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diff --git a/35651-h/35651-h.htm b/35651-h/35651-h.htm new file mode 100644 index 0000000..0b4769c --- /dev/null +++ b/35651-h/35651-h.htm @@ -0,0 +1,12626 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Inselwelt. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker</title> + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3,h4 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + +} + +h2{ + font-weight:normal; +} + +h3{ + font-weight:normal; +} + +h4{ + padding-top:1.5em; + font-size:120%; +} + +p { + text-indent:1em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; +} + +p.front{ + text-align: center; + font-size:1.5em; +} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 6em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +th{ + padding-top: 1.2em; + padding-bottom: 1.2em; +} + +.gesperrt{ + letter-spacing:0.2em; +} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: smaller; + text-align: right; +} + +a.corr{ + color:#000000; + } + +.center {text-align: center;} + +.u {text-decoration: underline;} + +/* Footnotes */ +.footnotes {border: dashed 1px; margin-top:3em;} + +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: + none; +} + + + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 4px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + pre {font-size: 85%;} + </style> +</head> +<body> +<h1>The Project Gutenberg eBook, Inselwelt. Erster Band, by Friedrich +Gerstäcker</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Inselwelt. Erster Band.</p> +<p> Indische Skizzen</p> +<p>Author: Friedrich Gerstäcker</p> +<p>Release Date: March 22, 2011 [eBook #35651]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND.***</p> +<p> </p> +<h3><b>E-text prepared by richyfourtytwo, bfx,<br /> + and the Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</b></h3> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1 style="margin-top:3em">Inselwelt.</h1> + + + +<p class="front">Gesammelte Erzählungen</p> + +<p class="center">von</p> + +<p class="front"><span class="gesperrt"><b>Friedrich Gerstäcker.</b></span></p> + + +<p class="front" style="margin-top:2em">Erster Band.</p> + +<p class="front"><span class="gesperrt">Indische Skizzen.</span></p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p class="front" style="margin-top:2em">Leipzig,</p> +<p class="front"><span class="gesperrt">Arnoldische Buchhandlung.</span></p> +<p class="front">1860.</p> + +<hr style="visibility:hidden;" /> + +<p class="front"><b>Inhaltsverzeichniß vom ersten Bande.</b></p> + +<table border="0" width="90%" summary="inhaltsverzeichnis"> +<tr> + <th colspan="2"><a href="#in_der_suedsee"><b><i>I.</i> In der Südsee.</b></a></th> +</tr> +<tr><td> </td><td align="right">Seite</td></tr> + +<tr><td><a href="#der_wallfischfaenger">Der Wallfischfänger</a></td><td align="right">1</td></tr> +<tr><td><a href="#die_bootsmannschaft">Die Bootsmannschaft</a></td><td align="right">82</td></tr> +<tr><td><a href="#der_schooner">Der Schooner</a></td><td align="right">168</td></tr> + +<tr> + <th colspan="2"><a href="#im_ostindischen_archipel"><b><i>II.</i> Im Ostindischen Archipel.</b></a></th> +</tr> + +<tr><td><a href="#der_balinese">Der Balinese</a></td><td align="right">249</td></tr> +<tr><td><a href="#der_menschentiger">Der Menschentiger</a></td><td align="right">313</td></tr> +<tr><td><a href="#der_khris">Der Khris</a></td><td align="right">374</td></tr> + +</table> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[S. 1]</a></span></p> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="in_der_suedsee" id="in_der_suedsee"></a>I.<br/><br/><span class="gesperrt">In der Südsee.</span></h2> + +<h3><a name="der_wallfischfaenger" id="der_wallfischfaenger"></a>Der Wallfischfänger.</h3> + +<h4>1.</h4> + + +<p>In der weiten und bequemen Corallenbai von +Monui, einer der Tonga-Inseln, ankerte im Januar +des Jahres 18** ein englischer Wallfischfänger, die +„<i>Lucy Walker</i>“, Provisionen, Holz und Erfrischungen +einzunehmen, und da sich die Eingeborenen ziemlich +freundlich gezeigt, hatte die Mannschaft in Abtheilungen +Tag nach Tag Erlaubniß bekommen, an +Land zu gehen und mit den Eingebornen zu verkehren.</p> + +<p>Der Capitain selber, ein junger Mann, der seine +erste Reise als Führer eines Schiffes machte, war +viel zu entzückt von dem wundervollen Land, das er +betreten, seine Freiheit nicht ebenfalls soviel als möglich +benützen zu sollen, und unter den freundlichen Menschen, +von dem alten Häuptling selber auf das herzlichste +aufgenommen, vergingen die Tage in Zauberschnelle. +<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[S. 2]</a></span>Er schien zuletzt zwar ganz vergessen zu +haben, daß er des Wallfischfanges wegen in diese +Breiten gekommen und selber gehen müßte die Fische +aufzusuchen, wenn er überhaupt deren fangen, und +sein Schiff voll Öl bekommen wollte<a name="cortex1-1" href="#corr1-1" class="corr">.</a></p> + +<p>Die Scenerie allein trug aber nicht die Schuld. +Hua, Toanonga's liebliches Töchterlein, hatte sein +Herz mit einer Leidenschaft entflammt, der er sich +selber im Anfang nicht klar bewußt war, die aber mit +jedem Tage mehr Überhand gewann. Ja, je mehr +ihm Gelegenheit geboten wurde, sich dem Gegenstand +derselben zu nähern, und je weniger nah er doch demselben +dadurch kam, vergaß er zuletzt selbst seine +Pflicht gegen sein Schiff sowohl, wie seine Mannschaft, +um noch immer kurze Zeit länger in der verführerischen +Nähe des holden Mädchens zu weilen.</p> + +<p>Hua<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, nach ihrem heiteren, fröhlichen Wesen so +genannt, sah den fremden jungen Mann gern bei sich, +der ihr, der Tonga-Sprache vollkommen mächtig, +noch von früheren Reisen her, viel von fremden Ländern +und Völkern erzählen, und mit dem sie lachen +und sich freuen konnte. An eine ernstere Neigung +dachte sie nicht, denn sie wußte recht gut, daß solche +Schiffe nur immer auf kurze Zeit an eine ihrer Inseln<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[S. 3]</a></span> +anlegten und dann wieder fortfuhren, vielleicht nie +mehr zurückzukehren – was hätte ihr seine Liebe +genützt? Überdem war sie <a name="cortex1-2" href="#corr1-2" class="corr">schon dem</a> jungen +Häuptling eines Nachbarstammes versprochen, der +jeden Tag eintreffen konnte, sie abzuholen. Die Zeit +bis dahin war ihr denn auch schon recht lang geworden, +und etwas Erwünschteres hätte gar nicht +kommen können, als das fremde Schiff mit den +weißen, wunderlichen und doch so freundlichen +Männern.</p> + +<p>Toanonga befand sich am Besten dabei; der junge +Engländer brachte, um ihn sich beliebt zu machen +jeden Tag neue Geschenke, und er sah sich dadurch +bald in <a name="cortex1-3" href="#corr1-3" class="corr">dem</a> Besitz einer so bedeutenden Anzahl von +Nägeln, <a name="cortex1-8" href="#corr1-8" class="corr">Glasperlen</a>, kleiner Spiegel, Messer, Beile, +Kattun, und vor allem Andern Tabak, dessen Gebrauch +er auch schon kennen gelernt, daß er schon anfing, sich +als einen Capitalisten zu betrachten, der sich nun bald +von seiner beschwerlichen Häuptlingsschaft werde in +das Privatleben zurückziehen können, von seinen Renten +zu leben.</p> + +<p>So angenehm nun aber auch ein solches Leben der +Mannschaft des Wallfischfängers war, der sich, nach +dem beschwerlichen Dienst an Bord, ein förmliches +Paradies hier öffnete, so bedenklich schüttelten die<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[S. 4]</a></span> +<a name="cortex1-5" href="#corr1-5" class="corr">Officiere</a> – Harpuniere und Bootsteuerer – darüber +den Kopf. Eine Zeitlang hatten sich diese wohl mit +ruhigem Behagen dem Stillleben der Inseln hingegeben; +als dies aber immer noch kein Ende zu nehmen +schien, gedachten sie auch ihres eigenen Nutzens, +und wünschten ihr Geschäft wieder aufzunehmen, +wegen dem sie doch eigentlich an Bord gegangen waren: +nämlich Geld durch den Fang der hier muthwillig +versäumten Fische zu verdienen.</p> + +<p>Zuerst erinnerte der erste Harpunier den Capitain, +daß es später und später in der Jahreszeit würde, und +sie schon gar nicht mehr daran denken dürften, ihrer +ersten Absicht nach, Neuseeland anzulaufen. Die +Mahnung half aber weiter nichts, als daß der Capitain +noch einmal sechs Klaftern Holz bei den Eingebornen +bestellte, zu denen diese, wie er recht gut +wußte, fast eben so viele Wochen brauchten, es zu +schlagen, und doch hatten die Leute an Bord schon +jetzt alle Winkel und Ecken davon vollgestaut, – doch +traten endlich die Officiere zusammen und erklärten +ihrem Vorgesetzten, daß sie ihm allerdings gehorchen +und so lange hier bleiben müßten, wie er es für gut +fände, daß sie aber bei ihrer Zurückkunft nach Liverpool +jedenfalls Beschwerde oder vielmehr Klage auf +Schadenersatz für versäumte Zeit gegen ihn einreichen<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[S. 5]</a></span> +würden, wenn er jetzt nicht bald wieder die Anker +lichte.</p> + +<p>Capitain Silwitch, so zum Äußersten getrieben +und sich seinen Leuten gegenüber auch im Unrecht +fühlend, beschloß nun einen entscheidenden Schritt zu +thun, <a name="cortex1-4" href="#corr1-4" class="corr">und</a> Toanonga selber um die Hand seiner Tochter +zu bitten. Einer ihrer heidnischen Trauungsceremonien +konnte er sich, als höchst unbedeutender +Christ, leicht unterwerfen, und ehe er die Heimfahrt +antrat, was noch ein paar Jahr dauern mochte, fand +sich immer eine Gelegenheit, das Mädchen, wenn auch +nicht genau an diese, doch vielleicht an eine der +Nachbarinseln wieder abzusetzen – <a name="cortex1-6" href="#corr1-6" class="corr">mit nach Hause</a> +durfte er sie natürlich nicht nehmen.</p> + +<p>Toanonga saß mit Hua auf einer großen, aus +langem Gras feingeflochtenen Matte, vor seiner +Hütte, im Schatten eines gewaltigen Toa-Baumes, +der mit dem Duft seiner Blüten die ganze Nachbarschaft +erfüllte. Es war ein reizender Platz, gerade +an der Mündung eines kleinen, aus den Höhlen kühl +und plätschernd niedersprudelnden Bergbachs, der sich +die klare Bahn unter wehenden Palmen und über +moosiges Gestein brach und Blumen und Früchte als +Tribut dem Meere zuführte. Mächtige Cocospalmen +schüttelten ihre federartigen, rauschenden Kronen über<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[S. 6]</a></span> +seiner Fluth und die hohen, stattlichen Mapebäume +mit ihren breiten, magnolienartigen Blättern und +wunderlich geformten Stämmen<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> deckten und beschatteten +niedere Haine fruchtbeladener Orangen und +Citronen und duftender Blütenbüsche, die durch sie +gegen die sengenden Strahlen der Sonne geschützt +wurden.</p> + +<p>Das Haus des Häuptlings war nur wie das seiner +geringsten Unterthanen aus trockenen, gelben +Bambusstäben aufgerichtet, und mit Zuckerrohrblättern +fest, aber doch luftig und vollkommen regendicht,<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[S. 7]</a></span> +gedeckt. Ein kleiner dabei angelegter und mit +dicht gesteckten dünnen Stangen umzäunter Garten +(eine Quantität wild herumlaufender Ferkel daraus +fern zu halten, denen der Besuch des Hauses jedoch +vollkommen frei zu stehen schien) enthielt Reihen gepflanzter +Bananen und sogar einige Yams, und in +feuchten Gruben gezogene Taro-Pflanzen, während +dichtgesteckte <a name="cortex1-7" href="#corr1-7" class="corr">Brotfruchtbäume</a>, die jedoch auch überall +wild gediehen, die Hauptnahrung der Insel anzeigten +und ihre wohlthätigen Äpfel vor die Thür ihres +Eigenthümers niederschütteln.</p> + +<p>Toanonga schwelgte in der Verdauung eines eben +genossenen vortrefflichen Frühstücks, eines mit heißen +Steinen gerösteten Ferkels und <i>Me</i><a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, und dieser +gleichsam eine höhere Weihe zu verleihen, hatte er +einen Theil der erhaltenen Geschenke, besonders eine +Anzahl Nägel und Glasperlen, einige Uniformknöpfe +und vor allem Andern einen zerbrochenen Sporn, an +dem das Rädchen aber noch gut war und wirbelte, +vortrefflich vor sich ausgebreitet und betrachtete sie +mit augenscheinlicher Genugthuung und Freude.</p> + +<p>Capitain Silwitch hätte wirklich keinen glücklicheren<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[S. 8]</a></span> +Moment für seine Werbung treffen – und keinen +unglücklicheren Erfolg haben können.</p> + +<p>Eine ganze Jagdtasche voll Geschenke für den +König; Gegenstände, als ob ein Trödler seine Bude +ausgeräumt und den Schutt zurückgeworfen, die +Quantität vielleicht an den Eisenhändler zu verkaufen. +Dazwischen fanden sich ein paar buntblitzende, +blaue, großbeerige Glaskorallen, von enormem Gewicht; +ein kleiner, gesprungener Rasirspiegel, eine unechte +goldene Quaste von irgend einer Gardine, ein +Argentan-Löffel und besonders eine plattirte Schuhschnalle +bildeten aber die Hauptbestandtheile der +Masse, die er, Hua dabei freundlich zulächelnd, vor +dem erstaunten <i>Hou</i> – Häuptling der Insel – und +auf die Matten zu den Knöpfen und Perlen schüttete.</p> + +<p>„Tangaloa<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> segne mich!“ rief der würdige +Toanonga, als er die unvermutheten Schätze aus dem +ganz unscheinbaren Lederbeutel auf sich förmlich herabregnen +sah, ohne in dem Augenblicke eine Ahnung +zu haben, welchem glücklichen Ereignisse er diese fabelhafte +Freigebigkeit des fremden weißen Mannes verdanke, +– „der Fremde hat sein ganzes Canoe geplündert,<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[S. 9]</a></span> +die Augen seines Freundes mit seinen Schätzen +glücklich zu machen, Si-li-wi“ – (eine natürliche +Verunstaltung des Namen Silwitch, da die Insulaner +nur sehr schwer zwei Consonanten hinter einander in +einer Silbe aussprechen können) „soll <a name="cortex1-9a" href="#corr1-9" class="corr">Brotfrucht</a> +und Cocosnüsse, Bananen und <a name="cortex1-9b" href="#corr1-9" class="corr">Turo</a>, Ferkel und Fische +haben, so viel er will auf sein Schiff. Si-li-wi ist +ein Ehrenmann und darf sich eine Gnade erbitten.“</p> + +<p>„Und gebe Gott, daß du sie erfüllst, würdiger +Greis,“ sagte der junge Mann halb lachend, halb +verlegen, „ich komme allerdings heute Morgen mit +einer großen Bitte an dich, oder eigentlich an – Hua +an deiner Seite, deren Erfüllung mich unendlich +glücklich machen würde.“</p> + +<p>„An mich?“ fragte Hua erröthend, während sie +von ihrer Matte aufsprang und den Fremden überrascht +ansah; „willst du noch mehr von den wunderlichen +weiß- und rothgefleckten Corallen, die wir in der +Bai da drüben gesucht? oder soll ich dir Perlen holen +lassen, unten vom Grund herauf? Ich weiß auch –“</p> + +<p>„Halt, halt, Mädchen, mach mich nicht toll mit +deinen freundlichen Worten!“ bat der junge Mann +abwehrend. „Es ist mehr als alles Das, und nun, +Toanonga, soll es auch heraus, denn lange Reden bin +ich doch nicht im Stande zu machen. Hier sind die<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[S. 10]</a></span> +Geschenke, du sollst noch mehr haben, Tabak, Feuerwasser, +Messer, Beile, Kattun – auch ein Gewehr +hab' ich für dich bestimmt, das den Blitz und Donner +in sich trägt, und womit du deine Feinde besiegen und +dir unterthan machen kannst.“</p> + +<p>„<i>Mea fanna fonnua</i><a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>?“ rief Toanonga rasch, +der bei der Aussicht auf solchen Besitz alles Andere +in dem Augenblick vergaß. „Wäre nicht übel; Toanonga +möchte ungemein gern <i>Mea fanna fonnua</i> +haben.“</p> + +<p>„Und du giebst mir Hua?“ rief der Engländer +rasch und freundlich.</p> + +<p>„Hua?“ sagte der alte Häuptling erstaunt, während +das Mädchen bestürzt und erröthend dabei stand +und kein Wort zu erwidern wagte. „Hua gehört +nicht mein, kann ich nicht vergeben; gehört <i>Tai +manavachi</i>, ist <i>Tai manavachis <a name="cortex1-10" href="#corr1-10" class="corr">Ohana</a></i>.“</p> + +<p>„<i>Ohana?</i>“ wiederholte der junge Mann bestürzt +und erschreckt, denn das Wort bedeutet in der Tongasprache +Braut sowohl als Frau. „<i>Ohana?</i> – seit +wann?“</p> + +<p>„Bah, nicht so lange,“ sagte der Alte kopfschüttelnd +und die vor ihm ausgebreiteten Geschenke ein wenig<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[S. 11]</a></span> +mehr nach sich herüber schiebend, als ob er eine ungewisse +Ahnung hätte, daß der Fremde, wenn er den +angebotenen Tausch <span class="gesperrt">nicht</span> eingehen wolle, diese am +Ende auch wieder zurückziehen könne. „Muß heute +oder morgen kommen, sie zu holen.“</p> + +<p>„Holen? – wohin?“</p> + +<p>„Nach Tongatabu – große Insel, großer Häuptling,“ +setzte der Alte mit einiger Selbstzufriedenheit +hinzu; „wird <i>Ohana</i> dort und bekommt große Strecke +Land.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Wird</span> <i>Ohana</i>?“ rief Silwitch aber, denn noch +ein Strahl von Hoffnung dämmerte, also <span class="gesperrt">ist</span> sie noch +nicht seine Frau, und wenn mich Hua lieber hat, als +den braunen Burschen, da denk' ich, soll sie sich bei +mir so wohl befinden, wie bei <i>Tai manavachi</i>, – Und +was sagt Hua selber? – komm her Mädchen +und sag' deinem Vater, daß du mir gut bist und mich +zum Mann haben willst.“</p> + +<p>„Ich dich zum Mann haben?“ lachte aber die +Schöne schelmisch, während ihr ein noch höheres Roth +Wangen und Nacken färbte, „und wer hat dir das gesagt, +<i>Muli</i><a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>?“</p> + +<p>„Nenn' mich nicht <span class="gesperrt">fremd</span>, denn ich bin es nicht<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[S. 12]</a></span> +mehr!“ rief der Engländer bittend. „Wenn du es +mir auch noch nicht mit klaren Worten gesagt, hat es +doch jeder Zug deines Angesichts, selbst der Ton deiner +Stimme, der Blick deines Auges schon gesprochen!“</p> + +<p>„Und willst du hier bei uns bleiben auf der Insel, +und dein Schiff verlassen?“ frug der alte Häuptling +vorsichtig.</p> + +<p>„Mein Schiff verlassen? – jetzt? – nein, das +geht nicht,“ sagte der Fremde rasch, „ich muß nach +Norden hinauf und Fische fangen, aber im nächsten +<i>Liha mua</i><a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> komme ich zurück mit Hua, wieder +bei Euch zu wohnen.“</p> + +<p>„Mit Hua?“ rief der Alte erstaunt und mit +eigenthümlichen, halb ernsten, halb drolligen Zug um +die Lippen – der tolle <i>Muli</i> wär's im Stande. – +„Wolltest du das Mädchen mitnehmen auf dein +Schiff?“</p> + +<p>„Gewiß will ich,“ rief der Seemann rasch, „und +sie soll's gut haben bei mir, und die Welt sehen. +Toanonga, ich liebe deine Tochter so heiß und glühend, +wie ich dir es gar nicht beschreiben kann, und du +<span class="gesperrt">mußt</span> sie mir zum Weibe geben.“<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[S. 13]</a></span></p> + +<p>„<span class="gesperrt">Muß</span> ich, so?“ lachte der Alte gutmüthig; +Hua aber, noch mehr erröthend, sagte leise und vorsichtig +unter den halbgesenkten Wimpern zu ihm aufschauend.</p> + +<p>„Und wenn Hua nun nicht will?“</p> + +<p>„Du nicht wollen, Mädchen, und weshalb?“ rief +der junge Mann bittend.</p> + +<p>„Und <i>Tai manavachi</i>?“</p> + +<p>„Bah, <i>Tai manavachi</i>!“ rief der Engländer +verächtlich, „was schirt der <span class="gesperrt">mich</span> – er soll kommen +und dich holen, wenn ich dich erst einmal habe.“</p> + +<p>„Er ist ein tapferer Krieger!“ rief aber der Alte jetzt +rasch, „und hat seinen Namen danach bekommen. – Schlimm +für den Feind, dessen Fährte er folgt.“</p> + +<p>Silwitch schüttelte den Kopf ärgerlich.</p> + +<p>„Damit kommen wir nicht weiter,“ rief er rasch; +„ich frage dich, Toanonga, ob du mir Hua zum Weibe +geben willst?“</p> + +<p>„Warum frägst du nicht Hua selber, ob sie dich +haben will?“ sagte der Alte mit seinem trocknen +Lachen.</p> + +<p>„Weil ich ihrer Liebe gewiß bin,“ rief der Engländer +leidenschaftlich; „sie wird mit mir gehen, +wenn <span class="gesperrt">du</span> ihr die Erlaubniß giebst!“</p> + +<p>„Frag' sie,“ war Alles, was Toanonga erwiderte.<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[S. 14]</a></span> +Der junge Engländer wandte sich rasch dem schönen +Mädchen zu, und streckte den Arm nach ihr aus, +aber Hua wich ihm rasch und entschlossen aus und +rief:</p> + +<p>„Nein – nein – ich bin die Braut eines Andern, +fort mit dir, <i>Pagalangi</i><a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, was willst du von +mir?“</p> + +<p>„Hua!“ rief aber der junge Seemann erschreckt. +„Hua, ich kann nicht leben ohne dich und muß dich +mein nennen, wende dich nicht ab von mir und sei +mein Weib.“</p> + +<p>„Du bist unser Freund gewesen,“ sagte das Mädchen +ernst und fast traurig mit dem Kopf schüttelnd, +„und wir haben dich und die Deinen freundlich aufgenommen, +was willst du mehr? Ich passe nicht zu +euch, zu euren Sitten, eurer Sprache, eurer Religion, +nicht zu den wilden Männern auf deinem Schiff. +Ich will auf diesen Inseln bleiben, die meine Heimat +sind.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Meine</span> Einwilligung hast du,“ lachte Toanonga +in seiner trockenen Weise; „ich hab' es dir vorher gesagt.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Deine</span> Einwilligung hab' ich, Toanonga?“ rief<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[S. 15]</a></span> +Silwitch rasch und in furchtbarer Aufregung, durch +den Spott vielleicht nur noch mehr gereizt.</p> + +<p>„Ja, die hast du,“ nickte der Alte lachend, „aber +Hua will nicht.“</p> + +<p>„Sei nicht so bös, weißer Mann,“ sagte aber das +Mädchen jetzt freundlich, ihm die Hand entgegenstreckend, +„sieh', was würde <i>Tai manavachi</i> sagen, +wenn er käme und fände mich als das Weib +eines Andern; bliebest du selbst bei uns auf der +Insel, die ich nun einmal nicht verlassen kann und +will. Hua sieht dich gern, aber sie kann dir nie angehören.“</p> + +<p>Silwitch nahm die Hand und drückte sie in heftiger +Aufregung, barg dann die Augen kurze Zeit in +seiner Linken, und Toanonga sah, wie er einen heftigen +Kampf mit sich selber kämpfe; aber er bezwang sich +und als er den Kopf wieder hob, sagte er ruhig und +gefaßt:</p> + +<p>„Es ist gut, Hua; wenn du mich nicht haben +willst, kann ich dich nicht zwingen, aber – ich hatte +es gut mit dir gemeint und – du hast mir weh – recht +weh gethan. Das ist jetzt vorbei und ich werde +nun wieder fortsegeln von hier, und wahrscheinlich +nie – nie wieder zurückkehren, nach <i>Monui</i> – Wirst +du noch manchmal meiner dann gedenken?“<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[S. 16]</a></span></p> + +<p>„Wenn ich ein Segel am Horizonte sehe, werde +ich wünschen, daß es das deine ist,“ sagte Hua in ihrer +einfachen Herzlichkeit, ihm treu und kindlich dabei in's +Auge schauend.</p> + +<p>„Und wann willst du gehen, <i>cowtangata</i><a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>?“ +frug der Alte jetzt, anscheinend gleichgültig, aber vielleicht +mit dem unbestimmten Wunsch, das Gespräch +auf einen fernen Gegenstand zu bringen, und nicht auf +die noch vor ihm ausgebreiteten Geschenke zurückzuführen, +die er eines nach dem <a name="cortex1-11" href="#corr1-11" class="corr">Andern</a>, vorsichtig und +sorgfältig hinter sich und aus Sicht brachte.</p> + +<p>„Ich weiß es noch nicht,“ erwiderte der Engländer +ruhig; „ich habe noch Holz bei deinen Leuten bestellt, +das ich zuerst an Bord nehmen möchte. Willst +du mich los sein?“</p> + +<p>„Nein, nein, bewahre!“ rief der Häuptling rasch +und erschreckt; „du bist willkommen, so lange auf der +Insel zu bleiben, wie es dir gefällt – nachher kannst +du gehen. – Und wollen die <a name="cortex1-12" href="#corr1-12" class="corr"><i>Papalangis</i></a> selber ihr +Holz schlagen?“</p> + +<p>„Nein, ich habe deine Leute schon dafür bezahlt,“ +sagte der Engländer, „und glaube sie sind mitten in<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[S. 17]</a></span> +der Arbeit; bis morgen Abend soll ich es an Bord +haben.“</p> + +<p>„Es ist gut – ich will es dir wünschen,“ erwiderte +der Alte mit einem etwas zweideutigen Lächeln. +Ob es Silwitch aber bemerkte oder nicht, er schaute +einen Augenblick sinnend vor sich nieder, nickte dann +mit einem kaum unterdrückten Seufzer Hua, etwas +lebendiger ihrem Vater zu, und schritt mit verschränkten +Armen und gebeugten Hauptes langsam dem +Strande zu, wohin er sein Boot beordert hatte, ihn +wieder an Bord zu rudern.</p> + + +<h4>2.</h4> + +<p>Die Bootsmannschaft hatte sich indessen, auf +ihren Capitain wartend, die Zeit bestmöglichst vertrieben, +Cocosnüsse abgepflückt, Orangen <a name="cortex1-13" href="#corr1-13" class="corr">ausgesogen</a>, getrunken, +und sich dann, in den Schatten eines engverwachsenen +Pandanus-Dickichts auf den bröcklichen, +fast pulverisirten Corallenboden niedergeworfen, sich +von den Anstrengungen des Fruchtsammelns zu erholen.</p> + +<p>Es waren lauter englische Matrosen, und nur ein +Schotte unter ihnen, Namens Mac Kringo, scherzweise +gewöhnlich Lord Douglas genannt. Das Gespräch +drehte sich aber natürlich um das herrliche<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[S. 18]</a></span> +Leben, das sie hier geführt und das, wie sie jetzt fast +fürchten mußten, bald ein Ende nehmen würde, wenn +sich der Capitain nicht, trotz den Officieren, noch einmal +anders besänne und doch am Lande bliebe.</p> + +<p>„Hol's der Teufel, Jungen!“ sagte der eine Matrose, +den die andern seiner ungemein großen Vorliebe +für Fische wegen und in einer sonderbaren Verwirrung +der heiligen Schrift <span class="gesperrt">Jonas</span> nannten, „wenn ich +Capitain der „<i>Lucy Walker</i>“ wäre, ich wollte den +Teufel thun und ihr Kupfer so rasch wieder gegen +Eisschollen reiben, wo ich selber hier einen solchen +capitalen Hafen gefunden hätte. Der Böse mag sich +die Wallfische selbst fangen, wenn er sie haben will, +ich bin nicht eigennützig, und gönne ihm gern den Verdienst.“</p> + +<p>„Das glaub' ich, daß <span class="gesperrt">du</span> den Wallfischen das +Wort redest, Jonas,“ lachte Mac Kringo, ihn von der +Seite anblinzend, „bei dir ist's alte Anhänglichkeit.“</p> + +<p>„Ah bah, mein <i>bonny scotsman</i>,“ brummte +aber der Engländer, „wenn du nichts Besseres weißt, +so bleib mit deinen abgedroschenen Witzen zu Hause; +die sind auf meinem Namen schon lange stumpf geworden. +Gieb uns aus deinem allzeit fertigen Hirn +einen Rath, wie wir anständiger Weise hier bleiben +können, denn zum Weglaufen ist die Insel zu klein,<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[S. 19]</a></span> +und ich will dir dann zugestehen, daß du wirklich +Grütze im Kopfe hast. Bis dahin aber laß mich zufrieden, +mit dem was du <span class="gesperrt">glaubst</span> oder nicht; sag' +uns, was du <span class="gesperrt">weißt</span>.“</p> + +<p>„Guter Rath wäre da nicht das erstemal an Narren +fortgeworfen,“ brummte der unhöfliche Schotte +ärgerlich in den Bart, „und wenn der liebe Gott +herunterkäme und euch sagte, wie ihr's machen solltet, +hättet ihr noch drei Bedenken und fünf Aber. Nein, +geht mir fort; mit euch ist nichts anzufangen, und +<span class="gesperrt">wenn</span> ich das wüßte, ich behielt's für mich.“</p> + +<p>„Wenn er was wüßte,“ spottete ein Anderer, +„<i>Legs</i>“ – „Beine“ – von einem Paar etwas kurzer +und eingebogener Extremitäten so genannt. „Lord +Douglas thut wahrhaftig, als <span class="gesperrt">ob</span> er etwas im Hinterhalt +hätte und uns nun nicht für würdig hielt, die +Geschichte mit anzuhören. Das ist das billigste +Mittel jedenfalls, dick zu thun. Nein, Kinder, unsere +Zeit ist abgelaufen und ich müßte mich, nach allen +Vorbereitungen zu urtheilen, sehr irren, wenn wir +nicht schon morgen Abend um diese Zeit wieder unsere +regelmäßige Wacht gehen und uns die Hälse abdrehen, +nach den Schwarzkitteln auszuschauen. Wasser +und Provisionen sind genug an Bord, und auf +das bestellte Holz kommts dann gerade auch nicht so<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[S. 20]</a></span> +sehr an, ob wir das einwerfen oder nicht. Der Raum +ist überdies so voll, daß wir's eine Zeitlang mitten +auf Deck und im Weg lassen müßten, und der erste +Harpunier würfe die verfluchten Scheite eigenhändig +über Bord, wenn er sich ein einzigesmal die Schienbeine +daran stieße.“</p> + +<p>„Ja, auf <span class="gesperrt">unsere</span> Schienbeine würd' es da auch +nicht besonders ankommen,“ knurrte ein Anderer, der +den allerdings nicht empfehlenden Beinamen <i>Lemon</i><a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> +hatte, weil er fortwährend und selbst bei seinem allerdings +sehr seltenen Lachen genau solch ein Gesicht +schnitt, als ob er ganz plötzlich aus Versehen in eine +Citrone gebissen hätte. „Es ist eine verwünscht kuriose +Einrichtung in der Welt, man mag's betrachten wie +man will, und wir armen Matrosen ziehen immer den +Kürzern. Schon beim Vertheilen, wir haben den +hundertzwanzigsten, der Capitain hat den achtzehnten +Theil, und wer fängt die Fische, wir oder er?“</p> + +<p>„Nun, <span class="gesperrt">du</span> nicht, Lemon, mit deinem ewigen Raisonniren,“ +brummte der Schotte, „denn wenn dir nicht +jedesmal beim Anrudern das Maul verboten würde, +kämen wir auch jedesmal zu spät zum Zulangen.“</p> + +<p>„Zankt euch nicht noch den letzten Tag, den wir<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[S. 21]</a></span> +vielleicht an Land sind,“ fiel Jonas hier rasch ein, als +er sah, daß Lemon boshaft darauf erwidern wollte; +„hier, mit festem Boden unter uns, sind wir doch +Alle gleich, und die vom Lande fragen nicht darnach, +ob wir an Bord den achtzehnten oder hundertachzigsten +Theil bekommen. Jungens, Jungens, mir bricht das +Herz ordentlich, wenn ich daran denke, daß wir hier +fort sollen.“</p> + +<p>„Herzbrechen?“ knurrte Lemon, „das wäre der +Mühe werth; kommt auch gar nicht vor in der Welt, +daß Einem das Herz bricht, und ich weiß nur einen +einzigen Fall, wo wirklich einmal Jemand an gebrochenem +Herzen gestorben ist.“</p> + +<p>„Aus <span class="gesperrt">deiner</span> Bekanntschaft?“ rief Jonas ungläubig.</p> + +<p>„Aus <span class="gesperrt">meiner</span> Bekanntschaft,“ erwiderte der +Matrose ruhig; „es war der „lange Tom“, wie wir +ihn nannten, der hatte in Bristol, wo wir damals vor +Anker lagen, mit einem andern Kameraden, ich weiß +nicht mehr um was, gewettet, er wollte einen verdammt +schweren Wurfanker von seinem Dock bis zu dem, wo +unser Schiff lag, ohne abzusetzen, tragen – und er +trug ihn auch, aber – er lebte keine fünf Minuten +mehr – der Anker hatte ihm das Herz gebrochen.“</p> + +<p>Die Anderen lachten, der Schotte blinzte Jonas<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[S. 22]</a></span> +aber heimlich und verstohlen mit den Augen an, und +sah nach den Busch hinüber, ein Zeichen, das dieser zu +verstehen schien, denn er warf erst einen flüchtigen +Blick auf seine Kameraden, ob ihn Niemand beobachte, +und nickte dann zurück, daß er kommen werde.</p> + +<p>„Wenn man's so bedenkt,“ sagte Legs nach einer +kleinen Pause, die Augenbrauen fest zusammengezogen, +und mit kleinen Stücken Coralle, die er vor +sich aufnahm, nach einer noch unreifen, am Boden +liegenden Orange werfend, „wenn man's so bedenkt, +was wir da draußen in See für ein Hundeleben führen, +Tag und Nacht in Arbeit und Gefahr, mit schlechter, +salziger Schiffskost und knappem Grog, kein +freundliches Gesicht zu sehen als Lemon's, am Tag +in einer Hundekälte zu rudern, daß Einem die Arme +mit den Wurzeln ausreißen möchten, und Nachts die +verdammten Stücken Blubber<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> an Deck zu werfen +und auszukochen; einmal halberfroren, einmal halb +verbrannt, und wenn man nachher von einer dreijährigen +Reise zurück kommt, vielleicht noch mit zehn +Pfund Sterling Schulden im Buch für Kleider und +Schuhwerk, das man haben mußte die Zeit über, +und dem Schiff zu bezahlen hat, als ob sie von Gold<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[S. 23]</a></span> +und Seide gewesen wären, – nein, das soll verdammt +sein. Und dann dagegen hier die rothen Schufte, +was die für ein Götterleben in all ihren Bequemlichkeiten +führen; nicht rühren thun sie die faulen Knochen, +als vielleicht einmal auf einem <a name="cortex1-15" href="#corr1-15" class="corr">Brotfrucht-</a> +oder Cocosnußbaum zu steigen, oder einen Fisch mit +der Holzharpune aus dem seichten Wasser zu holen, +die kleine Insel ist zum Überlaufen voll von hübschen +Mädchen und man kann den ganzen Tag in Hemdsärmeln +gehn. – Hol's der Henker, der liebe Gott +hätte mir keinen größeren Gefallen thun können, als +mich ebenfalls braun anzustreichen – die Farbe hält +besser, und was spart man an Überzügen.“</p> + +<p>„Ich hätte auch nichts dagegen!“ rief ein Anderer, +mit einer feinen, kreischenden Stimme dazwischen, der +eigentlich Roberts hieß, seines Organes wegen aber +gewöhnlich „Pfeife“ genannt wurde, „denn auf das +Bischen Couleur wird Einem doch nichts zu Gute gethan; +was will aber der Mensch machen? Wir müssen +doch immer noch Gott danken, daß er nicht in den +ganz schwarzen Topf gegriffen, denn dann wären wir +geleimt gewesen, zeitlebens.“</p> + +<p>„Bah, was sind wir besser als Sclaven?“ +brummte Legs; „die können doch wenigstens heirathen +und an Land bleiben, und was können wir? Hol der<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[S. 24]</a></span> +Teufel das Seeleben; wenn man eine Weile draußen +ist, gewöhnt man sich zuletzt daran, und es kommt +Einem sogar manchmal ganz hübsch vor, wie man aber +nur wieder den Fuß auf festes Land, und besonders +auf <span class="gesperrt">solches</span> Land setzt, ist auch der Teufel los und es +zwickt und reißt Einen wieder, daß man sich ordentlich +die Beine festhalten muß, nicht davon zu laufen.“</p> + +<p>Der Schotte war indessen aufgestanden und +am Strande hin, nach den einzelnen Cocospalmen +hinaufschauend, als ob er sich eine Nuß aussuchen +wolle, langsam in den dichten Busch geschlendert, der +den Corallenboden begrenzte, und Jonas erhob sich +ebenfalls, zog sich den Bund seiner Segeltuchhose auf, +spuckte sein Priemchen aus und biß ein frisches ab +und setzte sich den auf der Erde verschobenen Hut +wieder fester auf das in kleine, krause Löckchen gedrehte +Haar.</p> + +<p>„Nun, dir wird wohl die Zeit lang,“ sagte Pfeife, +sich noch bequemer ausstreckend und ein Bündel +Cocosnußbast unter den Kopf schiebend, weicher darauf +zu liegen, „ich kann's abwarten – zum Henker, +daß man nun nicht einmal das Glück hat, an irgend +einer solchen Corallenbank hier – und Zeug ist genug +da – ordentlich auf den Strand und fest zu kommen. +Das wäre doch ein kapitaler Spaß, wenn wir nachher<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[S. 25]</a></span> +eine Colonie gründeten und uns häuslich einrichteten +– ich weiß auch, wen ich heirathete.“</p> + +<p>„Ja, wenn wir einmal auf den Strand kommen,“ +knurrte Lemon dazwischen, „so kannst du dich drauf +verlassen, daß es auch im Schnee und Eis und ohne +Fausthandschuh ist; unser Glück kenne ich; rennen +wir aber <span class="gesperrt">nicht</span> auf, so magst du Gift darauf nehmen, +Kamerad, daß die „<i><a name="cortex1-17" href="#corr1-17" class="corr">Lucy</a> Walker</i>“ droben noch drei +volle Jahreszeiten<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> herumschwimmt, und nachher +immer noch nicht voll ist. Ich habe <span class="gesperrt">meine</span> Hoffnung +jetzt auch nur auf nächsten Winter gesetzt, da wird +„der Alte“ schon dafür sorgen, daß wir wieder hier +anlaufen.“</p> + +<p>Jonas hatte sich indessen, ohne weiter Theil an +dem Gespräch zu nehmen, ebenfalls langsam und +scheinbar ohne besondern Zweck von der in dem +Pandanusschatten gelagerten Gruppe entfernt, und +hier an einem Busch schüttelnd, dort sich einen Zweig +niederbiegend und vielleicht abbrechend, kam er nach +und nach aus Sicht. Dann aber eine Richtung einschlagend, +die ihn näher dorthin brachte, wo Mac +Kringo vor ihm verschwunden war, traf er auch diesen +bald, seiner harrend, unter einer kleinen Gruppe von<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[S. 26]</a></span> +Cocospalmen und Casuarinen, von wo aus er ihm +winkte hinanzukommen.</p> + +<p>„Was zum Teufel hast du denn nur, Douglas,“ +sagte Jonas kopfschüttelnd, als er das geheimnißvolle +Wesen des Kommenden sah. „Du willst doch nicht +etwa auskneifen, mein Bursche? – das gib auf, denn +du weißt nicht, wie dick der Capitain mit dem alten +Häuptling ist, und wie er überhaupt nur auf eine anständige +Entschuldigung wartete, noch länger hier liegen +zu bleiben; der holte dich wieder und wenn er die +ganze Jahreszeit darum versäumen sollte.“</p> + +<p>„Schrei doch nicht, als ob du ein Segel draußen +bei einem steifen Nordwester anrufen müßtest, Mate,“ +brummte der vorsichtige Schotte mit gedämpfter +Stimme; „es fällt mir nicht ein, solchen tollen Gedanken +zu haben, aber – hättest du was dagegen, +Kamerad, wenn wir hier an Land blieben und <a name="cortex1-16" href="#corr1-16" class="corr">Brotfrucht</a> +und Schweinefleisch rösteten, wie Christen, anstatt +hinter den alten, schmierigen Fischen herzufahren, +wie ein Trupp Narren, und für andere Leute, die zu +klug sind, selber zu gehen, Brennöl zu holen? – +Hättest du was dagegen, mir zu helfen einen gescheuten +Gedanken auszuführen, bei dem wir nicht die geringste +Gefahr laufen, wenn wir – das Maul halten +und unser eigenes Geheimniß bewahren können?“<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[S. 27]</a></span></p> + +<p>„Frag' mich, ob ich lieber Grog trinke, als Salzwasser,“ +knurrte der Matrose; „laß die Vorrede und +komm zur Sache, wenn du wirklich was hast, denn +der Alte kann alle Augenblicke herunter kommen und +pfeifen und dann müssen wir fort.“</p> + +<p>„Gut, Jonas, ich will keine Umschweife machen,“ +sagte der Schotte leise, vorsichtig noch einmal dabei +den Blick umherwerfend, „aber schweigen mußt du können, +denn ein Bischen Gefahr ist am Ende doch dabei.“</p> + +<p>„Unsinn, – ich werde mir nicht selber die Schlinge +machen, in die sie mich hängen wollen,“ sagte der +Matrose mürrisch über die vielen Vorreden.</p> + +<p>„Nun, gut denn,“ flüsterte der Schotte, „hast du +die beiden Wraks gesehen, die vor Honolulu lagen, +wie wir dort waren?“</p> + +<p>„Die Wraks von den zwei Wallfischfängern? – +gleich am Eingang vom Hafen?“</p> + +<p>„Dieselben.“</p> + +<p>„Ja wohl; und was ist mit denen?“</p> + +<p>„Du weißt, wie sie dorthin gekommen sind.“</p> + +<p>„Es ist Feuer an Bord ausgebrochen, und die +Schiffe sind verbrannt.“</p> + +<p>„Und die Mannschaft?“</p> + +<p>„Blieb nachher an Land, bis sie sich auf andere +Schiffe verdingte,“ brummte Jonas, „so haben sie's<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[S. 28]</a></span> +mir da wenigstens erzählt; aber was hat das mit +uns zu thun.“</p> + +<p>„Wirst gleich hören, Kamerad; wer hat die +Schiffe angesteckt?“</p> + +<p>„Angesteckt?“</p> + +<p>„Nun ja, glaubst du, daß ein Schiff im Hafen +so leicht von selber zu brennen anfängt?“ lachte der +Schotte, „nein, wenn du's denn nicht weißt, will ich +dir's sagen; die Leute der beiden Wallfischfänger +haben sich den Gefallen selber gethan, und was in der +weiten Welt hindert uns hier, daß wir nicht dasselbe +thun?“</p> + +<p>„Was uns hindert? – unser Hals,“ sagte Jonas +kopfschüttelnd, dem die Idee zu rasch gekommen +war, sie sogleich vollständig begreifen zu können, „weißt +du, mein Junge, daß sie uns einfach an die Raanocke<a name="FNanchor_13_13" id="FNanchor_13_13"></a><a href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> +aufhängen, wenn sie uns dabei erwischen?“</p> + +<p>„Wenn sie uns erwischen, ja,“ lachte der Schotte, +„wer hat denn aber die erwischt, die die Schiffe in der +Bai von Honolulu angesteckt haben, heh? – Wer +<span class="gesperrt">kann</span> uns denn nachher überführen, wenn wir unsere<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[S. 29]</a></span> +Sache nur einigermaßen klug anfangen. Nein, Jonas, +mit einem Schwefelholz haben wir's in der Gewalt, +uns einen Aufenthalt auf diesen Inseln zu +sichern, so lang wie er uns behagt, und ich glaube, +unser Alter selber wär' ganz damit einverstanden, +wenn er sich's nur eben dürfte merken lassen.“</p> + +<p>„Aber die Andern?“ sagte Jonas, schon halb unschlüssig +mit der verführerischen Aussicht vor sich, +dem traurigen Leben an Bord eines Wallfischfängers +auf so leichte Art plötzlich enthoben zu werden.</p> + +<p>„Würden uns auch nicht verrathen,“ meinte der +Schotte, „brauchen aber auch gar Nichts davon zu erfahren; +Muth haben sie doch nicht genug, dafür einzustehen, +und ein Paar von ihnen trau' ich nicht eine +Schiffslänge aus Sicht; Pfeife besonders, der Hallunke, +ist mir ein Dorn im Auge, und bleiben wir länger +hier, spiel' ich dem auch noch einmal einen Possen.“</p> + +<p>„Und meinst du wirklich?“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Meinen</span>, Jonas?“ rief Mac Kringo unwillig, +„was ist da noch zu meinen dabei? Etwas Einfacheres +gibts auf der Welt nicht, und wenn du nur den zehnten +Theil so viel Courage hast, wie ich dir früher zugetraut, +so verlieren wir kein Wort weiter über die +Sache, und schlafen morgen Abend hier in einem +Bambushaus am Strand in – besserer Gesellschaft<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[S. 30]</a></span> +als dem dumpfigen Blubberloch von einem Logiskasten. +– Nun, was sagst du, ja oder nein?“</p> + +<p>„Und wann soll das geschehen?“ frug Jonas +leise.</p> + +<p>„Sobald wir die Gelegenheit dazu finden; wahrscheinlich +heute Abend mit Dunkelwerden, wenn der +Koch sein Schaffen<a name="FNanchor_14_14" id="FNanchor_14_14"></a><a href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> fertig hat. Sie sitzen dann +Alle oben an Deck, die Officiere, die an Bord sind, +kriechen auch nicht draußen herum, und Einer kann +unten Alles besorgen, während der Andere nur oben +Wache hält, daß er ein paar Minuten ungestört +bleibt; du magst Wache stehen, ich will selber das +Übrige in Ordnung bringen. Bist du damit zufrieden?“</p> + +<p>„Hol's der Teufel, ja!“ sagte Jonas, sich im +Voraus bei dem Gedanken an den Erfolg die Hände +reibend, „stecken wir den alten Blubberkasten vor seinem +Anker an. Wetter noch einmal, was der für +eine famose Fackel machen wird!“</p> + +<p>„Aber ruhig und keine Silbe zu –“</p> + +<p>„Unsinn!“ brummte Jonas; „werde mich hüten +– wenn wir aber nur unsere Sachen retten könnten.“</p> + +<p>„Nimm dich in Acht!“ warnte ihn der Schotte,<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[S. 31]</a></span> +„damit hat sich schon Mancher verrathen; wenns einmal +brennt, ja, dann so schnell wie möglich, und für +ein Canoe in der Nähe will ich schon sorgen; aber +vorher keine Hand angerührt. Wenn <span class="gesperrt">die</span> klug sind, +da wollen wir nicht dumm sein.“</p> + +<p>„Gut denn, heute Abend –“</p> + +<p>Ein gellender Pfiff von der Gegend her, in welcher +ihr Boot lag, unterbrach ihr Gespräch, und Mac +Kringo dem Andern zuwinkend, daß er sich wieder +dorthin begebe, wo er hergekommen, damit sie nicht +zusammen zum Strand zurückkehrten, lief rasch durch +eine kleine Lichtung hin, die freie Corallenbank weiter +oben zu erreichen.</p> + +<p>„Hallo, hier Douglas, Seelöwen und Haifische, +wo steckt Ihr?“ rief ihm der Capitain, der in seinem +Boot stand und ungeduldig nach ihm ausgeschaut zu +haben schien, schon von Weitem entgegen; „was habt +ihr im Busch zu thun, wenn ihr auf Bootswacht +seid? – Wo ist Jonas?“</p> + +<p>„Ich wollte nur –“</p> + +<p>„Ach, da kommt er; herein mit euch, – Wetter +noch einmal, das faule Leben hier an Land scheint +euch zu behagen; wartet, ich will euch Beine machen, +wenn ich euch wieder draußen in See habe, daß die<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[S. 32]</a></span> +Glieder gelenk werden. Auf euere Sitze da vorn – +sind wir flott?“</p> + +<p>„Alles in Ordnung, Sir –“</p> + +<p>„Stoßt ab denn, und legt euch in die Riemen<a name="FNanchor_15_15" id="FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>, +meine Jungen. Ist schon Holz heut von Land an +Bord geschafft?“</p> + +<p>„Nein, Sir!“ sagte Jonas, der gleich hinten im +Boot vor dem Capitain saß, während die rasch eingesetzten +Riemen das scharfgebaute Boot pfeilschnell +durch den glatten Wasserspiegel trieben; „haben +nichts gesehen.“</p> + +<p>„Schon gut – macht nichts!“ lautete die kurze +Antwort, und wenige Minuten später lief das Boot +unter die niederhängende Fallreepstreppe. Der Capitain +sprang an Bord und die Leute wollten damit +unter ihre Krahnen gehn, es wie gewöhnlich aufzuheben, +die Ordre aber lautete: es im Wasser zu lassen, +da es wahrscheinlich gleich wieder gebraucht +würde.</p> + + +<h4>3.</h4> + +<p>Einer der Ungeduldigsten an Bord war der +erste Harpunier, ein junger, kräftiger Irländer aus<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[S. 33]</a></span> +Galvay-Bai und dort erst kurz vor seiner Abreise verheirathet. +Ihm brannte natürlich der Boden unter +den Füßen, und er wollte das Schiff wieder in See +haben, Beute zu machen und nach Hause zurückzukehren. +Was half <span class="gesperrt">ihm</span> das müßige Leben hier an +Land.</p> + +<p>Mit diesem hatte der Capitain, als er an Bord +zurückkehrte, eine längere Unterredung, die den Wünschen +des jungen Iren auch vollständig entsprochen +haben mußte, denn er kam bald nachher mit fröhlichem +Gesicht gleich hinter dem Capitain an Deck und beorderte +seine Bootsmannschaft, sich fertig zu halten, +kurz vor Sonnenuntergang an Land zu rudern, etwas +dort abzuholen. Die vier Matrosen mit dem Bootsteurer, +die er befehligte, waren ebenfalls seine Landsleute, +und die Schiffsmannschaft hatte deshalb das +Boot auch das Irische getauft.</p> + +<p>An Bord der „<i>Lucy Walker</i>“ herrschte indessen +rege Geschäftigkeit; ein paar zum Ausbessern niedergeholte +Segel wurden wieder angeschlagen, Taue gespließt, +Pardunen angespannt, das Deck klar gemacht +und überhaupt Manches vorgenommen, das auf einen +baldigen Aufbruch schließen ließ. Als zwei der +Leute deshalb, Legs und Pfeife, dem Capitain selber, +der mit raschen Schritten auf seinem Quarterdeck<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[S. 34]</a></span> +auf- und abging, um kurzen Urlaub an Land baten, +der ihnen, in einzelnen Abtheilungen natürlich, fast +noch gar nicht verweigert worden war, schlug es ihnen +dieser rund ab und schickte sie wieder nach vorn an +ihre Arbeit.</p> + +<p>„Siehst du,“ flüsterte da der Schotte seinem +Kameraden Jonas, mit dem er oben in den Marsen +etwas nachzusehen hatte, zu, „siehst du, mein Junge, +daß ich eine gute Nase habe? Es ist die höchste Zeit +für uns, unser kleines Geschäft in Ordnung zu bringen, +denn ich möchte jetzt kein Maul voll Tabak gegen +eine monatliche Löhnung wetten, daß wir nicht morgen +Früh mit Tagesanbruch Anker auf und Segel gesetzt +hätten. Der Alte dahinten zeigt wenigstens den +besten Willen, aber wir Beide, denk' ich, sollen ihm +noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das +wär' ein schöner Spaß, so auf einmal, ohne nur Abschied +von unsern Freunden und Mädchen am Land +zu nehmen, wieder auf und davon und draußen +herumrackern; <i>nai my bonny child</i>, hier sind auch +noch Leute, die ihre Stimme dabei abzugeben wünschen, +wenn sie auch nur eben den hundertzwanzigsten Theil +bekommen von dem Fang und das Ganze mit ihrem +Schweiß und Mark bezahlen sollen.“</p> + +<p>„Am Ende will er gar noch heut Abend fort,“<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[S. 35]</a></span> +sagte Jonas leise; „nachher wären wir aber die Angeführten.“</p> + +<p>„Nein, das nicht,“ beruhigte ihn der Schotte; +„ich habe gehört, daß er sich das Irische Boot bestellt +hat, gegen Sonnenuntergang mit an Land zu +fahren, und dann kommt er immer vor vier Glasen<a name="FNanchor_16_16" id="FNanchor_16_16"></a><a href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> +nicht wieder zurück; aber auf morgen Früh hat er's +abgesehen. Er frug uns ja auch, als wir von Land +zurückkamen, ob sie Holz an Bord gebracht hätten. +Bah, so viel für deine Berechnungen,“ – und er +schnalzte höchst selbstzufrieden mit den Fingern.</p> + +<p>Jonas hatte indessen seine Arbeit oben beendet +und mußte hinunter, wohin ihm der Schotte bald +nachher folgte; als sich aber die Sonne mehr und +mehr dem Horizonte näherte, wurde auch das Boot +des ersten Harpuniers, der vorher einen seiner Mannschaft<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[S. 36]</a></span> +nach oben zum Ausschauen geschickt hatte, niedergelassen, +und Legs, der in den Besahnwanten etwas +auszubessern hatte, sah mit Erstaunen, daß unter einer +Matte, auf dem Boden des Bootes, als sie durch +die Einsteigenden zurückgeschoben wurde, Waffen versteckt +waren. Er hatte – beschwören hätt' er's +wollen, – ein paar Gewehrläufe darunter vorblitzen +sehen? was zum Teufel war da wieder im Wind?</p> + +<p>Der Koch, die Abendmahlzeit noch vor Dunkelwerden +am Deck beenden zu können, und nicht gezwungen +zu sein, in das dumpfige Logis hinabzusteigen, +war indeß in der Cambüse emsig beschäftigt gewesen +Thee zu kochen und Bananen und Brotfrucht zu braten, +die mit dem kalten Fleisch von Mittag her keine +üble Schiffskost abgaben. Nachdem er vorher bei dem +jetzt commandirenden zweiten Harpunier die Erlaubniß +eingeholt, rief sein gellender, wohlbekannter Ruf +bald darauf die Leute sämmtlich nach vorn unter die +Back, wo auf der Steuerbordseite des Schiffes die +riesige kupferne Theekanne qualmte und der sonst in +breiter hölzerner Mulde präsentirte harte Schiffszwieback +jetzt fast vollkommen durch die nahrhafte, in +Scheiben geschnittene und geröstete Brotfrucht verdrängt +war.</p> + +<p>Der Schotte setzte sich auch mit hin auf Deck und<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[S. 37]</a></span> +schenkte sich seinen Thee in den breiten, niederen Blechbecher, +der den Inhalt einer gewöhnlichen Theekanne +hätte mit Bequemlichkeit fassen können, vermißte +dann aber sein Messer und stieg in den Raum hinunter, +wo er es heute Morgen gebraucht und wahrscheinlich +vergessen. Jonas indessen saß noch nicht +und hatte ein kleines Faß mit seiner Wäsche zu der +großen Luke gezogen, nahm die Hemden einzeln heraus, +rang sie aus und legte sie auf das um den Vormast +gehende Nagelbret.</p> + +<p>„Komm her, Jonas,“ rief ihn Legs an, „hat den +ganzen Tag nichts gethan und jetzt, nun der Thee an +Deck steht, fällt's ihm auf einmal ein, daß er Hemden +in der Brüh hat. Die Bananen werden kalt und +schmecken nachher schlecht.“</p> + +<p>„Sie werden nachher gar nicht schmecken,“ lachte +Pfeife mit seiner höchsten Stimme, „denn ich glaube +wir werden damit eher fertig, wie er mit seinen Hemden.“</p> + +<p>„Glaub's, wenn man sie euch vorstellte,“ brummte +Jonas, mit einem halb verschluckten Fluch; „aber der +Koch hat noch mehr.“</p> + +<p>„Hallo!“ rief Pfeife aufspringend, „da will ich +mir gleich noch eine holen!“ und er kam mit seinem +Blechteller zur Cambüse, den Versuch wenigstens zu +machen.<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[S. 38]</a></span></p> + +<p>„Sieh einmal das Wetter, das herauf kommt,“ +rief ihm hier der Koch zu, der in der niederen Thür +stand und mit dem Arm nach Osten hinüber deutete; +„zum Teufel das sieht schwarz aus, und sollte mich +gar nicht wundern, wenn da eine tüchtige Mütze Wind +drein stäke. Jedenfalls gibts Regen und wir thun +besser die Luken zuzulegen; macht, daß ihr mit eurem +Essen da vorn fertig werdet.“</p> + +<p>Der zweite Harpunier hatte indessen mit dem +Fernrohr auf dem Quarterdeck gestanden, und unverwandt +nach der niedrig auslaufenden Landspitze geschaut, +hinter der das Boot vorher verschwunden war.</p> + +<p>Mac Kringo stieg in diesem Augenblick die Luke +herauf und als der Koch auch gerade zusprang, nahmen +sie die beiden genau passenden und schließenden +Lukendeckel, an den in den gegenüberliegenden Ecken +angebrachten eisernen Ringen und hoben sie in die +Falze.</p> + +<p>„Koch!“ rief des Harpuniers Stimme in diesem +Augenblicke von dem Quarterdeck aus.</p> + +<p>„Ay, ay, Sir!“</p> + +<p>„Rasch dein Essen wieder fort und in die Cambüse – <i>all +hands on deck</i><a name="FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> – große und Vor<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[S. 39]</a></span>marsraae +auf – rasch mit euch, meine Jungen, werft +die Falle los! – Nun, was steht ihr da, wie verhagelt? +die Marsraaen auf, und schnell, oder ich +mache euch Beine!“</p> + +<p>„Halloh, was ist nun los?“ rief aber Legs, der +eben einen Teller voll glücklich erbeuteter heißer Bananen +in Sicherheit bringen wollte und jetzt nicht +wußte, wohin damit, „was soll das heißen?“ Es +blieb ihm aber nicht lange Zeit zur Besinnung, die +Befehle folgten zu rasch nacheinander, und während +unter dem Singen und Schreien der Mannschaft die +schweren Raaen an ihren Ketten in die Höhe klirrten, +schob und schleppte der Koch rasch das Abendbrot der +Leute bei Seite und jetzt vorn in das Logis hinunter, +damit er die Sachen nur einmal vor der Hand aus +dem Wege bekäme.</p> + +<p>„An die Winde mit euch, rasch da vorn und ein +Bischen lebhaft!“ rief jetzt der Officier, der nach +vorn und mitten zwischen die Leute gekommen war, +von denen sich die meisten noch gar nicht von ihrer +ersten Überraschung erholen konnten, denn es fing +ihnen jetzt wirklich an klar zu werden, daß sie ohne +Weiteres in See hinaus und die Insel verlassen sollten; +„munter, meine Jungen, munter!“ rief der +Harpunier, dabei auf die Back springend, die Leute<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[S. 40]</a></span> +besser übersehen zu können, „her mit eurem Pumpgeschirr, +und nun laßt uns einmal sehn, wie rasch +ihr den Anker herauf bekommen könnt. Wetter, +Jungen, es sind nur fünfundzwanzig Faden Kette aus, +mit denen müßt ihr ja nur so weglaufen können.“</p> + +<p>„Den Teufel, Douglas!“ flüsterte Jonas, in +Todesangst an den Schotten hintretend, diesem in's +Ohr, „hast du's gethan? – und jetzt sollen wir in +See, das wäre eine schöne Geschichte.“</p> + +<p>„Hallo, da ihr Beiden!“ rief in diesem Augenblick, +und ehe noch der Schotte etwas erwidern konnte, +der Officier, dessen Adlerblick die beiden Müßiggänger +dort schon entdeckt hatte. „Hier Douglas – herauf +mit dir, mein Mann, und löse das große Marssegel, +und du, Jonas, auf die Vormarsraae; marsch mit +euch, und nachher die Bramsegel auch frei, und du +Bill, hinaus mit dir, und mach den großen Clüver +los. Auf mit dem Anker, auf meine Jungen! – +<i>Oh joli men hoy!</i>“</p> + +<p>Widerspruch gegen die gegebenen Befehle war +nicht möglich, obgleich fast alle Matrosen erstaunt +mit den Köpfen schüttelten und sich diese bald abdrehten, +um zu sehen, ob ihr Capitain noch nicht bald an +Bord käme, ohne den sie doch unmöglich in See gehen +konnten. Einmal war es fast, als ob Mac Kringo<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[S. 41]</a></span> +zögere, und er machte sogar eine Bewegung nach dem +Harpunier zu, aber er besann sich in demselben Momente, +als dieser ihm ein paar Kernflüche über seine +Säumigkeit entgegendonnerte, und lief jetzt rasch die +Wanten hinauf nach oben, den gegebenen Befehl zu +erfüllen und die Segel zu lösen, die sie vielleicht bald +Alle dem Verderben entgegenführen würden. Gestehen +<span class="gesperrt">durfte</span> er ja nicht was er gethan, er wäre gebrandmarkt +gewesen auf Lebenszeit, wenn man ihm +wirklich das Leben geschenkt hätte, und die Kameraden –</p> + +<p>„Ei, zum Teufel!“ zischte er dabei zwischen den +zusammengebissenen Zähnen durch; „kröche ich jetzt +zu Kreuz, die Schufte ließen keinen guten Faden an +mir, so lang sie mich hätten. Ich hab's nicht meinethalben +allein gethan, so mögen's die Anderen auch +mit ausbaden.“</p> + +<p>Die Ankerkette rasselte indessen, mit den raschen +Schlägen des eisernen Pumpgeschirrs, schnell an Deck, +der Anker hing schon und das Schiff trieb mit der +ausgehenden Ebbe der Mündung der Bai zu.</p> + +<p>„Boot ahoy!“ rief da Einer der Leute an der +Winde aus, der eben über die Monkeyrailing das +rasch anrudernde Boot erkennen konnte, und der Harpunier<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[S. 42]</a></span> +drehte sich, das Teleskop, das er noch in der +Hand hielt, darauf richtend, schnell danach um.</p> + +<p>„Flink, meine Jungen, flink!“ rief er dabei; „hier +hat's Eile – Larbord Seite da, Einer von euch, +werft die Brassen los – Koch! rasch dahinten, die +Brassen von den Nägeln – Starbordseite große und +Fockbrassen – <i>belay that anchor</i><a name="FNanchor_18_18" id="FNanchor_18_18"></a><a href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> – so, genug! +– Marsbrassen – so, genug! und nun die Bramsegelschoten +aus – so, genug! So, nun auf mit dem +Anker, unter die Klüsen mit ihm, so rasch ihr laufen +könnt. – <i>Oh, joly men hoy!</i>“</p> + +<p>Der Schotte, der die Bramsegel gelöst hatte, kam +jetzt rasch an den Wanten herunter, als ihn der Harpunier +sah.</p> + +<p>„Hallo, da oben, Sir – da du einmal gerade +unterwegs bist, wirf den Royal<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> los – heda – +hast du's gehört, Bursche? hinauf mit dir, oder ich +werde dir Beine machen. Wenn ich keinen von den +Jungen gleich bei der Hand habe, wird es deinen faulen +Knochen wohl auch nichts schaden, einmal nach +oben zu gehen. – Alle Wetter, da sind sie – das war<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[S. 43]</a></span> +Zeit, daß wir fortkommen,“ unterbrach er sich rasch, +als plötzlich eine förmliche kleine Flotte von Canoes +um die Landspitze bog. Die Aufmerksamkeit der +Leute wurde aber rasch von dieser ab an Bord ihres +eigenen Schiffes gelenkt, wo jetzt das vom Land +zurückkehrende Boot, um das sie sich bis daher gar +nicht hatten kümmern können, langseit legte, und im +nächsten Augenblick, seinen Leuten voran, Capitain +Silwitch an Bord sprang.</p> + + +<h4>4.</h4> + +<p>Toanonga hatte an dem Nachmittag noch recht +herzlich über den wilden, tollköpfigen <a name="cortex1-18" href="#corr1-18" class="corr">Papalangi gelacht</a>, +der da, aus irgend einem Land hergeregnet, +gleich geglaubt, er könne so ohne weiteres die Tochter +eines ersten Häuptlings, aus dem Blut der Hau's +oder ersten Könige auf seine Arme packen und in die +weite See damit hinein fahren, wohin es ihm gerade +beliebe.</p> + +<p>„Guter Bursch,“ sagt er dabei auf seine gemüthliche +Weise hin, „sehr guter Bursch; hat mir die ganze +Tasche voll Sachen gebracht, und blieb' er hier bei +uns, und <i>Tai manavachi</i> wäre nicht da, und Hua +wollte ihn – und er hätte noch mehr solche Sachen, +und brächte alles Das, was er versprochen, wer weiß,<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[S. 44]</a></span> +ob nicht dann der Pagalangi und Hua doch Mann +und Frau geworden wären.“</p> + +<p>Der alte Häuptling, still vor sich hinschmunzelnd, +erging sich noch in einer Menge anderer Möglichkeiten, +indeß er sich zugleich auf sehr angenehme Weise +mit dem Sortiren der verschiedenen Arten Knöpfe +und Nägel beschäftigte, als ein Bote, einer seiner +jungen Leute, von einem anderen Theil der Küste +herüberkam und die Ankunft vieler Kriegscanoes, +wahrscheinlich den jungen Häuptling <i>Tai manavachi</i> +führend, meldete, der jetzt komme, seine Braut heimzuführen. +„Kommt gerade recht,“ murmelte der alte +Mann zufrieden vor sich hin; „tollköpfiger Pagalangi +hätte am Ende noch dumme Streiche gemacht, und +Hua ist nirgends besser aufgehoben, wie bei ihrem +Mann – aber was ist das?“ unterbrach er sich +dann selbst, als ein Boot von dem draußen in der +Bai liegenden Schiff ab nach der nächsten Landspitze, +wo gar keine Wohnungen lagen, hinüber hielt. „Was +wollen die Fremden da drüben, wo Hua nur Abends +mit ihren Frauen hinübergeht? – Hm, hm, hm, +wird sie noch einmal sprechen und fragen und gewinnen +wollen – ja, zu spät, <i>cowtangata</i>, zu spät – +wenn sie dich möchte, hätte sie lange Ja gesagt.“</p> + +<p>Eine Zeitlang blieb er so sinnend stehen und schien<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[S. 45]</a></span> +gewissermaßen zu erwarten, daß das Boot, wie jedes +anderemal nach seinem gewöhnlichen und ihm eigentlich +auch vorgezeichneten Landungsplatz herüber halte, +von wo der Capitain des Wallfischfängers dann gewöhnlich +allein nach der andern kleinen Bai hinüber +gegangen war. Da das aber heute Abend augenscheinlich +nicht in der Absicht der Fremden lag, und +Toanonga sich dadurch gewissermaßen, er wußte selber +eigentlich nicht recht warum, beunruhigt fühlte, beschloß +er selber dort hinüber zu gehen, und zu gleicher +Zeit seiner Tochter die Ankunft ihres Bräutigams zu +melden.</p> + +<p>Mit einiger Beschwerde erhob er sich von seiner +Matte, auf der er vorher jedoch sorgfältig seine +Schätze in ein Stück braungefärbtes und gedrucktes +Gnatu<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> eingeschlagen hatte, die er nun vor allen +Dingen in seiner Hütte in Sicherheit brachte. Dann +winkte er den beiden Burschen, ihm zu folgen, und +mit diesen langsam ein kleines Dickicht von Fruchtbäumen +durchschreitend, das den Hang des Hügels +nach dieser Seite zu bedeckte, stieg er die leise Abdachung<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[S. 46]</a></span> +hinan, die von ihrem Gipfel aus einen Überblick nach +der Nachbarbai, mit ihrem stillen Wasser und wehenden +Palmen gewährte.</p> + +<p>Hierher kam Hua jeden Abend mit <a name="cortex1-19" href="#corr1-19" class="corr">mehreren</a> ihrer +Gespielinnen sich zu baden und auf der klaren Fluth, +über den aufzweigenden Corallen hin in ihrem Canoe +zu schaukeln. Silwitch hatte ihr da oft Gesellschaft +geleistet und selige Stunden mit ihr verträumt, während +das Mädchen mit ihm plauderte und lachte, ihm +die Legenden und Märchen ihres Volkes erzählte und +ihn neckte und seiner spottete, ihm aber nie eine Freiheit +gegen sich selber gestattete. Nie durfte er auch +nur den Arm um sie legen, oder sie gar küssen, und +zehnmal war er in bitterem, verzehrendem Unmuth +fest entschlossen gewesen, nie wiederzukehren und die +gefährliche Nähe der so schönen wie spröden Maid +auf immer zu fliehen, aber das herzliche, lächelnde +„<i>chio do fa<a name="FNanchor_21_21" id="FNanchor_21_21"></a><a href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>!</i>“ mit dem sie ihm beim Abschied +jedesmal die Hand unaufgefordert reichte, zwang ihn +auch wieder zurück in ihre Nähe, bis er zuletzt nicht +einmal mehr den Gedanken fassen konnte, sie zu +fliehen.</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[S. 47]</a></span></p> +<p>Auch heute hatte sie sich, noch nicht von der Ankunft +des Geliebten benachrichtigt, hierher zurückgezogen, +und sein Canoe mußte auch in der That diese +Bai passiren, wenn er Toanonga's Wohnort erreichen +wollte, da auf der andern Seite der Insel ein breiter +Corallendamm das Umschiffen derselben im Binnenwasser +unmöglich machte. Die Mädchen saßen zusammen +im Schatten eines breitästigen Toabaumes, +dem einzigen auf dem kleinen, hier absichtlich von +Unterholz befreiten Raum, ihr Haar mit wohlriechendem +Cocosnußöl zu salben, als das Wallfischboot des +Fremden um die Spitze der Bai schoß und die Mädchen +erschreckt aufspringen machte; nur Hua blieb +ruhig sitzen und sagte lachend:</p> + +<p>„Was fürchtet ihr euch, tolle Dirnen, habt ihr +den Pagalangi noch nie gesehen mit seinem Boot, und +sieht er zu windwärts von der Landspitze da draußen +anders aus als zu leewärts? Er wird uns sein +Lebewohl sagen wollen, denn die fremden Männer +sind alle auf das Schiff zurückgefahren, und den ganzen +Tag schon in den Seilen herumgeklettert. Er +hat unsere besten Wünsche für sein Wohl – wir +<span class="gesperrt">fürchten</span> ihn nicht!</p> + +<p>„Aber was suchen die Fremden <span class="gesperrt">hier</span>?“ rief eines +der Mädchen, schüchtern zu ihrem Sitz zurückkehrend;<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[S. 48]</a></span> +„komm, Hua, wir wollen in den Wald gehen, +bis sie vorbeigerudert sind – siehst du, sie wollen +landen.“</p> + +<p>„Laß sie, Mädchen,“ sagte des Häuptlings Tochter +verächtlich; „wenn wir sie hier nicht länger dulden +wollen, schickt sie Hua wieder in See.“</p> + +<p>„<i>Chio do fa, Hua, chio do fa!</i>“ rief in dem +Augenblick die lachende Stimme des jungen Capitains +zu ihnen herüber; „wartest du hier auf mich, Maid, +zur rechten Stunde? ich komme, ich komme.“</p> + +<p>„Nicht auf dich, Pagalangi,“ sagte das Mädchen +ruhig, sich halb von ihm abwendend; „dieser Platz ist +mein Eigenthum, und wer ihn betritt, kommt zu <span class="gesperrt">mir</span>.“</p> + +<p>„Und sollen wir hier unser Haus bauen in späterer +Zeit?“ flüsterte der junge Mann, näher zu ihr hintretend +und die Hand ausstreckend, die ihrige zu ergreifen.</p> + +<p>„Wir?“ wiederholte die Jungfrau erstaunt.</p> + +<p>„Zögert nicht länger wie nöthig ist, <i>Captain +dear</i>!“ rief aber in diesem Augenblick der Mate oder +Harpunier warnend, „ich habe da oben auf dem Hügel +eine Gestalt gesehen und die Canoes, die wir von +Deck aus sahen, könnten auch bald hier sein, wenn sie +beabsichtigt hätten, hier herzulaufen.“</p> + +<p>„Es ist wahr, George,“ rief der Capitain zurück,<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[S. 49]</a></span> +„ich habe überdies schon zuviel Zeit verloren,“ und +sich rasch zu der Geliebten drehend, sagte er schmeichelnd:</p> + +<p>„Komm mit mir, Hua – da draußen liegt mein +Schiff, in wenigen Minuten setzen wir die Segel und +frisch und fröhlich ziehen wir hinaus in die freie, +offene See – meine Seele hängt an dir, Mädchen, +und ich kann nicht ohne dich leben.</p> + +<p>„Zurück, Pagalangi,“ rief aber Hua, zum erstenmal +vielleicht erschreckt, als er dreister auf sie zutrat +und seinen Arm um sie zu legen suchte; „zurück, +<i>taima tangata</i> – eines Häuptlings Tochter ist für +dich zu gut; such' dir ein Weib unter den Dirnen des +Landes.“</p> + +<p>„Meinest du, Herz?“ rief der junge Mann jetzt, +dem Zorn und beleidigte Eitelkeit das Blut in die +Wangen jagte, „dann will ich doch sehen, ob du an +Bord dieselbe Sprache hast!“ und mit raschem +Sprung die Sträubende umfassend, ehe sie selbst im +Stande war um Hilfe zu rufen, hob er sie vom Boden +auf, und floh mit ihr dem vielleicht hundert +Schritte davon entfernten Boote zu.</p> + +<p>„Hilfe! Hilfe!“ schrie jetzt das arme Mädchen, +die erst in dem Entsetzen der Gefahr, als sie das Boot +vor sich sah und ihr Schicksal ahnte, die Sprache<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[S. 50]</a></span> +wieder fand. „Hilfe, Toanonga, zu Hilfe – zu +Hilfe deinem Kinde!“</p> + +<p>„Sie hören dich nicht, Liebchen,“ lachte aber der +junge kecke Seemann, seine süße Last nur schneller +dem Ziele zuführend; „dein Ruf dringt zu spät an +ihr Ohr.“</p> + +<p>„Habt Acht, Capitain!“ rief aber in dem Augenblick +der Harpunier, der mit dem Steuerriemen in der +Hand hinten im Boot gestanden, den Befehl zum Abstoßen +zu geben, so rasch ihre Beute geborgen sei, und +der jetzt zwei junge <a name="cortex1-20" href="#corr1-20" class="corr">Burschen</a> aus den nächsten Büschen +herausbrechen und dem Mädchenräuber folgen sah; +„habt Acht, sie sind hinter euch!“ Silwitch hatte aber, +an keine Verfolgung denkend, nur Auge und Ohr für +sein erobertes Glück, und der junge, riesige Ire, die +Gefahr von dem Haupt des Capitains abzuwenden, +flog unbewaffnet wie er war, mit einem Satz so nahe +er konnte, an Land, in die klare und hier seichte Fluth +hinein, unbekümmert, ob sie hier einem ungleichen +Kampf entgegengingen, warfen sich auch die beiden +jungen Indianer auf den Capitain, ihres Häuptlings +Tochter aus seinem Griff zu retten. Der Ire aber +zwischen den Capitain und seine Verfolger springend, +ergriff den ersten beim Arm und schleuderte ihn wie +ein Kind zur Seite, während er den Zweiten, stärkeren<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[S. 51]</a></span> +der einen Schlag nach ihm führen wollte, mit sicher +gezieltem und geübtem Stoß so derb zwischen die +Augen traf, daß er betäubt und regungslos zu Boden +schlug.</p> + +<p>„Nun fort!“ rief er jetzt und stieß, in das Wasser +springend, das Boot, in das der Capitain seine +Beute schon hineingehoben, ab von den Corallen, und +sich nachschwingend, während zwei der Leute das +Mädchen hielten, und die andern den Capitain zu sich +herein zogen, setzte er rasch und dringend hinzu: „an +eure Riemen, meine Bursche, an eure Riemen, für +euer Leben, denn beim Teufel, dort kommt die ganze +Canoeflotte hinter der Landspitze vor – an eure +Plätze und vorwärts! der Capitain wird die Dirne +schon festhalten und du, Patrick, kannst ihr indessen +ein wenig die Füße zusammenbinden, daß sie nicht +doch noch über Bord springt; erst aber ein Tuch +über den Mund, daß sie das verdammte Schreien +läßt. Und nun ein mit euren Rudern, und brecht sie, +wenn ihr könnt!“</p> + +<p>Das elastische Holz bog sich unter den kräftigen +Zügen der, ein jubelndes Hurrah ausstoßenden Matrosen, +denn die kecke Entführung hatte ihre ganze +Sympathie, und das scharfgebaute Boot schoß schäumend +durch die Wellen, dem nicht so gar weit davon<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[S. 52]</a></span> +ankernden Schiff zu. Die Fahrzeuge der Eingebornen +dagegen, sieben vollbemannte und wunderlich geschmückte +Kriegscanoes, die allerdings noch zu weit +entfernt waren, den Hilferuf zu hören, konnten doch +schon auf dem Corallensand des Strandes die hin und +her laufenden dunklen Gestalten erkennen. Wenn sie +deshalb auch vielleicht anfänglich die Absicht gehabt +hätten, näher am Land zu bleiben, wo die ihnen hier +günstige Strömung auch die stärkste war, so schien +das fremde Boot diesen Plan geändert zu haben. +Sie hielten nun vor allen Dingen gerade auf die +ziemlich in ihrem Cours, aber ihnen gegenüber liegende +Landspitze zu, wo sie die dunkle Gestalt eines Eingebornen +entdecken konnten, von welcher sie jedenfalls +Auskunft über das etwas verdächtige Benehmen des +Bootes zu erhalten hofften.</p> + +<p>Die Gestalt am Ufer war aber Niemand anderer +als Toanonga selber, und nach einigen rasch gewechselten +Worten mit dem ersten, festlich geschmückten, +aber mit wohl zwanzig Kriegern bemannten stattlichen +Canoe gab dieser den ihm folgenden Fahrzeugen durch +schrill gerufene Laute irgend einen Befehl, und quer +hinüber schneidend über die Bai, wo ihnen jetzt das die +Segel setzende Schiff der <a name="cortex1-21" href="#corr1-21" class="corr">Papalangis</a> in Sicht kam, suchten +sie augenscheinlich diesem die Bahn abzugewinnen.<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[S. 53]</a></span></p> + +<p>„Anker klar, da vorn!“ rief die helle, fröhliche +Stimme des Capitains über Deck, als er kaum die +Wanten seines Fahrzeugs erfaßte und die Railing +übersprungen hatte.</p> + +<p>„Alles klar, Sir!“ lautete der bestimmte Ruf des +Harpuniers zurück.</p> + +<p>„Her zu mir denn, mein Herz!“ jubelte er, als +er die Arme ausstreckte, das ihm heraufgereichte und +sich wild sträubende Mädchen in Empfang zu nehmen; +„her zu mir, mein Herz, und nun hab' ich und halt' +ich dich, und <i>Tai manavachi</i> muß rasche Canoes +und tapfere Krieger haben, wenn er dich wiederholen +und aus meinen Armen reißen will.“</p> + +<p>„Bind mich los, <i>tangata foi</i>!“ rief aber das +schöne Mädchen, als ihr das Tuch abgenommen war, +das bis dahin ihren Mund bedeckt, in wildem Zorn: +„bind' mich los und gib mich frei, falscher, verrätherischer +Pagalangi, der du, wie der Dieb in der Nacht, +dich in meines Vaters Haus geschlichen. Hotuas +Fluch über dich und dein Schiff! Bind' mich los!“</p> + +<p>„Daß du mir über Bord sprängst und den ganzen +Spaß verdürbest,“ lachte der junge Mann. „Nein +Herz, du bist jetzt vielleicht bös auf mich, aber das +wird sich schon geben; ich bin nicht so schlimm, wie du +mich machst, und wir werden hoffentlich noch recht<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[S. 54]</a></span> +gute Freunde werden. Jetzt aber, wildes Täubchen, +muß ich dich auf kurze Zeit hinunter und aus dem +Weg tragen,“ setzte er rasch hinzu, als ihn ein Blick +überzeugt hatte, wie die Canoes einen näheren, ihnen +wohl genau bekannten Canal durch die Riffe annahmen, +den Lauf des Schiffes abzuschneiden, das die +breite Ausfahrt halten mußte. Wenn er auch ihren +Angriff nicht zu fürchten brauchte, denn selbst vor +Anker hätte er sich die Canoes abhalten können, +wollte er doch, so lange das anging, jedes Blutvergießen, +wie jede weitere Feindseligkeit vermeiden. +So denn die geraubte Braut, die sich vergebens seinem +Griff zu entwinden suchte, in die Arme fassend, +trug er sie in die Cajüte hinunter, deren Thüre er +rasch hinter ihr abschloß.</p> + +<p>Keine Zeit war es jetzt für ihn, die Zürnende zu +besänftigen, das Schiff trieb mit dem schäumenden +Corallendamme mehr und mehr entgegen, und näher +und näher kamen die Canoes dem Feinde.