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+ <title>Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter</title>
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+ at no cost and with almost no restrictions whatsoever.
+ You may copy it, give it away or re-use it under
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+<p rend="font-size: x-large; center">Nixchen.</p>
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+<p rend="margin-top: 3">Maschinensatz
+<lb/>von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217</p>
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+<pb n='1'/><anchor id='Pgp001'/>
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+<head>Erster Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin,
+Nettelbeckstrasse.
+</byline>
+
+<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2">Mein lieber, alter Mephisto!</salute>
+
+<p>
+Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme
+an Dich zu schreiben, grade heute in meiner
+schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung;
+denn eigentlich war ich recht wütend
+auf Dich, wütend und entrüstet und etwas
+traurig von unserm letzten Berliner Beisammensein,
+als Du mir bei frappiertem Sekt
+und köstlichen Natives so nackt und klipp
+Deine Ansichten über ein gewisses Thema
+auseinandersetztest.
+</p>
+
+<p>
+Und Du weisst, dass ich in dem Thema
+nun einmal ein unverbesserlicher,
+hartgesotte<pb n='2'/><anchor id='Pgp002'/>ner Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker
+und Realist, was wäre das Leben überhaupt
+wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier auf
+der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit,
+die Freude an dem, was man in
+sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen,
+wenn man sich nicht mitteilen könnte, wenn
+die lieben Frauen nicht wären, die liebe,
+schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges,
+teilnehmendes Wesen sein eigen zu nennen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst
+nun sagen was Du willst und Erfahrungen
+haben so viele Du willst – ich bedauere Dich
+oft darum. Ich behaupte, sie sind das Einzige
+im Leben, das es für Unsereinen überhaupt
+erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter
+ihnen, süsse, unschuldige Blumen, tausendmal
+besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom
+Himmel herunter gesandt, damit man eine
+<pb n='3'/><anchor id='Pgp003'/>Ahnung behalten soll hier unten im Staube,
+wie’s da oben aussah.
+</p>
+
+<p>
+Lache nun wie Du willst über den Romantiker,
+den Thoren, den Parzival! Es ist
+zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz
+zu machen, Du alter, lieber Freund, trotz
+Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich
+bin glücklich, unbeschreiblich, lautjubelnd,
+stillselig glücklich! – Ich liebe.
+</p>
+
+<p>
+Da steht es nun. Das Wort kommt mir
+fast profan vor Dir gegenüber. Weisst Du
+überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste,
+gute, frohe und starke Liebe, Du grosser
+Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter
+Sachverständiger in Liebesangelegenheiten,
+unvergleichlicher Vivisektor der Gefühle? –
+Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer
+Krautjunker und dörflicher Pylades, aber das
+weisst Du doch nicht.
+</p>
+
+<pb n='4'/><anchor id='Pgp004'/>
+
+<p>
+Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch,
+der sich immer zwischen Häuserreihen
+und elektrischen Lampen umhergetrieben
+hat, berühmt mit sechsundzwanzig,
+vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen
+des Salons zu Füssen lagen, diese Frauen,
+die Du kennst, die Du schilderst wie Keiner,
+Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale
+Messalinen, Prostituierte des Herzens
+und der Phantasie, die für mich
+schlechter sind, als Strassendirnen, die ehrliche,
+schmutzige Gemeinheit ohne Eau de
+Lys und präraffaelitischen Faltenwurf.
+</p>
+
+<p>
+Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen
+habe in seinem grünen, glatten Eidechseneinband
+mit hochmodernen Winkeln und
+Schnörkeln und den beunruhigenden Halbfrauen-
+und Sphynxemblemen, hier in meiner
+alten, verräucherten Bude mit den
+Hirsch<pb n='5'/><anchor id='Pgp005'/>geweihen und den alten Preussenkönigen und
+ihren alten, strammen Soldaten darunter,
+dann möcht’ ich es gerade an die Wand
+werfen und hinausstürmen. Freie Luft!
+Bäume! Erdgeruch! Hier ist doch noch Natur,
+Wahrheit, Keuschheit!
+</p>
+
+<p>
+– – – – Und doch ist auch sie keine
+Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim
+Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume,
+blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem
+Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein?
+Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind
+noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste
+Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht,
+die schon drei Winter ausgegangen sind, deren
+Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit
+man mit faden Schmeicheleien
+vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte,
+hat einen Fleck darauf zurückgelassen.
+</p>
+
+<pb n='6'/><anchor id='Pgp006'/>
+
+<p>
+Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin
+der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende
+Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand
+entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen.
+Du kennst die Partnachklamm. So
+faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit
+unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du
+mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee
+aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein,
+die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen.
+Sie war forsch gewesen. Sie hatte die
+Innentour machen wollen, die kleine, kecke
+Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige
+Felswand gedrückt, blass und zitternd mit
+ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen
+den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden
+Wasserstaube, der das winzige, zierliche
+Sonnenschirmchen durchnässte wie ein
+Lümpchen.
+</p>
+
+<pb n='7'/><anchor id='Pgp007'/>
+
+<p>
+Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte,
+Schrittchen für Schrittchen an meinem
+langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie
+hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe
+Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher
+durchsteuern durch das ängstliche, riesige
+Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist
+ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur,
+aber derjenige, dessen man sich am häufigsten
+und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu
+sein, und doch Alles wieder nur, um so ein
+kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten,
+zu schützen, das Einen mit einem
+Lächeln um den winzigen Finger wickelt.
+</p>
+
+<p>
+Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte
+mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen.
+Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises –
+allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie
+es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen
+<pb n='8'/><anchor id='Pgp008'/>Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher.
+Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein
+Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er
+Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde
+– etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen
+und blonde Burgfrauen. – Wie ich den
+Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen
+in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der
+Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom
+alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft,
+Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die
+Mutter, die echte deutsche Frau, blühend,
+mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas
+Reinliches um die Frau, keine Unordnung,
+keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine
+Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt,
+diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde
+– ich hasse Abkürzungen. Ich nenne
+sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder
+<pb n='9'/><anchor id='Pgp009'/>gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es
+passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen,
+blonde Augen, eine Haut von der
+Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes.
+Ich schwärme für schönen Teint bei
+Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der
+inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest
+sich in den Wellen des Blutes unter der
+Milchweisse der Unschuld.
+</p>
+
+<p>
+Und sie ist ja so kinderjung noch! Es
+ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von
+B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich
+will um sie werben. Blatt für Blatt möchte
+ich diese Knospe erschliessen, Gedanken,
+Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele.
+Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche
+Aufgabe!
+</p>
+
+<p>
+Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor.
+Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen
+<pb n='10'/><anchor id='Pgp010'/>von der Welt, vom Leben, vom ganzen,
+grossen Menschheitswesen? Dass der liebe
+Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen,
+dass Friedrich der Grosse mit
+einem Krückstock ausging, dass ein gewisser
+Goethe einen gewissen Faust geschrieben
+hat? <hi rend='gesperrt'>Meine</hi> Aufgabe wird es sein, sie
+einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm.
+Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt,
+wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer
+liebevoller Brust!
+</p>
+
+<p>
+Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde
+nicht in Pension gewesen ist. Ich
+hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen,
+unheimatlichen Orten unter ungenügender
+Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht
+fehlen können. Ich habe meine ländliche
+Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden.
+Und wenn Ihr mich nachher als
+<pb n='11'/><anchor id='Pgp011'/>„reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe
+Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht
+genossen, in kleinen Kursen, mit
+Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste
+Freundin ist die Tochter eines pensionierten
+Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen.
+Sie sind fast unzertrennlich,
+da geht dann ein sehr liebliches, beständiges
+Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser
+tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues
+Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten
+Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich
+rührend diese Einfalt gerade ist!
+Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete,
+dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich
+selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst
+meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht
+vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine
+Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
+</p>
+
+<pb n='12'/><anchor id='Pgp012'/>
+
+<p>
+Lache über mich! Zucke die Achseln!
+Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf
+über den Menschen, den Esel, den Dummkopf,
+der in einem sechzehnjährigen Kinde,
+einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat,
+eine Krone, eine Erlösung!
+</p>
+
+<signed rend="text-align: left">Ich bin glücklich!&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dein Achim.</signed>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='13'/><anchor id='Pgp013'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zweiter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin
+bei Rathsdorf, Kreis Jüterbog in der Mark.</byline>
+
+<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2">
+Teurer Parzival!
+</salute>
+
+<p>
+Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische
+Miene aufgesetzt. Ich kannte ja die
+dicken Couverts, das Wappen Semper idem,
+die engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling.
+</p>
+
+<p>
+Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt
+habe ich! Kommt denn der Mensch
+nie aus dem Zahnen heraus!
+</p>
+
+<p>
+Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten,
+stark magdalenenhaften Witib aus
+den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen
+<pb n='14'/><anchor id='Pgp014'/>Backfisch herein, einen Berliner Backfisch,
+eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch!
+Die Götter wollen Dein Verderben.
+</p>
+
+<p>
+Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne
+das Original. Ich sehe es zu Dutzenden alle
+Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz,
+manchmal noch mit der Schulmappe
+und dem Bammelzopf sogar, das
+äugelt und kichert auf der Pferdebahn, giebt
+sich in Konditoreien Rendezvous, liest Tovote
+und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge
+erröten, und träumt von chambres séparées,
+alten Männern mit Millionen und
+Hausfreunden, die Gesandtschaftsattachés
+sind.
+</p>
+
+<p>
+Der Schändliche! Der Pessimist! wirst
+Du sagen, und dann kommt die ganze Philippika
+gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
+</p>
+
+<pb n='15'/><anchor id='Pgp015'/>
+
+<p>
+Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal
+Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so
+schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich
+waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke
+gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und
+staune.
+</p>
+
+<p>
+Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich
+neige in Demut vor der skeptischen Thatsache
+mein mephistophelisches Haupt: Leben!
+Du bist doch noch eine ärgere Komödie als
+ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl,
+alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.
+</p>
+
+<p>
+Übrigens ja doch! lachen musste ich
+doch.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen,
+blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter
+aus W.....
+</p>
+
+<p>
+Weisst Du noch, wenn Du mir
+Stand<pb n='16'/><anchor id='Pgp016'/>reden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet
+warst, mich der Phantasie beschuldigtest,
+teuflischer Verführungskünste?
+</p>
+
+<p>
+Diesmal wirst Du wenigstens zugeben
+müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu
+gekommen bin, auf die allerunschuldigste,
+buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen
+Freunden u. s. w.“
+</p>
+
+<p>
+Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft
+und wickelkindsfromm in Morpheus Armen,
+als Martin zwei Damen meldet.
+</p>
+
+<p>
+Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er
+hat dann förmlich etwas Priesterliches, die
+Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste
+öffnet.
+</p>
+
+<p>
+Neulich war meine liebe, alte, dicke
+Schwester Jule bei mir, die in München der
+edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich
+das garstigste, ehrlichste, fidelste
+Frauen<pb n='17'/><anchor id='Pgp017'/>zimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen
+Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende
+im moralischen Leben.
+Martin bediente uns während des Essens
+mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit,
+die anfing lähmend zu wirken. Jule
+wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten
+Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit
+und liebt es, denselben goutiert zu sehen
+auch von den geringeren Göttern. Martin
+zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf
+sie einen fast schüchternen Seitenblick auf
+sein glattes, undurchdringliches Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Diner der Kaffee. Martin
+huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle
+Jalousieen heruntergelassen und die Stores
+vorgezogen – notabene es war drei Uhr
+nachmittags. Die Lampen brennen durch
+rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft
+<pb n='18'/><anchor id='Pgp018'/>wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht
+sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem
+Tabak und giesst einen Cognac
+nach dem andern hinter die Binde. Martin
+präsentiert Feuer von dem züngelnden
+Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und
+träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib
+einer schlanken, schilfentsprossnen Najade.
+Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin
+hatte beides vorsorglich von dem Riegel im
+Entree weggetragen und hinter einer opportun
+aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen
+Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt
+das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden.
