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Langkau, Katrin and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden + übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden + korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet + sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde _so_ markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde =so= markiert. + ] + + + + + Ein fröhlicher Bursch + + + Eine Erzählung + + von + + Björnstjerne Björnson + + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + + Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel & Co. in Altenburg, S.-A. + + + + +1 + + +Öyvind hieß er, und er weinte, als er geboren wurde. Als er aber erst +aufrecht auf dem Schoße der Mutter saß, lachte er, und wenn sie des +Abends Licht anzündeten, lachte er so, daß es sang, weinte aber, als +er nicht daran durfte. -- »Aus dem Jungen muß etwas Besondres werden,« +sagte die Mutter. + +Dort, wo er geboren war, ragte eine kahle Felswand empor, aber sie war +nicht sehr hoch; Föhren und Birken sahen von oben herunter, der +Faulbaum streute Blüten auf das Dach. Aber oben auf dem Dache lief ein +kleiner Bock herum, den Öyvind fütterte; er sollte dort oben bleiben, +daß er sich nicht verliefe, und Öyvind trug ihm Laub und Gras hinauf. +Eines schönen Tages sprang der Bock herunter und lief auf den Berg +hinauf; er kletterte geradeswegs in die Höhe und kam an einen Ort, wo +er noch nie zuvor gewesen war. Öyvind sah den Bock nicht mehr, als er +nach dem Abendbrot hinauskam, und dachte gleich an den Fuchs. Es lief +ihm heiß über den ganzen Körper; er sah sich um und lockte: »Kille -- +kille -- kille -- Böckchen!« -- »Bä--ä--ä--ä!« sagte der Bock oben am +Bergesrand, legte den Kopf auf die Seite und sah herab. + +Aber neben dem Bock lag ein kleines Mädchen auf den Knien. -- »Gehört +dir der Bock?« fragte sie. Öyvind stand da, sperrte Mund und Augen auf +und steckte beide Hände in die Kittelhose, die er trug. -- »Wer bist +du?« fragte er. -- »Ich bin Marit, Mutters Töchterchen, Vaters Fiedel, +der Kobold im Hause, Ole Nordistuens Enkelin auf den Heidehöfen. Vier +Jahre im Herbst, zwei Tage nach den Frostnächten, ich!« -- »Bist du +_die_?« sagte er und schöpfte Atem, denn er hatte nicht zu atmen +gewagt, solange sie sprach. + +»Gehört der Bock dir?« fragte das Mädchen noch einmal. -- »Jawohl,« +sagte er und sah hinauf. -- »Ich möchte den Bock so gern haben -- +willst du ihn mir nicht schenken?« -- »Nein, das will ich nicht.« + +Sie lag da und wackelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und +dann sagte sie: »Aber wenn du einen Butterkringel für den Bock +bekommst, kann ich ihn dann bekommen?« Öyvind war armer Leute Kind, er +hatte nur einmal in seinem Leben einen Butterkringel gegessen; das +war, als der Großvater zu Besuch gekommen war, und etwas Ähnliches +hatte er nie, weder früher noch später, gegessen. Er sah zu dem +Mädchen hinauf: »Laß mich den Kringel erst einmal sehen,« sagte er. +Das ließ sie sich nicht zweimal sagen, sie zeigte ihm einen großen +Kringel, den sie in der Hand hielt. -- »Hier ist er,« sagte sie und +warf ihn hinab. »Ach! er ist zerbrochen,« sagte der Junge; sorgfältig +sammelte er jeden Bissen auf; den allerkleinsten mußte er schmecken, +und der war so gut, daß er noch einen schmecken mußte, und ehe er +sichs versah, hatte er den ganzen Kringel verputzt. + +»Jetzt gehört der Bock mir,« sagte das Mädchen. Dem Knaben blieb der +letzte Bissen im Munde stecken, das Mädchen lag da und lachte, der +Bock stand daneben mit weißer Brust und braunschwarzem Haar, legte den +Kopf auf die Seite und sah herüber. + +»Könntest du nicht ein wenig warten?« bat der Knabe; das Herz fing ihm +an zu klopfen. Da lachte das Mädchen noch mehr und richtete sich +schnell auf den Knien auf. -- »Nein, der Bock gehört mir,« sagte sie +und schlang die Arme um seinen Hals, löste eins ihrer Strumpfbänder +und band es ihm um. Öyvind sah ihr zu. Sie erhob sich und fing an, den +Bock mit sich fortzuziehen; er wollte nicht mitgehn und reckte den +Hals zu Öyvind herunter. »Bä--ä--ä--ä!« sagte er. Sie aber griff ihm +mit der einen Hand ins Haar, zog mit der andern Hand am Bande und +sagte schmeichelnd: »Komm nur, Böckchen, bei mir darfst du in der +Stube laufen und aus Mutters Schüsseln essen und meine Schürze +fressen.« Und dann sang sie: + + »Komm Böckchen zum Jungen, + Komm Kälbchen zur Kuh, + Komm Kätzchen gesprungen + In schneeweißem Schuh, + Kommt aus dem Versteck + Ihr Entlein nur keck, + Kommt Täubchen mein + Mit Federchen fein, + Kommt Küchlein in Haufen, + Ihr könnt doch schon laufen, + Naß wirds im Gras bald sein, + Warm ists im Sonnenschein. + Wie schön ists im Sommer und lind, + Im Herbst weht der Wind, kommt geschwind!« + +Und da stand nun der Junge! + +Seit dem Winter, wo der Bock geboren war, hatte er ihn gehütet, und er +hatte nie daran gedacht, daß er ihn verlieren könnte; aber nun war das +im Handumdrehen geschehen, und er sollte ihn nie wiedersehen. + +Die Mutter kam trällernd mit Kübeln, die sie gescheuert hatte, vom +Strande herauf; sie sah den Jungen, die Beine unter sich gezogen, im +Grase sitzen und weinen und kam zu ihm heran. -- »Weshalb weinst du?« +-- »Ach, der Bock, der Bock!« -- »Ja, wo ist der Bock?« fragte die +Mutter und sah nach dem Dache hinauf. -- »Der kommt nie wieder,« sagte +der Junge. -- »Aber Kind, wie ist denn das zugegangen?« -- Er wollte +es nicht gleich gestehen. -- »Hat ihn der Fuchs geholt?« -- »Ja, +wollte Gott, es wäre der Fuchs!« -- »Bist du von Sinnen?« sagte die +Mutter, »was ist aus dem Bock geworden?« -- »Ach, ach, ach -- ich bin +zu Schaden gekommen, ich habe ihn für einen Kringel verkauft!« + +In dem Augenblick, wo er das Wort heraus hatte, begriff er wohl, was +es bedeute, den Bock für einen Kringel verkauft zu haben; bisher hatte +er noch gar nicht darüber nachgedacht. Die Mutter sagte: »Was glaubst +du wohl, was der kleine Bock von dir denken muß, daß du ihn für einen +Kringel hast verkaufen können?« + +Und der Junge dachte es selbst und begriff sehr wohl, daß er auf +dieser Welt nie wieder froh werden könne -- und auch wohl nicht einmal +bei Gott, dachte er dann. + +So tiefen Kummer fühlte er, daß er sich selber gelobte, nie wieder +etwas Böses zu tun, weder den Faden des Spinnrockens durchzuschneiden, +noch die Schafe hinauszulassen, noch allein an die See hinabzugehn. Er +schlief ein, dort, wo er lag, und er träumte von dem Bock, und daß der +in den Himmel gekommen sei; der liebe Gott saß da mit einem großen +Bart, gerade so wie im Katechismus, und der Bock stand neben ihm und +fraß Laub von einem schimmernden Baume; Öyvind aber saß allein auf dem +Dach und konnte nicht hinaufkommen. + +Da fühlte er plötzlich etwas Nasses in seinem Ohr, er fuhr in die +Höhe: »Bä--ä--ä--ä!« sagte es, und das war der Bock, der wieder +zurückgekommen war! + +»Nein, bist du wiedergekommen!« -- Er sprang auf, faßte ihn bei den +Vorderbeinen und tanzte mit ihm herum, als sei er sein Bruder; er +zupfte ihn am Bart, und er wollte gerade mit ihm zur Mutter hinein, +als er etwas hinter sich hörte und das Mädchen dicht neben sich auf +dem Rasen sitzen sah. Jetzt begriff er alles. Er ließ den Bock los: +»Bist du mit ihm hergekommen?« -- Sie saß da und zupfte Gras mit der +Hand aus und sagte: »Ich durfte ihn nicht behalten; Großvater sitzt da +oben und wartet.« -- Während der Junge dastand und sie anstarrte, +hörte er eine scharfe Stimme oben vom Wege her rufen: »Nun?« Da fiel +ihr ein, was sie tun sollte; sie stand auf, ging zu Öyvind hin, +steckte ihre mit Erde beschmutzte Hand in die seine, wandte sich ab +und sagte: »Verzeih mir!« Aber dann war es auch aus mit ihrem Mut, sie +warf sich über den Bock und weinte. + +»Ich meine, du solltest den Bock doch behalten,« sagte Öyvind und sah +weg. + +»Beeile dich jetzt!« sagte der Großvater oben auf dem Berge. Und Marit +stand auf und ging schleppenden Schrittes den Berg hinan. -- »Du +vergißt ja dein Strumpfband,« rief ihr Öyvind nach. Da wandte sie sich +um und sah erst das Strumpfband an und dann ihn. Endlich faßte sie +einen großen Entschluß und sagte mit erstickter Stimme weinend: »Das +kannst du behalten.« -- Er lief ihr nach und ergriff ihre Hand. -- +»Ich bedanke mich vielmals!« sagte er. -- »Ach, keine Ursache zu +danken!« entgegnete sie, seufzte tief auf und ging weiter. + +Er setzte sich wieder ins Gras nieder, der Bock graste neben ihm, aber +er hatte ihn nicht mehr so lieb wie vorher. + + + + +2 + + +Der Bock war an der Wand des Hauses angebunden, Öyvind aber stand da +und schaute zu dem Berge empor. Die Mutter kam zu ihm heraus und +setzte sich zu ihm; er wollte Märchen über das hören, was weit weg +war, denn jetzt war ihm der Bock nicht mehr genug. Da hörte er denn, +daß einstmals alles sprechen konnte: der Berg sprach mit dem Bach, und +der Bach mit dem Strom, und der Strom mit dem Meere, und das Meer mit +dem Himmel; dann aber fragte er, ob denn der Himmel mit niemand +spräche; ja, der Himmel spräche mit den Wolken, und die Wolken mit den +Bäumen, und die Bäume mit dem Grase, und das Gras mit den Fliegen, und +die Fliegen mit den Tieren, und die Tiere mit den Kindern, die Kinder +mit den Erwachsenen; und so ging es weiter, bis es rundherum ging, und +niemand wußte, wer begonnen hatte. Öyvind sah den Berg an und die +Bäume und die See und den Himmel und hatte das alles eigentlich bisher +noch niemals gesehen. In diesem Augenblick kam die Katze heraus und +legte sich auf die steinerne Schwelle in die Sonne. -- »Was sagt die +Katze?« fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang: + + »Die Katze liegt im Sonnenschein, + Der abends sieht zur Tür herein: + Ein Mäusepärlein kam + Und naschte von dem Rahm, + Vier Stück Fisch, + Die stahl ich mir vom Tisch, + Und bin so rund und satt, + Und bin so faul und matt! + Sagte die Katze.« + +Aber der Hahn und alle Hühner kamen. -- »Was sagt der Hahn?« fragte +Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang: + + »Gluckhenne ihre Flügel senkt, + Hahn steht auf einem Bein und denkt: + Die graue Gans seht bloß, + Dünkt sich wer weiß wie groß, + Doch ob sie haben kann + Verstand so wie ein Hahn? + Nun flink, ihr Hennen, soll ich euch jagen? + Unters Dach! Gute Nacht mag die Sonne jetzt sagen. + Sagte der Hahn.« + +Aber oben auf dem Dachfirst saßen zwei kleine Vögel und sangen. -- +»Was sagen die Vögel?« fragte Öyvind und lachte. + + »Herr Gott, wie ist es gut zu leben + Für den, der nicht braucht zu schaffen und streben! + Sagten die Vöglein.« + +Und er erfuhr, was sie alle miteinander sprachen bis hinab zur Ameise, +die durch das Moor kroch, und dem Wurm, der in der Borke pickte. + +In demselben Sommer begann die Mutter, ihn lesen zu lehren. Bücher +hatte er schon lange gehabt, und er hatte viel darüber nachgedacht, +wie es wohl zugehn würde, wenn auch sie zu sprechen anfingen. Nun +wurden die Buchstaben zu Tieren, Vögeln und zu allem, was da kreucht +und fleugt. Bald aber fingen sie an, zusammen zu gehen, immer zu +zweien; =A= blieb stehn und ruhte unter einem Baume aus, der =B= hieß, +dann kam =C= und tat dasselbe; als sie aber zu dreien und vieren +zusammenkamen, da war es, als wenn sie böse aufeinander würden; es +wollte nicht recht gehn. Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, +was sie waren; am längsten dachte er an das =A=, das er am liebsten +hatte; es war ein kleines, schwarzes Lämmchen und war gut Freund mit +allen. Bald aber vergaß er auch das =A=, das Buch enthielt kein +Märchen, nur Aufgaben. + +Da geschah es eines Tages, daß die Mutter zu ihm hereinkam und sagte: +»Morgen fängt die Schule wieder an, du sollst mit mir nach dem Hofe +gehn.« Öyvind hatte gehört, daß die Schule ein Ort sei, wo viele +Knaben spielten, und dagegen hatte er nichts einzuwenden. Er war sehr +vergnügt; auf dem Hofe war er oft gewesen, allerdings nie, wenn Schule +war, und so schritt er denn schneller als die Mutter die Hügel hinan, +von Sehnsucht erfüllt. Sie kamen an die Altenteilerwohnung; ein +entsetzliches Geräusch, wie bei der Mühle daheim, schallte ihnen +entgegen, und er fragte die Mutter, was das sei. -- »Das sind die +Kinder, die lesen,« antwortete sie, und darüber war er sehr erfreut, +denn geradeso hatte er auch gelesen, ehe er die Buchstaben kannte. Als +er hineinkam, saßen da so viele Kinder um einen Tisch herum, daß in +der Kirche nicht mehr waren; andre saßen auf ihren Eßbütten an den +Wänden entlang, einige umstanden in einem kleinen Haufen eine Tafel. +Der Schulmeister, ein alter, grauhaariger Mann, saß auf einem Schemel +am Herde und stopfte sich eine Pfeife. Als Öyvind und die Mutter +eintraten, sahen alle auf, und das Mühlradgeklapper hielt inne, +geradeso wie wenn der Bach gestaut wird. Alle sahen die Eintretenden +an, die Mutter begrüßte den Schulmeister, der den Gruß erwiderte. + +»Hier komme ich mit einem kleinen Jungen, der gern lesen lernen +möchte,« sagte die Mutter. -- »Wie heißt der kleine Schelm?« fragte +der Schulmeister und wühlte nach Tabak in dem ledernen Beutel. + +»Öyvind!« sagte die Mutter, »er kennt die Buchstaben, und er kann sie +zusammenfügen.« -- »Sieh nur an!« sagte der Schulmeister; »komm einmal +her, du Flachskopf!« -- Öyvind ging zu ihm hin, der Schulmeister +setzte ihn auf seinen Schoß und nahm ihm die Mütze ab. -- »Was für ein +hübscher kleiner Junge!« sagte er und strich ihm über das Haar. Öyvind +sah ihm in die Augen und lachte. -- »Lachst du über mich?« Er runzelte +die Brauen. -- »Ja, das tue ich!« antwortete Öyvind und lachte aus +vollem Halse. Da lachte auch der Schulmeister, die Mutter lachte, die +Kinder merkten auch, daß sie lachen dürften, und so lachten sie dann +alle zusammen. + +Damit war Öyvind in die Schule aufgenommen. + +Als er sich hinsetzen sollte, wollten sie ihm alle Platz machen. Er +sah sich auch lange um; sie flüsterten und sie zeigten, er drehte sich +nach allen Seiten um, die Mütze in der Hand, das Buch unterm Arm. -- +»Nun, wirds bald?« fragte der Schulmeister, der sich wieder mit seiner +Pfeife beschäftigte. Als er sich nach dem Schulmeister umwenden +wollte, sah er dicht neben sich am Herde auf einer kleinen rot +angestrichnen Eßbütte Marit mit den vielen Namen sitzen; sie hatte das +Gesicht hinter beiden Händen verborgen und saß da und guckte zu ihm +hinüber. -- »Hier will ich sitzen,« sagte Öyvind schnell, nahm eine +Eßbütte und setzte sich neben sie. Jetzt erhob sie den Arm, der ihm +zunächst war, ein wenig und sah ihn unter dem Ellenbogen weg an; +sofort bedeckte auch er sein Gesicht mit beiden Händen und sah sie +unter dem Ellenbogen weg an. So saßen sie und stellten sich an, bis +sie lachte, da lachte auch er. Die Kinder hatten das gesehen und +lachten mit. Da aber fuhr eine fürchterlich starke Stimme, die jedoch +allmählich milder wurde, dazwischen: »Still, ihr Kobolde, ihr +Krabbenzeug, ihr Nichtsnutze! Still, und seid hübsch artig gegen mich, +ihr Zuckerferkelchen!« -- Das war der Schulmeister, der die Gewohnheit +hatte, aufzubrausen, aber wieder gut zu werden, ehe er fertig war. +Sogleich wurde es ruhig in der Schule, bis sich die Pfeffermühlen von +neuem in Bewegung setzten. Sie lasen jedes laut in seinem Buche, die +feinsten Diskante spielten auf, die gröbern Stimmen trommelten lauter +und lauter, um das Übergewicht zu haben, und zuweilen jodelte auch +wohl einer dazwischen; Öyvind hatte sein ganzes Leben lang keine +solche Kurzweil gehabt. + +»Ist es hier immer so?« flüsterte er Marit zu. -- »Ja, so ist es hier +immer,« sagte sie. + +Nach einer Weile mußten sie zum Schulmeister kommen und lesen; ein +kleiner Junge wurde dann angestellt, mit ihnen zu lesen, und dann +waren sie frei und durften wieder gehn und sich ruhig hinsetzen. + +»Nun habe ich auch einen Bock bekommen,« sagte sie. -- »Wirklich?« -- +»Ja, aber so schön wie deiner ist er nicht.« -- »Weshalb bist du nicht +öfter auf den Berg gekommen?« -- »Großvater fürchtet, daß ich +hinunterfallen könnte.« -- »Aber es ist ja nicht so hoch.« -- +»Großvater will es aber doch nicht.« + +»Mutter kann so viele Lieder,« erzählte er. -- »Du kannst mir glauben, +Großvater kann auch welche!« -- »Ja, aber nicht davon, was Mutter +weiß.« -- »Großvater kann eins vom Tanzen, er. Willst du es hören?« -- +»Ja, gern!« -- »Aber dann mußt du näher hierherkommen, daß es der +Schulmeister nicht merkt.« -- Er rückte zu ihr heran, und dann sagte +sie ihm ein Bruchstück eines Liedes vier bis fünfmal vor, so daß der +Knabe es lernte, und das war das erste, was er in der Schule lernte. + + »Zum Tanz! rief die Fiedel. + Die Saiten erklangen, + Der Bursch voll Verlangen + Sprang auf und rief: ho! + Halt an! sagte Ola. + Den Schulzen stieß um er, + Hinflog mit Gebrumm der, + Sie lachten nur so! + + Hinauf! sagte Erik, + Die Absätze dröhnten + Am Balken, es stöhnten + Die Wände beim Sprung. + Hör auf! sagte Erling + Und packt' ihn beim Kragen, + Hinaus ihn zu jagen: + Noch bist du zu jung! + + Nun fix, sagte Rasmus, + Nahm Randi ums Mieder: + Den Kuß gib mir wieder, + Du weißt! Sei gescheit! + Wird nix! lachte Randi, + Eins hinter die Ohren + Gebührt solchen Toren, + Nun weißt du Bescheid!« + +»Auf, Kinder!« rief der Schulmeister; »heute ist der erste Schultag, +da will ich euch früher freigeben; vorher aber müssen wir noch beten +und singen!« Das gab ein Leben in der Schule, sie sprangen von den +Bänken, sprangen durch das Zimmer, schwatzten alle durcheinander. -- +»Still, ihr Teufelsbrut, ihr jungen Elstern, ihr Takelzeug! Stille! +Und geht fein säuberlich durch das Zimmer, Kinderchen!« sagte der +Schulmeister, und sie gingen ruhig hin und stellten sich auf, worauf +der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach. Dann +sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit kräftigem Baß an, alle Kinder +standen mit gefalteten Händen da und sangen mit, Öyvind stand zu +unterst neben der Tür mit Marit zusammen und sah zu; auch sie falteten +die Hände, aber sie konnten nicht singen. + +Das war der erste Tag in der Schule. + + + + +3 + + +Öyvind wuchs heran und wurde ein muntrer Junge. In der Schule war er +einer der ersten, und daheim war er zu jeder Arbeit geschickt. Das kam +daher, daß er daheim die Mutter liebhatte und in der Schule den +Schulmeister; von dem Vater sah er nur wenig, denn entweder war dieser +auf dem Fischfang, oder er besorgte ihre Mühle, in der das halbe +Kirchspiel mahlen ließ. + +Was in diesen Jahren am meisten auf sein Gemüt eingewirkt hatte, war +die Geschichte des Schulmeisters, die ihm die Mutter eines Abends, als +sie am Herde saßen, erzählt hatte. Sie senkte sich in seine Bücher +hinab, sie lag jedem Wort zugrunde, das der Schulmeister sagte, und +schlich in der Schule umher, wenn alles still war. Sie flößte ihm +Gehorsam und Ehrfurcht ein und verlieh ihm gleichsam ein leichteres +Verständnis für alles, was gelehrt wurde. Die Geschichte lautete +folgendermaßen: + +Baard hieß der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der Anders +hieß. Sie hatten sich sehr lieb, ließen sich beide anwerben, lebten in +der Stadt zusammen, zogen mit in den Krieg, wo sie beide zu Korporalen +befördert wurden und beide bei derselben Kompagnie standen. Als sie +nach dem Kriege wieder heimkehrten, fanden alle, daß es zwei +stattliche Männer seien. Da stirbt ihr Vater; er hatte viel Hab und +Gut, das schwer zu teilen war, und deswegen sagten sie zueinander, daß +sie auch diesmal nicht uneins werden, sondern eine Auktion ansetzen +wollten, wo jeder kaufen könnte, was er wollte, und dann wollten sie +den Erlös teilen. Gesagt, getan! Aber der Vater hatte eine große +goldne Uhr gehabt, die weit und breit berühmt war, denn es war die +einzige goldne Uhr, die die Leute in dieser Gegend jemals gesehen +hatten, und als diese Uhr ausgerufen wurde, wollten viele reiche +Männer sie haben, bis auch beide Brüder zu bieten anfingen; darauf +ließen die andern nach. Jetzt erwartete Baard von Anders, daß er ihm +die Uhr überlassen würde, und Anders erwartete dasselbe von Baard; sie +boten jeder einmal, um einander auf die Probe zu stellen, und sahen +zueinander hinüber, während sie boten. Als die Uhr auf zwanzig Taler +gekommen war, dachte Baard, daß das nicht schön gehandelt sei von dem +Bruder, und fuhr fort zu bieten, bis er die Uhr ungefähr auf dreißig +hinaufgetrieben hatte; als Anders noch nicht nachließ, meinte Baard, +Anders wisse nicht mehr, wie gut er oft gegen ihn gewesen wäre, und +daß er außerdem der älteste sei, und so kam die Uhr höher als auf +dreißig Taler. Anders bot noch immer. Da bot Baard vierzig Taler auf +einmal und sah den Bruder nicht mehr an; es war sehr still im +Auktionszimmer, nur der Schulze wiederholte ruhig die Summe. Anders +dachte, wie er so dastand, daß, wenn Baard die Mittel habe, vierzig +Taler zu geben, er sie auch wohl habe, und wenn Baard ihm die Uhr +nicht gönne, so wäre er im Rechte, sie zu nehmen; er überbot ihn also. +Dies erschien Baard wie die größte Schande, die ihm je zugefügt worden +war; er bot fünfzig Taler, und zwar ganz leise. Viele Leute standen +ringsumher, und Anders dachte, so sollte ihn der Bruder nicht vor +aller Ohren verhöhnen, und überbot ihn. Da lachte Baard: »Hundert +Taler und meine Bruderschaft mit in den Kauf,« wandte sich ab und ging +zur Stube hinaus. Nach einer Weile, während er damit beschäftigt war, +das eben erstandne Pferd zu satteln, kam jemand zu ihm heraus. »Die +Uhr ist dein,« sagte der Mann; »Anders hat nachgegeben.« -- In +demselben Augenblick, wo Baard dies erfuhr, durchzuckte es ihn wie +Reue; er dachte an den Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war +aufgelegt, aber er hielt inne, die Hand auf dem Rücken des Pferdes, +unsicher, ob er reiten solle. Da kamen viele Leute heraus, unter ihnen +Anders, und wie er den Bruder neben dem gesattelten Pferde stehn sah +-- er wußte ja nicht, worüber Baard jetzt nachdachte --, schrie er zu +ihm hinüber: »Hab Dank für die Uhr, Baard, du sollst sie an dem Tage +nicht gehn sehen, wo dein Bruder dir in den Weg tritt!« -- »Auch an +dem Tage nicht, wo ich wieder auf den Hof reite!« entgegnete Baard, +kreideweiß im Gesicht, und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, wo +sie zusammen mit dem Vater gewohnt hatten, betrat keiner von ihnen +wieder. + +Bald darauf heiratete Anders in eine Käte hinein, aber er bat Baard +nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht in der Kirche. In dem ersten +Jahre nach Andersens Verheiratung wurde die einzige Kuh, die er hatte, +an der Nordseite seines Hauses, wo sie angepflöckt geweidet hatte, tot +aufgefunden, und niemand wußte, woran sie gestorben war. Mehrere +Unglücksfälle kamen hinzu, und es ging zurück mit ihm; am schlimmsten +aber wurde es, als seine Scheune mitten im Winter abbrannte mit allem, +was darin war; niemand wußte, wie das Feuer entstanden war. »Das hat +jemand getan, der mir übel will,« sagte Anders, und in dieser Nacht +weinte er. Er war ein armer Mann geworden und verlor alle Lust zur +Arbeit. + +Da stand Baard am nächsten Tage in seiner Stube. Anders lag auf dem +Bett, als er eintrat, sprang aber auf. -- »Was willst du hier?