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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:26 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Gradiva + Ein pompejanisches Phantasiestück + +Author: Wilhelm Jensen + +Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Gradiva + + Ein pompejanisches Phantasiestück + von + Wilhelm Jensen + + Dresden und Leipzig + Verlag von Carl Reissner + 1903. + + + + +Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert +Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er +sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen +vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu können. Der hing nun schon +seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist +von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen +Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne +besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss +eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch +jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich +keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der +Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach +erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin, +ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht +niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermassen ›Heutiges‹ zur +körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen +mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse +im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe. +Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein +faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich +schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus. +Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in +den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit +auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge +sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich +zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch +plastische Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken +Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut, +die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah +dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz +leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr +ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln +niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Füsse in den +Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der +rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen +den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben. +Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der +Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das +verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend, +die eigenartige Anmut. + +Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent +der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief +nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss +alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er +wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt +habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des +ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem +Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich ›Gradiva‹ benannt, +›die Vorschreitende‹; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich +dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes +Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des +jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer +Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem +Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco +ortus. Vielleicht -- ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die +Vorstellung -- konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der +sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgend einer +Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin. + +Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in +den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen, +ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige +Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere +Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu +einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« -- ihren wirklichen Namen +vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen -- »die Tochter des ... +sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.« + +Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe +festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung +ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen +hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in +Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild +Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen +eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen +trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht +und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie, +wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen +hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und +bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und +weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie +erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der +lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach +Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe +traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden, +Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brode ausgelegt, +Thonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den +Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke +sass eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem +halben Dutzend der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der Schale +weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und +tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf +lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit rothen und gelben +Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung +zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue +empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der +heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner +heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den +zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs +bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit +einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen +Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt +die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde +Lacerte von ihnen fort. + +So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der täglichen +Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue +Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn +mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von +griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische +Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte +die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her, +und weitere, den darauf Fussenden angenehm berührende Vorstellungen +entsprangen daraus. Dann hatte die junge ›domina‹ vielleicht in ihrem +Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung +genährt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem +Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner +Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen. + +Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches +archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und +Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine +Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit +zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische +Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der +Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er +nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von +Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu. +Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses +als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die +nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen +Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige während des +flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels +gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens, +weil am zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte einmal die +Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage +vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides +ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt +hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte +er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wusste indess nicht zu +sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen +unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung. + +Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte +Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur +Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen. +Das nöthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das +weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder +Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen +desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein +Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit +dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen +Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der +Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss +nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier +machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, +hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit +Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks +für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er +beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser +Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg +verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse. +Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füssen +gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug +der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder +Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr +einnehmendem Aeussern war, drückte sich in ein paar Augen das +Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum +Verständniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner +Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von +Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten +vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen +schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle +nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu +zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine +einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der +Genugthuung, er habe sich in seinem archäologischen Urtheil über das +Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen +ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des +anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie +oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht +entsprach. + +Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntniss +eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll beängstigenden +Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24. +Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit +sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in +einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch +eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von +blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln +oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen +kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten +die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar +geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen +Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie +er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er +plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte +ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf +einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie +in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit +ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis +in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre +schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als ›lente +festinans‹. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des +Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen +Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt +niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken +nachzuhängen; darüber vergass auch er den furchtbaren Vorgang, +wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre +lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese +aufs genaueste einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, kam +ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem +allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem +Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm +entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot, +doch mit einem völlig verständnisslosen Ausdruck und ohne weiter +achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort. +Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu +weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels +hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine +Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die +Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig undurchsichtigen +Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu +der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie, +von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum +Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den +Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rothe Schein +ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen +Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den +Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender +Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind +jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer +Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres +Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches +Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen Decke +begrub. Drauss ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur +zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue +Aschenfall empor. + +Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der +nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende +Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur +Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein +Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfältige Gelärm der +Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll bis zu seinem +Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm +aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit, +eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte, +dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem +Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden +ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch +Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die +Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden +sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit +befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit +einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte +Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war +gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so +früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte. +Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, liess der +Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der +verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt +habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge +der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen. + +Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu +haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den +Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum +Norden vorgeschrittene Frühling lag draussen, gab sich in der grossen +Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft +kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die +sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon +kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre +Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem +offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied. +Der arme Bursche that Norbert leid, er hörte unter dem hellem Klang +trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne +hinaus. + +Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei, +denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's erst +jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet +habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das +Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht +gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an +dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der +Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte +sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen. + +Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten +Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte +er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein +weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht +elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis +zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und +seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden +Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen +Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so, +ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben +nicht zu. + +Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch +recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Geländer +niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe +hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen +hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von +mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Dass sich +diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte +nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend +Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den +Obertheil, von der unteren Hälfte und den Füssen konnte er nichts +gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir +drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib +die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend +vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht +wohl ein bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen +hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach +Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher +bestätigte, dass er sich in einem für die Oeffentlichkeit nicht +schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie +er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn +betroffen, da er auf Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und, +von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück. +Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung +vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei +dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet +habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von +drüben herschauend zu sehen gemeint. + + * * * * * + +Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch +beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und +Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von +einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als +seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst +günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem +Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern +konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem +einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen +und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen +Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch +Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf +hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als +einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers +berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen +Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese +Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe +seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen +Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich +festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes +philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien +gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren +Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen. +Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte +nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen, +seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner +Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich +mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen. +Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch +eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst +schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze +nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den +Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass +er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs +bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst +ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare +Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte +Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt, +dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine +Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung +des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde, +empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch +gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in +ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der +er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer +Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an. + +Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein +mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine +absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war, +vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm +selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten +pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm +als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher +Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste, +eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen, +sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf +für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet +machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit +zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft +geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig +gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle, +und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle +hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in +sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals, +und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle +gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein +Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte +Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen, +der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich +herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter +Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine +Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er +habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins +Freie behindert wurden. + +Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch +Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser +Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der +Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben +Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch +noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von +den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die +unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und +fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der +Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung +entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als +selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck +dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in +Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu +vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in +anderthalbtägiger Fahrt dorthin. + + * * * * * + +Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön +ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen +nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften +Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich. +Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den +einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts +ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative +kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und +schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen, +was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen +hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche +Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold +ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden +Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im +Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit +Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache +sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu +ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich +entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher +mit dem lebendigen ›Homo sapiens‹ der Linné'schen Classifizirung +möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche +Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom +Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande, +zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb +unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten, +noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen +gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht +einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine +äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und +gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie +daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke +durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich +bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich +dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen +Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben +verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das +sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter +allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste +und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen +Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die +Krone auf. + +Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft +zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem +Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen +Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und +wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich +wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm +andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren +gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, +die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien +zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller +bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn +jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck +sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie +er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein +Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde +Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei +grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in +ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte +er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und +zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können, +weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie +Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen +vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der +›direttissimo‹ brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der +Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels +der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables +angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm +bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach +einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen. + +Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern +kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von +der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem +Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing +auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im +Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war +durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan +befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen +davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand +durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die +unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten, +mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre +Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss +auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu +danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich +vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten: + +»Mein einziger August --« + +»Meine süsse Grete --« + +»Nun haben wir uns wieder.« + +»Ja, endlich sind wir wieder allein.« + +»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?« + +»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch +nothwendig ist.« + +»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von +Belvedere.« + +»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel +schöner, als die capitolinische Venus.« + +»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?« + +»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der +Eisenbahn fahren.« + +»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen, +was würdest du da thun?« + +»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten +sollte, und dich so auf die Arme nehmen.« + +»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!« + +»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu +vergiessen.« + +»Mein einziger August --« + +»Meine süsse Grete --« + +Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein +unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er +verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie +eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden +Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den +Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und +in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein +Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu +sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische +Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm +als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch +mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung +gelangend, nach einem Weilchen sagen: + +»Meine süsse Grete --« + +»Mein einziger August --« + +Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig. +Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des +Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den +Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls +allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen +Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold +wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf. + +Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er +sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar +beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei, +der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von +der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit +schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus +einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein +wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer +dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen +Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich +eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und +fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den +Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in +diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung +von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken +Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz, +entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen +und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen +Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der +Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen. + + * * * * * + +Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen, +camera benannten Raum im ›Hotel Diomède‹ neben dem von Eucalyptusbäumen +bewachten ›ingresso‹ zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte +beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und +Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war +ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen +Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider +neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem +jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern +vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels +am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder +ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm +bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn +auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war +Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit +modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage: + +»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir +uns doch auch anschaffen.« + +»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber +gemacht sein.« + +»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken +wird?« + +Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem +wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles +nur zur Delicatesse werden.« + +»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon +Nähnadeln gehabt?« + +»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können, +mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.« + +»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?« + +»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten +Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.« + +»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich +auch noch nach Pompeji selbst?« + +»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von +Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die +Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das +könnte ich mir nie verzeih'n.« + +»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.« + +»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber +eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich +machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri +fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, +und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst +ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie +gezogen habe.« + +»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du +mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich +habe dich ja bei mir.« + +August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert. +Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig +angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge +herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er +lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein +Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte +dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an, +statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen +Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und +Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht +im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine +Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang +für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten. +Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus +dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu +finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das +war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein +Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die +Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine +befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen +enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch +in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton +›leidenschaftlich‹ beilegen können -- und schon um eine Stunde später +sass er in einer ›carozella‹, die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von +Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend +für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts +breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren +in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von ›pasta da Napoli‹ +aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren +maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort +durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der +Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag- +oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks +verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel +nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus +flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die +kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm +fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über +das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell' +Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf +seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des ›Hôtel Suisse‹ und +›Hôtel Diomède‹ und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer +Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der +Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster +Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor +seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in +den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht +wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf +ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der +Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen +seien. + +So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom +deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit +menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca +domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich +bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für +ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte +ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste +Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der +einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug +vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen +das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn +hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland +anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf +ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr, +verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen. +Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich +vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine +süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger +Wunsch nach einer ›scacciamosche‹, einer vortrefflich angefertigten +Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus +einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese +nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen, +bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und +Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder +Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen +man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die +gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte, +verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen, +seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede +schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu, +lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das ›Ding an sich‹, +in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden. +Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten +Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des +Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den +Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag +gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis +zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert +empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern, +nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner +Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her +erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet +habe. + +Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und +wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld +des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der +hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr +seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im +Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot +seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt. +Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine +andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um +ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung +auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die +Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige +Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt. +Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten +und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch +winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er +missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne, +was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren +in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu +angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht +in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm +nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und +sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer +Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin, +die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin, +that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's +vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in +welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe. + +Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät +am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten +Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand +Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine +Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne +Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien +sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im +Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt +stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und +Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die +über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und +Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte +Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich +das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau +enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus, +Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige +Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein +unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der +Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare +und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu +bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an +Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle +Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim +Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er +gekommen, zum Diomed zurück. + + * * * * * + +Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine +Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum +Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang +wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen +der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji +hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den +Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen +Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen +Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast +ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder +die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten +drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem +Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und +Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig +gewählte, mit einer guten ›mancia‹ verbundene Worte bald von der +Lästigkeit seines ›guida‹ zu befreien, um unbehindert allein seinen +Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass +er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein +Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob +er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf +eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber +brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig +vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am +Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. +Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den +blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise +nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal +geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im +Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte +ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand +er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr +von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse +bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die +esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes, +als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich +nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu +einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten +sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold +gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der +Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen. + +So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur +Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere +kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls +ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie +ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der +Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht +hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen, +zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein +Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den +Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie +hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die +Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich +sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten +Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die +Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen +Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren +Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer +und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu +thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit +den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder +Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den +nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte +Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in +einem Causalverband damit hatten die ›charmings‹ sich in der letzten +Stunde bereits erheblich vermindert, die ›shockings‹ sich um ebensoviel +vermehrt und die männlichen ›auhs‹, zwischen noch weiter als vorher +auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen +Uebergang zum Gähnen angetreten. + +Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was +ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm. +Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu +todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl +an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für +Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als +komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur +der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei +Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun +mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein +tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus +voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute +nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten +Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht +lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so +leis, mit heissem Athem an. + +Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie +verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht +konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz. +Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der +semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt +hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria, +peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein +Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken +hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen +das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu +umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie +ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen +dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur +die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis +auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben +der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt +verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch +der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit +Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und +Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt, +hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos +ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert. +Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der +heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben +verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr +aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen. + +Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich +eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein +unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark +und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten +Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten +hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten +schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer +oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so +veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen. +Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte +garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose +Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der +Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der +Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und +völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in +den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in +ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu, +vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand +versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr +in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die +lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch +seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer +Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur +Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem +Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren +Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten +sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten +Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine +Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung. +Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere, +gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube +gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde +der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona +Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare, +mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden +war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den +Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis +entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein ›graffito‹ her, nur in +halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen +Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch +jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine +Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke. + +Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das +Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen +konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der +Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich +Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm +vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er +überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu +wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die +Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein +verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie +wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten +Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, +langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf +der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen +brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei, +klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von +ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem +Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose +archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte, +philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, +dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach +Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der +heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit +stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den +leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu +regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann löste die Sonne die +Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die +Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben. + +Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's +waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls +vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor +sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. +Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos +zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von +einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass +sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden +Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen. + +Da plötzlich -- + +Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als +thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von +rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die +Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di +Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin. + +Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie +mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und +genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der +Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch +überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige +Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln +reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung +der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang, +auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur +stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit +dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff +verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins +Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem +Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich +mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab. + +Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss +aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, +in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf +die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung +zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er +sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb +nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji +weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden +könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart +musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden +Abdruck der Zehen hinterlassen haben. + +Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch +auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es +verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden +Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus +Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen +Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt +plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden +Lavaplatten der Strasse davon. + +Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und +ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort, +ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch +einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen, +durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken +von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten +Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden +kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum +Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem +näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin. +Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier +die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück. +So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig +verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht +sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig +herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die +goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht +mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager +verschwindend, geblieben sei. + +Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den +Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr +kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal +tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben. + +Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit +niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm +gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen? + +Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich +vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit +einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch +fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der +Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so +lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das +sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte. + +Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch +noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels +kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen +Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse +gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun, +wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt, +ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des +kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen +Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der +Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte +hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit +etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er +erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung, +die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich +mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid +in einer der Metamorphosen geschildert: + + Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange, + Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt. + +Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt +war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu, +dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen +habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um +den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der +campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch +durch seinen Kopf. + +An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen, +stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch +erkennbar, der eingelegte Gruss ›Have‹ entgegensah. An der Wand des +Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten +Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige +glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich +das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener +Marmortisch einnahm. + +Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd +anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei. +Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung +von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium +schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des +Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von +weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in +Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der +unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die +verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich +in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön +gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen +Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben. + +Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier +regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem +kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva +sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in +nichts zergangen. + +An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der +einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb +bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt +schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes +Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums, +sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen +früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und +verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder +übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der +Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner +die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein +Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl +sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu +ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg. +Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es +den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und +her. + +Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den +ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam +durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des +Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus +den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt, +sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des +Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine +Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter +und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine +traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess +blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen +Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den +Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und +eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte. + +Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen -- nur etwa fünf Schritte von +ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten +gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien +der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche +Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob. +Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie +offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen, +das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen +Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon +gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und +Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es +angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach +Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen +Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum +sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren +Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu +unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und +eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab. + +In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem +glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn +zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an. +Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die +Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten +sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch +beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr +weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen +Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen +Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem +gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter +schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor, +kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem +zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand +zusammengeschlossen. + +Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung, +unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn +abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du +Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des +Dichters Meleager?