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+The Project Gutenberg EBook of Das Tabu und die Ambivalenz der
+Gefühlsregungen, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen
+ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker II
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 14, 2011 [EBook #37069]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I (1912). S. 213-227
+ und 301-333.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert.
+
+ Die Nummerierung für die Abschnitte 1. und 3. fehlt im Original.
+ ]
+
+
+
+
+Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
+Neurotiker.
+
+Von SIGM. FREUD.
+
+II.
+
+Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen.
+
+
+
+
+1.
+
+
+_Tabu_ ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns
+Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht
+mehr besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig; ihr _sacer_ war
+dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~agos~_ der Griechen,
+das _Kodausch_ der Hebräer muß das nämliche bedeutet haben, was die
+Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar),
+Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken.
+
+Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen
+auseinander. Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, anderseits:
+unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu heißt
+im Polynesischen noa = gewöhnlich, allgemein zugänglich. Somit haftet am
+Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu äußert sich auch
+wesentlich in Verboten und Einschränkungen. Unsere Zusammensetzung
+»heilige Scheu« würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken.
+
+Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder die
+moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes
+zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den
+Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System,
+welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese
+Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder
+Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich,
+erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft
+stehen.
+
+_Wundt_(1) nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex der
+Menschheit. Es wird allgemein angenommen, daß das Tabu älter ist als die
+Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht.
+
+ (1) Völkerpsychologie, II. Band, »Mythus und Religion«, 1906, II,
+ p. 308.
+
+Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen, um dieses der
+psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun einen
+Auszug aus dem Artikel »Taboo« der »Encyclopedia Britannica«(2) folgen,
+der den Anthropologen _Northcote W. Thomas_ zum Verfasser hat.
+
+ (2) Elfte Auflage, 1911. -- Daselbst auch die wichtigsten
+ Literaturnachweise.
+
+»Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder unreinen)
+Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschränkung, welche
+sich aus diesem Charakter ergibt und c) die Heiligkeit (oder
+Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das
+Gegenteil von tabu heißt in Polynesien '_noa_', was 'gewöhnlich' oder
+'gemein' bedeutet ...«
+
+»In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu
+unterscheiden: 1. Ein _natürliches_ oder direktes Tabu, welches das
+Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (_Mana_) ist, die an einer Person
+oder Sache haftet; 2. ein _mitgeteiltes_ oder indirektes Tabu, das auch
+von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von
+einem Priester, Häuptling oder sonst wem übertragen; endlich 3. ein
+Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte hält, wenn nämlich beide
+Faktoren in Betracht kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes
+durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle
+Beschränkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religiöses
+Verbot heißen könnte, nicht zum Tabu rechnen.«
+
+»Die _Ziele_ des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu bezwecken a)
+den Schutz bedeutsamer Personen, wie Häuptlinge, Priester, und
+Gegenstände u. dgl. gegen mögliche Schädigung; b) die Sicherung der
+Schwachen -- Frauen, Kinder und gewöhnlicher Menschen im allgemeinen --
+gegen das mächtige Mana (die magische Kraft) der Priester und
+Häuptlinge; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berührung von
+Leichen, mit dem Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die
+Versicherung gegen die Störung wichtiger Lebensakte, wie Geburt,
+Männerweihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den Schutz menschlicher
+Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Göttern und Dämonen(3); f) die
+Behütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren,
+die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Abhängigkeit von
+ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu
+sich nehmen, deren Genuß den Kindern besondere Eigenschaften übertragen
+könnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutz des Eigentums
+einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen Diebe.«
+
+ (3) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprüngliche
+ in diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden.
+
+»Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ursprünglich einer
+inneren, automatisch wirkenden Einrichtung überlassen. Das verletzte
+Tabu rächt sich selbst. Wenn Vorstellungen von Göttern und Dämonen
+hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der
+Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen
+Fällen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes,
+übernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen
+Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die
+ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an.«
+
+»Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden.
+Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen, können
+durch Bußhandlungen und Reinigungszeremonien beschworen werden.«
+
+»Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft angesehen,
+die an Personen und Geistern haftet, und von ihnen aus durch unbelebte
+Gegenstände hindurch übertragen werden kann. Personen oder Dinge, die
+tabu sind, können mit elektrisch geladenen Gegenständen verglichen
+werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch
+Berührung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn
+der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu
+widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt also nicht nur
+von der Intensität der magischen Kraft ab, die an dem Tabu-Objekt
+haftet, sondern auch von der Stärke des Mana, die sich dieser Kraft bei
+dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und Priester Inhaber
+einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für ihre Untertanen, in
+unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine
+andere Person von mehr als gewöhnlichem Mana kann ungefährdet mit ihnen
+verkehren, und diese Mittelspersonen können wiederum ihren Untergebenen
+die Annäherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch
+mitgeteilte Tabu hängen in ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab,
+von der sie ausgehen; wenn ein König oder Priester ein Tabu auferlegt,
+ist es wirksamer, als wenn es von einem gewöhnlichen Menschen käme.«
+
+Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu
+Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühnezeremonien zu
+versuchen.
+
+»Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Häuptlinge sind
+das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen gehört hat.
+Zeitweilige Tabu schließen sich an gewisse Zustände an, so an die
+Menstruation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach
+der Expedition, an die Tätigkeiten des Fischens und Jagens u. dergl. Ein
+allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt über einen
+großen Bezirk verhängt werden und dann jahrelang anhalten.«
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen weiß, so
+getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten nach all diesen
+Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter
+vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen können.
+Dies ist sicherlich die Folge der ungenügenden Information, die sie von
+mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Erörterungen über die
+Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion.
+Aber anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was
+man über das Tabu weiß, hätte noch verwirrender gewirkt, und darf
+versichern, daß die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig ist.
+Es handelt sich also um eine Reihe von Einschränkungen, denen sich diese
+primitiven Völker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen
+nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern
+sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverständlich und sind überzeugt,
+daß eine Übertretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen
+wird. Es liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentliche
+Übertretung eines solchen Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft
+hat. Der unschuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm verbotenen Tier
+gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt dann
+in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genußfähigkeit, Bewegungs-
+und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen Fällen sinnreich, sollen
+offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen Fällen sind
+sie ihrem Inhalt nach ganz unverständlich, betreffen wertlose
+Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All
+diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zugrunde zu liegen, als
+ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen eine
+gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem so
+geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch die
+Quantität dieser gefährlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine
+oder das eine hat mehr davon als der andere und die Gefahr richtet sich
+geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran ist
+wohl, daß, wer es zustande gebracht hat, ein solches Verbot zu
+übertreten, selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam die
+ganze gefährliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun
+an allen Personen, die etwas Besonderes sind, wie Könige, Priester,
+Neugeborene, an allen Ausnahmszuständen wie die körperlichen der
+Menstruation, der Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen
+wie Krankheit und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder
+Ausbreitungsfähigkeit damit zusammenhängt.
+
+»Tabu« heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die Örtlichkeiten,
+Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, welche Träger oder Quelle
+dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu heißt auch das Verbot,
+welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu heißt endlich
+seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, über das Gewöhnliche
+erhaben wie auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt.
+
+In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt sich ein
+Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich nicht nahe
+gerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, daß man sich diesem
+Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den für so tiefstehende
+Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und Dämonen einzugehen.
+
+Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel des Tabu
+wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem an sich
+des Versuches einer Lösung wert ist, sondern auch noch aus anderen
+Gründen. Es darf uns ahnen, daß das Tabu der Wilden Polynesiens doch
+nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, daß die
+Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen
+eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könnten, und daß
+die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres
+eigenen »kategorischen Imperativs« zu werfen vermöchte.
+
+Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung aufhorchen, wenn
+ein Forscher wie W. _Wundt_ uns seine Auffassung des Tabu mitteilt,
+zumal da er verspricht, »zu den letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen
+zurückzugehen«(4).
+
+ (4) In der Völkerpsychologie, Band II, Religion und Mythus II p. 300
+ u. ff.
+
+Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in
+denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vorstellungen
+zusammenhängenden Objekten oder vor den sich auf diese beziehenden
+Handlungen ausdrückt«(5).
+
+ (5) l. c. p. 237.
+
+Ein andermal: »Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es dem
+allgemeinsten Sinn des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte oder
+in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen
+Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder
+gewisse verpönte Worte zu gebrauchen .....«, so gebe es überhaupt kein
+Volk und keine Kulturstufe, die der Schädigung durch das Tabu entgegen
+wäre.
+
+_Wundt_ führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger erscheint, die Natur
+des Tabu an den primitiven Verhältnissen der australischen Wilden als in
+der höheren Kultur der polynesischen Völker zu studieren. Bei den
+Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie
+Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das
+wesentlich im Verbot des Tötens und Verzehrens besteht, bildet den Kern
+des _Totemismus_(6). Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu
+seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von
+vorneherein auf Bedingungen eingeschränkt, die für den Tabuierten eine
+ungewöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim Fest
+der Männerweihe, Frauen während der Menstruation und unmittelbar nach
+der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor allem die Toten. Auf dem
+fortwährend gebrauchten Eigentum eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu
+für jeden anderen: so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum
+persönlichsten Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, den ein
+Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu und muß geheim
+gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bäumen, Pflanzen,
+Häusern, Örtlichkeiten ruhen, sind veränderlicher, scheinen nur der
+Regel zu folgen, daß dem Tabu unterworfen wird, was aus irgend welcher
+Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist.
+
+ (6) Vgl. darüber die vorige Abhandlung in Heft I dieser Zeitschrift.
+
+Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Polynesier
+und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß _Wundt_ selbst für nicht sehr
+tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Differenzierung dieser Völker
+macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, Könige und Priester ein
+besonders wirksames Tabu ausüben und selbst dem stärksten Zwang des Tabu
+ausgesetzt werden.
+
+Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den
+Interessen der privilegierten Stände; »sie entspringen da, wo die
+primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung
+nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_«(7).
+»Ursprünglich nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der
+in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dämonischen Macht,
+verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es gebietet, wo es
+wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dämons
+zu beseitigen«.
+
+ (7) l. c. p. 307.
+
+Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begründeten Macht,
+die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird zum Zwang der Sitte und
+des Herkommens und schließlich des Gesetzes. »Das Gebot aber, das
+unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden
+Tabuverboten steht, ist ursprünglich das _eine_: Hüte dich vor dem Zorn
+der Dämonen.«
+
+_Wundt_ lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausfluß des
+Glaubens der primitiven Völker an dämonische Mächte. Später habe sich
+das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei eine Macht geblieben,
+einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer
+Beharrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer
+Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser Sätze zum Widerspruch
+reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu
+leihen, wenn ich die Aufklärung _Wundts_ als eine Enttäuschung
+anspreche. Das heißt wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen
+heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch
+die Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden,
+die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es wäre anders, wenn die
+Dämonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind selbst wie
+die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Menschen; sie sind von etwas
+und aus etwas geschaffen worden.
