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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Inzestscheu + Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden + und der Neurotiker I + +Author: Sigmund Freud + +Release Date: August 13, 2011 [EBook #37066] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der + Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I (1912). S. 17-33. + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + +Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der +Neurotiker. + +Von SIGM. FREUD. + +I. + +DIE INZESTSCHEU. + + +Einleitung. + +Von allem Anfang an hat die psychoanalytische Forschung auf +Ähnlichkeiten und Analogien ihrer Ergebnisse am Seelenleben des +Einzelwesens mit solchen der Völkerpsychologie hingewiesen. Es geschah +dies, wie begreiflich, zuerst nur schüchtern, in bescheidenem Umfange +und ging nicht über das Gebiet der Märchen und Mythen hinaus. Die +Absicht solchen Ausgreifens war keine andere als die, ihren an sich +recht unwahrscheinlichen Resultaten durch solche unerwartete +Übereinstimmungen Glaubwürdigkeit zu schaffen. + +In den seither verflossenen anderthalb Jahrzehnten hat die Psychoanalyse +aber Zutrauen zu ihrer Arbeit gewonnen; die nicht unansehnliche Schar +von Forschern, die der Anregung eines einzelnen gefolgt sind, hat es zu +einer befriedigenden Übereinstimmung in ihren Anschauungen gebracht, und +nun scheint der Zeitpunkt günstig, um der über die Individualpsychologie +hinausgreifenden Arbeit ein neues Ziel zu setzen. Es sollen nicht nur +ähnliche Vorkommnisse und Zusammenhänge im Seelenleben der Völker +aufgespürt werden, wie sie durch die Psychoanalyse beim Individuum ans +Licht gezogen wurden, sondern auch der Versuch gewagt werden, was in der +Völkerpsychologie dunkel oder zweifelhaft geblieben ist, durch die +Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen. Die junge psychoanalytische +Wissenschaft will gleichsam zurückerstatten, was sie in ihren Anfängen +anderen Wissensgebieten zu danken hatte, und hofft, mehr wiedergeben zu +können, als sie seinerzeit empfing. + +Eine Schwierigkeit des Unternehmens liegt in der Qualifikation der +Männer, welche sich dieser neuen Aufgabe unterziehen. Es wäre vergeblich +zu warten, bis die Mythenforscher, Religionspsychologen, Ethnologen, +Linguisten usw. den Anfang machen, psychoanalytische Denkweisen auf ihr +eignes Material anzuwenden. Die ersten Schritte in all diesen Richtungen +müssen durchaus von jenen unternommen werden, die sich bisher als +Psychiater oder Traumforscher in den Besitz der psychoanalytischen +Technik und ihrer Ergebnisse gesetzt haben. Solche sind aber zunächst +Laien auf anderen Wissensgebieten, und wenn sie mühselig einige Kenntnis +darin erworben haben, Dilettanten oder im besten Falle Autodidakten. +Ihre Leistungen werden Schwächen und Fehler nicht vermeiden können, +welche der zünftige Forscher, der Fachmann, mit seiner Beherrschung des +Materials und seiner Übung, es zu handhaben, leicht entdecken und +vielleicht mit überlegenem Spott verfolgen wird. Möge er in Erwägung +ziehen, daß unsere Arbeiten ja nichts anderes bezwecken, als ihm die +Anregung zu bringen, daß er selbst es besser mache, indem er an den ihm +vertrauten Stoff das Instrument versucht, welches wir ihm leihen können. + +Für die nachstehende kleine Arbeit muß ich aber noch eine andere +Entschuldigung geltend machen, als daß sie den ersten Schritt des Autors +bedeutet auf einem ihm bisher fremden Boden. Es kommt noch hinzu, daß +sie infolge verschiedener äußerlicher Antriebe vorzeitig an das Licht +der Öffentlichkeit gedrängt wurde, nach weit kürzerer Inkubationszeit +als des Autors sonstige Mitteilungen, lange ehe ihm ermöglicht war, die +reichhaltige Literatur des Gegenstandes durchzuarbeiten. Wenn ich +trotzdem diese Veröffentlichung nicht aufgeschoben habe, so +beschwichtigt mich die Erwägung, daß erste Arbeiten ohnedies meist darin +fehlen, daß sie zuviel umfassen wollen und eine Vollständigkeit der +Lösung anstreben, die, wie spätere Studien zeigen, fast niemals im +ersten Anlauf zu erreichen ist. Es schadet also wenig, wenn man sich mit +Absicht und Wissen auf eine kleine Probe beschränkt. Außerdem befindet +sich der Autor in der Situation des Knaben, der im Walde ein Nest von +köstlichen Beeren und guten Pilzen gefunden hat und nun den Gefährten +ruft, ehe er selbst alle gepflückt hat, weil er sieht, daß er allein +nicht imstande ist, die Fülle zu bewältigen. + +Parallele der ontogenetischen und der phylogenetischen Entwicklung des +Seelenlebens. + +Für jeden an der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung +Beteiligten war es ein denkwürdiger Moment, als C. G. _Jung_ auf einer +privaten wissenschaftlichen Zusammenkunft durch einen seiner Schüler +mitteilen ließ, daß die Phantasiebildungen gewisser Geisteskranker +(Dementia praecox) in auffälligster Weise mit den mythologischen +Kosmogenien alter Völker zusammenstimmten, von denen die ungebildeten +Kranken eine wissenschaftliche Kunde unmöglich erhalten hatten(1). Es +war hiemit nicht nur auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten +psychischen Krankheitsproduktionen hingewiesen, sondern auch in +nachdrücklichster Weise die Bedeutung des Parallelismus zwischen +ontogenetischer und phylogenetischer Entwicklung auch für das +Seelenleben betont. Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in +die Nähe des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die +Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen gemeinsam +ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar sein. + + (1) Auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg 1910. Der mit dem + Vortrag Betraute war der seither verstorbene, hochbegabte C. + _Honegger_. _Jung_ selbst und seine Schüler (_Nelken_, _Spielrein_) + haben die damals zuerst berührten Gesichtspunkte seither in anderen + Arbeiten weiter verfolgt. (Vgl. _Jung_ »Wandlungen und Symbole der + Libido,« Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische + Forschungen, Band III, 1911). + +Bedeutung der wilden Völker für die Psychologie. + +Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er +durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die er uns +hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und +Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der +Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die +Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. +Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben +Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe +stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge +und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die +sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein +besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene +Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen. + +Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der +»Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der +Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt +worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns +gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen. + +Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Vergleichung +jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten, +armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des +jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel +Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat. + +Die Australier als Beispiel eines wilden Volksstammes. + +Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet, +die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nächsten +Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Völkern +erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den +Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht +einmal die Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem +Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die +sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die +Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen +Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von +Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme +im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den härtesten +Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver +zu sein als die der Küste nahewohnenden. + +Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht erwarten, daß +sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen +Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch +erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster +Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziel +gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser +Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden +zu sein. + +Der Totemismus. + +An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet +sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen +Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder +nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein +Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener +eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem +besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens +der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der +ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder +kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen, +sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten +(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst +bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem +Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. +Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, an denen die Totemgenossen in +zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem +darstellen oder nachahmen. + +Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie +erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche +und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit +zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des +Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus, +und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2). + + (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is + stronger than the bond of blood or family in the modern sense. + +An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen +wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern anderer Totem +friedlich beisammen(3). + + (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne + Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der + Form _Totam_ 1791 durch den Engländer J. _Long_ von den Rothäuten + Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich + in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reichhaltige + Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das + vierbändige Buch von J. G. _Frazer_, »Totemism and Exogamy, 1910« und + die Bücher und Schriften von _Andrew Lang_ (»The secret of the Totem, + 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die + Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J. + _Ferguson Mc Lennan_ (1869-70). Totemistische Institutionen wurden + oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern + Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen + Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche + sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber + erschließen, daß der Totemismus einst auch bei den arischen und + semitischen Urvölkern Europas bestanden hat, so daß viele Forscher + geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene Phase der + menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen. + + Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem + beizulegen, d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage + ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer + sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber zahlreiche + Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser in _Wundt's_ + Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber + keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst + zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen + Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden + soll. + + Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die + Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie + oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man + nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber + nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker + in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich + haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und + Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den + Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des + Verfalls, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und + religiösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen, + die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben + mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht + ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues + Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung + derselben gefaßt werden darf. + +Die Exogamie. + +Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen +Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers +sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das +Gesetz, daß _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche +Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten +dürfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_. + +Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch +nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem +bisher erfahren haben, man versteht also nicht, wie es in das System des +Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn +manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich -- im +Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu +tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen +notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie +immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht +und erweist sich als eine sehr feste. + +Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Erörterungen +klar. + +a) Die Uebertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen +automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei +den anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern +wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es, eine +die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende +Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buch von _Frazer_(4) mögen +zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe +sonst recht unsittlichen Wilden behandelt werden. + + (4) _Frazer_, l. c. Bd. I., p. 54. + +»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person +of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the +same local group or has been captured in war from another tribe; a man +of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by +his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed +in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In +the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the +man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she +is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that +she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions +are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded +with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).« + +b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt +wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere, +z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich. + +c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert wird, +so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit +leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem +Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, +Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die +Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen +Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht(5). + + (5) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses + Verbot -- der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. + Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die + Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den + Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter + freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis + darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche, + denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem + gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind. + +d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit dem +Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die +Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne +auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe +unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht +blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte +behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen +Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei +zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht +ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem +(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem +gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in +dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als +absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt. + +So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von +Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht +gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandtschaft +durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen +Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten, +daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen. + +Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die +Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit der +Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich daran +denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden +Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die +Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung des +Verbots nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu +bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und +festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche +Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird. + +Die klassifizierenden Verwandtschafts-Namen. + +Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme(6) weist eine +Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang +gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich +bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern +zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehören nach +dem Ausdrucke