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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:04:07 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:04:07 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Meister Autor, by Wilhelm Raabe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Meister Autor
+ oder Die Geschichten vom versunkenen Garten
+
+Author: Wilhelm Raabe
+
+Release Date: March 18, 2011 [EBook #35603]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEISTER AUTOR ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, tiwi and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+
+
+
+ Wilhelm Raabe
+ Bücherei
+ Erste Reihe
+ Band 14
+
+
+ Wilhelm Raabe
+ Bücherei
+ Erste Reihe:
+ Kleinere Erzählungen
+
+ Vierzehnter Band
+
+ Berlin-Grunewald
+ Verlagsanstalt für Litteratur und
+ Kunst/Hermann Klemm
+
+
+ Wilhelm Raabe
+ Meister Autor
+ oder
+ Die Geschichten vom versunkenen Garten
+
+ Dritte Auflage
+ 11.-16. Tausend
+
+ Berlin-Grunewald
+ Verlagsanstalt für Litteratur und
+ Kunst/Hermann Klemm
+
+
+ Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
+ Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
+ Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig
+
+
+
+
+ Meister Autor
+ oder
+ Die Geschichten vom versunkenen Garten
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Wann und unter welchen Umständen der Meister Kunemund den Ausspruch tat,
+weiß ich nicht mehr; aber daß er ihn tat, weiß ich.
+
+Er sagte nämlich:
+
+»Ich verstehe die Welt wohl noch, aber sie versteht mich nicht mehr, und so
+werden wir wohl nie mehr so zusammenkommen, wie damals, als wir beide noch
+jünger waren. Na, mir ist's zuletzt einerlei; ja, Herr, es kitzelt einen
+sogar dann und wann, wenn man bei sich überlegt, daß man im Grunde der
+Jüngere von zweien geblieben ist. Laß sie alt werden, die Welt; was
+kümmert's mich!«
+
+Nun sehe ich ihn doch wieder ganz genau vor mir, wie er dasaß und das Wort
+sagte. Es ist ganz richtig, er saß auf seiner Schnitzbank und fuchtelte mir
+mit seinem Schnitzmesser bedenklich vor der Nase herum, bedenklich,
+obgleich dieses Messer ein ganz guter, alter Bekannter von mir war. Es war
+ein berühmtes Messer und war aus fernster Volksurzeit von Hand zu Hand bis
+in die Hand des Meisters herabgelangt, und er wußte gerade so gut damit
+umzugehen, wie alle, die es vor ihm geführt und sich damit gewehrt hatten.
+
+Mündliche Tradition, Schreiberkunst und Druckerkunst geben uns recht:
+
+»Da ging der Junge vor den König und sprach: Wenn's erlaubt wäre, so wollte
+ich wohl drei Nächte in dem verwünschten Schloß wachen. Der König sah ihn
+an, und weil er ihm gefiel, sprach er: Du darfst dir noch dreierlei
+ausbitten, aber es müssen leblose Dinge sein, und darfst das mit ins Schloß
+nehmen. Da antwortete er: So bitt' ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine
+Schnitzbank mit dem Messer.«
+
+Nun wissen wir alle, was für Ungetüm und Gespenstertum der Junge in den
+drei Nächten sich vom Leibe zu halten hatte, wie er mit den Katzen Karten
+spielte und wie ihm halbe Menschen durch den Schornstein herunterfielen, --
+halbe Menschen, zu denen er sich erst die andere Hälfte ausbitten mußte,
+ehe er imstande war, mit ihnen Kegel zu schieben. Wir haben manchmal, --
+manch liebes Mal unser Vergnügen an der Unbefangenheit des Jungen gehabt
+und vielleicht ihn auch dann und wann um sie beneidet: von diesem Jungen
+aber stammte der Meister Kunemund in gradester Linie ab und war insofern
+mit den berühmtesten Leuten im deutschen Volke verwandt, und nicht allein
+im deutschen Volke. --
+
+Doch da hat mich das Anfangen sofort weit in die Mitte meines Berichtes
+hineingerissen, und das zeigt einmal von neuem, daß es immer ein gewagtes
+Unterfangen ist, große Herren und Damen, bedeutende Menschen, eigentümliche
+und selbständige Charaktere mit der Federspitze anzutupfen.
+Glücklicherweise aber gelingt es mir dieses Mal noch zur rechten Zeit, mich
+zu besinnen: ich hebe von neuem an, zu erzählen.
+
+Wir kamen über ihn von Kneitlingen aus; jung und alt, Männlein und
+Weiblein, eine Auswahl und Auslese feiner, liebenswürdiger und gebildeter
+Gesellschaft deutscher Abstammung und Zunge -- was die Abstammung anbetraf
+natürlich unter dem dazu gehörigen Vorbehalt. Wir kamen über ihn, Leute von
+guten Mitteln: junge Herren, die ihre drei Examina vollgültig bestanden
+hatten, zierliche Fräulein aus den höchsten Töchterschulen, gediegene und
+wohlgediehene Väter und Mütter, Onkel und Tanten. Wir kamen recht lebhaft
+und sehr heiter angeregt über ihn; denn wir machten von Schöppenstedt aus
+eine Vergnügungsfahrt in den Elmwald, hatten Schöppenstedt vermittelst der
+Eisenbahn erreicht und das berühmte Dorf Kneitlingen und den Wald
+vermittelst zweier Bauerwagen, auf denen mit Hülfe von Brettern und
+Strohbündeln eine genügende Anzahl zweckdienlicher Sitze für uns
+hergerichtet worden war.
+
+Nun liegt hier vor mir ein anderes Dokument, und zwar in Folio: -- Merians
+Topographia und Beschreibung der vornehmsten Städte, Schlösser, auch
+anderer Örter im Herzogtum Braunschweig und Lüneburg. Auf der Kupfertafel,
+welche den nicht unberühmten Platz und Ort Schöppenstedt darstellt, zieht
+sich im Hintergrunde gleichfalls natürlich der Elm hin, und über einigen
+Hausdächern, die am Rande des Waldes aus dem Gebüsch hervorragen, lesen wir
+die Legende:
+
+Kneitlingen, allwo das fromme Kind Eulenspiegel geboren wurde.
+
+Wir erreichten den Elm über Kneitlingen hinaus. --
+
+Über Kneitlingen hinaus, linksab, unbestimmt tief in den Wald hineinwärts,
+da wohnte der Meister Kunemund, den die Welt nicht mehr so recht verstand,
+weil er ihr zu jung geblieben war. Da wohnte er ziemlich verborgen, daß
+heißt er hatte sich einem Förster in die Kost und unter Dach getan; und da
+machte ich seine Bekanntschaft und er die meinige, was unter Umständen
+nicht sich von selber versteht, oder besser gesagt, nicht dasselbe ist.
+
+Wir führten in mehreren Körben einen genügenden Vorrat von Lebensmitteln
+sowie auch eine erkleckliche Anzahl Flaschen mit allerlei Getränk mit uns
+und konnten also recht vergnügt sein. Unter der Leitung eines jungen
+Forstmannes im grünen Rock und mit einem papiernen Hemdkragen frühstückten
+wir mitten im im Quincunx gepflanzten Musterforst, wie die bessern Stände
+auf ihren Ausflügen in die freie unverfälschte Natur zu frühstücken
+pflegen. Nachher spielte man, wiederum unter der Leitung des eben erwähnten
+jungen Forstmanns, Blindekuh und sonstige unschuldige Spiele, was sehr
+hübsch war, aber auch den Höhepunkt des Vergnügens bildete; denn im Grunde
+mißlang jeder spätere Versuch, sich noch höher und tiefer in das volle
+Naturbehagen hinauf- und hineinzuschrauben, vollständig. Daß ein jeglicher
+in der Gesellschaft die Schuld an der von Viertelstunde zu Viertelstunde
+mehr einreißenden Langeweile und Verdrießlichkeit nicht sich selber zumaß,
+war unter diesen Verhältnissen natürlich: das Gefühl, mit dem linken Fuße
+zuerst und noch dazu viel zu früh aus dem Bette gestiegen zu sein, wurde
+allgemein.
+
+Der junge Grünling mit dem Papierkragen war der letzte, dessen
+Lebensgeister sanken; aber auch ihm sanken sie. Er fing an, uns eine frisch
+von der Forstakademie mitgebrachte wissenschaftliche Abhandlung über
+moderne Waldwirtschaft zu halten und setzte dadurch dem Vergnügen freilich
+die Krone auf.
+
+Mit der Mißachtung selbst der jungen Damen beladen, verlor er sich für ein
+geraume Zeit in einer jungen Schonung und kam erst dann wieder zum
+Vorschein, als die Gesellschaft den Versuch, im Walde Mittagsruhe zu
+halten, durch Ameisen, Kopfweh, Waldspinnen und Gliederschmerzen gehindert,
+aufgegeben hatte. Der holde, wolkenlose Tag übte immer sonderbarere Wirkung
+auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Vergnügen. Begrabene, mehr
+oder weniger tief zugedeckte Feindschaften und Feindseligkeiten wühlten
+sich mit überraschender Schnelligkeit von neuem ans Licht. Wer etwas gegen
+seinen Nachbarn oder seine Nachbarin im Grase auf dem Herzen hatte, der
+fühlte einen unwiderstehlichen Kitzel, es von demselbigen los zu werden,
+und zwar auf die anzüglichste, unangenehmste Weise. Und da wieder wurden
+vorzüglich die Damen scharf, sowohl die jungen wie die ältern, sie
+pflückten füreinander kuriose Sträuße unter den Büschen, und es wurde die
+höchste Zeit, daß irgend jemand sich begütigend dreinlegte.
+
+Dieser jemand war ich, und ich warf den Vorschlag in die allgemeine
+Verbitterung, alle Streitigkeiten für jetzt beiseite zu schieben und sie
+für die Heimfahrt, für das trauliche Beieinandersitzen auf den zwei
+Leiterwagen und im Eisenbahnwagen aufzusparen.
+
+Da man mich nur von der Seite ansah, so erweiterte ich meinen Vorschlag
+dahin, daß man, um den Tag ganz auszunutzen, einem Försterhause, das ich
+eine halbe Stunde weiter in den Wald hineingelegen wußte, einen Besuch
+abstatten solle. Sauere Milch wirke kühlend und erfrischend, und der Tag
+sei noch sehr lang.
+
+Nun sah man sich an, und der Vorschlag fand genügende Unterstützung.
+
+»Tofote heißt der Förster dort,« sagte der junge Herr von Müller. »Es ist
+eine eigentümliche Wirtschaft dort. Bei der Forstbehörde ist der Kerl grade
+nicht zum besten angeschrieben, aber das braucht uns freilich nicht
+abzuhalten, ihm eine Visite zu machen. Die Idee ist gut, überfallen wir den
+Burschen! Wenn die Herrschaften erlauben, werde ich den Weg andeuten.«
+
+Nun waren alle Lebensgeister auf einmal wieder wach, und wir im nächsten
+Augenblick auf dem Marsche durch den Elm zum Förster Arend Tofote. Die
+jungen Leute stimmten ein Waldlied von Eichendorff an, welches sehr hübsch
+und romantisch unter den hohen Buchenwölbungen klang; und wer uns nun
+wieder sah und hörte, der war verpflichtet, ohne Widerstand und Widerrede
+verpflichtet, uns für das zu nehmen, was wir schienen, nämlich
+waldfröhliche, hübsche, vergnügte Kinder der Natur, junge sowohl wie alte.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Ich heiße Schmidt. Mein Name ist drolligerweise sogar _von Schmidt_. Es
+ist beängstigend aber wahr, ich gehöre dem Adel der deutschen Nation an,
+und ich habe sogar meinen Vater noch in Verdacht, sich etwas darauf zugute
+getan zu haben. Bei welchem Märchenkönig der Ahnherr meines Geschlechtes
+Kanzler oder lustiger Rat war, habe ich nie herausbekommen können; aber daß
+wir ein altes Geschlecht sind, das weiß ich; und daß wir selten unseres
+Glückes Schmiede waren, das weiß ich leider auch. Seit ich den Meister
+Autor Kunemund kennen gelernt habe, bilde ich mir ein, daß unsere Bezüge
+mehr als tausend Jahre alt sind, und es würde mich gerade nicht wundern,
+wenn der Ahnherr derer von Schmidt im geheimen Rate jenes braven Jungen
+gesessen hätte, der König wurde, weil's ihm nicht gruselte, und dem das
+Gruseln erst längere Zeit nach seinem Regierungsantritt durch seine Frau
+gelehrt wurde.
+
+Dieses beiläufig, jedoch nicht ohne Grund. -- Wir zogen also durch den
+Wald, den Förster Arend Tofote zu besuchen, und wir stießen zuerst auf den
+Meister Autor.
+
+Wir kamen über ihn an einem Bache, dem die Begünstigung, durch den
+Musterforst rieseln zu dürfen, noch nicht von der Oberforstbehörde genommen
+worden war, und wir faßten ihn eigentlich in einer für das Gefühl der Damen
+etwas fraglichen Situation ab. Seine Schuhe standen neben ihm, seine Füße
+standen im Wasser, braun und knochig; Füße, auf denen er länger als ein
+halbes Jahrhundert herumgelaufen war. Der Tag war heiß, und der Meister
+Kunemund nahm ein Fußbad.
+
+»Hol' mich der Teufel!« sagte er, als wir plötzlich durch das Gebüsch
+rauschten und auf sein Behagen hereinbrachen. Er ist immer ein höflicher
+Mann gewesen, denn wer hätte es ihm verdenken können, wenn er gerufen
+hätte: »Hole euch alle insgesamt, -- hole euch ohne jegliche Ausnahme der
+Teufel! --?«
+
+Er war nicht allein, als wir ihn überraschten. Er hatte auch seine
+Gesellschaft bei sich: einen schiefbeinigen, sagenhaft aussehenden
+Dachshund und ein kleines zehnjähriges Mädchen. Der Dachshund saß neben
+ihm, dicht an seiner Seite. Das kleine Mädchen saß ihm gegenüber am andern
+Rande des Bachs, von Sonne und Blätterschatten umspielt. Es saß, den Rücken
+an einen Baum gelehnt, die Arme kindlich über der Brust ineinander gelegt,
+das Mäulchen gespitzt, wie zu einem Pfiff oder Kuß. Wenn man ihr den
+letztern gegeben haben würde, und sie hätte das Näschen gerümpft, so würde
+man vollkommen in seinem Recht gewesen sein, wenn man gerufen hätte:
+
+»Jetzt nimmt sie es gar noch übel!« --
+
+Als wir da waren, das heißt als der Alte uns herankommen hörte, sah er sich
+um; und das Kind stand auf. Der Dachs stand auch auf, wenn man bei solchen
+Beinen das so nennen wollte, und bellte wie ein Hund aus den Gebrüdern
+Grimm. Unsererseits sprach der junge Forsteleve von Müller:
+
+»Guten Tag, Herr Kunemund. Da sind wir, wie ich es dem Herrn Förster
+versprochen habe. Guten Tag, Fräulein Gertrud, ist der Vater zu Hause und
+sonst alles wohl?«
+
+»Guten Tag!« sagte das kleine Waldfräulein, ohne sich auf weiteres
+einzulassen. Aber der Meister Autor erhob sich jetzt ächzend von seinem
+Sitz und nahm eine Handvoll feuchtsaftigen Mooses und einiges Blätterwerk,
+das er dem Boden im Sich-Aufrichten entrissen hatte, mit sich in die Höhe
+und behielt es während der folgenden Unterhaltung, wie eine Art Trost- und
+Stärkungsmittel im Verdruß, in der geballten Rechten. Widerwillig reichte
+er die Linke unsrem freundlichen Fröhlichkeitsordner und brummte:
+
+»Richtig, da sind die Herrschaften. Na, der Alte wird sich denn ja wohl
+auch freuen, und wenn ihr die Alte dazu in guter Laune trefft, so soll es
+mir angenehm sein. Lustig, Trudchen, sieh doch die Damen nicht so dumm an!
+Lauf vorauf und bereite sie auf die Ehre und das Vergnügen vor, auf daß
+ihnen der freudige Schrecken an der Gesundheit keinen Schaden tut.«
+
+Daß dieser Empfang sehr höflich gewesen sei, konnte die Gesellschaft nicht
+finden. Aber unser Führer hatte uns bereits darauf vorbereitet, und so
+nahmen wir mit ziemlich gutem Humor den Gruß des Alten hin.
+
+»Seien Sie nicht zu grob, Kunemund,« sagte der Herr von Müller lachend.
+»Daß _Sie_ sich über unseren Besuch freuen, weiß ich ja doch zu genau.
+Fräulein Julie, Fräulein Minna, laufen sie dreist mit dem Kinde voran! Wir
+kommen im feierlichen Zuge augenblicklich nach und haben doch noch unsern
+Spaß heute.«
+
+Gertrud Tofote sah sich noch einmal einen langen Augenblick hindurch die
+Gesellschaft an; dann drehte sie sich auf den Hacken, tat einen Sprung über
+den Bach und schoß wie die Lieblichste der Elfen durch den Wald davon; und
+selbst die jüngsten Damen unserer Gesellschaft, die hinter ihr drein
+liefen, gaben es bald auf, gleichen Schritt mit ihr zu halten, oder sie nur
+im Gesicht zu behalten. Wir älteres Volk setzten uns schwerfällig von neuem
+in Bewegung, den Meister Autor Kunemund in unserer Mitte.
+
+Wir können es nicht genug wiederholen, daß der Elm ein Musterforst ist.
+Auf den Wanderversammlungen der grünröckigen Herren pflegt viel von ihm die
+Rede zu sein. Seine Kultur ist durch die fachwissenschaftlichen Blätter
+weit über die Grenzen Deutschlands berühmt geworden, und seine Bäume
+bekommen ihre Blätter trotz alledem in jedem neuen Frühjahre wieder. Sie
+bleiben auch gewöhnlich bis in den Herbst hinein grün, »was eigentlich ein
+Wunder ist«, wie der Meister Autor sagte, nachdem er und ich bessere
+Bekannte geworden waren und gegeneinander nur selten noch ein Blatt vor den
+Mund nahmen; -- großer Gott, wie geistreich man doch auf solch einer
+Vergnügungsfahrt ins Grüne und Blaue hinein wird! Selbst wenn man Jahre
+lang nachher darüber schreibt, ist das Salz davon noch nicht dumm geworden,
+welches ohne allen Zweifel ein Wunder ist. -- Wir zogen also durch diesen
+im Quincunx gepflanzten Musterforst der Amtswohnung des Försters Arend
+Tofote zu, und der Dachshund watschelte uns voran, von Zeit zu Zeit stehen
+bleibend und seine Verwunderung über uns durch ein bedenkliches
+Hauptschütteln und einen fragenden Blick auf seinen Herrn kundgebend. Der
+Herr selber aber ging mit uns, wie gesagt, und hatte sich, wahrscheinlich
+um seinen Jubel zu verbeißen, sein Moosbüschel in den Mund gestopft. Seine
+Schuhe trug er jetzo an den Füßen, aber den linken Strumpf anzuziehen,
+hatte er in der Hast und Aufregung vergessen und trug ihn zusammengeballt
+in der Faust. Wir gingen fröhlich ihm nach und um ihn her; sämtliche
+gelehrte Stände gegen wärtig und vorhanden. So kamen wir beim Försterhause
+an, und der Leiter unserer Vergnügungspartie stellte uns dem Förster vor,
+und der Förster Arend Tofote erschien hierbei als der Verlegenste seines
+ganzen Haushaltes. Nichtsdestoweniger war er aber gern bereit, zu unserer
+Lust beizutragen, was ihm nur irgend möglich war. Mit Speisen und Getränken
+wartete er nach besten Kräften auf und jagte die Alte, d. h. seine alte
+Haushälterin, und sein junges Kind nicht wenig. Unsere Damen waren
+natürlich entzückt über das Kind und die Verpflegung, und bei den Herren
+wachten Hunger und Durst merkwürdig lebendig von neuem auf. Es wurde sehr
+behaglich, sehr gemütlich; und unsere Gemütlichkeit erlitt auch dann kaum
+einen Abbruch, als das liebe, einfache Waldkind, die Gertrude, ihrerseits
+gleichfalls ihr möglichstes zu derselben beitragen wollte, und plötzlich
+und unvermutet ihre Spielgenossen auf uns los ließ. Wie wir über das stille
+Haus im Walde gekommen waren, so kamen die guten Kameraden über uns. Zwei
+reizende, schneeweiße Ferkelchen, zwei muntere, doch etwas mutwillige
+Ziegen, deren eine den jungen Herrn von Müller und Fräulein Amalie durch
+zwei unvermutete Kopfstöße von hinten beinahe zum Fall auf die Nasen
+gebracht hätte -- erheiterten die Gesellschaft sehr. Weniger vermochte das
+ein etwas stachlichter Igel, den Amalias Mama auf ihrem Stuhle fand, als
+sie sich aus Schreck über die Gefahr der Tochter ein wenig hastig auf ihm
+niederließ. Sie kreischte laut auf, und mehrere Damen versetzten sich ganz
+in ihre Situation und schrieen hell auf. Der Zwischenfall wäre sicherlich
+noch länger und lebhafter besprochen worden, wenn er nicht sofort durch
+einen zweiten abgelöst worden wäre. Diesmal war die Reihe an der
+Geistlichkeit. Mit einem Schreckensruf fuhr der Herr Pastor zusammen und
+empor. Unter seinem Stuhle hatte es sich plötzlich geregt, und weich und
+verstohlen hatte es sich zwischen seinen Schenkeln emporgeschoben: es war
+aber nur Meister Reinecke der Fuchs, und zwar der zivilisierte, der
+gezähmte Fuchs, der einen günstigen Augenblick benutzte, um die Kirche zu
+kränken und dem geistlichen Herrn zierlich, aber ungeladen, ein delikates
+Stück Schinken vom Teller zu nehmen. Das Verbrechen war begangen, das
+Sakrilegium vollendet wie geplant, und frivolerweise lachte die
+Gesellschaft ebenso herzlich über das Gesicht des Herrn Pastors wie über
+den schlauen Dieb und seinen eiligen Rückzug mit der guten Beute.
+
+Noch einiges andere Getier erlaubte sich seinen Spaß mit uns; aber im
+ganzen fanden wir uns doch harmlos genug darein und waren recht vergnügt.
+Wir fingen sogar an, von neuem zu singen, und zwar wiederum allerhand
+Volkslieder, wie sie jetzt gedruckt in den Büchern stehen und meistens
+reizend von den geschicktesten und naivsten Künstlern mit den hübschesten
+Holzschnittillustrationen verziert werden. Wir konnten wirklich noch ohne
+Noten singen, und es klang wiederum recht gut -- sogar sehr gut -- im
+Walde. Herrn Kunemund bekam ich an diesem Tage nicht mehr zu Gesichte; doch
+die Gesellschaft vermißte ihn durchaus nicht, und so sehe ich keinen Grund
+dafür, weshalb gerade ich mich an dieser Stelle über sein Verschwinden
+wundern sollte.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Am Spätnachmittag zogen wir wieder ab, wie wir gekommen waren. Daß ein
+jeder Teilnehmer an der fröhlichen Fahrt ins Grüne ihrer mit Vergnügen
+gedachte, steht zu hoffen; was mich persönlich anbetrifft, so war ich am
+Spätabend herzlich froh, alles vollendet zu haben und wieder zu Hause zu
+sein. Die Lust des Tages war mir doch ein wenig auf die Nerven gefallen,
+und es bedurfte längerer Zeit, ehe ich mich so weit erholt hatte, um an den
+Meister Kunemund, den Förster Arend Tofote, sein Försterhaus und sein
+Töchterlein ohne Widerwillen denken zu können. --
+
+Wie gesagt, ich heiße von Schmidt, habe außerdem den Bergbau studiert,
+wurde für längere Jugendjahre durch ein schlagendes Wetter an meiner
+Gesundheit geschädigt, erholte mich, verließ den Staatsdienst und bin jetzt
+meines Zeichens ein beschäftigungsloser Liebhaber wohlfeiler ästhetischer
+Genüsse. Recht niedliche Novellen aus meiner Feder sind in verschiedenen
+Blättern abgedruckt worden. Einige wurden mir auch als unbrauchbar
+zurückgesendet; ich halte dieselben für die bessern Erzeugnisse meines
+Geistes und benutze diese Gelegenheit, um sie den verehrlichen Redaktionen
+nochmals zur Verfügung zu stellen. Mein Vater war ein wohlhabender
+Domänenpächter, der das Glück hatte, fast ein Menschenalter hindurch lauter
+»gute Jahre« zu haben. Er starb als ein, nach deutschen Verhältnissen,
+wohlhabender Mann, und ich bin sein einziger Erbe, und er starb früh genug,
+um mir auf meinem Lebensgange und bei meinen Liebhabereien nicht hindernd
+in den Weg treten zu können. Natürlich verwendete ich auch das Försterhaus
+in Elm novellistisch; jedoch ohne viel Freude an der Leistung zu erleben.
+Sie schien sich auf keine Weise von meinem Schreibepult trennen zu können;
+mit überraschender Schnelligkeit langte sie von jedem Ausflug in die Welt
+wieder zu Hause an. Kaum daß ich sie glücklich wie aus der Seele so vom
+Halse losgeworden zu sein glaubte, war sie in ihrer ganzen tauigen,
+waldduftigen Frische wieder da. Ja, die waldfrischesten, tauduftigsten
+Redaktoren und Redaktionen schickten sie mir umgehend wieder zu. Eine ganze
+Literatur von Begleitschreiben sammelte sich um das unglückselige Kunstwerk
+an, bis ich zuletzt wütend den Deckel des Pultes über ihm zuschlug, den
+Kasten verschloß und den Schlüssel verlor. Nachher hatte ich Ruhe. --
+
+Ich hatte Ruhe durch den Winter, und im nächsten Frühjahre stattete ich dem
+Förster Tofote, dem Herrn Kunemund und der Gertrud einen zweiten Besuch ab;
+jedoch diesmal allein. Das war an einem einundzwanzigsten Mai, und seit
+diesem Tage verging selten ein Jahr, in welchem ich nicht mehreremale den
+Besuch wiederholte. Was aber diese vorliegende Schrift anbetrifft, so wurde
+dieselbe wenigstens im Anfange einzig und allein nur deshalb unternommen
+und abgefaßt, um von dem Besuche zu handeln, den _mir_ der Meister Kunemund
+abstattete. Daß ich aber am Schlusse heirate, beweist wieder einmal, daß
+man niemals weiß, wie's endet, wenn man in irgendeiner Weise anfing. --
+
+Ich saß, beide Ellenbogen auf die solide aus Eichenholz herausgearbeitete
+Klappe gestützt, unter welcher ich alle meine besten lyrischen, epischen
+und dramatischen Gefühle und Empfindungen unter Schloß und Riegel zu halten
+pflege. Gähnend, aller Langweiligkeit des Daseins voll, saß ich, als es an
+meiner Tür pochte und blöde sich hereinschob ins Zimmer, nachdem ich
+mürrisch, ohne mich umzuwenden, die Störung aufgefordert hatte,
+heranzukommen. Offen gestanden traute ich meinen Augen dann gar nicht, und
+rückte den Stuhl mit solchem Nachdruck herum und dem Besucher entgegen, daß
+das Möbel darüber durchaus aus dem Leime ging.
+
+»Ja, ich bin es; nehmen Sie es nur nicht zu sehr übel!« sagte der Meister
+Autor, als ich ihn an beiden Seiten gepackt hielt und die Trümmer des
+Sitzgerätes mit einem Fußtritt hinterwärts aus dem Wege stieß.
+
+»_Das_ war es, was anklopfte?... Gütiger Himmel, willkommen, Herr Kunemund!
+O Meister, Meister, welches Vergnügen!... Gottlob, daß Sie selber keine
+Ahnung davon haben, welches Behagen Sie unsereinem geben und welche Ehre
+Sie uns durch einen solchen Besuch antun!«
+
+»Lieber Herr --«
+
+»Liebster, bester Freund, seien Sie herzlichst gegrüßt! Was Sie auch
+herführen mag, mir bringen Sie alles mit, was ich eben ganz notwendig
+brauchte.«
+
+»Lieber Herr --«
+
+»Was macht der Alte? was macht die Alte? was treibt das Kind -- das
+Fräulein, das Waldfräulein? Wahrhaftig, ich könnte noch nach hundert guten
+Bekannten fragen und fragte den Kreis nimmer aus. Bis auf die Fliegen an
+der Wand ist mir das Haus im Elm ins Herz gewachsen.«
+
+Wie das fromme Kind aus Kneitlingen in seinen fröhlichsten Momenten, tanzte
+ich um den alten Mann herum und merkte erst lange nachdem ich ihn durch den
+überwältigenden Wortschwall und Ausbruch meiner Gefühle betäubt hatte, daß
+ich ihn betäubt habe. Da mäßigte ich mich denn, nahm ihm den Hut aus den
+Händen, drückte ihn auf den bequemsten Stuhl nieder, strich sämtliche
+Papiere vom Tische vor ihm und riß den Klingelzug ab, im hellen Eifer, ihm
+ein Frühstück zu schaffen. Er aber lächelte verlegen ob all der Aufregung
+und all des Umstandes -- er verlegen!... er, der Meister Autor Kunemund!
+
+Ach, er hatte keine Ahnung davon, wie sehr ich mich schämte, _ihn_ in
+Verlegenheit setzen zu können, und wie ich grade deshalb in fieberhafter
+Hast mich bestrebte, ihn auf den richtigen Fuß und Schick zu bringen. Aber
+ich sollte sogleich noch mehr Grund finden, mich in meinem Sein und
+Für-mich-sein beunruhigt und ungemütlich zu finden -- kurz mich zu schämen;
+denn es stellte sich bald heraus, daß der Herr Autor Kunemund mir trotz der
+jetzt ziemlich langen Bekanntschaft noch lange nicht recht trauete. Er
+brachte mir nämlich einen Brief mit, und zwar einen Empfehlungsbrief vom
+Pastor zu Ampleben (Amt Lehen sagt das Volksbuch), dessen geistlicher und
+leiblicher Vorfahr vor mehr als fünfhundertneunzig Jahren die
+welthistorische Ehre gehabt hatte, oben beregtes frommes Kind Till
+Eulenspiegel, Sohn von Klaus desselbigen Namens und dessen ehelich
+getrauetem Weibe, Anna, geborener Weibikin mit dem Sakrament der heiligen
+Taufe zu versehen. Da kam es heraus, daß der Meister Kunemund, trotzdem er
+um Rat zu mir kam, nicht das geringste Vertrauen zu mir hatte; sondern daß
+er mich leider ganz ruhig für einen Menschen hielt, wie ein Stück von den
+vielen Dutzenden, deren Bekanntschaft er in seinem Leben gemacht hatte.
+
+Ich nahm den Brief des Pastors, wie er mir gegeben wurde, und ich las ihn
+auch. Ich las ihn, doch ich behielt während des Lesens meinen Besucher im
+Auge; ich sah verstohlen über den Rand des Schreibens nach ihm hinüber. Der
+Pastor wußte im Grunde nichts Übles und Nachteiliges über den Herrn
+Kunemund mitzuteilen, und so frühstückten wir denn vor allen Dingen
+wirklich miteinander, und während des Frühstücks suchte _ich_ ihn
+auszuholen, und unterließ und vollführte in Wort und Tat nichts, was mir
+meinerseits ihm gegenüber zur Empfehlung dienlich sein konnte.
+
+Ich hatte hart zu kämpfen. Wie alle seinesgleichen wurde er durch eine für
+den die Welt bedeutenden Teil der Menschheit sehr lächerliche Schämigkeit
+behindert, sein Inneres einem doch verhältnismäßig fremden Menschen
+aufzuschließen und sich in seinen Gedanken, Überlegungen, Wünschen und
+Hoffnungen so nackt und bloß hinzulegen. Er hatte noch nie etwas drucken
+lassen; er war sehr blöde und die beste Beute für jeden, der in dem
+gewöhnlichen Sinne ein Interesse an ihm nahm und ihn gebrauchen konnte. Als
+ich endlich heraus hatte, was ihn in die Stadt führte, und was er überhaupt
+bei mir wollte, und wie er das, was er wünschte und zu tun hatte, ansah,
+und zwar von den verschiedensten Seiten, und wie seine Hausgenossen das
+Ding betrachteten, und zwar ebenfalls von mehreren Seiten: da hatte ich
+eine Schwergeburtshülfe an ihm vollendet, deren ich mich wohl rühmen
+durfte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+Ich habe drucken lassen; bin auch sonst gar nicht blöde, halte es aber doch
+nicht für paßlich, das Publikum noch einmal an den Mühen der Entbindung von
+Wort zu Wort, Seufzer zu Seufzer, Ächzen zu Ächzen, teilnehmen zu lassen.
+Ich werde den Meister Autor seine Geschichte und vor allen Dingen seine
+Vorgeschichte, wenn auch nicht ohne Farbe und Rundung, so doch bündig und
+ohne meine hundert notwendigen Zwischenfragen, Ermutigungen, Anfeuerungen
+und Nötigungen vortragen lassen. Wie mehrere andere Leute lasse ich sonst
+nicht gern jemand das Wort. Ich behalte es lieber selber und bitte, mir die
+heutige Selbstentäußerung für eine künftige Gelegenheit gut zu rechnen. Es
+folgt also an dieser Stelle
+
+ Das,
+ was der Meister Autor Kunemund
+ mir zu sagen hatte.
+
+»Sehen Sie, Herr, da Sie es nicht übelgenommen haben, daß ich Ihnen hier
+heute so auf den Hals gefallen bin, so will ich denn auch weit genug
+ausholen, um den Keil in den Stamm zu treiben, nämlich ganz von vorn, oder
+von hinten, wie Sie es nehmen wollen. Nämlich das ist nicht so, daß man
+einfach denkt, es verstehe sich von selber, daß man sich in der Welt finde,
+mit seinen Augen sehe, mit seinen Ohren höre und seine Kinnbacken und Zähne
+gebrauche, wenn man etwas dazwischen zu nehmen habe. Herum mit dem Karren
+-- ganz im Gegenteil! es versteht sich dieses gar nicht von selber, und man
+braucht nur anzufangen, darüber nachzudenken, um bis an seinen Tod kein
+Ende an der Kuriosität zu finden; grade wie unsere Alte daheim, wenn sie
+angefangen hat, eine Geschichte zu erzählen. Was den Arend anbetrifft, so
+sitzt der noch in der ersten Art und kümmert sich um nichts, und sein
+Mädchen, meine Gertrud, sitzt drin bei ihm. Ja die erst recht denkt, daß
+alles, was ihr passiert, sich von selber verstehe -- selbst das, was ihr
+jetzt passiert ist. Und hören Sie, lieber Herr von Schmidt, was mich
+anbetrifft, so hab' ich sie beide bei ihrem Glauben belassen; denn
+behaglicher ist's, und wer's kann, der soll's ja festhalten. Das Grübeln
+verdirbt einem nur die guten Stunden und die schlimmen macht's wahrhaftig
+nicht leichter. Ja um noch ein Wort von den bösen Stunden zu reden, so
+macht sich leider Gottes da das Sinnieren schon ganz, ohne daß man dazu
+hilft, und wer dann seine Gedanken außer sich richten kann, und wär's nur
+auf seine vier Wände, seine Nachbarn oder sein Hausvieh, der ist wohl
+daran. Herr, ist's nicht grade, als ob ich hier sitze und die Alte reden
+höre?! aber drin und dran bin ich, und eine Hülfe für Sie, liebster Herr,
+ist nicht mehr; also nur lustig zu! Der Arend Tofote und ich, wir kommen
+alle beide schon weit her aus der Zeit. Als wir junge Menschen waren, da
+wußten Ihre lieben Eltern von Ihnen noch lange nicht und
+wahrscheinlicherweise auch von sich selber gegenseitig blutwenig. Manchmal
+denk ich mir so, die Alten haben euch -- dich und deinen Bruder und den
+Tofote beim Pflügen in der Scholle aufgeworfen wie die Engerlinge; doch das
+ist einerlei; es ist nur ein Gefühl. Kurz, wir wuchsen auf im Dorfe -- ich
+und der Arend und als der dritte mein kleiner Bruder, nämlich der, um
+dessentwillen ich heute hier in der Stadt bin. In den Pulverqualm der
+Befreiungskriege rochen wir grade noch hinein; zu Waterloo kamen wir noch
+grade recht, und dafür durften wir dann auch an dem übrigen Vergnügen nach
+Herzenslust teilnehmen: nach Paris sind wir gekommen, das heißt bis in den
+Schloßhof von Saint Cloud kamen wir, den Engländern am Schwanze hängend. An
+den Schloßhof von Saint Cloud will ich mein Lebtage gedenken -- o tausend
+Donnerwetter, die ganze Lust an dem Spaß von damals läuft mir in diesem
+lächerlichen Schloßhofe von Saint Cloud aus! Da war das rotfrackigte,
+reitende Käkebein, der Herzog von Wellington -- und was tat die
+Kanaille?... Sie hielt auf Anstand -- ich sage Ihnen, sie hielt auf
+Anstand, Herr! An die ganze, schwitzend und blutrünstig aus der großen
+Schlacht kommende Armee ließ die fischblütige Bestie Filzsocken verteilen
+-- auf denen hatten wir durch das Frankreich zu marschieren, und die
+unsterblichen britannischen Helden haben, wenn sie zu fest auftraten, über
+mehr Stockprügel ihrer eigenen Profossen auf diesem Siegesmarsche, als über
+französische Säbelhiebe und Kolbenstöße in der Battel, wie sie es nannten,
+zu quittieren gehabt. Die Preußen hatten es wie immer seit drei Jahren
+besser. Sie gingen für sich allein und ohne das Schuhwerk zu wechseln, und
+der alte Blücher hatte es ihnen sogar noch mit neuen Nägeln versohlen
+lassen. Wir aber, wir Braunschweiger, hingen den rotröckigen
+Stumpfschwänzen an den Schößen, und was taten die edeln, hochherzigen
+Siegesbrüder -- die Sackermenter? Sie ließen uns in den Bratenduft von
+Paris hineinriechen, ließen uns abschwenken, schoben uns in den Schloßhof
+von Saint Cloud und verriegelten sämtliche Tore hinter uns! Was sagen Sie
+dazu? Sie lachen, aber ich sage Ihnen, uns war wahrhaftig damals nicht
+lächerlich zumute. Alle Fensterscheiben, die wir abreichen konnten, haben
+wir eingeworfen; aber wie bald solch ein Vergnügen zu Ende ist, können Sie
+sich wohl vorstellen; und dann denken Sie sich auch einmal recht lebhaft in
+unsere Stimmung während des übrigen Aufenthalts hinein und -- dann, dann
+feiern Sie einmal als nachdenklicher Mensch so ein fünfzig Jahr lang jedes
+Jahr den achtzehnten Juni mit Böllerabbrennen und Heldenliedern und Heil
+dir im Siegerkranz! Ich möchte Sie wohl einmal dabei sehen, lieber Herr; --
+aber das kann ich Ihnen im Vertrauen sagen: eine trübseligere muffigere
+Heldenschar als wir, hat man noch niemals aus einem feindlichen, eroberten
+Lande nach Hause geführt. Da ich wenigstens bei der großen Schlacht
+gegenwärtig war, so habe ich mich auch zu den Veteranen rechnen können;
+aber wie ich mich kenne, so würde ich auch in dieser Eigenschaft für die
+alljährliche feierliche Begehung des Tages gedankt haben; wenn das
+Vaterland seine Ehre hat, so will ich die meinige auch haben. So ist es,
+weil das eine nicht ohne das andere ist. Beizugesagt ist es eigentlich aber
+der Arend, den Sie aus mir reden hören, denn wenn einer ist, der sich nie
+über den Schloßhof von Saint Cloud zufrieden geben kann, so ist's der Alte,
+und wir wohnen unter _einem_ Dache, lieber Herr. -- Wir kamen nach Hause,
+und Tofote kam in den Wald als Unterförster. Ich, der ich so eigentlich auf
+den Gelehrten und das Abcbuch -- wie man es damals verstand und gelten ließ
+-- studiert habe, wollte ich mich eben mit meiner Anstellung in der Tasche
+davor, nämlich vor den Wald, setzen; als mir der Teufel in die Augen blies.
