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+The Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inzestscheu
+ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker I
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 13, 2011 [EBook #37066]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I (1912). S. 17-33.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
+Neurotiker.
+
+Von SIGM. FREUD.
+
+I.
+
+DIE INZESTSCHEU.
+
+
+Einleitung.
+
+Von allem Anfang an hat die psychoanalytische Forschung auf
+Ähnlichkeiten und Analogien ihrer Ergebnisse am Seelenleben des
+Einzelwesens mit solchen der Völkerpsychologie hingewiesen. Es geschah
+dies, wie begreiflich, zuerst nur schüchtern, in bescheidenem Umfange
+und ging nicht über das Gebiet der Märchen und Mythen hinaus. Die
+Absicht solchen Ausgreifens war keine andere als die, ihren an sich
+recht unwahrscheinlichen Resultaten durch solche unerwartete
+Übereinstimmungen Glaubwürdigkeit zu schaffen.
+
+In den seither verflossenen anderthalb Jahrzehnten hat die Psychoanalyse
+aber Zutrauen zu ihrer Arbeit gewonnen; die nicht unansehnliche Schar
+von Forschern, die der Anregung eines einzelnen gefolgt sind, hat es zu
+einer befriedigenden Übereinstimmung in ihren Anschauungen gebracht, und
+nun scheint der Zeitpunkt günstig, um der über die Individualpsychologie
+hinausgreifenden Arbeit ein neues Ziel zu setzen. Es sollen nicht nur
+ähnliche Vorkommnisse und Zusammenhänge im Seelenleben der Völker
+aufgespürt werden, wie sie durch die Psychoanalyse beim Individuum ans
+Licht gezogen wurden, sondern auch der Versuch gewagt werden, was in der
+Völkerpsychologie dunkel oder zweifelhaft geblieben ist, durch die
+Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen. Die junge psychoanalytische
+Wissenschaft will gleichsam zurückerstatten, was sie in ihren Anfängen
+anderen Wissensgebieten zu danken hatte, und hofft, mehr wiedergeben zu
+können, als sie seinerzeit empfing.
+
+Eine Schwierigkeit des Unternehmens liegt in der Qualifikation der
+Männer, welche sich dieser neuen Aufgabe unterziehen. Es wäre vergeblich
+zu warten, bis die Mythenforscher, Religionspsychologen, Ethnologen,
+Linguisten usw. den Anfang machen, psychoanalytische Denkweisen auf ihr
+eignes Material anzuwenden. Die ersten Schritte in all diesen Richtungen
+müssen durchaus von jenen unternommen werden, die sich bisher als
+Psychiater oder Traumforscher in den Besitz der psychoanalytischen
+Technik und ihrer Ergebnisse gesetzt haben. Solche sind aber zunächst
+Laien auf anderen Wissensgebieten, und wenn sie mühselig einige Kenntnis
+darin erworben haben, Dilettanten oder im besten Falle Autodidakten.
+Ihre Leistungen werden Schwächen und Fehler nicht vermeiden können,
+welche der zünftige Forscher, der Fachmann, mit seiner Beherrschung des
+Materials und seiner Übung, es zu handhaben, leicht entdecken und
+vielleicht mit überlegenem Spott verfolgen wird. Möge er in Erwägung
+ziehen, daß unsere Arbeiten ja nichts anderes bezwecken, als ihm die
+Anregung zu bringen, daß er selbst es besser mache, indem er an den ihm
+vertrauten Stoff das Instrument versucht, welches wir ihm leihen können.
+
+Für die nachstehende kleine Arbeit muß ich aber noch eine andere
+Entschuldigung geltend machen, als daß sie den ersten Schritt des Autors
+bedeutet auf einem ihm bisher fremden Boden. Es kommt noch hinzu, daß
+sie infolge verschiedener äußerlicher Antriebe vorzeitig an das Licht
+der Öffentlichkeit gedrängt wurde, nach weit kürzerer Inkubationszeit
+als des Autors sonstige Mitteilungen, lange ehe ihm ermöglicht war, die
+reichhaltige Literatur des Gegenstandes durchzuarbeiten. Wenn ich
+trotzdem diese Veröffentlichung nicht aufgeschoben habe, so
+beschwichtigt mich die Erwägung, daß erste Arbeiten ohnedies meist darin
+fehlen, daß sie zuviel umfassen wollen und eine Vollständigkeit der
+Lösung anstreben, die, wie spätere Studien zeigen, fast niemals im
+ersten Anlauf zu erreichen ist. Es schadet also wenig, wenn man sich mit
+Absicht und Wissen auf eine kleine Probe beschränkt. Außerdem befindet
+sich der Autor in der Situation des Knaben, der im Walde ein Nest von
+köstlichen Beeren und guten Pilzen gefunden hat und nun den Gefährten
+ruft, ehe er selbst alle gepflückt hat, weil er sieht, daß er allein
+nicht imstande ist, die Fülle zu bewältigen.
+
+Parallele der ontogenetischen und der phylogenetischen Entwicklung des
+Seelenlebens.
+
+Für jeden an der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung
+Beteiligten war es ein denkwürdiger Moment, als C. G. _Jung_ auf einer
+privaten wissenschaftlichen Zusammenkunft durch einen seiner Schüler
+mitteilen ließ, daß die Phantasiebildungen gewisser Geisteskranker
+(Dementia praecox) in auffälligster Weise mit den mythologischen
+Kosmogenien alter Völker zusammenstimmten, von denen die ungebildeten
+Kranken eine wissenschaftliche Kunde unmöglich erhalten hatten(1). Es
+war hiemit nicht nur auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten
+psychischen Krankheitsproduktionen hingewiesen, sondern auch in
+nachdrücklichster Weise die Bedeutung des Parallelismus zwischen
+ontogenetischer und phylogenetischer Entwicklung auch für das
+Seelenleben betont. Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in
+die Nähe des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die
+Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen gemeinsam
+ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar sein.
+
+ (1) Auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg 1910. Der mit dem
+ Vortrag Betraute war der seither verstorbene, hochbegabte C.
+ _Honegger_. _Jung_ selbst und seine Schüler (_Nelken_, _Spielrein_)
+ haben die damals zuerst berührten Gesichtspunkte seither in anderen
+ Arbeiten weiter verfolgt. (Vgl. _Jung_ »Wandlungen und Symbole der
+ Libido,« Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische
+ Forschungen, Band III, 1911).
+
+Bedeutung der wilden Völker für die Psychologie.
+
+Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er
+durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die er uns
+hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und
+Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der
+Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die
+Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen.
+Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben
+Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe
+stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge
+und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die
+sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein
+besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene
+Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen.
+
+Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der
+»Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der
+Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt
+worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns
+gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen.
+
+Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Vergleichung
+jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten,
+armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des
+jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel
+Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.
+
+Die Australier als Beispiel eines wilden Volksstammes.
+
+Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet,
+die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nächsten
+Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Völkern
+erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den
+Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht
+einmal die Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem
+Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die
+sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die
+Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen
+Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von
+Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme
+im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den härtesten
+Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver
+zu sein als die der Küste nahewohnenden.
+
+Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht erwarten, daß
+sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen
+Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch
+erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster
+Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziel
+gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser
+Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden
+zu sein.
+
+Der Totemismus.
+
+An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet
+sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen
+Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder
+nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein
+Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener
+eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem
+besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens
+der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der
+ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder
+kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen,
+sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten
+(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst
+bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem
+Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung.
+Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, an denen die Totemgenossen in
+zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem
+darstellen oder nachahmen.
+
+Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie
+erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche
+und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit
+zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des
+Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus,
+und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2).
+
+ (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is
+ stronger than the bond of blood or family in the modern sense.
+
+An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen
+wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern anderer Totem
+friedlich beisammen(3).
+
+ (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne
+ Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der
+ Form _Totam_ 1791 durch den Engländer J. _Long_ von den Rothäuten
+ Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich
+ in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reichhaltige
+ Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das
+ vierbändige Buch von J. G. _Frazer_, »Totemism and Exogamy, 1910« und
+ die Bücher und Schriften von _Andrew Lang_ (»The secret of the Totem,
+ 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die
+ Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J.
+ _Ferguson Mc Lennan_ (1869-70). Totemistische Institutionen wurden
+ oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern
+ Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen
+ Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche
+ sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber
+ erschließen, daß der Totemismus einst auch bei den arischen und
+ semitischen Urvölkern Europas bestanden hat, so daß viele Forscher
+ geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene Phase der
+ menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen.
+
+ Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem
+ beizulegen, d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage
+ ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer
+ sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber zahlreiche
+ Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser in _Wundt's_
+ Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber
+ keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst
+ zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen
+ Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden
+ soll.
+
+ Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die
+ Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie
+ oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man
+ nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber
+ nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker
+ in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich
+ haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und
+ Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den
+ Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des
+ Verfalls, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und
+ religiösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen,
+ die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben
+ mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues
+ Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung
+ derselben gefaßt werden darf.
+
+Die Exogamie.
+
+Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen
+Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers
+sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das
+Gesetz, daß _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche
+Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten
+dürfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_.
+
+Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch
+nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem
+bisher erfahren haben, man versteht also nicht, wie es in das System des
+Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn
+manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich -- im
+Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu
+tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen
+notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie
+immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht
+und erweist sich als eine sehr feste.
+
+Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Erörterungen
+klar.
+
+a) Die Uebertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen
+automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei
+den anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern
+wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es, eine
+die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende
+Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buch von _Frazer_(4) mögen
+zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe
+sonst recht unsittlichen Wilden behandelt werden.
+
+ (4) _Frazer_, l. c. Bd. I., p. 54.
+
+»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person
+of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the
+same local group or has been captured in war from another tribe; a man
+of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by
+his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed
+in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In
+the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the
+man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she
+is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that
+she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions
+are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
+with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).«
+
+b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt
+wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere,
+z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.
+
+c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert wird,
+so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit
+leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem
+Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder,
+Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die
+Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen
+Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht(5).
+
+ (5) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses
+ Verbot -- der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen.
+ Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die
+ Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den
+ Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter
+ freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis
+ darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche,
+ denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem
+ gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind.
+
+d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit dem
+Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die
+Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne
+auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe
+unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht
+blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte
+behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen
+Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei
+zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht
+ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem
+(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem
+gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in
+dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als
+absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt.
+
+So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von
+Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht
+gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandtschaft
+durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen
+Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten,
+daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen.
+
+Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die
+Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit der
+Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich daran
+denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden
+Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die
+Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung des
+Verbots nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu
+bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und
+festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche
+Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.
+
+Die klassifizierenden Verwandtschafts-Namen.
+
+Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme(6) weist eine
+Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang
+gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich
+bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern
+zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehören nach
+dem Ausdrucke L. H. _Morgan's_ dem »_Klassifizierenden_« System an. Das
+will heissen, ein Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern
+auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter
+hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt »Mutter«
+jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der
+Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt »Brüder«,
+»Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch
+die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen
+Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei
+Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine
+Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem
+Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische
+Beziehungen. Eine Annäherung an dieses klassifikatorische System findet
+sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird,
+jeden Freund und jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu
+begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«,
+»Schwestern in Christo« sprechen.
+
+ (6) Sowie der meisten Totemvölker.
+
+Die Gruppenehe.