</p> + +<p>Die Commando's am Bord den Steuernden zuzurufen, +erforderten jetzt die ganze Aufmerksamkeit +der Mannschaft, die an den Brassen, jeder an seinem +Posten, stand, etwa gegebene Befehle zu anderer +Stellung der Segel so rasch als möglich auszuführen, +während der Capitain selber vorn von der Back aus,<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[S. 55]</a></span> +durch zwischen ihm und dem Steuernden aufgestellte +Harpuniere, den Lauf des Fahrzeugs mit seiner +Stimme lenkte. Die „<i>Lucy Walker</i>“ war übrigens +ein treffliches Seeboot und gehorchte dem Steuer +rasch; so umschifften sie denn auch, mit der jetzt immer +frischer einsetzenden Brise, die so scharf von Osten +herüberkam, daß sie <a name="cortex1-22" href="#corr1-22" class="corr">in</a> eine Bö auszuarten drohte, die +gefährlichen Klippen, die ihnen rechts und links schäumende +Brandungswellen herüberrollten und jetzt, von +keiner Gefahr weiter bedroht, und gerade, als die +Sonne in dem noch klaren Westen verschwand und die +von gegenüber aufsteigenden Wetterwolken mit ihrem +rosigsten Lichte übergoß, breitete sich die freie, offene +See vor ihnen aus.</p> + +<p>„Freie Bahn!“ rief da der junge Capitain in +lustigstem Übermuth, seinen Hut gegen die noch +immer unverdrossen heranschäumenden Canoes schwenkend, +indeß der Bug seines eigenen Fahrzeugs, die +Segel von der frisch und stark aufkommenden Brise +gebläht, durch die krystallene Fluth schoß und die +klaren Wellen zu beiden Borden spritzend abwarf. – +„Freie Bahn! und nun auf Wiedersehn, vielleicht für +nächstes Jahr. Armer <i>Tai manavachi</i>!“ setzte er +dann lächelnd hinzu, als er noch einen Blick auf die +Canoes warf, ehe er von der Back hinunter sprang,<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[S. 56]</a></span> +„wenn du wirklich da drin bist, thust du mir wahrhaftig +leid, so, nur wenige Minuten, die Zeit, versäumt +zu haben. Hättest du nicht so lange Siesta +gehalten, vielleicht läge die Braut jetzt in deinen Armen, +statt in meiner Cajüte. Zu spät nun deine +Anstrengungen, mein Tapferer, zieh deine Ruder ein, +tollköpfiger Bursch, oder das Wetter da drüben schneidet +dir auch zum Land zurück die Straße ab?</p> + +<p>Nun, meinetwegen,“ setzte er nach einer kleinen +Pause hinzu, währenddem er zu seinem Erstaunen +sah, wie die Canoes wirklich die Passage in offener +See forcirten und dem drohenden Himmel und der +trostlosen Aussicht auf Erfolg zum Trotz die Verfolgung +noch nicht aufgegeben zu haben schienen, „wenn +ihr's nicht besser haben wollt, so kann mir's recht +sein; Nebenbuhler sind überdies gefährliche Gesellen,“ +und an Deck hinunterspringend und die jetzt zurückbleibenden +Canoes keines Blickes weiter würdigend, +ging er wieder nach aft (hinten), dort die nöthigen +Befehle zu geben, einen Theil der Segel wieder zu +bergen und für ein doch mögliches Unwetter, das in +diesen Breiten oft einen furchtbaren Charakter annehmen +kann, wenigstens vorbereitet zu sein.</p> + +<p>Die „<i>Lucy Walker</i>“ ließ die Insel, jetzt vor dem +Wind laufend, rasch hinter sich, und vor ihnen war<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[S. 57]</a></span> +an dem, im Abendschein klar abgeschnittenen Horizont +kein Land mehr sichtbar.</p> + + +<h4>5.</h4> + +<p>„Zum Teufel noch einmal, Legs,“ sagte Pfeife mit +seiner feinen, quitschigen Stimme, als die eine Wacht +ins Logis beordert war, rasch ihr <a name="cortex1-23" href="#corr1-23" class="corr">Abendbrot</a> einzunehmen, +um an Deck bereit zu sein, wenn das Wetter +die ganze Mannschaft oben verlangte, indem er an +seinen indessen kalt gewordenen Bananen kaute, „das +riecht mir schon seit einer Weile so verdammt brandig +hier unten – hast du noch Nichts gemerkt?“</p> + +<p>„Mir ist's auch schon so vorgekommen,“ rief der +Schotte jetzt rasch, der in tödlicher Ungeduld wie auf +Kohlen gestanden und nur nicht gewagt hatte, selber +das erste Wort darüber zu sagen. Wäre er sich seines +Verbrechens nicht bewußt gewesen, würde er gar nicht +daran gedacht haben, in der ersten Entdeckung ein +Zeichen zur Anklage zu finden; „weiß der Henker, wo's +herkommt, aber es riecht versengt und wir lassen +Spunt lieber einmal nachsehen.“</p> + +<p>„Wo?“ frug <span class="gesperrt">Spunt</span>, wie der Böttcher auf +Wallfischfängern gewöhnlich genannt wird.</p> + +<p>„Nun, hier unten in den Ecken, oder wenn da +nichts ist, unter Deck,“ sagte Douglas ausweichend.<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[S. 58]</a></span></p> + +<p>„Na, hier werdet Ihr doch wohl auch selber die +Nasen in die unteren Koyen bringen können,“ knurrte +der Böttcher, der eben an einer höchst wohlschmeckenden +Schweinsrippe kaute, „Spunt – immer nur +Spunt; Spunt muß bei Allem dabei sein und damit +seid Ihr gleich fertig.“</p> + +<p>„Alle an Deck!“ schrie da die gellende Stimme +des Harpuniers, der zugleich mit einer aufgegriffenen +Handspake auf die Logisluke schlug, seinen Worten +größeren Nachdruck zu geben; „Alle an Deck da unten +und reefen<a name="FNanchor_22_22" id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>, herauf mit Euch, herauf!“</p> + +<p>„Mr. Mate!“ rief der Schotte jetzt, der zuerst +die kleine schmale Leiter heraufsprang, während Legs +und Pfeife indessen noch überall in den Ecken herumvisitirten +und rochen, dem unverkennbar brandigen +Duft auf die Spur zu kommen, „da unten –“</p> + +<p>„Reefen!“ schrie ihn aber der Harpunier an, nicht +gewohnt, irgend eine Einrede zu gestatten; „Reefen, +hast du's gehört, tauber Schotte? – nach oben, wohin +du gehörst, oder ich <span class="gesperrt">bring</span> dich hinauf mein Bursche!“</p> + +<p>„Da unten riechts –“</p> + +<p>„Will er das Maul halten und gehorchen, wenn +ich ihm etwas sage?“ rief aber der rauhe Geselle, die<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[S. 59]</a></span> +hingeworfene Handspeiche in zorniger Drohung wieder +aufgreifend.</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Feuer</span> ist irgendwo unten!“ knurrte aber der +Schotte fest entschlossen, sich diesmal nicht einschüchtern +zu lassen und das Hauptwort gleich vorrückend, +den <a name="cortex1-24" href="#corr1-24" class="corr">Officier</a> über die Wichtigkeit der Einrede nicht in +Zweifel zu lassen; „es riecht brandig und muß irgendwo +brennen, und wenn <span class="gesperrt">ihr's</span> wollt brennen lassen, +kann's mir recht sein.“ Und damit, als ob er Alles +gethan, was von ihm konnte verlangt werden, sprang +er auf die Railing und lief, die Wanten fassend, an +diesen hinauf, den gegebenen Befehl auszuführen.</p> + +<p>„Wo brennt's?“ rief der Harpunier aber rasch, +die Handspake niederwerfend, dem jetzt ebenfalls heraufkommenden +Pfeife an; „was ist da wieder los? – +was habt ihr da unten wieder angerichtet?“</p> + +<p>„Wir?“ schrie Pfeife, den Officier erstaunt ansehend; +„angerichtet? Unser angerichtetes Essen haben +wir unten stehen lassen, um schnell herauf zu kommen.“</p> + +<p>„Der schottische Dickkopf da oben sprach von +Feuer,“ rief der Harpunier nach oben sehend; „na, +komm du mir nur wieder herunter!“</p> + +<p>„Ja, brandig riecht's unten,“ betätigte dies aber +ebenfalls der Matrose, „und Spunt hat's jetzt auch +herausbekommen und schniffelt in allen Koyen herum.“<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[S. 60]</a></span></p> + +<p>„Er soll nachher einmal unter Deck nachsehn,“ +sagte der Harpunier; „jetzt rasch nach oben, <i>boys</i>, +legt euch aus, daß wir die Segel klein bekommen,“ +und zu dem Clüverfall springend, warf er dieses selbst +los, daß der schwere, lange Clüver in seinem Stag +niederschnurrte, nachher bei mehr Muße auf dem +Clüverbaum festgeschnürt zu werden.</p> + +<p>Bis jetzt wehte nur noch erst eine steife Brise, die +aber, wie schon gesagt, leicht in einem Sturm ausarten +konnte, und Capitain Silwitch wollte sein Schiff +keiner unnöthigen Gefahr aussetzen. Durch die dichtgereeften +Segel wurde aber auch ein Fortgang gehemmt, +und wenn sie auch noch rasch genug durchs +Wasser liefen, die ihnen trotzdem hartnäckig folgenden +Canoes, behielten sie doch, so lange nämlich die jetzt +rasch einsetzende Nacht nicht ihren Schleier über das +schäumende Meer warf, deutlich von Deck aus +in Sicht.</p> + +<p>Der Harpunier hatte indessen über dem ihm gemeldeten +brandigen Geruch die seine ganze Thätigkeit +in Anspruch nehmende Beschäftigung des Segelreefens +vergessen, und Capitain Silwitch, der bis dahin an +Deck geblieben war, das aufsteigende Wetter und dessen +Stärke abzuwarten, wollte sich eben vor einem, in +diesem Augenblick beginnenden tüchtigen Schauer <span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[S. 61]</a></span>froh +vielleicht, einen Vorwand zu haben – in die +Cajüte hinabziehn, als Spunt nach dem Quarterdeck +hinter kam und mit abgezogener Mütze seinem Officier +meldete, der Feuergeruch würde stärker, und es wäre +nöthig, daß sie unten nachsähen.</p> + +<p>„Was gibt's?“ rief Capitain Silwitch, schon +auf der Cajütstreppe und noch mit dem Kopf über die +Seitenrailing derselben schauend; „was will der +Mann, Sir?“</p> + +<p>„Die Leute wollen vorn einen brandigen Geruch +bemerkt haben,“ rapporte der Harpunier, „Spunt mag +wohl einmal nach unten gehen und nachsehen?“</p> + +<p>„Einen brandigen Geruch? – wo?“ rief der +Capitain, rasch wieder an Deck springend, denn mit +Feuer an Bord eines Schiffes ist nicht zu spaßen. +„<i>Damn it,</i>, mir ist's auch schon vorher einmal so vorgekommen. +Reißt die Luken auf, Böttcher, rasch, und +seht nach; das hättet Ihr schon lange thun können.“</p> + +<p>Der Böttcher ging schnell zurück, von wo er gekommen, +den Befehl auszuführen, als ihm auch schon +der Ruf von mehreren Stimmen „Feuer! Feuer!“ +entgegen schallte, unter dem Luckendeckel hervor hatte +Lemon, von oben herunter kommend, den feinen blauen +Rauch herausquellen sehen, und als er zusprang, mit +Spunt zusammen die eine Hälfte des Deckels abzuheben,<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[S. 62]</a></span> +schlug ihnen der dicke, schwere Qualm in furchtbarer +Wirklichkeit entgegen.</p> + +<p>„Feuer!“ gellte der Angstschrei der Leute über +Deck, „Feuer! Boote nieder – Boote in See – wir +sind verloren!“</p> + +<p>„Teufel!“ schrie der Capitain, in grimmer Wuth +das Deck stampfend; „Teufel – und gerade jetzt; so, +hinunter Einer von euch, und seht, ob noch zu löschen +ist – heda, Böttcher – Zimmermann!“</p> + +<p>Die Leute schienen aber alle den Kopf dermaßen +verloren zu haben, daß sie gar nicht wußten, wo angreifen, +wo helfen, und nur der Schotte, dem laut +lamentirenden Jonas einen Stoß in die Rippen gebend, +sprang zum Rand der Luke, und suchte, mit den Füßen +unten nach den Einschnitten an der mittleren Stütze +fühlend, in den Rauch hinein seine Bahn. Aber auch +er mußte es aufgeben, und den einen Arm emporwerfend, +streckte er diesen, schon halb betäubt von dem +Rauch, nach Hilfe aus, und wurde rasch wieder an +Deck gezogen, während der Capitain und Harpunier +jetzt den Luckendeckel wieder zuwarfen, das Feuer, +vielleicht in dem furchtbaren selbsterzeugten Qualm +zu ersticken.</p> + +<p>Was da unten brannte, und wie das Feuer ausgekommen,<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[S. 63]</a></span> +war etwas, dem sie jetzt auch nicht einmal +eine Vermuthung gönnen konnten.</p> + +<p>„Wasser und Provisionen herbei!“ rief die Stentorstimme +des Capitains über Deck durch den Lärm; +„jede Bootsmannschaft ihr Boot so schnell als möglich +verproviantirt und an Lanzen noch hinein was ihr +habt. – Hier Mr. Fergusen,“ wandte er sich dann +rasch an den ersten Harpunier, „sie besorgen die +Instrumente in ihr Boot, Sextant, Compaß und +Chronometer – haben sie nach dem Barometer gesehen, +wie er steht?“</p> + +<p>„Er ist wieder gestiegen.“</p> + +<p>„Desto besser, ein Sturm jetzt und wir wären +verloren.“</p> + +<p>„Und glauben Sie nicht, daß wir das Schiff noch +retten können?“ frug der <a name="cortex1-24b" href="#corr1-24b" class="corr">Harpurnier</a>, selbst mit wenig +Hoffnung im Ton.</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Wie?</span>“ entgegnete der <a name="cortex1-24c" href="#corr1-24c" class="corr">Capitain eintönig</a>, „ich +begreife nicht, daß es so lange unentdeckt bleiben +konnte – früher wäre Hilfe vielleicht möglich gewesen, +was sollen wir jetzt thun?“</p> + +<p>„Wenn man nur wenigstens wüßte, <span class="gesperrt">was</span> brennt,“ +sagte der Harpunier.</p> + +<p>„Das Schlimmste, was brennen kann,“ erwiederte +der Capitain, der seine Kaltblütigkeit wieder gewonnen,<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[S. 64]</a></span> +„das Öl, haben sie das nicht an dem Qualm gesehen?“</p> + +<p>„Dann sind wir verloren!“ rief der Harpunier.</p> + +<p>„Wir? – das Schiff. – Mit den Booten können +wir leicht eine andere Insel erreichen.“</p> + +<p>„Aber die Canoes hinter uns, – hätten wir nur +die verdammte Dirne an Land gelassen.“</p> + +<p>„Teufel, an die Canoes hätt' ich gar nicht mehr +gedacht.“</p> + +<p>„Wenn wir jetzt unsern Cours änderten,“ rief der +Harpunier rasch, „es ist dunkel und in kurzer Zeit –“</p> + +<p>„Wird die Flamme lichterloh hier am Deck emporleuchten – unsere +einzige Hoffnung ist, ihnen vorher +mit den Booten aus dem Wege zu kommen. So, rasch +hinein – mit dem Seitenwind laufen wir dann ein +Stück nach Norden hinauf und sind morgen Früh +hoffentlich, wenn die Sonne aufgeht, aus Sicht.“</p> + +<p>Die Mannschaft hatte indessen in wilder Hast +Alles herbeigeschleppt, was an Provisionen aus der +ihnen geöffneten und von dem Feuer noch nicht angegriffenen +Proviantkammer zu erreichen war. Die +kleinen, überdies immer bereiteten Wasserfässer für +jedes Boot waren gefüllt und standen am Deck, jeden +Augenblick hinuntergelassen zu werden, da man die +oben in der Schwebe hängenden Boote, Unglück zu<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[S. 65]</a></span> +verhüten, nicht so schwer beladen durfte, ehe sie auf +dem Wasser ruhten.</p> + +<p>Der zweite Harpunier war indeß beordert, Munition +und Gewehre aus der vordern Cajüte herbeizuschaffen, +die Leute zu bewaffnen, und <a name="cortex1-24d" href="#corr1-24d" class="corr">Capitain Silwitch</a> +sprang jetzt selber in seine Cajüte hinunter, die Gefangene +herauf zu holen, ehe sich das Feuer dorthinein +etwa die Bahn gebrochen hätte.</p> + +<p>Vor allen Dingen seine Papiere und Geld zu sich +steckend, für alle Fälle gerüstet zu sein, trat er zu Hua, +die noch gebunden und regungslos in dem Sopha +lehnte, auf das er sie gelegt.</p> + +<p>„Mädchen, herauf mit dir!“ rief er ihr zu, nach +ihren Armen fühlend, ihre Banden zu lösen. „Das +Schiff brennt und wir müssen flüchten.“</p> + +<p>„Hotuas Fluch hat dich getroffen,“ lachte aber die +Jungfrau zornig auf, „seiner Rache bist du verfallen. +Schon seit ich in deiner Macht bin, hab' ich den grimmen +Feind gewittert, der in den Eingeweiden deines +Schiffes wühlt – er ist von Minute zu Minute +mächtiger geworden und da drinnen kannst du +das fröhliche Knistern hören, wie er sich die Bahn +gräbt ins Freie. Du bist verloren und der Sturm +draußen läßt dir die Wahl jetzt zwischen Feuer und +Wasser – zu verderben, wohin du dich wendest.“<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[S. 66]</a></span></p> + +<p>„Noch nicht, mein Herz,“ lachte aber der Seemann +in fester, trotziger Entschlossenheit, „so lange +jene Canoes draußen in solchem Wetter leben können, +brauchen wir auch in einem tüchtigen, regelrechten +Boot nicht viel zu fürchten.“</p> + +<p>„Canoes? – was für Canoes?“ frug Hua rasch +aufhorchend.</p> + +<p>„Es ist gut, mein Schatz,“ sagte der Seemann +ausweichend, den das Wort schon gereute, das er gesprochen; +„euere Fischercanoes mein' ich. Und nun +komm!“ und ihre Banden mit einem Messer durchschneidend, +führte er das Mädchen, die ihm jetzt +willig folgte, an Deck hinauf. Der Rauch unten +verstattete ihnen schon kaum noch das Athmen, während +rasch die Nacht einbrach und ihren dunklen +Schleier über das Meer legte.</p> + +<p>Der erste Harpunier hatte indeß die Mannschaft +in ihre verschiedenen Boote gewiesen, während er das +eigene für sich und seine Leute wie für den Capitain +mit seiner Gefangenen freibehielt, auch die Instrumente +und einen Theil der Waffen da hineinstaute. +Die übrigen sollten flott werden, so rasch sie könnten. +An der Starbordseite hatte sich schon die Flamme +durch das dünne Deck die Bahn gebrochen, und einmal +nur erst ein wirkliches Luftloch für die Gluth geöffnet,<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[S. 67]</a></span> +und jeden Augenblick konnte dann das ganze +Schiff in Flammen stehn. Die Boote blieben jetzt +ihre einzige Rettung.</p> + +<p>Als sie das Deck erreichten, schaute Hua rasch +und spähend umher, und horchte in peinlicher Angst +in die Nacht hinaus, aber nichts ließ sich weder erkennen +noch hören und ihr nächster Blick, mit kalter +Entschlossenheit nur einen Erfolg zur Flucht, sei diese +so verzweifelt wie sie wolle, berechnend, musterte die +Mannschaft der verschiedenen Boote erst und fiel dann +auf das wild erregte Meer. Tief aufseufzend hob +sich da ihre Brust, als sie das Trostlose eines jeden +solchen Versuchs fühlte, und schaudernd wandte sie +sich ab von dem Manne, der sie Allem entrissen, was +ihr lieb und theuer war auf der Welt, und der sie +jetzt umfaßte, sie wieder in das Boot zu heben, dem +einen Element vertrauend, was das andere entfesselt +bedrohte.</p> + +<p>Ihr Fuß zögerte auch, als sie das Deck verlassen +sollte; zog sie den Tod nicht solchem Leben vor? – +Aber <span class="gesperrt">die Canoes</span>? – das eine Wort, so unbestimmt +und vague, hatte neue Hoffnungen in ihr geweckt. +Wurden sie verfolgt, so lag Rettung im Bereich der +Möglichkeit, denn ihre Landsleute sind berühmt selbst +unter den kühnen Nachbargruppen im Bau trefflicher<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[S. 68]</a></span> +Canoes, mit denen sie hunderte von Meilen weit die +See befahren und nicht selten sogar Stürmen +trotzen.</p> + +<p>„Komm, komm, mein Täubchen,“ mahnte sie aber +der Engländer, ihr Sträuben fühlend, „du kennst die +Gefahr nicht, der wir hier mit jeder Secunde <a name="cortex1-25" href="#corr1-25" class="corr">Zögern</a> +ausgesetzt sind; an ein verwünschtes Faß Pulver unter +Deck hab' ich bis jetzt noch gar nicht gedacht – +über Bord Leute, über Bord in euere Boote, wenn +euch euer Leben lieb ist!“ und das Mädchen auffassend, +schwang er sich in demselben Moment über +die Railing, als das Boot, von beiden Krahnen gesenkt, +niederfiel auf das Wasser und noch von dem +rasch die Fluth durchschneidenden Schiff den nachstürzenden +Wellen immer wieder entführt wurde.</p> + +<p>Lemon behauptete indeß das Ruder in all seiner +sauertöpfigen Hartnäckigkeit, denn das Schiff mußte +die Bahn halten, bis sämmtliche Boote frei waren. +Eine Handspeiche neben sich, die er zuletzt in's Rad +stecken wollte, es auf seiner Stelle zu halten, wenn er +seinen Posten verlassen mußte, stand er mit unerschütterter +Ruhe den jetzt aus mehren Stellen an +Deck brechenden Krater unter sich beobachtend und +anscheinend vollkommen gleichgiltig, daß Alle das +Schiff verließen und ihn allein auf dem brennenden<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[S. 69]</a></span> +Sarg zurückließen. Rechts und links glitten schon +die glücklich niedergelassenen Boote, mit ihren Segeln +gesetzt, ab von dem seinem Geschick verfallenen Schiff, +und nur noch das eigene hing unter den Krahnen.</p> + +<p>Eine helle Flammensäule stieg in diesem Augenblick +mit blendendem Strahl hoch auf in die Nacht; +ein Theil des Decks war eingestürzt und die Gluth +brach lodernd hinaus in's Freie.</p> + +<p>„Nieder mit euch, nieder!“ schrie des Capitains +Stimme über das Wasser, der mit dem eigenen Boot +dicht im Fahrwasser seines Schiffes folgte; „nieder, +oder ihr seid verloren!“</p> + +<p>Der Schotte und Pfeife standen an den Tauen, +vierten, auf den jetzt rasch gegebenen Befehl des +Harpuniers, das Boot nieder, langseits dem Schiff +und sprangen dann rasch hinein, Jonas und der ihm +aus einem andern Boote beigegebene Legs mit Spunt, +dem Böttcher, reichten ihnen die schon bereit liegenden +kleinen Fässer mit Wasser und Proviant nach, +und ihnen mit dem Harpunier folgend, war Lemon +der letzte Mann an Bord.</p> + +<p>„Komm von Bord, Sir!“ rief sein Officier, +„schnell! um dein Leben!“</p> + +<p>„Werdet doch wohl warten, bis ich komme?“ +knurrte der sauertöpfische Gast in voller Ruhe, und<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[S. 70]</a></span> +die Handspeiche einschiebend und ein dort liegendes +Fall darumschlagend, daß sie nicht wieder herausrutschen +konnte, blieb er noch einen Moment stehen, +das Deck kopfschüttelnd zu überschauen und stieg dann +rasch an der Seite nieder, von halbwegs ab auf eine +der <i>thwarts</i> oder Bootbänke springend. Das Boot +hatte indeß seine Segel schon gesetzt, löste das +Springtau und kam frei, und allein fort schoß der +brennende Koloß, wie ein <a name="cortex1-26" href="#corr1-26" class="corr">angeschossener</a> Eber seine +wilde unbewußte Bahn, die Todeswunde im Herzen, +da er nicht mehr entfliehen konnte in toller, blindstürmender +Wuth.</p> + +<p>„Habt Acht auf eure Segel!“ rief ihnen der Capitain +zu, der mit seinem rascheren Boot gerade an +ihnen vorüberschoß, während die jetzt vollkommen +ausgebrochene Gluth am Bord der armen „<i>Lucy +Walker</i>“ einen hellen Schein über das Wasser warf +und alle Gegenstände deutlich erkennen ließ; „das +obere Fall da hat sich umgeschlagen.“</p> + +<p>„Wirf es herüber, Jonas!“ rief der Harpunier, +der den Steuerriemen in der Hand hielt, „wirf es +herüber, Mann, aber rasch, denn das Segel faßt +jetzt den Wind nicht genug, und wenn uns die nächste +Welle erwischt, füllen wir – Pest und Tod – werft +einen Theil der <a name="cortex1-27" href="#corr1-27" class="corr">Ladung</a> über Bord, wir gehen ja fast<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[S. 71]</a></span> +bis an den Rand im Wasser und sind verloren, wenn +uns eine einzige Welle überwäscht.“</p> + +<p>Jonas, überhaupt etwas ängstlicher Natur, und +mit dem bösen Gewissen, Mitwisser der That zu sein, +die sie Alle jetzt in Todesgefahr gebracht, stand zitternd +von seinem Sitz auf, dem Befehl Folge zu leisten, +während Andere noch unschlüssig zwischen den +eingestauten Sachen wählten, was sie hinauswerfen +sollten.</p> + +<p>„Rasch, Leute, rasch, <i>damn it</i>, ihr steht da, als +ob euch der Compaß gebrochen wäre; faßt zu!“</p> + +<p>Ein schriller, jubelnder Schrei gellte in diesem +Augenblick in so furchtbarer Wildheit über das Wasser, +daß sich die Leute erschreckt danach wandten, und +Jonas das schon gefaßte Tau seiner Hand wieder +entgleiten ließ.</p> + +<p>„Teufel!“ fluchte der Harpunier, „die Wilden!“ +und in demselben Moment fast antwortete von dem +vor ihnen dahinschießenden Boot des Capitains aus +ein lauter, weit schallender Hilferuf Huas, dem +herausfordernden Schlachtschrei ihrer Landsleute.</p> + +<p>„Wahr' dein Segel, Mann, wahr' dein Segel!“ +kreischte der Harpunier, als dieses, durch das verworfene +Tau eingepreßt, den Wind nicht faßte und zu +flappen anfing.<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[S. 72]</a></span></p> + +<p>„Eure Riemen, Boys, eure Riemen!“ gellte die +entsetzte Stimme des Harpuniers, als die ihnen folgende +Welle drohend hinter ihnen dreinstürmte. Die +Leute griffen auch fast mechanisch nach den Rudern – aber +zu spät; hoch über ihnen stand die gläserne, +von dem jetzt helllodernden Schiff noch grell beleuchtete +See – wenige Secunden fast war es, als ob sie +in der Luft, über der sicher gefaßten Beute hing und +jetzt ein gellender Aufschrei und die Mannschaft des +geschwemmten, überladenen Bootes, rang mit der +schäumenden Fluth.</p> + + +<h4>6.</h4> + +<p>Durch die tanzenden Wogen, über die leuchtende +quillende Fluth schossen die dunklen Canoes der Eingebornen, +die Mattensegel geschwellt, heran, und im +Bug des vordersten stand eine hohe, edle Gestalt mit +wehendem Haar und Hüftentuch, die weite See mit +dem Adlerblick überfliegend, wo ihn die stürzende +Woge auf ihren Kamm hob und in jagender Schnelle +voranriß.</p> + +<p>Es war der junge Häuptling <i>Tai manavachi</i>, +der dem Tod selbst trotzend, seine kleine Flotte dem +frechen Räuber in Nacht und Wetter nachführte und +verzweifelnd schon die trostlose Jagd hatte aufgeben<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[S. 73]</a></span> +wollen, als der Feuerschein des fremden Schiffes jubelnd +von ihm entdeckt wurde. Auch auf den andern +Canoes hatten sie schnell die Wahrheit des Unfalls +ihrer Feinde begriffen, und der gellende Jubelruf, der +Schlachtenschrei ihres Stammes, mit dem sie ihre +Lanzen und Speere fester packten, war es, der das +Blut des sonst wahrlich unerschrockenen jungen Engländers +in den Adern gerinnen machte.</p> + +<p>Hua aber hatte in jauchzender Seeligkeit die +Nähe der Freunde gehört, und wenn auch der antwortende +Schrei zu schwach war, gegen den Wind an +die Retter zu erreichen, wußte sie doch nun, daß die +Ihren, den Wogen trotzend, mit kühnem Muth ihren +Spuren gefolgt waren, und die einzelnen Boote ihnen +jetzt gar nicht mehr entgehen konnten.</p> + +<p>„Ruhig, mein Täubchen, ruhig!“ warnte sie aber +drohend der neben ihr stehende Capitain; „die Nacht +ist dunkel und deine Stimme dringt doch nicht zu ihnen +hinüber, aber auch der Gefahr wollen wir uns nicht +aussetzen und – ich möchte dir kein Leides thun – +aber wirst du noch einmal laut, so muß ich dich wieder +binden und knebeln, so weh mir das selber thäte.“</p> + +<p>Hua blickte wild und trotzig zu ihm empor, aber +sie war auch schlau genug, nicht nutzlos den Zorn +Derer zu reizen, in deren Gewalt sie sich noch befand,<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[S. 74]</a></span> +und kauerte von jetzt an still und schweigend im Boot, +aber ihre Blicke forschten, die Sehkraft bis zum +Schmerze angestrengt, in die Nacht hinaus, die +Freunde zu entdecken.</p> + +<p>Ein blendendes Licht breitete sich in dem Augenblicke +über die See, und als sie rasch die Blicke dem +brennenden Schiffe zuwandten, sahen sie einen hellen +Strahl von seinem Deck emporschießen und ein +dumpfer Krach verkündete die Explosion des Pulvers. +Das Fäßchen hatte aber zu hoch unter Deck gelegen, +dem Rumpf des Schiffes weiteren Schaden zu thun, +als das Deck oben zu sprengen und den Besahnmast +zu splittern, der jetzt in lichten Flammen einen Moment +zur Seite schwankte, und dann schwerfällig und +tausend und tausend Funken emporwerfend, über +Bord in See schlug.</p> + +<p>„Mein armes Schiff!“ seufzte der Capitain und +blickte traurig herüber, da traf ein anderer Ton sein +Ohr und „ein Schuß!“ rief fast die ganze Bootsmannschaft +wie aus einem Munde.</p> + +<p>„Ein Schuß!“ – Ein Schiff war in der Nähe, +das ihre Noth erkannt, und das Signal gab zur Rettung +– ein Schuß, und von Gefahr umringt, zeigte +sich Hilfe. Der Schall kam aber vom Süden herauf, +und sie mußten ihren Cours jetzt ändern, die Boote<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[S. 75]</a></span> +deshalb zusammenrufend – das Sinken des einen +war in der Erregung des Augenblicks von den andern +gar nicht bemerkt – legten sie rasch über den andern +Bug, schräg von den Wellen abschneidend und konnten +der Richtung, die ihnen jetzt ein zweiter und dann +bald darauf folgender dritter Signalschuß angab, genau +folgen. Einmal an Bord und die Canoes, denen +sie bis dahin zu entgehen hofften, waren ihnen nicht +mehr gefährlich.</p> + +<p><i>Tai manavachi</i> kam indeß mit geblähten Segeln +und sieben vollbemannten großen Kriegscanoes +durch die Wellen schäumend an; ein Brautzug hatte +es werden sollen und war eine Jagd geworden auf den +Räuber seines Theuersten, was er auf dieser Welt +kannte, und wie die jetzt schon sehr gemäßigte, aber +doch noch immer frische Brise mit den flatternden, +wehenden Zierrathen am Bug der schlanken, wunderlich +geschnitzten Fahrzeuge schlug und spielte, standen +die wilden, trotzigen, kriegerischen Gestalten, hinaus +in die Nacht spähend, am Bord, die geflüchteten +Boote zu erkennen und zu verfolgen.</p> + +<p>Ein Hilferuf traf ihr Ohr, neben ihnen im Wasser +schrie sie ein Schwimmender an um Rettung, und +treibende Ruder und Sitze verriethen ihnen rasch genug +das Schicksal wenigstens eines der Boote. Einen<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[S. 76]</a></span> +ängstlich suchenden Blick warf der junge Häuptling +umher – wenn gerade dies Boot – doch nein, sein +Herz zog ihn weiter, und nur dem nächsten Canoe ein +paar Worte zurufend, das rasch zur Seite schoß und +seinen Bug gegen die nächsten Wellen anwarf, hier +zu halten und die Verunglückten aufzunehmen, verfolgten +die Rächer unaufgehalten ihre Bahn.</p> + +<p>Da dröhnte auch zu ihnen der Krach des explodirenden +Pulvers herüber, aber mehr als das, der +helle, blitzähnliche Strahl verrieth ihnen die weiß +leuchtenden Segel der Flüchtigen, und als gleich darauf +die fernen Kanonenschläge irgend eines zufällig +in die Nähe gekommenen Fahrzeugs an ihr Ohr +schlugen, zuckte ein triumphirendes Lächeln über das +Antlitz des jungen wilden Kriegers. Er kannte die +Lage der Feinde, und daß sie jetzt hinüberhalten +<span class="gesperrt">müßten</span>, dem Schiffe zu, wo sich ihnen allein noch +Rettung bot. Dorthin aber war er im Stande +ihnen den Weg abzuschneiden und wußte sie jetzt in +seiner Macht.</p> + +<p>Capitain Silwitch hatte sich indessen wohl gescheut, +den hellen Wasserstreifen zu durchfahren, den +das jetzt bis in die Masten hinauf brennende Fahrzeug +zwischen sich und seinen Verfolgern ließ, aber er +durfte auch keine Zeit versäumen, denn der Feind<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[S. 77]</a></span> +mußte gewaltig schnelle und tüchtige Canoes haben, +daß er es nur gewagt hatte, ihnen bis hier heraus zu +folgen. So, auf ihre eigenen guten Boote vertrauend, +hielten sie gerade nach Süden hinunter und +einmal wieder weit genug von dem hellen Schein entfernt, +hofften sie auch in der Dunkelheit der Nacht +dem Feinde entgehen zu können.</p> + +<p>Ein neuer Signalschuß des fremden Fahrzeugs, +dessen Capitain den Booten die Stellung seines +Schiffes zu zeigen wünschte, tönte schon um vieles +näher, und Capitain Silwitch hätte jetzt gern ein Gewehr +abgefeuert, dem ziemlich unter dem Wind befindlichen +Fremden die Richtung anzudeuten, in der +sie sich selbst befanden, mußte er nicht zugleich fürchten, +dadurch auch den vielleicht nähergekommenen +Verfolgern die Stelle zu verrathen.</p> + +<p>Sein Boot, das größte Segel führend, war das +erste, die andern vielleicht in zwei- und dreihundert +Schritt Entfernung folgend, und Einer der Bootssteuerer +war vorn in dem Bug postirt, scharf auszuschauen, +ob er nicht vielleicht doch gegen den etwas +helleren Horizont das jetzt keinesfalls so weit mehr +entfernte Schiff entdecken könne.</p> + +<p>„Hallo, Capitain!“ rief dieser plötzlich, „da vorn<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[S. 78]</a></span> +sah ich eben etwas Dunkles, als sich das Boot auf +der Welle hob, es sah aus wie ein Boot.“</p> + +<p>„Hab' Acht, wenn es wiederkommt,“ lautete die +Antwort. Die nächste Woge, jetzt nicht mehr durch +den Wind gepeitscht, aber noch immer in schwerer +Dämmung, kam hinter ihnen drein, und rechts und +links von dem Boot ihren zischenden, glühenden +Schaum ausgießend, hob sie das schlanke Fahrzeug +auf ihren Nacken über die nächsten Wellen. Ehe +aber nur der Mann eine weitere Meldung machen +konnte, schallte ein gellender Jubelruf, schrill und +furchtbar an ihr Ohr, und:</p> + +<p>„Hierher, hierher, Tangata Tonga!“ jauchzte die +emporspringende Maid den Rettern entgegen. – +„Hierher zu Hilfe!“ und die Arme emporschlagend, +wollte sie sich eben in die schäumende See werfen, +als Silwitch seinen linken Arm um sie schlang und +die sich wild gegen ihn Sträubende festhielt und zu +sich zog. Aber <i>Tai manavachi</i> hatte den Ruf gehört +und erkannt, und während die Europäer in wilder +Hast ihre Waffen aufgriffen und der Bug des +Bootes, wie selber ein lebendiges Wesen, vor der +Nähe <a name="cortex1-28" href="#corr1-28" class="corr">des</a> Feindes zurückscheuchend abfiel von seinem +Cours, schoß auch das mächtige dunkle Canoe heran, +und zwanzig drohende Gestalten, unter denen her jetzt<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[S. 79]</a></span> +die andern Canoes preßten und ihren antwortenden +Jubelruf durch die Luft sandten, streckten die Arme +aus, die Larbordseite des eingeholten Bootes zu fassen +und zu halten. Durch die zerrissenen Wolken trat in +diesem Augenblick die bleiche Mondessichel und warf +ihr fahles silbernes Licht auf die wogende See.</p> + +<p>„Ergib dich, Pagalangi, ergieb dich!“ schrie da +der junge Häuptling, der die Gestalt der Geliebten +in dessen Arm sich winden sah; „ergieb dich, denn +ihr seid in meiner Hand!“</p> + +<p>„Zurück! oder Hua ist eine Leiche!“ donnerte ihm +aber des Weißen Ruf entgegen, der sein Messer aus +der Scheide riß und es über dem Mädchen zuckte – +er sah doch, daß hier Widerstand vergebens war, und +wollte das letzte Mittel versuchen, sich und die Seinen +vor Gefangenschaft oder Tod zu retten, dachte +aber gar nicht daran, der armen, durch ihn verrathenen +Maid ein Leides zu thun, und flüsterte ihr rasch und +beruhigend in's Ohr:</p> + +<p>„Fürchte dich nicht, Hua – dieser Arm sollte eher +verdorren, ehe er <span class="gesperrt">dich</span> träfe; und wenn sie mich +tödteten, ich hätte keine Waffe für dich!“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Fürchten?</span>“ rief aber die Jungfrau, wild und +zornig ihm in's Auge schauend; „fürchten? stoß zu, +Pagalangi, wenn du Muth hast, aber du bist verloren.<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[S. 80]</a></span> +Hierher, <i>Tai manavachi,</i>!“ schrie sie dann +in trotziger Kühnheit nach dem Geliebten hinüber; +„hier ist der Räuber deiner Braut – triff ihn sicher +und kehre dich nicht an mich!“</p> + +<p>„Hua, Hua!“ rief aber der junge Häuptling, den +Arm bittend und schützend gegen sie ausstreckend; +„gib sie frei, Fremder, wirf das Messer von dir und +deine Boote mögen ungehindert von mir jenes Schiff +suchen – schädige ihr aber nur eine Locke ihres Hauptes, +und zerreißen will ich dich auf langsamem +Feuer!“</p> + +<p>„Du sicherst mir unser Leben und unsere Freiheit?“ +rief der Europäer.</p> + +<p>„Ich geb' dir mein Wort!“ rief der Häuptling +stolz, während die beiden Fahrzeuge jetzt rasch und +schäumend neben einander hinschossen und die Matrosen +ihre freilich von Seewasser durchnäßten Musketen +und die gefährlicheren Wallfischlanzen aufgegriffen +hatten, dem grimmen Feind im Nothfall +trotzig die Stirn zu bieten.</p> + +<p>„So geh', Hua!“ sagte Silwitch traurig, sie freigebend +aus seinen Armen; „geh' und vergiß den +Fremden, der dir weh that, weil er dich so unendlich +liebte.“</p> + +<p>Hua erwiderte keine Silbe, aber ihr Fuß stand<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[S. 81]</a></span> +auf dem Rand des Bootes und als der Bug des jetzt +dicht an sie hinanschießenden Canoes rasch vorüberglitt, +sprang sie mit kühnem Satz hinüber und in die +Arme ihres aufjauchzenden Geliebten.</p> + +<p>Fast über ihren Köpfen hin dröhnte in dem Augenblick +der schmetternde Schlag eines Kanonenschusses +und als sie überrascht emporschauten, war das fremde +Schiff, dem das brennende Fahrzeug als Mark gedient, +so nahe an sie herangekommen, daß das Canoe +selbst seinen Bug herumwerfen mußte, nicht überfahren +zu werden.</p> + +<p>„Teufel!“ schrie Silwitch, ingrimmig mit dem +Fuße stampfend, „so dicht am Ziel und doch zu spät!“ +Aber in die Nacht hinein, rasch und plötzlich wie sie +gekommen, verschwanden die Canoes. Höhnisch noch +schlug ihr gellender Triumphschrei an sein Ohr, und +Hua war auf immer für ihn verloren.</p> + +<p>Das fremde Schiff, ein Bremer Wallfischfänger, +braßte seine Segel back, als es die gesuchten Boote +so dicht unter seinem Bug sah, Taue wurden übergeworfen, +die Mannschaft aufzuholen und die Schiffbrüchigen +sahen sich bald Alle an sicherem Bord. +Nur ein Boot fehlte noch; auf und ab kreuzte das +Schiff, von Zeit zu Zeit noch einen Schuß feuernd +nach dem vermißten Boot – umsonst. Bis Tagesanbruch<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[S. 82]</a></span> +hielt es auf der Stelle, und als die Sonne +sich über den Horizont hob, wurden die Tops bemannt, +von oben aus vielleicht etwas zu erspähen – +es ließ sich Nichts erkennen. Nur in blauer Ferne +lag das Land, kein Boot, kein Segel war weiter am +Horizont zu sehen und mit scharfangebraßten Segeln, +dicht am Wind, hielt das deutsche Schiff mit der geborgenen +Mannschaft der „<i>Lucy Walker</i>“ nach +Norden auf, den Sandwichs-Inseln zu.</p> + +<div class="footnotes"><h4>Fußnoten:</h4> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Die Muntere.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Die südseeländische Kastanie, <i>tuscarpus edulis</i>, ist ein +stattlicher, mächtiger Baum mit immer grünen Blättern und +der Kastanie ähnlichen, doch stachellosen Früchten, aber das +Eigenthümliche an ihm ist der Stamm, der etwa zehn oder +zwölf Fuß hoch aufsteigt, ehe er auszweigt, und bis zum 7. +oder 8. Jahre ziemlich glatt bleibt, dann sich aber auf eine +höchst wunderbare Weise vergrößert. An vier, fünf und mehr +Stellen desselben, von oben nach unten, von der Wurzel bis +zum Stamme laufend, erhebt sich die Rinde und wächst – der +Baum behält seine Stärke und diese Streifen heben sich mehr +und mehr, bis sie zuletzt förmlicher, mit grauer Rinde bedeckten, +nicht selten ganz regelmäßigen Planken gleichen, die, nur +wenige Zoll stark, oft zwei, drei, ja vier Fuß breit, wie die +Schaufeln eines Rades vom Baume abstehen. Je älter der +Baum dabei wird, desto knorriger wird er, durch kranke +Flecke ziehen sich diese bretartigen Auswüchse hie und da zusammen +und er sieht dann allem Andern ähnlicher, als einem +Baum.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> <i>Me</i>, die Brotfrucht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Tangaloa ist einer ihrer Hauptgötter, der die Tonga-Inseln +beim Fischen mit einem Haken aus dem Meere gezogen +haben soll.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> <i>Mea fanna fonnua</i>, auch Kanone, wörtlich eine Waffe, +die gegen das Land schießt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Fremder.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Januar.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Engländer oder überhaupt Weißer.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Freund.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Citrone.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Der Wallfischspeck</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Die Jahreszeit des Fischfangs, also volle Jahre.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" id="Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Die Raanocke, das äußerste Ende der Raaen oder +Querbalken, an denen die Segel befestigt sind. Auf der See +werden bei etwa stattfindenden Executionen die Verurtheilten +daran aufgezogen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href="#FNanchor_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Essen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href="#FNanchor_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Ruder.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href="#FNanchor_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Die Zeiteintheilung an Bord eines Schiffes geschieht +nach Glasen, von den früheren Sandgläsern so genannt. +Jede Wacht von vier Stunden hat acht Glasen; diese zu bezeichnen, +wird jede halbe Stunde, bis die Wacht aus ist, einmal +mehr mit dem Klöppel an die Glocke geschlagen, so daß, +von zwölf Uhr z. B. an gerechnet, halb ein Uhr einmal angeschlagen +wird, um ein Uhr zweimal, halb zwei Uhr dreimal, +um zwei Uhr viermal u. s. f. bis vier Uhr, was man durch +acht Schläge oder Glasen angiebt. Ein viertel auf Fünf beginnt +dann wieder mit <span class="gesperrt">einem</span> Schlag, daß vier Glasen +Abends also zehn Uhr bedeuten würde.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href="#FNanchor_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Die ganze Mannschaft an Deck.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href="#FNanchor_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Haltet mit dem Anker.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href="#FNanchor_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Royal oder Oberbramsegel, das oberste leichte Segel.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href="#FNanchor_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Eine zu Zeug verarbeitete und von der Rinde des +chinesischen Maulbeerbaumes bereitete und gedruckte Masse. +Ungedruckt hat sie den Namen Tapa.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href="#FNanchor_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Der Gruß und Abschied der Tonga-Inseln.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" id="Footnote_22_22"></a><a href="#FNanchor_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Segel verkürzen.</p></div> +</div> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h3><a name="die_bootsmannschaft" id="die_bootsmannschaft"></a>Die Bootsmannschaft.</h3> + +<h4>1.</h4> + + +<p>Nur <span class="gesperrt">einen</span> Theil der Mannschaft ließ das +wackere Schiff zurück, denn wie vorher erwähnt, +schlug auf der Flucht eines der Wallfischboote um, +und die Indianer nahmen die Meisten der Schwimmenden +in das für sie zurückgelassene Canoe.</p> + +<p>Den Morgen trotzend, blieb das schlanke Fahrzeug +an der Stelle halten, wo es die ersten Opfer +des Wracks getroffen, und der phosphorisirende +Schaum der züngelnden Wellen half ihnen getreulich +die dunklen, in Wasser schwimmenden Gestalten zu +erkennen, so daß sechs Verunglückte nach und nach +ihrem nassen Grab entrissen wurden.<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[S. 83]</a></span></p> + +<p>Wohl kreuzten sie noch eine Weile dort auf und +ab, zu sehen, ob noch ein Anderer ihre Hülfe in Anspruch +nehmen würde. – Aber Alles blieb stumm +und still auf der kochenden Fluth. Der schrille Ruf +einer aufgescheuchten Möwe tönte hier und da durch +die Dunkelheit, oder der Schaum zischte in dem schweren +Niederschlagen eines sich überstürzenden Wogenkammes +– sonst war Alles ruhig wie das Grab.</p> + +<p>Da dröhnte der Signalschuß des fremden Schiffes +durch die Nacht, dem der höhnende Jubelruf der +<a name="cortex1-29" href="#corr1-29" class="corr">Tonga-Insulaner</a> antwortete, und dorthin schwang im +Nu der Bug des flüchtigen Canoes, die Freunde einzuholen +und sich ihnen wieder anzuschließen.</p> + +<p>Den Gefangenen befahl indeß ein federgeschmückter +dunkler Krieger, sich mitten in das Boot zu +legen, und wenn sie seine Worte auch nicht verstanden, +ließ ihnen doch die drohende Geberde und gehobene +Waffe keinen Zweifel über seine Absicht. An Widerstand +war überhaupt nicht zu denken, und so gehorchten +sie denn schweigend dem Befehl.</p> + +<p>Das Fahrzeug war allerdings eines jener geräumigen, +außerordentlich langen und trefflich gebauten +Kriegscanoes; glücklicher Weise aber nicht für +den Krieg, sondern nur für die Brautfahrt, mit vielleicht +halber Mannschaft besetzt, so daß sie ohne Gefahr<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[S. 84]</a></span> +für sich selber die Schiffbrüchigen – und jetzt +Gefangenen – aufnehmen konnten. Nichts desto weniger +mußten sich diese vollkommen ruhig verhalten und +lagen, auf dem Boden des Canoes lang ausgestreckt, +eng und gedrückt genug, immer Zwei neben einander.</p> + +<p>Der Wind heulte mit erneuter Wuth über die +aufgeregte See; die Blitze zuckten, und der Donner +prasselte in wilden jähen Schlägen schallend drein, +während das schlanke Fahrzeug mit vollgeblähtem +Segel mit den Wogen bäumte und sank, und gar nicht +selten züngelnde Spritzwellen über Bord nahm.</p> + +<p>Jonas, der eine der Geretteten, fühlte dabei wohl, +daß er eng genug zusammen gepreßt einen seiner +Kameraden neben sich hatte, war aber noch nicht im +Stande gewesen, heraus zu bekommen, wer das sei, +und auch bis zu diesem Augenblicke viel zu sehr mit +sich selber beschäftigt gewesen, besondere Nachforschung +zu halten. Jetzt aber verrieth ihm ein außergewöhnlich +greller und langanhaltender Blitz das +Gesicht seines Nebenmannes, und er erkannte den +kleinen Legs.</p> + +<p>Legs lag, seine kurzen, etwas gebogenen Beine +fest angezogen, auf dem Rücken, schloß die Augen und +schien mit auf der Brust gefalteten Händen vollständig +sich in sein Schicksal zu ergeben.<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[S. 85]</a></span></p> + +<p>„Legs,“ flüsterte da Jonas, der neben ihm auf +dem Bauch lag, und sich nur mit einiger Schwierigkeit +nach ihm herumdrehen konnte, „Legs bist du +das?“</p> + +<p>„Ich wollte, ich wär's nicht,“ stöhnte der arme +Teufel, ohne jedoch die Augen dabei zu öffnen – +„das ist eine schöne Lage hier für einen ordentlichen +Christen, wo einem das verdammte Seewasser am +Nacken hinein und am ganzen Rücken hinunter läuft +– das halbe Boot muß voll sein.“</p> + +<p>„Das sei Gott geklagt,“ stöhnte Jonas, „ich kann +den Mund schon kaum über Wasser halten, und habe +mir den Hals beinah abgedreht. Wenn ich nur +wenigstens auch auf den Rücken läge, wie du – so +wie ich mich aber rühre, hauen mir vielleicht die verwünschten +braunen Bestien Eins über. Prächtige +Gelegenheit für einen Menschen hier, als Ballast für +die wilden Hallunken im Boot zu liegen!“</p> + +<p>„Jedenfalls wollen sie uns erst einweichen,“ stöhnte +Legs in wahrhaft stoischem Gleichmuth, „um uns +nachher eher gar zu bekommen.“</p> + +<p>„Die Teufel wären's im Stande, uns auch noch +zu braten,“ seufzte Jonas, „und wenn ich das gewiß +wüßte, hätt' ich große Lust, das ganze Ding hier umzuwerfen +und uns alle mit einander auszuschütten.<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[S. 86]</a></span> +Eben so gern oder noch lieber von einem verdammten +Haifisch auf einmal verschluckt, wie von solch einer +nichtswürdigen Rothhaut stückweis geröstet zu werden.“</p> + +<p>„Und daran ist nur der vermaledeite Capitain +schuld,“ brummte Legs, „der das Mädchen – Heiland +was für ein Donner! – der das Mädchen hätte da +lassen sollen, wo sie der liebe Gott hingesetzt. Jetzt +haben wir die Geschichte – den Teufel zu zahlen und +kein Pech heiß, und Legs wird wieder, wie gewöhnlich, +die Suppe ausessen müssen, die Andere für ihn eingebrockt.“</p> + +<p>„Na,“ brummte Jonas, „<span class="gesperrt">du</span> sitzest dieses Mal nicht +allein an der Schüssel, und wenn“ – der Satz wurde +auf gewaltsame Weise unterbrochen, denn das Boot stieg +in dem Augenblicke mit dem Bug auf die Spitze einer +Woge, und das zurückschießende, darin befindliche +Seewasser füllte den geöffneten Mund des armen +Teufels dermaßen, daß er durch Sprudeln und +Spucken kaum wieder Luft und Athem bekommen +konnte.</p> + +<p>Seine Lage wurde jetzt auch so unerträglich, ja, +gefährlich, da das Canoe reichlich Wasser eingenommen +hatte, daß er sich gewaltsam begann umzudrehen +und Legs dadurch erbarmungslos gegen die Seitenwand +drückte. Legs übrigens, keineswegs in der<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[S. 87]</a></span> +Stimmung, sich das Mindeste gefallen zu lassen, +fluchte laut und wurde nur zum Schweigen gebracht, +als er die drohend über sich gebeugte Gestalt eines der +Wilden erblickte. Beim Leuchten eines Blitzes erkannte +er aber den dunkeln Feind, wie den, mit der +Waffe oder einem Ruder gehobenen Arm, und kniff +mit einem kurzen Stoßseufzer beide Augen fest zusammen.</p> + +<p>Die Gefangenen konnten jetzt hören, daß sich ihr +Fahrzeug wieder der kleinen Canoeflotte angeschlossen +hatte, und dadurch gewannen sie wenigstens <span class="gesperrt">einen</span> +Vortheil. Die Indianer nämlich wandten nun ihre +Aufmerksamkeit wieder dem eigenen Boote zu und begannen +das übergeschlagene Wasser auszuschöpfen – +nicht etwa aus Mitleid für die am Boden liegenden +Weißen, sondern nur um <a name="cortex1-31" href="#corr1-31" class="corr">ihr</a> Canoe zu erleichtern +und in dem Wettlauf, der Insel zu, nicht zurückzubleiben.</p> + +<p>Die Lage der auf dem Boden des Canoes ausgestreckten +Gefangenen war dadurch um ein Wesentliches +verbessert, und wenn die zürnenden Elemente +ihre Herzen auch noch mit banger Furcht erfüllten, +schienen sie doch wenigstens für den Augenblick der +Gefahr enthoben zu sein, selbst in dem Boote zu ertrinken. +Das war aber auch für jetzt der ganze Vortheil,<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[S. 88]</a></span> +den sie davon hatten, denn mitten im Sturme +und Ungewitter schossen die Boote dahin, und Jonas, +der einmal den Kopf hob, zu sehen, wo sie eigentlich +wären, begriff gar nicht, wie ihre Sieger in der stockfinstern +Nacht nur überhaupt einen Cours halten +konnten. – Verfehlten sie aber das Land – ein +Fleckchen Erde von wenigen Quadrat-Meilen in dem +weiten Ocean – und hielten sie jetzt hinaus in die +offene See, was sollte dann zuletzt aus ihnen werden?</p> + +<p>So schäumten sie in toller Flucht durch die aufgerüttelten +Wogen. Der Sturm hatte schon ausgetobt, +und nur noch mattleuchtende Blitze am nordwestlichen +Himmel verriethen, welche Bahn er +genommen; die See ging aber nichts desto weniger +noch hohl, und es erforderte die ganze Geschicklichkeit +und Kaltblütigkeit der Insulaner, ihre Fahrzeuge flott +und unbeschädigt zu halten.</p> + +<p>Die englischen Matrosen hatten dabei keine Ahnung, +in welcher Richtung das Land lag, welche Richtung +sie selber steuerten. Das vordere Canoe schien jedoch dieselbe +anzugeben, und ein in kurzen Zwischenräumen dort +ausgestoßener und langgezogener Schrei – der wie ein +Weheruf über die <a name="cortex2-1" href="#corr2-1" class="corr">Fluth</a> schallte – hielt die verschiedenen +Canoes zusammen. So viel entging ihnen aber nicht, +daß der Wind ihnen nur wenig günstig sei, denn das<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[S. 89]</a></span> +Mattensegel war scharf angebraßt und die zu windwärts +überschlagenden Wellen verriethen ebenfalls, daß +sie so dicht wie möglich am Winde lägen, gegen die hohe +See also schwerlich raschen Fortgang machen würden.</p> + +<p>Stunde nach Stunde verging auch, und noch war +ihnen keine Nacht im Leben so lang vorgekommen wie +diese, die gar kein Ende nehmen wollte. Da plötzlich +hallte ein wilder, jubelnder Ton über das Wasser, +und als Jonas erstaunt den Kopf hob und danach +aushorchte, herrschte in dem Augenblicke Todtenstille +rings umher. Ihm selber aber war es, als ob er in +der Ferne und zwar gerade voraus die Brandung +hören könne, wie sie sich tosend über den Riffen dieser +Inseln bricht; und als ob auch die Indianer diesem +willkommenen Laute – dem Zeichen des nahen Landes +– gelauscht, so brach jetzt donnernd ihr Jubelruf +durch die Nacht.</p> + +<p>Doch nicht allein der Brandung jauchzten sie entgegen, +noch ein anderes, willkommneres Zeichen hatten +sie erblickt, und zwar einen rothen Feuerschein, der +mit seinem flackernden Licht zu ihnen herüber glühte. +Das war das Zeichen des befreundeten Stammes auf +Monui, der das Feuer auf einer der vorragendsten +Bergkuppen entzündet und unterhalten hatte, den kühnen +Schiffern als Leitstern zu dienen.<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[S. 90]</a></span></p> + +<p>Auf dem vorderen Boot hatten sie es zuerst entdeckt, +und in froher Lust stimmten die Häuptlinge, +die sich im ersten Boot mit ihrem jungen Führer +<i>Tai manavachi</i> befanden, den Siegesgesang ihrer +Heimat an.</p> + +<p>Kaum aber trug die Brise die geliebte Weise zu +den anderen Canoes hinüber, als diese jauchzend einfielen +und der donnernde Chor das rauschende Brechen +der Wogen selber übertäubte.</p> + +<p>Im Osten dämmerte dabei der Tag – immer +breiter, immer lichter wurde der Streifen, und nur +kurze Zeit noch verfloß, bis sie die düstern Umrisse +des nicht mehr so fernen Landes deutlich vor ihrem +Bug erkennen konnten.</p> + +<p>Legs, so theilnahmlos er sich bis jetzt gegen alles +gezeigt, was ihn umgab, hatte doch nicht umhin gekonnt, +mit dem dämmernden Tag einen Ausguck zu +halten. Kaum drehte er aber den Kopf herum, als +er auch schon die zackigen Umrisse der nicht mehr fernen +Küste am Horizont erkannte, und wieder in seine +alte Lage zurückfallend, brummte er halb laut vor +sich hin:</p> + +<p>„Na ja – da sind wir wieder. Die rothen Canaillen +müssen Nasen wie die Spürhunde haben, daß +sie in der Nacht ihren Cours halten konnten – und<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[S. 91]</a></span> +jetzt freue dich, Benjamin, und steh bei den Fallen, +denn ich will ein Landlubber sein, wenn ich nicht schon +das Feuer rieche, an dem wir geschmort werden sollen. +– Jonas! – he, Jonas! – schläfst du!“</p> + +<p>„Schlafen?“ knurrte der Angeredete, „da soll +einer auch schlafen, wenn diese rothen Heiden einen +Spektakel machen, daß die Fische auf dem Grunde +auseinander fahren. Mir ist überhaupt nichts +weniger als schläfrig zu Muthe. Hörst du die Brandung?“</p> + +<p>„Bah, schon seit einer halben Stunde,“ sagte +Legs. „Wir werden gleich Anker werfen. Schildkröten +und Seeschlangen, wie sich die guten Leute +auf Monui freuen werden, uns wieder zu sehen.“</p> + +<p>„Ja, kann ich mir etwa denken,“ brummte Jonas, +„und so eine dürre Spiere, wie du bist, kann lachen! +Die hat verdammt wenig dabei zu befürchten; aber +wenn ich <span class="gesperrt">meine</span> Rippen und Arme und Beine anfühle, +ist mir's schon immer, als ob ich ausgenommen +und mit heißen Steinen gefüllt und sauber in +Bananenblätter eingepackt in einem von ihren verwünschten +Backöfen schwitzte. Meine einzige Hoffnung +ist nur jetzt noch die, daß ich vor lauter Gift +und Galle ganz bitter schmecken und vollständig ungenießbar +sein werde.“<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[S. 92]</a></span></p> + +<p>„Na, ihr habt euch ja alle so schrecklich danach +gesehnt, an Bord bleiben zu können,“ meinte Legs, +„jetzt könnt ihr das Vergnügen genießen.“</p> + +<p>„Und du wohl nicht?“ sagte Jonas, den Kopf +rasch nach ihm hinumdrehend, – „aber meinetwegen,“ +setzte er, wieder in seine alte Lage zurücksinkend, hinzu +– „mir ist's recht, und, wenn sie uns nicht geradezu +todtschlagen und auffressen, befinden wir uns dann +am Ende noch immer besser hier, als auf dem blutigen +Blubberkocher der <i>Lucy Walker</i>, die jetzt wenigstens +ihre Thranfässer sicher auf Meeresgrund gelöscht hat.“</p> + +<p>Erschreckt schaute er in die Höhe, denn wie er gerade +aufsah, hing anscheinend dicht über ihnen eine +mächtige Woge mit silberblitzendem Kamm, die im +nächsten Augenblick über ihnen zusammenbrechen und +ihr schwankes Fahrzeug rettungslos begraben mußte. +– Aber die Woge blieb stehen, und der Jubel der +Eingeborenen sagte ihm bald, daß es die Brandung +gewesen sei, die über den Riffen ihre ewigen Sturzwellen +thürmt – daß sie die Einfahrt in das glatte +Binnenwasser glücklich erreicht, und nur noch kaum +eine englische Meile von dem gestern Abends mit so +ganz anderen Erwartungen verlassenen Lande entfernt +seien.</p> + +<p>Vom Ufer aus begrüßte sie auch schon das<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[S. 93]</a></span> +Jubelgeschrei der Wilden, die alle mit einander am +Strande versammelt schienen, die glücklich und siegreich +Heimgekehrten zu begrüßen.</p> + +<p>Die gefangenen Matrosen hoben wohl die Köpfe +und blickten dort hinüber, aber der Jubel galt <span class="gesperrt">ihnen</span> +nicht, das wußten sie recht gut, und mißmuthig, und +Manche wohl mit ängstlich pochendem Herzen sanken +sie in ihre früheren Stellungen zurück, die Landung +und damit den Befehl zum Aufstehen zu erwarten.</p> + +<p>Die Indianer, in deren Gewalt sie sich befanden, +hatten sich übrigens die ganze Zeit entsetzlich wenig +um sie gekümmert, und nur nicht gelitten, daß sie sich +bewegten. Außerdem hatten die Gefangenen aber +auch keine Ahnung, was aus ihrem Capitain und der +übrigen Mannschaft geworden sein konnte. Ob die +Wilden ihre Kameraden gefangen oder sämmtlich erschlagen +und nur <span class="gesperrt">sie</span> vielleicht für ein ganz besonderes +Festmahl aufgespart hatten, oder ob sie von dem +Schiff, dessen Schüsse sie gehört, gerettet worden – +sie wußten's nicht und – kümmerten sich auch in der +That nicht viel darum. In diesem Augenblicke hatte +Jeder zu viel mit sich selber und seiner eigenen Haut +zu thun, um besonders viel auf den Nachbar zu +denken.</p> + +<p>Von der frischen Brise getrieben, schossen die<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[S. 94]</a></span> +wackeren Canoes indeß dem Landungsplatze entgegen, +und der Federschmuck, mit dem die hochgeschwungenen +Buge geziert waren, flatterte lustig im frischen +Winde. Jetzt formten sie sich in langer Reihe, das +Boot ihres jungen Häuptlings mit Hua in seinen +Armen voran, die anderen ihm folgend in wildem +Jubel und mit Siegesliedern, und als die scharfgebauten +Schnäbel den Corallensand berührten, da stießen +die am Ufer versammelten Insulaner ein solches +tolles entsetzliches Geschrei aus, daß die Luft ordentlich +erbebte und die Gefangenen in banger Ahnung +zusammenschauderten.</p> + + +<h4>2.</h4> + +<p>Wohl waren sie an dem Raub des Mädchens +vollkommen unschuldig, würden aber diese Barbaren +darauf Rücksicht nehmen? Sie gehörten mit zu dem +Schiff, das die Gastfreundschaft der Eingeborenen in +so undankbarer, böser Weise vergolten, und was der +Capitain gesündigt, konnte jetzt wahrscheinlich die +Mannschaft entgelten.</p> + +<p>Im Anfang nahm aber Niemand von ihnen auch +nur die mindeste Notiz. Die Mannschaft der Canoes +sprang, so wie ihre Fahrzeuge Grund berührten, +über Bord und an Land, und schaute sich nicht ein<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[S. 95]</a></span>mal +nach den Europäern um. Diese blieben auch +noch immer, eines weiteren Befehls gewärtig, im +Boote und richteten sich nur jetzt halb auf, dem wilden +Toben am Lande zuzusehen.</p> + +<p>„Guten Morgen, Lemon,“ sagte da Jonas, als er +den also benannten Kameraden dicht neben sich erblickte +– „auch mit angekommen? – und Spund, +Pfeife und Lord Douglas sind auch mit da?“</p> + +<p>„Die ganze blutige Gesellschaft,“ knurrte Lemon +mit einem Gesicht, als ob er sich und die ganze übrige +Welt hätte vergiften können. „Jetzt haben wir die +Bescheerung!“</p> + +<p>„Und wo ist unser zweiter Harpunier?“ fragte +Jonas, sich nach diesem unter den Gefangenen umsehend, +„denn <span class="gesperrt">unser</span> Boot ist doch wenigstens hier +beisammen.“</p> + +<p>„Das ist dem zweiten <a name="cortex2-2" href="#corr2-2" class="corr">Harpunier</a> seine Sache!“ +knurrte Lemon. „Wahrscheinlich frühstückt er heute +Morgen mit irgend einem Haifisch – hol' ihn der +Teufel!“</p> + +<p>„Hallo, Mates, an Land!“ rief da der Schotte +Mac Kringo seinen Kameraden zu – „seht ihr nicht, +wie uns das dicke Rothfell da drüben zuwinkt und +schreit? – Sie wollen die Canoes wahrscheinlich auf +die Corallen ziehen.“<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[S. 96]</a></span></p> + +<p>„Na dann <i>look out for a squall</i>!“ murmelte +Jonas vor sich hin, indem er langsam den voransteigenden +Gefährten folgte. „Jetzt wird die Bombe +platzen.“</p> + +<p>Seine Befürchtung zeigte sich indessen, wenigstens +für den Augenblick, unbegründet, denn die Insulaner, +die für jetzt noch viel zu sehr mit dem geretteten +Mädchen, der Tochter des Häuptlings, zu thun hatten, +thaten gar nicht, als ob die weißen Männer auch +nur auf der Welt wären. Ohne selbst bei dem <a name="cortex2-3" href="#corr2-3" class="corr">Aufslandziehen</a> +der Boote ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen, +ließ man den kleinen Trupp der eingebrachten +Europäer unbeachtet, selbst unbewacht am Ufer +stehen, und Alles drängte sich jetzt nur um Hua her, +Männer, Frauen und Kinder, sie zu bewillkommnen, +sie zu umarmen.</p> + +<p>In vielen Augen standen sogar Freudenthränen, +mit denen sie das geliebte und schon fast verloren gegebene +Kind begrüßten.</p> + +<p>Während aber noch ein Theil der Insulaner so +umhersprang und jubelte oder sich wieder und wieder +die Abenteuer der letzten Nacht von den Freunden +erzählen ließ, gingen andere mehr praktisch auf die +nächsten Bedürfnisse der Neuangekommenen ein, die +jedenfalls nach ihrer langen gefährlichen Fahrt<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[S. 97]</a></span> +Hunger haben mußten. Im Schatten der nächsten +Palmen wurden ihre gewöhnlichen Kochgruben zum +Rösten der Ferkel rasch hergerichtet, Brotfrüchte, +Bananen und Fische herzugeschafft und Alles geordnet, +ein baldiges und reichliches Mahl zu versprechen.</p> + +<p>Die Frauen verrichteten dabei gar keine oder nur +die leichteste Arbeit, pflückten breite Blätter, besonders +von den Hibiscusbäumen, die zu Tischtüchern und +Servietten dienen sollten, holten in leeren Cocosnüssen +Seewasser herbei, das die Stelle des Salzes +vertrat, und pflückten Früchte von den nächsten Büschen, +welche dann die Knaben zu den beabsichtigten +Eßplätzen trugen.</p> + +<p>Die Europäer standen indessen noch immer auf +einem Trupp und leise flüsternd zusammen, sahen zu, +wie die Ferkel ausgenommen und geröstet wurden, +und wie die Gäste schon Miene machten, ihre verschiedenen, +ihnen durch den Rang angewiesenen Plätze +einzunehmen.</p> + +<p>Da trat plötzlich Toanonga, der Häuptling der +Insel und Vater Hua's, aus dem Kreis der Seinen, +wackelte gemüthlich auf die Matrosen zu, vor denen +er, beide Hände auf seine Hüften legend, stehen blieb, +und sagte:<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[S. 98]</a></span></p> + +<p>„<i>Chio do fa</i>, ihr Männer – <i>chio do fa</i> – ihr +seid nicht lange fortgeblieben und habt schöne Streiche +mit eurem großen Canoe gemacht. Wi<a name="FNanchor_23_23" id="FNanchor_23_23"></a><a href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>! – Wi, +ihr Burschen, war das der Dank, daß ihr so viel +Brotfrucht und Cocosnüsse und Bananen und Ferkel +hier bekommen habt und so freundlich von uns aufgenommen +worden seid? – Wi! schämt euch – und +wie ihr jetzt da steht! – Toanonga möchte nicht in +eurer Haut stecken, nicht um alle Glasperlen der ganzen +Welt.“</p> + +<p>Wenn die Meisten der Schaar auch nicht die +Worte verstanden, fühlten doch Alle deutlich genug, +<span class="gesperrt">was</span> der Mann eigentlich zu ihnen sagte, was er +sagen und denken mußte – und er hatte Recht. Die +armen Teufel befanden sich so unbehaglich wie möglich +und sahen, nach einem spätern Vergleich Spund's, +wirklich gerade so aus, wie ein Hund, den man beim +Stehlen erwischt.</p> + +<p>Der alte würdige Insulaner war dabei sehr ernst +und finster geworden, und Spund, der Furchtsamste +der Schaar, that schon einen Schritt vor, ihm wo +möglich zu Füßen zu fallen und um Gnade zu bitten. +Mac Kringo jedoch, der Einzige von ihnen, der die<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[S. 99]</a></span> +Landessprache verstand und darin verkehren konnte, +während die Übrigen bis jetzt nur Worte davon begriffen, +trat da vor und sagte:</p> + +<p>„Du hast Recht, Toanonga, es war ein schlechter +Streich, den dir der Capitain gespielt – aber was +können <span class="gesperrt">wir</span> dafür? Waren <span class="gesperrt">wir</span> in dem Boot, das +deine Tochter vom Lande stahl? Nicht ein Einziger. +Frag sie selber, und sie muß dir meine Worte bestätigen. +Du bist deshalb auch zu vernünftig, uns das entgelten +zu lassen, was ein Anderer verbrochen hat.“</p> + +<p>„Schweig du, bis du gefragt wirst, mein Bursche,“ +rief aber Toanonga, der es für unter seiner Würde +hielt, sich mit einer untergeordneten Person – und +er wußte recht gut, daß die Matrosen das an Bord +der Schiffe waren – in ein Argument einzulassen. +„Ihr steckt alle mit einander unter einer Decke, und +wenn <span class="gesperrt">du</span> in dem Boote gewesen wärest, würdest du +eben so gut gerudert haben, und wie die Anderen es +gethan, sobald es dir dein Capitain befohlen.“</p> + +<p>„<i>Tai halla! tai halla!</i> – gewiß!“ schrieen +jetzt eine Menge junger Burschen, die sich herbeigedrängt, +so wie sie sahen, daß ihr Häuptling mit den +Papalangis sprach, und wilde Ausrufe, hier und da +auch mit Verwünschungen gemischt, kreuzten toll und +laut durch einander.<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[S. 100]</a></span></p> + +<p>Da hob Toanonga nur den Arm auf, und im +Augenblick verstummte der Lärm. Auf ein zweites, +eben so gebieterisches Zeichen bemächtigte sich aber +eine Anzahl kleiner Burschen der Männer und suchte +sie unter Lachen und Schreien von ihrer Stelle hinweg +und dem Holzrand zuzuführen.</p> + +<p>Widerstand wäre unter allen Umständen fruchtlos +gewesen, und die Leute wollten dem Befehle schon +ruhig gehorchen. Spund jedoch, der glaubte, daß es +jetzt an ihr Leben ginge, drängte sich bis zu Toanonga +hin, und vor diesem richtig auf die Kniee fallend, bat +er den alten ehrlichen Häuptling im breitesten Irisch +um sein Leben.</p> + +<p>Über das Gesicht des Alten stahl sich aber ein +gutmüthiges Lächeln, denn es that ihm wohl, nicht +allein den Weißen gegenüber seine Autorität gezeigt +zu haben, sondern sich auch von ihnen gefürchtet zu +sehen. Er war aber viel zu weichherzig, ihnen irgend +ein Leid anzuthun. Seine Tochter hatte er wieder +zurück, das Schiff, welches ihm hatte Schaden zufügen +wollen, war verbrannt, und die paar davon an +seine Insel verschlagenen Weißen dachte er nicht für +Vergangenes zu bestrafen. Die jungen Burschen +hatten im Gegentheil die Papalangis nur eben zum +Frühstück führen sollen, das etwas abseits von den<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[S. 101]</a></span> +Eingebornen für sie hergerichtet worden, und als +ihnen dies jetzt von dem alten Häuptling erklärt +wurde, war dem armen Teufel eine große Last von der +Seele gewälzt.</p> + +<p>Der leichte Muth, den Matrosen vor allen übrigen +Menschen so besonders eigen, gewann auch bald +bei ihnen wieder die Überhand, und als sie jetzt in +einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen +und einzelnen hochstämmigen Cocospalmen, unbelästigt +von einem der Eingeborenen, um das reichliche +Mahl saßen, kehrte die, wenn auch nicht fröhliche, +doch sorglose Laune rasch zurück.</p> + +<p>„Und da hätten wir endlich unseren Wunsch erfüllt,“ +brach Legs zuerst das Schweigen, „da säßen +wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und +Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, +und Cocosmilch, statt faulen Wassers und dünnen +Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht schlimmer +wird, so können wir es hier ruhig aushalten, und +wenn erst ein paar Tage vorüber sind, daß von der +fatalen Mädchengeschichte nicht weiter gesprochen +wird, so dürfen wir am Ende gar noch unserem +Schöpfer danken, uns aus dem alten verbrannten +Kasten hieher zurückgeführt zu haben.“</p> + +<p>„Sei nicht zu sicher, mein Bursche,“ brummte<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[S. 102]</a></span> +jedoch der Schotte, „wir wissen noch gar nicht, ob +uns der Brand des Schiffes zum Heil ausschlagen +wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die +braune Rotte über dem Halse sein.“</p> + +<p>„Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan,“ bestätigte +aber auch Spund, eben mit einem delicat gebackenen +Rippenstück beschäftigt, und Spund gehörte +überhaupt – wo es ihm gerade paßte – einer streng +religiösen und zwar methodistischen Richtung an. +„Der liebe Gott hat es gethan, und daß er euch +nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden +Schutz genommen, ist nur wieder einer von +seinen unbegreiflichen, aber sicher zum Heil führenden +Wegen.“</p> + +<p>„Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es +verdient oder nicht verdient haben,“ sagte da <span class="gesperrt">Pfeife</span>, +„hier sind wir aber einmal, durch die gütige Fürsehung +von dem Wassertode und vielleicht noch vor +Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis +jetzt gefunden, so glaube ich kaum, daß uns noch eine +Gefahr für unser Leben droht. Hätten sie Böses mit +uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen +zu lassen; kein Mensch hätte ihnen dabei einen +Vorwurf machen können. Kalter, berechneter Blutdurst +liegt aber nicht in ihrer Natur, und da sie uns<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[S. 103]</a></span> +nicht im ersten Augenblicke die Schädel eingeschlagen +haben, so denk' ich, dürfen wir für unsere Sicherheit +auch weiter nichts fürchten.“</p> + +<p>„Ich möchte nur wissen,“ knurrte da Lemon, einen +Seitenblick nach dem Böttcher werfend, „warum +Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum +Frühstück riefen.“</p> + +<p>„Laß du nur dein Spotten, Lemon,“ brummte, +als die Anderen lachten, der also geneckte – „Gnade +haben wir alle nöthig, und ob das, was der Alte +sagte, auf Tongaisch hieß: Gieb ihnen ein Spanferkel +und Brotfrucht, oder schneid' ihnen den Hals +ab, hast du so wenig gewußt wie ich. Wenn ich nur +jetzt erst eine Ahnung hätte, wie wir diesen Heiden +wieder entgingen und von der Insel fortkämen!“</p> + +<p>„Fort?“ rief Legs erstaunt aus – „wer will +denn wieder fort? – ich wahrhaftig nicht. Ich danke +meinem Schutzgeist, der mich hergebracht hat, und +denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines +anderen blutigen Schiffes zurück zu gehen. Mögen +die Thran sieden, die ein Vergnügen daran finden; +<span class="gesperrt">ich</span> befinde mich wohl wo ich gerade bin, und denke +Bürger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf +Monui zu werden.“</p> + +<p>„Da kommt der Alte wieder,“ unterbrach Mac<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[S. 104]</a></span> +Kringo das Gespräch – „nehmt euch zusammen, +Jungens, und macht ihn nicht böse. Er hat uns nun +einmal in der Tasche, und wir müssen sehen, daß wir +ihn zum Freund behalten.“</p> + +<p>Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges +zu drohen.</p> + +<p>Der gutmüthige alte Mann, ohne jedoch seiner +Würde im Mindesten etwas zu vergeben, mochte sich +im Gegentheil in dem Bewußtsein behaglich fühlen, +der Protector dieser von ihm abhängigen Papalangis +zu sein. Mac Kringo hatte ihn auch darin bald +durchschaut und sein Betragen schon ganz darnach +geregelt.</p> + +<p>Er stand auf, sobald sich der alte Häuptling ihrem +Eßplatz näherte, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und +fragte ihn, was zu seinen Befehlen stände, und +Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm +huldreich mit der Hand und bedeutete ihm dann, +daß er sich freuen würde, wenn die Fremden seinen +Leuten keinen Anlaß zu Klagen geben wollten. Sie +seien allerdings für jetzt noch Gefangene, bis das +Gericht der Egis oder Häuptlinge über sie entschieden +hätte; denn dem, was diese über sie beschließen würden, +müßten sie sich allerdings fügen; aber er hoffe, +daß sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[S. 105]</a></span> +hänge jedoch, wie schon gesagt, lediglich von ihrem +eigenen Betragen ab. Für jetzt sei ihnen eine leerstehende +Hütte, die er Mac Kringo an einer vorragenden +Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; +dorthin würden sie auch geschickt bekommen, was sie +zum Leben brauchten. – Außerdem sei ihnen aber +für jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders +den Frauen, untersagt, und er erwarte, daß +sie jenen Platz nicht verlassen würden, bis sie abgeholt +würden.</p> + +<p>Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den +Leuten eingelassen, machte er eine höchst würdevolle, +wie verabschiedende Bewegung mit der einen Hand, +drehte sich dann ab, und verließ die darüber etwas +verdutzten Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhören +oder nur zu erwarten.</p> + + +<h4>3.</h4> + +<p>Die Leute waren über diese Ankündigung, die +ihnen Mac Kringo gewissenhaft übersetzte, allerdings +etwas bestürzt. Daß sie erst noch einem Gericht der +Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht +mehr geglaubt. Wer wußte denn, was diese über sie +beschließen würden? und daß ihnen nicht alle Insulaner<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[S. 106]</a></span> +so freundlich gesinnt und auch nicht so gutmüthig +waren, wie der alte Toanonga, hatten sie +lange schon gemerkt.</p> + +<p>Übrigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausführung +der Anordnung auf dem Fuße folge; denn +kaum hatte der Häuptling sie verlassen, als sich ein +junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach +ihrem vor der Hand einzunehmenden Hause oder +Gefängniß abzuführen. Daß sie ihm gehorchen mußten, +verstand sich von selbst.</p> + +<p>Merkwürdig blieb aber dabei wie sehr sie von +den übrigen Eingebornen ignorirt wurden. Man that +vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel seien, +und während die Männer, die ihnen auf dem schmalen +Pfade begegneten, über sie hinweg in die Wipfel +der Cocospalmen starrten, gerade als wenn sie dort +in diesem Augenblick etwas höchst Interessantes entdeckt +hätten, glitten die Mädchen und Frauen und +Kinder, die sie unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, +drückten sich dort hinter einen Busch oder Stamm +und ließen sie ungegrüßt vorüber ziehen.</p> + +<p>Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, +die ihnen das Frühstück gebracht, zerstörte denn auch +dieses unheimliche Betragen wieder. Sie kamen sich +vor wie Ausgestoßene, Verfehmte, die Jeder mied,<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[S. 107]</a></span> +und still und schweigend wanderten sie zuletzt ihre +Bahn, dem etwa eine halbe Stunde Wegs entfernten +Orte ihrer Bestimmung entgegen.