L. H. _Morgan's_ dem »_Klassifizierenden_« System an. Das +will heissen, ein Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern +auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter +hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt »Mutter« +jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der +Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt »Brüder«, +»Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch +die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen +Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei +Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine +Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem +Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische +Beziehungen. Eine Annäherung an dieses klassifikatorische System findet +sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, +jeden Freund und jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu +begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«, +»Schwestern in Christo« sprechen. + + (6) Sowie der meisten Totemvölker. + +Die Gruppenehe. + +Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs ergibt +sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heiratsinstitution +auffaßt, die der Rev. L. _Fison_ »_Gruppenehe_« genannt +hat, deren Wesen darin besteht, dass eine gewisse Anzahl von +Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die +Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister +betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und +alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten. + +Obwohl manche Autoren, wie z. B. _Westermarck_ in seiner »Geschichte der +menschlichen Ehe(7)«, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere +aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so +stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin +überein, dass die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Ueberrest +aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und +_Gillen_(8) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen +der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die +Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe +vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache +und Sitten zurückzulassen. + + (7) 2. Auflage, 1902. + + (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899. + +Der Gruppeninzest. + +Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns +das scheinbare Uebermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben +Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot +des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint +als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches +dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat. + +Die Heiratsklassen (Phrathrien). + +Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens in +ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, daß +die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick +verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige +Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke +zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei +Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathry) +genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine +Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede +Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also +in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den +Totemsippen. + +Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation eines +australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus: + + Phrathrien + + a b + / \ / \ + / \ .......... / \ + / \ .... / ...... \ + / \ ... / ...\ + Subphrathrien c . d ... . e f + /|\ .... /|\ ..... /|\ /|\ + / | \ .... / | \ ...... / | \ / | \ + / | \ .../..|..\ . / | \ / | \ + / | \ / | \ / | \ / | \ + Totem .... α β γ δ ε η 1 2 3 4 5 6 + +Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen +untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c) bildet +mit e), die Subklasse d) mit f) eine exogame Einheit. Der Erfolg, also +die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf +diesem Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen +Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre +jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen +Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur +Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese +Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem α) kann nur eine Frau der +Sippen 1 bis 6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt +die Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem α) muß seine Ehewahl auf +die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken. + + (9) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt. + +Beziehungen zwischen Totem und Heiratsklassen. + +Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen +Stämmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus +ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen +wollen wie die Totemexogamie, und auch noch mehr anstreben. Aber während +die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die +entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die +komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und +der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu +entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, +weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das +Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen +Verpflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft +sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie +angestrebten Regelung der Ehewahl. + +In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein +Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests +hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu +verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit +jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft +ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10). + + (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage, + 1911. (A. _Lang_). + +Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außerordentlich +verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung +der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem tiefer +eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die große +Sorgfalt, welche die Australier, sowie andere wilde Völker, zur +Verhütung des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind +selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die +Versuchung näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe +bedürfen. + + (11) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich _Storfer_ in seiner Studie: + »Zur Sonderstellung des Vatermordes. Schriften zur angewandten + Seelenkunde«, 12. Heft, Wien, 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. + +Die »Vermeidungen« als weitere Schutzmittel gegen den Inzest. + +Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der +Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich +gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von +»Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter +in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge +eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen +kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen« +(avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen +Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen, +mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb +zu nehmen. + +Beispiele von Vermeidungen zwischen Geschwistern usw. + +In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den +Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf +_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten +Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er +jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein +Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine +Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine +Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen +niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so +muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse +Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen +nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal +ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu +gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese +Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze +Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem +Sohn nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der +Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht +selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut +an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern +»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und +Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht +vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12). + + (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and + Exogamy«, Bd. II., p. 77. + +Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von +ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch +seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer +Umschreibung(13). + + (13) _Frazer_, l. c. II., p. 124, nach _Kleintitschen_: Die + Küstenbewohner der Gazellen-Halbinsel. + +Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von +solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie +dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine +Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten +mit einander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist +der Tod durch Erhängen(14). + + (14) _Frazer_, l. c. II., pag. 131, nach P. G. _Peckel_ in Anthropos + 1908. + +Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge; +sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die +Gruppenschwester. Umso sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß +diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen +Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir +es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbots zu +verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15). + + (15) _Frazer_, l. c. II., pag. 147, nach Rev. L. _Fison_. + +Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle +nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen _Batta_ z. B. höchst +anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu +begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester +unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind. +Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, +wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter +bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische +Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie +leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne +weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu +ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher +Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üble Folgen erwarten, tuen +sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote +auszuweichen(16). + + (16) _Frazer_, l. c., II., pag. 189. + +Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten +merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des +Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person +irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus +einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut +sich nicht in ihre Hütte einzutreten und begrüßt sie nur mit zitternder +Stimme(17). + + (17) _Frazer_, l. c. II., pag. 388, nach _Junod_. + +Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein +Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte. +Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem +eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn +auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn +hinzusetzen und benimmt sich so bis zu dem Momente ihrer Verlobung. Von +der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den +Weg gelegt(18). + + (18) _Frazer_, l. c. II., pag. 424. + +Die Vermeidung der Schwiegermutter. + +Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker +interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem +Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz +allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den +Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der +Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. +Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen +Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht +so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide +Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung. + +Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den +Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren, +werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele +beschränken. + +Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich +genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die +seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt +das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder +er tut das nämliche. + +In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter +seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut +nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen +sie aus einer gewissen Entfernung mit einander sprechen. Es ist ganz +ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht +oder sie den ihres Schwiegersohnes(19). + + (19) _Frazer_, l. c. II., pag. 76. + +Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine +Schwiegermutter weder sehen noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet, +tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so schnell er +kann, davon, um sich zu verstecken(20). + + (20) _Frazer_, l. c. II., pag. 117, nach C. _Ribbe_: Zwei Jahre unter + den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905. + +Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner +Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft +auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet, +und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem +sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors +Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können, und das Weib +nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein +Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der +Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt +werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn +sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals zwischen sich +haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund +nehmen(21). + + (21) _Frazer_, l. c. II., pag. 385. + +Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein +Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen +Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk +verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei +Haustieren nicht straflos läßt(22). + + (22) _Frazer_, l. c. II., pag. 461. + +Verschiedene Deutungen der Schwiegermuttervermeidung. + +Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen +Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen +Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben +die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von +manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht +unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung +zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau +entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu +sein(23). + + (23) V. _Crawley_: The mystic rose. London, 1902, pag. 405. + +Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben, +der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin +eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner +Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer +besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft. + +Sir J. _Lubbock_ führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das +Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige +Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich +bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen +sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde +auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch +an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird _Crawley_ leicht zu +zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der +tatsächlichen Beobachtung deckt. + +E. B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von seiten der +Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung« +(cutting) von seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder, +und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von +den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt, +unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der +Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter +nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie +dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher +in den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt(24). + + (24) _Crawley_, l. c., pag. 407. + +Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt wurde, gab +die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die +Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben(25). + + (25) _Crawley_, l. c., pag. 401, nach _Leslie_: Among the Zulus and + Amatongas. 