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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:04:12 -0700
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+Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Narzißmus als Doppelrichtung
+
+Author: Lou Andreas-Salomé
+
+Release Date: March 20, 2011 [EBook #35636]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VII (1921). S. 361-386.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+Narzißmus als Doppelrichtung.
+
+Von LOU ANDREAS-SALOMÉ.
+
+
+
+
+I.
+
+
+Was es auf sich hat mit dem _Freud_schen Narzißmusbegriff, das stellte
+sich erst allmählich immer bedeutsamer heraus, und erklärt damit
+vielleicht, warum, auch bei Gegnern und Dissidenten, der Name so wenig
+diskutiert wurde, als deckten bereits sonstige Benennungen den gleichen
+Begriff. Ursprünglich, solange Narzißmus tautologisch für Autoerotismus
+stand, war das ja in der Tat der Fall; als _Freud_ ihn dann übernahm,
+zur Kennzeichnung jener Libidophase, wo, nach autoerotischer Selbst- und
+Weltverwechslung des Säuglings, die erste Objektwahl auf das Subjekt
+selber fällt, da rührte er dadurch zugleich schon an ein
+weiterreichendes Problem: »Das Wort ›Narzißmus‹ will betonen, daß der
+Egoismus auch ein libidinöses Problem sei, oder, um es anders
+auszudrücken, der Narzißmus kann als die libidinöse Ergänzung des
+Egoismus betrachtet werden.« (_Freud_, Metaps. Erg. d. Trl.) Also kein
+Beschränktsein auf einzelnes Libidostadium, sondern als unser Stück
+Selbstliebe alle Stadien begleitend; nicht primitiver Ausgangspunkt der
+Entwicklung nur, sondern primär im Sinne basisbildender Dauer bis in
+alle spätern Objektbesetzungen der Libido hinein, die darin ja, nach
+_Freuds_ Bild dafür: nur, der Monere gleich, Pseudopodien ausstreckt, um
+sie nach Bedarf wieder in sich einzubeziehen. Allerdings stellte
+_Freuds_ Einführung des Narzißmusbegriffs in die theoretische
+Psychoanalyse von vornherein zu dessen Definition fest, daß die
+psychischen Energien: »im Zustande des Narzißmus beisammen und für unsre
+grobe Analyse ununterscheidbar sind, und daß es erst mit der
+Objektbesetzung möglich wird, eine Sexualenergie, die Libido, von einer
+Energie der Ichtriebe zu unterscheiden.« Mithin als Grenzbegriff
+gesetzt, über den Psychoanalyse nicht hinaus kann, bis zu dem hin sie
+jedoch therapeutisch zu dringen hat, als dem Punkt, wo krankhafte
+Störung erst ganz sich zu lösen, Gesundheit sich zu erneuen vermag, weil
+»krank« und »gesund« daran letztlich falsche oder rechte
+Aufeinanderbezogenheiten der zwei innern Tendenzen bedeuten, je nachdem
+diese sich hemmen oder fördern.
+
+Indem beides sich am personellen Träger vollzieht, grenzt es, mit dessen
+steigender Bewußtheit seiner selbst, sich desto undeutlicher voneinander
+ab: macht den Umstand immer noch unmerklicher, daß im libidinös
+Gerichteten sich etwas durchsetzt, was der Einzelperson als solcher
+entgegengerichtet bleibt, was sie löst, zurücklöst in dasjenige, worin
+sie vor ihrer Bewußtheit noch für alles stand, wie alles gesamthaft für
+sie. Denn sollen Icherhaltungs-, Selbstbehauptungstriebe sich von
+libidinösen überhaupt begrifflich streng trennen, so kann Libido nichts
+anderes besagen als eben diesen Vorgang: diesen Bindestrich zwischen
+erlangter Einzelhaftigkeit und deren Rückbeziehung auf Konjugierendes,
+Verschmelzendes; im narzißtischen Doppelphänomen wäre sowohl die
+Bezugnahme der Libido auf uns selbst ausgedrückt als auch unsere eigene
+Verwurzelung mit dem Urzustand, dem wir, entsteigend, dennoch
+einverleibt blieben, wie die Pflanze dem Erdreich, trotz ihres
+entgegengesetzt gerichteten Wachstums ans Licht. Wie wir ja auch in den
+Körpervorgängen die geschlechtliche Weitergabe gebunden sehen an
+indifferenziert bleibende kleinste Totalitäten, und wie in unseres
+Körpers »erogenen Zonen« Überlebsel wirksam sind eines Infantilstadiums,
+aus dem die Organe sich längst in Dienstbarkeit der Icherhaltung
+aufteilten(1). Die Frage lautet auch gar nicht: ob's theoretisch
+vielleicht doch angängig sei, den narzißtischen Doppelsinn eindeutig zu
+fassen, sei es, den Ichtrieb der Libido zu überantworten (als entspräche
+z. B. auch das Ernährungsbedürfnis noch einer Art von Konjugation mit
+dem Außer-uns), oder umgekehrt die Libido dem Bemächtigungsbestreben des
+einzelnen (als einer Ich-Habgier), zu unterstellen. Nein, nicht solches
+ist die Grundfrage, sondern es geht um die innere Verschiedenheit von
+Erlebnissen, die durch zweierlei Namengebung auseinandergehalten wird,
+anstatt durch gewaltsames Vereinheitlichen des Begriffs sie zu
+verwischen. Nachgehen, so weit wie möglich, so tief wie tunlich, den
+verborgenen lebendigen Tatbeständen: um das handelt sichs _Freud_scher
+Psychoanalyse, und dazu allein bedient sie sich des populären
+Gegensatzes von Ich- und Sexualtrieben. Darum erschiene es mir als
+Gefahr, wenn am Narzißmus seine Doppelseitigkeit nicht als sein
+Wesentliches betont bliebe, wenn durch Wortverwechslung mit bloßer
+Selbstliebe sein Problem sich sozusagen ungelöst erledigte. Ich möchte
+deshalb jene andere, fürs Ichbewußtsein zurücktretende, Seite daran --
+die der festgehaltenen Gefühlsidentifizierung mit allem, der
+Wiederverschmelzung mit allem als positivem Grundziel der Libido(2), an
+einigen Punkten hervorkehren, und zwar an dreien: innerhalb unserer
+Objektbesetzungen, innerhalb unserer Wertsetzungen, und innerhalb
+narzißtischer Umsetzung ins künstlerische Schaffen.
+
+ (1) Absichtlich rede ich hier nicht von Ichtrieb und »Arttrieb«:
+ namentlich seit der teleologischen Wendung des Wortes bei C. G. _Jung_
+ besinnt man sich besser darauf, wie unausrottbar viel Teleologie sich
+ darin festgenistet hat, schon von _Schopenhauer_ und vom
+ Evolutionismus her trotz dessen betonter Naturwissenschaftlichkeit der
+ Auffassung. (Vgl. dazu die Klarstellung durch Carl _Abraham_ bereits
+ in der Intern. Zeitschr. III, p. 72.) Insbesondere die infantile
+ Sexualität, die grundlegende für alle spätere, läßt sich mit Arttrieb
+ am wenigsten decken: da aber mit der Elternschaft, dem Kind-Ebenbilde,
+ auch wiederum unser Narzißmus erst recht auflebt, so brächte auch
+ sogar bei Fortpflanzung der Art uns das Wort noch um keine einzige
+ Station weit vom Ich ab.
+
+ (2) In der Tat läßt sich nur durch Hinweis auf den positiven Charakter
+ der _passiven_ Libidokomponente diese genügend unterscheiden von einer
+ bloßen »Attitüde« unseres Ich-Machtstrebens: wie A. _Adler_ sie
+ auffaßt, der dadurch zu intellektualistischer Verkürzung und
+ Vereinfachung der psychischen Vorgänge kommt. Allerdings zu einer, die
+ ihm manche Anhänger sichern mag, welche von _Freud_ abfielen, weil mit
+ der bösen Sexualität nicht zu spaßen war als einem bloßen »Jargon« der
+ Gefühlsäußerung. Aber den Mangel eines positiven Zweierlei -- das, für
+ unsere menschliche Blickmethode, nun einmal überall wirksam wird, wo
+ sich Leben regt -- muß auch A. _Adler_ sich irgendwie ersetzen: in der
+ Schroffheit und Starrheit der libidinösen bloßen Fiktion, erscheint
+ diese -- obwohl ein Minderwertigkeitsanzeichen -- schließlich als
+ dermaßen allgemein und wesentlich, daß »Psychisches« geradezu damit in
+ eins zu fassen wäre, d. h. der Gesunde, Nichtminderwertige, verlegen
+ würde um hinreichende Beschaffung von Psyche.
+
+Zunächst jedoch, schon vorweg des »trocknen Tones satt«, möchte ich von
+einem Bübchen erzählen, an dem mir besonders eindringlich zu beobachten
+vergönnt war, wie wir mit unserm Ichwerden nicht nur in die neuen
+Freuden bewußterer Selbstliebe drängen, sondern nicht minder das Ich
+sich uns vorerst aufdrängen kann als Einbuße an der Lust passiver
+Aufgenommenheit in das von uns noch nicht voll Unterschiedene. Um die
+Zeit dieses Doppelereignisses von Einbuße und Zuschuß begann das Bübchen
+sich aus einem zärtlich zutraulichen in ein weinerlich erbostes zu
+wandeln; es schlug, und nicht zum Scherz, die sehr geliebte Mutter,
+zeigte abwechselnd Zorn- und Angstzustände, und hätte sein Leid doch
+kaum klarer auszudrücken vermocht, als einst ein kleiner
+sprachkundigerer Leidensgenosse es dem geärgerten Vater gegenüber mit
+dem bittern Vorwurf tat: »Du bist so frech, und ich bin so traurig.« Die
+letzte Ursache zu alledem stellte sich damit heraus, daß das Leid sich
+löste, sobald das Bübchen aufgehört hatte, von sich in dritter Person zu
+reden, sobald, gleich schmerzlich durchbrechendem Zahn, das erste »Ich«
+sich ihm entrang. Einstweilen aber galt das neue Wort nur bei den,
+alltäglich gewordenen, Zusammenstößen mit der Umwelt; die Augenblicke
+alter Harmonie fanden immer noch statt des »Ich« das »Bubele« vor. So
+erklärte er jemandem, der ihn in den Winkel gestellt sah: »Ik bös!«
+hinterdrein jedoch, strahlend auf die Mutter zulaufend, verkündigte er:
+»Bubele wieder gut!« Erst nach Monaten trat endgültig das Bubele zurück,
+und ein völlig anderes als das verzweifelt böse Gesicht lugte durch den
+Türspalt herein, wenn er, eintretend, mit betonter Würde, die Anwesenden
+wissen ließ: »Ik komme!« Nun erst war die ständige Gekränktheit, die
+tiefe, erschrockene, geschwunden, unser aller Urkränkung: über das
+unbegreifliche Sichpreisgegebensehen an die eigene Vereinzelung, deren
+Unbegreiflichkeit sie eben als von außen bedingte erscheinen ließ. Mit
+jedem Schlag oder Schrei wider geliebte Personen, jedem rächenden
+Wehetun hatte zugleich letzte Wollust sich ausgeschwelgt, etwa in den
+Tränen der Mutter die verlorene Identität schmerzhaft wiedergenießend.
+Wie solcher kindliche Sadismus für die meiner Ansicht nach bisweilen
+doch nur sekundäre Natur des Sadistischen spricht, wenigstens als
+Umschlag aus unsern noch unbewußten Identifizierungen, so zeigt er
+vielleicht auch, wie unerhört nahe der Ödipuskomplex ihm gelegen ist:
+gerade seine überraschende Kraßheit gewinnend aus dieser Überstülpung
+der schweifenden Gefühlsweite in die Enge des Bewußtwerdens der eigenen
+Vereinzelung und damit in die Ichaggression. Übrigens war beim Bübchen
+mit der Ichgeburt der innere Widerstreit noch nicht vollends abgetan:
+das geschah erst durch eine Erscheinung, von der ich wohl weiß, daß ihr,
+durchaus nicht seltenes Vorkommen recht verschieden begründet sein kann,
+die in diesem Sonderfall sich aber gar deutlich als Notersatz für die
+eingebüßte Allesbedeutung betrug. Das Bübchen schmuggelte nämlich einen
+kleinen unsichtbaren Gefährten in die Welt seiner neuen Erfahrungen ein,
+dessen leiblichen Umriß er einem Bilderbuch entnahm, worin
+blumenbekränzten Kindern ein lustiger Junge voraufsprang, mit den Worten
+darunter: der Mai ist gekommen. Junge Mai ergab fortan den ergänzenden
+Doppelgänger zu des Bübchens jeweiliger Schicksalslage: er hatte, je
+nach Bedarf, als froh oder betrübt, brav oder bös, beschenkt oder
+bestraft, ja als tot oder lebendig ihm das Komplement zu stellen;
+ergings dem Bübchen wenig nach Wunsch, so labte es sich an des Mai's um
+so ungemessenern Wunscherfüllungen; wo aber des Glückes Überfluß das
+Bübchen umzuwerfen drohte (wie zu Weihnachten angesichts des Baumes und
+der Gabenfülle), da entschied es kurzerhand: »heute dem Mai _nichts_!«,
+und beidemale war ersichtlich, daß nicht Neid oder Schadenfreude daran
+mitwirkten: am glücklicheren Mai tröstete, am leer ausgehenden Mai
+mäßigte das Bübchen _sich_, in jener einzig echten »Selbstlosigkeit« des
+noch nicht ganz zu Alleinbesitz mit sich gelangten Selbst. Im gleichen
+Grade, wie dieser Alleinbesitz sich festigte, erschien der Mai minder
+ständig, hatte er weiteren Weg zurückzulegen bis ans Haus, das er
+anfänglich mitbewohnte; später zog er gar in eine benachbarte Ortschaft
+und endlich mußte er sich zu Bahnbenutzung bequemen und Bahnzeiten
+innehalten. Als ich nach Bayern abreiste, bekam ich ihn zum Reisegeleit,
+und bei mir verstarb er des Todes, wodurch er sozusagen bayerisch
+lokalisiert blieb, nach meinem Aufenthalt befragt, versicherte das
+Bübchen drum: »die Lou, die ist nun im Himmel.« Hinzuzufügen bliebe
+noch, daß -- gewissermaßen entlang am Mai -- des Bübchens
+Selbstbewußtsein und -vertrauen ganz sonderlich erstarkten und nicht
+leicht etwas den Vergleich mit diesem Ik aushielt, ferner aber, daß es
+noch jetzt (mit drei Jahren) einen Anlaß gibt, wo der Mai wieder
+erscheint, wenn auch »nur nachts«: das ist, wenn dies ungemein
+musikalische Bübchen auf einen psalmodierenden Singsang verfällt, den es
+in einer letzten Bescheidenheit -- und dies ist interessant -- unter
+keinen Umständen dem vielvermögenden Ik allein zubilligt.
+
+Gerade wie späterhin unsere Libido bereits bewußte Eigenschaft am Ich
+geworden, Angst erleidet bei Verdrängen, Hemmen unseres
+Bemächtigungsbestrebens, so kann sie es vorher erleiden auch infolge
+noch zögernden Zustimmens zur Herausbildung einer als eng und einzeln
+betonten Person; auch dies wirkt gleich Verdrängungsschüben, durch die
+sich in abgegrenztes Flußbett bequemen muß, was sich Meer gewähnt.
+Entsprechend der letztbemerkten Mission des Mai scheint das am längsten
+vorzuhalten bei Kindern mit starker Phantasietätigkeit, und ist aus
+wesentlich späteren Jahren als die des Bübchens mir zur Beobachtung
+gelangt. Von mir selbst entsinne ich mich eines hergehörigen Vorfalls
+aus meinem -- sehr ungefähr berechnet -- siebenten Jahr, den freilich
+ausnahmsweise Umstände begleiteten, die hier zu erörtern zu weit führen
+würde, sie fanden statt durch erstmaliges verfrühtes Hinausgeraten aus
+kindfrommer Gläubigkeit, also aus jener Gottgeborgenheit, die nicht
+unähnlich einer letzten geistigen Eihaut das Menschenkind umhüllen mag,
+mit ihrem Zerreißen die Ichgeburt in die Weltfremde(3) in gewissem Sinn
+erst vollendend. Es betraf einen Eindruck vor dem eigenen Spiegelbild:
+wie jähes, neuartiges Gewahrwerden dieses Abbildes als eines
+Ausgeschlossenseins von allem übrigen; nicht wegen etwas am Aussehn
+(z. B. als eines schöner phantasierten oder aber gewissenweckend infolge
+der Zweifelsünde jener Zeit), sondern die Tatsache selber, ein
+Sichabhebendes, Umgrenztes zu sein, überfiel mich wie Entheimatung,
+Obdachlosigkeit, als hätte sonst alles und jedes mich ohne weiteres
+mitenthalten, mir freundlich Raum in sich geboten(4). Natürlich erfahren
+Kinder und Kranke eher von dieser Unheimlichkeit, sich gerade an der
+Ichschranke zum bloßen Bildspuk, zu äffendem Schein zu werden, als
+ausgewachsene Normalmenschen, die nur der entgegengesetzte Umstand,
+diese Schrankensicherheit könne sich verflüchtigen, aus ihrer Fassung
+würfe. Wie beim Kinde das noch nicht gefestigte Ichbewußtsein, so legt
+beim psychotisch Erkrankten der Ichzerfall, jene andere Seite am
+Narzißtischen bloß, wo sich am Narzißmus erweist, daß er sich eben nicht
+mit »Selbstliebe« ganz deckt: weshalb der Psychot uns so viel darüber
+aussagt bei und durch Verlust seiner Ichgrenzen; indem er seine
+Fähigkeit zu Übertragung, zu Objektbesetzung, als nur vom Ich aus
+mögliche, einbüßt, regrediert er bis dorthin, wo man auf Einzelnes als
+solches, und so auch auf sich als den einzelnen, nicht mehr überträgt:
+nur daß ihm, wie dem Säugling, die beide allein diesen Zustand in so
+reiner Halbheit erfahren, das kennzeichnende Wort dafür fehlt, wir aber
+mit unsern Bezeichnungen schon stecken bleiben in der Mischung beider
+Hälften zu ununterscheidbarer Ganzheit, die uns nun bloß vom andern
+Rande her zu begutachten gegeben ist. Freilich gabs und gibts Leute,
+denen Namen auch für jenes Wortlose zu Gebote stehn, aber nur solche
+Namen, die das Unnennbare daran unterstrichen, um daraus das Recht
+abzuleiten, mit ihren Wörtern wie mit Entiteten umzugehn: das sind die
+Metaphysiker insbesondere älteren Datums: Doch wie wäre es, wenn wir
+eben die Nebulosität derartiger Ausdrücke uns zu nutze machten für
+andersartigen Zweck: für Unterscheidungen praktischer und faktischer
+Erlebnisseiten an unseren inwendigen Menschen? Nämlich so, wie
+zweifellos nur des Gläubigen klassische Religionssprache uns über fromme
+Zustände am deutlichsten belehrt, so auch des Metaphysikers
+Redewendungen über gewisse Existenzweisen an unserm Erleben, die für die
+Ichpsychologie, wie Sterne am Tage, unsichtbar werden; der große Fromme,
+der große Philosoph sind gleichermaßen Ausdrucksmächtige um deswillen,
+daß sie, wie der Psychoanalytiker ja nur zu gut weiß, ihre heißesten
+Antriebe aus der narzißtischen Urmacht bewahrten. Sie können den
+Erforscher menschlicher Seele ebenso beschenken, wie es sogar, hie und
+da, aus gleichem Grunde, der Psychot tut.
+
+ (3) Das Nähere ist verwendet in einer (bei _Diederichs_, Jena)
+ erscheinenden Kindergeschichte: »Die Stunde ohne Gott.« Ein Thema
+ übrigens, dem es sich lohnen würde, öfter forschend nachzugehen,
+ insofern jeder Mensch unter irgend welchen Glaubensvorstellungen
+ aufzuwachsen pflegt, und die entscheidende Stunde seines erstmaligen
+ Zweifels -- nicht notwendig schon des theoretisch bedingten, häufig
+ viel später und viel weniger tief wirksamen -- kennzeichnend bleibt
+ für sein ganzes Wesen, auch wenn dies praktisch Erfahrene zunächst
+ wieder mit theoretischer Bemühung verdrängt wird.
+
+ (4) In dem vortrefflichen Buch von G. _Róheim_ scheint mir bei
+ Erklärung der Spiegelriten die narzißtische Doppelrichtung ebenfalls
+ nicht genügend beachtet: wieviel auch in den Verboten und Geboten
+ darauf beruht, daß vom Ich, seiner Selbstbespieglung, seinen
+ Gewissensbissen, seiner sozialen Schädigung, seiner Gefährdung
+ ausgegangen wird, die entgegengesetzte Seite kam sicherlich ergänzend
+ hinzu in der Scheu des Ich vor sich selbst als dem in Begrenzung
+ gebundenen.
+
+Ein wenig hat es der Taufpate des Terminus, der Spiegelheld Narziß, auf
+dem Gewissen, wenn dabei zu einseitig die ichbeglückte Erotik allein
+herausblickt. Aber man bedenke, daß der Narkißos der Sage nicht vor
+künstlichem Spiegel steht, sondern vor dem der Natur: vielleicht nicht
+nur sich im Wasser erblickend, sondern auch sich _als alles_ noch, und
+vielleicht hätte er sonst nicht davor verweilt, sondern wäre geflohen?
+Liegt nicht in der Tat über seinem Antlitz von jeher neben der
+Verzücktheit auch die Schwermut? Wie dies beides sich bindet in eins:
+Glück und Trauer, das sich selber Entwendete, das auf sich selbst
+Zurückgeworfene, Hingegebenheit und eigene Behauptung: das würde ganz
+zum Bild nur dem Poeten(5).
+
+ (5)
+
+ »-- Dies also: dies geht von mir aus und löst
+ sich in der Luft und im Gefühl der Haine,
+ entweicht mir leicht, und wird nicht mehr die Meine
+ und glänzt, weil es auf keine Feindschaft stößt.
+
+ Dies hebt sich unaufhörlich von mir fort,
+ ich will nicht weg, ich warte, ich verweile;
+ doch alle meine Grenzen haben Eile,
+ stürzen hinaus und sind schon dort.
+
+ Und selbst im Schlaf: nichts bindet uns genug.
+ Nachgiebige Mitte in mir, Kern voll Schwäche,
+ Der nicht sein Fruchtfleisch anhält. Flucht, o Flug
+ von allen Stellen meiner Oberfläche.
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+ Jetzt liegt es offen in dem teilnahmlosen
+ zerstreuten Wasser, und ich darf es lang
+ anstaunen unter meinem Kranz von Rosen.
+
+ Dort ist es nicht geliebt. Dort unten drin
+ ist nichts als Gleichmut überstürzter Steine,
+ und ich kann sehen, wie ich traurig bin.«
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+ (Aus: »Narziß« von Rainer Maria _Rilke_. Manuskript.)
+
+
+
+
+II.
+
+
+Daß auch Objektliebe auf Selbstliebe zurückgeht, daß davon tatsächlich
+jenes Akrobatenkunststück der Monere gilt, mit deren einziehbaren
+Scheingliedern _Freud_ sie drastisch verglich, das ist psychoanalytisch
+nach allen Seiten hin aufschlußgebend und belehrend geworden. Wie in des
+heiligen Augustins: »ich liebte die Liebe«, erscheinen jeweilige Objekte
+zutiefst als bloße Anlässe, einen Liebesüberschuß daran abzuladen, der
+auf uns selbst bezogen, und nur, sozusagen, nicht recht unterzubringen
+gewesen ist. Die Frage, wodurch wir überhaupt aus unserer Selbstliebe in
+Objektlibido hinausstoßen, wurde ja auch mehrfach von _Freud_ im Sinne
+eines solchen überschüssigen Zuviel erörtert. Nun meine ich, eben dies
+»Allzuviele« daran ergibt sich aus dem Umstand, daß es bereits vom Hause
+aus, als _Richtung des Verhaltens_, unsere Ichgrenzen als solche nicht
+berücksichtigt, sondern übersteigt, _nicht ihnen gilt_, ja ihnen
+entgegen steht, was nur wieder bedeutet: es ist narzißtisch bedingt,
+d. h. in aller Selbstbehauptung zugleich Wiederauflösungswerk am Selbst.
+Sicherlich gibt es auch die ganz eigentliche, bewußt auf uns gerichtete
+Selbstliebe, die dann vom Ichvorteil, nicht von der Wollust her, ihre
+Befriedigung bezieht. Aber auch die echte Wollust wird, indem sie am
+Selbst sich ausläßt, von diesem Selbst für den forschenden Blick leicht
+überdeckt, und noch ihr Zuviel umfließt es scheinbar als ihren
+Mittelpunkt. Erst an der Objektbesetzung zeichnet sich die Libido ja als
+etwas für sich ab, in den Umrissen des Objekts wird sie uns deshalb erst
+libidinös umrissen. Dahinter aber liegt, nach wie vor, weit ausgebreitet
+das Land, daraus sie stammt, und was sich im Vordergrund in der
+Einzelfigur des Objekts so groß davon abhebt, berückt uns nur, weil es
+diese Landestracht trägt. Ich denke mir: die _Freud_sche
+»Sexualüberschätzung«, das Bemühen, das Libidoobjekt zu erhöhen, mit
+allem Schönen und Wertvollen auszustaffieren, kommt von daher: sie sucht
+es ganz und gar zum würdigen, passenden Stellvertreter dessen zu machen,
+was, im Grunde immer noch allumfassend, sich schließlich daran ebenso
+schwer völlig anwenden, unterbringen läßt, wie innerhalb des
+Subjekt-Objekts selber. Letzten Endes steht jedes Objekt so
+stellvertretend, als -- im streng psychoanalytischen Wortsinn verstanden
+-- »Symbol« für sonst eben unausdrückbare Fülle des unbewußt damit
+Verbundenen. Libidinös geredet besitzt keine Objektbesetzung andere
+Realität als solche symbolische; der Lustbezug daraus gleicht durchaus
+dem, was _Ferenczi_ einmal als »Wiederfindungslust« beschreibt: »die
+Tendenz, das Liebgewordene in allen Dingen der feindlichen Außenwelt
+wiederzufinden, ist wahrscheinlich auch die Quelle der Symbolbildung«(6).
+Fügen wir hinzu: damit auch die der Objektlibido als letztlich
+narzißtisch entspringender und gespeister. Die psychoanalytische
+Einsicht: daß auch spätere Liebesobjekte Übertragungen aus
+frühesten seien, gilt eben grundsätzlich: »Libidoobjekt« heißt
+Übertragensein aus noch ungeschiedener Subjekt-Objekteinheit in ein
+vereinzeltes Außenbild; und dieses ist damit genau so wenig in bloßer
+Vereinzelung gemeint, wie wir uns selber libidinös mit unsrer
+Einzelhaftigkeit bescheiden, wie wir vielmehr unsere Grenzen
+unwillkürlich darin zu übersehen, geringzuachten suchen.
+
+ (6) Zur Unterscheidung vom andern Lustbezug: demjenigen bloß ersparten
+ Kraftaufwands, wie er _Freuds_ Witztechnik zugrunde liegt.
+ (_Ferenczi_, Analyse von Gleichnissen, »Intern. Zeitschrift«, III, 5.,
+ p. 278.)
+
+Bekanntlich redet _Freud_ von »Sexualüberschätzung« als von etwas, wobei
+unser Narzißmus ein wenig allzugründlich sein »Zuviel« an Libido
+ausgibt, woran er verarmt, leidet, um erst durch das Erfahren von
+Gegenliebe wieder frisch aufgefüllt zu werden. Dies kehrt sich
+jedenfalls am schärfsten hervor bei solcher Libido, die damit in zu
+schroffem Gegensatz gerät zum ichhaften Bemächtigungsbestreben, also bei
+männlich gearteter. Um ganz zu bemerken, wie gewißlich unser Narzißmus
+gerade an seinen Sexualüberschätzungen, seiner Ich-Zurückdrängung sich
+auch bereichert und steigert, muß man ihn vielleicht insbesondere dort
+betrachten, wo er sich nicht so weit in den Ichbezirk hinein
+»vermännlichte«, oder wo er, ehe das geschah, einen Rückschub erfuhr in
+das Infantilere, der ichbewußten Aggressivität ferner Bleibende. Man
+wolle nicht denken, daß damit die Libido des Weibtums mit ihrem von
+_Freud_ geschilderten Umkipp (von der Klitorissexualität in die passiv
+gewendete der Vagina) überwichtig genommen werden soll: aber kommt bei
+ihr die Egoseite des Narzißmus wiederum zu kurz, so gestattet sie doch
+dafür unverkürzt den Einblick in die andere, sonst uns allzu abgekehrt
+verbleibende Seite seines Wesens. Die Wollust, sich selber zu
+überrennen, sich nicht als Ich im Wege zu stehen beim beseeligenden
+Wiedererleben noch ichfremden Urzustandes, erhöht sich daran unter
+Umständen masochistisch, sowohl den körperlichen Schmerz als auch die
+Situation der Demütigung bejahend. Dem Ich gegenüber also
+_widerspruchsvoll_, da: »die Verkehrung der Aktivität in Passivität und
+Wendung gegen die eigene Person eigentlich niemals am ganzen Betrag der
+Triebregung vorgenommen wird«. (_Freud_, Trieb und Triebschicksale.)
+Eben dieses Paradoxon des Erlebens rückt jedoch erst voll ins Licht,
+inwiefern dem Narzißmus ein Doppelvollzug von Selbstbehauptung und von
+Schwelgen in noch Uneingegrenztem ur- und eigentümlich sei, wie _Freud_
+ja überdies zugibt, wir hatten: »allen Grund anzunehmen, daß auch
+Schmerz, wie andere Unlustempfindungen, auf die Sexualerregung
+übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um deswillen man sich
+auch die Unlust(7) des Schmerzes gefallen lassen kann« (wenn _Freud_
+auch am sekundären Charakter des Masochismus festhalten will, als einer
+Reaktion auf vorangegangene, hinterdrein gleichsam nach Sühneschmerz
+verlangende Übergriffe). Innerhalb weiblich gerichteter Libido meine ich
+übrigens etwas vom sexuellen Urausdruck nicht nur verdeutlicht zu sehen
+in der Verschärfung zum masochistischen Zug, wo ja, ob auch negativ, das
+Ich als schmerzbedingendes, immerhin noch bedeutungsvoll mitwirkt; der
+Rückschub ins Passive gewährt überdies nämlich auch den erogenen Zonen
+dauernd ihren ursprünglichen Spielraum, als -- gegenüber dem Vorstoß ins
+Aktive -- dem Prinzip des Aufhaltenden, Verweilenden, also jener
+Zärtlichkeit, die hochgeeignet zur Beseelung, seelischen Verfeinerung
+der Leibesvorgänge, doch diese zugleich an ihre Kindergewohnheiten
+bindet; an infantile Erogenität des Gesamtleibes, an noch nicht
+punktuell einbezirkten Allkontakt sozusagen. Und endlich und nicht zum
+wenigsten, ist es der beharrende Überrest der Klitorissexualität selber,
+der, fürs Genitalziel überflüssig geworden, am Weibe sich an seinem
+infantilen Rückstand, sei es kindlicher oder kindischer, auslebt, bis --
+-- ja vielleicht bis das Weib »das Kind« aus sich in die Welt
+hinausgeboren hat. Auf diesem Höhepunkt weiblicher Erfahrung aber, steht
+sie, die Erzeugerin, Ernährerin, Erzieherin des Kindes zugleich dem
+Wachstum ins Männliche nahe: _ihrem_ Stück Aktivität, darin fast
+doppelgeschlechtlich ergänzt, und eben drum wieder ins Urnarzißtische
+zurückgerundet, wie es auf der ganzen Welt sich nur ermöglicht im Bild
+der Mutter, die, sich selbst fortgebend, sich selbst an der Brust hält.
+Entsprechend dem Penis-Neid des Weibes findet man deshalb nicht selten
+beim Mann jenes Sichselbst-Wiedergebärenwollen (das sowohl zu
+unterscheiden wäre vom Zurückwollen in die geliebte Mutter = Gebärerin,
+als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen
+Beobachtungen, die mir vorliegen, glaube ich darin eine weiblich
+umgemodelte Klitoris-Betonung zu sehen, indem ja, nach infantiler
+Annahme von der Analerotik her, die Klitoris auch etwas vom Leibe
+Ablösbares (den »Lumpf« aus _Freuds_ bekannter Kinderanalyse) bedeutet,
+wie es in mancher (natürlich nicht jeglicher) Schwangerschaftsphantasie
+männlicher Neurotiker sich ebenfalls Ausdruck schafft. Ich komme aber
+darauf, weil mir mehrfach auffiel, wie Mannbarwerden des Knaben zunächst
+als Bedrängtwerden von Fremdem empfunden wurde: als vergewaltigendes
+Außer-einem(8), das man in sich hineinzwingen, sich einverleiben möchte
+zu Besitz statt Besessenheit; bevor das »Zuviel« der Libido auf die
+Abfuhr ans Objekt verfällt, macht sie in solchen Fällen sich bemerkbar
+_fast gleich einer Schädigung der narzißtischen Selbstliebe_, der
+Einheit von Libido und Ich: erst an der Objektbesetzung einen die beiden
+sich dann neu in der Gemeinsamkeit ihres Entzückens am Objekt.
+
+ (7) Vgl. hiezu die Schlußseiten von _Ferenczis_ »Von Krankheits- oder
+ Pathoneurosen«, Intern. Zeitschr. IV, 5, wo von Masochismus und
+ weiblicher Genitalität als sehr dunklen Problemen die Rede ist, und wo
+ Körperverletzungen als Anlässe zu Regression auf ursprünglichen
+ Hautmasochismus (die Haut infantilste erogene Zone!) erörtert werden.
+
+ Schon früh hat sich P. _Federn_ für den primären Charakter der
+ »Passionslibido« ausgesprochen entgegen _Freuds_: »ein ursprünglicher
+ Masochismus, der nicht -- -- -- aus dem Sadismus entstanden wäre,
+ scheint nicht vorzukommen«. »Im Gegensatz dazu muß ich als sicher
+ hinstellen, daß die Libido sowohl weiblich als männlich sein kann.
+ (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist --
+ -- die passive lustvolle Einstellung des Gesamt-Ichs. Menschen, die
+ normale und masochistische Sexualität besitzen, geben an, daß die
+ masochistische Sexualität ›durch das Gehirn gehe‹, sie nehmen die
+ Überwältigung des ganzen Ichs selbst an«. Hiermit ist von P. _Federn_
+ für den primären Masochismus die Eignung zur vollen Liebesfähigkeit in
+ Anspruch genommen, die sich nach _Freud_ kennzeichnet als »Relation
+ des Gesamt-Ichs zu den Objekten«. (Samml. kl. Schr. z. N., IV, 274.)
+
+ (8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
+ ist mit sich selbst wie mit einer Vermummung umhüllt, Verkleidung oder
+ Maske, da etwas darin steckt, das jeden Augenblick alles in Fetzen
+ durchstoßen, zerreißen kann, und doch damit einen selber vernichten.
+ Oder: man liegt neben offenem Grab, in das ein Grabstein
+ hineinzustürzen droht, der dicht dabei hochragt und nur auf die erste
+ unvorsichtige Bewegung wartet, denn _er_ gehört ja auf diese Öffnung,
+ _einen selber_ aber begräbt sie.
+
+So scheint _nicht so sehr die Objektbesetzung_, nicht die
+Sexualüberschätzung innerhalb ihrer, unserm Narzißmus gefährlich zu
+sein: wohl aber wird er seinerseits gefährlich dem Objekt der Libido;
+sein bleibendes Eingreifen verschuldet, daß es dabei diesem Objekt
+schließlich an den Kragen geht. Denn von vornherein nur zu einer Art von
+Stellvertreterschaft zugelassen, verflüchtigt es sich in seiner realen
+Beschaffenheit nur um so mehr und mehr, je gefeierter es auftritt. Die
+typischen Liebesenttäuschungen haben ihren letzten Grund, ihren
+unabwendbaren _hierin_: _nicht erst_ im Nachlassen der Liebe durch die
+Zeit oder durch enttäuschende Einsichten, denn, ganz abgesehen von
+diesem beiden hat das Objekt ja ganz eigentlich mit seinem Leibe dafür
+zu haften, daß es weit mehr als Leibhaftigkeit sei, und mit seinem,
+scheinbar doch erkorenen, auserwählten, Sonderwesen dafür, daß es im
+Grunde Allwesenheit sei. Je weiter Liebesekstase sich versteigt, ihr
+Objekt stets üppiger, ohne zu sparen, bereichernd, desto dünner,
+unterernährter bleibt das Objekt hinter seiner Symbolität zurück; je
+heißer unsere Schwärmerei, desto abkühlender diese Verwechslung, bis,
+auf richtiger Höhe, sich Brand und Frost fast identisch anfühlen (was
+das Schicksal der glücklichen Liebe fast unangenehmer als das der
+unglücklichen, der den Partner kühl lassenden aber selber schön
+warmbleibenden, machen kann). Auch hinter der reifgewordenen
+Genitallibido, die es mit den Realitäten am ernstesten nimmt, wächst
+dies symbolisierende Verfahren, das auch im Genitalen dennoch nur die
+narzißtischen Identifizierungen durchsetzen will: die keiner
+Objektbrücken im einzelnen bedürfen, über alles sich erstreckend aber
+auch nichts außer sich gelten lassend.
