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+The Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inzestscheu
+ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker I
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 13, 2011 [EBook #37066]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I (1912). S. 17-33.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
+Neurotiker.
+
+Von SIGM. FREUD.
+
+I.
+
+DIE INZESTSCHEU.
+
+
+Einleitung.
+
+Von allem Anfang an hat die psychoanalytische Forschung auf
+Ähnlichkeiten und Analogien ihrer Ergebnisse am Seelenleben des
+Einzelwesens mit solchen der Völkerpsychologie hingewiesen. Es geschah
+dies, wie begreiflich, zuerst nur schüchtern, in bescheidenem Umfange
+und ging nicht über das Gebiet der Märchen und Mythen hinaus. Die
+Absicht solchen Ausgreifens war keine andere als die, ihren an sich
+recht unwahrscheinlichen Resultaten durch solche unerwartete
+Übereinstimmungen Glaubwürdigkeit zu schaffen.
+
+In den seither verflossenen anderthalb Jahrzehnten hat die Psychoanalyse
+aber Zutrauen zu ihrer Arbeit gewonnen; die nicht unansehnliche Schar
+von Forschern, die der Anregung eines einzelnen gefolgt sind, hat es zu
+einer befriedigenden Übereinstimmung in ihren Anschauungen gebracht, und
+nun scheint der Zeitpunkt günstig, um der über die Individualpsychologie
+hinausgreifenden Arbeit ein neues Ziel zu setzen. Es sollen nicht nur
+ähnliche Vorkommnisse und Zusammenhänge im Seelenleben der Völker
+aufgespürt werden, wie sie durch die Psychoanalyse beim Individuum ans
+Licht gezogen wurden, sondern auch der Versuch gewagt werden, was in der
+Völkerpsychologie dunkel oder zweifelhaft geblieben ist, durch die
+Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen. Die junge psychoanalytische
+Wissenschaft will gleichsam zurückerstatten, was sie in ihren Anfängen
+anderen Wissensgebieten zu danken hatte, und hofft, mehr wiedergeben zu
+können, als sie seinerzeit empfing.
+
+Eine Schwierigkeit des Unternehmens liegt in der Qualifikation der
+Männer, welche sich dieser neuen Aufgabe unterziehen. Es wäre vergeblich
+zu warten, bis die Mythenforscher, Religionspsychologen, Ethnologen,
+Linguisten usw. den Anfang machen, psychoanalytische Denkweisen auf ihr
+eignes Material anzuwenden. Die ersten Schritte in all diesen Richtungen
+müssen durchaus von jenen unternommen werden, die sich bisher als
+Psychiater oder Traumforscher in den Besitz der psychoanalytischen
+Technik und ihrer Ergebnisse gesetzt haben. Solche sind aber zunächst
+Laien auf anderen Wissensgebieten, und wenn sie mühselig einige Kenntnis
+darin erworben haben, Dilettanten oder im besten Falle Autodidakten.
+Ihre Leistungen werden Schwächen und Fehler nicht vermeiden können,
+welche der zünftige Forscher, der Fachmann, mit seiner Beherrschung des
+Materials und seiner Übung, es zu handhaben, leicht entdecken und
+vielleicht mit überlegenem Spott verfolgen wird. Möge er in Erwägung
+ziehen, daß unsere Arbeiten ja nichts anderes bezwecken, als ihm die
+Anregung zu bringen, daß er selbst es besser mache, indem er an den ihm
+vertrauten Stoff das Instrument versucht, welches wir ihm leihen können.
+
+Für die nachstehende kleine Arbeit muß ich aber noch eine andere
+Entschuldigung geltend machen, als daß sie den ersten Schritt des Autors
+bedeutet auf einem ihm bisher fremden Boden. Es kommt noch hinzu, daß
+sie infolge verschiedener äußerlicher Antriebe vorzeitig an das Licht
+der Öffentlichkeit gedrängt wurde, nach weit kürzerer Inkubationszeit
+als des Autors sonstige Mitteilungen, lange ehe ihm ermöglicht war, die
+reichhaltige Literatur des Gegenstandes durchzuarbeiten. Wenn ich
+trotzdem diese Veröffentlichung nicht aufgeschoben habe, so
+beschwichtigt mich die Erwägung, daß erste Arbeiten ohnedies meist darin
+fehlen, daß sie zuviel umfassen wollen und eine Vollständigkeit der
+Lösung anstreben, die, wie spätere Studien zeigen, fast niemals im
+ersten Anlauf zu erreichen ist. Es schadet also wenig, wenn man sich mit
+Absicht und Wissen auf eine kleine Probe beschränkt. Außerdem befindet
+sich der Autor in der Situation des Knaben, der im Walde ein Nest von
+köstlichen Beeren und guten Pilzen gefunden hat und nun den Gefährten
+ruft, ehe er selbst alle gepflückt hat, weil er sieht, daß er allein
+nicht imstande ist, die Fülle zu bewältigen.