1875. + +Psychoanalytische Auffassung des Verhältnisses zur Schwiegermutter. + +Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und +Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten +der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der +weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für +die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn +solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen +wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt +hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre +Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den +beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vorneherein +ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der +psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas +enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr +Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade +das Schwiegermutterthema so gerne zum Objekt nimmt, scheint mir darauf +hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem +Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich +meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus +widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes +ist. + +Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von seiten der +Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten, +das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz, +eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause +eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem +fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, +die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not +least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der +Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl +zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele +gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend, +Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau +wertvoll machen. + +Unbewußte inzestuöse Anteile an dieser Beziehung. + +Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische +Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen +Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der +Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht +ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf +der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. +Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, +Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu +den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; +es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den +Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt +so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche +Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der +Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann -- +mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen seelischen +Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer +Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der +Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder +die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der mit +einander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht +häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der +Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, +zärtliche, umso sicherer zu unterdrücken. + +Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch +ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der +Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter, +vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt; +infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teueren +Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren +Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner +Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich +eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken; aber dieser +widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die +Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der +Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so +daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm +die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und +Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die +Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn +darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann +manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe +seine Neigung auf deren Tochter übergeht. + +Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der +inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen +Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden +also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser +primitiven Völker die ursprünglich von _Fison_ geäußerte Meinung +bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen +den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen +Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe +der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die +Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das +Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine +Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter. + +Die Inzestscheu der Wilden ist ein infantiler Zug, der sich beim +Neurotiker wiederfindet. + +Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu +zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der +psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden +können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt +worden, und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung +hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug +und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des +Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle +Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten, +Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, +auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei +macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des +psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von +den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er +ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In +seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die +inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin +gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern +für den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser +Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den +allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung +wird z. B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in +immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte +des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und +Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu +glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung +des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen +Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden +Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit +bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und +der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten. + + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnisses als getreues + ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues + + are strictly observed, any violations of these prohibitions »are regarded + are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded + + (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism d + (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and + + Exogamy«, Bd. I., p. 77. + Exogamy«, Bd. II., p. 77. + + Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der «Nichtanerkennung« + Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung« + + Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelernt, + Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, + + inzestuösen Fixirungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin + inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU *** + +***** This file should be named 37066-0.txt or 37066-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/0/6/37066/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Inzestscheu + Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden + und der Neurotiker I + +Author: Sigmund Freud + +Release Date: August 13, 2011 [EBook #37066] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der + Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I (1912). S. 17-33. + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + +Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der +Neurotiker. + +Von SIGM. FREUD. + +I. + +DIE INZESTSCHEU. + + +Einleitung. + +Von allem Anfang an hat die psychoanalytische Forschung auf +Ähnlichkeiten und Analogien ihrer Ergebnisse am Seelenleben des +Einzelwesens mit solchen der Völkerpsychologie hingewiesen. Es geschah +dies, wie begreiflich, zuerst nur schüchtern, in bescheidenem Umfange +und ging nicht über das Gebiet der Märchen und Mythen hinaus. Die +Absicht solchen Ausgreifens war keine andere als die, ihren an sich +recht unwahrscheinlichen Resultaten durch solche unerwartete +Übereinstimmungen Glaubwürdigkeit zu schaffen. + +In den seither verflossenen anderthalb Jahrzehnten hat die Psychoanalyse +aber Zutrauen zu ihrer Arbeit gewonnen; die nicht unansehnliche Schar +von Forschern, die der Anregung eines einzelnen gefolgt sind, hat es zu +einer befriedigenden Übereinstimmung in ihren Anschauungen gebracht, und +nun scheint der Zeitpunkt günstig, um der über die Individualpsychologie +hinausgreifenden Arbeit ein neues Ziel zu setzen. Es sollen nicht nur +ähnliche Vorkommnisse und Zusammenhänge im Seelenleben der Völker +aufgespürt werden, wie sie durch die Psychoanalyse beim Individuum ans +Licht gezogen wurden, sondern auch der Versuch gewagt werden, was in der +Völkerpsychologie dunkel oder zweifelhaft geblieben ist, durch die +Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen. Die junge psychoanalytische +Wissenschaft will gleichsam zurückerstatten, was sie in ihren Anfängen +anderen Wissensgebieten zu danken hatte, und hofft, mehr wiedergeben zu +können, als sie seinerzeit empfing. + +Eine Schwierigkeit des Unternehmens liegt in der Qualifikation der +Männer, welche sich dieser neuen Aufgabe unterziehen. Es wäre vergeblich +zu warten, bis die Mythenforscher, Religionspsychologen, Ethnologen, +Linguisten usw. den Anfang machen, psychoanalytische Denkweisen auf ihr +eignes Material anzuwenden. Die ersten Schritte in all diesen Richtungen +müssen durchaus von jenen unternommen werden, die sich bisher als +Psychiater oder Traumforscher in den Besitz der psychoanalytischen +Technik und ihrer Ergebnisse gesetzt haben. Solche sind aber zunächst +Laien auf anderen Wissensgebieten, und wenn sie mühselig einige Kenntnis +darin erworben haben, Dilettanten oder im besten Falle Autodidakten. +Ihre Leistungen werden Schwächen und Fehler nicht vermeiden können, +welche der zünftige Forscher, der Fachmann, mit seiner Beherrschung des +Materials und seiner Übung, es zu handhaben, leicht entdecken und +vielleicht mit überlegenem Spott verfolgen wird. Möge er in Erwägung +ziehen, daß unsere Arbeiten ja nichts anderes bezwecken, als ihm die +Anregung zu bringen, daß er selbst es besser mache, indem er an den ihm +vertrauten Stoff das Instrument versucht, welches wir ihm leihen können. + +Für die nachstehende kleine Arbeit muß ich aber noch eine andere +Entschuldigung geltend machen, als daß sie den ersten Schritt des Autors +bedeutet auf einem ihm bisher fremden Boden. Es kommt noch hinzu, daß +sie infolge verschiedener äußerlicher Antriebe vorzeitig an das Licht +der Öffentlichkeit gedrängt wurde, nach weit kürzerer Inkubationszeit +als des Autors sonstige Mitteilungen, lange ehe ihm ermöglicht war, die +reichhaltige Literatur des Gegenstandes durchzuarbeiten. Wenn ich +trotzdem diese Veröffentlichung nicht aufgeschoben habe, so +beschwichtigt mich die Erwägung, daß erste Arbeiten ohnedies meist darin +fehlen, daß sie zuviel umfassen wollen und eine Vollständigkeit der +Lösung anstreben, die, wie spätere Studien zeigen, fast niemals im +ersten Anlauf zu erreichen ist. Es schadet also wenig, wenn man sich mit +Absicht und Wissen auf eine kleine Probe beschränkt. Außerdem befindet +sich der Autor in der Situation des Knaben, der im Walde ein Nest von +köstlichen Beeren und guten Pilzen gefunden hat und nun den Gefährten +ruft, ehe er selbst alle gepflückt hat, weil er sieht, daß er allein +nicht imstande ist, die Fülle zu bewältigen. + +Parallele der ontogenetischen und der phylogenetischen Entwicklung des +Seelenlebens. + +Für jeden an der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung +Beteiligten war es ein denkwürdiger Moment, als C. G. _Jung_ auf einer +privaten wissenschaftlichen Zusammenkunft durch einen seiner Schüler +mitteilen ließ, daß die Phantasiebildungen gewisser Geisteskranker +(Dementia praecox) in auffälligster Weise mit den mythologischen +Kosmogenien alter Völker zusammenstimmten, von denen die ungebildeten +Kranken eine wissenschaftliche Kunde unmöglich erhalten hatten(1). Es +war hiemit nicht nur auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten +psychischen Krankheitsproduktionen hingewiesen, sondern auch in +nachdrücklichster Weise die Bedeutung des Parallelismus zwischen +ontogenetischer und phylogenetischer Entwicklung auch für das +Seelenleben betont. Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in +die Nähe des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die +Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen gemeinsam +ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar sein. + + (1) Auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg 1910. Der mit dem + Vortrag Betraute war der seither verstorbene, hochbegabte C. + _Honegger_. _Jung_ selbst und seine Schüler (_Nelken_, _Spielrein_) + haben die damals zuerst berührten Gesichtspunkte seither in anderen + Arbeiten weiter verfolgt. (Vgl. _Jung_ »Wandlungen und Symbole der + Libido,« Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische + Forschungen, Band III, 1911). + +Bedeutung der wilden Völker für die Psychologie. + +Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er +durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die er uns +hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und +Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der +Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die +Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. +Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben +Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe +stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge +und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die +sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein +besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene +Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen. + +Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der +»Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der +Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt +worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns +gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen. + +Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Vergleichung +jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten, +armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des +jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel +Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat. + +Die Australier als Beispiel eines wilden Volksstammes. + +Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet, +die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nächsten +Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Völkern +erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den +Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht +einmal die Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem +Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die +sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die +Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen +Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von +Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme +im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den härtesten +Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver +zu sein als die der Küste nahewohnenden. + +Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht erwarten, daß +sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen +Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch +erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster +Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziel +gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser +Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden +zu sein. + +Der Totemismus. + +An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet +sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen +Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder +nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein +Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener +eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem +besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens +der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der +ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder +kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen, +sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten +(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst +bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem +Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. +Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, an denen die Totemgenossen in +zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem +darstellen oder nachahmen. + +Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie +erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche +und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit +zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des +Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus, +und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2). + + (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is + stronger than the bond of blood or family in the modern sense. + +An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen +wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern anderer Totem +friedlich beisammen(3). + + (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne + Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der + Form _Totam_ 1791 durch den Engländer J. _Long_ von den Rothäuten + Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich + in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reichhaltige + Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das + vierbändige Buch von J. G. _Frazer_, »Totemism and Exogamy, 1910« und + die Bücher und Schriften von _Andrew Lang_ (»The secret of the Totem, + 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die + Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J. + _Ferguson Mc Lennan_ (1869-70). Totemistische Institutionen wurden + oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern + Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen + Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche + sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber + erschließen, daß der Totemismus einst auch bei den arischen und + semitischen Urvölkern Europas bestanden hat, so daß viele Forscher + geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene Phase der + menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen. + + Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem + beizulegen, d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage + ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer + sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber zahlreiche + Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser in _Wundt's_ + Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber + keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst + zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen + Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden + soll. + + Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die + Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie + oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man + nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber + nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker + in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich + haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und + Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den + Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des + Verfalls, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und + religiösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen, + die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben + mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht + ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues + Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung + derselben gefaßt werden darf. + +Die Exogamie. + +Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen +Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers +sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das +Gesetz, daß _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche +Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten +dürfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_. + +Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch +nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem +bisher erfahren haben, man versteht also nicht, wie es in das System des +Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn +manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich -- im +Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu +tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen +notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie +immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht +und erweist sich als eine sehr feste. + +Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Erörterungen +klar. + +a) Die Uebertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen +automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei +den anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern +wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es, eine +die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende +Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buch von _Frazer_(4) mögen +zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe +sonst recht unsittlichen Wilden behandelt werden. + + (4) _Frazer_, l. c. Bd. I., p. 54. + +»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person +of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the +same local group or has been captured in war from another tribe; a man +of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by +his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed +in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In +the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the +man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she +is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that +she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions +are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded +with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).« + +b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt +wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere, +z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich. + +c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert wird, +so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit +leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem +Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, +Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die +Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen +Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht(5). + + (5) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses + Verbot -- der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. + Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die + Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den + Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter + freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis + darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche, + denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem + gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind. + +d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit dem +Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die +Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne +auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe +unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht +blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte +behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen +Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei +zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht +ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem +(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem +gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in +dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als +absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt. + +So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von +Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht +gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandtschaft +durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen +Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten, +daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen. + +Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die +Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit der +Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich daran +denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden +Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die +Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung des +Verbots nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu +bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und +festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche +Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird. + +Die klassifizierenden Verwandtschafts-Namen. + +Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme(6) weist eine +Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang +gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich +bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern +zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehören nach +dem Ausdrucke L. H. _Morgan's_ dem »_Klassifizierenden_« System an. Das +will heissen, ein Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern +auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter +hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt »Mutter« +jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der +Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt »Brüder«, +»Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch +die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen +Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei +Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine +Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem +Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische +Beziehungen. Eine Annäherung an dieses klassifikatorische System findet +sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, +jeden Freund und jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu +begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«, +»Schwestern in Christo« sprechen. + + (6) Sowie der meisten Totemvölker. + +Die Gruppenehe. + +Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs ergibt +sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heiratsinstitution +auffaßt, die der Rev. L. _Fison_ »_Gruppenehe_« genannt +hat, deren Wesen darin besteht, dass eine gewisse Anzahl von +Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die +Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister +betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und +alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten. + +Obwohl manche Autoren, wie z. B. _Westermarck_ in seiner »Geschichte der +menschlichen Ehe(7)«, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere +aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so +stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin +überein, dass die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Ueberrest +aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und +_Gillen_(8) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen +der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die +Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe +vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache +und Sitten zurückzulassen. + + (7) 2. Auflage, 1902. + + (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899. + +Der Gruppeninzest. + +Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns +das scheinbare Uebermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben +Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot +des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint +als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches +dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat. + +Die Heiratsklassen (Phrathrien). + +Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens in +ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, daß +die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick +verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige +Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke +zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei +Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathry) +genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine +Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede +Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also +in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den +Totemsippen. + +Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation eines +australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus: + + Phrathrien + + a b + / \ / \ + / \ .......... / \ + / \ .... / ...... \ + / \ ... / ...\ + Subphrathrien c . d ... . e f + /|\ .... /|\ ..... /|\ /|\ + / | \ .... / | \ ...... / | \ / | \ + / | \ .../..|..\ . / | \ / | \ + / | \ / | \ / | \ / | \ + Totem .... A B C D E F 1 2 3 4 5 6 + +Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen +untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c) bildet +mit e), die Subklasse d) mit f) eine exogame Einheit. Der Erfolg, also +die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf +diesem Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen +Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre +jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen +Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur +Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese +Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem A) kann nur eine Frau der +Sippen 1 bis 6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt +die Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem A) muß seine Ehewahl auf +die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken. + + (9) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt. + +Beziehungen zwischen Totem und Heiratsklassen. + +Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen +Stämmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus +ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen +wollen wie die Totemexogamie, und auch noch mehr anstreben. Aber während +die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die +entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die +komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und +der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu +entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, +weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das +Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen +Verpflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft +sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie +angestrebten Regelung der Ehewahl. + +In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein +Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests +hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu +verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit +jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft +ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10). + + (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage, + 1911. (A. _Lang_). + +Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außerordentlich +verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung +der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem tiefer +eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die große +Sorgfalt, welche die Australier, sowie andere wilde Völker, zur +Verhütung des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind +selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die +Versuchung näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe +bedürfen. + + (11) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich _Storfer_ in seiner Studie: + »Zur Sonderstellung des Vatermordes. Schriften zur angewandten + Seelenkunde«, 12. Heft, Wien, 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. + +Die »Vermeidungen« als weitere Schutzmittel gegen den Inzest. + +Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der +Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich +gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von +»Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter +in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge +eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen +kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen« +(avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen +Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen, +mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb +zu nehmen. + +Beispiele von Vermeidungen zwischen Geschwistern usw. + +In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den +Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf +_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten +Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er +jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein +Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine +Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine +Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen +niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so +muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse +Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen +nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal +ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu +gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese +Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze +Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem +Sohn nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der +Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht +selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut +an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern +»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und +Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht +vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12). + + (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and + Exogamy«, Bd. II., p. 77. + +Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von +ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch +seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer +Umschreibung(13). + + (13) _Frazer_, l. c. II., p. 124, nach _Kleintitschen_: Die + Küstenbewohner der Gazellen-Halbinsel. + +Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von +solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie +dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine +Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten +mit einander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist +der Tod durch Erhängen(14). + + (14) _Frazer_, l. c. II., pag. 131, nach P. G. _Peckel_ in Anthropos + 1908. + +Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge; +sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die +Gruppenschwester. Umso sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß +diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen +Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir +es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbots zu +verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15). + + (15) _Frazer_, l. c. II., pag. 147, nach Rev. L. _Fison_. + +Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle +nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen _Batta_ z. B. höchst +anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu +begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester +unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind. +Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, +wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter +bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische +Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie +leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne +weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu +ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher +Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üble Folgen erwarten, tuen +sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote +auszuweichen(16). + + (16) _Frazer_, l. c., II., pag. 189. + +Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten +merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des +Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person +irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus +einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut +sich nicht in ihre Hütte einzutreten und begrüßt sie nur mit zitternder +Stimme(17). + + (17) _Frazer_, l. c. II., pag. 388, nach _Junod_. + +Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein +Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte. +Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem +eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn +auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn +hinzusetzen und benimmt sich so bis zu dem Momente ihrer Verlobung. Von +der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den +Weg gelegt(18). + + (18) _Frazer_, l. c. II., pag. 424. + +Die Vermeidung der