« fragte +er, schwieg dann aber und blieb stehn und starrte den Bruder +unverwandt an. Baard wartete eine Weile, ehe er antwortete: »Ich will +dir meine Hilfe anbieten, Anders; es geht dir nicht gut.« -- »Mir geht +es so, wie du es mir gewünscht hast, Baard! Geh, oder ich weiß nicht, +ob ich mich beherrschen kann.« -- »Du irrst, Anders; ich bereue --.« +-- »Geh, Baard, oder Gott sei dir und mir gnädig.« -- Baard trat ein +paar Schritte zurück; mit bebender Stimme sagte er: »Wenn du die Uhr +haben willst, so sollst du sie bekommen!« -- »Geh, Baard!« schrie der +andre, und Baard wagte nicht länger zu bleiben, sondern ging. + +Mit Baard aber war es so zugegangen. Sobald er hörte, daß der Bruder +Not leide, taute ihm das Herz auf, aber der Stolz hielt ihn zurück. Er +empfand das Bedürfnis, zur Kirche zu gehn, und dort faßte er gute +Vorsätze, allein er brachte sie nicht zur Ausführung. Oft kam er so +weit, daß er das Haus sehen konnte, bald aber kam jemand aus der Tür, +bald war ein Fremder dort, oder auch Anders stand draußen und hackte +Holz, genug, es war immer irgend etwas im Wege. Aber eines Sonntags zu +Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und da war Anders auch +dort. Baard sah ihn; er war blaß und mager geworden, er trug noch +dieselben Kleider wie früher, als sie noch zusammen gewesen waren, +aber sie waren jetzt alt und geflickt. Während der Predigt sah er zum +Pfarrer hinauf, und Baard erschien es, als sähe er gut und sanft aus, +er gedachte ihrer Kinderjahre und was für ein guter Junge er gewesen +war. Baard selber ging an jenem Tage zum Abendmahl, und er legte +seinem Gott das feierliche Gelübde ab, daß er sich mit seinem Bruder +versöhnen wolle, es möchte kommen, was da wollte. Dieser Vorsatz ging +in dem Augenblick durch seine Seele, als er den Wein trank, und als er +sich erhob, wollte er geradeswegs zu ihm hingehn und sich neben ihn +setzen; aber es saß jemand im Wege, und der Bruder sah nicht auf. Auch +nach der Predigt war wieder etwas im Wege; da waren zu viel Leute, die +Frau ging neben ihm, und die kannte er nicht -- er meinte, es sei das +beste, zu ihm ins Haus zu gehn und ernstlich mit ihm zu reden. Als der +Abend kam, tat er das. Er ging auf die Stubentür zu und lauschte; da +aber hörte er seinen Namen nennen, und zwar von der Frau: »Er ging +heute zum Abendmahl,« sagte sie; »er hat gewiß an dich gedacht.« -- +»Nein, er hat nicht an mich gedacht,« sagte Anders. »Ich kenne ihn; er +denkt nur an sich.« + +Dann wurde nichts mehr gesagt. Baard schwitzte, wo er stand, obwohl es +ein kalter Abend war. Die Frau drinnen war an einem Kessel +beschäftigt, der auf dem Feuer brodelte und prasselte, ein Säugling +weinte von Zeit zu Zeit, und Anders wiegte. Da sagte sie die wenigen +Worte: »Ich glaube, ihr denkt beide aneinander, ohne es eingestehn zu +wollen.« -- »Laß uns von etwas anderm sprechen,« erwiderte Anders. +Nach einer Weile erhob er sich, er wollte auf die Tür zugehn. Baard +mußte sich im Holzschuppen verbergen; aber gerade dahin kam auch +Anders, um einen Arm voll Holz hereinzuholen. Baard stand in der Ecke +und sah ihn deutlich; er hatte seine schlechten Sonntagskleider +ausgezogen und trug die Uniform, die er aus dem Kriege mit nach Hause +gebracht hatte, dieselbe wie Baard seine; er hatte dem Bruder +versprochen, sie nie zu berühren, sondern sie ihm zu vererben, wie ihm +auch dieser das gleiche gelobt hatte. Die von Anders war jetzt +geflickt und abgetragen, sein kräftiger, wohlgewachsner Körper steckte +wie in einem Bündel Lumpen, und zugleich hörte Baard die goldne Uhr in +seiner eignen Tasche picken. Anders ging dahin, wo das Reisig lag; +aber statt sich gleich zu bücken und sich zu beladen, blieb er stehn, +lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Holzstapel und sah zum Himmel +auf, an dem die Sterne hell flimmerten. Dann seufzte er tief auf und +sagte: »Ja -- ja -- ja; Herr Gott, Herr Gott!« + +Solange Baard lebte, hörte er fortan diese Worte. Er wollte auf ihn +zugehn, aber in demselben Augenblick räusperte sich der Bruder, und +das klang so hart -- mehr gehörte nicht dazu, ihn zurückzuhalten. +Anders nahm seinen Arm voll Holz auf und streifte so dicht damit an +Baard vorüber, daß ihm die Reiser ins Gesicht schlugen, daß es +schmerzte. + +Wohl zehn Minuten lang stand er noch regungslos auf demselben Fleck, +und man kann nicht wissen, wann er gegangen wäre, wenn ihn nicht nach +der starken Erregung ein solcher Frost befallen hätte, daß es ihn +durchschauerte. Da ging er hinaus; er gestand sich ganz offen, daß er +zu feige sei, hineinzugehn; deswegen hatte er jetzt einen andern Plan +ersonnen. Aus einer Aschbütte, die in der Ecke stand, die er soeben +verlassen hatte, nahm er ein paar Kohlen, suchte sich einen Kienspan, +ging in die Scheune hinein, schloß hinter sich und schlug Feuer. Als +er den Kienspan angezündet hatte, leuchtete er in die Höhe nach dem +Nagel, an den Anders seine Laterne hängte, wenn er in der Frühe des +Morgens kam, um zu dreschen. Baard zog seine goldne Uhr heraus und +hängte sie an den Nagel, löschte den Kienspan aus und ging, und da +fühlte er sich so erleichtert, daß er wie ein junger Bursche über den +Schnee dahinlief. + +Am nächsten Tage hörte er, daß die Scheune in der Nacht abgebrannt +sei. Wahrscheinlich waren Funken von dem Kienspan heruntergefallen, +der ihm leuchten sollte, während er die Uhr anhängte. + +Dies überwältigte ihn dermaßen, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker +dasaß, sein Gesangbuch hervorholte und sang, so daß die Leute im Hause +glaubten, es sei nicht ganz richtig mit ihm. Am Abend aber ging er +aus; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöfte des Bruders, +grub auf der Brandstätte nach -- und fand wirklich einen kleinen, +zusammengeschmolznen Goldklumpen; das war die Uhr. + +Damit in der Hand ging er an jenem Abend zum Bruder, bat um Frieden +und wollte sich erklären. Wie es aber ging, ist schon erzählt worden. + +Ein kleines Mädchen hatte ihn auf der Brandstätte graben sehen, ein +paar Burschen, die zum Tanze gingen, hatten ihn am vorhergehenden +Sonntagabend auf das Gehöft zugehn sehen. Die Leute im Hause +erzählten, wie sonderbar er am Montag gewesen wäre, und da nun alle +wußten, daß er und der Bruder bittere Feinde waren, so wurde die Sache +bei Gericht angemeldet und ein Verhör vorgenommen. + +Niemand konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht ruhte auf ihm; er +konnte sich jetzt weniger denn je dem Bruder nähern. + +Anders hatte an Baard gedacht, als die Scheune brannte, hatte es aber +zu niemand gesagt. Als er ihn am nächsten Abend bleich und verstört in +sein Zimmer eintreten sah, dachte er sofort: Jetzt schlägt ihm sein +Gewissen, aber für eine so schreckliche Tat gegen seinen eignen Bruder +erhält er keine Vergebung. Später hörte er denn auch, daß die Leute +ihn an demselben Abend, als es brannte, auf das Gehöft hatten zugehn +sehen, und obwohl beim Verhör nichts nachgewiesen wurde, glaubte er +steif und fest, daß Baard der Missetäter sei. Sie trafen einander beim +Verhör; Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten; +Baard sah zu ihm hinüber, als er eintrat, und die Augen flehten, daß +es Anders bis ins Herz hinein fühlte. Er will nicht, daß ich etwas +sagen soll, dachte Anders, und als man ihn fragte, ob er dem Bruder +die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: »Nein!« + +Aber seit jenem Tage ergab sich Anders dem Trunke, und es ging ihm +sehr schlecht. Noch schlechter erging es jedoch Baard, obwohl der +nicht trank; er war nicht wiederzuerkennen. + +Da kam eines Abends spät eine arme Frau in die kleine Kammer, in der +Baard zur Miete wohnte, und bat ihn, mit ihr zu kommen. Er erkannte +sie; es war die Frau des Bruders. Baard wußte sofort, was sie zu ihm +führe; er wurde leichenblaß, kleidete sich an und folgte ihr, ohne ein +Wort zu sagen. Aus Andersens Fenster schimmerte ein schwacher +Lichtschein, er blitzte und verschwand, und sie folgten dem Licht, +denn es führte kein Weg über den Schnee. Als Baard wieder in der Flur +stand, drang ihm ein wunderlicher Geruch entgegen, so daß ihm ganz +schlecht wurde. Ein kleines Kind stand am Herd und aß Kohlen, es war +über das ganze Gesicht schwarz, sah aber auf und lachte mit weißen +Zähnen; es war das Kind des Bruders. Aber hinten im Bette, mit +allerlei Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit +klarer, hoher Stirn und sah den Bruder hohläugig an. Baard +schlotterten die Knie, er setzte sich an das Fußende des Bettes und +brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und +schwieg. Endlich hieß er die Frau hinausgehn, Baard aber winkte, daß +sie bleiben solle -- und nun fingen diese beiden Brüder an, +miteinander zu reden. Sie erklärten sich alles, von dem Tage an, wo +sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu dem heutigen, wo sie sich +wiedersahen. Baard schloß damit, daß er den Goldklumpen hervorzog, den +er immer bei sich trug, und jetzt wurde es den Brüdern klar, daß sie +sich alle diese Jahre lang nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt +hatten. + +Anders sagte nicht viel, denn er war nicht dazu imstande; Baard aber +blieb am Bette sitzen, solange Anders krank war. -- »Jetzt bin ich +wieder ganz gesund,« sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte; +»jetzt, mein Bruder, wollen wir lange zusammenleben und nie wieder +voneinandergehn, wie in den alten Zeiten.« Aber an dem Tage starb er. + +Die Frau und das Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es gut seit +der Zeit. Worüber sich aber die Brüder am Krankenbett unterhalten +hatten, das drang durch die Wände und die Nacht hinaus, es wurde allen +Leuten im Kirchspiel bekannt, und Baard wurde der geachtetste Mann +unter ihnen. Alle grüßten ihn wie jemand, der ein schweres Leid gehabt +und wieder Freude gefunden hat, oder wie jemand, der sehr lange fern +gewesen ist. Baards Gemüt wurde stark infolge der Freundlichkeit, mit +der man ihm entgegenkam, er wurde gottergeben -- und er wolle etwas zu +tun haben, sagte er, so entschloß sich der alte Korporal, Schulmeister +zu werden. Was er den Kindern von früh bis spät einprägte, war die +Liebe, und er selbst übte sie, so daß die Kleinen ihn liebten wie +einen Spielkameraden und Vater zugleich. + +Und diese Geschichte, die vom alten Schulmeister erzählt wurde, machte +einen solchen Eindruck auf Öyvinds Gemüt, daß sie ihm zur Religion und +Erziehung wurde. Der Schulmeister war für ihn ein fast übernatürlicher +Mensch geworden, obgleich er so umgänglich dasaß und nur wenig schalt. +Auch nur eine einzige Aufgabe nicht zu wissen, war ihm unmöglich, und +lächelte er ihm zu, oder strich er ihm mit der Hand über das Haar, +wenn er sie aufgesagt hatte, da war ihm den ganzen Tag froh und warm +ums Herz. + +Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der +Schulmeister ihnen zuweilen vor dem Gesang eine kleine Rede hielt und +ihnen wenigstens einmal in der Woche ein paar Verse vorlas, die von +der Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten von diesen Versen las, +zitterte seine Stimme, obwohl er ihn jetzt schon seit zwanzig bis +dreißig Jahren gelesen hatte; er lautete: + + Seinen Nächsten man lieben muß! + Niemals tritt ihn unter den Fuß, + Läge er auch im Staube. + Alles, was lebt, ist untertan + Göttlicher Liebe! Sieh nur hinan, + Liebe gibt dir dein Glaube. + +Wenn aber dann das ganze Gedicht hergesagt war und er eine Weile +dagestanden hatte, sah er sie an und blinzelte mit den Augen: »Auf, +ihr kleinen Kobolde, und geht hübsch ohne Lärm nach Hause; geht hübsch +artig, daß ich nur Gutes von euch zu hören bekomme, Kinderchen!« -- +Während sie dann wie besessen lärmten, um ihre Bücher und Eßbütten +zusammenzusuchen, schrie er in den Lärm hinein: »Kommt morgen wieder, +sobald es hell wird, oder ich hole euch und mache euch Beine! -- Kommt +ja zur rechten Zeit, ihr kleinen Mädchen und Jungen, dann wollen wir +fleißig sein!« + + + + +4 + + +Über sein weiteres Heranwachsen bis zu dem Jahre vor seiner +Konfirmation ist nicht viel zu berichten. Er lernte am Morgen, +arbeitete am Tage und spielte am Abend. Da er einen ungewöhnlich +fröhlichen Sinn hatte, währte es nicht lange, bis die in der Nähe +wohnende Jugend sich in den Freistunden dort einzufinden pflegte, wo +er war. Ein großer Hügel zog sich bis an die Bucht hinab, davor lag +auf der einen Seite das Haus an der Bergwand, und der Wald auf der +andern, wie schon berichtet worden ist, und den ganzen Winter war hier +an jedem schönen Abend und des Sonntags Eisbahn für die +schlittenfahrende Jugend des Kirchspiels. Öyvind war Meister auf der +Schlittenbahn, er hatte zwei Schlitten, den »Scharftraber« und das +»Ungetüm«; diesen lieh er größern Gesellschaften, den andern lenkte er +selbst und hatte dabei Marit auf dem Schoß. + +Das erste, was Öyvind in der Zeit tat, war auszugucken, wenn er +aufwachte, ob Tauwetter war, und sah er, daß es jenseits der Bucht +grau über den Büschen hing, oder hörte er, daß es vom Dache +heruntertropfte, da ging es so langsam mit dem Ankleiden, als sei an +diesem Tage nichts zu tun. Erwachte er aber, und namentlich des +Sonntags, bei knarrendem Frost und klarem Wetter, hatte er die besten +Kleider und keine Arbeit vor sich, nur Überhören und Kirchgang am +Vormittag und dann den ganzen Nachmittag und den Abend frei -- juchhe! +da sprang der Junge mit einem Satz aus dem Bette, kleidete sich an, +als brenne das Haus, und konnte kaum essen. Sobald der Nachmittag da +war und der erste Junge am Wegesrande entlang auf seinen Skien +dahergesaust kam, den Skistab über dem Kopf schwang und rief, daß es +an den Bergabhängen um das Wasser widerhallte, und dann einer den Weg +entlang auf dem Schlitten, und noch einer und noch einer -- da machte +sich der Junge mit dem »Scharftraber« auf, lief den ganzen Hügel hinan +und machte mit langem, gellendem Jodeln, das an der Bucht entlang von +Berg zu Berg schallte und erst ganz in der Ferne erstarb, zwischen den +zuletzt Angekommnen halt. + +Er pflegte sich dann nach Marit umzusehen; war sie aber erst gekommen, +so kümmerte er sich auch nicht mehr um sie. + +Aber dann kam ein Weihnachtsfest, wo der Knabe wie auch das Mädchen +ungefähr sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein mochten und zum +Frühling konfirmiert werden sollten. Am vierten Tage nach Weihnachten +war ein großes Fest auf dem obersten der Heidehöfe bei Marits +Großeltern, bei denen sie erzogen worden war, und die ihr dies fast +nun schon seit drei Jahren versprochen hatten, jetzt aber endlich an +diesem Feiertage damit herausrücken mußten. + +Dazu war Öyvind eingeladen worden. + +Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend, kein Stern war zu sehen, am +nächsten Tage mußte Regen kommen. Ein lauer Wind wehte über den +Schnee, der hie und da von den weißen Heidefeldern weggefegt und an +andern Stellen zu langen Schanzen zusammengetrieben war. Am Wege +entlang war, wo kein Schnee lag, Glatteis, und das lag blauschwarz +zwischen dem Schnee und dem nackten Felde und blitzte streckenweise +auf, soweit man sehen konnte. An den Felswänden waren Schneelawinen +niedergegangen; sie hatten Dunkelheit und Leere hinterlassen, aber zu +beiden Seiten ihres Bettes war es hell und schneebekleidet, +ausgenommen dort, wo sich die Birkenwälder zusammendrängten und es +dunkel machten. Das Wasser war nicht zu sehen, aber halbnackte +Heideflächen und Sümpfe lagen unten an den Felswänden hinauf, +zerklüftet und schwer. Die Gehöfte lagen in dichtgedrängten Haufen +mitten auf der Fläche; sie sahen in der Dunkelheit des Winterabends +aus wie schwarze Klumpen, von denen sich Licht über das Feld ergoß, +bald aus diesem, bald aus jenem Fenster. Nach den Lichtern zu +urteilen, mußte es da drinnen geschäftig hergehn. Die Jugend, die +erwachsne wie die halberwachsne, scharte sich von verschiednen Seiten +her zusammen; die wenigsten gingen auf dem Wege, oder sie verließen +ihn doch, sobald sie sich dem Gehöfte näherten, und schlichen sich +dann weiter, einer hinter das Viehhaus, ein paar unter das +Vorratshaus, etliche krochen hinter die Scheune und schrien wie +Füchse, andre antworteten aus der Entfernung wie Katzen, einer stand +hinter dem Backofen und bellte wie ein alter, bissiger Hund, dem die +Quinte gesprungen ist, bis eine allgemeine Jagd angestellt wurde. Die +Mädchen kamen in großen Scharen daher, sie hatten einige Burschen, in +der Regel kleine Jungen, bei sich, die sich auf den Wegen um sie +prügelten, um als Männer zu erscheinen. Wenn so ein Mädchenschwarm auf +den Hof kam und der eine oder der andre der erwachsnen Burschen ihrer +ansichtig wurde, stoben die Mädchen auseinander, flohen in die Gänge +oder in den Garten hinab und mußten eine nach der andern hervorgeholt +und ins Haus gezogen werden. Einige waren so verschämt, daß man Marit +holen lassen mußte, daß sie sie kräftig hereinnötigte. Zuweilen kam +auch wohl eine, die eigentlich gar nicht eingeladen war, und deren +Absicht es durchaus nicht war, hineinzugehen, sondern die nur zusehen +wollte, aber das Ende von der Sache war dann, daß sie doch wenigstens +einen Tanz mitmachen sollte. Die, die Marit gern hatte, lud sie ein, +zu den Altenteilern in eine kleine Kammer zu kommen, wo der Alte saß +und rauchte und die Großmutter hin und her ging; man schenkte ihnen +dann ein und redete sie freundlich an. Öyvind war nicht unter diesen, +und das erschien ihm ein wenig wunderbar. + +Der gute Spielmann des Kirchspiels konnte erst später kommen, deswegen +mußten sie sich bis dahin mit dem alten behelfen, einem Häusler, den +sie Grauknud nannten. Er konnte vier Tänze spielen, nämlich zwei +Springtänze, einen Halling und einen alten sogenannten Napoleonwalzer; +nach und nach aber hatte er den Halling in einen Schottisch umwandeln +müssen, indem er den Takt veränderte, und ein Springtanz mußte auf +dieselbe Weise zur Polka-Mazurka werden. Er spielte nun auf, und der +Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich, sich zu beteiligen, denn hier +waren zu viel Erwachsne; aber die Halberwachsnen taten sich bald +zusammen, pufften einander vor, tranken sich Mut in dem starken Bier, +und da kam auch Öyvind mit; heiß wurde es in der Stube, die Lustigkeit +und das Bier stiegen ihnen zu Kopfe. Marit war an diesem Abend die +begehrteste Tänzerin, wahrscheinlich weil ihre Großeltern das Fest +veranstaltet hatten, und das bewirkte, daß auch Öyvind oft nach ihr +sah; immer aber tanzte sie mit andern. Er wollte gern selbst mit ihr +tanzen, deswegen blieb er einen Tanz über sitzen, um gleich zu ihr +hineilen zu können, sobald er zu Ende war, und das tat er auch, aber +ein großer Kerl mit dunkler Gesichtsfarbe und starkem Haarwuchs +vertrat ihm den Weg. »Weg, Junge!« rief er und puffte Öyvind, so daß +er beinahe rücklings über Marit gefallen wäre. Noch niemals war ihm so +etwas begegnet, nie waren die Leute anders als freundlich gegen ihn +gewesen, nie war er »Junge« genannt worden, wenn er an irgend etwas +hatte teilnehmen wollen; er wurde dunkelrot, sagte aber nichts und zog +sich in die Ecke zurück, wo der eben angekommne neue Spielmann saß und +stimmte. Es war still in dem Gewimmel geworden, man wartete darauf, +die ersten kräftigen Töne von »ihm selber« zu hören; er versuchte und +stimmte, es währte lange; endlich strich er drauflos und spielte einen +Springtanz. Die Burschen schrien und warfen sich Paar auf Paar in den +Kreis hinein. Öyvind sah zu Marit hinüber, die dort mit dem +starkhaarigen Manne tanzte; sie lachte über dessen Schulter weg, daß +ihre weißen Zähne blitzten, und Öyvind empfand zum erstenmal in seinem +Leben einen eigentümlich stechenden Schmerz in der Brust. + +Wieder und wieder sah er sie an, aber je mehr er sie ansah, desto mehr +kam es ihm vor, als sei Marit völlig erwachsen; das kann doch nicht sein, +dachte er, denn sie ist doch noch mit bei unsern Schlittenfahrten. +Aber erwachsen war sie doch, und der Mann mit dem starken Haarwuchs +zog sie nach dem Tanz auf seinen Schoß; sie riß sich zwar los, blieb +aber doch neben ihm sitzen. + +Öyvind betrachtete den Mann; er trug feines blaues Tuchzeug, ein +blaugewürfeltes Hemd und ein seidnes Halstuch; er hatte ein kleines +Gesicht, ausdrucksvolle blaue Augen, einen lachenden, trotzigen Mund, +er war hübsch. Öyvind sah mehr und mehr, er sah endlich auch sich +selber an; er hatte zu Weihnachten neue Hosen bekommen, auf die er +sehr stolz war, jetzt sah er aber, daß sie nur aus grauem Fries waren; +die Jacke war aus demselben Stoff, aber alt und dunkel, die Weste aus +gewürfeltem, eigengemachtem Stoff, ebenfalls alt und mit zwei blanken +und einem schwarzen Knopf. Er sah sich um, und es schien ihm, daß +wenige so schlecht gekleidet seien wie er. Marit trug ein schwarzes +Mieder aus feinem Stoff, eine silberne Spange im Halstuch und ein +zusammengelegtes seidnes Tuch in der Hand. Auf dem Hinterkopfe hatte +sie eine kleine schwarzseidne Haube, die mit großen, geränderten +seidnen Bändern unter dem Kinn befestigt war. Sie war rot und weiß und +lachte; der Mann sprach mit ihr und lachte. Es wurde von neuem +aufgespielt, und sie wollten wieder tanzen. Ein Kamerad kam und setzte +sich neben ihn. -- »Weshalb tanzt du nicht, Öyvind?« fragte er +freundlich. -- »Ach nein,« sagte Öyvind, »ich sehe nicht danach aus.« +-- »Du siehst nicht danach aus?« Aber ehe er fortfahren konnte, sagte +Öyvind: »Wer ist der da in den blauen Tuchkleidern, der mit Marit +tanzt?« -- »Das ist Jon Hatlen, du weißt, der, der lange auf der +Ackerbauschule gewesen ist und jetzt den Hof übernehmen soll.« -- In +demselben Augenblicke setzten Marit und Jon sich. -- »Wer ist der +Junge mit dem blonden Haar, der dort neben dem Spielmann sitzt und +mich anstarrt?« fragte Jon. Da lachte Marit und sagte: »Es ist der +Häuslersohn von Pladsen.« + +Öyvind hatte ja immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge sei, aber bisher +hatte er das nie empfunden. Er fühlte sich auf einmal so klein an +Körper, kleiner als alle die andern; um sich aufrechtzuerhalten, mußte +er versuchen, an all das zu denken, was ihn bis dahin froh und stolz +gemacht hatte, von der Schlittenbahn an bis zu jedem einzelnen Wort. +Als er auch an seine Mutter und an seinen Vater dachte, die daheim +saßen und glaubten, daß er jetzt vergnügt sei, war es ihm fast, als +könne er die Tränen nicht zurückhalten. Um ihn her lachte und scherzte +alles, die Fiedel schallte ihm gerade ins Ohr hinein, einen Augenblick +war es, wie wenn etwas Schwarzes in ihm aufsteige, aber dann fiel ihm +die Schule ein mit all den Kameraden und dem Schulmeister, der ihn +streichelte, und der Pfarrer, der ihm beim letzten Examen ein Buch +gegeben und gesagt hatte, daß er ein tüchtiger Bursch sei. Der Vater +hatte selber dabei gesessen und zugehört und ihm zugelächelt. »Sei +jetzt gut, Öyvind, hörst du?