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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:21 -0700 |
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Wie durch einen Schleier gewahrte man +die nächsten Gegenstände, kahle Baumstümpfe +verkümmerter Weiden, Rasenflecke des Feldrains, +und Telegraphenstangen. Sie folgten sich in regelmässigen +Abständen wie Schildwachen einer ungezählten +einzingelnden Armee, die man nicht sah, +die da im Nebel lauerte, wo er sich zu verdicken +schien, braun wurde, mit schwarzen Ausströmungen, +<pb n='2'/><anchor id='Pgp002'/>die sehr lange Linien durch die Luft zogen und +hängen blieben. Sie brachten einen faden Gasgeschmack +in die scharfe Kälte, den Moorgeruch +der aufgeweichten Felder. Seit Wochen durchschwemmte +sie der Regen, unbarmherziges, Alles +durchdringendes Gewässer, in dem die letzten +Lebensreste des Sommers sich auflösten, verfaulten.... +Irgendwo da – sehr weit ab noch +– vor ihnen lag die Stadt. Manchmal hörte man +Eisenbahnzüge kreischen; sie glitten rasch auf +rohaufgeworfenen Dämmen mit Alarmrufen der +Schiffe auf hoher See in der Nacht. Die Stille +und der Nebel herrschten wieder, eine unheimliche, +lastende Stille, hinter der das überreizte Ohr +Lärm zu vernehmen glaubte – des Meers, oder +einer Schlacht. Ein heissrer Athem streifte von da +zuweilen: Menagerie, Küchengeruch, Schweiss, – +diese undefinierbare Atmosphäre, die die Nähe +einer grossen Stadt anzeigt, einer jener gewaltigen, +überquälten Lungen des zusammengepressten +Menschheitsorganismus, wo die natürliche Luft +nicht genügt, verbraucht lasten bleibt, in einem +Nebel, der nicht weggeht, sich erhitzt am Abend +von Millionen Lichtern, neu aufsteigt jeden Morgen +aus athmenden Brüsten. +</p> + +<pb n='3'/><anchor id='Pgp003'/> + +<p> +Lachen hatten sich auf der Chaussee gebildet. +Ihre ganze Oberschicht bestand aus einem weichen, +feinen Schmutz, der sich teigig an die Stiefel ansetzte, +sofort krustete; und vor allem war er +kalt, von einer Kälte des Eiswassers, unterer +Schichten unter dem Wasser, die nie die Sonne +sahen. Er trug sich schwer; auf der Höhe des +Strassendammes zog er sich endlos hin, kleine +Teiche bildend, Runzeln und Ränder, die Spuren +unzähliger Menschenfüsse, Pferdehufe, die da gegangen +waren. +</p> + +<p> +Manchmal schleppte sich ein Lastwagen müde +vorüber. Die Räder knatterten auf dem harten +Kiesgrund unter der Kothschicht. Langsam, von +oben bis unten mit Schmutzkrusten bedeckt, schritten +die Pferde. Unter seiner gelben Plancapotte liess +der Fuhrmann misstönige Laute des Unbehagens +vernehmen. An solchen Tagen trinkt man. Er +hatte Eile anzukommen, sich von Neuem zu füllen +mit Warmem, das von innen hitzt, die Traurigkeit +wegnahm, die sich in grauer Schicht aus diesem +sonnenlosen Abendhimmel herabsenkte. Auch +raschere Gefährte rollten vorüber, Bäcker- oder +Fleischerwagen aus den Vororten mit warmgekleideten, +wohlgenährten Insassen. Jetzt liessen +<pb n='4'/><anchor id='Pgp004'/>sie die Gäule ausgreifen, um nach Hause zu +kommen, knallten mit der Peitsche im Vorgefühl +der Heimathfreude, warmer Oefen und wohlbesetzter +Abendbrottische. +</p> + +<p> +Arbeiter sah man nicht mehr. Sie hatten +früher Feierabend gemacht wegen des Festes, und +es wurde spät. Da und dort an den Bahnkörpern +entzündeten sich Lichter. Sie konnten nicht ankämpfen +und blieben wie blasse Wasserflecken in +dem Nebel, der sich nur zusammenballte, dunkel +wurde, vom Weissgrau des sonnenlosen Tages +zum Schwarz der Winternacht, die da über die +Felder herbeikam, Alles verschlingend, einpackend, +bis auf die Chaussee, die sich hinzog ohne Bäume, +ein endloser Landstreifen durch die Oede. +</p> + +<p> +Zwei Handwerksburschen zogen auf der Chaussee +entlang. Es waren Arbeitslose. Der Eine war ein +Böttchergesell aus Greifenberg in Pommern, der +Andere zog schon seit lange so. Er hatte Drechseln +gelernt. Aber das Handwerk warf nichts ab; vielleicht +war ihm auch nach und nach die Gewohnheit +der regelmässigen Arbeit verloren gegangen. +Er war der bedeutend Aeltere. Die Beiden hatten +sich in der Herberge zur Heimath in Bernau kennen +gelernt und zogen nun auf Berlin zu, die grosse +<pb n='5'/><anchor id='Pgp005'/>Metropole der Arbeit und des Verdienstes, um da +ihr Glück zu versuchen. +</p> + +<p> +Der Jüngere war ängstlich; dennoch voll guter +Hoffnungen. Er begriff es nicht, dass ein Mensch, +der arbeitsam und mässig war, arbeiten wollte, +keine Arbeit finden sollte. Er glaubte an ein +vorübergehendes Missgeschick. Berlin sollte ihm +Glück bringen, obwohl es ihm Furcht einflösste. +</p> + +<p> +Er war ein Junge, der zu Hause aus ganz +kleinen, aber geordneten Verhältnissen kam. Sein +Vater war beim Torfstechen ertrunken. Er hatte +für die Mutter und drei kleine Geschwister mitsorgen +müssen; alles das hielt sich über Wasser, +lebte sehr respektabel. Er war ein Kind geblieben, +mit runden, erstaunten Augen, die vergebens +den Nebel zu durchforschen schienen, etwas +ängstlich vor dem Gefährten an seiner Seite, aber +doch gefügig gegenüber dessen grösserer Welterfahrung, +beeindruckt vom Cynismus seiner Reden +und Handlungen. +</p> + +<p> +Der war ein ziemlich wüster Gesell, der durch +die halbe Welt gerollt war. Man wusste nicht, +woher er kam, und er sprach nicht davon. Seine +Papiere wiesen allerlei Bestrafungen auf, für Diebstähle, +Widersetzlichkeiten. Das hatte ihn nicht +<pb n='6'/><anchor id='Pgp006'/>gebrochen. Es lag Hohn und Trotz gegen die +Gesellschaft in seiner Art, das Bewusstsein eines +Ichs, der Kraft, in diesem Menschen, der mit +klaffenden Schuhen über die Landstrasse stapfte, +Hass gegen die Kälte, der er den Alkohol entgegensetzte, +den brennenden Rausch, der besser +hitzt wie Feuer. +</p> + +<p> +Ein gewisser Galgenhumor kam über ihn, +während sein Gefährte ängstlich in seine blaugefrornen +Finger pustete, die besten Stellen im +Matsch aussuchte, um seine Füsse zu schonen, +vor allem die Schuhe, die trotzdem schon barsten, +Wasser einliessen, das sickerte, quietschte zwischen +den Sohlen. +</p> + +<p> +Der Kumpan sah es mit gutmüthigem Spott: +„Gieb’s nur auf, kleiner Richard! Das nützt Dir +nichts. Das frisst sich durch Pelz und Wolle, +um so mehr durch Lumpen und Löcher. Dagegen +giebt’s nur eins!“ +</p> + +<p> +Er bot dem Andern die Flasche, die der ängstlich +zurückwies. So leerte er sie selbst auf einen +Zug. +</p> + +<p> +„Das giebt wenigstens Muck! Das ist die +einzige vernünftige Erfindung in diesem elenden +Hundedasein. Sie sagen, der Teufel hat sie +ge<pb n='7'/><anchor id='Pgp007'/>macht. Mich dünkt, der Teufel, das ist der einzige +wahre Heilige in der ganzen Muschpoke. +Er ist mein Schutzpatron. Es lebe der heilige +Satanas!“ +</p> + +<p> +Der Kleine sah sich scheu um, ob Jemand +die Lästrung hörte. Er war fromm erzogen, gewohnt +in die Kirche zu gehen des Sonntags. Die +Mutter sass da und die andern alten Weiber in +schwarzen, gehäkelten Kopftüchern mit dem goldbedruckten +Gesangbuch. – Es war hart, dass +man keine Arbeit fand. Aber er vertraute auf +Gott. Und Berlin war nah, wo Tausende arbeiteten +und assen. Sehr müde war er und <anchor id="corr007"/><corr sic="wei">weit</corr> +konnte es nicht mehr sein. +</p> + +<p> +Es war, als ob Fritz Kuhlemann seine Gedanken +errieth: „Ja, das ist fein, nach Hause zu +kommen, wenn Einem die Olle schon in der Thür +entgegenläuft! Der Junge hängt sich uns an den +Rock. Auf dem Tisch dampft ein guter Happenpappen. +Die Stube ist schon abgeschlossen, weil +da der Christbaum steht. – So gut wird’s uns +nicht bei meinem Freund Matzke. Eine fidele +Bude, und Mädels auch die schwere Menge! Ich +möchte wissen, ob die rothe Lene noch da ist?“ ... +Er vertiefte sich in diese Erinnerungen, Saufgelage, +<pb n='8'/><anchor id='Pgp008'/>Prügeleien, Dirnen,... während der Andre neben +ihm hertrottete. Er war sehr müde. Er hätte am +liebsten geweint, aber er schämte sich. +</p> + +<p> +„Du bist auch noch so ein Grüner. Dich +werden sie schon erst hochnehmen! Wenn Du +denkst, mit Gottvertrauen und Dummheit kommt +man durch die Welt! Das ist gut für die, die +mit einem silbernen Löffel im Munde geboren +sind. Unsereiner, wenn der nicht eine Nase zehnmal +so fein hat und Krallen zehnmal so lang, – +dann kannst Du Dich man gleich am nächsten +Laternenpfosten aufhängen lassen. Da drinne, da +verstehen sie’s! Ist schon Mancher wie die reine +Unschuld vom Lande eingewandert. Und wie er +wieder rausgekommen ist! Per Schub mit zwei +Gensdarmen neben sich. Auf Sonnenburg zu, oder +Plötzensee. Ich kannte Einen, den haben sie gehetzt +wie das liebe Vieh. In den Weiden und +Binsen unten bei Tegel. Jede Nacht die Jagd +und den ganzen Tag lang. Ob das noch ein +Mensch ist! – Todtgeschlagen hatte er Einen. +Todtschlagen – das ist auch dumm. Alles todtschlagen, +kurz und klein! Dann wär’s noch was.“ +</p> + +<p> +Nun ermannte sich der Andre. „Es giebt doch +aber auch noch gute Menschen auf der Welt.“ +</p> + +<pb n='9'/><anchor id='Pgp009'/> + +<p> +„Hast Du je Einen gesehn, dem’s auch gut +gegangen ist dabei? Die Schlechten, die kommen +auf, die sind hoch. Verfluchte Schweinerei!“ +</p> + +<p> +„Man kann’s. Wenn man ehrlich ist und +arbeitet.“ +</p> + +<p> +„Versuch’s doch! Geh hin! Biete Deine Arbeit +an. Lauf rum! Verkauf Dich für vier Groschen +den Tag. Sieh doch, ob Dich Einer nimmt! En +Vieh und en Esel. – Aber ein Stück Mensch! +Und dann fallen Einem die Lumpen immer mehr +vom Leib. Der Schutzmann hält die Augen drauf. +Und wenn Du mal auf einer Bank, unter der +Brücke einschläfst, hat er Dich am Kragen. Dann +geht’s auf die Wache. Na, und wenn die erst +ihren Stempel draufgesetzt haben! Die grosse +Klappe – oder der Strick vorher und das stille +Wasser!“ +</p> + +<p> +Der Andre war dem Weinen sehr nahe. Es +war die grosse Müdigkeit und die Aufregung vor +dieser Stadt, die sich näherte, wie das Verhängniss, +unsichtbar, in dem Nebel, der immer dicker +wurde. Ein Wagen, der vorüberfuhr, eine Equipage +oder geschlossene Droschke, bespritzte sie +von oben bis unten. +</p> + +<p> +Kuhlemann sprang mit einem Fluch zur Seite: +<pb n='10'/><anchor id='Pgp010'/>„Verdammte Protzenbande! Ich gönnt’s Euch! Ich +gönnt’s Euch! Frisst sich satt von unserm Mark +und Knochen. Sauft sich voll von unserm Blut, +bis sie besoffen sind und speien!“ +</p> + +<p> +Sie waren jetzt in der Gegend der Fabriken. +Von beiden Seiten reihten sich dunkle, niedrige +Schuppen um gemauerte Schlote, mit Latten eingezingelte +Höfe. Man sah die schwarzen Eisenconstructionen +zum Heben, die achatne Spiegelung +der Fensterscheiben, ungeheure, stumpfe Massen +aufgeschichteten Materials, die warteten, sich zersetzten. +Aber Alles lag ganz still wegen des +Festes, Alles war sehr schwarz. Der Kohlengeruch +wurde bemerkbarer. Auf ihren Schienensträngen +eilten die Züge der Vororte mit roten +und grünen Lichtern, wie grosse Schlangen mit +Augen, in die schweigende Ebene ausgeschickt. +</p> + +<p> +Der kleine Richard war vollkommen kaput. +„Ach mein Gott!“ schluchzte er auf. „Mein Gott!“ +</p> + +<p> +„An den glaubst Du auch noch?“ Die Nachwirkung +des Schnapses begann sich bei Fritz +Kuhlemann zu äussern. Er sah roth jetzt und +schrie mit erhobner Stimme: „Die olle Finte, die +uns die Pfaffen aufgebunden haben, damit wir +kuschen und nicht Muck sagen! Ich sage Dir, +<pb n='11'/><anchor id='Pgp011'/>wenn’s den giebt da oben, dann kann er sich +begraben lassen für das, was er gemacht hat. +Ich lach’ ihm in’s Gesicht. Ich schlag’ ihm die +Faust in’s Gesicht für sein feines Zauberkunststück +hier!“ +</p> + +<p> +Die Lästrung verhallte in der Dunkelheit, die +sich nicht rührte. Ein Wind schien sich erhoben +zu haben, strich mit schriller Klage über die +Telegraphendrähte, durch die Löcher der Jacke, in +der der Kleine sich zusammendrückte. Alles blieb +so, die schwarzen Fabrikgebäude, die Dunkelheit, +die Kälte.... Und in der Ferne das Verhängniss, +das anzog, sich näherte, etwas Schwarzes, Compactes, +mit Augen ... Berlin, die Grossstadt. +</p> + +<p> +„Guten Abend!“ sagte eine Stimme neben +ihnen. +</p> + +<p> +Jemand musste an ihrer Seite heraufgekommen +sein. Er war wohl von rückwärts nahe gekommen. +Sie hatten ihn nicht gehört, weil der weiche Schmutz +alle Schritte erstickte. Und es war finster. +</p> + +<p> +Sie sahen, dass es ein Mann war. Er mochte +in ihrer eigenen Grösse sein, nicht über Mittelgrösse. +Er trug die Tracht eines Arbeiters, nicht +gut und nicht schlecht, die eines Mannes, der +Arbeit gethan hat und weit gewandert ist. +</p> + +<pb n='12'/><anchor id='Pgp012'/> + +<p> +„Guten Abend!“ sagte der Fremde noch +einmal. +</p> + +<p> +Er sagte es mit einer ruhigen, sehr angenehmen +Stimme, die aus dem Nebel zu kommen +schien. Etwas von Traurigkeit und Entfernung +lag in dem Klang der Stimme. +</p> + +<p> +„Guten Abend!“ sagte der kleine Richard. +</p> + +<p> +Fritz Kuhlemann brummte widerwillig seinen +Gruss. +</p> + +<p> +Der Fremde war an ihrer Seite geblieben. Er +ging denselben Schritt wie sie. Nur war es dem +Kleinen, als ob der Wind ihn jetzt nicht so träfe. +Er empfand das angenehm. +</p> + +<p> +„Es ist spät,“ sagte der Fremde. „Und es ist +kalt hier aussen.“ +</p> + +<p> +„Das ist nun nicht gerade etwas Neues, was +Du uns sagst,“ höhnte Fritz Kuhlemann. „Wenn +Du eine Pulle in Deiner Tasche hast und etwas +Warmes drin, thätest Du uns einen grösseren Gefallen, +wenn Du uns theilen liessest.“ +</p> + +<p> +„Ich habe keinen Wein und keinen Branntwein,“ +sagte der Fremde. „Ich komme von weit. +Und es ist spät.“ +</p> + +<p> +„Sehr spät, um den Christbaum zu schmücken +und den Aufbau fertig zu stellen. Aber vielleicht +<pb n='13'/><anchor id='Pgp013'/>sind Sie hier herum Hausbesitzer oder haben eine +Villa gemiethet und die liebe Familie erwartet +Sie?“ +</p> + +<p> +„Ich habe kein Haus.“ +</p> + +<p> +„Dann würde ich Dir rathen, Freund, dass +Du Dir Geld in die Tasche thust. Denn umsonst +giebt’s hier nichts auf dieser faulen Welt. Und +zumal in Berlin, wohin wir unsre Schritte jetzt +lenken. Mein Freund Matzke kann sehr eklig +werden gegen flaue Kunden. Also, Freundchen, +wenn Deine Tasche wohlgefüllt ist, öffne sie und +spendire Deinen guten Freunden, die im Dalles +sind, in der That nicht wissen, wo sie ihr Haupt +niederlegen sollen.“ +</p> + +<p> +„Ich habe kein Geld Dir zu geben,“ sagte +der Fremde. Er sagte es traurig, mit seiner +sanften, klingenden Stimme, die von sehr weit +herzukommen schien. +</p> + +<p> +Der Rothe lachte: „Du bist ein famoser Bruder, +das muss ich sagen! Schleichst hier auf nächtlichen +Wegen und schlängelst Dich an andre Leute +ran. Denkst Du, wir können einen Zaungast +brauchen? Lass doch mal sehen, wie Du aussiehst +bei dieser noblen Beleuchtung!“ +</p> + +<p> +Die kleine Laterne eines Zimmerhofs warf einen +<pb n='14'/><anchor id='Pgp014'/>zweifelhaften Schein. Der rohe Bursche drehte den +Fremden um. Er stiess ihm die Schulter gegen +den Lichtfleck. +</p> + +<p> +Er sah ein blasses Gesicht. Ein bescheidner +Bart umrahmte den unteren Theil. Es war das +Gesicht eines Mannes von etwa zweiunddreissig +Jahren. Der Fremde hatte seltsame Augen und +sah ihn ernsthaft und traurig an. +</p> + +<p> +„Lass doch den Mann!“ sagte der kleine +Richard müde. +</p> + +<p> +Selbst der Rothe war betroffen. „Teufel auch!“ +knurrte er in den Bart. „Wo hab’ ich das Gesicht +schon gesehen? Du bist ein seltsamer Heiliger, +Du!... So eine Sorte Wanderprediger wohl? Ich +habe mal Einen gekannt. Er war mit uns in der +Herberge. Des Abends las er seine Bibel. Er that +das alle Abend. Er sah dabei aus wie Du. Er +sagte nichts.“ +</p> + +<p> +Der Fremde sagte auch nichts. +</p> + +<p> +... „Er hat mir den Fuss kurirt und eingewickelt. +Ich wusste, wo er sein Geld hatte. Ich +hab’s ihm gelassen.“ +</p> + +<p> +Das Gesicht des Fremden schien berauschend +auf ihn zu wirken. Er verwirrte sich in wilden +Erinnerungen.... „Ein Mädchen ... Ich drängte +<pb n='15'/><anchor id='Pgp015'/>sie gegen das Thor. Was hatte die dumme Liese +sich anzustellen? Sie war doch genau wie die +Andern. Hexe! – Weibervolk, die sind Alle +nichts wert. +</p> + +<p> +„... In ihrer Karosse sah ich sie mal. Eine +vornehme Dame. O sehr vornehm! Vornehmer +wie eine Prinzessin. Sie sass in ihrer Karosse +und wartete. Ich wollte sie ermorden. Weil ich +hungrig war und kein Bett hatte. Sie war reich +und sass im Wagen. Sie sah mich an. – Ich +fasste an den Hut und schlich mich fort. ... +Nachher brachte mir der Diener ein Goldstück. +Das warf ich ihm nach in den Dreck gegen seine +unverschämten Kalbswaden. +</p> + +<p> +„... Weisst Du, wo ich herkomme? In der +Gosse haben sie mich gefunden <anchor id="corr015"/><corr sic="neber">neben</corr> einer todten +Katze und einem Kohlstrunk. Meine Eltern wollten +nichts wissen von der Rabenbrut. Dann haben +sie mich so rumgestossen. Die hohe Polizei! Das +ist eine zarte Nährmutter. Glaube mir, Bruder, +es ist eine lustige Welt! Man muss sie nur lustig +zu nehmen wissen.“ +</p> + +<p> +Er lachte roh auf. Der kleine Richard zitterte +vor Kälte. Er fühlte glühende Zangen in seinen +Eingeweiden. Seine Zähne schlugen aufeinander. +</p> + +<pb n='16'/><anchor id='Pgp016'/> + +<p> +„Nimm diesen Mantel,“ sagte der Fremde +freundlich. +</p> + +<p> +Es war ein alter, fadenscheiniger Ueberzieher, +wie ihn arme Leute tragen, auch zu dünn für den +Winter. Der Junge wickelte sich mechanisch gehorchend +hinein. Er fühlte die Hand des Fremden, +die glättete, um ihn streichelte. Eine Art magnetischer +Beruhigung ging von ihr aus. Es erinnerte +ihn an die Berührung seiner Mutter. „Aber Du?“ +fragte er wie betäubt. +</p> + +<p> +„Ich friere nicht,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +„Dann musst Du von seltsamem Stoff gemacht +sein,“ bemerkte Kuhlemann. „Dies verfluchte Wetter +macht Einem die Blutstropfen im Leibe gefrieren.“ +</p> + +<p> +In der That war es jetzt ganz empfindlich +kalt. Der Wind pfiff mit scharfem Eishauch. Unter +seinem Mantel glühte der Junge. Er wusste nicht +mehr, wo er war. Er phantasirte. +</p> + +<p> +Er war bei sich zu Hause. In der kleinen +Küche war es stickend warm. Solch’ eine fröhliche +Wärme! Der ganze Heerd glühte, rothglühend +mit hüpfenden, spritzenden Lichtern, obgleich es +dunkel war, um Petroleum zu sparen. Aus dem +Suppentopf stiegen weisse, nahrhafte Wolken. Ein +Duft von Aepfeln kam aus der Röhre; man hörte ihre +<pb n='17'/><anchor id='Pgp017'/>feinen, braunen Häute britzelnd zerspringen.... +Er war da. Er war ein Knabe, er hielt die +kleine Schwester auf den Knieen. Er fühlte deutlich +den warmen, pulsenden Körper. Das Kind +hatte die Aermchen um seinen Hals gelegt. Sie +warteten auf die Mutter. Er erzählte ihr von +Weihnachten. +</p> + +<p> +Von einem alten Mann mit weissem Bart erzählte +er ihr. Er trug einen grossen Sack mit +Aepfeln und Nüssen über der Schulter. Er hatte +ein rothes, freundliches Gesicht, und eine Birkenruthe +hielt er in der Hand. Wenn man seine +Sprüche nicht wusste, gab es Schläge. <hi rend='gesperrt'>Sie</hi> waren +gute Kinder, sie konnten ihre Sprüche. Das kleine +Mädchen hatte die Hände gefaltet und wiederholte +sie mit halblauter Stimme. Die ganze Geschichte, +die freundliche Lehrerin in der Kleinkinderschule +hatte sie ihr vorgesprochen. Der grosse Bruder, +der schon klug war und lesen konnte, half ein: +</p> + +<p> +„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot +vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt +geschätzet würde. +</p> + +<p> +„Und diese Schatzung war die allererste und +geschah zur Zeit, da Cyrenius Landpfleger in +Syrien war. +</p> + +<pb n='18'/><anchor id='Pgp018'/> + +<p> +„Und Jedermann ging, dass er sich schätzen +liesse, ein Jeglicher in seine Stadt. +</p> + +<p> +„Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, +aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur +Stadt Davids, die da heisst Bethlehem, darum, +dass er vom Hause und Geschlechte Davids war. +</p> + +<p> +„Auf dass er sich schätzen liesse mit Maria, +seinem vertrauten Weib, die war schwanger. +</p> + +<p> +„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte +ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, +denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ +</p> + +<p> +„... Denn sie hatten sonst keinen Raum in +der Herberge“ ... wiederholte der kleine Handwerksbursche +mit glühenden Lippen auf der eisigen +Landstrasse. +</p> + +<p> +Dann fing er auf einmal mit leiser Stimme +an zu singen: „O du fröhliche! O du selige! +Gnadenbringende Weihnachtszeit!“ +</p> + +<p> +„Nanu?“ sagte der Rothe grob. „Bei dem +ist’s wohl nicht recht helle? Singt der Mensch +hier auf der Landstrasse wie eine Lerche! Du hast +doch wohl einen heimlichen Trunk zuviel gethan? +So’n verfluchter Duckmäuser!“ +</p> + +<p> +Aber der Kleine hörte ihn nicht. Er war ganz +<pb n='19'/><anchor id='Pgp019'/>glücklich. Er hielt seine kleine Schwester. Es war +so warm in der Küche. Er fing an, an seinen +Kleidern zu reissen. – Auf allen Kirchthürmen +begannen die Glocken zu läuten. Die kleine Küche +war voll vom hellen Schein. Sie hatte überhaupt +keine Decke mehr, keine Balken und angeblakten +Kalkwände. Da war der Himmel. Er war ganz +offen und die Engel sangen. Sie sangen: „Ehre +sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und +den Menschen ein Wohlgefallen!“ +</p> + +<p> +Sie sangen sehr laut mit hellen, schmetternden +Stimmen. Alles hallte davon wider. Dieser Gesang +erfüllte das ganze Gewölbe des Himmels, +der eine grosse, dunkelblaue Glocke war, in der +goldne Sterne schwangen und spannen. Sie drehten +sich sehr rasch mit langen, lichten Streifen hinter +sich her in der Bahn ihrer Schwingung, die feurige +Ringe bildete, Kreise und Sphären. Die ganze +Glocke drehte sich, sang und schwang. +</p> + +<p> +Der kleine Handwerksbursche sang laut, vorwärts +stolpernd im schleimigen Strassenkoth, zwischen +den schwarzen Fabrikschuppen mit hohen +Schloten, vor der Stadt, die rings umher anfing +sich zu entzünden, wie ein Halbkreis der Hölle mit +feurigen Augen. +</p> + +<pb n='20'/><anchor id='Pgp020'/> + +<p> +„Bist Du verrückt?“ schnauzte ihn der Andre an. +</p> + +<p> +„Dein Gefährte ist sehr krank,“ sagte der +Fremde sanft. +</p> + +<p> +So war es. Alles hatte bei dem Kleinen zusammengewirkt: +die langen Wochen der Angst +und schlechter Ernährung, der unheimliche Gefährte, +der Weihnachtsabend. +</p> + +<p> +Er fuhr fort zu singen. Er wehrte sich gegen +den Andern in seinem Fieberrausche: „Lass mich! +Du erfrierst mir das Herz. Du stösst mir glühende +Messer in’s Weiche. Du bist schlecht und roh! +Schlecht! Schlecht! Du bist der Teufel!“ +</p> + +<p> +Er war wie ein Rasender. Er fing an mit +beiden Armen um sich zu schlagen. Er bäumte +sich wie ein scheugewordenes Pferd. Er wollte +plötzlich nicht weitergehen. Er liess sich wie ein +Sack zur Erde fallen. +</p> + +<p> +„Halloh!“ sagte der Rothe. „Das ist eine +schöne Geschichte. Nun stirbt uns der hier im +Dreck. Das hetzt uns die Grünröcke gleich auf die +Hacken.“ +</p> + +<p> +„Hilf mir ihn aufheben!“ sagte der Fremde. +„Er darf nicht sterben so.“ +</p> + +<p> +Sie hoben ihn auf. Auch der Rothe that +seine Pflicht, sanft genug für seine rauhen, +frost<pb n='21'/><anchor id='Pgp021'/>geschwollenen Fäuste. Die Mütze war dem Kleinen +vom Kopf gefallen, Koth hatte sich in die blonden +Locken gesetzt. Er entfernte ihn mit einem grimmigen +Scherz: „Das würde seiner Liebsten nicht +gefallen.“ +</p> + +<p> +Es lag da ein Steinhaufen am Chausseerand +aufgeschüttet. Der Fremde hatte sich darauf gesetzt, +der Junge lag in seinem Schooss mit dem +Kopf an seiner Brust. Er lag ganz still und +lächelte. +</p> + +<p> +„Ich kenne Dich wohl,“ sagte der Junge. Er +sprach mit erstaunlicher Geläufigkeit, in einer hellen, +klingenden Stimme des Entzückens, wie wenn Alles, +was in ihm schweigsam und gefroren gewesen war, +sich jetzt löste, aufthaute. +</p> + +<p> +„O, ich kenne Dich ganz gut. Du bist mein +alter Lehrer in Greifenberg, der freundlich zu uns +war. Wenn man’s gut gemacht hatte, strich er +mit der Hand über den Kopf. Manchmal durfte +ich ihm die Bücher nach Hause tragen. Dann bekam +ich einen Apfel.... Er war alt und arm, +und hatte viele Kinder, wie wir.“ +</p> + +<p> +„Nette Suse!“ murmelte der Rothe. „So ’ne +weisse Wassersuppe!“ +</p> + +<p> +Der Fremde sass ganz still und hielt den Kopf +<pb n='22'/><anchor id='Pgp022'/>des Jungen. Der lachte, er griff ihm mit der +Hand in den Bart. „Du bist mein Vater, der gestorben +ist,“ sagte der Junge. „Er ging des +Morgens sehr früh fort. Dann trat er leise auf +und zog sich im Dunkeln an, damit wir nicht aufwachen +sollten. Es war noch sehr früh und sehr +kalt draussen. Im Bett war es warm. Der Winter +hatte grosse, weisse Eisblumen vor das Fenster +gemalt. Wie hinter einer Wattenwand schlief +sich’s da.... Dann ging er fort einen Morgen +und kam nicht wieder. +</p> + +<p> +„... ‚Nun bist Du der Mann in der Familie, +Richard,‘ sagte die Mutter. ‚Versprich mir’s, dass +Du immer für die Schwestern sorgst, wenn Du +gross bist und viel Geld verdienst.‘ +</p> + +<p> +„Ich verdiene nichts. Ich kann nicht sorgen +für die Schwester. Meine Schwester soll nicht +weinen und hungern wie die Andern, nicht frieren! +Es ist so kalt ... kalt ...“ +</p> + +<p> +„Gott wird für sie sorgen,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +Der Rothe lachte. +</p> + +<p> +„Es giebt keinen Gott,“ sagte der Junge unruhig. +„Alle sagen, er ist nicht und dass es nur +eine Kinderfabel ist. Wer nicht arbeiten kann und +krank wird, der stirbt und verdirbt. Reiche Leute +<pb n='23'/><anchor id='Pgp023'/>haben es gut in der Welt und sind geehrt. Die +Andern holt der Teufel.“ +</p> + +<p> +„Amen!“ machte Fritz Kuhlemann. +</p> + +<p> +„Es giebt keinen Teufel,“ sagte der Fremde +ruhig. „Gott kennt keine reichen Leute und keine +armen. Er liebt Alle.“ +</p> + +<p> +Wieder lachte der Rothe, scharf und schrillend. +</p> + +<p> +„Ich habe Schmerzen,“ wimmerte der kleine +Handwerksbursche. „Es zerreisst mir die Glieder. +In meinem Kopf geht es wie eine Säge. Alle Knochen +krachen. Ach, das ist die Folter! Wasser! Wasser!“ +</p> + +<p> +Es war kein Brunnen zu sehen ringsum, +zwischen den Schmutzlachen, all’ dieser triefenden +Feuchtigkeit, die von den Dächern rieselte, die +Kleider festklebte am erstarrten Körper. +</p> + +<p> +„Ich habe Hunger,“ klagte der Sterbende. +</p> + +<p> +Der Fremde legte ihm die Hand auf die Stirn. +</p> + +<p> +Bald glätteten sich die Züge. Sie wurden heiter, +fast strahlend. „... Eine Ruhe kommt langsam, +das ist der Schlaf. Es kommt wie ein Schatten +über eine grüne Wiese. Es ist weiss und breitet +die Arme aus. Ah, mir ist wohl!“ ... +</p> + +<p> +Er nestelte sich dichter an die Brust des +Andern. Der Fremde beugte sich über ihn und +küsste ihn auf die Stirn. +</p> + +<pb n='24'/><anchor id='Pgp024'/> + +<p> +Fritz Kuhlemann kam mit einem Blechgefäss +voll Wasser. Er hatte es beim Eindringen in +einen Zimmerhof gefunden. Ein wütender Hund +war gegen ihn angekläfft, hatte ihm die Hose +zerrissen. Seine Hand blutete vom Zerschlagen +des Eises. Er sah schrecklich aus. +</p> + +<p> +„Er braucht es nicht. Er ist todt,“ sagte der +Fremde. +</p> + +<p> +In der That war der Junge todt. Er sah aus +wie ein schlafendes Kind. Ein süsser Ausdruck +war in seinem Gesicht. +</p> + +<p> +„Gestorben wie ein Hund! Wie ein Hund!“ +</p> + +<p> +„Er ist kein Hund. Er ist schön.“ +</p> + +<p> +„Und Du? Wer bist Du?“ +</p> + +<p> +„Kennst Du mich nicht, Fritz Kuhlemann?“ +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 50%" /> + +<p> +Der Mond war aufgegangen, ein ganz klarer, +heller Mond, den man niemals erwartet hätte aus +diesem Nebel. Er stand ruhig mit sattem, blauem +Schein im Grau, das jetzt ganz ungefährlich erschien, +die einförmige, milde Trauerfarbe der Nacht, +eine sanfte Schwermuth der tieferen Töne und +Farben des Lebens. Im Mondschein stand der +Fremde. Er stand ohne Hut, im Licht, das leise +fluthete. +</p> + +<pb n='25'/><anchor id='Pgp025'/> + +<p> +Der Mann starrte ihn an. Seine Augen traten +fast aus ihren Höhlen, die Stirn unter den wüsten, +rothen Haarzotteln arbeitete furchtbar. +</p> + +<p> +Der Fremde sah ihn an. +</p> + +<p> +„Du hast ihn geliebt, den da“ ... sagte der +Fremde. „Er war oft müde. Du gingst langsamer +um seinetwillen. Du schliefst schlecht, damit +er besser läge. Manchmal hast Du ihm Brod +gegeben, wenn Du selbst keins hattest. Und der +Hund hat Dich zerrissen um das Wasser, das Du +ihm brachtest. – Ich kenne Dich, Fritz Kuhlemann.“ +</p> + +<p> +„Teufel!“ stiess der Andre hervor. +</p> + +<p> +„Du hast ihn sehr gekränkt,“ fuhr der Fremde +fort. „Aber Dein Herz war wund, als es ihm +harte Worte gab. Der Pflug war über Deine +Seele gegangen und hat sie zerrissen, eh’ sie +wild klang und falsch. Du hast geliebt, eh’ Du +hasstest.... Ich kenne Dich wohl, Fritz Kuhlemann.“ +</p> + +<p> +„Herr ... Herr ...“ stammelte der Bursche. +</p> + +<p> +„Und sie haben Alle geliebt. Deine Mutter, +die Dich in die Gosse legte, weil sie kein Brot +hatte, Dich zu füttern, als ihr Herz sich in ihr +wand in Angst über der Qual ihrer Eingeweide. +<pb n='26'/><anchor id='Pgp026'/>Der, der Dich zeugte in einer Stunde, wo er sich +selbst vergessen, der niemals sich vergass. Gott, +der die Welt gemacht hat, weil er liebte. Die +Liebe ist Schmerz. Im Schmerz der Liebe liegt +der Urgrund alles Geborenen.“ +</p> + +<p> +„Wer bist Du?“ schrie der Andre auf. +</p> + +<p> +Er hatte sich auf ihn gestürzt. Sie rangen +miteinander, Leib gegen Leib. Der Mond stand +am Himmel, kalt und bläulich. Dann sah man +nur noch ihre beiden Gesichter, das des Fremden, +das ruhig war, blass und ein wenig traurig, das +des Mannes, der in grossen Tropfen schwitzte, +dunkel blutrünstig mit roth durchschossenen Augäpfeln. +Er athmete in schweren, keuchenden Stössen. +</p> + +<p> +Plötzlich fielen seine Hände: „Mach’, was Du +willst! Tödte mich auch! Tödte mich!“ +</p> + +<p> +„Geh voran! Ich folge Dir!“ sagte der Fremde. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='27'/><anchor id='Pgp027'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das zweite Kapitel.</head> + +<p> +Eine rothe Laterne hing über der Thür der +Destille. Die Thür war schräg eingestellt nach +der Strassenecke zu. Drei schlechte Eisenstufen +führten hinauf. Sie hallten und dröhnten, wenn +schwere, nägelbeschlagene Schuhe darauf traten. +Nach der andern Seite leuchtete ein grosses Fenster. +Eine breite, grüne Aufschrift zog sich quer darüber +hin, auf der zu lesen stand, dass der Pfiff Bier +fünf Pfennige kostete. Sonst Reklamen in grossen +Lettern von Wein, Bier, Rum, Punsch, Zettel in +lebhaften Farben so zusammengestellt, dass sie +sich möglichst schnitten, das Auge herausforderten. +Aber der Strassenstaub hatte sie ausgebleicht, +Alles war von derselben schmutziggrauen Schleimschicht +überzogen. Die Fenster hingen schief in +ihren Rahmen. Gegen das Haus lagen schwarze, +<pb n='28'/><anchor id='Pgp028'/>faulende Holzplanken aufgeschichtet von irgend +einem Neubau, der nie fertig wurde. Die Fenster +nach der Strasse zu waren durch schwere Rollbretter +geschützt. In den oberen Stockwerken hatte +man die Jalousien heruntergelassen. Nur die Laterne +blinkte wie ein trübes, rothes Auge durch +die Nacht. +</p> + +<p> +Es war Weihnachtsnacht. Man war lustig. +Die Frau des Destillateurs hatte Fische in süsser +Sauce gemacht, von denen man für fünfzig Pfennige +ein Gericht bekam. Dazu gab es Punsch. +Auch ein Weihnachtsbaum war geschmückt, auf +den sie stolz waren. Mit Papierblumen und ein +paar dicken Stearinlichtern prangte er. Im Nebenraum +zwischen alten Lumpen schliefen die beiden +kleinen Mädchen, die Kinder des Ehepaars. Sie +hielten die Holzpuppen, die ihnen bescheert worden +waren. Man hatte ihnen auch Punsch gegeben. +Sie schliefen ganz fest mit feuerroten Backen, im +Luftzug ihres Athems leise zitternden, langen +Wimpern. +</p> + +<p> +August Matzke war ein schwerer Mann, erst +an die Vierzig, obgleich er älter aussah, ganz +und gar ruinirt, vergiftet durch den Trunk. Er +war schon zweimal wegen Delirium tremens im +<pb n='29'/><anchor id='Pgp029'/>Krankenhaus gewesen. Alle hofften, dass das +sein Ende bedeutete. Aber er kam zurück, graublass, +verblödet, schrecklicher als vorher. Dieser +Mann hatte mit Auszeichnung seine Dienstzeit absolvirt +und war zum Sergeanten aufgerückt. Bei +einer Schiessübung kam er durch Unvorsichtigkeit +um ein Auge. Er erhielt die Verstümmelungszulage +und nahm seinen Abschied. Die Frau war +aus ganz gutem Hause, eine Süddeutsche von zierlichen +Formen, freundlichem, einnehmendem Wesen. +Sie hatten ein ganz hübsches kleines Kapital gehabt, +als sie heiratheten, und fingen nach seiner +Verabschiedung eine Gastwirthschaft an. Man +sagte, dass die sehr zuvorkommenden Manieren +seiner Frau gegen Fremde ihn zuerst an die +Flasche getrieben hatten. Jetzt war er unheilbar; +das Geld ihrer Liebhaber hielt die Wirthschaft flott. +Sie liessen sich nicht scheiden, weil er ihr dann +ihr Eingebrachtes auszahlen musste. Er schlug sie. +Sie insultirte ihn. Dann kam wieder anfallweise +die alte Verliebtheit; sie schliefen zusammen. +Zwischen alledem, Schlägen, Zänken, Liebkosungen, +wuchsen die Kinder auf, behend und geschmeidig +wie kleine Katzen, beide der Mutter auffallend ähnlich, +schon spürend, horchend, zwischentragend.... +</p> + +<pb n='30'/><anchor id='Pgp030'/> + +<p> +Kuhlemann wurde mit lärmender Freude begrüsst. +Matzke hatte schon schwer gesoffen und +sah schief. Es war da noch ein älterer Mann +mit breitem, krummem Rücken, der stumm in sich +hineintrank. Ein junger Tapezier mit aufgebürstetem +Lieutenantsschnurrbart spielte den Forschen, +zog die Andern auf und scharmuzirte mit Frau +Matzke. Ein Dienstmädchen aus dem Hause, eine +grobe, gewöhnliche Person, kam zuweilen, um sich +auch einen Schnaps stossen zu lassen, die Neuigkeiten +zu hören. Ein paar zerlesene Nummern +des Vorwärts und des Lokalanzeigers lagen auf +dem Tisch. Im Hintergrund stand ein Klavier. +Matzke als alter Soldat war Patriot und kaisertreu, +er hielt das socialdemokratische Blatt um +seiner Kunden willen. Er selbst liebte patriotische +Lieder und erging sich, wenn er voll war, sehr +gern in hochtrabenden Erinnerungen an Gravelotte +und Sedan, „unsern ollen Kaiser Willem“ und +Prinz Friedrich Karl, auf deren Wohl er dann die +ganze Gesellschaft anzustossen zwang. Heute war +er noch nicht ganz so weit. +</p> + +<p> +Frau Matzke hatte sofort ein Punschglas vor +Fritz Kuhlemann aufgestellt und eins vor dem +Fremden, der sich bescheiden mit an den Tisch +<pb n='31'/><anchor id='Pgp031'/>setzte. Das grosse Dienstmädchen strebte neugierig +näher. Sie war ein durchaus anständiges +Mädchen und stolz auf ihre Anständigkeit, aber +sie hatte es doch gern, wenn man sie kitzelte, +Witzchen mit ihr machte. So zum Beispiel foppte +sie sich stets mit Matzke, dass er sie heirathen +sollte. Er wollte dann von ihrem Gelde seine +Frau auszahlen und sich scheiden lassen. Das +amüsirte sie königlich. +</p> + +<p> +„Ich möchte nur um ein Glas Wasser bitten +und ein Stück Brot, wenn ich es haben kann,“ +sagte der Fremde. +</p> + +<p> +Die Frau sah ihn erstaunt an, willfahrte aber +der Bitte. Matzke schoss aus seinen geschwollenen +Augen einen trüben, gehässigen Blick. +</p> + +<p> +„Wer’n rechter Kerl is, der is Soldat jewesen. +Wer nich Soldat jewesen is, der is überhaupt kein +Mann nich, sag ick!“ +</p> + +<p> +Er wiederholte das mit der Faust aufschlagend +gegen den Tapezier, der sich damit belustigte, ihn +aufzuziehen. Er schien sich damit das besondre +Wohlwollen der Frau Matzke verdienen zu wollen, +denn er blinzte ihr zu. Die grosse Hanne juchzte +lärmend auf. +</p> + +<p> +„Un eene volle Pulle liebt er ooch, was ’n +<pb n='32'/><anchor id='Pgp032'/>rechter Mann is? Was Aujust? Tapfre, olle +Kriegsgurgel?“ +</p> + +<p> +Der Trunkenbold stierte ihn giftig an, that +aber Bescheid. In der Hülflosigkeit seines benebelten +Gehirns gegen die Kniffe und Finten des +Andern blieb ihm nur dies eine Bedürfniss, zuzuschlagen, +seine Fäuste zu gebrauchen. +</p> + +<p> +„Kanonen ufffahren und derzwischen jepfeffert, +denn würden sie schon fertig mit det Jesindel!“ +</p> + +<p> +„Und Du wärst der commandirende Jeneral +von det Janze! Herr Aujust Matzke mit dem +schwarzen Adlerorden da vorne aus der Weste.“ +</p> + +<p> +Der Tapezier amüsirte sich königlich. Frau +Matzke zog verächtlich die Lippen. Das Dienstmädchen +bog sich vor Vergnügen. +</p> + +<p> +„Ick sage: Wer seinen Kaiser nich ehrt, der +is kein deutscher Mann, der jehört in den Schweinestall.“ +</p> + +<p> +„Sieh man zu, dass Du nich selber zuerst +reinbummelst, oller Freund. Wer so schwach uff +seine eijnen Beene steht, sollte man ja nich so +forsch jejen Andre losziehen.“ +</p> + +<p> +„Ick nich fest uff meine Beene! Ick bin Dein +oller Freund nich. Ick will Dich lehren, mir +Aujust zu heissen. Aujust Dir wat in Deine +<pb n='33'/><anchor id='Pgp033'/>unjewaschne Schnauze. Du – Du – Hurenjäger +Du!“ +</p> + +<p> +Er hatte sich schwerfällig erhoben und griff +nach der Stuhllehne, um sich daran festzuhalten. +Der Tapezier lachte, er gehörte zu Frau Matzke’s +eleganten Freunden, die den Haushalt im Gang +erhielten. Der Mann in der braunen Weste rührte +sich nicht. +</p> + +<p> +„Aber August! so lass doch!“ machte die +Frau gelangweilt. Sie zwinkerte Wernicke zu, +Hanne in ihrer sicheren Ecke am Büffet erstickte +fast vor unterdrückter Heiterkeit. Sie fand das +einen ausgezeichneten Spass. +</p> + +<p> +Nun wandte sich der Wüthende gegen sie, die +Ehebrecherin, in den unfläthigsten Ausdrücken. +„Ick will Dir ... Ick will Dir ... Hure ... +Hure ... Hure!“ Er sah schrecklich aus mit den +sabbernden Lippen, seinen blutunterschossenen +Augen, von denen das eine, künstliche, immer +gerade blieb, glotzend, ungeheuerlich. Das Wort +in seinem dumpfen Laut des Stiergebrülls wiederholte +sich. Er packte sein schweres Bierseidel; +es flog dicht an ihrem Kopf vorbei in die Fensterscheibe, +die splitternd zerbrach. Der Ton schien +ihn vollends wahnsinnig zu machen. Er ergriff +<pb n='34'/><anchor id='Pgp034'/>eins der Seidel nach dem andern und fensterte +sie in das Glas. Leere und halbvolle Flaschen +flogen nach. Man hörte die Scherben auf dem +Strassenpflaster sich knisternd zusammenhäufen. +Gleichzeitig drang die kalte, klare Winterluft ein. +Der Tapezier weidete sich an seinem Heldenstück. +Hanne kreischte, die Hände vor den Ohren, dachte +aber nicht daran zu flüchten. Der andre Gast +blieb ganz stumpfsinnig. +</p> + +<p> +„Das giebt ein nettes Christkindchen für morgen. +Na, ich bin nur froh, dass ich die Rechnung +nicht zu bezahlen brauche.“ Der junge Mann griff +nach seinem Hut und Paletot, einem eleganten Paletot +mit Sammetaufschlag und hellem Futter. Er hing +ihn immer so, dass man das Futter sah. „Ich +gehe jetzt, Frau Matzke. Adieu auch. Ich werde +erwartet.“ +</p> + +<p> +Sie sagte nichts. In der Thür drückte sie ihm +die Hand sehr stark, ihre Nüstern bebten. „Nimm +Dich in acht!“ ... +</p> + +<p> +Durch den Thürspalt nach der Kammer guckten +die beiden Kinder. Der Lärm des klirrenden +Glases hatte sie aufgeweckt. Sie witterten eine +Scene, und waren nun dabei, neugierig, erwartungsvoll. +</p> + +<pb n='35'/><anchor id='Pgp035'/> + +<p> +Matzke hatte seine letzte Bierflasche dem Abgehenden +gegen die Thür nachgeschleudert. Sie +zerbrach auf dem Fussboden in ihrer braunen +Sauce. Frau Matzke fing ruhig an, die Unordnung +des Fensters zu repariren. Sie steckte eine +weisse Bettplane auf; sie kannte das schon. +</p> + +<p> +„Nanu? Hier is wohl Polterabend heut’?“ +sagte eine lustige Stimme. +</p> + +<p> +Es war ein Mädchen. Sie trug gescheitelte +Haare und ein einfaches Umschlagetüchelchen. An +einer gewissen Unordnung des lose gewundenen +Nackenknotens, der zerschlissenen, rothen Seidentaille +erkannte man die Leichtfertigkeit ihres Berufs. +</p> + +<p> +„Ich konnte nicht früher kommen, habe auch +den Kindern noch was mitgebracht.“ +</p> + +<p> +„Ach Lene! Lenchen!“ In ihren Hemden +drängten sie sich um sie. Das Mädchen küsste +sie leidenschaftlich. Frau Matzke sah zu. +</p> + +<p> +Fritz Kuhlemann lachte. „Geht’s Geschäft auch +heut’ Abend?“ fragte er boshaft. Der Fuhrmann +starrte sie an. Lene Hoff war der eigentliche +Grund, weshalb er jeden Abend kam. Er hätte +nie gewagt, es ihr zu sagen, ausserdem wusste +er ja, dass sie unter Sittenkontrolle stand. Die +grosse Hanne zog eine höhnische Fluntsch. Sie +<pb n='36'/><anchor id='Pgp036'/>hatte das Mädchen nicht begrüsst, als sie eintrat, +stand jetzt, einen Arm in die Hüfte gestützt, und +musterte sie von oben bis unten. Dann drehte +sie sich nach der Thür zu: „Ich muss jetzt raufgehen. +Es ist meine Zeit.“ Sie beschäftigte sich +sehr viel mit der jungen Prostituirten, ihren Toiletten, +ihrem Thun und Lassen. In ihren Gedanken +stand sie weit unter ihr; sie war ein +anständiges Mädchen. +</p> + +<p> +Lene pustete sich in die Finger. Sie war +immer ein bischen genirt, so lange die Grosse da +war. „Kalt ist’s. So’n Weihnachten! Lustig sein! +Wir wollen Klavier spielen.“ +</p> + +<p> +Sie hatte sich an’s Klavier gesetzt. Ein Tanz +wirbelte hervor unter ihren flinken Fingern. +</p> + +<p> +Niemand tanzte. +</p> + +<p> +„Das ist nichts.“ Sie stand wieder auf, schloss +den Deckel. Sie näherte sich Fritz Kuhlemann, +kraute mit der Hand den untern Teil seines rothen +Schopfes: „Na Du?“ ... Die ganze gewerbsmässige +Schmeichelei ihres Berufs lag in dem Ton, +vielleicht noch mehr. „Bist so eklig heut’, geh! +Spendirst mir nicht mal was?“ +</p> + +<p> +„Seh’ ich Dir nach Spendiren aus?“ Man +hörte die Leidenschaft aus seiner Stimme. Diese +<pb n='37'/><anchor id='Pgp037'/>Liebkosung einer Frau stachelte ihn. Er verschlang +sie mit den Augen. +</p> + +<p> +Sie hatte sich auf seinen Schoss gesetzt. +„Armer Kerl! Keine Chance. So viel Pech gehabt.“ +Er zerdrückte ihr die Lippen mit einem +brutalen Kuss. „Du – frech biste!“ +</p> + +<p> +Sie sah den Fuhrmann an. Dieser Mann +hätte sie geheirathet. Er hatte vier Kinder zu Haus. +Aber ihr graute vor der Langeweile. Ihr Vogelgehirn +arbeitete schon auf einer andern Spur wieder, +sie hatte den Fremden entdeckt. +</p> + +<p> +„Wer is denn der?“ fragte sie Frau Matzke. +</p> + +<p> +Die Frau zuckte die Achseln. +</p> + +<p> +„War der Josef hier heute?“ +</p> + +<p> +„Er ist eben fort.“ +</p> + +<p> +„Ach darum ...“ Das Mädchen kannte die +Leidenschaft der Freundin. Der schöne Tapezier +hätte ihr auch gefallen. Sie seufzte. +</p> + +<p> +„Oed’ ist’s heute. Ich bin vorher gegangen +und hab’ mir die Christbäume angesehen. Christbäume, +das ist so rührend. Einen ganz grossen +sah ich mit Lametta wie Haare. Das möcht’ ich +haben.“ +</p> + +<p> +Sie hatte sich wieder an’s Klavier gesetzt. Ein +Weihnachtslied klang aus den Tasten. +</p> + +<pb n='38'/><anchor id='Pgp038'/> + +<p> +„Hübsch war das, die Engelchen und Schäfchen +in der Krippe. Ich hab’ das mal gesehen, wie +ich klein war. In der Kirche.“ +</p> + +<p> +Sie wandte sich wieder an Kuhlemann. „Sag’ +mal, Du hast nicht einen Nickel für mich? Zu +einer neuen Schleife für den Ball am Sonntag. +Kommste mit zum Ball, Schätzchen?“ +</p> + +<p> +Er drehte ein zerfetztes Portemonnaie um vor +ihren Augen: „Da sieh.“ ... Der Fuhrmann warf +einen Thaler auf den Tisch. Hart klang das +Metall auf der Holzplatte. Alle sahen auf. Frau +Matzke hatte ihren Besen, mit dem sie die Scherben +zusammenfegte, hingestellt. +</p> + +<p> +Die Lene war näher gekommen wie ein naschhaftes +Kind. Der Thaler lag da, und blinkte – +brutal, schmutzig gleissend. Sie sog lang den +Athem ein. +</p> + +<p> +„Du rührst nicht dran!“ schrie Fritz Kuhlemann. +</p> + +<p> +„Wenn man selber keinen Pfennig hat, hat +man nichts dreinzureden,“ entschied Frau Matzke +schneidend. +</p> + +<p> +Der Andre wartete, schwerfällig, lauernd, wie +ein Jäger, der das Wild in der Falle hat. +</p> + +<p> +„Ich schlag’ ihn todt!“ +</p> + +<pb n='39'/><anchor id='Pgp039'/> + +<p> +Ein scharfes Lachen der Frau traf den Burschen +wie ein Hieb. +</p> + +<p> +Das Mädchen war wie ein lüsternes Mäuschen +noch näher gekrochen. Die feinen Zähne blinkten +zwischen ihren gespitzten Lippen hervor. +</p> + +<p> +Der Trunkenbold machte einen scheusslichen +Witz: „Wer das Geld hat, hat das Recht,“ bestimmte +Frau Matzke. +</p> + +<p> +Sie streckte die Hand aus. +</p> + +<p> +Ein gurgelnder Laut wie Tigergebrüll entrang +sich der Brust des Burschen. +</p> + +<p> +Der Fremde hatte die Hand auf den Tisch gelegt. +Diese feine, blasse, bläulich geäderte, abgezehrte +Hand bedeckte das Geldstück. Sie bildete +eine Weisse auf der mit Bier- und Fettflecken besudelten +Tischplatte. +</p> + +<p> +„Komm’ zu mir!“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +Er hatte sich aufgerichtet. Er stand ganz +gerade. Die andere Hand, die nicht das Geldstück +deckte, streckte sich gebietend vor. +</p> + +<p> +„Komm hierher!“ befahl der Fremde. +</p> + +<p> +Sie kam. Sie gehorchte. Wie mit durchgeschnittnen +Flechsen schleppte sie sich. Sie kroch. +Plötzlich schlug sie beide Hände vor’s Gesicht, mit +einem dumpfen Schmerzenslaut sank sie in die Knie. +</p> + +<pb n='40'/><anchor id='Pgp040'/> + +<p> +„Nimm Dein Geld!“ +</p> + +<p> +Der Fremde hatte den Thaler ergriffen. Er +schleuderte ihn nach der Thür. Das Silber schlug +hart auf, kugelte sich im Weiterrollen. Der Fuhrmann +bückte sich gierig danach und verschwand. +</p> + +<p> +Fritz Kuhlemann stand mit unter der Brust +gekrampfter Hand. Es war der Blick des Mörders, +mit dem er sah, der Bestie, des wilden +Thieres. +</p> + +<p> +„Geh!“ +</p> + +<p> +Er ging. +</p> + +<p> +Der Trunkenbold lachte auf mit einem hässlichen +Gluckser. „Ein Schmatzchen, Haseken. +Du – Du ...“ Er griff schwankend in die Luft. +Es reichte nicht mehr, wie ein Bleisack sank er +schwer zusammen. +</p> + +<p> +„Leg ihn schlafen,“ sagte der Fremde. Das +Weib schnellte gegen ihn an wie eine gereizte +Viper. Dann gab sie der schnarchenden Masse +einen verächtlichen Fussstoss. „Vieh!“ +</p> + +<p> +Sie stiess ihn gegen die Kammer mit rachsüchtigen +Püffen und Tritten, dann nahm sie ihren +Besen und kehrte wüthend. +</p> + +<p> +Die kühle Nachtluft strich durch den schweren +Fuseldunst. Alle Lampen brannten. An den +<pb n='41'/><anchor id='Pgp041'/>Wänden hingen patriotische Bilder, Reklameschilder +mit Emblemen der Arbeit, eine schwere +Faust, die den Hammer emporhält, einem Tischler +an der Hobelbank. Jemand hatte allerlei Unfläthigkeiten +angeschrieben. Dazwischen machte +sich ein widerliches, süsses Moschusparfüm fühlbar, +der von dem Mädchen ausging. Sie hatte +die Hände vom Gesicht genommen. Sie schielte +zwischen den Fingern wie ein unartiges, gescholtnes +Kind. Es erschreckte sie, dass sie so +allein waren. Sie begriff nicht. „Sie sollen nicht +weggehen! Der Dicke würde mich heirathen. Vier +Göhren hat er zu Haus. Hundertundfünfzig Mark +im Monat und die ganze Einrichtung. – So Einer; +der’s Einem hinterher alle Tage vorwirft! Zweiundvierzig +Jahre ist er schon, krumm wie’n oller +Zumpelbär. Der drückt Einen ja todt. Taps, +dämlicher!“ +</p> + +<p> +Sie lachte leichtfertig, ihre blonde Mähne +schüttelnd, die Augen eingekniffen. +</p> + +<p> +„Der Andre, Wernicke, der ist ein ganz Feiner. +Gestärkte Hemden trägt er sogar am Alltag. Er +kriegt auch einen guten Lohn bei Krüger. Er ist +der Erste da, der Alles allein macht. – Dieser +Fritze! Das ist so komisch. Komisch ist der!“ +</p> + +<pb n='42'/><anchor id='Pgp042'/> + +<p> +Ihr Lachen rang sich auf in hellen, klingenden +Trillern. Sie lachte, dass ihr die Augen +übergingen. Ihr ganzer Körper krampfte sich +unter dem Lachen. +</p> + +<p> +„Alle Leute haben mich gern, weil ich immer +lustig bin. Und Kinder! – das is immer Leneken +hier, Leneken da! Wir haben eine alte Frau im +Haus, die lahm ist und zu Bett liegt. Ich bringe ihr +Kaffee und Chocolade. O, ich thue auch das Meine. +</p> + +<p> +„... Wie die vornehmen Damen, die aus +dem Wagen steigen, die Näsen kraus ziehen.... +Beten und trocknes Brot und Arbeit. Als ob wir’s +nicht wüssten, wie die’s treiben! +</p> + +<p> +„Warum ist denn Unsereins schlecht? Weil’s +einen schlechten Rock anhat, einen billigen Hut +trägt. Die sind nicht besser wie wir! Pfui!“ +</p> + +<p> +Sie spuckte aus. +</p> + +<p> +„Einen Spatz hatte ich mal, den ich unter’m +Baum fand. Hier im Kleid unter der Brust trug +ich ihn. Den schlugen mir die Jungen todt. +</p> + +<p> +„Schweine sind die Männer! Ach, solche +Hunde! Hunde! Nicht mal Geld geben sie Einem. +Aber schlagen! Sie stehlen’s noch von uns.“ Ihre +Fäuste krampften sich megärenartig. Das junge +Gesicht wurde erdfahl, verzerrt. +</p> + +<pb n='43'/><anchor id='Pgp043'/> + +<p> +„Ich hab’ Klavier spielen gelernt. O, ich hatte +mal Einen in der Georgenstrasse. Der war sehr +gebildet. Sogar Verse hat er auf mich gemacht. +‚Du hast ja die schönsten Augen, Feinsliebchen, +was willst Du noch mehr?‘“ +</p> + +<p> +Sie wiederholte die Worte liebkosend, den Oberkörper +wiegend wie im Tanze. Sie blähte sich eitel. +</p> + +<p> +„Warum sprichst Du nicht mit mir? Wenn +ich einen Vater gehabt hätte, eine Mutter, kleine +Kinder – – – +</p> + +<p> +„Ich bin ganz zufrieden. Was kommt auch +drauf an? Man schlägt’s so um die Ohren. Lustig +gelebt und fröhlich gestorben, das ist dem Teufel +die Rechnung verdorben. +</p> + +<p> +„Tanzen, Zuckerzeug, fein riechen! Hübsche +Kleider! +</p> + +<p> +„Eine Freundin von mir ist im Spital gestorben, +Becker’s Lene, die lange. Sterben ist +grässlich. Huh! Huh!“ +</p> + +<p> +Sie fing wieder an, ihr Gesicht zu verstecken. +Sie rutschte auf den Knieen hin und her. Sie +gab kleine Töne von sich, wie ein gescheuchter, +flatternder Vogel. „Du machst mir Angst. Sprich +doch. Guck mich nicht an! Guck mich nicht an!“ +</p> + +<p> +Sie streckte beide Arme aus, wie unter dem +<pb n='44'/><anchor id='Pgp044'/>Schrecken einer Erscheinung. Sie bog den Kopf +zurück. Ihre Augen weiteten sich starr. „Ich bin +mal in der Wiese gewesen. Blumen wuchsen so +reinlich mit weissen Gesichtchen. Auf dem Teich +fuhren Schwäne. Grüner Wasserliesch schwamm. +Wo sie fuhren, wurden dunkle, tiefe Flecken. Das +hörte man gar nicht. Ueberall theilte sich der +Sumpf. Klar war’s und dunkel ... +</p> + +<p> +„Ich will Dir noch etwas sagen, was kein +Mensch weiss. Ich hätte ein Kindchen gehabt, +aber es ist nicht zur Welt gekommen. So gross +war’s, todt und feucht. Es hätte nicht gelebt und +nichts zu essen gehabt. Mein kleines Bübchen! +Mein todtes, kleines Kindchen! +</p> + +<p> +„Manchmal denk’ ich, die Sterne, wenn die +so funkeln, dass man dort sein könnte. Alles +weiss an mir runter.“ ... Sie strich an sich +herunter mit glättenden Händen. Sie strich, als +ob sie all’ ihre Gewänder abstreifen wollte. Wie +im Fieber gingen die dünnen streichenden Hände. +... Das Hälschen über den zarten, fallenden +Brüsten reckte sich wie ein Lilienstengel. Eine +Bläue war in den Augen, die nicht mehr vom +Leben war. Die Lippen seufzten wie die Jemandes, +der trinkt. Sie trank – trank – trank. +</p> + +<pb n='45'/><anchor id='Pgp045'/> + +<p> +Der Fremde sagte nichts. Seine Hand legte +sich auf diese junge, noch weisse Stirn. Zart und +gütig lag sie, ganz leise. +</p> + +<p> +Unter der Hand sank die Frau zusammen. Sie +wurde klein. Sie wurde ein Wurm, der sich am +Boden schleppte. +</p> + +<p> +Sie weinte. Sie drückte sich ganz dicht an +seine Füsse. Ihre Thränen tropften auf seine +Füsse. Ihre blonden Haare hatten sich gelöst und +fielen über ihr gebeugtes Haupt und seine benetzten +Füsse. Er rührte sich nicht. Sie weinte – +weinte. +</p> + +<p> +Frau Matzke war mit dem Besen in der Hand +in der Schlafzimmerthür erschienen. Sie stand da +mit einem harten, steinernen Ausdruck, unbeweglich. +Man hörte das tiefe, röchelnde Schnarchen +des Trunkenbolds, unschuldige, tiefe Athemzüge +der Kinder. +</p> + +<p> +Jemand wartete in der Strasse mit einem +weissen, elenden Gesicht. Er hatte die ganze Nacht +gewartet. Nun war es Morgen. +</p> + +<p> +Der Fremde rief den Burschen. Draussen begann +schwerfällig, schlafbetäubt das Leben sich zu +regen. Lastkarren fuhren müde. Einzelne dunkle +Gestalten huschten. Man sah die lange graue +<pb n='46'/><anchor id='Pgp046'/>Breite der Strasse mit Häusern zu beiden Seiten, +unzähligen Fenstern und Thürluken, unter dem +trüben Himmel, von dem es leise wie Thau tropfte. +</p> + +<p> +Der Fremde wies auf die weinende Frau: +„Geht!“ +</p> + +<p> +Sie gingen. Sie geknickt, an seine Schulter +gelehnt mit schwankenden, irren Schritten. Er hochgehobenen +Hauptes, sehr ernst und sehr gerade. +</p> + +<p> +Frau Matzke in der Thür ihres Hauses sah sie +sich entfernen. Sie sagte gar nichts. Sie nahm +ihren Besen wieder auf und fegte. Man sah die +Silhouette ihres gebückten Rückens, die wüthende +Wucht der Besenstösse, mit denen sie den Staub +aufwarf und in die Schaufel schob. +</p> + +<p> +Sie fegte. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='47'/><anchor id='Pgp047'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das dritte Kapitel.</head> + +<p> +Man fürchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung +ein sehr grosser würde. In Folge +dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. +Man gab Achtung, den Saal auf die +Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten +Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, +auch ergab das einen Vorwand, die +Galerie nicht freizugeben. Man führte den Krieg +mit diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich +eigentlich das Verhältniss ein gutes, fast +behagliches war. Sie kannten sich so genau, +die Gewohnheit des häufigen Zusammentreffens +hatte einen förmlichen kleinen Comment herausgebildet, +bis auf die ganz regelmässig wiederkehrenden +Witze. Man hätte sich fast vermisst, +wenn man sich nicht vorgefunden hätte. Der +<pb n='48'/><anchor id='Pgp048'/>Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria dazwischen +mit einer ganz kleinen Hündin, einer +proletarischen Mischung aller Rassen, die von jeder +die Hässlichkeiten angenommen hatte. – Ueberdies +waren es genau dieselben Typen, die da +Wache gingen, als Ueberwachte eintraten, Blonde, +nicht schlecht genährte, bourgeoise Ruhe und Anständigkeit, +dazwischen einige knallfarbige, federbewallte +Hüte der Genossinnen. Die Frauen überhaupt +drängten sich vor, zeigten sich aufgeregter +als die Männer; es war bekannt, dass einige +der Führerinnen eine Zunge führten, die ihre +männlichen Kollegen im Schach hielt. +</p> + +<p> +Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den +Eingang des Saals postirt. Da Viele noch immer +aus- und eingingen, deckten sie die Thür mit ihren +breiten Rückseiten. Sie warben für ihren Verein, +überwachten den Verkauf der Zeitungen und Broschüren, +die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet +lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstützung +armer Abgeordneter feilgeboten. Die Kellner circulirten +mit Bierseideln. Alle rauchten, sprachen +durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten +Köpfen, die auf- und untertauchten, ergab +das den Eindruck eines heftig bewegten Sees, +<pb n='49'/><anchor id='Pgp049'/>der gegen die Tribüne andrängte, sich staute. +Man <anchor id="corr049"/><corr sic="erwartefe">erwartete</corr> den Anfang der Versammlung und +wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden +brachten eine lila mystificirende Beleuchtung mit +in das ordinäre, gelbe Gaslicht. – Es waren da +Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Häringe verzehrten, +Andre sprachen von Parteiangelegenheiten, +ihren kleinen und kleinsten Privataffairen. +Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und +einem Apostelkopf stand neben der Thür. Er sah +krank aus und blickte mit glänzenden, unirdischen +Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares +sähe. +</p> + +<p> +Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter +den Anwesenden Spitzel wären. Sie versuchten +sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu +zeigen. Einige Studenten waren augenscheinlich +für einen Ulk hergekommen. Es waren Fremde +da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in +eleganter Kleidung ganz allein, die man ansah, +was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr +guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, +fast bourgeoismässig. +</p> + +<p> +Der Saal war der banale grosse Festsaal der +mittleren Restaurants, weiss mit Gold, rothsammetner +<pb n='50'/><anchor id='Pgp050'/>Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt. +Es war nicht schlechter wie für die Bourgeois +bei ähnlichen Gelegenheiten, man war höflich +und kam in weissen Handschuhen. +</p> + +<p> +Auch das Thema der Einberufung bot nichts +Besondres. Es war die jährlich wiederkehrende +Einbringung der Militairvorlage von Seiten der +Regierung. Man wusste im Voraus, dass sie +durchgehen würde. Der Protest geschah rein berufsmässig, +aus Princip. Und man wusste, dass +es für Jahre so gehen würde. Die Aufregungen, +das Märtyrerthum, aber auch die Hoffnungen der +ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei +hatte zu leben gelernt, fast konnte man sagen, +Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen +konnte. Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, +das Odium war weggenommen, ebenso der Heldennimbus. +Man hatte nicht mehr die Angst zu +sterben, aber auch nicht die Aussicht zu siegen; +man „entwickelte sich“. +</p> + +<p> +Zurufe begrüssten den Eintritt des grossen +Mannes, in Wahrheit eines ganz kleinen Männchens. +Alles das ging rasch, wenig theatermässig. +Nur das Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er +drängte sich an den Bewunderten, um seine Hand +<pb n='51'/><anchor id='Pgp051'/>zu schütteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, +hatten ihn sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, +mit dieser Miene: „Wir gehören zum Haus“, die +Unberufene einschüchtert. Nun wurden die Formalitäten +rasch erledigt. Einige Witze fielen gegen +die Polizei, die die Galerie gesperrt hielt. Man +kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, +die sich jeden Tag treffen und beinah Freundschaft +gemacht haben. Der Saal war voll zum +Ersticken. Es waren Männer zumeist, Männer +mittleren Alters. Die Jugend, wie überall, zog +es vor, sich zu amüsiren. Oder man liebte +Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, +den Vororten. Dies war eine wohlgeschulte, ausgediente +Armee, ihr Capitain der sprach. +</p> + +<p> +Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr +alt. Das Feuer, das seine Jugend gefährlich und +unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewöhnt, für +den Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu +beherrschen jetzt, dessen Leidenschaftlichkeit einst +sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. – Im +gleichmässigen Tonfall flossen die Sätze, periodisch, +deutlich hörbar in der geübten Stimme des +Redners bis an’s äusserste Ende des Saals. So +war er sachlich geworden, ein Typus, wie so +<pb n='52'/><anchor id='Pgp052'/>mancher Andre, den die Gegner fast vermissen, +sich mit Rührung seinen leeren Platz zeigen, wenn +er nicht mehr da ist: So focht er, und so führt’ +ich meine Klinge. – Auch die Rede hielt sich +genau in den Grenzen. Ein Rückblick auf die +immer sich steigernden Forderungen, die Entwicklung +des Militarismus in Europa. Das neue +Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man +brauchte die Armeeen für die Söhne der oberen +Zehntausend, das Niederhalten der revolutionären +Bewegung. Wieder der gefährliche, ironische Beifall. +Sie wussten das wohl – sie! +</p> + +<p> +Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer +gewissen Grösse. Der Redner hatte Aeusserungen +zur Philosophie des Krieges angeführt, von Moltke, +Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden +statistisch die Verluste in der Industrie seit +siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr +wie alle Kriege! Wir brauchen keine künstliche, +gewaltsame Schöpfung, um uns männlich und +kraftvoll zu erhalten. – Ein Ausruf begleitete +diese lange Liste von Blut, Verstümmelung, +Asphyxie, Marter, – ein Schrei des Schmerzes, +aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen, +mittelmässigen Masse. <hi rend='gesperrt'>Sie</hi> waren + die<pb n='53'/><anchor id='Pgp053'/>jenigen, die sein mussten. Sie würden sein. Da +war die Grösse der Partei, das Selbstbewusstsein +des thätigen, unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft +der modernen, demokratischen Zeit. +Und das wird bleiben. +</p> + +<p> +Ein früherer Pastor sprach nach dem grossen +Mann. Er hatte seine Stellung aufgegeben um +seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich +aber ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des +Längeren seine Ansichten. Er glaubte an Gott, +war königstreu. Seinen Traum bildete eine Art +christlich-sociales Königtum. Man hörte zu, nicht +gerade unhöflich, aber ohne Interesse, leicht ironisch. +Und er war confus, quasselte. Es lag +etwas Gefährliches in dieser höflichen Ironie selbst. +Man hatte das zu oft gehört. Man glaubte +sowas nicht mehr. +</p> + +<p> +Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte +wenig Glück, die Parteiveteraninnen protestirten +von vornherein. Die Rede war ein krauses +Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur +natürlicher Grundlage, freie Geschlechtswahl, mit +einer seltsamen Verquickung von naturphilosophischen +Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief +ihm Schweigen zu, pfiff, trampelte mit den Füssen: +<pb n='54'/><anchor id='Pgp054'/>„Schliess auf! Halt’ die Schnauze!