+Im Schlafzimmer ist es Nacht.
+Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder
+gelber Seidenkouvertüre. Über
+dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido,
+lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches
+Flämm<pb n='19'/><anchor id='Pgp019'/>chen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert,
+Kämme, Brennscheere, langbeinige
+Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes
+Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule
+trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
+</p>
+
+<p>
+„Du –“, sagte meine alte brave Schwester,
+wiedereintretend, mit einem sehr energischen
+Klink der Thür, der ihm durch und durch
+gehen musste. „Wenn der im Paradies dabei
+gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott
+sich sparen können.“
+</p>
+
+<p>
+Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit
+gegen das weibliche Geschlecht eine
+schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest,
+was ich durch diese Höflichkeit schon
+gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
+</p>
+
+<p>
+Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick
+in den Spiegel, eine Handbewegung nach
+dem Schnurrbart, eine ebensolche an die
+<pb n='20'/><anchor id='Pgp020'/>Halsbinde. Der äussere Mensch wäre gerüstet.
+</p>
+
+<p>
+Mein Junggesellenheim kann sich immer
+zeigen. Das ist mein Stolz, und Martin ist
+darin gut erzogen. En avant donc!
+</p>
+
+<p>
+„Meine Damen, was verschafft mir die
+Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! ein blonder
+und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus
+gutem Hause – Handschuh, Stiefel – viel
+Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl?
+Wir haben Ihr Buch: „Verbotne
+Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich
+wollten Sie gern mal kennen lernen.“
+</p>
+
+<p>
+Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis
+mit dreisten, hellen Augen. Die Blonde
+steht verschämt mit schlagenden Wimpern.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin meinem Buche sehr dankbar,
+dass es mir solch reizende Bekanntschaft
+<pb n='21'/><anchor id='Pgp021'/>vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz
+nehmen, meine Damen?“
+</p>
+
+<p>
+Sie setzen sich, beide natürlich auf einen
+Stuhl. Sie kichern. Die Blonde bearbeitet die
+Braune sehr energisch in der Knie- und
+Ellenbogengegend.
+</p>
+
+<p>
+Die ist schon ganz frech: „Ich heisse
+Kathinka Schnebeling und meine Freundin
+heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für
+moderne Litteratur. Meine Freundin schwärmt
+für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie
+von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“
+</p>
+
+<p>
+„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich
+– ein alter Mann mit einem kahlen Kopfe....“
+</p>
+
+<p>
+Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen
+müssen sehr solide Knochen haben,
+dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen
+so gut vertragen.
+</p>
+
+<p>
+„Unsre ganze Klasse schwärmt für:
+„Ver<pb n='22'/><anchor id='Pgp022'/>botne Früchte“. Wir haben es Alle gelesen.
+Oh wir lesen Alles!“
+</p>
+
+<p>
+Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz
+kurzen Sätzen.
+</p>
+
+<p>
+Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch
+aber eigentlich in Ihrem Alter ....“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten
+gewesen mit meinem Vetter Hubi und
+„Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher
+Mensch ... Aber merkt denn das Ihre Frau
+Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt
+Patiencen,“ (schriftlich nicht wiederzugebende
+Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte
+Beschäftigung des wackren alten Herrn).
+„Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen
+haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy,
+eine Mischung von Kätzchenmiauen und
+<pb n='23'/><anchor id='Pgp023'/>Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter,
+christlicher Vorname ebenso unmöglich
+wäre wie ein ordentliches, honettes Ja
+oder Nein – –, „Itta wollte so gern zu
+Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta
+schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am
+liebsten, hauptsächlich Garde und Kavallerie.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Kitty!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Also die Blonde! Die Blonde war auch
+eigentlich die Niedlichste.
+</p>
+
+<p>
+Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen.
+Martin ist darin vollkommen.
+</p>
+
+<p>
+Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem
+Wein nippten sie nur.
+</p>
+
+<p>
+Dabei gingen die Augen im Zimmer herum.
+Sie brannten förmlich vor Interesse. Eine
+dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin
+auf meinem Schreibtisch enttäuschte sie
+sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige
+Bou<pb n='24'/><anchor id='Pgp024'/>chers entschädigten sie etwas. Sie stiessen
+sich an und kicherten. Sicher hatten sie erwartet,
+die ganzen Wände voll nackender
+Frauenzimmer zu finden, alle fünf Barrisons
+mindestens!
+</p>
+
+<p>
+„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe
+kriegen? Olga Krohn sagt es.“
+</p>
+
+<p>
+Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen.
+Ich zeige männliche Bescheidenheit: „Ab
+und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen
+einem armen Sterblichen ihre Gunst erweisen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie
+gehabt?“
+</p>
+
+<p>
+„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich
+gewesen?“
+</p>
+
+<p>
+„Unsäglich!“
+</p>
+
+<p>
+Dabei betrachten sie mich kritisch wie
+zwei kleine, menschenfressende Ungeheuer,
+<pb n='25'/><anchor id='Pgp025'/>ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust
+aufknöpfen und das traditionelle blutende
+Herz mit dem grossen Knax mittendurch
+entfalten werde.
+</p>
+
+<p>
+„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen
+und gänzlich unromantischen Person ..“
+</p>
+
+<p>
+Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi,
+Gymnasiasten, einem Studenten, einem Courmacher
+der Blonden ... Was die Eine nicht
+sagte, verriet die Andre, – die Braune immer
+ein Schrittchen voraus und die Blonde nachhelfend
+... von Susi Hausner und Litty Mehring
+und Daisy Grimme ... Oh, die war ganz
+schlimm, Daisy Grimme!
+</p>
+
+<p>
+Und als ich ganz bescheidentlich einmal
+einen rein technischen Zweifel zu äussern
+wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man
+hatte ja seine Musikstunden, Kurse, die
+Schneiderin zum Anprobieren. Das System
+<pb n='26'/><anchor id='Pgp026'/>funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime
+Konnivenz aller dieser Faktoren
+blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu
+verlieren, Kundschaft einzubüssen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sage Dir, es war entzückend, die
+beiden heissen, niedlichen, kleinen Käfer!
+</p>
+
+<p>
+Es schlägt sechs Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen
+wir aber gehn.“
+</p>
+
+<p>
+„Schon?“
+</p>
+
+<p>
+Mit einem ermutigenden Puff an die
+Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Ich!</hi> „Wenn ich auf ein solches Glück
+hoffen dürfte?“ ...
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die
+Blonde.
+</p>
+
+<p>
+Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der
+stumme Handkuss ist ausserordentlich wirkungsvoll,
+ehrfürchtig, bescheiden,
+viel<pb n='27'/><anchor id='Pgp027'/>sagend – und stumm! Ich empfehle Dir den
+stummen Handkuss. – – –
+</p>
+
+<p>
+Ich muss gestehen, etwas chokiert war
+ich doch.
+</p>
+
+<p>
+Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas
+sind am Ende unsre Schwestern. Sowas heiratet
+man. Mit sowas setzt man Töchter in
+die Welt, die wieder schlechtbeleumundeten
+Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr .....
+</p>
+
+<p>
+Da hast Du was für Dein glühendes Herz!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='28'/><anchor id='Pgp028'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Dritter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze
+getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen,
+alter Seelenvergifter!
+</p>
+
+<p>
+Ich flüchte mich einfach zu Mathilde.
+Wenn man die Thatsache vor sich sieht,
+schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem
+die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht
+weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher
+entrüstet sich nicht einmal moralisch.
+</p>
+
+<p>
+– – – – Sie ist noch immer geschlossen,
+süss und ahnungslos.
+</p>
+
+<p>
+Aber manchmal kommt es mir vor, als
+ginge ein Erschauern durch die schlanke
+Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung
+künf<pb n='29'/><anchor id='Pgp029'/>tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher
+Sonnenwärme.
+</p>
+
+<p>
+Wir sassen auf dem Balkon.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah sie wohl zu heiss an.
+</p>
+
+<p>
+Sie verwirrte sich. Sie war still.
+</p>
+
+<p>
+Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren
+Ausdruck als den Koriolans an sein
+Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt
+darin eine solche Tiefe der Unberührtheit.
+Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar,
+auf Dich zum Beispiel. Nur die
+Natur hat dieses Schweigen – der See –
+der Himmel – die Frau ...
+</p>
+
+<p>
+Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk
+kennen zu lernen. Sie hat im Hause
+ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten,
+Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao
+zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen
+hält sie selbst in Ordnung, die kleinen
+Röck<pb n='30'/><anchor id='Pgp030'/>chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen.
+Die Mutter hat sie schlicht und häuslich
+erzogen, wie sie selber ist. Mathilde
+kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen
+selber führen. Ich finde das entzückend.
+</p>
+
+<p>
+Dazu nimmt sie noch einige Stunden
+weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W.
+Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu
+zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl
+ein kleiner Spaziergang mit der Freundin
+verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich.
+Wie das schwätzt und schnäbelt!
+– all diese unschuldigen Vertraulichkeiten,
+die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn
+Jahre.
+</p>
+
+<p>
+Das thut mir manchmal fast weh.
+</p>
+
+<p>
+Wieviel muss da sein, von dem wir nichts
+ahnen, für das wir kein Verständnis haben,
+ein grober, einfacher Landjunker, wie ich,
+<pb n='31'/><anchor id='Pgp031'/>ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen,
+den Frauen gegenüber ein schüchterner
+Stümper!
+</p>
+
+<p>
+Wieviel andrerseits haben wir nicht zu
+geben, einzuweihen hinein!
+</p>
+
+<p>
+Vorerst mein liebes, altes Templin selbst
+mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten.
+Unsre Mark <hi rend='gesperrt'>hat</hi> Schönheiten, ihre
+sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich
+nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde,
+dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt,
+Italien, Norwegen – das Meer ...
+</p>
+
+<p>
+Die Partenkirchner Tour war ihre erste
+Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich
+bin, soviel Schönes erschliessen kann für
+mein Lieb.
+</p>
+
+<p>
+Wie wird sie staunen vor den grossen
+Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische
+Berlinerin, die nichts kennt!
+</p>
+
+<pb n='32'/><anchor id='Pgp032'/>
+
+<p>
+Alle meine Lieblingsbücher will ich mit
+ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm.
+</p>
+
+<p>
+Selbst eine gute Patriotin soll sie werden,
+teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen,
+die das Vaterland bewegen, stolz sein
+auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus,
+unsern herrlichen, alten Bismarck.
+</p>
+
+<p>
+Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein
+vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“
+</p>
+
+<p>
+Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens
+würdig finden.
+</p>
+
+<p>
+Bin ich ihrer würdig?
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du
+weisst, ich habe nie ein ausschweifendes
+Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets
+abgestossen, sowohl bei Männern wie bei
+Frauen, und keine künstlerische Verklärung,
+keine Sophismen der Leidenschaft es in
+meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr
+<pb n='33'/><anchor id='Pgp033'/>verspottet mich oft mit meinen Ansichten,
+meiner Josephhaftigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Und doch, wieviel bleibt haften auch in
+einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke
+– was man vielleicht nur gehört, gesehen
+hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit
+gegen Mathildens strahlende, unbewusste
+Reinheit und Unschuld. Ich zittre,
+dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache
+meine Worte, meine Blicke. Fast
+versuche ich, meine Stimme zu mässigen.
+</p>
+
+<p>
+Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche
+mit ihr! Ich frage und sie antwortet:
+Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen
+Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt,
+er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift
+auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge
+mich wert machen, dass es die rechte
+Schrift sei!
+</p>
+
+<pb n='34'/><anchor id='Pgp034'/>
+
+<p>
+Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.
+</p>
+
+<p>
+Als ich um die Nachmittagsstunde zum
+Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast,
+wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau
+von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört
+zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es
+geht nicht anders, man kann nicht die Erste
+sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher
+esprit de corps mit in Frage.
+</p>
+
+<p>
+Es ist ja auch was Wahres dran. Wie
+ich diese laxe Moral der Welt hasse!