« + +Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem +ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten +sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein +überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer +Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der +lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger +Pompejis von latinischem Ursprung?« + +Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen +Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung +zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein +stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die +Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus. + +Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen, +ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen +eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf +Deutsch thun.« + +Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden +verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer +Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit +unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen, +dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer +Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell, +wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine +angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über +das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich +zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so +gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich +wusste es, so klänge deine Stimme.« + +In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für +etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie +nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.« + +Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach +und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da +sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn, +und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir +zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein +Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg' +es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück --« + +Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von +den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der +Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert, +umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem +braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre +Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen +Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick +entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen +ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den +Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar, +dann schien sie in den Boden versunken zu sein. + +Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem +Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die +Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines +Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte +Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen. +Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch +etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer +den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des +kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich +selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht. + +Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du +morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht +um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel +des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem +treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam +nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt, +lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die +Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame +Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin. + + * * * * * + +Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war +Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der +Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr +verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem +ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich +von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und +der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der +Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo +auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen +Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine +geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte +zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn +verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der +›cena‹ an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit +Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte +ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber +ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen +einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten +Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war +allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit +sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste +er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten +des Diomed ins ›Hotel Suisse‹ hinüber, setzte sich auch dort in eine +Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen +Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen +Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur +ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen +lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden +waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als +Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine +gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten +kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden +sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch +einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich +war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn +gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die +Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass +sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im +Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner +Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas +geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach +der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed +zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde +Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, +sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die +Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, +sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen +aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die +dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf +dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken +Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die +unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch +ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus +denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten +Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der +Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden +Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände +schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise +um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr +nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. +Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen +Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine +Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das +Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der +junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte +seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht +das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein +weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin, +die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom +Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der +Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von +ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als +das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor +seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra +um ihn her. + +Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte, +konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an +wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch +zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste +webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit +angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos +eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse +genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei +hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am +Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen, +überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung +von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den +Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er +befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine +Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend +seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in +weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di +Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und +er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren, +dass er der ›amministrazione‹ durch sein selbstherrliches Verfahren +vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf +irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn +einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten +Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen +verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath +ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger +Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes, +ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's +ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher, +ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft +heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume +der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für +sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken +Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr +brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich +ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola +auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen +schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche +Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu. +Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien +die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die +eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf +der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades +hinunterzugeleiten. + +Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die +Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, +rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos +wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium, +zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus +herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er +gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem +Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die +archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste +er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem +Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste +und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich +mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich +alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit +die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und +lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war. +Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein +einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's +jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei +vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet +worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit +lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und +vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem +apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die +Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den +gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er +liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen, +sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor +Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber +konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen +wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen +kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch +wärest und lebtest!« + +Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen +zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine +andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du +siehst ermüdet aus.« + +Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein +Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen. +Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr +dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule. + +Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als +die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?« + +Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn +nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr +gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen +waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als +mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn +angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes +gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer +veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender +Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie +sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in +der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht +angemessen sei, denn sie hatte sich auch des ›Du‹ bedient, und es kam +ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen. +Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm +sie nochmals wieder das Wort und sagte: + +»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum +Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da +ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht +daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.« + +Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich +fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen +des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.« + +»Ach so -- damals. Ja richtig -- das war mir nicht eingefallen. Aber ich +hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben +müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war +zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht +besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich +däucht, du siehst jünger aus.« + +Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes, +äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene +Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein, +wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war +vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt, +gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte -- +aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder --« + +In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber +Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie +wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder? +In dem Traum? Woran?« + +»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.« + +»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?« + +Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja -- +weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst, +wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte +dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner +Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem +Reliefbild in Rom überein.« + +»Ach so --« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher -- +»mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht +und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort +hast du's also gesehen?« + +Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er +hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen, +der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich, +ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge +Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine +einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt +wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu +reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden +könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse +gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor +ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das +Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse +wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager +verschwunden. + +Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das +Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.« + +Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins +Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und +kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus +zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es +nicht.« + +»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl +vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen, +was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte +doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit +meintest.« + +Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es +nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der +Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und +pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem +Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei +meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.« +Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner +Gangart, von der du vorhin sprachst?« + +Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf +zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf --« + +Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung, +dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er +sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des +Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem +Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in +Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer +Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es +war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt. +Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.« + +Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich +glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein +Bildniss --« + +Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine +Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so +festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht +emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie +unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle +Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend +wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer +Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie: +»Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen +Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und +Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist +denn Besonderes daran?« + +Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht +ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun, +dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen +Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in +seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen +Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne +Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme +vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen, +gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her +nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen +gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas +denen der Gradiva geähnelt hätten. + +»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von +grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen +wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen +gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?« + +»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht +wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.« + +Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund +zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung +erwiderte: »Ich heisse Zoë.« + +Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an, +aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.« + +»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich +habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für +heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie +mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.« + +Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die +Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den +Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser +daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der +Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir +verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn +auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können +wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle +steht: Have, und ich spreche es dir: Have!« + +Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als +ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles +wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller, +gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über +die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den +verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das +Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien +gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die +Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit +Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern +Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa +di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über +die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des +Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass +die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie +dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren +das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer +Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu, +die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer +Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von +fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem +Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten +Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles +Erinnerungsstück war. + +Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang +und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen +Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher +Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del +Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber +durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva +versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig, +und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf +diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein, +und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis +zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss +gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada +di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem +glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa +des Diomedes zu zergehen. + + * * * * * + +Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem +Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad +aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer +sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter +und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht +gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen +Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des +Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_ +liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren +Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen +war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch +sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht, +der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon +suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien, +indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und +weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich, +allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand +müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in +Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er +fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges, +ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen +verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen +konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein +Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose, +wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich +dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen +Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres +Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine +Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das +Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie +über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu +halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie +berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur +auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein +eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der +Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder +der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich +bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck +durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz +verursachen. + +Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines +Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er +bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von +Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte +Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon +graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand +Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem +heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte +den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen +Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für +die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es +durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei +Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen +muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich +habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie +sich ganz ruhig --« + +Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor +vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus +einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale +Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse +hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert +Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf +den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des +Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden +Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede +desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch +merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen +konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem +Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine +Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit +zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete +ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt +zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten +Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr, +als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der ›Diomed‹ noch +das ›Hotel Suisse‹ war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft +an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen +Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe +des letzteren noch ein Gasthaus, der ›Albergo del Sole‹, vorhanden sei, +wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer +geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt +geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte +Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür +ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang +erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer +stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten +Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem +Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus +und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu +bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in +der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen +zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern +alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl +begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er +erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend +war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch +zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar +aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges +fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte +Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend +eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er +wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner +Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart +neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber +als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch +die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich, +ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis +entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den ›Albergo di Sole‹ verliess. +In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem +offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen +Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen +Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der +Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines +neuen Besitzthums zu Theil werde. + +Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina +innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem +zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges +Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden +sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf +hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt; +in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand +zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein. + +Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, +sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse +geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte, +vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben +gewollt. + +Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte +seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger, +sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine +Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe. + +Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn +nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es +sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr +angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des +jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit +eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den +›Diomed‹ erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden +Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er +verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der ›Diomed‹ trotz +seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne +Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene +Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als +Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende +und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss +zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer +gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied +das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem +lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren +Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke +Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was +es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden, +von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei +einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in +besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und +bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein +halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme +an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte +erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur +von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch +er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken +Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die +unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die +Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen +tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem +räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten. +Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst +überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine +Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle +Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die +Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck +annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So +begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern, +nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster +und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und +träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die +Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin +zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin +hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg +angewendet --« + +Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That +vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr +loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren +Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die +Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden. + + * * * * * + +Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme +gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm +dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster +gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch +fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor +der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er +unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den +Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr +Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und +fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem +Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor +den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso +nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten +Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der +Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der +Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen +mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren +vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart, +sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu +der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat +zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm +wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten +habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie +lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken +gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei, +möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich +bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an +seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen +willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das +Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten +Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf +lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch, +auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei +einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als +leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die +Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen, +behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das +Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine +unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls +anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen, +entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein +Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst, +entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen +mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr +dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen +hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein +Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst +zu theilen. + +Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen, +die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung +abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in +praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit +zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen +erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch +Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene +durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr +vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und +diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu +einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer +Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf, +dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt +haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine +Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen +Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie +stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen +Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass +sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt +haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn +Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab, +war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie +könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre +Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl +angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach, +einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit +einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam +Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen +antrafen. + +Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging +er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und +stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes, +besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten +des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des +tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward +bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies, +von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier +befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins +Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei +weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu +lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude +umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen +Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des +Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's +gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit +blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher +durch die stille Verlassenheit. + +Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch +nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei +Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah +als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht +gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich +dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen +unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen +umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der +unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der +junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal +auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber +bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von +zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges +Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete. + +Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert +augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus +nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein +Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie +vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit +grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten +bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser +Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er +unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff, +darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei +wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig +um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der +Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo +del Fauno hinaus. + + * * * * * + +Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits +Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu +befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das +›Have‹ des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, +hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die +Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem +Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren +Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im +zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen +Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker, +als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute +nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung +fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit +angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward +es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod +Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine +befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen +Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher +Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen +herausfordern und wollte -- das drängte sich fast noch gewaltsamer in +ihm auf -- ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas +Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe -- + +So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung, +dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu +Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus +hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«, +obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva +grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass. +Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag +noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen. +Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.« + +Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht +beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die +Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit +über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, +hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen +Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, +dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn +und sagte: »Du --.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade +genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss, +dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal +gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern +vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere +Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?« + +Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu, +sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf +dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet, +dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel, +wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das +Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe +nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein +Freund von Rosen zu sein.« + +Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum +Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete: +»Ja -- doch, ich habe sie nicht für mich -- du sprachst gestern -- und +auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gäbe sie im Frühling --« + +Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so -- ja, ich +erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern +Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir +ein wenig verbessert.« + +Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr +jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in +der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass +du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glücklich --« + +»Warum macht dich das glücklich?« + +Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging +ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist +schön, lebendig zu sein -- mir ist dies früher nie so -- ich wollte dich +noch fragen --« + +Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend, +hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?« + +Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte +den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach +wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus +diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden? +Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie +schon gesehen.« + +Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne -- warum in der Sonne?« + +»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande. +Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem +Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt +sein soll.« + +»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt --« + +»Ach so --« + +Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine +Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen +Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte +sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin? +-- dich unglücklich gemacht?« + +Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und +vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber +-- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte +mir einen -- einen Schwindel im Kopf --« + +»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht +heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche +Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am +besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem +misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass +ich meinen Vorrath mit dir theile --« + +Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer +Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand +und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei +blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit +einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim +Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie +durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern +von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte +sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das +Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine +entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken +ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben +sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die +Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren +einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf +besinnen?« + +Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so +unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes +durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich +gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji +umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in +Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als +ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe +des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die +makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten +eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der +Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. +Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in +wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner +Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf +überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr +als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch +so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie +wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch +wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen +einen Einwand -- + +Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor +zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er +nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen -- + +Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien -- +die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in +sich -- + +Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der +gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah +er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf +und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei. + +Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon +früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte, +jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso +teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert +haben?« + +Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und +wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?« + +Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht +durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei +dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame +Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander. +Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs +gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter. + +Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein +freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft +hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf +eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die +einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos +unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck +fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt, +Norbert Hanold.« + +Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der +Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der +Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog. +Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene +Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des +sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame +rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch +auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!« + + * * * * * + +Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der +Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es +musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen +Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um +nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar, +mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben +mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich +selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz +unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern +körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose +Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in +einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in +unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer +vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das +sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen, +seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein +sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise +zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum +Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch +wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in +unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber +trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen, +Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so +benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach. + +Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von +dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in +der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck +nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess +vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine +Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen +und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, +der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit +vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen +und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen +Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare, +bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei +Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche +ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts; +das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst +nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring +auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die +Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie +zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an +einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine +Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin. +Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb +bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich +wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den +guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine +eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen +stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl +schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht -- +ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem +Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten +Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch +nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da +muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider +augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di +Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar +nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So +viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man +eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst +-- bitte, nein, senza complimenti!« + +Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche +Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen +schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den +Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin +entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen +Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich +gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren +nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert +Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in +die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss, +einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für +ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar +einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die +nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der +Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem +anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr +rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter +dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht +weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor +vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden +Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut' +von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des +Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor +sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet +wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de' +Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz +gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der +geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse +befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig +ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser +Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht +aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der +Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus +aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde. + +Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's, +vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber +die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die +Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach +einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des +zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über +die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter. + + * * * * * + +Die ›Villa des Diomedes‹ -- äusserst beliebig von den Heutlebenden so +nach einem Grabmal benannt, das ein ›Libertus‹ Marcus Arrius Diomedes, +der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt +gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für +sich und seine Angehörigen errichtet hatte -- war ein sehr umfänglicher +Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht +schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in +sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil +aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem +erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen +Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch +weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von +trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies +war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette +von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit +einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das +halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen +zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche, +namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden +hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten +wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm +kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine +beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen. +Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten +erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier +aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen +Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens +bewahrt. + +Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das +Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die +Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen +Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier +sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster +Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte +dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und +unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe +in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte +zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen, +dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen +freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner +Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das +körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges +in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der +Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als +unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und +Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger +leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze, +und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig +einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. +Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre +ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch +aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand +trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war +ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere +sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer +ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch +seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung +ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den +Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der +unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn +er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der +Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr +laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess +klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte +und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr +zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden +Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er +anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer +Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine +undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn +und in ihm verdunkle. + +Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges +umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem +Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines +der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden. + +Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen +und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten +es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der +Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei +herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das +zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor. + +Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern +durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer +halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings +eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an, +die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen +auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang +nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.