“ Man wollte +das nicht, man war Polizei für sich selbst. Wenn +Einer das Martyrium der Lächerlichkeit auf sich +nehmen wollte, desto schlimmer für ihn selbst. +Sie schüttelten sich das von den Rockschössen. +Sie hielten auf ihre neue, sauererworbene Respektabilität. +</p> + +<p> +Der Verhöhnte stand einen Augenblick, blass, +mit einem kränklichen Lächeln, stotternd. Dann +stieg er unter allgemeinem Gelächter die Tribüne +herunter. +</p> + +<p> +Die Versammlung löste sich auf in bester +Ordnung. Der Abgeordnete wechselte mit den +Polizisten einen Gruss. Er war sorgfältig in einen +gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an +Katarrhen. Der Sergeant lächelte gutmütig mit +Bezug auf den letzten Redner. „Verrückter Kunde! +Wir lassen ihn laufen“ ... Sie hatten ihn schon +so oft eingesteckt. Da war nichts zu machen. +Und er war ungefährlich. – Beide Gewalthaber +schieden im besten Einvernehmen. Hätten sich die +Machtverhältnisse eines Tages umgedreht, diese +Gegensätze würden ruhig in ihren beiderseitigen +Functionen bleiben können. Es wäre dasselbe +gewesen. +</p> + +<pb n='55'/><anchor id='Pgp055'/> + +<p> +Der Pastor vereinigte sich mit dem berühmten +Führer. Er sprach eifrig auf ihn ein. Mit einer +gewissen Nachsicht des alten Praktikers unterbrach +ihn der Andre nicht. Schliesslich – diese Leute +thaten seine Arbeit. +</p> + +<p> +Am Strassenausgang stand ein Fremder. Er +stand da und sah sie an. +</p> + +<p> +Sie sahen ihn Beide, der grosse Mann und +der Pastor. Auch die Polizisten sahen ihn. +</p> + +<p> +„Wer war der Mann?“ fragte der Pastor. +</p> + +<p> +Der Abgeordnete zuckte die Achseln. „Ich +kenne ihn nicht.“ Er hatte Eile, nach Hause zu +kommen. Er musste sich schonen. +</p> + +<p> +„Ein grosser Mann,“ sagte der Johannes +ekstatisch. Ihn fror. Er stand da am Ausgang +und hatte die Hände in die Taschen gesteckt und +sah ihm nach. Seine Backenknochen glühten. Er +musste husten in sein Taschentuch. Wenn er es +wieder herunternahm, war es immer voll Blut. +Er wusste das schon. „Was er sagt ist wahr. +Er versteht’s.“ +</p> + +<p> +„Ein grosser Mann,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +Die ganze Masse schob an ihnen vorüber. +Die Veteraninnen sprachen sehr laut. Sie hatten +die Kasse abgeschlossen und entrüsteten sich über +<pb n='56'/><anchor id='Pgp056'/>wieder einmal constatirte Gnietschigkeit. Eine +wollte sich noch zu Hause Puffer backen. Sie +gaben Parolen aus für den nächsten Tag und +Rendezvous in den Vereinen. Die Studenten +wollten noch zum Bier, die eingenommene Quantität +hatte ihnen nicht genügt. Man war froh, +sich zu bewegen, die Beine auseinander zu setzen, +nachdem man drinne eingepökelt gewesen war +wie Pökelhäringe. Einige Damen riefen nach +einer Droschke, sie gehörten zur Frauenbewegung +und besuchten dergleichen aus Princip. Man +truppte zufrieden nach Haus. Man hatte seine +Pflicht gethan und ihr Häuptling hatte seine Sache +gut gemacht. Es gab Keinen, der über diesen +Mann ging, und die immer zunehmende Stimmenzahl +bei den Wahlen. Das war das grosse Kampfmittel. +Es liess sich nachrechnen, wie das stieg +von fünf Jahren zu den nächsten fünf Jahren. +</p> + +<p> +Dann kam auch der Anarchist. Er trug einen +ganz dünnen, kleinen Sommerpaletot und ging, +als ob er gar nicht wüsste, wo er wäre. Seine +vagen, schweifenden Augen trafen den Fremden +und den Johannes. Es lag eine nachdenkliche, +zärtliche Wehmuth in dem Blick, eine Bitte, oder +als ob er sich entschuldigen wollte, dass er +an<pb n='57'/><anchor id='Pgp057'/>fragte – aber man wusste nicht, ob er überhaupt +wirklich sah. Er war noch nicht alt, aber er sah +hungrig aus, mehr vom Hunger des Geistes, als +vom leiblichen Hunger. So hatte er etwas von +einem Kind, oder auch von einem hülflosen getretnen +Thier. Er seufzte und blickte in das +Laternenlicht. „Es ist schon elf Uhr,“ sagte der +Anarchist. +</p> + +<p> +Er schauerte und kroch tiefer in seinen Ueberzieherkragen. +Er hatte einen sehr weichen, hellen +gelben Hut auf, der in weitem Rand von seinem +Kopf abstand. Seine Haare fielen gerade über +seine Ohren und waren lange nicht geschnitten. +Wenn er sprach, lächelte er jedesmal, ein schüchternes +Lächeln, wie von Einem, der im Unrecht ist +und doch etwas Gutes und Wichtiges sagen möchte. +Dann hatte er ungeschickte Bewegungen, wie von +einem Wurm, und hüpfte zuweilen auf einem Fuss, +als ob er stolperte. +</p> + +<p> +Der Johannes ging auf der andern Seite. Er +hustete. Er war ganz selig im Gedanken an +diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrückt +hatte, der so gut sprach, eine Stimme war, auf +die man hörte, für die armen Leute. Die gebildeten, +sachlichen Sätze hatten ihm imponirt. Sicher! +<pb n='58'/><anchor id='Pgp058'/>Das wandte sich zum Bessern, wenn einfache +Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! +Er trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. +Mehr konnte er nicht thun. Aber das +Blut seines Herzens war darin. Er fühlte seine +Lungen brennen und flattern unter ihr. +</p> + +<p> +„Es ist immer am schlimmsten des Abends,“ +entschuldigte er sich. +</p> + +<p> +„Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen +im Saal. Es strengt auch die Stimme an, wenn +man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden +gesprochen. Das ist bewunderungswürdig für solch’ +einen Mann!“ +</p> + +<p> +Er war rührend in seiner Zärtlichkeit für diese +Stimme, den Mann, der sprach, während er nur +husten konnte, unnütz sein Blut ausspie, in das +Taschentuch, das sich färbte, klebrig wurde zwischen +seinen dünnen, fiebernden Fingern. Sie +waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von +aussen durch die harte Arbeit, roher, oberflächlicher, +als durch die <anchor id="corr058"/><corr sic="Krankeit">Krankheit</corr> von innen, die sie +zehrte, fein machte, spiritualisirte. +</p> + +<p> +„Wir werden es ja nie erleben,“ sagte er +friedlich. „Aber die Andern, die nach uns kommen! +Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag. +<pb n='59'/><anchor id='Pgp059'/>Sie können nicht mehr an gegen uns. Dann wird +Alles gut sein. Wir werden die Gesetze machen. +Es giebt keine Kriege mehr. Alle Völker sind +Brüder. Man arbeitet. Man lebt“ ... Er hustete +heftiger wieder, sich abwendend, um den Andern +den Anblick seiner Schwäche zu ersparen. +</p> + +<p> +„Ich – ich hasse die reichen Leute nicht. Sie +wissen es nicht besser. Es sind Viele, die es gut +meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht +ganz von selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. +Die Soldaten sind ja auch auf unsrer +Seite. Nur Zeit braucht’s. Man hört. Man liest +Bücher. Die Vernunft muss ja ihren Weg finden. +Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die Religion +gehabt, den Aberglauben. Die Menschen +sehen jetzt, wie es wirklich ist. Man kommt vorwärts. +Man bildet sich. Alles geht gut. Die +Gerechtigkeit muss aufkommen.“ +</p> + +<p> +Alle diese kleinen Sätze sagte er ruhig, sanft, +ohne Aufregung, von Hustenanfällen unterbrochen, +die ihn quälten, seinen Körper schmerzhaft zusammenkrümmten, +wie aufgespiesst an einer +glühenden Nadel. +</p> + +<p> +Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwärts. +Es trieb sie ohne ihren Willen. Vielleicht wussten +<pb n='60'/><anchor id='Pgp060'/>sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau +in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen +her, enorm wie eine wandelnde Glocke. Einige +hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von +Geld: „Wenn man dreissig Pfennige die Stunde +verdient, aber fünfundvierzig müsste man haben.“ +Ein junges Mädchen trug einen grossen Carton. +Sie trippelte und sah hinter sich nach drei jungen +Burschen, die sich lärmend stiessen. +</p> + +<p> +Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene +Dotterflecken, schaukelnd. Der Schmutz +mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine bräunliche, +zähe Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr +dicht am Trottoir, als ob der Kutscher Kunden suchte. +In den Destillationen discutirte man oder spielte +Billard. Man sah die grauen Hauswände feuchtigkeitstriefend +mit Ladenschildern und Plakaten, +Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit müden, +geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie +verwischt, unruhig, in Schatten ... +</p> + +<p> +„Man müsste es machen wie die Thiere,“ +sagte der Anarchist. „Thiere sind klüger wie +Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen +Staat. – Aber es giebt auch eine Seele. Ich habe +Todte gesehen, die wiedergekommen sind und mit +<pb n='61'/><anchor id='Pgp061'/>den Händen in der Luft zeichneten. Nun, ich habe +die Königin Luise gesehen. Sie ist zu mir gekommen +am Weihnachtsabend und hat mir eine +weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. +Sie kommt oft zu mir. Der Kaiser Friedrich kommt +auch, und Napoleon und der Kaiser Alexander. +Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber +sie kommen.“ +</p> + +<p> +Er lachte, ein kleines, ungewisses, eitles, ungläubiges +Lachen. Es sollte um Entschuldigung +bitten für ihn. Im Grunde war er stolz. Es gab +so viel Dinge. Er wusste nicht ... +</p> + +<p> +„Man fühlt sie, wenn man nicht viel gegessen +hat. Und Jeder fühlt sie auch nicht. Manche +Menschen schlafen auch die ganze Nacht. Ich zum +Beispiel, ich kann sehr oft nicht schlafen. Dann +denke ich über Alles nach. O, es giebt sehr viele +Sachen! Wenn man wüsste ... Vielleicht ist es +auch nicht gut. Man muss essen. +</p> + +<p> +„... Die Thiere sind klug. Und die Kinder. +Sie wissen alles Mögliche, diese Kleinen. Aber +sie können nichts sagen. Die Todten können auch +nichts sagen. Viele glauben nicht, dass es ein +Leben nach dem Tode giebt. Nun, diesen kann +man auch nichts sagen. Das ist Alles Gnade, +<pb n='62'/><anchor id='Pgp062'/>wem es gezeigt wird. Und Viele wollen auch +nicht sehen. Ich, ich glaube zum Beispiel an eine +Seele.“ ... +</p> + +<p> +Nervös, schüchtern sagte er das, mit einer +schweren, etwas singenden Stimme. Er war wohl +gewöhnt, dass man ihn oft für verrückt hielt. +Vielleicht war er auch etwas blödsinnig. Aber +das waren seine Geheimnisse. Er war stolz auf +sie andrerseits. Oft erfüllte ihn eine schlechte +Eitelkeit. Er kam sich dann besser wie andre +Leute vor, eine strahlende und durchgeistigte Persönlichkeit. +Häufig war er auch traurig und verachtete +sich. Er hatte oft nichts zu essen. Der Hunger +und die Gedanken hielten ihn wach des Nachts. +</p> + +<p> +Sie waren so auf einem freien Platz angelangt, +wo die Strasse aufhörte. Gerade über diesem Platz +stand der Mond. Aber er war hinter den Wolken. +Die Wolken umwellten ihn, zogen rasch über ihn +her. Manchmal versteckten sie ihn ganz. Dann +war es noch dunkler, wo er stand. Oder er war +am Rande ein heller Fleck. Selbst wenn er ganz +von ihnen befreit war, zeigte sein Rund schwarze +Flecken wie Wollfasern, hingeworfene Schwämme. +Diese Wolken zogen sehr rasch und wechselten +ihre Form fortwährend. Manchmal waren sie +<pb n='63'/><anchor id='Pgp063'/>Kameele, hüpfende Känguruhs oder grosse Schildkröten. +Oder auch nur Dämpfe, gezupfte Watte. +Auf dem Trottoir kämpften die Laternenstrahlen. +Aber das Gas war unruhig im Winde, flackerte +hin und her. Metall blinkte zuweilen oder eine +Fensterscheibe funkelte schwarz polirt. Weisse +Kanten von Gesims oder Mauern leuchteten urplötzlich +auf im Dunkeln. Festes schien zu gleiten +und Unbewegliches bewegt. Ringsum schlief die +Stadt, Dach an Dach und Schornstein über Schornstein. +Aber das fratzenhafte, lügnerische Wesen +liess sie nicht schlafen. Es webte und irrte. +</p> + +<p> +Eine letzte Pferdebahn hielt am äussersten +Ende des Platzes. Die Pferde waren noch nicht +eingespannt. Sie stand unbeweglich. Der Kutscher +mochte wohl einen Schlaf halten im Innern des +Wagens, bis seine Zeit war. +</p> + +<p> +Sie waren alle Drei stehen geblieben. +</p> + +<p> +Die beiden Männer sahen den Fremden an. +Sie sahen ihn an, als ob sie warteten. Sie standen +da und warteten, fröstelnd, etwas benommen, +zwinkernd in das Halblicht ... +</p> + +<p> +Der Eine war halb aufgefressen vom physischen +Leiden. Den Andern trieb die Rastlosigkeit vorbei +und weiter. +</p> + +<pb n='64'/><anchor id='Pgp064'/> + +<p> +Alle Beide hatten dieselben cernirten, etwas +blöden Augen von einem unbestimmten, sanften +Grau mit grünlichen Lichtern, Augen von Nachtthieren, +die man mit einiger Ueberraschung entdeckt, +weil ihr Funkeln irreführte im Dunkeln, – +Schultern, die getragen hatten, und zu hohe, weitoffene +Stirnen über fliehenden, demüthigen Unterpartien +gutartiger Hunde. +</p> + +<p> +Sie warteten. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='65'/><anchor id='Pgp065'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das vierte Kapitel.</head> + +<p> +Er ging auf’s Land. +</p> + +<p> +Er kam durch Dörfer, die sich lang hinstreckten +in einer einzigen Strasse. Oder eine +andre zweigte sich ab vom Mündungsplatz, sehr +ausgefahren, in einer flachen Tränke endigend am +Waldrand, gleich sehr einfachen, primitiven Verdauungsorganen +ganz untergeordneter Thiere. Es +gab ärmliche Häuser, abseits im Koth stehend mit +zerfallnen Stacketen und windschiefen Mauern, +wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor +der Thür hatten; weisse Gardinen umrahmten +die Fenster über blühenden Töpfen. Recht in der +Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man +da zuerst die Todten begraben, eh’ man anfing +sie hinauszutragen weit abseits in gleichgültiges +Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach +<pb n='66'/><anchor id='Pgp066'/>dem verwitterten Holzthurm. Eine runde Zifferscheibe +zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen +Finger. Des Abends riefen die Glocken und +antworteten sich. Vor dem Wirthshaus stand +irgend ein hundertjähriger Baum, eine Ulme oder +Linde. Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, +eine Seite fehlte, dass man hineinsehen konnte, +wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die +Aeste noch grüne Ruthen. Die Alten betrachteten +sie sorgenvoll, aber die Jungen dachten, dass sie +etwas Heiliges wäre und das Glück ihres Dorfes +davon abhinge. Die Hühner scharrten in den +Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte friedlich neben +den Menschen. Die Kühe tranken aus der steinernen +Tränke am Brunnen. Sie auch waren +heilig, freundlich, der Reichthum ihres Besitzers, +und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, +die ihren Weg kennen. Kleine Kinder liefen dem +Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder sie +nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so +auf den blossen Füssen. Sie liefen mit, so lange +sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie +müde waren. Sie standen, den Finger im Mund, +mit grossen Augen, sagten gar nichts, und sahen +ihm nach. +</p> + +<pb n='67'/><anchor id='Pgp067'/> + +<p> +In den Feldern war man an der Arbeit. +Männer stiessen die Pflugschar, langsam, sehr +langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie +ein Schattenriss abhob vom grauen Frühlingshimmel. +Die Erde wellte sich hier in grossen +Hügeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth +verlassen hat. Man sah den Pflug mit dem Gespann +aufsteigen und niedersinken. Manchmal war +er in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch +langsam und steil hinan in runder Schwingung um +die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte +und wandte er sich, dem stärkeren Rhythmus der +Erdmassen folgend. Ins Graue, Harte schnitten +die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, +oben gekräuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot +hat diese Farbe. Es duftete vom Frischgebacknen. +Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, +merkend auf Zahl und Curve der Furchen +lenkte der Pflüger. – Sie waren geschritten so +seit Jahren. Ihre Väter hatten gepflügt. Die Erde +war da, und die Menschen waren vergangen, zur +Erde gekehrt wieder. +</p> + +<p> +Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen +keimte die Saat; kleine, schüchterne Hälmchen aus +dem festen, lagernden Erdreich. Krähen strichen +<pb n='68'/><anchor id='Pgp068'/>kraxend über die Felder. Ganz oben zogen +Schwärme wilder Gänse in mystischer Keilreihe +mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang +wie brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und +Trollen aus dem Norden, Vorgeborner, Eddabewohner. +</p> + +<p> +Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen +arm und wenige. +</p> + +<p> +Sie wohnten dicht zusammengedrückt in Thälern +oder an den Abhängen. Die Berge reckten sich +hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, +mit breitem, fichtenbestandnem Rücken, oder sie +trugen Laubwälder, braun und grün, die ihre +Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestrüpp, +ganz jungen Hölzern bestanden, zwischen +denen man Korn gesät hatte, um den Boden fruchtbar +zu machen. Schneisen öffneten Ausluge in +grüne Wirrnisse, neue Seitenthäler und auf hohe +ernste Wände. Am Wege rankte Brombeergesträuch +und man sah zwischen Farrenkräuter wie in grüne, +niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen hätten +spaziren können, Thau schlürfen aus blauen Glockenblumenkelchen +oder Honig melken aus den gelben +Blüthenrüsseln der wilden Bienensaug. Holz schlug +man da in grossen geschichteten Würfeln. Jedes +<pb n='69'/><anchor id='Pgp069'/>Stück trug den Stempel, die Nummer. Manchmal +aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den +hohen Gräsern kam ein Arbeiter, der seiner Heimath +zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille +Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden. +</p> + +<p> +Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an +Dorf sich drängte, Hof neben Hof, stattliche Höfe +mit rothen Ziegeldächern und steinernen Ställen, +weiter Einfriedigung für das Gelände. Obstgärten +bildeten den Reichthum der Gegend. Selbst das +Vieh war schöner, fett und glatthäutig, wie die +Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen +Hauben und Mützen, weiten Röcken und +verschnürten Stiefeln. Die Kinder truppten zur +Schule steif und artig. Alles war numerirt und +eingetragen vom Landrathsamt. Man sah die +neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was +man werth war, und wünschte nicht, dass eine +Vermischung stattfand. +</p> + +<p> +... Manchmal ging er sehr früh am Tage. +Alles war grau, grau wie im Wasser gewaschen +und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit +sass in der Erde wie in einem Schwamm. +Die Luft war zu schwer noch, dass sie ausdampfen +konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun +<pb n='70'/><anchor id='Pgp070'/>mit stumpfen Steingries in der Mitte. An jedem +Grashalm hing ein Tropfen. Unzählige, unendlich +winzige Tröpfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen +Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit +kleinen Härchen besetzten Oberfläche. Die Kräuter +streiften feucht beim Durchschreiten. Man fühlte +die Erde sich ansetzen und schwer werden unter +den Schuhen. Der Wind blies mit einem Geruch +von frischer Wäsche. Zwischen rothen Steinfassungen +einer Brücke floss breit ausgelaufen ein +Mühlbach. Niemand wusste, ob es regnen würde, +aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die +Thätigkeit des Wassers, das filterte, sich einsackte. +</p> + +<p> +Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. +Sie verbeugten sich und neigten ihre schlanken +Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich +und wechselten sehr schnell in der Berührung, +wie Tasten eines Klaviers, die man nacheinander +anklinkt, ein Spiel der Stäbe, die Zeichen geben, +eine Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe +hindurch lief die Bewegung. Sie schüttelten die +Köpfe, rauschten und raunten. +</p> + +<p> +Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, +ein Schleier im Gesicht, den der Wind nach +<pb n='71'/><anchor id='Pgp071'/>Laune vor- und zurücktrieb. Graue Huschen zogen +rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde +es wie ein leises Stossen, wie wenn es in einem +Kessel anfing langsam zu kochen. Man hörte +das Klatschen auf nackte glatte Häute der Blätter. +Aber es kam noch nicht durch. Sie schützten wie +ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte, +plätscherte ... Es regnete. +</p> + +<p> +Im Frühlingsregen ging man wie in einer +grauen Tarnkappe. Alles erschien ohne Farbe, +sehr jung noch, wie eben <anchor id="corr071"/><corr sic="ausgebrütet.">ausgebrütet,</corr> als ob die +Eihäutchen noch herum wären, eine Fötuslandschaft. +Das Nass begoss, trieb, schwellte. Unter +den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Grün wurde +grell, fast giftig. Die Blumenkronen schienen +grösser, vom Wasser beschwert. Fast schwarz +glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein +lauer Schweissgeruch des Brütens lagerte. Unter +den Steinen höhlten sich Löcher. Alle Steine +schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und +Brüche zeigten sich sehr deutlich. Die Steine waren +nicht steinern und die Tropfen schlugen sie. +</p> + +<p> +Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. +Er flatterte auf wie ein Vogel. Es war ein Spiel +der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass +<pb n='72'/><anchor id='Pgp072'/>man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse +Flecken von Klarheit rissen ein und vergrösserten +sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das +Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der +sehr schnell über Saiten läuft. Es giebt einen +Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. +Die Regenstriche schienen blank und sprühend. +Einen Moment funkelte Alles. Ein Regenbogen +stand sicher geschwungen über der Landschaft, +ein zweiter verschwamm zitternd im Grauen. +</p> + +<p> +Die Vögel fingen schüchtern wieder an zu +piepen. +</p> + +<p> +... Man sah keinen Menschen des Abends. +Ueber die Felder zogen Nebel. Am Waldrand +schien sich’s zu brauen, zusammenzurotten. Man +unterschied die einzelnen Bäume nicht mehr. Es +waren Alles Rundungen, wie Hammelrücken, Riste +flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das +wiederholte sich unendlich. Es schien wie ein +Meer, das da angewachsen, festgenagelt war, +dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in +immer tieferen Schatten, Röthen, Violetten, die der +Tag nicht kannte. Das drang vorwärts, frass sich +weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm +auszugehen, etwas von Hexenkraft, +Räthselhaftig<pb n='73'/><anchor id='Pgp073'/>keit, Unerlöstem. Sehr sanft schmiegten sich die +Saaten. – Ein Reh trat heraus. Es äugte mit +merkenden Lichtern, spitzte die Horcher, eh’ es +sich zum Aesen bückte. Dann kamen mehrere. +Man glaubte den leichten Anschlag ihrer Hufe auf +dem Rasen zu hören, wie sie sich bewegten, +malmten. Nun wurde Einem wohler. +</p> + +<p> +... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. +Blättchen an Blättchen faltete sich in drängender +Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend +im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft +hielt sie alle zusammen. Zartbraun waren die +äussren, wie dünne abfallende Schalen, die ihren +Dienst gethan haben. Die inneren blieben weiss +und lichtgelb, wie feines Fleisch der Eier, das +man isst. +</p> + +<p> +Er fand einen jungen Mann unter dem +Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf seinen +Knieen, aber er las nicht. +</p> + +<p> +Er sprach zu ihm: „Warum liest Du nicht in +Deinem Buch, das Du hältst?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Dieses Buch habe ich gelesen, +viele Bücher, alle Bücher der Welt, die ich finden +konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr +<pb n='74'/><anchor id='Pgp074'/>Wissen ist Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. +Ich bin nur hier und studire den Baum. +</p> + +<p> +„Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. +Aufgepflanzt auf starken Wurzeln, unter der Erde +gegründet wie über ihr. Der Mittelstamm reckt +sich stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich +der Ring. Eine Schnur fügt sich mystisch zur +Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit +zeichnen, und jene Zukünftiges. So entsendet er +Aeste ringsum im Kreise nach allen vier Richtungen +der Sonne, dass die Sonne sie bescheine +und wachsen macht. Kleine Zweige schiessen auf +von den grossen, aus knorrigen Höhlen, wo das +Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder +theilen sich in fächernde Finger. +</p> + +<p> +„Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz +giebt er die Rundung des Erdballs wieder. Fast +flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die +mittleren reichen an den Kreis des Aequators. +Zum Pole der Spitze fügen sich in schärferer +Steigung die oberen. +</p> + +<p> +„Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die +Kräfte, die die Aeste leiten. Zur äussersten Spitze +des ärmlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der +schwärt und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben, +<pb n='75'/><anchor id='Pgp075'/>grossmüthig und doch sparsam. Es scheint zu +schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend +steht es in der Blüthe und sicher reift doch die +Frucht. Es giebt kein Meistern an seiner Form +und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von +Anfang gegründet wie es sein muss, bis er stirbt, +sein Tag um ist, da er lebte.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Bist Du also weit und hast Du +dies Alles erkannt, so will ich Dir mehr sagen, +das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass +Dein Buch und den Baum und folge mir.“ +</p> + +<p> +So folgte ihm dieser. +</p> + +<p> +Zwei Brüder, Maurermeister, lebten in einer +kleinen Stadt. Sie lebten dort schlicht und redlich, +waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr +Gut mehrten sie täglich und sie hatten zusammen +ein schönes Haus gebaut, dass sie dort auf ihrem +Eignen sässen und ihre Tage friedlich endeten. +</p> + +<p> +Sprach der Eine zum Andern: „Was hilft es +uns nun, dass unser Gut sich mehrt von der +Arbeit unsrer Hände, unser Haus fest und stattlich +steht? Wir müssen doch sterben. Die Zeit +reisst es ein, was wir gebaut haben.“ +</p> + +<p> +Der Andre sprach zu seinem Bruder: „Ich +kenne einen Fremden, der Worte weiss stärker +<pb n='76'/><anchor id='Pgp076'/>wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. +Mauern fassen es nicht, die stärker sind wie unsre.“ +</p> + +<p> +Er sprach, der der ältre Bruder war und der +Weiseste von Beiden: „Diesen Mann muss ich +hören. Und wenn ich alle meine Güter dahintenlasse, +was das Herz froh macht, ein Weib und +junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich habe, +was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest +wird, ist mehr denn Häuser bauen, die der Sturm +einreisst.“ +</p> + +<p> +Diese Beiden gingen und suchten den Fremden +auf. +</p> + +<p> +Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet +von allen Menschen und von nachdenklicher Gemüthsart, +wie es das Handwerk mit sich bringt. +Denn ein Maurermeister in seinem Handwerk, so +er es recht versteht und ernst nimmt, ist etwas +vom lieben Gott und Schöpfer selbst, der die Welt +geschaffen hat. Er hält in seiner Hand Thon und +Mörtel. Was er baut, soll für Jahre und Jahrzehnte +sein, wohlgegründet und ausgemessen in +allen seinen Theilen, dass nicht das Hohe auf das +Niedrige falle, der Boden nachgiebt unter zu +schwerer Belastung von Schnörkeln, Pfeilern, buntausgemalten +Fenstern. +</p> + +<pb n='77'/><anchor id='Pgp077'/> + +<p> +Alle diese und Andre, an der Landstrasse, +sah und fand der Fremde. +</p> + +<p> +Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an +einem Wegrain oder auf der Rasenhöhe über dem +Teich, sprach er zu ihnen. +</p> + +<p> +Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums +und wie die gering sind und Knechte, die +streben und hochstehen. +</p> + +<p> +Von den Thörichten des Herzens und den +Armen im Geist sagte er ihnen süsse, geheimnissvolle +Worte. Und von der Güte der Unklugen, +die weiser ist denn Weisheit und stärker denn +Stärke aller Gewaffneten und Starken. +</p> + +<p> +Kleine Kinder umstanden seine Kniee und +sahen zu ihm auf mit grossen, unbewussten, +gläubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen +Meditationen. Mütter hielten sich lächelnd an mit +ihren Säuglingen an der Brust, die nach der nährenden +Zitze lallend griffen, sie patschten mit ihren +rosigen Händchen. +</p> + +<p> +„Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist über +dem Gesetz. Alles Gesetz ist in ihr.“ +</p> + +<p> +„Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn +Deins ist wie Deines Bruders und Deines Bruders +wie Deins.“ +</p> + +<pb n='78'/><anchor id='Pgp078'/> + +<p> +„Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In +der Scham schon ist Sünde. Der Gedanke der +Wollust schlägt und beschädigt.“ +</p> + +<p> +„Nicht das Wort ist Lüge, der Eid betheuert +nicht. Eure Rede sei klar, weil Euer Denken +Wahrheit ist.“ +</p> + +<p> +„Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt +in ihm selbst, wie der Stein, der geworfen +wird und in’s Wasser fällt.“ +</p> + +<p> +„Und widerstrebet dem Uebel nicht.“ +</p> + +<p> +Die kleinen Blumen blühten mit tiefen, duftenden +Kelchen. Feiner wie köstlichste Seide waren +ihre Blättchen. Die Staubfäden standen wie brennende +Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. +Auf grünen Stengeln trugen sie ihre Häupter wie +Kronen. Die Luft war schwanger von ihren Düften +und die Winde trugen ihre Samen. Die Vögel +kamen sorglos und pickten ihre Nahrung. Im Gras +athmeten Cicaden und Mückchen, Käfer, Gewürme +– ein tausendfältiges Leben. +</p> + +<p> +„Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet +seine Nahrung. Alles Lebendige erfüllt seine Bestimmung +des Lebens. Ihr sorget und sammelt +Schätze. Die Motten zerfressen sie und der Rost, +die Diebe graben danach und stehlen.“ +</p> + +<pb n='79'/><anchor id='Pgp079'/> + +<p> +„Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. +Stark ist, wer fest steht in sich selbst. Der weise +geworden ist in Gott, dem haben Stürme, Hass +der Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist +dem Menschen gegeben. Ueber der Welt steht +der Mensch, der die Welt in sich trägt. Gott ist +in Euch und Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer +Herrlichkeit! Ein königliches Volk, ohne Könige, +Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden +sind.“ +</p> + +<p> +Sehr schön war er mit seiner strahlenden Stirn, +dem melodienreichen Mund, dem die Worte entströmten, +die Hände lang und fein mit heilender +Berührung. Seine Worte klangen lieblich wie +Musik. Und in ihnen war die Tiefe. Der blaue +Himmel spannte sich über ihn, blau, ganz blau, +in immer lichterem Blau bis zur lächelnden Sonne, +über die Erde gestellt mit grünsammetnem Rain, +– einen König im schlichten Bettlergewand, einen +Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns. +</p> + +<p> +Die Leute kamen von weit, ihn zu hören. +</p> + +<p> +Etliche sagten: „Es sind Gedichte. Wir haben +das schon oft gehört, so oder so.“ – Aber sie +hatten viel zu thun und gingen. +</p> + +<p> +Viele sagten: „Das ist Alles Lüge. Träumereien +<pb n='80'/><anchor id='Pgp080'/>sind das.“ – Sie erklärten lange, wie es besser +zu machen sei mit dem Aufhören der Militairlasten +oder einer neuen Steuerordnung oder indem +man die Güter anders vertheilte. +</p> + +<p> +Sie waren die Klügsten. Aber die Meisten +gingen hin und thaten weiter, wie sie vorher gethan +hatten. +</p> + +<p> +Und war Niemand, der ihn verstand. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='81'/><anchor id='Pgp081'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Das fuenfte Kapitel."/> +<head>Das fünfte Kapitel.</head> + +<p> +Es begab sich, da er müde war, setzte er sich +nieder an einem Brunnen. +</p> + +<p> +Ein sehr lieblicher Platz war es. Weidenzweige +hingen tief wie feine wehende Schleier. In der gemauerten +Höhlung hörte man es murmeln vom +schwärzlichen, verborgnen Wasser. Alles Gras +ringsum war grün, sammetgrün mit Schatten, wie +der Wind es wehte oder die Sonne fiel. Eine Stille +war in der Luft, diese Klage der Feuchtigkeit, die +der Nacht vorangeht, denn es war Abenddämmerung. +Nur die Heimchen zirpten. Man hörte das +Locken der Vögel, aber befriedigt, nur mehr wie ein +Glucksen. Die Winde auch kamen sacht, mit etwas +lebhafterem Rauschen oben in den Baumkronen. +</p> + +<p> +Er setzte sich auf die Steinbrüstung des +Brunnens. +</p> + +<pb n='82'/><anchor id='Pgp082'/> + +<p> +Eine Frau kam. Sie ging langsam und hielt +eine Reitgerte in der Hand. Der Saum ihrer grauen +Amazone fegte schleppend den Boden. Sie führte +ein weisses Pferd am Zügel. Es trat so leicht +auf, dass man seinen Hufschlag nicht hörte, den +Kopf hielt es gesenkt, als wollte es sich bemühen, +die Saatsprossen zu erhaschen, und schnoberte +leise aus rosa feinen Nüstern. Ein Windspiel +sprang auf ihrer andern Seite. Es streckte zuweilen +wie liebkosend seinen schmalen spitzen +Kopf in ihre hängende Hand. Sie ging in tiefen +Gedanken. Ihre Haare waren in dicken Flechten +gewunden, weit unten im Nacken aufgesteckt, als +ob sie zu schwer wären für ihren schmalen Kopf. +Sie ging sehr langsam und hielt die Augen zur +Erde gerichtet, wie wenn sie suchte. Sie suchte +mit der schwanken zitternden Spitze der Reitgerte +auf dem Boden. Der Hund lief neben ihr und +sah sie an. Er versuchte ihre Augen zu fangen. +Aber sie antworteten seinem Blick nicht. Sie ging +und führte das weisse Pferd am Zügel. Ganz +weiss, mit gesenktem Kopf folgte es, ein edles, +geduldiges, sehr feines Thier. +</p> + +<p> +Gerade über die Wiese kam sie, zu der Quelle, +wo der Fremde sass. +</p> + +<pb n='83'/><anchor id='Pgp083'/> + +<p> +Sie seufzte. Gegenüber am Brunnen sass der +Fremde. Und sie sah ihn nicht. +</p> + +<p> +Sie hob die Augen auf und sah ihn. +</p> + +<p> +„Warum bist Du unglücklich?“ fragte der +Fremde. +</p> + +<p> +„Ich bin unglücklich, weil ich glücklich bin. +Ich habe Alles, was die Menschen Glück nennen. +Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine +Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe +einen Mann, der mich anbetet, gute Kinder. Doch +bin ich unglücklich. Ich gehe zu diesem Brunnen, +um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich auflöst +in dem der Natur, der über diesem Ort +lagert. – Warum ist sie unglücklich?“ +</p> + +<p> +„Weil sie sterblich ist und vergänglich.“ +</p> + +<p> +Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige +der Weiden rauschten auf wie leichte, faltige +Frauengewänder und fielen zusammen. Der Hund +schob liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die +Felder trug der Wind die Klage der Weiden und +geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte +das Wasser. „Sind wir es nicht auch? Vergänglich +und sterblich? Der Tod ist in Allem. Das +Schöne hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. +Der Tag unsrer Kraft ist der unsrer Güte. Wenn +<pb n='84'/><anchor id='Pgp084'/>wir krank sind, sind wir selbstsüchtig, schlecht, +Andre quälend und gequält von ihnen. Aller +Anstrengung Ende ist der Tod.“ +</p> + +<p> +„Es giebt etwas über dem Tod,“ sagte der +Fremde. +</p> + +<p> +„Es giebt etwas,“ sagte sie in sehr tiefen +Gedanken. „Ja, es muss etwas geben. Man +denkt nicht daran, wenn man glücklich ist. – +All’ diese Tiefen – diese Schmerzen! Diese +Schmerzen müssen unsterblich sein.“ +</p> + +<p> +„Die Schmerzen sind unsterblich.“ +</p> + +<p> +„Die Ahnung des Unendlichen – diese Sehnsucht +hinaus! Es ist das Beste, was wir haben. +– Es ist sehr schmerzlich.“ +</p> + +<p> +„Leiden ist schön.“ +</p> + +<p> +„Ja, es ist schön. Ich möchte nicht ohne es +sein. – Doch die Andern sind glücklicher. Warum +gab man es uns nicht wie dem Thier zu leben? +wenn es aus ist, Sterben ohne Bewusstsein?“ +</p> + +<p> +„Nichts stirbt. Alles Leben lebt unvergänglich.“ +</p> + +<p> +„Sie auch, diese Bäume? Die Wehmuth dieser +Felder? Es gäbe eine Vollkommenheit für sie? +Eine Erfüllung? Wo ist sie?“ +</p> + +<p> +„Ahnst Du sie nicht? – Sieh in die Weite!“ ... +</p> + +<p> +„Manchmal ahne ich sie. Etwas wie einen +<pb n='85'/><anchor id='Pgp085'/>Zusammenklang, einen verlornen, fernen. Ich +weiss nicht. ... Es ist das Leiden, die Sünde: +Einer hat Einen getödtet. Man tödtet ihn wieder. +Er leidet. Ist er nicht erlöst? ... Aber es sind +so viele Andre. Sie gehen hin und leben, correct, +alltäglich“ ... +</p> + +<p> +„Sie sind weitab.“ +</p> + +<p> +Sie sprach wie im Traume. Der Hund, zu +ihren Füssen gelagert, sah sie an mit treuen, +klugen Augen. So beweglich waren sie, dass die +Lichter fortwährend wechselten wie in einem Spiegel. +Im Grase weidete das weisse Pferd. Man hörte +es die zarten Halme abrupfen, sie zermalmen +zwischen starken, höckrigen Zähnen. Und von +Zeit zu Zeit wieherte es leise, wie wenn es antwortete, +als röche es den Frühling. +</p> + +<p> +„Ja, ja,“ sagte sie athemlos. „Ich weiss nicht. +Aber es muss auch sein. Man quält auch Thiere. +Sie leiden und sie ahnen. ... Was ist es?“ +</p> + +<p> +„Wenn Du wüsstest, wäre es das?“ +</p> + +<p> +Sie schüttelte den Kopf. „Nein, man muss es +finden, selber in sich finden. Dann ist es der +Friede. Ein Glück über dem Glück, Erfolg und +Schande, Reichthum und Armuth, – das ist Alles +so gleichgültig. Es ist über dem Allen.“ +</p> + +<pb n='86'/><anchor id='Pgp086'/> + +<p> +Sie sah den Fremden an. Die junge Frau +mit zarten, spielenden Fingern strich langsam die +Säume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten +sich in dem Schleier, der über die +Felder ging. Es war, als ob die Farbe der +Felder in sie eindränge und es bliebe nur <hi rend='gesperrt'>eine</hi> +Farbe in ihren Augen und in der der wehenden +Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich +die gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die +graue Seidenhaut des Windspiels schmiegte sich +wollüstig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser +fiel in kleinen plätschernden Cascaden, oder es +ruhte sich lange aus, in Pausen, wo nur das +Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von +Tropfen, die höhlen, klopfen. +</p> + +<p> +„Manchmal fühle ich, als ob ich gar nicht +mehr Ich bin. Eine hässliche Kröte. Eine Tigerkatze. +Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend +Jahren war und hundertmal gestorben ist. Ein +Thier und ein Gott. Vom Thier zu Gott. Das ist +der Weg.“ +</p> + +<p> +„So ist es.“ +</p> + +<p> +„Ja, ich habe gelebt,“ sagte sie sehr leise, +liebkosend. „Ich habe gemordet. Ich habe +ge<pb n='87'/><anchor id='Pgp087'/>sündigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am +Märtyrerpfahl gestanden. Und es machte mir +Freude, meine weisse, feine Hand in Blut zu +tauchen, bis sie roth war. – Ich sah einen Mann +einmal. Er war ein Strolch und ein Mörder. Er +auch, war ein König. In seinem Auge las ich +den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, +wie wir uns sahen. ... Das ist seltsam.“ +</p> + +<p> +„Nichts ist seltsam.“ +</p> + +<p> +„Nichts! Nichts!“ wiederholte sie inbrünstig. +Eine feine Röthe schlug von ihrem Hals auf wie +Sonne unter Lilienblättern. „Gar nichts ist seltsam. +Manchmal in Büchern, in der sehr grossen +Kunst fühlt man es. – Ich habe es in Felsbrüchen +gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines +Grashalms. Es giebt Worte, Reime. ... Goethe +hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia wahnsinnige, +kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische +alte Götzenbilder und Michelangelo’s Grabfiguren +am Mediceer-Denkmal. ... In der Marseillaise +hört man die Tuba der Erzengel. Warum ist +Lucrezia Borgia süss wie Nachtigallsang am Maiabend +und Napoleon gekreuzigt wie der von Golgatha +... Es ist so schwer zu denken ...“ Sie +presste die weiche kleine Hand gegen die Stirn, +<pb n='88'/><anchor id='Pgp088'/>an der die Schläfen flogen wie unter Hämmern +einer Schmiede. +</p> + +<p> +„Warum denkst Du?“ fragte er gütig. +</p> + +<p> +„... Wenn man nicht denken brauchte! Alles +weiss man. Nur weil man versucht, sein Wissen +zu erklären, <hi rend='gesperrt'>ein</hi> Wissen für Alle, Gesetze sucht, +weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! +Ah, Frauen wissen eher wie Männer! Sie fühlen. +Es ist ihr Körper, der in ihrem Willen ist, ... +weil Frauen lieben.“ +</p> + +<p> +„Und Gott?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Gott auch liebt,“ sagte sie träumend. „Er +hasst nicht. Das Gute ist dasselbe wie das Böse. +Alles ist ein Leben und es dreht die Welt. Die +Thaten, die gethan werden, sind seine Aeusserungen. +Es ist nichts gut und nichts schlecht. +Es ist wie es ist.“ +</p> + +<p> +Er antwortete nicht. Sie seufzte. Die müde +Traurigkeit erschien wieder in ihrer Haltung, dem +Körper, der sich zurückbog, während die Linie des +Halses straff wurde. +</p> + +<p> +„... Sie haben Kirchen gebaut. Ich habe versucht +in der Kirche zu beten. Die Sehnsucht erstickte +mich.... Hier ist es besser.“ +</p> + +<p> +„Es ist besser hier.“ +</p> + +<pb n='89'/><anchor id='Pgp089'/> + +<p> +„Sie sind zu eng, die Kirchen. Dies Alles +müsste mit hinein. Viel, viel mehr als die alte +Geschichte. Und die neuen Geschichten. Das ist +weit – weit ...“ +</p> + +<p> +Sie zeigte mit ihrer Hand. Von allen Seiten +wallten die Nebel. Es glitt über die Felder. Das +Entfernteste verlor sich im Ferneren und das Nahe +schien weitgerückt, aufgesogen im Allen ... +</p> + +<p> +Eine Fledermaus strich leise mit unhörbaren, +schwarzen, tappenden Schwingen. Näher und +wieder weiter, geheimnissvolle Kreise ziehend. +Sehr deutlich sah man die feinen Krallennägel, +zwischen denen die Flughäute angemacht waren +gleich Stofffächern eines Regenschirms, den kleinen, +platten Kopf mit spitzen Zähnchen, die nach Insekten +schnappten, sie rasch zerrissen. Eine Eidechse +kam hervor unter der Brunnenmauer. Sie +blieb da wie angewachsen, horchend. In der +Saat putzten sich die Hasen und machten Männchen. +Sie ohrfeigten einander mit harten, flinken Pfoten +und hamsterten leise in sich hinein wie Geizhälse. +Ein Fuchs schlich auf Raub mit vorgestreckter spitzer +Schnauze und fuchtelnder Ruthe. +</p> + +<p> +Ganz fern quakten Frösche im Feuchten. Von +allen Wiesen stieg der Athem auf. +</p> + +<pb n='90'/><anchor id='Pgp090'/> + +<p> +Sehr lange sassen sie. +</p> + +<p> +Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd +kam ohne Ruf. Der Hund witterte in die Richtung +mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd. +</p> + +<p> +„Gehe in Frieden,“ sagte der Fremde, „Du +bist näher wie die Andern.“ +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='91'/><anchor id='Pgp091'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das sechste Kapitel.</head> + +<p> +Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee. +</p> + +<p> +Das Gerücht von ihm war nämlich sehr +stark geworden in dieser Gegend, so dass viele +Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele +logen und erzählten seltsame Geschichten von +Wundern und Kranken, die geheilt worden waren. +Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und +folgten ihm etliche Tage und warteten auf ein +Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre Hoffnungen +erfüllte, gingen sie nach Hause, ihren Geschäften +nach. Diese sagten stets, dass Alles gelogen +war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche +Wunder unmöglich und gegen die Natur seien, +warteten doch darauf und würden sie bestritten +haben, wenn sie geschehen wären. Die Zeitungen +bemächtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre +<pb n='92'/><anchor id='Pgp092'/>Leser zu amüsiren. Einmal tauchte er hier auf +und einmal da. Es machte den Reportern Spass, +gerade die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, +gefälschte Interviews und lange Extrakte +aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft +war da ertheilt über Himmel und Hölle mit +genauer Beschreibung der Lage und Gliederung +der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes +Thron stand. Einige brachten sogar ein ganzes +Nationale, dass er der Sohn eines Zimmermanns +Joseph Schäppli aus Bing an der Enz in Württemberg +sei. Dieser Sohn hatte für einen Narren gegolten +in seiner Jugend. Im Ort gab es viel zu +erzählen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. +Dann war er verschwunden, als er etwa dreissig +Jahr alt war. Etliche sagten, er wäre in der Enz +ertrunken, Andre, dass er in die Wälder gegangen +wäre und dort als ein Waldmensch und +Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe +Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht +wäre und predigte. Seine eignen Eltern +sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger +Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter +aufgesucht und wusste, dass sie eine Haube trug +und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das +<pb n='93'/><anchor id='Pgp093'/>war übrigens nichts Seltnes bei diesem schwäbischen +Gebirgsvolk, arbeitsam und verständig, aber +von schweifender Phantasie, mit einer beständigen +Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, +oder auch der alte Schatz von Legenden, einstiger +Herrlichkeit und Weltgrösse, die in diesen Stämmen +lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen +Reichs, Lutherthum und Schulbehörden. Wieder +Andre hielten ihn für einen Wanderprediger aus +den norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, +über mystische Schwärmer, Tolstoi und +Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, +der sich dort in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden +rein erhalten hatte. Diese verbreiteten, +dass er der Sohn eines schottischen Lords oder +vornehmen Grafen wäre. Es that ihnen wohl, +das zu glauben. +</p> + +<p> +Und gewaltig erschütterte Alle Fritz Kuhlemann’s +Stimme, eines einfachen Arbeiters und +verlorenen Gesellen, der in den grossen Städten +auftrat und forderte Busse zu thun: Im Namen +Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und unter +ihnen wandelte. „Denn die Zeit ist gekommen.“ +</p> + +<p> +Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhöhungen, +Gaben der Reichen. Andre rechneten +<pb n='94'/><anchor id='Pgp094'/>auf die Revolution, wo er ihr Häuptling werden +sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war +in ihr der rothe Hass der Ungerechtigkeit und eine +neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die +über Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild +auch und schöpferisch, wie die des Mannes zum +Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fühlten +unter den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst +sagten: Wir können nicht wohlleben und in +Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht +hat, da er sein Haupt hinlegen soll? – Denn so +sprach er: „Nicht ausser Euch, sondern in Euch +richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes +in Euch, dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, +Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und des Teufels. +Und Ihr seid Alle Gottes.“ +</p> + +<p> +Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir +wollen sehen, ehe wir glauben. Er sagte ihnen: +Seht die Werke an in seinem Namen gethan und +thut wie Er. – Aber das gefiel diesen nicht. +</p> + +<p> +Es gab Viele unter den reichen und vornehmen +Leuten, die den Fremden auch gern gesehen hätten. +Aber sie wollten sich nicht lächerlich machen. Auch +fürchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen +zu compromittiren. +</p> + +<pb n='95'/><anchor id='Pgp095'/> + +<p> +Diese Landräthin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter +war, hatte eine grosse Gesellschaft +zu geben. Sie war eine kluge Dame aus +reichsgräflichem Hause, die sich viel einbildete auf +ihre Bildung, dass auf ihren Gesellschaften immer +etwas Besonderes, Geistiges und Interessantes war. +Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen +Theosophie in Mode war, dachte sie, es +würde sehr interessant sein, den Fremden einzuladen, +ihn ihren Gästen gleichsam als Curiosität +und zur Unterhaltung vorzuführen. +</p> + +<p> +Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen +Gefallen, der ihr selbst und ihrem Landrath sehr +nützlich war, in einem Kreis, wo er vermöge seines +Namens und Reichthums eine höchste und selbstverständliche +Stellung einnahm, die sie als arme +Beamte und Frischnobilitirte sich nur mühsam erobern +konnten, mit allen Mitteln suchen mussten +zu befestigen. Dieser Mann war der alte Prinz +Schönheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter +der liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. +Er hatte in seiner Jugend mit der Revolution und +dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann +und Schöngeist sich ein Renommee erworben. Seine +„Briefe eines Diplomaten“ erregten das grösste +<pb n='96'/><anchor id='Pgp096'/>Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, +der mit der Tradition brach, dass Heuchelei und +geheimnissvolle Zugeknöpftheit unentbehrliche Attribute +der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast +ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg +er füchsische Verschlagenheit, die Raubthierkralle +eines Cäsar Borgia im Sammethandschuh. +Man nannte ihn den Fürsten Talleyrand der Provinz. +Seine Stellung dort war unerschütterlich +selbst nach seiner officiellen Niederlage als Staatsmann, +seitdem neue Systeme und Principien ihn +und sein System hinweggefegt hatten. Die Landräthin +gehörte zu seinen Protegees. Nicht, dass +ihre spärlichen Reize den alten Viveur in Versuchung +geführt hätten. Nach einem galanten +Sabbath ohne Gleichen hatte das Küchenpersonal +und noch tiefer hinab, bei ihm endgültig die Palme +davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr +ungenirt. Aber er liebte es immer, seinen Finger +mit in der Pastete zu haben, die Landräthin und +ihr strebsamer Gatte erschienen ihm als gefügige +Werkzeuge für seine kleinen Pläne, die er durchaus +nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt +unter witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines +mystischen Einflusses erfreute ihn. Er fand es +<pb n='97'/><anchor id='Pgp097'/>vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als +vorne auf der Bühne die grossen Schreie auszustossen: +heutzutage weiss man von jeder Macht die +Adresse. Jeder trägt seine Befugnisse und Eigenschaften +wie aufgeklebte Etiketten mit sich herum: +Büreau für Stellenbesetzung, Vermittlung von +Börsengeschäften, Vademecum für Hoflieferanten. +Früher ging das in’s Geheimnissvolle wie der +liebe Gott. Und hielt die Bande in Schrecken. +Man weiss zu gut, was wir <hi rend='gesperrt'>nicht</hi> können. Darum +will jetzt Jeder Alles besser wissen. +</p> + +<p> +Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste +und fieberhaften Lebensbezeugungsdrang des Prinzen +war ein Werk über Buddhismus, den er für +die Religion der Religionen hielt. Sie passte in +den Cynismus des alten Diplomaten, diese Idee +des Jenseits von Gut und Böse, der souveränen +Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten +an seiner Gelehrsamkeit, sie war etwas zusammengewürfelt +nach der Mode des Ancien Régime. Er +besass diese Eigenheit der Regierenden, dass er +über Alles reden und geistreich reden konnte. +Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. +Er selbst vermied Gelehrte, sein eigentliches und +Hauptpublikum blieben Damen. Nur der Doctor +<pb n='98'/><anchor id='Pgp098'/>Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war +um so verwunderlicher, als der junge Mann thatsächlich +ein sehr bedeutender Kopf war. Seine +Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. +Professoren und Mitschüler erwarteten von Anton +Rothe etwas ganz Außerordentliches, den Aufgang +eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. +Einen Stürmer und Dränger sahen die Andern in +ihm, einen grossen Künstler. Er hatte alle ihre +Erwartungen getäuscht, war mit sechsundzwanzig +Jahren als Privatsecretair in die Dienste des +Fürsten getreten, der ihn in einer Art Auerbach-Keller +kennen gelernt hatte, und diesem seitdem +auf allen seinen Reisen gefolgt. Legenden von +geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen, denen +sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in +afrikanischen Lasterhöhlen, den Schmutzpfühlen +überseeischer Hafenstädte hingegeben hätten, konnten +allein diese seltsame Anziehung zwischen dem +beinah achtzigjährigen Weltmann und dem zweiunddreissigjährigen, +prachtvollen, genialen Menschen +erklären. Man hatte das ungleiche Paar +Faust und Mephisto getauft, der äussere Eindruck +entsprach der Vorstellung, neben dem ernsthaften, +schönen jungen Mann, schwerer germanischer Typus, +<pb n='99'/><anchor id='Pgp099'/>das sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, +der es liebte, von seinen literarischen Speichelleckern +als Voltaire bezeichnet zu werden. +</p> + +<p> +Dies waren die Hauptpersönlichkeiten, denen +die Gräfin den Fremden vorführen wollte. Sie +hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor +wegen seiner bürgerlichen Abkunft und sonstigen +Anrüchigkeit. Aber die allgemeine Werthschätzung, +deren er sich erfreute, seine sagenhafte Allmächtigkeit +bei dem Fürsten zwang sie, freundlich gegen +ihn zu sein. Ihre Sauersüsse bei solchen Gelegenheiten +amüsirte dann den Alten: „Es ist +wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu +beherrschen weiss. Da sagt man, nur Männer +hätten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch +auf allen Punkten.“ +</p> + +<p> +Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie +wollte: „Wenn Du meinst, Amélie.“ ... Sie +schrieb also ein Billetchen an den Fremden des +Inhalts, dass eine distinguirte Reunion im Schlosse +von X., Datum und Stunde, von seinem Geist und +Wirken gehört, den Wunsch hätte, ihn zu kennen +und sich belehren zu lassen. – Höflichkeit bei +solchen Gelegenheiten ist immer angebracht. Sie +kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares +<pb n='100'/><anchor id='Pgp100'/>Geld. Uebrigens lag der Gräfin wirklich an dieser +Attraction für ihren Rout. Boshafte Leute waren +hier wieder der Meinung, dass diese berühmten +gräflichen „geistigen Attractions“ vieles Andre, +weniger Attractive verbergen sollten, zum Beispiel +eine entschiedene Dürftigkeit des Vorgesetzten, und +den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich +spät, im letzten Augenblick servirt wurde. +</p> + +<p> +Der Diener fand den Fremden unter einem +Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei schwarze +Amseln liefen nach Würmern pickend neben ihm +im Grase. Es schien, als ob diese Thiere ihn +fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor +nachher auf die Hexerei. +</p> + +<p> +„Ich werde kommen,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +Die Gräfin, die es nie verschmähte, auch ihre +Kammerdiener auszufragen, merkte sich diesen +kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen +symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr +in’s Crême spielend, mit schwarzen Jetkettenschnüren +viermal um den Hals. +</p> + +<p> +Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine +Stellung und quasi officielle Sanction ... „Das +verstehst Du nicht, mein Freund,“ sagte sie milde, +aber fest. – „Man wird sich erdrücken.“ +</p> + +<pb n='101'/><anchor id='Pgp101'/> + +<p> +Man erdrückte sich. +</p> + +<p> +Die Gräfin war allgegenwärtig. Es galt, ihren +Gästen das Ausserordentliche ihres Schrittes klar +zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit +der sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen +thun wollte, und sich gleichzeitig möglichst gegen +üble Folgen schützen, da man es ihr nach oben +hin falsch auslegen konnte. +</p> + +<p> +Gegen die Einen, die sie für freie Geister hielt, +war sie frivol, für die Andern ernsthaft, priesterlich. +Allerliebst reumüthig, bescheiden, entschuldigte +sie sich gegen den Superintendenten, einigen +alten Damen gegenüber. „Ich bin so eine moderne +Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie selbst +den Unsinn sehen ...“ +</p> + +<p> +„Interessant“ war ihr Wort. Dafür liess sie +sich einen scherzhaften Fächerschlag auf den Arm +von der alten Baronin Rehden gefallen. Die Superintendentin +bat sie um ihr Recept für schwarzen +Johannisbeergelee. Dabei vergass sie niemals dem +Prinzen zuzulächeln: „Wie werden wir uns nachher +über alle diese mokiren. Wir Beide verstehen +uns, dass Alles nur eine Farce ist.“ ... +</p> + +<p> +„Ist sie nun nicht bewundrungswürdig?“ fragte +der Prinz seinen Adjutanten. „Diese Frau wäre +<pb n='102'/><anchor id='Pgp102'/>bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig +dem Vierzehnten Maintenon, bei Alexander +Krüdener gewesen. Für die Tochter der Herodias +reicht’s leider nicht. Sie hätte auch da ihr Bestes +gethan und man würde ihr wahrscheinlich das Haupt +bewilligt haben, wenn auch aus andern Gründen.“ +</p> + +<p> +Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete +den Fremden, der allein an einem Ende +des Saales stand. +</p> + +<p> +Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug +zwischen den plaudernden, lachenden, zischelnden +Gruppen. Fortwährend drängten sich die Diener +durch unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren. +</p> + +<p> +„Eigentlich eine tolle Idee der guten Gräfin,“ +sagte die alte Baronin Steuben, sich Luft zufächelnd. +Sie war eine wirkliche grosse Dame und verachtete +die kleinen Trics und Kniffe der Andern. +</p> + +<p> +Ein junges Mädchen erstaunte, dass er keinen +Frack trüge. Der Prinz bemühte sich, der kleinen +Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass es +sehr möglich sein könnte, dieser wäre wirklich +Christus. Die kleine Frau begriff nicht. Ihre +Augen vergrösserten sich unmässig. Sie stand +buchstäblich mit offenem Mund. +</p> + +<pb n='103'/><anchor id='Pgp103'/> + +<p> +In einer Gruppe junger Damen und Offiziere +hatte man beschlossen, den geheimnissvollen Gast +direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner +war ausgesandt worden als Avantgarde. Man +setzte ihm zu von allen Seiten. Und er that auch, +als ob er etwas besonders Gefährliches unternähme, +hegte noch Skrupel über die Anrede. „‚Meister‘ +ist ja wohl das Officielle?“ ... +</p> + +<p> +„Ach gehen Sie!“ +</p> + +<p> +Aller Augen folgten ihm, wie er gesucht +dandyhaft quer durch den Saal chassirte. Die +jungen Damen kicherten. +</p> + +<p> +„Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle.“ Der +junge Mann verbeugte sich, forcirt vorschriftsmässig +die Hacken zusammenschlagend. +</p> + +<p> +Der Fremde sah ihn an. „Ich möchte mir +eine Frage erlauben, Herr ...“ Er zögerte vor +dem Namen, um dem Andern zu markiren, dass +er seine Vorstellung erwartete. „Halten Sie es +für Ihren und dem christlichen Grundgedanken +entsprechend, Kriegsdienste zu nehmen?“ +</p> + +<p> +Der Fremde antwortete nicht. +</p> + +<p> +„Ich betrachte die Frage ganz ernsthaft. Es +steht doch in der Bibel: Du sollst nicht tödten. +Wir versprechen unsre Feinde zu lieben, Böses +<pb n='104'/><anchor id='Pgp104'/>mit Gutem zu vergelten. Christus nimmt Petrus +das Schwert aus der Hand. Dennoch zwingt uns +das Gesetz.“ +</p> + +<p> +„Welches Gesetz?“ fragte der Fremde. +</p> + +<p> +„Nun, das bürgerliche, das des Staats, dem +wir angehören.“ +</p> + +<p> +„Du gehörst nicht dem Staat, der Staat gehört +Dir,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +„Aber das Staatsgesetz bestraft mich. Ich +werde schuldig gefunden und verurtheilt, wenn ich +mich weigre ihm zu folgen. Gehorsam gegen das +Gesetz ist uns ebenfalls anbefohlen. Was soll ich +thun?“ +</p> + +<p> +„Was Du willst,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +„Das ist es. Aber ich weiss doch nicht, was +ich will.“ Der junge Offizier war in einen gewissen +Eifer gerathen, er nahm sich vor, den +Punkt bis zu Ende zu verfechten. „Wenn mein +Wille gegen das steht, was ich soll?“ +</p> + +<p> +„Du sollst wollen.“ +</p> + +<p> +„Man zwingt mich. Ich komme in’s Gefängniss. +Man behandelt mich als Verbrecher. Was +bin ich, Einer gegen so Viele?“ +</p> + +<p> +„Viele Einzelne sind Viele.“ +</p> + +<p> +„... Die Duchoborzen. Eine Art Tolstoi. Auch +<pb n='105'/><anchor id='Pgp105'/>Quäker leisten ja keine Kriegsdienste, glaube ich? +Interessant, sehr interessant!“ sagte die Gräfin. +</p> + +<p> +„Jedes Land hat alle seine Kräfte nöthig gegen +den äusseren Feind!“ sagte der Candidat der Theologie, +der zugleich Reserveoffizier war. „Ein Land, +das sich seine Waffen nimmt, ist wie ein Körper +ohne Widerstandskraft. Es entmannt eine Nation, +sie ist dann nicht fähig, ihre Ehre zu vertheidigen. +Die Ehre eines Volkes ist wie die Ehre eines Individuums.“ +</p> + +<p> +Er liebte das Wort: Ehre. Er sagte es in +einem besonderen schnarrenden Ton. Er war auch +<hi rend='gesperrt'>für</hi> das Duell und fing ein längeres Gespräch mit +dem Lieutenant darüber an, „zum Beispiel, wenn +Einer mich mit meiner Frau betrügt. Dann greift +schließlich jeder Holzknecht zur Axt.“ +</p> + +<p> +„Aber der Holzknecht ist ein Mörder und +kriegt seine fünf Jahr Zuchthaus,“ sagte der Prinz +freundschaftlich. „Das ist der ganze Unterschied, +mein braver Langenhahn.