Schwiegermutter. + +Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker +interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem +Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz +allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den +Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der +Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. +Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen +Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht +so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide +Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung. + +Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den +Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren, +werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele +beschränken. + +Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich +genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die +seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt +das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder +er tut das nämliche. + +In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter +seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut +nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen +sie aus einer gewissen Entfernung mit einander sprechen. Es ist ganz +ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht +oder sie den ihres Schwiegersohnes(19). + + (19) _Frazer_, l. c. II., pag. 76. + +Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine +Schwiegermutter weder sehen noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet, +tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so schnell er +kann, davon, um sich zu verstecken(20). + + (20) _Frazer_, l. c. II., pag. 117, nach C. _Ribbe_: Zwei Jahre unter + den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905. + +Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner +Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft +auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet, +und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem +sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors +Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können, und das Weib +nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein +Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der +Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt +werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn +sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals zwischen sich +haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund +nehmen(21). + + (21) _Frazer_, l. c. II., pag. 385. + +Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein +Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen +Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk +verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei +Haustieren nicht straflos läßt(22). + + (22) _Frazer_, l. c. II., pag. 461. + +Verschiedene Deutungen der Schwiegermuttervermeidung. + +Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen +Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen +Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben +die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von +manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht +unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung +zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau +entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu +sein(23). + + (23) V. _Crawley_: The mystic rose. London, 1902, pag. 405. + +Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben, +der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin +eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner +Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer +besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft. + +Sir J. _Lubbock_ führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das +Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige +Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich +bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen +sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde +auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch +an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird _Crawley_ leicht zu +zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der +tatsächlichen Beobachtung deckt. + +E. B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von seiten der +Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung« +(cutting) von seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder, +und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von +den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt, +unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der +Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter +nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie +dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher +in den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt(24). + + (24) _Crawley_, l. c., pag. 407. + +Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt wurde, gab +die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die +Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben(25). + + (25) _Crawley_, l. c., pag. 401, nach _Leslie_: Among the Zulus and + Amatongas. 1875. + +Psychoanalytische Auffassung des Verhältnisses zur Schwiegermutter. + +Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und +Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten +der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der +weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für +die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn +solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen +wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt +hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre +Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den +beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vorneherein +ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der +psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas +enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr +Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade +das Schwiegermutterthema so gerne zum Objekt nimmt, scheint mir darauf +hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem +Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich +meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus +widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes +ist. + +Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von seiten der +Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten, +das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz, +eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause +eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem +fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, +die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not +least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der +Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl +zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele +gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend, +Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau +wertvoll machen. + +Unbewußte inzestuöse Anteile an dieser Beziehung. + +Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische +Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen +Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der +Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht +ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf +der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. +Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, +Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu +den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; +es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den +Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt +so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche +Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der +Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann -- +mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen seelischen +Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer +Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der +Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder +die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der mit +einander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht +häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der +Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, +zärtliche, umso sicherer zu unterdrücken. + +Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch +ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der +Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter, +vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt; +infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teueren +Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren +Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner +Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich +eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken; aber dieser +widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die +Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der +Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so +daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm +die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und +Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die +Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn +darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann +manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe +seine Neigung auf deren Tochter übergeht. + +Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der +inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen +Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden +also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser +primitiven Völker die ursprünglich von _Fison_ geäußerte Meinung +bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen +den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen +Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe +der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die +Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das +Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine +Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter. + +Die Inzestscheu der Wilden ist ein infantiler Zug, der sich beim +Neurotiker wiederfindet. + +Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu +zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der +psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden +können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt +worden, und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung +hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug +und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des +Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle +Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten, +Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, +auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei +macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des +psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von +den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er +ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In +seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die +inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin +gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern +für den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser +Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den +allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung +wird z. B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in +immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte +des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und +Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu +glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung +des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen +Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden +Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit +bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und +der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten. + + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnisses als getreues + ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues + + are strictly observed, any violations of these prohibitions »are regarded + are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded + + (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism d + (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and + + Exogamy«, Bd. I., p. 77. + Exogamy«, Bd. II., p. 77. + + Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der «Nichtanerkennung« + Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung« + + Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelernt, + Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, + + inzestuösen Fixirungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin + inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU *** + +***** This file should be named 37066-8.txt or 37066-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/0/6/37066/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/37066-8.zip b/37066-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5c55b2d --- /dev/null +++ b/37066-8.zip diff --git a/37066-h.zip b/37066-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a9551cb --- /dev/null +++ b/37066-h.zip diff --git a/37066-h/37066-h.htm b/37066-h/37066-h.htm new file mode 100644 index 0000000..fec98c5 --- /dev/null +++ b/37066-h/37066-h.htm @@ -0,0 +1,1824 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8"/> +<title>Die Inzestscheu, by Sigmund Freud—A Project Gutenberg eBook</title> +<link rel="coverpage" href="images/titelseite.jpg"/> +<style type="text/css"> +<!-- +p +{ + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; +} + +p.center, +p.drop-cap, +#tnote p, +#tnote-bottom p +{ + text-indent: 0; +} + +h1 +{ + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; + font-size: large; + margin: 4em auto 1.5em auto; + line-height: 1.4em; +} + +p.sidenote +{ + font-weight: bold; + text-align: right; +} + +a:link, +a:visited +{ + text-decoration: none; +} + +ins +{ + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed #add8e6; +} + +.gesperrt, +.gesperrt-part, +.gesperrt-left-part +{ + letter-spacing: 0.2em; +} + +em.gesperrt, +em.gesperrt-part, +em.gesperrt-left-part, +cite.gesperrt +{ + font-style: normal; + font-weight: normal; +} + +.gesperrt +{ + margin-right: -0.2em; +} + +.gesperrt-part +{ + margin-left: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +.center +{ + text-align: center; +} + +.figcenter +{ + text-align: center; + margin: 2em auto; +} + +p.drop-cap:first-letter +{ + float: left; + font-size: 3.5em; + margin: -0.2em 0.1em -0.1em 0; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +#tnote, +#tnote-bottom +{ + max-width: 95%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 6em auto; +} + +ul#corrections +{ + list-style-type: none; + margin: 0; + padding: 0; +} + +ul#corrections li +{ + margin: 0.5em 0.25em; +} + +ul#corrections .correction +{ + text-decoration: underline; +} + +@page +{ + margin: 0.25em; +} + +@media screen +{ + body + { + width: 80%; + max-width: 40em; + margin: auto; + } + + p + { + margin: 0.75em auto; + } + + #tnote + { + max-width: 26em; + } + + .footnotes + { + margin: 8em auto; + border-top: 1px solid black; + border-bottom: 1px solid black; + padding: 1em 0; + } + + .page-break + { + margin-top: 8em; + } +} + +@media print, handheld +{ + p + { + margin: 0; + } + + #tnote, + #tnote-bottom + { + background-color: white; + border: none; + width: 100%; + } + + #tnote p, + #tnote-bottom p + { + margin: 0.25em 0; + } + + #tnote .screen, + .pagenum + { + display: none; + } + + ins + { + border: none; + } + + a:link, + a:visited + { + color: black; + } + + #tnote, + #tnote-bottom, + h1, + .footnotes, + .page-break + { + page-break-before: always; + } + + #tnote-bottom + { + page-break-after: always; + } +} + +@media handheld +{ + body + { + margin: 0; + padding: 0; + width: 95%; + } + + .gesperrt, + .gesperrt-part, + .gesperrt-left-part + { + letter-spacing: 0; + margin-right: 0; + margin-left: 0; + } + + em.gesperrt, + em.gesperrt-part, + cite.gesperrt + { + font-style: italic; + } + + ul#corrections li + { + margin: 0; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Inzestscheu + Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden + und der Neurotiker I + +Author: Sigmund Freud + +Release Date: August 13, 2011 [EBook #37066] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Der Text stammt aus: <cite>Imago. Zeitschrift für Anwendung der +Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I</cite> (1912). +S. 17–33.</p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text +<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der +Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> +findet sich am Ende des Textes.</p> +</div> + +<div><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a></div> +<h1><big>Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker.</big><br/> +<small>Von SIGM. FREUD.</small><br/> +I.<br/> +DIE INZESTSCHEU.</h1> + +<p class="sidenote"> +Einleitung. +</p> + +<p class="drop-cap">Von allem Anfang an hat die psychoanalytische Forschung auf +Ähnlichkeiten und Analogien ihrer Ergebnisse am Seelenleben +des Einzelwesens mit solchen der Völkerpsychologie hingewiesen. +Es geschah dies, wie begreiflich, zuerst nur +schüchtern, in bescheidenem Umfange und ging nicht über das +Gebiet der Märchen und Mythen hinaus. Die Absicht solchen +Ausgreifens war keine andere als die, ihren an sich recht unwahrscheinlichen +Resultaten durch solche unerwartete Übereinstimmungen +Glaubwürdigkeit zu schaffen.</p> + +<p>In den seither verflossenen anderthalb Jahrzehnten hat die +Psychoanalyse aber Zutrauen zu ihrer Arbeit gewonnen; die nicht unansehnliche +Schar von Forschern, die der Anregung eines einzelnen +gefolgt sind, hat es zu einer befriedigenden Übereinstimmung in +ihren Anschauungen gebracht, und nun scheint der Zeitpunkt +günstig, um der über die Individualpsychologie hinausgreifenden +Arbeit ein neues Ziel zu setzen. Es sollen nicht nur ähnliche Vorkommnisse +und Zusammenhänge im Seelenleben der Völker aufgespürt +werden, wie sie durch die Psychoanalyse beim Individuum +ans Licht gezogen wurden, sondern auch der Versuch gewagt +werden, was in der Völkerpsychologie dunkel oder zweifelhaft +geblieben ist, durch die Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen. +Die junge psychoanalytische Wissenschaft will gleichsam zurückerstatten, +was sie in ihren Anfängen anderen Wissensgebieten zu +danken hatte, und hofft, mehr wiedergeben zu können, als sie +seinerzeit empfing.