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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:05:26 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Gradiva
+ Ein pompejanisches Phantasiestück
+
+Author: Wilhelm Jensen
+
+Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
+produced from images generously made available by The
+Internet Archive/American Libraries.)
+
+
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+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ Gradiva
+
+ Ein pompejanisches Phantasiestück
+ von
+ Wilhelm Jensen
+
+ Dresden und Leipzig
+ Verlag von Carl Reissner
+ 1903.
+
+
+
+
+Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert
+Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er
+sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen
+vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu können. Der hing nun schon
+seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist
+von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen
+Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne
+besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss
+eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch
+jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich
+keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der
+Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach
+erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin,
+ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht
+niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermassen ›Heutiges‹ zur
+körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen
+mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse
+im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe.
+Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein
+faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich
+schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus.
+Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in
+den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit
+auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge
+sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich
+zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch
+plastische Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken
+Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut,
+die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah
+dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz
+leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr
+ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln
+niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Füsse in den
+Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der
+rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen
+den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben.
+Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der
+Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das
+verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend,
+die eigenartige Anmut.
+
+Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent
+der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief
+nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss
+alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er
+wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt
+habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des
+ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem
+Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich ›Gradiva‹ benannt,
+›die Vorschreitende‹; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich
+dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes
+Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des
+jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer
+Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem
+Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco
+ortus. Vielleicht -- ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die
+Vorstellung -- konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der
+sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgend einer
+Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin.
+
+Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in
+den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen,
+ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige
+Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere
+Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu
+einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« -- ihren wirklichen Namen
+vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen -- »die Tochter des ...
+sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.«
+
+Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe
+festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung
+ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen
+hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in
+Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild
+Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen
+eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen
+trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht
+und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie,
+wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen
+hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und
+bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und
+weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie
+erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der
+lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach
+Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe
+traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden,
+Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brode ausgelegt,
+Thonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den
+Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke
+sass eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem
+halben Dutzend der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der Schale
+weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und
+tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf
+lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit rothen und gelben
+Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung
+zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue
+empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der
+heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner
+heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den
+zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs
+bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit
+einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen
+Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt
+die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde
+Lacerte von ihnen fort.
+
+So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der täglichen
+Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue
+Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn
+mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von
+griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische
+Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte
+die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her,
+und weitere, den darauf Fussenden angenehm berührende Vorstellungen
+entsprangen daraus. Dann hatte die junge ›domina‹ vielleicht in ihrem
+Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung
+genährt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem
+Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner
+Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen.
+
+Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches
+archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und
+Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine
+Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit
+zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische
+Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der
+Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er
+nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von
+Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu.
+Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses
+als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die
+nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen
+Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige während des
+flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels
+gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens,
+weil am zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte einmal die
+Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage
+vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides
+ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt
+hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte
+er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wusste indess nicht zu
+sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen
+unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung.
+
+Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte
+Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur
+Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen.
+Das nöthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das
+weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder
+Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen
+desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein
+Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit
+dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen
+Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der
+Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss
+nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier
+machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
+hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit
+Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks
+für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er
+beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser
+Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg
+verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse.
+Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füssen
+gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug
+der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder
+Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr
+einnehmendem Aeussern war, drückte sich in ein paar Augen das
+Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum
+Verständniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner
+Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von
+Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten
+vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen
+schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle
+nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu
+zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine
+einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der
+Genugthuung, er habe sich in seinem archäologischen Urtheil über das
+Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen
+ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des
+anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie
+oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht
+entsprach.
+
+Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntniss
+eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll beängstigenden
+Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24.
+Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit
+sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in
+einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch
+eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von
+blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln
+oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen
+kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten
+die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar
+geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen
+Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie
+er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er
+plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte
+ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf
+einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie
+in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit
+ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis
+in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre
+schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als ›lente
+festinans‹. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des
+Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen
+Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt
+niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken
+nachzuhängen; darüber vergass auch er den furchtbaren Vorgang,
+wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre
+lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese
+aufs genaueste einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, kam
+ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem
+allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem
+Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm
+entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot,
+doch mit einem völlig verständnisslosen Ausdruck und ohne weiter
+achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort.
+Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu
+weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels
+hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine
+Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die
+Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig undurchsichtigen
+Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu
+der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie,
+von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum
+Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den
+Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rothe Schein
+ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen
+Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den
+Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender
+Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind
+jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer
+Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres
+Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches
+Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen Decke
+begrub. Drauss ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur
+zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue
+Aschenfall empor.
+
+Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der
+nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende
+Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur
+Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein
+Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfältige Gelärm der
+Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll bis zu seinem
+Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm
+aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit,
+eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte,
+dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem
+Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden
+ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch
+Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die
+Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden
+sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit
+befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit
+einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte
+Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war
+gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so
+früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte.
+Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, liess der
+Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der
+verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt
+habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge
+der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen.
+
+Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu
+haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den
+Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum
+Norden vorgeschrittene Frühling lag draussen, gab sich in der grossen
+Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft
+kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die
+sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon
+kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre
+Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem
+offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied.
+Der arme Bursche that Norbert leid, er hörte unter dem hellem Klang
+trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne
+hinaus.
+
+Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei,
+denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's erst
+jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet
+habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das
+Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht
+gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an
+dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der
+Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte
+sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.
+
+Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten
+Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte
+er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein
+weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht
+elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis
+zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und
+seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden
+Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen
+Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so,
+ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben
+nicht zu.
+
+Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch
+recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Geländer
+niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe
+hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen
+hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von
+mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Dass sich
+diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte
+nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend
+Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den
+Obertheil, von der unteren Hälfte und den Füssen konnte er nichts
+gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir
+drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib
+die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend
+vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht
+wohl ein bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen
+hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach
+Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher
+bestätigte, dass er sich in einem für die Oeffentlichkeit nicht
+schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie
+er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn
+betroffen, da er auf Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und,
+von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück.
+Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung
+vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei
+dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet
+habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von
+drüben herschauend zu sehen gemeint.
+
+ * * * * *
+
+Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch
+beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und
+Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von
+einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als
+seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst
+günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem
+Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern
+konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem
+einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen
+und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen
+Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch
+Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf
+hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als
+einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers
+berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen
+Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese
+Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe
+seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen
+Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich
+festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes
+philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien
+gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren
+Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen.
+Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte
+nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen,
+seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner
+Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich
+mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen.
+Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch
+eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst
+schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze
+nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den
+Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass
+er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs
+bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst
+ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare
+Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte
+Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt,
+dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine
+Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung
+des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde,
+empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch
+gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in
+ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der
+er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer
+Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an.
+
+Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein
+mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine
+absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war,
+vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm
+selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten
+pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm
+als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher
+Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste,
+eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen,
+sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf
+für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet
+machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit
+zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft
+geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig
+gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle,
+und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle
+hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in
+sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals,
+und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle
+gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein
+Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte
+Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen,
+der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich
+herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter
+Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine
+Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er
+habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins
+Freie behindert wurden.
+
+Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch
+Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser
+Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der
+Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben
+Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch
+noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von
+den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die
+unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und
+fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der
+Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung
+entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als
+selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck
+dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in
+Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu
+vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in
+anderthalbtägiger Fahrt dorthin.
+
+ * * * * *
+
+Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön
+ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen
+nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften
+Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich.
+Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den
+einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts
+ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative
+kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und
+schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen,
+was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen
+hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche
+Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold
+ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden
+Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im
+Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit
+Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache
+sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu
+ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich
+entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher
+mit dem lebendigen ›Homo sapiens‹ der Linné'schen Classifizirung
+möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche
+Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom
+Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande,
+zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb
+unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten,
+noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen
+gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht
+einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine
+äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und
+gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie
+daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke
+durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich
+bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich
+dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen
+Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben
+verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das
+sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter
+allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste
+und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen
+Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die
+Krone auf.
+
+Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft
+zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem
+Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen
+Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und
+wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich
+wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm
+andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren
+gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz,
+die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien
+zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller
+bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn
+jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck
+sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie
+er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein
+Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde
+Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei
+grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in
+ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte
+er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und
+zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können,
+weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie
+Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen
+vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der
+›direttissimo‹ brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der
+Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels
+der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables
+angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm
+bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach
+einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen.
+
+Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern
+kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von
+der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem
+Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing
+auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im
+Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war
+durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan
+befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen
+davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand
+durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die
+unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten,
+mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre
+Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss
+auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu
+danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich
+vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten:
+
+»Mein einziger August --«
+
+»Meine süsse Grete --«
+
+»Nun haben wir uns wieder.«
+
+»Ja, endlich sind wir wieder allein.«
+
+»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«
+
+»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch
+nothwendig ist.«
+
+»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von
+Belvedere.«
+
+»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel
+schöner, als die capitolinische Venus.«
+
+»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?«
+
+»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der
+Eisenbahn fahren.«
+
+»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen,
+was würdest du da thun?«
+
+»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten
+sollte, und dich so auf die Arme nehmen.«
+
+»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«
+
+»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu
+vergiessen.«
+
+»Mein einziger August --«
+
+»Meine süsse Grete --«
+
+Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein
+unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er
+verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie
+eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden
+Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den
+Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und
+in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein
+Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu
+sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische
+Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm
+als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch
+mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung
+gelangend, nach einem Weilchen sagen:
+
+»Meine süsse Grete --«
+
+»Mein einziger August --«
+
+Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig.
+Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des
+Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den
+Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls
+allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen
+Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold
+wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf.
+
+Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er
+sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar
+beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei,
+der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von
+der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit
+schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus
+einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein
+wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer
+dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen
+Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich
+eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und
+fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den
+Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in
+diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung
+von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken
+Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz,
+entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen
+und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen
+Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der
+Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen,
+camera benannten Raum im ›Hotel Diomède‹ neben dem von Eucalyptusbäumen
+bewachten ›ingresso‹ zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte
+beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und
+Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war
+ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen
+Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider
+neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem
+jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern
+vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels
+am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder
+ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm
+bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn
+auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war
+Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit
+modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage:
+
+»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir
+uns doch auch anschaffen.«
+
+»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber
+gemacht sein.«
+
+»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken
+wird?«
+
+Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem
+wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles
+nur zur Delicatesse werden.«
+
+»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon
+Nähnadeln gehabt?«
+
+»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können,
+mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.«
+
+»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?«
+
+»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten
+Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.«
+
+»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich
+auch noch nach Pompeji selbst?«
+
+»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von
+Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die
+Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das
+könnte ich mir nie verzeih'n.«
+
+»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.«
+
+»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber
+eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich
+machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri
+fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein,
+und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst
+ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie
+gezogen habe.«
+
+»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du
+mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich
+habe dich ja bei mir.«
+
+August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert.
+Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig
+angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge
+herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er
+lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein
+Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte
+dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an,
+statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen
+Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und
+Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht
+im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine
+Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang
+für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten.
+Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus
+dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu
+finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das
+war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein
+Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die
+Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine
+befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen
+enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch
+in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton
+›leidenschaftlich‹ beilegen können -- und schon um eine Stunde später
+sass er in einer ›carozella‹, die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von
+Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend
+für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts
+breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren
+in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von ›pasta da Napoli‹
+aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren
+maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort
+durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der
+Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag-
+oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks
+verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel
+nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus
+flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die
+kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm
+fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über
+das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell'
+Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf
+seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des ›Hôtel Suisse‹ und
+›Hôtel Diomède‹ und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer
+Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der
+Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster
+Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor
+seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in
+den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht
+wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf
+ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der
+Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen
+seien.
+
+So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom
+deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit
+menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca
+domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich
+bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für
+ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte
+ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste
+Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der
+einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug
+vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen
+das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn
+hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland
+anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf
+ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr,
+verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen.
+Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich
+vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine
+süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger
+Wunsch nach einer ›scacciamosche‹, einer vortrefflich angefertigten
+Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus
+einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese
+nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen,
+bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und
+Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder
+Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen
+man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die
+gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte,
+verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen,
+seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede
+schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu,
+lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das ›Ding an sich‹,
+in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden.
+Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten
+Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des
+Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den
+Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag
+gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis
+zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert
+empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern,
+nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner
+Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her
+erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet
+habe.
+
+Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und
+wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld
+des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der
+hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr
+seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im
+Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot
+seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt.
+Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine
+andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um
+ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung
+auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die
+Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige
+Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt.
+Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten
+und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch
+winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er
+missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne,
+was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren
+in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu
+angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht
+in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm
+nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und
+sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer
+Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin,
+die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin,
+that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's
+vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in
+welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe.
+
+Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät
+am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten
+Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand
+Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine
+Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne
+Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien
+sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im
+Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt
+stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und
+Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die
+über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und
+Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte
+Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich
+das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau
+enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus,
+Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige
+Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein
+unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der
+Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare
+und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu
+bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an
+Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle
+Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim
+Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er
+gekommen, zum Diomed zurück.
+
+ * * * * *
+
+Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine
+Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum
+Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang
+wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen
+der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji
+hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den
+Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen
+Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen
+Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast
+ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder
+die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten
+drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem
+Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und
+Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig
+gewählte, mit einer guten ›mancia‹ verbundene Worte bald von der
+Lästigkeit seines ›guida‹ zu befreien, um unbehindert allein seinen
+Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass
+er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein
+Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob
+er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf
+eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber
+brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig
+vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am
+Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte.
+Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den
+blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise
+nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal
+geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im
+Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte
+ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand
+er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr
+von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse
+bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die
+esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes,
+als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich
+nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu
+einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten
+sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold
+gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der
+Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen.
+
+So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur
+Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere
+kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls
+ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie
+ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der
+Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht
+hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen,
+zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein
+Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den
+Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie
+hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die
+Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich
+sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten
+Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die
+Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen
+Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren
+Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer
+und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu
+thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit
+den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder
+Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den
+nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte
+Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in
+einem Causalverband damit hatten die ›charmings‹ sich in der letzten
+Stunde bereits erheblich vermindert, die ›shockings‹ sich um ebensoviel
+vermehrt und die männlichen ›auhs‹, zwischen noch weiter als vorher
+auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen
+Uebergang zum Gähnen angetreten.
+
+Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was
+ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm.
+Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu
+todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl
+an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für
+Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als
+komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur
+der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei
+Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun
+mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein
+tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus
+voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute
+nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten
+Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht
+lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so
+leis, mit heissem Athem an.
+
+Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie
+verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht
+konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz.
+Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der
+semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt
+hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria,
+peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
+Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken
+hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen
+das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu
+umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie
+ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen
+dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur
+die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis
+auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben
+der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt
+verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch
+der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit
+Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und
+Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt,
+hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos
+ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert.
+Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der
+heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben
+verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr
+aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen.
+
+Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich
+eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein
+unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark
+und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten
+Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten
+hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten
+schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer
+oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so
+veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen.
+Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte
+garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose
+Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der
+Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der
+Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und
+völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in
+den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in
+ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu,
+vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand
+versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr
+in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die
+lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch
+seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer
+Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur
+Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem
+Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren
+Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten
+sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten
+Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine
+Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung.
+Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere,
+gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube
+gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde
+der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona
+Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare,
+mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden
+war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den
+Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis
+entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein ›graffito‹ her, nur in
+halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen
+Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch
+jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine
+Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.
+
+Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das
+Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen
+konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der
+Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich
+Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm
+vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er
+überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu
+wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die
+Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein
+verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie
+wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten
+Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete,
+langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf
+der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen
+brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei,
+klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von
+ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem
+Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose
+archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte,
+philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele,
+dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach
+Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der
+heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit
+stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den
+leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu
+regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann löste die Sonne die
+Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die
+Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben.
+
+Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's
+waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls
+vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor
+sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter.
+Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos
+zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von
+einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass
+sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden
+Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen.
+
+Da plötzlich --
+
+Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als
+thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von
+rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die
+Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di
+Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin.
+
+Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie
+mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und
+genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der
+Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch
+überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige
+Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln
+reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung
+der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang,
+auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur
+stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit
+dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff
+verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins
+Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
+Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich
+mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab.
+
+Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss
+aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n,
+in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf
+die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung
+zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er
+sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb
+nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji
+weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden
+könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart
+musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden
+Abdruck der Zehen hinterlassen haben.
+
+Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch
+auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es
+verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden
+Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus
+Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen
+Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt
+plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden
+Lavaplatten der Strasse davon.
+
+Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und
+ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort,
+ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch
+einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen,
+durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken
+von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten
+Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden
+kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum
+Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem
+näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin.
+Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier
+die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück.
+So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig
+verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht
+sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig
+herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die
+goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht
+mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager
+verschwindend, geblieben sei.
+
+Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den
+Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr
+kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal
+tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben.
+
+Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit
+niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm
+gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen?
+
+Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich
+vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit
+einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch
+fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der
+Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so
+lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das
+sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.
+
+Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch
+noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels
+kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen
+Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse
+gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun,
+wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt,
+ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des
+kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen
+Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der
+Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte
+hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit
+etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er
+erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung,
+die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich
+mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid
+in einer der Metamorphosen geschildert:
+
+ Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange,
+ Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.
+
+Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt
+war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu,
+dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen
+habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um
+den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der
+campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch
+durch seinen Kopf.
+
+An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen,
+stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch
+erkennbar, der eingelegte Gruss ›Have‹ entgegensah. An der Wand des
+Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten
+Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige
+glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich
+das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener
+Marmortisch einnahm.
+
+Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd
+anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei.
+Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung
+von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium
+schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des
+Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von
+weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in
+Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der
+unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die
+verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich
+in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön
+gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen
+Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben.
+
+Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier
+regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem
+kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva
+sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in
+nichts zergangen.
+
+An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der
+einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb
+bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt
+schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes
+Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums,
+sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen
+früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und
+verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder
+übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der
+Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner
+die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein
+Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl
+sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu
+ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg.
+Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es
+den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und
+her.
+
+Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den
+ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam
+durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des
+Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus
+den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt,
+sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des
+Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine
+Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter
+und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine
+traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess
+blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen
+Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den
+Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und
+eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte.
+
+Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen -- nur etwa fünf Schritte von
+ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten
+gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien
+der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche
+Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob.
+Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie
+offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen,
+das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen
+Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon
+gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und
+Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es
+angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach
+Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen
+Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum
+sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren
+Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu
+unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und
+eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab.
+
+In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem
+glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn
+zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an.
+Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die
+Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten
+sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch
+beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr
+weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen
+Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen
+Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem
+gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter
+schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor,
+kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem
+zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand
+zusammengeschlossen.
+
+Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung,
+unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn
+abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du
+Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des
+Dichters Meleager?«
+
+Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem
+ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten
+sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein
+überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer
+Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der
+lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger
+Pompejis von latinischem Ursprung?«
+
+Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen
+Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung
+zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein
+stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die
+Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus.
+
+Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen,
+ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen
+eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf
+Deutsch thun.«
+
+Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden
+verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer
+Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit
+unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen,
+dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer
+Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell,
+wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine
+angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über
+das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich
+zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so
+gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich
+wusste es, so klänge deine Stimme.«
+
+In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für
+etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie
+nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.«
+
+Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach
+und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da
+sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn,
+und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir
+zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein
+Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg'
+es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück --«
+
+Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von
+den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der
+Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert,
+umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem
+braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre
+Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen
+Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick
+entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen
+ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den
+Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar,
+dann schien sie in den Boden versunken zu sein.
+
+Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem
+Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die
+Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines
+Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte
+Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen.
+Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch
+etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer
+den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des
+kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich
+selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht.
+
+Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du
+morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht
+um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel
+des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem
+treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam
+nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt,
+lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die
+Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame
+Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.
+
+ * * * * *
+
+Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war
+Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der
+Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr
+verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem
+ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich
+von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und
+der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der
+Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo
+auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen
+Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine
+geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte
+zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn
+verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der
+›cena‹ an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit
+Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte
+ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber
+ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen
+einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten
+Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war
+allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit
+sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste
+er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten
+des Diomed ins ›Hotel Suisse‹ hinüber, setzte sich auch dort in eine
+Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen
+Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen
+Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur
+ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen
+lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden
+waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als
+Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine
+gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten
+kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden
+sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch
+einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich
+war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn
+gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die
+Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass
+sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im
+Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner
+Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas
+geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach
+der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed
+zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde
+Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise,
+sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die
+Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen,
+sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
+aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die
+dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf
+dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken
+Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die
+unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch
+ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus
+denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten
+Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der
+Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden
+Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände
+schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise
+um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr
+nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen.
+Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen
+Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine
+Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das
+Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der
+junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte
+seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht
+das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein
+weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin,
+die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom
+Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der
+Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von
+ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als
+das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor
+seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra
+um ihn her.
+
+Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte,
+konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an
+wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch
+zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste
+webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit
+angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos
+eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse
+genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei
+hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am
+Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen,
+überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung
+von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den
+Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er
+befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine
+Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend
+seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in
+weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di
+Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und
+er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren,
+dass er der ›amministrazione‹ durch sein selbstherrliches Verfahren
+vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf
+irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn
+einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten
+Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen
+verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath
+ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger
+Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes,
+ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's
+ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher,
+ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft
+heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume
+der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für
+sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken
+Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr
+brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich
+ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola
+auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen
+schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche
+Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu.
+Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien
+die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die
+eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf
+der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades
+hinunterzugeleiten.
+
+Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die
+Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte,
+rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos
+wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium,
+zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus
+herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er
+gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem
+Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die
+archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste
+er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem
+Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste
+und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich
+mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich
+alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit
+die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und
+lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war.
+Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein
+einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's
+jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei
+vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet
+worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit
+lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und
+vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem
+apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die
+Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den
+gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er
+liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen,
+sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor
+Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber
+konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen
+wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen
+kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch
+wärest und lebtest!«
+
+Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen
+zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine
+andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du
+siehst ermüdet aus.«
+
+Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein
+Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen.
+Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr
+dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule.
+
+Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als
+die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?«
+
+Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn
+nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr
+gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen
+waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als
+mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn
+angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes
+gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer
+veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender
+Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie
+sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in
+der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht
+angemessen sei, denn sie hatte sich auch des ›Du‹ bedient, und es kam
+ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen.
+Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm
+sie nochmals wieder das Wort und sagte:
+
+»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum
+Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da
+ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht
+daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«
+
+Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich
+fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen
+des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.«
+
+»Ach so -- damals. Ja richtig -- das war mir nicht eingefallen. Aber ich
+hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben
+müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war
+zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht
+besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich
+däucht, du siehst jünger aus.«
+
+Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes,
+äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene
+Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein,
+wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war
+vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt,
+gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte --
+aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder --«
+
+In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber
+Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie
+wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder?
+In dem Traum? Woran?«
+
+»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«
+
+»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?«
+
+Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja --
+weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst,
+wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte
+dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner
+Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem
+Reliefbild in Rom überein.«
+
+»Ach so --« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher --
+»mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht
+und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort
+hast du's also gesehen?«
+
+Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er
+hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen,
+der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich,
+ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge
+Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine
+einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt
+wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu
+reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden
+könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse
+gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor
+ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das
+Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse
+wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager
+verschwunden.
+
+Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das
+Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«
+
+Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins
+Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und
+kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus
+zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es
+nicht.«
+
+»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl
+vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen,
+was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte
+doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit
+meintest.«
+
+Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es
+nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der
+Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und
+pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem
+Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei
+meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.«
+Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner
+Gangart, von der du vorhin sprachst?«
+
+Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf
+zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf --«
+
+Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung,
+dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er
+sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des
+Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem
+Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in
+Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer
+Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es
+war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt.
+Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.«
+
+Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich
+glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein
+Bildniss --«
+
+Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine
+Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so
+festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht
+emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie
+unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle
+Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend
+wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer
+Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie:
+»Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen
+Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und
+Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist
+denn Besonderes daran?«
+
+Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht
+ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun,
+dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen
+Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in
+seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen
+Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne
+Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme
+vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen,
+gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her
+nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen
+gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas
+denen der Gradiva geähnelt hätten.
+
+»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von
+grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen
+wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen
+gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?«
+
+»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
+wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.«
+
+Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund
+zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung
+erwiderte: »Ich heisse Zoë.«
+
+Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an,
+aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.«
+
+»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich
+habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für
+heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie
+mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.«
+
+Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die
+Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den
+Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser
+daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der
+Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir
+verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn
+auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können
+wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle
+steht: Have, und ich spreche es dir: Have!«
+
+Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als
+ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles
+wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller,
+gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über
+die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den
+verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das
+Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien
+gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die
+Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit
+Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern
+Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa
+di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über
+die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des
+Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass
+die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie
+dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren
+das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer
+Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu,
+die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer
+Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von
+fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem
+Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten
+Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles
+Erinnerungsstück war.
+
+Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang
+und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen
+Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher
+Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del
+Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber
+durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva
+versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig,
+und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf
+diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein,
+und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis
+zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss
+gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada
+di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem
+glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa
+des Diomedes zu zergehen.
+
+ * * * * *
+
+Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem
+Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad
+aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer
+sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter
+und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht
+gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen
+Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des
+Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_
+liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren
+Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen
+war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch
+sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht,
+der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon
+suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien,
+indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und
+weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich,
+allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand
+müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in
+Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er
+fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges,
+ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen
+verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen
+konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein
+Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose,
+wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich
+dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen
+Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres
+Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine
+Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das
+Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie
+über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu
+halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie
+berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur
+auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein
+eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der
+Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder
+der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich
+bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck
+durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz
+verursachen.
+
+Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines
+Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er
+bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von
+Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte
+Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon
+graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand
+Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem
+heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte
+den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen
+Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für
+die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es
+durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei
+Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen
+muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich
+habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie
+sich ganz ruhig --«
+
+Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor
+vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus
+einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale
+Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse
+hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert
+Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf
+den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des
+Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden
+Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede
+desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch
+merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen
+konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem
+Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine
+Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit
+zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete
+ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt
+zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten
+Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr,
+als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der ›Diomed‹ noch
+das ›Hotel Suisse‹ war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft
+an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen
+Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe
+des letzteren noch ein Gasthaus, der ›Albergo del Sole‹, vorhanden sei,
+wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer
+geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt
+geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte
+Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür
+ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang
+erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer
+stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten
+Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem
+Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus
+und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu
+bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in
+der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen
+zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern
+alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl
+begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er
+erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend
+war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch
+zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar
+aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges
+fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte
+Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend
+eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er
+wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner
+Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart
+neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber
+als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch
+die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich,
+ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis
+entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den ›Albergo di Sole‹ verliess.
+In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem
+offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen
+Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen
+Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der
+Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines
+neuen Besitzthums zu Theil werde.
+
+Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina
+innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem
+zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges
+Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden
+sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf
+hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt;
+in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand
+zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein.
+
+Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl,
+sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse
+geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte,
+vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben
+gewollt.
+
+Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte
+seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger,
+sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine
+Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.
+
+Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn
+nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es
+sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr
+angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des
+jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit
+eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den
+›Diomed‹ erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden
+Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er
+verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der ›Diomed‹ trotz
+seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne
+Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene
+Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als
+Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende
+und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss
+zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer
+gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied
+das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem
+lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren
+Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke
+Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was
+es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden,
+von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei
+einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in
+besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und
+bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein
+halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme
+an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte
+erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur
+von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch
+er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken
+Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die
+unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die
+Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen
+tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem
+räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten.
+Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst
+überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine
+Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle
+Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die
+Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck
+annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So
+begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern,
+nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster
+und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und
+träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die
+Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin
+zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin
+hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg
+angewendet --«
+
+Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That
+vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr
+loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren
+Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die
+Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme
+gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm
+dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster
+gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch
+fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor
+der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er
+unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den
+Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr
+Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und
+fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem
+Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor
+den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso
+nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten
+Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der
+Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der
+Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen
+mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren
+vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart,
+sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu
+der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat
+zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm
+wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten
+habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie
+lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken
+gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei,
+möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich
+bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an
+seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen
+willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das
+Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten
+Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf
+lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch,
+auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
+einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als
+leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die
+Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen,
+behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das
+Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine
+unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls
+anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen,
+entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein
+Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst,
+entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen
+mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr
+dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen
+hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein
+Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst
+zu theilen.
+
+Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen,
+die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung
+abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in
+praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit
+zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen
+erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch
+Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene
+durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr
+vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und
+diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu
+einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer
+Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf,
+dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt
+haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine
+Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen
+Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie
+stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen
+Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass
+sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt
+haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn
+Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab,
+war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie
+könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre
+Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl
+angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach,
+einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit
+einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam
+Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen
+antrafen.
+
+Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging
+er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und
+stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes,
+besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten
+des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des
+tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward
+bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies,
+von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier
+befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins
+Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei
+weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu
+lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude
+umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen
+Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des
+Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's
+gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit
+blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher
+durch die stille Verlassenheit.
+
+Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch
+nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei
+Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah
+als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht
+gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich
+dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen
+unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen
+umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der
+unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der
+junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal
+auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber
+bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von
+zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges
+Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete.
+
+Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert
+augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus
+nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein
+Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie
+vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit
+grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten
+bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser
+Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er
+unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff,
+darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei
+wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig
+um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der
+Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo
+del Fauno hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits
+Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu
+befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das
+›Have‹ des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab,
+hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die
+Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem
+Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren
+Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im
+zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen
+Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker,
+als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute
+nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung
+fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit
+angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward
+es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod
+Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine
+befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen
+Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher
+Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen
+herausfordern und wollte -- das drängte sich fast noch gewaltsamer in
+ihm auf -- ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas
+Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe --
+
+So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung,
+dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu
+Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus
+hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«,
+obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva
+grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass.
+Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag
+noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen.
+Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.«
+
+Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht
+beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die
+Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit
+über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig,
+hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen
+Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen,
+dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn
+und sagte: »Du --.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade
+genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss,
+dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal
+gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern
+vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere
+Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?«
+
+Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu,
+sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf
+dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet,
+dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel,
+wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das
+Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe
+nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein
+Freund von Rosen zu sein.«
+
+Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum
+Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete:
+»Ja -- doch, ich habe sie nicht für mich -- du sprachst gestern -- und
+auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gäbe sie im Frühling --«
+
+Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so -- ja, ich
+erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern
+Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir
+ein wenig verbessert.«
+
+Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr
+jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in
+der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass
+du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glücklich --«
+
+»Warum macht dich das glücklich?«
+
+Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging
+ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist
+schön, lebendig zu sein -- mir ist dies früher nie so -- ich wollte dich
+noch fragen --«
+
+Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend,
+hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?«
+
+Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte
+den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach
+wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus
+diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden?
+Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie
+schon gesehen.«
+
+Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne -- warum in der Sonne?«
+
+»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande.
+Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem
+Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt
+sein soll.«
+
+»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt --«
+
+»Ach so --«
+
+Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine
+Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen
+Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte
+sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin?
+-- dich unglücklich gemacht?«
+
+Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und
+vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber
+-- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte
+mir einen -- einen Schwindel im Kopf --«
+
+»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht
+heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche
+Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am
+besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem
+misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass
+ich meinen Vorrath mit dir theile --«
+
+Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer
+Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand
+und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei
+blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit
+einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim
+Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie
+durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern
+von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte
+sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das
+Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine
+entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken
+ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben
+sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die
+Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren
+einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf
+besinnen?«
+
+Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so
+unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes
+durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich
+gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji
+umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in
+Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als
+ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe
+des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die
+makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten
+eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der
+Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
+Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in
+wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner
+Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf
+überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr
+als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch
+so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie
+wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch
+wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen
+einen Einwand --
+
+Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor
+zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er
+nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen --
+
+Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien --
+die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in
+sich --
+
+Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der
+gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah
+er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf
+und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.
+
+Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon
+früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte,
+jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso
+teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert
+haben?«
+
+Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und
+wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«
+
+Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht
+durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei
+dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame
+Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander.
+Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs
+gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter.
+
+Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein
+freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft
+hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf
+eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die
+einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos
+unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck
+fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt,
+Norbert Hanold.«
+
+Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der
+Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der
+Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog.
+Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene
+Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des
+sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame
+rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch
+auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!«
+
+ * * * * *
+
+Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der
+Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es
+musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen
+Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um
+nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar,
+mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben
+mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich
+selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz
+unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern
+körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose
+Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in
+einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in
+unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer
+vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das
+sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen,
+seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein
+sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise
+zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum
+Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch
+wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in
+unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber
+trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen,
+Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so
+benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach.
+
+Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von
+dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in
+der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck
+nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess
+vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine
+Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen
+und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa,
+der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit
+vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen
+und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen
+Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare,
+bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei
+Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche
+ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts;
+das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst
+nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring
+auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die
+Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie
+zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an
+einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine
+Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin.
+Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb
+bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich
+wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den
+guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine
+eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen
+stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl
+schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht --
+ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem
+Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten
+Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch
+nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da
+muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider
+augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di
+Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar
+nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So
+viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man
+eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst
+-- bitte, nein, senza complimenti!«
+
+Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche
+Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen
+schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den
+Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin
+entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen
+Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich
+gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren
+nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert
+Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in
+die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss,
+einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für
+ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar
+einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die
+nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der
+Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem
+anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr
+rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter
+dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht
+weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor
+vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden
+Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut'
+von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des
+Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor
+sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet
+wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de'
+Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz
+gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der
+geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse
+befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig
+ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser
+Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht
+aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der
+Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus
+aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde.
+
+Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's,
+vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber
+die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die
+Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach
+einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des
+zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über
+die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.
+
+ * * * * *
+
+Die ›Villa des Diomedes‹ -- äusserst beliebig von den Heutlebenden so
+nach einem Grabmal benannt, das ein ›Libertus‹ Marcus Arrius Diomedes,
+der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt
+gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für
+sich und seine Angehörigen errichtet hatte -- war ein sehr umfänglicher
+Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht
+schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in
+sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
+aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem
+erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen
+Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch
+weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von
+trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies
+war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette
+von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit
+einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das
+halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen
+zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche,
+namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden
+hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten
+wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm
+kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine
+beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen.
+Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten
+erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier
+aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen
+Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens
+bewahrt.
+
+Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das
+Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die
+Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen
+Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier
+sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster
+Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte
+dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und
+unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe
+in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte
+zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen,
+dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen
+freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner
+Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das
+körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges
+in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der
+Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als
+unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und
+Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger
+leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze,
+und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig
+einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft.
+Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre
+ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch
+aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand
+trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war
+ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere
+sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer
+ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch
+seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung
+ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den
+Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der
+unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn
+er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der
+Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr
+laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess
+klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte
+und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr
+zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden
+Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er
+anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer
+Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine
+undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn
+und in ihm verdunkle.
+
+Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges
+umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem
+Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines
+der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden.
+
+Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen
+und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten
+es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der
+Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei
+herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das
+zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor.
+
+Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern
+durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer
+halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings
+eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an,
+die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen
+auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang
+nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.«
+
+Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden.
+Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum
+Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch
+theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold
+scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück,
+sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch,
+davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die
+jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her
+schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf
+seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie
+finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das
+Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen
+erzählen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche
+Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist
+dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«
+
+Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess
+so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug.
+Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit
+der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste,
+welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle.
+Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines
+anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas
+verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig --
+wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich
+bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine --
+meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.«
+
+Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie
+entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit
+ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold.
+Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran
+gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach
+Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert
+Meilen näher bestätigen können.«
+
+»Um hundert Meilen näher« -- wiederholte er verständnisslos und halb
+stotternd -- »wo ist das?«
+
+»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster
+steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.«
+
+Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den
+Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel --« und er fügte, noch
+entschiedener stotternd, hinzu: »Der -- der singt?«
+
+»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder
+warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor
+der Zoologie Richard Bertgang.«
+
+Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen
+erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang -- dann sind Sie
+-- sind Sie -- Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders
+aus --«
+
+Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu
+schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede
+passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag
+nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich
+früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen,
+gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders
+ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem
+Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht
+aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. -- Nein,
+jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie
+keinen trockenen Faden.«
+
+Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der
+Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den
+Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger
+Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen
+worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen
+und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das
+liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern
+suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb
+kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung
+Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender
+Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug,
+war ›schütten‹ eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer
+Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der
+campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als
+ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des
+Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden
+nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da.
+Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur
+Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu
+verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht
+benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung
+ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause
+fortfuhr:
+
+»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb,
+Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige
+Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir
+angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder
+Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in
+Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich
+auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was
+sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie
+damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war,
+machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre
+schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch
+nicht zu dem, was ich ausdrücken will -- ich wollte sagen, da stellte
+sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der,
+wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund
+und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere
+Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders
+aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir
+zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und
+noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine
+Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest.
+Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an
+dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul
+wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein --
+Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja
+wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie
+beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und
+wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir
+vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest,
+kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein
+unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet
+hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner
+Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir
+nicht vermuthet.«
+
+Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton
+etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche
+Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem
+Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der
+Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll
+gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen
+Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem
+crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten
+die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte
+viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei
+Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder
+lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn
+der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von
+Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher
+Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung
+Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor,
+dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte.
+
+Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht
+ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel
+anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet
+worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne
+recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu
+besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die
+Tonumänderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf
+einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr
+zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den
+Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf
+ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die
+Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu
+befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne
+ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert -- du bist es,
+Zoë -- meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist höchst
+sonderbar --«
+
+»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die
+Archäologie ist das wohl nothwendig.«
+
+»Nein, ich meine dein Name --«
+
+»Warum ist der sonderbar?«
+
+Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen,
+sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte:
+»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und ›die im Schreiten
+Glänzende‹ bezeichnet.«
+
+Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten
+augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig
+wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche
+Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im
+Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch
+durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen
+Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus
+tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's
+abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern
+so, wie die sympathische junge Dame!«
+
+Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht
+gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?«
+
+»Die dich im Haus des Meleager anredete.«
+
+»Kennst du die?«
+
+»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich
+gefallen hat.«
+
+»So? Wo hast du sie denn gesehen?«
+
+»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz
+Sonderbares.«
+
+»Was thaten sie denn?«
+
+»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«
+
+»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji
+auf der Hochzeitsreise?«
+
+Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen
+Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden
+da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel
+auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich
+geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit
+einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie
+schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug
+mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen
+fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge
+Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist
+Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du
+kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder
+aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji
+wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del
+Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten.
+Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf
+dem Mond noch einmal wieder. Addio.«
+
+Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso
+gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte,
+den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten
+beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des
+draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein
+wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der
+auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur
+zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der
+steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das
+augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines
+Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer
+Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte
+damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz,
+möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah
+Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten
+Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen
+doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit
+einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da
+sitzt die Fliege wieder!«
+
+So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich
+nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die
+Fliege -- wo?«
+
+»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich
+einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief
+verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen
+vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich
+danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und
+damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber
+so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange
+zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise
+behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als
+ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt
+sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit
+zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,«
+vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker
+als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der
+vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden.
+
+Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen
+Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm
+und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im
+allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch
+machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung
+geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und
+Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich _wirklich_ gehen, sonst
+verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die
+Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von
+ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft
+vorlieb.«
+
+Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter
+vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine
+hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame
+zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies
+auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden
+Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater -- was
+wird der --?«
+
+Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch
+erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin
+kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich
+das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im
+Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein
+Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die
+Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich
+meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch
+für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig
+einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da
+machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach
+Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge -- wie man's macht,
+kannst du an meinem kleinen Finger einüben -- eine Lacerta
+faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen
+Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und
+mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut.
+Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher
+undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung
+wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das
+wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.«
+
+Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes
+Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über
+die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen
+konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie
+alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich
+schönen und schalkhaften Reiz besessen haben.
+
+Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein
+wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes
+Leben und liebliche Gegenwart -- unsere Hochzeitsreise machen wir nach
+Italien und Pompeji!«
+
+Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr
+veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen
+und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können.
+Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine
+Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von
+misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete
+zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie
+Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji
+dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung
+nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte
+wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die
+alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und
+die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche,
+von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet.
+Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen
+Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den
+kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der
+Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke
+ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache,
+die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung
+gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich
+wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht
+völlig lebendig genug.«
+
+Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen
+Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in
+Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an
+das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte
+Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an
+und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier
+vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund
+seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend,
+schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft
+dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den
+Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.
+
+
+
+
+ Druck von
+ Kamm & Seemann
+ in Leipzig.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseit sindess augenscheinlich
+ jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich
+
+ machten zumeisf lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
+ machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
+
+ Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen behindert zu werden. Wie
+ Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie
+
+ sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen.
+ sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.
+
+ peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
+ peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
+
+ Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur
+ Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur
+
+ Gebliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
+ Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
+
+ ersten besten Wege zielloss davongewandert, an den Golfstrand nördlich
+ ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich
+
+ sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
+ sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
+
+ die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, dass zugleich todt und
+ die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und
+
+ So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
+ »So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
+
+ zum westlichen Rand, an das Ostende der langestreckten alten
+ zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten
+
+ Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandniss haben, denn ihr
+ Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr
+
+ auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
+ auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
+
+ Bimsteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
+ Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
+
+ sich. Eine Wirniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
+ sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
+
+ entgegnete, bei der Anrede n der zweiten Person verbleibend: »So weit
+ entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit
+
+ erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, in bin
+ erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA ***
+
+***** This file should be named 36275-0.txt or 36275-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/6/2/7/36275/
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
+produced from images generously made available by The
+Internet Archive/American Libraries.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
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+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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index 0000000..f588daa
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index 0000000..8350b8a
--- /dev/null
+++ b/36275-8.txt
@@ -0,0 +1,3276 @@
+The Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Gradiva
+ Ein pompejanisches Phantasiestück
+
+Author: Wilhelm Jensen
+
+Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
+produced from images generously made available by The
+Internet Archive/American Libraries.)
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ Gradiva
+
+ Ein pompejanisches Phantasiestück
+ von
+ Wilhelm Jensen
+
+ Dresden und Leipzig
+ Verlag von Carl Reissner
+ 1903.
+
+
+
+
+Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen Roms hatte Norbert
+Hanold ein Reliefbild entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen, so dass er
+sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland zurückgekehrt, einen
+vortrefflichen Gipsabguss davon erhalten zu können. Der hing nun schon
+seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz seines sonst zumeist
+von Bücherständern umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen
+Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz, von der Abendsonne
+besuchten Seite. Ungefähr in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss
+eine vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt dar, noch
+jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich
+keine Frau, sondern eine römische Virgo, die etwa in den Anfang der
+Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte in nichts an die vielfach
+erhaltenen Reliefbilder einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin,
+ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In ihr gelangte etwas im nicht
+niedrigen Sinn Menschlich-Alltägliches, gewissermassen 'Heutiges' zur
+körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler, statt wie in unsern Tagen
+mit dem Stift eine Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der Strasse
+im Vorübergehen rasch nach dem Leben im Thonmodell festgehalten habe.
+Eine hochwüchsige und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes Haar ein
+faltiges Kopftuch beinahe völlig umschlungen hielt; von dem ziemlich
+schmalen Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden Wirkung aus.
+Doch lag ihm unverkennbar auch fremd ab, eine solche üben zu wollen; in
+den feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige Achtlosigkeit
+auf das umher Vorgehende aus, das ruhig vor sich hinschauende Auge
+sprach von voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still in sich
+zurückgezogenen Gedanken. So fesselte das junge Weib keineswegs durch
+plastische Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken
+Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache, mädchenhafte Anmut,
+die den Eindruck regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah
+dies wohl durch die Bewegung, in der sie dargestellt war. Nur ganz
+leicht vorgeneigten Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr
+ausserordentlich reichfaltiges, vom Nacken bis zu den Knöcheln
+niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft, so dass die Füsse in den
+Sandalen sichtbar wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und der
+rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur lose mit den Zehenspitzen
+den Boden, während die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben.
+Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl überaus leichter Behendigkeit der
+Ausschreitenden wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich. Das
+verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit festem Auftreten verbindend,
+die eigenartige Anmut.
+
+Wo war sie so gegangen und wohin ging sie? Doctor Norbert Hanold, Docent
+der Archäologie, fand eigentlich für seine Wissenschaft an dem Relief
+nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es war kein plastisches Erzeugniss
+alter grosser Kunst, sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und er
+wusste sich nicht klarzustellen, was daran seine Aufmerksamkeit erregt
+habe, nur dass er von etwas angezogen worden und diese Wirkung des
+ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten habe. Um dem
+Bildwerk einen Namen beizulegen, hatte er es für sich 'Gradiva' benannt,
+'die Vorschreitende'; das war zwar ein von den alten Dichtern lediglich
+dem Mars Gradivus, dem zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes
+Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung und Bewegung des
+jungen Mädchens am besten bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer
+Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte sie nicht unterem
+Stande an, war die Tochter eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco
+ortus. Vielleicht -- ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich die
+Vorstellung -- konnte sie vom Hause eines patrizischen Aedilis sein, der
+sein Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand sich zu irgend einer
+Verrichtung auf dem Weg nach dem Tempel der Göttin.
+
+Doch einem Gefühl des jungen Archäologen stand's entgegen, sie sich in
+den Rahmen der grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen. Ihr Wesen,
+ihre ruhige stille Art gehörte ihm nicht in dies tausendfältige
+Getriebe, drin niemand auf den andern achtete, sondern in eine kleinere
+Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und ihr nachblickend zu
+einem Begleiter sagte: »Das ist Gradiva« -- ihren wirklichen Namen
+vermochte Norbert nicht an die Stelle zu setzen -- »die Tochter des ...
+sie geht am schönsten von allen Jungfrauen in unserer Stadt.«
+
+Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen, hatte sich das ihm im Kopfe
+festgesetzt und drin eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung
+ausgebildet. Auf seiner italienischen Reise war er mehrere Wochen
+hindurch zum Studium der alten Trümmerreste in Pompeji verblieben und in
+Deutschland ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die von dem Bild
+Dargestellte schreite dort irgendwo auf den wieder ausgegrabenen
+eigenthümlichen Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen
+trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse zur anderen ermöglicht
+und doch auch Durchlass für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie,
+wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen zwei Steinen
+hinübergesetzt, während der andere im Begriff stand, nachzufolgen, und
+bei der Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das sie näher und
+weiter Umgebende wie leibhaftig vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie
+erschuf ihm, unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick der
+lang hingedehnten Strasse, zwischen deren beide Häuserreihen mannigfach
+Tempelgebäude und Säulenhallen sich einmischten. Auch Handel und Gewerbe
+traten ringsum zur Schau, tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden,
+Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre Brode ausgelegt,
+Thonkrüge, in marmorne Ladentische eingelassen, boten alles für den
+Haushalt und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke
+sass eine Frau, in Körben Gemüse und Früchte feilbietend; von einem
+halben Dutzend der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der Schale
+weggethan, um zur Reizung der Kauflust den Kerninhalt als frisch und
+tadellos zu zeigen. Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf
+lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen, Säulen mit rothen und gelben
+Kapitälen; alles funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung
+zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem Sockel eine weissblitzende Statue
+empor, darüberher sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel der
+heissen Luft halb verschleiert, der Mons Vesuvius, noch nicht in seiner
+heutigen Kegelgestalt und braunen Oede, sondern bis gegen den
+zerfurchten Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem Pflanzenwuchs
+bedeckt. In der Strasse bewegten sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit
+einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die Glut der sommerlichen
+Mittagsstunde lähmte das sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt
+die Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine goldgrünschillernde
+Lacerte von ihnen fort.
+
+So stand's lebendig vor Norbert Hanold's Augen, allein aus der täglichen
+Anschauung ihres Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue
+Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer Gesichtszüge bedünkte ihn
+mehr und mehr nicht von römischer oder latinischer, sondern von
+griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach ihre hellenische
+Abstammung zur Gewissheit erhob. Ausreichende Begründung dafür lieferte
+die alte Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von Griechenland her,
+und weitere, den darauf Fussenden angenehm berührende Vorstellungen
+entsprangen daraus. Dann hatte die junge 'domina' vielleicht in ihrem
+Elternhause Griechisch gesprochen und war, mit griechischer Bildung
+genährt, aufgewachsen. Bei eingehender Betrachtung fand dies auch in dem
+Ausdruck des Antlitzes Bestätigung, es lag entschieden unter seiner
+Anspruchslosigkeit Kluges und etwas fein Durchgeistigtes verborgen.