+
+An der Objektlibido findet sich so manches, was ihr zugeschrieben wird,
+während mir scheint, daß es unter Umgehung ihrer, sich ziemlich direkt
+vom Narzißmus herleitet und nur in den eifrigen Symbolbildungen sich mit
+ihr zusammenfindet. Dazu gehört großenteils, was man Freundschaft
+zwischen verschiedenen Geschlechtern nennt. Bei der ungemein populären
+Diskussion dieses Themas beobachtete ich oft, wie sonderbar stark selbst
+unbefangen denkende Leute sich dagegen wehren, in Freundschaft nur eine
+Noch-nicht-, oder Schon-nicht-mehr-Liebe zu sehen, oder aber eine mit
+ihrer eigenen Verdrängung kämpfende. Meinem Eindruck nach liegt dies
+daran, daß im Freundschaftsbündnis allerdings Sexualanteile genug
+stecken, häufig jedoch solche, die ursprünglich nicht dem Partner
+zukommen, sondern sich dem Bunde mit ihm beigesellten von anderwärts:
+nämlich aus Aufarbeitungen vom Narzißtischen her, in Sublimierungen aus
+Infantilismen. Die Empfindung gewisser Nichtsexualität dem Freunde
+gegenüber bestünde damit zu Recht; nicht in gegenseitiger Erotik,
+sondern in etwas Drittem wurzelte sie: gleichviel, ob sie erwüchse aus
+noch immer infantilen Interessen oder erblühte zu hochvergeistigtesten,
+gleichviel ob die Freunde nun eins in Gott sein mögen, oder auch nur
+beim Sammeln oder Angeln. Das Wesentliche bleibt, daß, wie geliebt und
+anerkannt auch immer, der Freund letztlich gewertet, ja verklärt
+gewissermaßen, sei, er es doch erst von diesem Dritten aus wird, das im
+übrigen sogar fester zu binden imstande ist als Personalerotik, da,
+abgelenkt vom Sexualziel der Leibesbesitznahme, dafür unserer so
+aufgearbeiteten Libido gleichsam sich alles zu Besitz bietet, worauf sie
+nur irgend verfällt; in Sublimierung ihrer allerältesten autoerotischen
+Praxis kommt sie sozusagen zu einer geselligen Selbst- und
+Weltverwechslung à deux. Gut verarbeitetem und dadurch -- außerhalb der
+Genitallibido -- entwicklungsfröhlichem Narzißmus ist eben breiteste
+Umfassung freigegeben, zum Entgelt für die genitallibidinöse Enge
+sonstiger Partnerumarmung. Man könnte ja den schlechten Witz machen:
+unserm alten Autoerotismus, einstmals übers ganze Kinderkörperchen
+verteilt, gelänge es in den Sublimationsanstrengungen einfach, uns
+allmählich aus den Gliedern zu Kopfe zu steigen, als recht eigentlicher
+»Verlegung von unten nach oben«. Von diesem Sprungbrett nun aber,
+gelingt ihm jener gewaltige Absprung erst, der die Bedeutung der Libido
+fürs kulturelle Leben überhaupt erneut, der Sprung vom _leibhaft
+Libidobetonten in die Welt sachlicher Betonungen_, von infantilster
+Selbstbezogenheit mitten hinein ins Außen-gegenüber. Dies Außen nicht
+symbolistisch verbrämend, sondern sachlich begutachtend, es real
+nutzend. Dadurch, daß es immer wieder noch unser Narzißmus selbst ist,
+woraus -- im Normalfall und in idealer Konsequenz -- auch noch die
+geistigsten, weitumspannendsten Aufarbeitungen sich ergeben, bekommt er,
+der Leibentsprungene, nun neuerdings, auf neue Weise, doch wieder
+Realboden unter die Füße: Sachlichkeit ist das gloriose menschliche
+Ziel, das dem Narzißmus endlich im Dienst von Forschung oder
+Fortschritt, Kunst oder Kultur, als verwandelter Eros zuwinkt wie aus
+Träumen der Kindheit. Wo er in kindischen Träumen stecken blieb, wo sein
+großer Sprung zu kurz ausfiel, da entgleist er auch an sich selbst ins
+Pathologische, Bodenlose.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Was bedeutet nun im Grunde dieser Überschätzungsdrang, der das Objekt
+aus seiner Einzelheit und Wirklichkeit ins symbolisch Gewertete und
+Gültige rückt, und der, im Parallelvorgang dazu, den narzißtischen
+Urtrieb sich in Sublimationen hinaufarbeiten läßt? Beides beruht wohl
+darauf, daß der bewußtgewordene Mensch sich, je länger je mehr, genötigt
+sieht, mit seinen infantilen Identifikationsmethoden stets indirekter zu
+verfahren, d. h. also: sich ihre Undurchführbarkeit stets
+gleichnishafter zu verhehlen. Das ermöglicht er durch Wertübersteigerung
+des stellvertretenden Stücks: im _Wertüberschuß_ wird es gleichsam
+wieder zum Inbegriff selber, ersetzt diesen im Geist. Der narzißtische
+Libidobetrag, der damit darin stecken bleibt, besticht erfolgreich das
+der Realität immer angepaßtere Urteil, schließt mit diesem einen
+Vermittlungspakt, wonach recht eigentlich »Wert« symbolisch für
+Inbegriff, für »Ein und Alles« steht. Wertproblem überhaupt ist immer
+und jedesmal Libidoproblem: lediglich durch Anleihe beim libidinösen
+Zustand enthebt irgendwas sich der Begrenztheit, Aufeinanderbezogenheit
+des Übrigen. _Alles_ Werten strebt dem Überschätzen entgegen und hinweg
+aus der Relativität des Einzelngeltenden: es langt, verlangt unabwendbar
+nach Überzeugtsein durch Glauben (jenem Glauben, bei dem »kein Ding
+unmöglich« ist, sogar nicht die Wiederanknüpfung infantilsten Urtraums
+an sachlichste Welterfahrung; mag auch dabei unser sich sublimierender
+Narzißmus, dieser idealisierende Streber, uns dabei einigermaßen ähnlich
+werden lassen ewigen Toggenburgern, die ihren Liebesgegenstand um so
+reichlicher anhimmeln, als sich ihre reale Vermählung mit ihm
+unvollziehbarer erweist). Mit wie vielen Beweisen und Begründungen wir
+auch vorzugehen pflegen, nie gelingt darin Überzeugendes ohne
+heimlich-persönlichsten Anschluß an die narzißtische Forderung in uns;
+und wiederum: ist sie genehmigt, dann gelänge es keiner Gegenmacht, uns
+um-zuüberzeugen: versicherten wir noch so bescheiden, es ergäbe sich
+dadurch wohl nur eine subjektiv-gültige Bewertung, wir wissen sie
+trotzdem als end- und allgültig, so gewiß unser Narzißmus selbst nichts
+weiter ist, als das im Gefühlserlebnis noch dunkel festgehaltene Wissen
+_um unser Subjektivstes als unsere objektive Anschlußstelle_. Von aller
+Metaphysik, sofern sie das »Sein« mit »Gott« als absolutem Wertprinzip
+in Übereinstimmung zu bringen trachtet, gilt darum, daß sie nicht nur in
+ihrer Denkungsweise narzißtisch mitbedingt, sondern an sich das
+philosophisch aufgearbeitete Abbild des Bundes von Narzißmus und
+Sachlichkeit ist. Am unmittelbarsten vielleicht tritt dieser doppelte
+Sachverhalt hervor in der Frage nach dem _Lebenswert_, der nur durch
+ihn, erst durch ihn, zur Frage _wird_, indem es hier um den
+Narzißmuswert selber geht, ob auch das Urteil darüber sich ergehen mag
+wie über ein sachlich gegenüberstellbares Objekt. Im Lebensrausch als
+solchem -- wovon ja dem Gesunden hilfreich was in Blut und Hirn kreist
+-- also im narzißtisch hinter allem weiterbeharrenden Rausch, behält
+ewig der Optimist recht; bei Absehen von dieser innern »unsachlichen«
+Voraussetzung der Pessimist, d. h. der libidolos, »lieblos« Urteilende,
+nur eben unrecht hinsichtlich des Lebensträgers, des allein und
+eigentlich Lebendigen! Wo das Narzißtische im Menschen zu stark
+übergreift, da bringt seine Allzu-Zuversichtlichkeit trotz ihrer
+lebensweckenden Kräfte ihn in peinlichen Anprall an die Außenrealität;
+wo es dagegen zu geschwächt dem realgerichteten Urteil unterliegt, da
+bringen selbst dessen beste, glücklichste Erfolge keinen wirklichen
+Frohmut zustande. Darum gleicht sich dem sogenannten Normalen das Dasein
+ungefähr aus zwischen diesen beiden Richtungen, die gleichsam
+andeutungsweise, innerhalb der Normalität, etwas vom »Manischen« und
+etwas vom »Melancholischen« enthalten; auch normalerweise schon
+übertreibt sich der Tatbestand beidemale fälschend -- und sagt damit
+dennoch mehr aus, als die gemäßigtesten Zustände tun, wenn sie sich
+_sehr_ weit von »Haß wie Liebe« entfernen: dermaßen _ist_ »Leben« total
+nur in seinen Überschätzungen nach beiden Seiten, in seinen zu absoluten
+Wertabschätzungen, in etwas über alles Stückhafte hinaus, _wahrhaft_,
+als »Leben« vorhanden.
+
+Aber das narzißtisch bedingte Werten wird erst Problem, wird auch erst
+Leistung, recht eigentlich da, wo »wertvoll« und »libidobesetzt«, nicht
+so unmittelbar in eins fallen wie in der Frage nach dem Lebenswert
+selber: wo, statt dessen, die Wertgebung voraussetzt, daß, um sie zu
+vollziehen, wenigstens das Infantilste der Stellungnahme dazu
+aufgegeben, umgestellt sei. Mit anderen Worten: wo der symbolisierende
+Idealisierungsakt am Objekt schon begleitet ist vom sublimierend
+aufarbeitenden Akt am Trieb selber (scharf zu unterscheidende Vorgänge,
+die zu verwechseln _Freud_ mit Recht gewarnt hat). Es ist
+außerordentlich interessant, daß vom Narzißmus her nicht nur des
+Objekts, sondern auch des Subjekts Aufstieg ins immer »wertvoller«
+Aufgearbeitete möglich ist, was _Freuds_ Wort vom Narzißmus als
+»Keimpunkt des Idealbildens« schon früh (»Z. E. d. Narz.«) festlegte.
+Dieser Punkt wird wesentlich, sobald unser Selbstbildnis infolge von
+Realerfahrungen daran, uns zu enttäuschen beginnt: »Unserm Ideal-Ich
+gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich
+genoß« (_Freud_, ebenda). Weil hiefür aber auf die Dauer unsere
+infantile Wunschpraktik nicht ausreicht, nachdem das Weltgegenüber immer
+sachlichere Maßstäbe an uns legt, so entsteht damit eine Nötigung zu
+gewissen Rangordnungen in uns, zu Stufungen, Gliederungen auch in
+unserer Triebwelt. Unser Ebenbild, hineingewünscht ins Ideale, wirkt mit
+dessen Dimensionen auf uns zurück, manche Züge unterstreichend, andere
+ausradierend; noch fühlen wir uns schön und groß, ja erst recht groß,
+aber doch nur, sofern wir uns auch, in den abweichenden Zügen, auch
+klein oder zu häßlich finden, uns mißschätzen _können_, angesichts des
+Idealbildes, das wir sind und doch nicht in all und jedem sind. Diese
+Rückwirkung auf uns, vom narzißtischen Geformten nun ideal, religiös,
+ethisch oder wie immer, soll man ja nicht gering anschlagen. Es bleibt
+wesentlich selbst nach Abzug dessen, was bei seiner Bildung von fremden
+und Außenfaktoren in Betracht kam: einmal den Geboten und Verboten
+unserer Erzieher, unserer Umwelt, dem feineren oder gröberen Drill;
+sodann jenes Quantums Objektlibido(9), die uns an die pflegenden und
+bevormundenden Personen bindet und sie selbst zu nachahmenswertesten
+Symbolen aller Idealwerte umschafft. Dennoch sind wir bei alledem auch
+von uns aufs Stärkste beteiligt: wie der Narzißmus innerhalb der
+Objektlibido das Personelle symbolisch hochzutreiben weiß, wie er sich
+in immer sachlich weiterfassenden, geisthaftern, abstraktern
+Zusammenhängen noch durchsetzt, so kommt er auch von sich aus zu letzter
+Wertautonomie. Sagt ihm am frühesten sein Gefühl, heiß wünschend: »Leben
+schon gleich Wert!« so vollendet sich das reifste in einem _fordernden_:
+»Nur Wert allein wahrhaft Leben«, und auch noch diese absolut sich
+gebärdende, über das Sein gesetzte Wert-Überwertung (die doch um des
+Seins halber überhaupt erst anhob), dieses Ethische in Reinkultur, auch
+das ist noch als Höchstleistung unseres Narzißmus zu buchen.
+
+ (9) Vortrefflich prägt den Unterschied zwischen Drill und
+ Liebesgesinnung eine (mir gesprächsweise in dieser Form bekannt
+ gewordene) Bemerkung I. _Marzinowskis_: Im einen Fall sucht man
+ Heimlichkeit über eine Verfehlung zu wahren, den Strafakt zu umgehen,
+ als sei sie damit wie unbegangen, im anderen Fall ersehnt man im
+ Gegenteil Beichte, Bekenntnis, auf die Knie sich zu werfen, an die
+ Brust dessen, für den man _liebenswert_ sein will. -- Weniger
+ einverstanden bin ich, wenn _Marzinowski_ in: »Die erotischen Quellen
+ des Minderwertigkeitsgefühls« (Zeitschr. f. Sexualw. IV) ohneweiters
+ volle Reife darin sieht, über das Verlangen nach Gegenliebe, zur
+ Liebesautonomie: »wenn ich dich liebe, was gehts dich an!« zu kommen.
+ Zwar stimmt dies zu den sittlichen Anforderungen bestechend, klingt
+ prächtig selbstlos, redet aber recht oft die Sprache unseres
+ Narzißmus, der noch _gar nicht bis zur vollen Objektliebe gelangte_.
+ Man denkt sich unter narzißtisch Veranlagten zu ausschließlich von
+ Gegenliebe Abhängige (was weit mehr von den bewußter Ich-Eitlen oder
+ aber Narzißmus-Schwachen gilt) anstatt Selbstgenügsame, _weil_
+ unbewußte Allteilhaber, die auch im Objektlibidinösen nur sehr lose an
+ den Äußerungen vom Objekt her hängen. Bedrängt durch narzißtisches
+ Zuviel, kann ihnen höchst egoistisch »Geben seliger denn Nehmen
+ werden«, d. h. sie dankbarer stimmen für eines Menschen Gewalt, Liebe
+ in ihnen zu wecken, als für seine Gegenliebe, die sie leicht beschämt
+ und neu bedrängt.
+
+Mir erscheint dieser Umstand um so bedeutsamer, als er klarlegt, von wie
+tief her psychoanalytische Einsicht in die ethischen Unter- und
+Beweggründe dringt: _Freuds_ Ausspruch vom »narzißtischen Keimpunkt des
+Idealbildens« rückt ebenso weit ab von metaphysischen Notbehelfen bei
+Betrachtung psychologischer Tatbestände, wie von jener rationalistischen
+Einstellung, die überall auf Außeneinflüsse zurückgeht (Nutzen oder
+Zwang unter nachfolgender Sanktion). Mit _Freud_ reicht die Frage so
+tief, als der Mensch Menschlichem zu folgen imstande ist: ins
+Ursprünglichste seiner selbst, dorthin, wo er seiner selbst bewußt wurde
+und diese Vereinzelung wiederzuergänzen sucht, noch entgegen der eigenen
+Triebgewalt in Gehorsam oder Liebe, um auf solchem Umweg das Urerlebnis
+der Allteilhaftigkeit wiedererneuen zu können. Würde das immer schärfer
+unterschiedenere Ich sich überrennen lassen vom Durcheinanderlaufen der
+Triebe, so bliebe es auf ein gewaltsames Infantilisieren beschränkt, dem
+die Außenwelt verloren geht, ohne daß der Urzustand des ihrer noch
+unbewußten Kindes wiederherstellbar wäre. Freilich ist ja die
+Ineins-Setzung unserer selbst mit Höchstwerten einerseits ebenfalls eine
+phantasierte Wirklichkeit, ob wir ihr noch so sehr nachstreben:
+anderseits aber verbürgt gerade dies Unbedingte daran, wie ganz aus
+unserm Wesen gebürtig sein muß, was wir mit so großer Gebärde gutheißen.
+Und in der Tat: wir sind es ja, die sich selbst enttäuschen oder
+mißfallen, der Gemaßregelte mit dem von seinem Idealwert ganz Benommenen
+bleiben untrennbar eins in uns, deshalb der narzißtische Liebesquell
+unentleert (weshalb auch neurotisch der an sich schier Verzweifelnde und
+der sich nahezu gottgleich Wähnende so verblüffend dicht beieinander
+stehen). Insofern bildet alle echte Ethik, alle ethische Autonomie,
+zweifellos ein Kompromiß zwischen Befehl und Begehr, während sie gerade
+das am prinzipiellsten zu vermeiden sucht: das Begehrte macht sie zwar
+unerreichlich, durch die Idealstrenge des geforderten Wertes, dafür aber
+bezieht sie das Befohlene tief ein in den Urtraum allesumfassenden,
+allesuntergründenden Seins. Dieser Kompromißcharakter verrät sich
+deutlich auch noch an den starrsten Wertsetzungen -- ja gerade an denen
+-- den unterirdischen Zusammenhängen von Gesolltem und Gewünschtem,
+oder, anders benamst: von Ethik und Religion. Kann keine Religion ein
+irgendwie ethisch gültiges Moment entbehren (d. h.: daß das Kind zum
+Vater _aufblicke_), so ebenso gewißlich keine ethische Selbstbezwingung
+ein Moment der Mutterwärme, die sie darüber hinaus umfängt. Alles, was
+wir »sublimieren« nennen, beruht einfach auf dieser _Möglichkeit, auch
+noch Abstraktestem, Unpersönlichstem gegenüber etwas wahren zu können,
+von der letzten Intimität libidinösen Verhaltens_; nichts als dies
+ermöglicht den Vorgang, wobei: »die sexuelle Energie -- ganz oder zum
+großen Teil -- von der sexuellen Verwendung abgelenkt und anderen
+Zwecken zugeführt wird« (_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Im religiösen
+Erlebnis, im »fromm« gerichteten Menschen, schießt früheste,
+elterngebundene Objektlibido in die narzißtische Strömung mit hinein,
+und schafft damit eine rechte Glanzleistung des Narzißmus: indem nun
+beide gemeinsam münden im Gotteswert, als dem zugleich Allesbeherrschenden
+und Allerintimsten. Was dem Objekt der Libido sonst so übel
+bekam: das Sichverflüchtigen des Personellen in immer stellvertretendere
+Symbolik, eben das bringt es am Gotteswert zum Meisterstück,
+nämlich dermaßen zum Symbol aller Liebessymbole, daß Gott
+sich daran verpersönlicht(10).
+
+ (10) So sehr freilich, daß die Objektidealisierung sogar die
+ Triebsublimierung lähmen kann, und der Gott mehr Entzücken bewirkt als
+ Moral. Übrigens ist es massiv und richtig Gläubigen auch meistens nur
+ selbstverständlich, wenn etwa im Jenseits neben hochsublimierten
+ Glückssorten auch die infantilsten Wünsche sich drastisch durchsetzen
+ -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher
+ Gläubigkeit Stehenden erscheint das nicht folgerichtig, beleidigt
+ seine moralische Logik; und doch lediglich, weil _sein_ erhöhtes,
+ »frommes« Verhalten den stofflichen (Kinder-) Himmel und zugehörigen
+ Personengott, von sich aus, in sich selber, wertend ersetzen muß. Ihm
+ geschieht es deshalb leicht, sich selbst gegenüber weniger ehrlich zu
+ bleiben, und trotz seiner nüchternern sachlichern Einsicht, den
+ narzißtischen Grund und Boden zu verleugnen (den der naive
+ Glaubenshimmel ruhig mit überwölbt), weil er auf seiner obersten
+ irdischen Kippe balancieren muß.
+
+So muß denn das, was zuinnerst des Religiösen wirksam ist -- die
+Richtung auf ein vertrauensvoll idealisierendes Narzißtisches -- auch
+den von üblichen Glaubensvorstellungen Gelösten in seinen
+Sublimationsbestrebungen orientieren, sollen sie ihn nicht in eine
+Entfremdung zu sich selber geraten lassen. Soll er nicht, dem ihm
+Wertvollsten hingegeben, es nicht zugleich hoch über ihn hinwegfliegen
+sehen, ihn nur gerade so weit mit emporreißend, daß er beschämt und
+entrüstet auf sein flügellahmes Selbst heruntersieht, kurz, daß er statt
+des beabsichtigten Fluges in Gewissensängste, Schuldgefühle niedersinkt.
+In ernsthaftester Weise ist _Freuds_ Warnung zu beachten: sich über
+gegebenes Vermögen an Sublimationen zu »übernehmen«, heiße nicht
+Vollkommenheit, sondern Neurose vorbereiten. Aber wieder stoßen wir
+dabei darauf, wie tief und nüchtern _Freud_ sich psychoanalytisch die
+Ethikprobleme auch hinsichtlich des Schuldbewußtseins erschließt: wie --
+wiederum sowohl abseits von metaphysisch als auch von äußerlich
+(utilitaristisch) vorgenommenen Lösungen -- die Frage sich ihm dahin
+beantwortet, daß unser narzißtischer Größenwahnrest auch noch dem
+ethischen Ehrgeiz, dem Aufwärts- und Vorwärtstreiben des real angepaßten
+Ich, zugrundeliegt, wobei dann am Wege verachtet zurückbleibt, was der
+anstrengenden Gangart nicht gleich folgen kann. Bis der Mensch »sich«
+nur noch von demjenigen aus ansieht, was er allein als Sein wertet, ohne
+es doch _sein_ zu können, und deshalb seine eigene Beschaffenheit zu
+verdrängen, zu verleugnen suchen muß, ohne von ihr doch frei zu werden.
+Verhältnismäßig harmlos erweist solcher Vorgang sich noch beim Strafe
+befürchtenden »Drill«, ja sogar noch beim Gehorsam aus objektbesetzender
+Liebe, die sich nicht genug tat: rührt er jedoch bis an den
+narzißtischen Urgrund der ethischen Phänomene, dann ist
+Schuldbewußtsein, Reue bereits nur noch Name für Erkrankung. Darum sind
+wohl alle Neurosen immer auch Schuldneurosen, und immer unter dem
+Kennzeichen, daß der Mensch aus der instinktsicheren Gesundheit seiner
+Selbstachtung sich hinausgedrängt fühlt, trotzdem er als Neurotiker gar
+nicht der Typus des »Begehrenden«, sondern der des empfindlich
+reagierenden Gewissens zu sein pflegt, und eben deshalb die rumorenden
+Wünsche überängstlich hinter Schloß und Riegel hält. Eine Vertiefung
+dieses Zwiespalts bis zum Bruch ist es, wenn im Gegensatz dazu der
+Psychot das Gewissen außer Spiel gesetzt sieht, triebhemmungslos wird,
+und wohl nur da und nur dann bloßer Phantasieverbrecher bleibt, sofern
+er schon zu negativistisch von der Realwelt abgekehrt steht um handelnd
+in sie einzugreifen. Weshalb ja auch das neurotische Pathos in ihm zu
+ironisierendem Tonfall umschlagen kann, worin sein Ich, gleichsam schon
+unbeteiligter, machtloser Zuschauer, noch seine Kritik zum besten gibt,
+nachdem es seinerseits dem Ausschluß, der Verdrängung verfiel, sich
+desorganisierte und dadurch an Stelle der ihm gegenübergesetzten
+Realwelt die Technik der primitivsten narzißtischen Wunschproduktion in
+Wahnbildern am Werk sehen muß. (Traumtechnik des Gesunden.)
+
+Ich gerate auf diese scheinbare Abschweifung aber deshalb, weil mir
+vorkommen will, als gäbe es ein Analogon für »neurotisch« und
+»psychotisch« auf dem Gebiet der Ethik für den Normalzustand. Nämlich
+außer Schuldgefühlen, bezogen auf das Ich, seine Mängel und Taten, auch
+noch ein ähnliches Enttäuschungsgefühl an Leben und Welt, wobei wir uns
+aber mitschuldig fühlen, dem wir also nicht pharisäisch oder bettelnd
+als etwas anderes gegenüberstehen, sondern wobei wir _verletzt sind_ an
+einer _narzißtisch überlebenden Urverbundenheit_. Natürlich drückt dies
+das Infantilere aus im Vergleich zum ichgerichteten Gewissen, das ums
+eigene Spezialseelenheil Sorge trägt, es kann aber daneben
+weiterbeharren. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit und von noch
+später her eines grotesken Herzwehs über enttäuschende Mängel anderer,
+die mich weit mehr »ethisch« grämten als die eigenen Mängel: denn was
+konnte es nützen, vollkommener zu werden, wenn es nicht um das Ganze der
+Welt, und nur darum auch mich mit einbegriffen, derartig vollkommen
+bestellt war? Entzücken und Dankbarkeit riß mich hin, wo etwas solchen
+Glauben zu bewahrheiten schien, und enthob mich damit betrüblich rasch
+jeder persönlichen Gewissenssorge, welche Figur denn ich mitten drin
+machen würde. So viel Kindisches das auch ausdrückt, so liegt doch
+fraglos eine Spur Ironie in dem Umstand, daß der Andere, Gewissenhafte,
+der von seiner Selbstsucht am ethischesten loskommen Wollende, am
+eifrigsten und ständigsten mit sich beschäftigt bleiben muß, sich weder
+in Herzweh noch Herzenslust völlig vergessen darf. Deshalb sind auch
+noch bei der ethischen Einstellung zweierlei Verhaltungsweisen
+unterscheidbar: die eine vorwiegend von den Wertanforderungen des
+Ichbewußtseins aus und das Ich strebend im Mittelpunkt haltend, die
+andere von den alten Identifizierungskünsten des Narzißmus aus, aber
+gleichfalls aufgearbeitet in ethisch gerichtete Wunschträume. Dies
+jedoch dient aus einem bestimmten Grunde einer wichtigen Seite der
+Sache: denn offenbar entnimmt ja alle Ethik ihren Hauptcharakter, eben
+ihre Unbedingtheit, Absolutheit, Allgültigkeit dem narzißtischen
+Urzuschuß, der so sehr für alles Übermäßige zu haben ist, und
+»ethisiert« uns erst an diesem fragwürdigen Material. So kommt es zu
+Wechselwirkungen von beiden, deren Paradoxie, näher betrachtet, schwer
+überboten werden könnte. Gibt es doch keine Askese oder Gesetzesstrenge,
+kein endgültiges Verachten des Realen, das nicht nach dem narzißtischen
+Helfershelfer dabei riefe, erst er, der begehrliche, wunschdreiste,
+lehrt uns auch das: »geh an der Welt vorüber, es ist nichts.« Und
+anderseits: eben die absolut gerichtete Ethik bedarf der ganzen Fülle
+des Möglichen und Wirklichen, muß allen Sonderfällen des Geschehens
+gerecht werden, alle Aufeinanderbezogenheiten berücksichtigen, denn um
+der Menschen und ihres Heils- und Glückstraums willen ist sie da, vom
+kindlichselbstischen bis sublimen Egoismus des Himmelsstürmers und
+Gottsuchers. Dies Wesen der ethischen Praktik, die ihre Unbedingtheit
+narzißtisch bedingt, sowie wiederum diese strenge, hoheitsvolle
+Wertmiene des ethisch verwendeten Narzißmus, ergeben einen derartigen
+Knäuel von Widersprüchen von Fall zu Fall, daß man ruhig behaupten kann:
+nur rein schematisch verfuhr, wer jemals, über den Einzelfall hinaus,
+diese lebenstrotzende Wirrnis in glattem Faden aufwickelte.
+
+Nun kann ich aber dies Thema nicht abbrechen, ohne eines hinzugesetzt zu
+haben: nämlich wie sehr eben dies meine ganze Hochachtung und Ehrfurcht
+vor dem Phänomen des »Ethischen« im Menschen geradezu ausmacht. Denn
+erst dadurch erhebt es sich zu den schöpferischen Betätigungen,
+ungeachtet es auf Gesetz und Regel und Soll ausgeht. Ja durch die
+Reibung innerhalb solchen Widerspruchs -- durch die Unbedingtheit, die
+dennoch sich lediglich durchzusetzen vermag »von Fall zu Fall«, d. h. im
+lebendigen Vollzuge allein -- wird es _die_ schöpferische Tätigkeit par
+excellence, vollziehend das, was »nie und nirgends sich begeben«. Ethik:
+sich erst voll ausweisend im vorschriftsmäßig am wenigsten zu
+Schlichtenden, im Durcheinandersichkreuzen der Gebote und Verbote, erst
+damit wahrhaft autonom das Gültige zum Erlebnis hebend.
+Begreiflicherweise bleibt Vorschrift, Gesetz, das prinzipiell betonteste
+da, wo heimliche Wunschzutaten abgewehrt werden sollen, trotzdem aber
+ist in irgend einem Sinne »Ethik« auch immer zugleich das
+Unvorgeschriebene, schlechthin Gedichtete, d. h. trägt in all ihrem
+Tateifer wie ihrem Werk zugleich das Stigma des Verträumten, woraus
+Dichtertat sich zum Werke formt. Nur, leistet der Dichter »träumend«, so
+handelt in die Praxis hinein der ethisch gerichtete Mensch: wagt seinen
+Traum an Realität, Drangsal, Erfahrung, an den Anprall aller Zufälle und
+Wirrnisse. Darin liegt die Würde des Bruchstückhaften, nie Vollendeten,
+was ihm allenfalls gelingt, verglichen mit künstlerischer Werkrundung,
+deren Abseits er nicht ertrüge, die er sprengt, um sie nochmals und
+nochmals aufs Spiel zu setzen. Ethik ist _Wagnis_, das äußerste
+Wagestück des Narzißmus, seine sublimste Keckheit, sein vorbildliches
+Abenteuer, der Ausbruch seines letzten Mutes und Übermutes ans Leben.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Bei dem, was Kunst genannt wird, künstlerisches Schaffen, oder sagen wir
+allgemeiner: poetisch anstatt praktisch gerichtete Betätigung, braucht
+man die narzißtische Kinderstube nicht erst an Restbeständen daraus
+aufzuspüren wie bei Objektbesetzungen oder Wertsetzungen: unmittelbar
+nimmt es immer wieder von dorther den Ausgang, auf eigenem Pfad,
+verfährt bis in alle letzten Ziele, narzißtisch »wertend« und
+»besetzend«. Die gleiche Methode stünde uns allen auch lebenslänglich,
+jeglichen Augenblick und bei jedem Eindruck zu Gebote, würden wir uns
+durch unsere logisch-praktische Anpassung an die Ich- und Realwelt nicht
+ihrer so grundsätzlich entledigen, daß wir meistens nur erinnernd
+dorthin zurückkönnen, wo Innen-Erlebnis und Außen-Vorfall noch
+ungetrennt für dasselbe Geschehen stehen. Für dies Erinnern gilt darum
+etwas anderes als fürs Gedächtnis, wovon _Freud_ vermerkt, es scheine:
+»ganz am Bewußtsein zu hängen, und ist scharf von den Erinnerungsspuren
+zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Unbewußten fixieren«
+(Fußnote aus »Das Unbewußte«); denn diese sind im Bereich wirkender
+»Sachvorstellungen«, nicht davon abgezogener »Wortvorstellungen«
+(_Freud_) zu denken, dieser bloßen Verständigungskonventionen, deren wir
+uns gedächtnismäßig bemächtigen. Äußerste Exaktheit, Triumph besten
+Gedächtnisses, kann so in umgekehrtes Verhältnis geraten zu
+Erinnerungsklarheit, die, in lebendigem Zusammenhang der Eindrücke
+wirksam, gleichsam nur an Leben entlang sich ins Bewußtsein hebt:
+Gedächtnis _haben_ wir, Erinnerung _sind_ wir. Das allein ist der Grund
+des unkünstlerischen bloßen »Abbildes«, und gilt darum weder für Kinder
+noch für Primitive, sofern sie Reales noch phantastisch, Phantasiertes
+als real nehmen können. Am schönsten kennzeichnet die vorgetäuschte
+Bewegung des Films den Gegensatz zu Erinnerungsbewegtem: man könnte sich
+sogar denken, daß derartige, dem Gedächtnis allzu tadellos nachhelfende
+Vergegenwärtigungen von Vergangenem, Erinnerung auf tödliche Weise
+beeinflussen würden, sie desorganisierend, zersetzend in ihrer
+grundliegenden Totalität. Gewissermaßen ist ja Erinnerung ein nie nur
+»praktischer«, immer auch schon »poetischer« Vollzug: sie ist damit
+sozusagen das einem jeden von uns aufbewahrte Stück Dichtertum, Ergebnis
+zugleich Distanz schaffender, bewußte Überschau ermöglichender
+Vergangenheit, und ewig-erneuter Aktualität und Affektivität, auch wo
+sich beides nicht so formend zusammentut wie im Werk des Poeten. Poesie
+ist Weiterführung dessen, was das Kind noch lebte und was es dem
+Heranwachsenden opfern mußte für seine Daseinspraxis: Poesie ist
+perfektgewordene Erinnerung.
+
+Nun gibt es nichts, was tiefer in Kindheitseindrücke zurückbrächte, als
+aufgehobene Verdrängungen und nichts strebt von sich aus heftiger nach
+solcher erinnernder Befreiung als das kindliche, noch so ganz von
+Geboten und Verboten der Erwachsenen umstellte Leben. An die infantilen
+Verdrängungen schließen die spätern sich an -- bilden damit den »Schatz
+von Erinnerungsspuren, welche der bewußten Verfügung entzogen sind, und
+die nun mit assoziativer Bindung das an sich ziehen, worauf vom
+Bewußtsein her die abstoßenden Kräfte der Verdrängung wirken. Ohne
+infantile Amnesie, kann man sagen, gäbe es keine hysterische Amnesie«
+(_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Schon früh, in seiner Studie über »die
+Dichter und das Phantasieren«, faßte _Freud_ daher Kunst auf als
+Spezifikum gegen Verdrängungsgifte, und welche Erweiterungen seine
+Arbeit über den Gegenstand auch seither durch ihn erfuhr: dieser
+Hauptpunkt bleibt derselbe, wenn er auch den Unwillen der Künstler
+erregt infolge meist zu flacher Auslegung. Man achtet nämlich zu häufig
+nur darauf, daß die Kunst Wunscherfüllungen gewährleistet, die sonst gar
+nicht oder nur strafbar oder endlich krankhaft sich durchsetzen, man
+übersieht aber darüber die ganze Tragweite der _Freud_schen
+Unterscheidung von »bewußtem« und »unbewußtem« Wunschziel. Niemand
+bedarf weniger der Erfüllung von Personalwünschen wie der Künstler.
+Niemand bleibt weniger in ihnen stecken, ja niemand kommt von
+vornherein, eben als Schaffender, von Erfüllungen _her_, statt ihnen nur
+nachzujagen. Durch zeitweiliges Zurückgenommensein in ursprünglicheren
+Zusammenschluß dessen, was sich uns sonst nur in Subjekt und Objekt
+spaltet, ist er seinem Einzelsinn und Privatsein im Schaffen enthobener
+als sonst irgendwo: ja eben dies allein gestattet und ermöglicht ihm die
+Aufhebung des Verdrängenden, eben dies erst gibt ja seinen Regungen eine
+Freiheit wieder, wie wenn sie »ich-gerecht« im Sinn der
+Bewußtseinszensur wären (vgl. _Freud_: »das Unbewußte wird für diese
+eine Konstellation ich-gerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung
+etwas abgeändert würde. Der Erfolg des Unbewußten ist an dieser
+Kooperation unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch
+anders als die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener
+Leistung«). Dafür ist maßgebend, daß nicht auf unser Individual-Ich, wie
+es sich bewußt auf sich selbst bezieht, dabei zurückgegangen sei,
+sondern auf jene noch Allen gemeinsame Grundlage, auf Aller
+Wesenskindheit, wie sich auch der künstlerische Mitgenuß hierauf nur
+gründen kann(11). Ohne es zu wollen, hat so der Künstler sein Publikum
+in sich, bei sich, und nur um so mehr, je vollständiger er davon
+abzusehen pflegt, aufgebraucht vom Schaffensvorgang selber. Wird es --
+meines Erachtens -- beim ethischen Verhalten auffallend, wie sehr das
+Allgemeingültige letztlich sich »ethisch« doch nur durchführen läßt von
+»Fall zu Fall«, in solchem scheinbaren Selbstwiderspruch gerade seine
+eigentliche schöpferische Bedeutung erst offenbarend, so überrascht am
+allerpersönlichsten Erfaßtsein des Künstlers, wie sehr, wie ganz es
+immer schon das Allgemeine mit umfaßt, um erst daran wirklich, Werk, zu
+werden. Hier erschließt sich das anscheinend Subjektivste als
+Anschlußstelle des objektiv Gültigsten. Dazu stimmt die Erfahrung, daß
+schaffendes Verhalten, je leichter, sieghafter es sich durchsetzt, in
+desto rücksichtsloseren Gegensatz oft tritt zum, körperlich oder
+seelisch bestimmten, sonstigen Personalzustand: darin tatsächlich der
+Leibesfrucht ähnlich, deren Wachstum zu Verlagerungen, Bedrängnissen im
+übrigen Organismus führt oder Muttergift durch seine Adern kreisen läßt.