« glaubte er den Schulmeister sagen zu +hören, indem er auf den Schoß genommen wurde, wie damals, als er klein +war. -- Herr Gott, das alles hat ja so wenig zu bedeuten, und im +Grunde sind alle Menschen gut; es sieht nur so aus, als wenn sie es +nicht wären. Wir beide wollen tüchtig werden, Öyvind, ebenso tüchtig +wie Jon Hatlen; wir wollen schon gute Kleider bekommen und mit Marit +in einer hellerleuchteten Stube tanzen, unter hundert Menschen, +lächeln und miteinander plaudern, zwei Brautleute, der Pfarrer, und +ich im Chor, ich lächle dir zu, und die Mutter wohnt bei dir im Hause, +der Hof ist groß, zwanzig Kühe, drei Pferde, und Marit ist gut und +lieb wie in der Schule -- -- + +Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Marit vor sich auf der Bank und Jon +neben ihr, das Gesicht dicht über dem ihren; ein heftiger, stechender +Schmerz durchzuckte wieder seine Brust, und es war, als sage er zu +sich selber: »Das ist ja wahr, mir ist elend.« + +In demselben Augenblick erhob sich Marit und kam gerade auf ihn zu. +Sie beugte sich über ihn: »Du mußt nicht so dasitzen und mich +unverwandt anstarren,« sagte sie; »du kannst dir doch denken, daß es +den Leuten auffallen muß; hol dir jemand und tanze!« + +Er antwortete nicht, aber er sah sie an und konnte nichts dafür: seine +Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und +wollte gehn, als sie es sah und stehn blieb; sie wurde plötzlich +dunkelrot, wandte sich um und kehrte auf ihren Platz zurück; aber dort +wandte sie sich wieder und setzte sich an eine andre Stelle. Jon ging +ihr sofort nach. + +Er stand von der Bank auf, ging zwischen den Leuten durch, auf den Hof +hinaus und setzte sich auf den Söller, wußte dann aber nicht, was er +dort sollte, erhob sich, setzte sich jedoch wieder hin, denn er konnte +ja ebensogut dort sitzen wie anderswo. Er hatte keine Lust, nach Hause +zu gehn, wieder hineingehn mochte er auch nicht; es war ihm alles +einerlei. Er war nicht imstande, sich klarzumachen, was eigentlich +vorgefallen war; er wollte nicht denken, denn es gab nichts, wonach er +sich sehnte. + +»Aber woran denke ich denn eigentlich?« fragte er sich halblaut, und +als er seine eigne Stimme gehört hatte, dachte er: »Sprechen kannst du +noch, kannst du auch wohl noch lachen?« Und er versuchte es: ja, er +konnte lachen, und dann lachte er, laut, noch lauter, und dann fand +er, daß es köstlich sei, daß er so dasaß und ganz allein lachte -- und +darüber lachte er dann auch wieder. Aber Hans, der Kamerad, der neben +ihm gesessen hatte, kam heraus, um sich nach ihm umzusehn. -- »Um +Gottes willen, worüber lachst du denn?« fragte er und blieb in der Tür +stehn. Da hörte Öyvind auf zu lachen. + +Hans blieb stehn, als erwarte er, was weiter geschehen würde; Öyvind +erhob sich, sah sich vorsichtig um, und dann sagte er leise: »Nun will +ich dir sagen, Hans, weshalb ich bisher so fröhlich war; das kam +daher, daß ich niemand so recht liebgehabt habe; aber von dem Tage +an, wo wir jemand wirklich liebhaben, sind wir nicht mehr fröhlich« -- +und er brach in Tränen aus. + +»Öyvind!« flüsterte es draußen auf dem Hofe; »Öyvind!« Er blieb stehn +und lauschte. -- »Öyvind!« ertönte es noch einmal, etwas stärker. Es +mußte die sein, an die er dachte. -- »Ja,« antwortete er ebenfalls +flüsternd, trocknete schnell die Augen und trat hinaus. Da kam eine +Frauengestalt langsam über den Hof. -- »Bist du da?« fragte sie. -- +»Ja,« antwortete er und stand still. -- »Wer ist da bei dir?« -- +»Hans!« -- Aber Hans wollte gehn. -- »Nein, nein,« bat Öyvind. Sie kam +jetzt, wenn auch langsam, dicht an sie heran; es war Marit. -- »Du +gingst so schnell fort,« sagte sie zu Öyvind. Er wußte nicht, was er +darauf antworten sollte. Dadurch wurde auch sie verlegen; sie +schwiegen alle drei. Hans aber schlich sich unbemerkt fort. Die beiden +blieben stehn, sahen sich nicht an, rührten sich aber auch nicht. Da +flüsterte sie: »Ich bin schon den ganzen Abend mit einem kleinen +Weihnachtsgeschenk für dich in der Tasche umhergegangen, Öyvind, aber +ich habe es dir bis jetzt nicht geben können.« -- Sie zog einige +Äpfel, ein Stück Honigkuchen und eine kleine Flasche aus der Tasche, +steckte es ihm zu und sagte, er solle es behalten. + +Öyvind nahm es. -- »Danke,« sagte er und reichte ihr die Hand; die +ihre war warm, er ließ sie gleich wieder los, als habe er sich +verbrannt. -- »Du hast heute abend viel getanzt.« -- »Ja, das habe ich +getan,« antwortete sie; »aber du hast nicht viel getanzt,« fügte sie +hinzu. -- »Nein,« sagte er. -- »Weshalb hast du es nicht getan?« -- +»Ach -- --« + +»Öyvind!« -- »Ja!« -- »Weshalb saßest du da und starrtest mich so an!« +-- »Ach!« + +»Marit!« -- »Ja!« -- »Weshalb mochtest du es nicht, daß ich dich so +ansah?« -- »Da waren so viele Menschen!« -- + +»Du hast heute abend viel mit Jon Hatlen getanzt!« -- »Ach ja!« -- »Er +tanzt gut!« -- »Findest du?« -- »Findest du es nicht?« -- »Ach ja!« + +»Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich kann es heute abend nicht +ertragen, daß du mit ihm tanzt, Marit!« -- Er wandte sich ab, es hatte +ihn Überwindung gekostet, dies zu sagen. -- »Ich verstehe dich nicht, +Öyvind.« -- »Ich verstehe es selber auch nicht, es ist so dumm von +mir. -- Leb wohl, Marit, jetzt will ich gehn.« -- Er tat einen +Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach: »Das ist falsch, +was du zu sehen geglaubt hast, Öyvind.« -- Er blieb stehn: »Daß du +jetzt ein erwachsnes Mädchen bist, ist nicht falsch gesehen!« -- Er +sprach nicht aus, worauf sie gewartet hatte, deswegen schwieg sie; +plötzlich aber sah sie das Glühen einer Pfeife dicht vor sich; es war +ihr Großvater, der gerade um die Ecke gebogen war und an ihr +vorüberkam. Er blieb stehn: »Bist du hier, Marit!« -- »Ja!« -- »Mit +wem sprichst du?« -- »Mit Öyvind!« -- »Mit wem, sagtest du?« -- »Mit +Öyvind Pladsen!« -- »Ach, mit dem Häuslerjungen aus Pladsen; komm +sofort mit mir hinein!« + + + + +5 + + +Als Öyvind am nächsten Morgen die Augen aufschlug, erwachte er aus +einem langen, erquickenden Schlaf und glücklichen Traum. Marit hatte +auf dem Berge gelegen und Laub auf ihn herabgeworfen; er hatte es +aufgefangen und wieder hinaufgeworfen. In tausend Farben und Figuren +war es auf und nieder geflattert; die Sonne schien darauf, und der +ganze Berg schimmerte von oben bis unten. Als er erwachte, sah er sich +um, in der Hoffnung, alles wiederzufinden; da entsann er sich aber des +gestrigen Tages, und er empfand wieder denselben stechenden heftigen +Schmerz in der Brust. Den werde ich wohl nie wieder los, dachte er, +und eine Schlaffheit kam über ihn, als versinke die ganze Zukunft vor +ihm. + +»Jetzt hast du lange genug geschlafen,« sagte die Mutter; sie saß +nebenan und spann. »Steh jetzt auf und iß! Dein Vater ist schon im +Walde und fällt Holz.« -- Es war, als hülfe ihm diese Stimme; ein +wenig mutiger stand er auf. Die Mutter dachte wohl an die Zeit, wo sie +selber getanzt hatte; denn sie saß am Spinnrad und trällerte eine +Tanzmelodie vor sich hin, während er sich ankleidete und aß. Deswegen +mußte er vom Tisch aufstehn und an das Fenster treten; dieselbe +Schwere und Unlust legte sich auf ihn, er mußte sich zusammennehmen +und an die Arbeit denken. Das Wetter war umgeschlagen, die Luft war +ein wenig kälter geworden, so daß das, was gestern als Regen gedroht +hatte, heute als feuchter Schnee niederfiel. Er setzte seine Pelzmütze +auf, zog Schneestrümpfe, eine Seemannsjacke und Fausthandschuhe an, +sagte Lebewohl und ging mit der Axt über der Schulter von dannen. + +Der Schnee fiel langsam in großen, nassen Flocken; er arbeitete sich +den Schlittenberg hinan, um links in den Wald einzubiegen; nie zuvor, +weder im Winter noch im Sommer, war er den Schlittenberg +hinangegangen, ohne an etwas zu denken, was ihn fröhlich stimmte, oder +wonach er sich sehnte. Jetzt war es ein toter, schwerer Weg; er glitt +aus in dem feuchten Schnee. Die Knie waren ihm steif, entweder vom +gestrigen Tanz oder von der Unlust; jetzt fühlte er, daß es mit dem +Schlittenfahren für dieses Jahr vorbei sei, und damit für immer. Nach +etwas anderm sehnte er sich, wie er da so zwischen den Baumstämmen +dahinging, wo der Schnee lautlos fiel. Ein aufgescheuchtes Schneehuhn +schrie und flatterte einige Schritte vor ihm auf, sonst stand alles +da, als wartete es auf ein Wort, das nie gesagt wurde. Aber was es +war, wonach es ihn verlangte, wußte er selber nicht deutlich; es war +keine Sehnsucht nach Hause oder in die Ferne, weder nach Lustbarkeit +noch nach Arbeit; es war etwas, das wie ein Lied geradeswegs zum +Himmel aufsteigt. Allmählich nahm es die Gestalt eines bestimmten +Wunsches an, nämlich im Frühling konfirmiert zu werden und bei der +Gelegenheit Nummer eins zu sein. Das Herz klopfte ihm, als er daran +dachte, und ehe er noch des Vaters Axt in den zitternden Bäumchen zu +hören vermochte, erfüllte ihn dieser Wunsch mehr als irgend etwas seit +seiner Geburt. + +Der Vater sagte wie gewöhnlich nicht viel zu ihm; sie schlugen beide +Holz und setzten es in Haufen zusammen. Sie begegneten sich wohl hin +und wieder einmal, und bei einer solchen Begegnung ließ Öyvind die +schwermütigen Worte fallen: »Ein Häusler hat doch ein mühseliges +Leben.« -- »Er wie andre!« entgegnete der Vater, spie in die Hand und +griff wieder zur Axt. Als der Baum gefallen war und der Vater ihn auf +den Haufen hinaufzog, sagte Öyvind: »Wenn du ein Hofbesitzer wärst, +würdest du dich nicht so abmühen.« -- »Ach, dann gäbe es sicher +andres, was auf mir lastete!« -- Er griff mit beiden Händen zu. Die +Mutter kam mit dem Mittagessen zu ihnen hinauf; sie setzten sich. Die +Mutter war fröhlich, sie saß da und summte eine Melodie vor sich hin +und schlug die Füße aneinander im Takte. »Was willst du werden, wenn +du groß bist, Öyvind?« sagte sie plötzlich. -- »Für einen Häuslersohn +gibt es nicht viele Wege,« erwiderte er. -- »Der Schulmeister sagt, du +müßtest aufs Seminar,« sagte sie. -- »Gibts da Freistellen?« fragte +Öyvind. -- »Die Schulkasse bezahlt,« versetzte der Vater und aß +weiter. -- »Hast du Lust dazu?« fragte die Mutter. -- »Ich habe Lust, +etwas zu lernen, aber nicht, Schulmeister zu werden.« -- Sie schwiegen +alle drei eine Weile; sie summte wieder eine Melodie vor sich hin und +sah zu Boden. Öyvind aber ging fort und setzte sich für sich allein. + +»Wir brauchen nicht gerade aus der Schulkasse zu leihen,« sagte sie, +als der Junge gegangen war. Der Mann sah sie an: »Arme Leute wie wir?« +-- »Ich mag es wirklich nicht, Thore, daß du dich immer für arm +ausgibst, da du es ja doch einmal nicht bist.« -- Sie sahen beide +verstohlen zu dem Jungen hinüber, ob er es auch nicht hören könnte. +Dann sah der Vater seine Frau zornig an: »Du redest, wie du es +verstehst.« -- Sie lachte. »Es ist wirklich, als wenn wir Gott nicht +dafür danken sollten, daß es uns so ergangen ist,« sagte sie und wurde +ernsthaft. -- »Man kann ihm wohl auch danken, ohne silberne Knöpfe +daran,« meinte der Vater. -- »Ja, aber damit, daß wir Öyvind so zum +Tanze gehn lassen wie gestern, danken wir ihm auch nicht.« -- »Öyvind +ist ein Häuslersohn!« -- »Deswegen können wir ihn anständig kleiden, +wenn wir Rat dazu haben,« sagte sie und sah den Mann tapfer an, der +finster dreinblickte und den Löffel hinlegte, um zur Pfeife zu +greifen. -- »So eine elende Stelle wie die unsre!« sagte er. -- »Ich +muß über dich lachen! Immer sprichst du von der Stelle; weshalb +erwähnst du die Mühlen denn nie?« -- »Ach du mit deinen Mühlen! Ich +glaube, du kannst sie nicht gehn hören!« -- »Doch, Gott sei Lob und +Dank! Möchten sie nur Tag und Nacht gehn.« -- »Jetzt haben sie schon +länger als seit Weihnachten gestanden.« -- »Die Leute mahlen aber +doch nicht in der Weihnachtszeit!« -- »Sie mahlen, wenn Wasser da ist, +aber seit sie eine Mühle bei Nyström gebaut haben, geht es bei uns nur +kläglich.« -- »Davon sagte der Schulmeister heute nichts.« -- »Ich +werde meine Geldangelegenheiten von einem verschwiegnern Mann als dem +Schulmeister besorgen lassen.« -- »Ja, er sollte zu allerletzt mit +deiner eignen Frau davon sprechen!« -- Thore erwiderte nichts hierauf; +er hatte seine Pfeife gerade angezündet, lehnte sich jetzt gegen ein +Reisigbündel und ließ den Blick erst zu der Frau, dann zu dem Sohn +hinüberschweifen, bis er an einem alten Krähennest hängen blieb, das +halb zerdrückt an einem Föhrenzweige hing. + +Öyvind saß allein da, vor ihm lag die Zukunft wie eine lange, blanke +Eisfläche, über die er zum erstenmal von einem Ufer bis zum andern +dahinsauste. Daß die Armut ihn nach allen Richtungen hin hemmte, +fühlte er, aber deswegen gingen auch alle seine Gedanken darauf +hinaus, an ihr vorüber zu gelangen. Von Marit hatte sie ihn sicher für +immer getrennt; er betrachtete sie als halbwegs mit Jon Hatlen +verlobt. Aber all sein Sinnen war darauf gerichtet, den Wettlauf durch +das ganze Leben mit ihr und mit ihm aufzunehmen. Sich nicht wieder +wegpuffen lassen wie gestern, deswegen sich fernhalten, bis etwas aus +ihm geworden war, das nahm er sich vor, und es stieg kein Zweifel in +seiner Seele auf, daß ihm das nicht gelingen sollte. Er hatte das +dunkle Gefühl, daß er durch Studium seinen Zweck am besten erreichen +würde; zu welchem Ziel es ihn führen sollte, darüber mußte er später +nachdenken. + +Gegen Abend wurde wieder Schlittenbahn, die Kinder kamen auf den +Hügel, Öyvind aber kam nicht. Er saß am Herd und lernte, und er hatte +keinen Augenblick zu verlieren. Die Kinder warteten lange, endlich +wurde eins nach dem andern ungeduldig, sie kamen herauf, preßten das +Gesicht gegen die Fensterscheibe und riefen hinein; er aber tat, als +höre er es nicht. Es kamen immer mehr, einen Abend nach dem andern; +sie gingen in großer Verwunderung vor dem Hause umher, er aber wandte +ihnen den Rücken zu und las, indem er sich getreulich bemühte, den +Sinn des Gelesenen zu verstehn. Später hörte er, daß Marit auch nicht +mehr käme. Er lernte mit einem Eifer, von dem selbst der Vater sagen +mußte, daß er zu weit ginge. Er wurde ernsthaft; das Gesicht, das so +rund und so weich gewesen war, wurde magrer, schärfer, das Auge +strenger; selten sang, nie spielte er mehr; es war, als lange die Zeit +nicht. Wenn die Versuchung an ihn herantrat, war es, als flüstre ihm +jemand zu: Später! Später! und immer wieder: Später! Die Kinder kamen, +riefen und lachten eine Weile wie früher, als sie ihn aber nicht zu +sich hinauslocken konnten, weder durch ihre eigne Fröhlichkeit beim +Schlittenfahren noch durch ihr Rufen mit gegen die Fensterscheiben +gepreßten Gesichtern, so blieben sie allmählich weg; sie fanden andre +Spielplätze, und bald stand der Hügel leer. + +Der Schulmeister aber merkte bald, daß es nicht mehr der alte Öyvind +war, der lernte, weil es sich so gehörte, und spielte, weil das +notwendig war. Er sprach oft mit ihm, forschte und spähte; aber +es wollte ihm nicht gelingen, des Burschen Herz so leicht zu +finden wie in alten Zeiten. Er sprach auch mit den Eltern und kam +verabredetermaßen eines Sonntagsabends gegen Ende des Winters zu ihnen +und sagte, nachdem er eine Weile bei ihnen gesessen hatte: »Komm +jetzt, Öyvind, wir wollen ein wenig hinausgehn, ich möchte gern mit +dir reden.« -- Öyvind zog sich an und folgte ihm. Es ging bergauf, in +der Richtung nach den Heidehöfen, die Unterhaltung war lebhaft, drehte +sich aber um nichts Wichtiges; als sie in die Nähe der Höfe kamen, bog +der Schulmeister nach dem in der Mitte gelegnen ein, und als sie +weiter gelangten, drangen ihnen Rufe und Fröhlichkeit entgegen. -- +»Was ist denn hier los?« fragte Öyvind. -- »Hier wird getanzt,« sagte +der Schulmeister; »wollen wir nicht hineingehn?« -- »Nein!« -- »Du +willst nicht mit zu einem Tanze, Junge?« -- »Nein, noch nicht!« -- +»Noch nicht? Wann denn?« -- Er antwortete nicht. -- »Was meinst du mit +dem 'Noch nicht'?« -- Als der Junge nicht antwortete, sagte der +Schulmeister: »Komm jetzt, laß den Unsinn!« -- »Nein, ich gehe nicht!« +-- Er war sehr bestimmt und zugleich bewegt. -- »Daß dein eigner +Schulmeister hier stehn und dich bitten soll, zum Tanze zu gehn!« -- +Es entstand ein längeres Schweigen. -- »Ist dadrinnen jemand, den zu +sehen du dich fürchtest?« -- »Ich kann es nicht wissen, wer da ist.« +-- »Könnte aber jemand da sein?« -- Öyvind schwieg. Da trat der +Schulmeister gerade vor ihn hin und legte ihm die Hand auf die +Schulter: »Fürchtest du dich, Marit zu sehen?« -- Öyvind sah nieder, +sein Atem ging schwer und kurz. -- »Sag es mir, Öyvind, hörst du!« -- +Öyvind schwieg. -- »Du schämst dich vielleicht, es einzugestehn, da du +noch nicht eingesegnet bist; sage es mir aber trotzdem, Öyvind, und du +sollst es nicht bereuen.« -- Öyvind blickte auf, vermochte aber kein +Wort hervorzubringen und sah zur Seite. -- »Du bist auch in der +letzten Zeit gar nicht mehr so fröhlich; mag sie denn andre lieber als +dich?« -- Öyvind schwieg noch immer, der Schulmeister fühlte sich ein +wenig verletzt und wandte sich von ihm ab; sie gingen zurück. + +Als sie eine Strecke gegangen waren, blieb der Schulmeister stehn, bis +Öyvind an seine Seite gekommen war. -- »Du sehnst dich wohl danach, +konfirmiert zu werden?« fragte er. -- »Ja!« -- »Was denkst du dann +anzufangen?« -- »Ich möchte gern auf das Seminar.« -- »Und dann +Schulmeister werden?« -- »Nein.« -- »Das scheint dir wohl nicht +großartig genug?« -- Öyvind schwieg. Sie gingen wieder eine lange +Strecke. -- »Wenn du nun das Seminar durchgemacht hast, was willst du +dann?« -- »Darüber habe ich noch nicht weiter nachgedacht.« -- »Wenn +du Geld hättest, würdest du dir wohl gern einen Hof kaufen?« -- »Ja, +aber die Mühlen würde ich behalten.« -- »Dann ist es am besten, du +gehst auf die Ackerbauschule.« -- »Lernen sie denn da ebensoviel wie +auf dem Seminar?« -- »Nein, das nicht. Aber sie lernen, was sie später +gebrauchen können.« -- »Bekommen sie dort auch Zeugnisse?« -- »Weshalb +fragst du danach?« -- »Ich möchte gern recht tüchtig werden.« -- »Das +kannst du auch wohl ohne Zeugnis.« -- Sie gingen abermals schweigend +weiter, bis sie das Haus sehen konnten; aus der Stube drang ihnen +Licht entgegen, der Berg hing jetzt am Winterabend schwarz darüber, +unten lag das Wasser mit blankem, schimmerndem Eis, der Wald stand +ohne Schnee rings um die stille Bucht, der Mond schwebte darüber und +spiegelte den Wald im Eise. -- »Hier ist es schön bei euch,« sagte der +Schulmeister. Öyvind konnte seine Heimat zuweilen mit denselben Augen +betrachten wie damals, als ihm die Mutter Märchen erzählte, oder mit +dem Blick, den er zu haben pflegte, wenn er auf dem Hügel +umherwanderte; jetzt war dies der Fall; alles lag hoch und hell da. -- +»Ja, es ist schön hier,« sagte er, seufzte aber. -- »Deinem Vater hat +diese Stelle genügt, du könntest dir auch daran genügen lassen.« -- +Das freundliche Aussehen der Gegend war mit einemmal verschwunden. Der +Schulmeister stand da, als erwarte er eine Antwort, er erhielt aber +keine. Er schüttelte den Kopf und ging mit ins Haus hinein. Dort saß +er eine Weile bei ihnen, schwieg aber mehr, als daß er redete, wodurch +auch die andern schweigsam wurden. Als er Abschied nahm, begleiteten +ihn Mann und Frau vor die Tür; es war, als warteten sie beide darauf, +daß er etwas sagen würde. -- Sie blieben stehn und sahen in den Abend +hinaus. -- »Es ist hier so ungewöhnlich still geworden,« sagte endlich +die Mutter, »seitdem sich die Kinder einen andern Spielplatz gesucht +haben.« -- »Ihr habt auch kein _Kind_ mehr im Hause,« sagte der +Schulmeister. Die Mutter verstand, was er meinte. -- »Öyvind ist in +der letzten Zeit nicht mehr so fröhlich,« sagte sie. -- »Ach nein, wer +ehrgeizig ist, ist nicht fröhlich!« -- Er schaute mit der Ruhe des +Greises zu Gottes stillem Himmel empor. + + + + +6 + + +Ein halbes Jahr später, im Herbst nämlich -- die Konfirmation war bis +dahin hinausgeschoben worden --, saßen die Konfirmanden des +Kirchspiels im Leutezimmer des Pfarrhofs, um gesetzt zu werden; unter +ihnen waren auch Öyvind Pladsen und Marit von den Heidehöfen. Marit +war gerade von dem Pfarrer heruntergekommen, von dem sie ein schönes +Buch und viel Lob erhalten hatte; sie lachte und schwatzte mit ihren +Freundinnen nach allen Seiten hin und sah sich unter den Knaben um. +Marit war ein völlig erwachsnes Mädchen, leicht und frei in ihrem +ganzen Wesen, und die Knaben wie auch die Mädchen wußten, daß der +stattlichste junge Mann des Kirchspiels, Jon Hatlen, sich um sie +bewarb; sie konnte wohl fröhlich sein, wie sie so dasaß. Unten an der +Tür standen einige Mädchen und Knaben, die nicht bestanden hatten; +sie weinten, während Marit und ihre Freundinnen lachten; unter ihnen +war ein kleiner Junge, der seines Vaters Stiefel und seiner Mutter +Sonntagstuch trug. »Gott o Gott!« schluchzte er, »ich wage nicht +heimzugehn.