</p> + +<p>Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine +schmale, an manchen Stellen kaum zwanzig Schritt +breite Landzunge – eigentlich nur ein mit Vegetation +bedeckter Corallenstreifen – lief zu dem Platz aus, +auf dem eine alte, halb verfallene Bambushütte +stand, und wenn die Eingeborenen wirklich etwas Böses +gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne Waffen, +ohne Boot, vollständig in ihre Hände gegeben.</p> + +<p>Daran ließ sich aber nichts mehr ändern, der Befehl +lautete: sie dort abzuliefern, oder vielmehr sie +dort sich selber zu überlassen, und der Erfolg bewies, +wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewählt. +Eine einzige Schildwacht nämlich, auf den schmalsten +Theil der Landzunge postirt, konnte jede +ihrer Bewegungen überwachen, und daß sie sich +dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wußten +sie recht gut.</p> + +<p>So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die +Langeweile sie bald umbrachte. Der alte Häuptling +hatte ihnen allerdings ein paar hölzerne Harpunen +geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, +und ein altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[S. 108]</a></span> +gegeben worden. Der Raum aber, in dem sie +umherfahren konnten, blieb immer sehr beschränkt, da +ein bis an die Oberfläche steigender Corallengürtel +die ganze Landzunge einfaßte. Übrigens wußten sie +mit der leichten Harpune nicht ordentlich umzugehen +und fingen wenig oder gar nichts damit.</p> + +<p>Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, +denn jeden Morgen brachten <a name="cortex2-4" href="#corr2-4" class="corr">ihnen</a> ein paar Eingeborene +Brotfrucht und Cocosnüsse, mit denen sie sich freilich +vor der Hand begnügen mußten. Die aber, +die ihnen die Lebensmittel ablieferten, ließen sich auf +gar keine Unterhaltung mit den Gefangenen ein. +Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen +beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das +eine Wort <i>mawquaw</i> – „wartet!“ hörten sie alle +Tage.</p> + +<p>Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit +mehr zu thun, als sich mit den gefangenen Europäern +einzulassen. Die Verbindung Hua's mit <i>Tai manavachi</i> +wurde gefeiert – wie Mac Kringo doch herausbekommen +hatte – und das <i>Cava</i>-Trinken beschäftigte +sie fast ausschließlich den ganzen Tag. Der Lärm +ihrer Tänze und Sänge schallte auch oft, von der +Brise getragen, bis zu den armen Gefangenen herüber; +das war aber auch alles, was sie von der Feierlichkeit<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[S. 109]</a></span> +genossen, denn die weißen Tuas<a name="FNanchor_24_24" id="FNanchor_24_24"></a><a href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> durften nicht Theil +nehmen an einem Feste des ersten Häuptlings.</p> + +<p>Am neunten Tage Morgens war Alles vorüber, +und <i>Tai manavachi</i> führte seine junge Frau auf +seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen Heimat +zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange +Strecke das Geleit; dann kehrten sie zurück, und es +war jetzt plötzlich so still auf Monui geworden, daß die +sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien.</p> + +<p>Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings +schon wieder zurückgekehrt, aber bei den +Matrosen ließ sich Niemand blicken als ihr gewöhnlicher +Bote, der die Lebensmittel brachte.</p> + +<p>Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings +vollkommen einverstanden. Er lag den ganzen +Tag im Schatten einer mächtigen, unfern von ihrer +Hütte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben +so viel verändernd, wie sich die Sonne drehte. Auch<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[S. 110]</a></span> +Jonas und Lemon schienen sich in diesem Leben wohl +zu fühlen. Mac Kringo dagegen verlangte es nach +einer Beschäftigung, und während er die Morgenstunden +darauf verwandte, meist verunglückte Versuche +im Fischfang zu machen, benutzte er den Nachmittag, +ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte +nämlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich +leicht spaltete, und war mit wahrhaft eiserner Geduld +daran gegangen, mit seinem Taschenmesser, an dem +sich eine kleine Säge befand, einen Stamm abzuschneiden +und dünne Scheiben davon herzurichten. +Wenn die Sache auch außerordentlich langsam ging, +war es für ihn doch eine Beschäftigung und versprach +später sogar eine Unterhaltung.</p> + +<p>Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. +So lange er selber nichts zu thun brauchte, war es +ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete. Endlich aber bekam +er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune +und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang.</p> + +<p>Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein +paar der in dem krystallklaren Wasser umherschwimmenden +Fische zu harpuniren; im <span class="gesperrt">tiefen</span> +Wasser überstach er sie aber jedes Mal, und im seichten +stieß er die Harpune so oft und vergebens gegen +die harten Corallen, daß er bald die beinernen, überdies<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[S. 111]</a></span> +nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen hatte, +das unnütze Holz dann zu Boden und sich selber unter +einen breitästigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang +hier in aller Ruhe abzuwarten.</p> + +<p>Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen +haben, und er fing schon an schläfrig zu werden. +Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben +im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von +sich und schon halb träumend etwas auf dem Wasser +plätschern hörte.</p> + +<p><i>There she blows</i>, murmelte er halblaut vor sich +hin, denn im Geist saß er oben im Top vom Vormast +auf der <i>Lucy Walker</i>, nach Wallfischen ausschauend, +und das Plätschern kam ihm wie das Blasen +der Fische vor. Da es sich jedoch wiederholte, +wurde er auch endlich wach, schlug die müden Augen +auf und sah plötzlich, kaum hundert Schritt von sich +entfernt, eines der wunderhübschen Tonga-Mädchen +auf den Corallen im Wasser stehen.</p> + +<p>Der ganze weibliche Theil der Bevölkerung hatte +sich nun bis jetzt – den Befehlen des Häuptlings +nach – so fern von den Papalangis gehalten, daß +ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur +in Sicht gekommen. Um so mehr wunderte sich +jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in der Nähe, und<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[S. 112]</a></span> +zwar auf dem den Weißen angewiesenen Fischgrunde +zu sehen.</p> + +<p>Das Mädchen erweckte aber auch noch außerdem +seine Neugierde, was sie dort eigentlich treibe, denn +sie stand in dem seichten Wasser, das ihr bis über die +Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal +mit der rechten, flachen Hand darauf, daß es +weit hinausschallte. – Auf solche Art konnte sie doch +keine Fische fangen.</p> + +<p>Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, +mit den Eingeborenen, besonders mit den Frauen, +zu verkehren, wenn die aber selber zu <span class="gesperrt">ihnen</span> kamen, +glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen +zu sein. Jedenfalls hatten sie die Erlaubniß, dort, +wo sich die Dirne befand, zu fischen, und wenn er +davon Gebrauch machte und das Mädchen da draußen +zufällig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, +etwas gefunden zu haben, die langweiligen Stunden +rascher zu vertreiben, griff er die weggeworfene und +jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die +Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschäftigung +bei sich zu haben, glitt dann unter seinem Baume vor +und langsam in das seichte warme Wasser hinein und +nahm jetzt eine solche Richtung, daß er dem Mädchen +da draußen, wenn sie wieder zum Ufer zurück wollte,<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[S. 113]</a></span> +leicht den Weg abschneiden konnte. Er glaubte nämlich, +daß sie nur hier herausgekommen wäre, weil sie +keinen der Fremden in der Nähe vermuthet hätte.</p> + +<p>So wenig als möglich Geräusch machend, näherte +er sich dabei langsam dem jungen Ding, das viel zu +sehr da draußen beschäftigt schien, um auf irgend +etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem +er ging, war nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings +hier einen ziemlich festen, bei niederem Wasser +etwa zwei Fuß tiefen Grund; hier und da waren +aber doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefüllte +Löcher geblieben. Legs watete dort hinaus, achtete +aber mehr auf das Mädchen als den Grund, auf dem +er hinschritt, versah eines von jenen Löchern und +schlug so lang – oder vielmehr so kurz er war, aufs +Wasser.</p> + +<p>Etwas bestürzt, raffte er sich allerdings wieder +gleich empor und erwartete jetzt nichts Anderes, als +die erschreckte Schöne dem Lande zufliehen zu sehen. +Das Mädchen aber, das sich nun nach dem Geräusch +umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich +nicht im Geringsten zu fürchten, ja, ihn sogar zu erwarten.</p> + +<p>Legs, mit einem Kernfluch über seine eigene Ungeschicklichkeit, +ließ sich denn auch nicht lange nöthigen<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[S. 114]</a></span> +und watete, nur allerdings vorsichtiger geworden, +langsam auf die Schöne zu, die indessen ihre wunderliche +Beschäftigung ruhig und unbekümmert fortsetzte.</p> + +<p>Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose +nun allerdings noch nicht zu Stande kommen; einzelne +Wörter und Benennungen hatte er sich aber +doch gemerkt, besonders den Gruß der Insulaner, +ihr herzlich klingendes und so oft gehörtes <i>chio do +fa</i>, das er auch vor der Hand zur Einleitung für ein +weiteres Gespräch verwandte.</p> + +<p><i>Chio do fa</i>, lächelte das hübsche Kind zurück, +und Legs, um weitere Vocabeln verlegen, faßte sich +endlich ein Herz und fragte auf gut Englisch, was sie +da mache.</p> + +<p>Das Mädchen, eines der hübschesten der Insel, +mit weiter keiner Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, +schmalen Matte um die Hüften und einem +kurzen Stück Tapa über den Schultern, das die Bewegung +ihrer Arme keineswegs beeinträchtigte, schüttelte +aber als Antwort nur lachend mit dem Kopf – +ein Zeichen, daß sie nicht verstehe, was er sage.</p> + +<p>Legs fand jetzt, daß er das Englische aufgeben +und sich mehr auf Zeichen beschränken müsse. Deßhalb +auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre +bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[S. 115]</a></span> +komisch fragend an, daß das junge Ding in fröhlichem +Übermuth wieder laut aufjubelte und dabei ein paar +Reihen Zähne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen +den rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber +verstanden, was er meinte, denn sie nickte ihm freundlich +zu und sagte:</p> + +<p>„<i>Ang-a!</i>“</p> + +<p>„<i>Ang-a</i> – ja wohl,“ brummte Legs vor sich hin +– „jetzt bin ich so klug wie vorher. Was ist +<i><a name="cortex2-5" href="#corr2-5" class="corr">Ang-a</a></i>?“</p> + +<p>„<i><span class="gesperrt">Ang-a!</span></i>“ wiederholte aber das Mädchen +lauter als vorher und wie erstaunt, daß der Fremde +nicht wissen solle, was <i>Ang-a</i> sei. Trotzdem schüttelte +Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und +da sie wohl merken mußte, daß ihm die so deutlich gegebene +Erklärung doch noch immer nicht genüge, setzte +sie lächelnd hinzu – „<i>mawquaw!</i>“</p> + +<p><span class="gesperrt">Das</span> Wort verstand Legs. Die vollen neun +Tage hindurch hatten sie das jeden Morgen von dem +Burschen gehört, der ihnen das Essen brachte – +warte ein wenig! – und als er darauf rasch und befriedigt +mit dem Kopfe nickte, drehte sich die Kleine +von ihm ab und schlug aufs Neue, wie vorher, das +stille Wasser mit der flachen Hand.</p> + +<p>Er sah jetzt, daß sie im linken Arm ein kleines<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[S. 116]</a></span> +Bündel mit Stücken gerösteter Brotfrucht und anderen +Lebensmitteln trug – aber wozu? – Wollte sie +so lange hier draußen im Wasser stehen bleiben, daß +sie sich ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? +– Er war dabei näher zu ihr hinan getreten, und +der weiche, elastische Körper des Mädchens, so in +Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so +verführerisch aus der leichten Umhüllung entgegen, +daß er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm langsam +ausstreckte und um ihre Taille legte.</p> + +<p>Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste +Notiz davon, und Legs war selber so erstaunt über +den günstigen Erfolg seiner Kühnheit, daß er ein paar +Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, +ohne sich natürlich weiter um das zu kümmern, was +auf dem Wasser vorging.</p> + +<p>„<i>Gia-hi!</i>“ sagte da plötzlich die braune Schöne, +indem sie ein Stück der Brotfrucht nahm und neben +sich ins Wasser warf.</p> + +<p>Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener +Richtung zu drehen, denn er sah sich dort plötzlich +etwas bewegen. Im nächsten Augenblicke erkannte +er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar +nicht etwa so sehr kleinen Haifisches, der sich in demselben +Moment etwas auf die Seite warf und mit<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[S. 117]</a></span> +dem geöffneten, bis über die Oberfläche reichenden +Rachen das Stück Brotfrucht aufschnappte und verschlang. +So nahe war ihnen die Bestie gekommen, +daß er sie hätte mit der Hand auf den Kopf schlagen +können.</p> + +<p>„<i>Ang-a!</i>“ lachte das Mädchen noch einmal laut +auf, indem sie dem Ungethüm einen neuen Leckerbissen +zuwarf.</p> + +<p>„<i>Ang-a <span class="gesperrt">hell</span>!</i>“ schrie aber Legs, der im Todesschreck +einen Schritt zurückprallte, denn selbst der beherzte +Matrose fürchtet nichts mehr auf der Welt als +den Hai, seinen ärgsten Feind. „Das ist ein <span class="gesperrt">Hai</span>, +bei allem, was da schwimmt!“</p> + +<p>Unwillkürlich drückte er sich dabei hinter das kecke, +wilde Ding, das sich ein solch gefährlich Spielzeug +ausgesucht. Die Insulanerin aber, mit einem schelmischen +Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr +nicht entgangen war, ließ das nächste Stück Brotfrucht +dicht neben sich und mehr nach rückwärts fallen, +so daß der Fisch in seinem nächsten Sprung danach +in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitäten +streifte.</p> + +<p>Das war diesem aber außer dem Spaß, denn +während der Fisch in die Höhe schnappte, den für ihn +hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wußte Legs jetzt<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[S. 118]</a></span> +wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht +galt, stieß einen lauten Schrei aus und that, so weit +er springen konnte, einen Satz zurück. Dabei fiel er +aber wieder, so lang er war, ins Wasser und schlug +jetzt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen um +sich, um durch lautes Plätschern und Lärmmachen, +als <span class="gesperrt">einziges</span> Hülfsmittel, den furchtbaren Feind +fern von sich zu halten.</p> + +<p>Er hörte dabei nicht das laute glockenrein klingende +Lachen der jungen Dirne, sah nicht, daß der Hai, +durch das ungewohnte Geräusch erschreckt, schon lange +wieder hinaus aus der seichten <a name="cortex2-6" href="#corr2-6" class="corr">Fluth</a> und durch irgend +ein Loch der Corallenwände in tieferes Wasser gefahren +war. Nur mit jeder, von ihm selbst aufgeschlagenen +Welle, während er sich in aller Hast dem +sicheren Ufer zuarbeitete, fürchtete er das gefräßige +Ungeheuer dicht hinter sich, das vielleicht nur auf +einen günstigen Moment wartete, ihn zu ergreifen, +und wälzte sich solcher Art schreiend und mit Armen +und Beinen schlagend, bis zum nächsten Landvorsprung +hin.</p> + +<p>Einen solchen furchtbaren Lärm hatte er dabei +gemacht, daß seine Kameraden erschreckt aufsprangen +und der Richtung zueilten, von der sie die Hülferufe +gehört. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[S. 119]</a></span> +in solcher Aufregung ankommen und das Mädchen +draußen im Wasser so herzlich lachen zu sehen, ohne +daß sie auch nur die geringste Ursache für Eines oder +das Andere erkennen konnten.</p> + +<p>Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls +Einige durch den Lärm herbeigerufen worden. Diese +erriethen übrigens, wie es schien, was da draußen +vorgefallen, denn sie amüsirten sich unter einander +vortrefflich, ohne jedoch den Weißen dabei zu nahe zu +kommen.</p> + +<p>Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot +ihres Häuptlings, sie würden diese Gelegenheit sonst +gewiß nicht versäumt haben, sich nach Herzenslust +über den Fremden lustig zu machen.</p> + +<p>Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein +Abenteuer den Kameraden nach seiner eigenen Art zu +erzählen, und demnach war er draußen beim Fischen +von einem furchtbar großen Hai angegriffen und verfolgt +worden und nur durch seine Geistesgegenwart +der Gefahr entgangen, von dem Ungeheuer erfaßt und +unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo +schüttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es +denn käme, daß der Hai nicht das Mädchen da draußen +angegriffen, und warum die Dirne so entsetzlich +gelacht hätte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[S. 120]</a></span> +hätten gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, +und da sie sich selber sicher wüßten, so wäre es keine +Kunst, sich über einen Anderen lustig zu machen.</p> + +<p>Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald +auf etwas Anderes gerichtet werden, denn ein Bote +von Toanonga kam gegen Abend, ihnen anzuzeigen, +daß sie sich am nächsten Morgen bereit halten sollten, +zu der Rathsversammlung der Häuptlinge abgeholt +zu werden.</p> + +<p>Weiteres war nun aus dem Burschen nicht +heraus zu bekommen. Entweder wußte er selber +nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten +war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu +Muthe, denn die Vorladung, wie die ganze Versammlung +wurde gar so feierlich gehalten.</p> + +<p>Was wollten sie denn eigentlich noch mit +ihnen? Daß sie an dem Raub der Häuptlingstochter +unschuldig waren, wußte der alte Toanonga so gut +wie sie selber, und konnte man sie also deshalb noch +bestrafen? – Wenn man sie also nicht bestrafen +wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten?</p> + +<p>Jonas schlug jetzt vor, daß sie suchen sollten, sich +in der Nacht eines Canoes zu bemächtigen und damit +aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln lägen +doch noch mehrere dort herum, und eine oder die<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[S. 121]</a></span> +andere würden sie schon finden, wenn sie nicht gar +unterwegs ein Schiff anträfen, <a name="cortex1-30" href="#corr1-30" class="corr">das</a> sie aufnehmen +könnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn +erstens wußten sie, daß sie streng bewacht wurden, +dann hatten sie gar keine Waffen, um sich, wenn angegriffen, +zu vertheidigen, und ohne Provision und +Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nächste +Sturm außerdem verderblich werden mußte, wäre +mehr als Tollkühnheit, es wäre einfach Wahnsinn +gewesen.</p> + +<p>Mac Kringo, der überhaupt als Dolmetscher ein +gewisses Ansehen bei den Kameraden gewonnen hatte, +stimmte gleich dagegen und erklärte, daß <span class="gesperrt">er</span> auf keinen +Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen +betheiligen würde. Hätten sie jetzt die ganze lange +Zeit nutzlos verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun +auch weiter nichts übrig, als das Letzte abzuwarten, +und daß sie nichts dabei für ihr Leben zu fürchten +hätten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern +zu können. Die Eingeborenen seien viel zu gutmüthig, +ihnen mit vorbedachter Grausamkeit etwas +zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wäre die +ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten +Toanonga, der sich, den Europäern gegenüber, gern +ein wenig wichtig machen wolle. Das Ganze würde<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[S. 122]</a></span> +darauf hinaus laufen, daß man ihnen vorhalte, wie +gut und großmüthig die Bewohner von Tonga, und +wie schlecht die Papalangis seien, und zuletzt würde +man sie auf der Insel ruhig gewähren lassen, zu treiben +was ihnen gerade beliebe.</p> + +<p>Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, +blieb sich gleich; darin hatte er jedenfalls Recht, daß +ein Fluchtversuch jetzt im letzten Augenblick Wahnsinn +gewesen wäre, und die Bootsmannschaft entschloß sich +denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen +möge, geduldig abzuwarten.</p> + + +<h4>4.</h4> + +<p>Der nächste Morgen kam, und die Leute versuchten, +soweit ihnen das irgend möglich war, <span class="gesperrt">Toilette</span> +zu machen. Damit sah es aber entsetzlich windig +aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur +das Nothwendigste mitnehmen können, und bei dem +Sinken des Bootes auch selbst das noch verloren. +Nur Mac Kringo und Legs besaßen Hüte, nur +Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren +von dem scharfen Corallenboden, auf dem sie <span class="gesperrt">ohne</span> +Schuhe gar nicht gehen konnten, schon so mitgenommen +worden, daß sie kaum noch zusammen +hielten.<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[S. 123]</a></span></p> + +<p>Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen +konnten, war die, daß sie ihre Hemden auswuschen, +um wenigstens mit reiner Wäsche vor den +Häuptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung +betraf, so hatten die, welche mit einer solchen nicht +mehr versehen waren, darin die Mode der Eingeborenen +nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus +den Blättern der Cocospalme gefertigt, der die +Augen wenigstens gegen das blendende Sonnenlicht +schirmte.</p> + +<p>Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, +war daran gegangen, einen wirklichen Hut zu +flechten – was die Matrosen meist verstehen und sich +oft ihre Strohhüte selber machen. Das Cocosblatt +zeigte sich aber nicht geschmeidig genug dazu, und +wenn er auch wirklich eine Art Hut zusammen +brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche +Form bekommen, daß selbst Lemon lachte, als er ihn +zum ersten Male sah.</p> + +<p>Die ersten Morgenstunden vergingen übrigens, +ohne daß sie zu der erwarteten Zusammenkunft wären +abgerufen worden. Nur ihr Frühstück erhielten sie +wie gewöhnlich, dann war Alles still – nicht einmal +ein Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser +der Riffe, so hatte die heute gehaltene Rathsversammlung<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[S. 124]</a></span> +das Interesse der Insulaner in Anspruch genommen.</p> + +<p>Endlich kam der, eines Theils gefürchtete, andern +Theils aber auch wieder sehnlichst erwartete Bote; +denn selbst die schlimmste Wirklichkeit kann in manchen +Fällen oft weniger peinlich sein, als diese ewig +zögernde Ungewißheit, in der sich des Menschen Herz +in solchem Falle verzehrt.</p> + +<p>Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste +versah, sich sonst aber in nichts von den +Übrigen auszeichnete, als wo möglich noch fauler +als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den +Papalangis, daß Toanonga und die Versammlung +der Egis sie erwarte.</p> + +<p>Mac Kringo theilte den Übrigen die Botschaft +mit, und Lemon brummte halblaut vor sich hin: Die +Egis sollen verdammt sein!</p> + +<p>Das nahm der Botschafter aber entsetzlich übel; +denn wenn er auch kein Englisch verstand, hatten die +Eingeborenen jenes Wort „verdammt“ doch so oft von +dort landenden Fremden gehört, um zu wissen, daß +es etwas sehr Böses und Häßliches bedeute. Er +hielt deshalb auch dem kleinen sauertöpfischen Burschen +eine lange und heftige Strafpredigt, die dieser<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[S. 125]</a></span> +jedoch mit weiter nichts als einem noch viel +mürrischeren „Geh zum Teufel“ erwiderte.</p> + +<p>Mac Kringo gab sich freilich alle Mühe, den +Frieden wieder herzustellen und den Eingeborenen zu +besänftigen, indem er ihn zu überzeugen suchte, daß er +den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der +Bursche wußte aber recht gut, was er selber gehört +hatte, und der Zug setzte sich endlich, von ihm angeführt, +langsam in Bewegung.</p> + +<p>„Hört einmal, Kameraden,“ sagte da Mac Kringo +als sie schon unterwegs waren, indem er sich gegen +die kleine Schaar wandte, „ich habe euch schon versichert, +daß ich nicht glaube, wir hätten irgend etwas +von dem rothen Gesindel zu fürchten. Sollten sie +uns aber <span class="gesperrt">doch</span> zu Leib wollen, und es ist immer gut, +auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann +wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank +führen lassen, sondern lieber wie englische Matrosen +sterben und noch so vielen der rothen Brotfruchtfresser, +wie möglich, die Schädel einschlagen. +Seid ihr damit einverstanden?“</p> + +<p>„Gewiß,“ rief Pfeife für die Übrigen; „irgend +etwas wird man ja dort schon finden, womit man zuschlagen +kann, und wenn das <span class="gesperrt">nicht</span> wäre, so hat<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[S. 126]</a></span> +jeder seine Fäuste und sein Messer bei der Hand, die +lumpigen Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.“</p> + +<p>„Gut,“ sagte Mac Kringo. „In dem Falle liegt +unsere einzige Aussicht auf Erfolg aber nur darin, +daß wir uns nicht <span class="gesperrt">trennen</span> lassen, sondern fest zusammen +halten. Sechs handfeste Burschen wie wir +können es dann auch schon mit einem Schock solchen +weichlichen Gesindels aufnehmen, und im schlimmsten +Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plündern +einen Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen +und gehen in See.“</p> + +<p>„Das sind schöne Aussichten!“ seufzte Spund, +„und bedenkt nur dabei, daß wir sie durch Widersetzlichkeit +immer noch erbitterter machen!“</p> + +<p>„Wenn <span class="gesperrt">du</span> dich willst fressen lassen,“ kreischte +Pfeife, „so hat natürlich Niemand was dawider. Ich +danke aber dafür, und wenn sie uns wirklich einmal +zu Leib wollen, so liegt nachher verwünscht wenig +daran, ob wir sie dabei in guter oder böser Laune +behalten.“</p> + +<p>„Pst – da sind sie!“ flüsterte aber in diesem +Augenblicke Mac Kringo, der durch die Büsche hin +die hellen buntfarbigen Kleider der Eingeborenen +schon erkannt hatte. „Jetzt haltet euch ruhig, und im +Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[S. 127]</a></span> +doch wenigstens alle im Gürtel, und was sie auch vorhaben, +sie sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet +finden.“</p> + +<p>Weiteres Gespräch war jetzt auch unmöglich geworden, +denn wie sie den nächsten Busch umschritten, +sahen sie sich plötzlich der ganzen Versammlung +gegenüber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich gedacht. +Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien +aber hier versammelt und der große weite Raum vor +Toanonga's Hütte, in dem die Egis den Mittelpunkt +bildeten, schwärmte ordentlich von braunen lebendigen +Gestalten beiderlei Geschlechts.</p> + +<p>Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, +um den herum neun hochstämmige +Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten +sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte +stehen, wo sie wollte<a name="FNanchor_25_25" id="FNanchor_25_25"></a><a href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>, und konnten ihre Versammlungen +zu jeder beliebigen Tageszeit halten.</p> + +<p>Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche +die Bewohner aller der Südsee-Inseln so trefflich zu +flechten verstehen, und die Egis von Monui bildeten,<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[S. 128]</a></span> +mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen +Kreis.</p> + +<p>In demselben nahmen die verschiedenen Häuptlinge +ihre Plätze ein, aber keineswegs nach Gutdünken, +sondern sie waren ihnen vorher von dem Ceremonienmeister +angewiesen worden. Toanonga behauptete +den Ehrenplatz und saß, den Rücken seinem Hause +zugedreht, mit dem Gesicht der reizenden Bai zugewandt, +die hier durch rechts und links auslaufende +Landzungen gebildet <a name="cortex2-7" href="#corr2-7" class="corr">wurde</a>. Zu beiden Seiten dann +von ihm ab kamen ihm zunächst die Angesehendsten +und vom edelsten Blut, bis sich mit den geringeren +Häuptlingen der Kreis ihm gegenüber wieder +schloß.</p> + +<p>Um die Egis aber her, und zwar so gedrängt, daß +sie fast deren Rücken berührten, saßen<a name="FNanchor_26_26" id="FNanchor_26_26"></a><a href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> die übrigen +Eingeborenen, Männer und Frauen, bunt durch +einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen +konnte, zu hören was da verhandelt wurde, ließ es +sich wenigstens von den näher Sitzenden mittheilen.</p> + +<p>Außerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises +hatten die Kinder ihren Tummelplatz gewählt, sich +haschend und überschlagend, und mit den nackten<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[S. 129]</a></span> +Füßen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde +Lust treibend.</p> + +<p>Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang +an so öffentlich – wenn auch im Freien – +verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig +geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne +gehalten, und erst als die Hauptsache vorüber war, +ließ man die Neugierigen hinzu. Wollte jedoch +der alte Toanonga die Galerieen wieder geräumt +haben, so brauchte er nur ein Zeichen zu geben, und +Keiner hätte daran gedacht, sich dem Befehle zu +widersetzen.</p> + +<p>Jetzt übrigens, da die gefangenen Fremden in +Sicht kamen, wurde eine andere Ordnung nöthig, um +sie würdig zu empfangen, und einer der als Constabel +agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhörern zu, +Raum zu geben. Diese mußten auch schon wissen, +um was es sich handle, denn sie wichen nach rechts +und links zurück, die Fronte gegen die Bai offen lassend, +während die mit dem Rücken nach dem Wasser +zu sitzenden Häuptlinge ebenfalls aufstanden.</p> + +<p>Geschäftige Hände ergriffen dabei rasch ihre Matten, +und trugen sie hinter Toanonga und die ihm zunächst +sitzenden Häuptlinge, wo sie mit ihnen eine +zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[S. 130]</a></span> +dem alten Häuptling frei geworden, an beiden Seiten +aber kauerte die Einwohnerschaft von Monui.</p> + +<p>„Mate,“ sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund +etwas höher über die Hüften heraufzog und aus +alter Gewohnheit – denn Tabak hatte schon lange +Keiner von ihnen mehr – auf die Erde <a name="cortex2-8" href="#corr2-8" class="corr">spuckte</a> – +„die Geschichte wird feierlich – was sagest <span class="gesperrt">du</span> dazu.“</p> + +<p>„Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke +betreten,“ murmelte Pfeife zwischen den Zähnen durch, +„wenn ich nicht wünsche, daß ich hier fort wäre. Da +stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, +mit den Waffen vielleicht hinter den nächsten Büschen +versteckt, was sollen wir Sechs gegen die ausrichten?“</p> + +<p>„Bah, <span class="gesperrt">so</span> viel für die ganze Band',“ brummte +der, fast um einen Kopf kleinere Matrose. „Meinen +Hals setz' ich zum Pfand, daß die Kerle nicht einmal +die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. +Ja, wenn wir Einer oder Zwei wären, aber einer +ganzen Bootsmannschaft – wenn auch unserem +Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser +gelaufen ist – kommen sie schon nicht zu nah.“</p> + +<p>„Du, der Alte fängt an,“ flüsterte da Pfeife, indem +er den Kameraden in die Seite stieß, „jetzt bin +ich neugierig.“</p> + +<p>Toanonga hatte indessen – die Hände in voller<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[S. 131]</a></span> +Ruhe auf seinem Bauch gefaltet – die ankommenden +Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam gemustert. +Als sie aber auf Anordnung eines der +Leute vor ihm niedergesessen oder vielmehr gekauert +waren, und sich halb schüchtern im Gefühl der sie +umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und +im schlimmsten Falle zum Äußersten entschlossen, im +Kreise umsahen, nickte er ihnen mit seinem gutmüthigen +Lächeln zu und sagte:</p> + +<p>„<i>Chio do fa, Papalangis – chio do fa!</i>“</p> + + +<h4>5.</h4> + +<p>Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des +Alten neuen Muth schöpften, erwiderten den Gruß +rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei langsam auf +und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge +nicht ganz unähnlich, fort:</p> + +<p>„Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit +euch ein ernstes Wort über euch und eure Zukunft zu +sprechen. Du da vorn, wie heißest du gleich? – +verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen +wieder zu erzählen, was ich dir gesagt habe?“</p> + +<p>„Mac Kringo heiße ich,“ erwiderte der also angeredete +Schotte, indem er den Kopf etwas neigte.<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[S. 132]</a></span> +„Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es soll +kein Wort davon verloren gehen.“</p> + +<p>„Gut, Freund – desto besser. So passe wohl +auf, denn es kommt für euch viel darauf an, daß du +auch eben recht verstehest.“</p> + +<p>„Du weißt, unter welchen Umständen wir euch +auf diese Insel zurückbekommen haben. Es war nicht +unser Wunsch, und wir hätten euch lieber in eurem +großen Canoe fortsegeln sehen. Du weißt auch, daß +ihr oder euer Capitain – das bleibt sich gleich, denn +ihr gehörtet zusammen und standet einander bei – +mir hier, der ich euch alle freundlich aufgenommen, +ein großes Leid anthun wolltet. Das war eure +Dankbarkeit, ich will euch das aber nicht so übel nehmen, +denn ihr Papalangis wißt es vielleicht nicht +besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang zwischen +uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere +und bessere Menschen werden. Trotzdem nun hat +der wackere und tapfere <i>Tai manavachi</i>, während +er eurem bösen Capitain mitten im Sturm seine +Braut wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr +verunglückt waret, aus dem Meer gerettet und ans +Land gebracht, und euch auch weiter nicht das geringste +Leid zugefügt. Er hatte eurem Capitain versprochen, +euch ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[S. 133]</a></span> +damals noch in eurem Canoe war, kein Leid zufügen +wollte, und da euer Capitain sie darauf frei ließ, +glaubte er auch an euch sein Wort halten zu müssen. +– <i>Tai manavachi</i> ist ein großer und edler Häuptling, +und sein gegebenes Wort war heilig. Die Hotuas +hatten es gehört, und er wußte, daß er es nicht +brechen durfte. So – sag' jetzt deinen Freunden +erst einmal, was ich mit dir gesprochen.“</p> + +<p>Mac folgte dem Befehl und übersetzte den Übrigen +die kurze und einfache Rede. Die Matrosen hörten +ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich unterbrach +und ausrief:</p> + +<p>„Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, +und das Meiste davon wissen wir schon. Er soll +uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der Böse die +Saalbadereien!“</p> + +<p>„Nur Geduld, Mate!“ rief aber auch Jonas; +„wenn einer ein Schiff vom Stapel lassen will, muß +er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung ist. Er +hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt +und Takelwerk angeschlagen. Paß einmal auf, +jetzt wird er die Segel setzen und 14 Knoten die +Stunde gehen.“</p> + +<p>„Haben sie Alles verstanden,“ fragte Toanonga.</p> + +<p>„Alles,“ sagte der Schotte, der klug genug war,<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[S. 134]</a></span> +den Alten so viel als möglich bei guter Laune zu erhalten, +„und sie bitten dich fortzufahren.“</p> + +<p>„Schön,“ erwiderte der alte Häuptling, zufrieden +dabei mit dem Kopfe nickend: „Ich muß dir nun +sagen, daß ich im Anfang gar keine Lust hatte, euch +hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene +von <i>Tai manavachi</i> und ich wollte, er +sollte euch mit hinüber nach Tonga nehmen. <i>Tai +manavachi</i> hat aber ein großes Herz. Er sagte, +daß seine jungen Leute sehr zornig auf euch wären, +und er nicht wisse, ob er dann sein Wort halten +könne: euch kein Leid zuzufügen. Überdies könnte +er euch auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr +mit euch zu thun haben.“</p> + +<p>Sehr freundlich von <i>Tai manavachi</i>, dachte +Mac Kringo, erwiderte aber laut kein Wort und verzog +keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer Pause +fort:</p> + +<p>„Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das +Recht über euch zusteht, so haben wir, die Egis des +Landes, uns die Sache überlegt, euch ihm abgekauft +und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Abgekauft?</span>“ rief Mac Kringo erstaunt.</p> + +<p>„Ja, Freund,“ sagte der Alte, ganz unbefangen und +freundlich dabei lächelnd, „<span class="gesperrt">abgekauft</span>. Nicht etwa,<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[S. 135]</a></span> +denn ich wüßte nicht, was ich mit euch anfangen +sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will +ich dir gleich auseinandersetzen, wenn du den Übrigen +erst meine Worte erklärt hast.“</p> + +<p>Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn +die Nachricht hatte ihn selber überrascht, Legs aber +rief lachend aus:</p> + +<p>„Da hätte ich den Alten für gescheidter gehalten. +Wer <span class="gesperrt">uns</span> kauft, ist bös angeführt, denn ich will verdammt +sein, wenn ich selbst mein <span class="gesperrt">eigener Herr</span> sein +möchte.“</p> + +<p>„Und was wollen sie da mit uns machen?“ fragte +Spund erschreckt; „da sollen wir wohl <span class="gesperrt">arbeiten</span>?“</p> + +<p>„Bah!“ lachte Jonas; „die Arbeit, die <span class="gesperrt">die</span> faulen +Burschen hier zu verrichten haben, könnte man recht +gut vor dem Frühstück fertig bringen, ehe der Kaffee +kalt wird; – Lumpenvolk das, einen weißen Christenmenschen +zu <span class="gesperrt">kaufen</span>! Aber so viel weiß ich, daß ich +mich schon dumm genug anstellen werde.“</p> + +<p>„Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu +verstellen,“ brummte Lemon. „So viel ist aber sicher, +und Legs hat Recht, ich hätte die Rothhäute auch +für gescheidter gehalten, als daß sie Kerle wie Spund +und Pfeife kauften.“</p> + +<p>„Na, sei du nur –“<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[S. 136]</a></span></p> + +<p>„Ruhig!“ unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; +„ist das jetzt eine Zeit zum Necken? Hört +erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher können +wir darüber reden.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Was</span> sagen sie?“ fragte Toanonga.</p> + +<p>„Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren,“ erwiderte +Mac Kringo.</p> + +<p>„Gut, sehr gut,“ nickte der Alte wieder, während +jetzt besonders die Frauen unter den Zuhörern sich +vordrängten, als ob sie kein Wort von dem verlieren +wollten, was da verhandelt würde. „Die Egis haben +euch also, wie ich dir schon vorher erzählt, gekauft, +und eigentlich blieb ihm nichts Anderes übrig; denn +was sollten wir mit euch machen? ihr habt keinen +Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, für +das wir euch zu einer weiten Seefahrt ausrüsten +könnten, und ihr werdet doch wohl einsehen, daß wir +euch das nicht auch noch obendrein schenken können, +weil ihr eines Egi Tochter habt entführen wollen und +dabei verunglückt seid.“</p> + +<p>„Aber wir können uns vielleicht selber ein Boot +bauen oder ein Canoe aushauen,“ unterbrach ihn jetzt +Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht behagen +wollte, den rothen Gesellen käuflich überlassen zu +sein.<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[S. 137]</a></span></p> + +<p>„Womit?“ fragte ihn aber ganz trocken der +Alte. „Habt ihr selber Beile? Habt ihr Segel und +Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir +haben schon Schaden genug durch euch gelitten und +wollen jetzt auch einigen Nutzen aus euch ziehen.“</p> + +<p>„Aber was sollen wir thun?“ fragte der Schotte +ungeduldig.</p> + +<p>„Das wirst du gleich hören,“ lautete die ruhige +Antwort des Alten. „Die Egis haben euch allerdings +gekauft, aber mit Gütern, die dem Lande selber +gehören, deshalb können sie auch nicht und wollen sie +nicht eure Dienste für <span class="gesperrt">sich</span> in Anspruch nehmen. +Krieg haben wir jetzt nicht; wir leben mit allen benachbarten +Inseln in Frieden, und <i>Tai manavachi</i> +ist unser mächtiger Bundesgenosse geworden. Wäre +das nicht der Fall, so würden wir euch vielleicht in +unseren Canoes verwenden können, deren Behandlung +ihr bald lernen würdet. Überhaupt seid ihr Weißen +entsetzlich unwissende Menschen, für die es ein großes +Glück ist, daß sie nach unserer Insel gekommen sind +– ihr könnt nicht einmal Fische fangen. Doch das +alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn +ihr erst einmal selber für euch und die Euren sorgen +müßt.“</p> + +<p>„Wenn wir das aber alles nicht können und<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[S. 138]</a></span> +verstehen,“ brummte Mac Kringo, „was wollt ihr +denn mit uns machen?“</p> + +<p>„Du bist entsetzlich ungeduldig,“ sagte Toanonga, +„ich war ja eben im Begriff, dir das zu erklären. +Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst begreiflich +machen, daß wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch +eine ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich +selber habe da endlich einen Vorschlag gemacht, dem +die anderen Egis nach reiflicher Überlegung beigepflichtet +sind. Unser Entschluß deshalb ist der folgende: +Auf Monui leben, seit unsrem letzten Krieg +im vorigen Jahre, einige Frauen ohne Männer. Diese +haben also auch niemanden mehr, der für sie sorgt, +und mußten deshalb von den Egis oder vielmehr von +dem Lande selber erhalten werden. Unter unsern Einwohnern +hat sich aber bis jetzt noch niemand gefunden, +der sie wieder heirathen wollte; der Männer sind auch +durch die vielen Kriege weniger geworden, und diese +Frauen begannen für uns eine Last zu werden.“</p> + +<p>Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem +Staunen zugehört, denn er begriff gar nicht, +was ihre Verhältnisse mit dem der Wittwen auf Monui +zu thun haben könnten. Eben so wußte er recht +gut, daß in diesem gesegneten Lande niemand dem +Andern zur Last sein <span class="gesperrt">konnte</span>, denn wo die Leute eben<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[S. 139]</a></span> +so genügsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnüssen +lebten und von allem diesem übrig genug für +sämmtliche Bewohner war, konnte auch von keinem +Nahrungsmangel die Rede sein. Er schüttelte deshalb +ungläubig mit dem Kopf und sagte:</p> + +<p>„Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, +keine Fische, die sie fangen konnten?“</p> + +<p>„Du verstehst mich nicht,“ erwiderte ruhig Toanonga. +„Zu essen haben sie allerdings genug, Dank +den Hotuas<a name="FNanchor_27_27" id="FNanchor_27_27"></a><a href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>, die unsere Inseln mit Allem reichlich +gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht bloß +zu essen, sie müssen auch einen Beschützer haben, denn +sie fürchten sich, allein in ihren Hütten zu wohnen. +Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein großes Haus +eingeräumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber +sie wollten sich dort nicht mit einander vertragen. +Sie haben sich gezankt und Streitigkeiten unter +einander angefangen, die dann von den Egis wieder +geschlichtet werden mußten, und es ist kein Friede +zwischen ihnen geworden.“</p> + +<p>„Segne meine Seele,“ knurrte Lemon, „das ist +ein langer Palaver, und mir schlafen die Beine schon +ein. Was sagt er, Lord Douglas?“<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[S. 140]</a></span></p> + +<p>„Pst – warte nur noch einen Augenblick,“ beschwichtigte +ihn der Schotte, der zu begreifen begann, +was man von ihnen verlange, und ein heimliches Lachen +kaum unterdrücken konnte.</p> + +<p>„Damit das anders werde,“ fuhr Toanonga langsam +und bedächtig fort, „haben wir <span class="gesperrt">euch</span> ausersehen, +und eurem Schutz sollen diese Frauen übergeben werden.“</p> + +<p>Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte +sich einen Spaß mit ihnen machen; dazu aber sah er +doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte jetzt, immer +noch seinen Ohren nicht recht trauend –</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Wir?</span>“</p> + +<p>„Ja, <span class="gesperrt">Ihr</span>,“ erwiderte Toanonga, gravitätisch mit +dem Kopfe nickend. „<span class="gesperrt">Ihr</span> sollt sie <span class="gesperrt">heirathen</span>, +dann zieht ihr Jeder wieder in ein besonderes Haus, +und der ewige Scandal hört einmal auf. Es ziemt +sich auch nicht, daß die Frauen die Felder bestellen, +<i>gumala</i> und <i>ufi</i><a name="FNanchor_28_28" id="FNanchor_28_28"></a><a href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> darin zu ziehen. Das ist des +Mannes Sache, und ihr werdet das fortan übernehmen. +Du weißt jetzt unseren Willen und wirst +ihn deinen Freunden mittheilen. Hast du mich verstanden?“</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[S. 141]</a></span></p> +<p>„Gewiß,“ rief Mac Kringo rasch, und mußte an +sich halten, daß er nicht gerade hinaus lachte, denn +die Sache kam ihm doch zu komisch vor.</p> + +<p>„Was will er?“ fragte aber jetzt auch Spund, +der sich vor Neugierde kaum lassen konnte.</p> + +<p>„Nun, Messmates,“ redete da Mac Kringo die +Kameraden an, indem er sich gegen sie wandte und so +ernsthaft wie nur irgend möglich dabei auszusehen +versuchte, „jetzt <span class="gesperrt">ist</span> die Bombe endlich geplatzt, und +so viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehängt +werden wir <span class="gesperrt">nicht</span>.“</p> + +<p>„Aber was ist's? – was will das alte dicke +Rothfell? – wozu haben sie uns gekauft?“ fragten +die Übrigen durch einander.</p> + +<p>„Ja, es ist freilich was Erschreckliches,“ schmunzelte +Mac Kringo, indem er die ziemlich abgerissene +Schaar vor sich überblickte, „und wenn man euch hier +nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, +daß ihr recht dazu passen würdet.“</p> + +<p>„Na, zum Teufel, Lord Douglas,“ rief jetzt aber +auch Jonas, den bei der langen Vorbereitung schon +ganz unheimlich zu Muthe wurde – „so schieß einmal +los! Was sollen wir denn thun?“</p> + +<p>„Wir sollen <span class="gesperrt">heirathen</span>,“ antwortete Mac Kringo +mit einem so ernsthaften Gesicht, als ihm das irgend<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[S. 142]</a></span> +möglich war; die fünf Seelen brachen aber in ein +schallendes Gelächter aus, das, merkwürdiger Weise, +auch die als Zuschauer umherkauernden Indianer +anstecken mußte. Was sich wenigstens an jungen +Männern dort hinzugedrängt, stimmte plötzlich aus +vollem Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu +diesem Augenblicke noch so ernste Rathsversammlung +schien in diesem Ausbruch unerwarteter Fröhlichkeit +ihren ganzen Respect zu verlieren.</p> + +<p>Da hob Toanonga den Arm empor, und während +die Insulaner augenblicklich schwiegen, fühlten selbst +die Seeleute, daß sie den alten Häuptling, in dessen +Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht ärgerlich +machen durften.</p> + +<p>„Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt?“ +fragte der Alte – „und weshalb lachen sie?“</p> + +<p>„Sie freuen sich, daß du so gnädig mit ihnen verfahren +willst,“ erwiderte Mac Kringo, rasch gefaßt. +„Es gefällt ihnen hier auf der Insel, und sie wollen +gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich, daß +du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, +damit wir unsere Wahl treffen.“</p> + +<p>„Es ist gut – das hat noch Zeit,“ erwiderte der +Häuptling. „Vor allen Dingen möchte ich erfahren, +wer ihr eigentlich selber seid.“<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[S. 143]</a></span></p> + +<p>„<span class="gesperrt">Wir?</span>“ sagte Mac Kringo erstaunt – „nun, +Seeleute.“</p> + +<p>„Ja – das weiß ich,“ erwiderte Toanonga, +„denn ihr seid alle auf dem großen Canoe gekommen. +Aber ich weiß auch, daß ihr auf euren Canoes verschiedene +Beschäftigungen habt. Euer Capitain hat +mir erzählt, daß es Unterhäuptlinge darauf gibt, dann +aber auch Leute, die das Holz bearbeiten und Boote +machen, solche, die große Fässer arbeiten, solche, die +Eisen hämmern, solche, die mit Tauen und Segeln +umzugehen wissen, und so weiter; Was seid <span class="gesperrt">ihr</span> +also? Was bist <span class="gesperrt">du</span> gewesen?“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Ich?</span>“ erwiderte Mac Kringo, der recht gut +einsah, daß er sich hier in den Augen der Eingeborenen, +ohne daß seine Kameraden das Geringste davon zu erfahren +brauchten, einen höheren Rang und dadurch +mehr Ansehen geben konnte. „<span class="gesperrt">Ich</span> war ein Unterhäuptling.“</p> + +<p>„Das habe ich mir gedacht,“ sagte Toanonga, +„und die Anderen?“</p> + +<p>„Hm,“ brummte der Schotte, „das mögen sie dir +lieber selber sagen,“ und sich dann zu den Kameraden +wendend, übersetzte er ihnen rasch, daß der Alte ihren +Stand am Bord zu wissen wünsche.</p> + +<p>„Nun, ich bin Böttcher!“ rief Spund.<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[S. 144]</a></span></p> + +<p>„Allerdings,“ nickte Mac Kringo – „der hier, +Toanonga, ist der Mann, der die großen Fässer +macht.“</p> + +<p>„Gut – sehr gut!“ rief der Häuptling, „er mag +deren hier für uns machen, Cocosnußöl hinein zu +thun – und weiter?“</p> + +<p>„Du, Jonas<a name="cortex2-9" href="#corr2-9" class="corr">,</a> hast dem Zimmermann ja manchmal +geholfen,“ redete diesen der Schotte an. „Soll ich +dich als Zimmermann aufführen? die Rothhäute +haben nachher mehr Respect.“</p> + +<p>„Meinetwegen,“ antwortete Jonas, „viel zu zimmern +werde ich hier doch nicht bekommen.“</p> + +<p>„Und dies, Toanonga,“ sagte der Schotte, „ist der +Mann, der das Holz behaut.“</p> + +<p>„Sehr gut! Laß die Zwei bei Seite sitzen.“</p> + +<p>„Nun, Lemon,“ wandte sich der Schotte jetzt an +diesen, „soll ich dich als Schmied vorstellen?“</p> + +<p>„Schmied,“ brummte der Matrose, „ich habe in +meinem Leben keinen Hammer in der Hand gehabt.“</p> + +<p>„Was thut das,“ lachte Mac Kringo, „du wirst +auch hier weder Hammer noch Amboß finden, um +dadurch in Verlegenheit zu kommen.“</p> + +<p>„Dann meinetwegen,“ sagte Lemon, „so lange sie +kein Handwerkszeug haben, will ich wohl ihr Schmied +sein, wenn sie dann nur Frieden geben.“<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[S. 145]</a></span></p> + +<p>Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen +Eigenschaft bekannt gemacht, schien sich aber über eine +solche Entdeckung noch mehr zu freuen, als über die +anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von +seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch +in Zeiten, daß sich das nicht recht für ihn schicken +würde. Dem also entdeckten Schmiede winkte er +jedoch sehr gnädig mit der Hand und befahl ihm, als +besondere Auszeichnung, daß er an seine Seite käme.</p> + +<p>Lemon wußte nicht recht, was er aus der ganzen +Sache machen solle, und schnitt ein bitterböses Gesicht, +folgte aber nichts desto weniger dem Befehle.</p> + +<p>Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und +Pfeife wurde deshalb von dem Schotten als solcher +vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs für ein +selbst zu erwählendes Metier, und da die Leute gemerkt +hatten, daß ihnen das mehr Ansehen gab, +wollte natürlich Keiner mehr gemeiner Matrose sein.</p> + +<p>„Hol's der Henker,“ sagte Legs, „wenn ihr Alles +weggenommen habt, bleibt nichts weiter für mich +übrig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen +Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.“</p> + +<p>Das geschah; diese Entdeckung schien aber die +beabsichtigte Wirkung nicht hervorzubringen; denn +Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem halb<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[S. 146]</a></span> +mitleidigen, halb geringschätzigen Blicke an und +wiederholte mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte +Geschäft des Mannes:</p> + +<p>„<i>Tangata fe-umu, Tangata fe-umu</i>,“ wobei er +den dicken Kopf von einer Schulter auf die andere +warf.</p> + +<p>„Na? steht das dem Alten nicht an,“ fragte +Legs, etwas bestürzt über diese augenscheinlichen Beweise +des Mißfallens – „was schneidet er denn für +Gesichter?“</p> + +<p>„Laß nur gehen, Legs,“ beschwichtigte ihn aber der +Schotte, „ob es ihm recht ist oder nicht, bleibt sich +gleich. Er weiß nun alles, was er wissen will, und +jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgeführt +werden.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Ich</span> weiß, wen ich nehme,“ schmunzelte da Legs, +der an das wunderschöne Mädchen dachte, das er +draußen im Wasser gefunden. „Nachher kann ich's +hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn +wir nur Tabak hätten!“</p> + +<p>„Sprich mir nur nicht von Tabak,“ brummte +Spund, „ich bin froh, wenn ich ihn einmal einen +Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur +nennen höre, läuft mir das Wasser schon im Maul +zusammen.“<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[S. 147]</a></span></p> + +<p>„Hallo, da kommen die Frauen!“ rief Legs, der +indessen überall umher geschaut hatte, das Mädchen +von gestern unter der Schaar heraus zu finden, sie +aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, „na, nu +wird's losgehen.“</p> + + +<h4>6.</h4> + +<p>Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen +entstand in diesem Augenblicke eine auffallend lebhafte +Bewegung, und während bis dahin die Männer +hauptsächlich den innern Ring der Zuschauer gebildet +hatten, drängte sich jetzt der weibliche Theil der Bevölkerung +vor, um an der Verhandlung und ihrem +weiteren Verfolge vielleicht thätigen Antheil zu +nehmen.</p> + +<p>Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht +auf einen Befehl Toanonga's, der indessen seine Augen +aufmerksam im Kreise umhergehen ließ und die +ihm näher drängenden Frauen zu mustern schien. +War das wirklich der Fall gewesen, so kam er damit +bald zu einem Resultate; denn er sah nach wenigen +Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich +nieder, nur dann und wann nach den Egis hinüberhorchend, +die indessen eine desto lebhaftere Debatte +führten.<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[S. 148]</a></span></p> + +<p>Sie sprachen aber so rasch, daß Mac Kringo nur +einzelne Worte davon verstehen konnte. Der alte +How oder König schien jedoch mit allem, was sie sagten, +einverstanden; nur einmal protestirte er, und +die Sache mußte den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, +auf den er wiederholt deutete. Lemon merkte +ebenfalls etwas Ähnliches, und der mürrische Blick, +mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich +Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht +die geringste Notiz von ihm, und die übrigen Egis +schienen sich endlich seiner ausgesprochenen Meinung +zu fügen.</p> + +<p>„Ma Kino,“ sagte da plötzlich der Alte, indem +er sich an den Schotten wandte, „ich und die Egis +sind darüber einig geworden, wie sie euch versorgen +wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschluß +bekannt machen, welche Frauen euch zugetheilt werden +sollen.“</p> + +<p>„Zugetheilt?“ fragte der Schotte rasch, „das ist +in unserem Lande nicht Sitte und meine Kameraden +sind völlig damit einverstanden, daß wir uns lieber +die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.“</p> + +<p>„Das glaube ich euch recht gern,“ sagte der alte +Toanonga gutmüthig, während die zunächst sitzenden +Frauen unter einander kicherten und flüsterten.<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[S. 149]</a></span> +„Wenn aber hier überhaupt eine <span class="gesperrt">Wahl</span> Statt finden +sollte, so wären es unsere <span class="gesperrt">Frauen</span>, die dazu ein Recht +hätten. Von <span class="gesperrt">euch</span> kann gar keine Rede sein. Da die +Frauen aber in Geschäftssachen sehr kurzsichtig sind, +und die Männer für sie denken müssen, so haben die +Egis das übernommen, und du wirst jetzt hören, was +wir darüber beschlossen.“</p> + +<p>„Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden +sein,“ warf Mac Kringo ein.</p> + +<p>„Bah – ich habe dich für einen vernünftigen +Papalangi gehalten,“ sagte kopfschüttelnd der Alte. +„Was wollt ihr denn thun? – haben wir euch nicht +gekauft? – Könnten wir euch nicht die Schädel einschlagen, +wenn wir sonst Lust dazu hätten, und habt +ihr das etwa nicht auch verdient? – Wer kümmerte +sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlöchertes +Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen ließen, +dort nach Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, +he? also sprich nicht solch dummes Zeug und sei gescheidt. +Wenn <span class="gesperrt">ihr</span> etwas an der Sache ändern könntet, +so hätten wir euch um Rath gefragt. Da das +nicht der Fall war, so habt ihr für jetzt weiter nichts +zu thun als zu gehorchen.“</p> + +<p>Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, +gutmüthigen Freundlichkeit, aber doch auch mit so<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[S. 150]</a></span> +viel Entschiedenheit im Ton, daß Mac Kringo bald +merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen überhaupt +standen. Die Schaar der Insulaner war sich, +den unbewaffneten Weißen gegenüber, ihres Übergewichts +wohl bewußt, und an Widersetzlichkeit von ihrer +Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug +also, die nicht für den Augenblick zu reizen, die einmal die +Gewalt in Händen hatten, beschloß Mac Kringo, sich +vor der Hand allem zu fügen, was sie über ihn und +die Kameraden verhängen würden. Mit der Zeit +kam dann auch Rath, und sie fanden vielleicht Mittel +und Wege, sich einer ihnen lästig werdenden Gefangenschaft +zu entziehen.</p> + +<p>Toanonga kümmerte sich indessen wenig um das, +was sein Dolmetscher etwa denken oder beabsichtigen +mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis, der +vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, +und daß der durchgeführt werden mußte, verstand +sich von selbst.</p> + +<p>„Ma Kino,“ begann er deshalb nach kurzer +Pause, denn das Wort Mac Kringo konnte er nicht +gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden +Schotten fest und scharf ansah, „du bist, wie du sagst, +auf eurem großen Canoe ein Egi gewesen, und es ist +deshalb auch in der Ordnung, daß mit dir der Anfang<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[S. 151]</a></span> +gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der +Reihenfolge, die ihnen gebührt. Da du nun unsere +Sprache verstehst, gedenke ich dich in meiner Nähe zu +behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich würdig +machen wirst, und zu dem Zweck und um dich auch +zugleich recht wohnlich bei uns einzurichten, habe ich +dir eine passende Frau bestimmt, die du gut behandeln +und für die du sorgen wirst. Hast du mich +verstanden?“</p> + +<p>Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn +der Alte fing an, ihm in seiner Ruhe und Bestimmtheit +zu imponiren. Die Veränderung fiel ihm auch +auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, +als ihr Capitain noch mit seiner ganzen Schiffsmannschaft +hier lag. Damals war er ihnen weit +mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, +während er jetzt, von seinem ganzen Stamme +umgeben und den wenigen Weißen gegenüber, nicht +ernst und würdevoll genug aussehen konnte. Doch +das alles zuckte ihm nur in flüchtigen Gedanken durch +das Hirn, denn der gegenwärtige Moment war für +ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen +Beobachtungen aufzuhalten.</p> + +<p>Toanonga winkte nämlich einer Frau, die, nicht +mehr ganz jung, aber doch noch in den besten Jahren,<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[S. 152]</a></span> +den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe saß. Auf +das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern +vor gesehen haben mußte, richtete sich aber etwas auf +und sah Toanonga an. – Mac Kringo war für sie +gar nicht da.</p> + +<p>„Mefo Hupe,“ sagte Toanonga, die Frau anredend, +„du bekommst hier einen Versorger. Ma +Kino wird mit dir in deine Hütte ziehen und das Feld +für dich und deine Kinder bearbeiten.“</p> + +<p>„Deine Kinder?“ rief der Schotte erstaunt, während +die Frau wieder, als Zeichen des Gehorsams, +den Kopf senkte, „sind denn Kinder auch dabei?“</p> + +<p>„Allerdings,“ erwiderte freundlich der alte How, +„und um so viel besser für dich, denn du hast gleich +eine Familie, in der du zu Hause bist. Mefo Hupe +war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit +Namen, der in dem letzten Kampfe gegen die <a name="cortex2-10" href="#corr2-10" class="corr">Hapai-Leute</a> +getödtet wurde. Er hatte vorher sieben <a name="cortex2-11" href="#corr2-11" class="corr">Hapai-Krieger</a> +mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb +nicht verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. +Geh jetzt in deine Wohnung, Mefo Hupe, und +bereite dich zu der üblichen Feierlichkeit vor.“</p> + +<p>Die Frau stand auf und verließ, ohne auch nur +einen Blick auf ihren künftigen Gatten zu werfen, die +Versammlung, und Mac Kringo wußte wirklich kaum,<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[S. 153]</a></span> +ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob +die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren +brauchte er aber kaum zu zweifeln, denn Toanonga +sah gar nicht wie Spaßen aus. Wie er sich +aber noch überlegte, ob es nicht vielleicht schicklich +wäre, daß er wenigstens ein paar Worte mit seiner +künftigen Frau spräche, wandte sich der Alte schon +wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem +jetzt an die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen.</p> + +<p>Nun war dem How oder König dieser Insel +nichts erwünschter, als einen Schmied unter den +Papalangis gefunden zu haben; denn den großen +Nutzen, den ihnen eiserne Werkzeuge gewährten, hatte +er schon lange kennen gelernt. Diesen beschloß er deshalb +auch unter seine ganz besondere Protection zu +nehmen und für sich selber zu benutzen. Daß ein +Schmied auch Werkzeug haben muß, ehe er eine Arbeit +liefern kann, fiel ihm nicht ein. Der Fremde +war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache +abgethan.</p> + +<p>Für Lemon hatte er deshalb auch eine der jüngsten +zu vergebenden Frauen bestimmt, und Mac +Kringo mußte ihn mit dem seiner harrenden Glücke +bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht +wenig, als der Matrose, der die ganze Sache immer<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[S. 154]</a></span> +noch für einen schlechten Spaß hielt und mürrischer +als je war, ein Gesicht zu der Eröffnung schnitt, als +ob er den Dolmetscher hätte umbringen können.</p> + +<p>„Unsinn!“ knurrte er dabei, „laß dich doch nicht +von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord +<a name="cortex2-12" href="#corr2-12" class="corr">Douglas</a>!“</p> + +<p>„Aber er ist in vollem Ernst.“</p> + +<p>„Bah – Dummheiten – sag ihm nur, ich wollte +keine Frau haben. Erstlich möcht' ich überhaupt +nicht heirathen, und dann – hätte ich auch schon zwei +Frauen in England.“</p> + +<p>„Zwei?“ rief der Schotte überrascht.</p> + +<p>„Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben,“ +brummte der sauertöpfische Gesell – „ich habe mich +wenigstens nie darum bekümmert, und weiß jetzt nicht +einmal wo meine <span class="gesperrt">zweite</span> ist.“</p> + +<p>„Was sagt er,“ fragte Toanonga, der sich den +sichtbaren Unwillen des Fremden nicht erklären +konnte.</p> + +<p>„Hm,“ meinte Mac Kringo – „er – er sagt, er +hätte schon eine Frau, und nach unseren Gesetzen +dürfen wir nicht mehr nehmen.“</p> + +<p>„Oh – weiter nichts?“ lachte Toanonga gutmüthig, +„da sag' ihm nur, daß er sich deshalb keine +Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[S. 155]</a></span> +ich selber habe <span class="gesperrt">neun</span> Frauen. Doch das findet sich +alles; ich erlaube ihm, daß er die Frau nimmt, die +ich ihm gebe, und an das Andere hat er sich nicht zu +kehren. Außerdem wird er seine Hütte auf meinem +Grund und Boden haben und unter meinem ganz besonderen +Schutze stehen. Sag' ihm das!“</p> + +<p>Die zweite Frau stand auf ein Zeichen Toanonga's +ebenfalls auf und verließ den Kreis. Lemon aber, +den Mac Kringo den neuen und verschärften Befehl +übersetzt hatte, konnte von dem Schotten nur mit +Mühe beruhigt werden, daß er sich hier nicht gleich +vor der ganzen Versammlung widersetzte. Die ihm +bestimmte Frau hatte er nicht einmal angesehn.</p> + +<p>Toanonga aber nahm weiter keine Notiz von ihm, +da er noch die Verlobungen der vier anderen Weißen +zu beseitigen hatte. Mit diesen verfuhr er jedoch +ziemlich summarisch, wenigstens nahm er Jonas, +Pfeife und Spund zusammen, zeigte dabei auf drei +neben ihm sitzende Frauen, von denen zwei kleine Kinder +auf dem Schooß hatten, und ließ die drei Matrosen +durch Mac Kringo bedeuten, daß sie dieselben zu +Frauen bekommen sollten, wie sie gerade in der +Reihe säßen. Als Empfehlung wahrscheinlich bemerkte +er nur nebenbei, daß die eine vier, die andere +drei und die dritte fünf Kinder habe.<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[S. 156]</a></span></p> + +<p>Auf eine Antwort der betreffenden Personen wartete +er ebenfalls nicht. Kam es doch hier nur darauf +an, daß er eben seinen Willen kund that und die verschiedenen +Partieen gewisser Maßen einander vorstellte.</p> + +<p>Jetzt war nur noch Legs übrig, der bis dahin vergebens +gesucht hatte, Mac Kringo zu bewegen, ein gut +Wort für ihn in Betreff des Mädchens einzulegen, +das er mit vielem Vergnügen heirathen wolle. Mac +Kringo aber war bis dahin von Toanonga viel zu sehr +in Anspruch genommen worden, ihm willfahren zu +können und erst jetzt, da der alte Häuptling den +sechsten Mann fast vergessen zu haben schien, hielt +er es an der Zeit, die Aufmerksamkeit des Alten auf +ihn zu lenken.</p> + +<p>„Hier, How,“ sagte er dabei, „ist noch Einer, der +dir gern eine Bitte vortragen möchte.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Der?</span>“ sagte Toanonga, indem er einen fast +verächtlichen Blick nach der Stelle hinüber warf, wo +Legs saß, ohne diesen selbst anzusehen – „der ist gut +für nichts – das ist blos der Koch<a name="FNanchor_29_29" id="FNanchor_29_29"></a><a href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>.“</p> + +<p>„Der soll also gar keine Frau haben?“ fragte<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[S. 157]</a></span> +Mac Kringo, und bereuete schon, daß er sich nicht selber +als Koch anstatt als Egi angegeben hatte.</p> + +<p>„O ja,“ erwiderte aber Toanonga – „es waren +sieben Frauen da, für euch sechs. – Der Koch bekommt +die beiden letzten. Sind ein Bischen alt und +nicht gerade hübsch, haben aber zusammen sieben Kinder +– gut genug für den Koch. Die da drüben sind's.“</p> + +<p>Mac Kringo mußte an sich halten, daß er nicht +laut auf lachte. Legs gönnte er übrigens die beiden; +denn der kleine Bursche war, trotz seiner ansehnlichen +Statur, immer der gewesen, der sich schon an Bord +am unbändigsten gezeigt und nicht selten Streit angefangen +hatte. Unendlich komisch kam es ihm dabei +vor, sich den etwas krummbeinigen Kameraden als +doppelten Familienvater zu denken, und daß seine Ehe +interessant und keineswegs langweilig werden würde, +dafür bürgten die Gesichter der beiden Frauen. +Schienen sie doch selbst in diesem Augenblick schon +nicht übel Lust zu haben, einander in die Haare zu gerathen.</p> + +<p>„Nun, Lord Douglas, was sagt er?“ fragte Legs, +der sich schon so mit dem Gedanken vertraut gemacht +hatte, ein wackerer Bürger von Monui zu werden, +daß er die Zeit kaum erwarten konnte. „Soll ich +den kleinen Wildfang zur Frau haben? Hol's der<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[S. 158]</a></span> +Teufel, wir passen auch in der Figur zusammen und +müssen ein prächtiges Paar geben!“</p> + +<p>„Legs,“ erwiderte aber Mac Kringo, der sich nicht +enthalten konnte, bei dieser Bemerkung einen Blick +nach den gebogenen Extremitäten des Seemanns +hinunter zu werfen, „es thut mir leid, daß der Alte +deine Wünsche nicht berücksichtigen kann. Ob die +fragliche Schöne schon versprochen ist, oder ob er vielleicht +selber ein Auge auf sie geworfen hat und sie +zu seiner zehnten Frau machen will, weiß ich nicht. +Er wird dich aber, in Rücksicht deiner Verdienste, +entschädigen, und du sollst zwei andere dafür bekommen.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Zwei?</span>“ rief Legs erstaunt auffahrend.</p> + +<p>„Ja, mein Junge; die beiden Schönheiten da +drüben mit der braunen, etwas runzeligen Haut und +den Unmassen Blumen und bunten Lappen um sich +her gesteckt.“</p> + +<p>„Mach keinen dummen Spaß!“ rief Legs ärgerlich, +indem er einen halb zornigen, halb scheuen Blick +nach den beiden Unholdinnen hinüberwarf.</p> + +<p>„Na, wahrhaftig, mein Junge,“ sagte aber Mac +Kringo gutmüthig, „es ist dem Alten da drüben +grimmiger Ernst, und nach Tisch, so viel ich verstanden +habe, werden wir alle zusammengespließt<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[S. 159]</a></span> +werden. Von uns hat Jeder schon seinen Theil angewiesen +bekommen, wie du ja auch gehört hast, und +die Beiden sind mit sieben dazu gehörenden Kindern +für dich aufgehoben. Na, hoffentlich führt ihr eine +recht glückliche Ehe zusammen.“</p> + +<p>„Verdammt will ich sein,“ rief aber Legs, in +allem Eifer in die Höhe springend, „wenn ich mich +solcher Art zum Narren halten lasse. Sollte der +alte Holzkopf aber wirklich im Ernst meinen, daß ich +mich dazu hergäbe, ein Alt-Weiber-Spittel und eine +Klein-Kinder-Bewahr-Anstalt auf der Insel anzulegen, +so kannst du ihm nur sagen, Lord Douglas, +daß er sich da verwünscht in der Person geirrt hat. +Wenn er einen von uns dazu haben wolle, so konnte +er Spund nehmen, mich aber soll er ungeschoren lassen, +so viel weiß ich.“</p> + +<p>„Und was willst du machen?“</p> + +<p>„Was ich machen will? dem den Schädel einschlagen, +der mir irgendwie zu nahe kommt.“</p> + +<p>„Unsinn!“ sagte Mac Kringo ruhig, „du siehst, +daß wir Andern uns alle in das Unvermeidliche gefügt +haben, und du allein kannst nicht gegen die ganze +Insel anspringen. Bietet sich einmal eine günstige +Gelegenheit, dann kannst du dich darauf verlassen, +daß Keiner von uns säumen wird, sie zu benutzen, und<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[S. 160]</a></span> +je fester wir dann zusammen halten, desto besser. Bis +dahin aber bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns +denen zu fügen, die für den Augenblick das Heft in +Händen halten. Zeigst du dich ihnen widerspänstig, +so ist gar nicht abzusehen <span class="gesperrt">was</span> sie mit dir anfangen, +und wenn sie dich selbst todtschlügen, kann sie kein +Mensch daran verhindern und würde sich Niemand +später darum kümmern.“</p> + +<p>„Und die beiden Vogelscheuchen sollt' ich heirathen?“</p> + +<p>„Du kommst in eine ganz anständige Familie,“ +lachte Mac Kringo – „aber jetzt paß auf, der Alte +entläßt die Versammlung und wird noch Aufträge +für mich haben. Halt' dich indessen zu Spund und +den Anderen, damit ihr zusammen seid, wenn man +uns verlangt.“</p> + +<p>Toanonga winkte ihm auch wirklich in diesem +Augenblick, denn es galt nichts Geringeres, als die +nöthigen Vorbereitungen für die Trauungs-Ceremonie +der Fremden zu treffen, die auf den Inseln außerordentlich +streng genommen werden. Daß diese alle +heidnischer Art waren, versteht sich von selbst; den +Weißen konnten sie aber nicht erlassen werden, da +nur <span class="gesperrt">durch</span> dieselben ihre Ehen geheiligt und gesetzlich +wurden.<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[S. 161]</a></span></p> + + +<h4>7.</h4> + +<p>Die verschiedenen Bräute hatte man indessen +schon entfernt, um sie für die Feierlichkeit anzukleiden, +und Toanonga übergab jetzt die Fremden einer Anzahl +seiner jungen Leute, sie etwas anständig und passend +auszustatten.