+
+Parallele der ontogenetischen und der phylogenetischen Entwicklung des
+Seelenlebens.
+
+Für jeden an der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung
+Beteiligten war es ein denkwürdiger Moment, als C. G. _Jung_ auf einer
+privaten wissenschaftlichen Zusammenkunft durch einen seiner Schüler
+mitteilen ließ, daß die Phantasiebildungen gewisser Geisteskranker
+(Dementia praecox) in auffälligster Weise mit den mythologischen
+Kosmogenien alter Völker zusammenstimmten, von denen die ungebildeten
+Kranken eine wissenschaftliche Kunde unmöglich erhalten hatten(1). Es
+war hiemit nicht nur auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten
+psychischen Krankheitsproduktionen hingewiesen, sondern auch in
+nachdrücklichster Weise die Bedeutung des Parallelismus zwischen
+ontogenetischer und phylogenetischer Entwicklung auch für das
+Seelenleben betont. Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in
+die Nähe des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die
+Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen gemeinsam
+ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar sein.
+
+ (1) Auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg 1910. Der mit dem
+ Vortrag Betraute war der seither verstorbene, hochbegabte C.
+ _Honegger_. _Jung_ selbst und seine Schüler (_Nelken_, _Spielrein_)
+ haben die damals zuerst berührten Gesichtspunkte seither in anderen
+ Arbeiten weiter verfolgt. (Vgl. _Jung_ »Wandlungen und Symbole der
+ Libido,« Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische
+ Forschungen, Band III, 1911).
+
+Bedeutung der wilden Völker für die Psychologie.
+
+Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er
+durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die er uns
+hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und
+Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der
+Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die
+Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen.
+Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben
+Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe
+stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge
+und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die
+sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein
+besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene
+Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen.
+
+Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der
+»Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der
+Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt
+worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns
+gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen.
+
+Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Vergleichung
+jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten,
+armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des
+jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel
+Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.
+
+Die Australier als Beispiel eines wilden Volksstammes.
+
+Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet,
+die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nächsten
+Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Völkern
+erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den
+Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht
+einmal die Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem
+Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die
+sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die
+Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen
+Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von
+Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme
+im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den härtesten
+Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver
+zu sein als die der Küste nahewohnenden.
+
+Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht erwarten, daß
+sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen
+Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch
+erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster
+Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziel
+gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser
+Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden
+zu sein.
+
+Der Totemismus.
+
+An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet
+sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen
+Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder
+nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein
+Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener
+eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem
+besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens
+der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der
+ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder
+kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen,
+sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten
+(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst
+bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem
+Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung.
+Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, an denen die Totemgenossen in
+zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem
+darstellen oder nachahmen.
+
+Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie
+erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche
+und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit
+zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des
+Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus,
+und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2).
+
+ (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is
+ stronger than the bond of blood or family in the modern sense.
+
+An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen
+wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern anderer Totem
+friedlich beisammen(3).
+
+ (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne
+ Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der
+ Form _Totam_ 1791 durch den Engländer J. _Long_ von den Rothäuten
+ Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich
+ in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reichhaltige
+ Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das
+ vierbändige Buch von J. G. _Frazer_, »Totemism and Exogamy, 1910« und
+ die Bücher und Schriften von _Andrew Lang_ (»The secret of the Totem,
+ 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die
+ Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J.
+ _Ferguson Mc Lennan_ (1869-70). Totemistische Institutionen wurden
+ oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern
+ Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen
+ Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche
+ sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber
+ erschließen, daß der Totemismus einst auch bei den arischen und
+ semitischen Urvölkern Europas bestanden hat, so daß viele Forscher
+ geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene Phase der
+ menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen.
+
+ Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem
+ beizulegen, d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage
+ ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer
+ sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber zahlreiche
+ Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser in _Wundt's_
+ Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber
+ keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst
+ zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen
+ Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden
+ soll.