“ +</p> + +<p> +Natürlich müssten gewisse Formalitäten beobachtet +werden; der Candidat gab das zu. Der +Lieutenant sah nicht ein, warum schliesslich Messerstechen +und Ohrabbeissen nicht auch gelten sollten, +immer gerade mit diesem Falle des Ehemanns +<pb n='106'/><anchor id='Pgp106'/>gegen die Ehebrecherin und ihren Mitschuldigen +gerechnet. +</p> + +<p> +„Ich fände es doch einfacher für ihn, Beide +todtzuschlagen,“ sagte der Doctor. +</p> + +<p> +„O, aber lieber Doctor! Das nun wieder!“ ... +Die Gräfin flatterte skandalisirt. +</p> + +<p> +„Es wäre das Logische. Entweder wir haben +Faustrecht oder wir haben keins. Diese Mittelzustände +machen unsre heilige Civilisation so +ungeniessbar.“ +</p> + +<p> +„Das ist nun doch schrecklich, Doctor, was Sie +sagen!“ Die Baronin schüttelte vorwurfsvoll den +Kopf. Ihr gefiel der junge Mann, seine schöne Stirn. +</p> + +<p> +„Erlauben Sie. Es ist in Allem so. Besonders +was die Frauen angeht. Entweder eine Frau ist ein +für sich selbst verantwortliches Wesen, ein Mensch, +eine Seele, oder sie ist Sache. Mein Eigenthum. Mein +Stück Kuhfleisch. Dann der Sack und der Bosporus.“ +</p> + +<p> +„Aber es giebt doch Mitteldinge.“ +</p> + +<p> +„Die sind dann einfach absurd. Ich schlage +mich – aber ich gebe ihm dieselbe Chance. Ich +sage, sie weiss nicht was sie thut, und lade ihr die +volle Verantwortung auf. Wir können eben nie +etwas reinlich durchführen.“ +</p> + +<p> +„Dann wären wir Teufel.“ +</p> + +<pb n='107'/><anchor id='Pgp107'/> + +<p> +„Oder Engel. Sie haben die Wahl.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube, <hi rend='gesperrt'>Sie</hi> haben schon gewählt!“ Sie +wollte damit discret auf Einiges hindeuten, was +über seine Reisen zu ihren Ohren gedrungen war. +</p> + +<p> +„Vielleicht doch noch nicht so ganz,“ sagte der +junge Mann kalt. +</p> + +<p> +„Es giebt auch noch ein Drittes.“ +</p> + +<p> +– „Sagen Sie mal, sind Sie glücklich?“ +</p> + +<p> +„Befehlen Sie Thee oder Kaffee, Baronin?“ +</p> + +<p> +Jemand, ein älteres Fräulein, sagte, dass alle +Völker eine Familie wären, Deutsche, Franzosen, +Juden. Sie hatte „Die Waffen nieder!“ der Baronin +Suttner gelesen und schwärmte für Völkerverbrüderung. +</p> + +<p> +„Das ist doch eine etwas grosse Familie,“ +sagte der Lieutenant von Detten zu seiner hübschen +Nachbarin. „Ich goutire Juden nur allenfalls +als Schwiegerväter.“ +</p> + +<p> +Der Candidat fand, man dürfte nicht Antisemit +sein vom Vernunftstandpunkt aus. Aber man +wäre es physisch. +</p> + +<p> +Der Superintendent drohte ihm mit dem Finger: +„Wir sind Alle Brüder und unser Herr Christus +kam von den Juden.“ +</p> + +<p> +Der Prinz erzählte eine amüsante Anekdote +<pb n='108'/><anchor id='Pgp108'/>von einem Orientalen, einem befreundeten Pascha, +der alle Hufthiere verabscheute, weil er selbst einen +Klumpfuss hatte. +</p> + +<p> +Der Blaustrumpf unterhielt sich über Frauenfrage +mit einem Gymnasialprofessor. Er hatte +einen schmutzigen Hemdkragen an und kaute seine +Nägel: „Nun gewiss, auch Frauen haben eine +Seele,“ sagte der Professor zerstreut. „Das heisst +– Seele! –“ er lachte sardonisch. Er hatte +Lust, auf den Fussboden zu spucken. Aber er +besann sich. Man hatte ihn eingeladen, weil er +in den Wahlvereinen wichtig war. +</p> + +<p> +„Man muss das schwache Gefäss in Geduld +tragen,“ sagte der Superintendent. „Wir haben +ja auch aus der ersten christlichen Kirche schöne +Beispiele: Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwähnt. +Echt evangelische Frauengestalten.“ +</p> + +<p> +„Darf man heirathen?“ fragte ein sehr junges +Mädchen. „Es steht doch in der Bibel, nicht +heirathen ist besser?“ +</p> + +<p> +„Dann würde aber die Welt aussterben?“ +</p> + +<p> +„Und das wäre sehr schade,“ sagte der Prinz +ernsthaft. Der Superintendent witterte römische +Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel +Martin Luther’s und seinen gesegneten Ehestand. +<pb n='109'/><anchor id='Pgp109'/>Die Superintendentin sass steif mit einer spitzen Nase. +Sie dachte an den übriggebliebenen Gänsebraten +für morgen, ob ihr die Mägde nicht drangingen. +Der Prinz machte confiscirte Witze und trieb den +Superintendenten in die Enge mit einigen fröhlichen +Vierzeilern von Martin „Nonnenfreund“. Die Lieutenants +secundirten, der alte Herr wehrte sich tapfer. +Sein Gesicht wurde schweissroth vor Anstrengung: +„Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem +Herzen Gottes!“ +</p> + +<p> +„Ein Bismarck!“ +</p> + +<p> +Der Candidat schwärmte für Bismarck. Die +Gesellschaft verhielt sich etwas ablehnend. Für +die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger +Kopf, der die Consigne brach. Die Gräfin +brachte rasch das Thema auf etwas Anderes, um +ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der +Candidat war oft recht taktlos. +</p> + +<p> +Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde +ich eine grosse Carriere machen? Siegt mein Gaul +beim nächsten Rennen? Wann werde ich meine +Schulden bezahlen? Die jungen Mädchen hätten +gern gewusst, ob „er“ ihnen treu war? Wird +der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? – +Die Meisten hatten so eine Art +Taschenspieler<pb n='110'/><anchor id='Pgp110'/>vorstellung, Tischrücken, Kartenlegen oder Aehnliches +erwartet und waren enttäuscht. +</p> + +<p> +Der Superintendent hatte den Fremden mit +Beschlag belegt. Er hatte eine Broschüre über das +Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende +veröffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf +den Zahn fühlen über diese wichtigen Punkte. +Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen +müssten in den jetzigen socialen +Wirren. Vernünftige Reform. Aber die feste Hand +von oben. Und vor allem musste die Autorität +gewahrt werden. Das Patriarchalische ist das +einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack +für weltliche schöne Literatur, citirte Classiker und +bekannte sich zur Goethe’schen Schule. +</p> + +<p> +Der Candidat war ein Heisssporn. Er war für +ein sociales Kaiserthum, eine Art Theokratie unter +von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschränkter +Autorität. „Die Idee des Gottesgnadenthums muss +wieder herrschend werden.“ Dieser Ausdruck gefiel +ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war für +High-Church-Reforms. Allenfalls für einen deutschen +Papst, grössere Prunkentfaltung. Er selbst mit einer +edelsteinbedeckten Brust hohe Kirchenakte celebrirend +– das hätte seiner Neigung entsprochen. +</p> + +<pb n='111'/><anchor id='Pgp111'/> + +<p> +Wenn der Superintendent das Presbyterianische, +die Selbstverwaltung der Gemeinden betonte, betrachtete +er ihn fast als eine Art Hochverräther. +Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von +den jungen Leuten. Er war mehr für die kleinen +Lokalpäpstchen. Man lebte in Frieden und that +sein Möglichstes. Die Frau Superintendent liess +bei sich nähen und war im Vorstand aller Wohlthätigkeitsvereine. +Alles das, diese kleinen Spiele +und Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den +Prinzen. Er hatte die „Baalspfaffen“ speciell auf +dem Korn und liebte es, an ihren Bäffchen sein +Müthchen zu kühlen. Er erzählte die bekannte +Anekdote von Friedrich dem Grossen: „Der Pfaff +soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von +dieser Welt,“ mit der die Kinder der Welt die +Pfarrer anöden. Der Doctor secundirte ihm eifrig, +ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren +für apostolische Einfachheit, den Stab und einen +Rock: er hatte nicht, da er sein Haupt niederlegen +sollte. +</p> + +<p> +„Aber erlauben Sie! Erlauben Sie!“ Der +Superintendent hielt seine halbgeleerte Kaffeetasse +in der Hand, in der er den dicken, bräunlichen +Zuckerseim hin- und herschob. Er nahm gern ein +<pb n='112'/><anchor id='Pgp112'/>bischen viel Zucker; bei andern Leuten kostete es +nichts. „Unser Herr hat durchaus nicht gewollt, +dass die Gläubigen sich kasteien. Das ist eine +ganz irrige Auffassung, katholische Ketzerei: hat +er doch selbst auf der Hochzeit zu Kana das +Wasser in Wein gewandelt, durch seine gesegnete +Gegenwart den heiligen Ehestand ausgezeichnet.“ +</p> + +<p> +„Er hat doch aber selbst nicht geheirathet, +Maria oder Magdalena?“ Dies war ein vorlauter +Lieutenant. +</p> + +<p> +„Diese Ausnahme lag doch wohl in seinem +heiligen Amt. Und wir müssen nicht vergessen, +dass er in verhältnissmässig jungen Jahren –“ +</p> + +<p> +„Sie meinen, er ist nicht alt genug geworden +dazu,“ sagte der Prinz. „Das ist auch eine Auffassung.“ +</p> + +<p> +Diese Bemerkung erregte allgemeinen Jubel. +</p> + +<p> +„Das ist profan! Das ist profan! ... Wirklich, +meine Herren! ... Sie müssen selbst einsehen ...“ +</p> + +<p> +Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter. Er +mochte begreifen, dass sein Scherz etwas zu +weit gegangen war: „Darum keine Feindschaft +nicht. Ich weiss ja, wir brauchen das für die +Dummen.“ +</p> + +<pb n='113'/><anchor id='Pgp113'/> + +<p> +Der Candidat ärgerte sich. Die Kirche musste +eine ganz andre Gewalt wieder haben. Und es +wäre in der That gut gewesen für die Stellung +des Priesters – er sagte immer „Priester“, er +fand, dass das nach mehr klang – wenn das +Cölibat innegehalten würde. Wenigstens für die +höheren und höchsten Kirchenämter. Vieles in der +römischen Kirche war sehr beherzigenswerth. +</p> + +<p> +Der Landrath verstand ihn. Er war auch dieser +Meinung, übrigens war sie jetzt die tonangebende. +„Die militairische Organisation muss durchgeführt +werden, mehr Disciplin! Diese Disciplin ist Alles.“ +</p> + +<p> +Ein Umschlag in der Meinungsäusserung war +eingetreten. +</p> + +<p> +„Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich +im Quartier lag,“ versicherte ein Lieutenant. +„Wirklich ein famoser Kerl!“ +</p> + +<p> +„Ach, und die schöne Kirchenmusik!“ +</p> + +<p> +„Und Weihnachten!“ sagte eine andre junge +Dame. „Es ist so tief und bedeutungsvoll.“ +</p> + +<p> +„Ich fände es doch schrecklich zum Beispiel, +sich nicht in der Kirche trauen zu lassen,“ sagte +der Doctor. +</p> + +<p> +„O, pfui!“ machten Alle. Sie wussten nicht +recht, ob er es im Ernst meinte. Der Doctor war +<pb n='114'/><anchor id='Pgp114'/>ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie +waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, +wenn er um Eine von ihnen anhielte; aber er +hielt nie an. +</p> + +<p> +Ein junges Mädchen war sehr traurig. Sie +fühlte dunkel, dass dieser Mensch etwas Extraes +war, klüger und stärker als die Andern. Warum +lachte er höhnisch und sagte scharfe Worte, die +weh thaten? – Ein alter Herr war da, der an +Gesichtszucken litt, seine Hände sonderbar und +krampfig bewegte. Sie sah, dass Einige dies beobachteten, +darüber lachten. – Sie fühlte sich abgestossen, +elend. Dieses junge Mädchen war sehr +jung noch, ein halbes Kind fast. Niemand bekümmerte +sich um sie. +</p> + +<p> +Der Fürst unterhielt sich mit dem Fremden. +Die Gräfin Thornhill fand ihn sehr interessant. +Sie behauptete, sie sähe deutlich einen breiten, +blauen Schein um seine Stirn. Sie nannte das +das Fluidum. Das Fluidum, das von dem Fremden +ausging, war erstaunlich. Die Gräfin Thornhill +galt für eine Heilige. Es kamen sehr einflussreiche +Leute zu ihren spiritistischen Reunions; so geschahen +wirklich manchmal Wunder da. +</p> + +<p> +Der Assessor von Brincken bestritt sehr +ernst<pb n='115'/><anchor id='Pgp115'/>haft, dass er keineswegs nicht an Wunder glaubte. +„Ich war früher wie Sie. Aber seit ich Frau +Gräfin kenne ...“ Sie hatte ihn bekehrt. „Es +giebt eben doch mehr Dinge zwischen Himmel und +Erde, als unsre Schulweisheit sich träumen lässt.“ +Der Assessor war sehr zugeknöpft über diese +Dinge. Er war eben ein Eingeweihter. Den Doctor +schnitt er: „Ein gefährlicher Charakter! Ich würde +mich nicht wundern, den Burschen eines Tages +auf den Barrikaden zu sehen.“ Auch der Fürst +war ihm unsympathisch: „Er ist frivol, er schadet.“ +Der Assessor war für’s Correcte, sein Vater war +erst geadelt worden; da ist es der sicherste und +geradeste Weg. +</p> + +<p> +Der Doctor beobachtete seinen Patron und den +Fremden. Er sah das breite Faungrinsen des +Alten. Er kannte diese kühle Manier, mit der +er die teuflischsten Dinge sagte, dies freche +Augurenzwinkern des Eingeweihten, das dem +Andern gleichsam die Replik über dem Kopf wegnahm: +Wir Beide wollen uns doch nichts vormachen. +Du denkst darin ebenso wie ich. Die +Andern sind Dummköpfe. – Er hielt sich noch +ganz gerade, zu gerade. Der weisse Schnurrbart +stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth +<pb n='116'/><anchor id='Pgp116'/>geschminkt, die Augen glänzten, um die Brauen +sorgfältig geschwärzt. Auf der schwarzseidigen +Frackfläche bildete der grosse Stern mit dem +Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand +trug kostbare Ringe. Er war stolz auf diese +lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, +um seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine +Lieblingsredensart von ihm: „Profile giebt’s wohl +noch allenfalls, aber Hände! Hände! – Wir sind +Alle Ouvriers geworden.“ Tadellos zog sich die +Scheitelspur. Er war der König des Kreises; er +dominirte. +</p> + +<p> +Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener +wussten, was das Alles kostete, dies Gerüst, +das noch immer zusammenhielt, zu neuen +Blendungen, neuen Ausschweifungen. Er und nur +er kannte die erstaunliche Lebens- und Genusskraft +des Skeletts, die standhielt, in einer kalten +Douche sich neu schmiedete, wenn er selbst, der +Junge, erschöpft war, rasend, zum Selbstmord +angeekelt. +</p> + +<p> +Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm +gewesen und stolz. Ein herrliches Weib! Mit +solcher geht man in unbebaute Colonien und hat +Kinder und stirbt vor dem Feind für seinen Herd. +<pb n='117'/><anchor id='Pgp117'/>Er hatte für ihn geboten auf sie. Der Kampf reizte +ihn. Er bot höher und höher. Weil sie arm war +und Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur +darum. Er wusste es. – Sie sagte nur ein Wort: +Schurke! Er hatte gelächelt. +</p> + +<p> +Warum fiel ihm das jetzt ein? +</p> + +<p> +Ein Hass kam über ihn, ein glühender, fressender +Mörderhass gegen dies miserable Kunststück +der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und +ausgedörrten Knochen, den er schütteln konnte, +der ihn hielt wie eine Viper unter seinem kalten, +grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach wie +morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide +seiner frechen Philosophie der Verneinung. +</p> + +<p> +Plötzlich sah er den Alten blass werden. Seine +Farbe wechselte sich in Leichenfarbe. Er war ein +grinsender Todtenschädel. Unter dem weissen, gestärkten +Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. +Es war hohl dahinter. Er lehnte sich gegen die +Portiere. +</p> + +<p> +Anton Rothe war im Nu an seiner Seite. +</p> + +<p> +„Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der +verdammte Büchsenhummer ...“ Er war wieder +ganz höflicher Weltmann, als die Gräfin, nun auch +besorgt, herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klänge +<pb n='118'/><anchor id='Pgp118'/>der Polonaise laut, die den Ball eröffnen sollte: +„Wir werden noch manche Polonaise zusammen +führen.“ +</p> + +<p> +Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er +zitterte, lächelte mit bläulichen, lallenden Lippen. +</p> + +<p> +Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den +Wagen. Er selbst sprang auf den Bock. Niemand +achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und +Hergelaufe, während drinnen zur Tanzmusik +die geschmückten Paare sich ordneten. Es wetterleuchtete. +Lichter leckten auf in bläulichen, breiten +Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer +andern Seite spielerisch entlang. – Sie fuhren die +schwarzen Trakehner, das berühmteste Viergespann +der Gegend, auf das königliche und kaiserliche +Marställe fabelhafte Summen geboten hatten. Der +Fürst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse. +</p> + +<p> +Die Gräfin stand am Schlage mit ihrem <anchor id="corr118"/><corr sic="Gattenadjudanten">Gattenadjutanten</corr>. +Der Greis, jetzt wohl eingehüllt in +seine Zobelpelze, bückte sich noch hinaus: „O +nichts, nichts, schöne Frau – meine kluge Freundin. +Der Fremde – der Fremde ... Cocasse! Ein +sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ...“ +</p> + +<p> +Anton Rothe hob die Peitsche und zog die +Pferde an. Sie waren unruhig und warfen die +<pb n='119'/><anchor id='Pgp119'/>Köpfe, als ob sie das Gewitter röchen. Es lag +Phosphorgeschmack in der Luft. Man öffnete das +grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze +Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter +ihnen schloss. Sie waren ganz schwarz wie auf +Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit +schwarzen Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher +auf dem Bock. ... +</p> + +<p> +Er wusste, er fuhr einen Sterbenden. +</p> + +<p> +Der Fremde war verschwunden. +</p> + +<p> +Am dunklen Fenster der verlassnen Garderobe +stand das kleine Mädchen. Sie mochte nicht tanzen. +Sie weinte. Sie fühlte sich sehr traurig. ... +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='120'/><anchor id='Pgp120'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das siebente Kapitel.</head> + +<p> +Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann +den Sterbenden. +</p> + +<p> +Es gab einen kürzeren Weg über die Berge +durch eine seichte Furth im Flusse. Schmuggler +benutzten ihn für lichtscheuen Handel. Man vermied +ihn am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war +Wahnsinn. +</p> + +<p> +Das Gewitter näherte sich. Es war ein Sausen +in der Luft, das die Bäume zur Erde bog. Kiefern +und magere Birken, die an den Abhängen wuchsen +im beständigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind +fing sich in den gewundenen Schluchten der Thäler. +Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener +Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysteriösen +Anziehungskraft aufgetrieben, begann zu +brüllen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen +<pb n='121'/><anchor id='Pgp121'/>Kruppen, die zu den Steinen hinüberleckten. Bewegungslos, +weiss lagen noch die schimmernden +Ränder. Runde Backen von Kieseln gleissten. +Aber die Schilfe rauschten und raunten. Während +von weiter, über dem Gebirge unheilschwangere +Laute eines brauenden, überkochenden Hexenkessels +kamen, jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der +peitschenden Bewegung der Bäume eine fratzenhafte +Mischung von Licht und Schatten verursachten. +Alles in Galoppade, die Kutsche einhüllend, +die wie ein Gespann der Hölle dahinsauste. +Inwendig den Sterbenden. Ueber den +Hälsen der Pferde, halb hängend in der Luft, den +Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine +knatterten, Funken aufsprühten. +</p> + +<p> +Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, +senkrecht, elegant, halb spielerisch, ein +Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. +Die Pferde bäumten sich. Er riss sie zurück. Sie +rasten vorwärts wie der Teufel. +</p> + +<p> +Drinnen hörte er den Sterbenden röcheln. Er +schrie. Er flehte. Das Gehör des Fahrenden, unnatürlich +angespannt, vernahm jeden Laut. Er +fühlte die schweissfeuchten, huschenden Finger, die +sich anklammern wollten, das Fenster +niederzu<pb n='122'/><anchor id='Pgp122'/>lassen versuchten. Der hülflose Körper verweigerte +die Anstrengung. – „Hülfe! Hülfe!“ keuchte der +drinnen. +</p> + +<p> +Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock +an das Fenster und schrie: „Hoho!“ Er sah +den drinnen sich verzerren in Todesangst, die +künstlichen Zähne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, +in weissgrünem Schweiss. +</p> + +<p> +Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde +ausser sich. Sie flogen vor ihm her wie Raben +im Dampf. +</p> + +<p> +Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen +war, den Berg hinuntersprang, mit dem +schäumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal +kamen Steine. Der Bach sprang klaftertief mit +sprühendem Gischt, der Junge sprang noch über +Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen +tanzten in dem grünen, eiskalten Wasser, das +nach ihm aufleckte, nach den weissen, zappelnden +Füssen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er +und der Bach. Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; +trotzdem liebte er ihn. +</p> + +<p> +Er liebte den Bergwind, der die Bäume zerbrach, +um seine Schutzhütte tobte, diesen grossen +Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen +<pb n='123'/><anchor id='Pgp123'/>die dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der +Sonne. Von sehr hoch sah er winzige abgetheilte +Felder. Häuser wie Schneckenhäuser angeklebt, +ängstlich. Sie hatten Mühlräder eingesetzt, um das +Wasser zu nützen und bepackte Postwagen keuchten +schwerfällig die Strassen hinauf. Manchmal kamen +Städter mit dünnen Beinen, wischten sich den +Schweiss ab und lächelten höflich. Er stand vor +ihnen wie ein kleiner Wildling. Er verachtete sie. +</p> + +<p> +Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass +der Berggeist sie foppte, wenn er schallend hinter +ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und ängstlich +suchten. Hässliche alte Weiber traten ihnen +entgegen aus Versenkungen, die sie nie gesehen +hatten, murmelten ihnen Verwünschungen nach, +die sie nicht verstanden, für Segenswünsche hielten +als Entgelt ihrer blanken Nickelstücke. +</p> + +<p> +Ab und zu stürzte auch mal Einer wirklich +ab, mit der Brille, dem Photographierkasten. Das +war dann ein grosses Unglück. Herren vom Gericht +kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie +trugen gar nicht wirklich Leid. Sie freuten sich +heimlich. Er gönnte es ihnen. Was kamen sie +herauf mit ihren dünnen Beinen, ihren Glatzen und +Gläsern, ihrem Geld. +</p> + +<pb n='124'/><anchor id='Pgp124'/> + +<p> +Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth +war, dass er ein Lump war mit seinen Fäusten, +seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken +Zähnen, wenn er es nicht hatte. Dafür gab man +ihm Hutfedern, blanke Stiefel, die gleissten in der +Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe +wollte Geld. +</p> + +<p> +In der Schule verschlang er seine Bücher. Er +zeigte einen Heisshunger nach Wissen, der die +Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen, +die sie waren. Das peinigte ihn. Er +brachte seine Nächte zu, schwierige Aufgaben sich +auszudenken und zu lösen, mehr zu erfahren, +mehr – mehr! Mit einer wahren Wuth riss er +jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher +in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte. +</p> + +<p> +Und er hatte Glück. +</p> + +<p> +Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, +ein wohlthätiger und gelehrter Mann, sehr reich. +Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich +einen brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. +Es ist immer angenehm, einen Clienten +zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für +reiche Leute. +</p> + +<p> +Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der +<pb n='125'/><anchor id='Pgp125'/>Junge entlief zwischen die rotheste Rotte. Er hielt +zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die +Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst +Arbeiter. Seine Fäuste zwangen das Eisen wie +sein Geist den Stoff – ein interessanter junger +Mann, dem man eine Zukunft prophezeite! +</p> + +<p> +Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, +hellblonde Tochter seines Patrons. Sie liess ihn +lächelnd sich glühend erklären und heirathete kaltblütig +und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – +Nun fing er an wie ein grosser Herr zu leben, +machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm +den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine +Feder, seine Talente, skrupelloseste Börsenmachinationen. +Summen glitten zwischen seinen Fingern. +Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft +des Prinzen. Seitdem waren die Beiden unzertrennliche +Begleiter. +</p> + +<p> +Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die +Peitsche fortgeworfen, die Zügel losgelassen. Er +kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. +Er hätte wie eine Katze den Pferden auf den +Rücken springen mögen, mit seinem Athem an +ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten. +</p> + +<p> +Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas: +<pb n='126'/><anchor id='Pgp126'/>„Hülfe! Hülfe!“ klang es gellend, kreischend, nicht +mehr menschlich. +</p> + +<p> +Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie +rasten weiter. +</p> + +<p> +Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch +die Luft. Die Luft litt unter dem Ansturm und +pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die +Flanken der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben +Feuer. Von ihren Hufen sprühte der Stein in +knisternden Funken. Das Heulen der Winde +wurde grässlicher. Sie fingen sich, drehten sich, +verschlangen einander in kreisenden Strudeln. +Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es +schon giessen in Strömen. Es schlug prasselnd +gegen das Fenster. Die krampfende Hand im +Rahmen verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth. +</p> + +<p> +Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. +Die Pferde rasten weiter mit dem geschleiften +Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang, +fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen +Geräusch von Schlittenkufen auf dem Trocknen. +</p> + +<p> +Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr +menschliches Ding, getödtet von Furcht, und doch +lebend, das agonisirte. Es dachte an diese +schreck<pb n='127'/><anchor id='Pgp127'/>liche Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in +seiner starken Hand, stark wie die Lawine! +</p> + +<p> +Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen +prasselte. Er schlug hernieder wie in Ruthenbündeln. +Haarscharf wendend, zeigten sich im +Blitzlicht zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, +dass die Pferde zur Seite schnellten, grausend. +</p> + +<p> +„Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur +Hölle!“ +</p> + +<p> +Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit +blutenden Flanken, schaumbedeckt, keuchten wie +apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der gefallne +Engel, lenkte sie selbst im höhnenden Rausch +seiner Kraft und seines Stolzes. Es war unmöglich, +dass sie so ankamen, der Wagen musste +sich überschlagen, zerschellen. +</p> + +<p> +Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten +den Boden, dass die Geleise rauchten, die Räder +sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen +losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit +feuchten Haaren, Rübezahl der Berggeist mit dem +Barte, das ganze Heer der Wilden, Eingebannten. +</p> + +<p> +„Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, +Gesindel!“ +</p> + +<p> +Drinnen war es still. Er hörte nichts mehr. +<pb n='128'/><anchor id='Pgp128'/>Der Wagen schlug auf wie ein klappender Kasten, +nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unförmiges, +das die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach +dem man sich nicht umsah, immer zwischen ihren +Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf. +</p> + +<p> +Und nun, ganz deutlich, vernahm man die +Stimme des Flusses, zwischen allen diesen Bächen, +Wässern, die neben ihnen gossen, vom Walde +und Wolkenbruch angeschwollen. Er röhrte wie +ein Hirsch in Wollust. Er war allmächtig. Bäume, +mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten +sich blitzgeschwind. Die Steine seiner Tiefe kollerten +polternd übereinander. „Ihr denkt, ich drehe +Euch Eure Mühlen, schaffe Euer Licht, trage Eure +Brücken – Euer Diener, Euer gehorsamer! Euer +Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse Euch!“ +</p> + +<p> +Er fühlte sich stolz, alle Demüthigung dieser +vielen Jahre fortgeschwemmt, zerbrochen der Zaum, +den er im Munde getragen. Bücken, heucheln und +lügen! – Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. +Er war stark. +</p> + +<p> +Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, +über ihm und in ihm, Satan mit prachtvollem +Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. +Nichts! Nichts gegen ihn! +</p> + +<pb n='129'/><anchor id='Pgp129'/> + +<p> +Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme +fuchtelnd in der Luft, Laute südlicher, infernalischer +Idiome, die den Blutdurst rufen, Tänzer zu +den tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und +die Frauen willenlos machen unter dem Gluthhauch +der Brunst. Alles das hatte er gesehen +und genossen im delirirenden Suchen nach Genuss, +unter der platzenden Sonne des Mittags. +</p> + +<p> +Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem +sich die Hunde abwenden mit Grauen, sein leeres +Hirn zerschellt an den Steinwänden. Nichts drin, +das Grinsen selbst des Todtenschädels zerstört im +grösseren Grausen, dieser zersplitterten Knochen, +zerschundnen Häute unter dem Orden, dem Frack. +</p> + +<p> +„Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine +Feuerrosse! Springt an, meine Wildlinge!“ +</p> + +<p> +Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein +Rudel Wild hatte sich da zusammengedrängt im +Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. +Mitten unter sie sprangen die tollgewordenen +Rappen. Ein Gekreisch der Stummen, die nie +sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... +Die Klage erstarb im Tannenwald. +</p> + +<p> +Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen +wie von tausend Tambouren. Der Wirbel +<pb n='130'/><anchor id='Pgp130'/>ging über den ganzen Himmel hin, zornig und +rufend ... und verhallte. +</p> + +<p> +Er war jetzt ganz frei. Er führte die wilden +Rosse seines Lebenswagens gegen den Abgrund. +Eine jauchzende Kraft kam über ihn. +</p> + +<p> +„Wir können nicht leben wie wir wollen. +Aber wir können sterben und den Tod verachten, +denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein +leeres Schreckgespenst, ein lächerlicher Schwindel +gar nicht existirender Gewalten. Taschenspielerkunststück +Derer, die sich schwach fühlen!“ +</p> + +<p> +Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, +ein Tiger mit ungeheurem hängenden Bauch, der +über weite Flächen springt; im Sprunge brüllt +er ... +</p> + +<p> +... „Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss +erscheint“ ... +</p> + +<p> +Höllengeschichten fielen ihm ein. In Pariser +Schlammpfühlen, affreuse Weiber, schwarze +Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die +Todten beschwor, Hüftenverrenkungen in Bauchtänzen +geschlechtsloser Vorstadtbajaderen, Augen, +die über der Verwesung schwammen wie fischige +Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze +Civilisation, impotent und pervers, in den letzten +<pb n='131'/><anchor id='Pgp131'/>Zügen röchelnd, mit Haschisch und Qualen sich +aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, +neues, junges, greisenhaft altes Rom, wo die +Messalinen ordinaire Cocotten sind, die Neros +und Heliogabals, Boulevardbummler, verwöhnte +Muttersöhnchen, Sprösslinge jüdischer Banquiers +und christlicher Prostituirter. Wie gemein! Wie +gemein! +</p> + +<p> +Ein Gelächter schüttelte ihn wie im Krampf. +Der Hut war ihm vom Kopf geschlagen. Er riss +sich den Rock auf. Er drängte sich nackt, hoch, +dem Tod und dem Nachtwind entgegen. +</p> + +<p> +Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht +ein Wandrer? Der Chausseewärter? Die wilde +Jagd stob vorüber. +</p> + +<p> +Er fühlte die feuchten wehenden Haare der +Hexen hinter sich, ein lascives Gelächter nackter +Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen, +unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren hübsch +mit traurigen Augen. Die Aeltern waren noch +schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der +lebendigen Verwesung ihres Lasters. +</p> + +<p> +Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. +Einen Cadaver. Ein Aas in Fetzen. Einen +Lumpen ... +</p> + +<pb n='132'/><anchor id='Pgp132'/> + +<p> +Er hörte nur noch das Brüllen des Wassers, +fühlte die Feuchtigkeit. Steine rollten mit ihm +bergab. Sie hüpften, kugelten, kollerten, surrten. +Hohhi hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung. +</p> + +<p> +Plötzlich standen sie kerzengerade. Der ganze +Himmel flammte im Feuer. Er schien zusammenzukrachen +von allen Seiten, zu bersten, zu +schüttern, zu schwingen ... +</p> + +<p> +Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, +schwarz, und schwer vom Gewicht aller Himmelsgewölbe +klappte der Donnerschlag. +</p> + +<p> +Dann nichts mehr. Dunkelheit. +</p> + +<p> +Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte +die andre gegen seine Stirn zu führen. Sie +war warm vom Blut. „Wohin führst Du mich?“ +</p> + +<p> +„Wohin Du nicht gewollt hast – <hi rend='gesperrt'>Paulus</hi>!“ +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='133'/><anchor id='Pgp133'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das achte Kapitel.</head> + +<p> +Der Superintendent war doch in einer gewissen +Erregung. Der „geniale“ Streich der Gräfin +hatte ihn etwas verletzt, trotzdem sie es seitdem +wieder gut zu machen versuchte, die Frau Superintendentin +in ihrem eignen Wagen mitnahm. +</p> + +<p> +Man sprach viel von dem Fremden. Die Baronin +hatte überall von dem Odschein erzählt. +Man brachte das Neuaufblühen des Socialismus +mit ihm in Verbindung. Zeitungen, die der Kirche +übelwollten, erzählten kleine Anekdoten. Ein +wissenschaftlicher Aufsatz behandelte die Frage +ganz ernsthaft, er war von einem modernen +Schriftsteller verfasst, der sich bis dahin hauptsächlich +mit Ehebruchsdramen und Erotik beschäftigt +hatte, nun alles Heil im Mysticismus sah. Unter +den schönen Seelen der Stadt bestand eine +ge<pb n='134'/><anchor id='Pgp134'/>wisse Erregung. Ein junger Hülfsprediger wurde +sehr populär. „Er ist so tief,“ sagten diese Damen. +Unglücklicher Weise bildeten diese Damen eine +Macht. Es wurmte den alten Herrn, dass sie ihn +für „nüchtern und protestantisch“ hielten. Niemand +sieht seine Kirche gern leer. +</p> + +<p> +Er hatte natürlich zunächst an eine Denunciation +nach oben gedacht, das war wohl seine +Pflicht eigentlich. Aber ein zweischneidiges Mittel. +Man konnte finden, dass er eine Schwindelaffaire +zu sehr aufbauschte. Andrerseits hielt man es +wohl gar für Eifersucht, die Pfaffen kriegten es +mit der Angst. Ein jovialer Reitergeneral, Durchlaucht, +hatte ihn schon gefragt: „Was würden Sie +jetzt mit dem neuen Christus machen? Da können +Sie einpacken, Pasterchen!“ Er durfte sich solche +Jovialitäten erlauben. Dafür wurde der Superintendent +immer eingeladen. Er war Burgpfaffe +bei den Herren Offizieren. +</p> + +<p> +Dann die katholische Concurrenz – die rührte +sich nicht. Man wusste ja, da war Alles Mysterium. +Es gab geheime Winke von oben. Vielleicht +war ihnen die Geschichte nicht unangenehm. +Sie hatten ja zum Schluss immer den Vortheil, +weil sie abwarten und schweigen durften. Schweigen +<pb n='135'/><anchor id='Pgp135'/>und abwarten dürfen war eine grosse Sache. Das +ist der Vortheil der alten historischen Gewalten; +man, als Parvenü, musste auf dem Posten sein, +Schritt halten, die Vereinigung mit der Wissenschaft +nicht fallen lassen. +</p> + +<p> +Die Wissenschaft hatte dem geistlichen Herrn +schon manche schwere Stunde bereitet. Es war +eine Universität in der Stadt, dadurch beständige +Kabbeleien. Die Herren passten Einem auf die +Finger. Von Hölle und persönlichem Teufel durfte +man schon gar nicht reden; obgleich diese Dinge +für die Plebs noch immer zogen. Dann waren +die schönen Seelen, die Einen nüchtern fanden, +zur Weihnachts- und Ostermesse in den Dom liefen +oder mit mystisch angehauchten Hülfsgeistlichen +Conventikel abhielten. +</p> + +<p> +Der Superintendent war ein geplagter Mann. +</p> + +<p> +Uebrigens grollte die Superintendentin. Sie +fand, dass er als <hi rend='gesperrt'>Mann</hi> dem Unfug mit einem +Schlag ein Ende machen musste. Die Superintendentin +appellirte oft an den Mann. Sie selbst war +ein Charakter. Dann hatte man die Sanitätsräthin +über sie placirt; so gut wie die Sanitätsräthin +war sie allemal. Der Sanitätsrath war ein Cyniker. +Das Interessanteste an Tolstoi wäre seine Diät, +<pb n='136'/><anchor id='Pgp136'/>sagte er. Er erlaubte sich dann sogar Anspielungen +auf die gar nicht Tolstoi’sche Diät in der Superintendentur. +– Man hatte etwas auszustehen als +Mann Gottes in diesem ungläubigen Jahrhundert. +</p> + +<p> +Und oft dachte der Superintendent mit Seufzen +an die Zeiten, als noch ein kirchlicher Fingerzeig +genügt hatte, um Unbefugte auf den Scheiterhaufen +zu schicken, Calvin über dem fröhlichen Genf seine +Ruthe schwang. +</p> + +<p> +Der saubereingebundne Band seiner Predigten +1897–1900 tröstete ihn dann. Ein Geschenk der +Frau Superintendentin. Sie hatte sie selbst nachgeschrieben. +– So hatte doch auch der Fortschritt, +selbst die Buchdruckerkunst, diese Teufelserfindung, +sein Gutes. +</p> + +<p> +Der Superintendent hatte den Fremden zu einer +Besprechung zu sich eingeladen. Die Einladung +war in ganz höflichen Worten erfolgt. Erstens, +die christliche Milde auch gegen den irrenden +Bruder, dann existirte ja auch eine geistliche Gerichtsbarkeit, +die vorfordern konnte, nicht mehr. +</p> + +<p> +Er erklärte sich die Sache so: Ein ungebildeter +Mann, ein Handwerker – der Superintendent +betonte das „ungebildet“ –, von Mysticismus, +sitzender Lebensweise angekränkelt, hatte sich in +<pb n='137'/><anchor id='Pgp137'/>diese Dinge vertieft. Voraussichtlich würde er ihm +lange confuse Reden halten, von einer Mission, +Erscheinungen. Man kannte das, und seine +Wirkung auf das ungebildete Volk. Gerade weil +ihnen das Alltägliche nicht gut genug war, sie +das Ruhige und Vernünftige nicht thun wollten, +liefen sie nach dem Wunderbaren. Der Hirte kannte +seine Heerde. +</p> + +<p> +Man würde mit diesem Manne vernünftig +sprechen, seine Absurditäten nachweisen, selbst +wenn man ihn nicht überzeugte. Heilsarmee, +tausendjährige Reichsgeschichten waren ja Mode +jetzt. Dieser Hang hatte ihm schon viel Sorge +gemacht. Er witterte die alte Hure von Rom, das +babylonische Weib, das von Neuem seine Netze +auswarf. Und man musste so vorsichtig sein wegen +der Behörden, durfte das Unkraut nicht ausjäten. +</p> + +<p> +Der Superintendent hatte sich zu dieser Besprechung +noch einen Confrater eingeladen, der +Consistorialrath war, Professor an der theologischen +Fakultät, Kirchenhistoriker. Man war so zu +Zweien, stärkte sich vorher weidlich an gutem +Tabak und bessrem Wein und konnte die möglichen +Ergebnisse gleich erörtern, während die +Frau Superintendentin mit der Consistorialräthin +<pb n='138'/><anchor id='Pgp138'/>Kaffee trank. Dabei hatte man dann auch allerlei +interessante Fälle und Ketzereien zu erörtern. +</p> + +<p> +Der Superintendent war dafür, den Fremden +nicht gleich vor den Kopf zu stossen, ihn im +Gegentheil leutselig, als gewissermaassen zum Fach +gehörig, zu behandeln. +</p> + +<p> +„Es ist ja auch möglich, dass ein Laie durch +Nachdenken, besondre Gnade, ungewöhnliche Einsicht +in göttliche Dinge erlangt und Beherzigenswerthes +von sich giebt. Der Fall wäre denkbar. +Ich kannte einen Schuster, der über die Gnadenwege +und Melchisedek, den König von Salem, +stritt wie der gewiegteste Theologe.“ +</p> + +<p> +Der Confrater schüttelte lächelnd den Kopf: +„Wir haben das Beispiel der Wiedertäufer, der +Methodisten in England. Die theologisch geschulte +Intelligenz fehlt, das Reguläre, Feste, darum +Lebensfähige.“ +</p> + +<p> +„Aber es waren doch in den Irrthümern dieser +Leute – allerdings gleich Körnern in der Spreu +verborgen – auch einige unbestreitbare evangelische +Wahrheiten enthalten.“ +</p> + +<p> +„Das ist eine gefährliche Ansicht. Jesuitisch – +so gewissermaassen: der Zweck heiligt das Mittel, +lieber Bruder.“ +</p> + +<pb n='139'/><anchor id='Pgp139'/> + +<p> +Dieser Herr war bekannt dafür, dass er die +feinste Nase in Deutschland hatte, um die Jesuiten +zu riechen. Das war sein rother Lappen, auf den +er überall losging, ihn überall herausfand, wie +der Spürhund die Fährte. „Hat uns nicht Martinus +von dem Aberglauben befreit? Und sagt +nicht der Herr selbst: Ihr, die Ihr Zeichen und +Wunder sehen wollt ...“ Der Confrater hob +warnend den Finger. +</p> + +<p> +„Nichtsdestoweniger giebt die Schrift ausdrücklich +die Möglichkeit solcher zu. Nicht nur im übertragenen, +sondern auch im wörtlichsten Sinn.“ +</p> + +<p> +„Wir sollen Gott nicht versuchen. Vermessenheit, +Freund, Vermessenheit! Es ist die grosse +Aufgabe der modernen Theologie, die Wissenschaft +mit der Religion zu vereinigen.“ +</p> + +<p> +„Es wird immer Vieles bleiben, was wir nicht +wissen.“ +</p> + +<p> +„Da haben wir uns dann wohl in Demuth +mit der beschränkten Einsicht hienieden zu genügen. +Das ist eine gefährliche Bahn, lieber Bruder. +Eine Schlinge des Argen, ebenso gut wie die er +in der Lauheit uns legt, dem vollständigen, rationalistischen +Ablehnen des Wunderbaren und Unfasslichen. +‚Wir sehen jetzt durch einen Spiegel +<pb n='140'/><anchor id='Pgp140'/>in einem dunklen Wort. Dann aber von Angesicht +zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stückweise. +Dann aber werde ich erkennen, gleich wie +ich erkannt bin.‘“ +</p> + +<p> +Hier meldete das Dienstmädchen, dass ein +fremder Mann in der guten Stube wartete. Sie +war augenscheinlich etwas in Zweifel, ob ihm +wirklich die gute Stube gebührte und wartete auf +Bescheid. – Man hörte eine Thür sich öffnen und +vorsichtig wieder einklinken aus dem Zimmer, wo +die Frau Superintendentin mit ihrer Freundin sass. +</p> + +<p> +Der Superintendent empfing den Gast dem +Programm gemäss mit demonstrativer Herzlichkeit. +„Nun, lieber Freund? Nehmen Sie Platz, mein +Lieber! Ich habe Sie hergebeten mit diesem meinem +sehr geschätzten und verehrten Collegen, um mich +mit Ihnen über Ihre religiösen Ansichten zu unterhalten. +Das ist immer lehrreich für einen Diener +am Wort, gewissermaassen ja auch meine geistliche +Pflicht, obgleich Sie ganz als Freund hier +sind, mein Gast und in aller Güte. – Ich vermuthe, +Sie gehen von der sehr richtigen Ansicht +aus, dass das Evangelium den Laien wieder mehr +in der Form des täglichen Brotes gleichsam, nicht +nur an Sonntagen in der Kirche, näher gebracht +<pb n='141'/><anchor id='Pgp141'/>werden muss. Es soll wieder ein Bestandtheil +des täglichen Lebens werden, und Sie denken, +dass dazu Predigt und persönliche Ansprache, +selbst Aufsuchen des Einzelnen, das Geeignetste +ist. Es wären dies wohl gleichsam die Principien, +auf die sich die mir sehr interessante moderne +Agitation der Heilsarmee stützt. Ich möchte, dass +Sie mir nun in kurzen Worten das Dogmatische +Ihrer Lehre, den festen Kern der Heilswahrheiten, +auf die Sie persönlich den Hauptnachdruck legen, +entwickelten.“ +</p> + +<p> +„Ich habe keine.“ +</p> + +<p> +„Sie verstehen mich nicht. Jedenfalls gehören +Sie doch irgend einem Bekenntniss an, oder haben +sich in Ihrem Innern für ein solches entschieden? +Wenn Sie Protestant sind, halten Sie sich an die +Augsburger Confession? Folgen Sie eher Luther? +Jedenfalls doch – und das ist wohl kaum eine +Frage – stehen Sie mit uns auf dem Boden des +apostolischen Glaubensbekenntnisses?“ +</p> + +<p> +Der Superintendent sah ihn streng an. +</p> + +<p> +Der Confrater nahm eine Prise. +</p> + +<p> +„Ich kenne es nicht,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +Der Superintendent war roth geworden wie +ein Mohnkopf. „Aber – aber – das ist die +<pb n='142'/><anchor id='Pgp142'/>Hauptsache. Das ist Christenthum, die geheiligte +Norm, für die unsre Väter, die erste Christenheit +gelitten und gestritten haben. Das Andre ist leere +Phantastik, giebt der weitesten Irrung Spielraum, +der Regellosigkeit.“ +</p> + +<p> +„Es giebt das Leben.“ +</p> + +<p> +„Welch’ ein Irrthum! Welch’ ein verhängnissvoller +und weittragender Irrthum!“ rief der Superintendent +warm. „Es wäre ja denkbar, dass ein +Mensch, der ganz ausserhalb der christlichen Heilssphäre +stände, den Namen Christi nie gehört hat, +auf rein deduktivem, moralphilosophischem Wege +zu einer der christlichen durchaus ähnlichen Ethik +gekommen wäre, wenn hier eben blos die Ethik +das Entscheidende wäre. Denken Sie, dass das +ganz denkbar sein könnte?“ +</p> + +<p> +„Es ist denkbar,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +„Stoiker,“ nickte der Confrater. „Griechische +Philosophen der nachplatonischen Schule! Das sind +die Argumente, die schon die französische Revolution +gebrauchte.“ +</p> + +<p> +„Sie würden doch nicht sagen, dass ein solcher +Mensch ein Christ wäre, mit uns Theil hätte an +der Erlösung durch den Leib des Herrn?“ +</p> + +<p> +„Ich würde es sagen.“ +</p> + +<pb n='143'/><anchor id='Pgp143'/> + +<p> +„Und wie wird er dastehen im nächsten Leben, +wenn Christus die Seinen um sich versammelt, +die im Blut des Lammes Gewaschenen, auf seinen +Namen Getauften eingehen, und die Andern abgetheilt +werden zur Linken?“ Der Superintendent +wischte sich den Schweiss. Er schnappte nach Luft +wie ein Fisch auf dem Trocknen. +</p> + +<p> +„Ich weiss es nicht.“ +</p> + +<p> +„Eine Art Allheilslehre,“ beruhigte der Confrater. +Das Wortspiel zwischen „Leere“ und „Lehre“ +amüsirte ihn. „Socialistische Moral des Christenthums. +Das ist blos die Frucht. Der Glaube ist +das Erste.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube, dass die That das Erste ist.“ +</p> + +<p> +Jetzt sah der Superintendent wieder Fahrwasser. +Er war ganz erfreut. „Das ist die Lehre von den +Werken, das Katholische, Papistische, wogegen +schon Lutherus sich auflehnte. Wir können aus +uns selbst nicht gerecht werden.“ +</p> + +<p> +„Wir können wollen.“ +</p> + +<p> +„Und die Rückfälle? Das menschliche Gesetz +bestraft sie. Wie wird sie Gott nicht strafen?“ +</p> + +<p> +„Wie soll Gott sie strafen, wenn sie in sich +selbst ihre Strafe tragen?“ +</p> + +<p> +„Fatalismus,“ notirte der Confrater. +</p> + +<pb n='144'/><anchor id='Pgp144'/> + +<p> +„Die Bösen! Die Bösen, Mann! Wie erklären +Sie die Bösen?“ +</p> + +<p> +„Es ist ihr Unglück.“ +</p> + +<p> +Dem Superintendenten wurde in der That die +Halsbinde zu eng: „Unglück? Und der, der kämpft, +das Gute will, Gutes thut? Sollen die Guten keinen +Vortheil vor den Schlechten haben?“ +</p> + +<p> +„Sie sind glücklich.“ +</p> + +<p> +Der Confrater mischte sich jetzt ein: „Sehr +interessant. In der That höchst interessant. Das +ist Buddhismus. Es ist die Lehre des Buddha. +Wenn man denkt, dass sie dreitausend Jahre alt +ist! Haben Sie irgend welche Verbindung mit +diesen Religionsgesellschaften gehabt? – Es +könnte doch sein in irgend einer corrupten Form“ +– (dies für den Collegen) –, „Bücher darüber +gelesen?“ +</p> + +<p> +Der Fremde sah den Confrater an. „Alles ist +Verbindung,“ sagte er. +</p> + +<p> +„Natürlich! Die Wiederkehr! Die Wiederkehr!“ +Der Professor rieb sich die Hände höchst befriedigt. +„Das ist das charakteristische Merkmal. Sie geben +sich das weiter wie ein Geheimniss. Fragen Sie +ihn doch, ob er an die Seelenwanderung glaubt? +Gerade für die populäre, gewissermaassen kindliche +<pb n='145'/><anchor id='Pgp145'/>Phantasie haben diese Verwandlungen etwas Anziehendes. +Sie finden das im Volk in tausend +Märchenvorstellungen, Geschichten von Wehrwölfen, +Schwanenjungfrauen, sprechenden Bäumen. Selbst +in dem indianischen Märchen des Hiawatha von +Longfellow kommt diese Idee wieder, in der Verkörperung +des Samenkorns. Isis und Osiris, Baldur, +... Es ist Alles dasselbe.“ +</p> + +<p> +„Aber das ist nicht das Schlimme, das ist +das Gefährliche nicht!“ platzte der Superintendent +los. „Die Moral! Die Moral! Diese Lehre vom +Nirwana, der blinden Ergebung, der Thatenlosigkeit, +der stumpfsinnige Fatalismus des Orients +wieder zu uns verpflanzt! Das ist der Tod aller +Cultur, allen Fortschritts, aller Humanität. Das ist +Heidenthum! Heidenthum! Das Christentum ist +Kampfesmuth, Streben, Krieg!“ +</p> + +<p> +„Auf den Krieg folgt der Friede.“ +</p> + +<p> +„Friede da droben! Hier ist Kampf. Wir sollen +Kämpfer sein.“ +</p> + +<p> +„Krieg in uns, Friede nach aussen.“ +</p> + +<p> +„Wir sind nicht hier, um Frieden zu haben. +Unser Leben ist Ringen und Unruhe. Da oben +erst wird er uns zu Theil. Aus Gnade.“ +</p> + +<p> +Der Fremde lächelte. +</p> + +<pb n='146'/><anchor id='Pgp146'/> + +<p> +Der Superintendent war auf einem Lieblingsthema. +„Der wahre Christ ist vor Allem ein +Streiter. Seine Feinde sind der Satan, die Sünde +in uns und ausser uns. Wir sind arme Sünder.“ +</p> + +<p> +„Wenn wir siegen?“ +</p> + +<p> +„Selbst wenn wir unser eignes Fleisch überwunden +haben. Die Sünde in der Welt bleibt. +Sie greift uns an. Wir haben uns zu wehren +gegen sie.“ +</p> + +<p> +„Sie existirt nicht gegen uns, wenn sie in uns +nicht ist.“ +</p> + +<p> +Der Confrater nickte von Antwort zu Antwort +mehr befriedigt. +</p> + +<p> +„Wir kommen jetzt auf das Fakirwesen, Hallucinationen +der Märtyrer.“ +</p> + +<p> +„Sie wollen das nicht sagen? Das ist Vermessenheit, +mein Lieber! Unser Fleisch bleibt der +Anfechtung unterworfen, so lange wir im Fleisch +wandeln. Wer da meint, er stehe, der sehe wohl +zu, dass er nicht falle. Der Ehrgeiz – die böse +Lust – Reichthum. Selbst ich –“, hier fasste +der Superintendent den Fremden beinah am Rockknopf, +„– selbst ich, der ich ein Diener am +göttlichen Wort bin und alle seine Schlingen +kenne – ich habe meine Momente der Schwäche, +<pb n='147'/><anchor id='Pgp147'/>der Anfechtung. Ich habe Versuchungen zu bestehen +... Das ist unchristlich, Mann! Stützen +Sie den Glauben! Sprechen Sie gegen die Gottlosigkeit! +Auf dem Lande. Unsre Bauern haben +dicke Nacken. Stolz und Habsucht sitzen da steif +drin. Gott sei Dank! sind sie noch gläubig. Die +Grundvesten unsres Glaubens sind unangetastet. +Die moderne Anarchie und Zweifelsucht ist da +noch nicht eingedrungen. Das geht immer Hand +in Hand. Das bedeutet die Emanzipation des +Fleisches. Wir würden uns wie Schweine im Koth +wälzen. Im Koth! Sehen Sie das alte Rom! +Babylon! Die antike Welt vor Christo.“ +</p> + +<p> +„Sie hat Christus hervorgebracht.“ +</p> + +<p> +„Christus ist das ganz Vollkommene, Gute. +Das Fleisch ist das Böse. So kämpfen diese +beiden Gewalten. Bis das Gericht kommt, das +Gute siegreich bleibt im unschuldigen Blute des +Lammes, das Böse im Abgrund verschlossen wird +mit adamantnen Ketten. – Das ist der uralte +Kampf.“ +</p> + +<p> +„Demiurgos, Ahriman und Ormuzd,“ bestätigte +der Confrater. „Lehre von der primären +Theilung der Gewalten.“ +</p> + +<p> +Die Frau Superintendent hatte schon mehrmals +<pb n='148'/><anchor id='Pgp148'/>merklich und merklicher an die Thür geklopft. +Jetzt steckte sie ihre Haube selbst durch den Spalt. +„Excellenz von Koschemann ist für den Bazar gekommen. +Wenn Du einen Augenblick Zeit hättest, +lieber Willibald ...“ +</p> + +<p> +„Auch ich bin ein Soldat des Herrn. Sehen +wir zu, dass wir gut kämpfen. Und das Heil +finden, das es für uns nicht giebt, denn allein im +gesegneten Blut des Lammes dereinst, das unsre +Sünden abwäscht weiss wie Schnee.“ +</p> + +<p> +Der Fremde war entlassen. +</p> + +<p> +Der Confrater sah ganz klar. „Gnostiker, +die alte Geschichte. Das hat immer angefangen +mit der Antastung des Buchstabens. Der Buchstabe, +mein Freund! Das Wort sie sollen lassen +stahn! ... Und jetzt lass uns zu unsern liebenswürdigen +Damen gehen.“ +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='149'/><anchor id='Pgp149'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das neunte Kapitel.</head> + +<p> +Und er ward im Geist entrückt in eine fremde +Stadt. +</p> + +<p> +Die Glocken läuteten. Eine ungeheure, unzählbare +Anzahl von Glocken. Es waren dumpfe, +grosse darunter, die mit der Stimme des Erzes +riefen, der Kanonen, furchtbarer Ereignisse, Krieg, +Pest und Feuersbrunst. So stark riefen sie, dass +Niemand ihren Klang in der Nähe aushalten konnte, +die Luft ihn lange behielt, ehe er verhallte. Sie +schwangen in furchtbaren Höhen und thronten +einsam in Kammern weit über den Köpfen der +Menschen. Die ihre Stricke bewegten, sassen sehr +niedrig auf schwebenden Balken und wurden beinah +gespalten von der Heftigkeit des Klanges. +Diese Glocken läutete man nur bei ganz grossen +Gelegenheiten. Wenn sie klangen, sahen die Leute +<pb n='150'/><anchor id='Pgp150'/>auf und sagten: Es ist das oder das. Sie meinten +ein sehr hohes Fest, ein grosses Unglück oder eine +grosse Freude. Die ganze Stadt und das Land +ringsum kannte den Klang dieser Glocken. Man +war stolz darauf und fürchtete sie auch. +</p> + +<p> +Andre waren milder, mittlere. Die läutete +man alle Sonntage. Man hörte sie auch weit, +über ein ganzes Stadttheil oder eine Strasse. Ein +Klang von Silber war in ihrem Erz, der sprach +von Güte und Milde. Sie lockten, und schreckten +nicht, läuteten regelmäßig mit kräftigen, hallenden +Schlägen, wie die Stimme eines Predigers, die +klangvoll spricht in schönen, malenden Worten. +</p> + +<p> +Und es waren ganz kleine, die einzeln riefen +wie einzelne, verlorene Stimmen. In mancher war +ein sehr helles, feines Klingeln oder zitterndes +Wimmern, die eilige Angst einer Agonie, oder +der sanfte Schmelz einer Frauenstimme, sehr weit +fortgetragen auf himmelansteigenden Trillern zu +reinen Aetherhöhen. Der pure Goldklang ganz +feiner Eliteseelen, die um den Thron Gottes lobpreisen, +und ein kleines, gleichgültiges, hastendes +Bimmeln, in dem Viele sich vereinten, wie das +der Pferdebahnwagen, dieser Schellenbeutel, die +herumgegeben werden in den Gemeinden zwischen +<pb n='151'/><anchor id='Pgp151'/>den Pausen des Gottesdienstes – lästig fast, nur +die Ohren füllend, das zum Alltagslärm gehörte, +ihn irritirend machte. +</p> + +<p> +Alle Glocken läuteten. Die grossen gaben den +Ton an. Die mittleren fielen ein wie ein gutgeschulter +Chor. Die ganz kleinen waren Geräusche, +oder Stimmen junger Kinder. Alle läuteten. +Die Luft war sehr voll und schwang von +ihrem Klange. Und die andern Stimmen des +Lebens schwiegen. +</p> + +<p> +In den Kirchen und Domen drängte sich die +Menge. Es war halbdunkel in diesen Hallen, +dass man die Einzelnen in den Tausenden nicht +erkennen konnte, Männer oder Frauen, reiche, +gutgekleidete Leute oder ganz Arme. Ihre Gesichter +bildeten blasse Flecken im Dämmer, wie +aufgewandte Kelche von Blumen, die ihr Athmen +wie ein Duft umwallte. Die übrige Schwere des +Körpers blieb unbestimmt, ertrunken in unruhigem +Schattenspiel der Vielen, dem lastenden, schweren +Dunkel dieser Steine, ungeheurer Steinmassen der +Gewölbe und Mauern. +</p> + +<p> +Säulen standen wie Baumstämme ohne Aeste +mit schweren Blättern und Steingewinden um ihre +Kronen, während feine, tiefe Rillen an ihnen +<pb n='152'/><anchor id='Pgp152'/>hinabliefen, von Regentropfen gegraben oder ewig +fliessenden. Von stützenden, lastbaren Pfeilern +schwangen sich die Wölbungen auf, Bogen und +Brücken, gespreizte Fittiche des Adlers, kühn und +immer kühner bis zum schwindelnden Ansturm +der Kuppel, die den Stein zerbrach, die Schwere +des Materials aufhob im ungeheuren, athemlosen +Aufschwung der Seelen. +</p> + +<p> +Der Schritt klang hohl vom Echo der Millionen +Schritte, die da schliefen in tausendjährigen Steinquadern. +Von schlanken, weissen Kerzen stiegen +gelbe, zitternde Flammen, umgekehrte Herzen, +blauen Schein der Sehnsucht ausathmend. Ein +Duft von Weihrauch, Wachs und Thränen lag +schwer in Nebeln und wallenden Wogen. +</p> + +<p> +Man sah Altäre sich golden recken, Gold vom +Fuss bis zur Spitze, in immer feineren Säulchen, +Treppen, Bögen, inkrustirt mit bunten Edelsteinen, +die Lichter gaben im Dunkeln wie Schlangenhäute, +Augen seltsamer Reptile und Käfer, Wunder von +goldnen und silbernen Spitzen, Rosen und Blumen, +eingefrorne Rhythmen, mystische Zeichen und Runen +aufsteigend wie Gedichte. Eine unverwelkliche +Pflanzung aus menschlichen Herzen, mirakulöse +Flora des Glaubens, hierher geflüchtet in eine +<pb n='153'/><anchor id='Pgp153'/>heilige Grotte, unter dem Dämmerlicht der bunten +Gläser, gefärbt mit ihrem Blute: Roth, welches die +Liebe und der Tod ist, Blau des Glaubens, festruhendes +warmes Grün der Hoffnung und des +Lebens. Und Krämpfe, furchtbare Leiden, zerschnitten +den himmlischen Dreiklang: Gelb der +Pein und des Geizes, in den Gewändern der Aeltesten +und Schreiber; Violett der Eifersucht, das +zugleich die heilige Farbe der priesterlichen Macht +und der Ehrfurcht ist; ein helles, gefiltertes Rosa, +welches gemartertes Fleisch der Gequälten vorstellt +und auch die liebliche Unschuld des Kindes. Alle +spiegelnd, irrend, flehend um das klare Gold des +Triumphes, Farbe der Sonne, wo die Mutter thront +mit dem Kinde, die Heiligen knieen in seliger, +weltentrückter Anbetung. +</p> + +<p> +Wie ewige Pfeiler standen sie da, die Starken, +der Apostel heilige Zwölfzahl, wunderbar die +Reihe der Monde, des Sternkreises wiederholend, +Propheten, Sybillen – die wussten und aushielten. +Märtyrer öffneten blutrothe Wunden, +Laurentius auf dem flammenden Bett, Sebastian +mit durchbohrter Brust, Agnes, ganz nackt, nur +in den strahlenden Mantel ihrer Haare gehüllt, +unter den Augen der Wollust, – aufgerissne +<pb n='154'/><anchor id='Pgp154'/>Seiten, furchtbare Verrenkungen der Gefolterten, +Striemen der Gegeisselten. Die Heiligenscheine +dominirten über verklärten Stirnen. Die weisse +Taube des Geistes schwingt sich glorreich auf über +Blut, Flammen und Qual. +</p> + +<p> +Sie singen. Aus den Tiefen hebt es sich. Von +der geknickten, schwarzen, wimmelnden Masse +– De Profundis. Langgetragen, hohle Rufe wie +Appellrufe in der Noth, schneidender Wehschrei +der Gequälten, zitternd, sehr hoch schwebend, wie +ein Weib schreit in Kindesnöthen: Miserere – +Miserere ... Dumpfer Trommelschlag. Vokale +fast Alles, sonore, volltönige, die nicht fallen – +Ora pro nobis, aufsteigend zu männlichem Muth, +Schlachtgesang, bis zum jauchzenden, hellen Posaunenstoss +der Befreiten, gellend fast, schmetternd +in Siegeszuversicht: Tedeum laudamus. +</p> + +<p> +Die Stimmen schweigen. Das Wort allein +spricht. In marmornen Worten, Sätze, die feststehen +wie die Welt. Rollende Vokale, geheimnissvoll, +kräftig, wie die die schufen, – das grösste +Mysterium der Menschheit, Wein und Brot, uralte +Mysterien, heiligste Symbole des sacrosancten +Lebens. +</p> + +<p> +Ueber der Menge, die kniet, hungernd, brünstig, +<pb n='155'/><anchor id='Pgp155'/>erhebt der Priester das Allerheiligste. Er selbst +ist weiss, ganz weiss. Er ist hundertjährig. – +Es giebt einen goldnen Schein wie die Sonne. +</p> + +<p> +In einem ungeheuren wehen Seufzer hebt sie +sich, es zu empfangen – das Opfer von Gott +angeboten. Blut und Fleisch, für das andre Opfer +des Fleisches und des Blutes, des Lebens, an das +grosse Leben, das prangend weggeht über den +Tod, Jammer und Kleinheit. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 50%" /> + +<p> +... Ein enger Holzpfad im Gebirge. Das +Gebirge liegt verschneit seit Wochen. Bis an die +Knie hoch steigt der Schnee. Die Tannenzweige +brechen unter seiner Last. Gleich Zuckerhüten +ragen die Baumwipfel aus der Weisse. Man +unterscheidet nur höhere und niedrigere Lagen, +Steine sind Schneekuppen. Gleichmässig ist er im +Grunde, hart, vereist, eingestampft. Aber die Oberschicht +ist federweich, eine Hand hoch, glitzernd, +feiner wie der Flaum auf Brüsten der Eidergänse, +mit Seidenreflexen. +</p> + +<p> +Unter dem Schnee begraben liegen Moos, +Gräser und Gesträuche. Er stäubt in Puder von +den überlasteten Zweigen. Kleine Aeste und Holzstückchen, +die sich ablösen, versinken lautlos. Die +<pb n='156'/><anchor id='Pgp156'/>Lücke, die sie verursachen, schliesst sofort die +streichelnde Sammethand. Der ganze Wald leuchtet +weiss, blauweiss vom Schimmer des jungfräulichen +Schnees. Der Fuss versinkt in ihm wie in Daunenteppichen. +Ohne Kühle fast. Aber er hebt sich +schwer heraus. Das Leder des Stiefels wird hart +und spröde von der Feuchtigkeit, die nirgends das +Wasser zeigt. +</p> + +<p> +Und immer fällt der Schnee. Man sieht keine +Spuren des Wildes. Es ist erfroren, festgefroren +wie stehende, steinerne Bildsäulen in Mauern von +schmeichelnden Krystallen oder es verkriecht sich +im inneren Tann, wo das Dach der Zweige es +schützt, karge Nahrung sich findet an Sprossen +und Rinde. Der Schnee füllt die Fahrgeleise des +Weges aus. Er steigt zu seinen Rändern und +vermischt sie. Wie Gespinnste in seinem Innern +ziehen sich dürre Bastadern der Farne und Heidelbeerbüsche. +– Die Stille ist sehr tief und der +Schnee fällt. +</p> + +<p> +Durch den tiefen Schnee sucht sich der kleine +Priester seinen Weg. Er trägt die letzte Tröstung +zu einem Sterbenden. +</p> + +<p> +Der Tod ist rasch gekommen. Ein blutjunger +Bursch, der Spielmann Anderl. Heute hatte sein +<pb n='157'/><anchor id='Pgp157'/>Schatz Hochzeit gemacht mit einem Andern. Der +Spielmann war zurückgesprungen über die Berge, +das fressende Gift im Leibe und den Kopf im +Feuer. „Geht’s schlecht, so geht’s schlecht, geht’s +gut, kürz’ ich mir den Weg um Stunden.