+
+Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten indess ein wirkliches
+archäologisches Interesse an dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und
+Norbert war sich auch bewusst, etwas Anderes, und zwar in seine
+Wissenschaft Fallendes sei's, was ihn zu so häufiger Beschäftigung damit
+zurückkehren lasse. Es handelte sich für ihn um eine kritische
+Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang des Ausschreitens bei der
+Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte er
+nicht ins Klare zu gelangen, und seine reichhaltige Sammlung von
+Abbildungen antiker plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu.
+Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung des rechten Fusses
+als übertrieben; bei allen Versuchen, die er selbst unternahm, liess die
+nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer weit minder steilen
+Haltung; mathematisch formulirt, stand der seinige während des
+flüchtigen Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten Winkels
+gegen den Boden, und so erschien's ihm auch für die Mechanik des Gehens,
+weil am zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte einmal die
+Anwesenheit eines ihm befreundeten jungen Anatomen, diesem die Frage
+vorzulegen, doch auch der war zur Abgabe eines sicheren Entscheides
+ausser stande, da er nie Beobachtungen in dieser Richtung angestellt
+hatte. Die von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung bestätigte
+er wohl als mit seiner eigenen übereinstimmend, wusste indess nicht zu
+sagen, ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von der männlichen
+unterscheide, und die Frage gelangte nicht zu einer Lösung.
+
+Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos gewesen, denn sie hatte
+Norbert Hanold auf etwas ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur
+Aufhellung der Sache selbst Beobachtungen nach dem Leben anzustellen.
+Das nöthigte ihn allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das
+weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein Begriff aus Marmor oder
+Erzguss gewesen, und er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen
+desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt. Aber sein
+Erkenntnissdrang versetzte ihn in einen wissenschaftlichen Eifer, mit
+dem er sich der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen
+Ausforschung hingab. Diese zeigte sich in dem Menschengedränge der
+Grossstadt durch viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss
+nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen. Doch auch hier
+machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
+hauptsächlich trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke, konnten jedoch mit
+Ausnahme einer geringen Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks
+für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht fallen. Trotzdem fuhr er
+beharrlich in seiner Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser
+Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere noch am ehesten Erfolg
+verheisse, da sie die Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse.
+Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein prüfend nach ihren Füssen
+gerichteter Blick auffallen; nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug
+der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als eine Keckheit oder
+Ungezogenheit an; hin und wieder, da er ein junger Mann von sehr
+einnehmendem Aeussern war, drückte sich in ein paar Augen das
+Gegentheil, etwas Ermutigendes aus, doch kam ihm das eine so wenig zum
+Verständniss wie das andere. Nach und nach dagegen gelang seiner
+Ausdauer dennoch die Einsammlung einer ziemlichen Anzahl von
+Beobachtungen, die seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten
+vorüberführten. Diese gingen langsam, jene hurtig, die einen
+schwerfällig, die andern leichter beweglich. Manche liessen die Sohle
+nur eben über den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu
+zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen aber bot nicht eine
+einzige die Gangweise der Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der
+Genugthuung, er habe sich in seinem archäologischen Urtheil über das
+Relief nicht geirrt. Andrerseits indess bereiteten seine Wahrnehmungen
+ihm einen Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung des
+anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass sie, nur von der Phantasie
+oder Willkür des Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht
+entsprach.
+
+Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen ihm diese Erkenntniss
+eingetragen, hatte er eines nachts einen schreckvoll beängstigenden
+Traum. Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar grade an dem 24.
+Augusttage des Jahres 79, der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit
+sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung ausersehene Stadt in
+einen schwarzen Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort liessen durch
+eine Lücke die aus dem Krater auflodernden Flammenmassen etwas von
+blutrothem Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner suchten, einzeln
+oder wirr zusammengeballt, von dem unbekannten Entsetzen
+kopfverloren-betäubt, Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten
+die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch, wie's in Träumen wunderbar
+geschieht, verletzten sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen
+Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie
+er so am Rande des Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er
+plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor sich; bis dahin hatte
+ihn kein Gedanke an ihr Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf
+einmal und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin sei, lebe sie
+in ihrer Vaterstadt und, ohne dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit
+ihm. Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes Abbild war bis
+in jede Einzelheit vortrefflich gerathen und gleicherweise ihre
+schreitende Bewegung; unwillkürlich bezeichnete er sich diese als 'lente
+festinans'. Und so ging sie ruhig-behend über die Fliesenplatten des
+Forums dem Apollotempel zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen
+Achtlosigkeit für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die Stadt
+niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken, nur ihren Gedanken
+nachzuhängen; darüber vergass auch er den furchtbaren Vorgang,
+wenigstens ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl, ihre
+lebende Wirklichkeit werde ihm rasch wieder verschwinden, sich diese
+aufs genaueste einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend, kam
+ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich nicht eilig rette, müsse sie dem
+allgemeinen Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck entriss seinem
+Mund einen Warnruf. Den hörte sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm
+entgegen, so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die Vollansicht bot,
+doch mit einem völlig verständnisslosen Ausdruck und ohne weiter
+achtzugeben, setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise fort.
+Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser, wie wenn es sich zu
+weissem Marmor umwandle; sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels
+hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie sich auf eine
+Treppenstufe und legte langsam den Kopf auf diese nieder. Nun fielen die
+Lapilli so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig undurchsichtigen
+Vorhang verdichteten; ihr hastig nacheilend, fand er indess den Weg zu
+der Stelle, an der sie seinem Blick verschwunden war, und da lag sie,
+von dem vorspringenden Dach geschützt, auf der breiten Stufe wie zum
+Schlaf hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar von den
+Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv her überflackerte der rothe Schein
+ihr Antlitz, das mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines schönen
+Steinbildes glich; nichts von einer Angst und Verzerrung gab sich in den
+Zügen kund, ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche fügender
+Gleichmut sah aus ihnen. Doch wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind
+jetzt den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie ein grauer
+Florschleier über sie breitete, dann den letzten Schimmer ihres
+Gesichtes auslöschte und bald auch wie ein nordisch-winterliches
+Flockengestöber die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen Decke
+begrub. Drauss ragten die Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur
+zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen ebenfalls der graue
+Aschenfall empor.
+
+Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch das verworrene Geschrei der
+nach Rettung suchenden Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende
+Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr. Dann kam er zur
+Besinnung; die Sonne warf ein goldenes Glanzband über sein Bett, ein
+Aprilmorgen war's, und von draussen scholl das vielfältige Gelärm der
+Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern und Wagengeroll bis zu seinem
+Stockwerk herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder Einzelheit ihm
+aufs deutlichste vor den geöffneten Augen, und es bedurfte einiger Zeit,
+eh' er sich aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen konnte,
+dass er nicht wirklich in der Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem
+Untergang an der Bucht von Neapel beigewohnt habe. Erst beim Ankleiden
+ward er allmählich davon frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch
+Anwendung kritischen Denkens seiner Vorstellung zu entwinden, dass die
+Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden
+sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich ihm zur Gewissheit
+befestigt, und ebenso schloss sich jetzt auch die zweite daran. Mit
+einer wehmütigen Empfindung betrachtete er in seinem Wohnzimmer das alte
+Relief, das für ihn eine neue Bedeutung angenommen. Es war
+gewissermassen ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler das Bild der so
+früh aus dem Leben Geschiedenen für die Nachwelt forterhalten hatte.
+Doch wenn man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah, liess der
+Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht zweifelhaft, dass sie sich in der
+verhängnisvollen Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt
+habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein altes Wort sagte, die Lieblinge
+der Götter seien's, die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen.
+
+Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in einen Kragen eingeengt zu
+haben, in leichter häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an den
+Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte hinaus. Der endlich auch zum
+Norden vorgeschrittene Frühling lag draussen, gab sich in der grossen
+Steingrube der Stadt zwar nur durch das Himmelsblau und die linde Luft
+kund, doch ein Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen in die
+sonnige Weite nach Blättergrün, Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon
+kam doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der Strasse hatten ihre
+Körbe mit ein paar bunten Wiesenblumen besteckt, und an einem
+offenstehenden Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im Käfig sein Lied.
+Der arme Bursche that Norbert leid, er hörte unter dem hellem Klang
+trotz seinem Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der Ferne
+hinaus.
+
+Doch verweilten die Gedanken des jungen Archäologen nur flüchtig dabei,
+denn etwas Anderes hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's erst
+jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum nicht genau darauf geachtet
+habe, ob die belebte Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das
+Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen jedenfalls nicht
+gingen. Das war merkwürdig, weil sein wissenschaftliches Interesse an
+dem Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte sich's aus der
+Erregung, in die ihre Lebensgefährdung ihn versetzt gehabt. Er suchte
+sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.
+
+Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie mit einem Ruck; im ersten
+Augenblick wusste er sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte
+er's; drunten auf der Strasse ging, ihm die Rückseite zuwendend, ein
+weibliches Wesen, nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame, leicht
+elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit der linken Hand ihren nur bis
+zu den Knöcheln herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft, und
+seinen Augen erregte es den Eindruck, als ob bei der schreitenden
+Bewegung sich die Sohle ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen
+Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom Boden aufrichte. Es schien so,
+ein gewisses Erkennen liess die Entfernung und der Niederblick von oben
+nicht zu.
+
+Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten der Strasse, ohne noch
+recht zu wissen, wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am Geländer
+niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind die Treppe
+hinuntergeflogen, lief unten zwischen Wagen, Karren und Menschen
+hindurch. Die letzteren richteten verwunderte Augen auf ihn, und von
+mehreren Lippen klangen lachende, halb spöttische Ausrufe. Dass sich
+diese auf ihn bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick suchte
+nach der jungen Dame umher, und er glaubte auch, auf ein paar Dutzend
+Schritte weit vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch nur den
+Obertheil, von der unteren Hälfte und den Füssen konnte er nichts
+gewahren, denn sie wurden durch das Getriebe sich auf dem Trottoir
+drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes, behäbiges Gemüseweib
+die Hand nach seinem Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb grinsend
+vom Mund: »Sagen Sie mal, mein Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht
+wohl ein bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt und suchen
+hier auf der Strasse nach Ihrem Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach
+Hause zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein Gelächter umher
+bestätigte, dass er sich in einem für die Oeffentlichkeit nicht
+schicklichen Anzug präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss, wie
+er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen sei. Das machte ihn
+betroffen, da er auf Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und,
+von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch in die Wohnung zurück.
+Offenbar von dem Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm Täuschung
+vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte als Letztes wahrgenommen, dass bei
+dem Lachen und Rufen die junge Dame einen Augenblick den Kopf umgewendet
+habe, und er hatte kein fremdes Gesicht, sondern das der Gradiva von
+drüben herschauend zu sehen gemeint.
+
+ * * * * *
+
+Doctor Norbert Hanold befand sich in der angenehmen Lage, durch
+beträchtlichen Vermögensbesitz unbeschränkter Herr seines Thuns und
+Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer Neigung in ihm nicht von
+einer Begutachtung derselben durch irgend welche höhere Instanz als
+seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin unterschied er sich äusserst
+günstig von dem Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus dem
+Käfig in die sonnige Weite davonzukommen, nur erfolglos hinausschmettern
+konnte, sonst jedoch besass der junge Archäologe mit jenem in manchem
+einige Aehnlichkeit. Er war nicht in der Naturfreiheit zur Welt gekommen
+und aufgewachsen, sondern eigentlich schon bei der Geburt zwischen
+Gitterstäben eingehegt worden, mit denen ihn Familien-Tradition durch
+Erziehung und Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen Kindheit auf
+hatte im Elternhause kein Zweifel darüber bestanden, dass er als
+einziger Sohn eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers
+berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den Glanz des väterlichen
+Namens weiter zu erhalten, womöglich noch zu erhöhen, und so war diese
+Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche Aufgabe
+seiner Lebenszukunft erschienen. Daran hatte er auch, nach dem frühen
+Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben, getreulich
+festgehalten, im Anschlusse an sein vorzüglich bestandenes
+philologisches Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach Italien
+gemacht und auf dieser eine Fülle alter plastischer Kunstwerke, deren
+Nachbildungen ihm bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen.
+Lehrreicheres, als in den Sammlungen von Florenz, Rom, Neapel, konnte
+nirgendwo für ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss zutheilen,
+seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste zur Bereicherung seiner
+Kenntnisse ausgenützt zu haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich
+mit den neuen Errungenschaften ganz in seine Wissenschaft zu vertiefen.
+Dass ausser ihren Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit auch noch
+eine Gegenwart um ihn herum vorhanden sei, kam ihm nur äusserst
+schattenhaft zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor und Bronze
+nicht todte Mineralien, vielmehr das einzig wirklich Lebendige, den
+Zweck und Werth des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Und so sass
+er zwischen seinen Wänden, Büchern und Bildern, keines andern Verkehrs
+bedürftig, sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung möglichst
+ausweichend und sich nur sehr widerwillig ab und zu in die unabwendbare
+Plage einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte
+Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten. Doch war's bekannt,
+dass er an solchen Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für seine
+Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe sich stets nach der Beendigung
+des Mittags- oder Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde,
+empfahl, und auf der Strasse niemand von denen, mit welchen er am Tisch
+gesessen, begrüsste. Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen in
+ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn selbst eine solche, mit der
+er ausnahmsweise ein paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer
+Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes Gesicht an.
+
+Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas curiose Wissenschaft sein
+mochte oder ihre Legirung mit dem Wesen Norbert Hanold's eine
+absonderliche Verquickung bewerkstelligt hatte, so wie diese war,
+vermochte sie auf andere nicht viel Anziehung zu üben und gereichte ihm
+selbst wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die Jugend zu trachten
+pflegt. Doch hatte, vielleicht in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm
+als Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus unwissenschaftlicher
+Art ins Blut gelegt, ohne dass er selbst von diesem Besitzthum wusste,
+eine überaus lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht nur in Träumen,
+sondern oft auch im Wachen zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf
+für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend geeignet
+machte. Aus dieser Mitgift aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit
+zwischen ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der Gefangenschaft
+geboren, hatte nie anderes als seinen ihn eng umsperrenden Käfig
+gekannt, trug indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas fehle,
+und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten aus seiner Kehle
+hervorklingen. So verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb, in
+sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus dem Fenster liegend, nochmals,
+und ward dabei von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle
+gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse, was es sei. Ein
+Nachdenken darüber konnte drum auch nichts nützen; die unbestimmte
+Gefühlserregung kam aus der linden Frühlingsluft, den Sonnenstrahlen,
+der Weite mit ihrem Duftanhauch und gestaltete ihm einen Vergleich
+herauf, er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem Käfig hinter
+Gitterstäben. Doch gesellte sich dem sofort beschwichtigend hinzu, seine
+Lage sei ungleich vortheilhafter als die des Kanarienvogels, denn er
+habe Flügel im Besitz, die durch nichts am beliebigen Ausfliegen ins
+Freie behindert wurden.
+
+Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss, von dem sich durch
+Nachdenken weiter fortschreiten liess. Norbert gab sich dieser
+Beschäftigung ein Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis der
+Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand. Den führte er am selben
+Tage noch aus, packte seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch
+noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick auf die Gradiva, die, von
+den letzten Sonnenstrahlen überflossen, behender denn je über die
+unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten schien, und
+fuhr mit dem Nachtschnellzug in südlicher Richtung davon. Wenn auch der
+Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren Empfindung
+entsprungen war, hatte die weitere Ueberlegung doch als
+selbstverständlich ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen Zweck
+dienen müsse. Ihm war aufgegangen, dass er vernachlässigt habe, sich in
+Rom bei mehreren Statuen über einige wichtige archäologische Fragen zu
+vergewissern, und er begab sich, ohne unterwegs anzuhalten, in
+anderthalbtägiger Fahrt dorthin.
+
+ * * * * *
+
+Nicht Allzuviele machen an sich selbst die Erfahrung, dass es sehr schön
+ist, jung, vermöglich und unabhängig, im Frühling aus deutschen Landen
+nach Italien zu ziehen, denn selbst die mit jenen drei Eigenschaften
+Ausgerüsteten sind solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich.
+Besonders wenn sie, und leider die Mehrzahl ausmachend, sich in den
+einer Hochzeit nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien befinden, nichts
+ohne ein ausserordentliches, sich durch zahlreiche Superlative
+kundgebendes Entzücken an ihren Augen vorübergleiten lassen und
+schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit nach Hause zurückbringen,
+was sie beim Dortverbleiben ganz ebenso entdeckt, empfunden und genossen
+hätten. In umgekehrter Richtung, wie die Zugvögel, pflegen solche
+Dualisten im Frühling die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert Hanold
+ward während der ganzen Fahrt von ihnen wie in einem rollenden
+Taubenschlag umflügelt und umflötet und eigentlich zum erstenmal im
+Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn umgebenden Mitmenschen mit
+Auge und Ohr genauer in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach ihrer Sprache
+sämtlich deutsche Landsleute waren, rief seine Stammeszugehörigkeit zu
+ihnen durchaus kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur das ziemlich
+entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss wohl daran gethan, sich bisher
+mit dem lebendigen 'Homo sapiens' der Linné'schen Classifizirung
+möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in Bezug auf die weibliche
+Hälfte dieser Gattung; zum erstenmal auch sah er derartig vom
+Paarungstrieb Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser stande,
+zu begreifen, was sie gegenseitig dazu veranlasst haben könne. Ihm blieb
+unverständlich, warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt hätten,
+noch räthselhafter aber, weshalb die Wahl der Männer auf diese Frauen
+gefallen sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick auf das Gesicht
+einer von ihnen gerathen und traf auf keines, das die Augen durch eine
+äussere Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen geistigen und
+gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings fehlte ihm ein Massstab, um sie
+daran zu bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der alten Kunstwerke
+durfte man das heutige weibliche Geschlecht natürlich nicht in Vergleich
+bringen, doch trug er eine dunkle Empfindung in sich, dass er sich
+dieses ungerechten Verfahrens nicht schuldig mache, sondern in allen
+Zügen etwas vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche Leben
+verpflichtet sei. So dachte er manche Stunden hindurch über das
+sonderbare Treiben der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss, unter
+allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das Heirathen, als die grösste
+und unbegreiflichste, den obersten Rang ein, und ihre sinnlosen
+Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermassen dieser Narrethei die
+Krone auf.
+
+Wiederum aber ward er an den von ihm in der Gefangenschaft
+zurückgelassenen Kanarienvogel erinnert, denn er sass auch hier in einem
+Käfig, rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren jungen
+Ehepaargesichtern eingepfercht, an denen vorbei sein Blick nur dann und
+wann einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte. Daraus mochte sich
+wohl erklären, dass die draussen seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm
+andere Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor einigen Jahren
+gesehen hatte. Das Olivenlaub flimmerte in einem stärkeren Silberglanz,
+die da und dort einsam gegen den Himmel ragenden Cypressen und Pinien
+zeichneten sich mit schöneren und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller
+bedünkten ihn die auf den Berghöhen hingelagerten Ortschaften, wie wenn
+jede gleichsam ein Individuum mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck
+sei, und der trasimenische See erschien ihm von einer weichen Bläue, wie
+er sie noch nie an einer Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein
+Gefühl an, den Schienenstrang umgebe rechts und links eine ihm fremde
+Natur, als ob er diese vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei
+grauem Regenfall durchfahren haben müsse und jetzt zum erstenmal in
+ihrer von der Sonne vergoldeten Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte
+er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen Wunsch, aussteigen und
+zu Fuss sich einen Weg nach dieser und jener Stelle suchen zu können,
+weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas Eigenthümliches, wie
+Geheimnisvolles verborgen halte. Doch liess er sich von solchen
+vernunftwidrigen Anwandlungen nicht verleiten, sondern der
+'direttissimo' brachte ihn gradewegs nach Rom, wo ihn bereits vor der
+Einfahrt in den Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten des Tempels
+der Minerva Medica in Empfang nahm. Aus seinem mit den Inseparables
+angefüllten Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand in einem ihm
+bekannten Gasthof Unterkunft, um sich von dort aus ohne Uebereilung nach
+einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung umzusehen.
+
+Eine solche fand er im Verlauf des nächsten Tages noch nicht, sondern
+kehrte am Abend nochmals in seinen Albergo zurück und begab sich, von
+der ungewohnten italienischen Luft, der starken Sonnenwirkung, vielem
+Umherwandern und dem Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So fing
+auch schon das Bewusstsein bald an, ihm zu verdämmern, doch grade im
+Einschlafen begriffen, ward er wieder aufgeweckt, denn sein Zimmer war
+durch eine nur durch einen Schrank verstellte Thür mit dem nebenan
+befindlichen verbunden, und in dieses traten zwei Gäste, die am Morgen
+davon Besitz genommen, ein. Nach ihren, die dünne Scheidewand
+durchklingenden Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die
+unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel angehörten,
+mit denen er gestern von Florenz hierhergefahren war. Ihre
+Gemütsstimmung schien der Hotelküche ein entschieden günstiges Zeugniss
+auszustellen, und der Güte eines castelli romani-Weines mochte es zu
+danken sein, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst deutlich
+vernehmbar mit norddeutschen Zungen austauschten:
+
+»Mein einziger August --«
+
+»Meine süsse Grete --«
+
+»Nun haben wir uns wieder.«
+
+»Ja, endlich sind wir wieder allein.«
+
+»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«
+
+»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker nachsehen, was noch
+nothwendig ist.«
+
+»Mein einziger August, du gefällst mir viel besser, als der Apoll von
+Belvedere.«
+
+»Das hab' ich oft denken müssen, meine süsse Grete, du bist viel
+schöner, als die capitolinische Venus.«
+
+»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir hinaufwollen, hier nahebei?«
+
+»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein paar Stunden mit der
+Eisenbahn fahren.«
+
+»Wenn er dann grade anfinge, zu speien, und wir da mitten hineinkämen,
+was würdest du da thun?«
+
+»Da würde ich gar keinen andern Gedanken haben, als wie ich dich retten
+sollte, und dich so auf die Arme nehmen.«
+
+»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«
+
+»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken, als mein Blut für dich zu
+vergiessen.«
+
+»Mein einziger August --«
+
+»Meine süsse Grete --«
+
+Damit schloss vorderhand die Unterhaltung. Norbert hörte noch ein
+unbestimmtes Rascheln und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und er
+verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn nach Pompeji, wie
+eben der Vesuv wieder ausbrach; ein buntes Gewimmel von flüchtenden
+Menschen knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er auf einmal den
+Apoll von Belvedere, der die capitolinische Venus aufhob, forttrug und
+in einen dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand hinlegte; ein
+Wagen oder Karren, mit dem sie fortgebracht werden sollte, schien's zu
+sein, denn ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser mythologische
+Vorgang verwunderte den jungen Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm
+als merkwürdig auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern Deutsch
+mit einander redeten, denn er hörte sie, dadurch zu halber Besinnung
+gelangend, nach einem Weilchen sagen:
+
+»Meine süsse Grete --«
+
+»Mein einziger August --«
+
+Aber danach verwandelte sich das Traumbild um ihn herum vollständig.
+Lautlose Stille trat an die Stelle der verworrenen Töne, und statt des
+Rauches und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht über den
+Trümmerresten der verschütteten Stadt. Die änderte sich ebenfalls
+allmählich um, ward zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen
+Goldstrahlen sich bis an seine Augen heranringelten, und Norbert Hanold
+wachte, vom römischen Frühmorgen umfunkelt, auf.
+
+Auch in ihm selbst war indess etwas anders geworden, wodurch, wusste er
+sich nicht anzugeben, doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar
+beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in einem Käfig eingesperrt sei,
+der diesmal Rom heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten ihm von
+der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe der Verkäufer noch weit
+schrilltöniger im Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur aus
+einer lärmvollen Steingrube in die andre gerathen, und ihn schreckte ein
+wunderlich unheimliches Grauen vor den Alterthumssammlungen, einer
+dortigen Begegnung mit dem Apoll von Belvedere und der capitolinischen
+Venus zurück. So stand er nach kurzem Besinnen von seinem Vorhaben, sich
+eine Wohnung zu suchen, ab, packte eilfertig seinen Koffer wieder und
+fuhr auf der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er, um den
+Inseparables zu entgehen, in einem Wagen dritter Klasse, zugleich in
+diesem eine interessante und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung
+von italienischen Volkstypen, den ehemaligen Modellen der antiken
+Kunstwerke, erwartend. Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz,
+entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine, windschiefe, mit Armen
+und Beinen fuchtelnde Kerle und Vertreterinnen des weiblichen
+Geschlechtes, gegen die ihm seine zwiegepaarten Landsmänninnen in der
+Erinnerung fast noch als olympische Göttinnen erschienen.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold einen ziemlich fragwürdigen,
+camera benannten Raum im 'Hotel Diomède' neben dem von Eucalyptusbäumen
+bewachten 'ingresso' zu den Ausgrabungen von Pompeji. Er hatte
+beabsichtigt, dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen und
+Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend wieder zu studiren, doch es war
+ihm dort ähnlich ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen
+Hausgeräthsammlung sah er sich von einer Wolke weiblicher Reisekleider
+neuester Façon eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit dem
+jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide- oder Gaze-Brautkleidern
+vertauscht worden waren; jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels
+am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten, jüngeren oder
+ältlicheren Begleiters, und Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm
+bisher unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so weit vorgeschritten, ihn
+auf den ersten Blick erkennen zu lassen, jeder war August und jede war
+Grete. Nur kam dies hier durch andere, vom Ohr der Oeffentlichkeit
+modificirte, gemässigte und gemilderte Gesprächsführung zu Tage:
+
+»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen Speisenwärmer wollen wir
+uns doch auch anschaffen.«
+
+»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muss er aus Silber
+gemacht sein.«
+
+»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche, dir so gut schmecken
+wird?«
+
+Die Frage wurde von einem schelmischen Aufblick begleitet und von einem
+wie mit Glanzlack gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst, kann alles
+nur zur Delicatesse werden.«
+
+»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn die Leute damals schon
+Nähnadeln gehabt?«
+
+»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts mit ihm anfangen können,
+mein Herz, dir würde er noch für den Daumen viel zu gross sein.«
+
+»Meinst du wirklich? Und hast du denn schmale Finger lieber als breite?«
+
+»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die würde ich beim tiefsten
+Dunkel aus allen anderen auf der Welt herausfühlen.«
+
+»Das ist wirklich alles furchtbar interessant. Müssen wir eigentlich
+auch noch nach Pompeji selbst?«
+
+»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte Steine und Schutt, was von
+Werth war, steht im Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte, die
+Sonne würde dort auch für deinen zarten Teint schon zu heiss sein, das
+könnte ich mir nie verzeih'n.«
+
+»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau hättest.«
+
+»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch meine Phantasie nicht, aber
+eine Sommersprosse auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich
+machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen wir morgen nach Capri
+fahren, mein Liebchen. Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein,
+und in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte werde ich erst
+ganz erkennen, was für ein grosses Loos ich in der Glückslotterie
+gezogen habe.«
+
+»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme mich ja beinah'. Aber wohin du
+mich bringst, ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo, denn ich
+habe dich ja bei mir.«
+
+August und Grete rundum, für Auge und Ohr etwas gemässigt und gemildert.
+Norbert Hanold war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem Honig
+angegossen würde und davon Schluck um Schluck auch über die Zunge
+herunterbringen müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an, und er
+lief aus dem Museo Nazionale davon, zur nächsten Osteria hinüber, um ein
+Glas Wermuth zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn ein: Wozu füllte
+dieser hundertfältige Dual die Museen von Florenz, Rom und Neapel an,
+statt sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen deutschen
+Vaterländern hinzugeben? Doch war ihm aus einer Anzahl der Causerien und
+Kosereden aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der Vogelpaare habe nicht
+im Sinn, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine
+Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher an, und daraus entsprang
+für ihn der rasche Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten.
+Vergleichsweise bot sich ihm jedenfalls so noch am meisten Aussicht, aus
+dem Hauptschwarm ihres Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu
+finden, wonach er hier im hesperischen Lande vergeblich herumsuchte. Das
+war auch eine Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein
+Geschwisterpaar ohne stets girrende Schnäbel, die Stille und die
+Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern, bei denen allein sich auf eine
+befriedigende Unterkunft rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen
+enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes -- wenn es nicht ein Widerspruch
+in sich gewesen wäre, hätte er diesem Drang das Epitheton
+'leidenschaftlich' beilegen können -- und schon um eine Stunde später
+sass er in einer 'carozella', die ihn hurtig durch die Endlosigkeit von
+Portici und Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch eine prangend
+für einen altrömischen Triumphator geschmückte Strasse; links und rechts
+breitete fast jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich, zum Dörren
+in der Sonne einen überschwänglichen Reichthum von 'pasta da Napoli'
+aus, dem höchsten Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren
+maccheroni, vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini, denen dort
+durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel, Fliegen und Flöhe, in der
+Luft herumtanzende Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige Tag-
+oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit ihres Wohlgeschmacks
+verliehen wurde. Dann sah über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel
+nah herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder Bläue, wie aus
+flüssigem Malachit und Lapis Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die
+kleine beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen Sturm
+fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick ihr letzter sein müsse, über
+das grausame Pflaster von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell'
+Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem Ringkampf
+seine Anziehungskräfte messende Dioskurenpaar des 'Hôtel Suisse' und
+'Hôtel Diomède' und hielt vor dem letzteren an, dessen altclassischer
+Name den jungen Archäologen wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der
+Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit scheinbar grösster
+Gemüthsruhe schaute indess der moderne schweizerische Concurrent vor
+seiner Thür diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt, dass auch in
+den Töpfen des classischen Nachbars nicht mit andrem Wasser gekocht
+wurde, als in seinem, und dass die drüben verführerisch zum Ankauf
+ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig wie seine unter der
+Aschendecke herauf nach zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen
+seien.
+
+So war Norbert Hanold wider Erwarten und Absicht in wenigen Tagen vom
+deutschen Norden nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed mit
+menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt, dagegen von der musca
+domestica communis, der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich
+bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung gemacht, dass sein Gemüth für
+ungestüme Regungen veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler brannte
+ein Hass in ihm; er betrachtete sie als die niederträchtigste
+Bosheitserfindung der Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der
+einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung weitaus den Vorzug
+vor dem Sommer, und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis gegen
+das Vorhandensein einer vernünftigen Weltordnung. Nun empfingen sie ihn
+hier schon um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie in Deutschland
+anheimgefallen wäre, stürzten sich sofort dutzendweise über ihn, als auf
+ein erharrtes Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten im Ohr,
+verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd auf Nase, Stirn und Händen.
+Manche erinnerten ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich
+vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger August« und »meine
+süsse Grete« an; dem Gedächtniss des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger
+Wunsch nach einer 'scacciamosche', einer vortrefflich angefertigten
+Fliegenklatsche, auf, wie er sie im etruskischen Museum in Bologna aus
+einer Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war im Alterthum diese
+nichtswürdige Creatur schon ebenso die Geissel der Menschheit gewesen,
+bösartiger und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen, Tiger und
+Haifische, die es nur auf leibliche Schädigung, Zerreissung oder
+Verschlingung der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten, vor denen
+man sich ausserdem durch besonnenes Verhalten sichern konnte. Gegen die
+gemeine Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie lähmte,
+verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige Wesen des Menschen,
+seine Denk- und Arbeitsfähigkeit, jeden höheren Aufschwung und jede
+schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst trieb sie dazu,
+lediglich das teuflische Gelüst, zu martern; sie war das 'Ding an sich',
+in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und seine Verkörperung gefunden.
+Die etruskische scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten
+Bündel feiner Lederstreifen, bewies: so hatte sie schon im Kopf des
+Aeschylos die erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet, so den
+Meissel des Phidias zu einem nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag
+gebracht, die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom Scheitel bis
+zur Sohle alle olympischen Götter und Göttinnen überlaufen, und Norbert
+empfand im Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor allem andern,
+nach der Anzahl von Stubenfliegen zu bewerthen, die er während seiner
+Lebzeit als ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit her
+erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen Hekatomben ausgerottet
+habe.
+
+Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm hier an der nöthigen Waffe, und
+wie es auch der grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld
+des Alterthums nicht anders vermocht hatte, räumte er vor der
+hundertfältigen Ueberzahl der gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr
+seine Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe damit nur heute im
+Engeren gethan, was er morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji bot
+seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden Aufenthalt.
+Uebrigens gesellte sich dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine
+andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch das um
+ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung
+auch aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung durch die
+Fliegen ihm immer sehr widerwärtig gewesen, aber in eine derartige
+Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher doch noch nicht versetzt.
+Seine Nerven befanden sich unverkennbar von der Reise in einem erregten
+und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung vermuthlich schon zu Hause durch
+winterlange Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er fühlte, dass er
+missmuthig sei, weil ihm etwas fehle, ohne dass er sich aufhellen könne,
+was. Und diese Missstimmung brachte er überallhin mit sich; gewiss waren
+in Masse umschwärmende Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu
+angethan, irgendwo das Leben zu verannehmlichen. Doch wenn er sich nicht
+in eine dicke Wolke von Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm
+nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich ebenso zweck- und
+sinnlos, taub und blind wie sie, nur mit erheblich geringerer
+Vergnügungsbefähigung in Italien herumfuhr. Denn seine Reisebegleiterin,
+die Wissenschaft, hatte entschieden viel von einer alten Trappistin,
+that den Mund nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und ihm kam's
+vor, er sei nicht weit davon, aus dem Gedächtniss zu verlieren, in
+welcher Sprache er überhaupt mit ihr verkehrt habe.
+
+Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen, war's schon zu spät
+am Tage. Norbert erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten
+Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr durch allerhand
+Buschgestrüpp und Unkrautgewächs einen Aufstieg. So wanderte er eine
+Strecke weit etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm, ohne
+Regung und Laut, zur Rechten lag. Als ein todtes Schuttfeld erschien
+sie, grösstentheils bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne im
+Westen nicht weit mehr vom Rande des tyrrhenischen Meeres entfernt
+stand. In der Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen und
+Gelände noch mit einem zauberhaften Glanz des Lebens, vergoldete die
+über dem Vesuvkrater aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen und
+Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur. Hoch und einsam stieg der Monte
+Epomeo aus der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See, der sich
+das Cap Misenum mit dunklem Umriss wie ein geheimnissvoller Titanenbau
+enthob. Wohin der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles Bild aus,
+Erhabenheit und Anmuth verschwisternd, ferne Vergangenheit und freudige
+Gegenwart. Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach er ein
+unbestimmtes Verlangen trug, zu finden. Doch er war nicht in der
+Stimmung dazu, obwohl ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare
+und Fliegen behelligten, aber auch die Natur war ausser stande, ihm zu
+bieten, was er um sich und in sich vermisste. Mit einer nah an
+Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er die Augen über alle
+Schönheitsfülle hingehen, bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim
+Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte unbefriedigt, wie er
+gekommen, zum Diomed zurück.
+
+ * * * * *
+
+Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva, durch seine
+Unbedachtsamkeit hierher versetzt worden war, kam er über Nacht zum
+Beschluss, aus der begangenen Thorheit wenigstens einen Tag lang
+wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen, und begab sich, sobald am Morgen
+der Ingresso geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege nach Pompeji
+hinein. Vor ihm und hinter ihm wanderte in kleinen, von den
+Zwangsführern befehligten Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen
+Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige, nach heimlichen eignen
+Ausscharrungen lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast
+ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches Gequadder
+die noch frische Morgenluft, die deutschen Hochzeitspaare beglückten
+drüben hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich gegenseitig an dem
+Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers mit germanischer Süssigkeit und
+Begeisterung. Norbert verstand's von früher her, sich durch richtig
+gewählte, mit einer guten 'mancia' verbundene Worte bald von der
+Lästigkeit seines 'guida' zu befreien, um unbehindert allein seinen
+Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte etwas zur Befriedigung, dass
+er sich im Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte; wohin sein
+Blick fiel, lag und stand Alles genau so, wie er es in sich trug, als ob
+er's erst gestern vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem Kopf
+eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende Wahrnehmung aber
+brachte andrerseits mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig
+vorkam und sich seiner Augen und geistigen Sinne mehr und mehr, wie am
+Abend auf der Mauer, eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte.
+Obwohl, wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels zumeist gegen den
+blauen Himmel vor seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise
+nicht ein einzigesmal in Erinnerung, dass er vor einiger Zeit einmal
+geträumt habe, bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch im
+Jahre 79 zugegen gewesen zu sein. Das stundenlange Umherwandern machte
+ihn wohl müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem empfand
+er nicht den geringsten Anhauch, sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr
+von Bruchstücken alter Thorbogen, Säulen und Mauern, im höchsten Masse
+bedeutungsvoll für die archäologische Wissenschaft, doch ohne die
+esotherische Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel Anderes,
+als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter, indess ausserordentlich
+nüchterner Schutthaufen. Und obwohl Wissenschaft und Träumen sonst zu
+einander auf einem gegensätzlichen Fusse zu stehen gewöhnt waren, hatten
+sie offenbar heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert Hanold
+gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn und ihn völlig der
+Zwecklosigkeit seines Umhergehens und -Stehens zu überlassen.
+
+So war er vom Forum bis zum Amphitheater, von der Porta di Stabia zur
+Porta del Vesuvio, durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere
+kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte währenddessen ebenfalls
+ihren gewohnten Vormittagsweg gemacht, bis zu der Stelle hin, wo sie
+ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren Abstieg nach der
+Seeseite umzuändern pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht
+hergenöthigten Engländern und Amerikanern, männlichen wie weiblichen,
+zur grossen Zufriedenheit ihrer unverstanden heiser geredeten Führer ein
+Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des Sitzens an den
+Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe eingedenk zu werden; sie
+hatten ausserdem alles mit eignen Augen angesehen, was für die
+Conversation jenseits des grossen und des Aermelwassers erforderlich
+sein konnte, und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten
+Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten in gemeinsamer Bewegung durch die
+Via Marina ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen
+Tafeln der Gegenwart im Hause des Diomedes und des Mr. Swiss für ihren
+Magen nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht sämmtlicher innerer
+und äusserer Umstände war dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu
+thun vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es zwar entschieden mit
+den Eidechsen, Schmetterlingen und sonstigen geflügelten Bewohnern oder
+Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut, dagegen für den
+nordländischen Teint einer Mistress oder Miss begann ihre scheitelrechte
+Aufdringlichkeit unbedingt weniger liebsam zu werden. Und vermuthlich in
+einem Causalverband damit hatten die 'charmings' sich in der letzten
+Stunde bereits erheblich vermindert, die 'shockings' sich um ebensoviel
+vermehrt und die männlichen 'auhs', zwischen noch weiter als vorher
+auseinandergeklafterten Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen
+Uebergang zum Gähnen angetreten.
+
+Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit diesem Wegschwinden das, was
+ehemals die Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes Gesicht annahm.
+Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr schien's sich jetzt erst völlig zu
+todter Reglosigkeit zu versteinern. Doch aus dieser rührte ein Gefühl
+an, dass der Tod zu sprechen anfange, nur nicht in einer für
+Menschenohren vernehmbaren Weise. Allerdings klang es da und dort, als
+komme ein raunender Ton aus dem Gestein hervor, den weckte indess nur
+der leise flüsternde Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei
+Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und Häuser gesummt hatte und nun
+mit den grünen, flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten sein
+tändelndes Spiel trieb. Von der Küste Afrikas brauste er oftmals, aus
+voller Brust wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er heute
+nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans Licht zurückgekehrten alten
+Bekannten. Von seiner eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht
+lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege traf, wenn auch noch so
+leis, mit heissem Athem an.
+
+Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig jungbleibende Mutter war. Sie
+verstärkte seinen glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er nicht
+konnte, übergoss Alles mit zitterndem, blinkendem und blendendem Glanz.
+Wie mit einem goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern der
+semitae und crepidines viarum, wie man einst die Trottoire benannt
+hatte, jeden schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula, atria,
+peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
+Ueberdach ihnen den graden Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken
+hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel, dem es gelang, sich gegen
+das Lichtgewoge zu schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe zu
+umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen den alten Mauerwerken wie
+ein langer, zum Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen
+dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich reglos und lautlos, denn nicht nur
+die schnarrenden und näselnden Sendboten Englands und Amerikas waren bis
+auf den letzten aus ihnen verschwunden, auch das bisherige kleine Leben
+der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame Trümmerstatt
+verlassen zu haben. Sie hatten's wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch
+der Blick nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr. Wie's seit
+Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren draussen an den Berghängen und
+Felswänden gewesen, wenn der grosse Pan sich zum Schlafen hingelegt,
+hatten sie auch hier, um ihn nicht zu stören, sich regungslos
+ausgestreckt oder, die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert.
+Und es war, als empfänden sie hier noch verstärkter das Gebot der
+heissen, heiligen Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben
+verstummen und sich niederdrücken müsse, weil die Todten in ihr
+aufwachten und in tonloser Geistersprache zu reden begannen.
+
+Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge angenommen, drängte sich
+eigentlich weniger den Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein
+unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde, dieser aber so stark
+und nachhaltig, dass ein mit ihm Begabter sich der auf ihn geübten
+Wirkung nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig Ausgerüsteten
+hätte allerdings unter den bereits mit dem Suppenlöffel beschäftigten
+schätzbaren Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso schwerlich Einer
+oder Eine gezählt, doch Norbert Hanold hatte die Natur einmal so
+veranlagt, und er musste die Folge davon über sich ergehen lassen.
+Durchaus nicht, weil er selbst damit im Einverständniss war; er wollte
+garnichts und wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die zwecklose
+Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig mit einem lehrreichen Buch in der
+Hand in seiner Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus der
+Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins Stadtinnere zurückgekehrt und
+völlig absichts- und gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin in
+den schmalen Vicolo abgebogen war, ward auf einmal jener sechste Sinn in
+ihm aufgeweckt. Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht zu,
+vielmehr wurde er von demselben in einen wunderlich traumhaften Zustand
+versetzt, der sich zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust ungefähr
+in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss behütend, lag die
+lichtübergossene Todesstille rings um ihn her, so athemlos, dass auch
+seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte. Er stand an einer
+Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur
+Rechten und Linken sich lang hindehnende Strada di Mercurio; dem
+Handelsgott entsprechend, hatten hier ehemals Handel und Gewerbe ihren
+Sitz gehabt, stumm redeten die Strassenecken davon. Mehrfach öffneten
+sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden mit zersprungenen marmorbelegten
+Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine Bäckerei hin, dort eine
+Anzahl grosser, rundbauchiger Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung.
+Gegenüber zeigten, in die Tischplatte eingelassen, schlankere,
+gehenkelte Amphoren an, dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube
+gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends auch Sklaven und Mägde
+der Nachbarschaft gedrängt haben, um in eigenen Krügen aus der caupona
+Wein für ihre Herrschaften zu holen; man sah, die nicht mehr lesbare,
+mit Mosaiksteinchen eingelegte Inschrift auf der semita vor dem Laden
+war von vielen Füssen abgetreten, vermuthlich hatte sie den
+Vorüberkommenden eine Anpreisung des vini praecellentis
+entgegengehalten. Von der Mauerwand blickte ein 'graffito' her, nur in
+halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem Schuljungen mit dem eignen
+Nagel oder einem eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch
+jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des Schankwirths Wein seine
+Unübertrefflichkeit nicht sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.
+
+Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den Augen Norbert Hanold's das
+Wort caupo herauszuheben, oder wars nur Täuschung, sicher feststellen
+konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene Fertigkeit in der
+Entzifferung schwer enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich
+Anerkanntes darin geleistet, doch gegenwärtig versagte sie ihm
+vollständig. Nicht das nur, er trug ein Gefühl in sich, dass er
+überhaupt kein Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm, lesen zu
+wollen, was vor zwei Jahrtausenden ein pompejanischer Quartaner in die
+Wand gekratzt habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn nicht allein
+verlassen, sondern liess ihn auch ohne das geringste Begehren, sie
+wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten
+Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte, eingetrocknete,
+langweilige Tante gewesen, das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf
+der Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über die verrunzelten Lippen
+brachte und als Weisheit vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei,
+klaubte nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte herum, ohne von
+ihrem Inhalt, dem Wesenskerne etwas zu offenbaren und zu innerem
+Verständnissgenuss zu bringen. Was sie lehrte, war eine leblose
+archäologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine todte,
+philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele,
+dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach
+Verlangen in sich trug, der musste als einzig Lebendiger allein in der
+heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten der Vergangenheit
+stehen, um nicht mit den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit den
+leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's überall hervor, ohne sich zu
+regen, und begann zu reden ohne Laut -- dann löste die Sonne die
+Gräberstarre der alten Steine, ein glühender Schauer durchrann sie, die
+Todten wachten auf, und Pompeji fing an, wieder zu leben.
+
+Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im Kopf Norbert Hanold's
+waren's, nur ein unbestimmtes, doch jenes Beiwort gleichfalls
+vollverdienendes Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos stehend, vor
+sich hinaus, die Strada di Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter.
+Die vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen noch so tadellos
+zusammengefügt wie vor ihrer Verschüttung und waren im Einzelnen von
+einer hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender Glanz auf ihnen, dass
+sie sich wie ein gestepptes silberweisses Band zwischen den schweigenden
+Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in glimmender Leere hinzogen.
+
+Da plötzlich --
+
+Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse entlang, doch war's ihm, als
+thue er's in einem Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts von
+rechts her aus der casa di Castore e Polluce etwas hervor, und über die
+Lavatrittsteine, die vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di
+Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die Gradiva dahin.
+
+Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie
+mit einem dünnen Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich und
+genau so im Profil, wie auf dem Relief, gewahr. Ein wenig neigte der
+Kopf sich vor, dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes Tuch
+überschlang, die linke Hand hielt das ausserordentlich reichfaltige
+Kleid leicht aufgerafft, und nicht weiter als bis zu den Knöcheln
+reichend, liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden Bewegung
+der rechte Fuss sich im Zurückbleiben, wenn auch nur einen Moment lang,
+auf den Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht emporhob. Nur
+stellte hier nicht ein Steingebild alles in gleichmässiger Farblosigkeit
+dar, das Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem Stoff
+verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss, sondern einem leicht ins
+Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
+Kopftuch auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende Haar hob sich
+mit goldbraunem Glanz von der Alabasterfarbe des Gesichtes ab.
+
+Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert hell im Gedächtniss
+aufgewacht, dass er sie schon einmal so im Traum hier habe gehen seh'n,
+in der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig wie zum Schlafen auf
+die Stufen des Apollotempels hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung
+zusammen kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal zum Bewusstwerden: Er
+sei, ohne selbst von dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb
+nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom und Neapel bis Pompeji
+weitergefahren, um danach zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden
+könne. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn bei ihrer besonderen Gangart
+musste sie in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden
+Abdruck der Zehen hinterlassen haben.
+
+Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich da vor ihm bewegte, und doch
+auch eine Wirklichkeit. Denn das sprach aus einer Wirkung, die es
+verursachte. Auf dem jenseitigen letzten Trittsteine lag im brennenden
+Sonnenlicht bewegungslos eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren wie aus
+Gold und Malachit zusammengewobener Leib deutlich bis zu den Augen
+Norberts herleuchtete. Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie jetzt
+plötzlich herunter und ringelte sich über die weissglimmernden
+Lavaplatten der Strasse davon.
+
+Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit die Trittsteine und
+ging, nun den Rücken wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort,
+ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein. Vor dem hielt sie auch
+einen Augenblick an, doch bewegte sich dann, wie nach andrem Besinnen,
+durch die Strada di Mercurio weiter abwärts. In dieser lag zur Linken
+von vornehmeren Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten
+Apollobildern benannt, die casa di Apollo, und dem ihr Nachschauenden
+kam's wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des Apollotempels zum
+Todesschlaf ausgewählt hatte. So stand sie wahrscheinlich in einem
+näheren Verband mit dem Cultus des Sonnengottes und begab sich dorthin.
+Bald indess hielt sie nochmals an; Trittsteine überkreuzten auch hier
+die Strasse, und sie schritt wieder zur rechten Seite derselben zurück.
+So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite zu und nahm sich ein wenig
+verändert aus, da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand nicht
+sichtbar ward und statt ihrer gebogenen Armhaltung die rechte gradlinig
+herabhing. In der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun die
+goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem Schleiergewirk, liessen nicht
+mehr unterscheiden, wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager
+verschwindend, geblieben sei.
+
+Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied gerührt zu haben. Nur mit den
+Augen, und diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um Schritt ihr
+kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen. Jetzt holte er zum erstenmal
+tief Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos geblieben.
+
+Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die übrigen zur Nichtigkeit
+niederdrängend, ihn völlig in seiner Macht. War das, was eben vor ihm
+gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder Wirklichkeit gewesen?
+
+Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder träume, suchte sich
+vergeblich darauf zu besinnen. Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit
+einem sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und hörte nichts, doch
+fühlte an geheimen Schwingungen seines Innern, dass Pompeji in der
+Mittagsgeisterstunde rings um ihn her zu leben begonnen hatte, und so
+lebte in ihr auch die Gradiva wieder und war in das Haus gegangen, das
+sie vor dem verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.