</p> + +<p>Eine Schwierigkeit des Unternehmens liegt in der Qualifikation +der Männer, welche sich dieser neuen Aufgabe unterziehen. +Es wäre vergeblich zu warten, bis die Mythenforscher, Religionspsychologen, +Ethnologen, Linguisten usw. den Anfang machen, +psychoanalytische Denkweisen auf ihr eignes Material anzuwenden. +Die ersten Schritte in all diesen Richtungen müssen durchaus von +jenen unternommen werden, die sich bisher als Psychiater oder +Traumforscher in den Besitz der psychoanalytischen Technik und +ihrer Ergebnisse gesetzt haben. Solche sind aber zunächst Laien auf +anderen Wissensgebieten, und wenn sie mühselig einige Kenntnis +darin erworben haben, Dilettanten oder im besten Falle Autodidakten. +Ihre Leistungen werden Schwächen und Fehler nicht +vermeiden können, welche der zünftige Forscher, der Fachmann, +mit seiner Beherrschung des Materials und seiner Übung, es zu +handhaben, leicht entdecken und vielleicht mit überlegenem Spott +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +verfolgen wird. Möge er in Erwägung ziehen, daß unsere Arbeiten +ja nichts anderes bezwecken, als ihm die Anregung zu bringen, daß +er selbst es besser mache, indem er an den ihm vertrauten Stoff +das Instrument versucht, welches wir ihm leihen können.</p> + +<p>Für die nachstehende kleine Arbeit muß ich aber noch eine +andere Entschuldigung geltend machen, als daß sie den ersten Schritt +des Autors bedeutet auf einem ihm bisher fremden Boden. Es +kommt noch hinzu, daß sie infolge verschiedener äußerlicher Antriebe +vorzeitig an das Licht der Öffentlichkeit gedrängt wurde, +nach weit kürzerer Inkubationszeit als des Autors sonstige Mitteilungen, +lange ehe ihm ermöglicht war, die reichhaltige Literatur +des Gegenstandes durchzuarbeiten. Wenn ich trotzdem diese Veröffentlichung +nicht aufgeschoben habe, so beschwichtigt mich die +Erwägung, daß erste Arbeiten ohnedies meist darin fehlen, daß +sie zuviel umfassen wollen und eine Vollständigkeit der Lösung +anstreben, die, wie spätere Studien zeigen, fast niemals im ersten +Anlauf zu erreichen ist. Es schadet also wenig, wenn man +sich mit Absicht und Wissen auf eine kleine Probe beschränkt. +Außerdem befindet sich der Autor in der Situation des Knaben, +der im Walde ein Nest von köstlichen Beeren und guten Pilzen +gefunden hat und nun den Gefährten ruft, ehe er selbst alle gepflückt +hat, weil er sieht, daß er allein nicht imstande ist, die Fülle +zu bewältigen.</p> + +<p class="sidenote"> +Parallele der +ontogenetischen +und der +phylogenetischen +Entwicklung +des Seelenlebens. +</p> + +<p>Für jeden an der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung +Beteiligten war es ein denkwürdiger Moment, als C. G. +<span class="gesperrt">Jung</span> auf einer privaten wissenschaftlichen Zusammenkunft durch +einen seiner Schüler mitteilen ließ, daß die Phantasiebildungen +gewisser Geisteskranker (Dementia praecox) in auffälligster Weise +mit den mythologischen Kosmogenien alter Völker zusammenstimmten, +von denen die ungebildeten Kranken eine wissenschaftliche +Kunde unmöglich erhalten hatten<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a>. Es war hiemit nicht nur +auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten psychischen Krankheitsproduktionen +hingewiesen, sondern auch in nachdrücklichster +Weise die Bedeutung des Parallelismus zwischen ontogenetischer +und phylogenetischer Entwicklung auch für das Seelenleben betont. +Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in die Nähe +des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die +Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen +gemeinsam ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar +sein.</p> + +<p class="sidenote"> +Bedeutung der +wilden Völker +für die +Psychologie. +</p> + +<p>Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler +und Geräte, die er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner +Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder +direkt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und +Märchen erhalten haben, durch die Überreste seiner Denkweisen in +unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. Außerdem aber ist er +noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen, +von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe +stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge +und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen +so über die sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren +Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in +ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen +dürfen.</p> + +<p>Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung +der »Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde +sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die +Psychoanalyse bekannt worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen +aufweisen müssen, und wird uns gestatten, bereits Bekanntes hier +und dort in neuem Lichte zu sehen.</p> + +<p>Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese +Vergleichung jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als +die zurückgebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben worden +sind, die Ureinwohner des jüngsten Kontinents, Australien, der uns +auch in seiner Fauna soviel Archaisches, anderswo Untergegangenes, +bewahrt hat.</p> + +<p class="sidenote"> +Die Australier +als Beispiel +eines wilden +Volksstammes. +</p> + +<p>Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere +Rasse betrachtet, die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft +mit ihren nächsten Nachbarn, den melanesischen, polynesischen +und malaiischen Völkern erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser +noch feste Hütten, bearbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere +bis auf den Hund, kennen nicht einmal die Kunst der +Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem Fleische aller möglichen +Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die sie graben. +Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die Versammlung +der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen +Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren +von Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. +Die Stämme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut +mit den härtesten Lebensbedingungen zu ringen haben, +scheinen in allen Stücken primitiver zu sein als die der Küste nahewohnenden.</p> + +<p>Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß +nicht erwarten, daß sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich +seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Maß von Beschränkung +auferlegt haben. Und doch erfahren wir, daß sie sich mit +ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziel gesetzt haben. Ja ihre +gesamte soziale Organisation scheint dieser Absicht zu dienen oder +mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein.</p> + +<p class="sidenote"> +Der +Totemismus. +</p> + +<p>An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen +findet sich bei den Australiern das System des <em class="gesperrt">Totemismus</em>. +Die australischen Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, +von denen sich jeder nach seinem <em class="gesperrt">Totem</em> benennt. Was ist nun +der Totem? In der Regel ein Tier, ein eßbares, harmloses oder +gefährliches, gefürchtetes, seltener eine Pflanze oder eine Naturkraft +(Regen, Wasser), welches in einem besonderen Verhältnis zu der +ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens der Stammvater der Sippe, +dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der ihnen Orakel sendet, +und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder kennt und verschont. +Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen, sich selbstwirkend +strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten (vernichten) und +sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst bietet) zu +enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem Einzeltier +oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. Von +Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, an denen die Totemgenossen +in zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres +Totem darstellen oder nachahmen.</p> + +<p>Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie +erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche +und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit +zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des +Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit +hinaus, und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück<a name="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">(2)</a>.</p> + +<p>An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die +Totemgenossen wohnen von einander getrennt und mit den +Anhängern anderer Totem friedlich beisammen<a name="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">(3)</a>.</p> + +<p class="sidenote"> +Die Exogamie. +</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des +totemistischen Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse +des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der +Totem gilt, besteht auch das Gesetz, daß <em class="gesperrt">Mitglieder desselben +Totem nicht in geschlechtliche Beziehungen +zu einander treten, also auch einander nicht +heiraten dürfen</em>. Das ist die mit dem Totem verbundene +<em class="gesperrt">Exogamie</em>.</p> + +<p>Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es +wird durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den +Eigenschaften des Totem bisher erfahren haben, man versteht also +nicht, wie es in das System des Totemismus hineingeraten ist. Wir +verwundern uns darum nicht, wenn manche Forscher geradezu +annehmen, die Exogamie habe ursprünglich – im Beginn der Zeiten +und dem Sinne nach – nichts mit dem Totemismus zu tun, sondern +sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen notwendig +erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. +Wie immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und +Exogamie besteht und erweist sich als eine sehr feste.</p> + +<p>Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere +Erörterungen klar.</p> + +<p><i>a</i>) Die Uebertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen +automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie +bei den anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), +sondern wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als +gelte es, eine die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine +sie bedrückende Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buch +von <span class="gesperrt">Frazer</span><a name="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">(4)</a> mögen zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +diesen, nach unserem Maßstabe sonst recht unsittlichen Wilden behandelt +werden.</p> + +<p>»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with +a person of a forbidden clan is death. It matters not whether the +woman be of the same local group or has been captured in war +from another tribe; a man of the wrong clan who uses her as his +wife is hunted down and killed by his clansmen, and so is the +woman; though in some cases, if they succeed in eluding capture +for a certain time, the offence may be condoned. In the Ta-Ta-thi +tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the man +is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she +is nearly dead; the reason given for not actually killing her being +that she was probably coerced. Even in casual amours the clan +prohibitions are strictly observed, any violations of these prohibitions +<ins title="»are">are</ins> regarded with the utmost abhorrence and are punished +by death (<span class="gesperrt">Howitt</span>).«</p> + +<p><i>b</i>) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften +geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, +so werden andere, z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.</p> + +<p><i>c</i>) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht +verändert wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei +mütterlicher Erblichkeit leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. +einem Clan mit dem Totem Känguruh an und heiratet eine +Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, Knaben und Mädchen, +alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die Totemregel +der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen Schwestern, +die Emu sind wie er, unmöglich gemacht<a name="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">(5)</a>.</p> + +<p><i>d</i>) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß +die mit dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr +bezweckt, als die Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. +Sie macht dem Manne auch die sexuelle Vereinigung mit allen +Frauen seiner eigenen Sippe unmöglich, also mit einer Anzahl von +weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt sind, indem sie +alle diese Frauen wie Blutsverwandte behandelt. Die psychologische +Berechtigung dieser großartigen Einschränkung, die weit über alles +hinausgeht, was sich ihr bei zivilisierten Völkern an die Seite stellen +läßt, ist zunächst nicht ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, +daß die Rolle des Totem (Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst +genommen wird. Alles, was von dem gleichen Totem abstammt, +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in dieser Familie werden +die entferntesten Verwandtschaftsgrade als absolutes Hindernis der +sexuellen Vereinigung anerkannt.</p> + +<p>So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen +Grad von Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der +von uns nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale +Blutsverwandtschaft durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir +dürfen indes diesen Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen +im Gedächtnis behalten, daß die Totemverbote den realen Inzest +als Spezialfall miteinschließen.</p> + +<p>Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen +Familie durch die Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen +Lösung vielleicht mit der Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. +Man müßte freilich daran denken, daß bei einer gewissen, über +die Eheschranken hinausgehenden Freiheit des Sexualverkehrs die +Blutsverwandtschaft und somit die Inzestverhütung so unsicher +werden, daß man eine andere Fundierung des Verbots nicht entbehren +kann. Es ist darum nicht überflüssig zu bemerken, daß die +Sitten der Australier soziale Bedingungen und festliche Gelegenheiten +anerkennen, bei denen das ausschließliche Eheanrecht eines +Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.</p> + +<p class="sidenote"> +Die klassifizierenden +Verwandtschafts-Namen. +</p> + +<p>Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme<a name="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">(6)</a> weist eine +Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang +gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich +bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, +sondern zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; +sie gehören nach dem Ausdrucke L. H. <span class="gesperrt">Morgan's</span> dem +»<em class="gesperrt">Klassifizierenden</em>« System an. Das will heissen, ein +Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch +jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter +hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt +»Mutter« jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung +der Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er +heißt »Brüder«, »Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen +Eltern, sondern auch die Kinder all der genannten Personen, die in +der elterlichen Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, +die zwei Australier einander geben, deuten also +nicht notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, +wie sie es nach unserem Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen +vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine Annäherung an +dieses klassifikatorische System findet sich bei uns etwa in der +Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, jeden Freund und +jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu begrüßen, +oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«, +»Schwestern in Christo« sprechen.</p> + +<p class="sidenote"> +Die Gruppenehe. +</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs +ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen +jener Heiratsinstitution auffaßt, die der Rev. L. <span class="gesperrt">Fison</span> »<em class="gesperrt">Gruppenehe</em>« +genannt hat, deren Wesen darin besteht, dass eine gewisse +Anzahl von Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl +von Frauen ausübt. Die Kinder dieser Gruppenehe würden dann +mit Recht einander als Geschwister betrachten, obwohl sie nicht +alle von derselben Mutter geboren sind, und alle Männer der Gruppe +für ihre Väter halten.</p> + +<p>Obwohl manche Autoren, wie z. B. <span class="gesperrt">Westermarck</span> in +seiner »Geschichte der menschlichen Ehe<a name="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">(7)</a>«, sich den Folgerungen +widersetzen, welche andere aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen +gezogen haben, so stimmen doch gerade die besten +Kenner der australischen Wilden darin überein, dass die klassifikatorischen +Verwandtschaftsnamen als Ueberrest aus Zeiten der +Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach <span class="gesperrt">Spencer</span> und +<span class="gesperrt">Gillen</span><a name="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">(8)</a> läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den +Stämmen der <span class="gesperrt">Urabunna</span> und der <span class="gesperrt">Dieri</span> noch als heute bestehend +feststellen. Die Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der +individuellen Ehe vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne +deutliche Spuren in Sprache und Sitten zurückzulassen.</p> + +<p class="sidenote"> +Der Gruppeninzest. +</p> + +<p>Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, +so wird uns das scheinbare Uebermaß von Inzestvermeidung, +welches wir bei denselben Völkern angetroffen haben, begreiflich. +Die Totemexogamie, das Verbot des sexuellen Verkehrs zwischen +Mitgliedern desselben Clans, erscheint als das angemessene Mittel +zur Verhütung des Gruppeninzests, welches dann fixiert wurde und +seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.