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diff --git a/35636-8.txt b/35636-8.txt new file mode 100644 index 0000000..cb56a46 --- /dev/null +++ b/35636-8.txt @@ -0,0 +1,1665 @@ +Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Narzißmus als Doppelrichtung + +Author: Lou Andreas-Salomé + +Release Date: March 20, 2011 [EBook #35636] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der + Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften VII (1921). S. 361-386. + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + +Narzißmus als Doppelrichtung. + +Von LOU ANDREAS-SALOMÉ. + + + + +I. + + +Was es auf sich hat mit dem _Freud_schen Narzißmusbegriff, das stellte +sich erst allmählich immer bedeutsamer heraus, und erklärt damit +vielleicht, warum, auch bei Gegnern und Dissidenten, der Name so wenig +diskutiert wurde, als deckten bereits sonstige Benennungen den gleichen +Begriff. Ursprünglich, solange Narzißmus tautologisch für Autoerotismus +stand, war das ja in der Tat der Fall; als _Freud_ ihn dann übernahm, +zur Kennzeichnung jener Libidophase, wo, nach autoerotischer Selbst- und +Weltverwechslung des Säuglings, die erste Objektwahl auf das Subjekt +selber fällt, da rührte er dadurch zugleich schon an ein +weiterreichendes Problem: »Das Wort 'Narzißmus' will betonen, daß der +Egoismus auch ein libidinöses Problem sei, oder, um es anders +auszudrücken, der Narzißmus kann als die libidinöse Ergänzung des +Egoismus betrachtet werden.« (_Freud_, Metaps. Erg. d. Trl.) Also kein +Beschränktsein auf einzelnes Libidostadium, sondern als unser Stück +Selbstliebe alle Stadien begleitend; nicht primitiver Ausgangspunkt der +Entwicklung nur, sondern primär im Sinne basisbildender Dauer bis in +alle spätern Objektbesetzungen der Libido hinein, die darin ja, nach +_Freuds_ Bild dafür: nur, der Monere gleich, Pseudopodien ausstreckt, um +sie nach Bedarf wieder in sich einzubeziehen. Allerdings stellte +_Freuds_ Einführung des Narzißmusbegriffs in die theoretische +Psychoanalyse von vornherein zu dessen Definition fest, daß die +psychischen Energien: »im Zustande des Narzißmus beisammen und für unsre +grobe Analyse ununterscheidbar sind, und daß es erst mit der +Objektbesetzung möglich wird, eine Sexualenergie, die Libido, von einer +Energie der Ichtriebe zu unterscheiden.« Mithin als Grenzbegriff +gesetzt, über den Psychoanalyse nicht hinaus kann, bis zu dem hin sie +jedoch therapeutisch zu dringen hat, als dem Punkt, wo krankhafte +Störung erst ganz sich zu lösen, Gesundheit sich zu erneuen vermag, weil +»krank« und »gesund« daran letztlich falsche oder rechte +Aufeinanderbezogenheiten der zwei innern Tendenzen bedeuten, je nachdem +diese sich hemmen oder fördern. + +Indem beides sich am personellen Träger vollzieht, grenzt es, mit dessen +steigender Bewußtheit seiner selbst, sich desto undeutlicher voneinander +ab: macht den Umstand immer noch unmerklicher, daß im libidinös +Gerichteten sich etwas durchsetzt, was der Einzelperson als solcher +entgegengerichtet bleibt, was sie löst, zurücklöst in dasjenige, worin +sie vor ihrer Bewußtheit noch für alles stand, wie alles gesamthaft für +sie. Denn sollen Icherhaltungs-, Selbstbehauptungstriebe sich von +libidinösen überhaupt begrifflich streng trennen, so kann Libido nichts +anderes besagen als eben diesen Vorgang: diesen Bindestrich zwischen +erlangter Einzelhaftigkeit und deren Rückbeziehung auf Konjugierendes, +Verschmelzendes; im narzißtischen Doppelphänomen wäre sowohl die +Bezugnahme der Libido auf uns selbst ausgedrückt als auch unsere eigene +Verwurzelung mit dem Urzustand, dem wir, entsteigend, dennoch +einverleibt blieben, wie die Pflanze dem Erdreich, trotz ihres +entgegengesetzt gerichteten Wachstums ans Licht. Wie wir ja auch in den +Körpervorgängen die geschlechtliche Weitergabe gebunden sehen an +indifferenziert bleibende kleinste Totalitäten, und wie in unseres +Körpers »erogenen Zonen« Überlebsel wirksam sind eines Infantilstadiums, +aus dem die Organe sich längst in Dienstbarkeit der Icherhaltung +aufteilten(1). Die Frage lautet auch gar nicht: ob's theoretisch +vielleicht doch angängig sei, den narzißtischen Doppelsinn eindeutig zu +fassen, sei es, den Ichtrieb der Libido zu überantworten (als entspräche +z. B. auch das Ernährungsbedürfnis noch einer Art von Konjugation mit +dem Außer-uns), oder umgekehrt die Libido dem Bemächtigungsbestreben des +einzelnen (als einer Ich-Habgier), zu unterstellen. Nein, nicht solches +ist die Grundfrage, sondern es geht um die innere Verschiedenheit von +Erlebnissen, die durch zweierlei Namengebung auseinandergehalten wird, +anstatt durch gewaltsames Vereinheitlichen des Begriffs sie zu +verwischen. Nachgehen, so weit wie möglich, so tief wie tunlich, den +verborgenen lebendigen Tatbeständen: um das handelt sichs _Freud_scher +Psychoanalyse, und dazu allein bedient sie sich des populären +Gegensatzes von Ich- und Sexualtrieben. Darum erschiene es mir als +Gefahr, wenn am Narzißmus seine Doppelseitigkeit nicht als sein +Wesentliches betont bliebe, wenn durch Wortverwechslung mit bloßer +Selbstliebe sein Problem sich sozusagen ungelöst erledigte. Ich möchte +deshalb jene andere, fürs Ichbewußtsein zurücktretende, Seite daran -- +die der festgehaltenen Gefühlsidentifizierung mit allem, der +Wiederverschmelzung mit allem als positivem Grundziel der Libido(2), an +einigen Punkten hervorkehren, und zwar an dreien: innerhalb unserer +Objektbesetzungen, innerhalb unserer Wertsetzungen, und innerhalb +narzißtischer Umsetzung ins künstlerische Schaffen. + + (1) Absichtlich rede ich hier nicht von Ichtrieb und »Arttrieb«: + namentlich seit der teleologischen Wendung des Wortes bei C. G. _Jung_ + besinnt man sich besser darauf, wie unausrottbar viel Teleologie sich + darin festgenistet hat, schon von _Schopenhauer_ und vom + Evolutionismus her trotz dessen betonter Naturwissenschaftlichkeit der + Auffassung. (Vgl. dazu die Klarstellung durch Carl _Abraham_ bereits + in der Intern. Zeitschr. III, p. 72.) Insbesondere die infantile + Sexualität, die grundlegende für alle spätere, läßt sich mit Arttrieb + am wenigsten decken: da aber mit der Elternschaft, dem Kind-Ebenbilde, + auch wiederum unser Narzißmus erst recht auflebt, so brächte auch + sogar bei Fortpflanzung der Art uns das Wort noch um keine einzige + Station weit vom Ich ab. + + (2) In der Tat läßt sich nur durch Hinweis auf den positiven Charakter + der _passiven_ Libidokomponente diese genügend unterscheiden von einer + bloßen »Attitüde« unseres Ich-Machtstrebens: wie A. _Adler_ sie + auffaßt, der dadurch zu intellektualistischer Verkürzung und + Vereinfachung der psychischen Vorgänge kommt. Allerdings zu einer, die + ihm manche Anhänger sichern mag, welche von _Freud_ abfielen, weil mit + der bösen Sexualität nicht zu spaßen war als einem bloßen »Jargon« der + Gefühlsäußerung. Aber den Mangel eines positiven Zweierlei -- das, für + unsere menschliche Blickmethode, nun einmal überall wirksam wird, wo + sich Leben regt -- muß auch A. _Adler_ sich irgendwie ersetzen: in der + Schroffheit und Starrheit der libidinösen bloßen Fiktion, erscheint + diese -- obwohl ein Minderwertigkeitsanzeichen -- schließlich als + dermaßen allgemein und wesentlich, daß »Psychisches« geradezu damit in + eins zu fassen wäre, d. h. der Gesunde, Nichtminderwertige, verlegen + würde um hinreichende Beschaffung von Psyche. + +Zunächst jedoch, schon vorweg des »trocknen Tones satt«, möchte ich von +einem Bübchen erzählen, an dem mir besonders eindringlich zu beobachten +vergönnt war, wie wir mit unserm Ichwerden nicht nur in die neuen +Freuden bewußterer Selbstliebe drängen, sondern nicht minder das Ich +sich uns vorerst aufdrängen kann als Einbuße an der Lust passiver +Aufgenommenheit in das von uns noch nicht voll Unterschiedene. Um die +Zeit dieses Doppelereignisses von Einbuße und Zuschuß begann das Bübchen +sich aus einem zärtlich zutraulichen in ein weinerlich erbostes zu +wandeln; es schlug, und nicht zum Scherz, die sehr geliebte Mutter, +zeigte abwechselnd Zorn- und Angstzustände, und hätte sein Leid doch +kaum klarer auszudrücken vermocht, als einst ein kleiner +sprachkundigerer Leidensgenosse es dem geärgerten Vater gegenüber mit +dem bittern Vorwurf tat: »Du bist so frech, und ich bin so traurig.« Die +letzte Ursache zu alledem stellte sich damit heraus, daß das Leid sich +löste, sobald das Bübchen aufgehört hatte, von sich in dritter Person zu +reden, sobald, gleich schmerzlich durchbrechendem Zahn, das erste »Ich« +sich ihm entrang. Einstweilen aber galt das neue Wort nur bei den, +alltäglich gewordenen, Zusammenstößen mit der Umwelt; die Augenblicke +alter Harmonie fanden immer noch statt des »Ich« das »Bubele« vor. So +erklärte er jemandem, der ihn in den Winkel gestellt sah: »Ik bös!« +hinterdrein jedoch, strahlend auf die Mutter zulaufend, verkündigte er: +»Bubele wieder gut!« Erst nach Monaten trat endgültig das Bubele zurück, +und ein völlig anderes als das verzweifelt böse Gesicht lugte durch den +Türspalt herein, wenn er, eintretend, mit betonter Würde, die Anwesenden +wissen ließ: »Ik komme!