« -- Und das ergriff alle die, die noch nicht geprüft +worden waren, mit der Macht des Mitgefühls; es entstand ein +allgemeines Schweigen. Die Angst fuhr ihnen in den Hals und in die +Augen, sie konnten nicht klar sehen und auch nicht schlucken, wozu sie +einen unaufhörlichen Drang fühlten. Einer saß da und überrechnete, was +er könnte, und obwohl er erst wenige Stunden zuvor ausgerechnet hatte, +daß er alles könne, so fand er jetzt ebenso sicher heraus, daß er +nichts konnte, nicht einmal mehr fließend lesen konnte er. Ein andrer +zählte sein Sündenregister zusammen von der Zeit an, wo er so groß +war, daß er sich daran erinnern konnte, bis jetzt, wo er hier saß, und +er fand, daß es durchaus nicht merkwürdig wäre, wenn ihn der liebe +Gott diesmal noch sitzen ließe. Ein dritter saß da und achtete auf +alle möglichen äußern Dinge; wenn die Uhr, die gerade schlagen sollte, +zum Schlagen aushübe, ehe er bis zwanzig gezählt hätte, so kam er +durch; wenn der, den er draußen auf der Diele hörte, der Knecht Lars +war, dann kam er durch; wenn der große Regentropfen, der sich langsam +draußen am Fenster herunterarbeitete, bis an die Leiste gelangte, so +kam er durch. Die letzte und entscheidende Probe sollte sein, ob er +den rechten Fuß um den linken zu schlingen vermöchte, und das war ihm +ganz unmöglich. Ein vierter wußte ganz genau, wenn er in der +biblischen Geschichte nur nach Joseph und im Katechismus nur nach der +Taufe gefragt würde, oder auch nach Saul, oder nach der Haustafel, +oder nach Jesus, oder nach den Geboten, oder -- er saß noch da und +überlegte, da wurde er gerufen. Ein fünfter hatte sich mit großer +Vorliebe auf die Bergpredigt gelegt; er hatte von der Bergpredigt +geträumt; er war fest überzeugt, daß er nach der Bergpredigt gefragt +werden würde, und er sagte sich die ganze Bergpredigt leise her; er +mußte sich draußen an die Wand des Hauses stellen, um die Bergpredigt +noch einmal zu überlesen -- da wurde er hinaufgerufen, um über die +großen und die kleinen Propheten examiniert zu werden. Ein sechster +dachte an den Pfarrer, der ein so prächtiger Mann war und seinen Vater +so gut kannte, er dachte auch an den Schulmeister, der ein so +liebevolles Gesicht hatte, und an Gott, der so barmherzig war und +schon so vielen geholfen hatte, sowohl Joseph als auch Jakob, und dann +dachte er daran, daß seine Mutter und seine Geschwister daheim säßen +und für ihn beteten, und daß das sicher helfen würde. Der siebente saß +da und leistete im stillen Verzicht auf alles das, was er hier in der +Welt hatte werden wollen. Einmal hatte er gehofft, es bis zum König zu +bringen, einmal bis zum General oder bis zum Pfarrer, jetzt war die +Zeit vorüber; aber bis zu dem Augenblick, wo er hierher gekommen war, +hatte er doch daran gedacht, zur See zu gehn und Kapitän, vielleicht +Seeräuber zu werden und ungeheure Reichtümer zu erwerben; jetzt +verzichtete er zuerst auf die Reichtümer, dann auf den Seeräuber, dann +auf den Schiffskapitän, auf den Steuermann, beim Matrosen blieb er +stehn, höchstens wollte er Bootsmann werden, ja es war möglich, daß er +überhaupt nicht zur See ginge, sondern eine dienende Stellung auf dem +Hofe seines Vaters annähme. Der achte war seiner Sache sicherer, wenn +auch nicht ganz gewiß; denn selbst der Tüchtigste war nicht ganz +sicher. Er dachte an die Kleider, in denen er eingesegnet werden +sollte, und wozu sie verwandt werden würden, wenn er nicht durchkäme. +Kam er aber durch, so sollte er zur Stadt und sich Tuchkleider machen +lassen, und wenn er wieder heimkam, am Weihnachtsfest zum Neide aller +Burschen und zum Staunen aller Dirnen tanzen. Der neunte rechnete +anders; er richtete eine Art Kontobuch mit dem lieben Gott ein, worin +er auf die eine Seite als Debet schrieb: Er soll mich durchlassen, und +auf die andre als Kredit: Dann will ich nie wieder lügen, nie wieder +klatschen, regelmäßig zur Kirche gehn, die Mädchen in Ruhe lassen und +mir auch das Fluchen abgewöhnen. Der zehnte aber dachte, wenn Ole +Hansen im vergangnen Jahre durchgekommen sei, so wäre es mehr als +Ungerechtigkeit, wenn er selbst dies Jahr nicht durchkäme, er, der +doch immer zu den Bessern in der Schule gehört hatte und außerdem aus +besserer Familie war. Neben ihm saß der elfte, der sich mit den +schrecklichsten Racheplänen trug, falls er nicht durchkäme; entweder +wollte er die Schule in Brand stecken oder aus dem Kirchspiel +weglaufen und als vernichtender Richter des Pfarrers und der ganzen +Schulkommission wiederkommen, dann aber großmütig Gnade für Recht +ergehn lassen. Zuerst wollte er bei dem Nachbarpfarrer in der +benachbarten Gemeinde in Dienst treten und dort im nächsten Jahre den +ersten Platz erringen und so antworten, daß die ganze Kirche sich +wundern sollte. Der zwölfte aber saß ganz allein unter der Uhr, die +Hände in den Hosentaschen und sah wehmütig über die Versammlung hin. +Niemand hier wußte, welche Bürde er trug, welche Verantwortung auf ihm +lastete. Daheim war eine, die es wußte, denn er war verlobt. Eine +große, langbeinige Spinne lief über den Fußboden und näherte sich +seinem Fuß; er pflegte so ein ekelhaftes Insekt totzutreten, heute +aber hob er liebevoll den Fuß auf, daß es in Frieden gehn könne, wohin +es wolle. Seine Stimme war sanft wie die eines Kollektensammlers, +seine Augen sagten unaufhörlich, daß alle Menschen gut seien, seine +Hand machte eine demütige Bewegung aus der Tasche bis zum Haar hinauf, +um es glatter zu streichen. Wenn er sich nur gnädig durch dies +gefährliche Nadelöhr hindurchwinden könnte, wollte er auf der andern +Seite schon wieder wachsen, Tabak rauchen und die Verlobung +veröffentlichen. Aber unten auf dem niedrigen Schemel, die gekreuzten +Beine unter sich gezogen, saß der unruhige dreizehnte; seine kleinen, +blitzenden Augen durchliefen das ganze Zimmer dreimal in der Sekunde, +und unter seinem dicken, struppigen Schädel wälzten sich die Gedanken +von den zwölfen in bunter Unordnung hin und her, von der gewaltigsten +Hoffnung bis zu dem zermalmendsten Zweifel, von den demütigsten +Vorsätzen bis zu den die ganze Gemeinde zerstörenden Racheplänen, und +währenddes hatte er all das noch übrige Fleisch an seinem rechten +Daumen verzehrt, machte sich nun an die Nägel und spuckte große Stücke +davon über den Fußboden. + +Öyvind saß am Fenster, er war oben gewesen und hatte alle Fragen, die +ihm gestellt worden waren, beantwortet; aber der Pfarrer hat nichts +gesagt, ebensowenig der Schulmeister. Über ein halbes Jahr lang hatte +er daran gedacht, was die beiden wohl sagen würden, wenn sie +erführen, wie er gearbeitet hätte, und er fühlte sich nun sehr +enttäuscht und zugleich gekränkt. Da saß Marit, die für ungleich +geringere Anstrengungen und Kenntnisse sowohl eine Ermunterung wie +eine Belohnung erhalten hatte; gerade um in ihren Augen groß +dazustehn, hatte er gearbeitet, und jetzt erreichte sie lachend, woran +er mit so viel Entsagung gearbeitet hatte. Ihr Lachen und Scherzen +brannte ihm in der Seele; die Freiheit, mit der sie sich bewegte, tat +ihm weh. Er hatte es sorgfältig vermieden seit jenem Abend, mit ihr zu +sprechen; Jahre müssen vergehn, dachte er; aber als er sie so heiter +und überlegen dasitzen sah, fühlte er sich durch ihren Anblick zu +Boden gedrückt, und alle seine stolzen Vorsätze hingen da wie feuchtes +Laub. + +Nach und nach versuchte er jedoch, es abzuschütteln. Es kam darauf an, +ob er heute Nummer eins wurde, und darauf wartete er. Der Schulmeister +pflegte noch einige Zeit nachher bei dem Pfarrer zu bleiben, um die +Reihenfolge zu ordnen, und dann herunterzukommen und den jungen Leuten +den Ausfall mitzuteilen; es war ja nicht die endgültige Entscheidung, +aber es war das, worüber der Pfarrer und er vorläufig übereingekommen +waren. Die Unterhaltung im Zimmer wurde immer lebhafter, je mehr die +Prüfung hinter sich hatten und glücklich durchgekommen waren. Aber +jetzt fingen die Ehrgeizigen an, sich stark von den Fröhlichen +abzusondern; diese gingen, sobald sie Gesellschaft gefunden hatten, um +den Eltern ihr Glück mitzuteilen, oder sie warteten auf andre, die +noch nicht fertig waren. Die ersten wurden dagegen immer stiller, ihre +Augen sahen gespannt nach der Tür. + +Endlich war die Prüfung zu Ende; die letzten waren heruntergekommen, +und der Schulmeister sprach also jetzt mit dem Pfarrer. Öyvind sah +Marit an, sie war noch ebenso fröhlich, aber sie blieb doch sitzen, ob +um ihrer selber willen oder andrer wegen, wußte er nicht. Wie schön +war Marit geworden; blendendweiß und fein war ihre Haut, wie keine +andre sie hatte, die er bisher gesehen hatte; sie trug das Näschen +etwas hoch, ihren Mund umspielte ein Lächeln. Die Augen waren halb +geschlossen, wenn sie nicht gerade jemand ansah; gerade deshalb wirkte +ihr Blick, aber, wenn er jemand traf, mit ungeahnter Macht -- und als +wollte sie zu verstehn geben, daß sie nichts damit meinte, lächelte +sie ein wenig dabei. Das Haar war eher dunkel als hell, aber es war +lockig und fiel zu beiden Seiten tief hinab, so daß es zusammen mit +den halbgeschlossenen Augen ihr etwas Geheimnisvolles verlieh, das man +nie ganz zu ergründen vermochte. Man war nie völlig sicher, wen sie +eigentlich ansah, wenn sie für sich allein oder unter andern saß; auch +nicht woran sie eigentlich dachte, wenn sie sich dann an jemand wandte +und sprach, denn sie nahm gleichsam sofort wieder zurück, was sie gab. +Hinter diesem allen liegt wohl eigentlich Jon Hatlen verborgen, dachte +Öyvind, sah sie aber beständig an. + +Da kam der Schulmeister. Jeder verließ seinen Platz und stürmte auf +ihn ein. »Welche Nummer habe ich bekommen?« -- »Und ich? -- Und ich, +und ich?« -- »Still! Ihr großen Jungen! Keinen Spektakel hier! -- +Ruhig Kinder, dann sollt ihr es hören! -- Du bist Nummer zwei,« sagte +er zu einem Knaben mit blauen Augen, der ihn flehentlich ansah, und +der Knabe tanzte jubelnd aus dem Kreise. »Du bist der dritte!« -- er +klopfte einem kleinen, flinken Rotkopf, der hinter ihm stand und ihn +an der Jacke zerrte, auf die Schulter. »Du bist Nummer fünf; du bist +Nummer acht« usw. Er erblickte Marit: »Du bist Nummer eins von den +Mädchen;« sie wurde dunkelrot über Gesicht und Hals, versuchte aber zu +lächeln. »Du, Nummer zwölf, bist ein Faulpelz gewesen und ein großer +Schelm; von dir, Nummer elf, war nichts Besseres zu erwarten, mein +Junge; du, Nummer dreizehn, mußt noch tüchtig lernen vor der +Katechese, sonst ergeht es dir schlecht!« -- -- + +Öyvind konnte es nicht länger aushalten; Nummer eins war freilich noch +nicht genannt, aber er stand doch die ganze Zeit so, daß der +Schulmeister ihn sehen konnte. -- »Schulmeister!« -- Er hörte nicht. +-- »Schulmeister!« -- Dreimal mußte er es wiederholen, ehe er gehört +wurde. Endlich sah der Schulmeister ihn an: »Nummer neun oder Nummer +zehn, ich entsinne mich nicht mehr, welche von beiden,« sagte er und +wandte sich an einen andern. -- »Wer ist denn Nummer eins?« fragte +Hans, Öyvinds bester Freund. -- »Du bist es nicht, du Krauskopf!« +sagte der Schulmeister und schlug ihn mit einer Papierrolle auf die +Hand. -- »Wer ist es denn?« fragten mehrere; »wer ist es, ja, wer ist +es?« -- »Das erfährt der, der die Nummer hat,« erwiderte der +Schulmeister streng; er wollte nicht weiter gefragt werden. -- »Geht +nun hübsch nach Hause, Kinder, dankt euerm Gott und macht euern Eltern +Freude! Bedankt euch auch bei euerm alten Schulmeister; ihr hättet +schön dagesessen und die Nägel gekaut, wenn er nicht dagewesen wäre!« +-- Sie dankten ihm und lachten, sie zogen jubelnd von dannen, denn in +diesem Augenblick, wo sie nach Hause zu den Eltern sollten, waren sie +alle froh. Nur einer blieb zurück, der seine Bücher nicht gleich +finden konnte, und der sich, als er sie gefunden hatte, wieder +hinsetzte, als wolle er von neuem anfangen, über sie wegzulesen. Der +Schulmeister ging zu ihm heran: »Nun, Öyvind, willst du nicht mit den +andern gehn?« -- Er antwortete nicht. -- »Weshalb schlägst du deine +Bücher auf?« -- »Ich will sehen, was ich heute verkehrt beantwortet +habe.« -- »Du hast gar nichts verkehrt beantwortet.« -- Da sah Öyvind +ihn an, Tränen traten ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an, +während eine nach der andern die Wange hinabrollte, aber er sagte kein +Wort. Der Schulmeister setzte sich vor ihn hin: »Bist du jetzt nicht +froh, daß du durchgekommen bist?« -- Es zitterte um seinen Mund, aber +er antwortete nicht. -- »Deine Mutter und dein Vater werden sehr froh +sein,« sagte der Schulmeister und sah ihn an. -- Öyvind kämpfte lange, +ein Wort herauszubringen, endlich fragte er leise und abgebrochen: +»Ist es -- weil ich -- ein Häuslersohn -- bin, daß ich den neunten +oder zehnten Platz haben soll?« -- »Gewiß ist es deswegen,« antwortete +der Schulmeister. -- »Dann nützt es mir ja nichts, wenn ich arbeite,« +sagte er klanglos und brach zusammen über all seinen Träumen. +Plötzlich richtete er den Kopf in die Höhe, hob die rechte Hand auf, +schlug mit voller Macht auf den Tisch, warf sich auf sein Gesicht +nieder und brach in heftiges Weinen aus. + +Der Schulmeister ließ ihn liegen und weinen, sich so recht ausweinen. +Es währte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen +kindlicher wurde. Da nahm er seinen Kopf mit beiden Händen, hob ihn +auf und sah ihm in das verweinte Gesicht: »Meinst du, daß es Gott +gewesen ist, der jetzt bei dir war?« sagte er und zog ihn freundlich +an sich. Öyvind schluchzte noch, aber kürzer; die Tränen rannen +stiller, aber er wagte nicht, den, der die Frage stellte, anzusehen, +noch ihm zu antworten. -- »Dies, Öyvind, ist der Lohn für das, was du +verschuldet hast. Du hast nicht aus Liebe zu deinem Christentum und zu +deinen Eltern gelernt, sondern einzig und allein aus Eitelkeit.« -- Es +wurde jedesmal still im Zimmer, wenn der Schulmeister sprach; Öyvind +fühlte seinen Blick auf sich ruhen, und unter ihm wurde er weich und +demütig. -- »Mit einem solchen Zorn im Herzen hättest du nicht +vortreten dürfen, um das Bündnis mit deinem Gott zu schließen; hättest +du das wohl können, Öyvind?« -- »Nein,« stammelte er, so gut er es +vermochte. -- »Und hättest du dagestanden mit eitler Freude darüber, +daß du Nummer eins wärest, hättest du da nicht mit Sünde da vorn +gestanden?« -- »Ja,« flüsterte er, und es zuckte um seinen Mund. -- +»Du hast mich noch lieb, Öyvind?« -- »Ja!« -- Er sah zum erstenmal +auf. -- »Dann will ich dir auch sagen, daß ich es war, der dich +heruntergesetzt hat; denn ich habe dich sehr lieb, Öyvind.« -- Dieser +sah ihn an, blinkte ein paarmal mit den Augen, und dann strömten ihm +die Tränen von den Wangen herab. -- »Du hast doch deswegen nichts +gegen mich?« -- »Nein!« -- Er sah voll und klar zu ihm auf, wenn auch +die Stimme gequält klang. -- »Mein liebes Kind; ich will um dich sein, +solange ich lebe.« + +Er wartete auf ihn, bis er sich zurechtgemacht und seine Bücher wieder +zusammengesucht hatte, dann sagte er, daß er ihn nach Hause begleiten +wolle. Sie gingen langsam heimwärts; anfangs war Öyvind noch still und +kämpfte mit sich, allmählich aber überwand er sich. Er war so davon +überzeugt, daß das Vorgefallne das Beste sei, das ihm jemals hätte +widerfahren können, und ehe er zu Hause anlangte, war dieser Glaube so +stark geworden, daß er seinem Gott dafür dankte und es dem +Schulmeister aussprach. -- »Ja, nun wollen wir daran denken, daß du +etwas im Leben erreichst,« sagte der Schulmeister, »und nicht hinter +Irrlichtern und Nummern herjagst. Was sagst du zum Seminar?« -- »Ja, +ich möchte gern dahin.« -- »Du meinst die Ackerbauschule?« -- »Ja!« +-- »Das ist auch gewiß das beste für dich; sie eröffnet andre +Aussichten als auf eine Schulmeisterstelle.« -- »Aber wie soll ich nur +dahin kommen? Ich habe große Lust, aber weiß keinen Rat.« -- »Sei +fleißig und brav, dann wird sich schon Rat finden.« + +Öyvind fühlte sich ganz überwältigt von Dankbarkeit. Es flimmerte ihm +vor den Augen, sein Atem ging schneller, das Feuer der unendlichen +Liebe loderte in ihm, das hervorbricht, wenn man die unerwartete Güte +der Menschen empfindet. Die ganze Zukunft stellt man sich einen +Augenblick wie eine Wanderung in frischer Bergluft vor; man wird mehr +getragen, als man geht. + +Als sie daheim anlangten, waren beide Eltern in der Wohnstube und +hatten in stiller Erwartung dagesessen, obwohl es Arbeitszeit war und +sie viel zu tun hatten. Der Schulmeister kam zuerst herein. Öyvind +folgte ihm, beide lächelten. -- »Nun?« sagte der Vater, er legte ein +Gesangbuch hin, worin er gerade das 'Gebet eines Konfirmanden' gelesen +hatte. Die Mutter stand am Herde; sie wagte nichts zu sagen, sie +lachte, aber ihre Hand war unsicher. Sie erwartete offenbar etwas +Gutes, wollte sich aber nicht verraten. -- »Ich wollte nur gern +mitkommen, um euch die freudige Nachricht zu überbringen, daß er alle +Fragen beantwortet hat, die ihm gestellt wurden, und daß der Pfarrer, +als er gegangen war, sagte, er habe nie einen tüchtigern Konfirmanden +gehabt!« -- »Ach nein!« sagte die Mutter und war ganz bewegt. -- »Das +ist ja schön,« sagte der Vater und räusperte sich unsicher. + +Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, fragte die Mutter leise: +»Welche Nummer hat er denn bekommen?« -- »Nummer neun oder zehn,« +sagte der Schulmeister ruhig. Die Mutter sah den Vater, dieser erst +sie und dann Öyvind an; »ein Häuslersohn kann nicht mehr erwarten,« +sagte er. Öyvind sah ihn wieder an. Nochmals war es ihm, als wolle ihm +etwas im Halse aufsteigen, aber er bezwang sich, indem er schnell an +allerlei Liebes dachte, eins nach dem andern, solange bis er es +hinuntergeschluckt hatte. + +»Jetzt ist es wohl am besten, wenn ich gehe,« sagte der Schulmeister, +nickte und wandte sich um. Beide Eltern begleiteten ihn der +Gewohnheit gemäß bis auf die steinerne Schwelle; dort nahm der +Schulmeister einen Priem und sagte lächelnd: »Er wird doch Nummer eins +werden; aber es ist besser, wenn er nichts davon erfährt, bis der Tag +kommt.« -- »Nein, nein,« sagte der Vater und nickte. -- »Nein, nein,« +sagte die Mutter und nickte auch. -- »Ja, hab du vielen Dank,« sagte +der Vater, und der Schulmeister ging; sie aber standen noch lange da +und sahen ihm nach. + + + + +7 + + +Der Schulmeister hatte einen scharfen Blick gehabt, als er den Pfarrer +bat, zu prüfen, ob Öyvind es auch verdiene, der Erste zu sein. Während +der drei Wochen, die bis zur Konfirmation verstrichen, war er jeden +Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck +nachgeben, etwas andres aber ist es, was sie mit Treue festhalten +wird. Viele finstre Stunden kamen über den Knaben, ehe er lernte, den +Maßstab für seine Zukunft von bessern Dingen als von Ehre und Trotz +abzuleiten. Wenn er gerade so recht mitten in der Arbeit saß, verlor +er die Lust und gab die Arbeit auf: Wozu, was gewinne ich dabei? -- +und dann, eine Weile später gedachte er des Schulmeisters, seiner +Worte und seiner Güte; aber dieses menschlichen Mittels bedurfte er +jedesmal, um wieder emporzusteigen, wenn er von dem Verständnis seiner +höhern Pflicht herabgestürzt war. + +In den Tagen, wo man sich daheim auf die Konfirmation vorbereitete, +traf man auch Anstalten zu seiner Reise auf die Ackerbauschule; denn +am Tage darauf sollte diese vor sich gehn. Schneider und Schuster +saßen in der Stube, die Mutter buk in der Küche, der Vater arbeitete +an einem Koffer. Es wurde viel darüber gesprochen, was er ihnen in den +zwei Jahren kosten würde, daß er das erste Weihnachtsfest, vielleicht +auch das zweite nicht nach Hause kommen könne, und wie schwer es sein +würde, sich so lange getrennt zu wissen. Es wurde auch von der Liebe +geredet, die er zu seinen Eltern haben müsse, die um ihres Kindes +willen so große Opfer bringen wollten. Öyvind saß da wie jemand, der +sich auf eigne Hand hinausgewagt hatte, aber übergesegelt und nun von +freundlichen Menschen aufgenommen worden war. + +Ein solches Gefühl verleiht Demut, und mit ihr kommt noch vieles +andre. Als der große Tag herannahte, durfte er sich vorbereitet nennen +und durfte ihm mit zuversichtlicher Hingebung entgegensehen. Jedesmal, +wenn Marits Bild mit dabei sein wollte, schob er es vorsichtig +beiseite, fühlte aber den Schmerz wohl, wenn er es tat. Er versuchte, +sich hierin zu üben, kam aber niemals vorwärts damit, im Gegenteil, +der Schmerz nahm zu. Deswegen fühlte er sich müde am letzten Abend, +als er nach einer langen Selbstprüfung bat, daß Gott ihn in diesem +Punkte nicht prüfen möge. + +Der Schulmeister kam, als es Abend wurde. Sie setzten sich alle in die +Wohnstube, nachdem sie sich gewaschen und gekämmt hatten, wie das +Sitte ist am Abend, ehe man zum Abendmahl oder zur Hochmesse geht. Die +Mutter war bewegt, der Vater schweigsam; hinter dem Feste am andern +Tage lag der Abschied, und es war ungewiß, wann sie wieder +beisammensitzen würden. Der Schulmeister holte das Gesangbuch hervor, +sie hielten Andacht und sangen, und hinterher sprach er ein kurzes +Gebet, so wie ihm die Worte kamen. + +Diese vier Menschen saßen nun bis in die Nacht zusammen, und ihre +Gedanken hielten stille Einkehr; endlich schieden sie mit den besten +Wünschen für den kommenden Tag und das, was er bringen würde. Öyvind +mußte einräumen, als er sich schlafen legte, daß er sich noch nie so +glücklich niedergelegt hätte; heute abend gab er dieser Stimmung eine +eigne Deutung; er verstand nämlich darunter: nie habe ich mich so +ergeben in Gottes Willen und so fröhlich in ihm niedergelegt. -- +Marits Gesicht wollte alsbald wieder vor ihn treten, und das letzte, +dessen er sich bewußt war, war, daß er dalag und sich selber +versuchte: nicht ganz glücklich, nicht ganz -- und daß er erwiderte: +ja, ganz -- dann aber wieder: nicht ganz -- ja, ganz -- nein, nicht +ganz. + +Als er erwachte, gedachte er sofort des Tages, betete und fühlte sich +gestärkt, wie man es des Morgens zu tun pflegt. Seit dem Sommer hatte +er allein in der Bodenkammer geschlafen; er stand jetzt auf, zog +behutsam seine neuen, schönen Kleider an; denn solche hatte er noch +nie zuvor gehabt. Namentlich war da eine runde Tuchjacke, die er +wieder und wieder befühlen mußte, ehe er sich daran gewöhnte. Er zog +einen kleinen Spiegel heraus, als er den Kragen umgebunden und die +Jacke zum viertenmal angezogen hatte. Als er sich nun sein eignes +vergnügtes Gesicht, umrahmt von dem ungewöhnlich hellen Haar, aus dem +Spiegel entgegenlächeln sah, fiel es ihm ein, daß dies sicher wieder +Eitelkeit wäre. Ja, aber gut und reinlich gekleidet müssen die Leute +doch da sein, antwortete er sich, indem er das Gesicht vom Spiegel +abwandte, als sei es ein Unrecht, hineinzusehen. -- Freilich, aber man +darf sich in dieser Beziehung nicht so über sich selbst freuen. -- +Nein, aber der liebe Gott muß doch auch sein Wohlgefallen daran haben, +daß jemand gern gut aussehen mag. -- Kann wohl sein, aber es gefiele +ihm sicher besser, wenn du hübsch wärest, ohne selber so viel Wert +darauf zu legen. -- Das ist wahr, aber sieh, es kommt wohl davon, daß +alles so neu ist. -- Ja, aber dann mußt du es auch nach und nach +wieder ablegen. -- Er ertappte sich dabei, daß er bald über diesen, +bald über jenen Gegenstand selbstprüfende Unterhaltung mit sich +führte, damit nicht eine Sünde auf diesen Weg fallen und ihn beflecken +möge; aber er wußte auch, daß mehr dazu gehörte. + +Als er hinunterkam, saßen die Eltern völlig angekleidet da und +warteten mit dem Frühstück auf ihn. Er ging hin und reichte ihnen die +Hand und bedankte sich für die Kleider und erhielt ein: »Vertrag sie +in Gesundheit!« zur Antwort. Sie setzten sich zu Tische, beteten leise +und aßen. Die Mutter deckte den Tisch ab und holte die für den +Kirchgang bestimmte Proviantbütte herein. Der Vater zog seine Jacke +an, die Mutter steckte ihre Tücher fest; sie nahmen ihre Gesangbücher, +verschlossen das Haus und gingen bergan. Sobald sie auf den obern Weg +hinaufgelangt waren, begegneten sie Kirchgängern, zu Wagen und zu Fuß, +dazwischen Konfirmanden, und hin und wieder in einer Schar weißhaarige +Großeltern, die dies eine Mal noch mitmußten. + +Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie es zu sein pflegt, wenn +das Wetter umschlagen will. Wolken ballten sich zusammen und +zerteilten sich wieder, zuweilen entstanden aus einem größern Gebilde +zwanzig kleinere, die über den Himmel dahinjagten wie mit Botschaft an +das Unwetter; aber unten auf der Erde war es noch still, das Laub hing +entseelt da und zitterte nicht einmal, die Luft war etwas schwül; die +Leute hatten Reisemäntel mitgenommen, hatten sie aber nicht an. Eine +ungewöhnlich große Menschenmenge hatte sich um die freistehende Kirche +versammelt; aber die Konfirmanden gingen sofort in die Kirche, um +aufgestellt zu werden, ehe der Gottesdienst begann. Da kam der +Schulmeister in blauem Anzug, Rock und Kniehosen, hohen Stiefeln, mit +steifer Halsbinde und aus der hintern Rocktasche guckender Pfeife den +Gang entlang, nickte und lachte, klopfte hier einem auf die Schulter, +sprach dort ein paar Worte mit einem andern und ermahnte ihn, laut und +deutlich zu antworten, und gelangte während alledem an die +Opferbüchse, wo Öyvind stand und alle Fragen seines Freundes Hans +wegen der Reise beantwortete. »Guten Tag, Öyvind, ein schöner Tag +heute!« Er faßte ihn beim Kragen seiner Jacke, als wollte er mit ihm +reden. »Weißt du, ich habe den besten Glauben von dir. Deswegen habe +ich mit dem Pfarrer geredet; du sollst deinen Platz behalten; stell +dich oben an als Nummer eins und antworte deutlich!« + +Öyvind sah ihn erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der Knabe +ging einige Schritte, stand still, ging wieder einige Schritte, stand +wieder still; ja freilich ist es so, er hat beim Pfarrer ein gutes +Wort für mich eingelegt! und schnell ging der Junge weiter. -- »Du +sollst ja doch Nummer eins sein!