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+The Project Gutenberg EBook of Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der
+höheren Tochter by Hans von Kahlenberg
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter
+
+Author: Hans von Kahlenberg
+
+Release Date: April 2, 2011 [Ebook #35758]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER***
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+ [Illustration: Cover image]
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+ Nixchen.
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+ _Sämtliche Rechte vorbehalten_
+
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+
+
+ *Nixchen.*
+
+ Ein Beitrag
+ zur Psychologie der höheren Tochter
+
+ von
+
+ *Hans von Kahlenberg.*
+
+ _Umschlag von __Hermann Liebich__._
+
+*12.-14. Tausend.*
+
+
+_Wiener Verlag._
+Wien 1904.
+
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+
+ Maschinensatz
+ von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217
+
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+ ERSTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin, Nettelbeckstrasse.
+
+
+Mein lieber, alter Mephisto!
+
+
+Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute
+in meiner schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war
+ich recht wütend auf Dich, wütend und entrüstet und etwas traurig von
+unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und
+köstlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten über ein gewisses
+Thema auseinandersetztest.
+
+Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher,
+hartgesottener Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist,
+was wäre das Leben überhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier
+auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit, die Freude an dem,
+was man in sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen, wenn man sich
+nicht mitteilen könnte, wenn die lieben Frauen nicht wären, die liebe,
+schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein
+eigen zu nennen.
+
+Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst nun sagen was Du willst und
+Erfahrungen haben so viele Du willst – ich bedauere Dich oft darum. Ich
+behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es für Unsereinen überhaupt
+erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, süsse, unschuldige
+Blumen, tausendmal besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom Himmel
+herunter gesandt, damit man eine Ahnung behalten soll hier unten im
+Staube, wie’s da oben aussah.
+
+Lache nun wie Du willst über den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es
+ist zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber
+Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich bin glücklich,
+unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig glücklich! – Ich liebe.
+
+Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenüber. Weisst
+Du überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke
+Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter
+Sachverständiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor
+der Gefühle? – Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker
+und dörflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht.
+
+Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen
+Häuserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, berühmt mit
+sechsundzwanzig, vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen des Salons
+zu Füssen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie
+Keiner, Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale Messalinen,
+Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die für mich schlechter sind,
+als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys
+und präraffaelitischen Faltenwurf.
+
+Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem grünen, glatten
+Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnörkeln und den
+beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten,
+verräucherten Bude mit den Hirschgeweihen und den alten Preussenkönigen
+und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann möcht’ ich es gerade an
+die Wand werfen und hinausstürmen. Freie Luft! Bäume! Erdgeruch! Hier ist
+doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit!
+
+– – – – Und doch ist auch sie keine Landblüte, nicht im Walde erschlossen
+beim Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume über dem
+Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre!
+süsse sechzehn! – halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste
+Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht, die schon drei Winter ausgegangen
+sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man
+mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte,
+hat einen Fleck darauf zurückgelassen.
+
+Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glückliche,
+selbst nichts ahnende Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand
+entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So
+faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen
+Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus
+verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande
+voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen
+wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse,
+riesige Felswand gedrückt, blass und zitternd mit ängstlich hochgehaltenem
+Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden
+Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnässte wie
+ein Lümpchen.
+
+Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte, Schrittchen für
+Schrittchen an meinem langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie hatte Mut
+nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel würde sie
+sicher durchsteuern durch das ängstliche, riesige Labyrinth von Steinen
+und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber
+derjenige, dessen man sich am häufigsten und reinsten freut, stark zu
+sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines,
+schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schützen, das Einen mit einem
+Lächeln um den winzigen Finger wickelt.
+
+Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den
+Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises – allmählich,
+mit Tasten und Zurückweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen,
+norddeutschen Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei ältre
+Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den
+T....er Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde – etwas Klares,
+Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. – Wie ich den Namen
+liebe! Sie haben alle hübsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene.
+Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas
+trocken, etwas zugeknöpft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die
+Mutter, die echte deutsche Frau, blühend, mütterlich, mit geschickten
+Händen. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten!
+Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese
+Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde – ich hasse Abkürzungen. Ich nenne
+sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder gar englisch-undeutsch
+Mattie, Maudie, – es passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen,
+blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des
+Rosenblattes. Ich schwärme für schönen Teint bei Frauen. Er scheint mir
+ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den
+Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld.
+
+Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Sünde. Ich habe
+Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben.
+Blatt für Blatt möchte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz,
+Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein
+Gedanke! welche Aufgabe!
+
+Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges
+Geschöpfchen von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen
+Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde
+geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krückstock ausging, dass
+ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? _Meine_ Aufgabe
+wird es sein, sie einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht
+erklärt sich das Rätsel der Welt, wenn das Köpfchen so sicher ruht an
+treuer liebevoller Brust!
+
+Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist.
+Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen, unheimatlichen Orten unter
+ungenügender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen können. Ich
+habe meine ländliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden.
+Und wenn Ihr mich nachher als „reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe
+Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen
+Kursen, mit Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste Freundin ist die
+Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges
+Plaudertäschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr
+liebliches, beständiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend
+kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwärmerei für einen
+toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich rührend diese
+Einfalt gerade ist! Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich
+würdig sein möge. Ich prüfe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte.
+Selbst meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken,
+zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
+
+Lache über mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spöttischste Mephistomiene
+auf über den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem
+sechzehnjährigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine
+Krone, eine Erlösung!
+
+Ich bin glücklich! Dein Achim.
+
+
+
+
+
+ ZWEITER BRIEF.
+
+
+ Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis
+ Jüterbog in der Mark.
+
+
+Teurer Parzival!
+
+
+Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
+
+Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische Miene aufgesetzt. Ich
+kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die
+engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling.
+
+Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der
+Mensch nie aus dem Zahnen heraus!
+
+Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus
+den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen Backfisch herein, einen
+Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch! Die Götter
+wollen Dein Verderben.
+
+Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu
+Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz,
+manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das äugelt und
+kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest
+Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge erröten, und träumt von
+chambres séparées, alten Männern mit Millionen und Hausfreunden, die
+Gesandtschaftsattachés sind.
+
+Der Schändliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze
+Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
+
+Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie
+ganz so schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine
+mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune.
+
+Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen
+Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine
+ärgere Komödie als ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, alter,
+ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.
+
+Übrigens ja doch! lachen musste ich doch.
+
+Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, blaue Augen, diese Zartheit,
+Blondheit. Geheimratstochter aus W.....
+
+Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest über meine Abenteuer,
+entrüstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer
+Verführungskünste?
+
+Diesmal wirst Du wenigstens zugeben müssen, dass ich auf unschuldige Weise
+dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstäblich im Schlafe, Du
+weisst ja „seinen Freunden u. s. w.“
+
+Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus
+Armen, als Martin zwei Damen meldet.
+
+Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er hat dann förmlich etwas
+Priesterliches, die Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste
+öffnet.
+
+Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in
+München der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste,
+ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen
+Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen
+Leben. Martin bediente uns während des Essens mit einer Grandezza und
+diskreten Feierlichkeit, die anfing lähmend zu wirken. Jule wurde stiller
+und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr süddeutscher
+Gemütlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den
+geringeren Göttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie
+einen fast schüchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches
+Gesicht.
+
+Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind
+alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen – notabene es
+war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme,
+feierlich und gedämpft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr
+ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst
+einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin präsentiert Feuer
+von dem züngelnden Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und träufelt das
+Nass aus dem grünen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade.
+Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von
+dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten
+Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt das
+Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht.
+Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder gelber
+Seidenkouvertüre. Über dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, lächelnd
+vorgeneigt, ein elektrisches Flämmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll
+arrangiert, Kämme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und
+gewellte, ein silbernes Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trägt
+Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
+
+„Du –“, sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr
+energischen Klink der Thür, der ihm durch und durch gehen musste. „Wenn
+der im Paradies dabei gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott sich
+sparen können.“
+
+Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit gegen das weibliche
+Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest, was ich
+durch diese Höflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
+
+Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung
+nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der äussere Mensch
+wäre gerüstet.
+
+Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und
+Martin ist darin gut erzogen. En avant donc!
+
+„Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst!
+ein blonder und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus gutem Hause –
+Handschuh, Stiefel – viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
+
+„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl? Wir haben Ihr Buch: „Verbotne
+Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen
+lernen.“
+
+Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen
+Augen. Die Blonde steht verschämt mit schlagenden Wimpern.
+
+„Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende
+Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine
+Damen?“
+
+Sie setzen sich, beide natürlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde
+bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend.
+
+Die ist schon ganz frech: „Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine
+Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für moderne Litteratur.
+Meine Freundin schwärmt für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie
+von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“
+
+„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich – ein alter Mann mit einem
+kahlen Kopfe....“
+
+Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen müssen sehr solide Knochen haben,
+dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen so gut vertragen.
+
+„Unsre ganze Klasse schwärmt für: „Verbotne Früchte“. Wir haben es Alle
+gelesen. Oh wir lesen Alles!“
+
+Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Sätzen.
+
+Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch aber eigentlich in Ihrem
+Alter ....“
+
+„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi
+und „Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“
+
+„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre
+Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“
+
+„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen,“ (schriftlich nicht
+wiederzugebende Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte Beschäftigung
+des wackren alten Herrn). „Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen
+haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Kätzchenmiauen
+und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher
+Vorname ebenso unmöglich wäre wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein
+– –, „Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta
+schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptsächlich Garde
+und Kavallerie.“
+
+„Aber Kitty!“ ...
+
+Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste.
+
+Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen.
+
+Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem Wein nippten sie nur.
+
+Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten förmlich vor
+Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem
+Schreibtisch enttäuschte sie sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige
+Bouchers entschädigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten.
+Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Wände voll nackender Frauenzimmer
+zu finden, alle fünf Barrisons mindestens!
+
+„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt
+es.“
+
+Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen. Ich zeige männliche Bescheidenheit:
+„Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen
+ihre Gunst erweisen.“
+
+„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?“
+
+„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“
+
+„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich gewesen?“
+
+„Unsäglich!“
+
+Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende
+Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknöpfen und das
+traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten
+werde.
+
+„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gänzlich unromantischen
+Person ..“
+
+Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten,
+einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die
+Andre, – die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde
+nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ...
+Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme!
+
+Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu
+äussern wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man hatte ja seine
+Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System
+funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser
+Faktoren blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu verlieren, Kundschaft
+einzubüssen.
+
+Ich sage Dir, es war entzückend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen
+Käfer!
+
+Es schlägt sechs Uhr.
+
+Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen wir aber gehn.“
+
+„Schon?“
+
+Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“
+
+_Ich!_ „Wenn ich auf ein solches Glück hoffen dürfte?“ ...
+
+„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die Blonde.
+
+Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist
+ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfürchtig, bescheiden, vielsagend – und
+stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. – – –
+
+Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch.
+
+Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas
+heiratet man. Mit sowas setzt man Töchter in die Welt, die wieder
+schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr .....
+
+Da hast Du was für Dein glühendes Herz!
+
+
+
+
+
+ DRITTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+
+
+Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil.
+Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter!
+
+Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich
+sieht, schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem die Madonna leibhaftig
+erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher entrüstet
+sich nicht einmal moralisch.
+
+– – – – Sie ist noch immer geschlossen, süss und ahnungslos.
+
+Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die
+schlanke Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung künftigen Frühlingssturmes,
+heller, glorreicher Sonnenwärme.
+
+Wir sassen auf dem Balkon.
+
+Ich sah sie wohl zu heiss an.
+
+Sie verwirrte sich. Sie war still.
+
+Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren Ausdruck als den Koriolans
+an sein Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt darin eine solche Tiefe
+der Unberührtheit. Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, auf
+Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen – der See – der
+Himmel – die Frau ...
+
+Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im
+Hause ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa
+den Frühstückskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hält sie selbst
+in Ordnung, die kleinen Röckchen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und
+Bändchen. Die Mutter hat sie schlicht und häuslich erzogen, wie sie selber
+ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen selber führen.
+Ich finde das entzückend.
+
+Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v.
+W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit
+wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die
+beiden Mädchen sind unzertrennlich. Wie das schwätzt und schnäbelt! – all
+diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der
+sechzehn Jahre.
+
+Das thut mir manchmal fast weh.
+
+Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, für das wir kein
+Verständnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter,
+ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenüber ein schüchterner
+Stümper!
+
+Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein!
+
+Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen,
+seinen Schönheiten. Unsre Mark _hat_ Schönheiten, ihre sehr intimen,
+keuschen Schönheiten, die sich nur dem Verstehenden enthüllen, dem
+Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, Italien,
+Norwegen – das Meer ...
+
+Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass
+ich reich bin, soviel Schönes erschliessen kann für mein Lieb.
+
+Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine,
+barbarische Berlinerin, die nichts kennt!
+
+Alle meine Lieblingsbücher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried
+Keller, Storm.
+
+Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen
+und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes,
+grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck.
+
+Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“
+
+Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens würdig finden.
+
+Bin ich ihrer würdig?
+
+Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein
+ausschweifendes Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen,
+sowohl bei Männern wie bei Frauen, und keine künstlerische Verklärung,
+keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu übertünchen
+vermocht. Ihr verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner
+Josephhaftigkeit.
+
+Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte –
+Eindrücke – was man vielleicht nur gehört, gesehen hat. Was ist meine
+sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste
+Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen könnte.
+Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu
+mässigen.
+
+Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche mit ihr! Ich frage und sie
+antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor
+man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das
+weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge mich wert machen, dass es die rechte
+Schrift sei!
+
+Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.
+
+Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam – ich bin ein für alle Mal
+Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit
+ihr. Sie gehört zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es geht nicht
+anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser
+gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage.
+
+Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse!
+
+Auch Mathilde war im Salon. _Sie_ sprach mit ihr, lobte ihren Anzug,
+küsste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner
+Lilienknospe, meiner Madonna!
+
+Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und
+liebenswürdig, hat ihre Partei.
+
+Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie
+da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen.
+
+Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen sah mich halb erschrocken an, welche
+böse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wüsstest, dass es nur Deine
+Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt,
+seit ich Dich habe!
+
+Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es
+mir fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige Thränen einer
+süssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl
+öfters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt?
+
+Noch ein entzückender Zug.
+
+Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte.
+
+Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man
+besorgen müsste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hörte nur
+das Murmeln ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll wie vor einer
+Weihnachtsbescherung.
+
+Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen.
+
+„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau von B. lächelnd.
+
+Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod
+gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben, wenn
+Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
+
+
+
+
+
+ VIERTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, mehr von der
+psychologischen als von der persönlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das
+bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit.
+
+Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Höheretöchterschrift,
+steil, zimperlich, kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um
+dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J.
+
+Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und
+erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit
+schwarzem Astrachan, glühendrot.
+
+Diesmal küsste ich sie natürlich.
+
+Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst halte. Einige Menschen werden
+sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage,
+Bestätigung – Grenze ... Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen,
+leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und
+Ungeschicklichkeiten hinterher.
+
+Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das
+Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. „Es merkt es doch
+auch niemand?“
+
+Ich beruhigte sie: Eine Etage höher wohnt ein Photograph, da hätten Sie
+immer hingehen können, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das
+Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist
+verschwiegen wie das Grab.
+
+Sie hatte über das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett
+küssen hinterher.
+
+Dann die moralischen Garantien.
+
+„Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen „dem“
+gekommen bin?“ (in Parenthese – hast Du schon jemals eine Frau getroffen,
+die „wegen“ mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trägt
+Jägerwäsche und philosophiert im Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht!
+Es ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen habe – und es ist so
+schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist.“
+
+Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, küsse ihr die weisse Kehle rot
+und beisse sie ins Ohrläppchen.
+
+Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhälften! und
+das Hälschen so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken und festhalten,
+dünn, weich und unzerreissbar wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner,
+rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton.
+
+Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: Wassernixchen. „Nixchen“ passt
+ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lüstern, spitzbübisch,
+zur Liebe geschaffen, unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!
+
+Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt:
+„Ich liebe Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! Du bist der
+einzigste, himmlischste Mann, den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.
+
+Dazu kein lautes Wort, keine hässliche Geste, immer kleine Dame, so
+sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich
+habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und
+wattierte Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr Ästhetiker dazu.
+
+Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar.
+
+Dann wird sie Meister und ich demütiger Schüler. Ich staune, was der Balg
+weiss. Und woher weiss sie es?
+
+Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“
+
+Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale
+Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse
+Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schläft,
+Dienstbotengeschichten, am Schlüsselloch Erlauschtes, eine spielerische,
+knabbernde Lüsternheit an Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor dieser
+Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtückisches, ein Humor von
+Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzählte mir eine Geschichte von einer
+Bekannten, einer vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem
+Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, während
+er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen
+blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten
+sie in ihrer kleinen, perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.
+
+Dann hat man Brüder, Vettern ... Der „Vetter“ verdiente eine extra
+Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz
+„fremder Mann“. Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen.
+Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint
+es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, für diese
+delikaten, schummrigen Übergangsstadien, éclaireur-Dienste,
+Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte.
+Sie hat Angst vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit des „Vetters“.
+Irgendwo und irgendwann ist er überall mal dagewesen. Du magst noch so
+früh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich
+gebe Dir das als Axiom.
+
+Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersättlich. Es ist
+die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht:
+Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die
+halbe Religion mindestens ist für sie nur das. Das merkt sie sich, das hat
+sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas
+Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten
+ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! –
+Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“
+
+Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen,
+Martin, der bric à brac.
+
+Und Küssen zwischendurch!
+
+Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig
+Natur.
+
+Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie lässt sich
+küssen, streicheln, anfassen ....
+
+Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen, die Angst vor dem Wehthun, dem
+Baby, die Heiratschance.
+
+Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir haben kein Vermögen. Else und Dada
+haben auch geheiratet.“
+
+Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernünftige, die
+Versorgung.
+
+Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau.
+
+Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
+
+Die falsche, unnatürliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die
+Würmer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht
+mal selbst aussuchen können, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie
+eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas
+Champagnerschaum schlürfen wollen?
+
+Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv, so ’n kleines, dummes Ding,
+nicht für zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie
+eine orientalische Haremsdame!
+
+Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: „Der ist der
+Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer.“
+
+„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre einzige Angst, eine süsse, gruselige
+Angst. Dann kichert sie über die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute,
+da unten auf der Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in seiner
+Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
+
+Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist so unmoralisch!“ ..
+
+Dann küsse ich sie wieder.
+
+Sie legt mir die Ärmchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling,
+süsses Herz – und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
+
+Kleine Kanaille! – Na, das sind sie Alle.
+
+Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Männer, der
+Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder
+passiert.
+
+
+
+
+
+ FÜNFTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+
+
+Weisst Du, dass ich manchmal förmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir
+vorkommt, als müsste ich Dich bekehren.
+
+Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest glauben und niederknieen wie ich.
+
+Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. – Die
+einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.
+Wenn er erst männlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach,
+eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den
+praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen
+Beschluss.
+
+Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum
+Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch
+und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt
+doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, dem Einzelnen Kandare giebt,
+wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimütig gestand, etwas über
+die Stränge geschlagen hat.
+
+Natürlich stellte ich ihm für vorkommende Fälle meinen Kredit zur
+Verfügung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein
+Bruder, der Bruder ihres Bruders?
+
+Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns
+nicht nur leere Phrase sein soll.
+
+Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen
+Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm
+das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen
+Arrangements für Gesellschaften. Sie schmückt dann die Tafel, legt Silber
+und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie
+sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb
+haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Süssigkeit eines
+Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören,
+denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.
+
+Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
+
+Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufällig so gefunden.
+
+Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten Gefühl von etwas
+Aussergewöhnlichem, Nahendem.
+
+Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges zu sprechen, wo ich ihr doch am
+liebsten zu Füssen gefallen wäre.
+
+Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerührt hat.
+
+Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.
+
+Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich
+ja nie. Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, grosser,
+weisser Schürze. „Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens
+Stübchen.“
+
+Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess mich in der Thüre stehen, während
+sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete.
+
+Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Über dem Bett die Raphaelschen
+Engelsköpfchen, – ein Bücherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben,
+Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische
+Tauchnitzromane ...
+
+Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstören, zart
+genug zu sein, hochherzig, ritterlich!
+
+Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Süden
+zurückgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. Sie ist sehr schön.
+Ein Schatten von Schwermut macht dies schöne, stolze Gesicht fast noch
+anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die
+Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote
+stehen, können ja einem Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.
+
+Bei der ältesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr
+Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tüchtiger und
+strebsamer Offizier.
+
+Sie müssen sich einschränken. Wie ich sie liebe, diese Einschränkung um
+der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der
+heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben,
+der Stimme des Herzens zu folgen.
+
+Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mütter sind. Es ist solch
+hübsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung erst der
+Frau, die Erfüllung überhaupt des Lebens, vor der die ganze sündige Welt
+niederkniet, gläubig und erlöst.
+
+
+
+
+
+ SECHSTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein
+aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren.
+
+Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts stossend, fortwährend thätig, um
+mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten
+herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwährende Nörgeleien,
+Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch dieser Familie ist
+Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist
+alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stübchen
+haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt
+und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden.
+
+Das Nixchen steht natürlich auf Seiten der Mutter. „Mama“ ist eine grosse
+Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht.
+
+Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. Mit der Ersten
+haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er
+hatte ja Karriere vor sich. Thränen und Szenen in der Familie. Man hielt
+ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter Dach und Fach waren.
+Seitdem ersticken sie in Brut.
+
+Das ist Mamas Hauptärger. Auch das Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie
+kann man nur! Sie könnten doch wirklich „was thun“ – wo er noch nicht mal
+Major ist.“ – Über das „was“, das man thun könnte, scheint sie sich
+ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn
+die Diskussion heftig wird.
+
+Die Zweite war die Schönheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde
+auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und
+Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem
+Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrücklich wie effektiv ein Ende.
+Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld.
+Dada entschädigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das
+Nixchen erzählt mir Alles: „Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben eine
+Wohnung hier irgendwo.
+
+Es findet Dada nicht zu bedauern.
+
+Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht
+Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des
+geheimrätlichen Küchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens.
+Daher fortwährende Szenen. Der reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen.
+Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei
+uns.“ Ich glaube es gern.
+
+Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise
+eingefangen, ein ländlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen.
+
+Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann hat er so grosse Hände!.. Nicht
+halb so nett wie Du!“ ....
+
+Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie natürlich fest entschlossen ist,
+ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
+
+Oh, Weiber!
+
+Arme Natur, wo bist du?
+
+Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie einige ganz hübsche Details.
+
+„Natürlich musst du immer thun, als wüsstest du von nichts. Das ist die
+Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die
+Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich
+meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht
+fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti,
+was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind
+wäre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer
+eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich
+was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun!
+Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!“
+
+Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!
+
+Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren
+kleinen, prüden Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über den Schopf
+fährt, die Küsse .. sie drückt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal
+küsst sie mich sogar auf den Mund jetzt: „Ich könnte sterben für dich!
+Wahrhaftig!“
+
+Man könnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: „Wir
+könnten uns doch heiraten“ ....
+
+Sie wird dann sofort wieder Nixchen: „Ein Künstler wie du .. und sieh mal,
+er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama
+gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – Man muss doch
+vernünftig sein, Schatz.“
+
+Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna.
+
+Ich liege auf der Chaiselongue und staune.
+
+... „Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche,
+einzige Liebe. Du _hast_ mich doch.“
+
+Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden:
+
+„Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch
+nichts Schlechtes.“ ...
+
+Eigentlich könnte man sie durchprügeln.
+
+Aber echt ist sie.
+
+„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“
+
+Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Köpfchen an meinem Halse
+und küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....
+
+Ich kitzle sie. Voilà.
+
+Weisst Du, an was sie mich erinnert?
+
+Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten neuen Ziergläser in den
+Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine
+Schwärmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen,
+hohe geschmeidige Glockenblumen.
+
+Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern,
+und lässt sie in der Sonne spiegeln. –
+
+Früher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge
+sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grüne,
+alles Schillernde, Flimmernde, Äderchen, Nerven ...
+
+Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
+
+Das ist sie.
+
+
+
+
+
+ SIEBENTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+
+
+Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu lieben.
+
+Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in
+ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur für sie leben möchte.
+Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fühlt das.
+
+Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie
+eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie fängt an,
+für mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen
+Serviettenring, die sie kennt.
+
+Ich habe sie geküsst .......
+
+Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen berührt, die
+Rosenrundung der Wangen gestreift.
+
+Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes
+Mund ihr aufdrückt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt
+beim Weibe wie bei uns!
+
+Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das Mädchen des Gärtners in Templin.
+Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft
+lag in der Abendstille. Das Mädchen hatte frische Lippen und weisse
+Zähne ..... Ich küsste sie ...
+
+Ich will würdig werden.
+
+Ich bin es schon.
+
+Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle,
+Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine
+Schüchternheit. Mama, liebenswürdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
+
+Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und
+mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört seit Mamas Tode. Ich könnte es
+immer von ihren Lippen hören.
+
+Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich möchte sie nicht erschrecken.
+Diese plumpen, öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen Brautpaare einander
+überhäufen, sind mir widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen und
+Tändeln um den einen Punkt. Die Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht.
+Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte,
+jungfräuliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden
+Liebe.
+
+Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt
+Klavier mit ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen, Ereignisse und
+Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurückgerufen, an denen
+ich keinen Teil habe .. Ich möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine
+Beleidigung dieser Unschuld des süssesten, holdesten Geschöpfes.
+
+Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich.
+
+Ich war unglücklich hinterher.
+
+Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist
+besser so, obgleich sie sehr jung ist.
+
+„Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind,“ sagte Mama, als sie
+einwilligte.
+
+Bin ich gut? Ich will es sein.
+
+Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in
+sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes
+willen keine Scham!
+
+Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur
+Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen.
+
+Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch.
+
+Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im
+tiefen Grunde.
+
+Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von
+flüchtigen Verhältnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die
+seligen Götter nicht beneide.
+
+
+
+
+
+ ACHTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen.
+
+Das machte sich so ganz natürlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und
+lag im Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes,
+mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem
+brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen, durch die
+man undeutlich einen Lärm vom Hofe aufsteigen hörte.
+
+Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: „Aber nicht
+das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich Angst hatte sie. Sie
+haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an
+Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Mädchenerzählungen sind wir Oger,
+wilde Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und hässlich, jung und alt,
+jede Nacht eine Andre, grässliche Orgien feiernd.
+
+Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgelüst, das das
+dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der
+Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu können, eines
+Bismarcks alle Tage.
+
+Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines
+Pensionsmädchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterröckchen,
+Höschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt auf das
+Nachttischchen.
+
+Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr hübsch war. Sie
+mussten das oft besprochen haben. „Meine Arme sind noch zu dünn, aber in
+ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes
+Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschöne Schultern.
+Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der Seite – das ist hässlich! Kathi
+solltest Du sehen! Die ist wunderhübsch, rund und weiss überall. Aber sie
+weiss es auch.“
+
+Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich küsse sie. Ich
+halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich ....
+
+Sie lässt sich Alles thun mit einer Art schläfrigen Wollust. Vielleicht
+denkt sie an den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig, Liebchen“ ...
+
+Ich empfinde nichts, gar nichts für sie, eine Art lässigen, physischen
+Wohlbehagens.
+
+Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie.
+
+Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt fängt sie an zu weinen,
+hülflos, wie ein kleines Kind.
+
+Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie
+hat dann ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn man seine Hand dem Löwen
+in den Rachen legt.
+
+Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: „Du liebst mich gar nicht. Du
+spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“ Dann thut sie
+eifersüchtig oder versucht mich zu beleidigen.
+
+Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie dächte, ich erschösse mich
+ihretwegen, das würde sie noch mehr kitzeln.
+
+Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl in ihre vornehme,
+ehrbare Ehe gehen.
+
+Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: „Wenn ich dich nun nicht
+freigäbe? Wenn ich dich verriete?“
+
+Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen,
+flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: „Das
+thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman, mein
+lieber, süsser Herri!“
+
+Wie klug sie ist. Fischschwanz!
+
+Und manchmal denke ich, man müsste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es
+fühlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..
+
+Dann würde vielleicht noch was aus ihr, dann würde sie ein Weib.
+
+Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und
+Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum
+Hohne!
+
+Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner – Gentlemen – auf Kosten
+unsrer Mannheit?
+
+Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein süsses, junges,
+warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt
+nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft?
+
+Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle, die uns das Leben gaben, zur
+Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen, die man
+mit den Zähnen kostet.
+
+Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend,
+die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, über den Tod hinweg – und die
+Toten!
+
+Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich
+fasse sie fester. Ich atme stärker .....
+
+Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir
+nichts?“ ....
+
+
+
+
+
+ NEUNTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+
+
+Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.
+
+Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache – in Not und Tod .. Leib
+und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen.
+
+Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Grösseres! Nein, ich beneide die
+Götter nicht. Grade das Vergängliche – die Not, das adelt Menschenliebe,
+das macht sie unvergänglich und göttlich. Nicht Prometheus ist’s, der in
+einsamem Zorn den Göttern trotzt – – _der_ Mann, der seines Weibes Hand
+fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte _Mensch_!
+
+Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das
+ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der
+Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine,
+das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche.
+
+Ich denke viel über diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren
+erst finden müssen, was der sichere Instinkt des Weibes _fühlt_!
+
+Wie überlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend – Weib sein –
+Mutter – wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung
+des Geschlechtes beruht.
+
+Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem früheren Leben, meiner
+Kindheit, den Eindrücken und Ereignissen, die auf meine Entwicklung
+massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer verberge ich
+ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin.
+
+Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem
+reinen Weibe gegenüber. So aber auch wird das reine Weib seine Erlösung,
+das Verworrene in ihm geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen
+Lebensträgerin.
+
+Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich
+schäme mich nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie mit Thränen benetzt.
+
+Sie war betroffen.
+
+Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht
+zurückschrecken brauchen vor mir.
+
+Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein Junggesellenheim, Grumke mir das
+Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser künftiges Dasein aus.
+Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und
+leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend.
+
+Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig ist. Ich schwärme nicht mal
+für diese sogenannten „guten Hausfrauen“ – unablässige Scheuerfeste,
+Küchenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles
+wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt.
+
+Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand
+nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Rücken gebeugt
+vom Herdfeuer und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen
+missachte! Ich verehre sie! Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind der
+beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmäler setzen wie
+seinen Helden.
+
+Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das
+Ästhetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe.
+
+Ob sie überhaupt eine Ahnung davon hat? Sie frägt nie. Ein süsses
+Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie folgte mir ebenso
+willig und vertrauensvoll.
+
+Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke.
+Ich selbst bin immer einfach – Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen
+Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger zur Hand war.
+Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.
+
+Ah, ein Königreich möchte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen!
+Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was soll mir das Königreich!
+Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Königreiche.“
+
+Darum bin ich glücklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine
+Gefühle nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche Vornamen aus
+meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend
+vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu
+differenzieren, schlechte, ästhetische Unterschiede aus raffinierten
+Romanen von raffinierten Männern, die das Natürliche unnatürlich und
+hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und prüde
+geworden, wie manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt in sich
+selbst zurückzog vor der Roheit und dem Cynismus der Welt. Wie einen
+königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt sie, die Königliche,
+königlich.
+
+Welch ein Frühling in unserm schönen alten Park, wenn der Flieder blüht
+und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhängt!
+
+Wir werden viel Besuch haben – die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder,
+Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus.
+
+An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns
+lächeln.
+
+Vielleicht ..........
+
+Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen
+Welt!
+
+.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der
+Meinen, in süssesten Schmerzen mir geboren!...
+
+Was wäre das Leben ohne das? Möchte sie die Schmerzen lassen? Die Angst?
+Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens?
+
+Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen
+und küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik seiner Madonna!
+
+Die Männer sind Egoisten. Was würden sie sein, wenn es nicht holde, zarte
+Wesen gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas Höheres giebt, als Kraft,
+Ehrgeiz – dass aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die That des
+einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig,
+Leben säugt.
+
+
+
+
+
+ ZEHNTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über ihre Ehe.
+
+Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich, das ist der
+Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darüber gar nicht weiter nach. Eine
+alte Jungfer bleibt man nur, wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt
+hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass
+sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen
+sie beneiden werden.
+
+Der Ärger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei – je intimer,
+desto intensiver der Ärger. Das ist diesem Geschlecht das Äquivalent für
+das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar
+nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in
+Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt, vielleicht nur
+insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld,
+Toiletten, Männer.
+
+Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fühlt, der einem
+den Rücken runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das
+Andre ist Unsinn.
+
+Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts
+macht, ist ihr sehr gleichgültig.
+
+Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es
+die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht?
+
+Einen Mann, der einen nicht reizt? – Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten –
+warum nicht?
+
+Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb
+lieben Frauen Künstler, ästhetische Männer, die sie lange kitzeln. Von dem
+eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.
+
+Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut – die Schmerzen –
+die Entstellung – die Brüstchen, die schlaff werden ... „Elisabeth hat
+einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ...“
+
+Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie.
+
+„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann.
+Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa
+Schleifchen ....“
+
+Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange!
+Equipagen, Diener, dass sie die Hofbälle besuchen werden.
+
+„Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen.“
+
+„Aber wenn er nicht will?“
+
+„Männer thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will.“
+
+Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames
+Lächeln ....
+
+Oh ja, der wird thun, was sie will.
+
+Und es giebt Tölpel, die immer noch an die stärkere Thatkraft des
+männlichen Geschlechts glauben!
+
+Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind überhaupt
+viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor,
+der alte, naive Barbar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger. Thusnelda
+lächelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste.
+
+Sie haben ja auch zuviel Machtmittel – die Verliebtheit! Und wenn die gar
+nicht mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich ungeliebte Frauen, die den
+Pantoffel schwingen. – Das verliebte Weib ist unterwürfig. Das ist ihm
+Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg
+thut’s. Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder
+Cäsar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend
+heruntergewürgten Mahlzeit, der permanenten Nähe eines Hassenden,
+Vorwurfsgeschwollenen.
+
+Nichts amüsiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer
+oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind hässliche
+Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist dumm.
+
+Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner,
+Antonius, – Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina
+waren Genies, weil sie Weiber waren. Über Louise Michel und
+Frauenkongresse lächelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau
+prügelt.
+
+Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so
+verkennen! Das ist wie die Königstigerin, die sich Hörner wünscht, um den
+Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen.
+
+Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen wären, liessen wir sie das
+ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den
+Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemütlich
+auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer
+stärkeren Schenkel.
+
+Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So’n kleines, zappeliges
+Füsschen, so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen .. Simson lässt sich die
+Locken abschneiden. Die schönste Berechnung geht zum Teufel.
+
+Sowas passiert denen nicht.
+
+Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra in der Beziehung.
+
+Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit, dass sie einem
+Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager
+ihr neulich an der Kurfürstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles
+vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei lügt sie künstlerisch, mit
+Genuss, ganz unnötig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das
+Lügen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache.
+
+„Und im Notfall könntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir
+nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was.“
+
+Nein, wir haben wirklich nichts.
+
+.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt
+heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!“ ...
+
+Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von
+Leidenschaft in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit an sie heran,
+würde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das
+ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein Übriges dazu thun und
+mich aus der Welt schaffen könnte, würde sie es ebenso kaltblütig thun.
+
+Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch
+immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive
+Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die rührendsten Affären
+daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans
+seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau Marthe geworden und hätte an
+„Heinrich! mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung mit
+fortgetragen, eine behagliche Rührung, dass sie ihre Jugend so gut
+genossen.
+
+Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft,
+die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen braven Ehemann,
+den sie betrogen, das imponiert ihnen.
+
+Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit
+dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert,
+darüber können sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar mit einem
+Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmädel, das ein Kind
+kriegt und ins Elend gerät. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.
+
+Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht.
+
+Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die käufliche Liebe aus.
+Das bereut man nicht.
+
+Es liegt auch da eine Naivität der Männer zu Grunde oder ihre Arroganz.
+Der Lendemain ist sprichwörtlich geworden. Der Wüstling hat das doppelt
+angenehme Gefühl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die
+Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.
+
+Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser „guter Mädchen“
+(„gut“ ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben.
+
+Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Mädchen. Sie hatte auch die Angst
+vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.
+
+Und dann war’s wirklich Morgen und der allerschönste Sonnenschein und
+Vogeljubilieren – und sie lachte, lachte übers ganze Gesicht: „Ich bin so
+froh, Schatz! Ich glaub’, ich könnte fliegen!“
+
+So müsste Eine natürlich empfinden.
+
+Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, „die
+Geschichte eines Mädchens“. Das rührte mich fast. Die Arme! Sie hat
+gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war.
+
+Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie
+lässt der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: „Und, glauben Sie
+mir, es ist in der Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und
+der Leidenschaft fähig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf
+kommt es nicht an.“
+
+Überdies: On n’est jamais le premier.
+
+Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus
+persönlicher Propertät oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu
+den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen lässt, als diejenige,
+die vielleicht an einem hellen Maientage dem süssen Zug der Natur gefolgt
+ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren?
+
+Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe
+vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht.
+
+Aber freilich die Konsequenzen!
+
+Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die
+behauptete, wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s ein
+Gesellschaftsspiel.
+
+Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer
+der „Erste“, mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der
+Kolumbus, der Schleierlüfter, der Dornröschenerwecker.
+
+Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine Art Ranküne, wenn sie von ihrem
+„Ersten“ spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des Torts, das sie in meine
+Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.
+
+„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst so viel“ ... sagt sie manchmal.
+
+„Aber hast Du denn keine Angst mit „ihm“ – immer fremd sein – immer
+Komödie spielen?“
+
+Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern.
+
+Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so
+merkwürdig. Das ist wieder die bewunderungswürdige Lebensfähigkeit dieses
+Geschlechts.
+
+Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit
+seinen blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen.
+
+Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte!
+
+
+
+
+
+ ELFTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+
+
+Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am
+Rosenfeste! – Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was das heisst? Wer kann
+es wissen! Wer kann es aussprechen!
+
+Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein
+Selbstling. Selbst die hohen Träume, die Ideale und Gedanken! Ich komme
+mir vor, wie ein Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des Lebens
+aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben.
+
+Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder,
+eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine träumende, unschuldige Seele.
+
+Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib!
+
+Und wir sprechen von überlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier
+ist der Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld in der
+Lieblichkeit.
+
+Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so
+selbstverständlich. Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme schliessen.
+
+Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer.
+
+Wie ich diese schöne Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter
+bleiben, ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. –
+Jungfrau – Geliebte – Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele
+und Leib, um zuletzt demütig niederzuknien vor so einem holden, nicht
+denkenden, kinderthörichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’ mich
+glücklich!
+
+Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser
+Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen.
+
+Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat, der die Braut in das Haus des
+Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhüllen,
+Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie
+anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein süsses
+Mysterium, macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer
+Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung,
+die Sehnsucht zu erhöhen.
+
+Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschäftigt. Ist es
+denn nicht ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmückt, reizend macht.
+Bin ich es nicht, für den sie sich schmückt?
+
+Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und
+schmückt, das süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser machend. Es sind
+nörgelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt,
+die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einführen
+wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit
+ihrem Leibe in diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie soll ja das Glück
+sein, die Wonne, die Schönheit.
+
+Hochzeit – hohe Zeit! – –
+
+In mir ist’s hohe Zeit.
+
+Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass
+ich sie nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen,
+verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle
+bösen Begierden dämmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen
+Jubel in mir, der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme
+nehmen und gegen die Sonne halten möchte.
+
+Hochzeit! hohe Zeit!
+
+Mein Heim steht geschmückt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler
+thätig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir’s leid, das
+Alte, Altgewohnte. – Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht,
+dass Alles neu ist.
+
+Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest für alle meine Leute. Sie
+üben schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Flüstern geht unter
+den Arbeitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch
+gut!
+
+Es giebt ein vollkommenes Glück auf der Erde. Es giebt Engel. In vier
+Wochen ist der Engel mein Weib.
+
+Wie süss muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die
+strahlende Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend vollendet sich ihr
+Leben. – Was ist das Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter
+der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte,
+Leidertragen ...
+
+Mein Weib! Mein Mütterchen!
+
+Wie eine kleine Königin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch
+ein kleines Königreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie
+Vorbild und Vorsehung ist. „Hausvater und Hausmutter“, der alte, schöne,
+deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir können es noch
+sein.
+
+So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Füssen:
+Reine Frauen, Männer, die ein Heim schaffen können, die an Reinheit
+glauben.
+
+So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du
+darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen, glückseligen
+Menschen.
+
+Hohe Zeit – Hochzeit!
+
+Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glück und ich glaube es.
+
+Und wenn Du über den Schwärmer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck,
+weiss unter der weissen Myrtenkrone – und wie Thomas: Geh’ und glaube.
+Geh’ und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe.
+
+Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas übergehn müsste.
+Ich fühle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verkünden –
+und Mathilde heisst meine Madonna.
+
+Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der
+Mitgiftjägerinnen, des höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre
+halberwachsenen Töchter auf „die gute Partie“ dressieren.
+
+Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts neulich. Es waren da Muster
+von teuren Spitzen, die ihr gefielen.
+
+Die Mama, verständig wie immer, riet lächelnd zu billigeren: „Das ist ja
+für eine Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes
+Geheimratstöchterchen.“
+
+Natürlich übernehme ich das Alles. Es bedurfte einer gewissen Überredung
+bei der Mama. Sie geben mir so Unendliches. Sollen diese teuren Menschen
+sich Gênen auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, während ich
+schwelge!
+
+Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten lassen. Ich bin jetzt einer
+von der Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit, das
+Vertrauen, wenn ich nicht auch das Schwere mit ihnen tragen darf? Sind
+diese Güter mein Verdienst? Brauche ich sie? Ich wäre glücklich unter
+einem Strohdach.
+
+Es ist um Mathildens willen, dass ich mich des Geldes freue. Auch das hat
+sie mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine Macht, zu beglücken.
+
+Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne. Wir haben auch darüber so oft
+gestritten, über Geldwert und Geldanbetung in unsrer Zeit. Manche
+Erscheinung des öffentlichen Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe
+einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch und traurig machen.
+
+Man weiss ja leider, dass man ein reicher Mann ist.
+
+Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr die kleine Hand mit Geld füllt, wird
+sie es ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst. Sie soll von diesem
+Wissen frei bleiben. Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so ist sie das
+stumme, ruhende Juwel am Herzen der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das
+Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche im Dasein, der braucht den Wert
+eines Hundertmarkscheines nicht zu kennen.
+
+Die Blume ist in sich selbst genug. Die Poesie zu wahren. Das reine
+Gefühl.
+
+Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um uns das Paradies.
+
+Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, ruhe im Schatten unsrer Palmen!
+
+
+
+
+
+ ZWÖLFTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da „er“ bezahlt, können wir mit der
+nötigen Gewichtigkeit zu Werke gehn.
+
+Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben,
+Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft,
+das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit
+Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen mit hell
+heliotropnen und lichtmaigrünen Languetten.
+
+Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fügt sich immer meiner überlegneren
+Einsicht.
+
+Das entzückt sie: „Du verstehst Alles. „Er“ nähme mich grad so gut in
+einem Sack. – Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr
+habe!“
+
+Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Hübsches
+und sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat. Und wir sind getröstet. „Er“
+zahlt ja.
+
+Wenigstens soll er ordentlich blechen – schon für seine Undankbarkeit. Ein
+Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Tölpel. Sie
+macht sich für ihn hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das für Mühe! –
+so’n Löckchen, das graziös und an der richtigen Stelle in die Stirne
+fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld,
+manchmal Pein, gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an
+Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen.
+
+Ich verstehe zu taxieren.
+
+Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe.
+Wenn ich sie hübsch finde, ist sie glücklich.
+
+„Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht.“
+
+Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle
+Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersönliche fühlen, das Wohlgefallen
+an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen. Ich glaube, wenn ich
+vor die Sultanin-Mutter träte: „den Turban etwas mehr nach rechts, bitte
+schön“ ... sie thäte es und wäre mir dankbar. Und sie hätte ein Recht
+dazu.
+
+Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern ihre. Und ist sie nicht eigentlich
+die allerhöchste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht
+liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste an der
+Menschheit ist für mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler.
+Sie fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir.
+
+Das ist ganz unbewusst: „Du bist so gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt
+sie meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich: „Du bist gut.“
+
+Da ist die Ranküne wieder, das kleine, tückische, widerborstige
+Katzenfauchen in dem „Du“.
+
+„Der ist viel besser als ich.“
+
+Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er hätte ihr eine Moralpredigt
+gehalten und sie beschämt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige
+Joseph schnöden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein hübsches
+Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. – Oder er hätte sie
+genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher
+sie zur büssenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser
+Tugendbolde.
+
+Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem
+Fischchen-Element bei mir, munter schwätzend wie ein Vögelchen, von dem,
+was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. – ich habe
+sie als Künstler behandelt, nicht roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht
+pfäffisch-zerstörerisch.
+
+Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen, das sie ist. Sie liebt mich.
+
+Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich
+möchte am liebsten sterben!“
+
+Manchmal sogar fast wild: „Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles
+ganz egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit
+mir machen was Du willst.“
+
+Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenübersitzt und
+Makronen knabbert – und dann lauert sie auf den Effekt. Sie möchte etwas
+mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.
+
+Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: „Es ist doch gar nichts.
+Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen
+von „uns“.“
+
+Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, _mir_
+bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal ein andrer Gedanke
+als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen
+aufgestiegen ist?
+
+Sie betrauert meine Wohnung: Whipchen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie
+so gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote
+Nase, darin ist sie ästhetisch.
+
+Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten:
+„Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du
+verdirbst Deine Haarfrisur.“ Sie wollen gefallen und sollen gefallen.
+
+Wird die Frauenemanzipation darin je etwas ändern? Die Orientalin, die
+ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie ist das Naivste und das
+Grösste. Das Urälteste und das Allermodernste.
+
+Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln sie Dir zu .... Und wenn der Geist
+wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft
+durchgemacht.
+
+Ich möchte es nicht anders. Nur mehr Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so
+unendlich viel gelogen, gerade über diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui
+s’excuse, s’accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen
+drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben
+ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den stärksten und
+gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit.
+Der alte, schöne Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit
+geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab,
+und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und
+unverständliches Rätselwesen.
+
+Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die
+Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will sie
+einregimentieren und einschwören. Die Völker, die am wenigsten Sonne und
+Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die
+Lebensader! Décadence-Männer machen mit.
+
+Und doch:
+
+ „’s ist eine der grössten Himmelsgaben,
+ So ein lieb Ding im Arm zu haben.“
+
+Nicht nur für uns, für es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und
+Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und
+verkrüppelten Früchten, die reife, süsse?.....
+
+Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf, einzig und allein für ihn
+bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie
+wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen, in
+seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert.
+
+Mögen sie hereinfallen! Das „weisse Blatt“ ist die grösste männliche
+Unverschämtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und
+willig beharren. Ein Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal
+feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht
+sehen, hören, fühlen, wie wir?
+
+Der Egoismus der Männer macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit
+Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist lächerlich und
+verächtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich
+bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fühlen bis in ihre
+Verlogenheiten hinein – haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? – wäre
+ihm das passiert? hätte er nicht warnen, eingreifen können als es Zeit
+war, wenn nötig sie vorher freigegeben.
+
+Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle „Mann“,
+die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle „Weib“, die wir ihnen
+aufoktroyiert haben. Sie rächen sich wie sie können.
+
+Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit
+ist die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, ungütig,
+böse. Und wenn der Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal, dann steigt
+das Niedrige. Was ist gemein? Was ist verächtlich? Was ist erhaben,
+bewunderungswürdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist.
+
+Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über der Welt, die feinste, reine
+Quintessenz des Christentums. Nur die Pharisäer stören es. Dem Zöllner ist
+es natürlich.
+
+Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum Schlusse. Der Deutsche macht sie.
+„Die Moral von der Geschichte“ – Und es ist eine gute, alte Sitte, denn
+Moral ist überall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertüte ist.
+
+Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.
+
+Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen
+Ausstattungskleidern, ein schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem
+Hals.
+
+„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich
+will auch wirklich hingehn.“
+
+Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt. Wir tranken Sekt und assen kleine,
+pikante Sachen dazu.
+
+Wir waren sehr lustig.
+
+Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb
+haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“
+
+Eine gewisse Wärme kommt doch über mich. Ach Herzchen! Herzchen!
+
+Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche in unsrer Liebe, ihr erster
+Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder Gegenstand in
+meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ...
+
+„Nie, nie vergesse ich das“ ...
+
+Wir waren ganz glücklich.
+
+„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause wäre. Ach Liebchen!“ ....
+Dann schluchzt sie wieder ein bischen.
+
+Dann die Moral wieder: „Du findest mich auch nicht schlecht?“
+
+– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens. Alle thun das. Und Daisy Grimme!
+die macht’s doch viel schlimmer.
+
+„Wenn es doch möglich wäre! Wenn ich doch heute bei Dir bleiben könnte –
+und immer!“ ....
+
+„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen Ball – und morgen!!“ – – –
+
+Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert sich an meinen Hals. Sie ist ganz
+glühend. Sie küsst mich.
+
+„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s doch, dass ich Dich lieb habe, nur
+Dich!“
+
+Ich glaub’s. Ich glaube Alles.
+
+„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt wären! im Paradies!“ ....
+
+„Ach! es ist zu schrecklich eingerichtet im Leben! ... Und nicht wahr,
+meine Briefe, die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie doch alle?“ ...
+
+– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen? Oh Gott! Wie schrecklich das würde!
+Ich würde Alles verraten.“
+
+„Sehr verständig würdest Du sein.“
+
+„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht
+gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen gern gehabt hast? Du bist ja
+so unmoralisch!“
+
+Martin meldet die Droschke.
+
+Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster erleuchtet.
+
+„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich noch nicht mal gehabt hast .. Der
+greuliche Kerl mich kriegt.“
+
+Sie weiss genau, dass die Droschke im nächsten Moment anhalten muss.
+
+Sie hält.
+
+
+
+
+
+ DREIZEHNTER BRIEF.
+
+
+ Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+
+
+Lieber, süsser Herzensschatz!
+
+
+Denke Dir meinen Schrecken, als Achim mit Dir hereinkam! Aber nur einen
+Moment hab ich mich erschrocken. Du bist ja so verständig und lieb und
+gut. Ach und die süssen, grünen Gläser, die Du mir geschenkt hast! Das
+sieht Dir ähnlich. Es war zu entzückend himmlisch bei Dir. Ich werde es
+_nie_, _nie_ vergessen und Dich ewig lieb haben. Du musst uns jetzt oft
+besuchen, nächsten Sommer, wenn wir hier auf dem Gute sind. Jetzt
+verreisen wir – nach Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier geschenkt.
+Himmlisch, sage ich Dir. – Wir sprechen dann über Alles, Du musst mir
+erzählen, wen Du jetzt hast. Du bist ja so verständig. Wenn Du doch Achim
+wärst! Ach, das Leben ist doch sehr schwer oft!
+
+Fandest Du, dass ich gut aussah bei der Trauung? Der dumme Kirchenmensch
+hatte die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich ärgerte mich die ganze Zeit
+darüber, und die Myrte stand zu hoch über der Stirn.
