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EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER*** + + + + + + [Illustration: Cover image] + + + + + + Nixchen. + + + + + + _Sämtliche Rechte vorbehalten_ + + + + + + *Nixchen.* + + Ein Beitrag + zur Psychologie der höheren Tochter + + von + + *Hans von Kahlenberg.* + + _Umschlag von __Hermann Liebich__._ + +*12.-14. Tausend.* + + +_Wiener Verlag._ +Wien 1904. + + + + + + Maschinensatz + von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217 + + + + + + + ERSTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin, Nettelbeckstrasse. + + +Mein lieber, alter Mephisto! + + +Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute +in meiner schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war +ich recht wütend auf Dich, wütend und entrüstet und etwas traurig von +unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und +köstlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten über ein gewisses +Thema auseinandersetztest. + +Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher, +hartgesottener Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist, +was wäre das Leben überhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier +auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit, die Freude an dem, +was man in sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen, wenn man sich +nicht mitteilen könnte, wenn die lieben Frauen nicht wären, die liebe, +schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein +eigen zu nennen. + +Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst nun sagen was Du willst und +Erfahrungen haben so viele Du willst – ich bedauere Dich oft darum. Ich +behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es für Unsereinen überhaupt +erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, süsse, unschuldige +Blumen, tausendmal besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom Himmel +herunter gesandt, damit man eine Ahnung behalten soll hier unten im +Staube, wie’s da oben aussah. + +Lache nun wie Du willst über den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es +ist zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber +Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich bin glücklich, +unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig glücklich! – Ich liebe. + +Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenüber. Weisst +Du überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke +Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter +Sachverständiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor +der Gefühle? – Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker +und dörflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht. + +Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen +Häuserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, berühmt mit +sechsundzwanzig, vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen des Salons +zu Füssen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie +Keiner, Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale Messalinen, +Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die für mich schlechter sind, +als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys +und präraffaelitischen Faltenwurf. + +Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem grünen, glatten +Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnörkeln und den +beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten, +verräucherten Bude mit den Hirschgeweihen und den alten Preussenkönigen +und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann möcht’ ich es gerade an +die Wand werfen und hinausstürmen. Freie Luft! Bäume! Erdgeruch! Hier ist +doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit! + +– – – – Und doch ist auch sie keine Landblüte, nicht im Walde erschlossen +beim Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume über dem +Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre! +süsse sechzehn! – halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste +Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht, die schon drei Winter ausgegangen +sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man +mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte, +hat einen Fleck darauf zurückgelassen. + +Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glückliche, +selbst nichts ahnende Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand +entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So +faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen +Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus +verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande +voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen +wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, +riesige Felswand gedrückt, blass und zitternd mit ängstlich hochgehaltenem +Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden +Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnässte wie +ein Lümpchen. + +Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte, Schrittchen für +Schrittchen an meinem langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie hatte Mut +nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel würde sie +sicher durchsteuern durch das ängstliche, riesige Labyrinth von Steinen +und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber +derjenige, dessen man sich am häufigsten und reinsten freut, stark zu +sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines, +schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schützen, das Einen mit einem +Lächeln um den winzigen Finger wickelt. + +Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den +Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises – allmählich, +mit Tasten und Zurückweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen, +norddeutschen Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei ältre +Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den +T....er Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde – etwas Klares, +Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. – Wie ich den Namen +liebe! Sie haben alle hübsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene. +Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas +trocken, etwas zugeknöpft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die +Mutter, die echte deutsche Frau, blühend, mütterlich, mit geschickten +Händen. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten! +Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese +Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde – ich hasse Abkürzungen. Ich nenne +sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder gar englisch-undeutsch +Mattie, Maudie, – es passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen, +blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des +Rosenblattes. Ich schwärme für schönen Teint bei Frauen. Er scheint mir +ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den +Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld. + +Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Sünde. Ich habe +Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben. +Blatt für Blatt möchte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz, +Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein +Gedanke! welche Aufgabe! + +Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges +Geschöpfchen von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen +Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde +geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krückstock ausging, dass +ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? _Meine_ Aufgabe +wird es sein, sie einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht +erklärt sich das Rätsel der Welt, wenn das Köpfchen so sicher ruht an +treuer liebevoller Brust! + +Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist. +Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen, unheimatlichen Orten unter +ungenügender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen können. Ich +habe meine ländliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. +Und wenn Ihr mich nachher als „reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe +Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen +Kursen, mit Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste Freundin ist die +Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges +Plaudertäschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr +liebliches, beständiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend +kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwärmerei für einen +toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich rührend diese +Einfalt gerade ist! Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich +würdig sein möge. Ich prüfe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte. +Selbst meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken, +zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind! + +Lache über mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spöttischste Mephistomiene +auf über den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem +sechzehnjährigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine +Krone, eine Erlösung! + +Ich bin glücklich! Dein Achim. + + + + + + ZWEITER BRIEF. + + + Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis + Jüterbog in der Mark. + + +Teurer Parzival! + + +Heute also zu Deiner Epistel von gestern. + +Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische Miene aufgesetzt. Ich +kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die +engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling. + +Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der +Mensch nie aus dem Zahnen heraus! + +Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus +den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen Backfisch herein, einen +Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch! Die Götter +wollen Dein Verderben. + +Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu +Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz, +manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das äugelt und +kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest +Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge erröten, und träumt von +chambres séparées, alten Männern mit Millionen und Hausfreunden, die +Gesandtschaftsattachés sind. + +Der Schändliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze +Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter. + +Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie +ganz so schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine +mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune. + +Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen +Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine +ärgere Komödie als ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, alter, +ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber. + +Übrigens ja doch! lachen musste ich doch. + +Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, blaue Augen, diese Zartheit, +Blondheit. Geheimratstochter aus W..... + +Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest über meine Abenteuer, +entrüstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer +Verführungskünste? + +Diesmal wirst Du wenigstens zugeben müssen, dass ich auf unschuldige Weise +dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstäblich im Schlafe, Du +weisst ja „seinen Freunden u. s. w.“ + +Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus +Armen, als Martin zwei Damen meldet. + +Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er hat dann förmlich etwas +Priesterliches, die Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste +öffnet. + +Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in +München der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste, +ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen +Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen +Leben. Martin bediente uns während des Essens mit einer Grandezza und +diskreten Feierlichkeit, die anfing lähmend zu wirken. Jule wurde stiller +und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr süddeutscher +Gemütlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den +geringeren Göttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie +einen fast schüchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches +Gesicht. + +Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind +alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen – notabene es +war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme, +feierlich und gedämpft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr +ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst +einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin präsentiert Feuer +von dem züngelnden Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und träufelt das +Nass aus dem grünen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. +Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von +dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten +Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt das +Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht. +Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder gelber +Seidenkouvertüre. Über dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, lächelnd +vorgeneigt, ein elektrisches Flämmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll +arrangiert, Kämme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und +gewellte, ein silbernes Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trägt +Lahmannsandalen und kurzgeschoren. + +„Du –“, sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr +energischen Klink der Thür, der ihm durch und durch gehen musste. „Wenn +der im Paradies dabei gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott sich +sparen können.“ + +Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit gegen das weibliche +Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest, was ich +durch diese Höflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir. + +Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung +nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der äussere Mensch +wäre gerüstet. + +Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und +Martin ist darin gut erzogen. En avant donc! + +„Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! +ein blonder und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus gutem Hause – +Handschuh, Stiefel – viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort. + +„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl? Wir haben Ihr Buch: „Verbotne +Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen +lernen.“ + +Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen +Augen. Die Blonde steht verschämt mit schlagenden Wimpern. + +„Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende +Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine +Damen?“ + +Sie setzen sich, beide natürlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde +bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend. + +Die ist schon ganz frech: „Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine +Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für moderne Litteratur. +Meine Freundin schwärmt für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie +von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“ + +„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich – ein alter Mann mit einem +kahlen Kopfe....“ + +Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen müssen sehr solide Knochen haben, +dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen so gut vertragen. + +„Unsre ganze Klasse schwärmt für: „Verbotne Früchte“. Wir haben es Alle +gelesen. Oh wir lesen Alles!“ + +Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Sätzen. + +Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch aber eigentlich in Ihrem +Alter ....“ + +„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi +und „Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“ + +„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre +Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“ + +„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen,“ (schriftlich nicht +wiederzugebende Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte Beschäftigung +des wackren alten Herrn). „Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen +haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Kätzchenmiauen +und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher +Vorname ebenso unmöglich wäre wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein +– –, „Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta +schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptsächlich Garde +und Kavallerie.“ + +„Aber Kitty!“ ... + +Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste. + +Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen. + +Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem Wein nippten sie nur. + +Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten förmlich vor +Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem +Schreibtisch enttäuschte sie sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige +Bouchers entschädigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten. +Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Wände voll nackender Frauenzimmer +zu finden, alle fünf Barrisons mindestens! + +„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt +es.“ + +Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen. Ich zeige männliche Bescheidenheit: +„Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen +ihre Gunst erweisen.“ + +„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?“ + +„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“ + +„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich gewesen?“ + +„Unsäglich!“ + +Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende +Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknöpfen und das +traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten +werde. + +„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gänzlich unromantischen +Person ..“ + +Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten, +einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die +Andre, – die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde +nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ... +Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme! + +Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu +äussern wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man hatte ja seine +Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System +funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser +Faktoren blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu verlieren, Kundschaft +einzubüssen. + +Ich sage Dir, es war entzückend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen +Käfer! + +Es schlägt sechs Uhr. + +Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen wir aber gehn.“ + +„Schon?“ + +Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“ + +_Ich!_ „Wenn ich auf ein solches Glück hoffen dürfte?“ ... + +„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die Blonde. + +Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist +ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfürchtig, bescheiden, vielsagend – und +stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. – – – + +Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch. + +Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas +heiratet man. Mit sowas setzt man Töchter in die Welt, die wieder +schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr ..... + +Da hast Du was für Dein glühendes Herz! + + + + + + DRITTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. + + +Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. +Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter! + +Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich +sieht, schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem die Madonna leibhaftig +erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher entrüstet +sich nicht einmal moralisch. + +– – – – Sie ist noch immer geschlossen, süss und ahnungslos. + +Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die +schlanke Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung künftigen Frühlingssturmes, +heller, glorreicher Sonnenwärme. + +Wir sassen auf dem Balkon. + +Ich sah sie wohl zu heiss an. + +Sie verwirrte sich. Sie war still. + +Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren Ausdruck als den Koriolans +an sein Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt darin eine solche Tiefe +der Unberührtheit. Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, auf +Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen – der See – der +Himmel – die Frau ... + +Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im +Hause ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa +den Frühstückskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hält sie selbst +in Ordnung, die kleinen Röckchen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und +Bändchen. Die Mutter hat sie schlicht und häuslich erzogen, wie sie selber +ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen selber führen. +Ich finde das entzückend. + +Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v. +W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit +wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die +beiden Mädchen sind unzertrennlich. Wie das schwätzt und schnäbelt! – all +diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der +sechzehn Jahre. + +Das thut mir manchmal fast weh. + +Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, für das wir kein +Verständnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter, +ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenüber ein schüchterner +Stümper! + +Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein! + +Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen, +seinen Schönheiten. Unsre Mark _hat_ Schönheiten, ihre sehr intimen, +keuschen Schönheiten, die sich nur dem Verstehenden enthüllen, dem +Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, Italien, +Norwegen – das Meer ... + +Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass +ich reich bin, soviel Schönes erschliessen kann für mein Lieb. + +Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine, +barbarische Berlinerin, die nichts kennt! + +Alle meine Lieblingsbücher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried +Keller, Storm. + +Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen +und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes, +grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck. + +Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“ + +Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens würdig finden. + +Bin ich ihrer würdig? + +Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein +ausschweifendes Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen, +sowohl bei Männern wie bei Frauen, und keine künstlerische Verklärung, +keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu übertünchen +vermocht. Ihr verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner +Josephhaftigkeit. + +Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte – +Eindrücke – was man vielleicht nur gehört, gesehen hat. Was ist meine +sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste +Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen könnte. +Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu +mässigen. + +Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche mit ihr! Ich frage und sie +antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor +man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das +weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge mich wert machen, dass es die rechte +Schrift sei! + +Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage. + +Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam – ich bin ein für alle Mal +Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit +ihr. Sie gehört zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es geht nicht +anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser +gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage. + +Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse! + +Auch Mathilde war im Salon. _Sie_ sprach mit ihr, lobte ihren Anzug, +küsste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner +Lilienknospe, meiner Madonna! + +Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und +liebenswürdig, hat ihre Partei. + +Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie +da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen. + +Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen sah mich halb erschrocken an, welche +böse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wüsstest, dass es nur Deine +Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt, +seit ich Dich habe! + +Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es +mir fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige Thränen einer +süssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl +öfters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt? + +Noch ein entzückender Zug. + +Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte. + +Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man +besorgen müsste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hörte nur +das Murmeln ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll wie vor einer +Weihnachtsbescherung. + +Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen. + +„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau von B. lächelnd. + +Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod +gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben, wenn +Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl! + + + + + + VIERTER BRIEF. + + + Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. + + +Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, mehr von der +psychologischen als von der persönlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das +bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit. + +Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Höheretöchterschrift, +steil, zimperlich, kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um +dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J. + +Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und +erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit +schwarzem Astrachan, glühendrot. + +Diesmal küsste ich sie natürlich. + +Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst halte. Einige Menschen werden +sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage, +Bestätigung – Grenze ... Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen, +leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und +Ungeschicklichkeiten hinterher. + +Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das +Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. „Es merkt es doch +auch niemand?“ + +Ich beruhigte sie: Eine Etage höher wohnt ein Photograph, da hätten Sie +immer hingehen können, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das +Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist +verschwiegen wie das Grab. + +Sie hatte über das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett +küssen hinterher. + +Dann die moralischen Garantien. + +„Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen „dem“ +gekommen bin?“ (in Parenthese – hast Du schon jemals eine Frau getroffen, +die „wegen“ mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trägt +Jägerwäsche und philosophiert im Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! +Es ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen habe – und es ist so +schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist.“ + +Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, küsse ihr die weisse Kehle rot +und beisse sie ins Ohrläppchen. + +Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhälften! und +das Hälschen so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken und festhalten, +dünn, weich und unzerreissbar wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner, +rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton. + +Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: Wassernixchen. „Nixchen“ passt +ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lüstern, spitzbübisch, +zur Liebe geschaffen, unfähig im Grunde. Der Fischschwanz! + +Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt: +„Ich liebe Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! Du bist der +einzigste, himmlischste Mann, den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch. + +Dazu kein lautes Wort, keine hässliche Geste, immer kleine Dame, so +sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich +habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und +wattierte Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr Ästhetiker dazu. + +Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar. + +Dann wird sie Meister und ich demütiger Schüler. Ich staune, was der Balg +weiss. Und woher weiss sie es? + +Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“ + +Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale +Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse +Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schläft, +Dienstbotengeschichten, am Schlüsselloch Erlauschtes, eine spielerische, +knabbernde Lüsternheit an Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor dieser +Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtückisches, ein Humor von +Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzählte mir eine Geschichte von einer +Bekannten, einer vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem +Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, während +er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen +blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten +sie in ihrer kleinen, perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit. + +Dann hat man Brüder, Vettern ... Der „Vetter“ verdiente eine extra +Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz +„fremder Mann“. Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen. +Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint +es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, für diese +delikaten, schummrigen Übergangsstadien, éclaireur-Dienste, +Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte. +Sie hat Angst vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit des „Vetters“. +Irgendwo und irgendwann ist er überall mal dagewesen. Du magst noch so +früh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich +gebe Dir das als Axiom. + +Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersättlich. Es ist +die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht: +Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die +halbe Religion mindestens ist für sie nur das. Das merkt sie sich, das hat +sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas +Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten +ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! – +Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“ + +Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen, +Martin, der bric à brac. + +Und Küssen zwischendurch! + +Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig +Natur. + +Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie lässt sich +küssen, streicheln, anfassen .... + +Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen, die Angst vor dem Wehthun, dem +Baby, die Heiratschance. + +Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir haben kein Vermögen. Else und Dada +haben auch geheiratet.“ + +Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernünftige, die +Versorgung. + +Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau. + +Schliesslich kann man es ihnen verdenken? + +Die falsche, unnatürliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die +Würmer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht +mal selbst aussuchen können, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie +eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas +Champagnerschaum schlürfen wollen? + +Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv, so ’n kleines, dummes Ding, +nicht für zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie +eine orientalische Haremsdame! + +Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: „Der ist der +Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer.“ + +„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre einzige Angst, eine süsse, gruselige +Angst. Dann kichert sie über die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute, +da unten auf der Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in seiner +Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen. + +Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist so unmoralisch!“ .. + +Dann küsse ich sie wieder. + +Sie legt mir die Ärmchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling, +süsses Herz – und dass sie mich ewig, ewig lieben wird. + +Kleine Kanaille! – Na, das sind sie Alle. + +Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Männer, der +Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder +passiert. + + + + + + FÜNFTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. + + +Weisst Du, dass ich manchmal förmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir +vorkommt, als müsste ich Dich bekehren. + +Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest glauben und niederknieen wie ich. + +Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. – Die +einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. +Wenn er erst männlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach, +eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den +praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen +Beschluss. + +Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum +Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch +und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt +doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, dem Einzelnen Kandare giebt, +wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimütig gestand, etwas über +die Stränge geschlagen hat. + +Natürlich stellte ich ihm für vorkommende Fälle meinen Kredit zur +Verfügung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein +Bruder, der Bruder ihres Bruders? + +Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns +nicht nur leere Phrase sein soll. + +Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen +Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm +das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen +Arrangements für Gesellschaften. Sie schmückt dann die Tafel, legt Silber +und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie +sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb +haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Süssigkeit eines +Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören, +denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden. + +Man schenkt mir sehr viel Zutrauen. + +Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufällig so gefunden. + +Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten Gefühl von etwas +Aussergewöhnlichem, Nahendem. + +Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges zu sprechen, wo ich ihr doch am +liebsten zu Füssen gefallen wäre. + +Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerührt hat. + +Ich habe Mathildens Stübchen gesehen. + +Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich +ja nie. Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, grosser, +weisser Schürze. „Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens +Stübchen.“ + +Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess mich in der Thüre stehen, während +sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete. + +Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Über dem Bett die Raphaelschen +Engelsköpfchen, – ein Bücherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben, +Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische +Tauchnitzromane ... + +Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstören, zart +genug zu sein, hochherzig, ritterlich! + +Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Süden +zurückgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. Sie ist sehr schön. +Ein Schatten von Schwermut macht dies schöne, stolze Gesicht fast noch +anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die +Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote +stehen, können ja einem Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben. + +Bei der ältesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr +Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tüchtiger und +strebsamer Offizier. + +Sie müssen sich einschränken. Wie ich sie liebe, diese Einschränkung um +der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der +heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben, +der Stimme des Herzens zu folgen. + +Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mütter sind. Es ist solch +hübsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung erst der +Frau, die Erfüllung überhaupt des Lebens, vor der die ganze sündige Welt +niederkniet, gläubig und erlöst. + + + + + + SECHSTER BRIEF. + + + Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. + + +Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein +aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren. + +Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts stossend, fortwährend thätig, um +mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten +herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwährende Nörgeleien, +Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch dieser Familie ist +Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist +alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stübchen +haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt +und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden. + +Das Nixchen steht natürlich auf Seiten der Mutter. „Mama“ ist eine grosse +Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht. + +Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. Mit der Ersten +haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er +hatte ja Karriere vor sich. Thränen und Szenen in der Familie. Man hielt +ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter Dach und Fach waren. +Seitdem ersticken sie in Brut. + +Das ist Mamas Hauptärger. Auch das Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie +kann man nur! Sie könnten doch wirklich „was thun“ – wo er noch nicht mal +Major ist.“ – Über das „was“, das man thun könnte, scheint sie sich +ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn +die Diskussion heftig wird. + +Die Zweite war die Schönheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde +auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und +Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem +Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrücklich wie effektiv ein Ende. +Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld. +Dada entschädigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das +Nixchen erzählt mir Alles: „Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben eine +Wohnung hier irgendwo. + +Es findet Dada nicht zu bedauern. + +Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht +Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des +geheimrätlichen Küchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens. +Daher fortwährende Szenen. Der reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen. +Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei +uns.“ Ich glaube es gern. + +Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise +eingefangen, ein ländlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen. + +Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann hat er so grosse Hände!.. Nicht +halb so nett wie Du!“ .... + +Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie natürlich fest entschlossen ist, +ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze. + +Oh, Weiber! + +Arme Natur, wo bist du? + +Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie einige ganz hübsche Details. + +„Natürlich musst du immer thun, als wüsstest du von nichts. Das ist die +Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die +Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich +meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht +fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti, +was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind +wäre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer +eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich +was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun! +Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!“ + +Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen! + +Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren +kleinen, prüden Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über den Schopf +fährt, die Küsse .. sie drückt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal +küsst sie mich sogar auf den Mund jetzt: „Ich könnte sterben für dich! +Wahrhaftig!“ + +Man könnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: „Wir +könnten uns doch heiraten“ .... + +Sie wird dann sofort wieder Nixchen: „Ein Künstler wie du .. und sieh mal, +er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama +gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – Man muss doch +vernünftig sein, Schatz.“ + +Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna. + +Ich liege auf der Chaiselongue und staune. + +... „Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche, +einzige Liebe. Du _hast_ mich doch.“ + +Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden: + +„Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch +nichts Schlechtes.“ ... + +Eigentlich könnte man sie durchprügeln. + +Aber echt ist sie. + +„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“ + +Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Köpfchen an meinem Halse +und küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ .... + +Ich kitzle sie. Voilà. + +Weisst Du, an was sie mich erinnert? + +Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten neuen Ziergläser in den +Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine +Schwärmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen, +hohe geschmeidige Glockenblumen. + +Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern, +und lässt sie in der Sonne spiegeln. – + +Früher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge +sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grüne, +alles Schillernde, Flimmernde, Äderchen, Nerven ... + +Und teuer sind die Dinger! teuer!..... + +Das ist sie. + + + + + + SIEBENTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. + + +Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu lieben. + +Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in +ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur für sie leben möchte. +Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fühlt das. + +Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie +eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie fängt an, +für mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen +Serviettenring, die sie kennt. + +Ich habe sie geküsst ....... + +Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen berührt, die +Rosenrundung der Wangen gestreift. + +Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes +Mund ihr aufdrückt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt +beim Weibe wie bei uns! + +Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das Mädchen des Gärtners in Templin. +Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft +lag in der Abendstille. Das Mädchen hatte frische Lippen und weisse +Zähne ..... Ich küsste sie ... + +Ich will würdig werden. + +Ich bin es schon. + +Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle, +Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine +Schüchternheit. Mama, liebenswürdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein. + +Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und +mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört seit Mamas Tode. Ich könnte es +immer von ihren Lippen hören. + +Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich möchte sie nicht erschrecken. +Diese plumpen, öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen Brautpaare einander +überhäufen, sind mir widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen und +Tändeln um den einen Punkt. Die Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht. +Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte, +jungfräuliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden +Liebe. + +Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt +Klavier mit ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen, Ereignisse und +Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurückgerufen, an denen +ich keinen Teil habe .. Ich möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine +Beleidigung dieser Unschuld des süssesten, holdesten Geschöpfes. + +Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich. + +Ich war unglücklich hinterher. + +Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist +besser so, obgleich sie sehr jung ist. + +„Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind,“ sagte Mama, als sie +einwilligte. + +Bin ich gut? Ich will es sein. + +Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in +sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes +willen keine Scham! + +Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur +Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen. + +Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch. + +Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im +tiefen Grunde. + +Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von +flüchtigen Verhältnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die +seligen Götter nicht beneide. + + + + + + ACHTER BRIEF. + + + Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. + + +Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen. + +Das machte sich so ganz natürlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und +lag im Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes, +mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem +brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen, durch die +man undeutlich einen Lärm vom Hofe aufsteigen hörte. + +Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: „Aber nicht +das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich Angst hatte sie. Sie +haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an +Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Mädchenerzählungen sind wir Oger, +wilde Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und hässlich, jung und alt, +jede Nacht eine Andre, grässliche Orgien feiernd. + +Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgelüst, das das +dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der +Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu können, eines +Bismarcks alle Tage. + +Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines +Pensionsmädchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterröckchen, +Höschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt auf das +Nachttischchen. + +Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr hübsch war. Sie +mussten das oft besprochen haben. „Meine Arme sind noch zu dünn, aber in +ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes +Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschöne Schultern. +Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der Seite – das ist hässlich! Kathi +solltest Du sehen! Die ist wunderhübsch, rund und weiss überall. Aber sie +weiss es auch.“ + +Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich küsse sie. Ich +halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich .... + +Sie lässt sich Alles thun mit einer Art schläfrigen Wollust. Vielleicht +denkt sie an den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig, Liebchen“ ... + +Ich empfinde nichts, gar nichts für sie, eine Art lässigen, physischen +Wohlbehagens. + +Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie. + +Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt fängt sie an zu weinen, +hülflos, wie ein kleines Kind. + +Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie +hat dann ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn man seine Hand dem Löwen +in den Rachen legt. + +Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: „Du liebst mich gar nicht. Du +spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“ Dann thut sie +eifersüchtig oder versucht mich zu beleidigen. + +Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie dächte, ich erschösse mich +ihretwegen, das würde sie noch mehr kitzeln. + +Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl in ihre vornehme, +ehrbare Ehe gehen. + +Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: „Wenn ich dich nun nicht +freigäbe? Wenn ich dich verriete?“ + +Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen, +flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: „Das +thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman, mein +lieber, süsser Herri!“ + +Wie klug sie ist. Fischschwanz! + +Und manchmal denke ich, man müsste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es +fühlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande .. + +Dann würde vielleicht noch was aus ihr, dann würde sie ein Weib. + +Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und +Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum +Hohne! + +Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner – Gentlemen – auf Kosten +unsrer Mannheit? + +Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein süsses, junges, +warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt +nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft? + +Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle, die uns das Leben gaben, zur +Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen, die man +mit den Zähnen kostet. + +Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend, +die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, über den Tod hinweg – und die +Toten! + +Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich +fasse sie fester. Ich atme stärker ..... + +Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir +nichts?“ .... + + + + + + NEUNTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. + + +Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten. + +Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache – in Not und Tod .. Leib +und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen. + +Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Grösseres! Nein, ich beneide die +Götter nicht. Grade das Vergängliche – die Not, das adelt Menschenliebe, +das macht sie unvergänglich und göttlich. Nicht Prometheus ist’s, der in +einsamem Zorn den Göttern trotzt – – _der_ Mann, der seines Weibes Hand +fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte _Mensch_! + +Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das +ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der +Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine, +das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche. + +Ich denke viel über diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren +erst finden müssen, was der sichere Instinkt des Weibes _fühlt_! + +Wie überlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend – Weib sein – +Mutter – wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung +des Geschlechtes beruht. + +Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem früheren Leben, meiner +Kindheit, den Eindrücken und Ereignissen, die auf meine Entwicklung +massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer verberge ich +ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin. + +Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem +reinen Weibe gegenüber. So aber auch wird das reine Weib seine Erlösung, +das Verworrene in ihm geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen +Lebensträgerin. + +Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich +schäme mich nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie mit Thränen benetzt. + +Sie war betroffen. + +Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht +zurückschrecken brauchen vor mir. + +Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein Junggesellenheim, Grumke mir das +Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser künftiges Dasein aus. +Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und +leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend. + +Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig ist. Ich schwärme nicht mal +für diese sogenannten „guten Hausfrauen“ – unablässige Scheuerfeste, +Küchenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles +wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt. + +Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand +nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Rücken gebeugt +vom Herdfeuer und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen +missachte! Ich verehre sie! Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind der +beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmäler setzen wie +seinen Helden. + +Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das +Ästhetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe. + +Ob sie überhaupt eine Ahnung davon hat? Sie frägt nie. Ein süsses +Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie folgte mir ebenso +willig und vertrauensvoll. + +Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke. +Ich selbst bin immer einfach – Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen +Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger zur Hand war. +Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann. + +Ah, ein Königreich möchte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen! +Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was soll mir das Königreich! +Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Königreiche.“ + +Darum bin ich glücklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine +Gefühle nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche Vornamen aus +meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend +vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu +differenzieren, schlechte, ästhetische Unterschiede aus raffinierten +Romanen von raffinierten Männern, die das Natürliche unnatürlich und +hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und prüde +geworden, wie manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt in sich +selbst zurückzog vor der Roheit und dem Cynismus der Welt. Wie einen +königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt sie, die Königliche, +königlich. + +Welch ein Frühling in unserm schönen alten Park, wenn der Flieder blüht +und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhängt! + +Wir werden viel Besuch haben – die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder, +Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus. + +An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns +lächeln. + +Vielleicht .......... + +Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen +Welt! + +.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der +Meinen, in süssesten Schmerzen mir geboren!... + +Was wäre das Leben ohne das? Möchte sie die Schmerzen lassen? Die Angst? +Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens? + +Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen +und küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik seiner Madonna! + +Die Männer sind Egoisten. Was würden sie sein, wenn es nicht holde, zarte +Wesen gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas Höheres giebt, als Kraft, +Ehrgeiz – dass aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die That des +einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig, +Leben säugt. + + + + + + ZEHNTER BRIEF. + + + Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. + + +Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über ihre Ehe. + +Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich, das ist der +Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darüber gar nicht weiter nach. Eine +alte Jungfer bleibt man nur, wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt +hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass +sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen +sie beneiden werden. + +Der Ärger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei – je intimer, +desto intensiver der Ärger. Das ist diesem Geschlecht das Äquivalent für +das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar +nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in +Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt, vielleicht nur +insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld, +Toiletten, Männer. + +Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fühlt, der einem +den Rücken runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das +Andre ist Unsinn. + +Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts +macht, ist ihr sehr gleichgültig. + +Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es +die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht? + +Einen Mann, der einen nicht reizt? – Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten – +warum nicht? + +Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb +lieben Frauen Künstler, ästhetische Männer, die sie lange kitzeln. Von dem +eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht. + +Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut – die Schmerzen – +die Entstellung – die Brüstchen, die schlaff werden ... „Elisabeth hat +einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ...“ + +Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie. + +„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann. +Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa +Schleifchen ....“ + +Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange! +Equipagen, Diener, dass sie die Hofbälle besuchen werden. + +„Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen.“ + +„Aber wenn er nicht will?“ + +„Männer thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will.“ + +Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames +Lächeln .... + +Oh ja, der wird thun, was sie will. + +Und es giebt Tölpel, die immer noch an die stärkere Thatkraft des +männlichen Geschlechts glauben! + +Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind überhaupt +viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor, +der alte, naive Barbar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger. Thusnelda +lächelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste. + +Sie haben ja auch zuviel Machtmittel – die Verliebtheit! Und wenn die gar +nicht mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich ungeliebte Frauen, die den +Pantoffel schwingen. – Das verliebte Weib ist unterwürfig. Das ist ihm +Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg +thut’s. Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder +Cäsar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend +heruntergewürgten Mahlzeit, der permanenten Nähe eines Hassenden, +Vorwurfsgeschwollenen. + +Nichts amüsiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer +oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind hässliche +Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist dumm. + +Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner, +Antonius, – Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina +waren Genies, weil sie Weiber waren. Über Louise Michel und +Frauenkongresse lächelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau +prügelt. + +Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so +verkennen! Das ist wie die Königstigerin, die sich Hörner wünscht, um den +Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen. + +Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen wären, liessen wir sie das +ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den +Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemütlich +auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer +stärkeren Schenkel. + +Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So’n kleines, zappeliges +Füsschen, so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen .. Simson lässt sich die +Locken abschneiden. Die schönste Berechnung geht zum Teufel. + +Sowas passiert denen nicht. + +Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra in der Beziehung. + +Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit, dass sie einem +Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager +ihr neulich an der Kurfürstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles +vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei lügt sie künstlerisch, mit +Genuss, ganz unnötig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das +Lügen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache. + +„Und im Notfall könntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir +nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was.“ + +Nein, wir haben wirklich nichts. + +.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt +heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!“ ... + +Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von +Leidenschaft in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit an sie heran, +würde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das +ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein Übriges dazu thun und +mich aus der Welt schaffen könnte, würde sie es ebenso kaltblütig thun. + +Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch +immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive +Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die rührendsten Affären +daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans +seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau Marthe geworden und hätte an +„Heinrich! mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung mit +fortgetragen, eine behagliche Rührung, dass sie ihre Jugend so gut +genossen. + +Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft, +die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen braven Ehemann, +den sie betrogen, das imponiert ihnen. + +Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit +dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert, +darüber können sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar mit einem +Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmädel, das ein Kind +kriegt und ins Elend gerät. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf. + +Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht. + +Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die käufliche Liebe aus. +Das bereut man nicht. + +Es liegt auch da eine Naivität der Männer zu Grunde oder ihre Arroganz. +Der Lendemain ist sprichwörtlich geworden. Der Wüstling hat das doppelt +angenehme Gefühl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die +Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie. + +Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser „guter Mädchen“ +(„gut“ ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben. + +Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Mädchen. Sie hatte auch die Angst +vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain. + +Und dann war’s wirklich Morgen und der allerschönste Sonnenschein und +Vogeljubilieren – und sie lachte, lachte übers ganze Gesicht: „Ich bin so +froh, Schatz! Ich glaub’, ich könnte fliegen!“ + +So müsste Eine natürlich empfinden. + +Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, „die +Geschichte eines Mädchens“. Das rührte mich fast. Die Arme! Sie hat +gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war. + +Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie +lässt der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: „Und, glauben Sie +mir, es ist in der Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und +der Leidenschaft fähig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf +kommt es nicht an.