+
+Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert _Wundt_ bedeutsame, aber nicht
+ganz klar zu erfassende Ansichten. Für die primitiven Anfänge des Tabu
+besteht nach ihm eine Scheidung von _heilig_ und _unrein_ noch nicht.
+Eben darum fehlen hier jene Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie
+eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen
+konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind
+dämonisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem späteren Sinne
+unrein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte stehende
+Bedeutung des Dämonischen, das nicht berührt werden darf, ist der
+Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das
+schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten gemeinsam
+bleibt: die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden
+Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis
+darauf, daß hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüngliche
+Übereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer
+Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schließlich zu
+Gegensätzen entwickelt haben.
+
+Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämonische Macht, die
+in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berührung oder unerlaubte
+Verwendung durch Verzauberung des Täters rächt, ist eben noch ganz und
+ausschließlich die objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in
+die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe
+annimmt: in die _Ehrfurcht_ und in den _Abscheu_.
+
+Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach _Wundt_ durch die Verpflanzung
+der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen -- in das der
+Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein fällt mit der
+Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die
+frühere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist,
+sondern in der Form einer niedrigeren und allmählich mit Verachtung sich
+paarenden Wertschätzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein
+das Gesetz, daß eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der
+höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser in
+erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Verehrung in
+solche des Abscheus sich umwandeln(8).
+
+ (8) l. c. p. 313.
+
+Die weiteren Ausführungen _Wundts_ beziehen sich auf das Verhältnis der
+Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Wer von der Psychoanalyse, d. h. von der Erforschung des unbewußten
+Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu
+herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, daß ihm diese
+Phänomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche
+Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso strenge
+befolgen, wie die Wilden die ihrem Stamm oder ihrer Gesellschaft
+gemeinsamen. Wenn er nicht gewohnt wäre, diese vereinzelten Personen als
+»_Zwangskranke_« zu bezeichnen, würde er den Namen »_Tabukrankheit_« für
+deren Zustand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat
+er aber durch die psychoanalytische Untersuchung soviel erfahren: die
+klinische Aetiologie und das Wesentliche des psychologischen
+Mechanismus, daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur
+Aufklärung der entsprechenden völkerpsychologischen Erscheinung zu
+verwenden.
+
+Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden müssen. Die
+Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein äußerliche
+sein, für die Erscheinungsform der Beiden gelten und sich nicht weiter
+auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die nämlichen Formen in
+den verschiedensten biologischen Zusammenhängen zu verwenden, z. B. am
+Korallenstock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen
+Kristallen oder bei der Bildung bestimmter chemischer Niederschläge. Es
+wäre offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese
+Übereinstimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedingungen
+zurückgehen, Schlüsse zu begründen, die sich auf innere Verwandtschaft
+beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, brauchen aber die
+beabsichtigte Vergleichung dieser Möglichkeit wegen nicht zu
+unterlassen.
+
+Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangsverbote (bei den
+Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß diese Verbote ebenso
+unmotiviert und in ihrer Herkunft rätselhaft sind. Sie sind irgend
+einmal aufgetreten und müssen nun infolge einer unbezwingbaren Angst
+gehalten werden. Eine äußere Strafandrohung ist überflüssig, weil eine
+innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem
+unerträglichen Unheil führen. Das Äußerste, was die Zwangskranken
+mitteilen können, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine bestimmte
+Person ihrer Umgebung durch die Übertretung zu Schaden kommen. Welches
+diese Schädigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhält man diese
+kümmerliche Auskunft eher bei den später zu besprechenden Sühne- und
+Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst.
+
+Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das der
+Berührung, daher der Name Berührungsangst, Délire de toucher. Das Verbot
+erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berührung mit dem Körper,
+sondern nimmt den Umfang der übertragenen Redensart: in Berührung
+kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt, eine
+Gedankenberührung hervorruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare
+leibliche Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder.
+
+Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verständlich,
+ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, sinnlos.
+Wir bezeichnen solche Gebote als »Zeremoniell«, und finden, daß die
+Tabugebräuche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen.
+
+Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit zu eigen, sie
+dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von einem Objekt
+auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, wie eine meiner
+Kranken treffend sagt, »_unmöglich_«. Die Unmöglichkeit hat am Ende die
+ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als
+wären die »unmöglichen« Personen und Dinge Träger einer gefährlichen
+Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kontakt zu
+übertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfähigkeit und der
+Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote
+hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu übertreten hat durch die
+Berührung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu und niemand darf
+mit ihm in Berührung treten.
+
+Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Verschiebung) des
+Verbotes zusammen; das eine aus dem Leben der _Maori_, das andere aus
+meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau.
+
+»Ein _Maori_häuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn
+sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem
+Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird,
+die Speise der Person, die von ihr ißt, und so müßte die Person sterben,
+die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im
+Feuer, in das geblasen der Häuptling mit seinem heiligen und
+gefährlichen Hauch.«(9)
+
+ (9) _Frazer_, The golden bough, II., Taboo and the perils of the soul,
+ 1911, p. 136.
+
+Die Patientin verlangt, daß ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom
+Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde ihr sonst den
+Raum, in dem sie wohnt, unmöglich machen. Denn sie hat gehört, daß
+dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen
+wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin,
+die in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem
+Mädchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute »unmöglich«, tabu
+und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die
+Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will.
+
+Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Einschränkungen des
+Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von ihnen kann
+aufgehoben werden durch die Ausführung gewisser Handlungen, die nun auch
+geschehen müssen, die Zwangscharakter haben, -- Zwangshandlungen -- und
+deren Natur als Buße, Sühne, Abwehrmaßregeln und Reinigung keinem
+Zweifel unterliegt. Die gebräuchlichste dieser Zwangshandlungen ist das
+Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabuverbote kann so
+ersetzt, respektive deren Übertretung durch solches »Zeremoniell«
+gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser ist auch hier die
+bevorzugte.
+
+Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Übereinstimmung der
+Tabugebräuche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlichsten
+äußert: 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung
+durch eine innere Nötigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der
+Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von
+zeremoniösen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen.
+
+Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der Fälle von
+Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt geworden.
+Erstere lautet für einen typischen Fall von Berührungsangst wie folgt:
+Zu allem Anfang, in ganz früher Kinderzeit, äußerte sich eine starke
+Berührungs_lust_, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt
+wäre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald _von außen_ ein Verbot
+entgegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen.(10) Das Verbot wurde
+aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Kräfte stützen(11);
+es erwies sich als stärker als der Trieb, der sich in der Berührung
+äußern wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des
+Kindes gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des
+Verbots war nur, den Trieb -- die Berührungslust -- zu verdrängen und
+ihn ins Unbewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten;
+der Trieb, weil er nur verdrängt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil
+mit seinem Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur Ausführung
+durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische
+Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot und
+Trieb leitet sich nun alles weitere ab.
+
+ (10) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der
+ eigenen Genitalien.
+
+ (11) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot
+ gegeben wurde.
+
+Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert
+worden ist, liegt in dem, was man das _ambivalente_ Verhalten des
+Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm,
+heißen könnte(12). Es will diese Handlung -- die Berührung -- immer
+wieder ausführen, es sieht in ihr den höchsten Genuß, aber es darf sie
+nicht ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden
+Strömungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie -- wir
+können nur sagen -- im Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nicht
+zusammenstoßen können. Das Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde
+Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde
+dieses psychologische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder sich
+so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen führen.
+
+ (12) Nach einem trefflichen Ausdruck von _Bleuler_.
+
+In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des
+Verbotes in so frühem Kindesalter als das maßgebende hervorgehoben; für
+die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem Mechanismus der Verdrängung
+auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrängung, die
+mit einem Vergessen -- Amnesie -- verbunden ist, bleibt die Motivierung
+des bewußt gewordenen Verbotes unbekannt, und müssen alle Versuche
+scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht
+finden, an dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke
+-- seinen Zwangscharakter -- gerade der Beziehung zu seinem unbewußten
+Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer innern
+Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht fehlt. Die Übertragbarkeit
+und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbots spiegelt einen Vorgang wieder,
+der sich mit der unbewußten Lust zuträgt, und unter den psychologischen
+Bedingungen des Unbewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust
+verschiebt sich beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet,
+zu entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene -- Ersatzobjekte und
+Ersatzhandlungen -- zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt
+sich auf die neuen Ziele der verpönten Regung aus. Jeden neuen Vorstoß
+der verdrängten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen
+Verschärfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mächte
+erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden
+Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen
+darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromißaktionen, in der
+einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur Sühne und
+dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche
+den Trieb für das Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz der
+neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer mehr in den
+Dienst des Triebes treten und immer näher an die ursprünglich verbotene
+Handlung herankommen.
+
+Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als wäre es
+von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. Wir machen uns
+dabei von vorneherein klar, daß viele der für uns zu beobachtenden
+Tabuverbote sekundärer, verschobener und entstellter Art sind, und daß
+wir zufrieden sein müssen, etwas Licht auf die ursprünglichsten und
+bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, daß die Verschiedenheiten
+in der Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein
+dürften, um eine völlige Übereinstimmung auszuschließen, eine
+Übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung in jedem
+Punkte gleichkäme, zu verhindern.
+
+Wir würden dann zunächst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden nach der
+wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des Tabu zu
+fragen. Nach unserer Voraussetzung müssen sie unfähig sein darüber etwas
+mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen »unbewußt«. Wir
+konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgendermaßen nach dem
+Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer
+Generation von primitiven Menschen dereinst von außen aufgedrängt, d. h.
+also doch wohl von der früheren Generation ihr gewalttätig eingeschärft.
+Diese Verbote haben Tätigkeiten betroffen, zu denen eine starke Neigung
+bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu Generation
+erhalten, vielleicht bloß infolge der Tradition durch elterliche und
+gesellschaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie sich in den
+späteren Generationen bereits »organisiert« als ein Stück ererbten
+psychischen Besitzes. Ob es solche »angeborene Ideen« gibt, ob sie
+allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der Tabu
+bewirkt haben, wer vermöchte es gerade für den in Rede stehenden Fall zu
+entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines hervor, daß
+die ursprüngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch bei den
+Tabuvölkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten eine
+_ambivalente Einstellung_; sie möchten im Unbewußten nichts lieber als
+sie übertreten, aber sie fürchten sich auch davor; sie fürchten sich
+gerade darum, weil sie es möchten, und die Furcht ist stärker als die
+Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewußt,
+wie bei dem Neurotiker.
+
+Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grundgesetze
+des _Totemismus_: Das Totemtier nicht zu töten und den sexuellen Verkehr
+mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu vermeiden.
+
+Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der Menschen sein.