+</p>
+
+<p>
+Auch Mathilde war im Salon. <hi rend='gesperrt'>Sie</hi> sprach
+mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige
+Stirn. Dies Weib! mit meinem
+Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna!
+</p>
+
+<p>
+Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher
+Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig,
+hat ihre Partei.
+</p>
+
+<pb n='35'/><anchor id='Pgp035'/>
+
+<p>
+Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den
+Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es
+ist gegen ihren Willen heute geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen
+sah mich halb erschrocken an, welche böse
+Laune den Freund heut plage. Ach wenn
+Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist,
+die mich zittern macht, sonst nichts, nichts
+auf der Welt, seit ich Dich habe!
+</p>
+
+<p>
+Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt
+ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir
+fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige
+Thränen einer süssen Furcht. Ob sie
+abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen
+wohl öfters wachliegt und an was sie denkt?
+Ob sie dann auch an mich denkt?
+</p>
+
+<p>
+Noch ein entzückender Zug.
+</p>
+
+<p>
+Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen
+erwartet, schon das vierte.
+</p>
+
+<pb n='36'/><anchor id='Pgp036'/>
+
+<p>
+Es war die Rede von der kleinen Ausstattung,
+Hemdchen, Bettchen, die man besorgen
+müsste. Die beiden Frauen sprachen
+leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln
+ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll
+wie vor einer Weihnachtsbescherung.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde war hinausgegangen um sich
+eine Schere zu holen.
+</p>
+
+<p>
+„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau
+von B. lächelnd.
+</p>
+
+<p>
+Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese
+Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt.
+Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben,
+wenn Alles rein und licht ist,
+mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='37'/><anchor id='Pgp037'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Vierter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren,
+mehr von der psychologischen als
+von der persönlichen Seite. Ich bin schon
+so weit. Das bringt das Handwerk mit sich,
+die Seziergewohnheit.
+</p>
+
+<p>
+Also am Mittwoch ein zierliches, rosa
+Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich,
+kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie
+mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme
+allein. Ihre J.
+</p>
+
+<p>
+Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle
+und sieht aufmerksam und erwartungsvoll
+aus. Da stand sie in ihrem
+dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem
+Astrachan, glühendrot.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal küsste ich sie natürlich.
+</p>
+
+<p>
+Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst
+<pb n='38'/><anchor id='Pgp038'/>halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren,
+Du zum Beispiel! Im Kuss liegt
+Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ...
+Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen,
+leichten Voranschlag. Man macht dann keine
+Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher.
+</p>
+
+<p>
+Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd,
+aber stillehaltend. Das Herzchen
+bupperte zum Zerspringen, halb von der
+Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“
+</p>
+
+<p>
+Ich beruhigte sie: Eine Etage höher
+wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer
+hingehen können, wenn Ihnen jemand auf
+der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat
+einen zweiten Ausgang nach dem Hofe.
+Martin ist verschwiegen wie das Grab.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte über das Alles nachgedacht.
+Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher.
+</p>
+
+<pb n='39'/><anchor id='Pgp039'/>
+
+<p>
+Dann die moralischen Garantien.
+</p>
+
+<p>
+„Du denkst doch auch nichts Schlechtes
+von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen
+<anchor id="corr039"/><corr sic="bin?">bin?“</corr> (in Parenthese – hast Du schon jemals
+eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem
+Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie
+trägt Jägerwäsche und philosophiert im
+Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es
+ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen
+habe – und es ist so schrecklich langweilig
+zu Hause, und weil Du so nett bist.“
+</p>
+
+<p>
+Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie,
+küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse
+sie ins Ohrläppchen.
+</p>
+
+<p>
+Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und
+zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen
+so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken
+und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar
+wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner,
+<pb n='40'/><anchor id='Pgp040'/>rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung
+und Klage. Der Sirenenton.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe jetzt auch einen Namen für sie:
+Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet.
+Es charakterisiert das ganze Genre,
+lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen,
+unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!
+</p>
+
+<p>
+Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen.
+Das geht zu glatt: „Ich liebe
+Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern!
+Du bist der einzigste, himmlischste Mann,
+den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.
+</p>
+
+<p>
+Dazu kein lautes Wort, keine hässliche
+Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss
+und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine
+Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen,
+die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte
+Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr
+Ästhetiker dazu.
+</p>
+
+<pb n='41'/><anchor id='Pgp041'/>
+
+<p>
+Und dann das Psychologische! das ist
+einfach unbezahlbar.
+</p>
+
+<p>
+Dann wird sie Meister und ich demütiger
+Schüler. Ich staune, was der Balg weiss.
+Und woher weiss sie es?
+</p>
+
+<p>
+Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“
+</p>
+
+<p>
+Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir
+eine ganze soziale Unterschicht, von der wir
+keine Ahnung haben, eine Haremswelt,
+weisse Pensionatsbettchen, in denen man
+sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten,
+am Schlüsselloch Erlauschtes,
+eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an
+Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor
+dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes,
+Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof
+und Watteauboudoir. Sie erzählte mir
+eine Geschichte von einer Bekannten, einer
+vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter,
+<pb n='42'/><anchor id='Pgp042'/>die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem
+Geliebten aus dem Cirkus durchging, während
+er mit ihrer Reisetasche und ihrem
+Regenschirm auf dem Perron stehen blieb.
+Dieser Regenschirm und diese Reisetasche
+erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen,
+perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Dann hat man Brüder, Vettern ... Der
+„Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte.
+Sowas ist nicht mehr ganz Bruder
+und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es
+hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu
+brauchen. Sowas kompromittiert nicht und
+verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es
+ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb-
+und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen
+Übergangsstadien, éclaireur-Dienste,
+Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders
+explizit in dem Punkte. Sie hat Angst
+<pb n='43'/><anchor id='Pgp043'/>vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit
+des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist
+er überall mal dagewesen. Du magst noch
+so früh aufstehn und noch so fein deduzieren:
+Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir
+das als Axiom.
+</p>
+
+<p>
+Dann will sie Abenteuer von mir wissen.
+Darin ist sie unersättlich. Es ist die Phantasie
+eines kleinen Ungeheuers, die sich zu
+befriedigen sucht: Notzucht, Incest, Unnatur.
+Die ganze Weltgeschichte, die ganze
+Kunst, die halbe Religion mindestens ist für
+sie nur das. Das merkt sie sich, das hat sie
+behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit
+etwas Imponierendes und Schreckliches:
+Der Pfeil, der sehr grade abgeht,
+mitten ins Leben, in den Herzpunkt, die
+Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! –
+Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“
+</p>
+
+<pb n='44'/><anchor id='Pgp044'/>
+
+<p>
+Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft
+interessieren sie, Whipchen, Martin, der bric
+à brac.
+</p>
+
+<p>
+Und Küssen zwischendurch!
+</p>
+
+<p>
+Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie.
+Dazu ist sie zu subtil, zu wenig Natur.
+</p>
+
+<p>
+Das ist Alles spielerisch wie bei einer
+jungen Katze. Sie lässt sich küssen, streicheln,
+anfassen ....
+</p>
+
+<p>
+Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen,
+die Angst vor dem Wehthun, dem
+Baby, die Heiratschance.
+</p>
+
+<p>
+Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir
+haben kein Vermögen. Else und Dada
+haben auch geheiratet.“
+</p>
+
+<p>
+Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen.
+Das ist das Vernünftige, die Versorgung.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue
+Ehefrau.
+</p>
+
+<pb n='45'/><anchor id='Pgp045'/>
+
+<p>
+Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
+</p>
+
+<p>
+Die falsche, unnatürliche Erziehung, die
+Heimlichthuerei. Was haben die Würmer zu
+hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt,
+den sie sich nicht mal selbst aussuchen können,
+der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal
+wie eine Cocotte. Kann man sich verwundern,
+wenn sie vorher etwas Champagnerschaum
+schlürfen wollen?
+</p>
+
+<p>
+Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv,
+so ’n kleines, dummes Ding, nicht für
+zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen,
+total ungebildet, wie eine orientalische Haremsdame!
+</p>
+
+<p>
+Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt
+sich ganz instinktiv: „Der ist der Richtige.
+Der versteht etwas von der Sache. Il sait
+aimer.“
+</p>
+
+<p>
+„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre
+ein<pb n='46'/><anchor id='Pgp046'/>zige Angst, eine süsse, gruselige Angst. Dann
+kichert sie über die dummen Menschen,
+Papa, Mama, die Leute, da unten auf der
+Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in
+seiner Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
+</p>
+
+<p>
+Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist
+so unmoralisch!“ ..
+</p>
+
+<p>
+Dann küsse ich sie wieder.
+</p>
+
+<p>
+Sie legt mir die Ärmchen um den Hals,
+nennt mich Engelchen, Liebling, süsses Herz
+– und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
+</p>
+
+<p>
+Kleine Kanaille! – Na, das sind sie
+Alle.
+</p>
+
+<p>
+Bewunderungswert bleibt eigentlich nun
+immer die Dummheit der Männer, der Glaube
+an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige
+ist, dem das Wunder passiert.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='47'/><anchor id='Pgp047'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfter Brief."/>
+<head>Fünfter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Weisst Du, dass ich manchmal förmlich
+Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt,
+als müsste ich Dich bekehren.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest
+glauben und niederknieen wie ich.
+</p>
+
+<p>
+Schon wenn ich das Haus betrete, das
+friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen
+Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.
+Wenn er erst männlich
+auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie
+wohl nach, eine echte und kluge Frau, um
+vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren
+Vorschlag wieder anzubringen, ihn
+zu suggerieren als eignen Beschluss.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe jetzt auch den Bruder kennen
+<pb n='48'/><anchor id='Pgp048'/>gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst
+hierher kommandiert ist. Ein echtes
+Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen,
+ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt
+doch das Band, das Altpreussen zusammenhält,
+dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er
+auch ab und zu, wie er mir selber freimütig
+gestand, etwas über die Stränge geschlagen
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Natürlich stellte ich ihm für vorkommende
+Fälle meinen Kredit zur Verfügung,
+ganz unter uns, als Bruder und Kamerad.
+Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder
+ihres Bruders?
+</p>
+
+<p>
+Er musste mir in die Hand versprechen,
+dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur
+leere Phrase sein soll.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses.
+Sie kennt die kleinen Liebhabereien des
+<pb n='49'/><anchor id='Pgp049'/>Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt,
+bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht
+sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements
+für Gesellschaften. Sie schmückt
+dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf,
+immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen
+Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe
+sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben,
+weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe,
+die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller,
+geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören,
+denen ich etwas bin. Sie sollen Alle
+die Meinen werden.
+</p>
+
+<p>
+Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
+</p>
+
+<p>
+Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte
+sich ganz zufällig so gefunden.
+</p>
+
+<p>
+Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten
+Gefühl von etwas Aussergewöhnlichem,
+Nahendem.
+</p>
+
+<pb n='50'/><anchor id='Pgp050'/>
+
+<p>
+Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges
+zu sprechen, wo ich ihr doch am liebsten
+zu Füssen gefallen wäre.
+</p>
+
+<p>
+Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich
+gerührt hat.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher
+Stunde. Gesellschaftsklug werde ich ja nie.
+Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner,
+grosser, weisser Schürze. „Wir
+haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens
+Stübchen.“
+</p>
+
+<p>
+Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess
+mich in der Thüre stehen, während sie selbst
+am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline
+ordnete.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss.
+Über dem Bett die Raphaelschen Engelsköpfchen,
+– ein Bücherbrettchen, Geibel,
+<pb n='51'/><anchor id='Pgp051'/>Frauen-Liebe und Leben, Schillers Werke,
+Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische
+Tauchnitzromane ...
+</p>
+
+<p>
+Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte
+Gebilde nicht zu zerstören, zart genug zu
+sein, hochherzig, ritterlich!
+</p>
+
+<p>
+Auch die zweite Schwester, Frau Buderus,
+ist jetzt aus dem Süden zurückgekehrt.
+Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder.