</p> + +<p>Ihre Kleider waren nämlich durch ihren letzten +Unglücksfall so arg mitgenommen worden, daß sie ihre +Blöße kaum mehr bedeckten; besonders hingen ihnen +die Hemden in Lumpen von den Schultern. Toanonga +ließ deshalb Jedem ein Stück Tapa<a name="FNanchor_30_30" id="FNanchor_30_30"></a><a href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a> reichen, und +die Insulaner wiesen sie dabei auf das freundlichste +an, wie sie sich mit Blumen und einigen anderen +Schlingpflanzen würdig schmücken konnten. Nur +Mac Kringo jedoch, der klug genug war, ihnen zu +Willen zu sein, und Spund, der dem Frieden noch +immer nicht traute und Alles geduldig mit sich geschehen +ließ, fügten sich dem Vorschlage. Die Übrigen +mit Lemon an der Spitze verweigerten jede solche +Aufmerksamkeit für ihre zukünftigen Frauen.</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[S. 162]</a></span></p> +<p>Von den Eingeborenen hatten sie aber in der +That nichts mehr zu befürchten, denn von dem Augenblick +an, wo Toanonga und das Gericht der Egis +ihre Aufnahme erklärt und dadurch geheiligt hatte, +betrachteten die Leute sie als Freunde und als ihres +Gleichen, und brachten ihnen jetzt sogar von verschiedenen +Seiten Lebensmittel herbei, damit sie sich +erholen und stärken konnten.</p> + +<p>Nach der einfachen Sitte dieser Stämme hatten +sie aber auch in der That weit mehr gethan, als irgend +ein civilisirtes Volk, sei es noch so fromm und +christlich, an ihrer Stelle gethan haben würde. Die +Leute, die ihnen, trotz aller empfangenen Wohlthaten +und trotz der früheren freundlichen Aufnahme, vorsätzlich +Böses zugefügt und im Begriff gewesen waren, +dem alten Häuptling der Insel sein liebstes +Kind zu stehlen, strafte man nicht allein nicht, als man sie +in Händen hatte, sondern man nahm sie sogar als +gleichberechtigt mit den übrigen Bewohnern des Landes +auf, gestattete ihnen den Besitz von Grund und +Boden, und ließ sie unmittelbar in die Familien des +Landes eintreten.</p> + +<p>Es ist wahr, der erste Antrag einzelner Häuptlinge +hatte dahin gelautet, kurzen Prozeß mit ihnen +zu machen und die Gefangenen das büßen zu lassen,<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[S. 163]</a></span> +was der Capitain oder Häuptling derselben verbrochen, +wie diese Stämme auch fast immer ihre Kriegsgefangenen +tödten. Toanonga aber, neben seiner angeborenen +und natürlichen Gutmüthigkeit, war klug genug +gewesen, auf einen Ausweg zu sinnen, durch den +er die Gefangenen und ihre Kräfte für die Insel verwerthen +konnte. Was hätte er oder einer der anderen +Insulaner davon gehabt, wenn man die Weißen vor +den Kopf schlug oder in die See warf? – gar nichts. +Die letzten Kriege hatten ihnen dagegen mehr waffenfähige +Männer gekostet, als die kleine Insel entbehren +konnte, und jetzt halfen sie sich mit den Fremden so +gut, wie sie eben konnten und so weit diese reichten.</p> + +<p>Mit dieser Aufnahme in ihren Staats- und +Familienkreis war aber auch jeder Haß, jedes Gefühl +der Rache oder Feindseligkeit gegen die Fremden aus +ihrem Herzen geschwunden. Es waren eben keine +Fremden mehr, denn sie gehörten von da an mit zu +Monui so gut wie einer der dort Geborenen.</p> + +<p>Ähnliches findet man fast unter allen wilden +Stämmen, die sehr häufig einzelne aus ihren Kriegsgefangenen, +während sie die übrigen mit durchdachter +Grausamkeit zu Tode martern, zurückbehalten und +mit der größten Herzlichkeit in ihre Familien als +Söhne aufnehmen.<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[S. 164]</a></span></p> + +<p>Anders betrachteten dieses allerdings die Matrosen, +die sich durch solche gezwungene Heirathen auf +das schlimmste mißhandelt glaubten. Legs verlangte +auch von den Übrigen, als die Eingeborenen ihre +Versammlung aufgehoben und die Papalangis sich +selber überlassen hatten, daß sie sich gemeinschaftlich +solchem Urtheilsspruch widersetzen sollten. Waffen +hätten sie dabei wohl auch bekommen können, sobald +sie nur in des alten Toanonga Hütte einbrachen. +In der ersten Überraschung wäre ihnen das jedenfalls +gelungen, und dort wurden, wie sie von früher wußten, +eine Anzahl von Beilen und Keulen aufbewahrt.</p> + +<p>Hiergegen, als ein ganz wahnsinniges Unternehmen, +das jedenfalls den Untergang Aller zur +Folge haben mußte, stimmte aber Mac Kringo, von +Spund und Jonas unterstützt, auf das entschiedenste, +und da Lemon und Pfeife ihren Zustand ebenfalls +noch nicht so unerträglich fanden, um gleich zu einem +so verzweifelten Mittel zu greifen, so wurde Legs vollständig +überstimmt.</p> + +<p>Die Ceremonie nahm indessen ihren Anfang und +wurde, trotzdem, daß man mit den Fremden nicht +eben viel Umstände nöthig glaubte, doch ziemlich +feierlich betrieben.</p> + +<p>Hier zeigte sich auch wieder die Gutmüthigkeit der<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[S. 165]</a></span> +Insulaner. Diese wußten natürlich, daß die Weißen +als Schiffbrüchige an ihre Insel gekommen waren +und gar nichts zum Leben Nöthiges gerettet hatten, +und brachten ihnen jetzt eine Menge Geschenke, um +sie zu ihrem neu zu errichtenden Haushalt auszustatten: +Tapa zum Kleiden und starke Matten zum +Schlafen, Fischer-Geräthschaften und sogar Waffen, +wie Keulen und Bogen und Pfeile, um bei einem +möglichen Angriff eines Feindes in die Reihen der +Krieger mit eintreten zu können.</p> + +<p>Als die Fremden nun mit allem ausgerüstet waren, +was sie zu ihrem anständigen Erscheinen unter +den Insulanern gebrauchten, denn um ihre Lebensbedürfnisse +durften sie keine Sorgen haben, versammelten +sich, wie es schien, fast alle Bewohner der Insel, +um an der Festlichkeit Theil zu nehmen. Die sieben +Bräute waren schon in das für die Trauung bestimmte +Haus abgeholt, und Toanonga, an der Spitze seiner +Egis, winkte die Fremden heran und überlieferte ihnen, +mit einigen mahnenden Worten, sich gut zu betragen +und ihrem neuen Vaterlande Ehre zu machen, +ihre künftigen Frauen, die sich dann aber augenblicklich +wieder in ihre verschiedenen Wohnungen zurückzogen. +Den Fremden dagegen wurde bedeutet, +zurückzubleiben, um an einem <i>Cava</i>-Fest – der<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[S. 166]</a></span> +Hauptsache bei der ganzen Feierlichkeit – Theil zu +nehmen.</p> + +<p>Diese <i>Cava</i><a name="FNanchor_31_31" id="FNanchor_31_31"></a><a href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>-Partie schien auch erst die vorhergegangene +einfache Formalität der Heirath zu bestätigen +und zu kräftigen; denn dadurch, daß die +Häuptlinge es der Mühe werth hielten, eine solche +anzuordnen und die Fremden daran Theil nehmen zu +lassen, heiligten sie den eben geschlossenen Bund, der +jetzt ohne Toanonga's Bewilligung nicht wieder gelöst +werden konnte.</p> + +<p>Einen schweren Stand hatten die Seeleute aber +erst noch bei dem <i>Cava</i>-Fest, denn die Bereitung dieses +Trankes kannte Keiner von ihnen, nicht einmal +Mac Kringo. Pfeife besonders, als er merkte, was +dort vorging, wurde steinübel, und Legs wollte schon +aufspringen und hinauslaufen. Der Schotte aber, +der sich leicht denken konnte, daß etwas Derartiges<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[S. 167]</a></span> +von den jetzt nur freundlich gesinnten Eingeborenen +als die größte Beleidigung angesehen werden würde, +bewog sie mit großer Mühe, sitzen zu bleiben und auch +dieses noch über sich ergehen zu lassen. Später konnten +sie ja solchen Einladungen schon weit eher ausweichen. +Spund stimmte ihm darin auch vollkommen +bei, und während die Anderen, als die Schale an sie +kam, nur so thaten, als ob sie schluckten, nahm er, +seinen Willen und Gehorsam zu zeigen, einen langen +und herzhaften Schluck.</p> + +<p>Das sollte er aber schwer büßen. Kaum hatte er +die Mischung hinunter, als sich ihm der Magen gewaltsam +umdrehte, und er mußte, unter dem Gelächter +der Eingeborenen, von seinen Kameraden hinausgeschafft +werden.</p> + +<p>Damit war indessen auch jedem Anspruch, den +die Egis noch an sie machen konnten, Genüge geleistet. +Während die Insulaner noch bei ihrer Cava-Partie +blieben, deren Freuden sie sich oft bis in später Nacht +hingeben, wurden die Seeleute, jetzt jeder Aufsicht und +Überwachung enthoben, von jungen Leuten in die +ihnen zugewiesenen Wohnungen abgeführt und durften +sich von dem Augenblick an als Bürger von Monui +betrachten.<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[S. 168]</a></span></p> + +<div class="footnotes"><h4>Fußnoten:</h4> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23_23" id="Footnote_23_23"></a><a href="#FNanchor_23_23"><span class="label">[23]</span></a> Wie: Pfui – schäme dich.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24_24" id="Footnote_24_24"></a><a href="#FNanchor_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Tuas werden die zur niedrigsten Classe gehörigen Bewohner +der Insel genannt. Überhaupt besteht auf den +Tonga-Inseln – wenn man es nicht gerade Kastengeist nennen +will – eine strenge Absonderung der verschiedenen +Gesellschaftsschichten, die kaum schroffer in dem alten durch +und durch civilisirten Europa sein kann. Mesalliancen +kommen äußerst selten vor, und bei jedem Festmahl wird die +Rangordnung durch besondere Ceremonienmeister unerbittlich +aufrecht erhalten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25_25" id="Footnote_25_25"></a><a href="#FNanchor_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Die Tonga-Inseln liegen, wie bekannt, innerhalb der +Wendekreise S. Br. Die größte Zeit im Jahre haben sie +also die Sonne um Mittag im <span class="gesperrt">Norden</span>, einen kleinen Theil +des Jahres aber, etwa um März, im <span class="gesperrt">Süden</span>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26_26" id="Footnote_26_26"></a><a href="#FNanchor_26_26"><span class="label">[26]</span></a> In der Nähe der Häuptlinge gilt es nicht für schicklich, +zu <span class="gesperrt">stehen</span>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27_27" id="Footnote_27_27"></a><a href="#FNanchor_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Hotuas sind die obersten Götter.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28_28" id="Footnote_28_28"></a><a href="#FNanchor_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Süße Kartoffeln und Yams.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29_29" id="Footnote_29_29"></a><a href="#FNanchor_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Auf den Tonga-Inseln ist der Koch der verachtetste +unter den verschiedenen Handwerkern.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30_30" id="Footnote_30_30"></a><a href="#FNanchor_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Tapa ist das aus der Rinde verschiedener Bäume ausgeschlagene +Zeug, das die Frauen auf allen Südsee-Inseln +selber verfertigen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31_31" id="Footnote_31_31"></a><a href="#FNanchor_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Die <i>Cava</i> ist die Wurzel einer pfefferartigen Pflanze +(auf den übrigen Inseln Ava genannt), aus der ein gährendes +und besonders bei festlichen Gelegenheiten benutztes Getränk +bereitet wird. Nur die Art der Zubereitung ist für den nicht +daran Gewöhnten widerlich und abschreckend, indem die +Wurzeln von den daran Theil nehmenden Eingeborenen <span class="gesperrt">gekaut</span> +und dann in eine Schüssel gelegt werden, wo man sie +nachher mit Wasser übergießt. Dieses Wasser, nachdem es +den Saft aus den Wurzeln gezogen hat, wird als eine Delicatesse +getrunken.</p></div> +</div> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h3><a name="der_schooner" id="der_schooner"></a>Der Schooner.</h3> + +<h4>1.</h4> + + +<p>Die Brotfrucht war zum zweiten Male gereift, +und die Bäume standen mit diesem wunderbaren Geschenk +beladen, das ein gütiger Himmel den glücklichen +Bewohnern jener Inseln gespendet. Überall auf +Monui herrschte Überfluß, und die leichtherzigen +Eingeborenen hätten jeden Tag als Fest feiern können. +Das rege, thätige Leben auf der Insel galt aber +einem andern Zweck, und nicht zu Lust und Frieden +sammelten sich die Männer in häufigen Berathungen +und suchten aus allen Ecken die fast vergessenen Waffen +wieder hervor.</p> + +<p>Was hilft den Menschen ein Paradies, wenn sie +darin nicht ihre Leidenschaft zähmen können! Was +hilft ihnen der Überfluß an allem zum Leben Nöthigen, +wenn sie sich mit dem, womit Gott sie in so +reichem Maaße überschüttet, nicht begnügen können +oder wollen! Die Südsee-Inseln sind uns darin ein +lebendiges Beispiel. Hier bringt die Natur alles hervor, +was der Mensch zum Leben braucht. Ohne Arbeit, +ohne Anstrengung, von einer wundervollen Scenerie +umgeben, in ihrem Familienleben glücklich, von +Krankheiten wenig heimgesucht, könnten diese Menschen<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[S. 169]</a></span> +ein wahrhaft glückliches Dasein führen – wenn +sie eben den Anderen das gönnten, was sie selber so +reichlich besitzen. Selbst in diesem reizenden Lande +schlummern aber die Leidenschaften nicht, und Herrschsucht, +Ehrgeiz und Aberglauben lassen sie das nicht +friedlich genießen, wonach sie in ihrer unmittelbaren +Umgebung nur die Hand auszustrecken brauchten, um +es zu erreichen.</p> + +<p>So hatten auch die Bewohner von Monui fast +zwei Jahre in Frieden mit den Nachbar-Inseln gelebt. +Kaum aber waren die Wunden der letzten Kämpfe +oberflächlich verharrscht, als sie des ruhigen Lebens +schon wieder überdrüssig wurden.</p> + +<p>Von Hapai aus war ihnen bis jetzt nämlich, +einem alten Abkommen nach, ein jährlicher, höchst unbedeutender +Tribut von Gnatu<a name="FNanchor_32_32" id="FNanchor_32_32"></a><a href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> und Cava-Wurzeln +bezahlt worden, und das Ganze mehr eine Form gewesen, +als daß sie je einen wirklichen Nutzen davon +gehabt. Diesen Tribut hatten die Hapai-Insulaner +in diesem Jahre nicht bezahlt, und auf eine Mahnung +deshalb die Bewohner von Monui wissen lassen, sie +hielten sich nicht mehr für daran gebunden. Das<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[S. 170]</a></span> +Ganze betraf auch in der That nur eine religiöse Ceremonie, +die auf Monui schon lange abgeschafft worden. +Wie das aber mit alten Verpflichtungen manchmal +so geht, waren diese Geschenke noch eine Zeit +lang beibehalten, bis es die Hapai-Leute selber müde +wurden.</p> + +<p>Monui allein hätte mit ihnen auch keinen Krieg +anfangen können, das wußten sie recht gut; jetzt aber, +da der tapfere <i>Tai manavachi</i> Toanonga's Schwiegersohn +geworden war, beschlossen die Egis oder +Häuptlinge, dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und +mit Speer und Keule das einzutreiben, zu dessen Besitz +sie sich berechtigt glaubten. Ihrer Meinung nach +war es ihnen zur Ehrensache geworden, die paar +Kleinigkeiten nicht aufzugeben; was kümmerte es sie, +daß sie um ein paar Stück Gnatu und einen Korb +voll Wurzeln den Frieden ihres Landes und ihr Familienglück +in die Schanze schlugen!</p> + +<p>Möglich ist dabei, daß sie durch die Verstärkung +der sechs Papalangis auf ihrer Insel noch mehr in +ihrem kriegerischen Entschluß bestärkt wurden. Von +einem Wallfischfänger, der vor einigen Monaten bei +ihnen angelegt, hatte Toanonga zugleich mit einigem +Handwerkszeug auch mehrere Musketen und Munition +dazu eingehandelt, und allerdings konnten ihm<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[S. 171]</a></span> +da die Weißen, die mit solchen Waffen ordentlich umzugehen +wußten, eine wichtige Hülfe leisten. Als jenes +Schiff anlegte, wußte der alte schlaue Häuptling, +außer dem Schotten, alle seine Gefangenen fern davon +zu halten. Er ließ auch gar kein Boot ans Ufer, +sondern trieb den Tauschhandel, nur von Mac Kringo +begleitet, durch seine Canoes.</p> + +<p>So wurden denn jetzt auf Monui die Kriegsrüstungen +mit möglichstem Eifer betrieben, und ein +Canoe war schon an <i>Tai manavachi</i> abgeschickt worden, +ihn zu einer bestimmten Zeit nach Hapai zu bestellen, +auf welche Insel sie ihre Angriffe vereint +machen wollten. Die sechs Europäer hatten indeß +ihre Wohnungen auf Monui so zerstreut angewiesen +bekommen, daß sie einander nur selten zu sehen bekamen. +Mac Kringo und Lemon behielt Toanonga jedoch, +wie schon früher erwähnt, in seiner Nähe. Mac +Kringo lebte überhaupt dabei am unabhängigsten, da +er sich wohlweislich für einen Egi seines Schiffes ausgegeben.</p> + +<p>In der That hätte er auch mit dem neulich dort +angelaufenen Wallfischfänger wieder in See gehen +können; denn so bald er es verlangt, würde ihn der +Capitain schwerlich ausgeliefert haben. Einesteils +mochte er aber die Kameraden nicht im Stich lassen,<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[S. 172]</a></span> +und anderntheils war ihm das bequeme, müßige Leben +am Lande noch viel zu neu, um es gleich wieder mit +der harten Arbeit am Bord eines Wallfischfängers zu +vertauschen. In den letzten Monaten aber, und besonders +seit er erfahren, daß sie sich alle mit an einem +Kriegszuge betheiligen sollten, bei dem sie nicht das +mindeste Interesse hatten und ihr Leben um nichts aufs +Spiel setzen mußten, fing er doch an, sich wieder hier +fort zu sehnen, und bereute schon, die letztgebotene +Gelegenheit nicht benutzt zu haben.</p> + +<p>Alle Matrosen machen es so, besonders die in der +Südsee kreuzenden. So lange sie an Bord sind, verwünschen +sie ihr Schicksal, fühlen eine ungeheure +Sehnsucht nach festem Lande und benutzen regelmäßig +die erste, beste Gelegenheit, zu desertiren. So wie sie +aber eine Weile auf dem festen Lande gelebt haben, +auf das sie sich vorher so sehr gewünscht, wird ihnen +die Sache langweilig, und sie ruhen nicht, bis sie +wieder das Deck eines Fahrzeuges unter den Füßen +fühlen.</p> + +<p>Mac Kringo besonders hatte sich in der letzten +Zeit viel mit allerlei Planen zu ihrer Flucht beschäftigt, +die aber jetzt viel schwieriger auszuführen +schienen, als je. Da die Insulaner nämlich einen +Überfall auf Hapai beabsichtigten, und die Drohung,<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[S. 173]</a></span> +den Tribut von dort gewaltsam einzufordern, schon +hinüber gesandt hatten, mußten sie auch von daher +ein Gleiches fürchten, und bewachten deshalb alle +Landungsplätze Tag und Nacht auf das Sorgfältigste. +Wie sollte da ein Canoe unbemerkt, unverfolgt entkommen?</p> + +<p>Der Schotte gab übrigens deshalb die Hoffnung +nicht auf, und war ziemlich fest entschlossen, die erste +passende Gelegenheit zu benutzen. So schlenderte er +eines Tages durch die Berge der nicht sehr großen +aber wunderschönen Insel, und zwar in der Absicht, +den höchsten Gipfel ihrer Anhöhen zu besteigen und +von dort aus zu schauen, ob er nicht in irgend einer +Richtung hin eine andere Insel erkennen könne. Gelang +es ihnen nur, auf eine solche zu entkommen, wo +sie nicht mehr als gekaufte Gefangene betrachtet wurden, +so durften sie von dort auch weit eher hoffen, +entweder von einem Schiff erlöst zu werden oder +vielleicht in einem Canoe Neuseeland oder Australien +zu erreichen.</p> + +<p>Der Schotte konnte seinen Weg ziemlich ungehindert +verfolgen, denn Monui war noch nicht so durch +die aus Brasilien nach diesen Inseln gebrachten +Guiaven-Büsche überwuchert worden, wie es einige +der Gesellschafts-Inseln sind. Die schlanken Palmen<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[S. 174]</a></span> +und andere hochstämmige Waldbäume hielten hier +das kleine Holz noch ziemlich unter, und die Wälder +in der Nähe des Strandes waren verhältnißmäßig +licht. Erst auf den Höhen wurden die Büsche dichter, +und als Mac Kringo einmal die verschiedenen Anpflanzungen +von süßen Kartoffeln und Yams im +Rücken hatte, mußte er sich schon sorgfältiger seinen +Weg suchen.</p> + +<p>Da hörte er plötzlich, in nicht gar weiter Entfernung +von sich, die regelmäßigen Schläge eines Beils, +denen er eine Weile horchte, denn er hatte keine besondere +Lust, hier mit einem Eingeborenen zusammen +zu treffen. Das anhaltende Arbeiten des Holzhackenden +überzeugte ihn aber bald, daß das kein Indianer sei, +und ziemlich erfreut, einen seiner Kameraden da zu +finden, drängte er sich rasch durch das Gebüsch der +Richtung zu, von der das Geräusch herüber tönte.</p> + +<p>Er hatte sich auch nicht geirrt; denn vorsichtig +aus einem kleinen Dickicht herausschauend, erkannte +er bald seinen früheren Kameraden Jonas, und zwar +emsig beschäftigt, einen starken, hochstämmigen Baum +zu fällen.</p> + +<p>„Hallo! Jonas!“ rief er ihn endlich an, nachdem +er dem Eifrigen eine kleine Weile zugeschaut, „du arbeitest +ja, als wenn du die Geschichte im Accord hättest.“<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[S. 175]</a></span></p> + +<p>„Lord Douglas! so wahr ich lebe!“ rief der +Matrose erfreut, indem er seinen alten Kameraden +erkannte. „Wo kommst du her, mein Bursche? Es ist +eine halbe Ewigkeit, daß wir einander nicht gesehen +haben, und es thut dem Auge ordentlich wohl, eine +weiße Haut unter diesen Rothfellen zu treffen. Jetzt +kann man doch wieder einmal ein vernünftiges Wort +Englisch sprechen, denn die Zunge habe ich mir schon +fast mit dem Radebrechen ihrer vermaledeiten +Sprache abgedreht.“</p> + +<p>„Aber du siehst gut aus!“ rief ihm der Schotte +entgegen. „Das Leben als glücklicher Familienvater +scheint dir vortrefflich zu bekommen! Wie befinden sich +die jungen Jonasse?“</p> + +<p>Der Matrose antwortete mit einem lästerlichen +Fluche.</p> + +<p>„Da kannst du auch noch lachen?“ setzte er dann +hinzu, „aber es ist wahrhaftig ein Scandal, einem +ehrlichen Christenmenschen eine solche dunkelbraune +Ehehälfte und ein Nest voll junger Heiden aufzuhängen. +Verdammt will ich sein, wenn ich das diesem +alten, wackeligen Toanonga nicht gedenke.“</p> + +<p>„Hast du nichts von Legs gehört?“ fragte der +Schotte.</p> + +<p>Jonas lachte.<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[S. 176]</a></span></p> + +<p>„Das ist das Einzige, was mich noch tröstet,“ +schmunzelte er mit einem breiten Grinsen über das +Gesicht: „der großmäulige kleine Bursche ist noch +schlimmer <a name="cortex3-3" href="#corr3-3" class="corr">angekommen als</a> wir.“</p> + +<p>„Und wie verträgt er sich mit seinen Frauen? Er +muß ja doch in deiner Nähe wohnen?“</p> + +<p>„Ja wohl, unsere beiden Häuser stehen kaum +fünfhundert Schritt aus einander,“ lachte Jonas, +„und ich habe in der ersten Zeit immer ganz genau +hören können, wenn er sich mit seiner Familie +unterhielt.“</p> + +<p>„Und jetzt nicht mehr?“</p> + +<p>„Jetzt haben sie ihn unter. Die ersten Wochen +prügelte er seine Frauen abwechselnd, und, wie ich +glaube, nach jeder Mahlzeit, wahrscheinlich um sich +etwas Bewegung zu machen. Das bekamen sie aber +bald satt, und nahmen sich Hülfstruppen ins Haus. +Ein ganzer Schwarm Vettern und Basen, und was +weiß ich, wer sonst noch! quartierte sich bei ihm ein +und zehrte von ihm, und als er die eines schönen +Morgens hinauswerfen wollte, fielen sie über ihn her +und prügelten ihn, von den beiden Frauen redlich +dabei unterstützt, windelweich. Ich hörte den Lärm +und lief hinüber; da man sich aber nicht in fremde +Familienstreitigkeiten mischen soll, störte ich sie auch<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[S. 177]</a></span> +nicht in ihrem Vergnügen und ging wieder zu Hause. +– Was macht denn Lemon?“</p> + +<p>„Lemon,“ sagte der Schotte, „kommt aus dem +grimmigsten Ärger gar nicht heraus, aber nur deshalb, +weil es ihm so gut geht, und er gar nicht weiß, +worüber er vernünftiger Weise schimpfen <span class="gesperrt">könnte</span>. +Er hat mir noch heute Morgens versichert: er wollte +lieber auf dem schmierigsten Wallfischfänger Tag und +Nacht Thran auskochen, ehe er noch acht Tage auf +der Insel bliebe.“</p> + +<p>„Und wenn wir heute wieder an Bord säßen, +wäre er der Erste, der sich fortwünschte. Weißt du +nichts von Pfeife?“</p> + +<p>„Keine Silbe. Seit sechs Monaten, glaube ich, +habe ich den mit keinem Auge gesehen.“</p> + +<p>„Und wo steckt Spund?“</p> + +<p>„Spund wohnt auch eine Strecke von uns entfernt, +kommt aber doch manchmal hinauf, da er für +den Alten zu arbeiten hat. Er beschäftigt sich übrigens +jetzt eifrig mit der Bekehrung seiner Familie, die +er absolut zu Christen machen will, und behauptet: +der liebe Gott hätte ihn nur zu dem Zweck auf die +Insel gesetzt, den Heiden das Evangelium zu bringen. +Auch mit dem alten Toanonga hat er schon ein paar +Versuche gemacht, der ist aber so zäh wie Leder und<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[S. 178]</a></span> +läßt sich auf nichts ein. Wie das Schiff neulich da +war, ruhte Spund sogar nicht eher, als bis ich ihm +eine Bibel von Bord mitbrachte.“</p> + +<p>„Ein Schiff war da?“ rief Jonas erstaunt, „und +davon haben wir kein Wort erfahren?“</p> + +<p>„Ja, der Alte hat sich wohl gehütet, daß Ihr's +gewahr wurdet!“ lachte der Schotte. „Die Boote +durften nicht einmal an's Land, womit der Capitain +auch vollkommen einverstanden schien; denn er fürchtete +wahrscheinlich, daß ihm welche von seinen Leuten +durchbrennen würden. Lemon ist übrigens mit dem +Schiff der schlimmste Streich passirt, denn er hat +Schmiedewerkzeug gekriegt, und soll nun arbeiten und +kann nicht. Das Einzige, was er mit Mühe und +Noth fertig bringt, sind Pfeilspitzen, die er gar kläglich +aus Nägeln zurecht hämmert.“</p> + +<p>„Hör' einmal, Lord Douglas,“ sagte er da, nachdem +er eine Weile stillschweigend vor sich hingesehen, +„ich glaube doch beinahe, daß wir damals mit dem +– mit dem Feuer, du weißt schon – einen dummen +Streich gemacht!“</p> + +<p>„Je weniger wir dann davon reden, desto besser +ist's,“ meinte der Schotte, „denn geschehene Dinge +sind nun einmal nicht zu ändern. Was hatten wir +denn auf dem blutigen Blubberkasten, daß wir nicht,<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[S. 179]</a></span> +wenn wir's hier einmal satt bekommen, auf jedem +anderen Schiffe eben so gut wiederfinden?“</p> + +<p>„Das ist schon wahr, und wenn wir's hätten +haben können, wie wir's uns im Anfang gedacht, wär' +ich der Letzte, der die Veränderung bereute; aber gleich +als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt +zu werden, das heißt die Häuslichkeit doch ein +Bißchen übertreiben. Wer steht uns außerdem dafür, +daß wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb +Dutzend Ehemänner wegsterben, vielleicht noch Jeder +ein oder zwei Frauen zugelegt bekommen, und dann +sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! – Hast du denn +schon von dem neuen Kriegszug gehört?“</p> + +<p>„Gewiß; sie rüsten schon mit aller Macht, und die +Geschichte wird nächstens losgehen.“</p> + +<p>„Na, ja,“ sagte Jonas, „und wir sollen auch +dabei sein und unsere Haut zu Markte tragen; das ist +aber gegen den Contrakt, und ich müßte mich sehr +irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank +würde.“</p> + +<p>„Hallo! ein Segel!“ rief da Mac Kringo plötzlich, +der, während Jonas sprach, durch die Büsche hin auf +das Meer hinausgesehen hatte. „Das Weiße dort +drüben <span class="gesperrt">muß</span> ein Segel sein!“</p> + +<p>„Gewiß ist das ein Segel!“ bestätigte Jonas,<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[S. 180]</a></span> +nachdem er eine Weile – seine Augen mit der Hand +gegen die Sonne schützend – nach der angedeuteten +Richtung hinausgeschaut hatte.</p> + +<p>„Das muß aber noch weit sein, denn es kommt +mir so klein vor. Kannst du ausmachen, nach welcher +Richtung es steht?“</p> + +<p>„Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn +wenn es hier vorbeigesegelt wäre, hätten wir es schon +früher sehen müssen. – Das kann auch kein Wallfischfänger +sein, man kann ja den ganzen Rumpf +erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.“</p> + +<p>„Am Ende ist das einer der kleinen Schooner,“ +sagte der Schotte, „die zwischen den Inseln herumkreuzen +und Cocosöl und Perlmutterschalen eintauschen. +Das wäre am Ende eine Gelegenheit, von +hier fortzukommen.“</p> + +<p>„Aber wer weiß, wie wir es nachher finden?“ +meinte Jonas, „und solche kleine Fahrzeuge haben +auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man wüßte, +daß man damit nach Australien könnte! Dort soll ein +tüchtiger Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher +Mann werden.“</p> + +<p>„Auf einen Wallfischfänger gehe ich nicht wieder, +so viel weiß ich,“ sagte der Schotte; „hol' der Teufel +das Hundeleben, die Pferdearbeit, und die Capitaine,<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[S. 181]</a></span> +die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen armen +Teufel von Matrosen nur genug quälen und schinden +sollen!“</p> + +<p>„Wahrhaftig, das Schiff hält gerade auf uns zu!“ +rief jetzt Jonas, der indessen keinen Blick von dem +fernen Segel verwandt hatte. „Hinunter möchte ich doch +jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land schickte.“</p> + +<p>„Hör einmal, Jonas, ich will dir was sagen,“ +meinte der Schotte, nachdem beide eine Weile schweigend +das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten. +„Wozu ich selber Lust habe, weiß ich in dem Augenblicke +selbst noch nicht, und um zu einem Entschluß zu +kommen, muß man natürlich doch erst wissen, was +das für ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls +wollen wir aber unten in der Nähe sein, wenn +es wirklich landet oder wenigstens ein Boot herüberschickt; +denn in die Corallenriffe wird es sich keinesfalls +hereingetrauen. Wann glaubst du, daß es heran +sein kann?“</p> + +<p>„Heute Abend kaum mehr,“ sagte Jonas, „der +Wind ist fast ganz eingeschlafen, und es kann nur +langsam vorwärtsrücken. Hat es übrigens Lust, +Monui anzulaufen, so können wir uns fest darauf +verlassen, daß es morgen früh mit Tagesanbruch vor +den Riffen liegt.“<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[S. 182]</a></span></p> + +<p>„Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, +unten bei Toanonga; eine Ausrede wirst du +schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am +Ende besser, daß wir so viel als möglich von uns beisammen +sind.“</p> + +<p>„Wenn wir nur wüßten, wo Pfeife steckt!“</p> + +<p>„Den hat der Alte jedenfalls in die Nähe der +Canoes gesetzt,“ sagte Mac Kringo, „das Segelwerk +derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird +dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund +sehe ich aber jedenfalls heute Abend, denn Toanonga +hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu besprechen.“</p> + +<p>„Verstehen sie denn einander?“</p> + +<p>„Vortrefflich! Spund, in der festen Überzeugung, +daß er die Leute hier bekehren muß, hat das Unglaubliche +geleistet und spricht die Sprache schon fast so gut +wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er +ihn nie zufrieden läßt.“</p> + +<p>„Seit wann ist denn da die Frömmigkeit bei ihm +zum Durchbruch gekommen?“</p> + +<p>„Ach, du weißt ja,“ lachte der Schotte, „daß er uns +schon immer am Bord Predigten gehalten hat; es ist +einmal seine schwache Seite. Aber ich will machen, +daß ich wieder hinunter komme, denn er möchte früher +dort sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.“<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[S. 183]</a></span></p> + +<p>„Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort +alle zusammentreffen?“ fragte Jonas.</p> + +<p>„Hm!“ meinte der Schotte, „besser ist es freilich, +wir lassen uns nicht gleich alle zusammen sehen, wenn +wir nur in der Nähe sind. Legs mag deshalb auf die +Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche +gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife +schicken, wenn er ihn auftreiben kann. Wir Übrigen +müssen dann sehen, wie wir uns am besten in der +Nähe halten. Wirst du übrigens fortgeschickt, so +widersprich nicht, sondern geh' in den Wald hinein, +als ob du nach Hause wolltest, und sieh dann zu, daß +du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze +kommst.“</p> + +<p>„Und sollen wir Waffen mitbringen?“</p> + +<p>„Wenn es <span class="gesperrt">heimlich</span> geschehen kann, ja! Man +weiß nie, was vorfällt; die Eingeborenen gehen ja +auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je weniger +ihr euch damit sehen laßt, desto besser ist es.“</p> + +<p>„Gut, das wäre also abgemacht. Auf Wiedersehen +morgen! Hol's der Teufel! es ist doch endlich +einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt +langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, +jedenfalls können wir doch von dem Schiff etwas +Tabak bekommen, und ich kann dir versichern, ich<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[S. 184]</a></span> +habe einen ordentlichen Heißhunger darauf. Donnerwetter, +da fällt mir ein! hast du denn neulich von +dem Wallfischfänger keinen mitgebracht?“</p> + +<p>„Ein verwünscht kleines Stückchen,“ sagte zögernd +der Schotte. „Die Leute waren schon drei Jahre aus, +und der Capitain hielt sie furchtbar knapp mit Tabak.“</p> + +<p>„Hast du welchen bei dir?“ fragte Jonas gierig.</p> + +<p>„Hm, ich weiß selber nicht einmal – einen Mund +voll höchstens.“</p> + +<p>„Junge, Junge! und da läßt du mich hier die +ganze Zeit mit trockenem Maule stehen! Du wirst +doch wahrhaftig mit mir theilen?“</p> + +<p>Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen +Taschen, endlich brachte er ein kleines Stückchen +heraus, daß er indessen mühsam von einem größern +<span class="gesperrt">in</span> der Tasche abgedreht.</p> + +<p>„Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein +Bissen, aber schneide dir die Hälfte herunter, daß du +wenigstens einmal wieder den Geschmack davon bekommst.“</p> + +<p>„Hurrah! Tabak!“ schrie Jonas, der das Stück +schon vorher mit den Blicken verschlang. „Junge, +wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog eintauschen +könnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, +wie das hier auf der Insel, wünschen. Na, vielleicht<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[S. 185]</a></span> +bekommen wir morgen einen ordentlichen Vorrath. +So viel weiß ich, ich packe meiner Frau ganze Toilette +morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend +etwas bei der Hand zu haben. Und nun <i>good-bye</i>! +mit Tagesanbruch morgen früh bin ich unten bei +Toanonga's Haus.“</p> + +<p>Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gruß +zu und verschwand bald in den Büschen. Mac Kringo +verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle, sich über +die Richtung des Segels größere Gewißheit zu verschaffen. +Es blieb aber bald keinem Zweifel mehr +unterworfen, daß es wirklich näher kam. Mit <span class="gesperrt">dem</span> +Winde hätte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln +können, und darüber beruhigt, stieg er den Weg zurück +ins Thal, den er vorher herauf gekommen.</p> + + +<h4>2.</h4> + +<p>Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen herrschte +an der Landung von Monui ein außerordentlich reges +Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten +die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende +Segel erkannt, und Früchte und Gemüse wurden gepflückt +und ausgegraben und alle möglichen anderen +Gegenstände hervorgesucht, um, sobald das fremde +Fahrzeug herankäme, einen lebhaften Tauschhandel mit<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[S. 186]</a></span> +ihm zu eröffnen. War doch schon vieles, was ihnen +die weißen Männer bringen konnten, auf der sonst so +einfachen Insel zum Bedürfniß geworden, während +sie jetzt bei dem bevorstehenden Krieg auch noch hofften, +mehr Feuerwaffen und Munition und damit den +gewissen Sieg über die feindlichen Stämme zu erlangen.</p> + +<p>Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen +Abend getroffen und ihm seinen Plan mitgetheilt. Zu +seinem Erstaunen schien der würdige Bursche aber +nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. +Seit er nämlich die Bibel erhalten und fleißig darin +gelesen hatte, war das, was bei ihm früher nur eine +Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen +Idee geworden, daß er nämlich berufen sei, diese +Heiden zu Christen zu machen.</p> + +<p>Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche +Idee auszureden und ihm begreiflich zu machen, daß +er ganz gewiß ein tüchtiger Matrose und Böttcher +sei, höchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmäßigen +Prediger abgeben würde. Spund ließ sich +nicht irre machen; entgegnete, daß Petrus auch nur +ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein +Böttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. +Dabei war er fest überzeugt, daß ihr Schiff,<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[S. 187]</a></span> +die „<i>Lucy Walker</i>,“ nur seinetwegen verbrannt sei, +um ihn hier, an dieser für ihn bestimmten Stelle festzuhalten, +und die Übrigen – Mac Kringo wie die +anderen Kameraden – konnten Gott danken, daß sie +mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst wären +sie auch zu Grunde gegangen.</p> + +<p>Über den Brand des Fahrzeuges hätte ihm nun +allerdings der Schotte einen besseren Aufschluß geben +können, und schien einmal nicht übel Lust dazu zu +haben, überlegte sich aber doch die Sache anders und +schwieg. Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, +den Kameraden von dem einmal gefaßten Vorsatz +abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren +Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderniß +in den Weg zu legen, ja, sie eher nach besten +Kräften zu fördern. Und das geschah noch in seinem +eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der +Kameraden hielt er außerordentlich wenig und fürchtete +eher, in seinen neuen und frommen Planen durch +die Anderen gestört und verspottet zu werden. Je +früher sie also die Insel verließen und ihm das Feld +räumten, desto eher durfte er hoffen, ein Resultat zu +erreichen.</p> + +<p>Das Fahrzeug war indessen mit der frischen +Morgenbrise rasch näher gekommen, und es ließ sich<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[S. 188]</a></span> +jetzt deutlich erkennen, daß es keineswegs ein großer +Wallfischfänger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern +Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner +Schooner von vielleicht hundert oder hundertzwanzig +Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner auch +ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde +Fahrzeug anlaufen wollten, und Mac Kringo überlegte +sich schon dabei, ob es in dem Falle nicht möglich +sein würde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu nehmen +und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da +änderten die Indianer plötzlich ihren Plan. So wie +das Fahrzeug nahe genug kam, die Stärke desselben +deutlich erkennen zu können, hatte Toanonga seine +Egis zu einer raschen Berathung zusammenberufen. +Die Unterredung mußte auch sehr wichtig sein, denn +sie besprachen sich lange und heimlich mit einander, +und als sich ihnen der Schotte nähern wollte, wurde +er zurückgewiesen.</p> + +<p>Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer +etwas im Schilde führten; aber was konnten sie beabsichtigen? +einen offenen Angriff? Ihre Canoes lagen +sämmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Büsche +geschützten Bai, um aber mit ihnen hinaus +in See zu kommen, mußten sie über das offene, wohl +eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das zwischen<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[S. 189]</a></span> +den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein +einziger schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe +und die darüber stürzende Brandung ins Freie. Das +fremde Fahrzeug hätte also in einem solchen Falle +entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen +Angriff zu rüsten oder demselben auch, mit der jetzt +frisch wehenden Brise, leicht entgehen können.</p> + +<p>Das schien aber auch nicht in der Absicht der +Eingeborenen zu liegen, denn ihre Canoes wurden +nicht gerüstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines ruderte, +von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der +Einfahrt zu.</p> + +<p>Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo +als Dolmetscher der Insel betrachtet, und daß Toanonga +diesmal seine Hülfe nicht in Anspruch nehmen +wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er +dadurch einen Vorwand, den alten Häuptling nach +der Ursache zu fragen, und ging deshalb langsam auf +ihn zu. Hatte er ein Geheimniß, so wollte er es bald +aus ihm heraus bekommen.</p> + +<p>Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen +Verabredung gemäß, richtig eingetroffen, von dem +Alten aber augenblicklich wieder fortgeschickt worden +und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge und +ziemlich in der Nähe. Nur von Pfeife hatte der<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[S. 190]</a></span> +Schotte nichts erfahren können. Spund wußte seiner +Aussage nach allerdings die Stelle, wo seine Wohnung +stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit +keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, daß +er einige Mal längere Unterredungen mit Toanonga +selber gehabt.</p> + +<p>Der alte Häuptling saß wie gewöhnlich vor seiner +Hütte und nickte dem Schotten, als er ihn kommen +sah, freundlich und herablassend zu.</p> + +<p>„Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, +Toanonga?“ fragte ihn dieser, als er, neben <a name="cortex3-1" href="#corr3-1" class="corr">ihm</a> angekommen, +sich bei ihm niedergelassen hatte. „Brauchst +du keinen Tabak und keine Beile mehr?“</p> + +<p>„Je nun, Ma Kino,“ schmunzelte der Alte, „können +immer Alles gebrauchen. – Wenn Papalangis +aber mit Toanonga handeln wollen, mögen sie selber +herüberkommen.“</p> + +<p>„Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinübergefahren.“</p> + +<p>„Ja,“ sagte der Alte gleichgültig, „habe es auch +gesehen; sind neugierige junge Leute, die vielleicht +einmal zuschauen wollen, was die Papalangis an +Bord haben.“</p> + +<p>Mac Kringo wußte recht gut, daß sich der Alte +nur so stellte, als ob jenes Canoe aus freien Stücken<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[S. 191]</a></span> +dort hinüber gefahren sei. Ohne seine Erlaubniß +durfte nämlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser +verlassen, mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. +Er ließ sich jedoch nichts merken und antwortete nur +ruhig:</p> + +<p>„Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis +zu ihnen sagen.“</p> + +<p>„Bah!“ lachte der Alte, „ist auch nicht nöthig! +was werden die Papalangis viel sagen? Aber weißt +du, Ma Kino, was das für ein Schiff ist? doch keines, +das herumfährt, Wallfische zu fangen?“</p> + +<p>„Ich glaube kaum,“ sagte der Schotte, „und denke +eher, daß es zu euch kommt Cocosnußöl einzutauschen.“</p> + +<p>„Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie +wohl Kanonen an Bord haben?“</p> + +<p>„Jedenfalls,“ meinte Mac Kringo, der dadurch +alle etwaigen Gelüste des Häuptlings auf das Schiff +abzuwenden suchte. „Bewaffnet sind derartige Schiffe +immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder +Feinde auf den Inseln finden.“</p> + +<p>Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah +eine Weile nachdenkend vor sich nieder; endlich <a name="cortex3-5" href="#corr3-5" class="corr">sagte</a> er:</p> + +<p>„Wär' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen +hätten; was meinst du, Ma Kino? könnten +nach Hapai hinüberfahren und die ganze Insel wegnehmen.<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[S. 192]</a></span> +Bum – bum! wie die Hapai-Burschen +laufen würden, wenn Toanonga mit solchen großen +Dingern zu ihnen käme!“</p> + +<p>„Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre +Kanonen,“ meinte der Schotte, „sie brauchen sie immer +selber und können hier keine anderen dafür wieder bekommen.“</p> + +<p>„Wär' auch gar nicht nöthig,“ sagte Toanonga +finster, „brauchen hier nicht herzukommen und +Tonga-Leute todt zu schießen – Tonga-Leute gehen +auch nicht zu den Papalangis und fangen dort +Krieg an.“</p> + +<p>Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo +schwieg ebenfalls, da er nicht recht wußte, was er +ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte er aber, +daß der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur +nicht recht mit der Sprache herauswollte.</p> + +<p>„Sag einmal, Ma Kino,“ fuhr da endlich Toanonga +fort, „gefällt es dir auf Monui?“</p> + +<p>„Mir? gewiß!“ erwiderte durch die Frage etwas +überrascht der Schotte, denn bis jetzt hatte sich der +alte Häuptling entsetzlich wenig darum gekümmert, +ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht.</p> + +<p>„Und möchtest du wieder hinaus und Wallfische +fangen?“<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[S. 193]</a></span></p> + +<p>„Ich danke schön, wenn es nicht sein <span class="gesperrt">muß</span>, gewiß +nicht!“ lachte der Matrose.</p> + +<p>Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn +er nickte leise vor sich hin.</p> + +<p>„Gut,“ sagte er dann, „und wenn wir jetzt so ein +paar Kanonen und solch ein großes Schiff hätten, +dann könnten wir's bald noch besser bekommen. Wenn +Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute +macht, kann er sich Frauen nehmen, so viel er will, +die Mädchen von Hapai sind jung und schön.“</p> + +<p>„Wo, zum Henker! will der Alte hinaus?“ dachte +der Schotte. „Hat er doch am Ende Absichten auf +das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus dem +Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, +denn was <span class="gesperrt">du</span> wegschenkst, ist auch gewöhnlich nicht +werth, daß man es aufhebt.“</p> + +<p>„Pfeife ist ein guter Bursche,“ sprang da plötzlich +Toanonga auf ein anderes Thema über, „und Spund +sehr gut, nur ein Bißchen dumm, Jonas nicht viel +werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter +Kerl – werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er +mit denen nicht Frieden hält.“</p> + +<p>Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke +daran, was ihm Jonas gestern Abends erzählt<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[S. 194]</a></span> +und welche schwere Zeit der arme Legs schon jetzt mit +seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch +zu günstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, +und er fragte deshalb den Alten, wo er stecke und was +er treibe.</p> + +<p>„Pfeife,“ sagte Toanonga, der nur die Spitznamen +der Matrosen erfahren hatte und sie danach nannte, +„Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi, arbeitet +fleißig und macht Segel für die Canoes, und Lemon +hilft ihm.“</p> + +<p>„Lemon ist bei ihm?“ rief Mac Kringo schnell.</p> + +<p>Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine +Aufmerksamkeit wurde in diesem Augenblicke zu sehr +durch den Schooner in Anspruch genommen. Dieser +kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das +zu ihm ausgekommene Canoe langseit genommen. +Mac Kringo lag auch nichts daran, sich jetzt noch länger +hier aufzuhalten, denn er wußte Alles, was er +wissen wollte, und da Toanonga das Gespräch nicht +wieder aufnahm, erhob er sich und verließ langsam, +als ob er in den Wald wieder hineinschlendern wollte, +den Platz. Sobald er dem Alten übrigens aus +Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, +so rasch er konnte, der Landspitze zu, auf der er die +Kameraden wußte. Diesen mußte er seine Vermuthungen<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[S. 195]</a></span> +mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen +einen Plan berathen.</p> + + +<h4>3.</h4> + +<p>Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich +unbemerkt verfolgen zu können. Das, sah er bald, +war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen Insulaner +und besonders Frauen herbei, und zwar die +letzteren nur aus Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, +wie ein fremdes Schiff, zu betrachten. Im Anfange +suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch +Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt +dem offenen Fußweg und unterhielt sich mit denen, +die ihm begegneten. Allerdings wurde er einige +Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und +wohin er wolle; er gab aber ausweichende Antworten +und meinte, es würde wohl noch eine Weile dauern, +bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht +indessen selber einige Yams aus einem dort in +der Nähe liegenden und ihm gehörenden Felde holen, +um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.</p> + +<p>So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze +begränzte, und einmal dort, traf er auch Niemanden +mehr, denn die da draußen stehende Hütte +lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[S. 196]</a></span> +manchmal in derselben, wenn sie von dort aus mit +der Morgendämmerung auf den Fang gehen wollten.</p> + +<p>An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die +ihn schon ungeduldig erwartenden Kameraden und zu +seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der Nähe +der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.</p> + +<p>„Donnerwetter! daß ist gut, daß du kommst, +Lord Douglas!“ schrie ihm Legs, der eine mächtige +Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem +entgegen. „Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines +Canoe, und in einer halben Stunde können wir +draußen an Bord und in Sicherheit sein. Hol' +der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich +hab's zum Sterben satt und will mein Lebtag an +Monui denken.“</p> + +<p>„Unsinn!“ sagte aber Jonas, „wenn wir jetzt hier +mit einem Canoe abfahren, schneiden sie uns den +Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus sind, und +dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht +vergehen lassen.“</p> + +<p>„Wo ist Pfeife?“ fragte Mac Kringo, „den dürfen +wir doch auf keinen Fall zurück lassen.“</p> + +<p>„Pfeife steckt drüben bei den Canoes,“ rief Lemon, +„und näht Segel. Da müssen wir Spund aber auch +mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis wir<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[S. 197]</a></span> +erst alle Sechse einmal zusammen haben, können wir +uns auch darauf verlassen, daß wir sitzen bleiben.“</p> + +<p>„Jungens,“ sagte da Mac Kringo, der indessen +gesucht hatte, durch die dichten Mangrove-Büsche +einen Überblick nach der innern Bai zu gewinnen, +„mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt +eben das Schiffsboot, von dem Canoe begleitet, das +heute Morgen hinausgegangen ist, durch die Riffe, +und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, +und es würde auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam +machen.“</p> + +<p>„Und weshalb brauchen wir es anzurufen?“ rief +Legs ärgerlich, „laß die immer fahren. Wenn wir +nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die Rothfelle +wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.“</p> + +<p>„Du redest, wie du's verstehst,“ erwiderte ruhig +der Schotte, „und glaubst du denn, Toanonga hat +nicht Verstand genug, die Weißen in dem Falle als Geißel +an Land zu behalten? So wie der merkte, daß +wir ihm durchs Netz gingen, machte er die Klappe +zu und hätte die Anderen fest, und der Capitain von +dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See +nehmen und seine eigenen Leute dafür zurück lassen.“</p> + +<p>„Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!“ +fluchte Legs; „das kommt aber von dem ewigen Trödeln<span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[S. 198]</a></span> +und Berathen her! Erst hat <span class="gesperrt">der</span> ein Bedenken +und dann <span class="gesperrt">der</span>, und dabei bleiben wir richtig jedesmal +in der Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir +irgend eine Gelegenheit zur Flucht bietet, auf euch +warte ich nicht, denn mit euren überklugen und ewigen +Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.“</p> + +<p>„Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand,“ +sagte Mac Kringo ruhig, „so wirst du schon bei Zeiten +finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und +schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom +Wege entfernt, und deine und Pfeife's Stimme hört +man eine Meile durch den Wald.“</p> + +<p>„Na gut,“ sagte Legs, der Warnung jedoch Folge +leistend und nicht so laut als vorher, „wenn du denn +so genau weißt, was wir thun und lassen müssen, so +erzähl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was +du im Sinne hast!“</p> + +<p>„Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!“ +entgegnete Mac Kringo, „darüber scheinen wir allerdings +einig zu sein, daß wir hier fort wollen, um auf +irgend einer andern Insel als freie Männer auftreten +zu können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen +kann, ist noch die Frage. Wir wissen ja nicht einmal, +ob der Capitain Platz für uns an Bord und überhaupt +Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[S. 199]</a></span> +dieser Herren sind verdammt mißtrauisch, und hüten +sich, besonders in der Nähe von Australien, englische +Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen +nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder +entlaufener Seeleute entsprungene Sträflinge aus den +dortigen Colonien sind.“</p> + +<p>„Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?“ +rief Lemon. „Wenn wir nicht wenigstens +einen Versuch machen, fährt das Boot wieder +ab, und wir bleiben so klug wie vorher.“</p> + +<p>„Lord Douglas steckt überhaupt immer voller +Plane, aus denen nie etwas wird!“ rief Legs ärgerlich. +„Wie klug konnte er damals sprechen, als die +<i>Lucy Walker</i> noch hier lag! und wäre das Feuer +nicht da zufällig ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt +wieder ganz ruhig mit dem alten Kasten im Eismeer +umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter +schmierigen Wallfischen drein.“</p> + +<p>„Ja, aber“ ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, +der Schotte unterbrach ihn jedoch und sagte:</p> + +<p>„Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen +wären, Legs, dann glaube ich allerdings, daß du uns +allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und laß +uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal +meinen Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres,<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[S. 200]</a></span> +so soll es mich freuen, ich bin gern erbötig, euch Folge +zu leisten.“</p> + +<p>„Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht +so lange auf dem Sand herum!“ rief Lemon; „die +Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine übrig.“</p> + +<p>„So hört,“ sagte Mac Kringo, „ich muß vor +allen Dingen jetzt zum Alten, um dort zu dolmetschen, +wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache +verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder +wer nun gerade an Land gekommen ist, schon Gelegenheit +finden, ein paar Worte allein zu sprechen. +Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine +Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich +selber nichts dagegen, daß wir es zum Äußersten +treiben und Gewalt brauchen, wenn wir eben auf +keine andere Weise fortkommen können. Können sie +uns freilich nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns +das Beste, uns so ruhig wie möglich zu verhalten. +Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung nach, +und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.“</p> + +<p>„Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich +euch ein Zeichen geben, damit ihr wißt, was ihr zu +thun habt. Seht ihr jene in die Bai auslaufende +spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? +– <span class="gesperrt">Die</span> behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin,<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[S. 201]</a></span> +und winken sie euch von Bord aus, so gilt das +als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können, dann +kommt so rasch ihr könnt an die Landung, bringt auch +irgend eine Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit +Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr aber von dem +Boot <span class="gesperrt">kein</span> Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie +uns nicht haben wollen, und dann versteht es sich +von selbst, daß wir für jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.“</p> + +<p>„Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,“ +brummte Legs. „Nun mach' aber, daß du fortkommst, +denn mir brennt der Boden schon unter den Füßen. +Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn +ich heute nicht zum Essen komme.“</p> + +<p>„Und was wird aus Pfeife?“ fragte Jonas.</p> + +<p>„Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen,“ +entgegnete der Schotte; „kommt ihr mit +dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle sagt +ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem +Klumpen, sondern vertheilt euch hübsch, daß die Insulaner +nichts merken. Es muß aussehen, als ob ihr +nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt <i>good-bye</i>! +wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht +an Bord wieder!“<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[S. 202]</a></span></p> + +<p>Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft +eines Bootes von dem fremden Fahrzeug entgegengesehen, +und an ihm bemerkte man nicht das +Geringste von der Aufregung, die unter den Egis +selber zu herrschen schien. Daß diese dagegen etwas +Besonderes und Außergewöhnliches erwarteten, war +augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und +in der Nähe versteckt, und in Toanonga's Hause selber +die bis dahin eingepackten Musketen hervorgesucht +und geladen, ohne daß sich jedoch der alte Häuptling +im Geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ +das alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man +ihn so dasitzen sah, würde man kaum geglaubt haben, +daß all das thätige Leben um ihn her nur einzig und +allein von ihm selber ausgegangen sei.</p> + +<p>Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand +bekümmert, und eigentlich war es Toanonga ganz +recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand befanden. +Spund allein kam endlich langsam dort herauf +geschlendert, und ohne sich an die geheimnißvolle Geschäftigkeit +der Insulaner zu kehren oder selbst besonders +auf das Schiff zu achten, das ihn doch +eigentlich hätte interessiren müssen, schien er ein ganz +anderes Ziel im Auge zu haben.<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[S. 203]</a></span></p> + +<p>Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, +mit dem er sich in seiner Sprache schon recht gut +unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal ein +wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga +immer, was er eigentlich sagen wollte.</p> + +<p>„Ah Spund,“ redete ihn der Häuptling freundlich +an, „es ist gut, daß du gerade kommst. Ma Kino +steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Papalangis +ans Land kommen, muß doch Jemand da sein, der +mit ihnen spricht; Papalangis schrecklich dummes +Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln kommen, +um die Sprache zu lernen!“</p> + +<p>Spund ließ sich ohne Weiteres neben dem alten +Häuptling nieder und sagte.</p> + +<p>„Ja, Toanonga, Papalangis mögen in Manchem +dumm sein, aber sie haben doch wenigstens den rechten +Glauben.“</p> + +<p>„Glauben? Glauben haben wir auch!“ sagte +Toanonga. „Ich glaube, daß da drüben von dem +fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu +uns herüber kommen wird.“</p> + +<p>Spund seufzte tief auf.</p> + +<p>„Ach,“ stöhnte er, „daß du nur immer an irdische +Dinge denken willst, Toanonga! Weißt du denn, was +uns bevorsteht, wenn wir plötzlich sterben?“<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[S. 204]</a></span></p> + +<p>„Sterben? wer denkt an Sterben!“ lachte Toanonga. +„Wenn das kommt, ist es Zeit genug, und +dann gehen wir hinüber nach Bolutu<a name="FNanchor_33_33" id="FNanchor_33_33"></a><a href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> und werden +Hotuas.“</p> + +<p>„Ja, Hotuas!“ ächzte Spund, „man wird euch +behotuan! Sieh, Toanonga!“ setzte er dann gutmüthig +hinzu, „du bist sonst ein braver Mann, und ich mag<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[S. 205]</a></span> +dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, +wenn ich dich ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen +Gefahr du schwebst.“</p> + +<p>„Gefahr?“ sagte der alte Häuptling, und sah +rasch und mißtrauisch in die Augen des Seemannes, +„und was weißt du von Gefahr?“</p> + +<p>„Ich weiß, was hier in dem Buche steht,“ sagte +Spund, auf die Bibel zeigend, die er sorgfältig unter +dem linken Arme trug. „Und daß wir einmal an +einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier +nicht zum rechten Glauben bekehren.“</p> + +<p>„So?“ lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, +denn die Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn +bisher außerordentlich gleichgültig gelassen. Er selber +versuchte übrigens nie einen der Weißen zu der Annahme +seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er +sich nicht denken konnte, daß Papalangis auf Bolutu +zugelassen würden. Was hätte es ihm also geholfen, +seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche +Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem +Tode reizte den Matrosen aber nur noch mehr, ihm +nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das Buch +vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:</p> + +<p>„So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber +sterben, werden wir nicht mehr <span class="gesperrt">so</span> sagen; dann kommen<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[S. 206]</a></span> +wir an einen Ort, wo da ist Heulen und Zähneklappern +und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt +werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.“</p> + +<p>„Ist das euer Glaube?“ fragte Toanonga, „und +kommen die Papalangis wirklich an solchen Platz?“</p> + +<p>„Allerdings!“ rief Spund, der jetzt endlich des +Häuptlings Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin +er sie haben wollte. „Wenn wir nicht fromm +und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir +nicht an Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte +Menschen sind und uns nicht zu dem bekennen, was +in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare +Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut +schaudert, wenn man nur daran denkt. Und was +sagst du nun, Toanonga?“</p> + +<p>Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört +und nickte dabei langsam mit dem Kopfe.</p> + +<p>„Hm, hm, hm!“ sagte er dann, „<span class="gesperrt">das ist sehr +schlimm für Papalangis!</span>“</p> + +<p>„Für Papalangis?“ rief Spund überrascht, den +diese Wendung ganz außer Fassung brachte.</p> + +<p>Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen +auf die Bai, auf der das Boot der Weißen jetzt, von +einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und das Gespräch +war dadurch natürlich abgebrochen.<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[S. 207]</a></span></p> + +<p>„Verdammter, dickköpfiger Heide!“ murmelte +aber Spund in sehr unchristlicher Entrüstung halblaut +und ärgerlich vor sich hin. „Na, daß du einmal den +ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf +kannst du dich doch fest verlassen.“</p> + +<p>Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste +Notiz von ihm.</p> + +<p>Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und +hatte ihm etwas ins Ohr geflüstert, und der alte +Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen.</p> + +<p>Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlich erkennen. +Am Steuer saß ein Europäer, die vier Rudernden +waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene +der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen +ganz vortrefflich umzugehen wußten. Einige der +Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen ihnen +das Boot auf den Corallensand ziehen, während sie +mit den Fremden ihre Begrüßungen wechselten. Die +Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine von den +Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer +konnten sich nicht unter einander verständigen, während +der Fremde die Tonga-Sprache vollkommen gut +und fließend redete.</p> + +<p>Es war eine breitschulterige, kräftige und ächte +Seemanns-Gestalt, die den Engländer nicht verläugnen<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[S. 208]</a></span> +konnte, mit blauen, klaren Augen, wettergebräunten +Zügen und festgelocktem hellbraunem Haar. +Er ging auch ohne Weiteres auf Toanonga, den er +bald als den How der Insel erkannt hatte, zu, +schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem +üblichen Gruße der Insel an. Auf Spund, der mit +der Bibel unter dem Arm nicht weit davon stand, +warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten +Blick – denn der Bursche sah in seiner halb indianischen +halb Matrosen-Tracht, mit dem dicken Buch +unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden +breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber +nur zu und achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch +lange genug die verschiedenen Inselgruppen besucht, +um daran gewohnt zu sein, Missionare und weggelaufene +Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch +nicht gleich wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen +Classen der Weiße hier gehören mochte.</p> + +<p>Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von +vorn herein erklärte, Alles von Cocosnußöl, was auf +der Insel vorräthig sei, aufzukaufen und dafür +Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, +einzutauschen.</p> + +<p>Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm +dann, daß er die nöthigen Befehle dazu geben werde.<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[S. 209]</a></span> +Damit ließ er den Fremden stehen und wandte sich +seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der +jungen Bursche, der mit dem Canoe draußen an Bord +des Fahrzeugs gewesen war, an seine Seite glitt.</p> + +<p>„Nu, Tibi–ano,“ sagte da der Alte, als er weit +genug von dem Fremden entfernt war, um nicht von +ihm gehört zu werden, „wie viel Weiße sind draußen +auf dem großen Canoe?“</p> + +<p>„Noch fünf, Toanonga;“ lautete die Antwort, +„außer dem hier und noch drei Kanakas. Der hier +Capitain.“</p> + +<p>„Ah, vortrefflich!“ nickte Toanonga, „sehr gut +das! und haben sie Kanonen?“</p> + +<p>„Zwei; nicht sehr große.“</p> + +<p>Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich +hin, und warf dabei vorsichtig den Blick umher, sich +zu überzeugen, ob seine Anordnungen ausgeführt +würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der +Egis und sechs oder acht andere Insulaner, während +die Kanakas, von einem der Monui-Leute geführt, zu +einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen +waren, dort eine Anzahl Nüsse herunter zu werfen. +Der Capitain des Schooners stand neben Spund, der +ihm gerade Bericht über den Untergang der <i>Lucy +Walker</i> abstattete.<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[S. 210]</a></span></p> + +<p>Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten +Pandanus-Dickicht und ging auf den Capitain zu. +Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein +eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein +Theil von ihnen sogar im Dickicht versteckt blieb. +Mit den Sitten der Insulaner bekannt, zweifelte er +keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses +gegen die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb +den Bedrohten warnen konnte, desto besser.</p> + +<p>Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich +lebhaftem Gespräch schräg an der Corallenbank +hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt, +zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand +aufhörte und der Fruchtboden begann, stand ein kleiner +Streifen von Casuarinen mit ein paar Pandanus-Bäumen +und einem Unterwuchs von einzelnen niederen +Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa +acht oder neun Insulaner. So wie jedoch der Capitain +an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen +Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus +nicht mehr gesehen werden konnte, sprangen diese +plötzlich empor und warfen sich auf ihn.</p> + +<p>Überrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, +sich seines linken Armes zu bemächtigen, aber sicher +zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten schlug er sie<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[S. 211]</a></span> +mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten +Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl +war jedoch zu groß; ehe er sich gegen die Anderen +wenden konnte, hingen diese überall um ihn her, und +trotz seinem wüthenden Sträuben fand er sich bald +gebunden und in der Gewalt der Feinde.</p> + +<p>Spund war ein höchst überraschter Zeuge des +Ganzen gewesen, und Alles so schnell gekommen, daß +er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem Landsmann +beizustehen.</p> + +<p>Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte +allerdings etwas Ähnliches gefürchtet, aber er übersah +auch mit einem Blick, daß sie hier mit Gewalt +gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten +konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls +ganz ruhig.</p> + +<p>„Hallo, ihr Halunken!“ schrie dabei der Engländer +in der Tonga-Sprache, „ist das eure Gastfreundschaft, +mit der ihr einen Fremden bewillkommt, und ihm +vorher euer verrätherisches <i>chio do fa</i> entgegen ruft? +und ihr da,“ wandte er sich gegen die Weißen, als er +Mac Kringo gerade erblickte, „<span class="gesperrt">zwei</span> Engländer und +lassen mich hier von den verdammten Rothfellen mißhandeln? +Ihr seid schöne Canaillen! hätte ich nur +<span class="gesperrt">Einen</span> von meinen weißen Leuten hier an Land, ein<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[S. 212]</a></span> +ganzes Schock dieser braunen Schufte wäre mir nicht +zu nahe gekommen.“</p> + +<p>Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im +Anfang zu Hülfe springen wollen, da sie aber von +allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten auftauchen +sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer +überlassend, sich allein aus dieser Verlegenheit +heraus zu arbeiten.</p> + +<p>Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen +Kampfe war Toanonga geblieben, der nun +erst, als er den Weißen gebunden und unschädlich gemacht +sah, zu ihm trat.</p> + +<p>„Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein +Canoe hast anbieten lassen, wortbrüchiger Häuptling?“ +rief ihm der gereizte Engländer entgegen.</p> + +<p>„Ruhig, mein Freund!“ suchte ihn indessen Toanonga +zu beschwichtigen. „Du bist jetzt in unserer +Gewalt, und es ist außerordentlich leichtsinnig von +dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren +Feind zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leids zufügen +wollen, so brauchten wir dir nur den Schädel +einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht gewesen. +Wenn du dich aber ruhig verhältst und das thust, +was wir von dir verlangen, so hast du nicht allein für +dich oder die Deinen nichts zu fürchten, sondern kannst<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[S. 213]</a></span> +auch nach einiger Zeit deine Reise ungehindert fortsetzen.“</p> + +<p>„Und was verlangst du von mir?“ fragte der +Fremde. „Wenn es etwas ist, das ich erfüllen kann, +wär' es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf +andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!“</p> + +<p>„Daß du es erfüllen <span class="gesperrt">kannst</span>, wußte ich vorher,“ +erwiderte vorsichtig Toanonga, „nur darauf kam es +an, ob du es erfüllen <span class="gesperrt">wolltest</span>, und ich hielt es deshalb +für besser, mir eben diesen guten Willen vorher +zu sichern.“</p> + +<p>„Eine verdammt schöne Art!“ fluchte der Capitain, +„wenn du dich nur nicht darin geirrt hast!“</p> + +<p>„Ich glaube kaum,“ sagte vollkommen gleichmüthig +der Häuptling. „Wie heißest du?“</p> + +<p>„Jacobs,“ brummte der Fremde verdrießlich.</p> + +<p>„Und dein Schiff?“</p> + +<p>„Bonito.“</p> + +<p>„Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf +Monui dein Schiff und deine Kanonen, um nach +Hapai hinüber zu fahren, und die Häuptlinge zu züchtigen, +die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt +haben.“</p> + +<p>„Mein Schiff!“ schrie Jacobs wild emporzuckend,<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[S. 214]</a></span> +„den Teufel auch! das brauche ich selber! und +wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch +draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann +auf eine Art empfängt, die euch nicht behagen +wird.