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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:07:07 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen + Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden + und der Neurotiker II + +Author: Sigmund Freud + +Release Date: August 14, 2011 [EBook #37069] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der + Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I (1912). S. 213-227 + und 301-333. + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert. + + Die Nummerierung für die Abschnitte 1. und 3. fehlt im Original. + ] + + + + +Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der +Neurotiker. + +Von SIGM. FREUD. + +II. + +Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen. + + + + +1. + + +_Tabu_ ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns +Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht +mehr besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig; ihr _sacer_ war +dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~agos~_ der Griechen, +das _Kodausch_ der Hebräer muß das nämliche bedeutet haben, was die +Polynesier durch ihr Tabu, viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar), +Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken. + +Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen +auseinander. Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, anderseits: +unheimlich, gefährlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu heißt +im Polynesischen noa = gewöhnlich, allgemein zugänglich. Somit haftet am +Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu äußert sich auch +wesentlich in Verboten und Einschränkungen. Unsere Zusammensetzung +»heilige Scheu« würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken. + +Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die religiösen oder die +moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes +zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den +Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System, +welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erklärt und diese +Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder +Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, +erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft +stehen. + +_Wundt_(1) nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen Gesetzeskodex der +Menschheit. Es wird allgemein angenommen, daß das Tabu älter ist als die +Götter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht. + + (1) Völkerpsychologie, II. Band, »Mythus und Religion«, 1906, II, + p. 308. + +Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen, um dieses der +psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun einen +Auszug aus dem Artikel »Taboo« der »Encyclopedia Britannica«(2) folgen, +der den Anthropologen _Northcote W. Thomas_ zum Verfasser hat. + + (2) Elfte Auflage, 1911. -- Daselbst auch die wichtigsten + Literaturnachweise. + +»Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder unreinen) +Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschränkung, welche +sich aus diesem Charakter ergibt und c) die Heiligkeit (oder +Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das +Gegenteil von tabu heißt in Polynesien '_noa_', was 'gewöhnlich' oder +'gemein' bedeutet ...« + +»In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu +unterscheiden: 1. Ein _natürliches_ oder direktes Tabu, welches das +Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (_Mana_) ist, die an einer Person +oder Sache haftet; 2. ein _mitgeteiltes_ oder indirektes Tabu, das auch +von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von +einem Priester, Häuptling oder sonst wem übertragen; endlich 3. ein +Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte hält, wenn nämlich beide +Faktoren in Betracht kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes +durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle +Beschränkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religiöses +Verbot heißen könnte, nicht zum Tabu rechnen.« + +»Die _Ziele_ des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu bezwecken a) +den Schutz bedeutsamer Personen, wie Häuptlinge, Priester, und +Gegenstände u. dgl. gegen mögliche Schädigung; b) die Sicherung der +Schwachen -- Frauen, Kinder und gewöhnlicher Menschen im allgemeinen -- +gegen das mächtige Mana (die magische Kraft) der Priester und +Häuptlinge; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berührung von +Leichen, mit dem Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die +Versicherung gegen die Störung wichtiger Lebensakte, wie Geburt, +Männerweihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den Schutz menschlicher +Wesen gegen die Macht oder den Zorn von Göttern und Dämonen(3); f) die +Behütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren, +die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Abhängigkeit von +ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu +sich nehmen, deren Genuß den Kindern besondere Eigenschaften übertragen +könnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutz des Eigentums +einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen Diebe.« + + (3) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprüngliche + in diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden. + +»Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ursprünglich einer +inneren, automatisch wirkenden Einrichtung überlassen. Das verletzte +Tabu rächt sich selbst. Wenn Vorstellungen von Göttern und Dämonen +hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der +Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen +Fällen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes, +übernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen +Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die +ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an.« + +»Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden. +Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen, können +durch Bußhandlungen und Reinigungszeremonien beschworen werden.« + +»Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft angesehen, +die an Personen und Geistern haftet, und von ihnen aus durch unbelebte +Gegenstände hindurch übertragen werden kann. Personen oder Dinge, die +tabu sind, können mit elektrisch geladenen Gegenständen verglichen +werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch +Berührung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn +der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu +widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu hängt also nicht nur +von der Intensität der magischen Kraft ab, die an dem Tabu-Objekt +haftet, sondern auch von der Stärke des Mana, die sich dieser Kraft bei +dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. Könige und Priester Inhaber +einer großartigen Kraft, und es wäre Tod für ihre Untertanen, in +unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine +andere Person von mehr als gewöhnlichem Mana kann ungefährdet mit ihnen +verkehren, und diese Mittelspersonen können wiederum ihren Untergebenen +die Annäherung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch +mitgeteilte Tabu hängen in ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab, +von der sie ausgehen; wenn ein König oder Priester ein Tabu auferlegt, +ist es wirksamer, als wenn es von einem gewöhnlichen Menschen käme.« + +Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu +Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühnezeremonien zu +versuchen. + +»Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und Häuptlinge sind +das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen gehört hat. +Zeitweilige Tabu schließen sich an gewisse Zustände an, so an die +Menstruation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach +der Expedition, an die Tätigkeiten des Fischens und Jagens u. dergl. Ein +allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt über einen +großen Bezirk verhängt werden und dann jahrelang anhalten.« + + * * * * * + +Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen weiß, so +getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten nach all diesen +Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter +vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen können. +Dies ist sicherlich die Folge der ungenügenden Information, die sie von +mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Erörterungen über die +Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion. +Aber anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was +man über das Tabu weiß, hätte noch verwirrender gewirkt, und darf +versichern, daß die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig ist. +Es handelt sich also um eine Reihe von Einschränkungen, denen sich diese +primitiven Völker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen +nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern +sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverständlich und sind überzeugt, +daß eine Übertretung sich von selbst auf die härteste Weise strafen +wird. Es liegen zuverlässige Berichte vor, daß die unwissentliche +Übertretung eines solchen Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft +hat. Der unschuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm verbotenen Tier +gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt dann +in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genußfähigkeit, Bewegungs- +und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen Fällen sinnreich, sollen +offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen Fällen sind +sie ihrem Inhalt nach ganz unverständlich, betreffen wertlose +Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All +diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zugrunde zu liegen, als +ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Personen und Dingen eine +gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem so +geladenen Objekt überträgt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch die +Quantität dieser gefährlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine +oder das eine hat mehr davon als der andere und die Gefahr richtet sich +geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran ist +wohl, daß, wer es zustande gebracht hat, ein solches Verbot zu +übertreten, selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam die +ganze gefährliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun +an allen Personen, die etwas Besonderes sind, wie Könige, Priester, +Neugeborene, an allen Ausnahmszuständen wie die körperlichen der +Menstruation, der Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen +wie Krankheit und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder +Ausbreitungsfähigkeit damit zusammenhängt. + +»Tabu« heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die Örtlichkeiten, +Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, welche Träger oder Quelle +dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu heißt auch das Verbot, +welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu heißt endlich +seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, über das Gewöhnliche +erhaben wie auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt. + +In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt sich ein +Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns wirklich nicht nahe +gerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, daß man sich diesem +Verständnis nicht nähern könne, ohne auf den für so tiefstehende +Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und Dämonen einzugehen. + +Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Rätsel des Tabu +wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem an sich +des Versuches einer Lösung wert ist, sondern auch noch aus anderen +Gründen. Es darf uns ahnen, daß das Tabu der Wilden Polynesiens doch +nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, daß die +Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen +eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könnten, und daß +die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres +eigenen »kategorischen Imperativs« zu werfen vermöchte. + +Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung aufhorchen, wenn +ein Forscher wie W. _Wundt_ uns seine Auffassung des Tabu mitteilt, +zumal da er verspricht, »zu den letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen +zurückzugehen«(4). + + (4) In der Völkerpsychologie, Band II, Religion und Mythus II p. 300 + u. ff. + +Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in +denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vorstellungen +zusammenhängenden Objekten oder vor den sich auf diese beziehenden +Handlungen ausdrückt«(5). + + (5) l. c. p. 237. + +Ein andermal: »Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es dem +allgemeinsten Sinn des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte oder +in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen +Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder +gewisse verpönte Worte zu gebrauchen .....«, so gebe es überhaupt kein +Volk und keine Kulturstufe, die der Schädigung durch das Tabu entgegen +wäre. + +_Wundt_ führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger erscheint, die Natur +des Tabu an den primitiven Verhältnissen der australischen Wilden als in +der höheren Kultur der polynesischen Völker zu studieren. Bei den +Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie +Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das +wesentlich im Verbot des Tötens und Verzehrens besteht, bildet den Kern +des _Totemismus_(6). Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu +seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von +vorneherein auf Bedingungen eingeschränkt, die für den Tabuierten eine +ungewöhnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim Fest +der Männerweihe, Frauen während der Menstruation und unmittelbar nach +der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor allem die Toten. Auf dem +fortwährend gebrauchten Eigentum eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu +für jeden anderen: so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum +persönlichsten Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, den ein +Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu und muß geheim +gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf Bäumen, Pflanzen, +Häusern, Örtlichkeiten ruhen, sind veränderlicher, scheinen nur der +Regel zu folgen, daß dem Tabu unterworfen wird, was aus irgend welcher +Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist. + + (6) Vgl. darüber die vorige Abhandlung in Heft I dieser Zeitschrift. + +Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Polynesier +und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß _Wundt_ selbst für nicht sehr +tiefgehend erklären. Die stärkere soziale Differenzierung dieser Völker +macht sich darin geltend, daß Häuptlinge, Könige und Priester ein +besonders wirksames Tabu ausüben und selbst dem stärksten Zwang des Tabu +ausgesetzt werden. + +Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den +Interessen der privilegierten Stände; »sie entspringen da, wo die +primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung +nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_«(7). +»Ursprünglich nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der +in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dämonischen Macht, +verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es gebietet, wo es +wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die Rache des Dämons +zu beseitigen«. + + (7) l. c. p. 307. + +Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begründeten Macht, +die sich vom Dämonismus losgelöst hat. Es wird zum Zwang der Sitte und +des Herkommens und schließlich des Gesetzes. »Das Gebot aber, das +unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden +Tabuverboten steht, ist ursprünglich das _eine_: Hüte dich vor dem Zorn +der Dämonen.