“ + +Überdies: On n’est jamais le premier. + +Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus +persönlicher Propertät oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu +den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen lässt, als diejenige, +die vielleicht an einem hellen Maientage dem süssen Zug der Natur gefolgt +ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren? + +Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe +vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht. + +Aber freilich die Konsequenzen! + +Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die +behauptete, wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s ein +Gesellschaftsspiel. + +Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer +der „Erste“, mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der +Kolumbus, der Schleierlüfter, der Dornröschenerwecker. + +Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine Art Ranküne, wenn sie von ihrem +„Ersten“ spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des Torts, das sie in meine +Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden. + +„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst so viel“ ... sagt sie manchmal. + +„Aber hast Du denn keine Angst mit „ihm“ – immer fremd sein – immer +Komödie spielen?“ + +Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern. + +Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so +merkwürdig. Das ist wieder die bewunderungswürdige Lebensfähigkeit dieses +Geschlechts. + +Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit +seinen blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen. + +Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte! + + + + + + ELFTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. + + +Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am +Rosenfeste! – Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was das heisst? Wer kann +es wissen! Wer kann es aussprechen! + +Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein +Selbstling. Selbst die hohen Träume, die Ideale und Gedanken! Ich komme +mir vor, wie ein Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des Lebens +aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben. + +Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder, +eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine träumende, unschuldige Seele. + +Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib! + +Und wir sprechen von überlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier +ist der Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld in der +Lieblichkeit. + +Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so +selbstverständlich. Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme schliessen. + +Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer. + +Wie ich diese schöne Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter +bleiben, ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. – +Jungfrau – Geliebte – Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele +und Leib, um zuletzt demütig niederzuknien vor so einem holden, nicht +denkenden, kinderthörichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’ mich +glücklich! + +Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser +Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen. + +Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat, der die Braut in das Haus des +Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhüllen, +Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie +anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein süsses +Mysterium, macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer +Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung, +die Sehnsucht zu erhöhen. + +Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschäftigt. Ist es +denn nicht ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmückt, reizend macht. +Bin ich es nicht, für den sie sich schmückt? + +Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und +schmückt, das süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser machend. Es sind +nörgelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt, +die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einführen +wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit +ihrem Leibe in diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie soll ja das Glück +sein, die Wonne, die Schönheit. + +Hochzeit – hohe Zeit! – – + +In mir ist’s hohe Zeit. + +Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass +ich sie nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen, +verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle +bösen Begierden dämmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen +Jubel in mir, der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme +nehmen und gegen die Sonne halten möchte. + +Hochzeit! hohe Zeit! + +Mein Heim steht geschmückt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler +thätig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir’s leid, das +Alte, Altgewohnte. – Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht, +dass Alles neu ist. + +Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest für alle meine Leute. Sie +üben schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Flüstern geht unter +den Arbeitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch +gut! + +Es giebt ein vollkommenes Glück auf der Erde. Es giebt Engel. In vier +Wochen ist der Engel mein Weib. + +Wie süss muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die +strahlende Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend vollendet sich ihr +Leben. – Was ist das Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter +der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, +Leidertragen ... + +Mein Weib! Mein Mütterchen! + +Wie eine kleine Königin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch +ein kleines Königreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie +Vorbild und Vorsehung ist. „Hausvater und Hausmutter“, der alte, schöne, +deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir können es noch +sein. + +So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Füssen: +Reine Frauen, Männer, die ein Heim schaffen können, die an Reinheit +glauben. + +So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du +darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen, glückseligen +Menschen. + +Hohe Zeit – Hochzeit! + +Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glück und ich glaube es. + +Und wenn Du über den Schwärmer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, +weiss unter der weissen Myrtenkrone – und wie Thomas: Geh’ und glaube. +Geh’ und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe. + +Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas übergehn müsste. +Ich fühle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verkünden – +und Mathilde heisst meine Madonna. + +Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der +Mitgiftjägerinnen, des höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre +halberwachsenen Töchter auf „die gute Partie“ dressieren. + +Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts neulich. Es waren da Muster +von teuren Spitzen, die ihr gefielen. + +Die Mama, verständig wie immer, riet lächelnd zu billigeren: „Das ist ja +für eine Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes +Geheimratstöchterchen.“ + +Natürlich übernehme ich das Alles. Es bedurfte einer gewissen Überredung +bei der Mama. Sie geben mir so Unendliches. Sollen diese teuren Menschen +sich Gênen auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, während ich +schwelge! + +Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten lassen. Ich bin jetzt einer +von der Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit, das +Vertrauen, wenn ich nicht auch das Schwere mit ihnen tragen darf? Sind +diese Güter mein Verdienst? Brauche ich sie? Ich wäre glücklich unter +einem Strohdach. + +Es ist um Mathildens willen, dass ich mich des Geldes freue. Auch das hat +sie mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine Macht, zu beglücken. + +Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne. Wir haben auch darüber so oft +gestritten, über Geldwert und Geldanbetung in unsrer Zeit. Manche +Erscheinung des öffentlichen Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe +einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch und traurig machen. + +Man weiss ja leider, dass man ein reicher Mann ist. + +Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr die kleine Hand mit Geld füllt, wird +sie es ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst. Sie soll von diesem +Wissen frei bleiben. Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so ist sie das +stumme, ruhende Juwel am Herzen der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das +Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche im Dasein, der braucht den Wert +eines Hundertmarkscheines nicht zu kennen. + +Die Blume ist in sich selbst genug. Die Poesie zu wahren. Das reine +Gefühl. + +Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um uns das Paradies. + +Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, ruhe im Schatten unsrer Palmen! + + + + + + ZWÖLFTER BRIEF. + + + Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. + + +Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da „er“ bezahlt, können wir mit der +nötigen Gewichtigkeit zu Werke gehn. + +Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben, +Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft, +das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit +Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen mit hell +heliotropnen und lichtmaigrünen Languetten. + +Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fügt sich immer meiner überlegneren +Einsicht. + +Das entzückt sie: „Du verstehst Alles. „Er“ nähme mich grad so gut in +einem Sack. – Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr +habe!“ + +Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Hübsches +und sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat. Und wir sind getröstet. „Er“ +zahlt ja. + +Wenigstens soll er ordentlich blechen – schon für seine Undankbarkeit. Ein +Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Tölpel. Sie +macht sich für ihn hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das für Mühe! – +so’n Löckchen, das graziös und an der richtigen Stelle in die Stirne +fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld, +manchmal Pein, gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an +Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen. + +Ich verstehe zu taxieren. + +Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe. +Wenn ich sie hübsch finde, ist sie glücklich. + +„Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht.“ + +Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle +Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersönliche fühlen, das Wohlgefallen +an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen. Ich glaube, wenn ich +vor die Sultanin-Mutter träte: „den Turban etwas mehr nach rechts, bitte +schön“ ... sie thäte es und wäre mir dankbar. Und sie hätte ein Recht +dazu. + +Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern ihre. Und ist sie nicht eigentlich +die allerhöchste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht +liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste an der +Menschheit ist für mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. +Sie fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir. + +Das ist ganz unbewusst: „Du bist so gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt +sie meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich: „Du bist gut.“ + +Da ist die Ranküne wieder, das kleine, tückische, widerborstige +Katzenfauchen in dem „Du“. + +„Der ist viel besser als ich.“ + +Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er hätte ihr eine Moralpredigt +gehalten und sie beschämt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige +Joseph schnöden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein hübsches +Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. – Oder er hätte sie +genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher +sie zur büssenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser +Tugendbolde. + +Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem +Fischchen-Element bei mir, munter schwätzend wie ein Vögelchen, von dem, +was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. – ich habe +sie als Künstler behandelt, nicht roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht +pfäffisch-zerstörerisch. + +Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen, das sie ist. Sie liebt mich. + +Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich +möchte am liebsten sterben!“ + +Manchmal sogar fast wild: „Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles +ganz egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit +mir machen was Du willst.“ + +Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenübersitzt und +Makronen knabbert – und dann lauert sie auf den Effekt. Sie möchte etwas +mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann. + +Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: „Es ist doch gar nichts. +Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen +von „uns“.“ + +Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, _mir_ +bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal ein andrer Gedanke +als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen +aufgestiegen ist? + +Sie betrauert meine Wohnung: Whipchen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie +so gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote +Nase, darin ist sie ästhetisch. + +Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten: +„Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du +verdirbst Deine Haarfrisur.“ Sie wollen gefallen und sollen gefallen. + +Wird die Frauenemanzipation darin je etwas ändern? Die Orientalin, die +ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie ist das Naivste und das +Grösste. Das Urälteste und das Allermodernste. + +Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln sie Dir zu .... Und wenn der Geist +wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft +durchgemacht. + +Ich möchte es nicht anders. Nur mehr Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so +unendlich viel gelogen, gerade über diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui +s’excuse, s’accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen +drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben +ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den stärksten und +gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit. +Der alte, schöne Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit +geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab, +und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und +unverständliches Rätselwesen. + +Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die +Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will sie +einregimentieren und einschwören. Die Völker, die am wenigsten Sonne und +Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die +Lebensader! Décadence-Männer machen mit. + +Und doch: + + „’s ist eine der grössten Himmelsgaben, + So ein lieb Ding im Arm zu haben.“ + +Nicht nur für uns, für es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und +Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und +verkrüppelten Früchten, die reife, süsse?..... + +Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf, einzig und allein für ihn +bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie +wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen, in +seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert. + +Mögen sie hereinfallen! Das „weisse Blatt“ ist die grösste männliche +Unverschämtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und +willig beharren. Ein Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal +feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht +sehen, hören, fühlen, wie wir? + +Der Egoismus der Männer macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit +Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist lächerlich und +verächtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich +bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fühlen bis in ihre +Verlogenheiten hinein – haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? – wäre +ihm das passiert? hätte er nicht warnen, eingreifen können als es Zeit +war, wenn nötig sie vorher freigegeben. + +Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle „Mann“, +die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle „Weib“, die wir ihnen +aufoktroyiert haben. Sie rächen sich wie sie können. + +Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit +ist die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, ungütig, +böse. Und wenn der Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal, dann steigt +das Niedrige. Was ist gemein? Was ist verächtlich? Was ist erhaben, +bewunderungswürdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist. + +Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über der Welt, die feinste, reine +Quintessenz des Christentums. Nur die Pharisäer stören es. Dem Zöllner ist +es natürlich. + +Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum Schlusse. Der Deutsche macht sie. +„Die Moral von der Geschichte“ – Und es ist eine gute, alte Sitte, denn +Moral ist überall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertüte ist. + +Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest. + +Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen +Ausstattungskleidern, ein schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem +Hals. + +„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich +will auch wirklich hingehn.“ + +Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt. Wir tranken Sekt und assen kleine, +pikante Sachen dazu. + +Wir waren sehr lustig. + +Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb +haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“ + +Eine gewisse Wärme kommt doch über mich. Ach Herzchen! Herzchen! + +Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche in unsrer Liebe, ihr erster +Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder Gegenstand in +meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ... + +„Nie, nie vergesse ich das“ ... + +Wir waren ganz glücklich. + +„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause wäre. Ach Liebchen!“ .... +Dann schluchzt sie wieder ein bischen. + +Dann die Moral wieder: „Du findest mich auch nicht schlecht?“ + +– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens. Alle thun das. Und Daisy Grimme! +die macht’s doch viel schlimmer. + +„Wenn es doch möglich wäre! Wenn ich doch heute bei Dir bleiben könnte – +und immer!“ .... + +„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen Ball – und morgen!!“ – – – + +Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert sich an meinen Hals. Sie ist ganz +glühend. Sie küsst mich. + +„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s doch, dass ich Dich lieb habe, nur +Dich!“ + +Ich glaub’s. Ich glaube Alles. + +„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt wären! im Paradies!“ .... + +„Ach! es ist zu schrecklich eingerichtet im Leben! ... Und nicht wahr, +meine Briefe, die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie doch alle?“ ... + +– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen? Oh Gott! Wie schrecklich das würde! +Ich würde Alles verraten.“ + +„Sehr verständig würdest Du sein.“ + +„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht +gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen gern gehabt hast? Du bist ja +so unmoralisch!“ + +Martin meldet die Droschke. + +Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster erleuchtet. + +„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich noch nicht mal gehabt hast .. Der +greuliche Kerl mich kriegt.“ + +Sie weiss genau, dass die Droschke im nächsten Moment anhalten muss. + +Sie hält. + + + + + + DREIZEHNTER BRIEF. + + + Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Gröndahl. + + +Lieber, süsser Herzensschatz! + + +Denke Dir meinen Schrecken, als Achim mit Dir hereinkam! Aber nur einen +Moment hab ich mich erschrocken. Du bist ja so verständig und lieb und +gut. Ach und die süssen, grünen Gläser, die Du mir geschenkt hast! Das +sieht Dir ähnlich. Es war zu entzückend himmlisch bei Dir. Ich werde es +_nie_, _nie_ vergessen und Dich ewig lieb haben. Du musst uns jetzt oft +besuchen, nächsten Sommer, wenn wir hier auf dem Gute sind. Jetzt +verreisen wir – nach Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier geschenkt. +Himmlisch, sage ich Dir. – Wir sprechen dann über Alles, Du musst mir +erzählen, wen Du jetzt hast. Du bist ja so verständig. Wenn Du doch Achim +wärst! Ach, das Leben ist doch sehr schwer oft! + +Fandest Du, dass ich gut aussah bei der Trauung? Der dumme Kirchenmensch +hatte die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich ärgerte mich die ganze Zeit +darüber, und die Myrte stand zu hoch über der Stirn. + +P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, alle? und Martin sagt +nichts? Es wäre schrecklich. + + Deine M. + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verändert, außer in +folgenden Fällen, die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind: + + Seite 39: Anführungszeichen ergänzt hinter „bin?“ + Seite 120: Anführungszeichen ergänzt vor „Ach!“ + Seite 123: „wir“ geändert in „Wir“ + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER*** + + + + CREDITS + + +April 2, 2011 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 35758‐0.txt or 35758‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/7/5/35758/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. 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They may be modified and printed and given away +— you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™ +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works + + + 1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring +that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation’s web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HHEREN TOCHTER*** + + + + + + [Illustration: Cover image] + + + + + + Nixchen. + + + + + + _Smtliche Rechte vorbehalten_ + + + + + + *Nixchen.* + + Ein Beitrag + zur Psychologie der hheren Tochter + + von + + *Hans von Kahlenberg.* + + _Umschlag von __Hermann Liebich__._ + +*12.-14. Tausend.* + + +_Wiener Verlag._ +Wien 1904. + + + + + + Maschinensatz + von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217 + + + + + + + ERSTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Grndahl, Berlin, Nettelbeckstrasse. + + +Mein lieber, alter Mephisto! + + +Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute +in meiner schnen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war +ich recht wtend auf Dich, wtend und entrstet und etwas traurig von +unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und +kstlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten ber ein gewisses +Thema auseinandersetztest. + +Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher, +hartgesottener Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist, +was wre das Leben berhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier +auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berhmtheit, die Freude an dem, +was man in sich hat, an der schnen Gotteswelt draussen, wenn man sich +nicht mitteilen knnte, wenn die lieben Frauen nicht wren, die liebe, +schne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein +eigen zu nennen. + +Ja, die lieben Frauen! - Und Du magst nun sagen was Du willst und +Erfahrungen haben so viele Du willst - ich bedauere Dich oft darum. Ich +behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es fr Unsereinen berhaupt +erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, ssse, unschuldige +Blumen, tausendmal besser, feiner, klger wie wir, direkt vom Himmel +herunter gesandt, damit man eine Ahnung behalten soll hier unten im +Staube, wie's da oben aussah. + +Lache nun wie Du willst ber den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es +ist zu schn, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber +Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, - ich bin glcklich, +unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig glcklich! - Ich liebe. + +Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenber. Weisst +Du berhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke +Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter +Sachverstndiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor +der Gefhle? - Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker +und drflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht. + +Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen +Huserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, berhmt mit +sechsundzwanzig, vergtterter Boudoirheld, dem die Kniginnen des Salons +zu Fssen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie +Keiner, Tigerinnen mit Madonnengelsten, sentimentale Messalinen, +Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die fr mich schlechter sind, +als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys +und prraffaelitischen Faltenwurf. + +Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem grnen, glatten +Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnrkeln und den +beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten, +verrucherten Bude mit den Hirschgeweihen und den alten Preussenknigen +und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann mcht' ich es gerade an +die Wand werfen und hinausstrmen. Freie Luft! Bume! Erdgeruch! Hier ist +doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit! + +- - - - Und doch ist auch sie keine Landblte, nicht im Walde erschlossen +beim Quellenrauschen, - eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume ber dem +Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre! +ssse sechzehn! - halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste +Alter. Ich mag die "jungen Damen" nicht, die schon drei Winter ausgegangen +sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man +mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Mnnerauge, das sie begehrte, +hat einen Fleck darauf zurckgelassen. + +Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glckliche, +selbst nichts ahnende Jger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand +entdeckt. Das ist buchstblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So +faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen +Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus +verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande +voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen +wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, +riesige Felswand gedrckt, blass und zitternd mit ngstlich hochgehaltenem +Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im sprhenden +Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnsste wie +ein Lmpchen. + +Ich fhrte sie. Wie sie so ngstlich trippelte, Schrittchen fr +Schrittchen an meinem langen Bergstock! - und doch glubig. Sie hatte Mut +nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel wrde sie +sicher durchsteuern durch das ngstliche, riesige Labyrinth von Steinen +und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber +derjenige, dessen man sich am hufigsten und reinsten freut, stark zu +sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines, +schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schtzen, das Einen mit einem +Lcheln um den winzigen Finger wickelt. + +Was soll ich Dir weiter erzhlen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den +Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises - allmhlich, +mit Tasten und Zurckweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen, +norddeutschen Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei ltre +Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den +T....er Dragonern. Mathilde ist die Jngste. Mathilde - etwas Klares, +Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. - Wie ich den Namen +liebe! Sie haben alle hbsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene. +Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas +trocken, etwas zugeknpft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die +Mutter, die echte deutsche Frau, blhend, mtterlich, mit geschickten +Hnden. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten! +Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese +Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde - ich hasse Abkrzungen. Ich nenne +sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder gar englisch-undeutsch +Mattie, Maudie, - es passt am besten fr sie. Blondes Flechtenkrnchen, +blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des +Rosenblattes. Ich schwrme fr schnen Teint bei Frauen. Er scheint mir +ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den +Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld. + +Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Snde. Ich habe +Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben. +Blatt fr Blatt mchte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz, +Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein +Gedanke! welche Aufgabe! + +Ehrfrchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges +Geschpfchen von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen +Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde +geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krckstock ausging, dass +ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? _Meine_ Aufgabe +wird es sein, sie einzufhren, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht +erklrt sich das Rtsel der Welt, wenn das Kpfchen so sicher ruht an +treuer liebevoller Brust! + +Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist. +Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgltigen, unheimatlichen Orten unter +ungengender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen knnen. Ich +habe meine lndliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. +Und wenn Ihr mich nachher als "reinen Thoren" verspottet habt, ich habe +Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen +Kursen, mit Tchtern ausgewhlter Familien. Ihre liebste Freundin ist die +Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzugiges +Plaudertschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr +liebliches, bestndiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend +kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwrmerei fr einen +toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich rhrend diese +Einfalt gerade ist! Sie hat fr mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich +wrdig sein mge. Ich prfe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte. +Selbst meine Augen mchte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken, +zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind! + +Lache ber mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spttischste Mephistomiene +auf ber den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem +sechzehnjhrigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine +Krone, eine Erlsung! + +Ich bin glcklich! Dein Achim. + + + + + + ZWEITER BRIEF. + + + Herbert Grndahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis + Jterbog in der Mark. + + +Teurer Parzival! + + +Heute also zu Deiner Epistel von gestern. + +Ich habe weder gelchelt, noch eine spttische Miene aufgesetzt. Ich +kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die +engbeschriebenen Seiten la Hainbundjngling. + +Aber ich habe nicht gelchelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der +Mensch nie aus dem Zahnen heraus! + +Da habe ich ihn mhsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus +den Fngen gerissen, nun fllt er auf einen Backfisch herein, einen +Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! - Mensch! Mensch! Die Gtter +wollen Dein Verderben. + +Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu +Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz, +manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das ugelt und +kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest +Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjnglinge errten, und trumt von +chambres spares, alten Mnnern mit Millionen und Hausfreunden, die +Gesandtschaftsattachs sind. + +Der Schndliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze +Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter. + +Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundstze. Ich weiss nicht, ob sie +ganz so schn waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine +mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune. + +Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen +Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine +rgere Komdie als ich dachte, ich Hans Herbert Grndahl, alter, +ausgelernter Komdiant und Komdienschreiber. + +brigens ja doch! lachen musste ich doch. + +Bei der Beschreibung: Flechtenkrnchen, blaue Augen, diese Zartheit, +Blondheit. Geheimratstochter aus W..... + +Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest ber meine Abenteuer, +entrstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer +Verfhrungsknste? + +Diesmal wirst Du wenigstens zugeben mssen, dass ich auf unschuldige Weise +dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstblich im Schlafe, Du +weisst ja "seinen Freunden u. s. w." + +Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus +Armen, als Martin zwei Damen meldet. + +Martin ist geaicht auf solche Flle. Er hat dann frmlich etwas +Priesterliches, die Allren eines Offizianten, der das Allerheiligste +ffnet. + +Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in +Mnchen der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste, +ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen +Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen +Leben. Martin bediente uns whrend des Essens mit einer Grandezza und +diskreten Feierlichkeit, die anfing lhmend zu wirken. Jule wurde stiller +und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr sddeutscher +Gemtlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den +geringeren Gttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie +einen fast schchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches +Gesicht. + +Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind +alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen - notabene es +war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme, +feierlich und gedmpft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr +ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst +einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin prsentiert Feuer +von dem zngelnden Stirnflmmchen einer Serpentintnzerin und trufelt das +Nass aus dem grnen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. +Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von +dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten +Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fhlt das +Bedrfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht. +Das Bett steht zurckgeschlagen mit langherabrieselnder gelber +Seidenkouvertre. ber dem Kopfende hlt ein geflliger Cupido, lchelnd +vorgeneigt, ein elektrisches Flmmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll +arrangiert, Kmme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und +gewellte, ein silbernes Schuhknpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trgt +Lahmannsandalen und kurzgeschoren. + +"Du -", sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr +energischen Klink der Thr, der ihm durch und durch gehen musste. "Wenn +der im Paradies dabei gewesen wre, den Apfel htte der liebe Gott sich +sparen knnen." + +Also Martin meldet. Du weisst, dass Hflichkeit gegen das weibliche +Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wsstest, was ich +durch diese Hflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir. + +Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung +nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der ussere Mensch +wre gerstet. + +Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und +Martin ist darin gut erzogen. En avant donc! + +"Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?" Zwei Backfische, allerliebst! +ein blonder und ein brauner, sss, frech, puterrot. Aus gutem Hause - +Handschuh, Stiefel - viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort. + +"Sie sind doch der berhmte Herr Grndahl? Wir haben Ihr Buch: "Verbotne +Frchte" gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen +lernen." + +Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen +Augen. Die Blonde steht verschmt mit schlagenden Wimpern. + +"Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende +Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine +Damen?" + +Sie setzen sich, beide natrlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde +bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend. + +Die ist schon ganz frech: "Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine +Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwrmen fr moderne Litteratur. +Meine Freundin schwrmt fr Ihre Bcher. Sie hat auch eine Photographie +von Ihnen. Sie hat sie bei sich." + +"Und nun sind Sie sehr enttuscht natrlich - ein alter Mann mit einem +kahlen Kopfe...." + +Erneutes Kichern. Diese kleinen Mdchen mssen sehr solide Knochen haben, +dass sie ihre gegenseitigen Pffe und Ellenbogen so gut vertragen. + +"Unsre ganze Klasse schwrmt fr: "Verbotne Frchte". Wir haben es Alle +gelesen. Oh wir lesen Alles!" + +Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Stzen. + +Ich spiele den Moralisten: "Das ist doch aber eigentlich in Ihrem +Alter ...." + +"Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi +und "Sodoms Ende" haben wir gesehen, heimlich!" + +"Der Vetter Hubi ist ein glcklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre +Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?" + +"Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen," (schriftlich nicht +wiederzugebende Nance der Verachtung fr diese ehrenwerte Beschftigung +des wackren alten Herrn). "Itta" - was diese kleinen Mdchen fr Namen +haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Ktzchenmiauen +und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher +Vorname ebenso unmglich wre wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein +- -, "Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta +schwrmt fr Knstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptschlich Garde +und Kavallerie." + +"Aber Kitty!" ... + +Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste. + +Ich liess Wein und Sssigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen. + +Sie knabberten wie die Muse. Von dem Wein nippten sie nur. + +Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten frmlich vor +Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem +Schreibtisch enttuschte sie sichtlich: "Ach die Kaiserin!" ... Einige +Bouchers entschdigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten. +Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Wnde voll nackender Frauenzimmer +zu finden, alle fnf Barrisons mindestens! + +"Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt +es." + +Olga Krohn ist ein charmantes Mdchen. Ich zeige mnnliche Bescheidenheit: +"Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen +ihre Gunst erweisen." + +"Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?" + +"Es giebt soviel Liebreiz in der Welt." + +"Sie sind sicher schon oft sehr unglcklich gewesen?" + +"Unsglich!" + +Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende +Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknpfen und das +traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten +werde. + +"Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gnzlich unromantischen +Person .." + +Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten, +einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die +Andre, - die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde +nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ... +Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme! + +Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu +ussern wage inbetreff der "Gelegenheit" ... Man hatte ja seine +Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System +funktionierte vorzglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser +Faktoren blickte durch, die Angst, Schlerinnen zu verlieren, Kundschaft +einzubssen. + +Ich sage Dir, es war entzckend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen +Kfer! + +Es schlgt sechs Uhr. + +Die Braune erhebt sich: "Jetzt mssen wir aber gehn." + +"Schon?" + +Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: "Du kannst ja wiederkommen." + +_Ich!_ "Wenn ich auf ein solches Glck hoffen drfte?" ... + +"Ich werde Ihnen schreiben," haucht die Blonde. + +Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist +ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfrchtig, bescheiden, vielsagend - und +stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. - - - + +Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch. + +Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas +heiratet man. Mit sowas setzt man Tchter in die Welt, die wieder +schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude rcken. Brrr ..... + +Da hast Du was fr Dein glhendes Herz! + + + + + + DRITTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Grndahl. + + +Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. +Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter! + +Ich flchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich +sieht, schwinden die Zweifel. Der Glubige, dem die Madonna leibhaftig +erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glcklicher entrstet +sich nicht einmal moralisch. + +- - - - Sie ist noch immer geschlossen, sss und ahnungslos. + +Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die +schlanke Hlle, ein tieferes Atmen, die Ahnung knftigen Frhlingssturmes, +heller, glorreicher Sonnenwrme. + +Wir sassen auf dem Balkon. + +Ich sah sie wohl zu heiss an. + +Sie verwirrte sich. Sie war still. + +Diese ssse Stille! Kennst Du einen hbscheren Ausdruck als den Koriolans +an sein Weib: "Mein ssses Schweigen!" Es liegt darin eine solche Tiefe +der Unberhrtheit. Auf vieles wre es schlechterdings unanwendbar, auf +Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen - der See - der +Himmel - die Frau ... + +Ich bemhe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im +Hause ihre kleinen mter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa +den Frhstckskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hlt sie selbst +in Ordnung, die kleinen Rckchen, Strmpfchen, Ziertchelchen und +Bndchen. Die Mutter hat sie schlicht und huslich erzogen, wie sie selber +ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Pltteisen selber fhren. +Ich finde das entzckend. + +Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v. +W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit +wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die +beiden Mdchen sind unzertrennlich. Wie das schwtzt und schnbelt! - all +diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der +sechzehn Jahre. + +Das thut mir manchmal fast weh. + +Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, fr das wir kein +Verstndnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter, +ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenber ein schchterner +Stmper! + +Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein! + +Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen, +seinen Schnheiten. Unsre Mark _hat_ Schnheiten, ihre sehr intimen, +keuschen Schnheiten, die sich nur dem Verstehenden enthllen, dem +Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schne Gotteswelt, Italien, +Norwegen - das Meer ... + +Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass +ich reich bin, soviel Schnes erschliessen kann fr mein Lieb. + +Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine, +barbarische Berlinerin, die nichts kennt! + +Alle meine Lieblingsbcher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried +Keller, Storm. + +Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen +und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes, +grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck. + +Die Mama lchelt dann: "Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!" + +Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens wrdig finden. + +Bin ich ihrer wrdig? + +Diese Frage beschftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein +ausschweifendes Leben gefhrt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen, +sowohl bei Mnnern wie bei Frauen, und keine knstlerische Verklrung, +keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu bertnchen +vermocht. Ihr verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner +Josephhaftigkeit. + +Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte - +Eindrcke - was man vielleicht nur gehrt, gesehen hat. Was ist meine +sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste +Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen knnte. +Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu +mssigen. + +Wie zart und rhrend diese kleinen Gesprche mit ihr! Ich frage und sie +antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor +man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das +weisse, ssse Lilienblatt. Gott mge mich wert machen, dass es die rechte +Schrift sei! + +Ich hatte eine Erschtterung dieser Tage. + +Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam - ich bin ein fr alle Mal +Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit +ihr. Sie gehrt zu ihrem Kreis. Die Geheimrtin sagt, es geht nicht +anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser +gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage. + +Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse! + +Auch Mathilde war im Salon. _Sie_ sprach mit ihr, lobte ihren Anzug, +ksste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner +Lilienknospe, meiner Madonna! + +Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und +liebenswrdig, hat ihre Partei. + +Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie +da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen. + +Ich war sehr alteriert. Mein Mdchen sah mich halb erschrocken an, welche +bse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wsstest, dass es nur Deine +Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt, +seit ich Dich habe! + +Es kommt mir vor, als she sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es +mir fast, als ob sie geweint htte, holde, unschuldige Thrnen einer +sssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl +fters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt? + +Noch ein entzckender Zug. + +Bei der ltesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte. + +Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man +besorgen msste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hrte nur +das Murmeln ihrer Stimmen, zrtlich und geheimnisvoll wie vor einer +Weihnachtsbescherung. + +Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen. + +"Das Kind ahnt ja nichts," sagte Frau von B. lchelnd. + +Ich ksste ihr die Hnde. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod +gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurckzugeben, wenn +Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl! + + + + + + VIERTER BRIEF. + + + Herbert Grndahl an Achim von Wustrow. + + +Das Abenteuer fngt an, mich zu interessieren, mehr von der +psychologischen als von der persnlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das +bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit. + +Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Hheretchterschrift, +steil, zimperlich, kaprizis: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um +dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J. + +Ich ffnete selbst. Das erhht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und +erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit +schwarzem Astrachan, glhendrot. + +Diesmal ksste ich sie natrlich. + +Du weisst, dass ich Kssen fr eine Kunst halte. Einige Menschen werden +sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage, +Besttigung - Grenze ... Die ganze knftige Liebesmelodie im leisen, +leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und +Ungeschicklichkeiten hinterher. + +Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das +Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. "Es merkt es doch +auch niemand?" + +Ich beruhigte sie: Eine Etage hher wohnt ein Photograph, da htten Sie +immer hingehen knnen, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das +Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist +verschwiegen wie das Grab. + +Sie hatte ber das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett +kssen hinterher. + +Dann die moralischen Garantien. + +"Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen "dem" +gekommen bin?" (in Parenthese - hast Du schon jemals eine Frau getroffen, +die "wegen" mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trgt +Jgerwsche und philosophiert im Bette.) "Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! +Es ist doch nur, weil ich Deine Bcher gelesen habe - und es ist so +schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist." + +Ich sage: wahrhaftig nicht! und ksse sie, ksse ihr die weisse Kehle rot +und beisse sie ins Ohrlppchen. + +Was fr Brstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhlften! und +das Hlschen so fein angesetzt! rmchen, die umstricken und festhalten, +dnn, weich und unzerreissbar wie Seidenstrnge ... Es ist ein kleiner, +rhrender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton. + +Ich habe jetzt auch einen Namen fr sie: Wassernixchen. "Nixchen" passt +ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lstern, spitzbbisch, +zur Liebe geschaffen, unfhig im Grunde. Der Fischschwanz! + +Eiskalt - das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt: +"Ich liebe Dich, Herri! Ich hab' Dich furchtbar gern! Du bist der +einzigste, himmlischste Mann, den es giebt." Aber nett klingt's doch. + +Dazu kein lautes Wort, keine hssliche Geste, immer kleine Dame, so +sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich +habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und +wattierte Unterrcke verliebten. Ich bin zu sehr sthetiker dazu. + +Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar. + +Dann wird sie Meister und ich demtiger Schler. Ich staune, was der Balg +weiss. Und woher weiss sie es? + +Sie lacht: "Das wissen wir Alle." + +Dann erzhlt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale +Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse +Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schlft, +Dienstbotengeschichten, am Schlsselloch Erlauschtes, eine spielerische, +knabbernde Lsternheit an Bchern und Eindrcken. Selbst der Humor dieser +Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtckisches, ein Humor von +Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzhlte mir eine Geschichte von einer +Bekannten, einer vierzigjhrigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem +Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, whrend +er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen +blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten +sie in ihrer kleinen, perfiden, unschdlichen Bestienhaftigkeit. + +Dann hat man Brder, Vettern ... Der "Vetter" verdiente eine extra +Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz +"fremder Mann". Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen. +Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint +es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, fr diese +delikaten, schummrigen bergangsstadien, claireur-Dienste, +Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte. +Sie hat Angst vor mir. Manchmal spre ich die Vorarbeit des "Vetters". +Irgendwo und irgendwann ist er berall mal dagewesen. Du magst noch so +frh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich +gebe Dir das als Axiom. + +Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersttlich. Es ist +die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht: +Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die +halbe Religion mindestens ist fr sie nur das. Das merkt sie sich, das hat +sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas +Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten +ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: "Das ist dumm, Liebchen! - +Das ist so langweilig, das mag ich nicht ..." + +Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen, +Martin, der bric brac. + +Und Kssen zwischendurch! + +Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig +Natur. + +Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie lsst sich +kssen, streicheln, anfassen .... + +Dann eine Bewegung wie ein Schlngchen, die Angst vor dem Wehthun, dem +Baby, die Heiratschance. + +Dann wird sie geschftsmssig: "Wir haben kein Vermgen. Else und Dada +haben auch geheiratet." + +Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernnftige, die +Versorgung. + +Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau. + +Schliesslich kann man es ihnen verdenken? + +Die falsche, unnatrliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die +Wrmer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht +mal selbst aussuchen knnen, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie +eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas +Champagnerschaum schlrfen wollen? + +Und wie klug sie dabei verfhrt, instinktiv, so 'n kleines, dummes Ding, +nicht fr zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie +eine orientalische Haremsdame! + +Und so 'n kleines Gnsegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: "Der ist der +Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer." + +"- Wenn es rauskme!" das ist ihre einzige Angst, eine ssse, gruselige +Angst. Dann kichert sie ber die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute, +da unten auf der Strasse, - dass sie hier oben allein ist, in seiner +Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen. + +Davon ist sie tief durchdrungen: "Du bist so unmoralisch!" .. + +Dann ksse ich sie wieder. + +Sie legt mir die rmchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling, +ssses Herz - und dass sie mich ewig, ewig lieben wird. + +Kleine Kanaille! - Na, das sind sie Alle. + +Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Mnner, der +Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder +passiert. + + + + + + FNFTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Grndahl. + + +Weisst Du, dass ich manchmal frmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir +vorkommt, als msste ich Dich bekehren. + +Mathilde wrde Dich bekehren. Du wrdest glauben und niederknieen wie ich. + +Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. - Die +einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. +Wenn er erst mnnlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach, +eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den +praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen +Beschluss. + +Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum +Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch +und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt +doch das Band, das Altpreussen zusammenhlt, dem Einzelnen Kandare giebt, +wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimtig gestand, etwas ber +die Strnge geschlagen hat. + +Natrlich stellte ich ihm fr vorkommende Flle meinen Kredit zur +Verfgung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein +Bruder, der Bruder ihres Bruders? + +Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns +nicht nur leere Phrase sein soll. + +Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen +Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm +das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen +Arrangements fr Gesellschaften. Sie schmckt dann die Tafel, legt Silber +und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie +sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb +haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Sssigkeit eines +Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehren, +denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden. + +Man schenkt mir sehr viel Zutrauen. + +Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufllig so gefunden. + +Sie schien ngstlich zu werden, im unbestimmten Gefhl von etwas +Aussergewhnlichem, Nahendem. + +Ich bemhte mich, ganz Gleichgltiges zu sprechen, wo ich ihr doch am +liebsten zu Fssen gefallen wre. + +Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerhrt hat. + +Ich habe Mathildens Stbchen gesehen. + +Ich kam wohl zu etwas ungewhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich +ja nie. Frau von B. war im Hause thtig, mit vorgebundner, grosser, +weisser Schrze. "Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens +Stbchen." + +Ob sie meine Gefhle ahnte? Sie liess mich in der Thre stehen, whrend +sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete. + +Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. ber dem Bett die Raphaelschen +Engelskpfchen, - ein Bcherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben, +Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische +Tauchnitzromane ... + +Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstren, zart +genug zu sein, hochherzig, ritterlich! + +Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Sden +zurckgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bder. Sie ist sehr schn. +Ein Schatten von Schwermut macht dies schne, stolze Gesicht fast noch +anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die +Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote +stehen, knnen ja einem Frauenherzen dafr keinen Ersatz geben. + +Bei der ltesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr +Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tchtiger und +strebsamer Offizier. + +Sie mssen sich einschrnken. Wie ich sie liebe, diese Einschrnkung um +der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der +heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben, +der Stimme des Herzens zu folgen. + +Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mtter sind. Es ist solch +hbsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfllung erst der +Frau, die Erfllung berhaupt des Lebens, vor der die ganze sndige Welt +niederkniet, glubig und erlst. + + + + + + SECHSTER BRIEF. + + + Herbert Grndahl an Achim von Wustrow. + + +Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein +aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren. + +Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwrts stossend, fortwhrend thtig, um +mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten +herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwhrende Nrgeleien, +Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgesprch dieser Familie ist +Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist +alt, mde, mrbe. Er mchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stbchen +haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt +und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden. + +Das Nixchen steht natrlich auf Seiten der Mutter. "Mama" ist eine grosse +Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht. + +Die beiden ltesten hat sie glcklich losgeschlagen. Mit der Ersten +haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er +hatte ja Karriere vor sich. Thrnen und Szenen in der Familie. Man hielt +ihn bei der Ehre fest, bis sie glcklich unter Dach und Fach waren. +Seitdem ersticken sie in Brut. + +Das ist Mamas Hauptrger. Auch das Nixchen wird ganz nasermpfend: "Wie +kann man nur! Sie knnten doch wirklich "was thun" - wo er noch nicht mal +Major ist." - ber das "was", das man thun knnte, scheint sie sich +ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn +die Diskussion heftig wird. + +Die Zweite war die Schnheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde +auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und +Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem +Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrcklich wie effektiv ein Ende. +Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld. +Dada entschdigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das +Nixchen erzhlt mir Alles: "Ach, du bist ja nich so" .... Sie haben eine +Wohnung hier irgendwo. + +Es findet Dada nicht zu bedauern. + +Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht +Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des +geheimrtlichen Kchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens. +Daher fortwhrende Szenen. Der reiche Schwager lsst sich nicht anpumpen. +Mama hat Schulden gemacht: "Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei +uns." Ich glaube es gern. + +Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise +eingefangen, ein lndlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen. + +Er scheint etwas dmlich zu sein .. "Dann hat er so grosse Hnde!.. Nicht +halb so nett wie Du!" .... + +Sie weint dann thatschlich, obgleich sie natrlich fest entschlossen ist, +ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze. + +Oh, Weiber! + +Arme Natur, wo bist du? + +ber die Taktik des "Fangens" giebt sie einige ganz hbsche Details. + +"Natrlich musst du immer thun, als wsstest du von nichts. Das ist die +Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die +Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich +meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht +fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt htten, bei Tante Otti, +was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind +wre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer +eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich +was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun! +Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!" + +Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformtchen! + +Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren +kleinen, prden Zrtlichkeiten, das Hndchen, das mir ber den Schopf +fhrt, die Ksse .. sie drckt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal +ksst sie mich sogar auf den Mund jetzt: "Ich knnte sterben fr dich! +Wahrhaftig!" + +Man knnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: "Wir +knnten uns doch heiraten" .... + +Sie wird dann sofort wieder Nixchen: "Ein Knstler wie du .. und sieh mal, +er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama +gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. - Man muss doch +vernnftig sein, Schatz." + +Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna. + +Ich liege auf der Chaiselongue und staune. + +... "Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche, +einzige Liebe. Du _hast_ mich doch." + +Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden: + +"Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch +nichts Schlechtes." ... + +Eigentlich knnte man sie durchprgeln. + +Aber echt ist sie. + +"Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?" + +Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Kpfchen an meinem Halse +und ksst mich: "Du bist so unmoralisch!" .... + +Ich kitzle sie. Voil. + +Weisst Du, an was sie mich erinnert? + +Das moderne Kunstgewerbe hat die entzckendsten neuen Zierglser in den +Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine +Schwrmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen, +hohe geschmeidige Glockenblumen. + +Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern, +und lsst sie in der Sonne spiegeln. - + +Frher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge +sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grne, +alles Schillernde, Flimmernde, derchen, Nerven ... + +Und teuer sind die Dinger! teuer!..... + +Das ist sie. + + + + + + SIEBENTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Grndahl. + + +Ich glaube, dass sie anfngt, mich zu lieben. + +Sie muss es ja gefhlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in +ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur fr sie leben mchte. +Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fhlt das. + +Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie +eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie fngt an, +fr mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen +Serviettenring, die sie kennt. + +Ich habe sie geksst ....... + +Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen berhrt, die +Rosenrundung der Wangen gestreift. + +Sie erglhte. Ich fhlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes +Mund ihr aufdrckt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt +beim Weibe wie bei uns! + +Mir fiel eine hssliche Episode ein. Das Mdchen des Grtners in Templin. +Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft +lag in der Abendstille. Das Mdchen hatte frische Lippen und weisse +Zhne ..... Ich ksste sie ... + +Ich will wrdig werden. + +Ich bin es schon. + +Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle, +Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine +Schchternheit. Mama, liebenswrdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein. + +Ich sehe sie jetzt tglich. Sie trgt meinen Ring. Wir nennen uns "Du" und +mit Vornamen. Ich habe das nicht gehrt seit Mamas Tode. Ich knnte es +immer von ihren Lippen hren. + +Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich mchte sie nicht erschrecken. +Diese plumpen, ffentlichen Zrtlichkeiten, mit denen Brautpaare einander +berhufen, sind mir widerwrtig, das unwrdige, lsterne Spielen und +Tndeln um den einen Punkt. Die Edelblte erschliesst sich in einer Nacht. +Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte, +jungfruliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden +Liebe. + +Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt +Klavier mit ihm. Sie nennen sich "Du", lachen zusammen, Ereignisse und +Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurckgerufen, an denen +ich keinen Teil habe .. Ich mchte nicht eiferschtig sein. Es ist eine +Beleidigung dieser Unschuld des sssesten, holdesten Geschpfes. + +Aber ich ksse sie heiss, leidenschaftlich. + +Ich war unglcklich hinterher. + +Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit fr bald festgesetzt. Es ist +besser so, obgleich sie sehr jung ist. + +"Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind," sagte Mama, als sie +einwilligte. + +Bin ich gut? Ich will es sein. + +Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in +sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes +willen keine Scham! + +Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Rnne. Ich lade ihn ein. Er soll zur +Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen. + +Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch. + +Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im +tiefen Grunde. + +Das ist das Schne, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von +flchtigen Verhltnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die +seligen Gtter nicht beneide. + + + + + + ACHTER BRIEF. + + + Herbert Grndahl an Achim von Wustrow. + + +Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen. + +Das machte sich so ganz natrlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und +lag im Bett, als sie kam. Das amsierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes, +mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem +brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhngen, durch die +man undeutlich einen Lrm vom Hofe aufsteigen hrte. + +Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: "Aber nicht +das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ..." Frmlich Angst hatte sie. Sie +haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an +Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Mdchenerzhlungen sind wir Oger, +wilde Tiere, die sich auf Alles strzen, schn und hsslich, jung und alt, +jede Nacht eine Andre, grssliche Orgien feiernd. + +Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgelst, das das +dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der +Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu knnen, eines +Bismarcks alle Tage. + +Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines +Pensionsmdchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterrckchen, +Hschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln hbsch zusammengelegt auf das +Nachttischchen. + +Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr hbsch war. Sie +mussten das oft besprochen haben. "Meine Arme sind noch zu dnn, aber in +ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes +Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschne Schultern. +Dada ihre Fsse - sie hat ein Mal auf der Seite - das ist hsslich! Kathi +solltest Du sehen! Die ist wunderhbsch, rund und weiss berall. Aber sie +weiss es auch." + +Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich ksse sie. Ich +halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich .... + +Sie lsst sich Alles thun mit einer Art schlfrigen Wollust. Vielleicht +denkt sie an den "Vetter". "Nicht wahr, Du bist verstndig, Liebchen" ... + +Ich empfinde nichts, gar nichts fr sie, eine Art lssigen, physischen +Wohlbehagens. + +Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie. + +Dann wird sie ngstlich und flehend. Zuletzt fngt sie an zu weinen, +hlflos, wie ein kleines Kind. + +Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie +hat dann ungefhr das Gefhl, das man hat, wenn man seine Hand dem Lwen +in den Rachen legt. + +Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: "Du liebst mich gar nicht. Du +spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es." Dann thut sie +eiferschtig oder versucht mich zu beleidigen. + +Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie dchte, ich erschsse mich +ihretwegen, das wrde sie noch mehr kitzeln. + +Sie wrde dann mit einem delizisen Mrderinnengefhl in ihre vornehme, +ehrbare Ehe gehen. + +Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: "Wenn ich dich nun nicht +freigbe? Wenn ich dich verriete?" + +Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen, +flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: "Das +thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anstndig, zu sehr Gentleman, mein +lieber, ssser Herri!" + +Wie klug sie ist. Fischschwanz! + +Und manchmal denke ich, man msste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es +fhlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande .. + +Dann wrde vielleicht noch was aus ihr, dann wrde sie ein Weib. + +Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und +Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum +Hohne! + +Aber sind wir denn nicht ebenso - Halbmnner - Gentlemen - auf Kosten +unsrer Mannheit? + +Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein ssses, junges, +warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt +nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft? + +Was ist aus uns geworden, wenn die Gefhle, die uns das Leben gaben, zur +Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitten. Delikatessen, die man +mit den Zhnen kostet. + +Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend, +die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, ber den Tod hinweg - und die +Toten! + +Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erlsungsdrang. Ich +fasse sie fester. Ich atme strker ..... + +Sie murmelt: "Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir +nichts?" .... + + + + + + NEUNTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Grndahl. + + +Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten. + +Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache - in Not und Tod .. Leib +und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen. + +Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Grsseres! Nein, ich beneide die +Gtter nicht. Grade das Vergngliche - die Not, das adelt Menschenliebe, +das macht sie unvergnglich und gttlich. Nicht Prometheus ist's, der in +einsamem Zorn den Gttern trotzt - - _der_ Mann, der seines Weibes Hand +fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte _Mensch_! + +Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das +ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der +Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine, +das Grosse, Vernnftige, Unsterbliche. + +Ich denke viel ber diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren +erst finden mssen, was der sichere Instinkt des Weibes _fhlt_! + +Wie berlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend - Weib sein - +Mutter - wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung +des Geschlechtes beruht. + +Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem frheren Leben, meiner +Kindheit, den Eindrcken und Ereignissen, die auf meine Entwicklung +massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtmer verberge ich +ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin. + +Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem +reinen Weibe gegenber. So aber auch wird das reine Weib seine Erlsung, +das Verworrene in ihm geglttet, die hitzige Leidenschaft zur edlen +Lebenstrgerin. + +Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich +schme mich nicht, es zu sagen - neulich habe ich sie mit Thrnen benetzt. + +Sie war betroffen. + +Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht +zurckschrecken brauchen vor mir. + +Wenn ich jetzt so zurckkehre in mein Junggesellenheim, Grumke mir das +Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser knftiges Dasein aus. +Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und +leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend. + +Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thtig ist. Ich schwrme nicht mal +fr diese sogenannten "guten Hausfrauen" - unablssige Scheuerfeste, +Kchenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles +wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt. + +Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand +nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Rcken gebeugt +vom Herdfeuer und mhseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen +missachte! Ich verehre sie! Ihre harten Hnde rhren mich. Sie sind der +beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmler setzen wie +seinen Helden. + +Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das +sthetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe. + +Ob sie berhaupt eine Ahnung davon hat? Sie frgt nie. Ein ssses +Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm wre, sie folgte mir ebenso +willig und vertrauensvoll. + +Das ist mir ein rhrendes Gefhl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke. +Ich selbst bin immer einfach - Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen +Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepcktrger zur Hand war. +Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann. + +Ah, ein Knigreich mchte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen! +Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: "Was soll mir das Knigreich! +Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Knigreiche." + +Darum bin ich glcklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine +Gefhle nicht vergeudet, keine fnfunddreissig weibliche Vornamen aus +meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend +vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu +differenzieren, schlechte, sthetische Unterschiede aus raffinierten +Romanen von raffinierten Mnnern, die das Natrliche unnatrlich und +hypernatrlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und prde +geworden, wie manches arme, feine Mdchen, das sich verletzt in sich +selbst zurckzog vor der Roheit und dem Cynismus der Welt. Wie einen +kniglichen Schatz, voll und ganz, empfngt sie, die Knigliche, +kniglich. + +Welch ein Frhling in unserm schnen alten Park, wenn der Flieder blht +und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhngt! + +Wir werden viel Besuch haben - die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder, +Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus. + +An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns +lcheln. + +Vielleicht .......... + +Ach, Harry! kann's denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen +Welt! + +.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der +Meinen, in sssesten Schmerzen mir geboren!... + +Was wre das Leben ohne das? Mchte sie die Schmerzen lassen? Die Angst? +Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens? + +Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen +und kssen ihnen die Fsse, wie der Katholik seiner Madonna! + +Die Mnner sind Egoisten. Was wrden sie sein, wenn es nicht holde, zarte +Wesen gbe, um sie zu mahnen, dass es etwas Hheres giebt, als Kraft, +Ehrgeiz - dass aller Ruhm Csars und Alexanders nicht die That des +einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig, +Leben sugt. + + + + + + ZEHNTER BRIEF. + + + Herbert Grndahl an Achim von Wustrow. + + +Wir sprechen jetzt sehr vernnftig ber ihre Ehe. + +Dass man heiraten muss, das ist selbstverstndlich, das ist der +Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darber gar nicht weiter nach. Eine +alte Jungfer bleibt man nur, wenn man hsslich ist, oder Keinen gekriegt +hat, oder berspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass +sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen +sie beneiden werden. + +Der rger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei - je intimer, +desto intensiver der rger. Das ist diesem Geschlecht das quivalent fr +das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar +nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in +Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberhrt, vielleicht nur +insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld, +Toiletten, Mnner. + +Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fhlt, der einem +den Rcken runterluft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das +Andre ist Unsinn. + +Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts +macht, ist ihr sehr gleichgltig. + +Ich glaube, wir bertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es +die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht? + +Einen Mann, der einen nicht reizt? - Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten - +warum nicht? + +Von der "Liebe" wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb +lieben Frauen Knstler, sthetische Mnner, die sie lange kitzeln. Von dem +eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht. + +Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut - die Schmerzen - +die Entstellung - die Brstchen, die schlaff werden ... "Elisabeth hat +einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ..." + +Der "Bauch" von Elisabeth beunruhigt sie. + +".. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann. +Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa +Schleifchen ...." + +Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange! +Equipagen, Diener, dass sie die Hofblle besuchen werden. + +"Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen." + +"Aber wenn er nicht will?" + +"Mnner thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will." + +Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames +Lcheln .... + +Oh ja, der wird thun, was sie will. + +Und es giebt Tlpel, die immer noch an die strkere Thatkraft des +mnnlichen Geschlechts glauben! + +Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind berhaupt +viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor, +der alte, naive Barbar in ihm. - Und unsre Frauen sind klger. Thusnelda +lchelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste. + +Sie haben ja auch zuviel Machtmittel - die Verliebtheit! Und wenn die gar +nicht mehr vorhanden ist - Es sind gewhnlich ungeliebte Frauen, die den +Pantoffel schwingen. - Das verliebte Weib ist unterwrfig. Das ist ihm +Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln lsst. - Der Kleinkrieg +thut's. Die Thrnen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder +Csar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend +heruntergewrgten Mahlzeit, der permanenten Nhe eines Hassenden, +Vorwurfsgeschwollenen. + +Nichts amsiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer +oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind hssliche +Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschpfe. Das ist dumm. + +Fr Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner, +Antonius, - Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina +waren Genies, weil sie Weiber waren. ber Louise Michel und +Frauenkongresse lchelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau +prgelt. + +Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Krfte so +verkennen! Das ist wie die Knigstigerin, die sich Hrner wnscht, um den +Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen. + +Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen wren, liessen wir sie das +ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den +Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemtlich +auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer +strkeren Schenkel. + +Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So'n kleines, zappeliges +Fsschen, so'n weiches Wngelchen oder Brstchen .. Simson lsst sich die +Locken abschneiden. Die schnste Berechnung geht zum Teufel. + +Sowas passiert denen nicht. + +Ich bin das usserste, das Non plus ultra in der Beziehung. + +Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Khnheit, dass sie einem +Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager +ihr neulich an der Kurfrstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles +vorlgt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei lgt sie knstlerisch, mit +Genuss, ganz unntig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das +Lgen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache. + +"Und im Notfall knntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir +nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was." + +Nein, wir haben wirklich nichts. + +.... "Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt +heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!" ... + +Dann ksst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von +Leidenschaft in ihr. Trte die geringste Unbequemlichkeit an sie heran, +wrde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das +ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein briges dazu thun und +mich aus der Welt schaffen knnte, wrde sie es ebenso kaltbltig thun. + +Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch +immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive +Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die rhrendsten Affren +daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans +seine brave Frau, wre wahrscheinlich Frau Marthe geworden und htte an +"Heinrich! mir graut vor dir!" nur eine angenehme Erinnerung mit +fortgetragen, eine behagliche Rhrung, dass sie ihre Jugend so gut +genossen. + +Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft, +die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt fr einen braven Ehemann, +den sie betrogen, das imponiert ihnen. + +Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit +dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert, +darber knnen sie nicht genug hren. Das lockt sie sogar mit einem +Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmdel, das ein Kind +kriegt und ins Elend gert. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf. + +Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht. + +Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die kufliche Liebe aus. +Das bereut man nicht. + +Es liegt auch da eine Naivitt der Mnner zu Grunde oder ihre Arroganz. +Der Lendemain ist sprichwrtlich geworden. Der Wstling hat das doppelt +angenehme Gefhl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die +Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie. + +Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser "guter Mdchen" +("gut" ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben. + +Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Mdchen. Sie hatte auch die Angst +vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain. + +Und dann war's wirklich Morgen und der allerschnste Sonnenschein und +Vogeljubilieren - und sie lachte, lachte bers ganze Gesicht: "Ich bin so +froh, Schatz! Ich glaub', ich knnte fliegen!" + +So msste Eine natrlich empfinden. + +Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, "die +Geschichte eines Mdchens". Das rhrte mich fast. Die Arme! Sie hat +gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war. + +Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie +lsst der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: "Und, glauben Sie +mir, es ist in der Welt nichts schtzbarer als ein Herz, das der Liebe und +der Leidenschaft fhig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf +kommt es nicht an." + +berdies: On n'est jamais le premier. + +Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus +persnlicher Propertt oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu +den unnatrlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen lsst, als diejenige, +die vielleicht an einem hellen Maientage dem sssen Zug der Natur gefolgt +ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren? + +Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe +vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht. + +Aber freilich die Konsequenzen! + +Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die +behauptete, wenn die Konsequenzen nicht wren, wr's ein +Gesellschaftsspiel. + +Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer +der "Erste", mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der +Kolumbus, der Schleierlfter, der Dornrschenerwecker. + +Sie mokiert sich darber. Sie hat eine Art Rankne, wenn sie von ihrem +"Ersten" spricht. Vielleicht ist es ein Gefhl des Torts, das sie in meine +Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden. + +"Ich htte Angst vor Dir. Du weisst so viel" ... sagt sie manchmal. + +"Aber hast Du denn keine Angst mit "ihm" - immer fremd sein - immer +Komdie spielen?" + +Sie trstet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern. + +Lgen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so +merkwrdig. Das ist wieder die bewunderungswrdige Lebensfhigkeit dieses +Geschlechts. + +Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit +seinen blden, guten, gesunden, tlplischen Bauernaugen. + +Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte! + + + + + + ELFTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Grndahl. + + +Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am +Rosenfeste! - Hochzeit - hohe Zeit! - Weisst Du, was das heisst? Wer kann +es wissen! Wer kann es aussprechen! + +Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein +Selbstling. Selbst die hohen Trume, die Ideale und Gedanken! Ich komme +mir vor, wie ein Mensch, dem ber Nacht das Geheimnis des Lebens +aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben. + +Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder, +eine zarte, weisse Knospenhlle, um eine trumende, unschuldige Seele. + +Mathilde! Mein Mdchen! Mein Weib! + +Und wir sprechen von berlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier +ist der Kern des Rtsels: das Unbewusste, die Unschuld in der +Lieblichkeit. + +Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so +selbstverstndlich. Sie lsst sich von mir kssen, in die Arme schliessen. + +Sie lchelt. Sie bereitet die Aussteuer. + +Wie ich diese schne Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter +bleiben, ihr Geschick erfllt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. - +Jungfrau - Geliebte - Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele +und Leib, um zuletzt demtig niederzuknien vor so einem holden, nicht +denkenden, kinderthrichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach' mich +glcklich! + +Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser +Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen. + +Ah, dieser holde und mysterise Apparat, der die Braut in das Haus des +Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhllen, +Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie +anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein ssses +Mysterium, macht mich trumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer +Kinderzeit, sorgfltig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung, +die Sehnsucht zu erhhen. + +Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschftigt. Ist es +denn nicht ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmckt, reizend macht. +Bin ich es nicht, fr den sie sich schmckt? + +Ist es nicht urlteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und +schmckt, das ssse Geschenk ihres Leibes noch ssser machend. Es sind +nrgelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt, +die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einfhren +wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit +ihrem Leibe in diesen Momenten - Lebenstrgerin ... Sie soll ja das Glck +sein, die Wonne, die Schnheit. + +Hochzeit - hohe Zeit! - - + +In mir ist's hohe Zeit. + +Ahnt sie die Kmpfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass +ich sie nehmen mchte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen, +verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle +bsen Begierden dmmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen +Jubel in mir, der mich hochtrgt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme +nehmen und gegen die Sonne halten mchte. + +Hochzeit! hohe Zeit! + +Mein Heim steht geschmckt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler +thtig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir's leid, das +Alte, Altgewohnte. - Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht, +dass Alles neu ist. + +Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest fr alle meine Leute. Sie +ben schon dafr. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Flstern geht unter +den Arbeitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch +gut! + +Es giebt ein vollkommenes Glck auf der Erde. Es giebt Engel. In vier +Wochen ist der Engel mein Weib. + +Wie sss muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die +strahlende Einfachheit des Naturgangs - Leben gebend vollendet sich ihr +Leben. - Was ist das Mdchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter +der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Gte, +Leidertragen ... + +Mein Weib! Mein Mtterchen! + +Wie eine kleine Knigin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch +ein kleines Knigreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie +Vorbild und Vorsehung ist. "Hausvater und Hausmutter", der alte, schne, +deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir knnen es noch +sein. + +So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Fssen: +Reine Frauen, Mnner, die ein Heim schaffen knnen, die an Reinheit +glauben. + +So, das ist ein Hieb fr Dich! Und nun eine liebe, schne Bitte. Komm! Du +darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen glcklichen, glckseligen +Menschen. + +Hohe Zeit - Hochzeit! + +Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glck und ich glaube es. + +Und wenn Du ber den Schwrmer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, +weiss unter der weissen Myrtenkrone - und wie Thomas: Geh' und glaube. +Geh' und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe. + +Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas bergehn msste. +Ich fhle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verknden - +und Mathilde heisst meine Madonna. + +Noch ein kleiner, hbscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der +Mitgiftjgerinnen, des hheren Kokottentums, wo Mtter schon ihre +halberwachsenen Tchter auf "die gute Partie" dressieren. + +Sie hatte den Katalog eines Wschegeschfts neulich. Es waren da Muster +von teuren Spitzen, die ihr gefielen. + +Die Mama, verstndig wie immer, riet lchelnd zu billigeren: "Das ist ja +fr eine Prinzessin, Kleine, - und Du bist ein armes +Geheimratstchterchen." + +Natrlich bernehme ich das Alles. Es bedurfte einer gewissen berredung +bei der Mama. Sie geben mir so Unendliches. Sollen diese teuren Menschen +sich Gnen auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, whrend ich +schwelge! + +Sie muss mich als Sohn fr sie mit eintreten lassen. Ich bin jetzt einer +von der Familie. Worin besteht denn die Zusammengehrigkeit, das +Vertrauen, wenn ich nicht auch das Schwere mit ihnen tragen darf? Sind +diese Gter mein Verdienst? Brauche ich sie? Ich wre glcklich unter +einem Strohdach. + +Es ist um Mathildens willen, dass ich mich des Geldes freue. Auch das hat +sie mich erst fhlen gelehrt. Es vermehrt meine Macht, zu beglcken. + +Verzeih, dass ich dies berhaupt erwhne. Wir haben auch darber so oft +gestritten, ber Geldwert und Geldanbetung in unsrer Zeit. Manche +Erscheinung des ffentlichen Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe +einige Flle erlebt, die mich misstrauisch und traurig machen. + +Man weiss ja leider, dass man ein reicher Mann ist. + +Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr die kleine Hand mit Geld fllt, wird +sie es ausstreuen, lchelnd, segnend, unbewusst. Sie soll von diesem +Wissen frei bleiben. Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so ist sie das +stumme, ruhende Juwel am Herzen der Schpfung. Wer da ist, um uns an das +Himmlische zu mahnen, das Unvergngliche im Dasein, der braucht den Wert +eines Hundertmarkscheines nicht zu kennen. + +Die Blume ist in sich selbst genug. Die Poesie zu wahren. Das reine +Gefhl. + +Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um uns das Paradies. + +Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, ruhe im Schatten unsrer Palmen! + + + + + + ZWLFTER BRIEF. + + + Herbert Grndahl an Achim von Wustrow. + + +Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da "er" bezahlt, knnen wir mit der +ntigen Gewichtigkeit zu Werke gehn. + +Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben, +Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft, +das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit +Valenciennes, hellblaue, ssse, weisse Caleonhschen mit hell +heliotropnen und lichtmaigrnen Languetten. + +Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fgt sich immer meiner berlegneren +Einsicht. + +Das entzckt sie: "Du verstehst Alles. "Er" nhme mich grad so gut in +einem Sack. - Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr +habe!" + +Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Hbsches +und sehr Teures, wie's selbst Dada nicht hat. Und wir sind getrstet. "Er" +zahlt ja. + +Wenigstens soll er ordentlich blechen - schon fr seine Undankbarkeit. Ein +Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Tlpel. Sie +macht sich fr ihn hbsch. Sie giebt sich Mhe. Was ist das fr Mhe! - +so'n Lckchen, das grazis und an der richtigen Stelle in die Stirne +fllt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld, +manchmal Pein, gehrt dazu! - Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an +Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen. + +Ich verstehe zu taxieren. + +Dann sind wir ganz glcklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe. +Wenn ich sie hbsch finde, ist sie glcklich. + +"Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht." + +Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle +Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersnliche fhlen, das Wohlgefallen +an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergngen zu machen. Ich glaube, wenn ich +vor die Sultanin-Mutter trte: "den Turban etwas mehr nach rechts, bitte +schn" ... sie thte es und wre mir dankbar. Und sie htte ein Recht +dazu. + +Das ist unsere Tugend, uns Weltmnnern ihre. Und ist sie nicht eigentlich +die allerhchste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht +liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste an der +Menschheit ist fr mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. +Sie fhlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir. + +Das ist ganz unbewusst: "Du bist so gut," sagt sie manchmal. Dann nimmt +sie meine Hand und ksst sie, beinah leidenschaftlich: "Du bist gut." + +Da ist die Rankne wieder, das kleine, tckische, widerborstige +Katzenfauchen in dem "Du". + +"Der ist viel besser als ich." + +Ist er's wirklich? Ich glaube kaum. Er htte ihr eine Moralpredigt +gehalten und sie beschmt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige +Joseph schnden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein hbsches +Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. - Oder er htte sie +genommen, seine Lste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher +sie zur bssenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser +Tugendbolde. + +Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem +Fischchen-Element bei mir, munter schwtzend wie ein Vgelchen, von dem, +was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. - ich habe +sie als Knstler behandelt, nicht roh, nicht mnnisch-selbstschtig, nicht +pfffisch-zerstrerisch. + +Sie weiss das auch ganz gut, Gnschen, das sie ist. Sie liebt mich. + +Sie wird oft sentimental jetzt: "Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich +mchte am liebsten sterben!" + +Manchmal sogar fast wild: "Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles +ganz egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit +mir machen was Du willst." + +Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenbersitzt und +Makronen knabbert - und dann lauert sie auf den Effekt. Sie mchte etwas +mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann. + +Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: "Es ist doch gar nichts. +Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen +von "uns"." + +Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, _mir_ +bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl berhaupt schon mal ein andrer Gedanke +als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen +aufgestiegen ist? + +Sie betrauert meine Wohnung: Whipchen, Martin, die Glser .. Dann wird sie +so gerhrt ber sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote +Nase, darin ist sie sthetisch. + +Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten: +"Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du +verdirbst Deine Haarfrisur." Sie wollen gefallen und sollen gefallen. + +Wird die Frauenemanzipation darin je etwas ndern? Die Orientalin, die +ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmckt, sie ist das Naivste und das +Grsste. Das Urlteste und das Allermodernste. + +Sie fangen an mit Geist. Dann lcheln sie Dir zu .... Und wenn der Geist +wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft +durchgemacht. + +Ich mchte es nicht anders. Nur mehr Ehrlichkeit mchte ich! Es wird so +unendlich viel gelogen, gerade ber diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui +s'excuse, s'accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mntelchen +drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben +ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den strksten und +gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Mdigkeit. +Der alte, schne Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit +geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab, +und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und +unverstndliches Rtselwesen. + +Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die +Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will sie +einregimentieren und einschwren. Die Vlker, die am wenigsten Sonne und +Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die +Lebensader! Dcadence-Mnner machen mit. + +Und doch: + + "'s ist eine der grssten Himmelsgaben, + So ein lieb Ding im Arm zu haben." + +Nicht nur fr uns, fr es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und +Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und +verkrppelten Frchten, die reife, ssse?..... + +Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschpf, einzig und allein fr ihn +bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie +wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschpf fr sich, das Menschenwesen, in +seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert. + +Mgen sie hereinfallen! Das "weisse Blatt" ist die grsste mnnliche +Unverschmtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und +willig beharren. Ein Geschpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal +feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht +sehen, hren, fhlen, wie wir? + +Der Egoismus der Mnner macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit +Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist lcherlich und +verchtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, htte er sich +bemht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fhlen bis in ihre +Verlogenheiten hinein - haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? - wre +ihm das passiert? htte er nicht warnen, eingreifen knnen als es Zeit +war, wenn ntig sie vorher freigegeben. + +Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle "Mann", +die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle "Weib", die wir ihnen +aufoktroyiert haben. Sie rchen sich wie sie knnen. + +Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit +ist die hchste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, ungtig, +bse. Und wenn der Vergleich fllt von seinem hohen Piedestal, dann steigt +das Niedrige. Was ist gemein? Was ist verchtlich? Was ist erhaben, +bewunderungswrdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist. + +Ein heiliges Mitleid liegt schwanger ber der Welt, die feinste, reine +Quintessenz des Christentums. Nur die Phariser stren es. Dem Zllner ist +es natrlich. + +Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum Schlusse. Der Deutsche macht sie. +"Die Moral von der Geschichte" - Und es ist eine gute, alte Sitte, denn +Moral ist berall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertte ist. + +Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest. + +Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen +Ausstattungskleidern, ein schillerndes, grnliches, seidnes mit niedrigem +Hals. + +"Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich +will auch wirklich hingehn." + +Ich hatte Alles mit Rosen geschmckt. Wir tranken Sekt und assen kleine, +pikante Sachen dazu. + +Wir waren sehr lustig. + +Sie sass auf meinen Knieen: "Hast Du mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb +haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?" + +Eine gewisse Wrme kommt doch ber mich. Ach Herzchen! Herzchen! + +Dann erinnerten wir uns an alles Hbsche in unsrer Liebe, ihr erster +Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Ssse ... jeder Gegenstand in +meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ... + +"Nie, nie vergesse ich das" ... + +Wir waren ganz glcklich. + +"Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause wre. Ach Liebchen!" .... +Dann schluchzt sie wieder ein bischen. + +Dann die Moral wieder: "Du findest mich auch nicht schlecht?" + +- Die ssse, alte Beruhigung Gretchens. Alle thun das. Und Daisy Grimme! +die macht's doch viel schlimmer. + +"Wenn es doch mglich wre! Wenn ich doch heute bei Dir bleiben knnte - +und immer!" .... + +"Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen Ball - und morgen!!" - - - + +Ein erneuter Thrnenstrom. Sie klammert sich an meinen Hals. Sie ist ganz +glhend. Sie ksst mich. + +"Nicht wahr, Du glaubst's, Du glaubst's doch, dass ich Dich lieb habe, nur +Dich!" + +Ich glaub's. Ich glaube Alles. + +"Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt wren! im Paradies!" .... + +"Ach! es ist zu schrecklich eingerichtet im Leben! ... Und nicht wahr, +meine Briefe, die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie doch alle?" ... + +- "Ob wir uns wohl mal wiedersehen? Oh Gott! Wie schrecklich das wrde! +Ich wrde Alles verraten." + +"Sehr verstndig wrdest Du sein." + +"Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre Frauen. Mich hast Du berhaupt gar nicht +gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen gern gehabt hast? Du bist ja +so unmoralisch!" + +Martin meldet die Droschke. + +Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster erleuchtet. + +"Wenn ich jetzt knnte! Dass Du mich noch nicht mal gehabt hast .. Der +greuliche Kerl mich kriegt." + +Sie weiss genau, dass die Droschke im nchsten Moment anhalten muss. + +Sie hlt. + + + + + + DREIZEHNTER BRIEF. + + + Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Grndahl. + + +Lieber, ssser Herzensschatz! + + +Denke Dir meinen Schrecken, als Achim mit Dir hereinkam! Aber nur einen +Moment hab ich mich erschrocken. Du bist ja so verstndig und lieb und +gut. Ach und die sssen, grnen Glser, die Du mir geschenkt hast! Das +sieht Dir hnlich. Es war zu entzckend himmlisch bei Dir. Ich werde es +_nie_, _nie_ vergessen und Dich ewig lieb haben. Du musst uns jetzt oft +besuchen, nchsten Sommer, wenn wir hier auf dem Gute sind. Jetzt +verreisen wir - nach Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier geschenkt. +Himmlisch, sage ich Dir. - Wir sprechen dann ber Alles, Du musst mir +erzhlen, wen Du jetzt hast. Du bist ja so verstndig. Wenn Du doch Achim +wrst! Ach, das Leben ist doch sehr schwer oft! + +Fandest Du, dass ich gut aussah bei der Trauung? Der dumme Kirchenmensch +hatte die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich rgerte mich die ganze Zeit +darber, und die Myrte stand zu hoch ber der Stirn. + +P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, alle? und Martin sagt +nichts? Es wre schrecklich. + + Deine M. + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verndert, auer in +folgenden Fllen, die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind: + + Seite 39: Anfhrungszeichen ergnzt hinter "bin?" + Seite 120: Anfhrungszeichen ergnzt vor "Ach!" + Seite 123: "wir" gendert in "Wir" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HHEREN TOCHTER*** + + + + CREDITS + + +April 2, 2011 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 35758-8.txt or 35758-8.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/7/5/35758/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter by Hans von Kahlenberg</p></div><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost + and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, + give it away or re-use it under the terms of the Project + Gutenberg License <a href="#pglicense" class="tei tei-ref">included with this + eBook</a> or online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a></p></div><pre class="pre tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">Title: Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter + +Author: Hans von Kahlenberg + +Release Date: April 2, 2011 [Ebook #35758] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER*** +</pre></div> + </div> + <div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + + </div> + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/cover.jpg" alt="Illustration: Cover image" /></div> +<hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"><div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga001" id="Pga001" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.44em"><span style="font-size: 144%">Nixchen.</span></p> +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga002" id="Pga002" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center; margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Sämtliche Rechte vorbehalten</span></span></p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-titlePage" style="text-align: center"> +<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name="Pga003" id="Pga003" class="tei tei-anchor" style="text-align: center"></a> + +<span class="tei tei-docTitle" style="text-align: center"> + <span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span style="font-size: 173%; font-weight: 700">Nixchen.</span></span> +<br /><br /> +<span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%">Ein Beitrag</span><br /><span style="font-size: 120%"> +zur Psychologie der höheren Tochter</span></span> +</span> + <br /> <br /> +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +von<br /><br /> +<span class="tei tei-docAuthor" style="text-align: center"><span style="font-size: 144%; font-weight: 700">Hans von Kahlenberg.</span></span> +<br /><br /> +<span class="tei tei-hi" style="text-align: center; margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Umschlag von </span><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-weight: 700; letter-spacing: 0.20em">Hermann Liebich</span></span><span style="letter-spacing: 0.20em">.</span></span> +</div> +<br /> +<span class="tei tei-docEdition" style="text-align: center"><span style="font-weight: 700">12.-14. Tausend.</span></span> +<br /><br /><br /> +<span class="tei tei-docImprint" style="text-align: center"> +<span class="tei tei-publisher" style="text-align: center; margin-right: -0.24em"><span style="font-size: 120%; letter-spacing: 0.24em">Wiener Verlag.</span></span><br /> +<span class="tei tei-pubPlace" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%">Wien</span></span> <span class="tei tei-docDate" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%">1904</span></span><span style="font-size: 120%">. +</span></span> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="text-align: center; margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name="Pga004" id="Pga004" class="tei tei-anchor" style="text-align: center"></a> + +<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 3.00em">Maschinensatz +<br />von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217</p> +</div> +</div> +<div class="tei tei-body" style="margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em"><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page1">[pg 1]</span><a name="Pgp001" id="Pgp001" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc1" id="toc1"></a><a name="pdf2" id="pdf2"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Erster Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin, +Nettelbeckstrasse. +</div> + +<div class="tei tei-salute" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">Mein lieber, alter Mephisto!</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme +an Dich zu schreiben, grade heute in meiner +schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; +denn eigentlich war ich recht wütend +auf Dich, wütend und entrüstet und etwas +traurig von unserm letzten Berliner Beisammensein, +als Du mir bei frappiertem Sekt +und köstlichen Natives so nackt und klipp +Deine Ansichten über ein gewisses Thema +auseinandersetztest. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und Du weisst, dass ich in dem Thema +nun einmal ein unverbesserlicher, +hartgesotte<span class="tei tei-pb" id="page2">[pg 2]</span><a name="Pgp002" id="Pgp002" class="tei tei-anchor"></a>ner Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker +und Realist, was wäre das Leben überhaupt +wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier auf +der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit, +die Freude an dem, was man in +sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen, +wenn man sich nicht mitteilen könnte, wenn +die lieben Frauen nicht wären, die liebe, +schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, +teilnehmendes Wesen sein eigen zu nennen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst +nun sagen was Du willst und Erfahrungen +haben so viele Du willst – ich bedauere Dich +oft darum. Ich behaupte, sie sind das Einzige +im Leben, das es für Unsereinen überhaupt +erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter +ihnen, süsse, unschuldige Blumen, tausendmal +besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom +Himmel herunter gesandt, damit man eine +<span class="tei tei-pb" id="page3">[pg 3]</span><a name="Pgp003" id="Pgp003" class="tei tei-anchor"></a>Ahnung behalten soll hier unten im Staube, +wie’s da oben aussah. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Lache nun wie Du willst über den Romantiker, +den Thoren, den Parzival! Es ist +zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz +zu machen, Du alter, lieber Freund, trotz +Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich +bin glücklich, unbeschreiblich, lautjubelnd, +stillselig glücklich! – Ich liebe. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Da steht es nun. Das Wort kommt mir +fast profan vor Dir gegenüber. Weisst Du +überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, +gute, frohe und starke Liebe, Du grosser +Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter +Sachverständiger in Liebesangelegenheiten, +unvergleichlicher Vivisektor der Gefühle? – +Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer +Krautjunker und dörflicher Pylades, aber das +weisst Du doch nicht. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page4">[pg 4]</span><a name="Pgp004" id="Pgp004" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, +der sich immer zwischen Häuserreihen +und elektrischen Lampen umhergetrieben +hat, berühmt mit sechsundzwanzig, +vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen +des Salons zu Füssen lagen, diese Frauen, +die Du kennst, die Du schilderst wie Keiner, +Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale +Messalinen, Prostituierte des Herzens +und der Phantasie, die für mich +schlechter sind, als Strassendirnen, die ehrliche, +schmutzige Gemeinheit ohne Eau de +Lys und präraffaelitischen Faltenwurf. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen +habe in seinem grünen, glatten Eidechseneinband +mit hochmodernen Winkeln und +Schnörkeln und den beunruhigenden Halbfrauen- +und Sphynxemblemen, hier in meiner +alten, verräucherten Bude mit den +Hirsch<span class="tei tei-pb" id="page5">[pg 5]</span><a name="Pgp005" id="Pgp005" class="tei tei-anchor"></a>geweihen und den alten Preussenkönigen und +ihren alten, strammen Soldaten darunter, +dann möcht’ ich es gerade an die Wand +werfen und hinausstürmen. Freie Luft! +Bäume! Erdgeruch! Hier ist doch noch Natur, +Wahrheit, Keuschheit! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +– – – – Und doch ist auch sie keine +Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim +Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume, +blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem +Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? +Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind +noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste +Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht, +die schon drei Winter ausgegangen sind, deren +Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit +man mit faden Schmeicheleien +vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte, +hat einen Fleck darauf zurückgelassen. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page6">[pg 6]</span><a name="Pgp006" id="Pgp006" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin +der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende +Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand +entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen. +Du kennst die Partnachklamm. So +faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit +unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du +mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee +aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, +die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen. +Sie war forsch gewesen. Sie hatte die +Innentour machen wollen, die kleine, kecke +Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige +Felswand gedrückt, blass und zitternd mit +ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen +den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden +Wasserstaube, der das winzige, zierliche +Sonnenschirmchen durchnässte wie ein +Lümpchen. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page7">[pg 7]</span><a name="Pgp007" id="Pgp007" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte, +Schrittchen für Schrittchen an meinem +langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie +hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe +Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher +durchsteuern durch das ängstliche, riesige +Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist +ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, +aber derjenige, dessen man sich am häufigsten +und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu +sein, und doch Alles wieder nur, um so ein +kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten, +zu schützen, das Einen mit einem +Lächeln um den winzigen Finger wickelt. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte +mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen. +Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises – +allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie +es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen +<span class="tei tei-pb" id="page8">[pg 8]</span><a name="Pgp008" id="Pgp008" class="tei tei-anchor"></a>Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. +Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein +Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er +Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde +– etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen +und blonde Burgfrauen. – Wie ich den +Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen +in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der +Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom +alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft, +Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die +Mutter, die echte deutsche Frau, blühend, +mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas +Reinliches um die Frau, keine Unordnung, +keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine +Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, +diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde +– ich hasse Abkürzungen. Ich nenne +sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder +<span class="tei tei-pb" id="page9">[pg 9]</span><a name="Pgp009" id="Pgp009" class="tei tei-anchor"></a>gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es +passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen, +blonde Augen, eine Haut von der +Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes. +Ich schwärme für schönen Teint bei +Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der +inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest +sich in den Wellen des Blutes unter der +Milchweisse der Unschuld. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und sie ist ja so kinderjung noch! Es +ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von +B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich +will um sie werben. Blatt für Blatt möchte +ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, +Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. +Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche +Aufgabe! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor. +Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen +<span class="tei tei-pb" id="page10">[pg 10]</span><a name="Pgp010" id="Pgp010" class="tei tei-anchor"></a>von der Welt, vom Leben, vom ganzen, +grossen Menschheitswesen? Dass der liebe +Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen, +dass Friedrich der Grosse mit +einem Krückstock ausging, dass ein gewisser +Goethe einen gewissen Faust geschrieben +hat? <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Meine</span></span> Aufgabe wird es sein, sie +einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm. +Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt, +wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer +liebevoller Brust! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde +nicht in Pension gewesen ist. Ich +hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen, +unheimatlichen Orten unter ungenügender +Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht +fehlen können. Ich habe meine ländliche +Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. +Und wenn Ihr mich nachher als +<span class="tei tei-pb" id="page11">[pg 11]</span><a name="Pgp011" id="Pgp011" class="tei tei-anchor"></a>„reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe +Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht +genossen, in kleinen Kursen, mit +Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste +Freundin ist die Tochter eines pensionierten +Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen. +Sie sind fast unzertrennlich, +da geht dann ein sehr liebliches, beständiges +Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser +tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues +Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten +Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich +rührend diese Einfalt gerade ist! +Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete, +dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich +selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst +meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht +vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine +Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind! +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page12">[pg 12]</span><a name="Pgp012" id="Pgp012" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Lache über mich! Zucke die Achseln! +Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf +über den Menschen, den Esel, den Dummkopf, +der in einem sechzehnjährigen Kinde, +einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, +eine Krone, eine Erlösung! +</p> + +<div class="tei tei-signed" style="text-align: left">Ich bin glücklich! Dein Achim.</div> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page13">[pg 13]</span><a name="Pgp013" id="Pgp013" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc3" id="toc3"></a><a name="pdf4" id="pdf4"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Zweiter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin +bei Rathsdorf, Kreis Jüterbog in der Mark.</div> + +<div class="tei tei-salute" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> +Teurer Parzival! +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Heute also zu Deiner Epistel von gestern. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische +Miene aufgesetzt. Ich kannte ja die +dicken Couverts, das Wappen Semper idem, +die engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt +habe ich! Kommt denn der Mensch +nie aus dem Zahnen heraus! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten, +stark magdalenenhaften Witib aus +den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen +<span class="tei tei-pb" id="page14">[pg 14]</span><a name="Pgp014" id="Pgp014" class="tei tei-anchor"></a>Backfisch herein, einen Berliner Backfisch, +eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch! +Die Götter wollen Dein Verderben. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne +das Original. Ich sehe es zu Dutzenden alle +Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz, +manchmal noch mit der Schulmappe +und dem Bammelzopf sogar, das +äugelt und kichert auf der Pferdebahn, giebt +sich in Konditoreien Rendezvous, liest Tovote +und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge +erröten, und träumt von chambres séparées, +alten Männern mit Millionen und +Hausfreunden, die Gesandtschaftsattachés +sind. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Der Schändliche! Der Pessimist! wirst +Du sagen, und dann kommt die ganze Philippika +gegen moderne Kunst und Volksvergifter. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page15">[pg 15]</span><a name="Pgp015" id="Pgp015" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal +Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so +schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich +waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke +gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und +staune. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich +neige in Demut vor der skeptischen Thatsache +mein mephistophelisches Haupt: Leben! +Du bist doch noch eine ärgere Komödie als +ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, +alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Übrigens ja doch! lachen musste ich +doch. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, +blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter +aus W..... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Weisst Du noch, wenn Du mir +Stand<span class="tei tei-pb" id="page16">[pg 16]</span><a name="Pgp016" id="Pgp016" class="tei tei-anchor"></a>reden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet +warst, mich der Phantasie beschuldigtest, +teuflischer Verführungskünste? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Diesmal wirst Du wenigstens zugeben +müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu +gekommen bin, auf die allerunschuldigste, +buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen +Freunden u. s. w.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft +und wickelkindsfromm in Morpheus Armen, +als Martin zwei Damen meldet. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er +hat dann förmlich etwas Priesterliches, die +Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste +öffnet. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Neulich war meine liebe, alte, dicke +Schwester Jule bei mir, die in München der +edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich +das garstigste, ehrlichste, fidelste +Frauen<span class="tei tei-pb" id="page17">[pg 17]</span><a name="Pgp017" id="Pgp017" class="tei tei-anchor"></a>zimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen +Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende +im moralischen Leben. +Martin bediente uns während des Essens +mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit, +die anfing lähmend zu wirken. Jule +wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten +Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit +und liebt es, denselben goutiert zu sehen +auch von den geringeren Göttern. Martin +zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf +sie einen fast schüchternen Seitenblick auf +sein glattes, undurchdringliches Gesicht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nach dem Diner der Kaffee. Martin +huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle +Jalousieen heruntergelassen und die Stores +vorgezogen – notabene es war drei Uhr +nachmittags. Die Lampen brennen durch +rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft +<span class="tei tei-pb" id="page18">[pg 18]</span><a name="Pgp018" id="Pgp018" class="tei tei-anchor"></a>wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht +sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem +Tabak und giesst einen Cognac +nach dem andern hinter die Binde. Martin +präsentiert Feuer von dem züngelnden +Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und +träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib +einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. +Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin +hatte beides vorsorglich von dem Riegel im +Entree weggetragen und hinter einer opportun +aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen +Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt +das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. +Im Schlafzimmer ist es Nacht. +Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder +gelber Seidenkouvertüre. Über +dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, +lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches +Flämm<span class="tei tei-pb" id="page19">[pg 19]</span><a name="Pgp019" id="Pgp019" class="tei tei-anchor"></a>chen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert, +Kämme, Brennscheere, langbeinige +Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes +Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule +trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Du –“, sagte meine alte brave Schwester, +wiedereintretend, mit einem sehr energischen +Klink der Thür, der ihm durch und durch +gehen musste. „Wenn der im Paradies dabei +gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott +sich sparen können.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit +gegen das weibliche Geschlecht eine +schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest, +was ich durch diese Höflichkeit schon +gelitten habe! Das ist physisch bei mir. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick +in den Spiegel, eine Handbewegung nach +dem Schnurrbart, eine ebensolche an die +<span class="tei tei-pb" id="page20">[pg 20]</span><a name="Pgp020" id="Pgp020" class="tei tei-anchor"></a>Halsbinde. Der äussere Mensch wäre gerüstet. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mein Junggesellenheim kann sich immer +zeigen. Das ist mein Stolz, und Martin ist +darin gut erzogen. En avant donc! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Meine Damen, was verschafft mir die +Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! ein blonder +und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus +gutem Hause – Handschuh, Stiefel – viel +Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl? +Wir haben Ihr Buch: „Verbotne +Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich +wollten Sie gern mal kennen lernen.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis +mit dreisten, hellen Augen. Die Blonde +steht verschämt mit schlagenden Wimpern. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Ich bin meinem Buche sehr dankbar, +dass es mir solch reizende Bekanntschaft +<span class="tei tei-pb" id="page21">[pg 21]</span><a name="Pgp021" id="Pgp021" class="tei tei-anchor"></a>vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz +nehmen, meine Damen?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie setzen sich, beide natürlich auf einen +Stuhl. Sie kichern. Die Blonde bearbeitet die +Braune sehr energisch in der Knie- und +Ellenbogengegend. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die ist schon ganz frech: „Ich heisse +Kathinka Schnebeling und meine Freundin +heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für +moderne Litteratur. Meine Freundin schwärmt +für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie +von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich +– ein alter Mann mit einem kahlen Kopfe....“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen +müssen sehr solide Knochen haben, +dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen +so gut vertragen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Unsre ganze Klasse schwärmt für: +„Ver<span class="tei tei-pb" id="page22">[pg 22]</span><a name="Pgp022" id="Pgp022" class="tei tei-anchor"></a>botne Früchte“. Wir haben es Alle gelesen. +Oh wir lesen Alles!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz +kurzen Sätzen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch +aber eigentlich in Ihrem Alter ....“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten +gewesen mit meinem Vetter Hubi und +„Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher +Mensch ... Aber merkt denn das Ihre Frau +Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt +Patiencen,“ (schriftlich nicht wiederzugebende +Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte +Beschäftigung des wackren alten Herrn). +„Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen +haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, +eine Mischung von Kätzchenmiauen und +<span class="tei tei-pb" id="page23">[pg 23]</span><a name="Pgp023" id="Pgp023" class="tei tei-anchor"></a>Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, +christlicher Vorname ebenso unmöglich +wäre wie ein ordentliches, honettes Ja +oder Nein – –, „Itta wollte so gern zu +Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta +schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am +liebsten, hauptsächlich Garde und Kavallerie.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Aber Kitty!“ ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Also die Blonde! Die Blonde war auch +eigentlich die Niedlichste. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen. +Martin ist darin vollkommen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem +Wein nippten sie nur. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. +Sie brannten förmlich vor Interesse. Eine +dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin +auf meinem Schreibtisch enttäuschte sie +sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige +Bou<span class="tei tei-pb" id="page24">[pg 24]</span><a name="Pgp024" id="Pgp024" class="tei tei-anchor"></a>chers entschädigten sie etwas. Sie stiessen +sich an und kicherten. Sicher hatten sie erwartet, +die ganzen Wände voll nackender +Frauenzimmer zu finden, alle fünf Barrisons +mindestens! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe +kriegen? Olga Krohn sagt es.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen. +Ich zeige männliche Bescheidenheit: „Ab +und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen +einem armen Sterblichen ihre Gunst erweisen.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie +gehabt?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich +gewesen?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Unsäglich!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dabei betrachten sie mich kritisch wie +zwei kleine, menschenfressende Ungeheuer, +<span class="tei tei-pb" id="page25">[pg 25]</span><a name="Pgp025" id="Pgp025" class="tei tei-anchor"></a>ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust +aufknöpfen und das traditionelle blutende +Herz mit dem grossen Knax mittendurch +entfalten werde. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen +und gänzlich unromantischen Person ..“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, +Gymnasiasten, einem Studenten, einem Courmacher +der Blonden ... Was die Eine nicht +sagte, verriet die Andre, – die Braune immer +ein Schrittchen voraus und die Blonde nachhelfend +... von Susi Hausner und Litty Mehring +und Daisy Grimme ... Oh, die war ganz +schlimm, Daisy Grimme! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und als ich ganz bescheidentlich einmal +einen rein technischen Zweifel zu äussern +wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man +hatte ja seine Musikstunden, Kurse, die +Schneiderin zum Anprobieren. Das System +<span class="tei tei-pb" id="page26">[pg 26]</span><a name="Pgp026" id="Pgp026" class="tei tei-anchor"></a>funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime +Konnivenz aller dieser Faktoren +blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu +verlieren, Kundschaft einzubüssen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich sage Dir, es war entzückend, die +beiden heissen, niedlichen, kleinen Käfer! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es schlägt sechs Uhr. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen +wir aber gehn.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Schon?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mit einem ermutigenden Puff an die +Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Ich!</span></span> „Wenn ich auf ein solches Glück +hoffen dürfte?“ ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die +Blonde. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der +stumme Handkuss ist ausserordentlich wirkungsvoll, +ehrfürchtig, bescheiden, +viel<span class="tei tei-pb" id="page27">[pg 27]</span><a name="Pgp027" id="Pgp027" class="tei tei-anchor"></a>sagend – und stumm! Ich empfehle Dir den +stummen Handkuss. – – – +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich muss gestehen, etwas chokiert war +ich doch. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas +sind am Ende unsre Schwestern. Sowas heiratet +man. Mit sowas setzt man Töchter in +die Welt, die wieder schlechtbeleumundeten +Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr ..... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Da hast Du was für Dein glühendes Herz! +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page28">[pg 28]</span><a name="Pgp028" id="Pgp028" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc5" id="toc5"></a><a name="pdf6" id="pdf6"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Dritter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze +getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen, +alter Seelenvergifter! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. +Wenn man die Thatsache vor sich sieht, +schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem +die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht +weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher +entrüstet sich nicht einmal moralisch. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +– – – – Sie ist noch immer geschlossen, +süss und ahnungslos. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber manchmal kommt es mir vor, als +ginge ein Erschauern durch die schlanke +Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung +künf<span class="tei tei-pb" id="page29">[pg 29]</span><a name="Pgp029" id="Pgp029" class="tei tei-anchor"></a>tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher +Sonnenwärme. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wir sassen auf dem Balkon. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich sah sie wohl zu heiss an. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie verwirrte sich. Sie war still. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren +Ausdruck als den Koriolans an sein +Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt +darin eine solche Tiefe der Unberührtheit. +Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, +auf Dich zum Beispiel. Nur die +Natur hat dieses Schweigen – der See – +der Himmel – die Frau ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk +kennen zu lernen. Sie hat im Hause +ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, +Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao +zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen +hält sie selbst in Ordnung, die kleinen +Röck<span class="tei tei-pb" id="page30">[pg 30]</span><a name="Pgp030" id="Pgp030" class="tei tei-anchor"></a>chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen. +Die Mutter hat sie schlicht und häuslich +erzogen, wie sie selber ist. Mathilde +kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen +selber führen. Ich finde das entzückend. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dazu nimmt sie noch einige Stunden +weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W. +Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu +zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl +ein kleiner Spaziergang mit der Freundin +verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich. +Wie das schwätzt und schnäbelt! +– all diese unschuldigen Vertraulichkeiten, +die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn +Jahre. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das thut mir manchmal fast weh. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wieviel muss da sein, von dem wir nichts +ahnen, für das wir kein Verständnis haben, +ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, +<span class="tei tei-pb" id="page31">[pg 31]</span><a name="Pgp031" id="Pgp031" class="tei tei-anchor"></a>ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen, +den Frauen gegenüber ein schüchterner +Stümper! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wieviel andrerseits haben wir nicht zu +geben, einzuweihen hinein! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Vorerst mein liebes, altes Templin selbst +mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten. +Unsre Mark <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">hat</span></span> Schönheiten, ihre +sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich +nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde, +dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, +Italien, Norwegen – das Meer ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Partenkirchner Tour war ihre erste +Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich +bin, soviel Schönes erschliessen kann für +mein Lieb. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie wird sie staunen vor den grossen +Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische +Berlinerin, die nichts kennt! +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page32">[pg 32]</span><a name="Pgp032" id="Pgp032" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Alle meine Lieblingsbücher will ich mit +ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, +teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen, +die das Vaterland bewegen, stolz sein +auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus, +unsern herrlichen, alten Bismarck. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein +vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens +würdig finden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Bin ich ihrer würdig? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du +weisst, ich habe nie ein ausschweifendes +Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets +abgestossen, sowohl bei Männern wie bei +Frauen, und keine künstlerische Verklärung, +keine Sophismen der Leidenschaft es in +meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr +<span class="tei tei-pb" id="page33">[pg 33]</span><a name="Pgp033" id="Pgp033" class="tei tei-anchor"></a>verspottet mich oft mit meinen Ansichten, +meiner Josephhaftigkeit. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und doch, wieviel bleibt haften auch in +einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke +– was man vielleicht nur gehört, gesehen +hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit +gegen Mathildens strahlende, unbewusste +Reinheit und Unschuld. Ich zittre, +dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache +meine Worte, meine Blicke. Fast +versuche ich, meine Stimme zu mässigen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche +mit ihr! Ich frage und sie antwortet: +Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen +Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt, +er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift +auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge +mich wert machen, dass es die rechte +Schrift sei! +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page34">[pg 34]</span><a name="Pgp034" id="Pgp034" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Als ich um die Nachmittagsstunde zum +Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast, +wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau +von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört +zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es +geht nicht anders, man kann nicht die Erste +sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher +esprit de corps mit in Frage. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es ist ja auch was Wahres dran. Wie +ich diese laxe Moral der Welt hasse! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Auch Mathilde war im Salon. <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Sie</span></span> sprach +mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige +Stirn. Dies Weib! mit meinem +Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher +Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig, +hat ihre Partei. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page35">[pg 35]</span><a name="Pgp035" id="Pgp035" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den +Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es +ist gegen ihren Willen heute geschehen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen +sah mich halb erschrocken an, welche böse +Laune den Freund heut plage. Ach wenn +Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist, +die mich zittern macht, sonst nichts, nichts +auf der Welt, seit ich Dich habe! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt +ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir +fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige +Thränen einer süssen Furcht. Ob sie +abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen +wohl öfters wachliegt und an was sie denkt? +Ob sie dann auch an mich denkt? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Noch ein entzückender Zug. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen +erwartet, schon das vierte. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page36">[pg 36]</span><a name="Pgp036" id="Pgp036" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, +Hemdchen, Bettchen, die man besorgen +müsste. Die beiden Frauen sprachen +leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln +ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll +wie vor einer Weihnachtsbescherung. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mathilde war hinausgegangen um sich +eine Schere zu holen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau +von B. lächelnd. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese +Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt. +Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben, +wenn Alles rein und licht ist, +mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl! +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page37">[pg 37]</span><a name="Pgp037" id="Pgp037" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc7" id="toc7"></a><a name="pdf8" id="pdf8"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Vierter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, +mehr von der psychologischen als +von der persönlichen Seite. Ich bin schon +so weit. Das bringt das Handwerk mit sich, +die Seziergewohnheit. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Also am Mittwoch ein zierliches, rosa +Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich, +kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie +mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme +allein. Ihre J. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle +und sieht aufmerksam und erwartungsvoll +aus. Da stand sie in ihrem +dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem +Astrachan, glühendrot. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Diesmal küsste ich sie natürlich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst +<span class="tei tei-pb" id="page38">[pg 38]</span><a name="Pgp038" id="Pgp038" class="tei tei-anchor"></a>halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren, +Du zum Beispiel! Im Kuss liegt +Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ... +Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen, +leichten Voranschlag. Man macht dann keine +Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, +aber stillehaltend. Das Herzchen +bupperte zum Zerspringen, halb von der +Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich beruhigte sie: Eine Etage höher +wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer +hingehen können, wenn Ihnen jemand auf +der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat +einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. +Martin ist verschwiegen wie das Grab. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie hatte über das Alles nachgedacht. +Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page39">[pg 39]</span><a name="Pgp039" id="Pgp039" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann die moralischen Garantien. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Du denkst doch auch nichts Schlechtes +von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen +<a name="corr039" id="corr039" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">bin?“</span> (in Parenthese – hast Du schon jemals +eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem +Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie +trägt Jägerwäsche und philosophiert im +Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es +ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen +habe – und es ist so schrecklich langweilig +zu Hause, und weil Du so nett bist.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, +küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse +sie ins Ohrläppchen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und +zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen +so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken +und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar +wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner, +<span class="tei tei-pb" id="page40">[pg 40]</span><a name="Pgp040" id="Pgp040" class="tei tei-anchor"></a>rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung +und Klage. Der Sirenenton. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: +Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet. +Es charakterisiert das ganze Genre, +lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen, +unfähig im Grunde. Der Fischschwanz! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. +Das geht zu glatt: „Ich liebe +Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! +Du bist der einzigste, himmlischste Mann, +den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dazu kein lautes Wort, keine hässliche +Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss +und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine +Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen, +die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte +Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr +Ästhetiker dazu. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page41">[pg 41]</span><a name="Pgp041" id="Pgp041" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und dann das Psychologische! das ist +einfach unbezahlbar. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann wird sie Meister und ich demütiger +Schüler. Ich staune, was der Balg weiss. +Und woher weiss sie es? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir +eine ganze soziale Unterschicht, von der wir +keine Ahnung haben, eine Haremswelt, +weisse Pensionatsbettchen, in denen man +sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten, +am Schlüsselloch Erlauschtes, +eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an +Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor +dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, +Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof +und Watteauboudoir. Sie erzählte mir +eine Geschichte von einer Bekannten, einer +vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, +<span class="tei tei-pb" id="page42">[pg 42]</span><a name="Pgp042" id="Pgp042" class="tei tei-anchor"></a>die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem +Geliebten aus dem Cirkus durchging, während +er mit ihrer Reisetasche und ihrem +Regenschirm auf dem Perron stehen blieb. +Dieser Regenschirm und diese Reisetasche +erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen, +perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann hat man Brüder, Vettern ... Der +„Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte. +Sowas ist nicht mehr ganz Bruder +und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es +hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu +brauchen. Sowas kompromittiert nicht und +verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es +ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- +und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen +Übergangsstadien, éclaireur-Dienste, +Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders +explizit in dem Punkte. Sie hat Angst +<span class="tei tei-pb" id="page43">[pg 43]</span><a name="Pgp043" id="Pgp043" class="tei tei-anchor"></a>vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit +des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist +er überall mal dagewesen. Du magst noch +so früh aufstehn und noch so fein deduzieren: +Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir +das als Axiom. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann will sie Abenteuer von mir wissen. +Darin ist sie unersättlich. Es ist die Phantasie +eines kleinen Ungeheuers, die sich zu +befriedigen sucht: Notzucht, Incest, Unnatur. +Die ganze Weltgeschichte, die ganze +Kunst, die halbe Religion mindestens ist für +sie nur das. Das merkt sie sich, das hat sie +behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit +etwas Imponierendes und Schreckliches: +Der Pfeil, der sehr grade abgeht, +mitten ins Leben, in den Herzpunkt, die +Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! – +Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“ +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page44">[pg 44]</span><a name="Pgp044" id="Pgp044" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft +interessieren sie, Whipchen, Martin, der bric +à brac. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und Küssen zwischendurch! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. +Dazu ist sie zu subtil, zu wenig Natur. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist Alles spielerisch wie bei einer +jungen Katze. Sie lässt sich küssen, streicheln, +anfassen .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen, +die Angst vor dem Wehthun, dem +Baby, die Heiratschance. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir +haben kein Vermögen. Else und Dada +haben auch geheiratet.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. +Das ist das Vernünftige, die Versorgung. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue +Ehefrau. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page45">[pg 45]</span><a name="Pgp045" id="Pgp045" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Schliesslich kann man es ihnen verdenken? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die falsche, unnatürliche Erziehung, die +Heimlichthuerei. Was haben die Würmer zu +hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, +den sie sich nicht mal selbst aussuchen können, +der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal +wie eine Cocotte. Kann man sich verwundern, +wenn sie vorher etwas Champagnerschaum +schlürfen wollen? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv, +so ’n kleines, dummes Ding, nicht für +zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, +total ungebildet, wie eine orientalische Haremsdame! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt +sich ganz instinktiv: „Der ist der Richtige. +Der versteht etwas von der Sache. Il sait +aimer.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre +ein<span class="tei tei-pb" id="page46">[pg 46]</span><a name="Pgp046" id="Pgp046" class="tei tei-anchor"></a>zige Angst, eine süsse, gruselige Angst. Dann +kichert sie über die dummen Menschen, +Papa, Mama, die Leute, da unten auf der +Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in +seiner Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist +so unmoralisch!“ .. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann küsse ich sie wieder. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie legt mir die Ärmchen um den Hals, +nennt mich Engelchen, Liebling, süsses Herz +– und dass sie mich ewig, ewig lieben wird. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Kleine Kanaille! – Na, das sind sie +Alle. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Bewunderungswert bleibt eigentlich nun +immer die Dummheit der Männer, der Glaube +an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige +ist, dem das Wunder passiert. +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page47">[pg 47]</span><a name="Pgp047" id="Pgp047" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc9" id="toc9"></a><a name="pdf10" id="pdf10"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Fünfter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Weisst Du, dass ich manchmal förmlich +Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt, +als müsste ich Dich bekehren. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest +glauben und niederknieen wie ich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Schon wenn ich das Haus betrete, das +friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen +Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. +Wenn er erst männlich +auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie +wohl nach, eine echte und kluge Frau, um +vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren +Vorschlag wieder anzubringen, ihn +zu suggerieren als eignen Beschluss. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich habe jetzt auch den Bruder kennen +<span class="tei tei-pb" id="page48">[pg 48]</span><a name="Pgp048" id="Pgp048" class="tei tei-anchor"></a>gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst +hierher kommandiert ist. Ein echtes +Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen, +ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt +doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, +dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er +auch ab und zu, wie er mir selber freimütig +gestand, etwas über die Stränge geschlagen +hat. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Natürlich stellte ich ihm für vorkommende +Fälle meinen Kredit zur Verfügung, +ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. +Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder +ihres Bruders? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Er musste mir in die Hand versprechen, +dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur +leere Phrase sein soll. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. +Sie kennt die kleinen Liebhabereien des +<span class="tei tei-pb" id="page49">[pg 49]</span><a name="Pgp049" id="Pgp049" class="tei tei-anchor"></a>Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, +bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht +sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements +für Gesellschaften. Sie schmückt +dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf, +immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen +Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe +sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben, +weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, +die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller, +geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören, +denen ich etwas bin. Sie sollen Alle +die Meinen werden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Man schenkt mir sehr viel Zutrauen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte +sich ganz zufällig so gefunden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten +Gefühl von etwas Aussergewöhnlichem, +Nahendem. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page50">[pg 50]</span><a name="Pgp050" id="Pgp050" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges +zu sprechen, wo ich ihr doch am liebsten +zu Füssen gefallen wäre. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich +gerührt hat. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich habe Mathildens Stübchen gesehen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher +Stunde. Gesellschaftsklug werde ich ja nie. +Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, +grosser, weisser Schürze. „Wir +haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens +Stübchen.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess +mich in der Thüre stehen, während sie selbst +am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline +ordnete. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. +Über dem Bett die Raphaelschen Engelsköpfchen, +– ein Bücherbrettchen, Geibel, +<span class="tei tei-pb" id="page51">[pg 51]</span><a name="Pgp051" id="Pgp051" class="tei tei-anchor"></a>Frauen-Liebe und Leben, Schillers Werke, +Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische +Tauchnitzromane ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte +Gebilde nicht zu zerstören, zart genug zu +sein, hochherzig, ritterlich! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, +ist jetzt aus dem Süden zurückgekehrt. +Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. +Sie ist sehr schön. Ein Schatten von Schwermut +macht dies schöne, stolze Gesicht fast +noch anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. +Aller Reichtum, die Zerstreuungen +der grossen Welt, die ihr in so reichem +Masse zu Gebote stehen, können ja einem +Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Bei der ältesten Schwester ist das freudige +Ereignis nun eingetreten. Ihr Mann ist +Hauptmann im Generalstab, ein +ausser<span class="tei tei-pb" id="page52">[pg 52]</span><a name="Pgp052" id="Pgp052" class="tei tei-anchor"></a>ordentlich tüchtiger und strebsamer Offizier. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie müssen sich einschränken. Wie ich +sie liebe, diese Einschränkung um der Liebe +willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, +die trotz der heutigen Anforderungen des +Lebens und der Gesellschaft es gewagt +haben, der Stimme des Herzens zu folgen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, +Mütter sind. Es ist solch hübsches Symbol, +die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung +erst der Frau, die Erfüllung überhaupt +des Lebens, vor der die ganze sündige +Welt niederkniet, gläubig und erlöst. +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page53">[pg 53]</span><a name="Pgp053" id="Pgp053" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc11" id="toc11"></a><a name="pdf12" id="pdf12"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Sechster Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese +ganze Familie liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes +Buch. Ich sehe sie Alle, Herz +und Nieren. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts +stossend, fortwährend thätig, um mit schmalen +Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten +herauszuschlagen. Daher dann im +Hause fortwährende Nörgeleien, Sticheleien. +Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch +dieser Familie ist Geld. Vor jeder Gesellschaft +erst ein Zank. Er will nicht mehr, +Er ist alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt +oder Eberswalde vier Stübchen haben, +<span class="tei tei-pb" id="page54">[pg 54]</span><a name="Pgp054" id="Pgp054" class="tei tei-anchor"></a>Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht +den Frack an, er buckelt und schustert +weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor +werden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das Nixchen steht natürlich auf Seiten +der Mutter. „Mama“ ist eine grosse Frau. +Was Mama will, geschieht. Und Mama hat +immer recht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. +Mit der Ersten haperte es. Die +Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe +er, aber er hatte ja Karriere vor sich. Thränen +und Szenen in der Familie. Man hielt +ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter +Dach und Fach waren. Seitdem ersticken +sie in Brut. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist Mamas Hauptärger. Auch das +Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie +kann man nur! Sie könnten doch wirklich +<span class="tei tei-pb" id="page55">[pg 55]</span><a name="Pgp055" id="Pgp055" class="tei tei-anchor"></a>„was thun“ – wo er noch nicht mal Major +ist.“ – Über das „was“, das man thun +könnte, scheint sie sich ziemlich im klaren +zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich +nicht, wenn die Diskussion heftig wird. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Zweite war die Schönheit der Familie. +Die sollte hoch hinaus, wurde auf Excellenzen- +und Verwandtenbesuch geschickt +mit Toiletten und Dekolettiertheiten. Einem +kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit +einem Marinevetter machte die Mama ebenso +nachdrücklich wie effektiv ein Ende. Der +Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, +aber Geld, schweres Geld. Dada entschädigt +sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht +gekommen. Das Nixchen erzählt mir Alles: +„Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben +eine Wohnung hier irgendwo. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es findet Dada nicht zu bedauern. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page56">[pg 56]</span><a name="Pgp056" id="Pgp056" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Der Bruder ist der Liebling der Mutter, +der echte Bruder Liederlich, macht Schulden, +jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit +Einschluss des geheimrätlichen Küchenpersonals, +zur grossen Erheiterung des Nixchens. +Daher fortwährende Szenen. Der +reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen. +Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, +es ist manchmal unausstehlich bei uns.“ Ich +glaube es gern. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Auch das Nixchen hat einen Freier auf +der ersten versuchsweisen Angelreise eingefangen, +ein ländlicher, reicher Mensch, mit +vornehmem Namen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann +hat er so grosse Hände!.. Nicht halb so +nett wie Du!“ .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie +natürlich fest entschlossen ist, ihn zu +neh<span class="tei tei-pb" id="page57">[pg 57]</span><a name="Pgp057" id="Pgp057" class="tei tei-anchor"></a>men, und wieder weinen wird im Myrtenkranze. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Oh, Weiber! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Arme Natur, wo bist du? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie +einige ganz hübsche Details. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Natürlich musst du immer thun, als +wüsstest du von nichts. Das ist die Hauptsache. +Wenn er kommt, ganz erstaunt sein +und weglaufen, um sich die Haare zu +machen, wo Mama schon den ganzen Morgen +auf ihn lauert, und ich meine neue Bluse +angezogen habe ... Alles glauben, was er +sagt, gar nicht fragen! Als ob wir uns nicht +ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti, +was er hat und woher er stammt. Mama +spricht immer, als ob ich ein Kind wäre, +dass ich noch mal in Pension soll. Dabei +hat sie schon alle Zimmer eingerichtet auf +<span class="tei tei-pb" id="page58">[pg 58]</span><a name="Pgp058" id="Pgp058" class="tei tei-anchor"></a>seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem +Bruder heimlich was abgeben soll, wenn wir +verheiratet sind. Aber ich werde es grade +thun! Ich habe genug von der poveren +Wirtschaft zu Hause!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich +in ihrer Art, mit ihren kleinen, prüden +Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über +den Schopf fährt, die Küsse .. sie drückt +dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal +küsst sie mich sogar auf den Mund +jetzt: „Ich könnte sterben für dich! Wahrhaftig!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Man könnte es fast glauben. Dann stelle +ich sie auf die Probe: „Wir könnten uns +doch heiraten“ .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie wird dann sofort wieder Nixchen: +<span class="tei tei-pb" id="page59">[pg 59]</span><a name="Pgp059" id="Pgp059" class="tei tei-anchor"></a>„Ein Künstler wie du .. und sieh mal, er ist +Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe +mit mir gehn, hat Mama gesagt, und ich +nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – +Man muss doch vernünftig sein, Schatz.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine +kleine, weisse, sehr artige Madonna. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich liege auf der Chaiselongue und +staune. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +... „Und sieh mal, Dich <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">liebe</span></span> ich doch. +Du bist doch meine wirkliche, einzige Liebe. +Du <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">hast</span></span> mich doch.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann +sie ordentlich sentimental werden: +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Du bist so frivol!... Und ich liebe +dich doch so sehr, und Liebe ist doch nichts +Schlechtes.“ ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Eigentlich könnte man sie durchprügeln. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber echt ist sie. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page60">[pg 60]</span><a name="Pgp060" id="Pgp060" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt +sie ihr Köpfchen an meinem Halse und +küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich kitzle sie. Voilà. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Weisst Du, an was sie mich erinnert? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten +neuen Ziergläser in den Handel +gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle +heissen. Das ist meine Schwärmerei. Ich +habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, +Tulpen, hohe geschmeidige Glockenblumen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich +an mit feinen, spitzen Fingern, und lässt sie +in der Sonne spiegeln. – +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Früher sah man die ganz einfach, weiss +oder rot oder blau. Das naive Auge sieht +<span class="tei tei-pb" id="page61">[pg 61]</span><a name="Pgp061" id="Pgp061" class="tei tei-anchor"></a>sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben +darin, violette, grüne, alles Schillernde, +Flimmernde, Äderchen, Nerven ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und teuer sind die Dinger! teuer!..... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist sie. +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page62">[pg 62]</span><a name="Pgp062" id="Pgp062" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc13" id="toc13"></a><a name="pdf14" id="pdf14"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Siebenter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu +lieben. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit +Wochen mein ganzer Sinn sich in ihr konzentriert, +dass ich nur von ihr lebe, nur für +sie leben möchte. Jede Frau, auch die unschuldigste, +argloseste fühlt das. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. +Diese grosse Liebe, die in sie eindringt, sie +an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. +Sie fängt an, für mich mitzusorgen. Ich +habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, +meinen Serviettenring, die sie kennt. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page63">[pg 63]</span><a name="Pgp063" id="Pgp063" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich habe sie geküsst ....... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Meine Lippen haben diese weichen, +frischen Lippen berührt, die Rosenrundung +der Wangen gestreift. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der +erste Kuss, den eines Mannes Mund ihr aufdrückt! +Wie unendlich viel reiner und heiliger +ist dieser Akt beim Weibe wie bei uns! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das +Mädchen des Gärtners in Templin. Ich war +noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden +am Tage, und der Heuduft lag in der +Abendstille. Das Mädchen hatte frische +Lippen und weisse Zähne ..... Ich küsste +sie ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich will würdig werden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich bin es schon. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in +den Zeitungen. Das Offizielle, Tanten- und +<span class="tei tei-pb" id="page64">[pg 64]</span><a name="Pgp064" id="Pgp064" class="tei tei-anchor"></a>Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst +meine Schüchternheit. Mama, liebenswürdig +wie immer, ging auf meinen Wunsch ein. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt +meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und +mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört +seit Mamas Tode. Ich könnte es immer +von ihren Lippen hören. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich +möchte sie nicht erschrecken. Diese plumpen, +öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen +Brautpaare einander überhäufen, sind mir +widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen +und Tändeln um den einen Punkt. Die +Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht. +Grade so soll sie sein, wenn die Schleier +fallen, meine weisse, zarte, jungfräuliche +Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden +Liebe. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page65">[pg 65]</span><a name="Pgp065" id="Pgp065" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, +kommt zuweilen. Mathilde spielt Klavier mit +ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen, +Ereignisse und Namen einer gemeinsam +verlebten Kindheit werden zurückgerufen, +an denen ich keinen Teil habe .. Ich +möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine +Beleidigung dieser Unschuld des süssesten, +holdesten Geschöpfes. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich war unglücklich hinterher. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich sprach mit Mama. Wir haben die +Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist besser +so, obgleich sie sehr jung ist. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Weil Sie ein so guter, edeldenkender +Mensch sind,“ sagte Mama, als sie einwilligte. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Bin ich gut? Ich will es sein. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mein Weib soll die Liebe nie anders als +<span class="tei tei-pb" id="page66">[pg 66]</span><a name="Pgp066" id="Pgp066" class="tei tei-anchor"></a>heilig empfinden, ein Sakrament in sich, wo +Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie +die Scham! Um Gottes willen keine Scham! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich bin freundschaftlich gegen Fritz +Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur Jagdsaison +bei uns Hirsche schiessen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller +Mensch. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das Vertrauen ist der feste Anker der +Liebe, an dem sie sicher ruht im tiefen +Grunde. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe, +das sie unterscheidet von flüchtigen Verhältnissen, +Feststimmungen der Leidenschaft, +um die ich die seligen Götter nicht beneide. +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page67">[pg 67]</span><a name="Pgp067" id="Pgp067" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc15" id="toc15"></a><a name="pdf16" id="pdf16"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Achter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. +Ich habe sie nackt gesehen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das machte sich so ganz natürlich. Ich +hatte mir das Knie ausgerenkt und lag im +Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies +Schlafzimmer des Mannes, mit den Bildern +in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, +dem brennenden Kaminfeuer, +den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen, +durch die man undeutlich einen Lärm vom +Hofe aufsteigen hörte. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie liess sich ein bischen bitten erst. +<span class="tei tei-pb" id="page68">[pg 68]</span><a name="Pgp068" id="Pgp068" class="tei tei-anchor"></a>Dann handelte sie: „Aber nicht das, Liebchen ... +nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich +Angst hatte sie. Sie haben eine ganz +extravagante Vorstellung von unserem Mangel +an Selbstbeherrschung. In diesen kleinen +Mädchenerzählungen sind wir Oger, wilde +Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und +hässlich, jung und alt, jede Nacht eine Andre, +grässliche Orgien feiernd. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... +Das Kraftgelüst, das das dekadente Weib +und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis +der Impotenz, die des Fortreissenden erst +bedarf um handeln zu können, eines Bismarcks +alle Tage. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie machte das sehr niedlich, ordentlich +der Reihe nach, wie ein kleines Pensionsmädchen, +das sich auszieht des Abends. Korsett, +Unterröckchen, Höschen, die +Strumpf<span class="tei tei-pb" id="page69">[pg 69]</span><a name="Pgp069" id="Pgp069" class="tei tei-anchor"></a>knipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt +auf das Nachttischchen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz +genau, was an ihr hübsch war. Sie mussten +das oft besprochen haben. „Meine Arme +sind noch zu dünn, aber in ein paar Jahren +werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, +braunes Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. +Elisabeth hat bildschöne Schultern. +Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der +Seite – das ist hässlich! Kathi solltest Du +sehen! Die ist wunderhübsch, rund und +weiss überall. Aber sie weiss es auch.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, +duftig ... Ich küsse sie. Ich halte ihren +zarten, glatten Leib. Ich presse sie an +mich .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie lässt sich Alles thun mit einer Art +schläfrigen Wollust. Vielleicht denkt sie an +<span class="tei tei-pb" id="page70">[pg 70]</span><a name="Pgp070" id="Pgp070" class="tei tei-anchor"></a>den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig, +Liebchen“ ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich empfinde nichts, gar nichts für sie, +eine Art lässigen, physischen Wohlbehagens. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Manchmal bin ich rauh. Ich spreche +hart mit ihr. Ich schelte sie. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt +fängt sie an zu weinen, hülflos, wie ein +kleines Kind. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. +Die Drohung kitzelt sie. Sie hat dann +ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn +man seine Hand dem Löwen in den Rachen +legt. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: +„Du liebst mich gar nicht. Du spielst nur +mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“ +Dann thut sie eifersüchtig oder versucht mich +zu beleidigen. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page71">[pg 71]</span><a name="Pgp071" id="Pgp071" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn +sie dächte, ich erschösse mich ihretwegen, + das würde sie noch mehr kitzeln. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl +in ihre vornehme, ehrbare +Ehe gehen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: +„Wenn ich dich nun nicht freigäbe? +Wenn ich dich verriete?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie schmiegt sich noch dichter an mich, +ganz dicht, mit weichen, flechtenden Gliedern. +Ihre Augen, die meine suchen, sind +wie Sterne: „Das thust Du nicht, dazu bist +Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman, +mein lieber, süsser Herri!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie klug sie ist. Fischschwanz! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und manchmal denke ich, man müsste +sie hernehmen, ihr weh thun, sie es fühlen +lassen, das ganze Leid, die ganze Schande .. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page72">[pg 72]</span><a name="Pgp072" id="Pgp072" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann würde vielleicht noch was aus ihr, +dann würde sie ein Weib. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr +Kind an die Brust nimmt und Mutter ist, +schweigend, der ganzen johlenden, feigen +Gesellschaft zum Hohne! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner +– Gentlemen – auf Kosten unsrer +Mannheit? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, +der ich ein süsses, junges, warmes +Weib in den Armen halte und sie nicht +nehme, nicht mit Gewalt nehme, kraft der +Urgewalt meiner Leidenschaft? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle, +die uns das Leben gaben, zur Spielerei +geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen, +die man mit den Zähnen kostet. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ach, das grosse, adelige, echte Volk, +ar<span class="tei tei-pb" id="page73">[pg 73]</span><a name="Pgp073" id="Pgp073" class="tei tei-anchor"></a>beitend, liebend, Kinder zeugend, die triumphierende +Arbeit des Lebens thuend, über +den Tod hinweg – und die Toten! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mein Herz zieht sich zusammen in +schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich +fasse sie fester. Ich atme stärker ..... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen! +Nicht wahr, du thust mir nichts?“ .... +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page74">[pg 74]</span><a name="Pgp074" id="Pgp074" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc17" id="toc17"></a><a name="pdf18" id="pdf18"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Neunter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es ist doch eine grosse und schreckliche +Sache – in Not und Tod .. Leib und +Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges +Leben zu zeugen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, +Grösseres! Nein, ich beneide die Götter +nicht. Grade das Vergängliche – die Not, +das adelt Menschenliebe, das macht sie unvergänglich +und göttlich. Nicht Prometheus +ist’s, der in einsamem Zorn den Göttern +trotzt – – <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">der</span></span> Mann, der seines Weibes +Hand fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: +Der letzte <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Mensch</span></span>! +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page75">[pg 75]</span><a name="Pgp075" id="Pgp075" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Durch die Ehe erst wird der Mensch zum +Menschen. Der Mann, das Weib, das ist +etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes +Atom im All .. Erst der Vater, die Mutter +bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das +Allgemeine, das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich denke viel über diese Dinge nach, +dass wir doch durch Philosophieren erst +finden müssen, was der sichere Instinkt des +Weibes <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">fühlt</span></span>! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie überlegen sind sie uns! Nur das +eine Ziel verfolgend – Weib sein – Mutter +– wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, +die ganze Bedeutung des Geschlechtes +beruht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an +meinem früheren Leben, meiner Kindheit, +den Eindrücken und Ereignissen, die auf +<span class="tei tei-pb" id="page76">[pg 76]</span><a name="Pgp076" id="Pgp076" class="tei tei-anchor"></a>meine Entwicklung massgebend gewesen +sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer +verberge ich ihr nicht. Sie soll mich sehen, +wie ich wirklich bin. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. +So straft sich der Mann dem reinen Weibe +gegenüber. So aber auch wird das reine +Weib seine Erlösung, das Verworrene in ihm +geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen +Lebensträgerin. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. +Sie entzieht sie mir nicht. Ich schäme mich +nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie +mit Thränen benetzt. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie war betroffen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will +gut sein! Du sollst nicht zurückschrecken +brauchen vor mir. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein +<span class="tei tei-pb" id="page77">[pg 77]</span><a name="Pgp077" id="Pgp077" class="tei tei-anchor"></a>Junggesellenheim, Grumke mir das Abendbrot +aufgetragen hat, dann male ich mir +unser künftiges Dasein aus. Sie sitzt am +Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem +Auge und leisen Bewegungen +Alles leitend und lenkend. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig +ist. Ich schwärme nicht mal für diese sogenannten +„guten Hausfrauen“ – unablässige +Scheuerfeste, Küchenmobilmachungen. Ihre +Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das +Alles wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, +Heiteres gibt. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann freue ich mich, dass ich reich bin, +dass diese kleine, weiche Hand nicht hart +und braun werden braucht, dieser zarte, +schlanke Rücken gebeugt vom Herdfeuer +und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich +diese Frauen missachte! Ich verehre sie! +<span class="tei tei-pb" id="page78">[pg 78]</span><a name="Pgp078" id="Pgp078" class="tei tei-anchor"></a>Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind +der beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat +sollte ihnen Denkmäler setzen wie seinen +Helden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht +sein braucht, dass auch das Ästhetische gewahrt +werden kann in unsrer starken und +guten Liebe. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ob sie überhaupt eine Ahnung davon +hat? Sie frägt nie. Ein süsses Vertrauen! +Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie +folgte mir ebenso willig und vertrauensvoll. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich +mache ihr keine grossen Geschenke. Ich +selbst bin immer einfach – Du kennst mich +ja. Neulich trug ich meinen Handkoffer +selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger +zur Hand war. Sie denkt am +Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page79">[pg 79]</span><a name="Pgp079" id="Pgp079" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ah, ein Königreich möchte ich haben, +nur um es ihr in den Schoss zu legen! Sie +griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was +soll mir das Königreich! Deine Liebe ist +ja viel mehr als alle Königreiche.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Darum bin ich glücklich, dass ich auch +darin so reich bin. Ich habe meine Gefühle +nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche +Vornamen aus meiner Herzgrube herauszufischen, +wie ein gewisser Freund von +mir am Abend vor seiner Hochzeit. Sie hat +noch nicht gelernt, die Liebe zu differenzieren, +schlechte, ästhetische Unterschiede +aus raffinierten Romanen von raffinierten +Männern, die das Natürliche unnatürlich und +hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch +noch nicht herb und prüde geworden, wie +manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt +in sich selbst zurückzog vor der Roheit +<span class="tei tei-pb" id="page80">[pg 80]</span><a name="Pgp080" id="Pgp080" class="tei tei-anchor"></a>und dem Cynismus der Welt. Wie einen +königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt +sie, die Königliche, königlich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Welch ein Frühling in unserm schönen +alten Park, wenn der Flieder blüht und der +Goldregen in lastenden, honigschweren +Trauben herabhängt! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wir werden viel Besuch haben – die +liebe Mama, die Schwestern, die Kinder, +Es soll wieder Leben kommen in unser altes +Haus. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +An Mutters Grabe unter den Fichten wird +sie neben mir stehn. Sie wird uns lächeln. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Vielleicht .......... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit +geben in dieser armen, engen Welt! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, +von ihr, der Liebsten, der Meinen, in süssesten +Schmerzen mir geboren!... +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page81">[pg 81]</span><a name="Pgp081" id="Pgp081" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Was wäre das Leben ohne das? Möchte +sie die Schmerzen lassen? Die Angst? Das +Todesschauern in der Hochstunde des +Lebens? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und wir liegen nicht vor diesen hohen, +himmlischen Wesen auf den Knieen und +küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik +seiner Madonna! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Männer sind Egoisten. Was würden +sie sein, wenn es nicht holde, zarte Wesen +gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas +Höheres giebt, als Kraft, Ehrgeiz – dass +aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die +That des einfachen Weibes aufwiegt, das aus +ihrem eignen Leben, still und heilig, Leben +säugt. +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page82">[pg 82]</span><a name="Pgp082" id="Pgp082" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc19" id="toc19"></a><a name="pdf20" id="pdf20"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Zehnter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über +ihre Ehe. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich, +das ist der Ruheposten, die Versorgung. +Sie denkt darüber gar nicht weiter +nach. Eine alte Jungfer bleibt man nur, +wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt +hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das. +Sie ist stolz darauf, dass sie so bald Einen +gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre +Freundinnen sie beneiden werden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Der Ärger der Freundinnen spielt eine +grosse Rolle dabei – je intimer, desto intensiver +der Ärger. Das ist diesem Geschlecht +<span class="tei tei-pb" id="page83">[pg 83]</span><a name="Pgp083" id="Pgp083" class="tei tei-anchor"></a>das Äquivalent für das, was wir Ehre, Ruhm +etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen +sie gar nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen +ihrer Geschlechtsgenossinnen in Kunst, +Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt, +vielleicht nur insofern nicht, als sie ihnen das +wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld, +Toiletten, Männer. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und eigentlich haben sie ganz recht, der +Neid, den man fühlt, der einem den Rücken +runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven +prickeln, das Andre ist Unsinn. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dass sie sich einem Manne hingeben soll, +aus dem sie sich gar nichts macht, ist ihr +sehr gleichgültig. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen +bei der Frau. Oder ist es die +Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie +stumpf und duldend macht? +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page84">[pg 84]</span><a name="Pgp084" id="Pgp084" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Einen Mann, der einen nicht reizt? – +Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten – +warum nicht? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement, +die Leidenschaft, deshalb lieben Frauen +Künstler, ästhetische Männer, die sie lange +kitzeln. Von dem eigentlichen Akt haben +sie ja am wenigsten, der ist Pflicht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das +noch weher thut – die Schmerzen – die +Entstellung – die Brüstchen, die schlaff +werden ... „Elisabeth hat einen Bauch, der +ihre ganze Figur verdirbt ...“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute +hat und eine Amme nehmen kann. Babies +sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen +und rosa Schleifchen ....“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist der ausschlaggebende Punkt, +da<span class="tei tei-pb" id="page85">[pg 85]</span><a name="Pgp085" id="Pgp085" class="tei tei-anchor"></a>bei verweilt sie sehr lange! Equipagen, +Diener, dass sie die Hofbälle besuchen +werden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Den ganzen Winter muss er mit mir +hier in Berlin wohnen.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Aber wenn er nicht will?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Männer thun immer, was man will. Papa +thut auch immer, was Mama will.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein +kleines, listiges, grausames Lächeln .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Oh ja, der wird thun, was sie will. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und es giebt Tölpel, die immer noch an +die stärkere Thatkraft des männlichen Geschlechts +glauben! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nur die Franzosen: Ce que femme veut, +Dieu le veut. Die sind überhaupt viel aufrichtiger +in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert +sich was vor, der alte, naive +Bar<span class="tei tei-pb" id="page86">[pg 86]</span><a name="Pgp086" id="Pgp086" class="tei tei-anchor"></a>bar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger. +Thusnelda lächelte kaum merklich, wenn +Hermann Meth soff und Auerochsen +spiesste. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie haben ja auch zuviel Machtmittel – +die Verliebtheit! Und wenn die gar nicht +mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich +ungeliebte Frauen, die den Pantoffel schwingen. +– Das verliebte Weib ist unterwürfig. +Das ist ihm Wollust: Die Tigerkatze, die +sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg thut’s. +Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben +nach. Alexander oder Cäsar beugt sich vor +dem muffigen Gesicht, der schweigend heruntergewürgten +Mahlzeit, der permanenten +Nähe eines Hassenden, Vorwurfsgeschwollenen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nichts amüsiert mich mehr, wie das +Streben nach offizieller politischer oder +wirt<span class="tei tei-pb" id="page87">[pg 87]</span><a name="Pgp087" id="Pgp087" class="tei tei-anchor"></a>schaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. +Das sind hässliche Frauen, anmutlose +Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist +dumm. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren +sich Griechen und Trojaner, Antonius, +– Nelsons, Gambettas, Boulangers alle +Tage. Elisabeth, Katharina waren Genies, +weil sie Weiber waren. Über Louise Michel +und Frauenkongresse lächelt der armseligste +Schneidergesell, den seine Frau prügelt. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und mit Recht. Wie kann man die +Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so verkennen! +Das ist wie die Königstigerin, die +sich Hörner wünscht, um den Kampf mit +dem plumpen Ochsen aufzunehmen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben +nicht Ochsen wären, liessen wir sie das ganz +tranquil machen, alle Arbeit, allen +politi<span class="tei tei-pb" id="page88">[pg 88]</span><a name="Pgp088" id="Pgp088" class="tei tei-anchor"></a>schen Krimskrams in den Parlamenten und +Versammlungen, und setzten uns schliesslich +ganz gemütlich auf das gutdressierte Pferdchen +kraft der einfachsten Logik unsrer stärkeren +Schenkel. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber wir sind eben Ochsen und viel zu +verliebt! So’n kleines, zappeliges Füsschen, +so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen .. +Simson lässt sich die Locken abschneiden. +Die schönste Berechnung geht zum Teufel. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sowas passiert denen nicht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra +in der Beziehung. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit, +dass sie einem Droschkenkutscher leibhaftig +die Adresse gegeben hat, dass ihr +Schwager ihr neulich an der Kurfürstenstrasse +begegnet ist, was sie der Mama alles +vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei +<span class="tei tei-pb" id="page89">[pg 89]</span><a name="Pgp089" id="Pgp089" class="tei tei-anchor"></a>lügt sie künstlerisch, mit Genuss, ganz unnötig +komplizierte und lange Geschichten, +nur weil das Lügen ihr Spass macht, aus +Liebe zur Sache. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Und im Notfall könntest Du doch immer +Dein Ehrenwort geben, dass wir nichts zusammen +haben. Wir haben doch nicht wirklich +was.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nein, wir haben wirklich nichts. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst +gar nichts habe, weil ich jetzt heiraten muss, +und ich habe dich doch so schrecklich gern, +Herri!“ ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich; +aber es ist nicht die Spur von Leidenschaft +in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit +an sie heran, würde sie mich dreimal +verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. +Und das ginge ihr so glatt von der Zunge! +<span class="tei tei-pb" id="page90">[pg 90]</span><a name="Pgp090" id="Pgp090" class="tei tei-anchor"></a>und wenn sie ein Übriges dazu thun und +mich aus der Welt schaffen könnte, würde +sie es ebenso kaltblütig thun. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. +Siehst Du, das bewundre ich auch immer an +diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, +der Erfolg, respektive Misserfolg, der entscheidet. +Dabei machen wir die rührendsten +Affären daraus. Gretchen im Zuchthause +bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans +seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau +Marthe geworden und hätte an „Heinrich! +mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung +mit fortgetragen, eine behagliche +Rührung, dass sie ihre Jugend so gut genossen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Eine Frau, die einen Skandal verursacht, +das ist unmoralisch, ekelhaft, die schlaue +Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen +<span class="tei tei-pb" id="page91">[pg 91]</span><a name="Pgp091" id="Pgp091" class="tei tei-anchor"></a>braven Ehemann, den sie betrogen, das imponiert +ihnen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten +beladen, die grosse Schauspielerin mit dem +Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich +mit dem Stallknecht liiert, darüber können +sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar +mit einem Gemisch aus Neid und Bewunderung. +Aber ein armes Dienstmädel, +das ein Kind kriegt und ins Elend gerät. +Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist das Perfide bei der Geschichte. +Das andre nicht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme +immer die käufliche Liebe aus. Das bereut +man nicht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es liegt auch da eine Naivität der Männer +zu Grunde oder ihre Arroganz. Der Lendemain +ist sprichwörtlich geworden. Der +Wüst<span class="tei tei-pb" id="page92">[pg 92]</span><a name="Pgp092" id="Pgp092" class="tei tei-anchor"></a>ling hat das doppelt angenehme Gefühl: Du +hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird +die Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit +gewisser „guter Mädchen“ („gut“ +ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) +zu denken geben. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines +Mädchen. Sie hatte auch die Angst vorm +Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und dann war’s wirklich Morgen und +der allerschönste Sonnenschein und Vogeljubilieren +– und sie lachte, lachte übers +ganze Gesicht: „Ich bin so froh, Schatz! +Ich glaub’, ich könnte fliegen!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +So müsste Eine natürlich empfinden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, +einen Roman von einer Frau, „die +<span class="tei tei-pb" id="page93">[pg 93]</span><a name="Pgp093" id="Pgp093" class="tei tei-anchor"></a>Geschichte eines Mädchens“. Das rührte +mich fast. Die Arme! Sie hat gewollt und +nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen +Mann zu gross war. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ebenso albern finde ich den Mann, der +absolut der Erste sein will. Wie lässt der +grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno +sagen: „Und, glauben Sie mir, es ist in der +Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das +der Liebe und der Leidenschaft fähig ist. +Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf +kommt es nicht an.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Überdies: On n’est jamais le premier. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ist die Frau besser, die sich vielleicht +physisch enthalten hat aus persönlicher Propertät +oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre +Phantasie zu den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten +ausschweifen lässt, als diejenige, +die vielleicht an einem hellen +Maien<span class="tei tei-pb" id="page94">[pg 94]</span><a name="Pgp094" id="Pgp094" class="tei tei-anchor"></a>tage dem süssen Zug der Natur gefolgt ist, +ohne zu rechnen und zu moralisieren? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist gewissermassen das System der +Kuhpockenimpfung ... Ich habe vielleicht +mein Wassernixchen zu einer sehr guten +Ehefrau gemacht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber freilich die Konsequenzen! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin +von schwachem Fleische, die behauptete, +wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s +ein Gesellschaftsspiel. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht +so weit ist. Man ist noch immer der „Erste“, +mit der offiziell aufgestempelten Eins vom +Standesamte, der Kolumbus, der Schleierlüfter, +der Dornröschenerwecker. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine +Art Ranküne, wenn sie von ihrem „Ersten“ +spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des +<span class="tei tei-pb" id="page95">[pg 95]</span><a name="Pgp095" id="Pgp095" class="tei tei-anchor"></a>Torts, das sie in meine Arme getrieben hat, +mir dem Wissenden, dem Verzeihenden. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst +so viel“ ... sagt sie manchmal. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Aber hast Du denn keine Angst mit +„ihm“ – immer fremd sein – immer Komödie +spielen?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage, +den Kleidern. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden +darauf erzogen. Sie finden sich so merkwürdig. +Das ist wieder die bewunderungswürdige +Lebensfähigkeit dieses Geschlechts. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Er wird immer an sie glauben, immer +nur die weisse Stirne sehen, mit seinen +blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Aber der arme Kerl, wenn der mal +Bankerott machte! +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page96">[pg 96]</span><a name="Pgp096" id="Pgp096" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc21" id="toc21"></a><a name="pdf22" id="pdf22"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Elfter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine +Hochzeit. Sonnwendtag! am Rosenfeste! – +Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was +das heisst? Wer kann es wissen! Wer kann +es aussprechen! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich +nicht, wie ein Egoist, ein Selbstling. Selbst +die hohen Träume, die Ideale und Gedanken! +Ich komme mir vor, wie ein +Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des +Lebens aufgegangen ist. Und er lebt nun. +Er wirkt Leben. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und wer hat mich das gelehrt? Ein +kleines, stummes, wunderbares Wunder, +<span class="tei tei-pb" id="page97">[pg 97]</span><a name="Pgp097" id="Pgp097" class="tei tei-anchor"></a>eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine +träumende, unschuldige Seele. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und wir sprechen von überlegnem Geist, +von Klugheit, von Grossthaten. Hier ist der +Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld +in der Lieblichkeit. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. +Das geschieht Alles so selbstverständlich. +Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme +schliessen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie ich diese schöne Sicherheit liebe! +So wird sie als Gattin, als Mutter bleiben, +ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht +die Natur im Weibe. – Jungfrau – Geliebte +– Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, +beflecken Seele und Leib, um zuletzt demütig +niederzuknien vor so einem holden, +<span class="tei tei-pb" id="page98">[pg 98]</span><a name="Pgp098" id="Pgp098" class="tei tei-anchor"></a>nicht denkenden, kinderthörichten Wesen: +Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’ +mich glücklich! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich +sie vergraben zwischen weisser Leinwand +und Spitzen, bunten Seidenstoffen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat, +der die Braut in das Haus des Gatten geleitet +wie auf einer schneeigen Rosenwolke, +Dinge, die verhüllen, Wollust versprechen, +Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum +sie anzufassen mit meinen groben Fingern. +Ihr Zweck ist mir ein süsses Mysterium, +macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete +unsrer Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen +und umwickelt, um die holde Spannung, +die Sehnsucht zu erhöhen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint +ganz damit beschäftigt. Ist es denn nicht +<span class="tei tei-pb" id="page99">[pg 99]</span><a name="Pgp099" id="Pgp099" class="tei tei-anchor"></a>ernsthaft, ihre kleine Person, die sie +schmückt, reizend macht. Bin ich es nicht, +für den sie sich schmückt? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die +Braut, die sich salbt und schmückt, das +süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser +machend. Es sind nörgelnde Kritiker, +Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen +verkannt, die gegen die Eitelkeit polemisieren, +Uniformen, Trachten einführen wollen. +Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre +Seele ist so ganz eins mit ihrem Leibe in +diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie +soll ja das Glück sein, die Wonne, die +Schönheit. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Hochzeit – hohe Zeit! – – +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +In mir ist’s hohe Zeit. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden, +die mich manchmal zerreissen, dass ich sie +<span class="tei tei-pb" id="page100">[pg 100]</span><a name="Pgp100" id="Pgp100" class="tei tei-anchor"></a>nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie +fortschleppen, verschlingen ... Sie ist sehr +ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle +bösen Begierden dämmend, dass ich sanft +bin, folgsam. Nur den grossen Jubel in mir, +der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich +sie in die Arme nehmen und gegen die +Sonne halten möchte. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Hochzeit! hohe Zeit! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mein Heim steht geschmückt. Seit +Wochen sind Tapezierer und Tischler thätig. +Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches +ist mir’s leid, das Alte, Altgewohnte. +– Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es +ist recht, dass Alles neu ist. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Hochzeit soll hier in Templin sein, +ein Fest für alle meine Leute. Sie üben +schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern. +Ein Flüstern geht unter den +Ar<span class="tei tei-pb" id="page101">[pg 101]</span><a name="Pgp101" id="Pgp101" class="tei tei-anchor"></a>beitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach +die Menschen sind doch gut! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es giebt ein vollkommenes Glück auf +der Erde. Es giebt Engel. In vier Wochen +ist der Engel mein Weib. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie süss muss es sein, das Leben sich +in ihr entwickeln zu sehn, die strahlende +Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend +vollendet sich ihr Leben. – Was ist das +Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist +nicht Mutter der Inbegriff aller menschlichen +Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, Leidertragen ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mein Weib! Mein Mütterchen! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wie eine kleine Königin wird sie empfangen +werden. Ist es denn nicht auch ein +kleines Königreich, eine ganze Welt im +Kleinen, ihre Welt, der sie Vorbild und Vorsehung +ist. „Hausvater und Hausmutter“, +<span class="tei tei-pb" id="page102">[pg 102]</span><a name="Pgp102" id="Pgp102" class="tei tei-anchor"></a>der alte, schöne, deutsche Begriff. Hier +kann er sich noch verwirklichen. Wir +können es noch sein. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +So lange es das giebt, steht die Gesellschaft +sicher, auf festen Füssen: Reine +Frauen, Männer, die ein Heim schaffen +können, die an Reinheit glauben. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun +eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du darfst +nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen, +glückseligen Menschen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Hohe Zeit – Hochzeit! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe +das Glück und ich glaube es. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und wenn Du über den Schwärmer +lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, weiss +unter der weissen Myrtenkrone – und wie +Thomas: Geh’ und glaube. Geh’ und schreib +ein Buch des Glaubens und der Liebe. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page103">[pg 103]</span><a name="Pgp103" id="Pgp103" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich habe so viel davon in mir, dass auch +auf Dich etwas übergehn müsste. Ich fühle +mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude +zu verkünden – und Mathilde heisst +meine Madonna. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr, +in unsrer Zeit der Mitgiftjägerinnen, des +höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre +halberwachsenen Töchter auf „die gute +Partie“ dressieren. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts +neulich. Es waren da Muster von +teuren Spitzen, die ihr gefielen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Mama, verständig wie immer, riet +lächelnd zu billigeren: „Das ist ja für eine +Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes +Geheimratstöchterchen.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Natürlich übernehme ich das Alles. Es +<span class="tei tei-pb" id="page104">[pg 104]</span><a name="Pgp104" id="Pgp104" class="tei tei-anchor"></a>bedurfte einer gewissen Überredung bei der +Mama. Sie geben mir so Unendliches. +Sollen diese teuren Menschen sich Gênen +auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, +während ich schwelge! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten +lassen. Ich bin jetzt einer von der +Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit, +das Vertrauen, wenn ich nicht +auch das Schwere mit ihnen tragen darf? +Sind diese Güter mein Verdienst? Brauche +ich sie? Ich wäre glücklich unter einem +Strohdach. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Es ist um Mathildens willen, dass ich +mich des Geldes freue. Auch das hat sie +mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine +Macht, zu beglücken. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne. +Wir haben auch darüber so oft gestritten, +<span class="tei tei-pb" id="page105">[pg 105]</span><a name="Pgp105" id="Pgp105" class="tei tei-anchor"></a>über Geldwert und Geldanbetung in unsrer +Zeit. Manche Erscheinung des öffentlichen +Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe +einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch +und traurig machen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Man weiss ja leider, dass man ein reicher +Mann ist. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr +die kleine Hand mit Geld füllt, wird sie es +ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst. +Sie soll von diesem Wissen frei bleiben. +Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so +ist sie das stumme, ruhende Juwel am Herzen +der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das +Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche +im Dasein, der braucht den Wert eines +Hundertmarkscheines nicht zu kennen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die Blume ist in sich selbst genug. Die +Poesie zu wahren. Das reine Gefühl. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page106">[pg 106]</span><a name="Pgp106" id="Pgp106" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um +uns das Paradies. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, +ruhe im Schatten unsrer Palmen! +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page107">[pg 107]</span><a name="Pgp107" id="Pgp107" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc23" id="toc23"></a><a name="pdf24" id="pdf24"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Zwölfter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em"> +Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. +Da „er“ bezahlt, können wir mit der nötigen +Gewichtigkeit zu Werke gehn. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine +Modemagazin, Kataloge, Proben, Wiener und +Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir +nun sehr ernsthaft, das Nixchen und ich, und +suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit +Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen +mit hell heliotropnen und lichtmaigrünen +Languetten. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie +fügt sich immer meiner überlegneren Einsicht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das entzückt sie: „Du verstehst Alles. +„Er“ nähme mich grad so gut in einem +<span class="tei tei-pb" id="page108">[pg 108]</span><a name="Pgp108" id="Pgp108" class="tei tei-anchor"></a>Sack. – Gott! was soll ich nur machen, +wenn ich Dich nicht mehr habe!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann weint sie ein bischen. Aber dann +finden wir wieder was extra Hübsches und +sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat. +Und wir sind getröstet. „Er“ zahlt ja. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wenigstens soll er ordentlich blechen – +schon für seine Undankbarkeit. Ein Mann, +der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, +ist ein Tölpel. Sie macht sich für ihn +hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das +für Mühe! – so’n Löckchen, das graziös +und an der richtigen Stelle in die Stirne +fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel +Nachdenken, Geduld, manchmal Pein, +gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie +das Weggeworfne an Leute giebt, die es +besser zu taxieren wissen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich verstehe zu taxieren. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page109">[pg 109]</span><a name="Pgp109" id="Pgp109" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht +sich vor mir wie eine Drahtpuppe. Wenn +ich sie hübsch finde, ist sie glücklich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Nixchen! Das darfst du nicht tragen. +Das steht Dir nicht.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. +Aber sie gehorcht immer. Alle Frauen gehorchen +mir, weil sie das Unpersönliche +fühlen, das Wohlgefallen an der Gattung, +den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen. +Ich glaube, wenn ich vor die Sultanin-Mutter +träte: „den Turban etwas mehr nach rechts, +bitte schön“ ... sie thäte es und wäre mir +dankbar. Und sie hätte ein Recht dazu. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern +ihre. Und ist sie nicht eigentlich die allerhöchste +Tugend? Spinoza sagt: wer die +Fehler der Menschen nicht liebt, liebt die +Menschen selbst nicht! Das Menschlichste +<span class="tei tei-pb" id="page110">[pg 110]</span><a name="Pgp110" id="Pgp110" class="tei tei-anchor"></a>an der Menschheit ist für mich das Weib. +Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. Sie +fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie +haben Zutrauen zu mir. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das ist ganz unbewusst: „Du bist so +gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt sie +meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich: +„Du bist gut.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Da ist die Ranküne wieder, das kleine, +tückische, widerborstige Katzenfauchen in +dem „Du“. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Der ist viel besser als ich.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er +hätte ihr eine Moralpredigt gehalten und sie +beschämt und verbockt nach Hause geschickt +wie der selige Joseph schnöden Angedenkens. +Die Franzosen haben da ein +hübsches Sprichwort: Il y a des choses qui +ne se refusent pas. – Oder er hätte sie +<span class="tei tei-pb" id="page111">[pg 111]</span><a name="Pgp111" id="Pgp111" class="tei tei-anchor"></a>genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem +moralischen Kater hinterher sie zur büssenden +Magdalena gepeinigt ... Das ist die +Tugend dieser Tugendbolde. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, +fein und zierlich, ganz in ihrem Fischchen-Element +bei mir, munter schwätzend wie +ein Vögelchen, von dem, was in ihr ist, all +ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. +– ich habe sie als Künstler behandelt, nicht +roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht pfäffisch-zerstörerisch. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen, +das sie ist. Sie liebt mich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann +nicht leben ohne Dich! Ich möchte am +liebsten sterben!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Manchmal sogar fast wild: „Ich will von +zu Hause durchgehn. Mir ist alles ganz +<span class="tei tei-pb" id="page112">[pg 112]</span><a name="Pgp112" id="Pgp112" class="tei tei-anchor"></a>egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht +wieder fort. Du kannst mit mir machen was +Du willst.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir +angezogen gegenübersitzt und Makronen +knabbert – und dann lauert sie auf den +Effekt. Sie möchte etwas mehr Effekt, einen +Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: +„Es ist doch gar nichts. Eigentlich +habe ich doch gar nichts gethan. Niemand +kann doch etwas sagen von „uns“.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses +Opfer, das sie bringt, <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">mir</span></span> bringt. Kleines +Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal +ein andrer Gedanke als der an ihr eignes +kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen +aufgestiegen ist? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie betrauert meine Wohnung: +Whip<span class="tei tei-pb" id="page113">[pg 113]</span><a name="Pgp113" id="Pgp113" class="tei tei-anchor"></a>chen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie so +gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt. +Aber das macht eine rote Nase, darin ist +sie ästhetisch. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Die leidenschaftlichsten Frauen werden +dadurch in Schranken gehalten: „Mein Kind, +das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt +schlecht, Du verdirbst Deine Haarfrisur.“ +Sie wollen gefallen und sollen gefallen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wird die Frauenemanzipation darin je +etwas ändern? Die Orientalin, die ihren Leib +salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie +ist das Naivste und das Grösste. Das Urälteste +und das Allermodernste. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln +sie Dir zu .... Und wenn der Geist wiederkommt, +dann bist Du als Mann fertig. Ich +habe das zu oft durchgemacht. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich möchte es nicht anders. Nur mehr +<span class="tei tei-pb" id="page114">[pg 114]</span><a name="Pgp114" id="Pgp114" class="tei tei-anchor"></a>Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so unendlich +viel gelogen, gerade über diesen Punkt. +Es ist Alles nur: Qui s’excuse, s’accuse, die +Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen +drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle +Frauen wollten einmal im Leben ins Kloster +gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den +stärksten und gewaltigsten Lebenstrieb, wie +Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit. +Der alte, schöne Satz, dass das Weib +dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit geschaffen +sei, setzt sich Brillen auf und +schneidet sich die Haare ab, und wird ihm +ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein +unverstandenes und unverständliches Rätselwesen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Das bedauere ich von allen Verirrungen +der Zeit am meisten, dass die Frauen dogmatisch +werden, logisch, prinzipiell. Man will +<span class="tei tei-pb" id="page115">[pg 115]</span><a name="Pgp115" id="Pgp115" class="tei tei-anchor"></a>sie einregimentieren und einschwören. Die +Völker, die am wenigsten Sonne und Sinnlichkeit +haben, geben den Unfug an. Ihr +unterbindet euch selbst die Lebensader! +Décadence-Männer machen mit. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Und doch: +</p> + +<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em"> +<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„’s ist eine der grössten Himmelsgaben,</div> +<div class="tei tei-l" style="text-align: left">So ein lieb Ding im Arm zu haben.“</div> +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nicht nur für uns, für es selbst auch. +Wo ist die Frau, deren Herz und Hirn gross +genug ist, die geliebte, liebende Frau, von +herben und verkrüppelten Früchten, die reife, +süsse?..... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf, +einzig und allein für ihn bestimmt, +eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. +Nur wir, die wir sie wahrhaft lieben, sehen +in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen, +in seiner Eigenart des Interesses und +der Teilnahme wert. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page116">[pg 116]</span><a name="Pgp116" id="Pgp116" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Mögen sie hereinfallen! Das „weisse +Blatt“ ist die grösste männliche Unverschämtheit, +Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in +der wir wissentlich und willig beharren. Ein +Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal +feineren und aufmerksameren Augen, +Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht sehen, +hören, fühlen, wie wir? +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Der Egoismus der Männer macht sie +blind. Ich habe kein Mitleid mit Egoisten. +Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist +lächerlich und verächtlich mit Recht. Lebte +er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich +bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken, +ihr Fühlen bis in ihre Verlogenheiten hinein +– haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? +– wäre ihm das passiert? hätte er +nicht warnen, eingreifen können als es Zeit +war, wenn nötig sie vorher freigegeben. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page117">[pg 117]</span><a name="Pgp117" id="Pgp117" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. +Und es giebt eine Rolle „Mann“, die wir +mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle +„Weib“, die wir ihnen aufoktroyiert haben. +Sie rächen sich wie sie können. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Nicht nach Besserung seufzt die Welt, +sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit ist +die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich +unmoralisch, ungütig, böse. Und wenn der +Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal, +dann steigt das Niedrige. Was ist gemein? +Was ist verächtlich? Was ist erhaben, bewunderungswürdig? +wenn Alles Menschliche +menschlich ist. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über +der Welt, die feinste, reine Quintessenz des +Christentums. Nur die Pharisäer stören es. +Dem Zöllner ist es natürlich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum +<span class="tei tei-pb" id="page118">[pg 118]</span><a name="Pgp118" id="Pgp118" class="tei tei-anchor"></a>Schlusse. Der Deutsche macht sie. „Die +Moral von der Geschichte“ – Und es ist +eine gute, alte Sitte, denn Moral ist überall, +wenn es auch nicht die der Rute und der +Zuckertüte ist. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins +von ihren neuen Ausstattungskleidern, ein +schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem +Hals. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch +bei Kathi heut Abend bin, und ich will auch +wirklich hingehn.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt. +Wir tranken Sekt und assen kleine, pikante +Sachen dazu. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wir waren sehr lustig. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du +<span class="tei tei-pb" id="page119">[pg 119]</span><a name="Pgp119" id="Pgp119" class="tei tei-anchor"></a>mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb haben, +Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Eine gewisse Wärme kommt doch über +mich. Ach Herzchen! Herzchen! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche +in unsrer Liebe, ihr erster Besuch, der erste +Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder +Gegenstand in meinem Zimmer, Whipchen, +die Photographien, der Bismarck ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Nie, nie vergesse ich das“ ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Wir waren ganz glücklich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu +Hause wäre. Ach Liebchen!“ .... Dann +schluchzt sie wieder ein bischen. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Dann die Moral wieder: „Du findest mich +auch nicht schlecht?“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens. +Alle thun das. Und Daisy Grimme! die +macht’s doch viel schlimmer. +</p> + +<span class="tei tei-pb" id="page120">[pg 120]</span><a name="Pgp120" id="Pgp120" class="tei tei-anchor"></a> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Wenn es doch möglich wäre! Wenn +ich doch heute bei Dir bleiben könnte – +und immer!“ .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen +Ball – und morgen!!“ – – – +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert +sich an meinen Hals. Sie ist ganz +glühend. Sie küsst mich. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s +doch, dass ich Dich lieb habe, nur Dich!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich glaub’s. Ich glaube Alles. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt +wären! im Paradies!“ .... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +<a name="corr120" id="corr120" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">„Ach!</span> es ist zu schrecklich eingerichtet im +Leben! ... Und nicht wahr, meine Briefe, +die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie +doch alle?“ ... +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen? +<span class="tei tei-pb" id="page121">[pg 121]</span><a name="Pgp121" id="Pgp121" class="tei tei-anchor"></a>Oh Gott! Wie schrecklich das würde! Ich +würde Alles verraten.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Sehr verständig würdest Du sein.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre +Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht +gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen +gern gehabt hast? Du bist ja so unmoralisch!“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Martin meldet die Droschke. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster +erleuchtet. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich +noch nicht mal gehabt hast .. Der greuliche +Kerl mich kriegt.“ +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie weiss genau, dass die Droschke im +nächsten Moment anhalten muss. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Sie hält. +</p> + +</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> +<span class="tei tei-pb" id="page122">[pg 122]</span><a name="Pgp122" id="Pgp122" class="tei tei-anchor"></a> +<a name="toc25" id="toc25"></a><a name="pdf26" id="pdf26"></a> +<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Dreizehnter Brief.</span></h1> + +<div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> +Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</div> + +<div class="tei tei-salute" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> +Lieber, süsser Herzensschatz! +</div> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Denke Dir meinen Schrecken, als Achim +mit Dir hereinkam! Aber nur einen Moment +hab ich mich erschrocken. Du bist ja so +verständig und lieb und gut. Ach und die +süssen, grünen Gläser, die Du mir geschenkt +hast! Das sieht Dir ähnlich. Es war zu +entzückend himmlisch bei Dir. Ich werde es +<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">nie</span></span>, <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">nie</span></span> vergessen und Dich ewig lieb +haben. Du musst uns jetzt oft besuchen, +nächsten Sommer, wenn wir hier auf dem +Gute sind. Jetzt verreisen wir – nach +Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier +geschenkt. Himmlisch, sage ich Dir. – +<span class="tei tei-pb" id="page123">[pg 123]</span><a name="Pgp123" id="Pgp123" class="tei tei-anchor"></a><a name="corr123" id="corr123" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">Wir</span> sprechen dann über Alles, Du musst +mir erzählen, wen Du jetzt hast. Du bist +ja so verständig. Wenn Du doch Achim +wärst! Ach, das Leben ist doch sehr +schwer oft! +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +Fandest Du, dass ich gut aussah bei der +Trauung? Der dumme Kirchenmensch hatte +die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich +ärgerte mich die ganze Zeit darüber, und +die Myrte stand zu hoch über der Stirn. +</p> + +<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> +P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, +alle? und Martin sagt nichts? Es +wäre schrecklich. +</p> + +<div class="tei tei-signed" style="text-align: right">Deine M.</div> + + </div></div> + <div class="tei tei-back" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 6.00em"> + <hr class="doublepage" /><div class="boxed tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <a name="toc27" id="toc27"></a><a name="pdf28" id="pdf28"></a> + <h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Bemerkungen zur Textgestalt</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verändert, außer in folgenden Fällen, + die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:</p> + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr039" class="tei tei-ref">Seite 39</a>: Anführungszeichen ergänzt hinter „bin?“</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr120" class="tei tei-ref">Seite 120</a>: Anführungszeichen ergänzt vor „Ach!“</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr123" class="tei tei-ref">Seite 123</a>: „wir“ geändert in „Wir“</td></tr></tbody></table> + </div> + <hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <div id="pgfooter" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"><pre class="pre tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER*** +</pre><hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader29" id="rightpageheader29"></a><a name="pgtoc30" id="pgtoc30"></a><a name="pdf31" id="pdf31"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Credits</span></h1><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr><th class="tei tei-label tei-label-gloss">April 2, 2011 </th></tr><tr><td class="tei tei-item tei-item-gloss"><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item">Project Gutenberg TEI edition 1</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-respStmt"> + <span class="tei tei-resp">Produced by <span class="tei tei-name">Norbert H. Langkau</span> and the + Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</span> + </span></td></tr></tbody></table></td></tr></tbody></table></div><hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader32" id="rightpageheader32"></a><a name="pgtoc33" id="pgtoc33"></a><a name="pdf34" id="pdf34"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">A Word from Project Gutenberg</span></h1><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This file should be named + 35758-h.html or + 35758-h.zip.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This and all associated files of various formats will be found + in: + + <a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/7/5/35758/" class="block tei tei-xref" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span><span style="font-size: 90%">/dirs/3/5/7/5/35758/</span></a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Updated editions will replace the previous one — the old + editions will be renamed.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Creating the works from public domain print editions means that + no one owns a United States copyright in these works, so the + Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United + States without permission and without paying copyright royalties. + Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this + license, apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works + to protect the Project Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered + trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, + unless you receive specific permission. If you do not charge + anything for copies of this eBook, complying with the rules is + very easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as + creation of derivative works, reports, performances and research. + They may be modified and printed and given away — you may do + practically <em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">anything</span></em> with public domain eBooks. + Redistribution is subject to the trademark license, especially + commercial redistribution.</p></div><hr class="page" /><div id="pglicense" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader35" id="rightpageheader35"></a><a name="pgtoc36" id="pgtoc36"></a><a name="pdf37" id="pdf37"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">The Full Project Gutenberg License</span></h1><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Please read this before you distribute or use this + work.</span></em></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free + distribution of electronic works, by using or distributing + this work (or any other work associated in any way with the + phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>), you agree to comply with all the terms + of the Full Project Gutenberg™ License (<a href="#pglicense" class="tei tei-ref">available with this file</a> or online + at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a>).</p><div id="pglicense1" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 1.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ + electronic works</span></h2><div id="pglicense1A" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.A.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic + work, you indicate that you have read, understand, agree to + and accept all the terms of this license and intellectual + property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree + to abide by all the terms of this agreement, you must cease + using and return or destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic + works in your possession. If you paid a fee for obtaining a + copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work and you do not + agree to be bound by the terms of this agreement, you may + obtain a refund from the person or entity to whom you paid the + fee as set forth in paragraph <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8.</a></p></div><div id="pglicense1B" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.B.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is a registered trademark. It may only be used on or + associated in any way with an electronic work by people who agree to be + bound by the terms of this agreement. There are a few things that you + can do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying with the + full terms of this agreement. See paragraph <a href="#pglicense1C" class="tei tei-ref">1.C</a> below. There are a lot of things you can + do with Project Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this + agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ electronic + works. See paragraph <a href="#pglicense1E" class="tei tei-ref">1.E</a> below.</p></div><div id="pglicense1C" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.C.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (<span class="tei tei-q">„the Foundation“</span> or PGLAF), owns a compilation + copyright in the collection of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the + individual works in the collection are in the public domain in the + United States. If an individual work is in the public domain in the + United States and you are located in the United States, we do not claim + a right to prevent you from copying, distributing, performing, + displaying or creating derivative works based on the work as long as all + references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope that you will support + the Project Gutenberg™ mission of promoting free access to electronic works by + freely sharing Project Gutenberg™ works in compliance with the terms of this + agreement for keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can + easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in + the same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you share it + without charge with others.</p></div><div id="pglicense1D" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.D.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The copyright laws of the place where you are located also govern + what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in + a constant state of change. If you are outside the United States, check + the laws of your country in addition to the terms of this agreement + before downloading, copying, displaying, performing, distributing or + creating derivative works based on this work or any other Project Gutenberg™ work. + The Foundation makes no representations concerning the copyright status + of any work in any country outside the United States.</p></div><div id="pglicense1E" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.E.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unless you have removed all references to Project Gutenberg:</p><div id="pglicense1E1" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.1.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The following sentence, with active links to, or other immediate + access to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever any + copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> + appears, or with which the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is associated) is + accessed, displayed, performed, viewed, copied or distributed: + + </p><div class="block tei tei-q" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 0.90em"><span style="font-size: 90%">This eBook is for the use of + anyone anywhere at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it + away or re-use it under the terms of the Project + Gutenberg License included with this eBook or + online at </span><a href="http://www.gutenberg.org" class="tei tei-xref"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p></div></div><div id="pglicense1E2" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.2.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the public + domain (does not contain a notice indicating that it is posted with + permission of the copyright holder), the work can be copied and + distributed to anyone in the United States without paying any fees or + charges. If you are redistributing or providing access to a work with + the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> associated with or appearing on the work, you + must comply either with the requirements of paragraphs <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 or obtain permission for + the use of the work and the Project Gutenberg™ trademark as set forth in paragraphs + <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p></div><div id="pglicense1E3" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.3.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the permission + of the copyright holder, your use and distribution must comply with both + paragraphs <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 and any + additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms will + be linked to the Project Gutenberg™ License for all works posted with the permission + of the copyright holder found at the beginning of this work.</p></div><div id="pglicense1E4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.4.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License terms from + this work, or any files containing a part of this work or any other work + associated with Project Gutenberg™.</p></div><div id="pglicense1E5" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.5.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this + electronic work, or any part of this electronic work, without + prominently displaying the sentence set forth in paragraph <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> with active links or immediate access + to the full terms of the Project Gutenberg™ License.</p></div><div id="pglicense1E6" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.6.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may convert to and distribute this work in any binary, + compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including + any word processing or hypertext form. However, if you provide access + to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than + <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or other format used in the official + version posted on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you must, at + no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a + means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon + request, of the work in its original <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or + other form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License + as specified in paragraph <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1.</a></p></div><div id="pglicense1E7" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.7.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing, + copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply with + paragraph <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p></div><div id="pglicense1E8" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.8.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to + or distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that</p><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">• </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you already use to + calculate your applicable taxes. The fee is owed to the owner of the + Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to donate royalties under this + paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 days + following each date on which you prepare (or are legally required to + prepare) your periodic tax returns. Royalty payments should be clearly + marked as such and sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">Section 4, <span class="tei tei-q">„Information about donations to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation.“</span></a></p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">• </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he does + not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License. You must require such + a user to return or destroy all copies of the works possessed in a + physical medium and discontinue all use of and all access to other + copies of Project Gutenberg™ works.</p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">• </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You provide, in accordance with paragraph <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">1.F.3</a>, a full refund of any money paid for a + work or a replacement copy, if a defect in the electronic work is + discovered and reported to you within 90 days of receipt of the + work.</p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">• </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg™ works.</p></td></tr></tbody></table></div><div id="pglicense1E9" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.9.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic work or + group of works on different terms than are set forth in this agreement, + you must obtain permission in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael + Hart, the owner of the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set + forth in <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">Section 3</a> below.</p></div></div><div id="pglicense1F" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.F.</span></h3><div id="pglicense1F1" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.1.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to identify, + do copyright research on, transcribe and proofread public domain works + in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ + electronic works, and the medium on which they may be stored, may + contain <span class="tei tei-q">„Defects,“</span> such as, but not limited to, incomplete, + inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright or other + intellectual property infringement, a defective or damaged disk or other + medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot be + read by your equipment.</p></div><div id="pglicense1F2" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.2.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the <span class="tei tei-q">„Right of + Replacement or Refund“</span> described in <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">paragraph + 1.F.3</a>, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™ trademark, and any + other party distributing a Project Gutenberg™ electronic work under this agreement, + disclaim all liability to you for damages, costs and expenses, including + legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT + LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE + PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK + OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE LIABLE TO + YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR INCIDENTAL + DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.</p></div><div id="pglicense1F3" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.3.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect in + this electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a + refund of the money (if any) you paid for it by sending a written + explanation to the person you received the work from. If you received + the work on a physical medium, you must return the medium with your + written explanation. The person or entity that provided you with the + defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a + refund. If you received the work electronically, the person or entity + providing it to you may choose to give you a second opportunity to + receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy + is also defective, you may demand a refund in writing without further + opportunities to fix the problem.</p></div><div id="pglicense1F4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.4.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Except for the limited right of replacement or refund set forth in + <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">paragraph 1.F.3</a>, this work is provided + to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR + IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR + FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p></div><div id="pglicense1F5" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.5.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or + the exclusion or limitation of certain types of damages. If any + disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law of + the state applicable to this agreement, the agreement shall be + interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by + the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any + provision of this agreement shall not void the remaining provisions.</p></div><div id="pglicense1F6" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.F.6.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, the + trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone + providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this + agreement, and any volunteers associated with the production, promotion + and distribution of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all + liability, costs and expenses, including legal fees, that arise directly + or indirectly from any of the following which you do or cause to occur: + (a) distribution of this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, + modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any + Defect you cause.</p></div></div></div><div id="pglicense2" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 2.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about the Mission of Project Gutenberg™</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic works + in formats readable by the widest variety of computers including + obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the + efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks + of life.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Volunteers and financial support to provide volunteers with the + assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg™'s goals and + ensuring that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for + generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a + secure and permanent future for Project Gutenberg™ and future generations. To learn + more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see + Sections <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">3</a> and <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">4</a> and the Foundation web page at <a href="http://www.pglaf.org" class="tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a>.</p></div><div id="pglicense3" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 3.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation + organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax + exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or + federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter + is posted at <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf</a>. Contributions + to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. + federal laws and your state's laws.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. + S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are + scattered throughout numerous locations. Its business office is + located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) + 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date + contact information can be found at the Foundation's web site and + official page at <a href="http://www.pglaf.org" class="tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">For additional contact information: + + </p><div class="block tei tei-address" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">Dr. Gregory B. Newby</span></span><br /><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">Chief Executive and Director</span></span><br /><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">gbnewby@pglaf.org</span></span><br /></div></div><div id="pglicense4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 4.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread public + support and donations to carry out its mission of increasing the number + of public domain and licensed works that can be freely distributed in + machine readable form accessible by the widest array of equipment + including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are + particularly important to maintaining tax exempt status with the + IRS.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Foundation is committed to complying with the laws regulating + charities and charitable donations in all 50 states of the United + States. Compliance requirements are not uniform and it takes a + considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up + with these requirements. We do not solicit donations in locations where + we have not received written confirmation of compliance. To SEND + DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state + visit <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">While we cannot and do not solicit contributions from states where we + have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition + against accepting unsolicited donations from donors in such states who + approach us with offers to donate.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">International donations are gratefully accepted, but we cannot make + any statements concerning tax treatment of donations received from + outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and + addresses. Donations are accepted in a number of other ways including + checks, online payments and credit card donations. To donate, please + visit: <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p></div><div id="pglicense5" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 5.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">General Information About Project Gutenberg™ electronic + works.</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-name">Professor Michael S. Hart</span> is the + originator of the Project Gutenberg™ concept of a library of electronic works that + could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and + distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of volunteer + support.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, all of + which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright + notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in + compliance with any particular paper edition.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's + eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, + compressed (zipped), HTML and others.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Corrected <em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">editions</span></em> of our eBooks replace the old file + and take over the old filename and etext number. The replaced older file + is renamed. <em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Versions</span></em> based on separate sources are treated + as new eBooks receiving new filenames and etext numbers.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Most people start at our Web site which has the main PG search + facility: + + <a href="http://www.gutenberg.org" class="block tei tei-xref" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how to + make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and + how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p></div></div></div> + </div> + </div> + </div> +</body></html> diff --git a/35758-h/images/cover.jpg b/35758-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f72b992 --- /dev/null +++ b/35758-h/images/cover.jpg diff --git a/35758-pdf.pdf b/35758-pdf.pdf Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cb34130 --- /dev/null +++ b/35758-pdf.pdf diff --git a/35758-pdf.zip b/35758-pdf.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0b79367 --- /dev/null +++ b/35758-pdf.zip diff --git a/35758-tei.zip b/35758-tei.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..03d836b --- /dev/null +++ b/35758-tei.zip diff --git a/35758-tei/35758-tei.tei b/35758-tei/35758-tei.tei new file mode 100644 index 0000000..6a15eaf --- /dev/null +++ b/35758-tei/35758-tei.tei @@ -0,0 +1,3837 @@ +<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?> +<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd"> +<TEI.2 lang="de"> + <teiHeader> + <fileDesc> + <titleStmt> + <title>Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter</title> + <author><name reg="Kahlenberg, Hans von">Hans von Kahlenberg</name></author> + </titleStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <date value="2011-04-02">April 2, 2011</date> + <idno type='etext-no'>35758</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere + at no cost and with almost no restrictions whatsoever. + You may copy it, give it away or re-use it under + the terms of the Project Gutenberg License online at + www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <bibl> + <author><name reg="Kahlenberg, Hans von">Hans von Kahlenberg</name></author> + <title>Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter</title> + <edition>12.-14. 