« flüsterte ihm einer zu. -- »Ja,« +antwortete Öyvind leise, wußte aber noch nicht recht, ob es auch +wirklich wahr sei. + +Die Aufstellung war beendet, der Pfarrer kam, es wurde eingeläutet, +und die Kirchgänger strömten herein. Da sah Öyvind Marit Heidehöfen +gerade vor sich stehn, auch sie sah ihn; beide aber waren so ergriffen +von der Heiligkeit des Ortes, daß sie nicht wagten, sich zu begrüßen. +Er sah nur, daß sie strahlend schön war und schwarzes Haar hatte, mehr +sah er nicht. Öyvind, der seit länger als einem halben Jahre so +stolze Pläne darauf gebaut hatte, daß er ihr gerade gegenüberstehn +würde, vergaß, als es so gekommen war, den Platz und sie, und daß er +jemals an so etwas gedacht hatte. + +Als alles vorüber war, kamen Verwandte und Bekannte, um ihre +Glückwünsche abzustatten; dann kamen seine Kameraden, um Abschied von +ihm zu nehmen, da sie gehört hatten, daß er am nächsten Tage reisen +solle; dann kamen viele kleinere Kinder, mit denen er auf den Hügeln +Schlitten gefahren war, und denen er in der Schule geholfen hatte, und +der Abschied ging nicht ganz ohne Tränen ab. Zuletzt kam der +Schulmeister, er reichte ihm und den Eltern schweigend die Hand und +machte ihnen ein Zeichen, daß sie gehn sollten, er würde sie +begleiten. Die vier waren wieder zusammen, und jetzt sollte es der +letzte Abend sein. Unterwegs nahmen noch viele von ihm Abschied und +wünschten ihm Glück, miteinander aber sprachen sie nicht, ehe sie +daheim in der Stube waren. + +Der Schulmeister bemühte sich, sie bei gutem Mut zu erhalten; es +fehlte nicht viel, daß sie alle drei ein Grauen befiel vor der +zweijährigen Trennung, jetzt, wo es soweit war, da sie bisher noch +nicht einen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keins wollte es +sich merken lassen. Je mehr sich der Tag neigte, um so beklommener +wurde Öyvind; er wollte hinausgehn, um sich ein wenig zu beruhigen. + +Es war schon halb dunkel, und ein eigentümliches Sausen ging durch die +Luft; er blieb auf der steinernen Schwelle stehn und sah zum Himmel +empor. Da hörte er vom Rande des Berges seinen Namen rufen, ganz +leise; es war keine Täuschung, denn es wiederholte sich zweimal. Er +sah auf und gewahrte eine weibliche Gestalt, die zwischen den Bäumen +kauerte und herabsah. -- »Wer ist da?« fragte er. -- »Ich höre, daß du +fortreisen sollst,« sagte sie leise, »da mußte ich zu dir kommen, um +dir Lebewohl zu sagen, da du nicht zu mir kommen willst.« -- »Liebe, +bist du es! Ich will zu dir hinaufkommen!« -- »Nein, tu das nicht, ich +habe schon so lange gewartet, und da müßte ich noch länger warten; +niemand weiß, wo ich bin, ich muß eilen, nach Hause zu kommen.« -- »Es +war hübsch von dir, daß du gekommen bist,« sagte er. -- »Ich konnte +den Gedanken nicht ertragen, daß du so abreisen solltest, Öyvind; wir +haben einander gekannt, seit wir klein waren.« -- »Ja, das haben wir.« +-- »Und nun haben wir ein halbes Jahr lang nicht miteinander +gesprochen.« -- »Nein, das taten wir nicht.« -- »Wir gingen damals +auch so sonderbar auseinander.« -- »Ja -- ich glaube, ich muß doch zu +dir hinaufkommen.« -- »Ach nein, tu das nicht! Aber sag mir, du bist +mir doch nicht böse?« -- »Liebe, wie kannst du das nur glauben!« -- +»So leb denn wohl, Öyvind, und hab Dank für alles, was wir zusammen +erlebt haben.« -- »Nein, Marit!« -- »Ja, jetzt muß ich gehn, sie +werden mich vermissen.« -- »Marit! Marit!« -- »Nein, ich wage es +nicht, länger fortzubleiben, Öyvind. Lebe wohl!« -- »Lebe wohl!« + +Wie im Traum ging er den Rest des Abends einher und antwortete wie aus +weiter Ferne, wenn man ihn anredete; sie schrieben es der Abreise zu, +was ja ganz natürlich war, und auf diese war auch seine ganze +Aufmerksamkeit gerichtet in dem Augenblick, als der Schulmeister am +Abend Abschied nahm und ihm etwas in die Hand gab, was, wie er +hinterher sah, ein Fünftalerschein war. Als er sich dann aber später +niederlegte, dachte er nicht mehr an die Abreise, sondern an die +Worte, die vom Bergrande herabgekommen und hinaufgegangen waren. Als +Kind durfte sie nicht auf die Bergwand hinaufkommen, weil der +Großvater fürchtete, daß sie herabfallen könnte. Vielleicht kommt sie +doch noch herab! + + + + +8 + + + Liebe Eltern! + +Jetzt haben wir viel mehr zu lernen bekommen, aber jetzt bin ich den +andern auch mehr nachgekommen, so daß es nicht mehr so schwer ist. Und +wenn ich nun wiederkomme, werde ich viel auf Vaters Stelle verändern; +denn da ist vieles verkehrt, und es ist wunderbar, daß es so lange +gegangen ist. Aber ich werde es alles in Ordnung bringen, denn ich +habe jetzt viel gelernt. Ich habe große Lust, auf eine Stelle zu +kommen, wo ich alles das verwerten kann, was ich jetzt gelernt habe; +deswegen muß ich mir eine große Stelle suchen, wenn ich fertig bin. +Hier sagen alle, Jon Hatlen sei nicht so tüchtig, wie bei uns zu Hause +gesagt wird, aber er hat einen eignen Hof, so daß es keinen andern +angeht als ihn selber. Viele, die von hier fortkommen, erhalten hohen +Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil unsre Ackerbauschule die +beste im Lande ist. Einige sagen, daß eine im nächsten Bezirke noch +besser sei, aber das ist gar nicht wahr. Hier sind zwei Worte: das +eine heißt Theorie und das andre Praxis, und es ist gut, wenn man sie +beide hat, denn das eine ist nichts ohne das andre, das letzte ist +aber doch das beste. Und das erste Wort bedeutet die Kenntnis der +Ursache und des Grundes zu einer Arbeit, das zweite aber bedeutet, die +Arbeit ausführen können, wie zum Beispiel jetzt mit einem Sumpfe, denn +da sind viele, die wohl wissen, wie sie es bei einem Sumpfe machen +sollten, die es aber trotzdem verkehrt machen, denn sie können es +nicht. Viele aber können es und wissen es nicht, und daher kann es +auch verkehrt gehn, denn es gibt vielerlei Arten von Sümpfen. Aber wir +auf der Ackerbauschule, wir lernen beide Worte. Der Direktor ist so +flink, daß sich keiner mit ihm messen kann. Bei der letzten +landwirtschaftlichen Versammlung, wo sie aus dem ganzen Lande +zusammenkamen, stellte er zwei Fragen auf, aber die Direktoren der +andern Ackerbauschulen stellten jeder nur eine auf, und es wurde immer +so, wie er es sagte, wenn sie sich die Sache erst ordentlich +überlegten. Aber auf der letzten Versammlung, wo er nicht war, da +redeten sie nur Unsinn. Den Leutnant, der die Landesvermessung lehrt, +hat der Direktor nur wegen seiner großen Tüchtigkeit bekommen, denn +die andern Schulen haben keinen Leutnant. Aber er ist so flink, daß er +auf der Leutnantschule der allerbeste gewesen sein soll. + +Der Schulmeister fragt, ob ich in die Kirche gehe. Freilich gehe ich +in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer einen Hilfsprediger +bekommen, und der predigt so, daß ihnen allen in der Kirche ganz bange +wird, und das ist ein Vergnügen zu hören. Er gehört zu der neuen +Religion, die sie in Christiania haben, und die Leute finden, daß er +zu strenge ist, aber das ist ihnen nur heilsam. + +Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir früher nicht +gelernt haben, und es ist merkwürdig, alles zu sehen, was in der Welt +vorgegangen ist, namentlich aber bei uns. Denn wir haben immer +gewonnen, ausgenommen wenn wir verloren haben, und da sind wir sehr in +der Minderzahl gewesen. Jetzt haben wir Freiheit, und die hat kein +Volk in so hohem Maße wie wir, ausgenommen Amerika, aber da sind sie +nicht glücklich. Und unsre Freiheit sollen wir über alles andre +lieben. + +Jetzt will ich für diesmal schließen; denn ich habe einen sehr langen +Brief geschrieben. Der Schulmeister liest wohl den Brief, und wenn er +für Euch antwortet, so soll er mir etwas Neues von diesem und jenem +erzählen, denn das tut er nicht. Aber seid jetzt vielmals gegrüßt von + + Euerm Euch liebenden Sohn + Öyvind Thoresen. + + + Liebe Eltern! + +Jetzt muß ich euch erzählen, daß hier Examen gewesen ist, und ich bin +in vielen Fächern vorzüglich durchgekommen, und sehr gut im Schreiben +und im Feldmessen, aber nur ziemlich gut in der Ausarbeitung in der +Muttersprache. Das kommt davon, sagt der Direktor, daß ich nicht genug +gelesen habe, und er hat mir einige Bücher von Ole Vig geschenkt, die +wunderschön sind, denn darin verstehe ich alles. Der Direktor ist sehr +gut gegen mich, er erzählt uns so vielerlei. Alles hier ist so ganz +klein gegen das, was im Auslande ist; wir verstehn beinahe nichts, +sondern lernen alles von Schottländern und Schweizern, von den +Holländern aber lernen wir die Gartenkunst. Viele reisen hinüber nach +diesen Ländern. In Schweden sind sie ja auch viel flinker als wir, und +da ist der Direktor selber gewesen. Nun bin ich bald ein Jahr hier +gewesen, und ich glaubte, ich hätte vieles gelernt, aber als ich +hörte, was die wußten, die ins Examen gingen, und wenn ich daran +denke, daß die auch nichts können, wenn sie mit Ausländern +zusammenkommen, so werde ich ganz betrübt. Und dann ist der Boden hier +in Norwegen so schlecht gegen den im Auslande; es verlohnt sich gar +nicht, was wir auch damit anfangen. Außerdem will auch das Volk keine +Neuerungen annehmen. Und wenn sie es auch wollten, und wenn auch der +Boden viel besser wäre, so haben sie ja doch kein Geld, um ihn zu +bebauen. Es ist merkwürdig, daß es gegangen ist, wie es gegangen ist. + +Nun bin ich in der obersten Klasse und soll ein Jahr darin sein, ehe +ich fertig bin. Aber meine meisten Kameraden sind verreist, und ich +sehne mich nach Hause. Es ist mir, als stünde ich ganz allein, obwohl +ich das gar nicht tue; aber es ist so wunderlich, wenn man so lange +fort gewesen ist. Ich glaubte einstmals, ich würde hier so flink +werden, aber damit sieht es traurig aus. + +Was soll ich nun anfangen, wenn ich von hier fortkomme? Zuerst will +ich natürlich heim, später muß ich mir wohl etwas suchen, aber es darf +nicht weit weg sein. + +Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grüßet alle, die nach mir fragen, und +sagt ihnen, daß es mir gut gehe, daß ich mich nun aber nach Hause +sehne. + + Euer Euch liebender Sohn + Öyvind Thoresen Pladsen. + + + Lieber Schulmeister! + +Hiermit frage ich Dich, ob Du den einliegenden Brief übersenden und +mit niemand davon sprechen willst. Und wenn du es nicht willst, dann +mußt Du ihn verbrennen. + + Öyvind Thoresen Pladsen. + + + An + die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter + Nordistuen auf den obern Heidehöfen. + +Du wirst Dich wohl sehr wundern, wenn Du einen Brief von mir erhältst, +aber das sollst Du nicht, denn ich will nur fragen, wie es Dir geht. +Darüber mußt Du mich baldmöglichst und in jeder Hinsicht +benachrichtigen. Von mir selber ist nur zu melden, daß ich hier in +einem Jahre fertig bin. + + Ehrerbietigst + Öyvind Pladsen. + + + An + den Junggesellen Öyvind Pladsen + auf der Ackerbauschule. + +Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister erhalten, und ich will +Dir antworten, da Du mich darum bittest. Aber ich fürchte mich davor, +weil Du so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der +will gar nicht passen. So will ich es denn versuchen, und Du mußt den +Willen für die Tat nehmen, aber Du darfst es niemand zeigen, denn dann +wärst Du nicht der, für den ich Dich halte. Du sollst den Brief auch +nicht aufbewahren, denn da kann ihn leicht jemand zu sehen bekommen, +sondern Du sollst ihn verbrennen, und das mußt Du mir versprechen. Es +ist so mancherlei, was ich gern schreiben möchte, was ich aber nicht +recht wage. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehn +hoch im Preise, und hier auf den Heidehöfen haben wir genug davon. +Aber der Bär hat diesen Sommer arg unter dem Vieh gehaust; dem Ole auf +den Niederhöfen hat er zwei Stück Rinder zerrissen, und unserm Häusler +verletzte er eine Kuh so, daß sie geschlachtet werden mußte. Ich webe +an einem sehr großen Gewebe, es hat Ähnlichkeit mit dem schottischen +Zeug, und es ist sehr schwer. Und nun will ich Dir auch erzählen, daß +ich noch zu Hause bin, und daß andre es gern anders haben möchten. +Jetzt hab ich für diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe +wohl! + + Marit Knudstochter. + +=N. S.= Du mußt diesen Brief aber auch wirklich verbrennen. + + + An + den Agronom Öyvind Thoresen Pladsen. + +Das habe ich Dir immer gesagt, Öyvind, daß wer mit Gott wandert, das +bessere Teil erwählt hat. Aber nun sollst Du meinen Rat hören, daß Du +die Welt nicht mit Sehnsucht und Widerwillen ansiehst, sondern auf +Gott vertraust und Dein Herz sich nicht verzehren lässest, denn dann +hast Du einen Gott neben ihm. Ferner muß ich Dir zunächst melden, daß +sich Dein Vater und Deine Mutter wohlbefinden, ich aber habe +Schmerzen in der einen Hüfte; denn jetzt schlägt der Krieg wieder aus +und all das, was man gelitten hat. Was die Jugend sät, das erntet das +Alter, und zwar am Geist wie am Körper, der jetzt brennt und schmerzt +und zu eitel Klage reizet. Aber klagen soll das Alter nicht, denn +Weisheit rinnt aus den Wunden, und der Schmerz predigt Geduld, daß der +Mensch Kraft gewinne für die letzte Reise. Heute habe ich aus +vielerlei Ursache die Feder ergriffen, und zuerst und vor allen Dingen +Marits wegen, die ein gottesfürchtiges Mädchen geworden, aber +leichtfüßig ist wie ein Renntier und mit vielen Vorsätzen. Sie möchte +sich wohl gern an eins halten, kann es aber nicht wegen ihrer Natur, +indessen habe ich oft gesehen, daß der Herr gegen ein solches +schwaches Herz langmütig und geduldig ist und es nicht über Vermögen +versucht, so daß es in Stücke zerbricht, denn sie ist gar sehr +zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr richtig gegeben, und sie verbarg +ihn vor allen, ausgenommen vor ihrem eignen Herzen. Und wenn Gott +dieser Sache seinen Segen verleihen will, so habe ich nichts dagegen, +denn sie ist eine Augenlust für junge Männer, wie man leicht sehen +kann, und sie hat vollauf an irdischen Gütern, und auch die +himmlischen hat sie in all ihrer Unbeständigkeit. Denn die +Gottesfurcht in ihrem Sinn ist wie das Wasser in einem seichten Teich, +es ist da, wenn es regnet, wenn aber die Sonne scheint, so ist es weg. + +Jetzt erlauben meine Augen mir nicht mehr, denn sie sehen gut in die +Ferne, schmerzen aber und tränen, wenn ich etwas in der Nähe sehen +will. Zum Schluß will ich Dir noch sagen, Öyvind, was Du auch +erstrebst und arbeitest, laß allzeit Deinen Gott mit dabei sein, denn +wie geschrieben steht: »Es ist besser eine Handvoll mit Ruhe, denn +beide Fäuste voll mit Mühe und Jammer« (Pred. Salom. 4, 6). + + Dein alter Schulmeister + Baard Andersen Opdal. + + + An + die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen. + +Ich danke Dir für Deinen Brief, den ich gelesen und verbrannt habe, so +wie Du sagst. Du schreibst von vielerlei, aber gar nichts von dem, +was ich wollte, daß Du schreiben solltest. Auch wage ich nicht, von +etwas Gewissem zu schreiben, ehe ich nicht erfahre, wie es mit Dir _in +jeder Beziehung_ steht. Der Brief des Schulmeisters sagt nichts, woran +man sich halten kann, aber er lobt Dich, und dann sagt er, Du seiest +unbeständig. Das warst Du früher auch. Jetzt weiß ich nicht, was ich +glauben soll, und deshalb mußt Du schreiben; denn ich bin nicht ruhig, +ehe Du geschrieben hast. In dieser Zeit denke ich am häufigsten daran, +wie Du am letzten Abend auf den Tanz kamst, und was Du da sagtest. +Mehr will ich diesmal nicht sagen, deshalb lebe wohl! + + Ehrerbietigst + Öyvind Pladsen. + + + An + den Junggesellen Öyvind Thoresen Pladsen. + +Der Schulmeister hat mir einen neuen Brief von Dir gegeben, und den +habe ich jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn gar nicht, und das kommt +wohl daher, daß ich nicht gelehrt bin. Du willst wissen, wie es mir +_in jeder Beziehung geht_; ich bin gesund und munter, und mir fehlt +nichts. Ich esse sehr gut, namentlich wenn es Milchspeisen gibt; in +der Nacht schlafe ich und zuweilen auch am Tage. Ich habe diesen +Winter viel getanzt, denn es hat hier viele Tanzfestlichkeiten +gegeben, und das ist sehr schön gewesen. Ich gehe in die Kirche, wenn +nicht zu viel Schnee liegt, aber der hat in diesem Winter hoch +gelegen. Jetzt hast Du wohl alles erfahren, und wenn Du es nicht hast, +so weiß ich Dir keinen andern Rat, als daß Du mir noch einmal +schreiben mußt. + + Marit Knudstochter. + + + An + die wohllöbliche Jungfrau Marit Knudstochter, Heidehöfen. + +Deinen Brief habe ich erhalten, aber Du scheinst mich ebenso klug +lassen zu wollen. Vielleicht ist dies auch eine Antwort, ich weiß es +nicht. Ich wage nichts von dem zu schreiben, was ich wohl schreiben +möchte, denn ich kenne Dich nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch +nicht? + +Du mußt nicht glauben, daß ich noch der weiche Käse bin, aus dem Du +Wasser drücktest, als ich dasaß und Dich tanzen sah. Ich habe seitdem +auf vielen Borten gelegen, um zu trocknen. Ich bin auch nicht wie die +langhaarigen Hunde, die gleich den Schwanz einziehen und sich vor den +Leuten fürchten, so wie ich es früher tat; jetzt lasse ich es darauf +ankommen. + +Dein Brief war spaßig genug; aber er spaßte, wo gar nichts zu spaßen +war; denn Du hast mich sehr wohl verstanden, und da hättest Du +einsehen können, daß ich nicht aus Scherz fragte, sondern weil ich in +der letzten Zeit an nichts andres zu denken vermag als an das, wonach +ich fragte. Ich ging voller Angst und Spannung umher, und da kam eitel +Spaß und Gelächter. + +Lebe wohl, Marit Heidehöfen, ich will Dich nicht zuviel ansehen, so +wie bei jenem Tanz. Mögest Du gut essen und gut schlafen und Dein +neues Gewebe zustande bringen, mögest Du vor allem imstande sein, den +Schnee wegzuschaufeln, der vor der Kirchentür liegt. + + Ehrerbietigst + Öyvind Thoresen Pladsen. + + + An + den Agronom Öyvind Thoresen Pladsen, Ackerbauschule. + +Trotz meines hohen Alters und der Schwäche meiner Augen und des +Schmerzes in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend +nachgeben; denn sie braucht uns Alte, wenn sie sich selber festgerannt +hat. Sie schmeichelt und weint, bis sie wieder losgekommen ist, dann +läuft sie aber wieder davon und will nichts mehr von uns wissen. + +Das ist also Marit; sie gibt mir viele süße Worte, und ich soll mit +ihr zugleich schreiben, denn sie getraut sich nicht, allein zu +schreiben. Ich habe Deinen Brief gelesen; sie hat sich eingebildet, +Jon Hatlen oder einen andern Narren vor sich zu haben, nicht einen, +den Schulmeister Baard erzogen hat; aber nun weiß sie sich nicht zu +helfen. Und doch bist Du zu strenge geworden, denn es gibt gewisse +Frauensleute, die scherzen, um nicht zu weinen, und es ist kein +Unterschied zwischen beidem. Es gefällt mir aber, daß Du das Ernste +ernsthaft nimmst, denn sonst kannst Du nicht über das lachen, was Spaß +ist. + +Was nun das Gefallen anlangt, das ihr aneinander habt, so ist das aus +vielem ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie ist wie +das Wehen des Windes; allein jetzt weiß ich, daß sie Jon Hatlen doch +abgewiesen hat, worüber ihr Großvater in heftigen Zorn geraten ist. +Sie freute sich, als Dein Antrag kam, und wenn sie scherzte, so +geschah das nicht aus bösem Willen, sondern aus Freude. Sie hat viel +ausgestanden, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem +ihr Sinn stand. Nun aber willst Du sie nicht haben, sondern wirfst sie +von Dir wie ein unartiges Kind. + +Das war es, was ich Dir erzählen wollte. Und den Rat will ich noch +hinzufügen, daß Du Dich mit ihr gründlich aussöhnen mußt, denn an +Kampf wird es Dir nicht fehlen. Ich bin wie jener Greis, der drei +Geschlechter gesehen hat; ich kenne die Torheiten und ihren Lauf. + +Von Deinem Vater und von Deiner Mutter soll ich Dich grüßen. Davon +habe ich Dir aber bisher nicht schreiben wollen, daß Dich Dein Herz +nicht schmerze. Deinen Vater kennst Du nicht, denn er ist wie der +Baum, der keinen Seufzer ausstößt, bis er umgehauen wird. Wenn Dir +aber einmal etwas zustößt, da sollst Du ihn kennen lernen, und Du +wirst Dich wundern wie über eine reiche Stätte. Er ist bedrückt und +schweigsam im Weltlichen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemüt von +weltlicher Angst befreit, und nun klärt es sich auf über Tag. + +Jetzt umschleiern sich meine Augen, und die Hand will nicht mehr. +Deswegen empfehle ich Dich ihm, dessen Auge immer wacht, und dessen +Hand nie ermüdet. + + Baard Andersen Opdal. + + + An + Öyvind Thoresen. + +Du scheinst böse auf mich zu sein, und das tut mir sehr leid, denn ich +meinte es nicht so, ich meinte es gut. Es fällt mir aufs Herz, daß ich +oft nicht so gegen Dich gewesen bin, wie ich sollte, und deshalb will +ich Dir nun schreiben, aber Du mußt es niemand zeigen. Einmal hatte +ich es, wie ich es haben wollte, und da war ich nicht gut; aber jetzt +mag mich niemand mehr, und jetzt geht es mir sehr traurig. Jon Hatlen +hat ein Spottgedicht auf mich gemacht, und das singen alle Burschen, +und ich wage nicht mehr, zum Tanz zu gehn. Die beiden Alten wissen es, +und ich muß böse Worte hören. Aber ich sitze allein und schreibe, und +Du mußt es niemand zeigen. + +Du hast viel gelernt und könntest mir raten, aber Du bist jetzt weit +fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner +Mutter gesprochen, und wir sind gute Freunde geworden, aber ich wagte +nicht, ihr etwas zu sagen, denn Du schreibst so sonderbar. Der +Schulmeister macht sich nur lustig über mich, und er weiß nichts von +dem Spottlied, denn niemand im Kirchspiel wagt so etwas in seiner +Gegenwart zu singen. Jetzt bin ich allein und habe niemand, mit dem +ich sprechen könnte; ich denke an die Zeit zurück, als wir Kinder +waren, und Du so gut gegen mich warst, und ich immer auf Deinem +Schlitten sitzen durfte. Und jetzt wünschte ich, daß ich wieder ein +Kind wäre. + +Ich darf Dich nicht mehr um Antwort bitten, denn das darf ich nicht. +Wolltest Du mir aber nur noch einmal antworten, so würde ich es Dir +nie vergessen, Öyvind. + + Marit Knudstochter. + +Verbrenne diesen Brief, Lieber; ich weiß wirklich nicht, ob ich ihn +abschicken darf. + + + Liebe Marit! + +Habe Dank für den Brief; den hast Du in guter Stunde geschrieben. Nun +will ich Dir sagen, Marit, daß ich Dich so lieb habe, daß ich es hier +kaum mehr aushalten kann. Und wenn Du mich ebenso lieb hast, dann +sollen Jons Spottlieder und andre böse Worte nur Blätter sein, deren +der Baum zu viele trägt. Seit ich Deinen Brief erhalten habe, fühle +ich mich wie ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich +gefahren, und ich fürchte mich vor niemand auf der ganzen Welt. Als +ich den vorigen Brief abgesandt hatte, bereute ich es, so daß ich +fast krank davon wurde. Und nun sollst Du hören, was dies zur Folge +hatte. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehle, +er meinte, ich arbeite zu viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr um +wäre, sollte ich noch ein Jahr hierbleiben, und zwar ganz frei; ich +sollte ihm bei diesem und jenem behilflich sein, er aber wolle mich +noch viel lehren. Da dachte ich, die Arbeit sei das einzige, woran ich +mich halten könne, und ich dankte ihm sehr dafür; und auch jetzt +bereue ich es nicht, obwohl ich große Sehnsucht nach Dir habe; denn je +länger ich hier bin, mit um so größerm Recht kann ich Dich einstmals +begehren. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite für drei, und nie werde +ich in einer Sache zurückstehn! Aber Du sollst ein Buch bekommen, das +ich lese, denn darin steht viel von Liebe. Am Abend, wenn die andern +schlafen, lese ich darin, und dann lese ich auch Deinen Brief wieder +durch. Hast Du Dir wohl unser Wiedersehen vorgestellt? Daran denke ich +so oft, und Du sollst es auch versuchen und sehen, wie schön das ist. +Aber ich bin froh, daß ich so viel zusammengekritzelt und geschrieben +habe, obgleich es mir früher so schwer war; denn jetzt kann ich Dir +sagen, was ich will, und in meinem Herzen dazu lächeln. + +Viele Bücher will ich Dir zu lesen geben, damit Du sehen kannst, wie +viele Widerwärtigkeiten die hatten, die einander wahrhaft liebten, so +daß sie lieber vor Gram gestorben wären, als daß sie einander +aufgegeben hätten. Und so wollen auch wir es machen, und wollen es mit +großer Freude tun. Wohl werden fast zwei Jahre darüber vergehn, bis +wir uns wiedersehen, und noch länger, bis wir uns haben werden; aber +mit jedem Tage, der vergeht, wird es doch einen Tag weniger; so wollen +wir denken, während wir arbeiten. + +Mein nächster Brief soll von so vielerlei Dingen handeln, aber heute +abend habe ich kein Papier mehr, und die andern schlafen. So will ich +mich denn hinlegen und an Dich denken, und das will ich tun, bis ich +einschlafe. + + Dein Freund + Öyvind Pladsen. + + + + +9 + + +An einem Sonnabend im Hochsommer ruderte Thore Pladsen über das +Wasser, um seinen Sohn zu holen, der am Nachmittag von der +Ackerbauschule heimkehren sollte, wo er sein Studium beendet hatte. +Die Mutter hatte mehrere Tage vorher Arbeitsfrauen gehabt, alles war +rein und blank, die Kammer war schon vor langer Zeit instand gesetzt, +ein Ofen war hineingestellt, und dort sollte Öyvind wohnen. Heute trug +die Mutter frisches Laub hinein, legte reines Leinenzeug zurecht und +sah von Zeit zu Zeit hinaus, ob wohl ein Boot über das Wasser gerudert +käme. Drinnen war ein festlicher Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch +dies und jenes, oder es waren Fliegen wegzujagen, und in der Kammer +lag Staub, immer wieder Staub. Noch kam kein Boot. Sie stützte sich +auf das Fensterbrett und schaute hinüber. Da vernahm sie Schritte +dicht über sich oben auf dem Wege und wandte den Kopf; es war der +Schulmeister, der langsam herunterkam, auf einen Stock gestützt, denn +er hatte eine kranke Hüfte. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er +blieb stehn und ruhte sich aus und nickte ihr zu: »Noch nicht +gekommen?« -- »Nein, ich erwarte sie jeden Augenblick.« -- »Gutes +Heuwetter heute.« -- »Aber heiß zum Gehen für alte Leute!« Der +Schulmeister sah sie lächelnd an: »Sind junge Leute heute ausgewesen?« +-- »Freilich, sind aber wieder gegangen.« -- »Natürlich, ja, werden +sich wohl heute abend irgendwo treffen.« -- »Das werden sie wohl, ja; +Thore sagt, sie dürften sich in seinem Hause nicht treffen, ehe sie +die Einwilligung des Alten haben.« -- »Ganz recht, ganz recht!« -- +Nach einer Weile rief die Mutter: »Ich glaube fast, da kommen sie.« -- +Der Schulmeister sah lange über den Fjord hinaus. -- »Ja, das sind +sie!« -- Sie trat vom Fenster zurück, und er kam herein. Als er etwas +geruht und ein wenig getrunken hatte, gingen sie an die See hinab, +während das Boot mit schneller Fahrt auf sie zuschoß, denn sowohl der +Vater wie der Sohn ruderten. Die Rudernden hatten die Jacken +abgeworfen, der Schaum spritzte weiß unter den Rudern auf, deshalb war +das Boot bald bei ihnen angelangt. Öyvind wandte den Kopf um und sah +auf, er gewahrte die beiden am Anlegeplatz, ließ die Arme auf den +Rudern ruhen und rief: »Guten Tag, Mutter! Guten Tag, Schulmeister!« +-- »Was für eine männliche Stimme er bekommen hat!« sagte die Mutter; +sie strahlte über das ganze Gesicht. -- »Ach nein, ach nein, er ist +noch ebenso hellblond,« fügte sie hinzu. Der Schulmeister nahm das +Boot in Empfang, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind sprang an ihm +vorüber und hinauf, gab zuerst der Mutter die Hand, dann dem +Schulmeister; er lachte und lachte einmal über das andre, und ganz +gegen die Sitte der Bauern erzählte er sofort in einem reißenden +Strome von dem Examen, von der Reise, von dem Zeugnis des Direktors +und den guten Anerbietungen. Er fragte nach dem Stande der Saaten, den +Bekannten, mit Ausnahme einer Einzigen; der Vater war mit dem Gepäck +beschäftigt und trug es aus dem Boot heraus, wollte aber auch gern +alles hören, deswegen meinte er, es könne hier stehnbleiben, und ging +mit ihnen. Und dann gings bergan, Öyvind lachte und erzählte, die +Mutter lachte mit, denn sie wußte gar nicht, was sie sagen sollte. Der +Schulmeister schleppte sich langsam neben ihnen her und sah ihn mit +klugen Blicken an, der Vater folgte ehrerbietig in einer kleinen +Entfernung. Und so gelangten sie heim. Er war erfreut über alles, was +er sah, zuerst darüber, daß das Haus neu angestrichen war, dann +darüber, daß die Mühlwerke erweitert worden waren, und darüber, daß +man die Bleieinfassungen der Fenster in der Stube und in der Kammer +entfernt hatte, daß das grüne Glas durch weißes ersetzt worden war und +die Fensterrahmen größer gemacht worden waren. Als er hineinkam, war +alles so wunderbar klein, wie er es gar nicht mehr in der Erinnerung +gehabt hatte, aber so freundlich dabei. Die Uhr gackerte wie eine +fette Henne, die Stühle waren so kunstvoll geschnitzt, als wollten sie +mitreden, jede Tasse auf dem gedeckten Tische kannte er, der Herd +lächelte ihm so weißgekalkt Willkommen zu; das Laub stand duftend an +der Wand entlang, Wacholderzweige lagen am Fußboden und zeugten von +der festlichen Stimmung. Sie setzten sich hin, um zu essen, aber es +wurde doch nicht viel gegessen, denn er plauderte unaufhörlich. Jedes +Einzelne betrachtete ihn jetzt mehr mit Ruhe, entdeckte Ähnlichkeiten +und Unähnlichkeiten, betrachtete, was ganz neu an ihm war, bis auf den +blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er eine lange Geschichte +von einem seiner Kameraden erzählt hatte und endlich fertig war, +worauf eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: »Ich verstehe kaum +ein Wort von dem, was du sagst, Junge, du sprichst so ungeheuer +schnell« -- da brachen alle in lautes Gelächter aus, nicht am +mindesten Öyvind; er wußte sehr wohl, daß es wahr war, aber es war ihm +nicht möglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, das er auf +seinem großen Ausfluge gesehen und gelernt hatte, hatte seine +Einbildungskraft und seine Auffassung dermaßen ergriffen und ihn so +aus den gewohnten Geleisen herausgerissen, daß Kräfte, die lange +geruht hatten, gleichsam aufschäumten und der Kopf unablässig arbeiten +mußte. Ferner bemerkten sie, daß er sich angewöhnt hatte, hier und da +zwei, drei Worte vor lauter Geschäftigkeit wieder und wieder zu +wiederholen, es war, als stolpere er über sich selber. Bisweilen +wirkte das lächerlich, aber dann lachte er selbst, und vergessen war +es. Der Schulmeister und der Vater saßen da und gaben acht, ob er +etwas von seiner frühern Besonnenheit eingebüßt hätte; aber das schien +nicht so: er dachte an alles, erinnerte selber daran, daß das Boot +ausgeladen werden müsse, packte sofort selber seine Sachen aus und +hängte alles sorgfältig auf, zeigte seine Bücher, seine Uhr, all das +Neue, und es sei gut erhalten, sagte die Mutter. Über sein kleines +Zimmer war er überglücklich; er wolle fürs erste zu Hause bleiben, +sagte er, und bei der Heuernte helfen und studieren. Wohin er später +ginge, wisse er noch nicht; aber das sei ihm ganz allerlei. Er hatte +eine Schnelligkeit und Kraft des Denkens, die erquickte, und eine +Lebhaftigkeit im Ausdruck seiner Gefühle, das den so wohltuend +berührt, der das ganze Jahr lang nur daran denkt, sich zurückzuhalten. +Der Schulmeister wurde zehn Jahre jünger. + +»Jetzt wären wir so weit mit ihm gekommen,« sagte er strahlend, als er +sich erhob, um zu gehn. + +Als die Mutter, die ihn ihrer Gewohnheit gemäß bis an die Schwelle des +Hauses begleitet hatte, wieder hereinkam, bat sie Öyvind, ihr in die +Kammer zu folgen. -- »Da ist jemand, der dich um neun Uhr erwartet,« +flüsterte sie. -- »Wo?« -- »Oben auf dem Berge.« + +Öyvind sah nach der Uhr, sie ging auf neun, es war ihm nicht möglich, +im Hause zu warten, er ging hinaus, erklomm den Berg, blieb oben stehn +und sah um sich. Das Dach des Hauses lag dicht unter ihm, das +Buschwerk auf dem Dache war groß geworden, alles junge Holz +ringsumher, wo er stand, war auch gewachsen, und er kannte jeden +einzelnen Baum. Er sah den Weg hinab, der am Berge entlang führte, und +an dessen andrer Seite der Wald stand. Der Weg lag grau und ernsthaft +da, aber der Wald prangte in allerlei Laub. Die Bäume waren hoch und +schlank gewachsen; in der kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen +Segeln; es war mit Planken geladen und wartete auf Wind. Er schaute +über das Wasser hinaus, das ihn fort und wieder zurückgetragen hatte; +still und blank lag es da, einige Singvögel flogen darüberhin, aber +ohne Geschrei, denn es war schon spät. Der Vater kam aus der Mühle, +blieb auf der Schwelle des Hauses stehn, sah hinaus wie der Sohn, ging +dann an die See hinab, um das Boot vor der Nacht festzumachen. Die +Mutter kam auf der einen Seite aus dem Hause heraus, denn sie war in +der Küche gewesen; sie sah zum Berge hinauf, als sie mit Futter für +die Hühner zum Holzplatz ging, sah abermals hinauf und summte eine +Melodie vor sich hin. Er setzte sich nieder, um zu warten; das +Unterholz stand so dicht, daß er nicht weit sehen konnte, aber er +lauschte auf das leiseste Geräusch. Lange waren es nur Vögel, die +aufflogen und ihn täuschten, bald wieder ein Eichhörnchen, das in +einen andern Baum hinüberhüpfte. Endlich aber knackt es in einiger +Entfernung, verstummt einen Augenblick, knackt dann wieder; er springt +auf, sein Herz pocht, das Blut steigt ihm zu Kopfe; da raschelt es in +den Büschen dicht neben ihm, aber es ist ein großer, zottiger Hund, +der kommt und ihn betrachtet, auf drei Beinen stehn bleibt und sich +nicht rührt. Es war der Hund von den obern Heidehöfen, und dicht +hinter ihm raschelt es abermals, der Hund wendet den Kopf und wedelt; +jetzt kommt Marit. + +Ein Busch hielt ihren Rock fest, sie wandte sich um, um ihn +loszumachen, und so stand sie da, als er sie zum erstenmal wiedersah. +Sie trug ihr Haar unbedeckt und aufgerollt, so wie die Mädchen an +Alltagen zu gehn pflegen, sie hatte ein buntgewürfeltes Mieder ohne +Ärmel an, nichts um den Hals außer dem herabfallenden Leinwandkragen; +sie hatte sich von der Feldarbeit weggestohlen und hatte nicht gewagt, +sich zu putzen. Jetzt sah sie ihn von der Seite an und lächelte; weiß +schimmerten die Zähne, und weiß blitzte es unter den halbgeschlossenen +Augenlidern; sie stand einen Augenblick da und zupfte an ihrem Rock, +dann aber kam sie heran und wurde mit jedem Schritt röter. Er ging ihr +entgegen und nahm ihre Hand zwischen seine beiden. Sie sah zu Boden, +und so standen sie da. + +»Hab Dank für alle deine Briefe,« war das erste, was er sagte, und als +sie nun ein wenig aufsah und lachte, fühlte er, daß sie der +schelmischste Kobold sei, dem er jemals in einem Walde begegnen +könnte; aber er war befangen, und sie war es offenbar nicht minder. + +»Wie groß du geworden bist!« sagte sie, meinte aber etwas ganz andres. +Sie betrachtete ihn mehr und mehr, lachte mehr und mehr, und da lachte +er auch; aber sie sagten nichts. Der Hund hatte sich an den Felsrand +gesetzt und sah in den Hof hinab. Thore bemerkte diesen Hundekopf +unten vom Strande her und konnte bei dem besten Willen nicht +begreifen, was es war, das sich da oben auf dem Berge zeigte. + +Aber die beiden hatten einander jetzt losgelassen und fingen +allmählich an miteinander zu reden. Und als er erst einmal angefangen +hatte, wurde er bald so beredt, daß sie über ihn lachen mußte. »Ja, +siehst du, das geht mir so, wenn ich fröhlich bin, so recht von Herzen +fröhlich, siehst du; und als zwischen uns beiden alles wieder gut +geworden war, da war es, als spränge ein Schloß in mir auf, siehst +du!« -- Sie lachte. Dann sagte sie: »Alle die Briefe, die du mir +geschickt hast, die kann ich beinahe auswendig.« -- »Und ich erst die +deinen! Aber du schriebst immer so kurz!« -- »Weil du die Briefe immer +so lang haben wolltest.« -- »Und wenn ich wollte, daß wir mehr von +einer gewissen Sache schreiben sollten, dann entschlüpftest du mir.« +-- »Ich nehme mich am besten aus, wenn du mich von hinten siehst,« +sagte die Waldfrau. -- »Aber das ist wahr, du hast mir noch nie +gesagt, wie du Jon Hatlen losgeworden bist!« -- »Ich lachte!« -- +»Wie?« -- »Ich lachte! Weißt du nicht, was Lachen ist?« -- »Ja, lachen +kann ich!« -- »Laß einmal sehen!« -- »Hat man je so etwas gehört! Ich +muß doch etwas zum Lachen haben!« -- »Das habe ich nicht nötig, wenn +ich fröhlich bin.« -- »Bist du jetzt fröhlich, Marit?« -- »Lache ich +jetzt etwa?« -- »Ja, das tust du!« Er nahm ihre beiden Hände und +schlug sie wieder und wieder zusammen, so daß es klatschte, während er +sie dabei ansah. Plötzlich fing der Hund an zu knurren, dann sträubte +er das Haar und setzte sich hin, um in die Tiefe hinabzubellen, er +wurde immer aufgeregter und war zuletzt ganz wütend. Marit sprang +erschreckt zurück, Öyvind aber eilte an den Abhang und sah hinab. Es +war sein Vater, den der Hund anbellte; er stand mit beiden Händen in +der Tasche dicht unter dem Berge und sah zu dem Hunde hinauf. -- »Bist +du da, du auch? Was ist das für ein toller Hund, den du da oben hast?« +-- »Es ist ein Hund aus den Heidehöfen,« sagte Öyvind ein wenig +verlegen. -- »Wie zum Kuckuck ist denn der da hinaufgekommen?« -- Aber +die Mutter hatte aus der Küche herausgeguckt, denn sie hatte den +schrecklichen Lärm gehört; sie begriff alles, lachte und sagte: »Der +Hund läuft hier jeden Tag herum; das ist doch nichts Sonderbares!« -- +»Es ist aber ein bissiger Köter.« -- »Er beruhigt sich, wenn man ihn +streichelt,« meinte Öyvind und tat es; der Hund schwieg, knurrte aber. +Der Vater ging arglos ins Haus, und die beiden waren vor der +Entdeckung gerettet. + +»Ja, diesmal ging es gut,« sagte Marit, als sie wieder nebeneinander +standen. -- »Meinst du, daß es später schlimmer wird?« -- »Ich kenne +einen, ich, der uns aufpassen wird.« -- »Dein Großvater?« -- »Ja, er!« +-- »Aber er soll uns nichts tun.« -- »Niemals!« -- »Und das gelobst +du?« -- »Ja, das gelobe ich, Öyvind!« -- »Wie schön du bist, Marit!« +-- »So sagte der Fuchs zum Raben und bekam den Käse.« -- »Du kannst +mir glauben, ich möchte auch gern den Käse haben.« -- »Aber du +bekommst ihn nicht!« -- »Dann nehme ich ihn mir!« -- Sie wandte den +Kopf ab, und er -- nahm ihn nicht. -- »Ich will dir etwas sagen, ich, +Öyvind« -- sie sah ihn von der Seite an. -- »Nun?« -- »Wie häßlich du +geworden bist!« -- »Du willst mir den Käse doch wohl geben!« -- »Nein, +das will ich nicht!« -- sie wandte sich von neuem ab. + +»Jetzt muß ich gehn, Öyvind.« -- »Ich will dich begleiten.« -- »Aber +nicht aus dem Wald hinaus, da kann Großvater dich sehen. -- Nein, +nicht aus dem Walde hinaus!« -- »Du läufst ja so, Liebe!« -- »Wir +können hier doch nicht nebeneinander gehn.« -- »Aber das nennt man +doch nicht begleiten!« -- »So greife mich!« -- Sie lief, er +hinterdrein, und sie blieb hängen, so daß er sie fangen konnte. -- +»Hab ich dich nun für immer gefangen, Marit?« -- er hatte die Hand um +ihre Taille. -- »Ich glaube es,« sagte sie leise und lachte, errötete +aber gleich darauf und wurde wieder ernsthaft. -- Nein, jetzt muß es +geschehen, dachte er, umfaßte sie und wollte sie küssen; sie aber bog +den Kopf unter seinem Arm durch, lachte und lief davon. Bei den +letzten Bäumen blieb sie jedoch stehn. »Wann werden wir uns +wiedersehen?« fragte sie leise. -- »Morgen, morgen,« flüsterte er +zurück. -- »Ja, morgen!« -- »Leb wohl!« Sie lief davon. -- »Marit!« -- +Er blieb stehn. -- »Du, es war sonderbar, daß wir uns zuerst oben auf +dem Berge getroffen haben.« -- »Ja, das war es auch!« Sie lief weiter. + +Lange sah er ihr nach, der Hund sprang vor ihr her und bellte, sie +lief hinter ihm her und beschwichtigte ihn. Er wandte sich um, nahm +seine Mütze, warf sie in die Höhe, fing sie wieder auf und warf sie +nochmals in die Höhe. -- »Jetzt glaub ich wirklich, daß ich anfange +fröhlich zu werden, ich,« sagte der Bursche und ging singend heim. + + + + +10 + + +Eines Nachmittags, als die Mutter und ein Mädchen Heu zusammenharkten, +das der Vater und Öyvind hineintrugen, kam ein kleiner, barfüßiger, +barhäuptiger Junge über Hügel und Felder dahergesprungen und gab +Öyvind einen Zettel. -- »Du kannst aber laufen!« sagte Öyvind. -- »Ich +bin dafür bezahlt!« sagte der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort +bringen solle, sagte er nein, und er nahm den Weg nach Hause über den +Berg, denn auf dem Wege käme jemand hinter ihm her, sagte er. Öyvind +öffnete mühsam den Zettel, denn er war erst zu einem Streifen +zusammengelegt, dann verschlungen und dann versiegelt, und auf dem +Zettel stand: + +»Jetzt ist er auf dem Wege, aber es geht langsam. Lauf in den Wald und +verstecke Dich. + + Die Bewußte.« + +Als ob ich das täte! dachte Öyvind und sah trotzig zu den Bergen +empor. Es währte auch nicht lange, bis ganz oben auf dem Berge ein +alter Mann sichtbar wurde, sich ein wenig ausruhte, eine Strecke ging, +sich wieder ausruhte; sowohl Thore als seine Frau hielten mit der +Arbeit inne, um ihn zu beobachten. Thore aber lächelte bald, die Frau +hingegen wechselte die Farbe. »Kennst du ihn?« -- »Ja, da ist ein +Irrtum nicht gut möglich.« + +Vater und Sohn fingen wieder an, Heu hineinzutragen; aber der Sohn +wußte es so einzurichten, daß sie immer zusammenblieben. Der Alte oben +auf dem Berge kam langsam näher wie ein schweres Gewitter, das von +Westen her heraufzieht. Er war sehr groß und ziemlich korpulent; er +hatte schlimme Füße und ging Schritt für Schritt, indem er sich +schwerfällig auf einen Stock stützte. Er kam bald so nahe heran, daß +sie ihn genau sehen konnten. Er blieb stehn, nahm die Mütze vom Kopf +und trocknete den Schweiß mit einem Taschentuch. Er war ganz kahl bis +hintenüber; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine stechende, +zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Munde. Wenn +er sprach, war es mit einer scharfen und gellenden Stimme, als hüpfe +sie über Kies und Stein; auf einem R aber ruhte sie hin und wieder mit +großem Wohlbehagen, rollte mehrere Ellen lang darüberhin und machte +dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jahren +als munterer aber etwas heftiger Mann bekannt gewesen; jetzt im Alter +war er infolge von mancherlei Widerwärtigkeiten jähzornig und +mißtrauisch geworden. + +Thore und Öyvind waren schon oftmals hin und her gegangen, ehe Ole bis +zu ihnen gelangt war; sie begriffen beide, daß er nicht in guter +Absicht kam, deshalb war es um so komischer, daß er nicht ans Ziel +gelangen konnte. Sie mußten beide höchst ernsthaft einhergehn und +ganz leise sprechen; da dies aber kein Ende nehmen wollte, wurde es +lächerlich. Nur ein halbes Wort, wenn es trifft, kann unter solchen +Umständen Lachen hervorrufen, namentlich wenn mit dem Lachen Gefahr +verbunden ist. Als er schließlich nur noch wenige Schritte entfernt +war, die aber nie ein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind ganz trocken +und leise: »Er muß schwer geladen haben, der Mann!« -- Und das +genügte. -- »Ich glaube, du bist nicht klug,« flüsterte der Vater, +mußte aber selber lachen. -- »Hm! hm!« räusperte sich Ole oben auf dem +Berge. -- »Er macht die Stimme klar!« flüsterte Thore. Öyvind kniete +vor einem Heuhaufen nieder, steckte den Kopf ins Heu und lachte. Auch +der Vater beugte sich hinunter. -- »Laß uns in die Scheune +hineingehn,« flüsterte er, nahm einen Arm voll Heu und trabte damit +ab; Öyvind nahm ein kleines Bündel, lief hinterdrein, krümmte sich vor +Lachen und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster +Mann, brachte ihn aber erst jemand ins Lachen, so gluckste es erst in +ihm, dann wurde es immer stärker, wie abgerissene Triller, bis sie in +eine einzige lange Lache zusammenflossen, worauf Welle auf Welle +folgte mit immer größerer Macht. Jetzt war er in Zug gekommen, der +Sohn lag am Boden, der Vater stand über ihn gebeugt, und beide +lachten, daß es schallte. Sie hatten bisweilen solche Lachanfälle, +aber dieser käme ungelegen, meinte der Vater. Schließlich wußten sie +nicht mehr, wie es werden sollte, denn der Alte mußte ja allmählich +den Hof erreicht haben. -- »Ich gehe nicht hinaus,« sagte der Vater; +»ich habe nichts mit ihm zu tun.« -- »Ja, dann gehe ich auch nicht +hinaus,« erwiderte Öyvind. -- »Hm, hm,« erklang es draußen vor der +Scheunentür. Der Vater drohte dem Burschen: »Mach, daß du +hinauskommst!« -- »Ja, geh du nur erst!« -- »Nein, willst du dich wohl +packen!« -- »Ja, geh du nur erst!« Und sie klopften sich gegenseitig +ab und gingen dann höchst ernsthaft hinaus. Als sie unten an die +hölzerne Brücke kamen, sahen sie Ole vor der Küchentür stehn, als +bedächte er sich. Er hielt die Mütze in der Hand, in der er den Stock +hielt, und trocknete mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen +Kopfe, strich aber auch die Haarbüschel hinter den Ohren und im Nacken +hinauf, so daß sie wie Stacheln in die Höhe starrten. Öyvind hielt +sich hinter dem Vater, dieser mußte deswegen stillstehn, und um der +Sache ein Ende zu machen, sagte er in ganz ernstem Tone: »Wagen sich +so alte Leute noch auf den Berg?« -- Ole wandte sich um, sah ihn +scharf an und setzte seine Mütze wieder zurecht, ehe er antwortete: +»Ja, das scheint so!« -- »Du mußt müde sein, willst du nicht +hineinkommen?« -- »Ach, ich kann mich hier ausruhen, wo ich stehe, +mein Geschäft währt nicht lange.« -- Aus der Küchentür guckte jemand +heraus; zwischen ihr und Thore stand der alte Ole, den Mützenschirm +tief über den Augen, denn die Mütze war ihm jetzt, wo er das Haar +verloren hatte, zu groß geworden. Um sehen zu können, legte er den +Kopf weit hintenüber, den Stock hielt er in der rechten Hand, und die +Linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht gerade gestikulierte. +Aber das tat er nur so, daß er den Arm in halber Länge vor sich +hinstreckte und ihn dort, als Wächter seiner Würde, stillhielt. -- +»Ist das dein Sohn, der da hinter dir steht?« begann er mit kräftiger +Stimme. -- »Man sagt es.« -- »Er heißt Öyvind, nicht wahr?« -- »Ja, +man nennt ihn Öyvind.« -- »Er ist auf einer von diesen Ackerbauschulen +dort im Süden gewesen?« -- »So etwas ähnliches war es, ja.« -- »Nein, +das Mädchen, meine Tochtertochter, die Marit, ja, die ist in der +letzten Zeit verrückt geworden.« -- »Das ist ja traurig!« -- »Sie will +sich nicht verheiraten!« -- »Nein wirklich?« -- »Sie will keinen von +den Bauernsöhnen haben, die sich um sie bewerben.« -- »So?« -- »Aber +das soll die Schuld von dem sein, der da steht!