen ist. Wäre es aber anders und der Totem ursprünglich der Name
+eines einzelnen Menschen, so könnte er bei dem System der mütterlichen
+Vererbung nie auf dessen Kinder übergehen.
+
+ (23) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret etc.).
+
+Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkundiger Weise
+unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der Tiernamen für die
+Stämme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese
+Namengebung für sie gewonnen hat, das totemistische System. Die
+beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen
+Büchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905
+entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems,
+aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und
+beansprucht so das Rätsel des Totemismus der endgiltigen Lösung
+zugeführt zu haben.
+
+A. _Lang_ meint, es sei zunächst gleichgiltig, auf welche Weise die
+Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie
+erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie solche tragen, und wußten
+sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei
+vergessen_. Dann würden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft
+darüber zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der
+Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im
+totemistischen System enthalten sind. Namen sind für die Primitiven --
+wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere Kinder(24) -- nicht
+etwa etwas Gleichgiltiges und Konventionelles, wie sie uns etwa
+erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name
+eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein
+Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mußte die
+Primitiven dazu führen, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band
+zwischen ihren Personen und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band
+konnte da anders in Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War
+diese aber infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben
+sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit
+Einschluß der Exogamie.
+
+ (24) Vgl. Imago, I., Tabu, p. 319.
+
+»No more than these three things -- a group animal name of unknown
+origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human
+and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions --
+was needed to give rise to all the totemic creeds and practices,
+including exogamy.« (Secret of the Totem, p. 126.)
+
+_Langs_ Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische
+System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen
+ab unter der Voraussetzung, daß die Herkunft dieser Namengebung
+vergessen worden sei. Das andere Stück der Theorie sucht nun den
+Ursprung dieser Namen aufzuklären; wir werden sehen, daß es von ganz
+anderem Gepräge ist.
+
+Dies andere Stück der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich
+von den übrigen, die ich »nominalistisch« genannt habe. Das praktische
+Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die einzelnen Stämme Namen
+anzunehmen, und darum ließen sie sich die Namen gefallen, die jedem
+Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies »naming from without« ist die
+Eigentümlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Daß die Namen, die so
+zustande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig
+und braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden
+worden zu sein. Übrigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Fälle
+aus späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von außen
+gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten
+akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und
+_Tories_). Die Annahme, daß die Entstehung dieser Namen im Laufe der
+Zeit vergessen wurde, verknüpft dies zweite Stück der _Lang_schen
+Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten.
+
+
+β) Die soziologischen Theorien.
+
+S. _Reinach_, der den Überbleibseln des totemistischen Systems in Kult
+und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber von Anfang an
+das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschätzt hat, äußert
+einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein
+als »une hypertrophie de l'instinct social«(25).
+
+ (25) l. c. T. I., p. 41.
+
+Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_, Les formes
+élémentaires de la vie religieuse. Le système totémique en Australie,
+1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Repräsentant der
+sozialen Religion dieser Völker. Er verkörpert die Gemeinschaft, welche
+der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist.
+
+Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese Beteiligung der
+sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht.
+So hat A. C. _Haddon_ angenommen, daß jeder primitive Stamm ursprünglich
+von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit
+diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch
+zuführte. So konnte es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter dem
+Namen des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle spielte,
+bekannt wurde. Gleichzeitig mußte sich bei diesem Stamm eine besondere
+Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse für
+dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als
+auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedürfnisse, den
+Hunger, gegründet war(26).
+
+ (26) Address to the Anthropological Section, British Association
+ Belfast 1902. Nach _Frazer_ l. c. T. IV., p. 50 u. ff.
+
+Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen,
+daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primitiven nirgends
+gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden
+seien omnivor und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei
+es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschließlicher Diät sich ein
+fast religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in
+der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte.
+
+Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ über die Entstehung des
+Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer
+Stelle berichtet werden.
+
+Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem
+Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher über die
+Eingebornen von Zentralaustralien(27).
+
+ (27) The native tribes of Central Australia von Baldwin _Spencer_ und
+ H. J. _Gillen_, London 1891.
+
+_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stämmen, der
+sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentümlichen Einrichtungen,
+Gebräuchen und Ansichten und _Frazer_ schloß sich ihrem Urteil an, daß
+diese Besonderheiten als Züge eines primären Zustandes zu betrachten
+seien und über den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß
+geben können.
+
+Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil
+der _Arunta_nation) folgende:
+
+1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht
+erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende Weise) individuell
+bestimmt.
+
+2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen werden
+durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt,
+welche mit den Totem nichts zu tun haben.
+
+3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung einer
+Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des eßbaren
+Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heißt _Intichiuma_).
+
+4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und
+Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres
+Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre
+Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene
+Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf
+welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach
+wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, daß die
+Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentümliche
+Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Stätten
+gefunden werden.
+
+Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, daß man in
+den Einrichtungen der _Arunta_ die älteste Form des Totemismus
+aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche
+behaupteten, daß die Ahnen der _Arunta_ sich regelmäßig von ihrem Totem
+genährt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem
+geheiratet hätten. Zweitens die anscheinende Zurücksetzung des
+Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht
+erkannt hatten, daß die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs
+sei, dürfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter
+den heute lebenden ansehen.
+
+Indem _Frazer_ sich für die Beurteilung des Totemismus an die
+Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf
+einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchweg praktische
+Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürfnisse des Menschen
+(vgl. oben _Haddon_)(28). Das System war einfach ein großartiges Stück
+von »cooperative magic«. Die Primitiven bildeten sozusagen einen
+magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die
+Aufgabe übernommen, für die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels
+zu sorgen. Wenn es sich um nicht eßbare Totem handelte, wie um
+schädliche Tiere, um Regen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des
+Totemclans, dieses Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit
+abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clans kamen allen anderen zugute.
+Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so
+beschaffte er dieses wertvolle Gut für die anderen und wurde dafür von
+ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu
+besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie
+vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wäre man durch
+das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere
+Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, möglichst
+viel von dem eßbaren Totem für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen.
+
+ (28) There is nothing vague or mystical about it, nothing of that
+ metaphysical haze which some writers love to conjure up over the
+ humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to
+ the simple, sensuous, and concrete modes of the savage (Totemism and
+ Exogamy, I., p. 117).
+
+_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, daß jeder Totemclan sich
+ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem genährt habe. Dann
+bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die
+sich damit begnügte, den Totem für andere zu sichern, während man selbst
+auf seinen Genuß fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschränkung
+sei keineswegs aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen,
+sondern vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen zu
+verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung mit dem
+Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen wünschte, Schaden
+brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen,
+indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die
+Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht(29) und ebensowenig getraute er
+sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_
+behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur
+Exogamie gewandelt habe.
+
+ (29) l. c. p. 120.
+
+Die auf das Intichiuma gegründete Theorie _Frazers_ steht und fällt mit
+der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es
+scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(30) und
+_Lang_(31) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die Arunta scheinen
+vielmehr die entwickeltsten der australischen Stämme zu sein, eher ein
+Auflösungsstadium als den Beginn des Totemismus zu repräsentieren. Die
+Mythen, welche auf _Frazer_ so großen Eindruck gemacht haben, weil sie
+im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit
+betonen vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, würden
+sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, welche in die
+Vergangenheit projiziert sind, ähnlich wie der Mythus vom goldenen
+Zeitalter.
+
+ (30) L'année sociologique, T. I., V., VIII. und an anderen Stellen. S.
+ besonders die Abhandlung Sur le totémisme, T. V., 1901.
+
+ (31) Social Origins und Secret of the Totem.
+
+
+γ) Die psychologischen Theorien.
+
+Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner
+Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_
+geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die »äußerliche Seele«(32). Der
+Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen, an
+dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu
+bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht
+hatte, so war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den
+Träger seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber nicht wußte,
+welches Individuum der Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe,
+die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus
+aus dem Seelenglauben später selbst aufgegeben.
+
+ (32) The Golden Bough II., p. 332.
+
+Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde,
+stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche
+eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, daß das Motiv,
+aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu »rationell« sei und daß er
+dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu
+kompliziert sei, als daß man sie primitiv heißen dürfe(33). Die
+magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte
+Früchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment,
+einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die
+Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand
+er dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_.
+
+ (33) »It is unlikely that a community of savages should deliberately
+ parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to
+ a particular band of magicians, and bid all the bands to work their
+ magic and weave their spells for the common good.« T. and Ex. IV.,
+ p. 57.
+
+Die _Arunta_ heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang der Konzeption
+mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fühlt, so ist in
+diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der
+nächstliegenden Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen und wird von
+ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der
+gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den
+Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn
+man einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das Weib
+ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,
+welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie sich zuerst
+Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr
+in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität eines Menschen mit
+seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle
+weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht
+daraus ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser
+Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. Er
+würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise
+etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch seine
+Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist,
+verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. _Rivers_ an den
+Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der
+Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu
+erweisen(34).
+
+ (34) T. and Ex. II., p. 89 und IV., p. 59.
+
+Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit der Wilden
+über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des
+besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Männchen bei der
+Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis muß erleichtert werden durch das
+lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die
+Geburt des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewegungen)
+einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht des
+männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies)
+des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. »Anything indeed that
+struck a woman at that mysterious moment of her life when she first
+knows herself to be a mother might easily be identified by her with the
+child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so
+universal, appear to be the root of totemism«(35).
+
+ (35) l. c. IV., p. 63.
+
+Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe,
+der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die
+_Arunta_ scheinen sich von den Anfängen des Totemismus weit weg entfernt
+zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver
+Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stücken väterliche
+Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation
+geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
+Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur
+allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man darum ihnen
+Unwissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten,
+wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen
+Mythen.
+
+ (36) »That belief is a philosophy far from primitive.« A. _Lang_,
+ Secret of the Totem, p. 192.
+
+Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der
+Holländer G. A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknüpfung des
+Totemismus mit der Seelenwanderung her. »Dasjenige Tier, in welches die
+Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, wurde zum
+Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt.« Aber der Glauben an
+die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein
+als umgekehrt(37).
+
+ (37) _Frazer_, T. and Ex. IV., p. 45 u. ff.
+
+Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten
+amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u. a., vertreten. Sie
+geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen aus und
+behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines Ahnen, den
+dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt
+habe. Wir haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten die
+Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her
+bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen die
+Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen(38).
+
+ (38) _Frazer_, l. c. p. 48.
+
+Für die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_
+ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, daß
+erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das
+Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren wieder die
+ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(39). Seelentiere, wie
+Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle
+Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung und
+Grauen erregende Eigenschaften dazu als die Träger der den Körper
+verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkömmling
+der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mündet hier für _Wundt_ der
+Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein.
+
+ (39) _Wundt_, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190.
+
+
+b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.
+
+Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit
+vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck durch die
+immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe. In betreff der weiteren
+Fragen nehme ich mir im Interesse des Lesers die Freiheit einer noch
+weitergehenden Zusammendrängung. Die Diskussionen über die Exogamie der
+Totemvölker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials
+besonders kompliziert und unübersehbar; man könnte sagen verworren. Die
+Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier auf
+Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine gründlichere
+Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden
+Fachschriften verweise.
+
+Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natürlich
+nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder jene
+Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus lassen jede
+Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die beiden Institutionen
+glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander
+gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen Anschein festhalten will,
+die Exogamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, und
+eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein
+zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt.
+_Frazer_ hat in seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit
+Entschiedenheit vertreten.
+
+»I must request the reader to bear constantly in mind that the two
+institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in
+origin and nature though they have accidentally crossed and blended in
+many tribes.« (T. and Ex., I., Vorrede XII.)
+
+Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle
+unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu
+haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge
+der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in
+seinen Arbeiten(40) ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte Tabu das
+Verbot mit sich bringen mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum
+geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut
+wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht auf
+Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das
+demselben Totem angehört(41). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_
+anschließt, meint sogar, es bedurfte nicht des Bluttabu, um das Verbot
+der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(42). Das allgemeine
+Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu
+sitzen, würde hiefür hingereicht haben. A. _Lang_ verficht übrigens auch
+eine andere Ableitung der Exogamie (s. unten) und läßt es zweifelhaft,
+wie sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten.
+
+ (40) L'année sociologique 1898-1904.
+
+ (41) S. die Kritik der Erörterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T. and
+ Ex., IV., p. 101.
+
+ (42) Secret etc., p. 125.
+
+In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren
+der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die Exogamie
+später hinzugekommen(43).
+
+ (43) Z. B. _Frazer_, l. c. IV., p. 75: The totemic clan is a totally
+ different social organism from the exogamous class, and we have good
+ grounds for thinking that it is far older.
+
+Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom Totemismus
+erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die
+verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern.
+
+_Mac Lennan_(44) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den
+Überresten von Sitten erraten, welche auf ehemaligen Frauenraub
+hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein gebräuchlich
+gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die
+Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt
+geworden, weil sie ungewöhnlich war(45). Das Motiv für diese Gewohnheit
+der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme,
+der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt
+zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu
+tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen _Mac Lennans_
+bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es unter den
+Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich bliebe, warum sich die
+männlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut
+unzugänglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem
+gänzlich beiseite gelassen wird(46).
+
+ (44) Primitive marriage 1865.
+
+ (45) »Improper because it was unusual.«
+
+ (46) _Frazer_, l. c. IV., p. 73 bis 92.
+
+Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die
+Exogamie als eine Institution zur Verhütung des Inzests erfaßt(47).
+
+ (47) Vgl. Imago I.: Die Inzestscheu.
+
+Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der australischen
+Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von
+_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(48) beistimmen, daß
+diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht (»deliberate
+design« nach _Frazer_) an sich tragen, und daß sie das erreichen
+sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. »In no other way does it
+seem possible to explain in all its details a system at once so complex
+and so regular(49).«
+
+ (48) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex. IV.,
+ p. 105 ff.
+
+ (49) _Frazer_, l. c. p. 106.
+
+Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die
+Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die
+Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern
+und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest zwischen
+Vater und Tochter erst durch weitergehende Maßregeln aufgehoben wurde.
+
+Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen auf
+gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis des
+Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in
+letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie
+erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung
+der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr
+unter Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu
+berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem
+Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen
+Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt,
+in denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht
+wurde.
+
+_Westermarck_(50) machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, »daß
+zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene
+Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und daß dieses Gefühl,
+da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz
+einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem
+Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten«. _Havelock Ellis_ bestritt
+zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen »Studies in
+the psychology of sex«, trat aber sonst im wesentlichen derselben
+Erklärung bei, indem er äußerte: »das normale Unterbleiben des
+Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und
+Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben
+handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, daß
+unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen
+durchaus fehlen müssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen
+aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen Reize des Sehens,
+des Hörens und der Berührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen
+Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung
+geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung
+hervorzurufen.«
+
+ (50) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909.
+ Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene
+ Einwendungen.
+
+Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß _Westermarck_ diese angeborene
+Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die
+Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Repräsentanz der
+biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine Schädigung der Gattung
+bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt würde in seiner
+psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der für
+die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht
+ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch
+nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche
+_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_
+findet es unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar
+nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die
+Inzestscheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll,
+gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere
+Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im
+Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten
+zusammentreffen.
+
+»Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher
+Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen sollte. Es gibt kein
+Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
+ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und
+trinken und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst
+vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch
+Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den
+Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe ausführen könnten.
+Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das
+Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig
+annehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden,
+Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen Neigungen gerne
+begehen würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solchen
+Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu
+brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot
+des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung gegen den Inzest
+besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß ein natürlicher
+Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das Gesetz diesen Trieb wie
+andere natürliche Triebe unterdrückt, dies seinen Grund in der Einsicht
+zivilisierter Menschen hat, daß die Befriedigung dieser natürlichen
+Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(51).«
+
+ (51) l. c., p. 97.
+
+Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufügen, daß
+die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen
+Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich machen. Sie haben
+im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen Regungen des
+jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche
+verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu
+überschätzende Rolle spielen.
+
+Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also
+fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung
+des Inzestverbotes, welche sich zahlreicher Anhänger erfreut, um die
+Annahme, daß die primitiven Völker frühzeitig bemerkt haben, mit welchen
+Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in
+bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen
+gegen diesen Erklärungsversuch drängen einander(52). Nicht nur, daß das
+Inzestverbot älter sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der
+Mensch Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften
+der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht sind
+auch heute noch nicht über jeden Zweifel sichergestellt und beim
+Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir über die
+heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer
+entferntesten Ahnen bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre
+spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich,
+wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern
+hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie in unserer
+heutigen Kultur noch kaum Berücksichtigung gefunden haben(53).
+
+ (52) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'année
+ sociologique. I., 1896/97.
+
+ (53) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: »they are not likely to
+ reflect on distant evils to their progeny.«
+
+Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus praktisch
+hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse
+schwächenden Momentes ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu
+zu erklären, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest
+erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(54), erscheint diese
+Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher noch reger
+und stärker als bei den zivilisierten.
+
+ (54) Imago, I., l. c.
+
+Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der Inzestscheu die
+Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen
+Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive
+vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten zu würdigen wären,
+sieht man sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resignierten
+Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu
+nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher
+vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend(55).
+
+ (55) »Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of
+ incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a
+ problem nearly as dark as ever.« T. and Ex. I., p. 165.
+
+Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der Inzestscheu zu
+erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten.
+Man könnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen.
+
+Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ über den
+sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schloß aus den
+Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der Mensch ursprünglich
+in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des
+ältesten und stärksten Männchens die sexuelle Promiskuität verhinderte.
+»Wir können in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller
+männlichen Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum
+Kämpfen mit ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine
+Vermischung der Geschlechter im Naturzustande äußerst unwahrscheinlich
+ist ... Wenn wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und
+nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert,
+schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch
+ursprünglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau
+oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen
+alle anderen Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen
+sein und doch mit mehreren Frauen für sich allein gelebt haben wie der
+Gorilla; denn alle Eingebornen stimmen darin überein, daß nur ein
+erwachsenes Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge
+Männchen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der
+Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder vertrieben
+hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal
+of Natur. Hist. V., 1845-1847). Die jüngeren Männchen, welche hiedurch
+ausgestoßen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt
+beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb
+der Glieder einer und derselben Familie verhüten«(56).
+
+ (56) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. _Carus_, II. Bd.,
+ Kap. 20, p. 341.
+
+_Atkinson_(57) scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhältnisse
+der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Männer praktisch
+durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine ähnliche Horde
+gründen, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der
+Eifersucht des Oberhaupts galt, und im Laufe der Zeit würde sich aus
+diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein
+Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte
+sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr
+innerhalb des Totem.
+
+ (57) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins).
+
+A. _Lang_(58) hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. Er
+vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie,
+welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen
+läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu
+vereinigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem Totemismus
+bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben(59).
+
+ (58) Secret of the Totem, p. 114, 143.
+
+ (59) »If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines
+ of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
+ practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first
+ practical rule would be that of the jealous Sire ›No males to touch
+ the females in my camp‹, with expulsion of adolescent sons. _In efflux
+ of time that rule, become habitual_, would be, ›No marriage within the
+ local group‹. Next let the local groups receive names, such as Emus,
+ Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, ›No Marriage within the
+ local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe‹. But, if the
+ primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as
+ totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable,
+ and other names of small local groups.« Secret of the Totem, p. 143.
+ (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In
+ seiner letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911)
+ teilt A. _Lang_ übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus
+ dem »general totemic« Tabu aufgegeben habe.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in
+dieses Dunkel.
+
+Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem des
+Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut,
+welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur
+durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen.
+Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im
+ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere
+verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen.
+
+In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und Tier tritt
+nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind beginnt plötzlich
+eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor der Berührung oder dem
+Anblick aller einzelnen dieser Art zu schützen. Es stellt sich das
+klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der häufigsten unter den
+psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die
+früheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel
+Tiere, für welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse
+gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl
+unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter
+städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen,
+seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und
+Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus dem
+Bilderbuch und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte der
+unsinnigen und unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt;
+selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine
+ungewöhnliche Wahl des Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K.
+_Abraham_ die Mitteilung eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst
+vor Wespen selbst durch die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung
+des Wespenleibes hätte es an den Tiger denken lassen, vor dem es sich
+nach allem Gehörten fürchten durfte.
+
+Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer
+analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade
+verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem
+Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht
+behaupten, daß man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und
+ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich herausstellen
+dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten
+Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem
+Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche:
+die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben
+waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.
+
+Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle gesehen und
+von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf
+wenige ausführliche Publikationen darüber berufen. Es ist dies ein
+Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, daß
+wir unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen
+stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher sich
+verständnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M.
+_Wulff_ (Odessa). Er erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte
+eines neunjährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer
+Hundephobie gelitten hat. »Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen
+sah, weinte er und schrie: »Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will
+artig sein.« Unter »artig sein« meinte er: »nicht mehr Geige spielen
+(onanieren)«(60).
+
+ (60) M. _Wulff_, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralbl. f.
+ Psychoanalyse 1912, II., Nr. 1, p. 15 ff.
+
+Derselbe Autor resumiert später: »Seine Hundephobie ist eigentlich die
+auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare
+Äußerung: ›Hund ich will artig sein‹ -- d. h. nicht masturbieren --
+bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation
+verboten hat.« In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so
+völlig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit
+solcher Erfahrungen bezeugt: »Solche Phobien (Pferdephobien,
+Hundephobien, Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im
+Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und
+lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst
+von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete
+Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht
+behaupten.«
+
+Im ersten Band des Jahrbuchs für psychoanalytische und psychopathologische
+Forschungen teilte ich die »_Analyse der Phobie eines fünfjährigen
+Knaben_« mit, welche mir der Vater des kleinen Patienten
+zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden,
+in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte auf die Straße zu gehen. Er
+äußerte die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn
+beißen. Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen Wunsch sein
+sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben
+durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es
+sich, daß er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen,
+Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er
+überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter,
+auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln Ahnungen gerichtet
+waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des männlichen
+Kindes zu den Eltern, welche wir als den »Ödipuskomplex« bezeichnen, und
+in der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu
+aus der Analyse des »kleinen Hans« erfahren, ist die für den Totemismus
+wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil
+seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.
+
+Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen
+Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich
+geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus der
+Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann sich im
+Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit
+jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu
+kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ --
+Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in
+diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen
+Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den
+Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, daß sie eine glatte
+Scheidung der zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der
+Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die
+Ambivalenz greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der
+kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und
+Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat,
+identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als
+Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater(61). In einem anderen
+Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen
+großen Tieren zu identifizieren(62).
+
+ (61) l. c. p. 37.
+
+ (62) Die Giraffenphantasie p. 24.
+
+Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der Kinder
+gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wiederkehren. Wir
+verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schöne Beobachtung eines
+Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen
+kann(63). Bei dem kleinen Arpád, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen
+die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang
+des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung
+desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen
+Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten
+Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen
+Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales
+gefürchtet wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater
+die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen
+Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist
+die von ihm drohende Strafe(64).
+
+ (63) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschr. f. ärztl.
+ Psychoanalyse 1913, I., Nr. 3.
+
+ (64) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus
+ enthaltene Blendung vergleiche die Mitteilungen von _Reitler_,
+ _Ferenczi_, _Rank_ und _Eder_ in Intern. Zeitschr. f. ärztl.
+ Psychoanalyse 1913, I., Nr. 2.
+
+Als der kleine Arpád zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in
+einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren, wobei ihn ein
+Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr
+später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er
+interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was darin
+vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf.
+Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber
+beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und
+anderem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur
+Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein
+Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben. Am
+liebsten spielte er Hühnerschlachten. »Das Schlachten des Federviehs ist
+ihm überhaupt ein Fest. Er ist imstande, stundenlang um die Tierleichen
+erregt herumzutanzen.« Aber dann küßte und streichelte er das
+geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst
+mißhandelten Ebenbilder von Hühnern.
+
+Der kleine Arpád sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines sonderbaren
+Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte gelegentlich
+seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurück in die des
+Alltagslebens. »Mein Vater ist der Hahn«, sagte er einmal. »Jetzt bin
+ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich
+ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich ein Hahn.« Ein andermal
+wünschte er sich plötzlich eine »eingemachte Mutter« zu essen (nach der
+Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen
+Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer
+Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte.
+
+Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof blieb
+nach _Ferenczi_ kein Zweifel: »Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und
+Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut«
+befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen
+Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine
+Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: »Ich werde
+Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin,
+nein, statt der Köchin lieber die Mutter.«
+
+Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung
+vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle
+Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: Die volle
+Identifizierung mit dem Totemtier(65) und die ambivalente
+Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen
+Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus -- für den
+Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken
+dann, daß wir damit keinen neuen oder besonders kühnen Schritt getan
+haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch
+heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren
+Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich
+genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die
+sie darum gerne in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse
+mahnt uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn
+den Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen.(66)
+
+ (65) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben
+ ist: »Totemism is an identification of a man with his totem.« T. and
+ Ex., IV., p. 5.
+
+ (66) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von
+ Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung,
+ wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (p. 369)
+ erwähnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er hatte von seinem Vater
+ erfahren, daß seine Mutter während der Schwangerschaft mit ihm einmal
+ vor einem Hunde erschrocken sei.
+
+Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. Wenn das
+Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des
+Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den
+Totem nicht zu töten und kein Weib, das dem Totem angehört, sexuell zu
+gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des Ödipus,
+der seinen Vater tötete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den
+beiden Urwünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren
+Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte
+diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so
+müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in
+unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es müßte uns
+gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische System sich aus
+den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des
+»kleinen Hans« und die Geflügelperversion des »kleinen Arpád«. Um dieser
+Möglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit
+des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können, der Totemreligion
+studieren, welche bisher kaum Erwähnung finden konnte.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe,
+Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie
+scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889
+veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten(67) die Annahme
+aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_
+von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen
+Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur
+eine einzige, aus dem fünften Jahrhundert n. Chr. überlieferte
+Beschreibung eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die
+Annahme durch die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem
+hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine
+göttliche Person voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rückschluß
+von einer höheren Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste des
+Totemismus.
+
+ (67) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second
+ Edition. London 1907.
+
+Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson
+Smith_ die für unser Interesse entscheidenden Sätze über Ursprung und
+Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so
+reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller späteren
+Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem
+Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung
+im Original zu übermitteln.
+
+_Robertson Smith_ führt aus, daß das Opfer am Altar das wesentliche
+Stück im Ritus der alten Religionen gewesen ist. Es spielt in allen
+Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung auf sehr
+allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachen zurückführen muß.
+
+Das Opfer -- die heilige Handlung κατ' ἐξοχήν (sacrificium, ἱερουργία)
+-- bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was spätere Zeiten
+darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit, um sie zu
+versöhnen oder sich geneigt zu machen. Von dem Nebensinn der
+Selbstentäußerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus. Das
+Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als »_an act of social
+fellowship between the deity and his worshippers_«, ein Akt der
+Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gotte.
+
+Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon
+der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, Wein und Öl, das
+opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch
+bestanden Einschränkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist
+der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind
+ihm allein überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die
+älteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer
+sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und
+entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das
+Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau.
+
+Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott bestimmte
+Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde.
+Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde
+diese Vorstellung anstößig; man wich ihr aus, indem man den flüssigen
+Anteil der Mahlzeit allein der Gottheit zuwies. Später gestattete der
+Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch
+aufgehen ließ, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch
+welche sie dem göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des
+Trinkopfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später
+der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Primitiven als das »Blut der
+Rebe«, wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen.
+
+Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers und die
+Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut
+der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, daß
+jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte.
+
+Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen
+Clans. Die Religion war überhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die
+religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung. Opfer und
+Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein
+Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das
+Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen
+Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit untereinander und mit
+der Gottheit.
+
+Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten
+Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens.
+Mit einem anderen zu essen und zu trinken war gleichzeitig ein Symbol
+und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme
+gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten
+Ausdruck, daß der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit
+waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute
+unter den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende an
+der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der
+Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen
+Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der
+braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern darf seines
+Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für ewige
+Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam genossene
+Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt. So realistisch wird
+das Band der Vereinigung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu
+verstärken und dauerhaft zu machen.
+
+Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft
+zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band,
+welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft
+(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch für
+einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben solcher
+Art zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man sie wie Stücke
+eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord eines
+einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses und jenes ist vergossen
+worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die hebräische Phrase,
+mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, lautet: Du bist
+mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen Anteil haben an
+einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natürlich, daß sie nicht nur auf
+die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der Substanz seiner
+Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man genährt wurde,
+sondern daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt und durch die
+man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken kann. Teilte
+man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es die Überzeugung aus,
+daß man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als Fremden erkannte,
+mit dem teilte man keine Mahlzeit.
+
+Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von
+Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte miteinander
+essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der
+Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun.
+Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten uns bekannten Familien
+umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbänden
+angehören. Die Männer heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder
+erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft
+zwischen dem Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen
+Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute
+abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus
+machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern
+unmöglich.
+
+Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, keine
+Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist --
+auch kein Schlachten eines Tieres außer für solche feierliche
+Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von Früchten, Wild und von
+der Milch der Haustiere, aber religiöse Skrupel machten es dem einzelnen
+unmöglich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet
+nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, daß jedes Opfer
+ursprünglich Clanopfer war, und daß das _Töten eines Schlachtopfers_
+ursprünglich zu jenen Handlungen gehörte, _die dem einzelnen verboten
+sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die
+Verantwortlichkeit mitübernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine
+Klasse von Handlungen, für welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich
+Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes
+rühren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur
+durch die Zustimmung und unter der Teilnahme aller Clangenossen geopfert
+werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben des Stammesgenossen
+selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des
+Opfertieres genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, daß
+die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm
+zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie
+ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier
+waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clans.
+
+_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das
+Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum zwei
+Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für gewöhnlich
+gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein
+verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen
+Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dargebracht
+wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich identisch
+waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen in irgendeiner Weise
+beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte
+betonten. Für noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied
+zwischen gewöhnlichen und »mystischen« Opfern. Alle Tiere sind
+ursprünglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei
+feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen
+werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut
+gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen
+Vorwurf geschehen.
+
+Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint
+überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet
+zu haben(68). Aber was in der nun »pastoralen« Religion den Haustieren
+an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprünglichen
+Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen
+Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach
+vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu
+entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines Ochsen
+eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem
+athenischen Fest der Bouphonien wurde nach dem Opfer ein förmlicher
+Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen. Endlich
+einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen,
+welches dann ins Meer geworfen wurde.
+
+ (68) »The inference is that the domestication to which totemism
+ invariably leads (when there are any animals capable of domestication)
+ is fatal to totemism.«
+
+ _Jevons_, An introduction to the history of religion 1911, fifth
+ edition, p. 120.
+
+Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines
+Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von
+Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten und Fleisch und Blut
+desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese
+Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben
+gehört, daß in späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an
+der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges
+Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint
+diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers
+zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich,
+indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann,
+welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(69)._
+
+ (69) l. c. p. 113.
+
+Dies Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in
+seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen
+Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen
+_Blutbündnissen_ zugrunde, durch die sich noch in späten Zeiten Menschen
+gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische Auffassung der
+Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die Notwendigkeit
+verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen Prozeß der
+Opfermahlzeit zu erneuern.
+
+Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von _Robertson Smith_
+ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resumieren. Als die Idee des
+Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit,
+als eine Übertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes
+aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des
+Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst
+heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der
+Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes
+genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß
+die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander und mit
+der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier
+selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier,
+der primitive Gott selbst, durch dessen Tötung und Verzehrung die
+Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten und versicherten.
+
+Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schluß, daß
+die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der
+Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stück der
+Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit,
+meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten
+erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in
+der sinaitischen Wüste um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi
+Geburt. Das Opfer, ein Kameel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von
+Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer dreimal
+unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste
+Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann stürzte sich
+die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des
+zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in
+der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem
+dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen
+alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide
+vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Altertümlichkeit zeugende
+Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern
+die allgemeine ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer Zeit
+die verschiedensten Abschwächungen erfuhr.
+
+Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit
+Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe
+des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch
+selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale
+Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z. B. bei den Menschenopfern der
+Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit
+erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika
+und die Bärenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und ähnliche
+Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes
+ausführlich mitgeteilt(70). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen
+großen Raubvogel (Buzzard) verehrt, tötet diesen in feierlicher
+Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den
+Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso
+mit ihrer heiligen Schildkröte.
+
+ (70) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild;
+ 1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine
+ animal.
+
+In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stämme ist ein Zug
+beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson Smith_
+vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für die Vermehrung seines Totem,
+dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten,
+bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genießen, ehe
+derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel für
+den sakramentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach
+_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem
+Begräbniszeremoniell dieser Stämme finden(71).
+
+ (71) _Frazer_, T. and Ex. T. II, p. 590.
+
+Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, daß die
+sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen
+Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei.(72)
+
+ (72) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_
+ u. a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind
+ mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von
+ _Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeinträchtigt.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und
+statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus, die bisher
+nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei
+feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es roh verzehrt, Blut,
+Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit
+des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+seine und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei,
+daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch
+die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner
+von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der Tat wird das
+hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine
+zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
+erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei
+einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für die
+Tötung von sich abzuwälzen(73).
+
+ (73) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412.
+
+Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung
+aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das
+Wesen des _Festes_ fällt uns hier ohne jede Mühe zu.
+
+Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein
+feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge
+irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die
+Ausschreitungen, durch die sich Feste zu allen Zeiten ausgezeichnet
+haben, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die festliche
+Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.
+
+Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer über den
+Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung des Totem, die sonst
+versagt ist, freut, warum trauert man auch über sie?
+
+Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß des Totem
+heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter einander bestärken.
+Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die Substanz des Totem ist, in
+sich aufgenommen haben, könnte ja die festliche Stimmung und alles, was
+aus ihr folgt, erklären.
+
+Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich der
+Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, daß es
+sonst verboten ist es zu töten, und daß seine Tötung zur Festlichkeit
+wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. Die ambivalente
+Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren
+Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt,
+würde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken.
+
+Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung des
+Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese
+über den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhält, ergibt
+sich die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, der Ausblick auf
+eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil
+bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von
+Phänomenen herzustellen.
+
+Die _Darwin_sche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des
+Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen
+für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter.
+Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der
+Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was
+noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht, das sind
+_Männerverbände_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und
+den Einschränkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei
+mütterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen
+sein und auf welchem Wege war es möglich?
+
+Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort
+zu geben: Eines Tages(74) taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen,
+erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein
+Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande, was dem einzelnen
+unmöglich geblieben wäre. Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die
+Handhabung einer neuen Waffe ihnen das Gefühl der Überlegenheit gegeben.
+Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen Wilden
+selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater war gewiß das beneidete und
+gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setzten
+sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten
+sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht
+das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier
+dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen
+Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen
+und die Religion(75).
+
+ (74) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte ich
+ die Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv
+ hinzuzunehmen.
+
+ (75) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und
+ Tötung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der
+ ausgetriebenen Söhne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung
+ aus den Verhältnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. »A youthful
+ band of brothers living together in forced celibacy, or at most in
+ polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet
+ weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
+ gained with time, inevitably wrench by combined attacks renewed again
+ and again, both wife and life from the paternal tyrant« (Primal Law,
+ p. 220-221). _Atkinson_, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien
+ verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen
+ hatte, beruft sich auch darauf, daß die von _Darwin_ supponierten
+ Zustände der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu
+ beobachten sind und regelmäßig zur Tötung des Vatertieres führen. Er
+ nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall
+ der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne unter
+ einander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation der
+ Gesellschaft niemals zustande: »an ever recurring violent succession
+ to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal hands were
+ so soon again clenched in fratricidal strife_« (p. 228). _Atkinson_,
+ dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und dem die
+ Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet einen minder
+ gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten sozialen Stufe, auf
+ welcher zahlreiche Männer in friedlicher Gemeinschaft zusammenleben.
+ Er läßt es die Mutterliebe durchsetzen, daß anfangs nur die jüngsten,
+ später auch andere Söhne in der Horde verbleiben, wofür diese
+ Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form der von ihnen
+ geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern anerkennen.
+
+ Soviel über die höchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre
+ Übereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte
+ und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang
+ mit so vielem anderen mit sich bringt.
+
+ Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche
+ Zusammendrängung der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf
+ ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung
+ hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit
+ anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern.
+
+Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig zu finden,
+braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende Brüderschar
+von denselben einander widersprechenden Gefühlen gegen den Vater
+beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei
+jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie
+haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen
+Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten
+ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren
+Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die
+dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen(76). Es
+geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches
+hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde
+nun stärker als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch heute
+an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz
+verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen
+Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
+»_nachträglichen Gehorsams_«. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die
+Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und
+verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen
+versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewußtsein des Sohnes_ die
+beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden
+verdrängten Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. Wer
+dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
+welche die primitive Gesellschaft bekümmerten(77).
+
+ (76) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zugute kommen, daß die
+ Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in
+ gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte ja
+ seinen ursprünglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters
+ einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen
+ Reaktion weit günstiger als die Befriedigung.
+
+ (77) »Murder and incest, or offences of a like kind against this
+ sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which
+ the community as such takes cognisance ...« Religion of the Semites,
+ p. 419.
+
+Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen
+beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die
+Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven; der Vater war ja
+beseitigt, in der Realität war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber,
+das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begründung. Das
+sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten
+sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder
+des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater
+alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wäre die
+neue Organisation zugrunde gegangen. Es war auch kein Überstarker mehr
+da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit
+blieb den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als
+das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von
+ihnen begehrten Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster
+Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation,
+welche sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und
+Betätigungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei
+ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation,
+welche den Keim zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des
+_Mutterrechts_ legte, bis dieses von der patriarchalischen
+Familienordnung abgelöst wurde.
+
+An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt, knüpft
+hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer
+Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Söhne das Tier
+als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
+der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr
+Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es
+konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende
+Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu
+bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit
+dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche
+Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und Schonung,
+wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, d. h. die Tat an
+ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zugrunde
+gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus.
+»Hätte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wären nie in die
+Versuchung gekommen, ihn zu töten«. So half der Totemismus dazu, die
+Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er
+seine Entstehung verdankte.
+
+Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter jeder
+Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem
+Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies Gefühl zu
+beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen Gehorsam
+zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen sich als Lösungsversuche
+desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie
+unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es
+sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit
+der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur
+Ruhe kommen läßt.