+
+P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, alle? und Martin sagt
+nichts? Es wäre schrecklich.
+
+ Deine M.
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verändert, außer in
+folgenden Fällen, die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:
+
+ Seite 39: Anführungszeichen ergänzt hinter „bin?“
+ Seite 120: Anführungszeichen ergänzt vor „Ach!“
+ Seite 123: „wir“ geändert in „Wir“
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+April 2, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 35758‐0.txt or 35758‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/7/5/35758/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+— you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
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+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
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+ 1.D.
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+ 1.E.
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+ 1.E.1.
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+permission of the copyright holder), the work can be copied and
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+
+
+ 1.E.3.
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+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
+
+ 1.E.5.
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+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
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+
+ 1.E.6.
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+ 1.E.7.
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+ 1.F.4.
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+
+ 1.F.5.
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+
+ 1.F.6.
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+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
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+ Section 2.
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+of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
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+For additional contact information:
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+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+ Section 5.
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+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
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+***FINIS***
+ \ No newline at end of file
diff --git a/35758-0.zip b/35758-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..edbee34
--- /dev/null
+++ b/35758-0.zip
Binary files differ
diff --git a/35758-8.txt b/35758-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..bf4e7e7
--- /dev/null
+++ b/35758-8.txt
@@ -0,0 +1,2540 @@
+The Project Gutenberg EBook of Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der
+hheren Tochter by Hans von Kahlenberg
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der hheren Tochter
+
+Author: Hans von Kahlenberg
+
+Release Date: April 2, 2011 [Ebook #35758]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HHEREN TOCHTER***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Cover image]
+
+
+
+
+
+ Nixchen.
+
+
+
+
+
+ _Smtliche Rechte vorbehalten_
+
+
+
+
+
+ *Nixchen.*
+
+ Ein Beitrag
+ zur Psychologie der hheren Tochter
+
+ von
+
+ *Hans von Kahlenberg.*
+
+ _Umschlag von __Hermann Liebich__._
+
+*12.-14. Tausend.*
+
+
+_Wiener Verlag._
+Wien 1904.
+
+
+
+
+
+ Maschinensatz
+ von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217
+
+
+
+
+
+
+ ERSTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Grndahl, Berlin, Nettelbeckstrasse.
+
+
+Mein lieber, alter Mephisto!
+
+
+Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute
+in meiner schnen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war
+ich recht wtend auf Dich, wtend und entrstet und etwas traurig von
+unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und
+kstlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten ber ein gewisses
+Thema auseinandersetztest.
+
+Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher,
+hartgesottener Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist,
+was wre das Leben berhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier
+auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berhmtheit, die Freude an dem,
+was man in sich hat, an der schnen Gotteswelt draussen, wenn man sich
+nicht mitteilen knnte, wenn die lieben Frauen nicht wren, die liebe,
+schne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein
+eigen zu nennen.
+
+Ja, die lieben Frauen! - Und Du magst nun sagen was Du willst und
+Erfahrungen haben so viele Du willst - ich bedauere Dich oft darum. Ich
+behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es fr Unsereinen berhaupt
+erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, ssse, unschuldige
+Blumen, tausendmal besser, feiner, klger wie wir, direkt vom Himmel
+herunter gesandt, damit man eine Ahnung behalten soll hier unten im
+Staube, wie's da oben aussah.
+
+Lache nun wie Du willst ber den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es
+ist zu schn, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber
+Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, - ich bin glcklich,
+unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig glcklich! - Ich liebe.
+
+Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenber. Weisst
+Du berhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke
+Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter
+Sachverstndiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor
+der Gefhle? - Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker
+und drflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht.
+
+Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen
+Huserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, berhmt mit
+sechsundzwanzig, vergtterter Boudoirheld, dem die Kniginnen des Salons
+zu Fssen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie
+Keiner, Tigerinnen mit Madonnengelsten, sentimentale Messalinen,
+Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die fr mich schlechter sind,
+als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys
+und prraffaelitischen Faltenwurf.
+
+Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem grnen, glatten
+Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnrkeln und den
+beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten,
+verrucherten Bude mit den Hirschgeweihen und den alten Preussenknigen
+und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann mcht' ich es gerade an
+die Wand werfen und hinausstrmen. Freie Luft! Bume! Erdgeruch! Hier ist
+doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit!
+
+- - - - Und doch ist auch sie keine Landblte, nicht im Walde erschlossen
+beim Quellenrauschen, - eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume ber dem
+Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre!
+ssse sechzehn! - halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste
+Alter. Ich mag die "jungen Damen" nicht, die schon drei Winter ausgegangen
+sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man
+mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Mnnerauge, das sie begehrte,
+hat einen Fleck darauf zurckgelassen.
+
+Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glckliche,
+selbst nichts ahnende Jger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand
+entdeckt. Das ist buchstblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So
+faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen
+Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus
+verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande
+voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen
+wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse,
+riesige Felswand gedrckt, blass und zitternd mit ngstlich hochgehaltenem
+Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im sprhenden
+Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnsste wie
+ein Lmpchen.
+
+Ich fhrte sie. Wie sie so ngstlich trippelte, Schrittchen fr
+Schrittchen an meinem langen Bergstock! - und doch glubig. Sie hatte Mut
+nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel wrde sie
+sicher durchsteuern durch das ngstliche, riesige Labyrinth von Steinen
+und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber
+derjenige, dessen man sich am hufigsten und reinsten freut, stark zu
+sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines,
+schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schtzen, das Einen mit einem
+Lcheln um den winzigen Finger wickelt.
+
+Was soll ich Dir weiter erzhlen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den
+Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises - allmhlich,
+mit Tasten und Zurckweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen,
+norddeutschen Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei ltre
+Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den
+T....er Dragonern. Mathilde ist die Jngste. Mathilde - etwas Klares,
+Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. - Wie ich den Namen
+liebe! Sie haben alle hbsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene.
+Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas
+trocken, etwas zugeknpft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die
+Mutter, die echte deutsche Frau, blhend, mtterlich, mit geschickten
+Hnden. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten!
+Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese
+Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde - ich hasse Abkrzungen. Ich nenne
+sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder gar englisch-undeutsch
+Mattie, Maudie, - es passt am besten fr sie. Blondes Flechtenkrnchen,
+blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des
+Rosenblattes. Ich schwrme fr schnen Teint bei Frauen. Er scheint mir
+ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den
+Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld.
+
+Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Snde. Ich habe
+Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben.
+Blatt fr Blatt mchte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz,
+Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein
+Gedanke! welche Aufgabe!
+
+Ehrfrchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges
+Geschpfchen von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen
+Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde
+geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krckstock ausging, dass
+ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? _Meine_ Aufgabe
+wird es sein, sie einzufhren, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht
+erklrt sich das Rtsel der Welt, wenn das Kpfchen so sicher ruht an
+treuer liebevoller Brust!
+
+Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist.
+Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgltigen, unheimatlichen Orten unter
+ungengender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen knnen. Ich
+habe meine lndliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden.
+Und wenn Ihr mich nachher als "reinen Thoren" verspottet habt, ich habe
+Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen
+Kursen, mit Tchtern ausgewhlter Familien. Ihre liebste Freundin ist die
+Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzugiges
+Plaudertschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr
+liebliches, bestndiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend
+kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwrmerei fr einen
+toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich rhrend diese
+Einfalt gerade ist! Sie hat fr mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich
+wrdig sein mge. Ich prfe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte.
+Selbst meine Augen mchte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken,
+zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
+
+Lache ber mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spttischste Mephistomiene
+auf ber den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem
+sechzehnjhrigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine
+Krone, eine Erlsung!
+
+Ich bin glcklich! Dein Achim.
+
+
+
+
+
+ ZWEITER BRIEF.
+
+
+ Herbert Grndahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis
+ Jterbog in der Mark.
+
+
+Teurer Parzival!
+
+
+Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
+
+Ich habe weder gelchelt, noch eine spttische Miene aufgesetzt. Ich
+kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die
+engbeschriebenen Seiten la Hainbundjngling.
+
+Aber ich habe nicht gelchelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der
+Mensch nie aus dem Zahnen heraus!
+
+Da habe ich ihn mhsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus
+den Fngen gerissen, nun fllt er auf einen Backfisch herein, einen
+Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! - Mensch! Mensch! Die Gtter
+wollen Dein Verderben.
+
+Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu
+Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz,
+manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das ugelt und
+kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest
+Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjnglinge errten, und trumt von
+chambres spares, alten Mnnern mit Millionen und Hausfreunden, die
+Gesandtschaftsattachs sind.
+
+Der Schndliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze
+Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
+
+Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundstze. Ich weiss nicht, ob sie
+ganz so schn waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine
+mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune.
+
+Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen
+Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine
+rgere Komdie als ich dachte, ich Hans Herbert Grndahl, alter,
+ausgelernter Komdiant und Komdienschreiber.
+
+brigens ja doch! lachen musste ich doch.
+
+Bei der Beschreibung: Flechtenkrnchen, blaue Augen, diese Zartheit,
+Blondheit. Geheimratstochter aus W.....
+
+Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest ber meine Abenteuer,
+entrstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer
+Verfhrungsknste?
+
+Diesmal wirst Du wenigstens zugeben mssen, dass ich auf unschuldige Weise
+dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstblich im Schlafe, Du
+weisst ja "seinen Freunden u. s. w."
+
+Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus
+Armen, als Martin zwei Damen meldet.
+
+Martin ist geaicht auf solche Flle. Er hat dann frmlich etwas
+Priesterliches, die Allren eines Offizianten, der das Allerheiligste
+ffnet.
+
+Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in
+Mnchen der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste,
+ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen
+Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen
+Leben. Martin bediente uns whrend des Essens mit einer Grandezza und
+diskreten Feierlichkeit, die anfing lhmend zu wirken. Jule wurde stiller
+und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr sddeutscher
+Gemtlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den
+geringeren Gttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie
+einen fast schchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches
+Gesicht.
+
+Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind
+alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen - notabene es
+war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme,
+feierlich und gedmpft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr
+ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst
+einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin prsentiert Feuer
+von dem zngelnden Stirnflmmchen einer Serpentintnzerin und trufelt das
+Nass aus dem grnen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade.
+Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von
+dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten
+Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fhlt das
+Bedrfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht.
+Das Bett steht zurckgeschlagen mit langherabrieselnder gelber
+Seidenkouvertre. ber dem Kopfende hlt ein geflliger Cupido, lchelnd
+vorgeneigt, ein elektrisches Flmmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll
+arrangiert, Kmme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und
+gewellte, ein silbernes Schuhknpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trgt
+Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
+
+"Du -", sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr
+energischen Klink der Thr, der ihm durch und durch gehen musste. "Wenn
+der im Paradies dabei gewesen wre, den Apfel htte der liebe Gott sich
+sparen knnen."
+
+Also Martin meldet. Du weisst, dass Hflichkeit gegen das weibliche
+Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wsstest, was ich
+durch diese Hflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
+
+Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung
+nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der ussere Mensch
+wre gerstet.
+
+Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und
+Martin ist darin gut erzogen. En avant donc!
+
+"Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?" Zwei Backfische, allerliebst!
+ein blonder und ein brauner, sss, frech, puterrot. Aus gutem Hause -
+Handschuh, Stiefel - viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
+
+"Sie sind doch der berhmte Herr Grndahl? Wir haben Ihr Buch: "Verbotne
+Frchte" gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen
+lernen."
+
+Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen
+Augen. Die Blonde steht verschmt mit schlagenden Wimpern.
+
+"Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende
+Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine
+Damen?"
+
+Sie setzen sich, beide natrlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde
+bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend.
+
+Die ist schon ganz frech: "Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine
+Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwrmen fr moderne Litteratur.
+Meine Freundin schwrmt fr Ihre Bcher. Sie hat auch eine Photographie
+von Ihnen. Sie hat sie bei sich."
+
+"Und nun sind Sie sehr enttuscht natrlich - ein alter Mann mit einem
+kahlen Kopfe...."
+
+Erneutes Kichern. Diese kleinen Mdchen mssen sehr solide Knochen haben,
+dass sie ihre gegenseitigen Pffe und Ellenbogen so gut vertragen.
+
+"Unsre ganze Klasse schwrmt fr: "Verbotne Frchte". Wir haben es Alle
+gelesen. Oh wir lesen Alles!"
+
+Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Stzen.
+
+Ich spiele den Moralisten: "Das ist doch aber eigentlich in Ihrem
+Alter ...."
+
+"Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi
+und "Sodoms Ende" haben wir gesehen, heimlich!"
+
+"Der Vetter Hubi ist ein glcklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre
+Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?"
+
+"Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen," (schriftlich nicht
+wiederzugebende Nance der Verachtung fr diese ehrenwerte Beschftigung
+des wackren alten Herrn). "Itta" - was diese kleinen Mdchen fr Namen
+haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Ktzchenmiauen
+und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher
+Vorname ebenso unmglich wre wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein
+- -, "Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta
+schwrmt fr Knstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptschlich Garde
+und Kavallerie."
+
+"Aber Kitty!" ...
+
+Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste.
+
+Ich liess Wein und Sssigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen.
+
+Sie knabberten wie die Muse. Von dem Wein nippten sie nur.
+
+Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten frmlich vor
+Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem
+Schreibtisch enttuschte sie sichtlich: "Ach die Kaiserin!" ... Einige
+Bouchers entschdigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten.
+Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Wnde voll nackender Frauenzimmer
+zu finden, alle fnf Barrisons mindestens!
+
+"Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt
+es."
+
+Olga Krohn ist ein charmantes Mdchen. Ich zeige mnnliche Bescheidenheit:
+"Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen
+ihre Gunst erweisen."
+
+"Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?"
+
+"Es giebt soviel Liebreiz in der Welt."
+
+"Sie sind sicher schon oft sehr unglcklich gewesen?"
+
+"Unsglich!"
+
+Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende
+Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknpfen und das
+traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten
+werde.
+
+"Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gnzlich unromantischen
+Person .."
+
+Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten,
+einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die
+Andre, - die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde
+nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ...
+Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme!
+
+Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu
+ussern wage inbetreff der "Gelegenheit" ... Man hatte ja seine
+Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System
+funktionierte vorzglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser
+Faktoren blickte durch, die Angst, Schlerinnen zu verlieren, Kundschaft
+einzubssen.
+
+Ich sage Dir, es war entzckend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen
+Kfer!
+
+Es schlgt sechs Uhr.
+
+Die Braune erhebt sich: "Jetzt mssen wir aber gehn."
+
+"Schon?"
+
+Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: "Du kannst ja wiederkommen."
+
+_Ich!_ "Wenn ich auf ein solches Glck hoffen drfte?" ...
+
+"Ich werde Ihnen schreiben," haucht die Blonde.
+
+Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist
+ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfrchtig, bescheiden, vielsagend - und
+stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. - - -
+
+Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch.
+
+Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas
+heiratet man. Mit sowas setzt man Tchter in die Welt, die wieder
+schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude rcken. Brrr .....
+
+Da hast Du was fr Dein glhendes Herz!
+
+
+
+
+
+ DRITTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Grndahl.
+
+
+Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil.
+Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter!
+
+Ich flchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich
+sieht, schwinden die Zweifel. Der Glubige, dem die Madonna leibhaftig
+erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glcklicher entrstet
+sich nicht einmal moralisch.
+
+- - - - Sie ist noch immer geschlossen, sss und ahnungslos.
+
+Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die
+schlanke Hlle, ein tieferes Atmen, die Ahnung knftigen Frhlingssturmes,
+heller, glorreicher Sonnenwrme.
+
+Wir sassen auf dem Balkon.
+
+Ich sah sie wohl zu heiss an.
+
+Sie verwirrte sich. Sie war still.
+
+Diese ssse Stille! Kennst Du einen hbscheren Ausdruck als den Koriolans
+an sein Weib: "Mein ssses Schweigen!" Es liegt darin eine solche Tiefe
+der Unberhrtheit. Auf vieles wre es schlechterdings unanwendbar, auf
+Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen - der See - der
+Himmel - die Frau ...
+
+Ich bemhe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im
+Hause ihre kleinen mter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa
+den Frhstckskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hlt sie selbst
+in Ordnung, die kleinen Rckchen, Strmpfchen, Ziertchelchen und
+Bndchen. Die Mutter hat sie schlicht und huslich erzogen, wie sie selber
+ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Pltteisen selber fhren.
+Ich finde das entzckend.
+
+Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v.
+W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit
+wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die
+beiden Mdchen sind unzertrennlich. Wie das schwtzt und schnbelt! - all
+diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der
+sechzehn Jahre.
+
+Das thut mir manchmal fast weh.
+
+Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, fr das wir kein
+Verstndnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter,
+ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenber ein schchterner
+Stmper!
+
+Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein!
+
+Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen,
+seinen Schnheiten. Unsre Mark _hat_ Schnheiten, ihre sehr intimen,
+keuschen Schnheiten, die sich nur dem Verstehenden enthllen, dem
+Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schne Gotteswelt, Italien,
+Norwegen - das Meer ...
+
+Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass
+ich reich bin, soviel Schnes erschliessen kann fr mein Lieb.
+
+Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine,
+barbarische Berlinerin, die nichts kennt!
+
+Alle meine Lieblingsbcher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried
+Keller, Storm.
+
+Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen
+und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes,
+grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck.
+
+Die Mama lchelt dann: "Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!"
+
+Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens wrdig finden.
+
+Bin ich ihrer wrdig?
+
+Diese Frage beschftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein
+ausschweifendes Leben gefhrt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen,
+sowohl bei Mnnern wie bei Frauen, und keine knstlerische Verklrung,
+keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu bertnchen
+vermocht. Ihr verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner
+Josephhaftigkeit.
+
+Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte -
+Eindrcke - was man vielleicht nur gehrt, gesehen hat. Was ist meine
+sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste
+Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen knnte.
+Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu
+mssigen.
+
+Wie zart und rhrend diese kleinen Gesprche mit ihr! Ich frage und sie
+antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor
+man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das
+weisse, ssse Lilienblatt. Gott mge mich wert machen, dass es die rechte
+Schrift sei!
+
+Ich hatte eine Erschtterung dieser Tage.
+
+Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam - ich bin ein fr alle Mal
+Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit
+ihr. Sie gehrt zu ihrem Kreis. Die Geheimrtin sagt, es geht nicht
+anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser
+gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage.
+
+Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse!
+
+Auch Mathilde war im Salon. _Sie_ sprach mit ihr, lobte ihren Anzug,
+ksste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner
+Lilienknospe, meiner Madonna!
+
+Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und
+liebenswrdig, hat ihre Partei.
+
+Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie
+da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen.
+
+Ich war sehr alteriert. Mein Mdchen sah mich halb erschrocken an, welche
+bse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wsstest, dass es nur Deine
+Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt,
+seit ich Dich habe!
+
+Es kommt mir vor, als she sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es
+mir fast, als ob sie geweint htte, holde, unschuldige Thrnen einer
+sssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl
+fters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt?
+
+Noch ein entzckender Zug.
+
+Bei der ltesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte.
+
+Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man
+besorgen msste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hrte nur
+das Murmeln ihrer Stimmen, zrtlich und geheimnisvoll wie vor einer
+Weihnachtsbescherung.
+
+Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen.
+
+"Das Kind ahnt ja nichts," sagte Frau von B. lchelnd.
+
+Ich ksste ihr die Hnde. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod
+gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurckzugeben, wenn
+Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
+
+
+
+
+
+ VIERTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Grndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Das Abenteuer fngt an, mich zu interessieren, mehr von der
+psychologischen als von der persnlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das
+bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit.
+
+Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Hheretchterschrift,
+steil, zimperlich, kaprizis: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um
+dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J.
+
+Ich ffnete selbst. Das erhht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und
+erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit
+schwarzem Astrachan, glhendrot.
+
+Diesmal ksste ich sie natrlich.
+
+Du weisst, dass ich Kssen fr eine Kunst halte. Einige Menschen werden
+sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage,
+Besttigung - Grenze ... Die ganze knftige Liebesmelodie im leisen,
+leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und
+Ungeschicklichkeiten hinterher.
+
+Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das
+Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. "Es merkt es doch
+auch niemand?"
+
+Ich beruhigte sie: Eine Etage hher wohnt ein Photograph, da htten Sie
+immer hingehen knnen, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das
+Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist
+verschwiegen wie das Grab.
+
+Sie hatte ber das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett
+kssen hinterher.
+
+Dann die moralischen Garantien.
+
+"Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen "dem"
+gekommen bin?" (in Parenthese - hast Du schon jemals eine Frau getroffen,
+die "wegen" mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trgt
+Jgerwsche und philosophiert im Bette.) "Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht!
+Es ist doch nur, weil ich Deine Bcher gelesen habe - und es ist so
+schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist."
+
+Ich sage: wahrhaftig nicht! und ksse sie, ksse ihr die weisse Kehle rot
+und beisse sie ins Ohrlppchen.
+
+Was fr Brstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhlften! und
+das Hlschen so fein angesetzt! rmchen, die umstricken und festhalten,
+dnn, weich und unzerreissbar wie Seidenstrnge ... Es ist ein kleiner,
+rhrender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton.
+
+Ich habe jetzt auch einen Namen fr sie: Wassernixchen. "Nixchen" passt
+ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lstern, spitzbbisch,
+zur Liebe geschaffen, unfhig im Grunde. Der Fischschwanz!
+
+Eiskalt - das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt:
+"Ich liebe Dich, Herri! Ich hab' Dich furchtbar gern! Du bist der
+einzigste, himmlischste Mann, den es giebt." Aber nett klingt's doch.
+
+Dazu kein lautes Wort, keine hssliche Geste, immer kleine Dame, so
+sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich
+habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und
+wattierte Unterrcke verliebten. Ich bin zu sehr sthetiker dazu.
+
+Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar.
+
+Dann wird sie Meister und ich demtiger Schler. Ich staune, was der Balg
+weiss. Und woher weiss sie es?
+
+Sie lacht: "Das wissen wir Alle."
+
+Dann erzhlt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale
+Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse
+Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schlft,
+Dienstbotengeschichten, am Schlsselloch Erlauschtes, eine spielerische,
+knabbernde Lsternheit an Bchern und Eindrcken. Selbst der Humor dieser
+Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtckisches, ein Humor von
+Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzhlte mir eine Geschichte von einer
+Bekannten, einer vierzigjhrigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem
+Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, whrend
+er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen
+blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten
+sie in ihrer kleinen, perfiden, unschdlichen Bestienhaftigkeit.
+
+Dann hat man Brder, Vettern ... Der "Vetter" verdiente eine extra
+Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz
+"fremder Mann". Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen.
+Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint
+es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, fr diese
+delikaten, schummrigen bergangsstadien, claireur-Dienste,
+Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte.
+Sie hat Angst vor mir. Manchmal spre ich die Vorarbeit des "Vetters".
+Irgendwo und irgendwann ist er berall mal dagewesen. Du magst noch so
+frh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich
+gebe Dir das als Axiom.
+
+Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersttlich. Es ist
+die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht:
+Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die
+halbe Religion mindestens ist fr sie nur das. Das merkt sie sich, das hat
+sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas
+Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten
+ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: "Das ist dumm, Liebchen! -
+Das ist so langweilig, das mag ich nicht ..."
+
+Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen,
+Martin, der bric brac.
+
+Und Kssen zwischendurch!
+
+Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig
+Natur.
+
+Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie lsst sich
+kssen, streicheln, anfassen ....
+
+Dann eine Bewegung wie ein Schlngchen, die Angst vor dem Wehthun, dem
+Baby, die Heiratschance.
+
+Dann wird sie geschftsmssig: "Wir haben kein Vermgen. Else und Dada
+haben auch geheiratet."
+
+Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernnftige, die
+Versorgung.
+
+Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau.
+
+Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
+
+Die falsche, unnatrliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die
+Wrmer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht
+mal selbst aussuchen knnen, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie
+eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas
+Champagnerschaum schlrfen wollen?
+
+Und wie klug sie dabei verfhrt, instinktiv, so 'n kleines, dummes Ding,
+nicht fr zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie
+eine orientalische Haremsdame!
+
+Und so 'n kleines Gnsegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: "Der ist der
+Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer."
+
+"- Wenn es rauskme!" das ist ihre einzige Angst, eine ssse, gruselige
+Angst. Dann kichert sie ber die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute,
+da unten auf der Strasse, - dass sie hier oben allein ist, in seiner
+Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
+
+Davon ist sie tief durchdrungen: "Du bist so unmoralisch!" ..
+
+Dann ksse ich sie wieder.
+
+Sie legt mir die rmchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling,
+ssses Herz - und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
+
+Kleine Kanaille! - Na, das sind sie Alle.
+
+Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Mnner, der
+Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder
+passiert.
+
+
+
+
+
+ FNFTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Grndahl.
+
+
+Weisst Du, dass ich manchmal frmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir
+vorkommt, als msste ich Dich bekehren.
+
+Mathilde wrde Dich bekehren. Du wrdest glauben und niederknieen wie ich.
+
+Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. - Die
+einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.
+Wenn er erst mnnlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach,
+eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den
+praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen
+Beschluss.
+
+Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum
+Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch
+und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt
+doch das Band, das Altpreussen zusammenhlt, dem Einzelnen Kandare giebt,
+wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimtig gestand, etwas ber
+die Strnge geschlagen hat.
+
+Natrlich stellte ich ihm fr vorkommende Flle meinen Kredit zur
+Verfgung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein
+Bruder, der Bruder ihres Bruders?
+
+Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns
+nicht nur leere Phrase sein soll.
+
+Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen
+Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm
+das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen
+Arrangements fr Gesellschaften. Sie schmckt dann die Tafel, legt Silber
+und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie
+sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb
+haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Sssigkeit eines
+Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehren,
+denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.
+
+Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
+
+Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufllig so gefunden.
+
+Sie schien ngstlich zu werden, im unbestimmten Gefhl von etwas
+Aussergewhnlichem, Nahendem.
+
+Ich bemhte mich, ganz Gleichgltiges zu sprechen, wo ich ihr doch am
+liebsten zu Fssen gefallen wre.
+
+Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerhrt hat.
+
+Ich habe Mathildens Stbchen gesehen.
+
+Ich kam wohl zu etwas ungewhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich
+ja nie. Frau von B. war im Hause thtig, mit vorgebundner, grosser,
+weisser Schrze. "Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens
+Stbchen."
+
+Ob sie meine Gefhle ahnte? Sie liess mich in der Thre stehen, whrend
+sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete.
+
+Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. ber dem Bett die Raphaelschen
+Engelskpfchen, - ein Bcherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben,
+Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische
+Tauchnitzromane ...
+
+Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstren, zart
+genug zu sein, hochherzig, ritterlich!
+
+Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Sden
+zurckgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bder. Sie ist sehr schn.
+Ein Schatten von Schwermut macht dies schne, stolze Gesicht fast noch
+anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die
+Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote
+stehen, knnen ja einem Frauenherzen dafr keinen Ersatz geben.
+
+Bei der ltesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr
+Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tchtiger und
+strebsamer Offizier.
+
+Sie mssen sich einschrnken. Wie ich sie liebe, diese Einschrnkung um
+der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der
+heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben,
+der Stimme des Herzens zu folgen.
+
+Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mtter sind. Es ist solch
+hbsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfllung erst der
+Frau, die Erfllung berhaupt des Lebens, vor der die ganze sndige Welt
+niederkniet, glubig und erlst.
+
+
+
+
+
+ SECHSTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Grndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein
+aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren.
+
+Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwrts stossend, fortwhrend thtig, um
+mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten
+herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwhrende Nrgeleien,
+Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgesprch dieser Familie ist
+Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist
+alt, mde, mrbe. Er mchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stbchen
+haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt
+und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden.
+
+Das Nixchen steht natrlich auf Seiten der Mutter. "Mama" ist eine grosse
+Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht.
+
+Die beiden ltesten hat sie glcklich losgeschlagen. Mit der Ersten
+haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er
+hatte ja Karriere vor sich. Thrnen und Szenen in der Familie. Man hielt
+ihn bei der Ehre fest, bis sie glcklich unter Dach und Fach waren.
+Seitdem ersticken sie in Brut.
+
+Das ist Mamas Hauptrger. Auch das Nixchen wird ganz nasermpfend: "Wie
+kann man nur! Sie knnten doch wirklich "was thun" - wo er noch nicht mal
+Major ist." - ber das "was", das man thun knnte, scheint sie sich
+ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn
+die Diskussion heftig wird.
+
+Die Zweite war die Schnheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde
+auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und
+Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem
+Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrcklich wie effektiv ein Ende.
+Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld.
+Dada entschdigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das
+Nixchen erzhlt mir Alles: "Ach, du bist ja nich so" .... Sie haben eine
+Wohnung hier irgendwo.
+
+Es findet Dada nicht zu bedauern.
+
+Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht
+Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des
+geheimrtlichen Kchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens.
+Daher fortwhrende Szenen. Der reiche Schwager lsst sich nicht anpumpen.
+Mama hat Schulden gemacht: "Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei
+uns." Ich glaube es gern.
+
+Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise
+eingefangen, ein lndlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen.
+
+Er scheint etwas dmlich zu sein .. "Dann hat er so grosse Hnde!.. Nicht
+halb so nett wie Du!" ....
+
+Sie weint dann thatschlich, obgleich sie natrlich fest entschlossen ist,
+ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
+
+Oh, Weiber!
+
+Arme Natur, wo bist du?
+
+ber die Taktik des "Fangens" giebt sie einige ganz hbsche Details.
+
+"Natrlich musst du immer thun, als wsstest du von nichts. Das ist die
+Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die
+Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich
+meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht
+fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt htten, bei Tante Otti,
+was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind
+wre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer
+eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich
+was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun!
+Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!"
+
+Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformtchen!
+
+Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren
+kleinen, prden Zrtlichkeiten, das Hndchen, das mir ber den Schopf
+fhrt, die Ksse .. sie drckt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal
+ksst sie mich sogar auf den Mund jetzt: "Ich knnte sterben fr dich!
+Wahrhaftig!"
+
+Man knnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: "Wir
+knnten uns doch heiraten" ....
+
+Sie wird dann sofort wieder Nixchen: "Ein Knstler wie du .. und sieh mal,
+er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama
+gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. - Man muss doch
+vernnftig sein, Schatz."
+
+Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna.
+
+Ich liege auf der Chaiselongue und staune.
+
+... "Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche,
+einzige Liebe. Du _hast_ mich doch."
+
+Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden:
+
+"Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch
+nichts Schlechtes." ...
+
+Eigentlich knnte man sie durchprgeln.
+
+Aber echt ist sie.
+
+"Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?"
+
+Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Kpfchen an meinem Halse
+und ksst mich: "Du bist so unmoralisch!" ....
+
+Ich kitzle sie. Voil.
+
+Weisst Du, an was sie mich erinnert?
+
+Das moderne Kunstgewerbe hat die entzckendsten neuen Zierglser in den
+Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine
+Schwrmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen,
+hohe geschmeidige Glockenblumen.
+
+Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern,
+und lsst sie in der Sonne spiegeln. -
+
+Frher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge
+sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grne,
+alles Schillernde, Flimmernde, derchen, Nerven ...
+
+Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
+
+Das ist sie.
+
+
+
+
+
+ SIEBENTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Grndahl.
+
+
+Ich glaube, dass sie anfngt, mich zu lieben.
+
+Sie muss es ja gefhlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in
+ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur fr sie leben mchte.
+Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fhlt das.
+
+Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie
+eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie fngt an,
+fr mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen
+Serviettenring, die sie kennt.
+
+Ich habe sie geksst .......
+
+Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen berhrt, die
+Rosenrundung der Wangen gestreift.
+
+Sie erglhte. Ich fhlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes
+Mund ihr aufdrckt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt
+beim Weibe wie bei uns!
+
+Mir fiel eine hssliche Episode ein. Das Mdchen des Grtners in Templin.
+Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft
+lag in der Abendstille. Das Mdchen hatte frische Lippen und weisse
+Zhne ..... Ich ksste sie ...
+
+Ich will wrdig werden.
+
+Ich bin es schon.
+
+Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle,
+Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine
+Schchternheit. Mama, liebenswrdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
+
+Ich sehe sie jetzt tglich. Sie trgt meinen Ring. Wir nennen uns "Du" und
+mit Vornamen. Ich habe das nicht gehrt seit Mamas Tode. Ich knnte es
+immer von ihren Lippen hren.
+
+Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich mchte sie nicht erschrecken.
+Diese plumpen, ffentlichen Zrtlichkeiten, mit denen Brautpaare einander
+berhufen, sind mir widerwrtig, das unwrdige, lsterne Spielen und
+Tndeln um den einen Punkt. Die Edelblte erschliesst sich in einer Nacht.
+Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte,
+jungfruliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden
+Liebe.
+
+Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt
+Klavier mit ihm. Sie nennen sich "Du", lachen zusammen, Ereignisse und
+Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurckgerufen, an denen
+ich keinen Teil habe .. Ich mchte nicht eiferschtig sein. Es ist eine
+Beleidigung dieser Unschuld des sssesten, holdesten Geschpfes.
+
+Aber ich ksse sie heiss, leidenschaftlich.
+
+Ich war unglcklich hinterher.
+
+Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit fr bald festgesetzt. Es ist
+besser so, obgleich sie sehr jung ist.
+
+"Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind," sagte Mama, als sie
+einwilligte.
+
+Bin ich gut? Ich will es sein.
+
+Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in
+sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes
+willen keine Scham!
+
+Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Rnne. Ich lade ihn ein. Er soll zur
+Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen.
+
+Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch.
+
+Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im
+tiefen Grunde.
+
+Das ist das Schne, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von
+flchtigen Verhltnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die
+seligen Gtter nicht beneide.
+
+
+
+
+
+ ACHTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Grndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen.
+
+Das machte sich so ganz natrlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und
+lag im Bett, als sie kam. Das amsierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes,
+mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem
+brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhngen, durch die
+man undeutlich einen Lrm vom Hofe aufsteigen hrte.
+
+Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: "Aber nicht
+das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ..." Frmlich Angst hatte sie. Sie
+haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an
+Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Mdchenerzhlungen sind wir Oger,
+wilde Tiere, die sich auf Alles strzen, schn und hsslich, jung und alt,
+jede Nacht eine Andre, grssliche Orgien feiernd.
+
+Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgelst, das das
+dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der
+Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu knnen, eines
+Bismarcks alle Tage.
+
+Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines
+Pensionsmdchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterrckchen,
+Hschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln hbsch zusammengelegt auf das
+Nachttischchen.
+
+Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr hbsch war. Sie
+mussten das oft besprochen haben. "Meine Arme sind noch zu dnn, aber in
+ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes
+Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschne Schultern.
+Dada ihre Fsse - sie hat ein Mal auf der Seite - das ist hsslich! Kathi
+solltest Du sehen! Die ist wunderhbsch, rund und weiss berall. Aber sie
+weiss es auch."
+
+Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich ksse sie. Ich
+halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich ....
+
+Sie lsst sich Alles thun mit einer Art schlfrigen Wollust. Vielleicht
+denkt sie an den "Vetter". "Nicht wahr, Du bist verstndig, Liebchen" ...
+
+Ich empfinde nichts, gar nichts fr sie, eine Art lssigen, physischen
+Wohlbehagens.
+
+Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie.
+
+Dann wird sie ngstlich und flehend. Zuletzt fngt sie an zu weinen,
+hlflos, wie ein kleines Kind.
+
+Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie
+hat dann ungefhr das Gefhl, das man hat, wenn man seine Hand dem Lwen
+in den Rachen legt.
+
+Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: "Du liebst mich gar nicht. Du
+spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es." Dann thut sie
+eiferschtig oder versucht mich zu beleidigen.
+
+Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie dchte, ich erschsse mich
+ihretwegen, das wrde sie noch mehr kitzeln.
+
+Sie wrde dann mit einem delizisen Mrderinnengefhl in ihre vornehme,
+ehrbare Ehe gehen.
+
+Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: "Wenn ich dich nun nicht
+freigbe? Wenn ich dich verriete?"
+
+Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen,
+flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: "Das
+thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anstndig, zu sehr Gentleman, mein
+lieber, ssser Herri!"
+
+Wie klug sie ist. Fischschwanz!
+
+Und manchmal denke ich, man msste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es
+fhlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..
+
+Dann wrde vielleicht noch was aus ihr, dann wrde sie ein Weib.
+
+Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und
+Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum
+Hohne!
+
+Aber sind wir denn nicht ebenso - Halbmnner - Gentlemen - auf Kosten
+unsrer Mannheit?
+
+Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein ssses, junges,
+warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt
+nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft?
+
+Was ist aus uns geworden, wenn die Gefhle, die uns das Leben gaben, zur
+Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitten. Delikatessen, die man
+mit den Zhnen kostet.
+
+Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend,
+die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, ber den Tod hinweg - und die
+Toten!
+
+Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erlsungsdrang. Ich
+fasse sie fester. Ich atme strker .....
+
+Sie murmelt: "Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir
+nichts?" ....
+
+
+
+
+
+ NEUNTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Grndahl.
+
+
+Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.
+
+Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache - in Not und Tod .. Leib
+und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen.
+
+Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Grsseres! Nein, ich beneide die
+Gtter nicht. Grade das Vergngliche - die Not, das adelt Menschenliebe,
+das macht sie unvergnglich und gttlich. Nicht Prometheus ist's, der in
+einsamem Zorn den Gttern trotzt - - _der_ Mann, der seines Weibes Hand
+fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte _Mensch_!
+
+Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das
+ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der
+Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine,
+das Grosse, Vernnftige, Unsterbliche.
+
+Ich denke viel ber diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren
+erst finden mssen, was der sichere Instinkt des Weibes _fhlt_!
+
+Wie berlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend - Weib sein -
+Mutter - wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung
+des Geschlechtes beruht.
+
+Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem frheren Leben, meiner
+Kindheit, den Eindrcken und Ereignissen, die auf meine Entwicklung
+massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtmer verberge ich
+ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin.
+
+Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem
+reinen Weibe gegenber. So aber auch wird das reine Weib seine Erlsung,
+das Verworrene in ihm geglttet, die hitzige Leidenschaft zur edlen
+Lebenstrgerin.
+
+Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich
+schme mich nicht, es zu sagen - neulich habe ich sie mit Thrnen benetzt.
+
+Sie war betroffen.
+
+Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht
+zurckschrecken brauchen vor mir.
+
+Wenn ich jetzt so zurckkehre in mein Junggesellenheim, Grumke mir das
+Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser knftiges Dasein aus.
+Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und
+leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend.
+
+Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thtig ist. Ich schwrme nicht mal
+fr diese sogenannten "guten Hausfrauen" - unablssige Scheuerfeste,
+Kchenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles
+wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt.
+
+Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand
+nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Rcken gebeugt
+vom Herdfeuer und mhseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen
+missachte! Ich verehre sie! Ihre harten Hnde rhren mich. Sie sind der
+beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmler setzen wie
+seinen Helden.
+
+Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das
+sthetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe.
+
+Ob sie berhaupt eine Ahnung davon hat? Sie frgt nie. Ein ssses
+Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm wre, sie folgte mir ebenso
+willig und vertrauensvoll.
+
+Das ist mir ein rhrendes Gefhl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke.
+Ich selbst bin immer einfach - Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen
+Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepcktrger zur Hand war.
+Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.
+
+Ah, ein Knigreich mchte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen!
+Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: "Was soll mir das Knigreich!
+Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Knigreiche."
+
+Darum bin ich glcklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine
+Gefhle nicht vergeudet, keine fnfunddreissig weibliche Vornamen aus
+meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend
+vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu
+differenzieren, schlechte, sthetische Unterschiede aus raffinierten
+Romanen von raffinierten Mnnern, die das Natrliche unnatrlich und
+hypernatrlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und prde
+geworden, wie manches arme, feine Mdchen, das sich verletzt in sich
+selbst zurckzog vor der Roheit und dem Cynismus der Welt. Wie einen
+kniglichen Schatz, voll und ganz, empfngt sie, die Knigliche,
+kniglich.
+
+Welch ein Frhling in unserm schnen alten Park, wenn der Flieder blht
+und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhngt!
+
+Wir werden viel Besuch haben - die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder,
+Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus.
+
+An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns
+lcheln.
+
+Vielleicht ..........
+
+Ach, Harry! kann's denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen
+Welt!
+
+.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der
+Meinen, in sssesten Schmerzen mir geboren!...
+
+Was wre das Leben ohne das? Mchte sie die Schmerzen lassen? Die Angst?
+Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens?
+
+Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen
+und kssen ihnen die Fsse, wie der Katholik seiner Madonna!
+
+Die Mnner sind Egoisten. Was wrden sie sein, wenn es nicht holde, zarte
+Wesen gbe, um sie zu mahnen, dass es etwas Hheres giebt, als Kraft,
+Ehrgeiz - dass aller Ruhm Csars und Alexanders nicht die That des
+einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig,
+Leben sugt.
+
+
+
+
+
+ ZEHNTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Grndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Wir sprechen jetzt sehr vernnftig ber ihre Ehe.
+
+Dass man heiraten muss, das ist selbstverstndlich, das ist der
+Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darber gar nicht weiter nach. Eine
+alte Jungfer bleibt man nur, wenn man hsslich ist, oder Keinen gekriegt
+hat, oder berspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass
+sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen
+sie beneiden werden.
+
+Der rger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei - je intimer,
+desto intensiver der rger. Das ist diesem Geschlecht das quivalent fr
+das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar
+nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in
+Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberhrt, vielleicht nur
+insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld,
+Toiletten, Mnner.
+
+Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fhlt, der einem
+den Rcken runterluft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das
+Andre ist Unsinn.
+
+Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts
+macht, ist ihr sehr gleichgltig.
+
+Ich glaube, wir bertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es
+die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht?
+
+Einen Mann, der einen nicht reizt? - Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten -
+warum nicht?
+
+Von der "Liebe" wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb
+lieben Frauen Knstler, sthetische Mnner, die sie lange kitzeln. Von dem
+eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.
+
+Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut - die Schmerzen -
+die Entstellung - die Brstchen, die schlaff werden ... "Elisabeth hat
+einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ..."
+
+Der "Bauch" von Elisabeth beunruhigt sie.
+
+".. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann.
+Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa
+Schleifchen ...."
+
+Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange!
+Equipagen, Diener, dass sie die Hofblle besuchen werden.
+
+"Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen."
+
+"Aber wenn er nicht will?"
+
+"Mnner thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will."
+
+Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames
+Lcheln ....
+
+Oh ja, der wird thun, was sie will.
+
+Und es giebt Tlpel, die immer noch an die strkere Thatkraft des
+mnnlichen Geschlechts glauben!
+
+Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind berhaupt
+viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor,
+der alte, naive Barbar in ihm. - Und unsre Frauen sind klger. Thusnelda
+lchelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste.
+
+Sie haben ja auch zuviel Machtmittel - die Verliebtheit! Und wenn die gar
+nicht mehr vorhanden ist - Es sind gewhnlich ungeliebte Frauen, die den
+Pantoffel schwingen. - Das verliebte Weib ist unterwrfig. Das ist ihm
+Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln lsst. - Der Kleinkrieg
+thut's. Die Thrnen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder
+Csar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend
+heruntergewrgten Mahlzeit, der permanenten Nhe eines Hassenden,
+Vorwurfsgeschwollenen.
+
+Nichts amsiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer
+oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind hssliche
+Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschpfe. Das ist dumm.
+
+Fr Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner,
+Antonius, - Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina
+waren Genies, weil sie Weiber waren. ber Louise Michel und
+Frauenkongresse lchelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau
+prgelt.
+
+Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Krfte so
+verkennen! Das ist wie die Knigstigerin, die sich Hrner wnscht, um den
+Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen.
+
+Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen wren, liessen wir sie das
+ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den
+Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemtlich
+auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer
+strkeren Schenkel.
+
+Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So'n kleines, zappeliges
+Fsschen, so'n weiches Wngelchen oder Brstchen .. Simson lsst sich die
+Locken abschneiden. Die schnste Berechnung geht zum Teufel.
+
+Sowas passiert denen nicht.
+
+Ich bin das usserste, das Non plus ultra in der Beziehung.
+
+Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Khnheit, dass sie einem
+Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager
+ihr neulich an der Kurfrstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles
+vorlgt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei lgt sie knstlerisch, mit
+Genuss, ganz unntig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das
+Lgen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache.
+
+"Und im Notfall knntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir
+nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was."
+
+Nein, wir haben wirklich nichts.
+
+.... "Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt
+heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!" ...
+
+Dann ksst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von
+Leidenschaft in ihr. Trte die geringste Unbequemlichkeit an sie heran,
+wrde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das
+ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein briges dazu thun und
+mich aus der Welt schaffen knnte, wrde sie es ebenso kaltbltig thun.
+
+Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch
+immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive
+Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die rhrendsten Affren
+daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans
+seine brave Frau, wre wahrscheinlich Frau Marthe geworden und htte an
+"Heinrich! mir graut vor dir!" nur eine angenehme Erinnerung mit
+fortgetragen, eine behagliche Rhrung, dass sie ihre Jugend so gut
+genossen.
+
+Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft,
+die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt fr einen braven Ehemann,
+den sie betrogen, das imponiert ihnen.
+
+Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit
+dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert,
+darber knnen sie nicht genug hren. Das lockt sie sogar mit einem
+Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmdel, das ein Kind
+kriegt und ins Elend gert. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.
+
+Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht.
+
+Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die kufliche Liebe aus.
+Das bereut man nicht.
+
+Es liegt auch da eine Naivitt der Mnner zu Grunde oder ihre Arroganz.
+Der Lendemain ist sprichwrtlich geworden. Der Wstling hat das doppelt
+angenehme Gefhl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die
+Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.
+
+Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser "guter Mdchen"
+("gut" ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben.
+
+Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Mdchen. Sie hatte auch die Angst
+vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.
+
+Und dann war's wirklich Morgen und der allerschnste Sonnenschein und
+Vogeljubilieren - und sie lachte, lachte bers ganze Gesicht: "Ich bin so
+froh, Schatz! Ich glaub', ich knnte fliegen!"
+
+So msste Eine natrlich empfinden.
+
+Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, "die
+Geschichte eines Mdchens". Das rhrte mich fast. Die Arme! Sie hat
+gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war.
+
+Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie
+lsst der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: "Und, glauben Sie
+mir, es ist in der Welt nichts schtzbarer als ein Herz, das der Liebe und
+der Leidenschaft fhig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf
+kommt es nicht an."
+
+berdies: On n'est jamais le premier.
+
+Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus
+persnlicher Propertt oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu
+den unnatrlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen lsst, als diejenige,
+die vielleicht an einem hellen Maientage dem sssen Zug der Natur gefolgt
+ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren?
+
+Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe
+vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht.
+
+Aber freilich die Konsequenzen!
+
+Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die
+behauptete, wenn die Konsequenzen nicht wren, wr's ein
+Gesellschaftsspiel.
+
+Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer
+der "Erste", mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der
+Kolumbus, der Schleierlfter, der Dornrschenerwecker.
+
+Sie mokiert sich darber. Sie hat eine Art Rankne, wenn sie von ihrem
+"Ersten" spricht. Vielleicht ist es ein Gefhl des Torts, das sie in meine
+Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.
+
+"Ich htte Angst vor Dir. Du weisst so viel" ... sagt sie manchmal.
+
+"Aber hast Du denn keine Angst mit "ihm" - immer fremd sein - immer
+Komdie spielen?"
+
+Sie trstet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern.
+
+Lgen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so
+merkwrdig. Das ist wieder die bewunderungswrdige Lebensfhigkeit dieses
+Geschlechts.
+
+Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit
+seinen blden, guten, gesunden, tlplischen Bauernaugen.
+
+Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte!
+
+
+
+
+
+ ELFTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Grndahl.
+
+
+Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am
+Rosenfeste! - Hochzeit - hohe Zeit! - Weisst Du, was das heisst? Wer kann
+es wissen! Wer kann es aussprechen!
+
+Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein
+Selbstling. Selbst die hohen Trume, die Ideale und Gedanken! Ich komme
+mir vor, wie ein Mensch, dem ber Nacht das Geheimnis des Lebens
+aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben.
+
+Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder,
+eine zarte, weisse Knospenhlle, um eine trumende, unschuldige Seele.
+
+Mathilde! Mein Mdchen! Mein Weib!
+
+Und wir sprechen von berlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier
+ist der Kern des Rtsels: das Unbewusste, die Unschuld in der
+Lieblichkeit.
+
+Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so
+selbstverstndlich. Sie lsst sich von mir kssen, in die Arme schliessen.
+
+Sie lchelt. Sie bereitet die Aussteuer.
+
+Wie ich diese schne Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter
+bleiben, ihr Geschick erfllt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. -
+Jungfrau - Geliebte - Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele
+und Leib, um zuletzt demtig niederzuknien vor so einem holden, nicht
+denkenden, kinderthrichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach' mich
+glcklich!
+
+Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser
+Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen.
+
+Ah, dieser holde und mysterise Apparat, der die Braut in das Haus des
+Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhllen,
+Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie
+anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein ssses
+Mysterium, macht mich trumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer
+Kinderzeit, sorgfltig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung,
+die Sehnsucht zu erhhen.
+
+Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschftigt. Ist es
+denn nicht ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmckt, reizend macht.
+Bin ich es nicht, fr den sie sich schmckt?
+
+Ist es nicht urlteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und
+schmckt, das ssse Geschenk ihres Leibes noch ssser machend. Es sind
+nrgelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt,
+die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einfhren
+wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit
+ihrem Leibe in diesen Momenten - Lebenstrgerin ... Sie soll ja das Glck
+sein, die Wonne, die Schnheit.
+
+Hochzeit - hohe Zeit! - -
+
+In mir ist's hohe Zeit.
+
+Ahnt sie die Kmpfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass
+ich sie nehmen mchte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen,
+verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle
+bsen Begierden dmmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen
+Jubel in mir, der mich hochtrgt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme
+nehmen und gegen die Sonne halten mchte.
+
+Hochzeit! hohe Zeit!
+
+Mein Heim steht geschmckt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler
+thtig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir's leid, das
+Alte, Altgewohnte. - Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht,
+dass Alles neu ist.
+
+Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest fr alle meine Leute. Sie
+ben schon dafr. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Flstern geht unter
+den Arbeitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch
+gut!
+
+Es giebt ein vollkommenes Glck auf der Erde. Es giebt Engel. In vier
+Wochen ist der Engel mein Weib.
+
+Wie sss muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die
+strahlende Einfachheit des Naturgangs - Leben gebend vollendet sich ihr
+Leben. - Was ist das Mdchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter
+der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Gte,
+Leidertragen ...
+
+Mein Weib! Mein Mtterchen!
+
+Wie eine kleine Knigin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch
+ein kleines Knigreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie
+Vorbild und Vorsehung ist. "Hausvater und Hausmutter", der alte, schne,
+deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir knnen es noch
+sein.
+
+So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Fssen:
+Reine Frauen, Mnner, die ein Heim schaffen knnen, die an Reinheit
+glauben.