+Nicht selten erwacht der Künstler aus seiner Benommenheit wie aus einer
+zwangshaften, mit dem Gefühl von Befreiung, nun wieder an Beliebiges
+denken zu dürfen, sich in personell oder sachlich Wünschbarem
+ungehindert gehen zu lassen. Wobei er sich dann freilich oft
+mitverwandelt fühlt durch das Vorhergehende: als habe vieles sich
+erledigt, was vorher am stärksten beschäftigte, als seien Umwertungen
+eingetreten, die zuvor Unmerkliches neu betonen, Altes verjüngen, Junges
+vergreisen ließen.
+
+ (11) Innerhalb davon dürfte sich zweierlei Schaffensart unterscheiden
+ lassen, je nachdem, wie weit Aufhebung von Verdrängungen vorwiegend in
+ Frage kommt. Diese kann den Vorgang so kampf- und angstvoll einleiten,
+ daß er zunächst Widerstreben statt Freude weckt; Hermann _Bang_
+ erzählte mir, wie oft er bei Arbeitsausbruch vom Stuhl springe und ans
+ Fenster eile, hoffend, etwas Ablenkendes draußen möge ihn daraus
+ erlösen. Glücksgefühl stellt sich hier erst als abgeworfener
+ Verdrängungsdruck, als Kraftersparnis ein (analog den _Freud_schen
+ Ausführungen über die Witztechnik). Positiver, bedingungsloser wirkt
+ das Glück, wo es sich weniger um Verdrängungskampf handelt, als um
+ unwillkürlich an uns sich vollziehende Erweiterungen, Ausweitungen
+ unseres Wesens: um Beschenktwerden mit etwas, was nicht Wunsch oder
+ Versagung in unserm Dasein gewesen war, sondern was praktisch uns gar
+ nicht »lag«, d. h. unserer persönlichen Struktur nicht entsprach,
+ »verdrängt« also schon wurde mit der andrängenden Fülle unverwendbarer
+ Ureindrücke. Im tiefen Zurückreichen bis ins Infantilste kann uns
+ gerade daraus zufallen, was sich damit »werkhaft« erledigt: Ergänzung,
+ Ahnung, die hoch um uns herum reicht, uns nun erst einschließend ins
+ Menschentum Aller. Der identifizierende Narzißmus, von produktiver
+ Phantasie aus seiner Infantilität emporgerissen, beteiligt sich
+ berauscht daran, ohne daß unsere persönliche Ichhaltung praktisch
+ verändert würde.
+
+Interessant studiert es sich am Geschlechtlichen: wie durchaus es mit
+seinen Hauptkomplexen im Schaffensmittelpunkt stehen bleibt, an der
+Konzeption zutiefst damit beteiligt, und dennoch nur soweit, als es
+aufgearbeitet wurde ins -- gleichsam -- Privatwollustfreie, d. h. als
+der Zentralpunkt sich total aus dem personalen Umkreis verschob. Wo dies
+auch nur im geringsten mißlang, bedeutet die persönlich erstrebte
+Phantasiewunscherfüllung sofort das Versagen im Schöpferischen. Denn
+wohl bedarf der Künstler der Regression bis ins Infantilste und damit am
+leiblichsten Beeinflußte, aber auch nur er verhält sich auch hiezu
+»schaffend«. Der Anteil des Eros an Geistschöpferischem -- wie stark der
+Hinweis darauf auch _Freud_ verübelt wird -- gehört wohl zu den ältesten
+Erkenntnissen, und im Grunde sollte doch ebenfalls selbstverständlich
+sein, daß dafür nur _die_ Anteile daran in Betracht kommen, die wir
+nicht geradenwegs zum Normalziel abführen, sondern diesem Ziel entgegen,
+also infantil erhalten. Aber schöpferisch bedeutsam werden sie wiederum
+erst unter Beihilfe von Verdrängung: nur daß sie sich, anstatt aufs
+»Desinfantilisieren« und »Genitalisieren«, auf ein Entleiblichen des
+ursprünglich kindlich Polymorphen bezieht. Man möchte sagen:
+künstlerisches Schaffen _enthülst_ gewissermaßen aus dem Leibhaften den
+fruchtbaren Kern, der sich im Werk dann allseitig auswächst. Mit E.
+_Jones'_ Wort (aus der vorzüglichen Studie: »Die Empfängnis Mariae durch
+das Ohr«, Jahrbuch IV) gesagt, liegt im Künstlerischen: »die Reaktion
+gegen die Geschlechtlichkeit dem Streben, und ihre Sublimierung den
+Formen, die das Streben annimmt, zugrunde«(12). Daß Begehr und Reaktion,
+beide, hier gewaltig vertreten sein müssen(13), darauf gründet
+_Schopenhauer_ sein bekanntes Experiment: sexueller Reizung nachzugeben
+um dann, jählings, vom Punkt hoher Steigerung, abzubiegen in
+Geistesarbeit. Man wäre versucht zu glauben, ähnliche Experimente müßten
+sich bestätigen nicht nur bezüglich speziell-sexualer Mitwirkung,
+sondern aller Triebhaftigkeit, z. B. auch von als »böse« gebrandmarkten
+Regungen, denen wir ja nur infantil-sorglos noch ohneweiters nachgaben.
+Das noch amoralische Begehren, so dicht bei seiner Umstülpung vom
+narzißtisch Ununterschiedenen ins kraß selbstisch Verengte, mag bei
+diesem Übergang Möglichkeiten in sich enthalten, die dem Menschen nicht
+in der Praxis, nur in schaffender Phantasie, ganz aufgehen. Ist doch
+»Sexuales« wie »Böses« in diesem Sinn allein, aber darin tatsächlich,
+dem Schaffenden vermehrt zu eigen: wenn _Goethe_ versichert, er wisse
+»von keinem Verbrechen, das er nicht auch begangen haben könnte«, so
+kennzeichnet das nicht den individuellsten, sondern typischesten, den
+noch infantil-alles enthaltenden Menschen, den, auf formkünstlerischem
+Wege zielmächtigsten, aber auch den schlechthin riskiertesten. (Es
+handelt sich darum: »zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte des
+Menschen, ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen
+stammen, wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich
+ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander
+unterscheiden«; _Freud_, »Das Unbewußte«.) Entgleist der Mensch aus
+seinem Schaffenszustand, so sieht er sich infolgedessen furchtbar
+aufgehängt zwischen Nichts und Nichts: weder geborgen am Werk, noch an
+der Realwelt, worin er dem Urteil der anderen fragwürdig wurde wie dem
+eigenen, d. h. wie seinem Privatpersonentum innerhalb praktischer
+Weltgeltungen. Lassen schon Stockungen, Störungen während der Arbeit
+Künstler leicht als Neurotiker erscheinen, so gleicht die gefährliche
+Grundvoraussetzung alles Schaffens sie nahezu psychotischer Verfassung
+an: indem es sie hinter den Rücken ihres Ich zurückzieht in ihrer
+eigentlichsten Tätigkeit. Gelegentlich mehrfacher Beobachtungen habe ich
+mich immer wieder überzeugt, mit welcher Selbstverständlichkeit, bei
+unvermutetem Absturz aus produktivem Verhalten, ein Zurückfallen in
+Infantilismen sexueller Art sich einstellen kann (_Freuds_ Bemerkung
+bewahrheitend: »Das Höchste und das Niederste hängen an der Sexualität
+überall am innigsten aneinander.« Drei Abh. z. Sexth.). Gerade daran
+pflegt die Befürchtung sich zu verstärken: daß es sich wohl nicht nur um
+vorübergehende Unterbrechung handle, sondern um Nachlassen der geistigen
+Potenz überhaupt. Dies ist aber um so bedauerlicher, als
+Schaffenszustände oft geradezu derartiger Absetzungen, Aussetzungen
+_bedürfen_ mögen, solcher Erholungspausen des Bewußtseins, dem heimlich
+weitergehende Arbeit sich entzieht, etwa wie dem Auge der Säfterückzug
+in winterlichen Stamm entzogen bleibt, während dessen die Bäume sich
+umschütten mit aller Melancholie entleerten, entfärbten Laubes. Wir
+beurteilen uns eben vom Bewußtseinsauge aus, das wir prüfend auf uns
+richteten seit Überschreiten unserer Infantilgrenze; und dieser
+beurteilende, verurteilende Blick ist dann am unerbittlichsten,
+schärfsten, wie auch die Triebe an dieser Grenze hier am stärksten sich
+stauen und verstärken(14). Es ist deshalb, als ob der Schaffende noch
+einmal Kindheitsparadies wie Kindheitshölle gleichermaßen zu durchkosten
+bekäme.
+
+ (12) Ich finde eben zwei Verse von Hugo von _Hofmannsthal_, die sowohl
+ die Verdrängungshilfe beim Schaffen, als auch dessen widerspruchsvolle
+ Verknüpfung mit der Leiblichkeit hübsch wiedergeben:
+
+ 1. »Aus der verschütteten Gruft nur wollt' ich ins Freie mich wühlen,
+ Aber da brach ich dem Licht Bahn und die Höhle erglüht.«
+
+ 2. »Fürchterlich ist diese Kunst! Ich spinn' aus dem Leib mir den Faden,
+ Und dieser Faden zugleich ist auch mein Weg durch die Luft.«
+
+ (13) In seinen »Drei Abh. z. Sexth.« vermerkt _Freud_ die Tatsache,
+ daß man, obwohl dem Schönen das sexuell Reizende praktisch zugerechnet
+ zu werden pflegt, doch niemals die Genitalien selber als schön
+ bezeichnete. Sicherlich erklärt sich daraus, wie ganz die
+ Hochwertigkeit ästhetischer Betrachtungsweise sich nur gegen die
+ Gepflogenheiten der Praxis durchsetzte: auch noch die Enthüllung des
+ Nackten als Poesie bleibt insofern eine Folge des Feigenblattes.
+
+ (14) Der verstorbene junge Markus hat gut in einer kleinen Studie
+ (Zentralblatt IV, 11-12 »Die Objektwahl in der Liebe«, p. 598) darauf
+ hingewiesen, wie die _Freud_sche »Latenzzeit« es sei, worin diejenigen
+ Urteile sich in uns festsetzen, die später der Sexualität so
+ autoritativ wie aus anderer Welt gegenübertreten.
+
+Entfremdetsein von unserm Ich ist uns harmlos nur gegeben in unserer
+allnächtlichen kleinen Psychose, unserem allnächtlichen wundersamen
+Schaffenszustand, dem Traum, der schon so vielfach primitivem Kunstwerk
+verglichen wurde. Was den Traum dem Schaffen vor allem anähnelt, ist die
+ungeheuere Objektivität, womit er seinen Inhalt vor uns hinstellt, auch
+noch an das scheinbar krauseste Durcheinander verblüffende Kraft
+überzeugender Formung, Gestaltung, verschwendend. Aber nicht einmal
+diese selbst enthält, meines Erachtens, das künstlerischeste Moment
+daran: sondern erst die Traumfähigkeit _so vielem gerecht zu werden
+unbeeinflußt von unserer persönlichen Stellungnahme dazu_. Man kennt
+_Lichtenbergs_ ärgerliche Frage, warum, um alles in der Welt, sogar
+Dichter außerstande seien, fremde Charaktere derartig treffend, wissend,
+unbestechlich durch eigene Vorurteile zu verlebendigen, wie der Traum es
+mühelos erzielt. Mir ist das stets als tiefster Beweis dafür erschienen,
+daß im gesunden, unbeschädigten Narzißmus an sich selber dies
+übersubjektive Moment wirksam sei, d. h. seine Wunscherfüllungen gar
+nicht umhin können, aus tiefer Identifikation mit allem
+herauszuschaffen, weil nur dies seiner unwillkürlichen Tendenz
+entspricht. Sowohl am manifesten wie latenten Traumtext finden sich
+Teile dieser Art, die sich über das persönlich Wünschbare hinaussetzen,
+den Träumer anderen gegenüber zu kurz kommen lassen, und, wenn
+psychoanalytisch weit genug verfolgt, auf das noch Allumfassende des
+Narzißtischen führen. Nur daß im Traum der Homer schläft, der das Werken
+zunutze machen könnte. In Wachträumen dagegen, wo die geistige
+Überlegenheit nicht schlummert und wo sie auch Beobachtungen des
+Sachverhalts so erleichtern könnte, fehlt damit auch jene narzißtische
+Identifikation mit ihrer ungewollt großzügigen Objektivität: Wünsche des
+Ichs gewinnen Oberhand und zerstören mit ihrer passiven
+Selbstbespiegelung den aktiven Formdrang(15). Auch im Kunstwerk kann es
+Punkte geben, daraus Traum oder Wachtraum verräterisch reden: d. h.
+ungenügende Bewußtseinsarbeit oder aber ungenügende Ichverdrängung --
+Punkte, bei denen besonders erfolgreich Analyse ansetzen kann, während
+das künstlerisch Vollgelungene sich aller Berechenbarkeit entzieht:
+sozusagen nicht ermöglicht, auf der Linksseite des bunten Mustergewebes
+dem Verlauf der Fäden und Verknotungen nachzuspüren(16).
+
+ (15) Mir hat es sich bisweilen aufgedrängt, daß in Wachträumen sich
+ Übergang vorbereitet zu tätig-produktivem Zustand, wenn der
+ Wunschtext, der meist höchst bewußt zugrundeliegt, mit seinem passiven
+ Realisierungsspiel zur Seite weicht vor einer gewissermaßen formalen
+ Bewältigung seiner Einfälle. _Dieser Übergang selbst_ schert sich dann
+ daran illustrativ zu spiegeln, schafft sich selber gleichsam
+ Sinnbilder, so daß es dabei fast zugeht, wie bei _Silberers_
+ »funktionalem Phänomen«: nur, anstatt zwischen Wachen und Einschlafen,
+ hier zwischen Wachtraum und Produktion, also nach der anderen Richtung
+ dessen, was uns unserem isolierten Ichbewußtsein enthebt.
+
+ (16) Hinsichtlich der Psychoanalyse an lebenden schaffenden Künstlern
+ möchte ich glauben, daß man äußerst vorsichtig und streng zweierlei
+ mögliche Wirkungen auseinanderhalten muß: die künstlerisch befreiende,
+ wodurch Hemmungen, Stockungen in den formentbindenden Sublimationsvorgängen
+ beseitigt werden, und eine unter Umständen gefährdende,
+ insofern sie ans Dunkel rühren kann, worin die Frucht keimt.
+ Ob man sich ganz ans Personale, Außerästhetische, halten kann
+ bei tiefer dringender Psychoanalyse, ist kaum zu beantworten bei
+ unserem geringen Wissen um das Zustandekommen schöpferischer Vorgänge.
+
+So ist denn, ganz abgesehen von der »Begabungsfrage«, auf die beim
+Künstlertum zurückgegangen sein muß, die _Objektivierungsnötigung_ schon
+in der narzißtischen Identifikation als alles Schaffens Grundlage
+gegeben. Der Werkdrang, der Formwille ergibt sich in seiner ganzen Wucht
+aus dieser noch ungeschiedenen Einheitlichkeit von passiv und aktiv,
+wovon unsere mittleren, unsere bewußtseinsvermittelteren, abgeleiteteren
+Zustände so wenig mehr wissen, und was darum auch die Sprache in ein
+Zweierlei zerzupft (obschon wir noch biologisch »Reizsamkeit« und
+»Reaktion« als identisches Lebensmerkmal auffassen). Indem nun
+Schöpfungen der Kunst sich außerhalb des praktischen Daseinsablaufs in
+ihrer Wirklichkeit durchsetzen müssen, binden sie ihre Erlebnisweise an
+die _Wiederholbarkeit_; Form geworden heißt da: in Vorhandenheit,
+Gegenwart, Sein, beharren durch unabänderliche Festlegung bis ins Letzte
+und Äußerste, so daß jedem inneren Nachschaffen, jedem Mitgenuß das
+Ganze sich lebendig darstellt. Kinder, in ihrer Phantasiefrische, wissen
+am besten um diesen Umstand, wenn sie eifervoll darauf bestehen,
+Erzähltes absolut gleichlautend wiederzuhören, und jede Änderung daran
+als »Lüge«, als Angriff auf ein positives Sein, rügen. Diese
+Formehrfurcht, für die Form noch Inhalt in tieferem Sinn ist und
+umgekehrt, läßt leicht Kinder künstlerisch begabter erscheinen, als sich
+später beglaubigt; sie haben eben noch -- wörtlich -- »Spiel«raum dafür
+innerhalb der praktisch-logischen Realität, die sie noch nicht von allen
+Seiten zwingend umlagert und »Urgezeugtes« noch nicht an Welt und Ich
+vorbei, in ganz andere Kategorie verweist. So spielend-selig würde der
+Künstler sein Werk erleben, handelte es sich nicht darum, nachdem es ihm
+geschenkt ward, es zu übersetzen wie Träume erst in »sekundärer
+Bearbeitung« vor dem Entsinken bewahrt werden können. Eben daß es nicht
+um ein stückweis Werdendes, erst zu Erarbeitendes geht, sondern um
+Vorhandenheit, davon nur Schleier zu reißen sind, die sich verdichten,
+plötzlich undurchdringlich werden können, macht die eigentlich
+aufreibende Anstrengung bei der Arbeit aus, ihre Hast und Angst. Ohne
+die drei Allzumenschlichkeiten, die mit allem Schöpferischen
+zusammenhängen: den Kampf gegen dabei zu behebende Verdrängungen, die
+Gefahr des Entgleisens in infantile Materialität, und endlich diese
+hastende Überspannung -- wäre es eine »Anweisung zu seligem Leben«, wie
+sie sonst nichts auf Erden kennt, ein Schwelgen aus dem Vollen, worin
+Rausch und Frieden sich zur gleichen unerhörten Erfahrung einen. Nicht
+umsonst pflegt solchen Zeiten, noch ehe das Bewußtsein ihr Nahen gewahr
+wird, gleich einem Herold, Freude voranzugehen (im Gegensatz zu anderer,
+von uns mehr oder weniger als begründet gewußter Freude, eine dem
+Manischen ähnliche, wie auch jähes Vertriebensein daraus eher an
+pathologische Melancholie gemahnt als an normale Verlust-Trauer)(17). Im
+Schöpferischen, wenn irgendwo, finden wir die Farben und Bilder, womit
+sich uns fast Gotthaftes ins Irdische malt. Und wenn der Mensch sich
+einen Gott als Weltenschöpfer vorstellt, so ist das nicht nur, um die
+Welt, sondern auch des Gottes -- narzißtische -- Wesenheit zu erklären:
+mag solcher Welt Böses und Übel in Menge anhaften, der fromme Glaube
+würde erst zunichte an einem Gott, der nicht wagt Werk, Welt, zu werden.
+
+ (17) In »Über Trauer und Melancholie« (S. d. kl. Schr. z. Nl. IV)
+ wirft _Freud_ die Frage auf, warum, trotz gewisser Vergleichbarkeit
+ von Melancholie mit normaler Trauer, von Manie mit Frohsinn, wohl der
+ Melancholie Manie folge, nicht aber der Trauer Frohsinn, sondern nur
+ resignierende Gewöhnung, und ob die _Allmählichkeit_ der Gewöhnung an
+ den Verlust das verursache: »Diese Lösung geht so langsam und
+ schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für
+ sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.« Außer solchem ökonomischen
+ Gesichtspunkt kommt vielleicht noch in Betracht, daß, während
+ Normaltrauer auf ihren Einzelfall beschränkt bleibt und eben an dem,
+ was noch übrig bleibt, sich zur Resignation ausgleicht, für
+ Melancholie narzißtisch »alles« hin ist, inbegriffen das eigene, sich
+ selbst vernichtende und entwertende Ich, und ebenso der Umschlag in
+ Manie »alles« wiederherstellt, also nicht an Gräber sich gewöhnt,
+ sondern Auferstehungen feiert. Dies würde aufs Stärkste an die
+ narzißtisch-durchsetzten Zustände des poetisch Schaffenden erinnern.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen); nach einigen
+ als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen
+
+ (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« Das Kriterium des Masochismus ist --
+ (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist --
+
+ (8) Verschiedene Träume aus Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
+ (8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
+
+ -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst den außerhalb solcher
+ -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG ***
+
+***** This file should be named 35636-0.txt or 35636-0.zip *****
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+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Narzißmus als Doppelrichtung
+
+Author: Lou Andreas-Salomé
+
+Release Date: March 20, 2011 [EBook #35636]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+ Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VII (1921). S. 361-386.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+Narzißmus als Doppelrichtung.
+
+Von LOU ANDREAS-SALOMÉ.
+
+
+
+
+I.
+
+
+Was es auf sich hat mit dem _Freud_schen Narzißmusbegriff, das stellte
+sich erst allmählich immer bedeutsamer heraus, und erklärt damit
+vielleicht, warum, auch bei Gegnern und Dissidenten, der Name so wenig
+diskutiert wurde, als deckten bereits sonstige Benennungen den gleichen
+Begriff. Ursprünglich, solange Narzißmus tautologisch für Autoerotismus
+stand, war das ja in der Tat der Fall; als _Freud_ ihn dann übernahm,
+zur Kennzeichnung jener Libidophase, wo, nach autoerotischer Selbst- und
+Weltverwechslung des Säuglings, die erste Objektwahl auf das Subjekt
+selber fällt, da rührte er dadurch zugleich schon an ein
+weiterreichendes Problem: »Das Wort 'Narzißmus' will betonen, daß der
+Egoismus auch ein libidinöses Problem sei, oder, um es anders
+auszudrücken, der Narzißmus kann als die libidinöse Ergänzung des
+Egoismus betrachtet werden.« (_Freud_, Metaps. Erg. d. Trl.) Also kein
+Beschränktsein auf einzelnes Libidostadium, sondern als unser Stück
+Selbstliebe alle Stadien begleitend; nicht primitiver Ausgangspunkt der
+Entwicklung nur, sondern primär im Sinne basisbildender Dauer bis in
+alle spätern Objektbesetzungen der Libido hinein, die darin ja, nach
+_Freuds_ Bild dafür: nur, der Monere gleich, Pseudopodien ausstreckt, um
+sie nach Bedarf wieder in sich einzubeziehen. Allerdings stellte
+_Freuds_ Einführung des Narzißmusbegriffs in die theoretische
+Psychoanalyse von vornherein zu dessen Definition fest, daß die
+psychischen Energien: »im Zustande des Narzißmus beisammen und für unsre
+grobe Analyse ununterscheidbar sind, und daß es erst mit der
+Objektbesetzung möglich wird, eine Sexualenergie, die Libido, von einer
+Energie der Ichtriebe zu unterscheiden.« Mithin als Grenzbegriff
+gesetzt, über den Psychoanalyse nicht hinaus kann, bis zu dem hin sie
+jedoch therapeutisch zu dringen hat, als dem Punkt, wo krankhafte
+Störung erst ganz sich zu lösen, Gesundheit sich zu erneuen vermag, weil
+»krank« und »gesund« daran letztlich falsche oder rechte
+Aufeinanderbezogenheiten der zwei innern Tendenzen bedeuten, je nachdem
+diese sich hemmen oder fördern.
+
+Indem beides sich am personellen Träger vollzieht, grenzt es, mit dessen
+steigender Bewußtheit seiner selbst, sich desto undeutlicher voneinander
+ab: macht den Umstand immer noch unmerklicher, daß im libidinös
+Gerichteten sich etwas durchsetzt, was der Einzelperson als solcher
+entgegengerichtet bleibt, was sie löst, zurücklöst in dasjenige, worin
+sie vor ihrer Bewußtheit noch für alles stand, wie alles gesamthaft für
+sie. Denn sollen Icherhaltungs-, Selbstbehauptungstriebe sich von
+libidinösen überhaupt begrifflich streng trennen, so kann Libido nichts
+anderes besagen als eben diesen Vorgang: diesen Bindestrich zwischen
+erlangter Einzelhaftigkeit und deren Rückbeziehung auf Konjugierendes,
+Verschmelzendes; im narzißtischen Doppelphänomen wäre sowohl die
+Bezugnahme der Libido auf uns selbst ausgedrückt als auch unsere eigene
+Verwurzelung mit dem Urzustand, dem wir, entsteigend, dennoch
+einverleibt blieben, wie die Pflanze dem Erdreich, trotz ihres
+entgegengesetzt gerichteten Wachstums ans Licht. Wie wir ja auch in den
+Körpervorgängen die geschlechtliche Weitergabe gebunden sehen an
+indifferenziert bleibende kleinste Totalitäten, und wie in unseres
+Körpers »erogenen Zonen« Überlebsel wirksam sind eines Infantilstadiums,
+aus dem die Organe sich längst in Dienstbarkeit der Icherhaltung
+aufteilten(1). Die Frage lautet auch gar nicht: ob's theoretisch
+vielleicht doch angängig sei, den narzißtischen Doppelsinn eindeutig zu
+fassen, sei es, den Ichtrieb der Libido zu überantworten (als entspräche
+z. B. auch das Ernährungsbedürfnis noch einer Art von Konjugation mit
+dem Außer-uns), oder umgekehrt die Libido dem Bemächtigungsbestreben des
+einzelnen (als einer Ich-Habgier), zu unterstellen. Nein, nicht solches
+ist die Grundfrage, sondern es geht um die innere Verschiedenheit von
+Erlebnissen, die durch zweierlei Namengebung auseinandergehalten wird,
+anstatt durch gewaltsames Vereinheitlichen des Begriffs sie zu
+verwischen. Nachgehen, so weit wie möglich, so tief wie tunlich, den
+verborgenen lebendigen Tatbeständen: um das handelt sichs _Freud_scher
+Psychoanalyse, und dazu allein bedient sie sich des populären
+Gegensatzes von Ich- und Sexualtrieben. Darum erschiene es mir als
+Gefahr, wenn am Narzißmus seine Doppelseitigkeit nicht als sein
+Wesentliches betont bliebe, wenn durch Wortverwechslung mit bloßer
+Selbstliebe sein Problem sich sozusagen ungelöst erledigte. Ich möchte
+deshalb jene andere, fürs Ichbewußtsein zurücktretende, Seite daran --
+die der festgehaltenen Gefühlsidentifizierung mit allem, der
+Wiederverschmelzung mit allem als positivem Grundziel der Libido(2), an
+einigen Punkten hervorkehren, und zwar an dreien: innerhalb unserer
+Objektbesetzungen, innerhalb unserer Wertsetzungen, und innerhalb
+narzißtischer Umsetzung ins künstlerische Schaffen.
+
+ (1) Absichtlich rede ich hier nicht von Ichtrieb und »Arttrieb«:
+ namentlich seit der teleologischen Wendung des Wortes bei C. G. _Jung_
+ besinnt man sich besser darauf, wie unausrottbar viel Teleologie sich
+ darin festgenistet hat, schon von _Schopenhauer_ und vom
+ Evolutionismus her trotz dessen betonter Naturwissenschaftlichkeit der
+ Auffassung. (Vgl. dazu die Klarstellung durch Carl _Abraham_ bereits
+ in der Intern. Zeitschr. III, p. 72.) Insbesondere die infantile
+ Sexualität, die grundlegende für alle spätere, läßt sich mit Arttrieb
+ am wenigsten decken: da aber mit der Elternschaft, dem Kind-Ebenbilde,
+ auch wiederum unser Narzißmus erst recht auflebt, so brächte auch
+ sogar bei Fortpflanzung der Art uns das Wort noch um keine einzige
+ Station weit vom Ich ab.
+
+ (2) In der Tat läßt sich nur durch Hinweis auf den positiven Charakter
+ der _passiven_ Libidokomponente diese genügend unterscheiden von einer
+ bloßen »Attitüde« unseres Ich-Machtstrebens: wie A. _Adler_ sie
+ auffaßt, der dadurch zu intellektualistischer Verkürzung und
+ Vereinfachung der psychischen Vorgänge kommt. Allerdings zu einer, die
+ ihm manche Anhänger sichern mag, welche von _Freud_ abfielen, weil mit
+ der bösen Sexualität nicht zu spaßen war als einem bloßen »Jargon« der
+ Gefühlsäußerung. Aber den Mangel eines positiven Zweierlei -- das, für
+ unsere menschliche Blickmethode, nun einmal überall wirksam wird, wo
+ sich Leben regt -- muß auch A. _Adler_ sich irgendwie ersetzen: in der
+ Schroffheit und Starrheit der libidinösen bloßen Fiktion, erscheint
+ diese -- obwohl ein Minderwertigkeitsanzeichen -- schließlich als
+ dermaßen allgemein und wesentlich, daß »Psychisches« geradezu damit in
+ eins zu fassen wäre, d. h. der Gesunde, Nichtminderwertige, verlegen
+ würde um hinreichende Beschaffung von Psyche.
+
+Zunächst jedoch, schon vorweg des »trocknen Tones satt«, möchte ich von
+einem Bübchen erzählen, an dem mir besonders eindringlich zu beobachten
+vergönnt war, wie wir mit unserm Ichwerden nicht nur in die neuen
+Freuden bewußterer Selbstliebe drängen, sondern nicht minder das Ich
+sich uns vorerst aufdrängen kann als Einbuße an der Lust passiver
+Aufgenommenheit in das von uns noch nicht voll Unterschiedene. Um die
+Zeit dieses Doppelereignisses von Einbuße und Zuschuß begann das Bübchen
+sich aus einem zärtlich zutraulichen in ein weinerlich erbostes zu
+wandeln; es schlug, und nicht zum Scherz, die sehr geliebte Mutter,
+zeigte abwechselnd Zorn- und Angstzustände, und hätte sein Leid doch
+kaum klarer auszudrücken vermocht, als einst ein kleiner
+sprachkundigerer Leidensgenosse es dem geärgerten Vater gegenüber mit
+dem bittern Vorwurf tat: »Du bist so frech, und ich bin so traurig.« Die
+letzte Ursache zu alledem stellte sich damit heraus, daß das Leid sich
+löste, sobald das Bübchen aufgehört hatte, von sich in dritter Person zu
+reden, sobald, gleich schmerzlich durchbrechendem Zahn, das erste »Ich«
+sich ihm entrang. Einstweilen aber galt das neue Wort nur bei den,
+alltäglich gewordenen, Zusammenstößen mit der Umwelt; die Augenblicke
+alter Harmonie fanden immer noch statt des »Ich« das »Bubele« vor. So
+erklärte er jemandem, der ihn in den Winkel gestellt sah: »Ik bös!«
+hinterdrein jedoch, strahlend auf die Mutter zulaufend, verkündigte er:
+»Bubele wieder gut!« Erst nach Monaten trat endgültig das Bubele zurück,
+und ein völlig anderes als das verzweifelt böse Gesicht lugte durch den
+Türspalt herein, wenn er, eintretend, mit betonter Würde, die Anwesenden
+wissen ließ: »Ik komme!« Nun erst war die ständige Gekränktheit, die
+tiefe, erschrockene, geschwunden, unser aller Urkränkung: über das
+unbegreifliche Sichpreisgegebensehen an die eigene Vereinzelung, deren
+Unbegreiflichkeit sie eben als von außen bedingte erscheinen ließ. Mit
+jedem Schlag oder Schrei wider geliebte Personen, jedem rächenden
+Wehetun hatte zugleich letzte Wollust sich ausgeschwelgt, etwa in den
+Tränen der Mutter die verlorene Identität schmerzhaft wiedergenießend.
+Wie solcher kindliche Sadismus für die meiner Ansicht nach bisweilen
+doch nur sekundäre Natur des Sadistischen spricht, wenigstens als
+Umschlag aus unsern noch unbewußten Identifizierungen, so zeigt er
+vielleicht auch, wie unerhört nahe der Ödipuskomplex ihm gelegen ist:
+gerade seine überraschende Kraßheit gewinnend aus dieser Überstülpung
+der schweifenden Gefühlsweite in die Enge des Bewußtwerdens der eigenen
+Vereinzelung und damit in die Ichaggression. Übrigens war beim Bübchen
+mit der Ichgeburt der innere Widerstreit noch nicht vollends abgetan:
+das geschah erst durch eine Erscheinung, von der ich wohl weiß, daß ihr,
+durchaus nicht seltenes Vorkommen recht verschieden begründet sein kann,
+die in diesem Sonderfall sich aber gar deutlich als Notersatz für die
+eingebüßte Allesbedeutung betrug. Das Bübchen schmuggelte nämlich einen
+kleinen unsichtbaren Gefährten in die Welt seiner neuen Erfahrungen ein,
+dessen leiblichen Umriß er einem Bilderbuch entnahm, worin
+blumenbekränzten Kindern ein lustiger Junge voraufsprang, mit den Worten
+darunter: der Mai ist gekommen. Junge Mai ergab fortan den ergänzenden
+Doppelgänger zu des Bübchens jeweiliger Schicksalslage: er hatte, je
+nach Bedarf, als froh oder betrübt, brav oder bös, beschenkt oder
+bestraft, ja als tot oder lebendig ihm das Komplement zu stellen;
+ergings dem Bübchen wenig nach Wunsch, so labte es sich an des Mai's um
+so ungemessenern Wunscherfüllungen; wo aber des Glückes Überfluß das
+Bübchen umzuwerfen drohte (wie zu Weihnachten angesichts des Baumes und
+der Gabenfülle), da entschied es kurzerhand: »heute dem Mai _nichts_!«,
+und beidemale war ersichtlich, daß nicht Neid oder Schadenfreude daran
+mitwirkten: am glücklicheren Mai tröstete, am leer ausgehenden Mai
+mäßigte das Bübchen _sich_, in jener einzig echten »Selbstlosigkeit« des
+noch nicht ganz zu Alleinbesitz mit sich gelangten Selbst. Im gleichen
+Grade, wie dieser Alleinbesitz sich festigte, erschien der Mai minder
+ständig, hatte er weiteren Weg zurückzulegen bis ans Haus, das er
+anfänglich mitbewohnte; später zog er gar in eine benachbarte Ortschaft
+und endlich mußte er sich zu Bahnbenutzung bequemen und Bahnzeiten
+innehalten. Als ich nach Bayern abreiste, bekam ich ihn zum Reisegeleit,
+und bei mir verstarb er des Todes, wodurch er sozusagen bayerisch
+lokalisiert blieb, nach meinem Aufenthalt befragt, versicherte das
+Bübchen drum: »die Lou, die ist nun im Himmel.« Hinzuzufügen bliebe
+noch, daß -- gewissermaßen entlang am Mai -- des Bübchens
+Selbstbewußtsein und -vertrauen ganz sonderlich erstarkten und nicht
+leicht etwas den Vergleich mit diesem Ik aushielt, ferner aber, daß es
+noch jetzt (mit drei Jahren) einen Anlaß gibt, wo der Mai wieder
+erscheint, wenn auch »nur nachts«: das ist, wenn dies ungemein
+musikalische Bübchen auf einen psalmodierenden Singsang verfällt, den es
+in einer letzten Bescheidenheit -- und dies ist interessant -- unter
+keinen Umständen dem vielvermögenden Ik allein zubilligt.
+
+Gerade wie späterhin unsere Libido bereits bewußte Eigenschaft am Ich
+geworden, Angst erleidet bei Verdrängen, Hemmen unseres
+Bemächtigungsbestrebens, so kann sie es vorher erleiden auch infolge
+noch zögernden Zustimmens zur Herausbildung einer als eng und einzeln
+betonten Person; auch dies wirkt gleich Verdrängungsschüben, durch die
+sich in abgegrenztes Flußbett bequemen muß, was sich Meer gewähnt.