« + +Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden. +Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum +Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch +theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold +scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück, +sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, +davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die +jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her +schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf +seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie +finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das +Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen +erzählen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche +Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist +dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?« + +Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess +so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug. +Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit +der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste, +welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle. +Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines +anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas +verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig -- +wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich +bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine -- +meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.« + +Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie +entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit +ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold. +Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran +gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach +Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert +Meilen näher bestätigen können.« + +»Um hundert Meilen näher« -- wiederholte er verständnisslos und halb +stotternd -- »wo ist das?« + +»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster +steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.« + +Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den +Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel --« und er fügte, noch +entschiedener stotternd, hinzu: »Der -- der singt?« + +»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder +warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor +der Zoologie Richard Bertgang.« + +Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen +erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang -- dann sind Sie +-- sind Sie -- Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders +aus --« + +Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu +schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede +passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag +nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich +früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen, +gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders +ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem +Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht +aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. -- Nein, +jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie +keinen trockenen Faden.« + +Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der +Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den +Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger +Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen +worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen +und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das +liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern +suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb +kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung +Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender +Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug, +war ›schütten‹ eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer +Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der +campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als +ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des +Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden +nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da. +Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur +Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu +verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht +benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung +ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause +fortfuhr: + +»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb, +Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige +Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir +angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder +Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in +Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich +auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was +sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie +damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war, +machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre +schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch +nicht zu dem, was ich ausdrücken will -- ich wollte sagen, da stellte +sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der, +wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund +und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere +Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders +aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir +zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und +noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine +Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest. +Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an +dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul +wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein -- +Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja +wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie +beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und +wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir +vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, +kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein +unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet +hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner +Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir +nicht vermuthet.« + +Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton +etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche +Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem +Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der +Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll +gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen +Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem +crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten +die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte +viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei +Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder +lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn +der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von +Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher +Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung +Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor, +dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte. + +Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht +ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel +anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet +worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne +recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu +besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die +Tonumänderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf +einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr +zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den +Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf +ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die +Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu +befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne +ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert -- du bist es, +Zoë -- meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist höchst +sonderbar --« + +»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die +Archäologie ist das wohl nothwendig.« + +»Nein, ich meine dein Name --« + +»Warum ist der sonderbar?« + +Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen, +sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte: +»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und ›die im Schreiten +Glänzende‹ bezeichnet.« + +Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten +augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig +wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche +Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im +Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch +durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen +Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus +tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's +abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern +so, wie die sympathische junge Dame!« + +Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht +gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?« + +»Die dich im Haus des Meleager anredete.« + +»Kennst du die?« + +»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich +gefallen hat.« + +»So? Wo hast du sie denn gesehen?« + +»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz +Sonderbares.« + +»Was thaten sie denn?« + +»Sie sahen mich nicht und küssten sich.« + +»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji +auf der Hochzeitsreise?« + +Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen +Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden +da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel +auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich +geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit +einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie +schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug +mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen +fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge +Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist +Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du +kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder +aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji +wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del +Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten. +Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf +dem Mond noch einmal wieder. Addio.« + +Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso +gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte, +den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten +beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des +draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein +wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der +auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur +zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der +steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das +augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines +Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer +Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte +damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz, +möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah +Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten +Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen +doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit +einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da +sitzt die Fliege wieder!« + +So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich +nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die +Fliege -- wo?« + +»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich +einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief +verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen +vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich +danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und +damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber +so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange +zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise +behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als +ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt +sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit +zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« +vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker +als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der +vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden. + +Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen +Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm +und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im +allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch +machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung +geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und +Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich _wirklich_ gehen, sonst +verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die +Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von +ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft +vorlieb.« + +Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter +vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine +hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame +zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies +auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden +Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater -- was +wird der --?« + +Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch +erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin +kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich +das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im +Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein +Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die +Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich +meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch +für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig +einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da +machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach +Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge -- wie man's macht, +kannst du an meinem kleinen Finger einüben -- eine Lacerta +faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen +Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und +mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. +Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher +undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung +wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das +wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.« + +Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes +Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über +die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen +konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie +alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich +schönen und schalkhaften Reiz besessen haben. + +Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein +wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes +Leben und liebliche Gegenwart -- unsere Hochzeitsreise machen wir nach +Italien und Pompeji!« + +Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr +veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen +und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können. +Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine +Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von +misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete +zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie +Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji +dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung +nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte +wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die +alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und +die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche, +von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. +Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen +Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den +kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der +Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke +ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache, +die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung +gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich +wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht +völlig lebendig genug.« + +Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen +Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in +Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an +das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte +Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an +und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier +vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund +seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, +schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft +dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den +Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber. + + + + + Druck von + Kamm & Seemann + in Leipzig. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseit sindess augenscheinlich + jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich + + machten zumeisf lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, + machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, + + Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen behindert zu werden. Wie + Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie + + sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen. + sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen. + + peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein + peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein + + Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur + Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur + + Gebliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem + Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem + + ersten besten Wege zielloss davongewandert, an den Golfstrand nördlich + ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich + + sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen + sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen + + die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, dass zugleich todt und + die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und + + So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht + »So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht + + zum westlichen Rand, an das Ostende der langestreckten alten + zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten + + Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandniss haben, denn ihr + Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr + + auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei + auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei + + Bimsteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. + Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. + + sich. Eine Wirniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil + sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil + + entgegnete, bei der Anrede n der zweiten Person verbleibend: »So weit + entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit + + erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, in bin + erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + +***** This file should be named 36275-0.txt or 36275-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/2/7/36275/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Gradiva + Ein pompejanisches Phantasiestück + +Author: Wilhelm Jensen + +Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Gradiva + + Ein pompejanisches Phantasiestück + von + Wilhelm Jensen + + Dresden und Leipzig + Verlag von Carl Reissner + 1903. + + + + +Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert +Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er +sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen +vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu können. Der hing nun schon +seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist +von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen +Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne +besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss +eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch +jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich +keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der +Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach +erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin, +ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht +niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermassen 'Heutiges' zur +körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen +mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse +im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe. +Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein +faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich +schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus. +Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in +den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit +auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge +sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich +zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch +plastische Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken +Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut, +die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah +dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz +leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr +ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln +niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Füsse in den +Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der +rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen +den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben. +Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der +Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das +verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend, +die eigenartige Anmut. + +Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent +der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief +nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss +alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er +wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt +habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des +ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem +Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich 'Gradiva' benannt, +'die Vorschreitende'; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich +dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes +Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des +jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer +Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem +Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco +ortus. Vielleicht -- ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die +Vorstellung -- konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der +sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgend einer +Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin. + +Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in +den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen, +ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige +Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere +Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu +einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« -- ihren wirklichen Namen +vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen -- »die Tochter des ... +sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.« + +Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe +festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung +ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen +hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in +Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild +Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen +eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen +trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht +und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie, +wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen +hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und +bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und +weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie +erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der +lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach +Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe +traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden, +Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brode ausgelegt, +Thonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den +Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke +sass eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem +halben Dutzend der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der Schale +weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und +tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf +lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit rothen und gelben +Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung +zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue +empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der +heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner +heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den +zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs +bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit +einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen +Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt +die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde +Lacerte von ihnen fort. + +So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der täglichen +Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue +Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn +mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von +griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische +Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte +die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her, +und weitere, den darauf Fussenden angenehm berührende Vorstellungen +entsprangen daraus. Dann hatte die junge 'domina' vielleicht in ihrem +Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung +genährt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem +Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner +Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen. + +Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches +archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und +Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine +Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit +zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische +Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der +Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er +nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von +Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu. +Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses +als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die +nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen +Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige während des +flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels +gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens, +weil am zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte einmal die +Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage +vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides +ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt +hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte +er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wusste indess nicht zu +sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen +unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung. + +Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte +Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur +Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen. +Das nöthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das +weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder +Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen +desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein +Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit +dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen +Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der +Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss +nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier +machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, +hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit +Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks +für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er +beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser +Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg +verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse. +Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füssen +gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug +der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder +Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr +einnehmendem Aeussern war, drückte sich in ein paar Augen das +Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum +Verständniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner +Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von +Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten +vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen +schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle +nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu +zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine +einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der +Genugthuung, er habe sich in seinem archäologischen Urtheil über das +Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen +ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des +anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie +oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht +entsprach. + +Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntniss +eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll beängstigenden +Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24. +Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit +sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in +einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch +eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von +blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln +oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen +kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten +die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar +geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen +Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie +er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er +plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte +ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf +einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie +in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit +ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis +in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre +schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als 'lente +festinans'. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des +Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen +Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt +niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken +nachzuhängen; darüber vergass auch er den furchtbaren Vorgang, +wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre +lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese +aufs genaueste einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, kam +ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem +allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem +Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm +entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot, +doch mit einem völlig verständnisslosen Ausdruck und ohne weiter +achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort. +Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu +weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels +hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine +Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die +Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig undurchsichtigen +Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu +der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie, +von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum +Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den +Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rothe Schein +ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen +Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den +Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender +Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind +jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer +Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres +Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches +Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen Decke +begrub. Drauss ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur +zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue +Aschenfall empor. + +Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der +nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende +Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur +Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein +Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfältige Gelärm der +Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll bis zu seinem +Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm +aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit, +eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte, +dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem +Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden +ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch +Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die +Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden +sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit +befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit +einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte +Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war +gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so +früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte. +Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, liess der +Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der +verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt +habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge +der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen. + +Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu +haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den +Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum +Norden vorgeschrittene Frühling lag draussen, gab sich in der grossen +Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft +kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die +sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon +kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre +Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem +offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied. +Der arme Bursche that Norbert leid, er hörte unter dem hellem Klang +trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne +hinaus. + +Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei, +denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's erst +jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet +habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das +Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht +gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an +dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der +Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte +sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen. + +Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten +Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte +er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein +weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht +elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis +zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und +seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden +Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen +Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so, +ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben +nicht zu. + +Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch +recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Geländer +niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe +hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen +hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von +mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Dass sich +diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte +nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend +Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den +Obertheil, von der unteren Hälfte und den Füssen konnte er nichts +gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir +drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib +die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend +vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht +wohl ein bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen +hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach +Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher +bestätigte, dass er sich in einem für die Oeffentlichkeit nicht +schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie +er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn +betroffen, da er auf Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und, +von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück. +Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung +vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei +dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet +habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von +drüben herschauend zu sehen gemeint. + + * * * * * + +Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch +beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und +Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von +einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als +seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst +günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem +Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern +konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem +einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen +und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen +Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch +Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf +hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als +einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers +berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen +Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese +Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe +seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen +Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich +festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes +philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien +gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren +Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen. +Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte +nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen, +seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner +Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich +mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen. +Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch +eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst +schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze +nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den +Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass +er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs +bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst +ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare +Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte +Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt, +dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine +Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung +des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde, +empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch +gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in +ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der +er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer +Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an. + +Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein +mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine +absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war, +vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm +selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten +pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm +als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher +Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste, +eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen, +sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf +für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet +machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit +zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft +geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig +gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle, +und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle +hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in +sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals, +und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle +gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein +Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte +Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen, +der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich +herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter +Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine +Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er +habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins +Freie behindert wurden. + +Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch +Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser +Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der +Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben +Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch +noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von +den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die +unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und +fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der +Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung +entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als +selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck +dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in +Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu +vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in +anderthalbtägiger Fahrt dorthin. + + * * * * * + +Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön +ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen +nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften +Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich. +Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den +einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts +ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative +kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und +schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen, +was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen +hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche +Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold +ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden +Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im +Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit +Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache +sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu +ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich +entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher +mit dem lebendigen 'Homo sapiens' der Linné'schen Classifizirung +möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche +Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom +Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande, +zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb +unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten, +noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen +gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht +einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine +äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und +gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie +daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke +durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich +bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich +dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen +Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben +verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das +sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter +allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste +und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen +Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die +Krone auf. + +Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft +zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem +Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen +Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und +wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich +wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm +andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren +gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, +die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien +zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller +bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn +jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck +sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie +er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein +Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde +Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei +grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in +ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte +er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und +zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können, +weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie +Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen +vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der +'direttissimo' brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der +Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels +der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables +angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm +bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach +einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen. + +Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern +kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von +der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem +Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing +auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im +Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war +durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan +befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen +davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand +durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die +unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten, +mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre +Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss +auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu +danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich +vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten: + +»Mein einziger August --« + +»Meine süsse Grete --« + +»Nun haben wir uns wieder.« + +»Ja, endlich sind wir wieder allein.« + +»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?« + +»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch +nothwendig ist.« + +»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von +Belvedere.« + +»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel +schöner, als die capitolinische Venus.« + +»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?« + +»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der +Eisenbahn fahren.« + +»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen, +was würdest du da thun?« + +»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten +sollte, und dich so auf die Arme nehmen.« + +»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!« + +»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu +vergiessen.« + +»Mein einziger August --« + +»Meine süsse Grete --« + +Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein +unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er +verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie +eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden +Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den +Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und +in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein +Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu +sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische +Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm +als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch +mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung +gelangend, nach einem Weilchen sagen: + +»Meine süsse Grete --« + +»Mein einziger August --« + +Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig. +Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des +Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den +Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls +allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen +Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold +wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf. + +Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er +sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar +beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei, +der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von +der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit +schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus +einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein +wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer +dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen +Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich +eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und +fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den +Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in +diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung +von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken +Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz, +entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen +und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen +Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der +Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen. + + * * * * * + +Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen, +camera benannten Raum im 'Hotel Diomède' neben dem von Eucalyptusbäumen +bewachten 'ingresso' zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte +beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und +Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war +ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen +Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider +neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem +jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern +vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels +am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder +ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm +bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn +auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war +Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit +modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage: + +»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir +uns doch auch anschaffen.« + +»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber +gemacht sein.« + +»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken +wird?« + +Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem +wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles +nur zur Delicatesse werden.« + +»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon +Nähnadeln gehabt?« + +»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können, +mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.« + +»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?« + +»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten +Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.« + +»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich +auch noch nach Pompeji selbst?« + +»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von +Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die +Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das +könnte ich mir nie verzeih'n.« + +»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.« + +»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber +eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich +machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri +fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, +und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst +ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie +gezogen habe.« + +»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du +mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich +habe dich ja bei mir.