+
+ Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die
+ Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie
+ oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man
+ nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber
+ nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker
+ in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich
+ haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und
+ Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den
+ Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des
+ Verfalls, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und
+ religiösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen,
+ die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben
+ mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues
+ Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung
+ derselben gefaßt werden darf.
+
+Die Exogamie.
+
+Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen
+Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers
+sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das
+Gesetz, daß _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche
+Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten
+dürfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_.
+
+Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch
+nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem
+bisher erfahren haben, man versteht also nicht, wie es in das System des
+Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn
+manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich -- im
+Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu
+tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen
+notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie
+immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht
+und erweist sich als eine sehr feste.
+
+Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Erörterungen
+klar.
+
+a) Die Uebertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen
+automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei
+den anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern
+wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es, eine
+die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende
+Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buch von _Frazer_(4) mögen
+zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe
+sonst recht unsittlichen Wilden behandelt werden.
+
+ (4) _Frazer_, l. c. Bd. I., p. 54.
+
+»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person
+of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the
+same local group or has been captured in war from another tribe; a man
+of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by
+his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed
+in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In
+the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the
+man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she
+is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that
+she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions
+are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
+with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).«
+
+b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt
+wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere,
+z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.
+
+c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert wird,
+so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit
+leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem
+Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder,
+Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die
+Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen
+Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht(5).
+
+ (5) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses
+ Verbot -- der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen.
+ Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die
+ Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den
+ Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter
+ freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis
+ darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche,
+ denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem
+ gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind.
+
+d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit dem
+Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die
+Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne
+auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe
+unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht
+blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte
+behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen
+Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei
+zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht
+ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem
+(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem
+gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in
+dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als
+absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt.
+
+So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von
+Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht
+gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandtschaft
+durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen
+Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten,
+daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen.
+
+Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die
+Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit der
+Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich daran
+denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden
+Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die
+Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung des
+Verbots nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu
+bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und
+festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche
+Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.
+
+Die klassifizierenden Verwandtschafts-Namen.
+
+Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme(6) weist eine
+Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang
+gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich
+bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern
+zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehören nach
+dem Ausdrucke L. H. _Morgan's_ dem »_Klassifizierenden_« System an. Das
+will heissen, ein Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern
+auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter
+hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt »Mutter«
+jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der
+Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt »Brüder«,
+»Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch
+die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen
+Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei
+Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine
+Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem
+Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische
+Beziehungen. Eine Annäherung an dieses klassifikatorische System findet
+sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird,
+jeden Freund und jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu
+begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«,
+»Schwestern in Christo« sprechen.
+
+ (6) Sowie der meisten Totemvölker.
+
+Die Gruppenehe.
+
+Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs ergibt
+sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heiratsinstitution
+auffaßt, die der Rev. L. _Fison_ »_Gruppenehe_« genannt
+hat, deren Wesen darin besteht, dass eine gewisse Anzahl von
+Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die
+Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister
+betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und
+alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten.
+
+Obwohl manche Autoren, wie z. B. _Westermarck_ in seiner »Geschichte der
+menschlichen Ehe(7)«, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere
+aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so
+stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin
+überein, dass die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Ueberrest
+aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und
+_Gillen_(8) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen
+der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die
+Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe
+vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache
+und Sitten zurückzulassen.
+
+ (7) 2. Auflage, 1902.
+
+ (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899.
+
+Der Gruppeninzest.
+
+Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns
+das scheinbare Uebermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben
+Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot
+des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint
+als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches
+dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.
+
+Die Heiratsklassen (Phrathrien).
+
+Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens in
+ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, daß
+die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick
+verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige
+Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke
+zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei
+Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathry)
+genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine
+Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede
+Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also
+in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den
+Totemsippen.
+
+Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation eines
+australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus:
+
+ Phrathrien
+
+ a b
+ / \ / \
+ / \ .......... / \
+ / \ .... / ...... \
+ / \ ... / ...\
+ Subphrathrien c . d ... . e f
+ /|\ .... /|\ ..... /|\ /|\
+ / | \ .... / | \ ...... / | \ / | \
+ / | \ .../..|..\ . / | \ / | \
+ / | \ / | \ / | \ / | \
+ Totem .... A B C D E F 1 2 3 4 5 6
+
+Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen
+untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c) bildet
+mit e), die Subklasse d) mit f) eine exogame Einheit. Der Erfolg, also
+die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf
+diesem Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen
+Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre
+jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen
+Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur
+Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese
+Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem A) kann nur eine Frau der
+Sippen 1 bis 6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt
+die Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem A) muß seine Ehewahl auf
+die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken.