+Entsprechend der letztbemerkten Mission des Mai scheint das am längsten
+vorzuhalten bei Kindern mit starker Phantasietätigkeit, und ist aus
+wesentlich späteren Jahren als die des Bübchens mir zur Beobachtung
+gelangt. Von mir selbst entsinne ich mich eines hergehörigen Vorfalls
+aus meinem -- sehr ungefähr berechnet -- siebenten Jahr, den freilich
+ausnahmsweise Umstände begleiteten, die hier zu erörtern zu weit führen
+würde, sie fanden statt durch erstmaliges verfrühtes Hinausgeraten aus
+kindfrommer Gläubigkeit, also aus jener Gottgeborgenheit, die nicht
+unähnlich einer letzten geistigen Eihaut das Menschenkind umhüllen mag,
+mit ihrem Zerreißen die Ichgeburt in die Weltfremde(3) in gewissem Sinn
+erst vollendend. Es betraf einen Eindruck vor dem eigenen Spiegelbild:
+wie jähes, neuartiges Gewahrwerden dieses Abbildes als eines
+Ausgeschlossenseins von allem übrigen; nicht wegen etwas am Aussehn
+(z. B. als eines schöner phantasierten oder aber gewissenweckend infolge
+der Zweifelsünde jener Zeit), sondern die Tatsache selber, ein
+Sichabhebendes, Umgrenztes zu sein, überfiel mich wie Entheimatung,
+Obdachlosigkeit, als hätte sonst alles und jedes mich ohne weiteres
+mitenthalten, mir freundlich Raum in sich geboten(4). Natürlich erfahren
+Kinder und Kranke eher von dieser Unheimlichkeit, sich gerade an der
+Ichschranke zum bloßen Bildspuk, zu äffendem Schein zu werden, als
+ausgewachsene Normalmenschen, die nur der entgegengesetzte Umstand,
+diese Schrankensicherheit könne sich verflüchtigen, aus ihrer Fassung
+würfe. Wie beim Kinde das noch nicht gefestigte Ichbewußtsein, so legt
+beim psychotisch Erkrankten der Ichzerfall, jene andere Seite am
+Narzißtischen bloß, wo sich am Narzißmus erweist, daß er sich eben nicht
+mit »Selbstliebe« ganz deckt: weshalb der Psychot uns so viel darüber
+aussagt bei und durch Verlust seiner Ichgrenzen; indem er seine
+Fähigkeit zu Übertragung, zu Objektbesetzung, als nur vom Ich aus
+mögliche, einbüßt, regrediert er bis dorthin, wo man auf Einzelnes als
+solches, und so auch auf sich als den einzelnen, nicht mehr überträgt:
+nur daß ihm, wie dem Säugling, die beide allein diesen Zustand in so
+reiner Halbheit erfahren, das kennzeichnende Wort dafür fehlt, wir aber
+mit unsern Bezeichnungen schon stecken bleiben in der Mischung beider
+Hälften zu ununterscheidbarer Ganzheit, die uns nun bloß vom andern
+Rande her zu begutachten gegeben ist. Freilich gabs und gibts Leute,
+denen Namen auch für jenes Wortlose zu Gebote stehn, aber nur solche
+Namen, die das Unnennbare daran unterstrichen, um daraus das Recht
+abzuleiten, mit ihren Wörtern wie mit Entiteten umzugehn: das sind die
+Metaphysiker insbesondere älteren Datums: Doch wie wäre es, wenn wir
+eben die Nebulosität derartiger Ausdrücke uns zu nutze machten für
+andersartigen Zweck: für Unterscheidungen praktischer und faktischer
+Erlebnisseiten an unseren inwendigen Menschen? Nämlich so, wie
+zweifellos nur des Gläubigen klassische Religionssprache uns über fromme
+Zustände am deutlichsten belehrt, so auch des Metaphysikers
+Redewendungen über gewisse Existenzweisen an unserm Erleben, die für die
+Ichpsychologie, wie Sterne am Tage, unsichtbar werden; der große Fromme,
+der große Philosoph sind gleichermaßen Ausdrucksmächtige um deswillen,
+daß sie, wie der Psychoanalytiker ja nur zu gut weiß, ihre heißesten
+Antriebe aus der narzißtischen Urmacht bewahrten. Sie können den
+Erforscher menschlicher Seele ebenso beschenken, wie es sogar, hie und
+da, aus gleichem Grunde, der Psychot tut.
+
+ (3) Das Nähere ist verwendet in einer (bei _Diederichs_, Jena)
+ erscheinenden Kindergeschichte: »Die Stunde ohne Gott.« Ein Thema
+ übrigens, dem es sich lohnen würde, öfter forschend nachzugehen,
+ insofern jeder Mensch unter irgend welchen Glaubensvorstellungen
+ aufzuwachsen pflegt, und die entscheidende Stunde seines erstmaligen
+ Zweifels -- nicht notwendig schon des theoretisch bedingten, häufig
+ viel später und viel weniger tief wirksamen -- kennzeichnend bleibt
+ für sein ganzes Wesen, auch wenn dies praktisch Erfahrene zunächst
+ wieder mit theoretischer Bemühung verdrängt wird.
+
+ (4) In dem vortrefflichen Buch von G. _Róheim_ scheint mir bei
+ Erklärung der Spiegelriten die narzißtische Doppelrichtung ebenfalls
+ nicht genügend beachtet: wieviel auch in den Verboten und Geboten
+ darauf beruht, daß vom Ich, seiner Selbstbespieglung, seinen
+ Gewissensbissen, seiner sozialen Schädigung, seiner Gefährdung
+ ausgegangen wird, die entgegengesetzte Seite kam sicherlich ergänzend
+ hinzu in der Scheu des Ich vor sich selbst als dem in Begrenzung
+ gebundenen.
+
+Ein wenig hat es der Taufpate des Terminus, der Spiegelheld Narziß, auf
+dem Gewissen, wenn dabei zu einseitig die ichbeglückte Erotik allein
+herausblickt. Aber man bedenke, daß der Narkißos der Sage nicht vor
+künstlichem Spiegel steht, sondern vor dem der Natur: vielleicht nicht
+nur sich im Wasser erblickend, sondern auch sich _als alles_ noch, und
+vielleicht hätte er sonst nicht davor verweilt, sondern wäre geflohen?
+Liegt nicht in der Tat über seinem Antlitz von jeher neben der
+Verzücktheit auch die Schwermut? Wie dies beides sich bindet in eins:
+Glück und Trauer, das sich selber Entwendete, das auf sich selbst
+Zurückgeworfene, Hingegebenheit und eigene Behauptung: das würde ganz
+zum Bild nur dem Poeten(5).
+
+ (5)
+
+ »-- Dies also: dies geht von mir aus und löst
+ sich in der Luft und im Gefühl der Haine,
+ entweicht mir leicht, und wird nicht mehr die Meine
+ und glänzt, weil es auf keine Feindschaft stößt.
+
+ Dies hebt sich unaufhörlich von mir fort,
+ ich will nicht weg, ich warte, ich verweile;
+ doch alle meine Grenzen haben Eile,
+ stürzen hinaus und sind schon dort.
+
+ Und selbst im Schlaf: nichts bindet uns genug.
+ Nachgiebige Mitte in mir, Kern voll Schwäche,
+ Der nicht sein Fruchtfleisch anhält. Flucht, o Flug
+ von allen Stellen meiner Oberfläche.
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+ Jetzt liegt es offen in dem teilnahmlosen
+ zerstreuten Wasser, und ich darf es lang
+ anstaunen unter meinem Kranz von Rosen.
+
+ Dort ist es nicht geliebt. Dort unten drin
+ ist nichts als Gleichmut überstürzter Steine,
+ und ich kann sehen, wie ich traurig bin.«
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+ (Aus: »Narziß« von Rainer Maria _Rilke_. Manuskript.)
+
+
+
+
+II.
+
+
+Daß auch Objektliebe auf Selbstliebe zurückgeht, daß davon tatsächlich
+jenes Akrobatenkunststück der Monere gilt, mit deren einziehbaren
+Scheingliedern _Freud_ sie drastisch verglich, das ist psychoanalytisch
+nach allen Seiten hin aufschlußgebend und belehrend geworden. Wie in des
+heiligen Augustins: »ich liebte die Liebe«, erscheinen jeweilige Objekte
+zutiefst als bloße Anlässe, einen Liebesüberschuß daran abzuladen, der
+auf uns selbst bezogen, und nur, sozusagen, nicht recht unterzubringen
+gewesen ist. Die Frage, wodurch wir überhaupt aus unserer Selbstliebe in
+Objektlibido hinausstoßen, wurde ja auch mehrfach von _Freud_ im Sinne
+eines solchen überschüssigen Zuviel erörtert. Nun meine ich, eben dies
+»Allzuviele« daran ergibt sich aus dem Umstand, daß es bereits vom Hause
+aus, als _Richtung des Verhaltens_, unsere Ichgrenzen als solche nicht
+berücksichtigt, sondern übersteigt, _nicht ihnen gilt_, ja ihnen
+entgegen steht, was nur wieder bedeutet: es ist narzißtisch bedingt,
+d. h. in aller Selbstbehauptung zugleich Wiederauflösungswerk am Selbst.
+Sicherlich gibt es auch die ganz eigentliche, bewußt auf uns gerichtete
+Selbstliebe, die dann vom Ichvorteil, nicht von der Wollust her, ihre
+Befriedigung bezieht. Aber auch die echte Wollust wird, indem sie am
+Selbst sich ausläßt, von diesem Selbst für den forschenden Blick leicht
+überdeckt, und noch ihr Zuviel umfließt es scheinbar als ihren
+Mittelpunkt. Erst an der Objektbesetzung zeichnet sich die Libido ja als
+etwas für sich ab, in den Umrissen des Objekts wird sie uns deshalb erst
+libidinös umrissen. Dahinter aber liegt, nach wie vor, weit ausgebreitet
+das Land, daraus sie stammt, und was sich im Vordergrund in der
+Einzelfigur des Objekts so groß davon abhebt, berückt uns nur, weil es
+diese Landestracht trägt. Ich denke mir: die _Freud_sche
+»Sexualüberschätzung«, das Bemühen, das Libidoobjekt zu erhöhen, mit
+allem Schönen und Wertvollen auszustaffieren, kommt von daher: sie sucht
+es ganz und gar zum würdigen, passenden Stellvertreter dessen zu machen,
+was, im Grunde immer noch allumfassend, sich schließlich daran ebenso
+schwer völlig anwenden, unterbringen läßt, wie innerhalb des
+Subjekt-Objekts selber. Letzten Endes steht jedes Objekt so
+stellvertretend, als -- im streng psychoanalytischen Wortsinn verstanden
+-- »Symbol« für sonst eben unausdrückbare Fülle des unbewußt damit
+Verbundenen. Libidinös geredet besitzt keine Objektbesetzung andere
+Realität als solche symbolische; der Lustbezug daraus gleicht durchaus
+dem, was _Ferenczi_ einmal als »Wiederfindungslust« beschreibt: »die
+Tendenz, das Liebgewordene in allen Dingen der feindlichen Außenwelt
+wiederzufinden, ist wahrscheinlich auch die Quelle der Symbolbildung«(6).
+Fügen wir hinzu: damit auch die der Objektlibido als letztlich
+narzißtisch entspringender und gespeister. Die psychoanalytische
+Einsicht: daß auch spätere Liebesobjekte Übertragungen aus
+frühesten seien, gilt eben grundsätzlich: »Libidoobjekt« heißt
+Übertragensein aus noch ungeschiedener Subjekt-Objekteinheit in ein
+vereinzeltes Außenbild; und dieses ist damit genau so wenig in bloßer
+Vereinzelung gemeint, wie wir uns selber libidinös mit unsrer
+Einzelhaftigkeit bescheiden, wie wir vielmehr unsere Grenzen
+unwillkürlich darin zu übersehen, geringzuachten suchen.
+
+ (6) Zur Unterscheidung vom andern Lustbezug: demjenigen bloß ersparten
+ Kraftaufwands, wie er _Freuds_ Witztechnik zugrunde liegt.
+ (_Ferenczi_, Analyse von Gleichnissen, »Intern. Zeitschrift«, III, 5.,
+ p. 278.)
+
+Bekanntlich redet _Freud_ von »Sexualüberschätzung« als von etwas, wobei
+unser Narzißmus ein wenig allzugründlich sein »Zuviel« an Libido
+ausgibt, woran er verarmt, leidet, um erst durch das Erfahren von
+Gegenliebe wieder frisch aufgefüllt zu werden. Dies kehrt sich
+jedenfalls am schärfsten hervor bei solcher Libido, die damit in zu
+schroffem Gegensatz gerät zum ichhaften Bemächtigungsbestreben, also bei
+männlich gearteter. Um ganz zu bemerken, wie gewißlich unser Narzißmus
+gerade an seinen Sexualüberschätzungen, seiner Ich-Zurückdrängung sich
+auch bereichert und steigert, muß man ihn vielleicht insbesondere dort
+betrachten, wo er sich nicht so weit in den Ichbezirk hinein
+»vermännlichte«, oder wo er, ehe das geschah, einen Rückschub erfuhr in
+das Infantilere, der ichbewußten Aggressivität ferner Bleibende. Man
+wolle nicht denken, daß damit die Libido des Weibtums mit ihrem von
+_Freud_ geschilderten Umkipp (von der Klitorissexualität in die passiv
+gewendete der Vagina) überwichtig genommen werden soll: aber kommt bei
+ihr die Egoseite des Narzißmus wiederum zu kurz, so gestattet sie doch
+dafür unverkürzt den Einblick in die andere, sonst uns allzu abgekehrt
+verbleibende Seite seines Wesens. Die Wollust, sich selber zu
+überrennen, sich nicht als Ich im Wege zu stehen beim beseeligenden
+Wiedererleben noch ichfremden Urzustandes, erhöht sich daran unter
+Umständen masochistisch, sowohl den körperlichen Schmerz als auch die
+Situation der Demütigung bejahend. Dem Ich gegenüber also
+_widerspruchsvoll_, da: »die Verkehrung der Aktivität in Passivität und
+Wendung gegen die eigene Person eigentlich niemals am ganzen Betrag der
+Triebregung vorgenommen wird«. (_Freud_, Trieb und Triebschicksale.)
+Eben dieses Paradoxon des Erlebens rückt jedoch erst voll ins Licht,
+inwiefern dem Narzißmus ein Doppelvollzug von Selbstbehauptung und von
+Schwelgen in noch Uneingegrenztem ur- und eigentümlich sei, wie _Freud_
+ja überdies zugibt, wir hatten: »allen Grund anzunehmen, daß auch
+Schmerz, wie andere Unlustempfindungen, auf die Sexualerregung
+übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um deswillen man sich
+auch die Unlust(7) des Schmerzes gefallen lassen kann« (wenn _Freud_
+auch am sekundären Charakter des Masochismus festhalten will, als einer
+Reaktion auf vorangegangene, hinterdrein gleichsam nach Sühneschmerz
+verlangende Übergriffe). Innerhalb weiblich gerichteter Libido meine ich
+übrigens etwas vom sexuellen Urausdruck nicht nur verdeutlicht zu sehen
+in der Verschärfung zum masochistischen Zug, wo ja, ob auch negativ, das
+Ich als schmerzbedingendes, immerhin noch bedeutungsvoll mitwirkt; der
+Rückschub ins Passive gewährt überdies nämlich auch den erogenen Zonen
+dauernd ihren ursprünglichen Spielraum, als -- gegenüber dem Vorstoß ins
+Aktive -- dem Prinzip des Aufhaltenden, Verweilenden, also jener
+Zärtlichkeit, die hochgeeignet zur Beseelung, seelischen Verfeinerung
+der Leibesvorgänge, doch diese zugleich an ihre Kindergewohnheiten
+bindet; an infantile Erogenität des Gesamtleibes, an noch nicht
+punktuell einbezirkten Allkontakt sozusagen. Und endlich und nicht zum
+wenigsten, ist es der beharrende Überrest der Klitorissexualität selber,
+der, fürs Genitalziel überflüssig geworden, am Weibe sich an seinem
+infantilen Rückstand, sei es kindlicher oder kindischer, auslebt, bis --
+-- ja vielleicht bis das Weib »das Kind« aus sich in die Welt
+hinausgeboren hat. Auf diesem Höhepunkt weiblicher Erfahrung aber, steht
+sie, die Erzeugerin, Ernährerin, Erzieherin des Kindes zugleich dem
+Wachstum ins Männliche nahe: _ihrem_ Stück Aktivität, darin fast
+doppelgeschlechtlich ergänzt, und eben drum wieder ins Urnarzißtische
+zurückgerundet, wie es auf der ganzen Welt sich nur ermöglicht im Bild
+der Mutter, die, sich selbst fortgebend, sich selbst an der Brust hält.
+Entsprechend dem Penis-Neid des Weibes findet man deshalb nicht selten
+beim Mann jenes Sichselbst-Wiedergebärenwollen (das sowohl zu
+unterscheiden wäre vom Zurückwollen in die geliebte Mutter = Gebärerin,
+als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen
+Beobachtungen, die mir vorliegen, glaube ich darin eine weiblich
+umgemodelte Klitoris-Betonung zu sehen, indem ja, nach infantiler
+Annahme von der Analerotik her, die Klitoris auch etwas vom Leibe
+Ablösbares (den »Lumpf« aus _Freuds_ bekannter Kinderanalyse) bedeutet,
+wie es in mancher (natürlich nicht jeglicher) Schwangerschaftsphantasie
+männlicher Neurotiker sich ebenfalls Ausdruck schafft. Ich komme aber
+darauf, weil mir mehrfach auffiel, wie Mannbarwerden des Knaben zunächst
+als Bedrängtwerden von Fremdem empfunden wurde: als vergewaltigendes
+Außer-einem(8), das man in sich hineinzwingen, sich einverleiben möchte
+zu Besitz statt Besessenheit; bevor das »Zuviel« der Libido auf die
+Abfuhr ans Objekt verfällt, macht sie in solchen Fällen sich bemerkbar
+_fast gleich einer Schädigung der narzißtischen Selbstliebe_, der
+Einheit von Libido und Ich: erst an der Objektbesetzung einen die beiden
+sich dann neu in der Gemeinsamkeit ihres Entzückens am Objekt.
+
+ (7) Vgl. hiezu die Schlußseiten von _Ferenczis_ »Von Krankheits- oder
+ Pathoneurosen«, Intern. Zeitschr. IV, 5, wo von Masochismus und
+ weiblicher Genitalität als sehr dunklen Problemen die Rede ist, und wo
+ Körperverletzungen als Anlässe zu Regression auf ursprünglichen
+ Hautmasochismus (die Haut infantilste erogene Zone!) erörtert werden.
+
+ Schon früh hat sich P. _Federn_ für den primären Charakter der
+ »Passionslibido« ausgesprochen entgegen _Freuds_: »ein ursprünglicher
+ Masochismus, der nicht -- -- -- aus dem Sadismus entstanden wäre,
+ scheint nicht vorzukommen«. »Im Gegensatz dazu muß ich als sicher
+ hinstellen, daß die Libido sowohl weiblich als männlich sein kann.
+ (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist --
+ -- die passive lustvolle Einstellung des Gesamt-Ichs. Menschen, die
+ normale und masochistische Sexualität besitzen, geben an, daß die
+ masochistische Sexualität 'durch das Gehirn gehe', sie nehmen die
+ Überwältigung des ganzen Ichs selbst an«. Hiermit ist von P. _Federn_
+ für den primären Masochismus die Eignung zur vollen Liebesfähigkeit in
+ Anspruch genommen, die sich nach _Freud_ kennzeichnet als »Relation
+ des Gesamt-Ichs zu den Objekten«. (Samml. kl. Schr. z. N., IV, 274.)
+
+ (8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
+ ist mit sich selbst wie mit einer Vermummung umhüllt, Verkleidung oder
+ Maske, da etwas darin steckt, das jeden Augenblick alles in Fetzen
+ durchstoßen, zerreißen kann, und doch damit einen selber vernichten.
+ Oder: man liegt neben offenem Grab, in das ein Grabstein
+ hineinzustürzen droht, der dicht dabei hochragt und nur auf die erste
+ unvorsichtige Bewegung wartet, denn _er_ gehört ja auf diese Öffnung,
+ _einen selber_ aber begräbt sie.
+
+So scheint _nicht so sehr die Objektbesetzung_, nicht die
+Sexualüberschätzung innerhalb ihrer, unserm Narzißmus gefährlich zu
+sein: wohl aber wird er seinerseits gefährlich dem Objekt der Libido;
+sein bleibendes Eingreifen verschuldet, daß es dabei diesem Objekt
+schließlich an den Kragen geht. Denn von vornherein nur zu einer Art von
+Stellvertreterschaft zugelassen, verflüchtigt es sich in seiner realen
+Beschaffenheit nur um so mehr und mehr, je gefeierter es auftritt. Die
+typischen Liebesenttäuschungen haben ihren letzten Grund, ihren
+unabwendbaren _hierin_: _nicht erst_ im Nachlassen der Liebe durch die
+Zeit oder durch enttäuschende Einsichten, denn, ganz abgesehen von
+diesem beiden hat das Objekt ja ganz eigentlich mit seinem Leibe dafür
+zu haften, daß es weit mehr als Leibhaftigkeit sei, und mit seinem,
+scheinbar doch erkorenen, auserwählten, Sonderwesen dafür, daß es im
+Grunde Allwesenheit sei. Je weiter Liebesekstase sich versteigt, ihr
+Objekt stets üppiger, ohne zu sparen, bereichernd, desto dünner,
+unterernährter bleibt das Objekt hinter seiner Symbolität zurück; je
+heißer unsere Schwärmerei, desto abkühlender diese Verwechslung, bis,
+auf richtiger Höhe, sich Brand und Frost fast identisch anfühlen (was
+das Schicksal der glücklichen Liebe fast unangenehmer als das der
+unglücklichen, der den Partner kühl lassenden aber selber schön
+warmbleibenden, machen kann). Auch hinter der reifgewordenen
+Genitallibido, die es mit den Realitäten am ernstesten nimmt, wächst
+dies symbolisierende Verfahren, das auch im Genitalen dennoch nur die
+narzißtischen Identifizierungen durchsetzen will: die keiner
+Objektbrücken im einzelnen bedürfen, über alles sich erstreckend aber
+auch nichts außer sich gelten lassend.
+
+An der Objektlibido findet sich so manches, was ihr zugeschrieben wird,
+während mir scheint, daß es unter Umgehung ihrer, sich ziemlich direkt
+vom Narzißmus herleitet und nur in den eifrigen Symbolbildungen sich mit
+ihr zusammenfindet. Dazu gehört großenteils, was man Freundschaft
+zwischen verschiedenen Geschlechtern nennt. Bei der ungemein populären
+Diskussion dieses Themas beobachtete ich oft, wie sonderbar stark selbst
+unbefangen denkende Leute sich dagegen wehren, in Freundschaft nur eine
+Noch-nicht-, oder Schon-nicht-mehr-Liebe zu sehen, oder aber eine mit
+ihrer eigenen Verdrängung kämpfende. Meinem Eindruck nach liegt dies
+daran, daß im Freundschaftsbündnis allerdings Sexualanteile genug
+stecken, häufig jedoch solche, die ursprünglich nicht dem Partner
+zukommen, sondern sich dem Bunde mit ihm beigesellten von anderwärts:
+nämlich aus Aufarbeitungen vom Narzißtischen her, in Sublimierungen aus
+Infantilismen. Die Empfindung gewisser Nichtsexualität dem Freunde
+gegenüber bestünde damit zu Recht; nicht in gegenseitiger Erotik,
+sondern in etwas Drittem wurzelte sie: gleichviel, ob sie erwüchse aus
+noch immer infantilen Interessen oder erblühte zu hochvergeistigtesten,
+gleichviel ob die Freunde nun eins in Gott sein mögen, oder auch nur
+beim Sammeln oder Angeln. Das Wesentliche bleibt, daß, wie geliebt und
+anerkannt auch immer, der Freund letztlich gewertet, ja verklärt
+gewissermaßen, sei, er es doch erst von diesem Dritten aus wird, das im
+übrigen sogar fester zu binden imstande ist als Personalerotik, da,
+abgelenkt vom Sexualziel der Leibesbesitznahme, dafür unserer so
+aufgearbeiteten Libido gleichsam sich alles zu Besitz bietet, worauf sie
+nur irgend verfällt; in Sublimierung ihrer allerältesten autoerotischen
+Praxis kommt sie sozusagen zu einer geselligen Selbst- und
+Weltverwechslung à deux. Gut verarbeitetem und dadurch -- außerhalb der
+Genitallibido -- entwicklungsfröhlichem Narzißmus ist eben breiteste
+Umfassung freigegeben, zum Entgelt für die genitallibidinöse Enge
+sonstiger Partnerumarmung. Man könnte ja den schlechten Witz machen:
+unserm alten Autoerotismus, einstmals übers ganze Kinderkörperchen
+verteilt, gelänge es in den Sublimationsanstrengungen einfach, uns
+allmählich aus den Gliedern zu Kopfe zu steigen, als recht eigentlicher
+»Verlegung von unten nach oben«. Von diesem Sprungbrett nun aber,
+gelingt ihm jener gewaltige Absprung erst, der die Bedeutung der Libido
+fürs kulturelle Leben überhaupt erneut, der Sprung vom _leibhaft
+Libidobetonten in die Welt sachlicher Betonungen_, von infantilster
+Selbstbezogenheit mitten hinein ins Außen-gegenüber. Dies Außen nicht
+symbolistisch verbrämend, sondern sachlich begutachtend, es real
+nutzend. Dadurch, daß es immer wieder noch unser Narzißmus selbst ist,
+woraus -- im Normalfall und in idealer Konsequenz -- auch noch die
+geistigsten, weitumspannendsten Aufarbeitungen sich ergeben, bekommt er,
+der Leibentsprungene, nun neuerdings, auf neue Weise, doch wieder
+Realboden unter die Füße: Sachlichkeit ist das gloriose menschliche
+Ziel, das dem Narzißmus endlich im Dienst von Forschung oder
+Fortschritt, Kunst oder Kultur, als verwandelter Eros zuwinkt wie aus
+Träumen der Kindheit. Wo er in kindischen Träumen stecken blieb, wo sein
+großer Sprung zu kurz ausfiel, da entgleist er auch an sich selbst ins
+Pathologische, Bodenlose.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Was bedeutet nun im Grunde dieser Überschätzungsdrang, der das Objekt
+aus seiner Einzelheit und Wirklichkeit ins symbolisch Gewertete und
+Gültige rückt, und der, im Parallelvorgang dazu, den narzißtischen
+Urtrieb sich in Sublimationen hinaufarbeiten läßt? Beides beruht wohl
+darauf, daß der bewußtgewordene Mensch sich, je länger je mehr, genötigt
+sieht, mit seinen infantilen Identifikationsmethoden stets indirekter zu
+verfahren, d. h. also: sich ihre Undurchführbarkeit stets
+gleichnishafter zu verhehlen. Das ermöglicht er durch Wertübersteigerung
+des stellvertretenden Stücks: im _Wertüberschuß_ wird es gleichsam
+wieder zum Inbegriff selber, ersetzt diesen im Geist. Der narzißtische
+Libidobetrag, der damit darin stecken bleibt, besticht erfolgreich das
+der Realität immer angepaßtere Urteil, schließt mit diesem einen
+Vermittlungspakt, wonach recht eigentlich »Wert« symbolisch für
+Inbegriff, für »Ein und Alles« steht. Wertproblem überhaupt ist immer
+und jedesmal Libidoproblem: lediglich durch Anleihe beim libidinösen
+Zustand enthebt irgendwas sich der Begrenztheit, Aufeinanderbezogenheit
+des Übrigen. _Alles_ Werten strebt dem Überschätzen entgegen und hinweg
+aus der Relativität des Einzelngeltenden: es langt, verlangt unabwendbar
+nach Überzeugtsein durch Glauben (jenem Glauben, bei dem »kein Ding
+unmöglich« ist, sogar nicht die Wiederanknüpfung infantilsten Urtraums
+an sachlichste Welterfahrung; mag auch dabei unser sich sublimierender
+Narzißmus, dieser idealisierende Streber, uns dabei einigermaßen ähnlich
+werden lassen ewigen Toggenburgern, die ihren Liebesgegenstand um so
+reichlicher anhimmeln, als sich ihre reale Vermählung mit ihm
+unvollziehbarer erweist). Mit wie vielen Beweisen und Begründungen wir
+auch vorzugehen pflegen, nie gelingt darin Überzeugendes ohne
+heimlich-persönlichsten Anschluß an die narzißtische Forderung in uns;
+und wiederum: ist sie genehmigt, dann gelänge es keiner Gegenmacht, uns
+um-zuüberzeugen: versicherten wir noch so bescheiden, es ergäbe sich
+dadurch wohl nur eine subjektiv-gültige Bewertung, wir wissen sie
+trotzdem als end- und allgültig, so gewiß unser Narzißmus selbst nichts
+weiter ist, als das im Gefühlserlebnis noch dunkel festgehaltene Wissen
+_um unser Subjektivstes als unsere objektive Anschlußstelle_. Von aller
+Metaphysik, sofern sie das »Sein« mit »Gott« als absolutem Wertprinzip
+in Übereinstimmung zu bringen trachtet, gilt darum, daß sie nicht nur in
+ihrer Denkungsweise narzißtisch mitbedingt, sondern an sich das
+philosophisch aufgearbeitete Abbild des Bundes von Narzißmus und
+Sachlichkeit ist. Am unmittelbarsten vielleicht tritt dieser doppelte
+Sachverhalt hervor in der Frage nach dem _Lebenswert_, der nur durch
+ihn, erst durch ihn, zur Frage _wird_, indem es hier um den
+Narzißmuswert selber geht, ob auch das Urteil darüber sich ergehen mag
+wie über ein sachlich gegenüberstellbares Objekt. Im Lebensrausch als
+solchem -- wovon ja dem Gesunden hilfreich was in Blut und Hirn kreist
+-- also im narzißtisch hinter allem weiterbeharrenden Rausch, behält
+ewig der Optimist recht; bei Absehen von dieser innern »unsachlichen«
+Voraussetzung der Pessimist, d. h. der libidolos, »lieblos« Urteilende,
+nur eben unrecht hinsichtlich des Lebensträgers, des allein und
+eigentlich Lebendigen! Wo das Narzißtische im Menschen zu stark
+übergreift, da bringt seine Allzu-Zuversichtlichkeit trotz ihrer
+lebensweckenden Kräfte ihn in peinlichen Anprall an die Außenrealität;
+wo es dagegen zu geschwächt dem realgerichteten Urteil unterliegt, da
+bringen selbst dessen beste, glücklichste Erfolge keinen wirklichen
+Frohmut zustande. Darum gleicht sich dem sogenannten Normalen das Dasein
+ungefähr aus zwischen diesen beiden Richtungen, die gleichsam
+andeutungsweise, innerhalb der Normalität, etwas vom »Manischen« und
+etwas vom »Melancholischen« enthalten; auch normalerweise schon
+übertreibt sich der Tatbestand beidemale fälschend -- und sagt damit
+dennoch mehr aus, als die gemäßigtesten Zustände tun, wenn sie sich
+_sehr_ weit von »Haß wie Liebe« entfernen: dermaßen _ist_ »Leben« total
+nur in seinen Überschätzungen nach beiden Seiten, in seinen zu absoluten
+Wertabschätzungen, in etwas über alles Stückhafte hinaus, _wahrhaft_,
+als »Leben« vorhanden.
+
+Aber das narzißtisch bedingte Werten wird erst Problem, wird auch erst
+Leistung, recht eigentlich da, wo »wertvoll« und »libidobesetzt«, nicht
+so unmittelbar in eins fallen wie in der Frage nach dem Lebenswert
+selber: wo, statt dessen, die Wertgebung voraussetzt, daß, um sie zu
+vollziehen, wenigstens das Infantilste der Stellungnahme dazu
+aufgegeben, umgestellt sei. Mit anderen Worten: wo der symbolisierende
+Idealisierungsakt am Objekt schon begleitet ist vom sublimierend
+aufarbeitenden Akt am Trieb selber (scharf zu unterscheidende Vorgänge,
+die zu verwechseln _Freud_ mit Recht gewarnt hat). Es ist
+außerordentlich interessant, daß vom Narzißmus her nicht nur des
+Objekts, sondern auch des Subjekts Aufstieg ins immer »wertvoller«
+Aufgearbeitete möglich ist, was _Freuds_ Wort vom Narzißmus als
+»Keimpunkt des Idealbildens« schon früh (»Z. E. d. Narz.«) festlegte.
+Dieser Punkt wird wesentlich, sobald unser Selbstbildnis infolge von
+Realerfahrungen daran, uns zu enttäuschen beginnt: »Unserm Ideal-Ich
+gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich
+genoß« (_Freud_, ebenda). Weil hiefür aber auf die Dauer unsere
+infantile Wunschpraktik nicht ausreicht, nachdem das Weltgegenüber immer
+sachlichere Maßstäbe an uns legt, so entsteht damit eine Nötigung zu
+gewissen Rangordnungen in uns, zu Stufungen, Gliederungen auch in
+unserer Triebwelt. Unser Ebenbild, hineingewünscht ins Ideale, wirkt mit
+dessen Dimensionen auf uns zurück, manche Züge unterstreichend, andere
+ausradierend; noch fühlen wir uns schön und groß, ja erst recht groß,
+aber doch nur, sofern wir uns auch, in den abweichenden Zügen, auch
+klein oder zu häßlich finden, uns mißschätzen _können_, angesichts des
+Idealbildes, das wir sind und doch nicht in all und jedem sind. Diese
+Rückwirkung auf uns, vom narzißtischen Geformten nun ideal, religiös,
+ethisch oder wie immer, soll man ja nicht gering anschlagen. Es bleibt
+wesentlich selbst nach Abzug dessen, was bei seiner Bildung von fremden
+und Außenfaktoren in Betracht kam: einmal den Geboten und Verboten
+unserer Erzieher, unserer Umwelt, dem feineren oder gröberen Drill;
+sodann jenes Quantums Objektlibido(9), die uns an die pflegenden und
+bevormundenden Personen bindet und sie selbst zu nachahmenswertesten
+Symbolen aller Idealwerte umschafft. Dennoch sind wir bei alledem auch
+von uns aufs Stärkste beteiligt: wie der Narzißmus innerhalb der
+Objektlibido das Personelle symbolisch hochzutreiben weiß, wie er sich
+in immer sachlich weiterfassenden, geisthaftern, abstraktern
+Zusammenhängen noch durchsetzt, so kommt er auch von sich aus zu letzter
+Wertautonomie. Sagt ihm am frühesten sein Gefühl, heiß wünschend: »Leben
+schon gleich Wert!« so vollendet sich das reifste in einem _fordernden_:
+»Nur Wert allein wahrhaft Leben«, und auch noch diese absolut sich
+gebärdende, über das Sein gesetzte Wert-Überwertung (die doch um des
+Seins halber überhaupt erst anhob), dieses Ethische in Reinkultur, auch
+das ist noch als Höchstleistung unseres Narzißmus zu buchen.
+
+ (9) Vortrefflich prägt den Unterschied zwischen Drill und
+ Liebesgesinnung eine (mir gesprächsweise in dieser Form bekannt
+ gewordene) Bemerkung I. _Marzinowskis_: Im einen Fall sucht man
+ Heimlichkeit über eine Verfehlung zu wahren, den Strafakt zu umgehen,
+ als sei sie damit wie unbegangen, im anderen Fall ersehnt man im
+ Gegenteil Beichte, Bekenntnis, auf die Knie sich zu werfen, an die
+ Brust dessen, für den man _liebenswert_ sein will. -- Weniger
+ einverstanden bin ich, wenn _Marzinowski_ in: »Die erotischen Quellen
+ des Minderwertigkeitsgefühls« (Zeitschr. f. Sexualw. IV) ohneweiters
+ volle Reife darin sieht, über das Verlangen nach Gegenliebe, zur
+ Liebesautonomie: »wenn ich dich liebe, was gehts dich an!« zu kommen.
+ Zwar stimmt dies zu den sittlichen Anforderungen bestechend, klingt
+ prächtig selbstlos, redet aber recht oft die Sprache unseres
+ Narzißmus, der noch _gar nicht bis zur vollen Objektliebe gelangte_.
+ Man denkt sich unter narzißtisch Veranlagten zu ausschließlich von
+ Gegenliebe Abhängige (was weit mehr von den bewußter Ich-Eitlen oder
+ aber Narzißmus-Schwachen gilt) anstatt Selbstgenügsame, _weil_
+ unbewußte Allteilhaber, die auch im Objektlibidinösen nur sehr lose an
+ den Äußerungen vom Objekt her hängen. Bedrängt durch narzißtisches
+ Zuviel, kann ihnen höchst egoistisch »Geben seliger denn Nehmen
+ werden«, d. h. sie dankbarer stimmen für eines Menschen Gewalt, Liebe
+ in ihnen zu wecken, als für seine Gegenliebe, die sie leicht beschämt
+ und neu bedrängt.