+
+Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist
+damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war
+wohl zu groß, um durch irgendeine Veranstaltung ausgeglichen zu werden,
+oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser
+Gefühlsgegensätze überhaupt nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die
+dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und
+in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt
+nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Versöhnung,
+sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater. Die
+Befriedigung darüber läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
+einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams
+wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der
+Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft
+der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des
+Vaters, infolge der verändernden Einflüsse des Lebens zu entschwinden
+droht. Wir werden nicht überrascht sein, zu finden, daß auch der Anteil
+des Sohnestrotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und
+Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht.
+
+Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus
+noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue
+verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so wollen wir doch
+nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord
+gedrängt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen
+die große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten den
+tiefgehendsten Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie
+schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der
+Betonung der Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die Brüder
+sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von
+ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen
+gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum
+religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun das sozial
+begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange
+währen, bis das Gebot die Einschränkung auf den Stammesgenossen
+abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht
+morden. Zunächst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brüderclan_
+getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die
+Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten
+Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber,
+die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum
+anderen Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen.
+
+Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren Auffassungen
+des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse einen
+innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und
+Exogamie vertreten.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von starken Motiven,
+die mich vom Versuche zurückhalten werden, die weitere Entwicklung der
+Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen
+Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich
+sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des
+Totemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater(78).
+
+ (78) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte
+ Arbeit von C. G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch
+ von _Bleuler-Freud_, IV., 1912.
+
+_Robertson Smith_ hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit in der
+ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist
+derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit;
+auch das Schuldbewußtsein ist dabei geblieben; welches nur durch die
+Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu
+hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das
+Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse,
+und mit der man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt
+der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation?
+
+Die Antwort könnte lauten, es sei unterdeß -- unbekannt woher -- die
+Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben unterworfen,
+und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, hätte auch die
+Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System gewinnen müssen. Allein
+die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer
+ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater
+gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem
+Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich
+verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter
+Vater. Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus den
+Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
+Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgendwelche Beachtung
+verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge und Bedeutungen
+Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der
+Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber
+in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten,
+einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem
+Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen
+Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben
+kann.
+
+Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen
+Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewöhnlich ein Tier
+heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen
+Opfern, den »mystischen« wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier
+zum Opfer dargebracht(79); 3. der Gott wurde häufig in der Gestalt eines
+Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche Verehrung
+lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt
+sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So läge die
+Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich auf einer
+späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier entwickelt
+hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber die Erwägung, daß der
+Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz. So mag er die erste
+Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine spätere, in welcher der
+Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschöpfung
+aus der Wurzel aller Religionsbildung, der _Vatersehnsucht_, konnte
+möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am Verhältnis zum Vater --
+und vielleicht auch zum Tier -- Wesentliches geändert hatte.
+
+ (79) _Robertson Smith_, Religion of the Semites.
+
+Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem
+Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tier und von der Zersetzung
+des Totemismus durch die Domestikation absehen will(80). In der durch
+die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein Moment,
+welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der
+Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des
+Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt
+gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch
+Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck
+gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die Bande des
+Brüderclans auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und
+durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach
+der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten
+die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nachlassen,
+die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen,
+welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst bekämpften
+Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt
+hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen
+Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Veränderungen
+nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in
+Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen
+hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern
+wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt,
+was uns heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das
+Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(81).
+Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm
+seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Sühneversuch
+als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.
+
+ (80) S. o. p. 388.
+
+ (81) »To us moderns for whom the breach which divides the human and
+ the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may
+ appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their
+ thinking gods and men were akin, for many families traced their
+ descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed
+ as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems
+ to a modern catholic.« _Frazer_, Golden Bough I. The magic art and the
+ evolution of kings. II., p. 177.
+
+Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Muttergottheiten
+findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorhergegangen sind,
+weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die Wandlung im
+Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte,
+sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters
+beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,
+übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die
+vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um.
+Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den
+Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt
+wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclans waren
+nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
+Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß genug, um
+die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der
+ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.
+
+In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich
+zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem
+Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in
+acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine Allegorie
+übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die
+zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich
+ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den
+Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der
+zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene
+der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum
+Material für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die
+Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,
+daß es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in
+derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
+fortsetzt.
+
+In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die
+Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die
+Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zugunsten des Gottes. Gott selbst
+ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch
+die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die
+soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarchalische System
+auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und
+wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
+Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue
+Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter zu
+entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer
+Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
+Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier
+tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die
+äußerste Verläugnung der großen Untat, mit welcher die Gesellschaft und
+das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren
+Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung
+darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zugunsten der höheren
+Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der
+Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.
+Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den tierischen Anteil
+seines Wesens überwindet(82).
+
+ (82) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den
+ Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der
+ Ersetzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von
+ Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer
+ Entwicklung. In letzterem Falle nähert sich der Mythus den
+ »funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. _Silberer_. Daß der das Tier
+ tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. _Jung_ (l. c.) behauptet,
+ setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten
+ voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig.
+
+Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der
+erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, welche dem
+Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen der
+Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und der
+Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener
+Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt.
+
+_Frazer_ hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die Vermutung
+ausgesprochen, daß die ersten Könige der latinischen Stämme Fremde
+waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an
+einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche
+Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein
+wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das
+Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der
+bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als
+Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des
+lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser
+Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische
+Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung
+wie das Tieropfer behandeln kann, wirft das hellste Licht nach rückwärts
+auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit nicht zu
+überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer das
+nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.
+Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt
+eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
+für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der
+Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das
+Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.
+
+So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als
+unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen sie zu vergessen, und
+gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,
+mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zutage
+treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als
+Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an
+dieser Stelle nicht auszuführen. _Robertson Smith_, dem ja unsere
+Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen
+Urgeschichte ferne liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit
+denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als
+»_commemoration of a mythical tragedy_« ausgelegt wurden, und daß die
+Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern
+etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an
+sich trug(83). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte
+war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zugrunde liegenden
+Situation ihre gute Aufklärung fanden.
+
+ (83) Religion of the Semites, p. 412-413. »The mourning is not a
+ spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but
+ obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
+ death_ -- a point which has already come before us in connection with
+ theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at Athens«.
+
+Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren Entwicklung
+der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewußtsein des
+Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsversuch des
+religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden
+seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem
+kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, historischen
+Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.
+
+Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,
+sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung des
+Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen
+Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die
+in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.
+Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a.,
+Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die
+Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater
+zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese
+Schöpfung nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die
+diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und
+eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in
+Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet, das heilige
+Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an
+Entmannung(84). Die Beweinung und die Freude über die Auferstehung
+dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
+übergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war.
+
+ (84) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in
+ der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen
+ Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir
+ ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach
+ seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen
+ Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die
+ völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist
+ meines Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei
+ primitiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der
+ Männerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst
+ sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist
+ überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit
+ Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
+ ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen
+ können, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie
+ Äquivalente der Kastration behandeln.
+
+Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf
+die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile
+zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde.
+
+Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch
+unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den
+Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen
+Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit
+die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab
+einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und
+diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes
+Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde.
+
+Die Lehre von der Erbsünde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den
+Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des
+griechischen Altertums ein(85). Die Menschen waren die Nachkommen von
+Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt
+hatten; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment
+von _Anaximander_ wird gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein
+urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, was daraus
+hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß.(86) Erinnert die Tat
+der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und
+Zerreißung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene Totemopfer
+-- wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der Tod des
+Orpheus selbst -- so stört uns hier doch die Abweichung, daß die Mordtat
+an einem jugendlichen Gott vollzogen wird.
+
+ (85) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff.
+
+ (86) »Une sorte de péché proethnique« l. c., p. 76.
+
+Im christlichen Mythus ist die Erbsünde der Menschen unzweifelhaft eine
+Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem
+Druck der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt
+er uns zu dem Schluß, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im
+menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur
+durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die
+Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück(87). Und wenn dieses
+Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so
+kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater
+gewesen sein.
+
+ (87) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig
+ als Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet
+ sind.
+
+So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am
+unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im
+Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat.
+Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig
+mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen
+Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch das
+psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen
+Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der
+Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott
+neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die
+Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte
+Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die
+Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,
+genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert.
+Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der
+Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und
+mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen
+Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen
+so sehr bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die
+christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
+Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie
+berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, daß »the Christian communion has
+absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than
+Christianity«(88).
+
+ (88) Eating the God, p. 51. ... Niemand, der mit der Literatur des
+ Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der
+ christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers
+ dieses Aufsatzes sei.
+
+
+
+
+7.
+
+
+Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüderschar mußte
+unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und
+sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je
+weniger er selbst erinnert werden sollte(89). Ich gehe der Versuchung
+aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu
+finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem
+ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung
+über den Tod des Orpheus folge(90).
+
+ (89) _Ariel_ im »Sturm«:
+
+ Full fathom five thy father lies:
+ Of his bones are coral made;
+ Those are pearls that were his eyes;
+ Nothing of him that doth fade
+ But doth suffer a sea-change
+ Into something rich and strange.
+
+ In der schönen Übersetzung von _Schlegel_:
+
+ Fünf Faden tief liegt Vater dein.
+ Sein Gebein wird zu Korallen,
+ Perlen sind die Augen sein.
+ Nichts an ihm, das soll verfallen,
+ Das nicht wandelt Meeres-Hut
+ In ein reich und seltnes Gut.
+
+ (90) La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes
+ et Religions. T. II, p. 100 ff.
+
+In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche
+auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
+mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.
+Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von
+Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen
+einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig sind: Es ist
+der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller. Spätere
+Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um
+Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der
+Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert.
+Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche
+Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf
+sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine
+Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der
+Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der Chor
+begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn
+zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für
+sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung
+gefunden hatte.
+
+Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet seine
+»tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung
+abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held jener großen
+urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung
+findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß,
+um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist
+durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter
+Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten
+Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden
+verursachten; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
+und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte
+Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große Autorität,
+ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die
+Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen
+Willen -- zum Erlöser des Chors gemacht.
+
+Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des göttlichen
+Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
+Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht
+verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an
+der Passion Christi neu entzündete.
+
+So möchte ich denn zum Schluß dieser mit äußerster Verkürzung geführten
+Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex die Anfänge
+von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, in
+voller Übereinstimmung mit der Feststellung der Psychoanalyse, daß
+dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt
+unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine große
+Überraschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelenlebens eine
+Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das Verhältnis
+zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes
+psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben
+so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im eigentlichen Sinne,
+also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen dasselbe Objekt, an der
+Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die
+Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein
+fundamentales Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die andere
+Möglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben
+ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(91) erworben
+wurde, wo die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute
+noch ihre stärkste Ausprägung nachweist.(92)
+
+ (91) Respektive Elternkomplex.
+
+ (92) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig,
+ ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückführungen an
+ die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen
+ haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten
+ oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, Sittlichkeit und der
+ Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, welches sich aus der
+ Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die
+ Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es
+ geht aber diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er
+ in einer solchen Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen
+ könnte, wenngleich die Überwindung von großen affektiven Widerständen
+ erfordert werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung zugesteht.
+
+Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, daß der hohe
+Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in
+diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten
+unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate
+verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die
+sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften.
+
+Es kann zunächst niemand entgangen sein, daß wir überall die Annahme
+einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher sich die seelischen
+Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor
+allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahrtausende
+fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat
+nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie er bei
+Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt
+wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen
+Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden
+waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere
+Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
+vermeiden kann.
+
+Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwortlichkeit für
+solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer
+Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche
+gestattet sich über die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das
+Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie
+überhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der
+einen Generation nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung
+zum Leben neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt
+und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen,
+wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb der Generationsreihen
+zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation
+bedient, um ihre psychischen Zustände auf die nächste zu übertragen. Ich
+werde nicht behaupten, daß diese Probleme weit genug geklärt sind, oder
+daß die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunächst denkt, für
+das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kümmert sich die
+Völkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte
+Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen
+hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung
+psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser
+Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen.
+Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen
+Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch
+schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es seelische Regungen
+gibt, welche so spurlos unterdrückt werden können, daß sie keine
+Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche gibt es nicht. Die
+stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen und
+aus ihnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber annehmen, daß keine
+Generation imstande ist, bedeutsamere seelische Vorgänge vor der
+nächsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, daß
+jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat
+besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten,
+d. h. die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere
+an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem Wege
+des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und Satzungen,
+welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater zurückgelassen hatte,
+mag auch den späteren Generationen die Übernahme jener Gefühlserbschaft
+gelungen sein.
+
+Ein anderes Bedenken dürfte gerade von seiten der analytischen Denkweise
+erhoben werden.
+
+Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschränkungen der
+primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefaßt, welche
+ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat
+und beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt werden solle, und daß
+ihre Ausführung keinen Gewinn gebracht haben dürfe. Dies schöpferische
+Schuldbewußtsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei
+den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften,
+fortgesetzte Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die
+begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(93). Wenn wir
+aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche
+Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden nicht
+Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem Bösen
+verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden sind. Dem
+Schuldbewußtsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitäten
+zugrunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß
+sie die psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken
+ebenso ernsthaft reagiert, wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten.
+
+ (93) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu, p. 328 ff.
+
+Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? Wir sind
+berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung ihrer psychischen
+Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen Organisation
+zuzuschreiben(94). Demnach könnten die bloßen Impulse von Feindseligkeit
+gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu töten und zu
+verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion zu erzeugen,
+die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man würde so der Notwendigkeit
+entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den wir mit Recht
+so stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle beleidigendes
+Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang bis in unsere
+Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen Schaden, denn die
+psychische Realität wäre bedeutsam genug, um alle diese Folgen zu
+tragen. Man wende dagegen nicht ein, daß ja eine Veränderung der
+Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des Brüderclans wirklich
+vorgefallen ist. Sie könnte auf minder gewaltsame Weise erreicht worden
+sein und doch die Bedingung für das Hervortreten der moralischen
+Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters sich fühlbar
+machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn berechtigt, und die
+Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt abwarten. Ebensowenig ist
+der zweite Einwand stichhaltig, daß alles, was sich aus der ambivalenten
+Relation zum Vater ableitet, Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des
+höchsten Ernstes und der vollsten Realität an sich trägt. Auch das
+Zeremoniell und die Hemmungen der Zwangsneurotiker zeigen diesen
+Charakter und gehen doch nur auf psychische Realität, auf Vorsatz und
+nicht auf Ausführung zurück. Wir müssen uns hüten, aus unserer
+nüchternen Welt, die voll ist von materiellen Werten, die
+Geringschätzung des blos Gedachten und Gewünschten in die nur innerlich
+reiche Welt des Primitiven und des Neurotikers einzutragen.
+
+ (94) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken
+ in Heft I dieses Jahrganges.
+
+Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht
+gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß der Unterschied,
+der Anderen fundamental erscheinen kann, für unser Urteil nicht das
+Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn für den Primitiven Wünsche und
+Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher
+Auffassung verständnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab
+zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in
+diesen Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist
+nicht richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke
+einer Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität von
+Versuchungen verteidigen und wegen blos verspürter Impulse bestrafen. Es
+ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in ihrer Kindheit hatten
+diese Menschen nichts anderes als die bösen Impulse, und insoweit sie in
+der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in
+Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen Überguten hatte in der Kindheit
+seine böse Zeit, eine perverse Phase als Vorläufer und Voraussetzung der
+späteren moralischen. Die Analogie der Primitiven mit den Neurotikern
+wird also viel gründlicher hergestellt, wenn wir annehmen, daß auch bei
+den ersteren die psychische Realität, an deren Gestaltung kein Zweifel
+ist, anfänglich mit der faktischen Realität zusammenfiel, daß die
+Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen Zeugnissen zu
+tun beabsichtigten.
+
+Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch nicht durch
+die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die
+Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß sind bei beiden, Wilden wie
+Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir
+sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im
+Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat.
+Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat
+um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum
+meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Entscheidung
+einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen:
+Im Anfang war die Tat.
+
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ physischen Konstellationen zu deuten.
+ psychischen Konstellationen zu deuten.
+
+ (6) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, Jmago I.
+ (6) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, Imago I.
+
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus, Totemism
+
+ Jear Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
+ Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
+
+ besonders die Abhandlung Sur le totémisme, T., V., 1901.
+ besonders die Abhandlung Sur le totémisme, T. V., 1901.
+
+ geopfert haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
+ geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
+
+ Gesetz, welches dem Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
+ Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
+
+ Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet dem
+ Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den
+
+ of Mr. _Darwins_ theory, before the totem beliefs lent to the
+ of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
+
+ Das Opfer -- die heilige Handlung κατ' ἐξοχην (sacrificium, ἱερουργία)
+ Das Opfer -- die heilige Handlung κατ' ἐξοχήν (sacrificium, ἱερουργία)
+
+ die Tatsache gegründet wird, daß man einen Teil von der Substanz seiner
+ die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der Substanz seiner
+
+ (69) l. c. p. 313.
+ (69) l. c. p. 113.
+
+ (70) The Golden Bough, Part. V, Spirits of the corn and of the wild;
+ (70) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild;
+
+ der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+ des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+
+ gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Bruderschar gewesen. Nun setzten
+ gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setzten
+
+ als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand in
+ als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
+
+ Lösungen müßen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben
+ Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben
+
+ Bruderclans auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und
+ Brüderclans auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und
+
+ Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstössig(81).
+ Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(81).
+
+ thinking gods and men were akin, for many families traced ther
+ thinking gods and men were akin, for many families traced their
+
+ der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedigung, ist hier zum
+ der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum
+
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the gods
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
+
+ Gesellschaft ein neues Moment hinzufügen, welches sich aus der
+ Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, welches sich aus der
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by
+Sigmund Freud
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+
+1.F.
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+Project Gutenberg's Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by Sigmund Freud
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+
+Title: Die infantile Wiederkehr des Totemismus
+ ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker IV
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 14, 2011 [EBook #37071]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR ***
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+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift fr Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die GeisteswissenschaftenII (1913). S.357-408.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.
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+ ]
+
+
+
+
+ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
+Neurotiker.
+
+Von SIGM. FREUD.
+
+IV.
+
+Die infantile Wiederkehr des Totemismus.
+
+
+Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmige berdeterminierung
+psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu
+besorgen, da sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die
+Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in
+notgedrungener, eigentlich pflichtgemer Einseitigkeit eine einzige der
+Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht
+sie zunchst fr dieselbe die Ausschlielichkeit so wenig wie den ersten
+Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus
+verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative
+Bedeutung dem hier zu errternden Mechanismus in der Genese der Religion
+zuzuteilen ist; eine solche Arbeit berschreitet aber sowohl die Mittel
+als auch die Absicht des Psychoanalytikers.
+
+
+
+
+1.
+
+
+In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des
+Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehrt, da der Totemismus ein
+System ist, welches bei gewissen primitiven Vlkern in Australien,
+Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der
+sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, da der Schotte _Mac Lennan_
+1869 das allgemeinste Interesse fr die bis dahin nur als Kuriosa
+gewrdigten Phnomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die
+Vermutung aussprach, eine groe Anzahl von Sitten und Gebruchen in
+verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als berreste
+einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither
+diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der
+letzten uerungen ber diese Frage will ich eine Stelle aus den
+Elementen der Vlkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(1):
+Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher
+Wahrscheinlichkeit der Schlu, da die totemistische Kultur berall
+einmal eine Vorstufe der spteren Entwicklungen und eine bergangsstufe
+zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und
+Gtterzeitalter gebildet hat.
+
+ (1) p.139.
+
+Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen ntigen uns zu einem
+tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Grnden, welche
+spter ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung
+von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totmisme in
+zwlf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion,
+entworfen hat(2):
+
+1. Gewisse Tiere drfen weder gettet noch gegessen werden, aber die
+Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen
+Pflege.
+
+2. Ein zufllig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen
+Ehrenbezeugungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.
+
+3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten
+Krperteil des Tieres.
+
+4. Wenn man ein fr gewhnlich verschontes Tier unter dem Drange der
+Notwendigkeit tten mu, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die
+Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und
+Ausflchte abzuschwchen.
+
+5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.
+
+6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religisen Zeremonien, legt
+man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind
+dies die Totemtiere.
+
+7. Stmme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der
+Totemtiere.
+
+8. Viele Stmme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen
+ihre Waffen; Mnner malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich
+solche durch Ttowierung einritzen.
+
+9. Wenn der Totem zu den gefrchteten und gefhrlichen Tieren gehrt, so
+wird angenommen, da er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes
+verschont.
+
+10. Das Totemtier beschtzt und warnt die Angehrigen des Stammes.
+
+11. Das Totemtier kndigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen
+als Fhrer.
+
+12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, da sie mit dem
+Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknpft sind.
+
+ (2) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors
+ vierbndigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1908, T.I, p.17ff.
+
+Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst wrdigen, wenn man in
+Betracht zieht, da _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und
+Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand
+des totemistischen Systems erschlieen kann. Eine besondere Stellung
+dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, da er dafr die
+wesentlichen Zge des Totemismus einigermaen vernachlssigt. Wir werden
+uns berzeugen, da er von den zwei Hauptstzen des totemistischen
+Katechismus den einen in den Hintergrund gedrngt, den anderen vllig
+bergangen hat.
+
+Um von den Charakteren des Totemismus ein richtigeres Bild zu gewinnen,
+wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbndiges Werk
+gewidmet hat, das die vollstndigste Sammlung der hieher gehrigen
+Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten
+Probleme verbindet. Wir werden J.G. _Frazer_, dem Verfasser von
+Totemism and Exogamy(3) fr Genu und Belehrung verpflichtet bleiben,
+auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen fhren
+sollte, welche weit von den seinigen abweichen(4).
+
+ (3) 1910.
+
+ (4) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die
+ Schwierigkeiten vorzufhren, mit denen Feststellungen auf diesem
+ Gebiete zu kmpfen haben:
+
+ Zunchst; die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht
+ dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren
+ Reisende und Missionre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte
+ ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verstndigung
+ mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit
+ den Sprachen derselben vertraut, sondern muten sich der Hilfe von
+ Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit
+ den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam ber die
+ intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und erffnen sich nur solchen
+ Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben
+ aus den verschiedenartigsten Motiven (Vgl. _Frazer_, The beginnings of
+ religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly
+ Review, 1905; T. and Ex.I, p.150) oft falsche oder miverstndliche
+ Ausknfte. -- Man darf nicht daran vergessen, da die primitiven
+ Vlker keine jungen Vlker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die
+ zivilisiertesten, und da man kein Recht zur Erwartung hat, sie wrden
+ ihre ursprnglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und
+ Entstellung fr unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr
+ sicher, da sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach
+ allen Richtungen vollzogen haben, so da man niemals ohne Bedenken
+ entscheiden kann, was an ihren gegenwrtigen Zustnden und Meinungen
+ nach Art eines Petrefakts die ursprngliche Vergangenheit erhalten
+ hat, und was einer Entstellung und Vernderung derselben entspricht.
+ Daher die berreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den
+ Eigentmlichkeiten einer primitiven Kultur als primr und was als
+ sptere sekundre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des
+ ursprnglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der
+ Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart
+ der Primitiven einzufhlen. Wir miverstehen sie ebenso leicht wie die
+ Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fhlen nach unseren eigenen
+ psychischen Konstellationen zu deuten.
+
+Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatze(5), ist ein
+materielles Objekt, welchem der Wilde einen aberglubischen Respekt
+bezeugt, weil er glaubt, da zwischen seiner eigenen Person und jedem
+Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die
+Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine
+wechselseitige; der Totem beschtzt den Menschen und der Mensch beweist
+seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z.B. da er ihn
+nicht ttet, wenn es ein Tier, und nicht abpflckt, wenn es eine Pflanze
+ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, da er nie ein
+Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine
+Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und
+noch seltener von knstlich hergestellten Gegenstnden.
+
+ (5) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des groen
+ Werkes T. and Ex.
+
+Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:
+
+1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich
+erblich von einer Generation auf die andere bertrgt;
+
+2. den Geschlechtstotem, der allen mnnlichen oder allen weiblichen
+Mitgliedern eines Stammes mit Ausschlu des anderen Geschlechts
+angehrt, und
+
+3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht
+auf deren Nachkommenschaft bergeht. Die beiden letzten Arten von Totem
+kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind,
+wenn nicht alles tuscht, spte und fr das Wesen des Totem wenig
+bedeutsame Bildungen.
+
+Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe
+von Mnnern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich fr
+blutsverwandte Abkmmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch
+gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem
+miteinander fest verbunden sind.
+
+Der Totemismus ist sowohl ein religises wie ein soziales System. Nach
+seiner religisen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger
+Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach
+seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder
+gegeneinander und gegen andere Stmme. In der spteren Geschichte des
+Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen;
+das soziale System berlebt hufig das religise und umgekehrt
+verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Lnder, in denen
+das auf den Totemismus gegrndete soziale System verschwunden ist. Wie
+diese beiden Seiten des Totemismus ursprnglich miteinander
+zusammenhingen, knnen wir bei unserer Unkenntnis ber dessen Ursprnge
+nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke
+Wahrscheinlichkeit dafr, da die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang
+unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir
+zurckgehen, desto deutlicher zeigt es sich, da der Stammesangehrige
+sich zur selben Art zhlt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den
+Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet.
+
+In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religisen
+Systems stellt _Frazer_ voran, da die Mitglieder eines Stammes sich
+nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, da sie von ihm
+abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, da sie das Totemtier
+nicht jagen, nicht tten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch
+des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote,
+den Totem nicht zu tten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen
+Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten ihn zu berhren,
+ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fllen darf der Totem nicht bei
+seinem richtigen Namen genannt werden. Die bertretung dieser den Totem
+schtzenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere
+Erkrankungen oder Tod(6).
+
+ (6) Vgl. Die Abhandlung ber das Tabu, ImagoI.
+
+Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen
+und in der Gefangenschaft gehegt(7). Ein tot aufgefundenes Totemtier
+wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mute man ein
+Totemtier tten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von
+Entschuldigungen und Shnezeremonien.
+
+ (7) Wie heute noch die Wlfe im Kfig an der Kapitolsstiege in Rom,
+ die Bren im Zwinger von Bern.
+
+Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein
+gefhrliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus,
+da er seinen Genossen nichts zu Leide tun wrde, und wo sich diese
+Voraussetzung nicht besttigte, wurde der Beschdigte aus dem Stamm
+ausgestoen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprnglich Ordalien, viele
+Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung
+berlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen
+und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nhe eines Hauses
+wurde hufig als Ankndigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war
+gekommen, seinen Verwandten zu holen(8).
+
+ (8) Also wie die weie Frau mancher Adelsgeschlechter.
+
+Unter verschiedenen, bedeutsamen Verhltnissen sucht der Clangenosse
+seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm
+uerlich hnlich macht, sich in die Haut des Totemtiers hllt, sich das
+Bild desselben einritzt u.dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten der
+Geburt, der Mnnerweihe, des Begrbnisses wird diese Identifizierung mit
+dem Totem in Taten und Worten durchgefhrt. Tnze, bei denen alle
+Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden und wie er gebrden,
+dienen mannigfaltigen magischen und religisen Absichten. Endlich gibt
+es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise gettet
+wird(9).
+
+ (9) l.c. p.45. -- Siehe unten die Errterung ber das Opfer.
+
+Die soziale Seite des Totemismus prgt sich vor allem in einem streng
+gehaltenen Gebot und in einer groartigen Einschrnkung aus. Die
+Mitglieder eines Totemclans sind Brder und Schwestern, verpflichtet
+einander zu helfen und zu beschtzen; im Falle der Ttung eines
+Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Tters fr
+die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fhlt sich solidarisch in der
+Forderung nach Shne fr das vergossene Blut. Die Totembande sind
+strker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen
+nicht zusammen, da die bertragung des Totem in der Regel durch
+mtterliche Vererbung geschieht und ursprnglich die vterliche
+Vererbung vielleicht berhaupt nicht in Geltung war.
+
+Die entsprechende Tabubeschrnkung aber besteht in dem Verbot, da
+Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und berhaupt
+nicht in Sexualverkehr miteinander treten drfen. Dies ist die berhmte
+und rtselhafte, mit dem Totemismus verknpfte _Exogamie_. Wir haben ihr
+die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier
+nur anzufhren, da sie der verschrften Inzestscheu der Primitiven
+entspringt, da sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen
+verstndlich wrde, und da sie zunchst die Inzestverhtung fr die
+jngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der
+lteren Generation zum Hindernis wird(10).
+
+ (10) ImagoI, 1912. 1.Heft.
+
+An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frhesten in
+der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszge aus einer
+der letzten Zusammenfassungen anschlieen. In den 1912 erschienenen
+Elementen der Vlkerpsychologie sagt W. _Wundt_(11): Das Totemtier gilt
+als Ahnentier der betreffenden Gruppe. 'Totem' ist also einerseits
+Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat
+dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese
+Verwendungen des Begriffs spielen aber ineinander und die einzelnen
+dieser Bedeutungen knnen zurcktreten, so da in manchen Fllen die
+Totems fast zu einer bloen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden
+sind, whrend in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch
+die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff
+des Totem wird fr die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_
+magebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und
+Fhlen der Stammesgenossen hngt es zusammen, da man das Totemtier
+ursprnglich jedenfalls nicht blo als einen Namen fr eine Gruppe von
+Stammesgliedern betrachtete, sondern da das Tier meist als Stammvater
+der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hngt dann zusammen, da diese
+Tierahnen einen Kult genieen ... Dieser Tierkult uert sich
+ursprnglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen
+Festen vor allem in dem Verhalten gegenber dem Totemtier: nicht nur ein
+einzelnes Tier, sondern jeder Reprsentant der gleichen Spezies ist in
+gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten
+oder nur unter bestimmten Umstnden erlaubt, das Fleisch des Totemtieres
+zu genieen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame
+Gegenerscheinung, da unter gewissen Bedingungen eine Art von
+zeremoniellem Genu des Totemfleisches stattfindet...
+
+ (11) p.116.
+
+...Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen
+Stammesgliederung besteht aber darin, da mit ihr bestimmte Normen der
+Sitte fr den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter
+diesen Normen stehen in erster Linie die fr den Eheverkehr. So hngt
+diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die
+zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir durch all das hindurch, was spterer Fortbildung oder
+Abschwchung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprnglichen
+Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche
+Zge: _Die Totem waren ursprnglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen
+der einzelnen Stmme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie;
+es war verboten, den Totem zu tten_ (oder _zu essen_, was fr primitive
+Verhltnisse zusammenfllt); _es war den Totemgenossen verboten,
+Sexualverkehr miteinander zu pflegen(12)._
+
+ (12) bereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus,
+ welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit ber den Gegenstand (The
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism
+ has commonly been treated as a primitive system both of religion and
+ of society. As a system of religion it embraces the mystic union of
+ the savage with his totem; as a system of society it comprises the
+ relations in which men and women of the same totem stand to each other
+ and to the members of other totemic groups. And corresponding to these
+ two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of
+ Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem
+ animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit
+ with a woman of the same totem. (p.101.) _Frazer_ fgt dann hinzu,
+ was uns mitten in die Diskussionen ber den Totemismus hineinfhrt:
+ Whether the two sides -- the religious and the social -- have always
+ coexisted or are essentially independent, is a question which has been
+ variously answered.
+
+Es darf uns nun auffallen, da in dem Code du Totmisme, den _Reinach_
+aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, berhaupt
+nicht vorkommt, whrend die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung
+vom Totemtier, nur eine beilufige Erwhnung findet. Ich habe aber die
+Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors,
+ausgewhlt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren
+vorzubereiten, welche uns nun beschftigen sollen.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, da der Totemismus eine
+regelmige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde
+das Bedrfnis, zu einem Verstndnis desselben zu gelangen, die Rtsel
+seines Wesens aufzuhellen. Rtselhaft ist wohl alles am Totemismus; die
+entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung,
+nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen
+Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der
+Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verstndnis sollte in einem
+ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter
+welchen Bedingungen sich diese eigentmliche Institution entwickelt, und
+welchen seelischen Bedrfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte.
+
+Meine Leser werden nun gewi erstaunt sein zu hren, von wie
+verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen
+versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher
+hierber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man
+allgemein ber Totemismus und Exogamie behaupten mchte; auch das
+vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 verffentlichten Schrift
+geschpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkrliche
+Vorliebe des Referenten auszudrcken, und wrde heute von _Frazer_
+selbst, der seine Ansichten ber den Gegenstand wiederholt gendert hat,
+beanstndet werden.(13)
+
+ (13) Anllich einer solchen Sinnesnderung schrieb er den schnen
+ Satz nieder: That my conclusions on these difficult questions are
+ final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views
+ repeatedly, and I am resolved to change them again with every change
+ of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift
+ his colours with the shifting colours of the ground he treads.
+ Vorrede zum I.Band von Totemism and Exogamy. 1910.
+
+Es ist eine naheliegende Annahme, da man das Wesen des Totemismus und
+der Exogamie am ehesten erfassen knnte, wenn man den Ursprngen der
+beiden Institutionen nher kme. Dann ist aber fr die Beurteilung der
+Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, da auch
+die primitiven Vlker uns diese ursprnglichen Formen der Institutionen
+und die Bedingungen fr deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so
+da wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die
+mangelnde Beobachtung zu ersetzen(14). Unter den vorgebrachten
+Erklrungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von
+vornherein als inadquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den
+Gefhlscharakter der zu erklrenden Dinge keine Rcksicht. Andere ruhen
+auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Besttigung versagt; noch
+andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen
+Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen
+Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie
+gewhnlich in der Kritik, die sie aneinander ben, strker als in ihren
+eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist fr die meisten der behandelten
+Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der
+neuesten, hier meist bergangenen Literatur des Gegenstandes das
+unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lsung der
+totemistischen Probleme als undurchfhrbar abzuweisen. (So z.B.
+_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-LoreXXIII, 1910. Referat in Britannica
+Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
+einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen.
+
+ (14) By the nature of the case, as the origin of totemism lies far
+ beyond our powers of historical examination or of experiment, we must
+ have recourse as regards this matter to conjecture, A. _Lang_, Secret
+ of the Totem, p.27. -- Nowhere do we see absolutely primitive man,
+ and a totemic system in the making. p.29.
+
+
+a) Die Herkunft des Totemismus.
+
+Die Frage nach der Entstehung des Totemismus lt sich auch so
+formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stmme) nach
+Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenstnden zu benennen?(15)
+
+ (15) Wahrscheinlich ursprnglich nur nach Tieren.
+
+Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie fr die
+Wissenschaft entdeckte(16), enthielt sich, eine Ansicht ber die
+Entstehung des Totemismus zu verffentlichen. Nach einer Mitteilung von
+A. _Lang_(17) war er eine Zeit lang geneigt, den Totemismus auf die
+Sitte des Ttowierens zurckzufhren. Die verlautbarten Theorien zur
+Ableitung des Totemismus mchte ich in drei Gruppen bringen als A)
+nominalistische, B) soziologische, C) psychologische.
+
+ (16) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870.
+ -- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in
+ ancient History 1876. 2. ed. 1886.
+
+ (17) The Secret of the Totem. 1905, p.34.
+
+
+A) Die nominalistischen Theorien.
+
+Die Mitteilungen ber diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter
+dem von mir gebrauchten Titel rechtfertigen.
+
+Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkmmling der peruanischen Inka, der
+im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll,
+was ihm von totemistischen Phnomenen bekannt war, auf das Bedrfnis der
+Stmme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurckgefhrt
+haben(18). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte spter in der Ethnology
+von A.K. _Keane_ auf, die Totem seien aus heraldic badges
+(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und
+Stmme sich voneinander unterscheiden wollten(19).
+
+ (18) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p.34.
+
+ (19) Ibid.
+
+Max _Mller_ uerte dieselbe Ansicht ber die Bedeutung der Totem in
+seinen Contributions to the Science of Mythology(20). Ein Totem sei 1.
+ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clans,
+4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Spter J. _Pikler_
+1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren
+Namens fr Gemeinschaften und Individuen ... So entspringt also der
+Totemismus nicht aus dem religisen, sondern aus dem nchternen
+Alltagsbedrfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung,
+ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem
+ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden
+aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee
+einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab.(21)
+
+ (20) Nach A. _Lang_.
+
+ (21) _Pikler_ und _Soml_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die
+ Autoren kennzeichnen ihren Erklrungsversuch mit Recht als Beitrag
+ zur materialistischen Geschichtstheorie.
+
+Herbert _Spencer_(22) legte gleichfalls der Namengebung die
+entscheidende Bedeutung fr die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne
+Individuen, fhrte er aus, htten durch ihre Eigenschaften
+herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen
+oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten.
+Infolge der Unbestimmtheit und Unverstndlichkeit der primitiven
+Sprachen seien diese Namen von den spteren Generationen so aufgefat
+worden, als seien sie ein Zeugnis fr ihre Abstammung von diesen Tieren
+selbst. Der Totemismus htte sich so als miverstndliche Ahnenverehrung
+ergeben.
+
+ (22) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien
+ der Soziologie. I.Bd., 169 bis 176.
+
+Ganz hnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Miverstndnisses, hat Lord
+_Avebury_ (bekannter unter seinem frheren Namen Sir John _Lubbock_) die
+Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklren
+wollen, drfen wir nicht daran vergessen, wie hufig die menschlichen
+Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines
+Mannes, der Br oder Lwe genannt wurde, machten daraus natrlich einen
+Stammesnamen. Daraus ergab sich, da das Tier selbst zu einer gewissen
+Achtung und endlich Verehrung gelangte.
+
+Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche
+Zurckfhrung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_
+vorgebracht(23). Er zeigt an den Verhltnissen von Australien, da der
+Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines
+einzelnen ist. Wre es aber anders und der Totem ursprnglich der Name
+eines einzelnen Menschen, so knnte er bei dem System der mtterlichen
+Vererbung nie auf dessen Kinder bergehen.
+
+ (23) Kamilaroi and Kurmai, p.165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret etc.).
+
+Die bisher mitgeteilten Theorien sind brigens in offenkundiger Weise
+unzureichend. Sie erklren etwa die Tatsache der Tiernamen fr die
+Stmme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese
+Namengebung fr sie gewonnen hat, das totemistische System. Die
+beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen
+Bchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905
+entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems,
+aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und
+beansprucht so das Rtsel des Totemismus der endgiltigen Lsung
+zugefhrt zu haben.
+
+A. _Lang_ meint, es sei zunchst gleichgiltig, auf welche Weise die
+Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie
+erwachten eines Tages zum Bewutsein, da sie solche tragen, und wuten
+sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei
+vergessen_. Dann wrden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft
+darber zu schaffen, und bei ihren berzeugungen von der Bedeutung der
+Namen mten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im
+totemistischen System enthalten sind. Namen sind fr die Primitiven --
+wie fr die heutigen Wilden und selbst fr unsere Kinder(24) -- nicht
+etwa etwas Gleichgiltiges und Konventionelles, wie sie uns etwa
+erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name
+eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein
+Stck seiner Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mute die
+Primitiven dazu fhren, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band
+zwischen ihren Personen und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band
+konnte da anders in Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War
+diese aber infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben
+sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit
+Einschlu der Exogamie.