+Wir können das nicht verstehen und können demnach unsere Voraussetzung
+nicht an diesen Beispielen prüfen, solange uns Sinn und Abkunft des
+totemistischen Systems so völlig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse
+der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird
+selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr
+Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die
+Psychoanalytiker für den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und
+dann für den Kern der Neurose erklären.(13)
+
+ (13) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte
+ Studie über den Totemismus.
+
+Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den früher
+mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, wächst für uns auf
+folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist ein
+verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten besteht.
+
+Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu
+übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit der
+anderen zusammen, daß das Tabu nicht nur an Personen haftet, die das
+Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in besonderen
+Zuständen befinden, an diesen Zuständen selbst und an unpersönlichen
+Dingen? Was kann das für eine gefährliche Eigenschaft sein, die immer
+die nämliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die
+eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in
+_Versuchung_ zu führen, das Verbot zu übertreten.
+
+Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die
+gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß sie seinem Beispiel
+folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen
+verboten ist? Er ist also wirklich _ansteckend_, insoferne jedes
+Beispiel zur Nachahmung ansteckt, und darum muß er selbst gemieden
+werden.
+
+Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und kann doch
+permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand
+befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelüste der anderen
+anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten
+Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustände sind von solcher Art und haben
+diese gefährliche Kraft. Der König oder Häuptling erweckt den Neid auf
+seine Vorrechte; es möchte vielleicht jeder König sein. Der Tote, das
+Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszuständen reizen durch ihre
+besondere Hilflosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum
+durch den neuen Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen
+und alle diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben
+werden.
+
+Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschiedener Personen
+sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben können. Das Tabu
+eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, weil die soziale
+Differenz zwischen ihnen zu groß ist. Aber ein Minister kann etwa den
+unschädlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das heißt aus der
+Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie übersetzt: Der Untertan,
+der die großartige Versuchung scheut, welche ihm die Berührung mit dem
+König bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht
+so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst
+erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den König
+durch die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst eingeräumt ist.
+So sind geringere Differenzen der in Versuchung führenden Zauberkraft
+weniger zu fürchten als besonders große.
+
+Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabuverbote eine
+soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft
+gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle schädigen soll.
+Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewußten Regungen für die
+unbewußten Gelüste einsetzen. Sie besteht in der Möglichkeit der
+Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflösung käme.
+Wenn die anderen die Übertretung nicht ahnden würden, müßten sie ja inne
+werden, daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter.
+
+Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle spielt wie beim
+Délire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim Tabu
+unmöglich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose, darf uns
+nicht Wunder nehmen. Die Berührung ist der Beginn jeder Bemächtigung,
+jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen.
+
+Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch die
+Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung anzuregen, übersetzt.
+Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich die Ansteckungsfähigkeit des
+Tabu vor allem in der Übertragung auf Gegenstände äußert, die dadurch
+selbst Träger des Tabu werden.
+
+Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose
+nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf
+assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so
+aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft des »Mana«
+zweierlei realere Fähigkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an
+seine verbotenen Wünsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere,
+ihn zur Übertretung des Verbotes im Dienste dieser Wünsche zu verleiten.
+Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir
+annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der
+Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung der
+Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und
+Versuchung wieder zusammen. Man muß auch zugestehen, wenn das Beispiel
+eines Menschen, der ein Verbot übertreten hat, einen anderen zur
+gleichen Tat verführt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot
+fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person
+auf einen Gegenstand, und von diesem auf einen anderen überträgt.
+
+Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch eine Sühne
+oder Buße, die ja einen _Verzicht_ auf irgend ein Gut oder eine Freiheit
+bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, daß die Befolgung der
+Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gerne
+gewünscht hätte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen
+Verzicht an anderer Stelle abgelöst. Für das Tabuzeremoniell würden wir
+hieraus den Schluß ziehen, daß die Buße etwas ursprünglicheres ist als
+die Reinigung.
+
+Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich uns aus der
+Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben hat: Das
+Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) aufgedrängt
+und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu
+übertreten, besteht in deren Unbewußten fort; die Menschen, die dem Tabu
+gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu
+Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die
+Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt sich
+wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das
+verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes verschiebt. Die Sühne der
+Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, daß der Befolgung des
+Tabu ein Verzicht zu grunde liegt.
+
+
+
+
+
+3.
+
+
+Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des Tabu mit
+der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung gegebene
+Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert liegt offenbar
+nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu
+haben ist, wenn sie ein besseres Verständnis des Tabu gestattet, als uns
+sonst möglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, daß wir
+diesen Nachweis der Brauchbarkeit im Vorstehenden bereits erbracht
+haben; wir werden aber versuchen müssen, ihn zu verstärken, indem wir
+die Erklärung der Tabuverbote und Gebräuche ins Einzelne fortsetzen.
+
+Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können die
+Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir
+von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, oder der Folgerungen,
+zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phänomenen des Tabu unmittelbar
+erweisbar ist. Wir müssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen.
+Die Behauptung über die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten
+Verbote ab, welches dereinst von außen auferlegt worden ist, entzieht
+sich natürlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen
+Bedingungen fürs Tabu zu bestätigen suchen, welche wir für die
+Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der Neurose
+zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch das analytische
+Studium der Symptome, vor allem der Zwangshandlungen, der
+Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten
+Anzeichen für ihre Abstammung von _ambivalenten_ Regungen oder
+Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsch wie dem
+Gegenwunsch entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen von den
+beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelänge, auch
+an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter
+Tendenzen aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach der
+Art von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck
+geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem Tabu und
+der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stück gesichert.
+
+Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erwähnt, für
+unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Totemismus unzugänglich; ein
+anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundärer Abkunft und für unsere
+Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist nämlich bei den entsprechenden
+Völkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst
+von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als das Tabu
+selbst, wie z. B. die Tabu, die von Häuptlingen und Priestern auferlegt
+werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. Doch bleibt uns eine
+große Gruppe von Vorschriften übrig, an denen unsere Untersuchung
+vorgenommen werden kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich
+a. an _Feinde_, b. an _Häuptlinge_, c. an _Tote_ knüpfen, und werde das
+zu behandelnde Material der ausgezeichneten Sammlung von J. G. _Frazer_
+in seinem großen Werke: »The golden bough« entnehmen(14).
+
+ (14) Third edition, part II.: Taboo and the perils of the soul 1911.
+
+
+a) Die Behandlung der Feinde.
+
+Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern ungehemmte und
+reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so werden wir mit
+großem Interesse erfahren, daß auch bei ihnen die Tötung eines Menschen
+zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den
+Tabugebräuchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit
+Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Versöhnung des
+getöteten Feindes, 2. Beschränkungen und 3. Sühnehandlungen, Reinigungen
+des Mörders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder
+wie vereinzelt solche Tabugebräuche bei diesen Völkern sein mögen, läßt
+sich einerseits aus unseren unvollständigen Nachrichten nicht mit
+Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser Interesse an diesen
+Vorkommnissen gleichgiltig. Immerhin darf man annehmen, daß es sich um
+weitverbreitete Gebräuche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten
+handelt.
+
+Die _Versöhnungs_gebräuche auf der Insel _Timor_, nachdem eine
+siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der besiegten
+Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil überdies der
+Führer der Expedition von schweren Beschränkungen betroffen wird
+(s. u.). »Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer
+dargebracht, um die Seelen der Feinde zu versöhnen; sonst müßte man
+Unheil für die Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgeführt, und
+dabei ein Gesang vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt
+und seine Verzeihung erbeten wird: »Zürne uns nicht, weil wir deinen
+Kopf hier bei uns haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so
+hingen jetzt vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein
+Opfer gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden
+sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? Wären
+wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wäre dein Blut nicht vergossen
+und dein Kopf nicht abgeschnitten worden(15).«
+
+ (15) _Frazer_, l. c., p. 166.
+
+Ähnliches findet sich bei den _Palu_ in Celebes; die _Gallas_ opfern den
+Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten.
+(Nach _Paulitschke_, Ethnographie Nordost-Afrikas.)
+
+Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren früheren Feinden
+nach deren Tod Freunde, Wächter und Beschützer zu machen. Es besteht in
+der zärtlichen Behandlung der abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde
+Stämme _Borneos_ sich deren rühmen. Wenn die See-_Dayaks_ von _Sarawak_
+von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate
+hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und mit den
+zärtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache verfügt. Die
+besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt,
+Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine früheren
+Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er
+jetzt einer der ihrigen ist. Man würde sehr irre gehen, wenn man an
+dieser uns gräßlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil
+zuschriebe.(16)
+
+ (16) _Frazer_, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907. -- Nach _Hugh
+ Low_, Sarawak, London 1848.
+
+Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer um den
+erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. Wenn ein
+_Choctaw_ einen Feind getötet hatte, so begann für ihn eine monatlange
+Trauer, während welcher er sich schweren Einschränkungen unterwarf.
+Ebenso trauerten die _Dacota_-Indianer. Wenn die _Osagen_, bemerkt ein
+Gewährsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann
+um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre(17).
+
+ (17) J. O. _Dorsay_ bei _Frazer_, Taboo etc., p. 181.
+
+Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen zur Behandlung
+der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine naheliegende Einwendung
+Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Versöhnungsvorschriften, wird
+man uns mit _Frazer_ und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und
+hat nichts mit einer »Ambivalenz« zu tun. Diese Völker werden von
+abergläubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht,
+einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der
+große britische Dramatiker in den Halluzinationen _Macbeths_ und
+_Richards_ III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben
+leiten sich folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, wie auch
+die später zu besprechenden Beschränkungen und Sühnungen; für diese
+Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten
+Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen, als von Bemühungen, die
+den Mördern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen(18). Zum
+Überfluß gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der getöteten
+Feinde direkt ein und führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf
+sie zurück.
+
+ (18) _Frazer_, Taboo, p. 169 u. s. f. p. 174. Diese Zeremonien
+ bestehen in Schlagen mit den Schildern, Schreien, Brüllen und
+ Erzeugung von Lärm mit Hilfe von Instrumenten usw.
+
+Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso
+ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres Erklärungsversuches
+gerne ersparen. Wir verschieben es auf später, uns mit ihr
+auseinanderzusetzen und stellen ihr zunächst nur die Auffassung
+entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Erörterungen über
+das Tabu ableitet. Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß im
+Benehmen gegen die Feinde noch andere als bloß feindselige Regungen zum
+Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen Äußerungen der Reue, der
+Wertschätzung des Feindes, des bösen Gewissens, ihn ums Leben gebracht
+zu haben. Es will uns scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das Gebot
+lebendig: Du sollst nicht töten, welches nicht ungestraft verletzt
+werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines
+Gottes empfangen wird.