+
+Er kannte die casa di Meleagro von früherem Besuch, war diesmal jedoch
+noch nicht dahin gekommen, sondern hatte nur im Museo Nazionale Neapels
+kurz vor dem Wandgemälde des Meleager und seiner arkadischen
+Jagdgenossin Atalanta angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse
+gefunden und nach dem das letztere benannt worden. Doch wie er nun,
+wieder zur Bewegungsfähigkeit gelangt, gleichfalls diesem zuschritt,
+ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen Namen nach dem Erleger des
+kalydonischen Ebers trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen
+Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um ein Jahrhundert vor der
+Zerstörung Pompejis gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm konnte
+hierher gerathen sein und sich das Haus erbaut haben. Das stimmte mit
+etwas anderem in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein, denn er
+erinnerte sich seiner Vermuthung oder vielmehr gewissen Ueberzeugung,
+die Gradiva sei von griechischer Abkunft gewesen. Daneben freilich
+mischte sich in seine Vorstellung das Bild der Atalanta ein, wie's Ovid
+in einer der Metamorphosen geschildert:
+
+ Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange,
+ Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.
+
+Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse besinnen, doch ihr Inhalt
+war ihm gegenwärtig; und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich hinzu,
+dass die junge Gattin des Oeneussohnes Meleagros Kleopatra geheissen
+habe. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um
+den, sondern um den griechischen Dichter Meleager. So gaukelte es in der
+campanischen Sonnengluth mythologisch-literarhistorisch-archäologisch
+durch seinen Kopf.
+
+An den Häusern des Castor und Pollux und des Centauren vorübergekommen,
+stand er jetzt vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle ihm, noch
+erkennbar, der eingelegte Gruss 'Have' entgegensah. An der Wand des
+Vestibulum überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld gefüllten
+Beutel; das wies vermuthlich allegorisch auf Reichthum und sonstige
+glückliche Umstände der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete sich
+das Atrium, dessen Mitte ein runder, von drei Greifen getragener
+Marmortisch einnahm.
+
+Leer und lautlos lag der Raum da, den Hineingetretenen völlig fremd
+anblickend, keine Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen sei.
+Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das Hausinnere bot eine Abweichung
+von dem der übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An das Atrium
+schloss sich nicht in gebräuchlicher Art das Peristylium jenseits des
+Tablinums nach rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür aber von
+weiterem Umfang und prächtigerer Ausstattung, als irgend ein anderes in
+Pompeji. Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei Dutzend an der
+unteren Hälfte roth bemalte, an der oberen weisse Säulen trugen. Die
+verliehen dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches; hier befand sich
+in der Mitte eine Piscina in Gestalt eines Brunnens mit schön
+gearbeiteter Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem angesehenen
+Manne von Bildung und Kunstsinn zur Wohnstatt gedient haben.
+
+Die Augen Norbert's gingen umher, und sein Ohr horchte. Doch auch hier
+regte sich nirgendwo etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen diesem
+kalten Gestein gab es keinen Athemzug des Lebens mehr; wenn die Gradiva
+sich in das Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits wieder in
+nichts zergangen.
+
+An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein Raum, ein Oecus, der
+einstmalige Festsaal, ebenfalls an drei Seiten von Säulen, doch gelb
+bemalten, umgeben, die von weitem im Lichtauffall wie mit Gold belegt
+schimmerten. Zwischen ihnen indess leuchtete ein noch weit glühenderes
+Roth, als von den Wänden herüber, mit dem kein Pinsel des Alterthums,
+sondern die heutige junge Natur den Boden übermalt hatte. Dessen
+früheres kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen und
+verwittert; Mai war's, der seine urälteste Herrschermacht hier wieder
+übte, und den ganzen Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern der
+Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn, dessen Samenkörner
+die Winde herübergetragen und die Asche zum Aufgehen gebracht. Ein
+Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen war's, oder so erschien's, obwohl
+sie in Wirklichkeit unbeweglich dastanden, denn der Atabulus fand zu
+ihnen herunter keinen Zugang, summte nur in der Höhe leise darüber weg.
+Doch die Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie nieder, dass es
+den Eindruck regte, als schwankten in einem Weiher rothe Wellen hin und
+her.
+
+Norbert Hanold's Augen waren in andren Häusern achtlos über den
+ähnlichen Anblick hingegangen, aber hier ward er davon seltsam
+durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum, am Rande des
+Lethewassers aufgewachsen, und Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus
+den Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen gesammelt,
+sinnumdämmernden Schlaf ausspendend. Dem durch den Porticus des
+Peristyls in den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er seine
+Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab des alten Besiegers der Götter
+und Menschen angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung, nur eine
+traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm das Bewusstsein. Dabei indess
+blieb er noch Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des ehmaligen
+Festsaales hin weiter vor, von der alte Bilder hersahen: Paris, den
+Apfel zutheilend, ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand trug und
+eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte.
+
+Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen -- nur etwa fünf Schritte von
+ihm entfernt, in dem schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten
+gebliebenes Oberstück des Saalporticus herabwarf, sass zwischen zweien
+der gelben Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete, weibliche
+Gestalt, die mit leichter Bewegung jetzt den Kopf ein wenig emporhob.
+Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen, dessen Fusstritt sie
+offenbar erst eben vernommen, die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen,
+das eine Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es erschien seinen
+Augen zugleich als ein fremdes und doch auch als ein bekanntes, schon
+gesehenes oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines Athemzuges und
+Aussetzen seines Herzschlages erkannte er als unzweifelhaft, wem es
+angehöre. Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn unbewusst nach
+Pompeji getrieben; die Gradiva führte ihr Scheinleben in der mittägigen
+Geisterstunde noch fort und sass hier vor ihm, so wie er sie im Traum
+sich auf die Stufen des Apollotempels niederlassen gesehn. Auf ihren
+Knien lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick klar zu
+unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein, und
+eine Mohnblüthe hob sich mit rothem Scheine von ihm ab.
+
+In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung aus, unter dem
+glanzbraunen Haare und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen ihn
+zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit fragender Verwunderung an.
+Nur weniger Momente jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er die
+Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des Profils erkannt. So mussten
+sie, von vorn wahrgenommen, sein, und deshalb waren sie ihm doch auch
+beim ersten Blick nicht wirklich fremd gewesen. In der Nähe erhöhte ihr
+weisses Kleid durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen
+Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem feinen, äusserst weichen
+Wollenstoff, der den reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem
+gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch verfertigt. Darunter
+schimmerte im Nacken mit einem Theil wieder das braune Haar hervor,
+kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt; vorn am Hals, unter dem
+zierlichen Kinn, hielt eine kleine goldene Spange das Gewand
+zusammengeschlossen.
+
+Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit zur Wahrnehmung,
+unwillkürlich hatte er nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn
+abgezogen, und nun kam ihm in griechischer Sprache vom Mund: »Bist du
+Atalanta, die Tochter des Jasos, oder entstammst du dem Hause des
+Dichters Meleager?«
+
+Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort zu geben, lautlos mit dem
+ruhig-klugen Ausdruck ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten
+sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes Scheindasein
+überhaupt nicht zu sprechen oder sie war doch nicht von griechischer
+Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte er diese mit der
+lateinischen und fragte in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger
+Pompejis von latinischem Ursprung?«
+
+Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur um ihre feingeschwungenen
+Lippen ging etwas leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung
+zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck; offenbar sass sie nur als ein
+stummes Bild vor ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war. Die
+Bestürzung über diese Erkenntniss prägte sich voll in seinen Zügen aus.
+
+Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe nicht mehr zu widerstehen,
+ein wirkliches Lächeln umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen
+eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen wollen, müssen Sie's auf
+Deutsch thun.«
+
+Das war eigentlich merkwürdig aus dem Munde einer vor zwei Jahrtausenden
+verstorbenen Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in anderer
+Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert verging jede Befremdlichkeit
+unter zwei über ihm zusammenschlagenden Empfindungswogen, der einen,
+dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass, und der andern, die von ihrer
+Stimme aus seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang grade so hell,
+wie's der Blick ihrer Augen war; nicht scharf, doch an eine
+angeschlagene Glocke erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille über
+das blühende Mohngefild hin, und dem jungen Archäologen kam's plötzlich
+zum Bewusstsein, in sich, in seiner Vorstellung habe er sie schon so
+gehört. Und unwillkürlich gab er seinem Gefühl laut Ausdruck: »Ich
+wusste es, so klänge deine Stimme.«
+
+In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche nach einem Verständniss für
+etwas, doch finde es nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete sie
+nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben doch noch nie mit mir gesprochen.«
+
+Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig, dass sie Deutsch sprach
+und ihn nach dem heutigen Brauch in der dritten Person anredete; da
+sie's that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht anders geschehn,
+und er erwiderte schnell: »Nein, gesprochen nicht -- aber ich rief dir
+zu, als du dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein
+Gesicht war so ruhig-schön wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg'
+es noch einmal wieder so auf die Stufe zurück --«
+
+Während seines Sprechens hatte sich etwas Eigenthümliches begeben. Von
+den Mohnblüthen her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand der
+Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den Säulen herangeflattert,
+umgaukelte ein paarmal den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf dem
+braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder. Zugleich aber wuchs ihre
+Gewalt schlank und hoch empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen
+Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und stumm noch einen Blick
+entgegen, aus dem etwas sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen
+ansehe, und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer Gangart, den
+Säulen des alten Porticus entlang, davon. Nur flüchtig noch sichtbar,
+dann schien sie in den Boden versunken zu sein.
+
+Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch hatte er mit dumpfem
+Verständniss aufgefasst, was sich vor seinen Augen zugetragen habe. Die
+Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der Gestaltung eines
+Schmetterlings von der Asphodeloswiese des Hades herauf eine geflügelte
+Botin gekommen, um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr dorthin zu mahnen.
+Damit verband sich ihm, ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch
+etwas Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der Mittelmeerländer
+den Namen Kleopatra trug, und so hatte die junge Gattin des
+kalydonischen Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen Tod sich
+selbst den Unterirdischen zum Opfer gebracht.
+
+Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden ein Ruf nach: »Kehrst du
+morgen in der Mittagsstunde wieder hieher?« Doch sie wendete sich nicht
+um, gab keine Antwort und verschwand nach wenig Augenblicken im Winkel
+des Oecus hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie mit einem
+treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte. Aber ihr helles Gewand kam
+nirgendwo mehr zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen überflammt,
+lag rings um ihn die Casa di Meleagro ohne Regung und Laut, nur die
+Kleopatra schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln, langsame
+Kreise ziehend, wieder über dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.
+
+ * * * * *
+
+Wann und auf welche Weise er zum Ingresso zurückgekommen sei, war
+Norbert Hanold nicht im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in der
+Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch verlangt hatte, sich sehr
+verspätet im Diomed etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf dem
+ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich
+von Castellamare gerathen, wo er sich auf einen Lavablock gesetzt und
+der Seewind ihm um den Kopf geblasen, bis die Sonne ungefähr in der
+Mitte zwischen dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem Monte Epomeo
+auf Ischia untergegangen. Doch trotz diesem jedenfalls mehrstündigen
+Aufenthalt am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort für seine
+geistige Sinnesbeschaffenheit keinen Vortheil gezogen, sondern kehrte
+zum Gasthof ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem er ihn
+verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei emsiger Beschäftigung mit der
+'cena' an, liess sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto mit
+Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter der Speisenden und hörte
+ihren Unterhaltungen zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden aber
+ging ihm als vollkommen zweifellos hervor, dass niemand unter ihnen
+einer todten, in der Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten
+Pompejanerin begegnet sei und mit ihr gesprochen habe. Dies war
+allerdings von vornherein anzunehmen gewesen, da sie sich um die Zeit
+sämmtlich beim pranzo befunden hatten; warum und wozu eigentlich, wusste
+er sich nicht anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum Concurrenten
+des Diomed ins 'Hotel Suisse' hinüber, setzte sich auch dort in eine
+Ecke, da er etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen
+Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und Ohren den gleichen
+Nachforschungen hin. Sie führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur
+ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr sämmtliche zeitweiligen
+lebendigen Besucher Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt geworden
+waren. Das bildete zwar einen Zuwachs seiner Kenntnisse, den er kaum als
+Bereicherung ansehen konnte, allein dennoch berührte ihn daraus eine
+gewisse befriedigende Empfindung, dass in den beiden Unterkunftstätten
+kein Gast, weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes, vorhanden
+sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens und Anhörens in ein, wenn auch
+einseitiges, persönliches Verhältniss getreten war. Selbstverständlich
+war ihm mit keinem Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn
+gekommen, er könne möglicherweise in einer der beiden Wirthschaften die
+Gradiva antreffen, aber er hätte eidlich zu beschwören vermocht, dass
+sich Niemand in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im
+Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze. Während seiner
+Betrachtungen hatte er aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas
+geschenkt, dies hin und wieder ausgetrunken, und als dadurch allgemach
+der erstere inhaltslos geworden, stand er auf und ging zum Diomed
+zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare blitzende und flimmernde
+Sterne übersäet, jedoch nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise,
+sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob der Perseus, die
+Kassiopeia und die Andromeda mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen,
+sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
+aufführten, und auch unten auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die
+dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten nicht ganz auf
+dem nämlichen Standpunkt. Das konnte auf dem von altersher schwanken
+Boden der Gegend freilich nicht grade Wunder nehmen, denn die
+unterirdische Glut lauerte überall nach einem Aufbruch und liess auch
+ein Weniges von sich in die Rebstöcke und Trauben emporsteigen, aus
+denen der Vesuvio gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten
+Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein dieser trug in der
+Erinnerung, wenngleich dem Wein ein bischen mit an der kreisenden
+Bewegung der Dinge zuzuschreiben sein mochte, dass alle Gegenstände
+schon seit der Mittagsstunde eine Neigung offenbart hatten, sich leise
+um seinen Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem bischen Mehr
+nichts Neues, sondern nur eine Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen.
+Er stieg zu seiner Camera hinan und stand noch ein Weilchen am offenen
+Fenster, nach dem Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine
+Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss ihn etwas wie das
+Hin- und Herwallen eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete der
+junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet zu haben, aus und suchte
+seine Lagerstätte. Doch wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht
+das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld, dessen Blüthen als ein
+weiches, sonnenheisses Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin,
+die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger Anzahl, vom
+Dunkel zu lethargischem Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der
+Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in der Schlaftrunkenheit von
+ihrer Martergier getrieben, um die Nase. Aber er erkannte sie nicht als
+das absolut Böse, die Jahrtausende alte Geissel der Menschheit, denn vor
+seinen geschlossenen Augen schwebte sie als eine rothgoldene Kleopatra
+um ihn her.
+
+Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe der Fliegen ihn aufweckte,
+konnte er sich nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an
+wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein Bett vorgegangen sei. Doch
+zweifellos hatte irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste
+webend, neben ihm gesessen, denn er fühlte seinen Kopf vollständig damit
+angefüllt und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin ausweglos
+eingesperrt sass und nur das Eine ihm im Bewusstsein stand, er müsse
+genau um die Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager sein. Dabei
+hatte sich indess eine Scheu seiner bemächtigt, wenn die Thorhüter am
+Ingresso ihm ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen,
+überhaupt sei's nicht rathsam, dass er sich in der Nähe der Beobachtung
+von Menschenaugen aussetze. Dem zu entgehen, gab's für den
+Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges Mittel, doch er
+befand sich nicht in der Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine
+Bestimmung seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg wieder, wie am Abend
+seiner Ankunft, zur alten Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in
+weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten Porta di
+Nola. Hier fiel's nicht schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und
+er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen übermässig damit zu beschweren,
+dass er der 'amministrazione' durch sein selbstherrliches Verfahren
+vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog, die er ihr wohl später auf
+irgend eine andere Weise zukommen lassen konnte. So hatte er ungesehn
+einen sonst von Niemandem aufgesuchten, interesselosen, zum grössten
+Theile noch unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in einen
+verborgenen Schattenwinkel und wartete, dann und wann seine Uhr zu Rath
+ziehend, auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein Blick in einiger
+Entfernung auf etwas silberweiss glänzend aus dem Schutt Aufragendes,
+ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte, was es sei. Doch trieb's
+ihn unwillkürlich, hinanzugehn, und da stellte es sich als ein hoher,
+ganz mit weissen Glockenkelchen behängter Asphodelos-Blüthenschaft
+heraus, dessen Samen der Wind von draussen hierhergetragen. Die Blume
+der Unterwelt war's, deutungsvoll und, wie's ihm zum Gefühl kam, für
+sein Vorhaben bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken
+Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz zurück. Mehr und mehr
+brannte die Maisonne heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich
+ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch die lange Strada di Nola
+auf den Weg. Diese lag todesstill verlassen, wie auch fast alle übrigen
+schon; drüben nach Westen drängten sich bereits sämmtliche
+Vormittagsbesucher wieder der Porta Marina und den Suppentellern zu.
+Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der Glanzblendung erschien
+die einsame Gestalt Norbert Hanold's mit der Asphodilstaude wie die
+eines in moderner Kleidung daherschreitenden Hermes Psychopompos, auf
+der Wanderung begriffen, um eine abgeschiedene Seele zum Hades
+hinunterzugeleiten.
+
+Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend, fand er sich durch die
+Strada della Fortuna weiter bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte,
+rechtshin in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro. Ebenso leblos
+wie gestern empfingen ihn hier das Vestibulum, Atrium und Peristylium,
+zwischen den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen des Oecus
+herüber. Dem in diesen Eintretenden aber war's nicht deutlich, ob er
+gestern oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei, um bei dem
+Eigenthümer des Hauses irgend eine Erkundigung einzuziehn, die für die
+archäologische Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche, wusste
+er sich indess nicht anzugeben, und ausserdem war ihm, ob auch in einem
+Widerspruch damit, die gesammte Alterthumswissenschaft das Zweckloseste
+und Gleichgültigste auf der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich
+mit ihr befassen könne, da es doch nur ein Einziges gab, auf das sich
+alles Denken und Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit
+die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und
+lebendig, wenn auch dies letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war.
+Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen war, vielleicht nur ein
+einzigesmal in einem Jahrhundert oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's
+jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr hieher sei
+vergeblich. Er treffe die Gesuchte nicht an, weil ihr nicht verstattet
+worden, wieder zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch er seit
+lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre, ebenfalls todt, begraben und
+vergessen sei. Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand unter dem
+apfelaustheilenden Paris entlang schritt, gewahrte sein Blick die
+Gradiva ebenso wie gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen den
+gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen Stufe sitzend. Doch er
+liess sich nicht von einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen,
+sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm als Trugwerk wieder vor
+Augen, was er gestern dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber
+konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst geschaffenen
+wesenlosen Erscheinung hinzugeben, stand anhaltend, und ohne sein Wissen
+kamen ihm in einem Ton des Leides die Worte vom Mund: »O, dass du noch
+wärest und lebtest!«
+
+Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder das hauchlose Schweigen
+zwischen den Ueberresten des alten Festsaales. Doch dann durchklang eine
+andere die leere Stille und sagte: »Willst du dich nicht auch setzen? Du
+siehst ermüdet aus.«
+
+Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal still. So viel brachte sein
+Kopf an Besinnung zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu sprechen.
+Oder übte auch eine Gehörhallucination Betrug an ihm? Starr
+dreinblickend, stützte er sich mit der Hand an einer Säule.
+
+Da fragte die Stimme wieder, und es war die, welche niemand sonst als
+die Gradiva besass: »Bringst du mir die weisse Blume?«
+
+Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er fühlte, dass die Füsse ihn
+nicht mehr hielten, sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich ihr
+gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten. Ihre hellen Augen
+waren auf sein Gesicht gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als
+mit dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen und Davongehn
+angesehen hatte. Aus dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes
+gesprochen, das war weggeschwunden, als ob sie inzwischen zu einer
+veränderten Auffassung gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender
+Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten. Und ähnlich schien sie
+sich auch darauf besonnen zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in
+der dritten Person ihrem Munde und den Umständen des Raumes nicht
+angemessen sei, denn sie hatte sich auch des 'Du' bedient, und es kam
+ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches von den Lippen.
+Da er aber auf ihre letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war, nahm
+sie nochmals wieder das Wort und sagte:
+
+»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal zugerufen, als ich mich zum
+Schlafen hingelegt, und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei da
+ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und wo war das? Ich kann mich nicht
+daran erinnern und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«
+
+Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen, dass ihm möglich
+fiel, zu antworten: »In der Nacht, als du dich am Forum auf die Stufen
+des Apollotempels setztest und der Aschenfall vom Vesuv dich zudeckte.«
+
+»Ach so -- damals. Ja richtig -- das war mir nicht eingefallen. Aber ich
+hätte mir denken können, dass es eine derartige Bewandtniss damit haben
+müsse. Als du's gestern sagtest, kam's mir nur zu unerwartet und ich war
+zu wenig darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich mich recht
+besinne, vor bald zwei Jahrtausenden. Lebtest du denn damals schon? Mich
+däucht, du siehst jünger aus.«
+
+Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes,
+äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene
+Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein,
+wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht -- es war
+vielleicht -- ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt,
+gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte --
+aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder --«
+
+In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber
+Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie
+wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder?
+In dem Traum? Woran?«
+
+»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«
+
+»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?«
+
+Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja --
+weisst du's selbst nicht? -- anmuthreicher, als irgend eine sonst,
+wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte
+dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner
+Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem
+Reliefbild in Rom überein.«
+
+»Ach so --« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher --
+»mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht
+und weiss sogar im Augenblick nicht genau -- wie ist es doch -- und dort
+hast du's also gesehen?«
+
+Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er
+hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen,
+der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich,
+ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge
+Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine
+einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt
+wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu
+reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden
+könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse
+gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor
+ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das
+Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse
+wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager
+verschwunden.
+
+Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das
+Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«
+
+Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins
+Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und
+kehrtest -- in der Stunde, die es dir verstattet -- in dein Vaterhaus
+zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es
+nicht.«
+
+»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl
+vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen,
+was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte
+doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit
+meintest.«
+
+Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem Anblick geglaubt, sie sei es
+nicht wirklich, sondern nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild an der
+Stelle, wo er sie gestern angetroffen, wieder vor. Dazu lächelte sie und
+pflichtete bei: »Es scheint, dass du Grund haben magst, dich vor einem
+Uebermass von Einbildungsvermögen in Acht zu nehmen, obwohl ich bei
+meinem Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung gekommen war.«
+Aber sie brach davon ab und fügte nach: »Was ist es denn mit meiner
+Gangart, von der du vorhin sprachst?«
+
+Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes Interesse sie darauf
+zurückbrachte, und ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten darf --«
+
+Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth schreckhaft in Erinnerung,
+dass sie gestern plötzlich aufgestanden und davongeschritten sei, als er
+sie gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe, wie auf der des
+Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen, und dunkel brachte etwas in seinem
+Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn gerichtet, damit in
+Verbindung. Doch jetzt erhielt sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer
+Augen gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach, sagte sie: »Es
+war artig von dir, dass dein Wunsch, Jemand möge noch leben, mir galt.
+Wenn du dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es dir gern.«
+
+Das beschwichtigte seine Furcht, und er entgegnete: »Es würde mich
+glücklich machen, dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein
+Bildniss --«
+
+Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand sie auf, schritt eine
+Strecke zwischen der Wand und den Säulen entlang. Genau die ihm so
+festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der sich fast senkrecht
+emporhebenden Sohle war's, nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie
+unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen, sondern sandfarbig helle
+Schuhe von feinem Leder trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend
+wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen Unterschied ihrer
+Fussbekleidung von der auf dem Relief in Rede. Darauf entgegnete sie:
+»Die Zeit ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige passen
+Sandalen nicht, darum lege ich Schuhe an, die besser gegen Staub und
+Regen schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor dir zu gehen? Was ist
+denn Besonderes daran?«
+
+Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu erfahren, bekundete sie nicht
+ganz von einer weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte nun,
+dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung ihres zurückgehaltenen
+Fusses während des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie er in
+seiner Heimat mehrere Wochen lang auf der Strasse den Gang der heutigen
+Frauen zu beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass diese schöne
+Bewegungsweise ihnen völlig verloren gegangen sei, mit Ausnahme
+vielleicht von einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so zu gehen,
+gemacht. Sicher habe er dies indess in dem Menschengedränge um sie her
+nicht feststellen können, und ihn wohl eine Augentäuschung befallen
+gehabt, da ihm vorgekommen sei, als ob auch ihre Gesichtszüge etwas
+denen der Gradiva geähnelt hätten.
+
+»Wie schade,« antwortete sie, »denn die Feststellung wäre doch von
+grosser wissenschaftlicher Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen
+wäre, hättest du vielleicht die weite Reise hierher nicht zu machen
+gebraucht. Doch von wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?«
+
+»So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
+wusste -- und auch jetzt noch nicht weiss.«
+
+Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu, und auch ihr Mund
+zauderte ein wenig, ehe sie auf die indirecte Frage seiner Nachfügung
+erwiderte: »Ich heisse Zoë.«
+
+Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton: »Der Name steht dir schön an,
+aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das Leben.«
+
+»Man muss sich in das Unabänderliche finden,« entgegnete sie, »und ich
+habe mich schon lange daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für
+heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume mitgebracht, dass sie
+mich auf den Weg zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.«
+
+Aufstehend, streckte sie die schmale Hand vor, und er reichte ihr die
+Asphodelosstaude, doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren. Den
+Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich danke dir. Solchen, die besser
+daran sind, giebt man im Frühling Rosen, doch für mich ist die Blume der
+Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. Morgen wird es mir
+verstattet sein, um diese Stunde noch wieder hierher zu kommen. Wenn
+auch dich dein Weg dann noch einmal ins Haus des Meleager führt, können
+wir uns wie heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner Schwelle
+steht: Have, und ich spreche es dir: Have!«
+
+Sie ging und verschwand wie gestern an der Umbiegung des Porticus, als
+ob sie dort in den Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag Alles
+wieder, nur aus einiger Entfernung her scholl einmal kurz ein heller,
+gleich wieder abgebrochener Ton wie von einem lachenden Ruf eines über
+die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels. Der Zurückgebliebene sah auf den
+verlassenen Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses, das
+Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva gestern auf den Knien
+gehalten und heute mitzunehmen vergessen hatte. Doch wie er scheu die
+Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch mit
+Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste aus mehreren Häusern
+Pompejis. Das vorletzte Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der Casa
+di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten war ein Anfang gemacht, über
+die Mohnblüthen des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe des
+Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames rührte daraus an, dass
+die Abgeschiedene in einem Skizzenbuch von heutiger Art zeichnete, wie
+dass sie ihren Gedanken in deutscher Sprache Ausdruck gab. Doch waren
+das nur geringfügige Wunderzugaben neben der grossen ihrer
+Wiederbelebung, und offenbar benützte sie die mittägige Freistunde dazu,
+die Umgebung, in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher künstlerischer
+Begabung sich gegenwärtig zu erhalten. Die Darstellungen zeugten von
+fein ausgebildetem Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte von klugem
+Denkvermögen, und vermuthlich hatte sie oftmals an dem alten
+Greifentisch gesessen, so dass er ihr ein besonders werthvolles
+Erinnerungsstück war.
+
+Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein ebenfalls den Porticus entlang
+und nahm an der Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen schmalen
+Spalt gewahr, doch breit genug, um eine Gestalt von ungewöhnlicher
+Schlankheit in das Nebengebäude und wohl weiter nach dem Vicolo del
+Fauno an der andern Seite des Hauses hindurchzulassen. Zugleich aber
+durchschoss es ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva
+versinke hier nicht in den Boden -- das war an sich auch vernunftwidrig,
+und er begriff nicht, es geglaubt zu haben -- sondern begebe sich auf
+diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die musste in der Gräberstrasse sein,
+und fortstürzend, eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter bis
+zum Thor des Hercules. Allein, als er an diesem athemlos und in Schweiss
+gebadet eintraf, war's schon zu spät; leer dehnte sich die breite Strada
+di Sepolcri weissblendend hinunter, nur an ihrem Ende schien hinter dem
+glitzernden Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss vor der Villa
+des Diomedes zu zergehen.
+
+ * * * * *
+
+Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte dieses Tages mit einem
+Gefühl, dass Pompeji überall oder wenigstens da, wo er sich grad
+aufhalte, in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die war nicht nach ihrer
+sonstigen Art grau, düster und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter
+und äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich leicht
+gelblich-weiss und alabasterweiss, dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen
+Fäden durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder das Sehvermögen des
+Auges, noch die Gehörkraft des Ohres, nur durch sie hindurch _denken_
+liess sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer daraus, deren
+Wirkung mit dem dichtesten Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen
+war's ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer und auch
+sonst nicht bemerkbarer Weise ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht,
+der einen unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe. Davon
+suchte er sich instinktiv durch Anwendung von Gegenmitteln zu befreien,
+indem er einerseits häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel und
+weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse waren nicht umfangreich,
+allein sie verhalfen ihm doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand
+müsse einem zu starken Blutandrang nach dem Kopf, vielleicht in
+Verbindung mit einer beschleunigten Herzthätigkeit, entspringen, denn er
+fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher völlig Fremdartiges,
+ab und zu an einem raschen Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen
+verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach aussen durchdringen
+konnten, im Innern keineswegs unthätig, oder richtiger war's nur ein
+Gedanke, der dort den Alleinbesitz angetreten hatte und eine rastlose,
+wenngleich vergeblich bleibende Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich
+dabei immerwährend um die Frage herum, von welcher leiblichen
+Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge, ob sie während ihres
+Aufenthaltes im Hause des Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine
+Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen habe, sei. Für das
+Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch zu reden, dass sie
+über Organe zum Sprechen verfügte und mit den Fingern einen Bleistift zu
+halten vermochte. Aber bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn er sie
+berühren, etwa seine Hand auf die ihrige legen würde, träfe er damit nur
+auf leere Luft. Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein
+eigenthümlicher Drang, indess eine ebenso grosse Scheu hielt ihn in der
+Vorstellung auch davon zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder
+der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss Einflössendes mit sich
+bringen. Die Körperhaftigkeit der Hand würde ihn mit einem Schreck
+durchfahren und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken Schmerz
+verursachen.
+
+Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ohne Anstellung eines
+Experimentes nicht lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte er
+bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag bis zu den südwärts von
+Pompeji aufsteigenden Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe des Monte
+Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen mit einem älteren, schon
+graubärtigen Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit allerhand
+Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker zu sein und an einem
+heissbesonnten Abhang eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte
+den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen war, sah diesen einen
+Augenblick überrascht an und sagte dann: »Interessiren Sie sich auch für
+die Faraglionensis? Das hätte ich kaum vermuthet, aber mir ist es
+durchaus wahrscheinlich, dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei
+Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen
+muss. Das vom Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich gut, ich
+habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg angewendet. Bitte, halten Sie
+sich ganz ruhig --«
+
+Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige Schritte am Gelände empor
+vorwärts und hielt, sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus
+einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge vor eine schmale
+Felsritze, aus der das bläulich schillernde Köpfchen einer Eidechse
+hervorsah. So blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und Norbert
+Hanold wendete sich hinter seinem Rücken geräuschlos um und kehrte auf
+den Weg, den er gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht des
+Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der beiden
+Gasthöfe, an seinen Augen vorübergegangen, darauf wies auch die Anrede
+desselben hin. Es hatte etwas kaum Glaubliches, was für närrisch
+merkwürdige Vorhaben Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji veranlassen
+konnten; froh, dass es ihm gelungen sei, sich so rasch von dem
+Schlingensteller loszumachen und wieder im Stande zu sein, seine
+Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit oder -losigkeit
+zurückzurichten, begab er sich auf die Rückwanderung. Doch verleitete
+ein Seitenweg ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und brachte ihn, statt
+zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten
+Stadtmauer; in seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst gewahr,
+als er dicht an ein Gebäude herangekommen, das weder der 'Diomed' noch
+das 'Hotel Suisse' war. Trotzdem trug es die Anzeichen einer Wirthschaft
+an sich, unweit davon erkannte er die Reste des grossen pompejischen
+Amphitheaters, und ihm kam von früher ins Gedächtniss, dass in der Nähe
+des letzteren noch ein Gasthaus, der 'Albergo del Sole', vorhanden sei,
+wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof meistens nur von einer
+geringen Gästezahl aufgesucht werde und ihm selbst auch unbekannt
+geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht, dazu das nebelhafte
+Kreisen in seinem Kopf nicht vermindert, so trat er in die offene Thür
+ein und liess sich das von ihm als nützlich gegen den Blutandrang
+erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren Wassers geben. Das Zimmer
+stand, selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten
+Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte Wirth nützte, mit dem
+Eingekehrten eine Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein Haus
+und die darin enthaltenen ausgegrabenen Schätze bestens in Empfehlung zu
+bringen. Nicht grade unverständlich deutete er darauf hin, dass es in
+der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen unter den vielen von ihnen
+zum Verkauf ausgestellten Gegenständen kein einziges Stück echt, sondern
+alle nachgemacht seien, während er, sich mit einer geringeren Anzahl
+begnügend, seinen Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn er
+erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung er selbst anwesend
+war, und im Weitergang seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er auch
+zugegen gewesen, als man in der Gegend des Forum das junge Liebespaar
+aufgefunden, das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren Unterganges
+fest mit den Armen umschlungen und so den Tod erwartet habe. Davon hatte
+Norbert schon früher gehört, darüber als über eine Fabelerfindung irgend
+eines besonders phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt, und er
+wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth ihm zum Beleg eine mit grüner
+Patina überkrustete Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart
+neben den Ueberresten des Mädchens aus der Asche gesammelt worden. Aber
+als der im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand nahm, übte doch
+die Einbildungskraft solche Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich,
+ohne weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten Engländerpreis
+entrichtete und eilig mit seinem Erwerb den 'Albergo di Sole' verliess.
+In diesem sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben an einem
+offenstehenden Fenster einen in ein Wasserglas gestellten, mit weissen
+Blüthen behängten Asphodilschaft herabnicken, und ohne eines logischen
+Zusammenhanges dafür zu bedürfen, durchdrang's ihn bei dem Anblick der
+Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung der Echtheit seines
+neuen Besitzthums zu Theil werde.
+
+Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer den Weg zur Porta Marina
+innehaltend, zugleich angespannt und scheu, vor allem mit einem
+zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein Märchen, dass ein junges
+Liebespaar in solcher Umschlingung unweit des Forums ausgegraben worden
+sei, und dort am Apollotempel hatte er die Gradiva sich zum Todesschlaf
+hinlegen gesehn. Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt bestimmt;
+in Wirklichkeit konnte sie vom Forum noch weitergegangen, mit Jemand
+zusammengetroffen und gemeinsam mit ihm gestorben sein.
+
+Aus der grünen Spange zwischen seinen Fingern durchfloss ihn ein Gefühl,
+sie habe der Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am Halse
+geschlossen gehalten. Dann aber war diese die Geliebte, Verlobte,
+vielleicht die junge Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen sterben
+gewollt.
+
+Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange fortzuschleudern. Sie brannte
+seine Finger, als ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder richtiger,
+sie verursachte ihm den Schmerz, wie bei der Vorstellung, dass er seine
+Hand auf die der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.
+
+Indess die Vernunft behauptete in seinem Kopf die Oberhand, er liess ihn
+nicht willenlos von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich es
+sein mochte, fehlte doch der unumstössliche Beweis, dass die Spange ihr
+angehört habe, und dass sie es gewesen sei, die man in den Armen des
+jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss verhalf ihm zur Fähigkeit
+eines befreienden Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn den
+'Diomed' erreichte, hatte die langstündige Umherwandrung seiner gesunden
+Constitution doch auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht. Er
+verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost, die der 'Diomed' trotz
+seiner argivischen Abkunft bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne
+Esslust und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags neueingetroffene
+Gäste gewahr. Durch Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich als
+Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten beide jugendliche, einnehmende
+und mit einem geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss
+zu einander liess sich nicht entnehmen, doch schloss Norbert nach einer
+gewissen Aehnlichkeit auf ein Geschwisterpaar. Allerdings unterschied
+das Haar des jungen Mannes sich durch Blondfarbigkeit von ihrem
+lichtbraunen; sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid, deren
+Anblick an etwas im Gedächtniss des aus seiner Stubenecke
+Hinüberschauenden rührte, ohne dass er sich darauf besinnen konnte, was
+es sei. Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden,
+von denen er einen sympathischen Eindruck empfing. Sie redeten, bei
+einem Fiaschetto sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar, noch in
+besorglichem Flüsterton, augenscheinlich bald über ernsthafte Dinge und
+bald über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um ihre Lippen ein
+halblachender Zug, der ihnen hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme
+an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht bei Norbert hätte
+erwecken können, wenn er um zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur
+von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum zusammengetroffen wäre. Doch
+er fühlte, was in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu starken
+Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit der Beiden, um die
+unverkennbar kein leisester Nebel lag und die zweifellos nicht über die
+Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden Verstorbenen
+tiefgrundig nachsannen, sondern sich ohne alle Abmühung an einem
+räthselvollen Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen Stunde freuten.
+Damit stimmte sein Zustand nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst
+überflüssig für sie vor und scheute andrerseits vor dem Versuch, eine
+Bekanntschaft mit ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle
+Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen könnten ihm durch die
+Stirnwandung in seine Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck
+annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei Verstand hielten. So
+begab er sich zu seinem Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern,
+nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend, am Fenster
+und legte sich dann zur Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und
+träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo in der Sonne sass die
+Gradiva, machte aus einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin
+zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich ganz ruhig -- die Collegin
+hat recht, das Mittel ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg
+angewendet --«
+
+Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden, das sei in der That
+vollständige Verrücktheit, und er warf sich herum, um von ihr
+loszukommen. Dies gelang ihm auch durch die Beihülfe eines unsichtbaren
+Vogels, der einen kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien, die
+Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war Alles verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in der Nacht eine Stimme
+gesprochen habe, im Frühling gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm
+dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen, da sein aus dem Fenster
+gehender Blick drunten auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch
+fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die, welche die junge Dame vor
+der Brust getragen, und als er hinuntergekommen, pflückte er
+unwillkürlich ein paar von ihnen ab und roch daran. Es musste mit den
+Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr
+Duft bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch völlig neu und
+fremdartig, und dabei, als ob sie eine etwas lösende Wirkung in seinem
+Kopf ausübten. Wenigstens entledigten sie ihn seiner gestrigen Scheu vor
+den Thorwächtern, er begab sich vorschriftsmässig durch den Ingresso
+nach Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe den doppelten
+Betrag des Eintrittsgeldes und schlug rasch Wege ein, die ihn aus der
+Nähe der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine Skizzenbuch aus der
+Casa di Meleagro trug er nebst der grünen Spange und den rothen Rosen
+mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem Duft der letzteren
+vergessen, und seine Gedanken befanden sich nicht in der Gegenwart,
+sondern ausschliesslich auf die Mittagsstunde vorausgerichtet. Bis zu
+der war's indess noch lang, er musste die Wartezeit verbringen und trat
+zu dem Behuf bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem ihm
+wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva es ehemals öfter betreten
+habe oder noch jetzt zuweilen aufsuche -- seine Annahme, dass sie
+lediglich um Mittag dazu im stande sei, war etwas ins Schwanken
+gerathen. Vielleicht stand's ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei,
+möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein; verwunderlich
+bekräftigten ihm diese Muthmassung die Rosen, wenn er sie einathmend an
+seine Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam sein Nachsinnen
+willfährig und überzeugungsbereit entgegen. Denn er konnte sich das
+Zeugniss zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer vorgefassten
+Meinung beharre, vielmehr jeder vernünftigen Einwendung freien Lauf
+lasse, und eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur logisch,
+auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
+einer Begegnung mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien, sie als
+leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder ob nur den seinigen die
+Befähigung dazu innewohne. Das erstere liess sich nicht abweisen,
+behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich und wandelte das
+Wünschenswerthe zum Gegentheil um, versetzte ihn in eine
+unmuthig-unruhige Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie ebenfalls
+anreden, sich zu ihr setzen, um eine Unterhaltung mit ihr zu führen,
+entrüstete ihn; darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls ein
+Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der niemand sonst gewusst,
+entdeckt, sie täglich betrachtet, in sich aufgenommen, gewissermassen
+mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm war's, als ob er ihr
+dadurch ein Leben wieder verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen
+hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu, auf das er allein
+Anspruch erheben durfte und verweigern konnte, es mit irgendjemand sonst
+zu theilen.
+
+Der vorschreitende Tag war noch heisser als die beiden voraufgegangenen,
+die Sonne schien es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung
+abgesehen zu haben und machte nicht nur in archäologischer, auch in
+praktischer Hinsicht bedauerlich, dass die Wasserleitung Pompejis seit
+zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet dalag. Strassenbrunnen
+erhielten da und dort ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch
+Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung durch vorübergekommene
+durstige Leute ab. Sie hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr
+vorzubücken, eine Hand auf den marmornen Brunnenrand gestützt und
+diesen, wie der Tropfen den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu
+einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte diese Wahrnehmung an einer
+Ecke der Strada della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung auf,
+dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich ehemals hier so aufgestützt
+haben möge, und unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine
+Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme sogleich, empfand einen
+Verdruss über sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können. Sie
+stand in keinem Einklang zu dem Wesen und Benehmen der jungen
+Pompejanerin aus feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin, dass
+sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an das nämliche Rohr gelegt
+haben sollte, aus dem die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen Sinn
+Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun und ihren Bewegungen kundgab,
+war ihm noch nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft, sie
+könne ihm den unglaublich verstandwidrigen Einfall ansehen. Denn ihre
+Augen besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein paarmal das Gefühl
+angerührt, während seines Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach,
+einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden und darin wie mit
+einer stahlhellen Sonde herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam
+Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in seinen Gedankenvorgängen
+antrafen.
+
+Noch immer war's eine Stunde bis Mittag, und um sie zu verbringen, ging
+er quer über die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste und
+stattlichste aller ausgegrabenen Häuser, hinein. Wie kein anderes,
+besass es ein doppeltes Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten
+des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die berühmte Statue des
+tanzenden Fauns, nach dem es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward
+bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern rege, dass sich dies,
+von der Wissenschaft am höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier
+befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde der Alexanderschlacht ins
+Museo nazionale nach Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei
+weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die Zeit weiterrücken zu
+lassen, und wanderte zu diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude
+umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter, von zahlreichen
+Säulen umfasster Raum, entweder auch eine nochmalige Wiederholung des
+Peristyls, oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's
+gegenwärtig, denn wie der Oecus der Casa di Meleagro war er ganz mit
+blühendem Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt der Besucher
+durch die stille Verlassenheit.
+
+Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss an, er befand sich doch
+nicht allein hier, sein Blick traf in einiger Entfernung auf zwei
+Gestalten, die zuerst nur den Eindruck von einer erregten, da sie so nah
+als irgendmöglich aneinandergedrängt standen. Sie nahmen ihn nicht
+gewahr, denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt und mochten sich
+dabei in dem Winkel durch die Säulen für etwaige andere Augen
+unentdeckbar gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den Armen
+umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen zusammengeschlossen, und der
+unvermuthete Zuschauer erkannte zu seiner Ueberraschung, es seien der
+junge Herr und die junge Dame, an denen er gestern Abend zum erstenmal
+auf seiner Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei Geschwister aber
+bedünkten ihn ihr gegenwärtiges Verhalten, die Umarmung und der Kuss von
+zu langer Andauer, also war es doch ein Liebes- und muthmasslich junges
+Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete.
+
+Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden Letzteren Norbert
+augenblicklich nicht in den Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus
+nicht lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte noch sein
+Wohlgefallen an den Beiden. Was sie thaten, kam ihm ebenso natürlich wie
+vollbegreiflich vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden Bild mit
+grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf einem der am höchsten
+bewunderten antiken Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser
+Betrachtung noch länger überlassen. Doch war's ihm zu Muth, als sei er
+unberechtigt in einen geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff,
+darin eine geheime Andachtsübung zu stören; die Vorstellung, dabei
+wahrgenommen zu werden, befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig
+um, ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück und lief, aus der
+Hörweite gelangt, beengten Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo
+del Fauno hinaus.
+
+ * * * * *
+
+Als er vor dem Hause des Meleager ankam, wusste er nicht, ob es bereits
+Mittagsstunde sei, und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach zu
+befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig eine Weile auf das
+'Have' des Einganges niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab,
+hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich gleicherweise davor, die
+Gradiva drinnen nicht anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem
+Kopf hatte sich während der letzten Minuten festgesetzt, im ersteren
+Falle halte sie sich anderswo mit irgend einem jüngeren Herrn auf und im
+zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen zwischen den Säulen
+Gesellschaft. Gegen den aber empfand er einen Hass noch weit stärker,
+als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen, hatte bis heute
+nicht für möglich gehalten, dass er einer so heftigen inneren Erregung
+fähig sein könne. Das Duell, das er immer für eine sinnlose Dummheit
+angesehen, erschien ihm plötzlich in einem veränderten Lichte; hier ward
+es zum Naturrecht, das der in seinem eigensten Recht Gekränkte, zu Tod
+Beleidigte an sich nahm als einzig vorhandenes Mittel, eine
+befriedigende Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen
+Daseins entäussern zu lassen. So setzte sein Fuss sich mit jäher
+Bewegung doch zum Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen
+herausfordern und wollte -- das drängte sich fast noch gewaltsamer in
+ihm auf -- ihr rückhaltlos zum Ausdruck bringen, dass er sie für etwas
+Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft nicht fähig gehalten habe --
+
+So bis zum Lippenrande voll war er von diesem Vorhaben der Empörung,
+dass es ihm auch vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass dafür zu
+Tage lag. Denn wie er mit stürmischer Eile die Entfernung bis zum Oecus
+hinter sich gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du allein?!«,
+obwohl der Augenschein keinen Zweifel darüber beliess, dass die Gradiva
+grad ebenso einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf der Stufe dasass.
+Sie sah ihn verwundert an und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag
+noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig und sitzen beim Essen.
+Das hat die Natur für mich sehr erfreulich so eingerichtet.«
+
+Seine überwallende Aufregung konnte sich jedoch so rasch nicht
+beschwichtigen und liess ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die
+Muthmassung entfahren, die eben draussen mit der Stärke einer Gewissheit
+über ihn gerathen; denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig,
+hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders denken. Ihre hellen
+Augen hielten sich in sein Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen,
+dann machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung gegen ihre Stirn
+und sagte: »Du --.« Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade
+genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich ich erwarten muss,
+dass du um diese Zeit hieherkommst. Aber der Platz gefällt mir einmal
+gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch, das ich gestern
+vergessen hatte, mitgebracht. Ich danke dir für deine bessere
+Achtsamkeit. Willst du's mir nicht geben?«
+
+Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er traf keinerlei Anstalt dazu,
+sondern blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen. In seinem Kopf
+dämmerte es, dass er sich eine ungeheure Dummheit ein- und ausgebildet,
+dazu auch noch ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich fiel,
+wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor, reichte der Gradiva das
+Buch hin und setzte sich zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe
+nieder. Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie: »Du scheinst ein
+Freund von Rosen zu sein.«
+
+Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum Bewusstwerden, was ihn zum
+Abpflücken und Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er entgegnete:
+»Ja -- doch, ich habe sie nicht für mich -- du sprachst gestern -- und
+auch heut' Nacht sagte mir's Jemand -- man gäbe sie im Frühling --«
+
+Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete: »Ach so -- ja, ich
+erinnere mich -- Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil, sondern
+Rosen. Das ist artig von dir; es scheint, du hast deine Ansicht von mir
+ein wenig verbessert.«
+
+Ihre Hand streckte sich zum Empfang der rothen Blumen aus, und diese ihr
+jetzt hinreichend, versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest nur in
+der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist wahrscheinlich geworden, dass
+du auch zu anderer Zeit -- das macht mich sehr glücklich --«
+
+»Warum macht dich das glücklich?«
+
+Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus, nur um ihre Lippen ging
+ein kaum merkbar leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es ist
+schön, lebendig zu sein -- mir ist dies früher nie so -- ich wollte dich
+noch fragen --«
+
+Er suchte in seiner Brusttasche und setzte, das Gefundene herausziehend,
+hinzu: »Hat diese Spange ehemals dir gehört?«
+
+Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach vor, doch sie schüttelte
+den Kopf. »Nein, ich kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach
+wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird vermuthlich erst aus
+diesem Jahr herstammen. Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden?
+Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch vor, als hätte ich sie
+schon gesehen.«
+
+Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne -- warum in der Sonne?«
+
+»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei von der Art zu Stande.
+Sollte die Spange nicht einem jungen Mädchen gehört haben, das mit einem
+Begleiter zusammen, ich glaube in der Umgegend des Forums, verunglückt
+sein soll.«
+
+»Ja, der seine Arme um sie geschlungen hielt --«
+
+»Ach so --«
+
+Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva als eine
+Lieblings-Interjection auf der Zunge, und sie hielt danach einen
+Augenblick inne, ehe sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte
+sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa -- wie sagtest du vorhin?