« Nun erst war die ständige Gekränktheit, die +tiefe, erschrockene, geschwunden, unser aller Urkränkung: über das +unbegreifliche Sichpreisgegebensehen an die eigene Vereinzelung, deren +Unbegreiflichkeit sie eben als von außen bedingte erscheinen ließ. Mit +jedem Schlag oder Schrei wider geliebte Personen, jedem rächenden +Wehetun hatte zugleich letzte Wollust sich ausgeschwelgt, etwa in den +Tränen der Mutter die verlorene Identität schmerzhaft wiedergenießend. +Wie solcher kindliche Sadismus für die meiner Ansicht nach bisweilen +doch nur sekundäre Natur des Sadistischen spricht, wenigstens als +Umschlag aus unsern noch unbewußten Identifizierungen, so zeigt er +vielleicht auch, wie unerhört nahe der Ödipuskomplex ihm gelegen ist: +gerade seine überraschende Kraßheit gewinnend aus dieser Überstülpung +der schweifenden Gefühlsweite in die Enge des Bewußtwerdens der eigenen +Vereinzelung und damit in die Ichaggression. Übrigens war beim Bübchen +mit der Ichgeburt der innere Widerstreit noch nicht vollends abgetan: +das geschah erst durch eine Erscheinung, von der ich wohl weiß, daß ihr, +durchaus nicht seltenes Vorkommen recht verschieden begründet sein kann, +die in diesem Sonderfall sich aber gar deutlich als Notersatz für die +eingebüßte Allesbedeutung betrug. Das Bübchen schmuggelte nämlich einen +kleinen unsichtbaren Gefährten in die Welt seiner neuen Erfahrungen ein, +dessen leiblichen Umriß er einem Bilderbuch entnahm, worin +blumenbekränzten Kindern ein lustiger Junge voraufsprang, mit den Worten +darunter: der Mai ist gekommen. Junge Mai ergab fortan den ergänzenden +Doppelgänger zu des Bübchens jeweiliger Schicksalslage: er hatte, je +nach Bedarf, als froh oder betrübt, brav oder bös, beschenkt oder +bestraft, ja als tot oder lebendig ihm das Komplement zu stellen; +ergings dem Bübchen wenig nach Wunsch, so labte es sich an des Mai's um +so ungemessenern Wunscherfüllungen; wo aber des Glückes Überfluß das +Bübchen umzuwerfen drohte (wie zu Weihnachten angesichts des Baumes und +der Gabenfülle), da entschied es kurzerhand: »heute dem Mai _nichts_!«, +und beidemale war ersichtlich, daß nicht Neid oder Schadenfreude daran +mitwirkten: am glücklicheren Mai tröstete, am leer ausgehenden Mai +mäßigte das Bübchen _sich_, in jener einzig echten »Selbstlosigkeit« des +noch nicht ganz zu Alleinbesitz mit sich gelangten Selbst. Im gleichen +Grade, wie dieser Alleinbesitz sich festigte, erschien der Mai minder +ständig, hatte er weiteren Weg zurückzulegen bis ans Haus, das er +anfänglich mitbewohnte; später zog er gar in eine benachbarte Ortschaft +und endlich mußte er sich zu Bahnbenutzung bequemen und Bahnzeiten +innehalten. Als ich nach Bayern abreiste, bekam ich ihn zum Reisegeleit, +und bei mir verstarb er des Todes, wodurch er sozusagen bayerisch +lokalisiert blieb, nach meinem Aufenthalt befragt, versicherte das +Bübchen drum: »die Lou, die ist nun im Himmel.« Hinzuzufügen bliebe +noch, daß -- gewissermaßen entlang am Mai -- des Bübchens +Selbstbewußtsein und -vertrauen ganz sonderlich erstarkten und nicht +leicht etwas den Vergleich mit diesem Ik aushielt, ferner aber, daß es +noch jetzt (mit drei Jahren) einen Anlaß gibt, wo der Mai wieder +erscheint, wenn auch »nur nachts«: das ist, wenn dies ungemein +musikalische Bübchen auf einen psalmodierenden Singsang verfällt, den es +in einer letzten Bescheidenheit -- und dies ist interessant -- unter +keinen Umständen dem vielvermögenden Ik allein zubilligt. + +Gerade wie späterhin unsere Libido bereits bewußte Eigenschaft am Ich +geworden, Angst erleidet bei Verdrängen, Hemmen unseres +Bemächtigungsbestrebens, so kann sie es vorher erleiden auch infolge +noch zögernden Zustimmens zur Herausbildung einer als eng und einzeln +betonten Person; auch dies wirkt gleich Verdrängungsschüben, durch die +sich in abgegrenztes Flußbett bequemen muß, was sich Meer gewähnt. +Entsprechend der letztbemerkten Mission des Mai scheint das am längsten +vorzuhalten bei Kindern mit starker Phantasietätigkeit, und ist aus +wesentlich späteren Jahren als die des Bübchens mir zur Beobachtung +gelangt. Von mir selbst entsinne ich mich eines hergehörigen Vorfalls +aus meinem -- sehr ungefähr berechnet -- siebenten Jahr, den freilich +ausnahmsweise Umstände begleiteten, die hier zu erörtern zu weit führen +würde, sie fanden statt durch erstmaliges verfrühtes Hinausgeraten aus +kindfrommer Gläubigkeit, also aus jener Gottgeborgenheit, die nicht +unähnlich einer letzten geistigen Eihaut das Menschenkind umhüllen mag, +mit ihrem Zerreißen die Ichgeburt in die Weltfremde(3) in gewissem Sinn +erst vollendend. Es betraf einen Eindruck vor dem eigenen Spiegelbild: +wie jähes, neuartiges Gewahrwerden dieses Abbildes als eines +Ausgeschlossenseins von allem übrigen; nicht wegen etwas am Aussehn +(z. B. als eines schöner phantasierten oder aber gewissenweckend infolge +der Zweifelsünde jener Zeit), sondern die Tatsache selber, ein +Sichabhebendes, Umgrenztes zu sein, überfiel mich wie Entheimatung, +Obdachlosigkeit, als hätte sonst alles und jedes mich ohne weiteres +mitenthalten, mir freundlich Raum in sich geboten(4). Natürlich erfahren +Kinder und Kranke eher von dieser Unheimlichkeit, sich gerade an der +Ichschranke zum bloßen Bildspuk, zu äffendem Schein zu werden, als +ausgewachsene Normalmenschen, die nur der entgegengesetzte Umstand, +diese Schrankensicherheit könne sich verflüchtigen, aus ihrer Fassung +würfe. Wie beim Kinde das noch nicht gefestigte Ichbewußtsein, so legt +beim psychotisch Erkrankten der Ichzerfall, jene andere Seite am +Narzißtischen bloß, wo sich am Narzißmus erweist, daß er sich eben nicht +mit »Selbstliebe« ganz deckt: weshalb der Psychot uns so viel darüber +aussagt bei und durch Verlust seiner Ichgrenzen; indem er seine +Fähigkeit zu Übertragung, zu Objektbesetzung, als nur vom Ich aus +mögliche, einbüßt, regrediert er bis dorthin, wo man auf Einzelnes als +solches, und so auch auf sich als den einzelnen, nicht mehr überträgt: +nur daß ihm, wie dem Säugling, die beide allein diesen Zustand in so +reiner Halbheit erfahren, das kennzeichnende Wort dafür fehlt, wir aber +mit unsern Bezeichnungen schon stecken bleiben in der Mischung beider +Hälften zu ununterscheidbarer Ganzheit, die uns nun bloß vom andern +Rande her zu begutachten gegeben ist. Freilich gabs und gibts Leute, +denen Namen auch für jenes Wortlose zu Gebote stehn, aber nur solche +Namen, die das Unnennbare daran unterstrichen, um daraus das Recht +abzuleiten, mit ihren Wörtern wie mit Entiteten umzugehn: das sind die +Metaphysiker insbesondere älteren Datums: Doch wie wäre es, wenn wir +eben die Nebulosität derartiger Ausdrücke uns zu nutze machten für +andersartigen Zweck: für Unterscheidungen praktischer und faktischer +Erlebnisseiten an unseren inwendigen Menschen? Nämlich so, wie +zweifellos nur des Gläubigen klassische Religionssprache uns über fromme +Zustände am deutlichsten belehrt, so auch des Metaphysikers +Redewendungen über gewisse Existenzweisen an unserm Erleben, die für die +Ichpsychologie, wie Sterne am Tage, unsichtbar werden; der große Fromme, +der große Philosoph sind gleichermaßen Ausdrucksmächtige um deswillen, +daß sie, wie der Psychoanalytiker ja nur zu gut weiß, ihre heißesten +Antriebe aus der narzißtischen Urmacht bewahrten. Sie können den +Erforscher menschlicher Seele ebenso beschenken, wie es sogar, hie und +da, aus gleichem Grunde, der Psychot tut. + + (3) Das Nähere ist verwendet in einer (bei _Diederichs_, Jena) + erscheinenden Kindergeschichte: »Die Stunde ohne Gott.« Ein Thema + übrigens, dem es sich lohnen würde, öfter forschend nachzugehen, + insofern jeder Mensch unter irgend welchen Glaubensvorstellungen + aufzuwachsen pflegt, und die entscheidende Stunde seines erstmaligen + Zweifels -- nicht notwendig schon des theoretisch bedingten, häufig + viel später und viel weniger tief wirksamen -- kennzeichnend bleibt + für sein ganzes Wesen, auch wenn dies praktisch Erfahrene zunächst + wieder mit theoretischer Bemühung verdrängt wird. + + (4) In dem vortrefflichen Buch von G. _Róheim_ scheint mir bei + Erklärung der Spiegelriten die narzißtische Doppelrichtung ebenfalls + nicht genügend beachtet: wieviel auch in den Verboten und Geboten + darauf beruht, daß vom Ich, seiner Selbstbespieglung, seinen + Gewissensbissen, seiner sozialen Schädigung, seiner Gefährdung + ausgegangen wird, die entgegengesetzte Seite kam sicherlich ergänzend + hinzu in der Scheu des Ich vor sich selbst als dem in Begrenzung + gebundenen. + +Ein wenig hat es der Taufpate des Terminus, der Spiegelheld Narziß, auf +dem Gewissen, wenn dabei zu einseitig die ichbeglückte Erotik allein +herausblickt. Aber man bedenke, daß der Narkißos der Sage nicht vor +künstlichem Spiegel steht, sondern vor dem der Natur: vielleicht nicht +nur sich im Wasser erblickend, sondern auch sich _als alles_ noch, und +vielleicht hätte er sonst nicht davor verweilt, sondern wäre geflohen? +Liegt nicht in der Tat über seinem Antlitz von jeher neben der +Verzücktheit auch die Schwermut? Wie dies beides sich bindet in eins: +Glück und Trauer, das sich selber Entwendete, das auf sich selbst +Zurückgeworfene, Hingegebenheit und eigene Behauptung: das würde ganz +zum Bild nur dem Poeten(5). + + (5) + + »-- Dies also: dies geht von mir aus und löst + sich in der Luft und im Gefühl der Haine, + entweicht mir leicht, und wird nicht mehr die Meine + und glänzt, weil es auf keine Feindschaft stößt. + + Dies hebt sich unaufhörlich von mir fort, + ich will nicht weg, ich warte, ich verweile; + doch alle meine Grenzen haben Eile, + stürzen hinaus und sind schon dort. + + Und selbst im Schlaf: nichts bindet uns genug. + Nachgiebige Mitte in mir, Kern voll Schwäche, + Der nicht sein Fruchtfleisch anhält. Flucht, o Flug + von allen Stellen meiner Oberfläche. + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + Jetzt liegt es offen in dem teilnahmlosen + zerstreuten Wasser, und ich darf es lang + anstaunen unter meinem Kranz von Rosen. + + Dort ist es nicht geliebt. Dort unten drin + ist nichts als Gleichmut überstürzter Steine, + und ich kann sehen, wie ich traurig bin.« + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + (Aus: »Narziß« von Rainer Maria _Rilke_. Manuskript.) + + + + +II. + + +Daß auch Objektliebe auf Selbstliebe zurückgeht, daß davon tatsächlich +jenes Akrobatenkunststück der Monere gilt, mit deren einziehbaren +Scheingliedern _Freud_ sie drastisch verglich, das ist psychoanalytisch +nach allen Seiten hin aufschlußgebend und belehrend geworden. Wie in des +heiligen Augustins: »ich liebte die Liebe«, erscheinen jeweilige Objekte +zutiefst als bloße Anlässe, einen Liebesüberschuß daran abzuladen, der +auf uns selbst bezogen, und nur, sozusagen, nicht recht unterzubringen +gewesen ist. Die Frage, wodurch wir überhaupt aus unserer Selbstliebe in +Objektlibido hinausstoßen, wurde ja auch mehrfach von _Freud_ im Sinne +eines solchen überschüssigen Zuviel erörtert. Nun meine ich, eben dies +»Allzuviele« daran ergibt sich aus dem Umstand, daß es bereits vom Hause +aus, als _Richtung des Verhaltens_, unsere Ichgrenzen als solche nicht +berücksichtigt, sondern übersteigt, _nicht ihnen gilt_, ja ihnen +entgegen steht, was nur wieder bedeutet: es ist narzißtisch bedingt, +d. h. in aller Selbstbehauptung zugleich Wiederauflösungswerk am Selbst. +Sicherlich gibt es auch die ganz eigentliche, bewußt auf uns gerichtete +Selbstliebe, die dann vom Ichvorteil, nicht von der Wollust her, ihre +Befriedigung bezieht. Aber auch die echte Wollust wird, indem sie am +Selbst sich ausläßt, von diesem Selbst für den forschenden Blick leicht +überdeckt, und noch ihr Zuviel umfließt es scheinbar als ihren +Mittelpunkt. Erst an der Objektbesetzung zeichnet sich die Libido ja als +etwas für sich ab, in den Umrissen des Objekts wird sie uns deshalb erst +libidinös umrissen. Dahinter aber liegt, nach wie vor, weit ausgebreitet +das Land, daraus sie stammt, und was sich im Vordergrund in der +Einzelfigur des Objekts so groß davon abhebt, berückt uns nur, weil es +diese Landestracht trägt. Ich denke mir: die _Freud_sche +»Sexualüberschätzung«, das Bemühen, das Libidoobjekt zu erhöhen, mit +allem Schönen und Wertvollen auszustaffieren, kommt von daher: sie sucht +es ganz und gar zum würdigen, passenden Stellvertreter dessen zu machen, +was, im Grunde immer noch allumfassend, sich schließlich daran ebenso +schwer völlig anwenden, unterbringen läßt, wie innerhalb des +Subjekt-Objekts selber. Letzten Endes steht jedes Objekt so +stellvertretend, als -- im streng psychoanalytischen Wortsinn verstanden +-- »Symbol« für sonst eben unausdrückbare Fülle des unbewußt damit +Verbundenen. Libidinös geredet besitzt keine Objektbesetzung andere +Realität als solche symbolische; der Lustbezug daraus gleicht durchaus +dem, was _Ferenczi_ einmal als »Wiederfindungslust« beschreibt: »die +Tendenz, das Liebgewordene in allen Dingen der feindlichen Außenwelt +wiederzufinden, ist wahrscheinlich auch die Quelle der Symbolbildung«(6). +Fügen wir hinzu: damit auch die der Objektlibido als letztlich +narzißtisch entspringender und gespeister. Die psychoanalytische +Einsicht: daß auch spätere Liebesobjekte Übertragungen aus +frühesten seien, gilt eben grundsätzlich: »Libidoobjekt« heißt +Übertragensein aus noch ungeschiedener Subjekt-Objekteinheit in ein +vereinzeltes Außenbild; und dieses ist damit genau so wenig in bloßer +Vereinzelung gemeint, wie wir uns selber libidinös mit unsrer +Einzelhaftigkeit bescheiden, wie wir vielmehr unsere Grenzen +unwillkürlich darin zu übersehen, geringzuachten suchen. + + (6) Zur Unterscheidung vom andern Lustbezug: demjenigen bloß ersparten + Kraftaufwands, wie er _Freuds_ Witztechnik zugrunde liegt. + (_Ferenczi_, Analyse von Gleichnissen, »Intern. Zeitschrift«, III, 5., + p. 278.) + +Bekanntlich redet _Freud_ von »Sexualüberschätzung« als von etwas, wobei +unser Narzißmus ein wenig allzugründlich sein »Zuviel« an Libido +ausgibt, woran er verarmt, leidet, um erst durch das Erfahren von +Gegenliebe wieder frisch aufgefüllt zu werden. Dies kehrt sich +jedenfalls am schärfsten hervor bei solcher Libido, die damit in zu +schroffem Gegensatz gerät zum ichhaften Bemächtigungsbestreben, also bei +männlich gearteter. Um ganz zu bemerken, wie gewißlich unser Narzißmus +gerade an seinen Sexualüberschätzungen, seiner Ich-Zurückdrängung sich +auch bereichert und steigert, muß man ihn vielleicht insbesondere dort +betrachten, wo er sich nicht so weit in den Ichbezirk hinein +»vermännlichte«, oder wo er, ehe das geschah, einen Rückschub erfuhr in +das Infantilere, der ichbewußten Aggressivität ferner Bleibende. Man +wolle nicht denken, daß damit die Libido des Weibtums mit ihrem von +_Freud_ geschilderten Umkipp (von der Klitorissexualität in die passiv +gewendete der Vagina) überwichtig genommen werden soll: aber kommt bei +ihr die Egoseite des Narzißmus wiederum zu kurz, so gestattet sie doch +dafür unverkürzt den Einblick in die andere, sonst uns allzu abgekehrt +verbleibende Seite seines Wesens. Die Wollust, sich selber zu +überrennen, sich nicht als Ich im Wege zu stehen beim beseeligenden +Wiedererleben noch ichfremden Urzustandes, erhöht sich daran unter +Umständen masochistisch, sowohl den körperlichen Schmerz als auch die +Situation der Demütigung bejahend. Dem Ich gegenüber also +_widerspruchsvoll_, da: »die Verkehrung der Aktivität in Passivität und +Wendung gegen die eigene Person eigentlich niemals am ganzen Betrag der +Triebregung vorgenommen wird«. (_Freud_, Trieb und Triebschicksale.) +Eben dieses Paradoxon des Erlebens rückt jedoch erst voll ins Licht, +inwiefern dem Narzißmus ein Doppelvollzug von Selbstbehauptung und von +Schwelgen in noch Uneingegrenztem ur- und eigentümlich sei, wie _Freud_ +ja überdies zugibt, wir hatten: »allen Grund anzunehmen, daß auch +Schmerz, wie andere Unlustempfindungen, auf die Sexualerregung +übergreifen und einen lustvollen Zustand erzeugen, um deswillen man sich +auch die Unlust(7) des Schmerzes gefallen lassen kann« (wenn _Freud_ +auch am sekundären Charakter des Masochismus festhalten will, als einer +Reaktion auf vorangegangene, hinterdrein gleichsam nach Sühneschmerz +verlangende Übergriffe). Innerhalb weiblich gerichteter Libido meine ich +übrigens etwas vom sexuellen Urausdruck nicht nur verdeutlicht zu sehen +in der Verschärfung zum masochistischen Zug, wo ja, ob auch negativ, das +Ich als schmerzbedingendes, immerhin noch bedeutungsvoll mitwirkt; der +Rückschub ins Passive gewährt überdies nämlich auch den erogenen Zonen +dauernd ihren ursprünglichen Spielraum, als -- gegenüber dem Vorstoß ins +Aktive -- dem Prinzip des Aufhaltenden, Verweilenden, also jener +Zärtlichkeit, die hochgeeignet zur Beseelung, seelischen Verfeinerung +der Leibesvorgänge, doch diese zugleich an ihre Kindergewohnheiten +bindet; an infantile Erogenität des Gesamtleibes, an noch nicht +punktuell einbezirkten Allkontakt sozusagen. Und endlich und nicht zum +wenigsten, ist es der beharrende Überrest der Klitorissexualität selber, +der, fürs Genitalziel überflüssig geworden, am Weibe sich an seinem +infantilen Rückstand, sei es kindlicher oder kindischer, auslebt, bis -- +-- ja vielleicht bis das Weib »das Kind« aus sich in die Welt +hinausgeboren hat. Auf diesem Höhepunkt weiblicher Erfahrung aber, steht +sie, die Erzeugerin, Ernährerin, Erzieherin des Kindes zugleich dem +Wachstum ins Männliche nahe: _ihrem_ Stück Aktivität, darin fast +doppelgeschlechtlich ergänzt, und eben drum wieder ins Urnarzißtische +zurückgerundet, wie es auf der ganzen Welt sich nur ermöglicht im Bild +der Mutter, die, sich selbst fortgebend, sich selbst an der Brust hält. +Entsprechend dem Penis-Neid des Weibes findet man deshalb nicht selten +beim Mann jenes Sichselbst-Wiedergebärenwollen (das sowohl zu +unterscheiden wäre vom Zurückwollen in die geliebte Mutter = Gebärerin, +als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen +Beobachtungen, die mir vorliegen, glaube ich darin eine weiblich +umgemodelte Klitoris-Betonung zu sehen, indem ja, nach infantiler +Annahme von der Analerotik her, die Klitoris auch etwas vom Leibe +Ablösbares (den »Lumpf« aus _Freuds_ bekannter Kinderanalyse) bedeutet, +wie es in mancher (natürlich nicht jeglicher) Schwangerschaftsphantasie +männlicher Neurotiker sich ebenfalls Ausdruck schafft. Ich komme aber +darauf, weil mir mehrfach auffiel, wie Mannbarwerden des Knaben zunächst +als Bedrängtwerden von Fremdem empfunden wurde: als vergewaltigendes +Außer-einem(8), das man in sich hineinzwingen, sich einverleiben möchte +zu Besitz statt Besessenheit; bevor das »Zuviel« der Libido auf die +Abfuhr ans Objekt verfällt, macht sie in solchen Fällen sich bemerkbar +_fast gleich einer Schädigung der narzißtischen Selbstliebe_, der +Einheit von Libido und Ich: erst an der Objektbesetzung einen die beiden +sich dann neu in der Gemeinsamkeit ihres Entzückens am Objekt. + + (7) Vgl. hiezu die Schlußseiten von _Ferenczis_ »Von Krankheits- oder + Pathoneurosen«, Intern. Zeitschr. IV, 5, wo von Masochismus und + weiblicher Genitalität als sehr dunklen Problemen die Rede ist, und wo + Körperverletzungen als Anlässe zu Regression auf ursprünglichen + Hautmasochismus (die Haut infantilste erogene Zone!) erörtert werden. + + Schon früh hat sich P. _Federn_ für den primären Charakter der + »Passionslibido« ausgesprochen entgegen _Freuds_: »ein ursprünglicher + Masochismus, der nicht -- -- -- aus dem Sadismus entstanden wäre, + scheint nicht vorzukommen«. »Im Gegensatz dazu muß ich als sicher + hinstellen, daß die Libido sowohl weiblich als männlich sein kann. + (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist -- + -- die passive lustvolle Einstellung des Gesamt-Ichs. Menschen, die + normale und masochistische Sexualität besitzen, geben an, daß die + masochistische Sexualität 'durch das Gehirn gehe', sie nehmen die + Überwältigung des ganzen Ichs selbst an«. Hiermit ist von P. _Federn_ + für den primären Masochismus die Eignung zur vollen Liebesfähigkeit in + Anspruch genommen, die sich nach _Freud_ kennzeichnet als »Relation + des Gesamt-Ichs zu den Objekten«. (Samml. kl. Schr. z. N., IV, 274.) + + (8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man + ist mit sich selbst wie mit einer Vermummung umhüllt, Verkleidung oder + Maske, da etwas darin steckt, das jeden Augenblick alles in Fetzen + durchstoßen, zerreißen kann, und doch damit einen selber vernichten. + Oder: man liegt neben offenem Grab, in das ein Grabstein + hineinzustürzen droht, der dicht dabei hochragt und nur auf die erste + unvorsichtige Bewegung wartet, denn _er_ gehört ja auf diese Öffnung, + _einen selber_ aber begräbt sie. + +So scheint _nicht so sehr die Objektbesetzung_, nicht die +Sexualüberschätzung innerhalb ihrer, unserm Narzißmus gefährlich zu +sein: wohl aber wird er seinerseits gefährlich dem Objekt der Libido; +sein bleibendes Eingreifen verschuldet, daß es dabei diesem Objekt +schließlich an den Kragen geht. Denn von vornherein nur zu einer Art von +Stellvertreterschaft zugelassen, verflüchtigt es sich in seiner realen +Beschaffenheit nur um so mehr und mehr, je gefeierter es auftritt. Die +typischen Liebesenttäuschungen haben ihren letzten Grund, ihren +unabwendbaren _hierin_: _nicht erst_ im Nachlassen der Liebe durch die +Zeit oder durch enttäuschende Einsichten, denn, ganz abgesehen von +diesem beiden hat das Objekt ja ganz eigentlich mit seinem Leibe dafür +zu haften, daß es weit mehr als Leibhaftigkeit sei, und mit seinem, +scheinbar doch erkorenen, auserwählten, Sonderwesen dafür, daß es im +Grunde Allwesenheit sei. Je weiter Liebesekstase sich versteigt, ihr +Objekt stets üppiger, ohne zu sparen, bereichernd, desto dünner, +unterernährter bleibt das Objekt hinter seiner Symbolität zurück; je +heißer unsere Schwärmerei, desto abkühlender diese Verwechslung, bis, +auf richtiger Höhe, sich Brand und Frost fast identisch anfühlen (was +das Schicksal der glücklichen Liebe fast unangenehmer als das der +unglücklichen, der den Partner kühl lassenden aber selber schön +warmbleibenden, machen kann). Auch hinter der reifgewordenen +Genitallibido, die es mit den Realitäten am ernstesten nimmt, wächst +dies symbolisierende Verfahren, das auch im Genitalen dennoch nur die +narzißtischen Identifizierungen durchsetzen will: die keiner +Objektbrücken im einzelnen bedürfen, über alles sich erstreckend aber +auch nichts außer sich gelten lassend. + +An der Objektlibido findet sich so manches, was ihr zugeschrieben wird, +während mir scheint, daß es unter Umgehung ihrer, sich ziemlich direkt +vom Narzißmus herleitet und nur in den eifrigen Symbolbildungen sich mit +ihr zusammenfindet. Dazu gehört großenteils, was man Freundschaft +zwischen verschiedenen Geschlechtern nennt. Bei der ungemein populären +Diskussion dieses Themas beobachtete ich oft, wie sonderbar stark selbst +unbefangen denkende Leute sich dagegen wehren, in Freundschaft nur eine +Noch-nicht-, oder Schon-nicht-mehr-Liebe zu sehen, oder aber eine mit +ihrer eigenen Verdrängung kämpfende. Meinem Eindruck nach liegt dies +daran, daß im Freundschaftsbündnis allerdings Sexualanteile genug +stecken, häufig jedoch solche, die ursprünglich nicht dem Partner +zukommen, sondern sich dem Bunde mit ihm beigesellten von anderwärts: +nämlich aus Aufarbeitungen vom Narzißtischen her, in Sublimierungen aus +Infantilismen. Die Empfindung gewisser Nichtsexualität dem Freunde +gegenüber bestünde damit zu Recht; nicht in gegenseitiger Erotik, +sondern in etwas Drittem wurzelte sie: gleichviel, ob sie erwüchse aus +noch immer infantilen Interessen oder erblühte zu hochvergeistigtesten, +gleichviel ob die Freunde nun eins in Gott sein mögen, oder auch nur +beim Sammeln oder Angeln. Das Wesentliche bleibt, daß, wie geliebt und +anerkannt auch immer, der Freund letztlich gewertet, ja verklärt +gewissermaßen, sei, er es doch erst von diesem Dritten aus wird, das im +übrigen sogar fester zu binden imstande ist als Personalerotik, da, +abgelenkt vom Sexualziel der Leibesbesitznahme, dafür unserer so +aufgearbeiteten Libido gleichsam sich alles zu Besitz bietet, worauf sie +nur irgend verfällt; in Sublimierung ihrer allerältesten autoerotischen +Praxis kommt sie sozusagen zu einer geselligen Selbst- und +Weltverwechslung à deux. Gut verarbeitetem und dadurch -- außerhalb der +Genitallibido -- entwicklungsfröhlichem Narzißmus ist eben breiteste +Umfassung freigegeben, zum Entgelt für die genitallibidinöse Enge +sonstiger Partnerumarmung. Man könnte ja den schlechten Witz machen: +unserm alten Autoerotismus, einstmals übers ganze Kinderkörperchen +verteilt, gelänge es in den Sublimationsanstrengungen einfach, uns +allmählich aus den Gliedern zu Kopfe zu steigen, als recht eigentlicher +»Verlegung von unten nach oben«. Von diesem Sprungbrett nun aber, +gelingt ihm jener gewaltige Absprung erst, der die Bedeutung der Libido +fürs kulturelle Leben überhaupt erneut, der Sprung vom _leibhaft +Libidobetonten in die Welt sachlicher Betonungen_, von infantilster +Selbstbezogenheit mitten hinein ins Außen-gegenüber. Dies Außen nicht +symbolistisch verbrämend, sondern sachlich begutachtend, es real +nutzend. Dadurch, daß es immer wieder noch unser Narzißmus selbst ist, +woraus -- im Normalfall und in idealer Konsequenz -- auch noch die +geistigsten, weitumspannendsten Aufarbeitungen sich ergeben, bekommt er, +der Leibentsprungene, nun neuerdings, auf neue Weise, doch wieder +Realboden unter die Füße: Sachlichkeit ist das gloriose menschliche +Ziel, das dem Narzißmus endlich im Dienst von Forschung oder +Fortschritt, Kunst oder Kultur, als verwandelter Eros zuwinkt wie aus +Träumen der Kindheit. Wo er in kindischen Träumen stecken blieb, wo sein +großer Sprung zu kurz ausfiel, da entgleist er auch an sich selbst ins +Pathologische, Bodenlose. + + + + +III. + + +Was bedeutet nun im Grunde dieser Überschätzungsdrang, der das Objekt +aus seiner Einzelheit und Wirklichkeit ins symbolisch Gewertete und +Gültige rückt, und der, im Parallelvorgang dazu, den narzißtischen +Urtrieb sich in Sublimationen hinaufarbeiten läßt? Beides beruht wohl +darauf, daß der bewußtgewordene Mensch sich, je länger je mehr, genötigt +sieht, mit seinen infantilen Identifikationsmethoden stets indirekter zu +verfahren, d. h. also: sich ihre Undurchführbarkeit stets +gleichnishafter zu verhehlen. Das ermöglicht er durch Wertübersteigerung +des stellvertretenden Stücks: im _Wertüberschuß_ wird es gleichsam +wieder zum Inbegriff selber, ersetzt diesen im Geist. Der narzißtische +Libidobetrag, der damit darin stecken bleibt, besticht erfolgreich das +der Realität immer angepaßtere Urteil, schließt mit diesem einen +Vermittlungspakt, wonach recht eigentlich »Wert« symbolisch für +Inbegriff, für »Ein und Alles« steht. Wertproblem überhaupt ist immer +und jedesmal Libidoproblem: lediglich durch Anleihe beim libidinösen +Zustand enthebt irgendwas sich der Begrenztheit, Aufeinanderbezogenheit +des Übrigen. _Alles_ Werten strebt dem Überschätzen entgegen und hinweg +aus der Relativität des Einzelngeltenden: es langt, verlangt unabwendbar +nach Überzeugtsein durch Glauben (jenem Glauben, bei dem »kein Ding +unmöglich« ist, sogar nicht die Wiederanknüpfung infantilsten Urtraums +an sachlichste Welterfahrung; mag auch dabei unser sich sublimierender +Narzißmus, dieser idealisierende Streber, uns dabei einigermaßen ähnlich +werden lassen ewigen Toggenburgern, die ihren Liebesgegenstand um so +reichlicher anhimmeln, als sich ihre reale Vermählung mit ihm +unvollziehbarer erweist). Mit wie vielen Beweisen und Begründungen wir +auch vorzugehen pflegen, nie gelingt darin Überzeugendes ohne +heimlich-persönlichsten Anschluß an die narzißtische Forderung in uns; +und wiederum: ist sie genehmigt, dann gelänge es keiner Gegenmacht, uns +um-zuüberzeugen: versicherten wir noch so bescheiden, es ergäbe sich +dadurch wohl nur eine subjektiv-gültige Bewertung, wir wissen sie +trotzdem als end- und allgültig, so gewiß unser Narzißmus selbst nichts +weiter ist, als das im Gefühlserlebnis noch dunkel festgehaltene Wissen +_um unser Subjektivstes als unsere objektive Anschlußstelle_. Von aller +Metaphysik, sofern sie das »Sein« mit »Gott« als absolutem Wertprinzip +in Übereinstimmung zu bringen trachtet, gilt darum, daß sie nicht nur in +ihrer Denkungsweise narzißtisch mitbedingt, sondern an sich das +philosophisch aufgearbeitete Abbild des Bundes von Narzißmus und +Sachlichkeit ist. Am unmittelbarsten vielleicht tritt dieser doppelte +Sachverhalt hervor in der Frage nach dem _Lebenswert_, der nur durch +ihn, erst durch ihn, zur Frage _wird_, indem es hier um den +Narzißmuswert selber geht, ob auch das Urteil darüber sich ergehen mag +wie über ein sachlich gegenüberstellbares Objekt. Im Lebensrausch als +solchem -- wovon ja dem Gesunden hilfreich was in Blut und Hirn kreist +-- also im narzißtisch hinter allem weiterbeharrenden Rausch, behält +ewig der Optimist recht; bei Absehen von dieser innern »unsachlichen« +Voraussetzung der Pessimist, d. h. der libidolos, »lieblos« Urteilende, +nur eben unrecht hinsichtlich des Lebensträgers, des allein und +eigentlich Lebendigen! Wo das Narzißtische im Menschen zu stark +übergreift, da bringt seine Allzu-Zuversichtlichkeit trotz ihrer +lebensweckenden Kräfte ihn in peinlichen Anprall an die Außenrealität; +wo es dagegen zu geschwächt dem realgerichteten Urteil unterliegt, da +bringen selbst dessen beste, glücklichste Erfolge keinen wirklichen +Frohmut zustande. Darum gleicht sich dem sogenannten Normalen das Dasein +ungefähr aus zwischen diesen beiden Richtungen, die gleichsam +andeutungsweise, innerhalb der Normalität, etwas vom »Manischen« und +etwas vom »Melancholischen« enthalten; auch normalerweise schon +übertreibt sich der Tatbestand beidemale fälschend -- und sagt damit +dennoch mehr aus, als die gemäßigtesten Zustände tun, wenn sie sich +_sehr_ weit von »Haß wie Liebe« entfernen: dermaßen _ist_ »Leben« total +nur in seinen Überschätzungen nach beiden Seiten, in seinen zu absoluten +Wertabschätzungen, in etwas über alles Stückhafte hinaus, _wahrhaft_, +als »Leben« vorhanden. + +Aber das narzißtisch bedingte Werten wird erst Problem, wird auch erst +Leistung, recht eigentlich da, wo »wertvoll« und »libidobesetzt«, nicht +so unmittelbar in eins fallen wie in der Frage nach dem Lebenswert +selber: wo, statt dessen, die Wertgebung voraussetzt, daß, um sie zu +vollziehen, wenigstens das Infantilste der Stellungnahme dazu +aufgegeben, umgestellt sei. Mit anderen Worten: wo der symbolisierende +Idealisierungsakt am Objekt schon begleitet ist vom sublimierend +aufarbeitenden Akt am Trieb selber (scharf zu unterscheidende Vorgänge, +die zu verwechseln _Freud_ mit Recht gewarnt hat). Es ist +außerordentlich interessant, daß vom Narzißmus her nicht nur des +Objekts, sondern auch des Subjekts Aufstieg ins immer »wertvoller« +Aufgearbeitete möglich ist, was _Freuds_ Wort vom Narzißmus als +»Keimpunkt des Idealbildens« schon früh (»Z. E. d. Narz.