+
+So, das ist ein Hieb fr Dich! Und nun eine liebe, schne Bitte. Komm! Du
+darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen glcklichen, glckseligen
+Menschen.
+
+Hohe Zeit - Hochzeit!
+
+Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glck und ich glaube es.
+
+Und wenn Du ber den Schwrmer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck,
+weiss unter der weissen Myrtenkrone - und wie Thomas: Geh' und glaube.
+Geh' und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe.
+
+Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas bergehn msste.
+Ich fhle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verknden -
+und Mathilde heisst meine Madonna.
+
+Noch ein kleiner, hbscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der
+Mitgiftjgerinnen, des hheren Kokottentums, wo Mtter schon ihre
+halberwachsenen Tchter auf "die gute Partie" dressieren.
+
+Sie hatte den Katalog eines Wschegeschfts neulich. Es waren da Muster
+von teuren Spitzen, die ihr gefielen.
+
+Die Mama, verstndig wie immer, riet lchelnd zu billigeren: "Das ist ja
+fr eine Prinzessin, Kleine, - und Du bist ein armes
+Geheimratstchterchen."
+
+Natrlich bernehme ich das Alles. Es bedurfte einer gewissen berredung
+bei der Mama. Sie geben mir so Unendliches. Sollen diese teuren Menschen
+sich Gnen auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, whrend ich
+schwelge!
+
+Sie muss mich als Sohn fr sie mit eintreten lassen. Ich bin jetzt einer
+von der Familie. Worin besteht denn die Zusammengehrigkeit, das
+Vertrauen, wenn ich nicht auch das Schwere mit ihnen tragen darf? Sind
+diese Gter mein Verdienst? Brauche ich sie? Ich wre glcklich unter
+einem Strohdach.
+
+Es ist um Mathildens willen, dass ich mich des Geldes freue. Auch das hat
+sie mich erst fhlen gelehrt. Es vermehrt meine Macht, zu beglcken.
+
+Verzeih, dass ich dies berhaupt erwhne. Wir haben auch darber so oft
+gestritten, ber Geldwert und Geldanbetung in unsrer Zeit. Manche
+Erscheinung des ffentlichen Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe
+einige Flle erlebt, die mich misstrauisch und traurig machen.
+
+Man weiss ja leider, dass man ein reicher Mann ist.
+
+Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr die kleine Hand mit Geld fllt, wird
+sie es ausstreuen, lchelnd, segnend, unbewusst. Sie soll von diesem
+Wissen frei bleiben. Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so ist sie das
+stumme, ruhende Juwel am Herzen der Schpfung. Wer da ist, um uns an das
+Himmlische zu mahnen, das Unvergngliche im Dasein, der braucht den Wert
+eines Hundertmarkscheines nicht zu kennen.
+
+Die Blume ist in sich selbst genug. Die Poesie zu wahren. Das reine
+Gefhl.
+
+Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um uns das Paradies.
+
+Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, ruhe im Schatten unsrer Palmen!
+
+
+
+
+
+ ZWLFTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Grndahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da "er" bezahlt, knnen wir mit der
+ntigen Gewichtigkeit zu Werke gehn.
+
+Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben,
+Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft,
+das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit
+Valenciennes, hellblaue, ssse, weisse Caleonhschen mit hell
+heliotropnen und lichtmaigrnen Languetten.
+
+Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fgt sich immer meiner berlegneren
+Einsicht.
+
+Das entzckt sie: "Du verstehst Alles. "Er" nhme mich grad so gut in
+einem Sack. - Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr
+habe!"
+
+Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Hbsches
+und sehr Teures, wie's selbst Dada nicht hat. Und wir sind getrstet. "Er"
+zahlt ja.
+
+Wenigstens soll er ordentlich blechen - schon fr seine Undankbarkeit. Ein
+Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Tlpel. Sie
+macht sich fr ihn hbsch. Sie giebt sich Mhe. Was ist das fr Mhe! -
+so'n Lckchen, das grazis und an der richtigen Stelle in die Stirne
+fllt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld,
+manchmal Pein, gehrt dazu! - Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an
+Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen.
+
+Ich verstehe zu taxieren.
+
+Dann sind wir ganz glcklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe.
+Wenn ich sie hbsch finde, ist sie glcklich.
+
+"Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht."
+
+Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle
+Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersnliche fhlen, das Wohlgefallen
+an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergngen zu machen. Ich glaube, wenn ich
+vor die Sultanin-Mutter trte: "den Turban etwas mehr nach rechts, bitte
+schn" ... sie thte es und wre mir dankbar. Und sie htte ein Recht
+dazu.
+
+Das ist unsere Tugend, uns Weltmnnern ihre. Und ist sie nicht eigentlich
+die allerhchste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht
+liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste an der
+Menschheit ist fr mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler.
+Sie fhlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir.
+
+Das ist ganz unbewusst: "Du bist so gut," sagt sie manchmal. Dann nimmt
+sie meine Hand und ksst sie, beinah leidenschaftlich: "Du bist gut."
+
+Da ist die Rankne wieder, das kleine, tckische, widerborstige
+Katzenfauchen in dem "Du".
+
+"Der ist viel besser als ich."
+
+Ist er's wirklich? Ich glaube kaum. Er htte ihr eine Moralpredigt
+gehalten und sie beschmt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige
+Joseph schnden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein hbsches
+Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. - Oder er htte sie
+genommen, seine Lste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher
+sie zur bssenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser
+Tugendbolde.
+
+Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem
+Fischchen-Element bei mir, munter schwtzend wie ein Vgelchen, von dem,
+was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. - ich habe
+sie als Knstler behandelt, nicht roh, nicht mnnisch-selbstschtig, nicht
+pfffisch-zerstrerisch.
+
+Sie weiss das auch ganz gut, Gnschen, das sie ist. Sie liebt mich.
+
+Sie wird oft sentimental jetzt: "Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich
+mchte am liebsten sterben!"
+
+Manchmal sogar fast wild: "Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles
+ganz egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit
+mir machen was Du willst."
+
+Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenbersitzt und
+Makronen knabbert - und dann lauert sie auf den Effekt. Sie mchte etwas
+mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.
+
+Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: "Es ist doch gar nichts.
+Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen
+von "uns"."
+
+Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, _mir_
+bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl berhaupt schon mal ein andrer Gedanke
+als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen
+aufgestiegen ist?
+
+Sie betrauert meine Wohnung: Whipchen, Martin, die Glser .. Dann wird sie
+so gerhrt ber sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote
+Nase, darin ist sie sthetisch.
+
+Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten:
+"Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du
+verdirbst Deine Haarfrisur." Sie wollen gefallen und sollen gefallen.
+
+Wird die Frauenemanzipation darin je etwas ndern? Die Orientalin, die
+ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmckt, sie ist das Naivste und das
+Grsste. Das Urlteste und das Allermodernste.
+
+Sie fangen an mit Geist. Dann lcheln sie Dir zu .... Und wenn der Geist
+wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft
+durchgemacht.
+
+Ich mchte es nicht anders. Nur mehr Ehrlichkeit mchte ich! Es wird so
+unendlich viel gelogen, gerade ber diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui
+s'excuse, s'accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mntelchen
+drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben
+ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den strksten und
+gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Mdigkeit.
+Der alte, schne Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit
+geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab,
+und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und
+unverstndliches Rtselwesen.
+
+Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die
+Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will sie
+einregimentieren und einschwren. Die Vlker, die am wenigsten Sonne und
+Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die
+Lebensader! Dcadence-Mnner machen mit.
+
+Und doch:
+
+ "'s ist eine der grssten Himmelsgaben,
+ So ein lieb Ding im Arm zu haben."
+
+Nicht nur fr uns, fr es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und
+Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und
+verkrppelten Frchten, die reife, ssse?.....
+
+Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschpf, einzig und allein fr ihn
+bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie
+wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschpf fr sich, das Menschenwesen, in
+seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert.
+
+Mgen sie hereinfallen! Das "weisse Blatt" ist die grsste mnnliche
+Unverschmtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und
+willig beharren. Ein Geschpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal
+feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht
+sehen, hren, fhlen, wie wir?
+
+Der Egoismus der Mnner macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit
+Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist lcherlich und
+verchtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, htte er sich
+bemht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fhlen bis in ihre
+Verlogenheiten hinein - haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? - wre
+ihm das passiert? htte er nicht warnen, eingreifen knnen als es Zeit
+war, wenn ntig sie vorher freigegeben.
+
+Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle "Mann",
+die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle "Weib", die wir ihnen
+aufoktroyiert haben. Sie rchen sich wie sie knnen.
+
+Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit
+ist die hchste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, ungtig,
+bse. Und wenn der Vergleich fllt von seinem hohen Piedestal, dann steigt
+das Niedrige. Was ist gemein? Was ist verchtlich? Was ist erhaben,
+bewunderungswrdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist.
+
+Ein heiliges Mitleid liegt schwanger ber der Welt, die feinste, reine
+Quintessenz des Christentums. Nur die Phariser stren es. Dem Zllner ist
+es natrlich.
+
+Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum Schlusse. Der Deutsche macht sie.
+"Die Moral von der Geschichte" - Und es ist eine gute, alte Sitte, denn
+Moral ist berall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertte ist.
+
+Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.
+
+Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen
+Ausstattungskleidern, ein schillerndes, grnliches, seidnes mit niedrigem
+Hals.
+
+"Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich
+will auch wirklich hingehn."
+
+Ich hatte Alles mit Rosen geschmckt. Wir tranken Sekt und assen kleine,
+pikante Sachen dazu.
+
+Wir waren sehr lustig.
+
+Sie sass auf meinen Knieen: "Hast Du mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb
+haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?"
+
+Eine gewisse Wrme kommt doch ber mich. Ach Herzchen! Herzchen!
+
+Dann erinnerten wir uns an alles Hbsche in unsrer Liebe, ihr erster
+Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Ssse ... jeder Gegenstand in
+meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ...
+
+"Nie, nie vergesse ich das" ...
+
+Wir waren ganz glcklich.
+
+"Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause wre. Ach Liebchen!" ....
+Dann schluchzt sie wieder ein bischen.
+
+Dann die Moral wieder: "Du findest mich auch nicht schlecht?"
+
+- Die ssse, alte Beruhigung Gretchens. Alle thun das. Und Daisy Grimme!
+die macht's doch viel schlimmer.
+
+"Wenn es doch mglich wre! Wenn ich doch heute bei Dir bleiben knnte -
+und immer!" ....
+
+"Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen Ball - und morgen!!" - - -
+
+Ein erneuter Thrnenstrom. Sie klammert sich an meinen Hals. Sie ist ganz
+glhend. Sie ksst mich.
+
+"Nicht wahr, Du glaubst's, Du glaubst's doch, dass ich Dich lieb habe, nur
+Dich!"
+
+Ich glaub's. Ich glaube Alles.
+
+"Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt wren! im Paradies!" ....
+
+"Ach! es ist zu schrecklich eingerichtet im Leben! ... Und nicht wahr,
+meine Briefe, die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie doch alle?" ...
+
+- "Ob wir uns wohl mal wiedersehen? Oh Gott! Wie schrecklich das wrde!
+Ich wrde Alles verraten."
+
+"Sehr verstndig wrdest Du sein."
+
+"Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre Frauen. Mich hast Du berhaupt gar nicht
+gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen gern gehabt hast? Du bist ja
+so unmoralisch!"
+
+Martin meldet die Droschke.
+
+Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster erleuchtet.
+
+"Wenn ich jetzt knnte! Dass Du mich noch nicht mal gehabt hast .. Der
+greuliche Kerl mich kriegt."
+
+Sie weiss genau, dass die Droschke im nchsten Moment anhalten muss.
+
+Sie hlt.
+
+
+
+
+
+ DREIZEHNTER BRIEF.
+
+
+ Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Grndahl.
+
+
+Lieber, ssser Herzensschatz!
+
+
+Denke Dir meinen Schrecken, als Achim mit Dir hereinkam! Aber nur einen
+Moment hab ich mich erschrocken. Du bist ja so verstndig und lieb und
+gut. Ach und die sssen, grnen Glser, die Du mir geschenkt hast! Das
+sieht Dir hnlich. Es war zu entzckend himmlisch bei Dir. Ich werde es
+_nie_, _nie_ vergessen und Dich ewig lieb haben. Du musst uns jetzt oft
+besuchen, nchsten Sommer, wenn wir hier auf dem Gute sind. Jetzt
+verreisen wir - nach Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier geschenkt.
+Himmlisch, sage ich Dir. - Wir sprechen dann ber Alles, Du musst mir
+erzhlen, wen Du jetzt hast. Du bist ja so verstndig. Wenn Du doch Achim
+wrst! Ach, das Leben ist doch sehr schwer oft!
+
+Fandest Du, dass ich gut aussah bei der Trauung? Der dumme Kirchenmensch
+hatte die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich rgerte mich die ganze Zeit
+darber, und die Myrte stand zu hoch ber der Stirn.
+
+P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, alle? und Martin sagt
+nichts? Es wre schrecklich.
+
+ Deine M.
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verndert, auer in
+folgenden Fllen, die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:
+
+ Seite 39: Anfhrungszeichen ergnzt hinter "bin?"
+ Seite 120: Anfhrungszeichen ergnzt vor "Ach!"
+ Seite 123: "wir" gendert in "Wir"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HHEREN TOCHTER***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+April 2, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 35758-8.txt or 35758-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/7/5/35758/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
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+ 1.D.
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+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
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+
+ 1.E.
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+ 1.E.1.
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+ 1.E.4.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+ 1.E.6.
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+***FINIS***
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+ and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it,
+ give it away or re-use it under the terms of the Project
+ Gutenberg License <a href="#pglicense" class="tei tei-ref">included with this
+ eBook</a> or online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a></p></div><pre class="pre tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">Title: Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter
+
+Author: Hans von Kahlenberg
+
+Release Date: April 2, 2011 [Ebook #35758]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER***
+</pre></div>
+ </div>
+ <div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+
+ </div>
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src="images/cover.jpg" alt="Illustration: Cover image" /></div>
+<hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"><div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga001" id="Pga001" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.44em"><span style="font-size: 144%">Nixchen.</span></p>
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<div class="tei tei-pb"></div><a name="Pga002" id="Pga002" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-hi" style="text-align: center; margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Sämtliche Rechte vorbehalten</span></span></p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-titlePage" style="text-align: center">
+<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name="Pga003" id="Pga003" class="tei tei-anchor" style="text-align: center"></a>
+
+<span class="tei tei-docTitle" style="text-align: center">
+ <span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span style="font-size: 173%; font-weight: 700">Nixchen.</span></span>
+<br /><br />
+<span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%">Ein Beitrag</span><br /><span style="font-size: 120%">
+zur Psychologie der höheren Tochter</span></span>
+</span>
+ <br /> <br />
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+von<br /><br />
+<span class="tei tei-docAuthor" style="text-align: center"><span style="font-size: 144%; font-weight: 700">Hans von Kahlenberg.</span></span>
+<br /><br />
+<span class="tei tei-hi" style="text-align: center; margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Umschlag von </span><span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style="font-weight: 700; letter-spacing: 0.20em">Hermann Liebich</span></span><span style="letter-spacing: 0.20em">.</span></span>
+</div>
+<br />
+<span class="tei tei-docEdition" style="text-align: center"><span style="font-weight: 700">12.-14. Tausend.</span></span>
+<br /><br /><br />
+<span class="tei tei-docImprint" style="text-align: center">
+<span class="tei tei-publisher" style="text-align: center; margin-right: -0.24em"><span style="font-size: 120%; letter-spacing: 0.24em">Wiener Verlag.</span></span><br />
+<span class="tei tei-pubPlace" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%">Wien</span></span> <span class="tei tei-docDate" style="text-align: center"><span style="font-size: 120%">1904</span></span><span style="font-size: 120%">.
+</span></span>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="text-align: center; margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name="Pga004" id="Pga004" class="tei tei-anchor" style="text-align: center"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="text-align: center; margin-bottom: 1.00em; margin-top: 3.00em">Maschinensatz
+<br />von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217</p>
+</div>
+</div>
+<div class="tei tei-body" style="margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em"><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page1">[pg 1]</span><a name="Pgp001" id="Pgp001" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc1" id="toc1"></a><a name="pdf2" id="pdf2"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Erster Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin,
+Nettelbeckstrasse.
+</div>
+
+<div class="tei tei-salute" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">Mein lieber, alter Mephisto!</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme
+an Dich zu schreiben, grade heute in meiner
+schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung;
+denn eigentlich war ich recht wütend
+auf Dich, wütend und entrüstet und etwas
+traurig von unserm letzten Berliner Beisammensein,
+als Du mir bei frappiertem Sekt
+und köstlichen Natives so nackt und klipp
+Deine Ansichten über ein gewisses Thema
+auseinandersetztest.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und Du weisst, dass ich in dem Thema
+nun einmal ein unverbesserlicher,
+hartgesotte<span class="tei tei-pb" id="page2">[pg 2]</span><a name="Pgp002" id="Pgp002" class="tei tei-anchor"></a>ner Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker
+und Realist, was wäre das Leben überhaupt
+wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier auf
+der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit,
+die Freude an dem, was man in
+sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen,
+wenn man sich nicht mitteilen könnte, wenn
+die lieben Frauen nicht wären, die liebe,
+schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges,
+teilnehmendes Wesen sein eigen zu nennen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst
+nun sagen was Du willst und Erfahrungen
+haben so viele Du willst – ich bedauere Dich
+oft darum. Ich behaupte, sie sind das Einzige
+im Leben, das es für Unsereinen überhaupt
+erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter
+ihnen, süsse, unschuldige Blumen, tausendmal
+besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom
+Himmel herunter gesandt, damit man eine
+<span class="tei tei-pb" id="page3">[pg 3]</span><a name="Pgp003" id="Pgp003" class="tei tei-anchor"></a>Ahnung behalten soll hier unten im Staube,
+wie’s da oben aussah.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Lache nun wie Du willst über den Romantiker,
+den Thoren, den Parzival! Es ist
+zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz
+zu machen, Du alter, lieber Freund, trotz
+Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich
+bin glücklich, unbeschreiblich, lautjubelnd,
+stillselig glücklich! – Ich liebe.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Da steht es nun. Das Wort kommt mir
+fast profan vor Dir gegenüber. Weisst Du
+überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste,
+gute, frohe und starke Liebe, Du grosser
+Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter
+Sachverständiger in Liebesangelegenheiten,
+unvergleichlicher Vivisektor der Gefühle? –
+Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer
+Krautjunker und dörflicher Pylades, aber das
+weisst Du doch nicht.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page4">[pg 4]</span><a name="Pgp004" id="Pgp004" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch,
+der sich immer zwischen Häuserreihen
+und elektrischen Lampen umhergetrieben
+hat, berühmt mit sechsundzwanzig,
+vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen
+des Salons zu Füssen lagen, diese Frauen,
+die Du kennst, die Du schilderst wie Keiner,
+Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale
+Messalinen, Prostituierte des Herzens
+und der Phantasie, die für mich
+schlechter sind, als Strassendirnen, die ehrliche,
+schmutzige Gemeinheit ohne Eau de
+Lys und präraffaelitischen Faltenwurf.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen
+habe in seinem grünen, glatten Eidechseneinband
+mit hochmodernen Winkeln und
+Schnörkeln und den beunruhigenden Halbfrauen-
+und Sphynxemblemen, hier in meiner
+alten, verräucherten Bude mit den
+Hirsch<span class="tei tei-pb" id="page5">[pg 5]</span><a name="Pgp005" id="Pgp005" class="tei tei-anchor"></a>geweihen und den alten Preussenkönigen und
+ihren alten, strammen Soldaten darunter,
+dann möcht’ ich es gerade an die Wand
+werfen und hinausstürmen. Freie Luft!
+Bäume! Erdgeruch! Hier ist doch noch Natur,
+Wahrheit, Keuschheit!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+– – – – Und doch ist auch sie keine
+Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim
+Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume,
+blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem
+Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein?
+Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind
+noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste
+Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht,
+die schon drei Winter ausgegangen sind, deren
+Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit
+man mit faden Schmeicheleien
+vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte,
+hat einen Fleck darauf zurückgelassen.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page6">[pg 6]</span><a name="Pgp006" id="Pgp006" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin
+der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende
+Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand
+entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen.
+Du kennst die Partnachklamm. So
+faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit
+unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du
+mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee
+aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein,
+die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen.
+Sie war forsch gewesen. Sie hatte die
+Innentour machen wollen, die kleine, kecke
+Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige
+Felswand gedrückt, blass und zitternd mit
+ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen
+den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden
+Wasserstaube, der das winzige, zierliche
+Sonnenschirmchen durchnässte wie ein
+Lümpchen.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page7">[pg 7]</span><a name="Pgp007" id="Pgp007" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte,
+Schrittchen für Schrittchen an meinem
+langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie
+hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe
+Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher
+durchsteuern durch das ängstliche, riesige
+Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist
+ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur,
+aber derjenige, dessen man sich am häufigsten
+und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu
+sein, und doch Alles wieder nur, um so ein
+kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten,
+zu schützen, das Einen mit einem
+Lächeln um den winzigen Finger wickelt.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte
+mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen.
+Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises –
+allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie
+es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen
+<span class="tei tei-pb" id="page8">[pg 8]</span><a name="Pgp008" id="Pgp008" class="tei tei-anchor"></a>Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher.
+Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein
+Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er
+Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde
+– etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen
+und blonde Burgfrauen. – Wie ich den
+Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen
+in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der
+Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom
+alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft,
+Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die
+Mutter, die echte deutsche Frau, blühend,
+mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas
+Reinliches um die Frau, keine Unordnung,
+keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine
+Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt,
+diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde
+– ich hasse Abkürzungen. Ich nenne
+sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder
+<span class="tei tei-pb" id="page9">[pg 9]</span><a name="Pgp009" id="Pgp009" class="tei tei-anchor"></a>gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es
+passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen,
+blonde Augen, eine Haut von der
+Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes.
+Ich schwärme für schönen Teint bei
+Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der
+inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest
+sich in den Wellen des Blutes unter der
+Milchweisse der Unschuld.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und sie ist ja so kinderjung noch! Es
+ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von
+B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich
+will um sie werben. Blatt für Blatt möchte
+ich diese Knospe erschliessen, Gedanken,
+Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele.
+Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche
+Aufgabe!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor.
+Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen
+<span class="tei tei-pb" id="page10">[pg 10]</span><a name="Pgp010" id="Pgp010" class="tei tei-anchor"></a>von der Welt, vom Leben, vom ganzen,
+grossen Menschheitswesen? Dass der liebe
+Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen,
+dass Friedrich der Grosse mit
+einem Krückstock ausging, dass ein gewisser
+Goethe einen gewissen Faust geschrieben
+hat? <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Meine</span></span> Aufgabe wird es sein, sie
+einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm.
+Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt,
+wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer
+liebevoller Brust!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde
+nicht in Pension gewesen ist. Ich
+hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen,
+unheimatlichen Orten unter ungenügender
+Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht
+fehlen können. Ich habe meine ländliche
+Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden.
+Und wenn Ihr mich nachher als
+<span class="tei tei-pb" id="page11">[pg 11]</span><a name="Pgp011" id="Pgp011" class="tei tei-anchor"></a>„reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe
+Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht
+genossen, in kleinen Kursen, mit
+Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste
+Freundin ist die Tochter eines pensionierten
+Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen.
+Sie sind fast unzertrennlich,
+da geht dann ein sehr liebliches, beständiges
+Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser
+tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues
+Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten
+Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich
+rührend diese Einfalt gerade ist!
+Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete,
+dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich
+selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst
+meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht
+vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine
+Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page12">[pg 12]</span><a name="Pgp012" id="Pgp012" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Lache über mich! Zucke die Achseln!
+Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf
+über den Menschen, den Esel, den Dummkopf,
+der in einem sechzehnjährigen Kinde,
+einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat,
+eine Krone, eine Erlösung!
+</p>
+
+<div class="tei tei-signed" style="text-align: left">Ich bin glücklich!         Dein Achim.</div>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page13">[pg 13]</span><a name="Pgp013" id="Pgp013" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc3" id="toc3"></a><a name="pdf4" id="pdf4"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Zweiter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin
+bei Rathsdorf, Kreis Jüterbog in der Mark.</div>
+
+<div class="tei tei-salute" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+Teurer Parzival!
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische
+Miene aufgesetzt. Ich kannte ja die
+dicken Couverts, das Wappen Semper idem,
+die engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt
+habe ich! Kommt denn der Mensch
+nie aus dem Zahnen heraus!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten,
+stark magdalenenhaften Witib aus
+den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen
+<span class="tei tei-pb" id="page14">[pg 14]</span><a name="Pgp014" id="Pgp014" class="tei tei-anchor"></a>Backfisch herein, einen Berliner Backfisch,
+eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch!
+Die Götter wollen Dein Verderben.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne
+das Original. Ich sehe es zu Dutzenden alle
+Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz,
+manchmal noch mit der Schulmappe
+und dem Bammelzopf sogar, das
+äugelt und kichert auf der Pferdebahn, giebt
+sich in Konditoreien Rendezvous, liest Tovote
+und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge
+erröten, und träumt von chambres séparées,
+alten Männern mit Millionen und
+Hausfreunden, die Gesandtschaftsattachés
+sind.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der Schändliche! Der Pessimist! wirst
+Du sagen, und dann kommt die ganze Philippika
+gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page15">[pg 15]</span><a name="Pgp015" id="Pgp015" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal
+Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so
+schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich
+waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke
+gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und
+staune.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich
+neige in Demut vor der skeptischen Thatsache
+mein mephistophelisches Haupt: Leben!
+Du bist doch noch eine ärgere Komödie als
+ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl,
+alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Übrigens ja doch! lachen musste ich
+doch.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen,
+blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter
+aus W.....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Weisst Du noch, wenn Du mir
+Stand<span class="tei tei-pb" id="page16">[pg 16]</span><a name="Pgp016" id="Pgp016" class="tei tei-anchor"></a>reden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet
+warst, mich der Phantasie beschuldigtest,
+teuflischer Verführungskünste?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Diesmal wirst Du wenigstens zugeben
+müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu
+gekommen bin, auf die allerunschuldigste,
+buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen
+Freunden u. s. w.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft
+und wickelkindsfromm in Morpheus Armen,
+als Martin zwei Damen meldet.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er
+hat dann förmlich etwas Priesterliches, die
+Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste
+öffnet.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Neulich war meine liebe, alte, dicke
+Schwester Jule bei mir, die in München der
+edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich
+das garstigste, ehrlichste, fidelste
+Frauen<span class="tei tei-pb" id="page17">[pg 17]</span><a name="Pgp017" id="Pgp017" class="tei tei-anchor"></a>zimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen
+Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende
+im moralischen Leben.
+Martin bediente uns während des Essens
+mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit,
+die anfing lähmend zu wirken. Jule
+wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten
+Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit
+und liebt es, denselben goutiert zu sehen
+auch von den geringeren Göttern. Martin
+zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf
+sie einen fast schüchternen Seitenblick auf
+sein glattes, undurchdringliches Gesicht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nach dem Diner der Kaffee. Martin
+huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle
+Jalousieen heruntergelassen und die Stores
+vorgezogen – notabene es war drei Uhr
+nachmittags. Die Lampen brennen durch
+rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft
+<span class="tei tei-pb" id="page18">[pg 18]</span><a name="Pgp018" id="Pgp018" class="tei tei-anchor"></a>wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht
+sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem
+Tabak und giesst einen Cognac
+nach dem andern hinter die Binde. Martin
+präsentiert Feuer von dem züngelnden
+Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und
+träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib
+einer schlanken, schilfentsprossnen Najade.
+Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin
+hatte beides vorsorglich von dem Riegel im
+Entree weggetragen und hinter einer opportun
+aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen
+Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt
+das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden.
+Im Schlafzimmer ist es Nacht.
+Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder
+gelber Seidenkouvertüre. Über
+dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido,
+lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches
+Flämm<span class="tei tei-pb" id="page19">[pg 19]</span><a name="Pgp019" id="Pgp019" class="tei tei-anchor"></a>chen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert,
+Kämme, Brennscheere, langbeinige
+Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes
+Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule
+trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Du –“, sagte meine alte brave Schwester,
+wiedereintretend, mit einem sehr energischen
+Klink der Thür, der ihm durch und durch
+gehen musste. „Wenn der im Paradies dabei
+gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott
+sich sparen können.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit
+gegen das weibliche Geschlecht eine
+schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest,
+was ich durch diese Höflichkeit schon
+gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick
+in den Spiegel, eine Handbewegung nach
+dem Schnurrbart, eine ebensolche an die
+<span class="tei tei-pb" id="page20">[pg 20]</span><a name="Pgp020" id="Pgp020" class="tei tei-anchor"></a>Halsbinde. Der äussere Mensch wäre gerüstet.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mein Junggesellenheim kann sich immer
+zeigen. Das ist mein Stolz, und Martin ist
+darin gut erzogen. En avant donc!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Meine Damen, was verschafft mir die
+Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! ein blonder
+und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus
+gutem Hause – Handschuh, Stiefel – viel
+Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl?
+Wir haben Ihr Buch: „Verbotne
+Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich
+wollten Sie gern mal kennen lernen.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis
+mit dreisten, hellen Augen. Die Blonde
+steht verschämt mit schlagenden Wimpern.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Ich bin meinem Buche sehr dankbar,
+dass es mir solch reizende Bekanntschaft
+<span class="tei tei-pb" id="page21">[pg 21]</span><a name="Pgp021" id="Pgp021" class="tei tei-anchor"></a>vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz
+nehmen, meine Damen?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie setzen sich, beide natürlich auf einen
+Stuhl. Sie kichern. Die Blonde bearbeitet die
+Braune sehr energisch in der Knie- und
+Ellenbogengegend.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die ist schon ganz frech: „Ich heisse
+Kathinka Schnebeling und meine Freundin
+heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für
+moderne Litteratur. Meine Freundin schwärmt
+für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie
+von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich
+– ein alter Mann mit einem kahlen Kopfe....“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen
+müssen sehr solide Knochen haben,
+dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen
+so gut vertragen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Unsre ganze Klasse schwärmt für:
+„Ver<span class="tei tei-pb" id="page22">[pg 22]</span><a name="Pgp022" id="Pgp022" class="tei tei-anchor"></a>botne Früchte“. Wir haben es Alle gelesen.
+Oh wir lesen Alles!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz
+kurzen Sätzen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch
+aber eigentlich in Ihrem Alter ....“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten
+gewesen mit meinem Vetter Hubi und
+„Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher
+Mensch ... Aber merkt denn das Ihre Frau
+Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt
+Patiencen,“ (schriftlich nicht wiederzugebende
+Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte
+Beschäftigung des wackren alten Herrn).
+„Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen
+haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy,
+eine Mischung von Kätzchenmiauen und
+<span class="tei tei-pb" id="page23">[pg 23]</span><a name="Pgp023" id="Pgp023" class="tei tei-anchor"></a>Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter,
+christlicher Vorname ebenso unmöglich
+wäre wie ein ordentliches, honettes Ja
+oder Nein – –, „Itta wollte so gern zu
+Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta
+schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am
+liebsten, hauptsächlich Garde und Kavallerie.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Aber Kitty!“ ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Also die Blonde! Die Blonde war auch
+eigentlich die Niedlichste.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen.
+Martin ist darin vollkommen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem
+Wein nippten sie nur.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dabei gingen die Augen im Zimmer herum.
+Sie brannten förmlich vor Interesse. Eine
+dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin
+auf meinem Schreibtisch enttäuschte sie
+sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige
+Bou<span class="tei tei-pb" id="page24">[pg 24]</span><a name="Pgp024" id="Pgp024" class="tei tei-anchor"></a>chers entschädigten sie etwas. Sie stiessen
+sich an und kicherten. Sicher hatten sie erwartet,
+die ganzen Wände voll nackender
+Frauenzimmer zu finden, alle fünf Barrisons
+mindestens!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe
+kriegen? Olga Krohn sagt es.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen.
+Ich zeige männliche Bescheidenheit: „Ab
+und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen
+einem armen Sterblichen ihre Gunst erweisen.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie
+gehabt?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich
+gewesen?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Unsäglich!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dabei betrachten sie mich kritisch wie
+zwei kleine, menschenfressende Ungeheuer,
+<span class="tei tei-pb" id="page25">[pg 25]</span><a name="Pgp025" id="Pgp025" class="tei tei-anchor"></a>ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust
+aufknöpfen und das traditionelle blutende
+Herz mit dem grossen Knax mittendurch
+entfalten werde.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen
+und gänzlich unromantischen Person ..“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi,
+Gymnasiasten, einem Studenten, einem Courmacher
+der Blonden ... Was die Eine nicht
+sagte, verriet die Andre, – die Braune immer
+ein Schrittchen voraus und die Blonde nachhelfend
+... von Susi Hausner und Litty Mehring
+und Daisy Grimme ... Oh, die war ganz
+schlimm, Daisy Grimme!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und als ich ganz bescheidentlich einmal
+einen rein technischen Zweifel zu äussern
+wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man
+hatte ja seine Musikstunden, Kurse, die
+Schneiderin zum Anprobieren. Das System
+<span class="tei tei-pb" id="page26">[pg 26]</span><a name="Pgp026" id="Pgp026" class="tei tei-anchor"></a>funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime
+Konnivenz aller dieser Faktoren
+blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu
+verlieren, Kundschaft einzubüssen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich sage Dir, es war entzückend, die
+beiden heissen, niedlichen, kleinen Käfer!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es schlägt sechs Uhr.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen
+wir aber gehn.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Schon?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mit einem ermutigenden Puff an die
+Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Ich!</span></span> „Wenn ich auf ein solches Glück
+hoffen dürfte?“ ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die
+Blonde.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der
+stumme Handkuss ist ausserordentlich wirkungsvoll,
+ehrfürchtig, bescheiden,
+viel<span class="tei tei-pb" id="page27">[pg 27]</span><a name="Pgp027" id="Pgp027" class="tei tei-anchor"></a>sagend – und stumm! Ich empfehle Dir den
+stummen Handkuss. – – –
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich muss gestehen, etwas chokiert war
+ich doch.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas
+sind am Ende unsre Schwestern. Sowas heiratet
+man. Mit sowas setzt man Töchter in
+die Welt, die wieder schlechtbeleumundeten
+Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr .....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Da hast Du was für Dein glühendes Herz!
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page28">[pg 28]</span><a name="Pgp028" id="Pgp028" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc5" id="toc5"></a><a name="pdf6" id="pdf6"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Dritter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze
+getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen,
+alter Seelenvergifter!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich flüchte mich einfach zu Mathilde.
+Wenn man die Thatsache vor sich sieht,
+schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem
+die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht
+weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher
+entrüstet sich nicht einmal moralisch.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+– – – – Sie ist noch immer geschlossen,
+süss und ahnungslos.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber manchmal kommt es mir vor, als
+ginge ein Erschauern durch die schlanke
+Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung
+künf<span class="tei tei-pb" id="page29">[pg 29]</span><a name="Pgp029" id="Pgp029" class="tei tei-anchor"></a>tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher
+Sonnenwärme.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wir sassen auf dem Balkon.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich sah sie wohl zu heiss an.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie verwirrte sich. Sie war still.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren
+Ausdruck als den Koriolans an sein
+Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt
+darin eine solche Tiefe der Unberührtheit.
+Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar,
+auf Dich zum Beispiel. Nur die
+Natur hat dieses Schweigen – der See –
+der Himmel – die Frau ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk
+kennen zu lernen. Sie hat im Hause
+ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten,
+Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao
+zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen
+hält sie selbst in Ordnung, die kleinen
+Röck<span class="tei tei-pb" id="page30">[pg 30]</span><a name="Pgp030" id="Pgp030" class="tei tei-anchor"></a>chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen.
+Die Mutter hat sie schlicht und häuslich
+erzogen, wie sie selber ist. Mathilde
+kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen
+selber führen. Ich finde das entzückend.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dazu nimmt sie noch einige Stunden
+weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W.
+Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu
+zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl
+ein kleiner Spaziergang mit der Freundin
+verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich.
+Wie das schwätzt und schnäbelt!
+– all diese unschuldigen Vertraulichkeiten,
+die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn
+Jahre.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das thut mir manchmal fast weh.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wieviel muss da sein, von dem wir nichts
+ahnen, für das wir kein Verständnis haben,
+ein grober, einfacher Landjunker, wie ich,
+<span class="tei tei-pb" id="page31">[pg 31]</span><a name="Pgp031" id="Pgp031" class="tei tei-anchor"></a>ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen,
+den Frauen gegenüber ein schüchterner
+Stümper!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wieviel andrerseits haben wir nicht zu
+geben, einzuweihen hinein!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Vorerst mein liebes, altes Templin selbst
+mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten.
+Unsre Mark <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">hat</span></span> Schönheiten, ihre
+sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich
+nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde,
+dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt,
+Italien, Norwegen – das Meer ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Partenkirchner Tour war ihre erste
+Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich
+bin, soviel Schönes erschliessen kann für
+mein Lieb.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie wird sie staunen vor den grossen
+Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische
+Berlinerin, die nichts kennt!
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page32">[pg 32]</span><a name="Pgp032" id="Pgp032" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Alle meine Lieblingsbücher will ich mit
+ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Selbst eine gute Patriotin soll sie werden,
+teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen,
+die das Vaterland bewegen, stolz sein
+auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus,
+unsern herrlichen, alten Bismarck.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein
+vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens
+würdig finden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bin ich ihrer würdig?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du
+weisst, ich habe nie ein ausschweifendes
+Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets
+abgestossen, sowohl bei Männern wie bei
+Frauen, und keine künstlerische Verklärung,
+keine Sophismen der Leidenschaft es in
+meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr
+<span class="tei tei-pb" id="page33">[pg 33]</span><a name="Pgp033" id="Pgp033" class="tei tei-anchor"></a>verspottet mich oft mit meinen Ansichten,
+meiner Josephhaftigkeit.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und doch, wieviel bleibt haften auch in
+einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke
+– was man vielleicht nur gehört, gesehen
+hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit
+gegen Mathildens strahlende, unbewusste
+Reinheit und Unschuld. Ich zittre,
+dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache
+meine Worte, meine Blicke. Fast
+versuche ich, meine Stimme zu mässigen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche
+mit ihr! Ich frage und sie antwortet:
+Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen
+Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt,
+er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift
+auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge
+mich wert machen, dass es die rechte
+Schrift sei!
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page34">[pg 34]</span><a name="Pgp034" id="Pgp034" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Als ich um die Nachmittagsstunde zum
+Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast,
+wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau
+von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört
+zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es
+geht nicht anders, man kann nicht die Erste
+sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher
+esprit de corps mit in Frage.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es ist ja auch was Wahres dran. Wie
+ich diese laxe Moral der Welt hasse!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Auch Mathilde war im Salon. <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Sie</span></span> sprach
+mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige
+Stirn. Dies Weib! mit meinem
+Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher
+Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig,
+hat ihre Partei.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page35">[pg 35]</span><a name="Pgp035" id="Pgp035" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den
+Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es
+ist gegen ihren Willen heute geschehen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen
+sah mich halb erschrocken an, welche böse
+Laune den Freund heut plage. Ach wenn
+Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist,
+die mich zittern macht, sonst nichts, nichts
+auf der Welt, seit ich Dich habe!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt
+ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir
+fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige
+Thränen einer süssen Furcht. Ob sie
+abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen
+wohl öfters wachliegt und an was sie denkt?
+Ob sie dann auch an mich denkt?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Noch ein entzückender Zug.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen
+erwartet, schon das vierte.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page36">[pg 36]</span><a name="Pgp036" id="Pgp036" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es war die Rede von der kleinen Ausstattung,
+Hemdchen, Bettchen, die man besorgen
+müsste. Die beiden Frauen sprachen
+leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln
+ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll
+wie vor einer Weihnachtsbescherung.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mathilde war hinausgegangen um sich
+eine Schere zu holen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau
+von B. lächelnd.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese
+Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt.
+Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben,
+wenn Alles rein und licht ist,
+mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page37">[pg 37]</span><a name="Pgp037" id="Pgp037" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc7" id="toc7"></a><a name="pdf8" id="pdf8"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Vierter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren,
+mehr von der psychologischen als
+von der persönlichen Seite. Ich bin schon
+so weit. Das bringt das Handwerk mit sich,
+die Seziergewohnheit.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Also am Mittwoch ein zierliches, rosa
+Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich,
+kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie
+mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme
+allein. Ihre J.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle
+und sieht aufmerksam und erwartungsvoll
+aus. Da stand sie in ihrem
+dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem
+Astrachan, glühendrot.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Diesmal küsste ich sie natürlich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst
+<span class="tei tei-pb" id="page38">[pg 38]</span><a name="Pgp038" id="Pgp038" class="tei tei-anchor"></a>halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren,
+Du zum Beispiel! Im Kuss liegt
+Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ...
+Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen,
+leichten Voranschlag. Man macht dann keine
+Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd,
+aber stillehaltend. Das Herzchen
+bupperte zum Zerspringen, halb von der
+Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich beruhigte sie: Eine Etage höher
+wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer
+hingehen können, wenn Ihnen jemand auf
+der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat
+einen zweiten Ausgang nach dem Hofe.
+Martin ist verschwiegen wie das Grab.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie hatte über das Alles nachgedacht.
+Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page39">[pg 39]</span><a name="Pgp039" id="Pgp039" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann die moralischen Garantien.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Du denkst doch auch nichts Schlechtes
+von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen
+<a name="corr039" id="corr039" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">bin?“</span> (in Parenthese – hast Du schon jemals
+eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem
+Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie
+trägt Jägerwäsche und philosophiert im
+Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es
+ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen
+habe – und es ist so schrecklich langweilig
+zu Hause, und weil Du so nett bist.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie,
+küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse
+sie ins Ohrläppchen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und
+zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen
+so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken
+und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar
+wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner,
+<span class="tei tei-pb" id="page40">[pg 40]</span><a name="Pgp040" id="Pgp040" class="tei tei-anchor"></a>rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung
+und Klage. Der Sirenenton.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich habe jetzt auch einen Namen für sie:
+Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet.
+Es charakterisiert das ganze Genre,
+lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen,
+unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen.
+Das geht zu glatt: „Ich liebe
+Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern!
+Du bist der einzigste, himmlischste Mann,
+den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dazu kein lautes Wort, keine hässliche
+Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss
+und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine
+Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen,
+die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte
+Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr
+Ästhetiker dazu.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page41">[pg 41]</span><a name="Pgp041" id="Pgp041" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und dann das Psychologische! das ist
+einfach unbezahlbar.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann wird sie Meister und ich demütiger
+Schüler. Ich staune, was der Balg weiss.
+Und woher weiss sie es?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir
+eine ganze soziale Unterschicht, von der wir
+keine Ahnung haben, eine Haremswelt,
+weisse Pensionatsbettchen, in denen man
+sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten,
+am Schlüsselloch Erlauschtes,
+eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an
+Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor
+dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes,
+Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof
+und Watteauboudoir. Sie erzählte mir
+eine Geschichte von einer Bekannten, einer
+vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter,
+<span class="tei tei-pb" id="page42">[pg 42]</span><a name="Pgp042" id="Pgp042" class="tei tei-anchor"></a>die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem
+Geliebten aus dem Cirkus durchging, während
+er mit ihrer Reisetasche und ihrem
+Regenschirm auf dem Perron stehen blieb.
+Dieser Regenschirm und diese Reisetasche
+erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen,
+perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann hat man Brüder, Vettern ... Der
+„Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte.
+Sowas ist nicht mehr ganz Bruder
+und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es
+hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu
+brauchen. Sowas kompromittiert nicht und
+verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es
+ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb-
+und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen
+Übergangsstadien, éclaireur-Dienste,
+Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders
+explizit in dem Punkte. Sie hat Angst
+<span class="tei tei-pb" id="page43">[pg 43]</span><a name="Pgp043" id="Pgp043" class="tei tei-anchor"></a>vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit
+des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist
+er überall mal dagewesen. Du magst noch
+so früh aufstehn und noch so fein deduzieren:
+Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir
+das als Axiom.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann will sie Abenteuer von mir wissen.
+Darin ist sie unersättlich. Es ist die Phantasie
+eines kleinen Ungeheuers, die sich zu
+befriedigen sucht: Notzucht, Incest, Unnatur.
+Die ganze Weltgeschichte, die ganze
+Kunst, die halbe Religion mindestens ist für
+sie nur das. Das merkt sie sich, das hat sie
+behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit
+etwas Imponierendes und Schreckliches:
+Der Pfeil, der sehr grade abgeht,
+mitten ins Leben, in den Herzpunkt, die
+Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! –
+Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page44">[pg 44]</span><a name="Pgp044" id="Pgp044" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft
+interessieren sie, Whipchen, Martin, der bric
+à brac.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und Küssen zwischendurch!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie.
+Dazu ist sie zu subtil, zu wenig Natur.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist Alles spielerisch wie bei einer
+jungen Katze. Sie lässt sich küssen, streicheln,
+anfassen ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen,
+die Angst vor dem Wehthun, dem
+Baby, die Heiratschance.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir
+haben kein Vermögen. Else und Dada
+haben auch geheiratet.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen.
+Das ist das Vernünftige, die Versorgung.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue
+Ehefrau.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page45">[pg 45]</span><a name="Pgp045" id="Pgp045" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die falsche, unnatürliche Erziehung, die
+Heimlichthuerei. Was haben die Würmer zu
+hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt,
+den sie sich nicht mal selbst aussuchen können,
+der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal
+wie eine Cocotte. Kann man sich verwundern,
+wenn sie vorher etwas Champagnerschaum
+schlürfen wollen?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv,
+so ’n kleines, dummes Ding, nicht für
+zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen,
+total ungebildet, wie eine orientalische Haremsdame!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt
+sich ganz instinktiv: „Der ist der Richtige.
+Der versteht etwas von der Sache. Il sait
+aimer.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre
+ein<span class="tei tei-pb" id="page46">[pg 46]</span><a name="Pgp046" id="Pgp046" class="tei tei-anchor"></a>zige Angst, eine süsse, gruselige Angst. Dann
+kichert sie über die dummen Menschen,
+Papa, Mama, die Leute, da unten auf der
+Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in
+seiner Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist
+so unmoralisch!“ ..
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann küsse ich sie wieder.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie legt mir die Ärmchen um den Hals,
+nennt mich Engelchen, Liebling, süsses Herz
+– und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Kleine Kanaille! – Na, das sind sie
+Alle.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bewunderungswert bleibt eigentlich nun
+immer die Dummheit der Männer, der Glaube
+an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige
+ist, dem das Wunder passiert.
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page47">[pg 47]</span><a name="Pgp047" id="Pgp047" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc9" id="toc9"></a><a name="pdf10" id="pdf10"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Fünfter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Weisst Du, dass ich manchmal förmlich
+Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt,
+als müsste ich Dich bekehren.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest
+glauben und niederknieen wie ich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Schon wenn ich das Haus betrete, das
+friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen
+Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.
+Wenn er erst männlich
+auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie
+wohl nach, eine echte und kluge Frau, um
+vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren
+Vorschlag wieder anzubringen, ihn
+zu suggerieren als eignen Beschluss.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich habe jetzt auch den Bruder kennen
+<span class="tei tei-pb" id="page48">[pg 48]</span><a name="Pgp048" id="Pgp048" class="tei tei-anchor"></a>gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst
+hierher kommandiert ist. Ein echtes
+Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen,
+ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt
+doch das Band, das Altpreussen zusammenhält,
+dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er
+auch ab und zu, wie er mir selber freimütig
+gestand, etwas über die Stränge geschlagen
+hat.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Natürlich stellte ich ihm für vorkommende
+Fälle meinen Kredit zur Verfügung,
+ganz unter uns, als Bruder und Kamerad.
+Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder
+ihres Bruders?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Er musste mir in die Hand versprechen,
+dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur
+leere Phrase sein soll.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses.
+Sie kennt die kleinen Liebhabereien des
+<span class="tei tei-pb" id="page49">[pg 49]</span><a name="Pgp049" id="Pgp049" class="tei tei-anchor"></a>Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt,
+bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht
+sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements
+für Gesellschaften. Sie schmückt
+dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf,
+immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen
+Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe
+sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben,
+weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe,
+die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller,
+geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören,
+denen ich etwas bin. Sie sollen Alle
+die Meinen werden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte
+sich ganz zufällig so gefunden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten
+Gefühl von etwas Aussergewöhnlichem,
+Nahendem.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page50">[pg 50]</span><a name="Pgp050" id="Pgp050" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges
+zu sprechen, wo ich ihr doch am liebsten
+zu Füssen gefallen wäre.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich
+gerührt hat.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher
+Stunde. Gesellschaftsklug werde ich ja nie.
+Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner,
+grosser, weisser Schürze. „Wir
+haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens
+Stübchen.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess
+mich in der Thüre stehen, während sie selbst
+am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline
+ordnete.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss.
+Über dem Bett die Raphaelschen Engelsköpfchen,
+– ein Bücherbrettchen, Geibel,
+<span class="tei tei-pb" id="page51">[pg 51]</span><a name="Pgp051" id="Pgp051" class="tei tei-anchor"></a>Frauen-Liebe und Leben, Schillers Werke,
+Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische
+Tauchnitzromane ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte
+Gebilde nicht zu zerstören, zart genug zu
+sein, hochherzig, ritterlich!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Auch die zweite Schwester, Frau Buderus,
+ist jetzt aus dem Süden zurückgekehrt.
+Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder.
+Sie ist sehr schön. Ein Schatten von Schwermut
+macht dies schöne, stolze Gesicht fast
+noch anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben.
+Aller Reichtum, die Zerstreuungen
+der grossen Welt, die ihr in so reichem
+Masse zu Gebote stehen, können ja einem
+Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bei der ältesten Schwester ist das freudige
+Ereignis nun eingetreten. Ihr Mann ist
+Hauptmann im Generalstab, ein
+ausser<span class="tei tei-pb" id="page52">[pg 52]</span><a name="Pgp052" id="Pgp052" class="tei tei-anchor"></a>ordentlich tüchtiger und strebsamer Offizier.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie müssen sich einschränken. Wie ich
+sie liebe, diese Einschränkung um der Liebe
+willen, diese braven, tapferen zwei Menschen,
+die trotz der heutigen Anforderungen des
+Lebens und der Gesellschaft es gewagt
+haben, der Stimme des Herzens zu folgen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben,
+Mütter sind. Es ist solch hübsches Symbol,
+die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung
+erst der Frau, die Erfüllung überhaupt
+des Lebens, vor der die ganze sündige
+Welt niederkniet, gläubig und erlöst.