+-- dich unglücklich gemacht?«
+
+Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich erleichtert fühle, und
+vernehmlich klang's auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber
+-- denn die Vorstellung, dass dir die Spange gehört habe, verursachte
+mir einen -- einen Schwindel im Kopf --«
+
+»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu hegen. Hast du vielleicht
+heut' Morgen zu frühstücken vergessen? Das verstärkt leicht solche
+Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe mich vor, da es mir am
+besten zusagt, um die Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem
+misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein bischen abhelfen kann, dass
+ich meinen Vorrath mit dir theile --«
+
+Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes Weissbrod aus ihrer
+Kleidertasche, brach es durch, legte ihm die eine Hälfte in seine Hand
+und begann die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren. Dabei
+blitzen ihre ausnehmend zierlichen und tadellosen Zähne nicht nur mit
+einem perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern verursachten beim
+Durchbeissen der Rinde auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie
+durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose Scheingebilde, sondern
+von wirklicher körperhafter Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte
+sie mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten Frühstückes wohl das
+Richtige getroffen; mechanisch ass er ebenfalls und empfand eine
+entschieden günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner Gedanken
+ausgeübt. So sprachen sie Beide ein Weilchen nicht weiter, sondern gaben
+sich schweigend der gleichen nützlichen Beschäftigung hin, bis die
+Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir schon vor zweitausend Jahren
+einmal so zusammen unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf
+besinnen?«
+
+Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt Wunder, dass sie von einer so
+unendlich fernen Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des Kopfes
+durch das Nährmittel hatte eine Umänderung in seinem Gehirn nach sich
+gezogen. Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit hier in Pompeji
+umhergegangen, wollte sich nicht mehr mit der gesunden Vernunft in
+Einklang bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig so, als
+ob es kaum mehr als zwanzig Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe
+des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte Haar und die
+makellosen Zähne; auch die Vorstellung, das helle, von keinem Schatten
+eines Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte Jahre in der
+Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
+Norbert ward von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er eigentlich in
+wachem Zustande hier sitze oder nicht wahrscheinlicher in seiner
+Studirstube, wo er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva von Schlaf
+überkommen worden, geträumt habe, dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr
+als einer noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter träume, noch
+so an ihrer Seite in der Casa di Meleagro zu sitzen. Denn dass sie
+wirklich noch lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte sich doch
+wohl nur in einem Traume zutragen -- die Naturgesetze erhoben dagegen
+einen Einwand --
+
+Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt hatte, sie habe schon vor
+zweitausend Jahren einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon wusste er
+nichts und konnte doch darauf auch im Traum nicht gerathen --
+
+Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern ruhig auf ihren Knien --
+die trug den Schlüssel zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in
+sich --
+
+Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro machte die Frechheit der
+gemeinen Stubenfliege nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber sah
+er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit in suchender Gier auf
+und ab rennen; nun schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.
+
+Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage, ob er sich nicht an das schon
+früher gemeinsam mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und brachte,
+jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren die Fliegen damals schon ebenso
+teuflisch wie jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert
+haben?«
+
+Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen Erstaunen an und
+wiederholte: »Die Fliegen? Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«
+
+Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer auf ihrer Hand, die nicht
+durch die leiseste Regung kundgab, dass sie etwas davon verspüre. Bei
+dem Anblick aber mischten sich in dem jungen Archäologen zwei gewaltsame
+Antriebe zur Ausführung einer und der nämlichen Handlung ineinander.
+Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh' und klatschte mit einem keineswegs
+gelinden Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin herunter.
+
+Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung, Bestürzung und doch auch ein
+freudiger Schreck über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere Luft
+hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes und Starres, sondern auf
+eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und warme Menschenhand, die
+einen Moment lang, augenscheinlich vollständig verblüfft, regungslos
+unter der seinigen liegen blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck
+fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist doch offenbar verrückt,
+Norbert Hanold.«
+
+Der Name, von dem er niemand in Pompeji Mittheilung gemacht, ging der
+Gradiva so glatt, zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der
+Inhaber desselben noch stärker erschrocken von der Stufe aufflog.
+Zugleich ertönten im Säulengang unvermerkt nah herangekommene
+Fusstritte, vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter des
+sympathischen Liebespaars aus der Casa di Fauno auf, und die junge Dame
+rief mit einem Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch hier? Und auch
+auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben!«
+
+ * * * * *
+
+Norbert befand sich wieder draussen vor dem Haus des Meleager in der
+Strada di Mercurio. Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar, es
+musste instinktiv geschehen sein, und zwar von einer blitzartigen
+Erleuchtung in ihm veranlasst, das einzige sei's, was er thun könne, um
+nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen. Vor dem jungen Paar,
+mehr noch vor der von diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben
+mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und am allermeisten vor sich
+selbst. Denn, wenn er auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz
+unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der nicht wesenlosen, sondern
+körperhaft wirklichen, warmen Menschenhand hatte eine zweifellose
+Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den beiden letzten Tagen in
+einem Zustand völliger Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in
+unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen und Ohren, als sie zu ihrer
+vernünftigen Anwendung Menschen von der Natur mitgegeben wurden. Wie das
+sich derartig zugetragen habe, entzog sich, gleich allem Uebrigen,
+seinem Verständniss; nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein
+sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein, der, in solcher Weise
+zur Oberhand gelangend, etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum
+Gegentheil umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch
+wenigstens ein bischen mehr Aufschluss zu gewinnen, war ein in
+unbesuchter Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst aber
+trieb es Norbert an, sich möglichst rasch aus dem Bereich der Augen,
+Ohren und sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift so
+benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck entsprach.
+
+Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf, so war sie jedenfalls von
+dem unvorgesehenen und um die Mittagsstunde nicht erwarteten Besuch in
+der Casa di Meleagro auch, und nach ihrem allerersten Mienenausdruck
+nicht in ausschliesslich angenehmer Weise, überrascht worden. Doch liess
+vom letzteren schon der nächste Augenblick in ihrem klugen Gesicht keine
+Spur mehr erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen Dame entgegen
+und versetzte, ihr die Hand reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa,
+der Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall. Also das ist seit
+vierzehn Tagen dein Mann? Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen
+und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen offenbar meinen
+Glückwunsch nicht nachträglich zu einer Condolation umzuändern. Paare,
+bei denen das angebracht wäre, pflegen um diese Zeit in Pompeji bei
+Tisch zu sitzen; ihr seid vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche
+ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben habe ich dir nichts;
+das wirst du mir nicht übel nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst
+nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch einen Ring
+auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt ausserordentlich kräftig auf die
+Einbildung, das merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als wenn sie
+zu nüchtern machte. Der junge Herr, der eben fortging, laborirt auch an
+einem merkwürdigen Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt, dass ihm eine
+Fliege im Kopf summt; nun, irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin.
+Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann desshalb
+bei solchen Zuständen ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und ich
+wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen Anfall und dazu den
+guten Einfall, mich mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine
+eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keine Anforderungen
+stellen wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl
+schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht --
+ich meine das Glück, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem
+Gedanken gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit, wie's bei einer alten
+Freundin so geht -- ganz uralt allerdings sind wir doch grade noch
+nicht. Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne an den Sonnentisch, da
+muss ich seinem Appetit Gesellschaft leisten und darum leider
+augenblicklich auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die Casa di
+Meleagro ja auch ohne mich besichtigen können; ich verstehe das zwar
+nicht, aber ich denke es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta! So
+viel Italienisch habe ich schon gelernt, und viel mehr braucht man
+eigentlich nicht. Was sonst noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst
+-- bitte, nein, senza complimenti!«
+
+Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich auf eine höfliche
+Bewegung, mit der ihr der junge Eheherr das Geleit geben zu wollen
+schien. Sie hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen und ganz den
+Umständen der unerwarteten Begegnung mit einer nahstehenden Freundin
+entsprechend ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen
+Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage, dass sie sich
+gegenwärtig nicht länger aufhalten könne, Zeugniss ablegte. Und so waren
+nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen Abgang Norbert
+Hanold's verflossen, wie sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in
+die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der Tageszeit gemäss,
+einzig da und dort von einer schwänzelnden Lacerte belebt da, und für
+ein paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande Innehaltende offenbar
+einem kurz überwägenden Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die
+nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein, überschritt an der
+Kreuzung des Vicolo di Mercurio und der Strada di Sallustio mit dem
+anmuthig-behenden Gradiva-Gang die Trittsteine und gelangte so sehr
+rasch bis an die beiden Seitenmauerreste der Porta Ercolanese. Hinter
+dieser dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch nicht
+weissblendend und von glitzernden Strahlen verhängt, wie vor
+vierundzwanzig Stunden, als der junge Archäologe ebenso mit suchenden
+Augen von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die Sonne schien heut'
+von einem Gefühl überkommen zu sein, dass sie am Vormittag doch des
+Guten ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen grauen Schleier vor
+sich gezogen, an dessen Verdichtung sichtlich noch weiter gearbeitet
+wurde, und in Folge davon hoben die hin und wieder an der Strada de'
+Sepolcri aufgewachsenen Cypressen sich ungewöhnlich scharf und schwarz
+gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als gestern war's, der
+geheimnissvoll Alles überflimmernde Glanz fehlte ihm; auch die Strasse
+befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit, hatte gegenwärtig
+ein ihrem Namen Ehre machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser
+Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an ihrem Ende nicht
+aufgehoben, sondern eher noch erhöht; es sah aus, als ob dort in der
+Umgegend der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus
+aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler verschwinde.
+
+Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager zum Albergo del Sole war's,
+vielmehr eigentlich die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber
+die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht gekommen sein, dass die
+Zeit doch noch nicht so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn nach
+einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor ging sie, die Sohle des
+zurückbleibenden Fusses jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über
+die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.
+
+ * * * * *
+
+Die 'Villa des Diomedes' -- äusserst beliebig von den Heutlebenden so
+nach einem Grabmal benannt, das ein 'Libertus' Marcus Arrius Diomedes,
+der zu einem Vorstand des früher hier gelegenen Stadttheiles aufgerückt
+gewesen, in der Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie für
+sich und seine Angehörigen errichtet hatte -- war ein sehr umfänglicher
+Bau und barg ein nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht
+schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom Untergang Pompejis in
+sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
+aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser, ringsum von einem
+erhalten gebliebenen Pfeilerporticus umschlossener Gartenraum mit kargen
+Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels in der Mitte, und noch
+weiter abwärts führten zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von
+trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe nieder. Auch in dies
+war die Vesuvasche eingedrungen, und man hatte hier in ihr die Skelette
+von achtzehn Frauen und Kindern gefunden; Schutz suchend, waren sie mit
+einigen hastig zusammengerafften Nahrungsmitteln in das
+halbunterirdische Gelass geflüchtet und die trügerische Zuflucht allen
+zur Gruftstatt geworden. An anderer Stelle lag der muthmassliche,
+namenlose Herr des Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden
+hingestreckt; er hatte sich durch die verschlossene Gartenthür retten
+wollen, denn er hielt den Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm
+kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das eines Dieners, der eine
+beträchtliche Anzahl goldener und silberner Münzen mit sich getragen.
+Von der erharteten Asche waren die Körperformen der Verunglückten
+erhalten gewesen; im Museo Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier
+aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der Schultern und des schönen
+Busens eines jungen, mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens
+bewahrt.
+
+Die Villa des Diomedes bildete wenigstens einmal unerlässlich das
+Wegziel für jeden pflichtgetreuen Pompeji-Besucher, doch jetzt um die
+Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten räumlichen
+Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit annehmen, dass keinerlei Neugier
+sich in ihr aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster
+Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss erschienen. Das verlangte
+dringlichst nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille und
+unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber erhob eine treibende Unruhe
+in seinem Gefässsystem einen energischen Gegenanspruch, und er hatte
+zwischen den beiden Forderungen eine Übereinkunft schliessen müssen,
+dass der Kopf die seinige zu behaupten suchte, dagegen den Füssen
+freigab, ihrem Drang Folge zu leisten. So wanderte er seit seiner
+Hierherkunft rundum durch den Porticus; ihm gelang dabei, das
+körperliche Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte sich, sein geistiges
+in den gleichen Normalzustand zu versetzen. Das aber erwies sich in der
+Ausführung schwieriger als in der Absicht; allerdings stand als
+unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss, er sei völlig ohne Sinn und
+Verstand gewesen, zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger
+leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin beisammensitze,
+und diese deutliche Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig
+einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur gesunden Vernunft.
+Doch fand diese sich damit entschieden noch nicht in ihre
+ordnungsmässige Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch
+aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes Steinbild, so stand
+trotzdem gleicherweise ausser Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war
+ein unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein, auch Andere
+sahen sie, wussten, dass sie Zoë hiess, und sprachen mit ihr als einer
+ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber wusste sie auch
+seinen Namen, und das konnte wieder nur einer übernatürlichen Befähigung
+ihres Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb auch für die in den
+Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar. Doch gesellte sich der
+unvereinbaren Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm selbst hinzu, denn
+er hegte den inständigen Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der
+Villa des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit er nicht Gefahr
+laufe, der Zoë-Gradiva nochmals irgendwo zu begegnen; zugleich indess
+klopfte ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass er noch lebte
+und dadurch in stand gesetzt ward, irgendwo noch wieder mit ihr
+zusammenzutreffen. Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden
+Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen Kopf herum, und ebenso lief er
+anhaltlos rundum durch den langen Porticus, der ihm nicht zu einer
+Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im Gegentheil rührte ihn eine
+undeutliche Empfindung an, dass sich alles nur noch immer mehr um ihn
+und in ihm verdunkle.
+
+Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier Ecken des Pfeilerganges
+umbiegend, zurück. Auf ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem
+Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen Mauerstück eines
+der jungen Mädchen, die hier in der Asche den Tod gefunden.
+
+Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft abgethan. Auch seine Augen
+und noch etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes in ihm erkannten
+es. Die Gradiva war's, sie sass auf dem Steinrest wie sonst auf der
+Stufe, nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre frei
+herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen Schuhen bis an das
+zierliche Knöchelgelenk unter dem Kleidsaum hervor.
+
+Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert zwischen zwei Pfeilern
+durch den Gartenraum hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit einer
+halben Stunde am meisten auf der Welt fürchtete, war jählings
+eingetreten, sah ihn mit den hellen Augen und darunter mit Lippen an,
+die nach seiner Empfindung im Begriff standen, in ein spöttisches Lachen
+auszubrechen. Doch thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme klang
+nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst du nass.«
+
+Nun sah er's zum erstenmal, es regnete; davon war's so dunkel geworden.
+Das gereichte fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in Pompeji zum
+Vortheil, aber anzunehmen, dass ein Mensch des Nämlichen dadurch
+theilhaft werde, enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold
+scheute augenblicklich weit mehr als vor einer Todesgefahr davor zurück,
+sich lächerlich zu machen. Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch,
+davonzukommen, auf, stand rathlos da und sah auf die beiden Füsse, die
+jetzt, als ob sie etwas in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her
+schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht grade so klärend auf
+seine Gedanken einwirkte, dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie
+finden konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse nochmals das
+Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen, du wolltest mir etwas von Fliegen
+erzählen -- ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche
+Untersuchungen anstelltest -- oder von einer Fliege in deinem Kopf. Ist
+dir's geglückt, sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«
+
+Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden Zug um die Lippen, der indess
+so leicht und anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an sich trug.
+Im Gegentheil verlieh er dem Befragten jetzt Sprechfähigkeit, nur mit
+der Beschränkung, dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste,
+welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner Antwort bedienen solle.
+Um diesem Dilemma zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt keines
+anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war -- wie Jemand sagte -- etwas
+verwirrt im Kopf und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand derartig --
+wie ich so sinnlos sein konnte, ist mir nicht begreiflich -- aber ich
+bin auch nicht im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine --
+meine Unvernunft mit meinem Namen vorhalten konnte.«
+
+Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung inne, und sie
+entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit
+ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert Hanold.
+Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange daran
+gewöhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte ich nicht nach
+Pompeji zu kommen gebraucht, und du hättest sie mir um gut hundert
+Meilen näher bestätigen können.«
+
+»Um hundert Meilen näher« -- wiederholte er verständnisslos und halb
+stotternd -- »wo ist das?«
+
+»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem Eckhaus, an meinem Fenster
+steht ein Käfig mit einem Canarienvogel.«
+
+Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne rührte das letzte Wort den
+Hörer an, der es wiederholte: »Ein Canarienvogel --« und er fügte, noch
+entschiedener stotternd, hinzu: »Der -- der singt?«
+
+»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling, wenn die Sonne wieder
+warm zu scheinen anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der Professor
+der Zoologie Richard Bertgang.«
+
+Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu einer noch niemals von ihnen
+erreichten Grösse. Er sprach abermals nach: »Bertgang -- dann sind Sie
+-- sind Sie -- Fräulein Zoë Bertgang? Die sah aber doch ganz anders
+aus --«
+
+Die beiden herabhängenden Füsse fingen wieder ein wenig an zu
+schlenkern, und Fräulein Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede
+passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag
+nur die andere natürlicher auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob ich
+früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander herumliefen,
+gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders
+ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem
+Blick auf mich Acht gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht
+aufgegangen, dass ich schon seit längerer Zeit so aussehe. -- Nein,
+jetzt schüttet's, wie man bei uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie
+keinen trockenen Faden.«
+
+Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf eine Erneuerung der
+Ungeduld in ihr oder was es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den
+Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft unmuthiger
+Anzüglichkeit gerathen und Norbert dabei von einem Gefühl überkommen
+worden, dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines ausgescholtenen
+und auf den Mund geschlagenen grossen Schuljungen zu verfallen. Das
+liess ihn mechanisch noch einmal nach einem Ausweg zwischen den Pfeilern
+suchen, und auf seine Bewegung, durch welche er diesen Antrieb
+kundgegeben, hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte Aeusserung
+Fräulein Zoë's bezogen. Und allerdings in unanfechtbar zutreffender
+Weise, denn für das, was sich jetzt ausserhalb des Schutzdaches zutrug,
+war 'schütten' eigentlich eine gelinde Bezeichnung. Ein tropischer
+Wassersturz, wie er sich nur selten einmal des sommerlichen Durstes der
+campanischen Gefilde erbarmte, schoss senkrecht herunter, rauschte, als
+ergiesse sich das tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa des
+Diomedes, und stand andrerseits wie eine feste, aus Milliarden
+nussgrosser und perlenhaft blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da.
+Das machte in der That ein Entkommen in die freie Luft hinaus zur
+Unmöglichkeit, zwang Norbert Hanold, in der Schulstube des Porticus zu
+verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem feinen, klugen Gesicht
+benützte diesen Riegelverschluss zu einer noch weiteren Fortsetzung
+ihrer pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer kurzen Pause
+fortfuhr:
+
+»Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich weiss nicht wesshalb,
+Backfische titulirt, hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige
+Anhänglichkeit an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte nie einen mir
+angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder
+Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in
+Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas muss man, wozu ich
+auch ein Mädchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was
+sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen kann. Das waren also Sie
+damals; doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen war,
+machte ich die Entdeckung, dass aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre
+schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und passt auch
+nicht zu dem, was ich ausdrücken will -- ich wollte sagen, da stellte
+sich heraus, dass aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der,
+wenigstens für mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund
+und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere
+Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders
+aus als früher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir
+zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und
+noch weniger bekam ich deine Stimme zu hören, worin übrigens keine
+Auszeichnung für mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest.
+Ich war Luft für dich, und du warst mit deinem blonden Haarschopf, an
+dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul
+wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so grossartig wie ein --
+Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungethüm ja
+wohl. Nur dass dein Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie
+beherbergte, hier in Pompeji mich auch für etwas Ausgegrabenes und
+wieder lebendig Gewordenes anzusehn -- das hatte ich nicht bei dir
+vermuthet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest,
+kostete es mich zuerst ziemliche Mühe, dahinter zu kommen, was für ein
+unglaubliches Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet
+hatte. Dann machte mir's Spass und gefiel mir auch trotz seiner
+Tollhäusigkeit nicht so übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir
+nicht vermuthet.«
+
+Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am Schluss im Ausdruck und Ton
+etwas abgemildert, ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche
+Strafrede, und merkwürdig in der That war's, wie genau sie dabei dem
+Reliefbildniss der Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen, der
+Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden Augen, dem reizvoll
+gewellten Haar, wie in der mehrfach zur Schau gestellten graciösen
+Gangweise; auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch aus einem
+crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen Kaschmirstoff vollendeten
+die ausserordentliche Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung. Es mochte
+viel Thorheit in dem Glauben gelegen haben, dass eine vor zwei
+Jahrtausenden vom Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder
+lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod essen könne, aber wenn
+der Glaube selig machte, nahm er überall eine erhebliche Summe von
+Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung sämmtlicher
+Umstände lagen unstreitig bei der Beurtheilung der Kopfverfassung
+Norbert Hanold's doch einige Milderungsgründe für die Verrücktheit vor,
+dass er zwei Tage lang die Gradiva als Rediviva angesehen hatte.
+
+Obwohl er trocken unter dem Porticusdach dastand, liess sich doch nicht
+ganz unzutreffend ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen Pudel
+anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel über den Kopf geschüttet
+worden. Allein eigentlich hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan. Ohne
+recht zu wissen, warum, fühlte er seine Brust davon wesentlich zu
+besserem Athemholen erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die
+Tonumänderung am Schlusse der Predigt -- denn die Rednerin sass wie auf
+einem Kanzelstuhl -- mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr
+zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer gerathen, wie er aus den
+Augen andächtig ergriffener Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung auf
+ein Seligwerden durch den Glauben zum Vorschein bringt. Und da die
+Abkanzlung nun überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung zu
+befürchten schien, gelang's ihm, vom Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne
+ich -- nein, im Grunde hast du dich garnicht verändert -- du bist es,
+Zoë -- meine gute, fröhliche, klugsinnige Kameradin -- das ist höchst
+sonderbar --«
+
+»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig zu werden. Aber für die
+Archäologie ist das wohl nothwendig.«
+
+»Nein, ich meine dein Name --«
+
+»Warum ist der sonderbar?«
+
+Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in den klassischen Sprachen,
+sondern auch in der Etymologie der germanischen bewandert und versetzte:
+»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist und 'die im Schreiten
+Glänzende' bezeichnet.«
+
+Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein Zoë Bertgang's erinnerten
+augenblicklich durch ihre Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig
+wippende, auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche
+Erläuterungen schienen nicht das zu sein, worauf die Inhaberin der im
+Schreiten glänzenden Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete. Auch
+durch ihre Miene erregte sie den Eindruck, mit irgend einer hurtigen
+Ausführung umzugehen, ward davon indess noch durch einen hörbar aus
+tiefster Ueberzeugung heraufkommenden Ausruf Norbert Hanold's
+abgehalten: »Aber welches Glück, das du nicht die Gradiva bist, sondern
+so, wie die sympathische junge Dame!«
+
+Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung über ihr Gesicht
+gehen, und sie fragte: »Wer ist das? Wen meinst du?«
+
+»Die dich im Haus des Meleager anredete.«
+
+»Kennst du die?«
+
+»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich
+gefallen hat.«
+
+»So? Wo hast du sie denn gesehen?«
+
+»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz
+Sonderbares.«
+
+»Was thaten sie denn?«
+
+»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«
+
+»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji
+auf der Hochzeitsreise?«
+
+Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen
+Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden
+da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel
+auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich
+geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit
+einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie
+schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug
+mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen
+fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge
+Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist
+Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du
+kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder
+aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji
+wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del
+Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten.
+Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf
+dem Mond noch einmal wieder. Addio.«
+
+Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso
+gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte,
+den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten
+beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des
+draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein
+wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der
+auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur
+zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der
+steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das
+augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines
+Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer
+Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte
+damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz,
+möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah
+Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten
+Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen
+doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit
+einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da
+sitzt die Fliege wieder!«
+
+So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich
+nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die
+Fliege -- wo?«
+
+»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich
+einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief
+verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen
+vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich
+danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und
+damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber
+so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange
+zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise
+behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als
+ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt
+sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit
+zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,«
+vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker
+als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der
+vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden.
+
+Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen
+Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm
+und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im
+allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch
+machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung
+geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und
+Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich _wirklich_ gehen, sonst
+verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die
+Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von
+ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft
+vorlieb.«
+
+Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter
+vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine
+hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame
+zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies
+auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden
+Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater -- was
+wird der --?«
+
+Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch
+erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin
+kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich
+das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im
+Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein
+Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die
+Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich
+meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch
+für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig
+einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da
+machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach
+Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge -- wie man's macht,
+kannst du an meinem kleinen Finger einüben -- eine Lacerta
+faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen
+Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und
+mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut.
+Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher
+undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung
+wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das
+wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.«
+
+Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes
+Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über
+die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen
+konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie
+alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich
+schönen und schalkhaften Reiz besessen haben.
+
+Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein
+wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes
+Leben und liebliche Gegenwart -- unsere Hochzeitsreise machen wir nach
+Italien und Pompeji!«
+
+Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr
+veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen
+und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können.
+Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine
+Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von
+misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete
+zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie
+Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji
+dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung
+nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte
+wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die
+alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und
+die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche,
+von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet.
+Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen
+Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den
+kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der
+Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke
+ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache,
+die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung
+gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich
+wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht
+völlig lebendig genug.«
+
+Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen
+Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in
+Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an
+das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte
+Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an
+und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier
+vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund
+seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend,
+schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft
+dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den
+Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.
+
+
+
+
+ Druck von
+ Kamm & Seemann
+ in Leipzig.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseit sindess augenscheinlich
+ jung, doch nicht mehr im Kindesalter, andrerseits indess augenscheinlich
+
+ machten zumeisf lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
+ machten zumeist lange Kleider die Gangart völlig unerkennbar,
+
+ Schwefeldunst in der Luft, ohne davo nam Athmen behindert zu werden. Wie
+ Schwefeldunst in der Luft, ohne davon am Athmen behindert zu werden. Wie
+
+ sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtnis zurückzurufen.
+ sich, indess vergeblich, ihre Gangart ins Gedächtniss zurückzurufen.
+
+ peristyla und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
+ peristylia und tablina ihre vollsten Strahlengarben oder, wo ein
+
+ Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio, durchschnitt die breitere, zur
+ Strassenkreuzung, der Vicolo di Mercurio durchschnitt die breitere, zur
+
+ Gebliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
+ Gelbliche fallenden warmen Ton an, und das leisgewellt unter dem
+
+ ersten besten Wege zielloss davongewandert, an den Golfstrand nördlich
+ ersten besten Wege ziellos davongewandert, an den Golfstrand nördlich
+
+ sich leicht hierin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
+ sich leicht hierhin und dorthin verneigend, einen langsamen Reigen
+
+ die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, dass zugleich todt und
+ die körperliche Erscheinung eines Wesens sei, das zugleich todt und
+
+ So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
+ »So habe ich mir dein Bild benannt, da ich deinen wirklichen Namen nicht
+
+ zum westlichen Rand, an das Ostende der langestreckten alten
+ zum westlichen Rand, an das Ostende der langgestreckten alten
+
+ Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandniss haben, denn ihr
+ Sorrentiner Rosen in der That eine absondere Bewandtniss haben, denn ihr
+
+ auch ebenso wünschenwerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
+ auch ebenso wünschenswerth geltend. Nur gerieth in Frage, ob dann bei
+
+ Bimsteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
+ Bimssteinasche gelegen, enthielt im höchsten Masse Widerspruchsvolles.
+
+ sich. Eine Wirniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
+ sich. Eine Wirrniss weitläufiger Trümmerreste machte den oberen Theil
+
+ entgegnete, bei der Anrede n der zweiten Person verbleibend: »So weit
+ entgegnete, bei der Anrede in der zweiten Person verbleibend: »So weit
+
+ erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, in bin
+ erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen
+
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
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+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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Binary files differ
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@@ -0,0 +1,4870 @@
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+ display: none;
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+ ins
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+
+ a:link,
+ a:visited
+ {
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+
+ #tnote,
+ #tnote-bottom,
+ h1,
+ .page-break
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+ }
+}
+
+@media handheld
+{
+ body
+ {
+ margin: 0;
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+ width: 95%;
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+
+ .gesperrt
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+ font-style: italic;
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+
+ #corrections li
+ {
+ margin: 0;
+ }
+}
+-->
+</style>
+<!--[if lt IE 8]>
+<style type="text/css">
+a[title].pagenum
+{
+ position: static;
+}
+</style>
+<![endif]-->
+</head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Gradiva
+ Ein pompejanisches Phantasiestück
+
+Author: Wilhelm Jensen
+
+Release Date: May 29, 2011 [EBook #36275]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
+produced from images generously made available by The
+Internet Archive/American Libraries.)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+<p class="center page-break" style="font-size: large;">Gradiva</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 30px;">
+<img src="images/doodad1.png" width="30" height="30" alt=""/>
+</div>
+
+<h1>Gradiva</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 2em;">Ein pompejanisches Phantasiestück<br/>
+<small>von</small><br/>
+<big>Wilhelm Jensen</big></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 100px;">
+<img src="images/logo.png" width="100" height="125" alt=""/>
+</div>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5em;">Dresden und Leipzig<br/>
+<span class="gesperrt">Verlag von Carl Reissner</span><br/>
+1903.</p>
+<div class="figcenter page-break" style="width: 400px; margin-bottom: 6em;"><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>
+<img src="images/decoration.png" width="400" height="32" alt=""/>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Beim Besuche einer der grossen Antikensammlungen
+Roms hatte Norbert Hanold ein Reliefbild
+entdeckt, das ihn ausnehmend angezogen,
+so dass er sehr erfreut gewesen war, nach Deutschland
+zurückgekehrt, einen vortrefflichen Gipsabguss
+davon erhalten zu können. Der hing nun schon
+seit einigen Jahren an einem bevorzugten Wandplatz
+seines sonst zumeist von Bücherständern
+umgebenen Arbeitszimmers, sowohl im richtigen
+Lichtauffall, als an der, wenngleich nur kurz,
+von der Abendsonne besuchten Seite. Ungefähr
+in Drittel-Lebensgrösse stellte das Bildniss eine
+vollständige, im Schreiten begriffene weibliche Gestalt
+dar, noch jung, doch nicht mehr im Kindesalter,
+<ins title="andrerseit sindess">andrerseits indess</ins> augenscheinlich keine Frau,
+sondern eine römische Virgo, die etwa in den
+Anfang der Zwanziger-Jahre eingetreten. Sie erinnerte
+in nichts an die vielfach erhaltenen Reliefbilder
+<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a>
+einer Venus, Diana oder sonstigen Olympierin,
+ebensowenig an eine Psyche oder Nymphe. In
+ihr gelangte etwas im nicht niedrigen Sinn
+Menschlich-Alltägliches, gewissermassen ›Heutiges‹
+zur körperhaften Wiedergabe, als ob der Künstler,
+statt wie in unsern Tagen mit dem Stift eine
+Skizze auf ein Blatt hinzuwerfen, sie auf der
+Strasse im Vorübergehen rasch nach dem Leben
+im Thonmodell festgehalten habe. Eine hochwüchsige
+und schlanke Gestalt, deren leichtgewelltes
+Haar ein faltiges Kopftuch beinahe völlig
+umschlungen hielt; von dem ziemlich schmalen
+Gesicht ging nicht das Geringste einer blendenden
+Wirkung aus. Doch lag ihm unverkennbar auch
+fremd ab, eine solche üben zu wollen; in den
+feingebildeten Zügen drückte sich eine gleichmütige
+Achtlosigkeit auf das umher Vorgehende aus, das
+ruhig vor sich hinschauende Auge sprach von
+voll unbeeinträchtigter leiblicher Sehkraft und still
+in sich zurückgezogenen Gedanken. So fesselte
+das junge Weib keineswegs durch plastische
+Formenschönheit, besass aber etwas bei den antiken
+Steingebilden Seltenes, eine naturwahre, einfache,
+mädchenhafte Anmut, die den Eindruck
+regte, ihm Leben einzuflössen. Hauptsächlich geschah
+<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>
+dies wohl durch die Bewegung, in der sie
+dargestellt war. Nur ganz leicht vorgeneigten
+Kopfes, hielt sie mit der linken Hand ihr ausserordentlich
+reichfaltiges, vom Nacken bis zu den
+Knöcheln niederfliessendes Gewand ein wenig aufgerafft,
+so dass die Füsse in den Sandalen sichtbar
+wurden. Der linke hatte sich vorgesetzt, und
+der rechte, im Begriff, nachzufolgen, berührte nur
+lose mit den Zehenspitzen den Boden, während
+die Sohle und Ferse sich fast senkrecht emporhoben.
+Diese Bewegung rief ein Doppelgefühl
+überaus leichter Behendigkeit der Ausschreitenden
+wach und zugleich eines sicheren Ruhens auf sich.
+Das verlieh ihr, ein flugartiges Schweben mit
+festem Auftreten verbindend, die eigenartige
+Anmut.</p>
+
+<p>Wo war sie so gegangen und wohin ging
+sie? Doctor Norbert Hanold, Docent der Archäologie,
+fand eigentlich für seine Wissenschaft an
+dem Relief nichts sonderlich Beachtenswerthes. Es
+war kein plastisches Erzeugniss alter grosser Kunst,
+sondern im Grunde ein römisches Genrebild, und
+er wusste sich nicht klarzustellen, was daran
+seine Aufmerksamkeit erregt habe, nur dass er
+von etwas angezogen worden und diese Wirkung
+<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>
+des ersten Anblicks sich seitdem unverändert forterhalten
+habe. Um dem Bildwerk einen Namen
+beizulegen, hatte er es für sich ›Gradiva‹ benannt,
+›die Vorschreitende‹; das war zwar ein von den
+alten Dichtern lediglich dem Mars Gradivus, dem
+zum Kampf ausziehenden Kriegsgott, verliehenes
+Beiwort, doch Norbert erschien es für die Haltung
+und Bewegung des jungen Mädchens am besten
+bezeichnend. Oder, nach dem Ausdruck unserer
+Zeit, der jungen Dame, denn unverkennbar gehörte
+sie nicht unterem Stande an, war die Tochter
+eines Nobilis, jedenfalls eines honesto loco ortus.
+Vielleicht &ndash; ihre Erscheinung erweckte ihm unwillkürlich
+die Vorstellung &ndash; konnte sie vom
+Hause eines patrizischen Aedilis sein, der sein
+Amt im Namen der Ceres ausübte, und befand
+sich zu irgend einer Verrichtung auf dem Weg
+nach dem Tempel der Göttin.</p>
+
+<p>Doch einem Gefühl des jungen Archäologen
+stand's entgegen, sie sich in den Rahmen der
+grossen, lärmvollen Stadtwelt Roms einzufügen.
+Ihr Wesen, ihre ruhige stille Art gehörte ihm
+nicht in dies tausendfältige Getriebe, drin niemand
+auf den andern achtete, sondern in eine kleinere
+Ortschaft, wo jeder sie kannte, stillstehend und
+<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>
+ihr nachblickend zu einem Begleiter sagte: »Das
+ist Gradiva« &ndash; ihren wirklichen Namen vermochte
+Norbert nicht an die Stelle zu setzen &ndash; »die
+Tochter des ... sie geht am schönsten von allen
+Jungfrauen in unserer Stadt.«</p>
+
+<p>Als ob er's mit eigenem Ohr so vernommen,
+hatte sich das ihm im Kopfe festgesetzt und drin
+eine andere Annahme fast zur Ueberzeugung ausgebildet.
+Auf seiner italienischen Reise war er
+mehrere Wochen hindurch zum Studium der alten
+Trümmerreste in Pompeji verblieben und in Deutschland
+ihm eines Tages plötzlich aufgegangen, die
+von dem Bild Dargestellte schreite dort irgendwo
+auf den wieder ausgegrabenen eigenthümlichen
+Trittsteinen, die bei regnerischem Wetter einen
+trockenen Uebergang von einer Seite der Strasse
+zur anderen ermöglicht und doch auch Durchlass
+für Wagenräder gestattet hatten. So sah er sie,
+wie ihr einer Fuss sich über die Lücke zwischen
+zwei Steinen hinübergesetzt, während der andere
+im Begriff stand, nachzufolgen, und bei der
+Betrachtung der Ausschreitenden baute sich das
+sie näher und weiter Umgebende wie leibhaftig
+vor seiner Vorstellungskraft auf. Sie erschuf ihm,
+unter Beihülfe seiner Alterthumskenntniss, den Anblick
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+der lang hingedehnten Strasse, zwischen
+deren beide Häuserreihen mannigfach Tempelgebäude
+und Säulenhallen sich einmischten. Auch
+Handel und Gewerbe traten ringsum zur Schau,
+tabernae, officinae, cauponae, Verkaufsläden,
+Werkstätten, Schankbuden; Bäcker hielten ihre
+Brode ausgelegt, Thonkrüge, in marmorne Ladentische
+eingelassen, boten alles für den Haushalt
+und die Küche Erforderliche dar; an der Strassenkreuzungsecke
+sass eine Frau, in Körben Gemüse
+und Früchte feilbietend; von einem halben Dutzend
+der grossen Wallnüsse hatte sie die Hälfte der
+Schale weggethan, um zur Reizung der Kauflust
+den Kerninhalt als frisch und tadellos zu zeigen.
+Wohin das Gesicht sich wendete, stiess es auf
+lebhafte Farben, bunt bemalte Mauerflächen,
+Säulen mit rothen und gelben Kapitälen; alles
+funkelte und strahlte in mittägiger Sonne Blendung
+zurück. Weiter abwärts ragte auf hohem
+Sockel eine weissblitzende Statue empor, darüberher
+sah aus der Weite, doch von zitterndem Spiel
+der heissen Luft halb verschleiert, der Mons
+Vesuvius, noch nicht in seiner heutigen Kegelgestalt
+und braunen Oede, sondern bis gegen den zerfurchten
+Schroffengipfel hinan mit grünflimmerndem
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>
+Pflanzenwuchs bedeckt. In der Strasse bewegten
+sich nur wenig Leute, nach Möglichkeit
+einen Schattenwurf aufsuchend, hin und her, die
+Glut der sommerlichen Mittagsstunde lähmte das
+sonst geschäftige Treiben. Dazwischen schritt die
+Gradiva über die Trittsteine dahin, scheuchte eine
+goldgrünschillernde Lacerte von ihnen fort.</p>
+
+<p>So stand's lebendig vor Norbert Hanold's
+Augen, allein aus der täglichen Anschauung ihres
+Kopfes hatte sich ihm allmählich noch eine neue
+Mutmassung herausgebildet. Der Schnitt ihrer
+Gesichtszüge bedünkte ihn mehr und mehr nicht
+von römischer oder latinischer, sondern von
+griechischer Art, so dass sich ihm nach und nach
+ihre hellenische Abstammung zur Gewissheit erhob.
+Ausreichende Begründung dafür lieferte die alte
+Besiedelung des ganzen südlichen Italiens von
+Griechenland her, und weitere, den darauf Fussenden
+angenehm berührende Vorstellungen entsprangen
+daraus. Dann hatte die junge ›domina‹
+vielleicht in ihrem Elternhause Griechisch gesprochen
+und war, mit griechischer Bildung genährt, aufgewachsen.
+Bei eingehender Betrachtung fand
+dies auch in dem Ausdruck des Antlitzes Bestätigung,
+es lag entschieden unter seiner Anspruchslosigkeit
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>
+Kluges und etwas fein Durchgeistigtes
+verborgen.</p>
+
+<p>Diese Conjekturen oder Ausfindungen konnten
+indess ein wirkliches archäologisches Interesse an
+dem kleinen Bildwerk nicht begründen, und Norbert
+war sich auch bewusst, etwas Anderes, und
+zwar in seine Wissenschaft Fallendes sei's, was
+ihn zu so häufiger Beschäftigung damit zurückkehren
+lasse. Es handelte sich für ihn um eine
+kritische Urtheilsabgabe, ob der Künstler den Vorgang
+des Ausschreitens bei der Gradiva dem Leben
+entsprechend wiedergegeben habe. Darüber vermochte
+er nicht ins Klare zu gelangen, und seine
+reichhaltige Sammlung von Abbildungen antiker
+plastischer Werke verhalf ihm ebenfalls nicht dazu.
+Ihn bedünkte nämlich die fast senkrechte Aufstellung
+des rechten Fusses als übertrieben; bei allen
+Versuchen, die er selbst unternahm, liess die
+nachziehende Bewegung seinen Fuss stets in einer
+weit minder steilen Haltung; mathematisch formulirt,
+stand der seinige während des flüchtigen
+Verharrungsmomentes nur in der Hälfte des rechten
+Winkels gegen den Boden, und so erschien's ihm
+auch für die Mechanik des Gehens, weil am
+zweckdienlichsten, als naturgemäss. Er benützte
+<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>
+einmal die Anwesenheit eines ihm befreundeten
+jungen Anatomen, diesem die Frage vorzulegen,
+doch auch der war zur Abgabe eines sicheren
+Entscheides ausser stande, da er nie Beobachtungen
+in dieser Richtung angestellt hatte. Die
+von dem Freunde an sich selbst gewonnene Erfahrung
+bestätigte er wohl als mit seiner eigenen
+übereinstimmend, wusste indess nicht zu sagen,
+ob vielleicht die weibliche Gangweise sich von
+der männlichen unterscheide, und die Frage gelangte
+nicht zu einer Lösung.</p>
+
+<p>Trotzdem war ihre Besprechung nicht ertraglos
+gewesen, denn sie hatte Norbert Hanold auf etwas
+ihm bisher nicht Eingefallenes gebracht, zur Aufhellung
+der Sache selbst Beobachtungen nach dem
+Leben anzustellen. Das nöthigte ihn allerdings
+zu einem ihm durchaus fremdartigen Thun; das
+weibliche Geschlecht war bisher für ihn nur ein
+Begriff aus Marmor oder Erzguss gewesen, und
+er hatte seinen zeitgenössischen Vertreterinnen
+desselben niemals die geringste Beachtung geschenkt.
+Aber sein Erkenntnissdrang versetzte ihn
+in einen wissenschaftlichen Eifer, mit dem er sich
+der von ihm als nothwendig erkannten eigenthümlichen
+Ausforschung hingab. Diese zeigte sich
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+in dem Menschengedränge der Grossstadt durch
+viele Schwierigkeiten behindert, liess ein Ergebniss
+nur vom Aufsuchen minder belebter Strassen erhoffen.
+Doch auch hier machten <ins title="zumeisf">zumeist</ins> lange
+Kleider die Gangart völlig unerkennbar, hauptsächlich
+trugen nur die Dienstmägde kurze Röcke,
+konnten jedoch mit Ausnahme einer geringen
+Minderzahl schon wegen ihres groben Schuhwerks
+für die Lösung der Frage nicht wohl in Betracht
+fallen. Trotzdem fuhr er beharrlich in seiner
+Auskundung fort, bei trockener, wie bei nasser
+Witterung; er nahm gewahr, dass die letztere
+noch am ehesten Erfolg verheisse, da sie die
+Damen zum Aufraffen ihrer Kleidsäume veranlasse.
+Unvermeidlich musste mancher von ihnen sein
+prüfend nach ihren Füssen gerichteter Blick auffallen;
+nicht selten gab ein unmutiger Gesichtszug
+der Betrachteten kund, sie sehe sein Behaben als
+eine Keckheit oder Ungezogenheit an; hin und
+wieder, da er ein junger Mann von sehr einnehmendem
+Aeussern war, drückte sich in ein
+paar Augen das Gegentheil, etwas Ermutigendes
+aus, doch kam ihm das eine so wenig zum Verständniss
+wie das andere. Nach und nach dagegen
+gelang seiner Ausdauer dennoch die Einsammlung
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+einer ziemlichen Anzahl von Beobachtungen, die
+seinem Blick mannigfache Verschiedenheiten vorüberführten.
+Diese gingen langsam, jene hurtig,
+die einen schwerfällig, die andern leichter beweglich.
+Manche liessen die Sohle nur eben über
+den Boden hingleiten, nicht viele hoben sie zu
+zierlicherer Haltung schräger auf. Unter allen
+aber bot nicht eine einzige die Gangweise der
+Gradiva zur Schau; das erfüllte ihn mit der Genugthuung,
+er habe sich in seinem archäologischen
+Urtheil über das Relief nicht geirrt. Andrerseits
+indess bereiteten seine Wahrnehmungen ihm einen
+Verdruss, denn er fand die senkrechte Aufstellung
+des anhaltenden Fusses schön und bedauerte, dass
+sie, nur von der Phantasie oder Willkür des
+Bildhauers geschaffen, der Lebenswirklichkeit nicht
+entsprach.</p>
+
+<p>Bald nachdem seine pedestrischen Prüfungen
+ihm diese Erkenntniss eingetragen, hatte er eines
+nachts einen schreckvoll beängstigenden Traum.
+Darin befand er sich im alten Pompeji, und zwar
+grade an dem 24. Augusttage des Jahres 79,
+der den furchtbaren Ausbruch des Vesuvs mit
+sich brachte. Der Himmel hielt die zur Vernichtung
+ausersehene Stadt in einen schwarzen
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+Qualmmantel eingeschlagen, nur da und dort
+liessen durch eine Lücke die aus dem Krater auflodernden
+Flammenmassen etwas von blutrothem
+Licht Uebergossenes erkennen; alle Bewohner
+suchten, einzeln oder wirr zusammengeballt, von
+dem unbekannten Entsetzen kopfverloren-betäubt,
+Rettung in der Flucht. Auch auf Norbert stürzten
+die Lapilli und der Aschenregen nieder, doch,
+wie's in Träumen wunderbar geschieht, verletzten
+sie ihn nicht, und ebenso roch er den tödlichen
+Schwefeldunst in der Luft, ohne <ins title="davo nam">davon am</ins> Athmen
+behindert zu werden. Wie er so am Rande des
+Forums neben dem Jupitertempel stand, sah er
+plötzlich in geringer Entfernung die Gradiva vor
+sich; bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr
+Hiersein angerührt, jetzt aber ging ihm auf einmal
+und als natürlich auf, da sie ja eine Pompejanerin
+sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne
+dass er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm.
+Auf den ersten Blick erkannte er sie, ihr steinernes
+Abbild war bis in jede Einzelheit vortrefflich gerathen
+und gleicherweise ihre schreitende Bewegung;
+unwillkürlich bezeichnete er sich diese als ›lente
+festinans‹. Und so ging sie ruhig-behend über
+die Fliesenplatten des Forums dem Apollotempel
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+zu, mit der ihr eigenen gleichmütigen Achtlosigkeit
+für ihre Umgebung. Sie schien von dem auf die
+Stadt niederbrechenden Geschick nichts zu bemerken,
+nur ihren Gedanken nachzuhängen; darüber vergass
+auch er den furchtbaren Vorgang, wenigstens
+ein paar Augenblicke lang, suchte in einem Gefühl,
+ihre lebende Wirklichkeit werde ihm rasch
+wieder verschwinden, sich diese aufs genaueste
+einzuprägen. Dann indess, ihn jählings überfallend,
+kam ihm zum Bewusstwerden, wenn sie sich
+nicht eilig rette, müsse sie dem allgemeinen
+Untergang mit verfallen, und heftiger Schreck
+entriss seinem Mund einen Warnruf. Den hörte
+sie auch, denn ihr Kopf wendete sich ihm entgegen,
+so dass ihr Antlitz ihm jetzt flüchtig die
+Vollansicht bot, doch mit einem völlig verständnisslosen
+Ausdruck und ohne weiter achtzugeben,
+setzte sie ihre Richtung in der vorherigen Weise
+fort. Dabei aber entfärbte ihr Gesicht sich blasser,
+wie wenn es sich zu weissem Marmor umwandle;
+sie schritt noch bis zum Porticus des Tempels
+hinan, doch dort zwischen den Säulen setzte sie
+sich auf eine Treppenstufe und legte langsam den
+Kopf auf diese nieder. Nun fielen die Lapilli
+so massenhaft, dass sie sich zu einem völlig
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+undurchsichtigen Vorhang verdichteten; ihr hastig
+nacheilend, fand er indess den Weg zu der Stelle,
+an der sie seinem Blick verschwunden war, und
+da lag sie, von dem vorspringenden Dach geschützt,
+auf der breiten Stufe wie zum Schlaf
+hingestreckt, doch nicht mehr athmend, offenbar
+von den Schwefeldünsten erstickt. Vom Vesuv
+her überflackerte der rothe Schein ihr Antlitz, das
+mit geschlossenen Lidern vollständig dem eines
+schönen Steinbildes glich; nichts von einer Angst
+und Verzerrung gab sich in den Zügen kund,
+ein wundersamer, sich ruhig in das Unabänderliche
+fügender Gleichmut sah aus ihnen. Doch
+wurden sie rasch undeutlicher, da der Wind jetzt
+den Aschenregen hierhertrieb, der sich erst wie
+ein grauer Florschleier über sie breitete, dann
+den letzten Schimmer ihres Gesichtes auslöschte
+und bald auch wie ein nordisch-winterliches Flockengestöber
+die ganze Gestalt unter einer gleichmässigen
+Decke begrub. Drauss ragten die
+Säulen des Apollotempels auf, indes auch nur
+zur Hälfte mehr, denn eilig häufte sich an ihnen
+ebenfalls der graue Aschenfall empor.</p>
+
+<p>Als Norbert Hanold aufwachte, lag ihm noch
+das verworrene Geschrei der nach Rettung suchenden
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+Bewohner Pompejis und der dumpf dröhnende
+Brandungsanschlag der wilderregten See im Ohr.