“ +</p> + +<p> +Am Hornbiehel war er abgestürzt. Jetzt lag +er im Todeskampf in der Holzschlägerhütte. +</p> + +<p> +Durch Schnee und Nebel im beeisten Gebirge +kämpfte sich der kleine Priester zu dem Sterbenden. +</p> + +<p> +Er war noch sehr jung, noch nicht lange da +oben. Man nahm für die Stelle die ganz Unbedeutenden, +die Bescheidenen, die nicht Carriere +machen würden. Niemals hatte er daran gedacht, +ein Findelkind, das man den Priestern übergeben. +Regelmäßig liefen die kargen Beiträge für ihn ein, +von einem Büreau bezahlt an eine Kasse, ohne +Persönlichkeit, ohne Namen. +</p> + +<p> +Er hatte niemals eine andre Heimath gekannt +als das Kloster. Da war seine Stätte, am Altar. +Der liebte ihn und der hatte ihn nicht zurückgestossen. +Mit weissen Blumen umkränzte er ihn. +Er sang. Er schwang seine Weihrauchschale, weissgekleidet +als Chorknabe, Diener am heiligsten +Messopfer, eh’ er selbst daran theilgenommen. +<pb n='158'/><anchor id='Pgp158'/>So war er aufgewachsen, in dieser Atmosphäre +der Liebe, Weiss und Gold, den heiligen Farben +der Unschuld und des Triumphes. Ohne einen +andern Gedanken. Er liebte Alles. +</p> + +<p> +Es war um ihn wie der weiche, milde Schein, +der vom linnengedeckten Altar ausging, der Lampe, +die ewig brannte in all dieser Weisse, dieser Stille. +In lasterverzerrten Zügen sah er das Leid. In +ihrem Hochmuth die Angst. In ihrer Schönheit, +rührender als ihre Schönheit, den Tod. +</p> + +<p> +Wie auf weissen Rosen ging er mit nackten +Füssen, lächelnd das Heilige tragend gleich Engelknaben. +Und vor seiner demüthigen Stirn neigten +sich die Stolzen. Die Bescheidnen fassten Muth. +Alles liebte ihn. Es war, wie wenn die Vögel +süsser sangen, wenn er vorbeischritt im Klostergarten. +Sie waren zutraulich und pickten von +seinen Händen. Die Blumen, die er pflanzte, +gediehen. Ruhig und majestätisch entfalteten sie +sich. Die Sonne schien nicht zu heiss auf sie. +Irgendwie hörte der Sturm auf um ihre schlanken +Stengel. +</p> + +<p> +Es gab alte Mönche im Kloster, die das Leben +gekannt hatten. Es hatte harte Narben gegraben +in ihre Seele. Sie liebten ihn, die alten Wunden +<pb n='159'/><anchor id='Pgp159'/>brannten nicht, wenn er da war. Nur eine Gabe +besass er, die lieblichste David’s, der Musik. Die +Töne wurden lind unter seiner Hand und wenn +er spielte, hörte der Tumult auf in leidenschaftdurchwühlten +Herzen. +</p> + +<p> +Niemals war er stolz gewesen oder ungütig. +Ein Kind Jesu! Er trug diesen Namen, halb der +Schande, wie eine feine, goldne Aureole. +</p> + +<p> +Die Grossen übersahen ihn und für die Klugen +war er nichts. Er hatte keine Disputationen geschrieben +über Fragen des Glaubens. Die weltliche +Macht der Kirche liess ihn kalt. Der Beifall +einer Menge hätte ihn schüchtern gemacht. +</p> + +<p> +Aber er liebte die kleinen Kinder. Sehr alte, +hülflose Leute waren ihm ehrwürdig. Er richtete +die geknickten Halme auf und ihn erbarmte der +Vogel unter dem Himmel. +</p> + +<p> +Tapfer kämpfte der kleine Priester durch den +Schnee. Der Schnee fiel in weichen, grossen, +fasernden Flocken aus Wolken, die selbst Schneesäcke +waren. Sie hingen so niedrig, dass man +nicht sah, wo sie aufhörten und das Gestöber anfing. +Ihre Vorräthe schienen unendlich, als ob ein +ganzer Himmel voll von Schnee hinter ihnen läge. +Er leerte sich langsam. Von den Schichten bauten +<pb n='160'/><anchor id='Pgp160'/>sich Mauern ihm entgegen. Nichts konnte mehr +welchen aufnehmen. Aus dem Ueberfluss wallten +neue Hügel über. – Diese Flocken lösten sich +nicht auf. Sie schwebten und drehten sich langsam +in der Luft und blieben hängen wie im +Festen, Gesättigten. Man dachte an Nesterbauen +dabei, Eiderdaunen, in die man sehr tief einsank. +Und es war gar nicht kalt. Der Schnee +schien wie eine schützende Schicht zwischen der +Kälte und der Erde. Es war wunderbar, wie +lautlos er fiel. Und überall, wo er fiel, hörten +die Contouren auf, alles Steife, Eckige, Nackte. +Wie ein liebevoller Pelzmantel hüllte er sie ein, +dass sie nicht mehr froren, zeigten. Er fiel ... +fiel ... +</p> + +<p> +Der kleine Priester fror gar nicht. Im Gegentheil, +ihm war warm. Er trug das Allerheiligste +unter seiner Soutane, gegen die Brust gepresst. +Und es war ihm, als wäre es da eingedrungen. +Es sass da und brannte. Goldne Strahlen warf +es. Immer grösser, immer weiter. In der Mitte +war ein blutrothes, glühendes Herz und sein +Scheinen war wie Karfunkel. Es leuchtete weit +durch den nächtlichen Wald. +</p> + +<p> +„Das ist, als ob ich ein Licht bei mir trage,“ +<pb n='161'/><anchor id='Pgp161'/>sagte der kleine Priester. „Wie seltsam das ist! +Und wie schön!“ +</p> + +<p> +Schön war es in der That. Alle Bäume +standen wie schwarze Säulen, ganz gerade mit +seltsamem Ast- und Aderwerk. Ihre Zweige verbanden +sich. Sie kreuzten sich und rankten ineinander +geheimnissvoll in Rosetten, Sternen, wie +ein Kirchendach. Er ging ganz leise, wie auf +weichen, weissen Rosen. Er zertrat sie nicht. Sie +richteten sich auf unter seinem Fusstritt. Sie dufteten +sehr süss, Ambra, Weihrauch und Myrrhen, +die mystischen Düfte der Kirche, die Seele darstellend, +die sich spiritualisirt in Sehnsucht. +</p> + +<p> +Jetzt fing es auch an zu läuten. Zwischen +den hohen Bäumen schwangen die Glocken. Sie +hingen da in Stricken von einem Baum zum +andern. Und sie schwangen, schwangen. Wunderbare +Melodieen waren die Melodieen der hohen, +ernsten Bäume. Den kleinen Priester erstaunten +sie. „Ich habe es doch oft rauschen hören im +Walde. Niemals wusste ich, was es war. Aber +jetzt weiss ich es.“ +</p> + +<p> +Und er hörte kleine, liebliche Stimmen. Das +waren die der todten Blumen unter dem Schnee. +Er hatte gedacht, dass sie todt wären. Sie +<pb n='162'/><anchor id='Pgp162'/>waren nicht todt, sie warteten nur auf den +Frühling, lagen warm und weich gebettet unter +dem Schnee, der sie zudeckte und fiel – fiel. +</p> + +<p> +Die Schneeflocken selbst sangen. Sie fassten +sich an und tanzten. Es war richtiger Rhythmus +in ihrer Bewegung. Dazu klangen sie. Und dann +waren sie Engelsköpfchen mit weichen, flaumigen, +ganz jungen Flügeln. Das sind die Seelen der +todten Kinderchen, die sterben, ehe sie zum Bewusstsein +ihrer Seele erwachen. +</p> + +<p> +Er hatte nie gewusst, wo diese todten Seelen +hinkommen. Jetzt wusste er es. Sie waren glücklich +und deckten die kleinen Blumen zu, dass sie +gut schliefen, nicht erfroren im harten Winter. +</p> + +<p> +Er musste über einen Bach, der ganz zugefroren +war. Aber das Wasser war auch nicht +todt, es schlief nur in der Tiefe. Er hörte es +singen geschäftig am Werke, in kleine Röhrchen +tausend Tröpfchen zu giessen, die Erde aufzuweichen. +Es wird Frühling! Es wird Frühling! +</p> + +<p> +Auf einmal war es Frühling. +</p> + +<p> +Er wandelte in einem grünen Dom. Wände +von lichterem Grün schoben sich zwischen die +andern, hohen. Alle regten tausend Blättchen. +Einige waren fast durchsichtig vom Licht, das sie +<pb n='163'/><anchor id='Pgp163'/>golden durchglühte. Die Andern blieben im +Schatten beinah schwarz, oder ihre Ränder zeichneten +sich wie in hellem Feuer gezogen. Atlasglänzend +lief es entlang am Buchenstamm wie +feinste Haut des Apfelschimmels, röthlich schwelend +an der rissigen Kiefernborke. Die Birken standen +ganz weiss mit gesenkten, wehenden Zweigen, +ein kleines, zitterndes Herz jedes Blättchen, Jungfrauen +vergleichbar in der Schönheit ihrer Haare +im Mai. Pelze hatten die Haselnussblätter. Die +Erlen bogen sich, schwärzliche, schuppige Schlangenleiber, +dem Sumpf entsprossen, mit klebrigem, +bitterschmeckendem, starkgerieftem Blattgrund. – +Und da oben über dem Blätterdach stand die +Sonne, goldne, warme Frühlingssonne. +</p> + +<p> +Er wandelte mit nackten Füssen auf einem +Blumenteppich. Wo er hintrat, blühten die Blumen. +Sie blühten auf wie Kissen unter seinen Füssen, +nur Blumen ohne Blätter und Stengel. Vögel +sangen, goldne Vögel mit silbernen Schwingen, +die Stimme des Windes, der Erde und des Wassers, +Alle priesen Gott. +</p> + +<p> +Er sah auf und die Sonne war Gott. Seine +Strahlen fielen warm über Alles. Er war gut – gut. +</p> + +<p> +„Ihr könnt mich nicht verstehen so. So gross +<pb n='164'/><anchor id='Pgp164'/>und gut bin ich. Darum bin ich das Grösste und +das Gute, was Ihr verstehen könnt.“ +</p> + +<p> +Er verstand sehr wohl, wie gut Er war. Und +dass Er tausendmal besser und grösser sein musste, +als er verstehen konnte. +</p> + +<p> +Aber es war da eine Brücke aus den Strahlen, +die von Seiner Brust ausgingen, und den weissen, +funkelnden Sonnenstrahlen mit Perlen und Emeralden +und köstlichen Topasen geschmückt, die das +Licht gebiert im Wasser, aus der Tiefe. Auf der +schritt er. +</p> + +<p> +Durch das Blaue schritt er gerade in die strahlende +Sonne hinein. Er wusste, dass sie Feuer +war, aber sie brannte nicht. Sie war auch nicht +golden. Sie war weiss, von einer lichten, unbeschreiblichen +Klarheit, lichter denn das Mondlicht +im Kerne der junggebornen Mondsichel, und +Atlasschimmer aus keuschen Lilienkelchen. +</p> + +<p> +Er sah eine Frau in der obersten Klarheit. +Sie hielt einen Lilienstengel in der Hand. Er +wusste, dass es seine Mutter war, die er nie gekannt +und verloren hatte. Jetzt erkannte er sie +gleich. Sie lächelte ihm zu. +</p> + +<p> +„Ich komme. Ich komme,“ sagte der kleine +Priester begeistert. +</p> + +<p> +Auch ein ganz weisses Lamm sah er. Er +<pb n='165'/><anchor id='Pgp165'/>freute sich, dass es da war. Er hatte die Thiere +immer geliebt. Er hoffte, dass es auch für sie +einen Himmel gab. Dies wusste er nun auch. +</p> + +<p> +Alle Bäume waren eitel lichtes Silber. Ihre +Früchte waren Diamanten und Perlen. Weisse +Schneelilien sprangen auf, die süss dufteten. +Man konnte in die Erde sehen, tief hinein, denn +sie war weiss und durchsichtig wie Milchglas, +Opale, in denen das Sternenlicht floss. Es war +dies innere Licht, von dem sie leuchtete, denn es +gab nicht Schatten mehr. Wo Festes gewesen war, +wurde es weich und floss im Schimmer, der löste. +</p> + +<p> +Und er war ganz weiss, er selbst. Seine +Finger waren weisse Strahlen. Aus seiner Brust +schien die Klarheit, Alles, wo sie hinfiel, ward weiss. +</p> + +<p> +Er trat in das kleine Stübchen der Holzschlägerhütte. +Dies war ein elendes winziges Gelass. +Blut lag da auf der Bettdecke, Blut auf +dem Fussboden, Blut über den hastig hingeworfenen +Kleidern. Man hatte die Fiedel gerettet. +Aber der Kasten war zerschlagen im Falle. Die +Saiten hingen wirr und ungesträngt. +</p> + +<p> +Die Augen des Sterbenden waren weitgeöffnet. +Ein Ausdruck des Schreckens lag darin, und Brennen, +als ob er sähe und Furcht hatte. Er phantasirte: +<pb n='166'/><anchor id='Pgp166'/>„Hast Du die Frauen gesehen, wenn sie zur Kirche +schreiten? Ihre Hacken schlagen kurz auf und ihre +Hüften tanzen unter den runden Röcken, die der +Wind hin- und herschlägt. Wenn der Sechzehnender +durch das Unterholz bricht und der Stolz +des Waldes ist in seiner keilenden Brust! Hei! +Der Zug der Burschen, der zum Schützenfest zieht. +Alle Fiedeln spielen auf und die Schenkel stampfen. +Wie Herrenblick, der zwingt, trifft der nie +fehlende Bolzen. – Ich sage Dir, es ist nichts, +was über des Weibes Anmuth geht, denn ihre +Falschheit! Wie ich sie geliebt habe und wie ich +sie hasse! Ihre Augenbrauen, die wie Bögen der +Krönung sind, darunter triumphirende Heere einziehen. +Ihre Augen locken und ertränken wie +der wilde Bergsee. – Das ist roth – roth Alles +– vor meinen brennenden Augen!“ +</p> + +<p> +Der kleine Priester strich mit der Hand über +die Augen. Sie schlossen sich. Sie brannten +nicht mehr. +</p> + +<p> +„Ich habe die Erde gerochen am Frühlingsmorgen, +wenn sie dampfend aufbricht, ehe der +Tag kommt. Tausend Würzbäche strömen, wo +die tausendjährige Edelfichte krachend niederschlägt. +Gefährlich wie Blutdunst ist der umnebelnde Duft +<pb n='167'/><anchor id='Pgp167'/>des Weines, der zu Kopfe steigt und die Fäuste +straff macht. Aber der Frauen Athem ist röther +wie Blut. Wie Weizenacker frisch geöffnet ist der +Leib des Weibes. – Es ist die Schwüle der Sommererde, +die die Todten nicht schlafen lässt.“ +</p> + +<p> +Er strich mit der Hand über die Nasenlöcher. +Leise fuhr der tröstende Finger die zitternden, +hastenden Nüstern entlang. Der Geruch war fort. +</p> + +<p> +„Hast Du auf Deinen Lippen ihre Küsse gefühlt? +Wenn sie schwören und lügen. Worte, +die fallen wie der Wasserfall, lieblicher denn +Nachtigallentriller. – Worte! Worte! <anchor id="corr167"/><corr sic="Worte!">Worte!“</corr> +</p> + +<p> +Er strich über die Lippen und sie schlossen +sich. Sie wurden stumm und weich. +</p> + +<p> +„Ich habe sie mit meiner Hand gehalten. Ich +lasse sie nicht. – Wenn man das Messer sehr +fest packt und rothes Herzblut springt herüber ... +Weisst Du, dass ich mein Messer unter meiner +Hand hatte? Sie haben mir gesagt, dass ich das +Holz sprechen machen konnte, die Saiten riefen +unter meinen Fingern wie mit Menschenstimmen. +Ich will spielen. Sie sollen tanzen. Sie sollen +lachen und schreien. Ich will den Ton finden, +der die Todten tanzen macht. Die Todten haben +Knochenhände und lassen nicht los.“ +</p> + +<pb n='168'/><anchor id='Pgp168'/> + +<p> +Die gekrampften Finger lösen sich unter den +andern streichenden, gleitenden. Die Hände fielen. +Sie lagen ruhig und straff. +</p> + +<p> +„Meine Füsse tragen mich nicht mehr. Aber +sie haben mich getragen durch die Nacht. Im +Tanze. Wer kann tanzen wie ich, der Spielmann +Anderl! Wenn der Boden knackt, die Dirne hoch +anfliegt zur schwelenden Decke. Ich kann springen! +Der Teufel ist in meinen Füssen. Ich springe mit +dem Teufel zur Hölle!“ +</p> + +<p> +Er berührte die Füsse an ihren Sohlen. Er +salbte den rechten. Er salbte auch den linken. +Die Füsse lagen still. +</p> + +<p> +Der ganze Mann war weiss und still jetzt. +</p> + +<p> +Der kleine Priester hatte die Fiedel genommen, +das Holz zeigte keinen Sprung, die Saiten fügten +sich wie von selbst und erklangen: +</p> + +<p> +„Wenn Eure Sünde gleich blutroth ist, soll +sie doch schneeweiss werden,“ sang der kleine +Priester. „Und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, +soll sie doch wie Wolle werden. +</p> + +<p> +„Und heute noch wirst Du mit mir im Paradiese +sein!“ schloss der kleine Priester. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 50%" /> + +<p> +In der Holzschlägerhütte lag der Wilddieb todt. +<pb n='169'/><anchor id='Pgp169'/>Er lag mit gefalteten Händen und lächelnden +Lippen. Eine weisse Kerze brannte. Das blasse +goldne Herz stand zitternd aufrecht im Dunkel, +das der Schnee warf. +</p> + +<p> +Der Schnee fiel. +</p> + +<p> +Unter der weissen Schneedecke, das Allerheiligste +gegen seine Brust gepresst, schlief der +kleine Priester. +</p> + +<p> +Der Schnee fiel ... fiel. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='170'/><anchor id='Pgp170'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das zehnte Kapitel.</head> + +<p> +Nun war aber in einer Stadt ein junger +Mann, der sich dem geistlichen Stande gewidmet +hatte. +</p> + +<p> +Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend +ein anderes Amt zu erwählen. Von früh auf +zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, +geneigt darüber nachzudenken, die Texte auszulegen +in ihrem deutlichen Sinne. Dabei war er +von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte +sich Jahre lang nur von Pflanzennahrung erhalten. +Sein Geld gab er den Armen und lebte wie der +Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll +Würde in aller Gütigkeit, dass er die Spötter +<pb n='171'/><anchor id='Pgp171'/>zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben konnte. +Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der +Stadt, wenn man Jemand etwas Gutes wünschte, +und diese Leute waren älter, dass man ihnen +einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten +Eltern, denen er zuerst ein Kummer gewesen, +dass er also herausging aus der Bahn, die sie +selbst gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen +fremdartig war und nicht so angesehen in ihrer +Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen +Gott alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, +von dem sie Ehre hatten jede Stunde, +der als ein Muster stand unter jungen Leuten, +in frühen Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die +Jahre lang gedient, Last und Mühsal getragen +hatten. +</p> + +<p> +Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, +weil er sie strafte in ihren Sünden, wagten nicht, +ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen war +gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. +Dazu, weil er eines vornehmen Mannes Sohn +war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht +drang bis an den Hof. Er musste predigen dort +und ward als Hofprediger angestellt auf den +eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt +<pb n='172'/><anchor id='Pgp172'/>hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er +war selbst von ernster und redlicher Gemüthsart, +dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte +seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte +in seinem Gemüth, liess er oft den jungen Prediger +rufen, dass diese wie Freunde und treue +Gesellen wurden, sein Einfluss also gross war im +Lande. +</p> + +<p> +Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war +wohlgeachtet von Hohen und Geringen. Gegen +Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang +und kein klingender Lohn konnte ihn bestechen +in seiner Entscheidung. Wiewohl es ihm freigestanden +hätte, ein Weib zu wählen, Niemand +ihm seine beste Tochter geweigert hätte, zog er +es doch vor, einzeln zu bleiben, dass keine weltliche +Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem +geistlichen Amt, welches er als das höchste erachtete +in der Welt, ihm selbst von Gott anvertraut, +davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst +vor Seinem strengen Richterstuhl. Es gab +keinen geachteteren und würdigeren jungen Mann +weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein +Felsen. Sein Wort war für Viele Recht und Unrecht, +klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes +<pb n='173'/><anchor id='Pgp173'/>Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er +trotz seiner Jugend so geachtet war und solchen +Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben, +das schlichter war wie manchen Arbeiters und +keusch wie vielfach geschliffener Stahl vor Aller +Augen. +</p> + +<p> +Derselbe, als er eines Tages allein spazieren +ging vor der Stadt, wo die Stadt schon aufhörte, +blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im +Laub – wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, +um klar zu werden vor sich selber –, +freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle +einträchtig sangen und war keiner grösser und +mehr geachtet denn der andre in ihrem Singen. +Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. +Die, die nichts empfingen, kleine graue Meislein +und Spatzen, zwitscherten just so munter ihre zwei +Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und +Solfeggien. Sorgten nicht um den Tag, bauten +sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die Welt, dass +die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, +was flog und kroch in der Luft, auf der Erde. +</p> + +<p> +Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie +wiegten sich in der Luft und beschrieben Wellenlinien. +Manchmal strichen sie so niedrig, dass +<pb n='174'/><anchor id='Pgp174'/>ihre Schwingen fast die Erde berührten. Dann +hoben sie sich wieder, blieben segelnd im Blauen. +Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. +Libellen schwirrten aus der Wasserrichtung von der +andern Seite. Es roch fischig von da, Teichgeruch, +nach sich zersetzender Pflanzenfaser. +</p> + +<p> +Wie er nun also ging und sich freute, die +Vöglein lieblich und fröhlich sangen, sah er eine +magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf +einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, +tastenden Zehen. Ihr Kopf war lang vorgestreckt, +die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. +In den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung +des Dehnens. Die Rippen flogen kurzathmend +in der Aufregung der Jagd. Auch war +sie mager, schlechtgenährt und struppig, wie eine +Katze, die wohl schon lange heimlos geirrt ist, +keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss +preisgegeben ist. So war sie ausgegangen auf +die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem +Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen. +</p> + +<p> +Da Johannes solches sah, ergrimmte er in +seinem Herzen. Es dauerten ihn die unschuldigen +Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er +nahm einen Stein, zielte und warf. Und traf so +<pb n='175'/><anchor id='Pgp175'/>gut, dass er die Katze hart schlug in ihrer Seite, +wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie +stiess einen schrillen, klagenden Schrei aus und +fiel herab vom Baum, lag da auf der Erde, das +Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz +jämmerlich wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte +sich zu lecken, vorwärts zu strecken mit +strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem +Rücken. Und lag im Staube, blutend. +</p> + +<p> +Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan +hatte. Er kam herzu, um der Katze aufzuhelfen. +Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese +Katze heute oder den Tag zuvor Junge geworfen +haben musste, denn die Haut ihres Bauches hing +ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass +sie fast auf dem Boden schleppte. Die Oeffnung +des Afters war unnatürlich weit, noch vom geronnenen +Blute verklebt. Man sah die Zitzen, +die weit, aber schlaff, ohne Milch sich sackten. +Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert +seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und +blutete. Niemand würde diesem Nest voll kleiner +Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder +auf einem Heuboden Nahrung bringen. Sie würden +warten und miauen, elendiglich verhungern, um +<pb n='176'/><anchor id='Pgp176'/>ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten +Stein, den er geworfen und sie getroffen hatte, +da sie ging Jagd zu machen auf Vögel für ihre +Kleinen, die hungerten. +</p> + +<p> +Er stand nun da vor der Katze und sah sie +an. Die Katze sah auf zu ihm mit schiefen, +wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie +weiterquälen? Sie wusste nicht, dass es sein Stein +gewesen, der sie getroffen hatte. Aber sie hatte +Angst vor den Menschen, die stark sind, war da +wie ein wildes Ding, das man eingefangen hat. +Und es kann sich nicht wehren, denn all’ sein +Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich +sind gegen die Kleinen und ganz Schwachen, +werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es +wartet, dass man es vollendet. +</p> + +<p> +Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und +er über solches dachte in seinem Herzen, kam ein +fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die +nach ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig +mit Wasser und gab ihr zu trinken aus einer +Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das +Wasser zu finden, hatte er hinabsteigen müssen +zum Fluss. Wie der wieder heraufkam und die +Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh +<pb n='177'/><anchor id='Pgp177'/>in die Hand und entsprang zwischen die Weidengebüsche. +</p> + +<p> +Da dieser nun die Schramme an seiner Hand +besah, das Blut abtrocknete mit seinem Tuch, +sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem +schädlichen Raubzeug helfen? Sein Leben ist der +Tod Vieler. So es verreckt, wem schadet es? Ein +werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das +sagte er aber, den Andern zu versuchen, denn in +seinem Herzen gereute ihn der Katze. Er wusste +wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse +zu fangen. Er fragte sich nur: Warum ist das +in der Natur, und hätte gern eine Antwort gewusst. +</p> + +<p> +Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher +Creatur. Sie war hungrig und litt. So war es +meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“ +</p> + +<p> +„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, +tödten und quälen.“ +</p> + +<p> +„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde +Mann. „Der Geist, der widerstehet dem Uebel, +der ist vom Uebel.“ +</p> + +<p> +Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber +sie quälte ihn in seinem Herzen. Er sprach: +„Deute mir das!“ +</p> + +<pb n='178'/><anchor id='Pgp178'/> + +<p> +Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt +und Du schlägst ihn wieder, so ist der Schlag +Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und +also Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse +an sich nicht böse, aber es böse <hi rend='gesperrt'>macht</hi> in seiner +Wirkung, sind Böse.“ +</p> + +<p> +Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht +tödten, der Andre tödtet? Würde Mord und Todtschlag +nicht überhandnehmen in der Welt, so +Solches ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, +was ihm gefällt, sein böser Muth ihm eingiebt +gegen seinen Nächsten?“ +</p> + +<p> +Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth +thut, ist es seine Natur. Alles, was in der Natur +ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. +So Du aber schlägst <hi rend='gesperrt'>gegen</hi> Deine Natur, ist es +Dir Sünde, grösseres Unrecht denn dess, der Dich +geschlagen.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „So werden alle Bösen fortab +triumphiren und straflos sein. Die Guten müssen +nur dulden und ertragen.“ +</p> + +<p> +Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist +nicht böse. Selig sind, die das erkannt haben! +Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, +und Wenige sind, die es fassen hier im Leibe. +<pb n='179'/><anchor id='Pgp179'/>Das Fleisch ist schwach in ihnen. Der Tod scheint +bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“ +</p> + +<p> +„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. +„Das ist auch gegen die Natur des Menschen.“ +</p> + +<p> +„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ +sagte der Fremde. „Sie wissen, dass sie sterben +müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher +kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber +die Nacht lebt auch, hat Farben und Formen. +Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine +Leben und das Andre Tod. Und der Tod ist +Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist +Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“ +</p> + +<p> +Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss +und sprach: „Die Menschen rechnen die That, die +Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung +nicht lesen, die im Herzen ist. Die That +ist nicht besser wie der Gedanke. Sondern er +war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde +ist geboren, ehe die That That wird. Es ist nicht +mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu diesem +aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist +der Urgrund alles Uebels.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Wie deutest Du das?“ +</p> + +<pb n='180'/><anchor id='Pgp180'/> + +<p> +Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing +zu mischen von seinem Willen in den grossen +Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell +des Lebens ist. Er sprach – und er sollte +hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein +Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, +wo das Grosse, Ewige, Gesetzte steht.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen +Adligkeit und Freiwilligkeit des Menschen?“ +</p> + +<p> +Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. +Sondern ist es nicht edler, das Gesetz in sich +selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von +aussen verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. +Das ist Sklaventhum. Das Andre Adliger +und Freigeborner.“ +</p> + +<p> +Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für +Alle dasselbe sein, so doch der Menschen viele +sind und Millionen, Jeder anders geht wie der +Andre?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz +für Alle. Händewaschen ist nicht dasselbe, Kleidertrachten +und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von +Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die +suchen, finden wohl den Weg.“ +</p> + +<p> +Da erschrak Johannes in seinem Herzen und +<pb n='181'/><anchor id='Pgp181'/>sprach: „Die alten Weisen haben wohl gelehrt. +Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. +Und waren Edle. Tiefe Worte kamen von ihren +Lippen. Buddha und Mohammed sind gekommen. +– Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Alle diese sind gegangen und +haben gefunden. Unschuldige Kindlein finden auch, +kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege. +Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht +gehen um der Dornen willen und Steinblöcke.“ +</p> + +<p> +Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre +hielt ihn an in grosser Angst seines Herzens, +flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als +dies: Die Blinden werden nicht blind sein, ob sie +gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen +können und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet +an ihr Lager. Die Armen sind reich und ihr +Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die +Todten sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben +sind. – Ein Kind findet es in seiner +Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt +es verborgen.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So +Einer Sünde gethan hat, ist er nicht schlimmer +<pb n='182'/><anchor id='Pgp182'/>denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn +sollten wir nicht Alle sündigen und froh sein?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. +Die Andern aber gehen auch nicht verloren. Der +Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war +über den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. +Der verloren war und heim kam, fand +über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“ +</p> + +<p> +So liess er diesen und ging von ihm weiter +in der Abenddämmerung. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='183'/><anchor id='Pgp183'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das elfte Kapitel.</head> + +<p> +Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft +schickte: +</p> + +<p> +„Die ausgehen sollten, wohnen in reichen +Häusern. In steinernen Kirchen ist das Wort verschlossen +für blöde Mengen am Sonntagmorgen. +Die Mächtigen missbrauchen Deine Worte für ihre +Zwecke. Man führt Kriege in Deinem Namen. +Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem +Zeichen der Liebe. Der Arme geht hungrig. Der +Niedrige ist verachtet. Der Sünder stirbt nachher +wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die +Welt?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Siehe zu, was ich thue: +</p> + +<p> +„Soll ich Krieg führen, um die Welt zu überzeugen? +Der Hass wäre schlimmer denn zuvor. +Die Sklaven von heute wären grausamere Herren, +als die Herren von gestern. +</p> + +<pb n='184'/><anchor id='Pgp184'/> + +<p> +„Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? +Dies Gesetz wäre gut, aber die Menschen +sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe +die wilde Wüste. +</p> + +<p> +„Vielen ist es gesagt, aber Wenige hören. +Allen ist es ein Schlachtwort und Wenigen Frieden. +Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, +und Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich +und scharf ist es, wie ein Schwert, das +durchbohrt, süsse Milch, die ganz junge Kinder +trinken.“ +</p> + +<p> +Er war aber auf einem Schiff, wo er dies +sagte, dass er sich übersetzen liesse von einem +Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben +ihm, der ein Tuch mit Samenkörnern eingebunden +hatte, die er säen wollte auf seinem Acker. +</p> + +<p> +Er sprach zu ihm: „Gieb mir von Deinen +Körnern.“ +</p> + +<p> +Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du +willst?“ +</p> + +<p> +Er nahm eine Handvoll und streute sie auf +das Wasser. +</p> + +<p> +Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du +solches thun, so doch das Wasser die Samen nicht +hält und austreibt?“ +</p> + +<pb n='185'/><anchor id='Pgp185'/> + +<p> +Er sprach: „Sollen sie keimen, wird es sie +schon tragen, wo sie Wurzel finden. Die Erde +ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same +leben soll, müssen tausende sterben.“ +</p> + +<p> +Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, +der war ganz verwachsen. Alle Knochen seines +Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich +anzusehen mit schielenden Augen und einer +platten, queren Nase. +</p> + +<p> +Derselbe sprach zu ihm: „Meister, es ist recht, +was Du sagst, dass alle Menschen gleich sind, +und ist nicht Einer schön und der Andre hässlich, +Jener klug und Dieser thöricht. So sage auch +diesen, dass sie mich schön finden, und lobe +meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung +mehr ist.“ +</p> + +<p> +Er sprach zu ihm: „Was habe ich mit Dir zu +schaffen? Ganz hässlich bist Du und schauerlich +anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der +Schönheit, die Du beleidigst, und woher kommt +Dir der Muth, der Du feige bist und ganz +niedrig.“ +</p> + +<p> +Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah +wieder in den Fluss, darin die Landschaft sich +spiegelte im klaren Wasser. +</p> + +<pb n='186'/><anchor id='Pgp186'/> + +<p> +Aber sie hörten es nicht gern. Die, die das +hörten, fuhren fort, das Volk zu reizen zur Gewalt, +um die Machthaber umzustürzen, oder +System und Lehrsätze zu erfinden, die Alles gerecht +machen sollten, dass Jeder seine Fülle hätte, +kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen +liefen Viele zu. Sie hatten ein grosses Gefolge +hinter sich, die sagten: „Morgen kommt der +grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, +die wir jetzt hungrig sind. Wir werden herrschen, +die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige. +Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, +dass wir sie übertäuben und ihre Stimmen mit +unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter +schreien.“ +</p> + +<p> +Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann’s +aus der grossen Stadt. „Gebt Eure Güter und +verlasst Eure stolzen Paläste! Gebt Eure Macht +auf, Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute +Gesetze haben und nicht mehr unsre Frauen und +Mädchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir +wollen keine Kriege mehr und keine Hungersnoth. +Wir wollen Alle arbeiten und essen. Einer soll +sein wie der Andre, Keiner König und Keiner ein +Bettler. Unsre Frauen sollen gleichgeachtet sein +<pb n='187'/><anchor id='Pgp187'/>wie wir und unsre Töchter wie unsre Söhne. Wir +wollen glücklich sein auf dieser Welt und Kinder +zeugen. – Denn was nachher kommt, wissen wir +nicht, Niemand kann an gegen den Tod.“ +</p> + +<p> +Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er +wollte mit ihm über seinen Seelenzustand sprechen. +</p> + +<p> +Er sagte: „Ich habe immer ein untadeliges Leben +geführt. Von Lastern und verbotnen Dingen habe +ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen +Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung +unsrer Zeit. Ich habe meine Lehrer in Ehrfurcht +gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen +Niedrigstehende bemühe ich mich höflich und gerecht +zu sein. Es fehlt meinen Leuten an nichts. +Sie haben ihre Gebühr und über Gebühr. Ich bin +allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich +ein Weib nehmen will, wird Niemand zögern, +mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde +sie unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf +nehmen, wie ich selber bin. Es klebt kein Stäubchen +an meinem Vermögen. Alles ist auf ehrliche +Weise erworben und von meinen Voreltern langsam +erarbeitet. Kein Blutrichter fände einen Flecken +daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig +betrogen. Dem Staat zahle ich pünklich, was ihm +<pb n='188'/><anchor id='Pgp188'/>zukommt. Ich betheilige mich an allen Wohlfahrtseinrichtungen +und gemeinnützigen Anstalten. Die +Leute auf meiner Besitzung sind glücklich gepriesen +von Allen. Sprich nun selbst, bin ich vollkommen +so und nach Deinem Sinn?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Du sagst, dass Du Güter hast. +Nimm Deine Güter, den letzten Pfennig, den Du +besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern +und den Hunden.“ +</p> + +<p> +Der junge Mann ward sehr traurig und ging +von ihm. Er sah ihm lange nach, denn er war +ein trefflicher junger Mann, licht und schön von +Ansehen, der das Gute suchte. +</p> + +<p> +Darauf sprach er: „Der Reichthum ist schlimmer +denn die Wollust, die Wollust giebt für Andre. +Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher +Busse, der grobe Sünde thut, denn der angesehen +ist vor aller Welt und niemals fiel. Ach es ist +schwer! schwer für einen Menschen, der viele +Güter hat, dass er das Gute finde!“ +</p> + +<p> +Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu +ihm: „Was nützt es den Armen, so Einer giebt? +Es käme wenig auf Alle. Morgen wäre dasselbe +wieder, dass Einige nichts hätten und Andre mehr.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Es ist nicht um der Armen willen. +<pb n='189'/><anchor id='Pgp189'/>Wenn er es auf’s Meer würfe, die Wellen trügen +es fort, wäre es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, +dass seine Güter wie eine Mauer stehen zwischen +seinem Thun und dem freien Wollen seiner Seele? +Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird +ersticken in ihm, ohnmächtig und schlaff werden. +Nur weil er reich ist. – Der Arme liebt wohl +leichter. Er hat dafür Neid und Niedrigkeit als +seine Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch +lange liegt, werden niedrig. Und die wahre Liebe +ist stolz und eine Königin. Aber die begehren, +sind Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist +ein Vornehmer und ein Fürst.“ +</p> + +<p> +Wenige verstanden dies und Viele murrten +darüber. Einige sagten, er liebt nur die Armen. +Die Andern fanden, dass er ein Reactionär sei +und es mit den Hohen nicht verderben wollte. +</p> + +<p> +Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige +Fragen zu stellen, weil sie ihn fangen wollten in +den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurück, +fragte: Was <hi rend='gesperrt'>willst</hi> Du thun?, dass sie selber +sich antworten mussten, beschämt standen in ihrer +Nacktheit und List. +</p> + +<p> +So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die +ihn betrog. +</p> + +<pb n='190'/><anchor id='Pgp190'/> + +<p> +Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen +sollte? „Das Gesetz erlaubt mir, mich von +ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. +Die allgemeine Meinung und meine Stärke würden +mir wohl gestatten, sie zu tödten. Das erste ist +Gerechtigkeit, das zweite Rache.“ +</p> + +<p> +„Und Deine Liebe?“ +</p> + +<p> +„Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle +Zärtlichkeiten, die ich ihr erwiesen habe, sind vergessen. +Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe +ihr Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. +Ihre Schönheit erfreute mich. Ich gab ihr genug, +um sich zu schmücken. Keiner ihrer Wünsche, den +es in meiner Macht war zu erfüllen, blieb unerfüllt. +Ich liebte ihren Verstand, ihre Art sich auszudrücken, +die Weichheit ihrer Stimme, die Liebesbezeugungen, +die sie mir erwies, und dadurch +Neigungen in mir erweckte, ihre Schüchternheit und +Hülflosigkeit selbst.“ +</p> + +<p> +„Und ihre Seele? – Hast Du ihre Seele geliebt? +Was in ihr schwach war und arm und nach +Hülfe schrie? Ihre Zögerungen, den Glauben an +Dich, Deine Vollkommenheit, die nicht war, diese +verzweifelte Liebe, die im Fleisch suchte, was in +Deiner Seele fern von ihr war, – Deine Seele, +<pb n='191'/><anchor id='Pgp191'/>die sich nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie +in die Arme eines Andern fliehen machte, der sie +noch unglücklicher liess? – Diese arme, nackte +frierende, beschämte Seele, hast Du sie geliebt?“ +</p> + +<p> +Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten +nun: „Er ist nachsichtig für die Sünden des Fleisches. +Huren und Lüstlinge sind ihm recht.“ +</p> + +<p> +„Die Sünden der Wollust sind traurig,“ sagte +er. „Sie tragen ihre Strafe in sich. In dieser +Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit +der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes +ist, was sie gebärt. Die Unreinheit +ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. +Es giebt keine Schönheit mehr für den, der faul +sieht. Sie lieben nicht, die sich der Leidenschaft +hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit, +Würmerfrass der Seele.“ +</p> + +<p> +„So wäre es also besser, ganz keusch zu sein, +keine Kinder mehr zu zeugen und dass die Welt +aufhörte?“ fragte Einer. Er war ein Mann, der +im Laster gelebt hatte, und er wollte ihm eine +Falle stellen, um zu sagen: „Welch’ ein Unsinn!“ +</p> + +<p> +Er sah ihn lange an. „Was weisst Du von +der Keuschheit? Das ist die weisse Blume des +Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen +<pb n='192'/><anchor id='Pgp192'/>der Morgenröthe. Wenige sind ihrer theilhaftig. +Und ob sie nackt gingen durch den eklen Sumpf, +er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach +kann ihnen nichts anhaben, <hi rend='gesperrt'>denn sie schämen +sich nicht</hi>. Das ist das Höchste, sich nicht zu +schämen. Weil die Scham in uns ist von der +Sünde.“ +</p> + +<p> +Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklärte. +</p> + +<p> +Er that es nicht: „Vielleicht begreifen nur sie +es, die das Andre gekannt haben, durchgegangen +sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder +rein wurden. Die irdische unvollkommene Liebe +ist in sich ein Abbild der andern. Sie giebt die +Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben – +immer neues! Sie sind wohl die Unglücklichsten, +die nie geliebt haben. Sie sind unfruchtbar.“ +</p> + +<p> +Manche hätten gehofft, dass er mehr darüber +sagte. Aber er hielt seinen Mund geschlossen +und sprach nicht mehr den Tag. +</p> + +<p> +So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen +Fragen. „Ich habe meinem Nachbar Geld geliehen. +Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im +Recht oder ich?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Warum forderst Du es?“ +</p> + +<pb n='193'/><anchor id='Pgp193'/> + +<p> +Es entstand da ein ganz lächerlicher Disput +über die Ehre. „Wenn Einer mich geschlagen hat, +muss ich ihn wieder schlagen?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Ein Schlag und noch ein Schlag +sind zwei Schläge. Machst Du ein Loch damit zu, +dass Du es doppelt weit einschlägst?“ +</p> + +<p> +Aber in seinem Herzen wurde es traurig über +sie. Und er that seinen Mund auf und fing an +zu wehklagen. +</p> + +<p> +„Arme! die Ihr reich seid, und Eure Güter +fressen Euch selbst, Geiz, Neid und Habsucht! +Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, +der zu wenig hat, und für jedes Ueberflüssige, +das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein Andrer +Mangel. +</p> + +<p> +„Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhäuser +und sammelt für Wohlfahrtsanstalten: Dies +thue ich – und wollt Lob Eurer Nachbarn und +Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr +nicht genommen habt zuvor, was brauchet Ihr zu +geben? +</p> + +<p> +„Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet +für die Freiheit Eurer Brüder, Gesetze, Unterricht +und Bürgerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit, +wenn Ihr nicht Unfreie gemacht hättet zuvor, Eure +<pb n='194'/><anchor id='Pgp194'/>Seelen nicht in Banden wären des Geizes, des +Trotzes, des Hochmuths, der Lüge, der Trägheit +und der feigen Angst? +</p> + +<p> +„Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch +hochbaut vor den Leuten, dass sie Euch anstaunen +möchten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom +Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag +kommt, dass man Euren Leib zu Grabe trägt, +Eure Seele war todt in Euch lange vorher. +</p> + +<p> +<anchor id="corr194"/><corr sic="Ihr">„Ihr</corr> denkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr +nicht mehr. Das Gesuchte ist weiter von Euch, +denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft +die äussre Wunde zu und der Brand frisst fort +inwendig. Ihr seid stolz in Eurer Erkenntniss, +Eurem Wissen, köstlichen Kleidern um Eure Nacktheit. +Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der +Frost. Ihr erstarrt unter dem faulen Schimmer. +Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure +Grösse die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen +aufwirft. +</p> + +<p> +<anchor id="corr194a"/><corr sic="O">„O</corr> Ihr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Ungläubigen! +Wie unglücklich seid Ihr in Eurem Glücke! +Wie erbärmlich in Eurem Stolz! +</p> + +<p> +„Die Kinder und Unmündigen werden wissen +vor Euch, die Kleinen, die Ihr verachtet habt. Das +<pb n='195'/><anchor id='Pgp195'/>Lamm wird stärker sein denn der Löwe, der laut +brüllt. Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares +wird Königreiche leiten, die der Eisenfuss zertritt. +</p> + +<p> +„Wehe Euch! Wehe Euch! +</p> + +<p> +„Die Pflanzen wissen, die Felsstücke. Die +Wasser, die ihren Weg laufen. Alle Sterne, die +gehen in ihrer Bahn. +</p> + +<p> +„Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. +Ihr könnt nicht, die Ihr stark seid. Die wollen, +werden niemals erreichen. Die kämpfen, siegen +nicht.“ +</p> + +<p> +Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn +zu erhaschen. Aber er ging mitten durch sie +hindurch und entwischte ihnen immer. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='196'/><anchor id='Pgp196'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Das zwoelfte Kapitel."/> +<head>Das zwölfte Kapitel.</head> + +<p> +Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht. +</p> + +<p> +Er war aber ein sehr vornehmer Mann +des Landes, der Vornehmste und Reichste im +ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel +verhüllt, dass Niemand sein Gesicht erkennen +konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine +Gestalt, dass es unmöglich war zu sagen, ob er +klein gewachsen war oder gross, breit oder schlank. +Er war von weit gekommen mitten in der Nacht. +Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener +hütete sein Pferd, während er hinaufgegangen war, +mit ihm zu sprechen in der Nacht. +</p> + +<p> +Die Nacht war stürmisch und sehr finster. +Man hörte den Wind brausen. Er trieb die nassen +Zweige der Bäume in grossen Packen gegen die +Fenster, dass es klatschte und prasselte. Der Wind +<pb n='197'/><anchor id='Pgp197'/>war gewaltig. Er fuhr über die Erde in einem +weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe +die Erde fegte. Oben blies er in die Wolken. +Sie flohen eilig wie wollige, furchtsame Schafe +durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse +Fetzen und jagte sie fort. Er freute sich, dass +er so allein draussen war zu herrschen, orgelte +sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes +und der Herausforderung über die Erde. +</p> + +<p> +Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens +und war über die See gefahren und sein +Mantel hatte die Kämme der Wogen aufgepeitscht, +dass sie nach ihm schnappten und sich überschlugen +in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, +graue Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die +grossen Wogen unter dem Winde. Aber sie fingen +ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal +packte er sie und wirbelte sie im Tanze, rund, +rund, um einen spitzen, kreiselnden Trichter in +der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt +sie in glatten, gekeilten Furchen wie der +scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann entschlüpfte +er ihnen wieder, sich überschlagend in +der Luft. Sie machten verzweifelte Sprünge und +warfen sich ihm nach an den Strand wie +un<pb n='198'/><anchor id='Pgp198'/>gefüge Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden +Leibern. +</p> + +<p> +Aber er lachte nur und schrie lauter und floh +davon. +</p> + +<p> +Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, +den die Menschen gebaut hatten, um der Fluth +zu wehren, dass der Leuchtthurmwächter erschrak +in seinem Herzen: Ich will die Laterne fester +stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er blies dem +Wächter die Capotte vom Gesicht und schrie laut +auf vor seinem Fenster, wie ein Meervogel mit +schwarzen, schlagenden Flügeln. Dann fuhr er +weiter. +</p> + +<p> +Er blies in die weissen Segel der kleinen +Fischerbarken, dass sie umschlugen vor dem +Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. +Und er probte den stolzen Oceandampfer, der +ruhig weiterschiffte in seiner geraden, majestätischen +Bahn. +</p> + +<p> +Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und +machten die Läden fester zu. Sie dachten mit +Sorge an die Schindeln auf ihren Dächern, die +schlechten Strohdecken der Scheunen. Der Wind +fegte die Schindeln herunter. Er hob das Strohdach +auf und fuhr in die Scheune, dass Alles +auf<pb n='199'/><anchor id='Pgp199'/>stob, durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel +in den Hühnerstall fährt. +</p> + +<p> +Hui – hui – machte der Sturmwind. +</p> + +<p> +Im Gebirge köpfte er die Tannen und schleuderte +sie kopfüber den Abhang hinunter. Von der +offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss +er grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die +blanken Eisenbahnschienen mitten auf den Damm. +Er polterte an den Pfeilern der Brücken und +peitschte die Weidenruthen am Ufer, die sich bis +auf die Erde bogen, der Wind ist ihr Herr. Er +war furchtbar. +</p> + +<p> +Ueber die Städte der Menschen fuhr er. Sie +schlossen die Läden vor und zogen sich die Nachtmützen +tiefer über die Ohren: Es ist Sturm draussen +und gut, dass wir nicht im Freien sind. – Wo +er Einen fand, der draussen war, schüttelte er ihm +die armseligen Fetzen vom Leib und kältete ihn +durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der +Sturmwind war schrecklich und ein Feind der +Menschen. +</p> + +<p> +Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame +Reiter. Sein Gesicht war dicht verhüllt im +Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, +mit der Regelmässigkeit schöner, geübter Edelthiere. +<pb n='200'/><anchor id='Pgp200'/>Der Sturm versuchte ihm den Mantel vom Gesicht +zu zerren. Aber er hüllte sich nur noch dichter +hinein. Ganz schwarz sah er aus. Wie ein +schwarzer Schatten ritt er durch die Nacht unter +dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, +stumm, wachsam, in einiger Entfernung. +</p> + +<p> +Der Reiter hörte dem Concert des Windes zu. +Es war ihm, als bildete es eine sehr hohe, erhabne +und brausende Melodie. Aber er war zu +weit entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht +verstehen, was der Sturmwind sang. +</p> + +<p> +Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen +und Pferdegetrappel, von wehenden Fahnen, +Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer – +dann der Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt +allein im strahlenden Adlerhelm. Die Sonne seines +Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt +unter ihm. Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, +dem grossen König unter den Menschen, dem Gewaltigen! +</p> + +<p> +... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle +Glocken läuteten. Festguirlanden hingen. Frauen +wehten mit ihren Tüchern. Weissgekleidete Mädchen +trugen Blumen und sangen. Endlos war +der Zug der Festtheilnehmer. – Der Hermelin +<pb n='201'/><anchor id='Pgp201'/>hing um seine Schultern. In schweren Falten +umfloss ihn der Purpur. Er schritt die Stufen +zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der Mantel. +Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor +und der Priester im Ornat hob die lichte Krone, +den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, +wie die Schlange, die den Weltkreis hält, funkelnd +im Schmuck der Edelgesteine – des Rubins, der +das Blut ist, Topase, köstlicher als Gold, der Herrschaft, +und Smaragden, funkelnde grüne Augen +der Edelkatze. – Und er war es, der gross und +reich war, der König war. +</p> + +<p> +Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. +Der einsame Reiter in der Mitternacht +hörte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel +verhüllt und ritt schnell, dass Niemand ihn kennen +konnte. +</p> + +<p> +Als ein Fremder zu dem Fremden kam er +mitten in der Nacht. +</p> + +<p> +Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. +Er strich dahin mit dem tiefen, surrenden Ton zu +stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und +zitterte nach seinem Röhren. Die Erde aus ihren +Eingeweiden antwortete gleich dem vibrirenden +Resonnanzboden einer Violine. +</p> + +<pb n='202'/><anchor id='Pgp202'/> + +<p> +„Es ist Sturmwind und sehr finster,“ sagte +der schwarze Reiter. „Ich bin zu Dir gekommen, +um mit Dir zu sprechen über Dinge, die gefährlich +sind zu nennen und sehr geheim. Darum +komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, diese +Nacht!“ +</p> + +<p> +„Es giebt einen Morgen,“ sagte der Fremde. +„Das Licht wird sehr hell kommen. Wir werden +Morgen haben bald.“ +</p> + +<p> +„Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe +grosse Eile, und dass ich hier bin, darf Keiner +wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse +Nebel des Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. +Durch die Nacht und den Sturm bin ich +gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. +Hörst Du die Weisen draussen? Es sind alle +Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. +Sie singen mir von Stolz und Sieg und Macht. +Ich sehe sie Alle, die dies Haus umkreisen und +mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Rüstungen +von Eisen und gehen langsam vorüber. Die Letzten +haben Purpurmäntel und Einige reiten auf herrlichen +Pferden. Einer trägt sein Haupt unter seinem +Arm. – Warum sind sie grauenhaft und traurig +wie diese?“ +</p> + +<pb n='203'/><anchor id='Pgp203'/> + +<p> +„Sie haben getödtet,“ sagte der Fremde. „Sie +haben genommen. Sie haben gerächt und gerichtet.“ +</p> + +<p> +„Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben +Ordnung gestiftet. Sie haben geschafft. Die Kraft +ihres Hirns haben sie gegeben und die Stärke +ihres Arms. Sie waren Väter und Erbauer.“ +</p> + +<p> +„Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele führt +in die Irre, der als ein Führer selber irrt. So er +dieser Geringsten einen ärgert, besser wäre es +ihm, er verlöre Leben und Leib. Der Baumeister, +der nur einen Stein falsch wählt, gefährdet den +Bau.“ +</p> + +<p> +„Das ist schrecklich. – Sie waren Erwählte +unter den Menschen. Die Gnade von oben hat +ihnen geholfen.“ +</p> + +<p> +„Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich +finde,“ sagte der Fremde. „Die Gnade wird +dem Demüthigen.“ +</p> + +<p> +„Man kann demüthig vor Gott sein und stolz +vor den Menschen. Gott hat Könige eingesetzt.“ +</p> + +<p> +„Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen +sollte und ward in der Krippe gebettet.“ +</p> + +<p> +„Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein +Grosser dieser Welt zu sein?“ +</p> + +<pb n='204'/><anchor id='Pgp204'/> + +<p> +„Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will +ein Herr sein, der sei Aller Knecht.“ +</p> + +<p> +„Das ist bildlich gemeint,“ sagte der Reiter. +„Wer dem Ganzen dient, ist Aller Knecht.“ +</p> + +<p> +„... Und er nahm seinen Schurz und wusch +ihnen die Füsse,“ sagte der Fremde milde. +</p> + +<p> +„Das ist doch auch nur symbolisch.“ +</p> + +<p> +„Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?“ +Der Fremde lächelte – ein trauriges Lächeln. +Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert +gleichsam, wie lange gestorben, die lebte. +</p> + +<p> +Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. +Der Sturmwind draussen blies zum Umwerfen. Und +es war sehr finstre Nacht. +</p> + +<p> +„Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art +Kreuz. Wir hängen am Kreuz. Jeder, der den +Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich +zu kämpfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, +die furchtbare Verantwortung. – Auf Einen fällt der +Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom Unrecht. +Für dieses schwere Amt müsste man Vorrechte +haben. Wer wollte freiwillig es auf sich nehmen?“ +</p> + +<p> +„Glaubst Du, dass es Keiner möchte?“ +</p> + +<p> +Der Reiter verwirrte sich. „Es muss doch sein, +um der Ordnung willen. Es ist besser, dass das +<pb n='205'/><anchor id='Pgp205'/>Festgefügte bleibt. Einer, um den kein Kampf +ist, der den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. +Das Alles haftet dem Emporgekommenen an. Der +Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?“ +</p> + +<p> +„Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr +denn zehntausend Legionen Engel. Er liess sich +binden und kreuzigen.“ +</p> + +<p> +„Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, +das ist göttlich.“ +</p> + +<p> +Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt +das Haupt geneigt. Es waren auf seiner Stirn +rothe Spuren wie von Schärfen, Spitzen, die eingedrungen +waren. Er hatte Narben in den Händen. +Ein Schmerz, wie von einer schweren, nie geheilten +Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte +die Hand in seine Seite. Er seufzte. +</p> + +<p> +„Und wenn ich es thäte?“ fuhr der Reiter +fort. „Wer hätte den Vortheil? Ein Andrer, der +käme und schlimmer wäre, vielleicht weniger tief +angelegt, – ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem +wäre geholfen? Und was ist Einer?“ +</p> + +<p> +„Einer war und er that.“ +</p> + +<p> +„Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser +geworden? Die Formen der Unterdrückung haben +gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind +<pb n='206'/><anchor id='Pgp206'/>sie darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, +Ungerechtigkeit verschwunden? Er war Gottes Sohn +und starb vergebens. Wer bin ich?“ +</p> + +<p> +Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. +Er stiess hinein wie in eine Trompete. Ein Fensterglas +zersplitterte. Es klang wie Gelächter, das +Lachen von tausend Kobolden und Dämonen. Der +Fremde antwortete nicht. +</p> + +<p> +„... Es könnte sein, dass Umwälzungen +kämen,“ sagte der Reiter, „allgemeine, durch einen +Umschwung des Denkens erzielte, langsam vorbereitete. +Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. +Wem ist es gegeben zu erforschen? Man muss +bleiben, wo man hingestellt ist, sich genügen +lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist +unvollkommen. Langsam nur geht die Zeit. Ich +bin nicht ein Erlöser. Nicht ein Genie ... Ich +thue meine Pflicht.“ +</p> + +<p> +Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. +Er rief nach seinem Pferde. Diese ritten hinaus +wieder in die Nacht. +</p> + +<p> +Ueber ihren Häuptern fegte der Sturmwind. +Er sang wilde, triumphirende Weisen. +</p> + +<p> +Hoiho – hoiho – triumphirte der Sturmwind. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 50%" /> + +<pb n='207'/><anchor id='Pgp207'/> + +<p> +Er ging allein fort, bis er an einen grossen +Wald kam und setzte sich daselbst auf einen +Stein. +</p> + +<p> +Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjährigen +Bäumen, Eichen mit seltsamen verknoteten, +verknöcherten Stämmen, die da wie Vorweltriesen +standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber +oben trieben immer wieder frische grüne Zweige +mit krausen Blättern und Eicheln. In einige war +der Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie +ein breites kohlschwarzes Band vom Wipfel zur +Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die +andre Seite grünte noch und breitete Aeste. Alle +standen da in einem geheimnissvollen Kreisring. +Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst +gestört hätten im Wachsthum. Um den engeren +Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Stämme +standen in den Zwischenräumen zwischen denen +des Ersten, so dass es von innen anzusehen war +wie eine hölzerne geschlossene Ringwand, aus +lauter Stäben, dass man nicht unterscheiden konnte, +wo der Wald aufhörte oder anfing. Aber zwischen +den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel +durch. Der Boden war mit hohem, grünem, sehr +feinem Gras bewachsen. Man konnte gehen in +<pb n='208'/><anchor id='Pgp208'/>den Abständen der Ringe wie in einer Wandelbahn. +Es war schattig und doch hell. +</p> + +<p> +Die Rinde dieser Bäume war rauh, borkig, mit +starken, eingeborstnen Abschilferungen wie die +mächtigen Dickhäuter. Moose wuchsen aus ihr +in grauen Hängebärten. Knoten und Buckel hatte +das Alter gebildet, schwärzliche Warzen, in denen +die Säfte sich schwärend stauten. Die Aeste +kamen wieder, verrankten und verschlangen sich +in seltsamer Weise. Keine Regel schien da mehr +zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht +des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang +mit Knollen und Armen. Sie verästelten und +verwoben sich auch ineinander. Einige Stämme +hatte man abgehauen. Aber die Stümpfe waren +geblieben. In deutlichen Ringen stand ihr Leben +geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss +und trieb um die Todten. Man sah ihre Wurzeln, +die weiss wurden, abstarben. Doch mächtig +mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste +einer untergegangenen Hexenwelt. +</p> + +<p> +Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen +in der Runde. Jedermann wusste, dass man +diese Steine nicht anrühren durfte. Es lagen +grosse Helden der Heiden darunter begraben und +<pb n='209'/><anchor id='Pgp209'/>sie waren blos verzaubert und nahmen es übel, +wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor +aus ihrem Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft +Mensch und Vieh. Manche erzählten, dass sie +zu Zeiten ein weisses Ross da hätten grasen +sehen, ohne Zaum und Sattel, von wunderbarer +Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen +und fangen wollte, wurde es schwarz, +Feuer sprühte aus seinen Nüstern. Das war das +Schlachtross des Heidenkönigs. Auch von einer +wundersamen Frau erzählten sie. Er hielt sie dort +gefangen mit sich im Tode, die im Leben seine +Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten +waren Männer; solcher liess ein Weib nicht und +ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkönig +hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf +und ging zu ihrer eigentlichen Heimath und ihren +Kindern, dem weisen, guten König, dem sie angehörte. +– Aber des Nachts und wenn es finster +war, hielt sie der Andre, der sie geraubt mit +seinem Leben. Und man fand, dass es so recht +war im Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um +sie. Es war darum im Herzen der schönen Frau, +dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie +zu sich rief auf sein höllisches Bett des Nachts. +</p> + +<pb n='210'/><anchor id='Pgp210'/> + +<p> +Aber sie war unselig und klagte. Oft hörte +man ihre Klage widerhallen im Mittag, zu Stunden +des Tags, wenn die Luft lau und lind war. +Sie klagte, dass der gute König, ihr Mann, gestorben +war, alle ihre Kinder und späte Enkelkinder. +Ihre Seelen waren zu Gott oder zum +Teufel, je nachdem sie thaten, recht oder unrecht +gehandelt im Leben. Sie auch war längst todt im +Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um +der sündigen Leidenschaft willen, die sie festhielt +an dem starken Helden. +</p> + +<p> +Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte +man ein Lied gemacht. Knechte und Mägde +sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied +des Landes geworden, von der armen Seele, die +nicht sterben konnte, weil sie noch immer liebte. +Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. +Weil er so stark gewesen war und so schön, der +tapferste Held der Heiden und ein Wunder, der +König, vor den Leuten. +</p> + +<p> +Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden +finden konnte. Sie war wie eine unselige Seele +zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld küsste +sie heiss und wach wieder, jede Nacht, wenn sie +müde war und kalt, endlich sterben wollte. +</p> + +<pb n='211'/><anchor id='Pgp211'/> + +<p> +Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb +in den Sand mit seinem Stabe. Er folgte den +krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und +Worte bildeten sie, seltsame Worte von tiefer +Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer fliehenden +Curven, bis sie sich die Hände reichen, neues +Spinnen begann. Wo sie aufhörten im Baumstamm, +wurden sie sehr stark, wie starke Leiber +mannbarer Männer, und standen wie Thürme, die +nichts umwirft. Der Blitz war an ihrer Seite +hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. +Da war die Schrift des Blitzes, der Jahre, +des Regens, uralter Zeiten. +</p> + +<p> +Ein Salamander schlüpfte zwischen den Wurzeln +vor, schwarz und gelb gesprenkelt. Er sah +den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, +die wie Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. +Man sagt von ihm, dass er fest bleibt im Feuer. +Wer den Salamanderkönig fängt, steht unversehrt +mit ihm mitten in den Flammen, alle Schätze +der feurigen Tiefe sind sein. – Denn der Molch +ist der König des Feuers, derer, die hämmern +ohne Unterlass im Gestein, Zwerge, neidischer, +ungefüger Riesen und Drachen. Rothes Gold hüten +sie, funkelndes Edelgestein, unerhörte Schätze, von +<pb n='212'/><anchor id='Pgp212'/>denen die Menschen blind werden und roth sehen +in bebender Gier. +</p> + +<p> +Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin +und her. Sie blieb stehen und horchte. Dann lief +sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und +hob ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, +die Sprache der Vögel und der Bäume, wie die +tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen +Herzens. Wer ihrer Weisheit zuhört, vergisst +Essen und Trinken. Wenn er zu sich kommt, ist +sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, +wo er jung war, lieben und lachen konnte, da er +zum ersten Mal die teuflische Weisheit der Amsel +und ihren Spruch vernommen. +</p> + +<p> +Zwischen den Stämmen wob eine Kreuzspinne. +Sie wob emsig, klebrige Fäden ziehend und feuchtend +mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach +links und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. +Dann verbanden die Strahlen wieder andre kreuzende +Fäden. Auf und ab wob die Spinne netzend und +anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die +Kreuzspinne dachte: „Dies Gewebe ist meine Welt. +Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. +Hier hänge ich zwischen Himmel und Erde. Sie +können mir nichts anhaben von oben oder unten. +<pb n='213'/><anchor id='Pgp213'/>Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. +Alles, was auf ihren Strahlen läuft oder sie kreuzt, +ist mein. Sein Blut nährt mich. Ich werde fett +und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste +Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist +unzerreissbarer wie die starken Bastfäden der +Bäume.“ +</p> + +<p> +Der Fremde sass und zeichnete im Sand. +</p> + +<p> +Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, +dem der Wald gehörte. Er war so alt, dass er +nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf +einen Stock stützen musste. Aber sein Rücken war +breit und mächtig in dieser Krümmung, als ob er +eine Weltlast tragen könnte. Sein Haar und Bart +war schlohweiss, von Schnee, der nie mehr schmilzt +in ewigem Winter. In seine Haut hatten die Jahre +Furchen gegraben wie in einen Acker. Zäh und +hart war sie, von der Sonne vielfach verbrannt, +dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich oder +Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich +unter ihr kreuzten, bildeten sie starke, hervortretende +Knoten. Sie liefen auf seinen Händen +wie Stricke, versteinerte Gänge einstiger Canäle, +in denen kein Blut mehr fliesst. Wohl hundertjährig +war dieser Mann. Aber seine Augen +<pb n='214'/><anchor id='Pgp214'/>glühten und leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. +Wie Steine waren sie, die erstarren machen die, +die darauf sehen, stählerne Spiegel, dass die Seele +und die geheimsten Gedanken des Mannes, den +er anblickte, offen lagen gleich einer Thür ohne +Hüter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. +Wenn er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn +so schrecklich, dass die stärksten Herzen zusammenschmolzen +vor ihm, ihr Wille war unter seinem +Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, +verwickelte und verwirrte Fliege. +</p> + +<p> +Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit +Leib und Seele. Und er nahm ihre Leiber und +sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und +stark, wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass +die Leute ringsum sagten: Er wird nicht sterben. +Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. +Darum hütete er den tausendjährigen Wald, liess +keinen Stamm schlagen, dass er stehen sollte, grünen +und Früchte tragen tausend Jahre nach ihm. +</p> + +<p> +Der alte Mann ging auf seinen Stock gestützt +und sein Hund folgte ihm. Es war ein grosser, +grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die +keine Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft +und ausgezeichnet unter Seinesgleichen, schwer +<pb n='215'/><anchor id='Pgp215'/>tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war +unter seinen Gesellen, Herren und Fürsten ringsher. +Etwas vom Ausdruck des Mannes war im +Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden +sich ohne Wort oder Zeichen. Wo sein Herr ging, +folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts schlief, +lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war +unmöglich zu diesem Lager zu gelangen, ohne +den Leib des Hundes zu berühren, der aufsprang, +in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling +beendigt hätte, dann legte er sich wieder nieder +und leckte seine Tatzen. Denn so furchtbar und +gefährlich dieser Hund war für Menschen und Thier, +so gehorsam und gefügig war er seinem Herrn, +dass er das Wunderbare seines Eindrucks erhöhte, +der Ruhm des Hundes gross war wie der seines +Herrn, in dieser Gegend, wo man sie für Könige +hielt und Wesen über dem Maasse des Irdischen +und Staubgewordnen. +</p> + +<p> +Der alte Mann war vor dem Fremden stehen +geblieben und sah ihn an. So gross war das +Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten +Mannes, dass es wie Flammen züngelte und +emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen +hätte dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde +<pb n='216'/><anchor id='Pgp216'/>sass ganz still, zeichnete mit seinem Stab im +Sande. +</p> + +<p> +„Wer bist Du?“ fragte der alte Mann, dem +der Wald gehörte. +</p> + +<p> +„Ich bin Der, der gewesen ist und nicht +stirbt.“ +</p> + +<p> +„Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles +stirbt,“ sagte der alte Mann. „Es ist Niemand, +der nicht stirbt.“ +</p> + +<p> +„Nichts, das gewesen ist, stirbt,“ sagte der +Fremde. +</p> + +<p> +„Buddha ist gestorben, Alexander und Cäsar. +Was ist geblieben von ihrer Weisheit, ihrem +Glanz, ihrer Stärke?“ +</p> + +<p> +„Die Amsel, die läuft. Der Molch, der wacht. +Die Spinne, die spinnt.“ +</p> + +<p> +„Du sprichst sehr thöricht,“ sagte der alte +Mann. „Jene waren Helden und Weise. Diese +sind arme, geringe Thiere.“ +</p> + +<p> +„War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des +Vogels? Ihr Reichthum grösser denn der der +Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der +Spinne?“ +</p> + +<p> +„Sie rechnet nach Tagen. Wir zählen Aeonen. +Sein Reichthum ist Spukwesen. Die Weisheit des +<pb n='217'/><anchor id='Pgp217'/>Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden +die schwersten Regeln und lösen das Innere der +Menschheitsgeschichte.“ +</p> + +<p> +„Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist +Spreu. Sieh, wie ich es zerreisse!“ +</p> + +<p> +Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe +und zerriss es. Die grosse Spinne fiel. +Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der +Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die +Amsel entfloh hüpfend. +</p> + +<p> +„Ich fürchte den Tod nicht,“ sagte der alte +Mann stolz. „Ich habe das Leben getragen und +es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen +Reichthum und alle Macht habe ich gehabt. Und +ich war ein Sklave, ärmer wie der ärmste Tagelöhner. +Der Tag, da ich vor meinem Hause stand +und Kohl pflanzte, war mein glücklichster Tag. +Kaiser und Könige habe ich gekannt. Ich habe +an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. +Sie waren wie die Gummibälle in meiner Hand, +Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und zerblasen. +– An meinem Stab bin ich hierhergegangen. +Ich habe die ganze Welt besessen +und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, +Eifersucht, Noth, Neid, Hass habe ich getragen, +<pb n='218'/><anchor id='Pgp218'/>Undank, der schlimmer ist wie der giftige Zahn +der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr +denn Jubel, Ruhm, Liebe der Weiber, flüchtige +Tropfen des Blüthenöls, die verfliegen. – Hier +bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich +ausgehalten und ich grüsse den Tod, denn ich bin +müde vom Leben. In mir ist Alles todt, was +lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und +ich hasse sie nicht. Alles ist eins, und so gut +als wäre es nie gewesen. Wenn etwas nachher +ist, werde ich es tragen. Niemals werde ich glücklich +sein und niemals klagen. Ich bin vom Geschlecht +der Riesen hier, der Tausendjährigen. – +Was bist Du gekommen mich zu stören in meiner +Oede? +</p> + +<p> +„... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen,“ +sagte der alte Mann, „und Götter. Es waren +andre Götter vor ihnen, grösser und gewaltiger +als Du. Sie hassten und liebten, sie sangen und +schlugen. Vielleicht schlafen sie, vielleicht sind +sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten +Göttern! – Sie rafften und wussten und sammelten +Schätze und schufen Welten für Zeiten und +Jahre. Sie waren Götter und sind wie Menschen. +Ich gehöre zu ihnen. Du bist nicht meiner.“ +</p> + +<pb n='219'/><anchor id='Pgp219'/> + +<p> +„Du wirst mich kennen.“ +</p> + +<p> +Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen +und beschattete seine Augen mit der Hand. Wie +ein Schatten ging es über seine Augen. +</p> + +<p> +„Ich träumte von Einem ... Es ist lange, +lange her. Der da kommen sollte ... Ich weiss +nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? +Du bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod +gesehen. Du bist ein König und kommst im +Kleide des Bettlers. Du könntest tödten und +Du streckst die Hand aus, um zu bitten. ..... +Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie +wir?“ +</p> + +<p> +„Ich bin für Dich gestorben. Aus Liebe zu +Dir bin ich Fleisch geworden und ich habe gelitten. +Es ist die Liebe, die mich lebendig macht +vor Deinen Augen.“ +</p> + +<p> +Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen +drohten den Fremden zu verschlingen. Sie bohrten +sich sehr tief in sein Gesicht und schienen seine +Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: +„Wohl – wohl – Du bist gut und barmherzig. +Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht. +Ueber Schuld und Nacht – – Kannst Du lieben +dahinüber?“ +</p> + +<pb n='220'/><anchor id='Pgp220'/> + +<p> +„Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin +in der Hölle gewesen.“ +</p> + +<p> +„In der Hölle ... In der Hölle ...“ Der alte +Mann beugte sich noch weiter vor. Seine Augen +schienen sich hineinzufressen in die des Andern, +zu ringen – zu ertrinken. Er athmete hart. +</p> + +<p> +„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen +Himmel, die Starken schmachten in Ketten und +Banden – –“ +</p> + +<p> +„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen +Himmel, die Starken schmachten in Ketten und +Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der +Stolzesten Stolzer ... Einer – –“ +</p> + +<p> +„Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. +Sieh mich an und verstehe!“ +</p> + +<p> +Der alte Mann hatte einen Schritt vorwärts +gemacht. Wie ein Blitz an der Eiche glitt er hernieder. +So fiel er um und war todt. +</p> + +<p> +Der Fremde drückte ihm die Augen zu. Er +machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Er lag +da in seiner ganzen, riesigen Länge, die tausendjährige +Eiche, die tausend Jahre gestanden hat +und fällt. Der Hund hielt die Wache neben dem +Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf +hochgerichtet, die Vorderpfoten nebeneinander +ge<pb n='221'/><anchor id='Pgp221'/>stellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen auf +alten Grabmälern. +</p> + +<p> +Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. +Die Amsel hüpfte und beschrieb seltsame Kreise. +Die Spinne wob ihr Netz. +</p> + +<p> +Niemals wieder im Zauberwald hörte man die +Klage der weissen Frau. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='222'/><anchor id='Pgp222'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das dreizehnte Kapitel.</head> + +<p> +Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, +den er lieb hatte. Dessen Verwandte und +Freunde kamen zu ihm und sagten: „Dein Freund +ist todt. Er hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. +Er hat gesprochen und nun schweigt er. Er ging +und wandelte unter uns und er ist nun starr und +stumm wie ein Stein. Bald wird die Verwesung +eintreten an seinem Leichnam. Wir werden ihn +begraben und unter die Erde senken müssen. Die +Würmer werden ihn zerfressen, sein Fleisch, das +faul und stinkend wird, die Knochen, dass von +ihm nichts übrig bleibt. Pilze und lange Gräser +werden wachsen aus seinem Grab. Wo sein Hirn +war, werden die Maden nisten. Ekle Larven +werden kriechen in der Höhle seines Mundes, der +lieblich tönte von holdseliger Rede, weil er lebte. +<pb n='223'/><anchor id='Pgp223'/>Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost +bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen +auf Arbeit. Seine Schwestern werden sitzen und +verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer +wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot +gab und Schutz? Ein grosses Unglück ist es für +Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun +ist er todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du +die Leiche nicht mehr sehen im Tode. Der Dir +lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt.“ +</p> + +<p> +Dies Alles hörte er mit an, sagte nichts. Danach +stand er auf und ging sehr eilig, dass er +den Todten noch sähe auf seiner Bahre, die Hand +auf sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im +Sarge. +</p> + +<p> +Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. +In einer Stube sass die alte Mutter und wehklagte +laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, +weinten und halfen ihr ihre Thränen trocknen. +Während sie laut die Tugenden des Todten rühmten, +der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und +Zuverlässigkeit gegen seine betagte Mutter, der er +die Hälfte seines Verdienstes gab, dass sie friedlich +und in Eintracht lebten in ihrem Häuschen und satt +zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte. +</p> + +<pb n='224'/><anchor id='Pgp224'/> + +<p> +So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre +Haare zerrauft hatte. Ihre Kleider hingen unordentlich +um ihren Leib, denn sie hatte sie +mehrere Tage und Nächte nicht abgenommen, +während er krank lag. Ihre Augen waren geröthet +vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen +von Kummer, jämmerlich und hülflos die ganze +Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte +sich nicht trösten lassen. Es war ihr einziger +Sohn gewesen, der todt lag. Sie hatte nur diesen +und würde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Töchter +konnten in die Ferne ziehen als Mägde. Manchmal +würden ihr die Nachbarn eine Unterstützung +bringen als einer Bettlerin und Ueberlästigen. Sie +würde an der Thür stehen, wo sie früher als +Herrin gewaltet, ärmlich sitzen, wo sie im Mutterstolz +geschritten neben ihrem Sohn. +</p> + +<p> +Die eine Schwester Martha ging ab und zu. +Sie brachte warme Getränke, Wecken und Kuchen +für die Leidtragenden, während die Männer Bier +aus Krügen tranken, Branntwein hingestellt war +in Flaschen. Das gebot die Sitte. Diese Martha +hatte das Hauswesen unter sich und war sehr +tüchtig darin. Ihre Wecken und Kuchen waren +berühmt im Dorfe. Das Bier, das sie selbst braute, +<pb n='225'/><anchor id='Pgp225'/>schmeckte kräftig und süss, wie irgend ein gekauftes. +Alle assen und tranken reichlich, lobten +Martha, ihre Ordnung und Führung des Hauswesens, +wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in +dieser traurigen Gelegenheit. Sie war bald hier +und bald dort, füllte die Tassen und Krüge, schalt +auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, +sich die Gesichter zu beschmieren mit Mus +unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und +fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab +ihnen Schläge auf ihre kleinen Röckchen. Alle +fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr +tüchtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster +Bauer im Dorf, der sich vornahm, sie als Haushälterin +zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte +sie gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und +konnte heirathen. So dass wenig Noth war um +Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, +der Bruder fehlte, sie wegzugeben. +</p> + +<p> +Maria aber, die andre Schwester, sass zu +Häupten des Todten in dem kleinen Verschlag +nebenan. Sie hatte einen blühenden Kirschenzweig +abgebrochen und wehrte damit den Fliegen, +die kommen wollten, sich auf das Antlitz des +Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte +<pb n='226'/><anchor id='Pgp226'/>sie sie sacht hinweg mit ihrem blühenden Zweig, +ohne sie zu tödten, dass sie aufflog und summend +gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen +gepflückt, ganze Armladungen voll, und sie zu +beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf +einem lichten Frühlingsanger lag der Todte, weil +er jung war, wohlgewachsen und schön vor andern +Jünglingen. +</p> + +<p> +Martha schalt über das unnöthige Heu, das +die Kühe fressen könnten. Sie fand, dass die +Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und +bei der Bedienung der Gäste. Aber Maria blieb +sitzen bei dem Todten. Sie hatte ihren Zweig in +der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, während +sie vor sich hinsang. +</p> + +<p> +Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im +Hause war sie nicht so geschickt wie Martha, von +weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt +und ihr Vorwürfe machte. Sie konnte auch nicht +ansehen, dass man Thiere und Vögel schlachtete, +wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand. +Manchmal hatte sie der Schwester die +blinkenden Fische wieder aus dem Netz genommen +und heimlich zurückgetragen in’s Wasser. Martha +hatte gezankt, ihre Hand geschlagen. Sie fand, +<pb n='227'/><anchor id='Pgp227'/>dass sie unnütz war und träge in der Arbeit. +Obgleich sie sehr schön war, höchst lieblich anzusehen, +fragte sie nicht nach den jungen Leuten +im Dorf, die zwar gekommen wären, unter ihren +Fenstern von Liebe zu schwätzen, auch wohl ihre +Armuth übersehen hätten um ihrer grossen Schönheit +willen. Ihre Schönheit war wie die einer +Königin, nicht eines Bauernmädchens. Wenn sie +durch das Dorf zum Brunnen ging, liefen die +Kinder ihr nach, die Kühe kamen mit breiten, +weissen Stirnen, sich streicheln zu lassen von ihr, +zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte, dass in +ihrer Hand Heilkraft wäre, die Pflanzen, die sie +eingesetzt hatte, schlugen an und blühten. Ihre +Lieder schläferten ein trotziges Kind ein. Das wilde +Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des +Lebens, wurde einfach, Lilien auf dem Felde, die +blühen in ihrer stillen Pracht, und kleine Vöglein, +die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth. +</p> + +<p> +Sie sass und störte mit ihrem Zweig die Fliegen. +Sie sang leise. Sie war gar nicht traurig. Ihr +schönes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte +auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem +Haar oder Kleid. Keine Herdröthe lag auf ihren +Backen, wie bei Martha, die fliegend stob, scheltend, +<pb n='228'/><anchor id='Pgp228'/>zählend, weinend wieder zwischendurch über den +Bruder, der fehlte, die Sorge, die in den Haushalt +gekommen dadurch. Besonders beklagte sie +sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen +war bei Zeiten. Er hätte ihm ein Heilmittel +geben können, wenigstens doch Trost spenden an +seinem Bett, eine Hülfe sein den geplagten Frauen. +</p> + +<p> +Es kamen immer mehr Menschen, denn die +Zeit des Begräbnisses war nahe. Alle assen und +tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man +hörte das Klagen der alten Frauen, die die Tugenden +des Todten aufzählten, die Kinder spielten und +trieben allerlei Schabernack. In den Ställen brüllte +das Vieh, das man vergessen hatte über dem +Trubel, vor seinen Krippen. +</p> + +<p> +Mitten hinein da trat der Fremde. Martha +stürzte sich sofort auf ihn und erzählte die näheren +Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. +Die alte Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in +Schluchzen. Alle sahen ihn an und drängten sich +um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne +ihm sehr lieb gewesen war. Sie wunderten sich, +was er thun würde. Einige dachten auch, er hätte +ihm helfen können: Was ist an ihm, so er nicht +mal diesen retten konnte, den er lieb hatte? Die +<pb n='229'/><anchor id='Pgp229'/>Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt +ist die Gelegenheit für ihn. Wir müssen sehen, +was er thut. Sie waren ganz bereit zu glauben, +wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natürlich +nicht zugaben, dass so etwas möglich wäre. +Es war eine Aufregung in der ganzen Gesellschaft +und Alle sahen auf ihn. +</p> + +<p> +Er sprach: „Führt mich zu ihm!“ +</p> + +<p> +Martha führte ihn in den Verschlag. Alle +drängten nach durch die niedrige Thür. Aber er +hiess sie die Thüre schliessen. +</p> + +<p> +So schloss sie die Thür. Draussen warteten +die Andern. Nur die alte Frau fuhr fort laut zu +wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber +ihm nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben +gewesen, der Trost ihres hülflosen Alters. +</p> + +<p> +Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte +sich die Vorhänge fortzuziehen: „Sieh ihn Dir +genau an und merke die Zeichen des Uebels, an +dem er gestorben ist.“ Sie beschrieb sie genau. +„Nun ist es zu spät. Wenn Du bei Zeiten gekommen +wärst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist +es auch nicht zu spät? Du weisst sehr Vieles, und +es ist Dir Macht gegeben über Kunst der gewöhnlichen +Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!“ +</p> + +<pb n='230'/><anchor id='Pgp230'/> + +<p> +Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte +in ihrem Herzen: „Wenn es doch möglich wäre? +Warum sollte es ganz unmöglich sein?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Lass mich allein mit ihm.“ +</p> + +<p> +So ging sie hinaus und schloss die Thür +hinter sich. +</p> + +<p> +Es war Niemand im Zimmer, denn er und +Maria. Und die Leiche zwischen ihnen, von der +sie die Fliegen wehrte mit ihrem blühenden Zweig. +Denn sie hatten ihn viele Tage liegen lassen um +des Fremden willen. Der Leichnam fing schon an +sich zu zersetzen. Ein Geruch der Fäulniss war +mit im Zimmer zwischen dem frischen, kühlen +der Blumen, die Maria gesammelt hatte. +</p> + +<p> +Er war an das Lager getreten und sah den +Todten an. +</p> + +<p> +„Er ist nicht todt,“ sagte er. +</p> + +<p> +„Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schläft +blos,“ sagte Maria. Sie fuhr fort den Fliegen zu +wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt, +sang sie, von der Spreu im Winde: +</p> + +<p> +„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, +er blühet wie eine Blume auf dem Felde. +</p> + +<p> +„Wenn der Wind darüber geht, ist sie nimmer +da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr. +</p> + +<pb n='231'/><anchor id='Pgp231'/> + +<p> +„Sie gehen daher wie ein Schemen und machen +sich viel vergebliche Unruhe. +</p> + +<p> +„Sie sammeln und wissen nicht, wer es +kriegen wird. +</p> + +<p> +„Wie ein Traum vergehet, so wird er auch +nicht gefunden werden und wie ein Gesicht in der +Nacht verschwindet. +</p> + +<p> +„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und +wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr, und +wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und +Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als +flögen wir davon.“ +</p> + +<p> +Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr +leise. +</p> + +<p> +„Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt,“ +sagte der Fremde. „Er wurde nur geboren und +nun ist er gestorben.“ +</p> + +<p> +„Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht +gelebt hat,“ sagte Maria. „Was lebt, ist unsterblich. +Das Unsterbliche kann niemals sterben.“ +</p> + +<p> +„Niemals,“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +„Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt,“ +sagte Maria. „Vielleicht ist er etwas sehr Hohes +und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und +der Wind führt es fort. Oder Gräser wachsen aus +<pb n='232'/><anchor id='Pgp232'/>ihm, die blühen und Samen tragen.“ Sie lächelte +und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon +niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her +zog sich quer durch die Stube. Hunderte von +glitzernden Stäubchen tanzten und webten. Sie +stiessen sich und kreisten. +</p> + +<p> +„Vielleicht,“ sagte der Fremde. „Nur er ist +nicht todt.“ +</p> + +<p> +„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie +sind thöricht.“ +</p> + +<p> +„Und blind. Sie sehen nicht.“ +</p> + +<p> +„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind +und Scheuklappen vor ihre Augen binden, um +nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. +Alles lebt.“ +</p> + +<p> +Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich +neigte: „Sie denken, dass die Sonne untergeht. +Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird +Nacht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, +die Menschen sind ungeduldig und unverständig! +Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es +dunkel wird. Still ist die Nacht. Lieblich und +gütig.“ +</p> + +<p> +– „Möchtest Du den wecken, der schläft? +Er schläft sanft und seine Lippen lächeln. Möchtest +<pb n='233'/><anchor id='Pgp233'/>Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und +fiebrig, was so still ward? Fühle, wie still +es ist.“ +</p> + +<p> +Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des +Todten und legte ihre Hand auf sein Herz. „Es +schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, +seine Wellen zu wälzen? Stört es etwas im +Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum +Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig +klein sind! Und Froschherzen sind noch kleiner. +Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern +fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und +Froschmenschen! Wie sie klein sind!“ +</p> + +<p> +„Deine Mutter weint.“ +</p> + +<p> +„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel +blutete. Das ganze Würzelchen starb. Sie muss +nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie +sie traurig ist!“ +</p> + +<p> +„Man könnte sie wieder einpflanzen.“ +</p> + +<p> +„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird +Staub werden, eine schönere Blume vielleicht. +Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar +nicht wieder eine arme, kleine Blume sein.“ +</p> + +<p> +„Die draussen verstehen es nicht.“ +</p> + +<pb n='234'/><anchor id='Pgp234'/> + +<p> +„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, +dumme, kleine Kinder.“ +</p> + +<p> +„Und unglücklich.“ +</p> + +<p> +„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es +giebt keine Gefahr, wenn Du auf dem Wasser +liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich. +<hi rend='gesperrt'>Gegen</hi> die Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt +Dich. – Du kannst die Augen schliessen +und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt +es sich! – <hi rend='gesperrt'>Er</hi> schwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. +Er ist nicht todt und ich lebe nicht. Es ist Alles +Eins – Alles ...“ +</p> + +<p> +Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. +Alles löste sich auf, schien zu schwimmen, +emporgetragen zu werden. +</p> + +<p> +„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der +Ferne viele Stimmen hörst, ist es Alles nur ein +Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der +gedacht worden ist, verschwindet. Was in den +Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht und +blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der +Zeiten ist die Ewigkeit. Und alles Lebens Leben +ist Gott.“ +</p> + +<p> +Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. +Er sprach: „Leb wohl! Ich sehe Dich jetzt nicht. +<pb n='235'/><anchor id='Pgp235'/>Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. +Das Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir +davon gegeben hast, trage ich in mir. Und diese +Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie +ein kostbarer Schatz. – Den Winden – der +Erde – dem Wasser“ – er schlug die Zeichen +durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung +ist, von dem es fliesst und zurück fliesst. +– Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und +ein Ende machen.“ +</p> + +<p> +So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, +schlossen die Thür hinter sich, da der Todte lag. +Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte +jetzt deutlich den Geruch der Verwesung, in dem +der welkenden Blumen, etwas von Blut, Fleischfaser +und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, +mit geschlossnen Kelchen hingen die Blüthen. Die +Fliegen schwirrten. +</p> + +<p> +Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig +sahen, meinten sie, es wäre ein Wunder geschehen, +dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die +Thür und Martha rief mit lauter Stimme ihren +Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“ +</p> + +<p> +Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht +todt. Doch wir müssen ihn begraben, denn es +<pb n='236'/><anchor id='Pgp236'/>ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend +zu werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, +zum Schlafen in der Kammer.“ +</p> + +<p> +Martha sprach: „Wie sollen wir ihn begraben, +so er doch nicht todt ist?“ +</p> + +<p> +Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm +zürnte, dass er ihren Bruder nicht erweckt hatte, +wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie +mussten Noth leiden forthin. Ihre Mutter würde +ohne Stütze sein für ihr Alter. Er aber lächelte +nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne +ein Wort. +</p> + +<p> +Dies nahmen Viele ihm übel, Martha und die +Frauen, die Neugierigen, die auf ein Zeichen gewartet +hatten. +</p> + +<p> +Maria aber war nicht traurig. Sie sang und +schritt leicht dahin. Wenn man sie fragte, ob sie +nicht Leid trüge um ihren Bruder, sagte sie: „Ich +warte auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. +Ich werde ihn sehen. Es ist in sehr kurzer Zeit +vorüber – Alles. Ich bin eilig, die Blume zu +fassen, meine Pflanzen zu wässern, dass sie +wachsen.“ +</p> + +<p> +Einige sagten: Es ist Gleichgültigkeit, Andre: +Grösse. Aber es war nichts von Beiden. Sie +<pb n='237'/><anchor id='Pgp237'/>wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz +sind zum Weinen. +</p> + +<p> +Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand +schaffen kann. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 50%" /> + +<p> +Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, +die nie ein Mann berührt hatte. +</p> + +<p> +So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein +unkeuscher Gedanke oder Abdruck ihr Gehirn +kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Träume kam +eine solche Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. +Sie hätte nackt vor Männern hergehen +können, ohne dass sie sich geschämt hätte. +Man würde vor ihren Augen alle Wollust und +Sündhaftigkeit der Welt ausbreiten können, dass +ihre Augen nichts gesehen hätten, die Röthe wäre +in ihre weissen Wangen nicht gestiegen. Denn +sie war rein in sich und crystallen wie klares +Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie +eines Menschen Auge geblickt, nur der Himmel +in seiner Bläue über den Wolken, keusch wie die +königliche Lilienblüthe, die sich erschliesst in der +Nacht, in hundert Jahren ein Mal, weil die Brunst +der Sonne sie beleidigen könnte, Unreines, das +stäubt und fliegt im Tage. +</p> + +<pb n='238'/><anchor id='Pgp238'/> + +<p> +Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder +unzüchtigen Gedanken ihr nur nahte, musste er +sein Antlitz verhüllen und fliehen wie vom Blitz +getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in +ihrer Nähe aushalten mit ihren bösen Zungen, +täglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. +Nur die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand +und mochten in ihre Augen sehen, die gleich +klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn +unten der Boden weiss friert. Es war ein armer +Blödsinniger und Taubstummer, der mit ihr in +ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, +denn so furchtbar und streng war die Reinheit +dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat wie +Sonnengefunkel im Mittag, bläuliches Gletschereis, +wenn sie auf der Strasse ging, die Menschen und +Vorübergehenden zur Seite schlichen wie scheue, +geprügelte Hunde oder Wölfe. Es war, als ob +sie nur Thiere waren gegen sie. Und wenn sie +grosse Herren und Fürsten hiessen, vor dem edlen +Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und +unfrei. +</p> + +<p> +Es gab Leute, vornehme Herren und Lüstlinge, +in derselben Stadt, die sich in ihr Haus geschlichen +hatten in der Nacht. Und sie hatten diese +Jung<pb n='239'/><anchor id='Pgp239'/>frau nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl +ihrer Nacktheit war in ihre Augen gedrungen wie +Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend hinausstürzten +wie Trunkene von zu starkem Wein oder +die Tollheit verwirrt. Und hatten Einer den Andern +erwürgt in ihrer schäumenden Tollheit. Und Einen +hatte der Blöde gepackt und er hatte ihm das +Haupt aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn +weit über die Strasse spritzte. Und Alle +fanden, dass es die gerechte Strafe war für ihre +Unreinheit, diese Jungfrau stärker war in ihrer +Nacktheit wie ein starker Mann in siebenfacher +Rüstung. +</p> + +<p> +Alle Lüge und Verläumdung prallte von ihr ab +wie Hagelschlag am Felsen. Es ging die Sage, +dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl +ihres Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr +denn von dem Spruch des Richters, der ihn verdammte. +</p> + +<p> +Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser +Jungfrau. Auch nicht die verachteten, gemiedenen +Frauen und Mädchen des Orts, die unrein und +hässlich geworden waren an Leib und Seele. +Denn die Klarheit dieser Einen deckte sie Alle +wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine +<pb n='240'/><anchor id='Pgp240'/>so elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von +dieser Glorie auf sie gefallen wäre. Sie wussten, +dass sie die Königin der Frauen war und priesen +die Kunst in der Güte, die ein solches Wunder +geschaffen, herrlich und unantastbar gemacht hatte +vor allen Frauen und Männern. +</p> + +<p> +Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es +ging die Sage, dass, wenn sie schlief, die Seraphim +um ihr Lager standen mit gezückten Schwertern, +dass es aussah, als läge sie auf blauen, züngelnden +Flammen des Eises. Nur ein Mann, der gut +und keusch und edel war wie sie, konnte sie +lösen und heimführen als ihr Gemahl. +</p> + +<p> +Und Viele hatten es versucht sie zu lösen, die +edelsten Jünglinge aus aller Herren Ländern, die +Stärksten und die Schönsten. Und Alle waren +schamroth und betrübt weggegangen vor dem +klaren Blick ihrer Augen, der keine Lüge und +keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle +Verstrickung und Verschönung, bis wo die Unreinheit +sass in ihrer Seele, die Blumen ihrer +Schönheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer +Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand +vor ihr, so Viele gekommen waren und gesungen +hatten und gesprochen und sich gesehnt. +</p> + +<pb n='241'/><anchor id='Pgp241'/> + +<p> +So sagte man, dass sie niemals einen Mann +haben würde, es bestimmt war von Gott, dass +sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel +war, um berührt zu werden mit unreinen Händen, +zu klug für die Klugheit der Lüge und Arglist. +</p> + +<p> +Und sie selber freute sich, dass es so war. +Niemals wünschte oder fragte sie wie andre Mädchen +und schlief auf ihrem Lager mit den zehn +Seraphim, die um ihr Bett standen als strahlende +Wächter, bis der Morgen kam, klar wie ihr Erwachen, +die junge Sonne grüsste die weisse +Jungfrau. +</p> + +<p> +Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in +der Nacht: „Erhebe Dich und wache auf, denn der +Bräutigam ist gekommen!“ +</p> + +<p> +Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus +ihrem Schlaf und in ihrer Nacktheit. Und wusch +ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem +Wasser des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, +die nie die Erde berührt und vielfach gefiltert in +thönernen Krügen. Oder Wasser, vom Schnee +geschmolzen, wenn er jungfräulich ist, zu oberst +ruht am Morgen, da noch kein Fuss getreten. +Und wusch sich wohl und salbte sich mit köstlichen +Salben, von Knospen der Rosen, welche +<pb n='242'/><anchor id='Pgp242'/>noch nicht das Licht gesehen hatten, die sie gesammelt +hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen +des Frühlings, wenn die Sonne noch nicht heiss +genug ist, die unter dem Schnee blühen und lieblicher +duften denn andre. +</p> + +<p> +Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt +ohne Stich und Naht aus der allerfeinsten +Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen +Fäden. Alle Lilien standen weit offen mit prangenden +Kelchen. Die Fäden verschlangen sich zwischen +ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer wunderbaren +Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner +wurden sie gegen den Saum in gereihten Ketten. +Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, +die Königin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblättern, +die zitterten, schwollen in der Last, die +auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die Spinnerinnen +gewesen, die es gewebt und gesponnen. +Und man sagte, wenn eine Jungfrau, die nicht +mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, +dass die Fäden blutroth wurden in ihren +Fingern, und liefen aus ihren Fingern wie Schlangen, +wollten sich nicht halten und fassen lassen +von ihr. +</p> + +<p> +Dieses nahm sie, legte es an und gürtete sich +<pb n='243'/><anchor id='Pgp243'/>hoch unter den Brüsten mit goldnem Gürtel. Edel +war das Gold dieses Gürtels, aus einem Stücke +geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck +geschmiedet gewesen. Ein ritterlicher Jüngling in +seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Gürtel geschmiedet. +Er zeigte alle heiligen Frauen der +Welt, die sich darauf die Hände gaben. Und +waren Diana, die Göttin, Jephta’s liebliche Tochter, +die griechische Iphigenia und Antigone, und die +edle Römerin Clölia in derselben Linie mit den +Märtyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre +Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen +nach derselben Richtung, als ob von da der Bräutigam +käme, und bildeten einen Ring durch die +Zeiten, von den ältesten bis zu den letzten, Jegliche +eine Jungfrau und Fürstin, aus jungfräulichem +Golde von diesem untadeligen Jüngling zu +edelstem Brautschmuck verbunden. Welcher, als +man ihn auf solchen vermeintlichen Fehler als +heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur +lächelte, sagte: „Die Keuschheit ist eine besondere +Tugend. Diese führt auf dem geradesten Weg +zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich +selbst aller Engel Schwester. Diese Verehrung ist +allen Völkern gemeinsam. – Vom +Jungfrauen<pb n='244'/><anchor id='Pgp244'/>sohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar +am nächsten im Licht, hundertvierundvierzigtausend, +die sich der Herr selbst erwählt aus Zion.“ +So sprach dieser edle Jüngling, erstaunte Alle und +Niemand vermochte ihm zu antworten. – Das +Schloss aber des Gürtels stellte die Schlangen dar, +wie sie sich aufrichteten mit züngelnden Häuptern. +War also in ihm geheimnissvoll und symbolisch +der Fall und die Erlösung verwoben, wie von dem +Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und +Verführung. +</p> + +<p> +Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie +das Licht gesehen haben und schloss sie um ihre +Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, +aus dem Wasser gewoben, das eher war denn +die Erde, und das höhere Element ist, denn es +dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind +sie, dass ihr Schein wechselt mit der Laune und +Stimmung des, der sie trägt, und wo ein Kranker +sie um seinen Hals legt, werden sie trübe und +schrumpfen ein wie die Haut unter ihnen. Silberne +Sohlen band sie unter ihre Füsse und strählte ihr +Haar und flocht ihre Zöpfe mit purpurner Binde. +Denn ihr Haar war prachtvoll wie ein goldner +Mantel, der sie bis in die Knie umwallte, jeder +<pb n='245'/><anchor id='Pgp245'/>einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener +Sonne. Wenn sie zusammenfielen, war +keine Mähne der rothen Löwin so voll. Sie +wogen schwerer in der Hand wie Erntelast des +vielkörnigen Weizens. +</p> + +<p> +Ihre Brauen waren wie Bögen der Nacht, +darunter die lichte Sonne sich verbirgt. Ihre +Wimpern standen in Strahlen. In der geraden +Linie ihrer Nase mit athmenden Nüstern war Stärke +und Feuer. Der Hauch von ihren Lippen ging +wie von einem Blumenbeet, süsser denn Honig. +</p> + +<p> +Es gab keine schönere Jungfrau weit und breit +im Lande. Und keine untadligere, von edlerem +Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt +für sich allein mit dem stummen Diener. +</p> + +<p> +Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer +Hand, im Brautschmuck wie sie war. Und sprach: +„Rege Dich und öffne die Thore! Der Bräutigam +ist gekommen.“ +</p> + +<p> +So gross aber war das Licht ihrer Schönheit +diesem blöden Auge selbst, dass die Leuchte in +ihrer Hand davon erstarb, ihn dünkte, als ob es +ganz dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher +denn der Tag, der junge Mond selbst im Viertel +seiner Geburt. +</p> + +<pb n='246'/><anchor id='Pgp246'/> + +<p> +So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, +die doppelt geschlossen waren, mit Riegeln +versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, +weil sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer +grossen und gottlosen Stadt. +</p> + +<p> +Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein +herrlicher Prinz auf einem weissen Pferde. Alle +seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und +silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, +bläulichen Strahlen gleich denen des Wintermonds, +wenn er in seiner Vollendung ist. +</p> + +<p> +Der Prinz war mit einem weissen Leibrock +angethan und hatte ein goldnes Schwert an seiner +Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, +darauf er sass, war purpurn. Ein scharlachnes +Stirnband gürtete sein Pferd zwischen den +Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf +seine Schultern herab. So strahlend war der +Glanz seines Auges, dass dieser arme Knecht in +die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. +Er dachte, sein letztes Stündlein wäre gekommen, +und er könnte nicht ertragen so viel Klarheit und +übergrosse Herrlichkeit. +</p> + +<p> +Worauf der Andre: „Fürchte Dich nicht! Lass +mich ein und heisse mein Braut den Tisch legen +<pb n='247'/><anchor id='Pgp247'/><anchor id="corr247"/><corr sic="legen für">für</corr> mich und sie. Ich bin gekommen, heut’ +Hochzeit hier zu halten.“ +</p> + +<p> +Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher +Stimme, die wie reines Silber klang. Alle Glöckchen +der Pferde läuteten dazu. Seine Diener +schlugen an ihre Schwerter und riefen: „Heil!“ +</p> + +<p> +Dieser arme Knecht schwur später, dass in +solchem Augenblick der Himmel über ihren Häuptern +offen gewesen und eine Taube von oben aus +der Klarheit herabgekommen wäre, die trug einen +goldnen Ring in ihrem Schnabel. – Denn das +Merkwürdige war, dass er sprechen konnte seit +dieser Nacht und immer nachher. Und war in +seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er +schwur zu seinem Eide, den Prinzen gesehen zu +haben, was ihm die andern Leute nicht glaubten, +für eine Blendung seines armseligen Gehirns +hielten. +</p> + +<p> +So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele +ihrer waren, schien es dennoch wunderbar, dass +der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme +Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob +die Riegel vor. +</p> + +<p> +Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, +denn er folgte dem Prinzen nicht in das Gemach, +<pb n='248'/><anchor id='Pgp248'/>der ihm gebot: „Folge mir nicht!“ Aber durch +eine Luke im untersten Keller, wohin er sich vor +Angst geflüchtet und doch zitternd wieder auslugte, +sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden +abgestiegen waren. Und sie standen um das +Haus mit gezognen Schwertern, die glänzten blau +wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine +Kette von Schwertern um das Haus, dass es stand +gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit. +</p> + +<p> +Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte +die Jungfrau den Tisch gelegt. Sie nahm ein +weisses Tuch von feinstem Damast, das in der +Truhe gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. +Es war nur weisser und feiner geworden von den +Jahren. Man sagte sich, dass zwölf Spinnerinnen +daran gewebt zwölf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, +die der Welt entsagt, den Faden zogen +in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs +auf dem Rasen gebleicht, wenn die Märzsonne +schien, – diese ist die früheste unter den Sonnen, +nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom +Herbststerben – es selbst gewebt mit ihren Händen, +ohne Eisen und Maschine, weil menschliche Hände +feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet +von ihren Gedanken, des Weibes Lust und +<pb n='249'/><anchor id='Pgp249'/>Glorie. Die Aeltermutter Eva im ersten Bilde, wie +sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit +ihren gesegneten Brüsten es nährend, das die Verheissung +birgt, – die Lebensgebärerin. Rebekka +am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, frühgestorben, +Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith +und Jael, Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, +Esther – aber auch sie, die die Raben scheuchte, +die diese frommen und einfältigen Seelen würdig +gehalten des ruhmvollen Reigens, – zwischen den +Sieben die Mutter der Makkabäer, die Wölfin +Juda’s, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes’ +des Täufers, Hannah, die Greisin, vorahnend die +Morgenschöne. Endlich die Lieblichste von Allen, +die Erfüllung, wie um die volle Rose der Kranz +sich schliesst, Maria, die Königin, unter den +Weibern Gebenedeite, an der Brust das Kindlein, +dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern +berührten. Gleichsam als wären diese Bilder von +Kraft und Unschuld nur ein Strahl der Tugenden, +die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten. +</p> + +<p> +Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten +glättend, sich freuend am Silberglanz des Linnens +und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein +güldnes Gefäss aus reinstem Gold, das nie zuvor +<pb n='250'/><anchor id='Pgp250'/>zu andrem gedient hatte. Dadrin war in kunstvoller +Prägung zu sehen, wie Abraham den Besuch +der Engel empfängt. Rechts hebt er freudig +preisend die Hände, ihnen entgegenzueilen. Links +sieht man schon rüstige Mägde das Federvieh +rupfen, wie sie die Butter stampfen im Troge, +während Sarah hinter der Thür verborgen steht, +die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael +arglos mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. – +Dieses füllte sie mit funkelndem, edelstem Wein, +der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur +wenige Flaschen waren von diesem Wein zuerst +gezogen worden, gleichsam seine Seele. Ein Kaufmann +hatte ihn mitgebracht von weit her. Er +zeigte in seiner Mischung Feuer des Blutes und +Rosinfarbe von der Sonne. Süss war dieser Wein +und stärker wie Stierblut in seiner Süsse. +</p> + +<p> +Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit +silbernen Henkeln und Kette. Eine ländliche Ernte +auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier +schon die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter +und Schnitterinnen Garben bindend, alte Leute und +Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den +Stoppeln tanzen schon lustige Mägde und Burschen. +Sie legte das Brot hinein, köstliches, feines +<pb n='251'/><anchor id='Pgp251'/>Brot, das sie selbst mit ihren Händen gebacken. +Keine Maschine hatte daran mit geschaffen. Das +Korn war gerieben worden zwischen den Steinen. +Es gab kein edleres Brot. +</p> + +<p> +Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen +Schrein, weil sie dachte: „Ich weiss nicht, wann +der Bräutigam kommt. Ich muss bereit sein zu +der Zeit.“ +</p> + +<p> +Solches stellte sie auf den Tisch, zündete die +Lampen an, die zu beiden Seiten standen, gefüllt +mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, +die dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren +von edlen Metallen und trugen Köpfe der heiligen +Thiere, Adler, Löwen und verschlungne Leiber der +Schlangen. +</p> + +<p> +Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner +Seide, der im Schrank gelegen, auf dem +nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss +hatte ihn je betreten. Diesen breitete sie aus von +der Thür zum Sessel. Der Sessel aber war aus +geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises +wechselten sich dort mit den vier Hörnern +des Mondes. Die Seitenlehnen waren Aronsstäbe +und auf vier Klauen ruhten die Füsse wie auf +Widderklauen. +</p> + +<pb n='252'/><anchor id='Pgp252'/> + +<p> +Und öffnete die Thüre weit und neigte sich +bis zur Erde und berührte den Fussboden mit +ihrer Stirn. Und sprach: „So es Dir recht ist, +Deiner Seele gefällt, dass Du essen willst jetzt, +Alles ist bereitet, mein süsser Herr!“ +</p> + +<p> +Darauf ging der Prinz ein in die Kammer +und setzte sich auf den geschnitzten Sitz am +Tisch. +</p> + +<p> +Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe +ab. Und brachte ein Gefäss mit Wasser. Und +rieb seine Füsse mit Wasser. Und salbte sie mit +duftender Salbe und trocknete sie in Linnen. Und +setzte sich da zu seinen Füssen und sah ihn an. +</p> + +<p> +Sprach er: „Warum kniest Du vor mir?“ +</p> + +<p> +Sie sprach: „Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster +Herr! Lass mich knieen so und Dir dienen +allezeit.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Kennst Du mich?“ +</p> + +<p> +Sie sprach: „Bist Du nicht der kommen soll? +Ich kenne Dich wohl, denn Du bist meiner Seele +holdseligster Bräutigam. Ich habe nie einen andern +Mann gesehen, noch im Traume eines Zweiten +gedacht. Die Thür meiner Kammer blieb verschlossen. +Niemand sah das Geheimniss meines +Hauses bis heute.“ +</p> + +<pb n='253'/><anchor id='Pgp253'/> + +<p> +Nun sagte er: „So Du nicht weisst, was Liebe +ist, wie kannst Du mich lieben?“ +</p> + +<p> +Sie sprach: „Ich liebe Dich mehr als mein +Leben. Ich liebe Dich mehr als die Freiheit und +den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner +Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich würde meine +Füsse in Flammen setzen, um Dir zu folgen, +meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende +Faulheit des Sumpfes.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Da Du so tapfer bist, weisst Du, +dass Du sterben musst? Denn die mich freien, +werben um den Tod. Ihr Weg geht über Dornen. +Glühende Nägel müssen in ihre Hände eindringen; +ihre Seiten werden sich öffnen und bluten. Sieben +Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden +Dein Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, +in Deinem innersten Herzen haften wie fressendes +Feuer.“ +</p> + +<p> +Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und +wies ihre junge Brust, die weisser war wie die +Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte +in hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: +„Stich zu!“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Du bist sehr schön. Schönheit ist +der Stolz und die Gnade des Weibes, und macht +<pb n='254'/><anchor id='Pgp254'/>sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, +dass er sein Leben lieber lässt denn die Süsse +ihres Leibes. Um Schönheit wird ein Weib geliebt. +Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, +den Formen und der Feinheit der Glieder. +– Gieb mir Deine Schönheit.“ +</p> + +<p> +Flugs legte sie nun ihr königliches Gewand ab. +Sie nahm die Spangen von ihren Armen, die +Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne +Stirnbinde that sie zur Seite. Und nahm eine +scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes Haar ab, +wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und +Alles legte sie zusammen und vor ihn hin, dass +sie nun vor ihm stand im Untergewand, und +ihre Arme und Hände waren unbedeckt. Sie fror +in ihrem dünnen Linnen. Dies Alles that sie in +der grössten Freude, mit den herzlichsten und +zärtlichsten Liebesworten. +</p> + +<p> +Er aber seufzte und sprach: „Kummer wird +über Dich kommen, Krankheit, Verfolgung, Nachtwachen. +Deine Augen werden blind werden vom +Weinen, Deine Wangen einfallen von der Sorge +und täglichem Mühsal des Daseins. Du bist sehr +lieblich und jung. Du wirst hässlich sein und unansehnlich. +Ein Spott denen, die Dich priesen.“ +</p> + +<pb n='255'/><anchor id='Pgp255'/> + +<p> +Sie sprach: „Ich bin gerne so, so Du mich +siehst, ich Dir nur wohlgefalle, der mein erwählter +Herr ist und lindester Gebieter.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Ich bin arm gewesen und hatte +kein Lager für mein Haupt des Abends. Meine +Nahrung fand ich von den Feldern, was wild +wuchs, karge Barmherzigkeit gab. Du musst arm +sein, ohne Frieden und Heimath wie ich.“ +</p> + +<p> +Sie sprach: „Gleich heute will ich fortgehen, +die Thür verschliessen und mein Haus zumachen, +es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und glücklich. +Meine Habe soll den Armen gehören. Ich +nehme nichts denn einen Stab, Brot für morgen, +diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht +zum Gespött der Gassenjungen werde, sie sagen: +‚Es ziemt sich nicht einem Weib, in Freiheit zu +laufen.‘ So ich doch Deine verlobte Braut bin und +eines grössten Königs Geehrte.“ +</p> + +<p> +Da seufzte er noch tiefer, sprach: „Gerade +schleierlos musst Du gehen und unverhüllt, nackt +und in Blösse. Ich brauche Deine Scham, wie ich +Dein Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer +ist <anchor id="corr255"/><corr sic="wir">wie</corr> ihr Leben, sie es zehnfach lassen würde +um ihre Scham. – So gieb mir denn, was ich +von Dir heische.“ +</p> + +<pb n='256'/><anchor id='Pgp256'/> + +<p> +Da ward sie roth über und über, röther wie +die Purpurrose, die zuerst der Sonne sich öffnet. +Es war, als ob Flammen überall aus ihrem Leibe +schlugen und um sie brannten. Sie konnte die +Augen nicht aufheben, denn ihre Lider waren +schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur äussersten +Spitze ihres Fusses fühlte sie die lohenden Fluthen +der Scham. Und sie stand zitternd mit knickenden +Gliedern. Sie sprach leise: „Hier, Herr! +Nimm mich.“ +</p> + +<p> +Und seine Seele ward weich über ihr, da sie +vor ihm stand, ohne Fehl und Flecken, weiss in +ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer +steht, die Flammen hoch um sie brennen, und +sie steht und flieht nicht. +</p> + +<p> +Und er sprach langsam: „Die Scham ist die +Tochter der Sünde, aber die Reinheit kennt keine +Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die +Menschen sie sehen und schamrot werden vor +ihrer strahlenden Nacktheit. Jede Fiber gehört +dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der +Leib. Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn +die Seele erkennt. Es giebt nicht Mann und nicht +Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. +Die Scham ward gewebt zum schleiernden Schutze, +<pb n='257'/><anchor id='Pgp257'/>den Schleier zerreisst, wer die Wahrheit erschaut, +Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! +– – Das ist das letzte der Geheimnisse. Ich +sage es Dir, weil Du meine Braut und Verlobte +bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“ +</p> + +<p> +Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, +ihre Lippen und Wangen. An ihren Schläfen +küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken +Arm, der der Herzarm ist, und küsste sie auf die +beiden Rosen ihres Busens. Denn im Busen der +Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und +Verderben. Und vom Schoosse des Weibes kommt +alles Lebendige, Segen und Fluch. +</p> + +<p> +Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er +reichte ihr das Brot und sie ass von seinem Brote. +Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von +dem Wein. Und assen von allen Dingen, die +auf dem Tische standen und wurden ganz fröhlich. +</p> + +<p> +Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess +er sie wieder. Der blöde Knecht sah, wie sie die +Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren +viel zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. +Dennoch that sie es mit Leichtigkeit. Sie war in +ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen Kleide, +mit der purpurnen Stirnbinde. +</p> + +<pb n='258'/><anchor id='Pgp258'/> + +<p> +Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches +Weib. Sie küsste ihm die Lippen und küsste seine +Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter +und seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, +da ich neben Dir das Brautbett besteige.