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Denn ich frage Dich, Skeptiker +und Realist, was wäre das Leben überhaupt +wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier auf +der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit, +die Freude an dem, was man in +sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen, +wenn man sich nicht mitteilen könnte, wenn +die lieben Frauen nicht wären, die liebe, +schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, +teilnehmendes Wesen sein eigen zu nennen. +</p> + +<p> +Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst +nun sagen was Du willst und Erfahrungen +haben so viele Du willst – ich bedauere Dich +oft darum. Ich behaupte, sie sind das Einzige +im Leben, das es für Unsereinen überhaupt +erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter +ihnen, süsse, unschuldige Blumen, tausendmal +besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom +Himmel herunter gesandt, damit man eine +<pb n='3'/><anchor id='Pgp003'/>Ahnung behalten soll hier unten im Staube, +wie’s da oben aussah. +</p> + +<p> +Lache nun wie Du willst über den Romantiker, +den Thoren, den Parzival! Es ist +zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz +zu machen, Du alter, lieber Freund, trotz +Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich +bin glücklich, unbeschreiblich, lautjubelnd, +stillselig glücklich! – Ich liebe. +</p> + +<p> +Da steht es nun. Das Wort kommt mir +fast profan vor Dir gegenüber. Weisst Du +überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, +gute, frohe und starke Liebe, Du grosser +Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter +Sachverständiger in Liebesangelegenheiten, +unvergleichlicher Vivisektor der Gefühle? – +Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer +Krautjunker und dörflicher Pylades, aber das +weisst Du doch nicht. +</p> + +<pb n='4'/><anchor id='Pgp004'/> + +<p> +Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, +der sich immer zwischen Häuserreihen +und elektrischen Lampen umhergetrieben +hat, berühmt mit sechsundzwanzig, +vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen +des Salons zu Füssen lagen, diese Frauen, +die Du kennst, die Du schilderst wie Keiner, +Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale +Messalinen, Prostituierte des Herzens +und der Phantasie, die für mich +schlechter sind, als Strassendirnen, die ehrliche, +schmutzige Gemeinheit ohne Eau de +Lys und präraffaelitischen Faltenwurf. +</p> + +<p> +Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen +habe in seinem grünen, glatten Eidechseneinband +mit hochmodernen Winkeln und +Schnörkeln und den beunruhigenden Halbfrauen- +und Sphynxemblemen, hier in meiner +alten, verräucherten Bude mit den +Hirsch<pb n='5'/><anchor id='Pgp005'/>geweihen und den alten Preussenkönigen und +ihren alten, strammen Soldaten darunter, +dann möcht’ ich es gerade an die Wand +werfen und hinausstürmen. Freie Luft! +Bäume! Erdgeruch! Hier ist doch noch Natur, +Wahrheit, Keuschheit! +</p> + +<p> +– – – – Und doch ist auch sie keine +Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim +Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume, +blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem +Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? +Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind +noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste +Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht, +die schon drei Winter ausgegangen sind, deren +Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit +man mit faden Schmeicheleien +vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte, +hat einen Fleck darauf zurückgelassen. +</p> + +<pb n='6'/><anchor id='Pgp006'/> + +<p> +Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin +der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende +Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand +entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen. +Du kennst die Partnachklamm. So +faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit +unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du +mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee +aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, +die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen. +Sie war forsch gewesen. Sie hatte die +Innentour machen wollen, die kleine, kecke +Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige +Felswand gedrückt, blass und zitternd mit +ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen +den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden +Wasserstaube, der das winzige, zierliche +Sonnenschirmchen durchnässte wie ein +Lümpchen. +</p> + +<pb n='7'/><anchor id='Pgp007'/> + +<p> +Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte, +Schrittchen für Schrittchen an meinem +langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie +hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe +Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher +durchsteuern durch das ängstliche, riesige +Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist +ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, +aber derjenige, dessen man sich am häufigsten +und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu +sein, und doch Alles wieder nur, um so ein +kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten, +zu schützen, das Einen mit einem +Lächeln um den winzigen Finger wickelt. +</p> + +<p> +Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte +mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen. +Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises – +allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie +es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen +<pb n='8'/><anchor id='Pgp008'/>Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. +Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein +Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er +Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde +– etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen +und blonde Burgfrauen. – Wie ich den +Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen +in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der +Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom +alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft, +Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die +Mutter, die echte deutsche Frau, blühend, +mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas +Reinliches um die Frau, keine Unordnung, +keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine +Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, +diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde +– ich hasse Abkürzungen. Ich nenne +sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder +<pb n='9'/><anchor id='Pgp009'/>gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es +passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen, +blonde Augen, eine Haut von der +Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes. +Ich schwärme für schönen Teint bei +Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der +inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest +sich in den Wellen des Blutes unter der +Milchweisse der Unschuld. +</p> + +<p> +Und sie ist ja so kinderjung noch! Es +ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von +B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich +will um sie werben. Blatt für Blatt möchte +ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, +Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. +Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche +Aufgabe! +</p> + +<p> +Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor. +Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen +<pb n='10'/><anchor id='Pgp010'/>von der Welt, vom Leben, vom ganzen, +grossen Menschheitswesen? Dass der liebe +Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen, +dass Friedrich der Grosse mit +einem Krückstock ausging, dass ein gewisser +Goethe einen gewissen Faust geschrieben +hat? <hi rend='gesperrt'>Meine</hi> Aufgabe wird es sein, sie +einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm. +Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt, +wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer +liebevoller Brust! +</p> + +<p> +Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde +nicht in Pension gewesen ist. Ich +hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen, +unheimatlichen Orten unter ungenügender +Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht +fehlen können. Ich habe meine ländliche +Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. +Und wenn Ihr mich nachher als +<pb n='11'/><anchor id='Pgp011'/>„reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe +Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht +genossen, in kleinen Kursen, mit +Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste +Freundin ist die Tochter eines pensionierten +Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen. +Sie sind fast unzertrennlich, +da geht dann ein sehr liebliches, beständiges +Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser +tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues +Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten +Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich +rührend diese Einfalt gerade ist! +Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete, +dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich +selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst +meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht +vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine +Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind! +</p> + +<pb n='12'/><anchor id='Pgp012'/> + +<p> +Lache über mich! Zucke die Achseln! +Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf +über den Menschen, den Esel, den Dummkopf, +der in einem sechzehnjährigen Kinde, +einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, +eine Krone, eine Erlösung! +</p> + +<signed rend="text-align: left">Ich bin glücklich! Dein Achim.</signed> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='13'/><anchor id='Pgp013'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweiter Brief.</head> + +<byline rend="center">Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin +bei Rathsdorf, Kreis Jüterbog in der Mark.</byline> + +<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2"> +Teurer Parzival! +</salute> + +<p> +Heute also zu Deiner Epistel von gestern. +</p> + +<p> +Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische +Miene aufgesetzt. Ich kannte ja die +dicken Couverts, das Wappen Semper idem, +die engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling. +</p> + +<p> +Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt +habe ich! Kommt denn der Mensch +nie aus dem Zahnen heraus! +</p> + +<p> +Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten, +stark magdalenenhaften Witib aus +den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen +<pb n='14'/><anchor id='Pgp014'/>Backfisch herein, einen Berliner Backfisch, +eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch! +Die Götter wollen Dein Verderben. +</p> + +<p> +Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne +das Original. Ich sehe es zu Dutzenden alle +Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz, +manchmal noch mit der Schulmappe +und dem Bammelzopf sogar, das +äugelt und kichert auf der Pferdebahn, giebt +sich in Konditoreien Rendezvous, liest Tovote +und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge +erröten, und träumt von chambres séparées, +alten Männern mit Millionen und +Hausfreunden, die Gesandtschaftsattachés +sind. +</p> + +<p> +Der Schändliche! Der Pessimist! wirst +Du sagen, und dann kommt die ganze Philippika +gegen moderne Kunst und Volksvergifter. +</p> + +<pb n='15'/><anchor id='Pgp015'/> + +<p> +Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal +Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so +schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich +waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke +gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und +staune. +</p> + +<p> +Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich +neige in Demut vor der skeptischen Thatsache +mein mephistophelisches Haupt: Leben! +Du bist doch noch eine ärgere Komödie als +ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, +alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber. +</p> + +<p> +Übrigens ja doch! lachen musste ich +doch. +</p> + +<p> +Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, +blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter +aus W..... +</p> + +<p> +Weisst Du noch, wenn Du mir +Stand<pb n='16'/><anchor id='Pgp016'/>reden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet +warst, mich der Phantasie beschuldigtest, +teuflischer Verführungskünste? +</p> + +<p> +Diesmal wirst Du wenigstens zugeben +müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu +gekommen bin, auf die allerunschuldigste, +buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen +Freunden u. s. w.“ +</p> + +<p> +Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft +und wickelkindsfromm in Morpheus Armen, +als Martin zwei Damen meldet. +</p> + +<p> +Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er +hat dann förmlich etwas Priesterliches, die +Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste +öffnet. +</p> + +<p> +Neulich war meine liebe, alte, dicke +Schwester Jule bei mir, die in München der +edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich +das garstigste, ehrlichste, fidelste +Frauen<pb n='17'/><anchor id='Pgp017'/>zimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen +Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende +im moralischen Leben. +Martin bediente uns während des Essens +mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit, +die anfing lähmend zu wirken. Jule +wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten +Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit +und liebt es, denselben goutiert zu sehen +auch von den geringeren Göttern. Martin +zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf +sie einen fast schüchternen Seitenblick auf +sein glattes, undurchdringliches Gesicht. +</p> + +<p> +Nach dem Diner der Kaffee. Martin +huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle +Jalousieen heruntergelassen und die Stores +vorgezogen – notabene es war drei Uhr +nachmittags. Die Lampen brennen durch +rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft +<pb n='18'/><anchor id='Pgp018'/>wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht +sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem +Tabak und giesst einen Cognac +nach dem andern hinter die Binde. Martin +präsentiert Feuer von dem züngelnden +Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und +träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib +einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. +Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin +hatte beides vorsorglich von dem Riegel im +Entree weggetragen und hinter einer opportun +aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen +Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt +das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. +Im Schlafzimmer ist es Nacht. +Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder +gelber Seidenkouvertüre. Über +dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, +lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches +Flämm<pb n='19'/><anchor id='Pgp019'/>chen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert, +Kämme, Brennscheere, langbeinige +Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes +Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule +trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren. +</p> + +<p> +„Du –“, sagte meine alte brave Schwester, +wiedereintretend, mit einem sehr energischen +Klink der Thür, der ihm durch und durch +gehen musste. „Wenn der im Paradies dabei +gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott +sich sparen können.“ +</p> + +<p> +Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit +gegen das weibliche Geschlecht eine +schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest, +was ich durch diese Höflichkeit schon +gelitten habe! Das ist physisch bei mir. +</p> + +<p> +Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick +in den Spiegel, eine Handbewegung nach +dem Schnurrbart, eine ebensolche an die +<pb n='20'/><anchor id='Pgp020'/>Halsbinde. Der äussere Mensch wäre gerüstet. +</p> + +<p> +Mein Junggesellenheim kann sich immer +zeigen. Das ist mein Stolz, und Martin ist +darin gut erzogen. En avant donc! +</p> + +<p> +„Meine Damen, was verschafft mir die +Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! ein blonder +und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus +gutem Hause – Handschuh, Stiefel – viel +Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort. +</p> + +<p> +„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl? +Wir haben Ihr Buch: „Verbotne +Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich +wollten Sie gern mal kennen lernen.“ +</p> + +<p> +Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis +mit dreisten, hellen Augen. Die Blonde +steht verschämt mit schlagenden Wimpern. +</p> + +<p> +„Ich bin meinem Buche sehr dankbar, +dass es mir solch reizende Bekanntschaft +<pb n='21'/><anchor id='Pgp021'/>vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz +nehmen, meine Damen?“ +</p> + +<p> +Sie setzen sich, beide natürlich auf einen +Stuhl. Sie kichern. Die Blonde bearbeitet die +Braune sehr energisch in der Knie- und +Ellenbogengegend. +</p> + +<p> +Die ist schon ganz frech: „Ich heisse +Kathinka Schnebeling und meine Freundin +heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für +moderne Litteratur. Meine Freundin schwärmt +für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie +von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“ +</p> + +<p> +„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich +– ein alter Mann mit einem kahlen Kopfe....“ +</p> + +<p> +Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen +müssen sehr solide Knochen haben, +dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen +so gut vertragen. +</p> + +<p> +„Unsre ganze Klasse schwärmt für: +„Ver<pb n='22'/><anchor id='Pgp022'/>botne Früchte“. Wir haben es Alle gelesen. +Oh wir lesen Alles!“ +</p> + +<p> +Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz +kurzen Sätzen. +</p> + +<p> +Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch +aber eigentlich in Ihrem Alter ....“ +</p> + +<p> +„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten +gewesen mit meinem Vetter Hubi und +„Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“ +</p> + +<p> +„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher +Mensch ... Aber merkt denn das Ihre Frau +Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“ +</p> + +<p> +„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt +Patiencen,“ (schriftlich nicht wiederzugebende +Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte +Beschäftigung des wackren alten Herrn). +„Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen +haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, +eine Mischung von Kätzchenmiauen und +<pb n='23'/><anchor id='Pgp023'/>Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, +christlicher Vorname ebenso unmöglich +wäre wie ein ordentliches, honettes Ja +oder Nein – –, „Itta wollte so gern zu +Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta +schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am +liebsten, hauptsächlich Garde und Kavallerie.“ +</p> + +<p> +„Aber Kitty!“ ... +</p> + +<p> +Also die Blonde! Die Blonde war auch +eigentlich die Niedlichste. +</p> + +<p> +Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen. +Martin ist darin vollkommen. +</p> + +<p> +Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem +Wein nippten sie nur. +</p> + +<p> +Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. +Sie brannten förmlich vor Interesse. Eine +dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin +auf meinem Schreibtisch enttäuschte sie +sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige +Bou<pb n='24'/><anchor id='Pgp024'/>chers entschädigten sie etwas. Sie stiessen +sich an und kicherten. Sicher hatten sie erwartet, +die ganzen Wände voll nackender +Frauenzimmer zu finden, alle fünf Barrisons +mindestens! +</p> + +<p> +„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe +kriegen? Olga Krohn sagt es.“ +</p> + +<p> +Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen. +Ich zeige männliche Bescheidenheit: „Ab +und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen +einem armen Sterblichen ihre Gunst erweisen.“ +</p> + +<p> +„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie +gehabt?“ +</p> + +<p> +„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“ +</p> + +<p> +„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich +gewesen?“ +</p> + +<p> +„Unsäglich!“ +</p> + +<p> +Dabei betrachten sie mich kritisch wie +zwei kleine, menschenfressende Ungeheuer, +<pb n='25'/><anchor id='Pgp025'/>ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust +aufknöpfen und das traditionelle blutende +Herz mit dem grossen Knax mittendurch +entfalten werde. +</p> + +<p> +„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen +und gänzlich unromantischen Person ..“ +</p> + +<p> +Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, +Gymnasiasten, einem Studenten, einem Courmacher +der Blonden ... Was die Eine nicht +sagte, verriet die Andre, – die Braune immer +ein Schrittchen voraus und die Blonde nachhelfend +... von Susi Hausner und Litty Mehring +und Daisy Grimme ... Oh, die war ganz +schlimm, Daisy Grimme! +</p> + +<p> +Und als ich ganz bescheidentlich einmal +einen rein technischen Zweifel zu äussern +wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man +hatte ja seine Musikstunden, Kurse, die +Schneiderin zum Anprobieren. Das System +<pb n='26'/><anchor id='Pgp026'/>funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime +Konnivenz aller dieser Faktoren +blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu +verlieren, Kundschaft einzubüssen. +</p> + +<p> +Ich sage Dir, es war entzückend, die +beiden heissen, niedlichen, kleinen Käfer! +</p> + +<p> +Es schlägt sechs Uhr. +</p> + +<p> +Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen +wir aber gehn.“ +</p> + +<p> +„Schon?“ +</p> + +<p> +Mit einem ermutigenden Puff an die +Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“ +</p> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Ich!</hi> „Wenn ich auf ein solches Glück +hoffen dürfte?“ ... +</p> + +<p> +„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die +Blonde. +</p> + +<p> +Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der +stumme Handkuss ist ausserordentlich wirkungsvoll, +ehrfürchtig, bescheiden, +viel<pb n='27'/><anchor id='Pgp027'/>sagend – und stumm! Ich empfehle Dir den +stummen Handkuss. – – – +</p> + +<p> +Ich muss gestehen, etwas chokiert war +ich doch. +</p> + +<p> +Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas +sind am Ende unsre Schwestern. Sowas heiratet +man. Mit sowas setzt man Töchter in +die Welt, die wieder schlechtbeleumundeten +Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr ..... +</p> + +<p> +Da hast Du was für Dein glühendes Herz! +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='28'/><anchor id='Pgp028'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dritter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze +getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen, +alter Seelenvergifter! +</p> + +<p> +Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. +Wenn man die Thatsache vor sich sieht, +schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem +die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht +weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher +entrüstet sich nicht einmal moralisch. +</p> + +<p> +– – – – Sie ist noch immer geschlossen, +süss und ahnungslos. +</p> + +<p> +Aber manchmal kommt es mir vor, als +ginge ein Erschauern durch die schlanke +Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung +künf<pb n='29'/><anchor id='Pgp029'/>tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher +Sonnenwärme. +</p> + +<p> +Wir sassen auf dem Balkon. +</p> + +<p> +Ich sah sie wohl zu heiss an. +</p> + +<p> +Sie verwirrte sich. Sie war still. +</p> + +<p> +Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren +Ausdruck als den Koriolans an sein +Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt +darin eine solche Tiefe der Unberührtheit. +Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, +auf Dich zum Beispiel. Nur die +Natur hat dieses Schweigen – der See – +der Himmel – die Frau ... +</p> + +<p> +Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk +kennen zu lernen. Sie hat im Hause +ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, +Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao +zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen +hält sie selbst in Ordnung, die kleinen +Röck<pb n='30'/><anchor id='Pgp030'/>chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen. +Die Mutter hat sie schlicht und häuslich +erzogen, wie sie selber ist. Mathilde +kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen +selber führen. Ich finde das entzückend. +</p> + +<p> +Dazu nimmt sie noch einige Stunden +weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W. +Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu +zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl +ein kleiner Spaziergang mit der Freundin +verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich. +Wie das schwätzt und schnäbelt! +– all diese unschuldigen Vertraulichkeiten, +die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn +Jahre. +</p> + +<p> +Das thut mir manchmal fast weh. +</p> + +<p> +Wieviel muss da sein, von dem wir nichts +ahnen, für das wir kein Verständnis haben, +ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, +<pb n='31'/><anchor id='Pgp031'/>ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen, +den Frauen gegenüber ein schüchterner +Stümper! +</p> + +<p> +Wieviel andrerseits haben wir nicht zu +geben, einzuweihen hinein! +</p> + +<p> +Vorerst mein liebes, altes Templin selbst +mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten. +Unsre Mark <hi rend='gesperrt'>hat</hi> Schönheiten, ihre +sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich +nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde, +dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, +Italien, Norwegen – das Meer ... +</p> + +<p> +Die Partenkirchner Tour war ihre erste +Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich +bin, soviel Schönes erschliessen kann für +mein Lieb. +</p> + +<p> +Wie wird sie staunen vor den grossen +Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische +Berlinerin, die nichts kennt! +</p> + +<pb n='32'/><anchor id='Pgp032'/> + +<p> +Alle meine Lieblingsbücher will ich mit +ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm. +</p> + +<p> +Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, +teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen, +die das Vaterland bewegen, stolz sein +auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus, +unsern herrlichen, alten Bismarck. +</p> + +<p> +Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein +vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“ +</p> + +<p> +Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens +würdig finden. +</p> + +<p> +Bin ich ihrer würdig? +</p> + +<p> +Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du +weisst, ich habe nie ein ausschweifendes +Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets +abgestossen, sowohl bei Männern wie bei +Frauen, und keine künstlerische Verklärung, +keine Sophismen der Leidenschaft es in +meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr +<pb n='33'/><anchor id='Pgp033'/>verspottet mich oft mit meinen Ansichten, +meiner Josephhaftigkeit. +</p> + +<p> +Und doch, wieviel bleibt haften auch in +einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke +– was man vielleicht nur gehört, gesehen +hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit +gegen Mathildens strahlende, unbewusste +Reinheit und Unschuld. Ich zittre, +dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache +meine Worte, meine Blicke. Fast +versuche ich, meine Stimme zu mässigen. +</p> + +<p> +Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche +mit ihr! Ich frage und sie antwortet: +Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen +Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt, +er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift +auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge +mich wert machen, dass es die rechte +Schrift sei! +</p> + +<pb n='34'/><anchor id='Pgp034'/> + +<p> +Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage. +</p> + +<p> +Als ich um die Nachmittagsstunde zum +Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast, +wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau +von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört +zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es +geht nicht anders, man kann nicht die Erste +sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher +esprit de corps mit in Frage. +</p> + +<p> +Es ist ja auch was Wahres dran. Wie +ich diese laxe Moral der Welt hasse! +</p> + +<p> +Auch Mathilde war im Salon. <hi rend='gesperrt'>Sie</hi> sprach +mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige +Stirn. Dies Weib! mit meinem +Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna! +</p> + +<p> +Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher +Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig, +hat ihre Partei. +</p> + +<pb n='35'/><anchor id='Pgp035'/> + +<p> +Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den +Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es +ist gegen ihren Willen heute geschehen. +</p> + +<p> +Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen +sah mich halb erschrocken an, welche böse +Laune den Freund heut plage. Ach wenn +Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist, +die mich zittern macht, sonst nichts, nichts +auf der Welt, seit ich Dich habe! +</p> + +<p> +Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt +ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir +fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige +Thränen einer süssen Furcht. Ob sie +abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen +wohl öfters wachliegt und an was sie denkt? +Ob sie dann auch an mich denkt? +</p> + +<p> +Noch ein entzückender Zug. +</p> + +<p> +Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen +erwartet, schon das vierte. +</p> + +<pb n='36'/><anchor id='Pgp036'/> + +<p> +Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, +Hemdchen, Bettchen, die man besorgen +müsste. Die beiden Frauen sprachen +leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln +ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll +wie vor einer Weihnachtsbescherung. +</p> + +<p> +Mathilde war hinausgegangen um sich +eine Schere zu holen. +</p> + +<p> +„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau +von B. lächelnd. +</p> + +<p> +Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese +Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt. +Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben, +wenn Alles rein und licht ist, +mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl! +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='37'/><anchor id='Pgp037'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vierter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, +mehr von der psychologischen als +von der persönlichen Seite. Ich bin schon +so weit. Das bringt das Handwerk mit sich, +die Seziergewohnheit. +</p> + +<p> +Also am Mittwoch ein zierliches, rosa +Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich, +kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie +mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme +allein. Ihre J. +</p> + +<p> +Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle +und sieht aufmerksam und erwartungsvoll +aus. Da stand sie in ihrem +dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem +Astrachan, glühendrot. +</p> + +<p> +Diesmal küsste ich sie natürlich. +</p> + +<p> +Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst +<pb n='38'/><anchor id='Pgp038'/>halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren, +Du zum Beispiel! Im Kuss liegt +Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ... +Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen, +leichten Voranschlag. Man macht dann keine +Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher. +</p> + +<p> +Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, +aber stillehaltend. Das Herzchen +bupperte zum Zerspringen, halb von der +Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“ +</p> + +<p> +Ich beruhigte sie: Eine Etage höher +wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer +hingehen können, wenn Ihnen jemand auf +der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat +einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. +Martin ist verschwiegen wie das Grab. +</p> + +<p> +Sie hatte über das Alles nachgedacht. +Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher. +</p> + +<pb n='39'/><anchor id='Pgp039'/> + +<p> +Dann die moralischen Garantien. +</p> + +<p> +„Du denkst doch auch nichts Schlechtes +von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen +<anchor id="corr039"/><corr sic="bin?">bin?“</corr> (in Parenthese – hast Du schon jemals +eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem +Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie +trägt Jägerwäsche und philosophiert im +Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es +ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen +habe – und es ist so schrecklich langweilig +zu Hause, und weil Du so nett bist.“ +</p> + +<p> +Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, +küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse +sie ins Ohrläppchen. +</p> + +<p> +Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und +zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen +so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken +und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar +wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner, +<pb n='40'/><anchor id='Pgp040'/>rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung +und Klage. Der Sirenenton. +</p> + +<p> +Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: +Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet. +Es charakterisiert das ganze Genre, +lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen, +unfähig im Grunde. Der Fischschwanz! +</p> + +<p> +Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. +Das geht zu glatt: „Ich liebe +Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! +Du bist der einzigste, himmlischste Mann, +den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch. +</p> + +<p> +Dazu kein lautes Wort, keine hässliche +Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss +und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine +Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen, +die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte +Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr +Ästhetiker dazu. +</p> + +<pb n='41'/><anchor id='Pgp041'/> + +<p> +Und dann das Psychologische! das ist +einfach unbezahlbar. +</p> + +<p> +Dann wird sie Meister und ich demütiger +Schüler. Ich staune, was der Balg weiss. +Und woher weiss sie es? +</p> + +<p> +Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“ +</p> + +<p> +Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir +eine ganze soziale Unterschicht, von der wir +keine Ahnung haben, eine Haremswelt, +weisse Pensionatsbettchen, in denen man +sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten, +am Schlüsselloch Erlauschtes, +eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an +Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor +dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, +Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof +und Watteauboudoir. Sie erzählte mir +eine Geschichte von einer Bekannten, einer +vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, +<pb n='42'/><anchor id='Pgp042'/>die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem +Geliebten aus dem Cirkus durchging, während +er mit ihrer Reisetasche und ihrem +Regenschirm auf dem Perron stehen blieb. +Dieser Regenschirm und diese Reisetasche +erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen, +perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit. +</p> + +<p> +Dann hat man Brüder, Vettern ... Der +„Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte. +Sowas ist nicht mehr ganz Bruder +und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es +hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu +brauchen. Sowas kompromittiert nicht und +verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es +ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- +und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen +Übergangsstadien, éclaireur-Dienste, +Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders +explizit in dem Punkte. Sie hat Angst +<pb n='43'/><anchor id='Pgp043'/>vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit +des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist +er überall mal dagewesen. Du magst noch +so früh aufstehn und noch so fein deduzieren: +Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir +das als Axiom. +</p> + +<p> +Dann will sie Abenteuer von mir wissen. +Darin ist sie unersättlich. Es ist die Phantasie +eines kleinen Ungeheuers, die sich zu +befriedigen sucht: Notzucht, Incest, Unnatur. +Die ganze Weltgeschichte, die ganze +Kunst, die halbe Religion mindestens ist für +sie nur das. Das merkt sie sich, das hat sie +behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit +etwas Imponierendes und Schreckliches: +Der Pfeil, der sehr grade abgeht, +mitten ins Leben, in den Herzpunkt, die +Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! – +Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“ +</p> + +<pb n='44'/><anchor id='Pgp044'/> + +<p> +Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft +interessieren sie, Whipchen, Martin, der bric +à brac. +</p> + +<p> +Und Küssen zwischendurch! +</p> + +<p> +Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. +Dazu ist sie zu subtil, zu wenig Natur. +</p> + +<p> +Das ist Alles spielerisch wie bei einer +jungen Katze. Sie lässt sich küssen, streicheln, +anfassen .... +</p> + +<p> +Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen, +die Angst vor dem Wehthun, dem +Baby, die Heiratschance. +</p> + +<p> +Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir +haben kein Vermögen. Else und Dada +haben auch geheiratet.“ +</p> + +<p> +Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. +Das ist das Vernünftige, die Versorgung. +</p> + +<p> +Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue +Ehefrau. +</p> + +<pb n='45'/><anchor id='Pgp045'/> + +<p> +Schliesslich kann man es ihnen verdenken? +</p> + +<p> +Die falsche, unnatürliche Erziehung, die +Heimlichthuerei. Was haben die Würmer zu +hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, +den sie sich nicht mal selbst aussuchen können, +der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal +wie eine Cocotte. Kann man sich verwundern, +wenn sie vorher etwas Champagnerschaum +schlürfen wollen? +</p> + +<p> +Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv, +so ’n kleines, dummes Ding, nicht für +zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, +total ungebildet, wie eine orientalische Haremsdame! +</p> + +<p> +Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt +sich ganz instinktiv: „Der ist der Richtige. +Der versteht etwas von der Sache. Il sait +aimer.“ +</p> + +<p> +„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre +ein<pb n='46'/><anchor id='Pgp046'/>zige Angst, eine süsse, gruselige Angst. Dann +kichert sie über die dummen Menschen, +Papa, Mama, die Leute, da unten auf der +Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in +seiner Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen. +</p> + +<p> +Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist +so unmoralisch!“ .. +</p> + +<p> +Dann küsse ich sie wieder. +</p> + +<p> +Sie legt mir die Ärmchen um den Hals, +nennt mich Engelchen, Liebling, süsses Herz +– und dass sie mich ewig, ewig lieben wird. +</p> + +<p> +Kleine Kanaille! – Na, das sind sie +Alle. +</p> + +<p> +Bewunderungswert bleibt eigentlich nun +immer die Dummheit der Männer, der Glaube +an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige +ist, dem das Wunder passiert. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='47'/><anchor id='Pgp047'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfter Brief."/> +<head>Fünfter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Weisst Du, dass ich manchmal förmlich +Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt, +als müsste ich Dich bekehren. +</p> + +<p> +Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest +glauben und niederknieen wie ich. +</p> + +<p> +Schon wenn ich das Haus betrete, das +friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen +Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. +Wenn er erst männlich +auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie +wohl nach, eine echte und kluge Frau, um +vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren +Vorschlag wieder anzubringen, ihn +zu suggerieren als eignen Beschluss. +</p> + +<p> +Ich habe jetzt auch den Bruder kennen +<pb n='48'/><anchor id='Pgp048'/>gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst +hierher kommandiert ist. Ein echtes +Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen, +ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt +doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, +dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er +auch ab und zu, wie er mir selber freimütig +gestand, etwas über die Stränge geschlagen +hat. +</p> + +<p> +Natürlich stellte ich ihm für vorkommende +Fälle meinen Kredit zur Verfügung, +ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. +Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder +ihres Bruders? +</p> + +<p> +Er musste mir in die Hand versprechen, +dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur +leere Phrase sein soll. +</p> + +<p> +Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. +Sie kennt die kleinen Liebhabereien des +<pb n='49'/><anchor id='Pgp049'/>Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, +bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht +sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements +für Gesellschaften. Sie schmückt +dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf, +immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen +Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe +sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben, +weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, +die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller, +geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören, +denen ich etwas bin. Sie sollen Alle +die Meinen werden. +</p> + +<p> +Man schenkt mir sehr viel Zutrauen. +</p> + +<p> +Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte +sich ganz zufällig so gefunden. +</p> + +<p> +Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten +Gefühl von etwas Aussergewöhnlichem, +Nahendem. +</p> + +<pb n='50'/><anchor id='Pgp050'/> + +<p> +Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges +zu sprechen, wo ich ihr doch am liebsten +zu Füssen gefallen wäre. +</p> + +<p> +Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich +gerührt hat. +</p> + +<p> +Ich habe Mathildens Stübchen gesehen. +</p> + +<p> +Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher +Stunde. Gesellschaftsklug werde ich ja nie. +Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, +grosser, weisser Schürze. „Wir +haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens +Stübchen.“ +</p> + +<p> +Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess +mich in der Thüre stehen, während sie selbst +am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline +ordnete. +</p> + +<p> +Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. +Über dem Bett die Raphaelschen Engelsköpfchen, +– ein Bücherbrettchen, Geibel, +<pb n='51'/><anchor id='Pgp051'/>Frauen-Liebe und Leben, Schillers Werke, +Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische +Tauchnitzromane ... +</p> + +<p> +Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte +Gebilde nicht zu zerstören, zart genug zu +sein, hochherzig, ritterlich! +</p> + +<p> +Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, +ist jetzt aus dem Süden zurückgekehrt. +Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. +Sie ist sehr schön. Ein Schatten von Schwermut +macht dies schöne, stolze Gesicht fast +noch anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. +Aller Reichtum, die Zerstreuungen +der grossen Welt, die ihr in so reichem +Masse zu Gebote stehen, können ja einem +Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben. +</p> + +<p> +Bei der ältesten Schwester ist das freudige +Ereignis nun eingetreten. Ihr Mann ist +Hauptmann im Generalstab, ein +ausser<pb n='52'/><anchor id='Pgp052'/>ordentlich tüchtiger und strebsamer Offizier. +</p> + +<p> +Sie müssen sich einschränken. Wie ich +sie liebe, diese Einschränkung um der Liebe +willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, +die trotz der heutigen Anforderungen des +Lebens und der Gesellschaft es gewagt +haben, der Stimme des Herzens zu folgen. +</p> + +<p> +Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, +Mütter sind. Es ist solch hübsches Symbol, +die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung +erst der Frau, die Erfüllung überhaupt +des Lebens, vor der die ganze sündige +Welt niederkniet, gläubig und erlöst. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='53'/><anchor id='Pgp053'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechster Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese +ganze Familie liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes +Buch. Ich sehe sie Alle, Herz +und Nieren. +</p> + +<p> +Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts +stossend, fortwährend thätig, um mit schmalen +Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten +herauszuschlagen. Daher dann im +Hause fortwährende Nörgeleien, Sticheleien. +Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch +dieser Familie ist Geld. Vor jeder Gesellschaft +erst ein Zank. Er will nicht mehr, +Er ist alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt +oder Eberswalde vier Stübchen haben, +<pb n='54'/><anchor id='Pgp054'/>Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht +den Frack an, er buckelt und schustert +weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor +werden. +</p> + +<p> +Das Nixchen steht natürlich auf Seiten +der Mutter. „Mama“ ist eine grosse Frau. +Was Mama will, geschieht. Und Mama hat +immer recht. +</p> + +<p> +Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. +Mit der Ersten haperte es. Die +Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe +er, aber er hatte ja Karriere vor sich. Thränen +und Szenen in der Familie. Man hielt +ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter +Dach und Fach waren. Seitdem ersticken +sie in Brut. +</p> + +<p> +Das ist Mamas Hauptärger. Auch das +Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie +kann man nur! Sie könnten doch wirklich +<pb n='55'/><anchor id='Pgp055'/>„was thun“ – wo er noch nicht mal Major +ist.“ – Über das „was“, das man thun +könnte, scheint sie sich ziemlich im klaren +zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich +nicht, wenn die Diskussion heftig wird. +</p> + +<p> +Die Zweite war die Schönheit der Familie. +Die sollte hoch hinaus, wurde auf Excellenzen- +und Verwandtenbesuch geschickt +mit Toiletten und Dekolettiertheiten. Einem +kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit +einem Marinevetter machte die Mama ebenso +nachdrücklich wie effektiv ein Ende. Der +Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, +aber Geld, schweres Geld. Dada entschädigt +sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht +gekommen. Das Nixchen erzählt mir Alles: +„Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben +eine Wohnung hier irgendwo. +</p> + +<p> +Es findet Dada nicht zu bedauern. +</p> + +<pb n='56'/><anchor id='Pgp056'/> + +<p> +Der Bruder ist der Liebling der Mutter, +der echte Bruder Liederlich, macht Schulden, +jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit +Einschluss des geheimrätlichen Küchenpersonals, +zur grossen Erheiterung des Nixchens. +Daher fortwährende Szenen. Der +reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen. +Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, +es ist manchmal unausstehlich bei uns.“ Ich +glaube es gern. +</p> + +<p> +Auch das Nixchen hat einen Freier auf +der ersten versuchsweisen Angelreise eingefangen, +ein ländlicher, reicher Mensch, mit +vornehmem Namen. +</p> + +<p> +Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann +hat er so grosse Hände!.. Nicht halb so +nett wie Du!“ .... +</p> + +<p> +Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie +natürlich fest entschlossen ist, ihn zu +neh<pb n='57'/><anchor id='Pgp057'/>men, und wieder weinen wird im Myrtenkranze. +</p> + +<p> +Oh, Weiber! +</p> + +<p> +Arme Natur, wo bist du? +</p> + +<p> +Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie +einige ganz hübsche Details. +</p> + +<p> +„Natürlich musst du immer thun, als +wüsstest du von nichts. Das ist die Hauptsache. +Wenn er kommt, ganz erstaunt sein +und weglaufen, um sich die Haare zu +machen, wo Mama schon den ganzen Morgen +auf ihn lauert, und ich meine neue Bluse +angezogen habe ... Alles glauben, was er +sagt, gar nicht fragen! Als ob wir uns nicht +ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti, +was er hat und woher er stammt. Mama +spricht immer, als ob ich ein Kind wäre, +dass ich noch mal in Pension soll. Dabei +hat sie schon alle Zimmer eingerichtet auf +<pb n='58'/><anchor id='Pgp058'/>seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem +Bruder heimlich was abgeben soll, wenn wir +verheiratet sind. Aber ich werde es grade +thun! Ich habe genug von der poveren +Wirtschaft zu Hause!“ +</p> + +<p> +Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen! +</p> + +<p> +Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich +in ihrer Art, mit ihren kleinen, prüden +Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über +den Schopf fährt, die Küsse .. sie drückt +dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal +küsst sie mich sogar auf den Mund +jetzt: „Ich könnte sterben für dich! Wahrhaftig!“ +</p> + +<p> +Man könnte es fast glauben. Dann stelle +ich sie auf die Probe: „Wir könnten uns +doch heiraten“ .... +</p> + +<p> +Sie wird dann sofort wieder Nixchen: +<pb n='59'/><anchor id='Pgp059'/>„Ein Künstler wie du .. und sieh mal, er ist +Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe +mit mir gehn, hat Mama gesagt, und ich +nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – +Man muss doch vernünftig sein, Schatz.“ +</p> + +<p> +Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine +kleine, weisse, sehr artige Madonna. +</p> + +<p> +Ich liege auf der Chaiselongue und +staune. +</p> + +<p> +... „Und sieh mal, Dich <hi rend='gesperrt'>liebe</hi> ich doch. +Du bist doch meine wirkliche, einzige Liebe. +Du <hi rend='gesperrt'>hast</hi> mich doch.“ +</p> + +<p> +Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann +sie ordentlich sentimental werden: +</p> + +<p> +„Du bist so frivol!... Und ich liebe +dich doch so sehr, und Liebe ist doch nichts +Schlechtes.“ ... +</p> + +<p> +Eigentlich könnte man sie durchprügeln. +</p> + +<p> +Aber echt ist sie. +</p> + +<pb n='60'/><anchor id='Pgp060'/> + +<p> +„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“ +</p> + +<p> +Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt +sie ihr Köpfchen an meinem Halse und +küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ .... +</p> + +<p> +Ich kitzle sie. Voilà. +</p> + +<p> +Weisst Du, an was sie mich erinnert? +</p> + +<p> +Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten +neuen Ziergläser in den Handel +gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle +heissen. Das ist meine Schwärmerei. Ich +habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, +Tulpen, hohe geschmeidige Glockenblumen. +</p> + +<p> +Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich +an mit feinen, spitzen Fingern, und lässt sie +in der Sonne spiegeln. – +</p> + +<p> +Früher sah man die ganz einfach, weiss +oder rot oder blau. Das naive Auge sieht +<pb n='61'/><anchor id='Pgp061'/>sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben +darin, violette, grüne, alles Schillernde, +Flimmernde, Äderchen, Nerven ... +</p> + +<p> +Und teuer sind die Dinger! teuer!..... +</p> + +<p> +Das ist sie. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='62'/><anchor id='Pgp062'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebenter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu +lieben. +</p> + +<p> +Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit +Wochen mein ganzer Sinn sich in ihr konzentriert, +dass ich nur von ihr lebe, nur für +sie leben möchte. Jede Frau, auch die unschuldigste, +argloseste fühlt das. +</p> + +<p> +Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. +Diese grosse Liebe, die in sie eindringt, sie +an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. +Sie fängt an, für mich mitzusorgen. Ich +habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, +meinen Serviettenring, die sie kennt. +</p> + +<pb n='63'/><anchor id='Pgp063'/> + +<p> +Ich habe sie geküsst ....... +</p> + +<p> +Meine Lippen haben diese weichen, +frischen Lippen berührt, die Rosenrundung +der Wangen gestreift. +</p> + +<p> +Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der +erste Kuss, den eines Mannes Mund ihr aufdrückt! +Wie unendlich viel reiner und heiliger +ist dieser Akt beim Weibe wie bei uns! +</p> + +<p> +Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das +Mädchen des Gärtners in Templin. Ich war +noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden +am Tage, und der Heuduft lag in der +Abendstille. Das Mädchen hatte frische +Lippen und weisse Zähne ..... Ich küsste +sie ... +</p> + +<p> +Ich will würdig werden. +</p> + +<p> +Ich bin es schon. +</p> + +<p> +Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in +den Zeitungen. Das Offizielle, Tanten- und +<pb n='64'/><anchor id='Pgp064'/>Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst +meine Schüchternheit. Mama, liebenswürdig +wie immer, ging auf meinen Wunsch ein. +</p> + +<p> +Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt +meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und +mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört +seit Mamas Tode. Ich könnte es immer +von ihren Lippen hören. +</p> + +<p> +Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich +möchte sie nicht erschrecken. Diese plumpen, +öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen +Brautpaare einander überhäufen, sind mir +widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen +und Tändeln um den einen Punkt. Die +Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht. +Grade so soll sie sein, wenn die Schleier +fallen, meine weisse, zarte, jungfräuliche +Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden +Liebe. +</p> + +<pb n='65'/><anchor id='Pgp065'/> + +<p> +Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, +kommt zuweilen. Mathilde spielt Klavier mit +ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen, +Ereignisse und Namen einer gemeinsam +verlebten Kindheit werden zurückgerufen, +an denen ich keinen Teil habe .. Ich +möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine +Beleidigung dieser Unschuld des süssesten, +holdesten Geschöpfes. +</p> + +<p> +Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich. +</p> + +<p> +Ich war unglücklich hinterher. +</p> + +<p> +Ich sprach mit Mama. Wir haben die +Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist besser +so, obgleich sie sehr jung ist. +</p> + +<p> +„Weil Sie ein so guter, edeldenkender +Mensch sind,“ sagte Mama, als sie einwilligte. +</p> + +<p> +Bin ich gut? Ich will es sein. +</p> + +<p> +Mein Weib soll die Liebe nie anders als +<pb n='66'/><anchor id='Pgp066'/>heilig empfinden, ein Sakrament in sich, wo +Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie +die Scham! Um Gottes willen keine Scham! +</p> + +<p> +Ich bin freundschaftlich gegen Fritz +Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur Jagdsaison +bei uns Hirsche schiessen. +</p> + +<p> +Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller +Mensch. +</p> + +<p> +Das Vertrauen ist der feste Anker der +Liebe, an dem sie sicher ruht im tiefen +Grunde. +</p> + +<p> +Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe, +das sie unterscheidet von flüchtigen Verhältnissen, +Feststimmungen der Leidenschaft, +um die ich die seligen Götter nicht beneide. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='67'/><anchor id='Pgp067'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. +Ich habe sie nackt gesehen. +</p> + +<p> +Das machte sich so ganz natürlich. Ich +hatte mir das Knie ausgerenkt und lag im +Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies +Schlafzimmer des Mannes, mit den Bildern +in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, +dem brennenden Kaminfeuer, +den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen, +durch die man undeutlich einen Lärm vom +Hofe aufsteigen hörte. +</p> + +<p> +Sie liess sich ein bischen bitten erst. +<pb n='68'/><anchor id='Pgp068'/>Dann handelte sie: „Aber nicht das, Liebchen ... +nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich +Angst hatte sie. Sie haben eine ganz +extravagante Vorstellung von unserem Mangel +an Selbstbeherrschung. In diesen kleinen +Mädchenerzählungen sind wir Oger, wilde +Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und +hässlich, jung und alt, jede Nacht eine Andre, +grässliche Orgien feiernd. +</p> + +<p> +Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... +Das Kraftgelüst, das das dekadente Weib +und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis +der Impotenz, die des Fortreissenden erst +bedarf um handeln zu können, eines Bismarcks +alle Tage. +</p> + +<p> +Sie machte das sehr niedlich, ordentlich +der Reihe nach, wie ein kleines Pensionsmädchen, +das sich auszieht des Abends. Korsett, +Unterröckchen, Höschen, die +Strumpf<pb n='69'/><anchor id='Pgp069'/>knipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt +auf das Nachttischchen. +</p> + +<p> +Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz +genau, was an ihr hübsch war. Sie mussten +das oft besprochen haben. „Meine Arme +sind noch zu dünn, aber in ein paar Jahren +werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, +braunes Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. +Elisabeth hat bildschöne Schultern. +Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der +Seite – das ist hässlich! Kathi solltest Du +sehen! Die ist wunderhübsch, rund und +weiss überall. Aber sie weiss es auch.“ +</p> + +<p> +Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, +duftig ... Ich küsse sie. Ich halte ihren +zarten, glatten Leib. Ich presse sie an +mich .... +</p> + +<p> +Sie lässt sich Alles thun mit einer Art +schläfrigen Wollust. Vielleicht denkt sie an +<pb n='70'/><anchor id='Pgp070'/>den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig, +Liebchen“ ... +</p> + +<p> +Ich empfinde nichts, gar nichts für sie, +eine Art lässigen, physischen Wohlbehagens. +</p> + +<p> +Manchmal bin ich rauh. Ich spreche +hart mit ihr. Ich schelte sie. +</p> + +<p> +Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt +fängt sie an zu weinen, hülflos, wie ein +kleines Kind. +</p> + +<p> +Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. +Die Drohung kitzelt sie. Sie hat dann +ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn +man seine Hand dem Löwen in den Rachen +legt. +</p> + +<p> +Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: +„Du liebst mich gar nicht. Du spielst nur +mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“ +Dann thut sie eifersüchtig oder versucht mich +zu beleidigen. +</p> + +<pb n='71'/><anchor id='Pgp071'/> + +<p> +Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn +sie dächte, ich erschösse mich ihretwegen, + das würde sie noch mehr kitzeln. +</p> + +<p> +Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl +in ihre vornehme, ehrbare +Ehe gehen. +</p> + +<p> +Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: +„Wenn ich dich nun nicht freigäbe? +Wenn ich dich verriete?“ +</p> + +<p> +Sie schmiegt sich noch dichter an mich, +ganz dicht, mit weichen, flechtenden Gliedern. +Ihre Augen, die meine suchen, sind +wie Sterne: „Das thust Du nicht, dazu bist +Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman, +mein lieber, süsser Herri!“ +</p> + +<p> +Wie klug sie ist. Fischschwanz! +</p> + +<p> +Und manchmal denke ich, man müsste +sie hernehmen, ihr weh thun, sie es fühlen +lassen, das ganze Leid, die ganze Schande .. +</p> + +<pb n='72'/><anchor id='Pgp072'/> + +<p> +Dann würde vielleicht noch was aus ihr, +dann würde sie ein Weib. +</p> + +<p> +Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr +Kind an die Brust nimmt und Mutter ist, +schweigend, der ganzen johlenden, feigen +Gesellschaft zum Hohne! +</p> + +<p> +Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner +– Gentlemen – auf Kosten unsrer +Mannheit? +</p> + +<p> +Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, +der ich ein süsses, junges, warmes +Weib in den Armen halte und sie nicht +nehme, nicht mit Gewalt nehme, kraft der +Urgewalt meiner Leidenschaft? +</p> + +<p> +Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle, +die uns das Leben gaben, zur Spielerei +geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen, +die man mit den Zähnen kostet. +</p> + +<p> +Ach, das grosse, adelige, echte Volk, +ar<pb n='73'/><anchor id='Pgp073'/>beitend, liebend, Kinder zeugend, die triumphierende +Arbeit des Lebens thuend, über +den Tod hinweg – und die Toten! +</p> + +<p> +Mein Herz zieht sich zusammen in +schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich +fasse sie fester. Ich atme stärker ..... +</p> + +<p> +Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen! +Nicht wahr, du thust mir nichts?“ .... +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='74'/><anchor id='Pgp074'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neunter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten. +</p> + +<p> +Es ist doch eine grosse und schreckliche +Sache – in Not und Tod .. Leib und +Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges +Leben zu zeugen. +</p> + +<p> +Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, +Grösseres! Nein, ich beneide die Götter +nicht. Grade das Vergängliche – die Not, +das adelt Menschenliebe, das macht sie unvergänglich +und göttlich. Nicht Prometheus +ist’s, der in einsamem Zorn den Göttern +trotzt – – <hi rend='gesperrt'>der</hi> Mann, der seines Weibes +Hand fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: +Der letzte <hi rend='gesperrt'>Mensch</hi>! +</p> + +<pb n='75'/><anchor id='Pgp075'/> + +<p> +Durch die Ehe erst wird der Mensch zum +Menschen. Der Mann, das Weib, das ist +etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes +Atom im All .. Erst der Vater, die Mutter +bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das +Allgemeine, das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche. +</p> + +<p> +Ich denke viel über diese Dinge nach, +dass wir doch durch Philosophieren erst +finden müssen, was der sichere Instinkt des +Weibes <hi rend='gesperrt'>fühlt</hi>! +</p> + +<p> +Wie überlegen sind sie uns! Nur das +eine Ziel verfolgend – Weib sein – Mutter +– wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, +die ganze Bedeutung des Geschlechtes +beruht. +</p> + +<p> +Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an +meinem früheren Leben, meiner Kindheit, +den Eindrücken und Ereignissen, die auf +<pb n='76'/><anchor id='Pgp076'/>meine Entwicklung massgebend gewesen +sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer +verberge ich ihr nicht. Sie soll mich sehen, +wie ich wirklich bin. +</p> + +<p> +Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. +So straft sich der Mann dem reinen Weibe +gegenüber. So aber auch wird das reine +Weib seine Erlösung, das Verworrene in ihm +geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen +Lebensträgerin. +</p> + +<p> +Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. +Sie entzieht sie mir nicht. Ich schäme mich +nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie +mit Thränen benetzt. +</p> + +<p> +Sie war betroffen. +</p> + +<p> +Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will +gut sein! Du sollst nicht zurückschrecken +brauchen vor mir. +</p> + +<p> +Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein +<pb n='77'/><anchor id='Pgp077'/>Junggesellenheim, Grumke mir das Abendbrot +aufgetragen hat, dann male ich mir +unser künftiges Dasein aus. Sie sitzt am +Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem +Auge und leisen Bewegungen +Alles leitend und lenkend. +</p> + +<p> +Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig +ist. Ich schwärme nicht mal für diese sogenannten +„guten Hausfrauen“ – unablässige +Scheuerfeste, Küchenmobilmachungen. Ihre +Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das +Alles wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, +Heiteres gibt. +</p> + +<p> +Dann freue ich mich, dass ich reich bin, +dass diese kleine, weiche Hand nicht hart +und braun werden braucht, dieser zarte, +schlanke Rücken gebeugt vom Herdfeuer +und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich +diese Frauen missachte! Ich verehre sie! +<pb n='78'/><anchor id='Pgp078'/>Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind +der beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat +sollte ihnen Denkmäler setzen wie seinen +Helden. +</p> + +<p> +Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht +sein braucht, dass auch das Ästhetische gewahrt +werden kann in unsrer starken und +guten Liebe. +</p> + +<p> +Ob sie überhaupt eine Ahnung davon +hat? Sie frägt nie. Ein süsses Vertrauen! +Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie +folgte mir ebenso willig und vertrauensvoll. +</p> + +<p> +Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich +mache ihr keine grossen Geschenke. Ich +selbst bin immer einfach – Du kennst mich +ja. Neulich trug ich meinen Handkoffer +selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger +zur Hand war. Sie denkt am +Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann. +</p> + +<pb n='79'/><anchor id='Pgp079'/> + +<p> +Ah, ein Königreich möchte ich haben, +nur um es ihr in den Schoss zu legen! Sie +griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was +soll mir das Königreich! Deine Liebe ist +ja viel mehr als alle Königreiche.