«) festlegte. +Dieser Punkt wird wesentlich, sobald unser Selbstbildnis infolge von +Realerfahrungen daran, uns zu enttäuschen beginnt: »Unserm Ideal-Ich +gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich +genoß« (_Freud_, ebenda). Weil hiefür aber auf die Dauer unsere +infantile Wunschpraktik nicht ausreicht, nachdem das Weltgegenüber immer +sachlichere Maßstäbe an uns legt, so entsteht damit eine Nötigung zu +gewissen Rangordnungen in uns, zu Stufungen, Gliederungen auch in +unserer Triebwelt. Unser Ebenbild, hineingewünscht ins Ideale, wirkt mit +dessen Dimensionen auf uns zurück, manche Züge unterstreichend, andere +ausradierend; noch fühlen wir uns schön und groß, ja erst recht groß, +aber doch nur, sofern wir uns auch, in den abweichenden Zügen, auch +klein oder zu häßlich finden, uns mißschätzen _können_, angesichts des +Idealbildes, das wir sind und doch nicht in all und jedem sind. Diese +Rückwirkung auf uns, vom narzißtischen Geformten nun ideal, religiös, +ethisch oder wie immer, soll man ja nicht gering anschlagen. Es bleibt +wesentlich selbst nach Abzug dessen, was bei seiner Bildung von fremden +und Außenfaktoren in Betracht kam: einmal den Geboten und Verboten +unserer Erzieher, unserer Umwelt, dem feineren oder gröberen Drill; +sodann jenes Quantums Objektlibido(9), die uns an die pflegenden und +bevormundenden Personen bindet und sie selbst zu nachahmenswertesten +Symbolen aller Idealwerte umschafft. Dennoch sind wir bei alledem auch +von uns aufs Stärkste beteiligt: wie der Narzißmus innerhalb der +Objektlibido das Personelle symbolisch hochzutreiben weiß, wie er sich +in immer sachlich weiterfassenden, geisthaftern, abstraktern +Zusammenhängen noch durchsetzt, so kommt er auch von sich aus zu letzter +Wertautonomie. Sagt ihm am frühesten sein Gefühl, heiß wünschend: »Leben +schon gleich Wert!« so vollendet sich das reifste in einem _fordernden_: +»Nur Wert allein wahrhaft Leben«, und auch noch diese absolut sich +gebärdende, über das Sein gesetzte Wert-Überwertung (die doch um des +Seins halber überhaupt erst anhob), dieses Ethische in Reinkultur, auch +das ist noch als Höchstleistung unseres Narzißmus zu buchen. + + (9) Vortrefflich prägt den Unterschied zwischen Drill und + Liebesgesinnung eine (mir gesprächsweise in dieser Form bekannt + gewordene) Bemerkung I. _Marzinowskis_: Im einen Fall sucht man + Heimlichkeit über eine Verfehlung zu wahren, den Strafakt zu umgehen, + als sei sie damit wie unbegangen, im anderen Fall ersehnt man im + Gegenteil Beichte, Bekenntnis, auf die Knie sich zu werfen, an die + Brust dessen, für den man _liebenswert_ sein will. -- Weniger + einverstanden bin ich, wenn _Marzinowski_ in: »Die erotischen Quellen + des Minderwertigkeitsgefühls« (Zeitschr. f. Sexualw. IV) ohneweiters + volle Reife darin sieht, über das Verlangen nach Gegenliebe, zur + Liebesautonomie: »wenn ich dich liebe, was gehts dich an!« zu kommen. + Zwar stimmt dies zu den sittlichen Anforderungen bestechend, klingt + prächtig selbstlos, redet aber recht oft die Sprache unseres + Narzißmus, der noch _gar nicht bis zur vollen Objektliebe gelangte_. + Man denkt sich unter narzißtisch Veranlagten zu ausschließlich von + Gegenliebe Abhängige (was weit mehr von den bewußter Ich-Eitlen oder + aber Narzißmus-Schwachen gilt) anstatt Selbstgenügsame, _weil_ + unbewußte Allteilhaber, die auch im Objektlibidinösen nur sehr lose an + den Äußerungen vom Objekt her hängen. Bedrängt durch narzißtisches + Zuviel, kann ihnen höchst egoistisch »Geben seliger denn Nehmen + werden«, d. h. sie dankbarer stimmen für eines Menschen Gewalt, Liebe + in ihnen zu wecken, als für seine Gegenliebe, die sie leicht beschämt + und neu bedrängt. + +Mir erscheint dieser Umstand um so bedeutsamer, als er klarlegt, von wie +tief her psychoanalytische Einsicht in die ethischen Unter- und +Beweggründe dringt: _Freuds_ Ausspruch vom »narzißtischen Keimpunkt des +Idealbildens« rückt ebenso weit ab von metaphysischen Notbehelfen bei +Betrachtung psychologischer Tatbestände, wie von jener rationalistischen +Einstellung, die überall auf Außeneinflüsse zurückgeht (Nutzen oder +Zwang unter nachfolgender Sanktion). Mit _Freud_ reicht die Frage so +tief, als der Mensch Menschlichem zu folgen imstande ist: ins +Ursprünglichste seiner selbst, dorthin, wo er seiner selbst bewußt wurde +und diese Vereinzelung wiederzuergänzen sucht, noch entgegen der eigenen +Triebgewalt in Gehorsam oder Liebe, um auf solchem Umweg das Urerlebnis +der Allteilhaftigkeit wiedererneuen zu können. Würde das immer schärfer +unterschiedenere Ich sich überrennen lassen vom Durcheinanderlaufen der +Triebe, so bliebe es auf ein gewaltsames Infantilisieren beschränkt, dem +die Außenwelt verloren geht, ohne daß der Urzustand des ihrer noch +unbewußten Kindes wiederherstellbar wäre. Freilich ist ja die +Ineins-Setzung unserer selbst mit Höchstwerten einerseits ebenfalls eine +phantasierte Wirklichkeit, ob wir ihr noch so sehr nachstreben: +anderseits aber verbürgt gerade dies Unbedingte daran, wie ganz aus +unserm Wesen gebürtig sein muß, was wir mit so großer Gebärde gutheißen. +Und in der Tat: wir sind es ja, die sich selbst enttäuschen oder +mißfallen, der Gemaßregelte mit dem von seinem Idealwert ganz Benommenen +bleiben untrennbar eins in uns, deshalb der narzißtische Liebesquell +unentleert (weshalb auch neurotisch der an sich schier Verzweifelnde und +der sich nahezu gottgleich Wähnende so verblüffend dicht beieinander +stehen). Insofern bildet alle echte Ethik, alle ethische Autonomie, +zweifellos ein Kompromiß zwischen Befehl und Begehr, während sie gerade +das am prinzipiellsten zu vermeiden sucht: das Begehrte macht sie zwar +unerreichlich, durch die Idealstrenge des geforderten Wertes, dafür aber +bezieht sie das Befohlene tief ein in den Urtraum allesumfassenden, +allesuntergründenden Seins. Dieser Kompromißcharakter verrät sich +deutlich auch noch an den starrsten Wertsetzungen -- ja gerade an denen +-- den unterirdischen Zusammenhängen von Gesolltem und Gewünschtem, +oder, anders benamst: von Ethik und Religion. Kann keine Religion ein +irgendwie ethisch gültiges Moment entbehren (d. h.: daß das Kind zum +Vater _aufblicke_), so ebenso gewißlich keine ethische Selbstbezwingung +ein Moment der Mutterwärme, die sie darüber hinaus umfängt. Alles, was +wir »sublimieren« nennen, beruht einfach auf dieser _Möglichkeit, auch +noch Abstraktestem, Unpersönlichstem gegenüber etwas wahren zu können, +von der letzten Intimität libidinösen Verhaltens_; nichts als dies +ermöglicht den Vorgang, wobei: »die sexuelle Energie -- ganz oder zum +großen Teil -- von der sexuellen Verwendung abgelenkt und anderen +Zwecken zugeführt wird« (_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Im religiösen +Erlebnis, im »fromm« gerichteten Menschen, schießt früheste, +elterngebundene Objektlibido in die narzißtische Strömung mit hinein, +und schafft damit eine rechte Glanzleistung des Narzißmus: indem nun +beide gemeinsam münden im Gotteswert, als dem zugleich Allesbeherrschenden +und Allerintimsten. Was dem Objekt der Libido sonst so übel +bekam: das Sichverflüchtigen des Personellen in immer stellvertretendere +Symbolik, eben das bringt es am Gotteswert zum Meisterstück, +nämlich dermaßen zum Symbol aller Liebessymbole, daß Gott +sich daran verpersönlicht(10). + + (10) So sehr freilich, daß die Objektidealisierung sogar die + Triebsublimierung lähmen kann, und der Gott mehr Entzücken bewirkt als + Moral. Übrigens ist es massiv und richtig Gläubigen auch meistens nur + selbstverständlich, wenn etwa im Jenseits neben hochsublimierten + Glückssorten auch die infantilsten Wünsche sich drastisch durchsetzen + -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher + Gläubigkeit Stehenden erscheint das nicht folgerichtig, beleidigt + seine moralische Logik; und doch lediglich, weil _sein_ erhöhtes, + »frommes« Verhalten den stofflichen (Kinder-) Himmel und zugehörigen + Personengott, von sich aus, in sich selber, wertend ersetzen muß. Ihm + geschieht es deshalb leicht, sich selbst gegenüber weniger ehrlich zu + bleiben, und trotz seiner nüchternern sachlichern Einsicht, den + narzißtischen Grund und Boden zu verleugnen (den der naive + Glaubenshimmel ruhig mit überwölbt), weil er auf seiner obersten + irdischen Kippe balancieren muß. + +So muß denn das, was zuinnerst des Religiösen wirksam ist -- die +Richtung auf ein vertrauensvoll idealisierendes Narzißtisches -- auch +den von üblichen Glaubensvorstellungen Gelösten in seinen +Sublimationsbestrebungen orientieren, sollen sie ihn nicht in eine +Entfremdung zu sich selber geraten lassen. Soll er nicht, dem ihm +Wertvollsten hingegeben, es nicht zugleich hoch über ihn hinwegfliegen +sehen, ihn nur gerade so weit mit emporreißend, daß er beschämt und +entrüstet auf sein flügellahmes Selbst heruntersieht, kurz, daß er statt +des beabsichtigten Fluges in Gewissensängste, Schuldgefühle niedersinkt. +In ernsthaftester Weise ist _Freuds_ Warnung zu beachten: sich über +gegebenes Vermögen an Sublimationen zu »übernehmen«, heiße nicht +Vollkommenheit, sondern Neurose vorbereiten. Aber wieder stoßen wir +dabei darauf, wie tief und nüchtern _Freud_ sich psychoanalytisch die +Ethikprobleme auch hinsichtlich des Schuldbewußtseins erschließt: wie -- +wiederum sowohl abseits von metaphysisch als auch von äußerlich +(utilitaristisch) vorgenommenen Lösungen -- die Frage sich ihm dahin +beantwortet, daß unser narzißtischer Größenwahnrest auch noch dem +ethischen Ehrgeiz, dem Aufwärts- und Vorwärtstreiben des real angepaßten +Ich, zugrundeliegt, wobei dann am Wege verachtet zurückbleibt, was der +anstrengenden Gangart nicht gleich folgen kann. Bis der Mensch »sich« +nur noch von demjenigen aus ansieht, was er allein als Sein wertet, ohne +es doch _sein_ zu können, und deshalb seine eigene Beschaffenheit zu +verdrängen, zu verleugnen suchen muß, ohne von ihr doch frei zu werden. +Verhältnismäßig harmlos erweist solcher Vorgang sich noch beim Strafe +befürchtenden »Drill«, ja sogar noch beim Gehorsam aus objektbesetzender +Liebe, die sich nicht genug tat: rührt er jedoch bis an den +narzißtischen Urgrund der ethischen Phänomene, dann ist +Schuldbewußtsein, Reue bereits nur noch Name für Erkrankung. Darum sind +wohl alle Neurosen immer auch Schuldneurosen, und immer unter dem +Kennzeichen, daß der Mensch aus der instinktsicheren Gesundheit seiner +Selbstachtung sich hinausgedrängt fühlt, trotzdem