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page53">[pg 53]</span><a name="Pgp053" id="Pgp053" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc11" id="toc11"></a><a name="pdf12" id="pdf12"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Sechster Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese
+ganze Familie liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes
+Buch. Ich sehe sie Alle, Herz
+und Nieren.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts
+stossend, fortwährend thätig, um mit schmalen
+Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten
+herauszuschlagen. Daher dann im
+Hause fortwährende Nörgeleien, Sticheleien.
+Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch
+dieser Familie ist Geld. Vor jeder Gesellschaft
+erst ein Zank. Er will nicht mehr,
+Er ist alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt
+oder Eberswalde vier Stübchen haben,
+<span class="tei tei-pb" id="page54">[pg 54]</span><a name="Pgp054" id="Pgp054" class="tei tei-anchor"></a>Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht
+den Frack an, er buckelt und schustert
+weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor
+werden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das Nixchen steht natürlich auf Seiten
+der Mutter. „Mama“ ist eine grosse Frau.
+Was Mama will, geschieht. Und Mama hat
+immer recht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen.
+Mit der Ersten haperte es. Die
+Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe
+er, aber er hatte ja Karriere vor sich. Thränen
+und Szenen in der Familie. Man hielt
+ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter
+Dach und Fach waren. Seitdem ersticken
+sie in Brut.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist Mamas Hauptärger. Auch das
+Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie
+kann man nur! Sie könnten doch wirklich
+<span class="tei tei-pb" id="page55">[pg 55]</span><a name="Pgp055" id="Pgp055" class="tei tei-anchor"></a>„was thun“ – wo er noch nicht mal Major
+ist.“ – Über das „was“, das man thun
+könnte, scheint sie sich ziemlich im klaren
+zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich
+nicht, wenn die Diskussion heftig wird.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Zweite war die Schönheit der Familie.
+Die sollte hoch hinaus, wurde auf Excellenzen-
+und Verwandtenbesuch geschickt
+mit Toiletten und Dekolettiertheiten. Einem
+kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit
+einem Marinevetter machte die Mama ebenso
+nachdrücklich wie effektiv ein Ende. Der
+Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl,
+aber Geld, schweres Geld. Dada entschädigt
+sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht
+gekommen. Das Nixchen erzählt mir Alles:
+„Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben
+eine Wohnung hier irgendwo.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es findet Dada nicht zu bedauern.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page56">[pg 56]</span><a name="Pgp056" id="Pgp056" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der Bruder ist der Liebling der Mutter,
+der echte Bruder Liederlich, macht Schulden,
+jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit
+Einschluss des geheimrätlichen Küchenpersonals,
+zur grossen Erheiterung des Nixchens.
+Daher fortwährende Szenen. Der
+reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen.
+Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du,
+es ist manchmal unausstehlich bei uns.“ Ich
+glaube es gern.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Auch das Nixchen hat einen Freier auf
+der ersten versuchsweisen Angelreise eingefangen,
+ein ländlicher, reicher Mensch, mit
+vornehmem Namen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann
+hat er so grosse Hände!.. Nicht halb so
+nett wie Du!“ ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie
+natürlich fest entschlossen ist, ihn zu
+neh<span class="tei tei-pb" id="page57">[pg 57]</span><a name="Pgp057" id="Pgp057" class="tei tei-anchor"></a>men, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Oh, Weiber!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Arme Natur, wo bist du?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie
+einige ganz hübsche Details.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Natürlich musst du immer thun, als
+wüsstest du von nichts. Das ist die Hauptsache.
+Wenn er kommt, ganz erstaunt sein
+und weglaufen, um sich die Haare zu
+machen, wo Mama schon den ganzen Morgen
+auf ihn lauert, und ich meine neue Bluse
+angezogen habe ... Alles glauben, was er
+sagt, gar nicht fragen! Als ob wir uns nicht
+ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti,
+was er hat und woher er stammt. Mama
+spricht immer, als ob ich ein Kind wäre,
+dass ich noch mal in Pension soll. Dabei
+hat sie schon alle Zimmer eingerichtet auf
+<span class="tei tei-pb" id="page58">[pg 58]</span><a name="Pgp058" id="Pgp058" class="tei tei-anchor"></a>seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem
+Bruder heimlich was abgeben soll, wenn wir
+verheiratet sind. Aber ich werde es grade
+thun! Ich habe genug von der poveren
+Wirtschaft zu Hause!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich
+in ihrer Art, mit ihren kleinen, prüden
+Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über
+den Schopf fährt, die Küsse .. sie drückt
+dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal
+küsst sie mich sogar auf den Mund
+jetzt: „Ich könnte sterben für dich! Wahrhaftig!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Man könnte es fast glauben. Dann stelle
+ich sie auf die Probe: „Wir könnten uns
+doch heiraten“ ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie wird dann sofort wieder Nixchen:
+<span class="tei tei-pb" id="page59">[pg 59]</span><a name="Pgp059" id="Pgp059" class="tei tei-anchor"></a>„Ein Künstler wie du .. und sieh mal, er ist
+Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe
+mit mir gehn, hat Mama gesagt, und ich
+nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. –
+Man muss doch vernünftig sein, Schatz.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine
+kleine, weisse, sehr artige Madonna.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich liege auf der Chaiselongue und
+staune.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+... „Und sieh mal, Dich <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">liebe</span></span> ich doch.
+Du bist doch meine wirkliche, einzige Liebe.
+Du <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">hast</span></span> mich doch.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann
+sie ordentlich sentimental werden:
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Du bist so frivol!... Und ich liebe
+dich doch so sehr, und Liebe ist doch nichts
+Schlechtes.“ ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Eigentlich könnte man sie durchprügeln.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber echt ist sie.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page60">[pg 60]</span><a name="Pgp060" id="Pgp060" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt
+sie ihr Köpfchen an meinem Halse und
+küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich kitzle sie. Voilà.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Weisst Du, an was sie mich erinnert?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten
+neuen Ziergläser in den Handel
+gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle
+heissen. Das ist meine Schwärmerei. Ich
+habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche,
+Tulpen, hohe geschmeidige Glockenblumen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich
+an mit feinen, spitzen Fingern, und lässt sie
+in der Sonne spiegeln. –
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Früher sah man die ganz einfach, weiss
+oder rot oder blau. Das naive Auge sieht
+<span class="tei tei-pb" id="page61">[pg 61]</span><a name="Pgp061" id="Pgp061" class="tei tei-anchor"></a>sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben
+darin, violette, grüne, alles Schillernde,
+Flimmernde, Äderchen, Nerven ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist sie.
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page62">[pg 62]</span><a name="Pgp062" id="Pgp062" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc13" id="toc13"></a><a name="pdf14" id="pdf14"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Siebenter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu
+lieben.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit
+Wochen mein ganzer Sinn sich in ihr konzentriert,
+dass ich nur von ihr lebe, nur für
+sie leben möchte. Jede Frau, auch die unschuldigste,
+argloseste fühlt das.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben.
+Diese grosse Liebe, die in sie eindringt, sie
+an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich.
+Sie fängt an, für mich mitzusorgen. Ich
+habe meinen Platz am Tische, meine Tasse,
+meinen Serviettenring, die sie kennt.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page63">[pg 63]</span><a name="Pgp063" id="Pgp063" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich habe sie geküsst .......
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Meine Lippen haben diese weichen,
+frischen Lippen berührt, die Rosenrundung
+der Wangen gestreift.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der
+erste Kuss, den eines Mannes Mund ihr aufdrückt!
+Wie unendlich viel reiner und heiliger
+ist dieser Akt beim Weibe wie bei uns!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das
+Mädchen des Gärtners in Templin. Ich war
+noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden
+am Tage, und der Heuduft lag in der
+Abendstille. Das Mädchen hatte frische
+Lippen und weisse Zähne ..... Ich küsste
+sie ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich will würdig werden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich bin es schon.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in
+den Zeitungen. Das Offizielle, Tanten- und
+<span class="tei tei-pb" id="page64">[pg 64]</span><a name="Pgp064" id="Pgp064" class="tei tei-anchor"></a>Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst
+meine Schüchternheit. Mama, liebenswürdig
+wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt
+meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und
+mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört
+seit Mamas Tode. Ich könnte es immer
+von ihren Lippen hören.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich
+möchte sie nicht erschrecken. Diese plumpen,
+öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen
+Brautpaare einander überhäufen, sind mir
+widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen
+und Tändeln um den einen Punkt. Die
+Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht.
+Grade so soll sie sein, wenn die Schleier
+fallen, meine weisse, zarte, jungfräuliche
+Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden
+Liebe.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page65">[pg 65]</span><a name="Pgp065" id="Pgp065" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ein junger Vetter, der hier Jura studiert,
+kommt zuweilen. Mathilde spielt Klavier mit
+ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen,
+Ereignisse und Namen einer gemeinsam
+verlebten Kindheit werden zurückgerufen,
+an denen ich keinen Teil habe .. Ich
+möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine
+Beleidigung dieser Unschuld des süssesten,
+holdesten Geschöpfes.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich war unglücklich hinterher.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich sprach mit Mama. Wir haben die
+Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist besser
+so, obgleich sie sehr jung ist.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Weil Sie ein so guter, edeldenkender
+Mensch sind,“ sagte Mama, als sie einwilligte.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bin ich gut? Ich will es sein.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mein Weib soll die Liebe nie anders als
+<span class="tei tei-pb" id="page66">[pg 66]</span><a name="Pgp066" id="Pgp066" class="tei tei-anchor"></a>heilig empfinden, ein Sakrament in sich, wo
+Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie
+die Scham! Um Gottes willen keine Scham!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich bin freundschaftlich gegen Fritz
+Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur Jagdsaison
+bei uns Hirsche schiessen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller
+Mensch.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das Vertrauen ist der feste Anker der
+Liebe, an dem sie sicher ruht im tiefen
+Grunde.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe,
+das sie unterscheidet von flüchtigen Verhältnissen,
+Feststimmungen der Leidenschaft,
+um die ich die seligen Götter nicht beneide.
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page67">[pg 67]</span><a name="Pgp067" id="Pgp067" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc15" id="toc15"></a><a name="pdf16" id="pdf16"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Achter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Ich habe sie bei mir im Bett gehabt.
+Ich habe sie nackt gesehen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das machte sich so ganz natürlich. Ich
+hatte mir das Knie ausgerenkt und lag im
+Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies
+Schlafzimmer des Mannes, mit den Bildern
+in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank,
+dem brennenden Kaminfeuer,
+den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen,
+durch die man undeutlich einen Lärm vom
+Hofe aufsteigen hörte.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie liess sich ein bischen bitten erst.
+<span class="tei tei-pb" id="page68">[pg 68]</span><a name="Pgp068" id="Pgp068" class="tei tei-anchor"></a>Dann handelte sie: „Aber nicht das, Liebchen ...
+nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich
+Angst hatte sie. Sie haben eine ganz
+extravagante Vorstellung von unserem Mangel
+an Selbstbeherrschung. In diesen kleinen
+Mädchenerzählungen sind wir Oger, wilde
+Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und
+hässlich, jung und alt, jede Nacht eine Andre,
+grässliche Orgien feiernd.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ...
+Das Kraftgelüst, das das dekadente Weib
+und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis
+der Impotenz, die des Fortreissenden erst
+bedarf um handeln zu können, eines Bismarcks
+alle Tage.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie machte das sehr niedlich, ordentlich
+der Reihe nach, wie ein kleines Pensionsmädchen,
+das sich auszieht des Abends. Korsett,
+Unterröckchen, Höschen, die
+Strumpf<span class="tei tei-pb" id="page69">[pg 69]</span><a name="Pgp069" id="Pgp069" class="tei tei-anchor"></a>knipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt
+auf das Nachttischchen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz
+genau, was an ihr hübsch war. Sie mussten
+das oft besprochen haben. „Meine Arme
+sind noch zu dünn, aber in ein paar Jahren
+werden sie sein. Hier habe ich ein kleines,
+braunes Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich.
+Elisabeth hat bildschöne Schultern.
+Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der
+Seite – das ist hässlich! Kathi solltest Du
+sehen! Die ist wunderhübsch, rund und
+weiss überall. Aber sie weiss es auch.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich,
+duftig ... Ich küsse sie. Ich halte ihren
+zarten, glatten Leib. Ich presse sie an
+mich ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie lässt sich Alles thun mit einer Art
+schläfrigen Wollust. Vielleicht denkt sie an
+<span class="tei tei-pb" id="page70">[pg 70]</span><a name="Pgp070" id="Pgp070" class="tei tei-anchor"></a>den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig,
+Liebchen“ ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich empfinde nichts, gar nichts für sie,
+eine Art lässigen, physischen Wohlbehagens.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Manchmal bin ich rauh. Ich spreche
+hart mit ihr. Ich schelte sie.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt
+fängt sie an zu weinen, hülflos, wie ein
+kleines Kind.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Doch versucht sie es wieder hervorzurufen.
+Die Drohung kitzelt sie. Sie hat dann
+ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn
+man seine Hand dem Löwen in den Rachen
+legt.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Manchmal traut sie mir auch nicht ganz:
+„Du liebst mich gar nicht. Du spielst nur
+mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“
+Dann thut sie eifersüchtig oder versucht mich
+zu beleidigen.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page71">[pg 71]</span><a name="Pgp071" id="Pgp071" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn
+sie dächte, ich erschösse mich ihretwegen,
+ das würde sie noch mehr kitzeln.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl
+in ihre vornehme, ehrbare
+Ehe gehen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Manchmal versuche ich sie zu erschrecken:
+„Wenn ich dich nun nicht freigäbe?
+Wenn ich dich verriete?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie schmiegt sich noch dichter an mich,
+ganz dicht, mit weichen, flechtenden Gliedern.
+Ihre Augen, die meine suchen, sind
+wie Sterne: „Das thust Du nicht, dazu bist
+Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman,
+mein lieber, süsser Herri!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie klug sie ist. Fischschwanz!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und manchmal denke ich, man müsste
+sie hernehmen, ihr weh thun, sie es fühlen
+lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page72">[pg 72]</span><a name="Pgp072" id="Pgp072" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann würde vielleicht noch was aus ihr,
+dann würde sie ein Weib.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr
+Kind an die Brust nimmt und Mutter ist,
+schweigend, der ganzen johlenden, feigen
+Gesellschaft zum Hohne!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner
+– Gentlemen – auf Kosten unsrer
+Mannheit?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann,
+der ich ein süsses, junges, warmes
+Weib in den Armen halte und sie nicht
+nehme, nicht mit Gewalt nehme, kraft der
+Urgewalt meiner Leidenschaft?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle,
+die uns das Leben gaben, zur Spielerei
+geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen,
+die man mit den Zähnen kostet.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ach, das grosse, adelige, echte Volk,
+ar<span class="tei tei-pb" id="page73">[pg 73]</span><a name="Pgp073" id="Pgp073" class="tei tei-anchor"></a>beitend, liebend, Kinder zeugend, die triumphierende
+Arbeit des Lebens thuend, über
+den Tod hinweg – und die Toten!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mein Herz zieht sich zusammen in
+schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich
+fasse sie fester. Ich atme stärker .....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen!
+Nicht wahr, du thust mir nichts?“ ....
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page74">[pg 74]</span><a name="Pgp074" id="Pgp074" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc17" id="toc17"></a><a name="pdf18" id="pdf18"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Neunter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es ist doch eine grosse und schreckliche
+Sache – in Not und Tod .. Leib und
+Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges
+Leben zu zeugen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber gibt es auch etwas Herrlicheres,
+Grösseres! Nein, ich beneide die Götter
+nicht. Grade das Vergängliche – die Not,
+das adelt Menschenliebe, das macht sie unvergänglich
+und göttlich. Nicht Prometheus
+ist’s, der in einsamem Zorn den Göttern
+trotzt – – <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">der</span></span> Mann, der seines Weibes
+Hand fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht:
+Der letzte <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Mensch</span></span>!
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page75">[pg 75]</span><a name="Pgp075" id="Pgp075" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Durch die Ehe erst wird der Mensch zum
+Menschen. Der Mann, das Weib, das ist
+etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes
+Atom im All .. Erst der Vater, die Mutter
+bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das
+Allgemeine, das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich denke viel über diese Dinge nach,
+dass wir doch durch Philosophieren erst
+finden müssen, was der sichere Instinkt des
+Weibes <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">fühlt</span></span>!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie überlegen sind sie uns! Nur das
+eine Ziel verfolgend – Weib sein – Mutter
+– wissend, dass darin die ganze Lebensleistung,
+die ganze Bedeutung des Geschlechtes
+beruht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an
+meinem früheren Leben, meiner Kindheit,
+den Eindrücken und Ereignissen, die auf
+<span class="tei tei-pb" id="page76">[pg 76]</span><a name="Pgp076" id="Pgp076" class="tei tei-anchor"></a>meine Entwicklung massgebend gewesen
+sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer
+verberge ich ihr nicht. Sie soll mich sehen,
+wie ich wirklich bin.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe.
+So straft sich der Mann dem reinen Weibe
+gegenüber. So aber auch wird das reine
+Weib seine Erlösung, das Verworrene in ihm
+geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen
+Lebensträgerin.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand.
+Sie entzieht sie mir nicht. Ich schäme mich
+nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie
+mit Thränen benetzt.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie war betroffen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will
+gut sein! Du sollst nicht zurückschrecken
+brauchen vor mir.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein
+<span class="tei tei-pb" id="page77">[pg 77]</span><a name="Pgp077" id="Pgp077" class="tei tei-anchor"></a>Junggesellenheim, Grumke mir das Abendbrot
+aufgetragen hat, dann male ich mir
+unser künftiges Dasein aus. Sie sitzt am
+Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem
+Auge und leisen Bewegungen
+Alles leitend und lenkend.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig
+ist. Ich schwärme nicht mal für diese sogenannten
+„guten Hausfrauen“ – unablässige
+Scheuerfeste, Küchenmobilmachungen. Ihre
+Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das
+Alles wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches,
+Heiteres gibt.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann freue ich mich, dass ich reich bin,
+dass diese kleine, weiche Hand nicht hart
+und braun werden braucht, dieser zarte,
+schlanke Rücken gebeugt vom Herdfeuer
+und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich
+diese Frauen missachte! Ich verehre sie!
+<span class="tei tei-pb" id="page78">[pg 78]</span><a name="Pgp078" id="Pgp078" class="tei tei-anchor"></a>Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind
+der beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat
+sollte ihnen Denkmäler setzen wie seinen
+Helden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht
+sein braucht, dass auch das Ästhetische gewahrt
+werden kann in unsrer starken und
+guten Liebe.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ob sie überhaupt eine Ahnung davon
+hat? Sie frägt nie. Ein süsses Vertrauen!
+Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie
+folgte mir ebenso willig und vertrauensvoll.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich
+mache ihr keine grossen Geschenke. Ich
+selbst bin immer einfach – Du kennst mich
+ja. Neulich trug ich meinen Handkoffer
+selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger
+zur Hand war. Sie denkt am
+Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page79">[pg 79]</span><a name="Pgp079" id="Pgp079" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ah, ein Königreich möchte ich haben,
+nur um es ihr in den Schoss zu legen! Sie
+griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was
+soll mir das Königreich! Deine Liebe ist
+ja viel mehr als alle Königreiche.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Darum bin ich glücklich, dass ich auch
+darin so reich bin. Ich habe meine Gefühle
+nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche
+Vornamen aus meiner Herzgrube herauszufischen,
+wie ein gewisser Freund von
+mir am Abend vor seiner Hochzeit. Sie hat
+noch nicht gelernt, die Liebe zu differenzieren,
+schlechte, ästhetische Unterschiede
+aus raffinierten Romanen von raffinierten
+Männern, die das Natürliche unnatürlich und
+hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch
+noch nicht herb und prüde geworden, wie
+manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt
+in sich selbst zurückzog vor der Roheit
+<span class="tei tei-pb" id="page80">[pg 80]</span><a name="Pgp080" id="Pgp080" class="tei tei-anchor"></a>und dem Cynismus der Welt. Wie einen
+königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt
+sie, die Königliche, königlich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Welch ein Frühling in unserm schönen
+alten Park, wenn der Flieder blüht und der
+Goldregen in lastenden, honigschweren
+Trauben herabhängt!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wir werden viel Besuch haben – die
+liebe Mama, die Schwestern, die Kinder,
+Es soll wieder Leben kommen in unser altes
+Haus.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+An Mutters Grabe unter den Fichten wird
+sie neben mir stehn. Sie wird uns lächeln.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Vielleicht ..........
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit
+geben in dieser armen, engen Welt!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes,
+von ihr, der Liebsten, der Meinen, in süssesten
+Schmerzen mir geboren!...
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page81">[pg 81]</span><a name="Pgp081" id="Pgp081" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Was wäre das Leben ohne das? Möchte
+sie die Schmerzen lassen? Die Angst? Das
+Todesschauern in der Hochstunde des
+Lebens?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und wir liegen nicht vor diesen hohen,
+himmlischen Wesen auf den Knieen und
+küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik
+seiner Madonna!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Männer sind Egoisten. Was würden
+sie sein, wenn es nicht holde, zarte Wesen
+gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas
+Höheres giebt, als Kraft, Ehrgeiz – dass
+aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die
+That des einfachen Weibes aufwiegt, das aus
+ihrem eignen Leben, still und heilig, Leben
+säugt.
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page82">[pg 82]</span><a name="Pgp082" id="Pgp082" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc19" id="toc19"></a><a name="pdf20" id="pdf20"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Zehnter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über
+ihre Ehe.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich,
+das ist der Ruheposten, die Versorgung.
+Sie denkt darüber gar nicht weiter
+nach. Eine alte Jungfer bleibt man nur,
+wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt
+hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das.
+Sie ist stolz darauf, dass sie so bald Einen
+gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre
+Freundinnen sie beneiden werden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der Ärger der Freundinnen spielt eine
+grosse Rolle dabei – je intimer, desto intensiver
+der Ärger. Das ist diesem Geschlecht
+<span class="tei tei-pb" id="page83">[pg 83]</span><a name="Pgp083" id="Pgp083" class="tei tei-anchor"></a>das Äquivalent für das, was wir Ehre, Ruhm
+etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen
+sie gar nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen
+ihrer Geschlechtsgenossinnen in Kunst,
+Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt,
+vielleicht nur insofern nicht, als sie ihnen das
+wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld,
+Toiletten, Männer.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und eigentlich haben sie ganz recht, der
+Neid, den man fühlt, der einem den Rücken
+runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven
+prickeln, das Andre ist Unsinn.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dass sie sich einem Manne hingeben soll,
+aus dem sie sich gar nichts macht, ist ihr
+sehr gleichgültig.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen
+bei der Frau. Oder ist es die
+Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie
+stumpf und duldend macht?
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page84">[pg 84]</span><a name="Pgp084" id="Pgp084" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Einen Mann, der einen nicht reizt? –
+Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten –
+warum nicht?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement,
+die Leidenschaft, deshalb lieben Frauen
+Künstler, ästhetische Männer, die sie lange
+kitzeln. Von dem eigentlichen Akt haben
+sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das
+noch weher thut – die Schmerzen – die
+Entstellung – die Brüstchen, die schlaff
+werden ... „Elisabeth hat einen Bauch, der
+ihre ganze Figur verdirbt ...“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute
+hat und eine Amme nehmen kann. Babies
+sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen
+und rosa Schleifchen ....“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist der ausschlaggebende Punkt,
+da<span class="tei tei-pb" id="page85">[pg 85]</span><a name="Pgp085" id="Pgp085" class="tei tei-anchor"></a>bei verweilt sie sehr lange! Equipagen,
+Diener, dass sie die Hofbälle besuchen
+werden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Den ganzen Winter muss er mit mir
+hier in Berlin wohnen.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Aber wenn er nicht will?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Männer thun immer, was man will. Papa
+thut auch immer, was Mama will.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein
+kleines, listiges, grausames Lächeln ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Oh ja, der wird thun, was sie will.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und es giebt Tölpel, die immer noch an
+die stärkere Thatkraft des männlichen Geschlechts
+glauben!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nur die Franzosen: Ce que femme veut,
+Dieu le veut. Die sind überhaupt viel aufrichtiger
+in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert
+sich was vor, der alte, naive
+Bar<span class="tei tei-pb" id="page86">[pg 86]</span><a name="Pgp086" id="Pgp086" class="tei tei-anchor"></a>bar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger.
+Thusnelda lächelte kaum merklich, wenn
+Hermann Meth soff und Auerochsen
+spiesste.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie haben ja auch zuviel Machtmittel –
+die Verliebtheit! Und wenn die gar nicht
+mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich
+ungeliebte Frauen, die den Pantoffel schwingen.
+– Das verliebte Weib ist unterwürfig.
+Das ist ihm Wollust: Die Tigerkatze, die
+sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg thut’s.
+Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben
+nach. Alexander oder Cäsar beugt sich vor
+dem muffigen Gesicht, der schweigend heruntergewürgten
+Mahlzeit, der permanenten
+Nähe eines Hassenden, Vorwurfsgeschwollenen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nichts amüsiert mich mehr, wie das
+Streben nach offizieller politischer oder
+wirt<span class="tei tei-pb" id="page87">[pg 87]</span><a name="Pgp087" id="Pgp087" class="tei tei-anchor"></a>schaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht.
+Das sind hässliche Frauen, anmutlose
+Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist
+dumm.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren
+sich Griechen und Trojaner, Antonius,
+– Nelsons, Gambettas, Boulangers alle
+Tage. Elisabeth, Katharina waren Genies,
+weil sie Weiber waren. Über Louise Michel
+und Frauenkongresse lächelt der armseligste
+Schneidergesell, den seine Frau prügelt.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und mit Recht. Wie kann man die
+Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so verkennen!
+Das ist wie die Königstigerin, die
+sich Hörner wünscht, um den Kampf mit
+dem plumpen Ochsen aufzunehmen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben
+nicht Ochsen wären, liessen wir sie das ganz
+tranquil machen, alle Arbeit, allen
+politi<span class="tei tei-pb" id="page88">[pg 88]</span><a name="Pgp088" id="Pgp088" class="tei tei-anchor"></a>schen Krimskrams in den Parlamenten und
+Versammlungen, und setzten uns schliesslich
+ganz gemütlich auf das gutdressierte Pferdchen
+kraft der einfachsten Logik unsrer stärkeren
+Schenkel.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber wir sind eben Ochsen und viel zu
+verliebt! So’n kleines, zappeliges Füsschen,
+so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen ..
+Simson lässt sich die Locken abschneiden.
+Die schönste Berechnung geht zum Teufel.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sowas passiert denen nicht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra
+in der Beziehung.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit,
+dass sie einem Droschkenkutscher leibhaftig
+die Adresse gegeben hat, dass ihr
+Schwager ihr neulich an der Kurfürstenstrasse
+begegnet ist, was sie der Mama alles
+vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei
+<span class="tei tei-pb" id="page89">[pg 89]</span><a name="Pgp089" id="Pgp089" class="tei tei-anchor"></a>lügt sie künstlerisch, mit Genuss, ganz unnötig
+komplizierte und lange Geschichten,
+nur weil das Lügen ihr Spass macht, aus
+Liebe zur Sache.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Und im Notfall könntest Du doch immer
+Dein Ehrenwort geben, dass wir nichts zusammen
+haben. Wir haben doch nicht wirklich
+was.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nein, wir haben wirklich nichts.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst
+gar nichts habe, weil ich jetzt heiraten muss,
+und ich habe dich doch so schrecklich gern,
+Herri!“ ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich;
+aber es ist nicht die Spur von Leidenschaft
+in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit
+an sie heran, würde sie mich dreimal
+verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht.
+Und das ginge ihr so glatt von der Zunge!
+<span class="tei tei-pb" id="page90">[pg 90]</span><a name="Pgp090" id="Pgp090" class="tei tei-anchor"></a>und wenn sie ein Übriges dazu thun und
+mich aus der Welt schaffen könnte, würde
+sie es ebenso kaltblütig thun.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dabei von eigentlicher Moral keine Spur.
+Siehst Du, das bewundre ich auch immer an
+diesem Geschlecht. Es ist das Praktische,
+der Erfolg, respektive Misserfolg, der entscheidet.
+Dabei machen wir die rührendsten
+Affären daraus. Gretchen im Zuchthause
+bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans
+seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau
+Marthe geworden und hätte an „Heinrich!
+mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung
+mit fortgetragen, eine behagliche
+Rührung, dass sie ihre Jugend so gut genossen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Eine Frau, die einen Skandal verursacht,
+das ist unmoralisch, ekelhaft, die schlaue
+Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen
+<span class="tei tei-pb" id="page91">[pg 91]</span><a name="Pgp091" id="Pgp091" class="tei tei-anchor"></a>braven Ehemann, den sie betrogen, das imponiert
+ihnen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten
+beladen, die grosse Schauspielerin mit dem
+Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich
+mit dem Stallknecht liiert, darüber können
+sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar
+mit einem Gemisch aus Neid und Bewunderung.
+Aber ein armes Dienstmädel,
+das ein Kind kriegt und ins Elend gerät.
+Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist das Perfide bei der Geschichte.
+Das andre nicht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme
+immer die käufliche Liebe aus. Das bereut
+man nicht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es liegt auch da eine Naivität der Männer
+zu Grunde oder ihre Arroganz. Der Lendemain
+ist sprichwörtlich geworden. Der
+Wüst<span class="tei tei-pb" id="page92">[pg 92]</span><a name="Pgp092" id="Pgp092" class="tei tei-anchor"></a>ling hat das doppelt angenehme Gefühl: Du
+hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird
+die Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit
+gewisser „guter Mädchen“ („gut“
+ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne)
+zu denken geben.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines
+Mädchen. Sie hatte auch die Angst vorm
+Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und dann war’s wirklich Morgen und
+der allerschönste Sonnenschein und Vogeljubilieren
+– und sie lachte, lachte übers
+ganze Gesicht: „Ich bin so froh, Schatz!
+Ich glaub’, ich könnte fliegen!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+So müsste Eine natürlich empfinden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich habe neulich mal einen Roman gelesen,
+einen Roman von einer Frau, „die
+<span class="tei tei-pb" id="page93">[pg 93]</span><a name="Pgp093" id="Pgp093" class="tei tei-anchor"></a>Geschichte eines Mädchens“. Das rührte
+mich fast. Die Arme! Sie hat gewollt und
+nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen
+Mann zu gross war.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ebenso albern finde ich den Mann, der
+absolut der Erste sein will. Wie lässt der
+grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno
+sagen: „Und, glauben Sie mir, es ist in der
+Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das
+der Liebe und der Leidenschaft fähig ist.
+Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf
+kommt es nicht an.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Überdies: On n’est jamais le premier.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ist die Frau besser, die sich vielleicht
+physisch enthalten hat aus persönlicher Propertät
+oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre
+Phantasie zu den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten
+ausschweifen lässt, als diejenige,
+die vielleicht an einem hellen
+Maien<span class="tei tei-pb" id="page94">[pg 94]</span><a name="Pgp094" id="Pgp094" class="tei tei-anchor"></a>tage dem süssen Zug der Natur gefolgt ist,
+ohne zu rechnen und zu moralisieren?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist gewissermassen das System der
+Kuhpockenimpfung ... Ich habe vielleicht
+mein Wassernixchen zu einer sehr guten
+Ehefrau gemacht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber freilich die Konsequenzen!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin
+von schwachem Fleische, die behauptete,
+wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s
+ein Gesellschaftsspiel.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht
+so weit ist. Man ist noch immer der „Erste“,
+mit der offiziell aufgestempelten Eins vom
+Standesamte, der Kolumbus, der Schleierlüfter,
+der Dornröschenerwecker.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine
+Art Ranküne, wenn sie von ihrem „Ersten“
+spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des
+<span class="tei tei-pb" id="page95">[pg 95]</span><a name="Pgp095" id="Pgp095" class="tei tei-anchor"></a>Torts, das sie in meine Arme getrieben hat,
+mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst
+so viel“ ... sagt sie manchmal.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Aber hast Du denn keine Angst mit
+„ihm“ – immer fremd sein – immer Komödie
+spielen?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage,
+den Kleidern.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden
+darauf erzogen. Sie finden sich so merkwürdig.
+Das ist wieder die bewunderungswürdige
+Lebensfähigkeit dieses Geschlechts.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Er wird immer an sie glauben, immer
+nur die weisse Stirne sehen, mit seinen
+blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Aber der arme Kerl, wenn der mal
+Bankerott machte!
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page96">[pg 96]</span><a name="Pgp096" id="Pgp096" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc21" id="toc21"></a><a name="pdf22" id="pdf22"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Elfter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine
+Hochzeit. Sonnwendtag! am Rosenfeste! –
+Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was
+das heisst? Wer kann es wissen! Wer kann
+es aussprechen!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich
+nicht, wie ein Egoist, ein Selbstling. Selbst
+die hohen Träume, die Ideale und Gedanken!
+Ich komme mir vor, wie ein
+Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des
+Lebens aufgegangen ist. Und er lebt nun.
+Er wirkt Leben.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und wer hat mich das gelehrt? Ein
+kleines, stummes, wunderbares Wunder,
+<span class="tei tei-pb" id="page97">[pg 97]</span><a name="Pgp097" id="Pgp097" class="tei tei-anchor"></a>eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine
+träumende, unschuldige Seele.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und wir sprechen von überlegnem Geist,
+von Klugheit, von Grossthaten. Hier ist der
+Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld
+in der Lieblichkeit.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ob sie denkt und philosophiert, wie ich.
+Das geschieht Alles so selbstverständlich.
+Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme
+schliessen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie ich diese schöne Sicherheit liebe!
+So wird sie als Gattin, als Mutter bleiben,
+ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht
+die Natur im Weibe. – Jungfrau – Geliebte
+– Mutter! Wir irren auf allen Pfaden,
+beflecken Seele und Leib, um zuletzt demütig
+niederzuknien vor so einem holden,
+<span class="tei tei-pb" id="page98">[pg 98]</span><a name="Pgp098" id="Pgp098" class="tei tei-anchor"></a>nicht denkenden, kinderthörichten Wesen:
+Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’
+mich glücklich!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich
+sie vergraben zwischen weisser Leinwand
+und Spitzen, bunten Seidenstoffen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat,
+der die Braut in das Haus des Gatten geleitet
+wie auf einer schneeigen Rosenwolke,
+Dinge, die verhüllen, Wollust versprechen,
+Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum
+sie anzufassen mit meinen groben Fingern.
+Ihr Zweck ist mir ein süsses Mysterium,
+macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete
+unsrer Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen
+und umwickelt, um die holde Spannung,
+die Sehnsucht zu erhöhen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint
+ganz damit beschäftigt. Ist es denn nicht
+<span class="tei tei-pb" id="page99">[pg 99]</span><a name="Pgp099" id="Pgp099" class="tei tei-anchor"></a>ernsthaft, ihre kleine Person, die sie
+schmückt, reizend macht. Bin ich es nicht,
+für den sie sich schmückt?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die
+Braut, die sich salbt und schmückt, das
+süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser
+machend. Es sind nörgelnde Kritiker,
+Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen
+verkannt, die gegen die Eitelkeit polemisieren,
+Uniformen, Trachten einführen wollen.
+Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre
+Seele ist so ganz eins mit ihrem Leibe in
+diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie
+soll ja das Glück sein, die Wonne, die
+Schönheit.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Hochzeit – hohe Zeit! – –
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+In mir ist’s hohe Zeit.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden,
+die mich manchmal zerreissen, dass ich sie
+<span class="tei tei-pb" id="page100">[pg 100]</span><a name="Pgp100" id="Pgp100" class="tei tei-anchor"></a>nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie
+fortschleppen, verschlingen ... Sie ist sehr
+ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle
+bösen Begierden dämmend, dass ich sanft
+bin, folgsam. Nur den grossen Jubel in mir,
+der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich
+sie in die Arme nehmen und gegen die
+Sonne halten möchte.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Hochzeit! hohe Zeit!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mein Heim steht geschmückt. Seit
+Wochen sind Tapezierer und Tischler thätig.
+Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches
+ist mir’s leid, das Alte, Altgewohnte.
+– Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es
+ist recht, dass Alles neu ist.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Hochzeit soll hier in Templin sein,
+ein Fest für alle meine Leute. Sie üben
+schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern.
+Ein Flüstern geht unter den
+Ar<span class="tei tei-pb" id="page101">[pg 101]</span><a name="Pgp101" id="Pgp101" class="tei tei-anchor"></a>beitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach
+die Menschen sind doch gut!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es giebt ein vollkommenes Glück auf
+der Erde. Es giebt Engel. In vier Wochen
+ist der Engel mein Weib.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie süss muss es sein, das Leben sich
+in ihr entwickeln zu sehn, die strahlende
+Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend
+vollendet sich ihr Leben. – Was ist das
+Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist
+nicht Mutter der Inbegriff aller menschlichen
+Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, Leidertragen ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mein Weib! Mein Mütterchen!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wie eine kleine Königin wird sie empfangen
+werden. Ist es denn nicht auch ein
+kleines Königreich, eine ganze Welt im
+Kleinen, ihre Welt, der sie Vorbild und Vorsehung
+ist. „Hausvater und Hausmutter“,
+<span class="tei tei-pb" id="page102">[pg 102]</span><a name="Pgp102" id="Pgp102" class="tei tei-anchor"></a>der alte, schöne, deutsche Begriff. Hier
+kann er sich noch verwirklichen. Wir
+können es noch sein.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+So lange es das giebt, steht die Gesellschaft
+sicher, auf festen Füssen: Reine
+Frauen, Männer, die ein Heim schaffen
+können, die an Reinheit glauben.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun
+eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du darfst
+nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen,
+glückseligen Menschen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Hohe Zeit – Hochzeit!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe
+das Glück und ich glaube es.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und wenn Du über den Schwärmer
+lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, weiss
+unter der weissen Myrtenkrone – und wie
+Thomas: Geh’ und glaube. Geh’ und schreib
+ein Buch des Glaubens und der Liebe.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page103">[pg 103]</span><a name="Pgp103" id="Pgp103" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich habe so viel davon in mir, dass auch
+auf Dich etwas übergehn müsste. Ich fühle
+mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude
+zu verkünden – und Mathilde heisst
+meine Madonna.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr,
+in unsrer Zeit der Mitgiftjägerinnen, des
+höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre
+halberwachsenen Töchter auf „die gute
+Partie“ dressieren.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts
+neulich. Es waren da Muster von
+teuren Spitzen, die ihr gefielen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Mama, verständig wie immer, riet
+lächelnd zu billigeren: „Das ist ja für eine
+Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes
+Geheimratstöchterchen.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Natürlich übernehme ich das Alles. Es
+<span class="tei tei-pb" id="page104">[pg 104]</span><a name="Pgp104" id="Pgp104" class="tei tei-anchor"></a>bedurfte einer gewissen Überredung bei der
+Mama. Sie geben mir so Unendliches.
+Sollen diese teuren Menschen sich Gênen
+auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen,
+während ich schwelge!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten
+lassen. Ich bin jetzt einer von der
+Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit,
+das Vertrauen, wenn ich nicht
+auch das Schwere mit ihnen tragen darf?
+Sind diese Güter mein Verdienst? Brauche
+ich sie? Ich wäre glücklich unter einem
+Strohdach.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Es ist um Mathildens willen, dass ich
+mich des Geldes freue. Auch das hat sie
+mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine
+Macht, zu beglücken.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne.
+Wir haben auch darüber so oft gestritten,
+<span class="tei tei-pb" id="page105">[pg 105]</span><a name="Pgp105" id="Pgp105" class="tei tei-anchor"></a>über Geldwert und Geldanbetung in unsrer
+Zeit. Manche Erscheinung des öffentlichen
+Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe
+einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch
+und traurig machen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Man weiss ja leider, dass man ein reicher
+Mann ist.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr
+die kleine Hand mit Geld füllt, wird sie es
+ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst.
+Sie soll von diesem Wissen frei bleiben.
+Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so
+ist sie das stumme, ruhende Juwel am Herzen
+der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das
+Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche
+im Dasein, der braucht den Wert eines
+Hundertmarkscheines nicht zu kennen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die Blume ist in sich selbst genug. Die
+Poesie zu wahren. Das reine Gefühl.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page106">[pg 106]</span><a name="Pgp106" id="Pgp106" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um
+uns das Paradies.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Komm, Du armer, verirrter Adamssohn,
+ruhe im Schatten unsrer Palmen!
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page107">[pg 107]</span><a name="Pgp107" id="Pgp107" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc23" id="toc23"></a><a name="pdf24" id="pdf24"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Zwölfter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 2.00em">
+Die Aussteuer ist eine wichtige Sache.
+Da „er“ bezahlt, können wir mit der nötigen
+Gewichtigkeit zu Werke gehn.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine
+Modemagazin, Kataloge, Proben, Wiener und
+Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir
+nun sehr ernsthaft, das Nixchen und ich, und
+suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit
+Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen
+mit hell heliotropnen und lichtmaigrünen
+Languetten.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie
+fügt sich immer meiner überlegneren Einsicht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das entzückt sie: „Du verstehst Alles.
+„Er“ nähme mich grad so gut in einem
+<span class="tei tei-pb" id="page108">[pg 108]</span><a name="Pgp108" id="Pgp108" class="tei tei-anchor"></a>Sack. – Gott! was soll ich nur machen,
+wenn ich Dich nicht mehr habe!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann weint sie ein bischen. Aber dann
+finden wir wieder was extra Hübsches und
+sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat.
+Und wir sind getröstet. „Er“ zahlt ja.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenigstens soll er ordentlich blechen –
+schon für seine Undankbarkeit. Ein Mann,
+der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist,
+ist ein Tölpel. Sie macht sich für ihn
+hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das
+für Mühe! – so’n Löckchen, das graziös
+und an der richtigen Stelle in die Stirne
+fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel
+Nachdenken, Geduld, manchmal Pein,
+gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie
+das Weggeworfne an Leute giebt, die es
+besser zu taxieren wissen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich verstehe zu taxieren.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page109">[pg 109]</span><a name="Pgp109" id="Pgp109" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht
+sich vor mir wie eine Drahtpuppe. Wenn
+ich sie hübsch finde, ist sie glücklich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Nixchen! Das darfst du nicht tragen.
+Das steht Dir nicht.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind.
+Aber sie gehorcht immer. Alle Frauen gehorchen
+mir, weil sie das Unpersönliche
+fühlen, das Wohlgefallen an der Gattung,
+den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen.
+Ich glaube, wenn ich vor die Sultanin-Mutter
+träte: „den Turban etwas mehr nach rechts,
+bitte schön“ ... sie thäte es und wäre mir
+dankbar. Und sie hätte ein Recht dazu.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern
+ihre. Und ist sie nicht eigentlich die allerhöchste
+Tugend? Spinoza sagt: wer die
+Fehler der Menschen nicht liebt, liebt die
+Menschen selbst nicht! Das Menschlichste
+<span class="tei tei-pb" id="page110">[pg 110]</span><a name="Pgp110" id="Pgp110" class="tei tei-anchor"></a>an der Menschheit ist für mich das Weib.
+Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. Sie
+fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie
+haben Zutrauen zu mir.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das ist ganz unbewusst: „Du bist so
+gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt sie
+meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich:
+„Du bist gut.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Da ist die Ranküne wieder, das kleine,
+tückische, widerborstige Katzenfauchen in
+dem „Du“.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Der ist viel besser als ich.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er
+hätte ihr eine Moralpredigt gehalten und sie
+beschämt und verbockt nach Hause geschickt
+wie der selige Joseph schnöden Angedenkens.
+Die Franzosen haben da ein
+hübsches Sprichwort: Il y a des choses qui
+ne se refusent pas. – Oder er hätte sie
+<span class="tei tei-pb" id="page111">[pg 111]</span><a name="Pgp111" id="Pgp111" class="tei tei-anchor"></a>genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem
+moralischen Kater hinterher sie zur büssenden
+Magdalena gepeinigt ... Das ist die
+Tugend dieser Tugendbolde.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss,
+fein und zierlich, ganz in ihrem Fischchen-Element
+bei mir, munter schwätzend wie
+ein Vögelchen, von dem, was in ihr ist, all
+ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten ..
+– ich habe sie als Künstler behandelt, nicht
+roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht pfäffisch-zerstörerisch.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen,
+das sie ist. Sie liebt mich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann
+nicht leben ohne Dich! Ich möchte am
+liebsten sterben!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Manchmal sogar fast wild: „Ich will von
+zu Hause durchgehn. Mir ist alles ganz
+<span class="tei tei-pb" id="page112">[pg 112]</span><a name="Pgp112" id="Pgp112" class="tei tei-anchor"></a>egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht
+wieder fort. Du kannst mit mir machen was
+Du willst.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir
+angezogen gegenübersitzt und Makronen
+knabbert – und dann lauert sie auf den
+Effekt. Sie möchte etwas mehr Effekt, einen
+Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft:
+„Es ist doch gar nichts. Eigentlich
+habe ich doch gar nichts gethan. Niemand
+kann doch etwas sagen von „uns“.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses
+Opfer, das sie bringt, <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">mir</span></span> bringt. Kleines
+Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal
+ein andrer Gedanke als der an ihr eignes
+kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen
+aufgestiegen ist?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie betrauert meine Wohnung:
+Whip<span class="tei tei-pb" id="page113">[pg 113]</span><a name="Pgp113" id="Pgp113" class="tei tei-anchor"></a>chen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie so
+gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt.
+Aber das macht eine rote Nase, darin ist
+sie ästhetisch.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Die leidenschaftlichsten Frauen werden
+dadurch in Schranken gehalten: „Mein Kind,
+das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt
+schlecht, Du verdirbst Deine Haarfrisur.“
+Sie wollen gefallen und sollen gefallen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wird die Frauenemanzipation darin je
+etwas ändern? Die Orientalin, die ihren Leib
+salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie
+ist das Naivste und das Grösste. Das Urälteste
+und das Allermodernste.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln
+sie Dir zu .... Und wenn der Geist wiederkommt,
+dann bist Du als Mann fertig. Ich
+habe das zu oft durchgemacht.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich möchte es nicht anders. Nur mehr
+<span class="tei tei-pb" id="page114">[pg 114]</span><a name="Pgp114" id="Pgp114" class="tei tei-anchor"></a>Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so unendlich
+viel gelogen, gerade über diesen Punkt.
+Es ist Alles nur: Qui s’excuse, s’accuse, die
+Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen
+drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle
+Frauen wollten einmal im Leben ins Kloster
+gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den
+stärksten und gewaltigsten Lebenstrieb, wie
+Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit.
+Der alte, schöne Satz, dass das Weib
+dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit geschaffen
+sei, setzt sich Brillen auf und
+schneidet sich die Haare ab, und wird ihm
+ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein
+unverstandenes und unverständliches Rätselwesen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Das bedauere ich von allen Verirrungen
+der Zeit am meisten, dass die Frauen dogmatisch
+werden, logisch, prinzipiell. Man will
+<span class="tei tei-pb" id="page115">[pg 115]</span><a name="Pgp115" id="Pgp115" class="tei tei-anchor"></a>sie einregimentieren und einschwören. Die
+Völker, die am wenigsten Sonne und Sinnlichkeit
+haben, geben den Unfug an. Ihr
+unterbindet euch selbst die Lebensader!
+Décadence-Männer machen mit.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Und doch:
+</p>
+
+<div class="tei tei-lg" style="margin-bottom: 1.00em; margin-left: 2.00em; margin-top: 1.00em">
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">„’s ist eine der grössten Himmelsgaben,</div>
+<div class="tei tei-l" style="text-align: left">So ein lieb Ding im Arm zu haben.“</div>
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nicht nur für uns, für es selbst auch.
+Wo ist die Frau, deren Herz und Hirn gross
+genug ist, die geliebte, liebende Frau, von
+herben und verkrüppelten Früchten, die reife,
+süsse?.....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf,
+einzig und allein für ihn bestimmt,
+eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit.
+Nur wir, die wir sie wahrhaft lieben, sehen
+in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen,
+in seiner Eigenart des Interesses und
+der Teilnahme wert.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page116">[pg 116]</span><a name="Pgp116" id="Pgp116" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Mögen sie hereinfallen! Das „weisse
+Blatt“ ist die grösste männliche Unverschämtheit,
+Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in
+der wir wissentlich und willig beharren. Ein
+Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal
+feineren und aufmerksameren Augen,
+Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht sehen,
+hören, fühlen, wie wir?
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Der Egoismus der Männer macht sie
+blind. Ich habe kein Mitleid mit Egoisten.
+Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist
+lächerlich und verächtlich mit Recht. Lebte
+er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich
+bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken,
+ihr Fühlen bis in ihre Verlogenheiten hinein
+– haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten?
+– wäre ihm das passiert? hätte er
+nicht warnen, eingreifen können als es Zeit
+war, wenn nötig sie vorher freigegeben.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page117">[pg 117]</span><a name="Pgp117" id="Pgp117" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten.
+Und es giebt eine Rolle „Mann“, die wir
+mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle
+„Weib“, die wir ihnen aufoktroyiert haben.
+Sie rächen sich wie sie können.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Nicht nach Besserung seufzt die Welt,
+sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit ist
+die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich
+unmoralisch, ungütig, böse. Und wenn der
+Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal,
+dann steigt das Niedrige. Was ist gemein?
+Was ist verächtlich? Was ist erhaben, bewunderungswürdig?
+wenn Alles Menschliche
+menschlich ist.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über
+der Welt, die feinste, reine Quintessenz des
+Christentums. Nur die Pharisäer stören es.
+Dem Zöllner ist es natürlich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum
+<span class="tei tei-pb" id="page118">[pg 118]</span><a name="Pgp118" id="Pgp118" class="tei tei-anchor"></a>Schlusse. Der Deutsche macht sie. „Die
+Moral von der Geschichte“ – Und es ist
+eine gute, alte Sitte, denn Moral ist überall,
+wenn es auch nicht die der Rute und der
+Zuckertüte ist.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins
+von ihren neuen Ausstattungskleidern, ein
+schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem
+Hals.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch
+bei Kathi heut Abend bin, und ich will auch
+wirklich hingehn.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt.
+Wir tranken Sekt und assen kleine, pikante
+Sachen dazu.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wir waren sehr lustig.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du
+<span class="tei tei-pb" id="page119">[pg 119]</span><a name="Pgp119" id="Pgp119" class="tei tei-anchor"></a>mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb haben,
+Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Eine gewisse Wärme kommt doch über
+mich. Ach Herzchen! Herzchen!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche
+in unsrer Liebe, ihr erster Besuch, der erste
+Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder
+Gegenstand in meinem Zimmer, Whipchen,
+die Photographien, der Bismarck ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Nie, nie vergesse ich das“ ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Wir waren ganz glücklich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu
+Hause wäre. Ach Liebchen!“ .... Dann
+schluchzt sie wieder ein bischen.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Dann die Moral wieder: „Du findest mich
+auch nicht schlecht?“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens.