« + +August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert. +Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig +angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge +herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er +lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein +Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte +dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an, +statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen +Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und +Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht +im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine +Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang +für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten. +Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus +dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu +finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das +war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein +Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die +Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine +befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen +enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch +in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton +'leidenschaftlich' beilegen können -- und schon um eine Stunde später +sass er in einer 'carozella', die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von +Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend +für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts +breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren +in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von 'pasta da Napoli' +aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren +maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort +durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der +Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag- +oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks +verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel +nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus +flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die +kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm +fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über +das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell' +Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf +seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des 'Hôtel Suisse' und +'Hôtel Diomède' und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer +Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der +Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster +Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor +seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in +den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht +wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf +ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der +Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen +seien. + +So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom +deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit +menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca +domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich +bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für +ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte +ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste +Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der +einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug +vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen +das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn +hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland +anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf +ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr, +verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen. +Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich +vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine +süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger +Wunsch nach einer 'scacciamosche', einer vortrefflich angefertigten +Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus +einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese +nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen, +bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und +Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder +Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen +man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die +gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte, +verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen, +seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede +schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu, +lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das 'Ding an sich', +in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden. +Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten +Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des +Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den +Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag +gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis +zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert +empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern, +nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner +Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her +erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet +habe. + +Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und +wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld +des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der +hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr +seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im +Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot +seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt. +Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine +andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um +ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung +auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die +Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige +Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt. +Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten +und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch +winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er +missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne, +was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren +in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu +angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht +in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm +nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und +sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer +Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin, +die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin, +that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's +vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in +welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe. + +Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät +am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten +Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand +Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine +Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne +Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien +sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im +Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt +stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und +Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die +über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und +Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte +Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich +das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau +enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus, +Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige +Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein +unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der +Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare +und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu +bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an +Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle +Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim +Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er +gekommen, zum Diomed zurück. + + * * * * * + +Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine +Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum +Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang +wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen +der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji +hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den +Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen +Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen +Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast +ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder +die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten +drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem +Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und +Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig +gewählte, mit einer guten 'mancia' verbundene Worte bald von der +Lästigkeit seines 'guida' zu befreien, um unbehindert allein seinen +Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass +er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein +Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob +er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf +eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber +brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig +vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am +Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. +Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den +blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise +nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal +geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im +Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte +ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand +er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr +von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse +bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die +esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes, +als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich +nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu +einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten +sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold +gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der +Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen. + +So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur +Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere +kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls +ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie +ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der +Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht +hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen, +zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein +Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den +Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie +hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die +Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich +sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten +Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die +Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen +Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren +Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer +und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu +thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit +den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder +Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den +nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte +Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in +einem Causalverband damit hatten die 'charmings' sich in der letzten +Stunde bereits erheblich vermindert, die 'shockings' sich um ebensoviel +vermehrt und die männlichen 'auhs', zwischen noch weiter als vorher +auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen +Uebergang zum Gähnen angetreten. + +Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was +ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm. +Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu +todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl +an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für +Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als +komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur +der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei +Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun +mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein +tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus +voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute +nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten +Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht +lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so +leis, mit heissem Athem an. + +Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie +verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht +konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz. +Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der +semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt +hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria, +peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein +Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken +hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen +das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu +umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie +ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen +dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur +die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis +auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben +der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt +verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch +der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit +Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und +Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt, +hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos +ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert. +Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der +heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben +verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr +aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen. + +Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich +eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein +unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark +und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten +Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten +hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten +schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer +oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so +veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen. +Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte +garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose +Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der +Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der +Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und +völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in +den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in +ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu, +vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand +versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr +in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die +lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch +seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer +Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur +Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem +Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren +Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten +sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten +Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine +Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung. +Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere, +gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube +gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde +der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona +Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare, +mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden +war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den +Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis +entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein 'graffito' her, nur in +halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen +Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch +jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine +Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke. + +Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das +Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen +konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der +Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich +Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm +vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er +überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu +wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die +Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein +verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie +wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten +Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete, +langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf +der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen +brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei, +klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von +ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem +Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose +archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte, +philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, +dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach +Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der +heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit +stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den +leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu +regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann löste die Sonne die +Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die +Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben. + +Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's +waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls +vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor +sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. +Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos +zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von +einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass +sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden +Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen. + +Da plötzlich -- + +Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als +thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von +rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die +Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di +Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin. + +Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie +mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und +genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der +Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch +überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige +Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln +reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung +der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang, +auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur +stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit +dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff +verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins +Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem +Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich +mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab. + +Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss +aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, +in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf +die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung +zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er +sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb +nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji +weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden +könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart +musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden +Abdruck der Zehen hinterlassen haben. + +Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch +auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es +verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden +Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus +Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen +Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt +plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden +Lavaplatten der Strasse davon. + +Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und +ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort, +ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch +einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen, +durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken +von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten +Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden +kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum +Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem +näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin. +Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier +die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück. +So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig +verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht +sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig +herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die +goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht +mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager +verschwindend, geblieben sei. + +Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den +Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr +kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal +tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben. + +Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit +niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm +gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen? + +Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich +vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit +einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch +fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der +Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so +lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das +sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte. + +Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch +noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels +kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen +Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse +gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun, +wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt, +ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des +kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen +Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der +Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte +hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit +etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er +erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung, +die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich +mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid +in einer der Metamorphosen geschildert: + + Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange, + Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt. + +Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt +war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu, +dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen +habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um +den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der +campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch +durch seinen Kopf. + +An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen, +stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch +erkennbar, der eingelegte Gruss 'Have' entgegensah. An der Wand des +Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten +Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige +glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich +das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener +Marmortisch einnahm. + +Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd +anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei. +Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung +von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium +schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des +Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von +weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in +Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der +unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die +verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich +in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön +gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen +Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben. + +Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier +regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem +kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva +sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in +nichts zergangen. + +An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der +einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb +bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt +schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes +Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums, +sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen +früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und +verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder +übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der +Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner +die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein +Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl +sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu +ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg. +Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es +den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und +her. + +Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den +ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam +durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des +Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus +den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt, +sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des +Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine +Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter +und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine +traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess +blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen +Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den +Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und +eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte. + +Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen -- nur etwa fünf Schritte von +ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten +gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien +der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche +Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob. +Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie +offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen, +das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen +Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon +gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und +Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es +angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach +Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen +Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum +sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren +Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu +unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und +eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab. + +In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem +glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn +zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an. +Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die +Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten +sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch +beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr +weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen +Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen +Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem +gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter +schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor, +kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem +zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand +zusammengeschlossen. + +Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung, +unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn +abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du +Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des +Dichters Meleager?« + +Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem +ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten +sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein +überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer +Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der +lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger +Pompejis von latinischem Ursprung?« + +Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen +Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung +zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein +stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die +Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus. + +Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen, +ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen +eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf +Deutsch thun.« + +Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden +verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer +Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit +unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen, +dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer +Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell, +wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine +angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über +das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich +zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so +gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich +wusste es, so klänge deine Stimme.« + +In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für +etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie +nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.« + +Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach +und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da +sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn, +und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir +zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein +Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg' +es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück --« + +Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von +den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der +Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert, +umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem +braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre +Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen +Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick +entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen +ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den +Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar, +dann schien sie in den Boden versunken zu sein. + +Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem +Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die +Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines +Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte +Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen. +Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch +etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer +den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des +kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich +selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht. + +Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du +morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht +um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel +des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem +treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam +nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt, +lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die +Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame +Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin. + + * * * * * + +Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war +Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der +Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr +verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem +ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich +von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und +der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der +Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo +auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen +Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine +geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte +zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn +verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der +'cena' an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit +Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte +ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber +ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen +einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten +Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war +allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit +sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste +er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten +des Diomed ins 'Hotel Suisse' hinüber, setzte sich auch dort in eine +Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen +Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen +Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur +ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen +lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden +waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als +Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine +gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten +kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden +sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch +einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich +war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn +gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die +Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass +sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im +Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner +Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas +geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach +der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed +zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde +Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, +sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die +Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, +sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen +aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die +dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf +dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken +Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die +unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch +ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus +denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten +Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der +Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden +Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände +schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise +um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr +nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. +Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen +Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine +Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das +Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der +junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte +seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht +das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein +weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin, +die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom +Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der +Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von +ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als +das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor +seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra +um ihn her. + +Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte, +konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an +wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch +zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste +webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit +angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos +eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse +genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei +hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am +Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen, +überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung +von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den +Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er +befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine +Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend +seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in +weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di +Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und +er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren, +dass er der 'amministrazione' durch sein selbstherrliches Verfahren +vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf +irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn +einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten +Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen +verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath +ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger +Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes, +ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's +ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher, +ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft +heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume +der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für +sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken +Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr +brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich +ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola +auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen +schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche +Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu. +Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien +die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die +eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf +der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades +hinunterzugeleiten. + +Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die +Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, +rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos +wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium, +zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus +herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er +gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem +Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die +archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste +er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem +Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste +und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich +mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich +alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit +die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und +lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war. +Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein +einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's +jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei +vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet +worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit +lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und +vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem +apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die +Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den +gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er +liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen, +sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor +Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber +konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen +wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen +kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch +wärest und lebtest!« + +Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen +zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine +andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du +siehst ermüdet aus.« + +Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein +Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen. +Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr +dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule. + +Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als +die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?« + +Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn +nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr +gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen +waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als +mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn +angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes +gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer +veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender +Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie +sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in +der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht +angemessen sei, denn sie hatte sich auch des 'Du' bedient, und es kam +ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen. +Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm +sie nochmals wieder das Wort und sagte: + +»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum +Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da +ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht +daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.« + +Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich +fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen +des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.« + +»Ach so -- damals. Ja richtig -- das war mir nicht eingefallen. Aber ich +hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben +müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war +zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht +besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich +däucht, du siehst jünger aus.« + +Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes, +äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene +Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein, +wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war +vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt, +gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte -- +aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder --« + +In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber +Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie +wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder? +In dem Traum? Woran?« + +»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.« + +»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?« + +Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja -- +weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst, +wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte +dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner +Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem +Reliefbild in Rom überein.« + +»Ach so --« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher -- +»mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht +und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort +hast du's also gesehen?« + +Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er +hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen, +der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich, +ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge +Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine +einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt +wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu +reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden +könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse +gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor +ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das +Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse +wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager +verschwunden. + +Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das +Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.« + +Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins +Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und +kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus +zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es +nicht.« + +»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl +vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen, +was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte +doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit +meintest.« + +Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es +nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der +Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und +pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem +Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei +meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.« +Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner +Gangart, von der du vorhin sprachst?« + +Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf +zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf --« + +Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung, +dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er +sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des +Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem +Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in +Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer +Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es +war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt. +Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.« + +Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich +glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein +Bildniss --« + +Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine +Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so +festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht +emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie +unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle +Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend +wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer +Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie: +»Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen +Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und +Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist +denn Besonderes daran?« + +Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht +ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun, +dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen +Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in +seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen +Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne +Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme +vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen, +gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her +nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen +gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas +denen der Gradiva geähnelt hätten. + +»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von +grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen +wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen +gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?« + +»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht +wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.« + +Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund +zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung +erwiderte: »Ich heisse Zoë.« + +Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an, +aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.« + +»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich +habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für +heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie +mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.« + +Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die +Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den +Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser +daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der +Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir +verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn +auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können +wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle +steht: Have, und ich spreche es dir: Have!« + +Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als +ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles +wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller, +gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über +die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den +verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das +Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien +gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die +Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit +Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern +Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa +di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über +die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des +Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass +die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie +dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren +das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer +Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu, +die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer +Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von +fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem +Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten +Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles +Erinnerungsstück war. + +Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang +und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen +Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher +Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del +Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber +durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva +versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig, +und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf +diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein, +und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis +zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss +gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada +di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem +glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa +des Diomedes zu zergehen. + + * * * * * + +Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem +Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad +aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer +sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter +und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht +gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen +Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des +Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_ +liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren +Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen +war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch +sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht, +der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon +suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien, +indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und +weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich, +allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand +müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in +Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er +fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges, +ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen +verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen +konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein +Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose, +wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich +dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen +Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres +Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine +Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das +Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie +über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu +halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie +berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur +auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein +eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der +Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder +der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich +bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck +durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz +verursachen. + +Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines +Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er +bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von +Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte +Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon +graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand +Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem +heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte +den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen +Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für +die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es +durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei +Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen +muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich +habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie +sich ganz ruhig --« + +Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor +vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus +einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale +Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse +hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert +Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf +den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des +Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden +Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede +desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch +merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen +konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem +Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine +Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit +zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete +ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt +zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten +Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr, +als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der 'Diomed' noch +das 'Hotel Suisse' war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft +an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen +Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe +des letzteren noch ein Gasthaus, der 'Albergo del Sole', vorhanden sei, +wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer +geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt +geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte +Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür +ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang +erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer +stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten +Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem +Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus +und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu +bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in +der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen +zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern +alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl +begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er +erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend +war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch +zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar +aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges +fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte +Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend +eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er +wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner +Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart +neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber +als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch +die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich, +ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis +entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den 'Albergo di Sole' verliess. +In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem +offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen +Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen +Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der +Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines +neuen Besitzthums zu Theil werde. + +Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina +innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem +zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges +Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden +sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf +hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt; +in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand +zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein. + +Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, +sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse +geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte, +vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben +gewollt. + +Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte +seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger, +sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine +Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe. + +Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn +nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es +sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr +angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des +jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit +eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den +'Diomed' erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden +Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er +verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der 'Diomed' trotz +seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne +Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene +Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als +Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende +und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss +zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer +gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied +das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem +lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren +Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke +Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was +es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden, +von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei +einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in +besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und +bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein +halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme +an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte +erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur +von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch +er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken +Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die +unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die +Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen +tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem +räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten. +Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst +überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine +Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle +Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die +Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck +annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So +begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern, +nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster +und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und +träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die +Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin +zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin +hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg +angewendet --« + +Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That +vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr +loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren +Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die +Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden. + + * * * * * + +Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme +gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm +dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster +gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch +fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor +der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er +unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den +Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr +Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und +fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem +Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor +den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso +nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten +Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der +Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der +Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen +mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren +vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart, +sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu +der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat +zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm +wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten +habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie +lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken +gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei, +möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich +bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an +seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen +willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das +Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten +Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf +lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch, +auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei +einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als +leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die +Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen, +behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das +Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine +unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls +anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen, +entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein +Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst, +entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen +mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr +dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen +hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein +Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst +zu theilen. + +Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen, +die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung +abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in +praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit +zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen +erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch +Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene +durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr +vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und +diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu +einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer +Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf, +dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt +haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine +Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen +Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie +stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen +Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass +sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt +haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn +Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab, +war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie +könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre +Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl +angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach, +einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit +einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam +Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen +antrafen. + +Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging +er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und +stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes, +besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten +des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des +tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward +bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies, +von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier +befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins +Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei +weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu +lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude +umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen +Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des +Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's +gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit +blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher +durch die stille Verlassenheit. + +Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch +nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei +Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah +als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht +gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich +dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen +unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen +umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der +unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der +junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal +auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber +bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von +zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges +Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete. + +Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert +augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus +nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein +Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie +vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit +grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten +bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser +Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er +unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff, +darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei +wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig +um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der +Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo +del Fauno hinaus. + + * * * * * + +Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits +Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu +befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das +'Have' des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, +hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die +Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem +Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren +Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im +zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen +Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker, +als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute +nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung +fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit +angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward +es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod +Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine +befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen +Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher +Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen +herausfordern und wollte -- das drängte sich fast noch gewaltsamer in +ihm auf -- ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas +Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe -- + +So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung, +dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu +Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus +hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«, +obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva +grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass. +Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag +noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen. +Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.