+Dann kam er zur Besinnung; die Sonne warf ein
+goldenes Glanzband über sein Bett, ein Aprilmorgen
+war's, und von draussen scholl das vielfältige
+Gelärm der Grossstadt, Ausrufe von Verkäufern
+und Wagengeroll bis zu seinem Stockwerk
+herauf. Doch stand das Traumbild noch mit jeder
+Einzelheit ihm aufs deutlichste vor den geöffneten
+Augen, und es bedurfte einiger Zeit, eh' er sich
+aus einem Halbzustand der Sinnbefangenheit losmachen
+konnte, dass er nicht wirklich in der
+Nacht vor bald zwei Jahrtausenden dem Untergang
+an der Bucht von Neapel beigewohnt habe.
+Erst beim Ankleiden ward er allmählich davon
+frei, dagegen gelang's ihm nicht, sich durch Anwendung
+kritischen Denkens seiner Vorstellung
+zu entwinden, dass die Gradiva in Pompeji gelebt
+und dort im Jahre 79 mit verschüttet worden
+sei. Vielmehr hatte die erstere Annahme sich
+ihm zur Gewissheit befestigt, und ebenso schloss
+sich jetzt auch die zweite daran. Mit einer wehmütigen
+Empfindung betrachtete er in seinem
+Wohnzimmer das alte Relief, das für ihn eine
+neue Bedeutung angenommen. Es war gewissermassen
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+ein Gruftdenkmal, mit dem der Künstler
+das Bild der so früh aus dem Leben Geschiedenen
+für die Nachwelt forterhalten hatte. Doch wenn
+man sie mit aufgegangenem Verständnisse ansah,
+liess der Ausdruck ihres ganzen Wesens nicht
+zweifelhaft, dass sie sich in der verhängnisvollen
+Nacht wirklich mit solcher Ruhe zum Sterben hingelegt
+habe, wie's der Traum ihm gezeigt. Ein
+altes Wort sagte, die Lieblinge der Götter seien's,
+die sie in blühender Jugend von der Erde fortnähmen.</p>
+
+<p>Norbert legte sich, ohne seinen Hals noch in
+einen Kragen eingeengt zu haben, in leichter
+häuslicher Morgenkleidung, mit Hausschuhen an
+den Füssen, ins geöffnete Fenster und blickte
+hinaus. Der endlich auch zum Norden vorgeschrittene
+Frühling lag draussen, gab sich in der
+grossen Steingrube der Stadt zwar nur durch das
+Himmelsblau und die linde Luft kund, doch ein
+Ahnen berührte aus ihr die Sinne, weckte Verlangen
+in die sonnige Weite nach Blättergrün,
+Duft und Vogelgesang; ein Anhauch davon kam
+doch auch bis hierher, die Marktweiber auf der
+Strasse hatten ihre Körbe mit ein paar bunten
+Wiesenblumen besteckt, und an einem offenstehenden
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+Fenster schmetterte ein Kanarienvogel im
+Käfig sein Lied. Der arme Bursche that Norbert
+leid, er hörte unter dem hellem Klang trotz seinem
+Jubeltone die Sehnsucht nach der Freiheit, der
+Ferne hinaus.</p>
+
+<p>Doch verweilten die Gedanken des jungen
+Archäologen nur flüchtig dabei, denn etwas Anderes
+hatte sich ihnen aufgedrängt. Ihm gerieth's
+erst jetzt zum Bewusstsein, dass er in dem Traum
+nicht genau darauf geachtet habe, ob die belebte
+Gradiva wirklich auch so gegangen sei, wie das
+Bildwerk es darstellte und wie die heutigen Frauen
+jedenfalls nicht gingen. Das war merkwürdig,
+weil sein wissenschaftliches Interesse an dem
+Relief darauf beruhte; andrerseits freilich erklärte
+sich's aus der Erregung, in die ihre Lebensgefährdung
+ihn versetzt gehabt. Er suchte sich, indess vergeblich,
+ihre Gangart ins <ins title="Gedächtnis">Gedächtniss</ins> zurückzurufen.</p>
+
+<p>Da durchfuhr ihn plötzlich einmal etwas wie
+mit einem Ruck; im ersten Augenblick wusste er
+sich nicht zu sagen, von woher. Aber dann erkannte
+er's; drunten auf der Strasse ging, ihm
+die Rückseite zuwendend, ein weibliches Wesen,
+nach Gestalt und Kleidung wohl eine junge Dame,
+leicht elastischen Schrittes dahin. Sie hielt mit
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+der linken Hand ihren nur bis zu den Knöcheln
+herabreichenden Kleidsaum ein wenig aufgerafft,
+und seinen Augen erregte es den Eindruck, als
+ob bei der schreitenden Bewegung sich die Sohle
+ihres nachfolgenden schmalen Fusses für einen
+Moment auf den Zehenspitzen senkrecht vom
+Boden aufrichte. Es schien so, ein gewisses Erkennen
+liess die Entfernung und der Niederblick
+von oben nicht zu.</p>
+
+<p>Auf einmal befand Norbert Hanold sich inmitten
+der Strasse, ohne noch recht zu wissen,
+wie er dorthin gerathen sei. Er war, einem am
+Geländer niedergleitenden Knaben gleich, blitzgeschwind
+die Treppe hinuntergeflogen, lief unten
+zwischen Wagen, Karren und Menschen hindurch.
+Die letzteren richteten verwunderte Augen auf
+ihn, und von mehreren Lippen klangen lachende,
+halb spöttische Ausrufe. Dass sich diese auf ihn
+bezogen, ward ihm nicht verständlich, sein Blick
+suchte nach der jungen Dame umher, und er
+glaubte auch, auf ein paar Dutzend Schritte weit
+vor sich, ihre Kleidung zu unterscheiden. Doch
+nur den Obertheil, von der unteren Hälfte und den
+Füssen konnte er nichts gewahren, denn sie wurden
+durch das Getriebe sich auf dem Trottoir
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+drängender Leute verdeckt. Nun reckte ein altes,
+behäbiges Gemüseweib die Hand nach seinem
+Aermel, hielt ihn dran an und brachte halb
+grinsend vom Mund: »Sagen Sie mal, mein
+Muttersöhnchen, Sie haben heut' Nacht wohl ein
+bischen was zu viel Flüssigkeit in den Kopf gekriegt
+und suchen hier auf der Strasse nach Ihrem
+Bett? Da thun Sie besser, erst mal nach Hause
+zu gehn und sich im Spiegel zu besehn.« Ein
+Gelächter umher bestätigte, dass er sich in einem
+für die Oeffentlichkeit nicht schicklichen Anzug
+präsentierte, brachte ihm jetzt zur Erkenntniss,
+wie er bedachtlos aus seinem Zimmer davongelaufen
+sei. Das machte ihn betroffen, da er auf
+Anständigkeit der äusseren Erscheinung hielt, und,
+von seinem Vorhaben ablassend, kehrte er rasch
+in die Wohnung zurück. Offenbar von dem
+Traum her doch noch mit etwas verwirrten, ihm
+Täuschung vorgaukelnden Sinnen, denn er hatte
+als Letztes wahrgenommen, dass bei dem Lachen
+und Rufen die junge Dame einen Augenblick den
+Kopf umgewendet habe, und er hatte kein fremdes
+Gesicht, sondern das der Gradiva von drüben herschauend
+zu sehen gemeint.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>Doctor Norbert Hanold befand sich in der
+angenehmen Lage, durch beträchtlichen Vermögensbesitz
+unbeschränkter Herr seines Thuns und
+Lassens zu sein und bei dem Auftauchen einer
+Neigung in ihm nicht von einer Begutachtung derselben
+durch irgend welche höhere Instanz als
+seine eigene Entscheidung abzuhängen. Darin
+unterschied er sich äusserst günstig von dem
+Kanarienvogel, der seinen angeborenen Trieb, aus
+dem Käfig in die sonnige Weite davonzukommen,
+nur erfolglos hinausschmettern konnte, sonst jedoch
+besass der junge Archäologe mit jenem in
+manchem einige Aehnlichkeit. Er war nicht in
+der Naturfreiheit zur Welt gekommen und aufgewachsen,
+sondern eigentlich schon bei der Geburt
+zwischen Gitterstäben eingehegt worden, mit
+denen ihn Familien-Tradition durch Erziehung und
+Vorbestimmung umgeben. Von seiner frühen
+Kindheit auf hatte im Elternhause kein Zweifel
+darüber bestanden, dass er als einziger Sohn
+eines Universitäts-Professors und Alterthumsforschers
+berufen sei, durch die nämliche Thätigkeit den
+Glanz des väterlichen Namens weiter zu erhalten,
+womöglich noch zu erhöhen, und so war diese
+Geschäftsfortsetzung ihm von jeher als die selbstverständliche
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
+Aufgabe seiner Lebenszukunft erschienen.
+Daran hatte er auch, nach dem frühen
+Abscheiden seiner Eltern völlig allein zurückgeblieben,
+getreulich festgehalten, im Anschlusse
+an sein vorzüglich bestandenes philologisches
+Examen die vorschriftsmässige Studienreise nach
+Italien gemacht und auf dieser eine Fülle alter
+plastischer Kunstwerke, deren Nachbildungen ihm
+bisher nur zugänglich gewesen, im Original gesehen.
+Lehrreicheres, als in den Sammlungen
+von Florenz, Rom, Neapel, konnte nirgendwo für
+ihn geboten werden, er durfte sich das Zeugniss
+zutheilen, seine dortige Aufenthaltszeit aufs beste
+zur Bereicherung seiner Kenntnisse ausgenützt zu
+haben, und war vollbefriedigt heimgekehrt, sich
+mit den neuen Errungenschaften ganz in seine
+Wissenschaft zu vertiefen. Dass ausser ihren
+Gegenständen aus einer fernen Vergangenheit
+auch noch eine Gegenwart um ihn herum vorhanden
+sei, kam ihm nur äusserst schattenhaft
+zur Empfindung; für sein Gefühl waren Marmor
+und Bronze nicht todte Mineralien, vielmehr das
+einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Werth
+des Menschenlebens zum Ausdruck Bringende.
+Und so sass er zwischen seinen Wänden, Büchern
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+und Bildern, keines andern Verkehrs bedürftig,
+sondern jedem als einer leeren Zeitvergeudung
+möglichst ausweichend und sich nur sehr widerwillig
+ab und zu in die unabwendbare Plage
+einer Gesellschaft fügend, deren Besuch altüberlieferte
+Verbindungen seines Elternhauses ihm aufnöthigten.
+Doch war's bekannt, dass er an solchen
+Zusammenkünften ohne Augen und Ohren für
+seine Umgebung theilnahm, unter einer Vorgabe
+sich stets nach der Beendigung des Mittags- oder
+Abendessens, so bald es irgend thunlich wurde,
+empfahl, und auf der Strasse niemand von denen,
+mit welchen er am Tisch gesessen, begrüsste.
+Das diente dazu, ihn besonders bei jungen Damen
+in ein wenig günstiges Licht zu stellen; denn
+selbst eine solche, mit der er ausnahmsweise ein
+paar Worte gesprochen hatte, blickte er bei einer
+Begegnung grusslos als ein nie gesehenes, wildfremdes
+Gesicht an.</p>
+
+<p>Ob etwa die Archäologie an sich eine etwas
+curiose Wissenschaft sein mochte oder ihre Legirung
+mit dem Wesen Norbert Hanold's eine absonderliche
+Verquickung bewerkstelligt hatte, so
+wie diese war, vermochte sie auf andere nicht
+viel Anziehung zu üben und gereichte ihm selbst
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+wenig zum Genuss des Lebens, nach welchem die
+Jugend zu trachten pflegt. Doch hatte, vielleicht
+in wohlmeinender Absicht, die Natur ihm als
+Zugabe gewissermassen ein Correktiv durchaus
+unwissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, ohne dass
+er selbst von diesem Besitzthum wusste, eine überaus
+lebhafte Phantasie, die sich bei ihm nicht
+nur in Träumen, sondern oft auch im Wachen
+zur Geltung brachte und im Grunde seinen Kopf
+für nüchtern-strenge Forschungsmethodik nicht vorwiegend
+geeignet machte. Aus dieser Mitgift
+aber entsprang wieder eine Aehnlichkeit zwischen
+ihm und dem Kanarienvogel. Der war in der
+Gefangenschaft geboren, hatte nie anderes als
+seinen ihn eng umsperrenden Käfig gekannt, trug
+indess trotzdem ein Gefühl in sich, dass ihm etwas
+fehle, und liess das Verlangen nach diesem Unbekannten
+aus seiner Kehle hervorklingen. So
+verstand's Norbert Hanold, bedauerte ihn deshalb,
+in sein Zimmer zurückgekehrt und wieder aus
+dem Fenster liegend, nochmals, und ward dabei
+von einer Empfindung heut' angerührt, ihm fehle
+gleichfalls etwas, wovon sich nicht sagen lasse,
+was es sei. Ein Nachdenken darüber konnte
+drum auch nichts nützen; die unbestimmte Gefühlserregung
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+kam aus der linden Frühlingsluft,
+den Sonnenstrahlen, der Weite mit ihrem Duftanhauch
+und gestaltete ihm einen Vergleich herauf,
+er sitze hier eigentlich ebenfalls in einem
+Käfig hinter Gitterstäben. Doch gesellte sich dem
+sofort beschwichtigend hinzu, seine Lage sei ungleich
+vortheilhafter als die des Kanarienvogels,
+denn er habe Flügel im Besitz, die durch nichts
+am beliebigen Ausfliegen ins Freie behindert
+wurden.</p>
+
+<p>Das aber war jetzt ein Vorstellungsergebniss,
+von dem sich durch Nachdenken weiter fortschreiten
+liess. Norbert gab sich dieser Beschäftigung ein
+Weilchen hin, doch dauerte es nicht lange, bis
+der Vorsatz einer Frühlingsreise in ihm feststand.
+Den führte er am selben Tage noch aus, packte
+seinen leichten Handkoffer, warf beim Abendanbruch
+noch einen bedauerlichen Verabschiedungsblick
+auf die Gradiva, die, von den letzten Sonnenstrahlen
+überflossen, behender denn je über die
+unsichtbaren Trittsteine unter ihren Füssen auszuschreiten
+schien, und fuhr mit dem Nachtschnellzug
+in südlicher Richtung davon. Wenn auch
+der Antrieb zu einer Reise ihm aus einer unbenennbaren
+Empfindung entsprungen war, hatte
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+die weitere Ueberlegung doch als selbstverständlich
+ergeben, dass sie einem wissenschaftlichen
+Zweck dienen müsse. Ihm war aufgegangen,
+dass er vernachlässigt habe, sich in Rom bei
+mehreren Statuen über einige wichtige archäologische
+Fragen zu vergewissern, und er begab
+sich, ohne unterwegs anzuhalten, in anderthalbtägiger
+Fahrt dorthin.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Nicht Allzuviele machen an sich selbst die
+Erfahrung, dass es sehr schön ist, jung, vermöglich
+und unabhängig, im Frühling aus deutschen
+Landen nach Italien zu ziehen, denn selbst die
+mit jenen drei Eigenschaften Ausgerüsteten sind
+solcher Schönheitsempfindung nicht allmal zugänglich.
+Besonders wenn sie, und leider die
+Mehrzahl ausmachend, sich in den einer Hochzeit
+nachfolgenden Tagen und Wochen zu Zweien
+befinden, nichts ohne ein ausserordentliches, sich
+durch zahlreiche Superlative kundgebendes Entzücken
+an ihren Augen vorübergleiten lassen und
+schliesslich nur das Nämliche als Ausbeute mit
+nach Hause zurückbringen, was sie beim Dortverbleiben
+ganz ebenso entdeckt, empfunden und
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+genossen hätten. In umgekehrter Richtung, wie
+die Zugvögel, pflegen solche Dualisten im Frühling
+die Alpenpässe zu überschwärmen. Norbert
+Hanold ward während der ganzen Fahrt von
+ihnen wie in einem rollenden Taubenschlag umflügelt
+und umflötet und eigentlich zum erstenmal
+im Leben in die Zwangslage versetzt, seine ihn
+umgebenden Mitmenschen mit Auge und Ohr genauer
+in sich aufzunehmen. Obwohl sie nach
+ihrer Sprache sämtlich deutsche Landsleute waren,
+rief seine Stammeszugehörigkeit zu ihnen durchaus
+kein Stolzgefühl in ihm wach, vielmehr nur
+das ziemlich entgegengesetzte, er habe vernunftgemäss
+wohl daran gethan, sich bisher mit dem lebendigen
+›Homo sapiens‹ der Linné'schen Classifizirung
+möglichst wenig zu befassen. Hauptsächlich in
+Bezug auf die weibliche Hälfte dieser Gattung; zum
+erstenmal auch sah er derartig vom Paarungstrieb
+Zusammengesellte in seiner nächsten Nähe, ausser
+stande, zu begreifen, was sie gegenseitig dazu
+veranlasst haben könne. Ihm blieb unverständlich,
+warum die Frauen sich diese Männer ausgewählt
+hätten, noch räthselhafter aber, weshalb
+die Wahl der Männer auf diese Frauen gefallen
+sei. Bei jeder Kopfaufhebung musste sein Blick
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+auf das Gesicht einer von ihnen gerathen und traf
+auf keines, das die Augen durch eine äussere
+Wohlbildung einnahm oder innerlich auf einen
+geistigen und gemüthlichen Inhalt hinwies. Allerdings
+fehlte ihm ein Massstab, um sie daran zu
+bemessen, denn mit der erhabenen Schönheit der
+alten Kunstwerke durfte man das heutige weibliche
+Geschlecht natürlich nicht in Vergleich bringen,
+doch trug er eine dunkle Empfindung in sich,
+dass er sich dieses ungerechten Verfahrens nicht
+schuldig mache, sondern in allen Zügen etwas
+vermisse, zu dessen Darbietung auch das gewöhnliche
+Leben verpflichtet sei. So dachte er manche
+Stunden hindurch über das sonderbare Treiben
+der Menschen nach und kam zu dem Ergebniss,
+unter allen ihren Thorheiten nehme jedenfalls das
+Heirathen, als die grösste und unbegreiflichste, den
+obersten Rang ein, und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen
+nach Italien setzten gewissermassen dieser
+Narrethei die Krone auf.</p>
+
+<p>Wiederum aber ward er an den von ihm in
+der Gefangenschaft zurückgelassenen Kanarienvogel
+erinnert, denn er sass auch hier in einem Käfig,
+rundum von den ebenso verzückten als nichtig-leeren
+jungen Ehepaargesichtern eingepfercht, an
+<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>
+denen vorbei sein Blick nur dann und wann
+einmal durch die Fenster hinausschweifen konnte.
+Daraus mochte sich wohl erklären, dass die draussen
+seinen Augen vorüberziehenden Dinge ihm andere
+Eindrücke als damals erregten, wie er sie vor
+einigen Jahren gesehen hatte. Das Olivenlaub
+flimmerte in einem stärkeren Silberglanz, die da
+und dort einsam gegen den Himmel ragenden
+Cypressen und Pinien zeichneten sich mit schöneren
+und eigenartigeren Umrissen ab, reizvoller bedünkten
+ihn die auf den Berghöhen hingelagerten
+Ortschaften, wie wenn jede gleichsam ein Individuum
+mit verschiedengeartetem Gesichtsausdruck
+sei, und der trasimenische See erschien ihm von
+einer weichen Bläue, wie er sie noch nie an einer
+Wasserfläche wahrgenommen. Ihn rührte ein Gefühl
+an, den Schienenstrang umgebe rechts und
+links eine ihm fremde Natur, als ob er diese
+vormals in beständigem Dämmerlicht oder bei
+grauem Regenfall durchfahren haben müsse und
+jetzt zum erstenmal in ihrer von der Sonne vergoldeten
+Farbenfülle sehe. Ein paarmal ertappte
+er sich auf einem ihm bisher unbekannt gewesenen
+Wunsch, aussteigen und zu Fuss sich einen Weg
+nach dieser und jener Stelle suchen zu können,
+<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
+weil sie ihn ansah, wie wenn sie irgend etwas
+Eigenthümliches, wie Geheimnisvolles verborgen
+halte. Doch liess er sich von solchen vernunftwidrigen
+Anwandlungen nicht verleiten, sondern
+der ›direttissimo‹ brachte ihn gradewegs nach
+Rom, wo ihn bereits vor der Einfahrt in den
+Bahnhof die alte Welt mit den Trümmerresten
+des Tempels der Minerva Medica in Empfang
+nahm. Aus seinem mit den Inseparables angefüllten
+Käfig in Freiheit gelangt, nahm er vorderhand
+in einem ihm bekannten Gasthof Unterkunft,
+um sich von dort aus ohne Uebereilung nach
+einer seinem Wunsch entsprechenden Privatwohnung
+umzusehen.</p>
+
+<p>Eine solche fand er im Verlauf des nächsten
+Tages noch nicht, sondern kehrte am Abend nochmals
+in seinen Albergo zurück und begab sich,
+von der ungewohnten italienischen Luft, der starken
+Sonnenwirkung, vielem Umherwandern und dem
+Strassenlärm ziemlich ermüdet, zur Ruhe. So
+fing auch schon das Bewusstsein bald an, ihm
+zu verdämmern, doch grade im Einschlafen begriffen,
+ward er wieder aufgeweckt, denn sein
+Zimmer war durch eine nur durch einen Schrank
+verstellte Thür mit dem nebenan befindlichen verbunden,
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+und in dieses traten zwei Gäste, die
+am Morgen davon Besitz genommen, ein. Nach
+ihren, die dünne Scheidewand durchklingenden
+Stimmen ein männlicher und ein weiblicher, die
+unverkennbar der Classe der deutschen Frühlingsstrichvögel
+angehörten, mit denen er gestern von
+Florenz hierhergefahren war. Ihre Gemütsstimmung
+schien der Hotelküche ein entschieden günstiges
+Zeugniss auszustellen, und der Güte eines
+castelli romani-Weines mochte es zu danken sein,
+dass sie ihre Gedanken und Empfindungen äusserst
+deutlich vernehmbar mit norddeutschen Zungen
+austauschten:</p>
+
+<p>»Mein einziger August&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Meine süsse Grete&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Nun haben wir uns wieder.«</p>
+
+<p>»Ja, endlich sind wir wieder allein.«</p>
+
+<p>»Müssen wir morgen noch mehr ansehen?«</p>
+
+<p>»Wir wollen beim Frühstück 'mal im Bädeker
+nachsehen, was noch nothwendig ist.«</p>
+
+<p>»Mein einziger August, du gefällst mir viel
+besser, als der Apoll von Belvedere.«</p>
+
+<p>»Das hab' ich oft denken müssen, meine
+süsse Grete, du bist viel schöner, als die capitolinische
+Venus.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>»Ist der feuerspeiende Berg, auf den wir
+hinaufwollen, hier nahebei?«</p>
+
+<p>»Nein, da müssen wir, glaub' ich, noch ein
+paar Stunden mit der Eisenbahn fahren.«</p>
+
+<p>»Wenn er dann grade anfinge, zu speien,
+und wir da mitten hineinkämen, was würdest du
+da thun?«</p>
+
+<p>»Da würde ich gar keinen andern Gedanken
+haben, als wie ich dich retten sollte, und dich
+so auf die Arme nehmen.«</p>
+
+<p>»Stich dich nur nicht an einer Stecknadel!«</p>
+
+<p>»Ich kann mir ja nichts Schöneres denken,
+als mein Blut für dich zu vergiessen.«</p>
+
+<p>»Mein einziger August&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Meine süsse Grete&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Damit schloss vorderhand die Unterhaltung.
+Norbert hörte noch ein unbestimmtes Rascheln
+und Rücken von Stühlen, dann ward's still, und
+er verfiel in den Halbschlaf zurück. Der versetzte ihn
+nach Pompeji, wie eben der Vesuv wieder ausbrach;
+ein buntes Gewimmel von flüchtenden Menschen
+knäuelte sich um ihn herum, und darunter sah er
+auf einmal den Apoll von Belvedere, der die
+capitolinische Venus aufhob, forttrug und in einen
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+dunklen Schatten gesichert auf einen Gegenstand
+hinlegte; ein Wagen oder Karren, mit dem sie
+fortgebracht werden sollte, schien's zu sein, denn
+ein knarrender Ton scholl davon her. Dieser
+mythologische Vorgang verwunderte den jungen
+Archäologen nicht weiter, nur fiel ihm als merkwürdig
+auf, dass die Beiden nicht Griechisch, sondern
+Deutsch mit einander redeten, denn er hörte
+sie, dadurch zu halber Besinnung gelangend,
+nach einem Weilchen sagen:</p>
+
+<p>»Meine süsse Grete&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Mein einziger August&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Aber danach verwandelte sich das Traumbild
+um ihn herum vollständig. Lautlose Stille trat an die
+Stelle der verworrenen Töne, und statt des Rauches
+und Flammenscheines lag helles, heisses Sonnenlicht
+über den Trümmerresten der verschütteten Stadt.
+Die änderte sich ebenfalls allmählich um, ward
+zu einem Bett, auf dessen weissen Linnen Goldstrahlen
+sich bis an seine Augen heranringelten,
+und Norbert Hanold wachte, vom römischen Frühmorgen
+umfunkelt, auf.</p>
+
+<p>Auch in ihm selbst war indess etwas anders
+geworden, wodurch, wusste er sich nicht anzugeben,
+doch hatte sich seiner abermals ein sonderbar
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+beklemmendes Gefühl bemächtigt, dass er in
+einem Käfig eingesperrt sei, der diesmal Rom
+heisse. Wie er das Fenster öffnete, kreischten
+ihm von der Strasse her die dutzendfachen Ausrufe
+der Verkäufer noch weit schrilltöniger im
+Ohr, als in seiner deutschen Heimat; er war nur
+aus einer lärmvollen Steingrube in die andre
+gerathen, und ihn schreckte ein wunderlich unheimliches
+Grauen vor den Alterthumssammlungen,
+einer dortigen Begegnung mit dem Apoll von
+Belvedere und der capitolinischen Venus zurück.
+So stand er nach kurzem Besinnen von seinem
+Vorhaben, sich eine Wohnung zu suchen, ab,
+packte eilfertig seinen Koffer wieder und fuhr auf
+der Eisenbahn weiter nach Süden. Dies that er,
+um den Inseparables zu entgehen, in einem Wagen
+dritter Klasse, zugleich in diesem eine interessante
+und ihm wissenschaftlich förderliche Umgebung
+von italienischen Volkstypen, den ehemaligen
+Modellen der antiken Kunstwerke, erwartend.
+Doch er fand nichts, als landesüblichen Schmutz,
+entsetzlich riechende Monopol-Cigarren, kleine,
+windschiefe, mit Armen und Beinen fuchtelnde
+Kerle und Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes,
+gegen die ihm seine zwiegepaarten
+<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>
+Landsmänninnen in der Erinnerung fast noch als
+olympische Göttinnen erschienen.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Zwei Tage später bewohnte Norbert Hanold
+einen ziemlich fragwürdigen, camera benannten
+Raum im ›Hotel Diomède‹ neben dem von Eucalyptusbäumen
+bewachten ›ingresso‹ zu den Ausgrabungen
+von Pompeji. Er hatte beabsichtigt,
+dauernd in Neapel zu bleiben, um die Sculpturen
+und Wandgemälde im Museo Nazionale eingehend
+wieder zu studiren, doch es war ihm dort ähnlich
+ergangen, wie in Rom. Im Saale der pompejanischen
+Hausgeräthsammlung sah er sich von
+einer Wolke weiblicher Reisekleider neuester Façon
+eingehüllt, die zweifellos sämmtlich unmittelbar mit
+dem jungfräulichen Strahlenglanz von Atlas-, Seide-
+oder Gaze-Brautkleidern vertauscht worden waren;
+jedes hing durch die Vermittlung eines Aermels
+am Arm eines ebenso tadellos männlich costümirten,
+jüngeren oder ältlicheren Begleiters, und
+Norbert's neugewonnene Einsicht in ein ihm bisher
+unbekannt gewesenes Wissensgebiet war so
+weit vorgeschritten, ihn auf den ersten Blick erkennen
+zu lassen, jeder war August und jede
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+war Grete. Nur kam dies hier durch andere,
+vom Ohr der Oeffentlichkeit modificirte, gemässigte
+und gemilderte Gesprächsführung zu Tage:</p>
+
+<p>»O sieh' mal, das hatten sie praktisch, solchen
+Speisenwärmer wollen wir uns doch auch anschaffen.«</p>
+
+<p>»Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau
+kocht, muss er aus Silber gemacht sein.«</p>
+
+<p>»Weisst du denn schon, ob das, was ich koche,
+dir so gut schmecken wird?«</p>
+
+<p>Die Frage wurde von einem schelmischen
+Aufblick begleitet und von einem wie mit Glanzlack
+gefirnissten bejaht. »Was du mir servirst,
+kann alles nur zur Delicatesse werden.«</p>
+
+<p>»Nein, das ist ja ein Fingerhut! Haben denn
+die Leute damals schon Nähnadeln gehabt?«</p>
+
+<p>»Das scheint beinah' so, aber du hättest nichts
+mit ihm anfangen können, mein Herz, dir würde
+er noch für den Daumen viel zu gross sein.«</p>
+
+<p>»Meinst du wirklich? Und hast du denn
+schmale Finger lieber als breite?«</p>
+
+<p>»Deine brauch' ich gar nicht zu sehen, die
+würde ich beim tiefsten Dunkel aus allen anderen
+auf der Welt herausfühlen.«</p>
+
+<p>»Das ist wirklich alles furchtbar interessant.
+<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>
+Müssen wir eigentlich auch noch nach Pompeji
+selbst?«</p>
+
+<p>»Nein, das lohnt sich kaum, da sind nur alte
+Steine und Schutt, was von Werth war, steht im
+Bädeker, ist alles hierhergebracht. Ich fürchte,
+die Sonne würde dort auch für deinen zarten
+Teint schon zu heiss sein, das könnte ich mir
+nie verzeih'n.«</p>
+
+<p>»Wenn du auf einmal eine Negerin zur Frau
+hättest.«</p>
+
+<p>»Nein, so weit reicht glücklicherweise doch
+meine Phantasie nicht, aber eine Sommersprosse
+auf deinem Näschen würde mich schon unglücklich
+machen. Ich denke, wenn's dir recht ist, wollen
+wir morgen nach Capri fahren, mein Liebchen.
+Dort soll alles sehr bequem eingerichtet sein, und
+in der wundervollen Beleuchtung der blauen Grotte
+werde ich erst ganz erkennen, was für ein grosses
+Loos ich in der Glückslotterie gezogen habe.«</p>
+
+<p>»Du, wenn Jemand das anhört, ich schäme
+mich ja beinah'. Aber wohin du mich bringst,
+ist's mir überall recht, und ganz einerlei, wo,
+denn ich habe dich ja bei mir.«</p>
+
+<p>August und Grete rundum, für Auge und Ohr
+etwas gemässigt und gemildert. Norbert Hanold
+<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+war's, als ob er von allen Seiten mit verdünntem
+Honig angegossen würde und davon Schluck um
+Schluck auch über die Zunge herunterbringen
+müsse. Es wandelte ihn ein Uebelkeitsgefühl an,
+und er lief aus dem Museo Nazionale davon,
+zur nächsten Osteria hinüber, um ein Glas Wermuth
+zu trinken. Verzehnfacht drang's auf ihn
+ein: Wozu füllte dieser hundertfältige Dual die
+Museen von Florenz, Rom und Neapel an, statt
+sich seiner Pluralbeschäftigung in den heimischen
+deutschen Vaterländern hinzugeben? Doch war
+ihm aus einer Anzahl der Causerien und Kosereden
+aufgegangen, wenigstens die Mehrheit der
+Vogelpaare habe nicht im Sinn, zwischen dem
+Schutt von Pompeji zu nisten, sondern sehe eine
+Flugabschwenkung nach Capri als zweckdienlicher
+an, und daraus entsprang für ihn der rasche
+Antrieb, das zu thun, was sie nicht thaten. Vergleichsweise
+bot sich ihm jedenfalls so noch am
+meisten Aussicht, aus dem Hauptschwarm ihres
+Schnepfenstriches loszukommen und dasjenige zu
+finden, wonach er hier im hesperischen Lande
+vergeblich herumsuchte. Das war auch eine
+Zweiheit, doch kein Hochzeits-, sondern ein Geschwisterpaar
+ohne stets girrende Schnäbel, die
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>
+Stille und die Wissenschaft, zwei ruhige Schwestern,
+bei denen allein sich auf eine befriedigende Unterkunft
+rechnen liess. Sein Verlangen nach ihnen
+enthielt etwas ihm bisher Unbekanntes &ndash; wenn
+es nicht ein Widerspruch in sich gewesen wäre,
+hätte er diesem Drang das Epitheton ›leidenschaftlich‹
+beilegen können &ndash; und schon um eine
+Stunde später sass er in einer ›carozella‹, die
+ihn hurtig durch die Endlosigkeit von Portici und
+Resina davon trug. Eine Fahrt war's wie durch
+eine prangend für einen altrömischen Triumphator
+geschmückte Strasse; links und rechts breitete fast
+jedes Haus, gelblichen Teppichbehängen ähnlich,
+zum Dörren in der Sonne einen überschwänglichen
+Reichthum von ›pasta da Napoli‹ aus, dem höchsten
+Landesleckerbissen an dickeren oder dünneren maccheroni,
+vermicelli, spaghetti, cannelloni und fidelini,
+denen dort durch Fettdünste der Garküchen, Staubgewirbel,
+Fliegen und Flöhe, in der Luft herumtanzende
+Fischschuppen, Schornsteinrauch und sonstige
+Tag- oder Nachteinflüsse die intime Köstlichkeit
+ihres Wohlgeschmacks verliehen wurde. Dann sah
+über braune Lavageröllfelder der Vesuvkegel nah
+herunter, zur Rechten dehnte sich mit schillernder
+Bläue, wie aus flüssigem Malachit und Lapis
+<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>
+Lazuli zusammengemischt, der Golf. Die kleine
+beräderte Nussschale flog, wie von einem tollen
+Sturm fortgewirbelt und als ob jeder Augenblick
+ihr letzter sein müsse, über das grausame Pflaster
+von Torre del Greco, durchrasselte Torre dell'
+Annunziata, erreichte das in unablässigem, stumm-grimmigem
+Ringkampf seine Anziehungskräfte
+messende Dioskurenpaar des ›Hôtel Suisse‹ und
+›Hôtel Diomède‹ und hielt vor dem letzteren an,
+dessen altclassischer Name den jungen Archäologen
+wieder, wie bei seinem ersten Besuch, zu der
+Gasthofswahl bestimmt hatte. Wenigstens mit
+scheinbar grösster Gemüthsruhe schaute indess der
+moderne schweizerische Concurrent vor seiner Thür
+diesem Vorgange zu; er war darüber beruhigt,
+dass auch in den Töpfen des classischen Nachbars
+nicht mit andrem Wasser gekocht wurde, als in
+seinem, und dass die drüben verführerisch zum
+Ankauf ausgestellten antiken Herrlichkeiten ebensowenig
+wie seine unter der Aschendecke herauf nach
+zwei Jahrtausenden wieder ans Licht gekommen
+seien.</p>
+
+<p>So war Norbert Hanold wider Erwarten und
+Absicht in wenigen Tagen vom deutschen Norden
+nach Pompeji versetzt worden, fand den Diomed
+<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>
+mit menschlichen Gästen nicht allzu stark angefüllt,
+dagegen von der musca domestica communis,
+der gemeinen Stubenfliege, bereits überreichlich
+bevölkert. Er hatte nie eine Erfahrung
+gemacht, dass sein Gemüth für ungestüme Regungen
+veranlagt sei, doch gegen diese Zweiflügler
+brannte ein Hass in ihm; er betrachtete
+sie als die niederträchtigste Bosheitserfindung der
+Natur, gab um ihretwillen dem Winter als der
+einzigen Zeit einer menschenwürdigen Lebensführung
+weitaus den Vorzug vor dem Sommer,
+und erkannte in ihnen den unumstösslichen Beweis
+gegen das Vorhandensein einer vernünftigen
+Weltordnung. Nun empfingen sie ihn hier schon
+um mehrere Monate früher, als er ihrer Infamie
+in Deutschland anheimgefallen wäre, stürzten sich
+sofort dutzendweise über ihn, als auf ein erharrtes
+Opfer, schwirrten ihm in die Augen, schnurrten
+im Ohr, verfingen sich im Haar, liefen kitzelnd
+auf Nase, Stirn und Händen. Manche erinnerten
+ihn dabei an hochzeitsreisende Paare, redeten sich
+vermuthlich in ihrer Sprache auch »mein einziger
+August« und »meine süsse Grete« an; dem Gedächtniss
+des Gequälten stieg ein sehnsüchtiger
+Wunsch nach einer ›scacciamosche‹, einer vortrefflich
+<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>
+angefertigten Fliegenklatsche, auf, wie er
+sie im etruskischen Museum in Bologna aus einer
+Gruftstele ausgegraben gesehen hatte. Also war
+im Alterthum diese nichtswürdige Creatur schon
+ebenso die Geissel der Menschheit gewesen, bösartiger
+und unabwendbarer als Scorpione, Giftschlangen,
+Tiger und Haifische, die es nur auf
+leibliche Schädigung, Zerreissung oder Verschlingung
+der von ihnen Ueberfallenen abgesehen hatten,
+vor denen man sich ausserdem durch besonnenes
+Verhalten sichern konnte. Gegen die gemeine
+Stubenfliege aber gab es keinen Schutz, und sie
+lähmte, verstörte, zerrüttete schliesslich das geistige
+Wesen des Menschen, seine Denk- und Arbeitsfähigkeit,
+jeden höheren Aufschwung und jede
+schöne Empfindung. Nicht Hungerbegier und Blutdurst
+trieb sie dazu, lediglich das teuflische Gelüst,
+zu martern; sie war das ›Ding an sich‹,
+in dem das absolut Böse seinen Ausdruck und
+seine Verkörperung gefunden. Die etruskische
+scacciamosche, ein Holzstiel mit einem daran befestigten
+Bündel feiner Lederstreifen, bewies:
+so hatte sie schon im Kopf des Aeschylos die
+erhabensten Dichtungsgedanken zu Grunde gerichtet,
+so den Meissel des Phidias zu einem
+<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>
+nicht wieder verbesserlichen Fehlschlag gebracht,
+die Stirn des Zeus, die Brust Aphrodite's, vom
+Scheitel bis zur Sohle alle olympischen Götter und
+Göttinnen überlaufen, und Norbert empfand im
+Innersten, das Verdienst eines Menschen sei vor
+allem andern, nach der Anzahl von Stubenfliegen
+zu bewerthen, die er während seiner Lebzeit als
+ein Rächer seines ganzen Geschlechtes von Urzeit
+her erschlagen, aufgespiesst, verbrannt, in täglichen
+Hekatomben ausgerottet habe.</p>
+
+<p>Zu solchem Ruhmgewinn aber gebrach's ihm
+hier an der nöthigen Waffe, und wie es auch der
+grösste, doch in Vereinzelung gerathene Schlachtenheld
+des Alterthums nicht anders vermocht hatte,
+räumte er vor der hundertfältigen Ueberzahl der
+gemeinen Gegner das Feld oder vielmehr seine
+Stube. Draussen dämmerte ihm auf, er habe
+damit nur heute im Engeren gethan, was er
+morgen im Weiteren wiederholen müsse; Pompeji
+bot seinem Bedürfniss offenbar auch keinen ruhig-befriedigenden
+Aufenthalt. Uebrigens gesellte sich
+dieser Erkenntniss, wenigstens dunkel, noch eine
+andre hinzu, dass seine Unbefriedigung wohl nicht
+allein durch das um ihn herum Befindliche verursacht
+werde, sondern etwas ihren Ursprung auch
+<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>
+aus ihm selbst schöpfe. Allerdings war die Belästigung
+durch die Fliegen ihm immer sehr
+widerwärtig gewesen, aber in eine derartige
+Grimmaufwallung wie eben hatten sie ihn bisher
+doch noch nicht versetzt. Seine Nerven befanden
+sich unverkennbar von der Reise in einem erregten
+und reizbaren Zustand, dessen Anbahnung
+vermuthlich schon zu Hause durch winterlange
+Stubenluft und Ueberarbeitung begonnen. Er
+fühlte, dass er missmuthig sei, weil ihm etwas
+fehle, ohne dass er sich aufhellen könne, was.
+Und diese Missstimmung brachte er überallhin
+mit sich; gewiss waren in Masse umschwärmende
+Stubenfliegen und Hochzeitspaare nicht dazu angethan,
+irgendwo das Leben zu verannehmlichen.
+Doch wenn er sich nicht in eine dicke Wolke von
+Selbstbeschönigung einwickeln wollte, konnte ihm
+nicht recht verborgen bleiben, dass er eigentlich
+ebenso zweck- und sinnlos, taub und blind wie
+sie, nur mit erheblich geringerer Vergnügungsbefähigung
+in Italien herumfuhr. Denn seine
+Reisebegleiterin, die Wissenschaft, hatte entschieden
+viel von einer alten Trappistin, that den Mund
+nicht auf, wenn sie nicht angeredet wurde, und
+ihm kam's vor, er sei nicht weit davon, aus dem
+<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>
+Gedächtniss zu verlieren, in welcher Sprache er
+überhaupt mit ihr verkehrt habe.</p>
+
+<p>Durch den Ingresso noch nach Pompeji hineinzugehen,
+war's schon zu spät am Tage. Norbert
+erinnerte sich eines von ihm einmal auf der alten
+Stadtmauer gemachten Rundganges, suchte zu ihr
+durch allerhand Buschgestrüpp und Unkrautgewächs
+einen Aufstieg. So wanderte er eine Strecke weit
+etwas erhöht über der Gräberstadt dahin, die ihm,
+ohne Regung und Laut, zur Rechten lag. Als
+ein todtes Schuttfeld erschien sie, grösstentheils
+bereits vom Schatten zugedeckt, da die Abendsonne
+im Westen nicht weit mehr vom Rande
+des tyrrhenischen Meeres entfernt stand. In der
+Runde umher dagegen überfloss sie alle Bergkuppen
+und Gelände noch mit einem zauberhaften
+Glanz des Lebens, vergoldete die über dem Vesuvkrater
+aufwachsende Rauchpinie, kleidete die Zinnen
+und Zacken des Monte Sant' Angelo in Purpur.
+Hoch und einsam stieg der Monte Epomeo aus
+der blauperlenden, Lichtfunken aufsprühenden See,
+der sich das Cap Misenum mit dunklem Umriss
+wie ein geheimnissvoller Titanenbau enthob. Wohin
+der Blick fiel, breitete sich ein wundervolles
+Bild aus, Erhabenheit und Anmuth verschwisternd,
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
+ferne Vergangenheit und freudige Gegenwart.
+Norbert Hanold hatte geglaubt, hier das, wonach
+er ein unbestimmtes Verlangen trug, zu finden.
+Doch er war nicht in der Stimmung dazu, obwohl
+ihn auf der verlassenen Mauer keine Hochzeitspaare
+und Fliegen behelligten, aber auch die Natur
+war ausser stande, ihm zu bieten, was er um
+sich und in sich vermisste. Mit einer nah an
+Gleichgültigkeit grenzenden Gelassenheit liess er
+die Augen über alle Schönheitsfülle hingehen,
+bedauerte nicht im Geringsten, dass diese beim
+Sonnenuntergang verblich und auslosch, und kehrte
+unbefriedigt, wie er gekommen, zum Diomed zurück.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Da er aber nun einmal, ob auch invita Minerva,
+durch seine Unbedachtsamkeit hierher versetzt
+worden war, kam er über Nacht zum Beschluss,
+aus der begangenen Thorheit wenigstens
+einen Tag lang wissenschaftlichen Nutzen zu ziehen,
+und begab sich, sobald am Morgen der Ingresso
+geöffnet ward, auf dem ordnungsmässigen Wege
+nach Pompeji hinein. Vor ihm und hinter ihm
+wanderte in kleinen, von den Zwangsführern befehligten
+Trupps, mit rothem Bädeker oder ausländischen
+<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>
+Vettern desselben bewaffnet, die derzeitige,
+nach heimlichen eignen Ausscharrungen
+lüsterne Bevölkerung der beiden Gasthöfe; fast
+ausschliesslich erfüllte englisches oder anglo-amerikanisches
+Gequadder die noch frische Morgenluft,
+die deutschen Hochzeitspaare beglückten drüben
+hinter dem Monte Sant' Angelo auf Capri sich
+gegenseitig an dem Frühstücktisch des Pagano-Hauptquartiers
+mit germanischer Süssigkeit und
+Begeisterung. Norbert verstand's von früher her,
+sich durch richtig gewählte, mit einer guten ›mancia‹
+verbundene Worte bald von der Lästigkeit
+seines ›guida‹ zu befreien, um unbehindert allein
+seinen Zwecken nachgehn zu können. Ihm gereichte
+etwas zur Befriedigung, dass er sich im
+Besitz eines tadellosen Gedächtnisses erkannte;
+wohin sein Blick fiel, lag und stand Alles genau
+so, wie er es in sich trug, als ob er's erst gestern
+vermittelst sachverständiger Betrachtung seinem
+Kopf eingeprägt habe. Diese sich beständig wiederholende
+Wahrnehmung aber brachte andrerseits
+mit, dass ihm sein Hiersein eigentlich sehr unnöthig
+vorkam und sich seiner Augen und geistigen
+Sinne mehr und mehr, wie am Abend auf der Mauer,
+eine entschiedene Gleichgültigkeit bemächtigte. Obwohl,
+<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
+wenn er aufsah, die Rauchpinie des Vesuvkegels
+zumeist gegen den blauen Himmel vor
+seinem Blick dastand, kam ihm doch merkwürdigerweise
+nicht ein einzigesmal in Erinnerung,
+dass er vor einiger Zeit einmal geträumt habe,
+bei der Verschüttung Pompejis durch den Kraterausbruch
+im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein.
+Das stundenlange Umherwandern machte ihn wohl
+müde und halb schläfrig, allein von etwas Traumhaftem
+empfand er nicht den geringsten Anhauch,
+sondern ihn umgab lediglich ein Gewirr von Bruchstücken
+alter Thorbogen, Säulen und Mauern,
+im höchsten Masse bedeutungsvoll für die archäologische
+Wissenschaft, doch ohne die esotherische
+Beihülfe dieser angesehen, eigentlich nicht viel
+Anderes, als ein grosser, zwar sauber aufgeräumter,
+indess ausserordentlich nüchterner Schutthaufen.