+Alle thun das. Und Daisy Grimme! die
+macht’s doch viel schlimmer.
+</p>
+
+<span class="tei tei-pb" id="page120">[pg 120]</span><a name="Pgp120" id="Pgp120" class="tei tei-anchor"></a>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Wenn es doch möglich wäre! Wenn
+ich doch heute bei Dir bleiben könnte –
+und immer!“ ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen
+Ball – und morgen!!“ – – –
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert
+sich an meinen Hals. Sie ist ganz
+glühend. Sie küsst mich.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s
+doch, dass ich Dich lieb habe, nur Dich!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich glaub’s. Ich glaube Alles.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt
+wären! im Paradies!“ ....
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+<a name="corr120" id="corr120" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">„Ach!</span> es ist zu schrecklich eingerichtet im
+Leben! ... Und nicht wahr, meine Briefe,
+die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie
+doch alle?“ ...
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen?
+<span class="tei tei-pb" id="page121">[pg 121]</span><a name="Pgp121" id="Pgp121" class="tei tei-anchor"></a>Oh Gott! Wie schrecklich das würde! Ich
+würde Alles verraten.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Sehr verständig würdest Du sein.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre
+Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht
+gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen
+gern gehabt hast? Du bist ja so unmoralisch!“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Martin meldet die Droschke.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster
+erleuchtet.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich
+noch nicht mal gehabt hast .. Der greuliche
+Kerl mich kriegt.“
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie weiss genau, dass die Droschke im
+nächsten Moment anhalten muss.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Sie hält.
+</p>
+
+</div><hr class="page" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+<span class="tei tei-pb" id="page122">[pg 122]</span><a name="Pgp122" id="Pgp122" class="tei tei-anchor"></a>
+<a name="toc25" id="toc25"></a><a name="pdf26" id="pdf26"></a>
+<h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Dreizehnter Brief.</span></h1>
+
+<div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</div>
+
+<div class="tei tei-salute" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+Lieber, süsser Herzensschatz!
+</div>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Denke Dir meinen Schrecken, als Achim
+mit Dir hereinkam! Aber nur einen Moment
+hab ich mich erschrocken. Du bist ja so
+verständig und lieb und gut. Ach und die
+süssen, grünen Gläser, die Du mir geschenkt
+hast! Das sieht Dir ähnlich. Es war zu
+entzückend himmlisch bei Dir. Ich werde es
+<span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">nie</span></span>, <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">nie</span></span> vergessen und Dich ewig lieb
+haben. Du musst uns jetzt oft besuchen,
+nächsten Sommer, wenn wir hier auf dem
+Gute sind. Jetzt verreisen wir – nach
+Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier
+geschenkt. Himmlisch, sage ich Dir. –
+<span class="tei tei-pb" id="page123">[pg 123]</span><a name="Pgp123" id="Pgp123" class="tei tei-anchor"></a><a name="corr123" id="corr123" class="tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-corr">Wir</span> sprechen dann über Alles, Du musst
+mir erzählen, wen Du jetzt hast. Du bist
+ja so verständig. Wenn Du doch Achim
+wärst! Ach, das Leben ist doch sehr
+schwer oft!
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+Fandest Du, dass ich gut aussah bei der
+Trauung? Der dumme Kirchenmensch hatte
+die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich
+ärgerte mich die ganze Zeit darüber, und
+die Myrte stand zu hoch über der Stirn.
+</p>
+
+<p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt,
+alle? und Martin sagt nichts? Es
+wäre schrecklich.
+</p>
+
+<div class="tei tei-signed" style="text-align: right">Deine M.</div>
+
+ </div></div>
+ <div class="tei tei-back" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 6.00em">
+ <hr class="doublepage" /><div class="boxed tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <a name="toc27" id="toc27"></a><a name="pdf28" id="pdf28"></a>
+ <h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Bemerkungen zur Textgestalt</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verändert, außer in folgenden Fällen,
+ die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:</p>
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr039" class="tei tei-ref">Seite 39</a>: Anführungszeichen ergänzt hinter „bin?“</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr120" class="tei tei-ref">Seite 120</a>: Anführungszeichen ergänzt vor „Ach!“</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><a href="#corr123" class="tei tei-ref">Seite 123</a>: „wir“ geändert in „Wir“</td></tr></tbody></table>
+ </div>
+ <hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <div id="pgfooter" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"><pre class="pre tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HÖHEREN TOCHTER***
+</pre><hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader29" id="rightpageheader29"></a><a name="pgtoc30" id="pgtoc30"></a><a name="pdf31" id="pdf31"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">Credits</span></h1><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr><th class="tei tei-label tei-label-gloss">April 2, 2011  </th></tr><tr><td class="tei tei-item tei-item-gloss"><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item">Project Gutenberg TEI edition 1</td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label"></th><td class="tei tei-item"><span class="tei tei-respStmt">
+ <span class="tei tei-resp">Produced by <span class="tei tei-name">Norbert H. Langkau</span> and the
+ Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</span>
+ </span></td></tr></tbody></table></td></tr></tbody></table></div><hr class="doublepage" /><div class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader32" id="rightpageheader32"></a><a name="pgtoc33" id="pgtoc33"></a><a name="pdf34" id="pdf34"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">A Word from Project Gutenberg</span></h1><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This file should be named
+ 35758-h.html or
+ 35758-h.zip.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This and all associated files of various formats will be found
+ in:
+
+ <a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/7/5/35758/" class="block tei tei-xref" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span><span style="font-size: 90%">/dirs/3/5/7/5/35758/</span></a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Updated editions will replace the previous one — the old
+ editions will be renamed.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Creating the works from public domain print editions means that
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+ Redistribution is subject to the trademark license, especially
+ commercial redistribution.</p></div><hr class="page" /><div id="pglicense" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"><a name="rightpageheader35" id="rightpageheader35"></a><a name="pgtoc36" id="pgtoc36"></a><a name="pdf37" id="pdf37"></a><h1 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"><span style="font-size: 173%">The Full Project Gutenberg License</span></h1><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Please read this before you distribute or use this
+ work.</span></em></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+ distribution of electronic works, by using or distributing
+ this work (or any other work associated in any way with the
+ phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>), you agree to comply with all the terms
+ of the Full Project Gutenberg™ License (<a href="#pglicense" class="tei tei-ref">available with this file</a> or online
+ at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a>).</p><div id="pglicense1" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 1.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">General Terms of Use &amp; Redistributing Project Gutenberg™
+ electronic works</span></h2><div id="pglicense1A" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.A.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic
+ work, you indicate that you have read, understand, agree to
+ and accept all the terms of this license and intellectual
+ property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree
+ to abide by all the terms of this agreement, you must cease
+ using and return or destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic
+ works in your possession. If you paid a fee for obtaining a
+ copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work and you do not
+ agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+ obtain a refund from the person or entity to whom you paid the
+ fee as set forth in paragraph <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8.</a></p></div><div id="pglicense1B" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.B.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is a registered trademark. It may only be used on or
+ associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+ bound by the terms of this agreement. There are a few things that you
+ can do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying with the
+ full terms of this agreement. See paragraph <a href="#pglicense1C" class="tei tei-ref">1.C</a> below. There are a lot of things you can
+ do with Project Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this
+ agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ electronic
+ works. See paragraph <a href="#pglicense1E" class="tei tei-ref">1.E</a> below.</p></div><div id="pglicense1C" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.C.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (<span class="tei tei-q">„the Foundation“</span> or PGLAF), owns a compilation
+ copyright in the collection of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the
+ individual works in the collection are in the public domain in the
+ United States. If an individual work is in the public domain in the
+ United States and you are located in the United States, we do not claim
+ a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+ displaying or creating derivative works based on the work as long as all
+ references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope that you will support
+ the Project Gutenberg™ mission of promoting free access to electronic works by
+ freely sharing Project Gutenberg™ works in compliance with the terms of this
+ agreement for keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+ easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in
+ the same format with its attached full Project Gutenberg™ License when you share it
+ without charge with others.</p></div><div id="pglicense1D" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.D.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The copyright laws of the place where you are located also govern
+ what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+ a constant state of change. If you are outside the United States, check
+ the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+ before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+ creating derivative works based on this work or any other Project Gutenberg™ work.
+ The Foundation makes no representations concerning the copyright status
+ of any work in any country outside the United States.</p></div><div id="pglicense1E" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h3 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">1.E.</span></h3><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unless you have removed all references to Project Gutenberg:</p><div id="pglicense1E1" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.1.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The following sentence, with active links to, or other immediate
+ access to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever any
+ copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>
+ appears, or with which the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is associated) is
+ accessed, displayed, performed, viewed, copied or distributed:
+
+ </p><div class="block tei tei-q" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 0.90em"><span style="font-size: 90%">This eBook is for the use of
+ anyone anywhere at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it
+ away or re-use it under the terms of the Project
+ Gutenberg License included with this eBook or
+ online at </span><a href="http://www.gutenberg.org" class="tei tei-xref"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p></div></div><div id="pglicense1E2" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.2.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an individual Project Gutenberg™ electronic work is derived from the public
+ domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+ permission of the copyright holder), the work can be copied and
+ distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+ charges. If you are redistributing or providing access to a work with
+ the phrase <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> associated with or appearing on the work, you
+ must comply either with the requirements of paragraphs <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 or obtain permission for
+ the use of the work and the Project Gutenberg™ trademark as set forth in paragraphs
+ <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p></div><div id="pglicense1E3" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.3.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted with the permission
+ of the copyright holder, your use and distribution must comply with both
+ paragraphs <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 and any
+ additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms will
+ be linked to the Project Gutenberg™ License for all works posted with the permission
+ of the copyright holder found at the beginning of this work.</p></div><div id="pglicense1E4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.4.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ License terms from
+ this work, or any files containing a part of this work or any other work
+ associated with Project Gutenberg™.</p></div><div id="pglicense1E5" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.5.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+ electronic work, or any part of this electronic work, without
+ prominently displaying the sentence set forth in paragraph <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> with active links or immediate access
+ to the full terms of the Project Gutenberg™ License.</p></div><div id="pglicense1E6" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.6.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may convert to and distribute this work in any binary,
+ compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+ any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+ to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than
+ <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or other format used in the official
+ version posted on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you must, at
+ no additional cost, fee or expense to the user, provide a copy, a
+ means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+ request, of the work in its original <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or
+ other form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License
+ as specified in paragraph <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1.</a></p></div><div id="pglicense1E7" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.7.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+ copying or distributing any Project Gutenberg™ works unless you comply with
+ paragraph <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p></div><div id="pglicense1E8" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.8.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to
+ or distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that</p><table summary="This is a list." class="tei tei-list" style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"><tbody><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you already use to
+ calculate your applicable taxes. The fee is owed to the owner of the
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+ paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60 days
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+ prepare) your periodic tax returns. Royalty payments should be clearly
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+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation.“</span></a></p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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+ copies of Project Gutenberg™ works.</p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You provide, in accordance with paragraph <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">1.F.3</a>, a full refund of any money paid for a
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+ discovered and reported to you within 90 days of receipt of the
+ work.</p></td></tr><tr class="tei tei-labelitem"><th class="tei tei-label">•  </th><td class="tei tei-item"><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.</p></td></tr></tbody></table></div><div id="pglicense1E9" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h4 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">1.E.9.</h4><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic work or
+ group of works on different terms than are set forth in this agreement,
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+ Hart, the owner of the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set
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+ the exclusion or limitation of certain types of damages. If any
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+ in formats readable by the widest variety of computers including
+ obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+ efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+ of life.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+ assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg™'s goals and
+ ensuring that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+ generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a
+ secure and permanent future for Project Gutenberg™ and future generations. To learn
+ more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+ Sections <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">3</a> and <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">4</a> and the Foundation web page at <a href="http://www.pglaf.org" class="tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a>.</p></div><div id="pglicense3" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 3.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation
+ organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax
+ exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or
+ federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter
+ is posted at <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf</a>. Contributions
+ to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
+ federal laws and your state's laws.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+ S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are
+ scattered throughout numerous locations. Its business office is
+ located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801)
+ 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date
+ contact information can be found at the Foundation's web site and
+ official page at <a href="http://www.pglaf.org" class="tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">For additional contact information:
+
+ </p><div class="block tei tei-address" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">Dr. Gregory B. Newby</span></span><br /><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">Chief Executive and Director</span></span><br /><span class="tei tei-addrLine"><span style="font-size: 90%">gbnewby@pglaf.org</span></span><br /></div></div><div id="pglicense4" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 4.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread public
+ support and donations to carry out its mission of increasing the number
+ of public domain and licensed works that can be freely distributed in
+ machine readable form accessible by the widest array of equipment
+ including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+ particularly important to maintaining tax exempt status with the
+ IRS.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+ charities and charitable donations in all 50 states of the United
+ States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+ considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+ with these requirements. We do not solicit donations in locations where
+ we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+ DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+ visit <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+ have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+ against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+ approach us with offers to donate.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+ any statements concerning tax treatment of donations received from
+ outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and
+ addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+ checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+ visit: <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class="tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p></div><div id="pglicense5" class="tei tei-div" style="margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"><span style="font-size: 144%">Section 5.</span></h2><h2 class="tei tei-head" style="text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"><span style="font-size: 120%">General Information About Project Gutenberg™ electronic
+ works.</span></h2><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class="tei tei-name">Professor Michael S. Hart</span> is the
+ originator of the Project Gutenberg™ concept of a library of electronic works that
+ could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and
+ distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of volunteer
+ support.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, all of
+ which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+ notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in
+ compliance with any particular paper edition.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+ eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+ compressed (zipped), HTML and others.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Corrected <em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">editions</span></em> of our eBooks replace the old file
+ and take over the old filename and etext number. The replaced older file
+ is renamed. <em class="tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Versions</span></em> based on separate sources are treated
+ as new eBooks receiving new filenames and etext numbers.</p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Most people start at our Web site which has the main PG search
+ facility:
+
+ <a href="http://www.gutenberg.org" class="block tei tei-xref" style="margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p><p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how to
+ make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and
+ how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p></div></div></div>
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+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl, Berlin,
+Nettelbeckstrasse.
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+
+<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2">Mein lieber, alter Mephisto!</salute>
+
+<p>
+Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme
+an Dich zu schreiben, grade heute in meiner
+schönen Kirchtags- und Osterglockenstimmung;
+denn eigentlich war ich recht wütend
+auf Dich, wütend und entrüstet und etwas
+traurig von unserm letzten Berliner Beisammensein,
+als Du mir bei frappiertem Sekt
+und köstlichen Natives so nackt und klipp
+Deine Ansichten über ein gewisses Thema
+auseinandersetztest.
+</p>
+
+<p>
+Und Du weisst, dass ich in dem Thema
+nun einmal ein unverbesserlicher,
+hartgesotte<pb n='2'/><anchor id='Pgp002'/>ner Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker
+und Realist, was wäre das Leben überhaupt
+wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier auf
+der einsamen Klitsche, die Jagd nach Berühmtheit,
+die Freude an dem, was man in
+sich hat, an der schönen Gotteswelt draussen,
+wenn man sich nicht mitteilen könnte, wenn
+die lieben Frauen nicht wären, die liebe,
+schöne Aussicht, solch ein liebes, lebendiges,
+teilnehmendes Wesen sein eigen zu nennen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, die lieben Frauen! – Und Du magst
+nun sagen was Du willst und Erfahrungen
+haben so viele Du willst – ich bedauere Dich
+oft darum. Ich behaupte, sie sind das Einzige
+im Leben, das es für Unsereinen überhaupt
+erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter
+ihnen, süsse, unschuldige Blumen, tausendmal
+besser, feiner, klüger wie wir, direkt vom
+Himmel herunter gesandt, damit man eine
+<pb n='3'/><anchor id='Pgp003'/>Ahnung behalten soll hier unten im Staube,
+wie’s da oben aussah.
+</p>
+
+<p>
+Lache nun wie Du willst über den Romantiker,
+den Thoren, den Parzival! Es ist
+zu schön, ein Thor zu sein! Und um es kurz
+zu machen, Du alter, lieber Freund, trotz
+Deines infernalischen Beigeschmacks, – ich
+bin glücklich, unbeschreiblich, lautjubelnd,
+stillselig glücklich! – Ich liebe.
+</p>
+
+<p>
+Da steht es nun. Das Wort kommt mir
+fast profan vor Dir gegenüber. Weisst Du
+überhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste,
+gute, frohe und starke Liebe, Du grosser
+Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter
+Sachverständiger in Liebesangelegenheiten,
+unvergleichlicher Vivisektor der Gefühle? –
+Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer
+Krautjunker und dörflicher Pylades, aber das
+weisst Du doch nicht.
+</p>
+
+<pb n='4'/><anchor id='Pgp004'/>
+
+<p>
+Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch,
+der sich immer zwischen Häuserreihen
+und elektrischen Lampen umhergetrieben
+hat, berühmt mit sechsundzwanzig,
+vergötterter Boudoirheld, dem die Königinnen
+des Salons zu Füssen lagen, diese Frauen,
+die Du kennst, die Du schilderst wie Keiner,
+Tigerinnen mit Madonnengelüsten, sentimentale
+Messalinen, Prostituierte des Herzens
+und der Phantasie, die für mich
+schlechter sind, als Strassendirnen, die ehrliche,
+schmutzige Gemeinheit ohne Eau de
+Lys und präraffaelitischen Faltenwurf.
+</p>
+
+<p>
+Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen
+habe in seinem grünen, glatten Eidechseneinband
+mit hochmodernen Winkeln und
+Schnörkeln und den beunruhigenden Halbfrauen-
+und Sphynxemblemen, hier in meiner
+alten, verräucherten Bude mit den
+Hirsch<pb n='5'/><anchor id='Pgp005'/>geweihen und den alten Preussenkönigen und
+ihren alten, strammen Soldaten darunter,
+dann möcht’ ich es gerade an die Wand
+werfen und hinausstürmen. Freie Luft!
+Bäume! Erdgeruch! Hier ist doch noch Natur,
+Wahrheit, Keuschheit!
+</p>
+
+<p>
+– – – – Und doch ist auch sie keine
+Landblüte, nicht im Walde erschlossen beim
+Quellenrauschen, – eine Grossstadtblume,
+blaue Wunderblume über dem Sumpf und dem
+Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein?
+Sechzehn Jahre! süsse sechzehn! – halb Kind
+noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste
+Alter. Ich mag die „jungen Damen“ nicht,
+die schon drei Winter ausgegangen sind, deren
+Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit
+man mit faden Schmeicheleien
+vergiftet. Jedes Männerauge, das sie begehrte,
+hat einen Fleck darauf zurückgelassen.
+</p>
+
+<pb n='6'/><anchor id='Pgp006'/>
+
+<p>
+Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin
+der Erste, der glückliche, selbst nichts ahnende
+Jäger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand
+entdeckt. Das ist buchstäblich zu nehmen.
+Du kennst die Partnachklamm. So
+faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit
+unsrer famosen Zugspitzbesteigung, die Du
+mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee
+aus verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein,
+die Eltern waren am obern Rande voraufgegangen.
+Sie war forsch gewesen. Sie hatte die
+Innentour machen wollen, die kleine, kecke
+Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse, riesige
+Felswand gedrückt, blass und zitternd mit
+ängstlich hochgehaltenem Kleidchen zwischen
+den brausenden, tobenden Wassern im sprühenden
+Wasserstaube, der das winzige, zierliche
+Sonnenschirmchen durchnässte wie ein
+Lümpchen.
+</p>
+
+<pb n='7'/><anchor id='Pgp007'/>
+
+<p>
+Ich führte sie. Wie sie so ängstlich trippelte,
+Schrittchen für Schrittchen an meinem
+langen Bergstock! – und doch gläubig. Sie
+hatte Mut nun. Sie wusste, der grosse, grobe
+Mann im braunen Lodenkittel würde sie sicher
+durchsteuern durch das ängstliche, riesige
+Labyrinth von Steinen und Wassern. Es ist
+ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur,
+aber derjenige, dessen man sich am häufigsten
+und reinsten freut, stark zu sein, Mann zu
+sein, und doch Alles wieder nur, um so ein
+kleines, schwaches, weiches Ding festzuhalten,
+zu schützen, das Einen mit einem
+Lächeln um den winzigen Finger wickelt.
+</p>
+
+<p>
+Was soll ich Dir weiter erzählen? Ich stellte
+mich vor. Ich durfte mit den Eltern sprechen.
+Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises –
+allmählich, mit Tasten und Zurückweichen, wie
+es bei vornehmen, vorsichtigen, norddeutschen
+<pb n='8'/><anchor id='Pgp008'/>Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher.
+Zwei ältre Schwestern sind verheiratet. Ein
+Bruder ist Offizier, Leutnant bei den T....er
+Dragonern. Mathilde ist die Jüngste. Mathilde
+– etwas Klares, Reines, altdeutsche Kaiserinnen
+und blonde Burgfrauen. – Wie ich den
+Namen liebe! Sie haben alle hübsche Namen
+in der Familie: Elisabeth, Magdalene. Der
+Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom
+alten Schlage, etwas trocken, etwas zugeknöpft,
+Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die
+Mutter, die echte deutsche Frau, blühend,
+mütterlich, mit geschickten Händen. Etwas
+Reinliches um die Frau, keine Unordnung,
+keine Unklarheiten! Weil ich selbst keine
+Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt,
+diese Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde
+– ich hasse Abkürzungen. Ich nenne
+sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder
+<pb n='9'/><anchor id='Pgp009'/>gar englisch-undeutsch Mattie, Maudie, – es
+passt am besten für sie. Blondes Flechtenkrönchen,
+blonde Augen, eine Haut von der
+Frische und dem duftigen Schmelz des Rosenblattes.
+Ich schwärme für schönen Teint bei
+Frauen. Er scheint mir ein Sinnbild der
+inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest
+sich in den Wellen des Blutes unter der
+Milchweisse der Unschuld.
+</p>
+
+<p>
+Und sie ist ja so kinderjung noch! Es
+ist doch fast eine Sünde. Ich habe Frau von
+B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich
+will um sie werben. Blatt für Blatt möchte
+ich diese Knospe erschliessen, Gedanken,
+Herz, Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele.
+Leib und Seele! welch ein Gedanke! welche
+Aufgabe!
+</p>
+
+<p>
+Ehrfürchtig, fast zagend stehe ich davor.
+Was weiss denn so ein junges Geschöpfchen
+<pb n='10'/><anchor id='Pgp010'/>von der Welt, vom Leben, vom ganzen,
+grossen Menschheitswesen? Dass der liebe
+Gott in sieben Tagen Himmel und Erde geschaffen,
+dass Friedrich der Grosse mit
+einem Krückstock ausging, dass ein gewisser
+Goethe einen gewissen Faust geschrieben
+hat? <hi rend='gesperrt'>Meine</hi> Aufgabe wird es sein, sie
+einzuführen, ihr zu zeigen aus meinem Arm.
+Wie leicht erklärt sich das Rätsel der Welt,
+wenn das Köpfchen so sicher ruht an treuer
+liebevoller Brust!
+</p>
+
+<p>
+Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde
+nicht in Pension gewesen ist. Ich
+hasse diese Ansammlungen an gleichgültigen,
+unheimatlichen Orten unter ungenügender
+Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht
+fehlen können. Ich habe meine ländliche
+Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden.
+Und wenn Ihr mich nachher als
+<pb n='11'/><anchor id='Pgp011'/>„reinen Thoren“ verspottet habt, ich habe
+Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht
+genossen, in kleinen Kursen, mit
+Töchtern ausgewählter Familien. Ihre liebste
+Freundin ist die Tochter eines pensionierten
+Generals, ein lustiges, schwarzäugiges Plaudertäschchen.
+Sie sind fast unzertrennlich,
+da geht dann ein sehr liebliches, beständiges
+Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser
+tausend kleinen Nichtigkeiten, ein neues
+Kleidchen, eine Schwärmerei für einen toten
+Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich
+rührend diese Einfalt gerade ist!
+Sie hat für mich etwas Heiliges. Ich bete,
+dass ich würdig sein möge. Ich prüfe mich
+selbst, meine Gedanken, meine Worte. Selbst
+meine Augen möchte ich bewahren, sie nicht
+vorzeitig zu erwecken, zu beunruhigen, meine
+Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
+</p>
+
+<pb n='12'/><anchor id='Pgp012'/>
+
+<p>
+Lache über mich! Zucke die Achseln!
+Setze Deine spöttischste Mephistomiene auf
+über den Menschen, den Esel, den Dummkopf,
+der in einem sechzehnjährigen Kinde,
+einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat,
+eine Krone, eine Erlösung!
+</p>
+
+<signed rend="text-align: left">Ich bin glücklich!&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Dein Achim.</signed>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='13'/><anchor id='Pgp013'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zweiter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow, Templin
+bei Rathsdorf, Kreis Jüterbog in der Mark.</byline>
+
+<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2">
+Teurer Parzival!
+</salute>
+
+<p>
+Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe weder gelächelt, noch eine spöttische
+Miene aufgesetzt. Ich kannte ja die
+dicken Couverts, das Wappen Semper idem,
+die engbeschriebenen Seiten à la Hainbundjüngling.
+</p>
+
+<p>
+Aber ich habe nicht gelächelt. Nur geseufzt
+habe ich! Kommt denn der Mensch
+nie aus dem Zahnen heraus!
+</p>
+
+<p>
+Da habe ich ihn mühsam einer angejahrten,
+stark magdalenenhaften Witib aus
+den Fängen gerissen, nun fällt er auf einen
+<pb n='14'/><anchor id='Pgp014'/>Backfisch herein, einen Berliner Backfisch,
+eine Geheimratstochter! – Mensch! Mensch!
+Die Götter wollen Dein Verderben.
+</p>
+
+<p>
+Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne
+das Original. Ich sehe es zu Dutzenden alle
+Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz,
+manchmal noch mit der Schulmappe
+und dem Bammelzopf sogar, das
+äugelt und kichert auf der Pferdebahn, giebt
+sich in Konditoreien Rendezvous, liest Tovote
+und Maupassant, wo Leihbibliotheksjünglinge
+erröten, und träumt von chambres séparées,
+alten Männern mit Millionen und
+Hausfreunden, die Gesandtschaftsattachés
+sind.
+</p>
+
+<p>
+Der Schändliche! Der Pessimist! wirst
+Du sagen, und dann kommt die ganze Philippika
+gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
+</p>
+
+<pb n='15'/><anchor id='Pgp015'/>
+
+<p>
+Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal
+Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so
+schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich
+waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke
+gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und
+staune.
+</p>
+
+<p>
+Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich
+neige in Demut vor der skeptischen Thatsache
+mein mephistophelisches Haupt: Leben!
+Du bist doch noch eine ärgere Komödie als
+ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl,
+alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.
+</p>
+
+<p>
+Übrigens ja doch! lachen musste ich
+doch.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen,
+blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter
+aus W.....
+</p>
+
+<p>
+Weisst Du noch, wenn Du mir
+Stand<pb n='16'/><anchor id='Pgp016'/>reden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet
+warst, mich der Phantasie beschuldigtest,
+teuflischer Verführungskünste?
+</p>
+
+<p>
+Diesmal wirst Du wenigstens zugeben
+müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu
+gekommen bin, auf die allerunschuldigste,
+buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen
+Freunden u. s. w.“
+</p>
+
+<p>
+Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft
+und wickelkindsfromm in Morpheus Armen,
+als Martin zwei Damen meldet.
+</p>
+
+<p>
+Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er
+hat dann förmlich etwas Priesterliches, die
+Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste
+öffnet.
+</p>
+
+<p>
+Neulich war meine liebe, alte, dicke
+Schwester Jule bei mir, die in München der
+edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich
+das garstigste, ehrlichste, fidelste
+Frauen<pb n='17'/><anchor id='Pgp017'/>zimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen
+Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende
+im moralischen Leben.
+Martin bediente uns während des Essens
+mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit,
+die anfing lähmend zu wirken. Jule
+wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten
+Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit
+und liebt es, denselben goutiert zu sehen
+auch von den geringeren Göttern. Martin
+zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf
+sie einen fast schüchternen Seitenblick auf
+sein glattes, undurchdringliches Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Diner der Kaffee. Martin
+huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle
+Jalousieen heruntergelassen und die Stores
+vorgezogen – notabene es war drei Uhr
+nachmittags. Die Lampen brennen durch
+rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft
+<pb n='18'/><anchor id='Pgp018'/>wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht
+sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem
+Tabak und giesst einen Cognac
+nach dem andern hinter die Binde. Martin
+präsentiert Feuer von dem züngelnden
+Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und
+träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib
+einer schlanken, schilfentsprossnen Najade.
+Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin
+hatte beides vorsorglich von dem Riegel im
+Entree weggetragen und hinter einer opportun
+aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen
+Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt
+das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden.
+Im Schlafzimmer ist es Nacht.
+Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder
+gelber Seidenkouvertüre. Über
+dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido,
+lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches
+Flämm<pb n='19'/><anchor id='Pgp019'/>chen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert,
+Kämme, Brennscheere, langbeinige
+Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes
+Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule
+trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
+</p>
+
+<p>
+„Du –“, sagte meine alte brave Schwester,
+wiedereintretend, mit einem sehr energischen
+Klink der Thür, der ihm durch und durch
+gehen musste. „Wenn der im Paradies dabei
+gewesen wäre, den Apfel hätte der liebe Gott
+sich sparen können.“
+</p>
+
+<p>
+Also Martin meldet. Du weisst, dass Höflichkeit
+gegen das weibliche Geschlecht eine
+schwache Seite von mir ist. Wenn Du wüsstest,
+was ich durch diese Höflichkeit schon
+gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
+</p>
+
+<p>
+Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick
+in den Spiegel, eine Handbewegung nach
+dem Schnurrbart, eine ebensolche an die
+<pb n='20'/><anchor id='Pgp020'/>Halsbinde. Der äussere Mensch wäre gerüstet.
+</p>
+
+<p>
+Mein Junggesellenheim kann sich immer
+zeigen. Das ist mein Stolz, und Martin ist
+darin gut erzogen. En avant donc!
+</p>
+
+<p>
+„Meine Damen, was verschafft mir die
+Ehre?“ Zwei Backfische, allerliebst! ein blonder
+und ein brauner, süss, frech, puterrot. Aus
+gutem Hause – Handschuh, Stiefel – viel
+Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind doch der berühmte Herr Gröndahl?
+Wir haben Ihr Buch: „Verbotne
+Früchte“ gelesen. Meine Freundin und ich
+wollten Sie gern mal kennen lernen.“
+</p>
+
+<p>
+Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis
+mit dreisten, hellen Augen. Die Blonde
+steht verschämt mit schlagenden Wimpern.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin meinem Buche sehr dankbar,
+dass es mir solch reizende Bekanntschaft
+<pb n='21'/><anchor id='Pgp021'/>vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz
+nehmen, meine Damen?“
+</p>
+
+<p>
+Sie setzen sich, beide natürlich auf einen
+Stuhl. Sie kichern. Die Blonde bearbeitet die
+Braune sehr energisch in der Knie- und
+Ellenbogengegend.
+</p>
+
+<p>
+Die ist schon ganz frech: „Ich heisse
+Kathinka Schnebeling und meine Freundin
+heisst Isolde Schulze. Wir schwärmen für
+moderne Litteratur. Meine Freundin schwärmt
+für Ihre Bücher. Sie hat auch eine Photographie
+von Ihnen. Sie hat sie bei sich.“
+</p>
+
+<p>
+„Und nun sind Sie sehr enttäuscht natürlich
+– ein alter Mann mit einem kahlen Kopfe....“
+</p>
+
+<p>
+Erneutes Kichern. Diese kleinen Mädchen
+müssen sehr solide Knochen haben,
+dass sie ihre gegenseitigen Püffe und Ellenbogen
+so gut vertragen.
+</p>
+
+<p>
+„Unsre ganze Klasse schwärmt für:
+„Ver<pb n='22'/><anchor id='Pgp022'/>botne Früchte“. Wir haben es Alle gelesen.
+Oh wir lesen Alles!“
+</p>
+
+<p>
+Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz
+kurzen Sätzen.
+</p>
+
+<p>
+Ich spiele den Moralisten: „Das ist doch
+aber eigentlich in Ihrem Alter ....“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten
+gewesen mit meinem Vetter Hubi und
+„Sodoms Ende“ haben wir gesehen, heimlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Der Vetter Hubi ist ein glücklicher
+Mensch ... Aber merkt denn das Ihre Frau
+Mama oder Ihr Herr Vater nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt
+Patiencen,“ (schriftlich nicht wiederzugebende
+Nüance der Verachtung für diese ehrenwerte
+Beschäftigung des wackren alten Herrn).
+„Itta“ – was diese kleinen Mädchen für Namen
+haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy,
+eine Mischung von Kätzchenmiauen und
+<pb n='23'/><anchor id='Pgp023'/>Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter,
+christlicher Vorname ebenso unmöglich
+wäre wie ein ordentliches, honettes Ja
+oder Nein – –, „Itta wollte so gern zu
+Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta
+schwärmt für Künstler. Ich habe Offiziere am
+liebsten, hauptsächlich Garde und Kavallerie.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Kitty!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Also die Blonde! Die Blonde war auch
+eigentlich die Niedlichste.
+</p>
+
+<p>
+Ich liess Wein und Süssigkeiten bringen.
+Martin ist darin vollkommen.
+</p>
+
+<p>
+Sie knabberten wie die Mäuse. Von dem
+Wein nippten sie nur.
+</p>
+
+<p>
+Dabei gingen die Augen im Zimmer herum.
+Sie brannten förmlich vor Interesse. Eine
+dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin
+auf meinem Schreibtisch enttäuschte sie
+sichtlich: „Ach die Kaiserin!“ ... Einige
+Bou<pb n='24'/><anchor id='Pgp024'/>chers entschädigten sie etwas. Sie stiessen
+sich an und kicherten. Sicher hatten sie erwartet,
+die ganzen Wände voll nackender
+Frauenzimmer zu finden, alle fünf Barrisons
+mindestens!
+</p>
+
+<p>
+„Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe
+kriegen? Olga Krohn sagt es.“
+</p>
+
+<p>
+Olga Krohn ist ein charmantes Mädchen.
+Ich zeige männliche Bescheidenheit: „Ab
+und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen
+einem armen Sterblichen ihre Gunst erweisen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber furchtbar viel Lieben haben Sie
+gehabt?“
+</p>
+
+<p>
+„Es giebt soviel Liebreiz in der Welt.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind sicher schon oft sehr unglücklich
+gewesen?“
+</p>
+
+<p>
+„Unsäglich!“
+</p>
+
+<p>
+Dabei betrachten sie mich kritisch wie
+zwei kleine, menschenfressende Ungeheuer,
+<pb n='25'/><anchor id='Pgp025'/>ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust
+aufknöpfen und das traditionelle blutende
+Herz mit dem grossen Knax mittendurch
+entfalten werde.
+</p>
+
+<p>
+„Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen
+und gänzlich unromantischen Person ..“
+</p>
+
+<p>
+Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi,
+Gymnasiasten, einem Studenten, einem Courmacher
+der Blonden ... Was die Eine nicht
+sagte, verriet die Andre, – die Braune immer
+ein Schrittchen voraus und die Blonde nachhelfend
+... von Susi Hausner und Litty Mehring
+und Daisy Grimme ... Oh, die war ganz
+schlimm, Daisy Grimme!
+</p>
+
+<p>
+Und als ich ganz bescheidentlich einmal
+einen rein technischen Zweifel zu äussern
+wage inbetreff der „Gelegenheit“ ... Man
+hatte ja seine Musikstunden, Kurse, die
+Schneiderin zum Anprobieren. Das System
+<pb n='26'/><anchor id='Pgp026'/>funktionierte vorzüglich. Eine ganze geheime
+Konnivenz aller dieser Faktoren
+blickte durch, die Angst, Schülerinnen zu
+verlieren, Kundschaft einzubüssen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sage Dir, es war entzückend, die
+beiden heissen, niedlichen, kleinen Käfer!
+</p>
+
+<p>
+Es schlägt sechs Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Die Braune erhebt sich: „Jetzt müssen
+wir aber gehn.“
+</p>
+
+<p>
+„Schon?“
+</p>
+
+<p>
+Mit einem ermutigenden Puff an die
+Blonde: „Du kannst ja wiederkommen.“
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Ich!</hi> „Wenn ich auf ein solches Glück
+hoffen dürfte?“ ...
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde Ihnen schreiben,“ haucht die
+Blonde.
+</p>
+
+<p>
+Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der
+stumme Handkuss ist ausserordentlich wirkungsvoll,
+ehrfürchtig, bescheiden,
+viel<pb n='27'/><anchor id='Pgp027'/>sagend – und stumm! Ich empfehle Dir den
+stummen Handkuss. – – –
+</p>
+
+<p>
+Ich muss gestehen, etwas chokiert war
+ich doch.
+</p>
+
+<p>
+Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas
+sind am Ende unsre Schwestern. Sowas heiratet
+man. Mit sowas setzt man Töchter in
+die Welt, die wieder schlechtbeleumundeten
+Junggesellen auf die Bude rücken. Brrr .....
+</p>
+
+<p>
+Da hast Du was für Dein glühendes Herz!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='28'/><anchor id='Pgp028'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Dritter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze
+getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen,
+alter Seelenvergifter!
+</p>
+
+<p>
+Ich flüchte mich einfach zu Mathilde.
+Wenn man die Thatsache vor sich sieht,
+schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem
+die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht
+weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher
+entrüstet sich nicht einmal moralisch.
+</p>
+
+<p>
+– – – – Sie ist noch immer geschlossen,
+süss und ahnungslos.
+</p>
+
+<p>
+Aber manchmal kommt es mir vor, als
+ginge ein Erschauern durch die schlanke
+Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung
+künf<pb n='29'/><anchor id='Pgp029'/>tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher
+Sonnenwärme.
+</p>
+
+<p>
+Wir sassen auf dem Balkon.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah sie wohl zu heiss an.
+</p>
+
+<p>
+Sie verwirrte sich. Sie war still.
+</p>
+
+<p>
+Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren
+Ausdruck als den Koriolans an sein
+Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt
+darin eine solche Tiefe der Unberührtheit.
+Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar,
+auf Dich zum Beispiel. Nur die
+Natur hat dieses Schweigen – der See –
+der Himmel – die Frau ...
+</p>
+
+<p>
+Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk
+kennen zu lernen. Sie hat im Hause
+ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten,
+Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao
+zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen
+hält sie selbst in Ordnung, die kleinen
+Röck<pb n='30'/><anchor id='Pgp030'/>chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen.
+Die Mutter hat sie schlicht und häuslich
+erzogen, wie sie selber ist. Mathilde
+kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen
+selber führen. Ich finde das entzückend.
+</p>
+
+<p>
+Dazu nimmt sie noch einige Stunden
+weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W.
+Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu
+zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl
+ein kleiner Spaziergang mit der Freundin
+verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich.
+Wie das schwätzt und schnäbelt!
+– all diese unschuldigen Vertraulichkeiten,
+die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn
+Jahre.
+</p>
+
+<p>
+Das thut mir manchmal fast weh.
+</p>
+
+<p>
+Wieviel muss da sein, von dem wir nichts
+ahnen, für das wir kein Verständnis haben,
+ein grober, einfacher Landjunker, wie ich,
+<pb n='31'/><anchor id='Pgp031'/>ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen,
+den Frauen gegenüber ein schüchterner
+Stümper!
+</p>
+
+<p>
+Wieviel andrerseits haben wir nicht zu
+geben, einzuweihen hinein!
+</p>
+
+<p>
+Vorerst mein liebes, altes Templin selbst
+mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten.
+Unsre Mark <hi rend='gesperrt'>hat</hi> Schönheiten, ihre
+sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich
+nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde,
+dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt,
+Italien, Norwegen – das Meer ...
+</p>
+
+<p>
+Die Partenkirchner Tour war ihre erste
+Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich
+bin, soviel Schönes erschliessen kann für
+mein Lieb.
+</p>
+
+<p>
+Wie wird sie staunen vor den grossen
+Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische
+Berlinerin, die nichts kennt!
+</p>
+
+<pb n='32'/><anchor id='Pgp032'/>
+
+<p>
+Alle meine Lieblingsbücher will ich mit
+ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm.
+</p>
+
+<p>
+Selbst eine gute Patriotin soll sie werden,
+teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen,
+die das Vaterland bewegen, stolz sein
+auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus,
+unsern herrlichen, alten Bismarck.
+</p>
+
+<p>
+Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein
+vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“
+</p>
+
+<p>
+Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens
+würdig finden.
+</p>
+
+<p>
+Bin ich ihrer würdig?
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du
+weisst, ich habe nie ein ausschweifendes
+Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets
+abgestossen, sowohl bei Männern wie bei
+Frauen, und keine künstlerische Verklärung,
+keine Sophismen der Leidenschaft es in
+meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr
+<pb n='33'/><anchor id='Pgp033'/>verspottet mich oft mit meinen Ansichten,
+meiner Josephhaftigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Und doch, wieviel bleibt haften auch in
+einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke
+– was man vielleicht nur gehört, gesehen
+hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit
+gegen Mathildens strahlende, unbewusste
+Reinheit und Unschuld. Ich zittre,
+dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache
+meine Worte, meine Blicke. Fast
+versuche ich, meine Stimme zu mässigen.
+</p>
+
+<p>
+Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche
+mit ihr! Ich frage und sie antwortet:
+Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen
+Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt,
+er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift
+auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge
+mich wert machen, dass es die rechte
+Schrift sei!
+</p>
+
+<pb n='34'/><anchor id='Pgp034'/>
+
+<p>
+Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.
+</p>
+
+<p>
+Als ich um die Nachmittagsstunde zum
+Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast,
+wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau
+von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört
+zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es
+geht nicht anders, man kann nicht die Erste
+sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher
+esprit de corps mit in Frage.
+</p>
+
+<p>
+Es ist ja auch was Wahres dran. Wie
+ich diese laxe Moral der Welt hasse!
+</p>
+
+<p>
+Auch Mathilde war im Salon. <hi rend='gesperrt'>Sie</hi> sprach
+mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige
+Stirn. Dies Weib! mit meinem
+Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna!
+</p>
+
+<p>
+Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher
+Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig,
+hat ihre Partei.
+</p>
+
+<pb n='35'/><anchor id='Pgp035'/>
+
+<p>
+Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den
+Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es
+ist gegen ihren Willen heute geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen
+sah mich halb erschrocken an, welche böse
+Laune den Freund heut plage. Ach wenn
+Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist,
+die mich zittern macht, sonst nichts, nichts
+auf der Welt, seit ich Dich habe!
+</p>
+
+<p>
+Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt
+ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir
+fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige
+Thränen einer süssen Furcht. Ob sie
+abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen
+wohl öfters wachliegt und an was sie denkt?
+Ob sie dann auch an mich denkt?
+</p>
+
+<p>
+Noch ein entzückender Zug.
+</p>
+
+<p>
+Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen
+erwartet, schon das vierte.
+</p>
+
+<pb n='36'/><anchor id='Pgp036'/>
+
+<p>
+Es war die Rede von der kleinen Ausstattung,
+Hemdchen, Bettchen, die man besorgen
+müsste. Die beiden Frauen sprachen
+leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln
+ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll
+wie vor einer Weihnachtsbescherung.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde war hinausgegangen um sich
+eine Schere zu holen.
+</p>
+
+<p>
+„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau
+von B. lächelnd.
+</p>
+
+<p>
+Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese
+Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt.
+Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben,
+wenn Alles rein und licht ist,
+mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='37'/><anchor id='Pgp037'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Vierter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren,
+mehr von der psychologischen als
+von der persönlichen Seite. Ich bin schon
+so weit. Das bringt das Handwerk mit sich,
+die Seziergewohnheit.
+</p>
+
+<p>
+Also am Mittwoch ein zierliches, rosa
+Billetchen, Höheretöchterschrift, steil, zimperlich,
+kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie
+mich morgen um dieselbe Zeit. Ich komme
+allein. Ihre J.
+</p>
+
+<p>
+Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle
+und sieht aufmerksam und erwartungsvoll
+aus. Da stand sie in ihrem
+dunkelblauen Kleidchen mit schwarzem
+Astrachan, glühendrot.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal küsste ich sie natürlich.
+</p>
+
+<p>
+Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst
+<pb n='38'/><anchor id='Pgp038'/>halte. Einige Menschen werden sie nie kapieren,
+Du zum Beispiel! Im Kuss liegt
+Alles: Anfrage, Bestätigung – Grenze ...
+Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen,
+leichten Voranschlag. Man macht dann keine
+Dummheiten und Ungeschicklichkeiten hinterher.
+</p>
+
+<p>
+Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd,
+aber stillehaltend. Das Herzchen
+bupperte zum Zerspringen, halb von der
+Angst. „Es merkt es doch auch niemand?“
+</p>
+
+<p>
+Ich beruhigte sie: Eine Etage höher
+wohnt ein Photograph, da hätten Sie immer
+hingehen können, wenn Ihnen jemand auf
+der Treppe begegnet. Das Schlafzimmer hat
+einen zweiten Ausgang nach dem Hofe.
+Martin ist verschwiegen wie das Grab.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte über das Alles nachgedacht.
+Sie liess sich noch mal so nett küssen hinterher.
+</p>
+
+<pb n='39'/><anchor id='Pgp039'/>
+
+<p>
+Dann die moralischen Garantien.
+</p>
+
+<p>
+„Du denkst doch auch nichts Schlechtes
+von mir, dass ich wegen „dem“ gekommen
+<anchor id="corr039"/><corr sic="bin?">bin?“</corr> (in Parenthese – hast Du schon jemals
+eine Frau getroffen, die „wegen“ mit dem
+Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie
+trägt Jägerwäsche und philosophiert im
+Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht! Es
+ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen
+habe – und es ist so schrecklich langweilig
+zu Hause, und weil Du so nett bist.“
+</p>
+
+<p>
+Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie,
+küsse ihr die weisse Kehle rot und beisse
+sie ins Ohrläppchen.
+</p>
+
+<p>
+Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und
+zuckrig wie Apfelhälften! und das Hälschen
+so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken
+und festhalten, dünn, weich und unzerreissbar
+wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner,
+<pb n='40'/><anchor id='Pgp040'/>rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung
+und Klage. Der Sirenenton.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe jetzt auch einen Namen für sie:
+Wassernixchen. „Nixchen“ passt ausgezeichnet.
+Es charakterisiert das ganze Genre,
+lüstern, spitzbübisch, zur Liebe geschaffen,
+unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!
+</p>
+
+<p>
+Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen.
+Das geht zu glatt: „Ich liebe
+Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern!
+Du bist der einzigste, himmlischste Mann,
+den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.
+</p>
+
+<p>
+Dazu kein lautes Wort, keine hässliche
+Geste, immer kleine Dame, so sauber, weiss
+und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine
+Dingelchen! Ich habe die Kerle nie begriffen,
+die sich in Schwarzenseifengeruch und wattierte
+Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr
+Ästhetiker dazu.
+</p>
+
+<pb n='41'/><anchor id='Pgp041'/>
+
+<p>
+Und dann das Psychologische! das ist
+einfach unbezahlbar.
+</p>
+
+<p>
+Dann wird sie Meister und ich demütiger
+Schüler. Ich staune, was der Balg weiss.
+Und woher weiss sie es?
+</p>
+
+<p>
+Sie lacht: „Das wissen wir Alle.“
+</p>
+
+<p>
+Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir
+eine ganze soziale Unterschicht, von der wir
+keine Ahnung haben, eine Haremswelt,
+weisse Pensionatsbettchen, in denen man
+sehr dicht aneinander schläft, Dienstbotengeschichten,
+am Schlüsselloch Erlauschtes,
+eine spielerische, knabbernde Lüsternheit an
+Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor
+dieser Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes,
+Heimtückisches, ein Humor von Hinterhof
+und Watteauboudoir. Sie erzählte mir
+eine Geschichte von einer Bekannten, einer
+vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter,
+<pb n='42'/><anchor id='Pgp042'/>die ihrem Ehemann vor der Nase mit einem
+Geliebten aus dem Cirkus durchging, während
+er mit ihrer Reisetasche und ihrem
+Regenschirm auf dem Perron stehen blieb.
+Dieser Regenschirm und diese Reisetasche
+erheiterten sie, kitzelten sie in ihrer kleinen,
+perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Dann hat man Brüder, Vettern ... Der
+„Vetter“ verdiente eine extra Naturgeschichte.
+Sowas ist nicht mehr ganz Bruder
+und noch nicht ganz „fremder Mann“. Es
+hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu
+brauchen. Sowas kompromittiert nicht und
+verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint es
+ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb-
+und Mittelwesen, für diese delikaten, schummrigen
+Übergangsstadien, éclaireur-Dienste,
+Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders
+explizit in dem Punkte. Sie hat Angst
+<pb n='43'/><anchor id='Pgp043'/>vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit
+des „Vetters“. Irgendwo und irgendwann ist
+er überall mal dagewesen. Du magst noch
+so früh aufstehn und noch so fein deduzieren:
+Im Anfang war der Vetter. Ich gebe Dir
+das als Axiom.
+</p>
+
+<p>
+Dann will sie Abenteuer von mir wissen.
+Darin ist sie unersättlich. Es ist die Phantasie
+eines kleinen Ungeheuers, die sich zu
+befriedigen sucht: Notzucht, Incest, Unnatur.
+Die ganze Weltgeschichte, die ganze
+Kunst, die halbe Religion mindestens ist für
+sie nur das. Das merkt sie sich, das hat sie
+behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit
+etwas Imponierendes und Schreckliches:
+Der Pfeil, der sehr grade abgeht,
+mitten ins Leben, in den Herzpunkt, die
+Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! –
+Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“
+</p>
+
+<pb n='44'/><anchor id='Pgp044'/>
+
+<p>
+Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft
+interessieren sie, Whipchen, Martin, der bric
+à brac.
+</p>
+
+<p>
+Und Küssen zwischendurch!
+</p>
+
+<p>
+Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie.
+Dazu ist sie zu subtil, zu wenig Natur.
+</p>
+
+<p>
+Das ist Alles spielerisch wie bei einer
+jungen Katze. Sie lässt sich küssen, streicheln,
+anfassen ....
+</p>
+
+<p>
+Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen,
+die Angst vor dem Wehthun, dem
+Baby, die Heiratschance.
+</p>
+
+<p>
+Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir
+haben kein Vermögen. Else und Dada
+haben auch geheiratet.“
+</p>
+
+<p>
+Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen.