er als Neurotiker gar +nicht der Typus des »Begehrenden«, sondern der des empfindlich +reagierenden Gewissens zu sein pflegt, und eben deshalb die rumorenden +Wünsche überängstlich hinter Schloß und Riegel hält. Eine Vertiefung +dieses Zwiespalts bis zum Bruch ist es, wenn im Gegensatz dazu der +Psychot das Gewissen außer Spiel gesetzt sieht, triebhemmungslos wird, +und wohl nur da und nur dann bloßer Phantasieverbrecher bleibt, sofern +er schon zu negativistisch von der Realwelt abgekehrt steht um handelnd +in sie einzugreifen. Weshalb ja auch das neurotische Pathos in ihm zu +ironisierendem Tonfall umschlagen kann, worin sein Ich, gleichsam schon +unbeteiligter, machtloser Zuschauer, noch seine Kritik zum besten gibt, +nachdem es seinerseits dem Ausschluß, der Verdrängung verfiel, sich +desorganisierte und dadurch an Stelle der ihm gegenübergesetzten +Realwelt die Technik der primitivsten narzißtischen Wunschproduktion in +Wahnbildern am Werk sehen muß. (Traumtechnik des Gesunden.) + +Ich gerate auf diese scheinbare Abschweifung aber deshalb, weil mir +vorkommen will, als gäbe es ein Analogon für »neurotisch« und +»psychotisch« auf dem Gebiet der Ethik für den Normalzustand. Nämlich +außer Schuldgefühlen, bezogen auf das Ich, seine Mängel und Taten, auch +noch ein ähnliches Enttäuschungsgefühl an Leben und Welt, wobei wir uns +aber mitschuldig fühlen, dem wir also nicht pharisäisch oder bettelnd +als etwas anderes gegenüberstehen, sondern wobei wir _verletzt sind_ an +einer _narzißtisch überlebenden Urverbundenheit_. Natürlich drückt dies +das Infantilere aus im Vergleich zum ichgerichteten Gewissen, das ums +eigene Spezialseelenheil Sorge trägt, es kann aber daneben +weiterbeharren. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit und von noch +später her eines grotesken Herzwehs über enttäuschende Mängel anderer, +die mich weit mehr »ethisch« grämten als die eigenen Mängel: denn was +konnte es nützen, vollkommener zu werden, wenn es nicht um das Ganze der +Welt, und nur darum auch mich mit einbegriffen, derartig vollkommen +bestellt war? Entzücken und Dankbarkeit riß mich hin, wo etwas solchen +Glauben zu bewahrheiten schien, und enthob mich damit betrüblich rasch +jeder persönlichen Gewissenssorge, welche Figur denn ich mitten drin +machen würde. So viel Kindisches das auch ausdrückt, so liegt doch +fraglos eine Spur Ironie in dem Umstand, daß der Andere, Gewissenhafte, +der von seiner Selbstsucht am ethischesten loskommen Wollende, am +eifrigsten und ständigsten mit sich beschäftigt bleiben muß, sich weder +in Herzweh noch Herzenslust völlig vergessen darf. Deshalb sind auch +noch bei der ethischen Einstellung zweierlei Verhaltungsweisen +unterscheidbar: die eine vorwiegend von den Wertanforderungen des +Ichbewußtseins aus und das Ich strebend im Mittelpunkt haltend, die +andere von den alten Identifizierungskünsten des Narzißmus aus, aber +gleichfalls aufgearbeitet in ethisch gerichtete Wunschträume. Dies +jedoch dient aus einem bestimmten Grunde einer wichtigen Seite der +Sache: denn offenbar entnimmt ja alle Ethik ihren Hauptcharakter, eben +ihre Unbedingtheit, Absolutheit, Allgültigkeit dem narzißtischen +Urzuschuß, der so sehr für alles Übermäßige zu haben ist, und +»ethisiert« uns erst an diesem fragwürdigen Material. So kommt es zu +Wechselwirkungen von beiden, deren Paradoxie, näher betrachtet, schwer +überboten werden könnte. Gibt es doch keine Askese oder Gesetzesstrenge, +kein endgültiges Verachten des Realen, das nicht nach dem narzißtischen +Helfershelfer dabei riefe, erst er, der begehrliche, wunschdreiste, +lehrt uns auch das: »geh an der Welt vorüber, es ist nichts.« Und +anderseits: eben die absolut gerichtete Ethik bedarf der ganzen Fülle +des Möglichen und Wirklichen, muß allen Sonderfällen des Geschehens +gerecht werden, alle Aufeinanderbezogenheiten berücksichtigen, denn um +der Menschen und ihres Heils- und Glückstraums willen ist sie da, vom +kindlichselbstischen bis sublimen Egoismus des Himmelsstürmers und +Gottsuchers. Dies Wesen der ethischen Praktik, die ihre Unbedingtheit +narzißtisch bedingt, sowie wiederum diese strenge, hoheitsvolle +Wertmiene des ethisch verwendeten Narzißmus, ergeben einen derartigen +Knäuel von Widersprüchen von Fall zu Fall, daß man ruhig behaupten kann: +nur rein schematisch verfuhr, wer jemals, über den Einzelfall hinaus, +diese lebenstrotzende Wirrnis in glattem Faden aufwickelte. + +Nun kann ich aber dies Thema nicht abbrechen, ohne eines hinzugesetzt zu +haben: nämlich wie sehr eben dies meine ganze Hochachtung und Ehrfurcht +vor dem Phänomen des »Ethischen« im Menschen geradezu ausmacht. Denn +erst dadurch erhebt es sich zu den schöpferischen Betätigungen, +ungeachtet es auf Gesetz und Regel und Soll ausgeht. Ja durch die +Reibung innerhalb solchen Widerspruchs -- durch die Unbedingtheit, die +dennoch sich lediglich durchzusetzen vermag »von Fall zu Fall«, d. h. im +lebendigen Vollzuge allein -- wird es _die_ schöpferische Tätigkeit par +excellence, vollziehend das, was »nie und nirgends sich begeben«. Ethik: +sich erst voll ausweisend im vorschriftsmäßig am wenigsten zu +Schlichtenden, im Durcheinandersichkreuzen der Gebote und Verbote, erst +damit wahrhaft autonom das Gültige zum Erlebnis hebend. +Begreiflicherweise bleibt Vorschrift, Gesetz, das prinzipiell betonteste +da, wo heimliche Wunschzutaten abgewehrt werden sollen, trotzdem aber +ist in irgend einem Sinne »Ethik« auch immer zugleich das +Unvorgeschriebene, schlechthin Gedichtete, d. h. trägt in all ihrem +Tateifer wie ihrem Werk zugleich das Stigma des Verträumten, woraus +Dichtertat sich zum Werke formt. Nur, leistet der Dichter »träumend«, so +handelt in die Praxis hinein der ethisch gerichtete Mensch: wagt seinen +Traum an Realität, Drangsal, Erfahrung, an den Anprall aller Zufälle und +Wirrnisse. Darin liegt die Würde des Bruchstückhaften, nie Vollendeten, +was ihm allenfalls gelingt, verglichen mit künstlerischer Werkrundung, +deren Abseits er nicht ertrüge, die er sprengt, um sie nochmals und +nochmals aufs Spiel zu setzen. Ethik ist _Wagnis_, das äußerste +Wagestück des Narzißmus, seine sublimste Keckheit, sein vorbildliches +Abenteuer, der Ausbruch seines letzten Mutes und Übermutes ans Leben. + + + + +IV. + + +Bei dem, was Kunst genannt wird, künstlerisches Schaffen, oder sagen wir +allgemeiner: poetisch anstatt praktisch gerichtete Betätigung, braucht +man die narzißtische Kinderstube nicht erst an Restbeständen daraus +aufzuspüren wie bei Objektbesetzungen oder Wertsetzungen: unmittelbar +nimmt es immer wieder von dorther den Ausgang, auf eigenem Pfad, +verfährt bis in alle letzten Ziele, narzißtisch »wertend« und +»besetzend«. Die gleiche Methode stünde uns allen auch lebenslänglich, +jeglichen Augenblick und bei jedem Eindruck zu Gebote, würden wir uns +durch unsere logisch-praktische Anpassung an die Ich- und Realwelt nicht +ihrer so grundsätzlich entledigen, daß wir meistens nur erinnernd +dorthin zurückkönnen, wo Innen-Erlebnis und Außen-Vorfall noch +ungetrennt für dasselbe Geschehen stehen. Für dies Erinnern gilt darum +etwas anderes als fürs Gedächtnis, wovon _Freud_ vermerkt, es scheine: +»ganz am Bewußtsein zu hängen, und ist scharf von den Erinnerungsspuren +zu scheiden, in denen sich die Erlebnisse des Unbewußten fixieren« +(Fußnote aus »Das Unbewußte«); denn diese sind im Bereich wirkender +»Sachvorstellungen«, nicht davon abgezogener »Wortvorstellungen« +(_Freud_) zu denken, dieser bloßen Verständigungskonventionen, deren wir +uns gedächtnismäßig bemächtigen. Äußerste Exaktheit, Triumph besten +Gedächtnisses, kann so in umgekehrtes Verhältnis geraten zu +Erinnerungsklarheit, die, in lebendigem Zusammenhang der Eindrücke +wirksam, gleichsam nur an Leben entlang sich ins Bewußtsein hebt: +Gedächtnis _haben_ wir, Erinnerung _sind_ wir. Das allein ist der Grund +des unkünstlerischen bloßen »Abbildes«, und gilt darum weder für Kinder +noch für Primitive, sofern sie Reales noch phantastisch, Phantasiertes +als real nehmen können. Am schönsten kennzeichnet die vorgetäuschte +Bewegung des Films den Gegensatz zu Erinnerungsbewegtem: man könnte sich +sogar denken, daß derartige, dem Gedächtnis allzu tadellos nachhelfende +Vergegenwärtigungen von Vergangenem, Erinnerung auf tödliche Weise +beeinflussen würden, sie desorganisierend, zersetzend in ihrer +grundliegenden Totalität. Gewissermaßen ist ja Erinnerung ein nie nur +»praktischer«, immer auch schon »poetischer« Vollzug: sie ist damit +sozusagen das einem jeden von uns aufbewahrte Stück Dichtertum, Ergebnis +zugleich Distanz schaffender, bewußte Überschau ermöglichender +Vergangenheit, und ewig-erneuter Aktualität und Affektivität, auch wo +sich beides nicht so formend zusammentut wie im Werk des Poeten. Poesie +ist Weiterführung dessen, was das Kind noch lebte und was es dem +Heranwachsenden opfern mußte für seine Daseinspraxis: Poesie ist +perfektgewordene Erinnerung. + +Nun gibt es nichts, was tiefer in Kindheitseindrücke zurückbrächte, als +aufgehobene Verdrängungen und nichts strebt von sich aus heftiger nach +solcher erinnernder Befreiung als das kindliche, noch so ganz von +Geboten und Verboten der Erwachsenen umstellte Leben. An die infantilen +Verdrängungen schließen die spätern sich an -- bilden damit den »Schatz +von Erinnerungsspuren, welche der bewußten Verfügung entzogen sind, und +die nun mit assoziativer Bindung das an sich ziehen, worauf vom +Bewußtsein her die abstoßenden Kräfte der Verdrängung wirken. Ohne +infantile Amnesie, kann man sagen, gäbe es keine hysterische Amnesie« +(_Freud_, Drei Abh. z. Sexth.). Schon früh, in seiner Studie über »die +Dichter und das Phantasieren«, faßte _Freud_ daher Kunst auf als +Spezifikum gegen Verdrängungsgifte, und welche Erweiterungen seine +Arbeit über den Gegenstand auch seither durch ihn erfuhr: dieser +Hauptpunkt bleibt derselbe, wenn er auch den Unwillen der Künstler +erregt infolge meist zu flacher Auslegung. Man achtet nämlich zu häufig +nur darauf, daß die Kunst Wunscherfüllungen gewährleistet, die sonst gar +nicht oder nur strafbar oder endlich krankhaft sich