+Sie ist sehr schön. Ein Schatten von Schwermut
+macht dies schöne, stolze Gesicht fast
+noch anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben.
+Aller Reichtum, die Zerstreuungen
+der grossen Welt, die ihr in so reichem
+Masse zu Gebote stehen, können ja einem
+Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.
+</p>
+
+<p>
+Bei der ältesten Schwester ist das freudige
+Ereignis nun eingetreten. Ihr Mann ist
+Hauptmann im Generalstab, ein
+ausser<pb n='52'/><anchor id='Pgp052'/>ordentlich tüchtiger und strebsamer Offizier.
+</p>
+
+<p>
+Sie müssen sich einschränken. Wie ich
+sie liebe, diese Einschränkung um der Liebe
+willen, diese braven, tapferen zwei Menschen,
+die trotz der heutigen Anforderungen des
+Lebens und der Gesellschaft es gewagt
+haben, der Stimme des Herzens zu folgen.
+</p>
+
+<p>
+Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben,
+Mütter sind. Es ist solch hübsches Symbol,
+die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung
+erst der Frau, die Erfüllung überhaupt
+des Lebens, vor der die ganze sündige
+Welt niederkniet, gläubig und erlöst.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='53'/><anchor id='Pgp053'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Sechster Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese
+ganze Familie liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes
+Buch. Ich sehe sie Alle, Herz
+und Nieren.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts
+stossend, fortwährend thätig, um mit schmalen
+Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten
+herauszuschlagen. Daher dann im
+Hause fortwährende Nörgeleien, Sticheleien.
+Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch
+dieser Familie ist Geld. Vor jeder Gesellschaft
+erst ein Zank. Er will nicht mehr,
+Er ist alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt
+oder Eberswalde vier Stübchen haben,
+<pb n='54'/><anchor id='Pgp054'/>Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht
+den Frack an, er buckelt und schustert
+weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Das Nixchen steht natürlich auf Seiten
+der Mutter. „Mama“ ist eine grosse Frau.
+Was Mama will, geschieht. Und Mama hat
+immer recht.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen.
+Mit der Ersten haperte es. Die
+Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe
+er, aber er hatte ja Karriere vor sich. Thränen
+und Szenen in der Familie. Man hielt
+ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter
+Dach und Fach waren. Seitdem ersticken
+sie in Brut.
+</p>
+
+<p>
+Das ist Mamas Hauptärger. Auch das
+Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie
+kann man nur! Sie könnten doch wirklich
+<pb n='55'/><anchor id='Pgp055'/>„was thun“ – wo er noch nicht mal Major
+ist.“ – Über das „was“, das man thun
+könnte, scheint sie sich ziemlich im klaren
+zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich
+nicht, wenn die Diskussion heftig wird.
+</p>
+
+<p>
+Die Zweite war die Schönheit der Familie.
+Die sollte hoch hinaus, wurde auf Excellenzen-
+und Verwandtenbesuch geschickt
+mit Toiletten und Dekolettiertheiten. Einem
+kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit
+einem Marinevetter machte die Mama ebenso
+nachdrücklich wie effektiv ein Ende. Der
+Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl,
+aber Geld, schweres Geld. Dada entschädigt
+sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht
+gekommen. Das Nixchen erzählt mir Alles:
+„Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben
+eine Wohnung hier irgendwo.
+</p>
+
+<p>
+Es findet Dada nicht zu bedauern.
+</p>
+
+<pb n='56'/><anchor id='Pgp056'/>
+
+<p>
+Der Bruder ist der Liebling der Mutter,
+der echte Bruder Liederlich, macht Schulden,
+jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit
+Einschluss des geheimrätlichen Küchenpersonals,
+zur grossen Erheiterung des Nixchens.
+Daher fortwährende Szenen. Der
+reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen.
+Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du,
+es ist manchmal unausstehlich bei uns.“ Ich
+glaube es gern.
+</p>
+
+<p>
+Auch das Nixchen hat einen Freier auf
+der ersten versuchsweisen Angelreise eingefangen,
+ein ländlicher, reicher Mensch, mit
+vornehmem Namen.
+</p>
+
+<p>
+Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann
+hat er so grosse Hände!.. Nicht halb so
+nett wie Du!“ ....
+</p>
+
+<p>
+Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie
+natürlich fest entschlossen ist, ihn zu
+neh<pb n='57'/><anchor id='Pgp057'/>men, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
+</p>
+
+<p>
+Oh, Weiber!
+</p>
+
+<p>
+Arme Natur, wo bist du?
+</p>
+
+<p>
+Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie
+einige ganz hübsche Details.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich musst du immer thun, als
+wüsstest du von nichts. Das ist die Hauptsache.
+Wenn er kommt, ganz erstaunt sein
+und weglaufen, um sich die Haare zu
+machen, wo Mama schon den ganzen Morgen
+auf ihn lauert, und ich meine neue Bluse
+angezogen habe ... Alles glauben, was er
+sagt, gar nicht fragen! Als ob wir uns nicht
+ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti,
+was er hat und woher er stammt. Mama
+spricht immer, als ob ich ein Kind wäre,
+dass ich noch mal in Pension soll. Dabei
+hat sie schon alle Zimmer eingerichtet auf
+<pb n='58'/><anchor id='Pgp058'/>seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem
+Bruder heimlich was abgeben soll, wenn wir
+verheiratet sind. Aber ich werde es grade
+thun! Ich habe genug von der poveren
+Wirtschaft zu Hause!“
+</p>
+
+<p>
+Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!
+</p>
+
+<p>
+Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich
+in ihrer Art, mit ihren kleinen, prüden
+Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über
+den Schopf fährt, die Küsse .. sie drückt
+dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal
+küsst sie mich sogar auf den Mund
+jetzt: „Ich könnte sterben für dich! Wahrhaftig!“
+</p>
+
+<p>
+Man könnte es fast glauben. Dann stelle
+ich sie auf die Probe: „Wir könnten uns
+doch heiraten“ ....
+</p>
+
+<p>
+Sie wird dann sofort wieder Nixchen:
+<pb n='59'/><anchor id='Pgp059'/>„Ein Künstler wie du .. und sieh mal, er ist
+Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe
+mit mir gehn, hat Mama gesagt, und ich
+nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. –
+Man muss doch vernünftig sein, Schatz.“
+</p>
+
+<p>
+Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine
+kleine, weisse, sehr artige Madonna.
+</p>
+
+<p>
+Ich liege auf der Chaiselongue und
+staune.
+</p>
+
+<p>
+... „Und sieh mal, Dich <hi rend='gesperrt'>liebe</hi> ich doch.
+Du bist doch meine wirkliche, einzige Liebe.
+Du <hi rend='gesperrt'>hast</hi> mich doch.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann
+sie ordentlich sentimental werden:
+</p>
+
+<p>
+„Du bist so frivol!... Und ich liebe
+dich doch so sehr, und Liebe ist doch nichts
+Schlechtes.“ ...
+</p>
+
+<p>
+Eigentlich könnte man sie durchprügeln.
+</p>
+
+<p>
+Aber echt ist sie.
+</p>
+
+<pb n='60'/><anchor id='Pgp060'/>
+
+<p>
+„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“
+</p>
+
+<p>
+Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt
+sie ihr Köpfchen an meinem Halse und
+küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....
+</p>
+
+<p>
+Ich kitzle sie. Voilà.
+</p>
+
+<p>
+Weisst Du, an was sie mich erinnert?
+</p>
+
+<p>
+Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten
+neuen Ziergläser in den Handel
+gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle
+heissen. Das ist meine Schwärmerei. Ich
+habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche,
+Tulpen, hohe geschmeidige Glockenblumen.
+</p>
+
+<p>
+Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich
+an mit feinen, spitzen Fingern, und lässt sie
+in der Sonne spiegeln. –
+</p>
+
+<p>
+Früher sah man die ganz einfach, weiss
+oder rot oder blau. Das naive Auge sieht
+<pb n='61'/><anchor id='Pgp061'/>sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben
+darin, violette, grüne, alles Schillernde,
+Flimmernde, Äderchen, Nerven ...
+</p>
+
+<p>
+Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
+</p>
+
+<p>
+Das ist sie.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='62'/><anchor id='Pgp062'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Siebenter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu
+lieben.
+</p>
+
+<p>
+Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit
+Wochen mein ganzer Sinn sich in ihr konzentriert,
+dass ich nur von ihr lebe, nur für
+sie leben möchte. Jede Frau, auch die unschuldigste,
+argloseste fühlt das.
+</p>
+
+<p>
+Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben.
+Diese grosse Liebe, die in sie eindringt, sie
+an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich.
+Sie fängt an, für mich mitzusorgen. Ich
+habe meinen Platz am Tische, meine Tasse,
+meinen Serviettenring, die sie kennt.
+</p>
+
+<pb n='63'/><anchor id='Pgp063'/>
+
+<p>
+Ich habe sie geküsst .......
+</p>
+
+<p>
+Meine Lippen haben diese weichen,
+frischen Lippen berührt, die Rosenrundung
+der Wangen gestreift.
+</p>
+
+<p>
+Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der
+erste Kuss, den eines Mannes Mund ihr aufdrückt!
+Wie unendlich viel reiner und heiliger
+ist dieser Akt beim Weibe wie bei uns!
+</p>
+
+<p>
+Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das
+Mädchen des Gärtners in Templin. Ich war
+noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden
+am Tage, und der Heuduft lag in der
+Abendstille. Das Mädchen hatte frische
+Lippen und weisse Zähne ..... Ich küsste
+sie ...
+</p>
+
+<p>
+Ich will würdig werden.
+</p>
+
+<p>
+Ich bin es schon.
+</p>
+
+<p>
+Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in
+den Zeitungen. Das Offizielle, Tanten- und
+<pb n='64'/><anchor id='Pgp064'/>Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst
+meine Schüchternheit. Mama, liebenswürdig
+wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt
+meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und
+mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört
+seit Mamas Tode. Ich könnte es immer
+von ihren Lippen hören.
+</p>
+
+<p>
+Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich
+möchte sie nicht erschrecken. Diese plumpen,
+öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen
+Brautpaare einander überhäufen, sind mir
+widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen
+und Tändeln um den einen Punkt. Die
+Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht.
+Grade so soll sie sein, wenn die Schleier
+fallen, meine weisse, zarte, jungfräuliche
+Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden
+Liebe.
+</p>
+
+<pb n='65'/><anchor id='Pgp065'/>
+
+<p>
+Ein junger Vetter, der hier Jura studiert,
+kommt zuweilen. Mathilde spielt Klavier mit
+ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen,
+Ereignisse und Namen einer gemeinsam
+verlebten Kindheit werden zurückgerufen,
+an denen ich keinen Teil habe .. Ich
+möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine
+Beleidigung dieser Unschuld des süssesten,
+holdesten Geschöpfes.
+</p>
+
+<p>
+Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich.
+</p>
+
+<p>
+Ich war unglücklich hinterher.
+</p>
+
+<p>
+Ich sprach mit Mama. Wir haben die
+Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist besser
+so, obgleich sie sehr jung ist.
+</p>
+
+<p>
+„Weil Sie ein so guter, edeldenkender
+Mensch sind,“ sagte Mama, als sie einwilligte.
+</p>
+
+<p>
+Bin ich gut? Ich will es sein.
+</p>
+
+<p>
+Mein Weib soll die Liebe nie anders als
+<pb n='66'/><anchor id='Pgp066'/>heilig empfinden, ein Sakrament in sich, wo
+Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie
+die Scham! Um Gottes willen keine Scham!
+</p>
+
+<p>
+Ich bin freundschaftlich gegen Fritz
+Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur Jagdsaison
+bei uns Hirsche schiessen.
+</p>
+
+<p>
+Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller
+Mensch.
+</p>
+
+<p>
+Das Vertrauen ist der feste Anker der
+Liebe, an dem sie sicher ruht im tiefen
+Grunde.
