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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:26 -0700 |
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diff --git a/36275-8.txt b/36275-8.txt new file mode 100644 index 0000000..8350b8a --- /dev/null +++ b/36275-8.txt @@ -0,0 +1,3276 @@ +The Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Gradiva + Ein pompejanisches Phantasiestück + +Author: Wilhelm Jensen + +Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Gradiva + + Ein pompejanisches Phantasiestück + von + Wilhelm Jensen + + Dresden und Leipzig + Verlag von Carl Reissner + 1903. + + + + +Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert +Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er +sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen +vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu können. Der hing nun schon +seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist +von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen +Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne +besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss +eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch +jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich +keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der +Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach +erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin, +ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht +niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermassen 'Heutiges' zur +körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen +mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse +im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe. +Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein +faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich +schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus. +Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in +den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit +auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge +sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich +zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch +plastische Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken +Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut, +die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah +dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz +leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr +ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln +niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Füsse in den +Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der +rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen +den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben. +Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der +Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das +verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend, +die eigenartige Anmut. + +Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent +der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief +nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss +alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er +wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt +habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des +ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem +Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich 'Gradiva' benannt, +'die Vorschreitende'; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich +dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes +Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des +jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer +Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem +Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco +ortus. Vielleicht -- ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die +Vorstellung -- konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der +sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgend einer +Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin. + +Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in +den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen, +ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige +Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere +Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu +einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« -- ihren wirklichen Namen +vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen -- »die Tochter des ... +sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.« + +Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe +festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung +ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen +hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in +Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild +Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen +eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen +trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht +und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie, +wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen +hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und +bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und +weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie +erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der +lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach +Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe +traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden, +Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brode ausgelegt, +Thonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den +Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke +sass eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem +halben Dutzend der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der Schale +weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und +tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf +lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit rothen und gelben +Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung +zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue +empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der +heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner +heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den +zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs +bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit +einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen +Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt +die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde +Lacerte von ihnen fort. + +So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der täglichen +Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue +Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn +mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von +griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische +Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte +die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her, +und weitere, den darauf Fussenden angenehm berührende Vorstellungen +entsprangen daraus. Dann hatte die junge 'domina' vielleicht in ihrem +Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung +genährt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem +Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner +Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen. + +Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches +archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und +Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine +Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit +zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische +Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der +Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er +nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von +Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu. +Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses +als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die +nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen +Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige während des +flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels +gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens, +weil am zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte einmal die +Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage +vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides +ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt +hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte +er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wusste indess nicht zu +sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen +unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung. + +Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte +Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur +Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen. +Das nöthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das +weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder +Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen +desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein +Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit +dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen +Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der +Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss +nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier +machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, +hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit +Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks +für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er +beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser +Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg +verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse. +Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füssen +gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug +der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder +Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr +einnehmendem Aeussern war, drückte sich in ein paar Augen das +Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum +Verständniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner +Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von +Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten +vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen +schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle +nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu +zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine +einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der +Genugthuung, er habe sich in seinem archäologischen Urtheil über das +Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen +ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des +anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie +oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht +entsprach. + +Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntniss +eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll beängstigenden +Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24. +Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit +sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in +einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch +eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von +blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln +oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen +kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten +die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar +geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen +Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie +er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er +plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte +ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf +einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie +in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit +ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis +in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre +schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als 'lente +festinans'. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des +Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen +Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt +niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken +nachzuhängen; darüber vergass auch er den furchtbaren Vorgang, +wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre +lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese +aufs genaueste einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, kam +ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem +allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem +Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm +entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot, +doch mit einem völlig verständnisslosen Ausdruck und ohne weiter +achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort. +Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu +weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels +hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine +Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die +Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig undurchsichtigen +Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu +der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie, +von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum +Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den +Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rothe Schein +ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen +Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den +Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender +Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind +jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer +Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres +Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches +Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen Decke +begrub. Drauss ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur +zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue +Aschenfall empor. + +Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der +nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende +Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur +Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein +Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfältige Gelärm der +Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll bis zu seinem +Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm +aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit, +eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte, +dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem +Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden +ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch +Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die +Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden +sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit +befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit +einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte +Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war +gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so +früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte. +Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, liess der +Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der +verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt +habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge +der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen. + +Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu +haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den +Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum +Norden vorgeschrittene Frühling lag draussen, gab sich in der grossen +Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft +kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die +sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon +kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre +Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem +offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied. +Der arme Bursche that Norbert leid, er hörte unter dem hellem Klang +trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne +hinaus. + +Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei, +denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's erst +jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet +habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das +Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht +gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an +dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der +Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte +sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen. + +Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten +Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte +er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein +weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht +elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis +zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und +seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden +Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen +Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so, +ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben +nicht zu. + +Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch +recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Geländer +niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe +hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen +hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von +mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Dass sich +diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte +nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend +Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den +Obertheil, von der unteren Hälfte und den Füssen konnte er nichts +gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir +drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib +die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend +vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht +wohl ein bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen +hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach +Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher +bestätigte, dass er sich in einem für die Oeffentlichkeit nicht +schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie +er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn +betroffen, da er auf Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und, +von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück. +Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung +vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei +dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet +habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von +drüben herschauend zu sehen gemeint. + + * * * * * + +Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch +beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und +Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von +einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als +seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst +günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem +Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern +konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem +einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen +und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen +Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch +Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf +hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als +einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers +berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen +Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese +Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe +seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen +Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich +festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes +philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien +gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren +Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen. +Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte +nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen, +seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner +Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich +mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen. +Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch +eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst +schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze +nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den +Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass +er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs +bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst +ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare +Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte +Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt, +dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine +Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung +des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde, +empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch +gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in +ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der +er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer +Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an. + +Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein +mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine +absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war, +vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm +selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten +pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm +als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher +Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste, +eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen, +sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf +für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet +machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit +zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft +geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig +gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle, +und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle +hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in +sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals, +und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle +gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein +Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte +Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen, +der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich +herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter +Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine +Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er +habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins +Freie behindert wurden. + +Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch +Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser +Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der +Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben +Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch +noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von +den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die +unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und +fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der +Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung +entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als +selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck +dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in +Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu +vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in +anderthalbtägiger Fahrt dorthin. + + * * * * * + +Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön +ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen +nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften +Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich. +Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den +einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts +ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative +kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und +schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen, +was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen +hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche +Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold +ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden +Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im +Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit +Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache +sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu +ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich +entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher +mit dem lebendigen 'Homo sapiens' der Linné'schen Classifizirung +möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche +Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom +Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande, +zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb +unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten, +noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen +gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht +einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine +äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und +gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie +daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke +durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich +bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich +dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen +Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben +verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das +sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter +allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste +und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen +Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die +Krone auf. + +Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft +zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem +Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen +Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und +wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich +wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm +andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren +gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, +die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien +zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller +bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn +jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck +sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie +er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein +Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde +Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei +grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in +ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte +er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und +zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können, +weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie +Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen +vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der +'direttissimo' brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der +Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels +der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables +angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm +bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach +einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen. + +Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern +kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von +der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem +Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing +auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im +Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war +durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan +befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen +davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand +durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die +unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten, +mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre +Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss +auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu +danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich +vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten: + +»Mein einziger August --« + +»Meine süsse Grete --« + +»Nun haben wir uns wieder.« + +»Ja, endlich sind wir wieder allein.« + +»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?« + +»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch +nothwendig ist.« + +»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von +Belvedere.« + +»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel +schöner, als die capitolinische Venus.« + +»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?« + +»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der +Eisenbahn fahren.« + +»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen, +was würdest du da thun?« + +»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten +sollte, und dich so auf die Arme nehmen.« + +»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!« + +»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu +vergiessen.« + +»Mein einziger August --« + +»Meine süsse Grete --« + +Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein +unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er +verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie +eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden +Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den +Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und +in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein +Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu +sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische +Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm +als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch +mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung +gelangend, nach einem Weilchen sagen: + +»Meine süsse Grete --« + +»Mein einziger August --« + +Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig. +Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des +Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den +Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls +allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen +Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold +wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf. + +Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er +sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar +beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei, +der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von +der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit +schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus +einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein +wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer +dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen +Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich +eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und +fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den +Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in +diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung +von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken +Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz, +entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen +und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen +Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der +Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen. + + * * * * * + +Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen, +camera benannten Raum im 'Hotel Diomède' neben dem von Eucalyptusbäumen +bewachten 'ingresso' zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte +beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und +Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war +ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen +Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider +neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem +jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern +vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels +am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder +ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm +bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn +auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war +Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit +modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage: + +»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir +uns doch auch anschaffen.« + +»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber +gemacht sein.« + +»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken +wird?« + +Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem +wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles +nur zur Delicatesse werden.« + +»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon +Nähnadeln gehabt?« + +»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können, +mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.« + +»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?« + +»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten +Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.« + +»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich +auch noch nach Pompeji selbst?« + +»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von +Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die +Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das +könnte ich mir nie verzeih'n.« + +»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.« + +»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber +eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich +machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri +fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, +und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst +ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie +gezogen habe.« + +»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du +mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich +habe dich ja bei mir.