+
+Mir erscheint dieser Umstand um so bedeutsamer, als er klarlegt, von wie
+tief her psychoanalytische Einsicht in die ethischen Unter- und
+Beweggründe dringt: _Freuds_ Ausspruch vom »narzißtischen Keimpunkt des
+Idealbildens« rückt ebenso weit ab von metaphysischen Notbehelfen bei
+Betrachtung psychologischer Tatbestände, wie von jener rationalistischen
+Einstellung, die überall auf Außeneinflüsse zurückgeht (Nutzen oder
+Zwang unter nachfolgender Sanktion). Mit _Freud_ reicht die Frage so
+tief, als der Mensch Menschlichem zu folgen imstande ist: ins
+Ursprünglichste seiner selbst, dorthin, wo er seiner selbst bewußt wurde
+und diese Vereinzelung wiederzuergänzen sucht, noch entgegen der eigenen
+Triebgewalt in Gehorsam oder Liebe, um auf solchem Umweg das Urerlebnis
+der Allteilhaftigkeit wiedererneuen zu können. Würde das immer schärfer
+unterschiedenere Ich sich überrennen lassen vom Durcheinanderlaufen der
+Triebe, so bliebe es auf ein gewaltsames Infantilisieren beschränkt, dem
+die Außenwelt verloren geht, ohne daß der Urzustand des ihrer noch
+unbewußten Kindes wiederherstellbar wäre. Freilich ist ja die
+Ineins-Setzung unserer selbst mit Höchstwerten einerseits ebenfalls eine
+phantasierte Wirklichkeit, ob wir ihr noch so sehr nachstreben:
+anderseits aber verbürgt gerade dies Unbedingte daran, wie ganz aus
+unserm Wesen gebürtig sein muß, was wir mit so großer Gebärde gutheißen.
+Und in der Tat: wir sind es ja, die sich selbst enttäuschen oder
+mißfallen, der Gemaßregelte mit dem von seinem Idealwert ganz Benommenen
+bleiben untrennbar eins in uns, deshalb der narzißtische Liebesquell
+unentleert (weshalb auch neurotisch der an sich schier Verzweifelnde und
+der sich nahezu gottgleich Wähnende so verblüffend dicht beieinander
+stehen). Insofern bildet alle echte Ethik, alle ethische Autonomie,
+zweifellos ein Kompromiß zwischen Befehl und Begehr, während sie gerade
+das am prinzipiellsten zu vermeiden sucht: das Begehrte macht sie zwar
+unerreichlich, durch die Idealstrenge des geforderten Wertes, dafür aber
+bezieht sie das Befohlene tief ein in den Urtraum allesumfassenden,
+allesuntergründenden Seins. Dieser Kompromißcharakter verrät sich
+deutlich auch noch an den starrsten Wertsetzungen -- ja gerade an denen
+-- den unterirdischen Zusammenhängen von Gesolltem und Gewünschtem,
+oder, anders benamst: von Ethik und Religion. Kann keine Religion ein
+irgendwie ethisch gültiges Moment entbehren (d. h.: daß das Kind zum
+Vater _aufblicke_), so ebenso gewißlich keine ethische Selbstbezwingung
+ein Moment der Mutterwärme, die sie darüber hinaus umfängt. Alles, was
+wir »sublimieren« nennen, beruht einfach auf dieser _Möglichkeit, auch
+noch Abstraktestem, Unpersönlichstem gegenüber etwas wahren zu können,
+von der letzten Intimität libidinösen Verhaltens_; nichts als dies
+ermöglicht den Vorgang, wobei: »die sexuelle Energie -- ganz oder zum
+großen Teil -- von der sexuellen Verwendung abgelenkt und anderen
+Zwecken zugeführt wird« (_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Im religiösen
+Erlebnis, im »fromm« gerichteten Menschen, schießt früheste,
+elterngebundene Objektlibido in die narzißtische Strömung mit hinein,
+und schafft damit eine rechte Glanzleistung des Narzißmus: indem nun
+beide gemeinsam münden im Gotteswert, als dem zugleich Allesbeherrschenden
+und Allerintimsten. Was dem Objekt der Libido sonst so übel
+bekam: das Sichverflüchtigen des Personellen in immer stellvertretendere
+Symbolik, eben das bringt es am Gotteswert zum Meisterstück,
+nämlich dermaßen zum Symbol aller Liebessymbole, daß Gott
+sich daran verpersönlicht(10).
+
+ (10) So sehr freilich, daß die Objektidealisierung sogar die
+ Triebsublimierung lähmen kann, und der Gott mehr Entzücken bewirkt als
+ Moral. Übrigens ist es massiv und richtig Gläubigen auch meistens nur
+ selbstverständlich, wenn etwa im Jenseits neben hochsublimierten
+ Glückssorten auch die infantilsten Wünsche sich drastisch durchsetzen
+ -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher
+ Gläubigkeit Stehenden erscheint das nicht folgerichtig, beleidigt
+ seine moralische Logik; und doch lediglich, weil _sein_ erhöhtes,
+ »frommes« Verhalten den stofflichen (Kinder-) Himmel und zugehörigen
+ Personengott, von sich aus, in sich selber, wertend ersetzen muß. Ihm
+ geschieht es deshalb leicht, sich selbst gegenüber weniger ehrlich zu
+ bleiben, und trotz seiner nüchternern sachlichern Einsicht, den
+ narzißtischen Grund und Boden zu verleugnen (den der naive
+ Glaubenshimmel ruhig mit überwölbt), weil er auf seiner obersten
+ irdischen Kippe balancieren muß.
+
+So muß denn das, was zuinnerst des Religiösen wirksam ist -- die
+Richtung auf ein vertrauensvoll idealisierendes Narzißtisches -- auch
+den von üblichen Glaubensvorstellungen Gelösten in seinen
+Sublimationsbestrebungen orientieren, sollen sie ihn nicht in eine
+Entfremdung zu sich selber geraten lassen. Soll er nicht, dem ihm
+Wertvollsten hingegeben, es nicht zugleich hoch über ihn hinwegfliegen
+sehen, ihn nur gerade so weit mit emporreißend, daß er beschämt und
+entrüstet auf sein flügellahmes Selbst heruntersieht, kurz, daß er statt
+des beabsichtigten Fluges in Gewissensängste, Schuldgefühle niedersinkt.
+In ernsthaftester Weise ist _Freuds_ Warnung zu beachten: sich über
+gegebenes Vermögen an Sublimationen zu »übernehmen«, heiße nicht
+Vollkommenheit, sondern Neurose vorbereiten. Aber wieder stoßen wir
+dabei darauf, wie tief und nüchtern _Freud_ sich psychoanalytisch die
+Ethikprobleme auch hinsichtlich des Schuldbewußtseins erschließt: wie --
+wiederum sowohl abseits von metaphysisch als auch von äußerlich
+(utilitaristisch) vorgenommenen Lösungen -- die Frage sich ihm dahin
+beantwortet, daß unser narzißtischer Größenwahnrest auch noch dem
+ethischen Ehrgeiz, dem Aufwärts- und Vorwärtstreiben des real angepaßten
+Ich, zugrundeliegt, wobei dann am Wege verachtet zurückbleibt, was der
+anstrengenden Gangart nicht gleich folgen kann. Bis der Mensch »sich«
+nur noch von demjenigen aus ansieht, was er allein als Sein wertet, ohne
+es doch _sein_ zu können, und deshalb seine eigene Beschaffenheit zu
+verdrängen, zu verleugnen suchen muß, ohne von ihr doch frei zu werden.
+Verhältnismäßig harmlos erweist solcher Vorgang sich noch beim Strafe
+befürchtenden »Drill«, ja sogar noch beim Gehorsam aus objektbesetzender
+Liebe, die sich nicht genug tat: rührt er jedoch bis an den
+narzißtischen Urgrund der ethischen Phänomene, dann ist
+Schuldbewußtsein, Reue bereits nur noch Name für Erkrankung. Darum sind
+wohl alle Neurosen immer auch Schuldneurosen, und immer unter dem
+Kennzeichen, daß der Mensch aus der instinktsicheren Gesundheit seiner
+Selbstachtung sich hinausgedrängt fühlt, trotzdem er als Neurotiker gar
+nicht der Typus des »Begehrenden«, sondern der des empfindlich
+reagierenden Gewissens zu sein pflegt, und eben deshalb die rumorenden
+Wünsche überängstlich hinter Schloß und Riegel hält. Eine Vertiefung
+dieses Zwiespalts bis zum Bruch ist es, wenn im Gegensatz dazu der
+Psychot das Gewissen außer Spiel gesetzt sieht, triebhemmungslos wird,
+und wohl nur da und nur dann bloßer Phantasieverbrecher bleibt, sofern
+er schon zu negativistisch von der Realwelt abgekehrt steht um handelnd
+in sie einzugreifen. Weshalb ja auch das neurotische Pathos in ihm zu
+ironisierendem Tonfall umschlagen kann, worin sein Ich, gleichsam schon
+unbeteiligter, machtloser Zuschauer, noch seine Kritik zum besten gibt,
+nachdem es seinerseits dem Ausschluß, der Verdrängung verfiel, sich
+desorganisierte und dadurch an Stelle der ihm gegenübergesetzten
+Realwelt die Technik der primitivsten narzißtischen Wunschproduktion in
+Wahnbildern am Werk sehen muß. (Traumtechnik des Gesunden.)
+
+Ich gerate auf diese scheinbare Abschweifung aber deshalb, weil mir
+vorkommen will, als gäbe es ein Analogon für »neurotisch« und
+»psychotisch« auf dem Gebiet der Ethik für den Normalzustand. Nämlich
+außer Schuldgefühlen, bezogen auf das Ich, seine Mängel und Taten, auch
+noch ein ähnliches Enttäuschungsgefühl an Leben und Welt, wobei wir uns
+aber mitschuldig fühlen, dem wir also nicht pharisäisch oder bettelnd
+als etwas anderes gegenüberstehen, sondern wobei wir _verletzt sind_ an
+einer _narzißtisch überlebenden Urverbundenheit_. Natürlich drückt dies
+das Infantilere aus im Vergleich zum ichgerichteten Gewissen, das ums
+eigene Spezialseelenheil Sorge trägt, es kann aber daneben
+weiterbeharren. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit und von noch
+später her eines grotesken Herzwehs über enttäuschende Mängel anderer,
+die mich weit mehr »ethisch« grämten als die eigenen Mängel: denn was
+konnte es nützen, vollkommener zu werden, wenn es nicht um das Ganze der
+Welt, und nur darum auch mich mit einbegriffen, derartig vollkommen
+bestellt war? Entzücken und Dankbarkeit riß mich hin, wo etwas solchen
+Glauben zu bewahrheiten schien, und enthob mich damit betrüblich rasch
+jeder persönlichen Gewissenssorge, welche Figur denn ich mitten drin
+machen würde. So viel Kindisches das auch ausdrückt, so liegt doch
+fraglos eine Spur Ironie in dem Umstand, daß der Andere, Gewissenhafte,
+der von seiner Selbstsucht am ethischesten loskommen Wollende, am
+eifrigsten und ständigsten mit sich beschäftigt bleiben muß, sich weder
+in Herzweh noch Herzenslust völlig vergessen darf. Deshalb sind auch
+noch bei der ethischen Einstellung zweierlei Verhaltungsweisen
+unterscheidbar: die eine vorwiegend von den Wertanforderungen des
+Ichbewußtseins aus und das Ich strebend im Mittelpunkt haltend, die
+andere von den alten Identifizierungskünsten des Narzißmus aus, aber
+gleichfalls aufgearbeitet in ethisch gerichtete Wunschträume. Dies
+jedoch dient aus einem bestimmten Grunde einer wichtigen Seite der
+Sache: denn offenbar entnimmt ja alle Ethik ihren Hauptcharakter, eben
+ihre Unbedingtheit, Absolutheit, Allgültigkeit dem narzißtischen
+Urzuschuß, der so sehr für alles Übermäßige zu haben ist, und
+»ethisiert« uns erst an diesem fragwürdigen Material. So kommt es zu
+Wechselwirkungen von beiden, deren Paradoxie, näher betrachtet, schwer
+überboten werden könnte. Gibt es doch keine Askese oder Gesetzesstrenge,
+kein endgültiges Verachten des Realen, das nicht nach dem narzißtischen
+Helfershelfer dabei riefe, erst er, der begehrliche, wunschdreiste,
+lehrt uns auch das: »geh an der Welt vorüber, es ist nichts.« Und
+anderseits: eben die absolut gerichtete Ethik bedarf der ganzen Fülle
+des Möglichen und Wirklichen, muß allen Sonderfällen des Geschehens
+gerecht werden, alle Aufeinanderbezogenheiten berücksichtigen, denn um
+der Menschen und ihres Heils- und Glückstraums willen ist sie da, vom
+kindlichselbstischen bis sublimen Egoismus des Himmelsstürmers und
+Gottsuchers. Dies Wesen der ethischen Praktik, die ihre Unbedingtheit
+narzißtisch bedingt, sowie wiederum diese strenge, hoheitsvolle
+Wertmiene des ethisch verwendeten Narzißmus, ergeben einen derartigen
+Knäuel von Widersprüchen von Fall zu Fall, daß man ruhig behaupten kann:
+nur rein schematisch verfuhr, wer jemals, über den Einzelfall hinaus,
+diese lebenstrotzende Wirrnis in glattem Faden aufwickelte.
+
+Nun kann ich aber dies Thema nicht abbrechen, ohne eines hinzugesetzt zu
+haben: nämlich wie sehr eben dies meine ganze Hochachtung und Ehrfurcht
+vor dem Phänomen des »Ethischen« im Menschen geradezu ausmacht. Denn
+erst dadurch erhebt es sich zu den schöpferischen Betätigungen,
+ungeachtet es auf Gesetz und Regel und Soll ausgeht. Ja durch die
+Reibung innerhalb solchen Widerspruchs -- durch die Unbedingtheit, die
+dennoch sich lediglich durchzusetzen vermag »von Fall zu Fall«, d. h. im
+lebendigen Vollzuge allein -- wird es _die_ schöpferische Tätigkeit par
+excellence, vollziehend das, was »nie und nirgends sich begeben«. Ethik:
+sich erst voll ausweisend im vorschriftsmäßig am wenigsten zu
+Schlichtenden, im Durcheinandersichkreuzen der Gebote und Verbote, erst
+damit wahrhaft autonom das Gültige zum Erlebnis hebend.
+Begreiflicherweise bleibt Vorschrift, Gesetz, das prinzipiell betonteste
+da, wo heimliche Wunschzutaten abgewehrt werden sollen, trotzdem aber
+ist in irgend einem Sinne »Ethik« auch immer zugleich das
+Unvorgeschriebene, schlechthin Gedichtete, d. h. trägt in all ihrem
+Tateifer wie ihrem Werk zugleich das Stigma des Verträumten, woraus
+Dichtertat sich zum Werke formt. Nur, leistet der Dichter »träumend«, so
+handelt in die Praxis hinein der ethisch gerichtete Mensch: wagt seinen
+Traum an Realität, Drangsal, Erfahrung, an den Anprall aller Zufälle und
+Wirrnisse. Darin liegt die Würde des Bruchstückhaften, nie Vollendeten,
+was ihm allenfalls gelingt, verglichen mit künstlerischer Werkrundung,
+deren Abseits er nicht ertrüge, die er sprengt, um sie nochmals und
+nochmals aufs Spiel zu setzen. Ethik ist _Wagnis_, das äußerste
+Wagestück des Narzißmus, seine sublimste Keckheit, sein vorbildliches
+Abenteuer, der Ausbruch seines letzten Mutes und Übermutes ans Leben.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Bei dem, was Kunst genannt wird, künstlerisches Schaffen, oder sagen wir
+allgemeiner: poetisch anstatt praktisch gerichtete Betätigung, braucht
+man die narzißtische Kinderstube nicht erst an Restbeständen daraus
+aufzuspüren wie bei Objektbesetzungen oder Wertsetzungen: unmittelbar
+nimmt es immer wieder von dorther den Ausgang, auf eigenem Pfad,
+verfährt bis in alle letzten Ziele, narzißtisch »wertend« und
+»besetzend«. Die gleiche Methode stünde uns allen auch lebenslänglich,
+jeglichen Augenblick und bei jedem Eindruck zu Gebote, würden wir uns
+durch unsere logisch-praktische Anpassung an die Ich- und Realwelt nicht
+ihrer so grundsätzlich entledigen, daß wir meistens nur erinnernd
+dorthin zurückkönnen, wo Innen-Erlebnis und Außen-Vorfall noch
+ungetrennt für dasselbe Geschehen stehen. Für dies Erinnern gilt darum
+etwas anderes als fürs Gedächtnis, wovon _Freud_ vermerkt, es scheine:
+»ganz am Bewußtsein zu hängen, und ist scharf von den Erinnerungsspuren
+zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Unbewußten fixieren«
+(Fußnote aus »Das Unbewußte«); denn diese sind im Bereich wirkender
+»Sachvorstellungen«, nicht davon abgezogener »Wortvorstellungen«
+(_Freud_) zu denken, dieser bloßen Verständigungskonventionen, deren wir
+uns gedächtnismäßig bemächtigen. Äußerste Exaktheit, Triumph besten
+Gedächtnisses, kann so in umgekehrtes Verhältnis geraten zu
+Erinnerungsklarheit, die, in lebendigem Zusammenhang der Eindrücke
+wirksam, gleichsam nur an Leben entlang sich ins Bewußtsein hebt:
+Gedächtnis _haben_ wir, Erinnerung _sind_ wir. Das allein ist der Grund
+des unkünstlerischen bloßen »Abbildes«, und gilt darum weder für Kinder
+noch für Primitive, sofern sie Reales noch phantastisch, Phantasiertes
+als real nehmen können. Am schönsten kennzeichnet die vorgetäuschte
+Bewegung des Films den Gegensatz zu Erinnerungsbewegtem: man könnte sich
+sogar denken, daß derartige, dem Gedächtnis allzu tadellos nachhelfende
+Vergegenwärtigungen von Vergangenem, Erinnerung auf tödliche Weise
+beeinflussen würden, sie desorganisierend, zersetzend in ihrer
+grundliegenden Totalität. Gewissermaßen ist ja Erinnerung ein nie nur
+»praktischer«, immer auch schon »poetischer« Vollzug: sie ist damit
+sozusagen das einem jeden von uns aufbewahrte Stück Dichtertum, Ergebnis
+zugleich Distanz schaffender, bewußte Überschau ermöglichender
+Vergangenheit, und ewig-erneuter Aktualität und Affektivität, auch wo
+sich beides nicht so formend zusammentut wie im Werk des Poeten. Poesie
+ist Weiterführung dessen, was das Kind noch lebte und was es dem
+Heranwachsenden opfern mußte für seine Daseinspraxis: Poesie ist
+perfektgewordene Erinnerung.
+
+Nun gibt es nichts, was tiefer in Kindheitseindrücke zurückbrächte, als
+aufgehobene Verdrängungen und nichts strebt von sich aus heftiger nach
+solcher erinnernder Befreiung als das kindliche, noch so ganz von
+Geboten und Verboten der Erwachsenen umstellte Leben. An die infantilen
+Verdrängungen schließen die spätern sich an -- bilden damit den »Schatz
+von Erinnerungsspuren, welche der bewußten Verfügung entzogen sind, und
+die nun mit assoziativer Bindung das an sich ziehen, worauf vom
+Bewußtsein her die abstoßenden Kräfte der Verdrängung wirken. Ohne
+infantile Amnesie, kann man sagen, gäbe es keine hysterische Amnesie«
+(_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Schon früh, in seiner Studie über »die
+Dichter und das Phantasieren«, faßte _Freud_ daher Kunst auf als
+Spezifikum gegen Verdrängungsgifte, und welche Erweiterungen seine
+Arbeit über den Gegenstand auch seither durch ihn erfuhr: dieser
+Hauptpunkt bleibt derselbe, wenn er auch den Unwillen der Künstler
+erregt infolge meist zu flacher Auslegung. Man achtet nämlich zu häufig
+nur darauf, daß die Kunst Wunscherfüllungen gewährleistet, die sonst gar
+nicht oder nur strafbar oder endlich krankhaft sich durchsetzen, man
+übersieht aber darüber die ganze Tragweite der _Freud_schen
+Unterscheidung von »bewußtem« und »unbewußtem« Wunschziel. Niemand
+bedarf weniger der Erfüllung von Personalwünschen wie der Künstler.
+Niemand bleibt weniger in ihnen stecken, ja niemand kommt von
+vornherein, eben als Schaffender, von Erfüllungen _her_, statt ihnen nur
+nachzujagen. Durch zeitweiliges Zurückgenommensein in ursprünglicheren
+Zusammenschluß dessen, was sich uns sonst nur in Subjekt und Objekt
+spaltet, ist er seinem Einzelsinn und Privatsein im Schaffen enthobener
+als sonst irgendwo: ja eben dies allein gestattet und ermöglicht ihm die
+Aufhebung des Verdrängenden, eben dies erst gibt ja seinen Regungen eine
+Freiheit wieder, wie wenn sie »ich-gerecht« im Sinn der
+Bewußtseinszensur wären (vgl. _Freud_: »das Unbewußte wird für diese
+eine Konstellation ich-gerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung
+etwas abgeändert würde. Der Erfolg des Unbewußten ist an dieser
+Kooperation unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch
+anders als die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener
+Leistung«). Dafür ist maßgebend, daß nicht auf unser Individual-Ich, wie
+es sich bewußt auf sich selbst bezieht, dabei zurückgegangen sei,
+sondern auf jene noch Allen gemeinsame Grundlage, auf Aller
+Wesenskindheit, wie sich auch der künstlerische Mitgenuß hierauf nur
+gründen kann(11). Ohne es zu wollen, hat so der Künstler sein Publikum
+in sich, bei sich, und nur um so mehr, je vollständiger er davon
+abzusehen pflegt, aufgebraucht vom Schaffensvorgang selber. Wird es --
+meines Erachtens -- beim ethischen Verhalten auffallend, wie sehr das
+Allgemeingültige letztlich sich »ethisch« doch nur durchführen läßt von
+»Fall zu Fall«, in solchem scheinbaren Selbstwiderspruch gerade seine
+eigentliche schöpferische Bedeutung erst offenbarend, so überrascht am
+allerpersönlichsten Erfaßtsein des Künstlers, wie sehr, wie ganz es
+immer schon das Allgemeine mit umfaßt, um erst daran wirklich, Werk, zu
+werden. Hier erschließt sich das anscheinend Subjektivste als
+Anschlußstelle des objektiv Gültigsten. Dazu stimmt die Erfahrung, daß
+schaffendes Verhalten, je leichter, sieghafter es sich durchsetzt, in
+desto rücksichtsloseren Gegensatz oft tritt zum, körperlich oder
+seelisch bestimmten, sonstigen Personalzustand: darin tatsächlich der
+Leibesfrucht ähnlich, deren Wachstum zu Verlagerungen, Bedrängnissen im
+übrigen Organismus führt oder Muttergift durch seine Adern kreisen läßt.
+Nicht selten erwacht der Künstler aus seiner Benommenheit wie aus einer
+zwangshaften, mit dem Gefühl von Befreiung, nun wieder an Beliebiges
+denken zu dürfen, sich in personell oder sachlich Wünschbarem
+ungehindert gehen zu lassen. Wobei er sich dann freilich oft
+mitverwandelt fühlt durch das Vorhergehende: als habe vieles sich
+erledigt, was vorher am stärksten beschäftigte, als seien Umwertungen
+eingetreten, die zuvor Unmerkliches neu betonen, Altes verjüngen, Junges
+vergreisen ließen.
+
+ (11) Innerhalb davon dürfte sich zweierlei Schaffensart unterscheiden
+ lassen, je nachdem, wie weit Aufhebung von Verdrängungen vorwiegend in
+ Frage kommt. Diese kann den Vorgang so kampf- und angstvoll einleiten,
+ daß er zunächst Widerstreben statt Freude weckt; Hermann _Bang_
+ erzählte mir, wie oft er bei Arbeitsausbruch vom Stuhl springe und ans
+ Fenster eile, hoffend, etwas Ablenkendes draußen möge ihn daraus
+ erlösen. Glücksgefühl stellt sich hier erst als abgeworfener
+ Verdrängungsdruck, als Kraftersparnis ein (analog den _Freud_schen
+ Ausführungen über die Witztechnik). Positiver, bedingungsloser wirkt
+ das Glück, wo es sich weniger um Verdrängungskampf handelt, als um
+ unwillkürlich an uns sich vollziehende Erweiterungen, Ausweitungen
+ unseres Wesens: um Beschenktwerden mit etwas, was nicht Wunsch oder
+ Versagung in unserm Dasein gewesen war, sondern was praktisch uns gar
+ nicht »lag«, d. h. unserer persönlichen Struktur nicht entsprach,
+ »verdrängt« also schon wurde mit der andrängenden Fülle unverwendbarer
+ Ureindrücke. Im tiefen Zurückreichen bis ins Infantilste kann uns
+ gerade daraus zufallen, was sich damit »werkhaft« erledigt: Ergänzung,
+ Ahnung, die hoch um uns herum reicht, uns nun erst einschließend ins
+ Menschentum Aller. Der identifizierende Narzißmus, von produktiver
+ Phantasie aus seiner Infantilität emporgerissen, beteiligt sich
+ berauscht daran, ohne daß unsere persönliche Ichhaltung praktisch
+ verändert würde.
+
+Interessant studiert es sich am Geschlechtlichen: wie durchaus es mit
+seinen Hauptkomplexen im Schaffensmittelpunkt stehen bleibt, an der
+Konzeption zutiefst damit beteiligt, und dennoch nur soweit, als es
+aufgearbeitet wurde ins -- gleichsam -- Privatwollustfreie, d. h. als
+der Zentralpunkt sich total aus dem personalen Umkreis verschob. Wo dies
+auch nur im geringsten mißlang, bedeutet die persönlich erstrebte
+Phantasiewunscherfüllung sofort das Versagen im Schöpferischen. Denn
+wohl bedarf der Künstler der Regression bis ins Infantilste und damit am
+leiblichsten Beeinflußte, aber auch nur er verhält sich auch hiezu
+»schaffend«. Der Anteil des Eros an Geistschöpferischem -- wie stark der
+Hinweis darauf auch _Freud_ verübelt wird -- gehört wohl zu den ältesten
+Erkenntnissen, und im Grunde sollte doch ebenfalls selbstverständlich
+sein, daß dafür nur _die_ Anteile daran in Betracht kommen, die wir
+nicht geradenwegs zum Normalziel abführen, sondern diesem Ziel entgegen,
+also infantil erhalten. Aber schöpferisch bedeutsam werden sie wiederum
+erst unter Beihilfe von Verdrängung: nur daß sie sich, anstatt aufs
+»Desinfantilisieren« und »Genitalisieren«, auf ein Entleiblichen des
+ursprünglich kindlich Polymorphen bezieht. Man möchte sagen:
+künstlerisches Schaffen _enthülst_ gewissermaßen aus dem Leibhaften den
+fruchtbaren Kern, der sich im Werk dann allseitig auswächst. Mit E.
+_Jones'_ Wort (aus der vorzüglichen Studie: »Die Empfängnis Mariae durch
+das Ohr«, Jahrbuch IV) gesagt, liegt im Künstlerischen: »die Reaktion
+gegen die Geschlechtlichkeit dem Streben, und ihre Sublimierung den
+Formen, die das Streben annimmt, zugrunde«(12). Daß Begehr und Reaktion,
+beide, hier gewaltig vertreten sein müssen(13), darauf gründet
+_Schopenhauer_ sein bekanntes Experiment: sexueller Reizung nachzugeben
+um dann, jählings, vom Punkt hoher Steigerung, abzubiegen in
+Geistesarbeit. Man wäre versucht zu glauben, ähnliche Experimente müßten
+sich bestätigen nicht nur bezüglich speziell-sexualer Mitwirkung,
+sondern aller Triebhaftigkeit, z. B. auch von als »böse« gebrandmarkten
+Regungen, denen wir ja nur infantil-sorglos noch ohneweiters nachgaben.
+Das noch amoralische Begehren, so dicht bei seiner Umstülpung vom
+narzißtisch Ununterschiedenen ins kraß selbstisch Verengte, mag bei
+diesem Übergang Möglichkeiten in sich enthalten, die dem Menschen nicht
+in der Praxis, nur in schaffender Phantasie, ganz aufgehen. Ist doch
+»Sexuales« wie »Böses« in diesem Sinn allein, aber darin tatsächlich,
+dem Schaffenden vermehrt zu eigen: wenn _Goethe_ versichert, er wisse
+»von keinem Verbrechen, das er nicht auch begangen haben könnte«, so
+kennzeichnet das nicht den individuellsten, sondern typischesten, den
+noch infantil-alles enthaltenden Menschen, den, auf formkünstlerischem
+Wege zielmächtigsten, aber auch den schlechthin riskiertesten. (Es
+handelt sich darum: »zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte des
+Menschen, ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen
+stammen, wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich
+ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander
+unterscheiden«; _Freud_, »Das Unbewußte«.) Entgleist der Mensch aus
+seinem Schaffenszustand, so sieht er sich infolgedessen furchtbar
+aufgehängt zwischen Nichts und Nichts: weder geborgen am Werk, noch an
+der Realwelt, worin er dem Urteil der anderen fragwürdig wurde wie dem
+eigenen, d. h. wie seinem Privatpersonentum innerhalb praktischer
+Weltgeltungen. Lassen schon Stockungen, Störungen während der Arbeit
+Künstler leicht als Neurotiker erscheinen, so gleicht die gefährliche
+Grundvoraussetzung alles Schaffens sie nahezu psychotischer Verfassung
+an: indem es sie hinter den Rücken ihres Ich zurückzieht in ihrer
+eigentlichsten Tätigkeit. Gelegentlich mehrfacher Beobachtungen habe ich
+mich immer wieder überzeugt, mit welcher Selbstverständlichkeit, bei
+unvermutetem Absturz aus produktivem Verhalten, ein Zurückfallen in
+Infantilismen sexueller Art sich einstellen kann (_Freuds_ Bemerkung
+bewahrheitend: »Das Höchste und das Niederste hängen an der Sexualität
+überall am innigsten aneinander.« Drei Abh. z. Sexth.). Gerade daran
+pflegt die Befürchtung sich zu verstärken: daß es sich wohl nicht nur um
+vorübergehende Unterbrechung handle, sondern um Nachlassen der geistigen
+Potenz überhaupt. Dies ist aber um so bedauerlicher, als
+Schaffenszustände oft geradezu derartiger Absetzungen, Aussetzungen
+_bedürfen_ mögen, solcher Erholungspausen des Bewußtseins, dem heimlich
+weitergehende Arbeit sich entzieht, etwa wie dem Auge der Säfterückzug
+in winterlichen Stamm entzogen bleibt, während dessen die Bäume sich
+umschütten mit aller Melancholie entleerten, entfärbten Laubes. Wir
+beurteilen uns eben vom Bewußtseinsauge aus, das wir prüfend auf uns
+richteten seit Überschreiten unserer Infantilgrenze; und dieser
+beurteilende, verurteilende Blick ist dann am unerbittlichsten,
+schärfsten, wie auch die Triebe an dieser Grenze hier am stärksten sich
+stauen und verstärken(14). Es ist deshalb, als ob der Schaffende noch
+einmal Kindheitsparadies wie Kindheitshölle gleichermaßen zu durchkosten
+bekäme.
+
+ (12) Ich finde eben zwei Verse von Hugo von _Hofmannsthal_, die sowohl
+ die Verdrängungshilfe beim Schaffen, als auch dessen widerspruchsvolle
+ Verknüpfung mit der Leiblichkeit hübsch wiedergeben:
+
+ 1. »Aus der verschütteten Gruft nur wollt' ich ins Freie mich wühlen,
+ Aber da brach ich dem Licht Bahn und die Höhle erglüht.«
+
+ 2. »Fürchterlich ist diese Kunst! Ich spinn' aus dem Leib mir den Faden,
+ Und dieser Faden zugleich ist auch mein Weg durch die Luft.«
+
+ (13) In seinen »Drei Abh. z. Sexth.« vermerkt _Freud_ die Tatsache,
+ daß man, obwohl dem Schönen das sexuell Reizende praktisch zugerechnet
+ zu werden pflegt, doch niemals die Genitalien selber als schön
+ bezeichnete. Sicherlich erklärt sich daraus, wie ganz die
+ Hochwertigkeit ästhetischer Betrachtungsweise sich nur gegen die
+ Gepflogenheiten der Praxis durchsetzte: auch noch die Enthüllung des
+ Nackten als Poesie bleibt insofern eine Folge des Feigenblattes.
+
+ (14) Der verstorbene junge Markus hat gut in einer kleinen Studie
+ (Zentralblatt IV, 11-12 »Die Objektwahl in der Liebe«, p. 598) darauf
+ hingewiesen, wie die _Freud_sche »Latenzzeit« es sei, worin diejenigen
+ Urteile sich in uns festsetzen, die später der Sexualität so
+ autoritativ wie aus anderer Welt gegenübertreten.
+
+Entfremdetsein von unserm Ich ist uns harmlos nur gegeben in unserer
+allnächtlichen kleinen Psychose, unserem allnächtlichen wundersamen
+Schaffenszustand, dem Traum, der schon so vielfach primitivem Kunstwerk
+verglichen wurde. Was den Traum dem Schaffen vor allem anähnelt, ist die
+ungeheuere Objektivität, womit er seinen Inhalt vor uns hinstellt, auch
+noch an das scheinbar krauseste Durcheinander verblüffende Kraft
+überzeugender Formung, Gestaltung, verschwendend. Aber nicht einmal
+diese selbst enthält, meines Erachtens, das künstlerischeste Moment
+daran: sondern erst die Traumfähigkeit _so vielem gerecht zu werden
+unbeeinflußt von unserer persönlichen Stellungnahme dazu_. Man kennt
+_Lichtenbergs_ ärgerliche Frage, warum, um alles in der Welt, sogar
+Dichter außerstande seien, fremde Charaktere derartig treffend, wissend,
+unbestechlich durch eigene Vorurteile zu verlebendigen, wie der Traum es
+mühelos erzielt. Mir ist das stets als tiefster Beweis dafür erschienen,
+daß im gesunden, unbeschädigten Narzißmus an sich selber dies
+übersubjektive Moment wirksam sei, d. h. seine Wunscherfüllungen gar
+nicht umhin können, aus tiefer Identifikation mit allem
+herauszuschaffen, weil nur dies seiner unwillkürlichen Tendenz
+entspricht. Sowohl am manifesten wie latenten Traumtext finden sich
+Teile dieser Art, die sich über das persönlich Wünschbare hinaussetzen,
+den Träumer anderen gegenüber zu kurz kommen lassen, und, wenn
+psychoanalytisch weit genug verfolgt, auf das noch Allumfassende des
+Narzißtischen führen. Nur daß im Traum der Homer schläft, der das Werken
+zunutze machen könnte. In Wachträumen dagegen, wo die geistige
+Überlegenheit nicht schlummert und wo sie auch Beobachtungen des
+Sachverhalts so erleichtern könnte, fehlt damit auch jene narzißtische
+Identifikation mit ihrer ungewollt großzügigen Objektivität: Wünsche des
+Ichs gewinnen Oberhand und zerstören mit ihrer passiven
+Selbstbespiegelung den aktiven Formdrang(15). Auch im Kunstwerk kann es
+Punkte geben, daraus Traum oder Wachtraum verräterisch reden: d. h.
+ungenügende Bewußtseinsarbeit oder aber ungenügende Ichverdrängung --
+Punkte, bei denen besonders erfolgreich Analyse ansetzen kann, während
+das künstlerisch Vollgelungene sich aller Berechenbarkeit entzieht:
+sozusagen nicht ermöglicht, auf der Linksseite des bunten Mustergewebes
+dem Verlauf der Fäden und Verknotungen nachzuspüren(16).
+
+ (15) Mir hat es sich bisweilen aufgedrängt, daß in Wachträumen sich
+ Übergang vorbereitet zu tätig-produktivem Zustand, wenn der
+ Wunschtext, der meist höchst bewußt zugrundeliegt, mit seinem passiven
+ Realisierungsspiel zur Seite weicht vor einer gewissermaßen formalen
+ Bewältigung seiner Einfälle. _Dieser Übergang selbst_ schert sich dann
+ daran illustrativ zu spiegeln, schafft sich selber gleichsam
+ Sinnbilder, so daß es dabei fast zugeht, wie bei _Silberers_
+ »funktionalem Phänomen«: nur, anstatt zwischen Wachen und Einschlafen,
+ hier zwischen Wachtraum und Produktion, also nach der anderen Richtung
+ dessen, was uns unserem isolierten Ichbewußtsein enthebt.
+
+ (16) Hinsichtlich der Psychoanalyse an lebenden schaffenden Künstlern
+ möchte ich glauben, daß man äußerst vorsichtig und streng zweierlei
+ mögliche Wirkungen auseinanderhalten muß: die künstlerisch befreiende,
+ wodurch Hemmungen, Stockungen in den formentbindenden Sublimationsvorgängen
+ beseitigt werden, und eine unter Umständen gefährdende,
+ insofern sie ans Dunkel rühren kann, worin die Frucht keimt.
+ Ob man sich ganz ans Personale, Außerästhetische, halten kann
+ bei tiefer dringender Psychoanalyse, ist kaum zu beantworten bei
+ unserem geringen Wissen um das Zustandekommen schöpferischer Vorgänge.