+</p>
+
+<p>
+Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe,
+das sie unterscheidet von flüchtigen Verhältnissen,
+Feststimmungen der Leidenschaft,
+um die ich die seligen Götter nicht beneide.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='67'/><anchor id='Pgp067'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Achter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich habe sie bei mir im Bett gehabt.
+Ich habe sie nackt gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Das machte sich so ganz natürlich. Ich
+hatte mir das Knie ausgerenkt und lag im
+Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies
+Schlafzimmer des Mannes, mit den Bildern
+in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank,
+dem brennenden Kaminfeuer,
+den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen,
+durch die man undeutlich einen Lärm vom
+Hofe aufsteigen hörte.
+</p>
+
+<p>
+Sie liess sich ein bischen bitten erst.
+<pb n='68'/><anchor id='Pgp068'/>Dann handelte sie: „Aber nicht das, Liebchen ...
+nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich
+Angst hatte sie. Sie haben eine ganz
+extravagante Vorstellung von unserem Mangel
+an Selbstbeherrschung. In diesen kleinen
+Mädchenerzählungen sind wir Oger, wilde
+Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und
+hässlich, jung und alt, jede Nacht eine Andre,
+grässliche Orgien feiernd.
+</p>
+
+<p>
+Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ...
+Das Kraftgelüst, das das dekadente Weib
+und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis
+der Impotenz, die des Fortreissenden erst
+bedarf um handeln zu können, eines Bismarcks
+alle Tage.
+</p>
+
+<p>
+Sie machte das sehr niedlich, ordentlich
+der Reihe nach, wie ein kleines Pensionsmädchen,
+das sich auszieht des Abends. Korsett,
+Unterröckchen, Höschen, die
+Strumpf<pb n='69'/><anchor id='Pgp069'/>knipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt
+auf das Nachttischchen.
+</p>
+
+<p>
+Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz
+genau, was an ihr hübsch war. Sie mussten
+das oft besprochen haben. „Meine Arme
+sind noch zu dünn, aber in ein paar Jahren
+werden sie sein. Hier habe ich ein kleines,
+braunes Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich.
+Elisabeth hat bildschöne Schultern.
+Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der
+Seite – das ist hässlich! Kathi solltest Du
+sehen! Die ist wunderhübsch, rund und
+weiss überall. Aber sie weiss es auch.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich,
+duftig ... Ich küsse sie. Ich halte ihren
+zarten, glatten Leib. Ich presse sie an
+mich ....
+</p>
+
+<p>
+Sie lässt sich Alles thun mit einer Art
+schläfrigen Wollust. Vielleicht denkt sie an
+<pb n='70'/><anchor id='Pgp070'/>den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig,
+Liebchen“ ...
+</p>
+
+<p>
+Ich empfinde nichts, gar nichts für sie,
+eine Art lässigen, physischen Wohlbehagens.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal bin ich rauh. Ich spreche
+hart mit ihr. Ich schelte sie.
+</p>
+
+<p>
+Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt
+fängt sie an zu weinen, hülflos, wie ein
+kleines Kind.
+</p>
+
+<p>
+Doch versucht sie es wieder hervorzurufen.
+Die Drohung kitzelt sie. Sie hat dann
+ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn
+man seine Hand dem Löwen in den Rachen
+legt.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal traut sie mir auch nicht ganz:
+„Du liebst mich gar nicht. Du spielst nur
+mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“
+Dann thut sie eifersüchtig oder versucht mich
+zu beleidigen.
+</p>
+
+<pb n='71'/><anchor id='Pgp071'/>
+
+<p>
+Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn
+sie dächte, ich erschösse mich ihretwegen,
+ das würde sie noch mehr kitzeln.
+</p>
+
+<p>
+Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl
+in ihre vornehme, ehrbare
+Ehe gehen.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal versuche ich sie zu erschrecken:
+„Wenn ich dich nun nicht freigäbe?
+Wenn ich dich verriete?“
+</p>
+
+<p>
+Sie schmiegt sich noch dichter an mich,
+ganz dicht, mit weichen, flechtenden Gliedern.
+Ihre Augen, die meine suchen, sind
+wie Sterne: „Das thust Du nicht, dazu bist
+Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman,
+mein lieber, süsser Herri!“
+</p>
+
+<p>
+Wie klug sie ist. Fischschwanz!
+</p>
+
+<p>
+Und manchmal denke ich, man müsste
+sie hernehmen, ihr weh thun, sie es fühlen
+lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..
+</p>
+
+<pb n='72'/><anchor id='Pgp072'/>
+
+<p>
+Dann würde vielleicht noch was aus ihr,
+dann würde sie ein Weib.
+</p>
+
+<p>
+Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr
+Kind an die Brust nimmt und Mutter ist,
+schweigend, der ganzen johlenden, feigen
+Gesellschaft zum Hohne!
+</p>
+
+<p>
+Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner
+– Gentlemen – auf Kosten unsrer
+Mannheit?
+</p>
+
+<p>
+Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann,
+der ich ein süsses, junges, warmes
+Weib in den Armen halte und sie nicht
+nehme, nicht mit Gewalt nehme, kraft der
+Urgewalt meiner Leidenschaft?
+</p>
+
+<p>
+Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle,
+die uns das Leben gaben, zur Spielerei
+geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen,
+die man mit den Zähnen kostet.
+</p>
+
+<p>
+Ach, das grosse, adelige, echte Volk,
+ar<pb n='73'/><anchor id='Pgp073'/>beitend, liebend, Kinder zeugend, die triumphierende
+Arbeit des Lebens thuend, über
+den Tod hinweg – und die Toten!
+</p>
+
+<p>
+Mein Herz zieht sich zusammen in
+schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich
+fasse sie fester. Ich atme stärker .....
+</p>
+
+<p>
+Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen!
+Nicht wahr, du thust mir nichts?“ ....
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='74'/><anchor id='Pgp074'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Neunter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.
+</p>
+
+<p>
+Es ist doch eine grosse und schreckliche
+Sache – in Not und Tod .. Leib und
+Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges
+Leben zu zeugen.
+</p>
+
+<p>
+Aber gibt es auch etwas Herrlicheres,
+Grösseres! Nein, ich beneide die Götter
+nicht. Grade das Vergängliche – die Not,
+das adelt Menschenliebe, das macht sie unvergänglich
+und göttlich. Nicht Prometheus
+ist’s, der in einsamem Zorn den Göttern
+trotzt – – <hi rend='gesperrt'>der</hi> Mann, der seines Weibes
+Hand fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht:
+Der letzte <hi rend='gesperrt'>Mensch</hi>!
+</p>
+
+<pb n='75'/><anchor id='Pgp075'/>
+
+<p>
+Durch die Ehe erst wird der Mensch zum
+Menschen. Der Mann, das Weib, das ist
+etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes
+Atom im All .. Erst der Vater, die Mutter
+bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das
+Allgemeine, das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche.
+</p>
+
+<p>
+Ich denke viel über diese Dinge nach,
+dass wir doch durch Philosophieren erst
+finden müssen, was der sichere Instinkt des
+Weibes <hi rend='gesperrt'>fühlt</hi>!
+</p>
+
+<p>
+Wie überlegen sind sie uns! Nur das
+eine Ziel verfolgend – Weib sein – Mutter
+– wissend, dass darin die ganze Lebensleistung,
+die ganze Bedeutung des Geschlechtes
+beruht.
+</p>
+
+<p>
+Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an
+meinem früheren Leben, meiner Kindheit,
+den Eindrücken und Ereignissen, die auf
+<pb n='76'/><anchor id='Pgp076'/>meine Entwicklung massgebend gewesen
+sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer
+verberge ich ihr nicht. Sie soll mich sehen,
+wie ich wirklich bin.
+</p>
+
+<p>
+Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe.
+So straft sich der Mann dem reinen Weibe
+gegenüber. So aber auch wird das reine
+Weib seine Erlösung, das Verworrene in ihm
+geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen
+Lebensträgerin.
+</p>
+
+<p>
+Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand.
+Sie entzieht sie mir nicht. Ich schäme mich
+nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie
+mit Thränen benetzt.
+</p>
+
+<p>
+Sie war betroffen.
+</p>
+
+<p>
+Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will
+gut sein! Du sollst nicht zurückschrecken
+brauchen vor mir.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein
+<pb n='77'/><anchor id='Pgp077'/>Junggesellenheim, Grumke mir das Abendbrot
+aufgetragen hat, dann male ich mir
+unser künftiges Dasein aus. Sie sitzt am
+Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem
+Auge und leisen Bewegungen
+Alles leitend und lenkend.
+</p>
+
+<p>
+Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig
+ist. Ich schwärme nicht mal für diese sogenannten
+„guten Hausfrauen“ – unablässige
+Scheuerfeste, Küchenmobilmachungen. Ihre
+Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das
+Alles wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches,
+Heiteres gibt.
+</p>
+
+<p>
+Dann freue ich mich, dass ich reich bin,
+dass diese kleine, weiche Hand nicht hart
+und braun werden braucht, dieser zarte,
+schlanke Rücken gebeugt vom Herdfeuer
+und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich
+diese Frauen missachte! Ich verehre sie!
+<pb n='78'/><anchor id='Pgp078'/>Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind
+der beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat
+sollte ihnen Denkmäler setzen wie seinen
+Helden.
+</p>
+
+<p>
+Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht
+sein braucht, dass auch das Ästhetische gewahrt
+werden kann in unsrer starken und
+guten Liebe.
+</p>
+
+<p>
+Ob sie überhaupt eine Ahnung davon
+hat? Sie frägt nie. Ein süsses Vertrauen!
+Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie
+folgte mir ebenso willig und vertrauensvoll.
+</p>
+
+<p>
+Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich
+mache ihr keine grossen Geschenke. Ich
+selbst bin immer einfach – Du kennst mich
+ja. Neulich trug ich meinen Handkoffer
+selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger
+zur Hand war. Sie denkt am
+Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.
+</p>
+
+<pb n='79'/><anchor id='Pgp079'/>
+
+<p>
+Ah, ein Königreich möchte ich haben,
+nur um es ihr in den Schoss zu legen! Sie
+griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was
+soll mir das Königreich! Deine Liebe ist
+ja viel mehr als alle Königreiche.“
+</p>
+
+<p>
+Darum bin ich glücklich, dass ich auch
+darin so reich bin. Ich habe meine Gefühle
+nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche
+Vornamen aus meiner Herzgrube herauszufischen,
+wie ein gewisser Freund von
+mir am Abend vor seiner Hochzeit. Sie hat
+noch nicht gelernt, die Liebe zu differenzieren,
+schlechte, ästhetische Unterschiede
+aus raffinierten Romanen von raffinierten
+Männern, die das Natürliche unnatürlich und
+hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch
+noch nicht herb und prüde geworden, wie
+manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt
+in sich selbst zurückzog vor der Roheit
+<pb n='80'/><anchor id='Pgp080'/>und dem Cynismus der Welt. Wie einen
+königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt
+sie, die Königliche, königlich.
+</p>
+
+<p>
+Welch ein Frühling in unserm schönen
+alten Park, wenn der Flieder blüht und der
+Goldregen in lastenden, honigschweren
+Trauben herabhängt!
+</p>
+
+<p>
+Wir werden viel Besuch haben – die
+liebe Mama, die Schwestern, die Kinder,
+Es soll wieder Leben kommen in unser altes
+Haus.
+</p>
+
+<p>
+An Mutters Grabe unter den Fichten wird
+sie neben mir stehn. Sie wird uns lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht ..........
+</p>
+
+<p>
+Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit
+geben in dieser armen, engen Welt!
+</p>
+
+<p>
+.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes,
+von ihr, der Liebsten, der Meinen, in süssesten
+Schmerzen mir geboren!...
+</p>
+
+<pb n='81'/><anchor id='Pgp081'/>
+
+<p>
+Was wäre das Leben ohne das? Möchte
+sie die Schmerzen lassen? Die Angst? Das
+Todesschauern in der Hochstunde des
+Lebens?