durchsetzen, man +übersieht aber darüber die ganze Tragweite der _Freud_schen +Unterscheidung von »bewußtem« und »unbewußtem« Wunschziel. Niemand +bedarf weniger der Erfüllung von Personalwünschen wie der Künstler. +Niemand bleibt weniger in ihnen stecken, ja niemand kommt von +vornherein, eben als Schaffender, von Erfüllungen _her_, statt ihnen nur +nachzujagen. Durch zeitweiliges Zurückgenommensein in ursprünglicheren +Zusammenschluß dessen, was sich uns sonst nur in Subjekt und Objekt +spaltet, ist er seinem Einzelsinn und Privatsein im Schaffen enthobener +als sonst irgendwo: ja eben dies allein gestattet und ermöglicht ihm die +Aufhebung des Verdrängenden, eben dies erst gibt ja seinen Regungen eine +Freiheit wieder, wie wenn sie »ich-gerecht« im Sinn der +Bewußtseinszensur wären (vgl. _Freud_: »das Unbewußte wird für diese +eine Konstellation ich-gerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung +etwas abgeändert würde. Der Erfolg des Unbewußten ist an dieser +Kooperation unverkennbar; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch +anders als die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener +Leistung«). Dafür ist maßgebend, daß nicht auf unser Individual-Ich, wie +es sich bewußt auf sich selbst bezieht, dabei zurückgegangen sei, +sondern auf jene noch Allen gemeinsame Grundlage, auf Aller +Wesenskindheit, wie sich auch der künstlerische Mitgenuß hierauf nur +gründen kann(11). Ohne es zu wollen, hat so der Künstler sein Publikum +in sich, bei sich, und nur um so mehr, je vollständiger er davon +abzusehen pflegt, aufgebraucht vom Schaffensvorgang selber. Wird es -- +meines Erachtens -- beim ethischen Verhalten auffallend, wie sehr das +Allgemeingültige letztlich sich »ethisch« doch nur durchführen läßt von +»Fall zu Fall«, in solchem scheinbaren Selbstwiderspruch gerade seine +eigentliche schöpferische Bedeutung erst offenbarend, so überrascht am +allerpersönlichsten Erfaßtsein des Künstlers, wie sehr, wie ganz es +immer schon das Allgemeine mit umfaßt, um erst daran wirklich, Werk, zu +werden. Hier erschließt sich das anscheinend Subjektivste als +Anschlußstelle des objektiv Gültigsten. Dazu stimmt die Erfahrung, daß +schaffendes Verhalten, je leichter, sieghafter es sich durchsetzt, in +desto rücksichtsloseren Gegensatz oft tritt zum, körperlich oder +seelisch bestimmten, sonstigen Personalzustand: darin tatsächlich der +Leibesfrucht ähnlich, deren Wachstum zu Verlagerungen, Bedrängnissen im +übrigen Organismus führt oder Muttergift durch seine Adern kreisen läßt. +Nicht selten erwacht der Künstler aus seiner Benommenheit wie aus einer +zwangshaften, mit dem Gefühl von Befreiung, nun wieder an Beliebiges +denken zu dürfen, sich in personell oder sachlich Wünschbarem +ungehindert gehen zu lassen. Wobei er sich dann freilich oft +mitverwandelt fühlt durch das Vorhergehende: als habe vieles sich +erledigt, was vorher am stärksten beschäftigte, als seien Umwertungen +eingetreten, die zuvor Unmerkliches neu betonen, Altes verjüngen, Junges +vergreisen ließen. + + (11) Innerhalb davon dürfte sich zweierlei Schaffensart unterscheiden + lassen, je nachdem, wie weit Aufhebung von Verdrängungen vorwiegend in + Frage kommt. Diese kann den Vorgang so kampf- und angstvoll einleiten, + daß er zunächst Widerstreben statt Freude weckt; Hermann _Bang_ + erzählte mir, wie oft er bei Arbeitsausbruch vom Stuhl springe und ans + Fenster eile, hoffend, etwas Ablenkendes draußen möge ihn daraus + erlösen. Glücksgefühl stellt sich hier erst als abgeworfener + Verdrängungsdruck, als Kraftersparnis ein (analog den _Freud_schen + Ausführungen über die Witztechnik). Positiver, bedingungsloser wirkt + das Glück, wo es sich weniger um Verdrängungskampf handelt, als um + unwillkürlich an uns sich vollziehende Erweiterungen, Ausweitungen + unseres Wesens: um Beschenktwerden mit etwas, was nicht Wunsch oder + Versagung in unserm Dasein gewesen war, sondern was praktisch uns gar + nicht »lag«, d. h. unserer persönlichen Struktur nicht entsprach, + »verdrängt« also schon wurde mit der andrängenden Fülle unverwendbarer + Ureindrücke. Im tiefen Zurückreichen bis ins Infantilste kann uns + gerade daraus zufallen, was sich damit »werkhaft« erledigt: Ergänzung, + Ahnung, die hoch um uns herum reicht, uns nun erst einschließend ins + Menschentum Aller. Der identifizierende Narzißmus, von produktiver + Phantasie aus seiner Infantilität emporgerissen, beteiligt sich + berauscht daran, ohne daß unsere persönliche Ichhaltung praktisch + verändert würde. + +Interessant studiert es sich am Geschlechtlichen: wie durchaus es mit +seinen Hauptkomplexen im Schaffensmittelpunkt stehen bleibt, an der +Konzeption zutiefst damit beteiligt, und dennoch nur soweit, als es +aufgearbeitet wurde ins -- gleichsam -- Privatwollustfreie, d. h. als +der Zentralpunkt sich total aus dem personalen Umkreis verschob. Wo dies +auch nur im geringsten mißlang, bedeutet die persönlich erstrebte +Phantasiewunscherfüllung sofort das Versagen im Schöpferischen. Denn +wohl bedarf der Künstler der Regression bis ins Infantilste und damit am +leiblichsten Beeinflußte, aber auch nur er verhält sich auch hiezu +»schaffend«. Der Anteil des Eros an Geistschöpferischem -- wie stark der +Hinweis darauf auch _Freud_ verübelt wird -- gehört wohl zu den ältesten +Erkenntnissen, und im Grunde sollte doch ebenfalls selbstverständlich +sein, daß dafür nur _die_ Anteile daran in Betracht kommen, die wir +nicht geradenwegs zum Normalziel abführen, sondern diesem Ziel entgegen, +also infantil erhalten. Aber schöpferisch bedeutsam werden sie wiederum +erst unter Beihilfe von Verdrängung: nur daß sie sich, anstatt aufs +»Desinfantilisieren« und »Genitalisieren«, auf ein Entleiblichen des +ursprünglich kindlich Polymorphen bezieht. Man möchte sagen: +künstlerisches Schaffen _enthülst_ gewissermaßen aus dem Leibhaften den +fruchtbaren Kern, der sich im Werk dann allseitig auswächst. Mit E. +_Jones'_ Wort (aus der vorzüglichen Studie: »Die Empfängnis Mariae durch +das Ohr«, Jahrbuch IV) gesagt, liegt im Künstlerischen: »die Reaktion +gegen die Geschlechtlichkeit dem Streben, und ihre Sublimierung den +Formen, die das Streben annimmt, zugrunde«(12). Daß Begehr und Reaktion, +beide, hier gewaltig vertreten sein müssen(13), darauf gründet +_Schopenhauer_ sein bekanntes Experiment: sexueller Reizung nachzugeben +um dann, jählings, vom Punkt hoher Steigerung, abzubiegen in +Geistesarbeit. Man wäre versucht zu glauben, ähnliche Experimente müßten +sich bestätigen nicht nur bezüglich speziell-sexualer Mitwirkung, +sondern aller Triebhaftigkeit, z. B. auch von als »böse« gebrandmarkten +Regungen, denen wir ja nur infantil-sorglos noch ohneweiters nachgaben. +Das noch amoralische Begehren, so dicht bei seiner Umstülpung vom +narzißtisch Ununterschiedenen ins kraß selbstisch Verengte, mag bei +diesem Übergang Möglichkeiten in sich enthalten, die dem Menschen nicht +in der Praxis, nur in schaffender Phantasie, ganz aufgehen. Ist doch +»Sexuales« wie »Böses« in diesem Sinn allein, aber darin tatsächlich, +dem Schaffenden vermehrt zu eigen: wenn _Goethe_ versichert, er wisse +»von keinem Verbrechen, das er nicht auch begangen haben könnte«, so +kennzeichnet das nicht den individuellsten, sondern typischesten, den +noch infantil-alles enthaltenden Menschen, den, auf formkünstlerischem +Wege zielmächtigsten, aber auch den schlechthin riskiertesten. (Es +handelt sich darum: »zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte des +Menschen, ihre Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen +stammen, wie die von ihnen am meisten verabscheuten, und sich +ursprünglich nur durch geringe Modifikationen voneinander +unterscheiden«; _Freud_, »Das Unbewußte«.) Entgleist der Mensch aus +seinem Schaffenszustand, so sieht er sich infolgedessen furchtbar +aufgehängt zwischen Nichts und Nichts: weder geborgen am Werk, noch an +der Realwelt, worin er dem Urteil der anderen fragwürdig wurde wie dem +eigenen, d. h. wie seinem Privatpersonentum innerhalb praktischer +Weltgeltungen. Lassen schon Stockungen, Störungen während der Arbeit +Künstler leicht als Neurotiker erscheinen, so gleicht die gefährliche +Grundvoraussetzung alles Schaffens sie nahezu psychotischer Verfassung +an: indem es sie hinter den Rücken ihres Ich zurückzieht in ihrer +eigentlichsten Tätigkeit. Gelegentlich mehrfacher Beobachtungen habe ich +mich immer wieder überzeugt, mit welcher Selbstverständlichkeit, bei +unvermutetem Absturz aus produktivem Verhalten, ein Zurückfallen in +Infantilismen sexueller Art sich einstellen kann (_Freuds_ Bemerkung +bewahrheitend: »Das Höchste und das Niederste hängen an der Sexualität +überall am innigsten aneinander.« Drei Abh. z. Sexth.). Gerade daran +pflegt die Befürchtung sich zu verstärken: daß es sich wohl nicht nur um +vorübergehende Unterbrechung handle, sondern um Nachlassen der geistigen +Potenz überhaupt. Dies ist aber um so bedauerlicher, als +Schaffenszustände oft geradezu derartiger Absetzungen, Aussetzungen +_bedürfen_ mögen, solcher Erholungspausen des Bewußtseins, dem heimlich +weitergehende Arbeit sich entzieht, etwa wie dem Auge der Säfterückzug +in winterlichen Stamm entzogen bleibt, während dessen die Bäume sich +umschütten mit aller Melancholie entleerten, entfärbten Laubes. Wir +beurteilen uns eben vom Bewußtseinsauge aus, das wir prüfend auf uns +richteten seit Überschreiten unserer Infantilgrenze; und dieser +beurteilende, verurteilende Blick ist dann am unerbittlichsten, +schärfsten, wie auch die Triebe an dieser Grenze hier am stärksten sich +stauen und verstärken(14). Es ist deshalb, als ob der Schaffende noch +einmal Kindheitsparadies wie Kindheitshölle gleichermaßen zu durchkosten +bekäme. + + (12) Ich finde eben zwei Verse von Hugo von _Hofmannsthal_, die sowohl + die Verdrängungshilfe beim Schaffen, als auch dessen widerspruchsvolle + Verknüpfung mit der Leiblichkeit hübsch wiedergeben: + + 1. »Aus der verschütteten Gruft nur wollt' ich ins Freie mich wühlen, + Aber da brach ich dem Licht Bahn und die Höhle erglüht.