</p> + +<p class="sidenote"> +Die Heiratsklassen +(Phrathrien). +</p> + +<p>Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden +Australiens in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen +wir noch erfahren, daß die wirklichen Verhältnisse eine weit +größere, auf den ersten Anblick verwirrende, Kompliziertheit erkennen +lassen. Es gibt nämlich nur wenige Stämme in Australien, +die kein anderes Verbot als die Totemschranke zeigen. Die meisten +sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei Abteilungen zerfallen, +die man Heiratsklassen (englisch: Phrathry) genannt hat. +Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine Mehrzahl +von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede Heiratsklasse +in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also in +vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den +Totemsippen.</p> + +<p>Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation +eines australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus:</p> + +<div class="figcenter" style="width: 450px;"><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +<img src="images/phrathrien.png" width="450" height="179" alt="Phrathrien"/> +</div> + +<p>Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei +Klassen untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam<a name="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">(9)</a>. Die Subklasse +<i>c</i>) bildet mit <i>e</i>), die Subklasse <i>d</i>) mit <i>f</i>) eine exogame Einheit. +Der Erfolg, also die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht +zweifelhaft; es wird auf diesem Wege eine weitere Einschränkung +der Heiratswahl und der sexuellen Freiheit herbeigeführt. Bestünden +nur die zwölf Totemsippen, so wäre jedem Mitglied einer Sippe +– bei Voraussetzung der gleichen Menschenanzahl in jeder Sippe +– 11/12 aller Frauen des Stammes zur Auswahl zugänglich. Die +Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese Anzahl auf 6/12 = 1/2; +ein Mann vom Totem α) kann nur eine Frau der Sippen 1 bis 6 +heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die Auswahl +auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem α) muß seine Ehewahl +auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken.</p> + +<p class="sidenote"> +Beziehungen +zwischen Totem +und Heiratsklassen. +</p> + +<p>Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen – deren bei +einigen Stämmen bis zu acht vorkommen – zu den Totemsippen +sind durchaus ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen +dasselbe erreichen wollen wie die Totemexogamie, und auch noch +mehr anstreben. Aber während die Totemexogamie den Eindruck +einer heiligen Satzung macht, die entstanden ist, man weiß nicht +wie, also einer Sitte, scheinen die komplizierten Institutionen der +Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und der daran geknüpften Bedingungen +zielbewußter Gesetzgebung zu entstammen, die vielleicht +die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, weil der Einfluß +des Totem im Nachlassen war. Und während das Totemsystem, +wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Verpflichtungen +und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft +sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie +angestrebten Regelung der Ehewahl.</p> + +<p>In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt +sich ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des +Gruppeninzests hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren +Gruppenverwandten zu verbieten, ähnlich wie es die katholische +Kirche tat, indem sie die seit jeher für Geschwister geltenden +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +Heiratsverbote auf die Vetternschaft ausdehnte und die geistlichen +Verwandtschaftsgrade dazu erfand<a name="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">(10)</a>.</p> + +<p>Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die +außerordentlich verwickelten und ungeklärten Diskussionen über +Herkunft und Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis +zum Totem tiefer eindringen wollten. Für unsere Zwecke +genügt der Hinweis auf die große Sorgfalt, welche die Australier, +sowie andere wilde Völker, zur Verhütung des Inzests aufwenden<a name="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">(11)</a>. +Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst inzestempfindlicher als +wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung näher, so daß sie +eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe bedürfen.</p> + +<p class="sidenote"> +Die »Vermeidungen« +als +weitere Schutzmittel +gegen +den Inzest. +</p> + +<p>Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der +Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich +gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe +von »Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher +Verwandter in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser +Strenge eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft +erscheinen kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote +»Vermeidungen« (avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit +über die australischen Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier +die Leser bitten müssen, mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus +dem reichen Material vorlieb zu nehmen.</p> + +<p class="sidenote"> +Beispiele von +Vermeidungen +zwischen Geschwistern +usw. +</p> + +<p>In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen +den Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt +auf <span class="gesperrt">Lepers Island</span>, einer der <span class="gesperrt">Neuhebriden</span>, der Knabe +von einem bestimmten Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt +ins »Klubhaus«, wo er jetzt regelmäßig schläft und seine +Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim zwar noch besuchen, um +dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine Schwester zu Hause +ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine Schwester anwesend, +so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen niedersetzen. +Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so +muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe +gewisse Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so +wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, +er wird nicht einmal ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, +ein geläufiges Wort zu gebrauchen, wenn es als Bestandteil in +ihrem Namen enthalten ist. Diese Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie +beginnt, wird über das ganze Leben festgehalten. Die +Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn nimmt mit +den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der Mutter. +Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht selbst, +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut an, +sagt ihm – nach unserem Sprachgebrauch – nicht »Du«, sondern +»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in <span class="gesperrt">Neukaledonien</span>. Wenn +Bruder und Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, +und er geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden<a name="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">(12)</a>.</p> + +<p>Auf der <span class="gesperrt">Gazellen-Halbinsel</span> in <span class="gesperrt">Newbritannien</span> darf +eine Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht +mehr sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus, +sondern bezeichnet ihn mit einer Umschreibung<a name="FNanchor_13" href="#Footnote_13" class="fnanchor">(13)</a>.</p> + +<p>Auf <span class="gesperrt">Neumecklenburg</span> werden Vetter und Base (obwohl +nicht jeder Art) von solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber +Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht nähern, einander +nicht die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber +in der Entfernung von einigen Schritten mit einander sprechen. Die +Strafe für den Inzest mit der Schwester ist der Tod durch Erhängen<a name="FNanchor_14" href="#Footnote_14" class="fnanchor">(14)</a>.</p> + +<p>Auf den <span class="gesperrt">Fiji-Inseln</span> sind diese Vermeidungsregeln besonders +strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, +sondern selbst die Gruppenschwester. Umso sonderbarer berührt +es uns, wenn wir hören, daß diese Wilden heilige Orgien kennen, +in denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche +Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen +Gegensatz zur Aufklärung des Verbots zu verwenden, anstatt uns +über ihn zu verwundern<a name="FNanchor_15" href="#Footnote_15" class="fnanchor">(15)</a>.</p> + +<p>Unter den <span class="gesperrt">Battas</span> auf <span class="gesperrt">Sumatra</span> betreffen die Vermeidungsgebote +alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre +für einen <span class="gesperrt">Batta</span> z. B. höchst anstößig, seine eigene Schwester +zu einer Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird sich +in Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst wenn +noch andere Personen mitanwesend sind. Wenn der eine von ihnen +ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, wegzugehen. +Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter +bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische +Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er +müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem +Volke ohne weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes +mit einer Frau zu ungehöriger Intimität führen werde, und da sie +vom Verkehr naher Blutsverwandter alle möglichen Strafen und +üble Folgen erwarten, tuen sie recht daran, allen Versuchungen +durch solche Verbote auszuweichen<a name="FNanchor_16" href="#Footnote_16" class="fnanchor">(16)</a>.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>Bei den <span class="gesperrt">Barongos</span> an der <span class="gesperrt">Delagoa</span>-Bucht in Afrika gelten +merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der +Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm +gefährliche Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam +aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu essen, er +spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht in ihre Hütte einzutreten +und begrüßt sie nur mit zitternder Stimme<a name="FNanchor_17" href="#Footnote_17" class="fnanchor">(17)</a>.</p> + +<p>Bei den <span class="gesperrt">Akamba</span> (oder <span class="gesperrt">Wakamba</span>) in Britisch-Ostafrika +herrscht ein Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen +erwartet hätte. Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät +und ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgfältig ausweichen. +Sie versteckt sich, wenn sie ihn auf der Straße begegnet, +sie versucht es niemals, sich neben ihn hinzusetzen und benimmt sich +so bis zu dem Momente ihrer Verlobung. Von der Heirat an ist +ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg +gelegt<a name="FNanchor_18" href="#Footnote_18" class="fnanchor">(18)</a>.</p> + +<p class="sidenote"> +Die Vermeidung +der Schwiegermutter. +</p> + +<p>Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte +Völker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr +zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie +ist in Australien ganz allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, +polynesischen und den Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren +des Totemismus und der Gruppenverwandtschaft reichen, und +wahrscheinlich noch darüber hinaus. Bei manchen dieser Völker +bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen Verkehr einer Frau +mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht so konstant +und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide Schwiegereltern +Gegenstand der Vermeidung.</p> + +<p>Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als +für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung +interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger +Beispiele beschränken.</p> + +<p>Auf den <span class="gesperrt">Banks-Inseln</span> sind diese Gebote sehr strenge +und peinlich genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter +meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zufällig auf +einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet ihm +den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das nämliche.</p> + +<p>In <span class="gesperrt">Vanna Lava</span> (<span class="gesperrt">Port Patteson</span>) wird ein Mann nicht +einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe +die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt +hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Entfernung +mit einander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß er je den +Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie den ihres +Schwiegersohnes<a name="FNanchor_19" href="#Footnote_19" class="fnanchor">(19)</a>.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>Auf den <span class="gesperrt">Salomons-Inseln</span> darf der Mann von seiner +Heirat an seine Schwiegermutter weder sehen noch mit ihr sprechen. +Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, +sondern läuft, so schnell er kann, davon, um sich zu verstecken<a name="FNanchor_20" href="#Footnote_20" class="fnanchor">(20)</a>.</p> + +<p>Bei den <span class="gesperrt">Zulukaffern</span> verlangt die Sitte, daß ein Mann sich +seiner Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft +auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich +befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei +Seite, etwa, indem sie sich hinter einem Busch versteckt, während +er seinen Schild vors Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen +können, und das Weib nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, +so bindet sie wenigstens ein Grasbüschel um ihren Kopf, +damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der Verkehr zwischen +ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt werden, oder +sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn sie +irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals zwischen +sich haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den +Mund nehmen<a name="FNanchor_21" href="#Footnote_21" class="fnanchor">(21)</a>.</p> + +<p>Bei den <span class="gesperrt">Basoga</span>, einem Negerstamme im Quellgebiete des +Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn +sie in einem anderen Raume des Hauses ist und von ihm nicht +gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest so sehr, +daß es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos läßt<a name="FNanchor_22" href="#Footnote_22" class="fnanchor">(22)</a>.</p> + +<p class="sidenote"> +Verschiedene +Deutungen der +Schwiegermuttervermeidung. +</p> + +<p>Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen +zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so +daß sie von allen Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den +Inzest aufgefaßt werden, haben die Verbote, welche den Verkehr +mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen Seiten eine andere +Deutung erfahren. Es erschien mit Recht unverständlich, daß alle diese +Völker so große Angst vor der Versuchung zeigen sollten, die dem +Manne in der Gestalt einer älteren Frau entgegentritt, welche seine +Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu sein<a name="FNanchor_23" href="#Footnote_23" class="fnanchor">(23)</a>.</p> + +<p>Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von +<span class="gesperrt">Fison</span> erhoben, der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme +darin eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen +einem Manne und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich +machen; es hätte darum einer besonderen Sicherung gegen +diese Möglichkeit bedurft.</p> + +<p>Sir J. <span class="gesperrt">Lubbock</span> führt in seinem Werke »Origin of civilisation« +das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn +auf die einstige Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung +der Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von dieser Form der +Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde auch die Entrüstung +der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre +Herkunft vergessen war.« Es wird <span class="gesperrt">Crawley</span> leicht zu zeigen, +wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der tatsächlichen +Beobachtung deckt.</p> + +<p>E. B. <span class="gesperrt">Tylor</span> meint, die Behandlung des Schwiegersohnes +von seiten der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form +der <ins title="«Nichtanerkennung">»Nichtanerkennung</ins>« (cutting) von seiten der Familie der Frau. +Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind +geboren wird. Allein abgesehen von den Fällen, in denen letztere +Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt diese Erklärung dem +Einwand, daß sie die Orientierung der Sitte auf das Verhältnis +zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter nicht aufhellt, also +den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie dem Moment +des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher in +den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt<a name="FNanchor_24" href="#Footnote_24" class="fnanchor">(24)</a>.</p> + +<p>Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt +wurde, gab die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht +recht, daß er die Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben<a name="FNanchor_25" href="#Footnote_25" class="fnanchor">(25)</a>.</p> + +<p class="sidenote"> +Psychoanalytische +Auffassung +des Verhältnisses +zur +Schwiegermutter. +</p> + +<p>Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn +und Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den +heikeln Seiten der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der +Gesellschaft der weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine +Vermeidungsgebote mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit +und Unlust vermieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und +nicht von den einzelnen Individuen wieder aufgerichtet werden müßten. +Manchem Europäer mag es als ein Akt hoher Weisheit erscheinen, +daß die wilden Völker durch ihre Vermeidungsgebote die Herstellung +eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe verwandt gewordenen +Personen von vorneherein ausgeschlossen haben. Es ist +kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation von Schwiegermutter +und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was die Feindseligkeit +zwischen ihnen befördert und ihr Zusammenleben erschwert. +Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade das Schwiegermutterthema +so gerne zum Objekt nimmt, scheint mir darauf hinzudeuten, +daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem Komponenten +führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich +meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus widerstreitenden, +zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes +ist.