+
+Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften zurück. Die
+_Beschränkungen_ des siegreichen Mörders sind ungemein häufig und meist
+von ernster Art. Auf _Timor_ (vgl. die Versöhnungsgebräuche oben) darf
+der Führer der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren.
+Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er zwei
+Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften
+beschäftigt verbringt. In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen,
+auch sich nicht selbst ernähren, eine andere Person muß ihm das Essen in
+den Mund schieben(19). -- Bei einigen _Dayak_stämmen müssen die vom
+erfolgreichen Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert
+bleiben und sich gewisser Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Eisen
+berühren und bleiben ihren Frauen ferne. -- In _Logea_, einer Insel nahe
+bei _Neuguinea_, schließen sich Männer, die Feinde getötet oder daran
+teilgenommen haben, für eine Woche in ihren Häusern ein. Sie vermeiden
+jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren Freunden, rühren Nahrungsmittel
+nicht mit ihren Händen an und nähren sich nur von Pflanzenkost, die in
+besonderen Gefäßen für sie gekocht wird. Als Grund für diese letzte
+Beschränkung wird angegeben, daß sie das Blut des Erschlagenen nicht
+riechen dürfen; sie würden sonst erkranken und sterben. -- Bei dem
+_Toaripi_- oder _Motumotu_-Stamm auf _Neuguinea_ darf ein Mann, der
+einen anderen getötet hat, seinem Weib nicht nahe kommen und Nahrung
+nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird von anderen Personen mit
+besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert bis zum nächsten Neumond.
+
+ (19) _Frazer_, Taboo, p. 166, nach S. _Müller_, Reizen en
+ Onderzoekingen in den Indischen Archipel, Amsterdam 1857.
+
+Ich unterlasse es, die bei _Frazer_ mitgeteilten Fälle von
+Beschränkungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, und hebe
+nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders
+auffällig ist, oder die Beschränkung im Verein mit Sühne, Reinigung und
+Zeremoniell auftritt.
+
+Bei den _Monumbos_ in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen Feind im
+Kampfe getötet hat, »unrein«, wofür dasselbe Wort gebraucht wird, das
+auf Frauen während der Menstruation oder des Wochenbettes Anwendung
+findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der Männer nicht
+verlassen, während sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln
+und seinen Sieg mit Liedern und Tänzen feiern. Er darf niemand, nicht
+einmal seine eigene Frau und seine Kinder berühren; täte er es, so
+würden sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann rein durch
+Waschungen und anderes Zeremoniell.
+
+Bei den _Natchez_ in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten
+Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser
+Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und
+kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung.
+Wenn ein _Choctaw_ einen Feind getötet und skalpiert hatte, begann für
+ihn eine Trauerzeit von einem Monat, während welcher er sein Haar nicht
+kämmen durfte. Wenn es ihn am Kopf juckte, durfte er sich nicht mit der
+Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens.
+
+Wenn ein _Pima_-Indianer einen _Apachen_ getötet hatte, so mußte er sich
+schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. Während einer
+sechzehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht berühren,
+auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte
+allein im Wald, von einer alten Frau bedient, die ihm spärliche Nahrung
+brachte, badete oft im nächsten Fluß und trug -- als Zeichen der Trauer
+-- einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tag fand dann
+die öffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des Mannes und
+seiner Waffen statt. Da die _Pima_-Indianer das Tabu des Mörders viel
+ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne und Reinigung nicht wie
+diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt
+ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge oder
+Frömmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer außerordentlichen Tapferkeit
+erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in
+ihren Kämpfen gegen die _Apachen_.
+
+So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und
+Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer
+eindringende Betrachtung auch sein mögen, so breche ich deren Mitteilung
+doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte eröffnen können.
+Vielleicht führe ich noch an, daß die zeitweilige oder permanente
+Isolierung des berufsmäßigen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit
+erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehört. Die Stellung des
+»Freimannes« in der mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat
+eine gute Vorstellung von dem »Tabu« der Wilden(20).
+
+ (20) Zu diesen Beispielen s. _Frazer_, Taboo, p. 165-190. »Manslayers
+ tabooed«.
+
+In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Beschränkungs-,
+Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien mit einander
+kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit
+ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des
+Getöteten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur
+Erklärung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig
+aufgefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekundär
+ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht
+anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlichkeit unserer
+Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der
+Gefühlsregungen gegen den Feind ableiten.
+
+
+b) Das Tabu der Herrscher.
+
+Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, Könige, Priester
+wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu ergänzen als zu
+widersprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen hüten und man muß sie
+behüten(21). Beides geschieht vermittelst einer Unzahl von
+Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hüten muß, ist uns
+bereits bekannt geworden; weil sie die Träger jener geheimnisvollen und
+gefährlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische Ladung
+durch Berührung mitteilt und dem selbst nicht durch eine ähnliche Ladung
+Geschützten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare
+oder unmittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und hat, wo
+solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die
+gefürchteten Folgen abzuwenden. Die _Nubas_ in Ostafrika glauben z. B.,
+daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres Priesterkönigs betreten,
+daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt die linke
+Schulter entblößen und den König veranlassen, diese mit seiner Hand zu
+berühren. So trifft das Merkwürdige ein, daß die Berührung des Königs
+das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der
+Berührung des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die
+Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden Berührung im
+Gegensatz zur Gefahr, daß man ihn berühre, um den Gegensatz der
+Passivität und der Aktivität gegen den König.
+
+ (21) _Frazer_, Taboo, p. 132; »He must not only be guarded, he must
+ also be guarded against«.
+
+Wenn es sich um die Heilwirkung der königlichen Berührung handelt,
+brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die Könige von
+England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurückliegen, diese Kraft
+an der Skrophulose geübt, die darum den Namen: »The King's Evil« trug.
+Königin Elisabeth entsagte diesem Stück ihrer königlichen Prärogative
+ebensowenig wie irgend ein anderer ihrer späteren Nachfolger. Charles I.
+soll im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter
+dessen zuchtlosem Sohn Charles II. feierten nach der Überwindung der
+großen englischen Revolution die Königsheilungen bei Skropheln ihre
+höchste Blüte.
+
+Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend
+Skrophulöse berührt haben. Das Gedränge der Heilungsuchenden pflegte bei
+diesen Gelegenheiten so groß zu sein, daß einmal sechs oder sieben von
+ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrücktwerden fanden. Der
+skeptische Oranier, Wilhelm III., der nach der Vertreibung der Stuarts
+König von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, als
+er sich zu einer solchen Berührung herbeiließ, tat er es mit den Worten:
+»Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand«(22).
+
+ (22) _Frazer_, The magic art I, p. 368.
+
+Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher man, ob auch
+unabsichtlich, _gegen_ den König, oder was zu ihm gehört, aktiv wird,
+mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein Häuptling von hohem Rang und
+großer Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner Mahlzeit
+am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, kräftiger,
+hungriger Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich darüber, um es
+aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein entsetzter
+Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen sei, an
+welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker mutiger Krieger
+gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, stürzte er
+zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen und starb gegen
+Sonnenuntergang des nächsten Tages(23). Eine _Maori_frau hatte gewisse
+Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese von einem mit Tabu
+belegten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Geist des Häuptlings, den
+sie so beleidigt, werde sie gewiß töten. Dies geschah am Nachmittag und
+am nächsten Tag um zwölf Uhr war sie tot(24). Das Feuerzeug eines
+Maori-Häuptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der
+Häuptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner,
+um ihre Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das
+Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken(25).
+
+ (23) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei _Frazer_
+ Tabu, p. 135.
+
+ (24) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei
+ _Frazer_ ibid.
+
+ (25) _Frazer_, l. c.
+
+Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar machte, so
+gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von den anderen zu
+isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie für die
+anderen unzugänglich waren. Es mag uns die Erkenntnis dämmern, daß diese
+ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte Mauer heute noch als höfisches
+Zeremoniell existiert.
+
+Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher läßt sich
+nicht auf das Bedürfnis des Schutzes _vor_ ihnen zurückführen. Der
+andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das
+Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat
+an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der höfischen
+Etikette den deutlichsten Anteil gehabt.
+
+Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren zu
+schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuern Bedeutung für das Wohl und
+Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die den
+Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und
+Sonnenschein zu danken, der die Früchte der Erde gedeihen läßt, sondern
+auch für den Wind, der Schiffe an ihre Küste bringt und für den festen
+Boden, auf den sie ihre Füße setzen(26).
+
+ (26) _Frazer_, Taboo. The burden of royalty, p. 7.
+
+Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer Fähigkeit,
+zu beglücken, ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, und an welche
+auf späteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer Höflinge
+Glauben heucheln werden.
+
+Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von solcher
+Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, um vor den sie
+bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist nicht der einzige
+Widerspruch, der in der Behandlung königlicher Personen bei den Wilden
+zutage tritt. Diese Völker halten es auch für notwendig, ihre Könige zu
+überwachen, daß sie ihre Kräfte im rechten Sinne verwenden; sie sind
+ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher.
+Ein Zug von Mißtrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften
+für den König bei. »Die Idee, daß urzeitliches Königstum ein Despotismus
+ist,« sagt _Frazer_(27), »demzufolge das Volk nur für seinen Herrscher
+existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und
+gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrscher nur für
+seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die
+Pflichten seiner Stellung erfüllt, den Lauf der Natur zum Besten seines
+Volkes regelt. Sobald er darin nachläßt oder versagt, wandeln sich die
+Sorgfalt, die Hingebung, die religiöse Verehrung, deren Gegenstand er
+bisher im ausgiebigsten Maße war, in Haß und Verachtung um. Er wird
+schmählich davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben
+rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als
+Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, dies
+veränderte Benehmen seines Volkes als Unbeständigkeit oder Widerspruch
+zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus konsequent. Wenn ihr
+König ihr Gott ist, so denken sie, muß er sich auch als ihr Beschützer
+erweisen; und wenn er sie nicht beschützen will, soll er einem anderen,
+der bereitwilliger ist, den Platz räumen. So lange er aber ihren
+Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und
+sie nötigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge zu
+behandeln. Ein solcher König lebt wie eingemauert hinter einem System
+von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebräuchen
+und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde zu
+erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern die einzig
+und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten, welche die
+Harmonie der Natur stören und so ihn, sein Volk und das ganze Weltall
+gleichzeitig zugrunde richten könnten. Diese Vorschriften, weit
+entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner
+Handlungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie
+angeblich versichern wollen, zur Bürde und zur Qual.«
+
+ (27) l. c., p. 7.