+Es soll mir kein Mensch wehren, daß ich auch das auf den langweiligen Kerl,
+den Wellington und seinen verdammten Schloßhof von Saint Cloud schiebe, daß
+mich eine Entzündung befiel, die mich fünf Jahre lang in argen Schmerzen
+fast blind machte, und sich beiher auch gar noch auf das Gehör setzte und
+mich so dumm im Kopf machte, daß das Konsistorium seinen Brief zurücknahm
+und mich benachrichtigte, es wäre ihm angenehm, wenn ich mich nach einer
+andern Kondition umsehen wolle. Da saß ich denn und fraß Jammer und Elend
+in mich hinein, und wäre Arend Tofote nicht gewesen, so würde ich auch bald
+genug an der ungesunden Kost erstickt sein. Als ein Glück war es damals
+anzusehen, daß mein kleiner Bruder um die Zeit grade ohne Abschied
+durchging, nachdem er dem Vorsteher einen brennenden Schwefelfaden in seine
+beste Roggendimme geschoben hatte. Der Schlingel hatte mir zu allem andern
+schwer auf der Seele gelegen, das kann ich Ihnen sagen, Herr, und er hat
+auch heute noch nicht gutgemacht, was er in seiner Kindheit und Jugend an
+meiner Behaglichkeit gesündigt hat. Grade vor neun Jahren, ein Jahr vorher,
+ehe Sie uns Ihren ersten Besuch mit dem Haufen Herrschaften abstatteten,
+ist auch mein Bruder nach Hause gekommen -- ein klein, verrunzelt, gelb,
+giftig und sozusagen scheusälig Männchen, was sich Mynheer van Kunemund
+nannte, aber sich ebensogut Herr von Rumpelstilz hätte nennen können. Vor
+einem Vierteljahr nun ist er hier in einem Garten vor der Stadt gestorben,
+und einen schönen Streich hat er uns, ganz nach seiner Art, noch zu guter
+Letzt gespielt. Er hat unser Trudchen Tofote zu seiner Erbin eingesetzt,
+und es handelt sich da um gar nichts Geringes, und ich bin deshalb heute
+hier vorhanden, aber daß er sich dabei etwas gedacht hat, das ist sicher.
+Wo aber der Possen liegt, den er uns zum Schluß noch hat spielen müssen,
+das haben wir noch nicht heraus; ich verhoffe es mit Gottes und Ihrer
+Hülfe, Herr von Schmidt, aber noch herauszufinden; und dann -- gnade ihm
+Gott, wenn wir uns noch einmal wieder treffen. Denn was er für ein Gift auf
+mich und den alten Arend haben mochte: unsere Gertrud hat ihm wahrlich
+nicht das Kleinste zuleide getan. Erzählen muß ich Ihnen übrigens, wie er
+sich wieder bei uns in den Wald einschob. Schnurrig genug war's, und wir
+haben lange an dem Spaße zu verdauen gehabt, bis wir endlich übergenug
+davon hatten und die Verwunderung hinter den Spiegel steckten. -- Das Kind,
+meine Gertrude, war, müssen Sie wissen, damals so acht oder neun Jahre alt,
+und ihre Mutter war ungefähr drei Jahre tot. Wir hatten es so ziemlich
+allein erzogen, denn die Dorfschule wollte wenig sagen, und wir glaubten,
+ein Meisterstück gemacht zu haben, Tofote, ich und die Alte, und was es,
+das Kleine, anbetraf, so ging es ruhig seinen Weg allein, und wir ließen es
+natürlich auch frei in den Wald. Wenn wir ihm einen oder zwei von unsern
+verständigsten Hunden mitgaben, so glaubten wir genug für seine Sicherheit
+getan zu haben und fühlten uns ebenso sicher, als jede Herrschaft, die
+ihren Bälgern eine französische Gouverneurin und einen bunten Bedienten mit
+auf den Spazierweg gibt. -- Na, nun war es so ein Nachmittag im Spätherbst;
+wissen Sie, so um die Zeit, wo das Laub von den Bäumen geht, ohne daß der
+Wind dran stößt, und wo man an dem leisen Geknick und Geriesel im Walde
+merkt, was für eine Stunde es im Jahr ist. Der Tag war nebelig oben und die
+Luft unten warm. Das Kind mit den Hunden war im Holz, und der Förster
+außerm Holz zu Amte von wegen der Forstwrogen des letzten Sommers. Ich
+sitze vor der Tür und mache mich nützlich nach meiner Art, und da gehen
+denn grade an solchen warmen grauen stillen Tagen die Gedanken des Menschen
+am liebsten so weit als möglich in die weite Welt hinaus, vorzüglich, wenn
+man sicher ist, daß man das Haus, nötigenfalls den warmen Ofen und vor
+allen Dingen die Abendsuppe dicht hinter sich hat und alle drei mit drei
+Schritten abreichen kann. Beiläufig, Herr, es ist doch ein wenig mehr als
+kurios, daß der Mensch jedesmal, wenn er sich so recht behaglich und wohl
+in seiner Haut fühlt, sich am ehesten hingezogen fühlt, sich an der Welt
+rund um ihn her zu versündigen?! Man schüttelt sich eben immer am
+behaglichsten, in der Vorstellung, daß andere Leute es nicht so gut haben,
+als wir. Also auch ich in der Gemütlichkeit auf meiner Schnitzbank denke
+denn auch so an das Treiben vor dem Walde, so zum Exempel in Hamburg,
+London, Paris, -- den Schloßhof von Saint Cloud nicht zu vergessen. Und
+richtig, vom Lande gerat ich aufs Wasser, auf Sturm, Schiffbruch und
+Schiffsbrand, und von dem Schiff und Brand ganz selbstverständlich auf
+meinen kleinen Bruder, und wie alles wohl sein könnte, wenn alles nicht
+wäre, wie es nun grade ist. Darüber geht mir natürlich die Pfeife aus, und
+ich gehe in die Küche, um mir eine glühe Kohle zu holen. In der Küche
+spuckt und knistert das Feuer auf dem Herde, und am Herde spuckt, knistert,
+knastert, rührt und quirlt unsere Alte. Als ich die Feuerzange fasse und
+unter den Topf fahre, nimmt sie das, wie es sich von ihr gehört, krumm, ich
+aber denke: Immer höflich und spaßig mit den Damen! und sage: Marie, ein
+guter Durst ist was recht Schönes, aber wer die Suppe versalzt, der soll es
+eigentlich nur aus Verliebtheit tun dürfen, und nicht aus Gift und Bosheit,
+wie ein gewisses Frauenzimmer gestern abend! und eben fängt die Alte an,
+dieses noch viel krümmer zu nehmen, als es mir plötzlich auch ohne sie mit
+einem jähen Schrecken durch den Leib schneidet:
+
+Was ist nicht richtig? Es ist was nicht richtig! wo ist das Kind? Man
+sollte das Kind doch nicht mehr so allein und auf Gottes Trost hin in die
+Wildnis laufen lassen!
+
+Ich sage auch sowas oder dergleichen in meiner plötzlichen Beklemmung, und
+die Alte ist blitzschnell so freundlich, daraufhin zu krächzen:
+
+So?... Ei?... I, Kunemund! Kommt Er mir endlich so herum? O ja, daß der
+Förster einmal ganz etwas Besonderes erfährt, wenn er nach Hause kommt und
+nach dem Trudchen fragt, das ist schon lange das, worauf ich warte, Autor.
+Und Herr Kunemund, Seiner Naseweisheit zuliebe will ich Ihm noch eine
+andere Ansicht in den Handel geben, und die ist, daß Er von morgen an die
+Suppe selber kocht, und mich das Kind hüten läßt. Will Er, -- will Er,
+Meister Kunemund?
+
+Himmel -- Donner -- brummte ich laut; aber ganz leise sage ich: So schlimm
+wird es doch nicht gleich werden! -- aber eilfertig genug stapfe ich sofort
+mit kalter Pfeife wieder vors Haus und stehe und brülle nach allen vier
+Weltgegenden nach dem Kinde, und halte die Hände hinter den Ohren, ob ich
+die Hunde wenigstens nicht zu vernehmen kriege. Die höre ich denn gottlob
+auch, aber in sehr weiter Entfernung und, wie es scheint, gleichfalls sehr
+böse. Da haben wir einmal wieder einem dummen Viehzeug zu weit über den Weg
+getraut, denke ich; -- den Schnürbein wenigstens hätte ich mit mehr
+gesundem Menschenverstand begabt geglaubt -- da sieht man's wieder! Und
+damit laufe ich dem Gebelfer nach und habe mich lang und arg genug in das
+Gestrüpp hinein zu winden, ehe ich dem Trudchen, den Biestern und aller
+übrigen Absonderlichkeit auf den Hals komme. Ich komme ihnen aber auf den
+Hals, und zwar zu meiner eigenen sträflichen Verwunderung. Am Hange eines
+Hügelchens, mitten im Hochwald steht, mit dem Rücken an eine Buche gelehnt,
+unsere Trude und schreit aus voller Kehle Zeter. Zehn Schritte aber weiter
+ab unter einer andern Buche steht ein Geschöpf, was sicherlich da nicht aus
+dem Boden herausgewachsen war, und schreit ebenfalls, aber aus gröberer
+Kehle. Alles Hundevolk, mein Schnürbein voran, hat nämlich einen Kreis um
+dieses Wunder geschlossen und ist außer sich mit Bellen, Anspringen,
+Fest-auf-die-vier-Füße-stellen und Zähnfletschen. Was war's? Ein
+kohlenpechschwarzer Mohr! Ja, ein kohlenpechrabenschwarzer Mohr, der auch
+die Zähne fletscht und auf jedes Aufspringen Schnürbeins und der übrigen so
+hoch als möglich in die Luft hoppst. Sonderbar schön steht es der Kreatur,
+daß sie zu allen ihren sonstigen Annehmlichkeiten eine mehr dottergelbe als
+lederfarbene Uniform oder Livree trägt, aber das allersonderbarste ist, daß
+sie mich in ihrer Not und Angst ganz regelrecht auf deutsch anschreit, und
+zwar rein bremerisch:
+
+Rufen Sie doch die Höllenhunde ab! Tausend Donnerwetter, haben Sie die
+Güte!
+
+Ich tue das, indem ich zugleich Trudchen begütige; und knurrend gehorcht
+endlich das Viehzeug.
+
+Habe ich vielleicht jetzt schon das Vergnügen, Mynheer Kunemund vor mir zu
+sehen? fragt der Schwarze höflich mit dem Hute in der Hand.
+
+Der bin ich freilich, sage ich, aus einem Erstaunen ins andere fallend, und
+hebe vor allen Dingen meine Trude, die mir angstvoll die Arme um den Hals
+schlägt, auf den Arm. Aber Sie -- Sie -- Herr -- lieber Mann -- wie kommen
+Sie -- ja was haben Sie -- Sie schwarzer Mensch -- aber ist denn das die
+Möglichkeit?
+
+Es ist die Möglichkeit, Mynheer Kunemund, sagt das Ding womöglich noch
+höflicher. Und wenn Mynheer Kunemund morgen zu Hause zu finden wäre, so
+würde Mynheer Kunemund sehr gern eine Tasse Tee bei Mynheer trinken.
+
+Halten Sie mal! sag' ich, und setze das Kind von neuem auf den Boden, um
+mir besser mit beiden Händen an den Kopf greifen zu können.«
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+Der Meister Autor machte an dieser Stelle keine Pause; aber wir sind leider
+gezwungen, unsererseits eine eintreten zu lassen, um eine persönliche
+Bemerkung, unsern Lesern gegenüber, zu machen.
+
+Man ist nämlich der Meinung, daß alles, was schon sehr häufig dagewesen
+ist, endlich sehr langweilig wird. Das ist eine landläufige Ansicht und
+Überlegung; aber trotz alledem nicht immer wahr! Hier hatten wir den
+reichen Onkel aus Surinam einmal wieder, und zwar so frisch und
+unverbraucht, als ob er zum erstenmale aus den Tropenländern zurückkomme,
+um die arme Vetterschaft in Europa glücklich zu machen.
+
+»Alter Freund,« sprach ich zu dem Meister Autor Kunemund, »daß Sie an
+dieser Stelle Ihres Berichtes _neu_ wären, kann ich zwar nicht behaupten;
+aber etwas was mir hier interessanter und willkommener sein könnte, kenne
+ich wahrhaftig nicht. Also gratuliere ich bestens!«
+
+»Ob ich mir an dem Tage gerade Glück wünschte, weiß ich heute nicht mehr,
+Herr von Schmidt,« fuhr der Meister fort. »Aber das weiß ich noch, daß mir
+mancherlei durch Kopf und Seele ging, als der Schwarze jetzt aus seiner
+Reisetasche einen Brief vorholte, und ich schon in der Aufschrift richtig
+meinen kleinen Bruder herausfand. Er meldete sich in Fleisch und Blut auf
+den morgenden Tag bei uns zu Gaste im Walde an, und hatte seinen Mohren nur
+vorausgeschickt, um aller seiner gewohnten Bequemlichkeit bei uns sicher zu
+sein -- der Hansnarr!
+
+Ich las den Brief, und dann sah ich mir den Mohren von neuem an, und da das
+Tier mich nicht fraß, so wurde es nun auch allmählich dem Trudchen und den
+Hunden klar, daß es sie nicht fressen wolle. Die Hunde fingen zuerst an,
+das ausländische Gewächs zu beschnüffeln, und dann fing die Trude an zu
+lachen und in die Hände zu klatschen.
+
+In dem Briefe stand nichts, und so sage ich denn:
+
+Na, so wird es denn wohl das beste sein, daß wir vorerst allesamt nach
+Hause marschieren, um die Alte und nachher den Alten auf das Mirakel und
+die Ehre vorzubereiten. Auf die Alte freue ich mich, das kann ich wohl
+sagen.
+
+Ich freute mich wirklich auf die Alte, und die Folge erwies, daß ich Grund
+dazu hatte. Einen guten Spaß muß der Mensch nicht beiseite schieben,
+vorzüglich wenn er so in der Eremiterei wohnt, wie wir alle in unserm
+Försterhause. Auf dem Wege nach Hause aber fragte ich vor allen Dingen
+meinen Mohr:
+
+Aber nun sagen Sie mir doch auch: wie heißen Sie? wo kommen Sie her? und
+dann die Hauptfrage: Redet man bei Ihnen zu Hause denn auch so ein
+verständliches Deutsch?
+
+Nun, natürlich! Weshalb sollte man in Bremen, im Schüsselkorb nicht ein
+gutes Deutsch sprechen? Da bemühen Sie sich doch nur in Thielebeules
+Keller, um zu hören, Herr Kunemund. Ich bin aus dem Schüsselkorb; aber auf
+ein bißchen Spanisch, Englisch oder Malaiisch -- das Holländische ganz
+ungerechnet, soll's mir auch nicht ankommen. Ich hab' auf mehr als einem
+Schiff, und unter mehr als einer Flagge als Koch oder Steward die Welt
+befahren. Mein eigenster Beruf ist aber der wilde Meß- und
+Jahrmarktsindianer.
+
+Was Sie nicht sagen?! Und Sie heißen --
+
+Meyer! Ceretto Meyer! Wichselmeyer -- wie Sie wollen. Auf der großen
+Weserbrücke nennt man mich gewöhnlich Wichselmeyer, aber lieber hab'
+ich's, wenn man mich Signor Ceretto ruft. Ich bin's von den höflicheren
+Nationen gewohnt, die auf See mit =Si!= antworten, wenn man sie anspricht.
+
+Schön! also Signor Ceretto! Nun denn, so seien Sie mir herzlichst
+willkommen, liebster Herr Signor Ceretto! sage ich, und damit erreichen wir
+so nach und nach das Försterhaus, und sonderbarerweise trug auf dem letzten
+Drittel des Weges bereits diese schwarze Bremer Meß-Merkwürdigkeit unser
+Trudchen auf dem Arme, während Schnürbein schwanzwedelnd sich ihr dicht auf
+den Hacken hielt.
+
+An der Alten hatte ich meine Freude, und an dem Alten, der währenddem nach
+Hause gekommen war, gleichfalls; doch an der Alten um vieles mehr. So was
+Schwarzes in Menschengestalt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen,
+und daß sie viel in den Büchern darüber studiert hatte, glaube ich auch
+nicht. Den Eindruck, den also mein Freund Wichselmeyer oder Meyer, oder
+Signor Ceretto auf sie machte, war denn auch darnach! Wie sie aufschrie,
+wie sie ins Haus lief und die Schürze über den Kopf schlug -- wie sie auf
+halbstündiges Zureden endlich um die Tür guckte, und wie sie wieder nach
+einer Viertelstunde mit einknickenden Beinen hervorkam und einen Knix nach
+dem andern vor das Ungeheuer hinsetzte, das war ein Vergnügen anzusehen,
+aber zu beschreiben ist es nicht. Und, mein lieber Herr von Schmidt, --
+wenn dieses eine Kuriosität war, so war es noch viel kurioser, daß -- auf
+mein Wort und meiner Seelen Seligkeit -- es wahrhaftig nicht ihre Schuld
+war, wenn wir nach allerkürzester Bekanntschaft nicht einen oder zwei oder
+einige Mulatten mehr in der Welt herumlaufen haben; denn -- -- so sind die
+Weiber! Ich habe es bis dahin nicht geglaubt, aber ich versichere Sie: sie
+sind so! Nachdem sich auf vieles Zureden das närrische Stück Frauenzimmer
+dahin hatte bringen lassen, durch eigenes Anrühren sich zu überzeugen, daß
+das Ding nicht abfärbe, war alles -- in bester Ordnung und im schönsten
+Gange, und der Arend, ich und der Schwarze hatten nur abzuwehren, daß die
+Zuneigung nicht zu weit gehe.
+
+Seit ich weiß, daß dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder
+Pech oder Kienruß aufgefärbt wurde, bin ich ganz ruhig, flüsterte mir die
+Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern
+Heidenspaß, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; über den Ceretto
+vergaßen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr,
+als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast
+und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da
+kam es im großen und ganzen heiß und kalt über mich, was für ein Tag mir
+morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben
+werde. Da warf ich mich hin und her und saß aufrecht und hätte mich auch
+ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen können; zu einem
+vernünftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor
+Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die
+Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu
+überlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er
+mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natürlich, denn war der Junge von uns
+weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es
+anzusagen, so lag es doch nun, obgleich über die alte Geschichte wohl mehr
+als einmal Gras gewachsen war -- allein bei ihm, bescheiden anzupochen und
+sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getröstet
+in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch
+um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage
+nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Daß wir allesamt
+früh auf den Füßen waren, können Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind,
+der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weißer bis gegen
+Mittag an, was, nämlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund
+zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tür,
+und sie schlug die Augen wie in vollständiger Verzweiflung an unsrem
+Herrgott in die Höhe und ächzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch!
+-- Nun, Trudchen war kaum zu bändigen, und mein lieber Tofote ging herum
+wie ein Verrückter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich
+drauf Wurzeln zu schlagen gedächte und spielte den Bullenkopf gegen mich
+und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da
+war.
+
+Herr, _ein_ Mensch genügt eigentlich nicht, um _das_ Wiedersehen zu
+erzählen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, müßten von Rechts wegen an
+dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, daß Sie damals nicht dabei
+zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, daß Sie gewiß mehr
+studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den übrigen Fächern, als ich für
+möglich halte, hätten Sie sich doch manches Komödienbillett -- Affen- und
+Menschenkomödie! -- erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre
+gegeben hätten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie --«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+»Erlauben Sie, lieber Kunemund,« sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf
+das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. »Ein
+Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten
+Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch
+hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen
+geredet?«
+
+»Wir nicht; -- das ist richtig!« sprach der Meister. »Wer von uns konnte
+denn aber auch daran denken? _Sie_ ging das doch gar nichts an!«
+
+Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt
+vor. Ich sah tief, lächerlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das
+man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als:
+
+»Wahrlich!«
+
+»Sehen Sie, seine werten Freunde muß man so wenig als möglich mit seinen
+eigenen Molesten molestieren,« sagte der Meister und fuhr, von nun an
+nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzählung fort, die wir
+wieder nur mit einem Gänsefuß am Anfange und einem am Ende geben:
+
+»Die Feierlichkeit war groß. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner
+Seele auf den Zehen; das heißt inwendig, denn was das Äußerliche anbetraf,
+so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr
+zu leisten. Nur in der Küche war ein mächtiges Hallo; ganz wie im
+Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand
+die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertür abgezogen, in Dampf und
+Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto saß mit
+meinem Trudchen an der Tür auf der Bank und rauchte eine ganz gewöhnliche
+Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das
+Kind.
+
+Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tür so ungefähr eins
+geschlagen, als er kam, und zwar tüchtig zusammengeschüttelt in einer alten
+Schöppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr
+Bergsekretär; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in
+Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln
+der Kalesche nun merkwürdig kühl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung,
+nämlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel
+eingewickelt und hüstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefährt reichte,
+sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es für meine Pflicht gehalten, -- oder
+dergleichen und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? -- und damit
+hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wäre fast nötig gewesen, daß
+ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen hätte, wie
+ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen
+mußte in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig
+taugten, so stehe ich dafür auf ziemlich festen Füßen, und meine
+Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles
+umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von
+dem übrigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der
+gewöhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde
+hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger
+mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie über
+seine Jugendzeit und -sünden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo
+über dem übrigen an, und ich erzähle nur von wegen uns, die wir noch da
+sind. Wir hatten ihn vor der Tür -- im Hause -- im weichsten Lehnstuhl am
+Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und
+Gedanken mochte vor sich gehen. Natürlich kam es denn auch, wie ich es mir
+am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wir fanden uns heute so wenig wie vor
+den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dämmerung wurde,
+hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, _wir_ ihn auch.
+Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein
+menschenmöglichstes, ihn den Nachmittag über mit Rührung und
+Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch
+der Dämmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem für einen Lumpen, und daß er
+uns wie gewöhnlich für erbärmliche Tröpfe und die nichtsnutzigsten Narren
+von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir
+vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum
+Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig
+Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfältigkeit. So fuhr er ab, um noch
+bei Licht auf die Landstraße zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen
+Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie
+_der_ Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht
+gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und
+kurioserweise tat _sein_ Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind,
+unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum
+geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eifersüchtig auf das
+Kind! -- -- -- Daß der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand,
+nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber;
+aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blättern, in
+welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir,
+daß er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald
+ließ er selbst von diesem Abschluß und Ende seines Vagabundenlebens nichts
+weiter zu Gehör kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte
+er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat,
+worüber ich als sein Bruder -- nämlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch
+mein Gefühl und Gemüte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen,
+eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie
+versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tür, lieber Herr
+Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren
+damals verreist, und so mußte ich mit meiner großen Neuigkeit und in meiner
+Bedrängnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen
+letzten Streich gespielt; -- was meinen Sie, was er getan hatte, um einen
+letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollführen? -- er hatte
+unser Trudchen, die Gertrude Tofote, zu seiner Generalerbin eingesetzt! --
+Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er
+nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu führen, so sind wir nun
+schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und
+Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem
+Begräbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, -- er, der Kleine, hatte
+gewollt, daß niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem
+Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und
+Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und -- jetzt --
+lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen
+Sie mit mir! Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein
+im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf
+mich, und jetzt -- wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns
+zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft
+anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gütig zu sein.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+Länger als eine gute Stunde hatte Herr Autor Kunemund seinem Herzen Luft
+gemacht, und ich hatte ihn erzählen lassen, und ihn, wie oben bemerkt,
+sogar nicht wenig ermuntert, so ausführlich wie möglich zu sein; aber jetzt
+fuhr mir ein um desto größerer Schrecken durch die Glieder.
+
+»Mein Himmel, die Gertrud in der Stadt Lübeck! den ganzen Morgen da allein?
+Kunemund, ich bitte Sie, weshalb konnten Sie mir das nicht gleich sagen?
+Wie könnt Ihr das Kind -- das Fräulein, so allein in dem Fuhrmannsausspann
+sitzen lassen?«
+
+»Weshalb denn nicht, lieber Herr? Wir haben gute Bekannte und Freunde
+dorten; gerade unter den Fuhrleuten haben wir die besten Freunde; und dann
+ist der Jüd Salomon Prasem auch mit uns gekommen, -- das Trudchen war da
+ganz gut aufgehoben, bis wir es abholen.«
+
+Das mochte nun sein; aber nichtsdestoweniger vervollständigte ich in
+hastigster Weise meine Toilette, und nach zehn Minuten schon befanden wir
+uns in den Gassen der Stadt: ich in aller Ungeduld, aber der Meister Autor,
+ohne es im geringsten eilig zu haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit und Muße
+für jede Merkwürdigkeit, die ihm unterwegs aufstieß, und des Merkwürdigen
+stieß und fiel ihm alle zehn Schritte weit die Hülle und Fülle auf. Endlich
+erreichten wir die Stadt Lübeck aber doch.
+
+Das ist in der Tat einer der besuchtesten und nahrhaftesten
+Ausspanngasthöfe der alten Stadt, und der Verkehr dort an allen Tagen der
+Woche sehr lebhaft; am Sonnabend jedoch am lebhaftesten. Und es war ein
+Sonnabend, und das Getöse vor, sowie die Bewegung in dem Hause ließen für
+den Inhaber des altberühmten Schildes nichts zu wünschen übrig. Ein halb
+Dutzend und mehr Lastwagen und Bauerwagen hielt vor dem hohen und weiten
+Torwege, und versperrte weithin die ziemlich breite Straße. Zertretenes
+Stroh, Fässer, Kisten, Kasten und Körbe, Hunde, Federvieh, Kinder, Gäste
+aller Art und jedes Geschlechtes füllten den Hof, die mächtige Hausflur,
+die Gaststuben und die Treppen. Aus der schwarzen, gewaltigen Küche
+leuchtete es gleich einer keineswegs geringen Feuersbrunst, mit der
+freilich der begleitende Geruch gottlob gar nicht stimmte. Kellner und
+Kellnerinnen, Köchinnen, Hausknechte, Stallknechte und vor allem Wirt und
+Wirtin schlugen nicht bloß in der Seele Rad, sondern machten auf jedermann,
+der mit offenem Munde und aufgesperrten Augen sich in dem Gewühl hin und
+her schieben und stoßen ließ, den Eindruck, als ob sie auch in einem
+fortwährenden, nimmer wieder endenden körperlichen Radschlagen begriffen
+seien.
+
+In diesen Lärm und Wirrwarr traten auch wir jetzo ein, der Meister Autor
+und ich, und der Meister bahnte den Weg. Drei oder vier braune ausgetretene
+Stufen hinauf drängten wir uns aus dem Getümmel des Hausflurs in den Tumult
+der Gaststube hinein, und richtig fanden wir da die Gertrud Tofote und zwar
+ganz an demselben Platze, auf welchen sie der Meister Kunemund hingesetzt
+hatte mit der Ermahnung, sie möge sich die Zeit nicht lang werden lassen,
+er komme im Augenblick zurück und bringe den Trost im Elend (=NB=. in
+meiner Person) hoffentlich gleich mit her.
+
+Auf _den_ Trost hin hatte das junge Mädchen dann dagesessen, und -- wie
+sich sofort auswies -- keinen Augenblick Langeweile gehabt oder sich gar
+nach uns gesehnt. Als es uns erblickte, sprang es hinter seinem Tische
+mitten unter den verschiedenartigsten Sonnabendmorgengästen der Stadt
+Lübeck auf und rief, ohne anfangs die mindeste Notiz von mir zu nehmen:
+
+»O Onkel, es ist gut, daß du kommst! wir haben schon lange auf dich
+gewartet! Kennst du den hier noch?«
+
+Und sie wies unbefangen auf einen hübschen jungen Menschen, der neben ihr
+gleichfalls von der rotbraunen Bank aufgestanden war, und viel verlegener
+als die Gertrud, errötend uns anlächelte und in seiner schmucken
+Matrosentracht wirklich hübsch -- sehr hübsch -- und um so hübscher je
+blöder aussah.
+
+»Na,« sagte Herr Kunemund, »es ist wohl nicht an dem? Ja, wahrhaftig, es
+ist doch an dem -- er ist es! Je, Karl, wie kommst denn du hieher? woher
+bist du gefallen, Junge? Na, das ist wahrlich ein vergnügt Zusammentreffen,
+Karl, und dich können wir gleichfalls gerade brauchen. Siehst du, Trude,
+hab' ich's dir nicht gleich gesagt, daß du hübsche Leute zu deiner
+Unterhaltung hier finden würdest?«
+
+Sie reichten einander die Hände, über den Köpfen und Schultern des Volkes
+am Tische weg, und ein teilnehmendes, vergnügtes Grinsen ging über jedes
+Gesicht an den vier Seiten. Bauern und Fuhrleute, Weiber und Kinder nahmen
+teil an dem fröhlichen Wiedersehen; aber den größten Teil nahm natürlich
+der Jüd Salomon Prasem, der da denn auch sagte:
+
+»Mein, bei mir hat sich die Gertrude zu bedanken; -- denn wer war's, der
+ihr den Karl Schaake herbeilotsete? Ich war es, Herr Kunemund.«
+
+»Sollst deine Ehre behalten, alter Sackträger,« rief der Meister Autor, und
+das Trudchen -- ja freilich, reden wir doch einmal von der Gertrud Tofote,
+ehe wir weiter schreiben. --
+
+Es wird viel Wasser die deutsche Literatur hinunterlaufen, bevor ein
+zweites Nixen- oder Waldelfen-Gesicht wie das wieder aus ihr emportaucht!
+Das Trudchen hatte sich verändert in den Jahren, die hingegangen waren,
+seit wir es als Kind zuerst am Bache im Elm trafen. Es war ein großes
+Mädchen geworden -- eine Jungfrau, wie man in den Büchern, -- ein Fräulein,
+wie man im Leben des Tages sagt. Und was für eine Jungfrau?! was für ein
+Fräulein!
+
+Daß ich das Kind von Zeit zu Zeit wachsen gesehen hatte, erhöhte meine
+jetzige Überraschung nur; denn wer sieht sich je satt an den uralten
+Taschenspielerkunststücken der alten geschickten Prestidigitatrice, Madame
+Physis, sonst auch Dame Natur genannt?! -- Trudchen Tofote war eine
+reizende, völlig ausgewachsene Blondine von achtzehn Jahren geworden, und
+seltsamerweise schien der junge Leichtmatrose Karl Schaake das gleichfalls
+herausgefunden zu haben.
+
+»Erlauben Sie gefälligst,« sagte der Meister Autor fein und höflich,
+»erlauben Sie, daß ich Ihnen diesen jungen Mann hier vorstelle und mit
+Namen nenne. Es ist nämlich Karl Schaake aus unserm Dorfe vor dem Walde,
+wissen Sie; sein Vater war Leinweber, sein Großvater war Leinweber, sein
+Urgroßvater war Leinweber, und von Rechts wegen müßte er, dieser Junge
+hier, auch Leinweber sein; aber können Sie es ihm verdenken, wenn er der
+ewigen sitzenden Lebensart halben sich mal in das Gegenteil geschlagen hat?
+Der Bengel fährt -- tanzt auf dem Seil -- geht querüber auf dem Wasser,
+kurz, um es kurz zu sagen, ist zu Schiff gegangen und hat alle seine
+ehrwürdigen Vorfahren mit offenem Maule sitzen lassen. Was sagen Sie dazu?«
+
+Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte sich der Meister bereits wieder an
+den Seemann selber gewandt:
+
+»Und nun, du Schlingel, noch einmal: wo kommst du her? wo hast du dich
+wieder herumgetrieben?«
+
+»O Herr Onkel, das wäre weitläufig zu beschreiben!« meinte der junge Mensch
+lachend. »Sie haben es ja schon längst verschworen, mir ein Wort zu
+glauben, und haben, was schlimm genug ist, auch das Trudchen auf den
+Glauben hin abgerichtet. Was meinen Sie nun, wenn ich hab' helfen,
+muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah expedieren und zwar
+während der ganzen drei letzten Jahre?«
+
+»Das wird wieder ein schönes Geschäft gewesen sein!«
+
+»Das war es freilich dann und wann. Hamburger Bark Kehrwieder, -- Kapitän
+Klütgen. Fragen Sie nur nach, die ganze Küste entlang, Onkel; o sie wissen
+mich zu schätzen, die Kerle, die das Gesicht auf dem Bauche tragen, von
+Sumatra bis Suez -- besser als Sie, Onkel Kunemund.«
+
+»Na, na, so genau wie ich, werden sie dich doch nicht kennen, Karl,« sagte
+der Onkel mit dem Zeigefinger in der Luft.
+
+»Aber die Gertrud kennt mich _noch_ besser!« rief Herr Karl Schaake. »Nicht
+wahr, du?« Und schwerlich konnte jemand eine größere Dringlichkeit in ein
+solches: Nicht wahr, du? legen. --
+
+Trudchen Tofote lachte vergnügt und verschämt und gab dem Leichtmatrosen
+einen Schlag auf die Schulter, der seinen ersten Schuß auch nur im Elmwalde
+getan haben konnte. Auf eine wörtliche Äußerung ließ sie sich jedoch nicht
+ein, und also nahm der Onkel Kunemund wieder das Wort.
+
+»Also hast du die Stadt Lübeck gerade so angelaufen, wie du der Alten
+daheim über den Küchenschrank fielest. Und die Stelle, allwo die beste
+Piepwurst hing, die nahmest du uns auch niemalen mit; aber die Wurst
+vermißten wir dann und wann. Und also hast du dich gleich auch in gewohnter
+Weise bei der Trude vor Anker gelegt? Na, das ist schön! Es behagt einem
+immer, wenn endlich einmal jemand nach Hause kommt, der wirklich etwas zu
+erzählen hat.«
+
+»Aber gern sich auch allerlei erzählen läßt, was während seiner Abwesenheit
+auf dem festen Lande vorgefallen ist. Nicht wahr, Trudchen?«
+
+Das Trudchen lächelte wiederum nur vergnügt und verschämt, und es fiel
+wiederum dem Meister Autor zu, sich zu besinnen, ob während der Abwesenheit
+seines jungen Freundes wirklich etwas der Erwähnung Wertes passiert sei in
+dem Walde und vor dem Walde. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm dabei zu
+Hülfe zu kommen.
+
+»Ist das eine Familie, die in die Stadt gekommen ist, sich eine große
+Erbschaft zu besehen und zu holen?« fragte ich. »O ihr Leute, wenn dieses
+kein Zeichen ist, daß es euch auch ohne dieselbe wohl geht, so sucht und
+nennt mir ein besseres!«
+
+Hierauf sah mich der Herr Kunemund groß und sehr erschrocken an, schlug
+sich vor die Stirn und rief:
+
+»Herr Jesus, ja, das hatte ich ja ganz über dem frohen Wiedersehen
+vergessen! Alle Wetter und die Formalitäten?! Und die Gerichtsherren? und
+der Signor Ceretto! Um des Himmels willen, Trudchen, Karl, Herr von
+Schmidt, -- wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie haben uns ja auf
+zwölf Uhr bestellt -- und da -- schlägt es dreiviertel. Donner und Wetter,
+Trudchen, es war doch eigentlich deine Sache, mich daran zu erinnern!«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Wenn meine Leser nun etwa glauben sollten, daß wir auf dieses
+Zusammenfahren und diese Mahnung hin jetzt wie Besessene von dannen
+stürmten, der Hinterlassenschaft Mynheers van Kunemund zu, so würden sie
+sehr irren. Wir nahmen uns doch noch Zeit und hatten derselben auch zur
+Genüge.
+
+»Davon hat mir Trudchen schon gesagt, Herr Kunemund,« sprach der Matrose
+und zwar, wie es schien, mit einem etwas befangenen und gedehnten Tone.
+»Eine Erbschaft haben Sie -- hat sie gemacht! Wirklich?«
+
+»Und was für eine!« rief der Meister. »Ich, Gott sei es gedankt, nicht;
+aber das Mädchen da! Frage nur den Prasem, was für eine gute Partie es
+geworden ist, und was für süße Augen er ihr machen würde, wenn Moses und
+die Propheten und vor allen Dingen seine Perl nichts dagegen einzuwenden
+hätten.«
+
+»Gerechter -- mein lieber Herr Kunemund!« rief der alte Jude.
+
+»Leugnen Sie es nicht, Salomo,« rief der Meister, »und dir, Karl,
+wiederhole ich es mit Nachdruck, der Kleine reibt sich sicherlich heute
+morgen da oben, oder -- da unten die Hände. Eine Goldprinzessin ist das
+Trudchen und zwar ganz ohne ihr Zutun. Da der Herr Bergassessor von Schmidt
+meint, es gehöre auch ins Märchen, und kurios ist's auch, obgleich ich bis
+dato noch nicht herausgebracht habe, was der Herr eigentlich mit der Rede
+im Sinne hat.«
+
+»Das ist auch gar nicht nötig, alter Hexenmeister!« rief ich lachend; doch
+über das offene ehrliche Gesicht des jungen Seefahrers war ein sonderbarer
+Schatten gefallen. Er blickte das schöne Kind, die Gertrud Tofote
+bedenklich von der Seite an und zerrte unruhig an seinem bunten Halstuche;
+ich aber las in seiner Seele, und zwar folgendes:
+
+»Also so steht die Geschichte? Und deshalb aus dem Alltagsverdruß und der
+Leineweberei durchgebrannt und auf See gegangen, um ihr mit dem Sack voll
+spanischer Dublonen und sämtliche Taschen voll Demanten und Perlen eines
+Tages vor die Nase in allerhöchster Glückseligkeit treten und sie fragen zu
+können: Na nu Gertrud? --! Uh! Himmel und Hölle, wenn ich ihr jetzt käme
+mit dem, was mir die Hadschis eingebracht haben! O verflucht, da wäre es
+doch am besten, ich hätte das alte Land gar nicht wieder angelaufen.«
+
+Ich beobachtete einen tiefen Griff beider Hände des jugendlichen
+Abenteurers tief in beide Hosentaschen hinunter, und sagte wie er in der
+Tiefe meiner Seele:
+
+Ja, ja -- ja! --
+
+Aber jetzt war es wirklich die höchste Zeit zum Aufbruch geworden, und der
+Meister sprach nur noch:
+
+»Herr Bergsekretär, den Karl Schaake nehmen wir mit; denn so halb und halb
+gehört er doch, von seinen ersten dummen Streichen an, zur Familie;« --
+dann gingen wir, und hatten nun sogar zu laufen, um die verlorene Zeit
+einzuholen.
+
+Wir liefen, und die ganze Gaststube in der Stadt Lübeck stellte sich auf
+die Zehen, um uns respektvoll und mit den notwendigen Glossen nachzusehen.
+Wir liefen, und statt sich mit Händen und Füßen gegen die Begleitung des
+Trudchens in das unmenschliche Glück hinein zu wehren, lief Karl
+selbstverständlich mit der Erbin vorauf.
+
+Es schlug gerade feierlich zwölf Uhr auf Sankt Katharinen, als wir uns an
+der alten Kirche vorüber dem Tor zuwendeten.
+
+»Umstände werden sie uns freilich wohl nicht mehr machen. Wir können uns
+dreist in den Honigtopf hineinsetzen,« sagte der Meister Autor, und es
+verhielt sich selbstverständlich so, wie er sagte.