« -- »Was du sagst!« -- +»Er soll ihr den Kopf ganz verdreht haben; ja der da, dein Sohn!« -- +»Das wäre doch des Teufels!« -- »Siehst du, ich leide es nicht, daß +mir jemand meine Pferde stiehlt, wenn ich sie ins Gebirge auf die +Weide schicke, ich leids auch nicht, daß mir jemand meine Töchter +nimmt, wenn ich sie zum Tanze gehn lasse, ich leide es durchaus +nicht!« -- »Nein, das versteht sich.« -- »Ich kann nicht hinterher +laufen; ich bin alt, ich kann nicht aufpassen.« -- »Nein nein, nein +nein!« -- »Ja, siehst du, Ordnung muß in allem sein; hier soll der +Haublock stehn, und dort soll das Beil liegen und da das Messer, und +hier müssen sie ausfegen, und da müssen sie es hinauswerfen, nicht vor +die Tür, sondern da in die Ecke, gerade dorthin, ja, und nirgend +anderswohin. Also, wenn ich zu ihr sage: Nicht der, sondern der, so +muß der es sein und nicht der!« -- »Natürlich!« -- »Aber so ist es +eben nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und drei Jahre lang +ist es nicht gut gewesen zwischen uns. Das ist schlimm, und wenn er es +ist, der die Veranlassung dazu ist, so will ich ihm nur sagen, so daß +du es hörst, du, sein Vater, daß es ihm nichts nützt, daß die Sache +ein Ende haben muß.« -- »Ja ja!« -- Ole sah Thore eine Weile an, dann +sagte er: »Du antwortest so kurz.« -- »Die Wurst ist nicht länger.« + +Hier mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich gar nicht danach +zumute war. Aber bei unverzagten Menschen steht die Furcht beständig +auf der Grenze des Lachens, und jetzt neigte es auf diese Seite bei +ihm. -- »Worüber lachst du?« fragte Ole kurz und scharf. -- »Ich?« -- +»Lachst du über mich?« -- »Gott bewahre mich davor!« -- aber seine +eigne Antwort erweckte wieder seine Lachlust. Ole bemerkte das und +wurde ganz wütend. Sowohl Thore als Öyvind wollten es wieder +gutmachen, indem sie ein ernstes Gesicht aufsetzten und den Alten +aufforderten, hineinzugehn; aber hier machte sich ein seit drei Jahren +verhaltner Groll Luft, und deswegen war er nicht zurückzuhalten. -- +»Du brauchst nicht zu denken, daß du mich zum Narren machen kannst,« +fing er an; »ich bin in meinem vollen Recht, ich sorge für das Glück +meines Kindeskinds, so wie ich es verstehe, und das Lachen eines +jungen Windhunds hindert mich nicht daran. Man zieht die Mädchen nicht +dazu auf, daß man sie in die erste beste Häuslerstelle hineinwirft, +die sich auftun will, und man wirtschaftet nicht vierzig Jahre, um dem +ersten, der der Dirne den Kopf verdreht, die ganze Bescherung an den +Hals zu werfen. Meine Tochter trieb es so lange, bis sie sich +schließlich mit einem Landstreicher verheiraten mußte, und er trank +sie beide zu Tode, und ich mußte das Kind zu mir nehmen und die Zeche +bezahlen. Aber Tod und Teufel, wenn es meiner Tochtertochter ebenso +ergehn soll, jetzt weißt du es! Und das will ich dir sagen, so wahr +ich Ole Nordistuen auf den Heidehöfen bin, eher soll der Pfarrer die +Kobolde droben im Nordalswalde zur Hochzeit aufbieten, als daß er +deinen und Marits Namen von der Kanzel wirft, du Gelbschnabel! Willst +du mir vielleicht die anständigen Freier vom Hofe verscheuchen? Ja, +versuch es nur zu kommen, dann sollst du eine solche Reise den Berg +hinabmachen, daß die Schuhe hinter dir herdampfen, du Fratzenschneider +du! Du glaubst am Ende, ich wüßte nicht, woran ihr denkt, du und sie. +Ja, ihr denkt, daß der alte Nordistuen bald draußen auf dem Kirchhofe +die Nase in die Luft stecken wird, und dann wollt ihr vor den Altar +treten. Nein, jetzt habe ich sechsundsechzig Jahre gelebt, und ich +will euch beweisen, ich, mein Junge, daß ich leben werde, bis ihr die +Bleichsucht darüber bekommt, alle beide! Und das will ich dir doch +noch sagen, ich, du kannst dich wie neuer Schnee um die Hauswände +legen, und du sollst doch ihre Fußsohlen nicht sehen, denn ich schicke +sie aus dem Kirchspiel fort, ich schicke sie dahin, wo sie in +Sicherheit ist, dann kannst du hier umherflattern wie ein Spottvogel +und dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich dir +nichts zu sagen; aber nun kennst du, der du sein Vater bist, meine +Meinung, und wenn du es gut mit ihm meinst, um den es sich hier +handelt, da mußt du ihn dazu bringen, daß er den Strom dahin lenkt, wo +er fließen kann; über meinen Hof ist ihm der Weg verboten.« -- Er +wandte sich mit kleinen, schnellen Schritten ab, indem er den rechten +Fuß immer ein wenig höher hob als den linken und fortwährend vor sich +hinbrummte. + +Ein tiefer Ernst hatte sich der Zurückbleibenden bemächtigt; ein böses +Vorzeichen hatte sich in ihren Scherz und ihr Lachen gemischt, und das +Haus stand einen Augenblick leer wie nach einem Schrecken. Die Mutter, +die von der Küchentür aus alles mit angehört hatte, sah Öyvind +bekümmert an, sie war dem Weinen nahe, wollte aber kein Wort sagen, um +ihm das Herz nicht noch schwerer zu machen. Als sie alle +stillschweigend hineingegangen waren, setzte sich der Vater ans +Fenster und sah Ole mit ernstem Gesicht nach. Öyvinds Augen hingen an +seinem leisesten Mienenspiel; denn in seinem ersten Wort mußte ja fast +die ganze Zukunft des jungen Paares liegen. Setzte ihnen Thore in +Gemeinschaft mit Ole ein Nein entgegen, dann war es wohl eine +Unmöglichkeit, daran vorbeizukommen. Aufgeschreckt schweiften seine +Gedanken von einem Hindernis zum andern; einen Augenblick sah er +nichts als Armut, bösen Willen, Mißverständnisse und gekränktes +Ehrgefühl, und jede Stütze, die er ergreifen wollte, entglitt ihm +unter der Wucht der Gedanken. Es vermehrte seine Unruhe noch, daß die +Mutter mit der Hand auf der Türklinke dastand, unentschlossen, ob sie +sich das Herz fassen und hereinkommen und die Entscheidung abwarten +solle, und schließlich den Mut völlig verlor und hinausschlich. Öyvind +sah unverwandt den Vater an, der seinen Blick nicht zu beobachten +schien; auch der Sohn wagte nicht zu sprechen, denn er mußte den Vater +doch erst seine Gedanken zu Ende denken lassen. Aber gerade jetzt +hatte die Seele die Bahn ihrer Angst ausgelaufen und gewann wieder +Fassung: schließlich vermag uns doch niemand als Gott allein zu +trennen, dachte er und beobachtete die gerunzelte Stirn des Vaters. -- +Nun würde wohl bald etwas kommen. -- Thore seufzte tief auf, erhob +sich, sah auf und begegnete dem Blick des Sohnes. Er blieb stehn und +sah ihn lange an. -- »Mein Wunsch wäre, daß du ihr entsagtest, denn +man soll sich nichts erbetteln oder ertrotzen. Willst du aber nicht +von ihr lassen, so kannst du es mir gelegentlich sagen; vielleicht +kann ich dir dann helfen.« -- Er ging an seine Arbeit, und der Sohn +folgte ihm. + +Am Abend aber hatte Öyvind seinen Plan gemacht; er wollte sich um die +Stelle eines Bezirksagronomen bemühen und wollte den Direktor und den +Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. -- Hält sie nur +aus, so will ich sie schon mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit +gewinnen. Vergebens wartete er diesen Abend auf Marit, aber während er +dort auf und nieder ging, sang er sein Lieblingslied: + + Den Kopf empor, du junges Blut! + Ob auch ein Fehlschlag weh dir tut, + Du mußt nicht gleich verzagen, + Du wirst es doch erjagen. + + Den Kopf empor! Schau grade aus, + Es ruft das Leben dich hinaus + Mit vielen tausend Zungen, + Nur fröhlich vorgedrungen! + + Den Kopf empor! Sei dir bewußt + Des Himmels in der eignen Brust. + Das Gute und das Schöne + Klingt drin wie Harfentöne. + + Den Kopf empor! Sing es hinaus: + Die Knospe schwillt trotz Sturmesbraus, + Wo Frühlingskräfte gären, + Da kann kein Winter währen. + + Den Kopf empor! Den ficht nichts an, + Der frohes Herzens hoffen kann. + Wer hofft, dem kann nichts rauben + Die Liebe und den Glauben. + + + + +11 + + +Es war mitten in der Mittagsruhe; auf den großen Heidehöfen schliefen +die Leute. Das Heu lag zusammengeharkt auf der Wiese, und die Rechen +standen in die Erde gesteckt da. Unten an der Scheunenbrücke standen +die Heuwagen, das Sielengeschirr lag abgeschirrt daneben, und die +Pferde weideten angepflöckt eine kleine Strecke davon. Außer ihnen und +einigen Hühnern, die sich ins Feld verlaufen hatten, sah man in der +ganzen Ebene kein lebendes Wesen. + +Im Gebirge oberhalb der Felswand war eine Schlucht, durch die der Weg +zu den großen, grasreichen Gebirgsweiden der Heidehöfe führte. Droben +in der Schlucht stand heute ein Mann und sah in die Ebene hinab, so, +als erwarte er jemand. Hinter ihm lag ein kleiner Gebirgssee, von dem +ein Bach herunterfloß, der diese Schlucht im Felsen gebildet hatte. Um +diesen See herum führten zu beiden Seiten Viehwege nach der Alm +hinauf, die er von weitem übersehen konnte. Jodeln und Hundebellen +klang ihm entgegen, und zwischen den Bergen erschallten die +Herdenglocken, denn die Kühe tummelten sich und suchten den See auf, +Hunde und Kuhjungen wollten sie zusammentreiben; es gelang ihnen aber +nicht. Die Kühe kamen mit den wunderlichsten Sprüngen heruntergesetzt +und liefen mit kurzem, zornigem Gebrüll, den Schwanz hoch erhoben, +geradeswegs ins Wasser hinein, wo sie stehnblieben; ihre Glocken +schollen jedesmal, wenn sie den Kopf bewegten, über das Wasser dahin. +Die Hunde tranken ein wenig, blieben aber auf festem Lande; die +Kuhjungen kamen ihnen nach und setzten sich auf den warmen glatten +Bergabhang. Hier kramten sie ihr Essen heraus, tauschten miteinander, +prahlten mit ihren Hunden, Ochsen und Hausgenossen gegeneinander, +zogen sich dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde +wollten nicht mit hinein, sondern lungerten träge und mit hängenden +Köpfen und heißem Auge umher, während ihnen die Zunge an der einen +Seite aus dem Rachen hing. Ringsumher an den Felswänden ließ sich kein +Vogel blicken, kein Laut vernehmen, außer dem Geplauder der Kuhjungen +und dem Läuten der Glocken; das Heidekraut stand versengt und +verbrannt da, die Sonne erhitzte die Bergwände, so daß alles lechzte +vor Wärme. + +Aber es war Öyvind, der dort oben in der Mittagssonne saß und wartete. +Er saß in Hemdsärmeln dicht neben dem Bach, der aus dem See rann. Noch +immer zeigte sich niemand in dem Heidehoftal, und er begann schon +unruhig zu werden, als plötzlich ein großer Hund schwerfällig aus +einer Tür in Nordistuen herauskam, und hinter ihm drein ein Mädchen in +Hemdsärmeln. Sie sprang über die Wiesen dahin und den Berg hinab; er +hatte große Lust, hinabzujodeln, aber er wagte es nicht. Er sah +aufmerksam auf den Hof hinab, ob auch nicht jemand zufällig herauskäme +und sie bemerkte, aber da war sie schon im Schutz angelangt, und er +erhob sich mehrmals voller Ungeduld. Endlich kam sie denn auch, indem +sie sich mühsam am Bach entlang emporarbeitete; der Hund lief dicht +vor ihr her und witterte in der Luft, sie hielt sich am Gesträuch +fest, und immer müder wurde ihr Gang. Öyvind eilte hinab, der Hund +knurrte, wurde aber zum Schweigen gebracht; aber sobald Marit ihn +kommen sah, setzte sie sich, dunkelrot vor Hitze, matt und erschöpft +auf einen großen Stein. Er warf sich auf den Stein daneben: »Hab Dank, +daß du gekommen bist! Was für eine Hitze, und was für ein Weg!« -- +»Hast du schon lange gewartet?« -- »Nein. Seit sie uns des Abends +aufpassen, müssen wir ja die Mittagsstunde benutzen. Aber in Zukunft, +denke ich, wollen wir uns die Sache nicht so heimlich und mühselig +machen; gerade darüber wollte ich mit dir reden.« -- »Nicht heimlich?« +-- »Ich weiß wohl, daß es dir am besten gefällt, wenn es heimlich +zugeht; aber es gefällt dir auch, Mut zu zeigen. Heute bin ich +gekommen, um lange mit dir zu reden, und jetzt mußt du mich anhören.« +-- »Ist es wahr, daß du Bezirksagronom werden willst?« -- »Ja, und ich +werde die Stelle wohl auch erhalten. Damit verfolge ich einen +doppelten Zweck: zunächst den, eine Stellung zu erringen, dann aber, +und zwar vor allen Dingen, den, etwas auszurichten, was dein Großvater +sehen und beurteilen kann. Es trifft sich so glücklich, daß die +meisten Hofbesitzer auf den Heidehöfen jüngere Leute sind, die +Verbesserungen wünschen und Hilfe begehren; Geld haben sie auch. Damit +will ich anfangen; ich will alles verbessern, von ihren Viehställen +bis zu ihren Wasserleitungen, ich will Vorträge halten und arbeiten, +ich will, sozusagen, den Alten mit guten Taten belagern.« -- »Das ist +keck gesprochen, was aber weiter, Öyvind?« -- »Ja, das andre soll von +uns beiden handeln. Du darfst nicht reisen.« -- »Wenn er es nun aber +befiehlt?« -- »Und du darfst nichts verheimlichen, was uns beide +angeht.« -- »Wenn er mich aber quält!« -- »Durch offnes Auftreten +erreichen wir aber mehr und beschützen uns besser. Wir wollen gerade +so viel unter den Augen der Leute sein, daß sie immer davon reden +müssen, wie wir zueinander halten; um so eher werden sie wünschen, daß +es uns gut ergehn möge. Du darfst nicht reisen. Die Getrennten setzen +sich Gefahren aus, und es kann sich Klatsch zwischen sie drängen. Im +ersten Jahre glauben wir nichts, im zweiten aber können wir anfangen, +allmählich zu glauben. Wir beide wollen uns einmal wöchentlich treffen +und über all das Böse lachen, das sich zwischen uns drängen will. Wir +müssen uns beim Tanz treffen können und uns im Takte drehen, daß es +nur so singt, während unsre Verleumder ringsumher sitzen. Wir wollen +uns vor der Kirche treffen und uns begrüßen, daß alle es sehen können, +die uns hundert Meilen weit voneinander wünschen. Dichtet jemand ein +Spottlied über uns, so setzen wir uns zusammen und versuchen +unsrerseits, eins zu machen, das ihnen die Antwort nicht schuldig +bleibt; das wird schon gehn, wenn wir uns gegenseitig helfen. Niemand +kann uns etwas anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch +_zeigen_, daß wir es tun. Unglückliche Liebe findet man nur bei +furchtsamen Leuten, oder bei schwachen oder kranken Leuten, oder bei +berechnenden Leuten, die auf eine Gelegenheit warten, bei listigen +Leuten, die schließlich an ihrer eignen List zugrunde gehn, oder bei +sinnlichen Leuten, die sich nicht so innig lieben, daß Stand und +Unterschied vergessen werden kann -- die verstecken sich, schicken +sich Briefe, zittern bei jedem Worte, und die Furcht, diese beständige +Unruhe, dieses Prickeln im Blut halten sie dann schließlich für Liebe; +sie fühlen sich unglücklich und zerfließen wie Zucker. Pah, so ein +Liebespaar! Hätten sie sich nur wahrhaft lieb, dann fürchteten sie +sich nicht, dann lachten sie, dann gingen sie in jedem Lächeln, in +jedem Wort offen auf die Kirchentür zu. Ich habe davon in Büchern +gelesen und habe es selber auch schon gesehen: es ist schlecht +bestellt mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht. Sie muß in +Heimlichkeit beginnen, weil sie in Verschämtheit beginnt, sie muß aber +offen leben, weil sie in Freude lebt. Es geht damit wie mit dem +Wechsel des Laubes; was wachsen soll, kann sich nicht verbergen, und +jedenfalls siehst du, daß all das, was am Baume trocken ist, abfällt, +sobald das neue Laub ausschlägt. Zu wem die Liebe kommt, der läßt +fahren, was er an altem, an totem Kram festhielt, die Säfte quellen +und steigen, und das sollte niemand merken? Ju -- ju, Mädchen, sie +sollen fröhlich werden, wenn sie uns fröhlich sehen; zwei Verlobte, +die ausharren, erweisen den Leuten eine Wohltat, denn sie schenken +ihnen ein Gedicht, das die Kinder zur Beschämung der ungläubigen +Eltern auswendig lernen. Ich habe von so vielen Liebenden dieser Art +gelesen, es leben auch hier im Kirchspiel einige in der Leute Mund, +und gerade die Kinder von denen, die einstmals all dieses Böse +verübten, erzählen es jetzt und sind darüber gerührt. Ja, Marit, jetzt +wollen wir beide einander die Hand geben, und dann wollen wir uns +geloben, zusammenzuhalten, und dann wird auch alles gut gehn, hurra!« +-- Er wollte ihren Kopf zu sich ziehen, sie aber wandte sich ab und +ließ sich von dem Steine hinabgleiten. + +Er blieb sitzen, sie kam zurück, und mit den Armen auf seinen Knien +blieb sie stehn und sprach mit ihm, während sie zu ihm aufblickte. -- +»Hör einmal, Öyvind, wenn er nun aber will, daß ich reisen soll, was +dann?« -- »Dann sollst du geradeheraus nein sagen.« -- »Lieber, geht +das wohl an?« -- »Er kann dich doch nicht in den Wagen hinaustragen.« +-- »Wenn er auch nicht gerade das tut, so kann er mich doch auf +mancherlei andre Weise zwingen.« -- »Das glaube ich nicht; Gehorsam +bist du ihm ja schuldig, solange es keine Sünde ist; aber du bist es +ihm auch schuldig, ihn deutlich fühlen zu lassen, wie schwer es dir +diesmal wird, gehorsam zu sein. Ich glaube, er wird sich bedenken, +wenn er das sieht; jetzt glaubt er wie die meisten, daß es nur +Kinderei sei. Zeig ihm, daß es mehr ist.« -- »Du kannst mir glauben, +mit ihm ist nicht zu spaßen. Er bewacht mich wie eine angepflöckte +Geiß.« -- »Aber du zerreißt die Leine jeden Tag ein paarmal.« -- »Das +ist nicht wahr.« -- »Ja, jedesmal, wenn du heimlich an mich denkst, so +zerreißt du sie.« -- »Ach so, ja! Bist du aber auch sicher, daß ich so +oft an dich denke?« -- »Sonst säßt du nicht hier.« -- »Lieber, du +ließt mir ja sagen, ich sollte hierherkommen.« -- »Aber du kamst, weil +deine Gedanken dich trieben.« -- »Oder auch, weil das Wetter so schön +war.« -- »Du sagtest vorhin, es sei zu warm.« -- »Den Berg +hinaufzugehn, ja, aber nicht, ihn wieder _hinab_zugehn.« -- »Weswegen +gingst du denn hinauf?« -- »Um wieder hinabspringen zu können.« -- +»Weshalb bist du denn noch nicht gesprungen?« -- »Weil ich mich +ausruhen mußte.« -- »Und weil du mit mir von Liebe plaudern wolltest.« +-- »Ich konnte dir ja gern die Freude machen, dich anzuhören.« -- +»Während's Vöglein sang -- -- und das andre schlief ein -- -- und die +Glocke erklang -- -- im grünen Hain.« + +In diesem Augenblick sahen sie beide Marits Großvater auf den Hof +hinaushumpeln und an die Glocke gehn, um die Leute zu wecken. Aus +Scheunen, Schuppen und Stuben kamen die Leute heraus, gingen +verschlafen zu den Pferden und den Harken, zerstreuten sich auf dem +Felde, und bald darauf herrschte überall wieder Leben und Arbeit. Nur +der Großvater ging aus dem einen Gebäude heraus und in das andre +hinein, schließlich stieg er auf die höchste Scheunenbrücke und sah +sich um. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich +hatte er ihn gerufen. Darauf lief der Knabe richtig in der Richtung +fort, wo Öyvinds Elternhaus lag; der Großvater humpelte indes auf dem +Hof umher, indem er oft hinaufschaute und wohl keine Ahnung davon +hatte, daß das Schwarze da droben auf dem 'Großen Stein' Marit und +Öyvind waren. Zum zweitenmal aber bereitete Marits großer Hund +Ungelegenheiten. Er sah ein fremdes Pferd auf die Heidehöfe einlenken, +und da er glaubte, er befände sich mitten in seinem Hofgeschäft, so +fing er an, aus Leibeskräften zu bellen. Sie suchten den Hund zu +beschwichtigen, der aber war böse geworden und wollte nicht wieder +aufhören; unten stand der Großvater und starrte gerade in die Höhe. +Aber die Sache sollte noch schlimmer werden, denn alle Hirtenhunde +hörten voller Staunen die fremde Stimme und eilten herbei. Als sie +sahen, daß es ein großer wolfähnlicher Riese war, fuhren alle die +struppigen Finnenhunde auf diesen einen ein; Marit erschrak so sehr, +daß sie ohne Abschied davonlief. Öyvind stürzte sich mitten in den +Kampf hinein, stieß mit den Füßen und schlug, aber sie verlegten nur +den Walplatz und fuhren dann unter grausamem Geheul und Gebeiße wieder +aufeinander ein, er aufs neue hinterdrein, und so fort, bis sie sich +an das Ufer des Baches wälzten. Da lief er hinzu, und die Folge war, +daß sie alle ins Wasser platschten, und zwar gerade da, wo es sehr +tief war; da zogen sie sich beschämt auseinander, und so endete diese +Waldschlacht. Öyvind ging durch den Wald, bis er an die Landstraße +gelangte, Marit aber begegnete dem Großvater oben an dem Hofzaun; das +hatte sie dem Hunde zu verdanken. + +»Wo kommst du her?« -- »Aus dem Walde.« -- »Was hast du da getan?« -- +»Beeren gepflückt.« -- »Das ist nicht wahr.« -- »Nein, das ist es auch +nicht.« -- »Was hast du da getan?« -- »Ich habe mit jemand +gesprochen.« -- »Mit dem Häuslerjungen?« -- »Ja.« -- »Höre nun, Marit, +morgen verreist du!« -- »Nein!« -- »Höre nun, Marit, ich will dir +jetzt eins sagen, nur das eine: du _sollst_ reisen!« -- »Du kannst +mich nicht in den Wagen heben!« -- »Ich? Kann ich das nicht?« -- +»Nein, denn du willst es gar nicht.« -- »Ich will es nicht? Höre nun, +Marit, nur des Scherzes halber, siehst du, nur des Scherzes halber +will ich dir erzählen, daß ich diesem deinem Lumpenbub die Rippen im +Leibe zerschlagen will.« -- »Nein, das wagst du gar nicht.« -- »Ich +wage es nicht? Du sagst, ich wage es nicht? Wer sollte mir wohl etwas +tun; wer, wenn ich fragen darf?« -- »Der Schulmeister!« -- »Der Schul +-- Schul -- Schulmeister? Glaubst du, daß der sich um ihn kümmert, +du?« -- »Ja, _er_ ist es, der ihn auf der Ackerbauschule erhalten +hat.« -- »Der Schulmeister?« -- »Der Schulmeister!« + +»Höre nun, Marit, ich will von diesem Gelaufe nichts wissen, du mußt +aus dem Kirchspiel fort! Du machst mir nichts als Kummer und Sorge; so +war es mit deiner Mutter auch, nichts als Kummer und Sorge. Ich bin +ein alter Mann, ich will dich gut versorgt sehen; ich will um dieser +Geschichte willen nicht wie ein Narr in der Leute Mund sein; ich will +ja nur dein Bestes, das mußt du doch einsehen, Marit. Bald wird es mit +mir vorbei sein, dann stehst du da; wie würde es deiner Mutter +ergangen sein, wenn ich nicht dagewesen wäre? Höre nun, Marit, sei +verständig, achte auf das, was ich dir sage, ich will nur dein +Bestes!« -- »Nein, das willst du nicht!« -- »So? Was will ich denn?« +-- »Deinen Willen haben willst du, weiter nichts; aber nach dem meinen +fragst du gar nicht.« -- »Du willst vielleicht auch schon einen Willen +haben, du Grünschnabel? Du willst dich vielleicht auf dein eignes +Beste verstehen, du, du Närrin? Ich will dir die Rute geben, das will +ich, so groß und so lang du bist! Höre nun, Marit, ich will in aller +Freundlichkeit mit dir reden; du bist im Grunde gar nicht so verrückt, +du bist nur irregeleitet. Du mußt mich anhören; ich bin ein alter, +vernünftiger Mann. Wir wollen ganz ruhig miteinander reden; es steht +gar nicht so gut mit mir, wie die Leute glauben; ein armer, loser +Vogel kann gar bald mit dem Wenigen davonfliegen, was ich habe; dein +Vater hat mein Vermögen arg mitgenommen, der. Laß uns in dieser Welt +für uns selber sorgen, sie ist es nicht besser wert. Der Schulmeister +hat gut reden, denn der hat selber Geld; und der Pfarrer hat auch +Geld, die können gut predigen, die. Aber wir, die wir uns für das +tägliche Brot abmühen müssen, mit uns ist es eine andre Sache. Ich bin +alt, ich bin erfahren, ich habe vielerlei gesehen; die Liebe, siehst +du, die mag ganz gut sein, dazu, daß man davon redet, ja; aber das +taugt nichts; das ist ganz gut für Pfarrersleute und solche Art, die +Bauern müssen die Sache anders auffassen. Erst das tägliche Brot, +siehst du, dann Gottes Wort, und dann ein wenig Schreiben und Rechnen, +und dann ein wenig Liebe, wenn sich das gerade so macht; aber es nützt +dem Teufel was, mit der Liebe anzufangen und mit dem täglichen Brot +enden zu wollen! Was antwortest du darauf, Marit?