+
+ (24) Vgl. Imago, I., Tabu, p.319.
+
+No more than these three things -- a group animal name of unknown
+origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human
+and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions --
+was needed to give rise to all the totemic creeds and practices,
+including exogamy. (Secret of the Totem, p.126.)
+
+_Langs_ Erklrung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische
+System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen
+ab unter der Voraussetzung, da die Herkunft dieser Namengebung
+vergessen worden sei. Das andere Stck der Theorie sucht nun den
+Ursprung dieser Namen aufzuklren; wir werden sehen, da es von ganz
+anderem Geprge ist.
+
+Dies andere Stck der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich
+von den brigen, die ich nominalistisch genannt habe. Das praktische
+Bedrfnis nach Unterscheidung ntigte die einzelnen Stmme Namen
+anzunehmen, und darum lieen sie sich die Namen gefallen, die jedem
+Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies naming from without ist die
+Eigentmlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Da die Namen, die so
+zustande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffllig
+und braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden
+worden zu sein. brigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Flle
+aus spteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von auen
+gegebene, ursprnglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten
+akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und
+_Tories_). Die Annahme, da die Entstehung dieser Namen im Laufe der
+Zeit vergessen wurde, verknpft dies zweite Stck der _Lang_schen
+Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten.
+
+
+B) Die soziologischen Theorien.
+
+S. _Reinach_, der den berbleibseln des totemistischen Systems in Kult
+und Sitte spterer Perioden erfolgreich nachgesprt, aber von Anfang an
+das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschtzt hat, uert
+einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein
+als une hypertrophie de l'instinct social(25).
+
+ (25) l.c. T.I., p.41.
+
+Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_, Les formes
+lmentaires de la vie religieuse. Le systme totmique en Australie,
+1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Reprsentant der
+sozialen Religion dieser Vlker. Er verkrpert die Gemeinschaft, welche
+der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist.
+
+Andere Autoren haben nach nherer Begrndung fr diese Beteiligung der
+sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht.
+So hat A.C. _Haddon_ angenommen, da jeder primitive Stamm ursprnglich
+von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit
+diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stmmen im Austausch
+zufhrte. So konnte es nicht fehlen, da der Stamm den anderen unter dem
+Namen des Tieres, welches fr ihn eine so wichtige Rolle spielte,
+bekannt wurde. Gleichzeitig mute sich bei diesem Stamm eine besondere
+Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse fr
+dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als
+auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedrfnisse, den
+Hunger, gegrndet war(26).
+
+ (26) Address to the Anthropological Section, British Association
+ Belfast 1902. Nach _Frazer_ l.c. T.IV., p.50 u.ff.
+
+Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen,
+da ein solcher Zustand der Ernhrung bei den Primitiven nirgends
+gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden
+seien omnivor und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei
+es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschlielicher Dit sich ein
+fast religises Verhltnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in
+der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte.
+
+Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ ber die Entstehung des
+Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer
+Stelle berichtet werden.
+
+Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem
+Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher ber die
+Eingebornen von Zentralaustralien(27).
+
+ (27) The native tribes of Central Australia von Baldwin _Spencer_ und
+ H.J. _Gillen_, London 1891.
+
+_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stmmen, der
+sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentmlichen Einrichtungen,
+Gebruchen und Ansichten und _Frazer_ schlo sich ihrem Urteil an, da
+diese Besonderheiten als Zge eines primren Zustandes zu betrachten
+seien und ber den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschlu
+geben knnen.
+
+Diese Eigentmlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil
+der _Arunta_nation) folgende:
+
+1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht
+erblich bertragen, sondern (auf spter mitzuteilende Weise) individuell
+bestimmt.
+
+2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschrnkungen werden
+durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt,
+welche mit den Totem nichts zu tun haben.
+
+3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausfhrung einer
+Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des ebaren
+Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heit _Intichiuma_).
+
+4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und
+Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, da an bestimmten Stellen ihres
+Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre
+Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene
+Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf
+welcher Geistersttte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach
+wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, da die
+Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentmliche
+Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Sttten
+gefunden werden.
+
+Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, da man in
+den Einrichtungen der _Arunta_ die lteste Form des Totemismus
+aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche
+behaupteten, da die Ahnen der _Arunta_ sich regelmig von ihrem Totem
+genhrt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem
+geheiratet htten. Zweitens die anscheinende Zurcksetzung des
+Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht
+erkannt hatten, da die Empfngnis die Folge des Geschlechtsverkehrs
+sei, drfte man wohl als die zurckgebliebensten und primitivsten unter
+den heute lebenden ansehen.
+
+Indem _Frazer_ sich fr die Beurteilung des Totemismus an die
+Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf
+einmal in gnzlich verndertem Lichte als eine durchweg praktische
+Organisation zur Bestreitung der natrlichsten Bedrfnisse des Menschen
+(vgl. oben _Haddon_)(28). Das System war einfach ein groartiges Stck
+von cooperative magic. Die Primitiven bildeten sozusagen einen
+magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die
+Aufgabe bernommen, fr die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels
+zu sorgen. Wenn es sich um nicht ebare Totem handelte, wie um
+schdliche Tiere, um Regen, Wind u.dgl., so war die Pflicht des
+Totemclans, dieses Stck Natur zu beherrschen und dessen Schdlichkeit
+abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clans kamen allen anderen zugute.
+Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so
+beschaffte er dieses wertvolle Gut fr die anderen und wurde dafr von
+ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu
+besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie
+vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wre man durch
+das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere
+Seite des Verhltnisses zu vernachlssigen, nmlich das Gebot, mglichst
+viel von dem ebaren Totem fr den Bedarf der anderen herbeizuschaffen.
+
+ (28) There is nothing vague or mystical about it, nothing of that
+ metaphysical haze which some writers love to conjure up over the
+ humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to
+ the simple, sensuous, and concrete modes of the savage (Totemism and
+ Exogamy, I., p.117).
+
+_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, da jeder Totemclan sich
+ursprnglich ohne Einschrnkung von seinem Totem genhrt habe. Dann
+bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die
+sich damit begngte, den Totem fr andere zu sichern, whrend man selbst
+auf seinen Genu fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschrnkung
+sei keineswegs aus einer Art von religisem Respekt hervorgegangen,
+sondern vielleicht aus der Beobachtung, da kein Tier seinesgleichen zu
+verzehren pflege, so da dieser Abbruch der Identifizierung mit dem
+Totem der Macht, die man ber denselben zu erlangen wnschte, Schaden
+brchte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen,
+indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die
+Schwierigkeiten dieser Erklrung nicht(29) und ebensowenig getraute er
+sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_
+behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur
+Exogamie gewandelt habe.
+
+ (29) l.c. p.120.
+
+Die auf das Intichiuma gegrndete Theorie _Frazers_ steht und fllt mit
+der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es
+scheint aber unmglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(30) und
+_Lang_(31) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die Arunta scheinen
+vielmehr die entwickeltsten der australischen Stmme zu sein, eher ein
+Auflsungsstadium als den Beginn des Totemismus zu reprsentieren. Die
+Mythen, welche auf _Frazer_ so groen Eindruck gemacht haben, weil sie
+im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit
+betonen vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, wrden
+sich uns leicht als Wunschphantasien erklren, welche in die
+Vergangenheit projiziert sind, hnlich wie der Mythus vom goldenen
+Zeitalter.
+
+ (30) L'anne sociologique, T.I., V., VIII. und an anderen Stellen. S.
+ besonders die Abhandlung Sur le totmisme, T. V., 1901.
+
+ (31) Social Origins und Secret of the Totem.
+
+
+C) Die psychologischen Theorien.
+
+Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner
+Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_
+geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die uerliche Seele(32). Der
+Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort fr die Seele darstellen, an
+dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu
+bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht
+hatte, so war er selbst unverletzlich und natrlich htete er sich, den
+Trger seiner Seele selbst zu beschdigen. Da er aber nicht wute,
+welches Individuum der Tierart sein Seelentrger war, lag es ihm nahe,
+die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus
+aus dem Seelenglauben spter selbst aufgegeben.
+
+ (32) The Golden BoughII., p.332.
+
+Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde,
+stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche
+eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, da das Motiv,
+aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu rationell sei und da er
+dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu
+kompliziert sei, als da man sie primitiv heien drfe(33). Die
+magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als spte
+Frchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment,
+einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die
+Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprngliche Moment fand
+er dann in der merkwrdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_.
+
+ (33) It is unlikely that a community of savages should deliberately
+ parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to
+ a particular band of magicians, and bid all the bands to work their
+ magic and weave their spells for the common good. T. and Ex.IV.,
+ p.57.
+
+Die _Arunta_ heben, wie bereits erwhnt, den Zusammenhang der Konzeption
+mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fhlt, so ist in
+diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der
+nchstliegenden Geistersttte in ihren Leib eingedrungen und wird von
+ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der
+gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den
+Totemismus nicht erklren, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn
+man einen Schritt weiter zurckgehen und annehmen will, da das Weib
+ursprnglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,
+welches ihre Phantasie in dem Moment beschftigte, da sie sich zuerst
+Mutter fhlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr
+in menschlicher Form geboren, dann wre die Identitt eines Menschen mit
+seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begrndet, und alle
+weiteren Totemgebote (mit Ausschlu der Exogamie) lieen sich leicht
+daraus ableiten. Der Mensch wrde sich weigern, von diesem Tier, dieser
+Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen wrde. Er
+wrde sich aber veranlat finden, gelegentlich in zeremoniser Weise
+etwas von seinem Totem zu genieen, weil er dadurch seine
+Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist,
+verstrken knnte. Beobachtungen von W.H.R. _Rivers_ an den
+Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der
+Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu
+erweisen(34).
+
+ (34) T. and Ex.II., p.89 und IV., p.59.
+
+Die letzte Quelle des Totemismus wre also die Unwissenheit der Wilden
+ber den Proze, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des
+besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Mnnchen bei der
+Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis mu erleichtert werden durch das
+lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die
+Geburt des Kindes (oder das Verspren der ersten Kindsbewegungen)
+einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schpfung nicht des
+mnnlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelste (sick fancies)
+des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. Anything indeed that
+struck a woman at that mysterious moment of her life when she first
+knows herself to be a mother might easily be identified by her with the
+child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so
+universal, appear to be the root of totemism(35).
+
+ (35) l.c. IV., p.63.
+
+Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe,
+der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die
+_Arunta_ scheinen sich von den Anfngen des Totemismus weit weg entfernt
+zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver
+Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stcken vterliche
+Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation
+geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
+Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfngnis durch den Geist zur
+allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man darum ihnen
+Unwissenheit ber die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten,
+wie den alten Vlkern um die Zeit der Entstehung der christlichen
+Mythen.
+
+ (36) That belief is a philosophy far from primitive. A. _Lang_,
+ Secret of the Totem, p.192.
+
+Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der
+Hollnder G.A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknpfung des
+Totemismus mit der Seelenwanderung her. Dasjenige Tier, in welches die
+Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben bergingen, wurde zum
+Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt. Aber der Glauben an
+die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein
+als umgekehrt(37).
+
+ (37) _Frazer_, T. and Ex.IV., p.45 u.ff.
+
+Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten
+amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u.a., vertreten. Sie
+geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstmmen aus und
+behauptet, der Totem sei ursprnglich der Schutzgeist eines Ahnen, den
+dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt
+habe. Wir haben schon frher gehrt, welche Schwierigkeiten die
+Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her
+bietet; berdies sollen die australischen Beobachtungen die
+Zurckfhrung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs untersttzen(38).
+
+ (38) _Frazer_, l.c. p.48.
+
+Fr die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_
+ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, da
+erstens das ursprngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das
+Tier ist, und da zweitens unter den Totemtieren wieder die
+ursprnglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(39). Seelentiere, wie
+Vgel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle
+Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere berraschung und
+Grauen erregende Eigenschaften dazu als die Trger der den Krper
+verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkmmling
+der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mndet hier fr _Wundt_ der
+Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein.
+
+ (39) _Wundt_, Elemente der Vlkerpsychologie, p.190.
+
+
+b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.
+
+Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausfhrlichkeit
+vorgebracht und mu dennoch befrchten, da ich deren Eindruck durch die
+immerhin notwendige Verkrzung geschadet habe. In betreff der weiteren
+Fragen nehme ich mir im Interesse des Lesers die Freiheit einer noch
+weitergehenden Zusammendrngung. Die Diskussionen ber die Exogamie der
+Totemvlker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials
+besonders kompliziert und unbersehbar; man knnte sagen verworren. Die
+Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, da ich mich hier auf
+Hervorhebung einiger Richtlinien beschrnke und fr eine grndlichere
+Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden
+Fachschriften verweise.
+
+Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natrlich
+nicht unabhngig von seiner Parteinahme fr diese oder jene
+Totemtheorie. Einige von diesen Erklrungen des Totemismus lassen jede
+Anknpfung an die Exogamie vermissen, so da die beiden Institutionen
+glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander
+gegenber, die eine, welche den ursprnglichen Anschein festhalten will,
+die Exogamie sei ein wesentliches Stck des totemistischen Systems, und
+eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein
+zuflliges Zusammentreffen der beiden Zge ltester Kulturen glaubt.
+_Frazer_ hat in seinen spteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit
+Entschiedenheit vertreten.
+
+I must request the reader to bear constantly in mind that the two
+institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in
+origin and nature though they have accidentally crossed and blended in
+many tribes. (T. and Ex., I., VorredeXII.)
+
+Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle
+unendlicher Schwierigkeiten und Miverstndnisse. Im Gegensatz hiezu
+haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge
+der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in
+seinen Arbeiten(40) ausgefhrt, wie das an den Totem geknpfte Tabu das
+Verbot mit sich bringen mute, ein Weib des nmlichen Totem zum
+geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut
+wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rcksicht auf
+Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das
+demselben Totem angehrt(41). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_
+anschliet, meint sogar, es bedurfte nicht des Bluttabu, um das Verbot
+der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(42). Das allgemeine
+Totemtabu, welches z.B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu
+sitzen, wrde hiefr hingereicht haben. A. _Lang_ verficht brigens auch
+eine andere Ableitung der Exogamie (s. unten) und lt es zweifelhaft,
+wie sich diese beiden Erklrungen zueinander verhalten.
+
+ (40) L'anne sociologique 1898-1904.
+
+ (41) S. die Kritik der Errterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T. and
+ Ex., IV., p.101.
+
+ (42) Secret etc., p.125.
+
+In betreff der zeitlichen Verhltnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren
+der Ansicht, der Totemismus sei die ltere Institution, die Exogamie
+spter hinzugekommen(43).
+
+ (43) Z.B. _Frazer_, l.c. IV., p.75: The totemic clan is a totally
+ different social organism from the exogamous class, and we have good
+ grounds for thinking that it is far older.
+
+Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhngig vom Totemismus
+erklren wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die
+verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erlutern.
+
+_Mac Lennan_(44) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den
+berresten von Sitten erraten, welche auf ehemaligen Frauenraub
+hindeuteten. Er nahm nun an, da es in Urzeiten allgemein gebruchlich
+gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die
+Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmhlich unerlaubt
+geworden, weil sie ungewhnlich war(45). Das Motiv fr diese Gewohnheit
+der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stmme,
+der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt
+zu tten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprfung zu
+tun, ob die tatschlichen Verhltnisse die Annahmen _Mac Lennans_
+besttigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, da es unter den
+Voraussetzungen des Autors doch unerklrlich bliebe, warum sich die
+mnnlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut
+unzugnglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem
+gnzlich beiseite gelassen wird(46).
+
+ (44) Primitive marriage 1865.
+
+ (45) Improper because it was unusual.
+
+ (46) _Frazer_, l.c. IV., p.73 bis 92.
+
+Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die
+Exogamie als eine Institution zur Verhtung des Inzests erfat(47).
+
+ (47) Vgl. ImagoI.: Die Inzestscheu.
+
+berblickt man die allmhlich wachsende Komplikation der australischen
+Heiratsbeschrnkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von
+_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(48) beistimmen, da
+diese Einrichtungen das Geprge zielbewuter Absicht (deliberate
+design nach _Frazer_) an sich tragen, und da sie das erreichen
+sollten, was sie tatschlich geleistet haben. In no other way does it
+seem possible to explain in all its details a system at once so complex
+and so regular(49).
+
+ (48) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex.IV.,
+ p.105ff.
+
+ (49) _Frazer_, l.c. p.106.
+
+Es ist interessant hervorzuheben, da die ersten der durch die
+Einfhrung von Heiratsklassen erzeugten Beschrnkungen die
+Sexualfreiheit der jngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern
+und von Shnen mit ihrer Mutter trafen, whrend der Inzest zwischen
+Vater und Tochter erst durch weitergehende Maregeln aufgehoben wurde.
+
+Die Zurckfhrung der exogamischen Sexualbeschrnkungen auf
+gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts fr das Verstndnis des
+Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in
+letzter Auflsung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie
+erkannt werden mu? Es ist offenbar nicht gengend, sich zur Erklrung
+der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr
+unter Blutsverwandten, d.h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu
+berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, da der Inzest diesem
+Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen
+Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Flle kennen lehrt,
+in denen die inzestuse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht
+wurde.
+
+_Westermarck_(50) machte zur Erklrung der Inzestscheu geltend, da
+zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene
+Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und da dieses Gefhl,
+da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz
+einen natrlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem
+Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten. _Havelock Ellis_ bestritt
+zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen Studies in
+the psychology of sex, trat aber sonst im wesentlichen derselben
+Erklrung bei, indem er uerte: das normale Unterbleiben des
+Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brder und
+Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mdchen und Knaben
+handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, da
+unter jenen Umstnden die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen
+durchaus fehlen mssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen
+aufgewachsen sind, hat die Gewhnung alle sinnlichen Reize des Sehens,
+des Hrens und der Berhrung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen
+Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung
+geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche ntige erethistische Erregung
+hervorzurufen.
+
+ (50) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909.
+ Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene
+ Einwendungen.
+
+Es erscheint mir sehr merkwrdig, da _Westermarck_ diese angeborene
+Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die
+Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Reprsentanz der
+biologischen Tatsache ansieht, da Inzucht eine Schdigung der Gattung
+bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt wrde in seiner
+psychologischen uerung kaum so weit irregehen, da er anstatt der fr
+die Fortpflanzung schdlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht
+ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen trfe. Ich kann es mir aber auch
+nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche
+_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_
+findet es unbegreiflich, da das sexuelle Empfinden sich heute so gar
+nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen strubt, whrend die
+Inzestscheu, die nur ein Abkmmling von diesem Struben sein soll,
+gegenwrtig so bermchtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere
+Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkrzt hieher setze, weil sie im
+Wesen mit den in meinem Aufsatz ber das Tabu entwickelten Argumenten
+zusammentreffen.
+
+Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher
+Instinkt die Verstrkung durch ein Gesetz bentigen sollte. Es gibt kein
+Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
+ihnen verbietet, ihre Hnde ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und
+trinken und halten ihre Hnde vom Feuer weg, instinktgem, aus Angst
+vor natrlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch
+Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet den
+Menschen nur, was sie unter dem Drngen ihrer Triebe ausfhren knnten.
+Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das
+Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir drfen daher auch ruhig
+annehmen, da Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden,
+Verbrechen sind, die viele Menschen aus natrlichen Neigungen gerne
+begehen wrden. Wenn es keine solche Neigung gbe, kmen keine solchen
+Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen wrden, wozu
+brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot
+des Inzests zu schlieen, da eine natrliche Abneigung gegen den Inzest
+besteht, sollten wir eher den Schlu ziehen, da ein natrlicher
+Instinkt zum Inzest treibt, und da, wenn das Gesetz diesen Trieb wie
+andere natrliche Triebe unterdrckt, dies seinen Grund in der Einsicht
+zivilisierter Menschen hat, da die Befriedigung dieser natrlichen
+Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(51).
+
+ (51) l.c., p.97.
+
+Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufgen, da
+die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen
+Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmglich machen. Sie haben
+im Gegenteile gelehrt, da die ersten sexuellen Regungen des
+jugendlichen Menschen regelmig inzestuser Natur sind, und da solche
+verdrngte Regungen als Triebkrfte der spteren Neurosen eine kaum zu
+berschtzende Rolle spielen.
+
+Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes mu also
+fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung
+des Inzestverbotes, welche sich zahlreicher Anhnger erfreut, um die
+Annahme, da die primitiven Vlker frhzeitig bemerkt haben, mit welchen
+Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und da sie darum in
+bewuter Absicht das Inzestverbot erlassen htten. Die Einwendungen
+gegen diesen Erklrungsversuch drngen einander(52). Nicht nur, da das
+Inzestverbot lter sein mu als alle Haustierwirtschaft, an welcher der
+Mensch Erfahrungen ber die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften
+der Rasse machen konnte, sondern die schdlichen Folgen der Inzucht sind
+auch heute noch nicht ber jeden Zweifel sichergestellt und beim
+Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir ber die
+heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, da die Gedanken ihrer
+entferntesten Ahnen bereits mit der Verhtung von Schden fr ihre
+sptere Nachkommenschaft beschftigt waren. Es klingt fast lcherlich,
+wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern
+hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie in unserer
+heutigen Kultur noch kaum Bercksichtigung gefunden haben(53).
+
+ (52) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'anne
+ sociologique. I., 1896/97.
+
+ (53) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: they are not likely to
+ reflect on distant evils to their progeny.
+
+Endlich wird man auch geltend machen mssen, da das aus praktisch
+hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse
+schwchenden Momentes ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu
+zu erklren, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest
+erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(54), erscheint diese
+Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Vlkern eher noch reger
+und strker als bei den zivilisierten.
+
+ (54) Imago, I., l.c.
+
+Whrend man erwarten konnte, auch fr die Ableitung der Inzestscheu die
+Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen
+Erklrungsmglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive
+vielleicht als Reprsentanz von biologischen Mchten zu wrdigen wren,
+sieht man sich am Ende der Untersuchung gentigt, dem resignierten
+Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu
+nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher
+vorgebrachten Lsungen des Rtsels erscheint uns befriedigend(55).
+
+ (55) Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of
+ incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a
+ problem nearly as dark as ever. T. and Ex.I., p.165.
+
+Ich mu noch eines Versuches erwhnen, die Entstehung der Inzestscheu zu
+erklren, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten.
+Man knnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen.
+
+Dieser Versuch knpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ ber den
+sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schlo aus den
+Lebensgewohnheiten der hheren Affen, da auch der Mensch ursprnglich
+in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des
+ltesten und strksten Mnnchens die sexuelle Promiskuitt verhinderte.
+Wir knnen in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller
+mnnlichen Sugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum
+Kmpfen mit ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schlieen, da allgemeine
+Vermischung der Geschlechter im Naturzustande uerst unwahrscheinlich
+ist ... Wenn wir daher im Strome der Zeit weit genug zurckblicken und
+nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert,
+schlieen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, da der Mensch
+ursprnglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau
+oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eiferschtig gegen
+alle anderen Mnner verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen
+sein und doch mit mehreren Frauen fr sich allein gelebt haben wie der
+Gorilla; denn alle Eingebornen stimmen darin berein, da nur ein
+erwachsenes Mnnchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wchst das junge
+Mnnchen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der
+Strkste setzt sich dann, indem er die anderen gettet oder vertrieben
+hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal
+of Natur. Hist.V., 1845-1847). Die jngeren Mnnchen, welche hiedurch
+ausgestoen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt
+beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb
+der Glieder einer und derselben Familie verhten(56).
+
+ (56) Abstammung des Menschen, bersetzt von V. _Carus_, II.Bd.,
+ Kap.20, p.341.
+
+_Atkinson_(57) scheint zuerst erkannt zu haben, da diese Verhltnisse
+der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Mnner praktisch
+durchsetzen muten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine hnliche Horde
+grnden, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der
+Eifersucht des Oberhaupts galt, und im Laufe der Zeit wrde sich aus
+diesen Zustnden die jetzt als Gesetz bewute Regel ergeben haben: Kein
+Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus htte
+sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr
+innerhalb des Totem.
+
+ (57) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins).
+
+A. _Lang_(58) hat sich dieser Erklrung der Exogamie angeschlossen. Er
+vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie,
+welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen
+lt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu
+vereinigen; im ersten Falle htte die Exogamie vor dem Totemismus
+bestanden, im zweiten wre sie eine Folge desselben(59).
+
+ (58) Secret of the Totem, p.114, 143.
+
+ (59) If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines
+ of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
+ practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first
+ practical rule would be that of the jealous Sire 'No males to touch
+ the females in my camp', with expulsion of adolescent sons. _In efflux
+ of time that rule, become habitual_, would be, 'No marriage within the
+ local group'. Next let the local groups receive names, such as Emus,
+ Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, 'No Marriage within the
+ local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe'. But, if the
+ primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as
+ totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable,
+ and other names of small local groups. Secret of the Totem, p.143.
+ (Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In
+ seiner letzten uerung ber den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911)
+ teilt A. _Lang_ brigens mit, da er die Ableitung der Exogamie aus
+ dem general totemic Tabu aufgegeben habe.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in
+dieses Dunkel.
+
+Das Verhltnis des Kindes zum Tiere hat viel hnlichkeit mit dem des
+Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut,
+welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur
+durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen.
+Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbrtigkeit zu; im
+ungehemmten Bekennen zu seinen Bedrfnissen fhlt es sich wohl dem Tiere
+verwandter als dem ihm wahrscheinlich rtselhaften Erwachsenen.
+
+In diesem ausgezeichneten Einverstndnis zwischen Kind und Tier tritt
+nicht selten eine merkwrdige Strung auf. Das Kind beginnt pltzlich
+eine bestimmte Tierart zu frchten und sich vor der Berhrung oder dem
+Anblick aller einzelnen dieser Art zu schtzen. Es stellt sich das
+klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der hufigsten unter den
+psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die
+frheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel
+Tiere, fr welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse
+gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl
+unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden knnen, ist unter
+stdtischen Bedingungen nicht gro. Es sind Pferde, Hunde, Katzen,
+seltener Vgel, auffllig hufig kleinste Tiere wie Kfer und
+Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus dem
+Bilderbuch und Mrchenerzhlung bekannt worden sind, Objekte der
+unsinnigen und unmigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt;
+selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine
+ungewhnliche Wahl des Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K.
+_Abraham_ die Mitteilung eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst
+vor Wespen selbst durch die Angabe aufklrte, die Farbe und Streifung
+des Wespenleibes htte es an den Tiger denken lassen, vor dem es sich
+nach allem Gehrten frchten durfte.
+
+Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer
+analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade
+verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem
+Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht
+behaupten, da man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und
+ich meine selbst, da er sich nicht als einheitlich herausstellen
+drfte. Aber einige Flle von solchen auf grere Tiere gerichteten
+Phobien haben sich der Analyse zugnglich erwiesen und so dem
+Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nmliche:
+die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben
+waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.
+
+Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewi solche Flle gesehen und
+von ihnen den nmlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf
+wenige ausfhrliche Publikationen darber berufen. Es ist dies ein
+Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, da
+wir unsere Behauptung berhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen
+sttzen knnen. Ich erwhne z.B. einen Autor, welcher sich
+verstndnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschftigt hat, M.
+_Wulff_ (Odessa). Er erzhlt im Zusammenhange der Krankengeschichte
+eines neunjhrigen Knaben, da dieser mit vier Jahren an einer
+Hundephobie gelitten hat. Als er auf der Strae einen Hund vorbeilaufen
+sah, weinte er und schrie: Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will
+artig sein. Unter artig sein meinte er: nicht mehr Geige spielen
+(onanieren)(60).
+
+ (60) M. _Wulff_, Beitrge zur infantilen Sexualitt. Zentralbl. f.
+ Psychoanalyse 1912, II., Nr.1, p.15ff.
+
+Derselbe Autor resumiert spter: Seine Hundephobie ist eigentlich die
+auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare
+uerung: 'Hund ich will artig sein' -- d.h. nicht masturbieren --
+bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation
+verboten hat. In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so
+vllig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit
+solcher Erfahrungen bezeugt: Solche Phobien (Pferdephobien,
+Hundephobien, Katzen, Hhner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im
+Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und
+lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst
+von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete
+Muse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, mchte ich nicht
+behaupten.
+
+Im ersten Band des Jahrbuchs fr psychoanalytische und psychopathologische
+Forschungen teilte ich die _Analyse der Phobie eines fnfjhrigen
+Knaben_ mit, welche mir der Vater des kleinen Patienten
+zur Verfgung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden,
+in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte auf die Strae zu gehen. Er
+uerte die Befrchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn
+beien. Es erwies sich, da dies die Strafe fr seinen Wunsch sein
+sollte, da das Pferd umfallen (sterben) mge. Nachdem man dem Knaben
+durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es
+sich, da er gegen Wnsche ankmpfte, die das Wegsein (Abreisen,
+Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er
+berdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter,
+auf welche seine keimenden Sexualwnsche in dunkeln Ahnungen gerichtet
+waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des mnnlichen
+Kindes zu den Eltern, welche wir als den dipuskomplex bezeichnen, und
+in der wir den Kernkomplex der Neurosen berhaupt erkennen. Was wir neu
+aus der Analyse des kleinen Hans erfahren, ist die fr den Totemismus
+wertvolle Tatsache, da das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil
+seiner Gefhle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.
+
+Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zuflligen
+Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich
+geht. Sie lt auch die Motive derselben erraten. Der aus der
+Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Ha kann sich im
+Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit
+jeher bestehenden Zrtlichkeit und Bewunderung fr dieselbe Person zu
+kmpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ --
+Gefhlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in
+diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ngstlichen
+Gefhle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den
+Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, da sie eine glatte
+Scheidung der zrtlichen von den feindseligen Gefhlen herstellt. Der
+Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die
+Ambivalenz greift auf dieses letztere ber. Es ist unverkennbar, da der
+kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und
+Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermigt hat,
+identifiziert er sich selbst mit dem gefrchteten Tier, springt als
+Pferd herum und beit nun seinerseits den Vater(61). In einem anderen
+Auflsungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen
+groen Tieren zu identifizieren(62).
+
+ (61) l.c. p.37.
+
+ (62) Die Giraffenphantasie p.24.
+
+Man darf den Eindruck aussprechen, da in diesen Tierphobien der Kinder
+gewisse Zge des Totemismus in negativer Ausprgung wiederkehren. Wir
+verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schne Beobachtung eines
+Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen
+kann(63). Bei dem kleinen Arpd, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen
+die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang
+des dipuskomplexes, sondern auf Grund der narzitischen Voraussetzung
+desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen
+Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten
+Zeugnisse dafr finden, da der Vater als der Besitzer des groen
+Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales
+gefrchtet wird. Im dipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater
+die nmliche Rolle, die des gefrchteten Gegners der infantilen
+Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist
+die von ihm drohende Strafe(64).
+
+ (63) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschr. f. rztl.
+ Psychoanalyse 1913, I., Nr.3.
+
+ (64) ber den Ersatz der Kastration durch die auch im dipusmythus
+ enthaltene Blendung vergleiche die Mitteilungen von _Reitler_,
+ _Ferenczi_, _Rank_ und _Eder_ in Intern. Zeitschr. f. rztl.
+ Psychoanalyse 1913, I., Nr.2.
+
+Als der kleine Arpd zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in
+einem Sommeraufenthalte ins Geflgelhaus zu urinieren, wobei ihn ein
+Huhn ins Glied bi oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr
+spter an denselben Ort zurckkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er
+interessierte sich nur mehr fr das Geflgelhaus und alles, was darin
+vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krhen auf.
+Zur Zeit der Beobachtung (fnf Jahre) sprach er wieder, aber
+beschftigte sich auch in der Rede ausschlielich nur mit Hhnern und
+anderem Geflgel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur
+Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein
+Totemtier war exquisit ambivalent, bermiges Hassen und Lieben. Am
+liebsten spielte er Hhnerschlachten. Das Schlachten des Federviehs ist
+ihm berhaupt ein Fest. Er ist imstande, stundenlang um die Tierleichen
+erregt herumzutanzen. Aber dann kte und streichelte er das
+geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst
+mihandelten Ebenbilder von Hhnern.
+
+Der kleine Arpd sorgte selbst dafr, da der Sinn seines sonderbaren
+Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er bersetzte gelegentlich
+seine Wnsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurck in die des
+Alltagslebens. Mein Vater ist der Hahn, sagte er einmal. Jetzt bin
+ich klein, jetzt bin ich ein Kchlein. Wenn ich grer werde, bin ich
+ein Huhn. Wenn ich noch grer werde, bin ich ein Hahn. Ein andermal
+wnschte er sich pltzlich eine eingemachte Mutter zu essen (nach der
+Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen
+Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer
+Beschftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte.
+
+ber die Quelle seines Interesses fr das Treiben im Hhnerhof blieb
+nach _Ferenczi_ kein Zweifel: Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und
+Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut
+befriedigten seine sexuelle Wibegierde, die eigentlich dem menschlichen
+Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hhnerlebens hatte er seine
+Objektwnsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: Ich werde
+Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Kchin,
+nein, statt der Kchin lieber die Mutter.
+
+Wir werden an spterer Stelle die Wrdigung dieser Beobachtung
+vervollstndigen knnen; heben wir jetzt nur als wertvolle
+bereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Zge hervor: Die volle
+Identifizierung mit dem Totemtier(65) und die ambivalente
+Gefhlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen
+Beobachtungen fr berechtigt, in die Formel des Totemismus -- fr den
+Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken
+dann, da wir damit keinen neuen oder besonders khnen Schritt getan
+haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch
+heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren
+Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Vlker wrtlich
+genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wuten, und die
+sie darum gerne in den Hintergrund gerckt haben. Die Psychoanalyse
+mahnt uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn
+den Erklrungsversuch des Totemismus zu knpfen.(66)
+
+ (65) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben
+ ist: Totemism is an identification of a man with his totem. T. and
+ Ex., IV., p.5.
+
+ (66) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von
+ Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklrung,
+ wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (p.369)
+ erwhnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er hatte von seinem Vater
+ erfahren, da seine Mutter whrend der Schwangerschaft mit ihm einmal
+ vor einem Hunde erschrocken sei.
+
+Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwrdig. Wenn das
+Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des
+Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den
+Totem nicht zu tten und kein Weib, das dem Totem angehrt, sexuell zu
+gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des dipus,
+der seinen Vater ttete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den
+beiden Urwnschen des Kindes, deren ungengende Verdrngung oder deren
+Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte
+diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so
+mte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in
+unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es mte uns
+gelingen wahrscheinlich zu machen, da das totemistische System sich aus
+den Bedingungen des dipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des
+kleinen Hans und die Geflgelperversion des kleinen Arpd. Um dieser
+Mglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentmlichkeit
+des totemistischen Systems oder, wie wir sagen knnen, der Totemreligion
+studieren, welche bisher kaum Erwhnung finden konnte.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe,
+Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie
+scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889
+verffentlichten Werke ber die Religion der Semiten(67) die Annahme
+aus, da eine eigentmliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_
+von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen
+Systems gebildet habe. Zur Sttze dieser Vermutung stand ihm damals nur
+eine einzige, aus dem fnften Jahrhundert n.Chr. berlieferte
+Beschreibung eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die
+Annahme durch die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem
+hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine
+gttliche Person voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rckschlu
+von einer hheren Phase des religisen Ritus auf die niedrigste des
+Totemismus.
+
+ (67) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second
+ Edition. London 1907.
+
+Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson
+Smith_ die fr unser Interesse entscheidenden Stze ber Ursprung und
+Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so
+reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller spteren
+Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem
+Leser etwas von der Luziditt oder von der Beweiskraft der Darstellung
+im Original zu bermitteln.
+
+_Robertson Smith_ fhrt aus, da das Opfer am Altar das wesentliche
+Stck im Ritus der alten Religionen gewesen ist. Es spielt in allen
+Religionen die nmliche Rolle, so da man seine Entstehung auf sehr
+allgemeine und berall gleichartig wirkende Ursachen zurckfhren mu.
+
+Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochn~ (sacrificium,
+~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprnglich etwas anderes, als was
+sptere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit,
+um sie zu vershnen oder sich geneigt zu machen. Von dem Nebensinn der
+Selbstentuerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus. Das
+Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als _an act of social
+fellowship between the deity and his worshippers_, ein Akt der
+Geselligkeit, eine Kommunion der Glubigen mit ihrem Gotte.
+
+Als Opfer wurden dargebracht ebare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon
+der Mensch sich nhrte, Fleisch, Zerealien, Frchte, Wein und l, das
+opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch
+bestanden Einschrnkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist
+der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind
+ihm allein berlassen. Es ist kein Zweifel, da die Tieropfer die
+lteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer
+sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Frchte hervorgegangen und
+entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das
+Tieropfer ist aber lter als der Ackerbau.
+
+Es ist aus sprachlichen berresten gewi, da der dem Gott bestimmte
+Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde.
+Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des gttlichen Wesens wurde
+diese Vorstellung anstig; man wich ihr aus, indem man den flssigen
+Anteil der Mahlzeit allein der Gottheit zuwies. Spter gestattete der
+Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch
+aufgehen lie, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch
+welche sie dem gttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des
+Trinkopfers war ursprnglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde spter
+der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Primitiven als das Blut der
+Rebe, wie ihn unsere Dichter jetzt noch heien.
+
+Die lteste Form des Opfers, lter als der Gebrauch des Feuers und die
+Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut
+der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, da
+jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte.
+
+Ein solches Opfer war eine ffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen
+Clans. Die Religion war berhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die
+religise Pflicht ein Stck der sozialen Verpflichtung. Opfer und
+Festlichkeit fallen bei allen Vlkern zusammen, jedes Opfer bringt ein
+Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das
+Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung ber die eigenen
+Interessen, der Betonung der Zusammengehrigkeit untereinander und mit
+der Gottheit.
+
+Die ethische Macht der ffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten
+Vorstellungen ber die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens.
+Mit einem anderen zu essen und zu trinken war gleichzeitig ein Symbol
+und eine Bekrftigung von sozialer Gemeinschaft und von bernahme
+gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten
+Ausdruck, da der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit
+waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebruche, die noch heute
+unter den Arabern der Wste in Kraft sind, beweisen, da das Bindende an
+der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religises Moment ist, sondern der
+Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen
+Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der
+braucht ihn nicht mehr als Feind zu frchten, sondern darf seines
+Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht fr ewige
+Zeiten; streng genommen, nur fr so lange, als der gemeinsam genossene
+Stoff der Annahme nach in seinem Krper verbleibt. So realistisch wird
+das Band der Vereinigung aufgefat; es bedarf der Wiederholung, um es zu
+verstrken und dauerhaft zu machen.