+
+Wir schritten langsamer den jungen Leuten nach durch das Tor, vorüber an
+einem der Kirchhöfe der Stadt, und dann durch eine enge im Zickzack
+laufende Gasse, zwischen Planken und lebendigen Gartenzäunen etwa zehn
+Minuten fort. Dann standen wir, Gartenhecken, Gärten, Gitter, Gartenhäuser
+rechts und links, und suchten uns zu orientieren. Dann fanden wir uns
+zurecht und schritten in eine Nebengasse hinein, in welcher wir dann
+natürlich wieder so ratlos als vorher standen.
+
+»Sie wissen es ja, wie er sich verholländert hat,« sagte der Meister Autor,
+»nehmen Sie es also nur nicht übel, wenn ich nach meinem eigenleiblichen
+Bruder so verrückt frage. -- Sagen Sie, junge Frau, wo hat sich denn
+eigentlich der Dachs verklüftet -- ich meine mein kleiner Bruder -- ich
+meine, wo wohnt denn der Herr van Kunemund?!«
+
+Diese Frage war an eine durchaus nicht mehr junge Weibsperson, die, einen
+Henkeltopf tragend, uns entgegenkam, gerichtet, und sofort erfolgte die
+Antwort der dem Gespräch nach leicht erreglichen Dame:
+
+»Hören Sie, wenn Sie den meinen, den kleinen, gelben Kerl, mit dem vielen
+Geld -- der lebt gar nicht mehr. Sie alter Narr, wenn aber Sie die Leute
+vexieren wollen, so gehen Sie da auf den Kirchhof und dann können Sie --«
+
+Was der Meister Kunemund konnte, wollen wir dahin gestellt sein lassen; wir
+gingen eiligst weiter und trafen ein kleines Mädchen, welches ebenfalls
+einen Henkeltopf trug, und welches auf unsere Frage, mit dem Finger
+deutend, sagte:
+
+»Herr je, da guckt's ja über die Hecke!« und dann sofort Reißaus nahm.
+
+Unsere Augen waren sämtlich der andeutenden Richtung des Kinderfingers
+gefolgt.
+
+»Richtig!« sagte der Meister. »Nun, Gott sei Dank, jetzt haben wir es doch
+herausgebracht, wo er sich verklüftet hat.«
+
+Was aber da über die Hecke guckte, das war in der Tat nicht gewöhnlich, und
+konnte wohl einem, der unvermutet auf den Anblick stieß, einen gelinden
+Schrecken einjagen. Solch eine kohlschwarze Teufelsfratze mit solchem
+krausen schloßenweißen Wollenhaar sollte noch zum zweitenmal über eine
+norddeutsche Hainbuchen- und Nußbaumhecke gucken.
+
+»'s ist sein Mohr, erschrick nicht, Karl Schaake!« rief der Meister; und
+schon war das Trudchen an der Hecke und reichte dem grinsenden Greuel die
+Hand in die Höhe. Aber je näher wir andern herankamen, desto mehr versank
+der Schwarze hinter den grünen Blättern -- doch glücklicherweise nur aus
+Höflichkeit, denn er empfing uns mit einer tiefen Verbeugung an den
+Rokoko-Sandsteinpfeilern des Gartentores, reichte dem Herrn Kunemund
+gleichfalls die Hand und sagte:
+
+»Ist es der Herrschaft endlich gefällig gewesen? Wahrhaftig, ich kenne
+Leute in Bremen, sowie an manchem andern Platze in und um Europa, die
+eiliger angerannt gekommen wären.«
+
+»Siehst du, Onkel, das habe ich dir auch gesagt!« rief Gertrude Tofote, und
+damit traten wir über die Schwelle des Gartens und ein in das Erbe, welches
+Mynheer van Kunemund der Tochter Arend Tofotes gegeben hatte, und wir sahen
+alle noch einmal zurück über die Schulter, nur die Gertrud nicht; --
+Gertrud sagte:
+
+»Oh!« und sah sich nur um.
+
+»Es ist _doch_ wunderlich!« sprach der Meister Autor, kopfschüttelnd nach
+den dichten dunkeln Baumgipfeln blickend, die in der Ferne die Lage des
+Kirchhofes andeuteten, auf welchem man seinen kleinen Bruder eingescharrt
+hatte, ohne daß der Meister dabei zugegen gewesen war.
+
+Was mich persönlich anbetraf, so hatte ich mich seit meinen Kindheitsjahren
+nicht in einer gleichen märchenhaften, neugierig-bänglichen Stimmung wie
+die jetzige befunden. Und da sich meine Rolle hier doch nur auf die eines
+horchenden, zurechtlegenden Beschauers beschränkte, so entging mir wenig
+dessen, was die Stunde bot; und alles, was ich sah, hörte -- paßte in das
+Märchen -- vor allem andern auch der junge, verdrossene Seefahrer, Herr
+Karl Schaake, der Leichtmatrose.
+
+Da standen wir im Grün und in der Sonne und mitten im verwilderten Rokoko.
+Aus ausgewuchertem dichten Taxus sahen graue Sandsteinfiguren --
+pausbackige Kinder, hochbusige Nymphen hervor. Der gelbe feine Sand
+knirschte unter unsern Füßen, und an einer uralten Sonnenuhr in der Mitte
+des Rundplatzes machte uns der Mohr Mynheers van Kunemund eine zweite und
+womöglich noch tiefere Verbeugung:
+
+»Dort ist das Haus,« sagte er, auf ein altersschwarzes moosbedecktes
+Ziegeldach deutend, welches in einer Entfernung von etwa hundert Schritten
+über das Gebüsch emporragte.
+
+»Und wo sind die Gerichtsherrn?« fragte Herr Autor Kunemund.
+
+Auf diese Frage hin zog Signor Ceretto grinsend die Schulter in die Höhe:
+
+»Die Sennorita darf sich darauf verlassen, daß sie in ihrem Eigentum ist.
+Der Herr Kunemund weiß das auch recht wohl; er hat es ja selber auf dem
+Stadtgericht gehört, daß alles in Ordnung sei. Der selige Herr verstand es
+bis zum Letzten, Ordnung in allen seinen Angelegenheiten zu machen. Das
+gnädige Fräulein darf dreist weiter spazieren.«
+
+»Was ist denn aber das?« fragte der Meister Autor vor einer rotweißen
+Stange stehen bleibend, die mitten im Wege zwischen dem Grün, den Blumen,
+unter den summenden Bienen, den flatternden Schmetterlingen und den grauen
+Steinbildern im Boden stand.
+
+»Das Gewächs hat das Stadtbauamt neulich eingepflanzt, Herr Kunemund,«
+sagte der Mohr. »Es findet alles sein Ende in der Welt. Jede Zeit hat ihr
+eigenes Pläsier und kümmert sich wenig um das der vorhergegangenen. Uns
+macht nun das Baumfällen Vergnügen. Den Stadterweiterungsplan haben Sie
+wohl noch nie zu Gesicht gekriegt, Herr Kunemund?«
+
+»Donner und Hagel, sie werden uns doch wohl hier keine Häuser hinsetzen
+wollen?!« schrie der Meister Autor, und es wird auch wieder viel Wasser die
+deutsche Literatur herabrinnen, ehe sie wieder ein Grinsen sieht, wie das,
+mit welchem Signor Ceretto Wichselmeyer aus dem Schüsselkorb zu Bremen den
+Aufschrei des Meisters beantwortete.
+
+»Sie wollen mir in meinen Garten Häuser bauen?« rief auch Fräulein Gertrud
+Tofote, und zum drittenmal verneigte sich der Zaubermohr vor ihr und sagte:
+
+»Nach dem Stadterweiterungsplan geht die Prioritätenstraße grade über das
+Grundstück. Ich bitte gehorsamst -- sehen Sie dort, an dem Bassin steht der
+zweite Pfahl. Ei, der selige Herr wußte gar wohl, was er tat, als er den
+Garten kaufte. Es war ein solides Geschäft, -- nur schade, daß er die
+Kommission mit den Meßketten nicht selber mehr an der Tür begrüßen durfte.«
+
+Ich hatte die Hand auf einen die Flöte blasenden Satyr gelegt; der Meister
+Autor sah mit zusammengezogenen Augenbrauen an den alten hohen Linden
+empor, der Seefahrer war an den Rand des Wasserbeckens getreten und sah
+finster hinein, und Trudchen -- Trudchen trat zu dem alten unheimlichen
+Gartenhüter und fragte:
+
+»Aber dürfen sie denn das, wenn ich nicht mag?«
+
+»Sie werden viel Geld bezahlen, gnädiges Fräulein,« antwortete Ceretto.
+»Für viel Geld bekommt man alles, was man will. Für Geld und für gar nicht
+viel hat man alle meine Großväter bekommen, und meinen Urgroßvater sogar
+für eine abgelegte neapolitanische Schiffsleutnantshose. Die Überlieferung
+davon ist in der Familie geblieben von Abu Telfan im Tumurkielande her bis
+in den Schüsselkorb zu Bremen. Was mich persönlich angeht, so hatte mich
+der selige Herr, -- ich meine immer Mynheer van Kunemund, für vierzig Taler
+jährlich und einen neuen Bedientenrock alle Weihnachten.«
+
+»Damals sagten Sie mir, Ihre Angehörigen stammten aus dem Lande Kongo,«
+sagte der Meister Autor, um doch wieder etwas zu bemerken.
+
+»Aus Banza Sonjo! Nicht wahr? Ja, das ist auch wenigstens zur Hälfte
+richtig. Aus dem Nest war meine Urgroßmutter; die wurde aber auf einen
+andern Handel zugegeben und kam mit meinem Herrn Urgroßvater erst in Puerto
+Principe auf Cuba in Bekanntschaft. Sie konnten beide nichts dafür, es
+sprachen damals auch Geschäftsrücksichten mit, aber, wahrhaftig, bloß die
+des kreolischen Pflanzers. Nun, ich will dem gelben Schurken heut ein gut
+Jahrhundert später keinen bösen Leumund darum machen, zumal -- heut heute,
+schönes, junges, gnädiges Fräulein; denn _mir_ gefällt die Welt heute recht
+sehr, recht sehr! Ich meines Teils habe bis dato noch immer mein Vergnügen
+drin gefunden.«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+Wir standen noch einen Augenblick um die Stange des Stadterweiterungsplanes
+her, und dann wendeten wir uns alle ab und dem Hause zu. Um zu demselben zu
+gelangen, mußten wir das gleichfalls mit einem bemoosten Rande von
+Sandstein eingefaßte Wasserbecken umschreiten.
+
+»Das Ding hat eine merkwürdige Tiefe,« sagte Signor Ceretto. »Mynheer und
+ich haben es ausgemessen. Der Grund ist weit hinabwärts versumpft und
+verschlammt; ob man allerlei Andenken aus der alten Zeit finden wird, wenn
+das Bauamt den Fleck trocken legt, kann ich nicht sagen. Es hat aber vieles
+und wunderliches Menschenvolk hier im Hause gewohnt.«
+
+Hier im Hause! Wir standen jetzt vor dem Hause, in welchem zuletzt Mynheer
+van Kunemund gewohnt hatte, und welches jetzt dem Trudchen Tofote als
+Eigentum zugefallen war.
+
+»Zu seiner Zeit war es, trotzdem daß es nicht sehr groß ist, ein
+Wunderwerk,« meinte der schwarze Gartenhüter. Und wahrlich, ein Wunderwerk
+war es auch heute noch, und vielleicht grade heute mehr denn je.
+
+»Oh!« rief Gertrude Tofote, nach der Hand des Meisters Autor greifend, aber
+sie sofort fallen lassend, um die breiten Steintritte, die sich an der
+ganzen Vorderseite des Gebäudes herzogen, hinaufzueilen. Und wäre jetzt aus
+der Glastür in der Mitte der Erbauer im Brokatrock mit der Allongeperücke
+und dem zierlichen Degen, den dreieckigen Hut unter dem Arme,
+hervorgetreten, um sich mit der ganzen feierlichen Zierlichkeit des Jahres
+Siebenzehnhundert über ihre Hand zu neigen und das schöne Kind in _sein_
+Besitztum einzuführen, -- niemand von uns andern, die wir noch auf dem
+heißen gelben Sande vor den breiten Treppenstufen standen, würde einen
+außergewöhnlichen Schauder darob verspürt haben.
+
+»In der Umgegend von Batavia trifft man auch solche kuriose alte
+Gartenhäuser,« sagte der Matrose. »Aber sie versinken allmählich im
+Sumpfe.«
+
+»Ruppig, aber wunderschön!« rief der Meister Autor. »Und _das_ wollen sie
+auch wegbrechen, ihrer dummen Straße wegen?«
+
+»Das erst recht, Herr Kunemund. Ich meine doch, es hat lange genug
+gestanden,« sagte Ceretto, »aber die Herrschaften sehen, die junge Herrin
+wird ungeduldig -- gehen wir hinein; inwendig ist's noch viel
+absonderlicher, und wir haben gleichfalls das Unsrige geleistet, um die
+Wirtschaft für das gnädige schöne Fräulein so bunt als möglich
+herzurichten. O, darauf verstanden wir uns: ich und der selige Herr. Wir
+haben beide, jeder in seiner Art, die Welt danach abgegraset.«
+
+Wir erstiegen nun auch die breiten Steinstufen zwischen den beiden
+verwitterten Sphinxen und standen vor der schon erwähnten Glastür und den
+fast bis auf den Boden herabreichenden Fenstern des Hauses.
+
+An der Türe erwies sich der wunderliche Führer aber nochmals als ein für
+seine Aufgabe vollkommen passender Mann.
+
+Mit einem lächelnden Blick auf Gertrude deutete er nochmal zurück auf den
+Garten, -- die Blumen, den ausgewucherten Taxus, das sonstige Gebüsch und
+die mannigfachen Bildwerke, die aus dem Grünen hervorsahen: Blumenkörbe
+tragende Nymphen, Pansflötenbläser und pausbackige Kinderfiguren.
+
+»Sie haben alle gewartet!« sagte er. »Sie haben auf das Fräulein gewartet.
+Sie haben sich gelangweilt über hundert Jahre.«
+
+»Das glaube ich!« brummte der Leichtmatrose Karl Schaake. »Es war zwar sehr
+freundlich von ihnen, aber nötig war's nicht. Was haben sie mit dem
+Trudchen zu schaffen, die lächerlichen alten Galionbilder?... Nichts!«
+
+»So?!« sagte der Meister Autor Kunemund. »Hast du deshalb dem Kerl da einen
+solchen grimmigen Nasenstüber versetzt, Karl?«
+
+Und er zeigte auf einen mit einem kaum noch erkennbaren Bogen bewaffneten
+knieenden Amor unter einem Rosengebüsch, gerade der Eingangstür des Hauses
+und dem im Sonnenlicht glitzernden Wasserbecken gegenüber. Sicherlich wußte
+Herr Autor durchaus nicht, wie fein er sich durch sein Wort und seine
+Handbewegung erwies. --
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+Die Jahre sind hingegangen seit dem Tage. Nicht viele Jahre -- fünf zum
+höchsten, kurz eine lange, lange Zeit. Ich habe das Meinige erlebt
+währenddem -- die Welt roch einige Male recht brandig -- Saturn entwickelte
+mehrmals einen gott- oder göttergesegneten Appetit: die Knochen seiner
+Kinder knackten und knirschten unter seinen Zähnen; es floß ihm rot an den
+Kinnladen herab; hier und da lief das Blut in den Straßengräben und
+Ackerfurchen: im Bunten eine buntfarbige Erinnerung mehr, das ist das
+einzige, was mir von jenen Stunden blieb, jenem Tage, an welchem Herr
+Kunemund mich abholte, seine kleine Freundin in ihre Erbschaft zu geleiten.
+
+Es war ein Gebäude, wie es im achtzehnten Jahrhundert die Herren aus der
+Umgebung Serenissimi in großen und kleinen Residenzen in ihren Gärten
+versteckten, und wie es in so manchem Schau- und Trauerspiel, in so manchem
+Roman nicht nur des achtzehnten, sondern auch des neunzehnten Jahrhunderts
+sich aufbaut als Schauplatz von Liebe und von Kabale. Ein Häuschen, in
+welchem aber auch von Thümmel seine Wilhelmine hätte schreiben können, und
+in welchem der Verfasser der Reise in die mittägigen Provinzen von
+Frankreich sich auch unter dem, was Mynheer van Kunemund hinzugetan, gewiß
+nicht unbehaglich gefühlt haben würde. Die Stukkaturplafonds und die
+Schnörkelschnitzeleien an Tür und Pfosten hatten dem Geschmack des alten
+abenteuernden Heimtückers zugesagt, und er hatte das Seinige getan und
+alles verblichene Gold neu auffrischen lassen. Auch die Decken- und
+Wandmalereien hatte er zum größten Teil konserviert, und die bekannten
+Abgöttereien, Schäfereien, Jägereien und Fischereien ergötzten das Auge
+fast von jeder Richtung her. Aber Mynheer hatte auch ein Gusto für buntes
+Fensterglas mit in seinen lichten Schlupfwinkel gebracht und seine Gemächer
+in das bunteste Licht gekleidet. Und was er von seinen Weltfahrten an
+Wunderdingen mitgeschleppt hatte, das hatte er auf den Tischen und
+Schränken und die Wände entlang aufgehäuft und angehängt. Selbst die
+Fußböden hatte er durch ausländische farbenprächtige Teppiche und die Felle
+fremder Tiere nach Möglichkeit wunderlich ausgestattet; das Ganze
+überwältigte, selbst nur als Raritätensammlung betrachtet, beim ersten
+Durchschreiten der Räume vollständig.
+
+Aber die Lebendigen waren doch das Merkwürdigste, -- sie stehen mit jedem
+Worte, mit jedem Gestus fest in meiner Erinnerung -- der Meister Autor, das
+schöne Waldfräulein und der Leichtmatrose und Pilgerführer Karl Schaake von
+der Hamburger Barke Kehrwieder.
+
+Ich sehe den Bremer Mohren, Ceretto Wichselmeyer, eine Tür nach der andern
+vor der neuen Herrschaft öffnen; ich sehe das süße Kind immer größere und
+glänzendere Augen öffnen, aber ich sehe es auch von Schritt zu Schritt
+immer mutiger und mutwilliger werden. Ich sehe, wie sich Fräulein Gertrud
+Tofote lachend auf weiche Polster wirft, um sofort wieder aufzuspringen und
+über die orientalischen Decken, die Tigerfelle mit leichter Hand zu
+streichen; ich sehe sie mit bunten Schmuckkästchen in der Hand, mit einem
+javanischen Federfächel in der Hand, -- ich sehe sie mit einem
+Korallenschmuck im Haar vor einem der vergoldeten Spiegel. Ja, ich sehe das
+Lächeln, mit welchem sie sich in den Spiegeln des Hofmarschalls von Kalb
+oder des Oberschenks von Bock, und zwar auf den Teppichen Mynheer van
+Kunemunds stehend, beäugelt; und ich sehe auch den Meister Autor Kunemund,
+der hinter ihr hertritt, sich über ihr Entzücken freut und doch dann wieder
+auch stehen bleibt und kopfschüttelnd und traurig sie, unbemerkt von ihr,
+lange und fest ins Auge faßt.
+
+Ich sehe dann den Meister Autor, wie er den Stock seines »kleinen Bruders«
+in einer Ecke findet und am Nagel den Hut des Seligen. Ich sehe, wie er vor
+diesen Stücken der Erbschaft lange mit dem schwarzen Zauberhüter der
+tausend Herrlichkeiten flüstert, um von neuem den Kopf zu schütteln. Ich
+belausche einen tiefen Seufzer des Alten, während aus dem Nebengemache,
+hinter dem schweren sammetbefranzten Türvorhang her, ein neuer, heller,
+lachender Jubelruf des jungen Mädchens erklingt; den jungen Seefahrer
+erblicke ich in diesem Momente nicht, aber ich finde ihn noch wieder -- im
+Märchenhause Mynheers van Kunemund und in meiner Erinnerung. --
+
+Wir haben allgemach das ganze Haus durchstöbert und kehren nun zurück durch
+den Wirrwarr der bunten Räume, um das lustig verzauberte Gartenschlößchen
+auch von außen zu umschreiten und den Garten einer neuen und eingehenderen
+Durchforschung zu unterwerfen. Und auf diesem Rückmarsche finde ich meinen
+jungen Salzwassermann in einem Winkel eines der vordern Gemächer, und zwar
+in mürrischer Betrachtung der Schlange unter den Blumen.
+
+Er saß auf einem Eckpolstersitz und hatte von einem Hängebrett zur Seite
+den Gegenstand herabgeholt, der ihn so sehr bedenklich machte, daß er alles
+andere darüber vergaß.
+
+Als ich an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er
+sogar zusammen und wurde sofort sehr rot, was ihm, beiläufig gesagt, gar
+nicht übel stand.
+
+»Was haben Sie denn da aufgegabelt, das Ihre Aufmerksamkeit so sehr in
+Anspruch nimmt, lieber Freund?« fragte ich, und der Leichtmatrose erwiderte
+verlegen und womöglich noch röter werdend:
+
+»O nichts!«
+
+»Dem scheint doch nicht so zu sein. Bitte, lassen Sie doch einmal sehen,
+was Sie Gefährliches da hinter Ihrem Rücken verbergen.«
+
+Und jetzt sprudelte und stotterte der junge Mensch heraus, was ruhig und
+lachend zu sagen er sich zu schämen schien:
+
+»Ich weiß nicht, wie das hierher kommt, und ob der, welcher es hierher
+gebracht hat, gewußt hat, was es bei sich zu Hause bedeutet. Aber auf den
+Inseln der Banda- und der Harafura-See schafft ein Feind es dem andern
+verstohlen ins Haus oder aufs Schiff und geht nachher hin und reibt sich
+die Hände und wartet ruhig den Erfolg ab. Sie sagen und glauben fest daran,
+daß es Unglück bringe -- daß Haus und Schiff zugrunde gehen müsse, wenn es
+nicht noch frühzeitig wieder hinausgeworfen werde. Es ist natürlich eine
+Narrheit; aber kein malayischer Seemann duldet es auf seinem Schiff, und
+ertappen sie einen, der es böswillig in der Hosentasche trägt, fliegt
+beides über Bord, der braungelbe Kerl wie das graugrüne Zauberding.«
+
+»Das ist ja recht interessant! Aber was ist es denn? Zeigen Sie doch
+einmal, lieber Karl!«
+
+Zögernd legte der Leichtmatrose einen dem äußern Anschein nach höchst
+unverfänglichen Gegenstand in meine Hand, nämlich einen
+schwärzlichgrünlichen Stein von eirunder Form und der Größe einer
+Weiberfaust. Bei näherer Betrachtung erwies sich jedoch, daß das Ding
+bezeichnet war und nicht ohne Kunst und Mühe zugerichtet, daß es also auch
+wohl für den Verfertiger seine Bedeutung haben mußte. Die eine Hälfte war
+mit einem Durcheinander wahrscheinlich sehr magischer und niederträchtiger
+Schriftzüge bedeckt; auf der andern Hälfte wies sich ein Gesicht
+eingegraben, und seltsamerweise hatte sich der Künstler augenscheinlich
+bemüht, so gut es ihm eben möglich war, jedwede Fratzenhaftigkeit davon
+fernzuhalten, und das war ihm auch so ziemlich gelungen. Es gab sicherlich
+häßlichere molukkische Frauen und Göttinnen, als diejenige gewesen sein
+mußte, die zu diesem Skulpturwerk Modell gesessen hatte.
+
+Nachdem ich das magische Ei mit gebührender Aufmerksamkeit hin und her
+gewendet, es unter jeglichem Gesichtspunkt betrachtet und zuletzt sogar
+berochen hatte, gab ich es zurück und zuckte die Achseln.
+
+»Sie nennen es den Stein der Abnahme und dulden es nicht,« sagte Karl
+Schaake.
+
+»Der Stein der Abnahme?! Freilich ein sonderbares, bedeutungsvolles
+Wort!... der Stein der Abnahme!«
+
+Ich nahm das Ding zum zweitenmal und betrachtete es noch einmal von allen
+Seiten, indem ich wiederholte:
+
+»Der Stein der Abnahme!«
+
+Den Schriftzügen vermochte ich nichts abzugewinnen, wohl aber allmählich
+dem Weibergesicht. Die Phantasie tut in allen diesen Stücken das Ihrige
+und tat das auch jetzt. Das kindische, unsichere Bild gewann ein
+tierisch-stupides Leben, und über alles einen Zug von unerbittlicher
+Grausamkeit und kahlem, nichtssagendem Hohn, der es mich auf der Stelle zum
+andernmal zurückgeben ließ:
+
+»Sie dulden es nicht?«
+
+»Unter keinen Umständen! Sie reißen selbst das Haus nieder, in welchem es
+gefunden wird.«
+
+»Und Sie, lieber Freund, verspüren all Ihrem Europäertum zu Trotz ebenfalls
+nicht die mindeste Lust, dieses Es, diesen -- Stein der Abnahme, hier --
+grade hier, in diesem Hause zu dulden? Es juckt Sie längst in allen
+Fingern, das Entsetzliche verstohlen in die Tasche zu schieben und es
+nachher in den Fluß zu werfen, da wo er Ihnen am tiefsten vorkommt? Nicht
+wahr?«
+
+Der junge Mann nickte mit allem Nachdruck, den Blick nicht von mir
+abwendend.
+
+»Nun, was hindert Sie denn, lieber Karl? Ich meine, wir können es vor dem
+Meister Autor, dem Bruder Mynheers van Kunemund, wie vor der niedlichen
+Erbin Mynheers -- und vor letzterer am ersten verantworten. Sehen Sie, das
+Fenster steht weit genug geöffnet. Werfen Sie, und reinigen Sie das Haus
+von dem Unheil!«
+
+So vieler Worte hatte es kaum bedurft. Beim ersten bereits war der
+Seefahrer aufgesprungen, und jetzt flog im weiten Bogen der Stein der
+Abnahme aus dem Fenster und klatschend mitten in das Bassin vor dem Hause.
+
+»So -- gottlob!« rief tief aufatmend Karl.
+
+»So!« sagte ich lachend und habe späterhin Gelegenheit gefunden, mich
+dieses Lachens mehrfach zu erinnern. Fürs erste fanden wir uns noch einmal
+im Garten unter den Bienen, Blumen und Schmetterlingen zusammen und
+beredeten noch dieses und jenes, woran Gertrud Tofote, versunken in ein
+unruhiges Träumen, wenig Anteil nahm.
+
+Dann fragte Herr Kunemund:
+
+»Du wirst doch heute mit uns essen, Karl?« und Karl dankte zögernd und
+sagte:
+
+»Ich habe der Muhme im Cyriacihofe versprochen, heute bei ihr zu bleiben,
+und sie wird schon längst eine recht schöne Rede über mein Ausbleiben für
+mich in Bereitschaft haben.«
+
+So nahmen wir Abschied. Wir, der Seefahrer und ich, ließen die Erbin im
+Besitz der Erbschaft Mynheers van Kunemund, und ein jeder ging seines
+eigenen Weges: ich den meinigen, wie gesagt, durch verschiedene Jahre. In
+diesen Jahren hatte ich das Meinige in Wohl und Wehe abzutun und konnte
+mich nicht immer mit dem, was andere Leute eigentlich allein anging,
+beschäftigen. Aber dessenungeachtet behielt ich diesen Tag mit allen seinen
+Figuren und Vorgängen in merkwürdiger Frische in der Erinnerung. Den
+Meister Autor hatte ich ja sogar, wie man das so nennt, liebgewonnen. Und
+wenn man sich gewöhnlich wenig mehr bei dem Wort denkt, als daß ein
+wohltuend warmes Behagen von der oder der Persönlichkeit für uns ausgeht,
+so trat hier doch noch etwas anderes hinzu: ich hatte nämlich den Meister
+auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flüchtig genug im Tage
+lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz
+Gewöhnliches und Einfältiges, wenngleich ungemein Feststehendes sträubte.
+
+Das Behagen behielt freilich stets die Oberhand. In mancher verdrießlichen
+Stunde schweifte meine Seele mit Wohlgefühl in des Alten Einsamkeit und
+sein sagenhaftes Leben hinüber; und in mancher unsichern Stunde habe ich
+ihn, den Meister Autor Kunemund, in der Einbildung um Rat gefragt,
+denselben jedesmal erhalten und wirklich dann und wann befolgt und zwar
+niemals zu meinem Schaden, wenngleich sehr häufig zur unmäßigen
+Verwunderung anderer Leute.
+
+»_Dem_ Mann geht es immer gut! Dem Mann kann es nie schlecht gehen!« dachte
+ich, und saß mit ihm in der Phantasie an der Schnitzbank und spielte mit
+dem tapfern, blanken Messer seines königlichen Ahnherrn. Und mit ihm sah
+ich seinen Wald im Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintergewande, in
+Sonnenlicht und Nebel, und sah die Alte und den Förster Tofote und das
+Kind, das schöne Kind. Und während ich an meinem eigenen Leben schnitzelte
+und zwar im Holz, das mir überwiesen worden war, philosophierte ich dann
+und wann, wie es sich gehörte, über das Material, welches andern in die
+Hände fiel, so zum Exempel über die Erbschaft Mynheers van Kunemund.
+Hundert Meilen entfernt vom Elmwalde kümmerte ich mich um jenen wunderlich
+schönen Garten, die liebliche Erbin darin und dachte an die rotweiße
+Meßstange, welche jener Stadterweiterungsplan der armen Gertrud Tofote
+zwischen ihrem Flieder, Jasmin und ihren Rosen eingepflanzt und
+aufgerichtet hatte. --
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+
+Der Schnellzug hielt im freien Felde, ungefähr eine halbe Stunde von der
+Station, und während fünf Minuten unterhielten sich die Reisenden in
+sämtlichen Wagen, in der Erwartung, daß es sogleich weiter gehen werde,
+ruhig über die möglichen Gründe des plötzlichen Anhaltens. Nach einer
+weiteren Minute bogen sich die ungeduldigeren Passagiere aus den Fenstern,
+um sich nach diesen Gründen umzusehen, und einen kürzesten Moment später
+bot die lange Wagenreihe mit den daraus hervorguckenden Köpfen den Anblick
+einer Straßenseite, wenn drunten in der Gasse etwas ganz Außergewöhnliches
+vorgegangen ist oder vorgeht. Wenn nun aber auch kein Kanarienvogel der
+zärtlichen Pflege seiner altjüngferlichen Herrin entschlüpft war, so war
+nichtsdestoweniger etwas, wenn auch nicht Außergewöhnliches, so doch gewiß
+ziemlich Aufregendes passiert, zumal für diejenigen, welche dergleichen
+noch nicht auf ihren Reisen erlebt hatten.
+
+»Personen- und Güterzug entgleist ... Bahn unfahrbar!... Heizer und
+Lokomotivführer tot, viele Passagiere verwundet!« ging es plötzlich von
+Mund zu Munde durch alle Klassen des Zuges, und die bereits am Rande der
+Böschung in Gruppen stehenden Schaffner ließen sich nunmehr allgemach
+herbei, die Nachricht zu bestätigen und fingen auf Befehl des Zugführers
+an, die Wagentüren zu öffnen.
+
+Allgemeines Herausklettern -- Durcheinander von Frage und Antwort -- hie
+und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach
+dem Charakter oder der Eile der persönlichen Reisenot heftiges
+Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen! Wer es schon mitgemacht
+hat, weiß es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt; wer noch nicht im
+freien Felde vor die Alternative gestellt wurde, in dem Coupé zu
+übernachten, oder nach eigenem Können und Vermögen seinen Weg über das
+Hindernis da vorn auf dem Geleise zu suchen, der mag sich selber den Puls
+fühlen. --
+
+Was mich anbetraf, so hatte ich wenig zu versäumen, und nachdem mir die
+Gewißheit geworden war, daß für eine längere Zeit an ein Freiwerden der
+Bahn und ein Weiterfahren des Zuges nicht zu denken sei, ergab ich mich
+gleichmütig in die Situation, sah mich um und suchte mich in der Gegend
+zurecht zu finden.
+
+Wir hielten in der Ebene, wie gesagt, eine halbe Lokomotivviertelstunde von
+der nächsten Station entfernt, hatten also einen ziemlich beträchtlichen
+Weg, und zwar auf sehr schlechtem und gar noch dazu durch ein heftiges
+Gewitter am frühen Morgen aufgeweichtem und grundlos gemachtem Pfade zu dem
+Orte hin. Aber es war ein herrlicher, klarer, sonniger und doch durch eben
+jenes Morgengewitter erfrischter Sommernachmittag, und es gab schlimmere
+Klemmen als die meinige im menschlichen Leben: ich wenigstens hatte
+schlimmere und zwar ziemlich heiter überwunden, wenn auch dann und wann nur
+aus dem einfachen Grunde, weil ich mußte.
+
+Ich hatte mich bald in der Gegend zurechtgefunden. In der Ferne, gegen
+Nordost zog sich wieder einmal der Elmwald hin; in der hügeligen Ebene
+zwischen dem Walde und der Eisenbahn, ungefähr eine Viertelwegstunde von
+der letztern lag ein Dorf in Gebüsch, Wiesen und Kornfeldern, und der Weg,
+den wir sämtlich zu treten hatten, wenn wir das Hindernis vor uns umgehen
+wollten, führte durch dieses Dorf. Zu Haufen und einzeln, teilweise schwer
+genug mit ihrem Gepäck belastet, schritten die Insassen des Bahnzuges den
+roten Dächern zu; ich aber, mit ein wenig besserm Humor für das Ertragen
+der Verdrießlichkeit ausgerüstet, ließ den Schwarm voranziehen. Eine
+Zigarre anzündend, klomm ich ihm den Hohlweg hinauf langsam bis auf die
+Höhe nach, erstieg dann die Böschung und saß am Rande eines unübersehbaren
+Weizenfeldes unter einem schattigen Fliederbusche nieder, und zwar in
+ziemlich eigentümlicher Stimmung.
+
+Da war eben noch der wirreste Lärm, das Rasseln der Räder, das Geschwätz
+der Mitreisenden, das Ächzen der Maschine, kurz der Dampf, Qualm und die
+Musik der ganzen kostbaren Erfindung um mich gewesen und jetzt -- die
+tiefste Stille -- bis auf die Lerchen über mir im Blau und die Grille neben
+mir im Thymianbusch. Und, weithin zu überblicken, lag die Ebene im
+Sonnenduft, und im Süden das Gebirge im weißlichen Glanze. In
+Schlangenlinien zog sich der Bahnkörper durch die Fläche und um die Hügel,
+hier verschwindend, dort von neuem auftauchend, bis sich die Windungen im
+Dunste der Ferne verloren. Die Sonne glitzerte auf den Schienen; und dort,
+zwei- bis dreihundert Schritte von meinem grünen Busche entfernt, zwanzig
+Fuß tiefer als er, lag wie ein verendendes Ungeheuer der schwarze lange
+Wagenzug mit dem nur noch leise auskeuchenden Kopfe des Drachens, der
+Lokomotive. Nur die Beamten -- der Lokomotivführer, Heizer und Schaffner
+waren noch um die Wagen beschäftigt, und in den ersten Klassen hatten
+einige verdrießliche Herrschaften von beiden Geschlechtern
+verzweiflungsmatt ihre Plätze festgehalten.
+
+»Wie schön doch die Welt geblieben ist!« sagte ich erstaunt. »Gütiger
+Himmel, und das liegt noch immer dicht neben uns, und lächelt uns mitleidig
+nach, während wir da vorüberrasen, befangen im Wahn in dem wüsten Gelärm
+durch eigenes Mitlärmen, Mitkeuchen und Mitgreifen das zu gewinnen, woran
+wir längst vorbeigewirbelt wurden. Welch eine Fratze schneidet uns unser
+eigenes Leben, wenn wir es einmal in der rechten Beleuchtung anschauen!
+Meine Herrschaften, da wäre die Gelegenheit, für die, die da lachten, zum
+Weinen, und für die, die da weinten, zu einem Lachen zu kommen! O
+verflucht, lieber von Schmidt!«
+
+Ich hätte in dieser märchenhaften Stimmung fast die Zigarre als eine
+=frivolitas frivolitatum= in den Hohlweg hinunter und der Eisenbahn
+zugeworfen, tat es aber natürlich doch lieber nicht, sondern blinzelte
+behaglich mit einem befreienden Atemzug in das Bessere, ohne das Gute zu
+verwerfen, bis das Märchen noch freundlicher seine Hand mir in die helle
+sonnenvolle Stunde hinein und entgegen streckte, und mir die Gelegenheit
+bot, die beste Bekanntschaft, die ich in der Gegend hatte, zu erneuern.
+
+Der goldene Weizen dicht hinter mir sang leise im leichten Winde. Die
+letzten Passagiere hatten sich längst aus meinem Gesichts- und Gehörkreise
+verloren, als das Gebell eines Hundes und der Schall von Fußtritten im Korn
+mich bewog, mich langsam und widerwillig nach der Störung hin umzudrehen.
+Ein enger Pfad durchschnitt querüber die gelben Wellen der Halme und Ähren
+und mündete, ungefähr sechs Schritte von meinem Ruheplatze, in den Hohl-
+und Dorfweg hernieder leitend. Auf diesem kaum fußbreiten Pfade durch das
+hohe Korn bewegte sich ein breitkrämpiger grüner Filzhut mir entgegen --
+kam ein Mann, ein alter weißköpfiger Mann, mit bereiftem Kinn, lang,
+schlotterig und gebückt, die kurze Pfeife im Munde, und dicht vor den Füßen
+begleitet oder besser geleitet von einem, dem Anschein nach, nicht mehr
+jungen Dachshunde, und trat, als ich grade die Hand über die Augen legte,
+um die malerische Erscheinung genauer zu betrachten, an den Rand des
+Hohlweges mit der Absicht, in ihn hinunterzusteigen.
+
+So viele Leute ich während der letzten Jahre aus dem Gedächtnis verloren
+hatte, den Meister Autor Kunemund hatte ich nicht daraus verloren und --
+hier war der Meister Autor!
+
+Unverkennbar war er es! ein wenig greisenhafter und körperlich gebrochener,
+auch wohl noch ein wenig blinder, aber doch der ganze Meister Kunemund!
+
+Mit einem Rufe der freudigsten Überraschung sprang ich in die Höhe und rief
+den guten Namen, und jetzt legte auch der Alte die Hand über die Augen, und
+so standen wir und sahen uns an. --
+
+Er erkannte mich natürlicherweise nicht sofort und wollte eben nach einem
+kurzen höflichen Gruße weiter gehen, der Eisenbahn zu, als ich ihm den Weg
+vertrat und ihm die Hand bot.
+
+»Wir waren einmal gute Freunde, Herr Kunemund,« sagte ich. »Und ich hoffe,
+daß wir uns als solche heute wiederfinden.«
+
+Nun nannte ich ihm meinen Namen, und er rückte mir rasch unter die Nase zu
+genauester Betrachtung, und dann ging ein breites Lächeln des Erkennens ihm
+über die verwitterten Züge; er schüttelte mir kräftiglich die Hand und
+rief:
+
+»Herr, sieh, sieh, das freut mich, das freut mich aber wirklich! Sehen Sie,
+lieber Herr Bergrat, grade an Sie habe ich eben noch gedacht, und wie oft
+ich die letzten Zeiten hindurch an Sie gedacht habe und Sie gern einmal
+gesprochen hätte, das kann nur ich alleine wissen. Also aber vor allem
+andern, Ihnen geht es doch nach Wunsch in der Welt?«
+
+Wem geht es eigentlich nach Wunsch in der Welt? Wem ging es irgend einmal
+zu irgendeiner Zeit danach? Ich zuckte die Achseln, doch da ich
+augenblicklich wenigstens mich über einen außergewöhnlich scharf
+zubeißenden Lebensverdruß nicht zu beklagen hatte, so rief ich: »Man soll
+um Gottes willen die Götter nicht eitel machen; ich werde mich sehr hüten,
+sie zu loben; aber sonst, jawohl, geht es mir ganz gut!« und damit gab ich
+ihm seine Frage zurück. Da zog auch der Alte die Schulter in die Höhe, und
+ich brauchte die Bestätigung durch sein Wort nicht abzuwarten; ich sah es
+schon selber, daß es ihm nicht gut ging, und daß der Staub und Dampf der
+Erde ihn doch noch ein wenig mehr als mich zugedeckt habe und überwölkt
+halte. Ich sah schon auf den zweiten Blick, daß der Meister Autor der Mann
+nicht mehr war, den wir einstens, an einem Sommertage im Walde getroffen
+hatten, das Kind hütend, und mit dem Kinde geheimnisvolle Wunder in der
+Einsamkeit erlebend -- er war heute vielleicht noch etwas mehr!