+Das ist das Vernünftige, die Versorgung.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue
+Ehefrau.
+</p>
+
+<pb n='45'/><anchor id='Pgp045'/>
+
+<p>
+Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
+</p>
+
+<p>
+Die falsche, unnatürliche Erziehung, die
+Heimlichthuerei. Was haben die Würmer zu
+hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt,
+den sie sich nicht mal selbst aussuchen können,
+der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal
+wie eine Cocotte. Kann man sich verwundern,
+wenn sie vorher etwas Champagnerschaum
+schlürfen wollen?
+</p>
+
+<p>
+Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv,
+so ’n kleines, dummes Ding, nicht für
+zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen,
+total ungebildet, wie eine orientalische Haremsdame!
+</p>
+
+<p>
+Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt
+sich ganz instinktiv: „Der ist der Richtige.
+Der versteht etwas von der Sache. Il sait
+aimer.“
+</p>
+
+<p>
+„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre
+ein<pb n='46'/><anchor id='Pgp046'/>zige Angst, eine süsse, gruselige Angst. Dann
+kichert sie über die dummen Menschen,
+Papa, Mama, die Leute, da unten auf der
+Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in
+seiner Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
+</p>
+
+<p>
+Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist
+so unmoralisch!“ ..
+</p>
+
+<p>
+Dann küsse ich sie wieder.
+</p>
+
+<p>
+Sie legt mir die Ärmchen um den Hals,
+nennt mich Engelchen, Liebling, süsses Herz
+– und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
+</p>
+
+<p>
+Kleine Kanaille! – Na, das sind sie
+Alle.
+</p>
+
+<p>
+Bewunderungswert bleibt eigentlich nun
+immer die Dummheit der Männer, der Glaube
+an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige
+ist, dem das Wunder passiert.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='47'/><anchor id='Pgp047'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfter Brief."/>
+<head>Fünfter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Weisst Du, dass ich manchmal förmlich
+Mitleid mit Dir habe, dass es mir vorkommt,
+als müsste ich Dich bekehren.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest
+glauben und niederknieen wie ich.
+</p>
+
+<p>
+Schon wenn ich das Haus betrete, das
+friedliche, wohlgeordnete. – Die einigen
+Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.
+Wenn er erst männlich
+auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie
+wohl nach, eine echte und kluge Frau, um
+vielleicht im geeigneteren Moment den praktischeren
+Vorschlag wieder anzubringen, ihn
+zu suggerieren als eignen Beschluss.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe jetzt auch den Bruder kennen
+<pb n='48'/><anchor id='Pgp048'/>gelernt, der augenblicklich zum Telegraphendienst
+hierher kommandiert ist. Ein echtes
+Reiterblut, frisch und frei mit vortrefflichen,
+ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt
+doch das Band, das Altpreussen zusammenhält,
+dem Einzelnen Kandare giebt, wenn er
+auch ab und zu, wie er mir selber freimütig
+gestand, etwas über die Stränge geschlagen
+hat.
+</p>
+
+<p>
+Natürlich stellte ich ihm für vorkommende
+Fälle meinen Kredit zur Verfügung,
+ganz unter uns, als Bruder und Kamerad.
+Bin ich denn nicht sein Bruder, der Bruder
+ihres Bruders?
+</p>
+
+<p>
+Er musste mir in die Hand versprechen,
+dass dies Abkommen zwischen uns nicht nur
+leere Phrase sein soll.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses.
+Sie kennt die kleinen Liebhabereien des
+<pb n='49'/><anchor id='Pgp049'/>Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt,
+bringt ihm das Feuerzeug. Der Mutter geht
+sie hilfreich zur Hand in den kleinen Arrangements
+für Gesellschaften. Sie schmückt
+dann die Tafel, legt Silber und Krystall auf,
+immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen
+Anmut. Wie sie Alle lieben! Und ich liebe
+sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb haben,
+weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe,
+die Süssigkeit eines Kreises teilnahmsvoller,
+geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören,
+denen ich etwas bin. Sie sollen Alle
+die Meinen werden.
+</p>
+
+<p>
+Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
+</p>
+
+<p>
+Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte
+sich ganz zufällig so gefunden.
+</p>
+
+<p>
+Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten
+Gefühl von etwas Aussergewöhnlichem,
+Nahendem.
+</p>
+
+<pb n='50'/><anchor id='Pgp050'/>
+
+<p>
+Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges
+zu sprechen, wo ich ihr doch am liebsten
+zu Füssen gefallen wäre.
+</p>
+
+<p>
+Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich
+gerührt hat.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher
+Stunde. Gesellschaftsklug werde ich ja nie.
+Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner,
+grosser, weisser Schürze. „Wir
+haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens
+Stübchen.“
+</p>
+
+<p>
+Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess
+mich in der Thüre stehen, während sie selbst
+am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline
+ordnete.
+</p>
+
+<p>
+Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss.
+Über dem Bett die Raphaelschen Engelsköpfchen,
+– ein Bücherbrettchen, Geibel,
+<pb n='51'/><anchor id='Pgp051'/>Frauen-Liebe und Leben, Schillers Werke,
+Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische
+Tauchnitzromane ...
+</p>
+
+<p>
+Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte
+Gebilde nicht zu zerstören, zart genug zu
+sein, hochherzig, ritterlich!
+</p>
+
+<p>
+Auch die zweite Schwester, Frau Buderus,
+ist jetzt aus dem Süden zurückgekehrt.
+Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder.
+Sie ist sehr schön. Ein Schatten von Schwermut
+macht dies schöne, stolze Gesicht fast
+noch anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben.
+Aller Reichtum, die Zerstreuungen
+der grossen Welt, die ihr in so reichem
+Masse zu Gebote stehen, können ja einem
+Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.
+</p>
+
+<p>
+Bei der ältesten Schwester ist das freudige
+Ereignis nun eingetreten. Ihr Mann ist
+Hauptmann im Generalstab, ein
+ausser<pb n='52'/><anchor id='Pgp052'/>ordentlich tüchtiger und strebsamer Offizier.
+</p>
+
+<p>
+Sie müssen sich einschränken. Wie ich
+sie liebe, diese Einschränkung um der Liebe
+willen, diese braven, tapferen zwei Menschen,
+die trotz der heutigen Anforderungen des
+Lebens und der Gesellschaft es gewagt
+haben, der Stimme des Herzens zu folgen.
+</p>
+
+<p>
+Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben,
+Mütter sind. Es ist solch hübsches Symbol,
+die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung
+erst der Frau, die Erfüllung überhaupt
+des Lebens, vor der die ganze sündige
+Welt niederkniet, gläubig und erlöst.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='53'/><anchor id='Pgp053'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Sechster Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese
+ganze Familie liegt vor mir wie ein aufgeschlagenes
+Buch. Ich sehe sie Alle, Herz
+und Nieren.
+</p>
+
+<p>
+Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts
+stossend, fortwährend thätig, um mit schmalen
+Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten
+herauszuschlagen. Daher dann im
+Hause fortwährende Nörgeleien, Sticheleien.
+Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch
+dieser Familie ist Geld. Vor jeder Gesellschaft
+erst ein Zank. Er will nicht mehr,
+Er ist alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt
+oder Eberswalde vier Stübchen haben,
+<pb n='54'/><anchor id='Pgp054'/>Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht
+den Frack an, er buckelt und schustert
+weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Das Nixchen steht natürlich auf Seiten
+der Mutter. „Mama“ ist eine grosse Frau.
+Was Mama will, geschieht. Und Mama hat
+immer recht.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen.
+Mit der Ersten haperte es. Die
+Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe
+er, aber er hatte ja Karriere vor sich. Thränen
+und Szenen in der Familie. Man hielt
+ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter
+Dach und Fach waren. Seitdem ersticken
+sie in Brut.
+</p>
+
+<p>
+Das ist Mamas Hauptärger. Auch das
+Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie
+kann man nur! Sie könnten doch wirklich
+<pb n='55'/><anchor id='Pgp055'/>„was thun“ – wo er noch nicht mal Major
+ist.“ – Über das „was“, das man thun
+könnte, scheint sie sich ziemlich im klaren
+zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich
+nicht, wenn die Diskussion heftig wird.
+</p>
+
+<p>
+Die Zweite war die Schönheit der Familie.
+Die sollte hoch hinaus, wurde auf Excellenzen-
+und Verwandtenbesuch geschickt
+mit Toiletten und Dekolettiertheiten. Einem
+kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit
+einem Marinevetter machte die Mama ebenso
+nachdrücklich wie effektiv ein Ende. Der
+Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl,
+aber Geld, schweres Geld. Dada entschädigt
+sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht
+gekommen. Das Nixchen erzählt mir Alles:
+„Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben
+eine Wohnung hier irgendwo.
+</p>
+
+<p>
+Es findet Dada nicht zu bedauern.
+</p>
+
+<pb n='56'/><anchor id='Pgp056'/>
+
+<p>
+Der Bruder ist der Liebling der Mutter,
+der echte Bruder Liederlich, macht Schulden,
+jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit
+Einschluss des geheimrätlichen Küchenpersonals,
+zur grossen Erheiterung des Nixchens.
+Daher fortwährende Szenen. Der
+reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen.
+Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du,
+es ist manchmal unausstehlich bei uns.“ Ich
+glaube es gern.
+</p>
+
+<p>
+Auch das Nixchen hat einen Freier auf
+der ersten versuchsweisen Angelreise eingefangen,
+ein ländlicher, reicher Mensch, mit
+vornehmem Namen.
+</p>
+
+<p>
+Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann
+hat er so grosse Hände!.. Nicht halb so
+nett wie Du!“ ....
+</p>
+
+<p>
+Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie
+natürlich fest entschlossen ist, ihn zu
+neh<pb n='57'/><anchor id='Pgp057'/>men, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
+</p>
+
+<p>
+Oh, Weiber!
+</p>
+
+<p>
+Arme Natur, wo bist du?
+</p>
+
+<p>
+Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie
+einige ganz hübsche Details.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich musst du immer thun, als
+wüsstest du von nichts. Das ist die Hauptsache.
+Wenn er kommt, ganz erstaunt sein
+und weglaufen, um sich die Haare zu
+machen, wo Mama schon den ganzen Morgen
+auf ihn lauert, und ich meine neue Bluse
+angezogen habe ... Alles glauben, was er
+sagt, gar nicht fragen! Als ob wir uns nicht
+ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti,
+was er hat und woher er stammt. Mama
+spricht immer, als ob ich ein Kind wäre,
+dass ich noch mal in Pension soll. Dabei
+hat sie schon alle Zimmer eingerichtet auf
+<pb n='58'/><anchor id='Pgp058'/>seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem
+Bruder heimlich was abgeben soll, wenn wir
+verheiratet sind. Aber ich werde es grade
+thun! Ich habe genug von der poveren
+Wirtschaft zu Hause!“
+</p>
+
+<p>
+Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!
+</p>
+
+<p>
+Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich
+in ihrer Art, mit ihren kleinen, prüden
+Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über
+den Schopf fährt, die Küsse .. sie drückt
+dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal
+küsst sie mich sogar auf den Mund
+jetzt: „Ich könnte sterben für dich! Wahrhaftig!“
+</p>
+
+<p>
+Man könnte es fast glauben. Dann stelle
+ich sie auf die Probe: „Wir könnten uns
+doch heiraten“ ....
+</p>
+
+<p>
+Sie wird dann sofort wieder Nixchen:
+<pb n='59'/><anchor id='Pgp059'/>„Ein Künstler wie du .. und sieh mal, er ist
+Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe
+mit mir gehn, hat Mama gesagt, und ich
+nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. –
+Man muss doch vernünftig sein, Schatz.“
+</p>
+
+<p>
+Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine
+kleine, weisse, sehr artige Madonna.
+</p>
+
+<p>
+Ich liege auf der Chaiselongue und
+staune.
+</p>
+
+<p>
+... „Und sieh mal, Dich <hi rend='gesperrt'>liebe</hi> ich doch.
+Du bist doch meine wirkliche, einzige Liebe.
+Du <hi rend='gesperrt'>hast</hi> mich doch.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann
+sie ordentlich sentimental werden:
+</p>
+
+<p>
+„Du bist so frivol!... Und ich liebe
+dich doch so sehr, und Liebe ist doch nichts
+Schlechtes.“ ...
+</p>
+
+<p>
+Eigentlich könnte man sie durchprügeln.
+</p>
+
+<p>
+Aber echt ist sie.
+</p>
+
+<pb n='60'/><anchor id='Pgp060'/>
+
+<p>
+„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“
+</p>
+
+<p>
+Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt
+sie ihr Köpfchen an meinem Halse und
+küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....
+</p>
+
+<p>
+Ich kitzle sie. Voilà.
+</p>
+
+<p>
+Weisst Du, an was sie mich erinnert?
+</p>
+
+<p>
+Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten
+neuen Ziergläser in den Handel
+gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle
+heissen. Das ist meine Schwärmerei. Ich
+habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche,
+Tulpen, hohe geschmeidige Glockenblumen.
+</p>
+
+<p>
+Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich
+an mit feinen, spitzen Fingern, und lässt sie
+in der Sonne spiegeln. –
+</p>
+
+<p>
+Früher sah man die ganz einfach, weiss
+oder rot oder blau. Das naive Auge sieht
+<pb n='61'/><anchor id='Pgp061'/>sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben
+darin, violette, grüne, alles Schillernde,
+Flimmernde, Äderchen, Nerven ...
+</p>
+
+<p>
+Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
+</p>
+
+<p>
+Das ist sie.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='62'/><anchor id='Pgp062'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Siebenter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu
+lieben.
+</p>
+
+<p>
+Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit
+Wochen mein ganzer Sinn sich in ihr konzentriert,
+dass ich nur von ihr lebe, nur für
+sie leben möchte. Jede Frau, auch die unschuldigste,
+argloseste fühlt das.
+</p>
+
+<p>
+Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben.
+Diese grosse Liebe, die in sie eindringt, sie
+an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich.
+Sie fängt an, für mich mitzusorgen. Ich
+habe meinen Platz am Tische, meine Tasse,
+meinen Serviettenring, die sie kennt.
+</p>
+
+<pb n='63'/><anchor id='Pgp063'/>
+
+<p>
+Ich habe sie geküsst .......
+</p>
+
+<p>
+Meine Lippen haben diese weichen,
+frischen Lippen berührt, die Rosenrundung
+der Wangen gestreift.
+</p>
+
+<p>
+Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der
+erste Kuss, den eines Mannes Mund ihr aufdrückt!
+Wie unendlich viel reiner und heiliger
+ist dieser Akt beim Weibe wie bei uns!
+</p>
+
+<p>
+Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das
+Mädchen des Gärtners in Templin. Ich war
+noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden
+am Tage, und der Heuduft lag in der
+Abendstille. Das Mädchen hatte frische
+Lippen und weisse Zähne ..... Ich küsste
+sie ...
+</p>
+
+<p>
+Ich will würdig werden.
+</p>
+
+<p>
+Ich bin es schon.
+</p>
+
+<p>
+Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in
+den Zeitungen. Das Offizielle, Tanten- und
+<pb n='64'/><anchor id='Pgp064'/>Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst
+meine Schüchternheit. Mama, liebenswürdig
+wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
+</p>
+
+<p>
+Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt
+meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und
+mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört
+seit Mamas Tode. Ich könnte es immer
+von ihren Lippen hören.
+</p>
+
+<p>
+Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich
+möchte sie nicht erschrecken. Diese plumpen,
+öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen
+Brautpaare einander überhäufen, sind mir
+widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen
+und Tändeln um den einen Punkt. Die
+Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht.
+Grade so soll sie sein, wenn die Schleier
+fallen, meine weisse, zarte, jungfräuliche
+Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden
+Liebe.
+</p>
+
+<pb n='65'/><anchor id='Pgp065'/>
+
+<p>
+Ein junger Vetter, der hier Jura studiert,
+kommt zuweilen. Mathilde spielt Klavier mit
+ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen,
+Ereignisse und Namen einer gemeinsam
+verlebten Kindheit werden zurückgerufen,
+an denen ich keinen Teil habe .. Ich
+möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine
+Beleidigung dieser Unschuld des süssesten,
+holdesten Geschöpfes.
+</p>
+
+<p>
+Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich.
+</p>
+
+<p>
+Ich war unglücklich hinterher.
+</p>
+
+<p>
+Ich sprach mit Mama. Wir haben die
+Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist besser
+so, obgleich sie sehr jung ist.
+</p>
+
+<p>
+„Weil Sie ein so guter, edeldenkender
+Mensch sind,“ sagte Mama, als sie einwilligte.
+</p>
+
+<p>
+Bin ich gut? Ich will es sein.
+</p>
+
+<p>
+Mein Weib soll die Liebe nie anders als
+<pb n='66'/><anchor id='Pgp066'/>heilig empfinden, ein Sakrament in sich, wo
+Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie
+die Scham! Um Gottes willen keine Scham!
+</p>
+
+<p>
+Ich bin freundschaftlich gegen Fritz
+Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur Jagdsaison
+bei uns Hirsche schiessen.
+</p>
+
+<p>
+Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller
+Mensch.
+</p>
+
+<p>
+Das Vertrauen ist der feste Anker der
+Liebe, an dem sie sicher ruht im tiefen
+Grunde.
+</p>
+
+<p>
+Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe,
+das sie unterscheidet von flüchtigen Verhältnissen,
+Feststimmungen der Leidenschaft,
+um die ich die seligen Götter nicht beneide.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='67'/><anchor id='Pgp067'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Achter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich habe sie bei mir im Bett gehabt.
+Ich habe sie nackt gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Das machte sich so ganz natürlich. Ich
+hatte mir das Knie ausgerenkt und lag im
+Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies
+Schlafzimmer des Mannes, mit den Bildern
+in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank,
+dem brennenden Kaminfeuer,
+den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen,
+durch die man undeutlich einen Lärm vom
+Hofe aufsteigen hörte.
+</p>
+
+<p>
+Sie liess sich ein bischen bitten erst.
+<pb n='68'/><anchor id='Pgp068'/>Dann handelte sie: „Aber nicht das, Liebchen ...
+nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich
+Angst hatte sie. Sie haben eine ganz
+extravagante Vorstellung von unserem Mangel
+an Selbstbeherrschung. In diesen kleinen
+Mädchenerzählungen sind wir Oger, wilde
+Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und
+hässlich, jung und alt, jede Nacht eine Andre,
+grässliche Orgien feiernd.
+</p>
+
+<p>
+Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ...
+Das Kraftgelüst, das das dekadente Weib
+und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis
+der Impotenz, die des Fortreissenden erst
+bedarf um handeln zu können, eines Bismarcks
+alle Tage.
+</p>
+
+<p>
+Sie machte das sehr niedlich, ordentlich
+der Reihe nach, wie ein kleines Pensionsmädchen,
+das sich auszieht des Abends. Korsett,
+Unterröckchen, Höschen, die
+Strumpf<pb n='69'/><anchor id='Pgp069'/>knipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt
+auf das Nachttischchen.
+</p>
+
+<p>
+Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz
+genau, was an ihr hübsch war. Sie mussten
+das oft besprochen haben. „Meine Arme
+sind noch zu dünn, aber in ein paar Jahren
+werden sie sein. Hier habe ich ein kleines,
+braunes Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich.
+Elisabeth hat bildschöne Schultern.
+Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der
+Seite – das ist hässlich! Kathi solltest Du
+sehen! Die ist wunderhübsch, rund und
+weiss überall. Aber sie weiss es auch.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich,
+duftig ... Ich küsse sie. Ich halte ihren
+zarten, glatten Leib. Ich presse sie an
+mich ....
+</p>
+
+<p>
+Sie lässt sich Alles thun mit einer Art
+schläfrigen Wollust. Vielleicht denkt sie an
+<pb n='70'/><anchor id='Pgp070'/>den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig,
+Liebchen“ ...
+</p>
+
+<p>
+Ich empfinde nichts, gar nichts für sie,
+eine Art lässigen, physischen Wohlbehagens.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal bin ich rauh. Ich spreche
+hart mit ihr. Ich schelte sie.
+</p>
+
+<p>
+Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt
+fängt sie an zu weinen, hülflos, wie ein
+kleines Kind.
+</p>
+
+<p>
+Doch versucht sie es wieder hervorzurufen.
+Die Drohung kitzelt sie. Sie hat dann
+ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn
+man seine Hand dem Löwen in den Rachen
+legt.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal traut sie mir auch nicht ganz:
+„Du liebst mich gar nicht. Du spielst nur
+mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“
+Dann thut sie eifersüchtig oder versucht mich
+zu beleidigen.
+</p>
+
+<pb n='71'/><anchor id='Pgp071'/>
+
+<p>
+Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn
+sie dächte, ich erschösse mich ihretwegen,
+ das würde sie noch mehr kitzeln.
+</p>
+
+<p>
+Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl
+in ihre vornehme, ehrbare
+Ehe gehen.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal versuche ich sie zu erschrecken:
+„Wenn ich dich nun nicht freigäbe?
+Wenn ich dich verriete?“
+</p>
+
+<p>
+Sie schmiegt sich noch dichter an mich,
+ganz dicht, mit weichen, flechtenden Gliedern.
+Ihre Augen, die meine suchen, sind
+wie Sterne: „Das thust Du nicht, dazu bist
+Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman,
+mein lieber, süsser Herri!“
+</p>
+
+<p>
+Wie klug sie ist. Fischschwanz!
+</p>
+
+<p>
+Und manchmal denke ich, man müsste
+sie hernehmen, ihr weh thun, sie es fühlen
+lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..
+</p>
+
+<pb n='72'/><anchor id='Pgp072'/>
+
+<p>
+Dann würde vielleicht noch was aus ihr,
+dann würde sie ein Weib.
+</p>
+
+<p>
+Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr
+Kind an die Brust nimmt und Mutter ist,
+schweigend, der ganzen johlenden, feigen
+Gesellschaft zum Hohne!
+</p>
+
+<p>
+Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner
+– Gentlemen – auf Kosten unsrer
+Mannheit?
+</p>
+
+<p>
+Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann,
+der ich ein süsses, junges, warmes
+Weib in den Armen halte und sie nicht
+nehme, nicht mit Gewalt nehme, kraft der
+Urgewalt meiner Leidenschaft?
+</p>
+
+<p>
+Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle,
+die uns das Leben gaben, zur Spielerei
+geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen,
+die man mit den Zähnen kostet.
+</p>
+
+<p>
+Ach, das grosse, adelige, echte Volk,
+ar<pb n='73'/><anchor id='Pgp073'/>beitend, liebend, Kinder zeugend, die triumphierende
+Arbeit des Lebens thuend, über
+den Tod hinweg – und die Toten!
+</p>
+
+<p>
+Mein Herz zieht sich zusammen in
+schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich
+fasse sie fester. Ich atme stärker .....
+</p>
+
+<p>
+Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen!
+Nicht wahr, du thust mir nichts?“ ....
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='74'/><anchor id='Pgp074'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Neunter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.
+</p>
+
+<p>
+Es ist doch eine grosse und schreckliche
+Sache – in Not und Tod .. Leib und
+Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges
+Leben zu zeugen.
+</p>
+
+<p>
+Aber gibt es auch etwas Herrlicheres,
+Grösseres! Nein, ich beneide die Götter
+nicht. Grade das Vergängliche – die Not,
+das adelt Menschenliebe, das macht sie unvergänglich
+und göttlich. Nicht Prometheus
+ist’s, der in einsamem Zorn den Göttern
+trotzt – – <hi rend='gesperrt'>der</hi> Mann, der seines Weibes
+Hand fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht:
+Der letzte <hi rend='gesperrt'>Mensch</hi>!
+</p>
+
+<pb n='75'/><anchor id='Pgp075'/>
+
+<p>
+Durch die Ehe erst wird der Mensch zum
+Menschen. Der Mann, das Weib, das ist
+etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes
+Atom im All .. Erst der Vater, die Mutter
+bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das
+Allgemeine, das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche.
+</p>
+
+<p>
+Ich denke viel über diese Dinge nach,
+dass wir doch durch Philosophieren erst
+finden müssen, was der sichere Instinkt des
+Weibes <hi rend='gesperrt'>fühlt</hi>!
+</p>
+
+<p>
+Wie überlegen sind sie uns! Nur das
+eine Ziel verfolgend – Weib sein – Mutter
+– wissend, dass darin die ganze Lebensleistung,
+die ganze Bedeutung des Geschlechtes
+beruht.
+</p>
+
+<p>
+Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an
+meinem früheren Leben, meiner Kindheit,
+den Eindrücken und Ereignissen, die auf
+<pb n='76'/><anchor id='Pgp076'/>meine Entwicklung massgebend gewesen
+sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer
+verberge ich ihr nicht. Sie soll mich sehen,
+wie ich wirklich bin.
+</p>
+
+<p>
+Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe.
+So straft sich der Mann dem reinen Weibe
+gegenüber. So aber auch wird das reine
+Weib seine Erlösung, das Verworrene in ihm
+geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen
+Lebensträgerin.
+</p>
+
+<p>
+Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand.
+Sie entzieht sie mir nicht. Ich schäme mich
+nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie
+mit Thränen benetzt.
+</p>
+
+<p>
+Sie war betroffen.
+</p>
+
+<p>
+Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will
+gut sein! Du sollst nicht zurückschrecken
+brauchen vor mir.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein
+<pb n='77'/><anchor id='Pgp077'/>Junggesellenheim, Grumke mir das Abendbrot
+aufgetragen hat, dann male ich mir
+unser künftiges Dasein aus. Sie sitzt am
+Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem
+Auge und leisen Bewegungen
+Alles leitend und lenkend.
+</p>
+
+<p>
+Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig
+ist. Ich schwärme nicht mal für diese sogenannten
+„guten Hausfrauen“ – unablässige
+Scheuerfeste, Küchenmobilmachungen. Ihre
+Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das
+Alles wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches,
+Heiteres gibt.
+</p>
+
+<p>
+Dann freue ich mich, dass ich reich bin,
+dass diese kleine, weiche Hand nicht hart
+und braun werden braucht, dieser zarte,
+schlanke Rücken gebeugt vom Herdfeuer
+und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich
+diese Frauen missachte! Ich verehre sie!
+<pb n='78'/><anchor id='Pgp078'/>Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind
+der beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat
+sollte ihnen Denkmäler setzen wie seinen
+Helden.
+</p>
+
+<p>
+Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht
+sein braucht, dass auch das Ästhetische gewahrt
+werden kann in unsrer starken und
+guten Liebe.
+</p>
+
+<p>
+Ob sie überhaupt eine Ahnung davon
+hat? Sie frägt nie. Ein süsses Vertrauen!
+Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie
+folgte mir ebenso willig und vertrauensvoll.
+</p>
+
+<p>
+Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich
+mache ihr keine grossen Geschenke. Ich
+selbst bin immer einfach – Du kennst mich
+ja. Neulich trug ich meinen Handkoffer
+selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger
+zur Hand war. Sie denkt am
+Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.
+</p>
+
+<pb n='79'/><anchor id='Pgp079'/>
+
+<p>
+Ah, ein Königreich möchte ich haben,
+nur um es ihr in den Schoss zu legen! Sie
+griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was
+soll mir das Königreich! Deine Liebe ist
+ja viel mehr als alle Königreiche.“
+</p>
+
+<p>
+Darum bin ich glücklich, dass ich auch
+darin so reich bin. Ich habe meine Gefühle
+nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche
+Vornamen aus meiner Herzgrube herauszufischen,
+wie ein gewisser Freund von
+mir am Abend vor seiner Hochzeit. Sie hat
+noch nicht gelernt, die Liebe zu differenzieren,
+schlechte, ästhetische Unterschiede
+aus raffinierten Romanen von raffinierten
+Männern, die das Natürliche unnatürlich und
+hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch
+noch nicht herb und prüde geworden, wie
+manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt
+in sich selbst zurückzog vor der Roheit
+<pb n='80'/><anchor id='Pgp080'/>und dem Cynismus der Welt. Wie einen
+königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt
+sie, die Königliche, königlich.
+</p>
+
+<p>
+Welch ein Frühling in unserm schönen
+alten Park, wenn der Flieder blüht und der
+Goldregen in lastenden, honigschweren
+Trauben herabhängt!
+</p>
+
+<p>
+Wir werden viel Besuch haben – die
+liebe Mama, die Schwestern, die Kinder,
+Es soll wieder Leben kommen in unser altes
+Haus.
+</p>
+
+<p>
+An Mutters Grabe unter den Fichten wird
+sie neben mir stehn. Sie wird uns lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht ..........
+</p>
+
+<p>
+Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit
+geben in dieser armen, engen Welt!
+</p>
+
+<p>
+.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes,
+von ihr, der Liebsten, der Meinen, in süssesten
+Schmerzen mir geboren!...
+</p>
+
+<pb n='81'/><anchor id='Pgp081'/>
+
+<p>
+Was wäre das Leben ohne das? Möchte
+sie die Schmerzen lassen? Die Angst? Das
+Todesschauern in der Hochstunde des
+Lebens?
+</p>
+
+<p>
+Und wir liegen nicht vor diesen hohen,
+himmlischen Wesen auf den Knieen und
+küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik
+seiner Madonna!
+</p>
+
+<p>
+Die Männer sind Egoisten. Was würden
+sie sein, wenn es nicht holde, zarte Wesen
+gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas
+Höheres giebt, als Kraft, Ehrgeiz – dass
+aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die
+That des einfachen Weibes aufwiegt, das aus
+ihrem eignen Leben, still und heilig, Leben
+säugt.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='82'/><anchor id='Pgp082'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zehnter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Wir sprechen jetzt sehr vernünftig über
+ihre Ehe.
+</p>
+
+<p>
+Dass man heiraten muss, das ist selbstverständlich,
+das ist der Ruheposten, die Versorgung.
+Sie denkt darüber gar nicht weiter
+nach. Eine alte Jungfer bleibt man nur,
+wenn man hässlich ist, oder Keinen gekriegt
+hat, oder überspannt ist. Sie missbilligt das.
+Sie ist stolz darauf, dass sie so bald Einen
+gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre
+Freundinnen sie beneiden werden.
+</p>
+
+<p>
+Der Ärger der Freundinnen spielt eine
+grosse Rolle dabei – je intimer, desto intensiver
+der Ärger. Das ist diesem Geschlecht
+<pb n='83'/><anchor id='Pgp083'/>das Äquivalent für das, was wir Ehre, Ruhm
+etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen
+sie gar nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen
+ihrer Geschlechtsgenossinnen in Kunst,
+Berufen u. s. w. lassen sie total unberührt,
+vielleicht nur insofern nicht, als sie ihnen das
+wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld,
+Toiletten, Männer.
+</p>
+
+<p>
+Und eigentlich haben sie ganz recht, der
+Neid, den man fühlt, der einem den Rücken
+runterläuft! Das kitzelt, das macht die Nerven
+prickeln, das Andre ist Unsinn.
+</p>
+
+<p>
+Dass sie sich einem Manne hingeben soll,
+aus dem sie sich gar nichts macht, ist ihr
+sehr gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+Ich glaube, wir übertaxieren das im allgemeinen
+bei der Frau. Oder ist es die
+Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie
+stumpf und duldend macht?
+</p>
+
+<pb n='84'/><anchor id='Pgp084'/>
+
+<p>
+Einen Mann, der einen nicht reizt? –
+Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten –
+warum nicht?
+</p>
+
+<p>
+Von der „Liebe“ wollen sie das Raffinement,
+die Leidenschaft, deshalb lieben Frauen
+Künstler, ästhetische Männer, die sie lange
+kitzeln. Von dem eigentlichen Akt haben
+sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das
+noch weher thut – die Schmerzen – die
+Entstellung – die Brüstchen, die schlaff
+werden ... „Elisabeth hat einen Bauch, der
+ihre ganze Figur verdirbt ...“
+</p>
+
+<p>
+Der „Bauch“ von Elisabeth beunruhigt sie.
+</p>
+
+<p>
+„.. Es geht ja noch, wenn man viel Leute
+hat und eine Amme nehmen kann. Babies
+sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen
+und rosa Schleifchen ....“
+</p>
+
+<p>
+Das ist der ausschlaggebende Punkt,
+da<pb n='85'/><anchor id='Pgp085'/>bei verweilt sie sehr lange! Equipagen,
+Diener, dass sie die Hofbälle besuchen
+werden.
+</p>
+
+<p>
+„Den ganzen Winter muss er mit mir
+hier in Berlin wohnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber wenn er nicht will?“
+</p>
+
+<p>
+„Männer thun immer, was man will. Papa
+thut auch immer, was Mama will.“
+</p>
+
+<p>
+Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein
+kleines, listiges, grausames Lächeln ....
+</p>
+
+<p>
+Oh ja, der wird thun, was sie will.
+</p>
+
+<p>
+Und es giebt Tölpel, die immer noch an
+die stärkere Thatkraft des männlichen Geschlechts
+glauben!
+</p>
+
+<p>
+Nur die Franzosen: Ce que femme veut,
+Dieu le veut. Die sind überhaupt viel aufrichtiger
+in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert
+sich was vor, der alte, naive
+Bar<pb n='86'/><anchor id='Pgp086'/>bar in ihm. – Und unsre Frauen sind klüger.
+Thusnelda lächelte kaum merklich, wenn
+Hermann Meth soff und Auerochsen
+spiesste.
+</p>
+
+<p>
+Sie haben ja auch zuviel Machtmittel –
+die Verliebtheit! Und wenn die gar nicht
+mehr vorhanden ist – Es sind gewöhnlich
+ungeliebte Frauen, die den Pantoffel schwingen.
+– Das verliebte Weib ist unterwürfig.
+Das ist ihm Wollust: Die Tigerkatze, die
+sich streicheln lässt. – Der Kleinkrieg thut’s.
+Die Thränen, das Purren. Die Nerven geben
+nach. Alexander oder Cäsar beugt sich vor
+dem muffigen Gesicht, der schweigend heruntergewürgten
+Mahlzeit, der permanenten
+Nähe eines Hassenden, Vorwurfsgeschwollenen.
+</p>
+
+<p>
+Nichts amüsiert mich mehr, wie das
+Streben nach offizieller politischer oder
+wirt<pb n='87'/><anchor id='Pgp087'/>schaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht.
+Das sind hässliche Frauen, anmutlose
+Frauen, Zwittergeschöpfe. Das ist
+dumm.
+</p>
+
+<p>
+Für Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren
+sich Griechen und Trojaner, Antonius,
+– Nelsons, Gambettas, Boulangers alle
+Tage. Elisabeth, Katharina waren Genies,
+weil sie Weiber waren. Über Louise Michel
+und Frauenkongresse lächelt der armseligste
+Schneidergesell, den seine Frau prügelt.
+</p>
+
+<p>
+Und mit Recht. Wie kann man die
+Wurzeln und das Mass seiner Kräfte so verkennen!
+Das ist wie die Königstigerin, die
+sich Hörner wünscht, um den Kampf mit
+dem plumpen Ochsen aufzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben
+nicht Ochsen wären, liessen wir sie das ganz
+tranquil machen, alle Arbeit, allen
+politi<pb n='88'/><anchor id='Pgp088'/>schen Krimskrams in den Parlamenten und
+Versammlungen, und setzten uns schliesslich
+ganz gemütlich auf das gutdressierte Pferdchen
+kraft der einfachsten Logik unsrer stärkeren
+Schenkel.
+</p>
+
+<p>
+Aber wir sind eben Ochsen und viel zu
+verliebt! So’n kleines, zappeliges Füsschen,
+so’n weiches Wängelchen oder Brüstchen ..
+Simson lässt sich die Locken abschneiden.
+Die schönste Berechnung geht zum Teufel.
+</p>
+
+<p>
+Sowas passiert denen nicht.
+</p>
+
+<p>
+Ich bin das Äusserste, das Non plus ultra
+in der Beziehung.
+</p>
+
+<p>
+Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kühnheit,
+dass sie einem Droschkenkutscher leibhaftig
+die Adresse gegeben hat, dass ihr
+Schwager ihr neulich an der Kurfürstenstrasse
+begegnet ist, was sie der Mama alles
+vorlügt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei
+<pb n='89'/><anchor id='Pgp089'/>lügt sie künstlerisch, mit Genuss, ganz unnötig
+komplizierte und lange Geschichten,
+nur weil das Lügen ihr Spass macht, aus
+Liebe zur Sache.
+</p>
+
+<p>
+„Und im Notfall könntest Du doch immer
+Dein Ehrenwort geben, dass wir nichts zusammen
+haben. Wir haben doch nicht wirklich
+was.“
+</p>
+
+<p>
+Nein, wir haben wirklich nichts.
+</p>
+
+<p>
+.... „Und es ist doch nur, weil ich sonst
+gar nichts habe, weil ich jetzt heiraten muss,
+und ich habe dich doch so schrecklich gern,
+Herri!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Dann küsst sie mich fast leidenschaftlich;
+aber es ist nicht die Spur von Leidenschaft
+in ihr. Träte die geringste Unbequemlichkeit
+an sie heran, würde sie mich dreimal
+verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht.
+Und das ginge ihr so glatt von der Zunge!
+<pb n='90'/><anchor id='Pgp090'/>und wenn sie ein Übriges dazu thun und
+mich aus der Welt schaffen könnte, würde
+sie es ebenso kaltblütig thun.
+</p>
+
+<p>
+Dabei von eigentlicher Moral keine Spur.
+Siehst Du, das bewundre ich auch immer an
+diesem Geschlecht. Es ist das Praktische,
+der Erfolg, respektive Misserfolg, der entscheidet.
+Dabei machen wir die rührendsten
+Affären daraus. Gretchen im Zuchthause
+bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans
+seine brave Frau, wäre wahrscheinlich Frau
+Marthe geworden und hätte an „Heinrich!
+mir graut vor dir!“ nur eine angenehme Erinnerung
+mit fortgetragen, eine behagliche
+Rührung, dass sie ihre Jugend so gut genossen.
+</p>
+
+<p>
+Eine Frau, die einen Skandal verursacht,
+das ist unmoralisch, ekelhaft, die schlaue
+Kokotte, die einen Prinzen kriegt für einen
+<pb n='91'/><anchor id='Pgp091'/>braven Ehemann, den sie betrogen, das imponiert
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten
+beladen, die grosse Schauspielerin mit dem
+Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich
+mit dem Stallknecht liiert, darüber können
+sie nicht genug hören. Das lockt sie sogar
+mit einem Gemisch aus Neid und Bewunderung.
+Aber ein armes Dienstmädel,
+das ein Kind kriegt und ins Elend gerät.
+Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.
+</p>
+
+<p>
+Das ist das Perfide bei der Geschichte.
+Das andre nicht.
+</p>
+
+<p>
+Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme
+immer die käufliche Liebe aus. Das bereut
+man nicht.
+</p>
+
+<p>
+Es liegt auch da eine Naivität der Männer
+zu Grunde oder ihre Arroganz. Der Lendemain
+ist sprichwörtlich geworden. Der
+Wüst<pb n='92'/><anchor id='Pgp092'/>ling hat das doppelt angenehme Gefühl: Du
+hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird
+die Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.
+</p>
+
+<p>
+Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit
+gewisser „guter Mädchen“ („gut“
+ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne)
+zu denken geben.
+</p>
+
+<p>
+Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines
+Mädchen. Sie hatte auch die Angst vorm
+Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.
+</p>
+
+<p>
+Und dann war’s wirklich Morgen und
+der allerschönste Sonnenschein und Vogeljubilieren
+– und sie lachte, lachte übers
+ganze Gesicht: „Ich bin so froh, Schatz!
+Ich glaub’, ich könnte fliegen!“
+</p>
+
+<p>
+So müsste Eine natürlich empfinden.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe neulich mal einen Roman gelesen,
+einen Roman von einer Frau, „die
+<pb n='93'/><anchor id='Pgp093'/>Geschichte eines Mädchens“. Das rührte
+mich fast. Die Arme! Sie hat gewollt und
+nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen
+Mann zu gross war.
+</p>
+
+<p>
+Ebenso albern finde ich den Mann, der
+absolut der Erste sein will. Wie lässt der
+grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno
+sagen: „Und, glauben Sie mir, es ist in der
+Welt nichts schätzbarer als ein Herz, das
+der Liebe und der Leidenschaft fähig ist.
+Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf
+kommt es nicht an.“
+</p>
+
+<p>
+Überdies: On n’est jamais le premier.
+</p>
+
+<p>
+Ist die Frau besser, die sich vielleicht
+physisch enthalten hat aus persönlicher Propertät
+oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre
+Phantasie zu den unnatürlichsten Ungeheuerlichkeiten
+ausschweifen lässt, als diejenige,
+die vielleicht an einem hellen
+Maien<pb n='94'/><anchor id='Pgp094'/>tage dem süssen Zug der Natur gefolgt ist,
+ohne zu rechnen und zu moralisieren?
+</p>
+
+<p>
+Das ist gewissermassen das System der
+Kuhpockenimpfung ... Ich habe vielleicht
+mein Wassernixchen zu einer sehr guten
+Ehefrau gemacht.
+</p>
+
+<p>
+Aber freilich die Konsequenzen!
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin
+von schwachem Fleische, die behauptete,
+wenn die Konsequenzen nicht wären, wär’s
+ein Gesellschaftsspiel.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht
+so weit ist. Man ist noch immer der „Erste“,
+mit der offiziell aufgestempelten Eins vom
+Standesamte, der Kolumbus, der Schleierlüfter,
+der Dornröschenerwecker.
+</p>
+
+<p>
+Sie mokiert sich darüber. Sie hat eine
+Art Ranküne, wenn sie von ihrem „Ersten“
+spricht. Vielleicht ist es ein Gefühl des
+<pb n='95'/><anchor id='Pgp095'/>Torts, das sie in meine Arme getrieben hat,
+mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hätte Angst vor Dir. Du weisst
+so viel“ ... sagt sie manchmal.
+</p>
+
+<p>
+„Aber hast Du denn keine Angst mit
+„ihm“ – immer fremd sein – immer Komödie
+spielen?“
+</p>
+
+<p>
+Sie tröstet sich mit dem Geld, der Equipage,
+den Kleidern.
+</p>
+
+<p>
+Lügen ist ja nicht schwer. Sie werden
+darauf erzogen. Sie finden sich so merkwürdig.
+Das ist wieder die bewunderungswürdige
+Lebensfähigkeit dieses Geschlechts.
+</p>
+
+<p>
+Er wird immer an sie glauben, immer
+nur die weisse Stirne sehen, mit seinen
+blöden, guten, gesunden, tölplischen Bauernaugen.
+</p>
+
+<p>
+Aber der arme Kerl, wenn der mal
+Bankerott machte!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='96'/><anchor id='Pgp096'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Elfter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine
+Hochzeit. Sonnwendtag! am Rosenfeste! –
+Hochzeit – hohe Zeit! – Weisst Du, was
+das heisst? Wer kann es wissen! Wer kann
+es aussprechen!
+</p>
+
+<p>
+Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich
+nicht, wie ein Egoist, ein Selbstling. Selbst
+die hohen Träume, die Ideale und Gedanken!
+Ich komme mir vor, wie ein
+Mensch, dem über Nacht das Geheimnis des
+Lebens aufgegangen ist. Und er lebt nun.
+Er wirkt Leben.
+</p>
+
+<p>
+Und wer hat mich das gelehrt? Ein
+kleines, stummes, wunderbares Wunder,
+<pb n='97'/><anchor id='Pgp097'/>eine zarte, weisse Knospenhülle, um eine
+träumende, unschuldige Seele.
+</p>
+
+<p>
+Mathilde! Mein Mädchen! Mein Weib!
+</p>
+
+<p>
+Und wir sprechen von überlegnem Geist,
+von Klugheit, von Grossthaten. Hier ist der
+Kern des Rätsels: das Unbewusste, die Unschuld
+in der Lieblichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Ob sie denkt und philosophiert, wie ich.
+Das geschieht Alles so selbstverständlich.
+Sie lässt sich von mir küssen, in die Arme
+schliessen.
+</p>
+
+<p>
+Sie lächelt. Sie bereitet die Aussteuer.
+</p>
+
+<p>
+Wie ich diese schöne Sicherheit liebe!
+So wird sie als Gattin, als Mutter bleiben,
+ihr Geschick erfüllt. Wieviel sichrer geht
+die Natur im Weibe. – Jungfrau – Geliebte
+– Mutter! Wir irren auf allen Pfaden,
+beflecken Seele und Leib, um zuletzt demütig
+niederzuknien vor so einem holden,
+<pb n='98'/><anchor id='Pgp098'/>nicht denkenden, kinderthörichten Wesen:
+Nimm mich! Lehre mich leben! Mach’
+mich glücklich!
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich
+sie vergraben zwischen weisser Leinwand
+und Spitzen, bunten Seidenstoffen.
+</p>
+
+<p>
+Ah, dieser holde und mysteriöse Apparat,
+der die Braut in das Haus des Gatten geleitet
+wie auf einer schneeigen Rosenwolke,
+Dinge, die verhüllen, Wollust versprechen,
+Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum
+sie anzufassen mit meinen groben Fingern.
+Ihr Zweck ist mir ein süsses Mysterium,
+macht mich träumen .. wie diese Festtags-Packete
+unsrer Kinderzeit, sorgfältig eingeschlagen
+und umwickelt, um die holde Spannung,
+die Sehnsucht zu erhöhen.
+</p>
+
+<p>
+Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint
+ganz damit beschäftigt. Ist es denn nicht
+<pb n='99'/><anchor id='Pgp099'/>ernsthaft, ihre kleine Person, die sie
+schmückt, reizend macht. Bin ich es nicht,
+für den sie sich schmückt?
+</p>
+
+<p>
+Ist es nicht urälteste, heilige Sitte, die
+Braut, die sich salbt und schmückt, das
+süsse Geschenk ihres Leibes noch süsser
+machend. Es sind nörgelnde Kritiker,
+Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen
+verkannt, die gegen die Eitelkeit polemisieren,
+Uniformen, Trachten einführen wollen.
+Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre
+Seele ist so ganz eins mit ihrem Leibe in
+diesen Momenten – Lebensträgerin ... Sie
+soll ja das Glück sein, die Wonne, die
+Schönheit.
+</p>
+
+<p>
+Hochzeit – hohe Zeit! – –
+</p>
+
+<p>
+In mir ist’s hohe Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Ahnt sie die Kämpfe, diese Begierden,
+die mich manchmal zerreissen, dass ich sie
+<pb n='100'/><anchor id='Pgp100'/>nehmen möchte, wie ein wildes Tier, sie
+fortschleppen, verschlingen ... Sie ist sehr
+ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle
+bösen Begierden dämmend, dass ich sanft
+bin, folgsam. Nur den grossen Jubel in mir,
+der mich hochträgt, wie ein Adler, dass ich
+sie in die Arme nehmen und gegen die
+Sonne halten möchte.
+</p>
+
+<p>
+Hochzeit! hohe Zeit!
+</p>
+
+<p>
+Mein Heim steht geschmückt. Seit
+Wochen sind Tapezierer und Tischler thätig.
+Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches
+ist mir’s leid, das Alte, Altgewohnte.
+– Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es
+ist recht, dass Alles neu ist.
+</p>
+
+<p>
+Die Hochzeit soll hier in Templin sein,
+ein Fest für alle meine Leute. Sie üben
+schon dafür. Der Lehrer mit den Schulkindern.
+Ein Flüstern geht unter den
+Ar<pb n='101'/><anchor id='Pgp101'/>beitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach
+die Menschen sind doch gut!
+</p>
+
+<p>
+Es giebt ein vollkommenes Glück auf
+der Erde. Es giebt Engel. In vier Wochen
+ist der Engel mein Weib.
+</p>
+
+<p>
+Wie süss muss es sein, das Leben sich
+in ihr entwickeln zu sehn, die strahlende
+Einfachheit des Naturgangs – Leben gebend
+vollendet sich ihr Leben. – Was ist das
+Mädchen, das Weib gegen die Mutter? Ist
+nicht Mutter der Inbegriff aller menschlichen
+Tugenden, Selbstlosigkeit, Güte, Leidertragen ...
+</p>
+
+<p>
+Mein Weib! Mein Mütterchen!
+</p>
+
+<p>
+Wie eine kleine Königin wird sie empfangen
+werden. Ist es denn nicht auch ein
+kleines Königreich, eine ganze Welt im
+Kleinen, ihre Welt, der sie Vorbild und Vorsehung
+ist. „Hausvater und Hausmutter“,
+<pb n='102'/><anchor id='Pgp102'/>der alte, schöne, deutsche Begriff. Hier
+kann er sich noch verwirklichen. Wir
+können es noch sein.
+</p>
+
+<p>
+So lange es das giebt, steht die Gesellschaft
+sicher, auf festen Füssen: Reine
+Frauen, Männer, die ein Heim schaffen
+können, die an Reinheit glauben.
+</p>
+
+<p>
+So, das ist ein Hieb für Dich! Und nun
+eine liebe, schöne Bitte. Komm! Du darfst
+nicht fehlen. Komm und sieh einen glücklichen,
+glückseligen Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Hohe Zeit – Hochzeit!
+</p>
+
+<p>
+Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe
+das Glück und ich glaube es.
+</p>
+
+<p>
+Und wenn Du über den Schwärmer
+lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck, weiss
+unter der weissen Myrtenkrone – und wie
+Thomas: Geh’ und glaube. Geh’ und schreib
+ein Buch des Glaubens und der Liebe.
+</p>
+
+<pb n='103'/><anchor id='Pgp103'/>
+
+<p>
+Ich habe so viel davon in mir, dass auch
+auf Dich etwas übergehn müsste. Ich fühle
+mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude
+zu verkünden – und Mathilde heisst
+meine Madonna.
+</p>
+
+<p>
+Noch ein kleiner, hübscher Zug von ihr,
+in unsrer Zeit der Mitgiftjägerinnen, des
+höheren Kokottentums, wo Mütter schon ihre
+halberwachsenen Töchter auf „die gute
+Partie“ dressieren.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte den Katalog eines Wäschegeschäfts
+neulich. Es waren da Muster von
+teuren Spitzen, die ihr gefielen.
+</p>
+
+<p>
+Die Mama, verständig wie immer, riet
+lächelnd zu billigeren: „Das ist ja für eine
+Prinzessin, Kleine, – und Du bist ein armes
+Geheimratstöchterchen.“
+</p>
+
+<p>
+Natürlich übernehme ich das Alles. Es
+<pb n='104'/><anchor id='Pgp104'/>bedurfte einer gewissen Überredung bei der
+Mama. Sie geben mir so Unendliches.
+Sollen diese teuren Menschen sich Gênen
+auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen,
+während ich schwelge!
+</p>
+
+<p>
+Sie muss mich als Sohn für sie mit eintreten
+lassen. Ich bin jetzt einer von der
+Familie. Worin besteht denn die Zusammengehörigkeit,
+das Vertrauen, wenn ich nicht
+auch das Schwere mit ihnen tragen darf?