+
+Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft
+zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band,
+welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft
+(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch fr
+einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben solcher
+Art zu einer physischen Einheit verbunden sind, da man sie wie Stcke
+eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heit dann beim Mord eines
+einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses und jenes ist vergossen
+worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die hebrische Phrase,
+mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, lautet: Du bist
+mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen Anteil haben an
+einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natrlich, da sie nicht nur auf
+die Tatsache gegrndet wird, da man ein Teil von der Substanz seiner
+Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man genhrt wurde,
+sondern da auch die Nahrung, die man spterhin geniet und durch die
+man seinen Krper erneuert, Kinship erwerben und bestrken kann. Teilte
+man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drckte es die berzeugung aus,
+da man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als Fremden erkannte,
+mit dem teilte man keine Mahlzeit.
+
+Die Opfermahlzeit war also ursprnglich ein Festmahl von
+Stammverwandten, dem Gesetze folgend, da nur Stammverwandte miteinander
+essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der
+Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun.
+Kinship ist lter als Familienleben; die ltesten uns bekannten Familien
+umfassen regelmig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbnden
+angehren. Die Mnner heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder
+erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft
+zwischen dem Manne und den brigen Familienmitgliedern. In einer solchen
+Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute
+abseits und allein, und die religisen Speiseverbote des Totemismus
+machen ihnen oft die Egemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern
+unmglich.
+
+Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehrt, keine
+Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist --
+auch kein Schlachten eines Tieres auer fr solche feierliche
+Gelegenheit. Man nhrte sich ohne Bedenken von Frchten, Wild und von
+der Milch der Haustiere, aber religise Skrupel machten es dem einzelnen
+unmglich, ein Haustier fr seinen eigenen Gebrauch zu tten. Es leidet
+nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, da jedes Opfer
+ursprnglich Clanopfer war, und da das _Tten eines Schlachtopfers_
+ursprnglich zu jenen Handlungen gehrte, _die dem einzelnen verboten
+sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die
+Verantwortlichkeit mitbernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine
+Klasse von Handlungen, fr welche diese Charakteristik zutrifft, nmlich
+Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes
+rhren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur
+durch die Zustimmung und unter der Teilnahme aller Clangenossen geopfert
+werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben des Stammesgenossen
+selbst. Die Regel, da jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des
+Opfertieres genieen msse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, da
+die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm
+zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie
+ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier
+waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clans.
+
+_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das
+Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im spteren Altertum zwei
+Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch fr gewhnlich
+gegessen wurden, und ungewhnliche Opfer von Tieren, die als unrein
+verboten waren. Die nhere Erforschung zeigt dann, da diese unreinen
+Tiere heilige Tiere waren, da sie den Gttern als Opfer dargebracht
+wurden, denen sie heilig waren, da diese Tiere ursprnglich identisch
+waren mit den Gttern selbst, und da die Glubigen in irgendeiner Weise
+beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte
+betonten. Fr noch frhere Zeiten entfllt aber dieser Unterschied
+zwischen gewhnlichen und mystischen Opfern. Alle Tiere sind
+ursprnglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei
+feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen
+werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergieen von Stammesblut
+gleich und mu unter den nmlichen Vorsichten und Sicherungen gegen
+Vorwurf geschehen.
+
+Die Zhmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint
+berall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet
+zu haben(68). Aber was in der nun pastoralen Religion den Haustieren
+an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprnglichen
+Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in spten klassischen
+Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach
+vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu
+entziehen. In Griechenland mu die Idee, da die Ttung eines Ochsen
+eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem
+athenischen Fest der Bouphonien wurde nach dem Opfer ein frmlicher
+Proze eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhr kamen. Endlich
+einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwlzen,
+welches dann ins Meer geworfen wurde.
+
+ (68) The inference is that the domestication to which totemism
+ invariably leads (when there are any animals capable of domestication)
+ is fatal to totemism.
+
+ _Jevons_, An introduction to the history of religion 1911, fifth
+ edition, p.120.
+
+Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines
+Stammesgenossen schtzt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von
+Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu tten und Fleisch und Blut
+desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese
+Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben
+gehrt, da in spteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an
+der nmlichen Substanz, welche in ihre Krper eindringt, ein heiliges
+Band zwischen den Commensalen herstellt; in ltesten Zeiten scheint
+diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers
+zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich,
+indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann,
+welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(69)._
+
+ (69) l.c. p.113.
+
+Dies Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in
+seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen
+Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen
+_Blutbndnissen_ zugrunde, durch die sich noch in spten Zeiten Menschen
+gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische Auffassung der
+Blutsgemeinschaft als Identitt der Substanz lt die Notwendigkeit
+verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen Proze der
+Opfermahlzeit zu erneuern.
+
+Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengnge von _Robertson Smith_
+ab, um ihren Kern in gedrngtester Krze zu resumieren. Als die Idee des
+Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit,
+als eine bertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes
+aufgefat. Allein diese Deutung lie alle Eigentmlichkeiten des
+Opferrituals unaufgeklrt. In ltesten Zeiten war das Opfertier selbst
+heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der
+Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes
+genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genu
+die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identitt untereinander und mit
+der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier
+selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier,
+der primitive Gott selbst, durch dessen Ttung und Verzehrung die
+Clangenossen ihre Gotthnlichkeit auffrischten und versicherten.
+
+Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schlu, da
+die periodische Ttung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der
+Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stck der
+Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit,
+meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus spteren Zeiten
+erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in
+der sinaitischen Wste um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi
+Geburt. Das Opfer, ein Kameel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von
+Steinen gelegt; der Anfhrer des Stammes lie die Teilnehmer dreimal
+unter Gesngen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste
+Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann strzte sich
+die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stcke des
+zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, da in
+der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem
+dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen
+alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide
+vertilgt war. Dieser barbarische, von hchster Altertmlichkeit zeugende
+Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern
+die allgemeine ursprngliche Form des Totemopfers, die in spterer Zeit
+die verschiedensten Abschwchungen erfuhr.
+
+Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit
+Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe
+des Totemismus nicht erhrtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch
+selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale
+Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z.B. bei den Menschenopfern der
+Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit
+erinnern, die Brenopfer des Brenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika
+und die Brenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und hnliche
+Flle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines groen Werkes
+ausfhrlich mitgeteilt(70). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen
+groen Raubvogel (Buzzard) verehrt, ttet diesen in feierlicher
+Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den
+Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso
+mit ihrer heiligen Schildkrte.
+
+ (70) The Golden Bough, PartV, Spirits of the corn and of the wild;
+ 1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine
+ animal.
+
+In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stmme ist ein Zug
+beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson Smith_
+vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der fr die Vermehrung seines Totem,
+dessen Genu ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten,
+bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genieen, ehe
+derselbe den anderen Stmmen zugnglich wird. Das schnste Beispiel fr
+den sakramentalen Genu des sonst verbotenen Totem soll sich nach
+_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem
+Begrbniszeremoniell dieser Stmme finden(71).
+
+ (71) _Frazer_, T. and Ex. T.II, p.590.
+
+Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, da die
+sakramentale Ttung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen
+Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei.(72)
+
+ (72) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_
+ u.a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind
+ mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von
+ _Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeintrchtigt.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und
+statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zgen aus, die bisher
+nicht gewrdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei
+feierlichem Anlasse auf grausame Art ttet und es roh verzehrt, Blut,
+Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die hnlichkeit
+des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+seine und ihre Identitt betonen wollten. Es ist das Bewutsein dabei,
+da man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausfhrt, die nur durch
+die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner
+von der Ttung und der Mahlzeit ausschlieen. Nach der Tat wird das
+hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine
+zwangsmige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
+erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei
+einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit fr die
+Ttung von sich abzuwlzen(73).
+
+ (73) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p.412.
+
+Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung
+aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das
+Wesen des _Festes_ fllt uns hier ohne jede Mhe zu.
+
+Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exze, ein
+feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge
+irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die
+Ausschreitungen, durch die sich Feste zu allen Zeiten ausgezeichnet
+haben, sondern der Exze liegt im Wesen des Festes; die festliche
+Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.
+
+Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer ber den
+Tod des Totemtieres? Wenn man sich ber die Ttung des Totem, die sonst
+versagt ist, freut, warum trauert man auch ber sie?
+
+Wir haben gehrt, da sich die Clangenossen durch den Genu des Totem
+heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter einander bestrken.
+Da sie das heilige Leben, dessen Trger die Substanz des Totem ist, in
+sich aufgenommen haben, knnte ja die festliche Stimmung und alles, was
+aus ihr folgt, erklren.
+
+Die Psychoanalyse hat uns verraten, da das Totemtier wirklich der
+Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, da es
+sonst verboten ist es zu tten, und da seine Ttung zur Festlichkeit
+wird, da man das Tier ttet und es doch betrauert. Die ambivalente
+Gefhlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren
+Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt,
+wrde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken.
+
+Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene bersetzung des
+Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese
+ber den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhlt, ergibt
+sich die Mglichkeit eines tieferen Verstndnisses, der Ausblick auf
+eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil
+bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von
+Phnomenen herzustellen.
+
+Die _Darwin_sche Urhorde hat natrlich keinen Raum fr die Anfnge des
+Totemismus. Ein gewaltttiger, eiferschtiger Vater, der alle Weibchen
+fr sich behlt und die heranwachsenden Shne vertreibt, nichts weiter.
+Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der
+Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was
+noch heute bei gewissen Stmmen in Kraft besteht, das sind
+_Mnnerverbnde_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und
+den Einschrnkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei
+mtterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen
+sein und auf welchem Wege war es mglich?
+
+Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort
+zu geben: Eines Tages(74) taten sich die ausgetriebenen Brder zusammen,
+erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein
+Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande, was dem einzelnen
+unmglich geblieben wre. Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die
+Handhabung einer neuen Waffe ihnen das Gefhl der berlegenheit gegeben.
+Da sie den Getteten auch verzehrten, ist fr den kannibalen Wilden
+selbstverstndlich. Der gewaltttige Urvater war gewi das beneidete und
+gefrchtete Vorbild eines jeden aus der Brderschar gewesen. Nun setzten
+sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten
+sich ein jeder ein Stck seiner Strke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht
+das erste Fest der Menschheit, wre die Wiederholung und die Gedenkfeier
+dieser denkwrdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen
+Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschrnkungen
+und die Religion(75).
+
+ (74) Zu dieser Darstellung, die sonst miverstndlich wrde, bitte ich
+ die Schlustze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv
+ hinzuzunehmen.
+
+ (75) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der berwltigung und
+ Ttung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der
+ ausgetriebenen Shne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung
+ aus den Verhltnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. A youthful
+ band of brothers living together in forced celibacy, or at most in
+ polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet
+ weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
+ gained with time, inevitably wrench by combined attacks renewed again
+ and again, both wife and life from the paternal tyrant (Primal Law,
+ p.220-221). _Atkinson_, der brigens sein Leben in Neu-Caledonien
+ verbrachte und ungewhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen
+ hatte, beruft sich auch darauf, da die von _Darwin_ supponierten
+ Zustnde der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu
+ beobachten sind und regelmig zur Ttung des Vatertieres fhren. Er
+ nimmt dann weiter an, da nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall
+ der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Shne unter
+ einander eintritt. Auf diese Weise kme eine neue Organisation der
+ Gesellschaft niemals zustande: an ever recurring violent succession
+ to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal hands were
+ so soon again clenched in fratricidal strife_ (p.228). _Atkinson_,
+ dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und dem die
+ Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet einen minder
+ gewaltsamen bergang von der Urhorde zur nchsten sozialen Stufe, auf
+ welcher zahlreiche Mnner in friedlicher Gemeinschaft zusammenleben.
+ Er lt es die Mutterliebe durchsetzen, da anfangs nur die jngsten,
+ spter auch andere Shne in der Horde verbleiben, wofr diese
+ Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form der von ihnen
+ gebten Entsagung gegen Mutter und Schwestern anerkennen.
+
+ Soviel ber die hchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre
+ bereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte
+ und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang
+ mit so vielem anderen mit sich bringt.
+
+ Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkrzung und inhaltliche
+ Zusammendrngung der Angaben in meinen obenstehenden Ausfhrungen darf
+ ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung
+ hinstellen. Es wre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit
+ anzustreben, wie es unbillig wre, Sicherheiten zu fordern.
+
+Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwrdig zu finden,
+braucht man nur anzunehmen, da die sich zusammenrottende Brderschar
+von denselben einander widersprechenden Gefhlen gegen den Vater
+beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei
+jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen knnen. Sie
+haten den Vater, der ihrem Machtbedrfnis und ihren sexuellen
+Ansprchen so mchtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten
+ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Ha befriedigt und ihren
+Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, muten sich die
+dabei berwltigten zrtlichen Regungen zur Geltung bringen(76). Es
+geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewutsein, welches
+hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfllt. Der Tote wurde
+nun strker als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch heute
+an Menschenschicksalen sehen. Was er frher durch seine Existenz
+verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen
+Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
+_nachtrglichen Gehorsams_. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die
+Ttung des Vaterersatzes, des Totem, fr unerlaubt erklrten, und
+verzichteten auf deren Frchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen
+versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewutsein des Sohnes_ die
+beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden
+verdrngten Wnschen des dipuskomplexes bereinstimmen muten. Wer
+dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
+welche die primitive Gesellschaft bekmmerten(77).
+
+ (76) Dieser neuen Gefhlseinstellung mute auch zugute kommen, da die
+ Tat keinem der Tter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in
+ gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Shne konnte ja
+ seinen ursprnglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters
+ einzunehmen. Der Mierfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen
+ Reaktion weit gnstiger als die Befriedigung.
+
+ (77) Murder and incest, or offences of a like kind against this
+ sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which
+ the community as such takes cognisance... Religion of the Semites,
+ p.419.
+
+Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen
+beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die
+Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefhlsmotiven; der Vater war ja
+beseitigt, in der Realitt war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber,
+das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begrndung. Das
+sexuelle Bedrfnis einigt die Mnner nicht, sondern entzweit sie. Hatten
+sich die Brder verbndet, um den Vater zu berwltigen, so war jeder
+des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder htte sie wie der Vater
+alle fr sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wre die
+neue Organisation zugrunde gegangen. Es war auch kein berstarker mehr
+da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg htte aufnehmen knnen. Somit
+blieb den Brdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts brig, als
+das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von
+ihnen begehrten Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster
+Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation,
+welche sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefhlen und
+Bettigungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei
+ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation,
+welche den Keim zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des
+_Mutterrechts_ legte, bis dieses von der patriarchalischen
+Familienordnung abgelst wurde.
+
+An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschtzt, knpft
+hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer
+Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Shne das Tier
+als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
+der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr
+Ausdruck als das Bedrfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es
+konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende
+Schuldgefhl zu beschwichtigen, eine Art von Ausshnung mit dem Vater zu
+bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit
+dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche
+Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Frsorge und Schonung,
+wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, d.h. die Tat an
+ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zugrunde
+gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus.
+Htte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wren nie in die
+Versuchung gekommen, ihn zu tten. So half der Totemismus dazu, die
+Verhltnisse zu beschnigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er
+seine Entstehung verdankte.
+
+Es wurden hiebei Zge geschaffen, die fortan fr den Charakter jeder
+Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem
+Schuldbewutsein der Shne hervorgegangen als Versuch, dies Gefhl zu
+beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachtrglichen Gehorsam
+zu vershnen. Alle spteren Religionen erweisen sich als Lsungsversuche
+desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie
+unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es
+sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe groe Begebenheit, mit
+der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur
+Ruhe kommen lt.
+
+Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist
+damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war
+wohl zu gro, um durch irgendeine Veranstaltung ausgeglichen zu werden,
+oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser
+Gefhlsgegenstze berhaupt nicht gnstig. Man merkt jedenfalls, da die
+dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und
+in die Religionen berhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfat
+nicht nur die uerungen der Reue und die Versuche der Vershnung,
+sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph ber den Vater. Die
+Befriedigung darber lt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
+einsetzen, bei dem die Einschrnkungen des nachtrglichen Gehorsams
+wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der
+Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft
+der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des
+Vaters, infolge der verndernden Einflsse des Lebens zu entschwinden
+droht. Wir werden nicht berrascht sein, zu finden, da auch der Anteil
+des Sohnestrotzes, oft in den merkwrdigsten Verkleidungen und
+Umwendungen, in spteren Religionsbildungen wieder auftaucht.
+
+Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus
+noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue
+verwandelten zrtlichen Strmung gegen den Vater, so wollen wir doch
+nicht bersehen, da im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord
+gedrngt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefhle, auf denen
+die groe Umwlzung ruht, bewahren von nun an ber lange Zeiten den
+tiefgehendsten Einflu auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie
+schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der
+Betonung der Solidaritt aller Leben desselben Clans. Indem die Brder
+sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, da niemand von
+ihnen vom anderen behandelt werden drfe, wie der Vater von ihnen allen
+gemeinsam. Sie schlieen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum
+religis begrndeten Verbot, den Totem zu tten, kommt nun das sozial
+begrndete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange
+whren, bis das Gebot die Einschrnkung auf den Stammesgenossen
+abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht
+morden. Zunchst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brderclan_
+getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die
+Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verbten
+Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewutsein und der Reue darber,
+die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum
+anderen Teil auf den vom Schuldbewutsein geforderten Buen.
+
+Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die lteren Auffassungen
+des totemistischen Systems heit uns also die Psychoanalyse einen
+innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und
+Exogamie vertreten.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Ich stehe unter der Einwirkung einer groen Anzahl von starken Motiven,
+die mich vom Versuche zurckhalten werden, die weitere Entwicklung der
+Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen
+Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fden hindurch verfolgen, wo ich
+sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des
+Totemopfers und das Verhltnis des Sohnes zum Vater(78).
+
+ (78) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte
+ Arbeit von C.G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch
+ von _Bleuler-Freud_, IV., 1912.
+
+_Robertson Smith_ hat uns belehrt, da die alte Totemmahlzeit in der
+ursprnglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist
+derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit;
+auch das Schuldbewutsein ist dabei geblieben; welches nur durch die
+Solidaritt aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu
+hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das
+Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse,
+und mit der man sich durch den Genu am Opfer identifiziert. Wie kommt
+der Gott in die ihm ursprnglich fremde Situation?
+
+Die Antwort knnte lauten, es sei unterde -- unbekannt woher -- die
+Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religise Leben unterworfen,
+und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, htte auch die
+Totemmahlzeit den Anschlu an das neue System gewinnen mssen. Allein
+die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer
+ganz besonderen Nachdrcklichkeit, da fr jeden der Gott nach dem Vater
+gebildet ist, da sein persnliches Verhltnis zu Gott von seinem
+Verhltnis zum leiblichen Vater abhngt, mit ihm schwankt und sich
+verwandelt, und da Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhhter
+Vater. Die Psychoanalyse rt auch hier wie im Falle des Totemismus den
+Glubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
+Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgendwelche Beachtung
+verdient, so mu, unbeschadet aller anderen Ursprnge und Bedeutungen
+Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der
+Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wre aber
+in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten,
+einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem
+Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen
+Lsungen mssen wir fragen, ob das mglich ist und welchen Sinn es haben
+kann.
+
+Wir wissen, da mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen
+Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewhnlich ein Tier
+heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen
+Opfern, den mystischen wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier
+zum Opfer dargebracht(79); 3. der Gott wurde hufig in der Gestalt eines
+Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen gttliche Verehrung
+lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt
+sich der Gott hufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So lge die
+Annahme nahe, da der Gott selbst das Totemtier wre, sich auf einer
+spteren Stufe des religisen Fhlens aus dem Totemtier entwickelt
+htte. Aller weiteren Diskussion berhebt uns aber die Erwgung, da der
+Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz. So mag er die erste
+Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine sptere, in welcher der
+Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschpfung
+aus der Wurzel aller Religionsbildung, der _Vatersehnsucht_, konnte
+mglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am Verhltnis zum Vater --
+und vielleicht auch zum Tier -- Wesentliches gendert hatte.
+
+ (79) _Robertson Smith_, Religion of the Semites.
+
+Solche Vernderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem
+Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tier und von der Zersetzung
+des Totemismus durch die Domestikation absehen will(80). In der durch
+die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein Moment,
+welches im Laufe der Zeit eine auerordentliche Steigerung der
+Vatersehnsucht erzeugen mute. Die Brder, welche sich zur Ttung des
+Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder fr sich vom Wunsche beseelt
+gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch
+Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck
+gegeben. Dieser Wunsch mute infolge des Druckes, welchen die Bande des
+Brderclans auf jeden Teilnehmer bten, unerfllt bleiben. Es konnte und
+durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach
+der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten
+die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrngt hatte, nachlassen,
+die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen,
+welches die Machtflle und Unbeschrnktheit des einst bekmpften
+Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt
+hatte. Die ursprngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen
+Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Vernderungen
+nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in
+Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen
+hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schpfung von Gttern
+wieder zu beleben. Da ein Mensch zum Gott wird und da ein Gott stirbt,
+was uns heute als emprende Zumutung erscheint, war ja noch fr das
+Vorstellungsvermgen des klassischen Altertums keineswegs anstig(81).
+Die Erhhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm
+seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Shneversuch
+als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.
+
+ (80) S.o. p.388.
+
+ (81) To us moderns for whom the breach which divides the human and
+ the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may
+ appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their
+ thinking gods and men were akin, for many families traced their
+ descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed
+ as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems
+ to a modern catholic. _Frazer_, Golden BoughI. The magic art and the
+ evolution of kings. II., p.177.
+
+Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle fr die groen Muttergottheiten
+findet, die vielleicht allgemein den Vatergttern vorhergegangen sind,
+wei ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, da die Wandlung im
+Verhltnis zum Vater sich nicht auf das religise Gebiet beschrnkte,
+sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters
+beeinflute Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,
+bergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die
+vaterlose Gesellschaft allmhlich in die patriarchalisch geordnete um.
+Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den
+Vtern auch ein groes Stck ihrer frheren Rechte wieder. Es gab jetzt
+wieder Vter, aber die sozialen Errungenschaften des Brderclans waren
+nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
+Familienvter vom unumschrnkten Urvater der Horde war gro genug, um
+die Fortdauer des religisen Bedrfnisses, die Erhaltung der
+ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.
+
+In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich
+zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem
+Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in
+acht nehmen, welche sie in flchenhafter Auffassung wie eine Allegorie
+bersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die
+zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich
+ablsenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den
+Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der
+zrtlichen Gefhlsregungen des Sohnes ber seine feindseligen. Die Szene
+der berwltigung des Vaters, seiner grten Erniedrigung, ist hier zum
+Material fr eine Darstellung seines hchsten Triumphes geworden. Die
+Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,
+da es dem Vater die Genugtuung fr die an ihm verbte Schmach in
+derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
+fortsetzt.
+
+In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die
+Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die
+Gottheit, zu einer Selbstentuerung zugunsten des Gottes. Gott selbst
+ist jetzt so hoch ber den Menschen erhaben, da man mit ihm nur durch
+die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die
+soziale Ordnung gttergleiche Knige, welche das patriarchalische System
+auf den Staat bertragen. Wir mssen sagen, die Rache des gestrzten und
+wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
+Autoritt steht auf ihrer Hhe. Die unterworfenen Shne haben das neue
+Verhltnis dazu bentzt, um ihr Schuldbewutsein noch weiter zu
+entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fllt ganz aus ihrer
+Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
+Zu dieser Phase gehren Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier
+ttet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die
+uerste Verlugnung der groen Untat, mit welcher die Gesellschaft und
+das Schuldbewutsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren
+Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drckt die Befriedigung
+darber aus, da man den frheren Vaterersatz zugunsten der hheren
+Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische bersetzung der
+Szene fllt hier ungefhr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.
+Jene lautet: Es werde dargestellt, da der Gott den tierischen Anteil
+seines Wesens berwindet(82).
+
+ (82) Die berwindung einer Gttergeneration durch eine andere in den
+ Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der
+ Ersetzung eines religisen Systems durch ein neues, sei es infolge von
+ Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer
+ Entwicklung. In letzterem Falle nhert sich der Mythus den
+ funktionalen Phnomenen im Sinne von H. _Silberer_. Da der das Tier
+ ttende Gott ein Libidosymbol ist, wie C.G. _Jung_ (l.c.) behauptet,
+ setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten
+ voraus und erscheint mir berhaupt fragwrdig.
+
+Es wre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der
+erneuerten Vaterautoritt seien die feindseligen Regungen, welche dem
+Vaterkomplex zugehren, vllig verstummt. Aus den ersten Phasen der
+Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Gtter und der
+Knige, kennen wir vielmehr die energischesten uerungen jener
+Ambivalenz, welche fr die Religion charakteristisch bleibt.
+
+_Frazer_ hat in seinem groen Werk The Golden Bough die Vermutung
+ausgesprochen, da die ersten Knige der latinischen Stmme Fremde
+waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an
+einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jhrliche
+Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein
+wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das
+Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der
+bewohnten Erde lt wenig Zweifel darber, da diese Menschen als
+Reprsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des
+lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) lt sich dieser
+Opfergebrauch noch in spte Zeiten verfolgen. Das theanthropische
+Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung
+wie das Tieropfer behandeln kann, wirft das hellste Licht nach rckwrts
+auf den Sinn der lteren Opferformen. Es bekennt mit nicht zu
+berbietender Aufrichtigkeit, da das Objekt der Opferhandlung immer das
+nmliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.
+Die Frage nach dem Verhltnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt
+eine einfache Lsung. Das ursprngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
+fr ein Menschenopfer, fr die feierliche Ttung des Vaters, und als der
+Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das
+Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.
+
+So hatte sich die Erinnerung an jene erste groe Opfertat als
+unzerstrbar erwiesen, trotz aller Bemhungen sie zu vergessen, und
+gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,
+mute in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zutage
+treten. Welche Entwicklungen des religisen Denkens als
+Rationalisierungen diese Wiederkehr ermglicht haben, brauche ich an
+dieser Stelle nicht auszufhren. _Robertson Smith_, dem ja unsere
+Zurckfhrung des Opfers auf jenes groe Ereignis der menschlichen
+Urgeschichte ferne liegt, gibt an, da die Zeremonien jener Feste, mit
+denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als
+_commemoration of a mythical tragedy_ ausgelegt wurden, und da die
+Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern
+etwas Zwangsmiges, von der Furcht vor dem gttlichen Zorn Gebotenes an
+sich trug(83). Wir glauben zu erkennen, da diese Auslegung im Rechte
+war, und da die Gefhle der Feiernden in der zugrunde liegenden
+Situation ihre gute Aufklrung fanden.
+
+ (83) Religion of the Semites, p.412-413. The mourning is not a
+ spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but
+ obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
+ death_ -- a point which has already come before us in connection with
+ theanthropic sacrifices, such as the oxmurder at Athens.
+
+Nehmen wir es nun als Tatsache hin, da auch in der weiteren Entwicklung
+der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewutsein des
+Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlschen. Jeder Lsungsversuch des
+religisen Problems, jede Art der Vershnung der beiden widerstreitenden
+seelischen Mchte wird allmhlich hinfllig, wahrscheinlich unter dem
+kombinierten Einflu von kulturellen nderungen, historischen
+Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.
+
+Mit immer grerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,
+sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einfhrung des
+Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen
+Familie. Er getraut sich neuer uerungen seiner inzestusen Libido, die
+in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.
+Es entstehen die Gttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u.a.,
+Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die
+Liebesgunst mtterlicher Gottheiten genieen, den Mutterinzest dem Vater
+zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewutsein, welches durch diese
+Schpfung nicht beschwichtigt ist, drckt sich in den Mythen aus, die
+diesen jugendlichen Geliebten der Muttergttinnen ein kurzes Leben und
+eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in
+Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber gettet, das heilige
+Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an
+Entmannung(84). Die Beweinung und die Freude ber die Auferstehung
+dieser Gtter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
+bergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war.
+
+ (84) Die Kastrationsangst spielt eine auerordentlich groe Rolle in
+ der Strung des Verhltnisses zum Vater bei unseren jugendlichen
+ Neurotikern. Aus der schnen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir
+ ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach
+ seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen
+ Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die
+ vlkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist
+ meines Wissens noch nicht ausgefhrt worden. Die in der Urzeit und bei
+ primitiven Vlkern so hufige Beschneidung gehrt dem Zeitpunkt der
+ Mnnerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden mu, und ist erst
+ sekundr in frhere Lebenszeiten zurckgeschoben worden. Es ist
+ beraus interessant, da die Beschneidung bei den Primitiven mit
+ Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
+ ist, und da unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen
+ knnen, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie
+ quivalente der Kastration behandeln.
+
+Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf
+die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war fr eine Weile
+zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen wrde.
+
+Die lichtumflossene Gestalt des persischen Gtterjnglings ist doch
+unserem Verstndnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den
+Darstellungen der Stierttungen durch Mithras schlieen, da er jenen
+Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit
+die Brder von der sie drckenden Mitschuld an der Tat erlste. Es gab
+einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewutseins und
+diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes
+Leben und dadurch erlste er die Brderschar von der Erbsnde.
+
+Die Lehre von der Erbsnde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den
+Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des
+griechischen Altertums ein(85). Die Menschen waren die Nachkommen von
+Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus gettet und zerstckelt
+hatten; die Last dieses Verbrechens drckte auf sie. In einem Fragment
+von _Anaximander_ wird gesagt, da die Einheit der Welt durch ein
+urzeitliches Verbrechen zerstrt worden sei, und da alles, was daraus
+hervorgegangen, die Strafe dafr weiter tragen mu.(86) Erinnert die Tat
+der Titanen durch die Zge der Zusammenrottung, der Ttung und
+Zerreiung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene Totemopfer
+-- wie brigens viele andere Mythen des Altertums, z.B. der Tod des
+Orpheus selbst -- so strt uns hier doch die Abweichung, da die Mordtat
+an einem jugendlichen Gott vollzogen wird.
+
+ (85) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p.75ff.
+
+ (86) Une sorte de pch proethnique l.c., p.76.
+
+Im christlichen Mythus ist die Erbsnde der Menschen unzweifelhaft eine
+Versndigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem
+Druck der Erbsnde erlst, indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt
+er uns zu dem Schlu, da diese Snde eine Mordtat war. Nach dem im
+menschlichen Fhlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur
+durch die Opferung eines anderen Lebens geshnt werden; die
+Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurck(87). Und wenn dieses
+Opfer des eigenen Lebens die Vershnung mit Gottvater herbeifhrt, so
+kann das zu shnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater
+gewesen sein.
+
+ (87) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmig
+ als Selbstbestrafungen fr Todeswnsche, die gegen andere gerichtet
+ sind.
+
+So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am
+unverhlltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im
+Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Shne fr sie gefunden hat.
+Die Vershnung mit dem Vater ist um so grndlicher, weil gleichzeitig
+mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen
+Willen man sich gegen den Vater emprt hatte. Aber nun fordert auch das
+psychologische Verhngnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen
+Tat, welche dem Vater die grtmgliche Shne bietet, erreicht auch der
+Sohn das Ziel seiner Wnsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott
+neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion lst die
+Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte
+Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die
+Brderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,
+geniet, sich durch diesen Genu heiligt und mit ihm identifiziert.
+Unser Blick verfolgt durch die Lnge der Zeiten die Identitt der
+Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und
+mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen
+Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen
+so sehr bedrckte, und auf das sie doch so stolz sein muten. Die
+christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
+Vaters, eine Wiederholung der zu shnenden Tat. Wir merken, wie
+berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, da the Christian communion has
+absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than
+Christianity(88).
+
+ (88) Eating the God, p.51. ... Niemand, der mit der Literatur des
+ Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, da die Zurckfhrung der
+ christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers
+ dieses Aufsatzes sei.
+
+
+
+
+7.
+
+
+Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brderschar mute
+unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und
+sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je
+weniger er selbst erinnert werden sollte(89). Ich gehe der Versuchung
+aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu
+finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem
+ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung
+ber den Tod des Orpheus folge(90).
+
+ (89) _Ariel_ im Sturm:
+
+ Full fathom five thy father lies:
+ Of his bones are coral made;
+ Those are pearls that were his eyes;
+ Nothing of him that doth fade
+ But doth suffer a sea-change
+ Into something rich and strange.
+
+ In der schnen bersetzung von _Schlegel_:
+
+ Fnf Faden tief liegt Vater dein.
+ Sein Gebein wird zu Korallen,
+ Perlen sind die Augen sein.
+ Nichts an ihm, das soll verfallen,
+ Das nicht wandelt Meeres-Hut
+ In ein reich und seltnes Gut.
+
+ (90) La Mort d'Orphe in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes
+ et Religions. T.II, p.100ff.
+
+In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche
+auffllige hnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
+mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.
+Es ist die Situation der ltesten griechischen Tragdie. Eine Schar von
+Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen
+einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhngig sind: Es ist
+der Chor und der ursprnglich einzige Heldendarsteller. Sptere
+Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um
+Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der
+Charakter des Helden wie sein Verhltnis zum Chor blieben unverndert.
+Der Held der Tragdie mute leiden; dies ist noch heute der wesentliche
+Inhalt einer Tragdie. Er hatte die sogenannte tragische Schuld auf
+sich geladen, die nicht immer leicht zu begrnden ist; sie ist oft keine
+Schuld im Sinne des brgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der
+Auflehnung gegen eine gttliche oder menschliche Autoritt, und der Chor
+begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefhlen, suchte ihn
+zurckzuhalten, zu warnen, zu migen und beklagte ihn, nachdem er fr
+sein khnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung
+gefunden hatte.
+
+Warum mu aber der Held der Tragdie leiden und was bedeutet seine
+tragische Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung
+abschneiden. Er mu leiden, weil er der Urvater, der Held jener groen
+urzeitlichen Tragdie ist, die hier eine tendenzise Wiederholung
+findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen mu,
+um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bhne ist
+durch zweckmige Entstellung, man knnte sagen: im Dienste raffinierter
+Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten
+Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden
+verursachten; hier aber erschpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
+und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewlzte
+Verbrechen, die berhebung und Auflehnung gegen eine groe Autoritt,
+ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die
+Brderschar, bedrckt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen
+Willen -- zum Erlser des Chors gemacht.
+
+Waren speziell in der griechischen Tragdie die Leiden des gttlichen
+Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
+Gefolges von Bcken der Inhalt der Auffhrung, so wird es leicht
+verstndlich, da das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an
+der Passion Christi neu entzndete.
+
+So mchte ich denn zum Schlu dieser mit uerster Verkrzung gefhrten
+Untersuchung das Ergebnis aussprechen, da im dipuskomplex die Anfnge
+von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, in
+voller bereinstimmung mit der Feststellung der Psychoanalyse, da
+dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt
+unserem Verstndnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine groe
+berraschung, da auch diese Probleme des Vlkerseelenlebens eine
+Auflsung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das Verhltnis
+zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes
+psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben
+so oft Gelegenheit gehabt, die Gefhlsambivalenz im eigentlichen Sinne,
+also das Zusammentreffen von Liebe und Ha gegen dasselbe Objekt, an der
+Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts ber die
+Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, da sie ein
+fundamentales Phnomen unseres Gefhlslebens sei. Aber auch die andere
+Mglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, da sie, dem Gefhlsleben
+ursprnglich fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(91) erworben
+wurde, wo die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute
+noch ihre strkste Ausprgung nachweist.(92)
+
+ (91) Respektive Elternkomplex.
+
+ (92) Der Miverstndnisse gewhnt, halte ich es nicht fr berflssig,
+ ausdrcklich hervorzuheben, da die hier gegebenen Zurckfhrungen an
+ die komplexe Natur der abzuleitenden Phnomene keineswegs vergessen
+ haben, und da sie nur den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten
+ oder noch unerkannten Ursprngen der Religion, Sittlichkeit und der
+ Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufgen, welches sich aus der
+ Bercksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die
+ Synthese zu einem Ganzen der Erklrung mu ich anderen berlassen. Es
+ geht aber diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, da er
+ in einer solchen Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen
+ knnte, wenngleich die berwindung von groen affektiven Widerstnden
+ erfordert werden drfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung zugesteht.
+
+Bevor ich nun abschliee, mu ich der Bemerkung Raum geben, da der hohe
+Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in
+diesen Ausfhrungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten
+unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate
+verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die
+sich manchem Leser aufgedrngt haben drften.
+
+Es kann zunchst niemand entgangen sein, da wir berall die Annahme
+einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher sich die seelischen
+Vorgnge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor
+allem das Schuldbewutsein wegen einer Tat ber viele Jahrtausende
+fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat
+nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefhlsproze, wie er bei
+Generationen von Shnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mihandelt
+wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen
+Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden
+waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere
+Erklrung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
+vermeiden kann.
+
+Allein eine weitere Erwgung zeigt, da wir die Verantwortlichkeit fr
+solche Khnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer
+Massenpsyche, einer Kontinuitt im Gefhlsleben der Menschen, welche
+gestattet sich ber die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das
+Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Vlkerpsychologie
+berhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der
+einen Generation nicht auf die nchste fort, mte jede ihre Einstellung
+zum Leben neu erwerben, so gbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt
+und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen,
+wieviel man der psychischen Kontinuitt innerhalb der Generationsreihen
+zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation
+bedient, um ihre psychischen Zustnde auf die nchste zu bertragen. Ich
+werde nicht behaupten, da diese Probleme weit genug geklrt sind, oder
+da die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunchst denkt, fr
+das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kmmert sich die
+Vlkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte
+Kontinuitt im Seelenleben der einander ablsenden Generationen
+hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung
+psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser
+Anste im individuellen Leben bedrfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen.
+Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen
+Vtern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch
+schwieriger, wenn wir zugestehen knnten, da es seelische Regungen
+gibt, welche so spurlos unterdrckt werden knnen, da sie keine
+Resterscheinungen zurcklassen. Allein solche gibt es nicht. Die
+strkste Unterdrckung mu Raum lassen fr entstellte Ersatzregungen und
+aus ihnen folgende Reaktionen. Dann drfen wir aber annehmen, da keine
+Generation imstande ist, bedeutsamere seelische Vorgnge vor der
+nchsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nmlich gelehrt, da
+jeder Mensch in seiner unbewuten Geistesttigkeit einen Apparat
+besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten,
+d.h. die Entstellungen wieder rckgngig zu machen, welche der andere
+an dem Ausdruck seiner Gefhlsregungen vorgenommen hat. Auf diesem Wege
+des unbewuten Verstndnisses all der Sitten, Zeremonien und Satzungen,
+welche das ursprngliche Verhltnis zum Urvater zurckgelassen hatte,
+mag auch den spteren Generationen die bernahme jener Gefhlserbschaft
+gelungen sein.