“</p> + +<p>„Das habe ich mir etwa gedacht,“ lachte der +Alte, „und dich hier festgehalten, um uns die Mühe +zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt, wie du +recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, +dir das Leben zu nehmen, wenn du nicht nach unserem +Willen thust. Fügst du dich aber in das, was du +doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich +dir, daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und +deine Kanonen gebrauchen werden, daß du es aber +wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt +haben.“</p> + +<p>„Der Teufel trau' euch!“ rief Jacobs, „und im +allergünstigsten Falle hätte ich ein paar Monate von +meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut mit mir, +was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. +Und darauf verlaßt euch, daß mein Bruder, der +Steuermann an Bord des Bonito ist, blutige Rache +nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.“</p> + +<p>„Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?“ +sagte Toanonga, „er muß froh sein, wenn<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[S. 215]</a></span> +er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fünf +weiße Männer an Bord, und der Wind draußen wird +schon schwächer. Wenn wir noch ein paar Stunden +warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr nicht +einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du +bekommst nie etwas davon wieder.“</p> + +<p>Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo +aber, der indessen hinzugetreten war, blinzelte ihm +heimlich zu und sagte dann zu dem Alten:</p> + +<p>„Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird +Vernunft annehmen, wenn er einsieht, daß er doch +nichts daran ändern kann.“</p> + +<p>Toanonga sah den Schotten etwas überrascht +an, denn er hatte sein Kommen gar nicht bemerkt +und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen. +Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt +wußte, schien er dem Vorschlage nach einiger Überlegung +beizustimmen.</p> + +<p>„Gut, Ma Kino,“ sagte er, „sprich du mit ihm.“</p> + +<p>„Und was willst du, daß er thun soll?“ fragte +der Schotte.</p> + +<p>„Er soll hinausschicken und die anderen weißen +Männer an Land rufen. Er mag ihnen sagen lassen, +daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür +Cocosöl einzutauschen!“<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[S. 216]</a></span></p> + +<p>„Daß ich ein Esel wäre!“ rief Jacobs. „Ich soll +mir selber die Hände binden, nicht wahr?“</p> + +<p>„Seid ihr der Capitain des Schooners?“ fragte +ihn der Schotte in englischer Sprache.</p> + +<p>„Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der +<i>Lucy Walker</i>?“</p> + +<p>„Ja. – Wie viel Weiße habt ihr noch am Bord, +auf die ihr euch fest verlassen könnt?“</p> + +<p>„Fünf, mit dem Steuermann.“</p> + +<p>„Den Steuermann können wir nicht rechnen,“ +sagte der Schotte, „der muß an Bord bleiben. +Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?“</p> + +<p>„Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, +und der Vierte ist ein Deutscher. Aber glaubt ihr +wirklich, daß die Rothfelle ihre Drohung ausführen +würden?“</p> + +<p>„Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmüthig +und friedlich genug, aber jetzt gerade zu einem Kriege +gerüstet, und ich möchte euch nicht rathen, sie zum +Äußersten zu treiben.“</p> + +<p>„Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, +bin ich verloren, denn sobald sie ihre Canoes hinausschicken, +kann mein Steuermann mit den paar Kanakas +das Fahrzeug nicht allein halten.</p> + +<p>„Habt ihr Musketen an Bord?“<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[S. 217]</a></span></p> + +<p>„Gewiß.“</p> + +<p>Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend +vor sich nieder. Toanonga aber, der ein paar +Schritte davon entfernt mit einem Häuptling sprach, +wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.</p> + +<p>„So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,“ +sagte da der Schotte. „Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, +so brauchen sie Gewalt, und euer eigenes +Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher +Besatzung hättet ihr nicht so leicht an Land kommen +sollen. Trotzdem ist es doch am Ende noch möglich, +sie anzuführen, wenn ihr euch verpflichten wollt, uns +Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.“</p> + +<p>„Wie viel seid Ihr?“</p> + +<p>„Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie ihr euch +wünschen könnt.“</p> + +<p>„Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete +Insulaner um uns her.“</p> + +<p>„Deshalb müssen wir euere vier Leute noch vom +Boot zu Hülfe haben.“</p> + +<p>„Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?“</p> + +<p>„Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens +keine andere Möglichkeit, euch zu helfen.“</p> + +<p>„Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß <span class="gesperrt">ihr</span> es<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[S. 218]</a></span> +ehrlich mit mir meint?“ sagte Jacobs. „Ihr habt +mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die Hände +laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht +mit ihnen unter Einer Decke steckt!“</p> + +<p>„Das Mißtrauen muß ich euch allerdings zu +Gute halten,“ sagte Mac Kringo, „und wenn ihr +meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich keine +weitere Bürgschaft für euch, als die Versicherung, +daß uns allen, oder wenigstens Fünfen von uns, der +Boden hier unter den Füßen brennt, und wir Gott +danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. +Jetzt thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen +Rath wißt, euch zu helfen, so ist es mir lieb, wo nicht, +so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich sehe, +fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.“</p> + +<p>„Ihr habt Recht,“ sagte Jacobs nach kurzer +Pause, „es ist das die einzige Rettung. Im allerschlimmsten +Falle kann dann mein Bruder, der +Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas +und dem Fahrzeug entkommen, sobald er merkt, +daß für uns Alles verloren ist. Aber auf welche +Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner +wenigstens meine Leute zurückrudern ließen!“</p> + +<p>„Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugiebt,“<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[S. 219]</a></span> +sagte der Schotte, „denn der günstige Erfolg +seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die am +Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er +selber, jetzt wollen wir gleich hören, wie er sich die +Sache weiter ausgedacht hat.“</p> + +<p>Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, +denn da er sich nun einmal mit dem Gedanken vertraut +gemacht hatte, das Schiff den Fremden wegzunehmen +und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, +erschien es ihm höchst rücksichtslos von dem Papalangi, +daß er ihn auch noch so lange darauf warten +ließ.</p> + +<p>„Nun mach rasch, Ma Kino,“ sagte er, als er +zu ihm trat, „meine Leute wollen nicht länger warten, +und wir haben auch keine Zeit zu verlieren, denn der +Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?“</p> + +<p>„Er fügt sich deinem Willen,“ erwiderte der +Schotte; „wenn ihr keinem von ihnen ein Leides +thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es gebraucht +habt, zurückgeben wollt.“</p> + +<p>„Nun versteht sich, versteht sich,“ erwiderte der +Alte, ungeduldig mit dem Kopfe schüttelnd.</p> + +<p>„Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug,“ +fuhr Mac Kringo fort, „und wird es nicht +gutwillig hergeben wollen.“<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[S. 220]</a></span></p> + +<p>„Nicht gutwillig hergeben wollen?“ lachte Toanonga, +„wenn wir die Weißen erst an Land haben, +brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.“</p> + +<p>„Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?“ +fragte der Schotte. „Wer soll hinüberfahren, +sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir +nicht hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.“</p> + +<p>„Du hast Recht,“ sagte Toanonga, und sah +sinnend vor sich nieder. Den Papalangi selber durfte +er nicht schicken, der wäre natürlich nicht wieder gekommen, +und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber +lassen, da die ja Zeuge des Überfalls ihres +Capitains gewesen waren.</p> + +<p>Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen +auf der Insel traute er ebenfalls nicht, und das Einzige +blieb, daß er ein paar von seinen eigenen Leuten +hinüber rudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht +verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge +leisten würden, der ihnen von den Eingeborenen einer +fremden Insel gebracht wurde. Ein paar Mal kam +ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem +Canoe hinauszufahren und den Schooner, der doch +nicht ohne seinen Capitain absegeln konnte, zu entern; +aber er fürchtete die Kanonen und durfte seine kriegsfähigen, +jungen Leute, gerade im Begriff, einen<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[S. 221]</a></span> +Kriegszug zu unternehmen, nicht also gefährden; so +lange er deshalb hoffen durfte, seinen Plan mit List +durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern vermeiden.</p> + +<p>„Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache?“ +fragte da Mac Kringo, während der Alte +noch mit sich zu Rathe ging, den fremden Capitain +in englischer Sprache.</p> + +<p>„Nein, kein Mensch,“ sagte dieser.</p> + +<p>„Desto besser,“ nickte der Schotte und fuhr dann, +zu Toanonga gewendet, fort: „Darf ich dir einen +Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen zu +lassen, was du willst?“</p> + +<p>„Allerdings, sehr gern!“ rief der Alte, dem damit +ein großer Gefallen geschehen wäre.</p> + +<p>„Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten +hinüber.“</p> + +<p>„Spund?“ fragte Toanonga, und schüttelte bedenklich +mit dem Kopf.</p> + +<p>„Spund ist eine gute, ehrliche Haut,“ beruhigte +ihn der Schotte, „und wenn du dem drohest, du würdest +ihm den Schädel einschlagen, sowie er das Geringste verriethe, +warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem +braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß +die Papalangis die Kunst verstehen, auf ein weißes<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[S. 222]</a></span> +Stück Zeug Zeichen zu malen, die einem Anderen +sagen, was er wissen soll.“</p> + +<p>„Da kann der Fremde aber darauf setzen, was +er will!“</p> + +<p>„Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du +kannst dich dann selber überzeugen, daß er nichts sagt, +als was du von ihm verlangst.“</p> + +<p>Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze +gemeint sei. Auf Spund glaubte er sich übrigens +am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt wenigstens +sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er +gab auch des Gefangenen Hände frei, und dieser ging +rasch auf Mac Kringo's Plan ein, nahm seine Brieftafel +aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb +darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich +die vier Papalangis herüber und laß sie +Messer und Tabak mitbringen; darunter aber setzte er +in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier +Matrosen gut bewaffnet!</p> + +<p>Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm +aufmerksam zugesehen, war aber sehr erstaunt, daß der +Fremde so rasch damit fertig wurde.</p> + +<p>„Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?“ +fragte er lachend. „Nun wartet, das wollen +wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[S. 223]</a></span> +Kino, der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf +gemalt hat.“</p> + +<p>Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga +die im Tonga-Dialekt geschriebenen Worte +langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem +Zettel zu Mac Kringo, und war aufs Äußerste erstaunt, +als dieser ihm jede Silbe genau wiederholte, +wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das Englische +mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; +denn die Beiden konnten sich auch über diese Worte +vorher verständigt haben. Er ging also wieder zu +Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte +<span class="gesperrt">Monui</span> und <span class="gesperrt">Toanonga</span> aufzuzeichnen. Davon +konnte Mac Kringo jetzt nichts wissen, als er aber +diesem das Blatt zeigte, und der die Worte ohne +Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine +Gränzen. Besonders konnte er sich gar nicht denken, +daß er Monui gleich erkannt habe, da die fünf sehr +auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu +unterscheiden waren.</p> + +<p>Er machte den Versuch auch noch mit ein paar +andern Worten, und würde sich wahrscheinlich den +ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die Zeit +nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe +versprach er sich aber einen außerordentlichen Erfolg,<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[S. 224]</a></span> +nahm Spund zur Seite und flüsterte lange und heimlich +mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden +und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die +beiden Insulaner, die vorher mit dem Canoe an Bord +gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen +mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war +jetzt nur in Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche +indessen sollte. An Land durfte er es nicht lassen; +denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den +Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln +enthalte, hatten ihm schon eine Menge Blätter +herausgerissen, wo sie deren nur habhaft werden +konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, +und beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen.</p> + +<p>Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das +auf den Corallensand gezogene Boot wieder in tiefes +Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm vorbei +an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. „Bringe Hülfe, +oder wir sind verloren!“</p> + +<p>„Ja, aber!“ rief Spund ganz verblüfft, da er der +erhaltenen Befehle Toanongas gedachte. Mac Kringo +ließ sich jedoch auf keine weitere Erklärung ein, im +nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden +Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai +entgegen.<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[S. 225]</a></span></p> + + +<h4>5.</h4> + +<p>Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im +Reinen; die Kameraden durften keinen Fluchtversuch +im Canoe machen, so lange noch der Capitain des +Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre +einzige Rettung lag im Gegentheil darin, daß sie mit +der Verstärkung vom Schooner, die jedenfalls Gewehre +mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und +dann den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. +Langsam ging er deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen +schon im Voraus bezeichnete Corallenbank +hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte +dann zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die +Kameraden bald in der Nähe hatte, und gelang es +ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen +und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, +ihre Flucht glücklich zu bewerkstelligen.</p> + +<p>Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer +an der Landung versammelt, da Toanonga +seine Leute zusammen halten wollte, um die vier Matrosen +in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen +jedoch, das Boot zu besetzen, so hatten sie dadurch +auch wieder den Vortheil, daß die Indianer die wohl +eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[S. 226]</a></span> +rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen +Vorsprung lassen mußten. In dem Bewußtsein +freilich, daß sich jetzt der entscheidende Augenblick +näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, +oder im Falle des Mißlingens die größte Gefahr von +den gereizten Eingeborenen drohe, schlug ihm das +Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die Minuten +dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der +Unruhe, in der er sich befand, schritt er den Büschen +zu, vielleicht einem der Kameraden zu begegnen und +ihm Vorsicht zu empfehlen.</p> + +<p>Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und +wenn die Eingebornen auch eines Häuptlings Wohnung +nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die Frauen +darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert +zu sein, hatte man es mit ihm, der als ein Häuptling +der Weißen und als ein Fremdling betrachtet wurde, +nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von +Anfang an den Frauen stets willkommen gewesen, da +er, der Sprache mächtig, ihnen viel vom Lande und +von den Frauen der Papalangis erzählen konnte. So +trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm +nachschauenden Indianer glauben zu machen, er +schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos in der Nachbarschaft +umher.<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[S. 227]</a></span></p> + +<p>Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten +aufhalten wollen, so änderte er bald seinen +Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum +umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer +Ecke lehnenden sechs oder acht Musketen, die hier +jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit gelegt schienen. +Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn +diese brannten vor Neugierde, etwas Näheres über +das zu hören, was außen vorging. Etwas Außergewöhnliches +war jedenfalls im Werke, darüber konnten +sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch +nicht hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen +jedoch nicht eine Silbe davon erzählen wollen, und +Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als +Mac Kringo.</p> + +<p>Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang +nur verworrene und unzusammenhängende Antworten; +denn in dessen Kopfe bildete sich ein neuer Plan, ob +er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre +bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte +er die dazu gehörige Munition, und mißlang der +Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem gelang +es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens +für die Insulaner unbrauchbar zu machen, und +darüber mit sich im Reinen, begann er plötzlich eine<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[S. 228]</a></span> +lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie +sie nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen +sein würden, mit dem sie nach <a name="cortex3-2" href="#corr3-2" class="corr">Hapai</a> hinüberfahren +und die dortigen Insulaner züchtigen könnten. +Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre +Landung dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, +um das anschaulicher zu machen, eines der Gewehre. +Die Frauen, die den Knall dieser für sie furchtbaren +Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und +baten ihn, die Muskete hinzulegen. Mac Kringo +that das, aber nicht ohne vorher den Stein aus dem +Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine +eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf +den Angriff zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren +die Steine entfernt hatte. Die Frauen aber schöpften +natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht +wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und +vor ihren Augen im Stande sein sollte, die Waffen +vollständig unbrauchbar zu machen.</p> + +<p>Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, +und der Schotte sah jetzt durch die offenen Bambusstäbe +der Hütte, daß Jonas draußen angekommen und +von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch +den dicht vor der Einfahrt kreuzenden Schooner schon +erreicht haben, und es drängte ihn, zu wissen, ob die<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[S. 229]</a></span> +übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs gewärtig +seien.</p> + +<p>Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war +nach dem Schiffe hinüber. Dieses hatte eben gewendet +und hielt von den Riffen ab, denn der Wind war +so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord +nicht mit Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen +getrieben zu werden. Aber das Boot war schon auf +dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte +ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft +als je.</p> + +<p>Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft +des andern Weißen einverstanden, ging auch ohne weitere +Umstände auf Jonas zu und fragte ihn, was er +da schon wieder wolle.</p> + +<p>„Was ich da will?“ entgegnete dieser etwas verblüfft, +„Tabak, bei Gott, wenn das Boot landet, +denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen gesehen +haben.“</p> + +<p>„Gut, Freund,“ entgegnete Toanonga ruhig, „du +sollst Tabak haben, jetzt aber geh hin, wo du hergekommen +bist, und laß dich nicht eher wieder hier +sehen, als bis ich dich rufe.“</p> + +<p>„Aber ...“ sagte der Matrose, der jetzt nicht +wußte, ob er dem erhaltenen Befehle folgen solle oder<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[S. 230]</a></span> +nicht. Der alte Häuptling ließ ihn jedoch gar nicht +ausreden.</p> + +<p>„Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?“ +fragte er, und zwar viel ernster, als er ihn noch je +gesehen. „Komm her, Ma Kino, schicke mir den +Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll +weggehen, und ich will ihn hier nicht länger sehen.“</p> + +<p>Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, +herangetreten. Wollten sie sich aber jetzt schon dem +Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß ihr +ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde +konnte das Boot nämlich nicht heran sein, und +bis dahin würden die Eingeborenen sie leicht bewältigt +haben.</p> + +<p>„Komm, Jonas,“ sagte er deshalb zu dem Kameraden, +„geh zurück in den Busch, es hilft jetzt +nichts, wir müssen ihm gehorchen – aber nicht zu +weit fort. Wo sind die Anderen?“</p> + +<p>„Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben +die rothen Blumen stehen.“</p> + +<p>„Desto besser, in einer Viertelstunde kann das +Boot da sein; so wie ihr mich aber Hülfe schreien +hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße tragen.“</p> + +<p>Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem +Gespräch mit unruhigem Blicke gelauscht. Es gefiel<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[S. 231]</a></span> +ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade in ihrer +Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre +es ihm sehr unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu +haben, die am Ende den andern Weißen hätten beistehen +können. Übrigens ließ er sich gegen Mac +Kringo nichts merken, nahm eine junge neben ihm +am Boden liegende Cocosnuß auf und sagte zu dem +Schotten. „Hast du ein Messer bei dir?“</p> + +<p>„Ja wohl,“ erwiderte rasch dieser, dem daran +lag, Toanonga nicht auch gegen sich mißtrauisch zu +machen. „Soll ich sie dir öffnen?“</p> + +<p>„Laß nur sein,“ erwiderte der Alte, „ich thue es +selber.“ Damit nahm er das Messer und stach ein +Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus, trank +den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac +Kringo streckte die Hand aus, das Messer wieder zurück +zu empfangen, Toanonga aber schob es mit vollkommener +Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch +und sagte:</p> + +<p>„Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst +es doch jetzt nicht, nachher sollst du es wieder bekommen. +Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer, und +unsere Freunde werden gleich da sein.“</p> + +<p>Der Schotte biß die Zähne auf einander vor +Wuth, von der alten Rothhaut auf eine solche Art<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[S. 232]</a></span> +um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten +Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu +springen und es ihm mit Gewalt zu entreißen. Gerade +jetzt aber kamen vier der Egis an ihm vorbei +und gingen nach der Landung hinunter, während sich +von den übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, +die ankommenden Weißen gleich in Empfang +zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den Kameraden +in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre +aufgriff – es war das vielleicht die letzte Hülfe, +und in dem ersten panischen Schrecken der Eingeborenen +durfte er hoffen, das rasch herbeischießende +Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war +ihm der Weg abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler +Krieger sammelte sich eben vor dem Eingang der +Hütte.</p> + +<p>Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain +des Schooners zuschritt und neben ihm stehen +blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan +gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten +Mittel. Er schritt auf die Beiden zu und +fragte den Engländer mit vor innerer Aufregung +bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, +kein Pistol bei sich habe.</p> + +<p>„Nichts,“ sagte dieser, „als meine Hände; ich<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[S. 233]</a></span> +habe keine Gefahr gefürchtet, und als ich vom Bord +ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop eingesteckt.“</p> + +<p>„Bei Gott, das thuts!“ lachte Mac Kringo wild +vor sich hin. „Zieht es heimlich in der Tasche aus, +<a name="cortex3-6" href="#corr3-6" class="corr">fasst</a> dann den Alten, haltet es ihm vor den Kopf, und +droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen +wollt, so wie er sich rührt.“</p> + +<p>„Mit dem Teleskop?“ fragte der Capitain überrascht.</p> + +<p>„Was wissen die von einem Teleskop?“ rief Mac +Kringo, „sie sehen das blitzende Metall und halten +das – aber wir versäumen die Zeit, es ist kein Augenblick +mehr zu verlieren.“</p> + +<p>Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, +aufmerksam betrachtet, als ob er den Sinn der ihm +fremden Worte errathen wolle. Das Boot war aber +kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und +die rudernden Matrosen hatten in diesem Augenblicke +ihre Riemen eingeworfen, weil sie wahrscheinlich +nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren +wollten.</p> + +<p>Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, +als er plötzlich die Hand des Fremden auf seiner +Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach +ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[S. 234]</a></span> +<i>Oiau!</i> aus, als er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte +drohende Instrument erblickte.</p> + +<p>„Rühre dich, und du bist des Todes!“ schrie dabei +der Engländer, und „Hülfe! Hülfe!“ tönte Mac +Kringo's gellende Stimme über den Platz.</p> + +<p>Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, +ihrem Häuptling beizustehen. Mit ausgebreiteten +Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo entgegen +und rief. „Halt! halt! um Toanonga's willen, er +bringt ihn um, so wie ihr euch ihm naht!“</p> + +<p>„Hurrah, Jungen! Hurrah!“ tönte in diesem +Augenblicke Legs' Jubelruf durch den Lärm, „hier +sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!“</p> + +<p>Überrascht wandten die Insulaner dorthin den +Kopf, als vom Wasser her schnell hinter einander +zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über ihnen +in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß +zugleich einen scharfen, <a name="cortex3-4" href="#corr3-4" class="corr">eigenthümlichen</a> Schrei aus, +ein Zeichen für seine Leute, und während die beiden +Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt +über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, +griffen zwei der Leute wieder zu den Rudern, und die +andern Beiden stießen Patronen in ihre abgeschossenen +Gewehre nieder.</p> + +<p>Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[S. 235]</a></span> +gewesen. Mit raschem Griff hatte er sich wieder in +den Besitz seines Messers gesetzt, und sein scharfer +Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich +befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner +erfaßt zu haben, die mit dem bedrohten How +vor sich und den Feinden an beiden Seiten nicht wußten, +welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.</p> + +<p>„Nach dem Boot! Nach dem Boot!“ rief Mac +Kringo, der recht gut fühlte, daß sie diesen ersten +Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit +der Rechten Toanonga's Arm ergreifend, während er +in der linken das gezückte Messer hielt, folgte Jacobs +an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser hielt +aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen +blitzender Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben +aufs Äußerste gefährdet glaubte.</p> + +<p>Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt +Raum gegeben, da sie nur unbewaffnete Weiße +zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf vorbereitet +waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu +begegnen. Das Boot berührte in diesem Augenblick +den Strand, und Spund, der nur ein halb freiwilliger +Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in +demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, +Pfeife und Lemon durch die Schaar der am Ufer gedrängten<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[S. 236]</a></span> +Männer und Frauen hindurchbrach, den +sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten +sie dabei Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife +und Lemon erfaßten schon den Rand des Bootes und +schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich +und <a name="cortex3-7" href="#corr3-7" class="corr">rücksichtslos</a> auf Legs warfen und ihn schreiend +zurückhielten.</p> + +<p>„Du bist unser, du darfst nicht fort!“ schrien sie +dabei, und eine ergriff die kurze Kriegskeule, die er +geführt, und riß sie ihm aus den Händen, während +sich die andere an seinen Hals hängte und laute Wehklagen +dabei ausstieß.</p> + +<p>Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen +Schutz gebenden Häuptling bis fast zum Boote geschleppt. +Jetzt aber brach auch die Wuth der Eingeborenen +aus, die wahrscheinlich glauben mochten, +die Papalangis wollten ihren How gefangen mit fortführen. +Mit wildem Aufschrei stürmten sie herbei, +und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner +Trupp von Kriegern mit den dort aufgegriffenen +Musketen gesprungen.</p> + +<p>„Hieher, Legs! hieher Spund!“ schrie da Mac +Kringo, indem er Toanonga los ließ und an Jacobs' +Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter floh.</p> + +<p>„Bestien!“ knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[S. 237]</a></span> +Zähnen hindurch, und ohne die geringste +Rücksicht auf das zarte Geschlecht versetzte er +den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge +zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. +Im nächsten Augenblicke war er frei und +rannte an Toanonga vorüber dem Boote zu. Die +Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer +Gefahr sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen +nach, während die mit Musketen Bewaffneten anlegten, +aber vergebens die Hähne schnappen ließen.</p> + +<p>Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell +auf einander gefolgt. In demselben Moment aber, +in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang, war +Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden +allein flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen +hatte er nämlich die halbe Mißhandlung bemerkt, +die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und +eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. +Toanonga dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten +Verräther von Allen, da er, anstatt die Weißen +in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord jedenfalls +gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. +So ruhig und leidenschaftlos er sich deshalb auch +sonst benahm, so zornig und empört war er jetzt. War +nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet? hatten<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[S. 238]</a></span> +die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser +Insel, zu legen? Deshalb also dem ihm nächsten +Krieger eine Keule entreißend, führte er einen so gutgemeinten +und raschen Schlag nach dem Schädel des +armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden +wäre. Zu seinem Glück schleppte Spund aber +noch immer das Buch mit sich herum, daß er fast unwillkürlich +mit beiden Händen empor hob, als er die +Keule niedersausen sah. Allerdings brach der dicke +Band die Gewalt des Schlages in etwas; derselbe +war aber zu kräftig geführt worden, um sich ganz aufhalten +zu lassen, und wie das getroffene Buch auf +Spund's Kopf niederprallte, warf es den Böttcher +hinterrücks auf die scharfen Corallen.</p> + +<p>Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber +nicht weiter um ihn, denn wichtigere Sachen erforderten +seine Aufmerksamkeit. „Nach den Canoes, nach +den Canoes!“ donnerte seine Stimme die Bai entlang, +und während die mit den Musketen bewehrten Insulaner +noch immer umsonst versuchten, die verstümmelten +Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der +jungen Leute flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, +die Canoes zu erreichen. Konnten sie doch dem schwer +geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg +abschneiden.<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[S. 239]</a></span></p> + +<p>Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze +zurückgeblieben und ein paar von diesen sprangen auf +Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig abzufertigen. +Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr +des Kameraden gesehen, und während die Mannschaft +desselben das halb auf den Strand gerathene Fahrzeug +zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine +der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der +Insulaner in die Luft. Das rettete Spund. Bei +dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich zurück, +während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte +Wirkung hervorbrachte. Mit einem +Satze war er in die Höhe, und Buch wie Glaubenseifer +hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf +in das Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der +mit so grimmer Wuth nach ihm geführte Schlag des +alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht beschädigt, +doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, +einen zweiten derartigen Angriff abzuwarten.</p> + + +<h4>6.</h4> + +<p>Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott +war, hinein und griffen die Ruder auf, während die +Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im +Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[S. 240]</a></span> +Boot ging aber durch die vermehrte Besetzung ziemlich +schwer im Wasser und machte keineswegs so raschen +Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.</p> + +<p>„Teufel noch einmal!“ flüsterte er Lemon, der auf +der Ruderbank vor ihm saß, zu, „die Rothfelle bekommen +doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes den +Weg abzuschneiden.“</p> + +<p>„Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!“ +lachte aber Lemon ingrimmig vor sich hin. „In alle +die Canoes, die dort lagen, habe ich ein wunderhübsches +Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder +ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.“</p> + +<p>„Das war gescheidt, mein Bursche!“ rief der +Schotte, „hehehe, wie sie uns verwünschen werden, +wenn sie den Streich merken! Das war aber auch +nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade +so durchs Wasser, als wenn wir in einem Spülfaß +säßen.“</p> + +<p>Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke +vom Ufer ihnen nachgefeuert. Entweder hatten die +Insulaner den Verlust der Steine bemerkt und ersetzt, +oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln +traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und +die anderen fielen schon zu kurz.</p> + +<p>Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[S. 241]</a></span> +der Riffe, als sie die ersten Canoes der Verfolger aus +einer geschützten Bucht vorschießen sahen. Durch +Lemon's List waren sie aber hinlänglich aufgehalten +worden, um den Flüchtigen einen ziemlichen +Vorsprung zu gestatten, und da Leute genug im Boot +saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus +Leibeskräften arbeiten.</p> + +<p>Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle +auf einmal flott bekommen zu haben; denn als das +Boot die Riffe verließ, folgten ihnen erst zwei, und +ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über +die Corallen stürzende Brandung das innere Wasser +der Bai ihren Blicken, und sie konnten nichts weiter +von dem, was dort vorging, erkennen.</p> + +<p>Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile +weiter draußen. Der Steuermann hatte aber vom +Masttop aus die Flucht des Bootes und die verfolgenden +Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort +herüber gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber +von den Riffen drohte, die Segel backgebraßt, seine +Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese +auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, +als die ersten Canoes schon im Eingang der Bai sichtbar +wurden und mit reißender Schnelle näher kamen; +aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[S. 242]</a></span> +lief es langseit, und wenige Secunden später kletterten +schon die Matrosen mit lautem Jubelruf an den ihnen +zugeworfenen Tauen empor.</p> + +<p>Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher +für gerettet halten konnten, als bis sie die Insel +windwärts brachten und die drohenden Riffe hinter +sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um +auch den geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die +schwache Brise bot, und während der Bug nach Westen +abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang Mac Kringo +an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick +nach der Insel zu gewinnen.</p> + +<p>Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui +genau und wußte, daß gerade nach Westen zu den +übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten +sie nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden +wollten; und daß der Schooner nicht nach Osten +entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug. +In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch +nicht geirrt, denn oben kaum angelangt, erkannte er +schon sieben stark bemannte Canoes, die über die +glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner +gar nicht mehr vorbeilaufen konnte.</p> + +<p>Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich +zu einem Kampfe zu rüsten; denn daß die Insulaner,<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[S. 243]</a></span> +solcher Art um die schon sicher geglaubte Beute betrogen, +ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen +würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens +kaum die neue Gefahr, die ihm drohte, als er auch +mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum +Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er +allerdings an Land zurück lassen müssen – und den +Sandwichs-Insulanern schien diese Gelegenheit sehr +erwünscht gekommen zu sein –, dafür war aber seine +Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt +worden, und mit den zwei kleinen Kanonen, die er am +Bord führte, hoffte er sich die Wilden schon vom +Leibe zu halten.</p> + +<p>Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht +genöthigt sein sollte, auf die zu schießen, die ihn +doch eigentlich freundlich aufgenommen. Dabei wußte +er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu erwarten +hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der +Eingeborenen fielen, und der Selbsterhaltung mußte +jede andere Rücksicht weichen.</p> + +<p>Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise +stärker werden sollte, wo sie den Canoes dann bald +entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der +Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, +nach welcher Richtung hin hier die Strömung<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[S. 244]</a></span> +ging, donnerte ihnen die Brandung schon drohend in +das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei +werfen, aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr +so weit von den Riffen entfernt, keinen Grund.</p> + +<p>Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich +hoch nach Norden hinauf, und wenn sie diese umschiffen +konnten, hofften sie an den dort mehr ablaufenden +Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort +aber wurden jetzt die ersten Canoes sichtbar, während +die drei, die ihnen gefolgt waren, ihren Angriff nur +zu verzögern schienen, bis sie von ihren Freunden +unterstützt werden konnten.</p> + +<p>Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die +Feindseligkeiten eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, +daß ihm keine weitere Wahl blieb; denn einen Erfolg +konnte er sich nur, bei der großen Übermacht der Insulaner, +in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, +sie etwas einzuschüchtern. Die vorn am Bug +stehende Kanone wurde deshalb gerichtet, Jacobs ergriff +selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich darauf +so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil +eines der Canoes wegriß und, wie es schien, den +Steuernden beschädigte.</p> + +<p>Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung +dienen; denn während sie bis jetzt ihre Fahrzeuge<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[S. 245]</a></span> +auf einem Trupp zusammen gehalten hatten, +vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen +Angriff von allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.</p> + +<p>„Da kommt die Brise!“ rief da plötzlich der +Steuermann des Schooners, der seinen Stand an der +hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich alle +Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That +die Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte +und kräuselte. Aber die Canoes mochten das ebenfalls +bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie ihren +Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. +Die Ruderer strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, +ihnen angewiesenen Plätze so rasch als +möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie von +allen Seiten zugleich heran.</p> + +<p>Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit +klopfenden Herzen, denn über das ganze Fahrzeug zerstreut, +konnten sie kaum mehr als einen Mann jedem +Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher +kam auch der dunkle Wasserstreifen geflogen. +Schon konnten sie erkennen, wie sich die kleinen Wellen +tanzend hoben, und jetzt – jetzt schlugen die Segel +flappend gegen den Mast und – blähten aus. +Vorn unter dem Bug kräuselte und schäumte das<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[S. 246]</a></span> +klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes +rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück.</p> + +<p>„Alle nach vorn, Jungens!“ jubelte da Jacobs' +Stimme über Deck. „Das kam zur rechten Zeit! +und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das +größte Canoe da vorne mitten darauf!“</p> + +<p>Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich +das schlanke Fahrzeug ein wenig zu neigen, und die +hinter ihm befindlichen Canoes durften nicht mehr +hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem +gaben die vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten +wie wenig Leute ihnen die Papalangis entgegenstellen +konnten, und daß die erste Kanonenkugel keinen größeren +Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch +eher erhöht. Noch ging das Fahrzeug auch nicht +rasch genug durchs Wasser, daß sie nicht hätten anlaufen +und entern können; aber mit immer größerer +Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen +arbeiten, um nicht zurückgelassen zu werden. Vor +dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes gesammelt, +und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn +hindurch zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie +recht gut, konnte er nicht weiter aufluven, und unter +dem Wind lagen die Corallen.</p> + +<p>Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[S. 247]</a></span> +mittelmäßiger Brise mit vier und einem halben Strich +ganz vortrefflich segelte und dem Wind ordentlich in +die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der +Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt.</p> + +<p>„Gebt Feuer,“ rief er, so wie ihr das Weiße von +ihren Augen sehen könnt!“ und dann selber an sein +Steuer springend, ließ er sein Fahrzeug trotz der Corallen +wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts +herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und +überraschte die beiden an der linken Seite so vollkommen, +daß der Bug des Bonito das Hintertheil des +einen ergriff und übersegelte. Die Mannschaft desselben +hielt sich allerdings zum Theil selbst an dem +vorderen Tauwerk des Schooners und suchte an Bord +zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre +in die nächsten Canoes abschossen und dort +Verwirrung verbreitet hatten, drehten sie die Musketen +um, und wo sich ein Kopf über der Schanzkleidung +zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag.</p> + +<p>Noch heulten und tobten die Eingeborenen in +wilder Wuth um sie her, als der Bug des Schooners +schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im +nächsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze +vorüber, daß sie mit einem Steine hätten in die +Brandung werfen können, und ließen jetzt die letzten<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[S. 248]</a></span> +Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen mußten, +zurück. – Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, +jede Gefahr lag hinter ihnen, und Bill, der +Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die hinterste +Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurück zu schicken. +Das aber litt Jacobs nicht.</p> + +<p>„Laß sie laufen, mein Junge,“ sagte er, indem er +den Arm des Steuermannes zurückhielt. „Sie werden +Noth genug haben, von der Ecke dort weg zukommen; +vor <span class="gesperrt">uns</span> aber liegt die blaue weite See, und mit dem +Bewußtsein, all jenen Gefahren so glücklich entgangen +zu sein, mag ich kein Menschenleben mehr zerstören.“<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[S. 249]</a></span></p> + +<div class="footnotes"><h4>Fußnoten:</h4> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_32_32" id="Footnote_32_32"></a><a href="#FNanchor_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Das aus einer Art Baumrinde bereitete und gedruckte +Zeug. Das ungedruckte heißt Tapa.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_33_33" id="Footnote_33_33"></a><a href="#FNanchor_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Bolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der +Aufenthalt der Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine +große, wunderbar schöne Insel, mit allen Früchten reich gesegnet, +die weit gegen Nord-Westen liegt – so weit in der +That, daß sie dieselbe mit ihren Canoes nicht erreichen können. +Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder göttergleichen +Geistern, die auch – besonders die Seelen der Häuptlinge – +im Stande sind, Einfluß auf das Leben der Sterblichen auszuüben. +Sie erzählen sich, daß einmal ein Boot von den +Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei, und die Leute wären +ans Land gesprungen und hätten sich von den prachtvollen +Früchten pflücken wollen; sie hätten aber keine ergreifen +können; denn unter ihren Händen wurden sie zu Luft. Auch +durch die Bäume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. +Sie standen leibhaftig vor ihnen, bildeten aber +keinen festen Körper. Ein Hotua kam da zu ihnen und ermahnte +sie, die Insel so rasch als möglich zu verlassen, und +voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein. Der +Wind blies auch so günstig und scharf, daß sie Tonga schon +nach einigen Tagen erreichten; aber am Ufer angekommen, +mußten sie alle sterben. Ihre Körper hatten die Luft von +Bolutu nicht vertragen können. An eine Strafe nach dem +Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht.</p></div> +</div> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="im_ostindischen_archipel" id="im_ostindischen_archipel"></a>II.<br/><br/>Im Ostindischen Archipel.</h2> + +<h3><a name="der_balinese" id="der_balinese">Der Balinese.</a></h3> + + +<p>Östlich von Java, und von dieser Insel nur durch +einen schmalen Seearm getrennt, liegt das zwar kleine, +aber wunderschöne, gebirgige Eiland <span class="gesperrt">Bali,</span>, von einem +kriegerischen, kräftigen, arbeitsamen Volke bewohnt +und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt +und angebaut.</p> + +<p>Trotz seiner Nähe bei dem schon längst den Holländern +unterworfenen Java hatte es sich dennoch bis +zur neueren Zeit seine vollkommene Unabhängigkeit zu +bewahren gewußt, und erst in den letzten Jahren gelang +es den Holländern, theils durch Verrath unter +den Eingeborenen, theils durch ihre Truppen unter +dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard +von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu +bringen, daß sie ihre Oberherrschaft anerkannten.</p> + +<p>Die Balinesen sind, was die Missionäre „blinde +Heiden“ nennen, d. h. sie haben ihre eigenen Götter<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[S. 250]</a></span> +(Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren eigenen +Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. +Ihre Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings +schon seit längerer Zeit mit gutem Beispiel +voran, indem sie zum Islam übertraten. Von den +muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann +und wann von christlichen Missionären sind schon verschiedene +Versuche gemacht, sie das abschwören zu +machen, was andere Nationen eine <span class="gesperrt">Irrlehre</span> nennen. +Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend +noch eines Beweises bedürfte, daß die christliche Religion +keineswegs unumgänglich nothwendig dazu ist, +ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese Balinesen +als <span class="gesperrt">Heiden</span>, und ihre Nachbarn, die Javanen, als +<span class="gesperrt">Muhamedaner</span> davon den schlagendsten Beweis.</p> + +<p>Was die Cultur Balis' betrifft, so läßt diese +nichts zu wünschen übrig. Jedes Plätzchen, das +Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen +bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf +brauchen. Manches Schiff hat dort schon für +den europäischen Markt seine Ladung von Reis, +Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, +während hunderte von Prauen (die inländischen Fahrzeuge) +der benachbarten Inseln, ja selbst bis von +China herüber, in stetem und lebendigem Verkehr mit<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[S. 251]</a></span> +dem kleinen Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei +ihre eigenen Rajahs oder Fürsten, und die dem +Lande dienlichen Gesetze werden mit unnachsichtlicher +Strenge von ihren weltlichen und geistlichen Oberhäuptern +in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, +selbst auf Diebstahl, steht Todesstrafe. – +Außerdem sind sie aber auch noch in vielen Künsten +geschickt und erfahren. Vorzüglich ihre Stahl- und +Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien +sind berühmt in der ganzen Inselgruppe des ostindischen +Archipels. Ihre Landestracht ist dabei anständig +und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen +angemessen.</p> + +<p>So viel als kurze Einleitung für den Leser, der +die kleine Insel bis jetzt vielleicht kaum dem Namen +nach oder doch nur nach Beschreibungen kannte, welche +ihre Bewohner beinah wie eine Räuber- und Piratenbande +erscheinen ließ. Jede Sache hat freilich ihre +zwei Seiten.</p> + + +<h4>1.</h4> + +<p>Es war im September des Jahres 184*, als in +dem südlichsten Rayat von Bali, in Badong, ein +junger Bergbewohner rüstig aus der fruchtbaren +Hochebene nieder der Süd-West-Küste der Insel und<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[S. 252]</a></span> +der Bai von Balikota zu stieg. Wohl führte eine +breite, gut unterhaltene und fahrbare Straße von +Badong zu dem kleinen Städtchen Kota an dieser Bai +hinab. Der junge Balinese hätte aber, um auf sie +zu gelangen, zu weit westlich aus dem Wege gehen +müssen, und da er überdies auch nicht gewohnt war, +einer breiten, bequemen Straße zu folgen, so suchte er +sich lieber in gerader Richtung die nähere, wenn auch +nicht eben so glatte Bahn.</p> + +<p>Diese führte ihn durch weite mit Mais und +Zuckerrohr bepflanzte Flächen und an den schmalen +Dämmen bewässerter Reisfelder hin, zu den Rändern +steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten +und mit ihrer wilden üppigen Vegetation in +die urbar gemachten und in vollkommenster Cultur gehaltenen +Felder gar wunderlich hinein griffen.</p> + +<p>Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht +auf den Blättern und Blüthen, und hing in schweren +Tropfen an den blitzenden Halmen, das saftige Grün +der Hänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. +Hoch und kühn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, +die Königin der Wälder, mit ihrer schwankenden, +zitternden Blattkrone, die der Südost-Monsoon +hier nur in leichtem Säuseln erreichen konnte, und +die <a name="cortex4-1" href="#corr4-1" class="corr">Arekapalme</a> streckte aus kleinen Fruchtdickichten<span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[S. 253]</a></span> +den schlanken, zierlichen, pfeilartigen Stamm. Tief und +schattig in den reizenden Hainen lagen die Bambushütten +der Eingeborenen gar still versteckt, und die +dunklen Ränder derselben wurden nur hie und da durch +die purpurrothe Blüthenmasse des Tjanging<a name="FNanchor_34_34" id="FNanchor_34_34"></a><a href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> unterbrochen, +der mit seinen unregelmäßig und reich über +die Landschaft gestreuten Bäumen der ganzen Scenerie +eine eigene wunderbare Färbung gab.</p> + +<p>Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, +war noch wenig Leben. Hie und da arbeiteten erst +einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen, +die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf +die Ränder trugen. Der Sikup<a name="FNanchor_35_35" id="FNanchor_35_35"></a><a href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> strich noch einsam +nach Beute über die stille Gegend. Hie und da +stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den +langen Beinen und riesigem, fast unverhältnißmäßig +großem Schnabel am Rande der Reisfelder und trat +dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien, aus<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[S. 254]</a></span> +Höflichkeit, als aus besonderer Sorge für seine eigene +Sicherheit ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine +Schaar wilder Pfauen, die an dem Rand der Ravine +gesessen und sich gesonnt hatte, bäumte auf und schaute +mit den langen Hälsen neugierig nach dem einzelnen +Wanderer nieder.</p> + +<p>Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und +seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um solchen, überdies +durchaus gewöhnlichen Gegenständen auch nur +einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch +manche sich ihm in den Weg stellende Hindernisse seine +Bahn, und hielt zum ersten Male an, als er eine +Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte, +von der aus sich eine weite Aussicht nach Süden und +Südwest über die Küste und das ferne Meer gewinnen +ließ.</p> + +<p>Über Gebüsch und Palmen hin, die den steilen, +tiefablaufenden Hang bedeckten, konnte er den breiten +Cocoshain überschauen, der das kleine Städtchen +Kota mit der ganzen dortigen Küste umgürtete, während +das blaue freundliche Meer an dessen anderer +Seite den Strand beschäumte. Massen kleinerer Segel, +meist inländische Prauen, hie und da aber auch +chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von +einer leichten Brise kaum bewegte Wasser, und nur<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[S. 255]</a></span> +ein einziges europäisches Schiff lag gerade über der +Corallenbank und durch die südlich auslaufende Spitze +des Landes (von den Engländern Tafelhoek genannt) +gegen den Südost-Monsoon geschützt, draußen vor +Anker. Seine Segel waren zwar noch fest, aber es +schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser, +während einzelne Boote noch immer mehr Fracht +hinüber brachten. Die holländische Flagge wehte +von des Fremden Gaffel.</p> + +<p>Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute +lange und sinnend in das freundliche Thal hinab, das +sich seinen Blicken öffnete. Aber seine Gedanken waren +nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh +vorher sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet +hatte, so zog sich jetzt seine Stirn in düstere, krause +Falten, und mit untergeschlagenen Armen schaute er +schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu +der ihm verhaßten, feindlichen Flagge hinüber.</p> + +<p>Es war eine edle, schöne, schlanke und doch so +kräftige Gestalt, wie sie unter der einzelnen wehenden +Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in den +Zügen, als ob der zürnende Gott der Berge selbst +aus seines Waldes Schatten getreten sei und jetzt den +Feind seines Landes, seines Volkes vor sich erblicke. +Die Züge seines Gesichts konnten fast griechisch genannt<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[S. 256]</a></span> +werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe +Stirn, die schwellenden und doch zart geschnittenen +Lippen schienen kaum einem indischen Stamme anzugehören; +aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die +dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze +aber weichlockige Haar verriethen den Sohn dieser +Küste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in die Landestracht +gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanähnlich +ein dunkelfarbiges, mit rothen und gelben +Streifen durchzogenes Tuch, nur daß oben die üppige +Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll. +Um seine Hüften, bis fast zu den Knieen niederreichend, +schlang sich ein gleiches von ähnlicher Farbe, +der sogenannte Kammen, und der Sappot, eine Art +schottischer Plaid, aber auch aus inländischem Zeug +gewebt, hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe über +die Schulter, mit dem einen langen Zipfel die rechte +Brust bedeckend.</p> + +<p>In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, +die Kompec oder Sirihtasche (zum Betelkauen) +aus feingeflochtenem und buntgefärbtem Bambus verfertigt, +und hinten, wie bei den Südamerikanern, der +lange Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) +in hölzerner, wunderlich geformter und mit Goldplättchen +zierlich ausgelegter Scheide, während der<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[S. 257]</a></span> +Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand +und ebenfalls mit Gold eingelegt war. An den +Füßen trug er zierlich genähte Ledersandalen mit +einem schmalen, goldgestickten Band quer über den +Spann herüber. Sonst waren Arme und Beine nackt, +aber voll und kräftig geformt, und nur um das Gelenk +der linken Hand schlang sich ihm ein fast weibischer +Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen, +steinharten und herzförmigen Beeren einer +Akazienart aufgereiht und zum schmalen Bande zusammengeflochten.</p> + +<p>Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes +dünnes Blasrohr, aus hartem schwerem Holz gebohrt, +von etwa fünf Fuß Länge, an das oben mit Streifen +Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze +so an der Seite befestigt war, daß sie dem Schuß des +Pfeils oder Bolzens nicht hinderlich sein konnte. Der +Köcher, der die kleinen aus Bambus gefertigten, mit +einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit +Gift bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, +an der linken Seite.</p> + +<p>Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und +mit dem linken Arm sich daran stützend, daß sein +Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte, murmelte +er mit leiser, halbunterdrückter Stimme vor sich hin:<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[S. 258]</a></span></p> + +<p>„Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen +Fahne, wieder und wieder eins, in Handel und +Freundschaft scheinbar, und <span class="gesperrt">uns</span> zum Nutzen, wie sie +sagen, heimlich aber nur sich und ihr räuberisches +Ziel im Auge. Halb <span class="gesperrt">sind</span> wir ja schon besiegt,“ setzte +er mit finsterem Grimm hinzu, die Worte durch die +zusammengepreßten Zähne zischend, „und wenn nicht +noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstünde +und mit aller ihm zu Gebote stehenden +Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den +Fremden keinen Fuß breit Boden weiter gönnend, wie +säh's um Bali aus! Hielt er die Hand nicht über +unser Land gestreckt, wie bald würden die Fremden, +die Brachma verdammen möge, das Land überschwemmen +und den ganzen Fluch ihres Geschlechts +über uns bringen. In den Thälern wüthet schon die +furchtbare Radjadja<a name="FNanchor_36_36" id="FNanchor_36_36"></a><a href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a>, und die Leichen ihrer Opfer +verpesten die Luft.“</p> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[S. 259]</a></span></p> +<p>„Die alten Prophezeihungen werden wahr,“ fuhr +der Einsame in seinem Selbstgespräch inzwischen fort. +„Der weiße Jakal hat den schwarzen überlistet und +wüthet in seinem Jagdgrund, während unsere Götter +ihr Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen +Kinder nicht zu schauen. „Der weiße Tiger +wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm +nicht gehorchen,“ sagt der Orakelspruch jenes weisen +Rajah, der tausende von Armen schon entnervt und die +Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefüllt hat. Ei, er +möchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen +und Pfeilspitzen würden sein Herz finden, daß sein +Blut den Boden düngte. Aber nur zusammen müßten +wir stehen, in innigem Bündniß, nicht jeder +Rajah für sich selber aus kleinlicher, erbärmlicher +Furcht das Bündniß des Feindes suchen, um von sich +selber dessen Rache abzuwenden, für sich selber die +Regierung zu erhalten. Das Wohl der Völker, lügen +sie dabei, hätten sie im Auge, und nur ihr eigener +Ehrgeiz macht sie blind gegen Ehre und Pflicht, und +treibt sie, die Völker, die ihrem Schutz durch Brachma +anvertraut, nichtswürdig zu verrathen.“<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[S. 260]</a></span></p> + +<p>„Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenüber? – +Unsere Prauen liegen müssig am Strande, unsere +Arme werden durch gefährliche Unterhandlungen gefesselt +gehalten, und die Flagge jener Fremden weht +stolz unseren Tempeln entgegen, und schändet uns +und unsere Götter. Fluch über solche Unthätigkeit, +über das Zaudern und Zögern und Wählen und +Fürchten. Wenn das so fort geht, wird der Name +Balinese bald gleichbedeutend werden mit Sklave und +Feigling. O mein schönes, armes Vaterland!“</p> + +<p>Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen +Gedanken sich überlassend, als sein Auge plötzlich +auf das Armband fiel, das er am linken Handgelenke +trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine +schönen und edlen Züge belebte.</p> + +<p>„Kassiar,“ murmelte er leise, indem ein flüchtiges +Lächeln über sein Antlitz glitt, „Kassiar, du Blume +des Thales, dich wenigstens will ich dem giftigen Einfluß +jener Fremden entreißen und mit mir in meine +Berge führen. Dort bieten wir dem fremden Einfluß +Trotz, und kommt einmal die Zeit, in der mein Vaterland +den Fluch erkennt, den es sich selber muthwillig +aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, +und unser Schlachtschrei soll die Feinde zurück auf +ihre Schiffe schrecken. – Kassiar!“<span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[S. 261]</a></span></p> + +<p>Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, +griff er die Lanze auf, und sprang mit leichtem +Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu. +Hier mußte er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr +bepflanztes Feld durchschneiden, das nördlich von +dem kleinen in die Tanjong-Bai ausmündenden Kali +oder Flusse lag. Eine Brücke gab es über den Strom +nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand +gestanden, war von dem angeschwellten Wasser unterwühlt +hinübergestürzt, daß ihr Wipfel eben das jenseitige +Ufer berührte. Auf dieser lief er hinüber, +drängte sich durch den morastigen, mit niedrigen +Büschen bedeckten Uferstrich, der die nördliche Seite +der von Tuban nach Kota führenden Straße und den +Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten +der wundervollen Punjannjo's, der Cocospalmen, +wo er auf glattem, ebenem Wege rüstig dahin schritt.</p> + + +<h4>2.</h4> + +<p>Wie das über ihm rauschte und zitterte, in einsamer, +wundervoller Waldespracht! – Wie das +flüsterte und raschelte, und mit den langen, herrlichen +Blättern wehte und ineinandergriff! – Hier war nichts +Fremdes, nichts Verhaßtes mehr; das war sein eigenes, +schönes Vaterland, die Cocospalme seines Stammes<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[S. 262]</a></span> +Bild, und wie das Herz ihm wieder aufging in Stolz +und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es +rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch +leichter und elastischer, und freundlich nickte er den +Leuten zu, die er am Wege traf, und die Reis und +andere Feldfrüchte, oder Matten und Körbe in die +Stadt zu Markte trugen.</p> + +<p>Schon hatte er hier die Gärten erreicht, die theils +mit der rothblühenden Butju (<i>rosa sinensis</i>), theils +mit der Buntaja (einer sehr giftigen Rankenpflanze, +welche durch bloße Berührung schon Entzündungen +und Anschwellungen bewirkt) eingezäunt waren, und +hie und da schaute aus dem dunklen Laub einzelner +Kaffee- und Muskatnußbüsche, oder zwischen den hochgezogenen +Sirih-Ranken die stille, lauschige Bambushütte +der Eingeborenen hervor, während die Cocospalmen +in einem dichten Hain ihre Kronen in einander +legten und kühlen Schatten auf den zwischen ihnen +durchführenden Weg warfen.</p> + +<p>Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt +erreicht; rechts am Wege leuchtete ihm schon das helle +Dach des Gustis – des Dorfoberhauptes – entgegen, +und von dort hinauf, der Cocosnußölmühle zu, +die von den Weißen angelegt worden, gleich über dem +breiten Platz, der sich dort ausdehnte – wie rasch<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[S. 263]</a></span> +das Herz ihm an zu pochen fing – dort wohnte +Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte +er sich schon im Geiste die Überraschung der Geliebten +aus, die keine Ahnung von seiner Nähe hatte.</p> + +<p>Mehrere junge Mädchen waren ihm begegnet; +manche aufgeputzt, wie zu einem ihrer Feste, andere +in das einfach gewebte Zeug des Landes gekleidet. +Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen +den an ihm vorbeigleitenden Dächern hin, die wohlbekannte +Gruppe schlanker Arekapalmen, die das Haus +der Geliebten umstanden, und jetzt – schon wollte er +um des Gustis Garten in die Straße einbiegen, denn +dort ragten die schlanken Wipfel grüßend und freundlich +nickend schon hervor, – da schritt ein junges +Mädchen die Straße herab, und sein Fuß haftete wie +angewurzelt an dem Boden fest.</p> + +<p>Das war Kassiar – und wieder war sie's nicht. +Die lieben dunklen Augen gehörten freilich ihr – +der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang, dem +Kiedang ihrer Wälder gleich – und dennoch schien +sie ihm vollkommen fremd, denn Tracht und Sitte, +wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen, glich sich +gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit +Blumen, rothen Beeren und kleinen farbigen Muscheln +geschmückt, wie den Putz ähnlich auch andere eingeborene<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[S. 264]</a></span> +Mädchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr +goldene Zierrathen, wie sie die verhaßten Weißen mit +herüber gebracht, den weichen runden Arm umschloß +ein goldenes, steinbesetztes Band, und um die Schultern +lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes +Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn über +die linke Brust herab. Leichten Schrittes kam sie den +Weg herab, der nach dem Strande nieder führte, und +wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger über die +Straße herüber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren +eigenen Gedanken beschäftigt, um viel auf ihn zu +achten. So wollte sie eben an ihm vorüber eilen, als +sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herüber sehen +machte.</p> + +<p>„Kassiar!“ – Der eine Blick genügte – zitternd +und erschreckt, die Hände vorgestreckt, ihre Farbe, die +selbst unter der zarten aber dunklen Haut sichtbar +wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach +dem geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, +stand das junge Mädchen einer schönen +Statue gleich da.</p> + +<p>„<a name="cortex4-1b" href="#corr4-1b" class="corr">Glentek</a>!“ hauchte sie dabei, „wo kommst du her, +oder liegt dein Körper oben in den Bergen, von scharfer +Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur dein +Geist hat mich hier aufgesucht?“<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[S. 265]</a></span></p> + +<p>Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der +Hand und strich sich die langen Haare dann zurück, +indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt auf die +Jungfrau heftete.</p> + +<p>„Und das ist Kassiar?“ sagte er endlich halblaut +und schüchtern, indem er langsam über die Straße +hinüber schritt und vor dem zitternden Mädchen stehen +blieb; „ist das das Weib, das ich mir in die Berge +holen wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die +ihr von Fremden und fremdem Glanz und Luxus +droht? – Es ist zu spät, wie ich sehe, und Kassiar +hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr +Vaterland. Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl +einem der fremden Männer für kurze Zeit gefallen; +werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder +ihre Heldenlieder singen?“</p> + +<p>„Glentek!“ bat das Mädchen, ihm die Hand entgegen +streckend mit herzlichem, flehendem Ton, „ist +<span class="gesperrt">das</span> dein Gruß, mit dem du mich nach so langer Zeit +der Trennung empfängst, und hast du in den Bergen +oben deine Kassiar so ganz vergessen – so ganz vergessen +und verlernt sie zu lieben?“</p> + +<p>Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick +hing noch immer fest und vorwurfsvoll an dem bunten, +fremdländischen Staat, der die Geliebte schmückte,<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[S. 266]</a></span> +an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, +an dem seidenen Tuch, das ihre Schultern umschloß. +Endlich sagte er langsam und traurig:</p> + +<p>„Dich vergessen, Kassiar? – Mächtiger Brachma, +mein Herz vergäße ebenso leicht zu schlagen, mein Ohr +den Ruf des Vaterlandes zu hören! Dich vergessen, +Kassiar? – Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage +gewandert und die letzte Nacht, um nur recht bald +dein liebes Antlitz wieder zu schauen, deine Hand in +der meinen zu fühlen, dem Flüstern deiner Worte zu +lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, +wenn sie vom dunklen Himmel niederfunkelten, der +Wasserfall rauschte mir deinen Namen Tage lang, +Nächte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen +andern Laut. – Dich vergessen, Kassiar? – +Jeder Vogel zwitscherte mir das liebe Wort, in jedem +Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur +die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden +Liebe – und jetzt –“</p> + +<p>„Und jetzt, Glentek?“ sagte das Mädchen und +streckte ihm freundlich die Hand entgegen, „war das +nun der ganze Gruß, den du deiner Kassiar bieten +konntest?