+
+Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs ergibt
+sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heiratsinstitution
+auffaßt, die der Rev. L. _Fison_ »_Gruppenehe_« genannt
+hat, deren Wesen darin besteht, dass eine gewisse Anzahl von
+Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die
+Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister
+betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und
+alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten.
+
+Obwohl manche Autoren, wie z. B. _Westermarck_ in seiner »Geschichte der
+menschlichen Ehe(7)«, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere
+aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so
+stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin
+überein, dass die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Ueberrest
+aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und
+_Gillen_(8) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen
+der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die
+Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe
+vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache
+und Sitten zurückzulassen.
+
+ (7) 2. Auflage, 1902.
+
+ (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899.
+
+Der Gruppeninzest.
+
+Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns
+das scheinbare Uebermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben
+Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot
+des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint
+als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches
+dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.
+
+Die Heiratsklassen (Phrathrien).
+
+Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens in
+ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, daß
+die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick
+verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige
+Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke
+zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei
+Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathry)
+genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine
+Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede
+Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also
+in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den
+Totemsippen.
+
+Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation eines
+australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus:
+
+ Phrathrien
+
+ a b
+ / \ / \
+ / \ .......... / \
+ / \ .... / ...... \
+ / \ ... / ...\
+ Subphrathrien c . d ... . e f
+ /|\ .... /|\ ..... /|\ /|\
+ / | \ .... / | \ ...... / | \ / | \
+ / | \ .../..|..\ . / | \ / | \
+ / | \ / | \ / | \ / | \
+ Totem .... α β γ δ ε η 1 2 3 4 5 6
+
+Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen
+untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c) bildet
+mit e), die Subklasse d) mit f) eine exogame Einheit. Der Erfolg, also
+die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf
+diesem Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen
+Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre
+jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen
+Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur
+Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese
+Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem α) kann nur eine Frau der
+Sippen 1 bis 6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt
+die Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem α) muß seine Ehewahl auf
+die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken.
+
+ (9) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt.
+
+Beziehungen zwischen Totem und Heiratsklassen.
+
+Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen
+Stämmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus
+ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen
+wollen wie die Totemexogamie, und auch noch mehr anstreben. Aber während
+die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die
+entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die
+komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und
+der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu
+entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm,
+weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das
+Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen
+Verpflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft
+sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie
+angestrebten Regelung der Ehewahl.
+
+In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein
+Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests
+hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu
+verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit
+jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft
+ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10).
+
+ (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage,
+ 1911. (A. _Lang_).
+
+Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außerordentlich
+verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung
+der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem tiefer
+eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die große
+Sorgfalt, welche die Australier, sowie andere wilde Völker, zur
+Verhütung des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind
+selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die
+Versuchung näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe
+bedürfen.
+
+ (11) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich _Storfer_ in seiner Studie:
+ »Zur Sonderstellung des Vatermordes. Schriften zur angewandten
+ Seelenkunde«, 12. Heft, Wien, 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht.
+
+Die »Vermeidungen« als weitere Schutzmittel gegen den Inzest.
+
+Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der
+Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich
+gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von
+»Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter
+in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge
+eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen
+kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen«
+(avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen
+Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen,
+mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb
+zu nehmen.
+
+Beispiele von Vermeidungen zwischen Geschwistern usw.
+
+In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den
+Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf
+_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten
+Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er
+jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein
+Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine
+Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine
+Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen
+niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so
+muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse
+Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen
+nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal
+ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu
+gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese
+Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze
+Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem
+Sohn nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der
+Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht
+selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut
+an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern
+»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und
+Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht
+vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12).
+
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and
+ Exogamy«, Bd. II., p. 77.
+
+Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von
+ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch
+seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer
+Umschreibung(13).
+
+ (13) _Frazer_, l. c. II., p. 124, nach _Kleintitschen_: Die
+ Küstenbewohner der Gazellen-Halbinsel.
+
+Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von
+solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie
+dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine
+Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten
+mit einander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist
+der Tod durch Erhängen(14).
+
+ (14) _Frazer_, l. c. II., pag. 131, nach P. G. _Peckel_ in Anthropos
+ 1908.
+
+Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge;
+sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die
+Gruppenschwester. Umso sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß
+diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen
+Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir
+es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbots zu
+verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15).
+
+ (15) _Frazer_, l. c. II., pag. 147, nach Rev. L. _Fison_.
+
+Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle
+nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen _Batta_ z. B. höchst
+anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu
+begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester
+unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind.
+Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor,
+wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter
+bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische
+Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie
+leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne
+weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu
+ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher
+Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üble Folgen erwarten, tuen
+sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote
+auszuweichen(16).
+
+ (16) _Frazer_, l. c., II., pag. 189.
+
+Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten
+merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des
+Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person
+irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus
+einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut
+sich nicht in ihre Hütte einzutreten und begrüßt sie nur mit zitternder
+Stimme(17).
+
+ (17) _Frazer_, l. c. II., pag. 388, nach _Junod_.
+
+Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein
+Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte.
+Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem
+eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn
+auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn
+hinzusetzen und benimmt sich so bis zu dem Momente ihrer Verlobung. Von
+der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den
+Weg gelegt(18).
+
+ (18) _Frazer_, l. c. II., pag. 424.
+
+Die Vermeidung der Schwiegermutter.
+
+Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker
+interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem
+Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz
+allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den
+Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der
+Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus.
+Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen
+Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht
+so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide
+Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.
+
+Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den
+Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren,
+werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele
+beschränken.
+
+Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich
+genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die
+seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt
+das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder
+er tut das nämliche.
+
+In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter
+seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut
+nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen
+sie aus einer gewissen Entfernung mit einander sprechen. Es ist ganz
+ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht
+oder sie den ihres Schwiegersohnes(19).
+
+ (19) _Frazer_, l. c. II., pag. 76.
+
+Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine
+Schwiegermutter weder sehen noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet,
+tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so schnell er
+kann, davon, um sich zu verstecken(20).
+
+ (20) _Frazer_, l. c. II., pag. 117, nach C. _Ribbe_: Zwei Jahre unter
+ den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905.
+
+Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner
+Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft
+auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet,
+und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem
+sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors
+Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können, und das Weib
+nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein
+Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der
+Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt
+werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn
+sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals zwischen sich
+haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund
+nehmen(21).
+
+ (21) _Frazer_, l. c. II., pag. 385.
+
+Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein
+Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen
+Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk
+verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei
+Haustieren nicht straflos läßt(22).
+
+ (22) _Frazer_, l. c. II., pag. 461.
+
+Verschiedene Deutungen der Schwiegermuttervermeidung.
+
+Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen
+Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen
+Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben
+die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von
+manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht
+unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung
+zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau
+entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu
+sein(23).
+
+ (23) V. _Crawley_: The mystic rose. London, 1902, pag. 405.
+
+Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben,
+der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin
+eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner
+Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer
+besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft.
+
+Sir J. _Lubbock_ führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das
+Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige
+Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich
+bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen
+sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde
+auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch
+an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird _Crawley_ leicht zu
+zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der
+tatsächlichen Beobachtung deckt.
+
+E. B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von seiten der
+Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung«
+(cutting) von seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder,
+und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von
+den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt,
+unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der
+Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter
+nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie
+dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher
+in den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt(24).
+
+ (24) _Crawley_, l. c., pag. 407.
+
+Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt wurde, gab
+die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die
+Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben(25).
+
+ (25) _Crawley_, l. c., pag. 401, nach _Leslie_: Among the Zulus and
+ Amatongas. 1875.
+
+Psychoanalytische Auffassung des Verhältnisses zur Schwiegermutter.
+
+Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und
+Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten
+der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der
+weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für
+die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn
+solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen
+wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt
+hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre
+Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den
+beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vorneherein
+ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der
+psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas
+enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr
+Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade
+das Schwiegermutterthema so gerne zum Objekt nimmt, scheint mir darauf
+hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem
+Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich
+meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus
+widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes
+ist.
+
+Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von seiten der
+Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten,
+das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz,
+eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause
+eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem
+fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen,
+die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not
+least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der
+Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl
+zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele
+gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend,
+Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau
+wertvoll machen.
+
+Unbewußte inzestuöse Anteile an dieser Beziehung.
+
+Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische
+Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen
+Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der
+Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht
+ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf
+der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben.
+Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder,
+Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu
+den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern;
+es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den
+Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt
+so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche
+Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der
+Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann --
+mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen seelischen
+Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer
+Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der
+Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder
+die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der mit
+einander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht
+häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der
+Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte,
+zärtliche, umso sicherer zu unterdrücken.
+
+Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch
+ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der
+Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter,
+vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt;
+infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teueren
+Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren
+Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner
+Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich
+eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken; aber dieser
+widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die
+Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der
+Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so
+daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm
+die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und
+Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die
+Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn
+darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann
+manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe
+seine Neigung auf deren Tochter übergeht.
+
+Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der
+inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen
+Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden
+also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser
+primitiven Völker die ursprünglich von _Fison_ geäußerte Meinung
+bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen
+den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen
+Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe
+der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die
+Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das
+Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine
+Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter.
+
+Die Inzestscheu der Wilden ist ein infantiler Zug, der sich beim
+Neurotiker wiederfindet.
+
+Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu
+zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der
+psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden
+können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt
+worden, und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung
+hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug
+und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des
+Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle
+Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten,
+Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
+auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei
+macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des
+psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von
+den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er
+ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In
+seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die
+inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern
+für den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser
+Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den
+allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung
+wird z. B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in
+immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte
+des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und
+Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu
+glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung
+des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen
+Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden
+Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit
+bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und
+der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten.
+
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnisses als getreues
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues
+
+ are strictly observed, any violations of these prohibitions »are regarded
+ are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
+
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism d
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and
+
+ Exogamy«, Bd. I., p. 77.
+ Exogamy«, Bd. II., p. 77.
+
+ Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der «Nichtanerkennung«
+ Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung«
+
+ Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelernt,
+ Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
+
+ inzestuösen Fixirungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+ inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
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+
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
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+ gbnewby@pglaf.org
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+
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+Literary Archive Foundation
+
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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index 0000000..d74abae
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@@ -0,0 +1,1292 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inzestscheu
+ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker I
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 13, 2011 [EBook #37066]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften I (1912). S. 17-33.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
+Neurotiker.
+
+Von SIGM. FREUD.
+
+I.
+
+DIE INZESTSCHEU.
+
+
+Einleitung.
+
+Von allem Anfang an hat die psychoanalytische Forschung auf
+Ähnlichkeiten und Analogien ihrer Ergebnisse am Seelenleben des
+Einzelwesens mit solchen der Völkerpsychologie hingewiesen. Es geschah
+dies, wie begreiflich, zuerst nur schüchtern, in bescheidenem Umfange
+und ging nicht über das Gebiet der Märchen und Mythen hinaus. Die
+Absicht solchen Ausgreifens war keine andere als die, ihren an sich
+recht unwahrscheinlichen Resultaten durch solche unerwartete
+Übereinstimmungen Glaubwürdigkeit zu schaffen.