« + +Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht +beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die +Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit +über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, +hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen +Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, +dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn +und sagte: »Du --.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade +genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss, +dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal +gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern +vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere +Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?« + +Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu, +sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf +dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet, +dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel, +wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das +Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe +nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein +Freund von Rosen zu sein.« + +Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum +Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete: +»Ja -- doch, ich habe sie nicht für mich -- du sprachst gestern -- und +auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gäbe sie im Frühling --« + +Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so -- ja, ich +erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern +Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir +ein wenig verbessert.« + +Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr +jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in +der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass +du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glücklich --« + +»Warum macht dich das glücklich?« + +Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging +ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist +schön, lebendig zu sein -- mir ist dies früher nie so -- ich wollte dich +noch fragen --« + +Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend, +hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?« + +Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte +den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach +wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus +diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden? +Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie +schon gesehen.« + +Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne -- warum in der Sonne?« + +»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande. +Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem +Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt +sein soll.« + +»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt --« + +»Ach so --« + +Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine +Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen +Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte +sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin? +-- dich unglücklich gemacht?« + +Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und +vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber +-- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte +mir einen -- einen Schwindel im Kopf --« + +»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht +heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche +Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am +besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem +misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass +ich meinen Vorrath mit dir theile --« + +Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer +Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand +und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei +blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit +einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim +Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie +durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern +von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte +sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das +Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine +entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken +ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben +sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die +Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren +einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf +besinnen?« + +Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so +unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes +durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich +gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji +umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in +Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als +ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe +des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die +makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten +eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der +Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. +Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in +wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner +Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf +überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr +als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch +so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie +wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch +wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen +einen Einwand -- + +Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor +zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er +nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen -- + +Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien -- +die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in +sich -- + +Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der +gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah +er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf +und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei. + +Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon +früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte, +jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso +teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert +haben?« + +Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und +wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?« + +Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht +durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei +dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame +Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander. +Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs +gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter. + +Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein +freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft +hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf +eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die +einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos +unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck +fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt, +Norbert Hanold.« + +Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der +Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der +Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog. +Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene +Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des +sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame +rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch +auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!« + + * * * * * + +Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der +Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es +musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen +Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um +nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar, +mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben +mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich +selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz +unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern +körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose +Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in +einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in +unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer +vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das +sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen, +seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein +sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise +zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum +Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch +wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in +unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber +trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen, +Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so +benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach. + +Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von +dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in +der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck +nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess +vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine +Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen +und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, +der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit +vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen +und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen +Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare, +bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei +Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche +ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts; +das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst +nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring +auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die +Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie +zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an +einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine +Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin. +Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb +bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich +wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den +guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine +eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen +stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl +schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht -- +ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem +Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten +Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch +nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da +muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider +augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di +Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar +nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So +viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man +eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst +-- bitte, nein, senza complimenti!« + +Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche +Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen +schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den +Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin +entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen +Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich +gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren +nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert +Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in +die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss, +einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für +ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar +einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die +nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der +Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem +anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr +rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter +dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht +weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor +vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden +Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut' +von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des +Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor +sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet +wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de' +Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz +gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der +geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse +befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig +ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser +Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht +aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der +Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus +aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde. + +Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's, +vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber +die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die +Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach +einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des +zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über +die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter. + + * * * * * + +Die 'Villa des Diomedes' -- äusserst beliebig von den Heutlebenden so +nach einem Grabmal benannt, das ein 'Libertus' Marcus Arrius Diomedes, +der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt +gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für +sich und seine Angehörigen errichtet hatte -- war ein sehr umfänglicher +Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht +schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in +sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil +aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem +erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen +Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch +weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von +trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies +war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette +von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit +einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das +halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen +zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche, +namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden +hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten +wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm +kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine +beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen. +Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten +erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier +aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen +Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens +bewahrt. + +Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das +Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die +Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen +Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier +sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster +Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte +dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und +unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe +in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte +zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen, +dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen +freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner +Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das +körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges +in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der +Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als +unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und +Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger +leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze, +und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig +einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft. +Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre +ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch +aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand +trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war +ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere +sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer +ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch +seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung +ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den +Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der +unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn +er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der +Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr +laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess +klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte +und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr +zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden +Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er +anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer +Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine +undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn +und in ihm verdunkle. + +Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges +umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem +Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines +der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden. + +Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen +und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten +es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der +Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei +herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das +zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor. + +Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern +durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer +halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings +eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an, +die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen +auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang +nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.« + +Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden. +Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum +Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch +theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold +scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück, +sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, +davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die +jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her +schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf +seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie +finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das +Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen +erzählen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche +Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist +dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?« + +Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess +so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug. +Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit +der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste, +welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle. +Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines +anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas +verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig -- +wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich +bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine -- +meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.« + +Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie +entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit +ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold. +Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran +gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach +Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert +Meilen näher bestätigen können.« + +»Um hundert Meilen näher« -- wiederholte er verständnisslos und halb +stotternd -- »wo ist das?« + +»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster +steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.« + +Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den +Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel --« und er fügte, noch +entschiedener stotternd, hinzu: »Der -- der singt?« + +»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder +warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor +der Zoologie Richard Bertgang.« + +Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen +erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang -- dann sind Sie +-- sind Sie -- Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders +aus --« + +Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu +schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede +passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag +nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich +früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen, +gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders +ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem +Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht +aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. -- Nein, +jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie +keinen trockenen Faden.« + +Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der +Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den +Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger +Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen +worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen +und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das +liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern +suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb +kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung +Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender +Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug, +war 'schütten' eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer +Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der +campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als +ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des +Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden +nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da. +Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur +Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu +verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht +benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung +ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause +fortfuhr: + +»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb, +Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige +Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir +angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder +Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in +Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich +auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was +sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie +damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war, +machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre +schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch +nicht zu dem, was ich ausdrücken will -- ich wollte sagen, da stellte +sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der, +wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund +und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere +Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders +aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir +zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und +noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine +Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest. +Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an +dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul +wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein -- +Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja +wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie +beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und +wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir +vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest, +kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein +unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet +hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner +Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir +nicht vermuthet.« + +Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton +etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche +Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem +Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der +Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll +gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen +Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem +crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten +die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte +viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei +Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder +lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn +der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von +Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher +Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung +Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor, +dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte. + +Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht +ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel +anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet +worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne +recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu +besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die +Tonumänderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf +einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr +zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den +Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf +ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die +Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu +befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne +ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert -- du bist es, +Zoë -- meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist höchst +sonderbar --« + +»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die +Archäologie ist das wohl nothwendig.« + +»Nein, ich meine dein Name --« + +»Warum ist der sonderbar?« + +Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen, +sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte: +»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und 'die im Schreiten +Glänzende' bezeichnet.« + +Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten +augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig +wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche +Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im +Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch +durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen +Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus +tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's +abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern +so, wie die sympathische junge Dame!« + +Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht +gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?« + +»Die dich im Haus des Meleager anredete.« + +»Kennst du die?« + +»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich +gefallen hat.« + +»So? Wo hast du sie denn gesehen?« + +»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz +Sonderbares.« + +»Was thaten sie denn?« + +»Sie sahen mich nicht und küssten sich.« + +»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji +auf der Hochzeitsreise?« + +Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen +Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden +da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel +auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich +geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit +einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie +schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug +mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen +fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge +Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist +Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du +kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder +aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji +wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del +Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten. +Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf +dem Mond noch einmal wieder. Addio.« + +Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso +gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte, +den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten +beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des +draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein +wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der +auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur +zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der +steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das +augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines +Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer +Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte +damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz, +möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah +Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten +Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen +doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit +einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da +sitzt die Fliege wieder!« + +So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich +nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die +Fliege -- wo?« + +»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich +einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief +verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen +vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich +danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und +damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber +so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange +zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise +behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als +ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt +sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit +zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« +vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker +als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der +vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden. + +Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen +Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm +und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im +allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch +machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung +geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und +Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich _wirklich_ gehen, sonst +verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die +Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von +ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft +vorlieb.« + +Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter +vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine +hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame +zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies +auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden +Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater -- was +wird der --?« + +Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch +erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin +kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich +das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im +Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein +Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die +Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich +meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch +für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig +einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da +machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach +Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge -- wie man's macht, +kannst du an meinem kleinen Finger einüben -- eine Lacerta +faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen +Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und +mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. +Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher +undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung +wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das +wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.« + +Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes +Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über +die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen +konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie +alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich +schönen und schalkhaften Reiz besessen haben. + +Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein +wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes +Leben und liebliche Gegenwart -- unsere Hochzeitsreise machen wir nach +Italien und Pompeji!« + +Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr +veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen +und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können. +Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine +Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von +misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete +zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie +Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji +dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung +nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte +wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die +alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und +die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche, +von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. +Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen +Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den +kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der +Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke +ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache, +die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung +gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich +wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht +völlig lebendig genug.« + +Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen +Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in +Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an +das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte +Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an +und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier +vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund +seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, +schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft +dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den +Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber. + + + + + Druck von + Kamm & Seemann + in Leipzig. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseit sindess augenscheinlich + jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich + + machten zumeisf lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, + machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar, + + Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen behindert zu werden. Wie + Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie + + sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen. + sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen. + + peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein + peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein + + Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur + Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur + + Gebliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem + Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem + + ersten besten Wege zielloss davongewandert, an den Golfstrand nördlich + ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich + + sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen + sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen + + die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, dass zugleich todt und + die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und + + So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht + »So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht + + zum westlichen Rand, an das Ostende der langestreckten alten + zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten + + Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandniss haben, denn ihr + Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr + + auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei + auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei + + Bimsteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. + Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles. + + sich. Eine Wirniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil + sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil + + entgegnete, bei der Anrede n der zweiten Person verbleibend: »So weit + entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit + + erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, in bin + erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + +***** This file should be named 36275-8.txt or 36275-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/2/7/36275/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Gradiva + Ein pompejanisches Phantasiestück + +Author: Wilhelm Jensen + +Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text +<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der +Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> +findet sich am Ende des Textes.</p> +</div> +<p class="center page-break" style="font-size: large;">Gradiva</p> + +<div class="figcenter" style="width: 30px;"> +<img src="images/doodad1.png" width="30" height="30" alt=""/> +</div> + +<h1>Gradiva</h1> + +<p class="center" style="line-height: 2em;">Ein pompejanisches Phantasiestück<br/> +<small>von</small><br/> +<big>Wilhelm Jensen</big></p> + +<div class="figcenter" style="width: 100px;"> +<img src="images/logo.png" width="100" height="125" alt=""/> +</div> + +<p class="center" style="line-height: 1.5em;">Dresden und Leipzig<br/> +<span class="gesperrt">Verlag von Carl Reissner</span><br/> +1903.</p> +<div class="figcenter page-break" style="width: 400px; margin-bottom: 6em;"><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a> +<img src="images/decoration.png" width="400" height="32" alt=""/> +</div> + +<p class="drop-cap">Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen +Roms hatte Norbert Hanold ein Reliefbild +entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, +so dass er sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland +zurückgekehrt, einen vortrefflichen Gipsabguss +davon erhalten zu können. Der hing nun schon +seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz +seines sonst zumeist von Bücherständern +umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen +Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, +von der Abendsonne besuchten Seite. Ungefähr +in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss eine +vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt +dar, noch jung, doch nicht mehr im Kindesalter, +<ins title="andrerseit sindess">andrerseits indess</ins> augenscheinlich keine Frau, +sondern eine römische Virgo, die etwa in den +Anfang der Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte +in nichts an die vielfach erhaltenen Reliefbilder +<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a> +einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin, +ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In +ihr gelangte etwas im nicht niedrigen Sinn +Menschlich-Alltägliches, gewissermassen ›Heutiges‹ +zur körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, +statt wie in unsern Tagen mit dem Stift eine +Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der +Strasse im Vorübergehen rasch nach dem Leben +im Thonmodell festgehalten habe. Eine hochwüchsige +und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes +Haar ein faltiges Kopftuch beinahe völlig +umschlungen hielt; von dem ziemlich schmalen +Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden +Wirkung aus. Doch lag ihm unverkennbar auch +fremd ab, eine solche üben zu wollen; in den +feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige +Achtlosigkeit auf das umher Vorgehende aus, das +ruhig vor sich hinschauende Auge sprach von +voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still +in sich zurückgezogenen Gedanken. So fesselte +das junge Weib keineswegs durch plastische +Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken +Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, +mädchenhafte Anmut, die den Eindruck +regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah +<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a> +dies wohl durch die Bewegung, in der sie +dargestellt war. Nur ganz leicht vorgeneigten +Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr ausserordentlich +reichfaltiges, vom Nacken bis zu den +Knöcheln niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, +so dass die Füsse in den Sandalen sichtbar +wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und +der rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur +lose mit den Zehenspitzen den Boden, während +die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben. +Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl +überaus leichter Behendigkeit der Ausschreitenden +wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. +Das verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit +festem Auftreten verbindend, die eigenartige +Anmut.</p> + +<p>Wo war sie so gegangen und wohin ging +sie? Doctor Norbert Hanold, Docent der Archäologie, +fand eigentlich für seine Wissenschaft an +dem Relief nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es +war kein plastisches Erzeugniss alter grosser Kunst, +sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und +er wusste sich nicht klarzustellen, was daran +seine Aufmerksamkeit erregt habe, nur dass er +von etwas angezogen worden und diese Wirkung +<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a> +des ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten +habe. Um dem Bildwerk einen Namen +beizulegen, hatte er es für sich ›Gradiva‹ benannt, +›die Vorschreitende‹; das war zwar ein von den +alten Dichtern lediglich dem Mars Gradivus, dem +zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes +Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung +und Bewegung des jungen Mädchens am besten +bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer +Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte +sie nicht unterem Stande an, war die Tochter +eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco ortus. +Vielleicht – ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich +die Vorstellung – konnte sie vom +Hause eines patrizischen Aedilis sein, der sein +Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand +sich zu irgend einer Verrichtung auf dem Weg +nach dem Tempel der Göttin.</p> + +<p>Doch einem Gefühl des jungen Archäologen +stand's entgegen, sie sich in den Rahmen der +grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. +Ihr Wesen, ihre ruhige stille Art gehörte ihm +nicht in dies tausendfältige Getriebe, drin niemand +auf den andern achtete, sondern in eine kleinere +Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und +<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> +ihr nachblickend zu einem Begleiter sagte: »Das +ist Gradiva« – ihren wirklichen Namen vermochte +Norbert nicht an die Stelle zu setzen – »die +Tochter des ... sie geht am schönsten von allen +Jungfrauen in unserer Stadt.«</p> + +<p>Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, +hatte sich das ihm im Kopfe festgesetzt und drin +eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung ausgebildet. +Auf seiner italienischen Reise war er +mehrere Wochen hindurch zum Studium der alten +Trümmerreste in Pompeji verblieben und in Deutschland +ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die +von dem Bild Dargestellte schreite dort irgendwo +auf den wieder ausgegrabenen eigenthümlichen +Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen +trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse +zur anderen ermöglicht und doch auch Durchlass +für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie, +wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen +zwei Steinen hinübergesetzt, während der andere +im Begriff stand, nachzufolgen, und bei der +Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das +sie näher und weiter Umgebende wie leibhaftig +vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie erschuf ihm, +unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a> +der lang hingedehnten Strasse, zwischen +deren beide Häuserreihen mannigfach Tempelgebäude +und Säulenhallen sich einmischten. Auch +Handel und Gewerbe traten ringsum zur Schau, +tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden, +Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre +Brode ausgelegt, Thonkrüge, in marmorne Ladentische +eingelassen, boten alles für den Haushalt +und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke +sass eine Frau, in Körben Gemüse +und Früchte feilbietend; von einem halben Dutzend +der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der +Schale weggethan, um zur Reizung der Kauflust +den Kerninhalt als frisch und tadellos zu zeigen. +Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf +lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, +Säulen mit rothen und gelben Kapitälen; alles +funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung +zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem +Sockel eine weissblitzende Statue empor, darüberher +sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel +der heissen Luft halb verschleiert, der Mons +Vesuvius, noch nicht in seiner heutigen Kegelgestalt +und braunen Oede, sondern bis gegen den zerfurchten +Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a> +Pflanzenwuchs bedeckt. In der Strasse bewegten +sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit +einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die +Glut der sommerlichen Mittagsstunde lähmte das +sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt die +Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine +goldgrünschillernde Lacerte von ihnen fort.</p> + +<p>So stand's lebendig vor Norbert Hanold's +Augen, allein aus der täglichen Anschauung ihres +Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue +Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer +Gesichtszüge bedünkte ihn mehr und mehr nicht +von römischer oder latinischer, sondern von +griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach +ihre hellenische Abstammung zur Gewissheit erhob. +Ausreichende Begründung dafür lieferte die alte +Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von +Griechenland her, und weitere, den darauf Fussenden +angenehm berührende Vorstellungen entsprangen +daraus. Dann hatte die junge ›domina‹ +vielleicht in ihrem Elternhause Griechisch gesprochen +und war, mit griechischer Bildung genährt, aufgewachsen. +Bei eingehender Betrachtung fand +dies auch in dem Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, +es lag entschieden unter seiner Anspruchslosigkeit +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +Kluges und etwas fein Durchgeistigtes +verborgen.</p> + +<p>Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten +indess ein wirkliches archäologisches Interesse an +dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und Norbert +war sich auch bewusst, etwas Anderes, und +zwar in seine Wissenschaft Fallendes sei's, was +ihn zu so häufiger Beschäftigung damit zurückkehren +lasse. Es handelte sich für ihn um eine +kritische Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang +des Ausschreitens bei der Gradiva dem Leben +entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte +er nicht ins Klare zu gelangen, und seine +reichhaltige Sammlung von Abbildungen antiker +plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu. +Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung +des rechten Fusses als übertrieben; bei allen +Versuchen, die er selbst unternahm, liess die +nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer +weit minder steilen Haltung; mathematisch formulirt, +stand der seinige während des flüchtigen +Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten +Winkels gegen den Boden, und so erschien's ihm +auch für die Mechanik des Gehens, weil am +zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a> +einmal die Anwesenheit eines ihm befreundeten +jungen Anatomen, diesem die Frage vorzulegen, +doch auch der war zur Abgabe eines sicheren +Entscheides ausser stande, da er nie Beobachtungen +in dieser Richtung angestellt hatte. Die +von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung +bestätigte er wohl als mit seiner eigenen +übereinstimmend, wusste indess nicht zu sagen, +ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von +der männlichen unterscheide, und die Frage gelangte +nicht zu einer Lösung.</p> + +<p>Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos +gewesen, denn sie hatte Norbert Hanold auf etwas +ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur Aufhellung +der Sache selbst Beobachtungen nach dem +Leben anzustellen. Das nöthigte ihn allerdings +zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das +weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein +Begriff aus Marmor oder Erzguss gewesen, und +er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen +desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. +Aber sein Erkenntnissdrang versetzte ihn +in einen wissenschaftlichen Eifer, mit dem er sich +der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen +Ausforschung hingab. Diese zeigte sich +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +in dem Menschengedränge der Grossstadt durch +viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss +nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. +Doch auch hier machten <ins title="zumeisf">zumeist</ins> lange +Kleider die Gangart völlig unerkennbar, hauptsächlich +trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, +konnten jedoch mit Ausnahme einer geringen +Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks +für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht +fallen. Trotzdem fuhr er beharrlich in seiner +Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser +Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere +noch am ehesten Erfolg verheisse, da sie die +Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse. +Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein +prüfend nach ihren Füssen gerichteter Blick auffallen; +nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug +der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als +eine Keckheit oder Ungezogenheit an; hin und +wieder, da er ein junger Mann von sehr einnehmendem +Aeussern war, drückte sich in ein +paar Augen das Gegentheil, etwas Ermutigendes +aus, doch kam ihm das eine so wenig zum Verständniss +wie das andere. Nach und nach dagegen +gelang seiner Ausdauer dennoch die Einsammlung +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +einer ziemlichen Anzahl von Beobachtungen, die +seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten vorüberführten. +Diese gingen langsam, jene hurtig, +die einen schwerfällig, die andern leichter beweglich. +Manche liessen die Sohle nur eben über +den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu +zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen +aber bot nicht eine einzige die Gangweise der +Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der Genugthuung, +er habe sich in seinem archäologischen +Urtheil über das Relief nicht geirrt. Andrerseits +indess bereiteten seine Wahrnehmungen ihm einen +Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung +des anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass +sie, nur von der Phantasie oder Willkür des +Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht +entsprach.