+
+»Nun, ich bin auch noch ganz zufrieden, lieber Herr,« sagte der Greis;
+allein das Wort kam zögernd heraus, und er brach ab und fragte: »Was ist
+denn dorten passiert auf der Bahn? Ich hörte im Felde von einem, daß ein
+Unglück geschehen sei, und kam, um nachzusehen. Sind Sie auch mit
+betroffen, Herr?«
+
+Ich beruhigte ihn und gab ihm Nachricht und Auskunft über den Vorfall,
+soviel ich davon zu vergeben hatte.
+
+»Ihre Hülfe ist da unten nicht vonnöten, Herr Kunemund. Ihr wißt freilich
+manchen Zauberspruch, Meister; aber ein Eisenbahngeleise macht Ihr doch
+noch nicht frei durch Euren guten Willen. Also wenn Sie es sonst nicht
+eilig haben, verehrter Freund, so gönnen Sie mir ein Viertelstündchen Ihre
+Gesellschaft. Sehen Sie, da habe ich unter dem Busch gesessen in nicht
+unfröhlichen Gedanken, und jetzt kommen Sie durch das Weizenfeld, der
+Mann, der mir vor allen Menschen notwendig war, die gute Stunde zu
+vollenden! Es geschehen doch noch Wunder, und das Wurzelwerk und Kraut hier
+unterm Busch ist auch nicht ohne Grund zu einem Sitz für uns beide
+zurechtgemacht. Setzen wir uns, und dann, Meister, Meister, wie geht es im
+Walde? Was macht das Haus mit den Hirschgeweihen auf den Giebeln? was kocht
+die Alte? und was macht der Förster und Euer wunderschönes Pflegekind, die
+Gertrud Tofote, die ein so reiches Mädchen geworden war, als wir uns
+zuletzt sahen -- wißt Ihr noch? Wahrhaftig, ich verwirre mich fast; nach so
+vielen guten Bekannten und Freunden habe ich mich bei Euch zu erkundigen!«
+
+»Da wird es freilich besser sein, daß Sie mir einen Platz an Ihrer Seite
+geben, lieber Herr. Man fragt eben nicht nach vielen Leuten in der Welt,
+wenn es Freunde sind, ohne daß man eine ausführliche Antwort erwartet. Ich
+habe wohl Zeit zu allem; aber wissen Sie ganz gewiß, daß Sie dergleichen
+haben? Ich habe es oft gefunden, daß die Leute sich hierin irren, als
+worauf sie dann selber sich ärgern und man selber den Verdruß davon hat.«
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+
+Wir saßen beieinander am Rain, im Schatten und doch in der Sonne. Der
+Thymian roch noch immer sehr gut, die Grille sang, die Lerche sang und das
+Ährenfeld sang auch, und zu allem andern ließ sich jetzt auch noch eine
+Wachtel aus dem Weizen vernehmen; aber der alte Zauberer sagte trüblich:
+
+»Also erstens, ich wohne nicht mehr im Walde!«
+
+»Was, Sie wohnen nicht mehr im Walde?«
+
+Er schüttelte den Kopf:
+
+»Nein. Und der Arend auch nicht mehr, und die Alte desgleichen. Ein neuer
+Förster sitzt an unserer Stelle, und die Forstbehörde hat ihm das Haus
+restauriert; das heißt, als man auf sein Geschrei anhub, es ihm zu
+erneuern, ging es natürlich ganz aus den Fugen, und so hat man ihm ein ganz
+neues hinsetzen müssen. O das ist wunderschön, sie nennen es gotisch und
+haben lange drauf studiert, bis sie die Form herausgebracht haben, sagt
+man, aber jetzo haben sie sie heraus, und nun geht sie ihnen leicht genug
+ab, an jeglicher Stelle, wo man ihnen den Platz dazu anweist. Ja Herr, was
+Sie damals von und an uns kannten, das ist alles nicht mehr vorhanden.
+Alles zerstreut -- verkauft -- ins Blaue gejagt! Ich auch; aber ich bin
+gottlob auch der einzige, der es noch nicht verwunden hat. Danke, Herr, den
+andern geht es recht wohl.«
+
+»Meister, Meister?!... Meister, was ist das? Seine Freunde soll man nicht
+durch unnütze Reden quälen. Laßt mich alles hören und so schnell als
+möglich! Wie geht es dem Förster? Was ist aus Fräulein Gertrud geworden?«
+
+»O, _der_ geht es sehr, sehr gut. Danke schön!« sagte der Alte, den Kopf
+womöglich noch tiefer auf die Brust herabsinken lassend.
+
+»Gottlob! Und ihr Vater wird bei ihr wohnen, und die Alte gleichfalls --
+was jagt Ihr einem für einen unnötigen Schrecken ein! -- Sie alter Sünder
+werden nur hier Ihren eigenen schnurrigen Willen für sich allein weiter
+haben wollen, und in melancholischen Augenblicken wie zum Exempel jetzt
+haben Sie dann freilich alle Zeit, sich über sich selber zu ärgern.«
+
+Der Greis schüttelte wiederum den Kopf, aber diesmal lachte er dazu;
+wahrlich er lachte, und zwar ganz behaglich, als er mir entgegnete:
+
+»Ganz so, wie Sie es sich vorstellen, ist die Geschichte doch nicht, lieber
+Herr. Der Arend Tofote hat freilich bei unserem Kinde sein Quartier
+genommen, aber ausgehalten hat er das nicht lange. Zuletzt wollte er seinen
+schnurrigen Willen auch allein haben, und so hat er sich denn begraben
+lassen, und zwar als er auf Besuch bei mir da im Dorfe war. Dort drüben
+jenseits des Weges auf dem Kirchhof im Felde liegt er; und die Alte ist zu
+ihrer Vetterschaft hinter dem Walde gezogen; ich hingegen, lieber Herr,
+wissen Sie, spiele hier den Maulwurf auf der Schaufel; aber Vergnügen macht
+es mir gerade nicht. Nur wer jemals selber den Maulwurf auf der Schaufel
+hat spielen müssen, kann darüber nachsagen oder nur ein Wort mitreden.«
+
+»Wahrlich!« rief ich mit heftigstem Nachdruck aus der Mitte meines
+Schreckens heraus; aber ich sagte weiter nichts, denn ich hatte nun
+allmählich wohl merken müssen, daß hier mit einiger Vorsicht aufzutreten
+sei. Ich unterbrach also das Schweigen, in welches der Meister Autor
+versunken war, nicht; sondern ich ließ ihn seinen eigenen Weg durch seine
+Erlebnisse gehen, in der festen Gewißheit, daß er mich baldigst auffordern
+werde, ihm auf demselben zu folgen. Und so geschah es auch. --
+
+Der Himmel war blau über uns, freudig-lockend das ferne Gebirge, grün der
+nähere Elmwald. Die Schmetterlinge umflatterten uns, die roten und blauen
+Blumen am Rande des Kornfeldes nickten uns lieblich zu, im Dornbusch und im
+Fliederbusch war's lebendig und kroch und summte es, und die Lerchen und
+die Wachtel wollten auch nicht still werden. Die Welt war sehr schön,
+selbst an dieser eigentlich ziemlich unschönen und ganz und gar nicht
+romantischen Stelle; aber ein schauerlich Grauen ob der Gewißheit, daß mir
+von neuem einmal gezeigt werde, daß sie ebenso häßlich als schön sei,
+durchfröstelte und überkroch mich. Notwendig erschien mir das neue
+=argumentum ad hominem= grade nicht, und ich würde mit Vergnügen Verzicht
+darauf geleistet haben.
+
+Nachdem der Alte lange genug geschwiegen hatte, sah er auf und sagte mit
+einem letzten Blick auf den bewegungslosen Bahnzug:
+
+»Ich hatte mir vorgestellt, daß man da vielleicht eine Handreichung
+brauchen könne, wenn dem aber nicht so ist, so meine ich, wir gehen weiter,
+lieber Herr; und, Herr Bergrat, da ich Sie doch einmal wieder zu meinem
+großen Vergnügen so unvermutet getroffen habe, so habe ich jetzo auch eine
+Bitte an Sie. Kommen Sie auf ein Viertelstündchen in meine Stube! Sehen Sie
+es sich einmal an, wo ich untergeschlupft bin! Sie tun ein gutes Werk an
+einem nichtsnutzigen, überflüssigen Gesellen, der noch nie in der Welt sich
+zurechtfinden konnte, und der jetzt ganz an den Nagel gehängt ist, wie ein
+Junggesellen-Bratenrock, in den, statt des jungen Nachwuchses, die Motten
+kamen. Ja ihr, die ihr euch da umtreibt (er wies auf die glitzernden
+Eisenschienen, die sich durch die Landschaft zogen), ihr, die ihr alles,
+was euch passiert, von einem Tage zum andern zu nehmen wißt, ihr könnt euch
+freilich nicht in unser Gemüte hineinversetzen.«
+
+»Herr Kunemund,« sagte ich, »wann fehlen der Leiter, die in einen Brunnen
+hinunterreichen soll, _nicht_ einige Sprossen!«
+
+Ich hätte mich eines philosophischen Ausdrucks bedienen können, ich hätte
+mich höchst schulgerecht ausdrücken können; aber da mich der Meister
+verstand, so war's nicht vonnöten; und zu allem Übrigen war die Redensart
+auch ganz und gar sein Eigentum und nicht das meinige. Er klopfte mich
+freundlich auf die Schulter, und wir standen auf aus dem Gras, Moos und
+Thymian.
+
+Das schwere, mühselige Sichemporheben des Alters bekümmerte mich bei dem
+greisen Freunde jetzt ebenfalls noch; ich half ihm höflich, und wir gingen
+dem Dorfe zu, ohne auf dem Wege noch ein Weiteres miteinander zu reden. --
+
+Im Dorfe herrschte noch immer eine gewisse, ganz kuriose großstädtische
+Bewegung. Wie ein Schwarm Stare in ein Röhricht fällt, so hatte sich das
+sozusagen allgemein europäische Publikum von dem aufgehaltenen Schnellzuge
+auf das erstaunte winzige Gemeinwesen niedergeschlagen, und allerlei Volk,
+das durchaus nicht dahin gehörte, erfüllte die Gasse. Die Dorfleute sahen
+mit den allergrößesten Augen in das so plötzlich über sie hereingebrochene
+Wesen und Treiben hinein, und die höflicheren Bauern und Bäuerinnen hatten
+auch wohl schon einige Stühle und Bänke für die unvermuteten Gäste in den
+Schatten ihrer Gras- und Baumgärten hinausgeschafft und den Besuch zum
+Hinsetzen eingeladen. Über die Schenke, den Dorfkrug, hatte sich ein bunter
+Haufen ohne Unterschied des Standes und der Wagenklasse hingestürzt, um
+das vorhandene Getränk zu vertilgen und über es und die armselige Kneipe
+herzhaft und unglimpflich loszuziehen. Es war eine närrische Bewegung, und
+als wir hineintraten, machte auch der Meister Kunemund große Augen; aber
+nicht lange.
+
+Der Meister führte mich, nachdem er sich vergewissert hatte, wie die Sachen
+standen, ohne weiter nach rechts und links zu sehen, die Dorfgasse entlang.
+Und so kamen wir denn, ohne aufgehalten zu werden, zu seiner Wohnung am
+entgegengesetzten Ende der Gemeinde, einer ärmlichen Hütte, zu der man über
+einen Steg, der über ein mit saftigem Grün bewachsenes, fußbreit
+hinrieselndes Wässerchen führte, gelangte. Eine armselige Hütte, doch von
+Bäumen und Hecken umgeben, also zu dieser Jahreszeit gar nicht übel in die
+Welt hineingebaut, ja ganz behaglich und idyllisch in dieselbe hingelegt.
+--
+
+»Da lebe ich denn wieder und bin zurückgekommen dahin, woher ich kam,«
+sagte Herr Kunemund. »Da hinter dem Fenster stand meines Vaters Webstuhl;
+die Bank hier vor dem Fenster hat er noch meiner Mutter aus Feldsteinen
+aufgeschichtet. Da sind wir beide geboren, ich und mein kleiner Bruder; daß
+der Tofote, der Arend, drin sterben mußte, ist viel merkwürdiger, als daß
+ich darin meine letzte Stunde in Geduld abzuwarten habe. Was sagen Sie,
+Herr? Vorhin hatten Sie große Lust, mich einen armen Tropf und Teufel zu
+nennen. Haben Sie noch Lust dazu? Nicht wahr, ich habe mein Maß doch noch
+um vieles besser als viele Leute auf der Erde zugemessen erhalten? Es
+stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause.«
+
+»Was das anbetrifft, so haben Sie es freilich gar nicht so übel getroffen!«
+erwiderte ich, mit vollstem, innigstem Ernste auf den Ton des Greises
+eingehend. Er aber nickte wieder, und diesmal nickte er ganz behaglich
+dazu. Nachher lud er mich durch eine, fast zierlich zu nennende
+Handbewegung ein, den ausgetretenen Steg mit dem vermorschten Astloch in
+der Mitten, und die Schwelle seines Hauses zu überschreiten. Er ging mir
+voran, ihm folgte der alte Dachs, und dem Dachs folgte ich, und jetzt, in
+diesem Moment, senkten sich mir die Gegensätze des am heutigen Tage
+Erlebten von neuem scharf in die Seele.
+
+Auf die lange heiße schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der
+unvermutete Stillestand und der jähe Schrecken! Mitten im wirbelndsten
+Leben die aufdringliche Kunde von den Trümmern und dem Tode da vorn auf
+der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in
+der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrünten Hang des Hohlweges -- die
+weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun?
+
+Nun das -- _das_, was immer bei allem Getümmel und Getöse der armen Welt
+doch zur Seite -- da hinter dem Hügelzug -- hinter dem Walde, hinter der
+Mauer des kleinen Gartens -- hinter den Fenstern des Hauses, an welchem wir
+vorüber fliegen -- -- hinter dem Gewühl in der eigenen Brust sich weiter,
+weiter spinnt, immerfort sich weiter spinnt: das große, offenkundige
+Geheimnis! Ja das, was Hunderttausende von Meilen ferne von uns liegt, und
+in welches uns doch ein Schritt hineinführt! das Aller-Welt-Weisheit-Volle
+-- das, was hinter allen Dingen liegt, die uns im Augenblick größer als es
+dünken, meine Herrschaften: die Stille des Vegetierens, die Stille des
+Urgrundes -- der ungekräuselte, dunkele, schrecklich-schöne Spiegel, durch
+den aller Aufruhr in uns, meine Herren und Damen, und außer uns, meine
+Herren und Damen, doch nur wie Bild an Bild nichtsbedeutender Zufälligkeit
+fließt! -- --
+
+Ich nahm den Hut ab auf dieser Schwelle; denn der Meister Autor hatte mich
+gewarnt: »Stoßen Sie sich nicht an den Kopf!«, und nur selten war die rege,
+durcheinanderwimmelnde Welt, soweit sie mich anging, so ganz und vollkommen
+zu Nichts geworden, hinter mir versunken, wie jetzt bei diesem Eintritt in
+das Haus des Meisters Autor Kunemund.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Wir standen beide gebückt unter der niedern Stubendecke.
+
+»Nehmen Sie es nur nicht übel,« sagt mein Führer, »mein Vater und meine
+Mutter waren alle zwei kleines Volk, und auch mein kleiner Bruder ist da
+nicht aus der Art geschlagen: ich wollte nur, Sie hätten ihn persönlich
+kennen gelernt. Was mich anbetrifft, so habe ich freilich in dem alten Nest
+so eine Art von Kuckuck ausgemacht.«
+
+Selten hatte ein Vergleich äußerlich so wohl und innerlich so schlecht
+gepaßt. Ich äußerte derartiges, und Herr Kunemund fragte lächelnd:
+
+»Meinen Sie?« und fügte hinzu: »aber sie nannten mich in meiner Kinderzeit
+im Dorfe stets den Kuckuck, und als ich neulich heimkam, hat's mich fast
+verwundert, daß sie mich nicht durchgängig noch so riefen. Da sieht man
+aber, wie man aus der Menschheit herauswächst und alt wird, -- das erstemal
+als mich ein zahnlos Weibchen ansprach, wie es sich gehörte, ist's mir
+ordentlich warm über die Leber gelaufen; aber kein halb Dutzend reicht noch
+zu mir hin und hinunter und spricht mich an: Na, Kuckuck, wie geht es
+denn?!«
+
+»Wie Sie sagten, hat auch der Herr Förster Tofote hier bei Ihnen gewohnt?!«
+
+»Richtig, und das war im Grunde ebenso wunderbar denn der Arend, sehen Sie,
+maß auch gut seine sechs Fuß drei Zoll, wenn nicht mehr, und hat sich also
+gleicherweise hier zwischen den Wänden, unter den Balken und auf der Bank
+arg zusammenklappen müssen. Er hat mit mehr als einer Brausche an der
+Glatze und an der Stirn in die Grube fahren müssen, wenn das auch wenig
+sagen wollte, da er sein Lebtag durch dran gewöhnt war, mit der Stirn
+anzurennen. Sehen Sie, da das Stück weichen Tannenholzes von der
+Türverschalung hat er mir auch abgestoßen mit seinem Dickkopf, und ist mir
+das gleichfalls als ein Andenken an ihn zurückgeblieben. Zuletzt wurd's ihm
+zu viel, und er hielt sich am liebsten draußen auf der Bank auf, und jetzt
+liegt er draußen, und mit dem Anrennen, den Beulen und Hautschrunden hat's
+für ihn keine Not mehr.«
+
+Es gab mancherlei Andenken in der schlechten Hütte, und nicht bloß solche,
+welche den braven Förster Arend Tofote seinen guten Bekannten in das
+Gedächtnis zurückriefen.
+
+»In solch einem Dorfe hält manches, was sich in der Stadt schnell im
+Durcheinander und Gebrauch verliert, bis in alle Ewigkeit,« sagte der
+Meister Autor. »Daß ich aber noch in einem Winkel auf meiner Mutter
+Spinnrad gestoßen bin, das war mir freilich schier und klar außer dem
+Gaudium ein Mirakel. Ich traute meinen Augen nicht, als ich es beim
+Vorsteher in der Mägdestube fand, und ich schätze es als eine Noblesse von
+dem Vorsteher, daß er es mir abließ, und mir nicht über seinen gewöhnlichen
+Wert seine Forderung machte. Ich hätte ihm die Haut vom halben Leibe dafür
+abgelassen, dem Vorsteher: denn -- wisset Ihr, Herr, ich kann auch spinnen
+und spinne jetzt die Abende durch und den ganzen Winter. Wenn man solche
+dumme Augen hat, wie ich, so geben sich die Künste, die man treibt, eben
+von selber. Im Strumpfstricken und Flicken nehme ich es mit jedermann und
+den besten Hausfrauen auf. Seit unser Trudchen uns abhanden kam, wüßte ich
+auch keinen, der mir aus Liebe, Güte oder Gefälligkeit dieses Geschäfte
+abnehmen sollte.«
+
+Es konnte nicht meine Sache sein, den Greis jetzt schon bei »unserm«
+Trudchen festzuhalten. Ich hielt es für besser, ihn ganz von selber dahin
+kommen zu lassen, wo ich ihn so gern gehabt hätte. Fürs erste schlug er
+noch einen Hasenwinkel.
+
+»Des Vogels erinnern Sie sich wohl nicht mehr? haben ihn wohl gar nicht
+einmal beachtet, wenn Sie uns die Ehre schenkten? Stieglitze gibt's genug
+in der Welt; aber ein klügerer ist seinerzeit noch nicht den Alten aus dem
+Neste gefallen. Damals hüpfte und sang er; jetzo sitzt er still in seinem
+alten Bauer -- nämlich ausgestopft. Und, lieber Herr, der Kerl ärgert mich
+dann und wann am stillen Abend, wenn ich mit ihm, mir und dem Dachs so
+allein sitze. -- Es wäre besser gewesen, wir hätten ihm nach seinem
+Abscheiden ein Kinderbegräbnis gemacht und ihn ruhig in ein Loch im Garten
+gesteckt, der Arend und ich! Ich persönlich bin auch nicht auf die dumme
+Ausstopferei gekommen; ich traf den Tofote schon eifrig und grimmig
+darüber, als ich eines Abends nach Hause kam. Gertrude war schon in der
+Stadt, und wir konnten sie also nicht um ihre Meinung fragen. Sie hatte ihn
+uns zurückgelassen; denn sie machte sich nichts mehr daraus.«
+
+Jetzt noch weniger hätte ich den Alten bei dem zierlichen Namen
+festgehalten!
+
+»Ei seht aber, Meister Autor,« sagte ich, um den seltsamen Blick desselben
+von dem ausgestopften Tierchen abzuwenden, »Sie haben da ja ein ganzes
+Museum -- ein vollständiges ethnologisches Museum!... und welche
+prachtvollen Muscheln, welche ausgezeichneten Korallen! Je genauer man
+zusieht, desto größere Schätze entdeckt man bei Euch. Sind Sie heimlich
+etwa auch während meiner Abwesenheit zur See gewesen? haben Sie auch wie
+Ihr Bruder die Tropenländer mit dem Kuriositätensack auf dem Rücken
+durchwandert?«
+
+»Dieses gerade nicht, -- o nein, im Gegenteil,« sagte der Alte ehrlich auf
+meinen Scherz. »Ich weiß eigentlich auch nicht, was Karl sich dabei denkt.
+Ich habe zwar mein großes Vergnügen daran, und das wird es wohl sein, was
+ihn antreibt! Er kommt nie von Reisen heim, ohne mir dergleichen
+Schnurrpfeiferei mitzubringen. Der Junge sitzt noch immer gern bei mir.«
+
+»Karl? Welcher Karl?«
+
+»Nun, erinnern Sie sich denn nicht? der Karl Schaake! der Leichtfittich und
+Leichtmatrose, der damals aus der Stadt Lübeck mit uns ging, als ich Sie
+abgeholt hatte, um uns zu helfen, die große Erbschaft meines ausländischen
+Bruders in Besitz zu nehmen! Nicht wahr, jetzt fällt es Ihnen ein? Und
+wissen Sie, der Junge fährt noch immer auf der See; aber jetzo als
+Steuermann. Keine Völkerschaft ist ihm zu schwarz! und bis dato ist er auch
+immer noch ganz gut und ungebraten davongekommen und mit seinem Geschäft
+zufrieden. Wie gesagt, was für ein Gefallen er gerade an mir findet, außer
+daß wir aus einem Dorfe sind, und die Base aus dem Cyriacihofe mit uns,
+kann ich nicht sagen; ich zerbreche mir aber auch gar nicht den Kopf
+darüber, denn die meisten Leute, auf die ich im Leben stieß, sind so
+gewesen. In der Hinsicht habe ich mich nicht zu beklagen.«
+
+»Das heißt: auch Euch, Meister, ist nie eine Völkerschaft zu schwarz
+gewesen!« sagte ich lächelnd; aber des frühern Leichtmatrosen und jetzigen
+Steuermanns Karl Schaake entsann ich mich nunmehr ganz deutlich und zwar
+mit dem Gefühl der Beschämung und des Ärgers, welches man immer hat, wenn
+man wieder einmal findet, daß man seinem Gedächtnis zuviel trauete.
+Unbeschadet eines gegen das Ende des zehnten Abschnittes
+niedergeschriebenen Wortes war mir der Seefahrer -- in dieser Stunde
+wenigstens -- ganz und gar aus der Erinnerung abhanden gekommen.
+
+»Der Stein der Abnahme!« rief ich. »Karl Schaake! Richtig, -- der
+Hadschi-Schiffsmann, der den heidnischen Unglücksstein aus dem Fenster
+Mynheers van Kunemund warf. Also der lebt auch noch und hat seinen Beruf
+wacker festgehalten.«
+
+»Ja freilich,« sagte der Alte melancholisch. »Was das mit dem Unglücksstein
+ist, weiß ich zwar nicht, denn das habt ihr beiden damals unter euch allein
+ausgemacht; aber die Fische und die Wilden haben ihn bis jetzt gottlob noch
+nicht gefressen. Daß es dem armen Jungen aber besser hätte ergehen können
+und ohne meinen kleinen Bruder auch ergangen wäre, das steht gleicherweise
+fest. Der Teufel hole die ganze Geschichte!«
+
+Ein Geheimnis lag hier gerade nicht vor. Wer sich offenen Auges durch diese
+Welt drängt, der lernt es bald, sich in den Verhältnissen zurechtzufinden;
+das Leben liegt vor ihm wie ein Rätsel in einem -- Kinderbilderbuche, unter
+dem die Auflösung in umgekehrter Schrift gedruckt steht. Stellt nur euch
+nicht auf den Kopf, sondern das alte abgegriffene Rätselbuch, und ihr
+werdet bald heraus haben, was es mit den Geheimnissen auf sich hat.
+
+Es war in diesem Falle eben wohl möglich, daß der tückische Zauberstein,
+der in dem Gartenteiche versank, schon zu lange für die Erben unter den
+Raritäten Mynheers van Kunemund gelegen hatte. In diesen Dingen verstehen
+Mutter Natur und Muhme Schicksal keinen Spaß, und also trat ich so dicht an
+den Meister Autor heran und sagte leise:
+
+»Jetzt, Herr Kunemund, sagen Sie es mir, was aus Ihrem schönen, süßen
+Pflegekind, aus der kleinen hübschen Gertrud geworden ist! Ich bin mit
+Ihnen gegangen und habe mir von Ihnen alles vorweisen lassen, bunte
+Muscheln, Korallen, den Kolibri, das Seepferd, kurz was Sie wollten; aber
+jetzt lassen Sie mich auch hier klar sehen. Daß das Dasein schwer und
+mühevoll auf Ihnen liegt, habe ich vom ersten Augenblick unserer Begegnung
+gemerkt; daß ich nicht aus kühler, kalter Neugierde frage, meine ich, wißt
+Ihr, alter Freund! Also bitte, Mann, teilt mir mit, weshalb Ihr Euch hier
+in der Einsamkeit auf den Maulwurf- und Grillen-Fang, auf das
+Strumpfstricken und Hanfspinnen gelegt habt! Meister Autor, Sie sind es
+unserer alten Vertraulichkeit schuldig, daß Sie mir sagen, weshalb der
+Förster nicht in seinem Försterhause, nicht bei seiner Tochter, sondern
+unter diesem Dache gestorben, weshalb die Alte zu ihrer Vetterschaft
+gezogen ist, und -- und, -- und wie es der Gertrud Tofote geht!«
+
+»Das sind viele Fragen auf einmal, lieber Herr Bergmeister!«
+
+»Und doch nur eine.«
+
+»Jawohl! Im Grunde haben Sie da recht, und so will ich sie Ihnen denn auch
+beantworten. Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Niemandem ist
+etwas Absonderliches passiert. Mir nicht! dem Arend nicht! der Alten nicht,
+und unserem armen Trudchen nicht! Wir sind auseinander gekommen, ohne daß
+wir es gemerkt haben; das heißt, wir waren einmal eines Tages auseinander
+und merkten es dann erst. Haben Sie je Leute gekannt, denen es in der Welt
+anders ergangen ist? Ich meine, die auf eine andere Art auseinander
+kamen?!«
+
+»Unter guten und klugen Freunden ist das freilich die gewöhnliche Weise,«
+erwiderte ich nach einigem Nachdenken.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Das Hindernis war aus dem Wege geräumt, die Bahn wieder frei. Ich lehnte
+mit dem letzten schwerwichtigen Worte meines alten Freundes wieder in
+meiner Wagenecke, und hatte Zeit, darüber nachzusinnen.
+
+Das letzte Wort war es eigentlich nicht gewesen, denn wir hatten nach ihm
+noch manch ein anderes durch eine gute Stunde geplaudert. Das allerletzte
+Wort an diesem Tage, zwischen mir und dem Meister Autor Kunemund, war
+gewesen:
+
+»Besuchen Sie doch ja das Trudchen in der Stadt; sie wird sich sehr freuen,
+und Sie werden ganz gewiß auch Ihr Gefallen an ihr finden. Nehmen Sie es
+mir nicht übel, lieber Herr; aber da ich Sie als einen ganz studierten,
+klugen und geschickten Menschen kennen gelernt habe, so weiß ich auch ganz
+sicher, daß Sie das, was eben der Welt Lauf in diesen jetzigen jungen Tagen
+ist, besser verstehen als ich. Dummes, ungewaschenes Zeug möchte ich Ihnen
+nicht aufreden; also -- leben Sie recht wohl: wir treffen einander
+gewißlich noch einmal wieder; -- und, lieber Herr, vergessen Sie es ja
+nicht, grüßen Sie mein Trudchen recht schön und eindringlich von mir!«
+
+Und die Bahn war frei. Wir schnoben an der Unglücksstelle vorüber und sahen
+auf der Station den Schuppen, in welchem die zwei blutigen Leichen auf dem
+blutigen Stroh lagen. Wir rasselten weiter durch den holden Abend, und
+jetzt schon war für alle, die sich auf dem Zuge befanden, das traurige
+Ereignis zu einer überwundenen Verdrießlichkeit geworden, zu einem Thema,
+über das sich schon jetzt angenehm reden und behaglich lügen ließ. Ich ließ
+_das_ also schwatzen und renommieren und saß, in _meinem_ Verdruß immer
+noch festgehalten, melancholisch in meiner Ecke, sah die grüne Landschaft
+hingleiten und bewegte mein eigenes Privaterlebnis, nachdenklich es hin und
+herwendend, im Geist. Daß ich etwas Klügeres hätte tun können, war gewiß;
+möglich war's mir aber eben doch nicht.
+
+»Was auch mit dieser hübschen Gertrud Tofote vorgegangen sein mag,« sagte
+ich mir, »und wie auch der Alte vor uns unberufenen Alltagsmenschen sich
+anstellen mag, seinen Beruf hält er fest! Er tut nur so, der getreue
+Knecht Eckart, als ob die Welt nicht mehr auf ihn zu rechnen habe. Sieh,
+nach seiner Schnitzbank habe ich ihn gar nicht einmal gefragt; -- zum
+Teufel auch, wer weiß, in welchen dunkeln Winkel er sie für den Augenblick
+geschoben hat? Und das alte Erbmesser gibt er nicht her, da kenne ich ihn;
+aber auf das Fräulein und ihren Zaubergarten bin ich doch neugierig. Eine
+Visitenkarte werde ich jedenfalls dort abgeben.«
+
+So kam ich denn im Verlaufe des Sommerabends und nach dem Verlauf der Jahre
+der Abwesenheit wieder an in der Heimat, fand meinen Weg ins Hotel und ins
+Bett und las am andern Morgen beim Frühstück in der Zeitung ausführlich,
+und mit allen Einzelheiten beschrieben, was ich selber mit erlebt hatte,
+ohne doch dabei zugegen gewesen zu sein. Und es ward mir, als ob plötzlich
+jemand sich mir über die Schulter beuge und mit unsichtbarem Finger auf das
+interessanteste Wort in dem langen Berichte deute.
+
+»Es ist nicht möglich!« rief ich.
+
+»Doch wohl!« sagte das Ding hinter mir. »Wir machen das häufig so.«
+
+Der entgleiste Zug hatte mehr Opfer gefordert, als wir, die wir ihm
+nachfuhren, zuerst erfahren hatten. Eine lange Reihe entsetzlicher
+Verwundungen war vorgefallen; Verstümmelungen waren geschehen, in Hinsicht
+auf welche die beiden ruhigen Toten leicht davon gekommen waren. Und in der
+traurigen Liste der Beschädigten wurde ein Mann aufgeführt, der im Verlauf
+meines Gesprächs mit dem Meister Autor Kunemund mehrfach genannt worden
+war:
+
+Steuermann Karl Schaake -- beide Füße doppelt gebrochen!
+
+Ich legte das Blatt leise auf den Tisch, und ging eine Viertelstunde lang
+im Zimmer auf und ab. Grade so lange Zeit dauerte es, ehe ich mit mir im
+reinen darüber war, ob ich mich wirklich noch weiter (meine eigenen
+Angelegenheiten im Auge behalten) auf diese unbehaglichen, ungemütlichen
+Angelegenheiten fremder Leute einzulassen habe, und was zu tun und zu
+lassen sei, im Falle die Antwort bejahend ausfalle.
+
+Nach einer Viertelstunde war ich im reinen, das heißt, ich hatte Hut und
+Stock ergriffen und befand mich auf dem Wege zur Eisenbahndirektion.
+
+»Der Alte liest sicherlich keine Zeitung,« sagte ich mir. »Der Seefahrer
+wird ihm ebenso sicher keine Nachricht über sein Befinden schriftlich
+geben, sondern sie ihm lieber persönlich, auf seine zwei Krücken gestützt,
+bringen. Es ist meine Pflicht, mich genauer nach den Umständen zu
+erkundigen; -- dummes Zeug -- Pflicht! es ist etwas anderes, und der Herr
+Forstsekretär von Müller, der uns damals den Vergnügungsstreifzug in den
+Elm so vergnüglich vorzuspiegeln wußte und uns richtig in seinen
+Musterforst hineinlockte, ist schuld daran, -- meines Vaters Sohn, wie der
+Meister Autor sagen würde, wahrhaftig nicht!« --
+
+Die »betreffende Behörde« war ungemein höflich und zu jeglicher Auskunft
+gern bereit. Die Bahnverwaltung traf nicht die mindeste Schuld an dem
+beklagenswerten Ereignis. Übrigens befand sich bereits alles wieder in der
+trefflichsten, wünschenswertesten Ordnung und für sämtliche Beteiligte und
+leider auch Benachteiligte war in komfortabelster Weise Sorge getragen. Die
+Toten waren natürlich an Ort und Stelle geblieben, ebenso die meisten der
+schwerer Verwundeten. Nur zwei oder drei der letztern hatten es vorgezogen,
+mit den leichter Beschädigten nach der Stadt transportiert zu werden, und
+sie waren natürlich nach ihrem Willen mit einem Extrazuge hin befördert
+worden. Zu beklagen hatte die maßgebende Stelle sich eigentlich nur über
+ein Individuum; aber über dieses auch sehr! Ein unglücklicherweise auch
+körperlich verletzter Seemann war sehr ungebärdig gewesen und hatte sich
+sogar, wie man nicht anders sagen konnte, unverschämt betragen, obgleich
+man ihm wie allen übrigen mit der höchsten Menschenliebe, Opferfreudigkeit
+usw. entgegengekommen war. Er war der einzige gewesen, sagte man mir, der
+sich trotz seinem beklagenswerten Zustande der gröblichsten Schimpferei
+nicht habe enthalten können. Auch er befand sich am hiesigen Orte. Man habe
+-- teilte man mir mit -- ihn so vorsichtig als möglich, unter chirurgischer
+Begleitung an die von ihm angegebene Adresse abgeliefert, und da liege er,
+erwarte seine Heilung und werde wahrscheinlicherweise von dort aus auch
+seine Entschädigungsklage gegen die Bahnverwaltung einleiten.
+
+Ich nahm alle diese Erklärungen des höflichen Beamten ebenso freundlich
+hin, wie sie mir gegeben wurden, und bat nur auch noch um nähere Angabe
+jener Adresse des eben, das heißt zuletzt erwähnten unangenehmen Gesellen
+und unhöflichen Matrosen. Ich erhielt dieselbige in etwas kühlerer und
+formellerer Weise als die früheren Referenzen und ging mit ihr, nachdem
+ein Unterbeamter sie selber erst wieder mit einiger Mühe in Erfahrung
+gebracht hatte. Am Nachmittag machte ich mich von neuem auf den Weg und
+fand richtig meinen guten Bekannten aus der Erbschaft Mynheers van Kunemund
+wieder; nur leider in den betrübtesten Zuständen.
+
+Die alte Stadt besitzt innerhalb der Umflutungsgräben ihrer jetzt zu recht
+anmutigen Spaziergängen eingerichteten Wälle und Bastionen mancherlei
+kuriose Winkel, dunkle Sackgassen, finstere Höfe und Torbogen; und das
+Mittelalter schielt einen hier grimmig, dort drollig, doch immer überquer
+aus mancher Ecke, von manchem Gesims, Balkenkopf, Giebel und Erker an.
+Holzstecher- und Steinmetzarbeit der Vorväter hat den neuern Jahrhunderten,
+d. h. den geschmackvollen Leuten drin, gar nicht gefallen, aber sich um so
+tapferer gegen Axt, Spitzhaue, Hammer, Maurerkelle und Tüncherpinsel
+gewehrt. Wer da als Liebhaber oder Kenner auf die Suche geht, kann noch
+allerlei finden. Was besonders jene, eben erwähnten, in die Häusermassen
+eingekeilten Höfe anbetrifft, so ist das in Wahrheit ein schier noch
+unaufgeschlossenes Reich der Wunder für den Kenner und Liebhaber.
+
+In überraschender Weise sollte ich das an dem heutigen Tage von neuem
+erfahren. Ich glaubte, die Splanchnologie der Stadt bis in die feinsten
+Verästelungen studiert zu haben, und ich fand, wie so häufig, daß ich mich
+wieder einmal gründlich geirrt hatte. Innerhalb einer der hundert
+eingeweideartig ineinandergeschlungenen und gewundenen Gassen der Stadt
+fand ich mich vor einem schwarzen, verwitterten und weiter verwitternden
+Torbogen, der bis dahin für mich durchaus noch nicht dagewesen war, und den
+ich also um so verwunderter betrachtete. Das war noch Renaissance, aber die
+Wölbung durchschreitend, fand ich mich nicht im neunzehnten, nicht im
+sechzehnten, sondern im vollsten, unverfälschten fünfzehnten Säkulo und
+stand von neuem still in begreiflichem Erstaunen.
+
+Alterschwarzer Holz- und Ziegelbau im unregelmäßigen Viereck um mich her!
+Und welch ein Holzbau!
+
+Da liefen sie, die Wände entlang, übereinander, nebeneinander hin, die
+Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit in Ernst und Humor und
+warteten geduldig auf den Photographierapparat, und der grüne Baum neben
+dem sehr modernen durch die allermodernste Dampfkraftwasserkunst gespeisten
+Brunnen wartete mit ihnen. Ob das mannigfache Volk, welches diesen Hof
+bewohnte, eine Ahnung davon hatte, wie überraschend malerisch und
+kulturhistorisch interessant es behauset war, kann ich nicht sagen: die
+Kinder, die um den Brunnen und den Baum herum krochen und hüpften und den
+Schutt der Jahrhunderte zu ihrem ewigen Spiel verwendeten, wußten es
+jedenfalls nicht. Aber es war ein kluges, gewitzigtes Geschlecht, welches
+auf alle nötigen Fragen, die man an es zu stellen hatte, die nötige
+Auskunft geben konnte, wenn es wollte. Leider wollte es aber diesmal nicht.
+Es zeigte grinsend die Zähne, lachte und ließ mich ohne Antwort stehen; ich
+hatte mich nach einem erwachsenen Menschen der Generation umzusehen und
+fand ihn glücklicherweise auch.