+
+In den seither verflossenen anderthalb Jahrzehnten hat die Psychoanalyse
+aber Zutrauen zu ihrer Arbeit gewonnen; die nicht unansehnliche Schar
+von Forschern, die der Anregung eines einzelnen gefolgt sind, hat es zu
+einer befriedigenden Übereinstimmung in ihren Anschauungen gebracht, und
+nun scheint der Zeitpunkt günstig, um der über die Individualpsychologie
+hinausgreifenden Arbeit ein neues Ziel zu setzen. Es sollen nicht nur
+ähnliche Vorkommnisse und Zusammenhänge im Seelenleben der Völker
+aufgespürt werden, wie sie durch die Psychoanalyse beim Individuum ans
+Licht gezogen wurden, sondern auch der Versuch gewagt werden, was in der
+Völkerpsychologie dunkel oder zweifelhaft geblieben ist, durch die
+Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen. Die junge psychoanalytische
+Wissenschaft will gleichsam zurückerstatten, was sie in ihren Anfängen
+anderen Wissensgebieten zu danken hatte, und hofft, mehr wiedergeben zu
+können, als sie seinerzeit empfing.
+
+Eine Schwierigkeit des Unternehmens liegt in der Qualifikation der
+Männer, welche sich dieser neuen Aufgabe unterziehen. Es wäre vergeblich
+zu warten, bis die Mythenforscher, Religionspsychologen, Ethnologen,
+Linguisten usw. den Anfang machen, psychoanalytische Denkweisen auf ihr
+eignes Material anzuwenden. Die ersten Schritte in all diesen Richtungen
+müssen durchaus von jenen unternommen werden, die sich bisher als
+Psychiater oder Traumforscher in den Besitz der psychoanalytischen
+Technik und ihrer Ergebnisse gesetzt haben. Solche sind aber zunächst
+Laien auf anderen Wissensgebieten, und wenn sie mühselig einige Kenntnis
+darin erworben haben, Dilettanten oder im besten Falle Autodidakten.
+Ihre Leistungen werden Schwächen und Fehler nicht vermeiden können,
+welche der zünftige Forscher, der Fachmann, mit seiner Beherrschung des
+Materials und seiner Übung, es zu handhaben, leicht entdecken und
+vielleicht mit überlegenem Spott verfolgen wird. Möge er in Erwägung
+ziehen, daß unsere Arbeiten ja nichts anderes bezwecken, als ihm die
+Anregung zu bringen, daß er selbst es besser mache, indem er an den ihm
+vertrauten Stoff das Instrument versucht, welches wir ihm leihen können.
+
+Für die nachstehende kleine Arbeit muß ich aber noch eine andere
+Entschuldigung geltend machen, als daß sie den ersten Schritt des Autors
+bedeutet auf einem ihm bisher fremden Boden. Es kommt noch hinzu, daß
+sie infolge verschiedener äußerlicher Antriebe vorzeitig an das Licht
+der Öffentlichkeit gedrängt wurde, nach weit kürzerer Inkubationszeit
+als des Autors sonstige Mitteilungen, lange ehe ihm ermöglicht war, die
+reichhaltige Literatur des Gegenstandes durchzuarbeiten. Wenn ich
+trotzdem diese Veröffentlichung nicht aufgeschoben habe, so
+beschwichtigt mich die Erwägung, daß erste Arbeiten ohnedies meist darin
+fehlen, daß sie zuviel umfassen wollen und eine Vollständigkeit der
+Lösung anstreben, die, wie spätere Studien zeigen, fast niemals im
+ersten Anlauf zu erreichen ist. Es schadet also wenig, wenn man sich mit
+Absicht und Wissen auf eine kleine Probe beschränkt. Außerdem befindet
+sich der Autor in der Situation des Knaben, der im Walde ein Nest von
+köstlichen Beeren und guten Pilzen gefunden hat und nun den Gefährten
+ruft, ehe er selbst alle gepflückt hat, weil er sieht, daß er allein
+nicht imstande ist, die Fülle zu bewältigen.
+
+Parallele der ontogenetischen und der phylogenetischen Entwicklung des
+Seelenlebens.
+
+Für jeden an der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung
+Beteiligten war es ein denkwürdiger Moment, als C. G. _Jung_ auf einer
+privaten wissenschaftlichen Zusammenkunft durch einen seiner Schüler
+mitteilen ließ, daß die Phantasiebildungen gewisser Geisteskranker
+(Dementia praecox) in auffälligster Weise mit den mythologischen
+Kosmogenien alter Völker zusammenstimmten, von denen die ungebildeten
+Kranken eine wissenschaftliche Kunde unmöglich erhalten hatten(1). Es
+war hiemit nicht nur auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten
+psychischen Krankheitsproduktionen hingewiesen, sondern auch in
+nachdrücklichster Weise die Bedeutung des Parallelismus zwischen
+ontogenetischer und phylogenetischer Entwicklung auch für das
+Seelenleben betont. Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in
+die Nähe des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die
+Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen gemeinsam
+ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar sein.
+
+ (1) Auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg 1910. Der mit dem
+ Vortrag Betraute war der seither verstorbene, hochbegabte C.
+ _Honegger_. _Jung_ selbst und seine Schüler (_Nelken_, _Spielrein_)
+ haben die damals zuerst berührten Gesichtspunkte seither in anderen
+ Arbeiten weiter verfolgt. (Vgl. _Jung_ »Wandlungen und Symbole der
+ Libido,« Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische
+ Forschungen, Band III, 1911).
+
+Bedeutung der wilden Völker für die Psychologie.
+
+Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er
+durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler und Geräte, die er uns
+hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und
+Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der
+Tradition in Sagen, Mythen und Märchen erhalten haben, durch die
+Überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen.
+Außerdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben
+Menschen, von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe
+stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge
+und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die
+sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren Seelenleben ein
+besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene
+Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen.
+
+Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der
+»Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde sie lehrt, mit der
+Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt
+worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns
+gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen.
+
+Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese Vergleichung
+jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten,
+armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des
+jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel
+Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.
+
+Die Australier als Beispiel eines wilden Volksstammes.
+
+Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet,
+die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren nächsten
+Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen Völkern
+erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den
+Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht
+einmal die Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem
+Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die
+sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die
+Versammlung der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen
+Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von
+Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme
+im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den härtesten
+Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver
+zu sein als die der Küste nahewohnenden.
+
+Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß nicht erwarten, daß
+sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen
+Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch
+erfahren wir, daß sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster
+Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziel
+gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser
+Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden
+zu sein.
+
+Der Totemismus.
+
+An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen findet
+sich bei den Australiern das System des _Totemismus_. Die australischen
+Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder
+nach seinem _Totem_ benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein
+Tier, ein eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener
+eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem
+besonderen Verhältnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens
+der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der
+ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder
+kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen,
+sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten
+(vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst
+bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem
+Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung.
+Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, an denen die Totemgenossen in
+zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem
+darstellen oder nachahmen.
+
+Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie
+erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche
+und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit
+zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des
+Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit hinaus,
+und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2).
+
+ (2) _Frazer_, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond is
+ stronger than the bond of blood or family in the modern sense.
+
+An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen
+wohnen von einander getrennt und mit den Anhängern anderer Totem
+friedlich beisammen(3).
+
+ (3) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne
+ Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der
+ Form _Totam_ 1791 durch den Engländer J. _Long_ von den Rothäuten
+ Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich
+ in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reichhaltige
+ Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das
+ vierbändige Buch von J. G. _Frazer_, »Totemism and Exogamy, 1910« und
+ die Bücher und Schriften von _Andrew Lang_ (»The secret of the Totem,
+ 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für die
+ Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten J.
+ _Ferguson Mc Lennan_ (1869-70). Totemistische Institutionen wurden
+ oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern
+ Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen
+ Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche
+ sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber
+ erschließen, daß der Totemismus einst auch bei den arischen und
+ semitischen Urvölkern Europas bestanden hat, so daß viele Forscher
+ geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene Phase der
+ menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen.
+
+ Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem
+ beizulegen, d. h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage
+ ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer
+ sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber zahlreiche
+ Theorien, deren Übersicht der deutsche Leser in _Wundt's_
+ Völkerpsychologie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber
+ keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst
+ zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen
+ Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden
+ soll.
+
+ Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die
+ Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie
+ oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man
+ nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber
+ nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker
+ in gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich
+ haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und
+ Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den
+ Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des
+ Verfalls, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und
+ religiösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen,
+ die sich weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben
+ mögen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues
+ Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung
+ derselben gefaßt werden darf.
+
+Die Exogamie.
+
+Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen
+Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers
+sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das
+Gesetz, daß _Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche
+Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten
+dürfen_. Das ist die mit dem Totem verbundene _Exogamie_.
+
+Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch
+nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem
+bisher erfahren haben, man versteht also nicht, wie es in das System des
+Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn
+manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich -- im
+Beginn der Zeiten und dem Sinne nach -- nichts mit dem Totemismus zu
+tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen
+notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie
+immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht
+und erweist sich als eine sehr feste.
+
+Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Erörterungen
+klar.
+
+a) Die Uebertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen
+automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei
+den anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu töten), sondern
+wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es, eine
+die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende
+Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buch von _Frazer_(4) mögen
+zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe
+sonst recht unsittlichen Wilden behandelt werden.
+
+ (4) _Frazer_, l. c. Bd. I., p. 54.
+
+»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person
+of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the
+same local group or has been captured in war from another tribe; a man
+of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by
+his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed
+in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In
+the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the
+man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she
+is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that
+she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions
+are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
+with the utmost abhorrence and are punished by death (_Howitt_).«
+
+b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt
+wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere,
+z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.
+
+c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht verändert wird,
+so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit
+leicht übersehen. Gehört der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem
+Känguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder,
+Knaben und Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die
+Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen
+Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht(5).
+
+ (5) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber -- wenigstens durch dieses
+ Verbot -- der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen.
+ Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die
+ Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den
+ Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter
+ freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis
+ darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche,
+ denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem
+ gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind.
+
+d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß die mit dem
+Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die
+Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne
+auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe
+unmöglich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht
+blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte
+behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser großartigen
+Einschränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei
+zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht
+ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die Rolle des Totem
+(Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem
+gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in
+dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als
+absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt.
+
+So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von
+Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht
+gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale Blutsverwandtschaft
+durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen
+Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten,
+daß die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschließen.
+
+Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die
+Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht mit der
+Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt. Man müßte freilich daran
+denken, daß bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden
+Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die
+Inzestverhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung des
+Verbots nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu
+bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Bedingungen und
+festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschließliche
+Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.
+
+Die klassifizierenden Verwandtschafts-Namen.
+
+Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme(6) weist eine
+Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang
+gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich
+bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern
+zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie gehören nach
+dem Ausdrucke L. H. _Morgan's_ dem »_Klassifizierenden_« System an. Das
+will heissen, ein Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern
+auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter
+hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt »Mutter«
+jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung der
+Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er heißt »Brüder«,
+»Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch
+die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen
+Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei
+Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine
+Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem
+Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische
+Beziehungen. Eine Annäherung an dieses klassifikatorische System findet
+sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird,
+jeden Freund und jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu
+begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«,
+»Schwestern in Christo« sprechen.
+
+ (6) Sowie der meisten Totemvölker.
+
+Die Gruppenehe.
+
+Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs ergibt
+sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heiratsinstitution
+auffaßt, die der Rev. L. _Fison_ »_Gruppenehe_« genannt
+hat, deren Wesen darin besteht, dass eine gewisse Anzahl von
+Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die
+Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister
+betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und
+alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten.