“</p> + +<p>„Ich weiß nicht,“ entgegnete der junge Krieger +leise und mit tief bewegter Stimme, „ich weiß ja gar<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[S. 267]</a></span> +nicht, ob es noch <span class="gesperrt">meine</span> Kassiar ist. Die Augen +lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn +auch nicht so offen, so treuherzig mehr. Die süße +Stimme ist es immer noch, aber der äußere Tand, +der sie umschlossen hält, der Schmuck des Fremden, +der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren +– der ist mir fremd, der verhüllt mir Kassiar, +daß mein Auge das alte Herz nicht mehr darunter +finden kann. Und ich weiß nicht, <span class="gesperrt">wem</span> es jetzt entgegenschlägt.“</p> + +<p>„Du böser Glentek,“ lächelte die Maid, seine +Hand ergreifend und ihr Haupt an seine Schulter +lehnend, „<span class="gesperrt">du</span> weißt nicht, wem es schlägt?“</p> + +<p>„Von wem ist denn der Putz – von wem das +Tuch?“ sagte der junge Balinese noch immer nicht +beruhigt.</p> + +<p>„Wenn es dich ärgert, nehm ich's ab und trag's +im Leben nicht wieder,“ rief schnell Kassiar, das Tuch +von ihren Schultern ziehend.</p> + +<p>„Und wer gab es dir?“ fragte Glentek finster. +„Kassiar ist nicht so reich, daß sie der Fremden kostbarste +Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen könnte.“</p> + +<p>„Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, +Glentek,“ sagte, mit einem halbscheuen Blick +zu ihm empor, das junge Mädchen. „Du weißt,<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[S. 268]</a></span> +daß – daß die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen +guten Willen zu erkaufen und sie zu Freunden +sich zu machen – und da –“</p> + +<p>„Und da?“ wiederholte Glentek finster, aber seine +Frage wurde überhört.</p> + +<p>Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die +Straße nieder, die von Tuban herüber führte, und +als sich die beiden jungen Leute darnach umsahen, kam +ein kleiner Trupp Europäer, mit einer Dame an der +Spitze, an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs +und auch der Gusti von Kota dahin sprengten. Sie +wollten quer über den mit Waringhis bewachsenen +Platz hinüber nach eines Holländers Wohnung, die +dort lag. Die Dame warf auch nur im Vorbeisprengen +einen flüchtigen Blick auf das junge Paar, +als sie plötzlich ihrem Pferd rasch in die Zügel griff, +daß es aufbäumte und schäumend in sein Gebiß +knirschte und zurücklenkte, wo jene Beiden standen.</p> + +<p>„Mein Tuch!“ rief sie dabei; „beim Himmel, die +Dirne dort hält mein gestohlenes Tuch!“</p> + +<p>„Aber, liebes Kind!“ rief ihr Gatte, der Capitain +des auf der Rhede liegenden holländischen Schiffes, +„mach' hier keine Scene. Reite hinüber zum Haus, +ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich +damit verhält.“<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[S. 269]</a></span></p> + +<p>Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, +rief gereizt:</p> + +<p>„Daß mir die Diebin in die Hecken schlüpft und +sich nicht wieder an der Küste sehen läßt, nicht wahr. +Mich hat ein glücklicher Zufall hierher geführt, und +den will ich benutzen.“</p> + +<p>„Was ist – was gibt's?“ rief der Gusti, der +ebenfalls sein Pferd rasch parirt hatte und gerade an +ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig zu ihnen +aufschauenden Glentek und dem Mädchen hielten.</p> + +<p>„Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame +hat es wieder erkannt,“ dolmetschte ein anderer Europäer +dem eingeborenen Richter in balinesischer +Sprache.</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Gestohlen?</span>“ schrie Glentek, der die Worte gehört +hatte, wild emporfahrend, und seine Hand zuckte +wie unwillkürlich nach dem Radotan.</p> + +<p>„Ruhig, mein Bursche!“ rief aber finster der +Gusti; „die Sache wird sich finden. – Her das Tuch, +Kassiar – zögerst du, Dirne?“</p> + +<p>Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehört, +und ihr Auge haftete eine Weile in Angst und +Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain des +Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung +erwarten dürfe. Der Gusti hatte ihr indeß das<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[S. 270]</a></span> +Tuch aus der Hand genommen und der weißen Frau +hingereicht, damit sich diese überzeugen könne, ob es +wirklich das ihre sei.</p> + +<p>„Gewiß – gewiß!“ rief aber diese, als sie es auf +dem Pferd mit der einen Hand in die Höhe hob und +einen forschenden Blick darauf geworfen. „Das ist +mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen +und in meines Mannes Sekretär liegen hatte. Als +ich aber neulich zufällig einmal darnach fragte und es +zu sehen verlangte, war es verschwunden. Niemand +konnte sich erklären wie, und jetzt trägt es die Dirne +in der Hand.“</p> + +<p>„Und hast du keine Vertheidigung für dich, +Kassiar?“ rief mit unterdrückter Stimme, aber in +Todesangst der junge Bergbewohner. „Läßt du die +Fremden dich eine <span class="gesperrt">Diebin</span> nennen, und wirfst ihnen +die Lüge nicht zurück in ihr Gesicht?“</p> + +<p>„Woher hast du das Tuch?“ fragte jetzt der Gusti +das zitternde und mit niedergeschlagenen Augen vor +ihm stehende Mädchen. „Nun, wirst du deinem Richter +antworten, Dirne?“</p> + +<p>Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und +flüchtig zu dem Fremden empor, aber nur einen +Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie +ihr Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[S. 271]</a></span> +Antlitz dann, wie ihre Schuld bekennend, in den +Händen.</p> + +<p>„Man wird dich reden machen,“ sagte indessen +ruhig der Gusti. „Cheh Lascie, Maras, führt sie +in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis ich +selbst hinüber komme.“</p> + +<p>Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er +der übrigen Gesellschaft freundlich, ihren Weg fortzusetzen. +Die kleine Cavalcade sprengte auch gleich +darauf wieder dem Hause des Holländers zu, wo sie +zahlreiche Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen +und sie in die Halle geleiteten. Sie waren +alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von +Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser +wieder in seine Wohnung hinüber ging, um der Verhafteten +für die Nacht in einem der Gefängnisse einen +Platz anzuweisen. Das Hauptverhör sollte am nächsten +Morgen sein.</p> + + +<h4>3.</h4> + +<p>Der nächste Morgen kam, und Maderai, der +Gusti von Kota, hatte seinen Platz zwischen den +übrigen Richtern eingenommen, während das Volk +in neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum +der großen Bambushütte füllte. Jedes Schmuckes<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[S. 272]</a></span> +baar, die Haare glatt und schlicht herabgekämmt, die +Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug bedeckt, +ohne Goldringe in den Ohren oder um die +Arme, stand das wunderschöne Mädchen seitwärts in +einer kleinen Einfriedigung von Bambusstäben und +harrte der Klägerin, die vorgefordert war, gegen das +des Diebstahls beschuldigte Mädchen aufzutreten. +Das verhängnißvolle Tuch hing an einem Stab neben +des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien die Klägerin +nicht, und draußen das Schiff in der Bai, das +seine Segel heute Morgen schon gelöst, seine Flagge +aufgehißt und seine Boote an Bord genommen hatte, +war augenscheinlich im Begriff, ihre Küste zu verlassen. +Ließen die Weißen also die Klage gegen +das Mädchen fallen, so war sie frei. Von den +Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld beweisen.</p> + +<p>Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser +nieder, deutlich konnte man, selbst von hier aus, erkennen, +wie der Capitain mit seiner Frau hineinstieg, +die hellen Kleider der Europäerin, die noch einmal +an Land kam, um eins der eingeborenen Mädchen +verurtheilen zu lassen, schimmerten bis hier herüber, +und langsam und regelmäßig fielen die Ruder ein, das +scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[S. 273]</a></span> +scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes +scheuerte.</p> + +<p>Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig +heute Morgen zum Gericht. Das Schiff lag zur +Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, +Wind und Strömung waren günstig, seine Papiere +in Ordnung und selbst den Anker hatte er schon früh +am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick die +Segel loswerfen und in See gehen zu können.</p> + +<p>„Was liegt denn an dem Tuch?“ sagte er beschwichtigend, +als seine Frau am frühen Morgen +darauf drang, hinüber zu rudern an Land und es +beim Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. +„Du mochtest es so nicht mehr tragen, und kommen +wir nach Amsterdam zurück, so sollst du dir eins dafür +aussuchen, wie es dein Herz verlangt.“</p> + +<p>„Mir liegt nichts an dem Tuch,“ entgegnete aber, +den Blick fest und mißtrauisch auf den Gatten geheftet, +die Frau. „Mir ist's der Sache selber wegen, die +Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie +schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier +zu thun, wenn nicht – Gelegenheit auszuspüren?“</p> + +<p>„Sie kam mit den andern Mädchen,“ sagte kopfschüttelnd +der Capitain, „lieber Gott, bei dem Volke +muß man der Neugierde auch etwas zu gut halten.“<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[S. 274]</a></span></p> + +<p>„Und wie kam sie in die Kajüte hinunter und in +den Sekretär?“ rief Madame, die Worte scharf betonend. +„Van Soeken, hier liegt, wie ich fast fürchte, +ein Geheimniß zu Grunde, das die Schuld der Dirne +um ein gewaltiges vergrößert – und <span class="gesperrt">verringert</span>. +Ich gebe dir mein Wort –“</p> + +<p>„Aber liebes, gutes Kind,“ bat sie der Capitain, „sei +doch vernünftig, und setze dir nicht eine Menge thörichter +Sachen muthwillig in den Kopf. Wenn wir hinüber +könnten zum Verhör, würde ich dir rasch beweisen, +wie das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem +ich dich aber <span class="gesperrt">recht herzlich</span> bitte, kein großes Aufheben +zu machen und die Sache lieber fallen zu lassen. Du +weißt, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden Diebstahl +unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange +Gefängnißstrafe in niederen Bambuskäfigen und +Verbannung, die Männer den Tod zu gewärtigen +haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich +freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; laß uns +nicht mit einer solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit +wegen, von ihnen scheiden.“</p> + +<p>„Wenn wir hinüber <span class="gesperrt">könnten</span>, sagst du?“ rief die +Frau. „So willst du <span class="gesperrt">nicht</span> gehen?“</p> + +<p>„Aber siehst du denn nicht, daß unser Fahrzeug +segelfertig liegt und ich wahrhaftig vor meinen Leuten<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[S. 275]</a></span> +nicht verantworten kann, die schöne Zeit zu versäumen?“</p> + +<p>„Das Schiff ist dein – ist unser Eigenthum, wir +können damit thun, was wir wollen. – Aber ich sehe +schon, wie es ist. – Rücksicht auf die Leute willst du +nehmen – auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen, +weshalb du dich fürchtest, das Land wieder und +jenen Gerichtshof zu betreten?“</p> + +<p>„Fürchten? – Aber, bestes Kind –“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Soll</span> ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich +sei blind und hätte den Blick nicht gesehen, den das +Mädchen gestern auf dich warf, als ich sie des Diebstahls +beschuldigte?“</p> + +<p>„Auf mich?“</p> + +<p>„Auf <span class="gesperrt">dich</span>, hab' ich gesagt, und wagtest du +heute, der Dirne mit einer <span class="gesperrt">Klage</span> gegenüber zu +treten, würfe sie dir entgegen, daß <span class="gesperrt">du</span> ihr das Tuch +<span class="gesperrt">geschenkt</span>.“</p> + +<p>„Aber liebe, beste Marie!“</p> + +<p>„Das Tuch <span class="gesperrt">geschenkt</span>, sag' ich!“ rief die Frau, +mehr und mehr in eifersüchtigen Zorn gerathend, da +die augenscheinliche Verlegenheit des Mannes ihren +Verdacht nur mehr und mehr bestätigte. „Und wenn +du mir das Gegentheil jetzt nicht <span class="gesperrt">beweisest</span>, so +schwör' ich dir, so wahr ich Marie heiße und das Unglück<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[S. 276]</a></span> +habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier zu verlassen +und am Lande Schutz zu suchen.“</p> + +<p>„Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an!“ +bat der Capitain.</p> + +<p>„Und weigerst du dich, auch <span class="gesperrt">mich</span> an Land zu +setzen, dann, bei dem ewigen Gott, spring ich über +Bord und mache diesem Leben, das doch von da an +nur Qual und Elend für mich haben müßte, ein +rasches Ende. – Verrathen und betrogen – lieber +nicht leben, als mit <span class="gesperrt">der</span> Gewißheit dem Grabe langsamer +aber ebenso sicher entgegen sehen.“</p> + +<p>„Aber so sprich doch nur vernünftig!“ rief Van +Soeken, so gewissermaßen zur Verzweiflung getrieben. +„Wenn dir das Schiff selber so wenig am Herzen +liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen +Idee wegen Wind und Strömung zu versäumen, gut, +so sag' mir wenigstens, was du verlangst und eile damit.“</p> + +<p>„Was ich verlange?“ rief rasch triumphirend die +Frau, „augenblicklich mit dir an Land zu fahren und +Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Du</span> mit mir? weshalb? – Einer genügt vollkommen, +und wenn du es verlangst und wenn es dich +beruhigt, will ich hinüber fahren, die Klage einlegen +und dir das Tuch, an dem dein Herz so hängt, zurückbringen.“<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[S. 277]</a></span></p> + +<p>„Du allein? – Das glaub' ich dir!“ lächelte die +Frau den Gatten hämisch an. „Wenn du mich hier +an Bord wüßtest, wär' das Geschäft da drüben wohl +bald und glücklich abgemacht. Fort mit dir! <span class="gesperrt">Euch +allen</span> ist nicht zu trauen, und wo der Eine den Andern +unterstützen kann, thut er's mit Freuden, gilt es +ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu täuschen.“</p> + +<p>„So komm denn, meinetwegen,“ sprach der Capitain, +der keinen Ausweg weiter sah, der peinlichen +Geschichte zu entgehen, „du bist auch im Stande, eher +den <span class="gesperrt">Lügen</span> der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend +eine Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber +komm, du sollst wenigstens sehen, daß <span class="gesperrt">ich</span> deine +wahnsinnige Anklage nicht fürchte und mit gutem Gewissen +dem Verhör entgegen gehe. Ist mein Boot +noch unten, Steuermann?“ rief er dann mit lauter +Stimme dem vorn am Anker stehenden <a name="cortex4-2" href="#corr4-2" class="corr">Officier</a> +hinüber.</p> + +<p>„Ja, Mynheer,“ lautete die Antwort zurück; „soll +gleich aufgeholt werden. Alles fertig.“</p> + +<p>„Halt! – wir fahren noch einmal an Land.“</p> + +<p>„Noch einmal an Land?“ brummte der Steuermann +nicht wenig erstaunt, „na, da bitt' ich zu grüßen, +Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles klar, +und noch einmal an Land? Wo so eine Schürze an<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[S. 278]</a></span> +Bord ist, hört doch der ordentliche Dienst gleich auf. +Hol's der Teufel, möchte nur wissen, was jetzt wieder +im Wind ist.“</p> + +<p>Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jölle +wurde langseits gehalten, der Kajütsjunge hing die +Treppe wieder aus, und wenige Minuten später +schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das +schlanke Boot pfeilschnell dem Lande zu.</p> + + +<h4>4.</h4> + +<p>Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der +Eingeborenen, zu denen sich auch jetzt der auf Bali +wohnende Europäer eingefunden hatte, um Zeuge der +Verhandlung zu sein.</p> + +<p>„Dort kommt der Fremde mit der weißen Frau +– arme Kassiar – wie viel lange Jahre wird sie in +dem Käfig sitzen müssen, des bunten Lappens wegen +– und wie bleich sie aussieht und geknickt! – Wie +rachsüchtig die Fremden sind und wie habgierig – +arme Kassiar!“</p> + +<p>Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger +Mann an einer der hölzernen Stützen des Hauses. +Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet, +mit dem Radotan im Gürtel, und sein Blasrohr mit +der Lanzenspitze im Arm. Aber er sprach mit Niemand;<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[S. 279]</a></span> +kein Laut kam über seine Lippen, kein Ton des +Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die +Kläger. Es war Glentek, und als Kassiars Blick ihn +dort erspäht, wo er stand, hatte ihr Auge den Boden +gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben.</p> + +<p>Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der +Holländer war ihnen entgegen gegangen, die Dame +zu dem für sie bestimmten Sitz zu führen. Der Gusti +nickte ihnen freundlich zu, und als das Geräusch verstummt +war, das ihr Betreten des Raumes verursacht +hatte, erhob sich der Gusti von seinem Sitz, +überflog mit flüchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, +und begann dann mit seiner lauten, klangvollen +Stimme die Anrede.</p> + +<p>„Männer von Bali! wir sind versammelt, die +Anklage einer weißen Frau zu hören gegen eine unseres +Stammes, die des Diebstahls bezüchtigt wird. +Ihr wißt, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den +Diebstahl beim Mann mit dem Tode, bei der Frau +mit schwerem Kerker strafen, und ihr werdet Zeugen +sein, daß den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm +Lande.“</p> + +<p>Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache +vollkommen mächtigen Europäer, der sich +erboten hatte, für die Dame zu dollmetschen, auf,<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[S. 280]</a></span> +seine Klage vorzubringen und hier, öffentlich vor Gericht, +zu bestätigen, daß das Tuch der Europäerin und +von Bord des Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei +anzugeben, ob es dort offen gelegen, oder aus einem +verschlossenen Raum genommen wurde, was die +Strafe für das Vergehen noch verschärfen würde.</p> + +<p>Die Klage lautete jetzt, von dem Dollmetscher in +balinesischer Sprache vorgetragen, auf allerdings erschwerende +Umstände, da das Tuch von Bord, und +zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. +Hiergegen trat aber der Capitain selber auf, indem +er erklärte, er habe mehrere jener Stücke Zeug vor +einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und +draußen liegen lassen. Das Tuch könne darunter gewesen +sein.</p> + +<p>Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch +gekommen sei, ob sie es wirklich heimlich von Bord +genommen, oder irgend etwas vorzubringen habe, was +zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden könne. +Zitternd stand das Mädchen von ihrem Sitze auf. +Mehrere Minuten gebrauchte sie, sich so weit zu sammeln, +daß sie den Blick zu ihrer Klägerin erheben +konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr +Auge schweifte kurze Zeit von Van Soeken zu dessen +Gattin und zurück, bis es sich endlich auf den Seemann<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[S. 281]</a></span> +heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel +Mühe er sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob +sich dabei ihr Arm, bis er auf den Kläger deutete, +und eine Weile stand sie so, einer wunderschönen +Statue gleich, kein Glied des Körpers regend, nicht +mit den Wimpern zuckend, dem Manne gegenüber. +Auch die Frau des Capitains war <a name="cortex4-3" href="#corr4-3" class="corr">aufgesprungen</a>, der +nächste Moment sollte vielleicht schon ihren längst gefaßten +Verdacht bestätigen, und ihr Auge flog wild, +in fast peinlicher Spannung, von den Lippen des +Mädchens zu den unverkennbar bleichen Zügen des +Gatten.</p> + +<p>„Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine +Hand gekommen?“ sagte da endlich Kassiar mit leiser, +wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung auch +nur mit dem Zucken einer Muskel zu verändern, – +„und jene Frau dort klagt Kassiar des Diebstahls an +– so hört denn – ich habe jenes Tuch –“</p> + +<p>Dicht hinter dem Holländer hob sich in diesem +Augenblick die schlanke Gestalt Glenteks still und +ruhig empor, und auch sein Blick hing in athemloser +Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da +traf ihn Kassiars Auge, und plötzlich in sich zusammenbrechend, +ihr Antlitz in den Händen bergend, rief +sie mit markdurchschneidender Stimme aus:<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[S. 282]</a></span></p> + +<p>„<span class="gesperrt">Gestohlen!</span>“ und sank bewußtlos auf den Boden +nieder.</p> + +<p>„Armes Kind – arme Kassiar!“ klang es von +den Lippen der Eingeborenen, und einige der Frauen +drängten sich durch die Wachen, die Ohnmächtige zu +unterstützen und ins Leben zurückzurufen.</p> + +<p>„Das Geständniß genügt,“ sagte da der Gusti +ernst, der sich ebenfalls von seinem Sitze erhoben +hatte, indem er das neben ihm hängende Tuch von +dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener +übergab, damit er es der Europäerin, als ihr Eigenthum, +zurückbringe. – „Das unglückliche, junge +Mädchen mag indeß der Sorgfalt der Frauen überlassen +bleiben, bis es sich erholt hat, dann aber der +Obhut der Gefängnißwärter übergeben werden. In +dem Krankeng büße sie fünf Jahre lang.“</p> + +<p>„Halt!“ rief da eine ernste, klangvolle Stimme +in den Tumult von Tönen hinein, der diesem Urtheilsspruch +folgte, „halt, hört erst mich. – Das +Mädchen ist unschuldig!“</p> + +<p>Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen +Worte auf die Versammelten ausübten, und selbst die +Ohnmächtige schienen sie ins Leben zurückgerufen zu +haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge +Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[S. 283]</a></span> +dem innern Raume trennte, mit einem Satz überspringend, +in diesen hinein und ging mit leichtem +Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze +Lanze gestützt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, +doch fest entschlossen stehen blieb.</p> + +<p>„Wer bist du?“ fragte dieser freundlich den ihm +fremden Krieger, indem sein Auge mit Wohlgefallen +auf den schlanken, kräftigen Gliedern, wie den offenen +Zügen des Jünglings hafteten. „Was weißt du von +der Schuld des Mädchens hier, das ihr Vergehen +schon offen eingestanden?“</p> + +<p>„Ich selber bin der Dieb,“ sagte der Eingeborene, +und wenn auch seine Lippen bei der Lüge zitterten und +seine Wangen sich entfärbten, begegnete er fest und unerschüttert +dabei dem Blick des erstaunt zu ihm niederschauenden +Richters.</p> + +<p>„Du wärst der Dieb?“ sagte da der alte Gusti nach +langer, peinlicher Pause, indeß er sorgfältiger als vorher +noch die edle Gestalt des jungen Eingebornen gemustert +hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe +schüttelte; „wer bist du und woher stammst du?“</p> + +<p>„Ich heiße Glentek und meines Vaters Haus +liegt in dem Hochland von Benoi.“</p> + +<p>„Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt?“ +rief rasch und erschreckt der Gusti.<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[S. 284]</a></span></p> + +<p>„Er ist mein Vater,“ erwiderte mit kaum hörbarer +Stimme der junge Balinese.</p> + +<p>„Unglücklicher!“ rief der Gusti da, die Hand abwehrend +vor sich ausstreckend, „wozu bekennst du +dich? Und weißt du, welche Strafe <span class="gesperrt">dir</span> bevorstände?“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Der Tod!</span>“ sagte Glentek ruhig und unerschüttert +– „ich weiß es, Gusti; aber ein Glentek +kann nicht dulden, daß ein Weib <span class="gesperrt">seinetwegen</span> unschuldig +leide.“</p> + +<p>Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar +der Eingeborenen, und der Holländer war zu seinen +Freunden hinüber getreten, diesen die Wendung mitzutheilen, +welche die Sache zu nehmen schien.</p> + +<p>„Wie kann der Bursche dort der Dieb sein?“ rief +da Mevrouw Van Soeken rasch und zürnend, „ich +habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so viel +ich weiß, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.“</p> + +<p>„Das ist eine Liebesgeschichte,“ sagte der Holländer +kopfschüttelnd, „ich glaube selbst nicht, daß der +junge Bursche mit der ganzen Geschichte etwas zu +thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine +Meinung darüber sagen.“</p> + +<p>„Du siehst nun, liebes Kind,“ flüsterte der Capitain, +dem sich bei dieser Wendung eine große Last von +der Seele wälzte, der Gattin zu, „daß dein Verdacht<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[S. 285]</a></span> +vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr +wahrscheinlich der Bräutigam, vielleicht der Mann +der Dirne, der jetzt bekennt, das Tuch entwandt zu +haben, um der Geliebten ein seiner Meinung nach +kostbares Geschenk damit zu machen.“</p> + +<p>„Wir wollen sehen, wir wollen sehen!“ murmelte +Madame in fast fieberhafter Aufregung. „Aber – +sie können ihn doch nicht deshalb ermorden?“</p> + +<p>„Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der +Tod,“ sagte der Capitain gleichgültig. „Ich glaube +nicht, daß sie mit ihm eine Ausnahme machen werden. +Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti für ihn +thun läßt. Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht +Wind und Strömung damit versäumten!“</p> + +<p>Der Gusti hörte aufmerksam an, was ihm der +Weiße als Aussage der Klägerin mittheilte, und +wandte sich dann langsam und ernst an den Jüngling.</p> + +<p>„Hast du das Schiff dort draußen je betreten, +Glentek?“ fragte er ihn, und sein Auge haftete dabei +fest und prüfend auf den Zügen des jungen Mannes.</p> + +<p>„Könnt' ich das Tuch sonst entwendet haben?“ +entgegnete dieser finster.</p> + +<p>„Zu welcher Zeit war das?“</p> + +<p>„Bei Nacht.“</p> + +<p>„Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?“<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[S. 286]</a></span></p> + +<p>„Die stumpfsinnigen Europäer sind nicht so schlau, +daß sie ein Balinese nicht betrügen könnte,“ rief aber +der Krieger zornig, „Glenteks Fuß berührt den Boden, +wie des Nachtvogels Flügel die Luft. Nicht der Tiger +hört ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, +nicht der scheue Hirsch im Alang Alang.“</p> + +<p>„Glentek!“ rief da Kassiars Stimme mit herzzerreißendem +Ton ihn an. „O glaubt ihm nicht, +<span class="gesperrt">meinet</span>wegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So +edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er <span class="gesperrt">lügt</span>, wenn er +sich meinetwegen schuldig nennt.“</p> + +<p>„Hörst du das Mädchen?“ sagte der Gusti auf +die Jungfrau zeigend, die sich in angstvoller Hast jetzt +vom Boden hob und, die Haare aus der Stirn +streichend, auf den Jüngling zustürzte, vor ihm zu +Boden sank, seine Knie umfaßte und bittend ausrief:</p> + +<p>„O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar +verzeihen?“</p> + +<p>Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, +und nur ein eigener Ausdruck von Schmerz und Liebe +durchzuckte seine Züge. Doch auch diese Schwäche, +wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im +Augenblick. Eisern wie vorher blieb das Antlitz der +edlen, dunklen Gestalt, und er sagte finster:</p> + +<p>„Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[S. 287]</a></span> +die Aussage Glenteks von Benoi? – Ihr seid Männer, +und euch gegenüber erkläre ich, daß ich jenes +Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. +Wie und weshalb, darauf weigere ich die Antwort. +Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.“</p> + +<p>„Darnach bleibt nichts mehr zu erfüllen als der +Richterspruch,“ sprach feierlich und ernst der Gusti. +„Glentek von Benoi, bereite dich zum Tode, denn du +hast keine Viertelstunde mehr zu leben.“</p> + +<p>„Ich bin bereit,“ erwiderte ruhig und mit fester +Stimme der junge Balinese.</p> + +<p>„Halt – das geht nicht – das kann nicht sein!“ +rief aber hier der Capitain, der ebenfalls hinzugetreten +war, und genug vom Balinesischen verstand, den Sinn +des eben hier Verhandelten zu begreifen.</p> + +<p>„Weiß der Europäer etwas, das die Schuld von +den Händen des Verurtheilten nimmt?“ sagte der +Gusti rasch.</p> + +<p>„Nein, das nicht,“ versetzte halb scheu und doch +auch wieder entschlossen der Capitain; „aber – giebt es +nichts in euren Gesetzen, das im Stande ist, den Urtheilsspruch +zu mildern? – Kann das Verbrechen +nicht durch irgend eine Buße – durch Geld vielleicht +– gesühnt werden? Ich mag die Küste hier nicht verlassen +und das Blut eines ihrer Kinder, die mich alle<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[S. 288]</a></span> +so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen +auf das blaue Wasser.“ –</p> + +<p>Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen +auf des Gusti Wink ein Einzelner, der sich sonst in +nichts von den Übrigen unterschied, heraus und vor +den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein +Messer, den balinesischen Radotan, aus dem Gürtel +und wartete der weiteren Befehle seines Oberen.</p> + +<p>„Unsere Gesetze,“ sagte der Gusti ernst, „verlangen +für solchen Diebstahl den <span class="gesperrt">Tod</span> des Missethäters. +Aber das Verbrechen ist an einem Fremden +verübt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, +<span class="gesperrt">giebt</span> es einen Ausweg.“</p> + +<p>„Gott sei Dank!“ rief der Capitain, als er die +Worte vernahm. „Nennt mir die Summe. Ich will +lieber einen großen Verlust leiden, als Blut – dies +Blut auf meiner Seele wissen.“</p> + +<p>„Die Summe ist nicht so groß,“ erwiderte der +Gusti, „und ebenfalls durch unsere Gesetze vorgeschrieben. +Wenn der Fremde zwei Säcke Kupfer (der +Sack etwa dreißig Gulden) zahlt und sich verbindlich +macht, den Verurtheilten, der von da an sein Sklave +ist, mit fortzuführen und nie wieder an diese Küste +zurück zu bringen, von der er verbannt ist für immerdar, +so ist sein Leben gerettet.“<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[S. 289]</a></span></p> + +<p>„Verbannt – <span class="gesperrt">ich</span> von Bali, von meinem Vaterland?“ +rief da Glentek, wild emporfahrend und die +Waffe, die er in seinen Händen trug, fester fassend – +„nie, nie im Leben! Ihr mögt mich tödten – ich habe +den Tod verdient und mag nicht länger leben, aber +<span class="gesperrt">verbannen</span> könnt und <span class="gesperrt">dürft</span> ihr mich nicht. Ein +Sklavenleben für Glentek, fern von der Heimath, fern +von meiner Palmen Wehen? – Nie – nie und +nimmer!“</p> + +<p>„Ich zahle die zwei Säcke Kupfer!“ rief aber rasch +der Capitain. – „Gebt mir einen eurer Leute mit an +Bord, Gusti, der mag sie zurückbringen, und mein +Freund dort bürgt euch indessen dafür. – Laßt den +Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat +Strafe genug durch die Angst ausgestanden.“</p> + +<p>„Sein Urtheilsspruch ist gefällt,“ entgegnete finster +der Gusti. „Ließen wir um geringe Geldstrafe den +Diebstahl frei, ihr Weißen selber wäret die Ersten, +die Klage auf Klage häuften und uns am Ende zwängen, +unsere Gesetze zu ändern. Aber nicht allein das +Verbrechen,“ setzte er mit einem ernsten Blick auf den +jungen Mann hinzu, „nein auch der <span class="gesperrt">Wille</span> der Menschen +mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern +noch junges, rasches Blut durchströmt, <span class="gesperrt">wollte</span> den +Tod, und seines Vaters wegen freut es mich, daß ich<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[S. 290]</a></span> +die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich +aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, +kann nicht in unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er +hat sich selbst gerichtet.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Gusti!</span>“ rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst +drohend gegen den Richter wendend.</p> + +<p>Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter +zu beachten, schüttelte nur langsam mit dem Kopf und +sagte wieder finster:</p> + +<p>„Sendet das Geld an Land und nehmt dafür den +Gefangenen hier mit in See. Vielleicht macht ihr +noch einmal einen tüchtigen Matrosen aus ihm. – +Kein Wort weiter,“ setzte er rasch und fast ängstlich +hinzu, als sich der Verurtheilte noch einmal an ihn +wenden wollte; – „ich habe den Urtheilsspruch gefällt; +an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn ausgeführt +zu sehen.“</p> + +<p>Und mit den Worten verließ er rasch das Haus.</p> + +<p>Gegen den Spruch des Gusti gab es keine +Appellation. Wenn aber ein Wesen in dem weiten +dichtgedrängten Raum in steigendem Interesse, in +erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust +der Wendung gefolgt war, die das Todesurtheil +nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur so +lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[S. 291]</a></span> +Angst erfüllte, wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie +nicht, ihren Gefühlen Worte zu geben. Jetzt aber, +als er den Rücken gewandt und in der zusammendrängenden +Masse der Übrigen verschwunden war, hob +sie sich vom Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte +seine Hände und Knie mit Küssen. Aber Glenteks +Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er +von nun an nie wieder betreten sollte. – Sein Auge +blickte stier in die Leere und krampfhaft hielt indeß +die Rechte das treue Rohr, die Linke seinen Radotan +gefaßt.</p> + +<p>„Glentek, Glentek,“ bat da Kassiar, noch immer +zu seinen Füßen hingeschmiegt, – „o sage, daß du +mir nicht zürnst, sage, daß du mich nicht hassest und +ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet – +weit über das Meer, an ferne, wüste Küsten, in +nebelbedeckte Länder, in öde Steppen, wohin es ist, +wenn nur dein Blick mir dort wieder freundlich lächelt, +wenn nur dein Liebeslaut wie früher zu meinem Herzen +dringt.“</p> + +<p>Glentek hörte sie nicht. – Still und regungslos +stand er da und vor seinen Augen wehten die Farnpalmen +seiner Berge, vor seinen Ohren rauschten die +wilden plätschernden Quellen und tönte der schrille +Ruf des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers.<span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[S. 292]</a></span></p> + +<p>Da berührte eine Hand leicht seine Schulter, und +als ob ihn ein elektrischer Schlag getroffen hätte, +zuckte er empor und sah wild um sich her.</p> + +<p>„Es wird Zeit, Glentek,“ sagte da die freundliche +Stimme des Holländers, der gut genug mit den +Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen, +daß den Meisten Verbannung viel fürchterlicher ist +als der Tod, und der Mitleid mit dem jungen Burschen +fühlte. – „Der Capitain will segeln, und du +weißt, daß dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht +gestatten, länger – lebendig – auf diesem Boden zu +weilen.“</p> + +<p>„Es ist gut,“ entgegnete Glentek, der sich rasch +sammelte und jetzt wohl fühlte, daß er sich dem Unvermeidlichen +auch wie ein Mann fügen müsse. „Es +ist gut – ich bin bereit.“</p> + +<p>„Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek – +darf ich dir folgen, wohin dein Fuß sich wendet?“ bat +das Mädchen, noch immer an seine Knie geschmiegt.</p> + +<p>Der junge Bursche schüttelte langsam mit dem Kopf.</p> + +<p>„Fahre wohl, Kassiar,“ sagte er ernst aber ohne +Bitterkeit im Ton, indem er leise mit seiner Hand ihr +Haupt berührte. „Unsere Wege trennen sich hier. +Ich träumte einst von einem Glück an deiner Seite +– das ist vorbei.“<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[S. 293]</a></span></p> + +<p>„Glentek!“ klagte in herzzerreißendem Tone das +arme Kind.</p> + +<p>„Lebewohl!“ sprach der Jüngling und schob leise +die Hand, die sein Gewand noch immer fest gefaßt +hielt, zurück. Kassiar gehorchte der Bewegung und +ließ ihn los, während sie flehend die Arme zu ihm +<a name="cortex4-4" href="#corr4-4" class="corr">ausstreckte</a>, aber er wandte sich langsam von ihr ab +und schritt, dem Winken des Europäers folgend, ohne +auch nur noch einmal den Blick zurückzuwerfen, dem +Strande zu.</p> + + +<h4>5.</h4> + +<p>Fünf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel +beschriebenen Vorgängen verflossen, und manches hatte +sich indessen auf Bali verändert. Den Holländern +war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch +oft in übermüthigen, seeräuberischen Thaten ausbrach, +schon lange lästig geworden, und sie hatten gesucht die +Rajahs von Bali für sich zu gewinnen, daß sie wenigstens +ihre Oberherrschaft <span class="gesperrt">anerkannten</span>, wenn sie +auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem +entgegen stand aber stets der einflußreichste Mann +von Bali, der alte Dewa Argo, der Oberpriester der +Insel. Dieser trat mit allen Kräften für die Unabhängigkeit +der Insel in die Schranken, wollte von<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[S. 294]</a></span> +keinen Verträgen mit den Fremden wissen und behauptete, +daß sie selbst noch so viel Gewalt wie +Fähigkeit hätten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung +zu halten. Allen versuchten Bestechungen blieb +er ebenfalls unzugänglich, bis ihn ein plötzlicher Tod +jählings hinwegraffte. Die allgemeine Stimmung +sagte, er sei durch Gift gestorben.</p> + +<p>Schon vorher hatten die Holländer versucht, sich +die Insel durch die Gewalt der Waffen zu unterwerfen. +In offener Schlacht und im niedern Küstenland +waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder +Tapferkeit den überlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, +auch besiegt worden, in ihren Bergen +hätten sie sich aber noch lange und für immer halten +können. Die Holländer sahen das auch recht gut ein. +Um das Leben ihrer eigenen Leute zu schonen, die bei +einem fortgesetzten Kampf mit den zähen Bergvölkern +den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch +den furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt +bleiben mußten, begannen sie nach des Dewa +Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den Rajahs, +die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. +Diese wußten sie größtentheils für sich zu gewinnen, +brachen dadurch die Einigkeit derselben und rückten +ihrem Ziele, das sie mit ihren Geschützen und<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[S. 295]</a></span> +Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur +mit furchtbaren und unverhältnißmäßigen Opfern +erreicht hätten, durch Geduld und Schlauheit näher +und näher.</p> + +<p>Der Gusti von Kota, einer der den Holländern +am meisten geneigten Balinesen und der intime +Freund des jetzt dort installirten holländischen Consuls, +saß in dieser Zeit Morgens nach dem Frühstück, und +eben aus einer langen europäischen Pfeife rauchend, in +seinem Hause, als ein Eingeborener in schmutzigen, +zerrissenen Kammen, den Oberleib nothdürftig durch +den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne +Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast +auf seinem Scheitel zusammengebunden, die Veranda +betrat, und ohne sich vorher bei dem Richter anmelden +zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf +der Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an +den Wachen vorüber in das Zimmer schritt, in dem +der Gusti sonst die kleineren Verhöre abzuhalten und +Bittende zu empfangen pflegte.</p> + +<p>Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. +Den Radotan ausgenommen, der im Kammen +stak, war er allerdings völlig unbewaffnet, doch seine +ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so +kühn und edel, daß selbst die Gerichtsdiener, die das<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[S. 296]</a></span> +Haus umlagerten und den Hofstaat des Gustis bildeten, +nicht wagten, ihn zurück zu halten. Nur an +die Thür drängten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres +Gebieters rasche Folge leisten zu können, wenn der +Fremde, den Niemand von ihnen kannte, etwa gar +Unehrerbietiges oder Böses im Schilde führen sollte. +Daß er ein Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti +hineinzutreten, konnten sie nicht bezweifeln, er hätte +es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe gleich auf +dem Fuße folgen müßte.</p> + +<p>Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen +der Dapatwolle belegten Bambussopha und hob sich +allerdings überrascht empor, als er die wilde Gestalt +so kühn und trotzig zu sich eintreten sah.</p> + +<p>„Ist das Landessitte?“ sagte er strafend, indem +er den Fremden dabei mit forschendem Blick musterte, +„in solcher Art den Gusti aufzusuchen? – Waren +keine Diener an der Thür, die dich melden konnten? +Bist du hier zu Hause, auf deiner eigenen Schwelle, +daß du die schuldige Ehrfurcht vergissest, die dem +Obern gebührt?“</p> + +<p>„Verzeih den raschen Eintritt, Gusti!“ rief mit +tiefbewegter aber unterdrückter Stimme, vielleicht um +nicht von den außenstehenden Dienern gehört zu werden, +der Fremde. „Aber der Zweck, um den ich<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[S. 297]</a></span> +komme, mag mich entschuldigen, mein Name dir bürgen, +daß ich als Gleicher dir nahen darf. Kennst du +mich noch?“</p> + +<p>Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstörten +Züge des Fremden, die fahlen Wangen und eingefallenen +Augen, dann sagte er kopfschüttelnd:</p> + +<p>„Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick +vorüber. Dein Antlitz ist mir bekannt, und doch weiß ich +nicht, wo ich zum letzten Mal dich sah. Dein Name?“</p> + +<p>„Glentek von Benoi.“</p> + +<p>„Glentek?“ rief der Richter, erschreckt von seinem +Sitz emporspringend. „Unglücklicher, was treibt dich +wieder her zu uns? – Weißt du nicht, daß dein +Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes +Küste wieder betrittst, das dich <a name="cortex4-5" href="#corr4-5" class="corr">verbannte</a> und von +sich stieß?“</p> + +<p>„Ich weiß es,“ sagte Glentek ruhig, „mein Leben +aber wäre von geringem Werth für das, was jetzt +mich herführt.“</p> + +<p>„Kassiar?“ rief der Richter, und ein Zug des +Mitleidens zuckte über das sonst so starre strenge +Antlitz des Mannes. „Sie ist todt, Glentek. Der +Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie +das erste Jahr hinweggerafft. Die kühle Erde deckt +ihr gebrochenes Herz.“<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[S. 298]</a></span></p> + +<p>„Arme Kassiar!“ seufzte Glentek leise. – „Doch +ihr ist wohl – wohler als mir, der ich fünf Jahre +der Verzweiflung fern von meinem Vaterland gelebt. +Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mädchen führt +mich an diesen Strand zurück, – seit jenem Tag +schon war sie für mich begraben, und was ich seitdem +erlebt, hat mir bewiesen, daß Kassiar Glenteks von +Benoi doch nicht würdig war. Sie ruhe sanft; ich +habe ihr verziehen.“</p> + +<p>„Und was trieb sonst dich her?“ fragte erstaunt +der Gusti.</p> + +<p>„Mein Vaterland!“ rief der Balinese mit vor +innerer Bewegung fast erstickter Stimme. „Ich habe +ertragen,“ fuhr er nach einer kleinen Pause, in der +er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch +in großer Aufregung fort, – „ertragen die langen +Jahre hindurch, was nur ein Mensch ertragen kann. +Die Feinde – denn unsere <span class="gesperrt">Feinde</span> sind jene Männer, +deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen +draußen wehen, wenn sie auch freundlich und mit +gleißnerischer Zunge zu uns kommen – die Feinde +halten uns nun einmal für eine untergeordnete Raçe +bestimmt zu gehorchen und ihnen Schätze anzusammeln, +die sie weit überm Meere drüben dann verprassen. +Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[S. 299]</a></span> +und Größe gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre +zahllosen Mannschaften, ihre künstlichen mörderischen +Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle das Land +durchfliegen, ihre Häuser, in denen sie tausende von +Menschen zu <span class="gesperrt">einem</span> Zweck beschäftigen. – Aber ich +habe auch ihre Waarenplätze gesehen, in denen sie die +Produkte einer <span class="gesperrt">Welt</span> aufhäufen, und dort begriffen, +wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche +Bedürfnisse für sein <span class="gesperrt">Leben</span> hat, nicht stehen bleiben +kann und wird, mehr und mehr zu gewinnen, mehr +und mehr an sich zu reißen. Die Holländer haben +das Geld und die Macht in Händen, und <span class="gesperrt">Freundschaft</span> +zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht +mehr denkbar. Der Schwache wird und muß des +Stärkeren Beute werden.“</p> + +<p>„Aber was hat das alles mit <span class="gesperrt">dir</span> zu thun?“ sprach +der Gusti, erstaunt den Beredten anschauend. „Ich +weiß das alles,“ fügte er mit Stolz hinzu, „es ist ein +mächtiges Volk und unser Freund, – und um mir +das zu sagen, brauchtest du dein Leben nicht zu +wagen.“</p> + +<p>„Mein <span class="gesperrt">Leben</span>!“ rief der Balinese wieder, verächtlich +mit dem Fuße den Boden stampfend. „Was +gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das Losungswort +sein muß? Höre mich weiter. – Ich wanderte, lebte<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[S. 300]</a></span> +fünf lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre +Sprache, lernte lesen und schreiben mit <span class="gesperrt">ihren</span> Zeichen +und Worten und eine neue Welt eröffnete sich mir. +Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, +um Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. – Mit +eigenen Augen konnte ich in all den Blättern, die täglich +dort im Volk verbreitet werden, selber lesen, wie +sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine +Rechte, die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie +mir das Herz pochte, als ich die Kunde mit eigenen +Augen sah, daß meine Landsleute mit Lanze, Bogen +und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, +dem Feind die nackte Brust entgegenzuwerfen und ihn +zurück ins Meer zu treiben! O wie das da im Herzen +stach und brannte, daß ich nicht Theil nehmen durfte +an ihren Kämpfen, an ihren Siegen, daß ich <span class="gesperrt">verbannt</span> +von Bali war, ein Ausgestoßener von meiner +Mutter Erde, und doch für sie die heiße, brennende +Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als +ich von Balis Siegen las. Wie aber, als ich von +unserer Niederlage hörte, von Vortheilen, die die +Holländer über uns gewonnen, von Bedingungen, die +uns vorgelegt wären, ihren Frieden anzunehmen und +ihre Oberherrschaft anzuerkennen!“</p> + +<p>„Mich litt es nicht mehr in Europa. – Längst<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[S. 301]</a></span> +schon hatt' ich die Summe, die jener Weiße für mich +gezahlt, abverdient – mehr noch vielleicht, als er mir +dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung mit +dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und +wenn ich das Verhältniß recht begreife, in dem die +beiden Gatten mit einander leben, so glaub' ich, hab' +ich mich für vergangenes Leid gerächt. So, frei von +ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, +das mich nach Soerabaja an der Javanischen Küste +brachte, und hier – Brachma versenge mich, wenn +mich die Nachricht nicht wie ein Todesstoß im Herzen +traf – hörte ich, daß das einzige Herz von Bali, das +voll Kraft und Vaterlandsliebe im Stande war, die +feindlichen und eifersüchtigen Rajahs mit starker +Hand zusammenzuhalten, daß das einzige Herz in +Bali, das, von reiner Liebe für die Heimath beseelt, +auch die Gefahr begriff, in der wir schwebten, daß +der Dewa Argo von feiger, verrätherischer Hand vergiftet +und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschützter +Freundschaft mein Vaterland zu unterwerfen. +Wohl hörte ich von tapferen Schaaren, die aus den +Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, +dem Feinde zu begegnen. Aber die <span class="gesperrt">Seele</span> fehlt, die +jetzt die Massen im Zügel halten könnte. Mein Vater +selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen schon<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[S. 302]</a></span> +früher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht +gekauft, doch arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerüchte +gingen dabei umher, daß Bali Priester nach Indien +abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prüfen und +zu bestimmen, ob wir selber den alten Göttern treulos +werden sollten. Da litt es mich nicht mehr in +Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben drohte, +durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehört ja +Bali, mein Arm, mein Herz. – Für das ersparte +Geld erhandelte ich mir ein kleines Boot, setzte meine +Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem +Ziel ich entgegenflog, der vaterländischen Küste wieder +zu. In Tabannar wollt' ich landen und von dort +meine Heimat erreichen, als mich der Sturm erfaßte, +der vor wenigen Tagen diese Küste peitschte, und mich +herunter in die Bai warf. Mein Kahn füllte sich und +sank unfern von Sersek, und mit Schwimmen rettete +ich mich wieder an die Küste, die mich vor so viel +Jahren einst als Verbrecher von sich stieß.“</p> + +<p>„Und was suchst du hier, Verblendeter?“ fragte +der Gusti, der der leidenschaftlichen Erzählung des +Flüchtlings ernst und kopfschüttelnd gelauscht hatte.</p> + +<p>„Was ich suche?“ rief aber Glentek staunend aus. +„Ein Heer, dem Feind zu begegnen! – Die Schaaren +der Unseren suche ich, die sich um die wehenden Lanzen<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[S. 303]</a></span> +ihrer Rajahs gesammelt haben, die Pässe unserer +Berge zu besetzen und Tod und Verderben in die +Reihen der Feinde zu schleudern, wenn sie es wagen +sollten, uns da anzugreifen. – Dich hab' ich aufgesucht +vor allen anderen, weil ich wohl wußte, Gusti, +du würdest den Sohn deines Freundes, wenn du ihn +einst auch zum Tode verurtheilen mußtest, nicht <span class="gesperrt">verrathen</span>, +und dich bitte ich jetzt, mir die Pässe zu +nennen, in denen die Unseren stehen, daß ich im +Stande bin, mich ihnen anzuschließen. Gram und +Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut gegraben, +daß ich nicht fürchte, dort erkannt zu werden, – nur +meinen Vater will ich sehen, und dann ja gern das +Leben, das doch dem Vaterland gehört, für dieses +opfern.“</p> + +<p>„Du träumst, Glentek,“ entgegnete ihm da ruhig +der Gusti. – „Was sprichst du von gerüsteten Schaaren, +von Feinden und Gefahren, die dem Lande +drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrübten +Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht +geschlagen, wenn auch in kleinen Gefechten besiegt, +haben unsere Rajahs doch eingesehen, daß es für das +Volk besser sei, sich die Freundschaft des mächtigen +Nachbars zu erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach +Java zurückgezogen, die wenigen ausgenommen, die er<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[S. 304]</a></span> +zum Schutz seines Handels hier zurückgelassen. Kein +Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, +thörichter Rechte oder Vorurtheile wegen.“</p> + +<p>„Kein Blut auf Bali vergossen?“ rief Glentek, +einen Schritt entsetzt zurücktretend, „und ist der Mord +des Dewa Argo denn gerächt?“</p> + +<p>„Der <span class="gesperrt">Mord</span> des Dewa Argo? Wer sagt dir, daß +ein Mord geschehen sei? Der Dewa Argo starb natürlichen +Tod.“</p> + +<p>„Und Bali ist nicht in Aufruhr?“ rief Glentek, +kaum seinen Sinnen trauend; „die Krieger ziehen nicht +in Schaaren, um endlich den letzten Feind von unserem +Boden zu vertreiben?“</p> + +<p>„Du träumst, sag' ich dir!“ sprach kopfschüttelnd +der Gusti. „Bali ist ruhig, und wenn du hier herüber +kamst, die Hoffnung auf blutige Kämpfe im Herzen +tragend, so hast du dich zu unserem Heil getäuscht. +Es wäre dir besser gewesen, du hättest Bali nie wieder +gesehen.“</p> + +<p>„Friede und Freundschaft mit den Mördern des +Hohenpriesters!“ schrie da Glentek, sich mit blitzenden +Augen emporrichtend. „Ha, Gusti, da kennst du nicht +die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im +flachen Lande, unter Malayen und Chinesen magst +du, an sklavische Sitten gewöhnt, dich auch dem Willen<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[S. 305]</a></span> +fremder Eroberer haben fügen lernen, aber besser +kenne ich dort <span class="gesperrt">mein</span> Volk. Mein Ruf soll durch die +Berge schallen, mein wohlbekanntes Flammenzeichen +die Brüder zusammenrufen und wenn sie in jubelnden +Schwärmen aus den Klüften und Schluchten unserer +bergigen Heimath niederbrechen –“</p> + +<p>„Wahnsinniger, halt ein!“ rief der Gusti, von seinem +Lager emporspringend und den Arm in Zorn und +Abscheu gegen ihn ausstreckend. „Krieg und Verderben +willst du aufs Neue in diese Thäler bringen, in denen +der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum +ausgetrocknet und verdampft ist? Das Messer des +Richters hängt über dir, und du wagst es, uns mit +Meuterei zu drohen! – Weißt du, daß ein Wort von +mir dich den draußen nur darauf harrenden Dienern +in die Hände wirft?“</p> + +<p>„Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig?“ +lachte da der junge Balinese wild auf, „wenn er sich +nicht geben will? Denkst du, dieser Radotan wäre +nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn +Fuß Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von +Dienern auf den Fersen, brächte mich nicht in wenigen +Minuten in die Dickichte dieser Wälder und unerreichbar +frei von euren Sclaven? Hältst du es mit +den, dann schlimm für dich, wenn wir als rächendes<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[S. 306]</a></span> +Gericht wieder von den Bergen und über dich hereinbrechen! +Kein Erbarmen hast du dann von uns zu +hoffen. Und nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen +Minuten bin ich frei.“</p> + +<p>„Verblendeter!“ sagte aber der Gusti, ohne seine +Stellung auch nur um eines Zolles Breite zu verändern. +„Zum Glück für Bali kommt dein wilder +Schlachtenschrei zu spät. Schon vor zwei Monaten +ist der Handels- und <a name="cortex4-6" href="#corr4-6" class="corr">Schutz-</a> und Trutz-Vertrag mit +Holland abgeschlossen, und während wir die Oberherrschaft +der Fremden, die uns nun doch einmal in +den Waffen und an Macht überlegen sind, anerkennen +mußten, haben wir uns heilig verpflichtet, die Waffen +nicht mehr gegen sie zu ergreifen.“</p> + +<p>„Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? – +verpflichtet die Waffen nicht mehr aufzugreifen gegen +den Feind des Vaterlands?“ rief Glentek entsetzt und +seinen Ohren kaum trauend – „das ist <span class="gesperrt">Landesverrath</span>!“</p> + +<p>„Ein Friedensbündniß ist geschlossen;“ erwiderte +der Gusti, „und wer eine Waffe hebt, das zu brechen, +den trifft nach unserem Gesetze der Tod.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Der Tod!</span>“ wiederholte Glentek in hohlem +geisterhaftem Ton, und sein Schultertuch um das +Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang zerknirscht,<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[S. 307]</a></span> +vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er +noch seine Hoffnung gesetzt – ihre Schwerter in die +Scheiden zurückgestoßen, ihre Hände selber durch das +Friedensbündniß gekettet.</p> + +<p>Der Gusti fühlte Mitleid mit dem Jüngling, und +das eigene Mißtrauen vielleicht, ob jenes Bündniß +für Bali so segensreich wirken könne, wie er es einst +gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft +dem Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu +zerstören.</p> + +<p>„Du warst im Irrthum, Glentek,“ sagte er, aufstehend +und freundlich seine Schulter berührend, „als +du das Land in Waffen wähntest. Es ist tiefer Friede, +und wir können und wollen uns nicht länger mit dem +mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere +jungen Leute zu Hunderten niedermähten. Die alten +Gesetze dieses Landes sind aber noch in Kraft geblieben +und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir +auch noch ein anderer deinen Namen – deine Schuld. +Tritt hier hinein und erfrische deinen Körper erst mit +den Speisen, die hier stehen, und dann geh' hinunter +zum Strand. – Gerade dem Wrack gegenüber, das +an der Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes +Boot. Es ist mein Eigenthum. Nimm es und +kehre damit nach Java zurück.“<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[S. 308]</a></span></p> + +<p>Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, +barg er noch immer das Antlitz in dem +Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ, war +sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er +sagte mit leiser, aber fest entschlossener Stimme: „Ich +bleibe hier!“</p> + +<p>„Unglücklicher!“ schrie aber der Gusti, „willst du +denn muthwillig in dein Verderben rennen? Täusche +dich nicht, ich selber, wenn ich es wollte, könnte dich +nicht schützen.“</p> + +<p>„Das sollst du auch nicht, Gusti!“ sagte da der +Jüngling plötzlich, und ein eigenes wildes Feuer +glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen. „Ich +sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und +verkauft, unsere Tempel werden zerstört, unsere +Priester und Rajahs vertrieben, unser freier Boden +selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt +vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte +dreifarbige Fahne. Stirb Glentek, stirb, du nicht +allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich verkauft +– verrathen!“</p> + +<p>„Wahnsinniger!“ rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. +„Du wirst dich selbst den Häschern überliefern, +die deinen Namen draußen vor der Thür +gehört.“<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[S. 309]</a></span></p> + +<p>„Zurück von mir!“ schrie aber Glentek, aus dessen +Augen ein rothes wildes Feuer zu glühen schien. – +„Zurück! – Den Häschern überliefern? – Hahaha, +sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im +Ansprung ist! <span class="gesperrt">Uhi!</span>“ schrie er da plötzlich mit wildgellendem +Ton, indem er mit der Rechten den Radotan +aus der Scheide riß, während die Linke den Bast +aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen +Locken ihm wild die Schultern und Stirn umflatterten. +– „<span class="gesperrt">Uhi!</span> Glentek ist frei, aus den Bergen +stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein +zu Stein den Abgrund niederspringend, aus dem +Dickicht schnellt sich der Tiger seiner Beute zu. Die +Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem +Pfeil gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und +so bricht Glentek jetzt hinaus in's Freie – <span class="gesperrt">uhi!</span> +Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die feigen +Schurken, die dich verrathen haben? – Ich komme, +ich komme dich zu rächen!“</p> + +<p>Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte +die eigene Waffe von der Seite gerissen, um sich zu +vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff nicht, und +mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür +aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, +den geflammten Radotan in der Faust. – „Da und<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[S. 310]</a></span> +da!“ schrie er, nach links und rechts hinüberstoßend, +„habt ihr Stahl – theilt euch drein, <span class="gesperrt">uhi!</span>“ Und wie +die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog +der Rasende mit einem Satz über sie fort dem Ausgang +zu und auf die Straße hinaus.</p> + +<p>Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der +in seinem ganzen Wesen die vollkommenste Ähnlichkeit +mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer Vorfahren +hat und im Norden jetzt ganz verschwunden +scheint, sehr häufig auf den Inseln des indischen Archipels +vor. Das Volk schreit dann Amok, Amok (ein +Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, +flieht scheu zur Seite, während die Bewaffneten den +Wüthenden so rasch wie möglich zu tödten suchen – +wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich machen +würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal +mit dem Tode des Unglücklichen, den er erfaßt hat.</p> + +<p>„Amok, Amok!“ schrie das Volk draußen und stob +auseinander. Die Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe +fallen und flohen in die Seitenstraßen hinein, die +Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im +Stich, die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen +in die nächsten Häuser, deren Thüren zugeschlossen +wurden; einzelne junge Burschen flüchteten sogar vor +der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[S. 311]</a></span> +Areka- und Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren +Anprall zu entgehen.</p> + +<p>Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche +aber, unbekümmert um das ihm folgende Geschrei, +quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die +Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und +Stände überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder +sechs von ihnen verwundete oder tödtete der Rasende, +wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was +ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund +schnappt und um sich beißt, und übersprang jetzt, ohne +Achtung auf Weg und Steg, einzelne der Butju und +giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn +blutig rissen.</p> + +<p>Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz +durch die Stadt, auch den Entferntesten Warnung +gebend, und von allen Seiten stürmten Bewaffnete +herbei, den Rasenden unschädlich zu machen und sich +selbst, wie Frauen und Kinder von der Gefahr zu befreien.</p> + +<p>Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken +übersprungen. – Er fühlte es nicht, daß ihm die +Glieder brannten von dem Gift, und mit gezücktem +Messer floh er jetzt gerade über den nächsten offenen +Zaun, in dem sich die Netzlegereien und Webereien<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[S. 312]</a></span> +befanden. „Amok, Amok!“ tönte der Schrei hinter +ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen entsetzt +zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe +von kaum mehr als zehn oder zwölf Jahren, faßte keck +und rasch ein quer über den Platz liegendes Seil von +Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock +befestigt war, und hob es in die Höhe. Der Rasende +stürmte heran, die Haare hingen ihm wild über das +Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe stieß er +blind in die Luft. Da blieb sein Fuß in dem ausgespannten +Seile hängen, und während er der Länge +nach zu Boden schlug, entfiel seiner Hand die Waffe. +Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber +ehe er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die +Weber und Netzstricker mit ihren Bäumen und eigenen +Messern über ihn her. – „Amok, Amok!“ schrie +die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn +mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf +einen andern, um ihn mit den Zähnen zu fassen und +zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag, der ihn +über die Stirn traf, warf ihn bewußtlos zurück und +zu Boden, und im nächsten Augenblick suchten die +Waffen Aller seinen Körper – wühlten in seiner +Leiche.</p> + +<p>Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg,<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[S. 313]</a></span> +der von Kota nach dem Banksal führt, und den +beiden malayischen Begräbnißplätzen, steht eine einzelne, +vom Wetter zerrissene, von unzähligen Orchideen +überwachsene und von Pandanus und wilden +Strandgewächsen dicht umgebene Cocospalme. Unter +der ruht der Körper Glenteks von Benoi. Sein Land +ist allerdings in Frieden mit den Fremden, die Waffen +sind begraben und Friedenstraktate unterzeichnet worden. +Aber die Macht und der Einfluß der Holländer +wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon +am Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert +sie auch von den Bergen des einst freien Volkes.</p> + +<div class="footnotes"><h4>Fußnoten:</h4> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_34_34" id="Footnote_34_34"></a><a href="#FNanchor_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Tjanging, der westindische Corallenbaum, der in der +letzten Hälfte des Jahres in Bali in Blüthe steht, und dann +gar keine Blätter trägt, so daß ihn nur die langen, purpurrothen +und büschelartig zusammenstehenden Kelche seiner Blumen +vollkommen bedecken.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_35_35" id="Footnote_35_35"></a><a href="#FNanchor_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Eine rothe Falkenart mit weißer Brust, welche die +Balinesen wahrscheinlich Sikup, den Soldaten, nennen, weil +ihre Krieger ein ähnliches Schild vorn tragen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_36_36" id="Footnote_36_36"></a><a href="#FNanchor_36_36"><span class="label">[36]</span></a> Die Radjadja ist nämlich die Blatternkrankheit, die +von den Europäern nach Bali gebracht wurde. Die Seuche +forderte dort ungeheure Opfer und trat mit seltener Bösartigkeit +auf. Einem <a name="cortex4-7" href="#corr4-7" class="corr">eigenthümlichen</a> Aberglauben nach beerdigen +die Balinesen die an dieser Krankheit Gestorbenen +nicht wie ihre anderen Todten, sondern bedecken nur die Körper +leicht mit Erde und lassen Kopf und Füße frei. Es ist +leicht begreiflich, wie in dem heißen Klima Bali's die +Verwesung so vieler menschlicher Körper die Ansteckung der +Seuche nur vermehren und die Luft im wahren Sinne des +Wortes verpesten mußte.</p></div> +</div> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h3><a name="der_menschentiger" id="der_menschentiger"></a>Der Menschentiger.</h3> + +<h4>1.</h4> + + +<p>In den <a name="cortex5-1" href="#corr5-1" class="corr">Preanger</a> Regentschaften auf Java in +Tji-dasang, einem kleinen Dorf oder Kampong, hatte +sich schon seit einiger Zeit, und mit Bewilligung der +holländischen Behörden, ein chinesischer Kaufmann +niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner +Nachbarschaft nicht allein einen einträglichen Tauschhandel +trieb, sondern auch ein ziemlich großes, dort +in der Nähe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, +Reis und andere Landesprodukte selber darauf zog.<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[S. 314]</a></span></p> + +<p>Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles +an, was ihm diese bringen konnten: eingekochten +Arenzucker und geflochtene Matten, Hüte, ge„badek“te<a name="FNanchor_37_37" id="FNanchor_37_37"></a><a href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a> +Tücher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hühner, Wild, +Cocosöl, kurz alles Mögliche. Er selber brachte ihnen +dabei eine Masse Dinge von Batavia mit, die sie oft +noch nicht einmal dem Namen nach kannten, lehrte sie +Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere +Sachen kennen und that, als Vertreter der Civilisation +in dieser Berggegend, sein Möglichstes, die einfachen +Menschen mit so viel neuen Bedürfnissen bekannt zu +machen, als irgend anging.</p> + +<p>Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur +zu häufig ihre Moralität beschaffen sein mag, ein ungemein +fleißiges und unternehmendes Volk, und so +geschah es denn auch hier, daß Schang-hai, wie er +nach seinem Geburtsort hieß, obgleich er nur ein sehr<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[S. 315]</a></span> +kleines Kapital und einen geringen Waarenvorrath +mit in die Berge gebracht hatte, bald sein Vermögen +verzehn-, ja verhundertfachte und für einen der Reichsten +in der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen +galt.</p> + +<p>Die Javanen sind ziemlich abergläubischer Natur +und haben, wenn sie sich auch meist zum Islam bekennen, +doch noch manches von ihren alten heidnischen +Überlieferungen beibehalten, an denen sie mit außerordentlicher +Hartnäckigkeit hängen. Es kommt dazu, +daß dergleichen Aberglauben meistens von der wilden, +sie umgebenden Natur nicht nur begünstigt, sondern +oft auch durch sie begründet wird. So schrieben sie +auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum +sie natürlich nicht allein von seinem Unternehmungsgeist +und seiner Schlauheit abhängig glaubten, ebenfalls +bald geheime Kräfte und Künste zu. Daß er sich +gern im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb +– wobei er in Wirklichkeit nur kleine geheimgehaltene +Geschäftsreisen machte – konnte sie nur noch mehr +darin bestärken. Ebenso schien er nicht die mindeste +Furcht vor den in jener Gegend noch in ziemlicher +Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu haben, und das +war ihnen besonders verdächtig.</p> + +<p>Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[S. 316]</a></span> +wilden Bestien stets ausgesetzt waren, spielte überhaupt +in ihrem ganzen Leben eine sehr bedeutende Rolle, +und wunderliche Sagen über das geheimnißvolle +Treiben dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren +Angriffen und blutdürstigen Verheerungen, wie +aus seiner rücksichtslosen Grausamkeit kannten, waren +dort überall im Umlauf.</p> + +<p>Eine der bekannteren ist die vom <span class="gesperrt">Menschentiger</span>, +die in mancher Hinsicht unserer deutschen +Sage vom <span class="gesperrt">Wehrwolf</span> entspricht.</p> + +<p>Es soll nämlich im Wald, nur von wenigen Auserwählten +gekannt, ein Kraut wachsen, daß die wunderbarsten +Kräfte besitzt. Der Genuß der Wurzel besonders +verwandelt den Menschen in einen Tiger, und +zwar in der wörtlichen Bedeutung des Wortes, in +all seiner zähnefletschenden gestreiften Furchtbarkeit, +und nur der Genuß einer anderen heilwirkenden Wurzel +ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. +Diese Menschentiger sind dann die +gierigsten, grausamsten Bestien in der ganzen Thierwelt, +und besonders dem Menschen gefährlich. Dabei +haben sie ihren Menschenverstand bewahrt und wissen +jeder ihnen drohenden Gefahr auch auf das +Schlaueste und Geschickteste zu entgehen.</p> + +<p>Auch in der Nähe von Tji-dasang hatten die Tiger,<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[S. 317]</a></span> +trotz der vom Staat ausgesetzten Prämien von fünfzehn +Gulden, sehr überhand genommen, und besonders +in einzelnen Kampongs große Verwüstungen unter +den Heerden angerichtet, ja gar nicht selten sogar die +mit dem Auskochen von Arenzucker beschäftigten Arbeiter +überfallen und zu Holz geschleppt. Wohl waren +die Eingeborenen außerordentlich thätig gewesen, +durch Fallen und Gruben einen Theil dieser gefährlichen +Raubthiere in ihre Gewalt zu bekommen und +unschädlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur +sehr wenigen, und Jäger sind die Malayen und Javanen +überhaupt nicht. Sie wissen zum Beispiel gar +nicht mit Schießgewehren umzugehen, und wenn sie auch +dann und wann einmal in Begleitung der Holländer +eine solche Waffe führen, gefährden sie sich selbst und +ihre Nachbarn weit mehr damit, als das Wild. +Selbst Bogen und Pfeile führen sie nur zum Spiel, +und ihre eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf +einen Bambus befestigte damascirte Stahlspitze, und +der stets an der Seite getragene Klewang, eine Art +kurzes Schwert, das ihnen hauptsächlich dazu dient, +sich in den Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es +freilich auch dadurch vortrefflich geeignet, daß es vorn +an der Spitze am schwersten ist und daher zum Hiebe +die nöthige Wucht erhält. Den Khris oder Dolch<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[S. 318]</a></span> +haben sie fast alle im Gürtel stecken; die Lanze tragen +sie dagegen nur ausnahmsweise, auf der Jagd und +bei besonders festlichen Gelegenheiten.</p> + +<p>Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel +weniger Jäger, und führen selbst nicht einmal eine +Waffe – es müßte denn hie und da einmal heimlich +geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung +nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der +Holländer auf Java tragen <span class="gesperrt">müssen</span>.</p> + +<p>Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen +seine Vermögensverhältnisse von Tag zu Tag besserten, +fühlte er auch das Bedürfniß, eine Lebensgefährtin +zu wählen und sich damit endlich einmal eine +„häusliche Bequemlichkeit“ zu schaffen. Es fing an +ihm ungenehm zu werden, in seinem Hause allein zu +sitzen, und als er alle seine übrigen Geschäfte besorgt +hatte, glaubte er sich auch diesen „Luxus“ – wie er +es bis dahin genannt – gestatten zu dürfen.