+
+In einem Winkel des Hofes stand ein Herr mit einem Notizbuch in der Hand,
+an einer Visierstange hinäugelnd. An ihn wendete ich mich nunmehr mit einer
+Frage nach dem Steuermann Schaake, und er nickte mir zu:
+
+»Im Augenblick, mein Herr!«
+
+Es würde sehr unrecht gewesen sein, ihn in seinen sicherlich für das
+allgemeine Wohl und Beste unternommenen Berechnungen aufzuhalten und zu
+hindern. Ich wartete geduldig, und er setzte sein Geschäft fort, seine
+Aufmerksamkeit zwischen seinen Instrumenten, seiner Brieftasche und seinen
+fernab mit der Meßkette beschäftigten Untergebenen teilend; und hoch war es
+anzuerkennen, daß er trotz alledem doch noch einige Worte der Erläuterung
+für mich übrig hatte.
+
+»Es hat uns noch keine Nivellierung so viele Mühe verursacht als diese
+hier,« sagte er, »aber dafür wird auch keine der neuprojektierten
+Straßenanlagen die Stadtbevölkerung in ihrer Vollendung so sehr überraschen
+und erfreuen wie diese. Den Kanal hinter den wackligen Mauern füllen wir
+natürlich aus, da haben wir dann noch die Rudera einer alten Stiftung, die
+müssen selbstverständlich weg. Die alten Damen verlegen wir vor das Tor in
+eine gesunde, wahrhaft idyllische Gegend, und so kommen wir hier aus dem
+Mittelpunkte der Stadt in gradester Linie zum Bahnhofe, -- ohne daß zu
+dieser Stunde ein Mensch in diesem hier umliegenden Gerümpel irgendeine
+Ahnung davon hat. Es ist wundervoll!«
+
+»Das ist es!« rief ich mit höchstem Enthusiasmus. »O ihr gütigen Götter!«
+
+»Und es ist nicht allein ein Wunder der kaufmännischen Spekulation, sondern
+es wird auch ein Wunder der modernen Architekturwissenschaften,« rief mein
+freundlicher Auskunftgeber, den meine Begeisterung nun noch über die eigene
+emporriß. »Sie glauben es gar nicht, was alles wir uns hier vorgenommen
+haben!«
+
+»O doch!« stöhnte ich aus tiefster Brust. »Ich kann es mir in größter
+Deutlichkeit vorstellen. Also wirklich, von dem, was wir jetzt hier um uns
+sehen, bleibt nichts aufrecht?«
+
+»Nichts!« sprach mit entflammtem Nachdruck mein entzückter, begeisterter
+Baukünstler. »Haben sie doch jetzt angefangen, Nürnberg abzutragen, also
+sehe ich nicht im mindesten ein, weshalb wir grade diesen wohlkonservierten
+Ruinen gegenüber mit größerer Schonung vorgehen sollten.«
+
+Hierauf ließ sich freilich nichts erwidern, und so wartete ich denn
+schweigend, bis die letzten auf die Zukunftsstraße bezüglichen Zahlen und
+sonstigen Erinnerungszeichen in das Notizbuch eingetragen worden waren.
+Auch das kam zu einem Ende, wie alles auf Erden, und ich durfte meine
+ersten Bitten um Auskunft über den Steuermann Schaake von neuem
+aussprechen.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+
+Der Herr hatte natürlich auch die Zeitung mit dem Bericht des
+Eisenbahnunglücksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt,
+daß einer der Beschädigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu
+wem und wohin, das wußte er nicht. So grüßten wir einander, und ich folgte
+dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nächste Tür
+(ein halbes Dutzend dergleichen führen von dem Hofe in die Gebäude) und
+ließ es auf das gute Glück ankommen, ob ich die richtige getroffen habe.
+
+Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von
+Füßen ausgetretene Treppe führte mich, sich im Halbkreise drehend, in den
+Unterstock, im rechten Flügel der Hofgebäude, und zuerst in einen ziemlich
+breiten gewölbten Gang, der durch ein großes Bogenfenster im Westen erhellt
+wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strömte
+in dieses große Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemäuer in
+eigentümlich schöner Weise.
+
+Eine dunkle Tür zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Männerstimme
+forderte einen Augenblick später zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd
+still auf der Schwelle in der Überraschung vor dem Bilde, das sich jetzt
+dem Auge bot.
+
+Ich erzähle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mächtig
+erregte, durch die Jahre gesänftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt
+demnach wohl auch dem Äußerlichen sein Recht geben und Gefühl und
+Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen.
+
+Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes
+Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller
+und magischer sich über das mittelalterliche Eichengetäfel des Gemaches
+ausbreitend! Grüne Zweige draußen vor dem Fenster -- das Hausgerät eines
+alten Jüngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein bärtiger Mann im
+Winkel! In der Fensterwölbung am Spinnrad eine alte Frau! ... in dem
+Sonnenstrahl die merkwürdigste alte Frau mit dem merkwürdigsten weißen
+Haar, das ich je an einer Frau gesehen hatte!
+
+Das war gleicherweise eine Fülle von Licht, -- eine Fülle, die sich nicht
+bändigen ließ und an Schönheit wahrlich den blondesten, braunsten,
+schwärzesten Locken der Jugend nichts nachgab. Blaue klare Augen, wie sie
+nur zu diesem Silber paßten, leuchteten unter den noch immer dunkeln
+Brauen; -- und dazu war das alte Zauberweible taub; es saß und spann und
+hielt die hellen, blauen Augen nur fest auf das Schmerzenslager gerichtet,
+auf welchem der starke, breitschultrige Mann, der Seefahrer und Abenteurer
+hülflos wie ein Kind lag. Von meinem Eintreten vernahm die Base des
+Steuermanns Karl Schaake nichts, sie folgte aber den Augen ihres Neffen und
+stand rasch auf von ihrem Spinnstuhle.
+
+Auch der Verwundete richtete sich, soweit er durfte, empor, und er war es
+auch, der fragte: mit wem man die Ehre habe.
+
+Glücklicherweise war das bald gesagt und erklärt, und aus dem
+verwundert-fragenden Blicke des armen Burschen wurde augenblicklich ein
+sehr erfreuter, und die fiebernde Hand, die er mir entgegenstreckte, griff
+fest die meinige und ließ sie fürs erste nicht los.
+
+»O das ist schön! das ist brav!« rief der Steuermann Schaake. »Das ist das
+Beste, was mir in diesen nächsten Tagen zufallen konnte. Nehmen Sie es
+nicht, als ob ich Ihnen mit einem dummen Schiffsagenten-Komplimente
+aufzuwarten gedächte; aber Sie, Herr von Schmidt, hatte ich vor allen
+andern Menschen nötig.«
+
+Ich sagte dem Armen einige triviale Trostesworte, auf die er natürlich
+wenig Achtung gab. Dagegen aber winkte er das alte Weiblein, das bis jetzt
+auf das, was wir gegenseitig vorgebracht hatten, mit der Hand hinter dem
+Ohre gehorcht hatte, eifrig-hastig heran und ließ es näher zu seinem Bett
+hintreten. Und als sie sich über ihn hingebeugt hatte, um ganz genau zu
+vernehmen, brüllte er ihr zu:
+
+»Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den
+wir jetzt so sehr gut gebrauchen können. Siehst du, alte Mutter, ich hab's
+dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, daß du dir deine
+ungemütliche Jammerei zu drei Vierteln hättest sparen können. He, hab' ich
+nicht immer Glück gehabt zu Wasser und zu Lande?«
+
+»Das weiß der liebe Gott!« seufzte das weiße Weibchen, beide Hände flach
+erhebend und wieder senkend.
+
+»Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn
+oder einer Seeschwalbe zu verlangen, daß sie ein Nest unter einen Dachrand
+hängen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld,
+als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn
+ging? Glück muß man haben, Tante Schaake, und daß ich Glück habe, das
+kannst du hier wieder sehen. Tausend andere hätten hier liegen können, bis
+sie reif gewesen wären für des Kapitäns Gesangbuch, das Brett und die Kugel
+am Fuß; ich aber habe mich kaum gemütlich in der Blockade eingerichtet, so
+signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht -- =man of
+war= -- sechsundneunzig Kanonen; die Tür geht auf, und Sennora Fortuna
+steckt den Kopf herein und fragt vergnügt: Befehlen Sie sonst noch was,
+Maat?!«
+
+Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wußte, wie gerade ich dem
+Seemann so außerordentlich erwünscht kommen und nützlich werden könne, so
+freute mich doch die Freude des armen Teufels über meinen Besuch sehr, und
+ich sagte ihm das auch so eindringlich als möglich.
+
+Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut;
+sie war sehr freundlich und gut, und je länger man sie offen oder
+verstohlen ansah, desto weißer wurden ihre Haare und desto blauer und
+klarer ihre alten Augen.
+
+»Er ist recht schlimm mitgenommen,« sagte sie betrübt. »Die Doktoren und
+Wundärzte haben die Köpfe geschüttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nur
+nicht, wenn er Sie anlacht: er beißt sich doch die Lippen blutig vor
+Schmerzen. O daß der liebe Gott uns das auch noch hat schicken müssen!«
+
+Daß die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstümmelte litt die
+furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein
+Fieberlachen, mit welchem er rief:
+
+»Schicken müssen? =Damn!= Wenn der betrunkene Kapitän die Rahen nicht in
+die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen muß,
+-- wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base
+ist ein guter Hafenmeister und weiß in dem entstehenden Lärm ihr Wort zu
+sprechen.«
+
+»Lieber Herr,« sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen
+berührend. »Sie müssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher
+seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu
+weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene
+Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den
+Richtigen gefunden zu haben.«
+
+Das bärtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten
+in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen:
+
+»Den Richtigen? Höre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir
+unbesehen zu glauben, daß ich mein Notfeuer nicht anzünden werde, wenn da
+eine verdammte malayische Seeräuber-Proa um die Insel kreuzt! Natürlich ist
+das der Richtige!... und Ihr, Herr, stoßt Euch nur ja nicht an ihre dumme
+Art; denn daß je eine Henne es mit ihrem Küken besser im Sinne gehabt habe,
+als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens weiß ich das
+Gegenteil ganz genau.«
+
+Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt
+orientiert, wie in diesem hier. --
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+
+So saß ich denn am Bette des Verwundeten und sprach ihm zu, wie man mit
+einem im starken Fieber Liegenden zu sprechen wagt. Ich erzählte ihm, wie
+ich vorgestern mit seinem alten Freunde, dem Herrn Kunemund,
+zusammengetroffen sei, und wie alles so wunderlich in der Welt, auch im
+Schlimmen, sich ineinander schicke. Diesen Gemeinplatz machte ich auch dem
+»alten Hafenmeister« deutlich, und das weißlockige Zauberweibchen erhub die
+blauen Augen und schüttelte das Haupt und sagte:
+
+»Der Autor, der Autor, der wird sich auch arg kümmern! Herr, wollen Sie es
+ihm schreiben in unserem Namen? Bitte, tun Sie es, meinem Kinde zum
+Gefallen; Sie werden es zu machen wissen, daß er nicht mehr erschrickt, als
+nötig ist.«
+
+Ich versprach gern, das zu übernehmen, und der Steuermann drückte mir von
+neuem die Hand und rief:
+
+»Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen können; aber es ist noch
+mehr da --«
+
+Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter
+nützlich sein könne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die
+Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt
+und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten,
+und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tür und
+brach da in ein heftiges Weinen aus:
+
+»O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen
+wie ein jung Mädchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will!« ...
+
+Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe,
+fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schönen Sommerabend hinein und
+aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt
+hatte, und fand ihn nicht mehr. -- Der Garten war verschwunden, wie in
+einem Jahre -- vielleicht weniger als einem Jahre, jener prächtige, alte,
+düstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den
+ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte -- verschwunden war. Die
+damals durch den rotweißen Pfahl angedeutete Straße zog sich, vollständig
+ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung über den romantischen Platz
+hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war
+ausgefüllt, und die Räder des Tages rollten leicht darüber weg. Die hohen,
+dunkeln Bäume um das Wunderhaus des achtzehnten Säkulums waren
+niedergehauen, die Blumen und Büsche ausgerissen; und mit den Bäumen,
+Blumen, Büschen, springenden Wassern, singenden Vögeln und den
+Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; -- wunderliche
+Gebäude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafür in
+die Höhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann überall vor
+Augen hat, mit einer kleinen Abänderung das Wort aus dem Vorspiel zum
+Faust:
+
+ in unsern deutschen _Gassen_
+ Probiert ein jeder, was er mag.
+
+Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst
+betreffenden Abschweifung und Anmerkung wäre, oder zur Wiederholung einer
+schon früher angedeuteten Frage, nämlich: Was gingen grade _mich_ alle
+diese Leute an? --!
+
+Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, -- hatte
+das, was man geistige Kämpfe zu nennen pflegt, bestanden, und körperliche
+gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen
+Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewälzt und dem
+sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gütiger
+Himmel, ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Träne
+verschluckt und, ohne mich zu schämen, manchen Schweißtropfen vergossen und
+manchen Seufzer hervorgestoßen: was gingen mich _diese_ Leute und diese
+Verhältnisse an?
+
+Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablösen gesehen
+und meine Schlüsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder
+praktischer Philosoph: wie kam es, daß ich an diesen Zuständen und
+Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so
+tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mußte? Wie
+geschah es, daß mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund
+nicht nur ärgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte?
+
+Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale
+dieser guten Menschen und Sachen schlugen sämtlich Töne in meiner Brust an,
+die lange auf diesen Fingerdruck von außen gewartet hatten. _Mein_ Gefühl
+und Bangen, _mein_ Unbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward
+mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch
+vielleicht ein wenig betrüblich, so doch im ganzen recht gleichgültig und
+nichtsbedeutend erscheinen mußte.
+
+Mit Recht! denn welch ein Glück für die Menschheit ist's, daß sie es gar
+nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glück, das Märchen, der
+Zauber, die Schönheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei
+letzten verbrauchten Worte) unter den Händen weggleiten! Keines von alle
+diesem würde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen,
+Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den
+schlimmen Prozeß diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten könnte. Die
+Menschheit würde es dann schon längst, längst aufgegeben haben, dem Tage
+und dem Glücke zu trauen. Sie würde den eben erwähnten Entwickelungs-Fort-
+und -Abgang merklich beschleunigt haben, -- sie würde einfach ein
+beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinquälerei vorgezogen haben. Die
+Philosophen nennen das, was das große Tamtam schlägt, das _Ding an sich_
+und haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses
+Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch
+jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie über den Tod
+nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren
+werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste
+Mücke, die sich mit Vergnügen von der Grasmücke fressen läßt, spricht das
+Urteil, also -- horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren,
+klangvollen Dröhnen in unsern Ohren! --
+
+Ich hatte die neue Straße, über die traumhafte Erinnerung wegschreitend,
+durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen
+Menschenunterschlupfe ästhetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben
+um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, überraschte es mich,
+als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man
+den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man
+noch nicht ausreuten können, den Kirchhof nämlich! Dreißig Jahre und länger
+verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato
+hat man noch vergeblich sich den Kopf über die Frage zerbrochen, wie der
+Verdruß abgestellt werden könne; -- die Lebenden haben es so eilig, und die
+Toten wollen sich Zeit gönnen -- wahrhaftig, es wäre lächerlich, wenn es
+nicht so sehr, sehr ärgerlich wäre! --
+
+Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue
+Prachtstraße hatte Halt machen müssen, und ich blickte hinein und hin auf
+die Büsche, Bäume und Blumen über den Gewölben und um die Grabhügel. Sie
+lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schönsten Grün lachte
+der Garten der Toten über die verschwundenen Gärten der Lebendigen; er
+allein hatte seine Blumen und Vögel und Schmetterlinge behalten, der Ort
+der Verwesung! und -- ich wendete mich, schritt die neue Straße abermals
+hinauf, und kaufte im nächsten Buchladen ein Adreßbuch der Stadt, werde es
+aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetzt
+_darauf_ kam.
+
+In diesem Buche des Lebens blätternd und nach allerlei Namen suchend,
+erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine
+Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des
+verwundeten Steuermanns Schaake sitzend.
+
+Er befand sich, den Umständen nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wußte er
+zu verbeißen, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten
+konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitän, die schöne,
+weiße Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun
+waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte
+ich:
+
+»Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine
+Gärtnerschnurre, die dann und wann gelingt, daß man einen Baum ausreißt,
+ihn mit dem Gezweig in den Boden gräbt und seinen Spaß und seinen Ruhm
+davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Blätter zu treiben. Man
+nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf:
+was für Früchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zähne
+bekommen werden, können wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekümmert
+uns übrigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud
+ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Fräulein jetzt wohnt,
+hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der
+Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie
+den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden?«
+
+Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der mich
+bedauern ließ, sie an ihn gestellt zu haben, denn er biß die Zähne vor
+Schmerz dabei aufeinander und hätte fast den Verband seiner Füße in
+Unordnung gebracht.
+
+»Unsere Gertrud?... O, ich habe gemeint, der Alte -- ich meine den Meister,
+-- den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt!«
+
+Ich schüttelte den Kopf.
+
+»Nicht?... O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen.«
+
+»Sie sagen das mit einem eigentümlichen Tone, lieber Freund. Weshalb wissen
+Sie nicht mehr oder wollen, wie der Meister, nicht mehr von ihr sagen, als
+was sich in ein kahles, mattes >Soll< legen läßt?«
+
+Da faßte der Verwundete hastig meine Hand, zog mich näher zu sich heran und
+flüsterte mir zu:
+
+»Sie haben eben davon gesprochen! Ich hatte damals recht; aber es war
+schon zu spät! Was half es mir, daß ich den Unglücksstein in der
+Hinterlassenschaft des alten Sünders fand? Herrgott, was ist aller
+Nebenwind auf See gegen den, welchen der Flutwechsel auf dem Lande bringt!
+Das hat auch Gertrud erfahren! Aber es mußte so sein, denn wenn wir ihn
+meilenweit weggetragen und ihn dann in hunderttausend Stücke zerschlagen
+hätten, so würde es nichts geholfen haben. Das Unglück ist auf dem Platze
+geblieben, hat das Wasser in dem Weiher vertrieben und die Bäume vergiftet!
+Es war eben der Stein der Abnahme, und er allein ist schuld daran, daß die
+arme Gertrud uns, mich und das alte, liebe Leben aufgegeben hat. Ach, Herr
+von Schmidt, Sie, der Sie viel unter die Leute kommen, werden ihr gewiß
+begegnen, und wenn Sie ihr begegnet sind, dann wollen wir -- ich und der
+Meister Autor Sie fragen, wie es unserer Gertrud Tofote geht!«
+
+Ich fragte heute nicht weiter nach der jungen Dame. Fürs erste wußte ich
+genug und ging wieder ziemlich melancholisch und verstimmt nach Hause, bald
+nachdem die weiße blauäugige Muhme hereingekommen war, um meinen Platz am
+Schmerzenslager des Neffen einzunehmen. Doch, -- auf _eine_ Frage geriet
+ich noch und erhielt auch Antwort darauf.
+
+Der Unglücksstein mußte freilich gewirkt haben, und es war nur ein Glück,
+daß jetzt die neue Straße auch über ihn hinwegführte, und er also auf
+Nimmerwiedersehen begraben worden war und keinen weitern Schaden mehr
+anrichten konnte. Ich bemerkte dergleichen, und der Kranke richtete sich
+von neuem empor und rief kläglich in seinem Fieber:
+
+»Wissen Sie das gewiß? Ich nicht!... Wer kann sagen, wer ihn aus dem Teiche
+auffischte? wer weiß, wer ihn voller Vergnügen mit sich nach Hause nahm,
+als das Wasser des Tümpels abgelassen worden war, und der Schlamm offen zum
+Durchwühlen dalag? Man soll absonderliche Kuriositäten in dem Schlamme
+gefunden haben; ach, Herr von Schmidt, und fragen Sie nur den Meister
+Kunemund danach, der wird's Ihnen schon sagen, daß das Unglück sich nicht
+so leicht verbraucht in der Welt. Was Schaden bringt und Unheil stiftet,
+hat meist immer eine gute Gesundheit. O, es wird sicherlich jemand das Ding
+wiedergefunden haben und dafür büßen müssen!«
+
+»Wir wollen es nicht hoffen,« sagte ich, und dann tat ich meine letzte
+Frage, als die Muhme Schaake bereits auf meinem Stuhle saß.
+
+»Noch einer! Da war noch ein Erbstück des Mynheer; -- der Mohr, der -- wie
+hieß er doch? der Signor Ceretto! Lebt er noch, und was ist aus ihm
+geworden?«
+
+»O der Nigger!« rief der Steuermann, und trotz allem Elend und Jammer ging
+ein Lächeln über sein Gesicht. »Ei freilich lebt der noch und gottlob dazu
+gesagt! Sie, unsre Gertrud schleppt ihn mit sich herum; er gehört zu ihrem
+Haushalt, wenn er das vielleicht auch nur seiner Farbe zu danken hat.
+Wissen Sie, lieber Herr, wenn Sie dem Fräulein begegnen, dann werden Sie
+auch wohl den Nigger zu Gesichte kriegen, und, bitte, dann grüßen Sie ihn
+recht schön von mir!«
+
+
+
+
+Siebenzehntes Kapitel.
+
+
+Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer
+einige Sprossen, hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister
+Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man weiß,
+dann und wann weiter gegeben, und es bewährte sich auch diesesmal. Ich
+hatte den Alten kurz und bündig, wie es sich ihm gegenüber gehörte, von dem
+Unglücksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis
+gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem
+Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's später auswies, war mein
+Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause
+getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein
+absonderliches Dokument, das _die_ Alte in _ihrem_ Dorfe einem Schulkinde
+in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, daß es ihr, der
+Alten, gottsjämmerlich jammervoll ergehe, daß sie, die es zu allen Zeiten
+so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der
+ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt
+werden solle, und zwar mit Zurücklassung all ihrer Habseligkeit von wegen
+aufgewendeter Gemeindekosten.
+
+»Alle seind mir aufsässig,« schrieb das Schulkind. »Sie verschimpfieren
+mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei
+Tag und Nächten, daß ich mich von Tage tun möchte, jedwedes Mal, daß mir
+die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze
+in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, daß es eine
+Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die Ärgsten.
+Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber,
+Kunemund, er lügt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst
+vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es
+mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen
+wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tür
+hofiert und in den Kaffeekessel -- haben. Es ist nicht zum Aushalten,
+Meister Autor, und dazu einen so alt -- so alt werden zu lassen, das ist
+Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott
+mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke
+und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das übrige
+Vieh und das ganze gute alte Leben, so könnte ich mir mein Hemde in meinen
+Tränen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus
+tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der
+Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so höre
+und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die
+Seele herausdrücken und Hände und Füße abdrücken mag mit Wie viele Freuden
+dank ich dir, oder Dir Gott, dir will ich fröhlich singen, oder Mein Herz,
+ermuntre dich zum Preise, oder Wie groß ist des Allmächtigen Güte, ist der
+ein Mensch, den sie nicht rührt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein
+Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben könnte, wie sie es mir
+gegeben haben und tagtäglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse
+wirklich darüber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen
+höchsten Nöten an Ihn« -- usw....
+
+Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natürlich sofort auf die
+Socken gemacht und die Wanderschaft zu der »Alten« angetreten; mein
+Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufällig unter seine sonstigen
+Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor
+mit der Alten zurückgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; --
+den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod
+unter meinen Papieren. »Mit meinen fröhlichen Redensarten, die sich an den
+Spaß knüpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten,« sagte Herr Kunemund,
+als ich ihm das Dokument glücklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich
+weiter erzählen. --
+
+»Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gnädiges
+Fräulein,« sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollen
+Erscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, alten
+Komödie) zuführte und vorstellte.
+
+Die großen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus dem
+Musterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lächelte:
+
+»Wirklich? O aber es wäre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich
+bitte --«
+
+Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Divan und lud mich mit der
+zierlichsten Fächerbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergnügen tat,
+während der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns,
+wie es schien auch nicht ungern, uns selber überließ.
+
+»Wir taten einst einen wunderlich verhängnisvollen Gang zusammen, mein
+Fräulein,« sagte ich. »Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu
+eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Märchen
+hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte
+eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich überzeugte mich, daß
+alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns
+berichten. Nichts fehlte! weder die Wände aus Honigkuchen, noch das Dach
+aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich
+wieder über den Platz geschritten und habe leider gefunden, daß der Wind --
+der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel während der letzten Jahre ein
+wenig arg getrieben hat; die Heerstraße führt mitten durch den Märchenwald,
+mein Fräulein, die Dekorationen haben sich merkwürdig verschoben, und wir
+alle haben mit daran rücken müssen.«
+
+Das schöne Mädchen sah mich betroffen an und drückte den zusammengelegten
+Fächer an den Mund; dann aber faßte sie sich schnell genug und rief:
+
+»Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei
+zugegen, als mir des Onkels Erbschaft übergeben wurde! Das waren freilich
+sonderbare Zustände, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte
+mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen
+Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten
+Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles
+hat sich seltsam verändert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden,
+und unter den letztern hab' auch ich mein Kostüm gewechselt; -- finden Sie
+nicht?«
+
+»Gewiß!« sagte ich, verbindlich mich neigend und überzeugte mich
+verstohlen von neuem, daß der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte,
+wenn oder als er das Nämliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: »Ich war
+längere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls
+die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. Überall
+verschiebt die Welt sich, mein teures Fräulein, und sonderbarerweise
+meistens ohne daß wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser
+Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in
+den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr
+werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rückkehr
+doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von
+unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?«
+
+»Nei--n, mein Herr,« sagte das Fräulein, und ich beobachtete dabei leider
+auch ein etwas mißmutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, ließ
+mich jedoch selbstverständlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr
+heiter fort:
+
+»Dann habe ich einigen Anspruch auf ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die
+neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er führt sein
+Schnitzmesser so rüstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine
+übrigen Künste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich
+hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich
+freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Häuslichkeit zu besuchen. Zwei sehr
+angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war
+es nur ein sehr unglücklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem
+zusammenführte, nämlich jenes Eisenbahnunglück, das mich nur einen kurzen
+Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jüngern guten
+Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu
+stehen kam --«
+
+Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann
+sehr rot und rief:
+
+»Mein Herr?«
+
+»Ja, mein liebes Fräulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht.
+Er leidet große Schmerzen, trägt sie mit leidlichem Humor und macht seine
+Umgebung um so trostloser, je vergnügter er sich stellt. Die Ärzte und
+Chirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglückseligen
+Füße lassen dürfen oder nicht.«
+
+Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurück; dann faßte sie heftig, auf
+einen kürzesten Augenblick, meine Hand:
+
+»Was sagen Sie?... was ist?... o ich weiß gar nichts!... ich habe nichts
+von dem erfahren!... ich bitte Sie --«
+
+»Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein
+kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jüngferchen wie aus
+dem Märchenbuch, -- und noch dazu aus _unserem_ Märchenbuch, mein teures
+Fräulein.«
+
+»Jawohl, jawohl, ich bin -- früher auch dann und wann mit ihr
+zusammengetroffen; -- er hat den Fuß gebrochen? Karl hat den Fuß
+gebrochen?«
+
+»Beide Füße! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten
+Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trägt
+wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen
+abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umständen zu
+Ende sein.«
+
+»Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen?« rief die Elfe. »Ich habe
+ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir --«
+
+Es war mir augenblicklich unmöglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden
+in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswürdigste
+Weise von der Welt.
+
+Eine schöne, durchaus nicht alte, eine stattliche, fröhlich lächelnde,
+dunkeläugige Dame in Dunkelblau und weißen Spitzen glitt durch die Wellen
+der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der
+Tochter des Försters Tofote zuführend. Der Herr war ein Jüngling von zwei-,
+fünf-, sechs- oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft
+rundlichen, sommersprossenübersäeten, gänzlich bartlosen und ganz
+gutmütigen Gesicht, runden mädchenhaften Schultern und einem Lächeln um den
+Mund, das, wenn es klar für die Güte des Herzens sprach, von den geistigen
+Fähigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer
+letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn
+seines Vaters als seiner Mutter.
+
+»Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude!« rief die schöne Dame.
+»Das ist Vollrad, und -- sieh, Vollrad, das ist meine süße Hausgenossin.
+Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht
+mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist über mich gekommen,
+wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise -- nein wie der gepanzerte
+Mann im Evangel -- auch nicht, sondern in den fünf Büchern Moses. Vor einer
+Stunde ist er von Berlin angelangt; -- ich lag, wie du weißt, mit meiner
+Migräne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm
+heut abend allein und schutzlos in die böse, schlimme Welt hineinfahren
+lassen, als er plötzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weißt
+also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und
+das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe
+Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl -- wenigstens so
+lange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird
+-- nicht wahr?«
+
+Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorüberrauschen lassen; jetzt wurde
+mir auch noch das Vergnügen zu teil, der näheren Vorstellung zwischen den
+beiden jungen Leuten anwohnen zu dürfen. Darauf aber empfahl ich mich, und
+Gertrude Tofote sagte:
+
+»Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen!... und ich hätte so
+vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch häufiger in der
+Gesellschaft!«
+
+»Ich hoffe das,« sprach ich und zog mich zurück mit einer höflichen
+Verbeugung. Auch die gnädige Frau grüßte und der Vetter gleichfalls. Im
+Zurückweichen sah ich noch, wie die schöne Dame sich gegen das junge
+Mädchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit:
+
+»Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne
+sehr viele Leute.«
+
+Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schöne
+stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe
+eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud
+Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselben Dache. Daß die gnädige Frau
+sich auch meiner aus früherer schönerer Zeit erinnern mußte, stand mir in
+unumstößlicher Gewißheit fest. Doch davon später. --
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+
+Von meinem ersten Besuche bei dem Steuermann an waren acht Tage vergangen.
+In diesen acht Tagen hatte ich mich von neuem häuslich in der Stadt
+eingerichtet, hatte unter meiner sonstigen Korrespondenz den Brief an den
+Meister Autor abgeschickt, hatte die hübsche Gertrud im Schoße der besten
+Gesellschaft des Ortes gefunden, war mit der schönen Witwe Christine von
+Wittum und ihrem Berliner Vetter Vollrad in Berührung -- angenehme
+Berührung -- gekommen, und saß am neunten Tage auf meiner Stube und an
+meinem Schreibtische in der festen Gewißheit, daß nicht alles gut war --
+weder was mich selber, noch was die andern anbetraf.
+
+Sehr unbegründet ärgerte mich heftig der Meister Autor Kunemund, der aus
+den mitgeteilten stichhaltigen Gründen nichts von sich hören ließ. Dem
+Steuermann ging es schlecht; dem Töchterlein des Försters Arend Tofote ging
+es zu gut, und ausgezeichnet gut ging es der Frau Christine, welche die
+einzige unter uns war, die das Leben vom rechten Standpunkt aus ansah und
+also auch sich in es zu schicken wußte, und -- -- andere Leute auf ihre
+Seite hinüberzuziehen wußte.
+
+Es ist eine im Grunde lächerliche und dem denkenden Menschen auffällige
+Tatsache, daß je mehr das unbefangene Interesse am Dasein und den
+Bedingungen desselben wächst, in demselben Grade das Vergnügen und Behagen
+dran abnimmt. Denn wenn auch in früheren Epochen die Menschen es sich
+gleichfalls recht sauer haben werden lassen in der Arbeit, sich es
+behaglich auf dieser Erde zu machen, so fehlte ihnen doch das intensive
+Bewußtsein dieser großen Mühe, und das haben wir jetzt im vollsten Maße,
+und das ist das Elend! Darüber habe ich lange und tief nachgedacht, auch
+kluge Nachbarn zur Rechten und Linken um ihre Ansicht und Meinung darob
+befragt, und nachdem auch sie länger und genauer darüber nachgedacht
+hatten, haben sie die Achseln gezuckt, mich seufzend von der Seite
+angesehen und sind -- wieder an ihre Geschäfte gegangen. Wer Ohren hat zu
+hören, der höre, und nehme Rat an und setze sich hart! -- ein Schemel von
+weichem Holz, vor dem Lehrstuhle der Erfahrung ist das einzige, was der
+Menschheit noch helfen kann. »Bitte Platz zu nehmen,« sagt der Mann aus
+Sinope; und: »Bitte Platz zu behalten!« sagte schon lange vor ihm der
+Prediger Salomo; -- »Wer aber stehend besser hören kann, den soll man
+gleichfalls nicht hindern!« sprach lange nach den beiden der heilige Simon
+Stylites, der syrische Mönch mit einem sonderbaren Blicke auf die Stadt
+Antiochia; -- ich persönlich setze mich selbstverständlich am Schlusse
+dieser Historia so weich als möglich. --
+
+Man spinnt dergleichen philosophische Gedankengespinste dann und wann nicht
+ungern und, seltsamerweise, dann am liebsten, wenn der Lehnstuhl recht
+bequem ist, und man auch sonst durch keine geistige und körperliche
+Abhaltung gehindert ist, sich seinem asketischen Behagen mit vollkommener
+Freiheit hinzugeben. Mit diesen und ähnlichen Gedanken, wie man das nennt,
+beschäftigt, drehte ich in meinem Lehnstuhle vor meinem Schreibtisch die
+Daumen umeinander, als es an meiner Tür pochte.
+
+Es klopft häufig an meiner Tür, wie der Leser bereits erfahren hat, und
+ich pflege mich nie durch ein »Nicht zu Hause« zu verleugnen; den Kreis
+meiner Bekannten habe ich niemals zu verengern gesucht, und dazu gehörte
+der Mensch, der jetzt kam, sogar zu meinen Freunden, und nach dem Meister
+Autor konnte mir niemand gelegener kommen.
+
+Der Teufel, dem das weißeste Weiberfleisch nicht zu weiß und zu zart und
+nicht zuwider ist, wenn er in der Maske das Seinige bequemer zu verrichten
+hofft, kann schwarz, recht schwarz auf der Bühne erscheinen; aber schwärzer
+kann er sich unmöglich aus der Kulisse schieben, wie mein jetziger Besuch.
+
+»Ceretto! Signor Ceretto!« rief ich. »Von Allen aller Hautschattierungen
+mir Gesegneter! Mein schwarzer Diamant! mein Sonnenstrahl vom Mondgebirge!
+mein unsträflicher Äthiopier aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, -- seid Ihr
+es denn wirklich? Alter Freund, ist es wirklich kein Gerücht, wandelt Ihr
+wirklich noch unter den Lebendigen, um mit dem Meister Kunemund dieser
+schlechten Welt die Stange zu halten?«
+
+»An jedem Ende einer,« lachte der Schwarze, den schlossenweißen wackelnden
+Haarwulst mir entgegenschüttelnd. »Und sie springt, Herr! sie springt gut
+und überschlägt sich mit Grazie. Ich hab' es meiner Zeit im Zirkus kaum
+besser gemacht; aber ich verstehe mich eben drauf, und habe also auch heute
+noch mein Vergnügen dran, was auch der Herr Kunemund seinerseits dagegen
+vorbringen mag.«
+
+»Und wie er sich konserviert hat!« rief ich, entzückt und zärtlich das
+schwarze Greuel in die Arme fassend. »Seine siebenzig Jahre hat er bald gut
+auf dem Nacken; aber wie steht er noch auf den Füßen! wie sieht er noch aus
+den Augen!«
+
+»Und erst der Magen, Herr,« grinste der Alte, den zahnlosen Mund vor
+Behagen so weit als möglich öffnend. »Ich brachte ihn schwach mit auf die
+Welt, den Magen, aber die Mäßigkeit und solide Diät hat ihm und mir
+durchgeholfen. Die Leute sollten nur recht wissen, wie gut einem das
+Feuerschlucken, Säbelklingenverschlingen und Lebendige-Kaninchen-fressen
+tut; -- wahrhaftig, sie ließen sich bald viel mehr auf den Jahrmärkten als
+in den Bädern sehen. Da muß man in seiner Jugend den wilden Indianer selber
+gespielt haben, um darüber mitreden zu dürfen; übrigens glaube ich, gibt es
+keinen zweiten Menschen, der sich so fest vorgenommen hat, noch einen Blick
+in das zwanzigste Jahrhundert zu tun, wie ein gegenwärtiger Wichselmeyer,
+Signor Ceretto Meyer aus Bremen.«
+
+»Und nach einem zweiten gleich gebildeten Mohren, Neger oder Nigger wird
+man gleichfalls lange suchen dürfen!« rief ich lachend. »Daß Sie Ihre
+Diätetik aus sich selber haben, weiß ich; aber woher Sie den Blick in das
+zwanzigste Jahrhundert nehmen, das mag der Teufel raten.«
+
+»Danke, Mynheer. Vielleicht kommen Sie noch dahinter; verlieren Sie nur den
+Mut nicht. Ei freilich, wir haben unsere Gelegenheiten, uns zu bilden, und
+nehmen sie auch wahr; sonst aber, verehrter Herr von Schmidt, lassen Sie
+sich jetzt vor allen Dingen sagen, daß ich diesmal nicht aus eigenem
+Antrieb die Ehre habe, sondern mit einem Kompliment und einer Bestellung
+geschickt werde. Wenn Sie es gütigst erlauben, will ich ein andermal --«
+
+»Aus eigenem Antrieb kommen und vorlieb nehmen; -- natürlich. Wer aber
+schickt Sie heute denn, alter Freund?«
+
+Da verwandelte sich das breite Grinsen auf der uns Japhetiden trotz allem
+stets so verwunderlichen Physiognomie des Spötters Ham in sein
+vollständiges Gegenteil.
+
+»Sie!« sagte der Mann aus dem bremischen Schüsselkorbe kurz.
+
+»Sie? ja freilich sie! Das läßt sich wohl erraten, ohne daß man lange
+darüber nachzudenken braucht. Was wünscht das Fräulein?«
+
+Ich hatte dem Greise meinen weichsten und bequemsten Sessel zugeschoben,
+und da saß er, eine wahre, wirkliche echte Meßrarität, den Kopf zwischen
+den Schultern und nur das Weiße in den Augen zeigend -- eine Rarität, auch
+für die Büchermesse.