+
+Obwohl manche Autoren, wie z. B. _Westermarck_ in seiner »Geschichte der
+menschlichen Ehe(7)«, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere
+aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so
+stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin
+überein, dass die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Ueberrest
+aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach _Spencer_ und
+_Gillen_(8) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den Stämmen
+der _Urabunna_ und der _Dieri_ noch als heute bestehend feststellen. Die
+Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der individuellen Ehe
+vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache
+und Sitten zurückzulassen.
+
+ (7) 2. Auflage, 1902.
+
+ (8) The Native Tribes of Central Australia, London 1899.
+
+Der Gruppeninzest.
+
+Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns
+das scheinbare Uebermaß von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben
+Völkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot
+des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint
+als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches
+dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.
+
+Die Heiratsklassen (Phrathrien).
+
+Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden Australiens in
+ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, daß
+die wirklichen Verhältnisse eine weit größere, auf den ersten Anblick
+verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige
+Stämme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke
+zeigen. Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei
+Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathry)
+genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine
+Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede
+Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also
+in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den
+Totemsippen.
+
+Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation eines
+australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus:
+
+ Phrathrien
+
+ a b
+ / \ / \
+ / \ .......... / \
+ / \ .... / ...... \
+ / \ ... / ...\
+ Subphrathrien c . d ... . e f
+ /|\ .... /|\ ..... /|\ /|\
+ / | \ .... / | \ ...... / | \ / | \
+ / | \ .../..|..\ . / | \ / | \
+ / | \ / | \ / | \ / | \
+ Totem .... A B C D E F 1 2 3 4 5 6
+
+Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen
+untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c) bildet
+mit e), die Subklasse d) mit f) eine exogame Einheit. Der Erfolg, also
+die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf
+diesem Wege eine weitere Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen
+Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre
+jedem Mitglied einer Sippe -- bei Voraussetzung der gleichen
+Menschenanzahl in jeder Sippe -- 11/12 aller Frauen des Stammes zur
+Auswahl zugänglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese
+Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem A) kann nur eine Frau der
+Sippen 1 bis 6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt
+die Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem A) muß seine Ehewahl auf
+die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken.
+
+ (9) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt.
+
+Beziehungen zwischen Totem und Heiratsklassen.
+
+Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen -- deren bei einigen
+Stämmen bis zu acht vorkommen -- zu den Totemsippen sind durchaus
+ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen dasselbe erreichen
+wollen wie die Totemexogamie, und auch noch mehr anstreben. Aber während
+die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die
+entstanden ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die
+komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und
+der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter Gesetzgebung zu
+entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm,
+weil der Einfluß des Totem im Nachlassen war. Und während das
+Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen
+Verpflichtungen und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft
+sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie
+angestrebten Regelung der Ehewahl.
+
+In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein
+Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests
+hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu
+verbieten, ähnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit
+jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft
+ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10).
+
+ (10) Artikel _Totemism_ in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage,
+ 1911. (A. _Lang_).
+
+Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die außerordentlich
+verwickelten und ungeklärten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung
+der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis zum Totem tiefer
+eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die große
+Sorgfalt, welche die Australier, sowie andere wilde Völker, zur
+Verhütung des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind
+selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die
+Versuchung näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe
+bedürfen.
+
+ (11) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich _Storfer_ in seiner Studie:
+ »Zur Sonderstellung des Vatermordes. Schriften zur angewandten
+ Seelenkunde«, 12. Heft, Wien, 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht.
+
+Die »Vermeidungen« als weitere Schutzmittel gegen den Inzest.
+
+Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der
+Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich
+gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von
+»Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter
+in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge
+eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen
+kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen«
+(avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen
+Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen,
+mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb
+zu nehmen.
+
+Beispiele von Vermeidungen zwischen Geschwistern usw.
+
+In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den
+Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf
+_Lepers Island_, einer der _Neuhebriden_, der Knabe von einem bestimmten
+Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er
+jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein
+Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine
+Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine
+Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen
+niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so
+muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse
+Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen
+nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal
+ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu
+gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese
+Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze
+Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem
+Sohn nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der
+Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht
+selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut
+an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern
+»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in _Neukaledonien_. Wenn Bruder und
+Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht
+vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12).
+
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and
+ Exogamy«, Bd. II., p. 77.
+
+Auf der _Gazellen-Halbinsel_ in _Newbritannien_ darf eine Schwester von
+ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch
+seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer
+Umschreibung(13).
+
+ (13) _Frazer_, l. c. II., p. 124, nach _Kleintitschen_: Die
+ Küstenbewohner der Gazellen-Halbinsel.
+
+Auf _Neumecklenburg_ werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von
+solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie
+dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine
+Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten
+mit einander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist
+der Tod durch Erhängen(14).
+
+ (14) _Frazer_, l. c. II., pag. 131, nach P. G. _Peckel_ in Anthropos
+ 1908.
+
+Auf den _Fiji-Inseln_ sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge;
+sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die
+Gruppenschwester. Umso sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß
+diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen
+Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir
+es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbots zu
+verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15).
+
+ (15) _Frazer_, l. c. II., pag. 147, nach Rev. L. _Fison_.
+
+Unter den _Battas_ auf _Sumatra_ betreffen die Vermeidungsgebote alle
+nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen _Batta_ z. B. höchst
+anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu
+begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester
+unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind.
+Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor,
+wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter
+bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische
+Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie
+leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne
+weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu
+ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher
+Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üble Folgen erwarten, tuen
+sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote
+auszuweichen(16).
+
+ (16) _Frazer_, l. c., II., pag. 189.
+
+Bei den _Barongos_ an der _Delagoa_-Bucht in Afrika gelten
+merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des
+Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person
+irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus
+einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut
+sich nicht in ihre Hütte einzutreten und begrüßt sie nur mit zitternder
+Stimme(17).
+
+ (17) _Frazer_, l. c. II., pag. 388, nach _Junod_.
+
+Bei den _Akamba_ (oder _Wakamba_) in Britisch-Ostafrika herrscht ein
+Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte.
+Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem
+eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn
+auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn
+hinzusetzen und benimmt sich so bis zu dem Momente ihrer Verlobung. Von
+der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den
+Weg gelegt(18).
+
+ (18) _Frazer_, l. c. II., pag. 424.
+
+Die Vermeidung der Schwiegermutter.
+
+Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker
+interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem
+Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz
+allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den
+Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der
+Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus.
+Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen
+Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht
+so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide
+Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.
+
+Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den
+Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren,
+werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele
+beschränken.
+
+Auf den _Banks-Inseln_ sind diese Gebote sehr strenge und peinlich
+genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die
+seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt
+das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder
+er tut das nämliche.
+
+In _Vanna Lava_ (_Port Patteson_) wird ein Mann nicht einmal hinter
+seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut
+nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen
+sie aus einer gewissen Entfernung mit einander sprechen. Es ist ganz
+ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht
+oder sie den ihres Schwiegersohnes(19).
+
+ (19) _Frazer_, l. c. II., pag. 76.
+
+Auf den _Salomons-Inseln_ darf der Mann von seiner Heirat an seine
+Schwiegermutter weder sehen noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet,
+tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so schnell er
+kann, davon, um sich zu verstecken(20).
+
+ (20) _Frazer_, l. c. II., pag. 117, nach C. _Ribbe_: Zwei Jahre unter
+ den Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905.
+
+Bei den _Zulukaffern_ verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner
+Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft
+auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet,
+und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem
+sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors
+Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können, und das Weib
+nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein
+Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der
+Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt
+werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn
+sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals zwischen sich
+haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund
+nehmen(21).
+
+ (21) _Frazer_, l. c. II., pag. 385.
+
+Bei den _Basoga_, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein
+Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen
+Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk
+verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei
+Haustieren nicht straflos läßt(22).
+
+ (22) _Frazer_, l. c. II., pag. 461.
+
+Verschiedene Deutungen der Schwiegermuttervermeidung.
+
+Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen
+Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen
+Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben
+die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von
+manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht
+unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung
+zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau
+entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu
+sein(23).
+
+ (23) V. _Crawley_: The mystic rose. London, 1902, pag. 405.
+
+Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von _Fison_ erhoben,
+der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin
+eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner
+Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer
+besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft.
+
+Sir J. _Lubbock_ führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das
+Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige
+Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich
+bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen
+sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde
+auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch
+an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird _Crawley_ leicht zu
+zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der
+tatsächlichen Beobachtung deckt.
+
+E. B. _Tylor_ meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von seiten der
+Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung«
+(cutting) von seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder,
+und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von
+den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt,
+unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der
+Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter
+nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie
+dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher
+in den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt(24).
+
+ (24) _Crawley_, l. c., pag. 407.
+
+Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt wurde, gab
+die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die
+Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben(25).
+
+ (25) _Crawley_, l. c., pag. 401, nach _Leslie_: Among the Zulus and
+ Amatongas. 1875.
+
+Psychoanalytische Auffassung des Verhältnisses zur Schwiegermutter.
+
+Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und
+Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten
+der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der
+weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für
+die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn
+solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen
+wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt
+hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre
+Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den
+beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vorneherein
+ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der
+psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas
+enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr
+Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade
+das Schwiegermutterthema so gerne zum Objekt nimmt, scheint mir darauf
+hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem
+Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich
+meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus
+widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes
+ist.
+
+Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von seiten der
+Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten,
+das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz,
+eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause
+eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem
+fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen,
+die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not
+least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der
+Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl
+zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele
+gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend,
+Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau
+wertvoll machen.
+
+Unbewußte inzestuöse Anteile an dieser Beziehung.
+
+Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische
+Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen
+Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der
+Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht
+ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf
+der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben.
+Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder,
+Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu
+den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern;
+es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den
+Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt
+so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche
+Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der
+Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann --
+mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen seelischen
+Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer
+Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der
+Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder
+die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der mit
+einander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht
+häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der
+Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte,
+zärtliche, umso sicherer zu unterdrücken.
+
+Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch
+ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der
+Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter,
+vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt;
+infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teueren
+Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren
+Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner
+Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich
+eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken; aber dieser
+widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die
+Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der
+Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so
+daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm
+die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und
+Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die
+Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn
+darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann
+manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe
+seine Neigung auf deren Tochter übergeht.
+
+Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der
+inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen
+Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden
+also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser
+primitiven Völker die ursprünglich von _Fison_ geäußerte Meinung
+bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen
+den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen
+Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe
+der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die
+Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das
+Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine
+Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter.
+
+Die Inzestscheu der Wilden ist ein infantiler Zug, der sich beim
+Neurotiker wiederfindet.
+
+Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu
+zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der
+psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden
+können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt
+worden, und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung
+hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug
+und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des
+Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle
+Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten,
+Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
+auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei
+macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des
+psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von
+den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er
+ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In
+seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die
+inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern
+für den _Kernkomplex_ der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser
+Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den
+allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung
+wird z. B. auch den Arbeiten von _Otto Rank_ entgegentreten, die in
+immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte
+des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und
+Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu
+glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung
+des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen
+Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden
+Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit
+bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und
+der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten.
+
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnisses als getreues
+ ist zu entscheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues
+
+ are strictly observed, any violations of these prohibitions »are regarded
+ are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded
+
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism d
+ (12) R. H. _Codrington_, »The Melanesians« bei _Frazer_, »Totemism and
+
+ Exogamy«, Bd. I., p. 77.