“ +</p> + +<p> +Darum bin ich glücklich, dass ich auch +darin so reich bin. Ich habe meine Gefühle +nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche +Vornamen aus meiner Herzgrube herauszufischen, +wie ein gewisser Freund von +mir am Abend vor seiner Hochzeit. Sie hat +noch nicht gelernt, die Liebe zu differenzieren, +schlechte, ästhetische Unterschiede +aus raffinierten Romanen von raffinierten +Männern, die das Natürliche unnatürlich und +hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch +noch nicht herb und prüde geworden, wie +manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt +in sich selbst zurückzog vor der Roheit +<pb n='80'/><anchor id='Pgp080'/>und dem Cynismus der Welt. Wie einen +königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt +sie, die Königliche, königlich. +</p> + +<p> +Welch ein Frühling in unserm schönen +alten Park, wenn der Flieder blüht und der +Goldregen in lastenden, honigschweren +Trauben herabhängt! +</p> + +<p> +Wir werden viel Besuch haben – die +liebe Mama, die Schwestern, die Kinder, +Es soll wieder Leben kommen in unser altes +Haus. +</p> + +<p> +An Mutters Grabe unter den Fichten wird +sie neben mir stehn. Sie wird uns lächeln. +</p> + +<p> +Vielleicht .......... +</p> + +<p> +Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit +geben in dieser armen, engen Welt! +</p> + +<p> +.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, +von ihr, der Liebsten, der Meinen, in süssesten +Schmerzen mir geboren!... +</p> + +<pb n='81'/><anchor id='Pgp081'/> + +<p> +Was wäre das Leben ohne das? Möchte +sie die Schmerzen lassen? Die Angst? Das +Todesschauern in der Hochstunde des +Lebens? +</p> + +<p> +Und wir liegen nicht vor diesen hohen, +himmlischen Wesen auf den Knieen und +küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik +seiner Madonna! +</p> + +<p> +Die Männer sind Egoisten. Was würden +sie sein, wenn es nicht holde, zarte Wesen +gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas +Höheres giebt, als Kraft, Ehrgeiz – dass +aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die +That des einfachen Weibes aufwiegt, das aus +ihrem eignen Leben, still und heilig, Leben +säugt. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='82'/><anchor id='Pgp082'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zehnter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über +ihre Ehe. +</p> + +<p> +Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich, +das ist der Ruheposten, die Versorgung. +Sie denkt darüber gar nicht weiter +nach. Eine alte Jungfer bleibt man nur, +wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt +hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das. +Sie ist stolz darauf, dass sie so bald Einen +gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre +Freundinnen sie beneiden werden. +</p> + +<p> +Der Ärger der Freundinnen spielt eine +grosse Rolle dabei – je intimer, desto intensiver +der Ärger. Das ist diesem Geschlecht +<pb n='83'/><anchor id='Pgp083'/>das Äquivalent für das, was wir Ehre, Ruhm +etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen +sie gar nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen +ihrer Geschlechtsgenossinnen in Kunst, +Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt, +vielleicht nur insofern nicht, als sie ihnen das +wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld, +Toiletten, Männer. +</p> + +<p> +Und eigentlich haben sie ganz recht, der +Neid, den man fühlt, der einem den Rücken +runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven +prickeln, das Andre ist Unsinn. +</p> + +<p> +Dass sie sich einem Manne hingeben soll, +aus dem sie sich gar nichts macht, ist ihr +sehr gleichgültig. +</p> + +<p> +Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen +bei der Frau. Oder ist es die +Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie +stumpf und duldend macht? +</p> + +<pb n='84'/><anchor id='Pgp084'/> + +<p> +Einen Mann, der einen nicht reizt? – +Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten – +warum nicht? +</p> + +<p> +Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement, +die Leidenschaft, deshalb lieben Frauen +Künstler, ästhetische Männer, die sie lange +kitzeln. Von dem eigentlichen Akt haben +sie ja am wenigsten, der ist Pflicht. +</p> + +<p> +Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das +noch weher thut – die Schmerzen – die +Entstellung – die Brüstchen, die schlaff +werden ... „Elisabeth hat einen Bauch, der +ihre ganze Figur verdirbt ...“ +</p> + +<p> +Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie. +</p> + +<p> +„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute +hat und eine Amme nehmen kann. Babies +sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen +und rosa Schleifchen ....“ +</p> + +<p> +Das ist der ausschlaggebende Punkt, +da<pb n='85'/><anchor id='Pgp085'/>bei verweilt sie sehr lange! Equipagen, +Diener, dass sie die Hofbälle besuchen +werden. +</p> + +<p> +„Den ganzen Winter muss er mit mir +hier in Berlin wohnen.“ +</p> + +<p> +„Aber wenn er nicht will?“ +</p> + +<p> +„Männer thun immer, was man will. Papa +thut auch immer, was Mama will.“ +</p> + +<p> +Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein +kleines, listiges, grausames Lächeln .... +</p> + +<p> +Oh ja, der wird thun, was sie will. +</p> + +<p> +Und es giebt Tölpel, die immer noch an +die stärkere Thatkraft des männlichen Geschlechts +glauben! +</p> + +<p> +Nur die Franzosen: Ce que femme veut, +Dieu le veut. Die sind überhaupt viel aufrichtiger +in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert +sich was vor, der alte, naive +Bar<pb n='86'/><anchor id='Pgp086'/>bar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger. +Thusnelda lächelte kaum merklich, wenn +Hermann Meth soff und Auerochsen +spiesste. +</p> + +<p> +Sie haben ja auch zuviel Machtmittel – +die Verliebtheit! Und wenn die gar nicht +mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich +ungeliebte Frauen, die den Pantoffel schwingen. +– Das verliebte Weib ist unterwürfig. +Das ist ihm Wollust: Die Tigerkatze, die +sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg thut’s. +Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben +nach. Alexander oder Cäsar beugt sich vor +dem muffigen Gesicht, der schweigend heruntergewürgten +Mahlzeit, der permanenten +Nähe eines Hassenden, Vorwurfsgeschwollenen. +</p> + +<p> +Nichts amüsiert mich mehr, wie das +Streben nach offizieller politischer oder +wirt<pb n='87'/><anchor id='Pgp087'/>schaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. +Das sind hässliche Frauen, anmutlose +Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist +dumm. +</p> + +<p> +Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren +sich Griechen und Trojaner, Antonius, +– Nelsons, Gambettas, Boulangers alle +Tage. Elisabeth, Katharina waren Genies, +weil sie Weiber waren. Über Louise Michel +und Frauenkongresse lächelt der armseligste +Schneidergesell, den seine Frau prügelt. +</p> + +<p> +Und mit Recht. Wie kann man die +Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so verkennen! +Das ist wie die Königstigerin, die +sich Hörner wünscht, um den Kampf mit +dem plumpen Ochsen aufzunehmen. +</p> + +<p> +Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben +nicht Ochsen wären, liessen wir sie das ganz +tranquil machen, alle Arbeit, allen +politi<pb n='88'/><anchor id='Pgp088'/>schen Krimskrams in den Parlamenten und +Versammlungen, und setzten uns schliesslich +ganz gemütlich auf das gutdressierte Pferdchen +kraft der einfachsten Logik unsrer stärkeren +Schenkel. +</p> + +<p> +Aber wir sind eben Ochsen und viel zu +verliebt! So’n kleines, zappeliges Füsschen, +so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen .. +Simson lässt sich die Locken abschneiden. +Die schönste Berechnung geht zum Teufel. +</p> + +<p> +Sowas passiert denen nicht. +</p> + +<p> +Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra +in der Beziehung. +</p> + +<p> +Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit, +dass sie einem Droschkenkutscher leibhaftig +die Adresse gegeben hat, dass ihr +Schwager ihr neulich an der Kurfürstenstrasse +begegnet ist, was sie der Mama alles +vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei +<pb n='89'/><anchor id='Pgp089'/>lügt sie künstlerisch, mit Genuss, ganz unnötig +komplizierte und lange Geschichten, +nur weil das Lügen ihr Spass macht, aus +Liebe zur Sache. +</p> + +<p> +„Und im Notfall könntest Du doch immer +Dein Ehrenwort geben, dass wir nichts zusammen +haben. Wir haben doch nicht wirklich +was.“ +</p> + +<p> +Nein, wir haben wirklich nichts. +</p> + +<p> +.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst +gar nichts habe, weil ich jetzt heiraten muss, +und ich habe dich doch so schrecklich gern, +Herri!“ ... +</p> + +<p> +Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich; +aber es ist nicht die Spur von Leidenschaft +in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit +an sie heran, würde sie mich dreimal +verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. +Und das ginge ihr so glatt von der Zunge! +<pb n='90'/><anchor id='Pgp090'/>und wenn sie ein Übriges dazu thun und +mich aus der Welt schaffen könnte, würde +sie es ebenso kaltblütig thun. +</p> + +<p> +Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. +Siehst Du, das bewundre ich auch immer an +diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, +der Erfolg, respektive Misserfolg, der entscheidet. +Dabei machen wir die rührendsten +Affären daraus. Gretchen im Zuchthause +bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans +seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau +Marthe geworden und hätte an „Heinrich! +mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung +mit fortgetragen, eine behagliche +Rührung, dass sie ihre Jugend so gut genossen. +</p> + +<p> +Eine Frau, die einen Skandal verursacht, +das ist unmoralisch, ekelhaft, die schlaue +Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen +<pb n='91'/><anchor id='Pgp091'/>braven Ehemann, den sie betrogen, das imponiert +ihnen. +</p> + +<p> +Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten +beladen, die grosse Schauspielerin mit dem +Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich +mit dem Stallknecht liiert, darüber können +sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar +mit einem Gemisch aus Neid und Bewunderung. +Aber ein armes Dienstmädel, +das ein Kind kriegt und ins Elend gerät. +Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf. +</p> + +<p> +Das ist das Perfide bei der Geschichte. +Das andre nicht. +</p> + +<p> +Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme +immer die käufliche Liebe aus. Das bereut +man nicht. +</p> + +<p> +Es liegt auch da eine Naivität der Männer +zu Grunde oder ihre Arroganz. Der Lendemain +ist sprichwörtlich geworden. Der +Wüst<pb n='92'/><anchor id='Pgp092'/>ling hat das doppelt angenehme Gefühl: Du +hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird +die Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie. +</p> + +<p> +Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit +gewisser „guter Mädchen“ („gut“ +ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) +zu denken geben. +</p> + +<p> +Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines +Mädchen. Sie hatte auch die Angst vorm +Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain. +</p> + +<p> +Und dann war’s wirklich Morgen und +der allerschönste Sonnenschein und Vogeljubilieren +– und sie lachte, lachte übers +ganze Gesicht: „Ich bin so froh, Schatz! +Ich glaub’, ich könnte fliegen!“ +</p> + +<p> +So müsste Eine natürlich empfinden. +</p> + +<p> +Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, +einen Roman von einer Frau, „die +<pb n='93'/><anchor id='Pgp093'/>Geschichte eines Mädchens“. Das rührte +mich fast. Die Arme! Sie hat gewollt und +nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen +Mann zu gross war. +</p> + +<p> +Ebenso albern finde ich den Mann, der +absolut der Erste sein will. Wie lässt der +grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno +sagen: „Und, glauben Sie mir, es ist in der +Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das +der Liebe und der Leidenschaft fähig ist. +Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf +kommt es nicht an.“ +</p> + +<p> +Überdies: On n’est jamais le premier. +</p> + +<p> +Ist die Frau besser, die sich vielleicht +physisch enthalten hat aus persönlicher Propertät +oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre +Phantasie zu den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten +ausschweifen lässt, als diejenige, +die vielleicht an einem hellen +Maien<pb n='94'/><anchor id='Pgp094'/>tage dem süssen Zug der Natur gefolgt ist, +ohne zu rechnen und zu moralisieren? +</p> + +<p> +Das ist gewissermassen das System der +Kuhpockenimpfung ... Ich habe vielleicht +mein Wassernixchen zu einer sehr guten +Ehefrau gemacht. +</p> + +<p> +Aber freilich die Konsequenzen! +</p> + +<p> +Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin +von schwachem Fleische, die behauptete, +wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s +ein Gesellschaftsspiel. +</p> + +<p> +Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht +so weit ist. Man ist noch immer der „Erste“, +mit der offiziell aufgestempelten Eins vom +Standesamte, der Kolumbus, der Schleierlüfter, +der Dornröschenerwecker. +</p> + +<p> +Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine +Art Ranküne, wenn sie von ihrem „Ersten“ +spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des +<pb n='95'/><anchor id='Pgp095'/>Torts, das sie in meine Arme getrieben hat, +mir dem Wissenden, dem Verzeihenden. +</p> + +<p> +„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst +so viel“ ... sagt sie manchmal. +</p> + +<p> +„Aber hast Du denn keine Angst mit +„ihm“ – immer fremd sein – immer Komödie +spielen?“ +</p> + +<p> +Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage, +den Kleidern. +</p> + +<p> +Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden +darauf erzogen. Sie finden sich so merkwürdig. +Das ist wieder die bewunderungswürdige +Lebensfähigkeit dieses Geschlechts. +</p> + +<p> +Er wird immer an sie glauben, immer +nur die weisse Stirne sehen, mit seinen +blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen. +</p> + +<p> +Aber der arme Kerl, wenn der mal +Bankerott machte! +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='96'/><anchor id='Pgp096'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Elfter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine +Hochzeit. Sonnwendtag! am Rosenfeste! – +Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was +das heisst? Wer kann es wissen! Wer kann +es aussprechen! +</p> + +<p> +Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich +nicht, wie ein Egoist, ein Selbstling. Selbst +die hohen Träume, die Ideale und Gedanken! +Ich komme mir vor, wie ein +Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des +Lebens aufgegangen ist. Und er lebt nun. +Er wirkt Leben. +</p> + +<p> +Und wer hat mich das gelehrt? Ein +kleines, stummes, wunderbares Wunder, +<pb n='97'/><anchor id='Pgp097'/>eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine +träumende, unschuldige Seele. +</p> + +<p> +Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib! +</p> + +<p> +Und wir sprechen von überlegnem Geist, +von Klugheit, von Grossthaten. Hier ist der +Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld +in der Lieblichkeit. +</p> + +<p> +Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. +Das geschieht Alles so selbstverständlich. +Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme +schliessen. +</p> + +<p> +Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer. +</p> + +<p> +Wie ich diese schöne Sicherheit liebe! +So wird sie als Gattin, als Mutter bleiben, +ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht +die Natur im Weibe. – Jungfrau – Geliebte +– Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, +beflecken Seele und Leib, um zuletzt demütig +niederzuknien vor so einem holden, +<pb n='98'/><anchor id='Pgp098'/>nicht denkenden, kinderthörichten Wesen: +Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’ +mich glücklich! +</p> + +<p> +Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich +sie vergraben zwischen weisser Leinwand +und Spitzen, bunten Seidenstoffen. +</p> + +<p> +Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat, +der die Braut in das Haus des Gatten geleitet +wie auf einer schneeigen Rosenwolke, +Dinge, die verhüllen, Wollust versprechen, +Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum +sie anzufassen mit meinen groben Fingern. +Ihr Zweck ist mir ein süsses Mysterium, +macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete +unsrer Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen +und umwickelt, um die holde Spannung, +die Sehnsucht zu erhöhen. +</p> + +<p> +Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint +ganz damit beschäftigt. Ist es denn nicht +<pb n='99'/><anchor id='Pgp099'/>ernsthaft, ihre kleine Person, die sie +schmückt, reizend macht. Bin ich es nicht, +für den sie sich schmückt? +</p> + +<p> +Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die +Braut, die sich salbt und schmückt, das +süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser +machend. Es sind nörgelnde Kritiker, +Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen +verkannt, die gegen die Eitelkeit polemisieren, +Uniformen, Trachten einführen wollen. +Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre +Seele ist so ganz eins mit ihrem Leibe in +diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie +soll ja das Glück sein, die Wonne, die +Schönheit. +</p> + +<p> +Hochzeit – hohe Zeit! – – +</p> + +<p> +In mir ist’s hohe Zeit. +</p> + +<p> +Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden, +die mich manchmal zerreissen, dass ich sie +<pb n='100'/><anchor id='Pgp100'/>nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie +fortschleppen, verschlingen ... Sie ist sehr +ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle +bösen Begierden dämmend, dass ich sanft +bin, folgsam. Nur den grossen Jubel in mir, +der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich +sie in die Arme nehmen und gegen die +Sonne halten möchte. +</p> + +<p> +Hochzeit! hohe Zeit! +</p> + +<p> +Mein Heim steht geschmückt. Seit +Wochen sind Tapezierer und Tischler thätig. +Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches +ist mir’s leid, das Alte, Altgewohnte. +– Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es +ist recht, dass Alles neu ist. +</p> + +<p> +Die Hochzeit soll hier in Templin sein, +ein Fest für alle meine Leute. Sie üben +schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern. +Ein Flüstern geht unter den +Ar<pb n='101'/><anchor id='Pgp101'/>beitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach +die Menschen sind doch gut! +</p> + +<p> +Es giebt ein vollkommenes Glück auf +der Erde. Es giebt Engel. In vier Wochen +ist der Engel mein Weib. +</p> + +<p> +Wie süss muss es sein, das Leben sich +in ihr entwickeln zu sehn, die strahlende +Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend +vollendet sich ihr Leben. – Was ist das +Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist +nicht Mutter der Inbegriff aller menschlichen +Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, Leidertragen ... +</p> + +<p> +Mein Weib! Mein Mütterchen! +</p> + +<p> +Wie eine kleine Königin wird sie empfangen +werden. Ist es denn nicht auch ein +kleines Königreich, eine ganze Welt im +Kleinen, ihre Welt, der sie Vorbild und Vorsehung +ist. „Hausvater und Hausmutter“, +<pb n='102'/><anchor id='Pgp102'/>der alte, schöne, deutsche Begriff. Hier +kann er sich noch verwirklichen. Wir +können es noch sein. +</p> + +<p> +So lange es das giebt, steht die Gesellschaft +sicher, auf festen Füssen: Reine +Frauen, Männer, die ein Heim schaffen +können, die an Reinheit glauben. +</p> + +<p> +So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun +eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du darfst +nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen, +glückseligen Menschen. +</p> + +<p> +Hohe Zeit – Hochzeit! +</p> + +<p> +Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe +das Glück und ich glaube es. +</p> + +<p> +Und wenn Du über den Schwärmer +lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, weiss +unter der weissen Myrtenkrone – und wie +Thomas: Geh’ und glaube. Geh’ und schreib +ein Buch des Glaubens und der Liebe. +</p> + +<pb n='103'/><anchor id='Pgp103'/> + +<p> +Ich habe so viel davon in mir, dass auch +auf Dich etwas übergehn müsste. Ich fühle +mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude +zu verkünden – und Mathilde heisst +meine Madonna. +</p> + +<p> +Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr, +in unsrer Zeit der Mitgiftjägerinnen, des +höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre +halberwachsenen Töchter auf „die gute +Partie“ dressieren. +</p> + +<p> +Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts +neulich. Es waren da Muster von +teuren Spitzen, die ihr gefielen. +</p> + +<p> +Die Mama, verständig wie immer, riet +lächelnd zu billigeren: „Das ist ja für eine +Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes +Geheimratstöchterchen.“ +</p> + +<p> +Natürlich übernehme ich das Alles. Es +<pb n='104'/><anchor id='Pgp104'/>bedurfte einer gewissen Überredung bei der +Mama. Sie geben mir so Unendliches. +Sollen diese teuren Menschen sich Gênen +auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, +während ich schwelge! +</p> + +<p> +Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten +lassen. Ich bin jetzt einer von der +Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit, +das Vertrauen, wenn ich nicht +auch das Schwere mit ihnen tragen darf? +Sind diese Güter mein Verdienst? Brauche +ich sie? Ich wäre glücklich unter einem +Strohdach. +</p> + +<p> +Es ist um Mathildens willen, dass ich +mich des Geldes freue. Auch das hat sie +mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine +Macht, zu beglücken. +</p> + +<p> +Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne. +Wir haben auch darüber so oft gestritten, +<pb n='105'/><anchor id='Pgp105'/>über Geldwert und Geldanbetung in unsrer +Zeit. Manche Erscheinung des öffentlichen +Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe +einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch +und traurig machen. +</p> + +<p> +Man weiss ja leider, dass man ein reicher +Mann ist. +</p> + +<p> +Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr +die kleine Hand mit Geld füllt, wird sie es +ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst. +Sie soll von diesem Wissen frei bleiben. +Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so +ist sie das stumme, ruhende Juwel am Herzen +der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das +Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche +im Dasein, der braucht den Wert eines +Hundertmarkscheines nicht zu kennen. +</p> + +<p> +Die Blume ist in sich selbst genug. Die +Poesie zu wahren. Das reine Gefühl. +</p> + +<pb n='106'/><anchor id='Pgp106'/> + +<p> +Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um +uns das Paradies. +</p> + +<p> +Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, +ruhe im Schatten unsrer Palmen! +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='107'/><anchor id='Pgp107'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelfter Brief."/> +<head>Zwölfter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow. +</byline> + +<p rend="margin-top: 2"> +Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. +Da „er“ bezahlt, können wir mit der nötigen +Gewichtigkeit zu Werke gehn. +</p> + +<p> +Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine +Modemagazin, Kataloge, Proben, Wiener und +Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir +nun sehr ernsthaft, das Nixchen und ich, und +suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit +Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen +mit hell heliotropnen und lichtmaigrünen +Languetten. +</p> + +<p> +Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie +fügt sich immer meiner überlegneren Einsicht. +</p> + +<p> +Das entzückt sie: „Du verstehst Alles. +„Er“ nähme mich grad so gut in einem +<pb n='108'/><anchor id='Pgp108'/>Sack. – Gott! was soll ich nur machen, +wenn ich Dich nicht mehr habe!“ +</p> + +<p> +Dann weint sie ein bischen. Aber dann +finden wir wieder was extra Hübsches und +sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat. +Und wir sind getröstet. „Er“ zahlt ja. +</p> + +<p> +Wenigstens soll er ordentlich blechen – +schon für seine Undankbarkeit. Ein Mann, +der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, +ist ein Tölpel. Sie macht sich für ihn +hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das +für Mühe! – so’n Löckchen, das graziös +und an der richtigen Stelle in die Stirne +fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel +Nachdenken, Geduld, manchmal Pein, +gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie +das Weggeworfne an Leute giebt, die es +besser zu taxieren wissen. +</p> + +<p> +Ich verstehe zu taxieren. +</p> + +<pb n='109'/><anchor id='Pgp109'/> + +<p> +Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht +sich vor mir wie eine Drahtpuppe. Wenn +ich sie hübsch finde, ist sie glücklich. +</p> + +<p> +„Nixchen! Das darfst du nicht tragen. +Das steht Dir nicht.“ +</p> + +<p> +Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. +Aber sie gehorcht immer. Alle Frauen gehorchen +mir, weil sie das Unpersönliche +fühlen, das Wohlgefallen an der Gattung, +den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen. +Ich glaube, wenn ich vor die Sultanin-Mutter +träte: „den Turban etwas mehr nach rechts, +bitte schön“ ... sie thäte es und wäre mir +dankbar. Und sie hätte ein Recht dazu. +</p> + +<p> +Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern +ihre. Und ist sie nicht eigentlich die allerhöchste +Tugend? Spinoza sagt: wer die +Fehler der Menschen nicht liebt, liebt die +Menschen selbst nicht! Das Menschlichste +<pb n='110'/><anchor id='Pgp110'/>an der Menschheit ist für mich das Weib. +Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. Sie +fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie +haben Zutrauen zu mir. +</p> + +<p> +Das ist ganz unbewusst: „Du bist so +gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt sie +meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich: +„Du bist gut.“ +</p> + +<p> +Da ist die Ranküne wieder, das kleine, +tückische, widerborstige Katzenfauchen in +dem „Du“. +</p> + +<p> +„Der ist viel besser als ich.“ +</p> + +<p> +Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er +hätte ihr eine Moralpredigt gehalten und sie +beschämt und verbockt nach Hause geschickt +wie der selige Joseph schnöden Angedenkens. +Die Franzosen haben da ein +hübsches Sprichwort: Il y a des choses qui +ne se refusent pas. – Oder er hätte sie +<pb n='111'/><anchor id='Pgp111'/>genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem +moralischen Kater hinterher sie zur büssenden +Magdalena gepeinigt ... Das ist die +Tugend dieser Tugendbolde. +</p> + +<p> +Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, +fein und zierlich, ganz in ihrem Fischchen-Element +bei mir, munter schwätzend wie +ein Vögelchen, von dem, was in ihr ist, all +ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. +– ich habe sie als Künstler behandelt, nicht +roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht pfäffisch-zerstörerisch. +</p> + +<p> +Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen, +das sie ist. Sie liebt mich. +</p> + +<p> +Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann +nicht leben ohne Dich! Ich möchte am +liebsten sterben!“ +</p> + +<p> +Manchmal sogar fast wild: „Ich will von +zu Hause durchgehn. Mir ist alles ganz +<pb n='112'/><anchor id='Pgp112'/>egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht +wieder fort. Du kannst mit mir machen was +Du willst.“ +</p> + +<p> +Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir +angezogen gegenübersitzt und Makronen +knabbert – und dann lauert sie auf den +Effekt. Sie möchte etwas mehr Effekt, einen +Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann. +</p> + +<p> +Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: +„Es ist doch gar nichts. Eigentlich +habe ich doch gar nichts gethan. Niemand +kann doch etwas sagen von „uns“.“ +</p> + +<p> +Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses +Opfer, das sie bringt, <hi rend='gesperrt'>mir</hi> bringt. Kleines +Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal +ein andrer Gedanke als der an ihr eignes +kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen +aufgestiegen ist? +</p> + +<p> +Sie betrauert meine Wohnung: +Whip<pb n='113'/><anchor id='Pgp113'/>chen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie so +gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt. +Aber das macht eine rote Nase, darin ist +sie ästhetisch. +</p> + +<p> +Die leidenschaftlichsten Frauen werden +dadurch in Schranken gehalten: „Mein Kind, +das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt +schlecht, Du verdirbst Deine Haarfrisur.“ +Sie wollen gefallen und sollen gefallen. +</p> + +<p> +Wird die Frauenemanzipation darin je +etwas ändern? Die Orientalin, die ihren Leib +salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie +ist das Naivste und das Grösste. Das Urälteste +und das Allermodernste. +</p> + +<p> +Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln +sie Dir zu .... Und wenn der Geist wiederkommt, +dann bist Du als Mann fertig. Ich +habe das zu oft durchgemacht. +</p> + +<p> +Ich möchte es nicht anders. Nur mehr +<pb n='114'/><anchor id='Pgp114'/>Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so unendlich +viel gelogen, gerade über diesen Punkt. +Es ist Alles nur: Qui s’excuse, s’accuse, die +Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen +drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle +Frauen wollten einmal im Leben ins Kloster +gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den +stärksten und gewaltigsten Lebenstrieb, wie +Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit. +Der alte, schöne Satz, dass das Weib +dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit geschaffen +sei, setzt sich Brillen auf und +schneidet sich die Haare ab, und wird ihm +ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein +unverstandenes und unverständliches Rätselwesen. +</p> + +<p> +Das bedauere ich von allen Verirrungen +der Zeit am meisten, dass die Frauen dogmatisch +werden, logisch, prinzipiell. Man will +<pb n='115'/><anchor id='Pgp115'/>sie einregimentieren und einschwören. Die +Völker, die am wenigsten Sonne und Sinnlichkeit +haben, geben den Unfug an. Ihr +unterbindet euch selbst die Lebensader! +Décadence-Männer machen mit. +</p> + +<p> +Und doch: +</p> + +<lg> +<l>„’s ist eine der grössten Himmelsgaben,</l> +<l>So ein lieb Ding im Arm zu haben.“</l> +</lg> + +<p> +Nicht nur für uns, für es selbst auch. +Wo ist die Frau, deren Herz und Hirn gross +genug ist, die geliebte, liebende Frau, von +herben und verkrüppelten Früchten, die reife, +süsse?..... +</p> + +<p> +Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf, +einzig und allein für ihn bestimmt, +eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. +Nur wir, die wir sie wahrhaft lieben, sehen +in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen, +in seiner Eigenart des Interesses und +der Teilnahme wert. +</p> + +<pb n='116'/><anchor id='Pgp116'/> + +<p> +Mögen sie hereinfallen! Das „weisse +Blatt“ ist die grösste männliche Unverschämtheit, +Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in +der wir wissentlich und willig beharren. Ein +Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal +feineren und aufmerksameren Augen, +Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht sehen, +hören, fühlen, wie wir? +</p> + +<p> +Der Egoismus der Männer macht sie +blind. Ich habe kein Mitleid mit Egoisten. +Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist +lächerlich und verächtlich mit Recht. Lebte +er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich +bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken, +ihr Fühlen bis in ihre Verlogenheiten hinein +– haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? +– wäre ihm das passiert? hätte er +nicht warnen, eingreifen können als es Zeit +war, wenn nötig sie vorher freigegeben. +</p> + +<pb n='117'/><anchor id='Pgp117'/> + +<p> +Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. +Und es giebt eine Rolle „Mann“, die wir +mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle +„Weib“, die wir ihnen aufoktroyiert haben. +Sie rächen sich wie sie können. +</p> + +<p> +Nicht nach Besserung seufzt die Welt, +sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit ist +die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich +unmoralisch, ungütig, böse. Und wenn der +Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal, +dann steigt das Niedrige. Was ist gemein? +Was ist verächtlich? Was ist erhaben, bewunderungswürdig? +wenn Alles Menschliche +menschlich ist. +</p> + +<p> +Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über +der Welt, die feinste, reine Quintessenz des +Christentums. Nur die Pharisäer stören es. +Dem Zöllner ist es natürlich. +</p> + +<p> +Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum +<pb n='118'/><anchor id='Pgp118'/>Schlusse. Der Deutsche macht sie. „Die +Moral von der Geschichte“ – Und es ist +eine gute, alte Sitte, denn Moral ist überall, +wenn es auch nicht die der Rute und der +Zuckertüte ist. +</p> + +<p> +Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest. +</p> + +<p> +Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins +von ihren neuen Ausstattungskleidern, ein +schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem +Hals. +</p> + +<p> +„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch +bei Kathi heut Abend bin, und ich will auch +wirklich hingehn.“ +</p> + +<p> +Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt. +Wir tranken Sekt und assen kleine, pikante +Sachen dazu. +</p> + +<p> +Wir waren sehr lustig. +</p> + +<p> +Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du +<pb n='119'/><anchor id='Pgp119'/>mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb haben, +Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“ +</p> + +<p> +Eine gewisse Wärme kommt doch über +mich. Ach Herzchen! Herzchen! +</p> + +<p> +Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche +in unsrer Liebe, ihr erster Besuch, der erste +Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder +Gegenstand in meinem Zimmer, Whipchen, +die Photographien, der Bismarck ... +</p> + +<p> +„Nie, nie vergesse ich das“ ... +</p> + +<p> +Wir waren ganz glücklich. +</p> + +<p> +„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu +Hause wäre. Ach Liebchen!“ .... Dann +schluchzt sie wieder ein bischen. +</p> + +<p> +Dann die Moral wieder: „Du findest mich +auch nicht schlecht?“ +</p> + +<p> +– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens. +Alle thun das. Und Daisy Grimme! die +macht’s doch viel schlimmer. +</p> + +<pb n='120'/><anchor id='Pgp120'/> + +<p> +„Wenn es doch möglich wäre! Wenn +ich doch heute bei Dir bleiben könnte – +und immer!“ .... +</p> + +<p> +„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen +Ball – und morgen!!“ – – – +</p> + +<p> +Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert +sich an meinen Hals. Sie ist ganz +glühend. Sie küsst mich. +</p> + +<p> +„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s +doch, dass ich Dich lieb habe, nur Dich!“ +</p> + +<p> +Ich glaub’s. Ich glaube Alles. +</p> + +<p> +„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt +wären! im Paradies!“ .... +</p> + +<p> +<anchor id="corr120"/><corr sic="Ach!">„Ach!</corr> es ist zu schrecklich eingerichtet im +Leben! ... Und nicht wahr, meine Briefe, +die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie +doch alle?“ ... +</p> + +<p> +– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen? +<pb n='121'/><anchor id='Pgp121'/>Oh Gott! Wie schrecklich das würde! Ich +würde Alles verraten.“ +</p> + +<p> +„Sehr verständig würdest Du sein.“ +</p> + +<p> +„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre +Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht +gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen +gern gehabt hast? Du bist ja so unmoralisch!“ +</p> + +<p> +Martin meldet die Droschke. +</p> + +<p> +Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster +erleuchtet. +</p> + +<p> +„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich +noch nicht mal gehabt hast .. Der greuliche +Kerl mich kriegt.“ +</p> + +<p> +Sie weiss genau, dass die Droschke im +nächsten Moment anhalten muss. +</p> + +<p> +Sie hält. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='122'/><anchor id='Pgp122'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dreizehnter Brief.</head> + +<byline rend="center"> +Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Gröndahl. +</byline> + +<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2"> +Lieber, süsser Herzensschatz! +</salute> + +<p> +Denke Dir meinen Schrecken, als Achim +mit Dir hereinkam! Aber nur einen Moment +hab ich mich erschrocken. Du bist ja so +verständig und lieb und gut. Ach und die +süssen, grünen Gläser, die Du mir geschenkt +hast! Das sieht Dir ähnlich. Es war zu +entzückend himmlisch bei Dir. Ich werde es +<hi rend='gesperrt'>nie</hi>, <hi rend='gesperrt'>nie</hi> vergessen und Dich ewig lieb +haben. Du musst uns jetzt oft besuchen, +nächsten Sommer, wenn wir hier auf dem +Gute sind. Jetzt verreisen wir – nach +Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier +geschenkt. Himmlisch, sage ich Dir. – +<pb n='123'/><anchor id='Pgp123'/><anchor id="corr123"/><corr sic="wir">Wir</corr> sprechen dann über Alles, Du musst +mir erzählen, wen Du jetzt hast. Du bist +ja so verständig. Wenn Du doch Achim +wärst! Ach, das Leben ist doch sehr +schwer oft! +</p> + +<p> +Fandest Du, dass ich gut aussah bei der +Trauung? Der dumme Kirchenmensch hatte +die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich +ärgerte mich die ganze Zeit darüber, und +die Myrte stand zu hoch über der Stirn. +</p> + +<p> +P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, +alle? und Martin sagt nichts? Es +wäre schrecklich. +</p> + +<signed rend="text-align: right">Deine M.</signed> + + </div></body> + <back> + <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + + <p>Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verändert, außer in folgenden Fällen, + die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:</p> + <list> + <item><ref target="corr039">Seite 39</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „bin?“</item> + <item><ref target="corr120">Seite 120</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Ach!“</item> + <item><ref target="corr123">Seite 123</ref>: „wir“ geändert in „Wir“</item> + </list> + </div> + <div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="pgfooter" /> + </div> + </back> + </text> +</TEI.2> diff --git a/35758-tei/images/cover.jpg b/35758-tei/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f72b992 --- /dev/null +++ b/35758-tei/images/cover.jpg diff --git a/35758.txt b/35758.txt new file mode 100644 index 0000000..75f8644 --- /dev/null +++ b/35758.txt @@ -0,0 +1,2540 @@ +The Project Gutenberg EBook of Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der +hoeheren Tochter by Hans von Kahlenberg + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der hoeheren Tochter + +Author: Hans von Kahlenberg + +Release Date: April 2, 2011 [Ebook #35758] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HOeHEREN TOCHTER*** + + + + + + [Illustration: Cover image] + + + + + + Nixchen. + + + + + + _Saemtliche Rechte vorbehalten_ + + + + + + *Nixchen.* + + Ein Beitrag + zur Psychologie der hoeheren Tochter + + von + + *Hans von Kahlenberg.* + + _Umschlag von __Hermann Liebich__._ + +*12.-14. Tausend.* + + +_Wiener Verlag._ +Wien 1904. + + + + + + Maschinensatz + von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217 + + + + + + + ERSTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Groendahl, Berlin, Nettelbeckstrasse. + + +Mein lieber, alter Mephisto! + + +Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute +in meiner schoenen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war +ich recht wuetend auf Dich, wuetend und entruestet und etwas traurig von +unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und +koestlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten ueber ein gewisses +Thema auseinandersetztest. + +Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher, +hartgesottener Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist, +was waere das Leben ueberhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier +auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Beruehmtheit, die Freude an dem, +was man in sich hat, an der schoenen Gotteswelt draussen, wenn man sich +nicht mitteilen koennte, wenn die lieben Frauen nicht waeren, die liebe, +schoene Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein +eigen zu nennen. + +Ja, die lieben Frauen! - Und Du magst nun sagen was Du willst und +Erfahrungen haben so viele Du willst - ich bedauere Dich oft darum. Ich +behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es fuer Unsereinen ueberhaupt +erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, suesse, unschuldige +Blumen, tausendmal besser, feiner, klueger wie wir, direkt vom Himmel +herunter gesandt, damit man eine Ahnung behalten soll hier unten im +Staube, wie's da oben aussah. + +Lache nun wie Du willst ueber den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es +ist zu schoen, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber +Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, - ich bin gluecklich, +unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig gluecklich! - Ich liebe. + +Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenueber. Weisst +Du ueberhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke +Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter +Sachverstaendiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor +der Gefuehle? - Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker +und doerflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht. + +Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen +Haeuserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, beruehmt mit +sechsundzwanzig, vergoetterter Boudoirheld, dem die Koeniginnen des Salons +zu Fuessen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie +Keiner, Tigerinnen mit Madonnengeluesten, sentimentale Messalinen, +Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die fuer mich schlechter sind, +als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys +und praeraffaelitischen Faltenwurf. + +Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem gruenen, glatten +Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnoerkeln und den +beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten, +verraeucherten Bude mit den Hirschgeweihen und den alten Preussenkoenigen +und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann moecht' ich es gerade an +die Wand werfen und hinausstuermen. Freie Luft! Baeume! Erdgeruch! Hier ist +doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit! + +- - - - Und doch ist auch sie keine Landbluete, nicht im Walde erschlossen +beim Quellenrauschen, - eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume ueber dem +Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre! +suesse sechzehn! - halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste +Alter. Ich mag die "jungen Damen" nicht, die schon drei Winter ausgegangen +sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man +mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Maennerauge, das sie begehrte, +hat einen Fleck darauf zurueckgelassen. + +Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glueckliche, +selbst nichts ahnende Jaeger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand +entdeckt. Das ist buchstaeblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So +faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen +Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus +verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande +voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen +wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, +riesige Felswand gedrueckt, blass und zitternd mit aengstlich hochgehaltenem +Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im spruehenden +Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnaesste wie +ein Luempchen. + +Ich fuehrte sie. Wie sie so aengstlich trippelte, Schrittchen fuer +Schrittchen an meinem langen Bergstock! - und doch glaeubig. Sie hatte Mut +nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel wuerde sie +sicher durchsteuern durch das aengstliche, riesige Labyrinth von Steinen +und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber +derjenige, dessen man sich am haeufigsten und reinsten freut, stark zu +sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines, +schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schuetzen, das Einen mit einem +Laecheln um den winzigen Finger wickelt. + +Was soll ich Dir weiter erzaehlen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den +Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises - allmaehlich, +mit Tasten und Zurueckweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen, +norddeutschen Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei aeltre +Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den +T....er Dragonern. Mathilde ist die Juengste. Mathilde - etwas Klares, +Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. - Wie ich den Namen +liebe! Sie haben alle huebsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene. +Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas +trocken, etwas zugeknoepft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die +Mutter, die echte deutsche Frau, bluehend, muetterlich, mit geschickten +Haenden. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten! +Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese +Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde - ich hasse Abkuerzungen. Ich nenne +sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder gar englisch-undeutsch +Mattie, Maudie, - es passt am besten fuer sie. Blondes Flechtenkroenchen, +blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des +Rosenblattes. Ich schwaerme fuer schoenen Teint bei Frauen. Er scheint mir +ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den +Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld. + +Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Suende. Ich habe +Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben. +Blatt fuer Blatt moechte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz, +Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein +Gedanke! welche Aufgabe! + +Ehrfuerchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges +Geschoepfchen von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen +Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde +geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krueckstock ausging, dass +ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? _Meine_ Aufgabe +wird es sein, sie einzufuehren, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht +erklaert sich das Raetsel der Welt, wenn das Koepfchen so sicher ruht an +treuer liebevoller Brust! + +Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist. +Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgueltigen, unheimatlichen Orten unter +ungenuegender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen koennen. Ich +habe meine laendliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden. +Und wenn Ihr mich nachher als "reinen Thoren" verspottet habt, ich habe +Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen +Kursen, mit Toechtern ausgewaehlter Familien. Ihre liebste Freundin ist die +Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzaeugiges +Plaudertaeschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr +liebliches, bestaendiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend +kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwaermerei fuer einen +toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich ruehrend diese +Einfalt gerade ist! Sie hat fuer mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich +wuerdig sein moege. Ich pruefe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte. +Selbst meine Augen moechte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken, +zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind! + +Lache ueber mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spoettischste Mephistomiene +auf ueber den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem +sechzehnjaehrigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine +Krone, eine Erloesung! + +Ich bin gluecklich! Dein Achim. + + + + + + ZWEITER BRIEF. + + + Herbert Groendahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis + Jueterbog in der Mark. + + +Teurer Parzival! + + +Heute also zu Deiner Epistel von gestern. + +Ich habe weder gelaechelt, noch eine spoettische Miene aufgesetzt. Ich +kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die +engbeschriebenen Seiten a la Hainbundjuengling. + +Aber ich habe nicht gelaechelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der +Mensch nie aus dem Zahnen heraus! + +Da habe ich ihn muehsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus +den Faengen gerissen, nun faellt er auf einen Backfisch herein, einen +Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! - Mensch! Mensch! Die Goetter +wollen Dein Verderben. + +Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu +Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz, +manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das aeugelt und +kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest +Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjuenglinge erroeten, und traeumt von +chambres separees, alten Maennern mit Millionen und Hausfreunden, die +Gesandtschaftsattaches sind. + +Der Schaendliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze +Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter. + +Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsaetze. Ich weiss nicht, ob sie +ganz so schoen waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine +mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune. + +Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen +Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine +aergere Komoedie als ich dachte, ich Hans Herbert Groendahl, alter, +ausgelernter Komoediant und Komoedienschreiber. + +Uebrigens ja doch! lachen musste ich doch. + +Bei der Beschreibung: Flechtenkroenchen, blaue Augen, diese Zartheit, +Blondheit. Geheimratstochter aus W..... + +Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest ueber meine Abenteuer, +entruestet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer +Verfuehrungskuenste? + +Diesmal wirst Du wenigstens zugeben muessen, dass ich auf unschuldige Weise +dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstaeblich im Schlafe, Du +weisst ja "seinen Freunden u. s. w." + +Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus +Armen, als Martin zwei Damen meldet. + +Martin ist geaicht auf solche Faelle. Er hat dann foermlich etwas +Priesterliches, die Allueren eines Offizianten, der das Allerheiligste +oeffnet. + +Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in +Muenchen der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste, +ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen +Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen +Leben. Martin bediente uns waehrend des Essens mit einer Grandezza und +diskreten Feierlichkeit, die anfing laehmend zu wirken. Jule wurde stiller +und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr sueddeutscher +Gemuetlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den +geringeren Goettern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie +einen fast schuechternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches +Gesicht. + +Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind +alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen - notabene es +war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme, +feierlich und gedaempft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr +ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst +einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin praesentiert Feuer +von dem zuengelnden Stirnflaemmchen einer Serpentintaenzerin und traeufelt das +Nass aus dem gruenen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. +Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von +dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten +Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fuehlt das +Beduerfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht. +Das Bett steht zurueckgeschlagen mit langherabrieselnder gelber +Seidenkouvertuere. Ueber dem Kopfende haelt ein gefaelliger Cupido, laechelnd +vorgeneigt, ein elektrisches Flaemmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll +arrangiert, Kaemme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und +gewellte, ein silbernes Schuhknoepferchen mit Elfenbeingriff. Jule traegt +Lahmannsandalen und kurzgeschoren. + +"Du -", sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr +energischen Klink der Thuer, der ihm durch und durch gehen musste. "Wenn +der im Paradies dabei gewesen waere, den Apfel haette der liebe Gott sich +sparen koennen." + +Also Martin meldet. Du weisst, dass Hoeflichkeit gegen das weibliche +Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wuesstest, was ich +durch diese Hoeflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir. + +Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung +nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der aeussere Mensch +waere geruestet. + +Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und +Martin ist darin gut erzogen. En avant donc! + +"Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?" Zwei Backfische, allerliebst! +ein blonder und ein brauner, suess, frech, puterrot. Aus gutem Hause - +Handschuh, Stiefel - viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort. + +"Sie sind doch der beruehmte Herr Groendahl? Wir haben Ihr Buch: "Verbotne +Fruechte" gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen +lernen." + +Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen +Augen. Die Blonde steht verschaemt mit schlagenden Wimpern. + +"Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende +Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine +Damen?" + +Sie setzen sich, beide natuerlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde +bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend. + +Die ist schon ganz frech: "Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine +Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwaermen fuer moderne Litteratur. +Meine Freundin schwaermt fuer Ihre Buecher. Sie hat auch eine Photographie +von Ihnen. Sie hat sie bei sich." + +"Und nun sind Sie sehr enttaeuscht natuerlich - ein alter Mann mit einem +kahlen Kopfe...." + +Erneutes Kichern. Diese kleinen Maedchen muessen sehr solide Knochen haben, +dass sie ihre gegenseitigen Pueffe und Ellenbogen so gut vertragen. + +"Unsre ganze Klasse schwaermt fuer: "Verbotne Fruechte". Wir haben es Alle +gelesen. Oh wir lesen Alles!" + +Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Saetzen. + +Ich spiele den Moralisten: "Das ist doch aber eigentlich in Ihrem +Alter ...." + +"Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi +und "Sodoms Ende" haben wir gesehen, heimlich!" + +"Der Vetter Hubi ist ein gluecklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre +Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?" + +"Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen," (schriftlich nicht +wiederzugebende Nueance der Verachtung fuer diese ehrenwerte Beschaeftigung +des wackren alten Herrn). "Itta" - was diese kleinen Maedchen fuer Namen +haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Kaetzchenmiauen +und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher +Vorname ebenso unmoeglich waere wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein +- -, "Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta +schwaermt fuer Kuenstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptsaechlich Garde +und Kavallerie." + +"Aber Kitty!" ... + +Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste. + +Ich liess Wein und Suessigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen. + +Sie knabberten wie die Maeuse. Von dem Wein nippten sie nur. + +Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten foermlich vor +Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem +Schreibtisch enttaeuschte sie sichtlich: "Ach die Kaiserin!" ... Einige +Bouchers entschaedigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten. +Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Waende voll nackender Frauenzimmer +zu finden, alle fuenf Barrisons mindestens! + +"Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt +es." + +Olga Krohn ist ein charmantes Maedchen. Ich zeige maennliche Bescheidenheit: +"Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen +ihre Gunst erweisen." + +"Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?" + +"Es giebt soviel Liebreiz in der Welt." + +"Sie sind sicher schon oft sehr ungluecklich gewesen?" + +"Unsaeglich!" + +Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende +Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknoepfen und das +traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten +werde. + +"Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gaenzlich unromantischen +Person .." + +Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten, +einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die +Andre, - die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde +nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ... +Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme! + +Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu +aeussern wage inbetreff der "Gelegenheit" ... Man hatte ja seine +Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System +funktionierte vorzueglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser +Faktoren blickte durch, die Angst, Schuelerinnen zu verlieren, Kundschaft +einzubuessen. + +Ich sage Dir, es war entzueckend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen +Kaefer! + +Es schlaegt sechs Uhr. + +Die Braune erhebt sich: "Jetzt muessen wir aber gehn." + +"Schon?" + +Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: "Du kannst ja wiederkommen." + +_Ich!_ "Wenn ich auf ein solches Glueck hoffen duerfte?" ... + +"Ich werde Ihnen schreiben," haucht die Blonde. + +Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist +ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfuerchtig, bescheiden, vielsagend - und +stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. - - - + +Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch. + +Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas +heiratet man. Mit sowas setzt man Toechter in die Welt, die wieder +schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude ruecken. Brrr ..... + +Da hast Du was fuer Dein gluehendes Herz! + + + + + + DRITTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Groendahl. + + +Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. +Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter! + +Ich fluechte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich +sieht, schwinden die Zweifel. Der Glaeubige, dem die Madonna leibhaftig +erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Gluecklicher entruestet +sich nicht einmal moralisch. + +- - - - Sie ist noch immer geschlossen, suess und ahnungslos. + +Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die +schlanke Huelle, ein tieferes Atmen, die Ahnung kuenftigen Fruehlingssturmes, +heller, glorreicher Sonnenwaerme. + +Wir sassen auf dem Balkon. + +Ich sah sie wohl zu heiss an. + +Sie verwirrte sich. Sie war still. + +Diese suesse Stille! Kennst Du einen huebscheren Ausdruck als den Koriolans +an sein Weib: "Mein suesses Schweigen!" Es liegt darin eine solche Tiefe +der Unberuehrtheit. Auf vieles waere es schlechterdings unanwendbar, auf +Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen - der See - der +Himmel - die Frau ... + +Ich bemuehe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im +Hause ihre kleinen Aemter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa +den Fruehstueckskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen haelt sie selbst +in Ordnung, die kleinen Roeckchen, Struempfchen, Ziertuechelchen und +Baendchen. Die Mutter hat sie schlicht und haeuslich erzogen, wie sie selber +ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plaetteisen selber fuehren. +Ich finde das entzueckend. + +Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v. +W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit +wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die +beiden Maedchen sind unzertrennlich. Wie das schwaetzt und schnaebelt! - all +diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der +sechzehn Jahre. + +Das thut mir manchmal fast weh. + +Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, fuer das wir kein +Verstaendnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter, +ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenueber ein schuechterner +Stuemper! + +Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein! + +Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen, +seinen Schoenheiten. Unsre Mark _hat_ Schoenheiten, ihre sehr intimen, +keuschen Schoenheiten, die sich nur dem Verstehenden enthuellen, dem +Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schoene Gotteswelt, Italien, +Norwegen - das Meer ... + +Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass +ich reich bin, soviel Schoenes erschliessen kann fuer mein Lieb. + +Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine, +barbarische Berlinerin, die nichts kennt! + +Alle meine Lieblingsbuecher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried +Keller, Storm. + +Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen +und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes, +grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck. + +Die Mama laechelt dann: "Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!" + +Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens wuerdig finden. + +Bin ich ihrer wuerdig? + +Diese Frage beschaeftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein +ausschweifendes Leben gefuehrt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen, +sowohl bei Maennern wie bei Frauen, und keine kuenstlerische Verklaerung, +keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu uebertuenchen +vermocht. Ihr verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner +Josephhaftigkeit. + +Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte - +Eindruecke - was man vielleicht nur gehoert, gesehen hat. Was ist meine +sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste +Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen koennte. +Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu +maessigen. + +Wie zart und ruehrend diese kleinen Gespraeche mit ihr! Ich frage und sie +antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor +man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das +weisse, suesse Lilienblatt. Gott moege mich wert machen, dass es die rechte +Schrift sei! + +Ich hatte eine Erschuetterung dieser Tage. + +Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam - ich bin ein fuer alle Mal +Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit +ihr. Sie gehoert zu ihrem Kreis. Die Geheimraetin sagt, es geht nicht +anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser +gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage. + +Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse! + +Auch Mathilde war im Salon. _Sie_ sprach mit ihr, lobte ihren Anzug, +kuesste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner +Lilienknospe, meiner Madonna! + +Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und +liebenswuerdig, hat ihre Partei. + +Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie +da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen. + +Ich war sehr alteriert. Mein Maedchen sah mich halb erschrocken an, welche +boese Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wuesstest, dass es nur Deine +Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt, +seit ich Dich habe! + +Es kommt mir vor, als saehe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es +mir fast, als ob sie geweint haette, holde, unschuldige Thraenen einer +suessen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl +oefters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt? + +Noch ein entzueckender Zug. + +Bei der aeltesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte. + +Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man +besorgen muesste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hoerte nur +das Murmeln ihrer Stimmen, zaertlich und geheimnisvoll wie vor einer +Weihnachtsbescherung. + +Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen. + +"Das Kind ahnt ja nichts," sagte Frau von B. laechelnd. + +Ich kuesste ihr die Haende. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod +gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurueckzugeben, wenn +Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl! + + + + + + VIERTER BRIEF. + + + Herbert Groendahl an Achim von Wustrow. + + +Das Abenteuer faengt an, mich zu interessieren, mehr von der +psychologischen als von der persoenlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das +bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit. + +Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Hoeheretoechterschrift, +steil, zimperlich, kaprizioes: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um +dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J. + +Ich oeffnete selbst. Das erhoeht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und +erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit +schwarzem Astrachan, gluehendrot. + +Diesmal kuesste ich sie natuerlich. + +Du weisst, dass ich Kuessen fuer eine Kunst halte. Einige Menschen werden +sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage, +Bestaetigung - Grenze ... Die ganze kuenftige Liebesmelodie im leisen, +leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und +Ungeschicklichkeiten hinterher. + +Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das +Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. "Es merkt es doch +auch niemand?" + +Ich beruhigte sie: Eine Etage hoeher wohnt ein Photograph, da haetten Sie +immer hingehen koennen, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das +Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist +verschwiegen wie das Grab. + +Sie hatte ueber das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett +kuessen hinterher. + +Dann die moralischen Garantien. + +"Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen "dem" +gekommen bin?" (in Parenthese - hast Du schon jemals eine Frau getroffen, +die "wegen" mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie traegt +Jaegerwaesche und philosophiert im Bette.) "Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! +Es ist doch nur, weil ich Deine Buecher gelesen habe - und es ist so +schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist." + +Ich sage: wahrhaftig nicht! und kuesse sie, kuesse ihr die weisse Kehle rot +und beisse sie ins Ohrlaeppchen. + +Was fuer Bruestchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhaelften! und +das Haelschen so fein angesetzt! Aermchen, die umstricken und festhalten, +duenn, weich und unzerreissbar wie Seidenstraenge ... Es ist ein kleiner, +ruehrender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton. + +Ich habe jetzt auch einen Namen fuer sie: Wassernixchen. "Nixchen" passt +ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, luestern, spitzbuebisch, +zur Liebe geschaffen, unfaehig im Grunde. Der Fischschwanz! + +Eiskalt - das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt: +"Ich liebe Dich, Herri! Ich hab' Dich furchtbar gern! Du bist der +einzigste, himmlischste Mann, den es giebt." Aber nett klingt's doch. + +Dazu kein lautes Wort, keine haessliche Geste, immer kleine Dame, so +sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich +habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und +wattierte Unterroecke verliebten. Ich bin zu sehr Aesthetiker dazu. + +Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar. + +Dann wird sie Meister und ich demuetiger Schueler. Ich staune, was der Balg +weiss. Und woher weiss sie es? + +Sie lacht: "Das wissen wir Alle." + +Dann erzaehlt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale +Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse +Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schlaeft, +Dienstbotengeschichten, am Schluesselloch Erlauschtes, eine spielerische, +knabbernde Luesternheit an Buechern und Eindruecken. Selbst der Humor dieser +Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtueckisches, ein Humor von +Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzaehlte mir eine Geschichte von einer +Bekannten, einer vierzigjaehrigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem +Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, waehrend +er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen +blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten +sie in ihrer kleinen, perfiden, unschaedlichen Bestienhaftigkeit. + +Dann hat man Brueder, Vettern ... Der "Vetter" verdiente eine extra +Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz +"fremder Mann". Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen. +Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint +es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, fuer diese +delikaten, schummrigen Uebergangsstadien, eclaireur-Dienste, +Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte. +Sie hat Angst vor mir. Manchmal spuere ich die Vorarbeit des "Vetters". +Irgendwo und irgendwann ist er ueberall mal dagewesen. Du magst noch so +frueh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich +gebe Dir das als Axiom. + +Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersaettlich. Es ist +die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht: +Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die +halbe Religion mindestens ist fuer sie nur das. Das merkt sie sich, das hat +sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas +Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten +ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: "Das ist dumm, Liebchen! - +Das ist so langweilig, das mag ich nicht ..." + +Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen, +Martin, der bric a brac. + +Und Kuessen zwischendurch! + +Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig +Natur. + +Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie laesst sich +kuessen, streicheln, anfassen .... + +Dann eine Bewegung wie ein Schlaengchen, die Angst vor dem Wehthun, dem +Baby, die Heiratschance. + +Dann wird sie geschaeftsmaessig: "Wir haben kein Vermoegen. Else und Dada +haben auch geheiratet." + +Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernuenftige, die +Versorgung. + +Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau. + +Schliesslich kann man es ihnen verdenken? + +Die falsche, unnatuerliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die +Wuermer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht +mal selbst aussuchen koennen, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie +eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas +Champagnerschaum schluerfen wollen? + +Und wie klug sie dabei verfaehrt, instinktiv, so 'n kleines, dummes Ding, +nicht fuer zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie +eine orientalische Haremsdame! + +Und so 'n kleines Gaensegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: "Der ist der +Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer." + +"- Wenn es rauskaeme!" das ist ihre einzige Angst, eine suesse, gruselige +Angst. Dann kichert sie ueber die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute, +da unten auf der Strasse, - dass sie hier oben allein ist, in seiner +Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen. + +Davon ist sie tief durchdrungen: "Du bist so unmoralisch!" .. + +Dann kuesse ich sie wieder. + +Sie legt mir die Aermchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling, +suesses Herz - und dass sie mich ewig, ewig lieben wird. + +Kleine Kanaille! - Na, das sind sie Alle. + +Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Maenner, der +Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder +passiert. + + + + + + FUeNFTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Groendahl. + + +Weisst Du, dass ich manchmal foermlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir +vorkommt, als muesste ich Dich bekehren. + +Mathilde wuerde Dich bekehren. Du wuerdest glauben und niederknieen wie ich. + +Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. - Die +einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit. +Wenn er erst maennlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach, +eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den +praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen +Beschluss. + +Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum +Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch +und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt +doch das Band, das Altpreussen zusammenhaelt, dem Einzelnen Kandare giebt, +wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimuetig gestand, etwas ueber +die Straenge geschlagen hat. + +Natuerlich stellte ich ihm fuer vorkommende Faelle meinen Kredit zur +Verfuegung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein +Bruder, der Bruder ihres Bruders? + +Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns +nicht nur leere Phrase sein soll. + +Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen +Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm +das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen +Arrangements fuer Gesellschaften. Sie schmueckt dann die Tafel, legt Silber +und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie +sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb +haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Suessigkeit eines +Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehoeren, +denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden. + +Man schenkt mir sehr viel Zutrauen. + +Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufaellig so gefunden. + +Sie schien aengstlich zu werden, im unbestimmten Gefuehl von etwas +Aussergewoehnlichem, Nahendem. + +Ich bemuehte mich, ganz Gleichgueltiges zu sprechen, wo ich ihr doch am +liebsten zu Fuessen gefallen waere. + +Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich geruehrt hat. + +Ich habe Mathildens Stuebchen gesehen. + +Ich kam wohl zu etwas ungewoehnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich +ja nie. Frau von B. war im Hause thaetig, mit vorgebundner, grosser, +weisser Schuerze. "Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens +Stuebchen." + +Ob sie meine Gefuehle ahnte? Sie liess mich in der Thuere stehen, waehrend +sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete. + +Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Ueber dem Bett die Raphaelschen +Engelskoepfchen, - ein Buecherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben, +Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische +Tauchnitzromane ... + +Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstoeren, zart +genug zu sein, hochherzig, ritterlich! + +Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Sueden +zurueckgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Baeder. Sie ist sehr schoen. +Ein Schatten von Schwermut macht dies schoene, stolze Gesicht fast noch +anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die +Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote +stehen, koennen ja einem Frauenherzen dafuer keinen Ersatz geben. + +Bei der aeltesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr +Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tuechtiger und +strebsamer Offizier. + +Sie muessen sich einschraenken. Wie ich sie liebe, diese Einschraenkung um +der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der +heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben, +der Stimme des Herzens zu folgen. + +Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Muetter sind. Es ist solch +huebsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfuellung erst der +Frau, die Erfuellung ueberhaupt des Lebens, vor der die ganze suendige Welt +niederkniet, glaeubig und erloest. + + + + + + SECHSTER BRIEF. + + + Herbert Groendahl an Achim von Wustrow. + + +Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein +aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren. + +Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwaerts stossend, fortwaehrend thaetig, um +mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten +herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwaehrende Noergeleien, +Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespraech dieser Familie ist +Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist +alt, muede, muerbe. Er moechte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stuebchen +haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt +und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden. + +Das Nixchen steht natuerlich auf Seiten der Mutter. "Mama" ist eine grosse +Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht. + +Die beiden Aeltesten hat sie gluecklich losgeschlagen. Mit der Ersten +haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er +hatte ja Karriere vor sich. Thraenen und Szenen in der Familie. Man hielt +ihn bei der Ehre fest, bis sie gluecklich unter Dach und Fach waren. +Seitdem ersticken sie in Brut. + +Das ist Mamas Hauptaerger. Auch das Nixchen wird ganz naseruempfend: "Wie +kann man nur! Sie koennten doch wirklich "was thun" - wo er noch nicht mal +Major ist." - Ueber das "was", das man thun koennte, scheint sie sich +ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn +die Diskussion heftig wird. + +Die Zweite war die Schoenheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde +auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und +Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem +Marinevetter machte die Mama ebenso nachdruecklich wie effektiv ein Ende. +Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld. +Dada entschaedigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das +Nixchen erzaehlt mir Alles: "Ach, du bist ja nich so" .... Sie haben eine +Wohnung hier irgendwo. + +Es findet Dada nicht zu bedauern. + +Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht +Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des +geheimraetlichen Kuechenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens. +Daher fortwaehrende Szenen. Der reiche Schwager laesst sich nicht anpumpen. +Mama hat Schulden gemacht: "Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei +uns." Ich glaube es gern. + +Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise +eingefangen, ein laendlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen. + +Er scheint etwas daemlich zu sein .. "Dann hat er so grosse Haende!.. Nicht +halb so nett wie Du!" .... + +Sie weint dann thatsaechlich, obgleich sie natuerlich fest entschlossen ist, +ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze. + +Oh, Weiber! + +Arme Natur, wo bist du? + +Ueber die Taktik des "Fangens" giebt sie einige ganz huebsche Details. + +"Natuerlich musst du immer thun, als wuesstest du von nichts. Das ist die +Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die +Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich +meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht +fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt haetten, bei Tante Otti, +was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind +waere, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer +eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich +was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun! +Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!" + +Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformaetchen! + +Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren +kleinen, prueden Zaertlichkeiten, das Haendchen, das mir ueber den Schopf +faehrt, die Kuesse .. sie drueckt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal +kuesst sie mich sogar auf den Mund jetzt: "Ich koennte sterben fuer dich! +Wahrhaftig!" + +Man koennte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: "Wir +koennten uns doch heiraten" .... + +Sie wird dann sofort wieder Nixchen: "Ein Kuenstler wie du .. und sieh mal, +er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama +gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. - Man muss doch +vernuenftig sein, Schatz." + +Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna. + +Ich liege auf der Chaiselongue und staune. + +... "Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche, +einzige Liebe. Du _hast_ mich doch." + +Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden: + +"Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch +nichts Schlechtes." ... + +Eigentlich koennte man sie durchpruegeln. + +Aber echt ist sie. + +"Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?" + +Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Koepfchen an meinem Halse +und kuesst mich: "Du bist so unmoralisch!" .... + +Ich kitzle sie. Voila. + +Weisst Du, an was sie mich erinnert? + +Das moderne Kunstgewerbe hat die entzueckendsten neuen Zierglaeser in den +Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine +Schwaermerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen, +hohe geschmeidige Glockenblumen. + +Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern, +und laesst sie in der Sonne spiegeln. - + +Frueher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge +sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, gruene, +alles Schillernde, Flimmernde, Aederchen, Nerven ... + +Und teuer sind die Dinger! teuer!..... + +Das ist sie. + + + + + + SIEBENTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Groendahl. + + +Ich glaube, dass sie anfaengt, mich zu lieben. + +Sie muss es ja gefuehlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in +ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur fuer sie leben moechte. +Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fuehlt das. + +Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie +eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie faengt an, +fuer mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen +Serviettenring, die sie kennt. + +Ich habe sie gekuesst ....... + +Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen beruehrt, die +Rosenrundung der Wangen gestreift. + +Sie ergluehte. Ich fuehlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes +Mund ihr aufdrueckt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt +beim Weibe wie bei uns! + +Mir fiel eine haessliche Episode ein. Das Maedchen des Gaertners in Templin. +Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft +lag in der Abendstille. Das Maedchen hatte frische Lippen und weisse +Zaehne ..... Ich kuesste sie ... + +Ich will wuerdig werden. + +Ich bin es schon. + +Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle, +Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine +Schuechternheit. Mama, liebenswuerdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein. + +Ich sehe sie jetzt taeglich. Sie traegt meinen Ring. Wir nennen uns "Du" und +mit Vornamen. Ich habe das nicht gehoert seit Mamas Tode. Ich koennte es +immer von ihren Lippen hoeren. + +Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich moechte sie nicht erschrecken. +Diese plumpen, oeffentlichen Zaertlichkeiten, mit denen Brautpaare einander +ueberhaeufen, sind mir widerwaertig, das unwuerdige, luesterne Spielen und +Taendeln um den einen Punkt. Die Edelbluete erschliesst sich in einer Nacht. +Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte, +jungfraeuliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden +Liebe. + +Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt +Klavier mit ihm. Sie nennen sich "Du", lachen zusammen, Ereignisse und +Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurueckgerufen, an denen +ich keinen Teil habe .. Ich moechte nicht eifersuechtig sein. Es ist eine +Beleidigung dieser Unschuld des suessesten, holdesten Geschoepfes. + +Aber ich kuesse sie heiss, leidenschaftlich. + +Ich war ungluecklich hinterher. + +Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit fuer bald festgesetzt. Es ist +besser so, obgleich sie sehr jung ist. + +"Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind," sagte Mama, als sie +einwilligte. + +Bin ich gut? Ich will es sein. + +Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in +sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes +willen keine Scham! + +Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Roenne. Ich lade ihn ein. Er soll zur +Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen. + +Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch. + +Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im +tiefen Grunde. + +Das ist das Schoene, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von +fluechtigen Verhaeltnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die +seligen Goetter nicht beneide. + + + + + + ACHTER BRIEF. + + + Herbert Groendahl an Achim von Wustrow. + + +Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen. + +Das machte sich so ganz natuerlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und +lag im Bett, als sie kam. Das amuesierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes, +mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem +brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhaengen, durch die +man undeutlich einen Laerm vom Hofe aufsteigen hoerte. + +Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: "Aber nicht +das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ..." Foermlich Angst hatte sie. Sie +haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an +Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Maedchenerzaehlungen sind wir Oger, +wilde Tiere, die sich auf Alles stuerzen, schoen und haesslich, jung und alt, +jede Nacht eine Andre, graessliche Orgien feiernd. + +Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgeluest, das das +dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der +Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu koennen, eines +Bismarcks alle Tage. + +Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines +Pensionsmaedchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterroeckchen, +Hoeschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln huebsch zusammengelegt auf das +Nachttischchen. + +Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr huebsch war. Sie +mussten das oft besprochen haben. "Meine Arme sind noch zu duenn, aber in +ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes +Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschoene Schultern. +Dada ihre Fuesse - sie hat ein Mal auf der Seite - das ist haesslich! Kathi +solltest Du sehen! Die ist wunderhuebsch, rund und weiss ueberall. Aber sie +weiss es auch." + +Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich kuesse sie. Ich +halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich .... + +Sie laesst sich Alles thun mit einer Art schlaefrigen Wollust. Vielleicht +denkt sie an den "Vetter". "Nicht wahr, Du bist verstaendig, Liebchen" ... + +Ich empfinde nichts, gar nichts fuer sie, eine Art laessigen, physischen +Wohlbehagens. + +Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie. + +Dann wird sie aengstlich und flehend. Zuletzt faengt sie an zu weinen, +huelflos, wie ein kleines Kind. + +Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie +hat dann ungefaehr das Gefuehl, das man hat, wenn man seine Hand dem Loewen +in den Rachen legt. + +Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: "Du liebst mich gar nicht. Du +spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es." Dann thut sie +eifersuechtig oder versucht mich zu beleidigen. + +Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie daechte, ich erschoesse mich +ihretwegen, das wuerde sie noch mehr kitzeln. + +Sie wuerde dann mit einem delizioesen Moerderinnengefuehl in ihre vornehme, +ehrbare Ehe gehen. + +Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: "Wenn ich dich nun nicht +freigaebe? Wenn ich dich verriete?" + +Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen, +flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: "Das +thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anstaendig, zu sehr Gentleman, mein +lieber, suesser Herri!" + +Wie klug sie ist. Fischschwanz! + +Und manchmal denke ich, man muesste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es +fuehlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande .. + +Dann wuerde vielleicht noch was aus ihr, dann wuerde sie ein Weib. + +Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und +Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum +Hohne! + +Aber sind wir denn nicht ebenso - Halbmaenner - Gentlemen - auf Kosten +unsrer Mannheit? + +Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein suesses, junges, +warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt +nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft? + +Was ist aus uns geworden, wenn die Gefuehle, die uns das Leben gaben, zur +Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitaeten. Delikatessen, die man +mit den Zaehnen kostet. + +Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend, +die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, ueber den Tod hinweg - und die +Toten! + +Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erloesungsdrang. Ich +fasse sie fester. Ich atme staerker ..... + +Sie murmelt: "Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir +nichts?" .... + + + + + + NEUNTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Groendahl. + + +Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten. + +Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache - in Not und Tod .. Leib +und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen. + +Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Groesseres! Nein, ich beneide die +Goetter nicht. Grade das Vergaengliche - die Not, das adelt Menschenliebe, +das macht sie unvergaenglich und goettlich. Nicht Prometheus ist's, der in +einsamem Zorn den Goettern trotzt - - _der_ Mann, der seines Weibes Hand +fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte _Mensch_! + +Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das +ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der +Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine, +das Grosse, Vernuenftige, Unsterbliche. + +Ich denke viel ueber diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren +erst finden muessen, was der sichere Instinkt des Weibes _fuehlt_! + +Wie ueberlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend - Weib sein - +Mutter - wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung +des Geschlechtes beruht. + +Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem frueheren Leben, meiner +Kindheit, den Eindruecken und Ereignissen, die auf meine Entwicklung +massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtuemer verberge ich +ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin. + +Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem +reinen Weibe gegenueber. So aber auch wird das reine Weib seine Erloesung, +das Verworrene in ihm geglaettet, die hitzige Leidenschaft zur edlen +Lebenstraegerin. + +Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich +schaeme mich nicht, es zu sagen - neulich habe ich sie mit Thraenen benetzt. + +Sie war betroffen. + +Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht +zurueckschrecken brauchen vor mir. + +Wenn ich jetzt so zurueckkehre in mein Junggesellenheim, Grumke mir das +Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser kuenftiges Dasein aus. +Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und +leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend. + +Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thaetig ist. Ich schwaerme nicht mal +fuer diese sogenannten "guten Hausfrauen" - unablaessige Scheuerfeste, +Kuechenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles +wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt. + +Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand +nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Ruecken gebeugt +vom Herdfeuer und muehseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen +missachte! Ich verehre sie! Ihre harten Haende ruehren mich. Sie sind der +beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmaeler setzen wie +seinen Helden. + +Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das +Aesthetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe. + +Ob sie ueberhaupt eine Ahnung davon hat? Sie fraegt nie. Ein suesses +Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm waere, sie folgte mir ebenso +willig und vertrauensvoll. + +Das ist mir ein ruehrendes Gefuehl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke. +Ich selbst bin immer einfach - Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen +Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepaecktraeger zur Hand war. +Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann. + +Ah, ein Koenigreich moechte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen! +Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: "Was soll mir das Koenigreich! +Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Koenigreiche." + +Darum bin ich gluecklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine +Gefuehle nicht vergeudet, keine fuenfunddreissig weibliche Vornamen aus +meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend +vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu +differenzieren, schlechte, aesthetische Unterschiede aus raffinierten +Romanen von raffinierten Maennern, die das Natuerliche unnatuerlich und +hypernatuerlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und pruede +geworden, wie manches arme, feine Maedchen, das sich verletzt in sich +selbst zurueckzog vor der Roheit und dem Cynismus der Welt. Wie einen +koeniglichen Schatz, voll und ganz, empfaengt sie, die Koenigliche, +koeniglich. + +Welch ein Fruehling in unserm schoenen alten Park, wenn der Flieder blueht +und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhaengt! + +Wir werden viel Besuch haben - die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder, +Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus. + +An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns +laecheln. + +Vielleicht .......... + +Ach, Harry! kann's denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen +Welt! + +.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der +Meinen, in suessesten Schmerzen mir geboren!... + +Was waere das Leben ohne das? Moechte sie die Schmerzen lassen? Die Angst? +Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens? + +Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen +und kuessen ihnen die Fuesse, wie der Katholik seiner Madonna! + +Die Maenner sind Egoisten. Was wuerden sie sein, wenn es nicht holde, zarte +Wesen gaebe, um sie zu mahnen, dass es etwas Hoeheres giebt, als Kraft, +Ehrgeiz - dass aller Ruhm Caesars und Alexanders nicht die That des +einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig, +Leben saeugt. + + + + + + ZEHNTER BRIEF. + + + Herbert Groendahl an Achim von Wustrow. + + +Wir sprechen jetzt sehr vernuenftig ueber ihre Ehe. + +Dass man heiraten muss, das ist selbstverstaendlich, das ist der +Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darueber gar nicht weiter nach. Eine +alte Jungfer bleibt man nur, wenn man haesslich ist, oder Keinen gekriegt +hat, oder ueberspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass +sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen +sie beneiden werden. + +Der Aerger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei - je intimer, +desto intensiver der Aerger. Das ist diesem Geschlecht das Aequivalent fuer +das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar +nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in +Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberuehrt, vielleicht nur +insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld, +Toiletten, Maenner. + +Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fuehlt, der einem +den Ruecken runterlaeuft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das +Andre ist Unsinn. + +Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts +macht, ist ihr sehr gleichgueltig. + +Ich glaube, wir uebertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es +die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht? + +Einen Mann, der einen nicht reizt? - Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten - +warum nicht? + +Von der "Liebe" wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb +lieben Frauen Kuenstler, aesthetische Maenner, die sie lange kitzeln. Von dem +eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht. + +Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut - die Schmerzen - +die Entstellung - die Bruestchen, die schlaff werden ... "Elisabeth hat +einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ..." + +Der "Bauch" von Elisabeth beunruhigt sie. + +".. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann. +Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa +Schleifchen ...." + +Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange! +Equipagen, Diener, dass sie die Hofbaelle besuchen werden. + +"Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen." + +"Aber wenn er nicht will?" + +"Maenner thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will." + +Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames +Laecheln .... + +Oh ja, der wird thun, was sie will. + +Und es giebt Toelpel, die immer noch an die staerkere Thatkraft des +maennlichen Geschlechts glauben! + +Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind ueberhaupt +viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor, +der alte, naive Barbar in ihm. - Und unsre Frauen sind klueger. Thusnelda +laechelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste. + +Sie haben ja auch zuviel Machtmittel - die Verliebtheit! Und wenn die gar +nicht mehr vorhanden ist - Es sind gewoehnlich ungeliebte Frauen, die den +Pantoffel schwingen. - Das verliebte Weib ist unterwuerfig. Das ist ihm +Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln laesst. - Der Kleinkrieg +thut's. Die Thraenen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder +Caesar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend +heruntergewuergten Mahlzeit, der permanenten Naehe eines Hassenden, +Vorwurfsgeschwollenen. + +Nichts amuesiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer +oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind haessliche +Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschoepfe. Das ist dumm. + +Fuer Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner, +Antonius, - Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina +waren Genies, weil sie Weiber waren. Ueber Louise Michel und +Frauenkongresse laechelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau +pruegelt. + +Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Kraefte so +verkennen! Das ist wie die Koenigstigerin, die sich Hoerner wuenscht, um den +Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen. + +Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen waeren, liessen wir sie das +ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den +Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemuetlich +auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer +staerkeren Schenkel. + +Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So'n kleines, zappeliges +Fuesschen, so'n weiches Waengelchen oder Bruestchen .. Simson laesst sich die +Locken abschneiden. Die schoenste Berechnung geht zum Teufel. + +Sowas passiert denen nicht. + +Ich bin das Aeusserste, das Non plus ultra in der Beziehung. + +Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kuehnheit, dass sie einem +Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager +ihr neulich an der Kurfuerstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles +vorluegt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei luegt sie kuenstlerisch, mit +Genuss, ganz unnoetig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das +Luegen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache. + +"Und im Notfall koenntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir +nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was." + +Nein, wir haben wirklich nichts. + +.... "Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt +heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!" ... + +Dann kuesst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von +Leidenschaft in ihr. Traete die geringste Unbequemlichkeit an sie heran, +wuerde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das +ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein Uebriges dazu thun und +mich aus der Welt schaffen koennte, wuerde sie es ebenso kaltbluetig thun. + +Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch +immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive +Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die ruehrendsten Affaeren +daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans +seine brave Frau, waere wahrscheinlich Frau Marthe geworden und haette an +"Heinrich! mir graut vor dir!" nur eine angenehme Erinnerung mit +fortgetragen, eine behagliche Ruehrung, dass sie ihre Jugend so gut +genossen. + +Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft, +die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt fuer einen braven Ehemann, +den sie betrogen, das imponiert ihnen. + +Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit +dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert, +darueber koennen sie nicht genug hoeren. Das lockt sie sogar mit einem +Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmaedel, das ein Kind +kriegt und ins Elend geraet. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf. + +Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht. + +Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die kaeufliche Liebe aus. +Das bereut man nicht. + +Es liegt auch da eine Naivitaet der Maenner zu Grunde oder ihre Arroganz. +Der Lendemain ist sprichwoertlich geworden. Der Wuestling hat das doppelt +angenehme Gefuehl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die +Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie. + +Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser "guter Maedchen" +("gut" ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben. + +Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Maedchen. Sie hatte auch die Angst +vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain. + +Und dann war's wirklich Morgen und der allerschoenste Sonnenschein und +Vogeljubilieren - und sie lachte, lachte uebers ganze Gesicht: "Ich bin so +froh, Schatz! Ich glaub', ich koennte fliegen!" + +So muesste Eine natuerlich empfinden. + +Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, "die +Geschichte eines Maedchens". Das ruehrte mich fast. Die Arme! Sie hat +gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war. + +Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie +laesst der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: "Und, glauben Sie +mir, es ist in der Welt nichts schaetzbarer als ein Herz, das der Liebe und +der Leidenschaft faehig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf +kommt es nicht an." + +Ueberdies: On n'est jamais le premier. + +Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus +persoenlicher Propertaet oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu +den unnatuerlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen laesst, als diejenige, +die vielleicht an einem hellen Maientage dem suessen Zug der Natur gefolgt +ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren? + +Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe +vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht. + +Aber freilich die Konsequenzen! + +Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die +behauptete, wenn die Konsequenzen nicht waeren, waer's ein +Gesellschaftsspiel. + +Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer +der "Erste", mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der +Kolumbus, der Schleierluefter, der Dornroeschenerwecker. + +Sie mokiert sich darueber. Sie hat eine Art Rankuene, wenn sie von ihrem +"Ersten" spricht. Vielleicht ist es ein Gefuehl des Torts, das sie in meine +Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden. + +"Ich haette Angst vor Dir. Du weisst so viel" ... sagt sie manchmal. + +"Aber hast Du denn keine Angst mit "ihm" - immer fremd sein - immer +Komoedie spielen?" + +Sie troestet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern. + +Luegen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so +merkwuerdig. Das ist wieder die bewunderungswuerdige Lebensfaehigkeit dieses +Geschlechts. + +Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit +seinen bloeden, guten, gesunden, toelplischen Bauernaugen. + +Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte! + + + + + + ELFTER BRIEF. + + + Achim von Wustrow an Herbert Groendahl. + + +Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am +Rosenfeste! - Hochzeit - hohe Zeit! - Weisst Du, was das heisst? Wer kann +es wissen! Wer kann es aussprechen! + +Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein +Selbstling. Selbst die hohen Traeume, die Ideale und Gedanken! Ich komme +mir vor, wie ein Mensch, dem ueber Nacht das Geheimnis des Lebens +aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben. + +Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder, +eine zarte, weisse Knospenhuelle, um eine traeumende, unschuldige Seele. + +Mathilde! Mein Maedchen! Mein Weib! + +Und wir sprechen von ueberlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier +ist der Kern des Raetsels: das Unbewusste, die Unschuld in der +Lieblichkeit. + +Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so +selbstverstaendlich. Sie laesst sich von mir kuessen, in die Arme schliessen. + +Sie laechelt. Sie bereitet die Aussteuer. + +Wie ich diese schoene Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter +bleiben, ihr Geschick erfuellt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. - +Jungfrau - Geliebte - Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele +und Leib, um zuletzt demuetig niederzuknien vor so einem holden, nicht +denkenden, kinderthoerichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach' mich +gluecklich! + +Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser +Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen. + +Ah, dieser holde und mysterioese Apparat, der die Braut in das Haus des +Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhuellen, +Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie +anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein suesses +Mysterium, macht mich traeumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer +Kinderzeit, sorgfaeltig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung, +die Sehnsucht zu erhoehen. + +Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschaeftigt. Ist es +denn nicht ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmueckt, reizend macht. +Bin ich es nicht, fuer den sie sich schmueckt? + +Ist es nicht uraelteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und +schmueckt, das suesse Geschenk ihres Leibes noch suesser machend. Es sind +noergelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt, +die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einfuehren +wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit +ihrem Leibe in diesen Momenten - Lebenstraegerin ... Sie soll ja das Glueck +sein, die Wonne, die Schoenheit. + +Hochzeit - hohe Zeit! - - + +In mir ist's hohe Zeit. + +Ahnt sie die Kaempfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass +ich sie nehmen moechte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen, +verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle +boesen Begierden daemmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen +Jubel in mir, der mich hochtraegt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme +nehmen und gegen die Sonne halten moechte. + +Hochzeit! hohe Zeit! + +Mein Heim steht geschmueckt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler +thaetig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir's leid, das +Alte, Altgewohnte. - Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht, +dass Alles neu ist. + +Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest fuer alle meine Leute. Sie +ueben schon dafuer. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Fluestern geht unter +den Arbeitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch +gut! + +Es giebt ein vollkommenes Glueck auf der Erde. Es giebt Engel. In vier +Wochen ist der Engel mein Weib. + +Wie suess muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die +strahlende Einfachheit des Naturgangs - Leben gebend vollendet sich ihr +Leben. - Was ist das Maedchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter +der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Guete, +Leidertragen ... + +Mein Weib! Mein Muetterchen! + +Wie eine kleine Koenigin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch +ein kleines Koenigreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie +Vorbild und Vorsehung ist. "Hausvater und Hausmutter", der alte, schoene, +deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir koennen es noch +sein. + +So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Fuessen: +Reine Frauen, Maenner, die ein Heim schaffen koennen, die an Reinheit +glauben. + +So, das ist ein Hieb fuer Dich! Und nun eine liebe, schoene Bitte. Komm! Du +darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen gluecklichen, glueckseligen +Menschen. + +Hohe Zeit - Hochzeit! + +Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glueck und ich glaube es. + +Und wenn Du ueber den Schwaermer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, +weiss unter der weissen Myrtenkrone - und wie Thomas: Geh' und glaube. +Geh' und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe. + +Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas uebergehn muesste. +Ich fuehle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verkuenden - +und Mathilde heisst meine Madonna. + +Noch ein kleiner, huebscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der +Mitgiftjaegerinnen, des hoeheren Kokottentums, wo Muetter schon ihre +halberwachsenen Toechter auf "die gute Partie" dressieren. + +Sie hatte den Katalog eines Waeschegeschaefts neulich. Es waren da Muster +von teuren Spitzen, die ihr gefielen. + +Die Mama, verstaendig wie immer, riet laechelnd zu billigeren: "Das ist ja +fuer eine Prinzessin, Kleine, - und Du bist ein armes +Geheimratstoechterchen." + +Natuerlich uebernehme ich das Alles. Es bedurfte einer gewissen Ueberredung +bei der Mama. Sie geben mir so Unendliches. Sollen diese teuren Menschen +sich Genen auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, waehrend ich +schwelge! + +Sie muss mich als Sohn fuer sie mit eintreten lassen. Ich bin jetzt einer +von der Familie. Worin besteht denn die Zusammengehoerigkeit, das +Vertrauen, wenn ich nicht auch das Schwere mit ihnen tragen darf? Sind +diese Gueter mein Verdienst? Brauche ich sie? Ich waere gluecklich unter +einem Strohdach. + +Es ist um Mathildens willen, dass ich mich des Geldes freue. Auch das hat +sie mich erst fuehlen gelehrt. Es vermehrt meine Macht, zu begluecken. + +Verzeih, dass ich dies ueberhaupt erwaehne. Wir haben auch darueber so oft +gestritten, ueber Geldwert und Geldanbetung in unsrer Zeit. Manche +Erscheinung des oeffentlichen Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe +einige Faelle erlebt, die mich misstrauisch und traurig machen. + +Man weiss ja leider, dass man ein reicher Mann ist. + +Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr die kleine Hand mit Geld fuellt, wird +sie es ausstreuen, laechelnd, segnend, unbewusst. Sie soll von diesem +Wissen frei bleiben. Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so ist sie das +stumme, ruhende Juwel am Herzen der Schoepfung. Wer da ist, um uns an das +Himmlische zu mahnen, das Unvergaengliche im Dasein, der braucht den Wert +eines Hundertmarkscheines nicht zu kennen. + +Die Blume ist in sich selbst genug. Die Poesie zu wahren. Das reine +Gefuehl. + +Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um uns das Paradies. + +Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, ruhe im Schatten unsrer Palmen! + + + + + + ZWOeLFTER BRIEF. + + + Herbert Groendahl an Achim von Wustrow. + + +Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da "er" bezahlt, koennen wir mit der +noetigen Gewichtigkeit zu Werke gehn. + +Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben, +Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft, +das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit +Valenciennes, hellblaue, suesse, weisse Caleconhoeschen mit hell +heliotropnen und lichtmaigruenen Languetten. + +Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fuegt sich immer meiner ueberlegneren +Einsicht. + +Das entzueckt sie: "Du verstehst Alles. "Er" naehme mich grad so gut in +einem Sack. - Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr +habe!" + +Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Huebsches +und sehr Teures, wie's selbst Dada nicht hat. Und wir sind getroestet. "Er" +zahlt ja. + +Wenigstens soll er ordentlich blechen - schon fuer seine Undankbarkeit. Ein +Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Toelpel. Sie +macht sich fuer ihn huebsch. Sie giebt sich Muehe. Was ist das fuer Muehe! - +so'n Loeckchen, das grazioes und an der richtigen Stelle in die Stirne +faellt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld, +manchmal Pein, gehoert dazu! - Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an +Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen. + +Ich verstehe zu taxieren. + +Dann sind wir ganz gluecklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe. +Wenn ich sie huebsch finde, ist sie gluecklich. + +"Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht." + +Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle +Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersoenliche fuehlen, das Wohlgefallen +an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergnuegen zu machen. Ich glaube, wenn ich +vor die Sultanin-Mutter traete: "den Turban etwas mehr nach rechts, bitte +schoen" ... sie thaete es und waere mir dankbar. Und sie haette ein Recht +dazu. + +Das ist unsere Tugend, uns Weltmaennern ihre. Und ist sie nicht eigentlich +die allerhoechste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht +liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste an der +Menschheit ist fuer mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. +Sie fuehlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir. + +Das ist ganz unbewusst: "Du bist so gut," sagt sie manchmal. Dann nimmt +sie meine Hand und kuesst sie, beinah leidenschaftlich: "Du bist gut." + +Da ist die Rankuene wieder, das kleine, tueckische, widerborstige +Katzenfauchen in dem "Du". + +"Der ist viel besser als ich." + +Ist er's wirklich? Ich glaube kaum. Er haette ihr eine Moralpredigt +gehalten und sie beschaemt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige +Joseph schnoeden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein huebsches +Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. - Oder er haette sie +genommen, seine Lueste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher +sie zur buessenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser +Tugendbolde. + +Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem +Fischchen-Element bei mir, munter schwaetzend wie ein Voegelchen, von dem, +was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. - ich habe +sie als Kuenstler behandelt, nicht roh, nicht maennisch-selbstsuechtig, nicht +pfaeffisch-zerstoererisch. + +Sie weiss das auch ganz gut, Gaenschen, das sie ist. Sie liebt mich. + +Sie wird oft sentimental jetzt: "Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich +moechte am liebsten sterben!" + +Manchmal sogar fast wild: "Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles +ganz egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit +mir machen was Du willst." + +Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenuebersitzt und +Makronen knabbert - und dann lauert sie auf den Effekt. Sie moechte etwas +mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann. + +Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: "Es ist doch gar nichts. +Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen +von "uns"." + +Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, _mir_ +bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl ueberhaupt schon mal ein andrer Gedanke +als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen +aufgestiegen ist? + +Sie betrauert meine Wohnung: Whipchen, Martin, die Glaeser .. Dann wird sie +so geruehrt ueber sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote +Nase, darin ist sie aesthetisch. + +Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten: +"Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du +verdirbst Deine Haarfrisur." Sie wollen gefallen und sollen gefallen. + +Wird die Frauenemanzipation darin je etwas aendern? Die Orientalin, die +ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmueckt, sie ist das Naivste und das +Groesste. Das Uraelteste und das Allermodernste. + +Sie fangen an mit Geist. Dann laecheln sie Dir zu .... Und wenn der Geist +wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft +durchgemacht. + +Ich moechte es nicht anders. Nur mehr Ehrlichkeit moechte ich! Es wird so +unendlich viel gelogen, gerade ueber diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui +s'excuse, s'accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Maentelchen +drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben +ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den staerksten und +gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Muedigkeit. +Der alte, schoene Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit +geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab, +und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und +unverstaendliches Raetselwesen. + +Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die +Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will sie +einregimentieren und einschwoeren. Die Voelker, die am wenigsten Sonne und +Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die +Lebensader! Decadence-Maenner machen mit. + +Und doch: + + "'s ist eine der groessten Himmelsgaben, + So ein lieb Ding im Arm zu haben." + +Nicht nur fuer uns, fuer es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und +Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und +verkrueppelten Fruechten, die reife, suesse?..... + +Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschoepf, einzig und allein fuer ihn +bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie +wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschoepf fuer sich, das Menschenwesen, in +seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert. + +Moegen sie hereinfallen! Das "weisse Blatt" ist die groesste maennliche +Unverschaemtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und +willig beharren. Ein Geschoepf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal +feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht +sehen, hoeren, fuehlen, wie wir? + +Der Egoismus der Maenner macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit +Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist laecherlich und +veraechtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, haette er sich +bemueht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fuehlen bis in ihre +Verlogenheiten hinein - haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? - waere +ihm das passiert? haette er nicht warnen, eingreifen koennen als es Zeit +war, wenn noetig sie vorher freigegeben. + +Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle "Mann", +die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle "Weib", die wir ihnen +aufoktroyiert haben. Sie raechen sich wie sie koennen. + +Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit +ist die hoechste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, unguetig, +boese. Und wenn der Vergleich faellt von seinem hohen Piedestal, dann steigt +das Niedrige. Was ist gemein? Was ist veraechtlich? Was ist erhaben, +bewunderungswuerdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist. + +Ein heiliges Mitleid liegt schwanger ueber der Welt, die feinste, reine +Quintessenz des Christentums. Nur die Pharisaeer stoeren es. Dem Zoellner ist +es natuerlich. + +Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum Schlusse. Der Deutsche macht sie. +"Die Moral von der Geschichte" - Und es ist eine gute, alte Sitte, denn +Moral ist ueberall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertuete ist. + +Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest. + +Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen +Ausstattungskleidern, ein schillerndes, gruenliches, seidnes mit niedrigem +Hals. + +"Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich +will auch wirklich hingehn." + +Ich hatte Alles mit Rosen geschmueckt. Wir tranken Sekt und assen kleine, +pikante Sachen dazu. + +Wir waren sehr lustig. + +Sie sass auf meinen Knieen: "Hast Du mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb +haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?" + +Eine gewisse Waerme kommt doch ueber mich. Ach Herzchen! Herzchen! + +Dann erinnerten wir uns an alles Huebsche in unsrer Liebe, ihr erster +Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Suesse ... jeder Gegenstand in +meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ... + +"Nie, nie vergesse ich das" ... + +Wir waren ganz gluecklich. + +"Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause waere. Ach Liebchen!" .... +Dann schluchzt sie wieder ein bischen. + +Dann die Moral wieder: "Du findest mich auch nicht schlecht?" + +- Die suesse, alte Beruhigung Gretchens. Alle thun das. Und Daisy Grimme! +die macht's doch viel schlimmer. + +"Wenn es doch moeglich waere! Wenn ich doch heute bei Dir bleiben koennte - +und immer!" .... + +"Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen Ball - und morgen!!" - - - + +Ein erneuter Thraenenstrom. Sie klammert sich an meinen Hals. Sie ist ganz +gluehend. Sie kuesst mich. + +"Nicht wahr, Du glaubst's, Du glaubst's doch, dass ich Dich lieb habe, nur +Dich!" + +Ich glaub's. Ich glaube Alles. + +"Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt waeren! im Paradies!" .... + +"Ach! es ist zu schrecklich eingerichtet im Leben! ... Und nicht wahr, +meine Briefe, die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie doch alle?" ... + +- "Ob wir uns wohl mal wiedersehen? Oh Gott! Wie schrecklich das wuerde! +Ich wuerde Alles verraten." + +"Sehr verstaendig wuerdest Du sein." + +"Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre Frauen. Mich hast Du ueberhaupt gar nicht +gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen gern gehabt hast? Du bist ja +so unmoralisch!" + +Martin meldet die Droschke. + +Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster erleuchtet. + +"Wenn ich jetzt koennte! Dass Du mich noch nicht mal gehabt hast .. Der +greuliche Kerl mich kriegt." + +Sie weiss genau, dass die Droschke im naechsten Moment anhalten muss. + +Sie haelt. + + + + + + DREIZEHNTER BRIEF. + + + Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Groendahl. + + +Lieber, suesser Herzensschatz! + + +Denke Dir meinen Schrecken, als Achim mit Dir hereinkam! Aber nur einen +Moment hab ich mich erschrocken. Du bist ja so verstaendig und lieb und +gut. Ach und die suessen, gruenen Glaeser, die Du mir geschenkt hast! Das +sieht Dir aehnlich. Es war zu entzueckend himmlisch bei Dir. Ich werde es +_nie_, _nie_ vergessen und Dich ewig lieb haben. Du musst uns jetzt oft +besuchen, naechsten Sommer, wenn wir hier auf dem Gute sind. Jetzt +verreisen wir - nach Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier geschenkt. +Himmlisch, sage ich Dir. - Wir sprechen dann ueber Alles, Du musst mir +erzaehlen, wen Du jetzt hast. Du bist ja so verstaendig. Wenn Du doch Achim +waerst! Ach, das Leben ist doch sehr schwer oft! + +Fandest Du, dass ich gut aussah bei der Trauung? Der dumme Kirchenmensch +hatte die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich aergerte mich die ganze Zeit +darueber, und die Myrte stand zu hoch ueber der Stirn. + +P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, alle? und Martin sagt +nichts? Es waere schrecklich. + + Deine M. + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht veraendert, ausser in +folgenden Faellen, die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind: + + Seite 39: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "bin?" + Seite 120: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Ach!" + Seite 123: "wir" geaendert in "Wir" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HOeHEREN TOCHTER*** + + + + CREDITS + + +April 2, 2011 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 35758.txt or 35758.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/7/5/35758/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement +shall not void the remaining provisions. + + + 1.F.6. + + +INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark +owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and +any volunteers associated with the production, promotion and distribution +of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs +and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from +any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of +this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect +you cause. + + + Section 2. + + + Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic +works in formats readable by the widest variety of computers including +obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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