</p> + +<p>Das wäre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn +er daran schon vor einer längeren Reihe von Jahren gedacht +und es ausgeführt hätte. Leider hatte aber der Chinese +seine besten Lebensjahre damit verschwendet, Reichthümer +aufzuhäufen, und da er nie, selbst nicht in seiner +Jugend, auf Körperschönheit Anspruch machen durfte, +so konnte ihm das Alter in dieser Hinsicht noch weniger<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[S. 319]</a></span> +günstig sein. Schang-hai war mit einem Wort ein kleiner, +dicker, häßlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf +sich schon grau zu färben begann, und die kleinen, etwas +feuchten, brennend schwarzen Augen bekamen durch +einen schielenden Blick selbst einen widerwärtigen, abstoßenden +Ausdruck. Nichts desto weniger wußte er, +was ihm auch der Spiegel über seine eigene Persönlichkeit +sagte, doch recht gut, daß in der Welt mit +Geld vieles, wenn nicht alles zu erreichen ist, und +vielleicht war dies auch die Ursache, daß er seine beste +Lebenszeit ebenso sorglos und unbekümmert hatte verstreichen +lassen.</p> + +<p>Da er dabei vernünftig genug war, bei einer Heirath +nicht an die Vergrößerung seines Reichthums zu +denken, sondern sich bereits entschlossen hatte, ein +armes, aber hübsches junges Mädchen zu seiner Gattin +zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas +wunderlichen gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes, +in dem er sich befand, darin begünstigten, an einem +Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die Eltern, +die eine unbeschränkte Gewalt über ihre Kinder, besonders +über ihre Töchter besitzen, verkaufen dieselben +meist an gute „Partieen“, denn eine <span class="gesperrt">Heirath</span> kann +man ein solches Ehebündniß kaum nennen. Der +Mißbrauch geht darin so weit, daß die Europäer auf<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[S. 320]</a></span> +Java sich oft Mädchen auf eine bestimmte Reihe von +Jahren für eine zwischen beiden Theilen bestimmte +Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal +eine Ceremonie für nöthich halten.</p> + +<p>Das war übrigens Schang-hai's Absicht nicht. +Er wollte sich wirklich eine Frau nehmen, die ihm +dann nicht bei der ersten passenden oder unpassenden +Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit +der Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein +Auge fiel dabei auf die Tochter eines armen Javanen, +den er sich in der letzten Zeit besonders verpflichtet +und ihn so in Händen hatte, daß er überhaupt gar +nicht seine Einwilligung hätte verweigern können – +wenn ihm das überhaupt in den Sinn gekommen. +Kelah, wie der Eingeborene hieß, dachte aber auch +nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den +kleinen dicken Chinesen mit dem „falschen Blick“ auch +sicherlich mehr fürchtete als liebte, fühlte er sich doch +durch den eines Tages ganz unerwartet gestellten Antrag +viel zu sehr geehrt, als daß er mit seiner Einwilligung +als Vater auch nur einen Augenblick hätte +zögern können. Was Laykas, die Tochter, anbetraf, +so war es eine Sache, die sich ganz von selbst verstand, +daß sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr vom +Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Hätte das<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[S. 321]</a></span> +Mädchen denn auch ein größeres Glück, eine größere +Ehre träumen können? Daß Laykas den Chinesen +<span class="gesperrt">lieben</span> sollte, verlangte kein Mensch von ihr – nicht +einmal ihr Bräutigam selber, und daß sie diesen jetzt, +wie alle Kinder und Mädchen des Kampongs, <span class="gesperrt">fürchtete</span>, +und ebenso gern einem Tiger als ihm in den +Weg gelaufen wäre, wenn er einmal die Straße herab +kam, war eine Sache, die sich jedenfalls – wenn sie +nur erst einmal seine Frau war – von selber gab. +Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja +nicht einmal Raum zum Überlegen bleiben.</p> + +<p>Schang-hai hatte nämlich schon seit einer Woche, +ohne irgend Jemand zu sagen weshalb, die Vorbereitungen +zu der Festlichkeit herrichten lassen, die er auf +das Glänzendste auszustatten gedachte. Der reiche +Chinese wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was +er im Stande sei an Glanz und Pracht in diesen Bergen +zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber +verschob er natürlich als eine Sache, die in wenigen +Minuten abgemacht werden konnte, bis zum letzten +Augenblick. Bedurfte es ja doch unter solchen Umständen +auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein +Haus zu führen.<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[S. 322]</a></span></p> + + +<h4>2.</h4> + +<p>Eines hatte er dabei übersehen oder, wenn es ihm +je eingefallen, so gering angeschlagen, daß es eine +weitere Beachtung nicht verdiente, – daß nämlich +seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere +frühere Zuneigung haben könne. Das Herz eines +jungen Mädchens fragt ja auch nicht immer erst die +Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen hingezogen +fühlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz +verlangte Schang-hai überhaupt nicht weiter, als es +eben zu seiner bequemen Häuslichkeit unumgänglich +nöthig war; er wollte die Hand des Mädchens, und +die gehörte bis jetzt noch Niemand.</p> + +<p>Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der +alte Chinese hatte keinen schlechten Geschmack in ihrer +Wahl bewiesen. Schlank und voll von Körper, mit +Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut +eher noch erhöht als vermindert wurden, mit einem +Antlitz von fast griechischer Schönheit, wie man es +da oben in den Bergen auch gar nicht so selten findet, +die dunklen Wangen von so sanfter Frische, daß das +steigende und schwindende Blut deutlich auf ihnen +sichtbar ward, mit feurigen offenen Augen und Händen +und Füßen, um die sie manche stolze Weiße beneidet<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[S. 323]</a></span> +haben würde, war sie die Zierde ihres Stammes, +der Stolz ihrer Eltern, und selig wäre der Mann +unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst mit ihrer +Liebe beglückt hätte.</p> + +<p>Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei +willig und gern jeder noch so schweren Arbeit in ihrer +Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine Klage über +ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen +Blick hatte sie für alle – konnte sie den Sturm +ahnen, der sich über ihrem Haupte zusammenzog?</p> + +<p>So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern +lachend, die neben ihr herliefen, den Berg herauf, +denn sie hatte unten im Thale, in den breiten, hohen +Bambusstöcken<a name="FNanchor_38_38" id="FNanchor_38_38"></a><a href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a> Wasser heraufgeholt. Nur einen +Sarong<a name="FNanchor_39_39" id="FNanchor_39_39"></a><a href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> von blau und rothem, selbstge„badek“tem +Stoff, der ihr bis zur halben Wade niederhing und +die zarten feingeformten Knöchel zeigte, trug sie um +die schlanke Hüfte festgesteckt; der Oberkörper, wie +das in den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, +war vollkommen nackt, und die schwere Wucht des +rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer großen +Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser +gefüllten Bambusstöcke, die wohl bei drei Fuß Länge, +fünf Zoll und mehr im Durchmesser haben mochten, +trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn und +hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz +der gar nicht unbedeutenden Last war doch der Schritt +des jungen, frischen, kräftigen Mädchens leicht und +elastisch.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[S. 324]</a></span></p><p>In der Thür der Hütte begegnete ihr aber schon +der Vater, der eben, noch freudestrahlend, von Tji-dasang +zurückgekehrt war und den Augenblick nicht +erwarten zu können schien, wo er der Tochter die +Freudenbotschaft mittheilen sollte.</p> + +<p>„Was hast du, Vater?“ rief das Mädchen, dem +die fröhliche Bewegung in dem sonst ziemlich mürrischen, +einsilbigen Alten nicht entgangen war, und +mitten im Gang hielt sie, die Hände zur Stütze auf +die Hüften stemmend, an, daß die beiden Bambusröhren +langsam herüber und hinüber schwankten. +„Was hast du, Vater? Es ist doch nicht –“ und das +Blut schoß ihr in diesem Augenblick vor freudigem<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">[S. 325]</a></span> +Schreck in Wangen und Schläfe, als sie daran dachte, +daß vielleicht Maono, der brave arme Bursch, hier +bei ihrem Vater gewesen wäre und – sie konnte keinen +Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten +ihr die Vermuthungen durch den Kopf. Und so treu +und rein war dabei der Jungfrau Seele, daß kein +schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres +Herzens trüben machte. Lachte doch ihr Vater, und +das konnte ja nur Gutes für die Tochter deuten.</p> + +<p>„Freu' dich mit mir, Laykas!“ rief ihr dieser, als +er sie halten sah, entgegen, „freu' dich mit deinen +Eltern, denn dein und ihr Glück ist gemacht.“</p> + +<p>„Maono?“ war alles, was Laykas herausbringen +konnte, und sie fühlte dabei, wie roth sie wurde.</p> + +<p>„Maono?“ meinte der Alte, verächtlich mit den +Schultern zuckend, während sich doch ein verschmitztes +Lächeln über seine Züge stahl, „wer ist Maono? So +viel für den! Hat er doch nicht Reis genug für den +morgenden Tag und steckt nicht umsonst da mitten im +Walde, um von Früchten und Waldfleisch sein Leben +zu fristen! Laykas ist für etwas Besseres aufbewahrt.“</p> + +<p>„Für <span class="gesperrt">Besseres</span>, Vater?“ sagte das Mädchen +leise, und die mit Wasser gefüllten Bambus wurden +ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich in<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">[S. 326]</a></span> +Blei verwandelt hätten. Kaum konnte sie mit ihnen +den letzten Gang bis zur Hütte ersteigen. „Für was +Besseres, Vater?“ wiederholte sie hier noch einmal. +„Ich verlange nichts Besseres von Allah – möge er +es mir gewähren.“</p> + +<p>„Nichts Besseres?“ lachte aber der Alte und +konnte sich gar nicht wieder zufrieden geben. „Wenn +die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist, müssen's +die Alten soviel besser verstehen. Aber hör', Laykas +was ich dir sagen will, und fasse dich, denn solche +Freude und Ehre wirst du nicht erwartet haben.“</p> + +<p>„Freude? – Ehre?“ rief das arme Mädchen erstaunt +und eingeschüchtert, denn bei all den Vorbereitungen +begann ihr nichts Gutes zu ahnen.</p> + +<p>„Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen,“ +schmunzelte der Alte; „so höre denn, <span class="gesperrt">Schang-hai</span> +hat dich von mir zum Weib begehrt.“</p> + +<p>„Schang-hai?“ rief Laykas, und der Stab glitt +von ihrer Schulter nieder, daß die beiden Bambus +umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell wieder +den Berg hinunterschickten.</p> + +<p>„Ja – der reiche Schang-hai,“ erwiderte mit +selbstzufriedenem Lächeln der Javane, den Schreck der +Tochter natürlich der Freude und Überraschung zuschreibend. +„Aber läßt du nicht das ganze Wasser<span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">[S. 327]</a></span> +wieder den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun laß +nur sein, von jetzt an wirst du Diener haben, die das +für dich thun. Allah segne mich! Hätte ich doch nie +geglaubt, die Freude an meinem Kind – und nur +eine Tochter – zu erleben! Aber morgen mit dem +Frühsten gehst du zum Bach hinab und badest dich, +bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die +Sonne über die Palmen steigt, werde ich dich zu +deinem Bräutigam führen!“</p> + +<p>„Bräutigam?“ stöhnte Laykas, ihr Antlitz in den +Händen bergend und dann mit stierem, entsetztem Blick +zu dem Vater aufschauend; „Schang-hai – der +furchtbare, entsetzliche Mensch, mein – mein <span class="gesperrt">Bräutigam</span>?“</p> + +<p>„Nun ja, <span class="gesperrt">hübsch</span> ist er gerade nicht,“ lachte der +Alte gutmüthig, „darauf kommt auch nicht viel an. +Aber <span class="gesperrt">reich</span> ist er – steinreich, und dein Vater braucht +jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in +den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun müßte, +wenn Schang-hai nur daran dächte, seine Forderung +einzutreiben. – Du bist ein braves Kind, mein Herz, +und machst deinen Eltern viele, viele Freude.“</p> + +<p>Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte +sie sich auf den Boden nieder und legte den Kopf auf +ihren Arm. Sie wußte, ihr Schicksal war besiegelt,<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">[S. 328]</a></span> +ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu +gut, um auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, +daß er Ernst, bittern Ernst aus seiner Drohung +machen würde. Sie war das Weib des gefürchteten +Schang-hai, dessen Nähe allein sie schon mit Entsetzen +erfüllte, und wenn die morgende Sonne über die +Wipfel ihrer Bäume schien, – ein Schauder überrieselte +sie – führte sie ihr Vater in die Arme des +Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt über +sie haben sollte ihr Leben lang.</p> + +<p>Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt +der Tochter wenige Minuten schweigend. Er mochte +wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er doch den +Abscheu, den alle Kinder – ja fast alle Erwachsene +in den Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und +fürchtete er ihn doch selbst weit mehr als er ihn liebte. +Die Sache war aber einmal abgemacht und nichts +weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, +ehe er weiter mit ihr darüber sprach, mit dem Gedanken +ein wenig vertraut werden. Daß sie sich seinem +Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er +ging deshalb in sein Haus zurück, um für sich selber +auf den morgenden Tag seinen besten Staat, Kopftuch +und Sarong, die rothe Kattunjacke und seinen schönsten +Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich<span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">[S. 329]</a></span> +bei der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und +alles Nöthige so gut wie abgemacht.</p> + +<p>Staunend sahen indeß Laykas' Geschwister die +Trauer der Schwester, über deren Ursache sie sich +nicht Rechenschaft zu geben wußten. Was es bedeute, +des Schang-hai Frau zu sein, wußten sie noch nicht, +und darum brauchte Laykas doch nicht das mühsam +heraufgetragene Wasser wieder den Berg hinunterlaufen +und den Kopf hängen zu lassen. Nur ein unbestimmtes +Gefühl sagte ihnen, daß mit der geliebten +Schwester doch eigentlich Alles wohl nicht so sei, wie +es sein solle, und wie der Vater nur erst einmal ins +Haus gegangen war, drängten sie sich ängstlich schüchtern +um sie her, zupften sie am Sarong und baten sie +leise und schmeichelnd aufzustehen und sie wieder anzusehen +wie vorher.</p> + +<p>Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin +gewaltsam zurückgedrängten Schmerz der Jungfrau. +Alles, was sie bis dahin lieb gehabt, an dem +ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafür +das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in +Schrecken und Entsetzen vorschwebte – das Weib des +Mannes zu werden, von dem sie jetzt nicht einmal +wußte, ob sie ihn mehr fürchtete oder mehr verabscheute. +Ihre Thränen flossen unaufhaltsam, und der<span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">[S. 330]</a></span> +ganze zarte Körper zitterte in der furchtbaren, kaum +mehr gebändigten Bewegung.</p> + +<p>Die Sonne sank, und sie saß noch immer auf der +Stelle – die Kinder waren zum Haus hinaufgelaufen, +dem Vater zu sagen, daß Laykas krank wäre und +weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden +zu lassen, sie würde schon wieder von selber +froh und heiter werden.</p> + +<p>Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr +hinaus.</p> + +<p>„Laykas,“ sagte sie freundlich, die Hand auf ihre +Schulter legend, „komm herein ins Haus – der +Vater wird sonst böse, und der Thau fällt auch +schon stark.“</p> + +<p>„Mutter,“ stöhnte das arme Kind und faßte +die Hand der Frau; „ich kann nicht – ich <span class="gesperrt">kann</span> nicht +das Weib Schang-hai's werden.“</p> + +<p>„Der Vater hat's gesagt,“ seufzte die Frau leise +und mitleidig, das zu ihr gewendete, von Thränen +überströmte Gesicht des Mädchens streichelnd. „Du +weißt, was der sagt, müssen wir thun. Mir wär's +auch lieber, ein armer Javane hätte sein Jawort erhalten, +als der alte reiche Sünder, aber – was geschehen, +ist nun einmal nicht zu ändern. So komm, +Laykas, komm mit ins Haus und fasse Muth.<span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">[S. 331]</a></span> +Es wird vielleicht noch Alles besser gehen, als wir +jetzt denken.“</p> + +<p>„Und Maono?“ seufzte das Mädchen mit angstgepreßter, +zitternder Stimme.</p> + +<p>„Wer kann's ändern?“ meinte die Mutter, mit +den Achseln zuckend. „Unser Geschlecht ist dazu bestimmt, +Leiden zu ertragen, und wir dürfen nicht +murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch +thut mir auch leid,“ setzte sie leise hinzu, „aber was +kann er gegen den reichen Chinesen in die Wagschale +werfen?“</p> + +<p>„Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft +von den gefährlichen Tigern zu befreien?“ rief +Laykas. „Haust er jetzt nicht allein und abgeschieden +mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien +selber erfaßt zu werden, nur um eine kleine Summe +zu erschwingen, daß wir zusammen den Hausstand beginnen +könnten, gegen den selbst der Vater bis jetzt +nichts einzuwenden gehabt?“</p> + +<p>„Das ist alles wahr, mein Kind,“ sagte die +Mutter, das aufgeregte Mädchen freundlich begütigend, +„aber damals hatte Schang-hai noch nicht um +dich gefreit, und du weißt selber, welche große Hülfe +der für uns ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir +unsere Nahrung ziehen, ist in den Händen deines<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">[S. 332]</a></span> +künftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere +Hütte her gehörten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai +gefiele, sie zu fordern. Die Büffel, die unser Feld +bearbeiten, haben wir von ihm geborgt, er kann sie +jeden Augenblick zurückfordern. Die Weide selbst, auf +die wir sie treiben, gehört dem Chinesen, und schon +lange habe ich mir gedacht, daß er nicht umsonst so +nachsichtig und gütig mit uns gewesen und seinen +Lohn wohl eines Tages einfordern würde. – Und +doch hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat +dich zum <span class="gesperrt">Weibe</span> begehrt, und damit uns armen, +niederen Leuten, wie auch dir, die größte Ehre erwiesen, +die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen +kann.“</p> + +<p>„Ehre – Ehre!“ jammerte das arme Mädchen, +„mir bringt diese Ehre den Tod – und Maono, armer +Maono!“</p> + +<p>Sie stand langsam auf, schüttelte die Thränen +von ihren Wimpern und folgte der Mutter langsam in +das Haus, wo sie den Vater schon behaglich auf seiner +Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden.</p> + + +<h4>3.</h4> + +<p>Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager +auf einem niederen Bambusgestell bereitet war, und<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">[S. 333]</a></span> +wenn sich der Alte auch ein paarmal nach ihr umdrehte +und sie augenscheinlich anzureden wünschte, +unterließ er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich +die Sache die Nacht über durchdenken, wenn sie nur +morgen dann ein fröhliches Gesicht zeigte – nur bis +die Feierlichkeit überstanden war. Nachher mochte +Schang-hai allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde.</p> + +<p>Nach und nach wurde es still in dem kleinen +dunklen Raum; draußen rauschten die Palmen ihr +flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der unten +vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des +fallenden Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis +hierher. Dann und wann vielleicht unterbrach der +gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, +und einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll +eines Tigers vom Wald herüber. Dann war alles +wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen hören, +wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von +den Lidern trieb.</p> + +<p>Und morgen? – Der Kopf brannte ihr im +Fieber, wenn sie an den morgenden Tag dachte! So +mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, +der mit der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt +werden sollte und jetzt, an Ketten, im festen, verschlossenen +Raum, des Henkers harrte, der ihn hinaus<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">[S. 334]</a></span> +zum Galgen führen sollte. – Und <span class="gesperrt">war</span> sie denn eingeschlossen +und gefesselt? – Als ob ein scharfer Khris +ihr Herz getroffen, so fuhr sie bei dem Gedanken +empor. – Flucht – Flucht vor der Gefahr war noch +möglich – aber wohin? –</p> + +<p>Wohin? – Gleichviel, und wenn in den Tod! +Lieber die Glieder im tiefen Strom gebettet, als in +das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von +den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den +Armen des Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie +denn nicht des Vaters Spruch dem Tode schon geweiht? +War denn das <span class="gesperrt">Leben</span>, wenn sie Tage, vielleicht +gar Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend +vergehen – sterben mußte?</p> + +<p>In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, +das die fest darauf gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen +vermochte, und der Athem stockte ihr, als sie +sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, +um auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. – Sie +athmeten tief und ruhig – ihr Vater träumte wohl +gar von dem „Glück und Heil“, das er mit der Tochter +Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist +sich schon geachtet und geehrt – ja warum nicht auch +<span class="gesperrt">gefürchtet</span> von den Nachbarn. – Fort! – Das +war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb. – Fort<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">[S. 335]</a></span> +aus der Heimath – aus der Eltern Haus, von dem +Herzen der Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe +hing, von den Geschwistern, für die sie ihr Leben gern +geopfert hätte – denn das war mehr als Tod, was +man von ihr verlangte!</p> + +<p>In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur +durch einen Spalt der geflochtenen Bambuswand +schaute hell und blinkend ein Stern herein. Geräuschlos +glitt sie von ihrem Lager nieder und über den +Boden hin. Hätten sie selbst gewacht, sie würden die +Flucht des Mädchens nicht vernommen haben. Wie +sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und blieb +an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie +fort, von allen, die ihrem Herzen theuer waren – +ohne ein freundliches Wort von der Mutter, ohne +eine Umarmung von den Geschwistern? – Aber sie +durfte nicht zögern – der Vater regte sich auf seinem +Lager. Wenn sie jetzt entdeckt wurde, ehe sie das +Freie erreicht hatte, war sie verloren.</p> + +<p>Sie öffnete den hölzernen Drücker der Thür so +leise als möglich, und stand im nächsten Augenblick +auf der Schwelle. Rasch fiel die Thür wieder hinter +ihr ins Schloß, und während sie im Haus drin Stimmen +zu hören glaubte, glitt sie über den kleinen freien +Platz, der ihre Wohnung umgab, hinweg und in den<span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">[S. 336]</a></span> +Schatten eines dichten Mangustengebüsches hinein, +das, mit anderen Fruchtbäumen wechselnd, bis zum +Rand der Reisfelder lief. In dunkler Nacht brauchte +sie hier keine Verfolgung mehr zu fürchten – sie war +gerettet.</p> + +<p>Gerettet? – Guter Gott – wie hatten noch +gestern Abend diese Bäume, unter denen sie jetzt +stand und die ihrer Eltern Haus umgaben, diese Palmen +und Pisang so traulich, so heimlich gerauscht, +wie lieb war jedes Blatt ihr da gewesen, und jetzt! +– Stand sie nicht so wenige Stunden später wie eine +Fremde in dem trauten Hain, und lag die Welt, nur +wenige Schritte von dem Vaterhaus entfernt, nicht +plötzlich so kalt und öde um sie her, als ob sie, inmitten +all des Glückes und Segens, das Gottes Hand +darüber hingestreut, doch weiter nichts als eine Ausgestoßene +wäre?</p> + +<p>Wohin jetzt? – Wie sie zuerst den Gedanken an +Flucht erfaßte, war es der Tod, den sie suchen wollte, +um sich von aller Noth, von allem Elend zu befreien. +Jetzt aber, wo der Himmel wieder hell und klar mit +all seinen tausend und tausend Sternen über ihr +blitzte, wie sie wieder das Flüstern der Bäume, das +Murmeln des Baches hörte, da klammerte das jugendliche +Leben sich auch wieder fest und innig an die Welt,<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">[S. 337]</a></span> +und unwillkürlich fast, ehe sie sich nur selber eines bestimmten +Ziels bewußt war, floh ihr Fuß jetzt von +der Richtung fort, in der der reißende und tiefe Bergstrom +lag. In der Flucht aber, mit der freien Bewegung +ihrer Glieder den Körper von der frischen +Nachtluft gekühlt, mit dem Bewußtsein, jetzt zum +erstenmal in ihrem Leben selbstständig, unabhängig, +ja sogar der Willkür ihres Vaters entgegen zu handeln, +kräftigte sich auch der Muth des armen flüchtigen +Kindes. Ihr Auge blitzte kühner und entschlossener, +ihre kleine Hand ballte sich fast krampfhaft +und die fest zusammengepreßten Zähne, die keck und +trotzig aufgeworfenen Lippen verriethen das zu seinem +Selbstbewußtsein erwachte Weib.</p> + +<p>Unschlüssig hatte sie allerdings noch einen Augenblick +gestanden, als sie das nächste Thal erreichte. +Aber nicht mehr über das Ziel, dem sie zufliehen wollte, +war sie in Ungewißheit – <span class="gesperrt">das</span> sollte Batavia sein, +so fern dasselbe auch lag, denn dort zwischen den Fremden, +von denen sie schon soviel erzählen gehört, durfte +sie am leichtesten hoffen, unentdeckt zu bleiben. +Arbeiten wollte sie ja, was ihre Kräfte nur vermochten, +und von früh bis spät; war sie das schwerste +Mühen doch von Kindesbeinen auf gewohnt! – Dorthin +reichte auch nicht der Arm Schang-hai's, und einmal<span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">[S. 338]</a></span> +nur aus dem Distrikt hinaus, indem der Schreckliche +zu herrschen schien, glaubte sie nichts mehr von +ihm fürchten zu dürfen.</p> + +<p>Aber sollte sie ihre Berge verlassen, ohne ein Wort +des Abschieds von dem Geliebten? – Sollte er denn +nicht einmal wissen, wohin sie den Fuß gewandt? – +Schreiben, wie es die Weißen und Chinesen thaten, +konnte sie nicht, und wie hätte ihn je eine mündliche +Botschaft erreicht, die nicht zugleich ihren neuen +Aufenthalt zu verrathen drohte? Dort drüben, wo +der dunkle Waldesschatten, vom Mond nur schwach +beschienen, lag, oben am Hügelhang, mitten im wilden +Dickicht, hauste er, und durfte sie dorthin, allein, bei +Nacht den Fuß zu setzen wagen? – Jene Gegend war +ihrer Tiger wegen gefürchtet, und grade deshalb hatte +sich Maono dort niedergelassen, um desto eifriger den +Fang betreiben zu können und sein höchstes Ziel, den +Besitz seines treuen Mädchens, zu erreichen. Wohl +getraute sie sich den Pfad zu finden, der zu der einsamen +Hütte führte – denn mit der Mutter war sie +vor noch gar nicht so langer Zeit einmal am Tage +dort gewesen, um Arekanüsse zu holen. Wie aber +durfte sie der Gefahr trotzen, von den lauernden Bestien +überrascht zu werden? Nachts und im Dunkel, +ob der Mond am Himmel steht oder nicht, kommt der<span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">[S. 339]</a></span> +Tiger aus seinen Dickichten, in denen er den Tag über +versteckt gelegen, hervor und schleicht ins Freie hinaus, +seine Beute zu erlegen. Ein Rind, das er trifft, ein +Pferd, ein Stück Wild, es ist ihm alles willkommen, +und gleich gierig stürzt er über alles her. Die Bestien +aber, welche schon einmal in früherer Zeit +Menschenfleisch gekostet, und denen dasselbe wohl geschmeckt +haben mochte, ziehen von da an diese Beute +jeder andern vor. Das sind dann die gefährlichsten +Raubthiere, und dem Menschen mit ihrer furchtbaren +Kraft, ihrer List und Blutgier vor allen anderen +furchtbar. Der Javane nennt diese denn auch in +ganz besonderer Auszeichnung „die Menschenfresser.“</p> + +<p>Laykas zögerte, aber es war nur ein Augenblick. +Wie klein schien ihr diese Gefahr gegen die andere, +der sie sich erst gewaltsam durch die Flucht entzogen! +Stieg nicht der Mond gerade in all seiner Pracht und +Klarheit, fast gefüllt, am östlichen Himmel empor? +Der leuchtete ihrem Pfad – er und die Liebe sollten +sie führen! Und hatte sie Maono von ihrem Plan in +Kenntniß gesetzt, wußte <span class="gesperrt">er</span>, und nur er allein, wohin +sie sich gewandt, und weshalb sie den verzweifelten +Schritt gethan, dann konnte sie auch mit fröhlichem +Muth, mit leichtem Herzen ihren weiten, mühseligen +Marsch durch fremde unbekannte Distrikte, zu fremden<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">[S. 340]</a></span> +Menschen, in eine ihr fremde Welt antreten, und das +arme hülflose Mädchen sah, trotz der Gefahren, die +überall ihre Bahn umlauerten, mit froher, ruhiger +Zuversicht der ungewissen Zukunft entgegen.</p> + +<p>Wie sie freilich in dem fernen Batavia, wenn sie +es erst glücklich erreicht, ihr Leben fristen sollte, war +ihr jetzt selber noch nicht klar. Nur das fühlte sie, +daß sie arbeiten konnte und wollte, und aus ihrer Gegend +selbst waren ja schon in früherer Zeit Einzelne +dorthin ausgewandert, und mit Geld und guten kostbaren +Kleidern zurückgekehrt – warum sollte es <span class="gesperrt">ihr</span> +dort fehlen?</p> + +<p>Rüstig schritt sie, nur dann und wann einen scheuen +Blick zurückwerfend, ob sie nicht verfolgt würde, ihrem +schmalen Pfade entlang, der sie, sobald sie das Fruchtdickicht +ihrer eigenen Heimat verlassen, am Hügelhang +hin, und zwischen einer Anzahl von Reisfeldern +hindurchführte. Es war ein beschwerlicher Weg, bei +dem unsicheren Licht des kaum aufgegangenen Mondes +die schmalen schlüpfrigen Raine zwischen den unter +Wasser gesetzten Reisfeldern einzuhalten, aber sie +kannte hier jeden Fuß breit Boden und wußte, daß sie +rascher vorwärts eilen konnte, sobald sie nur einmal +die steinigen Hügelhänge, in denen ihr jetziges Ziel lag, +erreicht hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">[S. 341]</a></span></p> + +<p>Hier begann freilich auch das Gebüsch, wilder +Pisang, prachtvolle Farn- und einzelne Arekapalmen, +mit einem dichten Unterholz anderer Laubbäume – +hier begann für sie die Gefahr in den Hinterhalt +eines der furchtbaren Raubthiere, und der blutgierigen +Bestie in den Rachen zu laufen, und als sie den düsteren +Waldesschatten erreichte, in den der Mond jetzt +seine wunderlichen Lichter warf, blickte sie im Anfang +scheu und rasch umher und hielt auch wohl den flüchtigen +Schritt plötzlich an, um irgend einem fremdartigen +Geräusch, einem Rascheln im Busch besser +zu lauschen, das ihr Herz schneller klopfen machte. +Das aber waren immer nur Momente; ihre Flucht +hielt es nicht auf, und eine Ravine kreuzend, erreichte +sie jetzt wieder, kaum noch tausend Schritt von der +Hütte entfernt, in der Maono seine Wohnung aufgeschlagen, +einen offenen Strich Landes, durch den die +breite, gut in Stand gehaltene Straße am Rand der +Ravine hin lief. Diese Straße führte von Tji-dasang +aus zuerst nach dem großen Gut eines Chinesen, und +stand weiter unten mit der Javanischen Hauptpoststraße, +die durch die ganze Insel läuft, in Verbindung. +Diese Straße mußte sie ebenfalls kreuzen, der Pfad +aber, den sie kannte, und der durch die ihr gegenüberliegende +Dickung führte, lag etwas weiter oben, gerade<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">[S. 342]</a></span> +an der Stelle, wo eine wohl dreißig Fuß hohe Farnpalme +ihren federnartigen Wipfel über dem Fuhrweg +schaukelte. Gerade durch den Wald zu brechen wäre +ihr, selbst am hellen Tag nicht möglich gewesen, so +dicht in einander flocht diese gewaltige Vegetation ihre +Zweige und Lianen, und rasch der Straße aufwärts +folgend, sah sie schon von weitem den Schatten der +Palme über die weiße Straße hinüber hängen, als sie, +dicht neben sich im Weg sich etwas regen sah.</p> + +<p>Mit einem halben, kaum unterdrückten Aufschrei +flog sie zurück, und wie gelähmt erstarrten ihr in dem +Moment, vor dem entsetzlichen, jede Willenskraft vernichtenden +Schreck die Glieder, denn vor ihr stand, +halb scheu unter seinen großen Hut zurückgedrückt, +und doch auch wieder fast eben so überrascht, wie sie +selber, auf sie schauend, der furchtbare <a name="cortex5-2" href="#corr5-2" class="corr">Schang-hai</a>. +Die kleine, breite, wie zum Sprung ineinandergepreßte +Gestalt war nicht zu verkennen, und seine Augen schienen +wie glühende Lichter nach ihr herüber zu funkeln.</p> + +<p>„Allah schütze mich!“ stöhnte die Jungfrau. Als +ob aber mit den herausgestoßenen Worten der Zauber +gebrochen wäre, der sie bis dahin gefangen gehalten, +so floh sie jetzt, einem aufgescheuchten Reh gleich, mit +Blitzesschnelle der Farnpalme zu, und dort mit einem +Sprung den weiten Graben überfliegend, in den Wald<span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">[S. 343]</a></span> +hinein. Scheu drehte sie den Kopf zurück – sie hörte +Schritte hinter sich – das Laub raschelte, und kaum +ihrer Sinne noch mächtig, verfolgte sie ihre Flucht in +wilder Hast immer den Pfad entlang, bis sie sich endlich +an der wohlbekannten Gruppe von Arekapalmen +fand. Wieder glaubte sie ein dumpfes Geräusch hinter +sich zu hören, aber durch die Palmen hin kannte +sie einen näheren Pfad zur Hütte, und glitt wie eine +Schlange in den dunklen Schatten des dichten Unterwuchses +von Pisang- und Cacaobüschen hinein. Jetzt +hatte sie das Bambushaus erreicht – die hohen Stufen +flog sie hinan, preßte den Drücker nieder, und als +dieser dem Griff nachgab, und die Thür sich in ihren +Angeln drehte, brach sie, nicht mehr im Stande die +furchtbare Aufregung der letzten Stunden zu ertragen, +auf der Schwelle ohnmächtig zusammen.</p> + + +<h4>4.</h4> + +<p>Mitten im wilden, dichten Wald auf Java, findet +der Wanderer oder Jäger, wenn er sich durch einen +halbverwachsenen alten Pfad Bahn gehauen, manchmal +weite Gruppen schlanker hochstämmiger Cocos- +und Arekapalmen in der tiefsten Wildniß stehn. Sonst +sind dies stets, besonders die letzteren, sichere Zeichen +von der Nähe menschlicher Wohnungen, und noch<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">[S. 344]</a></span> +mehr bestätigen gewöhnlich schattige Fruchtdistrikte +von Mangusten-, Romboutan-, Nangka- und Manga-Bäumen, +und wie die wundervollen Bäume alle heißen, +solche Vermuthung, und scheinen dem Fremden wie +bittend die beladenen Zweige entgegenzustrecken, daß +er sie nur in etwas von ihrem drückenden Reichthum +befreien möge. Und doch würde in den meisten Fällen +der mit dem Land Unbekannte kaum ein Merkmal +finden, daß solche Stelle je bewohnt gewesen und noch +andere Geschöpfe als Tiger und Rhinoceros hier dem +weichen Boden ihre Fährten eingedrückt.</p> + +<p>Und dennoch standen dort früher die leichten +Hütten der Eingeborenen, deren Spur jetzt freilich +der Zahn der Zeit vom Boden vertilgt, und ihre letzten +Überreste unter der verwesenden dichten Laubdecke +dieser üppigen Vegetation begraben hat. Nur +die Natur selber blieb ewig jung, und höher und kräftiger +noch hoben die Palmen ihre wehenden Kronen +empor, und schauten stolz und kühn aus dem dichten +Laubmeer hervor, das sie ringsum überragten.</p> + +<p>Unter diesen Palmen und dem wilden Gewirr von +Pisang, Farren, Lianen und andern Fruchtbüschen hat +in früherer Zeit einmal ein urbargemachtes Feld gelegen +und des Menschen fleißige Hand dem Boden +Nahrung für sich abgezwungen. Kaum aber wurden<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">[S. 345]</a></span> +die Menschen wieder abgezogen, so forderte der Wald +sein Eigenthum mit herrischer Gewalt zurück, streute +seinen Saamen darüber hin, und trieb die alten, bis +dahin nur mit Noth und Mühe zurückgehaltenen +Wurzeln auf's neue in kräftigen Schößlingen empor. +Was dabei die Vegetation allein zu leisten vermag, +beweisen schon die Pisang oder Bananenstämme; denn +in sechs Monaten treiben diese einen Stamm von +Beinesdicke, um im nächsten Jahr den Boden damit +zu düngen, und fünf oder sechs ähnlichen Schößlingen +Saft und Nahrung zu geben.</p> + +<p>Solche „todte Kampongs“ sind fast immer, und +mit nur wenigen Ausnahmen, in früherer Zeit der +überhand nehmenden Tiger wegen von ihren Bewohnern +geräumt worden, die lieber ihre Fruchtbäume +und das mühsam bestellte Feld im Stich ließen, um +nur der gefährlichen Gesellschaft zu entgehen. Weiter +dem bebauten Lande zogen sie dann zu, und wenn sie +da auch ihre Arbeit von vorn beginnen, und das +Wachsen neu gepflanzter Palmen und Fruchtbäume +erwarten mußten, waren doch ihre Familien auch mehr +gesichert, und Frau und Kinder brauchten nicht mehr, +selbst in der Thür der Hütte, wie das im Walde oft +der Fall gewesen, den Angriff des gierigen Räubers +zu fürchten. Von den verlassenen Plätzen aber nahm<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">[S. 346]</a></span> +der Fürst der Javanischen Waldung, der Königstiger, +Besitz, und in der neu und dicht aufschießenden Wildniß +konnte er seine Tage sicher und ungestört verträumen, +um dann erst Abends mit der Dämmerung seiner +Beute nachzugehn.</p> + +<p>Auch diese Stelle, durch die der Fuß der armen +geängstigten Maid geflohen, war ein solcher „todter +Kampong,“ und die Tiger hatten sich in der Nachbarschaft +so vermehrt, daß sie sogar von dort aus die dicht +besiedelten Nachbardörfer aufsuchten und Schrecken +und Entsetzen unter den Bewohnern verbreiteten. +Nicht allein sah sich die holländische Regierung dadurch +genöthigt, in der letzten Zeit einen erhöhten +Preis auf die Einbringung oder Tödtung dieser gefährlichen +Raubthiere zu setzen, sondern die Eingeborenen +selber waren zusammengetreten und sicherten +noch besonders dem glücklichen Erleger eines Tigers +reiche Belohnung zu. Konnten sie doch nur auf solche +Art hoffen, von ihnen befreit zu werden, und ihre +grimmen Reih'n gelichtet zu sehn.</p> + +<p>Bei den Eingeborenen ging aber dabei nicht allein +das Gerücht, sondern war in ihrem angsterfüllten +Hirn, von abergläubischer Furcht gestachelt, zur festen +Überzeugung herangewachsen, daß zwischen ihnen ein +<span class="gesperrt">Menschentiger</span> sein entsetzlich Wesen treibe. Zu<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">[S. 347]</a></span> +viele Menschen, und zwar lauter Javanen, waren gerade +in den letzten Monaten im Wald und selbst bei +ihrer Arbeit auf den dicht am Wald liegenden Feldern +zerrissen worden, von denen man viele unversehrt, nur +mit zerrissener Kehle wieder aufgefunden. Unter ihnen +hatte jedenfalls ein solches Ungeheuer gewüthet, und +der Preis, den die Eingeborenen unter sich auf den +Fang desselben gesetzt, wäre hoch genug gewesen, den +glücklichen Jäger zum reichsten Mann des Kampongs +zu machen, – nur daß sich der „Menschentiger“ eben +nicht fangen <span class="gesperrt">ließ</span>.</p> + +<p>Diese hohen ausgesetzten Preise waren denn auch +die Ursache gewesen, daß sich Maono, ein junger kräftiger +Sundanese – wie die Bewohner der östlichen +Gebirgshälfte von Java im Gegensatz zu den westlichen, +den Javanen, eigentlich heißen – dem gefährlichsten +Handwerk, das seine Berge kennen, dem Tigerfang +ausschließlich zugewandt. Er hatte es aber +nicht aus Gierde nach Schätzen gethan, denn der +wackere Bursch bedurfte deren für sich selber nicht; +sondern nur um sein Mädchen, seine Laykas, dem +drängenden Vater abzukaufen, und für sich selber +dann, an ihrer Seite, ein neues stilles Leben zu beginnen, +wählte er sein gefährliches Geschäft, durch +das allein er hoffen durfte, in kurzer Zeit ein kleines<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">[S. 348]</a></span> +Capital zurückzulegen – wenn ihn nicht die Tiger +selbst zerrissen. Ohne Laykas aber konnte er sich das +Leben doch nicht denken, und was galt ihm jetzt die +Gefahr, der er sich hier jede Stunde aussetzte, wenn +er damit die Hoffnung gewann, ihren Besitz zu erkaufen! +Dieser Platz schien ihm dabei vor allen andern +passend, sein Vorhaben auszuführen, und in dem +Dickicht selber, in dem er sich mit seinem Klevang +einen kleinen Raum freigeschlagen, errichtete er aus +Bambusstäben seine feste Hütte, deckte sie mit den +Fasern der Arekapalme und Bambuslaub zu festen +Matten geflochten, und stellte Fallen, legte Gruben +an und fing in rascher Reihenfolge fünf starke Tiger, +die er allein mit seiner Lanze in der Grube tödtete.</p> + +<p>Maono war an dem Abend erst mit der Dämmerung +nach Hause gekommen. Vor einigen Tagen fast +selber von einem riesigen Tiger überrascht, dessen +Wechsel er in dem Pfad, nahe bei seiner Hütte gespürt, +hatte er kurz vor Dunkelwerden eine neue Grube +beendet und mit der Lockspeise belegt, und sich jetzt, +müde und erschöpft vom schweren Graben und Balkenschleppen, +auf sein Lager geworfen. Aber sein Schlaf, +fortwährend von Gefahr umgeben, war nur leicht, +und wie der Griff seiner Thüre niederklappte, diese +sich öffnete und eine dunkle Gestalt auf seiner<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">[S. 349]</a></span> +Schwelle zusammenbrach, griff er die Lanze auf, die +immer dicht neben ihm an seinem Lager lehnte, und +fuhr, sprungfertig wie der Tiger selber, empor, dessen +Angriff er fast fürchtete.</p> + +<p>Aber Alles blieb ruhig – draußen rauschte der +Wald, die Frösche quackten in dem nahen Sumpf, +und laut und donnernd schlug plötzlich ein wild dröhnendes +Gebrüll an sein Ohr.</p> + +<p>„Ha?“ lachte der junge kecke Jäger vor sich hin, +„hast du das Weite wieder gesucht, mein Bursche, +wie du das Lager des Feinds gewittert? – Aber +nein – das konnte der Tiger nicht sein, denn der steckt +noch dort im Alang Alang<a name="FNanchor_40_40" id="FNanchor_40_40"></a><a href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> draußen, und folgt vielleicht +jetzt gerade meiner ihm gelegten Witterung. +Aber die Thür öffnete sich doch, und ich dächte, ich +hätte vorhin einen dunklen Schatten dort gesehen.“ +Vorsichtig, mit vorgehaltener, zur Vertheidigung oder +zum Angriff bereiter Lanze näherte er sich langsam +der Thür; der Mondenschein fiel hell und voll darauf, +und bald erkannte sein scharfes Auge eine da kauernde +menschliche Gestalt.</p> + +<p>„Der Menschentiger!“ knirschte er zwischen den<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">[S. 350]</a></span> +Zähnen durch, und die krampfhaft gepackte Lanze +drängte sich fast unwillkürlich zurück, zum Todesstoß +ausholend. – Aber das sah nicht wie ein Angriff +aus; die Arme fortgestreckt vom Körper lag die dunkle +Gestalt still und regungslos zu seinen Füßen – in +seiner Gewalt. So hätte sich ihm das Ungeheuer, +das er mehr fürchtete als alle Tiger der Welt, im +Leben nicht preis gegeben. Das war ein Mensch. +Und als er endlich, noch immer scheu und vorsichtig +und sprungbereit dem fremden Wesen näher trat, und +sich langsam und scheu niederbog, um es mit der Hand +zu berühren, da fühlte er unter den Fingern das +weiche warme zarte Fleisch und wußte jetzt, daß es +ein jedenfalls im Wald verirrtes Weib sein mußte, +das vor den Tigern flüchtend, hier bei ihm Schutz gesucht.</p> + +<p>Er stellte die Lanze neben die Thür, und beugte +sich nieder, die Arme aufzuheben und in die Hütte zu +tragen, als der bewußtlose Körper wieder Leben gewann. +Die erste Bewegung aber war der scheu nach +rückwärts gedrehte Kopf, ob der Entsetzliche ihr folge +und – „Laykas!“ schrie Maono, und schlang staunend +und erschreckt den Arm um die Geliebte.</p> + +<p>„Schütze mich, Maono!“ war aber alles, was +Laykas im Anfang über die bleichen Lippen bringen<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">[S. 351]</a></span> +konnte, und zugleich drängte sie sich jetzt scheu von der +Thür hinweg.</p> + +<p>„Fürchte dich nicht, mein Herz,“ sagte Maono +freundlich ihre Angst beschwichtigend. „Wenn ich auch +nicht begreife, wie du in Nacht und Dunkel den Weg +– Allah schütze mich!“ rief er plötzlich, in Todesschreck +emporfahrend – „wie bist du denn zu dieser +Hütte gekommen? Den Pfad entlang?“</p> + +<p>„Den Pfad entlang, bis zum Pinangdickicht, und +dann in wilder Flucht durch die Stämme und Dornen +durch, die mir die Haut zerfleischten.“</p> + +<p>„Dich hat dein guter Geist beschirmt,“ sprach +Maono, liebkosend ihr die Haare aus der feuchten +Stirn streichend. „Aber um deiner Liebe willen, +Laykas, was führt dich in der Nacht in dieses Dickicht, +das selbst die Männer deines Kampongs nur am hellen +Tag in Trupps betreten? Wenn du nun in die Klauen +einer der gierigen Bestien gefallen wärst? Wie elend +wäre ich gewesen, ob ich auch deinen Tod blutig an +ihnen gerächt! Oder droht dir Gefahr von anderer +Seite, als den wilden Thieren dieser Waldung?“</p> + +<p>Das Mädchen hatte sprechen, hatte dem Geliebten +die Vorgänge des letzten Abends erzählen, und dann +ruhig von ihm Abschied nehmen wollen, um ins weite +ferne Land hinaus zu ziehn. Das Schreckbild aber,<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">[S. 352]</a></span> +das in der letzten Stunde wie aus dem Boden herausgewachsen, +vom Mondlicht bleich beschienen, vor ihrem +entsetzten Blicke aufgetaucht war, hatte ihre Sinne +und Gedanken so betäubt, verwirrt, daß nur das eine +Wort Raum in ihnen fand. – „Schang-hai!“</p> + +<p>„Ha! – was mit dem?“ fuhr Maono auf, +„drängte der alte Sünder deinen Vater zum Äußersten? +Den Tod über ihn! Aber nicht lange mehr, so +hat Maono Geld und wird –.“</p> + +<p>„Dort – dort – hinter mir!“ stöhnte Laykas +und deutete mit zitterndem Arm durch die noch offene +Thür hinaus ins Freie, „er folgt mir – schütze mich!“</p> + +<p>„Wer? – Schang-hai?“ rief Maono mit weit +geöffneten stieren Augen, indem ein furchtbarer Verdacht +vor seiner mit all den Schreckbildern blinden +Aberglaubens gefüllten Seele emporstieg. „Schang-hai +– jetzt im Wald? – Auf deiner Fährte?“ Und +rasch und unwillkürlich suchte die Hand die fort gestellte +Waffe.</p> + +<p>Nur mit unendlicher Mühe bezwang sich das +arme, zum Tod erschöpfte Mädchen endlich soweit, +dem Jüngling zuerst die Vorgänge der letzten Viertelstunde, +die plötzliche Erscheinung des Chinesen und +ihre wilde Flucht zu erzählen, denn in des Geliebten +Nähe fühlte sie sich wenigstens vor augenblicklicher<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">[S. 353]</a></span> +Verfolgung sicher. Dann aber, wie sie sich mehr und +mehr erhohlte, und Maono jetzt die Thüre schloß, auf +dem kleinen Herd ein prasselndes Feuer von dürren +Bambusstäben entzündete, das Licht und Wärme verbreitete, +und dann seine Matte zur Flamme zog, daß +sie ihnen als Sitz diene, da ging sie auch auf die Vorgänge +des letzten Abends zurück, sagte, was ihr mit +der heutigen Sonne gedroht und sie zur Flucht getrieben, +und bat den Geliebten jetzt mit leiser ängstlicher +Stimme sie am nächsten Morgen nur wenigstens +bis durch den Wald zu geleiten, damit sie nicht +etwa nach ihr ausgeschickten Verfolgern in die Hände +fiele, und vor allem – dem furchtbaren Schang-hai +nicht wieder begegnete.</p> + +<p>Maono hatte mit keinem Laut, keinem Wort ihre +ganze leidenschaftliche Erzählung unterbrochen – nur +seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und +wie unwillkürlich suchte oft die Rechte, während er +mit der Linken die an ihm lehnende Geliebte umfaßt +hielt, den im Gürtel steckenden Khris. Laykas für +ihn verloren, einem Ungeheuer verkauft oder in die +Fremde hinausgestoßen – es blieb sich fast gleich, +und keine Hülfe – keine Rettung aus dieser furchtbaren +Noth! Blieb Laykas hier, so wußte er recht +gut, daß schon am nächsten Morgen, noch dazu, da<span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">[S. 354]</a></span> +Schang-hai die Richtung ihrer Flucht wissen mußte, +Boten nach ihr ausgesendet würden, um sie zurückzufordern; +und setzte die Unglückliche auch ihre Flucht +fort, was half es ihr – allein da draußen im Wald +– allein in der Welt? –.</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Allein?</span>“ rief er da plötzlich, und richtete sich +rasch und hoch empor, „nein Laykas, nicht allein laß +ich dich mehr hinaus in die fremde Welt, nicht allein +selbst durch diese gefährdeten Waldungen mehr. <span class="gesperrt">Ich</span> +fliehe mit dir – die Berge kenn' ich alle, von den +Reisfeldern, die an ihrem Fuße liegen, bis zu den +nackten Lavagipfeln ihrer glühenden Krater, und nicht +nach Batavia gehen wir dann, zu den fremden Weißen +und ihren verdorbenen Sitten, wo dein Vater auch +unsere Spur wieder auffinden und uns zurückfordern +könnte in das alte Leid. Gerade Nord hinauf ziehen +wir; in Indramaju lebt mir ein Bruder, und von +dort führ' ich dich in dessen Prau hinauf nach den +„tausend Inseln.“ Dorthin wagen sie nicht uns –.“ +Er hielt plötzlich inne, denn gar nicht weit von der +Hütte entfernt tönte so dröhnend, daß das Laub auf +dem Dach zu zittern schien, das tiefe furchtbare Gebrüll +eines Tigers herüber, dem sich ein wilder, gellender +Schrei, wie fast aus gequälter Menschenbrust +kommend, beimischte.<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">[S. 355]</a></span></p> + +<p>„Der ist in der Grube!“ jubelte Maono, in seiner +Jagdlust fast die augenblickliche Gefahr der Geliebten +vergessend, und mit dem rasch aufgegriffenen Speer +sprang er der Thür der Hütte zu.</p> + +<p>„Maono!“ bat aber Laykas, ängstlich seinen Arm +ergreifend, „gehe nicht fort von mir. Laß mich nicht +hier allein, ich würde vor Angst vergehen. Und wenn +nun Schang-hai wirklich meinen Schritten gefolgt +wäre.“</p> + +<p>„Wäre er's nur!“ zischte Maono, den Speer fester +packend, zwischen den Zähnen durch. „Aber horch, +Laykas – hörtest du nicht jetzt –?“ – Er hatte die +Thür aufgestoßen und horchte, halb unschlüssig, ob er +gehen oder bleiben solle, in die Nacht hinaus.</p> + +<p>„Ich höre nichts als das Rascheln des Windes im +Wipfel der Bäume,“ flüsterte die Jungfrau; „es ist +so furchtbar todt und still da draußen!“</p> + + +<h4>5.</h4> + +<p>Maono stand noch lange und lauschte in den +Wald hinein. Es drängte ihn hinaus, um nachzusehen, +ob er den grimmen Feind gefangen, und doch +konnte er die Maid hier nicht allein zurücklassen. So +verging die Nacht. Mehr aber befestigte sich auch +dabei in ihm der einmal gefaßte Entschluß, die Geliebte<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">[S. 356]</a></span> +nicht allein ziehen zu lassen, sondern mit ihr den +fernen, nicht unter Holländischer Botmäßigkeit stehenden +Inseln zuzufliehen.</p> + +<p>„Und nun komm mein Lieb!“ sagte der junge +Jäger, als das erste dämmernde Licht im Osten sichtbar +wurde und rasch wachsend seinen grauen Silberschein +in die düsteren Waldesschatten warf. Er band +sich dabei sein Kopftuch fester um die langen schwarzen +Haare, steckte seine Waffen in den Sarang, band +etwas Reis in ein Tuch, das sich das Mädchen um +die Schulter knüpfte, und mit den unter den Fuß geschnürten +Sandalen trat er hinaus vor seine Thür, +Laykas an der Hand. Erst freilich wollte er noch +seine Gruben untersuchen, wenn er die gemachte +Beute auch einem Andern überlassen mußte, und rasch +schritt er jetzt den schmalen Pfad voran, der Stelle zu, +von wo, wie er glaubte, das letzte wüthende Gebrüll +herüber geschallt.</p> + +<p>Es war dies eben die letzte Grube, die er gegraben, +und schon von weitem, so viel es ihm das matte Licht +des jungen Morgens zu sehen gestattete, erkannte er +die eingebrochenen Zweige der Decke, das sichere Zeichen +einer gefangenen Beute.</p> + +<p>„Ich hab' ihn!“ flüsterte er halb zurückgewandt, +mit blitzenden Augen seinem Mädchen zu „ich hab'<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">[S. 357]</a></span> +ihn! – Da drinn wird er kauern scheu und tückisch +und lauernd, die glutrothen Augen in Furcht und +Haß zu mir aufgedreht, wenn ich die Decke hebe. +Warte, Gesell, das soll meine letzte Arbeit hier im +Lande sein, dir den Speer noch in den Leib zu werfen +– dann mag er verbluten da unten, und die Geier +sich sein Fleisch zu Neste tragen.“</p> + +<p>Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von +der Grube zurückzuwerfen, als Laykas schüchtern +fragte:</p> + +<p>„Und wird er nicht herausspringen können, wenn +du die Decke wegnimmst?“</p> + +<p>„Nicht von dort,“ lachte nun der junge Mann, +„die Grube ist tief, und der Boden durch eingetriebene +Stäbe in der Mitte der Art bedeckt, daß seine Hintertatzen +nicht einmal einen festen Anhalt fassen können +– siehst du dort?“ –</p> + +<p>„Hülfe!“ tönte in demselben Augenblick eine +Menschenstimme kläglich zu ihm herauf, „rettet +mich!“</p> + +<p>„Ein Menschentiger!“ schrie der Sundanese in +jubelnder Luft emporspringend, „ich hab' ihn, ich hab' +ihn! – Nun Laykas, gehn wir nicht fort, nun braucht +Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater mit +vollen Händen Geld in's Haus geschleppt, dann mag<span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">[S. 358]</a></span> +der alte tückische Chinese nur heimziehen nach seinem +Zopf- und Opiumland.“</p> + +<p>„Aber Maono,“ bat Laykas in Todesangst, „da +unten in der Grube liegt ein Mensch.“</p> + +<p>„Ein Mensch? – Ein Tiger ist's; ich hab' ihn +selbst gesehn, seine funkelnden Augen, seine streifige +Haut, seine fletschenden Zähne! – Er hat die Wurzel +nicht, daß er sich wieder verwandeln kann. Da – +sieh dort!“ rief er, während er die übergelegten Zweige +mit der Hand bei Seite riß, „siehst du die lauernde, +kauernde Gestalt? – Siehst du, wie er sich sprungfertig +hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte +Gesicht scheu zu Boden drückt, weil er sich schämt im +Sonnenscheine ertappt zu sein?“</p> + +<p>„Hülfe!“ tönte da wieder leise und ängstlich, daß +sie gehört würde, dicht <span class="gesperrt">unter</span> ihnen eine Menschenstimme, +und wie Maono, jetzt selber erschreckt, die ihm +nächsten Zweige bei Seite riß, erkannte er in immer +steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, +fest und ängstlich in eine Ecke gedrückt, die chinesische +Tracht derselben, und jetzt, als sich das Antlitz des da +unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden +langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwärtigen +Züge seines Nebenbuhlers.</p> + +<p>„Schang-hai!“ jauchzte aber der junge Sundanese,<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">[S. 359]</a></span> +als er seinen Verdacht in solcher Weise gerechtfertigt +und bewiesen sah, ohne daran zu denken, dem +also Gefangenen Hülfe zu leisten. „Hab' ich also +recht gehabt? – Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen +und hast die Grube drunter nicht gemerkt? +– Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da +unten auch noch so kläglich thust! Hat doch der ganze +Kampong schon die langen Jahre Verdacht auf dich +gehabt, und endlich, endlich halt' ich dich!“</p> + +<p>„Schang-hai!“ stöhnte auch Laykas und barg, +zusammenschaudernd vor dem furchtbaren Gedanken, +daß sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen sein, +ihr Antlitz in den Händen. Zu sehr theilte sie übrigens +den Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus +vollem Herzen alles zu glauben, was an dunklen Gerüchten +ihren Stamm durchlief. Und hätte der Mensch +da unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten +können, wäre er nicht seines Gleichen gewesen? +– Nimmermehr! Das Raubthier würde ihn hundertmal +zerrissen haben.</p> + +<p>Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger +in der Ecke der Grube vor dem hellen Sonnenstrahl, +wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr +und mehr zusammendrückte, und während Maono in +jubelnder Lust oben stand, den Triumph so glücklichen<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">[S. 360]</a></span> +Fanges feiernd, erhob jetzt der unglückliche Chinese +drunten mehr und mehr die Stimme und bat den Eingeborenen, +ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er +<span class="gesperrt">seine</span> Götter nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren +drohenden Lage zu befreien. Er versprach, ihn dabei +zum reichen angesehenen Mann zu machen – versprach +auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, +zu verzichten – er hätte seine eigene Seligkeit +verpfändet, wenn man es von ihm in diesem +Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen +Todesgefahr befreit zu sein, nur seine Spanne Leben +zu retten.</p> + +<p>Eine ebenso große Gefahr drohte ihm aber in diesem +Augenblick gerade von daher, von wo er Rettung +erhoffte. Maono nämlich, in der festen Überzeugung, +daß der gefangene Chinese wirklich ein <span class="gesperrt">Menschentiger</span> +sei, der nur, als er sich ertappt sah, seine +menschliche Gestalt wieder angenommen, beschloß +ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu +befreien. Während der Chinese deshalb unten bat +und flehte, befestigte Maono oben ganz ruhig und +unbefangen die lange feste Leine am oberen Theil seiner +Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurückziehen +zu können, und trat dann an den Rand der +Grube, die Waffe zum Todeswurf erhoben.<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">[S. 361]</a></span></p> + +<p>„Vorbereitung zum Tode,“ sagte er dabei ruhig, +„brauchst du drunten wohl nicht, denn wer in Nacht +und Finsterniß in <span class="gesperrt">solcher</span> Verwandlung umherschleicht, +weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn man +ihn endlich einmal ertappt. So nimm denn –“</p> + +<p>„Halt ein – halt ein!“ schrie aber der Unglückliche, +der die drohende Bewegung bemerkt, in Todesangst. +„Ich schenke dir Hütte und Felder von Laykas' +Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehören. Ich +schenke dir sechs meiner besten Büffel und die zwei +großen Reisfelder, die hinter deinem neuen Hause +liegen. – Ich schenke dir vier Säcke Deute außerdem +und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstück +stehen, und du magst Laykas zur Frau nehmen, – +aber wirf den Speer weg, um meines Lebens willen +– wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur +herunter! Der Tiger dort in der Ecke wirft immer +gierigere Blicke auf mich – ich bin verloren, wenn du +mich nicht rettest.“</p> + +<p>Maono warf <span class="gesperrt">nicht</span>; diese ungeheuern Versprechungen, +die ihm der Gefangene machte, brachten +seinen Entschluß, ihn zu tödten und seinen Fangpreis +dafür einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit +reicher als er es je gehofft, und in der Gewalt behielt +er den Chinesen ja noch immer.<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">[S. 362]</a></span></p> + +<p>„Und wirst du halten, was du da gelobt?“ fragte +er zögernd.</p> + +<p>„Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir +versprochen,“ winselte der Unglückliche.</p> + +<p>„Du willst ihn nicht tödten?“ fragte Laykas erstaunt, +„wenn du ihn aufziehst, wird er seine Tigergestalt +wieder annehmen und uns Beide vernichten.“</p> + +<p>„Dagegen giebt es ein Mittel,“ lachte der junge +Sundanese, indem er jetzt, von einem neuen Plan ergriffen +und rasch entschlossen, die starke Schnur von +der Lanze warf, während er dem Mädchen die Waffe +reichte. „Da, Laykas,“ sprach er dabei, „nimm du den +Speer und fass' ihn fest, indessen ich den Burschen in +die Höhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so werd' ich +schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner +alten List zu greifen, so bald er sich im Freien weiß, +siehst du das geringste Zeichen der gelben Streifen an +den Seiten, der vorgestreckten Tatzen – dann stößt +du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem +Khris schick' ich ihn rasch wieder in die Grube +zurück. Und jetzt fass' an da unten!“ rief er, ohne sich +weiter um den daneben liegenden Tiger zu bekümmern, +dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. +„Schling' dir die Schnur um den Leib und +ich ziehe dich herauf zu mir.“<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">[S. 363]</a></span></p> + +<p><a name="cortex5-2b" href="#corr5-2" class="corr">Schang-hai</a> befolgte mit zitternden Händen den +gegebenen Befehl, scheu dabei den Blick fortwährend +nach der kauernden, aber regungslosen Bestie gewandt. +Stärker funkelten dabei die Augen des Tigers, +als er seinen Mitgefangenen sich bewegen sah, fester +drückte er sich zurück, auf die Hintertatzen zum Sprung +zurückgebogen. Die tückischen Augen glänzten in +einem grünen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren +dicht an den Kopf zurückgelegt und die grimmen +fletschenden blendendweißen Zähne zeigten sich in ihrer +vollen furchtbaren Pracht. – Trotzdem wagte er den +Sprung nicht und schien nur einen Angriff auf sich +selber zu erwarten, dem er, so gerüstet, begegnen +wollte.</p> + +<p>Es war ein merkwürdiger Anblick, die Gruppe zu +beobachten, die in diesem Augenblick oben an der +Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um +den Leib geknüpft und mit Händen und Füßen, wenn +auch noch immer scheu den Kopf nach der ihm nächsten +Gefahr zurückdrehend, nachgeholfen, hatte eben mit +den Händen den obern Rand erreicht. Maono lehnte, +den linken Arm zum bessern Halt um eine schlanke +dünne Arekapalme geschlagen, den Fuß gegen ihre +Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und +zog aus allen Kräften den schweren kleinen Chinesen<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">[S. 364]</a></span> +aufwärts, und neben ihm, die gefällte Lanze zum +Stoß bereit in der Hand, mit funkelnden und doch in +ängstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb +Furcht in den belebten Zügen, stand das wunderschöne +Mädchen, nackt bis zum Gürtel, die schwarzen langen +Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung +des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend.</p> + +<p>Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten +sie nichts zu fürchten, und kaum hatte er den obern +Rand vollständig erreicht und sich in scheuer Angst +einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum +Tode erschöpft und von dem Entsetzen der letzten +Stunden aufgerieben, bewußtlos neben der Grube zu +Boden brach und es ruhig geschehen ließ, daß ihm der +Sundanese Arme und Füße mit derselben Leine fest +zusammenschnürte, an der er ihn heraufgezogen.</p> + + +<h4>6.</h4> + +<p>Unschlüssig, was nun zu beginnen und welcher +Weg am besten einzuschlagen, entschloß sich Maono +endlich dazu, Hülfe vom nächsten Kampong herbeizuholen. +Die Männer dort sollten entscheiden, ob der +also ertappte und überführte Chinese als ein entdeckter +„Menschentiger“ noch den Tod verdiene, wonach der +Kampong selber den auf solchen Fang gesetzten Lohn<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365">[S. 365]</a></span> +gezahlt hätte, oder ob er mit dem versprochenen Lösegeld +freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen +solle. – Das schien ihm nach kurzer Überlegung das +Beste; hätten doch sonst die Nachbarn gar am Ende +glauben können, er habe den Mann aus Eifersucht +schuldlos ermordet. Laykas deshalb mit der Waffe +bei dem Gebundenen zurücklassend, damit sie ihm +dieselbe ins Herz stoße, sobald er den Geringsten Versuch +mache, sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er +konnte, den schmalen Pfad entlang, der aus dem +Walde auf die Straße führte, um von dort aus <a name="cortex5-3" href="#corr5-3" class="corr">den +Kampong</a> Tji-dasang zu erreichen.</p> + +<p>Die Mühe wurde ihm übrigens erspart; denn da +er die Lichtung erreichte, fand er sich einer Schaar +von Männern, Laykas Vater, Kelah, an der Spitze, +gegenüber, die bis hierher der Spur des flüchtigen +Mädchens gefolgt waren, und jetzt eben unschlüssig +auf der stark betretenen Straße standen, welcher +Richtung sie von hier aus folgen sollten.</p> + +<p>Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und +mit wenigen flüchtigen Worten schilderte er jetzt Kelah +die Vorgänge der letzten Nacht, den Fang des so gefürchteten +Menschentigers, mit einer mächtigen Tigerin +zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, +wandte er sich dann und schritt, von allen in schweigender<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366">[S. 366]</a></span> +Scheu gefolgt, den Pfad zurück, den er gekommen, +bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter +Laykas Aufsicht zurückgelassen.</p> + +<p>Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht +erholt, und das junge Mädchen, das neben ihm die +Wacht hielt, mit den flehendsten Worten gebeten, ihn +loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht +noch eher daran gedacht haben, den in der Grube +gefangenen Tiger als den Gebundenen an ihrer Seite +zu befreien, und der mit Haß und Furcht gemischte +Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen +folgte, wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth +ihm, daß er von ihr nichts zu hoffen hatte. Endlich +schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr, und +mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten +Dank erkannte er den alten Kelah neben Maono an +der Spitze des Zugs.</p> + +<p>Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten +Schutz zu finden, so war er dabei im Irrthum und +der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht im Augenblick +zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils +stak er selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, +um auch nur einen Augenblick zu zweifeln, daß der +Chinese das wirklich sei, dessen ihn Maono beschuldigt +hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367">[S. 367]</a></span> +er dem jungen Mann gethan und die ihm dieser +unterwegs schon mitgetheilt, so stand er auch ganz +anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt +nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken +dürfen, ihm die Tochter zur Frau zu geben! Hierbei +hatte er übrigens zwischen den anderen, weit mehr +angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz untergeordnete +Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er +zuerst einem förmlichen Verhör Rede stehen mußte, +ehe er hoffen durfte, selbst von diesen Leuten, die ihn +sonst mit der höflichsten, oft kriechenden Artigkeit behandelten, +in Freiheit gesetzt zu werden.</p> + +<p>Er erzählte jetzt – immer noch mit gebundenen +Händen, obgleich seinen Füßen Freiheit gegeben war, +daß er erst spät Abends von der Plantage seines Landsmannes +nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, +als er plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, +und wie er im Schatten eines Baumes stehn geblieben, +beim hellen Licht des Mondes Laykas, seine +<span class="gesperrt">Braut</span> erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in +den Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, +der nach Maonos Hütte zu führte; und nicht gesonnen, +sie dort zu lassen, ohne seine, durch Einwilligung des +Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, +sei er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368">[S. 368]</a></span> +entlang gekommen, wisse er nicht, aber er sei, als er dem +dunklen Gang gefolgt, in die hier verborgene Grube +gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht getraut, +aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen +Raubthiere herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, +wahrscheinlich auf seiner Spur folgend, zu ihm +hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender +Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch +vielleicht geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, +ohne ihm ein Leides zu thun. Erst am Morgen +sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für +einen Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, +wenn er sich nicht sein Leben mit schweren Versprechungen +erkauft.</p> + +<p>Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich +für abgemacht zu halten und nicht einmal daran zu +denken, die gegebenen Versprechungen zu erfüllen. +Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu +werden, und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren +dem holländischen Residenten (der obersten Gerichtsperson +des Distrikts nach dem Gouverneur) anzuzeigen. +Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, +hatte er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast +sämmtlich in dem letzten Jahr einen näheren oder +entfernteren Verwandten durch die Raubthiere, und wie<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369">[S. 369]</a></span> +sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen „Menschentiger“ +eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden +Erzählungen, die schon seit langen Jahren ihre Nachbarschaft +über den kleinen Chinesen durchlaufen, und +waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner +Schuld so leicht und rasch wieder aus den Händen zu +lassen. Der Vorschlag wurde deshalb auch ohne +Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah +widersprochen, in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen +zu prüfen. Er sollte nämlich wieder in die +Grube hinunter, und zwar gerade <span class="gesperrt">auf</span> die Tigerin geworfen +werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie +suchen, ihn so rasch wie möglich wieder herauf zu ziehen +und er durfte frei ausgehen, ließ sie ihn aber unbelästigt, +wie sie es die ganze Nacht gethan, so war +es ein sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, +und dann sollte er, wie die wilde Bestie selber, +mit Lanzen getödtet werden. Seine Erzählung, wie +er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, +und selbst die jetzt darum befragte Laykas erzählte, +daß er unter der Palme am Weg wie ein Tiger gekauert, +und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die +des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte.</p> + +<p>Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem +solchen Ungeheuer seine Tochter versprochen. Durfte<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370">[S. 370]</a></span> +Schang-hai doch jetzt nie daran denken, seine Schuld +von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das +eifrigste für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, +die dem Chinesen eine bedeutende Summe schuldig +waren.</p> + +<p>Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur +wieder um den Leib, wie ihn Maono vorher heraufgezogen, +und Laykas selber stand in sprachloser Erwartung +dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten +Gefährten erkennen oder in wilder Wuth über ihn +herfallen würde. Schang-hai hatte aber keineswegs +Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich schrecklich +für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen +war indeß nichts auszurichten und sein Leben +soweit gefährdet, daß der nächste Augenblick schon jeden +zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht hätte. +Er lag auf der Folter – ein Leugnen hätte ihn zu +der wilden Bestie hinunter geworfen, die schon bereit +lag ihn, als einen vermutheten Angreifer, mit Klauen +und Zähnen zu empfangen. Nur eine Rettung blieb +für ihn – er kannte seine Leute, und mit bleichen, +zitternden Lippen rief er: „Halt!“</p> + +<p>„Hinunter mit ihm!“ tönte Kehlahs heisere +Stimme. –</p> + +<p>„Laßt mich reden,“ bat aber der Chinese, „was<span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371">[S. 371]</a></span> +nützt euch mein Tod – was mein Geständniß, <span class="gesperrt">daß</span> +ich ein Menschentiger sei –.“ –</p> + +<p>„Er bekennt es!“ rief jubelnd Maono, und die +Andern sahen mit scheuem, erschrecktem Blick auf den +Unglücklichen. Dieser aber, den augenblicklichen +Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend, +fuhr rasch und ängstlich fort. „Wenn ihr mich tödtet, +verfällt mein Hab und Gut dem Staat – den Holländern. +Ich habe keine Kinder – keine Verwandte +– in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. +Die weißen Männer werden sie einzutreiben +wissen. Schenkt mir das Leben und ich will nicht +allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe +– ich erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich +noch sonst von euch zu fordern hätte, und will selber +in den nächsten Tagen dieses Land verlassen. – Seid +ihr das zufrieden?“</p> + +<p>Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. +Ein Theil, und zwar die, die ihm bis dahin noch am +freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie sein geglaubtes +Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, +denn er habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, +und in der nächsten Nacht werde er, wenn man ihn +freilasse, nur soviel wüthender über sie herfallen, um +die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen,<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372">[S. 372]</a></span> +mit dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch +vielleicht nicht ganz sicher, wie die Weißen den <span class="gesperrt">Mord</span> +ansehn würden, stimmten dafür, ihn unter der Bedingung, +daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, +die drei Nächte aber den Fuß nicht über seine +Schwelle setze, frei zu geben.</p> + +<p>Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte +der nackte Tod, in den ihn der tolle Aberglauben dieser +Menschen jauchzend hineingeworfen hätte – und +vor ihm lag das Leben!