+ Exogamy«, Bd. II., p. 77.
+
+ Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der «Nichtanerkennung«
+ Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung«
+
+ Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelernt,
+ Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt,
+
+ inzestuösen Fixirungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+ inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU ***
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+works. See paragraph 1.E below.
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+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+</head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Inzestscheu
+ Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
+ und der Neurotiker I
+
+Author: Sigmund Freud
+
+Release Date: August 13, 2011 [EBook #37066]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Der Text stammt aus: <cite>Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften&nbsp;I</cite> (1912).
+S.&nbsp;17&ndash;33.</p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a></div>
+<h1><big>Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker.</big><br/>
+<small>Von SIGM. FREUD.</small><br/>
+I.<br/>
+DIE INZESTSCHEU.</h1>
+
+<p class="sidenote">
+Einleitung.
+</p>
+
+<p class="drop-cap">Von allem Anfang an hat die psychoanalytische Forschung auf
+Ähnlichkeiten und Analogien ihrer Ergebnisse am Seelenleben
+des Einzelwesens mit solchen der Völkerpsychologie hingewiesen.
+Es geschah dies, wie begreiflich, zuerst nur
+schüchtern, in bescheidenem Umfange und ging nicht über das
+Gebiet der Märchen und Mythen hinaus. Die Absicht solchen
+Ausgreifens war keine andere als die, ihren an sich recht unwahrscheinlichen
+Resultaten durch solche unerwartete Übereinstimmungen
+Glaubwürdigkeit zu schaffen.</p>
+
+<p>In den seither verflossenen anderthalb Jahrzehnten hat die
+Psychoanalyse aber Zutrauen zu ihrer Arbeit gewonnen; die nicht unansehnliche
+Schar von Forschern, die der Anregung eines einzelnen
+gefolgt sind, hat es zu einer befriedigenden Übereinstimmung in
+ihren Anschauungen gebracht, und nun scheint der Zeitpunkt
+günstig, um der über die Individualpsychologie hinausgreifenden
+Arbeit ein neues Ziel zu setzen. Es sollen nicht nur ähnliche Vorkommnisse
+und Zusammenhänge im Seelenleben der Völker aufgespürt
+werden, wie sie durch die Psychoanalyse beim Individuum
+ans Licht gezogen wurden, sondern auch der Versuch gewagt
+werden, was in der Völkerpsychologie dunkel oder zweifelhaft
+geblieben ist, durch die Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen.
+Die junge psychoanalytische Wissenschaft will gleichsam zurückerstatten,
+was sie in ihren Anfängen anderen Wissensgebieten zu
+danken hatte, und hofft, mehr wiedergeben zu können, als sie
+seinerzeit empfing.</p>
+
+<p>Eine Schwierigkeit des Unternehmens liegt in der Qualifikation
+der Männer, welche sich dieser neuen Aufgabe unterziehen.
+Es wäre vergeblich zu warten, bis die Mythenforscher, Religionspsychologen,
+Ethnologen, Linguisten usw. den Anfang machen,
+psychoanalytische Denkweisen auf ihr eignes Material anzuwenden.
+Die ersten Schritte in all diesen Richtungen müssen durchaus von
+jenen unternommen werden, die sich bisher als Psychiater oder
+Traumforscher in den Besitz der psychoanalytischen Technik und
+ihrer Ergebnisse gesetzt haben. Solche sind aber zunächst Laien auf
+anderen Wissensgebieten, und wenn sie mühselig einige Kenntnis
+darin erworben haben, Dilettanten oder im besten Falle Autodidakten.
+Ihre Leistungen werden Schwächen und Fehler nicht
+vermeiden können, welche der zünftige Forscher, der Fachmann,
+mit seiner Beherrschung des Materials und seiner Übung, es zu
+handhaben, leicht entdecken und vielleicht mit überlegenem Spott
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+verfolgen wird. Möge er in Erwägung ziehen, daß unsere Arbeiten
+ja nichts anderes bezwecken, als ihm die Anregung zu bringen, daß
+er selbst es besser mache, indem er an den ihm vertrauten Stoff
+das Instrument versucht, welches wir ihm leihen können.</p>
+
+<p>Für die nachstehende kleine Arbeit muß ich aber noch eine
+andere Entschuldigung geltend machen, als daß sie den ersten Schritt
+des Autors bedeutet auf einem ihm bisher fremden Boden. Es
+kommt noch hinzu, daß sie infolge verschiedener äußerlicher Antriebe
+vorzeitig an das Licht der Öffentlichkeit gedrängt wurde,
+nach weit kürzerer Inkubationszeit als des Autors sonstige Mitteilungen,
+lange ehe ihm ermöglicht war, die reichhaltige Literatur
+des Gegenstandes durchzuarbeiten. Wenn ich trotzdem diese Veröffentlichung
+nicht aufgeschoben habe, so beschwichtigt mich die
+Erwägung, daß erste Arbeiten ohnedies meist darin fehlen, daß
+sie zuviel umfassen wollen und eine Vollständigkeit der Lösung
+anstreben, die, wie spätere Studien zeigen, fast niemals im ersten
+Anlauf zu erreichen ist. Es schadet also wenig, wenn man
+sich mit Absicht und Wissen auf eine kleine Probe beschränkt.
+Außerdem befindet sich der Autor in der Situation des Knaben,
+der im Walde ein Nest von köstlichen Beeren und guten Pilzen
+gefunden hat und nun den Gefährten ruft, ehe er selbst alle gepflückt
+hat, weil er sieht, daß er allein nicht imstande ist, die Fülle
+zu bewältigen.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Parallele der
+ontogenetischen
+und der
+phylogenetischen
+Entwicklung
+des Seelenlebens.
+</p>
+
+<p>Für jeden an der Entwicklung der psychoanalytischen Forschung
+Beteiligten war es ein denkwürdiger Moment, als C.&nbsp;G.
+<span class="gesperrt">Jung</span> auf einer privaten wissenschaftlichen Zusammenkunft durch
+einen seiner Schüler mitteilen ließ, daß die Phantasiebildungen
+gewisser Geisteskranker (Dementia praecox) in auffälligster Weise
+mit den mythologischen Kosmogenien alter Völker zusammenstimmten,
+von denen die ungebildeten Kranken eine wissenschaftliche
+Kunde unmöglich erhalten hatten<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a>. Es war hiemit nicht nur
+auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten psychischen Krankheitsproduktionen
+hingewiesen, sondern auch in nachdrücklichster
+Weise die Bedeutung des Parallelismus zwischen ontogenetischer
+und phylogenetischer Entwicklung auch für das Seelenleben betont.
+Der Geisteskranke und der Neurotiker rücken somit in die Nähe
+des Primitiven, des Menschen entlegener Vorzeit, und wenn die
+Voraussetzungen der Psychoanalyse richtig sind, muß, was ihnen
+gemeinsam ist, auf den Typus des kindlichen Seelenlebens zurückführbar
+sein.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Bedeutung der
+wilden Völker
+für die
+Psychologie.
+</p>
+
+<p>Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien,
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler
+und Geräte, die er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner
+Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder
+direkt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und
+Märchen erhalten haben, durch die Überreste seiner Denkweisen in
+unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. Außerdem aber ist er
+noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen,
+von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe
+stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Abkömmlinge
+und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen
+so über die sogenannten wilden und halbwilden Völker, deren
+Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in
+ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen
+dürfen.</p>
+
+<p>Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung
+der »Psychologie der Naturvölker«, wie die Völkerkunde
+sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die
+Psychoanalyse bekannt worden ist, zahlreiche Übereinstimmungen
+aufweisen müssen, und wird uns gestatten, bereits Bekanntes hier
+und dort in neuem Lichte zu sehen.</p>
+
+<p>Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese
+Vergleichung jene Völkerstämme, die von den Ethnographen als
+die zurückgebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben worden
+sind, die Ureinwohner des jüngsten Kontinents, Australien, der uns
+auch in seiner Fauna soviel Archaisches, anderswo Untergegangenes,
+bewahrt hat.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die Australier
+als Beispiel
+eines wilden
+Volksstammes.
+</p>
+
+<p>Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere
+Rasse betrachtet, die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft
+mit ihren nächsten Nachbarn, den melanesischen, polynesischen
+und malaiischen Völkern erkennen läßt. Sie bauen weder Häuser
+noch feste Hütten, bearbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere
+bis auf den Hund, kennen nicht einmal die Kunst der
+Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich von dem Fleische aller möglichen
+Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die sie graben.
+Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbekannt, die Versammlung
+der gereiften Männer entscheidet über die gemeinsamen
+Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren
+von Religion in Form der Verehrung höherer Wesen zugestehen darf.
+Die Stämme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut
+mit den härtesten Lebensbedingungen zu ringen haben,
+scheinen in allen Stücken primitiver zu sein als die der Küste nahewohnenden.</p>
+
+<p>Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß
+nicht erwarten, daß sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich
+seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Maß von Beschränkung
+auferlegt haben. Und doch erfahren wir, daß sie sich mit
+ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziel gesetzt haben. Ja ihre
+gesamte soziale Organisation scheint dieser Absicht zu dienen oder
+mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Der
+Totemismus.
+</p>
+
+<p>An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Institutionen
+findet sich bei den Australiern das System des <em class="gesperrt">Totemismus</em>.
+Die australischen Stämme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans,
+von denen sich jeder nach seinem <em class="gesperrt">Totem</em> benennt. Was ist nun
+der Totem? In der Regel ein Tier, ein eßbares, harmloses oder
+gefährliches, gefürchtetes, seltener eine Pflanze oder eine Naturkraft
+(Regen, Wasser), welches in einem besonderen Verhältnis zu der
+ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens der Stammvater der Sippe,
+dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der ihnen Orakel sendet,
+und wenn er sonst gefährlich ist, seine Kinder kennt und verschont.
+Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen, sich selbstwirkend
+strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten (vernichten) und
+sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst bietet) zu
+enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem Einzeltier
+oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. Von
+Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, an denen die Totemgenossen
+in zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres
+Totem darstellen oder nachahmen.</p>
+
+<p>Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher Linie
+erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die ursprüngliche
+und erst später durch die letztere abgelöst worden. Die Zugehörigkeit
+zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des
+Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangehörigkeit
+hinaus, und drängt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück<a name="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">(2)</a>.</p>
+
+<p>An Boden und Örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die
+Totemgenossen wohnen von einander getrennt und mit den
+Anhängern anderer Totem friedlich beisammen<a name="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">(3)</a>.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die Exogamie.
+</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des
+totemistischen Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse
+des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der
+Totem gilt, besteht auch das Gesetz, daß <em class="gesperrt">Mitglieder desselben
+Totem nicht in geschlechtliche Beziehungen
+zu einander treten, also auch einander nicht
+heiraten dürfen</em>. Das ist die mit dem Totem verbundene
+<em class="gesperrt">Exogamie</em>.</p>
+
+<p>Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es
+wird durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den
+Eigenschaften des Totem bisher erfahren haben, man versteht also
+nicht, wie es in das System des Totemismus hineingeraten ist. Wir
+verwundern uns darum nicht, wenn manche Forscher geradezu
+annehmen, die Exogamie habe ursprünglich &ndash; im Beginn der Zeiten
+und dem Sinne nach &ndash; nichts mit dem Totemismus zu tun, sondern
+sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschränkungen notwendig
+erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden.