+
+ (9) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt.
+
+Beziehungen zwischen Totem und Heiratsklassen.
+
+Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen
+Stämmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus
+ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen
+wollen wie die Totemexogamie, und auch noch mehr anstreben. Aber während
+die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die
+entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die
+komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und
+der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu
+entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm,
+weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das
+Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen
+Verpflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft
+sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie
+angestrebten Regelung der Ehewahl.
+
+In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein
+Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests
+hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu
+verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit
+jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft
+ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10).
+
+ (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage,
+ 1911. (A. _Lang_).
+
+Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außerordentlich
+verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung
+der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem tiefer
+eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die große
+Sorgfalt, welche die Australier, sowie andere wilde Völker, zur
+Verhütung des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind
+selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die
+Versuchung näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe
+bedürfen.
+
+ (11) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich _Storfer_ in seiner Studie:
+ »Zur Sonderstellung des Vatermordes. Schriften zur angewandten
+ Seelenkunde«, 12. Heft, Wien, 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht.
+
+Die »Vermeidungen« als weitere Schutzmittel gegen den Inzest.
+
+Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der
+Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich
+gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von
+»Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter
+in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge
+eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen
+kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen«
+(avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen
+Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen,
+mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb
+zu nehmen.
+
+Beispiele von Vermeidungen zwischen Geschwistern usw.
+
+In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den
+Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf
+_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten
+Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er
+jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein
+Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine
+Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine
+Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen
+niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so
+muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse
+Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen
+nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal
+ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu
+gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese
+Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze
+Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem
+Sohn nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der
+Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht
+selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut
+an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern
+»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und
+Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht
+vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12).
+
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and
+ Exogamy«, Bd. II., p. 77.
+
+Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von
+ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch
+seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer
+Umschreibung(13).
+
+ (13) _Frazer_, l. c. II., p. 124, nach _Kleintitschen_: Die
+ Küstenbewohner der Gazellen-Halbinsel.
+
+Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von
+solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie
+dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine
+Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten
+mit einander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist
+der Tod durch Erhängen(14).
+
+ (14) _Frazer_, l. c. II., pag. 131, nach P. G. _Peckel_ in Anthropos
+ 1908.
+
+Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge;
+sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die
+Gruppenschwester. Umso sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß
+diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen
+Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir
+es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbots zu
+verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15).
+
+ (15) _Frazer_, l. c. II., pag. 147, nach Rev. L. _Fison_.
+
+Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle
+nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen _Batta_ z. B. höchst
+anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu
+begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester
+unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind.
+Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor,
+wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter
+bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische
+Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie
+leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne
+weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu
+ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher
+Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üble Folgen erwarten, tuen
+sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote
+auszuweichen(16).
+
+ (16) _Frazer_, l. c., II., pag. 189.
+
+Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten
+merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des
+Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person
+irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus
+einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut
+sich nicht in ihre Hütte einzutreten und begrüßt sie nur mit zitternder
+Stimme(17).
+
+ (17) _Frazer_, l. c. II., pag. 388, nach _Junod_.
+
+Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein
+Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte.
+Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem
+eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn
+auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn
+hinzusetzen und benimmt sich so bis zu dem Momente ihrer Verlobung. Von
+der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den
+Weg gelegt(18).
+
+ (18) _Frazer_, l. c. II., pag. 424.
+
+Die Vermeidung der Schwiegermutter.
+
+Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker
+interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem
+Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz
+allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den
+Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der
+Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus.
+Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen
+Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht
+so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide
+Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.
+
+Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den
+Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren,
+werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele
+beschränken.
+
+Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich
+genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die
+seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt
+das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder
+er tut das nämliche.
+
+In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter
+seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut
+nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen
+sie aus einer gewissen Entfernung mit einander sprechen. Es ist ganz
+ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht
+oder sie den ihres Schwiegersohnes(19).
+
+ (19) _Frazer_, l. c. II., pag. 76.