“ +</p> + +<p> +Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame +Rede für eine so untadelige Jungfrau. Aber sie +stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd +bestieg. +</p> + +<p> +Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug +ihre Sachen zusammen, übergab Alles dem Knecht +und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. +Und die Zeit ruft.“ +</p> + +<p> +Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare +Frau. Man brachte viele Kranke zu ihr, die +sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. +Und Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig +waren, sie versuchten. Solche trieb sie mit Schelten +von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch +und so ganz schamlos!“ +</p> + +<p> +Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse +dieser Nacht. Nur eine grosse, selige Freude +war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine +Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche +Frau gewesen war. Niemand hatte je eine schönere +<pb n='259'/><anchor id='Pgp259'/>Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr +genau sah, hatte an ihren Händen Stiche als von +rothen Nägelmalen. Sie durchbohrten auch ihre +Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von +der das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn +Eindrücke, als ob Dornen um ihr Haupt gewunden +gewesen und in die Haut eingedrungen waren. +Alles dies war sehr deutlich. Sie hatte es immer +an sich getragen, nur verborgen in ihrer Bescheidenheit +vor den Menschen, da sie sich selbst +nie für solcher mystischen Ehrung würdig gehalten. +Und beständig sich selber schalt, dass sie schwach +sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den +Werken, wie es sich einer guten und getreuen +Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, während +der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als +sie nun auf dem Sterbebett lag, blass und abgezehrt, +sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, +that sie plötzlich einen lauten Schrei wie von +seligster Freude. Die bei ihr waren, darunter der +Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen +strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. +Und er nahm sie bei der Hand und führte sie in +das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf +silberweissen Linnen. +</p> + +<pb n='260'/><anchor id='Pgp260'/> + +<p> +Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, +aber ganz klar in seinem Kopf, vorsichtig und +abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es +derselbe gewesen, der sie damals besucht. Viele +sprachen über diese seltsamen Geschichten: Es ist +ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche +glaubten noch schlechtere Dinge. +</p> + +<p> +Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem +Mund, und faule Worte kamen nur, dass selbst +die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen +hatten. Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist +todt! Die Scham ist todt!“ stürzten sich unter +Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren +und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein +Schrecken fuhr in alle Leute der Gegend. Und +fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine +hohe Mauer darum bauen!“ +</p> + +<p> +Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse +Kränze. Und ward ein Heiligthum da für untadelige +Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte, und +sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten +vor allem Volk. +</p> +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='261'/><anchor id='Pgp261'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das vierzehnte Kapitel.</head> + +<p> +Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf +ihn eines Abends, da es schon dunkel war, +er einsam sass im Staube neben der grossen +Heerstrasse. +</p> + +<p> +Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen +waren, und dass sie alle für nichts <anchor id="corr261"/><corr sic="gegewesen">gewesen</corr>. +Hunger, Hass und Kriegslärm füllten +die Welt. Jeden Tag unter dem richtenden Beil +fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen hin +und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger +Noth ihres Leibes. +</p> + +<p> +Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die +hart waren, nur schufen für sich selbst, ohne Sorge +traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. +Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen +klug. Die feige waren, tapfer, und solche, die +<pb n='262'/><anchor id='Pgp262'/>frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt +und fett wurden, weil sie frassen – aber der +Baum selbst starb –, galten für die wahren Guten. +Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie +denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: +„Seht, wie sie sind! Wie sie nahrhaft werden und +fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, +Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der +Sonne zustrebt, die Euch verbrennt!“ +</p> + +<p> +Diese aber waren die schlimmsten Feinde und +sie galten für den Hort aller Tugenden, hielten +die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, +weil der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte +innerlich, und standen auf dem Boden des Worts, +weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom +sie sonst fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen. +</p> + +<p> +Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt +und das Geld. Die Andern zerbrachen ihre +Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und +sahen doch nicht was darüber war, über ihrer +dummen Klugheit, die wahre Weisheit, über ihrem +Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit +die grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten +Kräfte verbrauchten, auch müde wurden, +dahin<pb n='263'/><anchor id='Pgp263'/>gingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil +sie sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns +zugetheilt in kleinen Tropfen. Wir wollen es auf +einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in +seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und +frieren.“ +</p> + +<p> +Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein +reif ward und duftig. Nicht schauen, bis sie die +Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. +Weil sie jung waren, das Blut siedend schoss in +ihren Adern, das lind sein musste vom Denken, +der weiten Herzlichkeit ihres Liebens. +</p> + +<p> +Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, +dass sie wie brennende Fackeln sich verzehrten +im Leeren. Die Licht gegeben hätten, reines Feuer +zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, +sich selbst gereinigt hätten vom Unreinen. +</p> + +<p> +Und die Andern, die gar kein Licht hatten, +sondern dunkle Klötze blieben, die mühsam denen +ihre schiefen Strahlen auffingen, vom Scheiterhaufenleuchten +der Grossen ihren Weg suchten +im Finstern, schnobernd wie die Schweine nach +Trüffeln, oder niedrige Hunde auf der Fährte des +Aases – spotteten über solche, zeigten auf sie +in Schadenfreude: „Die verzehren sich und sind +<pb n='264'/><anchor id='Pgp264'/>gar nicht, Rauch und Asche. Wir stehen fest und +finden.“ +</p> + +<p> +Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie +der Wurm immer noch Nahrung findet in seinem +Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen +in seiner niedrigen Dunkelheit. +</p> + +<p> +Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft +sein Futter nicht für seine Jungen, wenn Alles +unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, +der lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein +glänzendes Gefieder lockt Gelüste der Räuber. +</p> + +<p> +So dass diese niemals aufkommen, die die +Schönheit nackt gesehen hatten und priesen, weil +ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte +die Wollust verriethen. Die Andern aber, die +gar nicht sahen und von Wollust voll waren wie +die geile Erde vom Mist, – dass sie nicht einmal +wussten, dass eine Keuschheit war, den reinen +Mond befleckt hätten in ihrer Unreinheit, – waren +gross und sprachen die Urtheile über wichtige +Dinge. +</p> + +<p> +Und man nahm ihr Recht für <hi rend='gesperrt'>das</hi> Recht. Und +ihre Wahrheit für <hi rend='gesperrt'>die</hi> Wahrheit, dass eine grosse +Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der +Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne. +</p> + +<pb n='265'/><anchor id='Pgp265'/> + +<p> +Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der +Ekel am Leben stieg in ihm auf und würgte ihn +an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich +selber sprach: „Besser wäre die Welt gar nicht, +Feuer und Schwefel vom Himmel, denn dies! Und +besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die +wächst und stirbt, denn dieses Halbe im Staube, +dem niemals die Flügel der Seele wachsen. Besser, +viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, +als das niemals ganz wird, nicht leben kann und +nicht sterben.“ +</p> + +<p> +Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, +dass er die Güte so klein geschaffen und die +Grösse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an +ihrer eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit +mit dem Schwert der Reue durchgestochen blieb, +dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste, +unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel +war in ihrer eignen Brust und bohrte sich tiefer +bei jeder Drehung. +</p> + +<p> +Und er sprach zu sich selbst: „Wozu so viel +Qual und Leiden? Hast Du sie geschaffen aus +Hass oder wurden sie empfangen in Güte? Ist +Dein Zweck mit ihnen Gnade oder ist es Neid +des Mächtigen, Allherrschenden gegen das Kleine, +<pb n='266'/><anchor id='Pgp266'/>Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie +besser wie Du, und nur eine Zeit ward Dir Macht +gegeben, sie zu quälen, im Staub Gebannte, die +ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der +Ganz-Mächtige nicht? Und es ist ein viel Mächtigerer, +Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in +ihnen ist? Wird er triumphiren, klar sein eines +Tages? Und unsre Güte war vor Ihm Halbheit? +Unser Licht war Dämmerung? Sage mir, wer Du +bist? Wer ich bin für Dich? Dann lass mich mich +hinlegen und sterben. Denn meine Seele ist müde +in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen +weh und der Lärm der noch Arbeitenden beleidigt +mein Ohr. Ich grüsse die Nacht, die dunkel ist, +wo gigantische Schatten schweigen.“ +</p> + +<p> +So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht +herkommen über die Felder. Sie kam wie eine +starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen +Mantel. Die Bäume standen wie dunkle +Keulen Gewaffneter und die Stimme des Wassers +wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig +sich lösenden Tropfen. +</p> + +<p> +Er sah in die Nacht und frug sie: „Bist Du, +die kommen soll?“ +</p> + +<p> +Sie sprach: „Ich war.“ +</p> + +<pb n='267'/><anchor id='Pgp267'/> + +<p> +Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es +war ihm, als könnte er tief hineinsehen in die +Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten +gewesen war. +</p> + +<p> +Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die +Dunkelheit kam und der Schatten. +</p> + +<p> +Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, +und ihre andre Hälfte war eine Löwin. Die Schultern +des Weibes aber lagen über den Tatzen der +Löwin und ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete +Schwerter. Zu beiden Seiten ihres Hauptes +lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. +Sie schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen +standen weit offen, marmorne Augen mit todten, +runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen +waren geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren +Brüsten über tödtlichen Tatzen. +</p> + +<p> +Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes +Idol. Auf den Schultern eines eisernen +geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf +mit spitzem, gebognem, hackendem Schnabel. Ein +kreisrundes Auge war eingesetzt aus blauem, +hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo +er anfing. Gen Osten stand dieser Mann. Auf +einem hohen Postament, die Hände auf sein Schwert +<pb n='268'/><anchor id='Pgp268'/>gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den +Schultern und staken in Schienen. Sein Schwert +stand ganz gerade, breit wie eine Hand. Senkrechte +Riefen liefen mitten durch, in denen das +Blut abtropfen konnte. Die Klauen seiner Hände +krallten sich um das Schwert. Der Leib und die +Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf +mit dem Schnabel sah gegen Osten. +</p> + +<p> +Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd +ansah, geschah eine Stimme zu ihm, die sprach: +„Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. +Sein Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. +Sein Schwert roth vom Blut. Sein eiserner Leib +wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“ +</p> + +<p> +Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine +schwarze Astarte, ganz aus schwarzem Metall, +aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, +und es glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete +Leiber der Neger. Sie stand ganz aufrecht. +Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. +Sie kreuzten sich und kamen wieder, von +der Hüfthöhe bis an die Gliederung der Zehen. +Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, +Muster, Rubinen, grüne Smaragden und sehr dunkle +Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und redeten +<pb n='269'/><anchor id='Pgp269'/>eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, +das kam und ging. Dieser ganze Theil des Leibes +mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr dünn +und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten +Kinde. Und darüber drängten sich erschreckend +tausend Brüste. Eine Ueberfülle von +Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die +sich stossen, strömen. Man sah den Kopf im +Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen +Augen, die hierarchische Binde, die zu beiden +Seiten fiel. Die Brüste gleissten, rieselten, Aepfel, +Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem ungeheuerlichen, +unirdischen Schwarz, Grünschwarz +der Schlangenhäute, Tollkirschen, verwester Ueberreste +in ihrer Zersetzung. +</p> + +<p> +Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, +die Verfluchte. Alles stirbt in ihr. Nur das Eine +lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum +Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von +Eisen. Ihre Seele in ihr ist Mord.“ +</p> + +<p> +Und diese wieder wechselte sich. Es wurde +eine ganz weisse Schlange. Sie trug ein Krönchen +auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu +einer Art Musik. Ihre Schuppen glänzten wie +Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und ihre Augen +<pb n='270'/><anchor id='Pgp270'/>waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam +aus ihrem gespalteten Kopf. Sie züngelte damit +und leckte sich zierlich wie Katzen thun. Und +rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, +als ob sie schliefe. Aber sie schlief +nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann durch +ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch. +</p> + +<p> +Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche +Weisheit der Welt. Sie ist arglos und ungefährlich +anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal +gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der +stirbt und fühlt nicht den kleinsten Schmerz, nicht +wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich +das Blut abwischt und weitergeht.“ +</p> + +<p> +Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die +in ihrem Sumpf sass und glotzte, Harpyen, die +mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das +sind die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules +Leben, Unfrieden und Zankhaftigkeit der Weiber. +Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der +gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen +werden von ihnen nicht gerührt, die Andern aber +sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen +ihnen.“ +</p> + +<p> +Diese Vision verschwand. Er blieb allein in +<pb n='271'/><anchor id='Pgp271'/>der Nacht. Die Kälte war um ihn her und er fror. +Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen +an das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. +Seine Seele war sehr matt in ihm. Er sprach: +„So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross +und mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser +zu nehmen was schön ist, fröhlich sein im Tage +und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück +kommt?“ +</p> + +<p> +Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, +die Cymbeln und Schalmeien trugen. Und +hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, +harte Hölzer, die sie schwirrend schwangen oder +gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre Haare waren +mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich +Sternen über ihr Gelock. Sie trugen Blumen in +ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und +sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! +denn das Leben ist kurz, die Jugend verfliegt +schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und +die Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“ +</p> + +<p> +Dann kamen junge Knaben und holten sich +diese, führten sie weg zu blühenden Lauben und +heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm +in Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten. +</p> + +<pb n='272'/><anchor id='Pgp272'/> + +<p> +Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher +wurden gebracht. Ein Jüngling erschien auf goldnem +Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. +Und Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus +Evoë!“ +</p> + +<p> +Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. +Sie schwangen Fackeln. Es gab welche, die sich +selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit +kurzen Schwertern, denn sie wollten heute sterben, +weil sie doch morgen todt sind. +</p> + +<p> +Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten +Kinder gezeugt, die sie jauchzend emporhoben: +„Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die +Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“ +</p> + +<p> +Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr +Kind an der Brust hielt. Der Sommerhimmel lag +in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte +und entsandte Wärme wie der Weizenacker im +Juni. Man hatte um sie einen Rahmen gebaut +in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. +Das Kind sog. Sie lächelte. Sie war glücklich. +</p> + +<p> +Dies verschwand. +</p> + +<p> +Er hörte neben sich die Stimme eines alten +Mannes, der laut auflachte. Er sprach höhnisch: +„Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder. +<pb n='273'/><anchor id='Pgp273'/>Sie glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. +Sie sind nicht besser denn Schweine. Ihre Freuden +sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber +der feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen +Freuden. Der Sinn, der fühlen gelernt hat, rührt +sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindrücke.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Hast Du Bessres gefunden?“ +</p> + +<p> +Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. +Er sah, dass es ein sehr alter Mann war, und +Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und +Bart hingen wild. Der Staub der Wege lagerte +in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen sich +tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. +Die Müdigkeit einer ungeheuren Anstrengung +wohnte in den tiefen Höhlen seiner +Wangen. Man erkannte die Sonnen von brennenden +Sommern, die über sein Haupt dahingegangen +waren und die Haare auf ihrer Höhe gebleicht +hatten zu Schnee. Seine Kleider waren fahl vom +Staub. Sie hingen zerrissen und schlugen in gefaserten +Fetzen um seine mageren Kniee, die +ausgearbeitet und knotig waren wie Hölzer eines +uralten Baumes, von denen die Moose hingen in +weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr +an diesen Knieen. Unter der braunen Haut traten +<pb n='274'/><anchor id='Pgp274'/>die Knochen vor wie durchgeschubbert, gewetzt in +einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog +sich scharf wie ein Adlerschnabel. Er hatte keinen +Zahn in seinem Munde vor hohem Alter. Aber +in seinen schwarzen Augen glomm unauslöschlich +Feuer des Lebens. Sie brannten wie Fackeln in +einer sehr tiefen, nächtlichen Grotte. So stark war +der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Höhlen +ausgebrannt hatten um sich, die Brauen vorstanden +wie Dachbalken eines eingeäscherten Hauses. Der +Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein +Haar war unbedeckt und flatterte im Winde. +</p> + +<p> +Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus +Knoten des Dornstrauchs. Ueber seiner Schulter +hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stützte er +sich auf den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem +Gewandes schlugen um seine schreitenden Lenden. +</p> + +<p> +„Ich wandre – wandre ...“ sagte der alte +Mann. „Ich weiss nicht, wie lange ich wandre. +Ich habe alle Städte der Menschen gesehen, die +Wüste und die hohen Schneegebirge, wo der Schnee +ungestört liegt wie der weisse Flaum auf dem +königlichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und +Dinge der Menschen weiss ich. Ich habe ihre +Weisheit gehört, das Mitternachtöl verbrannt über +<pb n='275'/><anchor id='Pgp275'/>ihren Büchern. Und ich habe dieses gefunden: +dass sie gar nicht sind. All’ ihre Weisheit ist +Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, +und sie sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. +Dies weiss ich und bin stolz, dass ich es weiss +und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist +mir, als ob ich in einen Spiegel des Wassers +sehe, der schnell verrinnt, oder Spiele des Guckkastens, +wie man Kindern zeigt auf Jahrmärkten, +Launen des Lichts und Wechselungen der Schatten! +So man darauf pustet und mit der Hand hineinschlägt, +ist es nichts.“ +</p> + +<p> +Er hauchte und schlug mit der Hand in’s Hohle +und lachte laut auf. +</p> + +<p> +„Aber Gott ist!“ sagte der Fremde. +</p> + +<p> +„Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen +werfen ihren Schatten und weil sie ihn von weit +werfen, ist er grösser und dunkler. Wie die Wolken, +die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, +sind es nicht Wolken, sondern leere Luft. Nur die +Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken.“ +</p> + +<p> +„Etwas muss sein.“ +</p> + +<p> +„Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, +tausend Jahre, Schatten, der ich bin, im +Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der +<pb n='276'/><anchor id='Pgp276'/>Bewegung. Bewegung ist Nichts. Und Stillstand +ist nicht. Um Sonnen drehen sich Welten. Aber +die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und +Welten sind Schattenflecken im Leeren. Ich wandre +– wandre – wandre.“ ... +</p> + +<p> +Er fasste seinen Stab und ging weiter durch +die Nacht. Die Eisenspitze seines starken Stockes +klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen +seiner zerlumpten Kleider schlugen um seine +dürren schreitenden Lenden im Winde. +</p> + +<p> +Und Einer sprach: „Das ist der ewige Jude, +Ahasver, der Zweifel des Menschen, der nicht ruht. +Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene +selbst für Hirngespinste erklärt. So er die Hand +in die Seite legte und die Wundenmale rührte mit +seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut Farbe +ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser +wird niemals selig und wandert bis an’s Ende +der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn +Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in +ihm war und immer gewesen ist von Anbeginn.“ +</p> + +<p> +„Werden Alle finden?“ fragte er eifrig. +</p> + +<p> +„Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht +sucht.“ +</p> + +<p> +„Lass mich den sehen, der nicht findet,“ bat er. +</p> + +<pb n='277'/><anchor id='Pgp277'/> + +<p> +„Es ist zu schrecklich zu sehen für menschliche +Augen. Sie können ihn nur ausdrücken in dem, +was sie nicht kennen. Er ist die Nacht.“ +</p> + +<p> +Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. +Sie drang in seine Seele ein wie das Gefühl eines +hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der +Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss +von der Stirne rann, und wie er fiel, waren es +Tropfen Blutes. +</p> + +<p> +... Damit kam die Morgenröthe und die Sonne +ging auf. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='278'/><anchor id='Pgp278'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Das fuenfzehnte Kapitel."/> +<head>Das fünfzehnte Kapitel.</head> + +<p> +Aber um diese Zeit war das Gerücht von ihm +sehr gewaltig geworden. +</p> + +<p> +In der Hauptstadt erschütterten die Predigten +Fritz Kuhlemann’s, der mit starker Stimme sprach. +Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn +die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen +ging durch die Völker. Schweres Unheil, Empörung +und Blutvergießen lag in der Luft, so die +Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre +anerkannten von der Theilung der Güter, der +Brüderschaft aller Sterblichen. Er sprach: „Es ist +Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern +zu bekriegen, die Stimme des Volks zu ersticken, +die mächtig spricht. Solches thun die Thiere nicht, +die von demselben Blut und gleicher Art sind. +Seid Ihr nicht besser denn Thiere? Wehe den +<pb n='279'/><anchor id='Pgp279'/>Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und +es auf Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker +mit Schulden bedecken, dass er nicht Frucht bringen +kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die +Erde geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfähle +setzt so und so weit und Zäune zieht, +dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die +Luft und das Wasser sind des Herrn. Euer aber +ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines Geschlechts.“ +</p> + +<p> +So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die +Leute zuliefen in grossen Massen. Kein Raum und +kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhörer +zu fassen. Wo man sie zurücktrieb, kamen Neue. +Das Volk ward drohend, dass man seinen Prediger +antaste. Dröhnend wie Schlachtdrommeten +klang seine Rede. Er trug einen härenen Rock +und nährte sich nur von Nahrung der Pflanzen. +Was er verzehrte, gewann er von seiner Hände +Arbeit, denn wilde Kraft des Volkes lebte in +diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig +mit dürren Händen und Armen, gedachte +man der alten Prediger in der Wüste. Seine +Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken +und Nachtwachen war sein Haar grau geworden. +Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er +<pb n='280'/><anchor id='Pgp280'/>in einer Stadt fertig geworden war, wanderte er +die Nacht über zu einer andern. +</p> + +<p> +Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl +sein Zeugniss: „Ihr nehmt dem Armen +scheffelweis. Dann straft und hängt Ihr für das, +was er Euch wiedernimmt in Körnern. Ihr predigt +Demuth und freut Euch an dem, der vor +Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden +Knieen. Vor Gott beugt Ihr die Knie, auf dass +vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht +willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr +über Eure schlechten Thaten, Kriege und Händel, +dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. +Ihr behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist +Eure List, die Ihr fein und schneidend schleift am +adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht +den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Säcke +tragen soll. Dann sprecht Ihr noch: Seht meine +Langmuth und Gütigkeit, dass ich nicht würge, +wo ich doch würgen könnte. Der Aermste trägt +alle Beschwerde. Ihr wischt Euch die Stirn, sprecht +von Eurem Schweiss, Nächten, die Ihr hingebt für +Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffüllt +für Euch und Eure Söhne. O Ihr Heuchler +und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine +ver<pb n='281'/><anchor id='Pgp281'/>schluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch +schwerer macht, vom Gift, das Euch tödten müsste, +fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid erkannt in +Eurer Nacktheit. In Eurer Lüge steht Ihr frierend +und ganz hülflos.“ +</p> + +<p> +Also trieb er die Gegner vor sich her mit +harten Worten. Ein mächtiger Schrecken ging von +ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, +die in der activen Armee standen, und man +fürchtete, dass diese im Fall eines Kampfes ihre +Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame +Sache machen würden mit dem Volk, denn des +grossen Führers Wort war überzeugend. Er scheute +sich nicht und nannte die Dinge mit deutlichem +Namen wie sie waren. Und Niemand war, der +ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten +Gründen, noch mit Gewalt. +</p> + +<p> +So dass davon bewegt wurden bis in die +höchsten Schichten, Regierungen und Ministerien. +Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte +da eintreten in die Verwaltung. Man würde Verbesserungen +machen, Vorschläge aufstellen, dass +die Ungerechtigkeit beseitigt würde, Zufriedenheit, +genug zu essen sei im Lande. +</p> + +<p> +Er aber schlug Alles aus und stiess diese in +<pb n='282'/><anchor id='Pgp282'/>die Enge mit harten Worten: Dass sie halb wären +und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch +flicken wollten mit alten Lappen, klaffende Löcher +verkleben mit Pappe von papiernen Acten, Kleister +von Speichel: „Ihr selbst müsst weg zunächst aus +dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft +werde und Bewegung, das Neue sich nicht zerbreche +am harten Stein des Gewordenen, von der +Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme.“ +</p> + +<p> +Dieses hörten sie ungern. Da er aber sehr +laut sprach, das Volk ihm anhing, machten sie +einen andern Versuch. Er ward zum Fürsten befohlen, +dass er diesen selbst spräche, vor der +höchsten Majestät, so er dessen fähig sei, zeugte +für die Richtigkeit seiner Ansprüche. +</p> + +<p> +Dieser, der noch ein junger und rechtlicher +Monarch war, empfing ihn freundlich. Er hatte +auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle, +beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, +auf ihm aber als dem Höchsten die Verantwortung +ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das nicht +angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften +bestrebte, auch zu Gott betete, bevor er Urtheil +abgab in den grossen Sachen, die über +<pb n='283'/><anchor id='Pgp283'/>Tod und Leben waren und Leben und Tod vieler +Tausende. +</p> + +<p> +Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! +Du bist ganz und gar unfähig zu urtheilen, im +Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und +Tausende. Siehst Du die Seelen der Menschen, +vom unschuldigen Kindlein an, wie es war, dass +sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob +es eine Krankheit im Blut gewesen sein mag, +Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit +der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung +trägst? Das Gericht wird gesprochen +in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst +Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine +Erklärung an. Ihr Beide steht für Eure Völker, +das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner +solche Beschwerung ernstlich übernehmen? Und +wie Du zerbrechlich und von elendem Staube bist, +in Schmerzen geboren, krank eines Tages und +einen andern gesund, sterben musst und Dein +Leib wird Würmerspeise, so sind Deine Brüder, +nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es +Gottes Wille, dass der Eine herrlich gehen sollte +in Purpur und Sammet, der Andre wie ein +Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn +<pb n='284'/><anchor id='Pgp284'/>ein Vieh, da er nicht hat seine Blösse zu bedecken.“ +</p> + +<p> +Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der +That beklage, auch sich selbst nicht für besser +hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer +der Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es +würde sonst Alles Unordnung und Anarchie. +</p> + +<p> +„Unordnung und Anarchie ist schon in der +Welt,“ sprach der Mann des Volkes traurig. „Eine +Nation steht gegen die andre. Die stark sind, +überwältigen die Schwachen. Die schwach sind +treten wider die Andern, die noch schwächer sind, +Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit +denn unter Läusen und Ungeziefer, und was das +Recht genannt wird, ist eine neue Waffe, die die +Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz +festzuhalten und den Gar-nichts-Habenden zu +wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen gelingt +es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne +von Sklaven drücken ärger denn die Herrengebornen, +denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind niedrig +wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber +eine hohe Seele hätte, könnte Niedriges nicht um +sich dulden. Es würde ihm unerträglich sein, sein +Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter +<pb n='285'/><anchor id='Pgp285'/>denn der Fussboden unter seinen Füssen, den er +tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte, steige hernieder +von seinem Thron und würfe über ihre +blutige Schmach den blutrothen Purpur seiner +Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein +edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und +recht königlich handelte er, der so thäte, fürstlich +und kaiserlich!“ +</p> + +<p> +Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess +ihn fortführen. „Ich will Dich später hören,“ +sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. +Aber Manches nahm er sich an, hiess auch den +Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit ihm. +Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er +blieb traurig. Die Diener des Königs liessen den +Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die +Aufregung war gross in der Stadt und im Land. +Viele zogen durch die Strassen in Haufen, die Brot +und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten +zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, +sich zu verbinden mit den Empörten. +</p> + +<p> +Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss. +</p> + +<p> +Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem +wundersamen Buch, das ein Unbekannter geschrieben +hatte, oder doch ein Bekannter, denn +<pb n='286'/><anchor id='Pgp286'/>Viele vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen +eines gewissen Doctor Anton Rothe, der +grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann +lange Jahre verschollen war. Man sagte, dass +er sie in wüsten Ausschweifungen verbracht mit +einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind +und auf den Tod krank gewesen Monate lang. +In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben. +Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, +der nicht schreiben konnte. Und siehe! die Zeichen +standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass +Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden +und so nichts vom Lesen und Schreiben +wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. +Es hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In +wundervoller und deutlicher Weise war geschrieben, +wie Christus eintritt in alle Dinge dieser +Welt, das Heilige und Kräftige in der Verwesung, +die linde Sonne, die schafft und leuchtet. Und +schied das Licht von der Finsterniss, und ging +grausam in’s Gericht mit dem, was schön gewesen +war und herrlich, zeigte es klar wie es war in +entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die +Menschheit erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen +das Werk ihrer Hände zerbrachen. +</p> + +<pb n='287'/><anchor id='Pgp287'/> + +<p> +Und schied überall die Finsterniss vom Licht, +die Gedanken von der Form, den Geist vom +Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für +eine kindlichere Zeit. +</p> + +<p> +Und pries die Güte, die reine Unschuld, die +Schwachheit, die das Heldenthum ist. Wie Alles +ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe geboren +ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. +Es muss verbrennen und immer mehr wegbrennen +in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts +mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare +Licht in Gott. Einige sehen es schon im Leibe. +Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist +der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. +Das Feuer des Leidens ist die Läuterung. +</p> + +<p> +Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen +Qualen seines Leibes und Gewissens, +dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. +Er sah nun und niemals wieder würde +ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz kleine +Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, +flackern nicht unruhig wie die der Menschen. +</p> + +<p> +Aber ein solch wundersames Buch war nicht +geschrieben seit die Welt stand. Und zeigte den +Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend, +<pb n='288'/><anchor id='Pgp288'/>durch alle Zeiten und Alter, wie er Form und +Blut geworden in Golgatha, und floss in herrlicher, +schimmernder Fluth. Um die Häupter der +Heiligen, niedrige Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, +Bastillestürmer. ... Immer mit nie +fehlender Sicherheit der Gang zum Licht. +</p> + +<p> +Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: +Friede auf Erden und den Menschen ein +Wohlgefallen. Gold – das Reichste, daran des +Menschen Herz hängt, Weihrauch, der den Aufschwung +der Seele begleitet, und Myrrhen, die +feinste, edle Blüthe der schönen Künste. +</p> + +<p> +Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache +geschrieben, die wie Gesang ging. Die Worte +waren einfach und tief, dass die Weisesten davor +ehrfürchtig standen und die Einfältigen sie fassen +konnten. Die Kraft dieser Worte war wie ein +zweischneidendes Schwert und ihre Süsse süsser +denn Honig, feinster Duft der Blumen. +</p> + +<p> +Ein solches Buch war nicht geschrieben worden +und es stand leuchtend und in Erz gegraben, +was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, +seine Strahlen wurden rother und inbrünstiger. +Alle rothe Wuth und Finsterniss der Welt konnte +das leuchtende Buch nicht umstossen. +</p> + +<pb n='289'/><anchor id='Pgp289'/> + +<p> +Wie auf das Volk die Rede des grossen +Socialisten, so wirkte das Buch auf die Gebildeten. +Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre +Güter abgaben und niederstiegen zu den Geringen. +Die Frauen richteten sich auf in leuchtender Keuschheit. +Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen +geleistet, wurde wieder die herrlichste der +Tugenden. Maler und Bildner ergriffen begeistert +Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach +der leuchtenden Schönheit, wie er nie gewesen. +Ahnend standen die Völker vor den Werken der +Geweihten, denn solche Schönheit war nicht gesehen +worden. +</p> + +<p> +Und jubelnd noch einmal schwang der Sang +des Unbekannten sich auf, im schwindelnden Adlerflug +der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue +Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. +Die Farben steigen an in Tonleitern, Symphonieen +des Glanzes schwingen sich schwirrend, der trunkne +Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im tönenden +Reigengesang der Edelsteine. Zum schmetternden +Tedeum vereinen sich die Lichtspender. +</p> + +<p> +„Der erste Grund war ein Jaspis, der andre +ein Saphir, der dritte ein Chalcedonier, der vierte +ein Smaragd. +</p> + +<pb n='290'/><anchor id='Pgp290'/> + +<p> +„Der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein +Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein +Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein +Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwölfte +ein Amethyst. +</p> + +<p> +„Und die zwölf Thore waren zwölf Perlen und +ein jeglich Thor war von einer Perle; und die +Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend +Glas. +</p> + +<p> +„Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn +der Herr, der allmächtige Gott ist ihr Tempel und +das Lamm. +</p> + +<p> +„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des +Mondes, dass sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit +Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das +Lamm. +</p> + +<p> +„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln +in demselben Licht; und die Könige auf Erden +werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen. +</p> + +<p> +„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des +Tages, denn da wird keine Nacht sein.“ +</p> + +<p> +... Und es war ein Jüngling in einer Stadt +desselbigen Landes, der hatte die Schönheit gesucht +sein Leben lang. Denn er dachte richtig, +dass, wer die Wahrheit findet, der Schönheit nahe +<pb n='291'/><anchor id='Pgp291'/>ist und es keine andre Wahrheit giebt denn in +der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er +sie gesucht in der Schönheit des Gedankens. Dann +hatte er zu der Schönheit des Fleisches gebetet, +denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten +und die Form höher denn das Wort; aber das +Alter und die Unvollkommenheit nehmen alle +Schönheit hinweg. +</p> + +<p> +Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr +hohen Berge war. Die ganze Nacht war er den +Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine +Hände zerrissen, dass sie bluteten. Er war gestolpert +im Finstern. Die Steine hatten seine Kniee +zerschlagen, dass sie matt und wund geworden +waren unter ihm. Oft war er irre gegangen. +Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel +tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. +Seine Augen waren wie blind, dass er die Hand +nicht sah vor seinen Augen. +</p> + +<p> +Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihm +<anchor id="corr291"/><corr sic="tand">stand</corr>. Aber er fiel vor ihm nieder und hob die +Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich +sehen die grosse Schönheit Deines Antlitzes und +sterben.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber +<pb n='292'/><anchor id='Pgp292'/>hüte Dich wohl, dass der Schrecken Dich nicht +niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit +ist schrecklich wie der Adler.“ +</p> + +<p> +Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das +fuhr dahin über seinem Haupte. Kreisende Sterne +sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den +Saum Seines Kleides. Seine Stimme glich dem +Donner und das Zucken Seiner Brauen war der +Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie +von tausend Winden. +</p> + +<p> +Er fiel auf den Boden wie betäubt und der +Blitz fuhr über ihn hin. +</p> + +<p> +Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr +lieblich und klingend aus goldner Ferne. Er sah +einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit +seiner prangenden Glieder. Der Bogen +hing über seiner Schulter und die Leyer lehnte zu +seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren +lockender wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten +Veilchen. Die wilden Thiere des Waldes kamen +angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber +das Antlitz des Jünglings blieb marmorn. +</p> + +<p> +Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst +Du mich?“ Er sah einen Mann am Kreuze +hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und +<pb n='293'/><anchor id='Pgp293'/>seine Arme blieben ausgestreckt; denn die Schwere +seines Körpers war zu gross für seine Arme. +Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von +den Dornenmalen. Es floss aus seiner geöffneten +Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und +die Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber +der Mund blieb weit gezerrt. Der Mund schrie +in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“ +</p> + +<p> +Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: +„Herr! Ich kenne Dich. Du bist schön und der +Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine +Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich +bitte Dich, dass Du mir zeigest Deine letzte +Schönheit.“ +</p> + +<p> +Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. +Seine Wunden wurden Rosen und die Rosen fielen +im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um +seine Stirn waren Strahlen, die aus seiner Stirn +brachen wie Sonnengluth. Vom Gold dieser Strahlen +wurde die Welt warm und tönend. – Aber die +Schlange war der Strick, der ringelnd niedersank. +</p> + +<p> +Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum +des Lebens aus dem Paradiese. Und Er streckte +seine Hand aus und brach von ihm die Frucht +der Erkenntniss, die roth war vom Blut des Lebens, +<pb n='294'/><anchor id='Pgp294'/>in der Form des Apfels, der den Samen birgt. +Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“ +</p> + +<p> +Da fiel der hin wie sinnlos. +</p> + +<p> +Als man diesen aufhob, waren seine Augen +blind. Er sah niemals wieder und seine Haare +waren weiss geworden wie die eines sehr alten +Mannes. Aber er hatte die Dinge geschaut, die +unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem Herzen +und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der +bald kam. Denn er hatte in einer Stunde das +ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des +Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen +sind schwach. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='295'/><anchor id='Pgp295'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das sechzehnte Kapitel.</head> + +<p> +Aber seine Feinde waren sehr thätig und +machten böses Geschrei wider ihn. +</p> + +<p> +Denn es war grosse Aufregung im Lande. +Die Hungrigen und Arbeitslosen thaten sich zusammen +auf den Landstrassen, zogen hin und her +und forderten Brot mit lauter Stimme. Es kam +auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man +Fabriken und Lagerräume verwüstete, Läden der +Bäcker und Fleischer plünderte. Wo man auf der +einen Seite die Empörung niedergeschlagen mit +Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die +Flammen wieder auf. +</p> + +<p> +Auch bestand eine Art Verbindung zwischen +den Arbeitern aller Länder, dass sie sich zusammenthun +und Gewalten umstürzen wollten. +Die Einen gaben Geldmittel für die Andern, die +<pb n='296'/><anchor id='Pgp296'/>feierten. Man vereinigte sich in Kongressen, +Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen +Ausstand. +</p> + +<p> +So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe +war im Lande, denn Viele auch der Gelehrten und +Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, +die Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz +allgemein machen sollte, Andre eine Verstaatlichung +der grossen Betriebe und Waarenhäuser. +Viele aber gar die ganze Theilung, wie +es die armen Leute auf ihr Programm geschrieben +hatten. Und waren bereit für ihr Theil anzufangen, +mitzugehen mit diesen. Es gab selbst Priester +der herrschenden Kirchen, die kühn ihren Mund +aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen +von Habsucht und Wollust. Die Armen aber +nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, dass +ihre Sache gerecht sei. +</p> + +<p> +So befand sich Alles in Unordnung. Einige +zogen hierhin, die Andern dorthin. Welche +sprachen: „Morgen wird die Befreiung kommen. +Sie wird kommen durch Waffengewalt, denn wir +sind Viele. Sie aber sind Wenige. So wir dazu +kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, +sind wir ihnen überlegen zehnfach +<pb n='297'/><anchor id='Pgp297'/>und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir +müssen nur einstehen Einer für den Andern und +unser Pulver trocken halten.“ +</p> + +<p> +Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass +sie zusammenhielten. Denn von den Führern +suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und +hin über die einzelnen Sätze. Die Rivalität der +Nationen machte sich geltend, auch eine Frage +der Geschlechter, da die Männer die Weiber nicht +wollten als voll gelten lassen, diese aber wiederum +sprechen und Herren sein wollten wie Jene. +</p> + +<p> +In den gelehrten Büchern und Blättern stritten +sie sich gleichfalls. Der Eine warf dem Andern +niedre Beweggründe und Tücken vor. Es waren +nicht Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es +wohl meinten, waren schwach und träumten. Die +Andern aber wühlten und zeigten sich sehr thätig. +</p> + +<p> +Das ganz rohe Volk drängte zu Thaten. Sie +sprachen: „Es ist besser wir sterben, als wir +tragen dies Leben länger, das schlimmer ist wie +der Tod, und setzen Kinder in die Welt, die Last +weiterzutragen mit gekrümmtem Nacken wie wir.“ +</p> + +<p> +Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. +Sie sprachen: „Lasst uns trinken! Wenn wir uns +Muth getrunken haben, wollen wir gehen und +<pb n='298'/><anchor id='Pgp298'/>todtschlagen!“ Und schlugen blindlings drauf los, +wen sie fanden. Die man ihrerseits schlug und +gefangen setzte wie wilde Raubthiere. +</p> + +<p> +Auch zu dem Fremden kamen Etliche von +Solchen. Sie sprachen: „Sei Du unser Führer! +Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter +Dir herziehen und Du sollst unser Fürst sein.“ +Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter entstellt +waren von Lastern. Der Geist des Branntweins +war in ihren Augen. Ihr Athem roch +schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. +Alle ihre Bewegungen waren obscön. Sie schrieen +nach Weibern und Trunk. So sie solche hatten, +nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht +anders waren sie denn Schweine. +</p> + +<p> +Und er antwortete ihnen kein Wort. +</p> + +<p> +Sie sprachen: „Du verachtest uns, weil wir +schmutzig sind und übel riechen. Sind wir +nicht ebenso gut und besser denn Jene, die +sich mit Seife und Salben waschen, süsse Weine +trinken?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Ihr seid nicht besser. Ihre Hände +sind gewaschen. Sie brauchen nicht rohe Worte. +Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften +sind in ihren Händen wie gute und +ge<pb n='299'/><anchor id='Pgp299'/>horsame Pferde. Sie wissen genug, um voraus +zu denken und rechnen zu können. Ihr Wissen +giebt ihnen die Grenze und Wirkung ihres Thuns. +Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos.“ +</p> + +<p> +Dann sprachen Einige: „So bist Du also ein +Vornehmer und hältst es mit den Reichen und +Mächtigen?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Die Mächtigen und Reichen haben +andre Laster wie Ihr. Sie lügen, wo Ihr roh seid. +Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit +scharfen und unnatürlichen Sachen. Wo Ihr dem +Augenblick folgt, rechnen sie mit List und legen +Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib +und Blut, lässt wohl sein Leben. Der Reiche +zittert für seine Güter. Nichts Lieberes ist ihm +als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu +verlängern, noch im Tode mit Denkmälern und +Bildsäulen sich ehrt, so er doch todt ist, nichts +wie Staub und Würmer. Der Arme ist weit ab vom +Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche +ist weiter entfernt.“ +</p> + +<p> +Sie sprachen: „Sage uns, was ist das Reich +Gottes?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Was Ihr Glück nennt, Frieden in +uns und ausserhalb.“ +</p> + +<pb n='300'/><anchor id='Pgp300'/> + +<p> +Sie sprachen: „Wer hat das Glück? Und wie +sagst Du, dass der Arme ihm näher ist als der +Reiche?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Der Reiche hat viele Bedürfnisse. +So er nicht sein festes Haus hat, Pferde und +Dienerschaft, ein köstliches Essen, wie mag er sich +freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der +unter freiem Himmel nächtigt, braucht kein Dach. +Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches +nicht. Wem Wasser genügt, was soll ihm der +Wein?“ +</p> + +<p> +Sie sprachen: „Das ist ganz thöricht. Wir +wollen Alle in Schlössern wohnen, Fleisch essen +und Wein trinken alle Tage.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Seht zu, wo Ihr es findet,“ wandte +sich von ihnen und sprach nicht mehr. +</p> + +<p> +Zu ihm kamen Andre, die sich klug dünkten, +sprachen: „Wir wissen sehr wohl, dass Du recht +hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des +Menschen. Mit ihm erfindet er, verbindet Meere +und Erdtheile. Sieh das System, das wir aufgebaut +haben, darin das Glück ist und Wohlleben +für Alle.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Der Stein ist geduldig. Er trägt +die Marke, die man ihm eingräbt. Wie wollt +<pb n='301'/><anchor id='Pgp301'/>Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die +Kräfte der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr +ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr Herr; weil er +ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, +den sie trägt. Kennst Du das Gesetz, das den +Knaben leitet zum rothen Mord oder die tugendsame +Jungfrau zur Buhlschaft?“ +</p> + +<p> +Sie sprachen: „Wir kennen es nicht.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Es giebt kein Gesetz, das gut ist +für Alle. Aber das Gute ist in Allem. So Jeder +gut thut, ist Alles gut.“ +</p> + +<p> +Das verstanden sie nicht und sprachen: „Es +wird immer Schlechte geben.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „So lange es sie giebt, ist Nichts +gut.“ +</p> + +<p> +„So sollen wir gar nichts thun, die Hände in +den Schooss legen?“ fragten sie nun. +</p> + +<p> +Er sprach zu dem, der das sagte: „Thue Du +für Dich! Mächtiger denn viele Worte spricht +das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn +tausend Gleichnisse. Einer, der stirbt für sein +Leben, schafft zehnfaches Leben.“ +</p> + +<p> +Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie +murrten gegen ihn: „Das haben wir längst gewusst. +Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne. +<pb n='302'/><anchor id='Pgp302'/>Es ist nichts gekommen aus ihr und hat sich nichts +geändert, seit die Sonne scheint.“ +</p> + +<p> +Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: +„O dass Ihr hasstet oder liebtet! Aber es ist nur +Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die +Sonne nicht vor so vielem künstlichen Licht. Rom +war besser und Babylon war edler. Im blutrothen +Blut müsst Ihr roth werden! Von den Flammen +Eurer Städte und Häuser werden in Euch Flammen +aufschlagen! O Ihr armseliges Geschlecht in Eurem +Reichthum! Würmer und Elende in all’ Eurer +Kunst!“ +</p> + +<p> +Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. +Der sass vor seiner Hütte in der Abendsonne. +</p> + +<p> +Wie er vorbeiging, grüsste ihn der alte Mann. +</p> + +<p> +Er sprach: „Lass mich trinken und gieb mir +zu essen von Deinem Mahle.“ +</p> + +<p> +Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, +Brot und eine reife Frucht von den Fruchtbäumen, +die vor seiner Hütte wuchsen. +</p> + +<p> +Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung +Winter und Sommer. Ich nehme niemals +andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über +meine Lippen. Und Frucht der Traube nicht, deren +Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und +ge<pb n='303'/><anchor id='Pgp303'/>sund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine +Hütte nicht betreten, seit ich diese Lebensweise +annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. +Ich trage mein Holz selbst und reinige meine +Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich mir mit meinen +Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es +kalt ist, und ein leinener für den Sommer. Wasser +reicht mir die Quelle vor meiner Hütte. Mit meinen +Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die +um mein Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst +bestelle, giebt mir mein Brot. Meine Thiere sind +meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn +ich einsam bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre +Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb, das geboren +wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. +Sie kennen keine Scheu und keine Furcht. Selbst +die wilden Thiere des Waldes kennen mich und +kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. +Die scheuen Vögel unter dem Himmel setzen sich +auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und erzählen +ihre unschuldigen Geschichten.“ +</p> + +<p> +Damit streckte er seine Hand aus. Kleine +Meislein und Rothkelchen, die hüpften und liefen, +kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie +pickten an seinen Lippen, als ob sie anfragen +<pb n='304'/><anchor id='Pgp304'/>wollten, setzten sich auf seine Schulter und klappten +mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten +heraus ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus +seiner Hand. Die furchtsamen Hasen machten friedliche +Männchen, putzten und überschlugen sich. +</p> + +<p> +„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte +Mann. „Meine Kinder, weil sie schwächer und +unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist +nur scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu +leben haben, wo sie ihre Nahrung finden. Sie wissen +auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; +nur sie <hi rend='gesperrt'>wissen</hi> es und sorgen nicht. Höre!“ +</p> + +<p> +Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende +Weise. So lieblich, so voll Klage und schmelzendem, +lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit +treuen, verständigen Augen. +</p> + +<p> +„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig +macht für die Fortsetzung dieses armen, kleinen, +lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in +einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den +sie preisen aus ihren kleinen Kehlen, mit dem +stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind +die Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich +die Menschen sie verachten, sich klüger dünken in +ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“ +</p> + +<pb n='305'/><anchor id='Pgp305'/> + +<p> +Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und +Demuth zu finden in einem alten Mann. Ein +wundersamer Mann war er, mit der grossen, +viereckigen Stirn, die das Denken ausgearbeitet +hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar und +Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein +Bauer und war doch ein Herr. Ruhende Stärke +lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber +er blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des +Rehs, wo es weich ist unter dem Hals des Thiers. +</p> + +<p> +Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die +andern Menschen. Hochmüthig und geschäftig, +verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie +ich wollte. Geschäfte der Könige wollte ich thun +an Fürstenhöfen. Ich wollte weise sein wie ihre +Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. +Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen +geküsst. Ich habe um Reichthum gesorgt und gerafft. +Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes +bedarf, und Alles zu geben hat den Andern. +</p> + +<p> +„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel +das schlanke Spiel der Wörter, dass sie sich +verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter – +auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose +Strohhalme. Farben liebte ich, die die Worte +<pb n='306'/><anchor id='Pgp306'/>lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne, +die rufen, die locken und befehlen, weinen machen +und lachen, wie es der Zauber verfügt, der sie +Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am +Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe +meiner Bilder. Meine Worte waren klingelnd wie +Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. +– Alles ist eitel. <hi rend='gesperrt'>Eine</hi> Kunst giebt es zu thun, +was recht ist. Eine Farbe der Wahrheit. Einen +Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du +wiedergefunden? Lass mich hören, dass ich weiss, +ob es der rechte ist.