+
+Ein anderes Bedenken drfte gerade von seiten der analytischen Denkweise
+erhoben werden.
+
+Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschrnkungen der
+primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefat, welche
+ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat
+und beschlossen, da sie nicht mehr wiederholt werden solle, und da
+ihre Ausfhrung keinen Gewinn gebracht haben drfe. Dies schpferische
+Schuldbewutsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei
+den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften,
+fortgesetzte Einschrnkungen zu produzieren, als Shne fr die
+begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(93). Wenn wir
+aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche
+Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttuscht. Wir finden nicht
+Taten, sondern nur Impulse, Gefhlsregungen, welche nach dem Bsen
+verlangen, aber von der Ausfhrung abgehalten worden sind. Dem
+Schuldbewutsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitten
+zugrunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, da
+sie die psychische Realitt ber die faktische setzt, auf Gedanken
+ebenso ernsthaft reagiert, wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten.
+
+ (93) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe ber das Tabu, p.328ff.
+
+Kann es sich bei den Primitiven nicht hnlich verhalten haben? Wir sind
+berechtigt, ihnen eine auerordentliche berschtzung ihrer psychischen
+Akte als Teilerscheinung ihrer narzitischen Organisation
+zuzuschreiben(94). Demnach knnten die bloen Impulse von Feindseligkeit
+gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu tten und zu
+verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion zu erzeugen,
+die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man wrde so der Notwendigkeit
+entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den wir mit Recht
+so stolz sind, auf ein grliches, alle unsere Gefhle beleidigendes
+Verbrechen zurckzufhren. Die kausale, von jenem Anfang bis in unsere
+Gegenwart reichende Verknpfung litte dabei keinen Schaden, denn die
+psychische Realitt wre bedeutsam genug, um alle diese Folgen zu
+tragen. Man wende dagegen nicht ein, da ja eine Vernderung der
+Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des Brderclans wirklich
+vorgefallen ist. Sie knnte auf minder gewaltsame Weise erreicht worden
+sein und doch die Bedingung fr das Hervortreten der moralischen
+Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters sich fhlbar
+machte, waren die feindseligen Gefhle gegen ihn berechtigt, und die
+Reue ber sie mute einen anderen Zeitpunkt abwarten. Ebensowenig ist
+der zweite Einwand stichhaltig, da alles, was sich aus der ambivalenten
+Relation zum Vater ableitet, Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des
+hchsten Ernstes und der vollsten Realitt an sich trgt. Auch das
+Zeremoniell und die Hemmungen der Zwangsneurotiker zeigen diesen
+Charakter und gehen doch nur auf psychische Realitt, auf Vorsatz und
+nicht auf Ausfhrung zurck. Wir mssen uns hten, aus unserer
+nchternen Welt, die voll ist von materiellen Werten, die
+Geringschtzung des blos Gedachten und Gewnschten in die nur innerlich
+reiche Welt des Primitiven und des Neurotikers einzutragen.
+
+ (94) Siehe den Aufsatz ber Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken
+ in HeftI dieses Jahrganges.
+
+Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht
+gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, da der Unterschied,
+der Anderen fundamental erscheinen kann, fr unser Urteil nicht das
+Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn fr den Primitiven Wnsche und
+Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher
+Auffassung verstndnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Mastab
+zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in
+diesen Zweifel gebracht hat, selbst schrfer ins Auge fassen. Es ist
+nicht richtig, da die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke
+einer bermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realitt von
+Versuchungen verteidigen und wegen blos versprter Impulse bestrafen. Es
+ist auch ein Stck historischer Realitt dabei; in ihrer Kindheit hatten
+diese Menschen nichts anderes als die bsen Impulse, und insoweit sie in
+der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in
+Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen berguten hatte in der Kindheit
+seine bse Zeit, eine perverse Phase als Vorlufer und Voraussetzung der
+spteren moralischen. Die Analogie der Primitiven mit den Neurotikern
+wird also viel grndlicher hergestellt, wenn wir annehmen, da auch bei
+den ersteren die psychische Realitt, an deren Gestaltung kein Zweifel
+ist, anfnglich mit der faktischen Realitt zusammenfiel, da die
+Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen Zeugnissen zu
+tun beabsichtigten.
+
+Allzuweit drfen wir unser Urteil ber die Primitiven auch nicht durch
+die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die
+Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewi sind bei beiden, Wilden wie
+Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir
+sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im
+Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz fr die Tat.
+Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat
+um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum
+meine ich, ohne selbst fr die letzte Sicherheit der Entscheidung
+einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen:
+Im Anfang war die Tat.
+
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
+ steht.
+
+ physischen Konstellationen zu deuten.
+ psychischen Konstellationen zu deuten.
+
+ (6) Vgl. Die Abhandlung ber das Tabu, JmagoI.
+ (6) Vgl. Die Abhandlung ber das Tabu, ImagoI.
+
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism
+ origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus, Totemism
+
+ Jear Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
+ Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser
+
+ besonders die Abhandlung Sur le totmisme, T., V., 1901.
+ besonders die Abhandlung Sur le totmisme, T. V., 1901.
+
+ geopfert haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
+ geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).
+
+ Gesetz, welches dem Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
+ Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
+
+ Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet dem
+ Beleidigung dieser Triebe zuziehen wrden. Das Gesetz verbietet den
+
+ of Mr. _Darwins_ theory, before the totem beliefs lent to the
+ of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
+
+ die Tatsache gegrndet wird, da man einen Teil von der Substanz seiner
+ die Tatsache gegrndet wird, da man ein Teil von der Substanz seiner
+
+ (69) l.c. p.313.
+ (69) l.c. p.113.
+
+ (70) The Golden Bough, Part.V, Spirits of the corn and of the wild;
+ (70) The Golden Bough, PartV, Spirits of the corn and of the wild;
+
+ der Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+ des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
+
+ gefrchtete Vorbild eines jeden aus der Bruderschar gewesen. Nun setzten
+ gefrchtete Vorbild eines jeden aus der Brderschar gewesen. Nun setzten
+
+ als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand in
+ als natrlicher und nchstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
+
+ Lsungen men wir fragen, ob das mglich ist und welchen Sinn es haben
+ Lsungen mssen wir fragen, ob das mglich ist und welchen Sinn es haben
+
+ Bruderclans auf jeden Teilnehmer bten, unerfllt bleiben. Es konnte und
+ Brderclans auf jeden Teilnehmer bten, unerfllt bleiben. Es konnte und
+
+ Vorstellungsvermgen des klassischen Altertums keineswegs anstssig(81).
+ Vorstellungsvermgen des klassischen Altertums keineswegs anstig(81).
+
+ thinking gods and men were akin, for many families traced ther
+ thinking gods and men were akin, for many families traced their
+
+ der berwltigung des Vaters, seiner grten Erniedigung, ist hier zum
+ der berwltigung des Vaters, seiner grten Erniedrigung, ist hier zum
+
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the gods
+ object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
+
+ Gesellschaft ein neues Moment hinzufgen, welches sich aus der
+ Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufgen, welches sich aus der
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by
+Sigmund Freud
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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+<pre>
+
+Project Gutenberg's Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die infantile Wiederkehr des Totemismus
+ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker IV
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 14, 2011 [EBook #37071]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Der Text stammt aus: <cite>Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften&nbsp;II</cite> (1913).
+S.&nbsp;357&ndash;408.</p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_357" title="357"> </a></div>
+<h1><big>Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker.</big><br/>
+<small>Von SIGM. FREUD.</small><br/>
+IV.<br/>
+Die infantile Wiederkehr des Totemismus.</h1>
+
+<p class="drop-cap">Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung
+psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat,
+braucht man nicht zu besorgen, daß sie versucht sein werde,
+etwas so Kompliziertes wie die Religion aus einem einzigen Ursprung
+abzuleiten. Wenn sie in notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer
+Einseitigkeit eine einzige der Quellen dieser Institution zur Anerkennung
+bringen will, so beansprucht sie zunächst für dieselbe die
+Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten Rang unter den zusammenwirkenden
+Momenten. Erst eine Synthese aus verschiedenen Gebieten
+der Forschung kann entscheiden, welche relative Bedeutung dem hier
+zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion zuzuteilen
+ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel als auch
+die Absicht des Psychoanalytikers.</p>
+
+<h2>1.</h2>
+
+<p>In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff
+des Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus
+ein System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in
+Australien, Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und
+die Grundlage der sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, daß
+der Schotte <span class="gesperrt">Mac Lennan</span> 1869 das allgemeinste Interesse für die
+bis dahin nur als Kuriosa gewürdigten Phänomene des Totemismus
+in Anspruch nahm, indem er die Vermutung aussprach, eine große
+Anzahl von Sitten und Gebräuchen in verschiedenen alten wie modernen
+Gesellschaften seien als Überreste einer totemistischen Epoche
+<a class="pagenum" name="Page_358" title="358"> </a>
+zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither diese Bedeutung des
+Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der letzten
+Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den Elementen
+der Völkerpsychologie von W. <span class="gesperrt">Wundt</span> (1912) zitieren<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a>: »Nehmen
+wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit
+der Schluß, daß die totemistische Kultur überall einmal eine
+Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe
+zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden-
+und Götterzeitalter gebildet hat.«</p>
+
+<p>Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu
+einem tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus
+Gründen, welche später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier
+eine Darstellung von S. <span class="gesperrt">Reinach</span>, der im Jahre 1900 nachstehenden
+Code du totémisme in zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus
+der totemistischen Religion, entworfen hat<a name="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">(2)</a>:</p>
+
+<p>1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden,
+aber die Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und
+schenken ihnen Pflege.</p>
+
+<p>2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den
+gleichen Ehrenbezeugungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.</p>
+
+<p>3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen
+bestimmten Körperteil des Tieres.</p>
+
+<p>4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem
+Drange der Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei
+ihm und sucht die Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache
+Kunstgriffe und Ausflüchte abzuschwächen.</p>
+
+<p>5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.</p>
+
+<p>6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien,
+legt man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch
+besteht, sind dies die Totemtiere.</p>
+
+<p>7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben
+die der Totemtiere.</p>
+
+<p>8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren
+mit ihnen ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den
+Leib oder lassen sich solche durch Tätowierung einritzen.</p>
+
+<p>9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen
+Tieren gehört, so wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach
+ihm genannten Stammes verschont.</p>
+
+<p>10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des
+Stammes.</p>
+
+<p>11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an
+und dient ihnen als Führer.</p>
+
+<p>12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran,
+<a class="pagenum" name="Page_359" title="359"> </a>
+daß sie mit dem Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung
+verknüpft sind.</p>
+
+<p>Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen,
+wenn man in Betracht zieht, daß <span class="gesperrt">Reinach</span> hier auch alle Anzeichen
+und Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen
+Bestand des totemistischen Systems erschließen kann. Eine besondere
+Stellung dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, daß er dafür
+die wesentlichen Züge des Totemismus einigermaßen vernachlässigt.
+Wir werden uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen
+des totemistischen Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt,
+den anderen völlig übergangen hat.</p>
+
+<p>Um von den Charakteren des Totemismus ein richtigeres Bild
+zu gewinnen, wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema
+ein vierbändiges Werk gewidmet hat, das die vollständigste Sammlung
+der hieher gehörigen Beobachtungen mit der eingehendsten
+Diskussion der durch sie angeregten Probleme verbindet. Wir werden
+J.&nbsp;G. <span class="gesperrt">Frazer</span>, dem Verfasser von »Totemism and Exogamy«<a name="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">(3)</a>
+für Genuß und Belehrung verpflichtet bleiben, auch wenn die psychoanalytische
+Untersuchung zu Ergebnissen führen sollte, welche weit
+von den seinigen abweichen<a name="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">(4)</a>.</p>
+
+<p>Ein Totem, schrieb <span class="gesperrt">Frazer</span> in seinem ersten Aufsatze<a name="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">(5)</a>, ist
+<a class="pagenum" name="Page_360" title="360"> </a>
+ein materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen
+Respekt bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person
+und jedem Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung
+besteht. Die Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem
+ist eine wechselseitige; der Totem beschützt den Menschen und der
+Mensch beweist seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene
+Arten, so z.&nbsp;B. daß er ihn nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt,
+wenn es eine Pflanze ist. Der Totem unterscheidet sich vom
+Fetisch darin, daß er nie ein Einzelding ist wie dieser, sondern
+immer eine Gattung, in der Regel eine Tier- oder Pflanzenart,
+seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und noch seltener von
+künstlich hergestellten Gegenständen.</p>
+
+<p>Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:</p>
+
+<p>1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und
+der sich erblich von einer Generation auf die andere überträgt;</p>
+
+<p>2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen
+Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechts
+angehört, und</p>
+
+<p>3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet
+und nicht auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten
+Arten von Totem kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem
+nicht in Betracht. Es sind, wenn nicht alles täuscht, späte und für
+das Wesen des Totem wenig bedeutsame Bildungen.</p>
+
+<p>Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung
+einer Gruppe von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem
+nennen, sich für blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen
+Ahnen halten und durch gemeinsame Pflichten gegeneinander wie
+durch den Glauben an ihren Totem miteinander fest verbunden sind.</p>
+
+<p>Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales
+System. Nach seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen
+gegenseitiger Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und
+seinem Totem, nach seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen
+der Clanmitglieder gegeneinander und gegen andere Stämme. In
+der späteren Geschichte des Totemismus zeigen dessen beide Seiten
+eine Neigung auseinander zu gehen; das soziale System überlebt
+häufig das religiöse und umgekehrt verbleiben Reste von Totemismus
+in der Religion solcher Länder, in denen das auf den Totemismus
+gegründete soziale System verschwunden ist. Wie diese beiden
+Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander zusammenhingen,
+können wir bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge nicht
+mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke Wahrscheinlichkeit
+dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang
+unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter
+wir zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammesangehörige
+sich zur selben Art zählt wie seinen Totem und sein
+Verhalten gegen den Totem von dem gegen einen Stammesgenossen
+nicht unterscheidet.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_361" title="361"> </a>In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen
+Systems stellt <span class="gesperrt">Frazer</span> voran, daß die Mitglieder eines
+Stammes sich nach ihrem Totem nennen und <em class="gesperrt">in der Regel auch
+glauben, daß sie von ihm abstammen</em>. Die Folge dieses Glaubens
+ist es, daß sie das Totemtier nicht jagen, nicht töten und nicht
+essen und sich jeden anderen Gebrauch des Totem versagen, wenn
+er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote, den Totem nicht zu
+töten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen Tabu, die ihn betreffen;
+manchmal ist es auch verboten ihn zu berühren, ja, ihn anzuschauen;
+in einer Anzahl von Fällen darf der Totem nicht bei
+seinem richtigen Namen genannt werden. Die Übertretung dieser
+den Totem schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch
+schwere Erkrankungen oder Tod<a name="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">(6)</a>.</p>
+
+<p>Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem
+Clan aufgezogen und in der Gefangenschaft gehegt<a name="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">(7)</a>. Ein tot aufgefundenes
+Totemtier wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse.
+Mußte man ein Totemtier töten, so geschah es unter
+einem vorgeschriebenen Rituale von Entschuldigungen und Sühnezeremonien.</p>
+
+<p>Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung.
+Wenn er ein gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte
+man voraus, daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun würde,
+und wo sich diese Voraussetzung nicht bestätigte, wurde der Beschädigte
+aus dem Stamm ausgestoßen. Eide, meint <span class="gesperrt">Frazer</span>, waren
+ursprünglich Ordalien, viele Abstammungs- und Echtheitsproben
+wurden so dem Totem zur Entscheidung überlassen. Der Totem
+hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen und Warnungen.
+Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines Hauses wurde
+häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem
+war gekommen, seinen Verwandten zu holen<a name="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">(8)</a>.</p>
+
+<p>Unter verschiedenen, bedeutsamen Verhältnissen sucht der
+Clangenosse seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem
+er sich ihm äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des
+Totemtiers hüllt, sich das Bild desselben einritzt u.&nbsp;dgl. Bei den
+feierlichen Gelegenheiten der Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses
+wird diese Identifizierung mit dem Totem in Taten und
+Worten durchgeführt. Tänze, bei denen alle Genossen des Stammes
+sich in ihren Totem verkleiden und wie er gebärden, dienen mannigfaltigen
+magischen und religiösen Absichten. Endlich gibt es Zeremonien,
+bei denen das Totemtier in feierlicher Weise getötet wird<a name="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">(9)</a>.</p>
+
+<p>Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in
+einem streng gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung
+<a class="pagenum" name="Page_362" title="362"> </a>
+aus. Die Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und
+Schwestern, verpflichtet einander zu helfen und zu beschützen; im
+Falle der Tötung eines Clangenossen durch einen Fremden haftet
+der ganze Stamm des Täters für die Bluttat, und der Clan des
+Gemordeten fühlt sich solidarisch in der Forderung nach Sühne für
+das vergossene Blut. Die Totembande sind stärker als die Familienbande
+in unserem Sinne; sie fallen mit diesen nicht zusammen, da
+die Übertragung des Totem in der Regel durch mütterliche Vererbung
+geschieht und ursprünglich die väterliche Vererbung vielleicht
+überhaupt nicht in Geltung war.</p>
+
+<p>Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem
+Verbot, daß Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten
+und überhaupt nicht in Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies
+ist die berühmte und rätselhafte, mit dem Totemismus verknüpfte
+<em class="gesperrt">Exogamie</em>. Wir haben ihr die ganze erste Abhandlung dieser
+Reihe gewidmet und brauchen darum hier nur anzuführen, daß sie
+der verschärften Inzestscheu der Primitiven entspringt, daß sie als
+Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen verständlich
+würde, und daß sie zunächst die Inzestverhütung für die jüngere
+Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der älteren
+Generation zum Hindernis wird<a name="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">(10)</a>.</p>
+
+<p>An diese Darstellung des Totemismus bei <span class="gesperrt">Frazer</span>, eine der
+frühesten in der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige
+Auszüge aus einer der letzten Zusammenfassungen anschließen.
+In den 1912 erschienenen Elementen der Völkerpsychologie sagt
+W. <span class="gesperrt">Wundt</span><a name="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">(11)</a>: »Das Totemtier gilt als Ahnentier der betreffenden
+Gruppe. ›Totem‹ ist also einerseits Gruppen-, anderseits Abstammungsname,
+und in letzterer Beziehung hat dieser Name zugleich
+eine mythologische Bedeutung. Alle diese Verwendungen des
+Begriffs spielen aber ineinander und die einzelnen dieser Bedeutungen
+können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die Totems
+fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden
+sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung
+oder aber auch die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund
+steht ... Der Begriff des Totem wird für die <em class="gesperrt">Stammesgliederung</em>
+und <em class="gesperrt">Stammesorganisation</em> maßgebend. Mit diesen
+Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und Fühlen der
+Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier ursprünglich
+jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe
+von Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als
+Stammvater der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hängt dann
+zusammen, daß diese Tierahnen einen Kult genießen ... Dieser
+Tierkult äußert sich ursprünglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien
+und zeremoniellen Festen vor allem in dem Verhalten gegenüber
+dem Totemtier: nicht nur ein einzelnes Tier, sondern jeder
+<a class="pagenum" name="Page_363" title="363"> </a>
+Repräsentant der gleichen Spezies ist in gewissem Grade ein geheiligtes
+Tier, es ist den Totemgenossen verboten oder nur unter
+bestimmten Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres zu genießen.
+Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame
+Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen eine Art von
+zeremoniellem Genuß des Totemfleisches stattfindet&nbsp;...«</p>
+
+<p>»...&nbsp;Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen Stammesgliederung
+besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der
+Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind.
+Unter diesen Normen stehen in erster Linie die für den Eheverkehr.
+So hängt diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung
+zusammen, die zum erstenmal im totemistischen Zeitalter
+auftritt: mit der <em class="gesperrt">Exogamie</em>.«</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung
+oder Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des
+ursprünglichen Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns
+folgende wesentliche Züge: <em class="gesperrt">Die Totem waren ursprünglich nur
+Tiere, sie galten als die Ahnen der einzelnen Stämme. Der
+Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie; es war verboten,
+den Totem zu töten</em> (oder <em class="gesperrt">zu essen</em>, was für primitive
+Verhältnisse zusammenfällt); <em class="gesperrt">es war den Totemgenossen verboten,
+Sexualverkehr miteinander zu pflegen<a name="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">(12)</a>.</em></p>
+
+<p>Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du Totémisme,
+den <span class="gesperrt">Reinach</span> aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der
+Exogamie, überhaupt nicht vorkommt, während die Voraussetzung
+des zweiten, die Abstammung vom Totemtier, nur eine beiläufige
+Erwähnung findet. Ich habe aber die Darstellung <span class="gesperrt">Reinachs</span>, eines
+um den Gegenstand sehr verdienten Autors, ausgewählt, um auf die
+Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren vorzubereiten, welche
+uns nun beschäftigen sollen.</p>
+
+<h2>2.</h2>
+
+<p>Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus
+eine regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender
+<a class="pagenum" name="Page_364" title="364"> </a>
+wurde das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen,
+die Rätsel seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl
+alles am Totemismus; die entscheidenden Fragen sind die nach der
+Herkunft der Totemabstammung, nach der Motivierung der Exogamie
+(respektive des durch sie vertretenen Inzesttabu) und nach der Beziehung
+zwischen den beiden, der Totemorganisation und dem Inzestverbot.
+Das Verständnis sollte in einem ein historisches und ein
+psychologisches sein, Auskunft geben, unter welchen Bedingungen
+sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und welchen seelischen
+Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte.</p>
+
+<p>Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von
+wie verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser
+Fragen versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen
+Forscher hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich
+alles in Frage, was man allgemein über Totemismus und Exogamie
+behaupten möchte; auch das vorangeschickte, aus einer von <span class="gesperrt">Frazer</span>
+1887 veröffentlichten Schrift geschöpfte Bild kann der Kritik nicht
+entgehen, eine willkürliche Vorliebe des Referenten auszudrücken,
+und würde heute von <span class="gesperrt">Frazer</span> selbst, der seine Ansichten über den
+Gegenstand wiederholt geändert hat, beanständet werden.<a name="FNanchor_13" href="#Footnote_13" class="fnanchor">(13)</a></p>
+
+<p>Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des
+Totemismus und der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn
+man den Ursprüngen der beiden Institutionen näher käme. Dann ist
+aber für die Beurteilung der Sachlage die Bemerkung von <span class="gesperrt">Andrew
+Lang</span> nicht zu vergessen, daß auch die primitiven Völker uns diese ursprünglichen
+Formen der Institutionen und die Bedingungen für deren
+Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so daß wir einzig und
+allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die mangelnde Beobachtung
+zu ersetzen<a name="FNanchor_14" href="#Footnote_14" class="fnanchor">(14)</a>. Unter den vorgebrachten Erklärungsversuchen
+erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von vornherein
+als inadäquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den Gefühlscharakter
+der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. Andere ruhen
+auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Bestätigung versagt;
+noch andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer
+anderen Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der
+verschiedenen Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die
+Autoren sind wie gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander
+üben, stärker als in ihren eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist
+<a class="pagenum" name="Page_365" title="365"> </a>
+für die meisten der behandelten Punkte das Endergebnis. Es ist daher
+nicht zu verwundern, wenn in der neuesten, hier meist übergangenen
+Literatur des Gegenstandes das unverkennbare Bestreben
+auftritt, eine allgemeine Lösung der totemistischen Probleme als undurchführbar
+abzuweisen. (So z.&nbsp;B. <span class="gesperrt">Goldenweiser</span> im J. of Am.
+Folk-Lore&nbsp;XXIII, 1910. Referat in Britannica <ins title="Jear">Year</ins> Book 1913.) Ich
+habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser einander widerstreitenden
+Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen.</p>
+
+<h3><i>a</i>) Die Herkunft des Totemismus.</h3>
+
+<p>Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch
+so formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre
+Stämme) nach Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu benennen?<a name="FNanchor_15" href="#Footnote_15" class="fnanchor">(15)</a></p>
+
+<p>Der Schotte <span class="gesperrt">Mac Lennan</span>, der Totemismus und Exogamie
+für die Wissenschaft entdeckte<a name="FNanchor_16" href="#Footnote_16" class="fnanchor">(16)</a>, enthielt sich, eine Ansicht über die
+Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mitteilung
+von A. <span class="gesperrt">Lang</span><a name="FNanchor_17" href="#Footnote_17" class="fnanchor">(17)</a> war er eine Zeit lang geneigt, den Totemismus
+auf die Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die verlautbarten
+Theorien zur Ableitung des Totemismus möchte ich in drei Gruppen
+bringen als α) nominalistische, β) soziologische, γ) psychologische.</p>
+
+<h4>α) Die nominalistischen Theorien.</h4>
+
+<p>Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammenfassung
+unter dem von mir gebrauchten Titel rechtfertigen.</p>
+
+<p>Schon <span class="gesperrt">Garcilaso de la Vega</span>, ein Abkömmling der peruanischen
+Inka, der im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte seines
+Volkes schrieb, soll, was ihm von totemistischen Phänomenen bekannt
+war, auf das Bedürfnis der Stämme, sich durch Namen von
+einander zu unterscheiden, zurückgeführt haben<a name="FNanchor_18" href="#Footnote_18" class="fnanchor">(18)</a>. Derselbe Gedanke
+taucht Jahrhunderte später in der Ethnology von A.&nbsp;K. <span class="gesperrt">Keane</span> auf,
+die Totem seien aus »heraldic badges« (Wappenabzeichen) hervorgegangen,
+durch die Individuen, Familien und Stämme sich voneinander
+unterscheiden wollten<a name="FNanchor_19" href="#Footnote_19" class="fnanchor">(19)</a>.</p>
+
+<p>Max <span class="gesperrt">Müller</span> äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung
+der Totem in seinen Contributions to the Science of Mythology<a name="FNanchor_20" href="#Footnote_20" class="fnanchor">(20)</a>.
+Ein Totem sei 1. ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name
+des Ahnherrn des Clans, 4. der Name des vom Clan verehrten
+Gegenstandes. Später J. <span class="gesperrt">Pikler</span> 1899: Die Menschen bedurften eines
+<a class="pagenum" name="Page_366" title="366"> </a>
+bleibenden, schriftlich fixierbaren Namens für Gemeinschaften und Individuen
+... So entspringt also der Totemismus nicht aus dem
+religiösen, sondern aus dem nüchternen Alltagsbedürfnis der Menschheit.
+Der Kern des Totemismus, die Benennung, ist eine Folge
+der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem ist auch der
+von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden aber erst
+den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee
+einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab.<a name="FNanchor_21" href="#Footnote_21" class="fnanchor">(21)</a></p>
+
+<p>Herbert <span class="gesperrt">Spencer</span><a name="FNanchor_22" href="#Footnote_22" class="fnanchor">(22)</a> legte gleichfalls der Namengebung die entscheidende
+Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne
+Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften
+herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen
+oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen
+fortsetzten. Infolge der Unbestimmtheit und Unverständlichkeit der
+primitiven Sprachen seien diese Namen von den späteren Generationen
+so aufgefaßt worden, als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung
+von diesen Tieren selbst. Der Totemismus hätte sich so als mißverständliche
+Ahnenverehrung ergeben.</p>
+
+<p>Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses,
+hat Lord <span class="gesperrt">Avebury</span> (bekannter unter seinem früheren Namen
+Sir John <span class="gesperrt">Lubbock</span>) die Entstehung des Totemismus beurteilt:
+Wenn wir die Tierverehrung erklären wollen, dürfen wir nicht daran
+vergessen, wie häufig die menschlichen Namen von den Tieren entlehnt
+werden. Die Kinder und das Gefolge eines Mannes, der Bär
+oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen Stammesnamen.
+Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer gewissen
+Achtung und endlich Verehrung gelangte.</p>
+
+<p>Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche
+Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat
+<span class="gesperrt">Fison</span> vorgebracht<a name="FNanchor_23" href="#Footnote_23" class="fnanchor">(23)</a>. Er zeigt an den Verhältnissen von Australien,
+daß der Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen,
+nie eines einzelnen ist. Wäre es aber anders und der Totem ursprünglich
+der Name eines einzelnen Menschen, so könnte er bei
+dem System der mütterlichen Vererbung nie auf dessen Kinder
+übergehen.</p>
+
+<p>Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkundiger
+Weise unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der Tiernamen
+für die Stämme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche
+diese Namengebung für sie gewonnen hat, das totemistische System.
+Die beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. <span class="gesperrt">Lang</span>
+in seinen Büchern Social origins 1903 und The secret of the totem
+<a class="pagenum" name="Page_367" title="367"> </a>
+1905 entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern
+des Problems, aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische
+Momente und beansprucht so das Rätsel des Totemismus der endgiltigen
+Lösung zugeführt zu haben.</p>
+
+<p>A. <span class="gesperrt">Lang</span> meint, es sei zunächst gleichgiltig, auf welche Weise
+die Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur
+annehmen, sie erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie solche
+tragen, und wußten sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der
+<em class="gesperrt">Ursprung dieser Namen sei vergessen</em>. Dann würden sie versuchen,
+sich durch Spekulation Auskunft darüber zu schaffen, und
+bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der Namen müßten
+sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im totemistischen
+System enthalten sind. Namen sind für die Primitiven &ndash; wie für
+die heutigen Wilden und selbst für unsere Kinder<a name="FNanchor_24" href="#Footnote_24" class="fnanchor">(24)</a> &ndash; nicht etwa
+etwas Gleichgiltiges und Konventionelles, wie sie uns etwa erscheinen,
+sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der
+Name eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht
+ein Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere
+mußte die Primitiven dazu führen, ein geheimnisvolles und bedeutsames
+Band zwischen ihren Personen und dieser Tiergattung anzunehmen.
+Welches Band konnte da anders in Betracht kommen als
+das der Blutsverwandtschaft? War diese aber infolge der Namensgleichheit
+einmal angenommen, so ergaben sich aus ihr als direkte
+Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit Einschluß der Exogamie.</p>
+
+<p>»No more than these three things &ndash; a group animal name
+of unknown origin; belief in a transcendental connection between
+all bearers, human and bestial, of the same name; and belief in the
+blood superstitions &ndash; was needed to give rise to all the totemic
+creeds and practices, including exogamy.« (Secret of the Totem,
+p.&nbsp;126.)</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Langs</span> Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das
+totemistische System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache
+der Totemnamen ab unter der Voraussetzung, daß die Herkunft
+dieser Namengebung vergessen worden sei. Das andere Stück
+der Theorie sucht nun den Ursprung dieser Namen aufzuklären;
+wir werden sehen, daß es von ganz anderem Gepräge ist.</p>
+
+<p>Dies andere Stück der <span class="gesperrt-left-part">Lang</span>schen Theorie entfernt sich nicht
+wesentlich von den übrigen, die ich »nominalistisch« genannt habe.
+Das praktische Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die einzelnen
+Stämme Namen anzunehmen, und darum ließen sie sich die Namen
+gefallen, die jedem Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies
+»naming from without« ist die Eigentümlichkeit der <span class="gesperrt-left-part">Lang</span>schen
+Konstruktion. Daß die Namen, die so zustande kamen, von Tieren
+entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig und braucht von den Primitiven
+<a class="pagenum" name="Page_368" title="368"> </a>
+nicht als Schimpf oder Spott empfunden worden zu sein.
+Übrigens hat <span class="gesperrt">Lang</span> die keineswegs vereinzelten Fälle aus späteren
+Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von außen gegebene,
+ursprünglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten
+akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (<span class="gesperrt">Geusen</span>, <span class="gesperrt">Whigs</span> und
+<span class="gesperrt">Tories</span>). Die Annahme, daß die Entstehung dieser Namen im
+Laufe der Zeit vergessen wurde, verknüpft dies zweite Stück der
+<span class="gesperrt-left-part">Lang</span>schen Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten.</p>
+
+<h4>β) Die soziologischen Theorien.</h4>
+
+<p>S. <span class="gesperrt">Reinach</span>, der den Überbleibseln des totemistischen Systems
+in Kult und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber
+von Anfang an das Moment der Abstammung vom Totemtier
+gering geschätzt hat, äußert einmal ohne Bedenken, der Totemismus
+scheine ihm nichts anderes zu sein als »une hypertrophie de
+l'instinct social«<a name="FNanchor_25" href="#Footnote_25" class="fnanchor">(25)</a>.</p>
+
+<p>Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. <span class="gesperrt">Durkheim</span>,
+Les formes élémentaires de la vie religieuse. Le système
+totémique en Australie, 1912, zu durchziehen. Der Totem ist der
+sichtbare Repräsentant der sozialen Religion dieser Völker. Er verkörpert
+die Gemeinschaft, welche der eigentliche Gegenstand der
+Verehrung ist.</p>
+
+<p>Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese
+Beteiligung der sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen
+Institutionen gesucht. So hat A.&nbsp;C. <span class="gesperrt">Haddon</span> angenommen, daß
+jeder primitive Stamm ursprünglich von einer besonderen Tier- oder
+Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit diesem Nahrungsmittel Handel
+trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch zuführte. So konnte
+es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter dem Namen
+des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle spielte, bekannt
+wurde. Gleichzeitig mußte sich bei diesem Stamm eine besondere
+Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse
+für dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches
+Motiv als auf das elementarste und dringendste der menschlichen
+Bedürfnisse, den Hunger, gegründet war<a name="FNanchor_26" href="#Footnote_26" class="fnanchor">(26)</a>.</p>
+
+<p>Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien
+besagen, daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primitiven
+nirgends gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe.
+Die Wilden seien omnivor und zwar um so mehr, je niedriger sie
+stehen. Ferner sei es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschließlicher
+Diät sich ein fast religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt
+haben konnte, das in der absoluten Enthaltung von der
+Vorzugsnahrung gipfelte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_369" title="369"> </a>Die erste der drei Theorien, welche <span class="gesperrt">Frazer</span> über die Entstehung
+des Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie
+wird an anderer Stelle berichtet werden.</p>
+
+<p>Die zweite hier zu besprechende Theorie <span class="gesperrt">Frazers</span> entstand
+unter dem Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher
+über die Eingebornen von Zentralaustralien<a name="FNanchor_27" href="#Footnote_27" class="fnanchor">(27)</a>.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Spencer</span> und <span class="gesperrt">Gillen</span> beschrieben bei einer Gruppe von
+Stämmen, der sogenannten <span class="gesperrt-left-part">Arunta</span>nation, eine Reihe von eigentümlichen
+Einrichtungen, Gebräuchen und Ansichten und <span class="gesperrt">Frazer</span>
+schloß sich ihrem Urteil an, daß diese Besonderheiten als Züge
+eines primären Zustandes zu betrachten seien und über den ersten
+und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß geben können.</p>
+
+<p>Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem <span class="gesperrt-left-part">Arunta</span>stamm selbst
+(einem Teil der <span class="gesperrt-left-part">Arunta</span>nation) folgende:</p>
+
+<p>1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem
+wird nicht erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende
+Weise) individuell bestimmt.</p>
+
+<p>2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen
+werden durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen
+hergestellt, welche mit den Totem nichts zu tun haben.</p>
+
+<p>3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung
+einer Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung
+des eßbaren Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heißt
+<span class="gesperrt">Intichiuma</span>).</p>
+
+<p>4. Die <span class="gesperrt">Arunta</span> haben eine eigenartige Konzeptions- und Wiedergeburtstheorie.
+Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres
+Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre
+Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die
+jene Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter
+an, auf welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu haben
+glaubt. Danach wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird
+ferner angenommen, daß die Geister (der Verstorbenen, wie der
+Wiedergeborenen) an eigentümliche Steinamulette gebunden sind
+(Namens <span class="gesperrt">Churinga</span>), welche an jenen Stätten gefunden werden.</p>
+
+<p>Zwei Momente scheinen <span class="gesperrt">Frazer</span> zum Glauben bewogen zu
+haben, daß man in den Einrichtungen der <span class="gesperrt">Arunta</span> die älteste Form
+des Totemismus aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser
+Mythen, welche behaupteten, daß die Ahnen der <span class="gesperrt">Arunta</span> sich regelmäßig
+von ihrem Totem genährt und keine anderen Frauen als
+die aus ihrem eigenen Totem geheiratet hätten. Zweitens die anscheinende
+Zurücksetzung des Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie.
+Menschen, die noch nicht erkannt hatten, daß die Empfängnis
+die Folge des Geschlechtsverkehrs sei, dürfte man wohl als
+<a class="pagenum" name="Page_370" title="370"> </a>
+die zurückgebliebensten und primitivsten unter den heute lebenden
+ansehen.</p>
+
+<p>Indem <span class="gesperrt">Frazer</span> sich für die Beurteilung des Totemismus an
+die Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System
+auf einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchweg praktische
+Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürfnisse des
+Menschen (vgl. oben <span class="gesperrt">Haddon</span>)<a name="FNanchor_28" href="#Footnote_28" class="fnanchor">(28)</a>. Das System war einfach ein großartiges
+Stück von »cooperative magic«. Die Primitiven bildeten sozusagen
+einen magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan
+hatte die Aufgabe übernommen, für die Reichlichkeit eines gewissen
+Nahrungsmittels zu sorgen. Wenn es sich um nicht eßbare Totem
+handelte, wie um schädliche Tiere, um Regen, Wind u.&nbsp;dgl., so
+war die Pflicht des Totemclans, dieses Stück Natur zu beherrschen
+und dessen Schädlichkeit abzuwehren. Die Leistungen eines jeden
+Clans kamen allen anderen zugute. Da der Clan von seinem Totem
+nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so beschaffte er dieses
+wertvolle Gut für die anderen und wurde dafür von ihnen mit dem
+versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu besorgen
+hatten. Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie vermittelten
+Auffassung wollte es <span class="gesperrt">Frazer</span> scheinen, als wäre man durch das
+Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere
+Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, nämlich das Gebot,
+möglichst viel von dem eßbaren Totem für den Bedarf der anderen
+herbeizuschaffen.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Frazer</span> nahm die Tradition der <span class="gesperrt">Arunta</span> an, daß jeder Totemclan
+sich ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem genährt
+habe. Dann bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung
+zu verstehen, die sich damit begnügte, den Totem für
+andere zu sichern, während man selbst auf seinen Genuß fast verzichtete.