+Und obwohl Wissenschaft und Träumen
+sonst zu einander auf einem gegensätzlichen Fusse
+zu stehen gewöhnt waren, hatten sie offenbar
+heute hier ein Uebereinkommen getroffen, Norbert
+Hanold gleicherweise ihre Hülfsleistungen zu entziehn
+und ihn völlig der Zwecklosigkeit seines
+Umhergehens und -Stehens zu überlassen.</p>
+
+<p>So war er vom Forum bis zum Amphitheater,
+<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>
+von der Porta di Stabia zur Porta del Vesuvio,
+durch die Gräberstrasse wie durch unzählige andere
+kreuz und quer gewandert, und die Sonne hatte
+währenddessen ebenfalls ihren gewohnten Vormittagsweg
+gemacht, bis zu der Stelle hin, wo
+sie ihren Aufstieg vom Bergrücken her zum bequemeren
+Abstieg nach der Seeseite umzuändern
+pflegte. Damit aber gab sie den von der Reisepflicht
+hergenöthigten Engländern und Amerikanern,
+männlichen wie weiblichen, zur grossen Zufriedenheit
+ihrer unverstanden heiser geredeten Führer
+ein Zeichen, auch der besseren Bequemlichkeit des
+Sitzens an den Mittagstischen der beiden Dioskuren-Gasthöfe
+eingedenk zu werden; sie hatten
+ausserdem alles mit eignen Augen angesehen,
+was für die Conversation jenseits des grossen
+und des Aermelwassers erforderlich sein konnte,
+und so traten die von der Vergangenheit vollgesättigten
+Einzeltrupps den Rückzug an, ebbten
+in gemeinsamer Bewegung durch die Via Marina
+ab, um an den allerdings ziemlich euphemistisch-lucullischen
+Tafeln der Gegenwart im Hause des
+Diomedes und des Mr. Swiss für ihren Magen
+nicht den Kürzeren zu ziehen. In Anbetracht
+sämmtlicher innerer und äusserer Umstände war
+<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>
+dies zweifellos auch das Klügste, was sie zu thun
+vermochten, denn die Maimittagssonne meinte es
+zwar entschieden mit den Eidechsen, Schmetterlingen
+und sonstigen geflügelten Bewohnern oder
+Besuchern der weiten Trümmerstätte sehr gut,
+dagegen für den nordländischen Teint einer Mistress
+oder Miss begann ihre scheitelrechte Aufdringlichkeit
+unbedingt weniger liebsam zu werden. Und
+vermuthlich in einem Causalverband damit hatten
+die ›charmings‹ sich in der letzten Stunde bereits
+erheblich vermindert, die ›shockings‹ sich um ebensoviel
+vermehrt und die männlichen ›auhs‹, zwischen
+noch weiter als vorher auseinandergeklafterten
+Zahnreihen hervorkommend, einen bedenklichen
+Uebergang zum Gähnen angetreten.</p>
+
+<p>Merkwürdig aber war's, wie gleichzeitig mit
+diesem Wegschwinden das, was ehemals die
+Stadt Pompeji gewesen, ein ganz verändertes
+Gesicht annahm. Nicht etwa ein lebendiges, vielmehr
+schien's sich jetzt erst völlig zu todter Reglosigkeit
+zu versteinern. Doch aus dieser rührte
+ein Gefühl an, dass der Tod zu sprechen anfange,
+nur nicht in einer für Menschenohren vernehmbaren
+Weise. Allerdings klang es da und dort,
+als komme ein raunender Ton aus dem Gestein
+<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>
+hervor, den weckte indess nur der leise flüsternde
+Südwind auf, der alte Atabulus, der vor zwei
+Jahrtausenden so um die Tempel, Hallen und
+Häuser gesummt hatte und nun mit den grünen,
+flimmernden Halmen auf den niedrigen Mauerresten
+sein tändelndes Spiel trieb. Von der Küste
+Afrikas brauste er oftmals, aus voller Brust
+wildes Gefauch ausstossend, herüber; das that er
+heute nicht, umfächelte nur sanft die wieder ans
+Licht zurückgekehrten alten Bekannten. Von seiner
+eingeborenen Wüstenart dagegen konnte er nicht
+lassen, blies Alles, was er auf seinem Wege
+traf, wenn auch noch so leis, mit heissem Athem an.</p>
+
+<p>Dabei half ihm die Sonne, die seine ewig
+jungbleibende Mutter war. Sie verstärkte seinen
+glühenden Hauch und vollbrachte dazu, was er
+nicht konnte, übergoss Alles mit zitterndem,
+blinkendem und blendendem Glanz. Wie mit einem
+goldenen Radirmesser löschte sie an den Häuserrändern
+der semitae und crepidines viarum, wie
+man einst die Trottoire benannt hatte, jeden
+schmalen Schattenstrich weg, warf in alle vestibula,
+atria, <ins title="peristyla">peristylia</ins> und tablina ihre vollsten Strahlengarben
+oder, wo ein Ueberdach ihnen den graden
+Zugang wehrte, unter dies abspringende Funken
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>
+hinein. Kaum irgendwo gab's noch einen Winkel,
+dem es gelang, sich gegen das Lichtgewoge zu
+schützen und mit einem silbernen Dämmergewebe
+zu umhüllen; jegliche Strasse zog sich zwischen
+den alten Mauerwerken wie ein langer, zum
+Bleichen ausgebreiteter, weissrieselnder Linnenstreifen
+dahin. Und ohne Ausnahme alle gleich
+reglos und lautlos, denn nicht nur die schnarrenden
+und näselnden Sendboten Englands und
+Amerikas waren bis auf den letzten aus ihnen
+verschwunden, auch das bisherige kleine Leben
+der Lacerten und Falter schien ebenso die schweigsame
+Trümmerstatt verlassen zu haben. Sie hatten's
+wohl in Wirklichkeit nicht gethan, doch der Blick
+nahm keine Bewegung mehr von ihnen gewahr.
+Wie's seit Jahrtausenden der Brauch ihrer Vorfahren
+draussen an den Berghängen und Felswänden
+gewesen, wenn der grosse Pan sich zum
+Schlafen hingelegt, hatten sie auch hier, um ihn
+nicht zu stören, sich regungslos ausgestreckt oder,
+die Flügel zusammenfaltend, da und dort hingekauert.
+Und es war, als empfänden sie hier
+noch verstärkter das Gebot der heissen, heiligen
+Mittagsstille, in deren Geisterstunde das Leben
+verstummen und sich niederdrücken müsse, weil
+<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>
+die Todten in ihr aufwachten und in tonloser
+Geistersprache zu reden begannen.</p>
+
+<p>Dies andere Gesicht, das rundherum die Dinge
+angenommen, drängte sich eigentlich weniger den
+Augen auf, als das Gefühl, oder richtiger ein
+unbenannter sechster Sinn davon angerührt wurde,
+dieser aber so stark und nachhaltig, dass ein mit
+ihm Begabter sich der auf ihn geübten Wirkung
+nicht zu entziehen vermochte. Zu den derartig
+Ausgerüsteten hätte allerdings unter den bereits
+mit dem Suppenlöffel beschäftigten schätzbaren
+Tischgästen der beiden alberghi am Ingresso
+schwerlich Einer oder Eine gezählt, doch Norbert
+Hanold hatte die Natur einmal so veranlagt, und
+er musste die Folge davon über sich ergehen
+lassen. Durchaus nicht, weil er selbst damit im
+Einverständniss war; er wollte garnichts und
+wünschte nichts weiter, als anstatt sich auf die
+zwecklose Frühlingsreise begeben zu haben, ruhig
+mit einem lehrreichen Buch in der Hand in seiner
+Studirstube zu sitzen. Allein wie er jetzt aus
+der Gräberstrasse durch das Herculanerthor ins
+Stadtinnere zurückgekehrt und völlig absichts- und
+gedankenlos bei der Casa di Sallustio linkshin
+in den schmalen Vicolo abgebogen war, ward
+<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>
+auf einmal jener sechste Sinn in ihm aufgeweckt.
+Oder eigentlich traf diese letzte Bezeichnung nicht
+zu, vielmehr wurde er von demselben in einen
+wunderlich traumhaften Zustand versetzt, der sich
+zwischen wacher Besinnung und ihrem Verlust
+ungefähr in der Mitte hielt. Wie überall ein Geheimniss
+behütend, lag die lichtübergossene Todesstille
+rings um ihn her, so athemlos, dass auch
+seine eigene Brust kaum Luft zu schöpfen wagte.
+Er stand an einer Strassenkreuzung, der Vicolo
+di <ins title="Mercurio,">Mercurio</ins> durchschnitt die breitere, zur Rechten
+und Linken sich lang hindehnende Strada di
+Mercurio; dem Handelsgott entsprechend, hatten
+hier ehemals Handel und Gewerbe ihren Sitz gehabt,
+stumm redeten die Strassenecken davon.
+Mehrfach öffneten sich nach ihnen tabernae, Verkaufsläden
+mit zersprungenen marmorbelegten
+Ladentischen; hier wies die Einrichtung auf eine
+Bäckerei hin, dort eine Anzahl grosser, rundbauchiger
+Thonkrüge auf eine Oel- und Mehlhandlung.
+Gegenüber zeigten, in die Tischplatte
+eingelassen, schlankere, gehenkelte Amphoren an,
+dass der Raum hinter ihnen eine Schänkstube
+gewesen sei, doch dicht mochten sich hier abends
+auch Sklaven und Mägde der Nachbarschaft gedrängt
+<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>
+haben, um in eigenen Krügen aus der
+caupona Wein für ihre Herrschaften zu holen;
+man sah, die nicht mehr lesbare, mit Mosaiksteinchen
+eingelegte Inschrift auf der semita vor
+dem Laden war von vielen Füssen abgetreten,
+vermuthlich hatte sie den Vorüberkommenden eine
+Anpreisung des vini praecellentis entgegengehalten.
+Von der Mauerwand blickte ein ›graffito‹ her, nur
+in halber Manneshöhe, wahrscheinlich von einem
+Schuljungen mit dem eignen Nagel oder einem
+eisernen in den Bewurf eingeritzt, vielleicht spöttisch
+jene Lobpreisung dahin erläuternd, dass des
+Schankwirths Wein seine Unübertrefflichkeit nicht
+sparsamem Zusatz von Wasser verdanke.</p>
+
+<p>Denn aus dem Gekritzel schien sich vor den
+Augen Norbert Hanold's das Wort caupo herauszuheben,
+oder wars nur Täuschung, sicher feststellen
+konnte er's nicht. Er besass eine entschiedene
+Fertigkeit in der Entzifferung schwer
+enträthselbarer graffiti, hatte schon rühmlich Anerkanntes
+darin geleistet, doch gegenwärtig versagte
+sie ihm vollständig. Nicht das nur, er
+trug ein Gefühl in sich, dass er überhaupt kein
+Latein verstehe, und es sei widersinnig von ihm,
+lesen zu wollen, was vor zwei Jahrtausenden
+<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>
+ein pompejanischer Quartaner in die Wand gekratzt
+habe. Seine ganze Wissenschaft hatte ihn
+nicht allein verlassen, sondern liess ihn auch ohne
+das geringste Begehren, sie wieder aufzufinden;
+er erinnerte sich ihrer nur wie aus einer weiten
+Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine
+alte, eingetrocknete, langweilige Tante gewesen,
+das ledernste und überflüssigste Geschöpf auf der
+Welt. Was sie mit hochgelehrter Miene über
+die verrunzelten Lippen brachte und als Weisheit
+vortrug, war Alles eitel leere Wichtigthuerei, klaubte
+nur an den dürren Schalen der Erkenntnissfrüchte
+herum, ohne von ihrem Inhalt, dem Wesenskerne
+etwas zu offenbaren und zu innerem Verständnissgenuss
+zu bringen. Was sie lehrte, war eine
+leblose archäologische Anschauung, und was ihr
+vom Mund kam, eine todte, philologische Sprache.
+Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele,
+dem Gemüth, dem Herzen, wie man's nennen
+wollte, sondern wer danach Verlangen in sich
+trug, der musste als einzig Lebendiger allein in
+der heissen Mittagsstille hier zwischen den Ueberresten
+der Vergangenheit stehen, um nicht mit
+den körperlichen Augen zu sehen und nicht mit
+den leiblichen Ohren zu hören. Dann kam's
+<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>
+überall hervor, ohne sich zu regen, und begann
+zu reden ohne Laut &ndash; dann löste die Sonne
+die Gräberstarre der alten Steine, ein glühender
+Schauer durchrann sie, die Todten wachten auf,
+und Pompeji fing an, wieder zu leben.</p>
+
+<p>Nicht eigentlich blasphemische Gedanken im
+Kopf Norbert Hanold's waren's, nur ein unbestimmtes,
+doch jenes Beiwort gleichfalls vollverdienendes
+Gefühl, und mit diesem sah er, regungslos
+stehend, vor sich hinaus, die Strada di
+Mercurio gegen die Stadtmauer zu hinunter. Die
+vielkantigen Lavablöcke ihrer Pflasterung lagen
+noch so tadellos zusammengefügt wie vor ihrer
+Verschüttung und waren im Einzelnen von einer
+hellgrauen Farbe, doch brütete so blendender
+Glanz auf ihnen, dass sie sich wie ein gestepptes
+silberweisses Band zwischen den schweigenden
+Mauern und Säulentrümmern an den Seiten in
+glimmender Leere hinzogen.</p>
+
+<p>Da plötzlich&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Mit geöffneten Augen blickte er die Strasse
+entlang, doch war's ihm, als thue er's in einem
+Traum. Darin trat plötzlich ein wenig abwärts
+von rechts her aus der casa di Castore e Polluce
+etwas hervor, und über die Lavatrittsteine, die
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
+vor dem Hause zur anderen Seite der Strada di
+Mercurio hinüberführten, schritt leichtbehend die
+Gradiva dahin.</p>
+
+<p>Ganz zweifellos war sie's; wenn auch die
+Sonnenstrahlen ihre Gestalt wie mit einem dünnen
+Goldschleier umgaben, nahm er sie doch deutlich
+und genau so im Profil, wie auf dem Relief,
+gewahr. Ein wenig neigte der Kopf sich vor,
+dessen Scheitel ein auf den Nacken zurückfallendes
+Tuch überschlang, die linke Hand hielt das
+ausserordentlich reichfaltige Kleid leicht aufgerafft,
+und nicht weiter als bis zu den Knöcheln reichend,
+liess es klar erkennen, dass bei der vorschreitenden
+Bewegung der rechte Fuss sich im Zurückbleiben,
+wenn auch nur einen Moment lang, auf den
+Zehenspitzen mit der Ferse beinah' senkrecht
+emporhob. Nur stellte hier nicht ein Steingebild
+alles in gleichmässiger Farblosigkeit dar, das
+Gewand, sichtlich aus äusserst weich-schmiegsamem
+Stoff verfertigt, sah nicht mit kaltem Marmorweiss,
+sondern einem leicht ins <ins title="Gebliche">Gelbliche</ins> fallenden warmen
+Ton an, und das leisgewellt unter dem Kopftuch
+auf der Stirn und an der Schläfe hervorblickende
+Haar hob sich mit goldbraunem Glanz von der
+Alabasterfarbe des Gesichtes ab.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>Zugleich mit dem Anblick aber war's Norbert
+hell im Gedächtniss aufgewacht, dass er sie schon
+einmal so im Traum hier habe gehen seh'n, in
+der Nacht, als sie sich drüben am Forum ruhig
+wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels
+hingelegt hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen
+kam ihm noch etwas Anderes zum erstenmal
+zum Bewusstwerden: Er sei, ohne selbst von
+dem Antrieb in seinem Innern zu wissen, desshalb
+nach Italien und ohne Aufenthalt von Rom
+und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach
+zu suchen, ob er hier Spuren von ihr auffinden
+könne. Und zwar im wörtlichen Sinne,
+denn bei ihrer besonderen Gangart musste sie
+in der Asche einen von allen übrigen sich unterscheidenden
+Abdruck der Zehen hinterlassen haben.</p>
+
+<p>Ein Mittagstraumbild war's wieder, was sich
+da vor ihm bewegte, und doch auch eine Wirklichkeit.
+Denn das sprach aus einer Wirkung,
+die es verursachte. Auf dem jenseitigen letzten
+Trittsteine lag im brennenden Sonnenlicht bewegungslos
+eine grosse Lacerte ausgestreckt, deren
+wie aus Gold und Malachit zusammengewobener
+Leib deutlich bis zu den Augen Norberts herleuchtete.
+Aber vor dem herannahenden Fuss schoss sie
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+jetzt plötzlich herunter und ringelte sich über die
+weissglimmernden Lavaplatten der Strasse davon.</p>
+
+<p>Die Gradiva überschritt in ihrer ruhigen Hurtigkeit
+die Trittsteine und ging, nun den Rücken
+wendend, auf dem Trottoir der andren Seite fort,
+ihr Wegziel schien das Haus des Adonis zu sein.
+Vor dem hielt sie auch einen Augenblick an,
+doch bewegte sich dann, wie nach andrem
+Besinnen, durch die Strada di Mercurio weiter
+abwärts. In dieser lag zur Linken von vornehmeren
+Gebäuden nur noch, nach den zahlreich dort aufgedeckten
+Apollobildern benannt, die casa di
+Apollo, und dem ihr Nachschauenden kam's
+wieder, dass sie sich ja auch den Porticus des
+Apollotempels zum Todesschlaf ausgewählt hatte.
+So stand sie wahrscheinlich in einem näheren Verband
+mit dem Cultus des Sonnengottes und begab
+sich dorthin. Bald indess hielt sie nochmals an;
+Trittsteine überkreuzten auch hier die Strasse, und
+sie schritt wieder zur rechten Seite derselben
+zurück. So wendete sie jetzt ihre andere Profilseite
+zu und nahm sich ein wenig verändert aus,
+da ihre linke, das Gewand aufschürzende Hand
+nicht sichtbar ward und statt ihrer gebogenen
+Armhaltung die rechte gradlinig herabhing. In
+<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>
+der weiteren Entfernung aber umwoben sie nun
+die goldwelligen Sonnenstrahlen mit dichterem
+Schleiergewirk, liessen nicht mehr unterscheiden,
+wo sie, auf einmal vor dem Haus des Meleager
+verschwindend, geblieben sei.</p>
+
+<p>Norbert Hanold stand noch, ohne ein Glied
+gerührt zu haben. Nur mit den Augen, und
+diesmal mit den leiblichen, hatte er Schritt um
+Schritt ihr kleiner werdendes Bild in sich aufgenommen.
+Jetzt holte er zum erstenmal tief
+Athem, denn auch seine Brust war beinah reglos
+geblieben.</p>
+
+<p>Zugleich aber hielt der sechste Sinn, die
+übrigen zur Nichtigkeit niederdrängend, ihn völlig
+in seiner Macht. War das, was eben vor ihm
+gestanden, ein Erzeugniss seiner Phantasie oder
+Wirklichkeit gewesen?</p>
+
+<p>Er wusste es nicht, nicht ob er wache oder
+träume, suchte sich vergeblich darauf zu besinnen.
+Dann jedoch überlief's ihm plötzlich mit einem
+sonderbaren Schauer den Rücken. Er sah und
+hörte nichts, doch fühlte an geheimen Schwingungen
+seines Innern, dass Pompeji in der Mittagsgeisterstunde
+rings um ihn her zu leben begonnen hatte,
+und so lebte in ihr auch die Gradiva wieder und
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>
+war in das Haus gegangen, das sie vor dem
+verhängnissvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt
+hatte.</p>
+
+<p>Er kannte die casa di Meleagro von früherem
+Besuch, war diesmal jedoch noch nicht dahin gekommen,
+sondern hatte nur im Museo Nazionale
+Neapels kurz vor dem Wandgemälde des Meleager
+und seiner arkadischen Jagdgenossin Atalanta
+angehalten, das in jenem Hause der Mercurstrasse
+gefunden und nach dem das letztere benannt
+worden. Doch wie er nun, wieder zur Bewegungsfähigkeit
+gelangt, gleichfalls diesem zuschritt,
+ward ihm zweifelhaft, ob es wirklich seinen
+Namen nach dem Erleger des kalydonischen Ebers
+trage. Er entsann sich plötzlich eines griechischen
+Dichters Meleager, der allerdings wohl etwa um
+ein Jahrhundert vor der Zerstörung Pompejis
+gelebt hatte. Aber ein Nachkomme von ihm
+konnte hierher gerathen sein und sich das Haus
+erbaut haben. Das stimmte mit etwas anderem
+in seinem Gedächtniss Aufgewachten überein,
+denn er erinnerte sich seiner Vermuthung oder
+vielmehr gewissen Ueberzeugung, die Gradiva sei
+von griechischer Abkunft gewesen. Daneben
+freilich mischte sich in seine Vorstellung das Bild
+<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>
+der Atalanta ein, wie's Ovid in einer der Metamorphosen
+geschildert:</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Oben schloss ihr Gewand mit dem Dorn die geglättete Spange,<br/></div>
+<div class="line">Kunstlos lag ihr das Haar in den einzelnen Knoten gesammelt.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Nicht im Wortlaut konnte er sich auf die Verse
+besinnen, doch ihr Inhalt war ihm gegenwärtig;
+und aus seinem Kenntnissvorrath gesellte sich
+hinzu, dass die junge Gattin des Oeneussohnes
+Meleagros Kleopatra geheissen habe. Mit grösserer
+Wahrscheinlichkeit aber handelte sich's nicht um
+den, sondern um den griechischen Dichter Meleager.
+So gaukelte es in der campanischen Sonnengluth
+mythologisch-literarhistorisch-archäologisch durch
+seinen Kopf.</p>
+
+<p>An den Häusern des Castor und Pollux und
+des Centauren vorübergekommen, stand er jetzt
+vor der Casa di Meleagro, von deren Schwelle
+ihm, noch erkennbar, der eingelegte Gruss
+›Have‹ entgegensah. An der Wand des Vestibulum
+überreichte Mercurius der Fortuna einen mit Geld
+gefüllten Beutel; das wies vermuthlich allegorisch
+auf Reichthum und sonstige glückliche Umstände
+der ehemaligen Bewohner hin. Dahinter öffnete
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>
+sich das Atrium, dessen Mitte ein runder, von
+drei Greifen getragener Marmortisch einnahm.</p>
+
+<p>Leer und lautlos lag der Raum da, den
+Hineingetretenen völlig fremd anblickend, keine
+Erinnerung weckend, dass er schon hier gewesen
+sei. Doch dann tauchte sie ihm auf, denn das
+Hausinnere bot eine Abweichung von dem der
+übrigen ausgegrabenen Gebäude der Stadt. An
+das Atrium schloss sich nicht in gebräuchlicher
+Art das Peristylium jenseits des Tablinums nach
+rückwärts an, sondern zur linken Seite, dafür
+aber von weiterem Umfang und prächtigerer
+Ausstattung, als irgend ein anderes in Pompeji.
+Es war von einem Porticus umrahmt, den zwei
+Dutzend an der unteren Hälfte roth bemalte, an
+der oberen weisse Säulen trugen. Die verliehen
+dem grossen, schweigsamen Raume Feierliches;
+hier befand sich in der Mitte eine Piscina in
+Gestalt eines Brunnens mit schön gearbeiteter
+Umfassung. Nach Allem musste das Haus einem
+angesehenen Manne von Bildung und Kunstsinn
+zur Wohnstatt gedient haben.</p>
+
+<p>Die Augen Norbert's gingen umher, und sein
+Ohr horchte. Doch auch hier regte sich nirgendwo
+etwas, klang kein leisester Ton. Zwischen
+<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>
+diesem kalten Gestein gab es keinen Athemzug
+des Lebens mehr; wenn die Gradiva sich in das
+Haus des Meleager begeben hatte, war sie bereits
+wieder in nichts zergangen.</p>
+
+<p>An die Rückseite des Peristyls stiess noch ein
+Raum, ein Oecus, der einstmalige Festsaal, ebenfalls
+an drei Seiten von Säulen, doch gelb bemalten,
+umgeben, die von weitem im Lichtauffall
+wie mit Gold belegt schimmerten. Zwischen ihnen
+indess leuchtete ein noch weit glühenderes Roth,
+als von den Wänden herüber, mit dem kein
+Pinsel des Alterthums, sondern die heutige junge
+Natur den Boden übermalt hatte. Dessen früheres
+kunstvolles Paviment lag völlig zerstört, verfallen
+und verwittert; Mai war's, der seine urälteste
+Herrschermacht hier wieder übte, und den ganzen
+Oecus bedeckte, wie zur Zeit in vielen Häusern
+der Gräberstadt, gleicherweise rothblühender Feldmohn,
+dessen Samenkörner die Winde herübergetragen
+und die Asche zum Aufgehen gebracht.
+Ein Gewoge dichtzusammengedrängter Blüthen
+war's, oder so erschien's, obwohl sie in Wirklichkeit
+unbeweglich dastanden, denn der Atabulus
+fand zu ihnen herunter keinen Zugang, summte
+nur in der Höhe leise darüber weg. Doch die
+<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>
+Sonne warf so flammendes Glanzgezitter auf sie
+nieder, dass es den Eindruck regte, als schwankten
+in einem Weiher rothe Wellen hin und her.</p>
+
+<p>Norbert Hanold's Augen waren in andren
+Häusern achtlos über den ähnlichen Anblick hingegangen,
+aber hier ward er davon seltsam
+durchschauert. Die Traumblume erfüllte den Raum,
+am Rande des Lethewassers aufgewachsen, und
+Hypnos lag dazwischen hingestreckt, aus den
+Säften, welche die Nacht in den rothen Kelchen
+gesammelt, sinnumdämmernden Schlaf ausspendend.
+Dem durch den Porticus des Peristyls in
+den Oecus Hineingeschrittenen war's, als fühle er
+seine Schläfe vom unsichtbaren Schlummerstab
+des alten Besiegers der Götter und Menschen
+angerührt, doch nicht mit schwerer Betäubung,
+nur eine traumhaft süsse Lieblichkeit umwob ihm
+das Bewusstsein. Dabei indess blieb er noch
+Herr seines Fusses, setzte ihn an der Wand des
+ehmaligen Festsaales hin weiter vor, von der
+alte Bilder hersahen: Paris, den Apfel zutheilend,
+ein Satyr, der eine Aspisschlange in der Hand
+trug und eine junge Bacchantin mit ihr ängstigte.</p>
+
+<p>Aber da wiederum plötzlich, unvorgesehen &ndash;
+nur etwa fünf Schritte von ihm entfernt, in dem
+<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>
+schmalen Schatten, den ein einzelnes, noch erhalten
+gebliebenes Oberstück des Saalporticus
+herabwarf, sass zwischen zweien der gelben
+Säulen auf den niedrigen Stufen eine hellgewandete,
+weibliche Gestalt, die mit leichter Bewegung
+jetzt den Kopf ein wenig emporhob.
+Dadurch bot sie dem unbemerkt Herangekommenen,
+dessen Fusstritt sie offenbar erst eben vernommen,
+die Vollansicht ihres Antlitzes entgegen, das eine
+Doppelempfindung bei ihm hervorrief, denn es
+erschien seinen Augen zugleich als ein fremdes
+und doch auch als ein bekanntes, schon gesehenes
+oder vorgestelltes. Aber am Stocken seines
+Athemzuges und Aussetzen seines Herzschlages
+erkannte er als unzweifelhaft, wem es angehöre.
+Er hatte gefunden, wonach er gesucht, was ihn
+unbewusst nach Pompeji getrieben; die Gradiva
+führte ihr Scheinleben in der mittägigen Geisterstunde
+noch fort und sass hier vor ihm, so wie
+er sie im Traum sich auf die Stufen des Apollotempels
+niederlassen gesehn. Auf ihren Knien
+lag etwas Weisses ausgebreitet, das sein Blick
+klar zu unterscheiden nicht fähig war; ein Papyrusblatt
+schien's zu sein, und eine Mohnblüthe hob
+sich mit rothem Scheine von ihm ab.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>In ihrem Gesicht drückte sich eine Ueberraschung
+aus, unter dem glanzbraunen Haare
+und der schönen alabasterfarbigen Stirn sahen
+ihn zwei ausserordentlich hellgesternte Augen mit
+fragender Verwunderung an. Nur weniger Momente
+jedoch bedurfte es für ihn, dann hatte er
+die Uebereinstimmung ihrer Züge mit denen des
+Profils erkannt. So mussten sie, von vorn wahrgenommen,
+sein, und deshalb waren sie ihm
+doch auch beim ersten Blick nicht wirklich fremd
+gewesen. In der Nähe erhöhte ihr weisses Kleid
+durch die leichte Neigung ins Gelbliche den warmen
+Farbenton noch; sichtlich bestand's aus einem
+feinen, äusserst weichen Wollenstoff, der den
+reichen Faltenwurf veranlasste, und aus dem
+gleichen war das um den Kopf geschlagene Tuch
+verfertigt. Darunter schimmerte im Nacken mit
+einem Theil wieder das braune Haar hervor,
+kunstlos in einem einzelnen Knoten gesammelt;
+vorn am Hals, unter dem zierlichen Kinn, hielt
+eine kleine goldene Spange das Gewand zusammengeschlossen.</p>
+
+<p>Das gelangte Norbert Hanold in halber Deutlichkeit
+zur Wahrnehmung, unwillkürlich hatte er
+nach seinem leichten Panamahut gefasst, ihn abgezogen,
+<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
+und nun kam ihm in griechischer Sprache
+vom Mund: »Bist du Atalanta, die Tochter des
+Jasos, oder entstammst du dem Hause des Dichters
+Meleager?«</p>
+
+<p>Die Angeredete blickte ihn, ohne eine Antwort
+zu geben, lautlos mit dem ruhig-klugen Ausdruck
+ihrer Augen an, und zwei Gedanken durchkreuzten
+sich in ihm: Entweder vermochte ihr wiedererstandenes
+Scheindasein überhaupt nicht zu
+sprechen oder sie war doch nicht von griechischer
+Abkunft und der Sprache unkundig. So vertauschte
+er diese mit der lateinischen und fragte
+in ihr: »War dein Vater ein vornehmer Bürger
+Pompejis von latinischem Ursprung?«</p>
+
+<p>Darauf erwiderte sie indess ebensowenig, nur
+um ihre feingeschwungenen Lippen ging etwas
+leise Huschendes, als drängten sie eine Lachanwandlung
+zurück. Jetzt befiel's ihn mit Schreck;
+offenbar sass sie nur als ein stummes Bild vor
+ihm, ein Schemen, dem die Sprache versagt war.
+Die Bestürzung über diese Erkenntniss prägte
+sich voll in seinen Zügen aus.</p>
+
+<p>Aber da vermochten ihre Lippen dem Antriebe
+nicht mehr zu widerstehen, ein wirkliches Lächeln
+umspielte sie, und zugleich klang zwischen ihnen
+<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>
+eine Stimme hervor: »Wenn Sie mit mir sprechen
+wollen, müssen Sie's auf Deutsch thun.«</p>
+
+<p>Das war eigentlich merkwürdig aus dem
+Munde einer vor zwei Jahrtausenden verstorbenen
+Pompejanerin, oder wär' es für einen Hörer in
+anderer Sinnesverfassung gewesen. Doch Norbert
+verging jede Befremdlichkeit unter zwei über ihm
+zusammenschlagenden Empfindungswogen, der
+einen, dass die Gradiva Sprachfähigkeit besass,
+und der andern, die von ihrer Stimme aus
+seinem Innern aufgedrängt worden. Die klang
+grade so hell, wie's der Blick ihrer Augen war;
+nicht scharf, doch an eine angeschlagene Glocke
+erinnernd, ging ihr Ton durch die Sonnenstille
+über das blühende Mohngefild hin, und dem
+jungen Archäologen kam's plötzlich zum Bewusstsein,
+in sich, in seiner Vorstellung habe er sie
+schon so gehört. Und unwillkürlich gab er seinem
+Gefühl laut Ausdruck: »Ich wusste es, so klänge
+deine Stimme.«</p>
+
+<p>In ihrem Gesicht stand zu lesen, sie suche
+nach einem Verständniss für etwas, doch finde es
+nicht. Auf seine letzte Aeusserung entgegnete
+sie nun: »Wie konnten Sie das? Sie haben
+doch noch nie mit mir gesprochen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>Ihm war's nicht im Geringsten mehr auffällig,
+dass sie Deutsch sprach und ihn nach dem heutigen
+Brauch in der dritten Person anredete; da sie's
+that, begriff er vielmehr völlig, es könne nicht
+anders geschehn, und er erwiderte schnell: »Nein,
+gesprochen nicht &ndash; aber ich rief dir zu, als du
+dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann
+bei dir &ndash; dein Gesicht war so ruhig-schön
+wie von Marmor. Darf ich dich bitten &ndash;
+leg' es noch einmal wieder so auf die Stufe
+zurück&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Während seines Sprechens hatte sich etwas
+Eigenthümliches begeben. Von den Mohnblüthen
+her war ein goldfarbiger Falter, am Innenrand
+der Oberflügel leicht roth überhaucht, zu den
+Säulen herangeflattert, umgaukelte ein paarmal
+den Kopf der Gradiva und liess sich dann auf
+dem braunen Haargewell über ihrer Stirn nieder.
+Zugleich aber wuchs ihre Gewalt schlank und hoch
+empor, denn sie stand mit einer ruhig-raschen
+Bewegung auf, richtete Norbert Hanold kurz und
+stumm noch einen Blick entgegen, aus dem etwas
+sprach, als ob sie ihn für einen Irrsinnigen ansehe,
+und den Fuss vorsetzend, schritt sie in ihrer
+Gangart, den Säulen des alten Porticus entlang,
+<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>
+davon. Nur flüchtig noch sichtbar, dann
+schien sie in den Boden versunken zu sein.</p>
+
+<p>Er stand athemberaubt, wie betäubt, doch
+hatte er mit dumpfem Verständniss aufgefasst,
+was sich vor seinen Augen zugetragen habe.
+Die Mittagsgeisterstunde war vorüber und in der
+Gestaltung eines Schmetterlings von der Asphodeloswiese
+des Hades herauf eine geflügelte Botin gekommen,
+um die Abgeschiedene an ihre Rückkehr
+dorthin zu mahnen. Damit verband sich ihm,
+ob auch in verworrener Undeutlichkeit, noch etwas
+Anderes. Er wusste, dass der schöne Falter der
+Mittelmeerländer den Namen Kleopatra trug, und
+so hatte die junge Gattin des kalydonischen
+Meleager geheissen, die aus Schmerz über seinen
+Tod sich selbst den Unterirdischen zum Opfer
+gebracht.</p>
+
+<p>Von seinem Mund irrte der Fortschreitenden
+ein Ruf nach: »Kehrst du morgen in der Mittagsstunde
+wieder hieher?« Doch sie wendete sich
+nicht um, gab keine Antwort und verschwand
+nach wenig Augenblicken im Winkel des Oecus
+hinter den Säulen. Nun durchfuhr's ihn jäh wie
+mit einem treibenden Stoss, dass er ihr nacheilte.
+Aber ihr helles Gewand kam nirgendwo mehr
+<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>
+zum Vorschein, von den heissen Sonnenstrahlen
+überflammt, lag rings um ihn die Casa di
+Meleagro ohne Regung und Laut, nur die Kleopatra
+schwebte auf ihren rothschimmernden Goldflügeln,
+langsame Kreise ziehend, wieder über
+dem dichten Gedränge der Mohnblüthen dahin.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Wann und auf welche Weise er zum Ingresso
+zurückgekommen sei, war Norbert Hanold nicht
+im Gedächtniss haften geblieben; er trug nur in
+der Erinnerung, dass sein Magen peremptorisch
+verlangt hatte, sich sehr verspätet im Diomed
+etwas auftischen zu lassen, und dann war er auf
+dem ersten besten Wege <ins title="zielloss">ziellos</ins> davongewandert,
+an den Golfstrand nördlich von Castellamare gerathen,
+wo er sich auf einen Lavablock gesetzt
+und der Seewind ihm um den Kopf geblasen,
+bis die Sonne ungefähr in der Mitte zwischen
+dem Monte Sant Angelo über Sorrent und dem
+Monte Epomeo auf Ischia untergegangen. Doch
+trotz diesem jedenfalls mehrstündigen Aufenthalt
+am Wasser hatte er aus der frischen Luft dort
+für seine geistige Sinnesbeschaffenheit keinen
+Vortheil gezogen, sondern kehrte zum Gasthof
+<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>
+ziemlich im nämlichen Zustand zurück, in dem
+er ihn verlassen. Er traf die übrigen Gäste bei
+emsiger Beschäftigung mit der ›cena‹ an, liess
+sich in einem Winkel der Stube einen Fiaschetto
+mit Vesuvwein bringen, betrachtete die Gesichter
+der Speisenden und hörte ihren Unterhaltungen
+zu. Aus den Mienen Aller, wie aus ihren Reden
+aber ging ihm als vollkommen zweifellos hervor,
+dass niemand unter ihnen einer todten, in der
+Mittagsstunde wieder flüchtig zum Leben gelangten
+Pompejanerin begegnet sei und mit ihr
+gesprochen habe. Dies war allerdings von vornherein
+anzunehmen gewesen, da sie sich um die
+Zeit sämmtlich beim pranzo befunden hatten;
+warum und wozu eigentlich, wusste er sich nicht
+anzugeben, doch nach einer Weile ging er zum
+Concurrenten des Diomed ins ›Hotel Suisse‹ hinüber,
+setzte sich auch dort in eine Ecke, da er
+etwas bestellen musste, ebenfalls vor ein Fläschchen
+Vesuvio, und gab sich hier mit Augen und
+Ohren den gleichen Nachforschungen hin. Sie
+führten genau zu dem nämlichen Ergebniss, nur
+ausserdem noch zu dem weiteren, dass ihm nunmehr
+sämmtliche zeitweiligen lebendigen Besucher
+Pompejis von Angesicht zu Angesicht bekannt
+<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>
+geworden waren. Das bildete zwar einen Zuwachs
+seiner Kenntnisse, den er kaum als Bereicherung
+ansehen konnte, allein dennoch berührte
+ihn daraus eine gewisse befriedigende Empfindung,
+dass in den beiden Unterkunftstätten kein Gast,
+weder männlichen, noch weiblichen Geschlechtes,
+vorhanden sei, zu dem er nicht vermittelst Ansehens
+und Anhörens in ein, wenn auch einseitiges,
+persönliches Verhältniss getreten war.
+Selbstverständlich war ihm mit keinem Gedanken
+die widersinnige Annahme in den Sinn gekommen,
+er könne möglicherweise in einer der beiden
+Wirthschaften die Gradiva antreffen, aber er hätte
+eidlich zu beschwören vermocht, dass sich Niemand
+in jenen aufhalte, der oder die mit ihr nur im
+Allerentferntesten eine Spur von Aehnlichkeit besitze.
+Während seiner Betrachtungen hatte er
+aus dem Fiaschetto ab und zu in sein Glas geschenkt,
+dies hin und wieder ausgetrunken, und
+als dadurch allgemach der erstere inhaltslos geworden,
+stand er auf und ging zum Diomed
+zurück. Den Himmel hielten jetzt unzählbare
+blitzende und flimmernde Sterne übersäet, jedoch
+nicht in der herkömmlich-unbeweglichen Weise,
+sondern es erregte Norbert den Eindruck, als ob
+<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>
+der Perseus, die Kassiopeia und die Andromeda
+mit noch einigen Nachbarn und Nachbarinnen,
+sich leicht <ins title="hierin">hierhin</ins> und dorthin verneigend, einen
+langsamen Reigen aufführten, und auch unten
+auf dem Erdboden, schien's ihm, beharrten die
+dunklen Schattenrisse der Baumwipfel und Baulichkeiten
+nicht ganz auf dem nämlichen Standpunkt.
+Das konnte auf dem von altersher
+schwanken Boden der Gegend freilich nicht grade
+Wunder nehmen, denn die unterirdische Glut
+lauerte überall nach einem Aufbruch und liess
+auch ein Weniges von sich in die Rebstöcke und
+Trauben emporsteigen, aus denen der Vesuvio
+gekeltert wurde, der nicht zu den gewohnten
+Abendgetränken Norbert Hanold's zählte. Allein
+dieser trug in der Erinnerung, wenngleich dem
+Wein ein bischen mit an der kreisenden Bewegung
+der Dinge zuzuschreiben sein mochte,
+dass alle Gegenstände schon seit der Mittagsstunde
+eine Neigung offenbart hatten, sich leise um seinen
+Kopf herumzudrehen, und so empfand er in dem
+bischen Mehr nichts Neues, sondern nur eine
+Fortsetzung des bereits vorher Gewesenen. Er
+stieg zu seiner Camera hinan und stand noch
+ein Weilchen am offenen Fenster, nach dem
+<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>
+Vesuvkegel hinüberblickend, über dem jetzt keine
+Rauchpinie den Wipfel ausbreitete, vielmehr umfloss
+ihn etwas wie das Hin- und Herwallen
+eines dunkelpurpurnen Mantels. Dann kleidete
+der junge Archäologe sich, ohne Licht angezündet
+zu haben, aus und suchte seine Lagerstätte. Doch
+wie er sich auf diese hinstreckte, war sie nicht
+das Bett des Diomed, sondern ein rothes Mohnfeld,
+dessen Blüthen als ein weiches, sonnenheisses
+Kissen über ihm zusammenschlugen. Seine Feindin,
+die musca domestica communis, sass in halbhundertfältiger
+Anzahl, vom Dunkel zu lethargischem
+Stumpfsinn gebändigt, über seinem Kopf an der
+Stubenwand, nur eine schnurrte ihm, selbst in
+der Schlaftrunkenheit von ihrer Martergier getrieben,
+um die Nase. Aber er erkannte sie nicht
+als das absolut Böse, die Jahrtausende alte
+Geissel der Menschheit, denn vor seinen geschlossenen
+Augen schwebte sie als eine rothgoldene
+Kleopatra um ihn her.</p>
+
+<p>Als am Morgen die Sonne unter reger Beihülfe
+der Fliegen ihn aufweckte, konnte er sich
+nicht besinnen, was in der Nacht noch weiter an
+wundersamen ovidischen Metamorphosen um sein
+Bett vorgegangen sei. Doch zweifellos hatte
+<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>
+irgend ein mystisches Wesen, unablässig Traumgespinnste
+webend, neben ihm gesessen, denn er
+fühlte seinen Kopf vollständig damit angefüllt
+und verhängt, so dass alle Denkfähigkeit darin
+ausweglos eingesperrt sass und nur das Eine ihm
+im Bewusstsein stand, er müsse genau um die
+Mittagsstunde wieder im Hause des Meleager
+sein. Dabei hatte sich indess eine Scheu seiner
+bemächtigt, wenn die Thorhüter am Ingresso ihm
+ins Gesicht sähen, würden sie ihn nicht hineinlassen,
+überhaupt sei's nicht rathsam, dass er
+sich in der Nähe der Beobachtung von Menschenaugen
+aussetze. Dem zu entgehen, gab's für
+den Pompeji-Kundigen ein, freilich vorschriftswidriges
+Mittel, doch er befand sich nicht in der
+Verfassung, gesetzlichen Anordnungen eine Bestimmung
+seines Verhaltens zuzuerkennen, stieg
+wieder, wie am Abend seiner Ankunft, zur alten
+Stadtmauer hinan und umschritt auf dieser in
+weitem Halbbogen die Trümmerwelt bis zur einsam-unbewachten
+Porta di Nola. Hier fiel's nicht
+schwierig, in's Innere hinunterzugelangen, und
+er begab sich abwärts, ohne sein Gewissen
+übermässig damit zu beschweren, dass er der
+›amministrazione‹ durch sein selbstherrliches Verfahren
+<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
+vorderhand zwei Lire Eintrittsgeld entzog,
+die er ihr wohl später auf irgend eine andere
+Weise zukommen lassen konnte. So hatte er
+ungesehn einen sonst von Niemandem aufgesuchten,
+interesselosen, zum grössten Theile noch
+unausgegrabenen Stadttheil erreicht, setzte sich in
+einen verborgenen Schattenwinkel und wartete,
+dann und wann seine Uhr zu Rath ziehend,
+auf das Vorrücken der Zeit. Einmal traf sein
+Blick in einiger Entfernung auf etwas silberweiss
+glänzend aus dem Schutt Aufragendes,
+ohne dass sein unsicheres Sehvermögen erkannte,
+was es sei. Doch trieb's ihn unwillkürlich, hinanzugehn,
+und da stellte es sich als ein hoher,
+ganz mit weissen Glockenkelchen behängter
+Asphodelos-Blüthenschaft heraus, dessen Samen
+der Wind von draussen hierhergetragen. Die
+Blume der Unterwelt war's, deutungsvoll und,
+wie's ihm zum Gefühl kam, für sein Vorhaben
+bestimmt hier aufzuwachsen; er brach den schlanken
+Stengel ab und kehrte damit nach seinem Sitz
+zurück. Mehr und mehr brannte die Maisonne
+heiss wie gestern nieder, näherte sich endlich
+ihrer Mittagshöhe, und nun machte er sich durch
+die lange Strada di Nola auf den Weg. Diese
+<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>
+lag todesstill verlassen, wie auch fast alle
+übrigen schon; drüben nach Westen drängten
+sich bereits sämmtliche Vormittagsbesucher wieder
+der Porta Marina und den Suppentellern zu.
+Nur gluthdurchwirkte Luft zitterte, und in der
+Glanzblendung erschien die einsame Gestalt Norbert
+Hanold's mit der Asphodilstaude wie die
+eines in moderner Kleidung daherschreitenden
+Hermes Psychopompos, auf der Wanderung begriffen,
+um eine abgeschiedene Seele zum Hades
+hinunterzugeleiten.</p>
+
+<p>Nicht bewusst, doch einem Instinkttrieb folgend,
+fand er sich durch die Strada della Fortuna weiter
+bis zur Mercurstrasse zurecht und gelangte, rechtshin
+in diese abbiegend, vor die Casa di Meleagro.
+Ebenso leblos wie gestern empfingen ihn hier
+das Vestibulum, Atrium und Peristylium, zwischen
+den Säulen des letzteren flammten die Mohnblüthen
+des Oecus herüber. Dem in diesen Eintretenden
+aber war's nicht deutlich, ob er gestern
+oder vor zweitausend Jahren hier gewesen sei,
+um bei dem Eigenthümer des Hauses irgend eine
+Erkundigung einzuziehn, die für die archäologische
+Wissenschaft grösste Wichtigkeit besessen; welche,
+wusste er sich indess nicht anzugeben, und
+<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>
+ausserdem war ihm, ob auch in einem Widerspruch
+damit, die gesammte Alterthumswissenschaft
+das Zweckloseste und Gleichgültigste auf
+der Welt. Er begriff nicht, dass ein Mensch sich
+mit ihr befassen könne, da es doch nur ein
+Einziges gab, auf das sich alles Denken und
+Ergründen richten musste; von welcher Beschaffenheit
+die körperliche Erscheinung eines Wesens sei,
+<ins title="dass">das</ins> zugleich todt und lebendig, wenn auch dies
+letztere nur in der Mittagsgeisterstunde, war.
+Oder nur grade am gestrigen Tage gewesen
+war, vielleicht nur ein einzigesmal in einem Jahrhundert
+oder Jahrtausend, denn ihn überfiel's
+jetzt plötzlich mit Gewissheit, seine heutige Rückkehr
+hieher sei vergeblich. Er treffe die Gesuchte
+nicht an, weil ihr nicht verstattet worden, wieder
+zu kommen, erst nach einer Zeit, in der auch
+er seit lange nicht mehr zu den Lebenden gehöre,
+ebenfalls todt, begraben und vergessen sei.
+Allerdings, wie sein Fuss nun an der Wand
+unter dem apfelaustheilenden Paris entlang schritt,
+gewahrte sein Blick die Gradiva ebenso wie
+gestern vor sich, in derselben Gewandung zwischen
+den gleichen zwei gelben Säulen auf der nämlichen
+Stufe sitzend. Doch er liess sich nicht von
+<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a>
+einem Gaukelspiel seiner Einbildungskraft täuschen,
+sondern wusste, nur die Phantasie gestalte ihm
+als Trugwerk wieder vor Augen, was er gestern
+dort in Wirklichkeit gesehn. Nicht umhin aber
+konnte er, sich der Anschauung der von ihm selbst
+geschaffenen wesenlosen Erscheinung hinzugeben,
+stand anhaltend, und ohne sein Wissen kamen
+ihm in einem Ton des Leides die Worte vom
+Mund: »O, dass du noch wärest und lebtest!«</p>
+
+<p>Seine Stimme verhallte, und danach lag wieder
+das hauchlose Schweigen zwischen den Ueberresten
+des alten Festsaales. Doch dann durchklang
+eine andere die leere Stille und sagte:
+»Willst du dich nicht auch setzen? Du siehst
+ermüdet aus.«</p>
+
+<p>Norbert Hanold's Herzschlag stand einmal
+still. So viel brachte sein Kopf an Besinnung
+zusammen: Eine Vision vermochte nicht zu
+sprechen. Oder übte auch eine Gehörhallucination
+Betrug an ihm? Starr dreinblickend, stützte er
+sich mit der Hand an einer Säule.</p>
+
+<p>Da fragte die Stimme wieder, und es war
+die, welche niemand sonst als die Gradiva besass:
+»Bringst du mir die weisse Blume?«</p>
+
+<p>Ein Betäubungsschwindel fasste ihn an, er
+<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a>
+fühlte, dass die Füsse ihn nicht mehr hielten,
+sondern zum Sitzen zwangen, und er liess sich
+ihr gegenüber an der Säule auf die Stufe niedergleiten.
+Ihre hellen Augen waren auf sein Gesicht
+gerichtet, doch mit andersgeartetem Blick, als mit
+dem sie ihn gestern bei ihrem plötzlichen Aufstehen
+und Davongehn angesehen hatte. Aus
+dem hatte etwas Unmuthiges und Zurückweisendes
+gesprochen, das war weggeschwunden, als
+ob sie inzwischen zu einer veränderten Auffassung
+gelangt sei, und ein Ausdruck von suchender
+Neugier oder Wissbegier an die Stelle getreten.