+
+Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lähmung eines
+heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der
+Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten erzielt
+worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zweihundert Jahre alt
+ist(28), erzählt: »Der Mikado glaubt, daß es seiner Würde und Heiligkeit
+nicht angemessen sei, den Boden mit den Füßen zu berühren; wenn er also
+irgendwohin gehen will, muß er auf den Schultern von Männern hingetragen
+werden. Es geht aber noch viel weniger an, daß er seine heilige Person
+der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt,
+auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so
+hohe Heiligkeit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, noch sein Bart
+geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden dürfen. Damit er aber
+nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, wenn er schläft; sie
+sagen, was man in diesem Zustand von seinem Körper nimmt, kann nur als
+gestohlen aufgefaßt werden, und ein solcher Diebstahl tut seiner Würde
+und Heiligkeit keinen Eintrag. In noch früheren Zeiten mußte er jeden
+Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem
+Throne sitzen, aber er mußte sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße,
+Kopf oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, könne er Ruhe und
+Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen
+oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick bloß
+auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungersnot,
+Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil hereinbrechen, um das Land zu
+verheeren.«
+
+ (28) _Kämpfer_, History of Japan bei _Frazer_, l. c., p. 3.
+
+Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen sind, mahnen
+lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In _Shark Point_ bei _Kap
+Padron_ in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterkönig, _Kukulu_,
+allein in einem Wald. Er darf kein Weib berühren, auch sein Haus nicht
+verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend
+schlafen muß. Wenn er sich niederlegte, würde der Wind aufhören und die
+Schiffahrt gestört sein. Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken
+zu halten und im allgemeinen für einen gleichmäßig gesunden Zustand der
+Atmosphäre zu sorgen(29). Je mächtiger ein König von _Loango_ ist, sagt
+_Bastian_, desto mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thronfolger ist
+von Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich um ihn, während er
+heranwächst; im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt.
+
+ (29) _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_«, Jena
+ 1874, bei _Frazer_, l. c., p. 5.
+
+Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es nicht,
+daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder Priesterwürde
+haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch an, daß Beschränkungen
+der freien Bewegung und der Diät die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie
+konservierend aber auf alte Gebräuche der Zusammenhang mit diesen
+privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von
+Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Völkern, also von
+weit höheren Kulturstufen, genommen sind.
+
+Der _Flamen Dialis_, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, hatte
+eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. Er
+durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring
+tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gewändern
+haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund,
+rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar
+durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten,
+seine Haare und Nägelabfälle mußten unter einem glückbringenden Baum
+vergraben werden; er durfte keinen Toten anrühren, nicht unbedeckten
+Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die
+_Flaminica_, hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer
+gewissen Art von Treppen nicht höher als drei Stufen steigen, an
+gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen; das Leder ihrer Schuhe durfte
+von keinem Tier genommen werden, das eines natürlichen Todes gestorben
+war, sondern nur von einem geschlachteten oder geopferten; wenn sie
+Donner hörte, war sie unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht
+hatte(30).
+
+ (30) _Frazer_, l. c., p. 13.
+
+Die alten Könige von _Irland_ waren einer Reihe von höchst sonderbaren
+Beschränkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, von deren
+Übertretung alles Unheil für das Land erwartet wurde. Das vollständige
+Verzeichnis dieser Tabu ist in dem _Book of Rights_ gegeben, dessen
+älteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418
+tragen. Die Verbote sind äußerst detailliert, betreffen gewisse
+Tätigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser
+Stadt darf der König nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen
+Fluß nicht um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Tage auf
+einer gewissen Ebene lagern und dergleichen(31).
+
+ (31) _Frazer_, l. c., p. 11.
+
+Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige hat bei vielen
+wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und für
+unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-Königswürde
+hörte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand,
+der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird
+es auf _Combodscha_, wo es einen Feuer- und einen Wasserkönig gibt, oft
+notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen.
+Auf _Nine_ oder _Savage Island_, einer Koralleninsel im Stillen Ozean,
+kam die Monarchie tatsächlich zum Ende, weil sich niemand mehr bereit
+finden wollte, das verantwortliche und gefährliche Amt zu übernehmen. In
+manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode des Königs ein geheimes
+Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen die
+Wahl fällt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus in Gewahrsam
+gehalten, bis er sich bereit erklärt hat, die Krone anzunehmen.
+Gelegentlich findet der präsumptive Thronfolger Mittel und Wege, um sich
+der ihm zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Häuptling
+berichtet, daß er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um jedem
+Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen(32). Bei
+den Negern von _Sierra Leone_ ward das Widerstreben gegen die Annahme
+der Königswürde so groß, daß die meisten Stämme genötigt waren, Fremde
+zu ihren Königen zu machen.
+
+ (32) A. _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der Loangoküste« bei
+ _Frazer_, l. c., p. 18.
+
+_Frazer_ führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich in der
+Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprünglichen
+Priester-Königstums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die
+von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige wurden unfähig, die
+Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und mußten diese geringeren, aber
+tatkräftigen Personen überlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der
+Königswürde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen
+Herrscher, während die nun praktisch bedeutungslose geistliche
+Oberhoheit den früheren Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, inwieweit
+diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Bestätigung findet.
+
+Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen zu ihren
+Herrschern überblicken, so regt sich in uns die Erwartung, daß uns der
+Fortschritt von seiner Beschreibung zu seinem psychoanalytischen
+Verständnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr
+verwickelter Natur und nicht frei von Widersprüchen. Man räumt den
+Herrschern große Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der
+anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie dürfen eben
+das tun oder genießen, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist.
+Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch andere Tabu
+beschränkt sind, welche auf die gewöhnlichen Individuen nicht drücken.
+Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen einem
+Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschränkung für dieselben Personen.
+Man traut ihnen außerordentliche Zauberkräfte zu und fürchtet sich
+deshalb vor der Berührung mit ihren Personen oder ihrem Eigentum,
+während man anderseits von diesen Berührungen die wohltätigste Wirkung
+erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu
+sein; allein wir haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist.
+Heilend und schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in
+wohlwollender Absicht ausgeht; gefährlich ist nur die Berührung, die vom
+gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt wird, wahrscheinlich,
+weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, nicht so
+leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich darin, daß man dem Herrscher
+eine so große Gewalt über die Vorgänge der Natur zuschreibt und sich
+doch für verpflichtet hält, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm
+drohende Gefahren zu beschützen, als ob seine eigene Macht, die so
+vieles kann, nicht auch dies vermöchte. Eine weitere Erschwerung des
+Verhältnisses stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das
+Zutrauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der richtigen
+Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden
+wollen; man mißtraut ihm also und hält sich für berechtigt, ihn zu
+überwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung des Königs, seinem
+Schutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er
+ihnen bringt, dient gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des
+Königs unterworfen wird.
+
+Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und
+widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu
+geben: Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung
+der Könige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne
+Rücksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen
+dann die Widersprüche, an denen der Intellekt der Wilden übrigens so
+wenig Anstoß nimmt wie der der Höchstzivilisierten, wenn es sich nur um
+Verhältnisse der Religion oder der »Loyalität« handelt.
+
+Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird vielleicht
+gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Näheres über die
+Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den
+geschilderten Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er
+sich im Symptombild einer Neurose fände, so werden wir zunächst an das
+Übermaß von ängstlicher Sorge anknüpfen, welches als Begründung des
+Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen
+Überzärtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die
+wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gewöhnlich. Ihre
+Herkunft ist uns sehr wohl verständlich worden. Sie tritt überall dort
+auf, wo außer der vorherrschenden Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber
+unbewußte Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall
+der ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die
+Feindseligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der
+Zärtlichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwanghaft wird,
+weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung in der
+Verdrängung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder Psychoanalytiker hat
+es erfahren, mit welcher Sicherheit die ängstliche Überzärtlichkeit
+unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen, z. B. zwischen Mutter und
+Kind oder bei zärtlichen Eheleuten, diese Auflösung gestattet. Auf die
+Behandlung der privilegierten Personen angewendet, ergäbe sich die
+Einsicht, daß der Verehrung, ja Vergötterung derselben im Unbewußten
+eine intensive feindselige Strömung entgegensteht, daß also hier, wie
+wir es erwartet haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung
+verwirklicht ist. Das Mißtrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der
+Königstabu unabweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äußerung
+derselben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären -- infolge der
+Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines solchen Konfliktes bei
+verschiedenen Völkern -- nicht um Beispiele verlegen, in denen uns der
+Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel leichter fiele. Die
+wilden _Timmes_ von _Sierra Leone_, hören wir bei _Frazer_(33), haben
+sich das Recht vorbehalten, ihren gewählten König am Abend vor seiner
+Krönung durchzuprügeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen
+Vorrechtes mit solcher Gründlichkeit, daß der unglückliche Herrscher
+gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt,
+daher haben es sich die Großen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie
+einen Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum König zu
+wählen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fällen die Feindseligkeit
+sich nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebärden.
+
+ (33) l. c., p. 18 nach _Zweifel_ et _Monstier_, »Voyage aux sources du
+ Niger«, 1880.
+
+Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher ruft
+die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allgemein
+verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zutage tritt. Es
+wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person außerordentlich erhöht,
+ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto
+eher die Verantwortlichkeit für alles Peinliche, was dem Kranken
+widerfährt, aufladen zu können. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit
+ihren Königen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht über Regen und
+Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder
+töten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine
+reife Ernte enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im
+Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis des Kindes zu
+seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtfülle in der
+Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es zeigt sich, daß das
+Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hochschätzung innig verknüpft ist.
+Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu seinem
+»Verfolger« ernennt, so hebt er sie damit in die Väterreihe, bringt sie
+unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner
+Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie
+zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, wie
+vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen
+Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag.
+
+Den stärksten Anhaltungspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche die
+Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden wir aber
+im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für die Stellung des
+Königstums vorhin erörtert wurde. Dieses Zeremoniell trägt seinen
+Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar
+zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es
+hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet
+nicht nur die Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen
+Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur
+unerträglichen Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ärger
+ist als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige
+Gegenstück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrückte
+Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und gemeinsamen
+Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist _angeblich_ ein Schutz
+gegen die verbotene Handlung; wir möchten aber sagen, sie ist
+_eigentlich_ die Wiederholung des Verbotenen. Das »angeblich« wendet
+sich hier der bewußten, das »eigentlich« der unbewußten Instanz des
+Seelenlebens zu. So ist auch das Tabuzeremoniell der Könige angeblich
+die höchste Ehrung und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für
+ihre Erhöhung, die Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die
+Erfahrungen, die _Sancho Pansa_ bei _Cervantes_ als Gouverneur auf
+seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des höfischen
+Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr
+wohl möglich, daß wir weitere Zustimmungen zu hören bekämen, wenn wir
+Könige und Herrscher von heute zur Äußerung darüber veranlassen könnten.
+
+Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so mächtigen
+unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein sehr
+interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit überschreitendes Problem.
+Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;
+fügen wir hinzu, daß die Verfolgung der Vorgeschichte des Königtums uns
+die entscheidenden Aufklärungen bringen müßte. Nach _Frazers_
+eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugeständnis nicht ganz zwingenden
+Erörterungen waren die ersten Könige Fremde, die nach kurzer Herrschaft
+zum Opfertod bei feierlichen Festen als Repräsentanten der Gottheit
+bestimmt waren(34). Noch die Mythen des Christentums wären von der
+Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt.
+
+ (34) _Frazer_, »The magic art and the evolution of kings«. 2 vol.
+ 1911. (The golden bough).
+
+
+c) Das Tabu der Toten.
+
+Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind; wir werden vielleicht
+erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde betrachtet werden.
+
+Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Vergleiches mit
+der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten primitiven Völkern eine
+besondere Virulenz. Es äußert sich zunächst in den Folgen, welche die
+Berührung des Toten nach sich zieht, und in der Behandlung der um den
+Toten Trauernden. Bei den _Maori_ war jeder, der eine Leiche berührt
+oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs äußerste unrein und
+nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen
+boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe
+kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte
+nicht einmal Nahrung mit seinen Händen berühren, diese waren ihm durch
+ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen
+auf den Boden hin, und ihm blieb nichts übrig, als sich seiner mit den
+Lippen und den Zähnen, so gut es eben ging, zu bemächtigen, während er
+seine Hände nach dem Rücken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt,
+daß eine andere Person ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm
+tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berühren, aber diese
+Hilfsperson war dann selbst Einschränkungen unterworfen, die nicht viel
+weniger drückend waren als seine eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein
+ganz verkommenes, von der Gesellschaft ausgestoßenes Individuum, das in
+der armseligsten Weise von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es
+allein gestattet, sich auf Armeslänge dem zu nähern, der die letzte
+Pflicht gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit
+der Abschließung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte
+sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen
+er sich in der gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles
+Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war.
+
+Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von Toten sind in ganz
+Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die nämlichen; ihr
+konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung selbst zu berühren, und die
+sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen gefüttert zu werden. Es
+ist bemerkenswert, daß in Polynesien oder vielleicht nur in _Hawaii_(35)
+Priesterkönige während der Ausübung heiliger Handlungen derselben
+Beschränkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf _Tonga_ tritt die
+Abstufung und allmähliche Aufhebung der Verbote durch die eigene
+Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten Häuptlings
+berührt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst ein
+Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf Monate, je nach dem Rang
+des Verstorbenen; aber wenn es sich um die Leiche des vergötterten
+Oberhäuptlings handelte, wurden selbst die größten Häuptlinge durch zehn
+Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, daß, wer solche
+Tabuvorschriften übertritt, schwer erkranken und sterben muß, so fest,
+daß sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch
+gewagt haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen(36).
+
+ (35) _Frazer_, Taboo, p. 138 usf.
+
+ (36) W. _Mariner_, »The natives of the Tonga Islands«, 1818, bei
+ _Frazer_, l. c. p. 140.
+
+Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke interessanter sind
+die Tabubeschränkungen jener Personen, deren Berührung mit den Toten in
+übertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angehörigen, der
+Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erwähnten Vorschriften nur
+den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit des
+Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch,
+und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir für die
+tiefliegenden, echten halten dürfen.
+
+Bei den _Shuswap_ in _Britisch-Columbia_ müssen Witwen und Witwer
+während ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie dürfen weder ihren
+eigenen Körper noch ihren Kopf mit ihren Händen berühren; alles
+Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogen.
+Kein Jäger wird sich der Hütte, in welcher solche Trauernde wohnen,
+nähern wollen, denn das brächte ihm Unglück; wenn der Schatten eines
+Trauernden auf ihn fallen würde, müßte er erkranken. Die Trauernden
+schlafen auf Dornbüschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese
+letztere Maßregel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen ferne zu
+halten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen nordamerikanischen
+Stämmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang nach dem Tode des
+Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus trockenem Gras zu tragen, um
+sich unzugänglich für die Annäherung des Geistes zu machen. So wird uns
+die Vorstellung nahe gelegt, daß die Berührung »im übertragenen Sinne«
+doch nur als ein körperlicher Kontakt verstanden wird, da der Geist des
+Verstorbenen nicht von seinen Angehörigen weicht, nicht abläßt, sie
+während der Zeit der Trauer zu »umschweben«.
+
+Bei den _Agutainos_, die auf _Palawan_, einer der _Philippinen_, wohnen,
+darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht Tage nach dem
+Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, wenn sie
+Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, gerät in Gefahr,
+augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer
+Annäherung, indem sie bei jedem Schritt mit einem hölzernen Stab gegen
+die Bäume schlägt; diese Bäume aber verdorren. Worin die Gefährlichkeit
+einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere Beobachtung
+erläutert. Im _Mekeo_bezirk von _Britisch-Neu-Guinea_ wird ein Witwer
+aller bürgerlichen Rechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein
+Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht öffentlich
+zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er schleicht wie ein
+wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, und muß sich im
+Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib,
+herannahen sieht. Diese letzte Andeutung macht es uns leicht, die
+Gefährlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der
+_Versuchung_ zurückzuführen. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll
+dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat mit demselben
+Wunsch zu kämpfen und mag überdies als herrenlos die Begehrlichkeit
+anderer Männer erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung läuft gegen den
+Sinn der Trauer; sie müßte den Zorn des Geistes auflodern lassen.(37)
+
+ (37) Dieselbe Kranke, deren »Unmöglichkeiten« ich oben (S. 221) mit
+ den Tabu zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in
+ Entrüstung gerate, wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der
+ Straße begegne. Solchen Leuten sollte das Ausgehen verboten sein!
+
+Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebräuche der
+Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den _Namen_ des Verstorbenen
+auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige
+Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt.
+
+Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabugebräuche
+in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Verbot bei
+so entfernten und einander so fremden Völkern, wie die _Samojeden_ in
+Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Tartarei und
+die _Tuaregs_ der Sahara, die _Aino_ in Japan und die _Akamba_ und
+_Nandi_ in Zentralafrika, die _Tinguanen_ auf den _Philippinen_ und die
+Einwohner der _Nikobarischen_ Inseln, von _Madagaskar_ und _Borneo_(38).
+Bei einigen dieser Völker gilt das Verbot und die aus ihm sich
+ableitenden Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es
+permanent, doch scheint es in allen Fällen mit der Entfernung vom
+Zeitpunkt des Todesfalles abzublassen.
+
+ (38) _Frazer_, l. c. p. 353.
+
+Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel
+außerordentlich strenge gehandhabt. So gilt es bei manchen
+südamerikanischen Stämmen als die schwerste Beleidigung der
+Überlebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen
+auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die
+für eine Mordtat selbst festgesetzte(39). Warum die Nennung des Namens
+so verabscheut werden sollte, ist zunächst nicht leicht zu erraten, aber
+die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von
+Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen
+interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die _Masai_ in Afrika auf
+die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach
+seinem Tode zu ändern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen
+erwähnt werden, während alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es
+scheint dabei vorausgesetzt, daß der Geist seinen neuen Namen nicht
+kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stämme an der
+_Adelaide_ und der _Encounter Bay_ sind in ihrer Vorsicht so konsequent,
+daß nach einem Todesfall alle Personen ihren Namen gegen einen anderen
+vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich geheißen haben wie der
+Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erwägung die
+Namensänderung nach einem Todesfall bei allen Angehörigen des
+Verstorbenen vorgenommen, ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen,
+so bei einigen Stämmen in _Victoria_ und in _Nordwestamerika_. Ja bei
+den _Guaycurus_ in _Paraguay_ pflegte der Häuptling bei so traurigem
+Anlaß allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan
+erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen hätten(40).
+
+ (39) _Frazer_, l. c. p. 352 usf.
+
+ (40) _Frazer_, l. c. p. 357 nach einem alten spanischen Beobachter
+ 1732.
+
+Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines
+Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den
+angeführten Völkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu
+benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen
+erinnert werde. Daraus mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Veränderung
+des Sprachschatzes ergeben, die den Missionären Schwierigkeiten genug
+bereitete, besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. In den
+sieben Jahren, die der Missionär _Dobrizhofer_ bei den _Abiponen_ in
+Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar dreimal abgeändert, und
+die Worte für Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten ähnliche
+Schicksale(41). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem
+Verstorbenen angehört hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin
+aus, daß man alles zu erwähnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine
+Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses
+ergibt sich, daß diese Völker keine Tradition, keine historischen
+Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die
+größten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser
+primitiven Völker haben sich aber auch kompensierende Gebräuche
+eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von
+Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die
+Wiedergeburt der Toten betrachtet werden.
+
+ (41) _Frazer_, l. c. p. 360.
+
+Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir daran gemahnt
+werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein
+wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß sie dem Wort volle
+Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten
+ausgeführt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme
+einer bedeutungslosen Wortähnlichkeit begnügen, sondern konsequent
+schließen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so
+müßte damit eine tiefgehende Übereinstimmung zwischen beiden bezeichnet
+sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten
+seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- und Wichtignehmen
+der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und daß sein
+Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es
+stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anlaß
+findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewußten Denktätigkeit
+hinzuweisen(42). Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu
+erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die
+volle »Komplexempfindlichkeit« gegen das Aussprechen und Anhören
+bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere Neurotiker), und
+leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft
+schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die
+Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er
+könnte in jemandens Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes
+von ihrer Persönlichkeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch
+die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen mußte,
+hatte sie sich das Gebot geschaffen, »nichts von ihrer Person
+herzugeben«. Dazu gehörte zunächst der Name, in weiterer Ausdehnung die
+Handschrift, und darum gab sie schließlich das Schreiben auf.
+
+ (42) _Stekel_, _Abraham_.
+
+So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden der Name des
+Toten als ein Stück seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den
+Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten
+läßt sich auf die Berührung mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem
+umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem
+Tabu betroffen ist.
+
+Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen hinweisen,
+welches der Leichnam und die Veränderungen, die alsbald an ihm bemerkt
+werden, erregt. Daneben müßte man der Trauer um den Toten einen Platz
+einräumen, als Motiv für alles, was sich auf diesen Toten bezieht.
+Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten
+der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die
+Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinterbliebene ist.
+Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu beschäftigen,
+sein Andenken auszuarbeiten und für möglichst lange Zeit zu erhalten.
+Für die Eigentümlichkeiten der Tabugebräuche muß etwas anderes als die
+Trauer verantwortlich gemacht werden, etwas, was offenbar andere
+Absichten als diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns
+dies noch unbekannte Motiv und sagten es die Gebräuche nicht, so würden
+wir es aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren.
+
+Sie machen nämlich kein Hehl daraus, daß sie sich vor der Gegenwart und
+der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen _fürchten_; sie üben eine
+Menge von Zeremonien, um ihn fern zu halten, ihn zu vertreiben(43).
+Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, der seine
+Gegenwart auf dem Fuße folgen wird(44). Sie tun darum folgerichtig
+alles, um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem Wege zu gehen.
+Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(45), oder sie
+entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den
+rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf
+seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung
+auszuweichen, daß sie nach _Wundts_ Ausdruck, an der Furcht »vor seiner
+zum Dämon gewordenen Seele« leiden(46).
+
+ (43) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei _Frazer_,
+ l. c., p. 353, die Tuaregs der Sahara angeführt.
+
+ (44) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: so lange noch etwas
+ von seinen körperlichen Überresten existiert. _Frazer_, l. c., p. 372.
+
+ (45) Auf den Nikobaren. _Frazer_, l. c., p. 382.
+
+ (46) _Wundt_, Religion und Mythus, II. B., p. 49.
+
+Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auffassung
+_Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in
+der Angst vor den Dämonen findet.
+
+Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teuere Familienmitglied mit dem
+Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem die Hinterbliebenen nur
+Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen böse Gelüste sie sich
+mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, daß man ihr
+zunächst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden
+Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben.
+_Westermarck_, der in seinem Werke: »Ursprung und Entwicklung der
+Moralbegriffe« dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig Beachtung
+schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt:
+»Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial den Schluß ziehen, daß die
+Toten häufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(47) und daß
+_Jevons_ und _Grant Allen_ im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe
+früher geglaubt, die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel
+nur gegen Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und
+Clangenossen väterlich besorgt seien.«
+
+ (47) _Westermarck_, l. c., II. B., p. 424. In der Anmerkung und in der
+ Fortsetzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft sehr
+ charakteristischen Zeugnissen, z. B.: Die Maoris glaubten, »daß die
+ nächsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen ändern
+ und selbst gegen ihre früheren Lieblinge übel gesinnt werden.« -- Die
+ Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit bösartig; je
+ enger die Verwandtschaft, desto größer die Furcht. Die Zentraleskimo
+ werden von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten erst spät zur
+ Ruhe gelangen, anfänglich aber zu fürchten seien als unheilbrütende
+ Geister, die das Dorf häufig umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes
+ Unheil zu verbreiten. (_Boas._)
+
+R. _Kleinpaul_ hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten
+Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Darstellung des
+Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(48). Es
+gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß die Toten mordlustig die
+Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten töten; das Skelett, als welches
+der Tod _heute_ gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst nur ein
+Toter ist. Nicht eher fühlt sich der Lebendige vor der Nachstellung der
+Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn
+gebracht hat. Daher begrub man die Toten gerne auf Inseln, brachte sie
+auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits
+sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit
+der Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes Recht
+zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse
+Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie
+die Bräute. Aber ursprünglich, meint _Kleinpaul_, waren alle Toten
+Vampyre, alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden,
+sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff
+eines bösen Geistes geliefert.
+
+ (48) R. _Kleinpaul_: Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben,
+ Religion und Sage. 1898.
+
+Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu
+Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die
+Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnesänderung
+zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt,
+diese Frage leicht zu beantworten(49). »Da der Tod zumeist für das
+schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt
+man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden
+seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, sei
+es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht
+man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie
+die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehörigen
+-- es ist daher begreiflich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu
+töten, um mit ihnen vereinigt zu werden ....
+
+... Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen
+zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht
+ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.«
+
+ (49) l. c., p. 426.
+
+Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf eine
+umfassendere Erklärung hin, welche die _Westermarcksche_ miteinschließt.
+
+Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod
+verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die Überlebende von
+peinigenden Bedenken, die wir »Zwangsvorwürfe« heißen, befallen wird, ob
+sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod
+der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie
+sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der
+behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa
+den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit
+langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle hat
+uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben
+erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur
+darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die
+Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung
+wirklich begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war
+doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit
+dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, wenn er
+im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch
+reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im
+Unbewußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es nun
+in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an eine
+bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz
+menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem
+Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise
+ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus
+entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich
+gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am
+wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition zur
+Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich
+herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher
+ursprünglicher Gefühlsambivalenz gegeben.
+
+Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dämonentum der
+frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die
+Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erklären kann. Wenn
+wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß
+von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der
+Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich,
+daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im
+Unbewußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die
+Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über
+den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven
+ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der
+Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im
+normalen wie im krankhaften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine
+_Projektion_. Der Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige
+Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des
+Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der Trauer
+zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser
+Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch Projektion
+darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auferlegt und sich
+Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen
+den feindlichen Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu
+auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch
+das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatze zwischen dem bewußten
+Schmerz und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei
+dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, daß
+gerade die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am
+meisten zu fürchten haben.
+
+Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie die
+neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als
+Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie
+sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den
+Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der
+Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote
+ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm
+reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden.
+
+_Westermarck_ hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der Wilden
+keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen gelten
+lassen will. Für das unbewußte Denken ist auch der ein Gemordeter, der
+eines natürlichen Todes gestorben ist; die bösen Wünsche haben ihn
+getötet. (Vergl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie
+und Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der
+Träume vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister)
+interessiert, der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle
+Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die nämliche
+Gefühlsambivalenz, feststellen können.
+
+Wir haben vorhin einer Auffassung von _Wundt_ widersprochen, welche das
+Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen findet, und doch haben wir
+soeben der Erklärung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die
+Furcht vor der zum Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt.
+Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn
+aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als etwas
+Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. Wir sind
+gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir sie als Projektionen
+der feindseligen Gefühle erkennen, welche die Überlebenden gegen die
+Toten hegen.
+
+Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen -- zärtlichen und
+feindseligen -- Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit
+des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als
+Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Konflikt
+kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz
+oder zum größeren Anteile --, unbewußt ist, kann der Ausgang des
+Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten von
+einander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, etwa wie
+wenn man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung
+verzeiht. Der Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen
+psychischen Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als _Projektion_
+zu bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß
+und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in
+die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der
+anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen uns jetzt
+darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn,
+aber er ist jetzt merkwürdigerweise ein böser Dämon geworden, dem unser
+Unglück Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht.
+Die Überlebenden müssen sich nun gegen diesen bösen Feind verteidigen;
+sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen
+eine Bedrängnis von außen eingetauscht.
+
+Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die
+Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen
+Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen
+wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht,
+Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten
+Verhältnisse unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach
+zugehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung
+der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen
+enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der
+Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit
+aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der
+ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man
+ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit
+als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht
+entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten
+Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, d. h. sich dem
+Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung
+verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaßten
+Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt wurde akut. Die aus
+der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits
+unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es
+nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung
+ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf
+dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die
+Furcht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem
+zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, so
+daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessenheit
+versinken darf.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der
+Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige Bemerkungen
+anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll
+werden können.
+
+Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die
+Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgängen,
+denen der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens
+zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion
+der Erledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche
+Verwendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur
+Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen,
+sie kommt auch zu Stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion
+innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem
+z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der
+Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Unter
+noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere
+Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die
+Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der
+Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es
+hängt dies vielleicht genetisch damit zusammen, daß die Funktion der
+Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der
+Außenwelt zuströmenden Reizen zugewendet war, und von den
+endopsychischen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und
+Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten
+Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der
+Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich
+wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch
+Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt
+entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in
+Psychologie zurückübersetzen müssen.
+
+Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen ist nur ein
+Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven
+geworden ist und das wir in der nächsten Abhandlung dieser Reihe als das
+»animistische« kennen lernen werden. Wir werden dann die psychologischen
+Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen haben und unsere
+Anhaltspunkte in der Analyse jener Systembildungen finden, welche uns
+wiederum die Neurosen entgegenbringen. Wir wollen vorläufig nur
+verraten, daß die sogenannte »sekundäre Bearbeitung« des Trauminhaltes
+das Vorbild für alle diese Systembildungen ist. Vergessen wir auch nicht
+daran, daß es vom Stadium der Systembildung an zweierlei Ableitungen für
+jeden vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, die systematische und die
+reale, aber unbewußte(50).
+
+ (50) Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die
+ Personifikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden
+ entgegengesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich
+ herausstellt.
+
+_Wundt_(51) bemerkt, daß »unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten
+den Dämonen zuschreibt, zunächst die _unheilvollen_ überwiegen, so daß
+im Glauben der Völker sichtlich die bösen Dämonen älter sind als die
+guten«. Es ist nun sehr wohl möglich, daß der Begriff des Dämons
+überhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde.
+Die diesem Verhältnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren
+Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der
+nämlichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen
+hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einerseits, die
+Ahnenverehrung anderseits(52). Daß die Dämonen stets als die Geister
+_kürzlich_ Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes den
+Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. Die Trauer
+hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die
+Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen. Ist
+diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und
+der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dämon. Dieselben Geister
+aber, die zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, gehen nun der
+freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur
+Hilfeleistung angerufen zu werden.
+
+ (51) »Mythus und Religion«, II., S. 129.
+
+ (52) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an
+ Gespensterangst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es
+ oft nicht schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven.
+ Vergleiche hiezu auch die »Sexualgespenster« betitelte Mitteilung von
+ P. _Haeberlin_ (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um
+ eine andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben
+ war.
+
+Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten im Wandel
+der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambivalenz
+außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die
+unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten
+niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefür
+bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und die schmerzhafte
+Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine
+Narbenbildung die Pietät und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur
+die Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren
+durch Anfälle von Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte
+ambivalente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem
+Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle
+Änderung und reale Besserung der familiären Beziehungen in deren
+Verursachung teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber man
+könnte durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, _es sei den
+Seelenregungen der Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz
+zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist.
+Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das
+Kompromißsymptom des Ambivalenzkonfliktes._ Von den Neurotikern, welche
+genötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu
+reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archaistische Konstitution
+als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im
+Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen
+Aufwand zwingt.
+
+Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden
+Auskunft, welche uns _Wundt_ über die Doppelbedeutung des Wortes Tabu:
+heilig und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe das Wort Tabu
+heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dämonische
+bezeichnet, das nicht berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den
+beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch
+beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den beiden Gebieten
+des Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung
+obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei.
+
+Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen mühelos ab, daß
+dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte Doppelbedeutung zukommt,
+daß es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles
+dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. _Tabu_ ist
+selbst ein ambivalentes Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus
+dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich
+als Ergebnis weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das
+Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen ist.
+Das Studium der ältesten Sprachen hat uns belehrt, daß es einst viele
+solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, in gewissem -- wenn
+auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne -- wie das Wort Tabu ambivalent
+waren(53). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes
+haben später dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegensätzen
+einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen.
+
+ (53) Vgl. mein Referat über _Abels_ »Gegensinn der Urworte« im
+ Jahrbuch f. psycho-analyt. und psycho-pathol. Forschungen, Bd. II,
+ 1910.
+
+Das Wort _Tabu_ hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden
+Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst,
+respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden.