+Sind diese Güter mein Verdienst? Brauche
+ich sie? Ich wäre glücklich unter einem
+Strohdach.
+</p>
+
+<p>
+Es ist um Mathildens willen, dass ich
+mich des Geldes freue. Auch das hat sie
+mich erst fühlen gelehrt. Es vermehrt meine
+Macht, zu beglücken.
+</p>
+
+<p>
+Verzeih, dass ich dies überhaupt erwähne.
+Wir haben auch darüber so oft gestritten,
+<pb n='105'/><anchor id='Pgp105'/>über Geldwert und Geldanbetung in unsrer
+Zeit. Manche Erscheinung des öffentlichen
+Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe
+einige Fälle erlebt, die mich misstrauisch
+und traurig machen.
+</p>
+
+<p>
+Man weiss ja leider, dass man ein reicher
+Mann ist.
+</p>
+
+<p>
+Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr
+die kleine Hand mit Geld füllt, wird sie es
+ausstreuen, lächelnd, segnend, unbewusst.
+Sie soll von diesem Wissen frei bleiben.
+Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so
+ist sie das stumme, ruhende Juwel am Herzen
+der Schöpfung. Wer da ist, um uns an das
+Himmlische zu mahnen, das Unvergängliche
+im Dasein, der braucht den Wert eines
+Hundertmarkscheines nicht zu kennen.
+</p>
+
+<p>
+Die Blume ist in sich selbst genug. Die
+Poesie zu wahren. Das reine Gefühl.
+</p>
+
+<pb n='106'/><anchor id='Pgp106'/>
+
+<p>
+Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um
+uns das Paradies.
+</p>
+
+<p>
+Komm, Du armer, verirrter Adamssohn,
+ruhe im Schatten unsrer Palmen!
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='107'/><anchor id='Pgp107'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelfter Brief."/>
+<head>Zwölfter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
+</byline>
+
+<p rend="margin-top: 2">
+Die Aussteuer ist eine wichtige Sache.
+Da „er“ bezahlt, können wir mit der nötigen
+Gewichtigkeit zu Werke gehn.
+</p>
+
+<p>
+Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine
+Modemagazin, Kataloge, Proben, Wiener und
+Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir
+nun sehr ernsthaft, das Nixchen und ich, und
+suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit
+Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen
+mit hell heliotropnen und lichtmaigrünen
+Languetten.
+</p>
+
+<p>
+Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie
+fügt sich immer meiner überlegneren Einsicht.
+</p>
+
+<p>
+Das entzückt sie: „Du verstehst Alles.
+„Er“ nähme mich grad so gut in einem
+<pb n='108'/><anchor id='Pgp108'/>Sack. – Gott! was soll ich nur machen,
+wenn ich Dich nicht mehr habe!“
+</p>
+
+<p>
+Dann weint sie ein bischen. Aber dann
+finden wir wieder was extra Hübsches und
+sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat.
+Und wir sind getröstet. „Er“ zahlt ja.
+</p>
+
+<p>
+Wenigstens soll er ordentlich blechen –
+schon für seine Undankbarkeit. Ein Mann,
+der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist,
+ist ein Tölpel. Sie macht sich für ihn
+hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das
+für Mühe! – so’n Löckchen, das graziös
+und an der richtigen Stelle in die Stirne
+fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel
+Nachdenken, Geduld, manchmal Pein,
+gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie
+das Weggeworfne an Leute giebt, die es
+besser zu taxieren wissen.
+</p>
+
+<p>
+Ich verstehe zu taxieren.
+</p>
+
+<pb n='109'/><anchor id='Pgp109'/>
+
+<p>
+Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht
+sich vor mir wie eine Drahtpuppe. Wenn
+ich sie hübsch finde, ist sie glücklich.
+</p>
+
+<p>
+„Nixchen! Das darfst du nicht tragen.
+Das steht Dir nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind.
+Aber sie gehorcht immer. Alle Frauen gehorchen
+mir, weil sie das Unpersönliche
+fühlen, das Wohlgefallen an der Gattung,
+den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen.
+Ich glaube, wenn ich vor die Sultanin-Mutter
+träte: „den Turban etwas mehr nach rechts,
+bitte schön“ ... sie thäte es und wäre mir
+dankbar. Und sie hätte ein Recht dazu.
+</p>
+
+<p>
+Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern
+ihre. Und ist sie nicht eigentlich die allerhöchste
+Tugend? Spinoza sagt: wer die
+Fehler der Menschen nicht liebt, liebt die
+Menschen selbst nicht! Das Menschlichste
+<pb n='110'/><anchor id='Pgp110'/>an der Menschheit ist für mich das Weib.
+Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. Sie
+fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie
+haben Zutrauen zu mir.
+</p>
+
+<p>
+Das ist ganz unbewusst: „Du bist so
+gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt sie
+meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich:
+„Du bist gut.“
+</p>
+
+<p>
+Da ist die Ranküne wieder, das kleine,
+tückische, widerborstige Katzenfauchen in
+dem „Du“.
+</p>
+
+<p>
+„Der ist viel besser als ich.“
+</p>
+
+<p>
+Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er
+hätte ihr eine Moralpredigt gehalten und sie
+beschämt und verbockt nach Hause geschickt
+wie der selige Joseph schnöden Angedenkens.
+Die Franzosen haben da ein
+hübsches Sprichwort: Il y a des choses qui
+ne se refusent pas. – Oder er hätte sie
+<pb n='111'/><anchor id='Pgp111'/>genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem
+moralischen Kater hinterher sie zur büssenden
+Magdalena gepeinigt ... Das ist die
+Tugend dieser Tugendbolde.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss,
+fein und zierlich, ganz in ihrem Fischchen-Element
+bei mir, munter schwätzend wie
+ein Vögelchen, von dem, was in ihr ist, all
+ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten ..
+– ich habe sie als Künstler behandelt, nicht
+roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht pfäffisch-zerstörerisch.
+</p>
+
+<p>
+Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen,
+das sie ist. Sie liebt mich.
+</p>
+
+<p>
+Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann
+nicht leben ohne Dich! Ich möchte am
+liebsten sterben!“
+</p>
+
+<p>
+Manchmal sogar fast wild: „Ich will von
+zu Hause durchgehn. Mir ist alles ganz
+<pb n='112'/><anchor id='Pgp112'/>egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht
+wieder fort. Du kannst mit mir machen was
+Du willst.“
+</p>
+
+<p>
+Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir
+angezogen gegenübersitzt und Makronen
+knabbert – und dann lauert sie auf den
+Effekt. Sie möchte etwas mehr Effekt, einen
+Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.
+</p>
+
+<p>
+Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft:
+„Es ist doch gar nichts. Eigentlich
+habe ich doch gar nichts gethan. Niemand
+kann doch etwas sagen von „uns“.“
+</p>
+
+<p>
+Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses
+Opfer, das sie bringt, <hi rend='gesperrt'>mir</hi> bringt. Kleines
+Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal
+ein andrer Gedanke als der an ihr eignes
+kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen
+aufgestiegen ist?
+</p>
+
+<p>
+Sie betrauert meine Wohnung:
+Whip<pb n='113'/><anchor id='Pgp113'/>chen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie so
+gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt.
+Aber das macht eine rote Nase, darin ist
+sie ästhetisch.
+</p>
+
+<p>
+Die leidenschaftlichsten Frauen werden
+dadurch in Schranken gehalten: „Mein Kind,
+das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt
+schlecht, Du verdirbst Deine Haarfrisur.“
+Sie wollen gefallen und sollen gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Wird die Frauenemanzipation darin je
+etwas ändern? Die Orientalin, die ihren Leib
+salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie
+ist das Naivste und das Grösste. Das Urälteste
+und das Allermodernste.
+</p>
+
+<p>
+Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln
+sie Dir zu .... Und wenn der Geist wiederkommt,
+dann bist Du als Mann fertig. Ich
+habe das zu oft durchgemacht.
+</p>
+
+<p>
+Ich möchte es nicht anders. Nur mehr
+<pb n='114'/><anchor id='Pgp114'/>Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so unendlich
+viel gelogen, gerade über diesen Punkt.
+Es ist Alles nur: Qui s’excuse, s’accuse, die
+Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen
+drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle
+Frauen wollten einmal im Leben ins Kloster
+gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den
+stärksten und gewaltigsten Lebenstrieb, wie
+Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit.
+Der alte, schöne Satz, dass das Weib
+dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit geschaffen
+sei, setzt sich Brillen auf und
+schneidet sich die Haare ab, und wird ihm
+ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein
+unverstandenes und unverständliches Rätselwesen.
+</p>
+
+<p>
+Das bedauere ich von allen Verirrungen
+der Zeit am meisten, dass die Frauen dogmatisch
+werden, logisch, prinzipiell. Man will
+<pb n='115'/><anchor id='Pgp115'/>sie einregimentieren und einschwören. Die
+Völker, die am wenigsten Sonne und Sinnlichkeit
+haben, geben den Unfug an. Ihr
+unterbindet euch selbst die Lebensader!
+Décadence-Männer machen mit.
+</p>
+
+<p>
+Und doch:
+</p>
+
+<lg>
+<l>„’s ist eine der grössten Himmelsgaben,</l>
+<l>So ein lieb Ding im Arm zu haben.“</l>
+</lg>
+
+<p>
+Nicht nur für uns, für es selbst auch.
+Wo ist die Frau, deren Herz und Hirn gross
+genug ist, die geliebte, liebende Frau, von
+herben und verkrüppelten Früchten, die reife,
+süsse?.....
+</p>
+
+<p>
+Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf,
+einzig und allein für ihn bestimmt,
+eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit.
+Nur wir, die wir sie wahrhaft lieben, sehen
+in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen,
+in seiner Eigenart des Interesses und
+der Teilnahme wert.
+</p>
+
+<pb n='116'/><anchor id='Pgp116'/>
+
+<p>
+Mögen sie hereinfallen! Das „weisse
+Blatt“ ist die grösste männliche Unverschämtheit,
+Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in
+der wir wissentlich und willig beharren. Ein
+Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal
+feineren und aufmerksameren Augen,
+Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht sehen,
+hören, fühlen, wie wir?
+</p>
+
+<p>
+Der Egoismus der Männer macht sie
+blind. Ich habe kein Mitleid mit Egoisten.
+Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist
+lächerlich und verächtlich mit Recht. Lebte
+er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich
+bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken,
+ihr Fühlen bis in ihre Verlogenheiten hinein
+– haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten?
+– wäre ihm das passiert? hätte er
+nicht warnen, eingreifen können als es Zeit
+war, wenn nötig sie vorher freigegeben.
+</p>
+
+<pb n='117'/><anchor id='Pgp117'/>
+
+<p>
+Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten.
+Und es giebt eine Rolle „Mann“, die wir
+mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle
+„Weib“, die wir ihnen aufoktroyiert haben.
+Sie rächen sich wie sie können.
+</p>
+
+<p>
+Nicht nach Besserung seufzt die Welt,
+sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit ist
+die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich
+unmoralisch, ungütig, böse. Und wenn der
+Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal,
+dann steigt das Niedrige. Was ist gemein?
+Was ist verächtlich? Was ist erhaben, bewunderungswürdig?
+wenn Alles Menschliche
+menschlich ist.
+</p>
+
+<p>
+Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über
+der Welt, die feinste, reine Quintessenz des
+Christentums. Nur die Pharisäer stören es.
+Dem Zöllner ist es natürlich.
+</p>
+
+<p>
+Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum
+<pb n='118'/><anchor id='Pgp118'/>Schlusse. Der Deutsche macht sie. „Die
+Moral von der Geschichte“ – Und es ist
+eine gute, alte Sitte, denn Moral ist überall,
+wenn es auch nicht die der Rute und der
+Zuckertüte ist.
+</p>
+
+<p>
+Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins
+von ihren neuen Ausstattungskleidern, ein
+schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem
+Hals.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch
+bei Kathi heut Abend bin, und ich will auch
+wirklich hingehn.“
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt.
+Wir tranken Sekt und assen kleine, pikante
+Sachen dazu.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren sehr lustig.
+</p>
+
+<p>
+Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du
+<pb n='119'/><anchor id='Pgp119'/>mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb haben,
+Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“
+</p>
+
+<p>
+Eine gewisse Wärme kommt doch über
+mich. Ach Herzchen! Herzchen!
+</p>
+
+<p>
+Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche
+in unsrer Liebe, ihr erster Besuch, der erste
+Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder
+Gegenstand in meinem Zimmer, Whipchen,
+die Photographien, der Bismarck ...
+</p>
+
+<p>
+„Nie, nie vergesse ich das“ ...
+</p>
+
+<p>
+Wir waren ganz glücklich.
+</p>
+
+<p>
+„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu
+Hause wäre. Ach Liebchen!“ .... Dann
+schluchzt sie wieder ein bischen.
+</p>
+
+<p>
+Dann die Moral wieder: „Du findest mich
+auch nicht schlecht?“
+</p>
+
+<p>
+– Die süsse, alte Beruhigung Gretchens.
+Alle thun das. Und Daisy Grimme! die
+macht’s doch viel schlimmer.
+</p>
+
+<pb n='120'/><anchor id='Pgp120'/>
+
+<p>
+„Wenn es doch möglich wäre! Wenn
+ich doch heute bei Dir bleiben könnte –
+und immer!“ ....
+</p>
+
+<p>
+„Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen
+Ball – und morgen!!“ – – –
+</p>
+
+<p>
+Ein erneuter Thränenstrom. Sie klammert
+sich an meinen Hals. Sie ist ganz
+glühend. Sie küsst mich.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht wahr, Du glaubst’s, Du glaubst’s
+doch, dass ich Dich lieb habe, nur Dich!“
+</p>
+
+<p>
+Ich glaub’s. Ich glaube Alles.
+</p>
+
+<p>
+„Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt
+wären! im Paradies!“ ....
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr120"/><corr sic="Ach!">„Ach!</corr> es ist zu schrecklich eingerichtet im
+Leben! ... Und nicht wahr, meine Briefe,
+die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie
+doch alle?“ ...
+</p>
+
+<p>
+– „Ob wir uns wohl mal wiedersehen?
+<pb n='121'/><anchor id='Pgp121'/>Oh Gott! Wie schrecklich das würde! Ich
+würde Alles verraten.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr verständig würdest Du sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre
+Frauen. Mich hast Du überhaupt gar nicht
+gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen
+gern gehabt hast? Du bist ja so unmoralisch!“
+</p>
+
+<p>
+Martin meldet die Droschke.
+</p>
+
+<p>
+Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster
+erleuchtet.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich jetzt könnte! Dass Du mich
+noch nicht mal gehabt hast .. Der greuliche
+Kerl mich kriegt.“
+</p>
+
+<p>
+Sie weiss genau, dass die Droschke im
+nächsten Moment anhalten muss.
+</p>
+
+<p>
+Sie hält.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='122'/><anchor id='Pgp122'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Dreizehnter Brief.</head>
+
+<byline rend="center">
+Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Gröndahl.
+</byline>
+
+<salute rend="margin-top: 2; margin-bottom: 2">
+Lieber, süsser Herzensschatz!
+</salute>
+
+<p>
+Denke Dir meinen Schrecken, als Achim
+mit Dir hereinkam! Aber nur einen Moment
+hab ich mich erschrocken. Du bist ja so
+verständig und lieb und gut. Ach und die
+süssen, grünen Gläser, die Du mir geschenkt
+hast! Das sieht Dir ähnlich. Es war zu
+entzückend himmlisch bei Dir. Ich werde es
+<hi rend='gesperrt'>nie</hi>, <hi rend='gesperrt'>nie</hi> vergessen und Dich ewig lieb
+haben. Du musst uns jetzt oft besuchen,
+nächsten Sommer, wenn wir hier auf dem
+Gute sind. Jetzt verreisen wir – nach
+Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier
+geschenkt. Himmlisch, sage ich Dir. –
+<pb n='123'/><anchor id='Pgp123'/><anchor id="corr123"/><corr sic="wir">Wir</corr> sprechen dann über Alles, Du musst
+mir erzählen, wen Du jetzt hast. Du bist
+ja so verständig. Wenn Du doch Achim
+wärst! Ach, das Leben ist doch sehr
+schwer oft!
+</p>
+
+<p>
+Fandest Du, dass ich gut aussah bei der
+Trauung? Der dumme Kirchenmensch hatte
+die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich
+ärgerte mich die ganze Zeit darüber, und
+die Myrte stand zu hoch über der Stirn.
+</p>
+
+<p>
+P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt,
+alle? und Martin sagt nichts? Es
+wäre schrecklich.
+</p>
+
+<signed rend="text-align: right">Deine M.</signed>
+
+ </div></body>
+ <back>
+ <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <p>Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht verändert, außer in folgenden Fällen,
+ die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:</p>
+ <list>
+ <item><ref target="corr039">Seite 39</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „bin?“</item>
+ <item><ref target="corr120">Seite 120</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Ach!“</item>
+ <item><ref target="corr123">Seite 123</ref>: „wir“ geändert in „Wir“</item>
+ </list>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: right">
+ <divGen type="pgfooter" />
+ </div>
+ </back>
+ </text>
+</TEI.2>
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index 0000000..f72b992
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+++ b/35758-tei/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/35758.txt b/35758.txt
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index 0000000..75f8644
--- /dev/null
+++ b/35758.txt
@@ -0,0 +1,2540 @@
+The Project Gutenberg EBook of Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der
+hoeheren Tochter by Hans von Kahlenberg
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der hoeheren Tochter
+
+Author: Hans von Kahlenberg
+
+Release Date: April 2, 2011 [Ebook #35758]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HOeHEREN TOCHTER***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Cover image]
+
+
+
+
+
+ Nixchen.
+
+
+
+
+
+ _Saemtliche Rechte vorbehalten_
+
+
+
+
+
+ *Nixchen.*
+
+ Ein Beitrag
+ zur Psychologie der hoeheren Tochter
+
+ von
+
+ *Hans von Kahlenberg.*
+
+ _Umschlag von __Hermann Liebich__._
+
+*12.-14. Tausend.*
+
+
+_Wiener Verlag._
+Wien 1904.
+
+
+
+
+
+ Maschinensatz
+ von Oscar Brandstetter in Leipzig. 23217
+
+
+
+
+
+
+ ERSTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Groendahl, Berlin, Nettelbeckstrasse.
+
+
+Mein lieber, alter Mephisto!
+
+
+Ich weiss zwar nicht, wie ich dazu komme an Dich zu schreiben, grade heute
+in meiner schoenen Kirchtags- und Osterglockenstimmung; denn eigentlich war
+ich recht wuetend auf Dich, wuetend und entruestet und etwas traurig von
+unserm letzten Berliner Beisammensein, als Du mir bei frappiertem Sekt und
+koestlichen Natives so nackt und klipp Deine Ansichten ueber ein gewisses
+Thema auseinandersetztest.
+
+Und Du weisst, dass ich in dem Thema nun einmal ein unverbesserlicher,
+hartgesottener Idealist bin. Denn ich frage Dich, Skeptiker und Realist,
+was waere das Leben ueberhaupt wert, all unsre Arbeit, mein Schuften hier
+auf der einsamen Klitsche, die Jagd nach Beruehmtheit, die Freude an dem,
+was man in sich hat, an der schoenen Gotteswelt draussen, wenn man sich
+nicht mitteilen koennte, wenn die lieben Frauen nicht waeren, die liebe,
+schoene Aussicht, solch ein liebes, lebendiges, teilnehmendes Wesen sein
+eigen zu nennen.
+
+Ja, die lieben Frauen! - Und Du magst nun sagen was Du willst und
+Erfahrungen haben so viele Du willst - ich bedauere Dich oft darum. Ich
+behaupte, sie sind das Einzige im Leben, das es fuer Unsereinen ueberhaupt
+erst lebenswert macht. Es giebt Engel unter ihnen, suesse, unschuldige
+Blumen, tausendmal besser, feiner, klueger wie wir, direkt vom Himmel
+herunter gesandt, damit man eine Ahnung behalten soll hier unten im
+Staube, wie's da oben aussah.
+
+Lache nun wie Du willst ueber den Romantiker, den Thoren, den Parzival! Es
+ist zu schoen, ein Thor zu sein! Und um es kurz zu machen, Du alter, lieber
+Freund, trotz Deines infernalischen Beigeschmacks, - ich bin gluecklich,
+unbeschreiblich, lautjubelnd, stillselig gluecklich! - Ich liebe.
+
+Da steht es nun. Das Wort kommt mir fast profan vor Dir gegenueber. Weisst
+Du ueberhaupt, was Liebe ist, so eine echte erste, gute, frohe und starke
+Liebe, Du grosser Kenner des menschlichen Herzens, vereidigter
+Sachverstaendiger in Liebesangelegenheiten, unvergleichlicher Vivisektor
+der Gefuehle? - Du weisst sehr viel, viel mehr als Dein armer Krautjunker
+und doerflicher Pylades, aber das weisst Du doch nicht.
+
+Und wie kannst Du es wissen? Du Grossstadtmensch, der sich immer zwischen
+Haeuserreihen und elektrischen Lampen umhergetrieben hat, beruehmt mit
+sechsundzwanzig, vergoetterter Boudoirheld, dem die Koeniginnen des Salons
+zu Fuessen lagen, diese Frauen, die Du kennst, die Du schilderst wie
+Keiner, Tigerinnen mit Madonnengeluesten, sentimentale Messalinen,
+Prostituierte des Herzens und der Phantasie, die fuer mich schlechter sind,
+als Strassendirnen, die ehrliche, schmutzige Gemeinheit ohne Eau de Lys
+und praeraffaelitischen Faltenwurf.
+
+Weisst Du, wenn ich so ein Buch gelesen habe in seinem gruenen, glatten
+Eidechseneinband mit hochmodernen Winkeln und Schnoerkeln und den
+beunruhigenden Halbfrauen- und Sphynxemblemen, hier in meiner alten,
+verraeucherten Bude mit den Hirschgeweihen und den alten Preussenkoenigen
+und ihren alten, strammen Soldaten darunter, dann moecht' ich es gerade an
+die Wand werfen und hinausstuermen. Freie Luft! Baeume! Erdgeruch! Hier ist
+doch noch Natur, Wahrheit, Keuschheit!
+
+- - - - Und doch ist auch sie keine Landbluete, nicht im Walde erschlossen
+beim Quellenrauschen, - eine Grossstadtblume, blaue Wunderblume ueber dem
+Sumpf und dem Steinmeer. Wie sollte es auch anders sein? Sechzehn Jahre!
+suesse sechzehn! - halb Kind noch, halb Jungfrau! Das ist das lieblichste
+Alter. Ich mag die "jungen Damen" nicht, die schon drei Winter ausgegangen
+sind, deren Schultern jeder Laffe besehen hat, deren Unbefangenheit man
+mit faden Schmeicheleien vergiftet. Jedes Maennerauge, das sie begehrte,
+hat einen Fleck darauf zurueckgelassen.
+
+Nein, so ist mein Liebling nicht. Ich bin der Erste, der glueckliche,
+selbst nichts ahnende Jaeger, der das Edelweiss an der steilen Bergwand
+entdeckt. Das ist buchstaeblich zu nehmen. Du kennst die Partnachklamm. So
+faul warst selbst Du nicht bei Gelegenheit unsrer famosen
+Zugspitzbesteigung, die Du mit dem Fernrohr von der Terrasse in Eibsee aus
+verfolgtest. Da traf ich sie, ganz allein, die Eltern waren am obern Rande
+voraufgegangen. Sie war forsch gewesen. Sie hatte die Innentour machen
+wollen, die kleine, kecke Berlinerin. Da stand sie, gegen die nasse,
+riesige Felswand gedrueckt, blass und zitternd mit aengstlich hochgehaltenem
+Kleidchen zwischen den brausenden, tobenden Wassern im spruehenden
+Wasserstaube, der das winzige, zierliche Sonnenschirmchen durchnaesste wie
+ein Luempchen.
+
+Ich fuehrte sie. Wie sie so aengstlich trippelte, Schrittchen fuer
+Schrittchen an meinem langen Bergstock! - und doch glaeubig. Sie hatte Mut
+nun. Sie wusste, der grosse, grobe Mann im braunen Lodenkittel wuerde sie
+sicher durchsteuern durch das aengstliche, riesige Labyrinth von Steinen
+und Wassern. Es ist ja nur ein barbarischer Vorzug der Natur, aber
+derjenige, dessen man sich am haeufigsten und reinsten freut, stark zu
+sein, Mann zu sein, und doch Alles wieder nur, um so ein kleines,
+schwaches, weiches Ding festzuhalten, zu schuetzen, das Einen mit einem
+Laecheln um den winzigen Finger wickelt.
+
+Was soll ich Dir weiter erzaehlen? Ich stellte mich vor. Ich durfte mit den
+Eltern sprechen. Ich wurde ein Glied ihres kleinen Kreises - allmaehlich,
+mit Tasten und Zurueckweichen, wie es bei vornehmen, vorsichtigen,
+norddeutschen Menschen ist, dann waren sie desto herzlicher. Zwei aeltre
+Schwestern sind verheiratet. Ein Bruder ist Offizier, Leutnant bei den
+T....er Dragonern. Mathilde ist die Juengste. Mathilde - etwas Klares,
+Reines, altdeutsche Kaiserinnen und blonde Burgfrauen. - Wie ich den Namen
+liebe! Sie haben alle huebsche Namen in der Familie: Elisabeth, Magdalene.
+Der Vater Geheimrat, preussischer Beamter vom alten Schlage, etwas
+trocken, etwas zugeknoepft, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Die
+Mutter, die echte deutsche Frau, bluehend, muetterlich, mit geschickten
+Haenden. Etwas Reinliches um die Frau, keine Unordnung, keine Unklarheiten!
+Weil ich selbst keine Mutter gehabt habe, empfinde ich das doppelt, diese
+Frau hat mein ganzes Herz. Und Mathilde - ich hasse Abkuerzungen. Ich nenne
+sie Mathilde, nicht Tildchen oder Tilly oder gar englisch-undeutsch
+Mattie, Maudie, - es passt am besten fuer sie. Blondes Flechtenkroenchen,
+blonde Augen, eine Haut von der Frische und dem duftigen Schmelz des
+Rosenblattes. Ich schwaerme fuer schoenen Teint bei Frauen. Er scheint mir
+ein Sinnbild der inneren Reinheit. Jede arglose Regung liest sich in den
+Wellen des Blutes unter der Milchweisse der Unschuld.
+
+Und sie ist ja so kinderjung noch! Es ist doch fast eine Suende. Ich habe
+Frau von B. gebeten, ihr noch nichts zu sagen. Ich will um sie werben.
+Blatt fuer Blatt moechte ich diese Knospe erschliessen, Gedanken, Herz,
+Sinne, bis sie mein ist, Leib und Seele. Leib und Seele! welch ein
+Gedanke! welche Aufgabe!
+
+Ehrfuerchtig, fast zagend stehe ich davor. Was weiss denn so ein junges
+Geschoepfchen von der Welt, vom Leben, vom ganzen, grossen
+Menschheitswesen? Dass der liebe Gott in sieben Tagen Himmel und Erde
+geschaffen, dass Friedrich der Grosse mit einem Krueckstock ausging, dass
+ein gewisser Goethe einen gewissen Faust geschrieben hat? _Meine_ Aufgabe
+wird es sein, sie einzufuehren, ihr zu zeigen aus meinem Arm. Wie leicht
+erklaert sich das Raetsel der Welt, wenn das Koepfchen so sicher ruht an
+treuer liebevoller Brust!
+
+Darum ist es mir auch so lieb, dass Mathilde nicht in Pension gewesen ist.
+Ich hasse diese Ansammlungen an gleichgueltigen, unheimatlichen Orten unter
+ungenuegender Aufsicht, wo schlechte Elemente ja nicht fehlen koennen. Ich
+habe meine laendliche Alleinerziehung stets als einen Vorteil empfunden.
+Und wenn Ihr mich nachher als "reinen Thoren" verspottet habt, ich habe
+Euch nicht beneidet. Sie hat nur Privatunterricht genossen, in kleinen
+Kursen, mit Toechtern ausgewaehlter Familien. Ihre liebste Freundin ist die
+Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzaeugiges
+Plaudertaeschchen. Sie sind fast unzertrennlich, da geht dann ein sehr
+liebliches, bestaendiges Tuscheln und Kichern vor sich, all dieser tausend
+kleinen Nichtigkeiten, ein neues Kleidchen, eine Schwaermerei fuer einen
+toten Dichter oder verehrten Lehrer ... Wie unendlich ruehrend diese
+Einfalt gerade ist! Sie hat fuer mich etwas Heiliges. Ich bete, dass ich
+wuerdig sein moege. Ich pruefe mich selbst, meine Gedanken, meine Worte.
+Selbst meine Augen moechte ich bewahren, sie nicht vorzeitig zu erwecken,
+zu beunruhigen, meine Blume, meine Lilienknospe, mein Elfenkind!
+
+Lache ueber mich! Zucke die Achseln! Setze Deine spoettischste Mephistomiene
+auf ueber den Menschen, den Esel, den Dummkopf, der in einem
+sechzehnjaehrigen Kinde, einem Backfisch, einen Schatz gefunden hat, eine
+Krone, eine Erloesung!
+
+Ich bin gluecklich! Dein Achim.
+
+
+
+
+
+ ZWEITER BRIEF.
+
+
+ Herbert Groendahl an Achim von Wustrow, Templin bei Rathsdorf, Kreis
+ Jueterbog in der Mark.
+
+
+Teurer Parzival!
+
+
+Heute also zu Deiner Epistel von gestern.
+
+Ich habe weder gelaechelt, noch eine spoettische Miene aufgesetzt. Ich
+kannte ja die dicken Couverts, das Wappen Semper idem, die
+engbeschriebenen Seiten a la Hainbundjuengling.
+
+Aber ich habe nicht gelaechelt. Nur geseufzt habe ich! Kommt denn der
+Mensch nie aus dem Zahnen heraus!
+
+Da habe ich ihn muehsam einer angejahrten, stark magdalenenhaften Witib aus
+den Faengen gerissen, nun faellt er auf einen Backfisch herein, einen
+Berliner Backfisch, eine Geheimratstochter! - Mensch! Mensch! Die Goetter
+wollen Dein Verderben.
+
+Ich kenne die Beschreibung. Ich kenne das Original. Ich sehe es zu
+Dutzenden alle Tage zwischen Brandenburger Thor und Savigny-Platz,
+manchmal noch mit der Schulmappe und dem Bammelzopf sogar, das aeugelt und
+kichert auf der Pferdebahn, giebt sich in Konditoreien Rendezvous, liest
+Tovote und Maupassant, wo Leihbibliotheksjuenglinge erroeten, und traeumt von
+chambres separees, alten Maennern mit Millionen und Hausfreunden, die
+Gesandtschaftsattaches sind.
+
+Der Schaendliche! Der Pessimist! wirst Du sagen, und dann kommt die ganze
+Philippika gegen moderne Kunst und Volksvergifter.
+
+Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsaetze. Ich weiss nicht, ob sie
+ganz so schoen waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine
+mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune.
+
+Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen
+Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine
+aergere Komoedie als ich dachte, ich Hans Herbert Groendahl, alter,
+ausgelernter Komoediant und Komoedienschreiber.
+
+Uebrigens ja doch! lachen musste ich doch.
+
+Bei der Beschreibung: Flechtenkroenchen, blaue Augen, diese Zartheit,
+Blondheit. Geheimratstochter aus W.....
+
+Weisst Du noch, wenn Du mir Standreden hieltest ueber meine Abenteuer,
+entruestet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer
+Verfuehrungskuenste?
+
+Diesmal wirst Du wenigstens zugeben muessen, dass ich auf unschuldige Weise
+dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstaeblich im Schlafe, Du
+weisst ja "seinen Freunden u. s. w."
+
+Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus
+Armen, als Martin zwei Damen meldet.
+
+Martin ist geaicht auf solche Faelle. Er hat dann foermlich etwas
+Priesterliches, die Allueren eines Offizianten, der das Allerheiligste
+oeffnet.
+
+Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in
+Muenchen der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste,
+ehrlichste, fidelste Frauenzimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen
+Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen
+Leben. Martin bediente uns waehrend des Essens mit einer Grandezza und
+diskreten Feierlichkeit, die anfing laehmend zu wirken. Jule wurde stiller
+und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr sueddeutscher
+Gemuetlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den
+geringeren Goettern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie
+einen fast schuechternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches
+Gesicht.
+
+Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind
+alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen - notabene es
+war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme,
+feierlich und gedaempft wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr
+ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst
+einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin praesentiert Feuer
+von dem zuengelnden Stirnflaemmchen einer Serpentintaenzerin und traeufelt das
+Nass aus dem gruenen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade.
+Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von
+dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten
+Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fuehlt das
+Beduerfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht.
+Das Bett steht zurueckgeschlagen mit langherabrieselnder gelber
+Seidenkouvertuere. Ueber dem Kopfende haelt ein gefaelliger Cupido, laechelnd
+vorgeneigt, ein elektrisches Flaemmchen. Vor der Toilette liegen, planvoll
+arrangiert, Kaemme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und
+gewellte, ein silbernes Schuhknoepferchen mit Elfenbeingriff. Jule traegt
+Lahmannsandalen und kurzgeschoren.
+
+"Du -", sagte meine alte brave Schwester, wiedereintretend, mit einem sehr
+energischen Klink der Thuer, der ihm durch und durch gehen musste. "Wenn
+der im Paradies dabei gewesen waere, den Apfel haette der liebe Gott sich
+sparen koennen."
+
+Also Martin meldet. Du weisst, dass Hoeflichkeit gegen das weibliche
+Geschlecht eine schwache Seite von mir ist. Wenn Du wuesstest, was ich
+durch diese Hoeflichkeit schon gelitten habe! Das ist physisch bei mir.
+
+Ich erhebe mich also. Ein rascher Blick in den Spiegel, eine Handbewegung
+nach dem Schnurrbart, eine ebensolche an die Halsbinde. Der aeussere Mensch
+waere geruestet.
+
+Mein Junggesellenheim kann sich immer zeigen. Das ist mein Stolz, und
+Martin ist darin gut erzogen. En avant donc!
+
+"Meine Damen, was verschafft mir die Ehre?" Zwei Backfische, allerliebst!
+ein blonder und ein brauner, suess, frech, puterrot. Aus gutem Hause -
+Handschuh, Stiefel - viel Wasser und Seife. Ich sehe sowas sofort.
+
+"Sie sind doch der beruehmte Herr Groendahl? Wir haben Ihr Buch: "Verbotne
+Fruechte" gelesen. Meine Freundin und ich wollten Sie gern mal kennen
+lernen."
+
+Es ist die Braune, die spricht, forciert naseweis mit dreisten, hellen
+Augen. Die Blonde steht verschaemt mit schlagenden Wimpern.
+
+"Ich bin meinem Buche sehr dankbar, dass es mir solch reizende
+Bekanntschaft vermittelt hat.... Wollen Sie nicht Platz nehmen, meine
+Damen?"
+
+Sie setzen sich, beide natuerlich auf einen Stuhl. Sie kichern. Die Blonde
+bearbeitet die Braune sehr energisch in der Knie- und Ellenbogengegend.
+
+Die ist schon ganz frech: "Ich heisse Kathinka Schnebeling und meine
+Freundin heisst Isolde Schulze. Wir schwaermen fuer moderne Litteratur.
+Meine Freundin schwaermt fuer Ihre Buecher. Sie hat auch eine Photographie
+von Ihnen. Sie hat sie bei sich."
+
+"Und nun sind Sie sehr enttaeuscht natuerlich - ein alter Mann mit einem
+kahlen Kopfe...."
+
+Erneutes Kichern. Diese kleinen Maedchen muessen sehr solide Knochen haben,
+dass sie ihre gegenseitigen Pueffe und Ellenbogen so gut vertragen.
+
+"Unsre ganze Klasse schwaermt fuer: "Verbotne Fruechte". Wir haben es Alle
+gelesen. Oh wir lesen Alles!"
+
+Das Alles kommt atemlos heraus, in ganz kurzen Saetzen.
+
+Ich spiele den Moralisten: "Das ist doch aber eigentlich in Ihrem
+Alter ...."
+
+"Oh, ich bin auch schon mal im Wintergarten gewesen mit meinem Vetter Hubi
+und "Sodoms Ende" haben wir gesehen, heimlich!"
+
+"Der Vetter Hubi ist ein gluecklicher Mensch ... Aber merkt denn das Ihre
+Frau Mama oder Ihr Herr Vater nicht?"
+
+"Oh, Papa! Der sitzt zu Haus und legt Patiencen," (schriftlich nicht
+wiederzugebende Nueance der Verachtung fuer diese ehrenwerte Beschaeftigung
+des wackren alten Herrn). "Itta" - was diese kleinen Maedchen fuer Namen
+haben! Das ist alles: Issy, Cissy, Missy, eine Mischung von Kaetzchenmiauen
+und Babygelalle, als ob ihnen ein ordentlicher, honetter, christlicher
+Vorname ebenso unmoeglich waere wie ein ordentliches, honettes Ja oder Nein
+- -, "Itta wollte so gern zu Ihnen und da bin ich mitgegangen. Itta
+schwaermt fuer Kuenstler. Ich habe Offiziere am liebsten, hauptsaechlich Garde
+und Kavallerie."
+
+"Aber Kitty!" ...
+
+Also die Blonde! Die Blonde war auch eigentlich die Niedlichste.
+
+Ich liess Wein und Suessigkeiten bringen. Martin ist darin vollkommen.
+
+Sie knabberten wie die Maeuse. Von dem Wein nippten sie nur.
+
+Dabei gingen die Augen im Zimmer herum. Sie brannten foermlich vor
+Interesse. Eine dekolettierte Kabinettphotographie der Kaiserin auf meinem
+Schreibtisch enttaeuschte sie sichtlich: "Ach die Kaiserin!" ... Einige
+Bouchers entschaedigten sie etwas. Sie stiessen sich an und kicherten.
+Sicher hatten sie erwartet, die ganzen Waende voll nackender Frauenzimmer
+zu finden, alle fuenf Barrisons mindestens!
+
+"Ist es wahr, dass Sie jeden Tag Liebesbriefe kriegen? Olga Krohn sagt
+es."
+
+Olga Krohn ist ein charmantes Maedchen. Ich zeige maennliche Bescheidenheit:
+"Ab und zu .. wie heute .. dass holde Lichtelfchen einem armen Sterblichen
+ihre Gunst erweisen."
+
+"Aber furchtbar viel Lieben haben Sie gehabt?"
+
+"Es giebt soviel Liebreiz in der Welt."
+
+"Sie sind sicher schon oft sehr ungluecklich gewesen?"
+
+"Unsaeglich!"
+
+Dabei betrachten sie mich kritisch wie zwei kleine, menschenfressende
+Ungeheuer, ob ich nun die makellose, weisse Hemdenbrust aufknoepfen und das
+traditionelle blutende Herz mit dem grossen Knax mittendurch entfalten
+werde.
+
+"Aber wollen wir nicht von meiner bescheidnen und gaenzlich unromantischen
+Person .."
+
+Sie tauten riesig auf: von Vetter Hubi, Gymnasiasten, einem Studenten,
+einem Courmacher der Blonden ... Was die Eine nicht sagte, verriet die
+Andre, - die Braune immer ein Schrittchen voraus und die Blonde
+nachhelfend ... von Susi Hausner und Litty Mehring und Daisy Grimme ...
+Oh, die war ganz schlimm, Daisy Grimme!
+
+Und als ich ganz bescheidentlich einmal einen rein technischen Zweifel zu
+aeussern wage inbetreff der "Gelegenheit" ... Man hatte ja seine
+Musikstunden, Kurse, die Schneiderin zum Anprobieren. Das System
+funktionierte vorzueglich. Eine ganze geheime Konnivenz aller dieser
+Faktoren blickte durch, die Angst, Schuelerinnen zu verlieren, Kundschaft
+einzubuessen.
+
+Ich sage Dir, es war entzueckend, die beiden heissen, niedlichen, kleinen
+Kaefer!
+
+Es schlaegt sechs Uhr.
+
+Die Braune erhebt sich: "Jetzt muessen wir aber gehn."
+
+"Schon?"
+
+Mit einem ermutigenden Puff an die Blonde: "Du kannst ja wiederkommen."
+
+_Ich!_ "Wenn ich auf ein solches Glueck hoffen duerfte?" ...
+
+"Ich werde Ihnen schreiben," haucht die Blonde.
+
+Ich quittiere mit stummem Handkuss. Der stumme Handkuss ist
+ausserordentlich wirkungsvoll, ehrfuerchtig, bescheiden, vielsagend - und
+stumm! Ich empfehle Dir den stummen Handkuss. - - -
+
+Ich muss gestehen, etwas chokiert war ich doch.
+
+Kreuzschockschwerenotnochmal! Sowas sind am Ende unsre Schwestern. Sowas
+heiratet man. Mit sowas setzt man Toechter in die Welt, die wieder
+schlechtbeleumundeten Junggesellen auf die Bude ruecken. Brrr .....
+
+Da hast Du was fuer Dein gluehendes Herz!
+
+
+
+
+
+ DRITTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Groendahl.
+
+
+Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil.
+Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter!
+
+Ich fluechte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich
+sieht, schwinden die Zweifel. Der Glaeubige, dem die Madonna leibhaftig
+erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Gluecklicher entruestet
+sich nicht einmal moralisch.
+
+- - - - Sie ist noch immer geschlossen, suess und ahnungslos.
+
+Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die
+schlanke Huelle, ein tieferes Atmen, die Ahnung kuenftigen Fruehlingssturmes,
+heller, glorreicher Sonnenwaerme.
+
+Wir sassen auf dem Balkon.
+
+Ich sah sie wohl zu heiss an.
+
+Sie verwirrte sich. Sie war still.
+
+Diese suesse Stille! Kennst Du einen huebscheren Ausdruck als den Koriolans
+an sein Weib: "Mein suesses Schweigen!" Es liegt darin eine solche Tiefe
+der Unberuehrtheit. Auf vieles waere es schlechterdings unanwendbar, auf
+Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen - der See - der
+Himmel - die Frau ...
+
+Ich bemuehe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im
+Hause ihre kleinen Aemter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa
+den Fruehstueckskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen haelt sie selbst
+in Ordnung, die kleinen Roeckchen, Struempfchen, Ziertuechelchen und
+Baendchen. Die Mutter hat sie schlicht und haeuslich erzogen, wie sie selber
+ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plaetteisen selber fuehren.
+Ich finde das entzueckend.
+
+Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v.
+W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit
+wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die
+beiden Maedchen sind unzertrennlich. Wie das schwaetzt und schnaebelt! - all
+diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der
+sechzehn Jahre.
+
+Das thut mir manchmal fast weh.
+
+Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, fuer das wir kein
+Verstaendnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, ohne Mutter,
+ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenueber ein schuechterner
+Stuemper!
+
+Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein!
+
+Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen,
+seinen Schoenheiten. Unsre Mark _hat_ Schoenheiten, ihre sehr intimen,
+keuschen Schoenheiten, die sich nur dem Verstehenden enthuellen, dem
+Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schoene Gotteswelt, Italien,
+Norwegen - das Meer ...
+
+Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass
+ich reich bin, soviel Schoenes erschliessen kann fuer mein Lieb.
+
+Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine,
+barbarische Berlinerin, die nichts kennt!
+
+Alle meine Lieblingsbuecher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried
+Keller, Storm.
+
+Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen
+und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes,
+grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck.
+
+Die Mama laechelt dann: "Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!"
+
+Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens wuerdig finden.
+
+Bin ich ihrer wuerdig?
+
+Diese Frage beschaeftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein
+ausschweifendes Leben gefuehrt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen,
+sowohl bei Maennern wie bei Frauen, und keine kuenstlerische Verklaerung,
+keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu uebertuenchen
+vermocht. Ihr verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner
+Josephhaftigkeit.
+
+Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte -
+Eindruecke - was man vielleicht nur gehoert, gesehen hat. Was ist meine
+sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste
+Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen koennte.
+Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu
+maessigen.
+
+Wie zart und ruehrend diese kleinen Gespraeche mit ihr! Ich frage und sie
+antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor
+man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das
+weisse, suesse Lilienblatt. Gott moege mich wert machen, dass es die rechte
+Schrift sei!
+
+Ich hatte eine Erschuetterung dieser Tage.
+
+Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam - ich bin ein fuer alle Mal
+Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit
+ihr. Sie gehoert zu ihrem Kreis. Die Geheimraetin sagt, es geht nicht
+anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser
+gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage.
+
+Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse!
+
+Auch Mathilde war im Salon. _Sie_ sprach mit ihr, lobte ihren Anzug,
+kuesste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner
+Lilienknospe, meiner Madonna!
+
+Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und
+liebenswuerdig, hat ihre Partei.
+
+Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie
+da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen.
+
+Ich war sehr alteriert. Mein Maedchen sah mich halb erschrocken an, welche
+boese Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wuesstest, dass es nur Deine
+Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt,
+seit ich Dich habe!
+
+Es kommt mir vor, als saehe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es
+mir fast, als ob sie geweint haette, holde, unschuldige Thraenen einer
+suessen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl
+oefters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt?
+
+Noch ein entzueckender Zug.
+
+Bei der aeltesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte.
+
+Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man
+besorgen muesste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hoerte nur
+das Murmeln ihrer Stimmen, zaertlich und geheimnisvoll wie vor einer
+Weihnachtsbescherung.
+
+Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen.
+
+"Das Kind ahnt ja nichts," sagte Frau von B. laechelnd.
+
+Ich kuesste ihr die Haende. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod
+gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurueckzugeben, wenn
+Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!
+
+
+
+
+
+ VIERTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Groendahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Das Abenteuer faengt an, mich zu interessieren, mehr von der
+psychologischen als von der persoenlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das
+bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit.
+
+Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Hoeheretoechterschrift,
+steil, zimperlich, kaprizioes: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um
+dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J.
+
+Ich oeffnete selbst. Das erhoeht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und
+erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit
+schwarzem Astrachan, gluehendrot.
+
+Diesmal kuesste ich sie natuerlich.
+
+Du weisst, dass ich Kuessen fuer eine Kunst halte. Einige Menschen werden
+sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage,
+Bestaetigung - Grenze ... Die ganze kuenftige Liebesmelodie im leisen,
+leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und
+Ungeschicklichkeiten hinterher.
+
+Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das
+Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. "Es merkt es doch
+auch niemand?"
+
+Ich beruhigte sie: Eine Etage hoeher wohnt ein Photograph, da haetten Sie
+immer hingehen koennen, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das
+Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist
+verschwiegen wie das Grab.
+
+Sie hatte ueber das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett
+kuessen hinterher.
+
+Dann die moralischen Garantien.
+
+"Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen "dem"
+gekommen bin?" (in Parenthese - hast Du schon jemals eine Frau getroffen,
+die "wegen" mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie traegt
+Jaegerwaesche und philosophiert im Bette.) "Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht!
+Es ist doch nur, weil ich Deine Buecher gelesen habe - und es ist so
+schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist."
+
+Ich sage: wahrhaftig nicht! und kuesse sie, kuesse ihr die weisse Kehle rot
+und beisse sie ins Ohrlaeppchen.
+
+Was fuer Bruestchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhaelften! und
+das Haelschen so fein angesetzt! Aermchen, die umstricken und festhalten,
+duenn, weich und unzerreissbar wie Seidenstraenge ... Es ist ein kleiner,
+ruehrender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton.
+
+Ich habe jetzt auch einen Namen fuer sie: Wassernixchen. "Nixchen" passt
+ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, luestern, spitzbuebisch,
+zur Liebe geschaffen, unfaehig im Grunde. Der Fischschwanz!
+
+Eiskalt - das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt:
+"Ich liebe Dich, Herri! Ich hab' Dich furchtbar gern! Du bist der
+einzigste, himmlischste Mann, den es giebt." Aber nett klingt's doch.
+
+Dazu kein lautes Wort, keine haessliche Geste, immer kleine Dame, so
+sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich
+habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und
+wattierte Unterroecke verliebten. Ich bin zu sehr Aesthetiker dazu.
+
+Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar.
+
+Dann wird sie Meister und ich demuetiger Schueler. Ich staune, was der Balg
+weiss. Und woher weiss sie es?
+
+Sie lacht: "Das wissen wir Alle."
+
+Dann erzaehlt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale
+Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse
+Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schlaeft,
+Dienstbotengeschichten, am Schluesselloch Erlauschtes, eine spielerische,
+knabbernde Luesternheit an Buechern und Eindruecken. Selbst der Humor dieser
+Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtueckisches, ein Humor von
+Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzaehlte mir eine Geschichte von einer
+Bekannten, einer vierzigjaehrigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem
+Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, waehrend
+er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen
+blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten
+sie in ihrer kleinen, perfiden, unschaedlichen Bestienhaftigkeit.
+
+Dann hat man Brueder, Vettern ... Der "Vetter" verdiente eine extra
+Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz
+"fremder Mann". Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen.
+Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint
+es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, fuer diese
+delikaten, schummrigen Uebergangsstadien, eclaireur-Dienste,
+Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte.
+Sie hat Angst vor mir. Manchmal spuere ich die Vorarbeit des "Vetters".
+Irgendwo und irgendwann ist er ueberall mal dagewesen. Du magst noch so
+frueh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich
+gebe Dir das als Axiom.
+
+Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersaettlich. Es ist
+die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht:
+Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die
+halbe Religion mindestens ist fuer sie nur das. Das merkt sie sich, das hat
+sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas
+Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten
+ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: "Das ist dumm, Liebchen! -
+Das ist so langweilig, das mag ich nicht ..."
+
+Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen,
+Martin, der bric a brac.
+
+Und Kuessen zwischendurch!
+
+Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig
+Natur.
+
+Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie laesst sich
+kuessen, streicheln, anfassen ....
+
+Dann eine Bewegung wie ein Schlaengchen, die Angst vor dem Wehthun, dem
+Baby, die Heiratschance.
+
+Dann wird sie geschaeftsmaessig: "Wir haben kein Vermoegen. Else und Dada
+haben auch geheiratet."
+
+Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernuenftige, die
+Versorgung.
+
+Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau.
+
+Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
+
+Die falsche, unnatuerliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die
+Wuermer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht
+mal selbst aussuchen koennen, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie
+eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas
+Champagnerschaum schluerfen wollen?
+
+Und wie klug sie dabei verfaehrt, instinktiv, so 'n kleines, dummes Ding,
+nicht fuer zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie
+eine orientalische Haremsdame!
+
+Und so 'n kleines Gaensegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: "Der ist der
+Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer."
+
+"- Wenn es rauskaeme!" das ist ihre einzige Angst, eine suesse, gruselige
+Angst. Dann kichert sie ueber die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute,
+da unten auf der Strasse, - dass sie hier oben allein ist, in seiner
+Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
+
+Davon ist sie tief durchdrungen: "Du bist so unmoralisch!" ..