+Wie immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und
+Exogamie besteht und erweist sich als eine sehr feste.</p>
+
+<p>Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere
+Erörterungen klar.</p>
+
+<p><i>a</i>) Die Uebertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen
+automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie
+bei den anderen Totemverboten (z.&nbsp;B. das Totemtier nicht zu töten),
+sondern wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als
+gelte es, eine die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine
+sie bedrückende Schuld abzuwehren. Einige Sätze aus dem Buch
+von <span class="gesperrt">Frazer</span><a name="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">(4)</a> mögen zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+diesen, nach unserem Maßstabe sonst recht unsittlichen Wilden behandelt
+werden.</p>
+
+<p>»In Australia the regular penalty for sexual intercourse with
+a person of a forbidden clan is death. It matters not whether the
+woman be of the same local group or has been captured in war
+from another tribe; a man of the wrong clan who uses her as his
+wife is hunted down and killed by his clansmen, and so is the
+woman; though in some cases, if they succeed in eluding capture
+for a certain time, the offence may be condoned. In the Ta-Ta-thi
+tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the man
+is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she
+is nearly dead; the reason given for not actually killing her being
+that she was probably coerced. Even in casual amours the clan
+prohibitions are strictly observed, any violations of these prohibitions
+<ins title="»are">are</ins> regarded with the utmost abhorrence and are punished
+by death (<span class="gesperrt">Howitt</span>).«</p>
+
+<p><i>b</i>) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften
+geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben,
+so werden andere, z.&nbsp;B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.</p>
+
+<p><i>c</i>) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht
+verändert wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei
+mütterlicher Erblichkeit leicht übersehen. Gehört der Mann z.&nbsp;B.
+einem Clan mit dem Totem Känguruh an und heiratet eine
+Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, Knaben und Mädchen,
+alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die Totemregel
+der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und seinen Schwestern,
+die Emu sind wie er, unmöglich gemacht<a name="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">(5)</a>.</p>
+
+<p><i>d</i>) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß
+die mit dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr
+bezweckt, als die Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern.
+Sie macht dem Manne auch die sexuelle Vereinigung mit allen
+Frauen seiner eigenen Sippe unmöglich, also mit einer Anzahl von
+weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt sind, indem sie
+alle diese Frauen wie Blutsverwandte behandelt. Die psychologische
+Berechtigung dieser großartigen Einschränkung, die weit über alles
+hinausgeht, was sich ihr bei zivilisierten Völkern an die Seite stellen
+läßt, ist zunächst nicht ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen,
+daß die Rolle des Totem (Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst
+genommen wird. Alles, was von dem gleichen Totem abstammt,
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in dieser Familie werden
+die entferntesten Verwandtschaftsgrade als absolutes Hindernis der
+sexuellen Vereinigung anerkannt.</p>
+
+<p>So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen
+Grad von Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der
+von uns nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß sie die reale
+Blutsverwandtschaft durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir
+dürfen indes diesen Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen
+im Gedächtnis behalten, daß die Totemverbote den realen Inzest
+als Spezialfall miteinschließen.</p>
+
+<p>Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen
+Familie durch die Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen
+Lösung vielleicht mit der Aufklärung des Totem selbst zusammenfällt.
+Man müßte freilich daran denken, daß bei einer gewissen, über
+die Eheschranken hinausgehenden Freiheit des Sexualverkehrs die
+Blutsverwandtschaft und somit die Inzestverhütung so unsicher
+werden, daß man eine andere Fundierung des Verbots nicht entbehren
+kann. Es ist darum nicht überflüssig zu bemerken, daß die
+Sitten der Australier soziale Bedingungen und festliche Gelegenheiten
+anerkennen, bei denen das ausschließliche Eheanrecht eines
+Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die klassifizierenden
+Verwandtschafts-Namen.
+</p>
+
+<p>Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme<a name="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">(6)</a> weist eine
+Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang
+gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen nämlich, deren sie sich
+bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen,
+sondern zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge;
+sie gehören nach dem Ausdrucke L.&nbsp;H. <span class="gesperrt">Morgan's</span> dem
+»<em class="gesperrt">Klassifizierenden</em>« System an. Das will heissen, ein
+Mann nennt »Vater« nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch
+jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter
+hätte heiraten und so sein Vater hätte werden können; er nennt
+»Mutter« jede andere Frau neben seiner Gebärerin, die ohne Verletzung
+der Stammesgesetze seine Mutter hätte werden können; er
+heißt »Brüder«, »Schwestern« nicht nur die Kinder seiner wirklichen
+Eltern, sondern auch die Kinder all der genannten Personen, die in
+der elterlichen Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen,
+die zwei Australier einander geben, deuten also
+nicht notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin,
+wie sie es nach unserem Sprachgebrauche müßten; sie bezeichnen
+vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine Annäherung an
+dieses klassifikatorische System findet sich bei uns etwa in der
+Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, jeden Freund und
+jede Freundin der Eltern als »Onkel« und »Tante« zu begrüßen,
+oder im übertragenen Sinn, wenn wir von »Brüdern in Apoll«,
+»Schwestern in Christo« sprechen.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die Gruppenehe.
+</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauchs
+ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen
+jener Heiratsinstitution auffaßt, die der Rev. L. <span class="gesperrt">Fison</span> »<em class="gesperrt">Gruppenehe</em>«
+genannt hat, deren Wesen darin besteht, dass eine gewisse
+Anzahl von Männern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl
+von Frauen ausübt. Die Kinder dieser Gruppenehe würden dann
+mit Recht einander als Geschwister betrachten, obwohl sie nicht
+alle von derselben Mutter geboren sind, und alle Männer der Gruppe
+für ihre Väter halten.</p>
+
+<p>Obwohl manche Autoren, wie z.&nbsp;B. <span class="gesperrt">Westermarck</span> in
+seiner »Geschichte der menschlichen Ehe<a name="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">(7)</a>«, sich den Folgerungen
+widersetzen, welche andere aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen
+gezogen haben, so stimmen doch gerade die besten
+Kenner der australischen Wilden darin überein, dass die klassifikatorischen
+Verwandtschaftsnamen als Ueberrest aus Zeiten der
+Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach <span class="gesperrt">Spencer</span> und
+<span class="gesperrt">Gillen</span><a name="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">(8)</a> läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den
+Stämmen der <span class="gesperrt">Urabunna</span> und der <span class="gesperrt">Dieri</span> noch als heute bestehend
+feststellen. Die Gruppenehe sei also bei diesen Völkern der
+individuellen Ehe vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne
+deutliche Spuren in Sprache und Sitten zurückzulassen.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Der Gruppeninzest.
+</p>
+
+<p>Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe,
+so wird uns das scheinbare Uebermaß von Inzestvermeidung,
+welches wir bei denselben Völkern angetroffen haben, begreiflich.
+Die Totemexogamie, das Verbot des sexuellen Verkehrs zwischen
+Mitgliedern desselben Clans, erscheint als das angemessene Mittel
+zur Verhütung des Gruppeninzests, welches dann fixiert wurde und
+seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die Heiratsklassen
+(Phrathrien).
+</p>
+
+<p>Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der Wilden
+Australiens in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen
+wir noch erfahren, daß die wirklichen Verhältnisse eine weit
+größere, auf den ersten Anblick verwirrende, Kompliziertheit erkennen
+lassen. Es gibt nämlich nur wenige Stämme in Australien,
+die kein anderes Verbot als die Totemschranke zeigen. Die meisten
+sind derart organisiert, daß sie zunächst in zwei Abteilungen zerfallen,
+die man Heiratsklassen (englisch: Phrathry) genannt hat.
+Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schließt eine Mehrzahl
+von Totemsippen ein. Gewöhnlich teilt sich noch jede Heiratsklasse
+in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also in
+vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den
+Totemsippen.</p>
+
+<p>Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Organisation
+eines australischen Stammes sieht also folgendermaßen aus:</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 450px;"><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+<img src="images/phrathrien.png" width="450" height="179" alt="Phrathrien"/>
+</div>
+
+<p>Die zwölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei
+Klassen untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam<a name="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">(9)</a>. Die Subklasse
+<i>c</i>) bildet mit <i>e</i>), die Subklasse <i>d</i>) mit <i>f</i>) eine exogame Einheit.
+Der Erfolg, also die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht
+zweifelhaft; es wird auf diesem Wege eine weitere Einschränkung
+der Heiratswahl und der sexuellen Freiheit herbeigeführt. Bestünden
+nur die zwölf Totemsippen, so wäre jedem Mitglied einer Sippe
+&ndash; bei Voraussetzung der gleichen Menschenanzahl in jeder Sippe
+&ndash; 11/12 aller Frauen des Stammes zur Auswahl zugänglich. Die
+Existenz der beiden Phrathrien beschränkt diese Anzahl auf 6/12 = 1/2;
+ein Mann vom Totem α) kann nur eine Frau der Sippen 1 bis 6
+heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die Auswahl
+auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem α) muß seine Ehewahl
+auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Beziehungen
+zwischen Totem
+und Heiratsklassen.
+</p>
+
+<p>Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen &ndash; deren bei
+einigen Stämmen bis zu acht vorkommen &ndash; zu den Totemsippen
+sind durchaus ungeklärt. Man sieht nur, daß diese Einrichtungen
+dasselbe erreichen wollen wie die Totemexogamie, und auch noch
+mehr anstreben. Aber während die Totemexogamie den Eindruck
+einer heiligen Satzung macht, die entstanden ist, man weiß nicht
+wie, also einer Sitte, scheinen die komplizierten Institutionen der
+Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und der daran geknüpften Bedingungen
+zielbewußter Gesetzgebung zu entstammen, die vielleicht
+die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, weil der Einfluß
+des Totem im Nachlassen war. Und während das Totemsystem,
+wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Verpflichtungen
+und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft
+sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie
+angestrebten Regelung der Ehewahl.</p>
+
+<p>In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt
+sich ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des
+Gruppeninzests hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren
+Gruppenverwandten zu verbieten, ähnlich wie es die katholische
+Kirche tat, indem sie die seit jeher für Geschwister geltenden
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+Heiratsverbote auf die Vetternschaft ausdehnte und die geistlichen
+Verwandtschaftsgrade dazu erfand<a name="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">(10)</a>.</p>
+
+<p>Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die
+außerordentlich verwickelten und ungeklärten Diskussionen über
+Herkunft und Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren Verhältnis
+zum Totem tiefer eindringen wollten. Für unsere Zwecke
+genügt der Hinweis auf die große Sorgfalt, welche die Australier,
+sowie andere wilde Völker, zur Verhütung des Inzests aufwenden<a name="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">(11)</a>.
+Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst inzestempfindlicher als
+wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung näher, so daß sie
+eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe bedürfen.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die »Vermeidungen«
+als
+weitere Schutzmittel
+gegen
+den Inzest.
+</p>
+
+<p>Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der
+Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich
+gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe
+von »Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher
+Verwandter in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser
+Strenge eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft
+erscheinen kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote
+»Vermeidungen« (avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit
+über die australischen Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier
+die Leser bitten müssen, mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus
+dem reichen Material vorlieb zu nehmen.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Beispiele von
+Vermeidungen
+zwischen Geschwistern
+usw.