+Er nahm dann an, diese Einschränkung sei keineswegs
+aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen, sondern
+vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen zu
+verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung mit dem
+Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen wünschte,
+Schaden brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt
+zu machen, indem man es selbst verschonte. <span class="gesperrt">Frazer</span> verhehlte sich
+aber die Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht<a name="FNanchor_29" href="#Footnote_29" class="fnanchor">(29)</a> und ebensowenig
+getraute er sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen
+der <span class="gesperrt">Arunta</span> behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten,
+sich zur Exogamie gewandelt habe.</p>
+
+<p>Die auf das Intichiuma gegründete Theorie <span class="gesperrt">Frazers</span> steht
+und fällt mit der Anerkennung der primitiven Natur der <span class="gesperrt-left-part">Arunta</span>institutionen.
+<a class="pagenum" name="Page_371" title="371"> </a>
+Es scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die von
+<span class="gesperrt">Durkheim</span><a name="FNanchor_30" href="#Footnote_30" class="fnanchor">(30)</a> und <span class="gesperrt">Lang</span><a name="FNanchor_31" href="#Footnote_31" class="fnanchor">(31)</a> vorgebrachten Einwendungen zu halten.
+Die Arunta scheinen vielmehr die entwickeltsten der australischen
+Stämme zu sein, eher ein Auflösungsstadium als den Beginn des
+Totemismus zu repräsentieren. Die Mythen, welche auf <span class="gesperrt">Frazer</span> so
+großen Eindruck gemacht haben, weil sie im Gegensatz zu den
+heute herrschenden Institutionen die Freiheit betonen vom Totem
+zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, würden sich uns
+leicht als Wunschphantasien erklären, welche in die Vergangenheit
+projiziert sind, ähnlich wie der Mythus vom goldenen Zeitalter.</p>
+
+<h4>γ) Die psychologischen Theorien.</h4>
+
+<p>Die erste psychologische Theorie <span class="gesperrt">Frazers</span>, noch vor seiner
+Bekanntschaft mit den Beobachtungen von <span class="gesperrt">Spencer</span> und <span class="gesperrt">Gillen</span>
+geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die »äußerliche Seele«<a name="FNanchor_32" href="#Footnote_32" class="fnanchor">(32)</a>. Der
+Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen,
+an dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen,
+entzogen zu bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem
+Totem untergebracht hatte, so war er selbst unverletzlich und natürlich
+hütete er sich, den Träger seiner Seele selbst zu beschädigen.
+Da er aber nicht wußte, welches Individuum der Tierart sein Seelenträger
+war, lag es ihm nahe, die ganze Art zu verschonen. <span class="gesperrt">Frazer</span>
+hat diese Ableitung des Totemismus aus dem Seelenglauben später
+selbst aufgegeben.</p>
+
+<p>Als er mit den Beobachtungen von <span class="gesperrt">Spencer</span> und <span class="gesperrt">Gillen</span>
+bekannt wurde, stellte er die andere soziologische Theorie des
+Totemismus auf, welche eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand
+dann selbst, daß das Motiv, aus dem er den Totemismus abgeleitet,
+allzu »rationell« sei und daß er dabei eine soziale Organisation
+vorausgesetzt habe, die allzu kompliziert sei, als daß man sie
+primitiv heißen dürfe<a name="FNanchor_33" href="#Footnote_33" class="fnanchor">(33)</a>. Die magischen Kooperativgesellschaften erschienen
+ihm jetzt eher als späte Früchte denn als Keime des Totemismus.
+Er suchte ein einfacheres Moment, einen primitiven Aberglauben,
+hinter diesen Bildungen, um aus ihm die Entstehung des
+Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand er dann
+in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der <span class="gesperrt">Arunta</span>.</p>
+
+<p>Die <span class="gesperrt">Arunta</span> heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang
+der Konzeption mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich
+Mutter fühlt, so ist in diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt
+<a class="pagenum" name="Page_372" title="372"> </a>
+lauernden Geister von der nächstliegenden Geisterstätte in
+ihren Leib eingedrungen und wird von ihr als Kind geboren. Dies
+Kind hat denselben Totem wie alle an der gewissen Stelle lauernden
+Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den Totemismus nicht
+erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn man einen
+Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das Weib ursprünglich
+geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,
+welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie sich
+zuerst Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde
+dann von ihr in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität
+eines Menschen mit seinem Totem durch den Glauben der Mutter
+wirklich begründet, und alle weiteren Totemgebote (mit Ausschluß
+der Exogamie) ließen sich leicht daraus ableiten. Der Mensch würde
+sich weigern, von diesem Tier, dieser Pflanze zu essen, weil er
+damit gleichsam sich selbst essen würde. Er würde sich aber veranlaßt
+finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise etwas von seinem
+Totem zu genießen, weil er dadurch seine Identifizierung mit dem
+Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist, verstärken könnte.
+Beobachtungen von W.&nbsp;H.&nbsp;R. <span class="gesperrt">Rivers</span> an den Eingeborenen der <span class="gesperrt-left-part">Banks</span>inseln
+schienen die direkte Identifizierung der Menschen mit ihrem
+Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu erweisen<a name="FNanchor_34" href="#Footnote_34" class="fnanchor">(34)</a>.</p>
+
+<p>Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit
+der Wilden über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr
+Geschlecht fortpflanzen. Des besonderen die Unkenntnis der Rolle,
+welche das Männchen bei der Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis
+muß erleichtert werden durch das lange Intervall, welches sich zwischen
+den befruchtenden Akt und die Geburt des Kindes (oder das Verspüren
+der ersten Kindsbewegungen) einschiebt. Der Totemismus ist
+daher eine Schöpfung nicht des männlichen, sondern des weiblichen
+Geistes. Die Gelüste (sick fancies) des schwangeren Weibes sind
+die Wurzel desselben. »Anything indeed that struck a woman at
+that mysterious moment of her life when she first knows herself to
+be a mother might easily be identified by her with the child in her
+womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so universal,
+appear to be the root of totemism«<a name="FNanchor_35" href="#Footnote_35" class="fnanchor">(35)</a>.</p>
+
+<p>Der Haupteinwand gegen diese dritte <span class="gesperrt-left-part">Frazer</span>sche Theorie
+ist derselbe, der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht
+wurde. Die <span class="gesperrt">Arunta</span> scheinen sich von den Anfängen des Totemismus
+weit weg entfernt zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft
+scheint nicht auf primitiver Unwissenheit zu beruhen; sie haben
+selbst in manchen Stücken väterliche Vererbung. Sie scheinen die
+Vaterschaft einer Art von Spekulation geopfert <ins title="haben">zu haben</ins>, welche die
+Ahnengeister zu Ehren bringen will<a name="FNanchor_36" href="#Footnote_36" class="fnanchor">(36)</a>. Wenn sie den Mythus der
+<a class="pagenum" name="Page_373" title="373"> </a>
+unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur allgemeinen Konzeptionstheorie
+erheben, darf man darum ihnen Unwissenheit über die
+Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten, wie den alten
+Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen Mythen.</p>
+
+<p>Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus
+hat der Holländer G.&nbsp;A. <span class="gesperrt">Wilcken</span> aufgestellt. Sie stellt eine
+Verknüpfung des Totemismus mit der Seelenwanderung her. »Dasjenige
+Tier, in welches die Seelen der Toten nach allgemeinem
+Glauben übergingen, wurde zum Blutsverwandten, Ahnherrn und
+als solcher verehrt.« Aber der Glauben an die Tierwanderung der
+Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein als umgekehrt<a name="FNanchor_37" href="#Footnote_37" class="fnanchor">(37)</a>.</p>
+
+<p>Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten
+amerikanischen Ethnologen, Fr. <span class="gesperrt">Boas</span>, <span class="gesperrt">Hill-Tout</span> u.&nbsp;a., vertreten.
+Sie geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen
+aus und behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines
+Ahnen, den dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft
+vererbt habe. Wir haben schon früher gehört, welche
+Schwierigkeiten die Ableitung des Totemismus aus der Vererbung
+von einem einzelnen her bietet; überdies sollen die australischen
+Beobachtungen die Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist
+keineswegs unterstützen<a name="FNanchor_38" href="#Footnote_38" class="fnanchor">(38)</a>.</p>
+
+<p>Für die letzte der psychologischen Theorien, die von <span class="gesperrt">Wundt</span>
+ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden,
+daß erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste
+das Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren
+wieder die ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen<a name="FNanchor_39" href="#Footnote_39" class="fnanchor">(39)</a>. Seelentiere,
+wie Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre
+schnelle Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung
+und Grauen erregende Eigenschaften dazu als die Träger
+der den Körper verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier
+ist ein Abkömmling der Tierverwandlungen der Hauchseele.
+So mündet hier für <span class="gesperrt">Wundt</span> der Totemismus unmittelbar in den
+Seelenglauben oder Animismus ein.</p>
+
+<h3><i>b</i>) und <i>c</i>) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.</h3>
+
+<p>Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit
+vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck
+durch die immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe.
+In betreff der weiteren Fragen nehme ich mir im Interesse des
+Lesers die Freiheit einer noch weitergehenden Zusammendrängung.
+Die Diskussionen über die Exogamie der Totemvölker werden durch
+die Natur des dabei verwerteten Materials besonders kompliziert
+<a class="pagenum" name="Page_374" title="374"> </a>
+und unübersehbar; man könnte sagen verworren. Die Ziele dieser
+Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier auf Hervorhebung
+einiger Richtlinien beschränke und für eine gründlichere Verfolgung
+des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden Fachschriften
+verweise.</p>
+
+<p>Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie
+ist natürlich nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder
+jene Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus
+lassen jede Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die
+beiden Institutionen glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei
+Anschauungen einander gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen
+Anschein festhalten will, die Exogamie sei ein wesentliches
+Stück des totemistischen Systems, und eine andere, welche einen
+solchen Zusammenhang bestreitet und an ein zufälliges Zusammentreffen
+der beiden Züge ältester Kulturen glaubt. <span class="gesperrt">Frazer</span> hat in
+seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit Entschiedenheit
+vertreten.</p>
+
+<p>»I must request the reader to bear constantly in mind that
+the two institutions of totemism and exogamy are fundamentally
+distinct in origin and nature though they have accidentally crossed
+and blended in many tribes.« (T. and Ex., I., Vorrede&nbsp;XII.)</p>
+
+<p>Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle
+unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu
+haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige
+Folge der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen.
+<span class="gesperrt">Durkheim</span> hat in seinen Arbeiten<a name="FNanchor_40" href="#Footnote_40" class="fnanchor">(40)</a> ausgeführt, wie das an den
+Totem geknüpfte Tabu das Verbot mit sich bringen mußte, ein
+Weib des nämlichen Totem zum geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen.
+Der Totem ist von demselben Blut wie der Mensch, und
+darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht auf Defloration und
+Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das demselben
+Totem angehört<a name="FNanchor_41" href="#Footnote_41" class="fnanchor">(41)</a>. A. <span class="gesperrt">Lang</span>, der sich hierin <span class="gesperrt">Durkheim</span> anschließt,
+meint sogar, es bedurfte nicht des Bluttabu, um das Verbot der
+Frauen des gleichen Stammes zu bewirken<a name="FNanchor_42" href="#Footnote_42" class="fnanchor">(42)</a>. Das allgemeine Totemtabu,
+welches z.&nbsp;B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu sitzen,
+würde hiefür hingereicht haben. A. <span class="gesperrt">Lang</span> verficht übrigens auch eine
+andere Ableitung der Exogamie (s. unten) und läßt es zweifelhaft,
+wie sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten.</p>
+
+<p>In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der
+Autoren der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die
+Exogamie später hinzugekommen<a name="FNanchor_43" href="#Footnote_43" class="fnanchor">(43)</a>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_375" title="375"> </a>Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom
+Totemismus erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche
+die verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Mac Lennan</span><a name="FNanchor_44" href="#Footnote_44" class="fnanchor">(44)</a> hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus
+den Überresten von Sitten erraten, welche auf ehemaligen Frauenraub
+hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein
+gebräuchlich gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm
+zu holen, und die Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm
+sei allmählich unerlaubt geworden, weil sie ungewöhnlich war<a name="FNanchor_45" href="#Footnote_45" class="fnanchor">(45)</a>. Das
+Motiv für diese Gewohnheit der Exogamie suchte er in einem
+Frauenmangel jener primitiven Stämme, der sich aus dem Gebrauch,
+die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt zu töten, ergeben
+hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu tun, ob die
+tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen <span class="gesperrt">Mac Lennans</span> bestätigen.
+Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es unter den Voraussetzungen
+des Autors doch unerklärlich bliebe, warum sich die
+männlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus
+ihrem Blut unzugänglich machen sollten, und die Art, wie hier das
+Inzestproblem gänzlich beiseite gelassen wird<a name="FNanchor_46" href="#Footnote_46" class="fnanchor">(46)</a>.</p>
+
+<p>Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere
+Forscher die Exogamie als eine Institution zur Verhütung des
+Inzests erfaßt<a name="FNanchor_47" href="#Footnote_47" class="fnanchor">(47)</a>.</p>
+
+<p>Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der
+australischen Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als
+der Ansicht von <span class="gesperrt">Morgan</span>, <span class="gesperrt">Frazer</span>, <span class="gesperrt">Howitt</span>, <span class="gesperrt">Baldwin Spencer</span><a name="FNanchor_48" href="#Footnote_48" class="fnanchor">(48)</a>
+beistimmen, daß diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht
+(»deliberate design« nach <span class="gesperrt">Frazer</span>) an sich tragen, und daß sie
+das erreichen sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. »In no other
+way does it seem possible to explain in all its details a system at
+once so complex and so regular<a name="FNanchor_49" href="#Footnote_49" class="fnanchor">(49)</a>.«</p>
+
+<p>Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die
+Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die Sexualfreiheit
+der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern
+und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest
+zwischen Vater und Tochter erst durch weitergehende Maßregeln
+aufgehoben wurde.</p>
+
+<p>Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen
+auf gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis
+des Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt
+in letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der
+<a class="pagenum" name="Page_376" title="376"> </a>
+Exogamie erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genügend,
+sich zur Erklärung der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung
+gegen sexuellen Verkehr unter Blutsverwandten, d.&nbsp;h. also auf die Tatsache
+der Inzestscheu zu berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist,
+daß der Inzest diesem Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis
+selbst in unserer heutigen Gesellschaft ist, und wenn die
+historische Erfahrung Fälle kennen lehrt, in denen die inzestuöse
+Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht wurde.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Westermarck</span><a name="FNanchor_50" href="#Footnote_50" class="fnanchor">(50)</a> machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend,
+»daß zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine
+angeborene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und
+daß dieses Gefühl, da diese Personen in der Regel blutsverwandt
+sind, in Sitte und Gesetz einen natürlichen Ausdruck findet durch
+den Abscheu vor dem Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten«.
+<span class="gesperrt">Havelock Ellis</span> bestritt zwar den triebhaften Charakter dieser
+Abneigung in seinen »Studies in the psychology of sex«, trat aber
+sonst im wesentlichen derselben Erklärung bei, indem er äußerte:
+»das normale Unterbleiben des Zutagetretens des Paarungstriebes
+dort, wo es sich um Brüder und Schwestern oder um von Kindheit
+auf beisammenlebende Mädchen und Knaben handelt, ist eine rein
+negative Erscheinung, welche daher kommt, daß unter jenen Umständen
+die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen durchaus
+fehlen müssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen
+aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen
+Reize des Sehens, des Hörens und der Berührung abgestumpft, in
+die Bahn einer ruhigen Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt,
+die zur Erzeugung geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige
+erethistische Erregung hervorzurufen.«</p>
+
+<p>Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß <span class="gesperrt">Westermarck</span> diese
+angeborene Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen,
+mit denen man die Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische
+Repräsentanz der biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine
+Schädigung der Gattung bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt
+würde in seiner psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen,
+daß er anstatt der für die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten
+die in dieser Hinsicht ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen
+träfe. Ich kann es mir aber auch nicht versagen, die ganz
+ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche <span class="gesperrt">Frazer</span> der Behauptung
+von <span class="gesperrt">Westermarck</span> entgegenstellt. <span class="gesperrt">Frazer</span> findet es unbegreiflich,
+daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar nicht gegen den Verkehr
+mit Herdgenossen sträubt, während die Inzestscheu, die nur
+ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll, gegenwärtig so
+übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere Bemerkungen
+<span class="gesperrt">Frazers</span>, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im Wesen
+<a class="pagenum" name="Page_377" title="377"> </a>
+mit den in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten
+zusammentreffen.</p>
+
+<p>»Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder
+menschlicher Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen
+sollte. Es gibt kein Gesetz, welches <ins title="dem">den</ins> Menschen befiehlt zu essen
+und zu trinken, oder ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu
+stecken. Die Menschen essen und trinken und halten ihre Hände
+vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst vor natürlichen und nicht
+vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch Beleidigung dieser Triebe
+zuziehen würden. Das Gesetz verbietet <ins title="dem">den</ins> Menschen nur, was
+sie unter dem Drängen ihrer Triebe ausführen könnten. Was die
+Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das Gesetz
+zu verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig annehmen,
+daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden, Verbrechen
+sind, die viele Menschen aus natürlichen Neigungen gerne begehen
+würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solchen
+Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden,
+wozu brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen
+Verbot des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung
+gegen den Inzest besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß
+ein natürlicher Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das Gesetz
+diesen Trieb wie andere natürliche Triebe unterdrückt, dies seinen
+Grund in der Einsicht zivilisierter Menschen hat, daß die Befriedigung
+dieser natürlichen Triebe der Gesellschaft Schaden bringt<a name="FNanchor_51" href="#Footnote_51" class="fnanchor">(51)</a>.«</p>
+
+<p>Ich kann dieser kostbaren Argumentation <span class="gesperrt">Frazers</span> noch hinzufügen,
+daß die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer
+angeborenen Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich
+machen. Sie haben im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen
+Regungen des jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur
+sind, und daß solche verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren
+Neurosen eine kaum zu überschätzende Rolle spielen.</p>
+
+<p>Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes
+muß also fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um
+eine andere Ableitung des Inzestverbotes, welche sich zahlreicher
+Anhänger erfreut, um die Annahme, daß die primitiven Völker
+frühzeitig bemerkt haben, mit welchen Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht
+bedrohe, und daß sie darum in bewußter Absicht das Inzestverbot
+erlassen hätten. Die Einwendungen gegen diesen Erklärungsversuch
+drängen einander<a name="FNanchor_52" href="#Footnote_52" class="fnanchor">(52)</a>. Nicht nur, daß das Inzestverbot älter
+sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der Mensch Erfahrungen
+über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften der
+Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht
+sind auch heute noch nicht über jeden Zweifel sichergestellt und beim
+Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir über
+<a class="pagenum" name="Page_378" title="378"> </a>
+die heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, daß die Gedanken
+ihrer entferntesten Ahnen bereits mit der Verhütung von
+Schäden für ihre spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. Es
+klingt fast lächerlich, wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden
+Menschenkindern hygienische und eugenische Motive zumuten
+will, wie sie in unserer heutigen Kultur noch kaum Berücksichtigung
+gefunden haben<a name="FNanchor_53" href="#Footnote_53" class="fnanchor">(53)</a>.</p>
+
+<p>Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus
+praktisch hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als
+eines die Rasse schwächenden Momentes ganz unangemessen erscheint,
+um den tiefen Abscheu zu erklären, welcher sich in unserer
+Gesellschaft gegen den Inzest erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan
+habe<a name="FNanchor_54" href="#Footnote_54" class="fnanchor">(54)</a>, erscheint diese Inzestscheu bei den heute lebenden
+primitiven Völkern eher noch reger und stärker als bei den zivilisierten.</p>
+
+<p>Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der
+Inzestscheu die Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen
+und psychologischen Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen
+Motive vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten
+zu würdigen wären, sieht man sich am Ende der Untersuchung
+genötigt, dem resignierten Ausspruch <span class="gesperrt">Frazers</span> beizutreten: Wir
+kennen die Herkunft der Inzestscheu nicht und wissen selbst nicht,
+worauf wir raten sollen. Keine der bisher vorgebrachten Lösungen
+des Rätsels erscheint uns befriedigend<a name="FNanchor_55" href="#Footnote_55" class="fnanchor">(55)</a>.</p>
+
+<p>Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der
+Inzestscheu zu erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die
+bisher betrachteten. Man könnte ihn als eine historische Ableitung
+bezeichnen.</p>
+
+<p>Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. <span class="gesperrt">Darwin</span>
+über den sozialen Urzustand des Menschen an. <span class="gesperrt">Darwin</span> schloß
+aus den Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der
+Mensch ursprünglich in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher
+die Eifersucht des ältesten und stärksten Männchens die sexuelle
+Promiskuität verhinderte. »Wir können in der Tat, nach dem was
+wir von der Eifersucht aller männlichen Säugetiere wissen, von
+denen viele mit speziellen Waffen zum Kämpfen mit ihren Nebenbuhlern
+bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine Vermischung der
+Geschlechter im Naturzustande äußerst unwahrscheinlich ist ... Wenn
+wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und nach
+den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert,
+schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch ursprünglich
+<a class="pagenum" name="Page_379" title="379"> </a>
+in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer
+Frau oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig
+gegen alle anderen Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales
+Tier gewesen sein und doch mit mehreren Frauen für sich allein
+gelebt haben wie der Gorilla; denn alle Eingebornen stimmen
+darin überein, daß nur ein erwachsenes Männchen in einer Gruppe
+zu sehen ist. Wächst das junge Männchen heran, so findet ein
+Kampf um die Herrschaft statt und der Stärkste setzt sich dann,
+indem er die anderen getötet oder vertrieben hat, als Oberhaupt
+der Gesellschaft fest (Dr. <span class="gesperrt">Savage</span> in Boston Journal of Natur.
+Hist.&nbsp;V., 1845&ndash;1847). Die jüngeren Männchen, welche hiedurch
+ausgestoßen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie
+zuletzt beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht
+innerhalb der Glieder einer und derselben Familie verhüten«<a name="FNanchor_56" href="#Footnote_56" class="fnanchor">(56)</a>.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Atkinson</span><a name="FNanchor_57" href="#Footnote_57" class="fnanchor">(57)</a> scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhältnisse
+der <span class="gesperrt-left-part">Darwin</span>schen Urhorde die Exogamie der jungen
+Männer praktisch durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen
+konnte eine ähnliche Horde gründen, in welcher dasselbe Verbot
+des Geschlechtsverkehrs dank der Eifersucht des Oberhaupts galt,
+und im Laufe der Zeit würde sich aus diesen Zuständen die jetzt
+als Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein Sexualverkehr mit
+den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte sich die
+Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr innerhalb
+des Totem.</p>
+
+<p>A. <span class="gesperrt">Lang</span><a name="FNanchor_58" href="#Footnote_58" class="fnanchor">(58)</a> hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen.
+Er vertritt aber in demselben Buche die andere (<span class="gesperrt-left-part">Durkheim</span>sche)
+Theorie, welche die Exogamie als Konsequenz aus den
+Totemgesetzen hervorgehen läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden
+Auffassungen miteinander zu vereinigen; im ersten Falle hätte die
+Exogamie vor dem Totemismus bestanden, im zweiten wäre sie
+eine Folge desselben<a name="FNanchor_59" href="#Footnote_59" class="fnanchor">(59)</a>.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_380" title="380"> </a>3.</h2>
+
+<p>Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung
+in dieses Dunkel.</p>
+
+<p>Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit
+mit dem des Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur
+von jenem Hochmut, welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen
+bewegt, seine eigene Natur durch eine scharfe Grenzlinie von allem
+anderen Animalischen abzusetzen. Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken
+die volle Ebenbürtigkeit zu; im ungehemmten Bekennen zu
+seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere verwandter als
+dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen.</p>
+
+<p>In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und
+Tier tritt nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind
+beginnt plötzlich eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor
+der Berührung oder dem Anblick aller einzelnen dieser Art zu
+schützen. Es stellt sich das klinische Bild einer <em class="gesperrt">Tierphobie</em> her,
+eine der häufigsten unter den psychoneurotischen Erkrankungen dieses
+Alters und vielleicht die früheste Form solcher Erkrankung. Die
+Phobie betrifft in der Regel Tiere, für welche das Kind bis dahin
+ein besonders lebhaftes Interesse gezeigt hatte, sie hat mit dem
+Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl unter den Tieren, welche
+Objekte der Phobie werden können, ist unter städtischen Bedingungen
+nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen, seltener Vögel,
+auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und Schmetterlinge. Manchmal
+werden Tiere, die dem Kind nur aus dem Bilderbuch und
+Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte der unsinnigen
+und unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt; selten
+gelingt es einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine ungewöhnliche
+Wahl des Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich
+K. <span class="gesperrt">Abraham</span> die Mitteilung eines Falles, in welchem ein Kind
+seine Angst vor Wespen selbst durch die Angabe aufklärte, die
+Farbe und Streifung des Wespenleibes hätte es an den Tiger denken
+lassen, vor dem es sich nach allem Gehörten fürchten durfte.</p>
+
+<p>Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer
+analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im
+hohen Grade verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit
+Kindern in so zartem Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung
+gewesen. Man kann daher nicht behaupten, daß man den allgemeinen
+Sinn dieser Erkrankungen kennt, und ich meine selbst, daß
+er sich nicht als einheitlich herausstellen dürfte. Aber einige Fälle
+von solchen auf größere Tiere gerichteten Phobien haben sich der
+Analyse zugänglich erwiesen und so dem Untersucher ihr Geheimnis
+verraten. Es war in jedem Falle das nämliche: die Angst galt
+im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben
+waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.</p>
+
+<p>Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle
+<a class="pagenum" name="Page_381" title="381"> </a>
+gesehen und von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch
+kann ich mich nur auf wenige ausführliche Publikationen darüber
+berufen. Es ist dies ein Zufall der Literatur, aus welchem nicht
+geschlossen werden sollte, daß wir unsere Behauptung überhaupt
+nur auf vereinzelte Beobachtungen stützen können. Ich erwähne
+z.&nbsp;B. einen Autor, welcher sich verständnisvoll mit den Neurosen
+des Kindesalters beschäftigt hat, M. <span class="gesperrt">Wulff</span> (Odessa). Er erzählt im
+Zusammenhange der Krankengeschichte eines neunjährigen Knaben,
+daß dieser mit vier Jahren an einer Hundephobie gelitten hat. »Als
+er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen sah, weinte er und
+schrie: »Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will artig sein.« Unter
+»artig sein« meinte er: »nicht mehr Geige spielen (onanieren)«<a name="FNanchor_60" href="#Footnote_60" class="fnanchor">(60)</a>.</p>
+
+<p>Derselbe Autor resumiert später: »Seine Hundephobie ist
+eigentlich die auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater,
+denn seine sonderbare Äußerung: ›Hund ich will artig sein‹ &ndash;
+d.&nbsp;h. nicht masturbieren &ndash; bezieht sich doch eigentlich auf den
+Vater, der die Masturbation verboten hat.« In einer Anmerkung
+setzt er dann hinzu, was sich eben so völlig mit meiner Erfahrung
+deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit solcher Erfahrungen bezeugt:
+»Solche Phobien (Pferdephobien, Hundephobien, Katzen, Hühner
+und andere Haustiere) sind, glaube ich, im Kindesalter mindestens
+ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und lassen sich in der
+Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst von einem
+der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete Mäuse-
+und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht behaupten.«</p>
+
+<p>Im ersten Band des Jahrbuchs für psychoanalytische und
+psychopathologische Forschungen teilte ich die »<cite class="gesperrt">Analyse der
+Phobie eines fünfjährigen Knaben</cite>« mit, welche mir der Vater
+des kleinen Patienten zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine
+Angst vor Pferden, in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte
+auf die Straße zu gehen. Er äußerte die Befürchtung, das Pferd
+werde ins Zimmer kommen, werde ihn beißen. Es erwies sich, daß
+dies die Strafe für seinen Wunsch sein sollte, daß das Pferd umfallen
+(sterben) möge. Nachdem man dem Knaben durch Zusicherungen
+die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es sich, daß
+er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen, Sterben)
+des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er
+überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der
+Mutter, auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln
+Ahnungen gerichtet waren. Er befand sich also in jener typischen
+Einstellung des männlichen Kindes zu den Eltern, welche wir als
+den »Ödipuskomplex« bezeichnen, und in der wir den Kernkomplex
+der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu aus der Analyse
+<a class="pagenum" name="Page_382" title="382"> </a>
+des »kleinen Hans« erfahren, ist die für den Totemismus wertvolle
+Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil
+seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.</p>
+
+<p>Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen
+Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung
+vor sich geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten.
+Der aus der Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß
+kann sich im Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten,
+er hat mit der seit jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung
+für dieselbe Person zu kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger
+&ndash; <em class="gesperrt">ambivalenter</em> &ndash; Gefühlseinstellung gegen den Vater
+und schafft sich Erleichterung in diesem Ambivalenzkonflikt, wenn
+es seine feindseligen und ängstlichen Gefühle auf ein Vatersurrogat
+verschiebt. Die Verschiebung kann den Konflikt allerdings nicht in
+der Weise erledigen, daß sie eine glatte Scheidung der zärtlichen
+von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der Konflikt setzt sich
+vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die Ambivalenz greift
+auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der kleine Hans
+den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und Interesse
+entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat, identifiziert er
+sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als Pferd herum und
+beißt nun seinerseits den Vater<a name="FNanchor_61" href="#Footnote_61" class="fnanchor">(61)</a>. In einem anderen Auflösungsstadium
+der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen
+großen Tieren zu identifizieren<a name="FNanchor_62" href="#Footnote_62" class="fnanchor">(62)</a>.</p>
+
+<p>Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien
+der Kinder gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung
+wiederkehren. Wir verdanken aber S. <span class="gesperrt">Ferenczi</span> die vereinzelt
+schöne Beobachtung eines Falles, den man nur als positiven Totemismus
+bei einem Kinde bezeichnen kann<a name="FNanchor_63" href="#Footnote_63" class="fnanchor">(63)</a>. Bei dem kleinen Arpád,
+von dem <span class="gesperrt">Ferenczi</span> berichtet, erwachen die totemistischen Interessen
+allerdings nicht direkt im Zusammenhang des Ödipuskomplexes,
+sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung desselben, der
+Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen Hans aufmerksam
+durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten Zeugnisse
+dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen Genitales
+bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales gefürchtet
+wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater die
+nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen Sexualinteressen.
+Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist
+die von ihm drohende Strafe<a name="FNanchor_64" href="#Footnote_64" class="fnanchor">(64)</a>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_383" title="383"> </a>Als der kleine Arpád zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er
+einmal in einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren,
+wobei ihn ein Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte.
+Als er ein Jahr später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er
+selbst zum Huhn, er interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus
+und alles, was darin vorging, und gab seine menschliche Sprache
+gegen Gackern und Krähen auf. Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre)
+sprach er wieder, aber beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich
+nur mit Hühnern und anderem Geflügel. Er spielte mit keinem
+anderen Spielzeug, sang nur Lieder, in denen etwas vom Federvieh
+vorkam. Sein Benehmen gegen sein Totemtier war exquisit ambivalent,
+übermäßiges Hassen und Lieben. Am liebsten spielte er
+Hühnerschlachten. »Das Schlachten des Federviehs ist ihm überhaupt
+ein Fest. Er ist imstande, stundenlang um die Tierleichen erregt
+herumzutanzen.« Aber dann küßte und streichelte er das geschlachtete
+Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst mißhandelten Ebenbilder
+von Hühnern.</p>
+
+<p>Der kleine Arpád sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines
+sonderbaren Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte
+gelegentlich seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise
+zurück in die des Alltagslebens. »Mein Vater ist der Hahn«, sagte
+er einmal. »Jetzt bin ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich
+größer werde, bin ich ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin
+ich ein Hahn.« Ein andermal wünschte er sich plötzlich eine »eingemachte
+Mutter« zu essen (nach der Analogie des eingemachten
+Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen Kastrationsandrohungen
+gegen andere, wie er sie wegen onanistischer Beschäftigung mit seinem
+Gliede selbst erfahren hatte.</p>
+
+<p>Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof
+blieb nach <span class="gesperrt">Ferenczi</span> kein Zweifel: »Der rege Sexualverkehr
+zwischen Hahn und Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen
+der jungen Brut« befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich
+dem menschlichen Familienleben galt. Nach dem Vorbild des
+Hühnerlebens hatte er seine Objektwünsche geformt, wenn er einmal
+der Nachbarin sagte: »Ich werde Sie heiraten und Ihre Schwester
+und meine drei Cousinen und die Köchin, nein, statt der Köchin
+lieber die Mutter.«</p>
+
+<p>Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung
+vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle
+Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: Die
+volle Identifizierung mit dem Totemtier<a name="FNanchor_65" href="#Footnote_65" class="fnanchor">(65)</a> und die ambivalente Gefühlseinstellung
+gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen Beobachtungen
+für berechtigt, in die Formel des Totemismus &ndash; für den
+Mann &ndash; den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken
+<a class="pagenum" name="Page_384" title="384"> </a>
+dann, daß wir damit keinen neuen oder besonders kühnen Schritt
+getan haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit
+noch heute das totemistische System in Kraft besteht, den
+Totem als ihren Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage
+dieser Völker wörtlich genommen, mit welcher die Ethnologen
+wenig anzufangen wußten, und die sie darum gerne in den Hintergrund
+gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt uns, im Gegenteile
+gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn den Erklärungsversuch
+des Totemismus zu knüpfen.<a name="FNanchor_66" href="#Footnote_66" class="fnanchor">(66)</a></p>
+
+<p>Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig.
+Wenn das Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote
+des Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen
+Kern ausmachen, den Totem nicht zu töten und kein Weib, das
+dem Totem angehört, sexuell zu gebrauchen, inhaltlich zusammen
+mit den beiden Verbrechen des Ödipus, der seinen Vater tötete
+und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den beiden Urwünschen
+des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren Wiedererweckung
+den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte
+diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so
+müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus
+in unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten,
+es müßte uns gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische
+System sich aus den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben
+hat wie die Tierphobie des »kleinen Hans« und die Geflügelperversion
+des »kleinen Arpád«. Um dieser Möglichkeit nachzugehen,
+werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit des totemistischen
+Systems oder, wie wir sagen können, der Totemreligion studieren,
+welche bisher kaum Erwähnung finden konnte.</p>
+
+<h2>4.</h2>
+
+<p>Der im Jahre 1894 verstorbene W. <span class="gesperrt">Robertson Smith</span>, Physiker,
+Philologe, Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger
+wie scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem
+1889 veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten<a name="FNanchor_67" href="#Footnote_67" class="fnanchor">(67)</a> die Annahme
+aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte <em class="gesperrt">Totemmahlzeit</em>
+von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des
+totemistischen Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung
+stand ihm damals nur eine einzige, aus dem fünften Jahrhundert
+n.&nbsp;Chr. überlieferte Beschreibung eines solchen Aktes zu Gebote,
+aber er verstand es, die Annahme durch die Analyse des Opferwesens
+<a class="pagenum" name="Page_385" title="385"> </a>
+bei den alten Semiten zu einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit
+zu erheben. Da das Opfer eine göttliche Person voraussetzt,
+handelt es sich hiebei um den Rückschluß von einer höheren Phase
+des religiösen Ritus auf die niedrigste des Totemismus.</p>
+
+<p>Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von
+<span class="gesperrt">Robertson Smith</span> die für unser Interesse entscheidenden Sätze
+über Ursprung und Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter
+Weglassung aller oft so reizvollen Details und mit konsequenter
+Hintansetzung aller späteren Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen,
+in einem solchen Auszug dem Leser etwas von der
+Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung im Original zu
+übermitteln.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Robertson Smith</span> führt aus, daß das Opfer am Altar das
+wesentliche Stück im Ritus der alten Religionen gewesen ist. Es
+spielt in allen Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung
+auf sehr allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachen
+zurückführen muß.</p>
+
+<p>Das Opfer &ndash; die heilige Handlung <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="kat' exochên (im Original κατ' ἐξοχην)">κατ' ἐξοχήν</span> (sacrificium,
+<span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="hierourgia">ἱερουργία</span>) &ndash; bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was
+spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit,
+um sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. Von dem
+Nebensinn der Selbstentäußerung ging dann die profane Verwendung
+des Wortes aus. Das Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes
+als »<em class="gesperrt">an act of social fellowship between the deity and his
+worshippers</em>«, ein Akt der Geselligkeit, eine Kommunion der
+Gläubigen mit ihrem Gotte.</p>
+
+<p>Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge;
+dasselbe, wovon der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte,
+Wein und Öl, das opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug
+auf das Opferfleisch bestanden Einschränkungen und Abweichungen.
+Von den Tieropfern speist der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern,
+die vegetabilischen Opfer sind ihm allein überlassen. Es ist
+kein Zweifel, daß die Tieropfer die älteren sind und einmal die
+einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer sind aus der Darbringung
+der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und entsprechen einem
+Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das Tieropfer
+ist aber älter als der Ackerbau.</p>
+
+<p>Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott
+bestimmte Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung
+angesehen wurde. Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des
+göttlichen Wesens wurde diese Vorstellung anstößig; man wich ihr
+aus, indem man den flüssigen Anteil der Mahlzeit allein der Gottheit
+zuwies. Später gestattete der Gebrauch des Feuers, welcher
+das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch aufgehen ließ, eine Zurichtung
+der menschlichen Nahrungsmittel, durch welche sie dem
+göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des Trinkopfers
+war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später
+<a class="pagenum" name="Page_386" title="386"> </a>
+der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Primitiven als das »Blut
+der Rebe«, wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen.</p>
+
+<p>Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des
+Feuers und die Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer,
+dessen Fleisch und Blut der Gott und seine Anbeter gemeinsam
+genossen. Es war wesentlich, daß jeder der Teilnehmer seinen Anteil
+an der Mahlzeit erhalte.</p>
+
+<p>Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest
+eines ganzen Clans. Die Religion war überhaupt eine allgemeine
+Angelegenheit, die religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung.