+
+»Was wünscht das Fräulein, Ceretto?«
+
+Das ganze Elend Hams, nachdem der Vater Noah das Seinige gesagt hatte, sah
+mich aus den Augen dieses Mohren an, als er endlich erwiderte:
+
+»Vielerlei. Das heißt, wahrscheinlich sehr vieles; -- vor allem andern aber
+wünscht sie, daß Sie die Freundlichkeit haben möchten, morgen abend eine
+Tasse Tee bei ihr zu trinken.«
+
+»Mit Vergnügen!« sagte ich, zustimmend das Haupt neigend. »Der Wunsch mag
+dem Kinde in Erfüllung gehen; aber, Freund, da ich Euch habe und halte,
+lasse ich Euch nicht eher wieder, bis ich -- ein wenig genauer weiß, wie
+Euer Leben verlaufen ist, -- seit -- seit jenem Tage, an welchem Ihr uns
+über Mynheer van Kunemunds Gartenhecke aus unserm Suchen nach der Erbschaft
+Mynheers in dieselbe hineinwinktet.«
+
+»Ich habe eben mit zu der Erbschaft Mynheers van Kunemund gehört, mein
+Herr.«
+
+»Wahrhaftig! und Sie und unser schönes naives Waldkind wohnen mit der Frau
+von Wittum unter _einem_ Dache. Der Förster ist tot, der Meister Autor
+haust einsam und geheimnisvoll in seines Vaters Hütte, und Herr Vollrad von
+Wittum kommt von Berlin, um sich der Gertrud vorzustellen zu lassen:
+weshalb, weshalb und hundertmal weshalb dieses alles?! Wir leben in Tagen,
+denen es auf eine genaue Einsicht in die Dinge überall im hohen Grade
+impertinent ankommt, und Sie, Ceretto, sind der Mann, der diesmal hier die
+nötige Aufklärung geben kann. Nehmen Sie eine Zigarre!«
+
+Der Alte griff dankend in das angebotene Kistchen und sagte lächelnd:
+
+»Wenn ich nur das erzähle, was ich weiß, so nehmen Sie mir dieses wohl
+nicht übel?«
+
+»Die Frage tut man auch nur an einen, den man bereits genauer kennt. Ich
+werde es nicht übel nehmen; aber Ihr habt Glück, Wichselmeyer; Tausende
+würden es sehr übel nehmen und allem Eurem Widerstreben zu Trotz alles
+Mögliche in Euch hineinfragen.«
+
+»So ist es,« sagte der Schwarze, »kommen wir also wie alles Gute und
+Verständige schnell zu Ende. Es war ein zierlich, einfach, niedlich Ding,
+Herr, was Sie in unsern Garten einführten, und es kam in glücklicher
+Begleitung, aber es ging unsichtbar hinter ihm etwas, was nicht zur
+Gesellschaft gehörte, was sich aber, wie Sie wissen, merkwürdig fein und
+frech aufzudrängen versteht, bis es alles, was es nicht auf dem Wege vor
+sich brauchen kann, richtig und ruhig im Graben hat. Wir aus der
+Bedientenstube sehen es häufiger, als die Herrschaften meinen, die Treppe
+hinaufschleichen; und wenn wir es zu melden haben, oder ihm nachher in der
+Garderobe den Überrock hinhalten oder den Schal umhängen, so zahlt es
+meistens durchaus nicht die schlechtesten Trinkgelder.«
+
+»Signor Ceretto, Ihr seid ein großer Mann!« unterbrach ich in vollster
+Bewunderung.
+
+»Das heißt, wir haben die Jahrmärkte und Messen bezogen, sind alt geworden
+und jung geblieben -- Herr, man kann das letztere auch, ohne auf dem Markte
+ausgestanden zu haben -- der Herr Autor Kunemund kann sich in der Hinsicht
+auf das Aushängeschild malen lassen -- na wie ist's, was das anbetrifft,
+darf man Sie doch mit der Trompete vor die Bude schicken?«
+
+»Sie sind ein großer Mann, Ceretto; und da Sie das auch wissen -- was
+wollen Sie mehr?«
+
+»Die beiden alten Herren, der Förster Tofote, der Meister Kunemund und --
+ich, wir waren also machtlos gegen Das, was sich mit einschlich in den
+Garten Mynheers, und der junge Mensch, der Leichtmatrose, ebenfalls,
+obgleich der vielleicht noch am ehesten etwas dagegen hätte tun können,
+wenn er nicht im natürlichen Lauf der Dinge den veränderten Umständen
+gegenüber sofort so sehr verdrossen und unerträglich geworden wäre. Er ging
+schneller wieder zu Schiff und auf die See, als er verantworten kann. Der
+Teufel hole ihn dafür.«
+
+»Das hat er bereits so halb und halb besorgt; -- erzählen Sie weiter,
+Ceretto.«
+
+»Hat er ihn geholt? Herr, entschuldigen Sie, aber es werden viele
+Ansichten in Spiritus gesetzt, die ihn nicht wert sind! Uns -- uns hat er
+am Kragen und hält uns ziemlich fest; aber Sie haben recht, und ich erkläre
+weiter, wie ich in meiner angenehmen Jugend auf dem Hamburger Berg schon
+berühmt dafür war. Also wir drei Alten mit dem Fräulein waren nun allein
+unter uns -- eine fidele Menagerie, Herr, und das Publikum fand das auch,
+ohne daß wir das Fräulein, sozusagen, den Honoratioren mit den Zetteln in
+die Häuser zu schicken brauchten. Das Publikum kam ganz von selber, und das
+Schlimme dabei war nur, daß das Fräulein binnen kurzem sich ein
+Separatkabinett einrichtete, das Hauptgeschäft schädigte und uns den Stuhl
+vor die Bude schob, natürlich ohne es selber ganz genau zu wissen. O Herr,
+Herr, welche und wie viele Leute kamen, um uns zu gratulieren und um an
+unserm Glück innigen Anteil zu nehmen, das heißt ihren Anteil! Ich hätte
+Sie wohl dabei haben mögen, um den Spaß anzusehen. Für einen, der nichts
+damit zu tun hatte, wie zum Exempel mich selber, war es wirklich eine Lust,
+denn die drei -- der Arend, der Autor und die Gertrud waren wie die
+unmündigen Kinder in der Hand der Kriegsknechte Herodis oder noch ein wenig
+schlimmer. Zu Bethlehem war dem Jammer wenigstens schnell ein Ende gemacht,
+aber hier zog sich das Vergnügen länger hin, und was das gnädige Fräulein
+angeht, so --«
+
+Hier griff sich der Greis so komisch-kläglich in die weiße Wolle und
+seufzte so gewaltig, daß ich schnellstens in der Phantasie nach dem
+Sonnenschein, Lerchensang, Wachtelruf und Thymiangeruch in den Dornstrauch
+an jenem Hohlweg zu greifen hatte, um in meiner Teilnahme an den alten
+Tagen des Meisters Autor nicht ins Bodenlose zu versinken.
+
+»Die Obervormundschaft mochte manchmal ihr blaues Wunder haben,« fuhr mein
+so sehr europäisch gewitzigter Afrikaner in seinem Berichte fort. »Erst
+nach und nach, so ganz nach und nach konnte es zutage kommen, was für eine
+Erbschaft eigentlich Mynheer van Kunemund uns hinterlassen hatte. Es fanden
+sich ausgeliehene Kapitale an Orten, wo es sehr, sehr übel roch, --
+Kapitalien, die nicht gewinnbringender angelegt werden konnten. Wir hatten
+zwar unsere Advokaten dafür; aber dem Kunemund und dem Tofote konnte doch
+niemand davon helfen, mit Volk verkehren zu müssen, das wie die Regenwürmer
+bei Laternenschein aus der Erbschaft heraufwimmelte. Großer Barnum, jetzt
+erst kam es so nach und nach heraus, was für ein Geschäft der Erblasser
+selber besorgt hatte, ehe er es uns auf die Schultern ablud. O und an
+Bekanntschaften fehlte es dem lieben Kinde bald gar nicht, -- wir fanden
+sie von allen Sorten -- ganz herrliche und nobele Leute, die sich unserer
+aufs freundlichste annahmen; aber auch das Gleiche von uns verlangten. Und
+kurioserweise zeigte es sich bald, daß das, wobei den zwei alten Herren
+übel genug wurde, diesen Eindruck auf den Magen der jungen Dame gar nicht
+machte. Im Gegenteil fand sie sich mit vielem Geschmack in das neue gute
+Leben hinein, nahm zu an Weisheit und Tugend, und wenn ich nicht schon
+vorher gewußt hätte, was für ein Schlaukopf mein seliger Herr, der kleine
+Bruder des langen Meisters, gewesen war, so wäre es mir jetzo wie durch ein
+Gaslichtmikroskop deutlich gemacht worden. Eine hunderttausendfach
+vergrößerte Käsemilbe ist mir heute gar nichts mehr gegen Mynheer van
+Kunemund; ich bin selber einmal eine Zeitlang mit einem Doktor, der aus
+einem solchen Vergrößerungsglase sein Dasein zog, gereist und muß das
+wissen. Der selige Herr, mein Mynheer, hatte es sich genau überlegt -- er
+überlegte sich alles genau -- und sein Vermögen war in den besten Händen.
+Er hatte sich vorgenommen, seinen Herrn Bruder auch nach seinem Tode zu
+ärgern, und er ärgerte ihn gründlich.«
+
+»Sie sind ein großer Mann, Ceretto!« sagte ich leise, und viel mehr zu mir
+selber, als um das meinem Besucher von neuem auszusprechen. Er aber nickte
+und fuhr im kläglichen Tone in seinem Berichte fort, um ihn schnell durch
+eine Frage zu unterbrechen:
+
+»So lebten wir denn vergnügt hin ... Entschuldigen Sie, haben Sie sich
+nicht wie die andern auf der Stelle in die gnädige Frau verliebt?«
+
+»Die gnädige Frau? Frau Christine von Wittum? ... bei allen Fetischen Ihrer
+Heimat, lieber Meyer, Sie bringen mich darauf -- es ist eine schöne Frau --
+ein schönes Weib! Das aber habe ich freilich schon ziemlich lange gewußt.«
+
+»Sie ist die Hexe in der Geschichte -- aber es ist eine junge und hübsche
+Hexe, das muß ihr der Böse lassen; -- die beiden alten Herren aus dem
+künstlichen Urwalde fanden das auch bald heraus, und der Herr Autor
+Kunemund zuerst.«
+
+»Wieso?«
+
+»Er verließ uns zuerst; das heißt, sie jagte ihn zuerst zur Tür hinaus. Der
+Herr Förster Tofote ging erst, als von der Gesellschaft der erste Baum im
+Garten niedergehauen wurde, und die neue Straße über die alte Hecke, über
+die ich Sie bewillkommnete, sich hinlegte. Der Herr Autor brannte bei
+dunkler Nacht durch, aber der Herr Förster ging am hellen Tage, und die
+gnädige Frau und das gnädige Fräulein brachten ihn zärtlich zur Eisenbahn,
+und ich besorgte ihm sein Gepäck. Es war am besten so, denn den Tag darauf
+kamen die Maurer, um das alte Haus im Garten niederzureißen, und im Hause
+der gnädigen Frau würde der Herr Förster sich doch wohl ein wenig
+unbehaglich gefühlt haben. In dem hundertjährigen Garten aber sind auch
+nicht immer unschuldige Kinder- und Schäferspiele aufgeführt, also fort mit
+ihm! das war meine Ansicht von der Sache, und da meine Hautfarbe der
+gnädigen Frau konvenierte, so blieb ich und ging mit, denn ein Esel war ich
+nicht, und in des Meisters Kunemund Dorfe würde ich ein recht liebliches
+Dasein gelebt haben, wenn ich da den Tee hätte präsentieren wollen. Also
+--«
+
+»Also?« ...
+
+»Bin ich hier und lade freundlichst ein, morgen abend eine Tasse Tee bei
+dem gnädigen Fräulein zu trinken und -- wie man hier und da in der Provinz
+sagt, mit _uns_ vorlieb zu nehmen.«
+
+»Würden Sie mir raten, die Einladung anzunehmen, Ceretto?« fragte ich
+nachdenklich.
+
+»O gewiß! Ich an Ihrer Stelle würde sicherlich hingehen, -- schon des
+Herrn Meisters und des seligen Herrn Vaters wegen würde ich mir den Spaß
+ansehen. Es ist eine Hauptkomödie! -- in meinem ganzen Leben bin ich noch
+nicht so an meinem Platze gewesen, wie jetzo in dieser gegenwärtigen
+Kondition. Kommen Sie unter allen Umständen; Sie finden auch sonst bei uns
+die schönsten Leute der Stadt, und daß Sie unserer gnädigen Frau nicht
+übermorgen einen Heiratsantrag machen werden, davor sind Sie noch gar nicht
+sicher; denn wenn die Gnädige ihren Kopf darauf setzt, so darf ich heute
+schon gratulieren. Mir ist es mit ihr grade ebenso ergangen.«
+
+»Ceretto?!« stammelte ich, im Gemüte schwankend zwischen Schrecken und
+Heiterkeit; aber die letztere siegte ob, und ich rief lachend:
+
+»Ich komme! ich komme! verlassen Sie sich drauf, Sie dunkelfarbiges
+Meßungeheuer!«
+
+»Es wird uns eine große Ehre sein,« sprach der Mohr aus dem Bremer
+Schüsselkorbe mit der ernsthaftesten Miene; dann aber grinste er in einer
+Weise, die die Wand ihm gegenüber hätte anreizen können, dasselbe zu tun
+und einen Spalt zu erzeugen, querüber von der Decke bis zum Fußboden. --
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+
+Ich ließ mich erkundigen, wie es dem Steuermann Schaake gehe, und erhielt
+die Antwort: Schlecht! -- Er liege im argen Fieber, berichtete mein Bote,
+-- er spreche das tollste Zeug und halte sich meistens auf dem Wasser auf.
+
+Mein Bote selber hatte ihn, von der Tür aus, reden hören.
+
+»Es wird einem ganz schwindlig dabei zumute,« sagte er. Der alte
+Hafenkapitän aber hatte geweint und ließ sagen: wenn es mir möglich wäre,
+so würde es ein Trost im Hofe sein, wenn ich noch einmal im Laufe des Tages
+vorsprechen wolle.
+
+Ich ging am Nachmittage und ging ebenfalls aus der »langweiligen
+Dasselbigkeit des Daseins«, aus der Trivialität der Werkeltagswelt und des
+Alltagslebens hinaus auf die hohe -- hohe See.
+
+Und sie kamen in langgezogenen weich-gewaltig sich rundenden und
+majestätisch vornüberbrechenden Wogen heran, die großen Wasser. Sie wälzten
+sich eine nach der andern her gegen das Ufer jener Dasselbigkeit, von der
+Marina spricht; aber es war eine Täuschung, daß die Wellen den, der sich in
+sie eintauchte, freudiger und lustiger an diesen langweiligen Strand
+zurückbringen würden. Die bittern Wasser zogen dem Lebendigen die Füße vom
+Boden weg, hoben und trugen ihn -- aber sie spielten mit ihm; nicht er mit
+ihnen! -- nur die Leichen und Trümmer kamen zurück an den Strand.
+
+Es war heiß in den Gassen der Stadt, aber kühl in dem dunkeln
+mittelalterlichen Hofe, in welchem der Steuermann von der See träumte. Ich
+saß am Bette des fiebernden Kranken zu Häupten, die Muhme zu Füßen, und
+sie, die dem braven Schiffsmann so oft, seinen guten, sichern, behaglichen
+Ankerplatz hinter dem Hafendamm angewiesen hatte, sie hatte die Schürze
+über den Kopf gezogen und den Mut verloren.
+
+Es hatte sich in der Tat mit dem armen Karl verschlimmert. Die Ärzte
+sagten das, was sie zu sagen hatten, mit dem bekannten gedämpften Tone. Sie
+hatten wenig Aussicht, ihren Patienten am Leben zu erhalten, und
+gestatteten sich bereits vor der Tür die Bemerkung, daß dieser Mann von
+Rechts wegen eigentlich nicht auf dem Lande und zwar so tief im Binnenlande
+hätte begraben werden sollen. Es war eine naheliegende Bemerkung. --
+
+Der Verwundete erkannte mich noch; er hatte mir die heiße Hand
+entgegengestreckt und gerufen:
+
+»Das ist schön! Nun was sagen Sie aber? das Schiff ist klariert bei Zoll-
+und Hafenbehörde; -- alles fertig -- mit der Ebbe seewärts, und -- hoffe,
+Maat, daß Sie nicht ausspucken werden, wie ein Chinese, wenn er eine
+Sternschnuppe sieht.«
+
+Ich sagte natürlich etwas Angemessenes; aber der Kranke, von einer neuen
+Welle weiter von mir weggezogen, schüttelte heftig den Kopf:
+
+»Da! ich sagte es doch, -- steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben
+wir's -- große Royalrah zum Teufel. Wie gut, daß _sie_ es so gut am Lande,
+im Walde hat, -- wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne
+hinter den Büschen anschlagen hören könnte!.. Was?.. und das schon die
+Berge von Ceylon?... eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke
+drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, daß man den Wald vor Bäumen
+nicht sieht, wie der Meister Autor sagt.«
+
+Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien
+mithernehmend:
+
+»Es ist doch schön im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote -- man muß
+die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud --
+unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben
+mir gesagt, der Herr Förster sei gestorben; aber das ist bloß der Nebel auf
+dem Meer -- die bezogene Luft -- sehen Sie, Kapitän, wie ich es gesagt habe
+-- gegen Abend schönes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und
+-- da stehen wir dicht unter der Küste von Travancore, es wird sich schon
+machen, Supercargo, daß wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen
+sehen.«
+
+»Nun hören Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehört?« flüsterte die Muhme Schaake
+in einer Pause, während welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber
+nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing
+bald wieder an, von neuem zu reden.
+
+»In Arabien erzählt man Geschichten; die Bücher von den tausend Nächten
+sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbänke und blinden Klippen! die
+ganze Küste von Aden soll zur Hölle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud
+kommt so her wie aus dem arabischen Märchen und -- Mynheer -- van Kunemund
+auch; -- wir gingen alle in den schönen Garten -- Schiff glatt vor dem
+Winde unter beiden Marssegeln, und wäre der Stein der Abnahme nicht
+gewesen, so hätt' mir kein größerer Spaß widerfahren können. Hab' ich's
+nicht gesagt, Kapitän? von Aden an Sturm, -- da haben wir's, und das
+Kajütendeck fängt sofort an zu lecken -- warmes Regenwasser in den Grog --
+und da -- Bab el Mandeb -- das Tor des Todes!... ich wollte, wir säßen
+sicher auf dem Lande und wär's auch bei Dscheddah in der Wüste auf Mutter
+Evas Grabe!«
+
+»Das muß man nun anhören!« klagte die Muhme Schaake. »Von Mutter Evas
+Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu
+sprechen. Er muß wohl einmal dagewesen sein; -- o lieber Herr, manchmal hat
+er während der letzten Tage fürchterlich auf die Weiber geschimpft, der
+arme Junge. Ich habe es ihm für meine Part nicht übelgenommen, von mir
+mochte er sagen, was er wollte; aber er muß uns auch wohl von allen Farben
+gesehen haben -- schwarz und gelb und braun -- von den melierten und den
+weißen gar nicht zu reden.«
+
+Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mußte doch wohl etwas von den
+Worten der Greisin sich in seinem Bewußtsein festgehäkelt haben; er sprach
+aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer.
+
+»Es wäre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Böses hätte
+sagen wollen,« bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn -- bei Mutter
+Evas Grabe, ich sah plötzlich die Hexe vor mir -- ja die Hexe im Märchen --
+hübsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, daß sie mich
+auf morgen abend zum Tee eingeladen, und daß ich dem Zaubermohr Signor
+Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen.
+
+Eine ziemliche Zeit saßen wir einander nun stumm gegenüber, die alte Frau
+und ich, und horchten den keuchenden Atemzügen des Verwundeten. Dann
+flüsterte die Greisin:
+
+»Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt müßte er doch Ihren Brief
+längst erhalten haben.«
+
+Ich konnte nur die Achseln zucken:
+
+»Man weiß eben nie, was anderen Leuten passierte, während das Schicksal
+einem selber in das Nackenhaar griff. Wenn der Meister morgen nicht kommt,
+werde ich zu ihm gehen.«
+
+»Oh, Herr, wenn Sie das tun wollten!« rief die Alte. »Sie verdienten sich
+einen Gotteslohn an uns. Wenn einer dem armen Karl noch ein gutes Wort
+sagen könnte, so ist das der Autor Kunemund. Nach uns Weibern hat der Junge
+von keinem Menschen soviel in seiner Abwesenheit gesprochen, als von dem
+Kunemund. Sehen Sie, es ist so gut von Ihnen, daß Sie doch ganz von selber
+darauf gekommen sind, -- von meiner Seite wäre es zu unverschämt gewesen,
+Sie darum anzugehen.«
+
+Ich wies diese gute Meinung natürlich mit Wort und Gestus weit von mir.
+
+»Dick mit Regen! wenn es gegen Abend nicht abklart, kriegen wir eine harte
+Sturmböe dicht vor dem Ankerplatz; -- werden uns dem Hafenmeister mit allen
+Segeln in Fetzen präsentieren!« rief der Steuermann, und die Alte mit dem
+Schürzenzipfel wieder vor den strömenden blauen Wunderaugen flüsterte:
+
+»Da spricht er wieder von mir! O Gott, zu solchem Elend so alt werden zu
+müssen!«
+
+Ich ging bald, und saß den Abend noch eine Stunde im Theater und sah den
+geharnischten Geist des alten Dänemark über die Bretter schreiten, hörte
+das: Sein oder Nichtsein -- sah die Komödie in der Komödie, aber sie
+spielten und sprachen alle mit falschem Pathos und verrenkten Gliedmaßen,
+und die ganze Geschichte kam mir entsetzlich einfältig vor. Wer hebt die
+Gärten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe? --
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+
+Also die Hexe -- die Hexe im Märchen, die junge schöne Witwe eines wahrlich
+nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen
+Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad
+herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gänschen Trudchen
+Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten.
+
+Der Mohr hatte es gesagt, und mir träumten in der Nacht, die diesem
+Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann
+Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hüten, das, was ich
+sah, hörte und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine
+Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir
+schon einmal quer über den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue
+Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten
+mich natürlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spaß an der Verzückung
+gehabt, in welche sie mich versetzte.
+
+Und neulich hatte sie ebenso selbstverständlich nicht das mindeste von mir
+gewußt, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem
+ganzen übrigen Universo unverständliche Fächerbewegung merken lassen, daß
+-- sie mich sehr wohl kenne, daß ich ein guter alter Bekannter von ihr sei.
+
+Die schöne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ich
+verfügte mich nach der Höhle der Hexe, die natürlich nicht in der Mitte des
+Zauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernsten
+Quartiere.
+
+Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an
+dem Cyriacushofe vorüberführte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens
+an der Tür Erkundigung über den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt
+an der Tür, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die
+Luft, was soviel heißen sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den
+irdischen Behörden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten könnte; der
+Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung.
+
+Dabei fühlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und
+ging: ich aber hörte von der Tür -- wie gesagt -- aus, wie der Steuermann
+mit klarer Stimme rief:
+
+»Da haben wir die rote Tonne!« und dann den Lotsengruß:
+
+»Willkommen in See!«
+
+Ich wich zurück, ohne die Base Schaake begrüßt zu haben; ich traute mir
+nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann
+nicht sagen, ob ich mich richtig und verständlich ausdrücke; aber die
+Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich
+kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begräbnismäßig frisiert
+vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr
+weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Försters Arend
+Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschäftigend -- wenigstens
+bis zum Anhalten des Wagens und während des ersten Teiles des Abends.
+
+Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddämmerung entgegen,
+und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede veränderte
+Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle veränderte
+Bühnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das
+vergrillteste Gemüt Wunder zu wirken vermag, -- was ich übrigens hier
+durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorführe.
+
+Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurückwich, als
+ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten
+schwarzen Freunde begrüßt.
+
+»Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen früh, und das
+ist recht hübsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwürdig weichen
+Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune.«
+
+Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tür geöffnet, und nach einem
+Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Försters Tofote in einem
+ziemlich geräumigen, glänzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten
+Gemache. Ganz reizend sah das junge Mädchen in ihrer bunten, blendenden,
+aber durch das verschiedenartige Grün vieler kunstvoll zusammengestellter
+künstlicher Gärtnergewächse gesänftigten Umgebung aus, und einen Moment
+lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl
+in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr.
+
+»Dieser Herr Vollrad von Wittum wär ein Urnarr, wenn er nicht bleiben
+würde,« sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Fräulein mir
+entgegentrat, mir die Hand bot und sagte:
+
+»Es ist sehr freundlich, daß Sie meine -- unsere Einladung nicht
+ablehnten.«
+
+»Haben Sie das glauben können, gnädiges Fräulein?«
+
+Es war eine etwas heiße Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind
+sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte
+durch das Lächeln, in welchem Gertrude meinte:
+
+»Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschäftigt -- so sehr
+in Anspruch genommen. Nur wir -- haben immer Zeit.«
+
+»Wer wir, mein Fräulein?«
+
+»Ich!« sagte das Waldfräulein. »Ich habe Zeit -- o, ich habe viele Zeit!«
+
+»In diesem bunten Dasein?«
+
+»Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch
+allein, -- die übrigen Herrschaften, welche die Freundin lud --«
+
+Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in
+einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur
+durch eine einzige aus einem Lilienkelche züngelnde Flamme erhellt wurde.
+Da fand ich denn bald im Laufe des Gespräches, daß sie beide lebten wie sie
+mußten -- der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und daß der
+Garten versunken war, wie die Gärten eben versinken; der Garten Mynheers
+van Kunemund ganz beiseite gelassen. --
+
+Wir unterhielten uns über dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit
+längerer Zeit daran gewöhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so
+tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewöhnlichen
+Gesellschaftslächeln bringen zu können. Ich erzählte von meinem Briefe an
+den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen müsse, daß wir bis
+jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, daß ich nunmehr
+morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persönlich nach den
+Gründen seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte:
+
+»Er hat vielleicht wieder etwas übelgenommen!«
+
+»Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm,« erwiderte ich
+hierauf. »Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas übel,
+Fräulein?«
+
+»O -- nein,« stotterte die Waldelfe, »andern Leuten nicht; aber -- aber
+mir. Er weiß sich so schwer in die selbstverständlichsten Dinge zu finden,
+und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht
+einzig und allein dafür. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wäre manches
+anders in der Welt!«
+
+»Wer wünschte das nicht, mein Fräulein?« rief ich höflich, und dann wurden
+wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die
+urälteste Kinderweisheit der Welt in den urältesten Fassungen,
+Redewendungen und Sprichwörtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden
+unter den Füßen weg und abhanden gekommen war, und wir die See -- den
+Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in
+seinen Fieberphantasien.
+
+»Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern!« flüsterte
+Trudchen Tofote. »Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir
+so leid, so sehr leid! Wäre ich auch ein Junge gewesen, so hätte ich mit
+ihm aufs Schiff gehen können; aber wir machen uns ja nicht selber, und
+jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem
+seiner schlimmsten Wirbelwinde und Stürme erzählte, wenn er nachher vom
+Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam.«
+
+Es kam mir vor, als spüre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf
+der Brust. Die Frau Christine würde die Ausdrucksweise ihrer jungen
+Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich
+entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwülen
+Seufzer sagte:
+
+»Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafür? Wer will denn grade von
+diesem kleinen Mädchen verlangen, daß es das Universum über den Haufen
+werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung überspringe?«
+
+Wir sprachen nun davon, wie liebenswürdig und gutmütig die Frau Christine
+von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem
+Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm
+Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gespräch hineingeraten, daß wir
+gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemächer jenseits des purpurnen
+Türvorhanges allmählich mit den übrigen Gästen gefüllt hatten, und daß
+unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwärtig
+war.
+
+Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte
+ich gesagt: »Aber mein Fräulein -- mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht!
+ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr!« als der rote
+Vorhang plötzlich zurückgeschoben wurde, die schöne, schlimme, lustige Hexe
+-- die gnädige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem
+lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und fröhlich rief:
+
+»Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld
+zu Ende, und ich ertrage es nicht länger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch
+gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht.
+Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, -- wir!«
+
+Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und
+sah wundervoll aus in ihrer üppigen, reifen Schönheit. Das bleiche,
+nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber
+das Taschentuch auf das Gesicht gedrückt und war hastig durch eine
+Seitenpforte entschlüpft. Was blieb mir übrig, als der Frau Christine den
+Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast sämtlichen geladenen Gästen
+angefüllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas
+peinlicher Übergang aus der Dämmerung in die glänzendste Helle; aber es war
+doch ein Vergnügen -- ein gar nicht zu verachtender Genuß.
+
+»Es ist zu drollig,« lachte die Hexe, »da sitzen sie wie ein Liebenspaar,
+diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fließt! Was
+haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Töchterchen?
+Etwa die nämliche Anlage zum kläglichen oder verlegenen Anstarren des
+Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir können,
+und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge, wie sich das
+augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl,
+Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knüpfen eine Parabel
+daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhängen; -- o,
+ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war
+die höchste Zeit, daß wenigstens für diesen Abend eine verständige Frau dem
+Trübsal ein Ende machte?«
+
+Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt hätte, würde ich es nur zu gern
+hingegeben haben, -- aber sie hatte recht, die Hexe -- in diesem Moment
+gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte
+ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lächeln, bot der Dame
+den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer.
+
+Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewußt
+hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darüber verwundern, wieviel
+doch Tag für Tag auf Erden vorging, worüber sich reden ließ. Selbst
+diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur
+in der festen Überzeugung, daß sie sich nur deshalb still langweilten, weil
+sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die übrigen Herrschaften erlebt
+und tiefer darüber nachzudenken hätten.
+
+Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie
+wußte es so ziemlich allen ihren Gästen behaglich zu machen, und mir machte
+sie es sogar gemütlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr
+Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein übler
+Mensch, -- wenigstens was die Hauptsachen, das Gemüt und das Herz anbetraf.
+Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz.
+
+»Was wollen Sie?« sagte sie. »Kann er denn etwas dafür, daß er noch nicht
+Geheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird?«
+
+Dagegen ließ sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal
+mußte ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schöne,
+ebenfalls lachende Hexe meinte:
+
+»Sehen Sie, ich habe es gewußt, daß es Ihnen endlich bei mir gefallen
+würde! =Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me!= Sie wissen doch, daß das eine
+griechische Beschwörung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit
+gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen
+Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie,
+Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu
+Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute
+gekommen: =Duc ad me!=«
+
+Wenn ich das nicht gewußt hatte, so mußte es mir jetzt ganz und gar klar
+werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter -- die
+golddurchwebten Purpurfäden, die sich um die Seele legen, leise,
+unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme =animula=, die =vagula=,
+=blandula= kein Glied mehr regen kann, die prächtige Blutsaugerin nach Muße
+und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hülse im
+Busch und Gewebe hängen zu lassen, daß eine neue Schmetterlingsgeneration
+in einem neuen Frühlinge sich über sie verwundere und lache.
+
+Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Meßraritätenzelt in
+die Trompete gestoßen oder durch das Sprachrohr gebrüllt hatte, durch den
+Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er
+grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das
+zuletzt soviel als möglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als
+die gnädige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr
+liebenswürdig zeigte, brachte er einen Präsentierteller mit irgendeinem
+angenehmen Getränke und flüsterte mir dabei zu:
+
+»Nun? haben Sie es ihr gesagt?«
+
+»Ich glaube wohl,« murmelte ich, eines der Gläser nehmend, um es ihm
+»symbolisch« an den schwarzweißen Wollkopf zu werfen.
+
+»Haben Sie es beiden gesagt?«
+
+»Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt!« murmelte ich weiter, »und --«
+
+»Sehen Sie wohl! Was habe _ich_ Ihnen gesagt?« flüsterte Signor Ceretto
+entzückt über seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung,
+während ich lächelnd mich immer heftiger über die Impertinenz des schwarzen
+Gesellen ärgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter
+Meßfratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden
+schönen weißen Herrinnen -- uns alle zu übersehen.
+
+Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken ließ, so mischte ich mich
+nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrüßte und unterhielt
+mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch
+etwas höchst Sonderbares.
+
+Man unterhielt sich natürlich über mancherlei; außer den Tagesneuigkeiten
+wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an
+den Haaren. Vorzüglich hielt ein ältlicher, behäbiger Herr stets einen
+Kreis von Zuhörern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich
+fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau
+Christine zugerufen hatte:
+
+»Ich muß mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen
+ihr böse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht gründlich verdorben zu
+haben, mein Herr.«
+
+Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte des
+Ringes aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad von
+Wittum:
+
+»Das ist in der Tat außerordentlich interessant!« --
+
+Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad außerordentlich und
+außergewöhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer
+wohlbeleibten Dame über die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben
+unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrückte mit Mühe einen
+hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens:
+
+»Der Stein der Abnahme!«
+
+Bei allen Göttern und Göttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und
+des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das
+einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der
+Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus
+dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als
+gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer
+nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen
+Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich
+mehr für den augenblicklichen Inhaber.
+
+»Dieser Gegenstand, meine Herrschaften, ist kürzlich, das heißt vor einigen
+Jahren beim Bau einer neuen Straße unserer Stadt in einem trockengelegten
+Wassertümpel gefunden worden,« erzählte der glückliche Besitzer und
+Sachverständige, »und mir in mehr als einer Beziehung ungemein wichtig.
+Erstens wie kommt dieses seltene Artefakt gerade dorthin -- an diesen
+seinen jetzigen Fundort?«
+
+Die Damen wußten es nicht, die Herren auch nicht, gaben sich jedoch die
+Mühe, nachdenklich auszusehen; was mich anbetraf, so hielt ich mich
+selbstverständlich ruhig und ließ die Gesellschaft raten.
+
+»Es bezeugt unbedingt, wie so manches andere, den weitesten Weltverkehr
+unseres Gemeinwesens im Mittelalter,« sprach triumphierend bescheiden der
+archäologische Sachverständige. »Aus den Händen hanseatischer Schiffer ist
+es jedenfalls einmal in den Besitz und die Sammlung irgendeines
+kunstsinnigen Patriziers der Stadt übergegangen, und --«
+
+»Dem einmal gestohlen, oder aus dem Fenster in den Teich gefallen,« meinte
+Herr Vollrad von Wittum.
+
+»Wahrscheinlich,« erwiderte der Besitzer etwas trocken, »lassen wir das
+doch dahingestellt sein; denn zweitens ist der Gegenstand auch schon an und
+für sich sehr merkwürdig. Die Hand, welche diesen Stein modellierte,
+stellte das Produkt unbedingt nicht als ein Objekt des Handels oder
+Tausches her, sondern --«
+
+»Sondern?« rief ich im höchsten Grade auf die Erklärung gespannt.
+
+»Sondern wir haben es hier mit einem sozusagen streng
+hieratisch-domestikalen Amulet -- arabisch =hamala= -- zu tun.«
+
+»Was Sie sagen?!« rief ich unwillkürlich über die Schulter der noch immer
+vor mir stehenden und sich gleichfalls wundernden Dame.
+
+»Gewiß, mein Bester! Es ist ein streng domestikal-hieratischer Zauber --
+ein glückbringender Zauber, den die Braut dem Bräutigam am Polterabend --
+auch dort und damals kannte und kennt man den Polterabend, meine Damen --
+in die Tasche schiebt, und den der Ehemann nachher bei Tage und bei Nacht
+unter seinem Kopfkissen verwahrt, oder in gefahrdrohenden Zeiten im
+verstecktesten Winkel seines Hauses -- seiner Bambushütte. Sie nennen das
+den Apfel des Glückes, und ich jedenfalls bin glücklich, ihn in meinen
+Besitz gebracht zu haben, meine Herrschaften.«
+
+»Und bitte, Herr Professor,« fragte die vor mir stehende Dame lächelnd, »da
+Sie ja auch verheiratet sind, so werden Sie diesen eigentümlichen Zauber
+jetzt wahrscheinlich auch in Ihrem eigenen Hauswesen benutzen, -- nicht
+wahr? Wie geht es denn unserer guten Charlotte? ich habe mich den ganzen
+Abend vergeblich nach ihr umgesehen.«
+
+»Abhaltung, meine Gnädige -- eine sehr große Wäsche, und sonstiger
+mannigfaltiger häuslicher Verdruß,« stotterte der Gelehrte, und jetzt
+lächelte der ganze Kreis, und trotz allem konnte ich nicht umhin, mit zu
+lächeln.
+
+»Mein verehrter Herr,« wendete sich Herr Vollrad an den Besitzer des
+Apfels des Glückes. »Sie legen einen großen Wert auf dieses geheimnisvolle
+Amulet und das mit vollem Rechte, aber wenn Sie ahnen könnten, welchen Wert
+ich unter Umständen darauf legen könnte, so würden Sie gewiß nicht
+anstehen, mir es abzulassen oder auszutauschen. Sie wissen, daß ich als
+Erbe eines verrückten, gleichfalls archäologischen Onkels in den Besitz
+einer Kollektion von Intaglien gekom --«
+
+»Ich weiß das freilich, aber ich muß in diesem Falle doch herzlich und
+freundlich danken,« erwiderte der würdige Inhaber des Apfels des Glücks ein
+wenig sehr verdrießlich und sich dabei hastig nach der Hand umsehend, in
+welcher sich sein Schatz augenblicklich befand. Die gutmütige, behagliche
+Dame, die sich soeben so teilnehmend nach dem Befinden und Verbleiben der
+Frau Professorin erkundigte, hatte das Ding, ohne es viel zu betrachten,
+mir gereicht, und ich hielt es und besah es von neuem sehr genau. In
+demselben Augenblick schritt die Hexe wiederum durch den Saal, trat in
+einiger Aufregung an mich heran und flüsterte mit hastig-energischer
+Betonung:
+
+»Es ist eigentümlich, und ich verstehe das nicht recht, so viele Mühe ich
+mir geben mag. Sie ist nirgends zu finden, und der Bediente sagt, man habe
+ihr ein Billett gebracht, worüber sie heftig erschrocken sei, und dann habe
+sie in großer Bewegung mit dem Neger, dem Ceretto, hin und her verhandelt,
+und in seiner Begleitung das Haus verlassen! Wie weit fühlen Sie sich für
+diese Vorgänge mir verantwortlich, mein Herr?«
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Ich gab rasch den Apfel des Glückes zurück in die Hand des Professors, der
+ihn schnell, zärtlich und vorsichtig wieder in seine Hülle von Seidenpapier
+einwickelte und in der Brusttasche seines Frackes barg. Der würdige
+gelehrte Herr hatte uns seinen Vortrag gehalten, wußte ganz genau, was das
+Ding bedeute, und mochte also die Folgen seines Besitzes tragen.
+
+»Sie haben die Hand in alledem! leugnen Sie es nicht!« flüsterte mir die
+schöne Hexe scharf zwischen den Zähnen durch ins Ohr, und ich hatte mich zu
+sammeln, ehe ich imstande war, es unter nachdrücklichstem Kopfschütteln in
+der Tat zu leugnen.
+
+»Dann begreife ich nichts davon!« rief die Frau Christine. »Aber wenn ich
+nicht dieses dumme Volk, das ich mir jetzt zu meinem Verdruß auf den Hals
+geladen habe, anzulächeln und zu unterhalten hätte, so wüßte ich wohl, was
+ich tun würde.«
+
+»Und was würden Sie tun, Gnädigste?«
+
+»Ich würde einen Mondscheinspaziergang wie die alberne Dirne, das Trudchen,
+die Gertrud machen, und -- Sie zur Begleitung mit mir nehmen.«
+
+»Ach! würden Sie?... Ja, aber beste Frau, dann bitte ich doch meinerseits
+um Aufschluß über das Verschwinden unserer kleinen Freundin. Gnädigste, Sie
+wissen es, wohin das Kind gegangen ist, seinerseits meinen Freund, Ihren
+Mohren Ceretto, als Begleiter mit sich führend.«
+
+»Wohin Sie es doch geschickt haben!« zischelte die Hexe böse, wendete sich,
+trat zum Professor und bat lieblichst lächelnd:
+
+»Teurer Freund, was habe ich versäumen müssen? Ist es gar nicht möglich,
+daß ich es noch nachhole? O bitte, bitte, jetzt lassen Sie mich doch auch
+betrachten, was Sie vorhin den Herrschaften zeigten. Wahrhaftig,
+Doktorchen, ein Kreis, der Sie nicht in sich schließt, entbehrt seiner
+besten Zierde, wie ein Kranz, in dem die Rose fehlt.«
+
+Es war ein Glück, daß »unsere gute Charlotte«, durch ihre große Wäsche im
+Hause festgehalten, das wonnige Lächeln nicht sah, mit welchem der Gelehrte
+sich vor seiner schönen Wirtin neigte, das selige Behagen, mit welchem er
+seinen hieratischen Glücksapfel von neuem aus der Fracktasche und dem
+Seidenpapier hervorholte. Ich aber verlor mich aus dem zierlichen Getümmel,
+nachdem ich mich möglichst in demselben verloren hatte. Ich machte den
+Mondscheingang, den die wundervolle Hexe leider oder auch vielleicht
+glücklicherweise anzutreten nicht imstande war -- weil -- sie ihre Gäste
+anzulächeln hatte. --
+
+Er war den Gaskronen und den aus Glaslilienkelchen leuchtenden Flammen zum
+Trotz aufgegangen, der Mond, der deutsche Mond, und schien voll und rund
+auf die Dächer und in die Gassen der alten Stadt, sowie auf ihre neuen,
+modernen Teile. Daß das Haus der Hexe in der allermodernsten Vorstadt lag,
+verstand sich von selber, und jetzo lag es auch hell im hellsten
+Mondenschein, oder wenn man will, romantisierten Sonnenschein: es mußte ein
+ausgezeichnet verständiger, klarer Tag auf dem Monde herrschen und das
+Wetter dort himmlisch vernünftig sein. Die andere Seite der
+»Promenadenstraße« lag natürlich tief im Schatten, und ich trat schnell in
+diesen Schatten hinein, sah auf die roten Fenstervorhänge in der Höhe,
+schüttelte den Kopf und seufzte:
+
+»Und es ist doch eines der herrlichsten Weiber, welches je einen Ballsaal
+verzaubert, einen alten Ehemann begraben und einen vernünftigen Menschen in
+den besten Jahren gründlich um seine Kaltblütigkeit und alle ruhige
+Überlegung gebracht hat!« Ich hätte beinahe hinzugesetzt »unglücklich
+gemacht hat«, erfaßte jedoch glücklicherweise im letzten Augenblick noch
+einen Binsenhalm und versank wenigstens nicht in diesen Abgrund der
+Lächerlichkeit, entfernte mich jedoch mit den weitesten Schritten eilig von
+seinem Rande.