+</p>
+
+<p>
+Und wir liegen nicht vor diesen hohen,
+himmlischen Wesen auf den Knieen und
+küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik
+seiner Madonna!
+</p>
+
+<p>
+Die Männer sind Egoisten. Was würden
+sie sein, wenn es nicht holde, zarte Wesen
+gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas
+Höheres giebt, als Kraft, Ehrgeiz – dass
+aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die
+That des einfachen Weibes aufwiegt, das aus
+ihrem eignen Leben, still und heilig, Leben
+säugt.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='82'/><anchor id='Pgp082'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zehnter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über
+ihre Ehe.
+</p>
+
+<p>
+Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich,
+das ist der Ruheposten, die Versorgung.
+Sie denkt darüber gar nicht weiter
+nach. Eine alte Jungfer bleibt man nur,
+wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt
+hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das.
+Sie ist stolz darauf, dass sie so bald Einen
+gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre
+Freundinnen sie beneiden werden.
+</p>
+
+<p>
+Der Ärger der Freundinnen spielt eine
+grosse Rolle dabei – je intimer, desto intensiver
+der Ärger. Das ist diesem Geschlecht
+<pb n='83'/><anchor id='Pgp083'/>das Äquivalent für das, was wir Ehre, Ruhm
+etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen
+sie gar nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen
+ihrer Geschlechtsgenossinnen in Kunst,
+Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt,
+vielleicht nur insofern nicht, als sie ihnen das
+wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld,
+Toiletten, Männer.
+</p>
+
+<p>
+Und eigentlich haben sie ganz recht, der
+Neid, den man fühlt, der einem den Rücken
+runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven
+prickeln, das Andre ist Unsinn.
+</p>
+
+<p>
+Dass sie sich einem Manne hingeben soll,
+aus dem sie sich gar nichts macht, ist ihr
+sehr gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen
+bei der Frau. Oder ist es die
+Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie
+stumpf und duldend macht?
+</p>
+
+<pb n='84'/><anchor id='Pgp084'/>
+
+<p>
+Einen Mann, der einen nicht reizt? –
+Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten –
+warum nicht?
+</p>
+
+<p>
+Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement,
+die Leidenschaft, deshalb lieben Frauen
+Künstler, ästhetische Männer, die sie lange
+kitzeln. Von dem eigentlichen Akt haben
+sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das
+noch weher thut – die Schmerzen – die
+Entstellung – die Brüstchen, die schlaff
+werden ... „Elisabeth hat einen Bauch, der
+ihre ganze Figur verdirbt ...“
+</p>
+
+<p>
+Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie.
+</p>
+
+<p>
+„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute
+hat und eine Amme nehmen kann. Babies
+sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen
+und rosa Schleifchen ....“
+</p>
+
+<p>
+Das ist der ausschlaggebende Punkt,
+da<pb n='85'/><anchor id='Pgp085'/>bei verweilt sie sehr lange! Equipagen,
+Diener, dass sie die Hofbälle besuchen
+werden.
+</p>
+
+<p>
+„Den ganzen Winter muss er mit mir
+hier in Berlin wohnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber wenn er nicht will?“
+</p>
+
+<p>
+„Männer thun immer, was man will. Papa
+thut auch immer, was Mama will.“
+</p>
+
+<p>
+Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein
+kleines, listiges, grausames Lächeln ....
+</p>
+
+<p>
+Oh ja, der wird thun, was sie will.
+</p>
+
+<p>
+Und es giebt Tölpel, die immer noch an
+die stärkere Thatkraft des männlichen Geschlechts
+glauben!
+</p>
+
+<p>
+Nur die Franzosen: Ce que femme veut,
+Dieu le veut. Die sind überhaupt viel aufrichtiger
+in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert
+sich was vor, der alte, naive
+Bar<pb n='86'/><anchor id='Pgp086'/>bar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger.
+Thusnelda lächelte kaum merklich, wenn
+Hermann Meth soff und Auerochsen
+spiesste.
+</p>
+
+<p>
+Sie haben ja auch zuviel Machtmittel –
+die Verliebtheit! Und wenn die gar nicht
+mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich
+ungeliebte Frauen, die den Pantoffel schwingen.
+– Das verliebte Weib ist unterwürfig.
+Das ist ihm Wollust: Die Tigerkatze, die
+sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg thut’s.
+Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben
+nach. Alexander oder Cäsar beugt sich vor
+dem muffigen Gesicht, der schweigend heruntergewürgten
+Mahlzeit, der permanenten
+Nähe eines Hassenden, Vorwurfsgeschwollenen.
+</p>
+
+<p>
+Nichts amüsiert mich mehr, wie das
+Streben nach offizieller politischer oder
+wirt<pb n='87'/><anchor id='Pgp087'/>schaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht.
+Das sind hässliche Frauen, anmutlose
+Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist
+dumm.
+</p>
+
+<p>
+Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren
+sich Griechen und Trojaner, Antonius,
+– Nelsons, Gambettas, Boulangers alle
+Tage. Elisabeth, Katharina waren Genies,
+weil sie Weiber waren. Über Louise Michel
+und Frauenkongresse lächelt der armseligste
+Schneidergesell, den seine Frau prügelt.
+</p>
+
+<p>
+Und mit Recht. Wie kann man die
+Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so verkennen!
+Das ist wie die Königstigerin, die
+sich Hörner wünscht, um den Kampf mit
+dem plumpen Ochsen aufzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben
+nicht Ochsen wären, liessen wir sie das ganz
+tranquil machen, alle Arbeit, allen
+politi<pb n='88'/><anchor id='Pgp088'/>schen Krimskrams in den Parlamenten und
+Versammlungen, und setzten uns schliesslich
+ganz gemütlich auf das gutdressierte Pferdchen
+kraft der einfachsten Logik unsrer stärkeren
+Schenkel.
+</p>
+
+<p>
+Aber wir sind eben Ochsen und viel zu
+verliebt! So’n kleines, zappeliges Füsschen,
+so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen ..
+Simson lässt sich die Locken abschneiden.
+Die schönste Berechnung geht zum Teufel.
+</p>
+
+<p>
+Sowas passiert denen nicht.
+</p>
+
+<p>
+Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra
+in der Beziehung.
+</p>
+
+<p>
+Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit,
+dass sie einem Droschkenkutscher leibhaftig
+die Adresse gegeben hat, dass ihr
+Schwager ihr neulich an der Kurfürstenstrasse
+begegnet ist, was sie der Mama alles
+vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei
+<pb n='89'/><anchor id='Pgp089'/>lügt sie künstlerisch, mit Genuss, ganz unnötig
+komplizierte und lange Geschichten,
+nur weil das Lügen ihr Spass macht, aus
+Liebe zur Sache.
+</p>
+
+<p>
+„Und im Notfall könntest Du doch immer
+Dein Ehrenwort geben, dass wir nichts zusammen
+haben. Wir haben doch nicht wirklich
+was.“
+</p>
+
+<p>
+Nein, wir haben wirklich nichts.
+</p>
+
+<p>
+.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst
+gar nichts habe, weil ich jetzt heiraten muss,
+und ich habe dich doch so schrecklich gern,
+Herri!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich;
+aber es ist nicht die Spur von Leidenschaft
+in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit
+an sie heran, würde sie mich dreimal
+verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht.
+Und das ginge ihr so glatt von der Zunge!
+<pb n='90'/><anchor id='Pgp090'/>und wenn sie ein Übriges dazu thun und
+mich aus der Welt schaffen könnte, würde
+sie es ebenso kaltblütig thun.
+</p>
+
+<p>
+Dabei von eigentlicher Moral keine Spur.
+Siehst Du, das bewundre ich auch immer an
+diesem Geschlecht. Es ist das Praktische,
+der Erfolg, respektive Misserfolg, der entscheidet.
+Dabei machen wir die rührendsten
+Affären daraus. Gretchen im Zuchthause
+bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans
+seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau
+Marthe geworden und hätte an „Heinrich!
+mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung
+mit fortgetragen, eine behagliche
+Rührung, dass sie ihre Jugend so gut genossen.
+</p>
+
+<p>
+Eine Frau, die einen Skandal verursacht,
+das ist unmoralisch, ekelhaft, die schlaue
+Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen
+<pb n='91'/><anchor id='Pgp091'/>braven Ehemann, den sie betrogen, das imponiert
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten
+beladen, die grosse Schauspielerin mit dem
+Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich
+mit dem Stallknecht liiert, darüber können
+sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar
+mit einem Gemisch aus Neid und Bewunderung.
+Aber ein armes Dienstmädel,
+das ein Kind kriegt und ins Elend gerät.
+Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.
+</p>
+
+<p>
+Das ist das Perfide bei der Geschichte.
+Das andre nicht.
+</p>
+
+<p>
+Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme
+immer die käufliche Liebe aus. Das bereut
+man nicht.
+</p>
+
+<p>
+Es liegt auch da eine Naivität der Männer
+zu Grunde oder ihre Arroganz. Der Lendemain
+ist sprichwörtlich geworden. Der
+Wüst<pb n='92'/><anchor id='Pgp092'/>ling hat das doppelt angenehme Gefühl: Du
+hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird
+die Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.
+</p>
+
+<p>
+Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit
+gewisser „guter Mädchen“ („gut“
+ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne)
+zu denken geben.
+</p>
+
+<p>
+Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines
+Mädchen. Sie hatte auch die Angst vorm
+Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.
+</p>
+
+<p>
+Und dann war’s wirklich Morgen und
+der allerschönste Sonnenschein und Vogeljubilieren
+– und sie lachte, lachte übers
+ganze Gesicht: „Ich bin so froh, Schatz!
+Ich glaub’, ich könnte fliegen!“
+</p>
+
+<p>
+So müsste Eine natürlich empfinden.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe neulich mal einen Roman gelesen,
+einen Roman von einer Frau, „die
+<pb n='93'/><anchor id='Pgp093'/>Geschichte eines Mädchens“. Das rührte
+mich fast. Die Arme! Sie hat gewollt und
+nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen
+Mann zu gross war.
+</p>
+
+<p>
+Ebenso albern finde ich den Mann, der
+absolut der Erste sein will. Wie lässt der
+grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno
+sagen: „Und, glauben Sie mir, es ist in der
+Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das
+der Liebe und der Leidenschaft fähig ist.
+Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf
+kommt es nicht an.“
+</p>
+
+<p>
+Überdies: On n’est jamais le premier.
+</p>
+
+<p>
+Ist die Frau besser, die sich vielleicht
+physisch enthalten hat aus persönlicher Propertät
+oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre
+Phantasie zu den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten
+ausschweifen lässt, als diejenige,
+die vielleicht an einem hellen
+Maien<pb n='94'/><anchor id='Pgp094'/>tage dem süssen Zug der Natur gefolgt ist,
+ohne zu rechnen und zu moralisieren?
+</p>
+
+<p>
+Das ist gewissermassen das System der
+Kuhpockenimpfung ... Ich habe vielleicht
+mein Wassernixchen zu einer sehr guten
+Ehefrau gemacht.
+</p>
+
+<p>
+Aber freilich die Konsequenzen!
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin
+von schwachem Fleische, die behauptete,
+wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s
+ein Gesellschaftsspiel.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht
+so weit ist. Man ist noch immer der „Erste“,
+mit der offiziell aufgestempelten Eins vom
+Standesamte, der Kolumbus, der Schleierlüfter,
+der Dornröschenerwecker.
+</p>
+
+<p>
+Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine
+Art Ranküne, wenn sie von ihrem „Ersten“
+spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des
+<pb n='95'/><anchor id='Pgp095'/>Torts, das sie in meine Arme getrieben hat,
+mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst
+so viel“ ... sagt sie manchmal.
+</p>
+
+<p>
+„Aber hast Du denn keine Angst mit
+„ihm“ – immer fremd sein – immer Komödie
+spielen?“
+</p>
+
+<p>
+Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage,
+den Kleidern.