« + +August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert. +Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig +angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge +herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er +lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein +Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte +dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an, +statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen +Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und +Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht +im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine +Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang +für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten. +Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus +dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu +finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das +war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein +Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die +Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine +befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen +enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch +in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton +'leidenschaftlich' beilegen können -- und schon um eine Stunde später +sass er in einer 'carozella', die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von +Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend +für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts +breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren +in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von 'pasta da Napoli' +aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren +maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort +durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der +Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag- +oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks +verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel +nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus +flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die +kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm +fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über +das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell' +Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf +seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des 'Hôtel Suisse' und +'Hôtel Diomède' und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer +Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der +Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster +Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor +seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in +den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht +wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf +ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der +Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen +seien. + +So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom +deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit +menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca +domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich +bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für +ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte +ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste +Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der +einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug +vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen +das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn +hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland +anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf +ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr, +verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen. +Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich +vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine +süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger +Wunsch nach einer 'scacciamosche', einer vortrefflich angefertigten +Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus +einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese +nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen, +bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und +Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder +Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen +man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die +gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte, +verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen, +seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede +schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu, +lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das 'Ding an sich', +in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden. +Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten +Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des +Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den +Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag +gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis +zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert +empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern, +nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner +Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her +erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet +habe. + +Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und +wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld +des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der +hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr +seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im +Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot +seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt. +Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine +andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um +ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung +auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die +Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige +Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt. +Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten +und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch +winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er +missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne, +was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren +in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu +angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht +in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm +nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und +sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer +Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin, +die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin, +that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's +vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in +welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe. + +Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät +am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten +Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand +Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine +Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne +Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien +sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im +Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt +stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und +Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die +über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und +Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte +Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich +das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau +enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus, +Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige +Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein +unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der +Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare +und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu +bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an +Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle +Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim +Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er +gekommen, zum Diomed zurück. + + * * * * * + +Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine +Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum +Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang +wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen +der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji +hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den +Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen +Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen +Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast +ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder +die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten +drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem +Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und +Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig +gewählte, mit einer guten 'mancia' verbundene Worte bald von der +Lästigkeit seines 'guida' zu befreien, um unbehindert allein seinen +Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass +er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein +Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob +er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf +eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber +brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig +vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am +Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. +Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den +blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise +nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal +geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im +Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte +ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand +er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr +von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse +bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die +esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes, +als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich +nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu +einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten +sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold +gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der +Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen. + +So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur +Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere +kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls +ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie +ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der +Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht +hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen, +zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein +Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den +Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie +hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die +Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich +sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten +Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die +Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen +Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren +Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer +und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu +thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit +den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder +Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den +nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte +Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in +einem Causalverband damit hatten die 'charmings' sich in der letzten +Stunde bereits erheblich vermindert, die 'shockings' sich um ebensoviel +vermehrt und die männlichen 'auhs', zwischen noch weiter als vorher +auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen +Uebergang zum Gähnen angetreten. + +Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was +ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm. +Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu +todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl +an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für +Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als +komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur +der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei +Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun +mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein +tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus +voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute +nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten +Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht +lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so +leis, mit heissem Athem an. + +Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie +verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht +konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz. +Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der +semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt +hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria, +peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein +Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken +hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen +das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu +umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie +ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen +dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur +die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis +auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben +der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt +verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch +der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit +Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und +Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt, +hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos +ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert. +Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der +heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben +verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr +aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen. + +Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich +eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein +unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark +und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten +Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten +hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten +schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer +oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so +veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen. +Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte +garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose +Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der +Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der +Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und +völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in +den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in +ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu, +vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand +versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr +in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die +lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch +seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer +Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur +Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem +Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren +Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten +sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten +Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine +Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung. +Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere, +gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube +gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde +der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona +Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare, +mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden +war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den +Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis +entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein 'graffito' her, nur in +halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen +Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch +jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine +Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke. + +Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das +Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen +konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der +Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich +Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm +vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er +überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu +wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die +Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein +verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie +wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten +Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, +langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf +der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen +brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei, +klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von +ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem +Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose +archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte, +philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, +dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach +Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der +heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit +stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den +leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu +regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann löste die Sonne die +Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die +Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben. + +Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's +waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls +vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor +sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. +Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos +zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von +einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass +sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden +Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen. + +Da plötzlich -- + +Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als +thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von +rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die +Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di +Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin. + +Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie +mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und +genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der +Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch +überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige +Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln +reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung +der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang, +auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur +stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit +dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff +verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins +Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem +Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich +mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab. + +Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss +aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, +in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf +die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung +zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er +sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb +nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji +weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden +könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart +musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden +Abdruck der Zehen hinterlassen haben. + +Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch +auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es +verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden +Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus +Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen +Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt +plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden +Lavaplatten der Strasse davon. + +Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und +ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort, +ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch +einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen, +durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken +von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten +Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden +kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum +Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem +näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin. +Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier +die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück. +So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig +verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht +sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig +herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die +goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht +mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager +verschwindend, geblieben sei. + +Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den +Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr +kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal +tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben. + +Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit +niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm +gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen? + +Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich +vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit +einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch +fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der +Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so +lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das +sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte. + +Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch +noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels +kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen +Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse +gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun, +wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt, +ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des +kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen +Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der +Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte +hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit +etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er +erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung, +die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich +mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid +in einer der Metamorphosen geschildert: + + Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange, + Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt. + +Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt +war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu, +dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen +habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um +den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der +campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch +durch seinen Kopf. + +An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen, +stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch +erkennbar, der eingelegte Gruss 'Have' entgegensah. An der Wand des +Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten +Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige +glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich +das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener +Marmortisch einnahm. + +Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd +anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei. +Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung +von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium +schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des +Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von +weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in +Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der +unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die +verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich +in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön +gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen +Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben. + +Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier +regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem +kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva +sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in +nichts zergangen. + +An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der +einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb +bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt +schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes +Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums, +sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen +früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und +verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder +übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der +Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner +die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein +Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl +sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu +ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg. +Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es +den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und +her. + +Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den +ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam +durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des +Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus +den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt, +sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des +Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine +Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter +und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine +traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess +blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen +Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den +Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und +eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte. + +Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen -- nur etwa fünf Schritte von +ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten +gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien +der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche +Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob. +Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie +offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen, +das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen +Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon +gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und +Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es +angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach +Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen +Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum +sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren +Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu +unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und +eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab. + +In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem +glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn +zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an. +Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die +Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten +sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch +beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr +weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen +Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen +Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem +gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter +schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor, +kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem +zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand +zusammengeschlossen. + +Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung, +unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn +abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du +Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des +Dichters Meleager?« + +Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem +ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten +sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein +überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer +Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der +lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger +Pompejis von latinischem Ursprung?« + +Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen +Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung +zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein +stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die +Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus. + +Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen, +ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen +eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf +Deutsch thun.« + +Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden +verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer +Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit +unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen, +dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer +Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell, +wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine +angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über +das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich +zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so +gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich +wusste es, so klänge deine Stimme.« + +In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für +etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie +nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.« + +Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach +und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da +sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn, +und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir +zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein +Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg' +es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück --« + +Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von +den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der +Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert, +umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem +braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre +Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen +Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick +entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen +ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den +Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar, +dann schien sie in den Boden versunken zu sein. + +Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem +Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die +Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines +Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte +Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen. +Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch +etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer +den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des +kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich +selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht. + +Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du +morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht +um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel +des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem +treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam +nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt, +lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die +Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame +Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin. + + * * * * * + +Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war +Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der +Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr +verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem +ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich +von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und +der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der +Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo +auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen +Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine +geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte +zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn +verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der +'cena' an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit +Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte +ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber +ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen +einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten +Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war +allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit +sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste +er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten +des Diomed ins 'Hotel Suisse' hinüber, setzte sich auch dort in eine +Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen +Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen +Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur +ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen +lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden +waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als +Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine +gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten +kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden +sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch +einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich +war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn +gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die +Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass +sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im +Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner +Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas +geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach +der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed +zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde +Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, +sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die +Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, +sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen +aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die +dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf +dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken +Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die +unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch +ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus +denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten +Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der +Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden +Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände +schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise +um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr +nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. +Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen +Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine +Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das +Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der +junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte +seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht +das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein +weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin, +die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom +Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der +Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von +ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als +das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor +seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra +um ihn her. + +Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte, +konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an +wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch +zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste +webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit +angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos +eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse +genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei +hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am +Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen, +überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung +von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den +Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er +befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine +Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend +seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in +weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di +Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und +er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren, +dass er der 'amministrazione' durch sein selbstherrliches Verfahren +vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf +irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn +einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten +Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen +verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath +ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger +Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes, +ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's +ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher, +ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft +heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume +der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für +sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken +Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr +brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich +ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola +auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen +schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche +Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu. +Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien +die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die +eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf +der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades +hinunterzugeleiten. + +Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die +Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, +rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos +wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium, +zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus +herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er +gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem +Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die +archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste +er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem +Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste +und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich +mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich +alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit +die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und +lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war. +Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein +einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's +jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei +vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet +worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit +lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und +vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem +apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die +Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den +gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er +liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen, +sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor +Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber +konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen +wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen +kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch +wärest und lebtest!« + +Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen +zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine +andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du +siehst ermüdet aus.« + +Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein +Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen. +Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr +dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule. + +Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als +die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?« + +Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn +nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr +gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen +waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als +mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn +angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes +gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer +veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender +Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie +sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in +der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht +angemessen sei, denn sie hatte sich auch des 'Du' bedient, und es kam +ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen. +Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm +sie nochmals wieder das Wort und sagte: + +»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum +Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da +ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht +daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.« + +Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich +fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen +des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.« + +»Ach so -- damals. Ja richtig -- das war mir nicht eingefallen. Aber ich +hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben +müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war +zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht +besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich +däucht, du siehst jünger aus.« + +Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes, +äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene +Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein, +wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war +vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt, +gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte -- +aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder --« + +In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber +Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie +wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder? +In dem Traum? Woran?« + +»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.« + +»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?« + +Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja -- +weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst, +wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte +dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner +Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem +Reliefbild in Rom überein.« + +»Ach so --« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher -- +»mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht +und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort +hast du's also gesehen?« + +Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er +hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen, +der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich, +ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge +Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine +einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt +wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu +reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden +könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse +gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor +ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das +Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse +wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager +verschwunden. + +Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das +Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.« + +Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins +Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und +kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus +zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es +nicht.« + +»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl +vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen, +was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte +doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit +meintest.« + +Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es +nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der +Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und +pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem +Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei +meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.« +Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner +Gangart, von der du vorhin sprachst?« + +Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf +zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf --« + +Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung, +dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er +sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des +Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem +Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in +Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer +Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es +war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt. +Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.« + +Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich +glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein +Bildniss --« + +Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine +Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so +festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht +emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie +unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle +Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend +wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer +Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie: +»Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen +Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und +Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist +denn Besonderes daran?« + +Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht +ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun, +dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen +Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in +seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen +Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne +Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme +vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen, +gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her +nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen +gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas +denen der Gradiva geähnelt hätten. + +»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von +grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen +wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen +gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?« + +»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht +wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.« + +Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund +zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung +erwiderte: »Ich heisse Zoë.« + +Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an, +aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.« + +»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich +habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für +heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie +mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.« + +Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die +Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den +Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser +daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der +Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir +verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn +auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können +wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle +steht: Have, und ich spreche es dir: Have!« + +Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als +ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles +wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller, +gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über +die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den +verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das +Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien +gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die +Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit +Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern +Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa +di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über +die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des +Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass +die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie +dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren +das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer +Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu, +die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer +Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von +fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem +Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten +Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles +Erinnerungsstück war. + +Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang +und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen +Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher +Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del +Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber +durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva +versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig, +und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf +diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein, +und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis +zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss +gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada +di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem +glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa +des Diomedes zu zergehen. + + * * * * * + +Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem +Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad +aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer +sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter +und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht +gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen +Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des +Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_ +liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren +Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen +war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch +sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht, +der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon +suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien, +indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und +weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich, +allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand +müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in +Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er +fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges, +ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen +verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen +konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein +Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose, +wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich +dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen +Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres +Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine +Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das +Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie +über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu +halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie +berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur +auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein +eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der +Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder +der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich +bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck +durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz +verursachen. + +Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines +Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er +bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von +Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte +Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon +graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand +Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem +heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte +den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen +Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für +die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es +durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei +Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen +muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich +habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie +sich ganz ruhig --« + +Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor +vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus +einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale +Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse +hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert +Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf +den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des +Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden +Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede +desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch +merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen +konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem +Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine +Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit +zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete +ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt +zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten +Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr, +als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der 'Diomed' noch +das 'Hotel Suisse' war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft +an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen +Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe +des letzteren noch ein Gasthaus, der 'Albergo del Sole', vorhanden sei, +wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer +geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt +geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte +Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür +ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang +erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer +stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten +Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem +Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus +und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu +bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in +der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen +zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern +alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl +begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er +erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend +war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch +zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar +aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges +fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte +Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend +eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er +wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner +Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart +neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber +als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch +die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich, +ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis +entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den 'Albergo di Sole' verliess. +In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem +offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen +Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen +Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der +Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines +neuen Besitzthums zu Theil werde. + +Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina +innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem +zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges +Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden +sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf +hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt; +in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand +zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein. + +Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, +sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse +geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte, +vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben +gewollt. + +Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte +seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger, +sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine +Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe. + +Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn +nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es +sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr +angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des +jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit +eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den +'Diomed' erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden +Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er +verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der 'Diomed' trotz +seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne +Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene +Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als +Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende +und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss +zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer +gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied +das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem +lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren +Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke +Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was +es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden, +von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei +einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in +besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und +bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein +halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme +an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte +erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur +von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch +er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken +Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die +unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die +Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen +tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem +räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten. +Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst +überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine +Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle +Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die +Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck +annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So +begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern, +nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster +und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und +träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die +Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin +zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin +hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg +angewendet --« + +Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That +vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr +loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren +Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die +Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden. + + * * * * * + +Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme +gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm +dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster +gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch +fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor +der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er +unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den +Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr +Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und +fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem +Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor +den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso +nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten +Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der +Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der +Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen +mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren +vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart, +sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu +der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat +zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm +wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten +habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie +lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken +gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei, +möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich +bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an +seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen +willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das +Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten +Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf +lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch, +auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei +einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als +leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die +Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen, +behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das +Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine +unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls +anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen, +entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein +Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst, +entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen +mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr +dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen +hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein +Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst +zu theilen. + +Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen, +die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung +abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in +praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit +zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen +erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch +Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene +durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr +vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und +diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu +einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer +Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf, +dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt +haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine +Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen +Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie +stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen +Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass +sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt +haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn +Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab, +war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie +könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre +Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl +angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach, +einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit +einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam +Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen +antrafen. + +Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging +er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und +stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes, +besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten +des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des +tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward +bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies, +von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier +befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins +Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei +weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu +lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude +umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen +Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des +Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's +gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit +blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher +durch die stille Verlassenheit. + +Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch +nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei +Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah +als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht +gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich +dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen +unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen +umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der +unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der +junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal +auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber +bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von +zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges +Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete. + +Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert +augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus +nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein +Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie +vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit +grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten +bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser +Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er +unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff, +darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei +wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig +um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der +Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo +del Fauno hinaus. + + * * * * * + +Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits +Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu +befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das +'Have' des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, +hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die +Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem +Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren +Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im +zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen +Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker, +als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute +nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung +fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit +angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward +es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod +Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine +befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen +Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher +Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen +herausfordern und wollte -- das drängte sich fast noch gewaltsamer in +ihm auf -- ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas +Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe -- + +So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung, +dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu +Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus +hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«, +obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva +grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass. +Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag +noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen. +Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.« + +Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht +beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die +Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit +über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, +hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen +Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, +dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn +und sagte: »Du --.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade +genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss, +dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal +gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern +vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere +Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?« + +Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu, +sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf +dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet, +dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel, +wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das +Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe +nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein +Freund von Rosen zu sein.« + +Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum +Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete: +»Ja -- doch, ich habe sie nicht für mich -- du sprachst gestern -- und +auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gäbe sie im Frühling --« + +Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so -- ja, ich +erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern +Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir +ein wenig verbessert.« + +Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr +jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in +der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass +du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glücklich --« + +»Warum macht dich das glücklich?« + +Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging +ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist +schön, lebendig zu sein -- mir ist dies früher nie so -- ich wollte dich +noch fragen --« + +Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend, +hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?