+
+Ich lief durch das Gebüsch und um die Blumenbeete der städtischen Anlagen
+bis dahin, wo sich die begleitenden Häuserreihen dem Bahnhofe zu
+erstrecken.
+
+Es war noch ein später Zug angelangt. Gasthofswagen und Droschken rollten
+an mir vorbei; Reisende in Gruppen oder einzeln wanderten mit ihrem Gepäck,
+ohne solches, oder in Begleitung von Packträgern in die Stadt hinein. Die
+Nacht schien von Minute zu Minute lieblicher werden zu wollen, und um das
+letzte Rasenrund und Blumenbeet am Eingange der eigentlichen Straßen
+biegend, traf ich auf den letzten Reisenden, der in der soeben
+geschilderten Weise mit der Eisenbahn gekommen war und dem Weichbilde
+zuwanderte, nämlich auf den Meister Autor Kunemund.
+
+Er sah mich natürlich nicht. Er wollte hastig an mir vorüber. Er schien es
+jetzt sehr eilig zu haben, er, der uns so lange auf eine Antwort hatte
+warten lassen, und selbstverständlich packte ich ihn sofort fest am Oberarm
+und hielt ihn auf.
+
+»Alle Hagel! was soll -- was ist -- ja, Herr, sind Sie denn das?« rief er
+anfangs erschreckt und zornig und dann um so freudiger. »Sind Sie es
+wirklich? O, ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, was für ein Segen das für
+mich ist, daß ich Ihnen hier so gleich zum Anfang in die Arme renne. Das
+nenne ich wahrhaftig eine Schickung.«
+
+Vor allen Dingen hatte er hastig meine Hände gefaßt und schüttelte sie
+kräftig.
+
+»Wer schickt Sie denn, Meister? Meiner Meinung nach haben wir Sie doch
+kläglich genug gerufen! Kommen Sie nicht auf den Hülfeschrei in meinem
+Briefe?«
+
+»Ein Brief? Von Ihnen? Einen Brief von Ihnen habe ich nicht gekriegt --
+wenn Sie mir wirklich geschrieben haben, wird er wohl noch beim Vorsteher
+liegen -- das macht sich öfters so bei uns. Ich bin erst heute mittag mit
+der Alten zu Hause angekommen! Herr, ich habe die Alte mir holen müssen,
+und das ist wieder eine Geschichte für sich! Sie sollen sie beiläufig auch
+ins einzelne hören -- ich sage Ihnen, ich habe Tage erlebt und Komödien an
+meinem eigenen Leibe durchgemacht, wie das in keinem Buche steht. Sie saß
+richtig schon vor dem Dorfe auf dem Anger, ihr Gerümpel um sie her; und
+eine Woche von meinem Dasein hat's mich gekostet, um ihr zu ihren Rechten
+und aber auch von drei Dutzend Injurienprozessen zu helfen. Jetzt habe ich
+sie denn endlich glücklich bei mir unter Dach, und wenn Sie mir wieder
+einmal die Ehre schenken wollen, mich zu besuchen, so -- doch, Herr, von
+alledem später, mir wirrt der Kopf und gellen die Ohren, daß es gar nicht
+zu sagen ist. -- Was passiert hier? was ist es, das mich hierher gerufen
+hat, daß ich hätte kommen müssen, und wenn ich der alte Fritz an der Spitze
+seiner ganzen Armee gewesen wäre und nicht gewollt hätte?! Herr, wer rief
+hier um Hülfe? wer ist tot, oder wer will sterben?«
+
+Mich überlief es weder heiß noch kalt, doch ich sah in dem bleichen Lichte
+über die Schulter und dann empor und fühlte den leisen, schönen Nachtwind
+mehr auf der Stirn und im Haar.
+
+»Sind _die_ geheimnisvollen Hände immer noch an ihrem Werke? Nun, dann
+mögen wir guten Leute mit unserm Erdentage anfangen, was wir wollen: es
+bleibt doch beim alten und die Welt ein großes Wunder!... Mein alter,
+teurer Freund, seit jenem Tage, an welchem wir vor Ihrem Dorfe am Hohlwege
+zusammentrafen, kämpft jemand, von dem wir damals auch sprachen, einen
+schweren Kampf, und es geht ihm sehr -- sehr schlecht.«
+
+»Wer? wer?«
+
+»Der gute Steuermann Karl, dem alle blinden Klippen und wilden Stürme
+nichts anzuhaben vermochten. Bei jenem Eisenbahnunglück sind ihm die Füße
+zerschmettert worden, und er liegt hier in der Stadt bei der Base Schaake,
+und um seinetwillen habe ich Ihnen geschrieben.«
+
+»Also das war es!« sagte der Meister Autor leise. »Ihren Brief habe ich,
+wie gesagt, nicht erhalten, aber man hat mich heute nach dem Mittagsessen
+gerufen. Ja, dann ist's der Karl, der stirbt und der rief; -- o ich habe
+eine unbeschreibliche Angst gehabt, daß unserm Trudchen etwas Schlimmes
+passiert sei.«
+
+Wir gingen jetzt rasch vorwärts durch die Straßen der Stadt.
+
+»Wer -- was hat Sie nach dem Essen gerufen?« fragte ich, den Alten im Gehen
+stützend.
+
+»Sie werden ja wohl nicht lachen, aber auch das würde mich nicht
+verhindern, Ihnen das Ding zu erzählen,« sagte Herr Kunemund. »Lächerlich
+genug ist's auch im Grunde, wenn sich gleich der Ernst schlimm genug dran
+hängt! Sehen Sie, die Alte spielte natürlich ihre Rolle dabei; denn die
+werde ich jetzt mal wieder aus nichts mehr los. Wir waren eingerückt, und
+sie hatte Besitz von meinem Topfe und meiner Pfanne genommen, und ich
+merkte gleich, daß nun wieder alles beim alten sein werde; denn da schon
+ging es an, und nichts war ihr recht, und so brachte sie denn ihre erste
+Suppe wieder auf den Tisch, und da sie zum ersten Anfang ihre Sache recht
+gut hatte machen wollen, so war die Geschichte nicht allein versalzen,
+sondern auch recht sehr angebrannt, und ich gestattete mir die erste
+Bemerkung wieder darüber. Da ging die Unruhe an!«
+
+»Aber das trieb Sie doch nicht dreiviertel Stunden Weges über das Feld zur
+Eisenbahnstation und mit dem Nachtzuge hierher?«
+
+»Nein; aber im Anfang schob ich es doch darauf; denn, Herr, ich war in
+großen Sorgen, und mein Leben kam mir wieder einmal recht verdreht vor. In
+der Stube hielt ich es nicht aus, -- suchte also meinen Mittagsschlaf im
+Grasgarten unterm Baum abzutun; aber da wurde es nur schlimmer als arg. Ich
+war grimmig über mich, über die Alte, über meine Bauern in meinem Dorfe und
+über ihre in ihrem; ich hielt es nämlich zuerst für Ingrimm, bis ich
+herauskriegte, daß es Angst war -- ich sage Ihnen -- Angst, Herr
+Bergschreiber! Ja was denn? fragte ich mich. Ein Gewitter steckt nicht in
+der Luft, das Unwetter, was du jetzo wieder im Hause hast, hast du doch
+länger als zwanzig Jahre mit deinem Tofote ohne Schaden an Leib und Seele
+ertragen! Sehen Sie da -- da -- da war es, am hellen Tage, in der hellen
+Sonne, daß ich gerufen wurde! von hier gerufen wurde -- und natürlich sagte
+ich mir mit dem kalten Schweiß auf der Stirn: Es ist das Kind, es ist unser
+Trudchen! auf das Kind ist ein Unglück gefallen. Herr, lieber Herr, und
+einen Gang wie meinen heutigen nach der Station, ein Warten wie das
+stundenlange Warten da und eine Fahrt wie meine jetzige, die hoffe ich
+nicht wieder durchmachen zu müssen.«
+
+»Fassen Sie Mut, Meister. Wer weiß, was Ihr Kommen wenden soll? Wer weiß,
+wozu Sie -- gerufen wurden? Nicht jedermann bekommt einen solchen Ruf, das
+schon allein kann Ihnen eine Bürgschaft sein, daß alles im richtigen
+Geleise sich befindet.«
+
+»Da haben Sie vielleicht recht,« sagte der Meister Autor. »Seit ich den Fuß
+aus dem Wagen gesetzt habe, ist es mir auch wirklich besser und ganz wie
+gewöhnlich geworden. Seitdem die Alte über meinen ganz unschuldigen Spaß
+sofort wieder die Schürze an die Augen brachte und losheulte, als ob der
+Bock sie gestoßen habe, ist es mir durch den vollen Tag gewesen, als halte
+mich eine Hand hinten am Rockkragen gepackt, dränge mich gegen die Wand und
+wolle mich mit dem Kopfe zuerst durchstoßen. Dieser Karl, der arme gute
+Junge tut mir mit seinen blutigen Füßen, weiß es Gott, herzinnig leid, aber
+die Hand spüre ich nicht mehr im Genick; -- wissen Sie, mit der See und dem
+Erdumfahren wird's aus und zu Ende sein; aber, was meinen Sie, er zieht zu
+mir -- wir passen zueinander -- haben aneinander einen Trost und eine
+Stütze gegen die Alte, und führen doch noch ein Leben, das sich tragen
+läßt!«
+
+»Möge es so sein,« sprach ich in der Seele, doch nicht laut. Wir hatten
+jetzt die Altstadt wiederum erreicht und suchten unsern Weg durch die
+dunkelsten Gassen derselben, über ein Pflaster, welches noch nie der Mond
+mit seinen Strahlen hatte beleuchten können. Beizu erzählte ich dem
+Meister, daß ich mit seinem Kinde, der Gertrud Tofote am heutigen Abend
+auch bereits zusammengetroffen sei, und er erkundigte sich dringend und
+hastig nach dem Wie, Wo und unter welchen Umständen. Ich gab ihm alle nur
+mögliche und rätliche Auskunft, und dann rief er:
+
+»Sie werden es unter den jetzigen traurigen Umständen für ein Unrecht
+halten, daß mir immer stiller zumute wird, lieber Herr; aber ich kann
+wahrhaftig nichts dafür. Zuletzt ist es doch immer nur einzig und allein
+das Kind, welches mir im Sinne liegt. Wenn ich das Kind in Sicherheit und
+Behaglichkeit weiß, ist mir alles übrige nur wie ein Unwetter, das man
+unter einem Busch am Wege abwartet.«
+
+Nun hätte ich dem alten Herrn um keinen Preis jetzt andeuten mögen, daß
+das »Kind« sich recht unbehaglich gefühlt habe, als ich vor einigen Stunden
+mit ihm zusammengekommen war. Ich sagte ihm auch nicht, wie man dann nach
+ihr gesucht habe: vielleicht hatte er selber noch in dieser Nacht
+Gelegenheit, sie zu sehen, und mußte sie selber ihm mitteilen, wie es ihr
+ums Herz war. Hier war wahrlich Magie! ich sah das Erdenleben, wie ein
+Taucher das Sonnenlicht in der Tiefe des Meeres schwebend sieht, und wie
+paßte der greise Zaubermeister aus dem Elmwalde in die Beleuchtung und in
+die sonderbare Nacht überhaupt! Nachdem er seine innerste Herzensmeinung
+kundgemacht hatte, hatte er auch für den kranken Steuermann das höchste
+Interesse übrig; -- er jammerte heftig um ihn und fragte bis auf die
+kleinsten Einzelheiten nach allen ihn betreffenden Vorgängen der letzten
+Tage. Auch die Base erhielt ihr Teil Teilnahme aus seinem guten Gemüte:
+
+»Hätt' ich ihr das dadurch ersparen können, daß ich's auf mich genommen
+hätte, so würde ich mich nicht besonnen haben. Aber so ist es, sie wird
+expreß dazu hingesetzt sein, um dies Elend abzuwarten und den Jungen auf
+ihrem Bette zu pflegen. Unsereiner meint immer, daß er um seinetwillen da
+sei, doch das ist nicht so -- es ist wahrhaftig nicht an dem, man muß aber
+alt werden, um es auszukundschaften. Zum Exempel, was sollte jetzt aus der
+Alten (und da meine ich natürlich nicht den Hafenmeister) werden, wenn ich
+nicht länger als siebenzig Jahre meinen Charakter darauf hingezogen hätte,
+mir die Suppe versalzen und die gute Laune -- nicht verderben zu lassen?«
+
+Da ich auf diesen Humor augenblicklich doch nicht recht eingehen konnte und
+nur durch ein etwas dämpfig-trübsinniges: Ja, ja! darauf zustimmte, meinte
+er kläglich:
+
+»Der Arend hat das auch immer gesagt.«
+
+»Was denn, Meister?«
+
+»Sehen Sie, daß ich mich überall, wie man das nennt, unmöglich mache. --
+>Herrgott, ich sage ja nie etwas!< antworte ich dem Arend, aber er weiß mir
+Bescheid zu geben und sagt: Aber du lachst und grinsest und zwar niemals an
+der richtigen Stelle, und das sollen dann die Leute nicht verquer
+aufnehmen! -- Und wenn der Tofote das von sich gegeben hatte, ging er
+jedesmal hinter die Stalltür oder die nächsten Bäume, zog den Kopf zwischen
+die Schultern und grinste toller als ich. Ja es war ein gutes Leben mit ihm
+und unserm Trudchen; selbst die Alte gehörte dazu.«
+
+Er hatte keine Ahnung davon, wie tief ich in diesem Augenblicke in dieses
+»gute Leben« hineinsah. In der Welt, in der ich hausete, pflegte der gute
+beratende Freund nach erteiltem Rate zwar die Achseln auch zu zucken und
+sich hinter den Busch zu schlagen; aber er tat's gewöhnlich wie jemand, der
+seines eigenen Besten wegen seinen besten Freund aufgeben muß -- aufgeben
+will -- aufgibt, und zwar auf der Stelle. Von dem, was vor langen, langen
+Jahren, so ungefähr in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts
+Eugenius zu Yorick sagte, wußte der Meister Autor Kunemund nichts. Er
+erfuhr in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nur an seinem
+eigenen Leibe wieder, was damals einige Leute auch schon an sich in
+Erfahrung gebracht hatten. --
+
+»Daß Sie, lieber Herr, sich hier am Orte so ohne weiteres und noch dazu in
+der Mitte der Nacht, wenn auch bei Mondschein zurechtzufinden wissen, ist
+mir auch eine Merkwürdigkeit. So oft ich auch am hellen lichten Tage
+hierher kam, alle zehn Schritte lang hab' ich vor einer Mauer gestanden und
+mich zurecht- und meistens auch zurückfragen müssen; aber hier -- hier sind
+wir ja wohl? Herr, Herr, jetzt geht es mir erst recht auf, wie über alles
+wunderlich es ist, daß ich wieder einmal hier bin und mit Ihnen und in
+dieser Stunde!«
+
+Wir waren beide mit gesenkten Köpfen gegangen, und jetzt erhoben wir
+dieselben zu gleicher Zeit vor dem schon einmal beschriebenen Torbogen, der
+in den Cyriacushof führte; und ein dritter, der mit untergeschlagenen Armen
+dort lehnte und den Rauch einer Zigarre in das blaue Mondlicht hineinblies,
+erhob ebenfalls das Gesicht.
+
+»Ich wußte es ziemlich sicher, daß ich Euch hier treffen würde, Ceretto,«
+sagte ich. »Ihr habt das Fräulein hierher begleitet; und seht -- der Herr
+Autor ist ganz von selber gekommen, ich bin nur durch einen Zufall
+unterwegs mit ihm zusammengetroffen. Wißt Ihr, wie es da oben geht?«
+
+Der Mohr aus dem Schüsselkorbe beantwortete vorerst diese Frage nicht. Er
+hatte vor dem Meister Kunemund den Hut gezogen, und nun warf er auch die
+Zigarre fort und rief:
+
+»So gerät man auseinander und wieder aneinander und zueinander; aber
+solange ich denken kann, soll es stets der Zufall sein, der's zuwege
+bringt; und wenn wir mit den Nasen zusammenrennen, geschieht's natürlich
+ganz von selber. Wenn ich _die_ Weisheit in Spiritus, für jede Abart ein
+besonderes Glas, der Menschheit in einer Bude zeigen könnte, so hinge ich
+in dieser Nacht noch die gnädige Frau hinter die Tür und ginge wieder
+einmal ohne Abschied durch.«
+
+»Schwatze Er keinen Unsinn, Wichselmeyer,« sprach der Meister Autor, dem
+Schwarzen die Hand reichend. »Und wenn Er sich wirklich bei Seinem Senf
+etwas denkt, so gebe Er uns auch das Fleisch dazu oder behalte ihn nur
+ruhig bei sich; -- was mein Junge macht, will ich jetzt wissen, und weiter
+nichts!«
+
+»Mir gefiel es eben nicht da in der Stube,« sagte der Mohr mürrisch. »Das
+gnädige Fräulein winselt, die Alte sagt gar nichts; ich hab' mich leise
+wieder heraus gemacht; denn da wir doch alle einmal dran müssen, so muß es
+wenigstens von Zeit zu Zeit einen vernünftigen Kerl geben, der es sich bei
+solcher Vorstellung lieber draußen in der frischen Luft und bei einer
+Zigarre überlegt, wie er sich auf dem Seil ausnehmen wird, wann die Reihe
+an ihn kommt. O meine Herren, dieser Herr Wichselmeyer hier ist klug und
+alt genug geworden, um zu wissen, was das Beste für den Menschen ist.«
+
+»Der Teufel soll dich braten, wie er dich schwarz geräuchert hat, du
+Kaffer, du Hottentott, du hinterafrikanischer deutschgekochter
+Jahrmarktslump!« schrie der Meister Autor wütend. »Was geht es hier mich
+an, was für den Menschen das Beste ist? Ich bin doch auch ein alter Kerl
+geworden und habe das Meinige in der Welt gesehen; aber solch ein
+sackermentsches, in jeder Brühe umgewendetes Stück Vieh, wie dich, noch
+nicht! Das Kind sitzt da oben in Tränen bei meinem armen Jungen, und dieser
+Flegel stellt mir hier mit seiner Jahrmarktsweisheit ein Bein! Aus dem
+Wege, sage ich!«
+
+Der Meister stürzte in das Tor, ich wollte ihm rasch folgen; als Signor
+Ceretto mir über die Schulter hastig zuflüsterte:
+
+»Halten Sie ihn doch auf! Der Herr Steuermann befanden sich vor zehn
+Minuten eben im Sterben. Lassen Sie den Alten doch nicht grade in den
+letzten Jammer hineinbrechen. Zum Trost für die Damen kommt er am
+richtigsten, wenn der junge Herr Abschied genommen hat.«
+
+Das mochte wohlgemeint sein, und wurde jedenfalls gesagt, wie es gedacht
+wurde, aber ich machte dessenungeachtet meinen Arm ziemlich grimmig von dem
+Griff des dunkelfarbigen Weltweisen frei und hätte beinahe etwas sehr laut
+gerufen, was ich keineswegs hier niederzuschreiben gewagt haben würde. Ich
+eilte dem Meister Autor nach und irrte mich wahrscheinlich nicht, wenn ich
+später beim Wiederüberdenken dieser Erlebnisse für gewiß angenommen hatte,
+daß der schwarze Philosoph vor allen Dingen die bei unserer Annäherung
+weggeworfene Zigarre vom Boden aufgelesen und von neuem in Brand gesetzt
+habe.
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Was die Sonne aus den gegebenen Verhältnissen im Cyriacihofe machen konnte,
+das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz
+ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverständige Herr den Hof, in welchem ich
+ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er würde sich sonst eher an einer
+der wundervollen Dachtraufen aufgehängt, als so fröhlich beide Hände zu der
+projektierten Zerstörung dargeboten haben. Selbst die erquickliche
+Vorstellung, daß man ja bereits beginne, Nürnberg abzutragen, würde ihn
+nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein
+Zerstörungsobjekt so betrachtet hätte. --
+
+Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon früher zu schildern
+gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestürmt und war
+verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentür, von welcher aus die Treppe
+zu der Wohnung der Base Schaake aufwärts führte. Ich erwischte ihn auch in
+dem gewölbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tür der Base hinter
+sich zugezogen; ich würde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen
+Augenblick lang das Ohr an diese Tür gelegt haben, doch nun blieb mir
+nichts übrig als ihm, so leise als möglich, auf den Fußspitzen zu folgen.
+
+Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite
+Bogenfenster auf das weiße Haar der Base Schaake strömte; jetzt flutete
+auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Blätter der Ulme
+draußen vor dem Fenster glänzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand
+offen, der Gartenduft drang mit der schönen Helle herein. Das silberne
+Licht lag auch auf dem Fußende des Bettes des guten Seefahrers Karl
+Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen
+auf die weiße Decke gedrückt, und ihre alten Arme umklammerten fest den
+stillen Mann unter der weißen Decke; zu Häupten im Schatten saß Gertrude
+Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schönen Hexe
+gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit
+einem Zettel, auf welchem ungefüge und unorthographisch die Worten standen:
+
+»Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe -- der liebe Gott wird's dir
+vergelten, Gertrud!«
+
+Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; später
+hat sie ihn mir gezeigt. --
+
+Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tür. Die hübsche
+Waldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun das
+Gesicht aus den Kissen und sagte rührend ergeben:
+
+»Ihr kommt zu spät, Vetter.«
+
+Hätte ich dieses Buch, wie man es nennt -- gemacht, so würde ich mich
+wahrhaftig hüten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem übrigen kam. Aber es
+ist damals so gewesen! -- bei der heißen Geisterhand, die mir heute noch in
+der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber
+so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten
+Barfüßlerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick
+wegen einer außergewöhnlich heftigen Bedrängnis in der Kirche eine
+nächtliche Betstunde abhielt und sang. -- Sie sangen in der einstigen
+Choraley der Mönche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war,
+Viehstall im Dreißigjährigen Kriege, Speicher im Siebenjährigen, Lazarett
+in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annähernd
+wieder zurückgegeben war. Die Töne klangen in der stillen Nacht, gedämpft,
+um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stören, geisterhaft zu uns her
+aus der Ferne und dem Grundstock des Gebäudes, und wir horchten alle, und
+_uns_ störten sie wahrhaftig nicht.
+
+Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und
+drückte sie fest zusammen:
+
+»Herr, _das_ war es, was ich heute mittag schon vernommen habe! Das Singen
+hab' ich am Mittag in der hellen Sonne gehört! Ach Base, Base, ist er
+gestorben? bin ich zu spät gekommen? Guten Abend, Trudchen! o Base Schaake,
+was klingt alles um einen herum in der Welt! Karl, Karl, mein lieber Junge,
+das dachtest du dir auch nicht, als du uns aus dem Walde durchgingest!
+Jetzt laßt mich ihn aber doch sehen!«
+
+Der Meister hatte sich über den Toten geneigt; ich, der ich immer eine
+große Vorliebe für das Leben, das heißt für die Lebendigen gehabt habe,
+faßte mein kleines, närrisches, hübsches Fräulein zu Häupten des Bettes ins
+Auge.
+
+Sie hatte sich von ihrem Sitze erhoben und war aus dem Schatten der Wand
+in das bleiche Licht getreten, das durch das Fenster auf den untern Teil
+des Lagers fiel. Da stand sie ratlos, zitternd, tränenüberströmt; der Tod
+schien einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und als sie
+mir das schmerzbewegte Gesichtchen entgegenhob, erschien sie mir reizender
+denn je. Vom malerischen Standpunkte aus betrachtet, fehlte nur die schöne
+Witwe, Frau Christine von Wittum an ihrer Seite, um die Gruppe in wahrhaft
+künstlerischer Weise nach allen Seiten hin abzurunden.
+
+»Trudchen hat ihn gottlob noch am Leben getroffen,« sagte die Base. »Er
+hat sie so sehr gern gehabt, und so war's sehr gut und freundlich von ihr,
+daß sie sich gar nicht besann und aufhielt, als ich zu ihr schickte,
+sondern in ihrem schönen Ballkleide hierherkam. Er war in einer
+schrecklichen Aufregung vorher und stritt sich heftig mit einem, den er
+seinen Lotsen nannte; als aber unsere Gertrud so schön und glänzend
+hereinkam, wurde er mit einem Male still und sah sie an -- sah sie immer
+an. Dann sagte er wieder was, was sich auch auf sein Seehandwerk bezog, was
+ich aber nicht verstand, und dann hielt er ihre Hand und sagte: Kein Mensch
+hier weiß, wie viel größer das Wasser als das Land ist; jetzt sollst du's
+sehen draußen vor der roten Tonne, jetzt hab' ich dich auf dem Schiff, und
+in Indien sollst du auf einem Elephanten reiten, Trudchen!«
+
+»Ich habe mich schrecklich gefürchtet,« schluchzte Gertrude Tofote. »O ich
+wollte, mein Vater lebte noch, und wir lebten alle noch im Walde; aber er
+-- er ist ja der Erste gewesen, der daraus fortging und auf die wilde See!«
+
+»Dir sind die paar Minuten schon schrecklich gewesen, Trudchen,« sagte die
+Greisin, »aber mich hat er Tage und Nächte lang fort und fort, immerzu und
+immerzu rund um die Erde in seiner Hantierung mit sich gezogen und
+gerissen. Jetzt hat er Ruhe, Vetter Kunemund, und die wilde See tut ihm
+nichts mehr.«
+
+»Hat er denn das Kind wirklich noch erkannt, oder waren es nur seine
+gebrochenen Füße und das Fieber, die ihn so reden ließen?« fragte der
+Meister Autor.
+
+»Ei freilich hat er das Kind noch wieder gekannt; es hat ihm doch
+wenigstens noch über das Letzte leichter weggeholfen. Nicht wahr, Gertrud,
+es war gut, daß du kamst?«
+
+Gertrud nickte und wendete sich hastig ab.
+
+»Er sagte: Leb wohl, liebes Trudchen, und dann war es zu Ende, -- ja, zu
+Ende, zu Ende,« schloß die Base Schaake.
+
+Über ein Sterbebett läßt sich im Grunde immer wenig sagen; wenngleich
+manches darüber denken. Der dunkle Pilot hatte eben Abschied genommen; --
+Willkommen in See! war das letzte Wort gewesen, das ich meinesteils von dem
+guten Steuermann Karl Schaake vernommen hatte. Die rote Tonne lag in
+Wahrheit hinter dem seefahrenden Manne, und klare Kimmung war vor ihm. Was
+half es am Ufer zu stehen und mit den Sacktüchern nachzuwinken? Ich führte
+das Fräulein nach Hause; -- vom Uferdamm nach Hause.
+
+Der Meister hatte den trüben Bericht der Greisin angehört und das weiße
+Tuch wieder über das Gesicht des toten Seemanns fallen lassen; dann hatte
+er sein »Kind« in die Arme genommen und es herzlich geküßt und manch ein
+Schmeichelwort zu ihm gesprochen. Die schöne Elfe hatte herzzerbrechend
+dabei geschluchzt und einmal übers andere dazu gerufen:
+
+»Das ist so fürchterlich, so traurig-schrecklich! o morgen wirst du doch zu
+mir kommen? nicht wahr, morgen früh kommst du gewiß zu mir?«
+
+Und der Meister hatte eben so oft gesagt:
+
+»Ja freilich! freilich!« und dann hatte er sich zu mir gewendet: »Wollen
+Sie so gütig sein, das arme Ding nach Hause zu bringen. Es ist eine
+schlimme, schwere Luft hier, und mit dem Halunken, dem Ceretto, allein
+möchte ich das Kind doch nicht wegschicken. Es gehört Geschick dazu, mit
+Menschen in Verwirrung gut umzugehen! Bitte, bringen Sie das Trudchen jetzt
+nach Hause!«
+
+Ich war natürlich bereit dazu, wenn ich gleich ohne alle Besorgnis die
+junge Dame dem schwarzen Philosophen anvertraut haben würde. Wir gingen,
+fast ohne Abschied zu nehmen; unser Trudchen befand sich dazu in der Tat
+allzusehr in Verwirrung, und vor dem toten Mann fürchtete sie sich heftig.
+--
+
+Die Straßen waren jetzt ganz leer, und wir hatten auf unserm Wege die alte
+Stadt so ziemlich für uns allein. Die wenigen Nachtschwärmer, die uns dann
+und wann begegneten und die Ruhe und den Frieden der Nacht durch ihre
+Heiterkeit um so bemerklicher machten, hielten sich mit dieser Heiterkeit
+an den Freund Ceretto, der in bescheidener Entfernung gelassen hinter uns
+drein wandelte und in der richtigen Weise auf jegliche Ansprache einzugehen
+wußte. Indem ich nach besten Kräften das Fräulein unterhielt, horchte ich
+doch stets halben Ohrs auf diesen schwarzen Mohren. --
+
+»O was ist das für eine Nacht! ich werde mich mein ganzes Leben lang nicht
+wieder zufrieden geben können!« schluchzte die Elfe.
+
+»Es ist freilich ein trauriger Fall; aber wir müssen uns doch zu beruhigen
+suchen, mein Fräulein,« tröstete ich. »Der arme junge Mann hat recht
+gelitten -- für seinen Beruf war er untauglich geworden; vielleicht war es
+doch das Beste --«
+
+»Natürlich war es das!« brummte hinter uns der schwarze Signor. »Es konnte
+ihm gar nichts Angenehmeres passieren! man kennt die Redensarten; -- nicht
+wahr?!«
+
+Die letzte Frage war, von einem außergewöhnlich gräßlichen
+Zahnfleischfletschen begleitet, an zwei junge Männer gerichtet, die uns an
+einer außergewöhnlich hell vom Monde beschienenen Stelle gestreift hatten,
+und von denen der eine, stehen bleibend, den andern auf das Trudchen
+aufmerksam gemacht hatte mit den Worten:
+
+»Ein reizendes Geschöpfchen!«
+
+In einigem Schrecken vor dem Schwarzen zurückprallend, hatten die Herren
+ihren Weg fortgesetzt und wir den unsrigen gleichfalls.
+
+»Der Onkel Kunemund war sehr betrübt. Er hatte unseren Karl recht lieb
+gehabt, und ich hatte ihn auch sehr gern,« seufzte Fräulein Tofote. »Wir
+sind so häufig zusammengetroffen und wieder voneinander gegangen; aber nie
+unter solchen schrecklichen Umständen.«
+
+»Jawohl,« brummte Ceretto hinter uns, »wenn das keine kuriose Geschichte
+ist, laß ich mich hängen. O Donnerwetter, sie haben alle ihre Ahnungen und
+geheimen und geheimnisvollen Beziehlichkeiten, weshalb sollte ich da nicht
+auch die meinigen haben. Herr, es geht wer hinter uns!«
+
+Dieser Ausruf war an mich gerichtet, wir standen still, die Gasse lag klar
+und leer da -- nichts war zu sehen und zu hören, und das Trudchen klammerte
+sich fester an meinen Arm.
+
+»Sie haben den Herrn Autor bereits wütend gemacht; ärgern Sie mich nun
+nicht auch noch, alter Freund,« rief ich; doch der Mohr sagte:
+
+»Ich muß doch meines seligen Herrn Schritt kennen! So ging er auf seinen
+Geschäftswegen; -- horch, -- hören Sie?«
+
+Wir hörten natürlich nichts, aber Trudchen zitterte heftig; und ich rief
+ärgerlich:
+
+»Sie sind, -- nun ich werde es Ihnen an einem der nächsten Tage sagen, was
+Sie sind; jetzt wollen wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. Die gnädige
+Frau wird sicherlich in einiger Unruhe auf das Fräulein warten.«
+
+Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch
+einmal guten Mut zu.
+
+»Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, daß Sie dem Rufe der alten Frau im
+Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut,
+und er wird Ihnen gewiß noch häufig seinen Dank dafür sagen. Ich, der ich
+die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns
+verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr
+besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen.«
+
+»Oh!« flüsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tür der Hexe, und
+nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander.
+
+»Da sind wir zu Hause,« sagte ich, »und nun bitte ich Sie herzlich, liebes
+Fräulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als
+nötig ist. Es ist noch nie etwas Außergewöhnliches auf Erden vorgefallen.
+Sie sind es sich und uns -- allen Ihren Freunden schuldig, daß Sie auf Ihre
+Gesundheit Rücksicht nehmen. Jedenfalls müssen Sie fest überzeugt sein, daß
+wir alles tun werden, um Ihnen fernere persönliche Aufregungen zu
+ersparen.«
+
+»Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte Gertrud Tofote, und ich
+wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt:
+
+»Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnächst miteinander
+zu reden.«
+
+»Ich wünsche Ihnen, recht wohl zu ruhen,« sprach der Alte. Mit welcher
+Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte
+seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von
+Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich längst
+getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den
+Vorhängen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und
+die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher
+Schein, das zierliche Flämmchen in dem weißen Lilienkelche.
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter.
+Anfangs an zierlichen Gartengittern vorüber, dann durch taufrische, von
+lebendigen Hecken eingefaßte Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es
+verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein
+Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen.
+Nur ein erbärmlich kahlgezaustes Bauerngehölz warf einmal einigen Schatten
+auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrückte
+noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nächste Dorf fand ich
+bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem
+letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da
+sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorüberziehen und hielt die Hand
+in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur für sich
+selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt
+um ihn her, sich Genüsse verschaffen, in welchen der sublimierteste
+Egoismus, dessen der Mensch fähig ist, sich gipfelt. Das höchste, innigste,
+innerste, schärfste Leben lebt man in diesen Momenten; -- wer es leugnet,
+möge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der
+Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert.
+--
+
+Durch einen sehr heißen, wolkenlosen Morgen schlich ich müde und abgespannt
+zur Stadt zurück, schlief totenähnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und
+fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen
+in irgendeiner Art nützlich erzeigen könne. Herr Autor sowohl wie die Frau
+Schaake erkannten die Höflichkeit über Verdienst an, aber sie verwunderten
+sich selber darüber, wie glatt in solchen Fällen das alles abgehe.
+Geistliche wie weltliche Behörden machten den Trauernden die Tage so leicht
+als möglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata
+einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitläufigkeit.
+
+Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren
+herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem
+Sarge, und --
+
+»Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen,« sagte der Meister Autor.
+
+Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hände voll zu tun, berichtete
+mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann
+verlange sein Stück Kuchen.
+
+Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schöne Blumen und Kränze mit
+weißen Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr
+betrübt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges
+Viertelstündchen zu ihr zu kommen.
+
+»Vielleicht so gegen Abend werde ich es möglich machen,« sagte mir der
+Meister: »jetzo sitze ich hier Wache und -- Herr, ich sage Ihnen, ich habe
+trotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutsche
+Volk zum Tanze hätte aufziehen mögen!«
+
+Er saß mit seiner Pfeife in der kühlen steinernen Halle vor der Tür der
+Base Schaake; die Tür stand halb offen, und ich sah darin grade auf den
+sonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der Meister
+Autor hatte eben wieder seine Pfeife anzuzünden und sagte:
+
+»Ja, ja, sehen Sie diese Zündholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er
+hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir
+recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man
+sich arg mit Stahl und Stein zu quälen, doch das beizu; -- Herr, die
+Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezündet und, Herr, ich
+habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken müssen -- den letzten im
+Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O
+lieber Herr, wie viele Gärten versinken dem armen Menschen in der Welt.«
+...
+
+Das war das Wort! -- Es fallen Schlösser -- Luftschlösser ein; aber das hat
+nichts zu bedeuten: die Gärten allein, die den Menschen, den armen Menschen
+versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen
+Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte
+eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte
+eines solchen, der euch verloren ging; -- im erstern Falle ist wenigstens
+die Aussicht vorhanden, daß es euch gelingen werde, euch selber zu belügen.
+--
+
+Der folgende Tag war einer der heißesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien
+die Erde wie mit einer glühenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub
+waren unerträglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte
+sich über alle Vegetation; und unsere Aufgabe ließ sich unter keinen
+Umständen auf eine kühlere Stunde verschieben.
+
+Wir führten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn.
+So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und
+einem Glase nicht teuern Moselweins.
+
+Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den
+Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. --
+gesprochen worden war, soviel als möglich im Schatten sich haltend, wieder
+nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der --
+Erde und der Sonne zum Trotz.
+
+»Es ist doch kurios,« sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm
+neben der halbzugeschütteten Grube gestanden hatten, »sonderbar ist's
+eigentlich, daß man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten spürt,
+daß man vorhanden -- daß man da ist.«
+
+»Freilich,« sagte ich, »aber Meister, dazu gehört eben doch auch, daß man
+wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefühlt
+hat, daß man da ist, und das ist keineswegs so häufig der Fall.«
+
+»Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht,« sprach der Meister Autor; und
+dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar
+weder groß noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und
+gemacht werden mußten.
+
+»Am meisten kümmert mich der Hafenmeister,« seufzte der Alte. »Was dieser
+hier mich angeht, so bin ich zufrieden, weiß mich zu schicken und zu
+fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber
+was denken Sie über die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr
+ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es
+also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals
+finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie können. Ob sie ihr eigenes Leben
+einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefühlt hat, weiß ich
+nicht, aber daß sie in dem Jungen ihr Dasein spürte, das will ich wohl
+beschwören. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr
+einziger Trost, daß sie saß und las. Ich sage Ihnen, sie las -- und was las
+sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Holländer und vor
+allem andern die Geschichten von dem türkischen Kaufmann, der zu den Leuten
+kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch
+für eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um
+seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben
+konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie
+bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und
+erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmöglichsten Dinge. Ich habe
+oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darüber gehabt, was für ein
+beschlagener Reisender sie war. O sie wußte dem Jungen, jedesmal wenn er
+heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwürdigkeiten zu berichten, als er
+ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend
+und halber lachend erzählt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei,
+und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte
+Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann?
+Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns
+andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!«
+
+»Zum Teufel, ja!« schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem
+nämlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend
+den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich,
+indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerührt die Hand auf die
+Schulter legte:
+
+»Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder
+nachreist?! Es wird ihr auch da an Reiseführern nicht ermangeln.«
+
+Der abendländische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse
+wucherte in großer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewächs, das
+sich in dieser Hitze wohlzufühlen schien. Der Meister hielt einen
+abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lächelte und sagte:
+
+»An das Einfachste denkt man immer zuletzt.«
+
+Nun wäre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat,
+oder das, was man gewöhnlich für einen solchen nimmt, geriet mir auf die
+Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht.