</p> + +<p>Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen +ihm diese Erkenntniss eingetragen, hatte er eines +nachts einen schreckvoll beängstigenden Traum. +Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar +grade an dem 24. Augusttage des Jahres 79, +der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit +sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung +ausersehene Stadt in einen schwarzen +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort +liessen durch eine Lücke die aus dem Krater auflodernden +Flammenmassen etwas von blutrothem +Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner +suchten, einzeln oder wirr zusammengeballt, von +dem unbekannten Entsetzen kopfverloren-betäubt, +Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten +die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, +wie's in Träumen wunderbar geschieht, verletzten +sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen +Schwefeldunst in der Luft, ohne <ins title="davo nam">davon am</ins> Athmen +behindert zu werden. Wie er so am Rande des +Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er +plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor +sich; bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr +Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal +und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin +sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne +dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm. +Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes +Abbild war bis in jede Einzelheit vortrefflich gerathen +und gleicherweise ihre schreitende Bewegung; +unwillkürlich bezeichnete er sich diese als ›lente +festinans‹. Und so ging sie ruhig-behend über +die Fliesenplatten des Forums dem Apollotempel +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen Achtlosigkeit +für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die +Stadt niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, +nur ihren Gedanken nachzuhängen; darüber vergass +auch er den furchtbaren Vorgang, wenigstens +ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, +ihre lebende Wirklichkeit werde ihm rasch +wieder verschwinden, sich diese aufs genaueste +einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, +kam ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich +nicht eilig rette, müsse sie dem allgemeinen +Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck +entriss seinem Mund einen Warnruf. Den hörte +sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm entgegen, +so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die +Vollansicht bot, doch mit einem völlig verständnisslosen +Ausdruck und ohne weiter achtzugeben, +setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise +fort. Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, +wie wenn es sich zu weissem Marmor umwandle; +sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels +hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie +sich auf eine Treppenstufe und legte langsam den +Kopf auf diese nieder. Nun fielen die Lapilli +so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +undurchsichtigen Vorhang verdichteten; ihr hastig +nacheilend, fand er indess den Weg zu der Stelle, +an der sie seinem Blick verschwunden war, und +da lag sie, von dem vorspringenden Dach geschützt, +auf der breiten Stufe wie zum Schlaf +hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar +von den Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv +her überflackerte der rothe Schein ihr Antlitz, das +mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines +schönen Steinbildes glich; nichts von einer Angst +und Verzerrung gab sich in den Zügen kund, +ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche +fügender Gleichmut sah aus ihnen. Doch +wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind jetzt +den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie +ein grauer Florschleier über sie breitete, dann +den letzten Schimmer ihres Gesichtes auslöschte +und bald auch wie ein nordisch-winterliches Flockengestöber +die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen +Decke begrub. Drauss ragten die +Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur +zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen +ebenfalls der graue Aschenfall empor.</p> + +<p>Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch +das verworrene Geschrei der nach Rettung suchenden +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende +Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. +Dann kam er zur Besinnung; die Sonne warf ein +goldenes Glanzband über sein Bett, ein Aprilmorgen +war's, und von draussen scholl das vielfältige +Gelärm der Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern +und Wagengeroll bis zu seinem Stockwerk +herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder +Einzelheit ihm aufs deutlichste vor den geöffneten +Augen, und es bedurfte einiger Zeit, eh' er sich +aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen +konnte, dass er nicht wirklich in der +Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem Untergang +an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. +Erst beim Ankleiden ward er allmählich davon +frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch Anwendung +kritischen Denkens seiner Vorstellung +zu entwinden, dass die Gradiva in Pompeji gelebt +und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden +sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich +ihm zur Gewissheit befestigt, und ebenso schloss +sich jetzt auch die zweite daran. Mit einer wehmütigen +Empfindung betrachtete er in seinem +Wohnzimmer das alte Relief, das für ihn eine +neue Bedeutung angenommen. Es war gewissermassen +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a> +ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler +das Bild der so früh aus dem Leben Geschiedenen +für die Nachwelt forterhalten hatte. Doch wenn +man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, +liess der Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht +zweifelhaft, dass sie sich in der verhängnisvollen +Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt +habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein +altes Wort sagte, die Lieblinge der Götter seien's, +die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen.</p> + +<p>Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in +einen Kragen eingeengt zu haben, in leichter +häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an +den Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte +hinaus. Der endlich auch zum Norden vorgeschrittene +Frühling lag draussen, gab sich in der +grossen Steingrube der Stadt zwar nur durch das +Himmelsblau und die linde Luft kund, doch ein +Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen +in die sonnige Weite nach Blättergrün, +Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon kam +doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der +Strasse hatten ihre Körbe mit ein paar bunten +Wiesenblumen besteckt, und an einem offenstehenden +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im +Käfig sein Lied. Der arme Bursche that Norbert +leid, er hörte unter dem hellem Klang trotz seinem +Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der +Ferne hinaus.</p> + +<p>Doch verweilten die Gedanken des jungen +Archäologen nur flüchtig dabei, denn etwas Anderes +hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's +erst jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum +nicht genau darauf geachtet habe, ob die belebte +Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das +Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen +jedenfalls nicht gingen. Das war merkwürdig, +weil sein wissenschaftliches Interesse an dem +Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte +sich's aus der Erregung, in die ihre Lebensgefährdung +ihn versetzt gehabt. Er suchte sich, indess vergeblich, +ihre Gangart ins <ins title="Gedächtnis">Gedächtniss</ins> zurückzurufen.</p> + +<p>Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie +mit einem Ruck; im ersten Augenblick wusste er +sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte +er's; drunten auf der Strasse ging, ihm +die Rückseite zuwendend, ein weibliches Wesen, +nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, +leicht elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +der linken Hand ihren nur bis zu den Knöcheln +herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, +und seinen Augen erregte es den Eindruck, als +ob bei der schreitenden Bewegung sich die Sohle +ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen +Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom +Boden aufrichte. Es schien so, ein gewisses Erkennen +liess die Entfernung und der Niederblick +von oben nicht zu.</p> + +<p>Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten +der Strasse, ohne noch recht zu wissen, +wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am +Geländer niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind +die Treppe hinuntergeflogen, lief unten +zwischen Wagen, Karren und Menschen hindurch. +Die letzteren richteten verwunderte Augen auf +ihn, und von mehreren Lippen klangen lachende, +halb spöttische Ausrufe. Dass sich diese auf ihn +bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick +suchte nach der jungen Dame umher, und er +glaubte auch, auf ein paar Dutzend Schritte weit +vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch +nur den Obertheil, von der unteren Hälfte und den +Füssen konnte er nichts gewahren, denn sie wurden +durch das Getriebe sich auf dem Trottoir +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, +behäbiges Gemüseweib die Hand nach seinem +Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb +grinsend vom Mund: »Sagen Sie mal, mein +Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht wohl ein +bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt +und suchen hier auf der Strasse nach Ihrem +Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach Hause +zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein +Gelächter umher bestätigte, dass er sich in einem +für die Oeffentlichkeit nicht schicklichen Anzug +präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, +wie er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen +sei. Das machte ihn betroffen, da er auf +Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und, +von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch +in die Wohnung zurück. Offenbar von dem +Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm +Täuschung vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte +als Letztes wahrgenommen, dass bei dem Lachen +und Rufen die junge Dame einen Augenblick den +Kopf umgewendet habe, und er hatte kein fremdes +Gesicht, sondern das der Gradiva von drüben herschauend +zu sehen gemeint.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>Doctor Norbert Hanold befand sich in der +angenehmen Lage, durch beträchtlichen Vermögensbesitz +unbeschränkter Herr seines Thuns und +Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer +Neigung in ihm nicht von einer Begutachtung derselben +durch irgend welche höhere Instanz als +seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin +unterschied er sich äusserst günstig von dem +Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus +dem Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, +nur erfolglos hinausschmettern konnte, sonst jedoch +besass der junge Archäologe mit jenem in +manchem einige Aehnlichkeit. Er war nicht in +der Naturfreiheit zur Welt gekommen und aufgewachsen, +sondern eigentlich schon bei der Geburt +zwischen Gitterstäben eingehegt worden, mit +denen ihn Familien-Tradition durch Erziehung und +Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen +Kindheit auf hatte im Elternhause kein Zweifel +darüber bestanden, dass er als einziger Sohn +eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers +berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den +Glanz des väterlichen Namens weiter zu erhalten, +womöglich noch zu erhöhen, und so war diese +Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a> +Aufgabe seiner Lebenszukunft erschienen. +Daran hatte er auch, nach dem frühen +Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, +getreulich festgehalten, im Anschlusse +an sein vorzüglich bestandenes philologisches +Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach +Italien gemacht und auf dieser eine Fülle alter +plastischer Kunstwerke, deren Nachbildungen ihm +bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen. +Lehrreicheres, als in den Sammlungen +von Florenz, Rom, Neapel, konnte nirgendwo für +ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss +zutheilen, seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste +zur Bereicherung seiner Kenntnisse ausgenützt zu +haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich +mit den neuen Errungenschaften ganz in seine +Wissenschaft zu vertiefen. Dass ausser ihren +Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit +auch noch eine Gegenwart um ihn herum vorhanden +sei, kam ihm nur äusserst schattenhaft +zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor +und Bronze nicht todte Mineralien, vielmehr das +einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Werth +des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. +Und so sass er zwischen seinen Wänden, Büchern +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +und Bildern, keines andern Verkehrs bedürftig, +sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung +möglichst ausweichend und sich nur sehr widerwillig +ab und zu in die unabwendbare Plage +einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte +Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. +Doch war's bekannt, dass er an solchen +Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für +seine Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe +sich stets nach der Beendigung des Mittags- oder +Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde, +empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, +mit welchen er am Tisch gesessen, begrüsste. +Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen +in ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn +selbst eine solche, mit der er ausnahmsweise ein +paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer +Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes +Gesicht an.</p> + +<p>Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas +curiose Wissenschaft sein mochte oder ihre Legirung +mit dem Wesen Norbert Hanold's eine absonderliche +Verquickung bewerkstelligt hatte, so +wie diese war, vermochte sie auf andere nicht +viel Anziehung zu üben und gereichte ihm selbst +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die +Jugend zu trachten pflegt. Doch hatte, vielleicht +in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm als +Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus +unwissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, ohne dass +er selbst von diesem Besitzthum wusste, eine überaus +lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht +nur in Träumen, sondern oft auch im Wachen +zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf +für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend +geeignet machte. Aus dieser Mitgift +aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit zwischen +ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der +Gefangenschaft geboren, hatte nie anderes als +seinen ihn eng umsperrenden Käfig gekannt, trug +indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas +fehle, und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten +aus seiner Kehle hervorklingen. So +verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, +in sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus +dem Fenster liegend, nochmals, und ward dabei +von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle +gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, +was es sei. Ein Nachdenken darüber konnte +drum auch nichts nützen; die unbestimmte Gefühlserregung +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +kam aus der linden Frühlingsluft, +den Sonnenstrahlen, der Weite mit ihrem Duftanhauch +und gestaltete ihm einen Vergleich herauf, +er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem +Käfig hinter Gitterstäben. Doch gesellte sich dem +sofort beschwichtigend hinzu, seine Lage sei ungleich +vortheilhafter als die des Kanarienvogels, +denn er habe Flügel im Besitz, die durch nichts +am beliebigen Ausfliegen ins Freie behindert +wurden.</p> + +<p>Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, +von dem sich durch Nachdenken weiter fortschreiten +liess. Norbert gab sich dieser Beschäftigung ein +Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis +der Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. +Den führte er am selben Tage noch aus, packte +seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch +noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick +auf die Gradiva, die, von den letzten Sonnenstrahlen +überflossen, behender denn je über die +unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten +schien, und fuhr mit dem Nachtschnellzug +in südlicher Richtung davon. Wenn auch +der Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren +Empfindung entsprungen war, hatte +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +die weitere Ueberlegung doch als selbstverständlich +ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen +Zweck dienen müsse. Ihm war aufgegangen, +dass er vernachlässigt habe, sich in Rom bei +mehreren Statuen über einige wichtige archäologische +Fragen zu vergewissern, und er begab +sich, ohne unterwegs anzuhalten, in anderthalbtägiger +Fahrt dorthin.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Nicht Allzuviele machen an sich selbst die +Erfahrung, dass es sehr schön ist, jung, vermöglich +und unabhängig, im Frühling aus deutschen +Landen nach Italien zu ziehen, denn selbst die +mit jenen drei Eigenschaften Ausgerüsteten sind +solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich. +Besonders wenn sie, und leider die +Mehrzahl ausmachend, sich in den einer Hochzeit +nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien +befinden, nichts ohne ein ausserordentliches, sich +durch zahlreiche Superlative kundgebendes Entzücken +an ihren Augen vorübergleiten lassen und +schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit +nach Hause zurückbringen, was sie beim Dortverbleiben +ganz ebenso entdeckt, empfunden und +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +genossen hätten. In umgekehrter Richtung, wie +die Zugvögel, pflegen solche Dualisten im Frühling +die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert +Hanold ward während der ganzen Fahrt von +ihnen wie in einem rollenden Taubenschlag umflügelt +und umflötet und eigentlich zum erstenmal +im Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn +umgebenden Mitmenschen mit Auge und Ohr genauer +in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach +ihrer Sprache sämtlich deutsche Landsleute waren, +rief seine Stammeszugehörigkeit zu ihnen durchaus +kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur +das ziemlich entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss +wohl daran gethan, sich bisher mit dem lebendigen +›Homo sapiens‹ der Linné'schen Classifizirung +möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in +Bezug auf die weibliche Hälfte dieser Gattung; zum +erstenmal auch sah er derartig vom Paarungstrieb +Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser +stande, zu begreifen, was sie gegenseitig dazu +veranlasst haben könne. Ihm blieb unverständlich, +warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt +hätten, noch räthselhafter aber, weshalb +die Wahl der Männer auf diese Frauen gefallen +sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +auf das Gesicht einer von ihnen gerathen und traf +auf keines, das die Augen durch eine äussere +Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen +geistigen und gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings +fehlte ihm ein Massstab, um sie daran zu +bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der +alten Kunstwerke durfte man das heutige weibliche +Geschlecht natürlich nicht in Vergleich bringen, +doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, +dass er sich dieses ungerechten Verfahrens nicht +schuldig mache, sondern in allen Zügen etwas +vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche +Leben verpflichtet sei. So dachte er manche +Stunden hindurch über das sonderbare Treiben +der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, +unter allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das +Heirathen, als die grösste und unbegreiflichste, den +obersten Rang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen +nach Italien setzten gewissermassen dieser +Narrethei die Krone auf.</p> + +<p>Wiederum aber ward er an den von ihm in +der Gefangenschaft zurückgelassenen Kanarienvogel +erinnert, denn er sass auch hier in einem Käfig, +rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren +jungen Ehepaargesichtern eingepfercht, an +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a> +denen vorbei sein Blick nur dann und wann +einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. +Daraus mochte sich wohl erklären, dass die draussen +seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm andere +Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor +einigen Jahren gesehen hatte. Das Olivenlaub +flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, die da +und dort einsam gegen den Himmel ragenden +Cypressen und Pinien zeichneten sich mit schöneren +und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller bedünkten +ihn die auf den Berghöhen hingelagerten +Ortschaften, wie wenn jede gleichsam ein Individuum +mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck +sei, und der trasimenische See erschien ihm von +einer weichen Bläue, wie er sie noch nie an einer +Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein Gefühl +an, den Schienenstrang umgebe rechts und +links eine ihm fremde Natur, als ob er diese +vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei +grauem Regenfall durchfahren haben müsse und +jetzt zum erstenmal in ihrer von der Sonne vergoldeten +Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte +er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen +Wunsch, aussteigen und zu Fuss sich einen Weg +nach dieser und jener Stelle suchen zu können, +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas +Eigenthümliches, wie Geheimnisvolles verborgen +halte. Doch liess er sich von solchen vernunftwidrigen +Anwandlungen nicht verleiten, sondern +der ›direttissimo‹ brachte ihn gradewegs nach +Rom, wo ihn bereits vor der Einfahrt in den +Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten +des Tempels der Minerva Medica in Empfang +nahm. Aus seinem mit den Inseparables angefüllten +Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand +in einem ihm bekannten Gasthof Unterkunft, +um sich von dort aus ohne Uebereilung nach +einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung +umzusehen.</p> + +<p>Eine solche fand er im Verlauf des nächsten +Tages noch nicht, sondern kehrte am Abend nochmals +in seinen Albergo zurück und begab sich, +von der ungewohnten italienischen Luft, der starken +Sonnenwirkung, vielem Umherwandern und dem +Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So +fing auch schon das Bewusstsein bald an, ihm +zu verdämmern, doch grade im Einschlafen begriffen, +ward er wieder aufgeweckt, denn sein +Zimmer war durch eine nur durch einen Schrank +verstellte Thür mit dem nebenan befindlichen verbunden, +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +und in dieses traten zwei Gäste, die +am Morgen davon Besitz genommen, ein. Nach +ihren, die dünne Scheidewand durchklingenden +Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die +unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel +angehörten, mit denen er gestern von +Florenz hierhergefahren war. Ihre Gemütsstimmung +schien der Hotelküche ein entschieden günstiges +Zeugniss auszustellen, und der Güte eines +castelli romani-Weines mochte es zu danken sein, +dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst +deutlich vernehmbar mit norddeutschen Zungen +austauschten:</p> + +<p>»Mein einziger August –«</p> + +<p>»Meine süsse Grete –«</p> + +<p>»Nun haben wir uns wieder.«</p> + +<p>»Ja, endlich sind wir wieder allein.«</p> + +<p>»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«</p> + +<p>»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker +nachsehen, was noch nothwendig ist.«</p> + +<p>»Mein einziger August, du gefällst mir viel +besser, als der Apoll von Belvedere.«</p> + +<p>»Das hab' ich oft denken müssen, meine +süsse Grete, du bist viel schöner, als die capitolinische +Venus.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir +hinaufwollen, hier nahebei?«</p> + +<p>»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein +paar Stunden mit der Eisenbahn fahren.«</p> + +<p>»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, +und wir da mitten hineinkämen, was würdest du +da thun?«</p> + +<p>»Da würde ich gar keinen andern Gedanken +haben, als wie ich dich retten sollte, und dich +so auf die Arme nehmen.«</p> + +<p>»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«</p> + +<p>»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, +als mein Blut für dich zu vergiessen.«</p> + +<p>»Mein einziger August –«</p> + +<p>»Meine süsse Grete –«</p> + +<p>Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. +Norbert hörte noch ein unbestimmtes Rascheln +und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und +er verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn +nach Pompeji, wie eben der Vesuv wieder ausbrach; +ein buntes Gewimmel von flüchtenden Menschen +knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er +auf einmal den Apoll von Belvedere, der die +capitolinische Venus aufhob, forttrug und in einen +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand +hinlegte; ein Wagen oder Karren, mit dem sie +fortgebracht werden sollte, schien's zu sein, denn +ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser +mythologische Vorgang verwunderte den jungen +Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm als merkwürdig +auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern +Deutsch mit einander redeten, denn er hörte +sie, dadurch zu halber Besinnung gelangend, +nach einem Weilchen sagen:</p> + +<p>»Meine süsse Grete –«</p> + +<p>»Mein einziger August –«</p> + +<p>Aber danach verwandelte sich das Traumbild +um ihn herum vollständig. Lautlose Stille trat an die +Stelle der verworrenen Töne, und statt des Rauches +und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht +über den Trümmerresten der verschütteten Stadt. +Die änderte sich ebenfalls allmählich um, ward +zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen Goldstrahlen +sich bis an seine Augen heranringelten, +und Norbert Hanold wachte, vom römischen Frühmorgen +umfunkelt, auf.</p> + +<p>Auch in ihm selbst war indess etwas anders +geworden, wodurch, wusste er sich nicht anzugeben, +doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in +einem Käfig eingesperrt sei, der diesmal Rom +heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten +ihm von der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe +der Verkäufer noch weit schrilltöniger im +Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur +aus einer lärmvollen Steingrube in die andre +gerathen, und ihn schreckte ein wunderlich unheimliches +Grauen vor den Alterthumssammlungen, +einer dortigen Begegnung mit dem Apoll von +Belvedere und der capitolinischen Venus zurück. +So stand er nach kurzem Besinnen von seinem +Vorhaben, sich eine Wohnung zu suchen, ab, +packte eilfertig seinen Koffer wieder und fuhr auf +der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, +um den Inseparables zu entgehen, in einem Wagen +dritter Klasse, zugleich in diesem eine interessante +und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung +von italienischen Volkstypen, den ehemaligen +Modellen der antiken Kunstwerke, erwartend. +Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz, +entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, +windschiefe, mit Armen und Beinen fuchtelnde +Kerle und Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes, +gegen die ihm seine zwiegepaarten +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +Landsmänninnen in der Erinnerung fast noch als +olympische Göttinnen erschienen.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold +einen ziemlich fragwürdigen, camera benannten +Raum im ›Hotel Diomède‹ neben dem von Eucalyptusbäumen +bewachten ›ingresso‹ zu den Ausgrabungen +von Pompeji. Er hatte beabsichtigt, +dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen +und Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend +wieder zu studiren, doch es war ihm dort ähnlich +ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen +Hausgeräthsammlung sah er sich von +einer Wolke weiblicher Reisekleider neuester Façon +eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit +dem jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- +oder Gaze-Brautkleidern vertauscht worden waren; +jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels +am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, +jüngeren oder ältlicheren Begleiters, und +Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm bisher +unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so +weit vorgeschritten, ihn auf den ersten Blick erkennen +zu lassen, jeder war August und jede +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +war Grete. Nur kam dies hier durch andere, +vom Ohr der Oeffentlichkeit modificirte, gemässigte +und gemilderte Gesprächsführung zu Tage:</p> + +<p>»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen +Speisenwärmer wollen wir uns doch auch anschaffen.«</p> + +<p>»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau +kocht, muss er aus Silber gemacht sein.«</p> + +<p>»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, +dir so gut schmecken wird?«</p> + +<p>Die Frage wurde von einem schelmischen +Aufblick begleitet und von einem wie mit Glanzlack +gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, +kann alles nur zur Delicatesse werden.«</p> + +<p>»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn +die Leute damals schon Nähnadeln gehabt?«</p> + +<p>»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts +mit ihm anfangen können, mein Herz, dir würde +er noch für den Daumen viel zu gross sein.«</p> + +<p>»Meinst du wirklich? Und hast du denn +schmale Finger lieber als breite?«</p> + +<p>»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die +würde ich beim tiefsten Dunkel aus allen anderen +auf der Welt herausfühlen.«</p> + +<p>»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +Müssen wir eigentlich auch noch nach Pompeji +selbst?«</p> + +<p>»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte +Steine und Schutt, was von Werth war, steht im +Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, +die Sonne würde dort auch für deinen zarten +Teint schon zu heiss sein, das könnte ich mir +nie verzeih'n.«</p> + +<p>»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau +hättest.«</p> + +<p>»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch +meine Phantasie nicht, aber eine Sommersprosse +auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich +machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen +wir morgen nach Capri fahren, mein Liebchen. +Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, und +in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte +werde ich erst ganz erkennen, was für ein grosses +Loos ich in der Glückslotterie gezogen habe.«</p> + +<p>»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme +mich ja beinah'. Aber wohin du mich bringst, +ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, +denn ich habe dich ja bei mir.«</p> + +<p>August und Grete rundum, für Auge und Ohr +etwas gemässigt und gemildert. Norbert Hanold +<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a> +war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem +Honig angegossen würde und davon Schluck um +Schluck auch über die Zunge herunterbringen +müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, +und er lief aus dem Museo Nazionale davon, +zur nächsten Osteria hinüber, um ein Glas Wermuth +zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn +ein: Wozu füllte dieser hundertfältige Dual die +Museen von Florenz, Rom und Neapel an, statt +sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen +deutschen Vaterländern hinzugeben? Doch war +ihm aus einer Anzahl der Causerien und Kosereden +aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der +Vogelpaare habe nicht im Sinn, zwischen dem +Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine +Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher +an, und daraus entsprang für ihn der rasche +Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten. Vergleichsweise +bot sich ihm jedenfalls so noch am +meisten Aussicht, aus dem Hauptschwarm ihres +Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu +finden, wonach er hier im hesperischen Lande +vergeblich herumsuchte. Das war auch eine +Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein Geschwisterpaar +ohne stets girrende Schnäbel, die +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a> +Stille und die Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, +bei denen allein sich auf eine befriedigende Unterkunft +rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen +enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes – wenn +es nicht ein Widerspruch in sich gewesen wäre, +hätte er diesem Drang das Epitheton ›leidenschaftlich‹ +beilegen können – und schon um eine +Stunde später sass er in einer ›carozella‹, die +ihn hurtig durch die Endlosigkeit von Portici und +Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch +eine prangend für einen altrömischen Triumphator +geschmückte Strasse; links und rechts breitete fast +jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, +zum Dörren in der Sonne einen überschwänglichen +Reichthum von ›pasta da Napoli‹ aus, dem höchsten +Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren maccheroni, +vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, +denen dort durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, +Fliegen und Flöhe, in der Luft herumtanzende +Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige +Tag- oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit +ihres Wohlgeschmacks verliehen wurde. Dann sah +über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel nah +herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder +Bläue, wie aus flüssigem Malachit und Lapis +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die kleine +beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen +Sturm fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick +ihr letzter sein müsse, über das grausame Pflaster +von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell' +Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem +Ringkampf seine Anziehungskräfte +messende Dioskurenpaar des ›Hôtel Suisse‹ und +›Hôtel Diomède‹ und hielt vor dem letzteren an, +dessen altclassischer Name den jungen Archäologen +wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der +Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit +scheinbar grösster Gemüthsruhe schaute indess der +moderne schweizerische Concurrent vor seiner Thür +diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, +dass auch in den Töpfen des classischen Nachbars +nicht mit andrem Wasser gekocht wurde, als in +seinem, und dass die drüben verführerisch zum +Ankauf ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig +wie seine unter der Aschendecke herauf nach +zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen +seien.</p> + +<p>So war Norbert Hanold wider Erwarten und +Absicht in wenigen Tagen vom deutschen Norden +nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed +<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a> +mit menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, +dagegen von der musca domestica communis, +der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich +bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung +gemacht, dass sein Gemüth für ungestüme Regungen +veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler +brannte ein Hass in ihm; er betrachtete +sie als die niederträchtigste Bosheitserfindung der +Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der +einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung +weitaus den Vorzug vor dem Sommer, +und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis +gegen das Vorhandensein einer vernünftigen +Weltordnung. Nun empfingen sie ihn hier schon +um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie +in Deutschland anheimgefallen wäre, stürzten sich +sofort dutzendweise über ihn, als auf ein erharrtes +Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten +im Ohr, verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd +auf Nase, Stirn und Händen. Manche erinnerten +ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich +vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger +August« und »meine süsse Grete« an; dem Gedächtniss +des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger +Wunsch nach einer ›scacciamosche‹, einer vortrefflich +<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a> +angefertigten Fliegenklatsche, auf, wie er +sie im etruskischen Museum in Bologna aus einer +Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war +im Alterthum diese nichtswürdige Creatur schon +ebenso die Geissel der Menschheit gewesen, bösartiger +und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, +Tiger und Haifische, die es nur auf +leibliche Schädigung, Zerreissung oder Verschlingung +der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, +vor denen man sich ausserdem durch besonnenes +Verhalten sichern konnte. Gegen die gemeine +Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie +lähmte, verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige +Wesen des Menschen, seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, +jeden höheren Aufschwung und jede +schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst +trieb sie dazu, lediglich das teuflische Gelüst, +zu martern; sie war das ›Ding an sich‹, +in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und +seine Verkörperung gefunden. Die etruskische +scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten +Bündel feiner Lederstreifen, bewies: +so hatte sie schon im Kopf des Aeschylos die +erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, +so den Meissel des Phidias zu einem +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag gebracht, +die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom +Scheitel bis zur Sohle alle olympischen Götter und +Göttinnen überlaufen, und Norbert empfand im +Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor +allem andern, nach der Anzahl von Stubenfliegen +zu bewerthen, die er während seiner Lebzeit als +ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit +her erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen +Hekatomben ausgerottet habe.</p> + +<p>Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm +hier an der nöthigen Waffe, und wie es auch der +grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld +des Alterthums nicht anders vermocht hatte, +räumte er vor der hundertfältigen Ueberzahl der +gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr seine +Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe +damit nur heute im Engeren gethan, was er +morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji +bot seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden +Aufenthalt. Uebrigens gesellte sich +dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine +andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht +allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht +werde, sondern etwas ihren Ursprung auch +<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a> +aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung +durch die Fliegen ihm immer sehr +widerwärtig gewesen, aber in eine derartige +Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher +doch noch nicht versetzt. Seine Nerven befanden +sich unverkennbar von der Reise in einem erregten +und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung +vermuthlich schon zu Hause durch winterlange +Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er +fühlte, dass er missmuthig sei, weil ihm etwas +fehle, ohne dass er sich aufhellen könne, was. +Und diese Missstimmung brachte er überallhin +mit sich; gewiss waren in Masse umschwärmende +Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu angethan, +irgendwo das Leben zu verannehmlichen. +Doch wenn er sich nicht in eine dicke Wolke von +Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm +nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich +ebenso zweck- und sinnlos, taub und blind wie +sie, nur mit erheblich geringerer Vergnügungsbefähigung +in Italien herumfuhr. Denn seine +Reisebegleiterin, die Wissenschaft, hatte entschieden +viel von einer alten Trappistin, that den Mund +nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und +ihm kam's vor, er sei nicht weit davon, aus dem +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +Gedächtniss zu verlieren, in welcher Sprache er +überhaupt mit ihr verkehrt habe.</p> + +<p>Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, +war's schon zu spät am Tage. Norbert +erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten +Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr +durch allerhand Buschgestrüpp und Unkrautgewächs +einen Aufstieg. So wanderte er eine Strecke weit +etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, +ohne Regung und Laut, zur Rechten lag. Als +ein todtes Schuttfeld erschien sie, grösstentheils +bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne +im Westen nicht weit mehr vom Rande +des tyrrhenischen Meeres entfernt stand. In der +Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen +und Gelände noch mit einem zauberhaften +Glanz des Lebens, vergoldete die über dem Vesuvkrater +aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen +und Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. +Hoch und einsam stieg der Monte Epomeo aus +der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, +der sich das Cap Misenum mit dunklem Umriss +wie ein geheimnissvoller Titanenbau enthob. Wohin +der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles +Bild aus, Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +ferne Vergangenheit und freudige Gegenwart. +Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach +er ein unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. +Doch er war nicht in der Stimmung dazu, obwohl +ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare +und Fliegen behelligten, aber auch die Natur +war ausser stande, ihm zu bieten, was er um +sich und in sich vermisste. Mit einer nah an +Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er +die Augen über alle Schönheitsfülle hingehen, +bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim +Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte +unbefriedigt, wie er gekommen, zum Diomed zurück.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, +durch seine Unbedachtsamkeit hierher versetzt +worden war, kam er über Nacht zum Beschluss, +aus der begangenen Thorheit wenigstens +einen Tag lang wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, +und begab sich, sobald am Morgen der Ingresso +geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege +nach Pompeji hinein. Vor ihm und hinter ihm +wanderte in kleinen, von den Zwangsführern befehligten +Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a> +Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, +nach heimlichen eignen Ausscharrungen +lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast +ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches +Gequadder die noch frische Morgenluft, +die deutschen Hochzeitspaare beglückten drüben +hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich +gegenseitig an dem Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers +mit germanischer Süssigkeit und +Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, +sich durch richtig gewählte, mit einer guten ›mancia‹ +verbundene Worte bald von der Lästigkeit +seines ›guida‹ zu befreien, um unbehindert allein +seinen Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte +etwas zur Befriedigung, dass er sich im +Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; +wohin sein Blick fiel, lag und stand Alles genau +so, wie er es in sich trug, als ob er's erst gestern +vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem +Kopf eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende +Wahrnehmung aber brachte andrerseits +mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig +vorkam und sich seiner Augen und geistigen +Sinne mehr und mehr, wie am Abend auf der Mauer, +eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. Obwohl, +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels +zumeist gegen den blauen Himmel vor +seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise +nicht ein einzigesmal in Erinnerung, +dass er vor einiger Zeit einmal geträumt habe, +bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch +im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. +Das stundenlange Umherwandern machte ihn wohl +müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem +empfand er nicht den geringsten Anhauch, +sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr von Bruchstücken +alter Thorbogen, Säulen und Mauern, +im höchsten Masse bedeutungsvoll für die archäologische +Wissenschaft, doch ohne die esotherische +Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel +Anderes, als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, +indess ausserordentlich nüchterner Schutthaufen. +Und obwohl Wissenschaft und Träumen +sonst zu einander auf einem gegensätzlichen Fusse +zu stehen gewöhnt waren, hatten sie offenbar +heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert +Hanold gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn +und ihn völlig der Zwecklosigkeit seines +Umhergehens und -Stehens zu überlassen.</p> + +<p>So war er vom Forum bis zum Amphitheater, +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +von der Porta di Stabia zur Porta del Vesuvio, +durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere +kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte +währenddessen ebenfalls ihren gewohnten Vormittagsweg +gemacht, bis zu der Stelle hin, wo +sie ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren +Abstieg nach der Seeseite umzuändern +pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht +hergenöthigten Engländern und Amerikanern, +männlichen wie weiblichen, zur grossen Zufriedenheit +ihrer unverstanden heiser geredeten Führer +ein Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des +Sitzens an den Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe +eingedenk zu werden; sie hatten +ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, +was für die Conversation jenseits des grossen +und des Aermelwassers erforderlich sein konnte, +und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten +Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten +in gemeinsamer Bewegung durch die Via Marina +ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen +Tafeln der Gegenwart im Hause des +Diomedes und des Mr. Swiss für ihren Magen +nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht +sämmtlicher innerer und äusserer Umstände war +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a> +dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu thun +vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es +zwar entschieden mit den Eidechsen, Schmetterlingen +und sonstigen geflügelten Bewohnern oder +Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, +dagegen für den nordländischen Teint einer Mistress +oder Miss begann ihre scheitelrechte Aufdringlichkeit +unbedingt weniger liebsam zu werden. Und +vermuthlich in einem Causalverband damit hatten +die ›charmings‹ sich in der letzten Stunde bereits +erheblich vermindert, die ›shockings‹ sich um ebensoviel +vermehrt und die männlichen ›auhs‹, zwischen +noch weiter als vorher auseinandergeklafterten +Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen +Uebergang zum Gähnen angetreten.</p> + +<p>Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit +diesem Wegschwinden das, was ehemals die +Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes +Gesicht annahm. Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr +schien's sich jetzt erst völlig zu todter Reglosigkeit +zu versteinern. Doch aus dieser rührte +ein Gefühl an, dass der Tod zu sprechen anfange, +nur nicht in einer für Menschenohren vernehmbaren +Weise. Allerdings klang es da und dort, +als komme ein raunender Ton aus dem Gestein +<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a> +hervor, den weckte indess nur der leise flüsternde +Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei +Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und +Häuser gesummt hatte und nun mit den grünen, +flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten +sein tändelndes Spiel trieb. Von der Küste +Afrikas brauste er oftmals, aus voller Brust +wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er +heute nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans +Licht zurückgekehrten alten Bekannten. Von seiner +eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht +lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege +traf, wenn auch noch so leis, mit heissem Athem an.</p> + +<p>Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig +jungbleibende Mutter war. Sie verstärkte seinen +glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er +nicht konnte, übergoss Alles mit zitterndem, +blinkendem und blendendem Glanz. Wie mit einem +goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern +der semitae und crepidines viarum, wie +man einst die Trottoire benannt hatte, jeden +schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, +atria, <ins title="peristyla">peristylia</ins> und tablina ihre vollsten Strahlengarben +oder, wo ein Ueberdach ihnen den graden +Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, +dem es gelang, sich gegen das Lichtgewoge zu +schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe +zu umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen +den alten Mauerwerken wie ein langer, zum +Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen +dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich +reglos und lautlos, denn nicht nur die schnarrenden +und näselnden Sendboten Englands und +Amerikas waren bis auf den letzten aus ihnen +verschwunden, auch das bisherige kleine Leben +der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame +Trümmerstatt verlassen zu haben. Sie hatten's +wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch der Blick +nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. +Wie's seit Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren +draussen an den Berghängen und Felswänden +gewesen, wenn der grosse Pan sich zum +Schlafen hingelegt, hatten sie auch hier, um ihn +nicht zu stören, sich regungslos ausgestreckt oder, +die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert. +Und es war, als empfänden sie hier +noch verstärkter das Gebot der heissen, heiligen +Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben +verstummen und sich niederdrücken müsse, weil +<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a> +die Todten in ihr aufwachten und in tonloser +Geistersprache zu reden begannen.</p> + +<p>Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge +angenommen, drängte sich eigentlich weniger den +Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein +unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, +dieser aber so stark und nachhaltig, dass ein mit +ihm Begabter sich der auf ihn geübten Wirkung +nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig +Ausgerüsteten hätte allerdings unter den bereits +mit dem Suppenlöffel beschäftigten schätzbaren +Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso +schwerlich Einer oder Eine gezählt, doch Norbert +Hanold hatte die Natur einmal so veranlagt, und +er musste die Folge davon über sich ergehen +lassen. Durchaus nicht, weil er selbst damit im +Einverständniss war; er wollte garnichts und +wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die +zwecklose Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig +mit einem lehrreichen Buch in der Hand in seiner +Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus +der Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins +Stadtinnere zurückgekehrt und völlig absichts- und +gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin +in den schmalen Vicolo abgebogen war, ward +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a> +auf einmal jener sechste Sinn in ihm aufgeweckt. +Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht +zu, vielmehr wurde er von demselben in einen +wunderlich traumhaften Zustand versetzt, der sich +zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust +ungefähr in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss +behütend, lag die lichtübergossene Todesstille +rings um ihn her, so athemlos, dass auch +seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. +Er stand an einer Strassenkreuzung, der Vicolo +di <ins title="Mercurio,">Mercurio</ins> durchschnitt die breitere, zur Rechten +und Linken sich lang hindehnende Strada di +Mercurio; dem Handelsgott entsprechend, hatten +hier ehemals Handel und Gewerbe ihren Sitz gehabt, +stumm redeten die Strassenecken davon. +Mehrfach öffneten sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden +mit zersprungenen marmorbelegten +Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine +Bäckerei hin, dort eine Anzahl grosser, rundbauchiger +Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung. +Gegenüber zeigten, in die Tischplatte +eingelassen, schlankere, gehenkelte Amphoren an, +dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube +gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends +auch Sklaven und Mägde der Nachbarschaft gedrängt +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a> +haben, um in eigenen Krügen aus der +caupona Wein für ihre Herrschaften zu holen; +man sah, die nicht mehr lesbare, mit Mosaiksteinchen +eingelegte Inschrift auf der semita vor +dem Laden war von vielen Füssen abgetreten, +vermuthlich hatte sie den Vorüberkommenden eine +Anpreisung des vini praecellentis entgegengehalten. +Von der Mauerwand blickte ein ›graffito‹ her, nur +in halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem +Schuljungen mit dem eignen Nagel oder einem +eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch +jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des +Schankwirths Wein seine Unübertrefflichkeit nicht +sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.</p> + +<p>Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den +Augen Norbert Hanold's das Wort caupo herauszuheben, +oder wars nur Täuschung, sicher feststellen +konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene +Fertigkeit in der Entzifferung schwer +enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich Anerkanntes +darin geleistet, doch gegenwärtig versagte +sie ihm vollständig. Nicht das nur, er +trug ein Gefühl in sich, dass er überhaupt kein +Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, +lesen zu wollen, was vor zwei Jahrtausenden +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a> +ein pompejanischer Quartaner in die Wand gekratzt +habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn +nicht allein verlassen, sondern liess ihn auch ohne +das geringste Begehren, sie wieder aufzufinden; +er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten +Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine +alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen, +das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf der +Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über +die verrunzelten Lippen brachte und als Weisheit +vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei, klaubte +nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte +herum, ohne von ihrem Inhalt, dem Wesenskerne +etwas zu offenbaren und zu innerem Verständnissgenuss +zu bringen. Was sie lehrte, war eine +leblose archäologische Anschauung, und was ihr +vom Mund kam, eine todte, philologische Sprache. +Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele, +dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen +wollte, sondern wer danach Verlangen in sich +trug, der musste als einzig Lebendiger allein in +der heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten +der Vergangenheit stehen, um nicht mit +den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit +den leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's +<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a> +überall hervor, ohne sich zu regen, und begann +zu reden ohne Laut – dann löste die Sonne +die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender +Schauer durchrann sie, die Todten wachten auf, +und Pompeji fing an, wieder zu leben.</p> + +<p>Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im +Kopf Norbert Hanold's waren's, nur ein unbestimmtes, +doch jenes Beiwort gleichfalls vollverdienendes +Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos +stehend, vor sich hinaus, die Strada di +Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. Die +vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen +noch so tadellos zusammengefügt wie vor ihrer +Verschüttung und waren im Einzelnen von einer +hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender +Glanz auf ihnen, dass sie sich wie ein gestepptes +silberweisses Band zwischen den schweigenden +Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in +glimmender Leere hinzogen.</p> + +<p>Da plötzlich –</p> + +<p>Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse +entlang, doch war's ihm, als thue er's in einem +Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts +von rechts her aus der casa di Castore e Polluce +etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di +Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die +Gradiva dahin.</p> + +<p>Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die +Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen +Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich +und genau so im Profil, wie auf dem Relief, +gewahr. Ein wenig neigte der Kopf sich vor, +dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes +Tuch überschlang, die linke Hand hielt das +ausserordentlich reichfaltige Kleid leicht aufgerafft, +und nicht weiter als bis zu den Knöcheln reichend, +liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden +Bewegung der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, +wenn auch nur einen Moment lang, auf den +Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht +emporhob. Nur stellte hier nicht ein Steingebild +alles in gleichmässiger Farblosigkeit dar, das +Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem +Stoff verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, +sondern einem leicht ins <ins title="Gebliche">Gelbliche</ins> fallenden warmen +Ton an, und das leisgewellt unter dem Kopftuch +auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende +Haar hob sich mit goldbraunem Glanz von der +Alabasterfarbe des Gesichtes ab.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert +hell im Gedächtniss aufgewacht, dass er sie schon +einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, in +der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig +wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels +hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen +kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal +zum Bewusstwerden: Er sei, ohne selbst von +dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb +nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom +und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach +zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden +könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, +denn bei ihrer besonderen Gangart musste sie +in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden +Abdruck der Zehen hinterlassen haben.</p> + +<p>Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich +da vor ihm bewegte, und doch auch eine Wirklichkeit. +Denn das sprach aus einer Wirkung, +die es verursachte. Auf dem jenseitigen letzten +Trittsteine lag im brennenden Sonnenlicht bewegungslos +eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren +wie aus Gold und Malachit zusammengewobener +Leib deutlich bis zu den Augen Norberts herleuchtete. +Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +jetzt plötzlich herunter und ringelte sich über die +weissglimmernden Lavaplatten der Strasse davon.</p> + +<p>Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit +die Trittsteine und ging, nun den Rücken +wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort, +ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. +Vor dem hielt sie auch einen Augenblick an, +doch bewegte sich dann, wie nach andrem +Besinnen, durch die Strada di Mercurio weiter +abwärts. In dieser lag zur Linken von vornehmeren +Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten +Apollobildern benannt, die casa di +Apollo, und dem ihr Nachschauenden kam's +wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des +Apollotempels zum Todesschlaf ausgewählt hatte. +So stand sie wahrscheinlich in einem näheren Verband +mit dem Cultus des Sonnengottes und begab +sich dorthin. Bald indess hielt sie nochmals an; +Trittsteine überkreuzten auch hier die Strasse, und +sie schritt wieder zur rechten Seite derselben +zurück. So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite +zu und nahm sich ein wenig verändert aus, +da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand +nicht sichtbar ward und statt ihrer gebogenen +Armhaltung die rechte gradlinig herabhing. In +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun +die goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem +Schleiergewirk, liessen nicht mehr unterscheiden, +wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager +verschwindend, geblieben sei.