“ +</p> + +<p> +Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten +klang er am See. Am See, der zwischen +den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen +in himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter +klingt es als Wahrsang. Wir zählen die Jahre. +Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. +In blinkenden Fabeln von Wissen und +Kunst. – Es giebt nur den. Niemals ward er +vollkommen.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du +gefunden. In ihm liegt Alles. Erfüllung und +Leben.“ +</p> + +<pb n='307'/><anchor id='Pgp307'/> + +<p> +„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. +Dreierlei seh’ ich die Zeiten zu deuten: Dass +Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung +erleiden, Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, +ihr Wissen ist eitel im weiseren Wissen. +Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die +Frauen erwachen, die stark sind und künden. – +Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle gefunden. +Der Tod ist ihm Freund, der das Leben +erkannt. Ich sitze hier und warte des Todes. Des +Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“ +</p> + +<p> +So nahmen sie Abschied. Der alte Mann +sass ganz still auf der Bank vor seiner Hütte. +Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er +sah in die rothe, sinkende Sonne. +</p> + +<p> +Die Sonne sank. +</p> +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='308'/><anchor id='Pgp308'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das siebzehnte Kapitel.</head> + +<p> +Dies geschah, als eine Empörung kam im +Lande. +</p> + +<p> +Die Armen wollten nicht Hunger leiden und +arm sein mehr. Es gab eine grosse Anzahl der +Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die +Zeiten schlecht waren. Man hatte eine solche +Fülle der Güter in den vergangenen Jahren auf +den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren +kaufen wollte. Das Korn lag in den Speichern +und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren Preisen +verkauft, weil die Händler nicht wussten was zu +thun mit den Massen ihres Viehs, Einige riethen +es todtzuschlagen und zu vergraben. Während die +Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen +Banden, Weiber und Kinder, müssig vom Morgen +bis zum Abend, denn sie sprachen: „Was nützt +<pb n='309'/><anchor id='Pgp309'/>es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns +essen und trinken und todtschlagen, denn morgen +sind wir todt.“ +</p> + +<p> +Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten +und Militair. Sie vertilgten Viele von ihnen +und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass das +Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Köpfe der +Fallenden sich zerschlugen am harten Stein. Ihr +Gehirn stürzte aus den Schädeln gleich Wasser +aus festen Töpfen. Von Geschrei und Wehklagen +war die Luft erfüllt wie in einem Schlachthause. +</p> + +<p> +Es kam aber auch vor, dass welche von den +Soldaten ihre Helme und Röcke wegwarfen, zu den +Feinden übergingen, neben welchen sie kämpften +auf hohen Barrikaden, in engen Strassen, die man +versperrt hatte mit umgestürzten Wagen, Matratzen +und Möbelstücken aus den Häusern. +</p> + +<p> +Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die +Andern machten Jagd auf ihre früheren Kameraden, +schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab +keinen Pardon mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel +war furchtbar, dass alle Häuser gefüllt +waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst +die Leichen verschonte man nicht, übte an ihnen +<pb n='310'/><anchor id='Pgp310'/>grausame Verstümmelung, dass viele zarte Frauen +und Mädchen den Verstand verloren vom Grauen +des Anblicks. Die Leute, die sich verloren sahen, +tödteten sich lieber selber, ehe sie sich dem Feind +übergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss, +zusammenpackte in den Gefängnissen, getödtet zu +werden oder gerichtet zum Leben, wie es der Richter +recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen +von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod +lieblich und glorreich dünkte gegen Zuchthausarbeit +und Ketten. +</p> + +<p> +Solches kam auch vor den König und verdross +ihn sehr in seinem Herzen, bekümmerte ihn, dass +er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in +der Nacht. +</p> + +<p> +So liess er sich den grossen Prediger der +Socialisten holen, den er noch immer im Gefängniss +hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen +ihn vorlag, wollte man ihn doch nicht freilassen. +Seine Name ward geschrieen auf den Strassen. +Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand +zwischen ihm im Gefängniss und seinen +Anhängern ausserhalb. Diese forderten laut, dass +man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte +zur Abschreckung der Andern, weil er +wohl<pb n='311'/><anchor id='Pgp311'/>bekannt war, sein Name als eine Fahne diente, +der sie Alle folgten. +</p> + +<p> +Dieser sprach unerschrocken vor dem König. +„Es ist Deine Schuld so gut wie dieser, wenn +sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten +als Thiere in Unwissenheit und Rohheit.“ +</p> + +<p> +Der König sprach: „Ich will ihnen ja geben. +Aber ich kann ihnen nicht Alles geben.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Es ist viel wichtiger, dass Du +giebst, denn was sie nehmen. So lange Einer +hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner +hat, sich sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle +zufrieden. Ausserdem dass es Deiner eignen +Seele gut ist.“ +</p> + +<p> +Davon wollte er nichts hören, schickte ihn +immer und immer wieder weg. Aber wenn seine +Bekümmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig +in ihm, schickte er von Neuem und liess ihn +holen. Und wollte nichts hören, wenn seine Räthe +drängten, sie sprachen: „Wir haben den Beweis +und den. Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein +Hochverräther.“ +</p> + +<p> +So dass ein Gerede ging im ganzen Land: +„Der Drechslergeselle ist mehr denn unser König. +Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat.“ +</p> + +<pb n='312'/><anchor id='Pgp312'/> + +<p> +Sie verbreiteten dies Gerücht mit Fleiss bis zu +den fremden Königen, dass diese Briefe schrieben, +sich darüber bewegten. Alle sagten: „Er hat keine +Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in +die Hände dieses Aufrührers gegeben, der ihn am +Narrenseil führt, eine Herrschaft der Bettler errichtet +über seinem Thron.“ +</p> + +<p> +Seine Räthe beeilten sich, dieses Gerede wieder +vor den Fürsten zu bringen, denn sie wussten, +dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste +wie glühendes Eisen. Er hielt viel auf seine +Würde, die er von seinen Vätern ererbt hatte, +und war noch ein junger Fürst, solchen Tand der +Majestät gewohnt von Jugend auf. +</p> + +<p> +Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten +seine Schuhsohlen, während sie ihm grobe Schmeicheleien +sagten. „Dein Angesicht ist strahlender +wie die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss +sterben und <anchor id="corr312"/><corr sic="verkümmern.">verkümmern.“</corr> Sie priesen seine Weisheit, +die grösser sei denn die aller Gelehrten und +Weisesten im Land. Aber seine Macht war grösser +als aller Könige ringsum. So er nur wollte, war er +der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde +blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren +würde ihm folgen auf allen seinen Fahrten. +</p> + +<pb n='313'/><anchor id='Pgp313'/> + +<p> +Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich +den Reformator zu verringern: „Wer ist dieser +Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner, +der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. +Wie wagt er zu Dir zu sprechen, den Gott +selbst gesalbt hat! Könige sind gewesen von Anbeginn +der Zeiten. Wer wird die Macht haben, +wenn Du sie nicht hältst? Vielschwätzer, armselige, +kleine Krämer und Pillendreher? Man +denkt, dass Du ihn fürchtest. Der Aufruhr zieht +neues Blut aus seiner Gegenwart, weil Keiner +denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein +Schweigen Recht giebt. Du selbst bist erschüttert +in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein heiliges +Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, +der Höchste der Sterblichen, ihnen zu Dienst und +Anbetung gesetzt von oben.“ +</p> + +<p> +So peinigten sie die Seele des Fürsten, beugten +sich in den Staub, gaben grosse Feste. Böller +donnerten, Fahnen wehten. Man brachte köstliche +Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in +glänzenden Uniformen mit blinkenden Waffen defilirten. +Das Zucken seiner Wimpern war für +sie Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt +Tausende. +</p> + +<pb n='314'/><anchor id='Pgp314'/> + +<p> +So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: +„Es ist Alles zum Besten eingerichtet. Da sieh +doch! Und höre den Jubel meines Volkes bei +meinem Einzug.“ +</p> + +<p> +Der Gefangene aber blieb fest. „Es ist nicht +gut. Von Dir wird gefordert werden Gut und +Böse.“ +</p> + +<p> +Dass sie sich nicht einigen konnten, der König +ihn wegschickte im Aerger. +</p> + +<p> +Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu. +</p> + +<p> +Als er nach seinem Jugendfreund Johannes +fragte, der sein bester Geselle gewesen war, Rathgeber +in allen Dingen, – und er hatte keinen +lieberen Freund wie ihn oder einen, der gerechter +war und weiser, – sagte man ihm, dass dieser +sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen +in seinem Hause und antwortete Niemandem, +nicht seinen Eltern, die ihn mit Thränen +beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn +sorgten, auch nicht den Vorgesetzten, die ihn zu +den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass +Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, +die seltsamsten Gerüchte über ihn umgingen in +der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte +er mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr +<pb n='315'/><anchor id='Pgp315'/>zu essen und beobachtete sie lange auf ihren +Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe +zum Feuer und schlief da zusammengerollt mit +eingezogenen Krallen, während er wachend dachte, +das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz +verwildert war er in seinem Aeussern, mit langhängendem +Bart und Haaren, dass alle seine +Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, +grosse und berühmte Aerzte herbeizogen aus +der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele +Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. +Aber er antwortete ihnen gar nichts. Sie konnten +kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden. +</p> + +<p> +Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die +Tochter eines angesehenen und gräflichen Hauses, +wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon +lange im Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen +Prediger, wie kindliche, unschuldige Mädchen fühlen, +ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein +Zeichen zu geben. Nur fehlte sie niemals in seiner +Kirche, jedes kleine Geschenk oder zufällig von +seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf +sie ihn unversehens, stieg sofort die hohe Röthe +der Scham ihr in die Stirn, denn sie schämte sich +ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit +<pb n='316'/><anchor id='Pgp316'/>ihres Leibes, während ihre Liebe doch zugleich +ihr höchste Freude und Seligkeit war, also trefflich +erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor +allen Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren +konnte, weder die Frechen, noch die Lügner. +</p> + +<p> +So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, +oder in ihrer Stube lange zu sitzen mit dem +offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft +und freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, +junges Mädchen, obgleich zart, zierlich gebildet +wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden +Haaren, einer weissen Haut, unter der man die +blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob sie gleich ihre +geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch +nichts. Weil sie so jung war, wollten sie sie +nicht erschrecken, indem sie an die Geheimnisse +des Geschlechts in ihr <anchor id="corr316"/><corr sic="rührten,">rührten.</corr> Vielleicht hofften +sie auch, dass später sich finden würde, was noch +fern war und Zeit hatte. Selbst die alten Eltern +des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen +sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer +Seite sitzen. Denn sie war ein sehr anmuthiges und +feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen +unter Aprilschauern. +</p> + +<p> +Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres +<pb n='317'/><anchor id='Pgp317'/>Geliebten hörte, dass Niemand zu ihm sprechen +könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze, +machte sie sich allein auf, ohne irgend einem +Menschen etwas zu sagen. Sie zog ihr weisses +Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu +dem ersten grossen Fest am Hofe, band ihre +Haare auf, machte sich zurecht also hübsch und +zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und +Unschuld, und ging zu ihrem Johannes hinauf in +die Kammer, wo er sass und brütete. Und die +Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit +grünlichen Augen, putzte sich zierlich und schlug +mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. So satt +war sie geworden von all’ der Milch und dem +guten Fressen, dass ihr Körper rund erschien wie +ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. Seine +Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. +Er starrte aus hohlen Augen und rieb +die mageren Finger hin und her, eine Hand über +der andern. +</p> + +<p> +So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer +Scham und Lieblichkeit. Aber er sah sie gar +nicht, fuhr fort zu starren und die Finger gegeneinander +zu reiben. +</p> + +<p> +Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt +<pb n='318'/><anchor id='Pgp318'/>Euch? Alle Eure Freunde sind in Sorge. Eure +Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, +Euch also schwerkrank und schweigsam zu +wissen.“ +</p> + +<p> +Darauf sah er sie wirklich an, aber immer +noch ohne sie zu sehen, gleichsam als schaute er +durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. +„Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst +Du des Nachts auf Raub aus, wenn es dämmrig +ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem +Blute?“ +</p> + +<p> +Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht +anders glauben, als dass es der Wahnsinn sei, +der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen +in die Augen. Sie sprach mit thränenvoller +Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu Euch +kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau +Ottilia, die Ihr wohl kennt. Ich bin hierhergekommen, +weil mich die Sorge um Euch trieb +und ich Sehnsucht zu Euch getragen lange unter +meinem Herzen.“ +</p> + +<p> +Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte +sie, dass es wohl Zeit sein müsste, ihr Geheimniss +preiszugeben. Sie wollte ihn aufrütteln. Sie fühlte, +dass es für sein Leben wichtig war, wenn er sprach. +</p> + +<pb n='319'/><anchor id='Pgp319'/> + +<p> +Er aber sprach: „Sehnsucht ist nichts. Auch +Nachtwachen ist nicht viel, Fasten und Hungerleiden. +Ich sehne, sehne mich ...“ +</p> + +<p> +So kam sie noch näher an ihn heran, nahm +ihn in ihre Arme. Denn ob sie gleich ein Kind +war und noch sehr jung, fühlte sie doch in ihrer +grossen, reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, +aus diesem ein Ende gefunden würde um jeden +Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand +war kalt wie Eis. Sie küsste seine Lippen. Diese +Lippen waren trocken und ohne Athem, fast wie +die eines Sterbenden. +</p> + +<p> +„Sehnt Ihr Euch nach Liebe,“ sprach die Jungfrau, +„so will ich sie Euch geben, warm und geduldig, +wie ein Weib zu geben vermag. Folgt +mir nach draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint +und die Vögel singen freundlich dem wärmenden +Licht.“ +</p> + +<p> +Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass +die Sonne warm hereinschien. Denn die Fenster +waren verschlossen und verhangen gewesen die +ganze Zeit, und schwere, eiskalte Luft wie die +des Grabes im Zimmer. +</p> + +<p> +Er fuhr mit der Hand über die Stirn: „Liebe +– Liebe ...“ sagte er. „Das ist Liebe einer +<pb n='320'/><anchor id='Pgp320'/>Stunde, Wärme des Lenztags. Ich möchte die +Sonne selbst sehen. – Ich habe Sehnsucht nach +dem Tode.“ +</p> + +<p> +„Der Tod kommt,“ sprach sie freundlich und +ohne Zürnen, obgleich ihr Herz aufschwoll, ihr +weh war zum Sterben. „Aber erst ist das Leben. +Seht, lieber Herr! Alle Knösplein strecken ihre +zarten Blätter. Alle leben und athmen.“ +</p> + +<p> +Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und +legte seinen Kopf auf ihr Herz, dass er ihr Herz +athmen fühlte, die Wärme ihres Busens ihn umfing. +„Du lebst jetzt,“ sagte er langsam. „Aber +Du wirst todt sein. Würmer werden in Dir +wachsen, Du stinkst ...“ Er schleuderte seine +Hände fort, als ob er Würmer von ihnen abschlenkerte. +Seine Nüstern zogen sich zusammen +im Ekel. +</p> + +<p> +Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen +Liebe schrak nicht zurück: „Ich werde auch mit +Euch sterben,“ sagte sie, „aber später. Es ist +noch lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. +Wir werden vereint sein. Alles Fragen, alle Sehnsucht +hört auf im Himmel.“ +</p> + +<p> +Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen +Eindruck auf den Kranken. Er sprang +<pb n='321'/><anchor id='Pgp321'/>plötzlich auf, fasste ihre beiden Hände in den +Gelenken, drückte sie zusammen wie in eisernen +Ringen und schrie: „Das ist nicht wahr. Es giebt +keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen +Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese +Maden sind wir. Ekelhafte, stinkende Maden!“ +</p> + +<p> +Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu +reissen, roh zu lachen, hässliche, unfläthige Worte +auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig und +wohlgebildet früher. Aber die Schwere der Geheimnisse +war zu viel gewesen. Im Rathen über +ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war +jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und +fletschte die Zähne. +</p> + +<p> +Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, +war es zuviel für ihr zärtliches und noch so +kindliches Herz. Sie fühlte wie einen grossen +Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken +ging, ihr Besinnen und Wollen. Sie fiel +ohnmächtig hin. +</p> + +<p> +Dann stürzte er sich auf sie. Er riss sie an +den Haaren. Er zerriss ihre Kleider, zerfleischte +ihr Gesicht mit den Nägeln, trat und beleidigte +sie. „Ihr – Ihr seid der Fluch der Welt,“ stiess +er hervor. „Ihr habt uns zu Grunde gerichtet. +<pb n='322'/><anchor id='Pgp322'/>Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den +Apfel gegessen und nur zur Hälfte? Warum +macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben? +Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! +Wir sind Götter. Wir sind reine Geister. Die +Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth +verkehrt. Ich habe die andre Hälfte wiedergefunden, +die, die Ihr selbst verzehrt habt. Ich +bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin +Gott! Gott! Gott!“ ... +</p> + +<p> +Die Katze mit gesträubten Haaren, auf dem +Kaminsims hockend, sah zu. Ihre Augen funkelten +bösartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. +Als er die Halbgestorbne zurückstiess, sprang sie +ihr an die Kehle und biss sie todt. +</p> + +<p> +Die Andern fanden diesen jungen Mann, der +das todte Kind über seinen Knieen hielt. Er hatte +ihr die Haare wohlgeordnet und Frühlingsblüthen +hineingestreut. Ihr weisses Kleid war über sie +gebreitet wie ein Leintuch. Aus der rothen Halswunde +troff das Blut. +</p> + +<p> +Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte +sie putzend. +</p> + +<p> +„So viel Schönheit,“ sagte er, „so viel Unschuld +und Güte. Das ist nun Alles dahin – dahin.“ +</p> + +<pb n='323'/><anchor id='Pgp323'/> + +<p> +Und weinte über die junge, süsse Maid, nahm +ihre Hände, küsste sie. Und küsste ihre weissen, +kleinen Füsschen in den seidnen Schuhen, die sie +angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem +kindlichem Herzen: Vielleicht, dass dieses mein +Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des +schrecklichsten Todes. +</p> + +<p> +Dann seufzte er sehr tief, sagte: „So vergehen +die Blumen. O süsse Blume! Blume der +Unschuld, der Güte und des Verzeihens! Sie hätte +liebliche, kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel hätten +sie gesegnet. Keinem hast Du je Unrecht gethan. +Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich +bestürzt. Kein Anblick der Hässlichkeit Deinen +Sonnenweg gekreuzt. Weint nicht um sie, denn +ihr ist wohl. Warum weint Ihr?“ +</p> + +<p> +Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank +in tiefes Brüten. Da Etliche die Katze todtgeschlagen +hatten, nahm er den Balg auf, streichelte +ihr zerrüttetes Fell und bettete sie neben +die Jungfrau. Die Hand der Jungfrau lag auf +dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, +Eine wie die Andre, von zierlichen Gliedern, weich +anzusehen und zärtlich in ihrer Geberde. +</p> + +<p> +Dies that er. Niemand konnte ihn hindern. +<pb n='324'/><anchor id='Pgp324'/>Denn es war etwas Besondres in seinem Wesen, +weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob +oder Anschuldigung der Welt. Und that, was er +wollte. Denn es war Niemand, der ihm zuwider +sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that. +</p> + +<p> +Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt +würde um des Todes willen der Jungfrau. Ihre +Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei +Hofe. Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem +Gemüth, das viele Lernen habe ihn verwirrt. Diese +hatten wohl recht. +</p> + +<p> +Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, +dass sie mit Recht zu Schaden gekommen +sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die +einsame Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie +man den Staub auf ihr Grab warf, darin sie begraben +war mit der Katze, blühten daraus Lilien +auf. Also dass das ganze Grab ein Liliengarten +war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied über +der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses +Wunder vor allem Volk. +</p> + +<p> +Er schwieg zu <anchor id="corr324"/><corr sic="Alllem">Allem</corr>. Da er vom Kirchhof +zurückkam, legte er sein Kleid nicht ab und zog +seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s +Fenster und sah in die Nacht. +</p> + +<pb n='325'/><anchor id='Pgp325'/> + +<p> +So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit +Thränen beschworen, seine Eltern, die klagten, +die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die +ihn ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, +sah er gar nicht. Er nahm nicht Speise und +Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und +wartete auf den Morgen. +</p> + +<p> +Zu diesem, da er noch in diesem Zustand +war, kam der Fürst, weil er sein Freund gewesen +und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten +Rath gegeben in allen Dingen. Sein Wort stand +fest wie ein Fels. Und es war eine Regel der +Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes. +</p> + +<p> +Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, +unirdischen, blauen Augen, erschrak er wie alle +die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du +und schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht +draussen.“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der +Morgen kommt. Ich warte auf die Sonne.“ +</p> + +<p> +Und wandte seine Augen wieder gen Osten, +sass und wartete. +</p> + +<p> +Dann veränderte sich sein Benehmen. Er +wurde eilfertig, thätig, voller Freude, scheerte sich +und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern +<pb n='326'/><anchor id='Pgp326'/>gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, +was sie ihm gethan hatten. Als seine alten Eltern +kamen, tröstete er sie mit freundlichen und sonderlichen +Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es +ist bald Zeit für uns Alle, vereint zu sein. Ich +habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen sind +mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen +Bruder der Jungfrau, fast ein Knabe noch, den +er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, +segnete diesen und liess ihn nicht von seiner +Seite. +</p> + +<p> +Es war aber schon die siebente Nacht. Danach +als die Sonne aufging, that er einen lauten +Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin +und war todt. +</p> + +<p> +Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, +die es mit angesehen hatten. Der Fürst blieb +sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht +froh, griff Dieses auf und Jenes, liess es wieder +fallen in der wandernden Unruhe seiner Gedanken. +</p> + +<p> +Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, +vom sengenden Brand der Sommersonne. +Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine +Frische finden, weder auf der Terrasse, noch in +<pb n='327'/><anchor id='Pgp327'/>den Gärten. Die ganze Luft schien mit Feuer gesättigt +und verschlang sich schwer wie stagnirendes +Wasser, das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung +im Magen. Jeden Abend sah man am +Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz +unterging, weil es in den Ausströmungen der +Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein +Regen erfrischte. +</p> + +<p> +Man sprach von einem Brand der Welt. Hass +und Aufruhr schlugen sehr hohe Wogen. Die +sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige +Gedanken von Tod und Orgie. Sie sprachen: +„Lasst uns sterben und saufen.“ +</p> + +<p> +Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. +Aber er wälzte sich rastlos, die Kissen aufwerfend +und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen +Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von +der Hitze, der Schlaflosigkeit langer Nächte, die +seine Lider mit Braun gemalt hätte, dass die +Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen +von Asche. Von den aufgesprungnen, gedörrten +Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern +schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende +Musik. Er hatte Fieber und der kühlende Trank +des Arztes gab keine Labe. +</p> + +<pb n='328'/><anchor id='Pgp328'/> + +<p> +Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das +ruhelose Fieber den jungen Fürsten. +</p> + +<p> +Alle Wände waren mit wundervollen Fresken +und Gobelins verziert, Grossthaten seines Hauses, +Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf feurigen, +sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, +lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das +ausgestreckte Schwert deutete nach vorne. Der +Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich +formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, +der Lindwurm der Unordnung, der Feind. Andre +waren ernsthafter. Sie standen gerade, hierarchisch, +die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. +Eine Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, +die andre den Stab. Ueber der Stirn gleisste +mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, +die grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter +der Geschlechter. Sie hüteten und herrschten. – +Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in +schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig +schien unter dem Eisen der Sturmhaube. Ihre +Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der +schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. +Sie hielten das Schwert in eiserner Faust. +Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste. +<pb n='329'/><anchor id='Pgp329'/>Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen +die schweren Gewänder zu schwer erschienen, zu +weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich +geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner +Knospe. Melancholische schauten mit +Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. +Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des +Gesichts. Das Scapulier hing an ihrer Hüfte. – +Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne +der Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche +Könige trugen zierliche, gestickte Hoftracht. Der +Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das lächelnde +Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: +Wandelnde Fleischmassen, doppelte und dreifache +Kinne, bartlose, saftige Lippen der Wollüstlinge, +kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das +Ganze mit Gold, Purpurstickerei überladen, unter +enormen Perrücken, die sie grotesk und übermenschlich +machten. – Alles das wurde blasser. +Ein Gedanke war hineingekommen, eine gewisse +Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, Resignation der +Andern, unter der gegebenen Maske, derselben +Decoration von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, +– der Mensch, etwas Einzelnes, Abgelöstes, +Persönliches. <hi rend='gesperrt'>Der</hi> war gestorben in der +<pb n='330'/><anchor id='Pgp330'/>Verachtung der Menschen, nachdem er sie gegeisselt +und gegängelt hatte. Dieser hatte die +Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, +die Demüthigung. Jener Junggestorbne wollte +und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen +und klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, +dem fast gemüthlichen Lächeln, lauerte der +Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht +sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie +waren todt. Sie waren traurig und unglücklich. – +Ueber die ging man schnell hinweg, wie über +Kranke, deren Krankheit gefährlich ist und anstecken +könnte. +</p> + +<p> +Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer +Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: Die herrischen +Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, +flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. +Alle diese Jahrhunderte waren in seinem Blut, +ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er +schon vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar +auf einmal – ein so langes Leben! – +eine Kette, eine erstickende Last, drückende +Schwere ... +</p> + +<p> +Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals +gemalt. Sie schickte ihre Strahlen nach allen Seiten. +<pb n='331'/><anchor id='Pgp331'/>Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und ihre +Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. +Goldne Leisten liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, +üppiger Fülle drängten sich Beeren, +Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen +und Wappenschilder mit anspringenden Löwen. +An den Fenstern fielen senkrechte Purpurdraperieen. +Sie fielen in runden, tiefen Falten einer +Tuba. Dunkler, lichtlos erschien der Sammet in +den Wölbungen, tiefroth glühend in den Schatten +zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, +rothe Güsse von Blut, gleichmässig ausgegossen +in immerwährendem strömenden Fliessen. Alles +Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, +ertränkte sich im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, +der alles Licht verschlang, dunkler wurde, +satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, +der Oger der Farben. +</p> + +<p> +Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn +sterbliche Weiber, und über die Grösse der Frauen. +</p> + +<p> +Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender +wie die leuchtende Sonne. Das Gold +schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten +Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss +ihre Arme wie in einem Handschuh. Die +<pb n='332'/><anchor id='Pgp332'/>Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde +wie in Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über +ihrem Leib in gleissender Schuppenbräune. Aber +ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, +aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. +Sie trug einen goldnen Helm auf dem Haupte. +Der war geformt mit überragender Spitze wie ein +Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines +Adlers. Er stieg sehr tief in die Stirn. Die Stirn +war gebunden mit einer purpurnen Binde. Purpurstreifen +fielen nieder von ihrer Schulter und hingen +nieder zu ihren Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen +Leders, die benäht waren mit Edelsteinen +in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung +funkelten und blitzten die Steine, dass +man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet +bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie +trug in ihrer Hand zwei stählerne Schwerter. +Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die +klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei +aus den Purpurstreifen der Schulter. Wenn sie +ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen +Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter +kreuzten sich in der Luft über ihrem Haupte und +beschrieben Kreise, und fielen herunter. +</p> + +<pb n='333'/><anchor id='Pgp333'/> + +<p> +Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit +stählernem Glanz wie des Rabenfittichs, roth vom +aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen +waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer +Diamanten, die purpurne Lichter schossen, dass +ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen +wollte, der Blick gebannt sass in ihnen, +hängen blieb wie die Motte in der Flamme. Aber +ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war +röther denn die vom Blute, als ob sie Blut getrunken +hätten, unersättlich gierig, frisches Blut +jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, +spitz mit geschliffnen Spitzen. Zähne, die bissen +in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken ihre +tödtlichen Lippen. +</p> + +<p> +Und er wusste, dass diese Jungfrau „die +Macht“ hiess, Helena von Troja, Judith und Herodias, +Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von +königlichem Geschlecht, eine einzige Jungfrau in +der Welt und gab mehr Wollust denn Jede. Und +es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die +sie freiten, waren gestorben. Sie hatte ihr Blut +getrunken. Und es war ihr Blut und ihre Kraft, +die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich +vor den Sinnen der Männer. +</p> + +<pb n='334'/><anchor id='Pgp334'/> + +<p> +Und sie tanzte vor ihm. +</p> + +<p> +Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und +ihre Schulter kehrte an ihren Platz zurück. Sie +hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund +auf, die Brust aus den Hüften reckte sich in langsamer, +schwellender Anstrengung. Einen Moment +blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine +gezüngelte, gefährliche Schlange, während die Beine +angenagelt warteten, zitternd, gezwungen. Im +Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der +Hals strebte weiss, liliensehnsüchtig unter dem +blutigen, dürstenden Bogen der Lippen ... Eine +Woge schien die harte Linie der Schultern zu +verwirren. Das Kinn sank zur Seite mit einem +Seufzer. +</p> + +<p> +Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. +Sie richtete sich auf ganz erzitternd. Man sah +das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, +wie eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt +hat, das sich in Gang setzt. Die Hüften krümmten +sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, +das Kinn in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, +dass die ganze Last des Körpers auf der +Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch +tiefer. Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss +<pb n='335'/><anchor id='Pgp335'/>zu berühren. Sie kroch. Sie schnellte sich. Sie +stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen +krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie +im Anzug einer Armbrust, bohrte der Ellbogen, +ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher +wurde. – Sie war wach geworden. +</p> + +<p> +Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen +Lockton. Sie warf sich nach rechts. Sie schnellte ihre +Schultern nach links hinüber. Der Hals im scharfen, +zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss +stahl sich tastend vor. Der andre folgte in schürfender +Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie gaukelte +in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, +ihr gellendes Tambourin schüttelnd. +</p> + +<p> +Das war die Bewegung. Die Erde belebt +durch den Willen, unsterbliche Kunst des Ausdrucks. +Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der +Unwandelbarkeit hemmt. Der Körper spricht. Die +Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie +tanzte. +</p> + +<p> +Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden +Marsche. Ihre Sohlen stampften den Boden +wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. +Der Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine +schien getragen wie eine kostbare Last, ein +Altar<pb n='336'/><anchor id='Pgp336'/>tisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam, +feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit +einer Procession. Ihre Arme blieben steif wie die +Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die +zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie +näherte sich wie ein Traumbild, ein schrecklicher +Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus der +Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man +Elephanten zur Schlacht ruft, in kurzen Stössen, +antworteten die Schellen und Schwerter. +</p> + +<p> +Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus +wie Möwengekreische über dem Sturmmeer. Ihre +Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse +suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden +Zittern, der Furcht, des Wunsches, der Raserei. +Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den Boden +wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die +unteren Glieder schienen sich zu verschieben mit +den Gelenken der oberen im verzweifelten Wunsche +der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, +eine Blüthe im Sturmwind, schwankte und bog +sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. Mit +irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. +Kleine Wehmuthsrufe schrillten die Schellen, Klagegezwitscher +flatternder, fremder Vögelchen. +</p> + +<pb n='337'/><anchor id='Pgp337'/> + +<p> +Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd +schnell. Schnell, wie von Rädern, Maschinen, +Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen +und Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, +ein zügelloser Tanz, Sichineinanderverschlingen der +Töne. Die Arme waren die Flügel einer Windmühle, +die sich schwangen im Drehen. Roth und +goldne Streifen. Sie peitschten, flogen. Die Felder +wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, immer +an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. +Sie war ein Kreisel im Ganzen, mit der weiten +Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine +Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne +Rose, über der das Gesicht schwebte, unbeweglich, +zurückgebogen mit lächelnden Lippen +unter dem goldnen Helme. +</p> + +<p> +Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. +Rothgoldne Sonne. Die Lazzi waren Strahlen. +Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste +waren die Scheibe, die stille stand, mit metallnen, +weissglühenden Spitzen. Sie stachen wie brennende +Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze +schlug über ihn hin. Immer wieder Hitze und +Blut, roth und gold, nur noch eine Farbe bildend, +die der Wollust, der Frau, der Bewegung. – +<pb n='338'/><anchor id='Pgp338'/>Der Lustwille des Feuers, der die Erde dreht, in +den Adern kocht wie Gluthsud. +</p> + +<p> +Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. +Das war die Schlange, spiegelnd in allen Farben +des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, +die herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete +sich zischend auf mit ihrem ganz weissen Leibe, +der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden +Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. +Wie Gott. ... +</p> + +<p> +Er hielt sich nicht mehr: „Sei mein!“ schrie +er auf. „Sei mein!“ +</p> + +<p> +Diesen Abend unterzeichnete der König das +Todesurtheil des grossen Demagogen. Er wurde +im Gefängniss hingerichtet in der Frühe, ehe die +Sonne aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden +in der Stadt. +</p> + +<p> +Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den +Tod müde war und das Sterben nahe fühlte, wurde +eine wunderbare Tröstung zu Theil. +</p> + +<p> +Er sah plötzlich an sein Lager treten eine +Frau, eine vornehme Dame, in der Tracht einer +Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser +von ihrer Schulter und sprach: „Trinke, mein +Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe gesehen +<pb n='339'/><anchor id='Pgp339'/>und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. +Jetzt weiss ich es besser und Niemand soll uns +mehr trennen.“ +</p> + +<p> +Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die +ihn damals angesehen hatte im Wagen, da er +noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch +diejenige, die zu dem Fremden gesprochen hatte +am Brunnen. – Es befand sich aber, dass diese +edle Frau und Gräfin gestorben war in derselbigen +Nacht, also eine mysteriöse Geschwisterschaft gewesen +zwischen ihnen, die Vielen unbegreiflich +dünkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals +so niedrig gewesen, und einer hochgebornen +Dame. +</p> + +<p> +Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen +Etliche und sagten sie dem Fremden. +</p> + +<p> +Er sprach: „Er war ein Starker, stark vor +allen Menschen, den selbst die Könige hörten. Er +ist nun dahin und nichts bleibt von ihm übrig.“ +</p> + +<p> +Sie sprachen: „Hat er denn nicht recht gethan +mit dem, was er forderte, da er von den Königen +und Mächtigen forderte?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Die Könige und Mächtigen sind +nicht die, die geben können. Von innen muss es +kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die +<pb n='340'/><anchor id='Pgp340'/>Bettler die Letzten sind, werden die Könige die +Ersten sein. – Es ist aber auch möglich, dass +es von einem König käme.“ ... +</p> + +<p> +Sie wollten, dass er dies noch näher erklärte. +Aber er sagte nichts und ging weit fort in eine +einsame Gegend. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='341'/><anchor id='Pgp341'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das achtzehnte Kapitel.</head> + +<p> +Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, +eine rothe, müde Sonne des Spätherbstes, +die zerfliesst in einem Blutmeer. Man +sah nur noch Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, +rothe, zerflatternde im Grauen. Sie wurden +dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, +vage Grüne, Violette. Alles starb in +einem brandigen Nebel. +</p> + +<p> +Zweimal über den Acker waren die Heere +dahingestampft. Erst die Flüchtenden, Fussvolk +und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft +gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen +schob man Geschütze, Munitionswaggons. Wo die +Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre +hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in +unnatürlichen Positionen, mit aufgereckten Hälsen, +<pb n='342'/><anchor id='Pgp342'/>zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte Eisenungethüme, +Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. +Zuerst hatten die Pferde versucht, sie nicht zu +treten. Aber man spornte sie an. Es galt das +Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, +blieben zurück. Eine Zeitlang hatten sie sich fortgeschleppt. +Oder Andre zogen sie mit. Dann +hatte man sie verlassen. Sie schrieen. Manche +versuchten noch zu kriechen, sich weiter fortzubewegen, +anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. +Die gingen hin. Dann war nur noch ein einziges, +zielloses Trappeln von Zweibeinen, Vierbeinigen, +Rädern, die liefen, liefen ... +</p> + +<p> +Man ertheilte noch Commandos. Berittne +Offiziere sprengten ab und zu. In einigen Abtheilungen +herrschte eine gewisse Ordnung. Sie +hielten sich von den andern getrennt und marschirten +rhythmisch. – Man sah sehr hohe Offiziere +mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten +General auf seinem weissen Pferde. Sein Gesicht +war vollständig schwarz vom Pulver und Staub. +Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte +seine Stimme wie die eines Hirten. Einige junge +Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass +dieser ein Held war. Er konnte nichts mehr +<pb n='343'/><anchor id='Pgp343'/>ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie +fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im +Nacken. Einige hatten Alles weggeworfen und +liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin +sie liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich +zu verlieren, zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt +von der Horde, die rannte, galoppirte. Sie +hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und +Wochen lang, an diesem Tage. Das war Alles, +was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung der +Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des +Geschlagnen, Besiegten. +</p> + +<p> +Sie liefen, liefen für ihr Leben. +</p> + +<p> +Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die +Pferde zuvorderst. Sie griffen mächtig aus in +weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten +sie an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute +auf der Fährte. Diese sassen aufrecht im Sattel, +zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust +zu fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des +Kampfes und der Stolz des Sieges. Ein ganz +junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. +Er sah aus wie ein rächender Engel mit +schrecklichen, offenen Augen, den Mund dürstend +emporgehoben. +</p> + +<pb n='344'/><anchor id='Pgp344'/> + +<p> +Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten +sich auf dem Schlachtfeld. Sie bezogen +Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze +auf in einer Art Park. Feuer zum Kochen wurden +angezündet. Alle diese Menschen rieselten +von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, +eh’ sie noch daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem +Munde, in der Stellung, die sie gerade +innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, +Leichen und <anchor id="corr344"/><corr sic="Perdeäsern">Pferdeäsern</corr>. +</p> + +<p> +Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man +sah sie mit Laternen herumgehen, irrenden Glühwürmchen +vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, +rothe Kreuze auf den Aermeln, dunkle Gestalten +der Aerzte. In der Eile wurden Tische aufgeschlagen, +Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern +hantirten. +</p> + +<p> +Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, +verbanden die Aerzte die ganze Nacht. Wenn +Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre +ein. Aber der Aelteste wurde nie müde. Bis +über die Ellenbogen im Blut, mit triefender Schürze, +ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit. +</p> + +<p> +Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel +gegenüber, hatte der siegende Feldherr sein +Haupt<pb n='345'/><anchor id='Pgp345'/>quartier aufgeschlagen. Auch da ging es lautlos +zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es +ihnen an, sie kamen sich ausserordentlich wichtig +vor. Jetzt gingen die Depeschen in ihre Hauptstadt. +Sie würden die Helden des Tages sein. +Man sprach von ihnen. Mancher schwebte sich +schon wieder im glänzenden Salon vor, männlich +ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche +Huldigung der Schönheit entgegennehmend. Man +würde sagen, dass der Feind tapfer war, der +Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie +dem General kamen, seiner Person und seinem +Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. +Sie befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee +oder kalte Zunge, mit der Miene von Diplomaten, +die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. +Niemand war heiter oder betrank sich. +Das war für die Troupiers draussen, die gewöhnliche +Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General +liebte dergleichen nicht. Man entsann sich nie, +ihn lachen gesehen zu haben. Die Soldaten liebten +ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein +sichrer Weg zum Herzen des gemeinen Mannes; +er erkennt die Comödianten sofort, sogenannte +Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. – +<pb n='346'/><anchor id='Pgp346'/>Niemals sah man diesen Feldherrn Vorlieben haben. +Er liebte seine Soldaten. Er that seine Pflicht. +</p> + +<p> +Der General war allein. Er hatte seine Berichte +abgefasst, schlicht, ohne Zusätze und Phrasen, +wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, +die Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, +durch die er den Feind in die Mitte nahm, ihn +dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte +sich als vollkommner Erfolg bewiesen. +</p> + +<p> +Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. +Aber ein sehr starker Greis. Man sah es seinem +Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen +hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein +Felsen. Unerschütterlich wie sein Ruhm war seine +Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er +strafte auch nie ungerecht, weil er die Macht dazu +hatte. Seine Siege waren wie die eines Richtschwerts, +das aufgehoben ist und fällt. Er besass +keinerlei Eitelkeit, keine Leidenschaften und +Schwächen. Sein junger, einziger Sohn war gefallen +in diesem selben Krieg, gegen den General, +den er heute vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn +nicht. Es machte ihn auch nicht weicher. – Er +war ein grosser Mann. +</p> + +<p> +In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader +<pb n='347'/><anchor id='Pgp347'/>Geruch war in der Luft, von Pulver, zu vielen +Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle +machte er sich bemerkbar. +</p> + +<p> +Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem +Stuhle. Es war ein junger Edelmann aus einer +sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer +mit blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. +Wenn er den General gesehen hätte, wie er aufspringen, +eilig sich neben ihn rangiren würde: +Excellenz befehlen dies – geruhen das –! Jetzt +im Schlaf sah er dumm aus wie ein Hammel. Er +träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts. +</p> + +<p> +Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen +präsentirten. Es waren Soldaten von seinem Leibregiment, +seinem eignen Heimathsregiment. Dieses +Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. +Er dachte daran, dass sie heut’ sehr schwere Verluste +gehabt hatten. Es that ihm weh. Er verabscheute +den Gedanken. Alle hatten verloren. +Tausende waren geblieben, Freund und Feind. +</p> + +<p> +Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, +die erst eben auf dem Schlachtfeld angekommen +waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen +hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der +sauber zusammengestellten Waffen blinkte. Sie +<pb n='348'/><anchor id='Pgp348'/>schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals zugeknöpft, +noch im Schlafe stramm und gerade. +Alles ausgewählte junge Leute. Man hatte sie +noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten +ihnen zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten +sich nicht und schliefen mit einem leichtsinnigen +Soldatenliedchen auf den Lippen. +</p> + +<p> +Für ein andres Mal reservirte man diese. +</p> + +<p> +Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, +wie um niemals wieder weich zu werden. +Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen +war, Gras, Gärten oder Weizen. Er war +Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von Millionen +Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten +ihre alte Form von Wellen, Rücken. Ihre Abhänge +waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war +für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung +genommen worden. Den ganzen Tag hatten ihre +Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus +dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne. +</p> + +<p> +Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen +Füssen lang ausgestreckt. Der war mausetodt, in’s +Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie +ein Achilles. Er bewunderte das Viereck der +Schultern, dieses herrlichen Brustkastens. Das +Ge<pb n='349'/><anchor id='Pgp349'/>sicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem +Paradebett, ein gefällter Eichstamm. +</p> + +<p> +Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben +können. Und er, der General, war achtzig, ein +kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb +eine schreckliche Sache. +</p> + +<p> +Von der einen Seite aus den Gebüschen kam +Wimmern. Schwerverwundete hatten sich da hingeschleppt, +die Sanitätscolonnen hatten sie noch +nicht entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. +Manchmal stockte sein Fuss wie in Leim. Er zog +ihn mit einer Art Ekel zurück. +</p> + +<p> +Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten +nicht die Würde, die der Mensch unwillkürlich im +Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt. +Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie +fragen wollten: Warum? Das stupide, blödsinnige +Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie +mit hängenden Bäuchen, unter denen Pfühle standen, +in der Ungeschicklichkeit der leblosen vier Beine, +gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – +während die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. +Wo Granaten crepirt waren, lagen +abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah +lächerlich. Wie hässlich der Tod war! +</p> + +<pb n='350'/><anchor id='Pgp350'/> + +<p> +Freund und Feind lagerten durcheinander. Es +war gar kein Unterschied mehr. Die meisten zeigten +diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man +konnte fast sagen betrübter Kinder, die man mitten +im Spiel unterbrochen hatte. – Er wunderte sich +fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu +sehen. Dieser junge Mann war beinah der Einzige +gewesen, der der Vorstellung entsprach, die +man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, +wenn über dem gefallnen Krieger der +Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er sich: +„Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese +Leute? Wo kommen sie her? Was wissen sie +von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft, +der Volksehre, für die sie sich schlagen? +Es ist sonderbar, dass sie sich überhaupt schlagen, +Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was +ist ihr Werth?“ +</p> + +<p> +An dem Hügel war der Kampf am heissesten +gewesen. Da lagen Leichen dicht wie abgemähte +Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach +ihrer Lage und Fallrichtung konnte man deutlich +die Stellung des Feindes erkennen. Der ganze +Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. +– Etwas Dunkles verschwand im Schatten. +<pb n='351'/><anchor id='Pgp351'/>Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen unmenschliche +Hantirung. Mit einer Geste des Ekels +wandte er sich ab. Leichenraben! Schakale – +das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag +zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte +für ihn gefleht und gebettelt, eine elende, zerrissne +Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der Brust, +einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die +Andern hingen in ihren Röcken. Natürlich war +die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein Schuft! – +er hatte eine Frau – kleine Kinder ... +</p> + +<p> +Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über +das Schlachtfeld, ein trauervoller, trauriger Wind +der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er brachte +ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. +Ganz sanft. Aber es setzte nicht aus. Es erhob +sich wieder in weiten Entfernungen. Und starb +im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der +Klage, als die Klage selbst. Vielleicht war es die +Hallucination des Orts. Dieser Ort war traurig. +</p> + +<p> +Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das +Räderwerk der Maschine, das auslief. – Eine +Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit +heraushängender Zunge und glotzenden Augen. +Der auch war für’s Vaterland gestorben. Welches +<pb n='352'/><anchor id='Pgp352'/>zusammengewürfelte Material, diese Haufen der +Todten! – Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. +Sie hatten zur Waffe gegriffen, weil man sie angriff. +Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, +Städte aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, +Jugend aus allerlei Ländern, die mit +lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war +Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, +der Leichtsinn, die Liebschaft. Was ist das Leben? +Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat, es +zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle +lebenden Wesen sich gezogen fühlen? +</p> + +<p> +Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz +zurück. Die Befreiung, der schreckliche Zug durch +Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein +Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie +die verwittwete Mutter ihrem Erstgebornen ... +Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ... +Männer weinten wie kleine Kinder. +Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott, der Retter! +Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen +wie eine zitternde, erwartungsvolle Geliebte. +Er sah es zu seinen Füssen. Sie küssten ihm die +Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm +hatte er gekostet. Er war alt geworden und traurig. +</p> + +<pb n='353'/><anchor id='Pgp353'/> + +<p> +Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war +ganz deutlich geworden. Es klang wie das Weinen +einer Kinderstimme. Dann in einer andern +Sprache, doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama +... Mama ...“ +</p> + +<p> +Der General zitterte. Es war ein ganz junger +Bauernknabe von den Feinden, erbärmlich jung, +viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei +Augen, überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib +sitzen. Er litt. Er streckte die Arme aus. +Er rief nach seiner Mutter. +</p> + +<p> +Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, +die ewige Feindschaft, die Mutter, die immer +wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr +immer wieder, tödtet, vernichtet. +</p> + +<p> +„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine +Bauernjunge. +</p> + +<p> +Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht +mehr. Vielleicht wäre er ein Mann geworden, +hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. +Er fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich. +</p> + +<p> +„Mama ...“ rief er. „Mama ...“ +</p> + +<p> +Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine +tragische Mutter, schwarz in schwarzen Schleiern. +Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie +<pb n='354'/><anchor id='Pgp354'/>hatte nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten +zu bleiben. „Gott segne Dich!