+
+Dann kuesse ich sie wieder.
+
+Sie legt mir die Aermchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling,
+suesses Herz - und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
+
+Kleine Kanaille! - Na, das sind sie Alle.
+
+Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Maenner, der
+Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder
+passiert.
+
+
+
+
+
+ FUeNFTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Groendahl.
+
+
+Weisst Du, dass ich manchmal foermlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir
+vorkommt, als muesste ich Dich bekehren.
+
+Mathilde wuerde Dich bekehren. Du wuerdest glauben und niederknieen wie ich.
+
+Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. - Die
+einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.
+Wenn er erst maennlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach,
+eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den
+praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen
+Beschluss.
+
+Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum
+Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch
+und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt
+doch das Band, das Altpreussen zusammenhaelt, dem Einzelnen Kandare giebt,
+wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimuetig gestand, etwas ueber
+die Straenge geschlagen hat.
+
+Natuerlich stellte ich ihm fuer vorkommende Faelle meinen Kredit zur
+Verfuegung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein
+Bruder, der Bruder ihres Bruders?
+
+Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns
+nicht nur leere Phrase sein soll.
+
+Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen
+Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm
+das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen
+Arrangements fuer Gesellschaften. Sie schmueckt dann die Tafel, legt Silber
+und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie
+sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb
+haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Suessigkeit eines
+Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehoeren,
+denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.
+
+Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
+
+Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufaellig so gefunden.
+
+Sie schien aengstlich zu werden, im unbestimmten Gefuehl von etwas
+Aussergewoehnlichem, Nahendem.
+
+Ich bemuehte mich, ganz Gleichgueltiges zu sprechen, wo ich ihr doch am
+liebsten zu Fuessen gefallen waere.
+
+Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich geruehrt hat.
+
+Ich habe Mathildens Stuebchen gesehen.
+
+Ich kam wohl zu etwas ungewoehnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich
+ja nie. Frau von B. war im Hause thaetig, mit vorgebundner, grosser,
+weisser Schuerze. "Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens
+Stuebchen."
+
+Ob sie meine Gefuehle ahnte? Sie liess mich in der Thuere stehen, waehrend
+sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete.
+
+Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Ueber dem Bett die Raphaelschen
+Engelskoepfchen, - ein Buecherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben,
+Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische
+Tauchnitzromane ...
+
+Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstoeren, zart
+genug zu sein, hochherzig, ritterlich!
+
+Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Sueden
+zurueckgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Baeder. Sie ist sehr schoen.
+Ein Schatten von Schwermut macht dies schoene, stolze Gesicht fast noch
+anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die
+Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote
+stehen, koennen ja einem Frauenherzen dafuer keinen Ersatz geben.
+
+Bei der aeltesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr
+Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tuechtiger und
+strebsamer Offizier.
+
+Sie muessen sich einschraenken. Wie ich sie liebe, diese Einschraenkung um
+der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der
+heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben,
+der Stimme des Herzens zu folgen.
+
+Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Muetter sind. Es ist solch
+huebsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfuellung erst der
+Frau, die Erfuellung ueberhaupt des Lebens, vor der die ganze suendige Welt
+niederkniet, glaeubig und erloest.
+
+
+
+
+
+ SECHSTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Groendahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein
+aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren.
+
+Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwaerts stossend, fortwaehrend thaetig, um
+mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten
+herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwaehrende Noergeleien,
+Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespraech dieser Familie ist
+Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist
+alt, muede, muerbe. Er moechte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stuebchen
+haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt
+und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden.
+
+Das Nixchen steht natuerlich auf Seiten der Mutter. "Mama" ist eine grosse
+Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht.
+
+Die beiden Aeltesten hat sie gluecklich losgeschlagen. Mit der Ersten
+haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er
+hatte ja Karriere vor sich. Thraenen und Szenen in der Familie. Man hielt
+ihn bei der Ehre fest, bis sie gluecklich unter Dach und Fach waren.
+Seitdem ersticken sie in Brut.
+
+Das ist Mamas Hauptaerger. Auch das Nixchen wird ganz naseruempfend: "Wie
+kann man nur! Sie koennten doch wirklich "was thun" - wo er noch nicht mal
+Major ist." - Ueber das "was", das man thun koennte, scheint sie sich
+ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn
+die Diskussion heftig wird.
+
+Die Zweite war die Schoenheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde
+auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und
+Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem
+Marinevetter machte die Mama ebenso nachdruecklich wie effektiv ein Ende.
+Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld.
+Dada entschaedigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das
+Nixchen erzaehlt mir Alles: "Ach, du bist ja nich so" .... Sie haben eine
+Wohnung hier irgendwo.
+
+Es findet Dada nicht zu bedauern.
+
+Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht
+Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des
+geheimraetlichen Kuechenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens.
+Daher fortwaehrende Szenen. Der reiche Schwager laesst sich nicht anpumpen.
+Mama hat Schulden gemacht: "Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei
+uns." Ich glaube es gern.
+
+Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise
+eingefangen, ein laendlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen.
+
+Er scheint etwas daemlich zu sein .. "Dann hat er so grosse Haende!.. Nicht
+halb so nett wie Du!" ....
+
+Sie weint dann thatsaechlich, obgleich sie natuerlich fest entschlossen ist,
+ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
+
+Oh, Weiber!
+
+Arme Natur, wo bist du?
+
+Ueber die Taktik des "Fangens" giebt sie einige ganz huebsche Details.
+
+"Natuerlich musst du immer thun, als wuesstest du von nichts. Das ist die
+Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die
+Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich
+meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht
+fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt haetten, bei Tante Otti,
+was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind
+waere, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer
+eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich
+was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun!
+Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!"
+
+Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformaetchen!
+
+Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren
+kleinen, prueden Zaertlichkeiten, das Haendchen, das mir ueber den Schopf
+faehrt, die Kuesse .. sie drueckt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal
+kuesst sie mich sogar auf den Mund jetzt: "Ich koennte sterben fuer dich!
+Wahrhaftig!"
+
+Man koennte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: "Wir
+koennten uns doch heiraten" ....
+
+Sie wird dann sofort wieder Nixchen: "Ein Kuenstler wie du .. und sieh mal,
+er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama
+gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. - Man muss doch
+vernuenftig sein, Schatz."
+
+Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna.
+
+Ich liege auf der Chaiselongue und staune.
+
+... "Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche,
+einzige Liebe. Du _hast_ mich doch."
+
+Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden:
+
+"Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch
+nichts Schlechtes." ...
+
+Eigentlich koennte man sie durchpruegeln.
+
+Aber echt ist sie.
+
+"Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?"
+
+Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Koepfchen an meinem Halse
+und kuesst mich: "Du bist so unmoralisch!" ....
+
+Ich kitzle sie. Voila.
+
+Weisst Du, an was sie mich erinnert?
+
+Das moderne Kunstgewerbe hat die entzueckendsten neuen Zierglaeser in den
+Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine
+Schwaermerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen,
+hohe geschmeidige Glockenblumen.
+
+Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern,
+und laesst sie in der Sonne spiegeln. -
+
+Frueher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge
+sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, gruene,
+alles Schillernde, Flimmernde, Aederchen, Nerven ...
+
+Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
+
+Das ist sie.
+
+
+
+
+
+ SIEBENTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Groendahl.
+
+
+Ich glaube, dass sie anfaengt, mich zu lieben.
+
+Sie muss es ja gefuehlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in
+ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur fuer sie leben moechte.
+Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fuehlt das.
+
+Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie
+eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie faengt an,
+fuer mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen
+Serviettenring, die sie kennt.
+
+Ich habe sie gekuesst .......
+
+Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen beruehrt, die
+Rosenrundung der Wangen gestreift.
+
+Sie ergluehte. Ich fuehlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes
+Mund ihr aufdrueckt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt
+beim Weibe wie bei uns!
+
+Mir fiel eine haessliche Episode ein. Das Maedchen des Gaertners in Templin.
+Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft
+lag in der Abendstille. Das Maedchen hatte frische Lippen und weisse
+Zaehne ..... Ich kuesste sie ...
+
+Ich will wuerdig werden.
+
+Ich bin es schon.
+
+Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle,
+Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine
+Schuechternheit. Mama, liebenswuerdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.
+
+Ich sehe sie jetzt taeglich. Sie traegt meinen Ring. Wir nennen uns "Du" und
+mit Vornamen. Ich habe das nicht gehoert seit Mamas Tode. Ich koennte es
+immer von ihren Lippen hoeren.
+
+Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich moechte sie nicht erschrecken.
+Diese plumpen, oeffentlichen Zaertlichkeiten, mit denen Brautpaare einander
+ueberhaeufen, sind mir widerwaertig, das unwuerdige, luesterne Spielen und
+Taendeln um den einen Punkt. Die Edelbluete erschliesst sich in einer Nacht.
+Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte,
+jungfraeuliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden
+Liebe.
+
+Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt
+Klavier mit ihm. Sie nennen sich "Du", lachen zusammen, Ereignisse und
+Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurueckgerufen, an denen
+ich keinen Teil habe .. Ich moechte nicht eifersuechtig sein. Es ist eine
+Beleidigung dieser Unschuld des suessesten, holdesten Geschoepfes.
+
+Aber ich kuesse sie heiss, leidenschaftlich.
+
+Ich war ungluecklich hinterher.
+
+Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit fuer bald festgesetzt. Es ist
+besser so, obgleich sie sehr jung ist.
+
+"Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind," sagte Mama, als sie
+einwilligte.
+
+Bin ich gut? Ich will es sein.
+
+Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in
+sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes
+willen keine Scham!
+
+Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Roenne. Ich lade ihn ein. Er soll zur
+Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen.
+
+Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch.
+
+Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im
+tiefen Grunde.
+
+Das ist das Schoene, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von
+fluechtigen Verhaeltnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die
+seligen Goetter nicht beneide.
+
+
+
+
+
+ ACHTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Groendahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen.
+
+Das machte sich so ganz natuerlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und
+lag im Bett, als sie kam. Das amuesierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes,
+mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem
+brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhaengen, durch die
+man undeutlich einen Laerm vom Hofe aufsteigen hoerte.
+
+Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: "Aber nicht
+das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ..." Foermlich Angst hatte sie. Sie
+haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an
+Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Maedchenerzaehlungen sind wir Oger,
+wilde Tiere, die sich auf Alles stuerzen, schoen und haesslich, jung und alt,
+jede Nacht eine Andre, graessliche Orgien feiernd.
+
+Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgeluest, das das
+dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der
+Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu koennen, eines
+Bismarcks alle Tage.
+
+Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines
+Pensionsmaedchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterroeckchen,
+Hoeschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln huebsch zusammengelegt auf das
+Nachttischchen.
+
+Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr huebsch war. Sie
+mussten das oft besprochen haben. "Meine Arme sind noch zu duenn, aber in
+ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes
+Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschoene Schultern.
+Dada ihre Fuesse - sie hat ein Mal auf der Seite - das ist haesslich! Kathi
+solltest Du sehen! Die ist wunderhuebsch, rund und weiss ueberall. Aber sie
+weiss es auch."
+
+Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich kuesse sie. Ich
+halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich ....
+
+Sie laesst sich Alles thun mit einer Art schlaefrigen Wollust. Vielleicht
+denkt sie an den "Vetter". "Nicht wahr, Du bist verstaendig, Liebchen" ...
+
+Ich empfinde nichts, gar nichts fuer sie, eine Art laessigen, physischen
+Wohlbehagens.
+
+Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie.
+
+Dann wird sie aengstlich und flehend. Zuletzt faengt sie an zu weinen,
+huelflos, wie ein kleines Kind.
+
+Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie
+hat dann ungefaehr das Gefuehl, das man hat, wenn man seine Hand dem Loewen
+in den Rachen legt.
+
+Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: "Du liebst mich gar nicht. Du
+spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es." Dann thut sie
+eifersuechtig oder versucht mich zu beleidigen.
+
+Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie daechte, ich erschoesse mich
+ihretwegen, das wuerde sie noch mehr kitzeln.
+
+Sie wuerde dann mit einem delizioesen Moerderinnengefuehl in ihre vornehme,
+ehrbare Ehe gehen.
+
+Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: "Wenn ich dich nun nicht
+freigaebe? Wenn ich dich verriete?"
+
+Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen,
+flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: "Das
+thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anstaendig, zu sehr Gentleman, mein
+lieber, suesser Herri!"
+
+Wie klug sie ist. Fischschwanz!
+
+Und manchmal denke ich, man muesste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es
+fuehlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..
+
+Dann wuerde vielleicht noch was aus ihr, dann wuerde sie ein Weib.
+
+Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und
+Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum
+Hohne!
+
+Aber sind wir denn nicht ebenso - Halbmaenner - Gentlemen - auf Kosten
+unsrer Mannheit?
+
+Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein suesses, junges,
+warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt
+nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft?
+
+Was ist aus uns geworden, wenn die Gefuehle, die uns das Leben gaben, zur
+Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitaeten. Delikatessen, die man
+mit den Zaehnen kostet.
+
+Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend,
+die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, ueber den Tod hinweg - und die
+Toten!
+
+Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erloesungsdrang. Ich
+fasse sie fester. Ich atme staerker .....
+
+Sie murmelt: "Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir
+nichts?" ....
+
+
+
+
+
+ NEUNTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Groendahl.
+
+
+Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.
+
+Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache - in Not und Tod .. Leib
+und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen.
+
+Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Groesseres! Nein, ich beneide die
+Goetter nicht. Grade das Vergaengliche - die Not, das adelt Menschenliebe,
+das macht sie unvergaenglich und goettlich. Nicht Prometheus ist's, der in
+einsamem Zorn den Goettern trotzt - - _der_ Mann, der seines Weibes Hand
+fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte _Mensch_!
+
+Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das
+ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der
+Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine,
+das Grosse, Vernuenftige, Unsterbliche.
+
+Ich denke viel ueber diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren
+erst finden muessen, was der sichere Instinkt des Weibes _fuehlt_!
+
+Wie ueberlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend - Weib sein -
+Mutter - wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung
+des Geschlechtes beruht.
+
+Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem frueheren Leben, meiner
+Kindheit, den Eindruecken und Ereignissen, die auf meine Entwicklung
+massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtuemer verberge ich
+ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin.
+
+Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem
+reinen Weibe gegenueber. So aber auch wird das reine Weib seine Erloesung,
+das Verworrene in ihm geglaettet, die hitzige Leidenschaft zur edlen
+Lebenstraegerin.
+
+Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich
+schaeme mich nicht, es zu sagen - neulich habe ich sie mit Thraenen benetzt.
+
+Sie war betroffen.
+
+Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht
+zurueckschrecken brauchen vor mir.
+
+Wenn ich jetzt so zurueckkehre in mein Junggesellenheim, Grumke mir das
+Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser kuenftiges Dasein aus.
+Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und
+leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend.
+
+Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thaetig ist. Ich schwaerme nicht mal
+fuer diese sogenannten "guten Hausfrauen" - unablaessige Scheuerfeste,
+Kuechenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles
+wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt.
+
+Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand
+nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Ruecken gebeugt
+vom Herdfeuer und muehseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen
+missachte! Ich verehre sie! Ihre harten Haende ruehren mich. Sie sind der
+beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmaeler setzen wie
+seinen Helden.
+
+Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das
+Aesthetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe.
+
+Ob sie ueberhaupt eine Ahnung davon hat? Sie fraegt nie. Ein suesses
+Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm waere, sie folgte mir ebenso
+willig und vertrauensvoll.
+
+Das ist mir ein ruehrendes Gefuehl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke.
+Ich selbst bin immer einfach - Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen
+Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepaecktraeger zur Hand war.
+Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.
+
+Ah, ein Koenigreich moechte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen!
+Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: "Was soll mir das Koenigreich!
+Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Koenigreiche."
+
+Darum bin ich gluecklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine
+Gefuehle nicht vergeudet, keine fuenfunddreissig weibliche Vornamen aus
+meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend
+vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu
+differenzieren, schlechte, aesthetische Unterschiede aus raffinierten
+Romanen von raffinierten Maennern, die das Natuerliche unnatuerlich und
+hypernatuerlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und pruede
+geworden, wie manches arme, feine Maedchen, das sich verletzt in sich
+selbst zurueckzog vor der Roheit und dem Cynismus der Welt. Wie einen
+koeniglichen Schatz, voll und ganz, empfaengt sie, die Koenigliche,
+koeniglich.
+
+Welch ein Fruehling in unserm schoenen alten Park, wenn der Flieder blueht
+und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhaengt!
+
+Wir werden viel Besuch haben - die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder,
+Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus.
+
+An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns
+laecheln.
+
+Vielleicht ..........
+
+Ach, Harry! kann's denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen
+Welt!
+
+.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der
+Meinen, in suessesten Schmerzen mir geboren!...
+
+Was waere das Leben ohne das? Moechte sie die Schmerzen lassen? Die Angst?
+Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens?
+
+Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen
+und kuessen ihnen die Fuesse, wie der Katholik seiner Madonna!
+
+Die Maenner sind Egoisten. Was wuerden sie sein, wenn es nicht holde, zarte
+Wesen gaebe, um sie zu mahnen, dass es etwas Hoeheres giebt, als Kraft,
+Ehrgeiz - dass aller Ruhm Caesars und Alexanders nicht die That des
+einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig,
+Leben saeugt.
+
+
+
+
+
+ ZEHNTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Groendahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Wir sprechen jetzt sehr vernuenftig ueber ihre Ehe.
+
+Dass man heiraten muss, das ist selbstverstaendlich, das ist der
+Ruheposten, die Versorgung. Sie denkt darueber gar nicht weiter nach. Eine
+alte Jungfer bleibt man nur, wenn man haesslich ist, oder Keinen gekriegt
+hat, oder ueberspannt ist. Sie missbilligt das. Sie ist stolz darauf, dass
+sie so bald Einen gekriegt hat, dass er reich ist, dass ihre Freundinnen
+sie beneiden werden.
+
+Der Aerger der Freundinnen spielt eine grosse Rolle dabei - je intimer,
+desto intensiver der Aerger. Das ist diesem Geschlecht das Aequivalent fuer
+das, was wir Ehre, Ruhm etc. nennen. Keine Bewunderung! Sie kennen sie gar
+nicht, wollen sie nicht. Die Leistungen ihrer Geschlechtsgenossinnen in
+Kunst, Berufen u. s. w. lassen sie total unberuehrt, vielleicht nur
+insofern nicht, als sie ihnen das wirklich Beneidenswerte eintragen: Geld,
+Toiletten, Maenner.
+
+Und eigentlich haben sie ganz recht, der Neid, den man fuehlt, der einem
+den Ruecken runterlaeuft! Das kitzelt, das macht die Nerven prickeln, das
+Andre ist Unsinn.
+
+Dass sie sich einem Manne hingeben soll, aus dem sie sich gar nichts
+macht, ist ihr sehr gleichgueltig.
+
+Ich glaube, wir uebertaxieren das im allgemeinen bei der Frau. Oder ist es
+die Jahrtausende alte Knechtschaft, die sie stumpf und duldend macht?
+
+Einen Mann, der einen nicht reizt? - Zum Lieben, niemals! Zum Heiraten -
+warum nicht?
+
+Von der "Liebe" wollen sie das Raffinement, die Leidenschaft, deshalb
+lieben Frauen Kuenstler, aesthetische Maenner, die sie lange kitzeln. Von dem
+eigentlichen Akt haben sie ja am wenigsten, der ist Pflicht.
+
+Vor dem Kinde hat sie Angst, weil das noch weher thut - die Schmerzen -
+die Entstellung - die Bruestchen, die schlaff werden ... "Elisabeth hat
+einen Bauch, der ihre ganze Figur verdirbt ..."
+
+Der "Bauch" von Elisabeth beunruhigt sie.
+
+".. Es geht ja noch, wenn man viel Leute hat und eine Amme nehmen kann.
+Babies sehen sehr niedlich aus in weissen Spitzen und rosa
+Schleifchen ...."
+
+Das ist der ausschlaggebende Punkt, dabei verweilt sie sehr lange!
+Equipagen, Diener, dass sie die Hofbaelle besuchen werden.
+
+"Den ganzen Winter muss er mit mir hier in Berlin wohnen."
+
+"Aber wenn er nicht will?"
+
+"Maenner thun immer, was man will. Papa thut auch immer, was Mama will."
+
+Dabei kommt auf ihre rosigen Lippen ein kleines, listiges, grausames
+Laecheln ....
+
+Oh ja, der wird thun, was sie will.
+
+Und es giebt Toelpel, die immer noch an die staerkere Thatkraft des
+maennlichen Geschlechts glauben!
+
+Nur die Franzosen: Ce que femme veut, Dieu le veut. Die sind ueberhaupt
+viel aufrichtiger in dem Punkte. Der Deutsche bramarbasiert sich was vor,
+der alte, naive Barbar in ihm. - Und unsre Frauen sind klueger. Thusnelda
+laechelte kaum merklich, wenn Hermann Meth soff und Auerochsen spiesste.
+
+Sie haben ja auch zuviel Machtmittel - die Verliebtheit! Und wenn die gar
+nicht mehr vorhanden ist - Es sind gewoehnlich ungeliebte Frauen, die den
+Pantoffel schwingen. - Das verliebte Weib ist unterwuerfig. Das ist ihm
+Wollust: Die Tigerkatze, die sich streicheln laesst. - Der Kleinkrieg
+thut's. Die Thraenen, das Purren. Die Nerven geben nach. Alexander oder
+Caesar beugt sich vor dem muffigen Gesicht, der schweigend
+heruntergewuergten Mahlzeit, der permanenten Naehe eines Hassenden,
+Vorwurfsgeschwollenen.
+
+Nichts amuesiert mich mehr, wie das Streben nach offizieller politischer
+oder wirtschaftlicher Herrschaft bei diesem Geschlecht. Das sind haessliche
+Frauen, anmutlose Frauen, Zwittergeschoepfe. Das ist dumm.
+
+Fuer Kokotten, Helenas, Kleopatras ruinieren sich Griechen und Trojaner,
+Antonius, - Nelsons, Gambettas, Boulangers alle Tage. Elisabeth, Katharina
+waren Genies, weil sie Weiber waren. Ueber Louise Michel und
+Frauenkongresse laechelt der armseligste Schneidergesell, den seine Frau
+pruegelt.
+
+Und mit Recht. Wie kann man die Wurzeln und das Mass seiner Kraefte so
+verkennen! Das ist wie die Koenigstigerin, die sich Hoerner wuenscht, um den
+Kampf mit dem plumpen Ochsen aufzunehmen.
+
+Ach ja, Ochsen! Und wenn wir eben nicht Ochsen waeren, liessen wir sie das
+ganz tranquil machen, alle Arbeit, allen politischen Krimskrams in den
+Parlamenten und Versammlungen, und setzten uns schliesslich ganz gemuetlich
+auf das gutdressierte Pferdchen kraft der einfachsten Logik unsrer
+staerkeren Schenkel.
+
+Aber wir sind eben Ochsen und viel zu verliebt! So'n kleines, zappeliges
+Fuesschen, so'n weiches Waengelchen oder Bruestchen .. Simson laesst sich die
+Locken abschneiden. Die schoenste Berechnung geht zum Teufel.
+
+Sowas passiert denen nicht.
+
+Ich bin das Aeusserste, das Non plus ultra in der Beziehung.
+
+Sie ist ganz stolz darauf, auf ihre Kuehnheit, dass sie einem
+Droschkenkutscher leibhaftig die Adresse gegeben hat, dass ihr Schwager
+ihr neulich an der Kurfuerstenstrasse begegnet ist, was sie der Mama alles
+vorluegt, wenn sie nach Hause kommt. Dabei luegt sie kuenstlerisch, mit
+Genuss, ganz unnoetig komplizierte und lange Geschichten, nur weil das
+Luegen ihr Spass macht, aus Liebe zur Sache.
+
+"Und im Notfall koenntest Du doch immer Dein Ehrenwort geben, dass wir
+nichts zusammen haben. Wir haben doch nicht wirklich was."
+
+Nein, wir haben wirklich nichts.
+
+.... "Und es ist doch nur, weil ich sonst gar nichts habe, weil ich jetzt
+heiraten muss, und ich habe dich doch so schrecklich gern, Herri!" ...
+
+Dann kuesst sie mich fast leidenschaftlich; aber es ist nicht die Spur von
+Leidenschaft in ihr. Traete die geringste Unbequemlichkeit an sie heran,
+wuerde sie mich dreimal verleugnen: Ich kenne den Menschen nicht. Und das
+ginge ihr so glatt von der Zunge! und wenn sie ein Uebriges dazu thun und
+mich aus der Welt schaffen koennte, wuerde sie es ebenso kaltbluetig thun.
+
+Dabei von eigentlicher Moral keine Spur. Siehst Du, das bewundre ich auch
+immer an diesem Geschlecht. Es ist das Praktische, der Erfolg, respektive
+Misserfolg, der entscheidet. Dabei machen wir die ruehrendsten Affaeren
+daraus. Gretchen im Zuchthause bereut, Gretchen, irgend einem dicken Hans
+seine brave Frau, waere wahrscheinlich Frau Marthe geworden und haette an
+"Heinrich! mir graut vor dir!" nur eine angenehme Erinnerung mit
+fortgetragen, eine behagliche Ruehrung, dass sie ihre Jugend so gut
+genossen.
+
+Eine Frau, die einen Skandal verursacht, das ist unmoralisch, ekelhaft,
+die schlaue Kokotte, die einen Prinzen kriegt fuer einen braven Ehemann,
+den sie betrogen, das imponiert ihnen.
+
+Die Demi-monde-Dame, mit Diamanten beladen, die grosse Schauspielerin mit
+dem Messalinenrenommee, die Kaiserin, die sich mit dem Stallknecht liiert,
+darueber koennen sie nicht genug hoeren. Das lockt sie sogar mit einem
+Gemisch aus Neid und Bewunderung. Aber ein armes Dienstmaedel, das ein Kind
+kriegt und ins Elend geraet. Pfui Teufel! Da hebt man sein Kleid auf.
+
+Das ist das Perfide bei der Geschichte. Das andre nicht.
+
+Was die Liebe thut, ist heilig. Ich nehme immer die kaeufliche Liebe aus.
+Das bereut man nicht.
+
+Es liegt auch da eine Naivitaet der Maenner zu Grunde oder ihre Arroganz.
+Der Lendemain ist sprichwoertlich geworden. Der Wuestling hat das doppelt
+angenehme Gefuehl: Du hast eine Existenz vernichtet. Deshalb wird die
+Theorie erhalten, vielleicht auch als Abschreckungstheorie.
+
+Eigentlich sollte uns doch die Leichtherzigkeit gewisser "guter Maedchen"
+("gut" ohne Nebenabsicht im Goetheschen Sinne) zu denken geben.
+
+Ich kannte mal ein sehr nettes, kleines Maedchen. Sie hatte auch die Angst
+vorm Lendemain. Sie wartete auf den Lendemain.
+
+Und dann war's wirklich Morgen und der allerschoenste Sonnenschein und
+Vogeljubilieren - und sie lachte, lachte uebers ganze Gesicht: "Ich bin so
+froh, Schatz! Ich glaub', ich koennte fliegen!"
+
+So muesste Eine natuerlich empfinden.
+
+Ich habe neulich mal einen Roman gelesen, einen Roman von einer Frau, "die
+Geschichte eines Maedchens". Das ruehrte mich fast. Die Arme! Sie hat
+gewollt und nicht gewagt, weil die Angst vorm schwarzen Mann zu gross war.
+
+Ebenso albern finde ich den Mann, der absolut der Erste sein will. Wie
+laesst der grosse, gute, kluge Goethe seinen Jarno sagen: "Und, glauben Sie
+mir, es ist in der Welt nichts schaetzbarer als ein Herz, das der Liebe und
+der Leidenschaft faehig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf
+kommt es nicht an."
+
+Ueberdies: On n'est jamais le premier.
+
+Ist die Frau besser, die sich vielleicht physisch enthalten hat aus
+persoenlicher Propertaet oder Mangel an Gelegenheit, aber ihre Phantasie zu
+den unnatuerlichsten Ungeheuerlichkeiten ausschweifen laesst, als diejenige,
+die vielleicht an einem hellen Maientage dem suessen Zug der Natur gefolgt
+ist, ohne zu rechnen und zu moralisieren?
+
+Das ist gewissermassen das System der Kuhpockenimpfung ... Ich habe
+vielleicht mein Wassernixchen zu einer sehr guten Ehefrau gemacht.
+
+Aber freilich die Konsequenzen!
+
+Ich hatte mal eine starkgeistige Freundin von schwachem Fleische, die
+behauptete, wenn die Konsequenzen nicht waeren, waer's ein
+Gesellschaftsspiel.
+
+Vielleicht ist es gut, dass es noch nicht so weit ist. Man ist noch immer
+der "Erste", mit der offiziell aufgestempelten Eins vom Standesamte, der
+Kolumbus, der Schleierluefter, der Dornroeschenerwecker.
+
+Sie mokiert sich darueber. Sie hat eine Art Rankuene, wenn sie von ihrem
+"Ersten" spricht. Vielleicht ist es ein Gefuehl des Torts, das sie in meine
+Arme getrieben hat, mir dem Wissenden, dem Verzeihenden.
+
+"Ich haette Angst vor Dir. Du weisst so viel" ... sagt sie manchmal.
+
+"Aber hast Du denn keine Angst mit "ihm" - immer fremd sein - immer
+Komoedie spielen?"
+
+Sie troestet sich mit dem Geld, der Equipage, den Kleidern.
+
+Luegen ist ja nicht schwer. Sie werden darauf erzogen. Sie finden sich so
+merkwuerdig. Das ist wieder die bewunderungswuerdige Lebensfaehigkeit dieses
+Geschlechts.
+
+Er wird immer an sie glauben, immer nur die weisse Stirne sehen, mit
+seinen bloeden, guten, gesunden, toelplischen Bauernaugen.
+
+Aber der arme Kerl, wenn der mal Bankerott machte!
+
+
+
+
+
+ ELFTER BRIEF.
+
+
+ Achim von Wustrow an Herbert Groendahl.
+
+
+Meine Hochzeit! Am 24. Juni ist meine Hochzeit. Sonnwendtag! am
+Rosenfeste! - Hochzeit - hohe Zeit! - Weisst Du, was das heisst? Wer kann
+es wissen! Wer kann es aussprechen!
+
+Wie ich vorher gelebt habe, begreife ich nicht, wie ein Egoist, ein
+Selbstling. Selbst die hohen Traeume, die Ideale und Gedanken! Ich komme
+mir vor, wie ein Mensch, dem ueber Nacht das Geheimnis des Lebens
+aufgegangen ist. Und er lebt nun. Er wirkt Leben.
+
+Und wer hat mich das gelehrt? Ein kleines, stummes, wunderbares Wunder,
+eine zarte, weisse Knospenhuelle, um eine traeumende, unschuldige Seele.
+
+Mathilde! Mein Maedchen! Mein Weib!
+
+Und wir sprechen von ueberlegnem Geist, von Klugheit, von Grossthaten. Hier
+ist der Kern des Raetsels: das Unbewusste, die Unschuld in der
+Lieblichkeit.
+
+Ob sie denkt und philosophiert, wie ich. Das geschieht Alles so
+selbstverstaendlich. Sie laesst sich von mir kuessen, in die Arme schliessen.
+
+Sie laechelt. Sie bereitet die Aussteuer.
+
+Wie ich diese schoene Sicherheit liebe! So wird sie als Gattin, als Mutter
+bleiben, ihr Geschick erfuellt. Wieviel sichrer geht die Natur im Weibe. -
+Jungfrau - Geliebte - Mutter! Wir irren auf allen Pfaden, beflecken Seele
+und Leib, um zuletzt demuetig niederzuknien vor so einem holden, nicht
+denkenden, kinderthoerichten Wesen: Nimm mich! Lehre mich leben! Mach' mich
+gluecklich!
+
+Wenn ich jetzt zu ihr komme, finde ich sie vergraben zwischen weisser
+Leinwand und Spitzen, bunten Seidenstoffen.
+
+Ah, dieser holde und mysterioese Apparat, der die Braut in das Haus des
+Gatten geleitet wie auf einer schneeigen Rosenwolke, Dinge, die verhuellen,
+Wollust versprechen, Reinheit, Zartheit. Ich getraue mich kaum sie
+anzufassen mit meinen groben Fingern. Ihr Zweck ist mir ein suesses
+Mysterium, macht mich traeumen .. wie diese Festtags-Packete unsrer
+Kinderzeit, sorgfaeltig eingeschlagen und umwickelt, um die holde Spannung,
+die Sehnsucht zu erhoehen.
+
+Sie nimmt das sehr ernsthaft. Sie scheint ganz damit beschaeftigt. Ist es
+denn nicht ernsthaft, ihre kleine Person, die sie schmueckt, reizend macht.
+Bin ich es nicht, fuer den sie sich schmueckt?
+
+Ist es nicht uraelteste, heilige Sitte, die Braut, die sich salbt und
+schmueckt, das suesse Geschenk ihres Leibes noch suesser machend. Es sind
+noergelnde Kritiker, Frauen, die ihren Beruf, ihr innerstes Wesen verkannt,
+die gegen die Eitelkeit polemisieren, Uniformen, Trachten einfuehren
+wollen. Die Frau giebt nur sich selbst. Ihre Seele ist so ganz eins mit
+ihrem Leibe in diesen Momenten - Lebenstraegerin ... Sie soll ja das Glueck
+sein, die Wonne, die Schoenheit.
+
+Hochzeit - hohe Zeit! - -
+
+In mir ist's hohe Zeit.
+
+Ahnt sie die Kaempfe, diese Begierden, die mich manchmal zerreissen, dass
+ich sie nehmen moechte, wie ein wildes Tier, sie fortschleppen,
+verschlingen ... Sie ist sehr ruhig, mit der Heiligkeit der Unschuld alle
+boesen Begierden daemmend, dass ich sanft bin, folgsam. Nur den grossen
+Jubel in mir, der mich hochtraegt, wie ein Adler, dass ich sie in die Arme
+nehmen und gegen die Sonne halten moechte.
+
+Hochzeit! hohe Zeit!
+
+Mein Heim steht geschmueckt. Seit Wochen sind Tapezierer und Tischler
+thaetig. Die Mama hat Alles angeordnet. Um manches ist mir's leid, das
+Alte, Altgewohnte. - Ich werde ja auch ein neuer Mensch. Es ist recht,
+dass Alles neu ist.
+
+Die Hochzeit soll hier in Templin sein, ein Fest fuer alle meine Leute. Sie
+ueben schon dafuer. Der Lehrer mit den Schulkindern. Ein Fluestern geht unter
+den Arbeitern. Alle sehen mich freundlich an. Ach die Menschen sind doch
+gut!
+
+Es giebt ein vollkommenes Glueck auf der Erde. Es giebt Engel. In vier
+Wochen ist der Engel mein Weib.
+
+Wie suess muss es sein, das Leben sich in ihr entwickeln zu sehn, die
+strahlende Einfachheit des Naturgangs - Leben gebend vollendet sich ihr
+Leben. - Was ist das Maedchen, das Weib gegen die Mutter? Ist nicht Mutter
+der Inbegriff aller menschlichen Tugenden, Selbstlosigkeit, Guete,
+Leidertragen ...
+
+Mein Weib! Mein Muetterchen!
+
+Wie eine kleine Koenigin wird sie empfangen werden. Ist es denn nicht auch
+ein kleines Koenigreich, eine ganze Welt im Kleinen, ihre Welt, der sie
+Vorbild und Vorsehung ist. "Hausvater und Hausmutter", der alte, schoene,
+deutsche Begriff. Hier kann er sich noch verwirklichen. Wir koennen es noch
+sein.
+
+So lange es das giebt, steht die Gesellschaft sicher, auf festen Fuessen:
+Reine Frauen, Maenner, die ein Heim schaffen koennen, die an Reinheit
+glauben.
+
+So, das ist ein Hieb fuer Dich! Und nun eine liebe, schoene Bitte. Komm! Du
+darfst nicht fehlen. Komm und sieh einen gluecklichen, glueckseligen
+Menschen.
+
+Hohe Zeit - Hochzeit!
+
+Einmal sei auch Du froh. Sag: Ich sehe das Glueck und ich glaube es.
+
+Und wenn Du ueber den Schwaermer lachst, sieh Mathilde im Brautschmuck,
+weiss unter der weissen Myrtenkrone - und wie Thomas: Geh' und glaube.
+Geh' und schreib ein Buch des Glaubens und der Liebe.
+
+Ich habe so viel davon in mir, dass auch auf Dich etwas uebergehn muesste.
+Ich fuehle mich sieghaft, die grosse Lehre der Weltfreude zu verkuenden -
+und Mathilde heisst meine Madonna.
+
+Noch ein kleiner, huebscher Zug von ihr, in unsrer Zeit der
+Mitgiftjaegerinnen, des hoeheren Kokottentums, wo Muetter schon ihre
+halberwachsenen Toechter auf "die gute Partie" dressieren.
+
+Sie hatte den Katalog eines Waeschegeschaefts neulich. Es waren da Muster
+von teuren Spitzen, die ihr gefielen.
+
+Die Mama, verstaendig wie immer, riet laechelnd zu billigeren: "Das ist ja
+fuer eine Prinzessin, Kleine, - und Du bist ein armes
+Geheimratstoechterchen."
+
+Natuerlich uebernehme ich das Alles. Es bedurfte einer gewissen Ueberredung
+bei der Mama. Sie geben mir so Unendliches. Sollen diese teuren Menschen
+sich Genen auferlegen, vielleicht rechnen und sorgen, waehrend ich
+schwelge!
+
+Sie muss mich als Sohn fuer sie mit eintreten lassen. Ich bin jetzt einer
+von der Familie. Worin besteht denn die Zusammengehoerigkeit, das
+Vertrauen, wenn ich nicht auch das Schwere mit ihnen tragen darf? Sind
+diese Gueter mein Verdienst? Brauche ich sie? Ich waere gluecklich unter
+einem Strohdach.
+
+Es ist um Mathildens willen, dass ich mich des Geldes freue. Auch das hat
+sie mich erst fuehlen gelehrt. Es vermehrt meine Macht, zu begluecken.
+
+Verzeih, dass ich dies ueberhaupt erwaehne. Wir haben auch darueber so oft
+gestritten, ueber Geldwert und Geldanbetung in unsrer Zeit. Manche
+Erscheinung des oeffentlichen Lebens giebt Dir recht. Ich selbst habe
+einige Faelle erlebt, die mich misstrauisch und traurig machen.
+
+Man weiss ja leider, dass man ein reicher Mann ist.
+
+Sie weiss davon nichts. Wenn man ihr die kleine Hand mit Geld fuellt, wird
+sie es ausstreuen, laechelnd, segnend, unbewusst. Sie soll von diesem
+Wissen frei bleiben. Mag die ganze Welt jagen und rechnen, so ist sie das
+stumme, ruhende Juwel am Herzen der Schoepfung. Wer da ist, um uns an das
+Himmlische zu mahnen, das Unvergaengliche im Dasein, der braucht den Wert
+eines Hundertmarkscheines nicht zu kennen.
+
+Die Blume ist in sich selbst genug. Die Poesie zu wahren. Das reine
+Gefuehl.
+
+Wir sind nur wir, Mann und Weib. Um uns das Paradies.
+
+Komm, Du armer, verirrter Adamssohn, ruhe im Schatten unsrer Palmen!
+
+
+
+
+
+ ZWOeLFTER BRIEF.
+
+
+ Herbert Groendahl an Achim von Wustrow.
+
+
+Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da "er" bezahlt, koennen wir mit der
+noetigen Gewichtigkeit zu Werke gehn.
+
+Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben,
+Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft,
+das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit
+Valenciennes, hellblaue, suesse, weisse Caleconhoeschen mit hell
+heliotropnen und lichtmaigruenen Languetten.
+
+Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fuegt sich immer meiner ueberlegneren
+Einsicht.
+
+Das entzueckt sie: "Du verstehst Alles. "Er" naehme mich grad so gut in
+einem Sack. - Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr
+habe!"
+
+Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Huebsches
+und sehr Teures, wie's selbst Dada nicht hat. Und wir sind getroestet. "Er"
+zahlt ja.
+
+Wenigstens soll er ordentlich blechen - schon fuer seine Undankbarkeit. Ein
+Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Toelpel. Sie
+macht sich fuer ihn huebsch. Sie giebt sich Muehe. Was ist das fuer Muehe! -
+so'n Loeckchen, das grazioes und an der richtigen Stelle in die Stirne
+faellt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld,
+manchmal Pein, gehoert dazu! - Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an
+Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen.
+
+Ich verstehe zu taxieren.
+
+Dann sind wir ganz gluecklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe.
+Wenn ich sie huebsch finde, ist sie gluecklich.
+
+"Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht."
+
+Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle
+Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersoenliche fuehlen, das Wohlgefallen
+an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergnuegen zu machen. Ich glaube, wenn ich
+vor die Sultanin-Mutter traete: "den Turban etwas mehr nach rechts, bitte
+schoen" ... sie thaete es und waere mir dankbar. Und sie haette ein Recht
+dazu.
+
+Das ist unsere Tugend, uns Weltmaennern ihre. Und ist sie nicht eigentlich
+die allerhoechste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht
+liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste an der
+Menschheit ist fuer mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler.
+Sie fuehlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir.
+
+Das ist ganz unbewusst: "Du bist so gut," sagt sie manchmal. Dann nimmt
+sie meine Hand und kuesst sie, beinah leidenschaftlich: "Du bist gut."
+
+Da ist die Rankuene wieder, das kleine, tueckische, widerborstige
+Katzenfauchen in dem "Du".
+
+"Der ist viel besser als ich."
+
+Ist er's wirklich? Ich glaube kaum. Er haette ihr eine Moralpredigt
+gehalten und sie beschaemt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige
+Joseph schnoeden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein huebsches
+Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. - Oder er haette sie
+genommen, seine Lueste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher
+sie zur buessenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser
+Tugendbolde.
+
+Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem
+Fischchen-Element bei mir, munter schwaetzend wie ein Voegelchen, von dem,
+was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. - ich habe
+sie als Kuenstler behandelt, nicht roh, nicht maennisch-selbstsuechtig, nicht
+pfaeffisch-zerstoererisch.
+
+Sie weiss das auch ganz gut, Gaenschen, das sie ist. Sie liebt mich.
+
+Sie wird oft sentimental jetzt: "Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich
+moechte am liebsten sterben!"
+
+Manchmal sogar fast wild: "Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles
+ganz egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit
+mir machen was Du willst."
+
+Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenuebersitzt und
+Makronen knabbert - und dann lauert sie auf den Effekt. Sie moechte etwas
+mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.
+
+Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: "Es ist doch gar nichts.
+Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen
+von "uns"."
+
+Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, _mir_
+bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl ueberhaupt schon mal ein andrer Gedanke
+als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen
+aufgestiegen ist?
+
+Sie betrauert meine Wohnung: Whipchen, Martin, die Glaeser .. Dann wird sie
+so geruehrt ueber sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote
+Nase, darin ist sie aesthetisch.
+
+Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten:
+"Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du
+verdirbst Deine Haarfrisur." Sie wollen gefallen und sollen gefallen.
+
+Wird die Frauenemanzipation darin je etwas aendern? Die Orientalin, die
+ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmueckt, sie ist das Naivste und das
+Groesste. Das Uraelteste und das Allermodernste.
+
+Sie fangen an mit Geist. Dann laecheln sie Dir zu .... Und wenn der Geist
+wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft
+durchgemacht.
+
+Ich moechte es nicht anders. Nur mehr Ehrlichkeit moechte ich! Es wird so
+unendlich viel gelogen, gerade ueber diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui
+s'excuse, s'accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Maentelchen
+drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben
+ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den staerksten und
+gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Muedigkeit.
+Der alte, schoene Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit
+geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab,
+und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und
+unverstaendliches Raetselwesen.
+
+Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die
+Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will sie
+einregimentieren und einschwoeren. Die Voelker, die am wenigsten Sonne und
+Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die
+Lebensader! Decadence-Maenner machen mit.
+
+Und doch:
+
+ "'s ist eine der groessten Himmelsgaben,
+ So ein lieb Ding im Arm zu haben."
+
+Nicht nur fuer uns, fuer es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und
+Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und
+verkrueppelten Fruechten, die reife, suesse?.....
+
+Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschoepf, einzig und allein fuer ihn
+bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie
+wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschoepf fuer sich, das Menschenwesen, in
+seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert.
+
+Moegen sie hereinfallen! Das "weisse Blatt" ist die groesste maennliche
+Unverschaemtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und
+willig beharren. Ein Geschoepf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal
+feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht
+sehen, hoeren, fuehlen, wie wir?
+
+Der Egoismus der Maenner macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit
+Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist laecherlich und
+veraechtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, haette er sich
+bemueht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fuehlen bis in ihre
+Verlogenheiten hinein - haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? - waere
+ihm das passiert? haette er nicht warnen, eingreifen koennen als es Zeit
+war, wenn noetig sie vorher freigegeben.
+
+Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle "Mann",
+die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle "Weib", die wir ihnen
+aufoktroyiert haben. Sie raechen sich wie sie koennen.
+
+Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit
+ist die hoechste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, unguetig,
+boese. Und wenn der Vergleich faellt von seinem hohen Piedestal, dann steigt
+das Niedrige. Was ist gemein? Was ist veraechtlich? Was ist erhaben,
+bewunderungswuerdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist.
+
+Ein heiliges Mitleid liegt schwanger ueber der Welt, die feinste, reine
+Quintessenz des Christentums. Nur die Pharisaeer stoeren es. Dem Zoellner ist
+es natuerlich.
+
+Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum Schlusse. Der Deutsche macht sie.
+"Die Moral von der Geschichte" - Und es ist eine gute, alte Sitte, denn
+Moral ist ueberall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertuete ist.
+
+Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.
+
+Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen
+Ausstattungskleidern, ein schillerndes, gruenliches, seidnes mit niedrigem
+Hals.
+
+"Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich
+will auch wirklich hingehn."
+
+Ich hatte Alles mit Rosen geschmueckt. Wir tranken Sekt und assen kleine,
+pikante Sachen dazu.
+
+Wir waren sehr lustig.
+
+Sie sass auf meinen Knieen: "Hast Du mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb
+haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?"
+
+Eine gewisse Waerme kommt doch ueber mich. Ach Herzchen! Herzchen!
+
+Dann erinnerten wir uns an alles Huebsche in unsrer Liebe, ihr erster
+Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Suesse ... jeder Gegenstand in
+meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ...
+
+"Nie, nie vergesse ich das" ...
+
+Wir waren ganz gluecklich.
+
+"Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause waere. Ach Liebchen!" ....
+Dann schluchzt sie wieder ein bischen.
+
+Dann die Moral wieder: "Du findest mich auch nicht schlecht?"
+
+- Die suesse, alte Beruhigung Gretchens. Alle thun das. Und Daisy Grimme!
+die macht's doch viel schlimmer.
+
+"Wenn es doch moeglich waere! Wenn ich doch heute bei Dir bleiben koennte -
+und immer!" ....
+
+"Nun muss ich zu dem ekligen, widerlichen Ball - und morgen!!" - - -
+
+Ein erneuter Thraenenstrom. Sie klammert sich an meinen Hals. Sie ist ganz
+gluehend. Sie kuesst mich.
+
+"Nicht wahr, Du glaubst's, Du glaubst's doch, dass ich Dich lieb habe, nur
+Dich!"
+
+Ich glaub's. Ich glaube Alles.
+
+"Gott! wenn wir jetzt allein auf der Welt waeren! im Paradies!" ....
+
+"Ach! es ist zu schrecklich eingerichtet im Leben! ... Und nicht wahr,
+meine Briefe, die hast Du verbrannt? Du verbrennst sie doch alle?" ...
+
+- "Ob wir uns wohl mal wiedersehen? Oh Gott! Wie schrecklich das wuerde!
+Ich wuerde Alles verraten."
+
+"Sehr verstaendig wuerdest Du sein."
+
+"Ach Du! Nun nimmst Du Dir andre Frauen. Mich hast Du ueberhaupt gar nicht
+gern gehabt. Sage, dass Du mich ein bischen gern gehabt hast? Du bist ja
+so unmoralisch!"
+
+Martin meldet die Droschke.
+
+Ich fahre mit. Oben sind alle Fenster erleuchtet.
+
+"Wenn ich jetzt koennte! Dass Du mich noch nicht mal gehabt hast .. Der
+greuliche Kerl mich kriegt."
+
+Sie weiss genau, dass die Droschke im naechsten Moment anhalten muss.
+
+Sie haelt.
+
+
+
+
+
+ DREIZEHNTER BRIEF.
+
+
+ Frau Mathilde von Wustrow an Herbert Groendahl.
+
+
+Lieber, suesser Herzensschatz!
+
+
+Denke Dir meinen Schrecken, als Achim mit Dir hereinkam! Aber nur einen
+Moment hab ich mich erschrocken. Du bist ja so verstaendig und lieb und
+gut. Ach und die suessen, gruenen Glaeser, die Du mir geschenkt hast! Das
+sieht Dir aehnlich. Es war zu entzueckend himmlisch bei Dir. Ich werde es
+_nie_, _nie_ vergessen und Dich ewig lieb haben. Du musst uns jetzt oft
+besuchen, naechsten Sommer, wenn wir hier auf dem Gute sind. Jetzt
+verreisen wir - nach Italien. Achim hat mir ein Diamantkollier geschenkt.
+Himmlisch, sage ich Dir. - Wir sprechen dann ueber Alles, Du musst mir
+erzaehlen, wen Du jetzt hast. Du bist ja so verstaendig. Wenn Du doch Achim
+waerst! Ach, das Leben ist doch sehr schwer oft!
+
+Fandest Du, dass ich gut aussah bei der Trauung? Der dumme Kirchenmensch
+hatte die Schleppe ganz verkehrt gelegt. Ich aergerte mich die ganze Zeit
+darueber, und die Myrte stand zu hoch ueber der Stirn.
+
+P. S. Du hast doch auch die Briefe verbrannt, alle? und Martin sagt
+nichts? Es waere schrecklich.
+
+ Deine M.
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden nicht veraendert, ausser in
+folgenden Faellen, die als offensichtliche Druckfehler anzusehen sind:
+
+ Seite 39: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "bin?"
+ Seite 120: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Ach!"
+ Seite 123: "wir" geaendert in "Wir"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NIXCHEN. EIN BEITRAG ZUR PSYCHOLOGIE DER HOeHEREN TOCHTER***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+April 2, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+_Please read this before you distribute or use this work._
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+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
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+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
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+ Section 1.
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+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
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+
+ 1.A.
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+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
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+
+ 1.B.
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+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
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+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
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+ 1.C.
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+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
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+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
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+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
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+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
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+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
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+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
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+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
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+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
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+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
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+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
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+ 1.F.4.
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+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
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+***FINIS***
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
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