+Und ähnlich schien sie sich auch darauf besonnen
+zu haben, dass die heute bräuchliche Anrede in
+der dritten Person ihrem Munde und den Umständen
+des Raumes nicht angemessen sei, denn
+sie hatte sich auch des ›Du‹ bedient, und es kam
+ihr eigentlich ohne Schwierigkeit, wie etwas Natürliches
+von den Lippen. Da er aber auf ihre
+letzte Frage gleichfalls stumm geblieben war,
+nahm sie nochmals wieder das Wort und sagte:</p>
+
+<p>»Du sprachst gestern, du hättest mir einmal
+zugerufen, als ich mich zum Schlafen hingelegt,
+und nachher bei mir gestanden; mein Gesicht sei
+da ganz weiss wie Marmor gewesen. Wann und
+<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>
+wo war das? Ich kann mich nicht daran erinnern
+und bitte dich, es mir genauer mitzutheilen.«</p>
+
+<p>Norbert hatte jetzt so viel Sprachfähigkeit gewonnen,
+dass ihm möglich fiel, zu antworten:
+»In der Nacht, als du dich am Forum auf die
+Stufen des Apollotempels setztest und der Aschenfall
+vom Vesuv dich zudeckte.«</p>
+
+<p>»Ach so &ndash; damals. Ja richtig &ndash; das war
+mir nicht eingefallen. Aber ich hätte mir denken
+können, dass es eine derartige Bewandtniss damit
+haben müsse. Als du's gestern sagtest, kam's
+mir nur zu unerwartet und ich war zu wenig
+darauf vorbereitet. Doch das geschah, wenn ich
+mich recht besinne, vor bald zwei Jahrtausenden.
+Lebtest du denn damals schon? Mich däucht,
+du siehst jünger aus.«</p>
+
+<p>Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss
+spielte ihr ein leichtes, äusserst anmuthiges
+Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene
+Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein
+wenig stotternd: »Nein, wirklich, glaub' ich, lebte
+ich wohl im Jahre 79 noch nicht &ndash; es war
+vielleicht &ndash; ja, es ist wohl der Seelenzustand,
+den man Traum nennt, gewesen, der mich in
+die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte
+<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
+&ndash; aber ich erkannte dich auf den ersten Blick
+wieder&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>In den Zügen der ihm nur auf ein paar
+Schritte Entfernung gegenüber Sitzenden kennzeichnete
+sich merklich eine Ueberraschung, und
+sie wiederholte mit einem Ton von Verwunderung:
+»Du erkanntest mich wieder? In dem Traum?
+Woran?«</p>
+
+<p>»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«</p>
+
+<p>»Auf die hattest du Acht gegeben? Und
+gehe ich denn besonders?«</p>
+
+<p>Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch
+erhöht; er versetzte: »Ja &ndash; weisst du's selbst
+nicht? &ndash; anmuthreicher, als irgend eine sonst,
+wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es
+keine. Doch ich erkannte dich auch sofort an
+allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz,
+deiner Haltung und Gewandung, denn Alles
+stimmte aufs genaueste mit deinem Reliefbild in
+Rom überein.«</p>
+
+<p>»Ach so&nbsp;&ndash;« wiederholte sie noch einmal in
+ähnlichem Ton, wie vorher &ndash; »mit meinem
+Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch
+nicht gedacht und weiss sogar im Augenblick
+<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>
+nicht genau &ndash; wie ist es doch &ndash; und dort
+hast du's also gesehen?«</p>
+
+<p>Nun berichtete er, der Anblick desselben habe
+ihn so angezogen, dass er hocherfreut gewesen
+sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen,
+der schon seit Jahren in seinem Zimmer
+hänge. Den betrachte er täglich, ihm sei die
+Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine
+junge Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt
+über die Trittsteine einer Strasse wegschreite,
+und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt
+wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden,
+wieder hierher zu reisen, um nachzusuchen, ob
+er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden könne.
+Und wie er gestern Mittags an der Ecke der
+Mercurstrasse gestanden, sei sie selbst plötzlich
+grade ebenso wie ihr Bildniss vor ihm über die
+Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben
+in das Haus des Apollo begeben wollte. Dann
+habe sie weiterhin die Strasse wieder zurück
+überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager
+verschwunden.</p>
+
+<p>Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte:
+»Ja, ich hatte die Absicht, das Haus des Apollo
+aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische
+Dichter Meleager ins Gedächtniss, und ich glaubte,
+du seiest eine Nachkommin von ihm und kehrtest
+&ndash; in der Stunde, die es dir verstattet &ndash; in
+dein Vaterhaus zurück. Aber, als ich dich griechisch
+ansprach, verstandest du es nicht.«</p>
+
+<p>»War das griechisch? Nein, das verstand
+ich nicht oder hab' es wohl vergessen. Doch wie
+du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen,
+was mir verständlich wurde. Du drücktest den
+Wunsch aus, Jemand möchte doch noch da sein
+und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit
+meintest.«</p>
+
+<p>Das liess ihn erwidern, er habe bei ihrem
+Anblick geglaubt, sie sei es nicht wirklich, sondern
+nur seine Phantasie täusche ihm ihr Bild
+an der Stelle, wo er sie gestern angetroffen,
+wieder vor. Dazu lächelte sie und pflichtete bei:
+»Es scheint, dass du Grund haben magst, dich
+vor einem Uebermass von Einbildungsvermögen
+in Acht zu nehmen, obwohl ich bei meinem
+Zusammensein mit dir nicht auf solche Vermuthung
+gekommen war.« Aber sie brach davon ab und
+fügte nach: »Was ist es denn mit meiner Gangart,
+von der du vorhin sprachst?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>Merkbar war's, dass ein in ihr rege gewordenes
+Interesse sie darauf zurückbrachte, und
+ihm kam vom Mund: »Wenn ich dich bitten
+darf&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Dabei indess stockte er, denn ihm gerieth
+schreckhaft in Erinnerung, dass sie gestern plötzlich
+aufgestanden und davongeschritten sei, als er sie
+gebeten hatte, sich noch einmal so auf der Stufe,
+wie auf der des Apollotempels, zum Schlaf hinzulegen,
+und dunkel brachte etwas in seinem
+Kopf den Blick, den sie beim Weggang auf ihn
+gerichtet, damit in Verbindung. Doch jetzt erhielt
+sich der ruhig-freundliche Ausdruck ihrer Augen
+gleichmässig fort, und da er nicht weiter sprach,
+sagte sie: »Es war artig von dir, dass dein Wunsch,
+Jemand möge noch leben, mir galt. Wenn du
+dafür etwas von mir bitten willst, erfülle ich es
+dir gern.«</p>
+
+<p>Das beschwichtigte seine Furcht, und er
+entgegnete: »Es würde mich glücklich machen,
+dich in der Nähe so gehen zu sehn, wie dein
+Bildniss&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Bereitwillig, ohne etwas zu erwidern, stand
+sie auf, schritt eine Strecke zwischen der Wand
+und den Säulen entlang. Genau die ihm so
+<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>
+festeingeprägte, ruhig-behende Gangart mit der
+sich fast senkrecht emporhebenden Sohle war's,
+nur nahm er zum erstenmal gewahr, dass sie
+unter dem fussfreien Gewand keine Sandalen,
+sondern sandfarbig helle Schuhe von feinem Leder
+trug. Als sie zurückkehrte und sich schweigend
+wieder hinsetzte, zog er unwillkürlich diesen
+Unterschied ihrer Fussbekleidung von der auf dem
+Relief in Rede. Darauf entgegnete sie: »Die Zeit
+ändert ja immerzu an Allem, und für die gegenwärtige
+passen Sandalen nicht, darum lege ich
+Schuhe an, die besser gegen Staub und Regen
+schützen. Aber wesshalb batest du mich, vor
+dir zu gehen? Was ist denn Besonderes daran?«</p>
+
+<p>Ihr nochmals ausgedrückter Wunsch, dies zu
+erfahren, bekundete sie nicht ganz von einer
+weiblichen Neugierde frei. Der Befragte erläuterte
+nun, dass es sich um die eigenartig hohe Aufstellung
+ihres zurückgehaltenen Fusses während
+des Ausschreitens handle, und knüpfte daran, wie
+er in seiner Heimat mehrere Wochen lang auf
+der Strasse den Gang der heutigen Frauen zu
+beobachten gesucht habe. Doch es scheine, dass
+diese schöne Bewegungsweise ihnen völlig verloren
+gegangen sei, mit Ausnahme vielleicht von
+<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>
+einer einzigen, die ihm einmal den Eindruck, so
+zu gehen, gemacht. Sicher habe er dies indess in
+dem Menschengedränge um sie her nicht feststellen
+können, und ihn wohl eine Augentäuschung
+befallen gehabt, da ihm vorgekommen sei, als
+ob auch ihre Gesichtszüge etwas denen der Gradiva
+geähnelt hätten.</p>
+
+<p>»Wie schade,« antwortete sie, »denn die
+Feststellung wäre doch von grosser wissenschaftlicher
+Bedeutung gewesen, und wenn sie dir gelungen
+wäre, hättest du vielleicht die weite Reise
+hierher nicht zu machen gebraucht. Doch von
+wem sprachst du eben? Wer ist die Gradiva?«</p>
+
+<p><ins title="So">»So</ins> habe ich mir dein Bild benannt, da ich
+deinen wirklichen Namen nicht wusste &ndash; und
+auch jetzt noch nicht weiss.«</p>
+
+<p>Das Letzte setzte er ein bischen zögernd hinzu,
+und auch ihr Mund zauderte ein wenig, ehe sie
+auf die indirecte Frage seiner Nachfügung erwiderte:
+»Ich heisse Zoë.«</p>
+
+<p>Ihm entflog mit einem schmerzlichen Ton:
+»Der Name steht dir schön an, aber er klingt
+mir als ein bitterer Hohn, denn Zoë heisst das
+Leben.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>»Man muss sich in das Unabänderliche finden,«
+entgegnete sie, »und ich habe mich schon lange
+daran gewöhnt, todt zu sein. Nun aber ist für
+heute meine Zeit vorbei; du hast die Grabesblume
+mitgebracht, dass sie mich auf den Weg
+zurückgeleiten soll. So gieb sie mir.«</p>
+
+<p>Aufstehend, streckte sie die schmale Hand
+vor, und er reichte ihr die Asphodelosstaude,
+doch behutsam, ihre Finger nicht zu berühren.
+Den Blüthenzweig annehmend, sagte sie: »Ich
+danke dir. Solchen, die besser daran sind, giebt
+man im Frühling Rosen, doch für mich ist die
+Blume der Vergessenheit aus deiner Hand die
+richtige. Morgen wird es mir verstattet sein, um
+diese Stunde noch wieder hierher zu kommen.
+Wenn auch dich dein Weg dann noch einmal ins
+Haus des Meleager führt, können wir uns wie
+heute am Mohnrand gegenübersitzen. Auf seiner
+Schwelle steht: Have, und ich spreche es dir:
+Have!«</p>
+
+<p>Sie ging und verschwand wie gestern an der
+Umbiegung des Porticus, als ob sie dort in den
+Boden niedergesunken sei. Leer und stumm lag
+Alles wieder, nur aus einiger Entfernung her
+scholl einmal kurz ein heller, gleich wieder abgebrochener
+<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>
+Ton wie von einem lachenden Ruf
+eines über die Trümmerstadt hinfliegenden Vogels.
+Der Zurückgebliebene sah auf den verlassenen
+Stufensitz hinunter, dort schimmerte etwas Weisses,
+das Papyrusblatt schien's zu sein, das die Gradiva
+gestern auf den Knien gehalten und heute mitzunehmen
+vergessen hatte. Doch wie er scheu
+die Hand danach streckte, war's ein kleines Skizzenbuch
+mit Bleistiftzeichnungen verschiedener Ueberreste
+aus mehreren Häusern Pompejis. Das vorletzte
+Blatt zeigte den Greifentisch im Atrium der
+Casa di Meleagro abgebildet, und auf dem letzten
+war ein Anfang gemacht, über die Mohnblüthen
+des Oecus hin den Durchblick durch die Säulenreihe
+des Peristyls wiederzugeben. Ebenso Verwundersames
+rührte daraus an, dass die Abgeschiedene
+in einem Skizzenbuch von heutiger Art
+zeichnete, wie dass sie ihren Gedanken in deutscher
+Sprache Ausdruck gab. Doch waren das nur
+geringfügige Wunderzugaben neben der grossen
+ihrer Wiederbelebung, und offenbar benützte sie
+die mittägige Freistunde dazu, die Umgebung,
+in der sie einst gelebt, mit ungewöhnlicher
+künstlerischer Begabung sich gegenwärtig zu erhalten.
+Die Darstellungen zeugten von fein ausgebildetem
+<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a>
+Auffassungssinn, wie jedes ihrer Worte
+von klugem Denkvermögen, und vermuthlich hatte
+sie oftmals an dem alten Greifentisch gesessen,
+so dass er ihr ein besonders werthvolles Erinnerungsstück
+war.</p>
+
+<p>Mechanisch ging Norbert mit dem Büchlein
+ebenfalls den Porticus entlang und nahm an der
+Stelle, wo dieser umbog, in der Mauer einen
+schmalen Spalt gewahr, doch breit genug, um
+eine Gestalt von ungewöhnlicher Schlankheit in
+das Nebengebäude und wohl weiter nach dem
+Vicolo del Fauno an der andern Seite des Hauses
+hindurchzulassen. Zugleich aber durchschoss es
+ihm den Kopf mit der Erkenntniss, die Zoë-Gradiva
+versinke hier nicht in den Boden &ndash; das
+war an sich auch vernunftwidrig, und er begriff
+nicht, es geglaubt zu haben &ndash; sondern begebe
+sich auf diesem Wege zu ihrer Gruft zurück. Die
+musste in der Gräberstrasse sein, und fortstürzend,
+eilte er in die Mercurstrasse hinaus und weiter
+bis zum Thor des Hercules. Allein, als er an
+diesem athemlos und in Schweiss gebadet eintraf,
+war's schon zu spät; leer dehnte sich die
+breite Strada di Sepolcri weissblendend hinunter,
+nur an ihrem Ende schien hinter dem glitzernden
+<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>
+Strahlenvorhang ein leichter Schatten ungewiss
+vor der Villa des Diomedes zu zergehen.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Norbert Hanold verbrachte die zweite Hälfte
+dieses Tages mit einem Gefühl, dass Pompeji
+überall oder wenigstens da, wo er sich grad aufhalte,
+in eine Nebelwolke eingehüllt sei. Die
+war nicht nach ihrer sonstigen Art grau, düster
+und trübsinnig, vielmehr eigentlich heiter und
+äusserst vielfarbig, blau, roth und braun, hauptsächlich
+leicht gelblich-weiss und alabasterweiss,
+dazu von Sonnenstrahlen mit goldenen Fäden
+durchsponnen. Auch beeinträchtigte sie weder
+das Sehvermögen des Auges, noch die Gehörkraft
+des Ohres, nur durch sie hindurch <em class="gesperrt">denken</em> liess
+sich nicht, und das machte doch eine Wolkenmauer
+daraus, deren Wirkung mit dem dichtesten
+Nebel wetteiferte. Dem jungen Archäologen war's
+ungefähr, als werde ihm allstündlich in unsichtbarer
+und auch sonst nicht bemerkbarer Weise
+ein Fiaschetto mit Vesuvio beigebracht, der einen
+unterlasslosen Kreislauf in seinem Gehirn ausführe.
+Davon suchte er sich instinktiv durch Anwendung
+von Gegenmitteln zu befreien, indem er einerseits
+<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
+häufig Wasser trank, andrerseits möglichst viel
+und weit umherlief. Seine medicinischen Kenntnisse
+waren nicht umfangreich, allein sie verhalfen ihm
+doch zu der Diagnose, dieser unbekannte Zustand
+müsse einem zu starken Blutandrang nach dem
+Kopf, vielleicht in Verbindung mit einer beschleunigten
+Herzthätigkeit, entspringen, denn er
+fühlte die letztere, ebenfalls als etwas ihm bisher
+völlig Fremdartiges, ab und zu an einem raschen
+Klopfen gegen seine Brustwandung. Im Uebrigen
+verhielten sich seine Gedanken, die nicht nach
+aussen durchdringen konnten, im Innern keineswegs
+unthätig, oder richtiger war's nur ein Gedanke,
+der dort den Alleinbesitz angetreten hatte
+und eine rastlose, wenngleich vergeblich bleibende
+Geschäftigkeit betrieb. Er drehte sich dabei immerwährend
+um die Frage herum, von welcher leiblichen
+Beschaffenheit die Zoë-Gradiva sein möge,
+ob sie während ihres Aufenthaltes im Hause des
+Meleager ein körperhaftes Wesen oder nur eine
+Trugnachahmung dessen, das sie ehemals besessen
+habe, sei. Für das Erstere schien physikalisch-physiologisch-anatomisch
+zu reden, dass sie über
+Organe zum Sprechen verfügte und mit den
+Fingern einen Bleistift zu halten vermochte. Aber
+<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>
+bei Norbert überwog doch die Annahme, wenn
+er sie berühren, etwa seine Hand auf die ihrige
+legen würde, träfe er damit nur auf leere Luft.
+Sich darüber zu vergewissern, trieb ihn ein eigenthümlicher
+Drang, indess eine ebenso grosse
+Scheu hielt ihn in der Vorstellung auch davon
+zurück. Denn er empfand, die Bestätigung jeder
+der beiden Möglichkeiten müsse etwas Bangniss
+Einflössendes mit sich bringen. Die Körperhaftigkeit
+der Hand würde ihn mit einem Schreck durchfahren
+und ihre Körperlosigkeit ihm einen starken
+Schmerz verursachen.</p>
+
+<p>Mit diesem, nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise
+ohne Anstellung eines Experimentes nicht
+lösbaren Problem fruchtlos beschäftigt, gelangte
+er bei seiner weiten Umherwanderung am Nachmittag
+bis zu den südwärts von Pompeji aufsteigenden
+Vorbergen der grossen Gebirgsgruppe
+des Monte Sant' Angelo, und traf hier unvorgesehen
+mit einem älteren, schon graubärtigen
+Herrn zusammen, der nach seiner Ausrüstung mit
+allerhand Geräthschaften ein Zoolog oder Botaniker
+zu sein und an einem heissbesonnten Abhang
+eine Nachspürung anzustellen schien. Der drehte
+den Kopf um, da Norbert dicht an ihn hingerathen
+<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>
+war, sah diesen einen Augenblick überrascht
+an und sagte dann: »Interessiren Sie sich
+auch für die Faraglionensis? Das hätte ich kaum
+vermuthet, aber mir ist es durchaus wahrscheinlich,
+dass sie sich nicht nur auf den Faraglionen
+bei Capri aufhält, sondern sich mit Ausdauer
+auch am Festland finden lassen muss. Das vom
+Collegen Eimer angegebene Mittel ist wirklich
+gut, ich habe es schon mehrfach mit bestem Erfolg
+angewendet. Bitte, halten Sie sich ganz
+ruhig&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Der Sprecher brach ab, setzte behutsam einige
+Schritte am Gelände empor vorwärts und hielt,
+sich reglos auf den Boden hinstreckend, eine aus
+einem langen Grashalm hergestellte kleine Schlinge
+vor eine schmale Felsritze, aus der das bläulich
+schillernde Köpfchen einer Eidechse hervorsah. So
+blieb er ohne die leiseste Bewegung liegen, und
+Norbert Hanold wendete sich hinter seinem Rücken
+geräuschlos um und kehrte auf den Weg, den er
+gekommen, zurück. Ihm war's dunkel, das Gesicht
+des Lacertenjägers sei schon einmal, wahrscheinlich
+in einem der beiden Gasthöfe, an seinen
+Augen vorübergegangen, darauf wies auch die
+Anrede desselben hin. Es hatte etwas kaum
+<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>
+Glaubliches, was für närrisch merkwürdige Vorhaben
+Leute zu der weiten Fahrt nach Pompeji
+veranlassen konnten; froh, dass es ihm gelungen
+sei, sich so rasch von dem Schlingensteller loszumachen
+und wieder im Stande zu sein, seine
+Denkkraft auf das Problem der Körperhaftigkeit
+oder -losigkeit zurückzurichten, begab er sich auf
+die Rückwanderung. Doch verleitete ein Seitenweg
+ihn einmal zu unrichtigem Abbiegen und
+brachte ihn, statt zum westlichen Rand, an das
+Ostende der <ins title="langestreckten">langgestreckten</ins> alten Stadtmauer; in
+seine Gedanken vertieft, nahm er die Irrung erst
+gewahr, als er dicht an ein Gebäude herangekommen,
+das weder der ›Diomed‹ noch das ›Hotel
+Suisse‹ war. Trotzdem trug es die Anzeichen
+einer Wirthschaft an sich, unweit davon erkannte
+er die Reste des grossen pompejischen Amphitheaters,
+und ihm kam von früher ins Gedächtniss,
+dass in der Nähe des letzteren noch ein
+Gasthaus, der ›Albergo del Sole‹, vorhanden sei,
+wegen seiner abgelegenen Entfernung vom Bahnhof
+meistens nur von einer geringen Gästezahl aufgesucht
+werde und ihm selbst auch unbekannt
+geblieben sei. Der Weg hatte ihm heiss gemacht,
+dazu das nebelhafte Kreisen in seinem Kopf nicht
+<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>
+vermindert, so trat er in die offene Thür ein und
+liess sich das von ihm als nützlich gegen den
+Blutandrang erachtete Mittel einer Flasche kohlensauren
+Wassers geben. Das Zimmer stand,
+selbstverständlich bis auf den vollzählig versammelten
+Fliegenbesuch, leer, und der unbeschäftigte
+Wirth nützte, mit dem Eingekehrten eine
+Unterhaltung anknüpfend, die Gelegenheit, sein
+Haus und die darin enthaltenen ausgegrabenen
+Schätze bestens in Empfehlung zu bringen. Nicht
+grade unverständlich deutete er darauf hin, dass
+es in der Nähe von Pompeji Leute gäbe, bei denen
+unter den vielen von ihnen zum Verkauf ausgestellten
+Gegenständen kein einziges Stück echt,
+sondern alle nachgemacht seien, während er, sich
+mit einer geringeren Anzahl begnügend, seinen
+Gästen nur zweifellos Ungefälschtes anbiete. Denn
+er erwarb lediglich Dinge, bei deren Zutageförderung
+er selbst anwesend war, und im Weitergang
+seiner Beredsamkeit ergab sich, dass er
+auch zugegen gewesen, als man in der Gegend
+des Forum das junge Liebespaar aufgefunden,
+das sich bei der Erkenntniss des unabwendbaren
+Unterganges fest mit den Armen umschlungen
+und so den Tod erwartet habe. Davon hatte
+<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>
+Norbert schon früher gehört, darüber als über
+eine Fabelerfindung irgend eines besonders
+phantasiereichen Erzählers die Achsel gezuckt,
+und er wiederholte dies auch jetzt, wie der Wirth
+ihm zum Beleg eine mit grüner Patina überkrustete
+Metallspange herbeiholte, die in seiner
+Gegenwart neben den Ueberresten des Mädchens
+aus der Asche gesammelt worden. Aber als der
+im Sonnenhof Eingekehrte sie in die eigene Hand
+nahm, übte doch die Einbildungskraft solche
+Uebermacht auf ihn aus, dass er plötzlich, ohne
+weiteres kritisches Bedenken, den dafür verlangten
+Engländerpreis entrichtete und eilig mit seinem
+Erwerb den ›Albergo di Sole‹ verliess. In diesem
+sah er bei einer nochmaligen Umdrehung oben
+an einem offenstehenden Fenster einen in ein
+Wasserglas gestellten, mit weissen Blüthen behängten
+Asphodilschaft herabnicken, und ohne
+eines logischen Zusammenhanges dafür zu bedürfen,
+durchdrang's ihn bei dem Anblick der
+Gräberblume, dass von ihr ihm eine Beglaubigung
+der Echtheit seines neuen Besitzthums zu Theil
+werde.</p>
+
+<p>Dies betrachtete er, jetzt längs der Stadtmauer
+den Weg zur Porta Marina innehaltend, zugleich
+<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a>
+angespannt und scheu, vor allem mit einem
+zwiespältigen Gefühl. Es war also doch kein
+Märchen, dass ein junges Liebespaar in solcher
+Umschlingung unweit des Forums ausgegraben
+worden sei, und dort am Apollotempel hatte er
+die Gradiva sich zum Todesschlaf hinlegen gesehn.
+Aber nur in einem Traum, das wusste er jetzt
+bestimmt; in Wirklichkeit konnte sie vom Forum
+noch weitergegangen, mit Jemand zusammengetroffen
+und gemeinsam mit ihm gestorben sein.</p>
+
+<p>Aus der grünen Spange zwischen seinen
+Fingern durchfloss ihn ein Gefühl, sie habe der
+Zoë-Gradiva angehört, das Gewand derselben am
+Halse geschlossen gehalten. Dann aber war
+diese die Geliebte, Verlobte, vielleicht die junge
+Frau dessen gewesen, mit dem sie zusammen
+sterben gewollt.</p>
+
+<p>Es wandelte Norbert Hanold an, die Spange
+fortzuschleudern. Sie brannte seine Finger, als
+ob sie in glühenden Zustand gerathe. Oder
+richtiger, sie verursachte ihm den Schmerz, wie
+bei der Vorstellung, dass er seine Hand auf die
+der Gradiva lege und nur leere Luft antreffe.</p>
+
+<p>Indess die Vernunft behauptete in seinem
+Kopf die Oberhand, er liess ihn nicht willenlos
+<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>
+von der Phantasie beherrschen. Wie wahrscheinlich
+es sein mochte, fehlte doch der unumstössliche
+Beweis, dass die Spange ihr angehört habe, und
+dass sie es gewesen sei, die man in den Armen
+des jungen Mannes aufgefunden. Diese Erkenntniss
+verhalf ihm zur Fähigkeit eines befreienden
+Athemzuges, und als er im Dämmerungsbeginn
+den ›Diomed‹ erreichte, hatte die langstündige
+Umherwandrung seiner gesunden Constitution doch
+auch leibliches Nahrungsbedürfniss eingebracht.
+Er verzehrte die ziemlich spartanische Abendkost,
+die der ›Diomed‹ trotz seiner argivischen Abkunft
+bei sich am Tisch adoptirt hatte, nicht ohne Esslust
+und nahm dabei zwei im Laufe des Nachmittags
+neueingetroffene Gäste gewahr. Durch
+Aussehen und Sprache kennzeichneten sie sich
+als Deutsche, ein Er und eine Sie; sie hatten
+beide jugendliche, einnehmende und mit einem
+geistigen Ausdruck begabte Gesichtszüge; ihr Verhältniss
+zu einander liess sich nicht entnehmen,
+doch schloss Norbert nach einer gewissen Aehnlichkeit
+auf ein Geschwisterpaar. Allerdings
+unterschied das Haar des jungen Mannes sich
+durch Blondfarbigkeit von ihrem lichtbraunen;
+sie trug eine rothe Sorrentiner Rose am Kleid,
+<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a>
+deren Anblick an etwas im Gedächtniss des aus
+seiner Stubenecke Hinüberschauenden rührte, ohne
+dass er sich darauf besinnen konnte, was es sei.
+Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise
+Begegnenden, von denen er einen sympathischen
+Eindruck empfing. Sie redeten, bei einem Fiaschetto
+sitzend, miteinander, weder zu laut vernehmbar,
+noch in besorglichem Flüsterton, augenscheinlich
+bald über ernsthafte Dinge und bald
+über heitere, denn zuweilen ging gleichzeitig um
+ihre Lippen ein halblachender Zug, der ihnen
+hübsch stand und Lust zu einer Antheilnahme
+an ihrer Unterhaltung erweckte. Oder vielleicht
+bei Norbert hätte erwecken können, wenn er um
+zwei Tage früher mit ihnen in dem sonst nur
+von den Anglo-Amerikanern bevölkerten Raum
+zusammengetroffen wäre. Doch er fühlte, was
+in seinem Kopf vorging, stehe in einem zu
+starken Gegensatz zu der fröhlichen Natürlichkeit
+der Beiden, um die unverkennbar kein leisester
+Nebel lag und die zweifellos nicht über die
+Wesensbeschaffenheit einer vor zwei Jahrtausenden
+Verstorbenen tiefgrundig nachsannen, sondern sich
+ohne alle Abmühung an einem räthselvollen
+Problem ihres Lebens in der gegenwärtigen
+<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>
+Stunde freuten. Damit stimmte sein Zustand
+nicht zusammen; er kam sich einerseits höchst
+überflüssig für sie vor und scheute andrerseits
+vor dem Versuch, eine Bekanntschaft mit
+ihnen anzuknüpfen, zurück, da er eine dunkle
+Empfindung hatte, ihre heiteren, hellen Augen
+könnten ihm durch die Stirnwandung in seine
+Gedanken hineinsehen und dabei einen Ausdruck
+annehmen, als ob sie ihn nicht ganz richtig bei
+Verstand hielten. So begab er sich zu seinem
+Zimmer hinauf, stand noch etwas wie gestern,
+nach dem nächtigen Purpurmantel des Vesuv hinüberblickend,
+am Fenster und legte sich dann zur
+Ruhe. Uebermüdet, schlief er auch bald ein und
+träumte, doch merkwürdig unsinnig. Irgendwo
+in der Sonne sass die Gradiva, machte aus einem
+Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin
+zu fangen, und sagte dazu: »Bitte halte dich
+ganz ruhig &ndash; die Collegin hat recht, das Mittel
+ist wirklich gut, und sie hat es mit bestem Erfolg
+angewendet&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Norbert Hanold kam's im Traum zum Bewusstwerden,
+das sei in der That vollständige
+Verrücktheit, und er warf sich herum, um von
+ihr loszukommen. Dies gelang ihm auch durch
+<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>
+die Beihülfe eines unsichtbaren Vogels, der einen
+kurzen lachenden Ruf ausstiess, wie es schien,
+die Lacerte im Schnabel forttrug, und danach war
+Alles verschwunden.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Beim Aufwachen erinnerte er sich, dass in
+der Nacht eine Stimme gesprochen habe, im Frühling
+gäbe man Rosen, oder eigentlich ward ihm
+dies durch die Augen ins Gedächtniss gerufen,
+da sein aus dem Fenster gehender Blick drunten
+auf einen mit rothen Blumen leuchtenden Strauch
+fiel. Sie waren von der nämlichen Art wie die,
+welche die junge Dame vor der Brust getragen,
+und als er hinuntergekommen, pflückte er unwillkürlich
+ein paar von ihnen ab und roch daran.
+Es musste mit den Sorrentiner Rosen in der That
+eine absondere <ins title="Bewandniss">Bewandtniss</ins> haben, denn ihr Duft
+bedünkte ihn nicht nur wundervoll, sondern auch
+völlig neu und fremdartig, und dabei, als ob sie
+eine etwas lösende Wirkung in seinem Kopf ausübten.
+Wenigstens entledigten sie ihn seiner
+gestrigen Scheu vor den Thorwächtern, er begab
+sich vorschriftsmässig durch den Ingresso nach
+Pompeji hinein, entrichtete unter einer Vorgabe
+<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>
+den doppelten Betrag des Eintrittsgeldes und
+schlug rasch Wege ein, die ihn aus der Nähe
+der übrigen Besucher davonbrachten. Das kleine
+Skizzenbuch aus der Casa di Meleagro trug er
+nebst der grünen Spange und den rothen Rosen
+mit sich, doch zu frühstücken hatte er über dem
+Duft der letzteren vergessen, und seine Gedanken
+befanden sich nicht in der Gegenwart, sondern ausschliesslich
+auf die Mittagsstunde vorausgerichtet.
+Bis zu der war's indess noch lang, er musste
+die Wartezeit verbringen und trat zu dem Behuf
+bald in dieses, bald in jenes Haus ein, von dem
+ihm wahrscheinlich vorkam, dass auch die Gradiva
+es ehemals öfter betreten habe oder noch jetzt
+zuweilen aufsuche &ndash; seine Annahme, dass sie
+lediglich um Mittag dazu im stande sei, war
+etwas ins Schwanken gerathen. Vielleicht stand's
+ihr auch noch zu anderen Tagesstunden frei,
+möglicherweise ebenfalls bei Nacht im Mondschein;
+verwunderlich bekräftigten ihm diese Muthmassung
+die Rosen, wenn er sie einathmend an seine
+Nase hielt, und dieser neuen Auffassung kam
+sein Nachsinnen willfährig und überzeugungsbereit
+entgegen. Denn er konnte sich das Zeugniss
+zuerkennen, dass er durchaus nicht bei einer
+<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>
+vorgefassten Meinung beharre, vielmehr jeder
+vernünftigen Einwendung freien Lauf lasse, und
+eine solche machte sich hier entschieden, nicht nur
+logisch, auch ebenso <ins title="wünschenwerth">wünschenswerth</ins> geltend. Nur
+gerieth in Frage, ob dann bei einer Begegnung
+mit ihr auch die Augen Anderer im stande seien,
+sie als leibliche Erscheinung wahrzunehmen, oder
+ob nur den seinigen die Befähigung dazu innewohne.
+Das erstere liess sich nicht abweisen,
+behauptete sogar die Wahrscheinlichkeit für sich
+und wandelte das Wünschenswerthe zum Gegentheil
+um, versetzte ihn in eine unmuthig-unruhige
+Stimmung. Der Gedanke, Andere könnten sie
+ebenfalls anreden, sich zu ihr setzen, um eine
+Unterhaltung mit ihr zu führen, entrüstete ihn;
+darauf besass nur er ein Anrecht oder jedenfalls
+ein Vorrecht, denn er hatte die Gradiva, von der
+niemand sonst gewusst, entdeckt, sie täglich betrachtet,
+in sich aufgenommen, gewissermassen
+mit seiner Lebenskraft durchdrungen, und ihm
+war's, als ob er ihr dadurch ein Leben wieder
+verliehen habe, das sie ohne ihn nicht besessen
+hätte. Daraus aber fiel seinem Gefühl ein Recht zu,
+auf das er allein Anspruch erheben durfte und verweigern
+konnte, es mit irgendjemand sonst zu theilen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>Der vorschreitende Tag war noch heisser als
+die beiden voraufgegangenen, die Sonne schien
+es heut' auf eine ganz ausserordentliche Leistung
+abgesehen zu haben und machte nicht nur in
+archäologischer, auch in praktischer Hinsicht bedauerlich,
+dass die Wasserleitung Pompejis seit
+zwei Jahrtausenden zerborsten und ausgetrocknet
+dalag. Strassenbrunnen erhielten da und dort
+ihr Gedächtniss fort und legten ingleichem noch
+Zeugniss von ihrer umstandslosen Benützung
+durch vorübergekommene durstige Leute ab. Sie
+hatten, um sich an das verschwundene Mündungsrohr
+vorzubücken, eine Hand auf den marmornen
+Brunnenrand gestützt und diesen, wie der Tropfen
+den Stein höhlte, allmählich an der Stelle zu
+einer Einmuldung ausgeschürft; Norbert machte
+diese Wahrnehmung an einer Ecke der Strada
+della Fortuna, ihm stieg daraus die Vorstellung
+auf, dass auch die Hand der Zoë-Gradiva sich
+ehemals hier so aufgestützt haben möge, und
+unwillkürlich legte seine Hand sich in die kleine
+Aushöhlung hinein. Doch verwarf er die Annahme
+sogleich, empfand einen Verdruss über
+sich selbst, dass er darauf hatte gerathen können.
+Sie stand in keinem Einklang zu dem Wesen
+<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a>
+und Benehmen der jungen Pompejanerin aus
+feingebildetem Hause; Entwürdigendes lag darin,
+dass sie sich so übergebeugt und ihre Lippen an
+das nämliche Rohr gelegt haben sollte, aus dem
+die Plebs mit rohem Munde trank. Im edlen
+Sinn Schicklicheres, als es sich in ihrem Thun
+und ihren Bewegungen kundgab, war ihm noch
+nie zu Gesicht gekommen; ihn überkam's schreckhaft,
+sie könne ihm den unglaublich verstandwidrigen
+Einfall ansehen. Denn ihre Augen
+besassen etwas Eindringliches; ihn hatte ein
+paarmal das Gefühl angerührt, während seines
+Zusammenseins mit ihr trachteten sie danach,
+einen Zugang ins Innere seines Kopfes auszufinden
+und darin wie mit einer stahlhellen Sonde
+herumzusuchen. Er musste desshalb sehr behutsam
+Acht geben, dass sie nichts Thörichtes in
+seinen Gedankenvorgängen antrafen.</p>
+
+<p>Noch immer war's eine Stunde bis Mittag,
+und um sie zu verbringen, ging er quer über
+die Strasse in die Casa del Fauno, das umfänglichste
+und stattlichste aller ausgegrabenen Häuser,
+hinein. Wie kein anderes, besass es ein doppeltes
+Atrium und zeigte in dem bedeutendsten inmitten
+des Impluviums den leeren Sockel, auf dem die
+<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
+berühmte Statue des tanzenden Fauns, nach dem
+es benannt worden, gestanden hatte. Doch ward
+bei Norbert Hanold nicht das geringste Bedauern
+rege, dass sich dies, von der Wissenschaft am
+höchsten geschätzte Kunstwerk nicht mehr hier
+befinde, sondern zugleich mit dem Mosaikbilde
+der Alexanderschlacht ins Museo nazionale nach
+Neapel überführt worden sei; er trug keinerlei
+weitere Absicht, noch Wunsch in sich, als die
+Zeit weiterrücken zu lassen, und wanderte zu
+diesem Zweck planlos durch das grosse Gebäude
+umher. Hinter dem Peristyl öffnete sich ein weiter,
+von zahlreichen Säulen umfasster Raum, entweder
+auch eine nochmalige Wiederholung des Peristyls,
+oder als Xystos, Schmuckgarten, angelegt; so erschien's
+gegenwärtig, denn wie der Oecus der
+Casa di Meleagro war er ganz mit blühendem
+Mohn überdeckt. In abwesenden Gedanken schritt
+der Besucher durch die stille Verlassenheit.</p>
+
+<p>Dann aber hielt er einmal stutzend den Fuss
+an, er befand sich doch nicht allein hier, sein
+Blick traf in einiger Entfernung auf zwei Gestalten,
+die zuerst nur den Eindruck von einer erregten,
+da sie so nah als irgendmöglich aneinandergedrängt
+standen. Sie nahmen ihn nicht gewahr,
+<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>
+denn sie waren ganz nur mit sich beschäftigt
+und mochten sich dabei in dem Winkel durch die
+Säulen für etwaige andere Augen unentdeckbar
+gemacht glauben. Wechselseitig sich mit den
+Armen umschlingend, hielten sie auch ihre Lippen
+zusammengeschlossen, und der unvermuthete Zuschauer
+erkannte zu seiner Ueberraschung, es
+seien der junge Herr und die junge Dame, an
+denen er gestern Abend zum erstenmal auf seiner
+Reise ein Gefallen gefunden hatte. Für zwei
+Geschwister aber bedünkten ihn ihr gegenwärtiges
+Verhalten, die Umarmung und der Kuss von zu
+langer Andauer, also war es doch ein Liebes-
+und muthmasslich junges Hochzeitspaar, auch ein
+August und eine Grete.</p>
+
+<p>Merkwürdigerweise indess geriethen die beiden
+Letzteren Norbert augenblicklich nicht in den
+Sinn, und der Vorgang rührte ihn durchaus nicht
+lächerlich oder widerwärtig an, vielmehr erhöhte
+noch sein Wohlgefallen an den Beiden. Was sie
+thaten, kam ihm ebenso natürlich wie vollbegreiflich
+vor, seine Augen hafteten auf dem lebenden
+Bild mit grösser aufgeweiteten Lidern, als je auf
+einem der am höchsten bewunderten antiken
+Kunstwerke, und gern hätte er sich dieser Betrachtung
+<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a>
+noch länger überlassen. Doch war's
+ihm zu Muth, als sei er unberechtigt in einen
+geweihten Raum eingedrungen und stehe im Begriff,
+darin eine geheime Andachtsübung zu stören;
+die Vorstellung, dabei wahrgenommen zu werden,
+befiel ihn mit Schreck, er wendete sich hastig um,
+ging geräuschlos ein Stück auf den Zehen zurück
+und lief, aus der Hörweite gelangt, beengten
+Athems und klopfenden Herzens auf den Vicolo
+del Fauno hinaus.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Als er vor dem Hause des Meleager ankam,
+wusste er nicht, ob es bereits Mittagsstunde sei,
+und gerieth auch nicht darauf, seine Uhr danach
+zu befragen, doch er blieb vor der Thür, unschlüssig
+eine Weile auf das ›Have‹ des Einganges
+niederblickend, stehen. Ihn hielt eine Furcht ab,
+hineinzutreten, und sonderbar fürchtete er sich
+gleicherweise davor, die Gradiva drinnen nicht
+anzutreffen und sie dort zu finden, denn in seinem
+Kopf hatte sich während der letzten Minuten
+festgesetzt, im ersteren Falle halte sie sich anderswo
+mit irgend einem jüngeren Herrn auf und
+im zweiten leiste dieser ihr auf den Stufen
+<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>
+zwischen den Säulen Gesellschaft. Gegen den
+aber empfand er einen Hass noch weit stärker,
+als gegen die Gesammtheit aller gemeinen Stubenfliegen,
+hatte bis heute nicht für möglich gehalten,
+dass er einer so heftigen inneren Erregung fähig
+sein könne. Das Duell, das er immer für eine
+sinnlose Dummheit angesehen, erschien ihm plötzlich
+in einem veränderten Lichte; hier ward es
+zum Naturrecht, das der in seinem eigensten
+Recht Gekränkte, zu Tod Beleidigte an sich nahm
+als einzig vorhandenes Mittel, eine befriedigende
+Vergeltung zu üben oder sich eines zwecklos gewordenen
+Daseins entäussern zu lassen. So setzte
+sein Fuss sich mit jäher Bewegung doch zum
+Eintritt vor; er wollte den frechen Menschen
+herausfordern und wollte &ndash; das drängte sich
+fast noch gewaltsamer in ihm auf &ndash; ihr rückhaltlos
+zum Ausdruck bringen, dass er sie für
+etwas Besseres, Edleres, solcher Gemeinschaft
+nicht fähig gehalten habe&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So bis zum Lippenrande voll war er von
+diesem Vorhaben der Empörung, dass es ihm auch
+vom Mund flog, wo durchaus keinerlei Anlass
+dafür zu Tage lag. Denn wie er mit stürmischer
+Eile die Entfernung bis zum Oecus hinter sich
+<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
+gebracht hatte, stiess er ungestüm aus: »Bist du
+allein?!«, obwohl der Augenschein keinen Zweifel
+darüber beliess, dass die Gradiva grad ebenso
+einsam wie an den beiden vorigen Tagen auf
+der Stufe dasass. Sie sah ihn verwundert an
+und erwiderte: »Wer sollte denn nach Mittag
+noch hier sein? Da sind die Leute alle hungrig
+und sitzen beim Essen. Das hat die Natur für
+mich sehr erfreulich so eingerichtet.«</p>
+
+<p>Seine überwallende Aufregung konnte sich
+jedoch so rasch nicht beschwichtigen und liess
+ihm ohne Wissen und Willen noch weiter die
+Muthmassung entfahren, die eben draussen mit
+der Stärke einer Gewissheit über ihn gerathen;
+denn, setzte er, zwar einigermassen widersinnig,
+hinzu, es lasse sich ja eigentlich gar nicht anders
+denken. Ihre hellen Augen hielten sich in sein
+Gesicht gerichtet, bis er zu Ende gesprochen, dann
+machte sie mit einem Finger einmal eine Bewegung
+gegen ihre Stirn und sagte: »Du&nbsp;&ndash;.«
+Danach aber fuhr sie fort: »Mir scheint's grade
+genug, dass ich nicht von hier wegbleibe, obgleich
+ich erwarten muss, dass du um diese Zeit hieherkommst.
+Aber der Platz gefällt mir einmal
+gut, und ich sehe, du hast mir mein Skizzenbuch,
+<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>
+das ich gestern vergessen hatte, mitgebracht. Ich
+danke dir für deine bessere Achtsamkeit. Willst
+du's mir nicht geben?«</p>
+
+<p>Die letzte Frage war wohlbegründet, denn er
+traf keinerlei Anstalt dazu, sondern blieb unbeweglich
+auf demselben Fleck stehen. In seinem
+Kopf dämmerte es, dass er sich eine ungeheure
+Dummheit ein- und ausgebildet, dazu auch noch
+ausgesprochen habe; um sie, soweit es möglich
+fiel, wieder gut zu machen, trat er nun hastig vor,
+reichte der Gradiva das Buch hin und setzte sich
+zugleich mechanisch neben ihr auf die Stufe nieder.
+Einen Blick auf seine Hand werfend, sagte sie:
+»Du scheinst ein Freund von Rosen zu sein.«</p>
+
+<p>Bei den Worten kam's ihm auf einmal zum
+Bewusstwerden, was ihn zum Abpflücken und
+Mitnehmen derselben veranlasst habe, und er
+entgegnete: »Ja &ndash; doch, ich habe sie nicht
+für mich &ndash; du sprachst gestern &ndash; und auch
+heut' Nacht sagte mir's Jemand &ndash; man gäbe
+sie im Frühling&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Sie dachte merklich kurz nach, ehe sie antwortete:
+»Ach so &ndash; ja, ich erinnere mich &ndash;
+Anderen, meinte ich, gäbe man nicht Asphodil,
+sondern Rosen. Das ist artig von dir; es
+<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>
+scheint, du hast deine Ansicht von mir ein wenig
+verbessert.«</p>
+
+<p>Ihre Hand streckte sich zum Empfang der
+rothen Blumen aus, und diese ihr jetzt hinreichend,
+versetzte er: »Ich glaubte zuerst, du könntest
+nur in der Mittagsstunde hier sein, aber mir ist
+wahrscheinlich geworden, dass du auch zu anderer
+Zeit &ndash; das macht mich sehr glücklich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Warum macht dich das glücklich?«</p>
+
+<p>Ihr Gesicht drückte Verständnisslosigkeit aus,
+nur um ihre Lippen ging ein kaum merkbar
+leises Zucken. Verwirrt brachte er hervor: »Es
+ist schön, lebendig zu sein &ndash; mir ist dies früher
+nie so &ndash; ich wollte dich noch fragen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Er suchte in seiner Brusttasche und setzte,
+das Gefundene herausziehend, hinzu: »Hat diese
+Spange ehemals dir gehört?«</p>
+
+<p>Ihr Gesicht bewegte sich ein kleinwenig danach
+vor, doch sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich
+kann mich nicht erinnern. Der Zeitrechnung nach
+wär's sonst wohl nicht unmöglich, denn sie wird
+vermuthlich erst aus diesem Jahr herstammen.
+Hast du sie vielleicht in der Sonne gefunden?
+Bekannt kommt die schöne grüne Patina mir doch
+vor, als hätte ich sie schon gesehen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a>Unwillkürlich wiederholte er: »In der Sonne
+&ndash; warum in der Sonne?«</p>
+
+<p>»Sole heisst sie hier, die bringt mancherlei
+von der Art zu Stande. Sollte die Spange nicht
+einem jungen Mädchen gehört haben, das mit
+einem Begleiter zusammen, ich glaube in der
+Umgegend des Forums, verunglückt sein soll.«</p>
+
+<p>»Ja, der seine Arme um sie geschlungen
+hielt&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ach so&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Die beiden Wörtchen lagen offenbar der Gradiva
+als eine Lieblings-Interjection auf der Zunge,
+und sie hielt danach einen Augenblick inne, ehe
+sie hinzufügte: »Desshalb meintest du, ich hätte
+sie an mir getragen. Und hätte das dich etwa
+&ndash; wie sagtest du vorhin? &ndash; dich unglücklich
+gemacht?«</p>
+
+<p>Ihm war anzusehen, dass er sich ausserordentlich
+erleichtert fühle, und vernehmlich klang's
+auch aus seiner Antwort: »Ich bin sehr froh darüber
+&ndash; denn die Vorstellung, dass dir die Spange
+gehört habe, verursachte mir einen &ndash; einen
+Schwindel im Kopf&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Dazu scheint er bei dir etwas Neigung zu
+hegen. Hast du vielleicht heut' Morgen zu frühstücken
+<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>
+vergessen? Das verstärkt leicht solche
+Anfälle noch; ich leide nicht daran, aber sehe
+mich vor, da es mir am besten zusagt, um die
+Mittagszeit hier zu sein. Wenn ich dir von dem
+misslichen Zustand deines Kopfes dadurch ein
+bischen abhelfen kann, dass ich meinen Vorrath
+mit dir theile&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Sie zog ein in Seidenpapier eingewickeltes
+Weissbrod aus ihrer Kleidertasche, brach es durch,
+legte ihm die eine Hälfte in seine Hand und begann
+die andere mit sichtlichem Appetit zu verzehren.
+Dabei blitzen ihre ausnehmend zierlichen
+und tadellosen Zähne nicht nur mit einem
+perlenden Glanz zwischen den Lippen auf, sondern
+verursachten beim Durchbeissen der Rinde
+auch einen leicht krachenden Ton, so dass sie
+durchaus den Eindruck erregten, nicht wesenlose
+Scheingebilde, sondern von wirklicher körperhafter
+Beschaffenheit zu sein. Im Uebrigen hatte sie
+mit ihrer Vermuthung bezüglich des versäumten
+Frühstückes wohl das Richtige getroffen; mechanisch
+ass er ebenfalls und empfand eine entschieden
+günstige Wirkung davon auf die Klärung seiner
+Gedanken ausgeübt. So sprachen sie Beide ein
+Weilchen nicht weiter, sondern gaben sich schweigend
+<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>
+der gleichen nützlichen Beschäftigung hin,
+bis die Gradiva sagte: »Mir ist's, als hätten wir
+schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen
+unser Brod gegessen. Kannst du dich nicht darauf
+besinnen?«</p>
+
+<p>Das konnte er nicht, doch nahm's ihn jetzt
+Wunder, dass sie von einer so unendlich fernen
+Vergangenheit sprach, denn die Stärkung des
+Kopfes durch das Nährmittel hatte eine Umänderung
+in seinem Gehirn nach sich gezogen.