+Opfer und Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen,
+jedes Opfer bringt ein Fest mit sich und kein Fest kann ohne
+Opfer gefeiert werden. Das Opferfest war eine Gelegenheit der
+freudigen Erhebung über die eigenen Interessen, der Betonung der
+Zusammengehörigkeit untereinander und mit der Gottheit.</p>
+
+<p>Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf
+uralten Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens
+und Trinkens. Mit einem anderen zu essen und zu trinken war
+gleichzeitig ein Symbol und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft
+und von Übernahme gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit
+brachte zum direkten Ausdruck, daß der Gott und seine
+Anbeter <em class="gesperrt">Commensalen</em> sind, aber damit waren alle ihre anderen
+Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute unter den Arabern
+der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende an der gemeinsamen
+Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der
+Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen
+Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat,
+der braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern darf
+seines Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für
+ewige Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam
+genossene Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt.
+So realistisch wird das Band der Vereinigung aufgefaßt; es bedarf
+der Wiederholung, um es zu verstärken und dauerhaft zu machen.</p>
+
+<p>Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken
+diese bindende Kraft zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften
+gibt es nur ein Band, welches unbedingt und ausnahmslos
+einigt, das der Stammesgemeinschaft (Kinship). Die Mitglieder
+dieser Gemeinschaft treten solidarisch für einander ein, ein Kin ist
+eine Gruppe von Personen, deren Leben solcher Art zu einer physischen
+Einheit verbunden sind, daß man sie wie Stücke eines gemeinsamen
+Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord eines
+einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses und jenes ist vergossen
+worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die
+hebräische Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt
+wird, lautet: Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet
+also einen Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es
+ist dann natürlich, daß sie nicht nur auf die Tatsache gegründet
+<a class="pagenum" name="Page_387" title="387"> </a>
+wird, daß man <ins title="einen">ein</ins> Teil von der Substanz seiner Mutter ist, von
+der man geboren und mit deren Milch man genährt wurde, sondern
+daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt und durch die
+man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken kann.
+Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es die Überzeugung
+aus, daß man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man
+als Fremden erkannte, mit dem teilte man keine Mahlzeit.</p>
+
+<p>Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von
+Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte
+miteinander essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die
+Mitglieder der Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit
+nichts zu tun. Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten uns
+bekannten Familien umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen
+Verwandtschaftsverbänden angehören. Die Männer heiraten Frauen
+aus fremden Clans, die Kinder erben den Clan der Mutter; es
+besteht keine Stammesverwandtschaft zwischen dem Manne und den
+übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen Familie gibt es keine
+gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute abseits und
+allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus machen ihnen
+oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern unmöglich.</p>
+
+<p>Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört,
+keine Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber &ndash; was
+nun bedeutsam ist &ndash; auch kein Schlachten eines Tieres außer für
+solche feierliche Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von
+Früchten, Wild und von der Milch der Haustiere, aber religiöse
+Skrupel machten es dem einzelnen unmöglich, ein Haustier für seinen
+eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet nicht den leisesten Zweifel,
+sagt <span class="gesperrt">Robertson Smith</span>, daß jedes Opfer ursprünglich Clanopfer
+war, und daß das <em class="gesperrt">Töten eines Schlachtopfers</em> ursprünglich zu
+jenen Handlungen gehörte, <em class="gesperrt">die dem einzelnen verboten sind
+und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm
+die Verantwortlichkeit mitübernimmt</em>. Es gibt bei den Primitiven
+nur eine Klasse von Handlungen, für welche diese Charakteristik
+zutrifft, nämlich Handlungen, welche an die Heiligkeit des
+dem Stamme gemeinsamen Blutes rühren. Ein Leben, welches kein
+einzelner wegnehmen darf, und das nur durch die Zustimmung und
+unter der Teilnahme aller Clangenossen geopfert werden kann, steht
+auf derselben Stufe wie das Leben des Stammesgenossen selbst.
+Die Regel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des Opfertieres
+genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, daß
+die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen
+Stamm zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde
+behandelt wie ein Stammverwandter, <em class="gesperrt">die opfernde Gemeinde,
+ihr Gott und das Opfertier waren eines Blutes</em>, Mitglieder
+eines Clans.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Robertson Smith</span> identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz
+das Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum
+<a class="pagenum" name="Page_388" title="388"> </a>
+zwei Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für
+gewöhnlich gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren,
+die als unrein verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann,
+daß diese unreinen Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern
+als Opfer dargebracht wurden, denen sie heilig waren, daß diese
+Tiere ursprünglich identisch waren mit den Göttern selbst, und daß
+die Gläubigen in irgendeiner Weise beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft
+mit dem Tiere und dem Gotte betonten. Für noch frühere
+Zeiten entfällt aber dieser Unterschied zwischen gewöhnlichen und
+»mystischen« Opfern. Alle Tiere sind ursprünglich heilig, ihr Fleisch
+ist verboten und darf nur bei feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme
+des ganzen Stammes genossen werden. Das Schlachten des
+Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut gleich und muß unter
+den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen Vorwurf geschehen.</p>
+
+<p>Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der
+Viehzucht scheint überall dem reinen und strengen Totemismus der
+Urzeit ein Ende bereitet zu haben<a name="FNanchor_68" href="#Footnote_68" class="fnanchor">(68)</a>. Aber was in der nun »pastoralen«
+Religion den Haustieren an Heiligkeit verblieb, ist deutlich
+genug, um den ursprünglichen Totemcharakter derselben erkennen
+zu lassen. Noch in späten klassischen Zeiten schrieb der Ritus an
+verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach vollzogenem Opfer die
+Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu entziehen. In
+Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines Ochsen eigentlich
+ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem athenischen
+Fest der Bouphonien wurde nach dem Opfer ein förmlicher
+Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen.
+Endlich einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer
+abzuwälzen, welches dann ins Meer geworfen wurde.</p>
+
+<p>Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als
+eines Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein
+solches Tier von Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten
+und Fleisch und Blut desselben unter die Clangenossen zu verteilen.
+Das Motiv, welches diese Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn
+des Opferwesens preis. Wir haben gehört, daß in späteren Zeiten
+jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an der nämlichen Substanz,
+welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges Band zwischen den
+Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint diese Bedeutung
+nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers zuzukommen.
+<em class="gesperrt">Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt
+sich, indem nur auf diesem Wege das heilige Band
+hergestellt werden kann, welches die Teilnehmer untereinander
+und mit ihrem Gotte einigt<a name="FNanchor_69" href="#Footnote_69" class="fnanchor">(69)</a>.</em></p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_389" title="389"> </a>Dies Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres,
+welches in seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die
+Opfermahlzeit allen Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung
+liegt allen <em class="gesperrt">Blutbündnissen</em> zugrunde, durch die sich noch
+in späten Zeiten Menschen gegeneinander verpflichten. Die durchaus
+realistische Auffassung der Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz
+läßt die Notwendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch
+den physischen Prozeß der Opfermahlzeit zu erneuern.</p>
+
+<p>Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von
+<span class="gesperrt">Robertson Smith</span> ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu
+resumieren. Als die Idee des Privateigentums aufkam, wurde das
+Opfer als eine Gabe an die Gottheit, als eine Übertragung aus
+dem Eigentum des Menschen in das des Gottes aufgefaßt. Allein
+diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des Opferrituals unaufgeklärt.
+In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst heilig, sein
+Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der Teilnahme
+und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes
+genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren
+Genuß die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander
+und mit der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein
+Sakrament, das Opfertier selbst ein Stammesgenosse. Es war in
+Wirklichkeit das alte Totemtier, der primitive Gott selbst, durch
+dessen Tötung und Verzehrung die Clangenossen ihre Gottähnlichkeit
+auffrischten und versicherten.</p>
+
+<p>Aus dieser Analyse des Opferwesens zog <span class="gesperrt">Robertson Smith</span>
+den Schluß, daß die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem
+in Zeiten <em class="gesperrt">vor der Verehrung anthropomorpher Gottheiten</em> ein
+bedeutsames Stück der Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell
+einer solchen Totemmahlzeit, meinte er, sei uns in der Beschreibung
+eines Opfers aus späteren Zeiten erhalten. Der hl. <span class="gesperrt">Nilus</span> berichtet
+von einer Opfersitte der Beduinen in der sinaitischen Wüste
+um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Das
+Opfer, ein Kameel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von
+Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer dreimal
+unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte dem
+Tiere die erste Wunde bei und trank gierig das hervorquellende
+Blut; dann stürzte sich die ganze Gemeinde auf das
+Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des zuckenden Fleisches
+los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in der kurzen
+Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem dieses
+Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen
+alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und
+Eingeweide vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Altertümlichkeit
+zeugende Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter
+Gebrauch, sondern die allgemeine ursprüngliche Form des
+Totemopfers, die in späterer Zeit die verschiedensten Abschwächungen
+erfuhr.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_390" title="390"> </a>Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit
+Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung
+auf der Stufe des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. <span class="gesperrt">Robertson
+Smith</span> hat noch selbst auf die Beispiele hingewiesen, in
+denen die sakramentale Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z.&nbsp;B.
+bei den Menschenopfern der Azteken, und auf andere, welche an
+die Bedingungen der Totemmahlzeit erinnern, die Bärenopfer des
+Bärenstammes der <span class="gesperrt">Ouataouaks</span> in Amerika und die Bärenfeste
+der <span class="gesperrt">Ainos</span> in Japan. <span class="gesperrt">Frazer</span> hat diese und ähnliche Fälle in den
+beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes ausführlich
+mitgeteilt<a name="FNanchor_70" href="#Footnote_70" class="fnanchor">(70)</a>. Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen großen
+Raubvogel (Buzzard) verehrt, tötet diesen in feierlicher Zeremonie
+einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den Federn
+aufbewahrt wird. Die <span class="gesperrt-left-part">Zuni</span>indianer in Neumexiko verfahren ebenso
+mit ihrer heiligen Schildkröte.</p>
+
+<p>In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stämme
+ist ein Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen
+von <span class="gesperrt">Robertson Smith</span> vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für
+die Vermehrung seines Totem, dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt
+ist, Magie treibt, ist gehalten, bei der Zeremonie etwas von
+seinem Totem selbst zu genießen, ehe derselbe den anderen Stämmen
+zugänglich wird. Das schönste Beispiel für den sakramentalen
+Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach <span class="gesperrt">Frazer</span> bei den
+<span class="gesperrt">Bini</span> in Westafrika in Verbindung mit dem Begräbniszeremoniell
+dieser Stämme finden<a name="FNanchor_71" href="#Footnote_71" class="fnanchor">(71)</a>.</p>
+
+<p>Wir aber wollen <span class="gesperrt">Robertson Smith</span> in der Annahme folgen,
+daß die sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des
+sonst verbotenen Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion
+gewesen sei.<a name="FNanchor_72" href="#Footnote_72" class="fnanchor">(72)</a></p>
+
+<h2>5.</h2>
+
+<p>Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit
+vor und statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus,
+die bisher nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein
+Totemtier bei feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es
+roh verzehrt, Blut, Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen
+in die Ähnlichkeit <ins title="der">des</ins> Totem verkleidet, imitieren es in
+Lauten und Bewegungen, als ob sie seine und ihre Identität betonen
+wollten. Es ist das Bewußtsein dabei, daß man eine jedem
+einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch die Teilnahme
+aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner von
+<a class="pagenum" name="Page_391" title="391"> </a>
+der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der Tat wird
+das hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist
+eine zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
+erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie <span class="gesperrt">Robertson
+Smith</span> bei einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit
+für die Tötung von sich abzuwälzen<a name="FNanchor_73" href="#Footnote_73" class="fnanchor">(73)</a>.</p>
+
+<p>Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die
+Entfesselung aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die
+Einsicht in das Wesen des <em class="gesperrt">Festes</em> fällt uns hier ohne jede Mühe zu.</p>
+
+<p>Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß,
+ein feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen
+infolge irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die Ausschreitungen,
+durch die sich Feste zu allen Zeiten ausgezeichnet
+haben, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die festliche
+Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.</p>
+
+<p>Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die
+Trauer über den Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die
+Tötung des Totem, die sonst versagt ist, freut, warum trauert man
+auch über sie?</p>
+
+<p>Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß
+des Totem heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter
+einander bestärken. Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die
+Substanz des Totem ist, in sich aufgenommen haben, könnte ja die
+festliche Stimmung und alles, was aus ihr folgt, erklären.</p>
+
+<p>Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich
+der Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch,
+daß es sonst verboten ist es zu töten, und daß seine Tötung
+zur Festlichkeit wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert.
+Die ambivalente Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute
+noch bei unseren Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben
+der Erwachsenen fortsetzt, würde sich auch auf den Vaterersatz
+des Totemtiers erstrecken.</p>
+
+<p>Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung
+des Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der
+<span class="gesperrt-left-part">Darwin</span>schen Hypothese über den Urzustand der menschlichen
+Gesellschaft zusammenhält, ergibt sich die Möglichkeit eines tieferen
+Verständnisses, der Ausblick auf eine Hypothese, die phantastisch
+erscheinen mag, aber den Vorteil bietet, eine unvermutete Einheit
+zwischen bisher gesonderten Reihen von Phänomenen herzustellen.</p>
+
+<p>Die <span class="gesperrt-left-part">Darwin</span>sche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die
+Anfänge des Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater,
+der alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt,
+nichts weiter. Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends
+<a class="pagenum" name="Page_392" title="392"> </a>
+Gegenstand der Beobachtung geworden. Was wir als primitivste
+Organisation finden, was noch heute bei gewissen Stämmen in
+Kraft besteht, das sind <em class="gesperrt">Männerverbände</em>, die aus gleichberechtigten
+Mitgliedern bestehen und den Einschränkungen des totemistischen
+Systems unterliegen, dabei mütterliche Erblichkeit. Kann das eine
+aus dem anderen hervorgegangen sein und auf welchem Wege war
+es möglich?</p>
+
+<p>Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns
+eine Antwort zu geben: Eines Tages<a name="FNanchor_74" href="#Footnote_74" class="fnanchor">(74)</a> taten sich die ausgetriebenen
+Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten
+so der Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande,
+was dem einzelnen unmöglich geblieben wäre. Vielleicht
+hatte ein Kulturfortschritt, die Handhabung einer neuen Waffe ihnen
+das Gefühl der Überlegenheit gegeben. Daß sie den Getöteten auch
+verzehrten, ist für den kannibalen Wilden selbstverständlich. Der
+gewalttätige Urvater war gewiß das beneidete und gefürchtete Vorbild
+eines jeden aus der <ins title="Bruderschar">Brüderschar</ins> gewesen. Nun setzten sie im
+Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich
+ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht
+das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederholung und die
+Gedenkfeier dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher
+so vieles seinen Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die
+sittlichen Einschränkungen und die Religion<a name="FNanchor_75" href="#Footnote_75" class="fnanchor">(75)</a>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_393" title="393"> </a>Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig
+zu finden, braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende
+Brüderschar von denselben einander widersprechenden
+Gefühlen gegen den Vater beherrscht war, die wir als Inhalt
+der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei jedem unserer Kinder und
+unserer Neurotiker nachweisen können. Sie haßten den Vater, der
+ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen Ansprüchen so mächtig
+im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten ihn auch. Nachdem
+sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren Wunsch nach
+Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die dabei
+überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen<a name="FNanchor_76" href="#Footnote_76" class="fnanchor">(76)</a>. Es geschah
+in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches
+hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote
+wurde nun stärker als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir
+es noch heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch
+seine Existenz verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst
+in der psychischen Situation des uns aus den Psychoanalysen so
+wohl bekannten »<em class="gesperrt">nachträglichen Gehorsams</em>«. Sie widerriefen
+ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für
+unerlaubt erklärten, und verzichteten auf deren Früchte, indem sie
+sich die freigewordenen Frauen versagten. So schufen sie aus dem
+<em class="gesperrt">Schuldbewußtsein des Sohnes</em> die beiden fundamentalen Tabu
+des Totemismus, die eben darum mit den beiden verdrängten
+Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. Wer dawiderhandelte,
+machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
+welche die primitive Gesellschaft bekümmerten<a name="FNanchor_77" href="#Footnote_77" class="fnanchor">(77)</a>.</p>
+
+<p>Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit
+der Menschen beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur
+das eine, die Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven;
+der Vater war ja beseitigt, in der Realität war nichts mehr
+gutzumachen. Das andere aber, das Inzestverbot, hatte auch eine
+starke praktische Begründung. Das sexuelle Bedürfnis einigt die
+Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten sich die Brüder
+verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder des
+<a class="pagenum" name="Page_394" title="394"> </a>
+anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der
+Vater alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen
+alle wäre die neue Organisation zugrunde gegangen. Es war auch
+kein Überstarker mehr da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg
+hätte aufnehmen können. Somit blieb den Brüdern, wenn sie
+miteinander leben wollten, nichts übrig, als das Inzestverbot aufzurichten,
+mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten
+Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den
+Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie
+stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betätigungen
+ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung
+bei ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese
+Situation, welche den Keim zu den von <span class="gesperrt">Bachofen</span> erkannten
+Institutionen des <em class="gesperrt">Mutterrechts</em> legte, bis dieses von der patriarchalischen
+Familienordnung abgelöst wurde.</p>
+
+<p>An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt,
+knüpft hingegen der Anspruch des Totemismus an, als
+erster Versuch einer Religion gewertet zu werden. Bot sich dem
+Empfinden der Söhne das Tier als natürlicher und nächstliegender
+Ersatz des Vaters, so <ins title="fand">fand sich</ins> in der ihnen zwanghaft gebotenen
+Behandlung desselben doch noch mehr Ausdruck als das Bedürfnis,
+ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es konnte mit dem Vatersurrogat
+der Versuch gemacht werden, das brennende Schuldgefühl
+zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu
+bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag
+mit dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die
+kindliche Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge
+und Schonung, wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren,
+d.&nbsp;h. die Tat an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche
+Vater zugrunde gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch
+im Totemismus. »Hätte der Vater uns behandelt wie der
+Totem, wir wären nie in die Versuchung gekommen, ihn zu töten«.
+So half der Totemismus dazu, die Verhältnisse zu beschönigen und
+das Ereignis vergessen zu machen, dem er seine Entstehung verdankte.</p>
+
+<p>Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter
+jeder Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war
+aus dem Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch,
+dies Gefühl zu beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen
+Gehorsam zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen
+sich als Lösungsversuche desselben Problems, variabel je nach dem
+kulturellen Zustand, in dem sie unternommen werden, und nach
+den Wegen, die sie einschlagen, aber es sind alle gleichzielende
+Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit der die Kultur
+begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur Ruhe
+kommen läßt.</p>
+
+<p>Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt
+<a class="pagenum" name="Page_395" title="395"> </a>
+hat, ist damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung
+war wohl zu groß, um durch irgendeine Veranstaltung
+ausgeglichen zu werden, oder die psychologischen Bedingungen
+sind der Erledigung dieser Gefühlsgegensätze überhaupt nicht
+günstig. Man merkt jedenfalls, daß die dem Vaterkomplex anhaftende
+Ambivalenz sich auch in den Totemismus und in die Religionen
+überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt nicht nur die
+Äußerungen der Reue und die Versuche der Versöhnung, sondern
+dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater. Die
+Befriedigung darüber läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
+einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams
+wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes
+in der Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem
+zu wiederholen, so oft der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung
+der Eigenschaften des Vaters, infolge der verändernden
+Einflüsse des Lebens zu entschwinden droht. Wir werden nicht
+überrascht sein, zu finden, daß auch der Anteil des Sohnestrotzes,
+oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und Umwendungen, in
+späteren Religionsbildungen wieder auftaucht.</p>
+
+<p>Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im
+Totemismus noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen
+der in Reue verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so
+wollen wir doch nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen,
+welche zum Vatermord gedrängt haben, den Sieg behalten. Die
+sozialen Brudergefühle, auf denen die große Umwälzung ruht, bewahren
+von nun an über lange Zeiten den tiefgehendsten Einfluß
+auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie schaffen sich Ausdruck
+in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der Betonung der
+Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die Brüder sich einander
+so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von
+ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von
+ihnen allen gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals
+aus. Zum religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten,
+kommt nun das sozial begründete Verbot des Brudermordes hinzu.
+Es wird dann noch lange währen, bis das Gebot die Einschränkung
+auf den Stammesgenossen abstreifen und den einfachen Wortlaut
+annehmen wird: Du sollst nicht morden. Zunächst ist an Stelle der
+<em class="gesperrt">Vaterhorde</em> der <em class="gesperrt">Brüderclan</em> getreten, welcher sich durch das
+Blutband versichert hat. Die Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld
+an dem gemeinsam verübten Verbrechen, die Religion auf
+dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber, die Sittlichkeit teils
+auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum anderen Teil auf
+den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen.</p>
+
+<p>Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren
+Auffassungen des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse
+einen innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung
+von Totemismus und Exogamie vertreten.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_396" title="396"> </a>6.</h2>
+
+<p>Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von
+starken Motiven, die mich vom Versuche zurückhalten werden, die
+weitere Entwicklung der Religionen von ihrem Beginn im Totemismus
+an bis zu ihrem heutigen Stande zu schildern. Ich will nur zwei
+Fäden hindurch verfolgen, wo ich sie im Gewebe besonders deutlich
+auftauchen sehe: Das Motiv des Totemopfers und das Verhältnis
+des Sohnes zum Vater<a name="FNanchor_78" href="#Footnote_78" class="fnanchor">(78)</a>.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Robertson Smith</span> hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit
+in der ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn
+der Handlung ist derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an
+der gemeinsamen Mahlzeit; auch das Schuldbewußtsein ist dabei
+geblieben; welches nur durch die Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt
+werden kann. Neu hinzugekommen ist die Stammesgottheit,
+in deren gedachter Gegenwart das Opfer stattfindet, die an
+dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse, und mit der man
+sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt der Gott
+in die ihm ursprünglich fremde Situation?</p>
+
+<p>Die Antwort könnte lauten, es sei unterdeß &ndash; unbekannt
+woher &ndash; die Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse
+Leben unterworfen, und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte,
+hätte auch die Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System
+gewinnen müssen. Allein die psychoanalytische Erforschung des einzelnen
+Menschen lehrt mit einer ganz besonderen Nachdrücklichkeit,
+daß für jeden der Gott nach dem Vater gebildet ist, daß sein persönliches
+Verhältnis zu Gott von seinem Verhältnis zum leiblichen
+Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich verwandelt, und daß Gott
+im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter Vater. Die Psychoanalyse
+rät auch hier wie im Falle des Totemismus den Gläubigen
+Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
+Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgendwelche Beachtung
+verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge und
+Bedeutungen Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen
+kann, der Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein.
+Dann wäre aber in der Situation des primitiven Opfers der Vater
+zweimal vertreten, einmal als Gott und dann als das Totemopfertier,
+und bei allem Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der
+psychoanalytischen Lösungen <ins title="müßen">müssen</ins> wir fragen, ob das möglich ist
+und welchen Sinn es haben kann.</p>
+
+<p>Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott
+und dem heiligen Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott
+ist gewöhnlich ein Tier heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen,
+besonders heiligen Opfern, den »mystischen« wurde dem
+<a class="pagenum" name="Page_397" title="397"> </a>
+Gotte gerade das ihm geheiligte Tier zum Opfer dargebracht<a name="FNanchor_79" href="#Footnote_79" class="fnanchor">(79)</a>;
+3. der Gott wurde häufig in der Gestalt eines Tieres verehrt oder,
+anders gesehen, Tiere genossen göttliche Verehrung lange nach dem
+Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt sich der
+Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So läge die Annahme
+nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich auf
+einer späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier entwickelt
+hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber die Erwägung,
+daß der Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz.
+So mag er die erste Form des Vaterersatzes sein, der Gott
+aber eine spätere, in welcher der Vater seine menschliche Gestalt
+wiedergewonnen. Eine solche Neuschöpfung aus der Wurzel aller
+Religionsbildung, der <em class="gesperrt">Vatersehnsucht</em>, konnte möglich werden,
+wenn sich im Laufe der Zeiten am Verhältnis zum Vater &ndash; und
+vielleicht auch zum Tier &ndash; Wesentliches geändert hatte.</p>
+
+<p>Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn
+man von dem Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tier
+und von der Zersetzung des Totemismus durch die Domestikation
+absehen will<a name="FNanchor_80" href="#Footnote_80" class="fnanchor">(80)</a>. In der durch die Beseitigung des Vaters hergestellten
+Situation lag ein Moment, welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche
+Steigerung der Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die
+Brüder, welche sich zur Tötung des Vaters zusammengetan hatten,
+waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt gewesen, dem Vater
+gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch Einverleibung
+von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck gegeben.
+Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die Bande des
+<ins title="Bruderclans">Brüderclans</ins> auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte
+und durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen,
+nach der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im
+Laufe langer Zeiten die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat
+gedrängt hatte, nachlassen, die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es
+konnte ein Ideal entstehen, welches die Machtfülle und Unbeschränktheit
+des einst bekämpften Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm
+zu unterwerfen, zum Inhalt hatte. Die ursprüngliche demokratische
+Gleichstellung aller einzelnen Stammesgenossen war infolge einschneidender
+kultureller Veränderungen nicht mehr festzuhalten; somit
+zeigte sich eine Geneigtheit, in Anlehnung an die Verehrung
+einzelner Menschen, die sich vor anderen hervorgetan hatten, das
+alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern wieder zu beleben.
+Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt, was uns
+heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das Vorstellungsvermögen
+des klassischen Altertums keineswegs <ins title="anstössig">anstößig</ins><a name="FNanchor_81" href="#Footnote_81" class="fnanchor">(81)</a>.
+<a class="pagenum" name="Page_398" title="398"> </a>
+Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem
+nun der Stamm seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer
+Sühneversuch als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.</p>
+
+<p>Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen
+Muttergottheiten findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern
+vorhergegangen sind, weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber,
+daß die Wandlung im Verhältnis zum Vater sich nicht auf das
+religiöse Gebiet beschränkte, sondern folgerichtig auf die andere durch
+die Beseitigung des Vaters beeinflußte Seite des menschlichen Lebens,
+auf die soziale Organisation, übergriff. Mit der Einsetzung der
+Vatergottheiten wandelte sich die vaterlose Gesellschaft allmählich
+in die patriarchalisch geordnete um. Die Familie war eine Wiederherstellung
+der einstigen Urhorde und gab den Vätern auch ein
+großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt wieder
+Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclans waren
+nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
+Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß
+genug, um die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung
+der ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.</p>
+
+<p>In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater
+wirklich zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber
+bei dem Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor
+Deutungen in acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung
+wie eine Allegorie übersetzen wollen und dabei der historischen
+Schichtung vergessen. Die zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht
+den zwei einander zeitlich ablösenden Bedeutungen der Szene. Die
+ambivalente Einstellung gegen den Vater hat hier plastischen Ausdruck
+gefunden und ebenso der Sieg der zärtlichen Gefühlsregungen
+des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene der Überwältigung
+des Vaters, seiner größten <ins title="Erniedigung">Erniedrigung</ins>, ist hier zum Material für
+eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die Bedeutung,
+die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin, daß
+es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in
+derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
+fortsetzt.</p>
+
+<p>In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das
+Opfer die Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen
+Darbringung an die Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zugunsten
+des Gottes. Gott selbst ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben,
+daß man mit ihm nur durch die Vermittlung des Priesters
+verkehren kann. Gleichzeitig kennt die soziale Ordnung göttergleiche
+Könige, welche das patriarchalische System auf den Staat
+übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und wiedereingesetzten
+<a class="pagenum" name="Page_399" title="399"> </a>
+Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
+Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben
+das neue Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch
+weiter zu entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer
+Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
+Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott
+selbst das Tier tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist.
+Dies ist die äußerste Verläugnung der großen Untat, mit welcher
+die Gesellschaft und das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung
+dieser letzteren Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie
+drückt die Befriedigung darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz
+zugunsten der höheren Gottesvorstellung verlassen hat. Die
+flach allegorische Übersetzung der Szene fällt hier ungefähr mit ihrer
+psychoanalytischen Deutung zusammen. Jene lautet: Es werde dargestellt,
+daß der Gott den tierischen Anteil seines Wesens überwindet<a name="FNanchor_82" href="#Footnote_82" class="fnanchor">(82)</a>.</p>
+
+<p>Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen
+Zeiten der erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen,
+welche dem Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt.
+Aus den ersten Phasen der Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen,
+der Götter und der Könige, kennen wir vielmehr
+die energischesten Äußerungen jener Ambivalenz, welche für die
+Religion charakteristisch bleibt.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Frazer</span> hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die
+Vermutung ausgesprochen, daß die ersten Könige der latinischen
+Stämme Fremde waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und
+in dieser Rolle an einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet
+wurden. Die jährliche Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes
+scheint ein wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu
+sein. Das Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten
+Stellen der bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese
+Menschen als Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und
+in der Ersetzung des lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung
+(Puppe) läßt sich dieser Opfergebrauch noch in späte Zeiten
+verfolgen. Das theanthropische Gottesopfer, welches ich hier leider
+nicht mit der gleichen Vertiefung wie das Tieropfer behandeln kann,
+wirft das hellste Licht nach rückwärts auf den Sinn der älteren
+Opferformen. Es bekennt mit nicht zu überbietender Aufrichtigkeit,
+daß das Objekt der Opferhandlung immer das nämliche war, dasselbe,
+was nun als Gott verehrt wird, der Vater also. Die Frage
+<a class="pagenum" name="Page_400" title="400"> </a>
+nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt eine
+einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
+für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters,
+und als der Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt,
+konnte sich das Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.</p>
+
+<p>So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als
+unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen sie zu vergessen, und
+gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen
+wollte, mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung
+zutage treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens
+als Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche
+ich an dieser Stelle nicht auszuführen. <span class="gesperrt">Robertson Smith</span>, dem ja
+unsere Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der
+menschlichen Urgeschichte ferne liegt, gibt an, daß die Zeremonien
+jener Feste, mit denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit
+feierten, als »<em class="gesperrt">commemoration of a mythical tragedy</em>« ausgelegt
+wurden, und daß die Klage dabei nicht den Charakter einer
+spontanen Teilnahme hatte, sondern etwas Zwangsmäßiges, von der
+Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an sich trug<a name="FNanchor_83" href="#Footnote_83" class="fnanchor">(83)</a>. Wir glauben
+zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte war, und daß die Gefühle
+der Feiernden in der zugrunde liegenden Situation ihre gute
+Aufklärung fanden.</p>
+
+<p>Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren
+Entwicklung der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das
+Schuldbewußtsein des Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen.
+Jeder Lösungsversuch des religiösen Problems, jede Art der Versöhnung
+der beiden widerstreitenden seelischen Mächte wird allmählich
+hinfällig, wahrscheinlich unter dem kombinierten Einfluß von
+kulturellen Änderungen, historischen Ereignissen und inneren psychischen
+Wandlungen.</p>
+
+<p>Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des
+Sohnes hervor, sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit
+der Einführung des Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes
+in der patriarchalischen Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen
+seiner inzestuösen Libido, die in der Bearbeitung der Mutter Erde
+eine symbolische Befriedigung findet. Es entstehen die Göttergestalten
+des Attis, Adonis, Tammuz u.&nbsp;a., Vegetationsgeister und zugleich
+jugendliche Gottheiten, welche die Liebesgunst mütterlicher Gottheiten
+genießen, den Mutterinzest dem Vater zum Trotze durchsetzen.
+Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese Schöpfung
+<a class="pagenum" name="Page_401" title="401"> </a>
+nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die diesen
+jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und
+eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes
+in Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet,
+das heilige Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele,
+stirbt an Entmannung<a name="FNanchor_84" href="#Footnote_84" class="fnanchor">(84)</a>. Die Beweinung und die Freude über die
+Auferstehung dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
+übergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war.</p>
+
+<p>Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann,
+traf es auf die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war
+für eine Weile zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde.</p>
+
+<p>Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist
+doch unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus
+den Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß
+er jenen Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog
+und somit die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der
+Tat erlöste. Es gab einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses
+Schuldbewußtseins und diesen beschritt erst Christus. Er ging hin
+und opferte sein eigenes Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar
+von der Erbsünde.</p>
+
+<p>Die Lehre von der Erbsünde ist <em class="gesperrt">orphischer</em> Herkunft; sie
+wurde in den Mysterien erhalten und drang von da aus in die
+Philosophenschulen des griechischen Altertums ein<a name="FNanchor_85" href="#Footnote_85" class="fnanchor">(85)</a>. Die Menschen
+waren die Nachkommen von Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus
+getötet und zerstückelt hatten; die Last dieses Verbrechens
+drückte auf sie. In einem Fragment von <span class="gesperrt">Anaximander</span> wird gesagt,
+daß die Einheit der Welt durch ein urzeitliches Verbrechen
+zerstört worden sei, und daß alles, was daraus hervorgegangen, die
+Strafe dafür weiter tragen muß.<a name="FNanchor_86" href="#Footnote_86" class="fnanchor">(86)</a> Erinnert die Tat der Titanen
+durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und Zerreißung
+deutlich genug an das von St. <span class="gesperrt">Nilus</span> beschriebene Totemopfer &ndash; wie
+übrigens viele andere Mythen des Altertums, z.&nbsp;B. der Tod des
+<a class="pagenum" name="Page_402" title="402"> </a>
+Orpheus selbst &ndash; so stört uns hier doch die Abweichung, daß die
+Mordtat an einem jugendlichen Gott vollzogen wird.</p>
+
+<p>Im christlichen Mythus ist die Erbsünde der Menschen unzweifelhaft
+eine Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus
+die Menschen von dem Druck der Erbsünde erlöst, indem er sein
+eigenes Leben opfert, so zwingt er uns zu dem Schluß, daß diese
+Sünde eine Mordtat war. Nach dem im menschlichen Fühlen tiefgewurzelten
+Gesetz der Talion kann ein Mord nur durch die Opferung
+eines anderen Lebens gesühnt werden; die Selbstaufopferung weist
+auf eine Blutschuld zurück<a name="FNanchor_87" href="#Footnote_87" class="fnanchor">(87)</a>. Und wenn dieses Opfer des eigenen
+Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so kann das
+zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater gewesen
+sein.</p>
+
+<p>So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit
+am unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun
+im Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden
+hat. Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher,
+weil gleichzeitig mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib
+erfolgt, um dessen Willen man sich gegen den Vater empört hatte.
+Aber nun fordert auch das psychologische Verhängnis der Ambivalenz
+seine Rechte. Mit der gleichen Tat, welche dem Vater die
+größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der Sohn das Ziel seiner
+Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott neben, eigentlich
+an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die Vaterreligion
+ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte Totemmahlzeit als
+Kommunion wieder belebt, in welcher nun die Brüderschar vom
+Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters, genießt, sich
+durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert. Unser Blick
+verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der Totemmahlzeit
+mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und mit
+der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen Feierlichkeiten
+die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen so sehr
+bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die christliche
+Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
+Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken,
+wie berechtigt der Satz von <span class="gesperrt">Frazer</span> ist, daß »the Christian communion
+has absorbed within itself a sacrament which is doubtless
+far older than Christianity«<a name="FNanchor_88" href="#Footnote_88" class="fnanchor">(88)</a>.</p>
+
+<h2>7.</h2>
+
+<p>Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die
+Brüderschar mußte unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit
+<a class="pagenum" name="Page_403" title="403"> </a>
+hinterlassen und sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum
+Ausdruck bringen, je weniger er selbst erinnert werden sollte<a name="FNanchor_89" href="#Footnote_89" class="fnanchor">(89)</a>. Ich
+gehe der Versuchung aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie,
+wo sie nicht schwer zu finden sind, nachzuweisen und wende
+mich einem anderen Gebiete zu, indem ich einem Fingerzeig von
+S. <span class="gesperrt">Reinach</span> in einer inhaltsreichen Abhandlung über den Tod des
+Orpheus folge<a name="FNanchor_90" href="#Footnote_90" class="fnanchor">(90)</a>.</p>
+
+<p>In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation,
+welche auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
+mit der von <span class="gesperrt">Robertson Smith</span> erkannten Szene der
+Totemmahlzeit zeigt. Es ist die Situation der ältesten griechischen
+Tragödie. Eine Schar von Personen, alle gleich benannt und gleich
+gekleidet, umsteht einen einzigen, von dessen Reden und Handeln
+sie alle abhängig sind: Es ist der Chor und der ursprünglich einzige
+Heldendarsteller. Spätere Entwicklungen brachten einen zweiten
+und dritten Schauspieler, um Gegenspieler und Abspaltungen des
+Helden darzustellen, aber der Charakter des Helden wie sein Verhältnis
+zum Chor blieben unverändert. Der Held der Tragödie
+mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche Inhalt einer Tragödie.
+Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf sich geladen,
+die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine Schuld im
+Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der Auflehnung
+gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der
+Chor begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen,
+suchte ihn zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn,
+nachdem er für sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte
+Bestrafung gefunden hatte.</p>
+
+<p>Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet
+seine »tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch
+rasche Beantwortung abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater,
+der Held jener großen urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine
+tendenziöse Wiederholung findet, und die tragische Schuld ist jene,
+die er auf sich nehmen muß, um den Chor von seiner Schuld zu
+<a class="pagenum" name="Page_404" title="404"> </a>
+entlasten. Die Szene auf der Bühne ist durch zweckmäßige Entstellung,
+man könnte sagen: im Dienste raffinierter Heuchelei, aus
+der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten Wirklichkeit
+waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden verursachten;
+hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
+und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte
+Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine
+große Autorität, ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen
+des Chors, die Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held
+&ndash; noch wider seinen Willen &ndash; zum Erlöser des Chors gemacht.</p>
+
+<p>Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des
+göttlichen Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
+Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird
+es leicht verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im
+Mittelalter an der Passion Christi neu entzündete.</p>
+
+<p>So möchte ich denn zum Schluß dieser mit äußerster Verkürzung
+geführten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im
+Ödipuskomplex die Anfänge von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft
+und Kunst zusammentreffen, in voller Übereinstimmung mit der
+Feststellung der Psychoanalyse, daß dieser Komplex den Kern aller
+Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt unserem Verständnis nachgegeben
+haben. Es erscheint mir als eine große Überraschung, daß
+auch diese Probleme des Völkerseelenlebens eine Auflösung von
+einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das Verhältnis zum
+Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes psychologisches
+Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben
+so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im eigentlichen
+Sinne, also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen dasselbe
+Objekt, an der Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen.