+</p>
+
+<p>In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen
+den Verkehr der Knaben mit Mutter und Schwestern. So z.&nbsp;B. verläßt
+auf <span class="gesperrt">Lepers Island</span>, einer der <span class="gesperrt">Neuhebriden</span>, der Knabe
+von einem bestimmten Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt
+ins »Klubhaus«, wo er jetzt regelmäßig schläft und seine
+Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim zwar noch besuchen, um
+dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine Schwester zu Hause
+ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine Schwester anwesend,
+so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen niedersetzen.
+Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so
+muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe
+gewisse Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so
+wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja,
+er wird nicht einmal ihren Namen aussprechen und wird sich hüten,
+ein geläufiges Wort zu gebrauchen, wenn es als Bestandteil in
+ihrem Namen enthalten ist. Diese Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie
+beginnt, wird über das ganze Leben festgehalten. Die
+Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn nimmt mit
+den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der Mutter.
+Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht selbst,
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut an,
+sagt ihm &ndash; nach unserem Sprachgebrauch &ndash; nicht »Du«, sondern
+»Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in <span class="gesperrt">Neukaledonien</span>. Wenn
+Bruder und Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch,
+und er geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden<a name="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">(12)</a>.</p>
+
+<p>Auf der <span class="gesperrt">Gazellen-Halbinsel</span> in <span class="gesperrt">Newbritannien</span> darf
+eine Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht
+mehr sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus,
+sondern bezeichnet ihn mit einer Umschreibung<a name="FNanchor_13" href="#Footnote_13" class="fnanchor">(13)</a>.</p>
+
+<p>Auf <span class="gesperrt">Neumecklenburg</span> werden Vetter und Base (obwohl
+nicht jeder Art) von solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber
+Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht nähern, einander
+nicht die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber
+in der Entfernung von einigen Schritten mit einander sprechen. Die
+Strafe für den Inzest mit der Schwester ist der Tod durch Erhängen<a name="FNanchor_14" href="#Footnote_14" class="fnanchor">(14)</a>.</p>
+
+<p>Auf den <span class="gesperrt">Fiji-Inseln</span> sind diese Vermeidungsregeln besonders
+strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte,
+sondern selbst die Gruppenschwester. Umso sonderbarer berührt
+es uns, wenn wir hören, daß diese Wilden heilige Orgien kennen,
+in denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche
+Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen
+Gegensatz zur Aufklärung des Verbots zu verwenden, anstatt uns
+über ihn zu verwundern<a name="FNanchor_15" href="#Footnote_15" class="fnanchor">(15)</a>.</p>
+
+<p>Unter den <span class="gesperrt">Battas</span> auf <span class="gesperrt">Sumatra</span> betreffen die Vermeidungsgebote
+alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre
+für einen <span class="gesperrt">Batta</span> z.&nbsp;B. höchst anstößig, seine eigene Schwester
+zu einer Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird sich
+in Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst wenn
+noch andere Personen mitanwesend sind. Wenn der eine von ihnen
+ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, wegzugehen.
+Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter
+bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische
+Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er
+müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem
+Volke ohne weiters angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes
+mit einer Frau zu ungehöriger Intimität führen werde, und da sie
+vom Verkehr naher Blutsverwandter alle möglichen Strafen und
+üble Folgen erwarten, tuen sie recht daran, allen Versuchungen
+durch solche Verbote auszuweichen<a name="FNanchor_16" href="#Footnote_16" class="fnanchor">(16)</a>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>Bei den <span class="gesperrt">Barongos</span> an der <span class="gesperrt">Delagoa</span>-Bucht in Afrika gelten
+merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der
+Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm
+gefährliche Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam
+aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu essen, er
+spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht in ihre Hütte einzutreten
+und begrüßt sie nur mit zitternder Stimme<a name="FNanchor_17" href="#Footnote_17" class="fnanchor">(17)</a>.</p>
+
+<p>Bei den <span class="gesperrt">Akamba</span> (oder <span class="gesperrt">Wakamba</span>) in Britisch-Ostafrika
+herrscht ein Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen
+erwartet hätte. Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät
+und ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgfältig ausweichen.
+Sie versteckt sich, wenn sie ihn auf der Straße begegnet,
+sie versucht es niemals, sich neben ihn hinzusetzen und benimmt sich
+so bis zu dem Momente ihrer Verlobung. Von der Heirat an ist
+ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg
+gelegt<a name="FNanchor_18" href="#Footnote_18" class="fnanchor">(18)</a>.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die Vermeidung
+der Schwiegermutter.
+</p>
+
+<p>Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte
+Völker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr
+zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie
+ist in Australien ganz allgemein, ist aber auch bei den melanesischen,
+polynesischen und den Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren
+des Totemismus und der Gruppenverwandtschaft reichen, und
+wahrscheinlich noch darüber hinaus. Bei manchen dieser Völker
+bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen Verkehr einer Frau
+mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht so konstant
+und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide Schwiegereltern
+Gegenstand der Vermeidung.</p>
+
+<p>Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als
+für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung
+interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger
+Beispiele beschränken.</p>
+
+<p>Auf den <span class="gesperrt">Banks-Inseln</span> sind diese Gebote sehr strenge
+und peinlich genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter
+meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zufällig auf
+einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet ihm
+den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das nämliche.</p>
+
+<p>In <span class="gesperrt">Vanna Lava</span> (<span class="gesperrt">Port Patteson</span>) wird ein Mann nicht
+einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe
+die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt
+hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Entfernung
+mit einander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß er je den
+Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie den ihres
+Schwiegersohnes<a name="FNanchor_19" href="#Footnote_19" class="fnanchor">(19)</a>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>Auf den <span class="gesperrt">Salomons-Inseln</span> darf der Mann von seiner
+Heirat an seine Schwiegermutter weder sehen noch mit ihr sprechen.
+Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde,
+sondern läuft, so schnell er kann, davon, um sich zu verstecken<a name="FNanchor_20" href="#Footnote_20" class="fnanchor">(20)</a>.</p>
+
+<p>Bei den <span class="gesperrt">Zulukaffern</span> verlangt die Sitte, daß ein Mann sich
+seiner Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft
+auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich
+befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei
+Seite, etwa, indem sie sich hinter einem Busch versteckt, während
+er seinen Schild vors Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen
+können, und das Weib nichts anderes hat, um sich zu verhüllen,
+so bindet sie wenigstens ein Grasbüschel um ihren Kopf,
+damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der Verkehr zwischen
+ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt werden, oder
+sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn sie
+irgend eine Schranke, z.&nbsp;B. die Einfassung des Kraals zwischen
+sich haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den
+Mund nehmen<a name="FNanchor_21" href="#Footnote_21" class="fnanchor">(21)</a>.</p>
+
+<p>Bei den <span class="gesperrt">Basoga</span>, einem Negerstamme im Quellgebiete des
+Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn
+sie in einem anderen Raume des Hauses ist und von ihm nicht
+gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest so sehr,
+daß es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos läßt<a name="FNanchor_22" href="#Footnote_22" class="fnanchor">(22)</a>.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Verschiedene
+Deutungen der
+Schwiegermuttervermeidung.
+</p>
+
+<p>Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen
+zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so
+daß sie von allen Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den
+Inzest aufgefaßt werden, haben die Verbote, welche den Verkehr
+mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen Seiten eine andere
+Deutung erfahren. Es erschien mit Recht unverständlich, daß alle diese
+Völker so große Angst vor der Versuchung zeigen sollten, die dem
+Manne in der Gestalt einer älteren Frau entgegentritt, welche seine
+Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu sein<a name="FNanchor_23" href="#Footnote_23" class="fnanchor">(23)</a>.</p>
+
+<p>Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von
+<span class="gesperrt">Fison</span> erhoben, der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme
+darin eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen
+einem Manne und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich
+machen; es hätte darum einer besonderen Sicherung gegen
+diese Möglichkeit bedurft.</p>
+
+<p>Sir J. <span class="gesperrt">Lubbock</span> führt in seinem Werke »Origin of civilisation«
+das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn
+auf die einstige Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung
+der Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von dieser Form der
+Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde auch die Entrüstung
+der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre
+Herkunft vergessen war.« Es wird <span class="gesperrt">Crawley</span> leicht zu zeigen,
+wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der tatsächlichen
+Beobachtung deckt.</p>
+
+<p>E.&nbsp;B. <span class="gesperrt">Tylor</span> meint, die Behandlung des Schwiegersohnes
+von seiten der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form
+der <ins title="«Nichtanerkennung">»Nichtanerkennung</ins>« (cutting) von seiten der Familie der Frau.
+Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind
+geboren wird. Allein abgesehen von den Fällen, in denen letztere
+Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt diese Erklärung dem
+Einwand, daß sie die Orientierung der Sitte auf das Verhältnis
+zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter nicht aufhellt, also
+den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie dem Moment
+des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher in
+den Vermeidungsgeboten zum Ausdrucke kommt<a name="FNanchor_24" href="#Footnote_24" class="fnanchor">(24)</a>.</p>
+
+<p>Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbots gefragt
+wurde, gab die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht
+recht, daß er die Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben<a name="FNanchor_25" href="#Footnote_25" class="fnanchor">(25)</a>.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Psychoanalytische
+Auffassung
+des Verhältnisses
+zur
+Schwiegermutter.
+</p>
+
+<p>Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn
+und Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den
+heikeln Seiten der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der
+Gesellschaft der weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine
+Vermeidungsgebote mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit
+und Unlust vermieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und
+nicht von den einzelnen Individuen wieder aufgerichtet werden müßten.
+Manchem Europäer mag es als ein Akt hoher Weisheit erscheinen,
+daß die wilden Völker durch ihre Vermeidungsgebote die Herstellung
+eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe verwandt gewordenen
+Personen von vorneherein ausgeschlossen haben. Es ist
+kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation von Schwiegermutter
+und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was die Feindseligkeit
+zwischen ihnen befördert und ihr Zusammenleben erschwert.
+Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade das Schwiegermutterthema
+so gerne zum Objekt nimmt, scheint mir darauf hinzudeuten,
+daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem Komponenten
+führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich
+meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus widerstreitenden,
+zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes
+ist.</p>
+
+<p>Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der
+Tochter zu verzichten, das Mißtrauen gegen den Fremden, dem
+sie überantwortet ist, die Tendenz, eine herrschende Position zu
+behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt hatte. Von
+Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem fremden Willen
+mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, die vor
+ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und &ndash; last not least
+&ndash; die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der Sexualüberschätzung
+stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl zumeist
+von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele
+gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der
+Jugend, Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm
+seine Frau wertvoll machen.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Unbewußte
+inzestuöse Anteile
+an dieser
+Beziehung.
+</p>
+
+<p>Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische
+Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns,
+zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen
+Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im Familienleben
+befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung
+durch den frühzeitigen Ablauf der ehelichen Beziehung
+und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. Die alternde Mutter
+schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, Identifizierung
+mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen
+macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es
+ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den
+Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt
+so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche
+Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter
+geht bei der Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten
+Mann &ndash; mitverliebt, was in grellen Fällen, infolge des heftigen seelischen
+Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer
+Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der
+Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst
+oder die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle
+der mit einander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter
+an. Recht häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische
+Komponente der Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet,
+um die verpönte, zärtliche, umso sicherer zu unterdrücken.</p>
+
+<p>Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter
+durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen
+stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise über das
+Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem
+Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe
+von beiden teueren Personen seiner Kindheit ab, um bei einem
+fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen. An Stelle der
+eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht er nun die
+Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine Tendenz, in die vorzeitliche
+Wahl zurückzusinken; aber dieser widerstrebt alles in ihm.