</p> + +<p>Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied +gerührt zu haben. Nur mit den Augen, und +diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um +Schritt ihr kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. +Jetzt holte er zum erstenmal tief +Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos +geblieben.</p> + +<p>Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die +übrigen zur Nichtigkeit niederdrängend, ihn völlig +in seiner Macht. War das, was eben vor ihm +gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder +Wirklichkeit gewesen?</p> + +<p>Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder +träume, suchte sich vergeblich darauf zu besinnen. +Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit einem +sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und +hörte nichts, doch fühlte an geheimen Schwingungen +seines Innern, dass Pompeji in der Mittagsgeisterstunde +rings um ihn her zu leben begonnen hatte, +und so lebte in ihr auch die Gradiva wieder und +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a> +war in das Haus gegangen, das sie vor dem +verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt +hatte.</p> + +<p>Er kannte die casa di Meleagro von früherem +Besuch, war diesmal jedoch noch nicht dahin gekommen, +sondern hatte nur im Museo Nazionale +Neapels kurz vor dem Wandgemälde des Meleager +und seiner arkadischen Jagdgenossin Atalanta +angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse +gefunden und nach dem das letztere benannt +worden. Doch wie er nun, wieder zur Bewegungsfähigkeit +gelangt, gleichfalls diesem zuschritt, +ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen +Namen nach dem Erleger des kalydonischen Ebers +trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen +Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um +ein Jahrhundert vor der Zerstörung Pompejis +gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm +konnte hierher gerathen sein und sich das Haus +erbaut haben. Das stimmte mit etwas anderem +in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, +denn er erinnerte sich seiner Vermuthung oder +vielmehr gewissen Ueberzeugung, die Gradiva sei +von griechischer Abkunft gewesen. Daneben +freilich mischte sich in seine Vorstellung das Bild +<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a> +der Atalanta ein, wie's Ovid in einer der Metamorphosen +geschildert:</p> + +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<div class="line">Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange,<br/></div> +<div class="line">Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.<br/></div> +</div> +</div> + +<p>Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse +besinnen, doch ihr Inhalt war ihm gegenwärtig; +und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich +hinzu, dass die junge Gattin des Oeneussohnes +Meleagros Kleopatra geheissen habe. Mit grösserer +Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um +den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. +So gaukelte es in der campanischen Sonnengluth +mythologisch-literarhistorisch-archäologisch durch +seinen Kopf.</p> + +<p>An den Häusern des Castor und Pollux und +des Centauren vorübergekommen, stand er jetzt +vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle +ihm, noch erkennbar, der eingelegte Gruss +›Have‹ entgegensah. An der Wand des Vestibulum +überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld +gefüllten Beutel; das wies vermuthlich allegorisch +auf Reichthum und sonstige glückliche Umstände +der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> +sich das Atrium, dessen Mitte ein runder, von +drei Greifen getragener Marmortisch einnahm.</p> + +<p>Leer und lautlos lag der Raum da, den +Hineingetretenen völlig fremd anblickend, keine +Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen +sei. Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das +Hausinnere bot eine Abweichung von dem der +übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An +das Atrium schloss sich nicht in gebräuchlicher +Art das Peristylium jenseits des Tablinums nach +rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür +aber von weiterem Umfang und prächtigerer +Ausstattung, als irgend ein anderes in Pompeji. +Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei +Dutzend an der unteren Hälfte roth bemalte, an +der oberen weisse Säulen trugen. Die verliehen +dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; +hier befand sich in der Mitte eine Piscina in +Gestalt eines Brunnens mit schön gearbeiteter +Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem +angesehenen Manne von Bildung und Kunstsinn +zur Wohnstatt gedient haben.</p> + +<p>Die Augen Norbert's gingen umher, und sein +Ohr horchte. Doch auch hier regte sich nirgendwo +etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen +<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a> +diesem kalten Gestein gab es keinen Athemzug +des Lebens mehr; wenn die Gradiva sich in das +Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits +wieder in nichts zergangen.</p> + +<p>An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein +Raum, ein Oecus, der einstmalige Festsaal, ebenfalls +an drei Seiten von Säulen, doch gelb bemalten, +umgeben, die von weitem im Lichtauffall +wie mit Gold belegt schimmerten. Zwischen ihnen +indess leuchtete ein noch weit glühenderes Roth, +als von den Wänden herüber, mit dem kein +Pinsel des Alterthums, sondern die heutige junge +Natur den Boden übermalt hatte. Dessen früheres +kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen +und verwittert; Mai war's, der seine urälteste +Herrschermacht hier wieder übte, und den ganzen +Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern +der Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, +dessen Samenkörner die Winde herübergetragen +und die Asche zum Aufgehen gebracht. +Ein Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen +war's, oder so erschien's, obwohl sie in Wirklichkeit +unbeweglich dastanden, denn der Atabulus +fand zu ihnen herunter keinen Zugang, summte +nur in der Höhe leise darüber weg. Doch die +<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a> +Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie +nieder, dass es den Eindruck regte, als schwankten +in einem Weiher rothe Wellen hin und her.</p> + +<p>Norbert Hanold's Augen waren in andren +Häusern achtlos über den ähnlichen Anblick hingegangen, +aber hier ward er davon seltsam +durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, +am Rande des Lethewassers aufgewachsen, und +Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus den +Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen +gesammelt, sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. +Dem durch den Porticus des Peristyls in +den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er +seine Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab +des alten Besiegers der Götter und Menschen +angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, +nur eine traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm +das Bewusstsein. Dabei indess blieb er noch +Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des +ehmaligen Festsaales hin weiter vor, von der +alte Bilder hersahen: Paris, den Apfel zutheilend, +ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand +trug und eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte.</p> + +<p>Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen – +nur etwa fünf Schritte von ihm entfernt, in dem +<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a> +schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten +gebliebenes Oberstück des Saalporticus +herabwarf, sass zwischen zweien der gelben +Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, +weibliche Gestalt, die mit leichter Bewegung +jetzt den Kopf ein wenig emporhob. +Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, +dessen Fusstritt sie offenbar erst eben vernommen, +die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen, das eine +Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es +erschien seinen Augen zugleich als ein fremdes +und doch auch als ein bekanntes, schon gesehenes +oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines +Athemzuges und Aussetzen seines Herzschlages +erkannte er als unzweifelhaft, wem es angehöre. +Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn +unbewusst nach Pompeji getrieben; die Gradiva +führte ihr Scheinleben in der mittägigen Geisterstunde +noch fort und sass hier vor ihm, so wie +er sie im Traum sich auf die Stufen des Apollotempels +niederlassen gesehn. Auf ihren Knien +lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick +klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt +schien's zu sein, und eine Mohnblüthe hob +sich mit rothem Scheine von ihm ab.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung +aus, unter dem glanzbraunen Haare +und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen +ihn zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit +fragender Verwunderung an. Nur weniger Momente +jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er +die Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des +Profils erkannt. So mussten sie, von vorn wahrgenommen, +sein, und deshalb waren sie ihm +doch auch beim ersten Blick nicht wirklich fremd +gewesen. In der Nähe erhöhte ihr weisses Kleid +durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen +Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem +feinen, äusserst weichen Wollenstoff, der den +reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem +gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch +verfertigt. Darunter schimmerte im Nacken mit +einem Theil wieder das braune Haar hervor, +kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; +vorn am Hals, unter dem zierlichen Kinn, hielt +eine kleine goldene Spange das Gewand zusammengeschlossen.</p> + +<p>Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit +zur Wahrnehmung, unwillkürlich hatte er +nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn abgezogen, +<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a> +und nun kam ihm in griechischer Sprache +vom Mund: »Bist du Atalanta, die Tochter des +Jasos, oder entstammst du dem Hause des Dichters +Meleager?«</p> + +<p>Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort +zu geben, lautlos mit dem ruhig-klugen Ausdruck +ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten +sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes +Scheindasein überhaupt nicht zu +sprechen oder sie war doch nicht von griechischer +Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte +er diese mit der lateinischen und fragte +in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger +Pompejis von latinischem Ursprung?«</p> + +<p>Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur +um ihre feingeschwungenen Lippen ging etwas +leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung +zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; +offenbar sass sie nur als ein stummes Bild vor +ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. +Die Bestürzung über diese Erkenntniss prägte +sich voll in seinen Zügen aus.</p> + +<p>Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe +nicht mehr zu widerstehen, ein wirkliches Lächeln +umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen +<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a> +eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen +wollen, müssen Sie's auf Deutsch thun.«</p> + +<p>Das war eigentlich merkwürdig aus dem +Munde einer vor zwei Jahrtausenden verstorbenen +Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in +anderer Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert +verging jede Befremdlichkeit unter zwei über ihm +zusammenschlagenden Empfindungswogen, der +einen, dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, +und der andern, die von ihrer Stimme aus +seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang +grade so hell, wie's der Blick ihrer Augen war; +nicht scharf, doch an eine angeschlagene Glocke +erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille +über das blühende Mohngefild hin, und dem +jungen Archäologen kam's plötzlich zum Bewusstsein, +in sich, in seiner Vorstellung habe er sie +schon so gehört. Und unwillkürlich gab er seinem +Gefühl laut Ausdruck: »Ich wusste es, so klänge +deine Stimme.«</p> + +<p>In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche +nach einem Verständniss für etwas, doch finde es +nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete +sie nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben +doch noch nie mit mir gesprochen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, +dass sie Deutsch sprach und ihn nach dem heutigen +Brauch in der dritten Person anredete; da sie's +that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht +anders geschehn, und er erwiderte schnell: »Nein, +gesprochen nicht – aber ich rief dir zu, als du +dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann +bei dir – dein Gesicht war so ruhig-schön +wie von Marmor. Darf ich dich bitten – +leg' es noch einmal wieder so auf die Stufe +zurück –«</p> + +<p>Während seines Sprechens hatte sich etwas +Eigenthümliches begeben. Von den Mohnblüthen +her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand +der Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den +Säulen herangeflattert, umgaukelte ein paarmal +den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf +dem braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. +Zugleich aber wuchs ihre Gewalt schlank und hoch +empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen +Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und +stumm noch einen Blick entgegen, aus dem etwas +sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen ansehe, +und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer +Gangart, den Säulen des alten Porticus entlang, +<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a> +davon. Nur flüchtig noch sichtbar, dann +schien sie in den Boden versunken zu sein.</p> + +<p>Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch +hatte er mit dumpfem Verständniss aufgefasst, +was sich vor seinen Augen zugetragen habe. +Die Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der +Gestaltung eines Schmetterlings von der Asphodeloswiese +des Hades herauf eine geflügelte Botin gekommen, +um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr +dorthin zu mahnen. Damit verband sich ihm, +ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch etwas +Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der +Mittelmeerländer den Namen Kleopatra trug, und +so hatte die junge Gattin des kalydonischen +Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen +Tod sich selbst den Unterirdischen zum Opfer +gebracht.</p> + +<p>Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden +ein Ruf nach: »Kehrst du morgen in der Mittagsstunde +wieder hieher?« Doch sie wendete sich +nicht um, gab keine Antwort und verschwand +nach wenig Augenblicken im Winkel des Oecus +hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie +mit einem treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. +Aber ihr helles Gewand kam nirgendwo mehr +<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a> +zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen +überflammt, lag rings um ihn die Casa di +Meleagro ohne Regung und Laut, nur die Kleopatra +schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, +langsame Kreise ziehend, wieder über +dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Wann und auf welche Weise er zum Ingresso +zurückgekommen sei, war Norbert Hanold nicht +im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in +der Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch +verlangt hatte, sich sehr verspätet im Diomed +etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf +dem ersten besten Wege <ins title="zielloss">ziellos</ins> davongewandert, +an den Golfstrand nördlich von Castellamare gerathen, +wo er sich auf einen Lavablock gesetzt +und der Seewind ihm um den Kopf geblasen, +bis die Sonne ungefähr in der Mitte zwischen +dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem +Monte Epomeo auf Ischia untergegangen. Doch +trotz diesem jedenfalls mehrstündigen Aufenthalt +am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort +für seine geistige Sinnesbeschaffenheit keinen +Vortheil gezogen, sondern kehrte zum Gasthof +<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a> +ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem +er ihn verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei +emsiger Beschäftigung mit der ›cena‹ an, liess +sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto +mit Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter +der Speisenden und hörte ihren Unterhaltungen +zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden +aber ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, +dass niemand unter ihnen einer todten, in der +Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten +Pompejanerin begegnet sei und mit ihr +gesprochen habe. Dies war allerdings von vornherein +anzunehmen gewesen, da sie sich um die +Zeit sämmtlich beim pranzo befunden hatten; +warum und wozu eigentlich, wusste er sich nicht +anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum +Concurrenten des Diomed ins ›Hotel Suisse‹ hinüber, +setzte sich auch dort in eine Ecke, da er +etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen +Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und +Ohren den gleichen Nachforschungen hin. Sie +führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur +ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr +sämmtliche zeitweiligen lebendigen Besucher +Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt +<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a> +geworden waren. Das bildete zwar einen Zuwachs +seiner Kenntnisse, den er kaum als Bereicherung +ansehen konnte, allein dennoch berührte +ihn daraus eine gewisse befriedigende Empfindung, +dass in den beiden Unterkunftstätten kein Gast, +weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, +vorhanden sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens +und Anhörens in ein, wenn auch einseitiges, +persönliches Verhältniss getreten war. +Selbstverständlich war ihm mit keinem Gedanken +die widersinnige Annahme in den Sinn gekommen, +er könne möglicherweise in einer der beiden +Wirthschaften die Gradiva antreffen, aber er hätte +eidlich zu beschwören vermocht, dass sich Niemand +in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im +Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. +Während seiner Betrachtungen hatte er +aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas geschenkt, +dies hin und wieder ausgetrunken, und +als dadurch allgemach der erstere inhaltslos geworden, +stand er auf und ging zum Diomed +zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare +blitzende und flimmernde Sterne übersäet, jedoch +nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise, +sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a> +der Perseus, die Kassiopeia und die Andromeda +mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen, +sich leicht <ins title="hierin">hierhin</ins> und dorthin verneigend, einen +langsamen Reigen aufführten, und auch unten +auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die +dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten +nicht ganz auf dem nämlichen Standpunkt. +Das konnte auf dem von altersher +schwanken Boden der Gegend freilich nicht grade +Wunder nehmen, denn die unterirdische Glut +lauerte überall nach einem Aufbruch und liess +auch ein Weniges von sich in die Rebstöcke und +Trauben emporsteigen, aus denen der Vesuvio +gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten +Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein +dieser trug in der Erinnerung, wenngleich dem +Wein ein bischen mit an der kreisenden Bewegung +der Dinge zuzuschreiben sein mochte, +dass alle Gegenstände schon seit der Mittagsstunde +eine Neigung offenbart hatten, sich leise um seinen +Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem +bischen Mehr nichts Neues, sondern nur eine +Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. Er +stieg zu seiner Camera hinan und stand noch +ein Weilchen am offenen Fenster, nach dem +<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a> +Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine +Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss +ihn etwas wie das Hin- und Herwallen +eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete +der junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet +zu haben, aus und suchte seine Lagerstätte. Doch +wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht +das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, +dessen Blüthen als ein weiches, sonnenheisses +Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin, +die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger +Anzahl, vom Dunkel zu lethargischem +Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der +Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in +der Schlaftrunkenheit von ihrer Martergier getrieben, +um die Nase. Aber er erkannte sie nicht +als das absolut Böse, die Jahrtausende alte +Geissel der Menschheit, denn vor seinen geschlossenen +Augen schwebte sie als eine rothgoldene +Kleopatra um ihn her.</p> + +<p>Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe +der Fliegen ihn aufweckte, konnte er sich +nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an +wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein +Bett vorgegangen sei. Doch zweifellos hatte +<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a> +irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste +webend, neben ihm gesessen, denn er +fühlte seinen Kopf vollständig damit angefüllt +und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin +ausweglos eingesperrt sass und nur das Eine ihm +im Bewusstsein stand, er müsse genau um die +Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager +sein. Dabei hatte sich indess eine Scheu seiner +bemächtigt, wenn die Thorhüter am Ingresso ihm +ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen, +überhaupt sei's nicht rathsam, dass er +sich in der Nähe der Beobachtung von Menschenaugen +aussetze. Dem zu entgehen, gab's für +den Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges +Mittel, doch er befand sich nicht in der +Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine Bestimmung +seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg +wieder, wie am Abend seiner Ankunft, zur alten +Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in +weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten +Porta di Nola. Hier fiel's nicht +schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und +er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen +übermässig damit zu beschweren, dass er der +›amministrazione‹ durch sein selbstherrliches Verfahren +<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a> +vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, +die er ihr wohl später auf irgend eine andere +Weise zukommen lassen konnte. So hatte er +ungesehn einen sonst von Niemandem aufgesuchten, +interesselosen, zum grössten Theile noch +unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in +einen verborgenen Schattenwinkel und wartete, +dann und wann seine Uhr zu Rath ziehend, +auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein +Blick in einiger Entfernung auf etwas silberweiss +glänzend aus dem Schutt Aufragendes, +ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, +was es sei. Doch trieb's ihn unwillkürlich, hinanzugehn, +und da stellte es sich als ein hoher, +ganz mit weissen Glockenkelchen behängter +Asphodelos-Blüthenschaft heraus, dessen Samen +der Wind von draussen hierhergetragen. Die +Blume der Unterwelt war's, deutungsvoll und, +wie's ihm zum Gefühl kam, für sein Vorhaben +bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken +Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz +zurück. Mehr und mehr brannte die Maisonne +heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich +ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch +die lange Strada di Nola auf den Weg. Diese +<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a> +lag todesstill verlassen, wie auch fast alle +übrigen schon; drüben nach Westen drängten +sich bereits sämmtliche Vormittagsbesucher wieder +der Porta Marina und den Suppentellern zu. +Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der +Glanzblendung erschien die einsame Gestalt Norbert +Hanold's mit der Asphodilstaude wie die +eines in moderner Kleidung daherschreitenden +Hermes Psychopompos, auf der Wanderung begriffen, +um eine abgeschiedene Seele zum Hades +hinunterzugeleiten.</p> + +<p>Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, +fand er sich durch die Strada della Fortuna weiter +bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, rechtshin +in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. +Ebenso leblos wie gestern empfingen ihn hier +das Vestibulum, Atrium und Peristylium, zwischen +den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen +des Oecus herüber. Dem in diesen Eintretenden +aber war's nicht deutlich, ob er gestern +oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, +um bei dem Eigenthümer des Hauses irgend eine +Erkundigung einzuziehn, die für die archäologische +Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, +wusste er sich indess nicht anzugeben, und +<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a> +ausserdem war ihm, ob auch in einem Widerspruch +damit, die gesammte Alterthumswissenschaft +das Zweckloseste und Gleichgültigste auf +der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich +mit ihr befassen könne, da es doch nur ein +Einziges gab, auf das sich alles Denken und +Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit +die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, +<ins title="dass">das</ins> zugleich todt und lebendig, wenn auch dies +letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war. +Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen +war, vielleicht nur ein einzigesmal in einem Jahrhundert +oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's +jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr +hieher sei vergeblich. Er treffe die Gesuchte +nicht an, weil ihr nicht verstattet worden, wieder +zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch +er seit lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, +ebenfalls todt, begraben und vergessen sei. +Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand +unter dem apfelaustheilenden Paris entlang schritt, +gewahrte sein Blick die Gradiva ebenso wie +gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen +den gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen +Stufe sitzend. Doch er liess sich nicht von +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen, +sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm +als Trugwerk wieder vor Augen, was er gestern +dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber +konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst +geschaffenen wesenlosen Erscheinung hinzugeben, +stand anhaltend, und ohne sein Wissen kamen +ihm in einem Ton des Leides die Worte vom +Mund: »O, dass du noch wärest und lebtest!«</p> + +<p>Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder +das hauchlose Schweigen zwischen den Ueberresten +des alten Festsaales. Doch dann durchklang +eine andere die leere Stille und sagte: +»Willst du dich nicht auch setzen? Du siehst +ermüdet aus.«</p> + +<p>Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal +still. So viel brachte sein Kopf an Besinnung +zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu +sprechen. Oder übte auch eine Gehörhallucination +Betrug an ihm? Starr dreinblickend, stützte er +sich mit der Hand an einer Säule.</p> + +<p>Da fragte die Stimme wieder, und es war +die, welche niemand sonst als die Gradiva besass: +»Bringst du mir die weisse Blume?«</p> + +<p>Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er +<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +fühlte, dass die Füsse ihn nicht mehr hielten, +sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich +ihr gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. +Ihre hellen Augen waren auf sein Gesicht +gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als mit +dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen +und Davongehn angesehen hatte. Aus +dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes +gesprochen, das war weggeschwunden, als +ob sie inzwischen zu einer veränderten Auffassung +gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender +Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. +Und ähnlich schien sie sich auch darauf besonnen +zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in +der dritten Person ihrem Munde und den Umständen +des Raumes nicht angemessen sei, denn +sie hatte sich auch des ›Du‹ bedient, und es kam +ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches +von den Lippen. Da er aber auf ihre +letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, +nahm sie nochmals wieder das Wort und sagte:</p> + +<p>»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal +zugerufen, als ich mich zum Schlafen hingelegt, +und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei +da ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und +<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a> +wo war das? Ich kann mich nicht daran erinnern +und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«</p> + +<p>Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, +dass ihm möglich fiel, zu antworten: +»In der Nacht, als du dich am Forum auf die +Stufen des Apollotempels setztest und der Aschenfall +vom Vesuv dich zudeckte.«</p> + +<p>»Ach so – damals. Ja richtig – das war +mir nicht eingefallen. Aber ich hätte mir denken +können, dass es eine derartige Bewandtniss damit +haben müsse. Als du's gestern sagtest, kam's +mir nur zu unerwartet und ich war zu wenig +darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich +mich recht besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. +Lebtest du denn damals schon? Mich däucht, +du siehst jünger aus.«</p> + +<p>Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss +spielte ihr ein leichtes, äusserst anmuthiges +Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene +Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein +wenig stotternd: »Nein, wirklich, glaub' ich, lebte +ich wohl im Jahre 79 noch nicht – es war +vielleicht – ja, es ist wohl der Seelenzustand, +den man Traum nennt, gewesen, der mich in +die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +– aber ich erkannte dich auf den ersten Blick +wieder –«</p> + +<p>In den Zügen der ihm nur auf ein paar +Schritte Entfernung gegenüber Sitzenden kennzeichnete +sich merklich eine Ueberraschung, und +sie wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: +»Du erkanntest mich wieder? In dem Traum? +Woran?«</p> + +<p>»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«</p> + +<p>»Auf die hattest du Acht gegeben? Und +gehe ich denn besonders?«</p> + +<p>Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch +erhöht; er versetzte: »Ja – weisst du's selbst +nicht? – anmuthreicher, als irgend eine sonst, +wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es +keine. Doch ich erkannte dich auch sofort an +allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, +deiner Haltung und Gewandung, denn Alles +stimmte aufs genaueste mit deinem Reliefbild in +Rom überein.«</p> + +<p>»Ach so –« wiederholte sie noch einmal in +ähnlichem Ton, wie vorher – »mit meinem +Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch +nicht gedacht und weiss sogar im Augenblick +<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a> +nicht genau – wie ist es doch – und dort +hast du's also gesehen?«</p> + +<p>Nun berichtete er, der Anblick desselben habe +ihn so angezogen, dass er hocherfreut gewesen +sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen, +der schon seit Jahren in seinem Zimmer +hänge. Den betrachte er täglich, ihm sei die +Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine +junge Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt +über die Trittsteine einer Strasse wegschreite, +und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt +wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, +wieder hierher zu reisen, um nachzusuchen, ob +er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden könne. +Und wie er gestern Mittags an der Ecke der +Mercurstrasse gestanden, sei sie selbst plötzlich +grade ebenso wie ihr Bildniss vor ihm über die +Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben +in das Haus des Apollo begeben wollte. Dann +habe sie weiterhin die Strasse wieder zurück +überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager +verschwunden.</p> + +<p>Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: +»Ja, ich hatte die Absicht, das Haus des Apollo +aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische +Dichter Meleager ins Gedächtniss, und ich glaubte, +du seiest eine Nachkommin von ihm und kehrtest +– in der Stunde, die es dir verstattet – in +dein Vaterhaus zurück. Aber, als ich dich griechisch +ansprach, verstandest du es nicht.«</p> + +<p>»War das griechisch? Nein, das verstand +ich nicht oder hab' es wohl vergessen. Doch wie +du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen, +was mir verständlich wurde. Du drücktest den +Wunsch aus, Jemand möchte doch noch da sein +und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit +meintest.«</p> + +<p>Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem +Anblick geglaubt, sie sei es nicht wirklich, sondern +nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild +an der Stelle, wo er sie gestern angetroffen, +wieder vor. Dazu lächelte sie und pflichtete bei: +»Es scheint, dass du Grund haben magst, dich +vor einem Uebermass von Einbildungsvermögen +in Acht zu nehmen, obwohl ich bei meinem +Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung +gekommen war.« Aber sie brach davon ab und +fügte nach: »Was ist es denn mit meiner Gangart, +von der du vorhin sprachst?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes +Interesse sie darauf zurückbrachte, und +ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten +darf –«</p> + +<p>Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth +schreckhaft in Erinnerung, dass sie gestern plötzlich +aufgestanden und davongeschritten sei, als er sie +gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, +wie auf der des Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, +und dunkel brachte etwas in seinem +Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn +gerichtet, damit in Verbindung. Doch jetzt erhielt +sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer Augen +gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, +sagte sie: »Es war artig von dir, dass dein Wunsch, +Jemand möge noch leben, mir galt. Wenn du +dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es +dir gern.«</p> + +<p>Das beschwichtigte seine Furcht, und er +entgegnete: »Es würde mich glücklich machen, +dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein +Bildniss –«</p> + +<p>Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand +sie auf, schritt eine Strecke zwischen der Wand +und den Säulen entlang. Genau die ihm so +<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a> +festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der +sich fast senkrecht emporhebenden Sohle war's, +nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie +unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, +sondern sandfarbig helle Schuhe von feinem Leder +trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend +wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen +Unterschied ihrer Fussbekleidung von der auf dem +Relief in Rede. Darauf entgegnete sie: »Die Zeit +ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige +passen Sandalen nicht, darum lege ich +Schuhe an, die besser gegen Staub und Regen +schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor +dir zu gehen? Was ist denn Besonderes daran?«</p> + +<p>Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu +erfahren, bekundete sie nicht ganz von einer +weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte +nun, dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung +ihres zurückgehaltenen Fusses während +des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie +er in seiner Heimat mehrere Wochen lang auf +der Strasse den Gang der heutigen Frauen zu +beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass +diese schöne Bewegungsweise ihnen völlig verloren +gegangen sei, mit Ausnahme vielleicht von +<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a> +einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so +zu gehen, gemacht. Sicher habe er dies indess in +dem Menschengedränge um sie her nicht feststellen +können, und ihn wohl eine Augentäuschung +befallen gehabt, da ihm vorgekommen sei, als +ob auch ihre Gesichtszüge etwas denen der Gradiva +geähnelt hätten.</p> + +<p>»Wie schade,« antwortete sie, »denn die +Feststellung wäre doch von grosser wissenschaftlicher +Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen +wäre, hättest du vielleicht die weite Reise +hierher nicht zu machen gebraucht. Doch von +wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?«</p> + +<p><ins title="So">»So</ins> habe ich mir dein Bild benannt, da ich +deinen wirklichen Namen nicht wusste – und +auch jetzt noch nicht weiss.«</p> + +<p>Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, +und auch ihr Mund zauderte ein wenig, ehe sie +auf die indirecte Frage seiner Nachfügung erwiderte: +»Ich heisse Zoë.«</p> + +<p>Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: +»Der Name steht dir schön an, aber er klingt +mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das +Leben.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« +entgegnete sie, »und ich habe mich schon lange +daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für +heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume +mitgebracht, dass sie mich auf den Weg +zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.«</p> + +<p>Aufstehend, streckte sie die schmale Hand +vor, und er reichte ihr die Asphodelosstaude, +doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. +Den Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich +danke dir. Solchen, die besser daran sind, giebt +man im Frühling Rosen, doch für mich ist die +Blume der Vergessenheit aus deiner Hand die +richtige. Morgen wird es mir verstattet sein, um +diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. +Wenn auch dich dein Weg dann noch einmal ins +Haus des Meleager führt, können wir uns wie +heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner +Schwelle steht: Have, und ich spreche es dir: +Have!«</p> + +<p>Sie ging und verschwand wie gestern an der +Umbiegung des Porticus, als ob sie dort in den +Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag +Alles wieder, nur aus einiger Entfernung her +scholl einmal kurz ein heller, gleich wieder abgebrochener +<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a> +Ton wie von einem lachenden Ruf +eines über die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. +Der Zurückgebliebene sah auf den verlassenen +Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, +das Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva +gestern auf den Knien gehalten und heute mitzunehmen +vergessen hatte. Doch wie er scheu +die Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch +mit Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste +aus mehreren Häusern Pompejis. Das vorletzte +Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der +Casa di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten +war ein Anfang gemacht, über die Mohnblüthen +des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe +des Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames +rührte daraus an, dass die Abgeschiedene +in einem Skizzenbuch von heutiger Art +zeichnete, wie dass sie ihren Gedanken in deutscher +Sprache Ausdruck gab. Doch waren das nur +geringfügige Wunderzugaben neben der grossen +ihrer Wiederbelebung, und offenbar benützte sie +die mittägige Freistunde dazu, die Umgebung, +in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher +künstlerischer Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. +Die Darstellungen zeugten von fein ausgebildetem +<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte +von klugem Denkvermögen, und vermuthlich hatte +sie oftmals an dem alten Greifentisch gesessen, +so dass er ihr ein besonders werthvolles Erinnerungsstück +war.</p> + +<p>Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein +ebenfalls den Porticus entlang und nahm an der +Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen +schmalen Spalt gewahr, doch breit genug, um +eine Gestalt von ungewöhnlicher Schlankheit in +das Nebengebäude und wohl weiter nach dem +Vicolo del Fauno an der andern Seite des Hauses +hindurchzulassen. Zugleich aber durchschoss es +ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva +versinke hier nicht in den Boden – das +war an sich auch vernunftwidrig, und er begriff +nicht, es geglaubt zu haben – sondern begebe +sich auf diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die +musste in der Gräberstrasse sein, und fortstürzend, +eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter +bis zum Thor des Hercules. Allein, als er an +diesem athemlos und in Schweiss gebadet eintraf, +war's schon zu spät; leer dehnte sich die +breite Strada di Sepolcri weissblendend hinunter, +nur an ihrem Ende schien hinter dem glitzernden +<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a> +Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss +vor der Villa des Diomedes zu zergehen.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte +dieses Tages mit einem Gefühl, dass Pompeji +überall oder wenigstens da, wo er sich grad aufhalte, +in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die +war nicht nach ihrer sonstigen Art grau, düster +und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter und +äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich +leicht gelblich-weiss und alabasterweiss, +dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen Fäden +durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder +das Sehvermögen des Auges, noch die Gehörkraft +des Ohres, nur durch sie hindurch <em class="gesperrt">denken</em> liess +sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer +daraus, deren Wirkung mit dem dichtesten +Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen war's +ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer +und auch sonst nicht bemerkbarer Weise +ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht, der einen +unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. +Davon suchte er sich instinktiv durch Anwendung +von Gegenmitteln zu befreien, indem er einerseits +<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a> +häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel +und weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse +waren nicht umfangreich, allein sie verhalfen ihm +doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand +müsse einem zu starken Blutandrang nach dem +Kopf, vielleicht in Verbindung mit einer beschleunigten +Herzthätigkeit, entspringen, denn er +fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher +völlig Fremdartiges, ab und zu an einem raschen +Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen +verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach +aussen durchdringen konnten, im Innern keineswegs +unthätig, oder richtiger war's nur ein Gedanke, +der dort den Alleinbesitz angetreten hatte +und eine rastlose, wenngleich vergeblich bleibende +Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich dabei immerwährend +um die Frage herum, von welcher leiblichen +Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, +ob sie während ihres Aufenthaltes im Hause des +Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine +Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen +habe, sei. Für das Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch +zu reden, dass sie über +Organe zum Sprechen verfügte und mit den +Fingern einen Bleistift zu halten vermochte. Aber +<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a> +bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn +er sie berühren, etwa seine Hand auf die ihrige +legen würde, träfe er damit nur auf leere Luft. +Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein eigenthümlicher +Drang, indess eine ebenso grosse +Scheu hielt ihn in der Vorstellung auch davon +zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder +der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss +Einflössendes mit sich bringen. Die Körperhaftigkeit +der Hand würde ihn mit einem Schreck durchfahren +und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken +Schmerz verursachen.</p> + +<p>Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise +ohne Anstellung eines Experimentes nicht +lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte +er bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag +bis zu den südwärts von Pompeji aufsteigenden +Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe +des Monte Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen +mit einem älteren, schon graubärtigen +Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit +allerhand Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker +zu sein und an einem heissbesonnten Abhang +eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte +den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen +<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a> +war, sah diesen einen Augenblick überrascht +an und sagte dann: »Interessiren Sie sich +auch für die Faraglionensis? Das hätte ich kaum +vermuthet, aber mir ist es durchaus wahrscheinlich, +dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen +bei Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer +auch am Festland finden lassen muss. Das vom +Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich +gut, ich habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg +angewendet. Bitte, halten Sie sich ganz +ruhig –«</p> + +<p>Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige +Schritte am Gelände empor vorwärts und hielt, +sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus +einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge +vor eine schmale Felsritze, aus der das bläulich +schillernde Köpfchen einer Eidechse hervorsah. So +blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und +Norbert Hanold wendete sich hinter seinem Rücken +geräuschlos um und kehrte auf den Weg, den er +gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht +des Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich +in einem der beiden Gasthöfe, an seinen +Augen vorübergegangen, darauf wies auch die +Anrede desselben hin. Es hatte etwas kaum +<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a> +Glaubliches, was für närrisch merkwürdige Vorhaben +Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji +veranlassen konnten; froh, dass es ihm gelungen +sei, sich so rasch von dem Schlingensteller loszumachen +und wieder im Stande zu sein, seine +Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit +oder -losigkeit zurückzurichten, begab er sich auf +die Rückwanderung. Doch verleitete ein Seitenweg +ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und +brachte ihn, statt zum westlichen Rand, an das +Ostende der <ins title="langestreckten">langgestreckten</ins> alten Stadtmauer; in +seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst +gewahr, als er dicht an ein Gebäude herangekommen, +das weder der ›Diomed‹ noch das ›Hotel +Suisse‹ war. Trotzdem trug es die Anzeichen +einer Wirthschaft an sich, unweit davon erkannte +er die Reste des grossen pompejischen Amphitheaters, +und ihm kam von früher ins Gedächtniss, +dass in der Nähe des letzteren noch ein +Gasthaus, der ›Albergo del Sole‹, vorhanden sei, +wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof +meistens nur von einer geringen Gästezahl aufgesucht +werde und ihm selbst auch unbekannt +geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, +dazu das nebelhafte Kreisen in seinem Kopf nicht +<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a> +vermindert, so trat er in die offene Thür ein und +liess sich das von ihm als nützlich gegen den +Blutandrang erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren +Wassers geben. Das Zimmer stand, +selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten +Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte +Wirth nützte, mit dem Eingekehrten eine +Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein +Haus und die darin enthaltenen ausgegrabenen +Schätze bestens in Empfehlung zu bringen. Nicht +grade unverständlich deutete er darauf hin, dass +es in der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen +unter den vielen von ihnen zum Verkauf ausgestellten +Gegenständen kein einziges Stück echt, +sondern alle nachgemacht seien, während er, sich +mit einer geringeren Anzahl begnügend, seinen +Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn +er erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung +er selbst anwesend war, und im Weitergang +seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er +auch zugegen gewesen, als man in der Gegend +des Forum das junge Liebespaar aufgefunden, +das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren +Unterganges fest mit den Armen umschlungen +und so den Tod erwartet habe. Davon hatte +<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a> +Norbert schon früher gehört, darüber als über +eine Fabelerfindung irgend eines besonders +phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, +und er wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth +ihm zum Beleg eine mit grüner Patina überkrustete +Metallspange herbeiholte, die in seiner +Gegenwart neben den Ueberresten des Mädchens +aus der Asche gesammelt worden. Aber als der +im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand +nahm, übte doch die Einbildungskraft solche +Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich, ohne +weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten +Engländerpreis entrichtete und eilig mit seinem +Erwerb den ›Albergo di Sole‹ verliess. In diesem +sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben +an einem offenstehenden Fenster einen in ein +Wasserglas gestellten, mit weissen Blüthen behängten +Asphodilschaft herabnicken, und ohne +eines logischen Zusammenhanges dafür zu bedürfen, +durchdrang's ihn bei dem Anblick der +Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung +der Echtheit seines neuen Besitzthums zu Theil +werde.</p> + +<p>Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer +den Weg zur Porta Marina innehaltend, zugleich +<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a> +angespannt und scheu, vor allem mit einem +zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein +Märchen, dass ein junges Liebespaar in solcher +Umschlingung unweit des Forums ausgegraben +worden sei, und dort am Apollotempel hatte er +die Gradiva sich zum Todesschlaf hinlegen gesehn. +Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt +bestimmt; in Wirklichkeit konnte sie vom Forum +noch weitergegangen, mit Jemand zusammengetroffen +und gemeinsam mit ihm gestorben sein.</p> + +<p>Aus der grünen Spange zwischen seinen +Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, sie habe der +Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am +Halse geschlossen gehalten. Dann aber war +diese die Geliebte, Verlobte, vielleicht die junge +Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen +sterben gewollt.</p> + +<p>Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange +fortzuschleudern. Sie brannte seine Finger, als +ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder +richtiger, sie verursachte ihm den Schmerz, wie +bei der Vorstellung, dass er seine Hand auf die +der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.</p> + +<p>Indess die Vernunft behauptete in seinem +Kopf die Oberhand, er liess ihn nicht willenlos +<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a> +von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich +es sein mochte, fehlte doch der unumstössliche +Beweis, dass die Spange ihr angehört habe, und +dass sie es gewesen sei, die man in den Armen +des jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss +verhalf ihm zur Fähigkeit eines befreienden +Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn +den ›Diomed‹ erreichte, hatte die langstündige +Umherwandrung seiner gesunden Constitution doch +auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. +Er verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, +die der ›Diomed‹ trotz seiner argivischen Abkunft +bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne Esslust +und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags +neueingetroffene Gäste gewahr. Durch +Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich +als Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten +beide jugendliche, einnehmende und mit einem +geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss +zu einander liess sich nicht entnehmen, +doch schloss Norbert nach einer gewissen Aehnlichkeit +auf ein Geschwisterpaar. Allerdings +unterschied das Haar des jungen Mannes sich +durch Blondfarbigkeit von ihrem lichtbraunen; +sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, +<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a> +deren Anblick an etwas im Gedächtniss des aus +seiner Stubenecke Hinüberschauenden rührte, ohne +dass er sich darauf besinnen konnte, was es sei. +Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise +Begegnenden, von denen er einen sympathischen +Eindruck empfing. Sie redeten, bei einem Fiaschetto +sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, +noch in besorglichem Flüsterton, augenscheinlich +bald über ernsthafte Dinge und bald +über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um +ihre Lippen ein halblachender Zug, der ihnen +hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme +an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht +bei Norbert hätte erwecken können, wenn er um +zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur +von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum +zusammengetroffen wäre. Doch er fühlte, was +in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu +starken Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit +der Beiden, um die unverkennbar kein leisester +Nebel lag und die zweifellos nicht über die +Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden +Verstorbenen tiefgrundig nachsannen, sondern sich +ohne alle Abmühung an einem räthselvollen +Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen +<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a> +Stunde freuten. Damit stimmte sein Zustand +nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst +überflüssig für sie vor und scheute andrerseits +vor dem Versuch, eine Bekanntschaft mit +ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle +Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen +könnten ihm durch die Stirnwandung in seine +Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck +annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei +Verstand hielten. So begab er sich zu seinem +Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern, +nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, +am Fenster und legte sich dann zur +Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und +träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo +in der Sonne sass die Gradiva, machte aus einem +Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin +zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich +ganz ruhig – die Collegin hat recht, das Mittel +ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg +angewendet –«</p> + +<p>Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, +das sei in der That vollständige +Verrücktheit, und er warf sich herum, um von +ihr loszukommen. Dies gelang ihm auch durch +<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a> +die Beihülfe eines unsichtbaren Vogels, der einen +kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, +die Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war +Alles verschwunden.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in +der Nacht eine Stimme gesprochen habe, im Frühling +gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm +dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, +da sein aus dem Fenster gehender Blick drunten +auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch +fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, +welche die junge Dame vor der Brust getragen, +und als er hinuntergekommen, pflückte er unwillkürlich +ein paar von ihnen ab und roch daran. +Es musste mit den Sorrentiner Rosen in der That +eine absondere <ins title="Bewandniss">Bewandtniss</ins> haben, denn ihr Duft +bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch +völlig neu und fremdartig, und dabei, als ob sie +eine etwas lösende Wirkung in seinem Kopf ausübten. +Wenigstens entledigten sie ihn seiner +gestrigen Scheu vor den Thorwächtern, er begab +sich vorschriftsmässig durch den Ingresso nach +Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe +<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a> +den doppelten Betrag des Eintrittsgeldes und +schlug rasch Wege ein, die ihn aus der Nähe +der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine +Skizzenbuch aus der Casa di Meleagro trug er +nebst der grünen Spange und den rothen Rosen +mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem +Duft der letzteren vergessen, und seine Gedanken +befanden sich nicht in der Gegenwart, sondern ausschliesslich +auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. +Bis zu der war's indess noch lang, er musste +die Wartezeit verbringen und trat zu dem Behuf +bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem +ihm wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva +es ehemals öfter betreten habe oder noch jetzt +zuweilen aufsuche – seine Annahme, dass sie +lediglich um Mittag dazu im stande sei, war +etwas ins Schwanken gerathen. Vielleicht stand's +ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei, +möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; +verwunderlich bekräftigten ihm diese Muthmassung +die Rosen, wenn er sie einathmend an seine +Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam +sein Nachsinnen willfährig und überzeugungsbereit +entgegen. Denn er konnte sich das Zeugniss +zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer +<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a> +vorgefassten Meinung beharre, vielmehr jeder +vernünftigen Einwendung freien Lauf lasse, und +eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur +logisch, auch ebenso <ins title="wünschenwerth">wünschenswerth</ins> geltend. Nur +gerieth in Frage, ob dann bei einer Begegnung +mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, +sie als leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder +ob nur den seinigen die Befähigung dazu innewohne. +Das erstere liess sich nicht abweisen, +behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich +und wandelte das Wünschenswerthe zum Gegentheil +um, versetzte ihn in eine unmuthig-unruhige +Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie +ebenfalls anreden, sich zu ihr setzen, um eine +Unterhaltung mit ihr zu führen, entrüstete ihn; +darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls +ein Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der +niemand sonst gewusst, entdeckt, sie täglich betrachtet, +in sich aufgenommen, gewissermassen +mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm +war's, als ob er ihr dadurch ein Leben wieder +verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen +hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, +auf das er allein Anspruch erheben durfte und verweigern +konnte, es mit irgendjemand sonst zu theilen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>Der vorschreitende Tag war noch heisser als +die beiden voraufgegangenen, die Sonne schien +es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung +abgesehen zu haben und machte nicht nur in +archäologischer, auch in praktischer Hinsicht bedauerlich, +dass die Wasserleitung Pompejis seit +zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet +dalag. Strassenbrunnen erhielten da und dort +ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch +Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung +durch vorübergekommene durstige Leute ab. Sie +hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr +vorzubücken, eine Hand auf den marmornen +Brunnenrand gestützt und diesen, wie der Tropfen +den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu +einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte +diese Wahrnehmung an einer Ecke der Strada +della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung +auf, dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich +ehemals hier so aufgestützt haben möge, und +unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine +Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme +sogleich, empfand einen Verdruss über +sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. +Sie stand in keinem Einklang zu dem Wesen +<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a> +und Benehmen der jungen Pompejanerin aus +feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, +dass sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an +das nämliche Rohr gelegt haben sollte, aus dem +die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen +Sinn Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun +und ihren Bewegungen kundgab, war ihm noch +nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, +sie könne ihm den unglaublich verstandwidrigen +Einfall ansehen. Denn ihre Augen +besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein +paarmal das Gefühl angerührt, während seines +Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach, +einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden +und darin wie mit einer stahlhellen Sonde +herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam +Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in +seinen Gedankenvorgängen antrafen.