</p> + +<p>Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der +Tochter zu verzichten, das Mißtrauen gegen den Fremden, dem +sie überantwortet ist, die Tendenz, eine herrschende Position zu +behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt hatte. Von +Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem fremden Willen +mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, die vor +ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und – last not least +– die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der Sexualüberschätzung +stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl zumeist +von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele +gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der +Jugend, Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm +seine Frau wertvoll machen.</p> + +<p class="sidenote"> +Unbewußte +inzestuöse Anteile +an dieser +Beziehung. +</p> + +<p>Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische +Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, +zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen +Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im Familienleben +befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung +durch den frühzeitigen Ablauf der ehelichen Beziehung +und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. Die alternde Mutter +schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, Identifizierung +mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen +macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es +ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den +Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt +so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche +Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter +geht bei der Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten +Mann – mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen seelischen +Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer +Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der +Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst +oder die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle +der mit einander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter +an. Recht häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische +Komponente der Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, +um die verpönte, zärtliche, umso sicherer zu unterdrücken.</p> + +<p>Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter +durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen +stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise über das +Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem +Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe +von beiden teueren Personen seiner Kindheit ab, um bei einem +fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen. An Stelle der +eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht er nun die +Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine Tendenz, in die vorzeitliche +Wahl zurückzusinken; aber dieser widerstrebt alles in ihm. +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +Seine Inzestscheu fordert, daß er an die Genealogie seiner Liebeswahl +nicht erinnert werde; die Aktualität der Schwiegermutter, die +er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so daß ihr Bild +im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm die +Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Gehässigkeit +zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die Schwiegermutter +tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn darstellt, +sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann +manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, +ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht.</p> + +<p>Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade +dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die +Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den +Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufklärung der so +streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser primitiven Völker die +ursprünglich von <span class="gesperrt">Fison</span> geäußerte Meinung bevorzugen, die in +diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen den möglichen +Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen Vermeidungen +zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur +bliebe der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter +ist, die Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen +Falle, der das Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der +Inzest eine Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder +vermittelter.</p> + +<p class="sidenote"> +Die Inzestscheu +der Wilden ist +ein infantiler +Zug, der sich +beim Neurotiker +wiederfindet. +</p> + +<p>Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit +gehabt zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch +die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis +gesehen werden können, denn die Inzestscheu der Wilden +ist längst als solche erkannt worden, und bedarf keiner weiteren +Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen können, ist die +Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug und eine auffällige +Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des Neurotikers. Die +Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle Objektwahl +des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten, Mutter +und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen <ins title="gelernt">gelehrt</ins>, +auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests +frei macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein +Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, +sich von den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität +zu befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung +und Regression.) In seinem unbewußten Seelenleben spielen +darum noch immer oder wiederum die inzestuösen <ins title="Fixirungen">Fixierungen</ins> der +Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen +beherrschte Verhältnis zu den Eltern für den <em class="gesperrt">Kernkomplex</em> +der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser Bedeutung des +Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den allgemeinsten Unglauben +der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung wird +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +z. B. auch den Arbeiten von <span class="gesperrt">Otto Rank</span> entgegentreten, die +in immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im +Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und in ungezählten +Variationen und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir +sind genötigt zu glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein +Produkt der tiefen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, +seither der Verdrängung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns +darum nicht unwichtig, an den wilden Völkern zeigen zu können, +daß sie die zur späteren Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche +des Menschen noch als bedrohlich empfinden und der schärfsten +Abwehrmaßregeln für würdig halten.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 92px;"> +<img src="images/deko.png" width="92" height="120" alt=""/> +</div> + + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a> +Auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg 1910. Der mit dem +Vortrag Betraute war der seither verstorbene, hochbegabte C. <span class="gesperrt">Honegger</span>. +<span class="gesperrt">Jung</span> selbst und seine Schüler (<span class="gesperrt">Nelken</span>, <span class="gesperrt">Spielrein</span>) haben die damals +zuerst berührten Gesichtspunkte seither in anderen Arbeiten weiter verfolgt. (Vgl. +<span class="gesperrt">Jung</span> »Wandlungen und Symbole der Libido,« Jahrbuch für psychoanalytische +und psychopathologische Forschungen, Band III, 1911). +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">(2)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is +stronger than the bond of blood or family in the modern sense. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">(3)</a> +Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne +Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der Form +<em class="gesperrt">Totam</em> 1791 durch den Engländer J. <span class="gesperrt">Long</span> von den Rothäuten Nordamerikas +übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich in der Wissenschaft +großes Interesse gefunden und eine reichhaltige Literatur hervorgerufen, aus +welcher ich als Hauptwerke das vierbändige Buch von J. G. <span class="gesperrt">Frazer</span>, »Totemism +and Exogamy, 1910« und die Bücher und Schriften von <span class="gesperrt">Andrew Lang</span> (»The +secret of the Totem, 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des +Totemismus für die Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem +Schotten J. <span class="gesperrt">Ferguson Mc Lennan</span> (1869–70). Totemistische Institutionen +wurden oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern +Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen Inselwelt, in +Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche sonst schwer zu +deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber erschließen, daß der Totemismus +einst auch bei den arischen und semitischen Urvölkern Europas bestanden hat, so +daß viele Forscher geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene Phase +der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen. +</p> +<p> +Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem beizulegen, +d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage ihrer +sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer sexuellen Beschränkungen +zu machen? Es gibt darüber zahlreiche Theorien, deren Übersicht +der deutsche Leser in <span class="gesperrt">Wundt's</span> Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und +Religion) finden kann, aber keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des +Totemismus demnächst zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in +welcher dessen Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht +werden soll. +</p> +<p> +Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die Tatsachen +desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie oben versucht +wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man nicht Ausnahmen +oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber nicht vergessen, daß auch +die primitivsten und konservativsten Völker in gewissem Sinne alte Völker sind +und eine lange Zeit hinter sich haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel +Entwicklung und Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute +bei den Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des Verfalls, +der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und religiösen +Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen, die sich weit genug von +seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben mögen. Die Schwierigkeit liegt dann +darin, daß es nicht ganz leicht ist zu entscheiden, was an den aktuellen <ins title="Verhältnisses">Verhältnissen</ins> +als getreues Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung +derselben gefaßt werden darf. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">(4)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. Bd. I., p. 54. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">(5)</a> +Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber – wenigstens durch dieses +Verbot – der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. Bei väterlicher +Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die Kinder gleichfalls +Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den Töchtern verboten sein, +dem Sohne der Inzest mit der Mutter freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote +ergeben einen Hinweis darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die +väterliche, denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor +allem gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">(6)</a> +Sowie der meisten Totemvölker. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">(7)</a> +2. Auflage, 1902. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">(8)</a> +The Native Tribes of Central Australia, London 1899. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">(9)</a> +Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">(10)</a> +Artikel <em class="gesperrt">Totemism</em> in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage, 1911. +(A. <span class="gesperrt">Lang</span>). +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">(11)</a> +Auf diesen Punkt hat erst kürzlich <span class="gesperrt">Storfer</span> in seiner Studie: »Zur +Sonderstellung des Vatermordes. Schriften zur angewandten Seelenkunde«, +12. Heft, Wien, 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">(12)</a> +R. H. <span class="gesperrt">Codrington</span>, »The Melanesians« bei <span class="gesperrt">Frazer</span>, »Totemism +<ins title="d">and</ins> Exogamy«, Bd. <ins title="I.">II.</ins>, p. 77. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_13" href="#FNanchor_13" class="label">(13)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., p. 124, nach <span class="gesperrt">Kleintitschen</span>: Die Küstenbewohner +der Gazellen-Halbinsel. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_14" href="#FNanchor_14" class="label">(14)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 131, nach P. G. <span class="gesperrt">Peckel</span> in Anthropos 1908. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_15" href="#FNanchor_15" class="label">(15)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 147, nach Rev. L. <span class="gesperrt">Fison</span>. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_16" href="#FNanchor_16" class="label">(16)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c., II., pag. 189. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_17" href="#FNanchor_17" class="label">(17)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 388, nach <span class="gesperrt">Junod</span>. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_18" href="#FNanchor_18" class="label">(18)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 424. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_19" href="#FNanchor_19" class="label">(19)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 76. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_20" href="#FNanchor_20" class="label">(20)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 117, nach C. <span class="gesperrt">Ribbe</span>: Zwei Jahre unter den +Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_21" href="#FNanchor_21" class="label">(21)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 385. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_22" href="#FNanchor_22" class="label">(22)</a> +<span class="gesperrt">Frazer</span>, l. c. II., pag. 461. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_23" href="#FNanchor_23" class="label">(23)</a> +V. <span class="gesperrt">Crawley</span>: The mystic rose. London, 1902, pag. 405. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_24" href="#FNanchor_24" class="label">(24)</a> +<span class="gesperrt">Crawley</span>, l. c., pag. 407. +</p> +</div> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_25" href="#FNanchor_25" class="label">(25)</a> +<span class="gesperrt">Crawley</span>, l. c., pag. 401, nach <span class="gesperrt">Leslie</span>: Among the Zulus and +Amatongas. 1875. +</p> +</div> +</div> + + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_22">Seite 22</a>:<br/> +<span class="correction">»are</span> regarded with the utmost abhorrence and are punished<br/> +<span class="correction">are</span> regarded with the utmost abhorrence and are punished +</li> +<li><a href="#Page_30">Seite 30</a>:<br/> +der <span class="correction">«Nichtanerkennung</span>« (cutting) von seiten der Familie der Frau.<br/> +der <span class="correction">»Nichtanerkennung</span>« (cutting) von seiten der Familie der Frau. +</li> +<li><a href="#Page_32">Seite 32</a>:<br/> +und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen <span class="correction">gelernt</span>,<br/> +und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen <span class="correction">gelehrt</span>, +</li> +<li><a href="#Page_32">Seite 32</a>:<br/> +darum noch immer oder wiederum die inzestuösen <span class="correction">Fixirungen</span> der<br/> +darum noch immer oder wiederum die inzestuösen <span class="correction">Fixierungen</span> der +</li> +<li><a href="#Footnote_3">Fußnote 3:</a><br/> +darin, daß es nicht ganz leicht ist zu entscheiden, was an den aktuellen <span class="correction">Verhältnisses</span><br/> +darin, daß es nicht ganz leicht ist zu entscheiden, was an den aktuellen <span class="correction">Verhältnissen</span> +</li> +<li><a href="#Footnote_12">Fußnote 12:</a><br/> +<span class="correction">d</span> Exogamy«, Bd. <span class="correction">I.</span>, p. 77.<br/> +<span class="correction">and</span> Exogamy«, Bd. <span class="correction">II.</span>, p. 77. +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU *** + +***** This file should be named 37066-h.htm or 37066-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/0/6/37066/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/37066-h/images/deko.png b/37066-h/images/deko.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4750273 --- /dev/null +++ b/37066-h/images/deko.png diff --git a/37066-h/images/phrathrien.png b/37066-h/images/phrathrien.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4f1d385 --- /dev/null +++ b/37066-h/images/phrathrien.png diff --git a/37066-h/images/titelseite.jpg b/37066-h/images/titelseite.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..342bc2b --- 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