+
+Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine
+Schwiegermutter weder sehen noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet,
+tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so schnell er
+kann, davon, um sich zu verstecken(20).
+
+ (20) _Frazer_, l. c. II., pag. 117, nach C. _Ribbe_: Zwei Jahre unter
+ den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905.
+
+Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner
+Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft
+auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet,
+und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem
+sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors
+Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können, und das Weib
+nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein
+Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der
+Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt
+werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn
+sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals zwischen sich
+haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund
+nehmen(21).
+
+ (21) _Frazer_, l. c. II., pag. 385.
+
+Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein
+Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen
+Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk
+verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei
+Haustieren nicht straflos läßt(22).
+
+ (22) _Frazer_, l. c. II., pag. 461.
+
+Verschiedene Deutungen der Schwiegermuttervermeidung.
+
+Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen
+Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen
+Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben
+die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von
+manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht
+unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung
+zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau
+entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu
+sein(23).
+
+ (23) V. _Crawley_: The mystic rose. London, 1902, pag. 405.
+
+Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben,
+der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin
+eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner
+Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer
+besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft.
+
+Sir J. _Lubbock_ führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das
+Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige
+Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich
+bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen
+sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde
+auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch
+an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird _Crawley_ leicht zu
+zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der
+tatsächlichen Beobachtung deckt.
+
+E. B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von seiten der
+Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung«
+(cutting) von seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder,
+und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von
+den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt,
+unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der
+Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter
+nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie
+dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher
+in den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt(24).
+
+ (24) _Crawley_, l. c., pag. 407.
+
+Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt wurde, gab
+die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die
+Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben(25).
+
+ (25) _Crawley_, l. c., pag. 401, nach _Leslie_: Among the Zulus and
+ Amatongas. 1875.
+
+Psychoanalytische Auffassung des Verhältnisses zur Schwiegermutter.
+
+Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und
+Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten
+der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der
+weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für
+die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn
+solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen
+wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt
+hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre
+Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den
+beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vorneherein
+ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der
+psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas
+enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr
+Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade
+das Schwiegermutterthema so gerne zum Objekt nimmt, scheint mir darauf
+hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem
+Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich
+meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus
+widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes
+ist.
+
+Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von seiten der
+Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten,
+das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz,
+eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause
+eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem
+fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen,
+die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not
+least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der
+Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl
+zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele
+gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend,
+Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau
+wertvoll machen.
+
+Unbewußte inzestuöse Anteile an dieser Beziehung.
+
+Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische
+Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen
+Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der
+Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht
+ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf
+der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben.
+Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder,
+Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu
+den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern;
+es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den
+Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt
+so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche
+Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der
+Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann --
+mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen seelischen
+Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer
+Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der
+Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder
+die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der mit
+einander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht
+häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der
+Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte,
+zärtliche, umso sicherer zu unterdrücken.
+
+Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch
+ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der
+Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter,
+vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt;
+infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teueren
+Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren
+Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner
+Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich
+eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken; aber dieser
+widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die
+Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der
+Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so
+daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm
+die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und
+Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die
+Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn
+darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann
+manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe
+seine Neigung auf deren Tochter übergeht.
+
+Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der
+inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen
+Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden
+also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser
+primitiven Völker die ursprünglich von _Fison_ geäußerte Meinung
+bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen
+den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen
+Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe
+der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die
+Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das
+Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine
+Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter.
+
+Die Inzestscheu der Wilden ist ein infantiler Zug, der sich beim
+Neurotiker wiederfindet.
+
+Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu
+zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der
+psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden
+können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt
+worden, und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung
+hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug
+und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des
+Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle
+Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten,
+Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
+auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei
+macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des
+psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von
+den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er
+ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In
+seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die
+inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern
+für den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser
+Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den
+allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung
+wird z. B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in
+immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte
+des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und
+Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu
+glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung
+des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen
+Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden
+Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit
+bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und
+der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten.
+
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnisses als getreues
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues
+
+ are strictly observed, any violations of these prohibitions »are regarded
+ are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
+
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism d
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and
+
+ Exogamy«, Bd. I., p. 77.
+ Exogamy«, Bd. II., p. 77.
+
+ Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der «Nichtanerkennung«
+ Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung«
+
+ Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelernt,
+ Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
+
+ inzestuösen Fixirungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+ inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+
+ ]
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+page at https://pglaf.org
+
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
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