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+Seine Inzestscheu fordert, daß er an die Genealogie seiner Liebeswahl
+nicht erinnert werde; die Aktualität der Schwiegermutter, die
+er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so daß ihr Bild
+im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm die
+Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Gehässigkeit
+zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die Schwiegermutter
+tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn darstellt,
+sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann
+manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt,
+ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht.</p>
+
+<p>Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade
+dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die
+Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den
+Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufklärung der so
+streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser primitiven Völker die
+ursprünglich von <span class="gesperrt">Fison</span> geäußerte Meinung bevorzugen, die in
+diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen den möglichen
+Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen Vermeidungen
+zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur
+bliebe der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter
+ist, die Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen
+Falle, der das Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der
+Inzest eine Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder
+vermittelter.</p>
+
+<p class="sidenote">
+Die Inzestscheu
+der Wilden ist
+ein infantiler
+Zug, der sich
+beim Neurotiker
+wiederfindet.
+</p>
+
+<p>Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit
+gehabt zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch
+die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis
+gesehen werden können, denn die Inzestscheu der Wilden
+ist längst als solche erkannt worden, und bedarf keiner weiteren
+Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen können, ist die
+Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug und eine auffällige
+Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des Neurotikers. Die
+Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle Objektwahl
+des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten, Mutter
+und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen <ins title="gelernt">gelehrt</ins>,
+auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests
+frei macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein
+Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht,
+sich von den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität
+zu befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung
+und Regression.) In seinem unbewußten Seelenleben spielen
+darum noch immer oder wiederum die inzestuösen <ins title="Fixirungen">Fixierungen</ins> der
+Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen
+beherrschte Verhältnis zu den Eltern für den <em class="gesperrt">Kernkomplex</em>
+der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser Bedeutung des
+Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den allgemeinsten Unglauben
+der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung wird
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+z.&nbsp;B. auch den Arbeiten von <span class="gesperrt">Otto Rank</span> entgegentreten, die
+in immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im
+Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und in ungezählten
+Variationen und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir
+sind genötigt zu glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein
+Produkt der tiefen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen,
+seither der Verdrängung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns
+darum nicht unwichtig, an den wilden Völkern zeigen zu können,
+daß sie die zur späteren Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche
+des Menschen noch als bedrohlich empfinden und der schärfsten
+Abwehrmaßregeln für würdig halten.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 92px;">
+<img src="images/deko.png" width="92" height="120" alt=""/>
+</div>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a>
+Auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Nürnberg 1910. Der mit dem
+Vortrag Betraute war der seither verstorbene, hochbegabte C. <span class="gesperrt">Honegger</span>.
+<span class="gesperrt">Jung</span> selbst und seine Schüler (<span class="gesperrt">Nelken</span>, <span class="gesperrt">Spielrein</span>) haben die damals
+zuerst berührten Gesichtspunkte seither in anderen Arbeiten weiter verfolgt. (Vgl.
+<span class="gesperrt">Jung</span> »Wandlungen und Symbole der Libido,« Jahrbuch für psychoanalytische
+und psychopathologische Forschungen, Band&nbsp;III, 1911).
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">(2)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, Totemism and Exogamy, Bd.&nbsp;I, p.&nbsp;53. The totem bond is
+stronger than the bond of blood or family in the modern sense.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">(3)</a>
+Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht ohne
+Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist in der Form
+<em class="gesperrt">Totam</em> 1791 durch den Engländer J. <span class="gesperrt">Long</span> von den Rothäuten Nordamerikas
+übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat allmählich in der Wissenschaft
+großes Interesse gefunden und eine reichhaltige Literatur hervorgerufen, aus
+welcher ich als Hauptwerke das vierbändige Buch von J.&nbsp;G. <span class="gesperrt">Frazer</span>, »Totemism
+and Exogamy, 1910« und die Bücher und Schriften von <span class="gesperrt">Andrew Lang</span> (»The
+secret of the Totem, 1905«) hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des
+Totemismus für die Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem
+Schotten J. <span class="gesperrt">Ferguson Mc Lennan</span> (1869&ndash;70). Totemistische Institutionen
+wurden oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den Indianern
+Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen Inselwelt, in
+Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche sonst schwer zu
+deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber erschließen, daß der Totemismus
+einst auch bei den arischen und semitischen Urvölkern Europas bestanden hat, so
+daß viele Forscher geneigt sind, eine notwendige und überall durchschrittene Phase
+der menschlichen Entwicklung in ihm zu erkennen.
+</p>
+<p>
+Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem beizulegen,
+d.&nbsp;h. die Abstammung von dem oder jenem Tier zur Grundlage ihrer
+sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch ihrer sexuellen Beschränkungen
+zu machen? Es gibt darüber zahlreiche Theorien, deren Übersicht
+der deutsche Leser in <span class="gesperrt">Wundt's</span> Völkerpsychologie (Bd.&nbsp;II, Mythus und
+Religion) finden kann, aber keine Einigung. Ich verspreche, das Problem des
+Totemismus demnächst zum Gegenstand einer besonderen Studie zu machen, in
+welcher dessen Lösung durch Anwendung psychoanalytischer Denkweise versucht
+werden soll.
+</p>
+<p>
+Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch die Tatsachen
+desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, wie oben versucht
+wurde. Es gibt kaum eine Behauptung, zu welcher man nicht Ausnahmen
+oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber nicht vergessen, daß auch
+die primitivsten und konservativsten Völker in gewissem Sinne alte Völker sind
+und eine lange Zeit hinter sich haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel
+Entwicklung und Entstellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute
+bei den Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des Verfalls,
+der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und religiösen
+Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen, die sich weit genug von
+seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben mögen. Die Schwierigkeit liegt dann
+darin, daß es nicht ganz leicht ist zu entscheiden, was an den aktuellen <ins title="Verhältnisses">Verhältnissen</ins>
+als getreues Abbild der sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung
+derselben gefaßt werden darf.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">(4)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. Bd.&nbsp;I., p.&nbsp;54.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">(5)</a>
+Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber &ndash; wenigstens durch dieses
+Verbot &ndash; der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei gelassen. Bei väterlicher
+Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, die Kinder gleichfalls
+Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit den Töchtern verboten sein,
+dem Sohne der Inzest mit der Mutter freibleiben. Diese Erfolge der Totemverbote
+ergeben einen Hinweis darauf, daß die mütterliche Vererbung älter ist als die
+väterliche, denn es liegt Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor
+allem gegen die inzestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">(6)</a>
+Sowie der meisten Totemvölker.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">(7)</a>
+2.&nbsp;Auflage, 1902.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">(8)</a>
+The Native Tribes of Central Australia, London 1899.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">(9)</a>
+Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">(10)</a>
+Artikel <em class="gesperrt">Totemism</em> in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage, 1911.
+(A. <span class="gesperrt">Lang</span>).
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">(11)</a>
+Auf diesen Punkt hat erst kürzlich <span class="gesperrt">Storfer</span> in seiner Studie: »Zur
+Sonderstellung des Vatermordes. Schriften zur angewandten Seelenkunde«,
+12.&nbsp;Heft, Wien, 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">(12)</a>
+R.&nbsp;H. <span class="gesperrt">Codrington</span>, »The Melanesians« bei <span class="gesperrt">Frazer</span>, »Totemism
+<ins title="d">and</ins> Exogamy«, Bd.&nbsp;<ins title="I.">II.</ins>, p.&nbsp;77.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_13" href="#FNanchor_13" class="label">(13)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., p.&nbsp;124, nach <span class="gesperrt">Kleintitschen</span>: Die Küstenbewohner
+der Gazellen-Halbinsel.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_14" href="#FNanchor_14" class="label">(14)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;131, nach P.&nbsp;G. <span class="gesperrt">Peckel</span> in Anthropos 1908.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_15" href="#FNanchor_15" class="label">(15)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;147, nach Rev. L. <span class="gesperrt">Fison</span>.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_16" href="#FNanchor_16" class="label">(16)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c., II., pag.&nbsp;189.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_17" href="#FNanchor_17" class="label">(17)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;388, nach <span class="gesperrt">Junod</span>.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_18" href="#FNanchor_18" class="label">(18)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;424.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_19" href="#FNanchor_19" class="label">(19)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;76.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_20" href="#FNanchor_20" class="label">(20)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;117, nach C. <span class="gesperrt">Ribbe</span>: Zwei Jahre unter den
+Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_21" href="#FNanchor_21" class="label">(21)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;385.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_22" href="#FNanchor_22" class="label">(22)</a>
+<span class="gesperrt">Frazer</span>, l.&nbsp;c. II., pag.&nbsp;461.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_23" href="#FNanchor_23" class="label">(23)</a>
+V. <span class="gesperrt">Crawley</span>: The mystic rose. London, 1902, pag.&nbsp;405.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_24" href="#FNanchor_24" class="label">(24)</a>
+<span class="gesperrt">Crawley</span>, l.&nbsp;c., pag.&nbsp;407.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_25" href="#FNanchor_25" class="label">(25)</a>
+<span class="gesperrt">Crawley</span>, l.&nbsp;c., pag.&nbsp;401, nach <span class="gesperrt">Leslie</span>: Among the Zulus and
+Amatongas. 1875.
+</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_22">Seite 22</a>:<br/>
+<span class="correction">»are</span> regarded with the utmost abhorrence and are punished<br/>
+<span class="correction">are</span> regarded with the utmost abhorrence and are punished
+</li>
+<li><a href="#Page_30">Seite 30</a>:<br/>
+der <span class="correction">«Nichtanerkennung</span>« (cutting) von seiten der Familie der Frau.<br/>
+der <span class="correction">»Nichtanerkennung</span>« (cutting) von seiten der Familie der Frau.
+</li>
+<li><a href="#Page_32">Seite 32</a>:<br/>
+und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen <span class="correction">gelernt</span>,<br/>
+und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen <span class="correction">gelehrt</span>,
+</li>
+<li><a href="#Page_32">Seite 32</a>:<br/>
+darum noch immer oder wiederum die inzestuösen <span class="correction">Fixirungen</span> der<br/>
+darum noch immer oder wiederum die inzestuösen <span class="correction">Fixierungen</span> der
+</li>
+<li><a href="#Footnote_3">Fußnote 3:</a><br/>
+darin, daß es nicht ganz leicht ist zu entscheiden, was an den aktuellen <span class="correction">Verhältnisses</span><br/>
+darin, daß es nicht ganz leicht ist zu entscheiden, was an den aktuellen <span class="correction">Verhältnissen</span>
+</li>
+<li><a href="#Footnote_12">Fußnote 12:</a><br/>
+<span class="correction">d</span> Exogamy«, Bd.&nbsp;<span class="correction">I.</span>, p.&nbsp;77.<br/>
+<span class="correction">and</span> Exogamy«, Bd.&nbsp;<span class="correction">II.</span>, p.&nbsp;77.
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Inzestscheu, by Sigmund Freud
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INZESTSCHEU ***
+
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+
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+
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+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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+
+
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+
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+
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+
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+
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
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