« -- »Ich weiß +nicht.« -- »Du weißt nicht, was du darauf antworten sollst?« -- »Doch, +das weiß ich.« -- »Nun denn?« -- »Soll ich es sagen?« -- »Gewiß sollst +du es sagen.« -- »Ich halte große Stücke auf die Liebe.« -- Er stand +einen Augenblick ganz entsetzt da, dachte dann an die Hunderte von +ähnlichen Gesprächen, die einen ähnlichen Ausgang gehabt hatten, +schüttelte den Kopf, wandte sich ab und ging. + +Er fiel über die Tagelöhner her, schalt die Mägde, prügelte den großen +Hund und ängstigte ein kleines Huhn, das auf den Acker hinausgeraten +war, fast zu Tode. Zu ihr aber sagte er nichts. + +Als Marit an diesem Abend hinaufging, um sich schlafen zu legen, war +sie so froh, daß sie das Fenster öffnete, sich hinauslehnte und sang. +Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied erhalten, das sang sie. + + Liebst du mich, wie ich + Herzlich liebe dich, + Fehlt mir nichts zu meinem Glücke. + Ach wie ist so weit + Nun die Sommerszeit; + Doch sie kehrt im nächsten Jahr zurücke. + + Sitzt ein Vögelein + Vor dem Fenster mein, + Mit dem Schnabel pocht es an die Scheiben: + Meine Liebe ists, + Die mir sagt: Ihr wißts, + Treu, ja treu wollt ihr euch ewig bleiben! + + Und es zwitschert leis: + Ob ers wirklich weiß + Hinterm Wald mit all den dichten Zweigen? + Bricht die Nacht herein, + Möchtst du bei ihm sein, + Soll ich her zu dir den Weg ihm zeigen? + + Stille, rühr dich nicht! + Nein, das tat ich nicht, + Nicht ein Wort hab ich gesagt von Küssen; + Hast du das gehört, + Warst du ganz betört, + Würde mich ja vor ihm schämen müssen! + + Ungesprochnes Wort, + Das kann doch nicht fort + Huschen wie ein Vogel durch die Bäume. + Gute, gute Nacht! + Ob dein Auge lacht, + Liebster, heute mir durch meine Träume? + + Jetzt geh ich zur Ruh, + Schließ die Augen zu, + Botschaft wird von dir der Traum mir bringen. + Mehr willst ja von mir, + Mehr will ich von dir + Nicht, als daß dir leis die Ohren klingen. + + + + +12 + + +Mehrere Jahre sind seit diesem letzten Auftritt vergangen. + +Es ist Herbst, der Schulmeister kommt nach Nordistuen heraufgegangen, +öffnet die äußere Tür, findet niemand zu Hause, öffnet noch eine Tür, +findet niemand zu Hause, geht dann immer weiter bis in die innerste +Kammer des langen Gebäudes; dort sitzt Ole Nordistuen allein vor dem +Bett und betrachtet seine Hände. + +Der Schulmeister grüßt und wird willkommen geheißen; er nimmt einen +Schemel und setzt sich vor Ole. »Du hast einen Boten nach mir +geschickt,« sagt er. -- »Ja, das habe ich getan.« + +Der Schulmeister nimmt einen neuen Priem, sieht sich in der Kammer um, +greift nach einem Buche, das auf der Bank liegt, und blättert darin. +-- »Was wolltest du denn von mir?« -- »Ich sitze hier gerade und denke +darüber nach.« + +Der Schulmeister läßt sich Zeit, zieht seine Brille hervor, um den +Titel des Buches zu lesen, putzt sie und setzt sie auf. -- »Du wirst +nun alt, Ole.« -- »Ja, gerade darüber wollte ich mit dir sprechen. Es +geht bergab mit mir, bald liege ich da.« -- »Dann sorge dafür, daß du +eine sanfte Ruhe bekommst, Ole« -- er schließt das Buch, sitzt da und +sieht nach dem Fenster hinaus. + +»Das ist ein gutes Buch, das du da in den Händen hast.« -- »Es ist +nicht übel; bist du oft über den Einband hinausgekommen, Ole?« -- »Hm; +in der letzten Zeit, da --« + +Der Schulmeister legt das Buch hin und steckt die Brille wieder ein. +-- »Es geht dir jetzt wohl nicht nach Wunsch, Ole?« -- »Nach Wunsch +ist es mir nicht gegangen, solange ich zurückdenken kann.« -- »Ja, so +war es auch lange Zeit mit mir. Ich lebte in Unfrieden mit einem guten +Freund und wollte, _er_ sollte zu _mir_ kommen, und so lange war ich +unglücklich. Da kam ich auf den Gedanken, zu _ihm_ zu gehn, und +seither ist es mir wieder gut ergangen.« -- Ole steht auf und +schweigt. + +Der Schulmeister: »Wie denkst du denn, daß es mit dem Hofe geht, Ole?« +-- »Bergab, so wie mit mir selber.« -- »Wer soll ihn übernehmen, wenn +du fortgehst?« -- »Das ist es ja, was ich nicht weiß; und das ist es +auch, was mich quält.« + +»Deinen Nachbarn geht es jetzt gut, Ole.« -- »Ja, die haben auch den +Agronomen zur Hilfe, die.« + +Der Schulmeister wendet sich gleichgültig nach dem Fenster: »Du +würdest auch Hilfe haben, du auch, Ole. Viel gehn kannst du nicht +mehr, und vom neuen Stil hast du keine Ahnung.« -- Ole: »Da ist +niemand, der mir helfen wollte.« -- »Hast du schon darum _gebeten_?« +-- Ole schweigt. + +Schulmeister: »Ich stand lange so mit dem lieben Gott, ich. 'Du bist +nicht gut mit mir,' sagte ich zu ihm. 'Hast du mich darum gebeten?' +fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; so bat ich denn, und +seither ist es sehr gut gegangen.« -- Ole schweigt, aber nun schweigt +auch der Schulmeister. + +Endlich sagt Ole: »Ich habe eine Enkelin, sie weiß, was mir Freude +machen würde, ehe ich heimfahre, aber sie tut es nicht.« -- Der +Schulmeister lächelt: »Vielleicht würde das ihr keine Freude machen.« +-- Ole schweigt. + +Schulmeister: »Da sind viele Dinge, die dich bekümmern; aber soweit +ich verstehn kann, dreht es sich doch schließlich alles um den Hof.« +-- Ole sagt leise: »Er ist seit vielen Geschlechtern in der Familie +gewesen, und der Boden ist gut. Alles das, was Vater nach Vater im +Schweiße des Angesichts geschaffen haben, liegt darin, aber jetzt will +hier nichts mehr gedeihen. Auch weiß ich nicht, wenn sie mich nun +hinausfahren werden, wer hier dann einfahren wird. Aus diesem +Geschlechte wird er nicht sein.« -- »Die, die deiner Tochter Tochter +ist, wird das Geschlecht fortpflanzen.« -- »Aber der, den sie nimmt, +wie wird der auf dem Hofe wirtschaften? Das muß ich wissen, ehe ich +mich niederlege. Es hat Eile, Baard, mit mir und mit dem Hofe.« + +Sie schwiegen beide; endlich sagte der Schulmeister: »Wollen wir nicht +ein wenig hinausgehn und uns auf dem Hofe umsehen bei dem schönen +Wetter?« -- »Ja, laß uns das tun! Ich habe Arbeiter oben im Gebirge, +sie sollen Laub herunterholen, aber sie arbeiten nicht, wenn ich nicht +immer dabei stehe.« -- Er humpelte hin, um die große Mütze und den +Stock zu holen, und sagte derweil: »Sie mögen nicht gern bei mir +arbeiten; ich begreife es nicht.« -- Als sie glücklich hinausgekommen +waren und um die Ecke des Hauses bogen, blieb er stehn: »Da siehst du +es! Keine Ordnung! Das Holz ist ringsumher geworfen, das Beil ist +nicht in den Block gehauen.« -- Er bückte sich mühsam, hob es auf und +schlug es hinein. -- »Da siehst du, daß ein Fell heruntergefallen ist, +hat es aber jemand wieder aufgehängt?« -- Er tat es selbst. -- »Und +hier die Vorratskammer; meinst du, daß die Treppe wieder weggenommen +ist?« -- Er trug sie auf die Seite. Da blieb er stehn, sah den +Schulmeister an und sagte: »So geht es tagaus, tagein.« + +Als sie bergauf gingen, hörten sie einen fröhlichen Gesang von den +Bergabhängen herab. -- »Ei, sie singen ja zur Arbeit,« sagte der +Schulmeister. -- »Das ist der kleine Knud Östistuen, der da singt; er +holt Laub für seinen Vater. Dort arbeiten meine Leute; die singen +sicher nicht.« -- »Dies ist doch keine von den Weisen aus dem +Kirchspiel, dies.« -- »Nein, ich höre es!« -- »Öyvind Pladsen ist viel +drüben in Östistuen gewesen; vielleicht ist es eine von denen, die er +mit heimgebracht hat, denn wo er ist, da wird gesungen.« -- Hierauf +erfolgte keine Antwort. + +Das Feld, über das sie gingen, war nicht gut; es entbehrte der Pflege. +Der Schulmeister bemerkte es, und da blieb Ole stehn. -- »Ich habe +keine Kraft mehr dazu,« sagte er beinahe erschüttert. -- »Fremde +Arbeiter ohne Beaufsichtigung werden zu kostbar. Aber es ist schwer, +über so ein Feld zu gehn, das kannst du mir glauben.« + +Als dann das Gespräch zwischen ihnen auf die Größe des Gehöfts kam, +und was am meisten der Pflege bedürfe, beschlossen sie, den Abhang +hinaufzugehn, um das Ganze zu übersehen. Als sie endlich an einen +hochgelegnen Punkt gelangt waren und alles überblickten, war der Alte +sehr bewegt: »Ich möchte dies alles nicht gern so verlassen. Wir haben +da unten gearbeitet, meine Vorfahren wie ich, aber es ist nichts davon +zu sehen.« + +Da erschallte unmittelbar über ihnen ein Lied, aber mit der +eigentümlichen Schärfe gesungen, wie sie der Knabenstimme eigen ist, +wenn sie so recht drauflos singt. Sie waren nicht weit von dem Baum, +in dessen Wipfel der kleine Knud Östistuen saß und Laub für seinen +Vater abschlug, und sie mußten auf den Knaben lauschen: + + Willst du auf den Berg hinauf + Und dein Bündel schnüren, + Packe dir nicht mehr darauf, + Als du leicht kannst führen. + Nimm nicht mit des Tales Zwang + Auf die grünen Triften, + Wirf ihn ab mit frohem Sang, + Laß ihn in den Klüften. + + Vögel grüßen dich vom Zweig, + Laß den Klatsch da unten; + Höher, immer höher steig, + Und du wirst gesunden. + Sing dir frei und leicht die Brust! + Aus den Büschen blicken + Kindheitsträume voller Lust, + Grüßen dich und nicken. + + Schaust du in die Runde weit, + Bleibst du lauschend stehen, + Wird das Lied der Einsamkeit + Mächtig dich umwehen. + Leise nur die Bächlein gehn, + Nur die Steine rollen; + Du, du wirst es neu verstehn, + Dein vergeßnes Wollen. + + Bebe nur, du bange Seel, + Du wirst überwinden! + Frieden wirst, was dich auch quäl, + Du dort droben finden. + Mosen und Elias wirst + Und den Herrn du schauen, + Nicht mehr in der Fremde irrst + Du mit Gottvertrauen. + +Ole hatte sich niedergesetzt und sein Gesicht in den Händen geborgen. +-- »Hier will ich mit dir reden,« sagte der Schulmeister und setzte +sich neben ihn. + + * * * * * + +Unten in Pladsen war Öyvind eben von einer längern Reise +zurückgekehrt, der Wagen stand noch vor der Tür, da das Pferd sich +ausruhen mußte. Obwohl Öyvind jetzt einen guten Verdienst als +Bezirksagronom hatte, wohnte er doch noch bei den Eltern in seiner +kleinen Kammer unten in Pladsen und half ihnen in jeder freien +Stunde. Pladsen war nach jeder Richtung hin verbessert worden, aber es +war so klein, daß Öyvind das Ganze Mutters Puppenstube nannte, denn es +war namentlich sie, die die Ackerwirtschaft betrieb. + +Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war weißbestäubt aus der +Mühle heimgekehrt und hatte sich ebenfalls umgezogen. Sie standen +gerade da und sprachen darüber, daß sie vor dem Abendessen noch ein +wenig hinausgehn wollten, als die Mutter ganz bleich hereinkam: »Es +kommen seltne Gäste auf unser Haus zu, Lieber, sieh nur einmal +hinaus!« -- Beide Männer eilten ans Fenster, und Öyvind war es, der +zuerst ausrief: »Das ist der Schulmeister und -- ja, ich glaube fast +-- ja natürlich ist ers!« -- »Ja, das ist der alte Ole Nordistuen,« +sagte auch Thore, indem er sich vom Fenster abwandte, um nicht gesehen +zu werden; denn die beiden waren schon vor dem Hause. + +Öyvind erhielt einen Blick von dem Schulmeister, als er das Fenster +verließ. Baard lächelte und sah nach dem alten Ole zurück, der an +seinem Stock mit den kleinen kurzen Schritten dahergehumpelt kam, +wobei er immer das eine Bein etwas höher hob als das andre. + +Man hörte den Schulmeister draußen sagen: »Er ist offenbar erst eben +wieder heimgekommen;« worauf Ole zweimal: »Na na!« antwortete. + +Sie standen lange draußen auf der Diele still; die Mutter hatte sich +in der Ecke verkrochen, wo das Milchbort stand, Öyvind hatte seinen +Lieblingsplatz eingenommen, indem er sich nämlich mit dem Rücken gegen +den großen Tisch lehnte und das Gesicht der Tür zuwandte, der Vater +saß neben ihm. Endlich wurde angeklopft, und herein trat der +Schulmeister und nahm den Hut ab, dann kam Ole, der ebenfalls die +Mütze abnahm, worauf er sich nach der Tür umkehrte, um sie zu +schließen. Alle seine Bewegungen waren langsam, er war offenbar +verlegen. Thore erhob sich und bat sie, Platz zu nehmen; sie setzten +sich nebeneinander auf die Bank vor das Fenster, Thore setzte sich +auch wieder. + +Aber so, wie ich es nun erzähle, trug sich die Werbung zu. + +Der Schulmeister: »Wir haben doch noch schönes Wetter diesen Herbst +bekommen.« -- Thore: »Das hat sich nun so gewandt.« -- »Der Wind wird +sich wohl noch lange halten, da er nach der Richtung hin umgeschlagen +ist.« -- »Seid ihr da oben mit der Ernte fertig?« -- »Noch nicht; Ole +Nordistuen hier, den du vielleicht kennst, möchte gern deine Hilfe +haben, Öyvind, falls sonst nichts im Wege ist.« -- Öyvind: »Wenn er +sie verlangt, will ich tun, was ich vermag.« -- »Ja, so auf den +Augenblick meinte er es eigentlich nicht. Er findet, daß es nicht +recht vorwärtsgeht mit dem Hofe, und er glaubt, daß es an der +richtigen Methode und der nötigen Aufsicht fehlt.« -- Öyvind: »Ich bin +nur so wenig zu Hause.« -- Der Schulmeister sieht Ole an. Dieser +fühlt, daß er jetzt ins Feuer rücken muß, räuspert sich ein paarmal +und beginnt dann kurz und bündig: »Es war -- es ist -- ja, meine +Absicht war, daß du ein festes -- ja, daß du da oben bei uns wie zu +Hause sein sollst -- daß du da sein sollst, wenn du nicht auswärts +bist.« -- »Vielen Dank für das Anerbieten, aber ich möchte gern da +wohnen bleiben, wo ich wohne.« -- Ole sieht den Schulmeister an, und +dieser sagt: »Ole scheint heute nicht den rechten Ausdruck finden zu +können. Die Sache ist die, daß er schon früher einmal hier gewesen +ist, und die Erinnerung daran verwirrt ihn, so daß er die Worte nicht +recht finden kann.« -- Ole rasch: »So ist es, ja; es war ein dummer +Streich von mir, aber ich hatte mich so lange mit dem Mädchen +herumgezankt, bis mir schließlich die Geduld riß. Laßt es aber +vergessen und vergeben sein. Der Wind schlägt das Korn nieder, nicht +aber ein kalter Lufthauch. Der Regenbach löst keine großen Steine; +Schnee im Mai bleibt nicht lange liegen; es ist nicht der Donner, der +die Menschen erschlägt.« -- Sie lachen alle vier; der Schulmeister +sagt: »Ole meint, du sollst nicht länger daran denken, und du auch +nicht, Thore.« -- Ole sieht sie an und weiß nicht, ob er fortfahren +darf. Da sagt Thore: »Der Dornbusch greift mit vielen Zähnen zu, aber +er reißt keine Wunden. In mir haftet kein Dorn mehr.« -- Ole: »Ich +kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe ich, daß es wächst, wenn +er sät; der Herbst entspricht dem Frühling, in seinen Fingerspitzen +sitzt Geld, und ich möchte ihn gern fest haben.« + +Öyvind sieht den Vater und dieser die Mutter an, die ihrerseits wieder +zu dem Schulmeister hinüberblickt, und dann sehen alle ihn an. -- »Ole +meint, er habe einen großen Hof.« -- Ole unterbricht ihn: »Einen +großen Hof, aber schlecht bewirtschaftet; ich kann nicht mehr, ich +bin alt, und die Beine wollen nicht mehr so wie der Kopf. Aber es +verlohnte sich schon, da oben alle Kraft dranzusetzen.« -- »Es ist der +größte Hof im Kirchspiel, und zwar weitaus,« fällt der Schulmeister +ein. -- »Der größte Hof im Kirchspiel, das ist ja gerade das Unglück, +denn große Schuhe verliert man; es ist ganz schön, wenn das Gewehr gut +ist, aber man muß es heben können!« Und indem er sich schnell zu +Öyvind wendet: »Du könntest vielleicht mit zugreifen, du?« -- »Ich +sollte also Verwalter auf dem Hofe sein?« -- »Freilich, ja; du sollst +den Hof ja haben.« -- »Soll ich den Hof _haben_!« -- »Freilich, ja; +dann wirst du ihn wohl verwalten.« -- »Aber --« -- Ole sieht den +Schulmeister verwundert an. -- »Öyvind fragt noch, ob er Marit auch +haben soll?« -- Ole schnell: »Marit mit in den Kauf, Marit mit in den +Kauf!« -- Da lachte Öyvind hell auf und sprang hoch in die Höhe, und +alle drei stimmen in sein Lachen ein. Öyvind rieb sich die Hände, lief +in der Stube auf und nieder und wiederholte einmal über das andre: +»Marit mit in den Kauf! Marit mit in den Kauf!« -- Thore lachte, daß +es laut schluchzte; die Mutter sah den Sohn von ihrer Ecke aus +unverwandt an, bis ihr die Tränen in die Augen traten. + +Ole sehr gespannt: »Wie denkst du über den Hof?« -- »Vorzüglicher +Boden!« -- »Vorzüglicher Boden, nicht wahr?« -- »Unvergleichliche +Weiden!« -- »Unvergleichliche Weiden! Wird es wohl gehn?« -- »Es soll +der beste Hof im ganzen Bezirk werden!« -- »Der beste Hof im ganzen +Bezirk! Glaubst du das, meinst du das?« -- »So wahr ich hier stehe.« +-- »Ja, habe ich das nicht gesagt?« -- Sie sprachen beide gleich +schnell und paßten zueinander wie zwei Wagenräder. -- »Aber Geld, +siehst du, Geld, ich habe kein Geld!« -- »Ohne Geld geht es langsam, +aber es wird schon gehn!« -- »Es geht! Freilich wird es gehn! Aber +hätten wir Geld, ginge es schneller, meinst du?« -- »Ungleich +schneller!« -- »Ungleich schneller? Hätten wir doch Geld! Nun ja, wer +nicht mehr alle Zähne hat, kann auch kauen; wer mit Ochsen fährt, +kommt auch ans Ziel.« + +Die Mutter stand da und blinkte Thore zu, der sie kurz, aber häufig +von der Seite angesehen hatte, während er sich mit dem Oberkörper hin +und her wiegte und mit seinen Händen über die Knie hinabstrich; der +Schulmeister zwinkerte ihm zu, Thore öffnete den Mund, räusperte sich +ein wenig und nahm einen Anlauf, aber Ole und Öyvind sprachen +unaufhörlich durcheinander, lachten und lärmten, so daß kein andrer zu +Worte kommen konnte. + +»Ihr müßt einen Augenblick schweigen, Thore hat auch etwas zu sagen,« +fiel ihnen der Schulmeister in die Rede; sie halten inne und sehen +Thore an. Endlich beginnt dieser ganz leise: »Auf dieser Stelle ist es +immer so gewesen, daß wir eine Mühle gehabt haben; in der letzten Zeit +war es so, daß wir sogar zwei gehabt haben. Diese Mühlen haben immer, +jahraus, jahrein, einen kleinen Groschen eingebracht; aber weder mein +Vater noch ich haben von dem Gelde gebraucht, ausgenommen damals, als +Öyvind fort war. Der Schulmeister hat das Geld verwaltet, und er sagt, +es hätte da, wo es untergebracht ist, gute Zinsen getragen. Aber nun +wird es wohl das beste sein, wenn Öyvind es für Nordistuen bekommt.« +-- Die Mutter stand hinten in ihrer Ecke und machte sich ganz klein, +aber sie betrachtete Thore mit strahlender Freude, der sehr ernsthaft +dasaß und beinahe dumm aussah. Ole Nordistuen saß ihm mit weit +geöffnetem Munde gegenüber. Öyvind war der erste, der sich von seiner +Überraschung erholte. »Ist es nicht, als ob das Glück mich verfolgte!« +schrie er, ging durch das Zimmer auf den Vater zu und klopfte ihm auf +die Schulter, daß es klatschte. -- »Du, Vater!« sagte er, rieb sich +die Hände und ging weiter. + +»Wieviel Geld mag es wohl sein?« fragte endlich Ole den Schulmeister, +aber leise. -- »Es ist gar nicht so wenig.« -- »Einige Hundert?« -- +»Ein wenig mehr.« -- »Ein wenig mehr? Öyvind, ein wenig mehr! Gott +bewahr mich, was für ein Hof soll das werden!« Er erhob sich und +lachte laut. + +»Ich muß dich zu Marit hinaufbegleiten,« sagt Öyvind; »wir nehmen den +Wagen, der draußen steht, dann geht es schnell.« -- »Ja, schnell, +schnell! Willst du auch immer alles schnell haben?« -- »Ja, schnell +und wie toll!« -- »Schnell und wie toll! Akkurat so wie ich in meiner +Jugend, akkurat so!« -- »Hier ist die Mütze und der Stock, jetzt jage +ich dich fort!« -- »Du jagst mich fort? Ha ha! Aber du kommst mit, +nicht wahr, du kommst mit? Kommt ihr andern auch mit! Heute abend +müssen wir beisammensitzen, solange Glut in der Kohle ist; kommt mit!« +-- Sie versprachen es, Öyvind half ihm auf den Wagen hinauf, und sie +fuhren davon, nach Nordistuen. Da oben war der große Hund nicht der +einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit Öyvind Pladsen auf +den Hof gefahren kam. Während Öyvind ihm vom Wagen herunterhalf und +Gesinde und Tagelöhner sie angafften, kam Marit auf die Diele heraus, +um zu sehen, weshalb der Hund so anhaltend bellte, blieb aber wie +festgewurzelt stehn, wurde glühendrot und lief wieder hinein. Der alte +Ole rief indessen so entsetzlich nach ihr, sobald sie in die Stube +gekommen waren, daß sie wieder zum Vorschein kommen mußte. -- »Geh hin +und putz dich, Mädchen, hier steht der, der den Hof haben soll!« + +»Ist das wahr?« ruft sie, ohne es selber zu wissen, so laut, daß es +schallt. -- »Ja, es ist wahr!« antwortet Öyvind und klatscht in die +Hände. Da dreht sie sich auf dem Absatz herum, wirft das, was sie in +der Hand hat, hin und läuft hinaus; Öyvind ihr nach. + +Bald kommen der Schulmeister, Thore und seine Frau; der Alte hatte +Licht angezündet und ein weißes Tischtuch über den Tisch breiten +lassen. Wein und Bier wurde gereicht, und er selber ging unablässig +umher, hob die Beine noch höher als gewöhnlich, aber doch beständig +den rechten Fuß etwas höher als den linken. + +Ehe diese kleine Erzählung aus ist, muß noch berichtet werden, daß +Öyvind und Marit fünf Wochen später in der Kirche des Sprengels +getraut wurden. Der Schulmeister leitete selbst an diesem Tage den +Gesang, da sein Hilfsküster krank war. Seine Stimme klang jetzt ein +wenig dünn, denn er war alt; Öyvind aber meinte, es tue gut, ihn zu +hören. Und als er Marit die Hand gegeben und sie an den Altar geführt +hatte, nickte ihm der Schulmeister vom Chore herab zu, gerade so, wie +Öyvind es gesehen hatte, als er bei jenem Tanzfest so traurig dasaß; +er nickte wieder, während ihm die Tränen in die Augen traten. + +Jene Tränen bei dem Tanze waren der Ursprung von diesen gewesen, und +zwischen ihnen lag sein Glaube und seine Arbeit. + +Hier endet die Geschichte von dem fröhlichen Burschen. + + + + + [ Im folgenden sind die Änderungen am Originaltext aufgeführt. + Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die + Textstelle im Original, dann die geänderte Textstelle. + + + »es« geändert zu »er«: + Abend kam, tat es das. Er ging auf die Stubentür zu und lauschte; da + Abend kam, tat er das. Er ging auf die Stubentür zu und lauschte; da + + »Knudstocher« geändert zu »Knudstochter«: + Jetzt hab ich für diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe + wohl! + Marit Knudstocher. + Jetzt hab ich für diesmal nichts mehr zu schreiben und deswegen lebe + wohl! + Marit Knudstochter. + + Doppeltes »sich« gelöscht: + festlichen Stimmung. Sie setzten sich sich hin, um zu essen, aber es + festlichen Stimmung. Sie setzten sich hin, um zu essen, aber es + + »daß« geändert zu »das«: + nicht möglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, daß er auf + nicht möglich, langsamer zu sprechen. All das Neue, das er auf + + »Jungen« geändert zu »Jahren«: + dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jungen + dabei einen gewaltigen Sprung im Tone. Er war in seinen jungen Jahren + + Fehlendes »ist« ergänzt: + da unten gearbeitet, meine Vorfahren wie ich, aber es nichts davon + da unten gearbeitet, meine Vorfahren wie ich, aber es ist nichts davon + + »Er« geändert zu »Es«: + aber es wird schon gehn!« -- »Er geht! Freilich wird es gehn! Aber + aber es wird schon gehn!« -- »Es geht! Freilich wird es gehn! Aber + + ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Ein fröhlicher Bursch, by Björnstjerne Björnson + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN FRÖHLICHER BURSCH *** + +***** This file should be named 36363-8.txt or 36363-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/3/6/36363/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Katrin and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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