« + +_Wundt_ lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausfluß des +Glaubens der primitiven Völker an dämonische Mächte. Später habe sich +das Tabu von dieser Wurzel losgelöst und sei eine Macht geblieben, +einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer +Beharrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer +Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser Sätze zum Widerspruch +reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu +leihen, wenn ich die Aufklärung _Wundts_ als eine Enttäuschung +anspreche. Das heißt wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen +heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch +die Dämonen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden, +die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es wäre anders, wenn die +Dämonen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind selbst wie +die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte des Menschen; sie sind von etwas +und aus etwas geschaffen worden. + +Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert _Wundt_ bedeutsame, aber nicht +ganz klar zu erfassende Ansichten. Für die primitiven Anfänge des Tabu +besteht nach ihm eine Scheidung von _heilig_ und _unrein_ noch nicht. +Eben darum fehlen hier jene Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie +eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen +konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind +dämonisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem späteren Sinne +unrein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte stehende +Bedeutung des Dämonischen, das nicht berührt werden darf, ist der +Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das +schließlich dem Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten gemeinsam +bleibt: die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden +Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis +darauf, daß hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüngliche +Übereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer +Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schließlich zu +Gegensätzen entwickelt haben. + +Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämonische Macht, die +in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berührung oder unerlaubte +Verwendung durch Verzauberung des Täters rächt, ist eben noch ganz und +ausschließlich die objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in +die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe +annimmt: in die _Ehrfurcht_ und in den _Abscheu_. + +Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach _Wundt_ durch die Verpflanzung +der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen -- in das der +Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein fällt mit der +Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die +frühere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist, +sondern in der Form einer niedrigeren und allmählich mit Verachtung sich +paarenden Wertschätzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein +das Gesetz, daß eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der +höheren überwunden und zurückgedrängt wird, nun neben dieser in +erniedrigter Form fortbesteht, so daß die Objekte ihrer Verehrung in +solche des Abscheus sich umwandeln(8). + + (8) l. c. p. 313. + +Die weiteren Ausführungen _Wundts_ beziehen sich auf das Verhältnis der +Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer. + + + + +2. + + +Wer von der Psychoanalyse, d. h. von der Erforschung des unbewußten +Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu +herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, daß ihm diese +Phänomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche +Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso strenge +befolgen, wie die Wilden die ihrem Stamm oder ihrer Gesellschaft +gemeinsamen. Wenn er nicht gewohnt wäre, diese vereinzelten Personen als +»_Zwangskranke_« zu bezeichnen, würde er den Namen »_Tabukrankheit_« für +deren Zustand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat +er aber durch die psychoanalytische Untersuchung soviel erfahren: die +klinische Aetiologie und das Wesentliche des psychologischen +Mechanismus, daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur +Aufklärung der entsprechenden völkerpsychologischen Erscheinung zu +verwenden. + +Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden müssen. Die +Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein äußerliche +sein, für die Erscheinungsform der Beiden gelten und sich nicht weiter +auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die nämlichen Formen in +den verschiedensten biologischen Zusammenhängen zu verwenden, z. B. am +Korallenstock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen +Kristallen oder bei der Bildung bestimmter chemischer Niederschläge. Es +wäre offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese +Übereinstimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedingungen +zurückgehen, Schlüsse zu begründen, die sich auf innere Verwandtschaft +beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, brauchen aber die +beabsichtigte Vergleichung dieser Möglichkeit wegen nicht zu +unterlassen. + +Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangsverbote (bei den +Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, daß diese Verbote ebenso +unmotiviert und in ihrer Herkunft rätselhaft sind. Sie sind irgend +einmal aufgetreten und müssen nun infolge einer unbezwingbaren Angst +gehalten werden. Eine äußere Strafandrohung ist überflüssig, weil eine +innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem +unerträglichen Unheil führen. Das Äußerste, was die Zwangskranken +mitteilen können, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine bestimmte +Person ihrer Umgebung durch die Übertretung zu Schaden kommen. Welches +diese Schädigung sein soll, wird nicht erkannt, auch erhält man diese +kümmerliche Auskunft eher bei den später zu besprechenden Sühne- und +Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst. + +Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das der +Berührung, daher der Name Berührungsangst, Délire de toucher. Das Verbot +erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berührung mit dem Körper, +sondern nimmt den Umfang der übertragenen Redensart: in Berührung +kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt, eine +Gedankenberührung hervorruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare +leibliche Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder. + +Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verständlich, +ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, läppisch, sinnlos. +Wir bezeichnen solche Gebote als »Zeremoniell«, und finden, daß die +Tabugebräuche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen. + +Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit zu eigen, sie +dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von einem Objekt +auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, wie eine meiner +Kranken treffend sagt, »_unmöglich_«. Die Unmöglichkeit hat am Ende die +ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als +wären die »unmöglichen« Personen und Dinge Träger einer gefährlichen +Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kontakt zu +übertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsfähigkeit und der +Übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote +hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu übertreten hat durch die +Berührung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu und niemand darf +mit ihm in Berührung treten. + +Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Verschiebung) des +Verbotes zusammen; das eine aus dem Leben der _Maori_, das andere aus +meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau. + +»Ein _Maori_häuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn +sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem +Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird, +die Speise der Person, die von ihr ißt, und so müßte die Person sterben, +die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im +Feuer, in das geblasen der Häuptling mit seinem heiligen und +gefährlichen Hauch.«(9) + + (9) _Frazer_, The golden bough, II., Taboo and the perils of the soul, + 1911, p. 136. + +Die Patientin verlangt, daß ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom +Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde ihr sonst den +Raum, in dem sie wohnt, unmöglich machen. Denn sie hat gehört, daß +dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen +wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin, +die in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem +Mädchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute »unmöglich«, tabu +und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die +Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will. + +Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Einschränkungen des +Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von ihnen kann +aufgehoben werden durch die Ausführung gewisser Handlungen, die nun auch +geschehen müssen, die Zwangscharakter haben, -- Zwangshandlungen -- und +deren Natur als Buße, Sühne, Abwehrmaßregeln und Reinigung keinem +Zweifel unterliegt. Die gebräuchlichste dieser Zwangshandlungen ist das +Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabuverbote kann so +ersetzt, respektive deren Übertretung durch solches »Zeremoniell« +gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser ist auch hier die +bevorzugte. + +Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Übereinstimmung der +Tabugebräuche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlichsten +äußert: 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung +durch eine innere Nötigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der +Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von +zeremoniösen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen. + +Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der Fälle von +Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt geworden. +Erstere lautet für einen typischen Fall von Berührungsangst wie folgt: +Zu allem Anfang, in ganz früher Kinderzeit, äußerte sich eine starke +Berührungs_lust_, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt +wäre zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald _von außen_ ein Verbot +entgegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen.(10) Das Verbot wurde +aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Kräfte stützen(11); +es erwies sich als stärker als der Trieb, der sich in der Berührung +äußern wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des +Kindes gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des +Verbots war nur, den Trieb -- die Berührungslust -- zu verdrängen und +ihn ins Unbewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten; +der Trieb, weil er nur verdrängt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil +mit seinem Aufhören der Trieb zum Bewußtsein und zur Ausführung +durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische +Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot und +Trieb leitet sich nun alles weitere ab. + + (10) Beide, Lust und Verbot, bezogen sich auf die Berührung der + eigenen Genitalien. + + (11) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das Verbot + gegeben wurde. + +Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert +worden ist, liegt in dem, was man das _ambivalente_ Verhalten des +Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm, +heißen könnte(12). Es will diese Handlung -- die Berührung -- immer +wieder ausführen, es sieht in ihr den höchsten Genuß, aber es darf sie +nicht ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden +Strömungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie -- wir +können nur sagen -- im Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nicht +zusammenstoßen können. Das Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde +Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde +dieses psychologische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder sich +so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen führen. + + (12) Nach einem trefflichen Ausdruck von _Bleuler_. + +In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des +Verbotes in so frühem Kindesalter als das maßgebende hervorgehoben; für +die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem Mechanismus der Verdrängung +auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrängung, die +mit einem Vergessen -- Amnesie -- verbunden ist, bleibt die Motivierung +des bewußt gewordenen Verbotes unbekannt, und müssen alle Versuche +scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht +finden, an dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke +-- seinen Zwangscharakter -- gerade der Beziehung zu seinem unbewußten +Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer innern +Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht fehlt. Die Übertragbarkeit +und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbots spiegelt einen Vorgang wieder, +der sich mit der unbewußten Lust zuträgt, und unter den psychologischen +Bedingungen des Unbewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust +verschiebt sich beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, +zu entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene -- Ersatzobjekte und +Ersatzhandlungen -- zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt +sich auf die neuen Ziele der verpönten Regung aus. Jeden neuen Vorstoß +der verdrängten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen +Verschärfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mächte +erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden +Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen +darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromißaktionen, in der +einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur Sühne und +dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche +den Trieb für das Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz der +neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer mehr in den +Dienst des Triebes treten und immer näher an die ursprünglich verbotene +Handlung herankommen. + +Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als wäre es +von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. Wir machen uns +dabei von vorneherein klar, daß viele der für uns zu beobachtenden +Tabuverbote sekundärer, verschobener und entstellter Art sind, und daß +wir zufrieden sein müssen, etwas Licht auf die ursprünglichsten und +bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, daß die Verschiedenheiten +in der Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein +dürften, um eine völlige Übereinstimmung auszuschließen, eine +Übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung in jedem +Punkte gleichkäme, zu verhindern. + +Wir würden dann zunächst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden nach der +wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des Tabu zu +fragen. Nach unserer Voraussetzung müssen sie unfähig sein darüber etwas +mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen »unbewußt«. Wir +konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgendermaßen nach dem +Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer +Generation von primitiven Menschen dereinst von außen aufgedrängt, d. h. +also doch wohl von der früheren Generation ihr gewalttätig eingeschärft. +Diese Verbote haben Tätigkeiten betroffen, zu denen eine starke Neigung +bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu Generation +erhalten, vielleicht bloß infolge der Tradition durch elterliche und +gesellschaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie sich in den +späteren Generationen bereits »organisiert« als ein Stück ererbten +psychischen Besitzes. Ob es solche »angeborene Ideen« gibt, ob sie +allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der Tabu +bewirkt haben, wer vermöchte es gerade für den in Rede stehenden Fall zu +entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines hervor, daß +die ursprüngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch bei den +Tabuvölkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten eine +_ambivalente Einstellung_; sie möchten im Unbewußten nichts lieber als +sie übertreten, aber sie fürchten sich auch davor; sie fürchten sich +gerade darum, weil sie es möchten, und die Furcht ist stärker als die +Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewußt, +wie bei dem Neurotiker. + +Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grundgesetze +des _Totemismus_: Das Totemtier nicht zu töten und den sexuellen Verkehr +mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu vermeiden. + +Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der Menschen sein. +Wir können das nicht verstehen und können demnach unsere Voraussetzung +nicht an diesen Beispielen prüfen, solange uns Sinn und Abkunft des +totemistischen Systems so völlig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse +der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird +selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr +Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die +Psychoanalytiker für den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und +dann für den Kern der Neurose erklären.