</p> + +<p>Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während +Kelah, etwas verlegen allerdings, aber doch auch außer +Stande, anders zu handeln, dem jungen wackeren +Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, +als er sie, nach der Absicht des vorigen Abends, hatte +in das Haus des jetzt geächteten Chinesen führen +wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß seine Freilassung +die hinter ihm her jauchzende und tobende +Schaar doch am Ende noch gereuen könne, den Wald +entlang, bis er die Straße erreichte, und eilte dann, +so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen Wohnung +zu.</p> + +<p>Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich +nicht ihm, sondern dem Tod des gefangenen Tigers, +auf den die jungen Bursche jetzt ihre Khrise und<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373">[S. 373]</a></span> +Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth +und Schmerzen schäumende, brüllende Thier mit dem +sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.</p> + +<p>Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von +dem gefangenen Menschentiger, und dem Versprechen, +das Schang-hai, sein Leben zu retten, gegeben, den +<a name="cortex5-4" href="#corr5-4" class="corr">Kampong</a>. Ein holländischer Unterbeamter, der sich gerade +dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, +forderte ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben +und sicherte ihm den vollen Schutz der holländischen +Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen Versprechungen +nicht bindend waren. Schang-hai aber, +der dem Tod unter den Händen der Eingeborenen zu +nahe gewesen, als daß er ihnen noch einmal hätte +trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den +Verdacht hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen +stand, alle Gesetze der Welt vor einem heimlichen +Angriff nicht schützen konnten, zog es vor, mit +einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes +Versprechen zu halten. Ein anderer Chinese übernahm +seinen Pacht und kaufte ihm auch sein Waarenlager +ab, und am dritten Morgen – die Nächte hielt +er sich in seinem Haus fest eingeschlossen, – verließ +er unter einer erbetenen und erhaltenen Bedeckung +malayischen, dort in der Nähe stationirten Militärs<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374">[S. 374]</a></span> +die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen +wahrscheinlich nie mehr zurückzukehren.</p> + +<div class="footnotes"><h4>Fußnoten:</h4> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_37_37" id="Footnote_37_37"></a><a href="#FNanchor_37_37"><span class="label">[37]</span></a> Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes +Zeug in den verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu +färben. Es wird nämlich zu dem Zweck die Zeichnung aus +<span class="gesperrt">freier Hand</span> mit einer kleinen Kupferröhre, aus der heißes +Wachs sickert, auf das Tuch <span class="gesperrt">an beiden Seiten</span> aufgetragen +und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen, auf denen +kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und +theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung +verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_38_38" id="Footnote_38_38"></a><a href="#FNanchor_38_38"><span class="label">[38]</span></a> In den Javanischen Bergen dient der schilfartige +Bambus zu sehr verschiedenartigen Verrichtungen und besonders +benutzen die Frauen die stärksten, oft vier bis fünf +Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das Wasser darin zu +tragen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_39_39" id="Footnote_39_39"></a><a href="#FNanchor_39_39"><span class="label">[39]</span></a> Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß +Breite, unten und oben gleich weit, das über den Hüften eng +zusammengezogen und durch einen in das Zeug hineingesteckten +knoten gehalten wird. Es wird von beiden Geschlechtern getragen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_40_40" id="Footnote_40_40"></a><a href="#FNanchor_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß +fast alle offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz +der Raubthiere ist.</p></div> +</div> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h3><a name="der_khris" id="der_khris"></a>Der Khris<a name="FNanchor_41_41" id="FNanchor_41_41"></a><a href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a>.</h3> + + +<p>Am Kali Besaar<a name="FNanchor_42_42" id="FNanchor_42_42"></a><a href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> in Batavia, dem großen +Handels-Viertel des Ostens, wo die Ostindische +Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der +Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager +hat, war heute ein regeres Gedränge als gewöhnlich. +Die Menschenströmung, die sonst mehr an beiden +Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- +und abwogte, schien gerade heute auch mehr dem +Mittelpunkt der Hauptstraße zuzupressen. Dort hatte +sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den +aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, +eine Masse Chinesischer und Javanischer Fruchtverkäufer +angesammelt und hielt ihre duftigen saftigen +Waaren, vor den glühenden Sonnenstrahlen durch +das hölzerne Dach geschützt, feil.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375">[S. 375]</a></span></p> + +<p>Es war eine Auction in einem der großen, düsteren +Gebäude, und zwar nicht von importirten Europäischen +Waaren oder veralteten Gütern, oder von inländischen +Producten, wie sie die Maatschappy oft hält – oder +gar von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht +so langer Zeit hier ebenfalls stattgefunden, sondern +nur von Naturalien, Waffen, Vogelbälgen, Geräthschaften, +Anzügen, Instrumenten etc. etc. der benachbarten +Inseln, die den Nachlaß eines verstorbenen Deutschen +Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein +Testament über die Sammlung selber disponirte, +öffentlich versteigert werden sollten. Alles das, woran +ein tüchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze +Lebenszeit gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt +aufzubewahren, sollte hier, wie das eine Menschenherz +zu schlagen aufgehört, in wenig Stunden wieder +in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und +lachend und erzählend, zankend und schreiend, drängten +sich indeß die Fremden aus und ein, besahen die +Schätze, die ihren Augen preis gegeben waren und die +nur Wenige von ihnen zu würdigen wußten, und packten +das Gekaufte gleichgültig in ihre Cabriolets, es +Abends mit nach Haus zu nehmen.</p> + +<p>Hier standen ein Paar Holländer zusammen, die +einen Bogen spannten und einen der Pfeile in die<span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376">[S. 376]</a></span> +Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er tragen +würde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften +Affen unter dem Arm, aus dem Gedränge, +und wurde von seinen Bekannten jubelnd empfangen. +Inländische Diener schleppten Lasten von fremdartigen +Geräthschaften und Schilden und Speeren heran, +Andere trugen Schädel von Tigern und Krokodillen, +und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf den +Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem +Elephantenschädel herbei, ihn zum Zierrath in das +Landhaus des in Weltevreden oder Kramat wohnenden +glücklichen Käufers hinaufzuschaffen.</p> + +<p>Zwei Weiße, der Capitain eines vor einiger Zeit +eingelaufenen Holländischen Kauffahrers, und ein +Amerikanischer Kaufmann, der sich schon seit längeren +Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls +durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, +das Haus zu betreten und die ausgestellten Sachen +in Augenschein zu nehmen. Es kostete freilich Mühe, +bis sie sich durch das Gedränge von Chinesen, Javanen +und Europäern, die in allen Sprachen der Welt hier +durch einander schrieen, Bahn machten. Endlich aber +erreichten sie doch den weiten luftigen Raum, in dem +die Waaren, theils an den Wänden hängend, theils +auf den Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich,<span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377">[S. 377]</a></span> +wie man sie eben aus den Kisten gepackt, aufgeschichtet +und zerstreut lagen. Auf den Tischen herum +springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu +überwachen, auf die Gebote zu horchen, das Erstandene +auszuliefern, und das Geld dafür in Empfang +zu nehmen, wobei sie noch außerdem auf die Finger +ihrer Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht +in eben keinem besondern Rufe stehen.</p> + +<p>Die Auction selber fand, von einem Liplap<a name="FNanchor_43_43" id="FNanchor_43_43"></a><a href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> geführt, +in Holländischer und Malayischer Sprache zugleich +statt, und ganze Bündel seltener Speere und +Pfeile, Bögen, Schilde, Schmuck von Muscheln und +Zähnen, geflochtene Geräthschaften, geschnittene Gefäße +und künstlich und sauber verfertigte Zierrathen, +wie Kasten mit ausgestopften Vogelbälgen und Thieren, +mit Schmetterlingen und Käfern, Sammlungen von +Früchten, Conchilien und Mineralien, wurden um +einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten flüchtigen +Gebot, den Käufern zugeschlagen.</p> + +<p>Die beiden Männer hatten sich endlich mit nicht +geringer Mühe dorthin Bahn gemacht, wo eine Anzahl +sehr schöner Waffen, besonders Khrise, auf einem +kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378">[S. 378]</a></span> +Franzosen nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. +Manche davon waren sehr künstlich, ja kostbar gearbeitet, +und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit +herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach +und derb gearbeitet, mit glatter hölzerner Scheide und +nicht selten mit dem Haarbüschel der erlegten Feinde +geziert, wie es auf Borneo die Sitte der Krieger ist. +Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben +um einen ziemlich hohen Preis, während ein dicht neben +ihm stehender Javane die einzelnen Waffen, jede +besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam betrachtete, +ohne jedoch darauf mit zu bieten.</p> + +<p>Der Holländische Capitain hatte indessen dem ganzen +Handel ziemlich gleichgültig zugeschaut, bis der +Franzose seine Einkäufe gemacht und den Platz mit +den Erstandenen Waffen geräumt hatte. Auch der +Javane schien genug von dem ganzen Treiben gesehn +zu haben, zog seinen Sarong fester um sich und verließ +das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische +Aufseher unter den übrigen Sachen noch einen zurückgebliebenen +Khris und legte ihn auf den Tisch des +Verkäufers.</p> + +<p>„Ach wahrhaftig, da ist <span class="gesperrt">noch</span> einer!“ rief dieser, +„nun, meine Herren, wer bietet darauf, denn unser +Khriskäufer ist fort – noch ein werthvolles Stück,<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379">[S. 379]</a></span> +mit prächtigen Granaten besetzt und fein damascirter +Klinge – dreißig Gulden zum Ersten, dreißig +Gulden zum Ersten sag' ich, die Waffe ist hundert +werth“ –</p> + +<p>„Ein und dreißig Gulden,“ bot der Holländische +Capitain.</p> + +<p>„Ein und dreißig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis,“ +sagte der Auctionator, – „ein und dreißig +Gulden zum Ersten.“</p> + +<p>„Vierzig!“ bot ein daneben stehender Engländer. +„Fünf und vierzig!“ der Capitain wieder, und erstand +zuletzt die wirklich schöne und geschmackvoll, wenn auch +einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und achtzig +Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber +sehr wenig daran, und sie in seine Tasche schiebend, +sah er dem Verkauf der übrigen Sachen noch eine +kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners +wieder, und verließ den durch die zahlreiche Menschenmenge +doch schwül und dumpfig gewordenen Raum, +die freie Luft zu erreichen.</p> + +<p>„Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz +nie eine Auction betreten,“ sagte er hier, als er +die Waffe wieder vorzog und betrachtete, „wenn man +nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und wirklich +braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380">[S. 380]</a></span> +mein gutes Geld nicht muthwillig an irgend einen +nutzlosen Gegenstand zu verschleudern, hab' ich mich +doch hier wieder mit dem Ding da anführen lassen, +und bin um ein Stück Eisen reicher, und um sieben +und achtzig Gulden ärmer geworden, als ich vorher +war.“</p> + +<p>Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus +der Scheide gezogen und prüfend betrachtet und sagte +lachend:</p> + +<p>„Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, +und wir vor allen Anderen können uns gratuliren, +daß die Menschen im Allgemeinen eben nicht das nur +kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn +unser ganzer Handelsstand beruht darauf, daß sie das +eben <span class="gesperrt">nicht</span> thun. Der Mensch bedarf zu seinem +Leben wirklich <span class="gesperrt">nöthig</span> entsetzlich wenig, und wollte er +sich darauf beschränken, wie sollte es dann mit Handel +und Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. +Der Luxus gerade, für den wir civilisirte Menschen +gar keine Grenze mehr haben, weil er mit unserem +einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hält die +Sache in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich +Luxus, als wir auch ihn nicht „nothwendig brauchen,“ +wo er dann zum <span class="gesperrt">Bedürfniß</span> und zu dem wird, was +wir eben zum Leben haben müssen.“<span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381">[S. 381]</a></span></p> + +<p>„Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus“, +lachte der Capitain.</p> + +<p>„Für Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange +vielleicht, und Sie brauchen ihn nicht allein nothwendig, +sondern müssen sogar noch eine Menge anderer ähnlicher +Sachen dazu haben, ein „<span class="gesperrt">Naturalien-Cabinet</span>“ +zu vervollständigen. Mit <span class="gesperrt">einer</span> Sache +muß der Mensch anfangen, und das Eine zieht eben +das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen +an; mit einer Handvoll Reis hält er seine +Mahlzeit; eine Bambushütte, die ihn eben nothdürftig +gegen Thau und Regen schützt, genügt ihm zur Wohnung, +ein Stück Baumwollenzeug und ein Strohhut +zur Kleidung, und was für einen Gefallen glauben +Sie wohl, daß Sie einem solchen Menschen mit einer +Astrallampen oder mit irgend einer Europäischen +Zimmer-Verzierung erweisen würden? Gehen Sie +aber zu einem der unter Holländischen Einfluß stehenden +Häuptlinge, und Sie werden Astrallampen und +Zimmer-Verzierungen, Teppiche, Kronleuchter, Wandgemälde +etc. etc. im wahren Überfluß als <span class="gesperrt">nothwendiges +Bedürfniß</span> finden. Die Khrise spielen +übrigens in dem Leben der Javanen eine sehr bedeutende +Rolle, und einzelne von ihnen erben von Vater +zum Sohn und Enkel herab, und dürfen nimmer verkauft<span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382">[S. 382]</a></span> +werden. Viele davon sind jedoch in den letzten +Kriegen in den Besitz der Weißen gekommen, und +öfters ist es vorgekommen, daß Javanische Häuptlinge, +die ihre Stammwaffe in fremden Händen fanden, bedeutende +Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.“</p> + +<p>„Ich wollte, ein solcher Javanischer Häuptling +hätte Lust zu <span class="gesperrt">diesem</span> Khris“, lachte der Capitain, die +Waffe aus der Scheide ziehend und in der Sonne +blitzen lassend, „mit einigen Prozenten Gewinn könnte +er ungemein leicht wieder Eigenthümer derselben +werden.“</p> + +<p>„Dort steht gleich Einer,“ sagte der Yankee, „und +wenn ich nicht irre sogar derselbe, der da drüben im +Verkaufslokal die Waffen so genau betrachtete. Der +kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich +werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen +guten Kauf gemacht haben. Heh, Freund, komm einmal +hier her, und sage, wie dir der Khris da gefällt.“</p> + +<p>Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit +untergeschlagenen Armen an einem Pfeiler lehnte, +war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefähr +zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere +Hautfarbe, wie die edelgeschnittenen Züge und blitzenden +Augen verriethen allerdings den Javanen, der sich<span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383">[S. 383]</a></span> +von den Sunda'nern (wie die Bewohner der östlichen +Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So +knechtisch diese aber den Holländern, ihren jetzigen +Herren, gegenüber sind, so wenig nahm der Bursche +hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehört +haben mußte. Mit eben nicht ganz freundlichem Blick +die Gestalten der beiden Männer nur flüchtig überfliegend, +wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien +keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rühren, +der Aufforderung Folge zu leisten.</p> + +<p>„Hallo, der ist unabhängig,“ lachte der Amerikaner +vor sich hin, „und wir werden zu <span class="gesperrt">ihm</span> gehen müssen, +wenn wir etwas von ihm wissen wollen. – Heda, +Freund!“ setzte er dann in Malayischer Sprache +hinzu, die Waffe dabei aus des Capitains Hand nehmend +und auf den Javanen zugehend, „kannst du mir +sagen, was das Messer hier einmal gekostet?“</p> + +<p>Der Javane zog die Brauen finster zusammen, +richtete sich dann stolz und trotzig empor, und wollte +sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu erwidern, +von den ihm jedenfalls verhaßten Weißen abwenden, +als sein Auge auf den Khris fiel und er in demselben +Moment auch wie unwillkührlich den Arm danach +ausstreckte. Das Blut schoß ihm dabei in die Schläfe +und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden,<span class="pagenum"><a name="Page_384" id="Page_384">[S. 384]</a></span> +als ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen +wollte. Aber es war auch wirklich nur ein Moment, +der Arm glitt zurück in seine alte Stellung, ebenso +der Körper, der sich wieder nachlässig gegen den Pfeiler +drückte; nur den Blick konnte er nicht losreißen +von der Waffe, und der Amerikaner mußte seine +Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand.</p> + +<p>„Weiß ich nicht,“ sagte er dann, finster den Kopf +zur Seite werfend, „ist ein alter Khris – wollt Ihr +ihn verkaufen?“</p> + +<p>„Junge, Junge<a name="FNanchor_44_44" id="FNanchor_44_44"></a><a href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a>,“ sagte der Yankee, der schon +lange im Ostindischen Archipel wohnte und die Sitten +und Gebräuche der Eingeborenen genau kannte, in +Holländischer Sprache zu dem Capitain, „der Bursche +da weiß mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen +mag, und giebt sich umsonst die größte Mühe, +gleichgültig dabei zu bleiben. Außerdem ist das auch +gar kein gewöhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang +geglaubt. Was für einen kostbaren Sarong er trägt, +und welch' ein prachtvolles golddurchwirktes Kopftuch +– hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er tüchtig +dafür bezahlen.“</p> + +<p>Des Javanen Auge war indessen bei den ihm<span class="pagenum"><a name="Page_385" id="Page_385">[S. 385]</a></span> +unverständlichen Worten forschend von dem Antlitz +des einen der Fremden zu dem des anderen geflogen, +ohne daß er jedoch seine Stellung auch nur um eines +Haares Breite verändert hätte, nur als der Amerikaner +schwieg, öffnete er die Lippen wieder, als ob er die +letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber das Wort +zurück, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten.</p> + +<p>„Fordert nur nicht <span class="gesperrt">zu</span> viel,“ lachte der Capitain; +„wenn er wirklich Lust zum Kaufen hat, wollen wir +ihn wenigstens nicht kopfscheu machen.“</p> + +<p>„Nur nicht ängstlich,“ entgegnete ihm der Freund, +„entweder liegt ihm daran, den Khris zu bekommen, +dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir fordern +<span class="gesperrt">können</span>, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber +nach seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann +wissen wir wenigstens, woran wir sind – laßt mich +nur machen;“ und sich dann an den Javanen wendend, +sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide +zog und die grau damascirte Klinge in der Sonne +blitzen ließ, „könntet ihr uns nicht wenigstens sagen, +was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man +'s machen ließ, und von welcher Insel es überhaupt +stammt, – von Java, oder vielleicht von Macassar +oder Sumatra?“</p> + +<p>Der Javane streckte langsam die Hand nach dem<span class="pagenum"><a name="Page_386" id="Page_386">[S. 386]</a></span> +Khris aus, nahm die Waffe, betrachtete, ohne mehr +als einen flüchtigen Blick auf den Griff zu wenden, +die Damascirung des Stahls mit prüfendem Auge, +und gab ihn dann ruhig zurück – <a name="cortex6-1a" href="#corr6-1" class="corr">kein</a> Muskel seines +Gesichts <a name="cortex6-1b" href="#corr6-1" class="corr">verrieth</a> mehr, daß er irgend einen Antheil an +der Waffe nehme.</p> + +<p>„Und was ist er werth?“ sagte der Capitain ungeduldig.</p> + +<p>„Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran +bezahlt,“ brach jetzt der Eingeborene mit tiefer klangvoller +Stimme das Schweigen.</p> + +<p>„Funfzig Gulden? Nun ja,“ fluchte der Capitain wieder +in seiner eigenen Sprache, „da habe ich wenigstens +sieben und dreißig Gulden zum Fenster hinausgeworfen, +– hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt +ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt.“</p> + +<p>„Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang für +einen Anderen gehalten,“ sagte der Kaufmann, „aber +das schadet nichts; es ist immer ein schönes, sauber gearbeitetes +Stück, für das euch ein Naturalien-Cabinet +in der alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, +solltet ihr es doch einmal verkaufen wollen.“ Und sich +ohne weiteren Gruß oder fernere Notiz von dem Javanen +zu nehmen, von diesem abwendend, faßte er den +Arm des Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali<span class="pagenum"><a name="Page_387" id="Page_387">[S. 387]</a></span> +Besaar hinauf und der Brücke zugehn, die unter dem +Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer hinüberführte, +als der Eingeborene ruhig sagte:</p> + +<p>„Wollt ihr den Khris verkaufen?“</p> + +<p>„Ja, wenn wir einen guten Preis dafür bekommen,“ +erwiderte ihm der Kaufmann, sich halb nach ihm +zurückwendend –</p> + +<p>„Und was nennt ihr einen guten Preis?“ frug +der Eingeborene wieder.</p> + +<p>„Fordert hundert Gulden,“ sagte der Capitain, +der etwas vom Malayischen verstand, es aber nicht +soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen.</p> + +<p>„Nur langsam,“ entgegnete aber der vorsichtigere +Kaufmann, „der Bursche fängt an, wärmer zu werden; +schon daß er nach dem Preis des Khrises fragte, +wo er oben im Auctionszimmer die anderen wirklich +schönen Waffen keines Gebots gewürdigt hatte, ist ein +gutes Zeichen; wir wollen ihm da nicht vorgreifen +und uns selber die Hände binden – <span class="gesperrt">er</span> mag sagen, +was er geben will, nachher steht es uns frei, sein Gebot +anzunehmen oder zu verweigern.“</p> + +<p>„Und was nennt ihr einen guten Preis?“ wiederholte +der Javane, der entweder ungeduldig wurde, +oder auch glauben mochte, die Weißen hätten seine +Frage nicht verstanden.<span class="pagenum"><a name="Page_388" id="Page_388">[S. 388]</a></span></p> + +<p>„Sag' du selber, was du geben willst,“ erwiderte +ihm jetzt der Amerikaner, indem er den Khris noch +einmal aus der Scheide zog, flüchtig betrachtete, +zurückstieß und nachlässig in die Tasche schob, „ich +habe ihn erst gekauft und möchte mich nicht gern gleich +wieder von ihm trennen.“</p> + +<p>„Dort unten?“ frug der Javane, mit dem Arm +nach dem Auctionshause deutend, „ich habe ihn dort +nicht gefunden.“</p> + +<p>„Also hat er ihn gesucht –“, lachte der Yankee +still vor sich hin, „das steigert den Preis, Kamerad; +<span class="gesperrt">die</span> Bemerkung war dir nicht nützlich – nun, +was willst du geben?“ setzte er dann auf Malayisch +hinzu.</p> + +<p>„Der Khris ist funfzig Gulden werth,“ sagte der +Javane gleichgültig, „ich gebe funfzig.“</p> + +<p>„Und <span class="gesperrt">ich</span> habe sieben und achtzig dafür gezahlt,“ +rief der Capitain rasch auf Holländisch.</p> + +<p>„Nur ruhig,“ beschwichte ihn der Kaufmann, „wir +fangen eben erst an. – Funfzig Gulden sind ein kleiner +Preis, Freund, dafür könntest du kaum die Scheide +bekommen, und du wirst verschiedene Male funfzig +Gulden neben einander legen müssen, wenn du die +Waffe haben willst. Du mußt mehr bieten.“</p> + +<p>Der Javane schien keine besondere Lust dazu zu<span class="pagenum"><a name="Page_389" id="Page_389">[S. 389]</a></span> +haben, und erst, als sich die Männer wieder zum Gehen +wandten, sagte er langsam:</p> + +<p>„Und was hast du dafür bezahlt?“</p> + +<p>„Das kann dir gleichgültig sein,“ lautete die Antwort, +„mehr übrigens, als du zu glauben scheinst.“</p> + +<p>„So geb' ich dir fünf und siebenzig.“</p> + +<p>„Auch das reicht noch nicht,“ erwiderte der Yankee, +und der Javane zögerte augenscheinlich mehr zu bieten, +ließ sich aber die Waffe noch einmal zeigen, betrachtete +besonders die Damascirung wieder genau und prüfend, +und bot dann hundert. Der Kaufmann kannte übrigens +seinen Vortheil, und trieb den Eingeborenen, +ohne sich darauf einzulassen, einen eigenen Preis zu +nennen, endlich bis zu zwei- und dann zu dreihundert +Gulden hinauf, und als ihn der Capitain jetzt selber +bat, doch nur um Gotteswillen zuzuschlagen, da er ein +weit besseres Geschäft damit gemacht habe, als er je +erwartet, erklärte er vollkommen ruhig, „der Eingeborene +müsse erst so viele <span class="gesperrt">tausend</span> Gulden bieten, +wie er jetzt Hunderte genannt, und <span class="gesperrt">dann</span> selbst würde +er sich noch besinnen.“</p> + +<p>„Aber das ist Wahnsinn,“ rief der Capitain.</p> + +<p>„Und doch nicht ganz,“ lachte der Amerikaner, +„lehren Sie mich die Burschen kennen.“</p> + +<p>„Er wird zuletzt gar nichts weiter bieten,“ rief der<span class="pagenum"><a name="Page_390" id="Page_390">[S. 390]</a></span> +Capitain ungeduldig werdend, „und ich behalte den +Khris.“</p> + +<p>„Wenn Sie das fürchten,“ sagte der Kaufmann, +„so überlassen Sie <span class="gesperrt">mir</span> die Waffe um den Preis, und +den weiteren Handel mit dem Manne.“</p> + +<p>„Von Herzen gern,“ rief der Seemann, „ich möchte +überdies nicht gern mehr damit zu thun haben.“</p> + +<p>„Also die Sache ist abgemacht? ich zahle Ihnen +dreihundert Gulden und der Khris ist mein?“</p> + +<p>„Mit dem größten Vergnügen!“</p> + +<p>„Willst du dreihundert Gulden für den Khris?“ +frug der Javane jetzt wieder, der indessen ein ungeduldiger +Zuhörer der in einer ihm fremden Sprache +geführten Verhandlung gewesen war, „es ist viel Geld +für das Messer.“</p> + +<p>„Und doch lange nicht genug, Freund,“ sagte der +jetzige Eigenthümer der Waffe, „du mußt höher, weit +höher bieten, wenn du es in deinen Gürtel schieben +willst – aber ich habe jetzt nicht länger Zeit, und behalte +auch am Ende lieber den Khris, als daß ich ihn +um einen solchen Spottpreis verschleudere. Was liegt +mir an den Paar hundert Gulden.“</p> + +<p>„So <span class="gesperrt">nenne</span> deinen Preis,“ rief der Javane, die +Lippen fest zusammengebissen und einen finsteren +Blick auf den Europäer schießend, „ich kenne die Familie,<span class="pagenum"><a name="Page_391" id="Page_391">[S. 391]</a></span> +aus der die Waffe stammt, und wenn es meine +Kräfte nicht übersteigt, möchte ich sie ihr wieder bringen.“</p> + +<p>„Du giebst mir doch nicht was ich dafür fordere,“ +sagte der Kaufmann kopfschüttelnd.</p> + +<p>„Fordere,“ rief der Javane, in kaum zu mäßigender +Ungeduld mit dem Fuß den Boden stampfend.</p> + +<p>„Gut – hast du Lust dreitausend Gulden an den +Stahl zu wenden?“ frug jetzt der Amerikaner, und +der Capitain wandte sich von ihm ab, denn er schämte +sich selber der rasenden Forderung. Der Javane aber +knirschte die Zähne zusammen und sagte finster:</p> + +<p>„Dreitausend Gulden für das Messer? – du +träumst, Weißer, aber ich gebe dir tausend, und du +hast den zwanzigfachen Werth.“</p> + +<p>„Ah bah,“ lachte der Kaufmann, „ob ich die habe +oder nicht, die machen mich nicht reich noch arm, und +ich sehe schon, du hast keine Lust zum Handel, so <i>tabee</i> +–“ und sich abdrehend von ihm, ergriff er wieder den +Arm des Seemanns und schritt mit diesem langsam +die Straße hinauf.</p> + +<p>„Und sie wollen die tausend Gulden nicht nehmen?“ +frug ihn dieser, jetzt wirklich zum Äußersten erstaunt, +„Wetter noch einmal, in fünf Minuten siebenhundert +Gulden zu verdienen –“<span class="pagenum"><a name="Page_392" id="Page_392">[S. 392]</a></span></p> + +<p>„Nicht wahr das ist nicht schlecht?“ lachte der +Amerikaner, „wenn man seine Zeit nur ein paar Jahr +auf ähnliche Weise verwerthen könnte, ließe sich schon +ein ganz hübsches Vermögen zusammen scharren. Aber, +Scherz bei Seite, Freund, der Zufall hat uns hier einen +glücklichen Streich gespielt, und der Javane <span class="gesperrt">muß</span> den +Khris kaufen, wir mögen fordern was wir wollen.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Muß</span> ihn kaufen?“ frug der Capitain erstaunt, +„wer soll ihn zwingen?“</p> + +<p>„Seine eigene Sitte,“ rief der Yankee; „schon aus +früherer Zeit weiß ich ähnliche Beispiele, und es giebt +ein altes Gesetz unter diesen Stämmen, daß sie den +Khris ihrer Vorfahren, den sie an <a name="cortex6-2" href="#corr6-2" class="corr">eigenthümlichen</a>, +nur ihnen deutlichen Zeichen in der Damascirung kennen, +wenn sie ihn verlieren und in fremden Händen +wiederfinden, um <span class="gesperrt">jeden</span> Preis wieder an sich bringen +<span class="gesperrt">müssen</span>. Ich war selber dabei, wie ein Javane einst +für eine solche Klinge mit vollkommen werthlosem +Heft zweitausend Gulden bezahlte, und <span class="gesperrt">vier</span>tausend +gegeben haben würde, wenn er sie nicht anders bekommen +hätte. Dasselbe ist hier der Fall, und umsonst +bot der Bursche wahrhaftig nicht tausend Gulden +für den Stahl. Nein, um hundert, wenn er sich +klug dabei anstellte, hätte er den Khris vielleicht kaufen +können, denn was kann man weiter damit thun,<span class="pagenum"><a name="Page_393" id="Page_393">[S. 393]</a></span> +als ihn an die Wand hängen, aber um <span class="gesperrt">tausend</span> kauft +er ihn jetzt nicht, soviel ist sicher, und an mir soll's +nicht liegen, wenn ich ihn jetzt nicht so weit hinaufschraube, +als das Gewinde reicht.“</p> + +<p>„Daß er Ihnen dann nur nicht abfällt,“ sagte +kopfschüttelnd der Capitain, „und überdies thut mir +der arme Teufel leid. Wenn der Khris nun einmal +in seine Familie gehört und sein Herz so daran hängt, +weshalb ihm den Wiedergewinn so entsetzlich, und auch +ungerecht erschweren.“</p> + +<p>„Oh, hol' die braunen Hallunken der Teufel,“ +fluchte der Amerikaner, „ich kann schon die <span class="gesperrt">Farbe</span> +nicht leiden, und das Gesindel trägt dabei noch die +Nase überhoch. Wo sie <span class="gesperrt">uns</span> betrügen können, thun +sie es auch, und wenn wir aus ihnen den größtmöglichen +Nutzen herauspressen, üben wir nicht mehr als unser +Recht der Selbstvertheidigung. Außerdem füttert +und erhält die Holländische Regierung nicht allein diese +Faullenzer, sondern zahlt ihnen auch noch rasende +Gehalte, die sie doch in Schmuck, nutzlosen Juwelen +und Harems verschwenden. Es ist nicht mehr als +Christenpflicht, ihnen einen kleinen Theil derselben +wieder abzunehmen.“</p> + +<p>„Wenn er Sie aber jetzt mit dem Gebot gehen +läßt?“ sagte der Capitain.<span class="pagenum"><a name="Page_394" id="Page_394">[S. 394]</a></span></p> + +<p>„Da hinten kommt er schon,“ lachte der Amerikaner +still vor sich hin, „dessen sind wir sicher, und bis der +Khris nicht in seinen Händen ist, verläßt der meine +Spur nicht wieder.“</p> + +<p>Als sie die Biegung über die Brücke machten, und +links wieder nach den Waarenhäusern des Kali Besaar +einbogen, konnten sie auch wirklich, ohne den Kopf besonders +nach ihm umzudrehen, den Javanen erkennen, +der bis dahin regungslos an dem Pfeiler lehnen geblieben +war, als ob er die Rückkehr der Männer erwarten +wolle. Da sie aber <span class="gesperrt">nicht</span> kamen, schien er +jetzt selber zu fürchten, daß sie ihm entgehen könnten.</p> + +<p>Der Amerikaner hatte auch in der That ganz recht +vermuthet; der Khris, den der Capitain so zufällig +in der Auction erstanden, gehörte wirklich der Familie +jenes Javanen; die geheimnißvollen Zeichen der Damascirung +ließen diesen nicht einen Augenblick darüber +in Zweifel, und er <span class="gesperrt">mußte</span> ihn wiederhaben. Aber +wie? Hatten die gierigen, ehrgeizigen Weißen ihn nicht +Alles dessen beraubt, was er sein eigen nannte? war +er nicht ein halber Bettler und Flüchtling fast auf +demselben Boden, den er früher als Fürst beherrscht, +und wußte er sich nicht dabei noch mißtrauisch überwacht, +weil die Regierung recht gut sowohl den Einfluß, +den er früher ausgeübt, wie auch den starren<span class="pagenum"><a name="Page_395" id="Page_395">[S. 395]</a></span> +Sinn kannte, der sich der fremden Herrschaft nicht +gutwillig und geduldig beugen wollte? Sein Pferd, +ein wackerer Macassar-Hengst, und eine Handvoll Juwelen, +die ihm sein Vater hinterlassen, war Alles, +was er noch sein nannte; aber selbst das, wenn er +es jetzt rasch verkaufen mußte, brachte ihm kaum die +ganze, von dem gierigen Weißen geforderte Summe, +und was blieb ihm zuletzt übrig? – In finsterem +Brüten folgte er den beiden Männern, die, ohne anscheinend +weiter auf ihn Acht zu geben, vor einem der +Geschäftslokale stehen geblieben waren und den Herankommenden +den Rücken zukehrten. Der Amerikaner +hatte dem holländischen Capitain eben die verabredeten +dreihundert Gulden für die Waffe, für die er so viele +Tausende zu gewinnen hoffte, ausgeliefert, und besah +jetzt gerade wieder lächelnd den unscheinbaren Stahl, +als der Javane zu ihm herantrat, die Hand auf seine +Schulter legte und leise sagte.</p> + +<p>„Ich gebe dir zweitausend Gulden für die Waffe, +und einen besseren Khris als diesen hier. Laß ihn +mir. Ich habe mein Herz einmal darauf gesetzt, und +möchte ihn mein nennen, wenn es auch thöricht ist.“</p> + +<p>„Du bist ein wackerer Bieter,“ lachte der Amerikaner, +„aber <span class="gesperrt">mein</span> Herz hängt besonderer Weise auch +daran, und wir müssen nun sehen, welches schwerer<span class="pagenum"><a name="Page_396" id="Page_396">[S. 396]</a></span> +ist, deines oder meines. Um zweitausend Gulden gebe +ich ihn <a name="cortex6-3" href="#corr6-3" class="corr">nicht</a> her, hast du vielleicht Lust <span class="gesperrt">dreitausend</span> dagegen +zu wenden?“</p> + +<p>Der Javane biß seine Unterlippe, daß der Eindruck +der scharfen Zähne darin zurückblieb; er fühlte, +daß der Fremde die Beweggründe kannte, die ihn trieben, +<span class="gesperrt">wußte</span>, daß er entschlossen sei seinen Vortheil zu wahren, +und zögerte dennoch mit dem Gebot, daß ihn zum +Bettler machen mußte. Aber es blieb ihm keine andere +Wahl; der heilige Khris war eines <span class="gesperrt">Fremden</span> Eigenthum, +und die Geister der Verstorbenen hätten den Frevel +gerächt, wenn er die Waffe in jenes Händen ließ.</p> + +<p>„Gut,“ sagte er endlich, während ein schwerer +Seufzer sich seiner Brust entrang, „sei hier an dieser +Stelle eine Stunde vor Sonnenuntergang, ich bringe +dir das Geld; und seinen Sarong fester um sich herziehend, +und ohne sich weiter nach den Männern umzusehen, +schritt er die Straße rasch zurück.“</p> + +<p>Um die Lippen des Amerikaners zuckte ein +triumphirendes Lächeln, der holländische Capitain aber +theilte seine Gefühle nicht und <a name="cortex6-4" href="#corr6-4" class="corr">sagte</a> ernst:</p> + +<p>„Sie sind zu weit gegangen, Goodwin; dem armen +Teufel wird es blutsauer werden, das Geld aufzubringen, +und hätt' ich <span class="gesperrt">das</span> vorher gewußt, würd' ich +es nicht geduldet haben.“<span class="pagenum"><a name="Page_397" id="Page_397">[S. 397]</a></span></p> + +<p>„Das kann ich mir denken,“ lachte der Kaufmann, +„es thut Ihnen jetzt leid, daß Sie mir nicht geglaubt, +und fürchteten, er liefe Ihnen mit dem Dreihundert-Gulden-Gebot +davon. Hatt' ich Ihnen nicht vorher +gesagt, daß er so viele <span class="gesperrt">Tausende</span> dafür geben +würde?“</p> + +<p>„Er bezahlt das Messer theuer genug damit,“ sagte +der Holländer.</p> + +<p>„Und bekommt es noch nicht einmal dafür,“ rief +der Amerikaner lachend.</p> + +<p>„Bekommt es nicht dafür?“</p> + +<p>„Nein; er muß und wird mehr geben; hol's der +Teufel, ich habe den Burschen jetzt einmal in Händen, +und will ihn pressen, so lange noch ein Gulden aus +ihm herauszubringen ist. Solche Gelegenheit kommt +mir sobald nicht wieder, und wer sie nicht benutzte, +wäre ein Thor.“</p> + +<p>„Lieber Goodwin,“ sagte der Holländer ernst, +„ich verdiene auch gern Geld, und brauche es vielleicht +so nöthig, wie jeder Andere, aber – auf solche +Weise –!“</p> + +<p>„Bah,“ rief der Amerikaner, sich von dem Holländer +abwendend; „<span class="gesperrt">Sie</span> haben mehr als <i>200</i> Procent +für den Khris genommen, <span class="gesperrt">ich</span> gehe in die Tausende; +der einzige Unterschied liegt in der Summe,<span class="pagenum"><a name="Page_398" id="Page_398">[S. 398]</a></span> +und moralische Bedenklichkeiten wären Unsinn. Aber +das ist Nebensache und abgemacht; <span class="gesperrt">wann</span> gehen Sie +an Bord, daß ich Ihnen noch das Nöthige besorgen +kann?“</p> + +<p>„Heute Abend vor Sonnenuntergang,“ erwiderte +der Holländer, „soeben habe ich die Nachricht bekommen, +daß die letzte Praue draußen löscht und das Wasser +an Bord gekommen ist. Meine Papiere sind sämmtlich +in Ordnung, also hindert mich Nichts, mit dem +Landwind morgen früh unter Segel zu gehen.“</p> + +<p>„Apropos, Sie wollten mir ja noch eins von den +Schachspielen verkaufen, die Sie von China mitgebracht +haben,“ sagte der Amerikaner.</p> + +<p>„Es steht Ihnen gern zu Diensten, aber ich habe +keins an Land.“</p> + +<p>„Gut, dann begleite ich Sie heute Abend an Bord +und hole es selber; und nun auf Wiedersehen, denn +ich habe noch Manches zu besorgen.“</p> + +<p>Die beiden Männer trennten sich hier, ihren verschiedenen +Beschäftigungen nachzugehen, und wir wollen +indessen dem Javanen folgen, der, nur das eine +Ziel vor Augen, in wilder Hast zurück in seine Wohnung +eilte, sein Pferd, seine Juwelen zu verkaufen, +um zur rechten Zeit an dem bezeichneten Platz zu sein.</p> + +<p>Käufer fand er allerdings dafür; der schlaue<span class="pagenum"><a name="Page_399" id="Page_399">[S. 399]</a></span> +Chinese ist stets bereit, einen vortheilhaften Handel +einzugehen, und Geld auf Waaren als Pfand vorzuschießen, +oder auch diese selber anzukaufen, wenn er +den sicheren Gewinn voraussehen kann. Aber die +zähen Gesellen wollten die Juwelen nicht nach ihrem +Werth, nur nach dem Drängen des Augenblicks bezahlen, +und der Javane, dem es schon überdies die +Seele zerschnitt, um den Nachlaß seines Vaters mit +gierigen Mäklern zu feilschen, mußte von Einem derselben +zum Andern laufen, die von dem Amerikaner +geforderte Summe endlich zusammenzubringen.</p> + +<p>Als die Sonne noch eine Stunde hoch am Firmamente +stand, eilte er mit dem Rest seines Vermögens, +zu Fuß und mit triefender Stirne, dem bestimmten +Platz an Kali Besaar zu, und fand den Amerikaner +dort schon seiner wartend, dicht am Flusse stehen.</p> + +<p>„Hast du den Khris?“ frug der Häuptling leise, +als er zu ihm trat, und die Rolle mit Holländischen +Banknoten aus seinem Gürtel nahm.</p> + +<p>„Ah, <i>tabeé</i>, mein brauner Freund,“ lachte der +Amerikaner, als er seiner ansichtig wurde, „bist du +wieder da? ein Paar Minuten später, und du hättest +mich nicht mehr getroffen.“</p> + +<p>„Hast du den Khris?“ sagte der Javane, ohne +den Gruß weiter zu erwidern.<span class="pagenum"><a name="Page_400" id="Page_400">[S. 400]</a></span></p> + +<p>„Den Khris? – allerdings, hier ist er, mein +brauner Tuwan.“</p> + +<p>„Und hier ist dein Geld dafür – gieb mir die +Waffe,“ sagte der Javane, ihm mit der linken Hand +die Banknoten reichend und die rechte nach dem Messer +ausstreckend.</p> + +<p>„Halt, nicht so schnell,“ entgegnete ihm aber ruhig +der Kaufmann, „wie viel hast du in dem Bananenblatt +da eingewickelt?“</p> + +<p>„Was du verlangt hast – dreitausend Gulden,“ +sagte der Eingeborene, mit finster zusammengezogenen +Brauen, „es ist mir schwer genug geworden, es zu +schaffen.“</p> + +<p>„Möglich,“ lachte der Amerikaner, „aber für <span class="gesperrt">dreitausend</span> +Gulden gebe ich den Khris nicht her.“</p> + +<p>„Hast du ihn mir nicht um den Preis verkauft?“ +rief der Javane, mit zornfunkelnden Augen emporfahrend, +während die Rechte fast unwillkürlich nach +dem Griff der eigenen Waffe fuhr, die er im Gürtel +trug.</p> + +<p>„Nur ruhig, Freund,“ entgegnete ihm aber mit +einem verächtlichen Lächeln über die drohende Bewegung +der kaltblütige Yankee, „ich habe dich bloß gefragt, +<span class="gesperrt">ob du Lust hättest, dreitausend Gulden +an den Stahl zu wenden</span>, dir aber nicht gesagt,<span class="pagenum"><a name="Page_401" id="Page_401">[S. 401]</a></span> +mit keinem Worte, daß ich ihn dafür lassen würde – +Giebst du aber <span class="gesperrt">vier</span>tausend, soll er dein sein.“</p> + +<p>„<span class="gesperrt">Vier</span>tausend,“ rief der Javane, die Zähne zusammenknirschend, +„was ich an mir trage, ist mein +ganzes Vermögen, ich habe nicht tausend Deute mehr, +sie zuzulegen.“</p> + +<p>„Das thut mir leid,“ sagte der Amerikaner achselzuckend, +„dann fürcht' ich, werd' ich den Khris behalten +müssen.“</p> + +<p>„Der Khris ist <span class="gesperrt">mein</span>!“ zischte da der Javane +zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, „du +<span class="gesperrt">darfst</span> ihn mir nicht vorenthalten. Hier ist dein Geld, +es ist mein Alles, und ich gönne es dir, verdank' ich +dir dann doch die Waffe meiner Ahnen, aber – weigere +mir sie nicht.“</p> + +<p>„Hm, ich dachte, du wolltest ihn nur für einen +<span class="gesperrt">Freund</span> haben,“ lachte der Yankee, „hätte ich das gewußt, +wär' er mir nicht einmal um <span class="gesperrt">vier</span>tausend feil; +aber ein Mann ein Wort, und schaffst du mir <span class="gesperrt">die</span> +Summe, magst du ihn haben, unter dem aber um +keinen Deut.“</p> + +<p>„Gib mir den Khris und nimm dein Geld,“ +drängte der Eingeborene, „ich <span class="gesperrt">kann</span> dir, bei Allah, +nicht mehr geben; treibe mich nicht zum Äußersten.“</p> + +<p>„Wo du die <span class="gesperrt">Drei</span>tausend aufgetrieben hast,“<span class="pagenum"><a name="Page_402" id="Page_402">[S. 402]</a></span> +spottete der Amerikaner, „wird dir auch wohl noch +ein viertes zu Gebote stehen. Es ist mein letztes +Wort, und jetzt laß mich zufrieden, denn ich muß an +Bord eines der Schiffe auf der Rhede fahren. Wenn +du das Geld zusammen hast, so komm' morgen früh +in das Amsterdam-Hotel.“</p> + +<p>„Und du verweigerst mir ihn für dreitausend +Gulden,“ frug der Javane mit leiser, von innerem +Grimm fast erstickter Stimme; der Amerikaner +aber, der an der ganzen Aufregung des Mannes +wohl sah, daß er sein Spiel gewonnen habe, +antwortete ihm gar nicht darauf, sondern schritt, sich +von ihm abwendend, langsam am Ufer des Flusses +nieder. – Er hätte vielleicht besser gethan, ihm den +Dolch zu geben.</p> + +<p>Etwas weiter unten stand sein Cabriolet, der +braune Kutscher mit dem runden, backschüsselförmigen, +vergoldeten Hut hatte ihn kommen sehen, und fuhr +mitten in die Straße; Goodwin stieg langsam ein +und einen flüchtigen Blick zurückwerfend, suchte sein +Auge die Gestalt des eben verlassenen Eingeborenen. +Dieser aber war nirgends mehr zu sehen und der +Yankee, dem Kutscher in ein paar Malayischen Worten +das Steueramt am Kali Besaar als Bestimmungsort +nennend, lehnte sich nachlässig in dem kleinen<span class="pagenum"><a name="Page_403" id="Page_403">[S. 403]</a></span> +Fuhrwerk zurück, still vor sich hinlächelnd über den +vortheilhaften Handel.</p> + +<p>Als sie den Ort erreichten, an dem sämmtliche +Boote anlegen müssen, die den schmalen, zum Hafen +führenden Canal passiren, ob sie nun ein- oder auswärts +gehen, war die Jölle des Holländischen Capitains +noch nicht gekommen, und der Yankee ging eine +ziemlich lange Weile mit wachsender Ungeduld am +Strande auf und ab.</p> + +<p>Den Canal herunter kam eine kleine Praue von +vier Malayen gerudert. Ein fünfter lag lang ausgestreckt +und in einen schmutzigen alten Sarong gehüllt, +im Spiegel des schlanken Fahrzeugs. Die Praue +glitt dicht und langsam am Steindamm des Steueramts +hin, dem dort postirten Beamten – einem Liplap +– zu zeigen, daß sie nichts einer Abgabe Unterliegendes +im Boote hätten. In der That war sie auch vollkommen +leer, und nur ein Paar Fruchtbündel Bananen +oder Pisang, ein Dutzend Cocosnüsse und ein Paar +Körbe mit Reis und anderen Früchten lagen im Vordertheil +derselben. Ein weiteres Anhalten war deshalb nicht +nöthig und das Fahrzeug trieb langsam vorbei.</p> + +<p>„Nun, kann der faule Bursche da hinten nicht +aufsitzen, wenn er die Steuer passirt?“ rief der Liplap +mürrisch.<span class="pagenum"><a name="Page_404" id="Page_404">[S. 404]</a></span></p> + +<p>„Ist krank,“ sagte der eine Malaye, während +er sein Ruder einsetzte, und gleich darauf schoß das +scharf gebaute Boot, die Strömung der Ebbe wieder +erreichend, rasch das enge Fahrwasser hinab.</p> + +<p>Der Amerikaner hatte die Leute halten sehen, +aber nicht weiter auf sie geachtet, denn das schon ungeduldig +erwartete Boot kam endlich den Canal nieder, +hielt einige Sekunden an dem Steinwerft, wo es den +Yankee an Bord nahm und passirte dann, da der Capitain +nur Hühner, Früchte und einige andere Sachen +zur Verproviantirung seines Schiffes bei sich führte, +unbehindert nach außen.</p> + +<p>Auf der Rhede überholten sie die Praue mit den +fünf Malayen – der eine Bursche lag noch immer +auf seiner Bank ausgestreckt, und die übrigen Ruderer +schienen es auch nicht besonders eilig zu haben, denn +sie trieben mit der ausgehenden Strömung langsam +zwischen die dort vor Anker liegenden Schiffe hinein.</p> + +<p>Die Sonne war indessen untergegangen und +Goodwin blieb mehrere Stunden an Bord des Holländers, +theils die bald eintretende Fluth, theils den +Aufgang des Mondes abzuwarten, der Capitain frug +ihn einmal nach seinem Handel mit dem Javanen, +der Amerikaner aber gab eine ausweichende Antwort, +besorgte, was er noch an Bord zu besorgen hatte, und<span class="pagenum"><a name="Page_405" id="Page_405">[S. 405]</a></span> +verließ dann mit den Malayischen Bootsleuten, die +jedes Europäische Fahrzeug für die Dauer seines +Aufenthalts auf der Rhede von Batavia miethet, das +Schiff, an Land zurückzukehren.</p> + +<p>Ein aufsteigendes Gewitter schickte eben eine frische +Brise vom Ufer herüber, und die Malayen mußten zu +den Rudern greifen, dieser entgegenzuarbeiten; die +See war aber noch vollkommen ruhig, und der Mond +schien hell und klar auf die leicht gekräuselte, blitzende +Fluth.</p> + +<p>Die Lastprauen, die über Tag den Schiffen ihre +Ladung zuführen, waren schon sämmtlich in den Canal +zurückgekehrt; nur hie und da glitt noch ein einzelnes +verspätetes Boot, eigentlich gegen das Gesetz, und +dann und wann von dem Wachtschiff angerufen, +durch die dort ankernden gewaltigen Fahrzeuge, und +der regelmäßige Schlag der Ruder klang weit hin +durch die Nacht. – Ihnen gerade entgegen kam jetzt +ein solches und der Amerikaner, der hinten am Ruder +saß, sah es plötzlich so dicht vor sich auftauchen, daß +er kaum Zeit behielt, den Bug seines eigenen Bootes +herumzuwerfen, um nicht mit dem des fremden zusammenzurennen.</p> + +<p>„Holla, da vorn, zum Teufel, weshalb paßt ihr +nicht auf!“ rief er auf Englisch ärgerlich den Begegnenden<span class="pagenum"><a name="Page_406" id="Page_406">[S. 406]</a></span> +zu. Das fremde Boot veränderte seinen +Cours aber nicht um eines Haares Breite, ja, folgte +eher noch etwas der abweichenden Bewegung des anderen, +dessen Planken es jetzt berührte und scheuerte. +Die Malayen behielten in der That kaum Zeit, ihre +Ruder aus den Dollen zu werfen und in Sicherheit +zu bringen.</p> + +<p>„<i>Tabée Tuwan</i><a name="FNanchor_45_45" id="FNanchor_45_45"></a><a href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a>!“ rief dabei zu gleicher Zeit +eine trotzige Stimme, die des Amerikaners Blut zu +Eis erstarren machte, und eine dunkle Gestalt sprang, +während zwei der fremden Bootsleute ihr folgten, +und die beiden Fahrzeuge fest zusammenhielten, mit +wildem Satz auf den Amerikaner zu.</p> + +<p>„Hülfe! Mörder – Räuber!“ schrie dieser und +riß den Khris, den er in seiner Tasche trug, heraus, +sich gegen den auf ihn einspringenden Feind zu vertheidigen. +Ehe er aber den Stahl aus der hölzernen +Scheide bringen konnte, hatte des Javanen schmächtige +doch elastische Gestalt sich über ihn geworfen und den +Khris gefaßt.</p> + +<p>„Hülfe, Mörder!“ tönte wieder der gellende Ruf +des Überfallenen, der jetzt in wilder Wuth sich von +dem Griff des Feindes zu befreien suchte, und mit der<span class="pagenum"><a name="Page_407" id="Page_407">[S. 407]</a></span> +rechten Faust wohl gut gemeinte, aber erfolglose Stöße +nach dessen Kopf führte.</p> + +<p>„Meinen Khris will ich,“ knirschte der Javane +dabei zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, +„gieb meinen Khris, oder du bist ein Kind des Todes.“</p> + +<p>„Verdammte braune Bestie, eher mein Leben!“ +schrie der Yankee, jetzt zu wilder Wuth entflammt, +„warte Hallunke, <span class="gesperrt">das</span> zahlst du mir theuer. Hierher, +Malayen, helft mir den Schurken binden.“</p> + +<p>Auf den benachbarten Schiffen, die den Lärm und +das Hülferufen gehört, wurde es laut, und das Knarren +der Blöcke auf dem nächsten verrieth dem geübten +Ohr des Eingeborenen, wie ein Boot niedergelassen +wurde. Auch aus der Gegend, wo das Wachtschiff +lag, tönten rasche Ruderschläge herüber, die das Ohr +des Amerikaners ebenfalls trafen.</p> + +<p>„Zu Hülfe hierher – hurrah meine Bursche, +ich halte die Canaille!“ schrie dieser jubelnd auf, „hierher, +ohoy.“</p> + +<p>„So hab' deinen Willen!“ zischte es in des +Amerikaners Ohren, und ein gellender Angstschrei +antwortete der schlangenähnlichen Bewegung des +Javanen, der sich im nächsten Augenblicke aus den +Armen des Weißen wand, und zurück in sein eigenes +Fahrzeug sprang.<span class="pagenum"><a name="Page_408" id="Page_408">[S. 408]</a></span></p> + +<p>„Her zu mir!“ rief er dabei seiner Bootsmannschaft +zu, „und nun fort!“ und blitzschnell folgten die +braunen gewandten Gestalten dem Befehl, während +des Amerikaners Malayen starr und entsetzt zurückblieben, +und kein Glied zur Vertheidigung des angegriffenen +Weißen zu rühren wagten.</p> + +<p>„Halt dort – was für ein Boot ist das?“ rief +da eine tiefe Stimme über das Wasser, und die rasch +eingesetzten und wieder gehobenen Ruder blitzten im +Mondenlicht.</p> + +<p>„Segel auf!“ rief der Javane dagegen seinen Leuten +zu, denen er jetzt selber ganz kaltblütig half, das +Mattensegel zu setzen. Kaum aber hob sich dies mit +seiner breiten Fläche über Deck, als es der immer +schärfer einsetzende Wind auch schon faßte, und das +schlanke Boot vor sich hintrieb.</p> + +<p>„Halt da, sag' ich!“ schrie die näher und näher +kommende Stimme in malayischer Sprache, während +von der andern Seite ebenfalls ein Boot herüber +schoß, „euer Segel nieder, oder ich gebe Feuer.“</p> + +<p>„Feuert!“ lachte der Javane trotzig zurück, „feuert +so viel ihr mögt!“ und das Steuer ergreifend, lenkte +er den scharf gebauten Bug des kleinen Fahrzeugs gerade +vor den Wind, daß das riesige Segel weit ausblähte<span class="pagenum"><a name="Page_409" id="Page_409">[S. 409]</a></span> +und die Fluth vorn wild und schäumend emporspritzte.</p> + +<p>Drei, vier Schüsse fielen jetzt hinter ihm her, aber +sie erreichten das Boot nicht. Trotzdem gab das +Wachtboot die Verfolgung nicht auf, sondern setzte +jetzt ebenfalls ein Segel, den frischen Wind zu benutzen. +Der commandirende <a name="cortex6-5" href="#corr6-5" class="corr">Officier</a> rief indessen dem zweiten +herbeieilenden Boote, das von einem englischen Kriegsschiffe +abgeschickt worden, zu, das andere, auf dem +Wasser treibende Fahrzeug anzulaufen und zu untersuchen. +– Es war das Boot des Amerikaners, in dem +die Malayen noch nicht wieder zu den Rudern gegriffen +hatten, denn sie waren um die <span class="gesperrt">Leiche</span> des +weißen Mannes beschäftigt. Hülfe konnten sie ihm +freilich nicht mehr bringen; der scharfe Khris hatte +sein Herz mit furchtbarer Sicherheit getroffen.</p> + +<p>Über die See schäumte indessen, des Verfolgers +spottend, die flüchtige Praue des Javanen den „tausend +Inseln“ zu, in deren Bereich sich das Wachtboot +nicht einmal allein hineinwagen durfte, und wo auch +weitere Verfolgung zwischen den vielen kleinen Inseln +nutzlos gewesen wäre. Nach zweistündigem Rennen +mußte es die Jagd aufgeben und kehrte langsam und +unverrichteter Sache zu seinem Stationsschiff auf der +Rhede zurück.</p> + +<div class="footnotes"><h4>Fußnoten:</h4> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_41_41" id="Footnote_41_41"></a><a href="#FNanchor_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Ein eigenthümlich geformter Javanischer Dolch.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_42_42" id="Footnote_42_42"></a><a href="#FNanchor_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Ein kleines Bergwasser, das eingedämmt durch Batavia +fließt und von den Eingeborenen Kali Besaar, der große +Strom, genannt wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_43_43" id="Footnote_43_43"></a><a href="#FNanchor_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Mischling der Europäischen mit der indischen Race.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_44_44" id="Footnote_44_44"></a><a href="#FNanchor_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Eine gewöhnliche unter den Holländern gebräuchliche +gemüthliche Anrede zwischen vertrauten Bekannten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_45_45" id="Footnote_45_45"></a><a href="#FNanchor_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Ich grüße euch, Herr!</p></div> +</div> + + +<div style="background:#888888;padding:10px;margin-top:2em;"> +<h3>Hinweise zur Transkription:</h3> + +<p>Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene +Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch +Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche +Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln wurde der Originaltext +beibehalten. Die zahlreichen Korrekturen bei falsch gesetzten oder +fehlenden Anführungszeichen sind in der folgenden Liste der Korrekturen +nicht aufgeführt.</p> + +<p>Liste der Korrekturen:</p> + + +<table border="1" summary="korrekturen"> +<tr><th colspan="3">Der Wallfischfänger</th></tr> + +<tr> +<th> </th> +<th>Original</th> +<th>Korrektur</th> +</tr> +<tr> +<td><a href="#cortex1-1">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-1"></a>sein Schiff voll Öl bekommen wollte</td> +<td>sein Schiff voll Öl bekommen wollte<span class="u">.</span></td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-2">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-2"></a>überdem war sie schon <span class="u">mit</span> dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes versprochen</td> +<td>überdem war sie schon dem jungen Häuptling eines Nachbarstammes versprochen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-3">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-3"></a> er sah sich dadurch bald in de<span class="u">n</span> Besitz</td> +<td>er sah sich dadurch bald in de<span class="u">m</span> Besitz</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-4">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-4"></a><span class="u">n</span>nd Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.</td> +<td><span class="u">u</span>nd Toanonga selber um die Hand seiner Tochter zu bitten.</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-5">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-5"></a>so bedenklich schüttelten die Offi<span class="u">z</span>iere</td> +<td>so bedenklich schüttelten die Offi<span class="u">c</span>iere</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-6">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-6"></a>mit zu Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen.</td> +<td>mit <span class="u">nach</span> Hause durfte er sie natürlich nicht nehmen.</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-7">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-7"></a>dichtgesteckte Bro<span class="u">d</span>fruchtbäume</td> +<td>dichtgesteckte Bro<span class="u">t</span>fruchtbäume</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-8">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-8"></a>Gasperlen</td> +<td>G<span class="u">l</span>asperlen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-9a">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-9"></a>soll Bro<span class="u">d</span>frucht und Cocosnüsse, Bananen und T<span class="u">u</span>ro</td> +<td>soll Bro<span class="u">t</span>frucht und Cocosnüsse, Bananen und T<span class="u">a</span>ro</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-10">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-10"></a>ist Tai manavachis <span class="u">o</span>hana.</td> +<td>ist Tai manavachis <span class="u">O</span>hana.</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-11">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-11"></a>eines nach dem <span class="u">a</span>ndern</td> +<td> + eines nach dem <span class="u">A</span>ndern</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-12">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-12"></a>Und wollen die Pagalangis selber ihr Holz schlagen?“</td> +<td> + Und wollen die Papalangis selber ihr Holz schlagen?“</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-13">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-13"></a>Orangen a<span class="u">n</span>sgesogen</td> +<td>Orangen a<span class="u">u</span>sgesogen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-15">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-15"></a>auf einem Bro<span class="u">dt</span>frucht- oder Cocosnußbaum</td> +<td>auf einem Bro<span class="u">t</span>frucht- oder Cocosnußbaum</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-16">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-16"></a>Bro<span class="u">d</span>frucht und Schweinefleisch rösteten</td> +<td> + Bro<span class="u">t</span>frucht und Schweinefleisch rösteten</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-17">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-17"></a>die Luc<span class="u">i</span> Walker droben noch drei volle Jahreszeiten</td> +<td> + die Luc<span class="u">y</span> Walker droben noch drei volle Jahreszeiten</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-18">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-18"></a>tollköpfigen Pa<span class="u">g</span>alangi <span class="u">ge</span>gelacht</td> +<td>tollköpfigen Pa<span class="u">p</span>alangi gelacht</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-19">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-19"></a>Hierher kam Hua jeden Abend mit mehren ihrer Gespielinnen</td> +<td> + Hierher kam Hua jeden Abend mit mehr<span class="u">er</span>en ihrer Gespielinnen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-20">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-20"></a>zwei junge Bursche</td> +<td> + zwei junge Bursche<span class="u">n</span></td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-21">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-21"></a>das die Segel setzende Schiff der Pa<span class="u">g</span>alangis</td> +<td> + das die Segel setzende Schiff der Pa<span class="u">p</span>alangis</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-22">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-22"></a>daß sie eine Bö auszuarten drohte</td> +<td> + daß sie <span class="u">in</span> eine Bö auszuarten drohte</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-23">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-23"></a>rasch ihr Abendbro<span class="u">d</span> einzunehmen</td> +<td> + rasch ihr Abendbro<span class="u">t</span> einzunehmen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-24">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-24"></a>den Offi<span class="u">z</span>ier über die Wichtigkeit der Einrede</td> +<td> + den Offi<span class="u">c</span>ier über die Wichtigkeit der Einrede</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-24b">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-24b"></a>frug der Harpu<span class="u">r</span>nier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton</td> +<td>frug der Harpunier, selbst mit wenig Hoffnung im Ton</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-24c">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-24c"></a>entgegnete der Capit<span class="u">ä</span>n eintönig</td> +<td>entgegnete der Capit<span class="u">ai</span>n eintönig</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-24d">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-24d"></a>Capit<span class="u">ä</span>n Silwitch sprang jetzt selber</td> +<td>Capit<span class="u">ai</span>n Silwitch sprang jetzt selber</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-25">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-25"></a>der wir hier mit jeder Secunde <span class="u">Z</span>ögern ausgesetzt sind</td> +<td>der wir hier mit jeder Secunde <span class="u">z</span>ögern ausgesetzt sind</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-26">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-26"></a>angesch<span class="u">l</span>ossener Eber</td> +<td> + angeschossener Eber</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-27">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-27"></a>werft einen Theil der La<span class="u">n</span>dung über Bord</td> +<td>werft einen Theil der Ladung über Bord</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-28">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-28"></a>vor der Nähe Feindes</td> +<td> + vor der Nähe <span class="u">des</span> Feindes</td> +</tr> + + + + +<tr><th colspan="3">Die Bootsmannschaft</th></tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-29">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-29"></a>der höhnende Jubelruf der <span class="u">J</span>onga-Insulaner antwortete</td> +<td>der höhnende Jubelruf der <span class="u">T</span>onga-Insulaner antwortete</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-30">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-30"></a>ein Schiff anträfen, da<span class="u">ß</span> sie aufnehmen könnte.</td> +<td>ein Schiff anträfen, da<span class="u">s</span> sie aufnehmen könnte.</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex1-31">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr1-31"></a>um ihr<span class="u">e</span> Canoe zu erleichtern</td> +<td>um ihr Canoe zu erleichtern</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-1">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-1"></a>der wie ein Weheruf über die Flut schallte</td> +<td>der wie ein Weheruf über die Flut<span class="u">h</span> schallte</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-2">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-2"></a>Das ist dem zweiten H<span class="u">aa</span>rpunier seine Sache!</td> +<td>Das ist dem zweiten H<span class="u">a</span>rpunier seine Sache!</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-3">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-3"></a>Auslandziehen</td> +<td>Au<span class="u">fs</span>landziehen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-4">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-4"></a>jeden Morgen brachten ihn ein paar Eingeborene</td> +<td>jeden Morgen brachten ihn<span class="u">en</span> ein paar Eingeborene</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-5">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-5"></a>Was ist An<span class="u">-g</span>a?</td> +<td>Was ist An<span class="u">g-</span>a?</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-6">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-6"></a>hinaus aus der seichten Flut</td> +<td>hinaus aus der seichten Flut<span class="u">h</span></td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-7">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-7"></a>die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet w<span class="u">e</span>rde.</td> +<td>die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet w<span class="u">u</span>rde.</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-8">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-8"></a>auf die Erde spukte --</td> +<td>auf die Erde spu<span class="u">c</span>kte --</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-9">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-9"></a>„Du, Jonas hast dem Zimmermann</td> +<td>„Du, Jonas<span class="u">,</span> hast dem Zimmermann</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-10">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-10"></a>gegen die Ha<span class="u">g</span>ai-Leute</td> +<td>gegen die Ha<span class="u">p</span>ai-Leute</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-11">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-11"></a>sieben Ha<span class="u">g</span>ai-Krieger</td> +<td>sieben Ha<span class="u">p</span>ai-Krieger</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex2-12">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr2-12"></a>von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Do<span class="u">n</span>glas!</td> +<td>von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Do<span class="u">u</span>glas!</td> +</tr> + + +<tr><th colspan="3">Der Schooner</th></tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex3-1">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr3-1"></a>neben ih<span class="u">n</span> angekommen</td> +<td>neben ih<span class="u">m</span> angekommen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex3-2">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr3-2"></a>nach Ha<span class="u">g</span>ai hinüberfahren</td> +<td>nach Ha<span class="u">p</span>ai hinüberfahren</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex3-3">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr3-3"></a>noch schlimmer angekommen<span class="u">,</span> als wir.</td> +<td>noch schlimmer angekommen als wir.</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex3-4">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr3-4"></a>einen scharfen, eigentümlichen Schrei</td> +<td>einen scharfen, eigent<span class="u">h</span>ümlichen Schrei</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex3-5">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr3-5"></a>endlich sagt er:</td> +<td>endlich sagt<span class="u">e</span> er:</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex3-6">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr3-6"></a>fa<span class="u">s</span>t dann den Alten</td> +<td>fa<span class="u">ss</span>t dann den Alten</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex3-7">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr3-7"></a>als zwei der Frauen sich plötzlich und rüsichtslos auf Legs warfen</td> +<td>als zwei der Frauen sich plötzlich und rü<span class="u">ck</span>sichtslos auf Legs warfen</td> +</tr> + +<tr><th colspan="3">Der Balinese</th></tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-1">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-1"></a>die Are<span class="u">c</span>apalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten</td> +<td>die Are<span class="u">k</span>apalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-1b">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-1b"></a>„Glente<span class="u">c</span>k!“ hauchte sie dabei,</td> +<td>„Glentek!“ hauchte sie dabei,</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-2">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-2"></a>am Anker stehenden Offi<span class="u">z</span>ier</td> +<td>am Anker stehenden Offi<span class="u">c</span>ier</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-3">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-3"></a>Auch die Frau des Capitains war a<span class="u">n</span>fgesprungen,</td> +<td>Auch die Frau des Capitains war a<span class="u">u</span>fgesprungen,</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-4">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-4"></a>während sie flehend die Arme zu ihm au<span class="u">f</span>streckte</td> +<td>während sie flehend die Arme zu ihm au<span class="u">s</span>streckte</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-5">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-5"></a>verb nnte</td> +<td>verb<span class="u">a</span>nnte</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-6">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-6"></a>Handels- und Schutz und Trutz-Vertrag</td> +<td>Handels- und Schutz<span class="u">-</span> und Trutz-Vertrag</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex4-7">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr4-7"></a>Einem eigentümlichen Aberglauben nach</td> +<td>Einem eigent<span class="u">h</span>ümlichen Aberglauben nach</td> +</tr> + + +<tr><th colspan="3">Der Menschentiger</th></tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex5-1">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr5-1"></a>In den Prea<span class="u">u</span>ger Regentschaften auf Java</td> +<td>In den Prea<span class="u">n</span>ger Regentschaften auf Java</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex5-2">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr5-2"></a>der furchtbare Schanghai</td> +<td>der furchtbare Schang<span class="u">-</span>hai<span class="u">-</span>hai</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex5-2b">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr5-2b"></a>Schanghai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl</td> +<td>Schang<span class="u">-</span>hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex5-3">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr5-3"></a>um von dort aus de<span class="u">m</span> K<span class="u">o</span>mp<span class="u">a</span>ng Tji-dasang zu erreichen.</td> +<td>um von dort aus de<span class="u">n</span> K<span class="u">a</span>mp<span class="u">o</span>ng Tji-dasang zu erreichen.</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex5-4">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr5-4"></a>sein Leben zu retten, gegeben, den K<span class="u">o</span>mp<span class="u">a</span>ng.</td> +<td>sein Leben zu retten, gegeben, den K<span class="u">a</span>mp<span class="u">o</span>ng.</td> +</tr> + + +<tr><th colspan="3">Der Khris</th></tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex6-1a">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr6-1"></a>keine Muskel seines Gesichts verrieh mehr</td> +<td>kein Muskel seines Gesichts verrie<span class="u">th</span> mehr</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex6-2">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr6-2"></a>den sie an eigentümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen</td> +<td>den sie an eigent<span class="u">h</span>ümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex6-3">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr6-3"></a>Um zweitausend Gulden gebe ich ihn her</td> +<td>Um zweitausend Gulden gebe ich ihn <span class="u">nicht</span> her</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex6-4">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr6-4"></a>und sagte erst:</td> +<td>und sagte er<span class="u">n</span>st:</td> +</tr> + +<tr> +<td><a href="#cortex6-5">Zum Text</a></td> +<td><a name="corr6-5"></a>Der commandirende Offi<span class="u">z</span>ier</td> +<td>Der commandirende Offi<span class="u">c</span>ier</td> +</tr> +</table> +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INSELWELT. ERSTER BAND.***</p> +<p>******* This file should be named 35651-h.txt or 35651-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/6/5/35651">http://www.gutenberg.org/3/5/6/5/35651</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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