« + + 2. »Fürchterlich ist diese Kunst! Ich spinn' aus dem Leib mir den Faden, + Und dieser Faden zugleich ist auch mein Weg durch die Luft.« + + (13) In seinen »Drei Abh. z. Sexth.« vermerkt _Freud_ die Tatsache, + daß man, obwohl dem Schönen das sexuell Reizende praktisch zugerechnet + zu werden pflegt, doch niemals die Genitalien selber als schön + bezeichnete. Sicherlich erklärt sich daraus, wie ganz die + Hochwertigkeit ästhetischer Betrachtungsweise sich nur gegen die + Gepflogenheiten der Praxis durchsetzte: auch noch die Enthüllung des + Nackten als Poesie bleibt insofern eine Folge des Feigenblattes. + + (14) Der verstorbene junge Markus hat gut in einer kleinen Studie + (Zentralblatt IV, 11-12 »Die Objektwahl in der Liebe«, p. 598) darauf + hingewiesen, wie die _Freud_sche »Latenzzeit« es sei, worin diejenigen + Urteile sich in uns festsetzen, die später der Sexualität so + autoritativ wie aus anderer Welt gegenübertreten. + +Entfremdetsein von unserm Ich ist uns harmlos nur gegeben in unserer +allnächtlichen kleinen Psychose, unserem allnächtlichen wundersamen +Schaffenszustand, dem Traum, der schon so vielfach primitivem Kunstwerk +verglichen wurde. Was den Traum dem Schaffen vor allem anähnelt, ist die +ungeheuere Objektivität, womit er seinen Inhalt vor uns hinstellt, auch +noch an das scheinbar krauseste Durcheinander verblüffende Kraft +überzeugender Formung, Gestaltung, verschwendend. Aber nicht einmal +diese selbst enthält, meines Erachtens, das künstlerischeste Moment +daran: sondern erst die Traumfähigkeit _so vielem gerecht zu werden +unbeeinflußt von unserer persönlichen Stellungnahme dazu_. Man kennt +_Lichtenbergs_ ärgerliche Frage, warum, um alles in der Welt, sogar +Dichter außerstande seien, fremde Charaktere derartig treffend, wissend, +unbestechlich durch eigene Vorurteile zu verlebendigen, wie der Traum es +mühelos erzielt. Mir ist das stets als tiefster Beweis dafür erschienen, +daß im gesunden, unbeschädigten Narzißmus an sich selber dies +übersubjektive Moment wirksam sei, d. h. seine Wunscherfüllungen gar +nicht umhin können, aus tiefer Identifikation mit allem +herauszuschaffen, weil nur dies seiner unwillkürlichen Tendenz +entspricht. Sowohl am manifesten wie latenten Traumtext finden sich +Teile dieser Art, die sich über das persönlich Wünschbare hinaussetzen, +den Träumer anderen gegenüber zu kurz kommen lassen, und, wenn +psychoanalytisch weit genug verfolgt, auf das noch Allumfassende des +Narzißtischen führen. Nur daß im Traum der Homer schläft, der das Werken +zunutze machen könnte. In Wachträumen dagegen, wo die geistige +Überlegenheit nicht schlummert und wo sie auch Beobachtungen des +Sachverhalts so erleichtern könnte, fehlt damit auch jene narzißtische +Identifikation mit ihrer ungewollt großzügigen Objektivität: Wünsche des +Ichs gewinnen Oberhand und zerstören mit ihrer passiven +Selbstbespiegelung den aktiven Formdrang(15). Auch im Kunstwerk kann es +Punkte geben, daraus Traum oder Wachtraum verräterisch reden: d. h. +ungenügende Bewußtseinsarbeit oder aber ungenügende Ichverdrängung -- +Punkte, bei denen besonders erfolgreich Analyse ansetzen kann, während +das künstlerisch Vollgelungene sich aller Berechenbarkeit entzieht: +sozusagen nicht ermöglicht, auf der Linksseite des bunten Mustergewebes +dem Verlauf der Fäden und Verknotungen nachzuspüren(16). + + (15) Mir hat es sich bisweilen aufgedrängt, daß in Wachträumen sich + Übergang vorbereitet zu tätig-produktivem Zustand, wenn der + Wunschtext, der meist höchst bewußt zugrundeliegt, mit seinem passiven + Realisierungsspiel zur Seite weicht vor einer gewissermaßen formalen + Bewältigung seiner Einfälle. _Dieser Übergang selbst_ schert sich dann + daran illustrativ zu spiegeln, schafft sich selber gleichsam + Sinnbilder, so daß es dabei fast zugeht, wie bei _Silberers_ + »funktionalem Phänomen«: nur, anstatt zwischen Wachen und Einschlafen, + hier zwischen Wachtraum und Produktion, also nach der anderen Richtung + dessen, was uns unserem isolierten Ichbewußtsein enthebt. + + (16) Hinsichtlich der Psychoanalyse an lebenden schaffenden Künstlern + möchte ich glauben, daß man äußerst vorsichtig und streng zweierlei + mögliche Wirkungen auseinanderhalten muß: die künstlerisch befreiende, + wodurch Hemmungen, Stockungen in den formentbindenden Sublimationsvorgängen + beseitigt werden, und eine unter Umständen gefährdende, + insofern sie ans Dunkel rühren kann, worin die Frucht keimt. + Ob man sich ganz ans Personale, Außerästhetische, halten kann + bei tiefer dringender Psychoanalyse, ist kaum zu beantworten bei + unserem geringen Wissen um das Zustandekommen schöpferischer Vorgänge. + +So ist denn, ganz abgesehen von der »Begabungsfrage«, auf die beim +Künstlertum zurückgegangen sein muß, die _Objektivierungsnötigung_ schon +in der narzißtischen Identifikation als alles Schaffens Grundlage +gegeben. Der Werkdrang, der Formwille ergibt sich in seiner ganzen Wucht +aus dieser noch ungeschiedenen Einheitlichkeit von passiv und aktiv, +wovon unsere mittleren, unsere bewußtseinsvermittelteren, abgeleiteteren +Zustände so wenig mehr wissen, und was darum auch die Sprache in ein +Zweierlei zerzupft (obschon wir noch biologisch »Reizsamkeit« und +»Reaktion« als identisches Lebensmerkmal auffassen). Indem nun +Schöpfungen der Kunst sich außerhalb des praktischen Daseinsablaufs in +ihrer Wirklichkeit durchsetzen müssen, binden sie ihre Erlebnisweise an +die _Wiederholbarkeit_; Form geworden heißt da: in Vorhandenheit, +Gegenwart, Sein, beharren durch unabänderliche Festlegung bis ins Letzte +und Äußerste, so daß jedem inneren Nachschaffen, jedem Mitgenuß das +Ganze sich lebendig darstellt. Kinder, in ihrer Phantasiefrische, wissen +am besten um diesen Umstand, wenn sie eifervoll darauf bestehen, +Erzähltes absolut gleichlautend wiederzuhören, und jede Änderung daran +als »Lüge«, als Angriff auf ein positives Sein, rügen. Diese +Formehrfurcht, für die Form noch Inhalt in tieferem Sinn ist und +umgekehrt, läßt leicht Kinder künstlerisch begabter erscheinen, als sich +später beglaubigt; sie haben eben noch -- wörtlich -- »Spiel«raum dafür +innerhalb der praktisch-logischen Realität, die sie noch nicht von allen +Seiten zwingend umlagert und »Urgezeugtes« noch nicht an Welt und Ich +vorbei, in ganz andere Kategorie verweist. So spielend-selig würde der +Künstler sein Werk erleben, handelte es sich nicht darum, nachdem es ihm +geschenkt ward, es zu übersetzen wie Träume erst in »sekundärer +Bearbeitung« vor dem Entsinken bewahrt werden können. Eben daß es nicht +um ein stückweis Werdendes, erst zu Erarbeitendes geht, sondern um +Vorhandenheit, davon nur Schleier zu reißen sind, die sich verdichten, +plötzlich undurchdringlich werden können, macht die eigentlich +aufreibende Anstrengung bei der Arbeit aus, ihre Hast und Angst. Ohne +die drei Allzumenschlichkeiten, die mit allem Schöpferischen +zusammenhängen: den Kampf gegen dabei zu behebende Verdrängungen, die +Gefahr des Entgleisens in infantile Materialität, und endlich diese +hastende Überspannung -- wäre es eine »Anweisung zu seligem Leben«, wie +sie sonst nichts auf Erden kennt, ein Schwelgen aus dem Vollen, worin +Rausch und Frieden sich zur gleichen unerhörten Erfahrung einen. Nicht +umsonst pflegt solchen Zeiten, noch ehe das Bewußtsein ihr Nahen gewahr +wird, gleich einem Herold, Freude voranzugehen (im Gegensatz zu anderer, +von uns mehr oder weniger als begründet gewußter Freude, eine dem +Manischen ähnliche, wie auch jähes Vertriebensein daraus eher an +pathologische Melancholie gemahnt als an normale Verlust-Trauer)(17). Im +Schöpferischen, wenn irgendwo, finden wir die Farben und Bilder, womit +sich uns fast Gotthaftes ins Irdische malt. Und wenn der Mensch sich +einen Gott als Weltenschöpfer vorstellt, so ist das nicht nur, um die +Welt, sondern auch des Gottes -- narzißtische -- Wesenheit zu erklären: +mag solcher Welt Böses und Übel in Menge anhaften, der fromme Glaube +würde erst zunichte an einem Gott, der nicht wagt Werk, Welt, zu werden. + + (17) In »Über Trauer und Melancholie« (S. d. kl. Schr. z. Nl. IV) + wirft _Freud_ die Frage auf, warum, trotz gewisser Vergleichbarkeit + von Melancholie mit normaler Trauer, von Manie mit Frohsinn, wohl der + Melancholie Manie folge, nicht aber der Trauer Frohsinn, sondern nur + resignierende Gewöhnung, und ob die _Allmählichkeit_ der Gewöhnung an + den Verlust das verursache: »Diese Lösung geht so langsam und + schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für + sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.« Außer solchem ökonomischen + Gesichtspunkt kommt vielleicht noch in Betracht, daß, während + Normaltrauer auf ihren Einzelfall beschränkt bleibt und eben an dem, + was noch übrig bleibt, sich zur Resignation ausgleicht, für + Melancholie narzißtisch »alles« hin ist, inbegriffen das eigene, sich + selbst vernichtende und entwertende Ich, und ebenso der Umschlag in + Manie »alles« wiederherstellt, also nicht an Gräber sich gewöhnt, + sondern Auferstehungen feiert. Dies würde aufs Stärkste an die + narzißtisch-durchsetzten Zustände des poetisch Schaffenden erinnern. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen); nach einigen + als auch vom »inzestuosen Sich-eigner-Vaterseinwollen«); nach einigen + + (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« Das Kriterium des Masochismus ist -- + (Intern. Zeitschr. II, 2, 119.)« »Das Kriterium des Masochismus ist -- + + (8) Verschiedene Träume aus Knabenzeit gehören hieher; z. B. man + (8) Verschiedene Träume aus der Knabenzeit gehören hieher; z. B. man + + -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst den außerhalb solcher + -- Askese gilt nur dem Hineingelangen. Erst dem außerhalb solcher + + ] + + + + + + +End of Project Gutenberg's Narzißmus als Doppelrichtung, by Lou Andreas-Salomé + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NARZIßMUS ALS DOPPELRICHTUNG *** + +***** This file should be named 35636-8.txt or 35636-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/6/3/35636/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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