“ sagte sie und +hatte ihn geküsst. +</p> + +<p> +Und über ihr wieder stand eine noch grössere, +tragischere Mutter. Eine Königin – sein Land, +sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine +Söhne, ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er +gab und die Andre gab ... Opfergabe, hinter +der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, +die zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, +die wahre Grösse, Lebensträgerinnen ... +</p> + +<p> +Und ein andres erstaunliches Phänomen machte +ihn betroffen. An einem Dornstrauch, der Blut +trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb zerstampft, +niedergetreten, ein elender Stummel nur, +ein einziges noch lebendiges Hölzchen, – blühte +eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben erschlossen +haben. Sie duftete – sie blühte ... +</p> + +<p> +Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die +Natur treibend und unverletzt, trotz Brand, Tod +und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, +den Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, +das seine Jungen säugt ... +</p> + +<p> +Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten +im Bivouak feierte man den Sieg. Sie zechten +<pb n='355'/><anchor id='Pgp355'/>und brachten Toaste aus; die triumphirten. – +Jetzt musste die Kunde auch in der Heimat sein. +Man liess die Glocken läuten und steckte die +Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten +sich mit der Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm +schien sein Ohr zu erreichen, ein Beifall, +der von weit kam, seinen Namen rief über die +Meere. Das war der Sieg. +</p> + +<p> +Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, +Thränen, Racheschwüre ... Sie auch wussten jetzt. +Sie beteten. +</p> + +<p> +Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, +gleichgültig. Er sprach nicht und hörte +nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der +Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. +Alexander und Napoleon waren gross geworden +und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es +war Alles dasselbe ... +</p> + +<p> +Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle +wurde deutlich fühlbar. Er schritt eiliger vorwärts. +Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit fortzuziehen, +ein mächtiges Einathmen und Ausstossen +wieder. Alles ging und kam. Aber das Gehen +schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden +<pb n='356'/><anchor id='Pgp356'/>verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes +war in der Bewegung. Alles starb. +</p> + +<p> +Er war am Strand. Der Sand machte diesen +Erdstreifen heller. Dahinter lag es grau, unruhig, +sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. +Das Meer fluthete und ebbte, endlos, schwarz +unter dem schwarzen Himmel ohne Sterne. +</p> + +<p> +Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? +Ein Seufzer? ... Es war schon vorüber. Die +Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen +Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein +blasser Mann trug ein Kreuz. Das Kreuz war +riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine +Arm des Querbalkens ragte gegen den Himmel. +Das Ende schleppte lang nach auf den schwarzen +Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ... +</p> + +<p> +In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in +Metall geritzt, krähte ein Hahn. +</p> + +<p> +Es war Nacht. +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='357'/><anchor id='Pgp357'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das neunzehnte Kapitel.</head> + +<p> +Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der +Meinung seines jüngeren Collegen. +</p> + +<p> +„Ein Narr,“ sagte er, „und nicht schlimmer +wie Andre, die lose rumlaufen. Lassen Sie ihn +laufen, Salvatius!“ +</p> + +<p> +Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein +hagrer, dünner Herr und neigte zu einer pessimistischen +Weltauffassung, während der Gerichtsrath +in seiner rosigen, behäbigen Fülle auch Alles +rosig sah. Die Specialität dieses Ersteren waren +Majestätsbeleidigungen. Er sah diese überall. Er +roch sie, witterte, zog sie hervor aus den gröbsten +Verwicklungen. Irgendwie wurden alle Verbrechen +das bei ihm. Sie waren es ja auch insofern, als +die Majestät für ihn die Autorität Gottes auf +<pb n='358'/><anchor id='Pgp358'/>Erden vertrat. – Er war schlimmer wie ein römischer +Statthalter. +</p> + +<p> +„I bewahre!“ sagte der Amtsgerichtsrath. „Wo +wollen Sie das nun wieder rausschinden? Schliesslich, +wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch +eine Majestätsbeleidigung. – Dreck sind wir Alle.“ +</p> + +<p> +Der Dünne blinzte, unangenehm berührt. Der +Assessor drehte die Daumen. Er lernte noch. +Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte +nur jeden Sonnabend nach Hause. Er lebte von +Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er die +Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er +abwechselnd auf seine beiden Vorgesetzten. Der +Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus +willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. +So wurde man was. +</p> + +<p> +Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen +kämen, die Leute liefen zusammen; „na, und +wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen +weniger söffen?“ – Ueberdies hatte der Pfarrer +Gentz eine Denunciation eingereicht. +</p> + +<p> +„Nur weil er ihm in’s Handwerk pfuscht, seine +Kunden stiehlt. Die Pfaffen! – Das hackte sich am +liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen +Sie’s schon. Predigte er den leibhaftigen Satan, +<pb n='359'/><anchor id='Pgp359'/>ginge es noch. Dann hätten sie Wasser auf ihre +Mühlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! +Die verbrennten uns Christus heute noch.“ +</p> + +<p> +Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die +Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen +nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug +von Semitismus haftete ihm an – deswegen war +er kirchlich. +</p> + +<p> +„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ +sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine +Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“ +</p> + +<p> +„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. +Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun +mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger +macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was +drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“ +</p> + +<p> +„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer +ist.“ +</p> + +<p> +„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre +doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone +übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in +sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine +gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das +Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich +<pb n='360'/><anchor id='Pgp360'/>und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das +philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben +dagegen.“ +</p> + +<p> +Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, +ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. +Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte +er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte +oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. +Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die +armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben +sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen +auch stets wieder mit derselben Jovialität. +Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme +Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark +Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen +von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde +Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er +nannte das patriarchalisches Regime. +</p> + +<p> +Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten +waren von vornherein seine persönlichen Feinde. +Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. +Nichts konnte ihm mehr Freude machen, +als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in +Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen +trat er nie ein, ohne das +Frauen<pb n='361'/><anchor id='Pgp361'/>zimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt +Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des +lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen +Besten musste man unbarmherzig sein, +während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann +lieber nach der andern Seite zu sündigen, die +Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte. +</p> + +<p> +Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte +den Andern geärgert. Er fand den Fremden im +Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei +blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich +nicht fangen. +</p> + +<p> +„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. +„Sie predigen den Communismus?“ +</p> + +<p> +„Was mein ist, ist meines Bruders.“ +</p> + +<p> +„Wenn er es nicht giebt?“ +</p> + +<p> +„Es ist nicht an mir zu fordern.“ +</p> + +<p> +„Ich habe gehört, dass Sie auflösende Tendenzen +gegen die Ehe predigen? Wie denken Sie +darüber?“ +</p> + +<p> +„Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit +macht sie so.“ +</p> + +<p> +„Wie ist denn aber eine Ehe möglich ohne +physischen Umgang?“ +</p> + +<p> +„Das wäre allerdings die Radicalcur für alle +<pb n='362'/><anchor id='Pgp362'/>unsre Gebresten,“ sagte der dicke Amtsgerichtsrath. +Er fand die Idee höchst spasshaft. +</p> + +<p> +Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militärdienst +zu thun? +</p> + +<p> +„So mich Keiner angreift, wozu brauche ich +Soldaten? Wenn ich angegriffen werde, ist es +mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu +thun ...“ +</p> + +<p> +„Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz.“ +</p> + +<p> +Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem +Richterstuhl hing, zu Eidesleistungen gebraucht +wurde: „So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr +Gesetze?“ +</p> + +<p> +Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein +Gesetz?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen +hat, der stehle nicht wieder, sondern +schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu +geben dem Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder +vergeben sieben mal siebenzig mal. Und was Du +nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das +hast Du mir nicht gethan.“ +</p> + +<p> +„Ein geschriebnes Recht muss sein um der +Ordnung willen,“ warfen sie ein. +</p> + +<pb n='363'/><anchor id='Pgp363'/> + +<p> +„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich +zu thun mit Solchen.“ +</p> + +<p> +„Das sind Ausnahmen.“ +</p> + +<p> +„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie +den Vortheil davon haben.“ +</p> + +<p> +„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte +der Amtsrichter. +</p> + +<p> +„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein +dauerhafter Zustand möglich.“ +</p> + +<p> +„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er +ändert die Gesinnung nicht. Die mächtig genug +sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, +die das Beispiel geben.“ +</p> + +<p> +„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre +Banquiers und Minister könnten davon ein Liedchen +singen.“ +</p> + +<p> +„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, +ohne Mord und Todtschlag je möglich +sein wird?“ +</p> + +<p> +„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“ +</p> + +<p> +„Dann hat’s gute Weile.“ +</p> + +<p> +Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät +den König anerkennte? +</p> + +<p> +„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer +sei. So aber Ordnung ist, wozu ist ein Herr?“ +</p> + +<pb n='364'/><anchor id='Pgp364'/> + +<p> +Der Feierliche fand, dass darin doch eine +Majestätsbeleidigung läge, zum Mindesten Zweideutigkeit. +</p> + +<p> +„Glauben Sie an Gott?“ +</p> + +<p> +Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte +es haarklein bewiesen, Aussprüche zusammengestellt. +Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht +vorhanden. +</p> + +<p> +Der Assessor fand, ein paar Monate könnten +nichts schaden. Man musste sich schneidig zeigen. +</p> + +<p> +Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat +nicht gestohlen, thut Keinem was zu Leide. Lassen +Sie ihn laufen!“ +</p> + +<p> +Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass +es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, +sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. +Man hatte genug zu thun, Beleidigungen +socialistischer Redacteure aufzunehmen. +Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er +sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts +in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft +retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s +Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch +gegen Dreyfus. +</p> + +<p> +Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der +<pb n='365'/><anchor id='Pgp365'/>Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen +sollte?“ wollte er wissen. +</p> + +<p> +„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, +dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der +tragen, der sie braucht.“ +</p> + +<p> +Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher +er käme, was sein Name und Stand sei? Auch +über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? +Wovon er sich ernährte? +</p> + +<p> +Auf dieses Alles antwortete er nicht. +</p> + +<p> +Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig +einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, +dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg +sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört +gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann +verschwunden war. +</p> + +<p> +Man that noch ein Uebriges. Da die alte +Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn +mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten +herkommen zu lassen. +</p> + +<p> +Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu +geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte +Bauersfrau, ganz benommen von der +Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen +Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte +<pb n='366'/><anchor id='Pgp366'/>abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren +zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden +zu errathen, was man mit ihr vorhatte. +Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. +Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- +oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das +in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte. +</p> + +<p> +Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ +schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses +Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du +Dich umgetrieben so lange?“ +</p> + +<p> +Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: +„Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“ +</p> + +<p> +Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht +mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in +Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die +Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde +nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, +starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen +über das Wunder schrieen. Hinterher +kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts +anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte +das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte +der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“ +</p> + +<pb n='367'/><anchor id='Pgp367'/> + +<p> +Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde +zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? +Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du +schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir +Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei +und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade +Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! +Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne +alte Mutter nicht kennen?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil +sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, +bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, +einen unsterblichen Menschen aus Dir +gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! +Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“ +</p> + +<p> +Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede +hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte +aber schluchzte und lamentirte, sagte er: +</p> + +<p> +„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. +Sie hat gelitten. Sie hat leibliche +Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. +Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner +Schwachheit. Danach wird es zum Manne und +lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht +ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer +unsterb<pb n='368'/><anchor id='Pgp368'/>lichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht +schwach. Es ist aber nicht so, da sich in +ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung +zeigt.“ +</p> + +<p> +Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie +und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde +für ihn sandten. +</p> + +<p> +Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss +sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie +ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“ +</p> + +<p> +Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was +ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken +gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und +fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der +Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht +Fleisch, sondern Geist. +</p> + +<p> +... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich +ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. +Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. +– Aber die Blinden haben auch Augen.“ +</p> + +<p> +Danach schwieg er und sagte nichts mehr über +diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher. +</p> + +<p> +Dieser Umstand der Recognoscirung durch die +eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. +Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und +<pb n='369'/><anchor id='Pgp369'/>Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie +die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? +Das heiligste Gut der Nation? Einer, +der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete +das Bestehende durch diese Thatsache schon. – +Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und +kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich +zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, +ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er +von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches +Recht sei oder für römisches? Auch fanden +sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. +Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte? +</p> + +<p> +Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. +Der dicke Amtsgerichtsrath war der +Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus +und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte +an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. +Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die +Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung +der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer +und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, +dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdies +<hi rend='gesperrt'>fand</hi> er die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung +lag sonnenklar. +</p> + +<pb n='370'/><anchor id='Pgp370'/> + +<p> +Besonders konnte ihn eine Behauptung des +Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein +„genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie. +</p> + +<p> +„Genies – Genies – die hätte man auch +Alle einstecken sollen.“ +</p> + +<p> +„Auch Goethe?“ +</p> + +<p> +„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus +hatte, einen unmoralischen Lebenswandel +führte.“ +</p> + +<p> +„Er ist aber doch Excellenz geworden.“ +</p> + +<p> +„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles +höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, +Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ +Der eminente Jurist war ultramontan. +</p> + +<p> +„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener +bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch +veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden +schlachtete er Schweine, lieh Geld auf +Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde +ein kirchliches Amt aus. +</p> + +<p> +„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. +Pommeränicke <hi rend='gesperrt'>ist</hi>!“ +</p> + +<p> +„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des +mittleren Gerechtigkeitsgefühls. <hi rend='gesperrt'>Es lebe</hi> Pommeränicke!“ +</p> + +<pb n='371'/><anchor id='Pgp371'/> + +<p> +„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und +kollerte in sich hinein. Er hasste, wenn man +irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung zusammenhing, +nicht ernsthaft nahm. Er war immer +ernsthaft. Lachen war eine Frechheit eigentlich. +Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur pietätlose +Menschen lachten. +</p> + +<p> +Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese +Damen und Herren wünschten innig ein Zuchthaus +zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte +sich mit dem Director. +</p> + +<p> +Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit. +</p> + +<p> +Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte +von kleinen Zellen mit starken Eisenbarren vor +den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die +Kirche, wo die einzelnen Sitze durch Brettwände +abgetheilt waren, um eine Communication der +Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte +Hofstreifen zwischen Steinwänden, in +dem sie ihre Spaziergänge machen. +</p> + +<p> +Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, +mit Lazareth, Apotheke, Badeanstalt. Und +diese wohlthuende Stille! „Förmlich nervenberuhigend,“ +meinte die Mama. +</p> + +<p> +Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen +<pb n='372'/><anchor id='Pgp372'/>Bedingungen geprügelt werden dürfte? Er liess sich +die Einrichtung erklären. Er war sehr überzeugt von +der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige +Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, +Antwort gaben, imponirte ihm. Er war selbst +Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. +„Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend. +</p> + +<p> +Die jungen Damen interessirten hauptsächlich +die Insassen. Besonders ganz schwere Verbrecher. +Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht +noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen +da? Sie baten und flehten, wenigstens einen +Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu +dürfen. – Es war so amüsant, durch die kleinen +Gitterfenster zu gucken, gerade als ob man wilde +Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden +Moment ausbrechen und ihnen mit der Hand an +die Gurgel fahren. +</p> + +<p> +Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, +wunderte sie am meisten. „Die sehen ja fast wie +katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier. +</p> + +<p> +Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, +Abnormitäten der Verbrecher zu sprechen. +Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit +Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe, +<pb n='373'/><anchor id='Pgp373'/>Lombroso. Es stand ja beinah fest, dass alle Verbrechen +Wahnsinn seien, erbliche Belastung, durch +Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die +Leute einfach in Irrenanstalten unterbringen.“ +</p> + +<p> +„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor. +</p> + +<p> +Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher +Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon +konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. +Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit +Arbeitenden herab. Nun ja, das <anchor id="corr373"/><corr sic="jetsige">jetzige</corr> System +war dumm. +</p> + +<p> +Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, +der er als ganz junger Mensch aus professionellen +und psychologischen Gründen beigewohnt +hatte. Es handelte sich um irgend einen +ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, +der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter, <anchor id="corr373a"/><corr sic="mi">mit</corr> +der Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er +war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café +gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da +war er auch arretirt worden. +</p> + +<p> +„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype +Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen +seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, +ass und trank und ergab sich in sein Schicksal. +</p> + +<pb n='374'/><anchor id='Pgp374'/> + +<p> +„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. +Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie +Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch +nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden +des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig +über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine +Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, +Gesudeltes, obgleich es feierlich sein +sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb +wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte +nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser +Dummheit.“ +</p> + +<p> +Man kam auf die politischen Verbrecher zu +sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und +Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte +jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein +Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und +päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder +besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, +Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben +dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. +Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt. +</p> + +<p> +Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen +andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau +<pb n='375'/><anchor id='Pgp375'/>im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im +Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die +Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig +Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen +hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. +Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige +der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, +die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche +Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. +Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der +Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt +nun da die Vernunft?“ +</p> + +<p> +Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen +Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – +was ist Vernunft?“ +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='376'/><anchor id='Pgp376'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Das zwanzigste Kapitel.</head> + +<p> +Der berühmte Professor wusch sich die Hände. +Er that das immer mit besondrer Umständlichkeit +und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels +willen. Man musste ein Beispiel geben. +Uebrigens hatte er berühmt schöne Hände. +</p> + +<p> +„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher +einwirkt, als religiöse Wahnvorstellungen,“ +sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss +einer Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem +hochlöblichen Consistorium in Conflict kommen +oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt +werden ...“ Der Geheimrath geruhte +zuweilen dergleichen Witze, die immer auf brüllenden +Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, +dass Mohammed epileptisch war, an der Fallsucht +litt. Christus hatte in seiner Jugend die Satzungen +<pb n='377'/><anchor id='Pgp377'/>der Essäer angenommen, unter denen die Forderung +der absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, +neben strictem Vegetarismus, Fasten, Waschungen +aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun +weiss heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung +des Paarungstriebes die Ursache zahlreicher +Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns +ist. Chassez le naturel, il reviendra au galop. +Die Natur, meine Herren! Die Wissenschaft ist die +erkannte Natur.“ +</p> + +<p> +Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen +und sorgfältig abgetrocknet. Er stand +jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander gepresst. +Er wusste, dass er keinen Widerspruch +zu erwarten hatte. Er war nicht an Widerspruch +gewöhnt. Er verachtete ihn. +</p> + +<p> +„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, +dass derartige Erscheinungen noch möglich sind,“ +fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine +solche Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. +Allein die Ignoranz ist daran schuld, systematisches +Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des +Positiven in der Erziehung gegen Abstractionen, +sogenannte Moral. Ich bitte Sie, meine Herren! +Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des +<pb n='378'/><anchor id='Pgp378'/>Magens in Einklang gebracht mit dem, was von +aussen diesen Magen befriedigen kann. Unsre +Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- +und Consumtionsverhältniss. Moral endlich +ist eine Sache des Bluts, der Hirnpartikeln, +Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“ +</p> + +<p> +Der grosse Mann sah sich triumphirend um. +Er wusste, dass er etwas Grosses gesagt hatte. +„Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr +er leutseliger fort. <anchor id="corr378"/><corr sic="Was">„Was</corr> ist Seele, als das vitale +Princip der Zellenschwingung auf das Abstracte +angewendet? In den ersten Zeiten brauchte man +Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte +man’s mit Dampf. Jetzt treibt die Electricität +ohne äusserlich sichtbaren Fortbewegungsapparat. +Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen geglaubt, +ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, +ein von den Missionaren bekehrter Wilder an +Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir +nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur +ein: Ignorabimus.“ +</p> + +<p> +Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. +Er war eilig. Eine hohe Persönlichkeit +verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden. +„Grosse Ueberreizung,“ decretirte der +<pb n='379'/><anchor id='Pgp379'/>Professor. Ruhe, frische Luft, blutbildende Nahrung, +Pepton: Hygieia. +</p> + +<p> +Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren +lassen. Der Professor verstand auch das. Er +war ein wirklich grosser Mann. +</p> + +<p> +Dabei machte er sich niemals durch Propaganda +missliebig. In seinem Wahlkreis wählte +er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und +schön. Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. +Das fehlte uns gerade noch, dass jeder Apothekerlehrling +auf eigne Hand Experimente anstellte. +Die Laien sind eben Laien.“ +</p> + +<p> +Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass +in der modernen Gesellschaft die Autorität des +Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft +war eine Macht, die Macht. Eigentlich +verachtete er alle Andern, die vielleicht momentan +viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie +hatten das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, +flüchtige Gährungserscheinungen an der Oberfläche, +die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. +Es ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit +meinen Augen sehe oder durch ein sehr scharfes, +vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, +ein König, ein Eroberer ist doch schließlich nur +<pb n='380'/><anchor id='Pgp380'/>ein Laie, ein Decadent, ein Entarteter vielleicht. +Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert +aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den +einmal gewonnenen und festgelegten Resultaten. +<hi rend='gesperrt'>Wir</hi> passen ihn ein, nicht er uns.“ +</p> + +<p> +Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn +er dergleichen sagte, inmitten seiner Arbeitssäle +und Laboratorien, mit ihren kahlen, weissgestrichnen +Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. +Alle diese Instrumente waren tadellos gehalten +und blinkten in der Sonne. Man sah alle Stoffe +in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen +Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten +mit erstaunlicher Präcision und Genauigkeit. Der +Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten +sie eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer +gedrängt voll. Es gab eine ganze neue Generation +von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler +nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht +und gearbeitet. Arbeit und Forschung waren ihm +das Höchste. +</p> + +<p> +Man warf ihm den grossen, weltumwendenden +Einfluss des Christentums vor. Er hatte einen +jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit +dem Philosophischen befasste. +</p> + +<pb n='381'/><anchor id='Pgp381'/> + +<p> +„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter +erfassen, wie die Blattern, die Beulenpest. Uebrigens, +was rechnen diese zwei- oder dreitausend +Jahre gegen die Tausende von Jahrtausenden, die +die Erdoberfläche gebraucht hat, sich zu bilden, +ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte! +Das ist Alles sehr gleichgültig.“ +</p> + +<p> +„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten +und verbrennen lassen.“ +</p> + +<p> +„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe +dafür gehabt, sich um hohle Töpfe die Schädel +zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – +Worte – Worte. Uebrigens dieser Hamlet ist +sehr interessant. In seinen Reflexionen auf dem +Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. +Sie erinnern sich des Passus von Cäsar’s +Staub?“ +</p> + +<p> +„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“ +</p> + +<p> +„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der +Professor beinah mitleidig. „Shakespeare war ein +grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer +sehr miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! +Die Phantasie – die Phantasie!“ +</p> + +<p> +„Die Phantasie kann doch aber auch immer +nur Vorstellungen von Existirendem weiterspinnen. +<pb n='382'/><anchor id='Pgp382'/>Sie müssen irgendwie in der Natur mit vorhanden +sein.“ +</p> + +<p> +„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor +zuckte die Achseln. „Wir wissen es nicht.“ +</p> + +<p> +Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. +Er neigte zur Phantastik. – Jemand Andres war +miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors. +Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet +und sollte zum ersten Mal Mutter werden. +Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, +Sachtes in ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken +gesenkt wie eine zu beschwerte Aehre. Der Professor +schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie +sah nur dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb +so sitzen, ihre Hand in seiner. +</p> + +<p> +„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass +wir wüssten,“ argumentirte der Freund. „Und +wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete +Genies, sagen wir Shakespeare, Goethe, Christus, +Vieles vorgeahnt haben? Auch Geheimnisse +wieder verloren gingen? Waren doch schon die +Phänomene des Hypnotismus, der Autosuggestion +den Alten bekannt? Dass man mit ihnen +die Wunder der biblischen Geschichte erklären +könnte?“ +</p> + +<pb n='383'/><anchor id='Pgp383'/> + +<p> +„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder +Speculationen.“ +</p> + +<p> +Der Andre war begeistert, einmal lancirt: +„Denken Sie sich auf diesem rein empirischen +Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der +Wissenschaft wiederhergestellt, im Fortschritt den +Aufschritt! Die Natur, die wir arm und nüchtern +auffassen, tausendmal reicher, üppiger, <anchor id="corr383"/><corr sic="wollüstiger">wollüstiger.</corr> +Eine beseelte Natur. Die <hi rend='gesperrt'>Seele</hi>, die wir suchen, +nach der wir verhungern, unsre Künstler, unsre +grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten +wir die Seele! Im Christentum die Darwinsche +Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein Gut und +kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – +unser ewiges, elendes, billiges ‚pathologisch‘!“ +</p> + +<p> +Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken +folgend. Er war ein schöner, feuriger +Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten +Haarbüschel. +</p> + +<p> +Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam +zugehört. Sie sagte nichts, sie dachte. Ein +sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem +Gesicht. +</p> + +<p> +„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. +„Enfin ... Wie wir uns drehen und wenden: +<pb n='384'/><anchor id='Pgp384'/>‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es +giebt keine Weisheit als diese.“ +</p> + +<p> +„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein +pathologisches Problem jetzt – der Weisheit letzter +Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos! +Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! +Flügel!“ +</p> + +<p> +„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale +halten.“ +</p> + +<p> +„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? +Wo bringen wir das unter?“ +</p> + +<p> +Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er +stand da in einer Pose des Kampfes mit gereckten +Fäusten. +</p> + +<p> +Die junge Frau sah von einem der Männer +zum andern. Sie litt nicht. Aber sie war müde +– von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte +sie, aber machte sie froh. – Ihre Augen hatten +sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe, in etwas +sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. +Ein träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ... +</p> + +<p> +Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: +„In unsern Irrenhäusern.“ +</p> + +</div><div type="chapter" rend="page-break-before: always"> +<pb n='385'/><anchor id='Pgp385'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Ende.</head> + +<p> +Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, +ein Complex langgestreckter, gelber Häuser, +am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee +führte eine Fahrstrasse, alleeartig mit Bäumen bestanden. +Rechts und links lagen Felder. Die +leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort +unter der Aufsicht eines Wärters. +</p> + +<p> +Man sah sie Kohlstrünke ausreissen, Gräben +ziehen, jäten. Manchmal lachte einer seltsam, +kichernd, unmotivirt. +</p> + +<p> +Die Vorübergehenden auf der Chaussee blieben +wohl stehen und sahen sie an. Sie stiessen sich +mit den Ellenbogen. „Irre!“ Das interessirte sie. +Sie fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls +erwarteten sie Außerordentliches. Vielleicht +<pb n='386'/><anchor id='Pgp386'/>dass Einer sich auf seinen Wärter stürzte und ihn +erdrosselte oder etwas Aehnliches. +</p> + +<p> +An der Chaussee lagen die Wärterhäuser. Sie +sahen schmutzig grau aus mit kahlen Fenstern. +Es war einsam hier und nicht behaglich. Der +fegende Wind über die Ebene traf sie von allen +Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges. +</p> + +<p> +Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebäude. +Es war mit einer hohen rothen Backsteinmauer +umgeben. Man hörte Gänsegeschnatter. Ein fauliger +Gestank von Dünger verpestete die Luft, die +scharf war, prickelnd, wie im Winter schon. +</p> + +<p> +Alle Felder lagen unter Dünger und waren +kahl. Auch der Rasen am Feldrain sah verbrannt +aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die +üble Laune des Novembers, eine Stimmung des +Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der blaugrüne +Saum der Kiefernwälder nicht unterbrach. +Sie zogen sich nach allen Seiten. Sie schienen +das natürliche Moos dieser graubraunen Erde, +stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das +ist kein Wald. Das ist Haide. +</p> + +<p> +Das Mittelgebäude in der Anstalt selbst enthielt +die Wohnungen des Directors, der Oberärzte. +Man hatte eine Kapelle für die Irren, +Gesell<pb n='387'/><anchor id='Pgp387'/>schaftssäle, Bibliothek- und Musiksaal. Die Räume +waren mit dem neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung +ausgestattet. Die vergitterten Fenster zeigte +man nur nach dem Garten zu, auf der Rückseite. +</p> + +<p> +Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, +dass sich die Kranken da außerordentlich wohl +fühlten. Sie würden gar nicht wieder wo anders +leben mögen, selbst wenn man sie liesse. Dies +war Wohlthat für überreizte Nerven. +</p> + +<p> +Die Aerzte sagten immer: „Die Kranken.“ Der +Ausdruck Verrückte oder Irrsinnige beleidigte sie +fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des +Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie +jede andre, mit ganz bestimmten, anatomisch nachweisbaren +Veränderungen im Gehirn, Störungen +des Sensoriums und der Motilität verbunden. Mit +der mönchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher +Erscheinungen in früheren Jahrhunderten hatte +man ja Gott sei Dank! aufgeräumt. Aufgeklärte +Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar +zu Gesellschaften in der Anstalt gewesen und +hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum Gottesdienst +am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern +sehr geistreiche und gebildete Leute. Diese Legenden +von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen, prügelnden +<pb n='388'/><anchor id='Pgp388'/>Wärtern erzählten sich Köchinnen. – Es war wirklich +angenehm da zu existiren. Aufgeklärte Leute +versicherten, dass sie sofort bei der ersten Störung +ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen +würden. Es war das einzig wahre Mittel, sich +zu curiren. +</p> + +<p> +Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er +hatte an sich selbst die Fortschritte der Krankheit +beobachtet und genau festgestellt: Noch so und +so lange. Dann greift man zur Pistole ...... +„Kranke eben.“ +</p> + +<p> +Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen +Leben: Lärm, Pferdebahngebimmel, electrische +Bahnen, der immer härter werdende Kampf um’s +Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die +Menschen. Da hinten lagen die Ungethüme, Grossstädte, +die sie schickten. Hier war’s still. Gesunder +Kiefernadelduft. +</p> + +<p> +Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: +Einige, die am Verfolgungswahn litten; +eine ältere adelige Dame glaubte, dass man sie +in ihrem Standesgefühl beleidigen wollte; dann +der Mann, der einen Schatz gefunden hatte; Einer, +der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein; +besonders scherzhaft war der sogenannte „Gott Ra“, +<pb n='389'/><anchor id='Pgp389'/>eine Persönlichkeit, die plötzlich mitten im Gespräch +abbrach, die Kiefern auf- und zuschnappte, als ob +er etwas verschlänge. Alle diese waren ungefährlich, +lebten beinah glücklich. Da waren welche, +die die griechischen Tragödien in der Ursprache +lasen, sich mit Forschungen beschäftigten. +</p> + +<p> +Auch die Blödsinnigen litten ja nicht. Diese +Menschen wurden Thiere. Die Hauptsache für sie +war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung +von ihrer Degradation. – Das Publikum macht +sich so falsche Vorstellungen. +</p> + +<p> +Es war unangenehm, dass einmal eine ältere +Dame eine Häkelnadel verschluckt hatte. Natürlich +war es den Wärterinnen streng verboten gewesen, +Derartiges zu arbeiten, oder dass die Wärter an +Kranke Schnaps verkauften. – So etwas kam +überall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug +sein in der Auswahl des Materials. Das war die +wichtigste Frage. +</p> + +<p> +Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, +wenn Alles grün ist, war es noch viel schöner, +beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man +hatte die Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. +Und man musste sich gegen die Neugier des Publikums +<anchor id="corr389"/><corr sic="schüfzen">schützen</corr>. Die Leute, die da wohnten, waren +<pb n='390'/><anchor id='Pgp390'/>Stille. Ihre Angehörigen bezahlten für sie, erster, +zweiter oder dritter Klasse, je nachdem sie vermögend +waren. Erster Klasse hatte man natürlich +bessres Essen und mehr Luxus. Die ganz +Unbemittelten übernahm der Staat. Sie machten +auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher +kauften von diesen Arbeiten. Alle waren immer +entzückt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit und +practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da +hinein kamen, waren nicht zu bedauern. Sie waren +in einem Hafen förmlich. Die Bilder grosser Ärzte +und Philanthropen schmückten das Wartezimmer. +Es war ein Segen, dass die Wissenschaft dies +übernommen hatte. Wenn man dachte, welche +Zustände früher herrschten! +</p> + +<p> +Man konnte seine theuersten Angehörigen mit +der grössten Seelenruhe dalassen. Was sollte +man denn auch thun? +</p> + +<p> +Ab und zu dann ein Begräbniss. Ernst, ohne +Prunk. Es war vorüber. Er oder sie waren +„erlöst“. Eine grosse Last war von den Schultern +ihrer Familie genommen. Fast konnte man sie +beneiden um den Frieden. Man musste zurück. +In den Kampf. In’s Laute. +</p> + +<p> +Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen +<pb n='391'/><anchor id='Pgp391'/>Kindern und Thieren. Sogar ihre Leiden waren +halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt +ihnen Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut +und wohlwollend gegen diese Unglücklichen. +</p> + +<p> +Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. +Sie sind idiot, ganz harmlos. Man muss sie einschliessen, +wenn sie gemeingefährlich werden. +Jedermann kennt solche Erscheinungen in Dörfern, +abgelegenen Gebirgshöfen. Man nannte sie „Gottes +Narr“, Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche secundären +Formen der Geisteskrankheiten selten. +Dann giebt es Wahnsinn, Schwermuth. Diese Leute +können ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl +von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre +Umgebung zurück. Aber irgendwie tragen sie eine +Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker. +</p> + +<p> +Immer wieder wollten die Damen wissen, ob +die Kranken „es fühlen“, sich ihrer mentalen +Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? +Man las darüber so Schauerliches in Romanen. – +Nur die Melancholischen leiden. Sie empfinden +wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz +hoffnungslos sind die mit fixen Ideen Behafteten, +oder solche, die religiöse Wahnvorstellungen haben. +Sie hatten eine sehr feine, dreissigjährige Dame +<pb n='392'/><anchor id='Pgp392'/>aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. +Eine Dame, sonst sehr scheu und wohlerzogen! +</p> + +<p> +Man rief berühmte Beispiele zurück: Torquato +Tasso, Johanna von Castilien, Ludwig von Bayern. +War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder König Lear? +</p> + +<p> +Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten +ein wirklich interessantes Sujet, einen Clou. Das +kitzelte nicht nur die Damen. +</p> + +<p> +Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, +genialste. Der Mann, dessen Adlerflug die Welt erst +schweigend, dann mit wüthenden Verwünschungen +in glühender Bewunderung verfolgt hatte. +</p> + +<p> +Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn +ja ungehindert bewundern. Niemand hatte mehr +eine Concurrenz zu befürchten, seinen schneidenden +Hohn schlimmer als seine Verachtung. Aus +dem Löwenfell des grossen Mannes hatte man +sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. +Was konnte man da interpretiren, insinuiren, Kapital +schlagen. Aus diesem ungeheuren Brachfeld, +das er mit den Schätzen einer ungehobnen Welt +hinterlassen. Seine Fehler und Extravaganzen vermied +man natürlich. Er war ja eben bekanntlich ... +Ein Strich über die Stirne vollendete den +Gedanken. +</p> + +<pb n='393'/><anchor id='Pgp393'/> + +<p> +O ja! Für den interessirte man sich. Gedichte, +Blumen wurden für ihn gesandt. Alle Augenblicke +standen in den Zeitungen gefälschte Interviews. +Es bildete den beständigen Aerger der +Aerzte. Sie hatten es doch so klar gesagt: Eine +organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, +verschärft durch Schlafmittel, Narcotica. – Es +wurde Zeit, dass endlich einmal mit dem alten +Aberglauben aufgeräumt wurde. +</p> + +<p> +Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als +eine gerechte Strafe des Himmels. In ihren Augen +war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht +recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, +Felsblöcke gegen Ihn geschleudert und jetzt +ohnmächtig und gebrochen im Stuhl sass in einer +Irrenhauszelle: „Ich bin dumm. Ich bin dumm.“ +</p> + +<p> +Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten +über den Fall auf ihre Weise. „Bleib’ im +Land und nähr’ Dich redlich.“ Hier sah man, +wohin das Gegentheil führte: „die grosse Kunst +macht Dich rasend.“ Wozu auch? Wenn man +arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht +auf dieser Welt. Der religiöse Aberglaube +war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe +Ausschweifung. Das Leben fand schon immer +<pb n='394'/><anchor id='Pgp394'/>die Mittellinie. Es ist gut auf der Mittellinie +bleiben. +</p> + +<p> +Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso +gut wahnsinnig werden konnte. Sie blieben doch +überzeugt, dass Müller es zum Beispiel nie würde, +und Buchholz ebenfalls nicht. Diese würden sich +auch nie das Leben nehmen oder mit der Polizei +in Conflicte gerathen. +</p> + +<p> +Die Fachleute bemühten sich vergebens, das +ganz Natürliche, rein Anatomische des Vorgangs +auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte +zur Exemplificirung sorgfältig präparirte Plättchen, +auf denen man den Verlauf der Aederchen im +Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. +Ordentlich niedlich anzusehen waren diese Präparate, +etwa wie Blumenblättchen, fettig-weiss und +rosig durchzeichnet. – Einige Damen grauten sich +davor, – immer zurück in der Cultur, diese Frauenzimmer! +Der junge Gelehrte liebte seine Plättchen. +Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Für ihn +war auch dieser Kranke nur ein Object. +</p> + +<p> +Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. +Sie erzählten, dass der grosse Philosoph im Rollstuhl +auf der Terrasse gesessen. Er sah in die +sinkende Sonne. Er schien ganz „friedlich“, der +<pb n='395'/><anchor id='Pgp395'/>kranke Adler. Man nahm ein ganz angenehmes +Gefühl mit fort der allgemeinen Rührung und +der eignen speciellen Empfänglichkeit für schöne +Emotionen. +</p> + +<p> +Uebrigens hatte er’s gut. Erster Klasse sogar. +Mancher hatte es nicht so. +</p> + +<p> +Was dachte er in den langen vierundzwanzig +Stunden des Tages seit sieben Jahren? Die Aerzte +versicherten, Nichts. Er lächelte. Er wartete ... +Es war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden +Lachens, der sich selbst die Stirn mit Rosen +bekränzt und das schwache Mitleid verachtete. – +Nun, das war immer schon Wahnsinn gewesen. +</p> + +<p> +Den Schluss der Besichtigung bildete immer +die Kapelle. Nur ein steinernes Kreuz stand hinter +dem Altar. Eine Lebensähnlichkeit, Blut und Nacktheit, +hätte die Kranken gestört. Man musste vorsichtig +sein. Eine Frau in schwarzen Schleiern +weinte zu seinen Füssen. Sie bildete sich ein, die +Pietà zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs +gingen durch ihren Busen. Sie weinte immer – +immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten +Verhältnissen, Mutter und Gattin. – Man liess +sie, weil sie ganz sanft und ungefährlich war. +</p> + +<p> +Ein engelschönes, blödsinniges Kind, das +<pb n='396'/><anchor id='Pgp396'/>zwischen den Bänken hantirte, nickte und lachte +geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier +seltsam verwoben. Man wusste nicht, ob es ein +Knabe oder ein Mädchen war. Die Aerzte erklärten +ihn für einen Adolescent von sechzehn +Jahren. Er lief überall frei umher. Die Kapelle +war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete sich ein, +ein Chorknabe zu sein, schwang sein Räucherfass, +bückte sich und nickte und küsste dann mit Inbrunst +die Altarstufen. Dieser Jüngling war immer +glücklich, von einer Serenität der Cherubim. Jeder +verwöhnte und liebte ihn. +</p> + +<p> +Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, +diesem „Fremden“ der Zeitungen und Verhandlungen, +der sich einbildete, Christus zu sein. +</p> + +<p> +Der Arzt erklärte, dass dies eine häufig vorkommende +specielle Form des religiösen Wahnsinns +sei: „Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, +eine Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. +In Wahrheit ist dieser Mensch ein schwachsinniger +Zimmermannssohn aus dem Württembergischen. – +Braucht man bündigere Beweise, dass es Zeit ist, +mit dem alten Priesterhocuspocus aufzuhören?“ +</p> + +<p> +Eine der Damen sah ihn lange an: „Er hat +schöne Augen ...“ +</p> + +<pb n='397'/><anchor id='Pgp397'/> + +<p> +Die Besucher gingen wieder. Es fing auch +schon an dämmrig zu werden. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="rule: 50%" /> + +<p> +Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals +Geklärtes, vor dem denen, die es später sich erzählten, +die Haare sich sträubten, wo die Vernünftigsten +den ewigen Blödsinn der Dinge zugeben +müssen und stumpfe Hirne peitschende +Schauer der Unwelt fühlen. +</p> + +<p> +In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, +den Ewig-Stummen, den zum untersten Abgrund +Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben, +wer den Andern herführte, welcher +furchtbare Auftritt stattgefunden zwischen diesen +Beiden, deren Einen Keiner kannte. +</p> + +<p> +Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. +Die Stricke waren seine Kleider, die er sich +abgerissen hatte. Aus zertrümmertem Holzgeräth, +Bänken und Stühlen, hatte er Nägel, Eisentheile, +geklaubt. Dieser ganz nackte, misshandelte Leib +war buchstäblich zerstossen, zerschunden, erwürgt +damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, +er lachte. Mit einem schweren zugespitzten Holzstück +sah man ihn grosse Streiche führen nach +<pb n='398'/><anchor id='Pgp398'/>der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwärzliches +Blut troff: +</p> + +<p> +„Du hast die Welt zerstört! Du! Du!... +</p> + +<p> +„Die Schönheit hast Du getödtet, den Ruhm, +die Lust! +</p> + +<p> +„Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. +Du hast ihnen das Gift in’s Herz geträufelt. Schlange +Du! Erste Schlange! Verfluchte! +</p> + +<p> +„Mit Deinen zerrissnen Händen hast Du die +Kraft unsrer Hände zerbrochen. +</p> + +<p> +„Deine Füsse, die angenagelt sind, haben uns +festgebohrt. +</p> + +<p> +„Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut. +</p> + +<p> +„Die Stricke umwürgen unsre Leiber und machen +sie hässlich. +</p> + +<p> +„Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre +Hirne gedrungen ... Die Dornen von Deiner Stirn! +Die Dornen!“ ... +</p> + +<p> +Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. +Er hatte seine Haare gepackt zu beiden Seiten des +Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Händen, über +und über mit Blut beschmiert, raufte er sie aus +in vollen Fäusten. +</p> + +<p> +Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, +schauerliche Brüderlichkeit in diesen beiden +ge<pb n='399'/><anchor id='Pgp399'/>marterten, verrenkten Leibern, dem todten und +dem lebendigen, dem, der vollendet hatte und +dem, der niemals vollenden würde, ... seinen +Gliedern gekrümmt und schlaff geworden durch +das Sitzen, die Schreibtischarbeit, den Händen zu +fein und zu lang, die nicht mehr fassen konnten, +verkrüppelten, zagen Füssen, die das Gehen verlernt. +Viel zu hoch war diese Stirn, blass vom +Gedanken, vorgeschoben über das ganze übrige +Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die +wirren Haare bildeten eine fürchterliche, struppige +Aureole. +</p> + +<p> +Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz +packte, es ihm hinschleuderte in Hohn und Verzweiflung: +„Teufel! Teufel!“ +</p> + +<p> +– – – Der Blödsinnige lachte, sein leises, +triumphirendes Lachen. Er that, als ob er sein +Weihrauchfass schwänge, bückte sich und küsste +die Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern +weinte. Ein monotones, endloses, zweckloses +Weinen ... +</p> + +<p> +Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, +mitleidig, erhaben, sah herab. +</p> + +<p> +Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. +Die Augen unter den bleichen Lidern waren +ge<pb n='400'/><anchor id='Pgp400'/>brochen. Aber die Lippen standen ein wenig +geöffnet, als ob Ihn dürstete. Er hielt die beiden +Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner geöffneten +Seite unter der Brust floss das Blut. +</p> + +<p> +Das Blut floss. +</p> + +<p> +Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen +des Fussbodens. Die Fliesen blieben grau und +steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte +sich auf ihnen gebildet. Der Stein färbte sich +violett unter ihr. +</p> + +<p> +Beständig aus dem blutenden, durchbohrten +Herzen fielen die Tropfen. +</p> + +<p rend="margin-top: 4; text-align: center; font-size: small"> +Druck von Ramm & Seemann in Leipzig. +</p> + +</div></body> + <back> + <div rend="page-break-before: always"> +<pb n='401'/><anchor id='Pgp401'/> + +<p> +Von demselben Verfasser ist erschienen: +</p> +<table rend="tblcolumns: 'lw(55m) l l'; latexcolumns: 'p{6.5cm}ll'"> + <row> + <cell><hi rend="bold">Ein Narr.</hi> Roman.</cell> + <cell>Mk.</cell> + <cell>3.–</cell> + </row> + <row> + <cell><hi rend="bold">Die Jungen.</hi> Roman.</cell> + <cell>"</cell> + <cell>3.–</cell> + </row> + <row> + <cell><hi rend="bold">Misere.</hi> Roman.</cell> + <cell>"</cell> + <cell>3.–</cell> + </row> + <row> + <cell><hi rend="bold">Nixchen.</hi> Ein Beitrag zur Psychologie + der höheren Tochter. Fünfte Auflage.</cell> + <cell>"</cell> + <cell>1.50</cell> + </row> + <row> + <cell><hi rend="bold">Häusliches Glück.</hi> Aus den Papieren + eines Ehemannes.</cell> + <cell>"</cell> + <cell>1.50</cell> + </row> +</table> + </div> + <div rend="page-break-before: right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + + <pgIf output="txt"> + <then> + <p>Im Original gesperrt gesetzte Passagen sind durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, + Fettdruck durch Sternchen (*).</p> + </then> + <else> + </else> + </pgIf> + <p>Variierende Schreibweisen wurden nicht korrigiert, mit Ausnahme folgender + offensichtlicher Druckfehler:</p> + <list> + <item><ref target="corr007">Seite 7</ref>: „wei“ geändert in „weit“</item> + <item><ref target="corr015">Seite 15</ref>: „neber“ geändert in „neben“</item> + <item><ref target="corr049">Seite 49</ref>: „erwartefe“ geändert in „erwartete“</item> + <item><ref target="corr058">Seite 58</ref>: „Krankeit“ geändert in „Krankheit“</item> + <item><ref target="corr071">Seite 71</ref>: Punkt geändert in Komma hinter „ausgebrütet“</item> + <item><ref target="corr118">Seite 118</ref>: „Gattenadjudanten“ geändert in „Gattenadjutanten“</item> + <item><ref target="corr167">Seite 167</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „Worte!“</item> + <item><ref target="corr194">Seite 194</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Ihr“ + und <ref target="corr194a">„O“</ref></item> + <item><ref target="corr247">Seite 247</ref>: doppeltes „legen“ entfernt</item> + <item><ref target="corr255">Seite 255</ref>: „wir“ geändert in „wie“</item> + <item><ref target="corr261">Seite 261</ref>: „gegewesen“ geändert in „gewesen“</item> + <item><ref target="corr291">Seite 291</ref>: „tand“ geändert in „stand“</item> + <item><ref target="corr312">Seite 312</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „verkümmern.“</item> + <item><ref target="corr316">Seite 316</ref>: Komma geändert in Punkt hinter „rührten“</item> + <item><ref target="corr324">Seite 324</ref>: „Alllem“ geändert in „Allem“</item> + <item><ref target="corr344">Seite 344</ref>: „Perdeäsern“ geändert in „Pferdeäsern“</item> + <item><ref target="corr373">Seite 373</ref>: „jetsige“ geändert in „jetzige“, + „mi“ in <ref target="corr373a">„mit“</ref></item> + <item><ref target="corr378">Seite 378</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Was“</item> + <item><ref target="corr383">Seite 383</ref>: Punkt ergänzt hinter „wollüstiger“</item> + <item><ref target="corr389">Seite 389</ref>: „schüfzen“ geändert in „schützen“</item> + </list> + </div> + <div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="pgfooter" /> + </div> + </back> + </text> +</TEI.2> |