(13) + + (13) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte + Studie über den Totemismus. + +Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den früher +mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, wächst für uns auf +folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist ein +verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewußten besteht. + +Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu +übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit der +anderen zusammen, daß das Tabu nicht nur an Personen haftet, die das +Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in besonderen +Zuständen befinden, an diesen Zuständen selbst und an unpersönlichen +Dingen? Was kann das für eine gefährliche Eigenschaft sein, die immer +die nämliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die +eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in +_Versuchung_ zu führen, das Verbot zu übertreten. + +Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die +gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß sie seinem Beispiel +folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen +verboten ist? Er ist also wirklich _ansteckend_, insoferne jedes +Beispiel zur Nachahmung ansteckt, und darum muß er selbst gemieden +werden. + +Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und kann doch +permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand +befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelüste der anderen +anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten +Ausnahmsstellungen und Ausnahmszustände sind von solcher Art und haben +diese gefährliche Kraft. Der König oder Häuptling erweckt den Neid auf +seine Vorrechte; es möchte vielleicht jeder König sein. Der Tote, das +Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszuständen reizen durch ihre +besondere Hilflosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum +durch den neuen Genuß, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen +und alle diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben +werden. + +Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschiedener Personen +sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben können. Das Tabu +eines Königs ist zu stark für seinen Untertan, weil die soziale +Differenz zwischen ihnen zu groß ist. Aber ein Minister kann etwa den +unschädlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das heißt aus der +Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie übersetzt: Der Untertan, +der die großartige Versuchung scheut, welche ihm die Berührung mit dem +König bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht +so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst +erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den König +durch die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst eingeräumt ist. +So sind geringere Differenzen der in Versuchung führenden Zauberkraft +weniger zu fürchten als besonders große. + +Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabuverbote eine +soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft +gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie nicht alle schädigen soll. +Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewußten Regungen für die +unbewußten Gelüste einsetzen. Sie besteht in der Möglichkeit der +Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflösung käme. +Wenn die anderen die Übertretung nicht ahnden würden, müßten sie ja inne +werden, daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter. + +Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle spielt wie beim +Délire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim Tabu +unmöglich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose, darf uns +nicht Wunder nehmen. Die Berührung ist der Beginn jeder Bemächtigung, +jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen. + +Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch die +Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung anzuregen, übersetzt. +Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß sich die Ansteckungsfähigkeit des +Tabu vor allem in der Übertragung auf Gegenstände äußert, die dadurch +selbst Träger des Tabu werden. + +Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose +nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich auf +assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so +aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen Zauberkraft des »Mana« +zweierlei realere Fähigkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an +seine verbotenen Wünsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere, +ihn zur Übertretung des Verbotes im Dienste dieser Wünsche zu verleiten. +Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir +annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der +Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung der +Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und +Versuchung wieder zusammen. Man muß auch zugestehen, wenn das Beispiel +eines Menschen, der ein Verbot übertreten hat, einen anderen zur +gleichen Tat verführt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot +fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person +auf einen Gegenstand, und von diesem auf einen anderen überträgt. + +Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch eine Sühne +oder Buße, die ja einen _Verzicht_ auf irgend ein Gut oder eine Freiheit +bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, daß die Befolgung der +Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gerne +gewünscht hätte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen +Verzicht an anderer Stelle abgelöst. Für das Tabuzeremoniell würden wir +hieraus den Schluß ziehen, daß die Buße etwas ursprünglicheres ist als +die Reinigung. + +Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu sich uns aus der +Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben hat: Das +Tabu ist ein uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) aufgedrängt +und gegen die stärksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu +übertreten, besteht in deren Unbewußten fort; die Menschen, die dem Tabu +gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu +Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die +Fähigkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt sich +wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das +verbotene Gelüste im Unbewußten auf anderes verschiebt. Die Sühne der +Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, daß der Befolgung des +Tabu ein Verzicht zu grunde liegt. + + + + + +3. + + +Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des Tabu mit +der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung gegebene +Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert liegt offenbar +nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu +haben ist, wenn sie ein besseres Verständnis des Tabu gestattet, als uns +sonst möglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, daß wir +diesen Nachweis der Brauchbarkeit im Vorstehenden bereits erbracht +haben; wir werden aber versuchen müssen, ihn zu verstärken, indem wir +die Erklärung der Tabuverbote und Gebräuche ins Einzelne fortsetzen. + +Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können die +Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir +von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, oder der Folgerungen, +zu denen wir dabei gelangt sind, an den Phänomenen des Tabu unmittelbar +erweisbar ist. Wir müssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen. +Die Behauptung über die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten +Verbote ab, welches dereinst von außen auferlegt worden ist, entzieht +sich natürlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen +Bedingungen fürs Tabu zu bestätigen suchen, welche wir für die +Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der Neurose +zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch das analytische +Studium der Symptome, vor allem der Zwangshandlungen, der +Abwehrmaßregeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten +Anzeichen für ihre Abstammung von _ambivalenten_ Regungen oder +Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsch wie dem +Gegenwunsch entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen von den +beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gelänge, auch +an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter +Tendenzen aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach der +Art von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen Ausdruck +geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung zwischen dem Tabu und +der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stück gesichert. + +Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erwähnt, für +unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Totemismus unzugänglich; ein +anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekundärer Abkunft und für unsere +Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist nämlich bei den entsprechenden +Völkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst +von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als das Tabu +selbst, wie z. B. die Tabu, die von Häuptlingen und Priestern auferlegt +werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. Doch bleibt uns eine +große Gruppe von Vorschriften übrig, an denen unsere Untersuchung +vorgenommen werden kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich +a. an _Feinde_, b. an _Häuptlinge_, c. an _Tote_ knüpfen, und werde das +zu behandelnde Material der ausgezeichneten Sammlung von J. G. _Frazer_ +in seinem großen Werke: »The golden bough« entnehmen(14). + + (14) Third edition, part II.: Taboo and the perils of the soul 1911. + + +a) Die Behandlung der Feinde. + +Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völkern ungehemmte und +reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so werden wir mit +großem Interesse erfahren, daß auch bei ihnen die Tötung eines Menschen +zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den +Tabugebräuchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit +Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Versöhnung des +getöteten Feindes, 2. Beschränkungen und 3. Sühnehandlungen, Reinigungen +des Mörders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder +wie vereinzelt solche Tabugebräuche bei diesen Völkern sein mögen, läßt +sich einerseits aus unseren unvollständigen Nachrichten nicht mit +Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser Interesse an diesen +Vorkommnissen gleichgiltig. Immerhin darf man annehmen, daß es sich um +weitverbreitete Gebräuche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten +handelt. + +Die _Versöhnungs_gebräuche auf der Insel _Timor_, nachdem eine +siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen der besiegten +Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil überdies der +Führer der Expedition von schweren Beschränkungen betroffen wird +(s. u.). »Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer +dargebracht, um die Seelen der Feinde zu versöhnen; sonst müßte man +Unheil für die Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgeführt, und +dabei ein Gesang vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt +und seine Verzeihung erbeten wird: »Zürne uns nicht, weil wir deinen +Kopf hier bei uns haben; wäre uns das Glück nicht hold gewesen, so +hingen jetzt vielleicht unsere Köpfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein +Opfer gebracht, um dich zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden +sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? Wären +wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wäre dein Blut nicht vergossen +und dein Kopf nicht abgeschnitten worden(15).« + + (15) _Frazer_, l. c., p. 166. + +Ähnliches findet sich bei den _Palu_ in Celebes; die _Gallas_ opfern den +Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten. +(Nach _Paulitschke_, Ethnographie Nordost-Afrikas.) + +Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren früheren Feinden +nach deren Tod Freunde, Wächter und Beschützer zu machen. Es besteht in +der zärtlichen Behandlung der abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde +Stämme _Borneos_ sich deren rühmen. Wenn die See-_Dayaks_ von _Sarawak_ +von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate +hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und mit den +zärtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache verfügt. Die +besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt, +Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine früheren +Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er +jetzt einer der ihrigen ist. Man würde sehr irre gehen, wenn man an +dieser uns gräßlich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil +zuschriebe.(16) + + (16) _Frazer_, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907. -- Nach _Hugh + Low_, Sarawak, London 1848. + +Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die Trauer um den +erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. Wenn ein +_Choctaw_ einen Feind getötet hatte, so begann für ihn eine monatlange +Trauer, während welcher er sich schweren Einschränkungen unterwarf. +Ebenso trauerten die _Dacota_-Indianer. Wenn die _Osagen_, bemerkt ein +Gewährsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann +um den Feind, als ob er ein Freund gewesen wäre(17). + + (17) J. O. _Dorsay_ bei _Frazer_, Taboo etc., p. 181. + +Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen zur Behandlung +der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine naheliegende Einwendung +Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Versöhnungsvorschriften, wird +man uns mit _Frazer_ und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und +hat nichts mit einer »Ambivalenz« zu tun. Diese Völker werden von +abergläubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht, +einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der +große britische Dramatiker in den Halluzinationen _Macbeths_ und +_Richards_ III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben +leiten sich folgerichtig alle die Versöhnungsvorschriften ab, wie auch +die später zu besprechenden Beschränkungen und Sühnungen; für diese +Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten +Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen, als von Bemühungen, die +den Mördern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen(18). Zum +Überfluß gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der getöteten +Feinde direkt ein und führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf +sie zurück. + + (18) _Frazer_, Taboo, p. 169 u. s. f. p. 174. Diese Zeremonien + bestehen in Schlagen mit den Schildern, Schreien, Brüllen und + Erzeugung von Lärm mit Hilfe von Instrumenten usw. + +Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso +ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres Erklärungsversuches +gerne ersparen. Wir verschieben es auf später, uns mit ihr +auseinanderzusetzen und stellen ihr zunächst nur die Auffassung +entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Erörterungen über +das Tabu ableitet. Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß im +Benehmen gegen die Feinde noch andere als bloß feindselige Regungen zum +Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen Äußerungen der Reue, der +Wertschätzung des Feindes, des bösen Gewissens, ihn ums Leben gebracht +zu haben. Es will uns scheinen, als wäre auch in diesen Wilden das Gebot +lebendig: Du sollst nicht töten, welches nicht ungestraft verletzt +werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines +Gottes empfangen wird. + +Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften zurück. Die +_Beschränkungen_ des siegreichen Mörders sind ungemein häufig und meist +von ernster Art. Auf _Timor_ (vgl. die Versöhnungsgebräuche oben) darf +der Führer der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren. +Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er zwei +Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften +beschäftigt verbringt. In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen, +auch sich nicht selbst ernähren, eine andere Person muß ihm das Essen in +den Mund schieben(19). -- Bei einigen _Dayak_stämmen müssen die vom +erfolgreichen Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert +bleiben und sich gewisser Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Eisen +berühren und bleiben ihren Frauen ferne. -- In _Logea_, einer Insel nahe +bei _Neuguinea_, schließen sich Männer, die Feinde getötet oder daran +teilgenommen haben, für eine Woche in ihren Häusern ein. Sie vermeiden +jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren Freunden, rühren Nahrungsmittel +nicht mit ihren Händen an und nähren sich nur von Pflanzenkost, die in +besonderen Gefäßen für sie gekocht wird. Als Grund für diese letzte +Beschränkung wird angegeben, daß sie das Blut des Erschlagenen nicht +riechen dürfen; sie würden sonst erkranken und sterben. -- Bei dem +_Toaripi_- oder _Motumotu_-Stamm auf _Neuguinea_ darf ein Mann, der +einen anderen getötet hat, seinem Weib nicht nahe kommen und Nahrung +nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird von anderen Personen mit +besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert bis zum nächsten Neumond. + + (19) _Frazer_, Taboo, p. 166, nach S. _Müller_, Reizen en + Onderzoekingen in den Indischen Archipel, Amsterdam 1857. + +Ich unterlasse es, die bei _Frazer_ mitgeteilten Fälle von +Beschränkungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, und hebe +nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders +auffällig ist, oder die Beschränkung im Verein mit Sühne, Reinigung und +Zeremoniell auftritt. + +Bei den _Monumbos_ in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen Feind im +Kampfe getötet hat, »unrein«, wofür dasselbe Wort gebraucht wird, das +auf Frauen während der Menstruation oder des Wochenbettes Anwendung +findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der Männer nicht +verlassen, während sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln +und seinen Sieg mit Liedern und Tänzen feiern. Er darf niemand, nicht +einmal seine eigene Frau und seine Kinder berühren; täte er es, so +würden sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann rein durch +Waschungen und anderes Zeremoniell. + +Bei den _Natchez_ in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten +Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser +Entsagungen genötigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und +kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung. +Wenn ein _Choctaw_ einen Feind getötet und skalpiert hatte, begann für +ihn eine Trauerzeit von einem Monat, während welcher er sein Haar nicht +kämmen durfte. Wenn es ihn am Kopf juckte, durfte er sich nicht mit der +Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens. + +Wenn ein _Pima_-Indianer einen _Apachen_ getötet hatte, so mußte er sich +schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. Während einer +sechzehntägigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht berühren, +auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte +allein im Wald, von einer alten Frau bedient, die ihm spärliche Nahrung +brachte, badete oft im nächsten Fluß und trug -- als Zeichen der Trauer +-- einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tag fand dann +die öffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des Mannes und +seiner Waffen statt. Da die _Pima_-Indianer das Tabu des Mörders viel +ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne und Reinigung nicht wie +diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt +ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge oder +Frömmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer außerordentlichen Tapferkeit +erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in +ihren Kämpfen gegen die _Apachen_. + +So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und +Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine tiefer +eindringende Betrachtung auch sein mögen, so breche ich deren Mitteilung +doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte eröffnen können. +Vielleicht führe ich noch an, daß die zeitweilige oder permanente +Isolierung des berufsmäßigen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit +erhalten hat, in diesen Zusammenhang gehört. Die Stellung des +»Freimannes« in der mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat +eine gute Vorstellung von dem »Tabu« der Wilden(20). + + (20) Zu diesen Beispielen s. _Frazer_, Taboo, p. 165-190. »Manslayers + tabooed«. + +In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnungs-, Beschränkungs-, +Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien mit einander +kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit +ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des +Getöteten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur +Erklärung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig +aufgefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekundär +ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht +anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlichkeit unserer +Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der +Gefühlsregungen gegen den Feind ableiten. + + +b) Das Tabu der Herrscher. + +Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, Könige, Priester +wird von zwei Grundsätzen regiert, die einander eher zu ergänzen als zu +widersprechen scheinen. Man muß sich vor ihnen hüten und man muß sie +behüten(21). Beides geschieht vermittelst einer Unzahl von +Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hüten muß, ist uns +bereits bekannt geworden; weil sie die Träger jener geheimnisvollen und +gefährlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische Ladung +durch Berührung mitteilt und dem selbst nicht durch eine ähnliche Ladung +Geschützten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare +oder unmittelbare Berührung mit der gefährlichen Heiligkeit und hat, wo +solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die +gefürchteten Folgen abzuwenden. Die _Nubas_ in Ostafrika glauben z. B., +daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres Priesterkönigs betreten, +daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt die linke +Schulter entblößen und den König veranlassen, diese mit seiner Hand zu +berühren. So trifft das Merkwürdige ein, daß die Berührung des Königs +das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der +Berührung des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die +Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden Berührung im +Gegensatz zur Gefahr, daß man ihn berühre, um den Gegensatz der +Passivität und der Aktivität gegen den König. + + (21) _Frazer_, Taboo, p. 132; »He must not only be guarded, he must + also be guarded against«. + +Wenn es sich um die Heilwirkung der königlichen Berührung handelt, +brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die Könige von +England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurückliegen, diese Kraft +an der Skrophulose geübt, die darum den Namen: »The King's Evil« trug. +Königin Elisabeth entsagte diesem Stück ihrer königlichen Prärogative +ebensowenig wie irgend ein anderer ihrer späteren Nachfolger. Charles I. +soll im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter +dessen zuchtlosem Sohn Charles II. feierten nach der Überwindung der +großen englischen Revolution die Königsheilungen bei Skropheln ihre +höchste Blüte. + +Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend +Skrophulöse berührt haben. Das Gedränge der Heilungsuchenden pflegte bei +diesen Gelegenheiten so groß zu sein, daß einmal sechs oder sieben von +ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrücktwerden fanden. Der +skeptische Oranier, Wilhelm III., der nach der Vertreibung der Stuarts +König von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, als +er sich zu einer solchen Berührung herbeiließ, tat er es mit den Worten: +»Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand«(22). + + (22) _Frazer_, The magic art I, p. 368. + +Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher man, ob auch +unabsichtlich, _gegen_ den König, oder was zu ihm gehört, aktiv wird, +mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein Häuptling von hohem Rang und +großer Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner Mahlzeit +am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, kräftiger, +hungriger Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich darüber, um es +aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein entsetzter +Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit des Häuptlings gewesen sei, an +welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker mutiger Krieger +gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, stürzte er +zusammen, wurde von gräßlichen Zuckungen befallen und starb gegen +Sonnenuntergang des nächsten Tages(23). Eine _Maori_frau hatte gewisse +Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese von einem mit Tabu +belegten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Geist des Häuptlings, den +sie so beleidigt, werde sie gewiß töten. Dies geschah am Nachmittag und +am nächsten Tag um zwölf Uhr war sie tot(24). Das Feuerzeug eines +Maori-Häuptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der +Häuptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner, +um ihre Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das +Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken(25). + + (23) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei _Frazer_ + Tabu, p. 135. + + (24) W. _Brown_, New Zealand and its Aborigines (London 1845), bei + _Frazer_ ibid. + + (25) _Frazer_, l. c. + +Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar machte, so +gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester von den anderen zu +isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie für die +anderen unzugänglich waren. Es mag uns die Erkenntnis dämmern, daß diese +ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte Mauer heute noch als höfisches +Zeremoniell existiert. + +Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herrscher läßt sich +nicht auf das Bedürfnis des Schutzes _vor_ ihnen zurückführen. Der +andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das +Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat +an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der höfischen +Etikette den deutlichsten Anteil gehabt. + +Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Gefahren zu +schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuern Bedeutung für das Wohl und +Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die den +Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und +Sonnenschein zu danken, der die Früchte der Erde gedeihen läßt, sondern +auch für den Wind, der Schiffe an ihre Küste bringt und für den festen +Boden, auf den sie ihre Füße setzen(26). + + (26) _Frazer_, Taboo. The burden of royalty, p. 7. + +Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer Fähigkeit, +zu beglücken, ausgestattet, die nur Göttern zu eigen ist, und an welche +auf späteren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer Höflinge +Glauben heucheln werden. + +Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen von solcher +Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt bedürfen, um vor den sie +bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist nicht der einzige +Widerspruch, der in der Behandlung königlicher Personen bei den Wilden +zutage tritt. Diese Völker halten es auch für notwendig, ihre Könige zu +überwachen, daß sie ihre Kräfte im rechten Sinne verwenden; sie sind +ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher. +Ein Zug von Mißtrauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften +für den König bei. »Die Idee, daß urzeitliches Königstum ein Despotismus +ist,« sagt _Frazer_(27), »demzufolge das Volk nur für seinen Herrscher +existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und +gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrscher nur für +seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die +Pflichten seiner Stellung erfüllt, den Lauf der Natur zum Besten seines +Volkes regelt. Sobald er darin nachläßt oder versagt, wandeln sich die +Sorgfalt, die Hingebung, die religiöse Verehrung, deren Gegenstand er +bisher im ausgiebigsten Maße war, in Haß und Verachtung um. Er wird +schmählich davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben +rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als +Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, dies +veränderte Benehmen seines Volkes als Unbeständigkeit oder Widerspruch +zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus konsequent. Wenn ihr +König ihr Gott ist, so denken sie, muß er sich auch als ihr Beschützer +erweisen; und wenn er sie nicht beschützen will, soll er einem anderen, +der bereitwilliger ist, den Platz räumen. So lange er aber ihren +Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und +sie nötigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge zu +behandeln. Ein solcher König lebt wie eingemauert hinter einem System +von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebräuchen +und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde zu +erhöhen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern die einzig +und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten, welche die +Harmonie der Natur stören und so ihn, sein Volk und das ganze Weltall +gleichzeitig zugrunde richten könnten. Diese Vorschriften, weit +entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner +Handlungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie +angeblich versichern wollen, zur Bürde und zur Qual.« + + (27) l. c., p. 7. + +Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und Lähmung eines +heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der +Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten erzielt +worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zweihundert Jahre alt +ist(28), erzählt: »Der Mikado glaubt, daß es seiner Würde und Heiligkeit +nicht angemessen sei, den Boden mit den Füßen zu berühren; wenn er also +irgendwohin gehen will, muß er auf den Schultern von Männern hingetragen +werden. Es geht aber noch viel weniger an, daß er seine heilige Person +der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt, +auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so +hohe Heiligkeit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, noch sein Bart +geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden dürfen. Damit er aber +nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, wenn er schläft; sie +sagen, was man in diesem Zustand von seinem Körper nimmt, kann nur als +gestohlen aufgefaßt werden, und ein solcher Diebstahl tut seiner Würde +und Heiligkeit keinen Eintrag. In noch früheren Zeiten mußte er jeden +Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem +Throne sitzen, aber er mußte sitzen wie eine Statue, ohne Hände, Füße, +Kopf oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, könne er Ruhe und +Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen +oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick bloß +auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungersnot, +Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil hereinbrechen, um das Land zu +verheeren.« + + (28) _Kämpfer_, History of Japan bei _Frazer_, l. c., p. 3. + +Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen sind, mahnen +lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In _Shark Point_ bei _Kap +Padron_ in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterkönig, _Kukulu_, +allein in einem Wald. Er darf kein Weib berühren, auch sein Haus nicht +verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend +schlafen muß. Wenn er sich niederlegte, würde der Wind aufhören und die +Schiffahrt gestört sein. Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken +zu halten und im allgemeinen für einen gleichmäßig gesunden Zustand der +Atmosphäre zu sorgen(29). Je mächtiger ein König von _Loango_ ist, sagt +_Bastian_, desto mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thronfolger ist +von Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich um ihn, während er +heranwächst; im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt. + + (29) _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_«, Jena + 1874, bei _Frazer_, l. c., p. 5. + +Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es nicht, +daß wir in die Beschreibung der an der Königs- oder Priesterwürde +haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch an, daß Beschränkungen +der freien Bewegung und der Diät die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie +konservierend aber auf alte Gebräuche der Zusammenhang mit diesen +privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von +Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Völkern, also von +weit höheren Kulturstufen, genommen sind. + +Der _Flamen Dialis_, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, hatte +eine außerordentlich große Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. Er +durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring +tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gewändern +haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund, +rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar +durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten, +seine Haare und Nägelabfälle mußten unter einem glückbringenden Baum +vergraben werden; er durfte keinen Toten anrühren, nicht unbedeckten +Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die +_Flaminica_, hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer +gewissen Art von Treppen nicht höher als drei Stufen steigen, an +gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen; das Leder ihrer Schuhe durfte +von keinem Tier genommen werden, das eines natürlichen Todes gestorben +war, sondern nur von einem geschlachteten oder geopferten; wenn sie +Donner hörte, war sie unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht +hatte(30). + + (30) _Frazer_, l. c., p. 13. + +Die alten Könige von _Irland_ waren einer Reihe von höchst sonderbaren +Beschränkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, von deren +Übertretung alles Unheil für das Land erwartet wurde. Das vollständige +Verzeichnis dieser Tabu ist in dem _Book of Rights_ gegeben, dessen +älteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418 +tragen. Die Verbote sind äußerst detailliert, betreffen gewisse +Tätigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser +Stadt darf der König nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen +Fluß nicht um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Tage auf +einer gewissen Ebene lagern und dergleichen(31). + + (31) _Frazer_, l. c., p. 11. + +Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige hat bei vielen +wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und für +unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-Königswürde +hörte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand, +der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird +es auf _Combodscha_, wo es einen Feuer- und einen Wasserkönig gibt, oft +notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen. +Auf _Nine_ oder _Savage Island_, einer Koralleninsel im Stillen Ozean, +kam die Monarchie tatsächlich zum Ende, weil sich niemand mehr bereit +finden wollte, das verantwortliche und gefährliche Amt zu übernehmen. In +manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode des Königs ein geheimes +Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen die +Wahl fällt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus in Gewahrsam +gehalten, bis er sich bereit erklärt hat, die Krone anzunehmen. +Gelegentlich findet der präsumptive Thronfolger Mittel und Wege, um sich +der ihm zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem Häuptling +berichtet, daß er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um jedem +Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen(32). Bei +den Negern von _Sierra Leone_ ward das Widerstreben gegen die Annahme +der Königswürde so groß, daß die meisten Stämme genötigt waren, Fremde +zu ihren Königen zu machen. + + (32) A. _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der Loangoküste« bei + _Frazer_, l. c., p. 18. + +_Frazer_ führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich in der +Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprünglichen +Priester-Königstums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die +von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten Könige wurden unfähig, die +Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und mußten diese geringeren, aber +tatkräftigen Personen überlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der +Königswürde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen +Herrscher, während die nun praktisch bedeutungslose geistliche +Oberhoheit den früheren Tabukönigen verblieb. Es ist bekannt, inwieweit +diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Bestätigung findet. + +Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen zu ihren +Herrschern überblicken, so regt sich in uns die Erwartung, daß uns der +Fortschritt von seiner Beschreibung zu seinem psychoanalytischen +Verständnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr +verwickelter Natur und nicht frei von Widersprüchen. Man räumt den +Herrschern große Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der +anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie dürfen eben +das tun oder genießen, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist. +Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, daß sie durch andere Tabu +beschränkt sind, welche auf die gewöhnlichen Individuen nicht drücken. +Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen einem +Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschränkung für dieselben Personen. +Man traut ihnen außerordentliche Zauberkräfte zu und fürchtet sich +deshalb vor der Berührung mit ihren Personen oder ihrem Eigentum, +während man anderseits von diesen Berührungen die wohltätigste Wirkung +erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu +sein; allein wir haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist. +Heilend und schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in +wohlwollender Absicht ausgeht; gefährlich ist nur die Berührung, die vom +gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt wird, wahrscheinlich, +weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, nicht so +leicht auflösbarer Widerspruch äußert sich darin, daß man dem Herrscher +eine so große Gewalt über die Vorgänge der Natur zuschreibt und sich +doch für verpflichtet hält, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm +drohende Gefahren zu beschützen, als ob seine eigene Macht, die so +vieles kann, nicht auch dies vermöchte. Eine weitere Erschwerung des +Verhältnisses stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das +Zutrauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der richtigen +Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden +wollen; man mißtraut ihm also und hält sich für berechtigt, ihn zu +überwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung des Königs, seinem +Schutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er +ihnen bringt, dient gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des +Königs unterworfen wird. + +Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte und +widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu +geben: Aus abergläubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung +der Könige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne +Rücksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen +dann die Widersprüche, an denen der Intellekt der Wilden übrigens so +wenig Anstoß nimmt wie der der Höchstzivilisierten, wenn es sich nur um +Verhältnisse der Religion oder der »Loyalität« handelt. + +Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird vielleicht +gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und Näheres über die +Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den +geschilderten Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er +sich im Symptombild einer Neurose fände, so werden wir zunächst an das +Übermaß von ängstlicher Sorge anknüpfen, welches als Begründung des +Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen +Überzärtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die +wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gewöhnlich. Ihre +Herkunft ist uns sehr wohl verständlich worden. Sie tritt überall dort +auf, wo außer der vorherrschenden Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber +unbewußte Strömung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall +der ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die +Feindseligkeit überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der +Zärtlichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwanghaft wird, +weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegenströmung in der +Verdrängung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder Psychoanalytiker hat +es erfahren, mit welcher Sicherheit die ängstliche Überzärtlichkeit +unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen, z. B. zwischen Mutter und +Kind oder bei zärtlichen Eheleuten, diese Auflösung gestattet. Auf die +Behandlung der privilegierten Personen angewendet, ergäbe sich die +Einsicht, daß der Verehrung, ja Vergötterung derselben im Unbewußten +eine intensive feindselige Strömung entgegensteht, daß also hier, wie +wir es erwartet haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung +verwirklicht ist. Das Mißtrauen, welches als Beitrag zur Motivierung der +Königstabu unabweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äußerung +derselben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären -- infolge der +Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines solchen Konfliktes bei +verschiedenen Völkern -- nicht um Beispiele verlegen, in denen uns der +Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel leichter fiele. Die +wilden _Timmes_ von _Sierra Leone_, hören wir bei _Frazer_(33), haben +sich das Recht vorbehalten, ihren gewählten König am Abend vor seiner +Krönung durchzuprügeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen +Vorrechtes mit solcher Gründlichkeit, daß der unglückliche Herrscher +gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt, +daher haben es sich die Großen des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie +einen Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum König zu +wählen. Immerhin wird auch in solchen grellen Fällen die Feindseligkeit +sich nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebärden. + + (33) l. c., p. 18 nach _Zweifel_ et _Monstier_, »Voyage aux sources du + Niger«, 1880. + +Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher ruft +die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allgemein +verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zutage tritt. Es +wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person außerordentlich erhöht, +ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto +eher die Verantwortlichkeit für alles Peinliche, was dem Kranken +widerfährt, aufladen zu können. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit +ihren Königen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht über Regen und +Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder +töten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine +reife Ernte enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im +Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis des Kindes zu +seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtfülle in der +Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es zeigt sich, daß das +Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hochschätzung innig verknüpft ist. +Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu seinem +»Verfolger« ernennt, so hebt er sie damit in die Väterreihe, bringt sie +unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner +Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie +zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, wie +vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen +Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag. + +Den stärksten Anhaltungspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche die +Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden wir aber +im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für die Stellung des +Königstums vorhin erörtert wurde. Dieses Zeremoniell trägt seinen +Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar +zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es +hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet +nicht nur die Könige aus und erhebt sie über alle gewöhnlichen +Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur +unerträglichen Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ärger +ist als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige +Gegenstück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrückte +Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und gemeinsamen +Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist _angeblich_ ein Schutz +gegen die verbotene Handlung; wir möchten aber sagen, sie ist +_eigentlich_ die Wiederholung des Verbotenen. Das »angeblich« wendet +sich hier der bewußten, das »eigentlich« der unbewußten Instanz des +Seelenlebens zu. So ist auch das Tabuzeremoniell der Könige angeblich +die höchste Ehrung und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für +ihre Erhöhung, die Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die +Erfahrungen, die _Sancho Pansa_ bei _Cervantes_ als Gouverneur auf +seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des höfischen +Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr +wohl möglich, daß wir weitere Zustimmungen zu hören bekämen, wenn wir +Könige und Herrscher von heute zur Äußerung darüber veranlassen könnten. + +Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so mächtigen +unbewußten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein sehr +interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit überschreitendes Problem. +Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben; +fügen wir hinzu, daß die Verfolgung der Vorgeschichte des Königtums uns +die entscheidenden Aufklärungen bringen müßte. Nach _Frazers_ +eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugeständnis nicht ganz zwingenden +Erörterungen waren die ersten Könige Fremde, die nach kurzer Herrschaft +zum Opfertod bei feierlichen Festen als Repräsentanten der Gottheit +bestimmt waren(34). Noch die Mythen des Christentums wären von der +Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt. + + (34) _Frazer_, »The magic art and the evolution of kings«. 2 vol. + 1911. (The golden bough). + + +c) Das Tabu der Toten. + +Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind; wir werden vielleicht +erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde betrachtet werden. + +Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Vergleiches mit +der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten primitiven Völkern eine +besondere Virulenz. Es äußert sich zunächst in den Folgen, welche die +Berührung des Toten nach sich zieht, und in der Behandlung der um den +Toten Trauernden. Bei den _Maori_ war jeder, der eine Leiche berührt +oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs äußerste unrein und +nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen +boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe +kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte +nicht einmal Nahrung mit seinen Händen berühren, diese waren ihm durch +ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen +auf den Boden hin, und ihm blieb nichts übrig, als sich seiner mit den +Lippen und den Zähnen, so gut es eben ging, zu bemächtigen, während er +seine Hände nach dem Rücken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt, +daß eine andere Person ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm +tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berühren, aber diese +Hilfsperson war dann selbst Einschränkungen unterworfen, die nicht viel +weniger drückend waren als seine eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein +ganz verkommenes, von der Gesellschaft ausgestoßenes Individuum, das in +der armseligsten Weise von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es +allein gestattet, sich auf Armeslänge dem zu nähern, der die letzte +Pflicht gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit +der Abschließung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte +sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen +er sich in der gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles +Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war. + +Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von Toten sind in ganz +Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die nämlichen; ihr +konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung selbst zu berühren, und die +sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen gefüttert zu werden. Es +ist bemerkenswert, daß in Polynesien oder vielleicht nur in _Hawaii_(35) +Priesterkönige während der Ausübung heiliger Handlungen derselben +Beschränkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf _Tonga_ tritt die +Abstufung und allmähliche Aufhebung der Verbote durch die eigene +Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten Häuptlings +berührt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst ein +Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf Monate, je nach dem Rang +des Verstorbenen; aber wenn es sich um die Leiche des vergötterten +Oberhäuptlings handelte, wurden selbst die größten Häuptlinge durch zehn +Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, daß, wer solche +Tabuvorschriften übertritt, schwer erkranken und sterben muß, so fest, +daß sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch +gewagt haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen(36). + + (35) _Frazer_, Taboo, p. 138 usf. + + (36) W. _Mariner_, »The natives of the Tonga Islands«, 1818, bei + _Frazer_, l. c. p. 140. + +Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke interessanter sind +die Tabubeschränkungen jener Personen, deren Berührung mit den Toten in +übertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angehörigen, der +Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erwähnten Vorschriften nur +den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit des +Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch, +und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir für die +tiefliegenden, echten halten dürfen. + +Bei den _Shuswap_ in _Britisch-Columbia_ müssen Witwen und Witwer +während ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie dürfen weder ihren +eigenen Körper noch ihren Kopf mit ihren Händen berühren; alles +Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogen. +Kein Jäger wird sich der Hütte, in welcher solche Trauernde wohnen, +nähern wollen, denn das brächte ihm Unglück; wenn der Schatten eines +Trauernden auf ihn fallen würde, müßte er erkranken. Die Trauernden +schlafen auf Dornbüschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese +letztere Maßregel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen ferne zu +halten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen nordamerikanischen +Stämmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang nach dem Tode des +Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus trockenem Gras zu tragen, um +sich unzugänglich für die Annäherung des Geistes zu machen. So wird uns +die Vorstellung nahe gelegt, daß die Berührung »im übertragenen Sinne« +doch nur als ein körperlicher Kontakt verstanden wird, da der Geist des +Verstorbenen nicht von seinen Angehörigen weicht, nicht abläßt, sie +während der Zeit der Trauer zu »umschweben«. + +Bei den _Agutainos_, die auf _Palawan_, einer der _Philippinen_, wohnen, +darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht Tage nach dem +Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, wenn sie +Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, gerät in Gefahr, +augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer +Annäherung, indem sie bei jedem Schritt mit einem hölzernen Stab gegen +die Bäume schlägt; diese Bäume aber verdorren. Worin die Gefährlichkeit +einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere Beobachtung +erläutert. Im _Mekeo_bezirk von _Britisch-Neu-Guinea_ wird ein Witwer +aller bürgerlichen Rechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein +Ausgestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht öffentlich +zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er schleicht wie ein +wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, und muß sich im +Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib, +herannahen sieht. Diese letzte Andeutung macht es uns leicht, die +Gefährlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der +_Versuchung_ zurückzuführen. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll +dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat mit demselben +Wunsch zu kämpfen und mag überdies als herrenlos die Begehrlichkeit +anderer Männer erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung läuft gegen den +Sinn der Trauer; sie müßte den Zorn des Geistes auflodern lassen.(37) + + (37) Dieselbe Kranke, deren »Unmöglichkeiten« ich oben (S. 221) mit + den Tabu zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in + Entrüstung gerate, wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der + Straße begegne. Solchen Leuten sollte das Ausgehen verboten sein! + +Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebräuche der +Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den _Namen_ des Verstorbenen +auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige +Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt. + +Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabugebräuche +in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Verbot bei +so entfernten und einander so fremden Völkern, wie die _Samojeden_ in +Sibirien und die _Todas_ in Südindien, die _Mongolen_ der Tartarei und +die _Tuaregs_ der Sahara, die _Aino_ in Japan und die _Akamba_ und +_Nandi_ in Zentralafrika, die _Tinguanen_ auf den _Philippinen_ und die +Einwohner der _Nikobarischen_ Inseln, von _Madagaskar_ und _Borneo_(38). +Bei einigen dieser Völker gilt das Verbot und die aus ihm sich +ableitenden Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es +permanent, doch scheint es in allen Fällen mit der Entfernung vom +Zeitpunkt des Todesfalles abzublassen. + + (38) _Frazer_, l. c. p. 353. + +Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel +außerordentlich strenge gehandhabt. So gilt es bei manchen +südamerikanischen Stämmen als die schwerste Beleidigung der +Überlebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen +auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die +für eine Mordtat selbst festgesetzte(39). Warum die Nennung des Namens +so verabscheut werden sollte, ist zunächst nicht leicht zu erraten, aber +die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von +Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen +interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die _Masai_ in Afrika auf +die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach +seinem Tode zu ändern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen +erwähnt werden, während alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es +scheint dabei vorausgesetzt, daß der Geist seinen neuen Namen nicht +kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stämme an der +_Adelaide_ und der _Encounter Bay_ sind in ihrer Vorsicht so konsequent, +daß nach einem Todesfall alle Personen ihren Namen gegen einen anderen +vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich geheißen haben wie der +Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erwägung die +Namensänderung nach einem Todesfall bei allen Angehörigen des +Verstorbenen vorgenommen, ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, +so bei einigen Stämmen in _Victoria_ und in _Nordwestamerika_. Ja bei +den _Guaycurus_ in _Paraguay_ pflegte der Häuptling bei so traurigem +Anlaß allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan +erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen hätten(40). + + (39) _Frazer_, l. c. p. 352 usf. + + (40) _Frazer_, l. c. p. 357 nach einem alten spanischen Beobachter + 1732. + +Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines +Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den +angeführten Völkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu +benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen +erinnert werde. Daraus mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Veränderung +des Sprachschatzes ergeben, die den Missionären Schwierigkeiten genug +bereitete, besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. In den +sieben Jahren, die der Missionär _Dobrizhofer_ bei den _Abiponen_ in +Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar dreimal abgeändert, und +die Worte für Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten ähnliche +Schicksale(41). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem +Verstorbenen angehört hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin +aus, daß man alles zu erwähnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine +Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses +ergibt sich, daß diese Völker keine Tradition, keine historischen +Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die +größten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser +primitiven Völker haben sich aber auch kompensierende Gebräuche +eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von +Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die +Wiedergeburt der Toten betrachtet werden. + + (41) _Frazer_, l. c. p. 360. + +Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir daran gemahnt +werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein +wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß sie dem Wort volle +Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten +ausgeführt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme +einer bedeutungslosen Wortähnlichkeit begnügen, sondern konsequent +schließen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so +müßte damit eine tiefgehende Übereinstimmung zwischen beiden bezeichnet +sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten +seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- und Wichtignehmen +der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und daß sein +Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es +stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anlaß +findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewußten Denktätigkeit +hinzuweisen(42). Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu +erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die +volle »Komplexempfindlichkeit« gegen das Aussprechen und Anhören +bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere Neurotiker), und +leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft +schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die +Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er +könnte in jemandens Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes +von ihrer Persönlichkeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch +die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen mußte, +hatte sie sich das Gebot geschaffen, »nichts von ihrer Person +herzugeben«. Dazu gehörte zunächst der Name, in weiterer Ausdehnung die +Handschrift, und darum gab sie schließlich das Schreiben auf. + + (42) _Stekel_, _Abraham_. + +So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden der Name des +Toten als ein Stück seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den +Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten +läßt sich auf die Berührung mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem +umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem +Tabu betroffen ist. + +Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen hinweisen, +welches der Leichnam und die Veränderungen, die alsbald an ihm bemerkt +werden, erregt. Daneben müßte man der Trauer um den Toten einen Platz +einräumen, als Motiv für alles, was sich auf diesen Toten bezieht. +Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten +der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die +Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinterbliebene ist. +Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu beschäftigen, +sein Andenken auszuarbeiten und für möglichst lange Zeit zu erhalten. +Für die Eigentümlichkeiten der Tabugebräuche muß etwas anderes als die +Trauer verantwortlich gemacht werden, etwas, was offenbar andere +Absichten als diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns +dies noch unbekannte Motiv und sagten es die Gebräuche nicht, so würden +wir es aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren. + +Sie machen nämlich kein Hehl daraus, daß sie sich vor der Gegenwart und +der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen _fürchten_; sie üben eine +Menge von Zeremonien, um ihn fern zu halten, ihn zu vertreiben(43). +Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, der seine +Gegenwart auf dem Fuße folgen wird(44). Sie tun darum folgerichtig +alles, um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem Wege zu gehen. +Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(45), oder sie +entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den +rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf +seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung +auszuweichen, daß sie nach _Wundts_ Ausdruck, an der Furcht »vor seiner +zum Dämon gewordenen Seele« leiden(46). + + (43) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei _Frazer_, + l. c., p. 353, die Tuaregs der Sahara angeführt. + + (44) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: so lange noch etwas + von seinen körperlichen Überresten existiert. _Frazer_, l. c., p. 372. + + (45) Auf den Nikobaren. _Frazer_, l. c., p. 382. + + (46) _Wundt_, Religion und Mythus, II. B., p. 49. + +Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auffassung +_Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in +der Angst vor den Dämonen findet. + +Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teuere Familienmitglied mit dem +Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem die Hinterbliebenen nur +Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen böse Gelüste sie sich +mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, daß man ihr +zunächst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden +Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben. +_Westermarck_, der in seinem Werke: »Ursprung und Entwicklung der +Moralbegriffe« dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig Beachtung +schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt: +»Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial den Schluß ziehen, daß die +Toten häufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(47) und daß +_Jevons_ und _Grant Allen_ im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe +früher geglaubt, die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel +nur gegen Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und +Clangenossen väterlich besorgt seien.« + + (47) _Westermarck_, l. c., II. B., p. 424. In der Anmerkung und in der + Fortsetzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft sehr + charakteristischen Zeugnissen, z. B.: Die Maoris glaubten, »daß die + nächsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen ändern + und selbst gegen ihre früheren Lieblinge übel gesinnt werden.« -- Die + Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit bösartig; je + enger die Verwandtschaft, desto größer die Furcht. Die Zentraleskimo + werden von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten erst spät zur + Ruhe gelangen, anfänglich aber zu fürchten seien als unheilbrütende + Geister, die das Dorf häufig umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes + Unheil zu verbreiten. (_Boas._) + +R. _Kleinpaul_ hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten +Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Darstellung des +Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(48). Es +gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß die Toten mordlustig die +Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten töten; das Skelett, als welches +der Tod _heute_ gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst nur ein +Toter ist. Nicht eher fühlt sich der Lebendige vor der Nachstellung der +Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn +gebracht hat. Daher begrub man die Toten gerne auf Inseln, brachte sie +auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits +sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit +der Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes Recht +zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse +Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie +die Bräute. Aber ursprünglich, meint _Kleinpaul_, waren alle Toten +Vampyre, alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden, +sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff +eines bösen Geistes geliefert. + + (48) R. _Kleinpaul_: Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben, + Religion und Sage. 1898. + +Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu +Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die +Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnesänderung +zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt, +diese Frage leicht zu beantworten(49). »Da der Tod zumeist für das +schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt +man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden +seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, sei +es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht +man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie +die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehörigen +-- es ist daher begreiflich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu +töten, um mit ihnen vereinigt zu werden .... + +... Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen +zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht +ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.