« + +Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte +den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach +wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus +diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden? +Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie +schon gesehen.« + +Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne -- warum in der Sonne?« + +»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande. +Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem +Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt +sein soll.« + +»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt --« + +»Ach so --« + +Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine +Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen +Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte +sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin? +-- dich unglücklich gemacht?« + +Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und +vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber +-- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte +mir einen -- einen Schwindel im Kopf --« + +»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht +heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche +Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am +besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem +misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass +ich meinen Vorrath mit dir theile --« + +Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer +Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand +und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei +blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit +einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim +Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie +durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern +von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte +sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das +Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine +entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken +ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben +sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die +Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren +einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf +besinnen?« + +Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so +unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes +durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich +gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji +umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in +Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als +ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe +des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die +makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten +eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der +Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. +Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in +wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner +Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf +überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr +als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch +so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie +wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch +wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen +einen Einwand -- + +Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor +zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er +nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen -- + +Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien -- +die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in +sich -- + +Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der +gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah +er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf +und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei. + +Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon +früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte, +jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso +teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert +haben?« + +Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und +wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?« + +Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht +durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei +dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame +Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander. +Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs +gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter. + +Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein +freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft +hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf +eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die +einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos +unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck +fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt, +Norbert Hanold.« + +Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der +Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der +Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog. +Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene +Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des +sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame +rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch +auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!« + + * * * * * + +Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der +Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es +musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen +Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um +nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar, +mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben +mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich +selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz +unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern +körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose +Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in +einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in +unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer +vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das +sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen, +seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein +sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise +zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum +Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch +wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in +unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber +trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen, +Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so +benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach. + +Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von +dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in +der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck +nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess +vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine +Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen +und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, +der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit +vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen +und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen +Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare, +bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei +Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche +ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts; +das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst +nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring +auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die +Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie +zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an +einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine +Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin. +Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb +bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich +wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den +guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine +eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen +stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl +schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht -- +ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem +Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten +Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch +nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da +muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider +augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di +Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar +nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So +viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man +eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst +-- bitte, nein, senza complimenti!« + +Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche +Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen +schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den +Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin +entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen +Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich +gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren +nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert +Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in +die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss, +einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für +ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar +einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die +nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der +Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem +anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr +rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter +dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht +weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor +vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden +Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut' +von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des +Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor +sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet +wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de' +Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz +gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der +geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse +befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig +ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser +Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht +aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der +Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus +aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde. + +Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's, +vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber +die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die +Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach +einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des +zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über +die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter. + + * * * * * + +Die 'Villa des Diomedes' -- äusserst beliebig von den Heutlebenden so +nach einem Grabmal benannt, das ein 'Libertus' Marcus Arrius Diomedes, +der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt +gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für +sich und seine Angehörigen errichtet hatte -- war ein sehr umfänglicher +Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht +schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in +sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil +aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem +erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen +Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch +weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von +trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies +war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette +von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit +einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das +halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen +zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche, +namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden +hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten +wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm +kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine +beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen. +Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten +erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier +aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen +Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens +bewahrt. + +Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das +Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die +Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen +Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier +sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster +Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte +dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und +unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe +in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte +zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen, +dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen +freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner +Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das +körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges +in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der +Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als +unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und +Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger +leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze, +und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig +einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. +Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre +ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch +aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand +trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war +ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere +sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer +ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch +seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung +ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den +Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der +unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn +er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der +Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr +laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess +klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte +und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr +zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden +Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er +anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer +Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine +undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn +und in ihm verdunkle. + +Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges +umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem +Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines +der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden. + +Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen +und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten +es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der +Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei +herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das +zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor. + +Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern +durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer +halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings +eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an, +die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen +auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang +nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.« + +Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden. +Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum +Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch +theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold +scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück, +sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, +davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die +jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her +schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf +seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie +finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das +Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen +erzählen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche +Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist +dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?« + +Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess +so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug. +Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit +der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste, +welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle. +Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines +anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas +verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig -- +wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich +bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine -- +meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.