+</p>
+
+<p>
+Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden
+darauf erzogen. Sie finden sich so merkwürdig.
+Das ist wieder die bewunderungswürdige
+Lebensfähigkeit dieses Geschlechts.
+</p>
+
+<p>
+Er wird immer an sie glauben, immer
+nur die weisse Stirne sehen, mit seinen
+blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen.
+</p>
+
+<p>
+Aber der arme Kerl, wenn der mal
+Bankerott machte!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='96'/><anchor id='Pgp096'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Elfter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine
+Hochzeit. Sonnwendtag! am Rosenfeste! –
+Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was
+das heisst? Wer kann es wissen! Wer kann
+es aussprechen!
+</p>
+
+<p>
+Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich
+nicht, wie ein Egoist, ein Selbstling. Selbst
+die hohen Träume, die Ideale und Gedanken!
+Ich komme mir vor, wie ein
+Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des
+Lebens aufgegangen ist. Und er lebt nun.
+Er wirkt Leben.
+</p>
+
+<p>
+Und wer hat mich das gelehrt? Ein
+kleines, stummes, wunderbares Wunder,
+<pb n='97'/><anchor id='Pgp097'/>eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine
+träumende, unschuldige Seele.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib!
+</p>
+
+<p>
+Und wir sprechen von überlegnem Geist,
+von Klugheit, von Grossthaten. Hier ist der
+Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld
+in der Lieblichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Ob sie denkt und philosophiert, wie ich.
+Das geschieht Alles so selbstverständlich.
+Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme
+schliessen.
+</p>
+
+<p>
+Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer.
+</p>
+
+<p>
+Wie ich diese schöne Sicherheit liebe!
+So wird sie als Gattin, als Mutter bleiben,
+ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht
+die Natur im Weibe. – Jungfrau – Geliebte
+– Mutter! Wir irren auf allen Pfaden,
+beflecken Seele und Leib, um zuletzt demütig
+niederzuknien vor so einem holden,
+<pb n='98'/><anchor id='Pgp098'/>nicht denkenden, kinderthörichten Wesen:
+Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’
+mich glücklich!
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich
+sie vergraben zwischen weisser Leinwand
+und Spitzen, bunten Seidenstoffen.
+</p>
+
+<p>
+Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat,
+der die Braut in das Haus des Gatten geleitet
+wie auf einer schneeigen Rosenwolke,
+Dinge, die verhüllen, Wollust versprechen,
+Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum
+sie anzufassen mit meinen groben Fingern.
+Ihr Zweck ist mir ein süsses Mysterium,
+macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete
+unsrer Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen
+und umwickelt, um die holde Spannung,
+die Sehnsucht zu erhöhen.
+</p>
+
+<p>
+Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint
+ganz damit beschäftigt. Ist es denn nicht
+<pb n='99'/><anchor id='Pgp099'/>ernsthaft, ihre kleine Person, die sie
+schmückt, reizend macht. Bin ich es nicht,
+für den sie sich schmückt?
+</p>
+
+<p>
+Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die
+Braut, die sich salbt und schmückt, das
+süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser
+machend. Es sind nörgelnde Kritiker,
+Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen
+verkannt, die gegen die Eitelkeit polemisieren,
+Uniformen, Trachten einführen wollen.
+Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre
+Seele ist so ganz eins mit ihrem Leibe in
+diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie
+soll ja das Glück sein, die Wonne, die
+Schönheit.
+</p>
+
+<p>
+Hochzeit – hohe Zeit! – –
+</p>
+
+<p>
+In mir ist’s hohe Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden,
+die mich manchmal zerreissen, dass ich sie
+<pb n='100'/><anchor id='Pgp100'/>nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie
+fortschleppen, verschlingen ... Sie ist sehr
+ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle
+bösen Begierden dämmend, dass ich sanft
+bin, folgsam. Nur den grossen Jubel in mir,
+der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich
+sie in die Arme nehmen und gegen die
+Sonne halten möchte.
+</p>
+
+<p>
+Hochzeit! hohe Zeit!
+</p>
+
+<p>
+Mein Heim steht geschmückt. Seit
+Wochen sind Tapezierer und Tischler thätig.
+Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches
+ist mir’s leid, das Alte, Altgewohnte.
+– Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es
+ist recht, dass Alles neu ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Hochzeit soll hier in Templin sein,
+ein Fest für alle meine Leute. Sie üben
+schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern.
+Ein Flüstern geht unter den
+Ar<pb n='101'/><anchor id='Pgp101'/>beitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach
+die Menschen sind doch gut!
+</p>
+
+<p>
+Es giebt ein vollkommenes Glück auf
+der Erde. Es giebt Engel. In vier Wochen
+ist der Engel mein Weib.
+</p>
+
+<p>
+Wie süss muss es sein, das Leben sich
+in ihr entwickeln zu sehn, die strahlende
+Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend
+vollendet sich ihr Leben. – Was ist das
+Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist
+nicht Mutter der Inbegriff aller menschlichen
+Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, Leidertragen ...
+</p>
+
+<p>
+Mein Weib! Mein Mütterchen!
+</p>
+
+<p>
+Wie eine kleine Königin wird sie empfangen
+werden. Ist es denn nicht auch ein
+kleines Königreich, eine ganze Welt im
+Kleinen, ihre Welt, der sie Vorbild und Vorsehung
+ist. „Hausvater und Hausmutter“,
+<pb n='102'/><anchor id='Pgp102'/>der alte, schöne, deutsche Begriff. Hier
+kann er sich noch verwirklichen. Wir
+können es noch sein.
+</p>
+
+<p>
+So lange es das giebt, steht die Gesellschaft
+sicher, auf festen Füssen: Reine
+Frauen, Männer, die ein Heim schaffen
+können, die an Reinheit glauben.
+</p>
+
+<p>
+So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun
+eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du darfst
+nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen,
+glückseligen Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Hohe Zeit – Hochzeit!
+</p>
+
+<p>
+Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe
+das Glück und ich glaube es.
+</p>
+
+<p>
+Und wenn Du über den Schwärmer
+lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, weiss
+unter der weissen Myrtenkrone – und wie
+Thomas: Geh’ und glaube. Geh’ und schreib
+ein Buch des Glaubens und der Liebe.
+</p>
+
+<pb n='103'/><anchor id='Pgp103'/>
+
+<p>
+Ich habe so viel davon in mir, dass auch
+auf Dich etwas übergehn müsste. Ich fühle
+mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude
+zu verkünden – und Mathilde heisst
+meine Madonna.
+</p>
+
+<p>
+Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr,
+in unsrer Zeit der Mitgiftjägerinnen, des
+höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre
+halberwachsenen Töchter auf „die gute
+Partie“ dressieren.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts
+neulich. Es waren da Muster von
+teuren Spitzen, die ihr gefielen.
+</p>
+
+<p>
+Die Mama, verständig wie immer, riet
+lächelnd zu billigeren: „Das ist ja für eine
+Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes
+Geheimratstöchterchen.“
+</p>
+
+<p>
+Natürlich übernehme ich das Alles. Es
+<pb n='104'/><anchor id='Pgp104'/>bedurfte einer gewissen Überredung bei der
+Mama. Sie geben mir so Unendliches.
+Sollen diese teuren Menschen sich Gênen
+auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen,
+während ich schwelge!
+</p>
+
+<p>
+Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten
+lassen. Ich bin jetzt einer von der
+Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit,
+das Vertrauen, wenn ich nicht
+auch das Schwere mit ihnen tragen darf?
+Sind diese Güter mein Verdienst? Brauche
+ich sie? Ich wäre glücklich unter einem
+Strohdach.
+</p>
+
+<p>
+Es ist um Mathildens willen, dass ich
+mich des Geldes freue. Auch das hat sie
+mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine
+Macht, zu beglücken.
+</p>
+
+<p>
+Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne.
+Wir haben auch darüber so oft gestritten,
+<pb n='105'/><anchor id='Pgp105'/>über Geldwert und Geldanbetung in unsrer
+Zeit. Manche Erscheinung des öffentlichen
+Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe
+einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch
+und traurig machen.
+</p>
+
+<p>
+Man weiss ja leider, dass man ein reicher
+Mann ist.
+</p>
+
+<p>
+Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr
+die kleine Hand mit Geld füllt, wird sie es
+ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst.
+Sie soll von diesem Wissen frei bleiben.
+Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so
+ist sie das stumme, ruhende Juwel am Herzen
+der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das
+Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche
+im Dasein, der braucht den Wert eines
+Hundertmarkscheines nicht zu kennen.
+</p>
+
+<p>
+Die Blume ist in sich selbst genug. Die
+Poesie zu wahren. Das reine Gefühl.
+</p>
+
+<pb n='106'/><anchor id='Pgp106'/>
+
+<p>
+Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um
+uns das Paradies.
+</p>
+
+<p>
+Komm, Du armer, verirrter Adamssohn,
+ruhe im Schatten unsrer Palmen!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='107'/><anchor id='Pgp107'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelfter Brief."/>
+<head>Zwölfter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Die Aussteuer ist eine wichtige Sache.
+Da „er“ bezahlt, können wir mit der nötigen
+Gewichtigkeit zu Werke gehn.
+</p>
+
+<p>
+Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine
+Modemagazin, Kataloge, Proben, Wiener und
+Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir
+nun sehr ernsthaft, das Nixchen und ich, und
+suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit
+Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen
+mit hell heliotropnen und lichtmaigrünen
+Languetten.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie
+fügt sich immer meiner überlegneren Einsicht.
+</p>
+
+<p>
+Das entzückt sie: „Du verstehst Alles.
+„Er“ nähme mich grad so gut in einem
+<pb n='108'/><anchor id='Pgp108'/>Sack. – Gott! was soll ich nur machen,
+wenn ich Dich nicht mehr habe!“
+</p>
+
+<p>
+Dann weint sie ein bischen. Aber dann
+finden wir wieder was extra Hübsches und
+sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat.
+Und wir sind getröstet. „Er“ zahlt ja.
+</p>
+
+<p>
+Wenigstens soll er ordentlich blechen –
+schon für seine Undankbarkeit. Ein Mann,
+der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist,
+ist ein Tölpel. Sie macht sich für ihn
+hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das
+für Mühe! – so’n Löckchen, das graziös
+und an der richtigen Stelle in die Stirne
+fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel
+Nachdenken, Geduld, manchmal Pein,
+gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie
+das Weggeworfne an Leute giebt, die es
+besser zu taxieren wissen.
+</p>
+
+<p>
+Ich verstehe zu taxieren.
+</p>
+
+<pb n='109'/><anchor id='Pgp109'/>
+
+<p>
+Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht
+sich vor mir wie eine Drahtpuppe. Wenn
+ich sie hübsch finde, ist sie glücklich.
+</p>
+
+<p>
+„Nixchen! Das darfst du nicht tragen.
+Das steht Dir nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind.
+Aber sie gehorcht immer. Alle Frauen gehorchen
+mir, weil sie das Unpersönliche
+fühlen, das Wohlgefallen an der Gattung,
+den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen.
+Ich glaube, wenn ich vor die Sultanin-Mutter
+träte: „den Turban etwas mehr nach rechts,
+bitte schön“ ... sie thäte es und wäre mir
+dankbar. Und sie hätte ein Recht dazu.
+</p>
+
+<p>
+Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern
+ihre. Und ist sie nicht eigentlich die allerhöchste
+Tugend? Spinoza sagt: wer die
+Fehler der Menschen nicht liebt, liebt die
+Menschen selbst nicht! Das Menschlichste
+<pb n='110'/><anchor id='Pgp110'/>an der Menschheit ist für mich das Weib.
+Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. Sie
+fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie
+haben Zutrauen zu mir.
+</p>
+
+<p>
+Das ist ganz unbewusst: „Du bist so
+gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt sie
+meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich:
+„Du bist gut.“
+</p>
+
+<p>
+Da ist die Ranküne wieder, das kleine,
+tückische, widerborstige Katzenfauchen in
+dem „Du“.