+
+So ist denn, ganz abgesehen von der »Begabungsfrage«, auf die beim
+Künstlertum zurückgegangen sein muß, die _Objektivierungsnötigung_ schon
+in der narzißtischen Identifikation als alles Schaffens Grundlage
+gegeben. Der Werkdrang, der Formwille ergibt sich in seiner ganzen Wucht
+aus dieser noch ungeschiedenen Einheitlichkeit von passiv und aktiv,
+wovon unsere mittleren, unsere bewußtseinsvermittelteren, abgeleiteteren
+Zustände so wenig mehr wissen, und was darum auch die Sprache in ein
+Zweierlei zerzupft (obschon wir noch biologisch »Reizsamkeit« und
+»Reaktion« als identisches Lebensmerkmal auffassen). Indem nun
+Schöpfungen der Kunst sich außerhalb des praktischen Daseinsablaufs in
+ihrer Wirklichkeit durchsetzen müssen, binden sie ihre Erlebnisweise an
+die _Wiederholbarkeit_; Form geworden heißt da: in Vorhandenheit,
+Gegenwart, Sein, beharren durch unabänderliche Festlegung bis ins Letzte
+und Äußerste, so daß jedem inneren Nachschaffen, jedem Mitgenuß das
+Ganze sich lebendig darstellt. Kinder, in ihrer Phantasiefrische, wissen
+am besten um diesen Umstand, wenn sie eifervoll darauf bestehen,
+Erzähltes absolut gleichlautend wiederzuhören, und jede Änderung daran
+als »Lüge«, als Angriff auf ein positives Sein, rügen. Diese
+Formehrfurcht, für die Form noch Inhalt in tieferem Sinn ist und
+umgekehrt, läßt leicht Kinder künstlerisch begabter erscheinen, als sich
+später beglaubigt; sie haben eben noch -- wörtlich -- »Spiel«raum dafür
+innerhalb der praktisch-logischen Realität, die sie noch nicht von allen
+Seiten zwingend umlagert und »Urgezeugtes« noch nicht an Welt und Ich
+vorbei, in ganz andere Kategorie verweist. So spielend-selig würde der
+Künstler sein Werk erleben, handelte es sich nicht darum, nachdem es ihm
+geschenkt ward, es zu übersetzen wie Träume erst in »sekundärer
+Bearbeitung« vor dem Entsinken bewahrt werden können. Eben daß es nicht
+um ein stückweis Werdendes, erst zu Erarbeitendes geht, sondern um
+Vorhandenheit, davon nur Schleier zu reißen sind, die sich verdichten,
+plötzlich undurchdringlich werden können, macht die eigentlich
+aufreibende Anstrengung bei der Arbeit aus, ihre Hast und Angst. Ohne
+die drei Allzumenschlichkeiten, die mit allem Schöpferischen
+zusammenhängen: den Kampf gegen dabei zu behebende Verdrängungen, die
+Gefahr des Entgleisens in infantile Materialität, und endlich diese
+hastende Überspannung -- wäre es eine »Anweisung zu seligem Leben«, wie
+sie sonst nichts auf Erden kennt, ein Schwelgen aus dem Vollen, worin
+Rausch und Frieden sich zur gleichen unerhörten Erfahrung einen. Nicht
+umsonst pflegt solchen Zeiten, noch ehe das Bewußtsein ihr Nahen gewahr
+wird, gleich einem Herold, Freude voranzugehen (im Gegensatz zu anderer,
+von uns mehr oder weniger als begründet gewußter Freude, eine dem
+Manischen ähnliche, wie auch jähes Vertriebensein daraus eher an
+pathologische Melancholie gemahnt als an normale Verlust-Trauer)(17). Im
+Schöpferischen, wenn irgendwo, finden wir die Farben und Bilder, womit
+sich uns fast Gotthaftes ins Irdische malt. Und wenn der Mensch sich
+einen Gott als Weltenschöpfer vorstellt, so ist das nicht nur, um die
+Welt, sondern auch des Gottes -- narzißtische -- Wesenheit zu erklären:
+mag solcher Welt Böses und Übel in Menge anhaften, der fromme Glaube
+würde erst zunichte an einem Gott, der nicht wagt Werk, Welt, zu werden.
+
+ (17) In »Über Trauer und Melancholie« (S. d. kl. Schr. z. Nl. IV)
+ wirft _Freud_ die Frage auf, warum, trotz gewisser Vergleichbarkeit
+ von Melancholie mit normaler Trauer, von Manie mit Frohsinn, wohl der
+ Melancholie Manie folge, nicht aber der Trauer Frohsinn, sondern nur
+ resignierende Gewöhnung, und ob die _Allmählichkeit_ der Gewöhnung an
+ den Verlust das verursache: »Diese Lösung geht so langsam und
+ schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für
+ sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.« Außer solchem ökonomischen
+ Gesichtspunkt kommt vielleicht noch in Betracht, daß, während
+ Normaltrauer auf ihren Einzelfall beschränkt bleibt und eben an dem,
+ was noch übrig bleibt, sich zur Resignation ausgleicht, für
+ Melancholie narzißtisch »alles« hin ist, inbegriffen das eigene, sich
+ selbst vernichtende und entwertende Ich, und ebenso der Umschlag in
+ Manie »alles« wiederherstellt, also nicht an Gräber sich gewöhnt,
+ sondern Auferstehungen feiert. Dies würde aufs Stärkste an die
+ narzißtisch-durchsetzten Zustände des poetisch Schaffenden erinnern.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen); nach einigen
+ als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen
+
+ (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« Das Kriterium des Masochismus ist --
+ (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist --
+
+ (8) Verschiedene Träume aus Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
+ (8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man
+
+ -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst den außerhalb solcher
+ -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG ***
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Narzißmus als Doppelrichtung
+
+Author: Lou Andreas-Salomé
+
+Release Date: March 20, 2011 [EBook #35636]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
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+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Der Text stammt aus: <cite>Imago. Zeitschrift für Anwendung der
+Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften&nbsp;VII</cite> (1921). S.&nbsp;361&ndash;386.</p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>,
+der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> Eine
+<a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> findet sich
+am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_361" title="361"> </a></div>
+<h1>Narzißmus als Doppelrichtung.</h1>
+
+<p class="center">Von LOU ANDREAS-SALOMÉ.</p>
+
+<h2>I.</h2>
+
+<p class="drop-cap">Was es auf sich hat mit dem <span class="gesperrt">Freud</span>schen Narzißmusbegriff,
+das stellte sich erst allmählich immer bedeutsamer heraus,
+und erklärt damit vielleicht, warum, auch bei Gegnern und
+Dissidenten, der Name so wenig diskutiert wurde, als deckten
+bereits sonstige Benennungen den gleichen Begriff. Ursprünglich, solange
+Narzißmus tautologisch für Autoerotismus stand, war das ja
+in der Tat der Fall; als <span class="gesperrt">Freud</span> ihn dann übernahm, zur Kennzeichnung
+jener Libidophase, wo, nach autoerotischer Selbst- und
+Weltverwechslung des Säuglings, die erste Objektwahl auf das
+Subjekt selber fällt, da rührte er dadurch zugleich schon an ein
+weiterreichendes Problem: »Das Wort ›Narzißmus‹ will betonen,
+daß der Egoismus auch ein libidinöses Problem sei, oder,
+um es anders auszudrücken, der Narzißmus kann als die libidinöse
+Ergänzung des Egoismus betrachtet werden.« (<span class="gesperrt">Freud</span>, Metaps.
+Erg. d. Trl.) Also kein Beschränktsein auf einzelnes Libidostadium,
+sondern als unser Stück Selbstliebe alle Stadien begleitend; nicht
+primitiver Ausgangspunkt der Entwicklung nur, sondern primär im
+Sinne basisbildender Dauer bis in alle spätern Objektbesetzungen
+der Libido hinein, die darin ja, nach <span class="gesperrt">Freuds</span> Bild dafür: nur, der
+Monere gleich, Pseudopodien ausstreckt, um sie nach Bedarf wieder
+in sich einzubeziehen. Allerdings stellte <span class="gesperrt">Freuds</span> Einführung des
+Narzißmusbegriffs in die theoretische Psychoanalyse von vornherein
+zu dessen Definition fest, daß die psychischen Energien: »im Zustande
+<a class="pagenum" name="Page_362" title="362"> </a>
+des Narzißmus beisammen und für unsre grobe Analyse
+ununterscheidbar sind, und daß es erst mit der Objektbesetzung
+möglich wird, eine Sexualenergie, die Libido, von einer Energie
+der Ichtriebe zu unterscheiden.« Mithin als Grenzbegriff gesetzt,
+über den Psychoanalyse nicht hinaus kann, bis zu dem hin sie jedoch
+therapeutisch zu dringen hat, als dem Punkt, wo krankhafte
+Störung erst ganz sich zu lösen, Gesundheit sich zu erneuen vermag,
+weil »krank« und »gesund« daran letztlich falsche oder rechte
+Aufeinanderbezogenheiten der zwei innern Tendenzen bedeuten, je
+nachdem diese sich hemmen oder fördern.</p>
+
+<p>Indem beides sich am personellen Träger vollzieht, grenzt es,
+mit dessen steigender Bewußtheit seiner selbst, sich desto undeutlicher
+voneinander ab: macht den Umstand immer noch unmerklicher,
+daß im libidinös Gerichteten sich etwas durchsetzt, was der
+Einzelperson als solcher entgegengerichtet bleibt, was sie löst,
+zurücklöst in dasjenige, worin sie vor ihrer Bewußtheit noch für
+alles stand, wie alles gesamthaft für sie. Denn sollen Icherhaltungs-,
+Selbstbehauptungstriebe sich von libidinösen überhaupt begrifflich
+streng trennen, so kann Libido nichts anderes besagen als eben
+diesen Vorgang: diesen Bindestrich zwischen erlangter Einzelhaftigkeit
+und deren Rückbeziehung auf Konjugierendes, Verschmelzendes;
+im narzißtischen Doppelphänomen wäre sowohl die Bezugnahme
+der Libido auf uns selbst ausgedrückt als auch unsere eigene Verwurzelung
+mit dem Urzustand, dem wir, entsteigend, dennoch einverleibt
+blieben, wie die Pflanze dem Erdreich, trotz ihres entgegengesetzt
+gerichteten Wachstums ans Licht. Wie wir ja auch in den
+Körpervorgängen die geschlechtliche Weitergabe gebunden sehen an
+indifferenziert bleibende kleinste Totalitäten, und wie in unseres
+Körpers »erogenen Zonen« Überlebsel wirksam sind eines Infantilstadiums,
+aus dem die Organe sich längst in Dienstbarkeit der Icherhaltung
+aufteilten<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a>. Die Frage lautet auch gar nicht: ob's theoretisch
+vielleicht doch angängig sei, den narzißtischen Doppelsinn eindeutig
+zu fassen, sei es, den Ichtrieb der Libido zu überantworten
+(als entspräche z.&nbsp;B. auch das Ernährungsbedürfnis noch einer Art
+von Konjugation mit dem Außer-uns), oder umgekehrt die Libido
+dem Bemächtigungsbestreben des einzelnen (als einer Ich-Habgier),
+zu unterstellen. Nein, nicht solches ist die Grundfrage, sondern es
+geht um die innere Verschiedenheit von Erlebnissen, die durch
+<a class="pagenum" name="Page_363" title="363"> </a>
+zweierlei Namengebung auseinandergehalten wird, anstatt durch
+gewaltsames Vereinheitlichen des Begriffs sie zu verwischen. Nachgehen,
+so weit wie möglich, so tief wie tunlich, den verborgenen
+lebendigen Tatbeständen: um das handelt sichs <span class="gesperrt">Freud</span>scher Psychoanalyse,
+und dazu allein bedient sie sich des populären Gegensatzes
+von Ich- und Sexualtrieben. Darum erschiene es mir als
+Gefahr, wenn am Narzißmus seine Doppelseitigkeit nicht als sein
+Wesentliches betont bliebe, wenn durch Wortverwechslung mit
+bloßer Selbstliebe sein Problem sich sozusagen ungelöst erledigte.
+Ich möchte deshalb jene andere, fürs Ichbewußtsein zurücktretende,
+Seite daran &ndash; die der festgehaltenen Gefühlsidentifizierung mit
+allem, der Wiederverschmelzung mit allem als positivem Grundziel
+der Libido<a name="FNanchor_2" href="#Footnote_2" class="fnanchor">(2)</a>, an einigen Punkten hervorkehren, und zwar an dreien:
+innerhalb unserer Objektbesetzungen, innerhalb unserer Wertsetzungen,
+und innerhalb narzißtischer Umsetzung ins künstlerische
+Schaffen.</p>
+
+<p>Zunächst jedoch, schon vorweg des »trocknen Tones satt«,
+möchte ich von einem Bübchen erzählen, an dem mir besonders
+eindringlich zu beobachten vergönnt war, wie wir mit unserm Ichwerden
+nicht nur in die neuen Freuden bewußterer Selbstliebe
+drängen, sondern nicht minder das Ich sich uns vorerst aufdrängen
+kann als Einbuße an der Lust passiver Aufgenommenheit in das
+von uns noch nicht voll Unterschiedene. Um die Zeit dieses Doppelereignisses
+von Einbuße und Zuschuß begann das Bübchen sich aus
+einem zärtlich zutraulichen in ein weinerlich erbostes zu wandeln;
+es schlug, und nicht zum Scherz, die sehr geliebte Mutter, zeigte
+abwechselnd Zorn- und Angstzustände, und hätte sein Leid doch
+kaum klarer auszudrücken vermocht, als einst ein kleiner sprachkundigerer
+Leidensgenosse es dem geärgerten Vater gegenüber mit
+dem bittern Vorwurf tat: »Du bist so frech, und ich bin so traurig.«
+Die letzte Ursache zu alledem stellte sich damit heraus, daß das
+Leid sich löste, sobald das Bübchen aufgehört hatte, von sich in
+dritter Person zu reden, sobald, gleich schmerzlich durchbrechendem
+Zahn, das erste »Ich« sich ihm entrang. Einstweilen aber galt das
+neue Wort nur bei den, alltäglich gewordenen, Zusammenstößen
+mit der Umwelt; die Augenblicke alter Harmonie fanden immer
+<a class="pagenum" name="Page_364" title="364"> </a>
+noch statt des »Ich« das »Bubele« vor. So erklärte er jemandem,
+der ihn in den Winkel gestellt sah: »Ik bös!« hinterdrein jedoch,
+strahlend auf die Mutter zulaufend, verkündigte er: »Bubele wieder
+gut!« Erst nach Monaten trat endgültig das Bubele zurück, und
+ein völlig anderes als das verzweifelt böse Gesicht lugte durch den
+Türspalt herein, wenn er, eintretend, mit betonter Würde, die Anwesenden
+wissen ließ: »Ik komme!« Nun erst war die ständige
+Gekränktheit, die tiefe, erschrockene, geschwunden, unser aller Urkränkung:
+über das unbegreifliche Sichpreisgegebensehen an die
+eigene Vereinzelung, deren Unbegreiflichkeit sie eben als von außen
+bedingte erscheinen ließ. Mit jedem Schlag oder Schrei wider geliebte
+Personen, jedem rächenden Wehetun hatte zugleich letzte
+Wollust sich ausgeschwelgt, etwa in den Tränen der Mutter die
+verlorene Identität schmerzhaft wiedergenießend. Wie solcher kindliche
+Sadismus für die meiner Ansicht nach bisweilen doch nur
+sekundäre Natur des Sadistischen spricht, wenigstens als Umschlag
+aus unsern noch unbewußten Identifizierungen, so zeigt er vielleicht
+auch, wie unerhört nahe der Ödipuskomplex ihm gelegen ist:
+gerade seine überraschende Kraßheit gewinnend aus dieser Überstülpung
+der schweifenden Gefühlsweite in die Enge des Bewußtwerdens
+der eigenen Vereinzelung und damit in die Ichaggression.
+Übrigens war beim Bübchen mit der Ichgeburt der innere Widerstreit
+noch nicht vollends abgetan: das geschah erst durch eine Erscheinung,
+von der ich wohl weiß, daß ihr, durchaus nicht seltenes
+Vorkommen recht verschieden begründet sein kann, die in diesem
+Sonderfall sich aber gar deutlich als Notersatz für die eingebüßte
+Allesbedeutung betrug. Das Bübchen schmuggelte nämlich einen
+kleinen unsichtbaren Gefährten in die Welt seiner neuen Erfahrungen
+ein, dessen leiblichen Umriß er einem Bilderbuch entnahm,
+worin blumenbekränzten Kindern ein lustiger Junge voraufsprang,
+mit den Worten darunter: der Mai ist gekommen. Junge Mai ergab
+fortan den ergänzenden Doppelgänger zu des Bübchens jeweiliger
+Schicksalslage: er hatte, je nach Bedarf, als froh oder betrübt,
+brav oder bös, beschenkt oder bestraft, ja als tot oder
+lebendig ihm das Komplement zu stellen; ergings dem Bübchen
+wenig nach Wunsch, so labte es sich an des Mai's um so ungemessenern
+Wunscherfüllungen; wo aber des Glückes Überfluß das
+Bübchen umzuwerfen drohte (wie zu Weihnachten angesichts des
+Baumes und der Gabenfülle), da entschied es kurzerhand: »heute
+dem Mai <em class="gesperrt">nichts</em>!«, und beidemale war ersichtlich, daß nicht Neid
+oder Schadenfreude daran mitwirkten: am glücklicheren Mai tröstete,
+am leer ausgehenden Mai mäßigte das Bübchen <em class="gesperrt">sich</em>, in jener einzig
+echten »Selbstlosigkeit« des noch nicht ganz zu Alleinbesitz mit sich
+gelangten Selbst. Im gleichen Grade, wie dieser Alleinbesitz sich
+festigte, erschien der Mai minder ständig, hatte er weiteren Weg
+zurückzulegen bis ans Haus, das er anfänglich mitbewohnte; später
+zog er gar in eine benachbarte Ortschaft und endlich mußte er sich
+<a class="pagenum" name="Page_365" title="365"> </a>
+zu Bahnbenutzung bequemen und Bahnzeiten innehalten. Als ich
+nach Bayern abreiste, bekam ich ihn zum Reisegeleit, und bei mir
+verstarb er des Todes, wodurch er sozusagen bayerisch lokalisiert
+blieb, nach meinem Aufenthalt befragt, versicherte das Bübchen
+drum: »die Lou, die ist nun im Himmel.« Hinzuzufügen bliebe
+noch, daß &ndash; gewissermaßen entlang am Mai &ndash; des Bübchens Selbstbewußtsein
+und -vertrauen ganz sonderlich erstarkten und nicht
+leicht etwas den Vergleich mit diesem Ik aushielt, ferner aber, daß
+es noch jetzt (mit drei Jahren) einen Anlaß gibt, wo der Mai
+wieder erscheint, wenn auch »nur nachts«: das ist, wenn dies ungemein
+musikalische Bübchen auf einen psalmodierenden Singsang
+verfällt, den es in einer letzten Bescheidenheit &ndash; und dies ist interessant
+&ndash; unter keinen Umständen dem vielvermögenden Ik allein
+zubilligt.</p>
+
+<p>Gerade wie späterhin unsere Libido bereits bewußte Eigenschaft
+am Ich geworden, Angst erleidet bei Verdrängen, Hemmen
+unseres Bemächtigungsbestrebens, so kann sie es vorher erleiden
+auch infolge noch zögernden Zustimmens zur Herausbildung einer
+als eng und einzeln betonten Person; auch dies wirkt gleich Verdrängungsschüben,
+durch die sich in abgegrenztes Flußbett bequemen
+muß, was sich Meer gewähnt. Entsprechend der letztbemerkten
+Mission des Mai scheint das am längsten vorzuhalten bei Kindern
+mit starker Phantasietätigkeit, und ist aus wesentlich späteren Jahren
+als die des Bübchens mir zur Beobachtung gelangt. Von mir selbst
+entsinne ich mich eines hergehörigen Vorfalls aus meinem &ndash; sehr
+ungefähr berechnet &ndash; siebenten Jahr, den freilich ausnahmsweise Umstände
+begleiteten, die hier zu erörtern zu weit führen würde, sie
+fanden statt durch erstmaliges verfrühtes Hinausgeraten aus kindfrommer
+Gläubigkeit, also aus jener Gottgeborgenheit, die nicht
+unähnlich einer letzten geistigen Eihaut das Menschenkind umhüllen
+mag, mit ihrem Zerreißen die Ichgeburt in die Weltfremde<a name="FNanchor_3" href="#Footnote_3" class="fnanchor">(3)</a> in gewissem
+Sinn erst vollendend. Es betraf einen Eindruck vor dem
+eigenen Spiegelbild: wie jähes, neuartiges Gewahrwerden dieses
+Abbildes als eines Ausgeschlossenseins von allem übrigen; nicht
+wegen etwas am Aussehn (z.&nbsp;B. als eines schöner phantasierten
+oder aber gewissenweckend infolge der Zweifelsünde jener Zeit),
+sondern die Tatsache selber, ein Sichabhebendes, Umgrenztes zu
+sein, überfiel mich wie Entheimatung, Obdachlosigkeit, als hätte
+sonst alles und jedes mich ohne weiteres mitenthalten, mir freundlich
+<a class="pagenum" name="Page_366" title="366"> </a>
+Raum in sich geboten<a name="FNanchor_4" href="#Footnote_4" class="fnanchor">(4)</a>. Natürlich erfahren Kinder und Kranke
+eher von dieser Unheimlichkeit, sich gerade an der Ichschranke zum
+bloßen Bildspuk, zu äffendem Schein zu werden, als ausgewachsene
+Normalmenschen, die nur der entgegengesetzte Umstand, diese
+Schrankensicherheit könne sich verflüchtigen, aus ihrer Fassung
+würfe. Wie beim Kinde das noch nicht gefestigte Ichbewußtsein, so
+legt beim psychotisch Erkrankten der Ichzerfall, jene andere Seite
+am Narzißtischen bloß, wo sich am Narzißmus erweist, daß er sich
+eben nicht mit »Selbstliebe« ganz deckt: weshalb der Psychot uns
+so viel darüber aussagt bei und durch Verlust seiner Ichgrenzen;
+indem er seine Fähigkeit zu Übertragung, zu Objektbesetzung, als
+nur vom Ich aus mögliche, einbüßt, regrediert er bis dorthin, wo
+man auf Einzelnes als solches, und so auch auf sich als den einzelnen,
+nicht mehr überträgt: nur daß ihm, wie dem Säugling, die
+beide allein diesen Zustand in so reiner Halbheit erfahren, das
+kennzeichnende Wort dafür fehlt, wir aber mit unsern Bezeichnungen
+schon stecken bleiben in der Mischung beider Hälften zu ununterscheidbarer
+Ganzheit, die uns nun bloß vom andern Rande her zu
+begutachten gegeben ist. Freilich gabs und gibts Leute, denen
+Namen auch für jenes Wortlose zu Gebote stehn, aber nur solche
+Namen, die das Unnennbare daran unterstrichen, um daraus das
+Recht abzuleiten, mit ihren Wörtern wie mit Entiteten umzugehn:
+das sind die Metaphysiker insbesondere älteren Datums: Doch wie
+wäre es, wenn wir eben die Nebulosität derartiger Ausdrücke uns
+zu nutze machten für andersartigen Zweck: für Unterscheidungen
+praktischer und faktischer Erlebnisseiten an unseren inwendigen
+Menschen? Nämlich so, wie zweifellos nur des Gläubigen klassische
+Religionssprache uns über fromme Zustände am deutlichsten
+belehrt, so auch des Metaphysikers Redewendungen über gewisse
+Existenzweisen an unserm Erleben, die für die Ichpsychologie, wie
+Sterne am Tage, unsichtbar werden; der große Fromme, der große
+Philosoph sind gleichermaßen Ausdrucksmächtige um deswillen, daß
+sie, wie der Psychoanalytiker ja nur zu gut weiß, ihre heißesten
+Antriebe aus der narzißtischen Urmacht bewahrten. Sie können den
+Erforscher menschlicher Seele ebenso beschenken, wie es sogar, hie
+und da, aus gleichem Grunde, der Psychot tut.</p>
+
+<p>Ein wenig hat es der Taufpate des Terminus, der Spiegelheld
+Narziß, auf dem Gewissen, wenn dabei zu einseitig die ichbeglückte
+Erotik allein herausblickt. Aber man bedenke, daß der Narkißos
+der Sage nicht vor künstlichem Spiegel steht, sondern vor dem der
+Natur: vielleicht nicht nur sich im Wasser erblickend, sondern auch
+<a class="pagenum" name="Page_367" title="367"> </a>
+sich <em class="gesperrt">als alles</em> noch, und vielleicht hätte er sonst nicht davor verweilt,
+sondern wäre geflohen? Liegt nicht in der Tat über seinem
+Antlitz von jeher neben der Verzücktheit auch die Schwermut?
+Wie dies beides sich bindet in eins: Glück und Trauer, das sich
+selber Entwendete, das auf sich selbst Zurückgeworfene, Hingegebenheit
+und eigene Behauptung: das würde ganz zum Bild nur
+dem Poeten<a name="FNanchor_5" href="#Footnote_5" class="fnanchor">(5)</a>.</p>
+
+<h2>II.</h2>
+
+<p>Daß auch Objektliebe auf Selbstliebe zurückgeht, daß davon tatsächlich
+jenes Akrobatenkunststück der Monere gilt, mit deren einziehbaren
+Scheingliedern <span class="gesperrt">Freud</span> sie drastisch verglich, das ist psychoanalytisch
+nach allen Seiten hin aufschlußgebend und belehrend geworden.
+Wie in des heiligen Augustins: »ich liebte die Liebe«, erscheinen
+jeweilige Objekte zutiefst als bloße Anlässe, einen Liebesüberschuß
+daran abzuladen, der auf uns selbst bezogen, und nur, sozusagen,
+nicht recht unterzubringen gewesen ist. Die Frage, wodurch wir
+überhaupt aus unserer Selbstliebe in Objektlibido hinausstoßen,
+wurde ja auch mehrfach von <span class="gesperrt">Freud</span> im Sinne eines solchen überschüssigen
+Zuviel erörtert. Nun meine ich, eben dies »Allzuviele«
+daran ergibt sich aus dem Umstand, daß es bereits vom Hause aus,
+als <em class="gesperrt">Richtung des Verhaltens</em>, unsere Ichgrenzen als solche nicht
+berücksichtigt, sondern übersteigt, <em class="gesperrt">nicht ihnen gilt</em>, ja ihnen entgegen
+steht, was nur wieder bedeutet: es ist narzißtisch bedingt,
+d.&nbsp;h. in aller Selbstbehauptung zugleich Wiederauflösungswerk am
+<a class="pagenum" name="Page_368" title="368"> </a>
+Selbst. Sicherlich gibt es auch die ganz eigentliche, bewußt auf uns
+gerichtete Selbstliebe, die dann vom Ichvorteil, nicht von der Wollust
+her, ihre Befriedigung bezieht. Aber auch die echte Wollust
+wird, indem sie am Selbst sich ausläßt, von diesem Selbst für den
+forschenden Blick leicht überdeckt, und noch ihr Zuviel umfließt es
+scheinbar als ihren Mittelpunkt. Erst an der Objektbesetzung
+zeichnet sich die Libido ja als etwas für sich ab, in den Umrissen
+des Objekts wird sie uns deshalb erst libidinös umrissen. Dahinter
+aber liegt, nach wie vor, weit ausgebreitet das Land, daraus sie
+stammt, und was sich im Vordergrund in der Einzelfigur des Objekts
+so groß davon abhebt, berückt uns nur, weil es diese Landestracht
+trägt. Ich denke mir: die <span class="gesperrt">Freud</span>sche »Sexualüberschätzung«,
+das Bemühen, das Libidoobjekt zu erhöhen, mit allem Schönen und
+Wertvollen auszustaffieren, kommt von daher: sie sucht es ganz
+und gar zum würdigen, passenden Stellvertreter dessen zu machen,
+was, im Grunde immer noch allumfassend, sich schließlich daran
+ebenso schwer völlig anwenden, unterbringen läßt, wie innerhalb
+des Subjekt-Objekts selber. Letzten Endes steht jedes Objekt so stellvertretend,
+als &ndash; im streng psychoanalytischen Wortsinn verstanden &ndash;
+»Symbol« für sonst eben unausdrückbare Fülle des unbewußt damit
+Verbundenen. Libidinös geredet besitzt keine Objektbesetzung
+andere Realität als solche symbolische; der Lustbezug daraus gleicht
+durchaus dem, was <span class="gesperrt">Ferenczi</span> einmal als »Wiederfindungslust« beschreibt:
+»die Tendenz, das Liebgewordene in allen Dingen der
+feindlichen Außenwelt wiederzufinden, ist wahrscheinlich auch die
+Quelle der Symbolbildung«<a name="FNanchor_6" href="#Footnote_6" class="fnanchor">(6)</a>. Fügen wir hinzu: damit auch die der
+Objektlibido als letztlich narzißtisch entspringender und gespeister. Die
+psychoanalytische Einsicht: daß auch spätere Liebesobjekte Übertragungen
+aus frühesten seien, gilt eben grundsätzlich: »Libidoobjekt«
+heißt Übertragensein aus noch ungeschiedener Subjekt-Objekteinheit in
+ein vereinzeltes Außenbild; und dieses ist damit genau so wenig
+in bloßer Vereinzelung gemeint, wie wir uns selber libidinös mit
+unsrer Einzelhaftigkeit bescheiden, wie wir vielmehr unsere Grenzen
+unwillkürlich darin zu übersehen, geringzuachten suchen.</p>
+
+<p>Bekanntlich redet <span class="gesperrt">Freud</span> von »Sexualüberschätzung« als von
+etwas, wobei unser Narzißmus ein wenig allzugründlich sein »Zuviel«
+an Libido ausgibt, woran er verarmt, leidet, um erst durch
+das Erfahren von Gegenliebe wieder frisch aufgefüllt zu werden.
+Dies kehrt sich jedenfalls am schärfsten hervor bei solcher Libido,
+die damit in zu schroffem Gegensatz gerät zum ichhaften Bemächtigungsbestreben,
+also bei männlich gearteter. Um ganz zu bemerken,
+wie gewißlich unser Narzißmus gerade an seinen Sexualüberschätzungen,
+seiner Ich-Zurückdrängung sich auch bereichert und
+steigert, muß man ihn vielleicht insbesondere dort betrachten, wo
+<a class="pagenum" name="Page_369" title="369"> </a>
+er sich nicht so weit in den Ichbezirk hinein »vermännlichte«, oder
+wo er, ehe das geschah, einen Rückschub erfuhr in das Infantilere,
+der ichbewußten Aggressivität ferner Bleibende. Man wolle nicht
+denken, daß damit die Libido des Weibtums mit ihrem von <span class="gesperrt">Freud</span>
+geschilderten Umkipp (von der Klitorissexualität in die passiv gewendete
+der Vagina) überwichtig genommen werden soll: aber
+kommt bei ihr die Egoseite des Narzißmus wiederum zu kurz, so
+gestattet sie doch dafür unverkürzt den Einblick in die andere,
+sonst uns allzu abgekehrt verbleibende Seite seines Wesens. Die
+Wollust, sich selber zu überrennen, sich nicht als Ich im Wege zu
+stehen beim beseeligenden Wiedererleben noch ichfremden Urzustandes,
+erhöht sich daran unter Umständen masochistisch, sowohl
+den körperlichen Schmerz als auch die Situation der Demütigung
+bejahend. Dem Ich gegenüber also <em class="gesperrt">widerspruchsvoll</em>, da: »die
+Verkehrung der Aktivität in Passivität und Wendung gegen die
+eigene Person eigentlich niemals am ganzen Betrag der Triebregung
+vorgenommen wird«. (<span class="gesperrt">Freud</span>, Trieb und Triebschicksale.) Eben dieses
+Paradoxon des Erlebens rückt jedoch erst voll ins Licht, inwiefern
+dem Narzißmus ein Doppelvollzug von Selbstbehauptung und von
+Schwelgen in noch Uneingegrenztem ur- und eigentümlich sei, wie
+<span class="gesperrt">Freud</span> ja überdies zugibt, wir hatten: »allen Grund anzunehmen,
+daß auch Schmerz, wie andere Unlustempfindungen, auf die Sexualerregung
+übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um
+deswillen man sich auch die Unlust<a name="FNanchor_7" href="#Footnote_7" class="fnanchor">(7)</a> des Schmerzes gefallen lassen
+kann« (wenn <span class="gesperrt">Freud</span> auch am sekundären Charakter des Masochismus
+festhalten will, als einer Reaktion auf vorangegangene, hinterdrein
+gleichsam nach Sühneschmerz verlangende Übergriffe). Innerhalb
+weiblich gerichteter Libido meine ich übrigens etwas vom
+sexuellen Urausdruck nicht nur verdeutlicht zu sehen in der Verschärfung
+zum masochistischen Zug, wo ja, ob auch negativ, das Ich
+als schmerzbedingendes, immerhin noch bedeutungsvoll mitwirkt; der
+Rückschub ins Passive gewährt überdies nämlich auch den erogenen
+<a class="pagenum" name="Page_370" title="370"> </a>
+Zonen dauernd ihren ursprünglichen Spielraum, als &ndash; gegenüber
+dem Vorstoß ins Aktive &ndash; dem Prinzip des Aufhaltenden, Verweilenden,
+also jener Zärtlichkeit, die hochgeeignet zur Beseelung,
+seelischen Verfeinerung der Leibesvorgänge, doch diese zugleich an
+ihre Kindergewohnheiten bindet; an infantile Erogenität des Gesamtleibes,
+an noch nicht punktuell einbezirkten Allkontakt sozusagen.
+Und endlich und nicht zum wenigsten, ist es der beharrende
+Überrest der Klitorissexualität selber, der, fürs Genitalziel überflüssig
+geworden, am Weibe sich an seinem infantilen Rückstand,
+sei es kindlicher oder kindischer, auslebt, bis &ndash; &ndash; ja vielleicht bis
+das Weib »das Kind« aus sich in die Welt hinausgeboren hat.
+Auf diesem Höhepunkt weiblicher Erfahrung aber, steht sie, die
+Erzeugerin, Ernährerin, Erzieherin des Kindes zugleich dem Wachstum
+ins Männliche nahe: <em class="gesperrt">ihrem</em> Stück Aktivität, darin fast doppelgeschlechtlich
+ergänzt, und eben drum wieder ins Urnarzißtische
+zurückgerundet, wie es auf der ganzen Welt sich nur ermöglicht im
+Bild der Mutter, die, sich selbst fortgebend, sich selbst an der Brust
+hält. Entsprechend dem Penis-Neid des Weibes findet man deshalb
+nicht selten beim Mann jenes Sichselbst-Wiedergebärenwollen
+(das sowohl zu unterscheiden wäre vom Zurückwollen in die geliebte
+Mutter = Gebärerin, als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-<ins title="Vaterseinwollen">Vaterseinwollen«</ins>);
+nach einigen Beobachtungen, die mir vorliegen,
+glaube ich darin eine weiblich umgemodelte Klitoris-Betonung zu
+sehen, indem ja, nach infantiler Annahme von der Analerotik her,
+die Klitoris auch etwas vom Leibe Ablösbares (den »Lumpf« aus
+<span class="gesperrt">Freuds</span> bekannter Kinderanalyse) bedeutet, wie es in mancher
+(natürlich nicht jeglicher) Schwangerschaftsphantasie männlicher Neurotiker
+sich ebenfalls Ausdruck schafft. Ich komme aber darauf, weil
+mir mehrfach auffiel, wie Mannbarwerden des Knaben zunächst als
+Bedrängtwerden von Fremdem empfunden wurde: als vergewaltigendes
+Außer-einem<a name="FNanchor_8" href="#Footnote_8" class="fnanchor">(8)</a>, das man in sich hineinzwingen, sich einverleiben
+möchte zu Besitz statt Besessenheit; bevor das »Zuviel« der Libido
+auf die Abfuhr ans Objekt verfällt, macht sie in solchen Fällen
+sich bemerkbar <em class="gesperrt">fast gleich einer Schädigung der narzißtischen
+Selbstliebe</em>, der Einheit von Libido und Ich: erst an der Objektbesetzung
+einen die beiden sich dann neu in der Gemeinsamkeit
+ihres Entzückens am Objekt.</p>
+
+<p>So scheint <em class="gesperrt">nicht so sehr die Objektbesetzung</em>, nicht die
+Sexualüberschätzung innerhalb ihrer, unserm Narzißmus gefährlich
+zu sein: wohl aber wird er seinerseits gefährlich dem Objekt der
+<a class="pagenum" name="Page_371" title="371"> </a>
+Libido; sein bleibendes Eingreifen verschuldet, daß es dabei diesem
+Objekt schließlich an den Kragen geht. Denn von vornherein nur
+zu einer Art von Stellvertreterschaft zugelassen, verflüchtigt es sich
+in seiner realen Beschaffenheit nur um so mehr und mehr, je gefeierter
+es auftritt. Die typischen Liebesenttäuschungen haben ihren
+letzten Grund, ihren unabwendbaren <em class="gesperrt">hierin</em>: <em class="gesperrt">nicht erst</em> im Nachlassen
+der Liebe durch die Zeit oder durch enttäuschende Einsichten,
+denn, ganz abgesehen von diesem beiden hat das Objekt ja ganz
+eigentlich mit seinem Leibe dafür zu haften, daß es weit mehr als
+Leibhaftigkeit sei, und mit seinem, scheinbar doch erkorenen, auserwählten,
+Sonderwesen dafür, daß es im Grunde Allwesenheit sei.