« + + (49) l. c., p. 426. + +Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf eine +umfassendere Erklärung hin, welche die _Westermarcksche_ miteinschließt. + +Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod +verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die Überlebende von +peinigenden Bedenken, die wir »Zwangsvorwürfe« heißen, befallen wird, ob +sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod +der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie +sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der +behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa +den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit +langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle hat +uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben +erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur +darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die +Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung +wirklich begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war +doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit +dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, wenn er +im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch +reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im +Unbewußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es nun +in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an eine +bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz +menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem +Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise +ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus +entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich +gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am +wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition zur +Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich +herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher +ursprünglicher Gefühlsambivalenz gegeben. + +Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dämonentum der +frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die +Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erklären kann. Wenn +wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß +von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der +Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich, +daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im +Unbewußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die +Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über +den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven +ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der +Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im +normalen wie im krankhaften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine +_Projektion_. Der Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige +Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des +Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der Trauer +zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser +Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch Projektion +darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auferlegt und sich +Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen +den feindlichen Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu +auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch +das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatze zwischen dem bewußten +Schmerz und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei +dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, daß +gerade die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am +meisten zu fürchten haben. + +Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie die +neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als +Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie +sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den +Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der +Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote +ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm +reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden. + +_Westermarck_ hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der Wilden +keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen gelten +lassen will. Für das unbewußte Denken ist auch der ein Gemordeter, der +eines natürlichen Todes gestorben ist; die bösen Wünsche haben ihn +getötet. (Vergl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie +und Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der +Träume vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister) +interessiert, der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle +Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die nämliche +Gefühlsambivalenz, feststellen können. + +Wir haben vorhin einer Auffassung von _Wundt_ widersprochen, welche das +Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen findet, und doch haben wir +soeben der Erklärung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die +Furcht vor der zum Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. +Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn +aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als etwas +Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. Wir sind +gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir sie als Projektionen +der feindseligen Gefühle erkennen, welche die Überlebenden gegen die +Toten hegen. + +Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen -- zärtlichen und +feindseligen -- Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit +des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als +Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Konflikt +kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz +oder zum größeren Anteile --, unbewußt ist, kann der Ausgang des +Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten von +einander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, etwa wie +wenn man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung +verzeiht. Der Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen +psychischen Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als _Projektion_ +zu bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß +und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in +die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der +anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen uns jetzt +darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn, +aber er ist jetzt merkwürdigerweise ein böser Dämon geworden, dem unser +Unglück Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht. +Die Überlebenden müssen sich nun gegen diesen bösen Feind verteidigen; +sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen +eine Bedrängnis von außen eingetauscht. + +Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die +Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen +Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen +wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht, +Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten +Verhältnisse unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach +zugehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung +der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen +enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der +Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit +aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der +ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man +ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit +als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht +entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten +Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, d. h. sich dem +Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung +verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaßten +Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt wurde akut. Die aus +der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits +unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es +nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung +ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf +dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die +Furcht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem +zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, so +daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessenheit +versinken darf. + + + + +4. + + +Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der +Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige Bemerkungen +anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll +werden können. + +Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die +Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgängen, +denen der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens +zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion +der Erledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche +Verwendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur +Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, +sie kommt auch zu Stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion +innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem +z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der +Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Unter +noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere +Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die +Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der +Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es +hängt dies vielleicht genetisch damit zusammen, daß die Funktion der +Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der +Außenwelt zuströmenden Reizen zugewendet war, und von den +endopsychischen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und +Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten +Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der +Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich +wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch +Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt +entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in +Psychologie zurückübersetzen müssen. + +Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen ist nur ein +Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven +geworden ist und das wir in der nächsten Abhandlung dieser Reihe als das +»animistische« kennen lernen werden. Wir werden dann die psychologischen +Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen haben und unsere +Anhaltspunkte in der Analyse jener Systembildungen finden, welche uns +wiederum die Neurosen entgegenbringen. Wir wollen vorläufig nur +verraten, daß die sogenannte »sekundäre Bearbeitung« des Trauminhaltes +das Vorbild für alle diese Systembildungen ist. Vergessen wir auch nicht +daran, daß es vom Stadium der Systembildung an zweierlei Ableitungen für +jeden vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, die systematische und die +reale, aber unbewußte(50). + + (50) Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die + Personifikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden + entgegengesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich + herausstellt. + +_Wundt_(51) bemerkt, daß »unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten +den Dämonen zuschreibt, zunächst die _unheilvollen_ überwiegen, so daß +im Glauben der Völker sichtlich die bösen Dämonen älter sind als die +guten«. Es ist nun sehr wohl möglich, daß der Begriff des Dämons +überhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde. +Die diesem Verhältnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren +Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der +nämlichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen +hervorgehen ließ: Dämonen- und Gespensterfurcht einerseits, die +Ahnenverehrung anderseits(52). Daß die Dämonen stets als die Geister +_kürzlich_ Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes den +Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens. Die Trauer +hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die +Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen. Ist +diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und +der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dämon. Dieselben Geister +aber, die zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, gehen nun der +freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur +Hilfeleistung angerufen zu werden. + + (51) »Mythus und Religion«, II., S. 129. + + (52) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an + Gespensterangst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es + oft nicht schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven. + Vergleiche hiezu auch die »Sexualgespenster« betitelte Mitteilung von + P. _Haeberlin_ (Sexualprobleme, Februar 1912), in welcher es sich um + eine andere erotisch betonte Person handelt, der Vater aber verstorben + war. + +Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten im Wandel +der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambivalenz +außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die +unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten +niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefür +bedürfte. Wo früher der befriedigte Haß und die schmerzhafte +Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine +Narbenbildung die Pietät und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur +die Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren +durch Anfälle von Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte +ambivalente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem +Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle +Änderung und reale Besserung der familiären Beziehungen in deren +Verursachung teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber man +könnte durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, _es sei den +Seelenregungen der Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz +zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist. +Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das +Kompromißsymptom des Ambivalenzkonfliktes._ Von den Neurotikern, welche +genötigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu +reproduzieren, würden wir sagen, daß sie eine archaistische Konstitution +als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im +Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen +Aufwand zwingt. + +Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden +Auskunft, welche uns _Wundt_ über die Doppelbedeutung des Wortes Tabu: +heilig und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe das Wort Tabu +heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dämonische +bezeichnet, das nicht berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den +beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch +beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den beiden Gebieten +des Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung +obwalte, die erst später einer Differenzierung gewichen sei. + +Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen mühelos ab, daß +dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte Doppelbedeutung zukommt, +daß es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles +dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. _Tabu_ ist +selbst ein ambivalentes Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus +dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich +als Ergebnis weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das +Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen ist. +Das Studium der ältesten Sprachen hat uns belehrt, daß es einst viele +solche Worte gab, welche Gegensätze in sich faßten, in gewissem -- wenn +auch nicht in ganz dem nämlichen Sinne -- wie das Wort Tabu ambivalent +waren(53). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes +haben später dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegensätzen +einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen. + + (53) Vgl. mein Referat über _Abels_ »Gegensinn der Urworte« im + Jahrbuch f. psycho-analyt. und psycho-pathol. Forschungen, Bd. II, + 1910. + +Das Wort _Tabu_ hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden +Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst, +respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden. +Ich hoffe, in späterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu können, +daß sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare +historische Wandlung verbirgt, daß das Wort zuerst an ganz bestimmten +menschlichen Relationen haftete, denen die große Gefühlsambivalenz eigen +war, und daß es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt +wurde. + +Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch ein Licht +auf die Natur und Entstehung des _Gewissens_. Man kann ohne Dehnung der +Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewußtsein nach +Übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die +älteste Form, in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt. + +Denn was ist »Gewissen«? Nach dem Zeugnis der Sprache gehört es zu dem, +was man am gewissesten weiß; in manchen Sprachen scheidet sich seine +Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins. + +Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in uns +bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, daß diese +Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, daß sie ihrer +selbst gewiß ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewußtsein, der +Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir +bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier +überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, muß die Berechtigung der +Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Handlung, in sich +verspüren. Diesen nämlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der +Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung +läßt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso +selbstverständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(54). + + (54) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des + Tabu in nichts gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich + geschah (siehe Beispiele oben), und daß noch im griechischen Mythus + die Verschuldung des Ödipus nicht aufgehoben wird dadurch, daß sie + ohne, ja gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde. + +Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer +Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen +diese Ambivalenz haftet, und unter den für das Tabu und die +Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, daß das eine Glied des +Gegensatzes unbewußt sei und durch das zwanghaft herrschende andere +verdrängt erhalten werde. Zu diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir +aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, daß im Charakter der +Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt +als Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten lauernde Versuchung, und +daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade von +Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den +Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des +Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir überhaupt keine +Aussicht, dieselbe je zu erfahren. Die Lösung dieser Aufgabe gelingt nun +beim einzelnen neurotischen Individuum; für die Völker getrauen wir uns +eine ähnliche Lösung zu erschließen. + +Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel von der +Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als »Gewissensangst« +beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewußte Quellen hin; wir +haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, daß, wenn Wunschregungen der +Verdrängung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu +wollen wir erinnern, daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und +unbewußt ist, nämlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten +entspricht der Angstcharakter des Schuldbewußtseins. + +Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist eine Überlegung +denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständlich und bedürfe keines +weitläufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, daß ihm eine +positive, begehrende Strömung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun +begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls muß +das, was aufs nachdrücklichste verboten wird, doch Gegenstand eines +Begehrens sein. Wenden wir diesen plausibeln Satz auf unsere Primitiven +an, so müßten wir schließen, es gehöre zu ihren stärksten Versuchungen, +ihre Könige und Priester zu töten, Inzest zu verüben, ihre Toten zu +mißhandeln und dergleichen. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den +entschiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den nämlichen +Satz an den Fällen messen, in welchen wir selbst die Stimme des +Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir würden dann mit +einer nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, daß wir nicht die +geringste Versuchung verspüren, eines dieser Gebote zu übertreten, z. B. +das Gebot: Du sollst nicht morden, und daß wir vor der Übertretung +desselben nichts anderes verspüren als Abscheu. + +Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie +beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig -- das Tabu +sowohl, wie unser Moralverbot --, anderseits bleibt die Tatsache des +Gewissens unerklärt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und +Neurose entfallen; es ist also jener Zustand unseres Verständnisses +hergestellt, der auch gegenwärtig besteht, so lange wir nicht +psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden. + +Wenn wir aber der durch Psychoanalyse -- an den Träumen Gesunder -- +gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die Versuchung, den anderen zu +töten, auch bei uns stärker und häufiger ist, als wir ahnen, und daß sie +psychische Wirkungen äußert, auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht +kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker +die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstärkten Impuls, zu +morden, erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz: +Wo ein Verbot vorliegt, müßte ein Begehren dahinter sein, mit neuer +Schätzung zurückkehren. Wir werden annehmen, daß dies Begehren, zu +morden, tatsächlich im Unbewußten vorhanden ist, und daß das Tabu wie +das Moralverbot psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch +die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und +gerechtfertigt wird. + +Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses +Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strömung eine +unbewußte ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhänge und +Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen Vorgänge im Unbewußten sind +nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewußten +Seelenleben bekannt sind, sondern genießen gewisse beachtenswerte +Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewußter +Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung +finden; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich +auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den +Mechanismus der _Verschiebung_ dorthin gelangt sein, wo er uns auffällt. +Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und Unkorrigierbarkeit +unbewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, in +spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet werden, in denen seine +Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur Andeutungen, +aber eine sorgfältige Ausführung derselben würde zeigen, wie wichtig sie +für das Verständnis der Kulturentwicklung werden können. + +Zum Schlusse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Untersuchungen +vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir auch an der +Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen +wir doch nicht bestreiten, daß eine psychologische Verschiedenheit +zwischen beiden bestehen muß. Eine Veränderung in den Verhältnissen der +grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, daß das Verbot +nicht mehr in der Form des Tabu erscheint. + +Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuphänomene +von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten +lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale +Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin +der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie +das Tabu zu suchen ist. + +Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen. +Von der Übertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe +befürchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe +droht nun dem, der sich die Übertretung hat zu Schulden kommen lassen. +Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm +Verbotenes ausführen soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich, +sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber +durch die Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm +geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also +hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die +Tabuübertretung sich am Missetäter nicht spontan gerächt hat, dann +erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel +alle bedroht wären, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung +selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser +Solidarität zu erklären. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor +der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsfähigkeit des Tabu +ist hier im Spiele. Wenn einer es zustandegebracht hat, das verdrängte +Begehren zu befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen das +gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, muß der +eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, und +die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der +Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. +Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und +sie hat, wie gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen +beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraussetzung. + +Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir +seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der +Neurose erklären, die nichts für sich und alles für eine geliebte Person +fürchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, daß er nicht primär ist. +Ursprünglich, d. h. zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung +wie bei den Wilden der eigenen Person; man fürchtete in jedem Falle für +sein eigenes Leben; erst später wurde die Todesangst auf eine andere +geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigermaßen kompliziert, +aber wir übersehen ihn vollständig. Zugrunde der Verbotbildung liegt +regelmäßig eine böse Regung -- ein Todeswunsch -- gegen eine geliebte +Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das Verbot an eine +gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige gegen die +geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung dieser +Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Prozeß geht weiter, und +der ursprüngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen ist dann durch +die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also so zärtlich +altruistisch erweist, so _kompensiert_ sie damit nur die ihr zugrunde +liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus. Heißen wir +die Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den anderen bestimmt +werden, und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, _soziale_, so +können wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren als einen später +durch Überkompensation verhüllten Grundzug der Neurose herausheben. + +Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung +zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an +einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum +Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die größte +Ähnlichkeit mit der Berührungsangst der Neurotiker, dem Délire de +toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelmäßig um das Verbot +sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt, +daß die Triebkräfte, welche in der Neurose abgelenkt und verschoben +werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berührung +offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere +des Angreifens, der Bemächtigung, des Geltendmachens der eigenen Person. +Wenn es verboten ist, den Häuptling oder etwas, was mit ihm in Berührung +war, selbst zu berühren, so soll damit demselben Impuls eine Hemmung +angelegt werden, der sich andere Male in der argwöhnischen Überwachung +des Häuptlings, ja in seiner körperlichen Mißhandlung vor der Krönung +(s. oben) zum Ausdruck bringt. _Somit ist das Überwiegen der sexuellen +Triebanteile gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische +Moment._ Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von +egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten +entstanden. + +An dem einen Beispiele von Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose läßt +sich bereits erraten, welches das Verhältnis der einzelnen Formen von +Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der +Neurosenpsychologie für das Verständnis der Kulturentwicklung wichtig +wird. + +Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende +Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der +Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen +derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein +Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer +Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen +Systems. Diese Abweichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück, +daß die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten +Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit +entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt man, daß in ihnen +die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestimmenden Einfluß ausüben, +während die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen, +solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und sexueller Anteile +hervorgegangen sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht imstande, die +Menschen in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu +einigen; die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache des +Individuums. + +Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren +ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität in +eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser vom Neurotiker +gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die +von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der +Realität ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen +Gemeinschaft. + + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~hagos~_ der Griechen, + dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das _~agos~_ der Griechen, + + 'gemein' bedeutet ... + 'gemein' bedeutet ...« + + Vom Begriff das Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in + Vom Begriff des Tabu sagt _Wundt_, daß es »alle die Bräuche umfaßt, in + + nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_(7). + nehmen, _in der Furcht vor der Wirkung dämonischer Mächte_«(7). + + durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, ein psychische + durchgedrungen wäre. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische + + annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebes, daß mit der + annehmen, es läge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, daß mit der + + Hand kratzen, sondetn bediente sich dazu eines kleinen Steckens. + Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens. + + Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihn nicht nur für den Regen und + Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und + + auf einen Teil seines Reiches richtete so würden Krieg, Hungersnot, + auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungersnot, + + (29) _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_», Jena + (29) _Bastian_, »Die deutsche Expedition an der _Loangoküste_«, Jena + + Niger, 1880. + Niger«, 1880. + + Der Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben; + Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben; + + werden, daß für den Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein + werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein + + l. c, p. 353, die Tuaregs der Sahara angeführt. + l. c., p. 353, die Tuaregs der Sahara angeführt. + + (46) _Wundt_. Religion und Mythus, II. B., p. 49. + (46) _Wundt_, Religion und Mythus, II. B., p. 49. + + _Wundt's_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in + _Wundts_ angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in + + Toten sicher, als bis er ein trennende Wasser zwischen sich und ihn + Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn + + Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gee storbenen, wie + Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen, wie + + sie des Leben zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff + sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff + + Primitiven dazu, ihren teueren Toten ein- solche Sinnesänderung + Primitiven dazu, ihren teueren Toten eine solche Sinnesänderung + + zuzuschreiben. Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt, + zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? _Westermarck_ glaubt, + + Feindseligkeit auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im + Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im + + Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung» der Primitiven + Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven + + Hilfeleistung angerufen werden. + Hilfeleistung angerufen zu werden. + + (51) «Mythus und Religion«, II., S. 129. + (51) »Mythus und Religion«, II., S. 129. + + auf andere Personen und Relationen bezogen haben und dureh den + auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den + + Ursprünglich, d. h. zuAnfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung + Ursprünglich, d. h. zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Tabu und die Ambivalenz der +Gefühlsregungen, by Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ *** + +***** This file should be named 37069-8.txt or 37069-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/0/6/37069/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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