+</p>
+
+<p>
+„Der ist viel besser als ich.“
+</p>
+
+<p>
+Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er
+hätte ihr eine Moralpredigt gehalten und sie
+beschämt und verbockt nach Hause geschickt
+wie der selige Joseph schnöden Angedenkens.
+Die Franzosen haben da ein
+hübsches Sprichwort: Il y a des choses qui
+ne se refusent pas. – Oder er hätte sie
+<pb n='111'/><anchor id='Pgp111'/>genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem
+moralischen Kater hinterher sie zur büssenden
+Magdalena gepeinigt ... Das ist die
+Tugend dieser Tugendbolde.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss,
+fein und zierlich, ganz in ihrem Fischchen-Element
+bei mir, munter schwätzend wie
+ein Vögelchen, von dem, was in ihr ist, all
+ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten ..
+– ich habe sie als Künstler behandelt, nicht
+roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht pfäffisch-zerstörerisch.
+</p>
+
+<p>
+Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen,
+das sie ist. Sie liebt mich.
+</p>
+
+<p>
+Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann
+nicht leben ohne Dich! Ich möchte am
+liebsten sterben!“
+</p>
+
+<p>
+Manchmal sogar fast wild: „Ich will von
+zu Hause durchgehn. Mir ist alles ganz
+<pb n='112'/><anchor id='Pgp112'/>egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht
+wieder fort. Du kannst mit mir machen was
+Du willst.“
+</p>
+
+<p>
+Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir
+angezogen gegenübersitzt und Makronen
+knabbert – und dann lauert sie auf den
+Effekt. Sie möchte etwas mehr Effekt, einen
+Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.
+</p>
+
+<p>
+Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft:
+„Es ist doch gar nichts. Eigentlich
+habe ich doch gar nichts gethan. Niemand
+kann doch etwas sagen von „uns“.“
+</p>
+
+<p>
+Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses
+Opfer, das sie bringt, <hi rend='gesperrt'>mir</hi> bringt. Kleines
+Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal
+ein andrer Gedanke als der an ihr eignes
+kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen
+aufgestiegen ist?
+</p>
+
+<p>
+Sie betrauert meine Wohnung:
+Whip<pb n='113'/><anchor id='Pgp113'/>chen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie so
+gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt.
+Aber das macht eine rote Nase, darin ist
+sie ästhetisch.
+</p>
+
+<p>
+Die leidenschaftlichsten Frauen werden
+dadurch in Schranken gehalten: „Mein Kind,
+das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt
+schlecht, Du verdirbst Deine Haarfrisur.“
+Sie wollen gefallen und sollen gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Wird die Frauenemanzipation darin je
+etwas ändern? Die Orientalin, die ihren Leib
+salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie
+ist das Naivste und das Grösste. Das Urälteste
+und das Allermodernste.
+</p>
+
+<p>
+Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln
+sie Dir zu .... Und wenn der Geist wiederkommt,
+dann bist Du als Mann fertig. Ich
+habe das zu oft durchgemacht.
+</p>
+
+<p>
+Ich möchte es nicht anders. Nur mehr
+<pb n='114'/><anchor id='Pgp114'/>Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so unendlich
+viel gelogen, gerade über diesen Punkt.
+Es ist Alles nur: Qui s’excuse, s’accuse, die
+Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen
+drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle
+Frauen wollten einmal im Leben ins Kloster
+gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den
+stärksten und gewaltigsten Lebenstrieb, wie
+Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit.
+Der alte, schöne Satz, dass das Weib
+dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit geschaffen
+sei, setzt sich Brillen auf und
+schneidet sich die Haare ab, und wird ihm
+ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein
+unverstandenes und unverständliches Rätselwesen.
+</p>
+
+<p>
+Das bedauere ich von allen Verirrungen
+der Zeit am meisten, dass die Frauen dogmatisch
+werden, logisch, prinzipiell. Man will
+<pb n='115'/><anchor id='Pgp115'/>sie einregimentieren und einschwören. Die
+Völker, die am wenigsten Sonne und Sinnlichkeit
+haben, geben den Unfug an. Ihr
+unterbindet euch selbst die Lebensader!
+Décadence-Männer machen mit.
+</p>
+
+<p>
+Und doch:
+</p>
+
+<lg>
+<l>„’s ist eine der grössten Himmelsgaben,</l>
+<l>So ein lieb Ding im Arm zu haben.“</l>
+</lg>
+
+<p>
+Nicht nur für uns, für es selbst auch.
+Wo ist die Frau, deren Herz und Hirn gross
+genug ist, die geliebte, liebende Frau, von
+herben und verkrüppelten Früchten, die reife,
+süsse?.....
+</p>
+
+<p>
+Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf,
+einzig und allein für ihn bestimmt,
+eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit.
+Nur wir, die wir sie wahrhaft lieben, sehen
+in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen,
+in seiner Eigenart des Interesses und
+der Teilnahme wert.
+</p>
+
+<pb n='116'/><anchor id='Pgp116'/>
+
+<p>
+Mögen sie hereinfallen! Das „weisse
+Blatt“ ist die grösste männliche Unverschämtheit,
+Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in
+der wir wissentlich und willig beharren. Ein
+Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal
+feineren und aufmerksameren Augen,
+Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht sehen,
+hören, fühlen, wie wir?
+</p>
+
+<p>
+Der Egoismus der Männer macht sie
+blind. Ich habe kein Mitleid mit Egoisten.
+Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist
+lächerlich und verächtlich mit Recht. Lebte
+er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich
+bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken,
+ihr Fühlen bis in ihre Verlogenheiten hinein
+– haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten?
+– wäre ihm das passiert? hätte er
+nicht warnen, eingreifen können als es Zeit
+war, wenn nötig sie vorher freigegeben.
+</p>
+
+<pb n='117'/><anchor id='Pgp117'/>
+
+<p>
+Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten.
+Und es giebt eine Rolle „Mann“, die wir
+mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle
+„Weib“, die wir ihnen aufoktroyiert haben.
+Sie rächen sich wie sie können.
+</p>
+
+<p>
+Nicht nach Besserung seufzt die Welt,
+sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit ist
+die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich
+unmoralisch, ungütig, böse. Und wenn der
+Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal,
+dann steigt das Niedrige. Was ist gemein?
+Was ist verächtlich? Was ist erhaben, bewunderungswürdig?
+wenn Alles Menschliche
+menschlich ist.
+</p>
+
+<p>
+Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über
+der Welt, die feinste, reine Quintessenz des
+Christentums. Nur die Pharisäer stören es.
+Dem Zöllner ist es natürlich.
+</p>
+
+<p>
+Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum
+<pb n='118'/><anchor id='Pgp118'/>Schlusse. Der Deutsche macht sie. „Die
+Moral von der Geschichte“ – Und es ist
+eine gute, alte Sitte, denn Moral ist überall,
+wenn es auch nicht die der Rute und der
+Zuckertüte ist.
+</p>
+
+<p>
+Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins
+von ihren neuen Ausstattungskleidern, ein
+schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem
+Hals.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch
+bei Kathi heut Abend bin, und ich will auch
+wirklich hingehn.“
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt.
+Wir tranken Sekt und assen kleine, pikante
+Sachen dazu.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren sehr lustig.
+</p>
+
+<p>
+Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du
+<pb n='119'/><anchor id='Pgp119'/>mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb haben,
+Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“
+</p>
+
+<p>
+Eine gewisse Wärme kommt doch über
+mich. Ach Herzchen! Herzchen!
+</p>
+
+<p>
+Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche
+in unsrer Liebe, ihr erster Besuch, der erste
+Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder
+Gegenstand in meinem Zimmer, Whipchen,
+die Photographien, der Bismarck ...
+</p>
+
+<p>
+„Nie, nie vergesse ich das“ ...
+</p>
+
+<p>
+Wir waren ganz glücklich.
+</p>
+
+<p>
+„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu
+Hause wäre. Ach Liebchen!“ .... Dann
+schluchzt sie wieder ein bischen.
+</p>
+
+<p>
+Dann die Moral wieder: „Du findest mich
+auch nicht schlecht?“
+</p>
+
+<p>
+– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens.
+Alle thun das. Und Daisy Grimme! die
+macht’s doch viel schlimmer.
+</p>
+
+<pb n='120'/><anchor id='Pgp120'/>
+
+<p>
+„Wenn es doch möglich wäre! Wenn
+ich doch heute bei Dir bleiben könnte –
+und immer!“ ....
+</p>
+
+<p>
+„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen
+Ball – und morgen!!“ – – –
+</p>
+
+<p>
+Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert
+sich an meinen Hals. Sie ist ganz
+glühend. Sie küsst mich.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s
+doch, dass ich Dich lieb habe, nur Dich!“
+</p>
+
+<p>
+Ich glaub’s. Ich glaube Alles.
+</p>
+
+<p>
+„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt
+wären! im Paradies!“ ....
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr120"/><corr sic="Ach!">„Ach!</corr> es ist zu schrecklich eingerichtet im
+Leben! ... Und nicht wahr, meine Briefe,
+die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie
+doch alle?“ ...
+</p>
+
+<p>
+– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen?
+<pb n='121'/><anchor id='Pgp121'/>Oh Gott! Wie schrecklich das würde! Ich
+würde Alles verraten.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr verständig würdest Du sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre
+Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht
+gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen
+gern gehabt hast? Du bist ja so unmoralisch!“
+</p>
+
+<p>
+Martin meldet die Droschke.
+</p>
+
+<p>
+Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster
+erleuchtet.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich
+noch nicht mal gehabt hast .. Der greuliche
+Kerl mich kriegt.“
+</p>
+
+<p>
+Sie weiss genau, dass die Droschke im
+nächsten Moment anhalten muss.
+</p>
+
+<p>
+Sie hält.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='122'/><anchor id='Pgp122'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Dreizehnter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2">
+Lieber, süsser Herzensschatz!
+</salute>
+
+<p>
+Denke Dir meinen Schrecken, als Achim
+mit Dir hereinkam! Aber nur einen Moment
+hab ich mich erschrocken. Du bist ja so
+verständig und lieb und gut. Ach und die
+süssen, grünen Gläser, die Du mir geschenkt
+hast! Das sieht Dir ähnlich. Es war zu
+entzückend himmlisch bei Dir. Ich werde es
+<hi rend='gesperrt'>nie</hi>, <hi rend='gesperrt'>nie</hi> vergessen und Dich ewig lieb
+haben. Du musst uns jetzt oft besuchen,
+nächsten Sommer, wenn wir hier auf dem
+Gute sind. Jetzt verreisen wir – nach
+Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier
+geschenkt. Himmlisch, sage ich Dir. –
+<pb n='123'/><anchor id='Pgp123'/><anchor id="corr123"/><corr sic="wir">Wir</corr> sprechen dann über Alles, Du musst
+mir erzählen, wen Du jetzt hast. Du bist
+ja so verständig. Wenn Du doch Achim
+wärst! Ach, das Leben ist doch sehr
+schwer oft!
+</p>
+
+<p>
+Fandest Du, dass ich gut aussah bei der
+Trauung? Der dumme Kirchenmensch hatte
+die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich
+ärgerte mich die ganze Zeit darüber, und
+die Myrte stand zu hoch über der Stirn.
+</p>
+
+<p>
+P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt,
+alle? und Martin sagt nichts? Es
+wäre schrecklich.
+</p>
+
+<signed rend="text-align: right">Deine M.</signed>
+
+ </div></body>
+ <back>
+ <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <p>Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verändert, außer in folgenden Fällen,
+ die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:</p>
+ <list>
+ <item><ref target="corr039">Seite 39</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „bin?“</item>
+ <item><ref target="corr120">Seite 120</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Ach!“</item>
+ <item><ref target="corr123">Seite 123</ref>: „wir“ geändert in „Wir“</item>
+ </list>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: right">
+ <divGen type="pgfooter" />
+ </div>
+ </back>
+ </text>
+</TEI.2>
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