« + +Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie +entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit +ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold. +Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran +gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach +Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert +Meilen näher bestätigen können.« + +»Um hundert Meilen näher« -- wiederholte er verständnisslos und halb +stotternd -- »wo ist das?« + +»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster +steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.« + +Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den +Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel --« und er fügte, noch +entschiedener stotternd, hinzu: »Der -- der singt?« + +»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder +warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor +der Zoologie Richard Bertgang.« + +Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen +erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang -- dann sind Sie +-- sind Sie -- Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders +aus --« + +Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu +schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede +passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag +nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich +früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen, +gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders +ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem +Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht +aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. -- Nein, +jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie +keinen trockenen Faden.« + +Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der +Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den +Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger +Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen +worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen +und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das +liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern +suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb +kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung +Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender +Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug, +war 'schütten' eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer +Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der +campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als +ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des +Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden +nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da. +Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur +Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu +verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht +benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung +ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause +fortfuhr: + +»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb, +Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige +Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir +angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder +Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in +Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich +auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was +sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie +damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war, +machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre +schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch +nicht zu dem, was ich ausdrücken will -- ich wollte sagen, da stellte +sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der, +wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund +und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere +Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders +aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir +zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und +noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine +Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest. +Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an +dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul +wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein -- +Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja +wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie +beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und +wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir +vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, +kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein +unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet +hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner +Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir +nicht vermuthet.« + +Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton +etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche +Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem +Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der +Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll +gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen +Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem +crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten +die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte +viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei +Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder +lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn +der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von +Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher +Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung +Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor, +dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte. + +Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht +ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel +anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet +worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne +recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu +besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die +Tonumänderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf +einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr +zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den +Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf +ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die +Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu +befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne +ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert -- du bist es, +Zoë -- meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist höchst +sonderbar --« + +»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die +Archäologie ist das wohl nothwendig.« + +»Nein, ich meine dein Name --« + +»Warum ist der sonderbar?« + +Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen, +sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte: +»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und 'die im Schreiten +Glänzende' bezeichnet.« + +Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten +augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig +wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche +Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im +Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch +durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen +Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus +tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's +abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern +so, wie die sympathische junge Dame!« + +Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht +gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?« + +»Die dich im Haus des Meleager anredete.« + +»Kennst du die?« + +»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich +gefallen hat.« + +»So? Wo hast du sie denn gesehen?« + +»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz +Sonderbares.« + +»Was thaten sie denn?« + +»Sie sahen mich nicht und küssten sich.« + +»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji +auf der Hochzeitsreise?« + +Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen +Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden +da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel +auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich +geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit +einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie +schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug +mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen +fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge +Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist +Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du +kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder +aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji +wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del +Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten. +Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf +dem Mond noch einmal wieder. Addio.« + +Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso +gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte, +den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten +beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des +draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein +wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der +auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur +zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der +steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das +augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines +Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer +Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte +damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz, +möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah +Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten +Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen +doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit +einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da +sitzt die Fliege wieder!« + +So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich +nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die +Fliege -- wo?« + +»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich +einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief +verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen +vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich +danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und +damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber +so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange +zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise +behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als +ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt +sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit +zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« +vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker +als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der +vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden. + +Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen +Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm +und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im +allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch +machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung +geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und +Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich _wirklich_ gehen, sonst +verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die +Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von +ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft +vorlieb.« + +Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter +vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine +hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame +zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies +auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden +Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater -- was +wird der --?« + +Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch +erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin +kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich +das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im +Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein +Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die +Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich +meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch +für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig +einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da +machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach +Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge -- wie man's macht, +kannst du an meinem kleinen Finger einüben -- eine Lacerta +faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen +Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und +mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. +Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher +undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung +wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das +wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.« + +Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes +Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über +die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen +konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie +alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich +schönen und schalkhaften Reiz besessen haben. + +Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein +wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes +Leben und liebliche Gegenwart -- unsere Hochzeitsreise machen wir nach +Italien und Pompeji!« + +Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr +veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen +und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können. +Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine +Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von +misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete +zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie +Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji +dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung +nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte +wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die +alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und +die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche, +von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. +Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen +Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den +kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der +Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke +ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache, +die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung +gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich +wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht +völlig lebendig genug.« + +Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen +Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in +Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an +das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte +Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an +und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier +vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund +seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, +schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft +dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den +Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber. + + + + + Druck von + Kamm & Seemann + in Leipzig. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseit sindess augenscheinlich + jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich + + machten zumeisf lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, + machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, + + Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen behindert zu werden. Wie + Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie + + sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen. + sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen. + + peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein + peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein + + Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur + Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur + + Gebliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem + Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem + + ersten besten Wege zielloss davongewandert, an den Golfstrand nördlich + ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich + + sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen + sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen + + die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, dass zugleich todt und + die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und + + So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht + »So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht + + zum westlichen Rand, an das Ostende der langestreckten alten + zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten + + Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandniss haben, denn ihr + Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr + + auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei + auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei + + Bimsteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. + Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. + + sich. Eine Wirniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil + sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil + + entgegnete, bei der Anrede n der zweiten Person verbleibend: »So weit + entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit + + erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, in bin + erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + +***** This file should be named 36275-8.txt or 36275-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/2/7/36275/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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