+Die Annahme, sie sei schon seit so langer Zeit
+hier in Pompeji umhergegangen, wollte sich nicht
+mehr mit der gesunden Vernunft in Einklang
+bringen lassen; Alles an ihr erschien ihm gegenwärtig
+so, als ob es kaum mehr als zwanzig
+Jahre alt sein könne. Die Formen und Farbe
+des Gesichtes, das überaus reizvolle, braungewellte
+Haar und die makellosen Zähne; auch die Vorstellung,
+das helle, von keinem Schatten eines
+Fleckens beeinträchtigte Gewand habe ungezählte
+Jahre in der <ins title="Bimsteinasche">Bimssteinasche</ins> gelegen, enthielt im
+höchsten Masse Widerspruchsvolles. Norbert ward
+von einem Empfindungszweifel angefasst, ob er
+eigentlich in wachem Zustande hier sitze oder
+nicht wahrscheinlicher in seiner Studirstube, wo
+<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>
+er bei der Betrachtung des Bildes der Gradiva
+von Schlaf überkommen worden, geträumt habe,
+dass er nach Pompeji gefahren, mit ihr als einer
+noch Lebenden zusammengetroffen sei, und weiter
+träume, noch so an ihrer Seite in der Casa di
+Meleagro zu sitzen. Denn dass sie wirklich noch
+lebte oder wieder lebendig geworden sei, konnte
+sich doch wohl nur in einem Traume zutragen
+&ndash; die Naturgesetze erhoben dagegen einen Einwand&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Seltsam freilich war's, dass sie eben gesagt
+hatte, sie habe schon vor zweitausend Jahren
+einmal so ihr Brod mit ihm getheilt. Davon
+wusste er nichts und konnte doch darauf auch im
+Traum nicht gerathen&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ihre linke Hand lag mit den schmalen Fingern
+ruhig auf ihren Knien &ndash; die trug den Schlüssel
+zur Lösung eines unentwirrbaren Räthsels in
+sich&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Auch vor dem Oecus der Casa di Meleagro
+machte die Frechheit der gemeinen Stubenfliege
+nicht halt; an der gelben Säule ihm gegenüber
+sah er eine nach ihrer nichtswürdigen Gepflogenheit
+in suchender Gier auf und ab rennen; nun
+schwirrte sie dicht an seiner Nase vorbei.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>Er musste doch irgendetwas auf ihre Frage,
+ob er sich nicht an das schon früher gemeinsam
+mit ihr verzehrte Brod erinnere, antworten und
+brachte, jäh herausgestossen, vom Mund: »Waren
+die Fliegen damals schon ebenso teuflisch wie
+jetzt, dass sie dich bis zum Lebensüberdruss gemartert
+haben?«</p>
+
+<p>Sie blickte ihn mit einem völlig begrifflosen
+Erstaunen an und wiederholte: »Die Fliegen?
+Hast du jetzt eine Fliege im Kopf?«</p>
+
+<p>Da sass auf einmal das schwarze Ungeheuer
+auf ihrer Hand, die nicht durch die leiseste Regung
+kundgab, dass sie etwas davon verspüre.
+Bei dem Anblick aber mischten sich in dem jungen
+Archäologen zwei gewaltsame Antriebe zur Ausführung
+einer und der nämlichen Handlung ineinander.
+Seine Hand fuhr plötzlich in die Höh'
+und klatschte mit einem keineswegs gelinden
+Schlag auf die Fliege und die Hand seiner Nachbarin
+herunter.</p>
+
+<p>Mit diesem Zuschlag erst kam Besinnung,
+Bestürzung und doch auch ein freudiger Schreck
+über ihn. Er hatte den Streich nicht durch leere
+Luft hindurch geführt, auch nicht auf etwas Kaltes
+und Starres, sondern auf eine unzweifelhaft wirkliche,
+<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>
+lebendige und warme Menschenhand, die
+einen Moment lang, augenscheinlich vollständig
+verblüfft, regungslos unter der seinigen liegen
+blieb. Doch dann zog sie sich mit einem Ruck
+fort, und der Mund über ihr sagte: »Du bist
+doch offenbar verrückt, Norbert Hanold.«</p>
+
+<p>Der Name, von dem er niemand in Pompeji
+Mittheilung gemacht, ging der Gradiva so glatt,
+zweifellos und deutlich über die Lippen, dass der
+Inhaber desselben noch stärker erschrocken von
+der Stufe aufflog. Zugleich ertönten im Säulengang
+unvermerkt nah herangekommene Fusstritte,
+vor verworrenem Blick tauchten ihm die Gesichter
+des sympathischen Liebespaars aus der Casa di
+Fauno auf, und die junge Dame rief mit einem
+Ton höchlicher Überraschung: »Zoë! du auch
+hier? Und auch auf der Hochzeitsreise? Davon
+hast du mir ja kein Wort geschrieben!«</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p>Norbert befand sich wieder draussen vor dem
+Haus des Meleager in der Strada di Mercurio.
+Wie er dorthin gekommen, war ihm nicht klar,
+es musste instinktiv geschehen sein, und zwar
+von einer blitzartigen Erleuchtung in ihm veranlasst,
+<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>
+das einzige sei's, was er thun könne, um
+nicht eine überaus lächerliche Figur darzustellen.
+Vor dem jungen Paar, mehr noch vor der von
+diesem freundschaftlich Begrüssten, die ihn eben
+mit seinem Vor- und Zunamen angeredet, und
+am allermeisten vor sich selbst. Denn, wenn er
+auch nichts begriff, war ihm doch Eines als ganz
+unanfechtbar aufgegangen. Die Gradiva mit der
+nicht wesenlosen, sondern körperhaft wirklichen,
+warmen Menschenhand hatte eine zweifellose
+Wahrheit ausgesprochen, sein Kopf war in den
+beiden letzten Tagen in einem Zustand völliger
+Verrücktheit gewesen. Und zwar keineswegs in
+unklugem Traum, vielmehr mit so wachen Augen
+und Ohren, als sie zu ihrer vernünftigen Anwendung
+Menschen von der Natur mitgegeben wurden.
+Wie das sich derartig zugetragen habe, entzog
+sich, gleich allem Uebrigen, seinem Verständniss;
+nur dunkel rührte ihn eine Empfindung an, ein
+sechster Sinn müsse dabei im Spiel gewesen sein,
+der, in solcher Weise zur Oberhand gelangend,
+etwas sonst vielleicht Schätzenswerthes zum Gegentheil
+umwandle. Um darüber durch einen Nachdenkungsversuch
+wenigstens ein bischen mehr
+Aufschluss zu gewinnen, war ein in unbesuchter
+<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>
+Stille abgelegener Ort durchaus erforderlich; zunächst
+aber trieb es Norbert an, sich möglichst
+rasch aus dem Bereich der Augen, Ohren und
+sonstigen Sinne zu entfernen, die ihre Naturmitgift
+so benützten, wie's dem eigentlichen Gebrauchszweck
+entsprach.</p>
+
+<p>Was die Besitzerin jener warmen Hand betraf,
+so war sie jedenfalls von dem unvorgesehenen
+und um die Mittagsstunde nicht erwarteten
+Besuch in der Casa di Meleagro auch, und nach
+ihrem allerersten Mienenausdruck nicht in ausschliesslich
+angenehmer Weise, überrascht worden.
+Doch liess vom letzteren schon der nächste Augenblick
+in ihrem klugen Gesicht keine Spur mehr
+erkennen, sie stand hurtig auf, trat der jungen
+Dame entgegen und versetzte, ihr die Hand
+reichend: »Das ist ja wirklich hübsch, Gisa, der
+Zufall hat zuweilen auch einen netten Einfall.
+Also das ist seit vierzehn Tagen dein Mann?
+Ich freue mich, ihn mit Augen kennen zu lernen
+und brauche nach eurem beiderseitigen Aussehen
+offenbar meinen Glückwunsch nicht nachträglich
+zu einer Condolation umzuändern. Paare, bei
+denen das angebracht wäre, pflegen um diese
+Zeit in Pompeji bei Tisch zu sitzen; ihr seid
+<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a>
+vermuthlich am Ingresso in Quartier, da suche
+ich euch heut' Nachmittag auf. Nein, geschrieben
+habe ich dir nichts; das wirst du mir nicht übel
+nehmen, denn du siehst, meine Hand geniesst
+nicht die Berechtigung der deinigen, sich durch
+einen Ring auszuzeichnen. Die Luft hier wirkt
+ausserordentlich kräftig auf die Einbildung, das
+merke ich an dir; besser ist's ja freilich, als
+wenn sie zu nüchtern machte. Der junge Herr,
+der eben fortging, laborirt auch an einem merkwürdigen
+Hirngespinnst, mir scheint, er glaubt,
+dass ihm eine Fliege im Kopf summt; nun,
+irgend eine Kerbthierart hat wohl Jeder drin.
+Pflichtmässig verstehe ich mich etwas auf Entomologie
+und kann desshalb bei solchen Zuständen
+ein bischen von Nutzen sein. Mein Vater und
+ich wohnen im Sole, er bekam auch einen plötzlichen
+Anfall und dazu den guten Einfall, mich
+mit hierher zu nehmen, wenn ich mich auf meine
+eigene Hand in Pompeji unterhalten und an ihn
+keine Anforderungen stellen wollte. Ich sagte
+mir, irgend etwas Interessantes würde ich wohl
+schon allein hier ausgraben. Freilich, auf den
+Fund, den ich gemacht &ndash; ich meine das Glück,
+dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem Gedanken
+<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>
+gerechnet. Aber ich verschwatze die Zeit,
+wie's bei einer alten Freundin so geht &ndash; ganz
+uralt allerdings sind wir doch grade noch nicht.
+Mein Vater kommt um zwei Uhr aus der Sonne
+an den Sonnentisch, da muss ich seinem Appetit
+Gesellschaft leisten und darum leider augenblicklich
+auf deine weitere verzichten. Ihr werdet die
+Casa di Meleagro ja auch ohne mich besichtigen
+können; ich verstehe das zwar nicht, aber ich denke
+es mir. Favorisca signor! A rivederci, Gisetta!
+So viel Italienisch habe ich schon gelernt, und
+viel mehr braucht man eigentlich nicht. Was sonst
+noch nöthig ist, schöpft man aus sich selbst
+&ndash; bitte, nein, senza complimenti!«</p>
+
+<p>Dies letzte Ersuchen der Sprecherin bezog sich
+auf eine höfliche Bewegung, mit der ihr der junge
+Eheherr das Geleit geben zu wollen schien. Sie
+hatte sich höchst lebendig, äussert unbefangen
+und ganz den Umständen der unerwarteten Begegnung
+mit einer nahstehenden Freundin entsprechend
+ausgedrückt, doch mit einer ausserordentlichen
+Schnelligkeit, die für die Dringlichkeit ihrer Aussage,
+dass sie sich gegenwärtig nicht länger aufhalten
+könne, Zeugniss ablegte. Und so waren
+nicht mehr als ein paar Minuten seit dem eilfertigen
+<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>
+Abgang Norbert Hanold's verflossen, wie
+sie gleichfalls aus dem Hause des Meleager in
+die Strada di Mercurio hinaustrat. Diese lag, der
+Tageszeit gemäss, einzig da und dort von einer
+schwänzelnden Lacerte belebt da, und für ein
+paar Augenblicke gab sich die an ihrem Rande
+Innehaltende offenbar einem kurz überwägenden
+Nachdenken hin. Dann schlug sie hurtig die
+nächste Richtung dem Thor des Hercules zu ein,
+überschritt an der Kreuzung des Vicolo di Mercurio
+und der Strada di Sallustio mit dem anmuthig-behenden
+Gradiva-Gang die Trittsteine und
+gelangte so sehr rasch bis an die beiden Seitenmauerreste
+der Porta Ercolanese. Hinter dieser
+dehnte sich lang die Gräberstrasse abwärts, doch
+nicht weissblendend und von glitzernden Strahlen
+verhängt, wie vor vierundzwanzig Stunden, als der
+junge Archäologe ebenso mit suchenden Augen
+von hier durch sie hinuntergeblickt hatte. Die
+Sonne schien heut' von einem Gefühl überkommen
+zu sein, dass sie am Vormittag doch des Guten
+ein wenig zu viel gethan habe; sie hielt einen
+grauen Schleier vor sich gezogen, an dessen Verdichtung
+sichtlich noch weiter gearbeitet wurde,
+und in Folge davon hoben die hin und wieder
+<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
+an der Strada de' Sepolcri aufgewachsenen Cypressen
+sich ungewöhnlich scharf und schwarz
+gegen den Himmel ab. Ein anderes Bild als
+gestern war's, der geheimnissvoll Alles überflimmernde
+Glanz fehlte ihm; auch die Strasse
+befliss sich einer gewissen trübsinnigen Deutlichkeit,
+hatte gegenwärtig ein ihrem Namen Ehre
+machendes todtes Gesicht angenommen. Dieser
+Eindruck ward durch eine vereinzelte Regung an
+ihrem Ende nicht aufgehoben, sondern eher noch
+erhöht; es sah aus, als ob dort in der Umgegend
+der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren
+Tumulus aufsuche und unter einem der Gräberdenkmäler
+verschwinde.</p>
+
+<p>Nicht der nächste Weg vom Haus des Meleager
+zum Albergo del Sole war's, vielmehr eigentlich
+die grade entgegengesetzte Richtung dorthin, aber
+die Zoë-Gradiva musste nachträglich zur Einsicht
+gekommen sein, dass die Zeit doch noch nicht
+so übermässig zum Mittagstisch dränge. Denn
+nach einem ganz flüchtigen Anhalten am Herculesthor
+ging sie, die Sohle des zurückbleibenden Fusses
+jedesmal beinahe senkrecht emporrichtend, über
+die Lavaplatten der Gräberstrasse weiter.</p>
+
+<p class="asterisk-break">* * *</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>Die ›Villa des Diomedes‹ &ndash; äusserst beliebig
+von den Heutlebenden so nach einem Grabmal
+benannt, das ein ›Libertus‹ Marcus Arrius Diomedes,
+der zu einem Vorstand des früher hier
+gelegenen Stadttheiles aufgerückt gewesen, in der
+Nähe für seine vormalige Gebieterin Arria, sowie
+für sich und seine Angehörigen errichtet hatte &ndash;
+war ein sehr umfänglicher Bau und barg ein
+nicht von der Phantasie erfabeltes, sondern recht
+schauerlich-wirkliches Stück der Geschichte vom
+Untergang Pompejis in sich. Eine <ins title="Wirniss">Wirrniss</ins> weitläufiger
+Trümmerreste machte den oberen Theil
+aus, darunter lag vertieft ein ungemein grosser,
+ringsum von einem erhalten gebliebenen Pfeilerporticus
+umschlossener Gartenraum mit kargen
+Ueberbleibseln eines Brunnens und kleinen Tempels
+in der Mitte, und noch weiter abwärts führten
+zwei Treppen in ein rundlaufendes, nur matt von
+trübem Dämmerlicht angehelltes Kellerganggewölbe
+nieder. Auch in dies war die Vesuvasche eingedrungen,
+und man hatte hier in ihr die Skelette
+von achtzehn Frauen und Kindern gefunden;
+Schutz suchend, waren sie mit einigen hastig zusammengerafften
+Nahrungsmitteln in das halbunterirdische
+Gelass geflüchtet und die trügerische
+<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>
+Zuflucht allen zur Gruftstatt geworden. An anderer
+Stelle lag der muthmassliche, namenlose Herr des
+Hauses gleichfalls erstickt auf dem Boden hingestreckt;
+er hatte sich durch die verschlossene
+Gartenthür retten wollen, denn er hielt den
+Schlüssel zu ihr in den Fingern. Neben ihm
+kauerte ein anderes Gerippe, wahrscheinlich das
+eines Dieners, der eine beträchtliche Anzahl
+goldener und silberner Münzen mit sich getragen.
+Von der erharteten Asche waren die Körperformen
+der Verunglückten erhalten gewesen; im Museo
+Nazionale in Neapel ward unter Glas der hier
+aufgefundene genaue Abdruck des Halses, der
+Schultern und des schönen Busens eines jungen,
+mit florartig feinem Gewand bekleideten Mädchens
+bewahrt.</p>
+
+<p>Die Villa des Diomedes bildete wenigstens
+einmal unerlässlich das Wegziel für jeden pflichtgetreuen
+Pompeji-Besucher, doch jetzt um die
+Mittagszeit liess sich bei ihrer ziemlich weiten
+räumlichen Abgeschiedenheit mit grosser Sicherheit
+annehmen, dass keinerlei Neugier sich in ihr
+aufhalte, und so war sie Norbert Hanold als geeignetster
+Zufluchtsort für sein neuestes Kopfbedürfniss
+erschienen. Das verlangte dringlichst
+<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>
+nach grabesartiger Einsamkeit, athemloser Stille
+und unbeweglicher Ruhe; wider die letztere aber
+erhob eine treibende Unruhe in seinem Gefässsystem
+einen energischen Gegenanspruch, und er
+hatte zwischen den beiden Forderungen eine
+Übereinkunft schliessen müssen, dass der Kopf
+die seinige zu behaupten suchte, dagegen den
+Füssen freigab, ihrem Drang Folge zu leisten.
+So wanderte er seit seiner Hierherkunft rundum
+durch den Porticus; ihm gelang dabei, das körperliche
+Gleichgewicht zu bewahren, und er mühte
+sich, sein geistiges in den gleichen Normalzustand
+zu versetzen. Das aber erwies sich in der Ausführung
+schwieriger als in der Absicht; allerdings
+stand als unanzweifelbar vor seiner Erkenntniss,
+er sei völlig ohne Sinn und Verstand gewesen,
+zu glauben, dass er mit einer mehr oder weniger
+leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin
+beisammensitze, und diese deutliche
+Einsicht seiner Verrücktheit bildete unstreitig einen
+wesentlichen Fortschritt auf dem Rückweg zur
+gesunden Vernunft. Doch fand diese sich damit
+entschieden noch nicht in ihre ordnungsmässige
+Verfassung zurückgebracht, denn wenn ihr auch
+aufgegangen war, die Gradiva sei nur ein todtes
+<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>
+Steinbild, so stand trotzdem gleicherweise ausser
+Zweifel, dass sie noch lebte. Dafür war ein
+unumstösslicher Beweis beigebracht; nicht er allein,
+auch Andere sahen sie, wussten, dass sie Zoë
+hiess, und sprachen mit ihr als einer ihnen
+gleichartigen Leibhaftigkeit. Andrerseits aber
+wusste sie auch seinen Namen, und das konnte
+wieder nur einer übernatürlichen Befähigung ihres
+Wesens entstammen; diese Doppelnatur blieb
+auch für die in den Kopf einziehende Vernunft unenträthselbar.
+Doch gesellte sich der unvereinbaren
+Zwiespaltigkeit eine anähnelnde in ihm
+selbst hinzu, denn er hegte den inständigen
+Wunsch, vor zweitausend Jahren hier in der Villa
+des Diomedes mitverschüttet worden zu sein, damit
+er nicht Gefahr laufe, der Zoë-Gradiva nochmals
+irgendwo zu begegnen; zugleich indess klopfte
+ein ausserordentlich freudiges Gefühl in ihm, dass
+er noch lebte und dadurch in stand gesetzt ward,
+irgendwo noch wieder mit ihr zusammenzutreffen.
+Das drehte sich in einem vulgären, doch zutreffenden
+Vergleich wie ein Mühlenrad durch seinen
+Kopf herum, und ebenso lief er anhaltlos rundum
+durch den langen Porticus, der ihm nicht zu
+einer Aufhellung der Widersprüche verhalf. Im
+<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>
+Gegentheil rührte ihn eine undeutliche Empfindung
+an, dass sich alles nur noch immer mehr um
+ihn und in ihm verdunkle.</p>
+
+<p>Da prallte er plötzlich einmal, eine der vier
+Ecken des Pfeilerganges umbiegend, zurück. Auf
+ein halbes Dutzend Schritte entfernt vor seinem
+Gesicht sass ziemlich erhöht auf einem abgebrochenen
+Mauerstück eines der jungen Mädchen,
+die hier in der Asche den Tod gefunden.</p>
+
+<p>Nein, das war ein Unsinn, den seine Vernunft
+abgethan. Auch seine Augen und noch
+etwas Anderes, nicht mit einem Namen Belegtes
+in ihm erkannten es. Die Gradiva war's, sie
+sass auf dem Steinrest wie sonst auf der Stufe,
+nur sahen, da jener beträchtlich höher war, ihre
+frei herabhängenden schmalen Füsse in den sandfarbigen
+Schuhen bis an das zierliche Knöchelgelenk
+unter dem Kleidsaum hervor.</p>
+
+<p>Mit instinktiver erster Bewegung wollte Norbert
+zwischen zwei Pfeilern durch den Gartenraum
+hinaus fortlaufen; das, wovor er sich seit
+einer halben Stunde am meisten auf der Welt
+fürchtete, war jählings eingetreten, sah ihn mit
+den hellen Augen und darunter mit Lippen an,
+die nach seiner Empfindung im Begriff standen,
+<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a>
+in ein spöttisches Lachen auszubrechen. Doch
+thaten sie's nicht, sondern die bekannte Stimme
+klang nur ruhig von ihnen her: »Draussen wirst
+du nass.«</p>
+
+<p>Nun sah er's zum erstenmal, es regnete;
+davon war's so dunkel geworden. Das gereichte
+fraglos allem Pflanzenwachsthum um und in
+Pompeji zum Vortheil, aber anzunehmen, dass
+ein Mensch des Nämlichen dadurch theilhaft werde,
+enthielt eine Lächerlichkeit, und Norbert Hanold
+scheute augenblicklich weit mehr als vor einer
+Todesgefahr davor zurück, sich lächerlich zu machen.
+Desshalb gab er unwillkürlich den Versuch, davonzukommen,
+auf, stand rathlos da und sah
+auf die beiden Füsse, die jetzt, als ob sie etwas
+in eine Ungeduld geriethen, leicht hin und her
+schlenkerten. Und da auch dieser Anblick nicht
+grade so klärend auf seine Gedanken einwirkte,
+dass er einen sprachlichen Ausdruck für sie finden
+konnte, nahm die Besitzerin der zierlichen Füsse
+nochmals das Wort: »Wir wurden vorhin unterbrochen,
+du wolltest mir etwas von Fliegen erzählen
+&ndash; ich dachte mir, dass du hier wissenschaftliche
+Untersuchungen anstelltest &ndash; oder von
+einer Fliege in deinem Kopf. Ist dir's geglückt,
+<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>
+sie auf meiner Hand zu erwischen und umzubringen?«</p>
+
+<p>Das Letzte sagte sie mit einem lächelnden
+Zug um die Lippen, der indess so leicht und
+anmuthig war, dass er nichts Schreckhaftes an
+sich trug. Im Gegentheil verlieh er dem Befragten
+jetzt Sprechfähigkeit, nur mit der Beschränkung,
+dass der junge Archäolog auf einmal nicht wusste,
+welches Pronomens er sich eigentlich bei seiner
+Antwort bedienen solle. Um diesem Dilemma
+zu entkommen, fand er's am besten, überhaupt
+keines anzuwenden, sondern erwiderte: »Ich war
+&ndash; wie Jemand sagte &ndash; etwas verwirrt im Kopf
+und bitte um Verzeihung, dass ich die Hand
+derartig &ndash; wie ich so sinnlos sein konnte, ist
+mir nicht begreiflich &ndash; aber ich bin auch nicht
+im stande, zu begreifen, wie ihre Besitzerin mir
+meine &ndash; meine Unvernunft mit meinem Namen
+vorhalten konnte.«</p>
+
+<p>Die Füsse der Gradiva hielten in ihrer Bewegung
+inne, und sie entgegnete, bei der Anrede
+<ins title="n">in</ins> der zweiten Person verbleibend: »So weit ist
+dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten,
+Norbert Hanold. Wunder nehmen kann's mich
+allerdings nicht, da du mich lange daran gewöhnt
+<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>
+hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, hätte
+ich nicht nach Pompeji zu kommen gebraucht,
+und du hättest sie mir um gut hundert Meilen
+näher bestätigen können.«</p>
+
+<p>»Um hundert Meilen näher« &ndash; wiederholte
+er verständnisslos und halb stotternd &ndash; »wo
+ist das?«</p>
+
+<p>»Deiner Wohnung schräg gegenüber, in dem
+Eckhaus, an meinem Fenster steht ein Käfig mit
+einem Canarienvogel.«</p>
+
+<p>Wie eine Erinnerung aus einer weiten Ferne
+rührte das letzte Wort den Hörer an, der es
+wiederholte: »Ein Canarienvogel&nbsp;&ndash;« und er
+fügte, noch entschiedener stotternd, hinzu: »Der
+&ndash; der singt?«</p>
+
+<p>»Das pflegen sie zu thun, besonders im Frühling,
+wenn die Sonne wieder warm zu scheinen
+anfängt. In dem Haus wohnt mein Vater, der
+Professor der Zoologie Richard Bertgang.«</p>
+
+<p>Norbert Hanold's Augen erweiterten sich zu
+einer noch niemals von ihnen erreichten Grösse.
+Er sprach abermals nach: »Bertgang &ndash; dann
+sind Sie &ndash; sind Sie &ndash; Fräulein Zoë Bertgang?
+Die sah aber doch ganz anders aus&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Die beiden herabhängenden Füsse fingen
+<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a>
+wieder ein wenig an zu schlenkern, und Fräulein
+Zoë Bertgang sprach dazu: »Wenn du die Anrede
+passender zwischen uns findest, kann ich sie ja
+auch anwenden, mir lag nur die andere natürlicher
+auf der Zunge. Ich weiss nicht mehr, ob
+ich früher, als wir täglich freundschaftlich miteinander
+herumliefen, gelegentlich uns zur Abwechslung
+auch knufften und pufften, anders
+ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten
+Jahren einmal mit einem Blick auf mich Acht
+gegeben hätten, wäre Ihren Augen vielleicht aufgegangen,
+dass ich schon seit längerer Zeit so
+aussehe. &ndash; Nein, jetzt schüttet's, wie man bei
+uns sagt, Schusterjungen, da behalten Sie keinen
+trockenen Faden.«</p>
+
+<p>Nicht nur die Füsse der Sprecherin hatten auf
+eine Erneuerung der Ungeduld in ihr oder was
+es sonst sein mochte, hingedeutet, auch in den
+Tonfall ihrer Stimme war ein bischen von lehrhaft
+unmuthiger Anzüglichkeit gerathen und Norbert
+dabei von einem Gefühl überkommen worden,
+dass er Gefahr laufe, etwas in die Rolle eines
+ausgescholtenen und auf den Mund geschlagenen
+grossen Schuljungen zu verfallen. Das liess ihn
+mechanisch noch einmal nach einem Ausweg
+<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a>
+zwischen den Pfeilern suchen, und auf seine Bewegung,
+durch welche er diesen Antrieb kundgegeben,
+hatte sich die letzte, gleichmüthig nachgefügte
+Aeusserung Fräulein Zoë's bezogen. Und
+allerdings in unanfechtbar zutreffender Weise,
+denn für das, was sich jetzt ausserhalb des
+Schutzdaches zutrug, war ›schütten‹ eigentlich eine
+gelinde Bezeichnung. Ein tropischer Wassersturz,
+wie er sich nur selten einmal des sommerlichen
+Durstes der campanischen Gefilde erbarmte, schoss
+senkrecht herunter, rauschte, als ergiesse sich das
+tyrrhenische Meer vom Himmel her auf die Villa
+des Diomedes, und stand andrerseits wie eine
+feste, aus Milliarden nussgrosser und perlenhaft
+blinkender Tropfen zusammengefügte Mauer da.
+Das machte in der That ein Entkommen in die
+freie Luft hinaus zur Unmöglichkeit, zwang Norbert
+Hanold, in der Schulstube des Porticus zu
+verbleiben, und die junge Lehrmeisterin mit dem
+feinen, klugen Gesicht benützte diesen Riegelverschluss
+zu einer noch weiteren Fortsetzung ihrer
+pädagogischen Erörterungen, indem sie nach einer
+kurzen Pause fortfuhr:</p>
+
+<p>»Damals, so bis um die Zeit, in der man
+uns, ich weiss nicht wesshalb, Backfische titulirt,
+<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a>
+hatte ich mir eigentlich eine merkwürdige Anhänglichkeit
+an Sie angewöhnt und glaubte, ich könnte
+nie einen mir angenehmeren Freund auf der
+Welt finden. Mutter und Schwester oder Bruder
+hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche
+in Spiritus bedeutend interessanter als ich,
+und etwas muss man, wozu ich auch ein Mädchen
+rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken
+und was sonst mit ihnen zusammenhängt, beschäftigen
+kann. Das waren also Sie damals;
+doch als die Alterthumswissenschaft über Sie gekommen
+war, machte ich die Entdeckung, dass
+aus dir &ndash; entschuldigen Sie, aber Ihre schickliche
+Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und
+passt auch nicht zu dem, was ich ausdrücken will
+&ndash; ich wollte sagen, da stellte sich heraus, dass
+aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden
+war, der, wenigstens für mich, keine Augen mehr
+im Kopf, keine Zunge mehr im Mund und keine
+Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere
+Kindheitsfreundschaft sitzen geblieben war. Darum
+sah ich wohl anders aus als früher, denn wenn
+ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir zusammenkam,
+noch im letzten Winter einmal, sahst
+du mich nicht, und noch weniger bekam ich deine
+<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a>
+Stimme zu hören, worin übrigens keine Auszeichnung
+für mich lag, weil du's mit allen
+Andern ebenso machtest. Ich war Luft für dich,
+und du warst mit deinem blonden Haarschopf,
+an dem ich dich früher oft gezaust, so langweilig,
+vertrocknet und mundfaul wie ein ausgestopfter
+Kakadu und dabei so grossartig wie ein
+&ndash; Archäopteryx heisst das ausgegrabene vorsintflutliche
+Vogelungethüm ja wohl. Nur dass dein
+Kopf eine ebenfalls so grossartige Phantasie beherbergte,
+hier in Pompeji mich auch für etwas
+Ausgegrabenes und wieder lebendig Gewordenes
+anzusehn &ndash; das hatte ich nicht bei dir vermuthet,
+und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir
+standest, kostete es mich zuerst ziemliche Mühe,
+dahinter zu kommen, was für ein unglaubliches
+Hirngespinnst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet
+hatte. Dann machte mir's Spass und
+gefiel mir auch trotz seiner Tollhäusigkeit nicht so
+übel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir
+nicht vermuthet.«</p>
+
+<p>Damit beendete Fräulein Zoë Bertgang, am
+Schluss im Ausdruck und Ton etwas abgemildert,
+ihre rückhaltlose, ausführliche und lehrreiche
+Strafrede, und merkwürdig in der That war's,
+<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a>
+wie genau sie dabei dem Reliefbildniss der
+Gradiva glich. Nicht nur in den Gesichtszügen,
+der Gestalt, den mit klugem Ausdruck blickenden
+Augen, dem reizvoll gewellten Haar, wie in der
+mehrfach zur Schau gestellten graciösen Gangweise;
+auch ihre Gewandung, Kleid und Kopftuch
+aus einem crêmefarbigen, feinen, viel- und weichfaltigen
+Kaschmirstoff vollendeten die ausserordentliche
+Aehnlichkeit der gesammten Erscheinung.
+Es mochte viel Thorheit in dem Glauben gelegen
+haben, dass eine vor zwei Jahrtausenden vom
+Vesuv verschüttete Pompejanerin zeitweilig wieder
+lebend herumgehen, sprechen, zeichnen und Brod
+essen könne, aber wenn der Glaube selig machte,
+nahm er überall eine erhebliche Summe von
+Unbegreiflichkeiten in den Kauf. Und in Berücksichtigung
+sämmtlicher Umstände lagen unstreitig
+bei der Beurtheilung der Kopfverfassung Norbert
+Hanold's doch einige Milderungsgründe für die
+Verrücktheit vor, dass er zwei Tage lang die
+Gradiva als Rediviva angesehen hatte.</p>
+
+<p>Obwohl er trocken unter dem Porticusdach
+dastand, liess sich doch nicht ganz unzutreffend
+ein Vergleich zwischen ihm und einem begossenen
+Pudel anstellen, dem eben ein voller Wasserkübel
+<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a>
+über den Kopf geschüttet worden. Allein eigentlich
+hatte das kalte Brausebad ihm wohlgethan.
+Ohne recht zu wissen, warum, fühlte er seine
+Brust davon wesentlich zu besserem Athemholen
+erleichtert. Dazu mochte freilich besonders die
+Tonumänderung am Schlusse der Predigt &ndash; denn
+die Rednerin sass wie auf einem Kanzelstuhl &ndash;
+mit beigetragen haben, wenigstens war bei ihr
+zwischen seine Lider ein verklärender Schimmer
+gerathen, wie er aus den Augen andächtig ergriffener
+Kirchenbesucher die erweckte Hoffnung
+auf ein Seligwerden durch den Glauben zum
+Vorschein bringt. Und da die Abkanzlung nun
+überstanden war, ohne dass eine weitere Fortsetzung
+zu befürchten schien, gelang's ihm, vom
+Mund zu bringen: »Ja, nun erkenne ich &ndash; nein,
+im Grunde hast du dich garnicht verändert &ndash;
+du bist es, Zoë &ndash; meine gute, fröhliche, klugsinnige
+Kameradin &ndash; das ist höchst sonderbar&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Dass Jemand erst sterben muss, um lebendig
+zu werden. Aber für die Archäologie ist das
+wohl nothwendig.«</p>
+
+<p>»Nein, ich meine dein Name&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Warum ist der sonderbar?«</p>
+
+<p>Der junge Archäolog erwies sich nicht nur in
+<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
+den klassischen Sprachen, sondern auch in der Etymologie
+der germanischen bewandert und versetzte:
+»Weil Bertgang mit Gradiva gleichbedeutend ist
+und ›die im Schreiten Glänzende‹ bezeichnet.«</p>
+
+<p>Die beiden sandalenähnlichen Schuhe Fräulein
+Zoë Bertgang's erinnerten augenblicklich durch ihre
+Beweglichkeit gradezu an eine ungeduldig wippende,
+auf etwas wartende Bachstelze; doch sprachwissenschaftliche
+Erläuterungen schienen nicht das zu
+sein, worauf die Inhaberin der im Schreiten glänzenden
+Füsse gegenwärtig ihr Augenmerk verwendete.
+Auch durch ihre Miene erregte sie den
+Eindruck, mit irgend einer hurtigen Ausführung
+umzugehen, ward davon indess noch durch einen
+hörbar aus tiefster Ueberzeugung heraufkommenden
+Ausruf Norbert Hanold's abgehalten: »Aber
+welches Glück, das du nicht die Gradiva bist,
+sondern so, wie die sympathische junge Dame!«</p>
+
+<p>Das liess einen Zug wie aufhorchender Verwunderung
+über ihr Gesicht gehen, und sie fragte:
+»Wer ist das? Wen meinst du?«</p>
+
+<p>»Die dich im Haus des Meleager anredete.«</p>
+
+<p>»Kennst du die?«</p>
+
+<p>»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war
+die erste, die mir vortrefflich gefallen hat.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>»So? Wo hast du sie denn gesehen?«</p>
+
+<p>»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da
+thaten die Beiden auch etwas ganz Sonderbares.«</p>
+
+<p>»Was thaten sie denn?«</p>
+
+<p>»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«</p>
+
+<p>»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu
+sind sie sonst in Pompeji auf der Hochzeitsreise?«</p>
+
+<p>Mit einem Schlage veränderte sich bei dem
+letzten Wort vor den Augen Norbert's das bisherige
+Bild, denn der alte Mauerrest lag leer
+geworden da, weil die, welche sich ihn zum Sitz,
+Lehrkatheder und Kanzel auserwählt gehabt, von
+ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich geflogen,
+und zwar ebenfalls mit der eigenartig
+wiegenden Behendigkeit einer sich durch die Luft
+davonschwingenden Bachstelze, so dass sie schon
+wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick
+ihren Niederflug mit Bewusstsein aufgefasst hatte.
+Und wie unmittelbar im Sprechen fortfahrend,
+sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge
+Herren regieren nicht lange. Das ist ja
+auch vernünftig, und so ist Alles wieder zur
+Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und
+du kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen
+<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a>
+Namen sie trägt, wieder aufsuchen, um ihr bei
+dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji wissenschaftlich
+behülflich zu sein. Ich muss jetzt in
+den Albergo del Sole, denn mein Vater wird
+schon zum Mittagessen auf mich warten. Vielleicht
+treffen wir uns in einer Gesellschaft in
+Deutschland oder auf dem Mond noch einmal
+wieder. Addio.«</p>
+
+<p>Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus
+artigen, doch auch ebenso gleichmüthigen Ton
+einer jungen Dame von bester Erziehung und
+stellte, den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch
+die Sohle des rechten beinah senkrecht zum Weitergange
+auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des
+draussen stark durchnässten Bodens mit der
+linken Hand ihr Kleid ein wenig in die Höh
+raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet,
+und der auf kaum mehr als doppelte Armlänge
+von ihr entfernt Stehende nahm nur zum erstenmal
+eine ganz geringfügige Abweichung der
+lebendigen von der steinernen gewahr. Dieser
+fehlte etwas, das jene besass, und das augenblicklich
+besonders deutlich an ihr zu Tage trat,
+ein kleines Grübchen auf der Wange, darin sich
+ein winziger, nicht bestimmbarer Vorgang zutrug.
+<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>
+Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt,
+konnte damit einen Verdruss oder auch einen
+verhaltenen inneren Lachreiz, möglicherweise
+beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen.
+Darauf sah Norbert Hanold hin, und obwohl er
+nach dem ihm eben ausgestellten Zeugniss wieder
+völlig zur Vernunft gelangt war, mussten
+seine Augen doch nochmals einer optischen
+Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit einem
+eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden
+Ton aus: »Da sitzt die Fliege wieder!«</p>
+
+<p>So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen
+Hörerin, die sich nicht selbst anzusehen
+vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die
+Fliege &ndash; wo?«</p>
+
+<p>»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang
+der Antwortende plötzlich einen Arm um ihren
+Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm
+so tief verabscheuten Insekt, das die Vision seinem
+Blick in dem Grübchen vorgaukelte, mit den Lippen.
+Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich danach
+rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf
+der Lippe!«, und damit wendete er blitzgeschwind
+seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber so
+lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber
+<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>
+bleiben konnte, er gelange zur vollkommensten
+Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise
+behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal
+durch nichts dabei, und als ihr Mund nach
+Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal
+genöthigt sah, tief nach Athem zu ringen, sagte
+sie, zur Sprachfähigkeit zurückversetzt, nicht: »Du
+bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« vielmehr
+liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich
+stärker als zuvor gerötheten Lippen erkennen,
+sie sei eher noch mehr von der vollständigen
+Gesundung seiner Vernunft überzeugt
+worden.</p>
+
+<p>Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden
+in einer bösen Stunde sehr Schauerliches
+gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm
+und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur
+Dinge, die sich nicht im allergeringsten zur Einflössung
+eines Grausens eigneten. Dann jedoch
+machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang
+eine verständige Besinnung geltend, und in Folge
+davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und
+Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich <em class="gesperrt">wirklich</em>
+gehen, sonst verhungert mein armer Vater.
+Mich däucht, du kannst heute auf die Mittagsgesellschaft
+<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>
+Gisa Hartleben's verzichten, da du
+nichts mehr von ihr zu lernen hast, und nimmst
+am besten mit in der Sonnenwirthschaft vorlieb.«</p>
+
+<p>Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das
+während der Stunde unter vielem Anderm mit
+zur Rede gekommen sein musste, denn es wies
+auf eine hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert
+von der genannten jungen Dame zu Theil geworden.
+Doch fasste er aus den mahnenden
+Worten nicht dies auf, sondern etwas zum erstenmal
+ihm erschreckend ins Bewusstwerden Kommendes,
+das sich durch die Wiederholung kundgab:
+»Dein Vater &ndash; was wird der&nbsp;&ndash;?«</p>
+
+<p>Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein
+Anzeichen in ihr dadurch erweckter Beunruhigung,
+ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, <ins title="in">ich</ins> bin kein
+unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung;
+wär' ich das, hätte sich mein Herz vielleicht
+nicht so unklug an dich gehängt. Im
+Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber
+klar gewesen, dass ein Frauenzimmer auf der
+Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann
+die Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause
+geschehen soll; die erspare ich meinem Vater
+fast stets, und du kannst nach dieser Richtung
+<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a>
+also auch für deine Zukunft ziemlich beruhigt
+sein. Sollte er jedoch zufällig einmal und grade
+in diesem Fall eine andere Meinung haben als
+ich, da machen wir's so einfach wie möglich.
+Du fährst für ein paar Tage nach Capri hinüber,
+fängst dort mit einer Grasschlinge &ndash; wie man's
+macht, kannst du an meinem kleinen Finger einüben
+&ndash; eine Lacerta faraglionensis, lässt sie hier
+wieder laufen und fängst sie vor seinen Augen
+noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl
+frei zwischen ihr und mir, und du hast mich so
+sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut.
+Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut',
+hab' ich mich bisher undankbar verhalten, denn
+ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung wäre
+ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager
+gekommen, und das wäre doch schade gewesen,
+nicht nur für dich, sondern auch für mich.«</p>
+
+<p>Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb
+der Villa des Diomedes Ausdruck, und leider
+war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden,
+der über die Stimme und Sprechweise der Gradiva
+irgend welche Angaben machen konnte. Doch
+wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang
+ebenso wie alles Sonstige geglichen hatten,
+<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a>
+mussten sie einen ganz ungewöhnlich schönen
+und schalkhaften Reiz besessen haben.</p>
+
+<p>Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so
+stark überkommen, dass er, ein wenig zu poetischem
+Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë,
+du liebes Leben und liebliche Gegenwart
+&ndash; unsere Hochzeitsreise machen wir nach Italien und
+Pompeji!«</p>
+
+<p>Das bildete einen entschiedenen Beleg für die
+Erfahrung, wie sehr veränderte Umstände auch
+eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen
+und zugleich eine Gedächtnissschwächung
+damit verbinden können. Denn es kam ihm gar nicht
+in den Sinn, dass er sich und seine Begleiterin
+auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen
+werde, von misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen
+die Namen August und Grete zu
+empfangen; aber er dachte daran augenblicklich
+so wenig, wie dass sie Hand in Hand mit einander
+durch die alte Gräberstrasse von Pompeji
+dahingingen. Freilich drängte diese sich auch
+gegenwärtig der Empfindung nicht mehr als solche
+auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte
+wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes
+Teppichgewirk auf die alten Lavaplatten, der
+<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a>
+Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und
+die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit
+Bimssteinen und Asche, von dem wohlthätigen
+Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet.
+Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in
+den Augen der jungen Zoologentochter, doch ihre
+klugen Lippen entgegneten auf den kundgegebenen
+Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls
+aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes:
+»Darüber, denke ich, wollen wir
+uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine
+Sache, die wohl besser von uns Beiden erst noch
+öfter in reiflichere Erwägung gezogen und künftigen
+Eingebungen überlassen wird. Ich fühle
+mich wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung
+jetzt doch noch nicht völlig lebendig
+genug.«</p>
+
+<p>Das zeugte auch von einer der Sprecherin
+innewohnenden grossen Bescheidenheit hinsichtlich
+der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in Dinge,
+über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte.
+Sie waren an das Herculesthor zurückgelangt, wo
+am Anfang der Strada Consolare alte Trittsteine
+die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt
+vor ihnen an und sagte mit einem eigenthümlichen
+<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>
+Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier vorauf!«
+Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte
+den Mund seiner Begleiterin, und mit der Linken
+das Kleid ein wenig raffend, schritt die Gradiva
+rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft
+dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden
+Gangart durch den Sonnenglanz über
+die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 30px;">
+<img src="images/doodad2.png" width="30" height="48" alt=""/>
+</div>
+
+<div class="page-break" style="width: 16em; min-height: 127px; margin: 8em auto;"><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a>
+<img src="images/rose.png" width="60" height="127" alt="" style="float:left;"/>
+<p class="center">* Druck von *<br/>
+Kamm &amp; Seemann<br/>
+* in Leipzig. *</p>
+</div>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_1">Seite 1</a>:<br/><span class="correction">andrerseit sindess</span> augenscheinlich keine Frau,<br/><span class="correction">andrerseits indess</span> augenscheinlich keine Frau,</li>
+<li><a href="#Page_10">Seite 10</a>:<br/>Doch auch hier machten <span class="correction">zumeisf</span> lange<br/>Doch auch hier machten <span class="correction">zumeist</span> lange</li>
+<li><a href="#Page_12">Seite 12</a>:<br/>Schwefeldunst in der Luft, ohne <span class="correction">davo nam</span> Athmen<br/>Schwefeldunst in der Luft, ohne <span class="correction">davon am</span> Athmen</li>
+<li><a href="#Page_17">Seite 17</a>:<br/>ihre Gangart ins <span class="correction">Gedächtnis</span> zurückzurufen.<br/>ihre Gangart ins <span class="correction">Gedächtniss</span> zurückzurufen.</li>
+<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/>atria, <span class="correction">peristyla</span> und tablina ihre vollsten Strahlengarben<br/>atria, <span class="correction">peristylia</span> und tablina ihre vollsten Strahlengarben</li>
+<li><a href="#Page_53">Seite 53</a>:<br/>di <span class="correction">Mercurio,</span> durchschnitt die breitere, zur Rechten<br/>di <span class="correction">Mercurio</span> durchschnitt die breitere, zur Rechten</li>
+<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br/>sondern einem leicht ins <span class="correction">Gebliche</span> fallenden warmen<br/>sondern einem leicht ins <span class="correction">Gelbliche</span> fallenden warmen</li>
+<li><a href="#Page_72">Seite 72</a>:<br/>dem ersten besten Wege <span class="correction">zielloss</span> davongewandert,<br/>dem ersten besten Wege <span class="correction">ziellos</span> davongewandert,</li>
+<li><a href="#Page_75">Seite 75</a>:<br/>sich leicht <span class="correction">hierin</span> und dorthin verneigend, einen<br/>sich leicht <span class="correction">hierhin</span> und dorthin verneigend, einen</li>
+<li><a href="#Page_80">Seite 80</a>:<br/><span class="correction">dass</span> zugleich todt und lebendig, wenn auch dies<br/><span class="correction">das</span> zugleich todt und lebendig, wenn auch dies</li>
+<li><a href="#Page_89">Seite 89</a>:<br/><span class="correction">So</span> habe ich mir dein Bild benannt, da ich<br/><span class="correction">»So</span> habe ich mir dein Bild benannt, da ich</li>
+<li><a href="#Page_97">Seite 97</a>:<br/>Ostende der <span class="correction">langestreckten</span> alten Stadtmauer; in<br/>Ostende der <span class="correction">langgestreckten</span> alten Stadtmauer; in</li>
+<li><a href="#Page_104">Seite 104</a>:<br/>eine absondere <span class="correction">Bewandniss</span> haben, denn ihr Duft<br/>eine absondere <span class="correction">Bewandtniss</span> haben, denn ihr Duft</li>
+<li><a href="#Page_106">Seite 106</a>:<br/>logisch, auch ebenso <span class="correction">wünschenwerth</span> geltend. Nur<br/>logisch, auch ebenso <span class="correction">wünschenswerth</span> geltend. Nur</li>
+<li><a href="#Page_118">Seite 118</a>:<br/>Jahre in der <span class="correction">Bimsteinasche</span> gelegen, enthielt im<br/>Jahre in der <span class="correction">Bimssteinasche</span> gelegen, enthielt im</li>
+<li><a href="#Page_128">Seite 128</a>:<br/>Untergang Pompejis in sich. Eine <span class="correction">Wirniss</span> weitläufiger<br/>Untergang Pompejis in sich. Eine <span class="correction">Wirrniss</span> weitläufiger</li>
+<li><a href="#Page_134">Seite 134</a>:<br/><span class="correction">n</span> der zweiten Person verbleibend: »So weit ist<br/><span class="correction">in</span> der zweiten Person verbleibend: »So weit ist</li>
+<li><a href="#Page_147">Seite 147</a>:<br/>ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, <span class="correction">in</span> bin kein<br/>ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, <span class="correction">ich</span> bin kein</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Gradiva, by Wilhelm Jensen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRADIVA ***
+
+***** This file should be named 36275-h.htm or 36275-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/6/2/7/36275/
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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