+Wir wissen nichts über die Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann
+die Annahme machen, daß sie ein fundamentales Phänomen unseres
+Gefühlslebens sei. Aber auch die andere Möglichkeit scheint mir
+wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben ursprünglich fremd,
+von der Menschheit an dem Vaterkomplex<a name="FNanchor_91" href="#Footnote_91" class="fnanchor">(91)</a> erworben wurde, wo
+die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute noch
+ihre stärkste Ausprägung nachweist.<a name="FNanchor_92" href="#Footnote_92" class="fnanchor">(92)</a></p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_405" title="405"> </a>Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben,
+daß der hohe Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange,
+den wir in diesen Ausführungen erreicht haben, uns
+nicht gegen die Unsicherheiten unserer Voraussetzungen und die
+Schwierigkeiten unserer Resultate verblenden kann. Von den letzteren
+will ich nur noch zwei behandeln, die sich manchem Leser aufgedrängt
+haben dürften.</p>
+
+<p>Es kann zunächst niemand entgangen sein, daß wir überall
+die Annahme einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher sich
+die seelischen Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen.
+Wir lassen vor allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über
+viele Jahrtausende fortleben und in Generationen wirksam bleiben,
+welche von dieser Tat nichts wissen konnten. Wir lassen einen
+Gefühlsprozeß, wie er bei Generationen von Söhnen entstehen
+konnte, die von ihrem Vater mißhandelt wurden, sich auf neue
+Generationen fortsetzen, welche einer solchen Behandlung gerade
+durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden waren. Dies
+scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere Erklärung
+scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
+vermeiden kann.</p>
+
+<p>Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwortlichkeit
+für solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die
+Annahme einer Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben
+der Menschen, welche gestattet sich über die Unterbrechungen der
+seelischen Akte durch das Vergehen der Individuen hinwegzusetzen,
+kann die Völkerpsychologie überhaupt nicht bestehen. Setzten sich
+die psychischen Prozesse der einen Generation nicht auf die nächste
+fort, müßte jede ihre Einstellung zum Leben neu erwerben, so gäbe
+es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt und so gut wie keine Entwicklung.
+Es erheben sich nun zwei neue Fragen, wieviel man der
+psychischen Kontinuität innerhalb der Generationsreihen zutrauen
+kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation bedient,
+um ihre psychischen Zustände auf die nächste zu übertragen.
+Ich werde nicht behaupten, daß diese Probleme weit genug geklärt
+sind, oder daß die direkte Mitteilung und Tradition, an die man
+zunächst denkt, für das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen
+kümmert sich die Völkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise
+die verlangte Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden
+Generationen hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch
+die Vererbung psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche
+aber doch gewisser Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um
+zur Wirksamkeit zu erwachen. Es mag dies der Sinn des Dichterwortes
+sein: Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb
+es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch schwieriger,
+wenn wir zugestehen könnten, daß es seelische Regungen gibt,
+welche so spurlos unterdrückt werden können, daß sie keine Resterscheinungen
+zurücklassen. Allein solche gibt es nicht. Die stärkste
+<a class="pagenum" name="Page_406" title="406"> </a>
+Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen und
+aus ihnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber annehmen,
+daß keine Generation imstande ist, bedeutsamere seelische Vorgänge
+vor der nächsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nämlich
+gelehrt, daß jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit
+einen Apparat besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer
+Menschen zu deuten, d.&nbsp;h. die Entstellungen wieder rückgängig zu
+machen, welche der andere an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen
+vorgenommen hat. Auf diesem Wege des unbewußten Verständnisses
+all der Sitten, Zeremonien und Satzungen, welche das
+ursprüngliche Verhältnis zum Urvater zurückgelassen hatte, mag
+auch den späteren Generationen die Übernahme jener Gefühlserbschaft
+gelungen sein.</p>
+
+<p>Ein anderes Bedenken dürfte gerade von seiten der analytischen
+Denkweise erhoben werden.</p>
+
+<p>Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschränkungen
+der primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat
+aufgefaßt, welche ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab.
+Sie bereuten diese Tat und beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt
+werden solle, und daß ihre Ausführung keinen Gewinn gebracht
+haben dürfe. Dies schöpferische Schuldbewußtsein ist nun
+unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei den Neurotikern in
+asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften, fortgesetzte
+Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die begangenen und
+als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten<a name="FNanchor_93" href="#Footnote_93" class="fnanchor">(93)</a>. Wenn wir aber
+bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche Reaktionen
+wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden
+nicht Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach
+dem Bösen verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden
+sind. Dem Schuldbewußtsein der Neurotiker liegen nur psychische
+Realitäten zugrunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch
+charakterisiert, daß sie die psychische Realität über die faktische
+setzt, auf Gedanken ebenso ernsthaft reagiert, wie die Normalen
+nur auf Wirklichkeiten.</p>
+
+<p>Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben?
+Wir sind berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung ihrer
+psychischen Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen Organisation
+zuzuschreiben<a name="FNanchor_94" href="#Footnote_94" class="fnanchor">(94)</a>. Demnach könnten die bloßen Impulse von Feindseligkeit
+gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn
+zu töten und zu verzehren, hingereicht haben, um jene moralische
+Reaktion zu erzeugen, die Totemismus und Tabu geschaffen hat.
+Man würde so der Notwendigkeit entgehen, den Beginn unseres
+kulturellen Besitzes, auf den wir mit Recht so stolz sind, auf ein
+gräßliches, alle unsere Gefühle beleidigendes Verbrechen zurückzuführen.
+<a class="pagenum" name="Page_407" title="407"> </a>
+Die kausale, von jenem Anfang bis in unsere Gegenwart
+reichende Verknüpfung litte dabei keinen Schaden, denn die psychische
+Realität wäre bedeutsam genug, um alle diese Folgen zu tragen.
+Man wende dagegen nicht ein, daß ja eine Veränderung der Gesellschaft
+von der Form der Vaterhorde zu der des Brüderclans
+wirklich vorgefallen ist. Sie könnte auf minder gewaltsame Weise
+erreicht worden sein und doch die Bedingung für das Hervortreten
+der moralischen Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des
+Urvaters sich fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen
+ihn berechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt
+abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig,
+daß alles, was sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet,
+Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des höchsten Ernstes
+und der vollsten Realität an sich trägt. Auch das Zeremoniell und
+die Hemmungen der Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter und
+gehen doch nur auf psychische Realität, auf Vorsatz und nicht auf
+Ausführung zurück. Wir müssen uns hüten, aus unserer nüchternen
+Welt, die voll ist von materiellen Werten, die Geringschätzung des
+blos Gedachten und Gewünschten in die nur innerlich reiche Welt
+des Primitiven und des Neurotikers einzutragen.</p>
+
+<p>Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht
+leicht gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß der
+Unterschied, der Anderen fundamental erscheinen kann, für unser
+Urteil nicht das Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn für den
+Primitiven Wünsche und Impulse den vollen Wert von Tatsachen
+haben, so ist es an uns, solcher Auffassung verständnisvoll zu
+folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab zu korrigieren. Dann aber
+wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in diesen Zweifel
+gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist nicht richtig,
+daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke einer
+Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität von Versuchungen
+verteidigen und wegen blos verspürter Impulse bestrafen.
+Es ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in ihrer Kindheit
+hatten diese Menschen nichts anderes als die bösen Impulse, und
+insoweit sie in der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie
+diese Impulse auch in Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen Überguten
+hatte in der Kindheit seine böse Zeit, eine perverse Phase
+als Vorläufer und Voraussetzung der späteren moralischen. Die
+Analogie der Primitiven mit den Neurotikern wird also viel gründlicher
+hergestellt, wenn wir annehmen, daß auch bei den ersteren
+die psychische Realität, an deren Gestaltung kein Zweifel ist, anfänglich
+mit der faktischen Realität zusammenfiel, daß die Primitiven
+das wirklich getan haben, was sie nach allen Zeugnissen zu tun
+beabsichtigten.</p>
+
+<p>Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch
+nicht durch die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen.
+Es sind auch die Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß sind
+<a class="pagenum" name="Page_408" title="408"> </a>
+bei beiden, Wilden wie Neurotikern, die scharfen Scheidungen
+zwischen Denken und Tun, wie wir sie ziehen, nicht vorhanden.
+Allein der Neurotiker ist vor allem im Handeln gehemmt, bei ihm
+ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat. Der Primitive ist
+ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat um, die
+Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum
+meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Entscheidung
+einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen:
+Im Anfang war die Tat.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 120px;">
+<img src="images/deko.png" width="120" height="119" alt=""/>
+</div>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a>
+p.&nbsp;139.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">(2)</a>
+Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors vierbändigem
+Werke Cultes, Mythes et Religions, 1908, T.&nbsp;I, p.&nbsp;17&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">(3)</a>
+1910.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">(4)</a>
+Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die Schwierigkeiten
+vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem Gebiete zu kämpfen haben:
+</p>
+<p>
+Zunächst; die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht dieselben,
+welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren Reisende und Missionäre,
+die letzteren Gelehrte, welche die Objekte ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen
+haben. &ndash; Die Verständigung mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle
+der Beobachter waren mit den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich
+der Hilfe von Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit den
+Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die intimsten Angelegenheiten
+ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen Fremden, die viele Jahre
+in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben aus den verschiedenartigsten Motiven
+(Vgl. <span class="gesperrt">Frazer</span>, The beginnings of religion and totemism among the Australian
+aborigines, Fortnightly Review, 1905; T. and Ex.&nbsp;I, p.&nbsp;150) oft falsche oder mißverständliche
+Auskünfte. &ndash; Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven
+Völker keine jungen Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die zivilisiertesten,
+und daß man kein Recht zur Erwartung hat, sie würden ihre ursprünglichen
+Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und Entstellung für unsere Kenntnisnahme
+aufbewahrt haben. Es ist vielmehr sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende
+Wandlungen nach allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals
+ohne Bedenken entscheiden kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und
+Meinungen nach Art eines Petrefakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten
+hat, und was einer Entstellung und Veränderung derselben entspricht. Daher die
+überreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den Eigentümlichkeiten
+einer primitiven Kultur als primär und was als spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen
+sei. Die Feststellung des ursprünglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine
+Sache der Konstruktion. &ndash; Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart der
+Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie ebenso leicht wie die Kinder und
+sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen <ins title="physischen">psychischen</ins> Konstellationen
+zu deuten.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">(5)</a>
+Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen Werkes
+T. and Ex.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">(6)</a>
+Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, <ins title="Jmago">Imago</ins>&nbsp;I.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">(7)</a>
+Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom, die
+Bären im Zwinger von Bern.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">(8)</a>
+Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">(9)</a>
+l.&nbsp;c. p.&nbsp;45. &ndash; Siehe unten die Erörterung über das Opfer.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">(10)</a>
+Imago&nbsp;I, 1912. 1.&nbsp;Heft.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">(11)</a>
+p.&nbsp;116.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">(12)</a>
+Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus,
+welches <span class="gesperrt">Frazer</span> in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The origin of
+Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: <ins title="Thus">»Thus</ins>, Totemism has commonly been treated
+as a primitive system both of religion and of society. As a system of religion
+it embraces the mystic union of the savage with his totem; as a system of society
+it comprises the relations in which men and women of the same totem stand to
+each other and to the members of other totemic groups. And corresponding to
+these two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of
+Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem animal or
+plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit with a woman of
+the same totem.« (p.&nbsp;101.) <span class="gesperrt">Frazer</span> fügt dann hinzu, was uns mitten in die Diskussionen
+über den Totemismus hineinführt: Whether the two sides &ndash; the religious
+and the social &ndash; have always coexisted or are essentially independent, is a
+question which has been variously answered.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_13" href="#FNanchor_13" class="label">(13)</a>
+Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen Satz nieder:
+»That my conclusions on these difficult questions are final, I am not so foolish
+as to pretend. I have changed my views repeatedly, and I am resolved to change
+them again with every change of the evidence, for like a chameleon the candid
+enquirer should shift his colours with the shifting colours of the ground he treads.«
+Vorrede zum I.&nbsp;Band von Totemism and Exogamy. 1910.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_14" href="#FNanchor_14" class="label">(14)</a>
+»By the nature of the case, as the origin of totemism lies far beyond our
+powers of historical examination or of experiment, we must have recourse as
+regards this matter to conjecture«, A. <span class="gesperrt">Lang</span>, Secret of the Totem, p.&nbsp;27. &ndash; »Nowhere
+do we see absolutely primitive man, and a totemic system in the making.« p.&nbsp;29.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_15" href="#FNanchor_15" class="label">(15)</a>
+Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_16" href="#FNanchor_16" class="label">(16)</a>
+The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869&ndash;1870. &ndash;
+Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in ancient History
+1876. 2. ed. 1886.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_17" href="#FNanchor_17" class="label">(17)</a>
+The Secret of the Totem. 1905, p.&nbsp;34.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_18" href="#FNanchor_18" class="label">(18)</a>
+Nach A. <span class="gesperrt">Lang</span>, Secret of the Totem, p.&nbsp;34.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_19" href="#FNanchor_19" class="label">(19)</a>
+Ibid.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_20" href="#FNanchor_20" class="label">(20)</a>
+Nach A. <span class="gesperrt">Lang</span>.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_21" href="#FNanchor_21" class="label">(21)</a>
+<span class="gesperrt">Pikler</span> und <span class="gesperrt">Somló</span>, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die Autoren
+kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als »Beitrag zur materialistischen
+Geschichtstheorie«.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_22" href="#FNanchor_22" class="label">(22)</a>
+The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien der
+Soziologie. I.&nbsp;Bd., §§&nbsp;169 bis 176.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_23" href="#FNanchor_23" class="label">(23)</a>
+Kamilaroi and Kurmai, p.&nbsp;165, 1880 (nach A. <span class="gesperrt">Lang</span>, Secret etc.).
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_24" href="#FNanchor_24" class="label">(24)</a>
+Vgl. Imago, I., Tabu, p.&nbsp;319.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_25" href="#FNanchor_25" class="label">(25)</a>
+l.&nbsp;c. T.&nbsp;I., p.&nbsp;41.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_26" href="#FNanchor_26" class="label">(26)</a>
+Address to the Anthropological Section, British Association Belfast 1902.
+Nach <span class="gesperrt">Frazer</span> l.&nbsp;c. T.&nbsp;IV., p.&nbsp;50 u.&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_27" href="#FNanchor_27" class="label">(27)</a>
+The native tribes of Central Australia von Baldwin <span class="gesperrt">Spencer</span> und
+H.&nbsp;J. <span class="gesperrt">Gillen</span>, London 1891.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_28" href="#FNanchor_28" class="label">(28)</a>
+There is nothing vague or mystical about it, nothing of that metaphysical
+haze which some writers love to conjure up over the humble beginnings
+of human speculation but which is utterly foreign to the simple, sensuous, and
+concrete modes of the savage (Totemism and Exogamy, I., p.&nbsp;117).
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_29" href="#FNanchor_29" class="label">(29)</a>
+l.&nbsp;c. p.&nbsp;120.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_30" href="#FNanchor_30" class="label">(30)</a>
+L'année sociologique, T.&nbsp;I., V., VIII. und an anderen Stellen. S. besonders
+die Abhandlung Sur le totémisme, <ins title="T.,">T.</ins> V., 1901.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_31" href="#FNanchor_31" class="label">(31)</a>
+Social Origins und Secret of the Totem.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_32" href="#FNanchor_32" class="label">(32)</a>
+The Golden Bough&nbsp;II., p.&nbsp;332.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_33" href="#FNanchor_33" class="label">(33)</a>
+»It is unlikely that a community of savages should deliberately parcel
+out the realm of nature into provinces, assign each province to a particular band
+of magicians, and bid all the bands to work their magic and weave their spells
+for the common good.« T. and Ex.&nbsp;IV., p.&nbsp;57.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_34" href="#FNanchor_34" class="label">(34)</a>
+T. and Ex.&nbsp;II., p.&nbsp;89 und IV., p.&nbsp;59.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_35" href="#FNanchor_35" class="label">(35)</a>
+l.&nbsp;c. IV., p.&nbsp;63.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_36" href="#FNanchor_36" class="label">(36)</a>
+»That belief is a philosophy far from primitive.« A. <span class="gesperrt">Lang</span>, Secret of the
+Totem, p.&nbsp;192.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_37" href="#FNanchor_37" class="label">(37)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, T. and Ex.&nbsp;IV., p.&nbsp;45 u.&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_38" href="#FNanchor_38" class="label">(38)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. p.&nbsp;48.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_39" href="#FNanchor_39" class="label">(39)</a>
+<span class="gesperrt">Wundt</span>, Elemente der Völkerpsychologie, p.&nbsp;190.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_40" href="#FNanchor_40" class="label">(40)</a>
+L'année sociologique 1898&ndash;1904.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_41" href="#FNanchor_41" class="label">(41)</a>
+S. die Kritik der Erörterungen <span class="gesperrt">Durkheims</span> bei <span class="gesperrt">Frazer</span>. T. and Ex., IV.,
+p.&nbsp;101.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_42" href="#FNanchor_42" class="label">(42)</a>
+Secret etc., p.&nbsp;125.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_43" href="#FNanchor_43" class="label">(43)</a>
+Z.&nbsp;B. <span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. IV., p.&nbsp;75: The totemic clan is a totally different
+social organism from the exogamous class, and we have good grounds for thinking
+that it is far older.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_44" href="#FNanchor_44" class="label">(44)</a>
+Primitive marriage 1865.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_45" href="#FNanchor_45" class="label">(45)</a>
+»Improper because it was unusual.«
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_46" href="#FNanchor_46" class="label">(46)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. IV., p.&nbsp;73 bis 92.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_47" href="#FNanchor_47" class="label">(47)</a>
+Vgl. Imago&nbsp;I.: Die Inzestscheu.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_48" href="#FNanchor_48" class="label">(48)</a>
+<span class="gesperrt">Morgan</span>, Ancient Society 1877. &ndash; <span class="gesperrt">Frazer</span>, T. and Ex.&nbsp;IV., p.&nbsp;105&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_49" href="#FNanchor_49" class="label">(49)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. p.&nbsp;106.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_50" href="#FNanchor_50" class="label">(50)</a>
+Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909. Dort
+auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene Einwendungen.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_51" href="#FNanchor_51" class="label">(51)</a>
+l.&nbsp;c., p.&nbsp;97.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_52" href="#FNanchor_52" class="label">(52)</a>
+Vgl. <span class="gesperrt">Durkheim</span>, La prohibition de l'Inceste. L'année sociologique. I.,
+1896/97.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_53" href="#FNanchor_53" class="label">(53)</a>
+Ch. <span class="gesperrt">Darwin</span> meint von den Wilden: »they are not likely to reflect on
+distant evils to their progeny.«
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_54" href="#FNanchor_54" class="label">(54)</a>
+Imago, I., l.&nbsp;c.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_55" href="#FNanchor_55" class="label">(55)</a>
+»Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of incest &ndash; since
+exogamy was devised to prevent incest &ndash; remains a problem nearly as dark as
+ever.« T. and Ex.&nbsp;I., p.&nbsp;165.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_56" href="#FNanchor_56" class="label">(56)</a>
+Abstammung des Menschen, übersetzt von V. <span class="gesperrt">Carus</span>, II.&nbsp;Bd., Kap.&nbsp;20,
+p.&nbsp;341.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_57" href="#FNanchor_57" class="label">(57)</a>
+Primal Law, London 1903 (mit A. <span class="gesperrt">Lang</span>, Social Origins).
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_58" href="#FNanchor_58" class="label">(58)</a>
+Secret of the Totem, p.&nbsp;114, 143.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_59" href="#FNanchor_59" class="label">(59)</a>
+»If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines of
+Mr. <span class="gesperrt"><ins title="Darwins">Darwin's</ins></span> theory, before the totem beliefs lent to the practice a <em class="gesperrt">sacred</em>
+sanction, our task is relatively easy. The first practical rule would be that of
+the jealous Sire ›No males to touch the females in my camp‹, with expulsion of
+adolescent sons. <em class="gesperrt">In efflux of time that rule, become habitual</em>, would be,
+›No marriage within the local group‹. Next let the local groups receive names,
+such as Emus, Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, ›No Marriage
+within the local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe‹. But, if the
+primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as totemic
+myths and tabus were developed out of the animal, vegetable, and other names
+of small local groups.« Secret of the Totem, p.&nbsp;143. (Die Hervorhebung in der
+Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) &ndash; In seiner letzten Äußerung über den Gegenstand
+(Folklore, Dezember 1911) teilt A. <span class="gesperrt">Lang</span> übrigens mit, daß er die Ableitung
+der Exogamie aus dem »general totemic« Tabu aufgegeben habe.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_60" href="#FNanchor_60" class="label">(60)</a>
+M. <span class="gesperrt">Wulff</span>, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralbl. f. Psychoanalyse
+1912, II., Nr.&nbsp;1, p.&nbsp;15&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_61" href="#FNanchor_61" class="label">(61)</a>
+l.&nbsp;c. p.&nbsp;37.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_62" href="#FNanchor_62" class="label">(62)</a>
+Die Giraffenphantasie p.&nbsp;24.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_63" href="#FNanchor_63" class="label">(63)</a>
+S. <span class="gesperrt">Ferenczi</span>, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse
+1913, I., Nr.&nbsp;3.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_64" href="#FNanchor_64" class="label">(64)</a>
+Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus enthaltene
+Blendung vergleiche die Mitteilungen von <span class="gesperrt">Reitler</span>, <span class="gesperrt">Ferenczi</span>, <span class="gesperrt">Rank</span> und
+<span class="gesperrt">Eder</span> in Intern. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 1913, I., Nr.&nbsp;2.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_65" href="#FNanchor_65" class="label">(65)</a>
+In welcher nach <span class="gesperrt">Frazer</span> das Wesentliche des Totemismus gegeben ist:
+»Totemism is an identification of a man with his totem.« T. and Ex., IV., p.&nbsp;5.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_66" href="#FNanchor_66" class="label">(66)</a>
+O. <span class="gesperrt">Rank</span> verdanke ich die Mitteilung eines Falles von Hundephobie bei
+einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung, wie er zu seinem Leiden
+gekommen sei, merklich an die oben (p.&nbsp;369) erwähnte Totemtheorie der <span class="gesperrt">Arunta</span>
+anklingt. Er hatte von seinem Vater erfahren, daß seine Mutter während der
+Schwangerschaft mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_67" href="#FNanchor_67" class="label">(67)</a>
+W. <span class="gesperrt">Robertson Smith</span>, The religion of the Semites. Second Edition.
+London 1907.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_68" href="#FNanchor_68" class="label">(68)</a>
+»The inference is that the domestication to which totemism invariably
+leads (when there are any animals capable of domestication) is fatal to totemism.«
+</p>
+<p>
+<span class="gesperrt">Jevons</span>, An introduction to the history of religion 1911, fifth edition,
+p.&nbsp;120.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_69" href="#FNanchor_69" class="label">(69)</a>
+l.&nbsp;c. p.&nbsp;<ins title="313">113</ins>.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_70" href="#FNanchor_70" class="label">(70)</a>
+The Golden Bough, <ins title="Part.">Part</ins>&nbsp;V, Spirits of the corn and of the wild; 1912,
+in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine animal.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_71" href="#FNanchor_71" class="label">(71)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, T. and Ex. T.&nbsp;II, p.&nbsp;590.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_72" href="#FNanchor_72" class="label">(72)</a>
+Die von verschiedenen Autoren (<span class="gesperrt">Marillier</span>, <span class="gesperrt">Hubert</span> und <span class="gesperrt">Mauss</span> u.&nbsp;a.)
+gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind mir nicht unbekannt
+geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von <span class="gesperrt">Robertson Smith</span> im
+wesentlichen nicht beeinträchtigt.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_73" href="#FNanchor_73" class="label">(73)</a>
+Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p.&nbsp;412.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_74" href="#FNanchor_74" class="label">(74)</a>
+Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte ich die
+Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv hinzuzunehmen.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_75" href="#FNanchor_75" class="label">(75)</a>
+Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und Tötung des
+tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der ausgetriebenen Söhne hat sich auch
+<span class="gesperrt">Atkinson</span> als direkte Folgerung aus den Verhältnissen der <span class="gesperrt-left-part">Darwin</span>schen
+Urhorde ergeben. »A youthful band of brothers living together in forced celibacy,
+or at most in polyandrous relation with some single female captive. A horde
+as yet weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
+gained with time, inevitably wrench by combined attacks renewed again and
+again, both wife and life from the paternal tyrant« (Primal Law, p.&nbsp;220&ndash;221).
+<span class="gesperrt">Atkinson</span>, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien verbrachte und ungewöhnliche
+Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen hatte, beruft sich auch
+darauf, daß die von <span class="gesperrt">Darwin</span> supponierten Zustände der Urhorde bei wilden
+Rinder- und Pferdeherden leicht zu beobachten sind und regelmäßig zur Tötung
+des Vatertieres führen. Er nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung des
+Vaters ein Zerfall der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne
+unter einander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation der Gesellschaft
+niemals zustande: »an ever recurring violent succession to the solitary
+paternal tyrant by sons, <em class="gesperrt">whose parricidal hands were so soon again
+clenched in fratricidal strife</em>« (p.&nbsp;228). <span class="gesperrt">Atkinson</span>, dem die Winke der
+Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und dem die Studien von <span class="gesperrt">Robertson
+Smith</span> nicht bekannt waren, findet einen minder gewaltsamen Übergang von der
+Urhorde zur nächsten sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Männer in friedlicher
+Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutterliebe durchsetzen, daß anfangs
+nur die jüngsten, später auch andere Söhne in der Horde verbleiben, wofür diese
+Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form der von ihnen geübten Entsagung
+gegen Mutter und Schwestern anerkennen.
+</p>
+<p>
+Soviel über die höchst bemerkenswerte Theorie von <span class="gesperrt">Atkinson</span>, ihre Übereinstimmung
+mit der hier vorgetragenen im <em class="gesperrt">wesentlichen</em> Punkte und ihre Abweichung
+davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang mit so vielem
+anderen mit sich bringt.
+</p>
+<p>
+Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche Zusammendrängung
+der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf ich als eine
+durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung hinstellen. Es wäre
+ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit anzustreben, wie es unbillig wäre,
+Sicherheiten zu fordern.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_76" href="#FNanchor_76" class="label">(76)</a>
+Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zugute kommen, daß die
+Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in gewisser
+Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte ja seinen ursprünglichen
+Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber,
+wie wir wissen, der moralischen Reaktion weit günstiger als die Befriedigung.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_77" href="#FNanchor_77" class="label">(77)</a>
+»Murder and incest, or offences of a like kind against this sacred law
+of blood are in primitive society the only crimes of which the community as
+such takes cognisance&nbsp;...« Religion of the Semites, p.&nbsp;419.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_78" href="#FNanchor_78" class="label">(78)</a>
+Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte Arbeit
+von C.&nbsp;G. <span class="gesperrt">Jung</span>, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch von <span class="gesperrt">Bleuler-Freud</span>,
+IV., 1912.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_79" href="#FNanchor_79" class="label">(79)</a>
+<span class="gesperrt">Robertson Smith</span>, Religion of the Semites.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_80" href="#FNanchor_80" class="label">(80)</a>
+S.&nbsp;o. <a href="#Page_388">p.&nbsp;388</a>.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_81" href="#FNanchor_81" class="label">(81)</a>
+»To us moderns for whom the breach which divides the human and the
+divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may appear impious,
+but it was otherwise with the ancients. To their thinking gods and men were akin,
+for many families traced <ins title="ther">their</ins> descent from a divinity, and the deification of a man
+probably seemed as little extraordinary to them as the canonisation of a saint
+seems to a modern catholic.« <span class="gesperrt">Frazer</span>, Golden Bough&nbsp;I. The magic art and the
+evolution of kings. II., p.&nbsp;177.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_82" href="#FNanchor_82" class="label">(82)</a>
+Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den Mythologien
+bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der Ersetzung eines religiösen
+Systems durch ein neues, sei es infolge von Eroberung durch ein Fremdvolk
+oder auf dem Wege psychologischer Entwicklung. In letzterem Falle nähert
+sich der Mythus den »funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. <span class="gesperrt">Silberer</span>. Daß
+der das Tier tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C.&nbsp;G. <span class="gesperrt">Jung</span> (l.&nbsp;c.) behauptet,
+setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten voraus und
+erscheint mir überhaupt fragwürdig.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_83" href="#FNanchor_83" class="label">(83)</a>
+Religion of the Semites, p.&nbsp;412&ndash;413. »The mourning is not a spontaneous
+expression of sympathy with the divine tragedy but obligatory and enforced
+by fear of supernatural anger. And a chief object of the mourners is to <em class="gesperrt">disclaim
+responsibility for the <ins title="gods">god's</ins> death</em> &ndash; a point which has already come
+before us in connection with theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at
+Athens«.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_84" href="#FNanchor_84" class="label">(84)</a>
+Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in der Störung
+des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen Neurotikern. Aus der schönen
+Beobachtung von <span class="gesperrt">Ferenczi</span> haben wir ersehen, wie der Knabe seinen Totem in
+dem Tier erkennt, welches nach seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere
+Kinder von der rituellen Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration
+gleich. Die völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist meines
+Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei primitiven
+Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der Männerweihe an, wo
+sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben
+worden. Es ist überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven
+mit Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
+ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen können,
+in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie Äquivalente der
+Kastration behandeln.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_85" href="#FNanchor_85" class="label">(85)</a>
+<span class="gesperrt">Reinach</span>, Cultes, Mythes et Religions, II., p.&nbsp;75&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_86" href="#FNanchor_86" class="label">(86)</a>
+»Une sorte de péché proethnique« l.&nbsp;c., p.&nbsp;76.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_87" href="#FNanchor_87" class="label">(87)</a>
+Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig als
+Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet sind.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_88" href="#FNanchor_88" class="label">(88)</a>
+Eating the God, p.&nbsp;51. ... Niemand, der mit der Literatur des Gegenstandes
+vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der christlichen Kommunion
+auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers dieses Aufsatzes sei.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_89" href="#FNanchor_89" class="label">(89)</a>
+<span class="gesperrt">Ariel</span> im »Sturm«:
+</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Full fathom five thy father lies:<br/></div>
+<div class="line">Of his bones are coral made;<br/></div>
+<div class="line">Those are pearls that were his eyes;<br/></div>
+<div class="line">Nothing of him that doth fade<br/></div>
+<div class="line">But doth suffer a sea-change<br/></div>
+<div class="line">Into something rich and strange.<br/></div>
+</div>
+</div>
+<p>
+In der schönen Übersetzung von <span class="gesperrt">Schlegel</span>:
+</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Fünf Faden tief liegt Vater dein.<br/></div>
+<div class="line">Sein Gebein wird zu Korallen,<br/></div>
+<div class="line">Perlen sind die Augen sein.<br/></div>
+<div class="line">Nichts an ihm, das soll verfallen,<br/></div>
+<div class="line">Das nicht wandelt Meeres-Hut<br/></div>
+<div class="line">In ein reich und seltnes Gut.<br/></div>
+</div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_90" href="#FNanchor_90" class="label">(90)</a>
+La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes et
+Religions. T.&nbsp;II, p.&nbsp;100&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_91" href="#FNanchor_91" class="label">(91)</a>
+Respektive Elternkomplex.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_92" href="#FNanchor_92" class="label">(92)</a>
+Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig, ausdrücklich
+hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückführungen an die komplexe
+Natur der abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen haben, und daß sie nur
+den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten oder noch unerkannten Ursprüngen
+der Religion, Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment <ins title="hinzufügen">hinzuzufügen</ins>, welches
+sich aus der Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die
+Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es geht
+aber diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er in einer solchen
+Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen könnte, wenngleich die Überwindung
+von großen affektiven Widerständen erfordert werden dürfte, ehe man
+ihm eine solche Bedeutung zugesteht.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_93" href="#FNanchor_93" class="label">(93)</a>
+Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu, p.&nbsp;328&nbsp;ff.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_94" href="#FNanchor_94" class="label">(94)</a>
+Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken
+in Heft&nbsp;I dieses Jahrganges.
+</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_365">Seite 365</a>:<br/>
+Folk-Lore&nbsp;XXIII, 1910. Referat in Britannica <span class="correction">Jear</span> Book 1913.) Ich<br/>
+Folk-Lore&nbsp;XXIII, 1910. Referat in Britannica <span class="correction">Year</span> Book 1913.) Ich
+</li>
+<li><a href="#Page_372">Seite 372</a>:<br/>
+Vaterschaft einer Art von Spekulation geopfert <span class="correction">haben</span>, welche die<br/>
+Vaterschaft einer Art von Spekulation geopfert <span class="correction">zu haben</span>, welche die
+</li>
+<li><a href="#Page_377">Seite 377</a>:<br/>
+sollte. Es gibt kein Gesetz, welches <span class="correction">dem</span> Menschen befiehlt zu essen<br/>
+sollte. Es gibt kein Gesetz, welches <span class="correction">den</span> Menschen befiehlt zu essen
+</li>
+<li><a href="#Page_377">Seite 377</a>:<br/>
+zuziehen würden. Das Gesetz verbietet <span class="correction">dem</span> Menschen nur, was<br/>
+zuziehen würden. Das Gesetz verbietet <span class="correction">den</span> Menschen nur, was
+</li>
+<li><a href="#Page_385">Seite 385</a>:<br/>
+Das Opfer &ndash; die heilige Handlung κατ' <span class="correction">ἐξοχην</span> (sacrificium,<br/>
+Das Opfer &ndash; die heilige Handlung κατ' <span class="correction">ἐξοχήν</span> (sacrificium,
+</li>
+<li><a href="#Page_387">Seite 387</a>:<br/>
+wird, daß man <span class="correction">einen</span> Teil von der Substanz seiner Mutter ist, von<br/>
+wird, daß man <span class="correction">ein</span> Teil von der Substanz seiner Mutter ist, von
+</li>
+<li><a href="#Page_390">Seite 390</a>:<br/>
+in die Ähnlichkeit <span class="correction">der</span> Totem verkleidet, imitieren es in<br/>
+in die Ähnlichkeit <span class="correction">des</span> Totem verkleidet, imitieren es in
+</li>
+<li><a href="#Page_392">Seite 392</a>:<br/>
+eines jeden aus der <span class="correction">Bruderschar</span> gewesen. Nun setzten sie im<br/>
+eines jeden aus der <span class="correction">Brüderschar</span> gewesen. Nun setzten sie im
+</li>
+<li><a href="#Page_394">Seite 394</a>:<br/>
+Ersatz des Vaters, so <span class="correction">fand</span> in der ihnen zwanghaft gebotenen<br/>
+Ersatz des Vaters, so <span class="correction">fand sich</span> in der ihnen zwanghaft gebotenen
+</li>
+<li><a href="#Page_396">Seite 396</a>:<br/>
+psychoanalytischen Lösungen <span class="correction">müßen</span> wir fragen, ob das möglich ist<br/>
+psychoanalytischen Lösungen <span class="correction">müssen</span> wir fragen, ob das möglich ist
+</li>
+<li><a href="#Page_397">Seite 397</a>:<br/>
+<span class="correction">Bruderclans</span> auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte<br/>
+<span class="correction">Brüderclans</span> auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte
+</li>
+<li><a href="#Page_397">Seite 397</a>:<br/>
+des klassischen Altertums keineswegs <span class="correction">anstössig</span>(81).<br/>
+des klassischen Altertums keineswegs <span class="correction">anstößig</span>(81).
+</li>
+<li><a href="#Page_398">Seite 398</a>:<br/>
+des Vaters, seiner größten <span class="correction">Erniedigung</span>, ist hier zum Material für<br/>
+des Vaters, seiner größten <span class="correction">Erniedrigung</span>, ist hier zum Material für
+</li>
+<li><a href="#Footnote_4">Fußnote 4:</a><br/>
+sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen <span class="correction">physischen</span> Konstellationen<br/>
+sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen <span class="correction">psychischen</span> Konstellationen
+</li>
+<li><a href="#Footnote_6">Fußnote 6:</a><br/>
+Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, <span class="correction">Jmago</span>&nbsp;I.<br/>
+Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, <span class="correction">Imago</span>&nbsp;I.
+</li>
+<li><a href="#Footnote_12">Fußnote 12:</a><br/>
+Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: <span class="correction">Thus</span>, Totemism has commonly been treated<br/>
+Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: <span class="correction">»Thus</span>, Totemism has commonly been treated
+</li>
+<li><a href="#Footnote_30">Fußnote 30:</a><br/>
+die Abhandlung Sur le totémisme, <span class="correction">T.,</span> V., 1901.<br/>
+die Abhandlung Sur le totémisme, <span class="correction">T.</span> V., 1901.
+</li>
+<li><a href="#Footnote_59">Fußnote 59:</a><br/>
+Mr. <span class="gesperrt"><span class="correction">Darwins</span></span> theory, before the totem beliefs lent to the practice a <em class="gesperrt">sacred</em><br/>
+Mr. <span class="gesperrt"><span class="correction">Darwin's</span></span> theory, before the totem beliefs lent to the practice a <em class="gesperrt">sacred</em>
+</li>
+<li><a href="#Footnote_69">Fußnote 69:</a><br/>
+l.&nbsp;c. p.&nbsp;<span class="correction">313</span>.<br/>
+l.&nbsp;c. p.&nbsp;<span class="correction">113</span>.
+</li>
+<li><a href="#Footnote_70">Fußnote 70:</a><br/>
+The Golden Bough, <span class="correction">Part.</span>&nbsp;V, Spirits of the corn and of the wild; 1912,<br/>
+The Golden Bough, <span class="correction">Part</span>&nbsp;V, Spirits of the corn and of the wild; 1912,
+</li>
+<li><a href="#Footnote_81">Fußnote 81:</a><br/>
+for many families traced <span class="correction">ther</span> descent from a divinity, and the deification of a man<br/>
+for many families traced <span class="correction">their</span> descent from a divinity, and the deification of a man
+</li>
+<li><a href="#Footnote_83">Fußnote 83:</a><br/>
+<em class="gesperrt">responsibility for the <span class="correction">gods</span> death</em> &ndash; a point which has already come<br/>
+<em class="gesperrt">responsibility for the <span class="correction">god's</span> death</em> &ndash; a point which has already come
+</li>
+<li><a href="#Footnote_92">Fußnote 92:</a><br/>
+der Religion, Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment <span class="correction">hinzufügen</span>, welches<br/>
+der Religion, Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment <span class="correction">hinzuzufügen</span>, welches
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die infantile Wiederkehr des Totemismus, by
+Sigmund Freud
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INFANTILE WIEDERKEHR ***
+
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+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
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+
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+
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+
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+
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
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+1.F.
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
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