+Je weiter Liebesekstase sich versteigt, ihr Objekt stets üppiger, ohne
+zu sparen, bereichernd, desto dünner, unterernährter bleibt das
+Objekt hinter seiner Symbolität zurück; je heißer unsere Schwärmerei,
+desto abkühlender diese Verwechslung, bis, auf richtiger
+Höhe, sich Brand und Frost fast identisch anfühlen (was das Schicksal
+der glücklichen Liebe fast unangenehmer als das der unglücklichen,
+der den Partner kühl lassenden aber selber schön warmbleibenden,
+machen kann). Auch hinter der reifgewordenen Genitallibido,
+die es mit den Realitäten am ernstesten nimmt, wächst dies
+symbolisierende Verfahren, das auch im Genitalen dennoch nur die
+narzißtischen Identifizierungen durchsetzen will: die keiner Objektbrücken
+im einzelnen bedürfen, über alles sich erstreckend aber auch
+nichts außer sich gelten lassend.</p>
+
+<p>An der Objektlibido findet sich so manches, was ihr zugeschrieben
+wird, während mir scheint, daß es unter Umgehung ihrer,
+sich ziemlich direkt vom Narzißmus herleitet und nur in den eifrigen
+Symbolbildungen sich mit ihr zusammenfindet. Dazu gehört großenteils,
+was man Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern
+nennt. Bei der ungemein populären Diskussion dieses Themas beobachtete
+ich oft, wie sonderbar stark selbst unbefangen denkende
+Leute sich dagegen wehren, in Freundschaft nur eine Noch-nicht-,
+oder Schon-nicht-mehr-Liebe zu sehen, oder aber eine mit ihrer
+eigenen Verdrängung kämpfende. Meinem Eindruck nach liegt dies
+daran, daß im Freundschaftsbündnis allerdings Sexualanteile genug
+stecken, häufig jedoch solche, die ursprünglich nicht dem Partner zukommen,
+sondern sich dem Bunde mit ihm beigesellten von anderwärts:
+nämlich aus Aufarbeitungen vom Narzißtischen her, in Sublimierungen
+aus Infantilismen. Die Empfindung gewisser Nichtsexualität
+dem Freunde gegenüber bestünde damit zu Recht; nicht
+in gegenseitiger Erotik, sondern in etwas Drittem wurzelte sie:
+gleichviel, ob sie erwüchse aus noch immer infantilen Interessen
+oder erblühte zu hochvergeistigtesten, gleichviel ob die Freunde nun
+eins in Gott sein mögen, oder auch nur beim Sammeln oder
+Angeln. Das Wesentliche bleibt, daß, wie geliebt und anerkannt
+auch immer, der Freund letztlich gewertet, ja verklärt gewissermaßen,
+sei, er es doch erst von diesem Dritten aus wird, das im
+<a class="pagenum" name="Page_372" title="372"> </a>
+übrigen sogar fester zu binden imstande ist als Personalerotik, da,
+abgelenkt vom Sexualziel der Leibesbesitznahme, dafür unserer so
+aufgearbeiteten Libido gleichsam sich alles zu Besitz bietet, worauf
+sie nur irgend verfällt; in Sublimierung ihrer allerältesten autoerotischen
+Praxis kommt sie sozusagen zu einer geselligen Selbst- und
+Weltverwechslung à deux. Gut verarbeitetem und dadurch &ndash;
+außerhalb der Genitallibido &ndash; entwicklungsfröhlichem Narzißmus ist
+eben breiteste Umfassung freigegeben, zum Entgelt für die genitallibidinöse
+Enge sonstiger Partnerumarmung. Man könnte ja den
+schlechten Witz machen: unserm alten Autoerotismus, einstmals
+übers ganze Kinderkörperchen verteilt, gelänge es in den Sublimationsanstrengungen
+einfach, uns allmählich aus den Gliedern zu
+Kopfe zu steigen, als recht eigentlicher »Verlegung von unten nach
+oben«. Von diesem Sprungbrett nun aber, gelingt ihm jener gewaltige
+Absprung erst, der die Bedeutung der Libido fürs kulturelle
+Leben überhaupt erneut, der Sprung vom <em class="gesperrt">leibhaft Libidobetonten
+in die Welt sachlicher Betonungen</em>, von infantilster
+Selbstbezogenheit mitten hinein ins Außen-gegenüber. Dies Außen
+nicht symbolistisch verbrämend, sondern sachlich begutachtend, es
+real nutzend. Dadurch, daß es immer wieder noch unser Narzißmus
+selbst ist, woraus &ndash; im Normalfall und in idealer Konsequenz
+&ndash; auch noch die geistigsten, weitumspannendsten Aufarbeitungen
+sich ergeben, bekommt er, der Leibentsprungene, nun neuerdings,
+auf neue Weise, doch wieder Realboden unter die Füße:
+Sachlichkeit ist das gloriose menschliche Ziel, das dem Narzißmus
+endlich im Dienst von Forschung oder Fortschritt, Kunst oder
+Kultur, als verwandelter Eros zuwinkt wie aus Träumen der
+Kindheit. Wo er in kindischen Träumen stecken blieb, wo sein
+großer Sprung zu kurz ausfiel, da entgleist er auch an sich selbst
+ins Pathologische, Bodenlose.</p>
+
+<h2>III.</h2>
+
+<p>Was bedeutet nun im Grunde dieser Überschätzungsdrang,
+der das Objekt aus seiner Einzelheit und Wirklichkeit ins symbolisch
+Gewertete und Gültige rückt, und der, im Parallelvorgang
+dazu, den narzißtischen Urtrieb sich in Sublimationen hinaufarbeiten
+läßt? Beides beruht wohl darauf, daß der bewußtgewordene Mensch
+sich, je länger je mehr, genötigt sieht, mit seinen infantilen Identifikationsmethoden
+stets indirekter zu verfahren, d.&nbsp;h. also: sich ihre
+Undurchführbarkeit stets gleichnishafter zu verhehlen. Das ermöglicht
+er durch Wertübersteigerung des stellvertretenden Stücks: im
+<em class="gesperrt">Wertüberschuß</em> wird es gleichsam wieder zum Inbegriff selber,
+ersetzt diesen im Geist. Der narzißtische Libidobetrag, der damit
+darin stecken bleibt, besticht erfolgreich das der Realität immer angepaßtere
+Urteil, schließt mit diesem einen Vermittlungspakt, wonach
+recht eigentlich »Wert« symbolisch für Inbegriff, für »Ein und
+<a class="pagenum" name="Page_373" title="373"> </a>
+Alles« steht. Wertproblem überhaupt ist immer und jedesmal
+Libidoproblem: lediglich durch Anleihe beim libidinösen
+Zustand enthebt irgendwas sich der Begrenztheit, Aufeinanderbezogenheit
+des Übrigen. <em class="gesperrt">Alles</em> Werten strebt dem Überschätzen
+entgegen und hinweg aus der Relativität des Einzelngeltenden:
+es langt, verlangt unabwendbar nach Überzeugtsein
+durch Glauben (jenem Glauben, bei dem »kein Ding unmöglich« ist,
+sogar nicht die Wiederanknüpfung infantilsten Urtraums an sachlichste
+Welterfahrung; mag auch dabei unser sich sublimierender
+Narzißmus, dieser idealisierende Streber, uns dabei einigermaßen
+ähnlich werden lassen ewigen Toggenburgern, die ihren Liebesgegenstand
+um so reichlicher anhimmeln, als sich ihre reale Vermählung
+mit ihm unvollziehbarer erweist). Mit wie vielen Beweisen
+und Begründungen wir auch vorzugehen pflegen, nie gelingt darin
+Überzeugendes ohne heimlich-persönlichsten Anschluß an die narzißtische
+Forderung in uns; und wiederum: ist sie genehmigt, dann
+gelänge es keiner Gegenmacht, uns um-zuüberzeugen: versicherten
+wir noch so bescheiden, es ergäbe sich dadurch wohl nur eine
+subjektiv-gültige Bewertung, wir wissen sie trotzdem als end- und
+allgültig, so gewiß unser Narzißmus selbst nichts weiter ist, als das
+im Gefühlserlebnis noch dunkel festgehaltene Wissen <em class="gesperrt">um unser
+Subjektivstes als unsere objektive Anschlußstelle</em>. Von
+aller Metaphysik, sofern sie das »Sein« mit »Gott« als absolutem
+Wertprinzip in Übereinstimmung zu bringen trachtet, gilt darum,
+daß sie nicht nur in ihrer Denkungsweise narzißtisch mitbedingt,
+sondern an sich das philosophisch aufgearbeitete Abbild des Bundes
+von Narzißmus und Sachlichkeit ist. Am unmittelbarsten vielleicht
+tritt dieser doppelte Sachverhalt hervor in der Frage nach dem
+<em class="gesperrt">Lebenswert</em>, der nur durch ihn, erst durch ihn, zur Frage <em class="gesperrt">wird</em>,
+indem es hier um den Narzißmuswert selber geht, ob auch das
+Urteil darüber sich ergehen mag wie über ein sachlich gegenüberstellbares
+Objekt. Im Lebensrausch als solchem &ndash; wovon ja dem Gesunden
+hilfreich was in Blut und Hirn kreist &ndash; also im narzißtisch
+hinter allem weiterbeharrenden Rausch, behält ewig der Optimist
+recht; bei Absehen von dieser innern »unsachlichen« Voraussetzung
+der Pessimist, d.&nbsp;h. der libidolos, »lieblos« Urteilende, nur eben
+unrecht hinsichtlich des Lebensträgers, des allein und eigentlich
+Lebendigen! Wo das Narzißtische im Menschen zu stark übergreift,
+da bringt seine Allzu-Zuversichtlichkeit trotz ihrer lebensweckenden
+Kräfte ihn in peinlichen Anprall an die Außenrealität; wo es dagegen
+zu geschwächt dem realgerichteten Urteil unterliegt, da bringen
+selbst dessen beste, glücklichste Erfolge keinen wirklichen Frohmut
+zustande. Darum gleicht sich dem sogenannten Normalen das
+Dasein ungefähr aus zwischen diesen beiden Richtungen, die gleichsam
+andeutungsweise, innerhalb der Normalität, etwas vom »Manischen«
+und etwas vom »Melancholischen« enthalten; auch normalerweise
+schon übertreibt sich der Tatbestand beidemale fälschend &ndash;
+<a class="pagenum" name="Page_374" title="374"> </a>
+und sagt damit dennoch mehr aus, als die gemäßigtesten Zustände
+tun, wenn sie sich <em class="gesperrt">sehr</em> weit von »Haß wie Liebe« entfernen: dermaßen
+<em class="gesperrt">ist</em> »Leben« total nur in seinen Überschätzungen nach beiden
+Seiten, in seinen zu absoluten Wertabschätzungen, in etwas über
+alles Stückhafte hinaus, <em class="gesperrt">wahrhaft</em>, als »Leben« vorhanden.</p>
+
+<p>Aber das narzißtisch bedingte Werten wird erst Problem,
+wird auch erst Leistung, recht eigentlich da, wo »wertvoll« und
+»libidobesetzt«, nicht so unmittelbar in eins fallen wie in der Frage
+nach dem Lebenswert selber: wo, statt dessen, die Wertgebung
+voraussetzt, daß, um sie zu vollziehen, wenigstens das Infantilste
+der Stellungnahme dazu aufgegeben, umgestellt sei. Mit anderen
+Worten: wo der symbolisierende Idealisierungsakt am Objekt schon
+begleitet ist vom sublimierend aufarbeitenden Akt am Trieb selber
+(scharf zu unterscheidende Vorgänge, die zu verwechseln <span class="gesperrt">Freud</span>
+mit Recht gewarnt hat). Es ist außerordentlich interessant, daß vom
+Narzißmus her nicht nur des Objekts, sondern auch des Subjekts
+Aufstieg ins immer »wertvoller« Aufgearbeitete möglich ist, was
+<span class="gesperrt">Freuds</span> Wort vom Narzißmus als »Keimpunkt des Idealbildens«
+schon früh (»Z. E. d. Narz.«) festlegte. Dieser Punkt wird wesentlich,
+sobald unser Selbstbildnis infolge von Realerfahrungen daran,
+uns zu enttäuschen beginnt: »Unserm Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe,
+welche in der Kindheit das wirkliche Ich genoß« (<span class="gesperrt">Freud</span>,
+ebenda). Weil hiefür aber auf die Dauer unsere infantile Wunschpraktik
+nicht ausreicht, nachdem das Weltgegenüber immer sachlichere
+Maßstäbe an uns legt, so entsteht damit eine Nötigung zu
+gewissen Rangordnungen in uns, zu Stufungen, Gliederungen auch
+in unserer Triebwelt. Unser Ebenbild, hineingewünscht ins Ideale,
+wirkt mit dessen Dimensionen auf uns zurück, manche Züge unterstreichend,
+andere ausradierend; noch fühlen wir uns schön und
+groß, ja erst recht groß, aber doch nur, sofern wir uns auch, in
+den abweichenden Zügen, auch klein oder zu häßlich finden, uns
+mißschätzen <em class="gesperrt">können</em>, angesichts des Idealbildes, das wir sind und
+doch nicht in all und jedem sind. Diese Rückwirkung auf uns, vom
+narzißtischen Geformten nun ideal, religiös, ethisch oder wie immer,
+soll man ja nicht gering anschlagen. Es bleibt wesentlich selbst nach
+Abzug dessen, was bei seiner Bildung von fremden und Außenfaktoren
+in Betracht kam: einmal den Geboten und Verboten unserer
+Erzieher, unserer Umwelt, dem feineren oder gröberen Drill; sodann
+jenes Quantums Objektlibido<a name="FNanchor_9" href="#Footnote_9" class="fnanchor">(9)</a>, die uns an die pflegenden und
+<a class="pagenum" name="Page_375" title="375"> </a>
+bevormundenden Personen bindet und sie selbst zu nachahmenswertesten
+Symbolen aller Idealwerte umschafft. Dennoch sind wir
+bei alledem auch von uns aufs Stärkste beteiligt: wie der Narzißmus
+innerhalb der Objektlibido das Personelle symbolisch hochzutreiben
+weiß, wie er sich in immer sachlich weiterfassenden, geisthaftern,
+abstraktern Zusammenhängen noch durchsetzt, so kommt
+er auch von sich aus zu letzter Wertautonomie. Sagt ihm am
+frühesten sein Gefühl, heiß wünschend: »Leben schon gleich Wert!«
+so vollendet sich das reifste in einem <em class="gesperrt">fordernden</em>: »Nur Wert
+allein wahrhaft Leben«, und auch noch diese absolut sich gebärdende,
+über das Sein gesetzte Wert-Überwertung (die doch um des Seins
+halber überhaupt erst anhob), dieses Ethische in Reinkultur, auch
+das ist noch als Höchstleistung unseres Narzißmus zu buchen.</p>
+
+<p>Mir erscheint dieser Umstand um so bedeutsamer, als er
+klarlegt, von wie tief her psychoanalytische Einsicht in die ethischen
+Unter- und Beweggründe dringt: <span class="gesperrt">Freuds</span> Ausspruch vom »narzißtischen
+Keimpunkt des Idealbildens« rückt ebenso weit ab von
+metaphysischen Notbehelfen bei Betrachtung psychologischer Tatbestände,
+wie von jener rationalistischen Einstellung, die überall
+auf Außeneinflüsse zurückgeht (Nutzen oder Zwang unter nachfolgender
+Sanktion). Mit <span class="gesperrt">Freud</span> reicht die Frage so tief, als der
+Mensch Menschlichem zu folgen imstande ist: ins Ursprünglichste
+seiner selbst, dorthin, wo er seiner selbst bewußt wurde und diese
+Vereinzelung wiederzuergänzen sucht, noch entgegen der eigenen
+Triebgewalt in Gehorsam oder Liebe, um auf solchem Umweg das
+Urerlebnis der Allteilhaftigkeit wiedererneuen zu können. Würde
+das immer schärfer unterschiedenere Ich sich überrennen lassen vom
+Durcheinanderlaufen der Triebe, so bliebe es auf ein gewaltsames
+Infantilisieren beschränkt, dem die Außenwelt verloren geht, ohne
+daß der Urzustand des ihrer noch unbewußten Kindes wiederherstellbar
+wäre. Freilich ist ja die Ineins-Setzung unserer selbst mit
+Höchstwerten einerseits ebenfalls eine phantasierte Wirklichkeit, ob
+wir ihr noch so sehr nachstreben: anderseits aber verbürgt gerade
+dies Unbedingte daran, wie ganz aus unserm Wesen gebürtig sein
+muß, was wir mit so großer Gebärde gutheißen. Und in der Tat:
+wir sind es ja, die sich selbst enttäuschen oder mißfallen, der Gemaßregelte
+mit dem von seinem Idealwert ganz Benommenen bleiben
+<a class="pagenum" name="Page_376" title="376"> </a>
+untrennbar eins in uns, deshalb der narzißtische Liebesquell unentleert
+(weshalb auch neurotisch der an sich schier Verzweifelnde und
+der sich nahezu gottgleich Wähnende so verblüffend dicht beieinander
+stehen). Insofern bildet alle echte Ethik, alle ethische Autonomie,
+zweifellos ein Kompromiß zwischen Befehl und Begehr,
+während sie gerade das am prinzipiellsten zu vermeiden sucht: das
+Begehrte macht sie zwar unerreichlich, durch die Idealstrenge des
+geforderten Wertes, dafür aber bezieht sie das Befohlene tief ein
+in den Urtraum allesumfassenden, allesuntergründenden Seins.
+Dieser Kompromißcharakter verrät sich deutlich auch noch an den
+starrsten Wertsetzungen &ndash; ja gerade an denen &ndash; den unterirdischen
+Zusammenhängen von Gesolltem und Gewünschtem, oder, anders
+benamst: von Ethik und Religion. Kann keine Religion ein irgendwie
+ethisch gültiges Moment entbehren (d.&nbsp;h.: daß das Kind zum
+Vater <em class="gesperrt">aufblicke</em>), so ebenso gewißlich keine ethische Selbstbezwingung
+ein Moment der Mutterwärme, die sie darüber hinaus
+umfängt. Alles, was wir »sublimieren« nennen, beruht einfach auf
+dieser <em class="gesperrt">Möglichkeit, auch noch Abstraktestem, Unpersönlichstem
+gegenüber etwas wahren zu können, von der
+letzten Intimität libidinösen Verhaltens</em>; nichts als dies ermöglicht
+den Vorgang, wobei: »die sexuelle Energie &ndash; ganz
+oder zum großen Teil &ndash; von der sexuellen Verwendung abgelenkt
+und anderen Zwecken zugeführt wird« (<span class="gesperrt">Freud</span>, Drei Abh.
+z. Sexth.). Im religiösen Erlebnis, im »fromm« gerichteten Menschen,
+schießt früheste, elterngebundene Objektlibido in die narzißtische
+Strömung mit hinein, und schafft damit eine rechte Glanzleistung
+des Narzißmus: indem nun beide gemeinsam münden im Gotteswert,
+als dem zugleich Allesbeherrschenden und Allerintimsten.
+Was dem Objekt der Libido sonst so übel bekam: das Sichverflüchtigen
+des Personellen in immer stellvertretendere Symbolik,
+eben das bringt es am Gotteswert zum Meisterstück, nämlich dermaßen
+zum Symbol aller Liebessymbole, daß Gott sich daran verpersönlicht<a name="FNanchor_10" href="#Footnote_10" class="fnanchor">(10)</a>.</p>
+
+<p>So muß denn das, was zuinnerst des Religiösen wirksam ist &ndash;
+die Richtung auf ein vertrauensvoll idealisierendes Narzißtisches &ndash;
+auch den von üblichen Glaubensvorstellungen Gelösten in seinen
+<a class="pagenum" name="Page_377" title="377"> </a>
+Sublimationsbestrebungen orientieren, sollen sie ihn nicht in eine
+Entfremdung zu sich selber geraten lassen. Soll er nicht, dem ihm
+Wertvollsten hingegeben, es nicht zugleich hoch über ihn hinwegfliegen
+sehen, ihn nur gerade so weit mit emporreißend, daß er
+beschämt und entrüstet auf sein flügellahmes Selbst heruntersieht,
+kurz, daß er statt des beabsichtigten Fluges in Gewissensängste,
+Schuldgefühle niedersinkt. In ernsthaftester Weise ist <span class="gesperrt">Freuds</span>
+Warnung zu beachten: sich über gegebenes Vermögen an Sublimationen
+zu »übernehmen«, heiße nicht Vollkommenheit, sondern
+Neurose vorbereiten. Aber wieder stoßen wir dabei darauf, wie
+tief und nüchtern <span class="gesperrt">Freud</span> sich psychoanalytisch die Ethikprobleme
+auch hinsichtlich des Schuldbewußtseins erschließt: wie &ndash; wiederum
+sowohl abseits von metaphysisch als auch von äußerlich (utilitaristisch)
+vorgenommenen Lösungen &ndash; die Frage sich ihm dahin beantwortet,
+daß unser narzißtischer Größenwahnrest auch noch dem
+ethischen Ehrgeiz, dem Aufwärts- und Vorwärtstreiben des real
+angepaßten Ich, zugrundeliegt, wobei dann am Wege verachtet
+zurückbleibt, was der anstrengenden Gangart nicht gleich folgen
+kann. Bis der Mensch »sich« nur noch von demjenigen aus ansieht,
+was er allein als Sein wertet, ohne es doch <em class="gesperrt">sein</em> zu können, und
+deshalb seine eigene Beschaffenheit zu verdrängen, zu verleugnen
+suchen muß, ohne von ihr doch frei zu werden. Verhältnismäßig
+harmlos erweist solcher Vorgang sich noch beim Strafe befürchtenden
+»Drill«, ja sogar noch beim Gehorsam aus objektbesetzender
+Liebe, die sich nicht genug tat: rührt er jedoch bis an den narzißtischen
+Urgrund der ethischen Phänomene, dann ist Schuldbewußtsein,
+Reue bereits nur noch Name für Erkrankung. Darum sind
+wohl alle Neurosen immer auch Schuldneurosen, und immer unter
+dem Kennzeichen, daß der Mensch aus der instinktsicheren Gesundheit
+seiner Selbstachtung sich hinausgedrängt fühlt, trotzdem er als
+Neurotiker gar nicht der Typus des »Begehrenden«, sondern der
+des empfindlich reagierenden Gewissens zu sein pflegt, und eben
+deshalb die rumorenden Wünsche überängstlich hinter Schloß und
+Riegel hält. Eine Vertiefung dieses Zwiespalts bis zum Bruch ist es,
+wenn im Gegensatz dazu der Psychot das Gewissen außer Spiel gesetzt
+sieht, triebhemmungslos wird, und wohl nur da und nur dann
+bloßer Phantasieverbrecher bleibt, sofern er schon zu negativistisch von
+der Realwelt abgekehrt steht um handelnd in sie einzugreifen. Weshalb
+ja auch das neurotische Pathos in ihm zu ironisierendem Tonfall
+umschlagen kann, worin sein Ich, gleichsam schon unbeteiligter,
+machtloser Zuschauer, noch seine Kritik zum besten gibt, nachdem
+es seinerseits dem Ausschluß, der Verdrängung verfiel, sich desorganisierte
+und dadurch an Stelle der ihm gegenübergesetzten Realwelt die
+Technik der primitivsten narzißtischen Wunschproduktion in Wahnbildern
+am Werk sehen muß. (Traumtechnik des Gesunden.)</p>
+
+<p>Ich gerate auf diese scheinbare Abschweifung aber deshalb,
+weil mir vorkommen will, als gäbe es ein Analogon für »neurotisch«
+<a class="pagenum" name="Page_378" title="378"> </a>
+und »psychotisch« auf dem Gebiet der Ethik für den Normalzustand.
+Nämlich außer Schuldgefühlen, bezogen auf das Ich, seine
+Mängel und Taten, auch noch ein ähnliches Enttäuschungsgefühl an
+Leben und Welt, wobei wir uns aber mitschuldig fühlen, dem wir
+also nicht pharisäisch oder bettelnd als etwas anderes gegenüberstehen,
+sondern wobei wir <em class="gesperrt">verletzt sind</em> an einer <em class="gesperrt">narzißtisch
+überlebenden Urverbundenheit</em>. Natürlich drückt dies das Infantilere
+aus im Vergleich zum ichgerichteten Gewissen, das ums
+eigene Spezialseelenheil Sorge trägt, es kann aber daneben weiterbeharren.
+Ich entsinne mich aus meiner Kindheit und von noch
+später her eines grotesken Herzwehs über enttäuschende Mängel
+anderer, die mich weit mehr »ethisch« grämten als die eigenen
+Mängel: denn was konnte es nützen, vollkommener zu werden,
+wenn es nicht um das Ganze der Welt, und nur darum auch
+mich mit einbegriffen, derartig vollkommen bestellt war? Entzücken
+und Dankbarkeit riß mich hin, wo etwas solchen Glauben zu bewahrheiten
+schien, und enthob mich damit betrüblich rasch jeder
+persönlichen Gewissenssorge, welche Figur denn ich mitten drin
+machen würde. So viel Kindisches das auch ausdrückt, so liegt doch
+fraglos eine Spur Ironie in dem Umstand, daß der Andere, Gewissenhafte,
+der von seiner Selbstsucht am ethischesten loskommen Wollende,
+am eifrigsten und ständigsten mit sich beschäftigt bleiben muß, sich
+weder in Herzweh noch Herzenslust völlig vergessen darf. Deshalb
+sind auch noch bei der ethischen Einstellung zweierlei
+Verhaltungsweisen unterscheidbar: die eine vorwiegend von den
+Wertanforderungen des Ichbewußtseins aus und das Ich strebend
+im Mittelpunkt haltend, die andere von den alten Identifizierungskünsten
+des Narzißmus aus, aber gleichfalls aufgearbeitet in ethisch
+gerichtete Wunschträume. Dies jedoch dient aus einem bestimmten
+Grunde einer wichtigen Seite der Sache: denn offenbar entnimmt
+ja alle Ethik ihren Hauptcharakter, eben ihre Unbedingtheit, Absolutheit,
+Allgültigkeit dem narzißtischen Urzuschuß, der so sehr
+für alles Übermäßige zu haben ist, und »ethisiert« uns erst an
+diesem fragwürdigen Material. So kommt es zu Wechselwirkungen
+von beiden, deren Paradoxie, näher betrachtet, schwer überboten
+werden könnte. Gibt es doch keine Askese oder Gesetzesstrenge,
+kein endgültiges Verachten des Realen, das nicht nach dem narzißtischen
+Helfershelfer dabei riefe, erst er, der begehrliche, wunschdreiste,
+lehrt uns auch das: »geh an der Welt vorüber, es ist
+nichts.« Und anderseits: eben die absolut gerichtete Ethik bedarf
+der ganzen Fülle des Möglichen und Wirklichen, muß allen Sonderfällen
+des Geschehens gerecht werden, alle Aufeinanderbezogenheiten
+berücksichtigen, denn um der Menschen und ihres Heils- und
+Glückstraums willen ist sie da, vom kindlichselbstischen bis sublimen
+Egoismus des Himmelsstürmers und Gottsuchers. Dies Wesen der
+ethischen Praktik, die ihre Unbedingtheit narzißtisch bedingt, sowie
+wiederum diese strenge, hoheitsvolle Wertmiene des ethisch verwendeten
+<a class="pagenum" name="Page_379" title="379"> </a>
+Narzißmus, ergeben einen derartigen Knäuel von Widersprüchen
+von Fall zu Fall, daß man ruhig behaupten kann: nur
+rein schematisch verfuhr, wer jemals, über den Einzelfall hinaus,
+diese lebenstrotzende Wirrnis in glattem Faden aufwickelte.</p>
+
+<p>Nun kann ich aber dies Thema nicht abbrechen, ohne eines
+hinzugesetzt zu haben: nämlich wie sehr eben dies meine ganze
+Hochachtung und Ehrfurcht vor dem Phänomen des »Ethischen«
+im Menschen geradezu ausmacht. Denn erst dadurch erhebt es sich
+zu den schöpferischen Betätigungen, ungeachtet es auf Gesetz und
+Regel und Soll ausgeht. Ja durch die Reibung innerhalb solchen
+Widerspruchs &ndash; durch die Unbedingtheit, die dennoch sich lediglich
+durchzusetzen vermag »von Fall zu Fall«, d.&nbsp;h. im lebendigen
+Vollzuge allein &ndash; wird es <em class="gesperrt">die</em> schöpferische Tätigkeit par excellence,
+vollziehend das, was »nie und nirgends sich begeben«. Ethik: sich
+erst voll ausweisend im vorschriftsmäßig am wenigsten zu Schlichtenden,
+im Durcheinandersichkreuzen der Gebote und Verbote, erst
+damit wahrhaft autonom das Gültige zum Erlebnis hebend. Begreiflicherweise
+bleibt Vorschrift, Gesetz, das prinzipiell betonteste
+da, wo heimliche Wunschzutaten abgewehrt werden sollen, trotzdem
+aber ist in irgend einem Sinne »Ethik« auch immer zugleich
+das Unvorgeschriebene, schlechthin Gedichtete, d.&nbsp;h. trägt in all
+ihrem Tateifer wie ihrem Werk zugleich das Stigma des Verträumten,
+woraus Dichtertat sich zum Werke formt. Nur, leistet
+der Dichter »träumend«, so handelt in die Praxis hinein der ethisch
+gerichtete Mensch: wagt seinen Traum an Realität, Drangsal, Erfahrung,
+an den Anprall aller Zufälle und Wirrnisse. Darin liegt
+die Würde des Bruchstückhaften, nie Vollendeten, was ihm allenfalls
+gelingt, verglichen mit künstlerischer Werkrundung, deren Abseits
+er nicht ertrüge, die er sprengt, um sie nochmals und nochmals
+aufs Spiel zu setzen. Ethik ist <em class="gesperrt">Wagnis</em>, das äußerste Wagestück
+des Narzißmus, seine sublimste Keckheit, sein vorbildliches
+Abenteuer, der Ausbruch seines letzten Mutes und Übermutes
+ans Leben.</p>
+
+<h2>IV.</h2>
+
+<p>Bei dem, was Kunst genannt wird, künstlerisches Schaffen,
+oder sagen wir allgemeiner: poetisch anstatt praktisch gerichtete
+Betätigung, braucht man die narzißtische Kinderstube nicht erst an
+Restbeständen daraus aufzuspüren wie bei Objektbesetzungen oder
+Wertsetzungen: unmittelbar nimmt es immer wieder von dorther
+den Ausgang, auf eigenem Pfad, verfährt bis in alle letzten Ziele,
+narzißtisch »wertend« und »besetzend«. Die gleiche Methode stünde
+uns allen auch lebenslänglich, jeglichen Augenblick und bei jedem
+Eindruck zu Gebote, würden wir uns durch unsere logisch-praktische
+Anpassung an die Ich- und Realwelt nicht ihrer so grundsätzlich
+entledigen, daß wir meistens nur erinnernd dorthin zurückkönnen,
+wo Innen-Erlebnis und Außen-Vorfall noch ungetrennt
+<a class="pagenum" name="Page_380" title="380"> </a>
+für dasselbe Geschehen stehen. Für dies Erinnern gilt darum etwas
+anderes als fürs Gedächtnis, wovon <span class="gesperrt">Freud</span> vermerkt, es scheine:
+»ganz am Bewußtsein zu hängen, und ist scharf von den Erinnerungsspuren
+zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Unbewußten
+fixieren« (Fußnote aus »Das Unbewußte«); denn diese sind
+im Bereich wirkender »Sachvorstellungen«, nicht davon abgezogener
+»Wortvorstellungen« (<span class="gesperrt">Freud</span>) zu denken, dieser bloßen Verständigungskonventionen,
+deren wir uns gedächtnismäßig bemächtigen.
+Äußerste Exaktheit, Triumph besten Gedächtnisses, kann so in
+umgekehrtes Verhältnis geraten zu Erinnerungsklarheit, die, in
+lebendigem Zusammenhang der Eindrücke wirksam, gleichsam nur
+an Leben entlang sich ins Bewußtsein hebt: Gedächtnis <em class="gesperrt">haben</em> wir,
+Erinnerung <em class="gesperrt">sind</em> wir. Das allein ist der Grund des unkünstlerischen
+bloßen »Abbildes«, und gilt darum weder für Kinder noch
+für Primitive, sofern sie Reales noch phantastisch, Phantasiertes
+als real nehmen können. Am schönsten kennzeichnet die vorgetäuschte
+Bewegung des Films den Gegensatz zu Erinnerungsbewegtem:
+man könnte sich sogar denken, daß derartige, dem Gedächtnis
+allzu tadellos nachhelfende Vergegenwärtigungen von
+Vergangenem, Erinnerung auf tödliche Weise beeinflussen würden,
+sie desorganisierend, zersetzend in ihrer grundliegenden Totalität.
+Gewissermaßen ist ja Erinnerung ein nie nur »praktischer«, immer
+auch schon »poetischer« Vollzug: sie ist damit sozusagen das einem
+jeden von uns aufbewahrte Stück Dichtertum, Ergebnis zugleich
+Distanz schaffender, bewußte Überschau ermöglichender Vergangenheit,
+und ewig-erneuter Aktualität und Affektivität, auch wo sich
+beides nicht so formend zusammentut wie im Werk des Poeten.
+Poesie ist Weiterführung dessen, was das Kind noch lebte und
+was es dem Heranwachsenden opfern mußte für seine Daseinspraxis:
+Poesie ist perfektgewordene Erinnerung.</p>
+
+<p>Nun gibt es nichts, was tiefer in Kindheitseindrücke zurückbrächte,
+als aufgehobene Verdrängungen und nichts strebt von sich
+aus heftiger nach solcher erinnernder Befreiung als das kindliche,
+noch so ganz von Geboten und Verboten der Erwachsenen umstellte
+Leben. An die infantilen Verdrängungen schließen die spätern
+sich an &ndash; bilden damit den »Schatz von Erinnerungsspuren, welche
+der bewußten Verfügung entzogen sind, und die nun mit assoziativer
+Bindung das an sich ziehen, worauf vom Bewußtsein her die
+abstoßenden Kräfte der Verdrängung wirken. Ohne infantile Amnesie,
+kann man sagen, gäbe es keine hysterische Amnesie«
+(<span class="gesperrt">Freud</span>, Drei Abh. z. Sexth.). Schon früh, in seiner Studie über »die
+Dichter und das Phantasieren«, faßte <span class="gesperrt">Freud</span> daher Kunst auf als
+Spezifikum gegen Verdrängungsgifte, und welche Erweiterungen
+seine Arbeit über den Gegenstand auch seither durch ihn erfuhr:
+dieser Hauptpunkt bleibt derselbe, wenn er auch den Unwillen der
+Künstler erregt infolge meist zu flacher Auslegung. Man achtet
+nämlich zu häufig nur darauf, daß die Kunst Wunscherfüllungen
+<a class="pagenum" name="Page_381" title="381"> </a>
+gewährleistet, die sonst gar nicht oder nur strafbar oder endlich
+krankhaft sich durchsetzen, man übersieht aber darüber die ganze
+Tragweite der <span class="gesperrt">Freud</span>schen Unterscheidung von »bewußtem« und
+»unbewußtem« Wunschziel. Niemand bedarf weniger der Erfüllung
+von Personalwünschen wie der Künstler. Niemand bleibt weniger
+in ihnen stecken, ja niemand kommt von vornherein, eben als
+Schaffender, von Erfüllungen <em class="gesperrt">her</em>, statt ihnen nur nachzujagen.
+Durch zeitweiliges Zurückgenommensein in ursprünglicheren Zusammenschluß
+dessen, was sich uns sonst nur in Subjekt und Objekt
+spaltet, ist er seinem Einzelsinn und Privatsein im Schaffen
+enthobener als sonst irgendwo: ja eben dies allein gestattet und
+ermöglicht ihm die Aufhebung des Verdrängenden, eben dies erst
+gibt ja seinen Regungen eine Freiheit wieder, wie wenn sie »ich-gerecht«
+im Sinn der Bewußtseinszensur wären (vgl. <span class="gesperrt">Freud</span>: »das
+Unbewußte wird für diese eine Konstellation ich-gerecht, ohne daß
+sonst an seiner Verdrängung etwas abgeändert würde. Der Erfolg
+des Unbewußten ist an dieser Kooperation unverkennbar; die verstärkten
+Strebungen benehmen sich doch anders als die normalen,
+sie befähigen zu besonders vollkommener Leistung«). Dafür ist
+maßgebend, daß nicht auf unser Individual-Ich, wie es sich bewußt
+auf sich selbst bezieht, dabei zurückgegangen sei, sondern auf jene
+noch Allen gemeinsame Grundlage, auf Aller Wesenskindheit, wie
+sich auch der künstlerische Mitgenuß hierauf nur gründen kann<a name="FNanchor_11" href="#Footnote_11" class="fnanchor">(11)</a>.