+Ich hoffe, in späterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu können,
+daß sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare
+historische Wandlung verbirgt, daß das Wort zuerst an ganz bestimmten
+menschlichen Relationen haftete, denen die große Gefühlsambivalenz eigen
+war, und daß es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt
+wurde.
+
+Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch ein Licht
+auf die Natur und Entstehung des _Gewissens_. Man kann ohne Dehnung der
+Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewußtsein nach
+Übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die
+älteste Form, in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt.
+
+Denn was ist »Gewissen«? Nach dem Zeugnis der Sprache gehört es zu dem,
+was man am gewissesten weiß; in manchen Sprachen scheidet sich seine
+Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins.
+
+Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in uns
+bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, daß diese
+Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, daß sie ihrer
+selbst gewiß ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewußtsein, der
+Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir
+bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier
+überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, muß die Berechtigung der
+Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Handlung, in sich
+verspüren. Diesen nämlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der
+Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung
+läßt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso
+selbstverständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(54).
+
+ (54) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des
+ Tabu in nichts gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich
+ geschah (siehe Beispiele oben), und daß noch im griechischen Mythus
+ die Verschuldung des Ödipus nicht aufgehoben wird dadurch, daß sie
+ ohne, ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde.
+
+Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer
+Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen
+diese Ambivalenz haftet, und unter den für das Tabu und die
+Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, daß das eine Glied des
+Gegensatzes unbewußt sei und durch das zwanghaft herrschende andere
+verdrängt erhalten werde. Zu diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir
+aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, daß im Charakter der
+Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt
+als Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten lauernde Versuchung, und
+daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade von
+Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den
+Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des
+Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir überhaupt keine
+Aussicht, dieselbe je zu erfahren. Die Lösung dieser Aufgabe gelingt nun
+beim einzelnen neurotischen Individuum; für die Völker getrauen wir uns
+eine ähnliche Lösung zu erschließen.
+
+Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel von der
+Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als »Gewissensangst«
+beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewußte Quellen hin; wir
+haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, daß, wenn Wunschregungen der
+Verdrängung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu
+wollen wir erinnern, daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und
+unbewußt ist, nämlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten
+entspricht der Angstcharakter des Schuldbewußtseins.
+
+Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist eine Überlegung
+denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständlich und bedürfe keines
+weitläufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, daß ihm eine
+positive, begehrende Strömung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun
+begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls muß
+das, was aufs nachdrücklichste verboten wird, doch Gegenstand eines
+Begehrens sein. Wenden wir diesen plausibeln Satz auf unsere Primitiven
+an, so müßten wir schließen, es gehöre zu ihren stärksten Versuchungen,
+ihre Könige und Priester zu töten, Inzest zu verüben, ihre Toten zu
+mißhandeln und dergleichen. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den
+entschiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nämlichen
+Satz an den Fällen messen, in welchen wir selbst die Stimme des
+Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir würden dann mit
+einer nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, daß wir nicht die
+geringste Versuchung verspüren, eines dieser Gebote zu übertreten, z. B.
+das Gebot: Du sollst nicht morden, und daß wir vor der Übertretung
+desselben nichts anderes verspüren als Abscheu.
+
+Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie
+beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig -- das Tabu
+sowohl, wie unser Moralverbot --, anderseits bleibt die Tatsache des
+Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und
+Neurose entfallen; es ist also jener Zustand unseres Verständnisses
+hergestellt, der auch gegenwärtig besteht, so lange wir nicht
+psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden.
+
+Wenn wir aber der durch Psychoanalyse -- an den Träumen Gesunder --
+gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die Versuchung, den anderen zu
+töten, auch bei uns stärker und häufiger ist, als wir ahnen, und daß sie
+psychische Wirkungen äußert, auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht
+kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker
+die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstärkten Impuls, zu
+morden, erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz:
+Wo ein Verbot vorliegt, müßte ein Begehren dahinter sein, mit neuer
+Schätzung zurückkehren. Wir werden annehmen, daß dies Begehren, zu
+morden, tatsächlich im Unbewußten vorhanden ist, und daß das Tabu wie
+das Moralverbot psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch
+die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und
+gerechtfertigt wird.
+
+Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses
+Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strömung eine
+unbewußte ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhänge und
+Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen Vorgänge im Unbewußten sind
+nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewußten
+Seelenleben bekannt sind, sondern genießen gewisse beachtenswerte
+Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewußter
+Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung
+finden; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich
+auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den
+Mechanismus der _Verschiebung_ dorthin gelangt sein, wo er uns auffällt.
+Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und Unkorrigierbarkeit
+unbewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, in
+spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet werden, in denen seine
+Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur Andeutungen,
+aber eine sorgfältige Ausführung derselben würde zeigen, wie wichtig sie
+für das Verständnis der Kulturentwicklung werden können.
+
+Zum Schlusse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Untersuchungen
+vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir auch an der
+Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen
+wir doch nicht bestreiten, daß eine psychologische Verschiedenheit
+zwischen beiden bestehen muß. Eine Veränderung in den Verhältnissen der
+grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, daß das Verbot
+nicht mehr in der Form des Tabu erscheint.
+
+Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuphänomene
+von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten
+lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale
+Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin
+der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie
+das Tabu zu suchen ist.
+
+Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen.
+Von der Übertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe
+befürchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe
+droht nun dem, der sich die Übertretung hat zu Schulden kommen lassen.
+Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm
+Verbotenes ausführen soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich,
+sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber
+durch die Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm
+geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also
+hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die
+Tabuübertretung sich am Missetäter nicht spontan gerächt hat, dann
+erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel
+alle bedroht wären, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung
+selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser
+Solidarität zu erklären. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor
+der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfähigkeit des Tabu
+ist hier im Spiele. Wenn einer es zustandegebracht hat, das verdrängte
+Begehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen das
+gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, muß der
+eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, und
+die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der
+Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen.
+Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und
+sie hat, wie gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen
+beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraussetzung.
+
+Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir
+seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der
+Neurose erklären, die nichts für sich und alles für eine geliebte Person
+fürchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, daß er nicht primär ist.
+Ursprünglich, d. h. zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung
+wie bei den Wilden der eigenen Person; man fürchtete in jedem Falle für
+sein eigenes Leben; erst später wurde die Todesangst auf eine andere
+geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaßen kompliziert,
+aber wir übersehen ihn vollständig. Zugrunde der Verbotbildung liegt
+regelmäßig eine böse Regung -- ein Todeswunsch -- gegen eine geliebte
+Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das Verbot an eine
+gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige gegen die
+geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung dieser
+Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Prozeß geht weiter, und
+der ursprüngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen ist dann durch
+die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also so zärtlich
+altruistisch erweist, so _kompensiert_ sie damit nur die ihr zugrunde
+liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus. Heißen wir
+die Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den anderen bestimmt
+werden, und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, _soziale_, so
+können wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren als einen später
+durch Überkompensation verhüllten Grundzug der Neurose herausheben.
+
+Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung
+zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an
+einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum
+Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die größte
+Ähnlichkeit mit der Berührungsangst der Neurotiker, dem Délire de
+toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelmäßig um das Verbot
+sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt,
+daß die Triebkräfte, welche in der Neurose abgelenkt und verschoben
+werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berührung
+offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere
+des Angreifens, der Bemächtigung, des Geltendmachens der eigenen Person.
+Wenn es verboten ist, den Häuptling oder etwas, was mit ihm in Berührung
+war, selbst zu berühren, so soll damit demselben Impuls eine Hemmung
+angelegt werden, der sich andere Male in der argwöhnischen Überwachung
+des Häuptlings, ja in seiner körperlichen Mißhandlung vor der Krönung
+(s. oben) zum Ausdruck bringt. _Somit ist das Überwiegen der sexuellen
+Triebanteile gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische
+Moment._ Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von
+egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten
+entstanden.
+
+An dem einen Beispiele von Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose läßt
+sich bereits erraten, welches das Verhältnis der einzelnen Formen von
+Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der
+Neurosenpsychologie für das Verständnis der Kulturentwicklung wichtig
+wird.
+
+Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende
+Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der
+Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen
+derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein
+Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer
+Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen
+Systems. Diese Abweichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück,
+daß die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten
+Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit
+entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt man, daß in ihnen
+die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestimmenden Einfluß ausüben,
+während die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen,
+solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und sexueller Anteile
+hervorgegangen sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht imstande, die
+Menschen in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu
+einigen; die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache des
+Individuums.
+
+Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren
+ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität in
+eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser vom Neurotiker
+gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die
+von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der
+Realität ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen
+Gemeinschaft.
+
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~hagos~_ der Griechen,
+ dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~agos~_ der Griechen,
+
+ 'gemein' bedeutet ...
+ 'gemein' bedeutet ...«
+
+ Vom Begriff das Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in
+ Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in
+
+ nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_(7).
+ nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_«(7).
+
+ durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, ein psychische
+ durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische
+
+ annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebes, daß mit der
+ annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der
+
+ Hand kratzen, sondetn bediente sich dazu eines kleinen Steckens.
+ Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens.
+
+ Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihn nicht nur für den Regen und
+ Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und
+
+ auf einen Teil seines Reiches richtete so würden Krieg, Hungersnot,
+ auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungersnot,
+
+ (29) _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_», Jena
+ (29) _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_«, Jena
+
+ Niger, 1880.
+ Niger«, 1880.
+
+ Der Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;
+ Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben;
+
+ werden, daß für den Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein
+ werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein
+
+ l. c, p. 353, die Tuaregs der Sahara angeführt.
+ l. c., p. 353, die Tuaregs der Sahara angeführt.
+
+ (46) _Wundt_. Religion und Mythus, II. B., p. 49.
+ (46) _Wundt_, Religion und Mythus, II. B., p. 49.
+
+ _Wundt's_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in
+ _Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in
+
+ Toten sicher, als bis er ein trennende Wasser zwischen sich und ihn
+ Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn
+
+ Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gee storbenen, wie
+ Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie
+
+ sie des Leben zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff
+ sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff
+
+ Primitiven dazu, ihren teueren Toten ein- solche Sinnesänderung
+ Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnesänderung
+
+ zuzuschreiben. Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt,
+ zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt,
+
+ Feindseligkeit auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im
+ Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im
+
+ Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung» der Primitiven
+ Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven
+
+ Hilfeleistung angerufen werden.
+ Hilfeleistung angerufen zu werden.
+
+ (51) «Mythus und Religion«, II., S. 129.
+ (51) »Mythus und Religion«, II., S. 129.
+
+ auf andere Personen und Relationen bezogen haben und dureh den
+ auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den
+
+ Ursprünglich, d. h. zuAnfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung
+ Ursprünglich, d. h. zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung
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+ ]
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+Gefühlsregungen, by Sigmund Freud
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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