+
+»Herr Kunemund, alle Umstände ineinander rechnend, könnten Sie jetzt wohl
+noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten.
+Die erwünschte Stille würdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Maße finden
+-- Ihr und der Hafenmeister gehört im Grunde ganz und gar zueinander, und
+es würde gewiß kein Tag vorübergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem
+ausspürtet. Überlegt es Euch!«
+
+»Das habe ich wohl schon dann und wann überlegt,« erwiderte der Meister.
+»Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hübsch an, aber bei
+genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn
+der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, daß die
+Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den Äxten im Anmarsch auf
+ihn sind. Das alte Gemäuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber
+der Base Schaake wegen hätte es doch noch gut ein paar Jährchen länger
+stehen bleiben können. Herr, je älter man wird, desto brüchiger scheint
+auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnächst machen
+wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon
+daheim im Hause; wer weiß, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen
+werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern
+Haushalt dann mal anzusehen.«
+
+An den demnächstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und
+wußte auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor
+seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis
+jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des
+Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verließen den Kirchhof. --
+
+An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres
+Zögerns verdrossenen Kutscher. An heißen, mit Teer getünchten Planken,
+Holzhöfen, Gartenmauern und vereinzelten unschönen Häusern vorüber führte
+uns unser Weg durch den heißen, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke
+geschwärzten fußhohen Staub nach der Stadt zurück. Auf diesem Weg sprachen
+wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein
+anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu
+lassen.
+
+Da sagte der Meister, den Kopf schüttelnd:
+
+»Das ist doch wunderlich!«
+
+»Was ist wunderlich, alter Freund?«
+
+»Daß andere Leute immer bei dem nämlichen Geschäfte, in derselben Lage, in
+ganz demselben Pläsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur
+nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur -- eben sind wir fertig --«
+
+»Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor!
+Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe
+kommen, um sich darüber zu verwundern, und nicht bloß hierüber!«
+
+»Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang
+haben,« brummte Herr Autor Kunemund. »Hat das auch schon einer
+herausgefunden und schriftlich attestiert?«
+
+Nun mußte ich trotz der unpassenden Zeit und Gelegenheit doch lachen.
+
+»Ach Meister, Meister,« sagte ich meinerseits den Kopf schüttelnd, »dieses
+hat wohl schon manch einer ausfindig gemacht; aber über das, was es
+bedeutet, darüber ist man noch nicht einig und im klaren.«
+
+»Dann hilft mir auch das übrige nichts, und meinesteils lasse ich es
+einfach geschehen,« sprach Autor Kunemund, und so schritten wir weiter zum
+Hofe des heiligen Cyriacus, der vielleicht gleichfalls aus keinem andern
+Grunde ein Heiliger geworden war, als weil er hatte geschehen lassen, was
+er nicht ändern konnte.
+
+Wie unser uns vorangelaufenes Sarggefolge hielten wir uns auf der
+Schattenseite; man kann eben von der größten Tragödie nach Hause gehen und
+doch den behaglicheren Modus der Heimkehr dem unbequemeren vorziehen.
+
+Der uralte Schatten des Torweges fiel jetzt fast kalt auf uns, und auf der
+engen Steintreppe und im steingewölbten Vorsaale durchschauerte es mich
+fröstelnd. Ich ging aber doch noch einmal hinein mit dem Meister, die
+Greisin zu begrüßen, und habe mich späterhin selber darob beglückwünscht,
+wenn ich daran dachte, daß ich eigentlich den alten Freund nur bis an das
+Tor hatte geleiten wollen.
+
+Trudchen Tofote saß bei der Base Schaake!
+
+Das sah ich angenehm überrascht von der Stubentür aus, drückte auf ihrer
+Schwelle dem Meister die Hand und begab mich nunmehr, wie durch einen
+kühlen Trunk erfrischt, durch die entsetzliche zwölfte Stunde des Tages
+nach meiner eigenen Wohnung zurück und um zwei Uhr nach dem =Hotel de
+l'Allemagne= zur Wirtstafel.
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Der wäre freilich aller Praktiken Meister, den der Augenblick nicht
+überrumpeln, den der Schein nicht rühren oder ärgern könnte! Wie wenig
+Schlaf würde er bedürfen, wie wach und lebendig würde er jederzeit um sich
+her schauen: was mich anbetraf, so tat ich nimmer einen so tierisch-tiefen
+Nachmittagsschlaf als an diesem Nachmittage. Mir war es wahrlich nach den
+Erlebnissen des Tages, die Temperatur eingerechnet, nicht möglich wach zu
+bleiben, und ich schlief -- schlief totenähnlich, totengleich; es kümmerte
+mich gar nicht, ob die andern das laute, lärmende Spiel weiter trieben, ob
+es sich fortdrängte an den Straßenecken und auf den Heerstraßen. Einen
+älteren Herrn als mich würde wahrscheinlich der Schlag gerührt haben; im
+Falle er mich gerührt hätte, würde ich nicht das geringste davon gemerkt
+haben. Signor Ceretto Wichselmeyer würde mich steif und still auf dem Diwan
+gefunden und das Weitere veranlaßt haben; es war nämlich natürlich der Mohr
+aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, der mich durch wiederholtes Gepoch an
+meiner Tür nach fünf Uhr erweckte.
+
+Meine Seele stieg auf aus der Tiefe des Vergessens, wie der Körper eines
+Ertrunkenen aus der Tiefe des Wassers -- langsam und geschwollen.
+
+»Ich bitte nach Menschenmöglichkeit um Entschuldigung,« sagte der Schwarze,
+»aber es ging um mein Leben, wenn ich nach Hause kam, ohne Sie gesehen und
+gesprochen zu haben.«
+
+»Um Ihr Leben, Ceretto?«
+
+»Oder um meine Augen, was mir doch auch verdrießlich gewesen sein würde.«
+
+»Und wer --«
+
+»Pst!« sagte der Neger, mit dem Finger auf den Lippen, und blickte grinsend
+über die Schulter nach der Tür zurück, als ob er erwarte, daß sofort jemand
+hervorstürzen würde, um die fernere Ausführung seiner Sendung zu
+übernehmen. Dann trat er auf den Zehen so nahe als möglich an mich heran
+und stöhnte kläglich:
+
+»Oh!«
+
+»Etwas deutlicher und etwas weniger geheimnisvoll, wenn ich bitten darf,
+Ceretto!« rief ich kläglich und geärgert. »Ihr wißt, daß ich zu allen
+Zeiten mit Vergnügen höre, was Ihr mir zu sagen habt -- selbst wenn es der
+Auftrag eines andern ist -- aber augenblicklich -- bin ich -- ein wenig
+sehr beschäftigt -- in Anspruch genommen -- kurz -- ich bitte Sie, Ceretto,
+fassen Sie sich so kurz als möglich.«
+
+»Mit dieser Absicht kam ich, Herr. Also ganz kurz -- unsere Freundschaft
+ist zu Ende.«
+
+»Unsere Freundschaft?«
+
+»Ist aus und zu Ende! Sie haben sich bei den Ohren gehabt und einander die
+Gesichter zerkratzt wie zwei Konkurrentinnen, die einander grad gegenüber
+jede einen wilden Mann sehen lassen. Ich habe das als einer der wilden
+Indianer einmal selber erlebt, doch damals behielt mich meine Prinzipalin
+und ich meinen Dienst. Diesmal und unter andern Umständen ist mir auf
+Michaelis gekündigt worden, und wenn Sie, verehrter Herr, mich dann
+gebrauchen können, stelle ich mich schon heute zur Verfügung. Sonst ist
+alles in der schönsten Ordnung, und selbst der Herr Autor Kunemund wäre
+nicht imstande, eine größere Ordnung hineinzubringen.«
+
+»Aber meine fünf gesunden Sinne nebst allem übrigen bringt Ihr in die
+größte Unordnung, Ihr schwarzes Untier!« rief ich. »Wer hat sich in den
+Haaren gelegen und gegenseitig die Gesichter zerkratzt?«
+
+»Mein hübsche Herrin, das junge Kind, das seit heute morgen bei der Alten
+im Cyriacushofe sitzt, und meine schöne Herrin, die seit gestern nacht
+durch alle Zimmer rennt, ihrer Kammerjungfer mit dem Polizeikommissar
+gedroht hat und fortwährend Tische und Stühle über den Haufen stößt. Wer
+denn anders?«
+
+Meine Phantasie war plötzlich in einem merkwürdig hohen Grade tätig. Ich
+sah und hörte die Frau Christine -- sie mußte entzückend in ihrer Aufregung
+sein. Vorgebeugt, mit verhaltenem Atem und wahrscheinlich ziemlich albern
+fixiertem Blicke stierte ich auf den Mohren, als müsse ich eine neue Welt
+aus seiner schwarzen Seele hervorstieren; und der Schlingel grinste --
+grinste und blieb stumm, bis ich ihn an der Schulter packte und wenigstens
+das Übrige, was er mir zu sagen hatte, aus ihm herausschüttelte.
+
+»Es ging sofort los, nachdem wir vorgestern nacht nach Hause gekommen
+waren. Mein Liebchen hin, meine Liebe her! Meine Gute her, meine Beste hin!
+Liebe Christine -- liebe Gertrude! Fräulein Tofote -- gnädige Frau!...
+Damit waren wir dann in den richtigen Ton gefallen, und die
+Auseinandersetzung konnte einen ruhigen Verlauf nehmen und nahm ihn auch. O
+Herr, Sie -- und gerade nach dem traurigen Ereignis da im Hofe -- hätten
+hinter dem Vorhange stehen und sie auf dem Diwan nebeneinander sitzen sehen
+sollen! Ich habe vor manchem Vorhange die Pauke geschlagen; aber hier hielt
+ich mich so still als möglich hinter ihm und horchte wie ein Mäuschen, bis
+die gnädige Frau das gnädige Fräulein auch wieder >mein Mäuschen< nannte,
+und man sich für diesmal gute Nacht sagte, gerade an derselbigen Stelle, wo
+sich Katze und Hund gleichfalls gute Nacht zu sagen pflegen. Können Sie es
+sich wohl vorstellen, daß sie sich wirklich beiderseits dabei auf die
+Stirnen küßten? Mir hinter der Tür traten die Tränen in die Augen.«
+
+Ich setzte mich, unfähig etwas zu bemerken, auf meinen Diwan; doch der
+Freigelassene des alten Satans Mynheer van Kunemund hatte noch länger sein
+Vergnügen an meiner Furcht vor ihm.
+
+»Ja, ja,« sagte er mit melancholisch-philosophischem Akzent, »es ist
+lieblich, wie sich das alles vor den Augen der Welt zurechtlegt; -- es ist
+so schön, die Greisin im Cyriacushofe zu trösten, und es ist so sehr
+erquickend, seinen Willen zu bekommen und doch noch von jedermann darum
+gelobt zu werden; von dem jungen Herrn von Wittum vor allen andern.« --
+
+Waren das wirklich die Gründe, denen der Meister Autor und ich es zu danken
+hatten, daß wir die Gertrud Tofote die alte verlassene Frau im Cyriacushofe
+tröstend und durch ihre Gegenwart im Schmerze aufrichtend fanden? Matt und
+unfähig darüber nachzudenken, fragte ich:
+
+»Und was nun? was nun weiter, lieber Mann?«
+
+»Natürlich wünscht man Sie zu sehen und das Weitere mit Ihnen zu
+überlegen.«
+
+»Wer wünscht das, Herr Wichselmeyer?«
+
+Der Mohr sah mich unbeschreiblich verachtungsvoll an und ließ eine
+verhältnismäßig lange, aber glücklicherweise wenig kostbare Zeit
+vorüberstreichen, ehe er mich einer Antwort würdigte.
+
+»Das Kind doch nicht?!« rief er endlich. »Sie würden der letzte sein, an
+den das gnädige Fräulein sich um Rat und Trost wenden würde; aber die
+gnädige Frau bittet um einen Besuch, wünscht sich Ihnen an das Herz zu
+legen und Ihre Wut an Ihnen auszulassen.«
+
+»An mir?! Gütiger Himmel, weshalb denn gerade an mir?«
+
+»An den Tod kann man sich nicht halten; der Herr Autor Kunemund lassen auch
+nicht mit sich scherzen, und einen muß man doch haben, dem man sagen darf,
+was man über die ganze Geschichte denkt! Sie sind der Mann, lieber Herr;
+Sie allein; denn Sie sind zugleich ein Mann von Welt, und wer in dieser
+lästerlichen, hinterlistigen, heimtückischen Welt keine Sehnsucht empfindet
+nach der einzigen Kreatur, von der man gewiß weiß, daß sie uns versteht und
+uns nachfühlt, der ist eben in eine andere Schule gegangen und hat darin
+das Seinige gelernt, ungefähr wie ein gewisser Nigger, der sich aus
+Bescheidenheit weiter nicht nennen will, dessen Dienstbuch aber jederzeit
+auf der Polizei eingesehen werden kann.«
+
+Ich hielt mir die Stirn mit beiden Händen. Dieses an diesem glühenden
+Tage?!...
+
+»Meine Empfehlung an Ihre Herrin, Ceretto, ich werde ihr meine Aufwartung
+machen.«
+
+»Das werde ich bestellen, obgleich es, sozusagen, überflüssig ist; -- man
+kannte die Antwort schon ohne das.«
+
+Nun hätte ich den Schwarzen doch noch aus der Tür werfen müssen; er schien
+es aber auch einzusehen und entfernte sich schleunigst ohne das, nachdem er
+sein letztes Wort gesprochen hatte.
+
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Ein Gewitter mußte kommen, und gegen sechs Uhr zeigten sich die Vorboten
+desselben an allen Ecken und Enden, das heißt über alle Dächer her, die mir
+rings um meine Fenster den unermeßlichen Äther verengerten. Während die
+giftig-weißen Wolkenballen emporstiegen und, sich umwälzend, ihre Farbe ins
+Dunkelgraue, ins Schwarze verwandelten, machte ich die möglich-sorgsamste
+Toilette, meine äußere Erscheinung gleichfalls aus dem Grauen ins Schwarz
+verändernd. Zu gleicher Zeit machte ich unter dem Einfluß der elektrischen
+Schwüle einen Seelenprozeß durch, dessen häufigere Wiederholung mir für den
+Körper nicht wünschenswert sein konnte.
+
+Ich überdachte mein Leben und zählte die Jahre desselben. Die Summe der
+letzteren streifte nahe an die Zahl Vierzig heran; das erstere erschien mir
+in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes,
+wohlgehäufeltes, unübersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob
+das, was der Meister Autor »versunkene Gärten« nannte, unter der nahrhaften
+Vegetation begraben lag, will ich unaufgerührt lassen; sicher aber war, daß
+mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen
+Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr
+menschenbedürftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt.
+
+»Diese Hexe!« stöhnte ich leise, die Hemdärmel zuknöpfend. O, sie wußte es
+ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn
+der Herr da? -- Hätte sie statt dessen, beide Hände mir entgegenstreckend,
+die Bekanntschaft erneuert, so wäre alles verlaufen wie es sich eigentlich
+gehört -- erfreulich, höflich, in den besten gesellschaftlichen Formen;
+aber bei
+
+ der Macht Proserpinas
+ Und bei Dianas unverrückter Allgewalt,
+ Auch bei den Büchern, kräftiger Bannsprüche voll,
+ Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn --
+
+dies Weib wußte, was für ein Zauberwort es gebrauchte!
+
+Wer ist denn der Herr eigentlich? -- --
+
+Ich nähere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu
+meinen, derartige psychologische Raritäten novellistisch aus der Tiefe
+ihres Talentes herauffischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz
+ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gänschen, das Trudchen Tofote
+gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! --
+fibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten,
+wehmütigsten Gemütsbewegungen der letzten Tage und Nächte. Wir mögen noch
+so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes
+Schicksal behalten wir darum doch für uns allein, und es ist uns stets --
+manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das
+wichtigere.
+
+Das Wort der Hexe ärgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbenden
+Steuermanns, setzte mir seine scharfen Nägel mitten im Verkehr mit dem
+Meister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heißen
+Sonne unter den hohnlachenden Lebensbäumen am Grabe des Seefahrers Karl
+Schaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, mich
+umzusehen, _wer_ »eigentlich« da hinter mir stehe und mich anblase.
+
+Was waren mir alle versunkenen und versinkenden Gärten gegen dieses
+höhnische, lebendige, blühende Lächeln der Hexe, der Frau Christine von
+Wittum?!...
+
+Wir kannten uns recht gut; wenn wir uns auch durch manches Jahr aus dem
+Gesichte verloren hatten. Als wir uns kennen lernten, waren wir noch --
+
+»Oooooh!« stöhnte ich, und mit dem Griffe, mit welchem andere Leute dann
+und wann nach der Pistole, dem Strick oder dem Rasiermesser griffen, faßte
+ich meinen Hut und ging -- ging zur Frau Christine, die mich durch den
+Zaubermohr und Diener weiland Mynheers van Kunemund hatte ersuchen lassen,
+noch einmal bei ihr vorzusprechen.
+
+Es lag mir schwer in den Gliedern, und ich wunderte mich gar nicht über
+die müden, verdrossenen Gesichter der Leute in den Straßen. Langsam, ein
+Bein dem andern nachschleifend, erreichte ich die Haustür der gnädigen
+Frau, und auch hier wieder fand ich natürlich den Signor Ceretto
+Wichselmeyer am Pfosten lehnend, -- wie in jener Mondnacht unter dem
+Torbogen des Cyriacihofes. Außer der Hautfarbe hatte er von seinen
+afrikanischen Ahnen noch dieses an sich behalten, daß ihm nicht leicht bei
+irgendeiner europäischen Temperatur (physischen wie moralischen) zu schwül
+zumute wurde. Er nickte mir freundlich und aufmunternd zu, geleitete mich
+die Treppe hinauf, öffnete mir die Tür des Salons und meldete mich:
+
+»Herr Baron von Schmidt!«
+
+Da vernahm ich denn aus der Tiefe des bereits bei der Schilderung jenes
+Gesellschaftsabends erwähnten tropischen Zimmergartens ein sonores,
+wohlklingendes:
+
+»Endlich!«
+
+und entgegen meinem Herzklopfen rauschte die Frau Christine von Wittum,
+reichte mir die Hand und rief:
+
+»Ich habe zu Ihnen geschickt, um doch _einen_ Menschen zu haben, an dem ich
+mein Mütchen kühlen konnte. Welche ärgerlichen, verdrießlichen,
+langweiligen Tage! Aber Sie haben mich zu lange warten lassen, mein Herr;
+und während des Wartens hab' ich mich eines andern besonnen: Lieber Baron,
+ich würde noch einmal zu Ihnen geschickt haben, um Sie bitten zu lassen,
+ruhig zu Hause zu bleiben, wenn mich diese fürchterliche Luft nicht
+vollständig unfähig gemacht hätte, nochmals die Hand nach dem Klingelzug
+auszustrecken. O ihr Götter, was alles muß man in dieser trostlosen Welt
+ausstehen!«
+
+»Allerlei Art von Dasein, liebe Gnädige,« sagte ich.
+
+»Und ist das nicht gerade die Dummheit? Weshalb allerlei Dasein? Was geht
+uns das anderer Leute an? Ich bitte Sie, was zum Beispiel hatten Sie sich
+in die Verhältnisse dieser guten Menschen, die seltsamerweise
+augenblicklich uns beide zu gleicher Zeit quälen und beunruhigen, zu
+mischen?«
+
+»Ich habe mich nicht hineingemischt, meine Gnädige. Mit Behagen, Spannung,
+Rührung, Trauer und --«
+
+»Und? und?«
+
+»Und Mißbehagen habe ich als Zuschauer dagestanden und wahrlich mehr guten
+Rat empfangen als gegeben.«
+
+»Sie behaupten also, mein Herr, mir das törichte Ding, dieses hübsche aber
+gänzlich unbedeutende Waldblümchen, diese Gertrud Tofote, aus welcher ich
+in einer Laune mein Püppchen, mein Spielzeug gemacht hatte, nicht genommen
+zu haben?«
+
+»Mein Wort darauf!«
+
+Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein. Draußen in der Gasse trieb sich
+jetzt ein heißer Wind um, und die Staubwirbel bis zu unserm Balkon in die
+Höhe.
+
+»Schließen Sie doch die Balkontür, bitte,« sagte die Frau Christine.
+»Heute bin _ich_ meinerseits in der Stimmung, alles um mich symbolisch zu
+nehmen und mich darüber zu ärgern.«
+
+Ich lächelte, und --
+
+»Lachen Sie nicht!« rief die gnädige Frau, in der Tat ziemlich aufgeregt;
+aber zurücksinkend kam sie auf meinen letzten Ausruf zurück.
+
+»Ich muß Ihnen also wohl auf Ihr Wort hin glauben! O, wüßten Sie nur, wie
+sehr es mich innerlich angriff, als mir dieses alberne Trudchen den Stuhl
+vor die Tür setzte. Gütiger Himmel, etwas muß ich doch haben, um dieser
+tödlichen Langweile zu entgehen, und es machte mir doch wenigstens für
+einige Monate Spaß, diese kleine Intrige geschickt zu führen. Weshalb will
+sie denn meinen guten Vetter nicht? Der brave Seemann war ihr nie etwas; es
+wird ihr überhaupt niemals jemand viel sein können! Dem guten Vollrad kommt
+es darauf nicht an, und er ist wirklich außerdem gar nicht so übel.
+Wahrhaftig, lieber Freund, auch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich
+nicht -- einzig und allein -- aus erbärmlichen Philisterinteressen hier
+kuppelte. Baron, ich mußte einmal wieder etwas um die Hand haben, und,
+vertraulich gesagt, ich gebe den Faden auch noch nicht aus der Hand. Ich
+bin fest überzeugt, daß ich doch noch meinen Willen bekommen werde und zwar
+zum Besten aller dabei Beteiligten.«
+
+»Das ist auch meine feste Überzeugung!« rief ich und sprach nie ein
+wahreres Wort. --
+
+Das Gewittergewölk war unterdessen immer höher emporgerückt und zwar von
+allen vier Weltgegenden her. Die schweren Dunstmassen legten sich immer
+dunkler eine über die andere, und jedermann sah nach seinen Fenstern und
+Fensterläden, oder warf bedenkliche Blicke am Blitzableiter empor, wenn ein
+solcher in der Nähe seiner Wohnung vorhanden war. Sorgliche Familienväter
+benutzten die günstige Gelegenheit, ihre Kinder auf die Vorsichtsmaßregeln,
+die von den denkenden Menschen bei einem Gewitter anzuwenden sind, und die
+so selten jemand in Anwendung bringt, von neuem aufmerksam zu machen. Alte
+und junge nervenschwache Weiber von beiden Geschlechtern atmeten nur noch
+in der Vorstellung, daß sich ja ein Keller unter dem Hause befinde, und --
+ich und die schöne junge Witwe dachten an gar nichts, sondern unterhielten
+uns von jener Zeit, wo die gnädige Frau noch einfach Christinchen Erdmann,
+das hübsche, kluge, lebhafte Töchterchen des Bergmeisters Erdmann zu
+Clausthal, und ich der eben von der Bergakademie Freiberg heimgekehrte
+Bergeleve Emil von Schmidt war.
+
+Wir sprachen nicht über Neptunismus und Plutonismus, aber wir sprachen auch
+nicht über Platonismus; denn was den letztern anbetraf, so unterhielten wir
+uns eine geraume Zeit darüber: wer von unseren damaligen Bekannten und
+Bekanntinnen, Freunden und Freundinnen geheiratet habe, und wer nicht. Wir
+berührten auch ganz leise die delikate Erfahrung, daß die Zeit mit
+überraschender Schnelligkeit hingehe, und von diesem Absatze der
+Unterhaltung aufblickend, fanden wir es von neuem entsetzlich schwül.
+
+Es verwirrte sich der Tag allgemach in meinem Gehirne mehr und mehr. Der
+heiße, schwermütige Gang und die helle unbarmherzige Sonne, das offene Grab
+und das halbzugeschüttete, der Meister Autor mit dem Thujazweige an dem
+Grabe, und dann der kühle, der kalte Cyriacushof, die dämmerige Stube der
+Base Schaake, in der die unheimlichen Kerzen nicht mehr brannten, wo aber
+Trudchen Tofote auf dem Spinnstuhle der Greisin neben dem trostlosen
+Hafenmeister saß! Und jetzt? Da rieselte, plätscherte inmitten des
+tropischen Gartens der kleine künstliche Springbrunnen, und die Goldfische
+im buntausgelegten Becken stiegen auf und ab in ihrem Elemente,
+schwänzelten hin und her, -- fort und fort. Auf dem Rande des Beckens kroch
+oder klebte vielmehr eine handgroße Schildkröte, welche fortwährend leise
+den Kopf aus der Schale vorschob, um ihn ebenso leise und langsam wieder
+unter dieselbe zurückzuziehen, und ich sah auf das Tier, und mit einem Male
+überkam mich die stupid-stupende Vorstellung, wie angenehm es sein müsse,
+in solch ein Geschöpf einmal überzugehen und gleichfalls regungslos zu
+sitzen und von dem Rande der Flut in ähnlicher Weise dem Spiel, dem
+langweilig beweglichen Spiel der Gold- und Silberfische zuzusehen.
+
+Unwillkürlich, mich gänzlich in dieser beneidenswerten Art der
+Metempsychose verlierend, schob auch ich den Kopf und Hals aus der Krawatte
+hervor und zog beides wie die geharnischte Kröte zurück; richtig, es ging
+bereits!... und mitten in der Schwüle, der schlimmen Schwüle des Abends
+perlten mir plötzlich die kältesten Angstschweißtropfen auf der Stirn: was
+ging es mich an, ob der Meister Autor Kunemund sein eigenes Leben habe?
+Hatte ich nicht auch das meinige?! Hatte nicht die gnädige Frau recht?
+
+Was ging mich überhaupt der Meister Autor samt seiner Sippschaft an? Seit
+ich ihn kennen lernte, hatte er nicht ein einziges Mal etwas
+Außerordentliches gesagt -- und getan noch weniger -- --
+
+Ich war nahe daran, ziemlich geringschätzig über den Meister Autor zu
+denken, als ein langhallender, aber sehr ferner Donner durch den grauen,
+heißen Abend rollte. Dabei blieb es jedoch auch: das Gewitter kam durchaus
+in der Weise, wie es sich angekündigt hatte, nicht. Es krepierte.
+
+Und die Frau Christine sprach währenddem immerfort freundlich weiter und
+unterhielt mich auf das liebenswürdigste. Der Meister Autor hatte mehrmals
+von dem Versinken der Gärten in dieser Welt gesprochen; das behielt
+freilich sein Recht, doch wer hinderte uns denn, in dem Grün zu lustwandeln
+und die Vögel singen zu hören, die Wasser springen zu sehen, solange es
+noch anging? Wer hinderte uns, die beste Obstbaum- und Gemüsezucht zu
+treiben, solange der fruchtbare Humus noch zutage lag? Spargel und grüne
+Erbsen, Melonen, Äpfel, Birnen, Pflaumen sind etwas recht Gutes und lohnen
+die Mühe und Arbeit, die man auf ihre Kultur verwendet. Wir sprachen gerade
+darüber ziemlich eingehend, das heißt, wir legten einander unsere
+Stellungen in der Gesellschaft klar und mit größtmöglichster Unbefangenheit
+dar und fanden von neuem aus, daß wir alle beide gar nicht verächtliche
+Gartenkünstler seien, sowohl was die Blumen- als was die Gemüsezucht
+anbetreffe. Signor Ceretto Wichselmeyer behielt einfach das letzte Wort;
+wie es geschah, weiß ich selber nicht genau anzugeben, aber das Faktum
+steht mir heute unumstößlich fest: ich sprach der Frau Christine von Wittum
+den Wunsch aus, frühere liebliche Tage in behaglicherer und gediegenerer
+Weise von neuem leben zu dürfen, worauf sie lachte und meinte, sie habe
+nichts dagegen einzuwenden.
+
+Darauf wurden wir sehr ernst, unterhielten uns ungemein ruhig über das
+Glück der Ehe und setzten unseren Hochzeitstag fest. Wir hatten beide
+niemand um seinen Rat oder gar seine Zustimmung anzugehen; wir waren beide
+mündig -- ich sogar sehr -- und was noch wichtiger war, wir glaubten fest,
+es zu sein; und so -- wurden wir zu Winters Anfang ein Paar, umzäunten ein
+neues Stück Erdenland und fingen von neuem an zu graben und zu pflanzen,
+wie Adam und Eva -- sowohl dem Apfel des Glücks, wie dem Stein der Abnahme
+zum Trotz. --
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Als ich dem Herrn Kunemund am folgenden Tage, das heißt am Tage nach dem
+Begräbnis des Steuermanns Schaake, im Cyriacihofe meine Verlobung
+mitteilte, schien er sich im Anfange ein wenig zu wundern. Ich muß es ihm
+aber lassen, daß er sich rasch zu fassen und seinen Glückwunsch in
+gebührender Form abzustatten wußte.
+
+»Sie werden doch unser Trudchen im Hause behalten, Sie und Ihre liebe Frau
+Gemahlin?« fügte er dann an. »Hier im Hofe findet sie sich eben in keiner
+Weise, das ist mir jetzt schon von neuem klar aufgegangen. Und was sollte
+sie bei mir und der Alten in unserm Dorfe? Das Kind ginge da einfach
+zugrunde.«
+
+Ich beruhigte ihn in der Beziehung, und es blieb nicht nur Signor Ceretto
+in unsern Diensten, sondern auch Fräulein Gertrud Tofote behielt auch
+fernerhin ihren Unterschlupf im Hause der Frau Christine; bis sie nach
+unserer Verheiratung in mein Haus herüberkam. Es tat uns unendlich leid,
+als sie im nächsten Sommer schon aus demselben wieder fortging.
+
+Wir verheirateten sie richtig mit unserm Vetter Vollrad von Wittum!
+
+Wir verheirateten sie?... Der richtige Ausdruck ist das eigentlich nicht.
+Herr Autor Kunemund hatte nicht das geringste mit dem glücklichen Ereignis
+zu schaffen, ich wenig, meine Frau nicht wenig und das meiste die liebliche
+Braut selber. Wie viel oder wie wenig der Vetter Vollrad dabei beteiligt
+war, das zu berechnen werde ich einfach dem Guten selber überlassen.
+
+Der Meister Autor kam nicht zur Hochzeit; aber wir schickten das junge Paar
+zu ihm. Wir ließen die jungen Leute beim Antritt ihrer Hochzeitsreise den
+kleinen Umweg machen, und Trudchen schrieb uns später von Schaffhausen aus
+sehr gerührt über den Empfang, den ihr und ihrem Gatten der arme gute Onkel
+bereitet habe. Der Vetter hängte an den Brief seiner kleinen Frau ein
+Postskriptum, in welchem er den Meister Autor für einen prächtigen Burschen
+erklärte, der ihn lebhaft an seinen verrückten seligen Onkel mit den
+Intaglien erinnert habe.
+
+»Siehst du, Emil,« sagte meine kluge Frau, »man glaubt alle Augenblicke
+vor einer Wand zu stehen, um jedesmal zu finden, daß ein Weg um dieselbe
+herumführe.«
+
+»Das ist ein Wort aus dem Lebensbuch des alten Kunemund, meine Beste,«
+erwiderte ich, und Frau Christine von Schmidt sprach:
+
+»So?... Das habe ich nicht gewußt.« --
+
+Es führt freilich stets ein Weg um die Mauer. Der gute treue Hafenmeister
+des armen Karl Schaake, die blauäugige Base im Cyriacihofe ging noch vorher
+aus demselbigen fort, ehe die Maurer und Zimmerleute kamen, um sie
+auszutreiben. Wir hatten uns ihretwegen so sehr vor dem ersten Schlag der
+Spitzhaue auf das alte Gemäuer gefürchtet, und -- wie es sich nunmehr
+zeigte -- ganz ohne Grund. Spitzhaue und Schaufel kamen zwar auch ins
+Spiel, aber die Base Schaake ließ sie ruhig gewähren, ließ sie still ihre
+wühlende Arbeit beginnen und endigen. Bei dieser Gelegenheit kam der
+Meister Autor noch einmal von seinem Dorfe in die Stadt, besuchte mich in
+meiner neuen Häuslichkeit, und da auch ich selbstverständlich der Base die
+letzte Ehre gab, so gingen wir wieder einmal auf einem und demselben Wege
+Schulter an Schulter.
+
+»Denken Sie sich, die Alte wollte diesmal durchaus mit in die Stadt und die
+Gelegenheit benutzen, um unserm Trudchen eine Visite zu machen,« sagte er.
+»Diese unglückliche Kreatur, die sich kaum noch auf den Beinen hält und an
+der die Stimme und das Gemüte das einzige Unveränderte geblieben ist! Ich
+bin ihr wieder mal durch die Hintertür entwischt.«
+
+Er sprach noch manches andere in der Art auf dem nachdenklichen Gange, daß
+ich mehr als einmal leise seine Hand aufgriff und sie ihm herzlich drückte,
+denn er zeigte mir durch diese seine Weise klar, daß ihm so wenig wie dem
+wirklichen Meister Autor, Wolfgang von Goethe, »ein Sarg noch imponieren
+könne.«
+
+Von dem Grabe der Base weg machten wir der jungen Frau Gertrude von Wittum
+und ihrem Gemahl einen Besuch. Wir trafen das reizende Weibchen vor ihrem
+Pianoforte, an welchem sie eine in der Tat allerliebste Miene zu einem
+außergewöhnlich bösen Spiel machte. Den Vetter Vollrad störten wir aus
+einem etwas unerquicklichen Vormittagsschlafe vom Diwane auf. -- Das junge
+Paar empfing uns in der herzlichsten, und, nachdem es sich ein wenig
+gesammelt hatte, auch heitersten, ja fröhlichsten Weise. Wir wurden
+gebeten, zu Mittage zu bleiben, aber Herr Autor Kunemund hatte bereits
+meiner Frau die Ehre zugesagt und hielt Wort. --
+
+Signor Ceretto stand während der Mahlzeit hinter dem Stuhle des Meisters
+und sorgte in einer so diabolischen Art und Weise für die Bedürfnisse des
+Greises, daß ich es endlich nicht mehr aushielt und den schwarzen Schlingel
+wieder einmal zur Tür hinausjagte. Überhaupt gab mein Hauswesen mir bei
+dieser Gelegenheit mehrfache Gründe, mich zu ärgern; obgleich, alles in
+allem genommen, Christine sich besser in den Alten und alle seine
+Eigentümlichkeiten hineinfand, als ich zu Anfang vermuten konnte. Bei der
+Suppe saß sie ihm noch recht steif und frostig gegenüber; aber beim Braten
+schon kam sie behaglich auf die gute Zeit zu sprechen, während welcher der
+Förster Arend Tofote bei seinem schönen Kinde wohnte. Beim Nachtisch
+überlief es mich wieder heiß und kalt; denn nunmehr fing sie ganz leise und
+zärtlich an, unsern Gast auszuholen, weshalb er damals zuerst das harmlose
+Beisammensein gestört habe und bei Nacht und Nebel den »Freunden«
+durchgegangen sei? Was sie wahrscheinlich nicht erwartet hatte, trat ein:
+der Meister sagte ihr ganz unbekümmert seine Gründe und wurde somit in
+harmlosester, naivster Weise ganz fürchterlich grob und ärgerlich.
+
+Aber Christine faßte sich nach der Überwindung der ersten Verblüffung mit
+bestem Humor.
+
+»Es ist doch schade,« sagte sie, »wir hätten uns früher kennen lernen
+sollen und dann genauer!« -- --
+
+Nun sind wieder zwei Jahre hingegangen. Heute wohnen Vollrad und Gertrud
+»der Billigkeit,« »der Schönheit der Gegend und der angenehmen Lebensweise«
+wegen in Freiburg im Breisgau. Ich habe den höchsten Wunsch meiner Frau
+erfüllt und bin mit ihr nach Berlin übergesiedelt. Ceretto haben wir als
+eine Art von gutem Genius mit uns dahin genommen. Was dieser schwarze
+Sündenbock uns in unserer Ehe wert ist, läßt sich weder wiegen noch messen;
+wir werfen ihn wie einen Federball zwischen uns hin und her, und er läßt es
+sich mit der besten Laune gefallen. Mir imponiert dieser kuriose Philosoph
+viel zu sehr, als daß ich es je einmal dahin gebracht hätte, ihn als meinen
+Bedienten ansehen zu können. -- --
+
+Vor vier Wochen sprach ich noch einmal bei Herrn Autor Kunemund vor. Er
+sah nie sehr gut und weit in seinem Leben, aber jetzt sah er fast gar nicht
+mehr. Die Alte lebte noch; aber sein alter Dachshund hatte ihm Valet
+gesagt, und --
+
+»wie ich den Arend kenne, so wäre der imstande gewesen, mir auch diesen
+guten Freund auszustopfen und in einem Glaskasten hinzustellen. Damit ist
+es nun freilich nichts,« sagte der Meister auf seiner Schnitzbank
+nachdenklich den Kopf schüttelnd.
+
+Er saß noch immer gern auf seiner Schnitzbank; doch das gute, künstliche
+Messer leistete kaum noch etwas in seiner Hand. Das Dorf aber handelte brav
+an seinem greisen, ins Nest zurückgekehrten Kuckuck; Langeweile konnte der
+Meister nicht haben, denn der Besuch von jung und alt riß nicht ab, auch
+nicht während meines Aufenthaltes bei ihm.
+
+Um Mittag brachte er mich auf den Feldweg zur nächsten Station, und unter
+einer Eichengruppe nahmen wir Abschied voneinander, wahrscheinlich für
+immer. Er war alt, und der Weg zu ihm mit einigen Unbequemlichkeiten
+verknüpft. Wie oft auch noch während seiner übrigen Lebenszeit ich von dem
+Bahnzuge aus sein Dorf in der Ferne daliegen sehen mochte: es stand dahin,
+ob ich noch einmal einen Lebenstag auf einen Besuch bei ihm verwenden
+würde.
+
+Zum Schlusse machte der Alte selber eine dahin bezügliche Bemerkung.
+
+»Alles ist in der Welt vorhanden,« sagte er, »aber nichts an der richtigen
+Stelle. Da ist es denn keinem zu verargen, daß er sich eben drein findet
+und zugreift, wie es sich schickt. Was mich angeht, so verdenke ich es
+niemandem, wenn er seinen Garten bestellt, wie es ihm am nützlichsten
+scheint. Außerdem aber, Herr Baron, meine ich, daß, da über eines jeglichen
+Felder, Ansichten, Taten und Werke die Fußsohlen, Pferdehufe und Wagenräder
+der Nachkommenschaft doch endlich einmal weggehen, es gar keine Kunst ist,
+das Leben leicht und vergnügt und die Erde, wie sie ist, zu nehmen.«
+
+»Sie haben gut reden, Meister!« erwiderte ich etwas gedrückt und fuhr nach
+Berlin zurück, oder vielmehr, einer Verabredung mit meiner Gattin zufolge,
+zuerst bis Potsdam. Meine Frau erwartete mich am Bahnhofe und zwar in
+Begleitung einer lieben, aber etwas leicht verletzbaren Tante -- einer
+Erbtante, der wir am folgenden Morgen den Garten des alten klugen Königs
+Fritz zu Sanssouci zu zeigen hatten. --
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind hier _so_
+markiert. Passagen, die im Originaltext nicht in Fraktur gesetzt waren,
+sind hier =so= markiert.
+
+Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten.
+
+Seite 128: »aufzuhaten« wurde geändert in »aufzuhalten«.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Meister Autor, by Wilhelm Raabe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEISTER AUTOR ***
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+
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
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+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
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+
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+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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