+Ohne es zu wollen, hat so der Künstler sein Publikum in sich, bei
+sich, und nur um so mehr, je vollständiger er davon abzusehen
+pflegt, aufgebraucht vom Schaffensvorgang selber. Wird es &ndash;
+meines Erachtens &ndash; beim ethischen Verhalten auffallend, wie sehr
+das Allgemeingültige letztlich sich »ethisch« doch nur durchführen
+läßt von »Fall zu Fall«, in solchem scheinbaren Selbstwiderspruch
+gerade seine eigentliche schöpferische Bedeutung erst offenbarend,
+so überrascht am allerpersönlichsten Erfaßtsein des Künstlers, wie
+<a class="pagenum" name="Page_382" title="382"> </a>
+sehr, wie ganz es immer schon das Allgemeine mit umfaßt, um
+erst daran wirklich, Werk, zu werden. Hier erschließt sich das anscheinend
+Subjektivste als Anschlußstelle des objektiv Gültigsten.
+Dazu stimmt die Erfahrung, daß schaffendes Verhalten, je leichter,
+sieghafter es sich durchsetzt, in desto rücksichtsloseren Gegensatz
+oft tritt zum, körperlich oder seelisch bestimmten, sonstigen Personalzustand:
+darin tatsächlich der Leibesfrucht ähnlich, deren Wachstum
+zu Verlagerungen, Bedrängnissen im übrigen Organismus führt
+oder Muttergift durch seine Adern kreisen läßt. Nicht selten erwacht
+der Künstler aus seiner Benommenheit wie aus einer zwangshaften,
+mit dem Gefühl von Befreiung, nun wieder an Beliebiges
+denken zu dürfen, sich in personell oder sachlich Wünschbarem ungehindert
+gehen zu lassen. Wobei er sich dann freilich oft mitverwandelt
+fühlt durch das Vorhergehende: als habe vieles sich erledigt,
+was vorher am stärksten beschäftigte, als seien Umwertungen
+eingetreten, die zuvor Unmerkliches neu betonen, Altes verjüngen,
+Junges vergreisen ließen.</p>
+
+<p>Interessant studiert es sich am Geschlechtlichen: wie durchaus
+es mit seinen Hauptkomplexen im Schaffensmittelpunkt stehen bleibt,
+an der Konzeption zutiefst damit beteiligt, und dennoch nur soweit,
+als es aufgearbeitet wurde ins &ndash; gleichsam &ndash; Privatwollustfreie,
+d.&nbsp;h. als der Zentralpunkt sich total aus dem personalen
+Umkreis verschob. Wo dies auch nur im geringsten mißlang, bedeutet
+die persönlich erstrebte Phantasiewunscherfüllung sofort das
+Versagen im Schöpferischen. Denn wohl bedarf der Künstler der
+Regression bis ins Infantilste und damit am leiblichsten Beeinflußte,
+aber auch nur er verhält sich auch hiezu »schaffend«. Der Anteil
+des Eros an Geistschöpferischem &ndash; wie stark der Hinweis darauf
+auch <span class="gesperrt">Freud</span> verübelt wird &ndash; gehört wohl zu den ältesten Erkenntnissen,
+und im Grunde sollte doch ebenfalls selbstverständlich sein,
+daß dafür nur <em class="gesperrt">die</em> Anteile daran in Betracht kommen, die wir
+nicht geradenwegs zum Normalziel abführen, sondern diesem Ziel
+entgegen, also infantil erhalten. Aber schöpferisch bedeutsam werden
+sie wiederum erst unter Beihilfe von Verdrängung: nur daß sie
+sich, anstatt aufs »Desinfantilisieren« und »Genitalisieren«, auf ein
+Entleiblichen des ursprünglich kindlich Polymorphen bezieht. Man
+möchte sagen: künstlerisches Schaffen <em class="gesperrt">enthülst</em> gewissermaßen aus
+dem Leibhaften den fruchtbaren Kern, der sich im Werk dann allseitig
+auswächst. Mit E. <span class="gesperrt">Jones'</span> Wort (aus der vorzüglichen Studie:
+»Die Empfängnis Mariae durch das Ohr«, Jahrbuch IV) gesagt,
+liegt im Künstlerischen: »die Reaktion gegen die Geschlechtlichkeit
+dem Streben, und ihre Sublimierung den Formen, die das Streben
+annimmt, zugrunde«<a name="FNanchor_12" href="#Footnote_12" class="fnanchor">(12)</a>. Daß Begehr und Reaktion, beide, hier
+<a class="pagenum" name="Page_383" title="383"> </a>
+gewaltig vertreten sein müssen<a name="FNanchor_13" href="#Footnote_13" class="fnanchor">(13)</a>, darauf gründet <span class="gesperrt">Schopenhauer</span>
+sein bekanntes Experiment: sexueller Reizung nachzugeben um
+dann, jählings, vom Punkt hoher Steigerung, abzubiegen in Geistesarbeit.
+Man wäre versucht zu glauben, ähnliche Experimente
+müßten sich bestätigen nicht nur bezüglich speziell-sexualer Mitwirkung,
+sondern aller Triebhaftigkeit, z.&nbsp;B. auch von als »böse« gebrandmarkten
+Regungen, denen wir ja nur infantil-sorglos noch
+ohneweiters nachgaben. Das noch amoralische Begehren, so dicht
+bei seiner Umstülpung vom narzißtisch Ununterschiedenen ins kraß
+selbstisch Verengte, mag bei diesem Übergang Möglichkeiten in sich
+enthalten, die dem Menschen nicht in der Praxis, nur in schaffender
+Phantasie, ganz aufgehen. Ist doch »Sexuales« wie »Böses« in
+diesem Sinn allein, aber darin tatsächlich, dem Schaffenden vermehrt
+zu eigen: wenn <span class="gesperrt">Goethe</span> versichert, er wisse »von keinem Verbrechen,
+das er nicht auch begangen haben könnte«, so kennzeichnet
+das nicht den individuellsten, sondern typischesten, den noch infantil-alles
+enthaltenden Menschen, den, auf formkünstlerischem Wege
+zielmächtigsten, aber auch den schlechthin riskiertesten. (Es handelt
+sich darum: »zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte des Menschen,
+ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen
+stammen, wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich
+ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander unterscheiden«;
+<span class="gesperrt">Freud</span>, »Das Unbewußte«.) Entgleist der Mensch aus
+seinem Schaffenszustand, so sieht er sich infolgedessen furchtbar
+aufgehängt zwischen Nichts und Nichts: weder geborgen am Werk,
+noch an der Realwelt, worin er dem Urteil der anderen fragwürdig
+wurde wie dem eigenen, d.&nbsp;h. wie seinem Privatpersonentum innerhalb
+praktischer Weltgeltungen. Lassen schon Stockungen, Störungen
+während der Arbeit Künstler leicht als Neurotiker erscheinen, so
+gleicht die gefährliche Grundvoraussetzung alles Schaffens sie nahezu
+psychotischer Verfassung an: indem es sie hinter den Rücken
+ihres Ich zurückzieht in ihrer eigentlichsten Tätigkeit. Gelegentlich
+mehrfacher Beobachtungen habe ich mich immer wieder überzeugt,
+mit welcher Selbstverständlichkeit, bei unvermutetem Absturz aus
+produktivem Verhalten, ein Zurückfallen in Infantilismen sexueller
+Art sich einstellen kann (<span class="gesperrt">Freuds</span> Bemerkung bewahrheitend: »Das
+Höchste und das Niederste hängen an der Sexualität überall am
+<a class="pagenum" name="Page_384" title="384"> </a>
+innigsten aneinander.« Drei Abh. z. Sexth.). Gerade daran pflegt
+die Befürchtung sich zu verstärken: daß es sich wohl nicht nur um
+vorübergehende Unterbrechung handle, sondern um Nachlassen der
+geistigen Potenz überhaupt. Dies ist aber um so bedauerlicher, als
+Schaffenszustände oft geradezu derartiger Absetzungen, Aussetzungen
+<em class="gesperrt">bedürfen</em> mögen, solcher Erholungspausen des Bewußtseins, dem
+heimlich weitergehende Arbeit sich entzieht, etwa wie dem Auge
+der Säfterückzug in winterlichen Stamm entzogen bleibt, während
+dessen die Bäume sich umschütten mit aller Melancholie entleerten,
+entfärbten Laubes. Wir beurteilen uns eben vom Bewußtseinsauge
+aus, das wir prüfend auf uns richteten seit Überschreiten unserer
+Infantilgrenze; und dieser beurteilende, verurteilende Blick ist dann
+am unerbittlichsten, schärfsten, wie auch die Triebe an dieser Grenze
+hier am stärksten sich stauen und verstärken<a name="FNanchor_14" href="#Footnote_14" class="fnanchor">(14)</a>. Es ist deshalb, als
+ob der Schaffende noch einmal Kindheitsparadies wie Kindheitshölle
+gleichermaßen zu durchkosten bekäme.</p>
+
+<p>Entfremdetsein von unserm Ich ist uns harmlos nur gegeben
+in unserer allnächtlichen kleinen Psychose, unserem allnächtlichen
+wundersamen Schaffenszustand, dem Traum, der schon so vielfach
+primitivem Kunstwerk verglichen wurde. Was den Traum dem
+Schaffen vor allem anähnelt, ist die ungeheuere Objektivität, womit
+er seinen Inhalt vor uns hinstellt, auch noch an das scheinbar
+krauseste Durcheinander verblüffende Kraft überzeugender Formung,
+Gestaltung, verschwendend. Aber nicht einmal diese selbst enthält,
+meines Erachtens, das künstlerischeste Moment daran: sondern erst
+die Traumfähigkeit <em class="gesperrt">so vielem gerecht zu werden unbeeinflußt
+von unserer persönlichen Stellungnahme dazu</em>. Man
+kennt <span class="gesperrt">Lichtenbergs</span> ärgerliche Frage, warum, um alles in der
+Welt, sogar Dichter außerstande seien, fremde Charaktere derartig
+treffend, wissend, unbestechlich durch eigene Vorurteile zu verlebendigen,
+wie der Traum es mühelos erzielt. Mir ist das stets als
+tiefster Beweis dafür erschienen, daß im gesunden, unbeschädigten
+Narzißmus an sich selber dies übersubjektive Moment wirksam sei,
+d.&nbsp;h. seine Wunscherfüllungen gar nicht umhin können, aus tiefer
+Identifikation mit allem herauszuschaffen, weil nur dies seiner unwillkürlichen
+Tendenz entspricht. Sowohl am manifesten wie latenten
+Traumtext finden sich Teile dieser Art, die sich über das persönlich
+Wünschbare hinaussetzen, den Träumer anderen gegenüber zu kurz
+kommen lassen, und, wenn psychoanalytisch weit genug verfolgt,
+auf das noch Allumfassende des Narzißtischen führen. Nur daß
+im Traum der Homer schläft, der das Werken zunutze machen
+könnte. In Wachträumen dagegen, wo die geistige Überlegenheit
+<a class="pagenum" name="Page_385" title="385"> </a>
+nicht schlummert und wo sie auch Beobachtungen des Sachverhalts
+so erleichtern könnte, fehlt damit auch jene narzißtische Identifikation
+mit ihrer ungewollt großzügigen Objektivität: Wünsche des Ichs
+gewinnen Oberhand und zerstören mit ihrer passiven Selbstbespiegelung
+den aktiven Formdrang<a name="FNanchor_15" href="#Footnote_15" class="fnanchor">(15)</a>. Auch im Kunstwerk kann es
+Punkte geben, daraus Traum oder Wachtraum verräterisch reden:
+d.&nbsp;h. ungenügende Bewußtseinsarbeit oder aber ungenügende Ichverdrängung
+&ndash; Punkte, bei denen besonders erfolgreich Analyse
+ansetzen kann, während das künstlerisch Vollgelungene sich aller
+Berechenbarkeit entzieht: sozusagen nicht ermöglicht, auf der Linksseite
+des bunten Mustergewebes dem Verlauf der Fäden und Verknotungen
+nachzuspüren<a name="FNanchor_16" href="#Footnote_16" class="fnanchor">(16)</a>.</p>
+
+<p>So ist denn, ganz abgesehen von der »Begabungsfrage«, auf
+die beim Künstlertum zurückgegangen sein muß, die <em class="gesperrt">Objektivierungsnötigung</em>
+schon in der narzißtischen Identifikation als alles
+Schaffens Grundlage gegeben. Der Werkdrang, der Formwille ergibt
+sich in seiner ganzen Wucht aus dieser noch ungeschiedenen
+Einheitlichkeit von passiv und aktiv, wovon unsere mittleren, unsere
+bewußtseinsvermittelteren, abgeleiteteren Zustände so wenig mehr
+wissen, und was darum auch die Sprache in ein Zweierlei zerzupft
+(obschon wir noch biologisch »Reizsamkeit« und »Reaktion« als
+identisches Lebensmerkmal auffassen). Indem nun Schöpfungen der
+Kunst sich außerhalb des praktischen Daseinsablaufs in ihrer Wirklichkeit
+durchsetzen müssen, binden sie ihre Erlebnisweise an die
+<em class="gesperrt">Wiederholbarkeit</em>; Form geworden heißt da: in Vorhandenheit,
+Gegenwart, Sein, beharren durch unabänderliche Festlegung bis ins
+Letzte und Äußerste, so daß jedem inneren Nachschaffen, jedem
+Mitgenuß das Ganze sich lebendig darstellt. Kinder, in ihrer Phantasiefrische,
+wissen am besten um diesen Umstand, wenn sie eifervoll
+darauf bestehen, Erzähltes absolut gleichlautend wiederzuhören,
+und jede Änderung daran als »Lüge«, als Angriff auf ein positives
+Sein, rügen. Diese Formehrfurcht, für die Form noch Inhalt in
+<a class="pagenum" name="Page_386" title="386"> </a>
+tieferem Sinn ist und umgekehrt, läßt leicht Kinder künstlerisch begabter
+erscheinen, als sich später beglaubigt; sie haben eben noch
+&ndash; wörtlich &ndash; »Spiel«raum dafür innerhalb der praktisch-logischen
+Realität, die sie noch nicht von allen Seiten zwingend umlagert und
+»Urgezeugtes« noch nicht an Welt und Ich vorbei, in ganz andere
+Kategorie verweist. So spielend-selig würde der Künstler sein
+Werk erleben, handelte es sich nicht darum, nachdem es ihm geschenkt
+ward, es zu übersetzen wie Träume erst in »sekundärer
+Bearbeitung« vor dem Entsinken bewahrt werden können. Eben
+daß es nicht um ein stückweis Werdendes, erst zu Erarbeitendes
+geht, sondern um Vorhandenheit, davon nur Schleier zu reißen
+sind, die sich verdichten, plötzlich undurchdringlich werden können,
+macht die eigentlich aufreibende Anstrengung bei der Arbeit aus,
+ihre Hast und Angst. Ohne die drei Allzumenschlichkeiten, die mit
+allem Schöpferischen zusammenhängen: den Kampf gegen dabei zu
+behebende Verdrängungen, die Gefahr des Entgleisens in infantile
+Materialität, und endlich diese hastende Überspannung &ndash; wäre es
+eine »Anweisung zu seligem Leben«, wie sie sonst nichts auf
+Erden kennt, ein Schwelgen aus dem Vollen, worin Rausch und
+Frieden sich zur gleichen unerhörten Erfahrung einen. Nicht umsonst
+pflegt solchen Zeiten, noch ehe das Bewußtsein ihr Nahen
+gewahr wird, gleich einem Herold, Freude voranzugehen (im
+Gegensatz zu anderer, von uns mehr oder weniger als begründet
+gewußter Freude, eine dem Manischen ähnliche, wie auch jähes
+Vertriebensein daraus eher an pathologische Melancholie gemahnt
+als an normale Verlust-Trauer)<a name="FNanchor_17" href="#Footnote_17" class="fnanchor">(17)</a>. Im Schöpferischen, wenn irgendwo,
+finden wir die Farben und Bilder, womit sich uns fast Gotthaftes
+ins Irdische malt. Und wenn der Mensch sich einen Gott als
+Weltenschöpfer vorstellt, so ist das nicht nur, um die Welt, sondern
+auch des Gottes &ndash; narzißtische &ndash; Wesenheit zu erklären: mag
+solcher Welt Böses und Übel in Menge anhaften, der fromme
+Glaube würde erst zunichte an einem Gott, der nicht wagt Werk,
+Welt, zu werden.</p>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a>
+Absichtlich rede ich hier nicht von Ichtrieb und »Arttrieb«: namentlich
+seit der teleologischen Wendung des Wortes bei C. G. <span class="gesperrt">Jung</span> besinnt man sich
+besser darauf, wie unausrottbar viel Teleologie sich darin festgenistet hat, schon
+von <span class="gesperrt">Schopenhauer</span> und vom Evolutionismus her trotz dessen betonter Naturwissenschaftlichkeit
+der Auffassung. (Vgl. dazu die Klarstellung durch Carl
+<span class="gesperrt">Abraham</span> bereits in der Intern. Zeitschr. III, p. 72.) Insbesondere die infantile
+Sexualität, die grundlegende für alle spätere, läßt sich mit Arttrieb am wenigsten
+decken: da aber mit der Elternschaft, dem Kind-Ebenbilde, auch wiederum unser
+Narzißmus erst recht auflebt, so brächte auch sogar bei Fortpflanzung der Art
+uns das Wort noch um keine einzige Station weit vom Ich ab.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_2" href="#FNanchor_2" class="label">(2)</a>
+In der Tat läßt sich nur durch Hinweis auf den positiven Charakter der
+<em class="gesperrt">passiven</em> Libidokomponente diese genügend unterscheiden von einer bloßen »Attitüde«
+unseres Ich-Machtstrebens: wie A. <span class="gesperrt">Adler</span> sie auffaßt, der dadurch zu intellektualistischer
+Verkürzung und Vereinfachung der psychischen Vorgänge kommt.
+Allerdings zu einer, die ihm manche Anhänger sichern mag, welche von <span class="gesperrt">Freud</span>
+abfielen, weil mit der bösen Sexualität nicht zu spaßen war als einem bloßen
+»Jargon« der Gefühlsäußerung. Aber den Mangel eines positiven Zweierlei &ndash; das,
+für unsere menschliche Blickmethode, nun einmal überall wirksam wird, wo sich
+Leben regt &ndash; muß auch A. <span class="gesperrt">Adler</span> sich irgendwie ersetzen: in der Schroffheit und
+Starrheit der libidinösen bloßen Fiktion, erscheint diese &ndash; obwohl ein Minderwertigkeitsanzeichen
+&ndash; schließlich als dermaßen allgemein und wesentlich, daß
+»Psychisches« geradezu damit in eins zu fassen wäre, d.&nbsp;h. der Gesunde, Nichtminderwertige,
+verlegen würde um hinreichende Beschaffung von Psyche.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_3" href="#FNanchor_3" class="label">(3)</a>
+Das Nähere ist verwendet in einer (bei <span class="gesperrt">Diederichs</span>, Jena) erscheinenden
+Kindergeschichte: »Die Stunde ohne Gott.« Ein Thema übrigens, dem es sich
+lohnen würde, öfter forschend nachzugehen, insofern jeder Mensch unter irgend
+welchen Glaubensvorstellungen aufzuwachsen pflegt, und die entscheidende Stunde
+seines erstmaligen Zweifels &ndash; nicht notwendig schon des theoretisch bedingten,
+häufig viel später und viel weniger tief wirksamen &ndash; kennzeichnend bleibt für sein
+ganzes Wesen, auch wenn dies praktisch Erfahrene zunächst wieder mit theoretischer
+Bemühung verdrängt wird.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_4" href="#FNanchor_4" class="label">(4)</a>
+In dem vortrefflichen Buch von G. <span class="gesperrt">Róheim</span> scheint mir bei Erklärung
+der Spiegelriten die narzißtische Doppelrichtung ebenfalls nicht genügend beachtet:
+wieviel auch in den Verboten und Geboten darauf beruht, daß vom Ich, seiner
+Selbstbespieglung, seinen Gewissensbissen, seiner sozialen Schädigung, seiner Gefährdung
+ausgegangen wird, die entgegengesetzte Seite kam sicherlich ergänzend
+hinzu in der Scheu des Ich vor sich selbst als dem in Begrenzung gebundenen.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_5" href="#FNanchor_5" class="label">(5)</a>
+</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">»&ndash;&nbsp;Dies also: dies geht von mir aus und löst<br/></div>
+<div class="line">sich in der Luft und im Gefühl der Haine,<br/></div>
+<div class="line">entweicht mir leicht, und wird nicht mehr die Meine<br/></div>
+<div class="line">und glänzt, weil es auf keine Feindschaft stößt.<br/></div>
+</div>
+<div class="stanza">
+<div class="line">Dies hebt sich unaufhörlich von mir fort,<br/></div>
+<div class="line">ich will nicht weg, ich warte, ich verweile;<br/></div>
+<div class="line">doch alle meine Grenzen haben Eile,<br/></div>
+<div class="line">stürzen hinaus und sind schon dort.<br/></div>
+</div>
+<div class="stanza">
+<div class="line">Und selbst im Schlaf: nichts bindet uns genug.<br/></div>
+<div class="line">Nachgiebige Mitte in mir, Kern voll Schwäche,<br/></div>
+<div class="line">Der nicht sein Fruchtfleisch anhält. Flucht, o Flug<br/></div>
+<div class="line">von allen Stellen meiner Oberfläche.<br/></div>
+<div class="line">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br/></div>
+</div>
+<div class="stanza">
+<div class="line">Jetzt liegt es offen in dem teilnahmlosen<br/></div>
+<div class="line">zerstreuten Wasser, und ich darf es lang<br/></div>
+<div class="line">anstaunen unter meinem Kranz von Rosen.<br/></div>
+</div>
+<div class="stanza">
+<div class="line">Dort ist es nicht geliebt. Dort unten drin<br/></div>
+<div class="line">ist nichts als Gleichmut überstürzter Steine,<br/></div>
+<div class="line">und ich kann sehen, wie ich traurig bin.«<br/></div>
+<div class="line">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;<br/></div>
+</div>
+</div>
+<div class="right">
+<p>(Aus: »Narziß« von Rainer Maria <span class="gesperrt">Rilke</span>. Manuskript.)</p>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_6" href="#FNanchor_6" class="label">(6)</a>
+Zur Unterscheidung vom andern Lustbezug: demjenigen bloß ersparten
+Kraftaufwands, wie er <span class="gesperrt">Freuds</span> Witztechnik zugrunde liegt. (<span class="gesperrt">Ferenczi</span>, Analyse
+von Gleichnissen, »Intern. Zeitschrift«, III, 5., p. 278.)
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_7" href="#FNanchor_7" class="label">(7)</a>
+Vgl. hiezu die Schlußseiten von <span class="gesperrt">Ferenczis</span> »Von Krankheits- oder
+Pathoneurosen«, Intern. Zeitschr. IV, 5, wo von Masochismus und weiblicher
+Genitalität als sehr dunklen Problemen die Rede ist, und wo Körperverletzungen
+als Anlässe zu Regression auf ursprünglichen Hautmasochismus (die Haut infantilste
+erogene Zone!) erörtert werden.
+</p>
+<p>
+Schon früh hat sich P. <span class="gesperrt">Federn</span> für den primären Charakter der »Passionslibido«
+ausgesprochen entgegen <span class="gesperrt">Freuds</span>: »ein ursprünglicher Masochismus, der
+nicht &ndash; &ndash; &ndash; aus dem Sadismus entstanden wäre, scheint nicht vorzukommen«.
+»Im Gegensatz dazu muß ich als sicher hinstellen, daß die Libido sowohl weiblich
+als männlich sein kann. (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« <ins title="Das">»Das</ins> Kriterium des
+Masochismus ist &ndash; &ndash; die passive lustvolle Einstellung des Gesamt-Ichs. Menschen,
+die normale und masochistische Sexualität besitzen, geben an, daß die masochistische
+Sexualität ›durch das Gehirn gehe‹, sie nehmen die Überwältigung
+des ganzen Ichs selbst an«. Hiermit ist von P. <span class="gesperrt">Federn</span> für den primären Masochismus
+die Eignung zur vollen Liebesfähigkeit in Anspruch genommen, die
+sich nach <span class="gesperrt">Freud</span> kennzeichnet als »Relation des Gesamt-Ichs zu den Objekten«.
+(Samml. kl. Schr. z. N., IV, 274.)
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_8" href="#FNanchor_8" class="label">(8)</a>
+Verschiedene Träume aus <ins title="[fehlt im Original]">der</ins> Knabenzeit gehören hieher; z.&nbsp;B. man ist mit
+sich selbst wie mit einer Vermummung umhüllt, Verkleidung oder Maske, da
+etwas darin steckt, das jeden Augenblick alles in Fetzen durchstoßen, zerreißen
+kann, und doch damit einen selber vernichten. Oder: man liegt neben offenem
+Grab, in das ein Grabstein hineinzustürzen droht, der dicht dabei hochragt und
+nur auf die erste unvorsichtige Bewegung wartet, denn <em class="gesperrt">er</em> gehört ja auf diese
+Öffnung, <em class="gesperrt">einen selber</em> aber begräbt sie.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_9" href="#FNanchor_9" class="label">(9)</a>
+Vortrefflich prägt den Unterschied zwischen Drill und Liebesgesinnung
+eine (mir gesprächsweise in dieser Form bekannt gewordene) Bemerkung I. <span class="gesperrt">Marzinowskis</span>:
+Im einen Fall sucht man Heimlichkeit über eine Verfehlung zu
+wahren, den Strafakt zu umgehen, als sei sie damit wie unbegangen, im anderen
+Fall ersehnt man im Gegenteil Beichte, Bekenntnis, auf die Knie sich zu werfen,
+an die Brust dessen, für den man <em class="gesperrt">liebenswert</em> sein will. &ndash; Weniger einverstanden
+bin ich, wenn <span class="gesperrt">Marzinowski</span> in: »Die erotischen Quellen des Minderwertigkeitsgefühls«
+(Zeitschr. f. Sexualw. IV) ohneweiters volle Reife darin sieht,
+über das Verlangen nach Gegenliebe, zur Liebesautonomie: »wenn ich dich liebe,
+was gehts dich an!« zu kommen. Zwar stimmt dies zu den sittlichen Anforderungen
+bestechend, klingt prächtig selbstlos, redet aber recht oft die Sprache unseres
+Narzißmus, der noch <em class="gesperrt">gar nicht bis zur vollen Objektliebe gelangte</em>. Man
+denkt sich unter narzißtisch Veranlagten zu ausschließlich von Gegenliebe Abhängige
+(was weit mehr von den bewußter Ich-Eitlen oder aber Narzißmus-Schwachen
+gilt) anstatt Selbstgenügsame, <em class="gesperrt">weil</em> unbewußte Allteilhaber, die auch
+im Objektlibidinösen nur sehr lose an den Äußerungen vom Objekt her hängen.
+Bedrängt durch narzißtisches Zuviel, kann ihnen höchst egoistisch »Geben seliger
+denn Nehmen werden«, d.&nbsp;h. sie dankbarer stimmen für eines Menschen Gewalt,
+Liebe in ihnen zu wecken, als für seine Gegenliebe, die sie leicht beschämt und
+neu bedrängt.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_10" href="#FNanchor_10" class="label">(10)</a>
+So sehr freilich, daß die Objektidealisierung sogar die Triebsublimierung
+lähmen kann, und der Gott mehr Entzücken bewirkt als Moral. Übrigens ist es
+massiv und richtig Gläubigen auch meistens nur selbstverständlich, wenn etwa im
+Jenseits neben hochsublimierten Glückssorten auch die infantilsten Wünsche sich
+drastisch durchsetzen &ndash; Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst <ins title="den">dem</ins> außerhalb
+solcher Gläubigkeit Stehenden erscheint das nicht folgerichtig, beleidigt seine moralische
+Logik; und doch lediglich, weil <em class="gesperrt">sein</em> erhöhtes, »frommes« Verhalten den
+stofflichen (Kinder-) Himmel und zugehörigen Personengott, von sich aus, in sich
+selber, wertend ersetzen muß. Ihm geschieht es deshalb leicht, sich selbst gegenüber
+weniger ehrlich zu bleiben, und trotz seiner nüchternern sachlichern Einsicht,
+den narzißtischen Grund und Boden zu verleugnen (den der naive Glaubenshimmel
+ruhig mit überwölbt), weil er auf seiner obersten irdischen Kippe balancieren
+muß.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_11" href="#FNanchor_11" class="label">(11)</a>
+Innerhalb davon dürfte sich zweierlei Schaffensart unterscheiden lassen, je
+nachdem, wie weit Aufhebung von Verdrängungen vorwiegend in Frage kommt.
+Diese kann den Vorgang so kampf- und angstvoll einleiten, daß er zunächst
+Widerstreben statt Freude weckt; Hermann <span class="gesperrt">Bang</span> erzählte mir, wie oft er bei
+Arbeitsausbruch vom Stuhl springe und ans Fenster eile, hoffend, etwas Ablenkendes
+draußen möge ihn daraus erlösen. Glücksgefühl stellt sich hier erst als
+abgeworfener Verdrängungsdruck, als Kraftersparnis ein (analog den <span class="gesperrt">Freud</span>schen
+Ausführungen über die Witztechnik). Positiver, bedingungsloser wirkt das Glück,
+wo es sich weniger um Verdrängungskampf handelt, als um unwillkürlich an uns
+sich vollziehende Erweiterungen, Ausweitungen unseres Wesens: um Beschenktwerden
+mit etwas, was nicht Wunsch oder Versagung in unserm Dasein gewesen
+war, sondern was praktisch uns gar nicht »lag«, d.&nbsp;h. unserer persönlichen Struktur
+nicht entsprach, »verdrängt« also schon wurde mit der andrängenden Fülle
+unverwendbarer Ureindrücke. Im tiefen Zurückreichen bis ins Infantilste kann uns
+gerade daraus zufallen, was sich damit »werkhaft« erledigt: Ergänzung, Ahnung,
+die hoch um uns herum reicht, uns nun erst einschließend ins Menschentum Aller.
+Der identifizierende Narzißmus, von produktiver Phantasie aus seiner Infantilität
+emporgerissen, beteiligt sich berauscht daran, ohne daß unsere persönliche Ichhaltung
+praktisch verändert würde.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_12" href="#FNanchor_12" class="label">(12)</a>
+Ich finde eben zwei Verse von Hugo von <span class="gesperrt">Hofmannsthal</span>, die sowohl
+die Verdrängungshilfe beim Schaffen, als auch dessen widerspruchsvolle Verknüpfung
+mit der Leiblichkeit hübsch wiedergeben:
+</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">1. »Aus der verschütteten Gruft nur wollt' ich ins Freie mich wühlen,<br/></div>
+<div class="line">Aber da brach ich dem Licht Bahn und die Höhle erglüht.«<br/></div>
+</div>
+<div class="stanza">
+<div class="line">2. »Fürchterlich ist diese Kunst! Ich spinn' aus dem Leib mir den Faden,<br/></div>
+<div class="line">Und dieser Faden zugleich ist auch mein Weg durch die Luft.«<br/></div>
+</div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_13" href="#FNanchor_13" class="label">(13)</a>
+In seinen »Drei Abh. z. Sexth.« vermerkt <span class="gesperrt">Freud</span> die Tatsache, daß man,
+obwohl dem Schönen das sexuell Reizende praktisch zugerechnet zu werden pflegt,
+doch niemals die Genitalien selber als schön bezeichnete. Sicherlich erklärt sich
+daraus, wie ganz die Hochwertigkeit ästhetischer Betrachtungsweise sich nur gegen
+die Gepflogenheiten der Praxis durchsetzte: auch noch die Enthüllung des Nackten
+als Poesie bleibt insofern eine Folge des Feigenblattes.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_14" href="#FNanchor_14" class="label">(14)</a>
+Der verstorbene junge Markus hat gut in einer kleinen Studie (Zentralblatt
+IV, 11&ndash;12 »Die Objektwahl in der Liebe«, p. 598) darauf hingewiesen,
+wie die <span class="gesperrt">Freud</span>sche »Latenzzeit« es sei, worin diejenigen Urteile sich in uns festsetzen,
+die später der Sexualität so autoritativ wie aus anderer Welt gegenübertreten.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_15" href="#FNanchor_15" class="label">(15)</a>
+Mir hat es sich bisweilen aufgedrängt, daß in Wachträumen sich Übergang
+vorbereitet zu tätig-produktivem Zustand, wenn der Wunschtext, der meist
+höchst bewußt zugrundeliegt, mit seinem passiven Realisierungsspiel zur Seite
+weicht vor einer gewissermaßen formalen Bewältigung seiner Einfälle. <em class="gesperrt">Dieser
+Übergang selbst</em> schert sich dann daran illustrativ zu spiegeln, schafft sich
+selber gleichsam Sinnbilder, so daß es dabei fast zugeht, wie bei <span class="gesperrt">Silberers</span>
+»funktionalem Phänomen«: nur, anstatt zwischen Wachen und Einschlafen, hier
+zwischen Wachtraum und Produktion, also nach der anderen Richtung dessen,
+was uns unserem isolierten Ichbewußtsein enthebt.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_16" href="#FNanchor_16" class="label">(16)</a>
+Hinsichtlich der Psychoanalyse an lebenden schaffenden Künstlern möchte
+ich glauben, daß man äußerst vorsichtig und streng zweierlei mögliche Wirkungen
+auseinanderhalten muß: die künstlerisch befreiende, wodurch Hemmungen,
+Stockungen in den formentbindenden Sublimationsvorgängen beseitigt werden, und
+eine unter Umständen gefährdende, insofern sie ans Dunkel rühren kann, worin
+die Frucht keimt. Ob man sich ganz ans Personale, Außerästhetische, halten kann
+bei tiefer dringender Psychoanalyse, ist kaum zu beantworten bei unserem geringen
+Wissen um das Zustandekommen schöpferischer Vorgänge.
+</p>
+</div>
+
+<div class="footnote">
+<p><a name="Footnote_17" href="#FNanchor_17" class="label">(17)</a>
+In »Über Trauer und Melancholie« (S. d. kl. Schr. z. Nl. IV) wirft
+<span class="gesperrt">Freud</span> die Frage auf, warum, trotz gewisser Vergleichbarkeit von Melancholie
+mit normaler Trauer, von Manie mit Frohsinn, wohl der Melancholie Manie
+folge, nicht aber der Trauer Frohsinn, sondern nur resignierende Gewöhnung,
+und ob die <em class="gesperrt">Allmählichkeit</em> der Gewöhnung an den Verlust das verursache:
+»Diese Lösung geht so langsam und schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung
+der Arbeit auch der für sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.« Außer solchem
+ökonomischen Gesichtspunkt kommt vielleicht noch in Betracht, daß, während
+Normaltrauer auf ihren Einzelfall beschränkt bleibt und eben an dem, was noch
+übrig bleibt, sich zur Resignation ausgleicht, für Melancholie narzißtisch »alles«
+hin ist, inbegriffen das eigene, sich selbst vernichtende und entwertende Ich, und
+ebenso der Umschlag in Manie »alles« wiederherstellt, also nicht an Gräber sich
+gewöhnt, sondern Auferstehungen feiert. Dies würde aufs Stärkste an die narzißtisch-durchsetzten
+Zustände des poetisch Schaffenden erinnern.
+</p>
+</div>
+</div>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p class="no-indent">Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_370">Seite 370</a>:<br/>Mutter = Gebärerin, als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-<span class="correction">Vaterseinwollen</span>);<br/>Mutter = Gebärerin, als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-<span class="correction">Vaterseinwollen«</span>);</li>
+<li><a href="#Footnote_7">Fußnote 7:</a><br/>als männlich sein kann. (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« <span class="correction">Das</span> Kriterium des<br/>als männlich sein kann. (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« <span class="correction">»Das</span> Kriterium des</li>
+<li><a href="#Footnote_8">Fußnote 8:</a><br/>Verschiedene Träume aus Knabenzeit gehören hieher; z.&nbsp;B. man ist mit<br/>Verschiedene Träume aus <span class="correction">der</span> Knabenzeit gehören hieher; z.&nbsp;B. man ist mit</li>
+<li><a href="#Footnote_10">Fußnote 10:</a><br/>drastisch durchsetzen &ndash; Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst <span class="correction">den</span> außerhalb<br/>drastisch durchsetzen &ndash; Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst <span class="correction">dem</span> außerhalb</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG ***
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
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+Literary Archive Foundation
+
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+spread public support and donations to carry out its mission of
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+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+
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+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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