</p> + +<p>Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, +und um sie zu verbringen, ging er quer über +die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste +und stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, +hinein. Wie kein anderes, besass es ein doppeltes +Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten +des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die +<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a> +berühmte Statue des tanzenden Fauns, nach dem +es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward +bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern +rege, dass sich dies, von der Wissenschaft am +höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier +befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde +der Alexanderschlacht ins Museo nazionale nach +Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei +weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die +Zeit weiterrücken zu lassen, und wanderte zu +diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude +umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, +von zahlreichen Säulen umfasster Raum, entweder +auch eine nochmalige Wiederholung des Peristyls, +oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's +gegenwärtig, denn wie der Oecus der +Casa di Meleagro war er ganz mit blühendem +Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt +der Besucher durch die stille Verlassenheit.</p> + +<p>Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss +an, er befand sich doch nicht allein hier, sein +Blick traf in einiger Entfernung auf zwei Gestalten, +die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, +da sie so nah als irgendmöglich aneinandergedrängt +standen. Sie nahmen ihn nicht gewahr, +<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a> +denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt +und mochten sich dabei in dem Winkel durch die +Säulen für etwaige andere Augen unentdeckbar +gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den +Armen umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen +zusammengeschlossen, und der unvermuthete Zuschauer +erkannte zu seiner Ueberraschung, es +seien der junge Herr und die junge Dame, an +denen er gestern Abend zum erstenmal auf seiner +Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei +Geschwister aber bedünkten ihn ihr gegenwärtiges +Verhalten, die Umarmung und der Kuss von zu +langer Andauer, also war es doch ein Liebes- +und muthmasslich junges Hochzeitspaar, auch ein +August und eine Grete.</p> + +<p>Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden +Letzteren Norbert augenblicklich nicht in den +Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus nicht +lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte +noch sein Wohlgefallen an den Beiden. Was sie +thaten, kam ihm ebenso natürlich wie vollbegreiflich +vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden +Bild mit grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf +einem der am höchsten bewunderten antiken +Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser Betrachtung +<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a> +noch länger überlassen. Doch war's +ihm zu Muth, als sei er unberechtigt in einen +geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff, +darin eine geheime Andachtsübung zu stören; +die Vorstellung, dabei wahrgenommen zu werden, +befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig um, +ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück +und lief, aus der Hörweite gelangt, beengten +Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo +del Fauno hinaus.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Als er vor dem Hause des Meleager ankam, +wusste er nicht, ob es bereits Mittagsstunde sei, +und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach +zu befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig +eine Weile auf das ›Have‹ des Einganges +niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab, +hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich +gleicherweise davor, die Gradiva drinnen nicht +anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem +Kopf hatte sich während der letzten Minuten +festgesetzt, im ersteren Falle halte sie sich anderswo +mit irgend einem jüngeren Herrn auf und +im zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen +<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> +zwischen den Säulen Gesellschaft. Gegen den +aber empfand er einen Hass noch weit stärker, +als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, +hatte bis heute nicht für möglich gehalten, +dass er einer so heftigen inneren Erregung fähig +sein könne. Das Duell, das er immer für eine +sinnlose Dummheit angesehen, erschien ihm plötzlich +in einem veränderten Lichte; hier ward es +zum Naturrecht, das der in seinem eigensten +Recht Gekränkte, zu Tod Beleidigte an sich nahm +als einzig vorhandenes Mittel, eine befriedigende +Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen +Daseins entäussern zu lassen. So setzte +sein Fuss sich mit jäher Bewegung doch zum +Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen +herausfordern und wollte – das drängte sich +fast noch gewaltsamer in ihm auf – ihr rückhaltlos +zum Ausdruck bringen, dass er sie für +etwas Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft +nicht fähig gehalten habe –</p> + +<p>So bis zum Lippenrande voll war er von +diesem Vorhaben der Empörung, dass es ihm auch +vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass +dafür zu Tage lag. Denn wie er mit stürmischer +Eile die Entfernung bis zum Oecus hinter sich +<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du +allein?!«, obwohl der Augenschein keinen Zweifel +darüber beliess, dass die Gradiva grad ebenso +einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf +der Stufe dasass. Sie sah ihn verwundert an +und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag +noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig +und sitzen beim Essen. Das hat die Natur für +mich sehr erfreulich so eingerichtet.«</p> + +<p>Seine überwallende Aufregung konnte sich +jedoch so rasch nicht beschwichtigen und liess +ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die +Muthmassung entfahren, die eben draussen mit +der Stärke einer Gewissheit über ihn gerathen; +denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig, +hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders +denken. Ihre hellen Augen hielten sich in sein +Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, dann +machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung +gegen ihre Stirn und sagte: »Du –.« +Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade +genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich +ich erwarten muss, dass du um diese Zeit hieherkommst. +Aber der Platz gefällt mir einmal +gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, +<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a> +das ich gestern vergessen hatte, mitgebracht. Ich +danke dir für deine bessere Achtsamkeit. Willst +du's mir nicht geben?«</p> + +<p>Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er +traf keinerlei Anstalt dazu, sondern blieb unbeweglich +auf demselben Fleck stehen. In seinem +Kopf dämmerte es, dass er sich eine ungeheure +Dummheit ein- und ausgebildet, dazu auch noch +ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich +fiel, wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, +reichte der Gradiva das Buch hin und setzte sich +zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe nieder. +Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: +»Du scheinst ein Freund von Rosen zu sein.«</p> + +<p>Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum +Bewusstwerden, was ihn zum Abpflücken und +Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er +entgegnete: »Ja – doch, ich habe sie nicht +für mich – du sprachst gestern – und auch +heut' Nacht sagte mir's Jemand – man gäbe +sie im Frühling –«</p> + +<p>Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: +»Ach so – ja, ich erinnere mich – +Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, +sondern Rosen. Das ist artig von dir; es +<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a> +scheint, du hast deine Ansicht von mir ein wenig +verbessert.«</p> + +<p>Ihre Hand streckte sich zum Empfang der +rothen Blumen aus, und diese ihr jetzt hinreichend, +versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest +nur in der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist +wahrscheinlich geworden, dass du auch zu anderer +Zeit – das macht mich sehr glücklich –«</p> + +<p>»Warum macht dich das glücklich?«</p> + +<p>Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, +nur um ihre Lippen ging ein kaum merkbar +leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es +ist schön, lebendig zu sein – mir ist dies früher +nie so – ich wollte dich noch fragen –«</p> + +<p>Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, +das Gefundene herausziehend, hinzu: »Hat diese +Spange ehemals dir gehört?«</p> + +<p>Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach +vor, doch sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich +kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach +wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird +vermuthlich erst aus diesem Jahr herstammen. +Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden? +Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch +vor, als hätte ich sie schon gesehen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a>Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne +– warum in der Sonne?«</p> + +<p>»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei +von der Art zu Stande. Sollte die Spange nicht +einem jungen Mädchen gehört haben, das mit +einem Begleiter zusammen, ich glaube in der +Umgegend des Forums, verunglückt sein soll.«</p> + +<p>»Ja, der seine Arme um sie geschlungen +hielt –«</p> + +<p>»Ach so –«</p> + +<p>Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva +als eine Lieblings-Interjection auf der Zunge, +und sie hielt danach einen Augenblick inne, ehe +sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte +sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa +– wie sagtest du vorhin? – dich unglücklich +gemacht?«</p> + +<p>Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich +erleichtert fühle, und vernehmlich klang's +auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber +– denn die Vorstellung, dass dir die Spange +gehört habe, verursachte mir einen – einen +Schwindel im Kopf –«</p> + +<p>»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu +hegen. Hast du vielleicht heut' Morgen zu frühstücken +<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a> +vergessen? Das verstärkt leicht solche +Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe +mich vor, da es mir am besten zusagt, um die +Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem +misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein +bischen abhelfen kann, dass ich meinen Vorrath +mit dir theile –«</p> + +<p>Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes +Weissbrod aus ihrer Kleidertasche, brach es durch, +legte ihm die eine Hälfte in seine Hand und begann +die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. +Dabei blitzen ihre ausnehmend zierlichen +und tadellosen Zähne nicht nur mit einem +perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern +verursachten beim Durchbeissen der Rinde +auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie +durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose +Scheingebilde, sondern von wirklicher körperhafter +Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte sie +mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten +Frühstückes wohl das Richtige getroffen; mechanisch +ass er ebenfalls und empfand eine entschieden +günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner +Gedanken ausgeübt. So sprachen sie Beide ein +Weilchen nicht weiter, sondern gaben sich schweigend +<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a> +der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, +bis die Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir +schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen +unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf +besinnen?«</p> + +<p>Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt +Wunder, dass sie von einer so unendlich fernen +Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des +Kopfes durch das Nährmittel hatte eine Umänderung +in seinem Gehirn nach sich gezogen. +Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit +hier in Pompeji umhergegangen, wollte sich nicht +mehr mit der gesunden Vernunft in Einklang +bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig +so, als ob es kaum mehr als zwanzig +Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe +des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte +Haar und die makellosen Zähne; auch die Vorstellung, +das helle, von keinem Schatten eines +Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte +Jahre in der <ins title="Bimsteinasche">Bimssteinasche</ins> gelegen, enthielt im +höchsten Masse Widerspruchsvolles. Norbert ward +von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er +eigentlich in wachem Zustande hier sitze oder +nicht wahrscheinlicher in seiner Studirstube, wo +<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> +er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva +von Schlaf überkommen worden, geträumt habe, +dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr als einer +noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter +träume, noch so an ihrer Seite in der Casa di +Meleagro zu sitzen. Denn dass sie wirklich noch +lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte +sich doch wohl nur in einem Traume zutragen +– die Naturgesetze erhoben dagegen einen Einwand –</p> + +<p>Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt +hatte, sie habe schon vor zweitausend Jahren +einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon +wusste er nichts und konnte doch darauf auch im +Traum nicht gerathen –</p> + +<p>Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern +ruhig auf ihren Knien – die trug den Schlüssel +zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in +sich –</p> + +<p>Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro +machte die Frechheit der gemeinen Stubenfliege +nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber +sah er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit +in suchender Gier auf und ab rennen; nun +schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, +ob er sich nicht an das schon früher gemeinsam +mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und +brachte, jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren +die Fliegen damals schon ebenso teuflisch wie +jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert +haben?«</p> + +<p>Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen +Erstaunen an und wiederholte: »Die Fliegen? +Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«</p> + +<p>Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer +auf ihrer Hand, die nicht durch die leiseste Regung +kundgab, dass sie etwas davon verspüre. +Bei dem Anblick aber mischten sich in dem jungen +Archäologen zwei gewaltsame Antriebe zur Ausführung +einer und der nämlichen Handlung ineinander. +Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' +und klatschte mit einem keineswegs gelinden +Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin +herunter.</p> + +<p>Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, +Bestürzung und doch auch ein freudiger Schreck +über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere +Luft hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes +und Starres, sondern auf eine unzweifelhaft wirkliche, +<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a> +lebendige und warme Menschenhand, die +einen Moment lang, augenscheinlich vollständig +verblüfft, regungslos unter der seinigen liegen +blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck +fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist +doch offenbar verrückt, Norbert Hanold.«</p> + +<p>Der Name, von dem er niemand in Pompeji +Mittheilung gemacht, ging der Gradiva so glatt, +zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der +Inhaber desselben noch stärker erschrocken von +der Stufe aufflog. Zugleich ertönten im Säulengang +unvermerkt nah herangekommene Fusstritte, +vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter +des sympathischen Liebespaars aus der Casa di +Fauno auf, und die junge Dame rief mit einem +Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch +hier? Und auch auf der Hochzeitsreise? Davon +hast du mir ja kein Wort geschrieben!«</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p>Norbert befand sich wieder draussen vor dem +Haus des Meleager in der Strada di Mercurio. +Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, +es musste instinktiv geschehen sein, und zwar +von einer blitzartigen Erleuchtung in ihm veranlasst, +<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a> +das einzige sei's, was er thun könne, um +nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. +Vor dem jungen Paar, mehr noch vor der von +diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben +mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und +am allermeisten vor sich selbst. Denn, wenn er +auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz +unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der +nicht wesenlosen, sondern körperhaft wirklichen, +warmen Menschenhand hatte eine zweifellose +Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den +beiden letzten Tagen in einem Zustand völliger +Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in +unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen +und Ohren, als sie zu ihrer vernünftigen Anwendung +Menschen von der Natur mitgegeben wurden. +Wie das sich derartig zugetragen habe, entzog +sich, gleich allem Uebrigen, seinem Verständniss; +nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein +sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, +der, in solcher Weise zur Oberhand gelangend, +etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum Gegentheil +umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch +wenigstens ein bischen mehr +Aufschluss zu gewinnen, war ein in unbesuchter +<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a> +Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst +aber trieb es Norbert an, sich möglichst +rasch aus dem Bereich der Augen, Ohren und +sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift +so benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck +entsprach.</p> + +<p>Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, +so war sie jedenfalls von dem unvorgesehenen +und um die Mittagsstunde nicht erwarteten +Besuch in der Casa di Meleagro auch, und nach +ihrem allerersten Mienenausdruck nicht in ausschliesslich +angenehmer Weise, überrascht worden. +Doch liess vom letzteren schon der nächste Augenblick +in ihrem klugen Gesicht keine Spur mehr +erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen +Dame entgegen und versetzte, ihr die Hand +reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, der +Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. +Also das ist seit vierzehn Tagen dein Mann? +Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen +und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen +offenbar meinen Glückwunsch nicht nachträglich +zu einer Condolation umzuändern. Paare, bei +denen das angebracht wäre, pflegen um diese +Zeit in Pompeji bei Tisch zu sitzen; ihr seid +<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a> +vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche +ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben +habe ich dir nichts; das wirst du mir nicht übel +nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst +nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch +einen Ring auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt +ausserordentlich kräftig auf die Einbildung, das +merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als +wenn sie zu nüchtern machte. Der junge Herr, +der eben fortging, laborirt auch an einem merkwürdigen +Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, +dass ihm eine Fliege im Kopf summt; nun, +irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin. +Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie +und kann desshalb bei solchen Zuständen +ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und +ich wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen +Anfall und dazu den guten Einfall, mich +mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine +eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn +keine Anforderungen stellen wollte. Ich sagte +mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl +schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den +Fund, den ich gemacht – ich meine das Glück, +dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem Gedanken +<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a> +gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, +wie's bei einer alten Freundin so geht – ganz +uralt allerdings sind wir doch grade noch nicht. +Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne +an den Sonnentisch, da muss ich seinem Appetit +Gesellschaft leisten und darum leider augenblicklich +auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die +Casa di Meleagro ja auch ohne mich besichtigen +können; ich verstehe das zwar nicht, aber ich denke +es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! +So viel Italienisch habe ich schon gelernt, und +viel mehr braucht man eigentlich nicht. Was sonst +noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst +– bitte, nein, senza complimenti!«</p> + +<p>Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich +auf eine höfliche Bewegung, mit der ihr der junge +Eheherr das Geleit geben zu wollen schien. Sie +hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen +und ganz den Umständen der unerwarteten Begegnung +mit einer nahstehenden Freundin entsprechend +ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen +Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, +dass sie sich gegenwärtig nicht länger aufhalten +könne, Zeugniss ablegte. Und so waren +nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen +<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a> +Abgang Norbert Hanold's verflossen, wie +sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in +die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der +Tageszeit gemäss, einzig da und dort von einer +schwänzelnden Lacerte belebt da, und für ein +paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande +Innehaltende offenbar einem kurz überwägenden +Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die +nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, +überschritt an der Kreuzung des Vicolo di Mercurio +und der Strada di Sallustio mit dem anmuthig-behenden +Gradiva-Gang die Trittsteine und +gelangte so sehr rasch bis an die beiden Seitenmauerreste +der Porta Ercolanese. Hinter dieser +dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch +nicht weissblendend und von glitzernden Strahlen +verhängt, wie vor vierundzwanzig Stunden, als der +junge Archäologe ebenso mit suchenden Augen +von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die +Sonne schien heut' von einem Gefühl überkommen +zu sein, dass sie am Vormittag doch des Guten +ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen +grauen Schleier vor sich gezogen, an dessen Verdichtung +sichtlich noch weiter gearbeitet wurde, +und in Folge davon hoben die hin und wieder +<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a> +an der Strada de' Sepolcri aufgewachsenen Cypressen +sich ungewöhnlich scharf und schwarz +gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als +gestern war's, der geheimnissvoll Alles überflimmernde +Glanz fehlte ihm; auch die Strasse +befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, +hatte gegenwärtig ein ihrem Namen Ehre +machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser +Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an +ihrem Ende nicht aufgehoben, sondern eher noch +erhöht; es sah aus, als ob dort in der Umgegend +der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren +Tumulus aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler +verschwinde.</p> + +<p>Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager +zum Albergo del Sole war's, vielmehr eigentlich +die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber +die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht +gekommen sein, dass die Zeit doch noch nicht +so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn +nach einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor +ging sie, die Sohle des zurückbleibenden Fusses +jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über +die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.</p> + +<p class="asterisk-break">* * *</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>Die ›Villa des Diomedes‹ – äusserst beliebig +von den Heutlebenden so nach einem Grabmal +benannt, das ein ›Libertus‹ Marcus Arrius Diomedes, +der zu einem Vorstand des früher hier +gelegenen Stadttheiles aufgerückt gewesen, in der +Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie +für sich und seine Angehörigen errichtet hatte – +war ein sehr umfänglicher Bau und barg ein +nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht +schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom +Untergang Pompejis in sich. Eine <ins title="Wirniss">Wirrniss</ins> weitläufiger +Trümmerreste machte den oberen Theil +aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, +ringsum von einem erhalten gebliebenen Pfeilerporticus +umschlossener Gartenraum mit kargen +Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels +in der Mitte, und noch weiter abwärts führten +zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von +trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe +nieder. Auch in dies war die Vesuvasche eingedrungen, +und man hatte hier in ihr die Skelette +von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; +Schutz suchend, waren sie mit einigen hastig zusammengerafften +Nahrungsmitteln in das halbunterirdische +Gelass geflüchtet und die trügerische +<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a> +Zuflucht allen zur Gruftstatt geworden. An anderer +Stelle lag der muthmassliche, namenlose Herr des +Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden hingestreckt; +er hatte sich durch die verschlossene +Gartenthür retten wollen, denn er hielt den +Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm +kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das +eines Dieners, der eine beträchtliche Anzahl +goldener und silberner Münzen mit sich getragen. +Von der erharteten Asche waren die Körperformen +der Verunglückten erhalten gewesen; im Museo +Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier +aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der +Schultern und des schönen Busens eines jungen, +mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens +bewahrt.</p> + +<p>Die Villa des Diomedes bildete wenigstens +einmal unerlässlich das Wegziel für jeden pflichtgetreuen +Pompeji-Besucher, doch jetzt um die +Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten +räumlichen Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit +annehmen, dass keinerlei Neugier sich in ihr +aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster +Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss +erschienen. Das verlangte dringlichst +<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a> +nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille +und unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber +erhob eine treibende Unruhe in seinem Gefässsystem +einen energischen Gegenanspruch, und er +hatte zwischen den beiden Forderungen eine +Übereinkunft schliessen müssen, dass der Kopf +die seinige zu behaupten suchte, dagegen den +Füssen freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. +So wanderte er seit seiner Hierherkunft rundum +durch den Porticus; ihm gelang dabei, das körperliche +Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte +sich, sein geistiges in den gleichen Normalzustand +zu versetzen. Das aber erwies sich in der Ausführung +schwieriger als in der Absicht; allerdings +stand als unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, +er sei völlig ohne Sinn und Verstand gewesen, +zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger +leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin +beisammensitze, und diese deutliche +Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen +wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur +gesunden Vernunft. Doch fand diese sich damit +entschieden noch nicht in ihre ordnungsmässige +Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch +aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes +<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a> +Steinbild, so stand trotzdem gleicherweise ausser +Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war ein +unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, +auch Andere sahen sie, wussten, dass sie Zoë +hiess, und sprachen mit ihr als einer ihnen +gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber +wusste sie auch seinen Namen, und das konnte +wieder nur einer übernatürlichen Befähigung ihres +Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb +auch für die in den Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. +Doch gesellte sich der unvereinbaren +Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm +selbst hinzu, denn er hegte den inständigen +Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der Villa +des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit +er nicht Gefahr laufe, der Zoë-Gradiva nochmals +irgendwo zu begegnen; zugleich indess klopfte +ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass +er noch lebte und dadurch in stand gesetzt ward, +irgendwo noch wieder mit ihr zusammenzutreffen. +Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden +Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen +Kopf herum, und ebenso lief er anhaltlos rundum +durch den langen Porticus, der ihm nicht zu +einer Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im +<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a> +Gegentheil rührte ihn eine undeutliche Empfindung +an, dass sich alles nur noch immer mehr um +ihn und in ihm verdunkle.</p> + +<p>Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier +Ecken des Pfeilerganges umbiegend, zurück. Auf +ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem +Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen +Mauerstück eines der jungen Mädchen, +die hier in der Asche den Tod gefunden.</p> + +<p>Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft +abgethan. Auch seine Augen und noch +etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes +in ihm erkannten es. Die Gradiva war's, sie +sass auf dem Steinrest wie sonst auf der Stufe, +nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre +frei herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen +Schuhen bis an das zierliche Knöchelgelenk +unter dem Kleidsaum hervor.</p> + +<p>Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert +zwischen zwei Pfeilern durch den Gartenraum +hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit +einer halben Stunde am meisten auf der Welt +fürchtete, war jählings eingetreten, sah ihn mit +den hellen Augen und darunter mit Lippen an, +die nach seiner Empfindung im Begriff standen, +<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a> +in ein spöttisches Lachen auszubrechen. Doch +thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme +klang nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst +du nass.«</p> + +<p>Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; +davon war's so dunkel geworden. Das gereichte +fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in +Pompeji zum Vortheil, aber anzunehmen, dass +ein Mensch des Nämlichen dadurch theilhaft werde, +enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold +scheute augenblicklich weit mehr als vor einer +Todesgefahr davor zurück, sich lächerlich zu machen. +Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, davonzukommen, +auf, stand rathlos da und sah +auf die beiden Füsse, die jetzt, als ob sie etwas +in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her +schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht +grade so klärend auf seine Gedanken einwirkte, +dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie finden +konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse +nochmals das Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, +du wolltest mir etwas von Fliegen erzählen +– ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche +Untersuchungen anstelltest – oder von +einer Fliege in deinem Kopf. Ist dir's geglückt, +<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a> +sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«</p> + +<p>Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden +Zug um die Lippen, der indess so leicht und +anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an +sich trug. Im Gegentheil verlieh er dem Befragten +jetzt Sprechfähigkeit, nur mit der Beschränkung, +dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste, +welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner +Antwort bedienen solle. Um diesem Dilemma +zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt +keines anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war +– wie Jemand sagte – etwas verwirrt im Kopf +und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand +derartig – wie ich so sinnlos sein konnte, ist +mir nicht begreiflich – aber ich bin auch nicht +im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir +meine – meine Unvernunft mit meinem Namen +vorhalten konnte.«</p> + +<p>Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung +inne, und sie entgegnete, bei der Anrede +<ins title="n">in</ins> der zweiten Person verbleibend: »So weit ist +dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, +Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich +allerdings nicht, da du mich lange daran gewöhnt +<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a> +hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte +ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht, +und du hättest sie mir um gut hundert Meilen +näher bestätigen können.«</p> + +<p>»Um hundert Meilen näher« – wiederholte +er verständnisslos und halb stotternd – »wo +ist das?«</p> + +<p>»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem +Eckhaus, an meinem Fenster steht ein Käfig mit +einem Canarienvogel.«</p> + +<p>Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne +rührte das letzte Wort den Hörer an, der es +wiederholte: »Ein Canarienvogel –« und er +fügte, noch entschiedener stotternd, hinzu: »Der +– der singt?«</p> + +<p>»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, +wenn die Sonne wieder warm zu scheinen +anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der +Professor der Zoologie Richard Bertgang.«</p> + +<p>Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu +einer noch niemals von ihnen erreichten Grösse. +Er sprach abermals nach: »Bertgang – dann +sind Sie – sind Sie – Fräulein Zoë Bertgang? +Die sah aber doch ganz anders aus –«</p> + +<p>Die beiden herabhängenden Füsse fingen +<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a> +wieder ein wenig an zu schlenkern, und Fräulein +Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede +passender zwischen uns findest, kann ich sie ja +auch anwenden, mir lag nur die andere natürlicher +auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob +ich früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander +herumliefen, gelegentlich uns zur Abwechslung +auch knufften und pufften, anders +ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten +Jahren einmal mit einem Blick auf mich Acht +gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht aufgegangen, +dass ich schon seit längerer Zeit so +aussehe. – Nein, jetzt schüttet's, wie man bei +uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie keinen +trockenen Faden.«</p> + +<p>Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf +eine Erneuerung der Ungeduld in ihr oder was +es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den +Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft +unmuthiger Anzüglichkeit gerathen und Norbert +dabei von einem Gefühl überkommen worden, +dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines +ausgescholtenen und auf den Mund geschlagenen +grossen Schuljungen zu verfallen. Das liess ihn +mechanisch noch einmal nach einem Ausweg +<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a> +zwischen den Pfeilern suchen, und auf seine Bewegung, +durch welche er diesen Antrieb kundgegeben, +hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte +Aeusserung Fräulein Zoë's bezogen. Und +allerdings in unanfechtbar zutreffender Weise, +denn für das, was sich jetzt ausserhalb des +Schutzdaches zutrug, war ›schütten‹ eigentlich eine +gelinde Bezeichnung. Ein tropischer Wassersturz, +wie er sich nur selten einmal des sommerlichen +Durstes der campanischen Gefilde erbarmte, schoss +senkrecht herunter, rauschte, als ergiesse sich das +tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa +des Diomedes, und stand andrerseits wie eine +feste, aus Milliarden nussgrosser und perlenhaft +blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da. +Das machte in der That ein Entkommen in die +freie Luft hinaus zur Unmöglichkeit, zwang Norbert +Hanold, in der Schulstube des Porticus zu +verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem +feinen, klugen Gesicht benützte diesen Riegelverschluss +zu einer noch weiteren Fortsetzung ihrer +pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer +kurzen Pause fortfuhr:</p> + +<p>»Damals, so bis um die Zeit, in der man +uns, ich weiss nicht wesshalb, Backfische titulirt, +<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a> +hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige Anhänglichkeit +an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte +nie einen mir angenehmeren Freund auf der +Welt finden. Mutter und Schwester oder Bruder +hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche +in Spiritus bedeutend interessanter als ich, +und etwas muss man, wozu ich auch ein Mädchen +rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken +und was sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen +kann. Das waren also Sie damals; +doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen +war, machte ich die Entdeckung, dass +aus dir – entschuldigen Sie, aber Ihre schickliche +Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und +passt auch nicht zu dem, was ich ausdrücken will +– ich wollte sagen, da stellte sich heraus, dass +aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden +war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr +im Kopf, keine Zunge mehr im Mund und keine +Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere +Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum +sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn +ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam, +noch im letzten Winter einmal, sahst +du mich nicht, und noch weniger bekam ich deine +<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a> +Stimme zu hören, worin übrigens keine Auszeichnung +für mich lag, weil du's mit allen +Andern ebenso machtest. Ich war Luft für dich, +und du warst mit deinem blonden Haarschopf, +an dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, +vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter +Kakadu und dabei so grossartig wie ein +– Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche +Vogelungethüm ja wohl. Nur dass dein +Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie beherbergte, +hier in Pompeji mich auch für etwas +Ausgegrabenes und wieder lebendig Gewordenes +anzusehn – das hatte ich nicht bei dir vermuthet, +und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir +standest, kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, +dahinter zu kommen, was für ein unglaubliches +Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet +hatte. Dann machte mir's Spass und +gefiel mir auch trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so +übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir +nicht vermuthet.«</p> + +<p>Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am +Schluss im Ausdruck und Ton etwas abgemildert, +ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche +Strafrede, und merkwürdig in der That war's, +<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a> +wie genau sie dabei dem Reliefbildniss der +Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, +der Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden +Augen, dem reizvoll gewellten Haar, wie in der +mehrfach zur Schau gestellten graciösen Gangweise; +auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch +aus einem crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen +Kaschmirstoff vollendeten die ausserordentliche +Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. +Es mochte viel Thorheit in dem Glauben gelegen +haben, dass eine vor zwei Jahrtausenden vom +Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder +lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod +essen könne, aber wenn der Glaube selig machte, +nahm er überall eine erhebliche Summe von +Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung +sämmtlicher Umstände lagen unstreitig +bei der Beurtheilung der Kopfverfassung Norbert +Hanold's doch einige Milderungsgründe für die +Verrücktheit vor, dass er zwei Tage lang die +Gradiva als Rediviva angesehen hatte.</p> + +<p>Obwohl er trocken unter dem Porticusdach +dastand, liess sich doch nicht ganz unzutreffend +ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen +Pudel anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel +<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a> +über den Kopf geschüttet worden. Allein eigentlich +hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. +Ohne recht zu wissen, warum, fühlte er seine +Brust davon wesentlich zu besserem Athemholen +erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die +Tonumänderung am Schlusse der Predigt – denn +die Rednerin sass wie auf einem Kanzelstuhl – +mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr +zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer +gerathen, wie er aus den Augen andächtig ergriffener +Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung +auf ein Seligwerden durch den Glauben zum +Vorschein bringt. Und da die Abkanzlung nun +überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung +zu befürchten schien, gelang's ihm, vom +Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne ich – nein, +im Grunde hast du dich garnicht verändert – +du bist es, Zoë – meine gute, fröhliche, klugsinnige +Kameradin – das ist höchst sonderbar –«</p> + +<p>»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig +zu werden. Aber für die Archäologie ist das +wohl nothwendig.«</p> + +<p>»Nein, ich meine dein Name –«</p> + +<p>»Warum ist der sonderbar?«</p> + +<p>Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in +<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a> +den klassischen Sprachen, sondern auch in der Etymologie +der germanischen bewandert und versetzte: +»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist +und ›die im Schreiten Glänzende‹ bezeichnet.«</p> + +<p>Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein +Zoë Bertgang's erinnerten augenblicklich durch ihre +Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig wippende, +auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche +Erläuterungen schienen nicht das zu +sein, worauf die Inhaberin der im Schreiten glänzenden +Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. +Auch durch ihre Miene erregte sie den +Eindruck, mit irgend einer hurtigen Ausführung +umzugehen, ward davon indess noch durch einen +hörbar aus tiefster Ueberzeugung heraufkommenden +Ausruf Norbert Hanold's abgehalten: »Aber +welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, +sondern so, wie die sympathische junge Dame!«</p> + +<p>Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung +über ihr Gesicht gehen, und sie fragte: +»Wer ist das? Wen meinst du?«</p> + +<p>»Die dich im Haus des Meleager anredete.«</p> + +<p>»Kennst du die?«</p> + +<p>»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war +die erste, die mir vortrefflich gefallen hat.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>»So? Wo hast du sie denn gesehen?«</p> + +<p>»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da +thaten die Beiden auch etwas ganz Sonderbares.«</p> + +<p>»Was thaten sie denn?«</p> + +<p>»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«</p> + +<p>»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu +sind sie sonst in Pompeji auf der Hochzeitsreise?«</p> + +<p>Mit einem Schlage veränderte sich bei dem +letzten Wort vor den Augen Norbert's das bisherige +Bild, denn der alte Mauerrest lag leer +geworden da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, +Lehrkatheder und Kanzel auserwählt gehabt, von +ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich geflogen, +und zwar ebenfalls mit der eigenartig +wiegenden Behendigkeit einer sich durch die Luft +davonschwingenden Bachstelze, so dass sie schon +wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick +ihren Niederflug mit Bewusstsein aufgefasst hatte. +Und wie unmittelbar im Sprechen fortfahrend, +sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge +Herren regieren nicht lange. Das ist ja +auch vernünftig, und so ist Alles wieder zur +Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und +du kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen +<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a> +Namen sie trägt, wieder aufsuchen, um ihr bei +dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji wissenschaftlich +behülflich zu sein. Ich muss jetzt in +den Albergo del Sole, denn mein Vater wird +schon zum Mittagessen auf mich warten. Vielleicht +treffen wir uns in einer Gesellschaft in +Deutschland oder auf dem Mond noch einmal +wieder. Addio.«</p> + +<p>Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus +artigen, doch auch ebenso gleichmüthigen Ton +einer jungen Dame von bester Erziehung und +stellte, den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch +die Sohle des rechten beinah senkrecht zum Weitergange +auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des +draussen stark durchnässten Bodens mit der +linken Hand ihr Kleid ein wenig in die Höh +raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, +und der auf kaum mehr als doppelte Armlänge +von ihr entfernt Stehende nahm nur zum erstenmal +eine ganz geringfügige Abweichung der +lebendigen von der steinernen gewahr. Dieser +fehlte etwas, das jene besass, und das augenblicklich +besonders deutlich an ihr zu Tage trat, +ein kleines Grübchen auf der Wange, darin sich +ein winziger, nicht bestimmbarer Vorgang zutrug. +<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a> +Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, +konnte damit einen Verdruss oder auch einen +verhaltenen inneren Lachreiz, möglicherweise +beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. +Darauf sah Norbert Hanold hin, und obwohl er +nach dem ihm eben ausgestellten Zeugniss wieder +völlig zur Vernunft gelangt war, mussten +seine Augen doch nochmals einer optischen +Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit einem +eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden +Ton aus: »Da sitzt die Fliege wieder!«</p> + +<p>So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen +Hörerin, die sich nicht selbst anzusehen +vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die +Fliege – wo?«</p> + +<p>»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang +der Antwortende plötzlich einen Arm um ihren +Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm +so tief verabscheuten Insekt, das die Vision seinem +Blick in dem Grübchen vorgaukelte, mit den Lippen. +Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich danach +rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf +der Lippe!«, und damit wendete er blitzgeschwind +seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber so +lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber +<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a> +bleiben konnte, er gelange zur vollkommensten +Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise +behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal +durch nichts dabei, und als ihr Mund nach +Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal +genöthigt sah, tief nach Athem zu ringen, sagte +sie, zur Sprachfähigkeit zurückversetzt, nicht: »Du +bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« vielmehr +liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich +stärker als zuvor gerötheten Lippen erkennen, +sie sei eher noch mehr von der vollständigen +Gesundung seiner Vernunft überzeugt +worden.</p> + +<p>Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden +in einer bösen Stunde sehr Schauerliches +gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm +und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur +Dinge, die sich nicht im allergeringsten zur Einflössung +eines Grausens eigneten. Dann jedoch +machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang +eine verständige Besinnung geltend, und in Folge +davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und +Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich <em class="gesperrt">wirklich</em> +gehen, sonst verhungert mein armer Vater. +Mich däucht, du kannst heute auf die Mittagsgesellschaft +<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a> +Gisa Hartleben's verzichten, da du +nichts mehr von ihr zu lernen hast, und nimmst +am besten mit in der Sonnenwirthschaft vorlieb.«</p> + +<p>Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das +während der Stunde unter vielem Anderm mit +zur Rede gekommen sein musste, denn es wies +auf eine hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert +von der genannten jungen Dame zu Theil geworden. +Doch fasste er aus den mahnenden +Worten nicht dies auf, sondern etwas zum erstenmal +ihm erschreckend ins Bewusstwerden Kommendes, +das sich durch die Wiederholung kundgab: +»Dein Vater – was wird der –?«</p> + +<p>Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein +Anzeichen in ihr dadurch erweckter Beunruhigung, +ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, <ins title="in">ich</ins> bin kein +unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; +wär' ich das, hätte sich mein Herz vielleicht +nicht so unklug an dich gehängt. Im +Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber +klar gewesen, dass ein Frauenzimmer auf der +Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann +die Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause +geschehen soll; die erspare ich meinem Vater +fast stets, und du kannst nach dieser Richtung +<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a> +also auch für deine Zukunft ziemlich beruhigt +sein. Sollte er jedoch zufällig einmal und grade +in diesem Fall eine andere Meinung haben als +ich, da machen wir's so einfach wie möglich. +Du fährst für ein paar Tage nach Capri hinüber, +fängst dort mit einer Grasschlinge – wie man's +macht, kannst du an meinem kleinen Finger einüben +– eine Lacerta faraglionensis, lässt sie hier +wieder laufen und fängst sie vor seinen Augen +noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl +frei zwischen ihr und mir, und du hast mich so +sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. +Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', +hab' ich mich bisher undankbar verhalten, denn +ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung wäre +ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager +gekommen, und das wäre doch schade gewesen, +nicht nur für dich, sondern auch für mich.«</p> + +<p>Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb +der Villa des Diomedes Ausdruck, und leider +war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, +der über die Stimme und Sprechweise der Gradiva +irgend welche Angaben machen konnte. Doch +wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang +ebenso wie alles Sonstige geglichen hatten, +<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a> +mussten sie einen ganz ungewöhnlich schönen +und schalkhaften Reiz besessen haben.</p> + +<p>Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so +stark überkommen, dass er, ein wenig zu poetischem +Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, +du liebes Leben und liebliche Gegenwart +– unsere Hochzeitsreise machen wir nach Italien und +Pompeji!«</p> + +<p>Das bildete einen entschiedenen Beleg für die +Erfahrung, wie sehr veränderte Umstände auch +eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen +und zugleich eine Gedächtnissschwächung +damit verbinden können. Denn es kam ihm gar nicht +in den Sinn, dass er sich und seine Begleiterin +auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen +werde, von misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen +die Namen August und Grete zu +empfangen; aber er dachte daran augenblicklich +so wenig, wie dass sie Hand in Hand mit einander +durch die alte Gräberstrasse von Pompeji +dahingingen. Freilich drängte diese sich auch +gegenwärtig der Empfindung nicht mehr als solche +auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte +wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes +Teppichgewirk auf die alten Lavaplatten, der +<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a> +Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und +die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit +Bimssteinen und Asche, von dem wohlthätigen +Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. +Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in +den Augen der jungen Zoologentochter, doch ihre +klugen Lippen entgegneten auf den kundgegebenen +Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls +aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: +»Darüber, denke ich, wollen wir +uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine +Sache, die wohl besser von uns Beiden erst noch +öfter in reiflichere Erwägung gezogen und künftigen +Eingebungen überlassen wird. Ich fühle +mich wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung +jetzt doch noch nicht völlig lebendig +genug.«</p> + +<p>Das zeugte auch von einer der Sprecherin +innewohnenden grossen Bescheidenheit hinsichtlich +der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in Dinge, +über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. +Sie waren an das Herculesthor zurückgelangt, wo +am Anfang der Strada Consolare alte Trittsteine +die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt +vor ihnen an und sagte mit einem eigenthümlichen +<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a> +Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier vorauf!« +Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte +den Mund seiner Begleiterin, und mit der Linken +das Kleid ein wenig raffend, schritt die Gradiva +rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft +dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden +Gangart durch den Sonnenglanz über +die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 30px;"> +<img src="images/doodad2.png" width="30" height="48" alt=""/> +</div> + +<div class="page-break" style="width: 16em; min-height: 127px; margin: 8em auto;"><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a> +<img src="images/rose.png" width="60" height="127" alt="" style="float:left;"/> +<p class="center">* Druck von *<br/> +Kamm & Seemann<br/> +* in Leipzig. *</p> +</div> + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_1">Seite 1</a>:<br/><span class="correction">andrerseit sindess</span> augenscheinlich keine Frau,<br/><span class="correction">andrerseits indess</span> augenscheinlich keine Frau,</li> +<li><a href="#Page_10">Seite 10</a>:<br/>Doch auch hier machten <span class="correction">zumeisf</span> lange<br/>Doch auch hier machten <span class="correction">zumeist</span> lange</li> +<li><a href="#Page_12">Seite 12</a>:<br/>Schwefeldunst in der Luft, ohne <span class="correction">davo nam</span> Athmen<br/>Schwefeldunst in der Luft, ohne <span class="correction">davon am</span> Athmen</li> +<li><a href="#Page_17">Seite 17</a>:<br/>ihre Gangart ins <span class="correction">Gedächtnis</span> zurückzurufen.<br/>ihre Gangart ins <span class="correction">Gedächtniss</span> zurückzurufen.</li> +<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/>atria, <span class="correction">peristyla</span> und tablina ihre vollsten Strahlengarben<br/>atria, <span class="correction">peristylia</span> und tablina ihre vollsten Strahlengarben</li> +<li><a href="#Page_53">Seite 53</a>:<br/>di <span class="correction">Mercurio,</span> durchschnitt die breitere, zur Rechten<br/>di <span class="correction">Mercurio</span> durchschnitt die breitere, zur Rechten</li> +<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br/>sondern einem leicht ins <span class="correction">Gebliche</span> fallenden warmen<br/>sondern einem leicht ins <span class="correction">Gelbliche</span> fallenden warmen</li> +<li><a href="#Page_72">Seite 72</a>:<br/>dem ersten besten Wege <span class="correction">zielloss</span> davongewandert,<br/>dem ersten besten Wege <span class="correction">ziellos</span> davongewandert,</li> +<li><a href="#Page_75">Seite 75</a>:<br/>sich leicht <span class="correction">hierin</span> und dorthin verneigend, einen<br/>sich leicht <span class="correction">hierhin</span> und dorthin verneigend, einen</li> +<li><a href="#Page_80">Seite 80</a>:<br/><span class="correction">dass</span> zugleich todt und lebendig, wenn auch dies<br/><span class="correction">das</span> zugleich todt und lebendig, wenn auch dies</li> +<li><a href="#Page_89">Seite 89</a>:<br/><span class="correction">So</span> habe ich mir dein Bild benannt, da ich<br/><span class="correction">»So</span> habe ich mir dein Bild benannt, da ich</li> +<li><a href="#Page_97">Seite 97</a>:<br/>Ostende der <span class="correction">langestreckten</span> alten Stadtmauer; in<br/>Ostende der <span class="correction">langgestreckten</span> alten Stadtmauer; in</li> +<li><a href="#Page_104">Seite 104</a>:<br/>eine absondere <span class="correction">Bewandniss</span> haben, denn ihr Duft<br/>eine absondere <span class="correction">Bewandtniss</span> haben, denn ihr Duft</li> +<li><a href="#Page_106">Seite 106</a>:<br/>logisch, auch ebenso <span class="correction">wünschenwerth</span> geltend. Nur<br/>logisch, auch ebenso <span class="correction">wünschenswerth</span> geltend. Nur</li> +<li><a href="#Page_118">Seite 118</a>:<br/>Jahre in der <span class="correction">Bimsteinasche</span> gelegen, enthielt im<br/>Jahre in der <span class="correction">Bimssteinasche</span> gelegen, enthielt im</li> +<li><a href="#Page_128">Seite 128</a>:<br/>Untergang Pompejis in sich. Eine <span class="correction">Wirniss</span> weitläufiger<br/>Untergang Pompejis in sich. Eine <span class="correction">Wirrniss</span> weitläufiger</li> +<li><a href="#Page_134">Seite 134</a>:<br/><span class="correction">n</span> der zweiten Person verbleibend: »So weit ist<br/><span class="correction">in</span> der zweiten Person verbleibend: »So weit ist</li> +<li><a href="#Page_147">Seite 147</a>:<br/>ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, <span class="correction">in</span> bin kein<br/>ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, <span class="correction">ich</span> bin kein</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA *** + +***** This file should be named 36275-h.htm or 36275-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/2/7/36275/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/American Libraries.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/36275-h/images/decoration.png b/36275-h/images/decoration.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a68346a --- /dev/null +++ b/36275-h/images/decoration.png diff --git a/36275-h/images/doodad1.png b/36275-h/images/doodad1.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c958ec5 --- /dev/null +++ b/36275-h/images/doodad1.png diff --git a/36275-h/images/doodad2.png b/36275-h/images/doodad2.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3bb54f6 --- /dev/null +++ b/36275-h/images/doodad2.png diff --git a/36275-h/images/logo.png b/36275-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cc0fb73 --- /dev/null +++ b/36275-h/images/logo.png diff --git a/36275-h/images/rose.png b/36275-h/images/rose.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b329ea6 --- /dev/null +++ b/36275-h/images/rose.png diff --git a/36275-h/images/title-page.jpg b/36275-h/images/title-page.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fdfb46c --- /dev/null +++ b/36275-h/images/title-page.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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